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Title: Robert Blum - Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk
Author: Blum, Hans
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Robert Blum - Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk" ***

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[Illustration: Robert Blum mit Signatur.]

Druck von F A Brockhaus in Leipzig


ROBERT BLUM.

Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk

von

HANS BLUM.

Mit einem Portrait in Stahlstich und dem Facsimile
des letzten Briefes Robert Blum's.



Leipzig,
Verlag von Ernst Keil.
1878.



  Seinem lieben Vetter

                   Christian Wahl

        in Chicago (Illinois, Nordamerika)

         in freundschaftlicher Gesinnung

                          zugeeignet

                                  vom

                                    Verfasser.



                      Vorrede.


      Mein lieber Vetter und Freund!

Der Sohn hat es unternommen, des Vaters Leben zu schreiben. --

Unter allen Umständen ein großes Wagniß, doppelt schwierig im
vorliegenden Falle, wo es sich handelt um die Darstellung von
Ereignissen, die der Verfasser selbst gar nicht oder nur als Kind
erlebte, und um die Zeichnung einer politischen Richtung und Bewegung,
welcher der Verfasser keineswegs vollkommen sympathisch gegenübersteht.
So war denn das einfache Verhältniß, in welchem der Biograph zu seinem
Helden stehen soll, das Verhältniß reiner Uebereinstimmung oder
Gegnerschaft, von Anfang an nicht vorhanden. Die Gefahr lag nahe, daß
entweder die Pietät des Sohnes auf Kosten historischer Wahrheit und
Treue oder die Parteimeinung unserer Tage auf Kosten der vollen Pietät
und Gerechtigkeit gegen den edeln Todten in dem Widerstreit dieser
beiden Anschauungen siegen werde.

Daß ich das offen ausspreche, mag ein Beweis dafür sein, daß ich nicht
blos die Gefahr erkannt habe, die dem Gelingen eines seit achtzehn
Jahren beharrlich und freudig verfolgten Planes entgegenstand, sondern
daß ich auch Alles aufgeboten habe, um diese Gefahr zu überwinden.

Das erste Erforderniß zur Erreichung meines Ziels schien mir zu sein
die volle Herrschaft über den Stoff. Nur dadurch war ein unbefangenes
Urtheil zu gewinnen. So wie ich daran ging, den Stoff zu sammeln,
zeigte sich, daß diese Sammlung wohl kaum jemals abgeschlossen werden
könne. Jedes Jahr -- um nicht kürzere Zeiträume zu nennen -- hat uns
seit 1848 werthvollere Bereicherungen unseres Wissens und Urtheils über
die vierzig Jahre geboten, in denen Robert Blum lebte, namentlich über
das Jahr der deutschen Revolution selbst. Damit war mein Unternehmen
von Anfang an auf die bescheidenen Grenzen des #Versuchs# einer Lösung
angewiesen. Mehr will es auch nicht bieten, da es nun hinaustritt in
die Welt. Mögen Andere, Bessere, sich dazu angeregt fühlen, diesen
Versuch weiter zu führen. Ich selbst werde fortfahren zu sammeln und
zu sichten und werde die Resultate dieser fortgesetzten Arbeit, wenn
die deutsche Nation diesem Versuche ihre Gunst leiht, in einer anderen
Auflage niederlegen.

Ihrer Art nach zerfallen meine Quellen in drei Klassen: in Jedem
zugängliche gedruckte Schriften und Blätter, in schriftliche und
mündliche Mittheilungen von Zeitgenossen Robert Blum's über denselben
an mich und Andere; endlich in handschriftliche Aufzeichnungen Robert
Blum's selbst, die sich theils in seinem Nachlasse vorfanden, theils
von den Besitzern mir überlassen wurden. Allen, die mir bei der
Sammlung irgend einer dieser Quellengattungen behülflich waren, sage
ich hierdurch öffentlich meinen herzlichsten Dank. Leider ist Mancher
darunter, der längst die Augen für immer geschlossen hat und meinen
Dank nicht mehr vernehmen kann. Das gilt z. B. von Johann Jacoby,
Ludwig Simon, Prof. Wuttke und vor Allem von jenem Manne, der sich
wenige Wochen vor seinem Ende noch dazu entschloß, dieses Buch zu
verlegen, von Ernst Keil.

Am 9. November 1878 ist ein Menschenalter erfüllt, seitdem Robert
Blum auf der Brigittenau verblutete. Dieser Zeitabschnitt schien
den vorläufigen Abschluß und die Veröffentlichung dieser Arbeit zu
rechtfertigen. Aber auch innere Gründe drängten dazu, nicht länger
mit der Ausgabe dieser Blätter zu zögern. Es schien hohe Zeit, jenes
falsche und unsaubere Bild Robert Blum's, zu welchem Herr Alexander
Frhr. v. Helfert die Grundlinien scheinbar aus dem ehrwürdigen
Schrein österreichischer Privat- und Staatsarchive zusammengetragen
hatte, und das seit etwa acht Jahren fast unberichtigt geblieben
war, geschichtlich treu zu zeichnen. Außerdem erschien der Versuch,
das Leben und Wirken jenes Mannes, welcher die treueste Fürsorge für
den „vierten“ Stand mit einer gut-deutschen Gesinnung vereinigte --
das Leben und Wirken Robert Blum's darzustellen besonders geboten in
einer Zeit, in welcher ein vaterlandsloses Demagogenthum den rohen
Klassenhaß predigte und die Verhöhnung und Zerstörung der deutschen
Vaterlandsliebe als die Grundbedingung der wahren Freiheit pries.
Die Wahrheit über Robert Blum mußte bald gesagt werden, da dieselbe
Partei mit der ihr eigenen Virtuosität der Lüge diesen Mann seit
Jahren in ihren unsauberen Blättern als einen ihrer socialistischen
Parteiheiligen pries. Noch ehe dieses Buch vor die Welt tritt, ist
allerdings auch die Fortsetzung dieser Lästerung Robert Blum's
unterbrochen worden durch das Sozialistengesetz, welches dem frechsten
Mißbrauch der Preßfreiheit das verdiente Ziel setzt; und damit ist
scheinbar einer der Gründe weggefallen, die mich zur Vollendung
meiner Arbeit antrieben. Aber gerade zu der Aufgabe, welche das
Sozialistengesetz verfolgt: eine Wandlung der ethischen und nationalen
Gesinnung jener Kreise anzubahnen, die von dem zersetzenden Gifte
der Socialdemokratie angefressen sind, kann dieses Lebens- und
Charakterbild wohl ein Scherflein beitragen. Denn es zeigt einen
Mann, der sich aus dem tiefsten socialen Elend aus eigener Kraft
emporgearbeitet zu dem höchsten Ehrensitz seines Volkes und der sein
Leben einsetzte um die höchsten Güter der Nation. Vor solcher Größe
tritt die ganze Erbärmlichkeit der socialistischen Heilslehre und die
Kleinheit ihrer Apostel besonders grell zu Tage.

Ob es mir gelungen ist, dem theuren Manne und seiner Zeit gerecht zu
werden, darüber steht mir kein Urtheil zu. Aber auch wenn man mir
das rundweg bestreiten sollte, so wird mein Buch ein Verdienst immer
behalten, das freilich mein Verdienst nicht ist: zum ersten Male ist
hier der Werdegang dieses merkwürdigen Mannes fast ausschließlich
an seinen eigenen Worten dargestellt, seine Weltanschauung und
Parteimeinung an der Hand aller eigenhändigen Aufzeichnungen Robert
Blum's, die nur irgend in seinem Nachlasse, im Gewahrsam seiner Gattin,
seiner Schwester, vieler seiner Freunde und in Folge öffentlicher
Aufforderung zu benützen waren, dargelegt worden.

Wenn ich Dir, lieber Vetter Christian, dieses Lebensbild widme, so
wählte ich Dich als einen Typus der besten Deutschen des fernen
Westens der Vereinigten Staaten; jener Deutschen, welche nicht mit
vorgefaßten unabänderlichen Meinungen und nicht mit ärgerlichem
Besserwissen die Zustände und die geschichtliche Entwickelung ihrer
alten Heimath betrachten, sondern mit demselben nüchternen, kritischen,
aber auch ideal-patriotischen Blick, mit dem sie inmitten des großen
Lebens der Union selbstthätig stehen. Das treue Andenken #dieser#
Deutsch-Amerikaner an Robert Blum ist mir von größtem Werthe und ihnen
wollte ich durch meine Widmung an Dich einen Dankesgruß über den Ocean
rufen.

                 In treuer Freundschaft

      #Leipzig#,                     Dein
  am Reformationsfeste 1878.                #Hans Blum#.



                Inhaltsverzeichniß.


                                                                 Seite

  =Vorrede=                                                          V

  =Inhaltsverzeichniß=                                              XI

  1. =Kindheit= (1807-1817)                                          1

      Die bisherige Literatur über Robert Blum's Leben. 1.
      Seine Charakteristik. 3. Herkunft. 5. Der Vater. 5. Die
      Mutter. 7. Erste Kindheit. 8. Des Vaters Tod. 9. Der
      Stiefvater. 11. Tiefstes Elend. 13. Frühe Gemüths- und
      Charakterbildung. 14. Die Hungerjahre 1816/17. 16.

  2. =Schule und Kirche= (1813-1820)                                17

      Die Rheinprovinz in den ersten Jahren ihrer Zugehörigkeit
      zu Preußen. 17. Erster Schulunterricht. 20. Tante
      Agnes. 20. Communion. 25. Robert, Meßdiener. 26. Seine
      Beobachtungen. 26. Zweifel. 28. Ketzergericht. 29.
      Absolution. 30. Im Gymnasium. 31. Plötzliches Ende der
      Schulzeit. 32.

  3. =Lehr- und Wanderjahre= (1820-1827)                            33

      Roberts Lehrjahre. 33. Beim Goldarbeiter Asthöver. 35. Beim
      Gelbgießer Räder. 37. Gesellenfahrten und Wandertagebuch.
      39. Arbeitslos. 41. Von Schmitz angestellt. 42.

  4. =Bei J. W. Schmitz= (1827-1830)                                43

      J. W. Schmitz. 43. Blum's Stellung bei demselben. 47.
      Süddeutsche Reise mit Schmitz. 48. In München. 49.
      (Arbeiten und Studien. 50.) Zurück nach Köln. 52. Reise
      nach Berlin. 53. In Berlin. 54. Einberufung zur Fahne.
      56. Wieder in Berlin, mittellos. 57. Correspondenz und
      Conflikt mit Schmitz. 58. Entlassung Blum's. 60.

  5. =Theaterdiener und Dichter= (1830-1832)                        61

      Stellung bei Ringelhardt. 62. Erstes poetisches Schaffen.
      65. Politische Gedichte. 66. Nationaler Standpunkt.
      68. Idealismus. 69. Erneute schwere Sorgen. 70. Die
      Theaterbibliothek. 70. Humor und Satire. 71. Sentenzen. 72.
      Dramen. 73. („Die Befreiung von Candia“. 74.) Nach Leipzig!
      75.

  6. =Die ersten Jahre in Leipzig= (1832-1836)                      76

      Leipzig Anfang der dreißiger Jahre. 76. Die
      Literatengesellschaft. 80. Blum über die Leipziger Messe
      (1834). 81. Ueber die Leipzig-Dresdner Bahn (1834). 83.
      Ueber die literarische Production (1834). 84. Eigenes
      Schaffen. 85. Stellung beim Theater. 86. Reise in die
      Sächs. Schweiz. 86. Auguste Forster. 87. Eintritt in den
      Freimaurerbund. 89. Späteres Urtheil darüber. 91.

  7. =Erstes politisches Wirken. Eigene Häuslichkeit= (1837. 1838)  92

      Das politische Leben in Sachsen von 1831 bis 1836. 92.
      Der Leipziger Freundeskreis. 94. Erste Schritte in die
      Oeffentlichkeit. 96. Das Fest zu Lützen. 96. Die sieben
      Göttinger. 101. Die erste Rede Blum's. 103. Prolog.
      104. Verkehr mit der Provinz. 105. Adelheid Mey. 105.
      Heirath. 107. Theaterlexicon. 107. Reise nach Berlin. 109.
      Erkrankung Adelheid's. 110. Ihr Tod. 112. Begräbniß. 113.
      Visionen. 114. Allmählicher Trost in Arbeit. 115.

  8. =Neue Hoffnungen. Eugenie Günther= (1839. 1840)                117

      Neue Hoffnungen. 118. Eugenie Günther. 119. Briefwechsel
      mit Eugenie Günther. 121. „Wühlerei“. 131. Die Mainzer
      Besprechung. 135. Die Reise nach Frankfurt. 137. Hochzeit
      und junge Häuslichkeit. 139.

  9. =Wachsendes öffentliches Wirken= (1840-1844)                  140

      Sachsen seit 1840. 140. Jubiläum der Erfindung der
      Buchdruckerkunst. 143. Der Schriftstellerverein. 145.
      Schillerverein und Reden zum Schillerfest. 147. Agitation
      in der Presse. 149. Die Vaterlandsblätter. 150. Der
      Verfassungsfreund. 152. Das Taschenbuch Vorwärts. 155.
      Sächsischer Landtag 1842/43. 157. (Gährungsstoffe. 157.
      Adresse. 158. Preßgesetz. 159. Strafproceßordnung. 160.)
      Nachwirkung der Kammerverhandlungen. 161.

  10. =Die Reaction unter Könneritz. Die deutsch-katholische
              Bewegung= (1843-1845)                                163

      Die Reaction unter Könneritz. 163. Maßregelung von
      Schriftstellern. 164. Anklage und Prozeß gegen Blum. 164.
      Verurtheilung. 166. Ein fideles Gefängniß. 167. Persönliche
      Verhältnisse dieser Zeit. 168. Ueber den Beruf des Mannes.
      171. Die deutsch-katholische Bewegung. 172. (Rede bei
      Gründung der Leipziger Gemeinde. 175. Das Leipziger Concil.
      179. Weltliche Zwecke. 180.)

  11. =Wachsende Gährung in Sachsen. Die Leipziger
      Augustereignisse= (1845)                                     181

      Die kirchliche Haltung und Politik der Regierung. 181. Die
      Juli-Verordnung. Wachsende Gährung. 184. Prinz Johann.
      186. Der 12. August in Leipzig. 187. Aufregung. 194. Der
      13. August. Gerüchte. Rathlosigkeit der Behörden. 196.
      Schützenhausversammlung. 197. Robert Blum's Auftreten und
      Rede. 198. Auf dem Rathhaus. 200. Lähmung der Behörden.
      201. Adressen der Gemeindebehörden. 203. Bescheid des
      Königs. 204. Das Begräbniß. 204. Standpunkt der Regierung
      (Herr v. Langenn und Militärmassen in Leipzig). 205. Des
      Königs Antwort. 207. Die Leipziger Untersuchungscommission.
      208. Erörterungen gegen Blum. 209. Verbote. 210.
      Klägliche Haltung der Gemeindevertretung. 211. Entrüstung
      in Deutschland. 212. Dankadressen an Blum. 212. Wahl
      desselben zum Stadtverordneten. 213. Sein Brief über die
      Augustereignisse an Joh. Jacoby. 213.

  12. =Die letzten Jahre vor der Revolution= (1846. 1847)          215

      Der Sächsische Landtag 1845/46. 215. (Die Opposition.
      216. Blum's Petition. 216. Thronrede und Adresse. 217.
      Adreßdebatte. Strafprozeßordnung. 218. Die kirchlichen
      Fragen. 219. Die Preßzustände. 220. Der Feudalismus.
      221. Die Leipziger Augustereignisse vor dem Landtag.
      221.) Ovationen für die Getreuen und Vaterlandslieder.
      225. Persönliches (Stellung Blum's im Stadtv.-Collegium)
      227. Die Constit. Staatsb. Zeitung. 229. Ernst Keil's
      Leuchtthurm. 230. Häusliche Sorge. 231. Heldenthaten der
      Reaction. 231. Nichtbestätigung Blum's als Stadtrath.
      233. Blum's polnische Schwächen. 234. Die Theuerung
      1846/47. 235. (Broschüre Blum's. 236.) Außerordentlicher
      Landtag 1847. 237. Carlowitz, Ministerpräsident. 238.
      Volksbuchhandlung Blum's auf Actien. 238. Kündigung an den
      Theaterdirector Schmidt. 239. Verlag von R. Blum & Comp.
      und das Volksthüml. Staatslexicon. 241. Urtheil Robert v.
      Mohl's darüber. 241. Blum über Socialismus und Communismus.
      243. „Den Frauen!“ 246.

  13. =Die Jubelwochen der Revolution= (Februar und März 1848)     247

      Das Jahr 1848. 247. Leipzig nach der Februarrevolution.
      250. Einmüthigkeit der Parteien, Adresse. 251. Blum's
      Rede am 3. März. 253. Stadtv.-Sitzung, v. 4. März. 254.
      Die zweite Deputation und Beginn einer Nachgiebigkeit in
      Dresden. 255. Falkensteins Rücktritt. 256. Proclamation
      des Königs. 257. Stadtv.-Sitzung vom 7. März. 257.
      Die Vorstellung der Universität. 258. Schwankende
      Haltung der Regierung. 259. (Strenge Maßregeln. 260.
      Carlowitz in Leipzig. 261. Bedenkliche Gährung. 261.
      Die Landesversammlung im Schützenhause. 262. Carlowitz'
      Abreise. 263.) Das Märzministerium. 264. Programm
      desselben. 265. Das Sächs. Parteiwesen. 267. Die
      Vaterlandsvereine. 268. Abreise Blum's zum Vorparlament.
      269.

  14. =Im Vorparlament und Fünfzigerausschuß= (Ende März bis
              18. Mai 1848)                                        269

      Allgemeines über Blum's Stellung. 269. Das Vorparlament.
      286. Blum, Vicepräsident, seine vermittelnde Stellung.
      287. Herrn Laube's Zerrbilder von Blum. 289. Erster Tag im
      Vorparlament. 291. Erste Rede im Vorparlament. 292. Das
      Wahlgesetz. 294. Die Permanenzfrage. 295. Der Antrag Zitz.
      297. Das Amendement Bassermann und Blum's Erklärung. 298.
      Die Wahlen zum Fünfzigerausschuß. 299. v. Soiron's „Einzig
      und Allein“. 300. Der Fünfzigerausschuß. 302. Sendungen
      Blum's (nach Aachen, Köln u. s. w.). 303. Der Badische
      Aufstand. 305. Beschuldigung der Begünstigung gegen Blum.
      306. Das Triumvirat und v. Lepel's Promemoria. 307. Schluß
      des Fünfzigerausschusses. 309.

  15. =Im Parlament= (Bis zur Einsetzung der provisor.
              Centralgewalt. Mai bis Juli 1848.)                   309

      Wahlsorgen Blum's. 309. Parlamentseröffnung. 315.
      Gagern's Präsidialantritt. 316. Der Verfassungsentwurf
      der Siebzehner und die Regierungen. 317. Die Linke und
      Blum's Führerschaft. 318. Arbeitslast. 319. Die Parlamente
      der Einzelstaaten. 320. Die Mainzer Angelegenheit. 321.
      (Blum's Rede. 322. Die Entscheidung. 323. Folgen für
      Blum. 324.) Verhandlungen über den Antrag Raveaux. 325.
      (Blum's Rede. 327. Die Versöhnung. 328.) Der Conflikt
      Blum-Auerswald. 329. Die Pfingstreise der Linken in die
      Pfalz. 333. Die deutsche Flotte. 339. Die Verhandlungen
      über die provisorische Centralgewalt. 340. (Blum's Rede am
      20. Juni. 342. am 24. Juni. 348. Die Entscheidung, Gagern's
      kühner Griff. 357.) Der Reichsverweser. 357. Dessen Wahl
      und Einsetzung. 359. Briefe Blum's aus diesen Tagen. 361.

  16. =Im Parlament und Daheim= (Juli und August 1848 bis zum
              Conflikt über den Malmöer Waffenstillstand.)         366

      Auseinandersetzungen mit dem Bundestag. 366. Conflikt mit
      Hannover. 369. Reichsminister. 370. Preußens Vorschlag
      vom 17. Juli. 370. Die Huldigung der Bundestruppen an den
      Reichsverweser. 371. Vermehrung des deutschen Heeres.
      372. Die Polenfrage. 374. (Blum's Rede. 375. Entscheidung
      und Folgen. 381.) Die Amnestiefrage und Hecker's Wahl.
      382. Die Grundrechte. 382. Die Zustände in Sachsen.
      384. (Der Landtag und das Wahlgesetz. 385. Stellung zum
      Deutschen Verfassungswerk. 386. Die Versammlung der
      Vaterlandsvereine in Dresden, am 9. Juli. 388. Zwiespalt in
      den Vaterlandsvereinen. 392.) Blum's Reise nach Leipzig.
      393. (Daheim, S. 394. Die Rede im Schützenhause am 16.
      August. 396.) Spaltung der Vaterlandsvereine. 409. Jäkel,
      der Sieger. 411.

  17. =Der Waffenstillstand von Malmö. Die Frankfurter
              Septembertage=                                       414

      Der Waffenstillstand von Malmö. 414. Der Conflikt mit dem
      Parlament. 417. Die Redeschlacht. 418. Ministerkrisis.
      419. Das Ende der Krisis. 420. Die zweite Verhandlung
      im Parlament. 421. (Blum's Rede am 16. Sept. 422. Die
      Entscheidung. 436.) Sturm. 437. Das Gewitter zieht herauf.
      438. (der Artikel der Reichstagszeitung vom 19. September.
      439.) Die Versammlung der Pfingstweide. 440. Die Clubs der
      Linken am Abend. 422. Der 18. September. 443. Der Sieg und
      seine Folgen. 446. Briefe Blum's aus diesen Tagen. 447. Die
      Verhältnisse in Sachsen. 450. (Jäkel gegen die Frankfurter
      Linke. 451. Absage Blum's an die Vaterlandsblätter. 454.
      Rüder's Brief. 455. Bruch mit Jäkel. 456.) Motive der Reise
      nach Wien. 456.

  18. =Nach Wien und in Wien.= (Wiener Octoberrevolution 1848)     457

      Die Verhältnisse Oesterreichs. 458. Die Verhältnisse in
      Wien. 463. (Der 6. October in Wien 464. und die Frankfurter
      Linke 466.) Blum's Reise nach Wien. 467. Die Lage in Wien
      bei seiner Ankunft. 467. Jelačić. 468. Blum's erste
      Tage in Wien. 470. Entschluß zur Rückreise. 472. Die Wiener
      Behörden. 473. Wenzel Messenhauser. 474. Anarchische
      Elemente. 478. Gezwungenes Ausharren in Wien. 479. Fürst
      Windischgrätz. 482. (Seine geheime Verschwörung mit dem
      Hofe. 482. Seine Auflehnung gegen Latour. 483. Intriguen
      mit dem Hofe in Olmütz. 484. Windischgrätz. Dictator.
      485. Sein historischer Charakter. 486.) Aufmarsch gegen
      Wien. 488. Die Proclamation vom 20. October. 488. Die
      Reichscommissare. 489. Stimmung in Wien. 489. Blum's
      Rede in der Aula den 23. Oktober. 490. Sein Artikel
      im „Radikalen“ vom 24. Oktober. 493. Windischgrätz'
      Proclamation und Bedingungen vom 23. October. 495. Beginn
      des Kampfes. 497. Fortschreitender Angriff auf die Stadt.
      498. Blum, Hauptmann im Elite-Corps. 499. (Sein Antheil
      am Kampfe. 500. Im Feuer. 501.) Siegreiches Vordringen
      der Truppen. 504. Die Gräuel der Soldaten. 506. Die
      Kapitulation. 508. Blum für Uebergabe. 510. Verhängnißvolle
      Zögerung des Fürsten. 511. Die Ungarn kommen! 512.
      Kapitulationsbruch und Pöbelherrschaft. 513. Herrn v.
      Helfert's Verleumdung gegen Blum. 514. Unterwerfung Wiens.
      516.

  19. =Robert Blum's Gefangennehmung, Proceß und Tod=              517

      Militairdespotie in Wien. 517. Schreiben Blum's an
      Csorich vom 2. November. 520. Csorich an Cordon am
      2. November. 521. Blum und Genossen an Cordon den 3.
      November. 522. Verhaftung Blum's und Fröbel's. 523. Das
      Verhalten des sächsischen Gesandten v. Könneritz. 525.
      Das Unverletzlichkeitsgesetz vom 29/30. Sept. und seine
      Gültigkeit für Oesterreich. 531. Schreiben Blum's vom 5.
      Nov. an den Präsidenten der Nationalversammlung. 533.
      Geheime Verhandlungen Windischgrätz' mit Olmütz. 534.
      Stimmung Blum's. 537. Der räthselhafte Padovani. 539.
      Beschwerde Blum's vom 7. November. 543. Verfügung Cordon's.
      544. Beweiserhebungen am 8. November. 544. Protest Blum's
      am 8. November. 545. Der Befehl aus Schönbrunn. 548. Verhör
      Blum's. 549. Rechtliche Beurtheilung des Processes wider
      Blum. 554. Politische Beurtheilung des Processes. 559. Das
      Urtheil. 561. Blum's letzte Nacht. 561. Blum's letzte
      Stunden. 564. (Gespräch mit P. Raimund. 564. Bekehrung?!
      565. Letzte Briefe. 568.) Die Fahrt nach der Brigittenau.
      569. Blum's Ende. 570.

  20. =Deutschlands Todtenklage=                                   572

      Offizielle Schritte. 574. Todtenklage des Volkes. 577.
      Schluß. 579.

  =Alphabetisches Namensverzeichniß=                               581



                    1. Kindheit.


Einer langen Einleitung bedarf das Unternehmen, das Leben #Robert
Blum's# zu schreiben, nicht.[1] Obwohl beinahe dreißig Jahre seit
seinem Tode verflossen sind und Deutschland seither in allen seinen
öffentlichen Verhältnissen sich von Grund aus verwandelt hat, ist
Robert Blum dennoch bei der großen Mehrzahl des deutschen Volkes
unvergessen. Viele seiner Mitstreiter und Gegner aus der ersten
deutschen Nationalversammlung haben ihn überlebt und seither
hervorragenden und rühmlichen Antheil an der politischen Arbeit des
deutschen Volkes genommen: Präsident Simson, Biedermann, Grumbrecht,
Löwe, Schaffrath, Ruge &c. Aber dennoch kann sich kaum Einer von ihnen
mit der Popularität des todten Robert Blum messen. Mit rührendster
Beharrlichkeit und Zähigkeit hängt das deutsche Volk an dem Andenken
dieses Todten. Zeugniß dafür bietet die Thatsache, daß noch heute
das Bildniß dieses Mannes nicht nur in Sachsen, dem Hauptschauplatz
seines Manneswirkens, in so vielen Häusern und Hütten getroffen wird;
auch hoch oben im baierischen und badischen Gebirge, wo Robert Blum
nie gewesen, hat Verfasser dieses noch Jahrzehnte nach Blum's Tode
dessen Bildniß in Wirtschaften und Privathäusern getroffen. Von dem
Stuhl Robert Blum's in der Paulskirche zu Frankfurt war zuletzt kaum
ein Spahn mehr übrig. Jeder Besucher des einstigen Sitzungssaales des
ersten deutschen Parlaments nahm sich, soweit der Vorrath reichte,
einen Splitter dieses Sessels zum Andenken mit.

Der Grund der unverwelklichen Liebe und Verehrung, die das Volk an
diesen Namen heftet, ist einfach genug. Robert Blum hat in seiner
Kindheit und Jugend die Leiden der Armuth gekostet, wie selten ein
Anderer. Er hat schon als ganz junger Mensch lange schmerzliche Blicke
gethan in die tiefsten Tiefen leiblichen und geistigen menschlichen
Elends. Ihm ist der herbste Schmerz nicht erspart geblieben, der
eine reichbegabte, wissensdurstige Natur erfüllen kann: der Schmerz
aus Armuth dem Lernen, jeder höheren Bildung entsagen, mit einfacher
Handarbeit sein Brod verdienen zu müssen. Robert Blum ist mit eigener
Kraft aus diesem ihm von einem harten Schicksal vorgezeichneten,
scheinbar unübersteiglichen Lebenskreise immer freier und größer
herausgewachsen. Er hat begonnen, mit unvergleichlicher Ausdauer an
seiner eigenen geistigen Fortbildung, seiner Befreiung aus den Banden
der Armuth und Unbildung zu arbeiten. Er hat mit jedem Schritte, der
ihn unabhängiger stellte und seine Gesichtspunkte erweiterte, auch
weitere Ziele in's Auge gefaßt. Von den Interessen seiner Person,
seiner freien Seele, seiner Familie, seines Standes, seiner Stadt,
seiner Religionsgenossen, ist er vorgeschritten zu dem Streben, die
heiligsten und wichtigsten Angelegenheiten seines ganzen Volkes zu
vertreten. Die Leiden und Kümmernisse wie die berechtigten Forderungen
des Arbeiters haben #niemals# einen beredteren und uneigennützigeren
Anwalt gefunden, als Robert Blum.

In wunderbarem Maße war ihm die Macht der Rede gegeben: niemals hat
ein Mann so wie er verstanden, aufgeregte Massen zu beschwichtigen,
als wären Tausende seines Sinnes, als geböte ein milder Vater dem
ungeberdigen Kinde. Und dieses reiche, kraftvolle Leben, dessen
letzter Theil, mit Aufopferung und großherziger Verleugnung aller
eigenen Interessen, nur seinem Volke gewidmet war, hat Robert Blum
gekrönt durch seinen in der Blüthe der Jahre muthig erlittenen Tod.
Dieser Tod vor Allem macht ihn noch der Gegenwart theuer. Denn Robert
Blum ist nicht erschossen worden wegen irgend einer persönlichen
Handlung, welche auch nur den Vorwand eines Todesurtheils gegen ihn
gerechtfertigt hätte. Vielmehr geben die heute bekannten Acten seines
sehr kurzen Processes volle Gewißheit darüber, daß jener Schrei der
Entrüstung vollkommen berechtigt war, der bei der Nachricht von
seiner Hinrichtung Deutschland durchzitterte von den Gestaden der
Nordsee bis zum schwäbischen Meere, und der vom grünen Tische des
Gesammtministeriums in Dresden mit derselben Naturgewalt ertönte, wie
von den Tribünen des deutschen Parlaments zu Frankfurt und in zahllosen
Volksversammlungen: daß in Robert Blum nicht die Person, sondern der
Vertreter des deutschen Volkes, die Unverletzlichkeit des deutschen
Reichstagsabgeordneten habe gemordet werden sollen; daß mit einem Worte
die siegreiche österreichische Reaction in dieser Tödtung symbolisch
zeigen wollte, daß sie Alles was seit dem März des großen Jahres 1848
geschehen, nicht anerkenne und nun die Stunde gekommen erachte, um
Deutschland wieder das Joch des alten österreichischen Bundestages auf
den Nacken zu legen. So gilt denn Robert Blum noch heute mit Recht als
eines der edelsten Opfer, welche Deutschland jemals seiner nationalen
Freiheit und Einheit gebracht hat.

Auch die Geschichte der Familie, aus der dieser bedeutende Mann
hervorging, ist schnell erzählt. Auf eine lange Ahnenreihe konnte
Robert Blum nicht zurückblicken. Das Wenige, was hierüber bekannt ist,
muß berichtet werden, da es für die Kindheit und Jugend Robert Blum's
von Wichtigkeit wurde.

Aus dem Dorfe Frechen, zwei Stunden von Köln, siedelte der
Faßbindermeister Johann Blum und dessen Frau um die Mitte des 18.
Jahrhunderts nach Köln über. Von sieben Söhnen übernahm der älteste,
Robert Blum, das Geschäft des Vaters und wohnte als fleißiger Meister
auf dem Fischmarkte in Köln. Er hatte drei Kinder: #Engelbert#,
Heinrich und Agnes. Der im Jahre 1780 geborene älteste Sohn Engelbert
war zu schwächlich, um sich dem Geschäfte des Vaters widmen zu können;
namentlich hatte er eine schwache Brust und taugte daher für schwere
Arbeit nicht. Auch hätten die ziemlich wohlhabenden und streng
katholischen Eltern gern gesehen, wenn ihr ältester Sohn Theologie
studirt hätte und „geistlich“ geworden wäre. Er besuchte daher das
Kölner Gymnasium und hatte fünf Classen desselben absolvirt, als
Untersuchungen und Verfolgungen gegen die Schüler stattfanden, die
verdächtig waren, sich den verruchten Lehren ketzerischer Freigeister
zugewendet zu haben[2]. Engelbert Blum war in dieser Hinsicht bei
den frommen Vätern sehr schlecht angeschrieben. Er hatte für die
Verbreitung der ketzerischen Irrlehren Propaganda gemacht und wurde
von nun an streng bedroht und scharf beobachtet, sodaß ihm die
Studien ernstlich verleidet wurden. Er schwankte, ob er freiwillig
abgehen, sich wegschicken lassen oder heucheln solle und war -- wohl
hauptsächlich mit Rücksicht auf die kirchliche Treue und die für ihn
getroffene Berufswahl der Eltern -- über seinen Entschluß noch nicht im
Reinen, als die Franzosen in Köln einzogen, der Staatsherrlichkeit des
Krummstabes daselbst ein Ende bereiteten und das Gymnasium schlossen.

Engelbert verzichtete nun definitiv auf seine Ausbildung zum
Theologen und versuchte abermals sich zum Faßbinder auszubilden,
um das väterliche Geschäft zu übernehmen. Aber auch diesmal zeigte
sich, daß ihm hierzu die nöthige Körperkraft mangle. Das nährende
Gewerbe des Vaters ergriff der jüngere Sohn Heinrich, ein stämmiger
Bursche, mit Kraft und Umsicht. Er ist in hohem Alter wohlhabend
gestorben. Die Tochter, Agnes Blum, hat ein Zufall, wie wir sehen
werden, zur Lehrerin gemacht; sie stand als solche viele Jahre der
Elementar-Pfarr-Mädchenschule der Maria-Himmelfahrt-Pfarre vor. Ihr
werden wir später noch begegnen. Der halbstudirte, zu dem Gewerbe
seines Vaters zu schwächliche Engelbert Blum aber hatte seine
liebe Noth, sich sein tägliches Brod zu verdienen. Er suchte nach
Beschäftigungen, die seinen Kenntnissen entsprachen, doch ohne Erfolg,
und mußte endlich für kargen Lohn eine Schreiberstelle an einem Kölner
Lagerhause annehmen, die er nach einiger Zeit mit der Aufseherstelle
in einer Stecknadelfabrik vertauschte. Das tagelange Sitzen am
Schreibtisch war jedoch seiner schwachen Brust kaum nachtheiliger
gewesen, als die verdorbene Luft, die er in seinem neuen Beruf den
ganzen Tag athmen mußte. Denn in engem Raume mußte er hier mit einer
großen Anzahl arbeitender Kinder aus den niedrigsten Ständen sich
aufhalten. Für Ventilation war so wenig gesorgt, wie für Reinlichkeit
der armen Kinder. Schulzwang und Verbot der Kinderarbeit in den
Fabriken waren noch unbekannte Dinge. Kinder im zartesten Alter wurden
von ihren Eltern schon als Erwerbsquelle ausgebeutet.

Als Engelbert nach dem Schiffbruche seiner theologischen Hoffnungen
zum zweiten Male den Versuch gemacht hatte, Küfer zu werden, hatte er
ein junges Mädchen kennen gelernt, das mit sechszehn Jahren nach Köln
gekommen war, bei verschiedenen Herrschaften gedient hatte und in den
Jahren 1804 und 1805 bei einer wohlhabenden Faßbinderfamilie Wolff, die
mit Blums verwandt war und in deren Nachbarschaft wohnte, in Diensten
stand. Dieses Mädchen hieß #Maria Katharina Brabender#. Sie war über
ihren Stand gebildet, etwas romantisch veranlagt, aber voll tüchtigen
Selbstgefühls. Die jungen Leute liebten sich, und trotz des heftigsten
Sträubens, der Eltern Engelbert's wie der Familie Wolff -- weshalb die
letztere sich sträubte, ist etwas räthselhaft -- heiratheten sich die
jungen Leute am 25. November 1806. Sie wohnten in den ersten Jahren im
Hause der Eltern Engelbert's in der zweiten Etage des sehr schmalen
Hauses Fischmarkt Nr. 1490 und erfreuten sich trotz ihrer Armuth des
freundlichsten Familienlebens. Der junge Ehemann verdiente freilich nur
achtzig Pfennige (einen Franken) den Tag. Die junge Frau aber nähte für
die Leute, und da sie geschickt und fleißig, gut und gefällig war, so
war sie überall gern gelitten, und es fehlte ihr nie an Arbeit.

Hier im Hause seiner Großeltern, wurde am 10. November 1807 dem jungen
Paare der erste Sohn, #Robert Blum#, geboren. Nichts charakterisirt
wohl so sehr die damalige Lage des Vaterlandes, dessen kraftvoller
Streiter der Neugeborene später werden sollte, als die Thatsache, daß
der Geburtsschein dieses deutschen Kindes in der französischen Stadt
Köln französisch ausgestellt wurde. Er lautet (Nr. 1421 vom Jahre
1807): „_Acte de naissance de Robert Blum, né le dix novembre entre
huit et neuf heures du matin, fils d'Engelbert Blum, tonnelier, et de
Catharine Brabender, époux, demeurant rue Fischmarkt No. 1490._“

Das Kind war der Abgott der ganzen Familie. Vergessen war der Groll
über die Heirath Engelbert's. Der Großvater und Taufpathe Robert's, der
damals schon kränkelte, fühlte sich in dem Enkelchen wieder verjüngt
und glücklich und wünschte sich nun noch ein langes Leben, das ihm
indessen nicht beschieden sein sollte, denn im Jahre 1810 starb er.
Der kleine Robert wuchs indeß herrlich heran; ungemein früh lernte er
sprechen. In zartester Jugend entwickelte er außergewöhnliche Anlagen.
Mit drei Jahren bekam er die Masern, an denen er so heftig erkrankte,
daß man ihn bereits verloren gab. Von dieser Krankheit behielt er
schlimme Augen und wurde schließlich blind, neun Monate lang: Alles
versuchten die Eltern, um ihm das Augenlicht wiederzugeben. Zuletzt
riefen sie die Hülfe eines Dr. Bracht an, der ihnen als Augenarzt
gerühmt worden war und der den Kleinen mit der größten Sorgfalt
behandelte. Immer sprach er den Eltern Muth und Hoffnung ein und
bestellte endlich eines Tages die ganze Familie auf den kommenden
Morgen zusammen. Der Arzt erschien pünktlich, nahm den kleinen Robert
auf den Schooß, spielte mit ihm, erzählte ihm und schwenkte dazwischen,
wie spielend ein weißes Tuch hin und her. Zur unaussprechlichen Freude
der Seinen griff Robert nach dem Tuche und gab so den ersten Beweis
wiedererlangter Sehkraft. Doch blieben seine Augen immer schwach, eine
Schwäche, die ihm auf seiner Lebensbahn recht hinderlich ward; um so
höher steht jener eiserne Fleiß und Muth, mit welchem später der Mann,
ohne Schonung seiner schwachen Augen, in durchwachten Nächten den
Lücken seiner Bildung abzuhelfen bemüht war.

Das gute Gedächtniß, welches Robert sehr frühzeitig bekundete,
veranlaßte seinen Vater, ihm das Meßdienen, das Knaben in lateinischer
Sprache verrichten, zu lehren. Bald konnte Robert, kaum vier Jahre
alt, die ganze lateinische Messe auswendig. Sein Vater zeigte ihm nun
auch in der Nähe eines Altars, an dem gerade Messe gelesen wurde, was
die Knaben dabei zu beobachten hätten. Und als Robert sich auch das
eingeprägt, ließ der Vater ihn, unter Beihülfe eines größeren Knaben,
am Altar mit dienen, und Robert sagte sein auswendig gelerntes Latein
so schön und deutlich her, daß der Geistliche, ein gutmüthiger alter
Herr, den Vater bat, ihm doch das liebe Kind täglich zum Meßdienen zu
senden; den kleinen Robert aber beschenkte der freundliche alte Herr
häufig mit Bildern, Büchern, Bonbons &c. Von dieser Zeit an ging der
Kleine täglich in die Messe, bis er später wirklicher Meßdiener wurde.

Aber auch irdischere Künste brachte der Vater seinem Kinde bei: er
lehrte ihm Lesen, Schreiben und Rechnen in sehr frühen Jahren. Sicher
ist, daß Robert zu der Zeit, als sein Vater im letzten Viertel des
Jahres 1814 am Ende seiner Kräfte in seiner aufreibenden Thätigkeit
angelangt war und für immer auf's Krankenlager geworfen wurde, also mit
sieben Jahren, bereits in allen diesen Künsten ganz tüchtig Bescheid
wußte. Nach neunmonatlicher Krankheit am 24. Juni 1815, starb Engelbert
Blum. Er hinterließ eine Wittwe mit drei Kindern, Robert, Johannes und
Gretchen, von denen Robert beim Tode des Vaters noch nicht acht Jahre
zählte.

Die schlichten Aufzeichnungen, die mir vorliegen, über das Elend
der Armuth, das die lange Krankheit und der Tod des Ernährers über
die Familie brachte, und das Verhalten dieses jungen Knaben seiner
Mutter und seinen Geschwistern gegenüber, als er in so zartem Alter
Waise geworden war, gehören zu dem Rührendsten und Ergreifendsten,
was man lesen kann, und lassen namentlich die ganze Verlogenheit der
socialistischen Declamationen erkennen, wenn diese heutzutage danach
trachten, die vergleichsweise beneidenswerthe Ueppigkeit einer heutigen
Arbeiterfamilie, bei den jetzigen Löhnen, Lebensbedürfnissen und
Lebensgewohnheiten auch der ärmsten Classen, als den Gipfel des Elends
und der Würdelosigkeit zu bezeichnen.

Robert erkannte mit seinem klaren Verstande, seiner herzlichen Liebe
für Mutter und Geschwister viel schärfer als sonst Kinder in seinen
Jahren, wieviel mit dem Vater für die arme Familie verloren war. Aber
statt seiner Mutter Schmerz durch die Offenbarung seiner frühreifen
Erkenntniß zu vergrößern, suchte er seine Mutter zu trösten durch
die treuherzige Versicherung, er sei schon groß und stark und werde
deshalb fleißig mit ihr arbeiten; nur solle sie nicht mehr weinen,
sonst werde sie auch noch krank. Er that aber mehr. Er ließ die
scheinbar prahlerischen Worte zur That werden. Die Mutter gewann mit
ihrer Nadel den ganzen Unterhalt der Familie -- kümmerlich genug. Damit
sie keine Minute versäume, holte Robert die Arbeit von den Kunden
und trug das Fertige wieder fort. Er rathschlagte ernstlich mit der
Mutter darüber, was jeweilig zuerst beschafft werden müsse, ganz wie
ein ordentlicher Finanzminister, und holte das Nöthige herbei. Er
unterhielt und ermahnte die jüngeren Geschwister, damit die Mutter ja
beim Nähen bleiben konnte. Er blieb auf, wenn die Jüngeren im Bette
waren, und strickte für die Geschwister und für sich selbst, weil die
Mutter darauf keine Zeit verwenden konnte. Er verrichtete freudig und
geschickt aus freien Stücken die meisten Hausarbeiten. Und als sein
Bruder Johannes zu kränkeln anfing, pflegte ihn Robert mit rührender
Geduld und Ausdauer.

Aber so traurig es der armen Familie ergangen war seit der Erkrankung
und dem Tode des Familienhauptes, so sollte doch nun eine noch viel
traurigere Zeit über sie kommen. Bisher hatte es wenigstens am Besten
nicht gefehlt: an dem Frieden des Hauses. Die Ehegatten hatten sich aus
Liebe geheirathet und sich herzlich geliebt, bis der Tod Engelbert's
sie trennte. Das Verhältniß zwischen Eltern und Kindern war das beste
gewesen. In der Liebe, dem Gedeihen und dem Gehorsam ihrer Kinder sah
auch die arme Wittwe einen unermeßlichen Schatz. Aber dieser Schatz
wurde ihr mehr und mehr auch zu großer Sorge, namentlich als Johannes'
Krankheit sich verlängerte und als böses väterliches Erbtheil sich
ankündigte. Da glaubte die arme Frau, sie werde doch auf die Dauer
ihren Kindern das Brod nicht allein mit ihrer eigenen Kraft verdienen
können, und nahm den Antrag an, den der Schiffer Kaspar Georg Schilder
ihr machte, seine Frau zu werden.

Schilder hatte einen etwas stürmischen Lebenslauf hinter sich. Er
war zuerst Schmuggler gewesen, ein Beruf, der die Betheiligten
nicht immer mit den Spitzen der Gesellschaft zusammenführen soll.
Dann, vor acht Jahren, war er als Soldat mit Napoleon nach Spanien
gezogen und dort bis jetzt verblieben, ohne auch hier unablässig an
der Spitze der Civilisation zu marschiren. Nun war er eben aus dem
Kriege zurückgekehrt und hatte zwar ein hübsches Stück Geld, aber
auch eine kleine Schwäche mitgebracht, welche geeignet war, einer zu
großen Ansammlung von Ersparnissen mit der größten Aussicht auf Erfolg
energisch entgegenzutreten, nämlich eine liebevolle Anhänglichkeit
an alkoholhaltige Flüssigkeiten. Es ist begreiflich, daß diese mit
dem Charakter eines alten Troupiers sonst keineswegs unvereinbare
Leidenschaft nicht an Liebenswürdigkeit gewann, als der spanische
Krieger, der dort gewöhnt gewesen war, die ältesten, feurigsten
Klosterweine im Namen des einen und untheilbaren französischen
Kaiserreiches _à discrétion_ durch die rächende Gurgel zu gießen,
sich, nach seinem geliebten Heimathlande zurückgekehrt, gezwungen
sah, für weit saurere oder gemeinere Getränke sein gutes Geld Zug um
Zug hinzugeben. Sehr bald konnten sich die besten Freunde Schilder's
der Erkenntniß nicht länger verschließen, daß der einstige Bändiger
Hesperiens nicht blos dem Trunke, sondern sogar einem bösen Trunke
ergeben sei.

Ob nun die arme Frau, die diesem Manne ihr Jawort gab, seine Schwäche
weniger bemerkt hat, ob sie hoffte, ihn in dieser Hinsicht zu bessern,
oder sich angezogen fühlte durch die wirklich guten Eigenschaften
Schilder's -- denn er war kerngesund, gutmüthig, grundehrlich, treu
und fleißig -- sicher ist, daß sie vor Allem einen Ernährer ihrer
Kinder in ihm zu heirathen meinte. Aber sie sah sich schwer getäuscht.
Auch in nüchternen Stunden zeigte sich der neue Gatte argwöhnisch,
eifersüchtig, jähzornig und nur zu geneigt, bösen Einflüsterungen ein
williges Ohr zu leihen, mit denen seine Mutter und Schwestern ihn
reichlich versorgten. Bedauert und aufgehetzt von seiner Familie, trug
er dieser das verdiente Geld zu und gab murrend von dem Reste Weniges
in den Haushalt seiner Frau. Während diese also schon wenige Monate
nach Eingehung der neuen Ehe erkannte, daß sie nur den lieben Frieden
ihres Heims geopfert habe, ohne irgend eine Erleichterung in ihrer
vielen und schweren Arbeit zu gewinnen, im Gegentheile nach wie vor
für ihre Kinder allein sorgen müsse, und ihre Verbindung mit Schilder
tief bereute, brachte dieser eines Tages ganz plötzlich und unerwartet,
zum größten Schrecken und Staunen seiner Frau, seine Mutter und drei
Schwestern dauernd in's Haus. Das häusliche Elend, welches dadurch für
Robert, dessen Geschwister und vor Allem für dessen Mutter geschaffen
wurde, war grenzenlos. Die neuen Ankömmlinge waren völlig ungebildete,
rohe und zanksüchtige Menschen, die unter einander und mit Schilder's
Frau und Stiefkindern unaufhörlich haderten und stritten. Den Mann
gegen die Frau aufzuhetzen, schien ihnen Lebensbedürfniß. Robert stand
mit blutendem Herzen in dieser heillosen Wirthschaft. Das Leiden der
Mutter erdrückte ihn fast. Inniger als je schloß sich Robert's Herz an
Mutter und Schwester. Stolz und ohne jede Heuchelei von Liebe, die er
nicht empfand, trat er den neuen Tanten gegenüber. Mit Stichelreden und
rohen Mißhandlungen wurde ihm von der Sippschaft vergolten. Unwirsch
und gereizt durch das stete häusliche Gezänk, ward Schilder immer
verdrießlicher und liebloser; zuletzt mißhandelte er im Trunke sein
treues Weib, zum Lohne für ihre unendliche Anstrengung und Arbeit.
Mehrere Monate dauerte dieses unselige Verhältniß -- bis endlich
Robert's Mutter mit dem Muthe der Verzweiflung ihrem Manne die Wahl
stellte: mit ihr ohne die Seinen, oder mit den Seinen ohne sie und ihre
Kinder zu leben. Dieser Energie der Frau beugte sich der im Grunde
gutmüthige Mann, indem er sie dauernd von seinen Angehörigen befreite.

Elend blieb auch so genug noch übrig. Johannes starb im ersten Jahre
der neuen Ehe an der Schwindsucht, bis an's Ende von Robert treu
gepflegt und nach Kräften erheitert. Der lange Zwist, Verdruß und
Kummer hatten tief am Herzen der Mutter genagt. Viermal nach einander
hat sie nach Eingehung der neuen Ehe zu früh geboren. Fortdauernde
Kränklichkeit und Entkräftung waren die Folgen. Gicht und Lähmung
traten schon jetzt bei ihr ein, um sie niemals mehr zu verlassen.

Mit besonderer Liebe wandte sich Robert nach dem Tode seines Bruders
dem Schwesterchen zu. Er war der Schutzgeist ihrer Kindheit und Jugend;
er unterrichtete sie, spielte mit ihr, darbte sich oft einen guten
Bissen ab, um ihr eine Freude zu machen, und hatte er Kleinigkeiten
an Geld, so wurden sie zu einem Spielzeug, einer Leckerei &c. für die
Kleine. War Gretchen einmal unartig, so brauchte er nur zu sagen:
„Lieb' Gretchen, thue das nicht mehr!“ und das Verbotene wurde
keinesfalls wieder gethan. Bei schönem Wetter führte er, so oft er Zeit
fand, sein Schwesterchen nach dem fast dreiviertel Stunden entfernten
Friedhof, an das Grab ihres Vaters, das durch ein einfaches schwarzes
Holzkreuz bezeichnet war, in dem sich hinter Glas ein Todtenzettel
des Vaters befand. Hier hielt er Gretchen an zu beten und erzählte
ihr jedesmal, wie gut der Vater und wie glücklich sie alle bei seinen
Lebzeiten gewesen. Bei einem solchen Besuche auf dem Friedhofe bemerkte
Robert Nachbarn, die sich zugleich mit den beiden Kindern von dort
entfernten und in einen Wagen stiegen, um nach Hause zu fahren. Er
trat an die gutmüthigen Leute heran und sagte, daß Gretchen so müde
und außerdem noch nie in einem Wagen gefahren sei. Sie würden ihr
wohl ein Plätzchen einräumen und ihr einmal diese Freude machen. Die
Leute -- eine Faßbinder-Familie Namens Merzenig -- meinten, es sei
auch für ihn noch ein Plätzchen übrig. Er aber war durchaus nicht zum
Einsteigen zu bewegen, sondern eilte, so schnell er konnte, voraus, um
das Schwesterchen in Empfang zu nehmen, brachte sie eilig nach Hause
und erzählte der Mutter glückselig, wie es ihm gelungen sei, Gretchen
in einem Wagen fahren zu lassen.

Ein anderes Mal sahen die Kinder, gleichfalls auf einem ihrer Gänge
nach dem Friedhofe, am Wege einen Judenknaben, der ein Murmelthierchen
zeigte und dafür Pfennige einsammelte. Um ihn hatte sich eine Schaar
Buben zusammengerottet, die den Knaben verhöhnten, schimpften und
mit Stöcken nach ihm und selbst nach dem Thierchen schlugen. Robert
trat, voller Entrüstung über dieses Gebahren, auf die theilweise
viel größeren Knaben zu und redete sie mit seiner lauten Stimme also
an: „Schämt Ihr Euch denn gar nicht, den armen Jungen und selbst das
unschuldige Viehchen zu mißhandeln? Das Kind ist arm und hat gewiß zu
Hause noch kleinere Geschwister, die auf seine Pfennige mit Hunger
warten. Braucht Eure Stöcke zu was Anderem und gebt dem Knaben was!“
und damit gab er dem Kinde einen halben Stüber (etwa zwei Pfennig), den
ihm die Mutter zum Ankauf einiger Brezeln mitgegeben hatte. Unterdessen
hatten sich auch mehrere Erwachsene um den Judenknaben und Robert
versammelt und riefen: „Der Knabe hat Recht. Gebt dem armen Kinde was
und mißhandelt es nicht!“ und der arme kleine Jude wurde reichlich
beschenkt. Ein Herr aber sagte zu Robert: „Das hast Du gut gemacht,
mein Junge. Sage Deinen Eltern, sie sollen Dich Pastor werden lassen!
Predigen kannst Du schon jetzt.“

Mißhandlungen Seiten seines Stiefvaters hat Robert, obwohl das vielfach
behauptet und auch in einigen biographischen Arbeiten über Robert Blum
zu lesen ist, nie erfahren. Die Mutter hielt ihre Kinder so streng
und folgsam, auch ihr selbst gegenüber, daß der Vater, auch in seinen
reizbarsten Augenblicken, nie Veranlassung fand, gegen die Kinder
auszufallen.

Die größte Hingebung und Aufopferung für die Seinen bewies Robert
aber in den schweren Hungerjahren 1816 und 1817. Schilder verdiente
damals täglich vierzig Stüber, anderthalb Mark. Die Familie brauchte
aber jeden Tag sieben Pfund Brod, und diese kosteten achtundvierzig
Stüber. Also nicht einmal zum täglichen Brode reichte der Verdienst des
Vaters. Der tägliche Brodverbrauch der Familie mußte um die Hälfte
reducirt werden. Und dieses theure Brod war zudem noch so selten, daß
Robert im Winter schon um fünf Uhr Morgens, bei grimmiger Kälte und
schlecht bekleidet, an den Bäckerladen gehen mußte, um nach langem
Warten und Kämpfen das kloßähnliche, heiße, kaum genießbare Gebäck
zu erhalten. Nicht selten wurde es ihm von Stärkeren entrissen. Denn
Noth kennt kein Gebot. Bald aber war auch dieses Brod nicht mehr zu
erschwingen, und die Familie mußte sich durch ein Gebäck aus Hafer und
allen möglichen anderen halb oder ganz ungenießbaren Dingen vor dem
Hungertode zu schützen suchen. Es gab Leute genug, die Robert deutlich
zu verstehen gaben, er solle sich auf's Betteln legen. Aber dagegen
bäumte sich der ganze Stolz seiner edlen Natur. Er hungerte, aber er
bettelte nicht. Als dagegen die Noth zu Weihnachten 1816 auf's Höchste
gestiegen war und das frohe Fest herannahte, freudlos und gramvoll wie
die anderen Tage, da leuchtete ein anderer Gedanke in dem Haupte des
gesunden Buben auf. Er eilte zu einem alten, wohlhabenden, geizigen
Großonkel, einem der sieben Söhne des Johann Blum, mit dem wir die
Genealogie des Hauses eröffneten, erschien hier mit rothgefrorenen
Backen und blitzenden Augen und begann ungefragt dem biedern Onkel
mit der ganzen überzeugenden Kraft, der echten Gottesgabe der Rede,
die er in sich trug, die Drangsal und Noth der Seinen ergreifend zu
schildern. Der alte Geizhals that, was er seit Langem nicht gethan:
er vergoß einige Zähren des Mitleids. Er that aber noch ein Uebriges,
was Robert sehr viel werthvoller war: er beschenkte Robert mit einem
Sack Erbsen und Kartoffeln, einem Stück geräucherten Fleisches und
sechs Stübern. Außer sich vor Freude, keuchend unter der schweren
Bürde, flog der Knabe athemlos die Straßen entlang, seiner Wohnung zu.
Da stolperte er, stürzte hin, Erbsen und Kartoffeln rollten über das
Pflaster; doch Robert las sie bis auf die letzte zusammen und trat mit
den völlig unerwarteten reichen Gaben unter die Seinen, mit Jubel und
hoher Festfreude aller Herzen erfüllend.

Keinen Stachel und keinen Schatten von Verbitterung hat diese überaus
trübe Kindheit, welcher ebenso peinvolle Lehrjahre folgten, in Robert's
Herzen zurückgelassen. Er hat daraus nur eine eiserne Charakterstärke
und Willenskraft gewonnen, eine Aufopferungsfähigkeit, die keine
Grenzen kannte, wenn das Gebot der Liebe sie ihm zur Pflicht machte.



               2. Schule und Kirche.


Vieles von dem, was erzählt wurde und noch zu berichten sein wird, ist
nur dann für möglich zu halten, wenn man versucht, in die damaligen
öffentlichen und wirthschaftlichen Zustände sich einzuleben. Hier
können selbstverständlich nur Andeutungen gegeben werden.

Jenes großartige Gesetz, welches die gesammte preußische Monarchie,
einschließlich der neuerworbenen Rheinprovinz in ein einziges
Zollgebiet verwandelte, die zahlreichen Binnenzölle aufhob, welche
bis dahin innerhalb der einzelnen Landestheile bestanden, und
damit die Grundlage zum künftigen deutschen Zollverein legte,
ist erst 1818 erlassen worden. Seine Segnungen kamen mithin den
Armen Köln's in den Hungerjahren 1816 und 1817 noch nicht zu Gute.
Während der Hungerjahre stand der Preis eines Scheffels Weizen am
Rhein um sechs Mark fünfundneunzig Pfennig, also beinahe sieben
Mark höher als gleichzeitig in Posen[3], so kolossal waren damals
die Verkehrshindernisse. In den fünfziger Jahren war der höchste
Preisunterschied innerhalb Preußens eine Mark sieben Pfennig.
Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß Preußen, der Staat, der in den
Befreiungskriegen gegen Napoleon das Größte gethan für ganz Europa,
um sechshundert Geviertmeilen kleiner aus dem siegreichen Kampfe
hervorging, als er vordem gewesen, und obendrein in der denkbar
ungünstigsten Gestaltung seines Gebietes, zerrissen in zwei weit
entlegene Massen. Der Bevölkerungszuwachs von 5½ Millionen,
den die Monarchie 1815 gewann, vertheilte sich auf ein Gewirr von
Ländertrümmern, vor Kurzem zu mehr als hundert deutschen Kleinstaaten
gehörig, zerstreut von der Prosna bis zur Maas. In den altpreußischen
Landestheilen allein galten nach dem Frieden siebenundsechszig
verschiedene Zolltarife, nahezu 3000 Waarenklassen umfassend. Dazu
kamen die besonderen Zollsysteme der neuerworbenen Sächsischen und
Schwedischen (Neuvorpommern) Landestheile, die Zollanarchie am Rhein,
wo man die verhaßten Douanen und droits réunis der Franzosen einfach
gestürzt hatte, ohne einstweilen Neues an ihre Stelle zu setzen. Wer
billig denkt, und namentlich Sinn besitzt für jenes Zartgefühl, mit
welchem die Preußische Staatskunst von jeher das historisch Gewordene
und Gegebene pietätvoll würdigte, wird begreiflich finden, daß nicht
vor dem Jahre 1818 die Schöpfung eines einheitlichen Zollgebietes in
Preußen verwirklicht werden konnte.

Die neue preußische Rheinprovinz besonders litt außerdem hart unter der
schlechten Verkehrsverbindung mit den östlichen Provinzen der Monarchie
und vor Allem unter der Concurrenz mit England. Denn mit Aufhebung der
von Napoleon drakonisch gegen England durchgeführten Continentalsperre
wurden die seit Jahren aufgespeicherten englischen Waaren massenhaft
auf den Continent geworfen. In dem einzigen Jahre 1818 hat England
für 129 Millionen Gulden Waaren nach Deutschland ausgeführt. England
bedurfte damals kolossaler Baarmittel, weil es in den Jahren 1816-19
die Englische Bank zur Wiederaufnahme der Baarzahlungen durch
Parlamentsbeschlüsse nöthigte und das Gold demgemäß wieder zum
allgemeinen Tauschmittel machte. Dieser Bedarf wurde durch vermehrte
Waarenausfuhr gedeckt. Der einzige Vortheil der deutschen Industrie
gegenüber der englischen, der billige Arbeitslohn, ging während der
späteren Hungerjahre 1816 und 17 vollständig verloren. Am schwersten
litt das Rheinland unter allen preußischen Provinzen; denn kaum waren
hier unter dem napoleonischen Mercantilsystem Fabriken aufgeblüht, so
verloren sie nun mit der veränderten Gebietsabgrenzung des Friedens
plötzlich ihre Absatzquellen nach Frankreich, Holland, Italien, den
Niederlanden; sie waren durch die Provinzialzölle der altpreußischen
Landestheile vom Osten Deutschlands abgeschlossen und schutzlos der
übermächtigen Concurrenz Englands preisgegeben. Die schwere Krisis, die
wir jetzt durchleben, erscheint als eine Kleinigkeit gegenüber diesem
wirthschaftlichen Elend.

Unter allen Städten des Rheins war nun aber wieder Köln vielleicht
am härtesten durch die Franzosenzeit und die veränderte
Staatsangehörigkeit heimgesucht worden. Schon mit dem Eindringen der
als Retter aus aller Noth begrüßten Jacobiner war das städtische
Eigenthum Nationalgut geworden, der beste und wohlhabendste Theil
der Bürger geflohen, die Aufhebung der Klöster und mancher milden
Stiftung beschlossen. Nach Beendigung der Fremdherrschaft konnten nur
noch wenige alte Convente und klösterliche Institute Zeugniß ablegen
von der Art, wie im alten Köln die Noth gelindert, die Krankenpflege
betrieben worden war. Auch wurde Köln unter der neuen Regierung
wichtiger Institute und Behörden beraubt, die ihm wohl gebührt hätten.
Die Universität ward nach Bonn, das Oberpräsidium nach Coblenz, die
Malerakademie nach Düsseldorf, das Polytechnikum nach Aachen verlegt.
Erst später verstand die betriebsame Stadt, sich trotz der Ungunst der
Verhältnisse zum Mittelpunkt des rheinischen Großhandels zu machen.

Damit dürfte zur Genüge erklärt sein, wie das Elend der Hungerjahre
sich zwei Jahre lang in der großen Stadt behaupten, wie Robert Blum
auf seinem ferneren Lebenswege so gut wie gar keine unterstützende
Aufmerksamkeit von Seiten der Vaterstadt finden konnte.

Wir sahen, daß der junge Robert schon mit dem siebenten Jahr lesen,
schreiben und rechnen konnte. Er hatte sich bis zum zehnten Jahr in
diesen und allen sonstigen Künsten, die in seiner Pfarrschule gelehrt
wurden, so weit vervollkommnet, daß er anfing, manchem Lehrer als
unbequemer „Ueberflieger“ zu gelten, das heißt als ein Bursche, dem
Alles zu leicht wird, dem nichts mehr gelehrt werden kann.

In diesem Stadium seiner Bildung bethätigte seine Tante Agnes Blum (wie
wir sahen, die einzige Tochter seines Großvaters Robert) die volle
Staatskunst der Frauen, indem sie nach dem alten machiavellistischen
Grundsatz den gefährlich-oppositionellen Denker in das Ministerium
ihres Lehramtes berief und ihm zunächst das Portefeuille der Mathematik
verlieh -- mit zehn Jahren!

Das ging so zu. Die gute Tante Agnes hatte sich niemals träumen
lassen, Lehrerin zu werden. Sie war vielmehr Jahre lang blos Pflegerin
einer alten Dame gewesen, welche in dem Gebäude der Elementarschule
der St. Maria-Himmelfahrts- oder Jesuiten-Pfarre wohnte. Als diese
Dame das Zeitliche gesegnet hatte, wurde Agnes die Universalerbin
der Verstorbenen und als solche sehr wohlhabend. Sie übernahm nun
gleiche Samariterdienste bei der Lehrerin der genannten Schule, wohnte
ihrem Unterrichte vielfach bei, vertrat sie in der Schule, als die
Lehrerin kränker und kränker wurde, und erhielt -- wahrscheinlich
zu ihrem eigenen nicht geringen Schrecken -- die Lehrerinstelle der
hochehrwürdigen Jesuiten-Pfarr-Elementarschule angetragen, als die
Lehrerin die Augen für immer geschlossen hatte. Freilich tobte damals
noch nicht der Culturkampf. Auch der Schulzwang und die Schulordnung
hatten die Pforten der Hölle noch nicht überschritten. Jeder konnte
nach seiner Façon Lesen, Schreiben und Rechnen lehren. Jeder, der
zahlen konnte, schickte seine Kinder wohin ihm beliebte. Wer nicht
zahlen konnte, schickte sie -- in die Stecknadelfabrik zum Verdienen.
So war's unter dem menschenfreundlichen Krummstab gewesen. So war's
auch noch Anno 1817. Das Geld, welches für die Schulstunden zu
entrichten war, gehörte der „Lehrperson“. Dieser letztere Gesichtspunkt
scheint für Tante Agnes entscheidend gewesen zu sein, als sie sich
entschloß, ohne jegliche ausreichende Vorbildung zum Amte einer
Elementarlehrerin, dem an sie ergangenen Rufe Folge zu leisten.
Immerhin blieb ja doch der große Trost, daß in der Hauptsache, in
der Religion, die armen Kinder von der Pfarrgeistlichkeit direct
unterrichtet wurden. Nur in einem Punkte konnte sich ihr zartes
Gewissen mit dem übernommenen Amte nicht abfinden: im Einmaleins, in
den vier Species, vollends im Bruchrechnen, der Regeldetrie &c. Diesen
Geheimnissen gegenüber war sie völlig rathlos. Um so besser, daß der
kleine Neffe Robert so ausgezeichnet darin bewandert war. Er wurde also
als Rechenlehrer bei Tante Agnes angestellt.

Die Einkünfte, die er für diese Thätigkeit genoß, waren verhältnißmäßig
bedeutend. Denn Tante Blum überzeugte ihre Schülerinnen natürlich
mit Leichtigkeit, daß die wunderbare Kunst des Rechnens nicht für
den gewöhnlichen Unterrichtspreis mit verabreicht werden könne, daß
vielmehr zur Aneignung dieser ungewöhnlichen Kenntnisse Privatstunden
nothwendig seien. Selbstverständlich konnten auch nur die reiferen
Schülerinnen an dieser Sahne des Unterrichts der Pfarrschule
naschen. Der Preis von einem Stüber (vier bis fünf Pfennig) für zwei
Rechenstunden in der Woche erschien als eine Kleinigkeit gegenüber der
Errungenschaft dieses Wissens, welches -- die Lehrerin selbst nicht
besaß. Für Robert aber, der an vier Tagen der Woche Nachmittags von
vier bis fünf Uhr zwei Classen der Tante unterrichtete, waren diese
Kupfermünzen gerade ausreichend, um seiner guten Mutter die Ausgabe
für einen Communionanzug zu ersparen. Denn Tante Agnes sammelte ihm
die Einnahmen seines Rechenunterrichtes auf das Genaueste. Sie gab
ihm aber außerdem durch eine bei ihrer Genauigkeit wahrhaft splendide
Naturalleistung schamhaft zu verstehen, aus welcher Verlegenheit er sie
durch seinen Rechenunterricht erlöste: sie verabreichte ihm nämlich,
wenn er um vier Uhr aus seiner Schule zum Unterricht in die ihrige
kam, eine ganze Tasse Kaffee und ein Brödchen. Die Tasse Kaffee mußte
er nun schon als unübertragbare persönliche Rechtswohlthat für sich
selbst hinnehmen. Aber das Brödchen allein zu genießen, ging über seine
brüderlichen Begriffe. Sein Schwesterchen besuchte ja dieselbe Schule
als Schülerin, in der er lehrte. So oft es ging, suchte er ihr das
kleine Gebäck zuzustecken. War sie im Garten, auf dem Spielplatz, im
Schulzimmer, so scheute er keinen Vorwurf, um seinem Liebling den hohen
Genuß frischen Weißbrods zuzuwenden.

Der schmutzige Geiz dieser Tante und die Kränkungen, die sie Robert
und seinem Schwesterchen durch Zurücksetzung der Kinder hinter die
reichere Verwandtschaft zufügte, haben in Robert's Herz früh die
schmerzlichsten Eindrücke hinterlassen. Höchst charakteristisch für
ihn ist ein in diese Zeit fallender kleiner Vorfall, der in der
Familie noch heute als die „Geschichte von den Hobelspänen“ streng
wahrheitsgetreu erzählt wird. Schwester Gretchen hatte mit etwa sechs
Jahren -- man staune nicht über die fanatische Menschenquälerei,
welche die fromme Geistlichkeit zu Wege brachte! -- aus Christoph
Schmidt's biblischer Geschichte ein unendlich langes, in kleinen
lateinischen Lettern gedrucktes Stück „Jesu letzte leidensvolle Nacht“
auswendig lernen müssen, und was noch wunderbarer ist -- das „Stück“
auch fehlerlos ihrem armen Gedächtniß eingeprägt und am Sonntag in
der Kirche heruntergesagt. Diese Quälerei zur größeren Ehre Gottes
war speciell in dem jungfräulichen Haupte der Schultante Agnes Blum
ausgeheckt worden und sie war keineswegs gewillt, blos in der Kirche
mit ihrer Wundernichte Staat zu machen. Sie gab unmittelbar danach
auch eine Kaffeevisite, zu welcher selbstverständlich der Herr
Pfarrer, ihr Bruder Heinrich Blum, der kräftige Böttcher mit Frau,
und einem Gretchen Blum beinahe gleichalterigen Töchterchen u. A.
eingeladen waren. Als das Gespräch zufällig auf die Wundernichte
gelenkt war, wurde diese aus ihrer Schule heruntergeholt und mußte
Jesu leidensvollste Nacht noch einmal ohne Murren zum Kaffee hersagen
-- den Andere tranken. Den Blick hoffnungsvoll auf den Teller mit
„Hobelspänen“ -- einem geringelten Butterteiggebäck -- gerichtet,
sagte das Kind „sein Sprüchel und forcht sich nit“ und so ging denn
auch diese „leidensvollste Nacht“ rasch und anstandslos vorüber. „Ach
wie schön!“ „Das ist viel für ein so kleines Kind!“ „Brav Gretchen,
das hast Du gut gemacht!“ rief es in der Runde. Das Auge des geplagten
Kindes haftete gespannter als je auf den Hobelspänen. Da greift denn
auch einer der Herren nach dem Teller mit dem Gebäck -- und schüttet
fast dessen ganzen Inhalt der Cousine des kleinen Gretchen zu. Die
brave Tante Agnes aber sagt zu dem Staatskind: „Gretchen, Du kannst
nun wieder in die Schule gehen.“ Sie mußte die Aufforderung mehrmals,
dringlicher wiederholen.

Darüber waren mehrere Jahre vergangen. Die Mutter nähte nach wie vor
für die Leute und sandte eines Tages ihre kleine Tochter ein fertiges
Kleid auszutragen und sechzehn Stüber Arbeitslohn dafür zu verlangen.
(Dreizehn Stüber machten fünfzig Pfennig). Das Kind verlangte und
erhielt #siebzehn# Stüber, und lief spornstreichs zum Hofconditor Maus
-- ich vermuthe beinahe, daß er zeitlebens wenig für den Hof conditort
hat -- und verlangte hier in der höchsten Aufregung für einen Stüber
Hobelspäne. Der „Herr“ am Ladentisch fragte ängstlich, ob das Kind die
Hobelspäne essen wolle -- sie sah offenbar so aus, als ob sie damit zu
jedem anderen Verbrechen fähig gewesen wäre -- und als das Kind diese
Absicht entschieden bejahte und als glaubhaften Beweggrund hinzufügte,
daß sie ein andermal habe zusehen müssen, ohne welche zu kriegen,
machte er ihr für den einen Stüber eine ganze Düte voll.

Aber das Verhängniß schreitet schnell. Die Empfängerin des Kleides
beschwert sich bei Robert's Mutter, daß sie soviel habe bezahlen
müssen, und die Mutter stellt die Tochter zur Rede. Sprachlos vor Angst
blickt Gretchen die Mutter an und vermag kein Wort herauszubringen.
Robert ist zugegen und sagt: „Aber liebe Mutter, wie soll Gretchen
nach so langer Zeit noch wissen, was Du ihr damals bestellt und was
sie erhalten hat?“ Die Mutter stand von weiterem Forschen ab. Sowie
aber Robert ausgehen mußte, sagte er: „Ich möchte Gretchen gerne
mitnehmen.“ Er schlug einen ungewöhnlichen Weg mit ihr ein. In einer
stillen Straße bleibt er stehen, sieht sie eindringlich an und fragt:
„Gretchen, warum hast Du der Frau einen Stüber mehr abverlangt, als die
Mutter gesagt?“ Sie erzählte ihm nun die ganze Geschichte. Da ballte er
die Hände und knirschte mit den Zähnen. Die Schwester bat ihn, es der
Mutter zu sagen, damit sie ihre Strafe bekomme. „Sei ruhig,“ erwiderte
er stirnrunzelnd, „ich werde es der Mutter nicht sagen. Aber warum hast
Du mir damals nichts gesagt, als man Dich zusehen ließ?“ „Dann hättest
Du geweint,“ sagte Gretchen schluchzend. „Jetzt bin ich groß und weine
nicht mehr,“ entgegnete Robert. „Du aber sollst mir versprechen und es
nie vergessen, daß Du Dich stets an mich wenden willst, wenn Dir etwas
fehlt, wenn Du Dir etwas wünschest, wenn Dir bange ist.“ Er hat redlich
Wort gehalten.

Jener Fall mit den Hobelspänen war natürlich nicht der einzige, bei
welchem die Tante die armen Kinder zurücksetzte. Als Robert eines Tages
trübselig zu Hause saß, äußerte er seiner Mutter den Wunsch, ein wenig
zur Tante zu gehen. Er ging, kam aber bald zurück mit der Nachricht,
daß er nicht vorgelassen worden sei, weil die Tante Besuch habe.
Neugierig, den Besuch zu sehen, hatte er durch das Glasfenster der
Besuchsstube geschaut und den Onkel Heinrich nebst Frau bei der Tante
sitzen sehen. Tief gekränkt, faßte er seinen Schmerz in die für einen
so jungen Knaben höchst überraschende Wendung zusammen: „Die Schwester
meines Vaters konnte mich nicht empfangen, weil sie den Bruder meines
Vaters zum Besuch da hatte.“

So war das elfte Jahr seines Lebens herangekommen, in welchem Robert
zum ersten Male das heilige Abendmahl empfing. Wohl der Einzige
unter den gleichalterigen Genossen, hatte Robert die Festkleidung,
die er am Altar des Herrn trug, sich selbst redlich verdient. Aber
auch der kindlich tiefe Glaube an das Wunder des Gnadenmahls des
Heilandes mochte vielleicht keinem seiner Gefährten so rein und kräftig
innewohnen, wie ihm. Diesen schon seit seinem vierten Jahr durch
täglichen Messebesuch und Messedienst bethätigten Glauben bezeugte
Robert nun auf's Neue, indem er seine Eltern nach der Communion bat,
ihm zu gestatten, daß er in der St. Martinskirche (seiner Pfarrkirche)
in die Reihe der Meßdiener eintreten dürfe. Da mit diesem Amte kleine
Einnahmen verbunden waren, die Robert seiner Mutter zuzuwenden hoffte,
und außerdem das Recht, die Pfarrschule der Kirche zu besuchen, so
gaben die Eltern mit Freuden ihre Zustimmung.

Robert wurde also Meßdiener. Da dieser Dienst die Knaben nur in frühen
Morgenstunden und an Sonn- und Feiertagen beschäftigte, so hinderte
er nicht am Schulbesuch. Aber aus diesem Dienst, der Alles in sich
zu vereinigen schien, was Robert glücklich machte, erwuchsen dem
Knaben zum ersten Male in seinem jungen Leben seelische Leiden, die
ihn mit tiefem Schmerz erfüllten und in ihrem Verlaufe den festen,
treuen Kinderglauben Robert's zerstörend ergriffen und vernichteten.
Den ersten Anlaß hierzu bot folgender Vorgang. Die jungen Meßdiener
verweilten in der Kirche schon ehe sie den Gläubigen geöffnet wurde
und noch nachdem sie von den Kirchenbesuchern verlassen war. Die
Jungen -- mindestens aber Robert -- beobachteten genau das Benehmen
der Geistlichkeit in diesen Momenten, wenn diese unter sich zu sein
glaubte. Klagend und weinend berichtete Robert der Mutter: „Er habe
die traurige Bemerkung gemacht, daß die stets mit dem Heiligen
beschäftigten Leute nicht frömmer als die Anderen seien, ja noch viel
weniger fromm. Es falle Keinem derselben ein, vor dem Hochaltar das
Knie zu beugen, wenn die Kirche von Menschen leer sei. Sie gingen
vielmehr lachend und schwatzend vorbei. Er wolle aber versuchen, durch
sein besseres Beispiel auf die Andern zu wirken.“ Bald klagte er der
Mutter von Neuem: „Nein, nein, sie Alle sind nicht fromm. Sie haben
keine Achtung und Ehrfurcht vor dem im Altar verborgenen Heiland.
Es ist nur Scheinheiligkeit, wenn sie in der von Menschen gefüllten
Kirche Ehrenbezeugungen an den Tag legen.“ Armes, reines Kinderherz!
Du wußtest nicht, daß Jahrhunderte vor dir ein anderes Kind, aus so
armem Hause wie du, am zehnten November geboren wie du, denselben Weg
zur Erkenntniß gewandelt war, dessen rauhe Bahn du nun betratest. Auch
Martin Luther war nicht zuerst irre geworden an der Lehre der römischen
Kirche, sondern an ihren geistlichen Dienern. Und als er diese voller
Lug und Trug fand, erstreckte sich sein Zweifel auch auf den von
solchen Priestern verkündeten Glauben. Denselben Weg der Erkenntniß
wandelte Robert Blum.

Jeder wahrhaftigen treuen Natur ist die erste Berührung mit Lüge
und Heuchelei eine überaus peinliche Erfahrung. Hier wurde sie um
so peinvoller, als die bisher untrügliche letzte Instanz in allen
wichtigen Fragen, die Mutter, in ihrem blinden Glauben an die
Heiligkeit und Frömmigkeit der Diener der Kirche, die Zweifel Robert's
nicht lösen konnte oder wollte. Er wurde daher nun auch der Mutter
gegenüber einsilbig und verschlossen. Seine letzten Gedanken behielt er
für sich. Finster und argwöhnisch ging er seinen kirchlichen Functionen
nach. Immer weiter griff sein grübelnder Zweifel um sich. Das Nächste,
was ihn aufregte, war zum Glück noch eine rein weltliche Betrachtung.
Bei Trauungen, Kindtaufen, Begräbnissen &c. legten die Betheiligten
Trinkgelder in eine für die Meßdiener bestimmte Büchse. Robert glaubte
bemerkt zu haben, daß der Inhalt der Büchse, wenn er zur Vertheilung
kam, mit den Einlagen nicht stimme, und seit der letzten Theilung
begann er förmlich Buch zu führen über jeden Stüber, der eingelegt
wurde. Bei der nächsten Vertheilung des Büchseninhaltes fand sich nicht
einmal die Hälfte der von Robert berechneten Einlagen vor. Er nahm
seinen geschmälerten Theil, brachte ihn weinend der Mutter, legte ihr
sein Verzeichniß vor und berechnete ihr danach, wie viel jeder der
jungen Meßdiener eigentlich hätte erhalten müssen.

       *       *       *       *       *

Die Mutter nahm Geld und Verzeichniß ging zum Hülfsküster, der die
Büchse in Verwahrung hatte, und beschwerte sich über solchen „Betrug“.
Dieser hörte die Klage staunend an; dann lachte er laut auf und rief
einmal über das andere: „Also jetzt rechnen die Jungens nach, was
in die Büchse kommt!“ Die gute Mutter mochte in diesem Gebahren des
Küsters auf die schwere Anklage nur die Bestätigung Alles dessen
finden, was Robert ihr bisher aus seinem vollen Herzen geklagt hatte,
und war deshalb wenig geneigt, die Sache von der heiteren Seite
aufzufassen. Sie nannte daher dem Küster die Namen aller Personen,
die Geld in die Büchse eingelegt hatten, und gab genau die Summe an,
die ein Jeder gegeben. Da legte sich der Küster auf's Beruhigen. Er
versprach, die Büchse solle in Zukunft besser aufgehoben, Veruntreuung
dadurch unmöglich gemacht werden. Und er hielt Wort.

       *       *       *       *       *

Für Robert war jedoch dieser Sieg, den sein Scharfsinn für sich selbst
und die Kameraden erfochten hatte, mit nichten erfreulich. Bot er ihm
doch die traurige Bestätigung, daß er mit seinem Argwohn auf richtiger
Fährte gewesen. Da die Mutter nur einen Theil seiner Zweifel zu lösen
vermochte und sein Glaube ihm gebot, alles Herzeleid und alle seelische
Bedrängniß in der Beichte dem verschwiegenen Priester anzuvertrauen,
so flüchtete er mit seinem stillen Weh in den Beichtstuhl. Alles, was
er der Mutter geklagt, und mehr noch, so namentlich auch den Zweifel
an dem Glauben, daß der mächtige Herrgott in Person sich tagtäglich
leiblich von den Gläubigen werde verzehren lassen wollen, schüttete
er vor dem lauschenden Ohre des Beichtigers aus. Rauhe Worte und
Drohungen mit ewiger Verdammniß waren die Antwort. Er ging nun von
einem Beichtvater zum andern. Manche gaben ihm freundlichen Zuspruch,
liebevolle Ermahnungen. Aber harte Zurechtweisung war vorherrschend.
Der letzte Beichtvater namentlich, an den er sich gewandt, nannte ihn
einen verstockten Sünder und verweigerte ihm die Absolution.

Kurze Zeit darauf wurde er zum Pfarrer beschieden. Er ging natürlich
hin und fand eine ganze Anzahl Geistlicher beisammen, unter ihnen auch
Denjenigen, bei dem er, von Zweifeln gefoltert, Trost, Beruhigung,
Glauben suchend, gebeichtet hatte. Vor Allen nimmt dieser Beichtvater
das Wort und schildert Robert als einen frechen, anmaßenden Buben, der
sich unterstehe, den Lauscher und Aufpasser abzugeben, sich erdreiste
zu beurtheilen, ob das Betragen eines geweihten Priesters passend
oder unpassend sei, der Rebellion unter den Meßdienern gestiftet und
sie gelehrt, ihren Vorgesetzten zu mißtrauen, ihnen aufzupassen, sie
wohl gar zur Rechenschaft zu ziehen. Der Knabe, aufgefordert sich zu
rechtfertigen, stottert, verwirrt durch den ungeheuren Vertrauensbruch,
die Worte heraus: daß er im #Beichtstuhl# sein Herz offenbart und
nun unverbrüchliche Geheimnisse verrathen sehe. „#Ach, wir wissen
doch Alles#“, wird ihm höhnisch entgegengerufen, mit zeitlicher und
ewiger Strafe, mit Hölle und Verdammniß ihm gedroht und, um sein Elend
vollzumachen, die Mutter gerufen, um auch sie von der Ruchlosigkeit
ihres Sohnes in Kenntniß zu setzen. So endete Robert's Rolle als
Meßdiener.

Seine gute Mutter trug vor Allem Fürsorge für das Seelenheil ihres
Kindes, dessen Herz sie so ganz anders geartet kannte, wie das grausame
Ketzergericht, das nun gesprochen hatte. Sie brachte ihren Robert
zu dem alten, würdigen, gutmüthigen Geistlichen, der sie und Robert
schon so lange kannte, klagte diesem, wie Alles gekommen, und bat ihn,
sich ihres armen Kindes anzunehmen und ihn auf den Weg des Glaubens
zurückzuführen. Robert folgte lammfromm den Worten des Einzigen,
dem er vertraute, erhielt die früher verweigerte Absolution, ging
nach wie vor zur Beichte und Communion -- aber trotzdem war für ihm
immer dahin die selige Glaubenswelt seiner Kindertage. Als er mehr
als ein Vierteljahrhundert später sich öffentlich lossagte von der
römischen Kirche und das praktischste und energischste Haupt der neuen
Deutsch-katholischen Kirche wurde, hat, wie später an seinen eigenen
Bekenntnissen gezeigt werden wird, gewiß der Gedanke, politische Ziele
durch die religiöse Bewegung zu fördern, vollen Antheil an seinen
Entschließungen gehabt. Dennoch aber war dieser Schritt nur die letzte
Consequenz jener Seelenkämpfe, die in ihm erregt wurden in Jahren, wo
wir kaum über uns und Andere zu denken beginnen.

Den Besuch der Pfarrschule wegen dieser Ketzereien Robert zu verbieten,
wagte man doch nicht. Er lernte hier mit gleichem Eifer fort. Da
ließ eines Tages Robert's Lehrer, der verwachsene, fleißige und
hochgeachtete Herr Burg, die Mutter zu sich bitten und sagte ihr: „er
sei jetzt fünfunddreißig Jahre lang Lehrer an einer und derselben
Schule -- aber ein Talent und solchen Fleiß, wie er bei Robert
gefunden, sei ihm in dieser langen Zeit noch nicht vorgekommen. Er
rathe der Mutter, Alles aufzubieten, um ihn studiren zu lassen.“ Die
Mutter wendete ein, sie sei nur eine arme Frau, der Knabe habe einen
Stiefvater, es werde ihr unmöglich sein, Robert studiren zu lassen.
Da meinte Herr Burg: „gerade für strebsame und arme Kinder und Waisen
habe ja die Stadt ihre reichen Stiftungen. Er rathe, ihren Sohn nach
dem Gymnasium zu bringen und dann sich um Erlangung einer ‚Stiftung‘ zu
bemühen.“

Robert war selig, als er von diesem Plane hörte, und ließ es natürlich
an Bitten nicht fehlen, um das hohe Ziel zu erreichen. So brachte ihn
denn die Mutter nach dem Kölner Jesuitengymnasium. Seine Freude, sein
Fleiß waren grenzenlos. Immer hatte er zu wenig Arbeit. Als er die
Sexta durchlaufen hatte und am Schlusse des Schuljahrs öffentliche
Prüfung stattfand, wurde ihm, dem Fleißigsten und Aermsten, der erste
Preis, das „goldene Buch“, zuerkannt. Vor mir liegt unter all den
ähnlichen Zeugnissen, welche Robert aus seiner Schulzeit davongetragen,
auch das Zeugniß über dieses letzte Vierteljahr seines Schulbesuchs.
Es lautet: „Vierteljährige Censur. Vorbereit. Classe des Jes.-Gym.
_Nro._ Ein. Schuljahr 1819-20, viertes Vierteljahr. Namen Robert Blum.
Betragen gegen Mitschüler gut, gegen Vorgesetzte lobenswerth. Fleiß
lobenswerth in allen Fächern; der häusliche Fleiß sehr groß, und mit
dem besten Erfolge. Fortschritte vorzüglich in allen Fächern. Abwesend
und zu spät gekommen _vacat_. Also ausgestellt von den Lehrern Weiß,
Breuer, Religionslehrer. Unterzeichnet von dem Director Heuser. Köln,
27. August 1820.“ An den Fuß dieses Zeugnisses hat die ungelenke Hand
des Stiefvaters geschrieben: „Mit Freuden gesehen von Caspar Georg
Schilder.“

Mit noch erhöhter Freude ging Robert natürlich zu Anfang des folgenden
Jahres nach Quinta. Die Mutter hatte sich nun ein volles Jahr
übermäßig angestrengt, um Schulgeld, Bücher, Kleidungsstücke &c. zu
beschaffen. Aber trotz aller unablässigen Bemühungen wollte es ihr nie
gelingen, eine Stiftung für ihren Sohn zu erlangen. Immer hieß es: es
seien keine Gelder vorhanden. Jetzt wurde ihr eröffnet, es könne noch
anderthalb Jahr währen, ehe er in den Genuß einer solchen Freistelle
treten könne. Das war ein furchtbarer Schlag. Es fehlte an Allem, an
Büchern, Geld, vor Allem an dem so nöthigen Anzuge. Aber es gab ja noch
eine Hoffnungsaussicht, welche die Mutter um ihretwillen nie angerufen
hatte, aber um des reichbegabten Sohnes willen nicht unversucht lassen
wollte: die wohlhabende Verwandtschaft. Trostsuchend wandte sich
die Mutter zuerst an den früheren Lehrer Robert's, Herrn Burg, und
auch von diesem wurde sie vertrauensvoll gewiesen an Alles, was sich
Robert gegenüber mit dem Namen „Onkel“ schmückte. Verheißungsvoll
wiesen sämmtliche Onkels ihrerseits auf die reiche Tante Agnes, zumal
da Robert sie ja in ihrer bekannten mathematischen schweren Noth
über Wasser gehalten hatte. Diese treffliche Dame aber sagte: „Ich
habe keine Kinder. Wer Kinder hat, mag dafür sorgen!“ Damit war die
Entscheidung gesprochen. Robert mußte der Hoffnung, weiter zu lernen,
entsagen und zu Hause bleiben.

Schweigsam und traurig, alle bisherigen Genossen seiner Studien sorgsam
meidend, schlich der sonst so muntere, frohe Knabe einher. Ernstlich
fürchteten seine Eltern und Alle, die ihn damals sahen, er möchte
in Gemüthskrankheit verfallen. Dann aber, als er, finster vor sich
hinbrütend, Tag und Nacht sein Mütterlein an der Arbeit sah, um ihm
und seinem Schwesterchen Brod zu schaffen, ohne ein Wort des Vorwurfs
für seine Unthätigkeit, da warf er den letzten schmerzlichen Blick
rückwärts nach den für immer verlorenen Gefilden der ewigen Jugend
des Alterthums und beugte seinen kräftigen Nacken unter das Joch
gewöhnlicher Handarbeit. Als er etwa fünfzehn Jahre später um Aufnahme
in den Freimaurerbund nachsuchte, faßte er selbst den Schmerz seiner
Seele, der ihn damals bewegte, und die heroische Entscheidung, die er
am Ausgange seiner Knabenjahre traf, in die schönen Worte zusammen:
„So mächtig mich auch damals die Sehnsucht festhielt am Wissen, ich
war gezwungen, ein Handwerk zu erlernen, und trat nach vollendetem
siebenzehnten Jahre eine traurige Selbstständigkeit an, indem die
Kindespflicht mich hinaustrieb in das Leben, um meinen Eltern die
Sorgen für meinen Unterhalt abzunehmen.“



             3. Lehr- und Wanderjahre.


Wenn das lebhafte Rechtsgefühl, das Robert Blum Zeit seines Lebens
beseelte, überhaupt auf eine bestimmte Erfahrung zurückgeführt werden
kann, so hat er es sicherlich in der Hauptsache den Leiden und der
Rechtlosigkeit seiner Lehrjahre zu danken. Denn geradezu das Gegenbild
des heutigen Rechtsverhältnisses zwischen Lehrherrn und Lehrling boten
jene Tage, da er Lehrjunge wurde. Hinweggefegt mit allen anderen
historischen Einrichtungen früherer Jahrhunderte wurden auch die
ehrsamen Zünfte, als die Jacobiner Frankreichs über Köln sich ergossen
hatten. Keine Thräne soll etwa hier dem alten Zunftwesen nachgeweint
werden. Unleugbar wurde der Lehrling im Zunftstaate der guten alten
Zeit mehr als billig vom Meister ausgebeutet: das Lehrgeld kam sehr
theuer zu stehen, und viel zu lange währte die Lehrzeit. Dagegen hatte
die alte Zunftzeit auch jede herzlose Ausbeutung und Behandlung des
Lehrlings von Seiten des Meisters, die über die Grenzen des nach
damaligen Begriffen Erlaubten hinausging, streng geahndet. Kein Meister
durfte wagen, dem Ehrenrathe der Zunftgenossen zu trotzen: wenn er es
that, stellte er seine ganze Existenz auf's Spiel.

Von diesen heilsamen Schranken gegen die Willkür des Meisters
hat Robert Blum in seinen Lehrjahren nichts mehr vorgefunden.
Wir Deutschen von heute können uns kaum eine Vorstellung von den
Verhältnissen eines Lehrjungen jener Tage machen. Wir sind eben im
Begriffe, die Zuchtlosigkeit und die Geneigtheit zu Vertragsbruch,
die in erschreckendem Maße unter den heutigen Lehrlingen -- in Folge
bekannter Hetzereien -- sich ausbreitet, durch gesetzliche Bestimmungen
einzuschränken. Wir würden es einfach für unmöglich halten, daß
heute ein Meister wagen sollte, seinen Lehrling nur als den Sclaven
der Launen aller Hausgenossen und außerdem als „Mädchen für Alles“
zu benutzen ohne auch nur den Versuch zu machen, den Lehrling in
dem Gewerbe zu unterrichten, das er lernen soll. Der starke Arm des
Gesetzes schützt auch den Aermsten und Schüchternsten vor solcher
Ausbeutung. Robert Blum dagegen hat mehr als einmal Lehrherren von
diesem Schlage kennen gelernt.

Lange hatte der dreizehnjährige Knabe nachgesonnen, welchem Handwerke
er sich zuwenden solle, als die Pforten des Gymnasiums sich ihm für
immer geschlossen hatten. Seine Eltern ließen ihm freie Wahl. Robert
entschloß sich, Goldschmied zu werden. Das edelste der Metalle, den
Rohstoff, auf dessen Besitz das einzige Streben vieler Millionen
unablässig gerichtet ist, wollte er bearbeiten und zu schmückendem
Zierrathe künstlerisch gestalten lernen. Tiefer Sinn lag in dieser
Berufswahl, die der denkende Knabe gewiß mit vollem Bewußtsein traf.
Da nun einmal das reine Gold der Wissenschaft, das er ohne jeden
unedeln Beisatz auszumünzen hoffte, seinen Händen für immer entrückt
war, so wollte er wenigstens täglich jenes wichtigste Element unter
den Händen haben, das so Viele noch höher schätzen, als das reine Gold
der Wissenschaft. Seine Eltern billigten die Wahl. Robert wurde zum
Goldarbeiter Asthöver in der Mauthgasse in die Lehre gebracht.

Es ist nun eine von allen bisherigen Biographen Robert Blum's mit
rührender Einstimmigkeit berichtete Fabel, deren „Moral“ nicht erst
erläutert zu werden braucht: Robert habe bei Asthöver -- den Namen
des Meisters nennt übrigens keiner der bisherigen Biographen -- ein
halbes Jahr lang Draht gezogen, ausgeglüht und als erste selbstständige
Arbeit endlich Ketten machen sollen, dazu aber habe er sich vollständig
unfähig erwiesen. „Allerdings war sein späteres Streben nur darauf
gerichtet, alle Ketten zu sprengen, welche die Menschheit noch ihrer
Freiheit berauben“, bemerkt einer dieser gemeinplatz-wandelnden
Biographen. Aus diesem Grunde soll Robert von dem Meister, den man
sich nach der Nutzanwendung der Fabel eigentlich als ränkeschmiedenden
Reactionär vorstellen müßte, fortgejagt worden sein. Allein diese
allerliebste Geschichte hat nur den einen Fehler, daß sie nicht
wahr ist. Nach den Familienaufzeichnungen, die wir eben wegen ihrer
Schmucklosigkeit und Tendenzlosigkeit und ihrer Fülle von Detail und
Localfarbe für völlig glaubhaft halten dürfen, hat sich die Sache so
zugetragen:

Meister Asthöver war ungefähr das, was man im gewöhnlichen Leben
einen guten Menschen, aber schlechten Musikanten nennt. Er scheint
seinerseits einen ansehnlichen Beitrag zu der den Franzosen und
anderen lateinischen Völkern völlig unbegreiflichen deutschen
Volksvermehrung geliefert zu haben. Wenigstens hat Robert während der
neun Monate seiner Lehrzeit bei Asthöver außer den Functionen der
Magd auch diejenigen des Kinderwiegens, -Tragens und -Laufenlehrens,
kurz alle Aufgaben eines ersten Erziehers überkommen und vollzogen.
Und wahrscheinlich wäre bei längerer Fortdauer seiner Lehrzeit in
dieser Art von Werkstatt derselbe Kreislauf der Pflichten ihm noch
mehr als einmal beschieden gewesen. Jedenfalls war es nicht der Fehler
Asthöver's, daß dies nicht der Fall war. Vielmehr klagte Robert
Blum selbst seiner Mutter nach dreivierteljähriger Lehrzeit, daß er
die Werkstatt des Meisters kaum zu sehen bekomme, und meist nur als
Kinderwärter, höchstens als Küchenjunge verwendet werde. Die Mutter,
welche die Wahrheitsliebe ihres Robert schon so oft erprobt hatte,
ging zu Asthöver und beschwerte sich über den Mißbrauch. Da fand auch
der biedere Meister eine flotte Ausrede. Er erklärte, daß er den
kurzsichtigen Knaben mit den schwachen Augen zur Berufsarbeit nicht
brauchen könne. Wann und wie lange er diese betrübende Entdeckung
gemacht, verrieth er der Mutter nicht. Zum Kettenschmieden ist Robert
jedenfalls nicht gekommen.

Es scheint, als habe Robert nun zunächst den Zufall über seine
Berufswahl bestimmen lassen. Bei einem Gürtler war eine Lehrstelle
offen. Er nahm sie an. Aber nach einem halben Jahre schon war auch
dieser Berufszweig verdorrt; denn der Meister mußte wegen verschiedener
schlechter Streiche, welche die Nachfrage der Behörden nach seiner
werthen Person in bedenklichem Maße steigerten, Köln verlassen und das
Weite suchen.

Zum dritten Mal stand also Robert in dem ärmlichen Hause der Eltern vor
der dringenden Frage: „was nun?“ Da wurde durch die Zeitung bekannt
gemacht, daß ein Gelbgießer in Köln einen Lehrling suche. Robert bot
sich sofort an. Der ehrsame Meister, der den Lehrling suchte, war Peter
Räder, Gelbgießer aus Düsseldorf, seit Kurzem erst nach Köln gezogen.
Robert gefiel dem Meister sehr, und der Contract wurde daher sofort
geschlossen. Ob das Gefallen auf Gegenseitigkeit beruhte, wissen wir
nicht. Jedenfalls verbreiteten sich bald die schlimmsten Gerüchte über
die Vergangenheit des Meisters. Er sollte in Düsseldorf seine Frau
so lange gequält und geärgert haben, bis sie habe in's Grab steigen
müssen. Nach Köln sei er nur gezogen, um seinen Schwägern aus den Augen
zu kommen, die ihm Rache geschworen. Vor Robert hatte er einen Lehrling
gehabt, der aus Aerger über des Meisters stetes Zanken und seine
Unzufriedenheit mit jeglicher Leistung erst die Gelbsucht bekommen
hatte, dann an der Auszehrung gestorben war.

Das Verhalten Räder's Robert gegenüber rechtfertigte vollkommen diesen
bösen Leumund. Dieser Meister der Gelbgießerei zeigte sich geizig,
zänkisch, kleinlich und von Herzen bösartig. Gleichwohl suchte Robert
durch vier lange Jahre es ihm recht zu machen, um nur von sich selbst
den drückenden Verdacht abzuwehren, als sei er unstet und ungeschickt,
unwillig zum Lernen eines ordentlichen Handwerkes. Niemals gewann er
in dieser langen Zeit von seinem Meister die geringste Aufmunterung,
das bescheidenste Zeichen der Zufriedenheit. Daß der Meister mit
Robert nicht fortwährend zankte, war schon ein Beweis der treuesten
Pflichterfüllung des Lehrlings.

Ein Vorkommniß ist besonders bezeichnend für den Charakter dieses
Lehrherrn. Räder erhielt eines Tages eine große Bestellung von Seiten
des Militärfiscus, wie wir heute sagen würden. Eine sehr erhebliche
Anzahl der mit einzelnen Messingplättchen belegten, spitz zulaufenden
Riemen an den Czakos der (preußischen) Soldaten sollte in größter Eile
geliefert werden. Räder konnte nur durch ungewöhnliche Anstrengung
aller seiner Leute hoffen, die lohnende Arbeit in der vorgeschriebenen
Zeit zu bewältigen. Er sicherte daher #Allen#, die vier bis fünf
Stunden des Nachts während sechs Wochen an dieser Arbeit mit helfen
würden, einen bestimmten Lohnsatz pro Stunde für diese Extraarbeit zu.
Robert speciell versprach er für jede dieser Arbeit geopferte Nacht
fünf Groschen. Freudig ging das junge Blut auf dieses Angebot ein.
Fortan kam Robert Abends acht Uhr, wie sonst, zum Essen nach Hause und
ging vor zehn Uhr wieder an die Nachtarbeit. Bis drei Uhr Nachts war
er thätig. Dann gönnte er sich im Hause des Lehrherrn einige Stunden
Ruhe, kam zum Frühstück nach Hause und ging, wie gewöhnlich, um sieben
Uhr an sein Tagewerk. Voller Freude sprach er mit den Seinen von der
schönen Summe Geldes, die er sich durch das Opfer seines Schlafes
erkauft habe. Mit der reichen Hoffnung der Armuth malte er sich schon
eine königliche Bescheerung aus, die er sich selbst leisten werde.
Nun waren die schweren sechs Wochen um. Die Gesellen, die jede Woche,
auch für die Nachtarbeit, abgelohnt worden waren, hatten längst ihr
Geld in der Tasche. Räder hatte ein vortreffliches Geschäft gemacht.
Aber Robert erhielt nichts; kein Wort des Lehrherrn verrieth dessen
Absicht, sich dem armen Lehrling gegenüber an das gegebene Versprechen
zu erinnern. Endlich geht die Mutter entschlossen zu Räder und bittet
um das Geld für ihren Sohn. Da meint der Meister: „es sei doch
spaßhaft, wenn selbst der Lehrling komme und seine Mühe bezahlt haben
wolle. Wenn Arbeit da sei, müsse eben der Lehrling arbeiten -- dafür
sei er Lehrling; auf ein bischen mehr oder weniger komme es nicht
an.“ Dabei blieb es. Kein Pfennig war aus dem hartherzigen Knauser
herauszupressen. Von diesem Tage an fehlte es nun für Robert auch an
stetem Zanken und Schelten nicht. So meinte Räder am bequemsten die
Stimme des Gewissens zu übertäuben.

Endlich waren auch diese vier bösen Jahre um. Robert zählte neunzehn
Jahre, als er zum Gesellen gesprochen wurde (November 1826). Aber der
Geselle und der Prophet gelten nichts in ihrem Vaterlande. Beide müssen
wandern. Auch Robert wanderte, natürlich nicht als Prophet, sondern als
Gelbgießergeselle. Diese Tage der Wanderschaft kann ich nun auf Tag und
Stunde, an der Hand der eigenen Aufzeichnungen des Wanderers verfolgen.
Robert Blum hat nämlich durch seine Wanderjahre ein „Reise-Journal“
geführt. Das ist der früheste eigenhändig von ihm geschriebene und, was
die Glaubwürdigkeit erhöht, auf der Wanderschaft selbst tagebuchartig
fortgeführte Bericht aus seinem Leben, den ich besitze. Er wurde unter
seinen nachgelassenen Papieren vorgefunden. Leider sind alle seine
Briefe an die Seinen aus jener Zeit, deren er trotz des theuren Portos
viele schrieb, verloren gegangen. Aber das Reise-Journal läßt, obwohl
es nur die Reiseroute in Meilen, die Zeit des Aufenthaltes an den
einzelnen Orten angiebt und diese Orte nebst Umgegend schildert, alles
das zwischen den Zeilen lesen, was aus den mir vorliegenden Zeugnissen
seiner Meister und sonstigen Quellen über seine Wanderschaft berichtet
wird: daß Robert nämlich, in Folge seiner schwachen Augen, überall zu
feinerer Arbeit sich wenig tauglich zeigte, und daher überall nur kurze
Zeit kaum lohnende Arbeit fand, obwohl er sich überall „honett betrug“,
wie es in den Zeugnissen heißt.

Am 25. November 1826, genau zwanzig Jahre nach dem Hochzeitstage seines
Vaters, trat Robert, nach seinem Reisejournal, die Wanderung an. Er
erreichte an diesem Tage Bonn. Es war der erste Schritt in die Welt,
den er that. Man sieht den ersten Seiten des Journals deutlich an,
mit welcher Begeisterung der arme, zeitlebens bisher an die Scholle
gefesselte junge Mann oder „Jüngling“, wie er sich selbst noch drei
Jahre später nannte, die Wunder des Rheinlandes begrüßte. Die für die
„Bemerkungen über die Gegend“ eingerichtete Spalte des Journals reicht
überall nicht zu, um das volle Herz ausströmen zu lassen. Dabei spricht
Robert natürlich wie ein Buch. Er will vor sich selbst zeigen, daß er
doch schon Einiges gelernt und nichts vergessen hat. So versichert er,
kaum in Bonn angekommen, und ohne jede eigene Kenntniß von anderen
Städten als Köln und Bonn: „Die Reste von Bonns ehemaliger Herrlichkeit
als kurfürstliche Residenz, verbunden (!) mit der Universität und ihren
gelehrten Instituten, machen die sonst unbedeutende Stadt zu einer
der merkwürdigsten am Rheine.“ Schon am 27. November wanderte er über
Remagen, Andernach, Neuwied nach Weißenthurm, am 28. bis nach Coblenz.
„Ihm gegenüber liegt auf der fast unersteigbaren Zinne eines schroffen
Felsens die Bergveste Ehrenbreitstein, das deutsche Gibraltar, ein
vollendetes Meisterwerk deutscher Befestigungskunst“, schreibt er in
sein Journal. Und dann schildert er die Gegend auf seinem Weitermarsch
nach Caub, Bacharach &c. also: „Von hier aus wird die Gegend immer
wilder und romantischer. Gigantische, jeder Vegetation (?) unfähige
Felsenmassen, deren Gipfel mit den Denkmälern grauer Vorzeit und
deutschen Heldenmuthes gekrönt sind, wechseln mit lieblich grünenden
Weinbergen; der stolze Fluß, in enge Schlünde zusammengedrängt, bahnt
sich in mäandrischen Krümmungen den Weg durch das Felsenlabyrinth und
scheint oft mit dem Donnern und Brausen seiner Wogen das ganze Bett
sprengen zu wollen.“ Gewiß haben wenige wandernde Gelbgießergesellen
damaliger Zeit so gut geschrieben und so wenig Arbeit gefunden, wie
Robert. Denn schon am 10. December traf er, auf demselben Weg rückwärts
wandernd, wieder in Köln ein.

Der Schrecken der Seinen über die rasche Heimkehr scheint kein geringer
gewesen zu sein. Schon nach zwei Tagen ergreift er abermals den
Wanderstab und zieht über Opladen und Solingen nach Elberfeld. Die
Landschaft, die er durchwandert, schildert er in seinem Reisejournal
also: „Die Gegend, welche an den Ufern des Rheins flach bleibt,
beginnt östlich von Opladen sich zu erheben; Hügel von Sand und
Mergel sind die Vorboten größerer Berge, die in romantischen Gruppen
die Gegend bedecken und ihr ein wahrhaft schweizerisches (?) Ansehen
geben. Ackerbau findet man meistens nur in den Thälern und am Fuße
der Berge und auch hier nur unbedeutend. Die Einwohner ernähren sich
größtentheils von Fabrikarbeit, und ihr Fleiß und ihre Arbeitsamkeit
sind bewundernswerth und fast beispiellos. In den verborgensten Tiefen
klappern unaufhörlich die Hämmer der zahlreichen Eisenwerke, und nicht
selten tönt uns von der unwirthbarsten Spitze der Berge aus einer
einzelnen Hütte das Knarren der Webstühle entgegen oder wir hören die
einförmigen Schläge einer Schmiede, die auch in der schaurigsten Einöde
an das Dasein uns ähnlicher Wesen erinnern.“

In Elberfeld und Barmen blieb Robert vom 12. December 1826 bis zum
6. Juni 1827 in Arbeit bei verschiedenen Meistern. Der zweite, der
ihn beschäftigte, sagte ihm beim Abschied -- gewiß nicht mit Unrecht
--: „er passe nicht zu einem Handwerksmann; er solle lieber ein
Federfuchser werden.“ So viel Wahrheit und Menschenkenntniß in diesem
Worte lag, für Robert enthielt es das Schmerzlichste, was ihm ein
Mensch damals offenbaren konnte: die rückhaltlose Aussprache der
furchtbaren Erkenntniß, die er selbst im tiefsten Schrein seines
Herzens bewahrte -- daß er seinen Beruf verfehlt habe, daß ihm aber zur
Durchführung seiner Lebensaufgabe, der productiven Geistesarbeit mit
der Feder, das Nöthigste abgehe, Wissen und die Mittel zur Fortbildung.

Unter der ganzen Wucht dieser erdrückenden Erkenntniß, völlig
überzeugt, daß ihn sein Handwerk, bei dem so viele Andere ihr
reichliches Auskommen fanden, nicht nähren könne, trat Robert am 6.
Juni 1827 wieder den Heimweg nach Köln an[4], wo er verzweifelt den
Seinen das ganze Herz ausschüttete.

Da begünstigte ihn zum ersten Male in seinem Leben ein fast
wunderbarer Glücksfall. Als er hoffnungs- und aussichtslos die Zeitung
durchblätterte, um nach #irgend einer# Stellung zu suchen, welche
ihm wenigstens ermöglichte, seiner guten Mutter die Sorge für seine
Ernährung abzunehmen, fand er die Anzeige eines Herrn #J. W. Schmitz#,
eines Lieferanten der vor Kurzem neu eingeführten Straßenlaternen mit
#einem# Licht. Dieser Vertreter der öffentlichen Aufklärung suchte
„einen jungen Mann mit hinlänglichen Schulkenntnissen, der in Arbeiten
in Metallen erfahren und geneigt sei, Arbeiten zu beaufsichtigen und
selbst mit zu arbeiten“. Robert bot sich sofort bei Schmitz an. Er
gefiel dem Manne und Schmitz nahm ihn gleich an. Als die Mutter, die
wohl kaum an das gute Glück ihres unglücklichen Kindes glauben mochte,
nun auch zu Schmitz eilte, um einen „Accord“ mit ihm zu machen, sagte
der Straßenbeleuchter: „Liebe Frau, es bedarf keines Accordes. Ich habe
in Ihrem Sohne einen Schatz gefunden. Ich kenne ihn erst sehr kurze
Zeit, aber ich habe seine herrlichen Eigenschaften erkannt und weiß sie
zu würdigen. Für die Beschäftigung, zu der ich ihn anfangs anzunehmen
gedachte, ist er zu gut. Seine Ausbildung und seine Zukunft nehme ich
auf mich. Ich habe ihn lieb gewonnen.“

So glücklich und verheißungsvoll eröffnete sich Robert's Stellung
bei einem Manne, der trotz der widersprechendsten Anlagen seines
Charakters und trotz der schroffsten Wandlungen in seinem Verhalten
Robert gegenüber doch eine der bedeutsamsten Rollen im Leben desselben
gespielt hat. Denn Schmitz hat dem jungen Manne zum ersten Male
Gelegenheit gegeben, sein Vaterland kennen zu lernen, es sorgenlos
und behaglich beobachtend zu durchmessen. Er hat Robert zum ersten
Mal Muße, Anregung und -- wenn auch dürftige -- Mittel geboten, um
an seiner wissenschaftlichen Fortbildung zu arbeiten. Er hat ihn die
reichen Bildungsmittel, welche schon der bloße Anschauungsunterricht
des damaligen München und Berlin bot, monatelang benützen und genießen
lassen. Und derselbe Mann hat dann andererseits seinen treuesten,
begeistertsten und dankbarsten Mitarbeiter tiefer gedemüthigt
und härter behandelt, als irgend ein Anderer, von dem Robert mit
seiner Existenz abhing. Schon vom psychologischen Standpunkte aus
verdient daher dieser merkwürdige Mensch besondere Beachtung, hier
aber insbesondere auch darum, weil der Dienst bei ihm für Robert's
Lebensziel und Ausrüstung nach dem Obigen von größter Bedeutung war.
Daher scheint es gerechtfertigt, daß der Dienstzeit Blum's bei J. W.
Schmitz ein besonderer Abschnitt gewidmet wird.



               4. Bei J. W. Schmitz.


J. W. #Schmitz# war, als Robert Blum am 8. Juni 1827 bei ihm
engagirt wurde, ein Mann in der Vollkraft seiner Jahre; höchst
unternehmungslustig, den Gewinn, wie alle Sanguiniker, im Voraus
nach den denkbar höchsten Sätzen discontirend, auf Verluste und
andere böse Chancen gänzlich unvorbereitet, und darum durch jedes
Mißgeschick, das ihn traf, in die übelste Stimmung versetzt, nur
allzu bereit, in mißlicher Lage Andern sein Wort so wenig zu halten,
wie das Glück ihm Wort gehalten. Dabei war er in gewisser Hinsicht,
nämlich in der Mechanik und Astronomie und in einigen anderen Zweigen
der Naturwissenschaft gut unterrichtet. Sein ganzes Leben hindurch
betrachtete er die Beseitigung des allgemeinen Vorurtheils, welches
seit Kepler und Newton an die Schwerkraft der Erde glaubte, als die
wichtigste Unterbeschäftigung neben seinem eigentlichen Lebensziele,
der Straßenbeleuchtung. Seine Opposition gegen die Anziehungskraft der
Erde bildete gewissermaßen die noble Passion seines ganzen Daseins. Er
bediente sich zur Beseitigung dieses Vorurtheils der im Kampfe gegen
Naturgesetze auch heute noch etwas zweifelhaften Angriffswaffe der
Broschüre im Selbstverlage. Ungeheure Stöße Maculatur hat er in seinem
langen Leben für diese Ueberzeugung auf eigene Kosten drucken lassen.
Glücklicher Weise folgten auch diese Stöße dem von ihm gehaßten Gesetz
und blieben liegen, wo sie lagen. Schmitz war in den Niederlanden
aufgewachsen und erzogen und hat immer in seinem Stil, seinem Charakter
und seinem Geschäftsgebahren einen stark mynheerlichen Accent bewahrt.

Als Robert Blum bei Schmitz eintrat, glitt dessen Glücksschiff eben
mit voller Fracht und vollen Segeln auf hoher Fluth vor dem Winde
dahin. Schmitz' Erfindung, die Straßenbeleuchtung durch Laternen mit
#einem# Lichte zu besorgen, schien für ein Jahrhundert die Concurrenz
auf diesem Felde auszuschließen. Eine große Anzahl speculativer
Männer heftete sich an seine glückverheißenden Schritte. Nicht
lange nach Blum's Eintritt bei Schmitz wurde dessen Geschäft in
eine Actiengesellschaft umgewandelt. Auch mit Robert schloß der
Principal eine seltsame Art von Gesellschaftsvertrag. Mir liegt ein
Originalvertrag vor vom 1. September 1828, unterzeichnet von J. W.
Schmitz und dessen Ehefrau Antoinette Schmitz, neé Astrupp, in welchem
Schmitz bekundet, daß Robert ein Viertel der Versicherungssumme von
zwölftausend Franken, die laut Versicherungsvertrages vom 9. August
1828 bei Schmitz' Ableben von der Pariser _Compagnie d'assurances
générales_ zahlbar seien, zu fordern habe, „weil ein Viertel dieser
Versicherung für Blum und aus seinen Mitteln bestritten worden sind,
und ein Viertel von der jährlichen Prämie selbst bezahlt.“ Das Letztere
wird aus den von dieser Zeit an bis 1848 beinahe vollständig mir
vorliegenden Buchungen Blum's über seine Einnahmen und Ausgaben[5]
bestätigt.

Indessen sehr bald stellte sich für die Unternehmungen Schmitz', die
auf #Rüböl# als Beleuchtungsstoff basirten, ein sehr böser Concurrent
ein, der nach kurzem theoretischem Zweikampfe einen wahrhaft glänzenden
Sieg davontrug: #das Gas#. Schmitz und seine Actiengesellschaft blieben
bankerott auf dem Platze -- Schmitz natürlich nur, um im Bunde mit
dem siegreichen Gegner, dem Gase, neue Siege zu erfechten. Aber die
Erzählung dieser Schicksale seines Lebens liegt jenseits der Aufgabe
dieser Blätter. Robert Blum ist bei Schmitz nur zur Propaganda für die
Laterne mit #einem# Licht und Rübölflamme verpflichtet gewesen und ist
mit diesem Panier gestiegen und gefallen. Das Gas hat er in einer ganz
anderen Berufsstellung, beim Stadttheater zu Leipzig, schätzen gelernt
-- aber erst viel später.

Bei diesen kurzen Mittheilungen über Schmitz' Charakter und
Lebensschicksale ist sein Hauptverdienst um Robert Blum, die Förderung
der geistigen Ausbildung des jungen Mannes, bisher nicht berührt
worden, um dieses Verdienst dem Leser nun um so eindringlicher
vorzuführen. Daß Schmitz selbst in seinem Greisenalter für dieses
hohe Verdienst keine Erinnerung mehr gehabt, kann bei seinem bewegten
Leben kaum Wunder nehmen. Er sandte mir am 3. Februar 1865 auf
meine Anfragen zwar eine vollständige Sammlung der Schriften seiner
Opposition gegen Ihre Majestät die Schwerkraft, antwortete mir aber auf
meine Fragen über den Einfluß, den er auf die geistige Entwickelung
Robert Blum's geübt, wörtlich nur Folgendes: „Er war Gelbgießer und
klagte über schlechte Behandlung in diesem Stande. Gelesen hatte er
von Allem nichts. Es mag wohl eine erste Veranlassung (zu seiner
Fortbildung) gewesen sein, daß ich ihn häufig aus der Werkstatt zu
meinen Bureaugeschäften rief. Er so wenig wie ich dachte an andere
Kenntnisse, als die Straßenbeleuchtung. Wir dachten nicht an Bücher
zu lesen. Es gab keine Zeit zum Reisen. Im Jahre 1827“ -- soll heißen
1828 (und zwar erst am 23. December) -- „begleitete er und ein Kutscher
(!) mich nach Berlin, das damals nur hundertsiebenzigtausend Einwohner
hatte. Er verwünschte alle Täuschungen, wie ich auch. Es hat gewiß
manche Veranlassung gegeben, zu Correspondiren, ich finde aber keine
Spur davon wieder.“

Für Schmitz freilich hatte die Correspondenz mit Robert Blum, wie wir
sehen werden, durchaus nichts Reizvolles, da Blum in seinen Briefen
an Schmitz rein geschäftlich blieb, andere Fragen gar nicht berührte,
und die Wendung dieser Geschäfte, wie die Entschlossenheit, mit welcher
Blum schließlich auf seinen von dem Herrn Principal todtgeschwiegenen
Ansprüchen bestand, zu den unangenehmsten Erinnerungen gehöre,
die Schmitz in seinem langen Leben angesammelt haben mochte. Die
interessante Correspondenz dieser späteren Conflictszeit hat Robert
Blum, mit einem Papierstreifen umschlossen, auf welchem nur der
Name „J. W. Schmitz“ steht, hinterlassen. Sie offenbart besser als
bogenlange Abhandlungen den Charakter der beiden Männer, die sich
dabei gegenüberstanden. Da sie zugleich das Dienstverhältniß Blum's zu
Schmitz abschloß, so steht sie am Ende dieses Capitels.

Als Robert Blum seinen Dienst bei Schmitz antrat, störte kein Wölkchen
den beiderseitigen Frieden. Täglich mehr überzeugte sich der Principal,
daß er in dem neuen Gehülfen einen wahren Schatz gefunden habe. Die
complicirtesten Aufträge und Arbeiten erledigte Robert geschickt,
umsichtig, rasch, zu Schmitz' vollster Zufriedenheit. Eine Treue, einen
Fleiß und Eifer entwickelte Robert im Dienste, eine so glückliche
Auffassungsgabe und ein solches Talent zu eigener Initiative, daß
Schmitz ganz erstaunt war. Gern gab er seiner Zufriedenheit durch
freiwillige Gehaltszulagen Ausdruck. Zuletzt, 1830, war der Gehalt
Roberts, bei freier Station, auf -- fünf Thaler pro Monat gestiegen.
Mit dieser Summe hat Robert seine Wäsche und Garderobe beschafft, das
Hoftheater in München und später Vorlesungen an der Berliner Hochschule
besucht, seine Eltern und Geschwister unterstützt und alle seine
unschuldigen Vergnügungen bestritten. Mit diesem Einkommen hielt sich
Robert für einen Krösus; demjenigen, der es ihm gewährte, hat er sein
ganzes Leben, trotz der schmählichen Behandlung, die derselbe Mann ihm
später angedeihen ließ, die aufrichtigste Dankbarkeit bewahrt.

Das Leben bot ja Robert auch in dem neuen Dienste ein so heiteres,
glückliches Antlitz, wie der Arme es bisher noch nie geschaut hatte.
Jetzt durchflog er das blühende Rheinland, das er früher mühsam und
sorgenvoll am Wanderstabe durchmessen, dazu den ganzen sonnigen
Süden Deutschlands in einem bequemen Reisewagen, an der Seite eines
leidlich gebildeten, ihm zugleich aus Eigennutz und natürlicher Regung
gewogenen Mannes, der viele Menschen und Länder gesehen, der in den
Naturwissenschaften zu Hause war, der dem erstaunten jungen Manne sogar
offenbarte, daß Erde, Sonne, Planeten und Fixsterne eigentlich auf ganz
falschen Bahnen wandelten und reuig umkehren würden, wenn er, Schmitz,
ihnen das schriftlich bewiesen haben würde. Dazu nun das Robert bis
dahin unbekannte herrliche Gefühl völliger Freiheit von drückender
Erdensorge, das Bewußtsein, daß er und seine Arbeit geschätzt werde
von Demjenigen, von dem sein Wohlergehen abhing, bald nachher auch zum
ersten Male die stolze Befriedigung, daß ihm wichtige fremde Interessen
allein, zu selbstständiger verantwortlicher Erledigung übertragen
wurden. Man kann sich denken, welches Maß von Glückseligkeit und
Dankbarkeit in dieses reine arme Herz einzog.

Schon am 9. Juni 1827 verließ Robert mit Schmitz Köln und fuhr nun
wochenlang durch das frühlingsgrüne reiche Land; das ganze Entzücken
über die herrliche Reise mit wenig Worten in sein „Reisejournal“
eintragend[6]. Am 10. Juni ist Mainz, am 12. Juni Frankfurt erreicht.
Hier wird einige Tage gerastet, die alte Kaiserstadt -- in der später
der „Gelbgießer“ Blum seinen Sitz im deutschen Parlament finden sollte
-- mit Andacht durchwandert. „Hier wurden ehemals die römisch-deutschen
Kaiser gewählt und jetzt ist sie der Sitz des deutschen Bundestages.
--“ Der Gedankenstrich steht wirklich im Reisejournal. „Zu den vielen
Merkwürdigkeiten der Stadt gehören besonders das Rathhaus, der Dom
&c., die herrlichen ‚Neuen Anlagen' und die schöne Brücke, wodurch sie
mit der Vorstadt Sachsenhausen zusammenhängt; auch wurden Goethe und
Klinger hier geboren.“ Charakteristisch für den späteren Begründer des
Leipziger Schillervereins ist es, wie viel wärmer als hier Goethe's
er wenige Seiten später in seinem Reisetagebuch Schiller's gedenkt.
Er schreibt da neben „Ludwigsburg“ bei Stuttgart: „vom Hohenasperg
Aussicht auf Marbach, Geburtsort unseres unsterblichen Schiller's.“
Am 16. Juni ging es weiter nach Darmstadt, den folgenden Tag bis
Heidelberg. „Von hier,“ schreibt er bei Darmstadt, „beginnt die schon
von den Römern angelegte Bergstraße, welche sich bis nach Heidelberg
hinzieht. Das alte Rheinthal zwischen Darmstadt und Heidelberg ist
einer der reizendsten und fruchtbarsten Landstriche Deutschlands; die
Berge im Osten sind mit Wein und stolzen Waldungen bedeckt, und das
Thal prangt bis an das Ufer des Rheines allenthalben in der üppigsten
Fülle.“ Bis zum 21. Juni wird Württemberg (Stuttgart, Eßlingen,
Göppingen bis Ulm) durchfahren, dann zwei Tage später, über Günzburg,
Augsburg und Dachau, München gewonnen.

In München ist Robert vom 23. Juni bis 29. November 1827, also über
fünf Monate geblieben. Er hat den größeren Theil dieser Zeit allein
den Schmitz'schen Geschäften vorzustehen gehabt, die in der Hauptsache
darin bestanden, die Laterneneinrichtung im königlichen Schlosse zu
leiten. Bei dieser Gelegenheit hatte Blum eines Tages eine flüchtige,
aber bedeutsame Unterredung mit König Ludwig dem Ersten von Baiern.

Viel Zeit blieb Robert übrig, um seinem Wissensdrange zu genügen
und welche Fülle von Anregung gewährte hierfür München! Ein Gang
durch München schon bietet, wie Moritz Carrière mit Recht einmal
bemerkt, dem Nachdenkenden ein Bild der Bau- und Kunstgeschichte
von zwei Jahrtausenden; ein Gang um München zeigt die unendliche
Gestaltungskraft der Natur in aller Fülle und Mannigfaltigkeit. Im
Jahre 1814 erst hatte König Maximilian der Erste begonnen, das enge und
traurige Nest, das in seinem Aeußeren seit 1791 noch immer aussah wie
eine geschleifte Festung und sich seit 1806 noch nicht ordentlich als
Residenz hatte fühlen lernen, in eine stattliche, heitere Königsstadt
umzuschaffen. Und dieses Werk hatte König Ludwig der Erste mit
augusteischer Freigebigkeit und kunstsinniger Prachtliebe fortgesetzt.
Eben als Robert in München eintraf, war unter Klenze's Leitung das neue
Hoftheater nach dem Brande von 1823 in vollendeter Schönheit aus dem
Schutte erstanden, die herrliche Glyptothek ihrer Vollendung nahe, dem
öffentlichen Besuch bereits geöffnet, der Königsbau des Alten Schlosses
am Max-Joseph-Platz, die Alte Pinakothek und andere Prachtbauten im
Entstehen begriffen. Durch den Reichthum und die Bedeutung seiner
Kunstschätze, vor Allem durch die Sculpturensammlung der Glyptothek,
überragte München damals unstreitig alle anderen deutschen Städte bei
weitem, obwohl die Stadt kaum mehr als fünfzig- bis sechszigtausend
Einwohner gezählt haben mag. Dazu nun das ganz eigenthümliche, von
den Gewohnheiten des Rheinländers so weit abliegende und doch jeden
Fremden so gemüthlich anheimelnde Volksleben des altmünchener Bürgers,
mit seinem trockenen Humor, seiner biederen Schwerfälligkeit und
genußfreudigen Behaglichkeit. Alles das hat Robert lebhaft angezogen
und gefesselt. Die Architektur- und Kunstschätze der schönen Kirchen
Münchens, die Hoftheater, die Gemäldegallerie und Glyptothek, das
polytechnische, anatomische und naturhistorische Museum, vor Allem aber
die königliche Bibliothek hat er, nach seinem Reisejournal, fleißig
besucht.

Alle Freistunden des Tages widmete er dieser Bereicherung seines
Wissens, seiner Geschmacks- und Kunstbildung; der Abend wurde so oft
als möglich im Theater, ein guter Theil der Nacht in ernsten Studien
in allen möglichen Fächern des Wissens, in denen Robert bei sich
Bildungslücken entdeckt hatte, hingebracht. In dieser Hinsicht war
die Reise mit Schmitz von Köln nach München von großer Wichtigkeit
für Robert gewesen. Sie hatte ihm bei sich selbst überall eine, wie
er meinte, fast bodenlose Unwissenheit enthüllt, an deren Ausfüllung
er nun mit eisernem Fleiße arbeitete. Leider sind auch aus diesen
Tagen Briefe Robert's an die Seinen nicht erhalten. Dagegen finde
ich in seinem „Stammbuche“ Blätter von den wenigen jungen Männern,
mit denen er in München Anknüpfung suchte, welche beweisen, daß
er damals mit größtem Eifer insbesondere philosophischen Studien
nachgegangen sein muß und das Bedürfniß empfand, das in der Stille der
Nacht beim Lampenschein aus weltweisen Büchern in sich Aufgenommene
mit den Freunden zu durchsprechen. Einige der Genossen scheint der
metaphysische Gelbgießer, nach ihren Stammbuchblättern zu schließen,
beinahe bis über die Grenzen vernünftiger Erkenntniß hinaus gefördert
zu haben. Sicher ist, daß Robert sich sowohl in München, wie später
in Berlin, seiner sorgenlosen Freiheit vollkommen würdig gezeigt, von
jeder Verirrung, welche die fröhliche Großstadt nahelegen und leicht
verzeihen mochte, ferngehalten hat.

Auf demselben Wege, den er auf der Hinreise genommen, kehrte Robert
Ende November nach Heidelberg, von dort über Mannheim und Worms nach
Hause zurück, wo er am 12. December eintraf; jedoch nur, um bereits
am 15. Elberfeld aufzusuchen, wo er bis zum 20. September 1828 in der
Gesellschaft Schmitz' verweilte, da dieser sein Geschäft dahin verlegt
hatte. Hier wußte er sich seinem Principal immer unentbehrlicher zu
machen. In jeder Freistunde aber, namentlich in der Nacht, wurde an
der Erweiterung des Wissens und der Bildung gearbeitet, auch die
erste sehr bescheidene Grundlage einer eigenen Bibliothek gelegt. Nur
ganz vorübergehend ist er im September und October 1828 auf einer
Geschäftsreise nach Coblenz und Kreuznach bei den Seinen in Köln
gewesen. Auch dort hatte sich inzwischen Manches besser gestaltet. Die
garstige Mutter des Stiefvaters Schilder war schon seit zehn Jahren
todt, die eine der beiden zänkischen Stieftanten war ihr bald in's
Grab nachgefolgt, die andere hatte Köln verlassen. Dadurch war das
Verhältniß seines Stiefvaters zu seiner Mutter ein wesentlich besseres
geworden. Im November 1819 hatte diese das erste lebende Kind zweiter
Ehe, Elise, und nach zwei weiteren bösen Wochenbetten am 20. März 1827
das letzte Kind, Agnes, geboren. Dadurch war freilich auch neue Sorge
in das Elternhaus eingekehrt. Am 12. October theilte Robert den Eltern
mit, daß Schmitz beabsichtige, einen Theil seines Geschäfts nach Berlin
zu verlegen, und ihn dorthin mitnehmen wolle. Auf unbestimmte Zeit nahm
er Abschied von den Seinen.

In der That wurde dieser Aufenthalt in Berlin zu dem längsten,
freudigsten und bedeutsamsten, den Blum seiner Verbindung mit Schmitz
verdankte. Am 24. November 1828 wurde die Reise von Elberfeld aus
angetreten. Sie führte über Iserlohn, Paderborn, Warburg nach Kassel
-- dessen herrliche Umgebungen tiefen Eindruck auf Robert machten --
dann nach Münden, Göttingen, Mühlhausen, Langensalza, Gotha, „Erfurth“
und Weimar -- mit Behagen verzeichnet er in seinem Reisejournale
jede landschaftliche Schönheit, welche ihm die Winterreise durch
Norddeutschland bietet. Nirgends sucht er seinen Genuß zu verkümmern
durch Vergleiche mit dem so viel verschwenderischer ausgestatteten,
im Sommer besuchten Süden. Vom Weine Naumburgs sagt er höflich, er
sei „dem Moselwein an Geschmack ähnlich“. Mit Andacht erblickt er
bei Merseburg in der Ferne das Schlachtfeld von Lützen, tritt er in
Wittenberg an Luther's und Melanchthon's Gruft. Dann aber schreibt er
in sein Reisejournal am 21. December: „Jenseits der Elbe nimmt die
Fruchtbarkeit allmählich ab und nicht weit von ihren Ufern beginnen
die einförmigen, traurigen und unabsehbar-flachen Sandwüsten, die
sich bis zur Ost- und Nordsee fortziehen und nur selten von einzelnen
Hügeln desselben Stoffes unterbrochen werden. Auf den reizenden Fluren
dieser #deutschen Sahara# erblickt man nichts als elende Dörfchen,
magere Tannenwälder und nur zuweilen pflanzen sich auf kleinen, sehr
mühsam bearbeiteten Sandflächen verkrüppelte Haber- und Kornähren und
etwas Kartoffeln fort, die den genügsamen Bewohnern ihre kärgliche
Nahrung geben; nicht selten aber giebt es auch unabsehbare Strecken,
auf welchen weder ein Strauch noch ein Gräschen fortkommen kann. Daß
es Ausnahmen und einzelne fruchtbare Stellen giebt, ist bekannt;
allein sie sind selten!“ Von dem heldenmüthigen Kampfe, den in dieser
„deutschen Sahara“ das preußische Volk mit der Ungunst der Elemente
durch Jahrhunderte geführt, um den Boden überhaupt culturfähig zu
machen, und wie durch diesen Kampf nicht am wenigsten die Entwickelung
des Charakters jenes deutschen Volksstammes möglich wurde, der
vereint mit seinem hochsinnigen Fürstenhause die ebenso feindseligen
Naturgewalten bändigte, welche der Gründung eines deutschen
Nationalstaates entgegenstanden, davon konnte der heißblütige junge
Rheinländer freilich damals noch keine Ahnung haben. Er urtheilte
vorläufig so herb und verächtlich über Preußen, wie die meisten seiner
Heimathsgenossen damals thaten. Und noch nachdem er Berlin kennen
gelernt, und dieser Stadt die wichtigste Förderung seiner Kenntnisse
verdankte, schrieb er, allerdings in tiefster gemüthlicher Depression,
in Oranienburg in sein Reisejournal: „Die Gegend ist sandig, traurig
und einförmig, kurz #preußisch#.“

Noch in ganz anderem Maße als in München wurde ihm in Berlin
Gelegenheit geboten, seine Kenntnisse zu vervollkommnen, alle Lücken
seiner Bildung zu ergänzen. Mancherlei Ursachen wirkten hierfür
zusammen. Trotz seiner noch nicht 200,000 Einwohner und der gegen
die „Präsidialmacht“ Oesterreich in deutschen Angelegenheiten -- mit
Ausnahme der Zoll- und Handelspolitik -- äußerst vorsichtigen Politik
der Regierung Friedrich Wilhelm's des Dritten, war Berlin doch schon
damals unzweifelhaft die geistige Hauptstadt Deutschlands. Solche
Vielseitigkeit von Interessen vertrat keine Stadt in so vorzüglicher
Weise wie Berlin. Es ist ein schönes Zeugniß sowohl für die Klarheit
der Beobachtung, wie für die Gerechtigkeit Robert Blum's, daß er sehr
bald nach seiner Ankunft in Berlin in sein Reisejournal schrieb:
„Prächtige Haupt- und Residenzstadt, ohnstreitig die schönste in
Deutschland.“ So schrieb der junge Mann, der noch begeistert war von
den Kunstschätzen und Kunstbauten Münchens und sehr gering dachte vom
„traurigen preußischen Wesen“. In der That hatte aber auch Berlin
damals eben durch Schinkel's und Rauch's geniale Schöpfungen auch in
künstlerischer Hinsicht ein ganz neues Gepräge gewonnen. Alle die
monumentalen Bauten und Bildwerke, die sie bis zu Robert's Ankunft
in Berlin geschaffen, feiert dieser begeistert in seinem Journal.
Ebenso entzückt ist er von den älteren Meisterwerken Schlüter's und
Anderer, dem Brandenburger Thor, den Kunstsammlungen Berlins, für
deren Schätzung sein Verständniß in München geschärft war. Freudig
ergeht er sich in den einzig-schönen Anlagen des Thiergartens, die
Lenné kurz zuvor in einen der herrlichsten Parks der Welt umgeschaffen
hatte. Hier überkommt ihn auch ein Begriff von der gewaltigen, fast
heroischen Arbeit, die dazu gehörte, auf solchem Boden diese Stadt und
Umgebung zu schaffen. „Man wähnt sich in diesen Pflanzungen wirklich
auf einen ganz anderen Boden versetzt,“ schreibt er, „es macht daher
einen ganz eigenen Eindruck, wenn man aus dieser künstlichen Ueppigkeit
heraustritt und auf einmal die mageren, einförmigen Sandflächen vor
sich sieht.“ Bei einem Besuche in Charlottenburg spricht er gerührt von
dem Grabmal „der verewigten Königin Louise“.

Zu dieser Freude an den Kunstschöpfungen, die seinen in München
gebildeten Schönheitssinn vollauf befriedigten, trat nun hinzu
die Wahrnehmung, daß der Volkscharakter der Berliner weit
entgegenkommender, redelustiger, in Vielem mit seinem eigenen Naturell
weit übereinstimmender sich erwies, als der Münchener. Den energischen
Fleiß, den durch keine Widerwärtigkeit zu störenden fröhlichen, immer
zu einem Scherz bereiten Gleichmuth, die durchaus realistische, immer
kritische und vorsichtige Beobachtungsgabe des Berliners gewahrte er
mit Vergnügen an dem Völkchen der Hauptstadt. Er fühlte sich wohl da,
wie zu Hause, denn er fand hervorragende Eigenthümlichkeiten seines
Wesens hier allgemein verbreitet. Daß er alle Bildungselemente, die
Berlin bot, so vollständig und segensreich in sich aufnahm, verdankt
er außerdem der Länge seines dortigen Aufenthaltes. In München hatte
er nicht ein halbes Jahr zugebracht. In Berlin blieb er mit kurzen
Unterbrechungen fast zwanzig Monate, bis zum 9. August 1830.

Den allerbedeutendsten Einfluß aber dankte er der Berliner
Hochschule. Sie war in den schlimmsten Jahrzehnten, welche die
Reaction über Deutschland gebracht hat, immer der Freistuhl der
deutschen Wissenschaft und Forschung geblieben. Kein Censor und kein
Demagogenriecher durfte es wagen, das freie Wort des Katheders in
Fesseln zu schlagen. Die Redefreiheit, die heute für die deutschen
parlamentarischen Versammlungen gewährleistet ist, bestand damals
eigentlich nur für die Lehrstühle der Hochschulen, gewiß für die
Berliner. In allen Facultäten lehrten die gefeiertsten Namen deutscher
Wissenschaft. Im Jahre 1829 hatte man in Berlin auch formell gebrochen
mit dem System argwöhnischer Ueberwachung, welches die unseligen
Karlsbader Beschlüsse seit einem Jahrzehnt auch Preußen scheinbar zur
Pflicht gemacht hatten. Von da ab übten Rector und Universitätsrichter
die Ueberwachung, die bis dahin einem Regierungsbeamten übertragen
war. Von 1830 an wurde auch Nichtstudenten der Besuch der Vorlesungen
gestattet: vierhundertsechsundfünfzig machten sofort davon Gebrauch,
unter ihnen Robert Blum. Die systematische und rein wissenschaftliche
Behandlung der Lehrfächer, zu denen Robert sich besonders hingezogen
fühlte, machten seine fleißigen nächtlichen Studien erst wahrhaft
fruchtbar.

In dieses über alle Erwartung glückliche Leben schlug plötzlich
wie ein Wetterstrahl aus heiterem Himmel die Ordre, Robert
solle sich unverzüglich zur Ableistung seiner Militärpflicht in
Prenzlau beim vierundzwanzigsten Infanterieregiment stellen.
Selbstverständlich mußte er Ordre pariren, obwohl dieser Gehorsam
voraussichtlich gleichbedeutend war mit dem Verluste seiner Stellung
und dadurch auch mit der plötzlichen Vernichtung seiner schönsten
Fortbildungshoffnungen. Damals, auf der Fußwanderung von Berlin nach
Prenzlau (30. März 1830) schrieb er das „traurig und einförmig, kurz
#preußisch#“ in sein Reisejournal. In Prenzlau erging es ihm weit
besser, als er erwartet hatte -- denn er sehnte sich niemals darnach,
zu untersuchen, ob er einen Marschallsstab im Tornister trage --
nach sechs Wochen schon (15. Mai 1830) hatte man sich überzeugt,
daß der Rekrut Blum zu schwache Augen habe, um einen ordentlichen
Vierundzwanziger abzugeben, und entließ ihn daher zur Reserve. Er hat
des Königs Rock nie wieder angezogen.

Am 17. Mai schon traf er wieder in Berlin ein. Er hoffte Schmitz so
vernünftig zu finden, ihn nicht für die allgemeine Wehrpflicht -- die
einem holländischen Gemüth allerdings ein Gräuel war und heute noch
ist -- verantwortlich zu machen. Aber Schmitz war in Geschäften eben
in Holland und Frankreich abwesend. Seine Geschäfte gingen schlechter
und schlechter. So beging er die Ruchlosigkeit, seinen treuesten
Mitarbeiter gänzlich mittellos in Berlin zu lassen, ohne auf seine
Briefe zu antworten. Robert wußte freilich von der mißlichen Lage des
Principals nichts. Alles, was der treue Mensch eingenommen, hatte er,
selbstlos denkend, und Anderen vertrauend wie immer, dem Principal
vorher eingesendet. Endlich, nachdem in zwei Briefen Schmitz' die
dringende Bitte Robert's um Geld ganz unberücksichtigt gelassen,
schrieb Robert am 1. Juli 1830 unter Anderem: „Es wird überflüssig
sein, Ihnen eine Schilderung von meinen jetzigen Umständen zu
entwerfen, da Sie sich selbst leicht vorstellen können, wie dem zu
Muthe ist, der bei einem, wie Sie selbst wissen, impertinenten Wirthe
eine Zeit lang seine Bedürfnisse borgte, und nun am Ende des Monats
nicht im Stande ist zu zahlen. Außerdem daß ich schlechtes Essen für
einen zu theueren Preis“ -- er zahlte für Kost und Logis elf Groschen
pro Tag -- „nehmen muß, wird mir nun jede Mahlzeit mit verächtlichen
und mißtrauischen Blicken vorgesetzt und Spottreden und Sticheleien
als Gewürze aufgetragen. Denn ohne Geld ist es unmöglich auszuziehen.
-- Hätten Sie die Güte gehabt, mir nach Prenzlau zu melden, daß Sie
hier mit #Niemandem# wegen meines Unterhaltes ausdrücklich gesprochen
hatten, so hätte ich mir die mich hier erwartenden Unannehmlichkeiten
eher vorstellen können und würde auf militärische Kosten meine Reise
nach Köln gemacht haben; ich hatte alsdann pro Meile einen Groschen,
und wenn auch Dürftigkeit mich auf der Reise drückte, so war ich doch
jetzt der Gefahr nicht ausgesetzt, die mich nun bedroht, nämlich: daß
mein Wirth mir den ferneren Unterhalt verweigert und mir die Thür
weist. Wenn ich durch Ausschweifungen in Vorschuß gerathen wäre oder
durch Nachlässigkeit der Gesellschaft einen Schaden von einigen tausend
Thalern verursacht hätte, so würde ich das jetzige Verfahren als eine
Vorsichtsmaßregel von Ihrer Seite und als Strafe für meine Fehler
betrachten; da ich mir aber nichts dergleichen vorzuwerfen habe, &c.“

Darauf antwortete Schmitz von Köln am 18. Juli: „Lieber Blum. Ihre
Klagen vom 1. dieses thun mir sehr leid #und sind gegründet#. Ihr
früheres Schreiben schien mir Vorwürfe oder einen der Sache nicht
angemessenen Ton zu enthalten, und da ich Sie übrigens gern habe
und Sie selten zurecht zu weisen habe, zerriß ich es lieber, als
es zu beantworten. Verlieren Sie den Muth nicht, ich habe manche
Schwierigkeit überstiegen.... Ich konnte bis jetzt weder Kleinigkeiten
noch große Summen berichtigen. Jetzt werden Sie nicht lange mehr
warten und #alle Bedürfnisse erhalten#.... Ich hoffe nur, Ihr jetziger
Müßiggang wird auf Ihr ferneres Betragen keine nachtheilige Wirkung
haben und daß ich Sie wie zuvor zurückfinden werde.“

Noch ehe Blum diese Antwort besitzen konnte, schrieb er am 20. Juli
1830, daß er sich wundere und erstaunt sei, daß Schmitz auf einen Brief
von Blum's Eltern „ganz kaltblütig einige Bemerkungen niedergeschrieben
habe, ohne es der Mühe werth zu halten, über meine Erhaltung nur ein
Wort zu erwähnen, und man braucht doch gewiß keine großen logischen
Kenntnisse zu haben, um zu wissen, daß der Lebensunterhalt, den Sie
als eine nicht bemerkenswerthe Nebensache zu betrachten scheinen, zum
Fortbestehen durchaus nothwendig ist.... Es scheint mir die Pflicht
eines jeden Mannes zu sein, für die in seinen Diensten stehenden Leute
zu sorgen ... und ich glaube, daß es gewiß gegen die Billigkeit ist,
einen Menschen mit in der Welt herumzuführen und ihn dann plötzlich an
einem fremden Ort brod- und hoffnungslos sitzen zu lassen, wenn er sich
keines Fehlers schuldig machte, der solches Verfahren rechtfertigen
könnte.“

Um diese Rechtsdeductionen zu würdigen, muß auf Grund der mir
vorliegenden Abrechnung Blum's für die Jahre 1828 bis 1830, die Schmitz
später anerkannte, constatirt werden, daß Blum schon am 30. März 1830
ein Guthaben von acht Thaler elf Silbergroschen zwei Pfennig an Schmitz
hatte, welches neuerdings auf fast siebenundzwanzig Thaler gestiegen
war, wie Schmitz später gleichfalls anerkannte. Der Gehalt, den Blum
bescheiden immer „Lohn“ nennt, war am 30. März 1830 seit sechszehn ein
viertel Monaten nicht mehr baar gezahlt worden! Daher war das weitere
Verlangen Blum's in diesem Briefe, in Zukunft möge pünktlicher gezahlt
werden, gewiß gerechtfertigt; „sonst müsse er seine Stelle aufgeben,
da er gar nichts besitze, um zuzusetzen.“ Er verlangte deshalb
schriftlichen Vertrag und betonte, daß er Arbeitsüberstunden bisher nie
berechnet habe.

Die Antwort (etwa vom 28. Juli) auf diesen Brief war überschrieben:
„N. für R. Blum“ und lautete: „Wenn man Leute zu ernähren hat,
die nichts verdienen, und von denen, die man für schönen Vortheil
betheiligt, hinterrücks verlassen wird, bis man ihnen mit eignem Fond
wieder Courage macht, so bieten sich leicht viele Schwierigkeiten....
Sie sind eben aus dem Dienst entlassen worden. Ich erneuere Ihnen
Solches hierbei.... Ich finde es auch nicht für gut, für die
Dienste, die Sie mir bis heran zu leisten fähig waren, mehr als das
nothwendige Unterhalt zu geben. Auch bin ich weit entfernt, Ihnen
einen schriftlichen Vertrag als Sinecure zu geben.“ Wenn Blum für
Ueberstunden keine besondere Vergütung gefordert habe, „so mögen Sie
dies gegen Monate müßig sitzen compensiren, während welchen mancher Sie
entlassen hätte. Geht es Ihnen bei anderen gut, so werde ich diesen
Verlust, sowie den eines anderen Jungen Mannes, den ich früher erzogen
hatte, gern ersehen.... Später können Sie einmal bei mir anfragen,
nachdem Sie eine bessere Schule der Erfahrung durchgegangen seyn
werden, als die, deren Sie sich jetzt rühmen. Hr. Grebin wird Ihnen
zustellen, was Ihnen gebürt. Schmitz.“

Robert war zu arm, das schnöde hingeworfene Almosen auszuschlagen.
Am 5. August quittirte er Herrn A. L. Grebin in Berlin über
sechsunddreißig Thaler, mit welchen der „Lohn“ vom 18. Mai bis
„_ultimo_ July d. J.“ und die „Reisekosten von hier nach Cölln“
beglichen waren, und machte sich am 9. August über Potsdam,
Brandenburg, Genthin, Magdeburg, Helmstedt, Braunschweig, Hildesheim,
Hameln, Paderborn, Soest, Lennep zu Fuß auf den Heimweg nach Köln. Am
22. August langte er hier an, nachdem er neunundsiebenzig ein halb
Postmeilen in dreizehn Tagen zurückgelegt.

Das Verhältniß zu Schmitz war für immer gelöst, der Riß unheilbar
geworden. Es nützte nichts, daß Robert auf die Rückseite einer leeren
Schulheftseite seiner ältesten Stiefschwester, die sich auf der
Vorderseite abmühte, den Worten: „Mit dem Maß, womit ihr messet, wird
auch euch gemessen werden“ einen bedenklich unkalligraphischen Ausdruck
zu geben, das Concept eines rührend-versöhnlichen Briefes schrieb.

Die Geschäfte des Beleuchtungsmannes gingen noch zu schlecht. Das Rüböl
war soeben auf's Haupt geschlagen. Das Gas triumphirte. Das war der
Grund von Roberts Entlassung, alles Andere Vorwand.

Nichts charakterisirt aber wohl den Egoismus und die unedle Empfindung
des Herrn Schmitz besser als die Thatsache, daß er nach einer solchen
Behandlung Blum's es wagte, schon nach einem halben Jahr, als Blum
literarische Verbindungen in Köln gewonnen hatte, sich unverfroren an
den mißhandelten jungen Mann zu wenden, um von diesem eine Reclame für
eine von Schmitz neu herausgegebene Zeitschrift zu erlangen. Blum war
großmüthig genug, die Unterstützung des Unternehmens zuzusagen.

Vorläufig aber, d. h. im August 1830, verdankte Blum dem nämlichen
Herrn Schmitz den Blum leider nicht mehr ganz unbekannten Zustand der
Brodlosigkeit.



           5. Theaterdiener und Dichter.


In tiefster Kümmerniß sahen wir Robert Blum jene Julitage des Jahres
1830 verleben, welche für die geistige Bewegung von ganz Europa
im Laufe der folgenden achtzehn Jahre tonangebend werden sollten.
Während der Thron der Bourbonen zusammenstürzte und das Triumphlied
des siegreichen Bürgerthums in allen Landen ein frohes Echo weckte,
weil hier zum ersten Male seit fünfzehn Jahren die geistlose
Metternich'sche Politik des absoluten Stillstandes, die den Continent
beherrschte, eine furchtbare Niederlage erlitt, sahen wir Robert Blum
mit seinem harten Brodherrn um die nothwendigsten Bedürfnisse des
Lebens kämpfen; die Jubelwochen des Bürgerkönigthums fanden Robert auf
einer mühsamen Fußreise von Berlin nach Köln begriffen, hier brodlos.
Aus purer Barmherzigkeit warf J. W. Schmitz dem jungen Manne, dem er
in seinem Dienstzeugnisse nachrühmte, daß er „fleißig und willig zu
jeder Arbeit sei, und daß seine erprobte Treue, Gehorsam, bescheidenes
und gesittetes Betragen das ausgezeichnetste Lob und Empfehlung
verdienen“, in Köln noch vier Thaler zu. Das war aber auch Alles, was
Robert vom 22. August bis 1. October 1830 einnahm. Und an diesem Tage
trat er mit einem Monatsgehalt von acht Thalern (vom December ab von
zehn Thalern) und fünf Thalern Neujahrsgeschenk in die Dienste des
Schauspieldirectors #Ringelhardt# als #Theaterdiener#.

Man sollte kaum für möglich halten, daß ein Mann in solcher Lage,
so schwer gefesselt an die niedersten Erdensorgen, so tief gestellt
in der menschlichen Gesellschaft, den sittlichen Muth und die kühne
Schwungkraft besessen hätte, in den wenigen Stunden seiner Muße rein
geistig, ja dichterisch zu schaffen, und allen Wandlungen der großen
Zeitgeschichte mit gespanntestem Interesse zu folgen. Und doch hat
Robert Blum dies gethan. Um die Charakterstärke völlig zu würdigen,
die dazu gehörte, einen so tiefen Gegensatz zwischen der Wirklichkeit
und der Welt des Dichters zu überwinden, muß man die traurige Lage,
in der Robert Blum damals lebte, doch etwas näher in's Auge fassen.
Nach seinen eigenhändigen Buchungen[7] hatte er in Berlin an Kostgeld
durchschnittlich acht Thaler pro Monat bezahlt, einschließlich des
Logisgeldes elf Thaler. Daß er für diesen Preis nichts Vorzügliches
erhielt, haben wir früher in einem seiner Briefe an Schmitz von
ihm selbst erfahren. Hier in Köln aber hatte er seinen Eltern für
Kost und Logis bis October 1830 nicht mehr als -- einen Thaler pro
Monat zu bieten. Von der Zeit seines Engagements bei Ringelhardt an
konnte er anfangs vier, 1831 bis 1832 (bis 20. Juli) fünf Thaler und
schließlich sechs Thaler an seine Eltern pro Monat zahlen. Wir sind
aber wohl berechtigt anzunehmen, daß in diesem Betrage mehr gegeben
wurde, als er dagegen empfing[8]. Denn zu allen Zeiten hat er Eltern
und Geschwister nach Kräften unterstützt, und gerade damals war seine
Familie der Unterstützung bedürftiger als je: der Stiefvater und die
Mutter kränklich, die Stiefschwesterchen noch nicht erwerbsfähig; sogar
zu gerichtlichen Klagen scheint es gekommen zu sein, denn im Monat Mai
1829 bucht Robert drei Thaler „an meine Eltern für Gerichtskosten“. Man
kann sich also denken, wie kümmerlich Robert in jenen Jahren für seine
materiellen Bedürfnisse sorgen konnte -- ohne deren reichliche Fülle
nach Ansicht unserer heutigen Materialisten nicht einmal die gemeine
Gehirnsubstanz normal functioniren, geschweige denn einen solchen
Ueberschuß an Durchschnittsleistung zu Tage fördern kann, wie ihn die
Beschäftigung mit dem allgemeinen Wohl und poetisches Schaffen unter
allen Umständen darstellt.

Man vergegenwärtige sich aber weiter auch die Niedrigkeit und
Widerwärtigkeit der Dienste, aus denen Robert Blum seinen
Lebensunterhalt gewann. Mit jenem unverwüstlichen Humor, der dem Manne
in allen Lagen des Lebens treu geblieben ist, hat er selbst später
seine damaligen Leistungen für die Kölner Schaubühne also geschildert:
er mußte als Theaterdiener alle Bestellungen des Directors und der
Schauspieler besorgen -- sie enthielten nicht immer Liebenswürdigkeiten
-- Rollen, Geld austragen, Vorstellungen und Proben ansagen und dabei
alle Anmaßungen und Plackereien der „Künstler“ ruhig und lammfromm
hinnehmen. Er mußte „dem überstolzen Schauspieler die Grobheiten
des Directors“ -- möglicherweise, schalten wir ein, auch der Frau
Directorin, denn Madame Ringelhardt war eine sehr energische und
geschäftseifrige Dame -- „dem zweiten Liebhaber die Ungezogenheiten
des dritten Bösewichts hinterbringen, bald der Primadonna den Hund
bewachen, bald einer anderen Dame einen andern Dienst besorgen.“ Zudem
behandelte und benutzte ihn Ringelhardt zwar ohne jede herrische und
verletzende Form, doch #nur# als Theaterdiener, das heißt als einen der
untersten Angestellten seiner Bühne.

Dem stolzen Gefühl, Berather und Mitarbeiter des Chefs zu sein, das
Blum in den letzten Jahren seiner Stellung bei Schmitz hegen durfte,
war hier schlechthin zu entsagen. Der üble Geschäftsgang in Köln
hat zudem den Director jedenfalls nicht mit der rosigsten Laune
erfüllt. Gleichwohl hat Blum auch diesem Brodherrn mit größter Treue
und Dankbarkeit gelohnt. Ohne ein Wort vorher zu verrathen, schrieb
Blum anonym gegen Ende des Jahres 1830 in einem der gelesensten
Kölner Blätter mehrere Zeitungsartikel unter der Ueberschrift „Ein
Wort zu seiner Zeit“, in welchen er den schweren Druck, der auf dem
Theaterunternehmer durch die enorme Armenabgabe von einem Zehntel jeder
Brutto-Einnahme, die fast unerschwingliche Miethe von zwanzig Thalern
pro Abend, die vielen Freibillets &c. lastete, mit warmen Worten und
großer Sachkenntniß darlegte. Als Ringelhardt erfuhr, aus welcher Feder
die tapfere Vertheidigung seiner Interessen geflossen war, hat er
seinem Theaterdiener alles Liebe und Gute gethan, was er konnte, vor
Allem ihm die Theaterbibliothek zu freiester Benutzung angeboten und
ihn für außergewöhnliche Arbeiten durch Geld besonders entschädigt,
auch später bei seiner Uebersiedelung nach Leipzig dafür gesorgt, daß
Robert ihm dahin nachfolgte.

In dieser Stellung und Lage fand nun Robert Blum die Freude und den
Muth zu dem eifrigsten poetischen Schaffen.

Schon in Berlin, vom Jahre 1829 an, hatte er sich schriftstellerisch
versucht. Sein erstes Werk war freilich der reinsten Geschäftsprosa
gewidmet, der Straßenbeleuchtung[9]. Aber hauptsächlich war seine
schriftstellerische Thätigkeit doch auf „poetische Versuche“ gerichtet.
Die Gedichte, die er unter diesem Titel selbst zusammengestellt,
umfassen im Manuscript 308 Ouartseiten und vertheilen sich auf die
Jahre 1829 bis mit 1834. Einige derselben sind schon 1829 und 1830
in der von Saphir herausgegebenen „Schnellpost“ erschienen, andere
von 1831 an in Kölnischen Zeitungen, das Meiste erst später in der
„Abendzeitung“, der „Eleganten Welt“ von G. Kühne, in „Unser Planet“
und anderen belletristischen Blättern.

Das einzige unübersteigliche Hinderniß der Herausgabe dieser Gedichte
war jene fluchwürdige Einrichtung, welche in Deutschland damals
noch auf fast jeglichem literarischen Schaffen, mindestens aber
auf der Presse lastete: die Censur. Denn der bei weitem größte
Theil dieser Gedichte ist politischen Inhalts. Und so maßvoll uns
Deutschen von heute die Freiheitsbegeisterung, so natürlich uns die
Vaterlandsliebe des dreiundzwanzigjährigen Dichters erscheinen muß,
so war doch der Censor, der über diese Blüthen der Dichtkunst sein
maßgebendes Urtheil abzugeben hatte, ganz anderer Meinung. Er strich
Blum's politisch-poetische Offenbarungen unbarmherzig zusammen und
gerieth über die Unermüdlichkeit, mit welcher der junge Dichter immer
neue Kinder seiner patriotischen Muse überreichte, schließlich in
solche Wuth, daß er Allem, was nur Blum's verhaßte Handschrift trug,
schlechthin die Druckerlaubniß versagte. Um sich volle Gewißheit über
das parteiische Vorurtheil und die leidenschaftliche Pflichtwidrigkeit
dieses Wächters des Staatswohls zu verschaffen, beging Blum die
Bosheit, ihm, von seiner Hand geschrieben, unter einem recht
verdächtigen Titel einige Gesangbuchsverse zur Censur zuzuschicken --
und richtig, der Censor strich auch diese Verse als staatsgefährlich
und wiederholte dasselbe noch zweimal, als Blum ihm die nämlichen
Verse, die in jeder Kirche zur Erbauung der Gemeinde gesungen wurden,
noch zweimal unter anderer Ueberschrift zusendete. Von solchen Menschen
hing damals die Entscheidung darüber ab, was das deutsche Volk gedruckt
sollte lesen dürfen.

Von den politischen Ereignissen der damaligen Zeit stehen dem Dichter
die französische Revolution, dann die große Erhebung Polens und
natürlich die Verhältnisse des eigenen Vaterlandes im Vordergrunde des
Interesses. Doch verfolgt er auch ferner liegende Dinge mit größter
Aufmerksamkeit. Eine der schwungvollsten Dichtungen der Sammlung
ist z. B. die ergreifende Klage um den Tod Bolivar's, des Befreiers
Südamerikas vom spanischen Joche († 10. December 1830):

    Bolivar ist nicht mehr! klagte der Glockenton,
    Bolivar ist nicht mehr! brauste der Ocean,
    und von den Andes rückhallte die Klage
          Ueber den Erdball.

    Sinkt denn der Gott dahin, fragt' ich erschüttert mich,
    So wie der Wurm des Staub's? Ist Er, der seinem Volk
    Mehr gab als Leben: die heilige Freiheit!
          Sklave des Todes?

So übertrieben, wie alle liberalen Zeitgenossen, pries auch Blum die
Helden der Pariser Julitage. Vom gesündesten politischen Urtheil zeugt
dagegen das Scherzgedicht über Griechenland, das er unter dem Titel
„Literarische Anzeige“ schrieb, und von dem so Vieles noch heute auf
den Staat der Hellenen paßt:

    „Im Jahre ein Tausend acht Hundert und dreißig
    Erschien, nachdem man erst lange und fleißig
    Zu London daran war, mit Drucken und Pressen --
    -- Auch hat man es nicht zu beschneiden vergessen --
    Ein Werkchen, betitelt: #Neugriechischer Staat#,
    In einem sehr niedlichen Taschenformat.
    Dasselbe ist ganz nach der neuesten Mode,
    So zierlich als möglich, und kurz, die Methode,
    Nach der man zu Werk ging, ist eigener Art,
    Und überall Ordnung mit Schönheit gepaart.
    Zwar wagte der Neid schon von manchen Gebrechen
    Und Fehlern, die drinnen sein sollen, zu sprechen;
    Doch können dies höchstens nur Druckfehler sein,
    Und diese sind dann um so mehr zu verzeih'n,
    Da mehrere Setzer am Werkchen gezimmert,
    Und Niemand um die Correctur sich gekümmert.
    Man suchet nun Jemanden, der den Verlag
    Des Werkchens gleich zu übernehmen vermag.“

Ganz überraschend klar und kräftig tritt aber bei Blum der
deutsch-nationale Gedanke hervor. In einer Zeit, in der fast Alle,
gelegentlich auch er selbst, berauscht waren von einem unbestimmten
Freiheitsdrang und kosmopolitischer Schwärmerei und die Erkenntniß,
daß erst auf dem Boden eines festen, einigen, deutschen Staatslebens
alle höheren Güter der Nation, vor allem die Freiheit, errungen werden
könnten, höchst vereinzelt, von Männern wie Pfizer und Dahlmann
ausgesprochen wurde, während Männer wie Börne und Heine nur Hohn
und Spott für ihr Vaterland hatten, in dieser Zeit erscheint ein
Gedicht wie dasjenige, das Blum 1831 „an Germania“ schrieb, als ein
hervorragendes Zeugniß politischer Einsicht und nationaler Klarheit. Es
heißt darin unter Anderem:

    „Völker siehst Du auferstehen,
    In des Freiheitsodems Wehen,
    In der Zeiten hehrem Lauf;
    Erntend längst gestreute Saaten.
    Treten sie im Feld der Thaten
    Kühn als #Nationen# auf.

    Ach, der Hebel aller Staaten,
    Die Erzeug'rin großer Thaten,
    Aller Völker Kraft und Macht.
    Die allein nur Muth und Stärke
    Geben kann zum großen Werke: --
    #Einheit# -- ist Dir ja versagt!

    In die einzeln schwachen Glieder
    Gießt sie Kraft und Fülle wieder;
    Einheit ist der Staaten Mark.
    Kein Erob'rer stellt verwegen
    Dann sich lüstern uns entgegen;
    Werdet #eins#, dann sind wir stark.

    Deutsche, nützt die hehren Stunden!
    Wenn sie einmal hingeschwunden,
    Sind sie ewig uns vorbei;
    Laßt das große Völkerringen
    Etwas wenigstens uns bringen:
    Werdet #eins#! dann sind wir -- frei!“

Ueberhaupt ist der gesunde Realismus, der bei aller Begeisterung
des jungen Herzens aus diesen Gedichten spricht, doppelt wohlthuend
in einer Zeit, die sich anschickte, mit Heine einem krankhaften
sentimentalen Weltschmerz sich zu ergeben. Nirgends fingirt Blum
Liebesleiden, die er nicht kannte, nirgends zeigt er sich mit der Welt
zerfallen, lebensmüde, obwohl er hierzu mehr Grund haben mochte, als
mancher Andere. Dagegen dringt wiederholt die bittere Klage über das
harte Geschick, das ihm gerade die Erreichung der höchsten Lebensziele
so unendlich schwer machte, mit der vollen Kraft eines gewaltigen
Naturlautes aus seiner gepreßten Brust. Aber immer richtet ihn auf
der felsenfeste Glaube an den Sieg der idealen Mächte, denen er sein
Streben geweiht, und damit auch an die eigene Sendung, die er zu
erfüllen bestimmt ist.

Besonders merkwürdig für seine Weltanschauung ist dabei, zumal
bei dem rein rationalistischen Glauben, den er z. B. in seinem
„Glaubensbekenntniß“ ausspricht, die feste Ueberzeugung an die
Unsterblichkeit der Seele, die er in diesen Gedichten wiederholt ebenso
deutlich bekennt, wie -- in dem letzten Briefe an seine Gattin, den er
Angesichts des Todes schrieb. In einem seiner frühesten Gedichte „An
die Zeit“ (1829) heißt es am Schlusse:

    „Du veränderst und wechselst nur jede Gestalt,
    Die im Staub sich erzeugte vom Staube;
    Doch dem Geiste droht nie der Zerstörung Gewalt,
    Er wird nie der Verwesung zum Raube.
    Zerstöre Du nur ohne Ende und Ruh' --
    Ein Theil meines Wesens ist #ewig#, wie Du.“

In der That bedurfte es eines so festen Glaubens an das Walten
der sittlichen Mächte und solcher Bedürfnißlosigkeit, wie Robert
Blum sie gewöhnt war, um auch in jenen bösen Tagen den Kopf oben
zu behalten, als Ringelhardt Anfang Juni 1831 gezwungen war,
plötzlich „aus Geschäftsrücksichten“, das heißt mit Rücksicht auf
die Geschäftslosigkeit, die Bretter, die die Welt bedeuten, in Köln
abzubrechen und Robert Blum zu entlassen. In dieser traurigen Lage
griff dieser nach dem ersten Erwerb, der sich ihm bot -- er wurde
Schreiber beim Gerichtsvollzieher Kümpeler und bezog in dieser
Stellung einen Monatsgehalt von -- sechs Thalern! Davon war #Alles#
zu bestreiten. Glücklicher Weise dauerte diese harte Prüfung nur bis
15. September. Da engagirte ihn Ringelhardt von Neuem für den früheren
Gehalt.

       *       *       *       *       *

Eine erhebliche Förderung verdankte Robert Blum diesem
Dienstverhältnisse durch die bereits erwähnte freie Verfügung über
die Theaterbibliothek des Directors. Bereits im Winter 1830 auf 1831
wurde der größte Theil der hier vorräthigen dramatischen Werke geradezu
verschlungen, später mit Muße das Beste -- vor Allem Schiller, Goethe,
Lessing, Shakespeare und was an antiken Dramen da war, wieder und
wieder gelesen, halb auswendig gelernt. Mit Schiller vor Allen gewann
Blum die größte Vertrautheit. Aber auch Goethe lernte er mehr und
mehr schätzen. Als der deutsche Dichterfürst starb, schrieb Blum ein
tiefempfundenes „Sonett auf Goethe's Tod“ in seine Gedichtsammlung.
Daneben regten die dramatischen Novitäten des Tages den kritischen
Theaterdiener an, sein Urtheil über dieselben in kurzen scharfen
Distichen auszusprechen. Viele dieser Urtheile über Stücke, die heute
noch auf dem Repertoire stehen, sind noch jetzt recht interessant.

       *       *       *       *       *

„Dummheiten, Malicen und Xenien“ hat Robert Blum selbst die kleine
Sammlung überschrieben, aus der hier einige Beispiele folgen.


        Sonst und jetzt.

    Derbe Komik, kräft'ge Witze,
    Leicht und treffend wie die Blitze,
    Traf man sonst im Lustspiel an.
    Aber jetzt sind wir verwöhnt,
    Alles Kräft'ge ist verpönt,
    Weil man's -- nicht mehr schaffen kann.


        Raupach.

    Als er noch Dichtungen gab, da waren die Stücke zu tadeln,
    Jetzt sind die Stücke zwar gut, doch ach! nicht Dichtungen mehr.


        Moderne Kritik.

    Reiße den Einen herunter, erhebe den Andern zum Himmel;
    Beides mit Brutalität, doch ohne Sinn und Verstand.
    Schreibe das Ganze -- aus Scham, aus Furcht theils auch, ohne Namen,
    Nennt man Dich bald ein Genie, denn #das# heißt heute Kritik.


        Das Orchester.

    Welche unendliche Zahl von Musikern und Instrumenten!
    Schade, daß durch das Gewühl man die Musik nicht mehr hört.


        Die Stumme von Portici.

    Glänzend brichst Du Dir Bahn in allen Ländern Europa's
    Weil Du mit sprachlosem Mund, sprichst aus dem Herzen des Volks.


        Mozart.

    Würde Musik vom Unsinn auch ganz verdrängt von der Erde,
    Deine Werke allein geben ihr ewig Asyl.


        Gleichniß.

    Wie die Fische ewig dürsten,
    Bei beständ'gem Ueberfluß,
    Schlürfen Schmeichelei die Fürsten,
    Ohne Maß und Ueberdruß.


        Schwere Wahl.

    Allopathie! Homöopathie!
    Ich schwanke schon seit vielen Tagen
    Und bitte, Freundchen, sagen Sie,
    Mit welcher darf ich es wohl wagen?
    Das ist Geschmack, der wechselt ab,
    Und richtet sich nach Zeit und Mode;
    Merkt nur den Unterschied vorab
    Und wählt dann selber die Methode:
    Die Eine bringt uns in das Grab,
    Die Andre aber blos zum Tode!


        Der Reformator.

    Thebaldus will die Welt verbessern;
    Was da besteht ist ihm zu schlecht,
    Er will ein neu Gesetz und Recht
    Um Glück und Wohlfahrt zu vergrößern;
    Doch eine Plag', die -- wenn auch #klein# --
    Doch alle bessern Menschen fliehen,
    Die will er nicht der Welt entziehen;
    Er ist es selbst mit seinem Schrein!


        Lehre.

    Meidet das starke Getränk, es schadet den Nerven, dem Geiste!
    So spricht der Weise und #wahr#. Merkt den erhabenen Spruch!
    #Wasser# hat furchtbare Kraft; es treibet das Schwungrad der Mühle,
    Brüder, das ist uns zu stark, darum -- so rath ich -- trinkt Wein.


        Glück und Unglück.

    Feindlich getrennt, im Thun und Wirken unendlich verschieden,
    Wandelt Ihr dennoch vereint, Hand stets in Hand durch die Welt.
    Nützlich seid Ihr uns Beide, die Tiefen des Lebens zu kennen:
    Lehrt uns das Glück den Genuß, lehrt uns das Unglück den Werth.


        Stolz und Hochmuth.

    Stolz, wenn er würdig ist, hält uns in ehrerbietiger Ferne
    Hochmuth stößt uns zurück, füllt mit Verachtung die Brust.


        Liebe und Treue.

    Liebe hält mit zärtlichen Armen das Leben umschlungen,
    Treue kettet sich fest, sei es auch an -- den Tod.


        Tugend und Scham.

    Unzertrennliche Genien durchwandeln sie liebend das Leben
    Diese voll Anmuth und Reiz, jene voll Würde und Kraft.
    Fällt die Scham, sie reißet die Tugend mit sich zu Grabe;
    Sinket die Tugend, die Scham hält sie mit kräftigem Arm.


Bald aber drängte die Begeisterung zu dramatischem Schaffen, die er
dem Studium der Ringelhardt'schen Theaterbibliothek dankte, jede
andere Dichtung zurück; glaubte er sich doch zum Theaterdichter ganz
besonders vorbereitet durch die tiefen Blicke, die er als Theaterdiener
hinter die Coulissen, in die Mache der Bühnentechnik gethan zu haben
meinte. Pilzartig schossen die Lust-, Schau- und Trauerspiele unter
seiner Feder in's Kraut. Die wenigen „Literaten“, die ihn ihrer
Freundschaft würdigten, Dr. Rave, Köhler, der Schauspieler Porth, der
mit ihm viele Jahre später noch von Dresden aus treu correspondirte,
natürlich auch Ringelhardt selbst, wurden von ihm unablässig mit der
unheilverkündenden Bitte heimgesucht, wieder ein neues Drama von ihm
zu lesen. Diejenigen, welche diese Freundschaftsprobe bestanden, sind
ihm für's Leben treu geblieben. Sie haben ihm auch als gute Freunde
offen und stets von Neuem erklärt, daß seine Dramen nichts taugten.
Er soll eine ungemessene Zahl seiner dramatischen Schöpfungen in's
Feuer geworfen haben, nachdem ihnen so das Todesurtheil gesprochen
worden. Wären doch alle unberufenen dramatischen Dichter so reich an
Selbsterkenntniß!

Trotzdem habe ich noch eine sehr große Anzahl dramatischer
Dichtungen aller Art, die Robert Blum selbst verfaßt hat, in seinem
handschriftlichen Nachlaß vorgefunden. Schon ihre Titel verrathen zum
Theil ihren Inhalt: „Der Vaterfluch oder die Schrecken des Fanatismus.
Trauerspiel in fünf Aufzügen.“ „Das Opfer der Bruderliebe. Ein Bild
seltener Seelengröße aus unsrer Zeit“ u. s. w. Auch eine große
Zahl „Einlagen“ von seiner Hand, Prosa und Verse, die in beliebten
Operetten, Possen u. s. w. als Neuheit eingeschaltet wurden (wie heute
neue Couplets), habe ich vorgefunden, namentlich aus der Leipziger Zeit
-- noch aus den Tagen, da er schon deutschkatholischer Kirchenvater
geworden war. Den größten Schrecken muß Robert Blum den Freunden,
die er zu Kunstrichtern über seine dramatischen Werke berief, schon
durch den Umfang seines „dramatischen Gedichtes“ Kosciuzko eingeflößt
haben. Denn der erste Theil dieser Riesentragödie oder in Scene
gesetzten Biographie würde schon mindestens zwei Theaterabende füllen
und das ganze Stück hat drei solcher Theile aufzuweisen. Von allen
Bühnenschöpfungen Blum's ist nur eine einzige gedruckt worden, aber
auch diese ist Buchdrama geblieben und niemals aufgeführt worden --
„Die Befreiung von Candia“ (Leipzig, C. H. F. Hartmann, 1836). Das
Stück behandelt eine Episode des griechischen Befreiungskampfes der
zwanziger Jahre (1822) und ist geschrieben in der pathetischen Rhetorik
der großen französischen Revolution und voll von beziehungsreichen
Anspielungen auf das damalige Deutschland; im Munde freiheitsdürstender
Neugriechen konnte diese der Censor nicht gut streichen, selbst nicht
die bezeichnenden Schlußworte des Helden:

    Seid einig, Griechen! Wenn Ihr einig seid,
    Dann seid Ihr frei und keine Macht der Erde
    Vermag es, Euch die Freiheit zu entreißen.
    Ein einig Volk ist stark, unüberwindlich!

Um dieses stille Schaffen im Zusammenhang darzustellen, sind wir dem
Gange der Lebensschicksale Blum's um Jahre vorangeeilt. Denn die
letzten dieser Dichtungen sind schon auf Leipziger Boden erwachsen.

Nach Leipzig war Ringelhardt mit dem Ende der Kölner Wintersaison von
1831 auf 1832 gezogen und hatte hier das Stadttheater übernommene:
Blum sollte Mitte Juli als Theaterdiener folgen. Da wurden dem jungen
Manne gleichzeitig zwei lohnendere Stellen angeboten: die eine in der
Redaction einer Kölnischen Zeitung, die andere als Theater-Secretär bei
einer wandernden Truppe der Rheinprovinz. Beide Angebote meldete er
Ringelhardt nach Leipzig, und dieser antwortete am 24. Mai von Ostrau:
„In Bezug einer Anstellung für Sie in Leipzig kann ich Ihnen vorläufig
Folgendes berichten: ... ich will Ihnen einen monatlichen Gehalt von
fünfzehn Thaler zahlen, mit der Zusicherung, daß, wenn Sie sich in
die Geschäfte eingearbeitet haben, ich die 200 Thaler“ (pro Jahr)
„voll machen will. Sie arbeiten dafür alle Schreibereien im Bureau,
die ich Ihnen übertrage, sei es das Schreiben von Briefen, seien es
Copialien oder Rechnungen oder das Ausschreiben von Rollen (!). Sie
übernehmen ferner (!) die Geschäfte bei der Casse und Controlle, die
Ihnen übertragen werden, sowie andere Arbeiten des Theaters, die in
das Fach einschlagen.“ Blum sagte zu. Darauf lief, nach einer längeren
Abwesenheit Ringelhardt's in Wien, von diesem ein zweiter Brief vom
25. Juni ein, in dem es hieß: „Ihr Engagement können Sie am 15. July
hier antreten, weil ich mit Ihnen alle Casseneinrichtungen vorbereiten
will und die Billets einrichten, sowie Bibliothek und Musikalien, die
ich unter Ihre Aufsicht stelle. Demnach werden Sie Theatersecretair,
Bibliothekar und Cassenassistent (!), das ist die Stellung, die ich
Ihnen gebe .... Sagen Sie dem Friseur Deveney, den ich bestens grüße,
er solle Ihnen das Recept von dem Spiritus zur Stärkung der Haare
geben, und bringen Sie mir es mit!“ Die weiteren Anordnungen des
Briefes, welcher unter Anderem versicherte: „Sie können mit Vertrauen
zu mir kommen, auch finden Sie hier ein anderes Treiben und Leben
als in Köln“, waren der mit Rücksicht auf die Cholera zu wählenden
Reiseroute gewidmet, damit Blum unterwegs nicht etwa „Contumaz“ halten
müsse.

Ob das heißbegehrte Recept zur Stärkung der Haare mitgenommen worden
ist, weiß ich nicht. Jedenfalls konnte Blum erst am 20. Juli nach
Leipzig reisen.

Er eilte der Stadt entgegen, die ihm mehr als die eigene Vaterstadt zur
Heimath werden sollte, zur Stätte seines Glückes, seines vielseitigsten
Wirkens, zur Wiege seines Ruhmes, der weit über die Grenzen seines
Vaterlandes und seiner Zeit hinausdringen sollte.



          6. Die ersten Jahre in Leipzig.

                    (1832-1836).


Leipzig war, als Robert Blum hierher übersiedelte, eine Stadt von wenig
über vierzigtausend Einwohnern, die sich hauptsächlich in der inneren
Stadt zusammendrängten[10]. Große Privatgärten bedeckten noch dicht
vor den Thoren der inneren Stadt weite Flächen Landes. Heute ziehen
dort zahlreiche Straßenzeilen nach allen Richtungen hin. Zu Vorstädten
waren damals überall erst Ansätze vorhanden. Pünktlich um zehn Uhr
Nachts wurden alle Thore geschlossen, an denen strumpfstrickende
Stadtsoldaten für die Ruhe der Bürger gewacht hatten, bis die
glorreiche Errungenschaft der Communalgarde diese Sorge übernahm. In
der städtischen Verwaltung herrschte noch unleidlicher Zopf; erst
allmählich lernte die Bürgerschaft die Freiheiten üben, welche die
neue Städteordnung vom 2. Februar 1832 gewährleistete. Eng war im
Allgemeinen der Horizont des Eingeborenen. Von einem Feuer, das in
der Stadt ausbrach, konnte man sich eine Woche lang ausschließlich
unterhalten. Das Leibblatt des Leipzigers, das „Tageblatt“, hatte
damals ein Format von 22:29 Centimeter und bot höchstens -- aber
sehr selten -- zwei Druckseiten eigene Artikel, einschließlich der
amtlichen Bekanntmachungen; die übrigen zwei Druckseiten wurden von der
berühmten „Eselswiese“ und Anzeigen ausgefüllt. Die große Leipziger
Revolution vom 2. September 1830 war in der Hauptsache das Werk von
Handwerkern und Studiosen und hatte die Kraft ihrer Sturmeswogen an
einigen Fenstern und Mobilien offenbart. Selbst die Kaufmannschaft,
das hervorragendste Element der Bürgerschaft, widerstrebte unklar und
pessimistisch der wirthschaftlichen Hauptaufgabe der Zeit: dem Anschluß
Sachsens an den Zollverein. Von ihr ging der Angstruf aus, der sich zum
Glaubenssatze des Leipzigers jener Tage ausgebildet hatte: daß Leipzigs
Blüthe dahin sei, und mit dem Anschluß an den Zollverein der ganze
Leipziger Handel einpacken müsse! Die neue Verfassung des Landes war
noch kein Jahr alt. Als die Weissagung einer neuen besseren Zeit war
sie auch in Leipzig begrüßt worden.

Die Feier des Verfassungsfestes (4. Sept.) bietet von 1832 an den
fortschreitenden Elementen der Bürgerschaft den legitimen Anlaß,
sich feierlich zu versammeln und in Trinksprüchen und Reden Umschau
zu halten über die öffentlichen Zustände, die noch unerfüllten
Wünsche des Landes. Mit großer allgemeiner Illumination wurde 1832
das Verfassungsfest gefeiert. Der reiche geadelte Wollhändler
und Schafzüchter Speck von Sternburg ließ an seinem Hause in der
Reichsstraße ein Transparent erscheinen, das die Worte trug:

    O möchte doch in unserm schönen Sachsen
    Electoral veredelt wachsen.

Den nächsten Abend erschien gegenüber ein Transparent, das diese beiden
Verse wiederholte und hinzufügte:

    Damit der Speck auf dieser Erde,
    Noch immer fetter, fetter werde.

Ueberhaupt liebte es der gesunde Bürgersinn des Leipzigers, an
Denjenigen seinen Witz zu üben, die nach Standeserhöhung trachteten.
Als ungefähr um dieselbe Zeit ein Mitinhaber der alten Firma Limburger
und Frosch geadelt wurde, war am Tage nach der Bekanntmachung des
Ereignisses an dem Geschäftslokal der Firma folgende Schrift zu lesen:

  _Ici demeure le chevalier sans peur et sans reproche,
  Autrefois Limburger et Frosch._

Wie eigenartig, vielseitig und vielversprechend für die Zukunft
pulsirte überhaupt das geistige Leben in dieser deutschen Mittelstadt!
Wohl kaum ein Schriftsteller der damaligen Zeit hatte nicht
Verlagsbeziehungen zu Leipzig; fast Jeder von ihnen ist irgend einmal
vorübergehend oder für längere Zeit nach Leipzig geführt worden. Nicht
die unbedeutendsten hatten in Leipzig dauernd ihre Heimath gewählt.
Sie alle lernte Blum allmählich kennen. Weithin glänzte schon damals
der klare Stern der Leipziger Hochschule. Mit dem Verfassungsbruche in
Hannover (12. Nov. 1837) ward auch der bedeutende Germanist Albrecht
der Universität dauernd gewonnen. In der Musik braucht man nur an Namen
wie Mendelssohn, Robert Schumann, Rietz, zu erinnern[11]. Das Theater,
von jeher ein Liebling des Leipziger Publicums in Freud und Leid,
in Fried und Streit, war von 1817 bis 1828 unter Küstner's Leitung
gestanden, 1829 sollte es unter königlicher Aegide neu organisirt
werden. Unter Ringelhardt (1832) und noch mehr unter Schmidt (1844
flg.) wurde es zu einer Pflanzstätte der reinsten künstlerischen
Bestrebungen und Darstellungskunst. Kaum ein berühmter Schauspieler,
der hier nicht längere Zeit wirkte! Rasch und freudig hat endlich
die rege, gesunde Stadt von den Freiheiten, welche Verfassung,
Städteordnung, Zollverein boten, kräftig Besitz ergriffen. Am Ausgange
der dreißiger Jahre schon regt sich Handel und Industrie der Stadt
nicht minder hoffnungsvoll wie politischer und communaler Freisinn. Die
stillen Freundschaftsgemeinden, die hier zahlreicher und intensiver
wirken, als anderswo, thaten das Beste zu dieser Wandlung.

Von selbst bot das Theater und Robert Blum's Stellung als Secretair
an demselben, mit einem so großen Wirkungs- und Pflichtenkreis wie
die contractliche Vereinbarung mit Ringelhardt ihn Blum auferlegte,
zahlreiche Gelegenheiten zur Anknüpfung interessanter Bekanntschaften.
Das Theater führte ihn mit #allen# Kreisen der Gesellschaft in
Berührung, zumeist mit Schriftstellern, Musikern, Künstlern, aber auch
mit dem Rathe, Redacteuren, Buchhändlern, Gelehrten. -- Mit Herloßsohn,
Marggraff, Gustav Kühne, Julius Mosen, Burkhardt, Dr. Apel, Sporschil,
Georg Günther, Carl Cramer, Lortzing, Hofrath Winkler (Th. Hell), sehen
wir ihn bald in eifrigem, persönlichem oder schriftlichem Verkehre.
Mit dem Geographen Dr. Carl Andree wurde er auf eigenthümliche
Weise bekannt. Blum pflegte, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu
verbinden, am frühen Morgen mit irgend einem Buche im Rosenthal sich
zu ergehen. Hier fand ihn Dr. Andree, wie er im Grase lag und sein
Buch studirte. Andree redete ihn an. Die Männer wurden bald innig
befreundet.

Selbstverständlich hielt sich der junge Theatersecretair in den
ersten Jahren seines Leipziger Aufenthaltes fern von politischer
Parteinahme und fern von dem regen Parteitreiben Leipzigs in communalen
Angelegenheiten. Unklar und formlos sprudelte ein grenzenloser
Freiheitsdrang in den Köpfen der „Literaten“, die Robert Blum's
hauptsächlichen Umgang ausmachten. Einer dieser trutzigen Denker,
die Oesterreich ausgespieen hatte und die nun an der Pleiße ihre
tiefen Offenbarungen der Welt kundthaten, schrieb in jenen Tagen die
denkwürdigen Verse:

    „Deutschland braucht noch viele Seife,
    Daß es sei gewaschen reiner,
    Und es braucht zu seiner Reise
    Noch viel Kerls wie Unsereiner“.

Unendlich roh und materiell führten Manche dieser Schriftsteller ihr
Leben. Einer der fruchtbarsten unter ihnen, Sporschil, arbeitete
wochenlang unablässig und trank dann zur Abwechslung tagelang
unablässig. Er verbarg sich dann auf irgend einem Bierdorfe bei
Leipzig, bestellte hier 24 oder 36 Glas Bier auf einmal und rastete
nicht, bis sie vertilgt waren.

Einer der begabtesten und maßvollsten dieses Kreises, Dr. Georg
Günther, später Blum's Schwager, reckte sich bei einer Kegelei, zu der
befreundete Meßfremde der Provinz eingeladen waren, plötzlich in die
Höhe und verkündete mit heiliger Begeisterung die harte Nothwendigkeit,
„daß alle deutschen Fürsten sofort zum Teufel gejagt werden müßten“.
Blum wandte sich mit würdevoller Ruhe, als ob er die blutige Rede
Günthers durchaus ernst nehme, an einen der entsetzten Provinzler
mit der Frage: was er dazu meine? Und als der Biedermann schaudernd
versicherte, daß sich bei ihm zu Hause nicht fünf Leute zu einem so
ungeheuren Frevel finden würden, klopfte ihm Blum lachend auf die
Schulter und sagte: „Brav so. -- Siehst Du, Günther, das habe ich Dir
immer gesagt.“ Vielleicht hat Robert Blum gerade durch den Umgang
mit so excentrischen, unklaren Menschen den Werth der maßvollen Ruhe
und der realistischen Betrachtung der Dinge, zu welcher seine Natur
hinneigte, um so besser erkannt.

Bald versuchte er das Leipziger Leben, wie es ihm sich darstellte,
zu schildern. Der erste Versuch dieser Art ist eine Satire, betitelt
„Die Poetenfacultät der Universität Leipzig und Kronos“, gedruckt im
„Verkündiger am Rhein“, Köln 4. Aug. 1833. Der breite und wenig witzige
Artikel gipfelt in der Versicherung des Kronos, daß er „drei Sächsische
Dinge wahrhaft unsterblich machen wolle: einen Leipziger Doctorhut,
eine Inauguraldissertation und ein Titelblatt vom Brockhausischen
Lexicon.“ Sehr viel interessanter und werthvoller ist eine Abhandlung
Blum's über die Leipziger Messen, welche im „Kölner Correspondenten und
Staatsboten“ Nr. 147-155 im Jahre 1834 erschien. In diesem Essay wird
zunächst sehr hübsch der segensreiche Einfluß des Zollvereins auf den
Leipziger Meßverkehr dargelegt, dann eine in der Hauptsache noch heute
richtige Aufzählung der Waarengattungen geboten, welche hauptsächlich
auf der Leipziger Messe gehandelt werden und Ziffern für ihren Umsatz
gegeben. Besonders lebendig und interessant aber sind die Schilderungen
des Leipziger Meßlebens. Trefflich ist das Hasten der Meßvermiether,
die Verscheuchung der Studenten durch die Meßfremden, das Gewühl
unter den Buden mit seinem gräulichen Chaos von Tönen, Gestalten und
Genußanerbietungen aller Art, die Eigenthümlichkeit der Budenstädte
auf den Hauptplätzen der Stadt und endlich das charakteristische
Gepräge jeder einzelnen Meßwoche, beschrieben. „Das Tageblatt selbst,
diese literarische Fundgrube, die schwerlich in Deutschland ihres
Gleichen finden möchte[12], wird täglich voluminöser. Ganze Schaaren
langbärtiger Israeliten mischen sich in frohem Zuge, als ob es zum
gelobten Lande ginge, in das bunte Gewühl. Männer aller Länder und
aller Meinungen leben in der ungetrübtesten Eintracht nebeneinander.
Die leider nur zu sehr Mode gewordene politische Kannegießerei ist
verschwunden; Alles spricht, denkt und empfindet nur den Handel und
entwirft Speculationen und Hoffnungen für die beginnende Messe.“
Auch längst verschwundene Eigenthümlichkeiten der Leipziger Messe,
der Pferdemarkt und der Judenmarkt, sind hier geschildert. Ueber
letzteren heißt es: „Vor dem Hallischen Thore, an einer Stelle, wo
die sich rings um die Stadt ziehende Promenade am breitesten ist,
wird den Söhnen Isaaks und Jakobs ein Breter-Eldorado aufgeschlagen,
in welchem sie vierzehn Tage ihr Wesen treiben. Achtzig bis hundert
eng zusammengedrängte kleine Buden vereinigen hier die bärtigen
und unbärtigen Hebräer aller Zonen zu einer dichtgeschlossenen
Handelskolonie; und in ewig entzweiter Einigkeit -- da einer dem andern
beständig den Käufer abzulocken sucht -- feiern sie im Kleinen das
Fest der Wiedererhebung ihrer großen Nation. Band aller Art, englische
und deutsche Manufacturwaaren und Bijouterien sind ihre vorzüglichsten
und fast einzigen Handelsartikel und es ist interessant zu beobachten,
welche unzähligen kleinen Künste in Bewegung gesetzt werden, um die
Waare anzupreisen und den Durchwanderer zum Kaufe zu veranlassen.
Findet auch der Unkundige den beim Einkaufe gemachten Profit, bei
Lichte besehen, zuweilen weit unter Erwartung, so steht der Judenmarkt
doch im Allgemeinen im Rufe der möglichsten Billigkeit und wird sehr
zahlreich, selbst von den höheren Ständen besucht.“ Dann heißt es
weiter: „Auch die deutschen Buchhändler tragen wesentlich zur Belebung
dieser Woche bei; denn schaarenweise kommen sie im Anfange derselben
aus allen deutschen Gauen hierher und beginnen gegen Mittwoch oder
Donnerstag, nach Durchsicht der ihnen vorangegangenen Krebse, ihre
sonderbare Berechnung, bei der gewöhnlich große Summen, aber wenig
Baarschaft zum Vorschein kommen!“

So irrig Blum hier über das Abrechnungssystem des deutschen Buchhandels
urtheilt, so falsch urtheilt er wenige Zeilen nachher über die „in der
letzten Zeit stattgefundene Anregung einer Eisenbahn nach Dresden.“
Er sagt, „man habe mit Recht gegen dieses Project eingeworfen, daß
man eine Bahn in der Richtung anlegen müsse, wo sie Handelsvortheile
gewährt, nicht aber in einer Richtung, wo sie, wie nach Dresden, als
eine bloße Promenadenbahn zu betrachten sei, die nach klaren (?)
Berechnungen nicht einmal das Anlagekapital decken, viel weniger
einen soliden Gewinn geben könne[13]. Die Urheber des Planes scheinen
jedoch darauf beharren zu wollen und streben durch einen unrichtigen
Patriotismus ihre Landsleute zur Theilnahme zu bewegen, welche
Mühe jedoch bis jetzt fruchtlos blieb, da noch kein Groschen zum
Anlagekapital unterzeichnet ist. Ueberhaupt dürfte, wenn man auf dem
bisher verfolgten Wege beharrt, die Bahn in den nächsten 25 Jahren
nicht zu Stande kommen.“ Die Bahn wurde bekanntlich wenige Jahre
später eröffnet, und erfreute sich unter dem wackeren Gustav Harkort,
dem jüngst in Leipzig ein Denkmal gesetzt wurde, Jahrzehnte lang
einer trefflichen Leitung. Seltsamerweise finden wir Robert Blum, der
in dem obigen Urtheil die allgemeine öffentliche Meinung jener Tage
sowohl, als die Ansicht kluger Volkswirthe aussprach, fast auf allen
Generalversammlungen der Actionäre der Leipzig-Dresdner Bahn als
Oppositionsredner gegen die Verwaltung[14].

Endlich enthält dieser Essay Blum's über die Leipziger Messe
am Schlusse noch folgendes bemerkenswerthe Urtheil über den
Buchhändler-Meßkatalog von 1834: „er ist sehr arm, so voluminös er sein
mag, und fast keine einzige ausgezeichnete literarische Erscheinung ist
darin zu bemerken. Die Pfennig-Gelehrsamkeit scheint sich immer mehr
auszudehnen, und das Pfennig-Magazin von _Bossenge père_, die erste
Erscheinung in diesem Genre, welches jetzt 50,000 Abonnenten zählt,
hat nach Ablauf seines ersten Jahrganges ein neues Reizmittel für die
Leser erfunden, indem es ein historisches „Gratis-Magazin“ als Zugabe
giebt, die jedoch auch #allein# für den Preis von 12 Gr. jährlich zu
haben ist. Im Gebiete der Musik hat sich ebenfalls die Pfennigmanie
-- über die die Aerzte so wenig wie über die Cholera einig sind, ob
sie contagiös oder epidemisch ist -- verbreitet und wir zählen jetzt
bereits drei musikalische Pfennig-Magazine, die manches Gute, aber auch
manches höchst Mittelmäßige bringen, was nicht einmal einen Pfennig
werth ist.“

Eifrige Selbstfortbildung, namentlich in Geschichte und
Staatswissenschaften, und ebenso eifrige schriftstellerische und
poetische Production füllen in diesen ersten Jahren seines Leipziger
Aufenthaltes Robert Blum's Mußestunden. An der Hochschule hörte er bei
Drobisch Logik, bei dem Privatdocenten Dr. Burkhardt, seinem intimen
Freunde, Geschichte der neuesten Zeit. Fast sämmtliche belletristische
Zeitschriften jener Tage bringen lyrische Gedichte, Recensionen, auch
größere Essays über literarische Tageserscheinungen von Robert Blum.
Die Honorareinnahmen, die er von der „Aurora“, der „Abendzeitung“, den
„Rheinblüthen“, „Unser Planet“, der „Zeitung für die elegante Welt“ u.
s. w. von 1832 bis 1837 bucht, sind theilweise bedeutend, namentlich
für damalige Honorarverhältnisse und den damaligen Geldwerth.
Vortrefflich versteht er in diesen Artikeln seine politischen Ansichten
und Tendenzen vorzutragen unter der Maske wissenschaftlicher oder
harmlos plaudernder Recensionen epochemachender geschichtlicher und
socialer Werke der Zeit, namentlich der Revolutionsgeschichte von
Mignet und Adolf Thiers und der interessanten Schrift Bulwer's „über
Frankreich in socialer literarischer und politischer Beziehung“, so
daß der Censor ihm nichts anhaben kann. Für seine Arbeit über die
Geschichte der französischen Revolution allein erhielt er (1837)
zehn Friedrichsd'ors bezahlt. Auch ist er einer der gesuchtesten
Prologdichter der Zeit. „Vom Prinzen-Mitregent[15] 10 Thaler,“ bucht
er am 31. Mai 1833. Aehnliche Honorare trugen ihm die wiederholten
Prologe zum Sächsischen Constitutionsfest (1834, 35 u. s. w.), ein
Festspiel für Meiningen und ein Prolog bei der Wiedereröffnung der
Magdeburger Bühne (1834) ein. Seine finanziellen Verhältnisse waren
sehr befriedigend geworden. Die Seinen daheim erhielten reichliche
Unterstützungen und Geschenke von ihm.

Am Theater ist er schon um die Mitte der dreißiger Jahre die Seele
des Unternehmens geworden. Bei den häufigen Reisen Ringelhardt's und
des Regisseurs Düringer dirigirt Blum den Musentempel mit weiser
Oeconomie, großem Geschick und zur vollen Zufriedenheit der Künstler
wie der Bürgerschaft. Ihn selbst führen Dienstreisen häufig von
Leipzig fort, nach Frankfurt, Stettin, Danzig, Berlin u. s. w. Auch
literarisch-polemisch stand er seinem Director treu zur Seite. Mit
einem Herrn von Alvensleben, einem Theaterrecensenten Leipzigs, führte
er unter dem Namen seines Directors schlagfertig und überzeugend
eine kritische Fehde vor dem Publikum[16]. Sogar „Ein Hochlöbliches
Ober-Censur-Collegium hierselbst“ rief Ringelhardt um Beistand an in
einer von Blum verfaßten, mir im Concept vorliegenden Eingabe, die mit
der Bitte schließt: „daß es E. H. O. C. C. gefallen möge, unbeschadet
jeder #wahren Kritik#, die in den hiesigen Blättern häufig enthaltenen
Schmähungen, persönlichen Beleidigungen und boshaften Pasquille
gegen das hiesige Theater und die einzelnen Mitglieder desselben zu
unterdrücken und dem Institute den zu seinem Bestehen nöthigen Schutz
gütigst zu gewähren.“

Die ersten Ferientage in seiner anstrengenden Arbeit, die erste
Erholungsreise auf eigene Kosten gönnte er sich am 21. Juni
1835. Er reiste in die Sächsische Schweiz. Er hat die Erlebnisse
niedergeschrieben und veröffentlicht. Das volle Gefühl glücklicher
Freiheit, das ihm hier zu Theil ward, faßt er gleich zu Anfang seiner
Reiseerinnerungen in die Worte: „Um nicht gar zu früh nach Pillnitz
zu gelangen, nahm ich in Dresden einen Einspänner, der mich nach der
Pillnitzer Fähre brachte. O, wie mir wohl war auf diesem knarrenden,
stoßenden Throne, den ich mir für das Opfer von 20 Gr. errungen hatte,
und wo mich, statt des Weihrauchs, die gleich angenehmen Wolken von
dem Kneller meines redlichen Schwagers[17] und dem in dichten Massen
aufwehenden Staube umwallten. Es muß doch etwas Herrliches sein um
die Erhabenheit, um die Herrschaft. Ich fühlte mich so groß auf meinem
erhabenen Droschkensitze, so reich und so glücklich! Hinter mir lag
ein anstrengendes, mich stets belastendes Geschäftsleben, das drei
Jahre wie ein ehernes Joch auf meinen Schultern geruht hatte, ohne
mir nur einen einzigen Tag der Erholung zu gönnen; in mir wallte das
selige Bewußtsein, daß ich diesem Joche auf volle acht Tage entronnen
sei und mich frei ergehen könne in der freien Natur; vor mir der Kreis
der ersehnten Berge, eingehüllt in einen grauen Schlafrock und den
Dampf ihrer riesigen Morgenpfeife in dichten Nebelwolken gegen Himmel
sendend, über mir der halb heitre, halb bewölkte Himmel“ u. s. w. „So
kam ich nach der Fähre, im Fluge tanzte der leichte Kahn über den
gekräuselten Spiegel des lachenden Stromes und den Wanderstab in der
Hand, die grüne Reisetasche wie ein Botaniker umhängend, stand ich bald
am jenseitigen Ufer. Aber es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.“

Das ist der Grundgedanke, der ihn inmitten der höchsten Reize der Natur
erfaßt, welche diese Wanderung verschwenderisch vor ihm ausbreitet.
Zum vollsten Genusse der frohen Tage fehlte ihm die Gegenwart des
Mädchens, bei dem sein Herz weilte auch inmitten der reinen Freuden,
welche die Natur ihm bot. Er konnte sich nicht versagen, diese Stimmung
in seinen Reiseerinnerungen wiederholt anklingen zu lassen. Denn er
las diese Erinnerungen, wie Alles, was er dichtete und schaffte,
daheim der Auserwählten seines Herzens vor. Die junge Dame hieß
Auguste Forster und muß mit dem Theater in irgend einer Verbindung
gestanden haben. Bald war Robert Blum so glücklich, Gegenliebe zu
finden. Sein ernster Sinn war nur darauf gerichtet, das geliebte
Weib zur Genossin des bescheidenen Glückes zu machen, das er nach
langem harten Ringen um eine gesicherte Existenz nun sein nannte.
Doch sollte ihm der Schmerz nicht erspart bleiben, in seiner ersten
Liebe getäuscht zu werden. Den Seinen in Köln wurde die Braut, wie
die Briefe der Schwester Blum's aus den Jahren 1835 und 1836 ergeben,
schon 1835 als „theure Freundin“, dann immer deutlicher als künftige
Lebensgenossin bezeichnet. Im Juli oder August 1836 muß er den Seinen
den Besuch Augustens in Köln bestimmt angezeigt und beabsichtigt haben,
dorthin zu folgen, um das Jawort der Eltern zu seiner Verbindung mit
ihr zu erbitten. Schwester Gretchen berichtet ihm am 28. August 1836
ausführlich, wie freundlich sie Alles hergerichtet hatten, um die Braut
des Haussohnes zu empfangen. Aber Auguste ist nie nach Köln gekommen.
Ein reizender Mädchenkopf (Aquarelle) in Etui unter convexer Glasdecke,
eine bräunliche Locke, die das Oval des Bildes umschließt, einige
leidenschaftliche unglückliche Gedichte an Auguste sind die einzigen
Erinnerungen, die Robert Blum an seine erste tiefe Herzensliebe
bewahrt hat. Im August 1836 ist dieser Traum dahingegangen zwischen
dem Morgenroth zweier Tage. Der Inhalt seiner Gedichte und der Briefe
seiner Schwester läßt keinen Zweifel darüber zu, daß das schwere Wort
„Untreue der Geliebten“ den Hoffnungen seines Herzens ein Ziel setzte.

Der Stimmung seines Herzens in jenen Tagen gibt am besten Ausdruck das
Gedicht, das er „Abschied“ überschrieben.

    „Ein Schifflein schwebt auf dem empörten Meere
    Und ringt verzweifelnd mit des Sturmes Noth,
    Verloren ist ihm Richtung, Ziel und Fähre,
    Der Mast zerschellt, der seinem Lauf gebot.
    Und durch die düstre ungeheure Leere,
    Die wild erbrausend rings Verderben droht,
    Starrt hin der Schiffer in des Ostens Ferne,
    Als sucht' er dort nach einem Rettungssterne.
    Du kennst das Meer, das wilde, sturmempörte,
    Das Leben ist's, an Schmerz und Freuden reich;
    Du kennst das Schifflein, das der Sturm verstörte:
    Ein Menschenglück ist's, ach! so hoffnungsreich;
    Du kennst den Schiffer, dem es angehörte,
    Ein treues Herz ist's, liebevoll und weich;
    Du kennst den Hafen, den er heiß ersehnte
    Und selig schon erreicht zu haben wähnte.

    -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
    -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

    Erglänzt ihm einst das Licht mit seinem Segen,
    Es findet einen morschen, müden Mann;
    Und mag der Hafen in der Ferne winken,
    Er wird ihn sehen, aber untersinken.“

Freunde, die Seinigen in Köln, Arbeit in Menge, erfüllten ihn bald
mit tröstlicherer Stimmung und brachten ihm das schwere Leiden des
Herzens in Vergessenheit. Den wesentlichsten Antheil aber an seiner
Aufrichtung und Tröstung hatte die Loge. Ihr war er seit Anfang des
Jahres 1836 beigetreten. Schon früher (S. 33) ist eine Stelle aus
der interessanten „biographischen Skizze“ mitgetheilt worden, die
er den Ordnungen des Bundes gemäß vor seiner Aufnahme in denselben
einreichen mußte. Es heißt hier u. A.: „Mein Bildungsgang ist der eines
Menschen, den ein widriges Schicksal in seiner Entwicklung hemmt und
zurückstößt. Der Durst nach Wissen, vom zwölften bis achtzehnten Jahre
unterdrückt durch Mühen und Arbeit, erwachte erst dann wieder, als es
zu spät war, die mangelnden Grundelemente in die Seele zu legen und
nur mit großer Mühe und anhaltendem Fleiße ist es mir gelungen, das
Versäumte einigermaßen nachzuholen. Noch jetzt füllen Studien alle
meine Mußestunden aus und meine größte Freude besteht darin, meine
geringen Kenntnisse allmählich zu erweitern, und wenn mir das Glück
zu Theil wird, als Mitglied eines Bundes aufgenommen zu werden, der
die schönsten geistigen Kräfte in sich vereint, so hoffe ich davon
vertrauensvoll einen wesentlichen Einfluß auf meine geistige und
sittliche Vervollkommnung, nach der ich stets aus allen Kräften ringen
werde. Heil dem Bunde“, heißt es später höchst charakteristisch, „wenn
die nothwendige, aber dem Herzen drückende Sonderung der Stände im
conventionellen Leben jenseits seines Kreises liegt, wenn der Mensch
im Menschen nur den Bruder sieht und sich nur freiwillig neigt vor der
höheren Tugend desselben. Lieblich vereinen sich dann die Wohlthaten
und Vorzüge unserer gesteigerten Bildung und Intelligenz mit den süßen
kindlich-reinen Freuden der patriarchalisch-brüderlichen Vereinigung,
die nur in der Kindheit der Gesellschaft dem Menschengeschlecht
gelächelt haben. Es wohnt dann im Bunde die wahre reine Freiheit und
Gleichheit, an welcher der Lichtblick des Denkers hängt, als an dem
Ideale menschlicher Glückseligkeit; #nicht jene Freiheit, die auf
den Trümmern der vernichteten socialen Zustände ein blutiges Banner
schwingt und der unglücklichen Menschheit Gleichheit gibt, indem sie
Allen gleiches Elend bereitet#; sondern jene Freiheit, die ein Kind
ist des Lichtes und des Rechts, der Ruhe und des Friedens, und die nur
dann allen Menschen gleiche Glückseligkeit geben kann und wird, wenn
Alle aus allen Kräften an ihrer sittlichen Vervollkommnung arbeiten
und festhalten an der Tugend, ohne welche keine Freiheit möglich ist.“
Am Schlusse heißt es: „Mit frohem Herzen darf ich mir sagen, daß ich
bis jetzt keinem Menschen Veranlassung gegeben habe, mich zu hassen
und kann die Versicherung hinzufügen, daß ich frei von jedem Hasse
bin. Religion und Moral machen uns die Duldung zur Pflicht und das
Leben -- besonders in der jetzigen vielbewegten Zeit -- macht sie
zur unbedingten Nothwendigkeit eines friedlichen Daseins. Ich habe
nach Kräften gestrebt mir diese Tugend, wenn ich sie so nennen darf,
anzueignen, und traue mir den Muth zu, sie in allen Verhältnissen
auszuüben.... So fest ich überzeugt bin, daß die Religion -- im
weiteren Sinne -- das höchste Gut des edlen Menschen ist, so klar liegt
es vor mir, daß dieselbe rein und vollkommen gefunden werden muß in
einem Bunde, der die Tugend als Cultus übt und nur für die höheren
Interessen des menschlichen Daseins wirksam ist.“

So hoch Robert Blum die Erwartungen spannte, welche die Aufnahme
in den Freimaurerbund ihm befriedigen sollten und so sehr ihn in
den ersten Jahren der geheimnißvolle Kreis der Brüder anzog, so
gering hat er später über den Orden geurtheilt. Der überaus harte
Artikel „Freimaurer“ in seinem „Volksthümlichen Handbuch der
Staatswissenschaften und Politik“[18] ist aus seiner Feder, wenn auch
dabei aus naheliegenden Gründen sein Signum fehlt.

Wenn am Schlusse dieses Artikels gesagt ist: „die Freimaurervereine
sind jetzt nichts weiter als Wohlthätigkeitsanstalten“ und dann weiter
„die Formen, Gebräuche und Symbole des Ordens eines denkenden Menschen
geradezu für unwürdig“ erklärt werden, so liegt das Ungerechte des
Urtheils auf der Hand. Aber deutlich und treffend ist in dem Artikel
ausgesprochen, was Blum allmählich den Bund entfremdete: „Die Aufhebung
jedes Unterschiedes in den Logen ist nicht wahr. Man nennt sich
zwar Bruder, aber Stand, Rang und Geld haben in den Logen dieselbe
Bedeutung wie außerhalb derselben. Auch die Bekenntnißverschiedenheit
macht sich in den Logen geltend und steigt bei vielen bis zur
völligen Unduldsamkeit; so sind z. B. in vielen Logen die Juden
ausgeschlossen.“ Der eigentliche Grund aber, der Blum mehr und mehr
die Loge gleichgültig, ja widerwärtig machen mußte, ist in diesem
Artikel nicht ausgesprochen: je mehr die politische Agitation in
den Vordergrund seiner Strebungen trat, um so ferner rückte ihm der
Wirkungskreis der Loge, in der jede politische Discussion grundsätzlich
verpönt ist.



  7. Erstes politisches Wirken. Eigene Häuslichkeit.

                   (1837. 1838).


Selten hat ein Land in den ersten Jahren seiner constitutionellen
Aera so wenig politische Regsamkeit gezeigt, als das Königreich
Sachsen. Im Jahre 1831 war die Verfassung gegeben worden. In den
andern deutschen Staaten, namentlich in Süddeutschland, waren die
ersten Jahre des constitutionellen Lebens für die Betheiligung der
Bürger an öffentlichen Dingen die lebendigsten und fruchtbringendsten
gewesen. In Sachsen dagegen verhielt sich der Unterthan im ersten
halben Jahrzehnt des Verfassungsstaates fast so ruhig und langweilig,
wie in den vergangenen Tagen des absoluten Königthums. Mannigfache
Gründe wirkten hierfür zusammen. Schon der erste Landtag des neuen
Verfassungsstaates hatte eine lebhafte Reaction am Werk gefunden:
die Bundesbeschlüsse von 1832 standen in frischer Wirksamkeit, die
Presse war noch mehr gefesselt als zuvor, weit wurden die Rechte der
Krone, eng diejenigen der Landtage überall ausgelegt. Zudem war den
Mißständen, welche in Sachsen die Bewegungen von 1830 hervorgerufen
hatten, schon durch die Verfassung im Wesentlichen abgeholfen und das
erleuchtete humane Ministerium Lindenau arbeitete eifrigst daran,
alle noch unerledigten gerechten Wünsche des Landes auf dem Wege
der Gesetzgebung zu befriedigen. Dem Ackerbau wurden die drückenden
Lasten abgenommen, eine neue Städte- und Landgemeindeordnung gab den
städtischen und ländlichen Gemeinden die Anfänge der Selbstverwaltung.
Die ungeheuren Vorrechte des Adels wurden überall zum gemeinen Nutzen
beschnitten. Außerordentlich bedeutend und epochemachend sind die
Reformen des Rechtslebens, die Sachsen dieser Zeit verdankt. Die
Finanzen des Staates erfreuten sich einer blühenden Lage; durchaus
loyal gestaltete die Regierung den Ständen die verfassungsmäßige
Feststellung und Controle des Staatshaushaltes. Ueberall ergreift die
Regierung in diesem Zeitraum die Führung zu Reformen, gestützt durch
das bürgerliche, oft auch durch das bäuerliche Element der Kammern,
häufig gehindert und fast immer befehdet durch den Adel der ersten
und zweiten Kammer. Die Regierung selbst erkennt schon in den ersten
Jahren die schweren Fehler des Wahlgesetzes. Streng nach Standes- und
Klasseninteressen sind beide Kammern zusammengesetzt. In ungeheurer
Mehrheit befindet sich das Element des ländlichen Grundbesitzes. Der
schwere Fehler, an dem noch heute die Sächsische Gesetzgebung in allen
Zweigen krankt, daß sie von Bauern für Bauern gemacht wird, trat damals
besonders grell hervor. Die Intelligenz, der selbstlose patriotische
Idealismus fanden kaum Zutritt zur Kammer nach diesem Wahlgesetz, nach
dem der Stand den Standesgenossen, und zwar immer aus dem eigenen
Wahlkreise (!), wählen mußte. Die Kammerverhandlungen der ersten Jahre
nach 1831 zeigen daher fast überall nur Standeshader, höchst selten die
Erörterung wichtiger politischer Princip- oder Freiheitsfragen.

Das wurde schon in etwas anders, als das rührige Voigtland, das schon
1831 einen Preßverein nach dem Muster der süddeutschen gegründet hatte,
im Jahre 1836 die Abgeordneten Carl Todt (Bürgermeister von Adorf) und
von Dieskau (Advocat und Patrimonialrichter aus Plauen) in den Landtag
sandte. Sie durchbrachen zum ersten Male die landesübliche Nüchternheit
und Genügsamkeit und ließen zum ersten Male im „Landhaussaale“ zu
Dresden jenen Ton des schwungvollen, kühnen und rücksichtslosen
Liberalismus vernehmen, der bisher nur aus weiter südlicher Ferne
nach Sachsen herübergedrungen war. Und wenn auch die beschränkte
Bureaukratie und Aristokratie, welcher hauptsächlich die Gegnerschaft
dieser jungen Opposition galt, sich über die Kleinheit dieser Fraction
vorläufig nur lustig machte, so erweckte doch die Unverzagtheit und
Ueberzeugungstreue, das unleugbare Geschick dieser Redner überall im
Lande den freudigsten Wiederhall und regte an zur Bildung thätiger, die
Opposition im Lande verstärkender politischer Kreise.

Aus dem großen, mehr zufällig zusammengewürfelten Kreise der Leipziger
Bekanntschaften hatte Robert Blum allmählich einen kleineren Ring
wirklicher Freunde ausgesondert, mit denen er und die mit ihm
immer inniger zusammenwuchsen. Harmlose gesellige Heiterkeit hatte
die jungen Männer anfangs zusammengeführt. Bald aber wurden die
allgemeinen Angelegenheiten der Stadt, des Landes, des großen deutschen
Vaterlandes in den Bereich der Verhandlungen gezogen und ernsthaft
durchgesprochen; gemeinsam wurde zu wichtigen Tagesfragen Stellung
genommen und in bestimmtem Sinne Einwirkung auf die öffentliche Meinung
beschlossen, durch die Presse, durch persönliche Agitation in der
Bürgerschaft, durch Betheiligung der Freunde an öffentlichen Festen
mit patriotischer Tendenz. In diesem engeren Kreise verkehrten die
Schriftsteller Hermann Marggraff, Carl Herloßsohn, Th. Hell, der
feurige Julius Mosen, so oft er Leipzig berührte, der kenntnißreiche,
ruhig erwägende Karl Andree, der joviale gottbegnadete Componist
Lortzing und Kapellmeister Stegmeyer, der blinde Dichter Dr. Theodor
Apel, der eifrig zur Localgeschichte der großen Völkerschlacht
sammelte; sie Alle patriotisch bewegt, wenn auch der practischen
Politik ihrer Natur oder ihrer Berufsthätigkeit nach nicht unmittelbar
zugewandt. Auf ein unmittelbares politisches Wirken dagegen drängten
andere Genossen dieses Freundeskreises: der feurige Dr. Georg Günther,
Mitredacteur der Leipziger Allgemeinen Zeitung, nicht minder der
von allen Revolutionen hoch begeisterte junge Historiker Burkhardt,
der eben an seiner Geschichte der neuesten Zeit arbeitete, lange
Jahre das beste Buch dieser Art, bis es durch die archivalischen
Forschungen späterer Geschichtsschreiber in Schatten gestellt wurde;
außerdem der bescheidene, fleißige und opferfreudige Journalist Carl
Cramer; der gelehrte und in allen öffentlichen Dingen eifrig und
scharfsinnig thätige junge Privatdocent der Rechte Dr. Schaffrath; die
patriotischen jungen Advocaten Dr. Hermann Joseph und Dr. Rudolf Rüder,
der formgewandte feine Buchhändler Robert Friese, der bald nachher es
wagte, in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ das erste Sächsische
Blatt herauszugeben, das, ganz unabhängig von der Regierung[19], die
radicalen Wünsche des jungen Deutschlands und des vorgeschrittenen
Sächsischen Liberalismus laut werden ließ. Bald, zu Anfang der 40er
Jahre, war dieses Blatt die gelesenste politische Zeitung Sachsens,
Blum einer der fleißigsten Mitarbeiter desselben.

Es darf nicht wunder nehmen, daß die ersten Schritte in das
politische Gebiet, welche dieser Freundeskreis that, der Ermunterung
und theilnehmenden Förderung patriotischer Feste galten. Haben wir
Deutschen doch noch mehr als zwanzig Jahre später, vom Ausgange der
Reaktionszeit 1859 an bis zum Kriege des Jahres 1866 in solchen
patriotischen Festen die geeignetste Form gesehen, um vaterländische
Gesinnungen und Wünsche auszusprechen und nationalen Sinn in den Massen
zu fördern. In dieser Absicht wurde von Blum und seinen Freunden
alljährlich das Constitutionsfest gefeiert, zu Schützenfesten angeregt
und vor Allem die für den 6. November 1837 projectirte Einweihung des
Gustav-Adolph-Denkmals bei Lützen zu einem großartigen vaterländischen
Volksfeste gemacht. Selbst ein so rein sächsisches Gemüth wie das
Große's hat in seiner Geschichte Leipzigs mit Rührung bekannt, wie
mächtig der Hauch deutschen Geistes an jenem Festtage zu spüren
gewesen und daß diese Richtung der Feststimmung vor Allem Leipzig zu
danken gewesen sei[20]. Schon wochenlang vorher hatten Blum und seine
Freunde in diesem Sinne gewirkt. Wir besitzen eine höchst weihevolle
Schilderung des Festes aus Blum's Feder[21], aus der hier einige der
characteristischsten Stellen folgen mögen:

  „So ist er denn glücklich vorüber der feierliche Tag, der die Völker
  zweier Nachbarländer in eine ungewöhnliche Bewegung setzte und im
  ganzen norddeutschen Vaterlande einen freudigen Anklang fand, oder
  doch finden sollte. Himmel und Erde schienen sich verschworen zu
  haben, das Fest zu stören; in Leipzig stürzte am Abend vorher die
  Brücke zusammen, über welche die ganze Karawane der Theilnehmer
  ziehen mußte, und am Morgen regnete der Himmel unbarmherzig herab
  auf den langen Zug der Fahrenden und Gehenden und machte ein so
  unfreundliches Gesicht, daß man glauben mußte, er wolle allein
  trauern an diesem Tage. Aber es war nur Verstellung; der Himmel hatte
  uns eine Ueberraschung vorbehalten und gab ohne Subscription und
  königliche Beisteuer eine Darstellung des 6. Nov. 1832 aus eigenen
  Mitteln, denn die Geschichte erzählt uns ja, daß an diesem Tage der
  Himmel in einen grauen Nebelmantel gehüllt war bis gegen Mittag, und
  dann erst Licht herabsandte auf die kampfdürstenden Schaaren, daß sie
  sich erkennen und erfassen konnten.... Viele mochten den Sinn der
  Feier fühlen, für den Gedanken der Religionsfreiheit, der sich an den
  Schwedenkönig knüpft, begeistert sein; allein an den Ausspruch einer
  Begeisterung ist die deutsche Menge noch nicht gewöhnt. Hier und da
  blickte aus dem Gewühl ein Auge gen Himmel oder ins nebelhafte Weite
  und suchte nach einem Gustav Adolph, wie er der Gegenwart Noth thut.

  Ziel- und zwecklos schlenderten wir durch die Straßen, der Dinge
  harrend, die da kommen sollten. Aber auf dem Markte war plötzlich
  ein graues Denkmal zu erblicken, ein wanderndes, ein verwittertes
  Monument vergangener Zeit: der alte, biedere, viel verketzerte,
  vielgekränkte, aber gewiß ehrwürdige #Jahn#. Seine Erscheinung
  erregte Aufsehen und sammelte einen Kreis von Menschen um sich,
  die ihn mit neugierigen Blicken, wie einen Fremden aus ferner
  unbekannter Welt anstaunten. Und er ist ein Fremder in unserer
  Zeit; seine historische Bedeutung, seine öffentliche Existenz
  knüpft sich an einen Himmelsstrich der Weltgeschichte, der dem
  unsrigen sehr fern liegt, und dessen Dasein unsere Enkel gar nicht
  mehr begreifen werden. #Jahn# ist das Monument des Deutschthums
  von 1812 und 1813. Mochte dieses Deutschthum abstoßend sein in
  einigen Formen, unfreundlich in seiner äußern Schroffheit, es
  war eine Zeiterscheinung voll Kraft und Hoffnung, voll Mark und
  volksthümlichen Lebens, voll schöner Keime und mächtig schwellender
  Fruchtknospen; es war begreiflich, daß ein Mann sich dieser Richtung
  ganz hingab und den geistigen Kern der Sache zur Anschauung brachte
  durch seine Bestrebungen. Jahn hat das gethan, mit Liebe und Eifer
  gethan, und seine ganze Individualität daran gesetzt. Das eben ist
  sein Unglück, daß sein geistiges Sein aufging in diesen Bestrebungen;
  denn als die Gestalt der Dinge sehr bald sich änderte, als man ihn
  von sich stieß, er aber auf der eingeschlagenen Bahn beharrte, da
  verstand ihn bald die Welt nicht mehr und er ward zur Carricatur
  seiner selber. Das alte Lied vom Franzosenhaß klang inmitten neuer
  Lebensfluthen wie ein altes Zauberlied in Ossianischer Sprache,
  das ein grauer Barde vom einsamen Felsen singt, um die Fluth zu
  beschwören; aber die Fluth will sich nicht mehr bannen lassen, und
  die Schiffer, die mit neuen Wimpeln segeln, lachen über die alte
  seltsame Weise. So stand Jahn vereinsamt da im wechselvollen Leben
  und tappte blindlings umher, um die neuen Zustände zu erfassen,
  die ihm entschlüpften, weil die Spekulation an die Stelle der That
  getreten war. Da wurde er Greis aus Verzweiflung, und als eine Ruine
  vergangenen Lebens wandelte er gespenstisch durch die Gegenwart.
  So steht er noch da; seine Gestalt, seine männliche Haltung und
  der kräftige Ausdruck seines Gesichtes repräsentiren die Kraft der
  That und den eisernen Muth der Hoffnung, indessen sein schneeweißes
  Haar an den Verfall seiner Epoche gemahnt. Sein silberweißes Bart-
  und Haupthaar flattert verstreut im Winde, wie die Hoffnungen und
  Entwürfe von 1813 spielend verweht wurden von dem Zugwinde wankender
  Menschentreue. Lacht nicht über diese Ruine, Zeitgenossen! Ehrt sie
  und denkt an unser eigenes Schicksal! Unsere Zeit ist ganz geeignet,
  das männlich schlagende Herz zu beruhigen in harmlosem Wahnsinn. Wer
  weiß, ob nicht auch wir stereotyp werden mit unsern Träumen künftiger
  Weltgestaltungen, ob wir nicht fortphantasiren und an der Speculation
  hangen bleiben, wenn das Leben erwacht ist zur That. Man soll uns
  dann nicht verlachen! Es war ja das heiße Herzblut, die schöne Kraft
  der Jugend und die goldene Hoffnung der Zukunft, womit wir diese
  Träume gepflegt und genährt.“

  Nachdem dann der Festzug und die begeisterte Ovation geschildert
  ist, welche die Leipziger Studentenschaft dem alten Jahn darbrachte,
  heißt es weiter: „Der Bischof Dräsecke aus Magdeburg hatte jetzt die
  geschmückte Kanzel bestiegen und die Seminaristen von Weißenfels
  sangen eine Motette, worauf der Bischof das Gebet sprach. Dann ward
  ein von Würkert gedichtetes Festlied gesungen. Der Bischof hielt
  nun die #Weihrede#, die, wenn auch nicht das beste Product dieses
  genialen Kanzelredners, ganz der Feier angemessen, voll erhabener
  schöner Gedanken, geistreicher Wendungen und tiefer Empfindung
  war. Historische Erinnerungen und eine treffliche Anwendung der
  Bibelstellen auf das Denkmal bildeten den Inhalt. Mit wahrhaft
  begeisternden Worten bereitete der Redner die Enthüllung des Denkmals
  vor, die auf seinen Wink erfolgte; die Hülle wollte nicht herab,
  das Monument des edlen königlichen Helden und einer thatkräftigen,
  lebensrüstigen Zeit hielt sein graues Gewand fest, um nicht enthüllt
  zu erscheinen vor einer blos denkenden, thatunlustigen Gegenwart. Und
  der Bischof war der einzige, der es feierlich und freudig begrüßte;
  die fernen Instrumente schmetterten _ex officio_ einen obligaten
  Jubel, und die Kanonen riefen ein dumpfes „Willkommen!“ Man hatte
  das Pulver gespart, oder beim Laden Rücksicht genommen auf das zarte
  Geschlecht; sie knallten wie eine Windklapper, die ein Knabe sich
  von Papier faltet. Nicht #ein# Ruf der Freude, nicht #ein# Zeichen
  des Beifalls, der Theilnahme und Erhebung gab sich kund bei der
  versammelten Menge. Begeisterung und Enthusiasmus standen nicht in
  der Festordnung, und der Deutsche hält fest am Vorgeschriebenen. Nur
  eine Lerche flog trillernd über das Monument hin und schmetterte die
  Jubelhymne der Freiheit durch den weiten Himmelsraum; sie verschwand
  im unendlichen Dome, wie der Lichtgedanke der That, den Himmel
  suchend, verschwindet. -- Auch die Sonne trat heraus aus ihrem grauen
  Morgenanzuge und grüßte hellstrahlend das Denkmal eines leuchtenden
  Menschengestirns; aber sie zog den Schleier bald wieder zu, als sie
  die kalten Menschenherzen erblickte, die es umstanden.

  Eine bunte Menge trieb sich nach der Feierlichkeit um das Monument
  herum, dasselbe bewundernd, erklärend und kritisirend. Die weite
  Ebene war bunt bewegt und glich in ihrer wirren Lebendigkeit einem
  aufgescheuchten Bienenschwarme. Ich hatte mich an den alten Invaliden
  gedrängt, der freudestrahlenden Blickes dastand in der Volksmenge
  und mühsam sich aufrecht zu erhalten suchte im wilden Gedränge. Er
  war sehr glücklich der gute Alte, über seine Versorgung, die ihm
  monatlich 8 Thlr., freie Wohnung und freies Holz bringt. Hier kann
  er träumen von Schlachten und Siegen, kann die Gespenster ziehen
  sehen, Nachts über die Todesebene, bis der Tod ihn zur Ruhe ruft mit
  dem letzten Zapfenstreiche. Der Alte war besonders sehr glücklich,
  daß der hochwürdige Bischof auch #ihn# erwähnt habe in seiner Rede
  und gesagt: „er solle in der Bewachung des Monuments seine letzte
  Erdenwache verrichten;“ es war noch Ehrgeiz in seiner Brust, denn
  er that sich viel darauf zu Gute, daß er der Einzige sei von allen
  Wächtern, der dieses Fest erlebte. Ich fragte ihn, wo er sein Bein
  verloren habe? er zeigte nach Leipzig und sagte mit selbstgenügsamem
  Witz: „dort habe ich's gesäet, damit es keime und wachse und ich
  mir neue Beine holen kann, wenn dies eine alt und schwach wird.
  Ist's nicht aufgegangen, lieber Herr?“ Armer Mann! begrabe deine
  Hoffnung, scharre deinen zerrissenen Kranz ein zu deinem Beine;
  du hast in ein unfruchtbares Feld gesäet. Leipzigs Auen geben die
  Saaten nicht vervielfältigt zurück, die man ihnen vertraute, sie
  liegen wie ein Lebendigbegrabener in der stillen Erde und ringen
  ununterbrochen den furchtbaren Kampf zwischen Tod und Leben. Wenn
  man einsam dahinwandert über die blutgedüngten Felder, so hört man
  ihr verzweifeltes Aechzen und das Blut stockt im warmen Herzen, die
  Nerven durchzuckt es fieberisch, und man möchte die Erstickenden
  befreien mit Aufopferung des eigenen Lebens. Aber ein böser Zauber
  hält sie gefangen, und noch ist der Glückliche nicht erschienen, der
  ihn zu lösen vermag. Gustav Adolf der neuen Zeit, wo weilst Du?“

  Im Gegensatz zu der Gleichgültigkeit der Spießbürger Lützens wird
  dann die schöne Begeisterung der Studenten und Bürger Leipzigs, ihre
  in Lied und Wort mächtig durchdringende patriotische Feststimmung
  geschildert. Daß Robert Blum selbst einen der begeistertsten
  Trinksprüche ausbrachte, verschweigt er bescheiden. Zum Schlusse
  schreibt er: „Um die Lohe der rings um das Denkmal aufgehäuften
  Pechfackeln schallte brausend das frohe „_Gaudeamus_“ als
  Schlußgesang zu dem lichten Nachthimmel empor. Während desselben
  stiegen in der Ferne #zwei# Raketen auf, wahrscheinlich eine
  Ueberraschung, die die Stadt Lützen ihren Gästen bereitet hatte!“

  Die Menge verlief sich, nur der Invalide blieb einsam an dem
  stillen Denkmal, welches zu wachsen schien in der dunklen Nacht,
  als ob es emporsteigen wolle zu den Sternen. „#Wir bedürfen großer
  Mahlzeichen#, sagte der Bischof Dräsecke, an #denen wir ausruhen
  von großen Thaten und uns ihrer erinnern#.“ Dort standen zwei
  Mahlzeichen vergangener kräftiger Epochen nebeneinander; das eine
  erhob sich siegend in der Gegenwart, obschon es zwei Jahrhunderte
  trug; das andere stand nur gespenstig noch aufrecht und wankte,
  mit nur 24 Jahren belastet, der Vergessenheit zu. Wie verschieden
  die Ergebnisse der Weltgeschichte sind. Der Himmel lag licht und
  sternenklar ausgebreitet über der Ebene und der Mond erhellte sie mit
  freundlichem Lichte; Sternschnuppen flogen durch die stille Nacht und
  berührten wie tröstende Gottesgedanken das schmerzlich zuckende Herz,
  tief im Innern neue Hoffnung und Zuversicht erweckend, und in die
  Seele tönte es wie Engelchöre, welche sangen:

    Eine feste Burg ist unser Gott,
    Ein gute Wehr und Waffen;
    Er hilft uns frei aus aller Noth,
    Die uns itzt hat betroffen.

  Wir wollen ihm vertrauen, #dem# Gotte der im Himmel thront und in der
  reinen Brust des Menschen, die nach Licht und Freiheit dürstet.

  Ehre sei Leipzigs Bürgerschaft und Universität! sie waren es, die dem
  Feste #den# Glanz verliehen, worin es prangte.

                                                #Robert Blum.#

  P. S. Ich habe das Wichtigste vergessen: es fand durchaus keine
  Ruhestörung Statt.“

Bald ward der Bürgerschaft Leipzigs Gelegenheit geboten, die
patriotischen Gelübde, die an dieser geweihten Stätte dargebracht
worden waren, zur That werden zu lassen. Am 17. November 1837 hatten
die mannhaften sieben Göttinger Professoren Dahlmann, Albrecht,
Gervinus, die Gebrüder Grimm, Weber und Ewald dem Curatorium
der Universität einen Protest überreicht gegen die eidbrüchige
Verfassungsverletzung des Königs Ernst August von Hannover. Der Protest
wurde veröffentlicht und jubelnd in ganz Deutschland begrüßt von Allen,
welche Recht und Gesetz und geschworene Eide hoch hielten. Das waren
unter dem allgemeinen Molluskenthum, das seit den Bundestagsbeschlüssen
von 1832 an der Oberfläche unseres öffentlichen Lebens schwamm, doch
einmal sieben ganze Männer! Sie wagten dem eidbrüchigen Verbrecher auf
dem Throne zuzurufen: „das ganze Gelingen ihrer Wirksamkeit beruht
nicht sicherer auf dem wissenschaftlichen Werthe ihrer Lehren als auf
ihrer persönlichen Unbescholtenheit. Sobald sie vor der studirenden
Jugend als Männer erscheinen, die mit ihren Eiden ein leichtfertiges
Spiel treiben, ebensobald ist der Segen ihrer Wirksamkeit dahin. Und
was würde Sr. Majestät dem Könige der Eid unserer Treue und Huldigung
bedeuten, wenn er von Solchen ausginge, die eben erst ihre eidliche
Versicherung freventlich verletzt haben.“

In Leipzig namentlich fand der kühne Schritt der Göttinger Sieben wohl
den begeistertsten Widerhall. Nur Hamburg und Kiel konnten sich mit
Leipzig in thatkräftigem Handeln messen. So rein und naturgewaltig
drang von Leipzig die Zustimmung zurück zu Dahlmann und seinen
Genossen, daß, als das Schicksal des treuen „Siebengestirns“ sich
erfüllt hatte, Dahlmann und Albrecht nach Leipzig ihre Augen und
Schritte lenkten, als nach einer neuen Heimath. Doch schon lange ehe
es soweit kam, hatte Leipzig gehandelt so kräftig und opferbereit wie
keine andere Stadt. Am 7. December gaben die Liberalen Leipzigs den
aus der Ständeversammlung heimgekehrten Abgeordneten ein Festmahl,
das hauptsächlich Blum angeregt und zu Stande gebracht hatte. Ein
kräftiges Tafellied aus seiner Feder wurde gesungen. Hier regte er mit
Andern an, eine Adresse an die Sieben Göttinger zu senden. In wenigen
kräftigen Worten hob sie das große Verdienst der eidestreuen Männer
hervor und erregte bei Dahlmann, an dessen Adresse sie gesandt wurde,
besondere Freude. Dabei begnügte sich aber Leipzig nicht. Schon am 9.
December erließen hervorragende Kaufleute, Gelehrte, Buchhändler der
Stadt einen Aufruf zur Zeichnung von Beiträgen für den Fall, daß „jene
biedern Männer ihres Amtes verlustig gehen sollten“ und in den ersten
zwölf Stunden schon hatten Reich und Arm, Jung und Alt, Männer und
Frauen der Leipziger Bürgerschaft fast tausend Thaler für die Göttinger
Sieben gezeichnet. Wenn Robert Blum's Name unter diesem schönsten
Zeugniß fehlt, das der Patriotismus der Leipziger Bürgerschaft in den
dreißiger Jahren sich ausstellte, so sprechen doch zahlreiche Beweise
dafür, daß er mit der ganzen ihm eigenen Thatkraft für die Sache
der sieben Göttinger wirkte. Er hat noch manches Jahr später, als
er schon der anerkannte Führer des vorgeschrittenen Liberalismus in
Leipzig war, immer, wo es irgend anging, vermieden, seinen Namen an
die Spitze zu stellen oder hervorzudrängen, vor Allem deßhalb, weil er
sich seiner abhängigen Stellung als Theatersecretair bewußt war und
mit Recht annahm, daß in den Augen des Publikums höhere Titel, die
Namen gelehrter, reicher oder berühmter Männer mehr wirken würden,
als der seine. Aber man braucht nur die Leipziger Allgemeine Zeitung,
die Elegante Welt, das vom Abgeordneten Todt herausgegebene Adorfer
Wochenblatt, und alle sonstigen Zeitungen jener Tage, auf welche Robert
Blum direct oder indirect Einfluß hatte, aufzuschlagen, um zu erkennen,
wie begeistert und nachhaltig er die Sache der Göttinger Sieben
förderte. Hat doch auch Johann Jacoby, sein getreuer Gesinnungsgenosse,
in Königsberg sich an die Spitze der Agitation und Sammlungen für die
sieben tapfern Gelehrten gestellt.

Und als dann das Erwartete geschah, und der König seinem Eidbruch
den schnöden Rechtsbruch hinzufügte, die sieben Professoren am 11.
December ihres Amtes enthob und sie als Verbannte in die weite
Welt trieb und dann Dahlmann und nach ihm Albrecht in Leipzig ein
Asyl suchten, da hat Robert Blum die armen Vertriebenen öffentlich
angeredet und ihnen, umgeben von Hunderten gleichgesinnter schlichter
Bürger, die trostreiche Versicherung zugerufen, daß sie nicht zu
verzagen brauchten, da das Herz des ganzen deutschen Volkes mit ihnen
schlage, das ganze deutsche Volk sie stütze und trage. Das war die
erste öffentliche Rede Blum's: sie galt der Anerkennung opfermuthiger
Pflichterfüllung, unbeugsamer Manneswürde, der Brandmarkung rechtloser
und eidbrüchiger fürstlicher Willkür.

Wie tief Robert Blum die lebendige Erinnerung an die Frevelthat des
Königs von Hannover und den Heroismus der Göttinger Sieben bewahrte,
erhellt aus seinen Reden, Briefen und Schriften der folgenden Jahre.
Als längst die öffentliche Theilnahme für das Ereigniß und seine Opfer
erkaltet war, wies er immer von Neuem darauf hin. Auch das nächste
Geburtstagsfest des Königs von Sachsen gedachte er zu diesem Zwecke zu
benützen. Er hatte, wie gewöhnlich, den Theater-Festprolog verfaßt. „Es
ist des Königs Fest“ heißt es da:

    „Des Königs, der, als in den jüngsten Tagen
    Ein ferner Sturm das Völkerheil bedroht,
    #Ein# Königliches Wort nur durfte sagen,
    Das jeder Sorge, jeder Furcht gebot,
    Das seinen Namen weit hinaus getragen
    Und anknüpft an der Zukunft Morgenroth,
    Das dem Verdienst, dem freien Männerworte
    Eröffnet des Asyles heil'ge Pforte.“

„Bezieht sich auf die Aufnahme der Göttinger Professoren,“ hat
Blum in einer Anmerkung zum besseren Verständniß Eines Hohen
Theater-Ober-Censur-Collegiums dieser Strophe hinzugefügt. Aber gerade
diese Deutlichkeit der Anspielung brachte die Strophe zu Fall. Man war
in Dresden in banger Sorge über Dahlmann's Anwesenheit in Leipzig.
Selbst der wackere freisinnige Minister Lindenau berief sich ihm
gegenüber auf die 1832er Bundestagsbeschlüsse[22]. Nur Albrecht duldete
man und stellte man an, da gegen ihn der welfische Rachezorn bei
weitem geringer tobte, als gegen den Führer der Sieben. Unter solchen
Umständen durfte natürlich die Regierung zu Königs Geburtstag nicht
erinnert werden an ihre großen Worte, da die Armseligkeit ihrer Thaten
bald aller Welt kund werden sollte.

Oben ist schon angedeutet worden, daß die Leipziger Messen Robert Blum
auch in rege persönliche Verbindung mit hervorragenden, an öffentlichen
Angelegenheiten lebhaft theilnehmenden Männern der Provinz brachten.
Die zwanglose gesellige Form des Blum'schen Kreises, persönliche
Beziehungen zu dem einen oder andern Mitgliede dieses Kreises führte
nach und nach fast alle bedeutenderen Männer der Provinz, die in den
Messen oder außerhalb derselben Leipzig berührten, in diesen Kreis: den
wackeren Weber Franz Rewitzer aus Chemnitz, die rührigen Fabrikanten
Böhler und Mammen aus Plauen im Voigtland, zahlreiche Buchhändler und
Verleger aus ganz Deutschland, die Abgeordneten der Sächsischen Kammer
Dieskau, Todt, später Braun und zahlreiche Andere, die in den kommenden
Jahren eine nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte ihres engeren
und weiteren Vaterlandes gespielt haben. Mit ihnen allen fast hat Blum
die persönlich in Leipzig geknüpften Beziehungen in regem Briefwechsel
unterhalten und auf diese Weise stets ein treues, durch die Erweiterung
seines Freundeskreises immer umfassenderes Bild von dem politischen
Leben der Provinz erhalten.

Das Jahr 1837 sollte nicht scheiden, ohne die Wunde, welche die Untreue
der Auguste Forster in Blum's Herzen zurückgelassen, vollständig
zu heilen und ihm das schönste Glück für die Zukunft zu verheißen.
Schon im Sommer 1837 meldete er den Seinen nach Köln, daß er ein
junges Mädchen kennen gelernt habe, das ihn mächtig anziehe. Im
Frühjahr desselben Jahres war er durch einen Freund, Ferd. Mey, in
dessen elterliches Haus in Leipzig eingeführt worden. Dieses Haus
lag an der Dresdener Straße, unweit des äußeren Grimmaischen Thores,
das vierundzwanzig Jahre zuvor die Königsberger Landwehr unter
Friccius gestürmt hatte. Noch hafteten überall die Kanonenkugeln der
Völkerschlacht in den Mauern der Häuser. Jenseits des Thores, wo das
Mey'sche Haus zur Rechten lag, war damals fast Alles noch Garten. Mit
der Rückseite stieß das Besitzthum an das üppig-grünende Heiligthum des
Johanniskirchhofes. Wer konnte ahnen, daß auch der jungen Liebe, die
dort emporkeimte, die Trauerweide des Friedhofes in so furchtbarer Nähe
erwachsen sollte!

Ein achtzehnjähriges Mädchen (geboren 1. Mai 1819) war Adelheide
Mey, als Robert Blum sie zuerst kennen lernte; in kleinbürgerlichem,
leidlich wohlhabendem Hause, unter den Blumen und Bäumen des Vaters war
sie aufgewachsen, ein Naturkind, schlicht, offen in allen Empfindungen
und Gedanken, gleichgültig fast gegen alle tiefsten Zweifel des
Menschenherzens, da keiner dieser Zweifel noch den Frieden ihrer
Seele getrübt hatte, bis der geistvolle neue Freund leise tastend
ihrem Glauben, ihrer Erkenntniß nachspürte. So zog ihr Wesen, ihre
Erscheinung den Vielgeprüften mächtig an, gerade wegen des Gegensatzes
ihrer Art und Entwickelung zu der seinen. „Jeder Schritt in das Leben
war ihr neu, reizend,“ schreibt Blum später an seine Eltern, „es
war mir vorbehalten, sie jeden dieser Schritte zu führen, und ihr
freudiges Erwachen zu einer höheren Erkenntniß, zu einem geistigeren
Lebensgenusse, war mein süßester Lohn. Auch erhob sie sich in geistiger
Beziehung mit jedem Tage; ich sah sie gedeihen unter meiner Leitung wie
eine sorgsam gepflegte Blume und freute mich so innig an ihrer immer
reicheren Entfaltung.“

Sehr bald schloß sich der Bund der jungen Herzen. Die Eltern und Brüder
der Braut waren der Werbung gewogen; der Vater liebte Blum wie seinen
besten Sohn, und bis an Blum's Ende hat der kreuzbrave schlichte Mann
große Stücke auf den Schwiegersohn gehalten. Das Bild Adelheids steht
vor mir in Lebensgröße; sie ist vom Maler Storck in Oel gemalt, in
ihrem blaßblauen Brautkleide, das dunkle Haar kunstlos und kurz in
Locken um die Stirn ausgehend, das braune Auge lebhaft, die Lippen
üppig, Gesicht und Gestalt lieblich, aber in Nichts ungewöhnlich; doch
Maler Storck war kein Schmeichler.

In der Nummer des Tageblattes und der Leipziger Zeitung vom 3. Februar
1838 war die Verlobung des Paares öffentlich angezeigt worden. Am 1.
Mai 1839, dem neunzehnten Geburtstage Adelheids, widmete ihr Robert ein
Gedicht, das beginnt: „Ein schöner Maitag gab Dir einst das Leben,“
und das endet mit der Frühlingshoffnung des Bräutigams, der in wenig
Wochen Gatte werden sollte: „Und unser Leben wird #ein# Maitag sein.“
Ja -- #ein# Maitag, ein kurzer Frühlingstag, in der That! Um in Leipzig
heirathen zu können, mußte der Kölner Robert Blum zuerst in Sachsen
staatsangehörig werden. Die einfachste Form hierzu war die Erwerbung
eines Grundstückes. Am 20. April bucht er „Kaufgeld für das Haus und
Kosten 126 Thlr. 6 Gr.“ Es war eine Breterbude in der Nähe Leipzigs.
Am 21. Mai fand die Hochzeit statt. Da gab das ganze Theater dem
beliebten Secretär Beweise seiner freundlichen Zuneigung in Versen,
Gratulationen, Geschenken. Regisseur Düringer hatte sich in Dichtkunst
gewaltig angestrengt. In der ersten Etage des Mey'schen Hauses wohnte
das junge Paar seit der Hochzeit.

Die Mußestunden jener glücklichen Wochen füllte die Arbeit am
Theaterlexicon, mit dessen Plan und Vorarbeiten sich Blum schon lange
getragen hatte und das nun bald erscheinen sollte. Am 29. Juni 1838
hatten Blum, Herloßsohn und Marggraff mit dem Major Pierer in Altenburg
und Carl Heymann „aus Berlin“ als Verleger, einen schriftlichen
Verlagsvertrag über das Unternehmen abgeschlossen, das unter dem Titel
„Allgemeines Theaterlexicon“ in drei Bänden von höchstens 75 Bogen in
Duodez erscheinen sollte. Für den Druckbogen zahlten die Verleger
drei Friedrichsd'ors; bei einem Absatz von zwei Dritteln der Auflage,
die auf 3500 Exemplare bemessen wurde, sollte noch eine Nachzahlung
von 14 Gr. pro Bogen stattfinden. Ursprünglich war statt Marggraff's
Dr. Carl Andree als Mitredacteur in Aussicht genommen. Andree hatte
den Plan und die Vorarbeiten wesentlich fördern helfen. Aber seine
Berufung nach Mainz hinderte ihn, an der Ausführung des ihm selbst
lieben Planes mitzuwirken. Leider führte dieser Vorfall zu einem
völligen Bruche mit Düringer, der sich eingebildet hatte, er werde
an Andree's Stelle in die Redaction berufen werden. Den gekränkten
Biedermann trieb die Leidenschaft soweit, daß er zusammen mit dem
Inspicienten des Leipziger Stadttheaters, Barthels, der nicht einmal
orthographisch schreiben konnte, an einem Gegenwerke arbeitete, welches
das Theaterlexicon Blum's und seiner Freunde todt machen sollte. Dieser
Plan ist freilich mißlungen. Blum's Theaterlexicon darf noch heute als
ein fleißiges, gründliches, seinen Stoff vollkommen beherrschendes,
durchaus ehrenwerthes Werk bezeichnet werden, das zu der Zeit, wo es
erschien, zweifellos eine wesentliche Lücke der Literatur ergänzte
und auch heute noch für die Geschichte der Theater, namentlich die
Theaterzustände vor vierzig Jahren, mit Nutzen gebraucht werden kann.
Unter allen schriftstellerischen Arbeiten, die Blum hinterlassen, steht
es in unsern Augen am höchsten, weil der Verfasser bei diesem Werke
seinen Stoff am vollständigsten beherrschte -- während das z. B. in
seinem Staatslexicon durchaus nicht der Fall war -- und am wenigsten
Tendenz hineintrug, vielmehr rein sachlich und mit weiser Objectivität
arbeitete. Auch kam dem Werke zu Gute die Mitarbeiterschaft einer
großen Anzahl praktischer Kenner der Sache, in deren Herbeiziehung Blum
unermüdlich war. Schon bei Abschluß des Verlagsvertrages mit Pierer
und Heymann, der seit der Ostermesse 1838 allerdings in den Grundzügen
schon verabredet war, hatte die Zahl der Briefe, die Blum in Sachen des
Theaterlexicons an die Mitarbeiter geschrieben, bereits vierhundert
überschritten.

Die Beziehungen zu Pierer und Heymann und eine lohnende Arbeit,
welche Blum unerwartet im August übertragen wurde (die Durchsicht und
Correctur eines Lexicons) machten es ihm möglich, nachträglich, gegen
Ende August noch eine Hochzeitsreise anzutreten. Diese Reise, mit ihrer
langen, achtzehnstündigen Postfahrt und den vielen Gastereien, welche
die Freunde in Berlin boten, war bei dem Körperzustand der jungen
Gattin ein starkes Wagniß, das leider in der verhängnißvollsten Weise
enden sollte. Am 9. September 1838 schrieb Robert Blum darüber an seine
„lieben Eltern.“

„Im Juli ersuchten mich unsere Verleger im Interesse unseres
Unternehmens und auf ihre Kosten eine Reise nach Berlin zu machen,
was ich auch zusagte. Meine Frau war theils ganz verstört, daß ich
sie vier bis sechs Tage verlassen solle, anderntheils sprach sie den
lebhaften Wunsch aus, mich zu begleiten; doch war sie so vernünftig
einzusehen, daß dies bei unsern Verhältnissen nicht anging. Da führte
mir der Zufall eine Arbeit zu, die sehr schwierig aussah, aber schnell
vollendet sein mußte; ich nahm sie für vierzig Thaler an und vollendete
sie in #einer# Woche Nachts. Dieser Verdienst, an den ich nicht dachte,
den ich als gefunden betrachten mußte, veranlaßte mich, meiner Frau die
große Freude zu machen, sie mitzunehmen. Mußte die Arme doch den ganzen
Tag allein sitzen und ich konnte ihr, bei meinen vielen Arbeiten, so
wenig Vergnügen machen. Heute würde ich untröstlich sein, wenn ich ihr
diesen Wunsch versagt hätte. --

Am 20. August reisten wir froh und munter ab und Adelheid hatte eine
unendliche Freude, als sie die pompöse, riesige Stadt sah. Dienstag
und Mittwoch war sie ganz wohl und heiter, Donnerstag bekam sie
ein leichtes Erbrechen, was wir jedoch ihren Verhältnissen und dem
Umstande zuschrieben, daß sie Vormittags ein Glas Eis gegessen hatte;
auch war sie zu Mittag ganz wohl und ließ sich sogar den Champagner
trefflich schmecken. Freitags war sie unwohl, hatte Kopfschmerz,
Erbrechen, keinen Appetit, und da wir Abends reisen wollten, so fragten
wir einen Arzt, ob es nicht besser sei, die Reise um einen Tag zu
verschieben. Dieser aber, als er hörte, daß wir von einem Gastmahl
zum andern geschleppt worden waren, erklärte ihre Unpäßlichkeit für
eine Magenüberladung, die sich von selbst verlieren würde, ehe wir den
halben Weg zurückgelegt hätten, und hieß uns muthig reisen. So reisten
wir denn Abends ab“ (25. August).

Die Krankheit der Frau wird nach der Ankunft in Leipzig, die am
Sonnabend Mittag (26. August) erfolgte, immer schlimmer. Ein Arzt und
außerdem Professor Braune werden gerufen. Durch energische Mittel wird
das Fieber so weit gemildert, daß die Kranke sich bis Mittwoch (29.
August) leidlich wohl fühlt. Gegen halb elf Uhr Nachts tritt eine
Frühgeburt ein. Obwohl die Hebamme Alles für ungefährlich erklärt,
schickt Blum „zum Hofrath Jörg, dem ersten Geburtshelfer Sachsens
und hinsichtlich seines Ruhmes von ganz Deutschland, mit dem ich
durch seinen Sohn, der mein innigster Freund ist, bekannt bin. Er
erklärte, meine Frau wenigstens sehen zu wollen. Beim ersten Anblick
nahm er mich bei Seite, erklärte mir, daß die Frau #sehr krank# sei,
und ließ sich ihre Krankheitsgeschichte ganz genau erzählen, prüfte
dann alle Recepte, billigte das Verfahren des Professor Braune und
verschrieb vier verschiedene Arzneien. Der Hofrath blieb bis ein
Uhr“ (Nachts den 30. August) „bei mir, gab selbst die erste Arznei,
entließ die Hebamme, gab mir die genauesten Anweisungen und hieß
mich jeden Athemzug bewachen. Als ich ihn begleitete und meine Frage
wiederholte: ob die Sache lebensgefährlich werden können sagte er:
‚Es thut mir von Herzen leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber es ist
schon lebensgefährlich. Wenn sie ruhig bleibt, so haben wir Hoffnung;
wird sie unruhig, so hat unsere Kunst ein Ende.‘ Mit welchem Gefühle
ich mich nun an's Bett setzte, könnt Ihr leicht ermessen, nie habe
ich ängstlich Secunden und Athemzüge gezählt wie die folgende Stunde.
Adelheid war ganz ruhig, nahm ihre Arznei und klagte nur zuweilen
mit tiefer Schmerzensstimme: ‚Ach, Robert, mir ist's sehr schlecht.‘
Gegen halb zwei Uhr schlief sie ein, das Herz schlug weniger stark
und ein Hoffnungsblitz zuckte durch meine Seele. So dauerte es fort,
die alte Mutter legte sich auf's Sopha, ich, der ich drei Nächte
nicht geschlafen hatte, fühlte mich sehr müde und legte mich um drei
Uhr auf's Bett auf Zureden der Wartefrau, der ich den Befehl gab,
mich bei der geringsten Anwandlung von Unruhe, bei jedem stärkeren
Athemzuge, zu wecken. Ich war wohl kaum eingeschlummert, als sie mich
aufrief. Adelheid war erwacht, die Herzschläge wurden wieder heftig,
der Puls zeigte Fieber, sie hatte heftigen Durst und wollte nicht
ruhig liegen. Jetzt kannte ich mein fürchterliches Loos, und während
mir das Herz brechen wollte, mußte ich mit der scheinbar größten Ruhe
für sie sorgen. Gegen vier Uhr wurde das Fieber heftiger, die Unruhe
krampfhaft, der Verstand entwich und nur #ich# war der leitende Faden
in ihren Phantasien. Ich ließ Eltern und Brüder wecken, schickte
eiligst zu allen drei Aerzten und hielt mit allen Leibeskräften mein
leidendes Weib. Den Jammer der Mutter erkannte sie, ohne ihn zu
verstehen. Vater und Brüder erkannte sie nicht mehr; mich umklammerte
sie fest und bat um Schutz und Hülfe gegen wer weiß welche äußere
Dinge; der Todeskampf schien die Gestalt äußerer Anfeindungen für
sie angenommen zu haben. Um fünf Uhr kamen die Aerzte zusammen,
deliberirten lange, verschrieben noch eine Arznei, legten Senfpflaster
hin und wieder; leere Versuche, sie war hin! Um sechs Uhr kam der
#letzte# Krampf, sie hatte Streit mit Jemand in der Theaterloge
und drohte, ihren Mann zu rufen. Auf meine Frage, ob sie mich noch
erkenne, schlang sie einen Arm heftig um meinen Nacken und sagte:
‚Ich heiße Karoline Blum und mein Mann heißt Robert!‘ Das waren ihre
letzten Worte; die Pulse stockten plötzlich, sie hatte ausgelebt
und ausgelitten! Das Herz schlug noch heftig bis gegen sieben Uhr,
die Lippen zuckten convulsivisch, aber die Seele war entflohen; ein
Nervenschlag hatte ihrem Dasein ein Ende gemacht.“

„Ich unternehme es nicht, Euch unsern Jammer zu schildern; wozu soll
ich Worte machen über Dinge, die sich nicht beschreiben lassen. Meinen
Verlust könnt Ihr selbst abschätzen in seinem ganzen ungeheuren
Umfange. Von allen Aussichten, von allen Glücksträumen, die ich mir
mit so vielen Mühen, Sorgen und Kosten erworben hatte, ist mir nichts
geblieben: das ist die ganze Ernte von dem üppig prangenden Felde
meiner Hoffnungen. Was ich im vorigen Jahre so sehnsüchtig zu verlassen
wünschte, das öde, einsame, herzlose Junggesellenleben, ich werfe mich
jetzt in dasselbe zurück, um den marternden Erinnerungen zu entfliehen,
die in meiner zertrümmerten Häuslichkeit mich verfolgen. Ich muß mein
schönes freundliches Logis verlassen, denn ich kann keine Ruhe und
keinen Arbeitsmuth darin finden und doch muß ich arbeiten, viel, viel
arbeiten, wenn ich die drückenden Nachwehen der entsetzlichen Woche
verlöschen will.... Ach, das Schicksal hat uns fürchterlich betrogen;
nur den kürzesten Frühling hat es uns gegeben und dann ungerechter
Weise den herbsten Winter folgen lassen. Doch ich will ja nicht klagen.“

„Sonntags den 2. September wurde Adelheid beerdigt; der traurige Fall
hatte die Stumpfheit der Menschen ungewöhnlich aufgeregt und Theilnahme
erweckt; Sarg und Träger vermochten kaum die Kränze zu fassen, die
von allen Seiten geschickt wurden. Schaarenweise waren die Menschen
gekommen, sie zu sehen. Ach, sie sah so friedlich still und lieb aus;
ihre schönen Brautkleider hatte sie seit der Trauung nicht wieder
angezogen, jetzt liegt sie darin im Sarge. Fürchterlicher Wechsel,
#einmal# zur Trauung, #einmal# im Sarge! und in so kurzer Zeit. -- Wir
hatten nur drei Wagen angenommen, die der Leiche folgten; aber alle
meine Bekannten kamen uneingeladen in eigenen Wagen und es wurde ein
langer feierlicher Zug. Auf dem Gottesacker waren Hunderte von Menschen
zusammen, das ganze Theaterpersonal stand um das Grab und empfing den
Sarg mit feierlichem Gesange; Düringer[23] hielt eine vortreffliche
Rede, ein erhebender Chor, von Stegmayer componirt zu diesem Zwecke,
folgte darauf und der Geistliche, der uns getraut hatte, sprach den
letzten Segen. Dann sank mein armes junges Weib in die Tiefe, aus der
sie #ewig nie# wiederkehrt! Ich habe von alle dem fast nichts bemerkt,
denn alle meine Sinne hafteten auf dem schwarzen Sarge und dem tiefen
Grabe; aber ganz Leipzig sprach drei Tage lang von dieser Leichenfeier,
wie selten eine gesehen wurde. Der oft verketzerte Schauspielerstand
hat sich darin ein schönes Monument gesetzt.... Es ist dies der
bitterste Brief, den ich in meinem Leben geschrieben habe.“

Arbeit die Fülle fand Robert Blum in seinem tiefen Schmerze.
Aber Trost gewährte auch sie ihm nicht. Vergeblich suchten die
Freunde ihn zu zerstreuen. Bis zu Visionen steigerte sich sein
aufgeregter Seelenzustand. Am 24. September und 1. October erschien
ihm die Verstorbene und führte lange Gespräche mit ihm, die er
niederschrieb[24].

Etwa acht Wochen nach dem Tode der Frau sandte er den Eltern und
Schwestern kleine Andenken an die Geschiedene aus deren Nachlaß und
schrieb dazu u. A.: „Damit sende ich Euch denn die letzten Zeichen
meiner guten Frau und bitte Euch, sie nun nicht mehr erwähnen zu
wollen, wie ich es auch nicht mehr thun werde. Ach, es ist sehr
schmerzlich, daß man sich das einzige Ueberbleibsel eines grausam
zerstörten Glückes, die Erinnerung, auch noch verkümmern muß; aber
es ist nothwendig und heilsam. -- Ich bin nun ausgezogen[25], wohne
in der Nähe des Theaters mit freundlicher Aussicht auf die Promenade
und habe freundliche Wirthsleute gefunden. Die Arbeit, deren ich in
den letzten sechs Wochen #sehr viel# hatte, hat mich zerstreut und
ich bin ziemlich ruhig. Nur wenn ich das Bild meines armen Weibes --
doch ich will ja nicht mehr von ihr reden. -- Meine Freunde bemühen
sich, mich zu zerstreuen und führen mich häufig fast gewaltsam in
Privatgesellschaften; dort bin ich allerdings ein trüber Genosse und
wenn der weinfrohe Muth oft das Wohl von Weib und Kindern ausbringt,
verkündet sich mein Unglück in unwillkührlichen Thränen; aber häufig
fühle ich auch, daß mir die erheiternde Unterhaltung recht wohl thut
und mir zu neuer Geschäftigkeit Lust und Muth gibt. Zu den Eltern gehe
ich sehr oft, bringe einen Theil meiner freien Abende dort zu und
damit wir uns nicht gegenseitig mit trüben Erinnerungen quälen, gebe
ich (Schwager) Carl Unterricht im Französischen. So sind meine Tage
ein reizloses Einerlei und fließen unersehnt und ungenossen dahin,
wie ein seichter Bach. Mein Lexicon ist indessen soweit gediehen,
daß in künftiger Woche der Druck des ersten Heftes[26] beginnt.“ In
einer Nachschrift heißt es: „Ich lege Euch eine kleine Erzählung von
mir[27] zur Unterhaltung bei. Frau R. hat mir einen ganzen Brief voll
Glückwünsche geschrieben. Glück und ich!! Ach Gott!“

Wiederum einige Monate später schrieb er der Schwester Gretchen nach
Köln, auf deren Vorschlag zu ihm zu ziehen und ihm die Wirthschaft zu
führen: „Für den Fall, daß ich wieder heirathen sollte -- und dieser
Fall ist nicht unwahrscheinlich, da die Häuslichkeit so ganz mit meinen
Neigungen übereinstimmt -- wer bürgt Dir dafür, daß Du Dich mit meiner
Frau verträgst?“ Und bei Aufzählung der Gründe, die ihn veranlaßt
hätten, die Wohnung im Hause der Schwiegereltern zu verlassen, sagt er
u. A.: „Es hätte mir den Anschein gegeben, als wollte ich mir bei den
alten Leuten einen Theil der Erbschaft erschleichen, auf die ich durch
den Tod meiner Frau keinen Anspruch mehr habe. Bei einer möglichen
Heirath wäre es unendlich schwerer gewesen, mich von ihnen zu trennen,
als jetzt. Auch hätten sie für Wohnung und Kost nichts genommen und ich
kann mich nicht umsonst ernähren lassen u. s. w. Es ist somit besser,
ich bin selbstständig und unabhängig und stehe doch mit den Eltern auf
dem besten Fuß.“



        8. Neue Hoffnungen. Eugenie Günther.

                   (1839. 1840.)


Die „mögliche Heirath,“ welche Robert Blum in dem letzten Briefe an
seine Schwester erwähnte, war im Frühjahr 1839 wenigstens soweit aus
dem Gebiete eines bloßen hypothetischen Wunsches herausgetreten, als
er bereits das Mädchen gefunden zu haben glaubte, das ihn seinem
Ermessen nach allein trösten konnte über das so plötzlich vernichtete
Liebesglück: das ihm voll ersetzen konnte die Liebe, die er verloren.
Dieses Mädchen war die Schwester seines Freundes Dr. Georg Günther,
Eugenie Günther.

Sie war geboren in Penig in Sachsen am 13. Februar 1810. Ihr Vater
war dort Kattunfabrikant. Er war mit seiner zahlreichen Familie
1820 nach Prag übersiedelt, als technischer Leiter (Factor) einer
dortigen Kattunfabrik, hatte sich mit Fleiß und Geschick auch dort
zum selbstständigen Fabrikanten gemacht und hatte, als er 1834 starb,
ein blühendes Geschäft hinterlassen. Der einzige Sohn Georg, der in
allen Facultäten herumstudirt hatte, ohne bis zum Tode des Vaters es
zu einer festen Existenz zu bringen, übernahm leider nach dem Willen
des Vaters dessen Geschäft und führte es durch Geschäftsunkunde und
gutgläubiges Menschenvertrauen binnen kurzer Zeit zum Bankerott. Er und
die Schwestern opferten ihr ganzes ererbtes Vermögen, um den Bruch des
Hauses den Gläubigern so schmerzlos wie möglich zu machen. Die Mutter
folgte dem Vater schon nach zwei Jahren im Tode. Drei der Schwestern
heiratheten. Mit seiner älteren Schwester Emilie und der jüngeren Jenny
übersiedelte Georg Günther nach Leipzig, wo er, wie bereits erwähnt, in
die Redaction der Leipziger Allgemeinen Zeitung bei Brockhaus eintrat.

Eugenie war gut erzogen und belesen, sehr lebhaften Geistes, voller
Interesse für alle bewegenden Ideen der Zeit, eine schwärmerische
Freundin von Naturschönheiten, von dem innigsten Gemüthsleben erfüllt.
Sie war nicht groß, leidlich gebaut, lebhaft und anmuthig in ihren
Bewegungen. Das dunkelbraune Haar war auf der Stirn gescheitelt und
fiel in langen dichten Locken beinahe bis auf die Schultern; die Stirne
schmal, die Nase charactervoll, etwas lang, doch nicht unschön. Der
liebliche Mund zeigte, wenn er lächelte, zwei Reihen schöner Zähne. Das
ganze tiefe Gemüths- und Seelenleben des Mädchens blickte aber aus den
freundlichen braunen Augen. Sie sah weit jünger aus als neunundzwanzig
Jahre[28].

Mit ihrem Bruder hatte Eugenie dem Hochzeitsfeste Robert Blum's mit
Adelheid Mey beigewohnt. Schon damals erschien ihr der bedeutende
Mann nicht gleichgültig, und ein unbeschreibliches Gefühl, als ob
sie ein theures Gut für immer verliere, drückte ihr Gemüth an seinem
Hochzeitstage. Als Blum als Wittwer häufig das Haus ihres Bruders
aufsuchte, mit dem Eugenie zusammen wohnte, und fast täglich mehrere
Stunden in gemeinsamem Gespräch verstrichen, fühlte sie den Bann, den
die Vollkraft des Characters, der Reden und Gedanken dieses Mannes auf
sie ausübte, immer enger und fester die Freiheit ihrer Neigung und
Empfindung umstricken, und um sich mit Gewalt aus diesen drückenden
Fesseln zu befreien, trat sie vor ihren Bruder und beschwor diesen,
Blum nicht zu trauen, er meine es nicht ehrlich mit ihm, könne es nicht
ehrlich meinen[29]. „Der Bruder tobte und schimpfte auf mich,“ schreibt
Eugenie später, und -- Blum kam tagtäglich wie zuvor. Er kam anfangs
nur um Zerstreuung zu finden im Freundesgeplauder -- er fand mehr als
das. Er ahnte in Eugenie mehr und mehr die Einzige, an deren Seite er
wieder glücklich werden könne. Aber er barg diese leise Hoffnung, die
ihm der Frühling 1839 brachte, still und verschwiegen in seinem Busen;
weder Georg noch Eugenie erfuhren ein Wort. Nur der Klang der Stimme,
nur die Augen hatten bis dahin gesprochen.

Aber andere Leute hatten auch Augen und dachten und wußten viel
genauer, was den Wittwer Blum zu Günther's führe, als die jungen Leute
selbst es wußten. Hervorragend in dieser Erkenntniß war vor allen
die „betrogene“ Mutter der todten Adelheid und sie beeilte sich,
in sehr klaren Briefen an ihren Schwiegersohn diesem die Früchte
ihrer vernichtenden Menschenbeobachtung angedeihen zu lassen. „Sie
schwindeliger Mensch!“ beginnt der zweite dieser Briefe. „Eine zu
bedauernde Mutter legt noch einmal die zitternde Hand an die Feder um
Ihnen wissen thun zu lassen, daß ich alle Kleidungsstücke, welche Sie
noch von meinem verstorbenen Kinde haben, zurückverlange, desgleichen
auch die ganze Wäsche und andere (!) Kleinigkeiten, u. s. w. und
sämmtliche Hochzeitsgeschenke aus unserer Familie[30]. Denn da Sie
nun eine große _mariage_ mit der Tochter eines Factor's eingehen, so
glaube ich kaum, daß diese die Sachen meiner Tochter brauchen wird. O
hätten Sie diese Person doch gleich anfangs gewählt, so lebte mein Kind
noch und ich hätte noch meine Ruhe und Zufriedenheit! Die betrogene
Mutter. I. Rosine Mey.“ Der Brief ist von fremder Hand geschrieben und
stilisirt. Dagegen erhielt Robert Blum bald nachher ein unverfälschtes
Autograph seiner Schwiegermutter folgenden Wortlauts: „Sie lügenhafter
Mensch und Mörder meines Kindes. Das Maaß der Schändlichkeit ist voll
gewesen, darum kommt immer noch mehr vor meine Ohren. Sie wollen
aufrichtig sein, und gehen mit lauter Lügen um, denn Concert und
Theater ist Zeige ihrer Schändlichkeit, denn rechtschaffene Leute,
wo Sie die Ursache sein, sie in schlechten Ruf zu bringen und unsres
ganzes häusliches Glück zerstören. So sollen sie es auch in Köln
erfahren Ihre Aufführung.“

Nach Empfang dieser Briefe faßte Blum einen raschen Entschluß. Er
theilte Freund Günther deren Inhalt mit, und beschwor ihn, die
Schwester aus Leipzig zu entfernen, um zu verhindern, daß die wüsten
Laute solcher Dissonanzen etwa auch an ihr keusches Ohr drängen. Der
Bruder beeilte sich, dem Rathe zu folgen. Jenny erhielt eine Einladung
nach Kappel bei Chemnitz von ihrem Schwager Jost; im Hause des
Fabrikanten Schnäbeli sollte sie wohnen. Am 5. Mai 1839 wurde die Reise
angetreten. Dieser Reise danken wir eine Correspondenz, die ein wahrer
Schatz genannt werden kann. Niemals vorher und nachher hat Robert Blum
soviel Muße und Neigung gefunden, sein Innerstes so rückhaltlos zu
offenbaren, über alle möglichen Fragen der Zeit, wie über die ewigen
großen Räthsel des Menschenherzens und Menschendaseins so eingehend
sich zu verbreiten wie in diesem Briefwechsel. Darum zeichnet er besser
als jeder Versuch eines Dritten Robert Blum's Charakter, seine Welt-
und Lebensanschauung. Doch ist der Stoff ein so überreicher -- der
Abdruck dieses Briefwechsels allein würde ein dickes Buch füllen --
daß der Raum gebieterisch vorschreibt, nur Weniges auszulesen, was für
Blum's Denkweise und Charakter von besonderer Wichtigkeit ist[31].

Bei der Abfahrt der Freundin war der Freund aus naheliegenden
Rücksichten nicht zugegen.

Er sandte ihr dagegen an die Post ein Briefchen, in dem es heißt:
„Meine Freundin! Sie haben mir ein Recht gegeben auf diese Anrede, als
Sie eine ähnliche an mich richteten, und es würde mir sehr weh thun,
mich dieses -- wenn auch nur #geschenkten# -- Rechtes entäußern zu
müssen. So komme ich denn, Ihnen als Freund ein herzliches Lebewohl
und eine glückliche Reise zu wünschen. Mögen Sie die frohen und
glücklichen Tage rein und ungetrübt genießen, möge der mächtig
hervorquellende Lenz in Ihrer Seele ein treues, grünend' und blühendes
Abbild finden und so der Doppelreiz jugendlicher Schöpfung und
Empfindung Sie durchglühen und Ihnen die prangende Natur doppelt schön
machen -- mögen Sie aber auch #nach# diesem Genusse gesund und heiter
zurückkehren und beim Wiedersehen eben so mild und freundlich sein
Ihrem Sie herzlich grüßenden R. Blum.“

Dieser Brief mußte natürlich beantwortet werden. Man fuhr damals
dreizehn und eine halbe Stunde von Leipzig nach Chemnitz. Es ist daher
jedenfalls eine achtbare Leistung, daß Eugenie ihre Antwort noch am
Abend ihrer Ankunft zur Hälfte vollendete.

Blum antwortete erst am 14. Mai. „Soll ich mich entschuldigen? Der
Civilisationsmensch hat immer eine große Schublade von Entschuldigungen
bereit liegen, von denen er bei jeder Pflichtversäumniß dem ersten
Besten eine Hand voll ohne Wahl in's Gesicht wirft. So kann und will
ich Sie nicht behandeln, daher kurz: es ging halt nicht! -- Daß Sie
glücklich angelangt, hat mich herzlich gefreut, mehr noch, daß Sie
auch meiner noch gedachten, als eine schöne Natur Sie mit ihren Reizen
umgab und Ihrem Geiste eine schöne Feierstimmung mittheilte.... Aber
ungerecht ist es, daß Sie uns das Trennungsweh vergrößern. Nicht
genug, daß Sie uns verlassen haben; nicht genug, daß Sie in den Bergen
umhereilen und den ganzen Frühling allein verzehren, Sie beschreiben
uns Ihre Genüsse noch so reizend, daß uns Armen, die wir auf der
ödesten Fläche des mercantilen Materialismus in dem traurig-dumpfen
Gefängnisse einer Stadt eingesperrt sind, der Aufenthalt noch
unerträglicher wird. Aber fahren Sie doch fort, Sie erinnern uns
wenigstens, daß es draußen noch ein Stückchen Natur giebt; wir wollen
sie genießen in Ihrer Schilderung, wie man das Glück genießt in
Romanen, wenn man's im Leben nicht finden kann.... Wohnt denn die
Freiheit auf den Chemnitzer Bergen? wie der Phantast Schiller geträumt
hat; dann bitte ich Sie, senden Sie mir nur eine kleine Quantität
derselben. Ich will damit auf den Jahrmärkten umherziehen und sie als
die größte Seltenheit der Welt zur Schau stellen. -- Wie es mir geht?
Nun, ich könnte sagen schlecht und recht! Ich habe sehr viel zu thun.
Die Messe über muß man _pro patria_ schwärmen, muß bald mit diesem,
bald mit jenem verzweifelnden Provinzialen sich zusammen setzen,
Hoffnungen affectiren, wenn auch complete Trostlosigkeit im Herzen
wohnt und so die Leute davor bewahren, daß sie nicht ganz versauern.
Nach der Messe erschrickt man vor der Arbeit, die sich anhäufte. So
war's nun die letzte Zeit und ich athme jetzt froh auf, daß ich bald
etwas Luft sehe und fühle. Er will nun, um „nebenbei auch einmal Luft
zu schlucken,“ in den nächsten Tagen in Geschäften nach Dresden reisen,
um „zwei Hofräthe und einen sonstigen Esel zu besuchen; indessen hoffe
ich auch einige liebe Freunde zu finden““ (Porth, Mosen, Th. Hell).
Endlich sagt er: „Sie haben Anlage zur Dichterin. Es würde nur auf
einen Versuch ankommen, auch der Form zu genügen. Wollen Sie denselben
nicht machen? Doch wozu? Die Poesie ist ein weiter Wiesenplan, auf dem
tausend Blumen form- und regellos emporschießen, aber sie sind reich
an Duft und Farbe und erfreuen und erheben Geist und Auge. Ordnet
man sie nach Gattung und Farbe, bindet sie an den Stab der Form und
schneidet jeden frisch hinaustreibenden Schößling ab, um der Pflanze
die schmächtige Gestalt modernen Geschmackes zu geben, so vernichtet
man den schönsten Reiz. Senden Sie also zuweilen ein rein der Natur
entkeimtes Blümchen mit einem grünen Hoffnungsblättchen Ihrem dankbaren
Freunde Blum.“

Auf die rasche herzliche Antwort der Freundin erwidert er nach seiner
Dresdner Reise, wie schwer es ihm werde, seine Empfindung in Worte
zu fassen: „Mögen Sie den Vergleich arrogant finden, ich kann nicht
anders, als mich mit einer Blume vergleichen, die dasteht auf dem
ausgedörrten rauhen Boden der Zeit und des Lebens, versengt ist von
brennenden Strahlen schwerer Schicksalsschläge und welk geweht von den
Stürmen unserer Verhältnisse. Geben Sie ihr den lebenden Thau, das
erquickende Wasser, sie wird die Wollust des neuen Lebens fühlen bis in
die äußersten Fasern ihrer Form. Aber sie bedarf Zeit, um die welken
Blätter wieder aufzurichten und Ihnen ihren Dank zu bringen in der
freudigen Entfaltung ihres neuerweckten Organismus.... Ob das Werk es
verdient, ob es Ihnen lohnen wird? -- wer weiß das vorher bei unserm
Thun; wenn die Handlung an und für sich keinen Reiz hätte, so würde
wenig Gutes geschehen auf dieser elenden Welt.“ Der Rest des Briefes
gilt der Dresdener Reise.

„Von meinen Hofräthen traf ich keinen und kam mit dem bloßen Schreck
und einer Visitenkarte davon.“ Dagegen fuhr er mit den Freunden
vierspännig nach Tharand. -- Wie genügsam war jene Zeit! Man braucht
nur seine Worte über die vollendete Leipzig-Dresdener Eisenbahn
nachzulesen: „ein großartiges Werk, das Bewunderung verdient, besonders
der Tunnel macht einen großartigen Eindruck. In dem Felsengewölbe
selbst herrscht die tiefste Nacht, und das Brausen der Maschine und
der dahinsausenden Wagen bricht sich schauerlich an der düstern
Wölbung. Die Damen, die im Wagen saßen, wurden ordentlich ängstlich!
Ich habe auf dem Wege gedacht, daß in der Menschennatur ein gewisses
Etwas liegt, was zur Knechtschaft hindrängt, was ihn ebenso sehr fähig
und geneigt macht zu tyrannisiren, als tyrannisirt zu werden. Sehen
Sie sein ganzes Treiben an, es ist eine fortgesetzte Knechtung der
vorhandenen Wesen und Kräfte; er knechtet die Thiere, die Elemente,
den Boden und zieht jetzt gar einige schwere eiserne Ringe um die
arme Erde. Ueberall ein Ringen nach Vermehrung harter Bande, nirgend,
nirgend nach Sprengung derselben, nach Befreiung. Wie sollte der
Mensch, der so großartige Dinge vollbringt, nicht augenblicklich das
Joch zersprengen können, welches ihn drückt seit Jahrhunderten, wenn
er ernstlich #wollte#. Aber das ist das Schlimme, daß nur so Wenige
#wollen#.“ --

Es ist unschwer zu errathen, was nun folgt, nachdem schon der Anfang
dieses Briefes einer unterdrückten Liebeserklärung so ähnlich gesehen.
Eugenie schlug dem Freunde vor, nach Amerika zu ziehen, wenn ihm
Europa unerträglich geworden. Darauf antwortete er am 14. Juni:
„Nein, liebe Jenny, nach Amerika gehen wir nicht, wenigstens nicht,
so lange noch ein Fünkchen Hoffnung vorhanden ist, für die Freiheit
und einen besseren Zustand des Vaterlandes wirken zu können. Ja, wenn
hinten weit in der Türkei die Völker #nicht# aneinander schlagen,
wenn Louis Philipp seine ganze Nichtswürdigkeit durchsetzt; wenn
Ernst August[32] triumphirt und, wie sich von selbst versteht, einige
Dutzend Nachahmer findet -- #dann# wollen wir wieder davon reden, das
heißt, wenn wir dann noch #können und nicht füsilirt sind#. Das Wirken
für die Freiheit, nur die Aussicht, die entfernte Hoffnung dazu, ist
äußerst reizend und wohl eines trübseligen Harrens werth. Aber ich
glaube nicht, daß das Streben nach dieser einen, allerdings heiligsten
Pflicht es ausschließt, daß wir uns das einmal unvermeidliche Harren
so angenehm wie möglich machen; ja insofern eine das Herz und den
Geist gleichmäßig befriedigende Existenz dazu dient, uns zu veredeln
und unsere Kräfte zu stärken und zu entwickeln, so dürfte es nicht
bloßer Egoismus sein, wenn wir trachten, uns eine solche Existenz zu
begründen. Eine solche fehlt mir, und mein Herz sehnt sich darnach mit
aller Inbrunst, sehnt sich hinaus aus dem öden farb- und reizlosen
Allein. -- Können und wollen Sie's versuchen, mir einen stillen,
freundlichen Tempel der glücklichen, anspruchslosen Häuslichkeit zu
bauen und das traulichste Plätzchen darin nach eigener Wahl für sich zu
behalten? ihn ganz und gar mit mir theilen, bis uns eine höhere Pflicht
hinausruft in das rauhe Leben, oder in das unerforschte Jenseits? --
Sehen Sie, wie ich anfing, stand ein langer Brief vor meiner Seele,
mit dieser einen gewichtigen Frage aber bin ich erschöpft; ich lege
sie Ihnen trocken vor, ohne Schmuck, ohne Commentar. Sie kennen die
Verhältnisse, Sie glauben den Menschen zu kennen.... Nun harre ich
Ihrer Entscheidung entgegen; sagen Sie #nein#, so thun Sie das #kurz#,
ohne Gründe, ohne Bedenken. Sie wissen, ich habe eine derbe Schule
durchgemacht und kann etwas vertragen. Denken Sie dann, ich habe Ihnen
einen neckischen Traum erzählt, Sie haben darüber gelächelt und ihn
vergessen. Aber darum bitte ich #dringendst#, stehen Sie mir deßhalb in
der Folge nicht ferner als bisher! Lassen Sie, liebe Jenny, nicht zu
lange zwischen Hoffnung und Furcht schweben Ihren Robert.“

„Und ich sollte nein sagen?“ beginnt Eugenie am 15. Juni ihre Antwort
und schließt mit „Ewig Deine Eugenie“.

„So ist denn mein Loos gefallen, und ich habe den glücklichsten Wurf
gethan,“ schreibt Blum am 16. zurück. „Mein Leben hat wieder ein Ziel,
mein Streben einen erkannten Zweck, und die Mühen, die täglichen
Begleiterinnen meines Lebens, werden süß und leicht in dem Hinblicke
auf den Genuß ihrer Frucht....

Ach, und so froh ich bin über Deinen Entschluß, so möchte ich ihn
doch auch fast bedauern; nicht allein, daß ich Dir nur die Existenz
einer kargen, vielleicht dürftigen Mittelmäßigkeit bieten kann, so
verlierst Du bei meinem ernsten (oder soll ich sagen stumpfen?) Sinne,
auch die lieblichste, wenn auch flüchtigste Blüthe der Liebe, jenen
süßen Champagnerrausch, aus Gefühl und Sinnlichkeit gemischt, der uns
kurze Zeit wenigstens in den schönsten Taumel versetzt. Kann Dich die
auf wahrhafte Achtung begründete ruhige Liebe, die treueste Sorgfalt
für Dein Wohl und die durch die That mehr als durch das Wort sich
verkündende Zuneigung des Herzens dafür entschädigen? Diese, liebe
Jenny, soll Dir in möglichst reichem Maße zu Theil werden.“

Nachdem er Eugenie dann erzählt hat, wie schmerzlich ihn Frau Mey
gequält habe, und daß „ich nur um meinem armen, alten und wirklich
biedern Schwiegervater Ruhe zu schaffen, mich gänzlich“ (von Mey's)
„zurückgezogen und bei George Deine Abreise betrieben habe“, fährt er
fort: „deßhalb bitte ich Dich auch -- nachdem die Vernunft im Kampfe
mit dem Herzen den Sieg, wenn auch schwer, errungen -- den Sommer über
dort zu bleiben. Wahrlich, Du glaubst nicht, welches Opfer ich mir
auferlege, indem ich auf Deine Nähe verzichte und mich des Vergnügens
beraube, die wenigen freien Stunden, die mir bleiben, mit Dir durch die
Felder zu streifen!

So haben wir denn, liebe Jenny, den Grundstein unserer Zukunft gelegt;
laß uns vereint daran fortbauen und uns bestreben, unter den tausend
unglücklichen Ehen #eine# glückliche zu bilden! Es scheint mir dies
so leicht, da der innige Anschluß an ein anderes Herz dem Menschen
unerläßliches Bedürfniß ist, und es nur in seinem Willen liegt,
das Band, das die Natur gegeben, so fest wie möglich zu schlingen.
Wir wollen mit unbegrenztem Vertrauen, begründet auf Wahrheit und
Offenheit, uns entgegenkommen. Sage mir ohne Rückhalt, was Dir an mir
mißfällt. Gestatte mir dasselbe und sei dabei der zartesten Schonung
gewiß! Du wirst allerdings bei diesem Contracte sehr im Vortheil
stehen. Wir wollen unsere Charaktere studiren, unsere Schwächen
gegenseitig zu stärken, uns um die schroffen Seiten zu schmiegen suchen
und so im eigentlichsten Sinne des Wortes für und in einander leben.
Denk' ich an dieses süße lohnende Geschäft, so möchte ich allerdings
den Schluß der vorigen Seite streichen und Dir zurufen: Komm, komm!
Indessen ertragen wir's! Ist es möglich, so sehen wir uns wenigstens
einen Tag.

Und nun noch Eins: Dein Geist hat Dich längst darüber erhoben, den
Abschluß der Ehe in irgend einer gesetzlichen oder kirchlichen Formel
zu suchen; wenn man sich auch diesen, der Convenienz wegen, unterwerfen
muß. Das Erkennen und Anschließen der Herzen, das gegebene und
empfangene Wort, das ist die Ehe und so ist die unsere geschlossen. So
laß mir denn wenigstens die süße Pflicht, für Dich zu sorgen! Betrachte
Dich als #mein# und nimm von #mir# Deine Bedürfnisse! Du erleichterst
dadurch zugleich Deinem -- nein #unserem# Bruder seine Lasten, deren
er viele zu tragen hat, wie Du selbst am besten weißt. Also keinen
Widerspruch, Weib, ich bin der Herr der Schöpfung und ‚#soll Dein# Herr
sein‘ (die alte Ausgabe mit ‚#Narr#‘ wird confiszirt). Gehorche!“

In einem Briefe vom 30. Juni hatte Eugenie dem Gedanken Ausdruck
gegeben, der jeden Ueberglücklichen beschleicht: „Wie, wenn Du diesem
Glücke jetzt entsagen müßtest? Es ist ein Wetterstrahl aus heit'rem
Himmel, begleitet von einem dumpfen unheilverkündenden Schlag.“
Robert antwortete am 6. Juli: „Unsre Zeit, die mit furchtbarem Drucke
nicht allein auf dem öffentlichen Leben lastet, sondern auch mit den
Krallen der Tyrannei hineingreift in das Heiligthum der Familie und
mit roher Gewalt die zartesten Bande sprengt, ist wohl geeignet, uns
mit derartigen Betrachtungen vertraut zu machen. Eugenie, wärst Du ein
Weib wie tausend andere, selbst von der besten Sorte, ich würde Dir bei
dieser Betrachtung sagen, tritt zurück! Oder ich würde gewaltsam mit
Dir brechen oder mich bestreben, Dir unerträglich zu werden. Da mir
aber ein gütiges Geschick in Dir nicht blos ein gutes und liebendes,
sondern auch ein edles, denkendes und des höchsten Aufschwunges
fähiges Weib so unverdient zuführte, so schließe ich Dich mit um so
größerer Inbrunst an das Herz und rufe Dir zu: „Laß uns genießen das
süße Glück der Stunde; aber laß uns vorbereitet sein, daß die nächste
Stunde Alles zertrümmern kann! Laß uns gestählt sein für die Leiden,
die da kommen; ja, ich sage fast mit Zuversicht, kommen werden #und
nie vergessen, daß die neidischen Götter Opfer verlangen, ehe sie
der Menschheit ersehnte Güter gewähren#. Die Liebe #sei# uns dann
der leuchtende Sterne in dunkler Wetternacht, er schimmert ja durch
Gitter und Mauern und verscheucht die Finsterniß. Liebe und Freiheit
sei uns ein unzertrennliches Zwillingsgestirn, dem wir folgen, auf
welche Bahnen es uns auch führen mag! Du kannst nicht glauben, wie
glücklich es mich macht, zu wissen, daß diese Worte in Deinem Herzen
wiederklingen, daß Du das starke Mädchen bist, welches sie nicht allein
mitzufühlen, sondern auch darnach zu handeln vermag. Der Himmel weiß,
warum ich unter allen Männern so bevorzugt bin, Dich gefunden, mir
Deine Liebe errungen zu haben. Aber ich bin's und daß ich's bin, ist
meine Seligkeit.““

Diesem Briefe waren einige Geschenke beigefügt. Jenny dankte dafür und
schrieb im schmerzlichen Bewußtsein ihrer Armuth: „Du beschenkst mich
so reich und ich habe nichts, gar nichts, was ich Dir dagegen bringen
kann, nicht einmal das, was man auch nur die bescheidenste Ausstattung
eines Mädchens nennen kann.“ Darauf antwortete Robert am 13. Juli in
einem langen Briefe, dem das nachstehende Gedicht beilag:

    „Du hättest nichts dem Bräutigam zu bieten
    An Werth und Schmuck? Das thut mir wahrlich leid;
    Man zieht solch' inhaltleere Menschen-Nieten
    Nicht gern in unsrer materiellen Zeit.
    Und bringst Du mir nicht Heirathsgut und Schätze
    An Silber, Gold und Perlen reichlich ein,
    So sag' ich nach modernem Zeitgesetze:
    Laß' ab von mir mein Kind, es kann nicht sein!

    Ja, Silber will ich! Zwar nicht jenes weiße
    Und glänzende Metall, das aus dem Schooß
    Der Erde holt der Mensch in blut'gem Schweiße,
    Damit zu feilschen und zu prunken blos; --
    Ich will das Silber innig wahrer Liebe,
    Die sich als haltbar, ächt und rein bewährt,
    Die selbst der Schicksalswolken bange Trübe
    Mit mildem Glanz erhellet und verklärt.

    Und Gold will ich! Zwar nicht das vielverfluchte,
    Das in der Berge tiefen Gründen ruht;
    An das der Menschen Habgier, die verruchte,
    Die Seele setzt und Ehre, Recht und Blut; --
    Ich will das Gold der felsenfesten Treue,
    Das jeder Probe, auch der schärfsten, steht;
    Das Gold, das stets im Herzensschacht auf's Neue --
    Wie viel man auch davon verbraucht -- ersteht.

    Und Perlen will ich! Zwar nicht aus den Tiefen
    Des Meers, wo von Dämonen sie bewacht
    Den süßen Schlummer des Vergessens schliefen,
    Eh' sie die frevle Gier an's Licht gebracht.
    Ich will die Perlen heiliger Empfindung,
    Des Mitgefühls bei Andrer Schmerz und Lust,
    Das Sinnbild göttlich-menschlicher Verbindung,
    Wie's thront im Tiefen einer edlen Brust.

    Und daß zum Reichthum Reichthum sich geselle,
    Biet' ich Dir -- karg zwar -- gleiche Mitgift dar;
    Wir bergen für des Lebens Wechselfälle
    Die Güter auf der Laren Hochaltar. --
    Du hast und bringst mir reichlich diese Schätze!
    und wüßt' ich nicht, Du brächtest sie mir ein,
    Dann nach dem ewigen Vernunftgesetze
    Sagt' ich: laß ab, es kann, es darf nicht sein!“

Am 19. Juli besuchte er einen Tag die Braut in Kappel. Da die Verlobung
noch geheim bleiben sollte, so hatte das junge Paar vor Zeugen strenge
gesellschaftliche Förmlichkeit zu beobachten. Diesen Besuch mußte
Blum mit siebenundzwanzig Stunden Postfahrt erkaufen. „Jetzt geht's
an die Wühlerei!“ meldete er am 20. Juli nach seiner Rückkehr der
Braut. „Gott sei Dank, nun ist doch die ärgste Wühlerei vorüber und
man kann wieder athmen,“ schreibt er am 27. Es handelte sich um die
Agitation für die Landtagswahlen, welche die Opposition wesentlich
verstärkten. v. Dieskau schied zwar aus der Kammer aus. Aber außer Todt
trat nun Braun ein (Advocat und Patrimonialrichter), in juristischen
und staatswissenschaftlichen Fragen bald der Führer der Opposition,
ja sogar bald der stehende Referent der zweiten Sächs. Kammer, 1848
März-Justizminister; außer ihnen ein dritter Voigtländer, Otto von
Watzdorf, Vertreter der Ritterschaft, der schon auf dem letzten alten
Ständetage von 1830 den überlebten Schrullen seiner Standesgenossen im
Sinne moderner Staatsauffassung und Freiheit lebhaft opponirt hatte,
ein Mann von eben so großer Unabhängigkeit, als Wohlhabenheit; dann
Georgi von Mylau, ein angesehener Kaufherr, 1848 Minister, Vater des
heutigen Oberbürgermeisters von Leipzig. Dippoldiswalde sandte den
Advokaten Klinger (1848 Bürgermeister von Leipzig), die Oberlausitz den
ersten liberalen Staatsbeamten, den Sachsen in der Kammer sah, Hensel.

Mit welchem Maße von „Wühlerei“ Robert Blum an diesem Resultate
betheiligt gewesen, erhellt, abgesehen von einer starken Correspondenz
mit fast allen den Abgeordneten, die eben genannt wurden, auch aus der
Aufnahme, die ihm kurz nachher in Plauen beschieden war. Er war dort,
wie er Eugenie vom 27. Juli bis Ende August wiederholt meldet, schon
seit Wochen erwartet worden, um Reden in Versammlungen zu halten.
Endlich gegen Ende August konnte er sein Eintreffen in Plauen an den
jungen Fabrikanten Böhler melden. Ueber den Verlauf dieser Reise
berichtet er der Braut am 2. September: „Montag Nachmittag brachte ich
in Altenburg damit zu, den dortigen höchst pomadig und schlaraffenartig
gewordenen Gesellen derb den Text zu lesen und ihnen das Versprechen
größerer Thätigkeit abzunehmen.“ In Plauen kommt er Dienstag früh
nach durchfahrener Nacht an. Als er nach Böhler fragt, ist dieser in
Frankfurt zur Messe, Blum's Brief demselben sorgfältig couvertirt
nachgesendet worden; v. Dieskau dagegen, der Blum Logis angeboten hatte
und von dessen Ankunft nicht unterrichtet war, ist schon halb fünf Uhr
früh aufs Land gefahren und kehrt erst Abends zurück. Bis sieben Uhr
Morgens werden daher in der „Post“ fünf Tassen schlechten Kaffee's
getrunken und die Wochenblätter der letzten drei Monate, einschließlich
der Annoncen gelesen, dann wird Mammen in seiner jungen Häuslichkeit
besucht. In Mammens Gesellschaft wird der Tag bis zum späten Nachmittag
verbracht. „Ich fand dabei sehr oft Gelegenheit, aus Mammens traulich
schöner Häuslichkeit einen Blick hinüber zu werfen in eine Zukunft,
die auch mir ein ähnliches Asyl verheißt. Als gegen Abend v. Dieskau
zurückkehrte, machten wir, eingedenk unseres schönsten und rührendsten
National-Characterzuges zuerst aus, daß wir den Abend zusammen --
essen wollten; dabei sollten dann auch die brauchbarsten Leute
zusammengerafft, die Angelegenheiten vorläufig besprochen und eine
gemeinschaftliche Fahrt etc. nach Adorf etc. auf den nächsten Morgen
verabredet werden.“ Da sich indessen noch am nämlichen Abend Blum beim
Kegeln den Fuß verdrehte, mußte man nach Adorf und Mühldruff schicken,
um Todt, Braun und Watzdorf nach Plauen zu bescheiden; da erfährt
man, daß die drei Herren zusammen eine Parthie gemacht haben, von der
sie erst Freitag zurückkehren wollen! Dennoch wurde noch am dritten
Tage in Plauen großer Kriegsrath über die Taktik des Fortschritts
in Sachsen gehalten und dann stieg Blum mit geschientem Bein wieder
in die Post nach Leipzig. „Ist es möglich, von allen diesen Dingen
abzusehen, schreibt er der Braut, so kann ich sagen, ich habe die Tage
höchst angenehm verbracht: ich fand eine Aufnahme, die mich fast stolz
machen könnte, wurde von Gastmahl zu Gastmahl im eigentlichsten Sinne
des Wortes geschleppt und fand, was mich mehr als Alles freute, einen
gesunden reinen Sinn und Bereitwilligkeit zu handeln und zu opfern für
das Wahre und Gute.“

Eine noch bedeutsamere „Wühlerei“ hat Blum damals mit Süddeutschland
geplant. Es handelte sich anscheinend um die Begründung eines
großen liberalen Blattes, an dem alle namhaften liberalen Männer,
namentlich die fortschrittlichen Abgeordneten aller deutschen Länder
sich durch Beiträge und Rath betheiligen, und das unter Oberaufsicht
eines Ausschusses liberaler Vertrauensmänner stehen sollte. Sitz
des Unternehmens sollte wie es scheint Mainz sein, die Leitung der
vorbereitenden Schritte ruhte in der Hand des altehrwürdigen „Vater
Winter“, badischem Abgeordneten zu Heidelberg. Jedenfalls hat auch
Adam von Itzstein und der ganze süddeutsche Liberalismus darum
gewußt. Indessen geben doch alle Andeutungen, welche die Briefe
Blums an seine Braut darüber bieten, noch kein vollständig klares
Bild von dem Plan und Umfang des ganzen Unternehmens, das mindestens
nebenbei jedenfalls auch auf Gründung eines liberalen Vereins über
ganz Deutschland und periodische Wanderversammlungen der Führer
abzielte. Offenbar hatte Blum der Braut mündlich am 19. Juli darüber
alles Mittheilbare anvertraut und begnügte sich in seinen Briefen nun
mit Andeutungen. Wie hoch die Erwartungen gespannt waren, die Blum
auf dieses Unternehmen setzte, erhellt am besten aus einem Briefe
an Eugenie vom 13. August 1839: „Von Heidelberg habe ich noch immer
keine Antwort, was uns sämmtlich sehr verstimmt macht. Ein Project,
welches mit unendlicher Mühe eingeleitet wurde, an welches Geld und
Zeit und Geist gewendet wurde, wie nicht leicht ein anderes, dessen
Folgen unberechenbar schienen und welches wichtiger und bedeutender
war, als irgend ein Ereigniß der letzten 6 Jahre (!) -- das scheitert
an der Unentschlossenheit, Nachlässigkeit oder Zaghaftigkeit der
Süddeutschen, die sonst so rüstig und gesund waren. Es ist wirklich
entsetzlich und man möchte es verschwören, jemals nur die geringste
Anstrengung wieder zu machen. Und als gescheitert betrachte ich es
bereits, denn käme auch heute oder morgen die Bestimmung“ (daß die
Vertrauensmänner zusammenkommen sollten), „so würde die Ausführung
vor Anfang September doch nicht mehr möglich sein. Und dann haben die
Leute, die nothwendig waren, keine Zeit mehr. Das Schlimmste ist
unzweifelhaft, daß die Leute sich und ihre Sache dabei compromittirt
sehen. Denn wer soll in Zukunft noch Vertrauen zu irgend einem
Vorschlage haben, wenn dieser mit Pomp und Energie gemachte und
eingeleitete zerplatzt wie eine Seifenblase, ohne daß man nur zu sagen
weiß, weshalb? Wahrlich, das bischen Vaterlandsliebe wird einem sauer
gemacht; lieber Kampf, Verfolgung und Gefängniß, als diese gräßliche
Apathie und Gleichgültigkeit! Jene stärken, ermuthigen und erfrischen
den Sinn, diese entnerven und erschlaffen die Seele und tödten vollends
die letzte Spur von Thatenfreudigkeit und Hoffnung.“

So schlimm stand es indessen nicht. Der Heerruf erging freilich erst
gegen Ende October an die Getreuen und Blum folgte ihm sofort nach
Frankfurt und Mainz. Er konnte dafür der Braut am 3. November von
Leipzig nach seiner Rückkehr melden: „Was das Resultat meiner Reise
betrifft, so hat dasselbe zwar nicht allen Wünschen entsprochen,
aber doch die Erwartungen übertroffen. Es ist zu hoffen, daß bei der
Einigkeit zwischen Verlegern und Redacteurs ein tüchtiges Werk zu Tage
gefördert werde, wozu einstweilen rüstige Vorbereitungen getroffen
werden. Gott gebe seinen Segen.“

Da später die literarisch-politische Unternehmung, die hier beschlossen
und rüstig vorbereitet worden sein soll, auch nicht einmal dem
Namen nach erwähnt wird, so ist es wahrscheinlich, daß alle die
Stellen, die in der Correspondenz Blum's mit seiner Braut auf ein
journalistisches Unternehmen mit Süddeutschland deuten, einfach fingirt
sind, und daß es sich bei diesem Unternehmen überhaupt nur darum
handelte, eine werkthätige Vereinigung aller entschlossenen Liberalen
Deutschlands zu Stande zu bringen. Da dieses Vorhaben nach damaligem
Bundesrecht einfach hochverrätherisch war oder wenigstens mühelos
als hochverrätherische Verschwörung angesehen werden konnte, so war
bei jeder brieflichen Aeußerung über diesen Plan die größte Vorsicht
geboten. Dieselbe Vorsicht und ähnliche Fictionen[33] wie hier Eugenie
gegenüber, finden sich in allen Briefen Blum's, welche diese geheime
Verbindung betreffen. Was mich aber vor Allem veranlaßt anzunehmen,
daß die Frucht dieser Reise nicht der Beschluß und die Vorarbeit für
eine liberale Zeitung gewesen sei, sondern die Gründung einer festen
Verbindung freisinniger deutscher Männer, vor allem der Abgeordneten,
über ganz Deutschland, ist die Thatsache, daß von dieser Zeit an diese
Verbindung besteht. Alljährlich treffen sich fortan Winter, Itzstein,
Hecker, Johann Jacoby, Heinrich Simon (von Breslau), Robert Blum,
Watzdorf, Todt u. A., bald auf Itzstein's Gut Hallgarten im Rheingau,
bald bei Blum in Leipzig, bald in Cassel &c., um gemeinsam die Pläne
und Taktik der Genossen und aller liberaler Kammermitglieder in
Deutschland für das nächste Jahr zu berathen[34].

Von da ab tritt Blum in ununterbrochene Correspondenz mit den Führern
des Liberalismus in Deutschland. Für die Größe und Bedeutung der
Aufgaben, die er schon damals in politischer und nationaler Hinsicht
sich setzte, giebt daher dieser Briefwechsel mit seiner Braut
überraschende Aufklärung.

Speciell der Brief Blum's vom 3. November ist aber auch interessant
wegen der Kulturbilder, die er bietet, sowohl über die damalige
Reiseart wie über die Methode und Form, in welcher damals Politik
gemacht wurde. „Meine Reise war wirklich mühsam. Nur von hier (Leipzig)
bis Naumburg saß ich im Hauptwagen und in einer Ecke, dann ging es um
Mitternacht von dort nach Jena in einem Kasten, der wahrscheinlich
zu den Zeiten der Folter dazu benutzt wurde, den armen Opfern alle
Rippen zu zerbrechen. In Jena war auch kein Rasttag. Von 6 Uhr Morgens
an, wo ich ankam, war ich in Beschlag genommen; wir zogen von einem
Orte zum andern, betrachteten die Umgegend, die Merkwürdigkeiten (die
sieben Wunder Jena's genannt) und besuchten die wissenschaftlichen
und Wohlthätigkeitsanstalten, _vulgo_ Wirthshäuser. Und als wir aus
den letztern um Mitternacht von der heiligen Polizei verjagt wurden,
öffnete uns eine freundliche Privatwohnung ihre glühweindurchwürzten
Räume und hier weilten wir, bis der bestellte Postbeamte um 2 Uhr
sagte: Marsch! Dann nahm mich ein eben so schöner und bequemer Wagen
auf, in welchem ich nach Weimar gerädert wurde. Von dort aus genoß
ich die Wonne der Beiwagen bis Frankfurt, ein treffliches Institut,
welches die verpönten Turnanstalten ersetzen könnte; denn wer 8 Tage
darin fährt, hat die stärkste Gliederprobe bestanden, die es in der
Welt giebt. Und nun werden diese herrlichen Dinger blos stationsweise
gegeben, und man wird alle 2-3 Stunden aus- und in einen andern Kasten
eingepackt, was besonders in der Nacht höchst angenehm ist. So sah ich
denn Frankfurt mit wirklich ungetrübter Freude und machte mir nachher
bittere Vorwürfe darüber, daß ich im ersten Augenblicke nicht einmal
die Erinnerung an den göttlichen Bundestag in meine frohen Empfindungen
gemischt hatte. In Frankfurt ging nun das Jubelleben los. Zwei bekannte
Voigtländer[35] grüßten mich gleich bei der Ankunft, Böhler's Bruder
hatte mich schon lange gesucht; mit einigen andern guten Literaten[36]
gings nun zu Tische, wobei es wie am Rheine darauf abgesehen ist, zu
versuchen, was ein Menschenmagen im äußersten Falle zu ertragen vermag.
Dann ging's fort auf die Promenade, Vergnügungsorte u. s. w., Abends zu
Böhler, der uns ein förmliches Festmahl gab, zu dem er die Literaten,
die Frankfurt aufzuweisen hat, eingeladen. Kurz, ich sage Dir, ein
Leben wie im Himmel. -- Freitags früh reisten wir nach Mainz ab,
fanden aber in Hattersheim, einem kleinen Neste an der Straße, wo wir
nur frühstücken wollten, eine so angenehme Gesellschaft, daß wir uns
gefesselt fühlten und -- es ist fast unglaublich -- bis zum folgenden
Tage gegen Mittag weilten und uns höchst angenehm unterhielten. Dann
fuhren wir in großer Gesellschaft nach Mainz, begrüßten mit wahrer
Seelenfreude den schönen, schönen Rhein und trennten uns von den neuen
Freunden nach frohem -- und im Gefühle des Scheidens auch trübem --
Mahle und betrachteten dann Mainz. Nie im Leben habe ich Theil an einer
Gesellschaft genommen, bei der eine solche Herzlichkeit, Innigkeit und
Heiterkeit herrschte, wie bei dieser.“

„Bekennen muß ich, daß ich bei dieser Gelegenheit auch zuerst einen
Anflug von Heimweh empfunden. Als ich den herrlichen Strom sah, noch
mehr, als ich am andern Tage (Sonntags) mit dem Dampfschiffe bis
Bieberich fuhr, dort die lieben Freunde weiter reisen lassen mußte
und bedachte, daß ich binnen 10 Stunden in ihrer Gesellschaft bei
meiner alten kranken Mutter, bei meinen Geschwistern und tausend der
Erinnerung theuren Gegenständen sein könnte und nun doch den Rückweg
antreten mußte -- da erfaßte mich ein eigenes Weh, und nie hat mir das
Müssen so tief in die Seele geschnitten, als in diesem Augenblicke.
Ich mußte mich mit aller Kraft an Dich anklammern, um die wehmüthige
Empfindung zu besiegen und nur allmählich, als Dein Wesen und Lieben
mir klar und klarer hervortrat, sah ich wieder heiteren Blickes auf den
geöffneten Rückweg.“

Genug an diesen Proben.

Eugenie kehrte am 21. December 1839 nach Leipzig zurück. Von da an bis
April hört naturgemäß der Briefwechsel fast ganz auf. Weit häufiger
und consequenter als dies aus den mitgetheilten Proben gefolgert
werden könnte, dringt immer von neuem durch alle Glückseligkeit des
neugewonnenen Liebesglückes Blum's ruhige überzeugte Mahnung, daß er
sein Heim nur gründe mit dem Vorbehalte, seine Schuld an das Vaterland
abzutragen, sobald dieses rufe.

Er dachte wohl selbst kaum an diesen Vorbehalt, als am 29. April 1840
der Pastor von St. Thekla bei Leipzig seine und seiner Eugenie Hände,
und die Hand ihres Bruders Georg mit der Hand der geistvollen Lina
Böhme, zusammenfügte. Auch über dem kleinen Häuschen, in dem Blum mit
seiner jungen Frau allein wohnte, dem letzten einstöckigen Hause, das
zur „kleinen Funkenburg“ an der Frankfurter Straße in Leipzig gehört,
und über dem großen Garten, der sich daran schloß, stand nicht eine
einzige trübe Wolke ein ganzes Jahr lang und länger. Hier erlebte
Robert Blum im Juni 1841 und im September 1842 die ersten Vaterfreuden.
Hier sah er seine Herren Jungens mit dem Schäfer bis zum Thore ziehen,
und hinter dem Hause auf der großen Wiese die Seiltänzer während der
Messen anstaunen und zu den Aprikosenbäumen, die zu stark waren, um
geschüttelt zu werden, sprechen: „Bitte bitte!“ Hier wohnte er noch,
als sein Name weit über das Weichbild der Stadt hinausgedrungen war.



         9. Wachsendes öffentliches Wirken.

                    (1840-1844).


Das Jahr 1840 bezeichnet auch für das Königreich Sachsen, wie für
Preußen durch die Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV., eine neue
Epoche der politischen Entwickelung. In Sachsen bestieg in jenem Jahre
kein neuer Fürst den Thron des Landes, aber ein neuer Geist erfüllte
das Leben des Staates. Zum ersten Male trat hier vor Allem das Gefühl
der Solidarität gesammtdeutscher Volksinteressen in der Bürgerschaft
wie im Landtag lebendig hervor. Was 1837 bei der Vertreibung der
sieben Göttinger nur von einigen Hunderten unverantwortlicher Bürger
gewagt worden war: dem verletzten deutschen Verfassungsrecht gegenüber
den unbeugsamen Rechtssinn des deutschen Bürgerthums zur Geltung zu
bringen, dasselbe vertrat schon in dem am 10. November 1839 eröffneten
Landtag der alte ehrenwerthe und maßvolle Veteran des Sächsischen
Verfassungsrechtes, Eisenstuck, der in seiner Person eigentlich weit
mehr den genügsamen Dresdner Localpatriotismus, als die schwungvolle
Opposition des Voigtlandes und gar Leipzigs vertrat; Leipzig war und
blieb für Eisenstuck vielmehr immer eine Quelle der Abneigung. Und
dennoch befürwortete dieser vorsichtige maßvolle Mann bei Zusammentritt
des Landtages den Antrag v. Dieskau's „die Uebereinstimmung der Kammer
mit dem Beschluß der badenschen Volkskammer über diesen empörenden
Vorgang, gegen die Regierung aber die zuversichtliche Erwartung zu
erklären, dieselbe werde die constitutionellen Rechte der Bundesstaaten
beim Bundestage zu wahren wissen.“ Diesem Antrag, über den v.
Watzdorf Bericht erstattete, trat die zweite Kammer einstimmig bei
und richtete außerdem zwei andere Anträge von nationaler Bedeutung
an die Regierung: auf Errichtung eines Bundesstaatsgerichtshofes
und auf Veröffentlichung der Bundesprotocolle. Seltsamerweise
erlangten diese beiden Anträge sogar die Zustimmung der ersten
Kammer, während das Haus der Sächsischen Lords selbstverständlich die
Einmischung des Volkshauses in den hannöverschen Verfassungsbruch als
bundesverfassungswidrig[37] zurückwies. Die Regierung lehnte aber
selbst die von beiden Kammern beschlossenen Anträge im Landtagsabschied
ab: die Veröffentlichung der Bundesbeschlüsse, da diese „lediglich zur
inneren Geschäftsordnung des Bundestags gehöre“ (!), die Befürwortung
eines Bundesstaatsgerichtshofes, weil hierzu „im Hinblick auf die
Verhältnisse Sachsens (!) ohnedies keine Veranlassung vorliege.“
Damit war rund heraus erklärt, daß die Regierung gemeindeutsche
Angelegenheiten überhaupt nicht kenne, mindestens den Kammern nur
gestatte, den engsten sächsischen Standpunkt an Deutsche Fragen zu
legen.

Aber auch in innern Fragen zeigte sich die Regierung von einer
bemerkenswerthen Beschränktheit des Gesichtspunktes, voll der größten
Aengstlichkeit gegen die freiheitlichen Forderungen der Zeit. Die
Verfassung von 1831 enthielt alle Keime zu gesunder freiheitlicher
Entwickelung. Bis zum Jahre 1840 war es, wie gezeigt wurde, die
Regierung, welche aus freiem Antrieb diese Keime förderte und
pflegte. Nun auf einmal verrieth sie die entschlossene Absicht, jeden
neuen Trieb und jede Entwickelung über das Gegebene und Vollendete
hinaus zu unterdrücken. Dies offenbarte sich zuerst, als dem Landtag
von 1839 das dem letzten Landtage versprochene Preßgesetz von der
Regierung vorgelegt wurde. Die Kammer ernannte -- so sehr war
der Einfluß der Opposition schon gewachsen -- den Wortführer der
Liberalen, Carl Todt, zum Referenten über das Gesetz. Und Todt und die
Preßgesetz-Deputation (Commission) schlugen so umfassende Aenderungen
an dem zopfig-reactionairen Regierungsentwurfe vor, daß die Regierung
vorzog, das ganze Gesetz zurückzuziehen. Mochte man das nun auch als
ein Zeichen ihrer Schwäche ansehen, da sie den parlamentarischen
Principienkampf scheute und mindestens in der zweiten Kammer einer
Niederlage entgegensah, so beharrte sie doch ruhig auf ihrem
Verbietungs-Standpunkt der freien Presse gegenüber und schien einen
gleich überlebten Standpunkt einzunehmen auf einem anderen Gebiet,
an welches sich mit einer uns heute kaum begreiflichen Erregung die
Interessen aller Staatsbürger damals hefteten: auf dem Gebiete der
Strafrechtspflege und des Strafprocesses. Sachsen hatte 1838 ein neues
Strafgesetzbuch erhalten, welches, wahrhaft human und wissenschaftlich
gearbeitet, leider das letzte große Denkmal der Regierungskunst
Bernhard's von Lindenau sein sollte. Weimar und Altenburg hatten
dieses Gesetz ohne Weiteres bei sich eingeführt. Neben diesem
wahrhaft modernen Gesetze aber stand in Sachsen im Strafverfahren
der alte Inquisitionsproceß in widerlicher Blüthe, in allen seinen
Schattenseiten nur verstärkt durch die unselige Zerrissenheit der
Sächsischen Gerichtshoheit. Neben dem Staat schaltete in der Hand
eines ungebildeten, verarmten Landadels die Patrimonialgerichtsbarkeit
über Ehre und Freiheit der Gerichtseingesessenen. Längst hatte
der Sächsische Liberalismus die Forderung erhoben, daß die ganze
Strafrechtspflege nur vom Staat geübt werden dürfe, daß als
Grundlage des Strafprocesses das Anklageverfahren, Oeffentlichkeit
und Mündlichkeit des Processes anerkannt werden müsse. Die
Fortgeschrittensten machten der Regierung sogar graulich durch das
Verlangen nach Schwurgerichten. Allen diesen Verlangen setzte die
Regierung bisher ein absolutes _non possumus_ entgegen.

Ursachen und bewegende Fragen genug, um in weiten Kreisen des Volkes
Interesse an politischen Dingen, ja Aufregung und Gährung zu erzeugen!
Bis 1840 hatte das Sächsische Volk in politischen Dingen, namentlich
in inneren Verfassungsfragen, fast überall im Stande paradiesischer
Unschuld gelebt und die Fürsorge für sein Wohl der erleuchteten
und wohlmeinenden Regierung überlassen, aus deren Händen es 1831
die Verfassung empfangen hatte. Nun aber hatte es vom Baume der
Erkenntniß gegessen und sah bestürzt ein, daß sehr viel faul und
verbesserungsbedürftig sei in dem geträumten Paradiese. Keiner hat
diese Erkenntniß geschickter und rühriger gefördert, als Robert Blum.

Als nächster und willkommenster Anlaß zu einer großartigen
Demonstration für die Freiheit der Presse und die gewaltige,
unüberwindliche Macht des gedruckten Wortes bot zu Beginn des Jahres
1840 die Feier sich dar, welche Leipzig, der Centralsitz des deutschen
Buchhandels, das Hauptquartier der deutschen Schriftstellerwelt jener
Tage, für den 24. Juni 1840 vorbereitete, d. h. der vierhundertjährige
#Jahrestag der Erfindung der Buchdruckerkunst#. Schon in seiner
Stellung beim Theater -- Blum war zu Anfang des Jahres erster
Cassirer geworden und führte daneben das Secretariat fort -- war
Blum bei der Zusammensetzung des großen Vorbereitungscomité nicht zu
umgehen; noch weniger vermöge seiner Stellung als Schriftsteller und
Agitator. Die Protocolle über die Comitésitzungen, die Blum geführt
hat, weisen nach, wie er hauptsächlich den politisch-nationalen und
fortschrittlich-demonstrativen Charakter des Festes gegenüber dem
ursprünglichen Project eines bloßen Zunftjubiläums nachdrücklich
betont und endlich damit durchdringt. Die Austrittserklärungen der
„Angstmichel“ des Comité, nachdem die Sache diese Wendung genommen,
sind von erschütternder Komik. Blum und einem andern, später
vielgenannten Mitgliede des Comité, dem späteren Oberbürgermeister
Leipzigs, Koch, war es hauptsächlich zu danken, daß das Fest
gefeiert wurde Leipzigs und Deutschlands würdig, als ein Fest der
Gedankenfreiheit, mächtig zündend in den Gemüthern der Theilnehmer[38],
so daß selbst der lederne Historiograph Leipzigs, Große, sich bei
einem Rückblick auf das Fest zu der Erkenntniß aufschwingt[39], es sei
in Ordnung gewesen, daß man es weder als Zunft- noch als Literatur-
oder Kunstfest gefeiert habe, „denn die Erfindung der Buchdruckerkunst
ist zum Auferstehungsmorgen der Literatur, zum Erlöser des Geistes
geworden; ohne sie wäre die Reformation ohnstreitig in dem engen
Augustinerkloster erstickt; Gutenberg ist ein Mann des deutschen
Volkes und nicht blos der Krämer und Händler, die sich von seiner
Erfindung nähren. So nahm das Volk das große Fest auf; es freute
sich der Entfesselung des Geistes und nicht der Kunst, die Tausenden
Brot bringt.“ Selbst Gottfried Hermann's Festrede in der Aula verließ
die bis dahin unausrottbare Gewohnheit aller akademischen Festreden
Leipzigs, olympisch-langweilig zu sein, und schwang sich in klassischem
Latein auf zu einem zürnenden Protest gegen jede Knebelung der
Denkfreiheit. Das sinnige Festspiel im Theater war von Blum arrangirt.

Das nächste war, daß die zahlreichen Schriftsteller, die in Leipzig
ihren Sitz hatten und die sich und ihre Arbeit durch das große Fest
besonders gehoben fühlten, zu einem „#Literatenverein#“ zusammentraten.
Der Verein begann bald nach dem Fest (Winter 1840/41) seine zunächst
gesellige Wirksamkeit[40]. Blum gehörte zu seinen Gründern, von 1841
an zu dessen Vorstand. Vom Januar 1842 an nahm der Verein die Form
an, in welcher er später viel Rühmliches wirkte für die Würde und
Interessengemeinschaft des Schriftstellerstandes sowohl, als für
die Freiheit der Presse und des geschriebenen und gedruckten Wortes
und endlich für das Autorrecht. „Sein Zweck ist nicht ästhetischer
Art“ sagt § 2 des Statuts vom Februar 1842, „sein Zweck ist nicht
politischer Art -- er wird über allgemeine staatliche Verhältnisse
keine Gesammtmeinung aufstellen wollen. Sein Zweck ist ein moralischer“
(sagt § 4). „Gemeinsame Beachtung, Prüfung, Berathung und Entschließung
hinsichtlich aller der Verhältnisse, welche die Ehre und die Interessen
des Literatenstandes, der Literatur und der Presse angehen: das
ist sein Zweck.“ § 5 machte den Mitgliedern zur Pflicht: „alle
dahin einschlagenden Angelegenheiten, die den Vortheil und die Ehre
der Literatur und der Presse betreffen, im Vereine zur Kenntniß
und zur Sprache zu bringen, damit ein allseitiges Einverständniß
hierüber möglich werde und nöthigenfalls die öffentliche Darlegung
des Gesammtwillens erfolgen könne“. „Nachdruck, gesetzlicher und
ungesetzlicher Zustand der Presse, Handhabung der Censur, diese drei
Punkte wird seinerseits der Leipziger Literatenverein zu Gegenständen
unausgesetzter Berathung und Entschließung machen.“

Die erste Mitgliederliste des Vereins führt schon 44 Schriftsteller,
Professoren und Buchhändler auf, z. B. Prof. Biedermann, Robert Blum,
Prof. Braune, Friedr. und Heinr. Brockhaus, A. Buddeus, Diezmann, Prof.
Flathe, Georg Günther, Jul. Hammer, M. Held, Rob. Heller, Herloßsohn,
Salomon Hirzel, J. P. Jordan, J. Kaufmann (den geistvollen Mitarbeiter
der von Kuranda begründeten Grenzboten), Prof. Klotz, Adv. Koch (den
späteren Bürgermeister), Gust. Kühne, Heinrich Laube, Albert Lortzing,
Marggraff, Dr. Jul. Michaelis, E. M. Oettinger, Karl Reimer, Dr.
Schletter, Fr. Steger, Prof. Theile, Dr. R. Treitschke, Dr. Weinlig
(den späteren Minister), Prof. Weiske, Otto und Georg Wigand, Prof.
Wuttke -- und selbst den Censor Prof. Bülau! Im Herbst 1842 war die
Mitgliederzahl schon auf das Doppelte gestiegen. Die Jahresberichte
und Mitgliederverzeichnisse der kommenden Jahre zeigen, in welchem
Maße sich dieser Verein aus ganz Deutschland Gelehrte, Buchhändler,
Schriftsteller angliedert. So zu sagen über Nacht war er eine Macht
geworden, die erste kraftvolle Organisation und Association des
Schriftstellerstandes in Deutschland.

Noch wirkungsvoller für die unmittelbare Gegenwart war jedoch die
vornehmlich von Robert Blum 1840 bewirkte Gründung des Leipziger
#Schillervereins#. An den Jahresfesten des Vereins konnte die
eigenthümlichste Begabung seines Gründers, die gewaltige Rednergabe
Blum's, ihre größten Triumphe feiern, da er es vorzüglich verstand,
„diesen Schillerfesten durch eine künstliche Mischung des politischen
mit dem poetischen Elemente einen immer frischen Reiz und eine
nicht unwichtige Einwirkung, besonders auf den niederen Bürgerstand
zu verleihen.“[41] Man braucht nur Blum's zu den Schillerfesten
gehaltene Reden[42] nachzulesen, um diesem Urtheil des Sächsischen
Geschichtsschreibers durchaus beizutreten, der übrigens durchaus nicht
allzu nachsichtig und liebevoll über Blum urtheilt[43]. Das erste
Schillerfest fand am 9. November 1840 statt. Blum hielt die Festrede;
schon in dieser ersten Rede erklärte er:

„Aber wie unendlich bedeutend auch die sittliche und poetische Größe
Schiller's sein mag: es giebt noch eine andere, in der neuesten
Zeit vorzugsweise erkannte Seite seines Wesens, die ihn mit tausend
Liebesbanden festkettet an die Herzen seiner Nation und ihn zum Muster
und Vorbilde macht für die edelsten Bestrebungen der Vergangenheit,
der Gegenwart und Zukunft: es ist dies seine #historisch-prophetische#
Bedeutung, sein Kampf für Wahrheit, Völkerwohl und Freiheit. Werfen
wir einen Blick auf den innigen Zusammenhang seiner Schöpfungen mit
den Ereignissen seiner Zeit.“ Diese Betrachtung bildet den Kern der
ersten Rede. Sofort wird natürlich der Schiller-Verein zu Leipzig in
den reactionären Organen des Bundestages, Hannovers &c. verdächtigt,
ein politischer Verein zu sein, Götzendienst zu treiben durch einen
Tanz um eine alte Weste Schiller's, die der Verein besitzt &c. Darauf
antwortet Blum sehr scharf in seiner Rede zum Schillerfest 1842:
„Im Aerger darüber, daß die Völker nicht mehr tanzen wollen nach
den elenden Melodien dieser schlechten Musikanten, erfanden sie
jenen Tanz. Die Verblendeten, die keuchend arbeiten um Sündenlohn an
einem schmachvollen Werke, glaubten mit jenem Märchen den gewaltigen
Ausbruch unserer Empfindungen übertäuben zu können, der sich kundgab,
als wir uns der Heiligkeit geschworener Eide erinnerten[44] und des
frevelhaften Spiels, das hin und wieder damit getrieben wird.“

Er wirft nun die Frage auf: „Was feiern wir am Schillerfeste?“ und
beantwortet sie dahin: „Seit dem halben Jahrhundert, wo Schiller
gelebt und gewirkt, haben wir einen weiten Raum durchlaufen: das
Vaterland war zerrissen und zerstückelt durch den Eigennutz derer,
die es zunächst hätten hüten sollen, und wir trugen das schmachvolle
Joch der Fremdherrschaft; wir rüttelten wieder an unseren Ketten,
zersprengten sie und setzten Gut und Blut an unsere Befreiung, an
unsere Freiheit; wir empfanden schnöden Undank und grobe Täuschung, die
schon entkeimende Frucht unseres Blutes wurde abgestreift vom Sturm
der Willkür, der Gedanke und das Wort gefesselt und die begeisterte
Vaterlandsliebe geächtet; wir suchten und fanden andere Bahnen zu neuem
Wirken und ringen noch immer nach dem Verlorenen. Schiller hat uns
begleitet auf dem ganzen weiten Wege, hat Jubel und Freude, Schmerz
und Entrüstung, Muth und Ausdauer, Duldung und Ergebung, Kraft und
Begeisterung, Mäßigung und Klugheit in unsere Seelen gehaucht....
Der schwierige Weg ist zurückgelegt, vor uns liegt eine offene, eine
ebene Bahn. Nicht weil unsere gerechten Forderungen befriedigt, die
Güter uns gewährt sind, die wir prompt vorausbezahlten, sondern weil
die Gesinnung, die sie erstrebt, so stark geworden im Vaterlande,
daß sie unwiderstehlich ist; weil die Forderung so tausendstimmig
laut geworden, daß man ihr nicht mehr Schweigen gebieten kann, weil
man endlich erkannt hat, #was# uns Noth thut, um stark und frei zu
werden. Was vor einem Jahrzehnt noch leiser Wunsch und tiefe Sehnsucht
einzelner Herzen war, was ausgesprochen als Hochverrath galt, um
deßwillen Hunderte in den Kerkern schmachteten, Hunderte dem Vaterlande
den Rücken kehren mußten -- es ist heute der #ausgesprochene# Wunsch,
die laute Forderung jedes Ehrenmannes; es erschallt aus allen Gauen,
aus jedem Herzen, aus jedem Munde; es erschallt selbst von den
Festtafeln der Fürsten; ‚Ein einiges, großes, starkes Vaterland! Fest
wie seine Berge‘[45]. Die Idee hat gesiegt; sie ist Fleisch und Blut,
ist allmächtig geworden trotz aller Verfolgung und Unterdrückung, sie
wird verwirklicht werden trotz aller Schranken und Widerstrebungen.“

Um die volle Wirkung solcher Reden auf die Zeitgenossen zu würdigen,
muß man sich versetzen in die Tage, da sie gehalten wurden. Diejenigen,
die damals jung gewesen und dem Redner zu Füßen saßen und heute in
Ehren ergraut sind, haben dem Verfasser wiederholt erklärt, daß Worte
von solcher Kühnheit, Kraft und patriotischer Klarheit bis dahin in
Leipzig noch nicht vernommen worden seien. Durch diese Reden allein
schon gewann Blum seit Beginn der vierziger Jahre den Ruf, der erste
Redner Leipzigs zu sein. Aber nicht minder kühn, schneidig und klar
führte Robert Blum den Kampf um die höchsten Güter der Nation in
der #Presse#. Zunächst bediente er sich dazu der seiner Richtung
verwandten Tagesblätter, vor Allem der schon genannten „#Sächsischen
Vaterlandsblätter#“, die vornehmlich durch Blum's Mitarbeiterschaft,
unter der Redaction seines Schwagers Georg Günther, weit über Leipzig
und Sachsen hinaus das Organ des nationalen Liberalismus jener Tage
geworden sind. In diesem Blatte hat er unermüdlich die Forderungen,
die Schwächen und Fehler der Zeit, namentlich die furchtbaren Mißgriffe
und Sünden des damaligen geheimen und schriftlichen Strafverfahrens,
den Fluch der Censur, die Rechte der Landtage gegenüber den Regierungen
&c. zur Sprache gebracht. Denn noch dauerten die segensreichen Tage des
Ministeriums Lindenau für Sachsen fort, noch hoffte Blum, manches Wort,
das er freimüthig in den „Vaterlandsblättern“ niedergelegt, werde in
Dresden an hoher Stelle gute Statt finden.

Er wurde freilich in dieser Erwartung schon erheblich getäuscht,
als die Vaterlandsblätter von Dresden im Jahre 1841 nach Leipzig
übersiedelten. Da wollte er selbst das wichtige Parteiorgan käuflich
an sich bringen und bewarb sich um die Concession zur Herausgabe
des Blattes. Doch wurde ihm diese rundweg versagt, weil man ihn für
einen gemeingefährlichen Menschen hielt. Man besaß damals eine schöne
Offenheit, den Leuten, denen man wohlwollte, so etwas rund heraus zu
sagen. Blum blieb also einfacher Mitarbeiter der Vaterlandsblätter.
Doch schlugen seine Artikel täglich in weiteren Kreisen ein. Wir
Heutigen können uns von der Wirkung, welche die den Zeitgenossen
mundgerechtesten Artikel Blum's ausübten, kaum mehr eine Vorstellung
machen. Einige derselben, wie seine Abhandlung darüber, ob der Pfarrer
Weidig in seiner Untersuchungshaft in Darmstadt sich selbst entleibt
habe oder ermordet worden sei, wurde in mehr als zehntausend Abdrücken
verbreitet -- obwohl oder vielleicht gerade weil Blum darin die
heute als völlig irrig erkannte Meinung begründete, daß Weidig das
Opfer eines politischen Meuchelmordes (verübt durch seinen eigenen
Untersuchungsrichter) geworden sei[46]. Deutlich erkennbar für Jeden
war der intime Zusammenhang der journalistischen Arbeit Blum's mit
dem Auftreten der liberalen Opposition im sächsischen Landtage. Die
„Vaterlandsblätter“ warfen in die Massen dieselben Schlagworte der
Partei, welche später im „Landhause“ zu Dresden von der Linken aus
erhoben wurden. Aus den Briefen Blum's an Johann Jacoby, die mir
vorliegen, ist zweifellos, daß das journalistische Zusammenwirken
Blum's mit der parlamentarischen Opposition Sachsens ein durchaus
planmäßiges war. Vor jeder Landtagscampagne wurde in Leipzig das
gemeinsame Zusammenwirken zwischen Blum und den Abgeordneten in den
Zielen und Mitteln festgestellt[47].

Ein ehrendes Zeugniß für Blum's Gerechtigkeitssinn und Wahrheitsliebe
bei seinen journalistischen Arbeiten, zugleich einen schönen Beweis für
das Ansehen der Vaterlandsblätter in den höchsten Kreisen deutscher
Bildung bietet nachstehender Brief Blum's vom 9. September 1842 an
Prof. Nees von Esenbeck in Breslau[48]. Prof. v. Esenbeck hatte eine
Notiz der Vaterlandsblätter über die Breslauer philosophische Facultät
berichtigt und diese Berichtigung sendet nun Blum ein mit den Worten:
(Ich habe) „den angenehmen Auftrag zu erfüllen, der mir von der
Redaction der Sächsischen Vaterlandsblätter zu Theil wurde, Ihnen für
Ihr überaus freundliches Briefchen zu danken und Ihnen in der Einlage
den Beweis zu liefern, daß wir Ihrem gefl. und gerechten Wunsche mit
Vergnügen und aus Pflichtgefühl entsprochen haben. Daß die Mittheilung,
aus einer unverfänglichen und durchaus unbetheiligten Quelle fließend,
Aufnahme fand, bedarf keiner Entschuldigung; daß aber die Facultät
auf ungerechte Weise gekränkt wurde, ist uns sehr schmerzlich, wenn
auch dieses unangenehme Gefühl nicht von einer sehr wohlthuenden
Beischmeckung frei ist. Wir haben nämlich dadurch die -- wenn auch
nur briefliche -- Bekanntschaft eines Ehrenmannes gemacht, der mit
einer leider immer seltener werdenden Offenheit und Zutraulichkeit
die Wahrheit vertritt und nicht an der Redlichkeit einer offen
angesprochenen Gesinnung zweifelt: ich meine Ihre uns höchst ehrenvolle
Bekanntschaft. Genehmigen Sie demnach mit dem verbindlichsten Danke für
Ihre freundliche und wohlwollende Meinung, für Ihr ehrendes Vertrauen
die Versicherung innigster Verehrung von Ihrem ganz ergebensten Robert
Blum.“

In gleich energischer Weise, wie durch die Tagespresse, suchte Blum
aber auch durch #billige politische Schriften# zu wirken. Von 1840 gab
er mit Steger den „#Verfassungsfreund#“ heraus, ein Lieferungswerk,
durch welches das Volk über wichtige Zeitfragen des Staatslebens
aufgeklärt werden sollte. Die Vorrede zum ersten Bändchen, welches eine
Abhandlung Stegers über Absolutismus und constitutionelle Monarchie
enthielt, war folgendes „Vorwort“ Blum's vorausgeschickt, das wir
vollständig mittheilen, da es eines der schönsten Zeugnisse der
nationalen und maßvollen Gesinnung des Mannes darstellt.

  Die Zeit, in der wir leben, ist eine der schönsten und größten, die
  es je gegeben. Eine gewaltige Bewegung hat sich der ganzen Welt
  bemächtigt, Alles will mit Kraft vorwärts, und auch unser herrliches
  Vaterland hat sich dem neuen Streben der Völker angeschlossen. Jeder
  Bürger ist bei diesem Ringen zwischen Altem und Neuem betheiligt,
  die Kräfte jedes Einzelnen werden in Anspruch genommen, jeder
  Staatsangehörige hat die Pflicht, den großen Ereignissen des Tages,
  die auch sein Wohl oder Wehe entscheiden, seine Aufmerksamkeit zu
  schenken und sich für oder wider auszusprechen.

  Eine ruhige Prüfung der gewichtigen Fragen, die auf die Gestaltung
  unseres öffentlichen Lebens von entscheidendem Einflusse sind,
  thut daher vor allem Noth. Keine Leidenschaft, kein Irrthum, am
  wenigsten absichtliche Lüge, dürfen sich in die Erörterung der Formen
  und Einrichtungen, die für das Staatsleben die passendsten sind,
  mischen, sollen wir anders unsere Entscheidung richtig abgeben. Zu
  dieser Entscheidung sind aber Alle berufen und berechtigt, Arme
  wie Reiche, Mächtige wie Schwache, Hohe wie Niedere, denn das
  Vaterland umschlingt alle Staatsbürger mit gleichem Bande, und
  was ihm widerfährt, Gutes oder Böses, das hat auch jeder Einzelne
  mitzuempfinden.

  Die jetzige Zeit ist zu einer ruhigen Prüfung wohl vorzugsweise
  geeignet. Ein tiefer Friede umfängt das ganze Vaterland von der
  Eider bis zur Donau, vom Rhein bis zur Weichsel, und es hat nicht
  den Anschein, als ob der Bürger und der Landmann durch Kriegsruf
  sobald wieder aus ihrer Ruhe aufgescheucht werden sollten. Im
  Innern herrscht dieselbe gedeihliche Ruhe, mit einer glücklichen
  Betriebsamkeit gepaart. Alle Hände sind rüstig am Werk, die Künste
  des Friedens zu pflegen, und Recht und Gesetze finden die Wartung,
  welche diese wichtigsten Stützen des Staats in Anspruch nehmen
  dürfen. Vorzüglich ist es aber das Verfassungswesen, dem die meiste
  Theilnahme, der Regierungen wie des Volkes, sich zuwendet, und das
  zugleich im entschiedensten Sinne, bald mit theilnehmender Liebe,
  bald mit erbitterter Abneigung, besprochen wird.

  Dieses Verfassungswesen und Alles, was daran sich knüpft, näher
  zu beleuchten, ist der Zweck unseres „Verfassungsfreundes.“ In
  den Kreis unserer Besprechung gehören daher sämmtliche wichtige
  Zeitfragen, z. B. über constitutionelles Princip überhaupt, über
  Preßfreiheit, Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, deutsche Einheit,
  Gemeindeverfassung u. s. w. u. s. w. Wir werden alle diese
  Gegenstände nach der Reihe besprechen und uns dabei bemühen, mit
  Ausscheidung alles Ungehörigen und namentlich alles gelehrten Krames,
  das einfache Verhältniß jeder Sache so darzulegen, wie es dem
  gesunden Verstande des schlichten Bürgers sich darstellen muß. Denn
  nicht etwa eine besonders hoch-, vielleicht auch #ver#bildete Classe
  von Staatsangehörigen haben wir bei unserm Werke im Auge, sondern
  wünschen vielmehr die Gesammtheit aller denkenden Bürger zu Lesern
  zu haben, um uns mit ihnen über die wichtigsten Zeitinteressen zu
  verständigen.

  Das Gefühl unserer Einheit als großes Volk der Deutschen ist
  lebendiger erwacht, denn je. Gott sei gelobt, daß dem so ist, denn
  unsere Einheit ist unsere Kraft und unser Glück. Es genügt aber
  nicht, daß wir uns als Deutsche zusammenstellen, wenn der Franzose
  über den Rhein schreit oder der Russe von seinen Steppen aus den
  Kantschu zeigt; wollen wir wahrhaft ein eines Volk sein, so müssen
  wir auch einig sein. Diese Einigkeit wird bedeutend vorbereitet
  werden, wenn wir uns selbst kennen lernen, wenn wir uns genau
  Rechenschaft darüber ablegen, was uns in unsern Verhältnissen Noth
  thut, und welche Staatseinrichtungen und Gesetze unsern Bedürfnissen
  am anpassendsten sind.

  #Nach unserer besten, innersten Ueberzeugung können wir nur Eines
  finden, das uns in Deutschland zur Einheit und zur Einigkeit
  zu führen vermag -- die Durchbildung eines freien deutschen
  Verfassungslebens.# Nur das allen freien Männern inwohnende Gefühl
  der Selbstachtung kann dem Deutschen die Würde geben, die er in
  den schweren Kämpfen mit dem Auslande, welche vielleicht bald
  bevorstehen, so nöthig hat, und nur die unter constitutionellen
  Regierungsformen so innige Verschmelzung von Staat und Volk, wie
  die hier stattfindende fortwährende Betheiligung der Bürger an
  allen Staatsangelegenheiten, #vermögen uns das Selbstbewußtsein zu
  verleihen, das uns lehrt, für jede, selbst die entfernteste Provinz
  wie# =ein= #Mann einzustehen, und für die Ehre des deutschen Namens,
  für die Wohlfahrt des Gesammtvaterlandes jeden Augenblick Blut und
  Leben zu opfern#.

  Es ist daher der constitutionelle Standpunkt, von dem wir in diesen
  Blättern ausgehen. Nur für Bürger constitutioneller Staaten und
  Freunde freier deutscher Verfassungen überhaupt schreiben wir,
  nicht für Leute, die dem Staatsbürger blos Pflichten zuerkennen
  und von keinen Rechten desselben wissen wollen. Leidenschaftliches
  Parteinehmen ist jedoch unsere Sache nicht. Wir sind zu sehr Freunde
  des deutschen Volkscharakters, um nicht zwei seiner schönsten
  Eigenschaften -- Mäßigung und unparteiische Gerechtigkeit -- ihrem
  vollen Werthe nach anzuerkennen.

Der Leipziger Censor scheint kein Freund der „zwei schönsten
Eigenschaften des deutschen Volkscharakters, Mäßigung und
unparteiischer Gerechtigkeit,“ gewesen zu sein oder aber diese
Eigenschaften in dem Verfassungsfreund nicht gefunden zu haben, denn
nur zwei von Steger bearbeitete Hefte ließ er passiren. Als 1843 das
dritte Heft, das erste aus Blum's Feder, über das Wesen der Presse,
erscheinen sollte, wurde das Unternehmen durch die Censur unterdrückt.

Rasch wurde derselbe Plan unter anderem Namen und in anderer noch
glücklicherer Form von Blum verfolgt. Von 1843 an ließ er mit Steger
das #Taschenbuch „Vorwärts“# erscheinen, das von großem Einfluß
auf die Zeitgenossen gewesen ist. Alle bedeutenderen politischen
Schriftsteller und Dichter der Zeit haben dafür Beiträge geliefert; von
den Politikern C. Th. Welcker, Hecker, Johann Jacoby, Heinrich Simon,
L. Walesrode, Arnold Ruge und Andere, von den Dichtern Mosen, Herwegh,
Fallersleben, Freiligrath, Robert Prutz und eine große Zahl Anderer,
selbst Ludwig Uhland, von dem die schönen „Gedichte vom Verfasser des
armen Gauls“ herrühren. Doch nannte sich Uhland nicht[49]. Fast rührend
lesen sich die Bettelbriefe, die Blum an die Gesinnungsgenossen in
ganz Deutschland ergehen läßt um Beiträge für das liebste Kind seines
Schaffens, das Taschenbuch. So schreibt er am 28. Octbr. an Johann
Jacoby:

„Mein sehr geehrter Herr und Freund! Habgierige Eltern wissen die
Pathen ihrer Kinder schon darauf aufmerksam zu machen, wenn der
Geburtstag der Kleinen herankommt, damit ihnen das übliche Geschenk
nicht entgeht. Von allem armen Volk aber sind die Schriftsteller das
unverschämteste, und so werden Sie's begreiflich finden, daß ich
geradezu komme und Sie höflichst an das Pathengeschenk mahne, welches
Sie meinem literarischen Kindchen „Vorwärts“ gewissermaßen schuldig
sind. Sie kennen nebenbei die Lästerzunge der Welt und können unmöglich
wollen, daß ein armes Kind, dem Sie Ihren Namen gütigst geliehen,
so ohne alle Unterstützung von Ihnen sich durchschlage, da man Ihre
glänzenden Vermögensumstände in dieser Beziehung kennt und weiß, daß
Sie ohne Opfer die reichsten Gaben spenden können.“

Vor das Volk aber trat das Taschenbuch, als es 1843 zum ersten Male
erschien, mit der vollen Siegeszuversicht und dem vollen Vertrauen
in die gute Sache, die Blum bis an sein Ende in sich getragen. „Wir
bringen unser Tagebuch im Frühling, in der Zeit der am reichsten
prangenden Natur.... Wohl behaupten manche kleinmüthige Seelen, es sei
Herbst im Vaterlande und der Winter nahe, weil die Stürme brausen und
es finster wird am Horizont. Laßt es stürmen.... Was in schweren und
drangvollen Zeiten gesäet wurde in die Herzen des Volkes, was gedüngt
wurde mit dem Blute von Tausenden, was entkeimte in dem milden Thaue
eines langen Friedens und an der Sonne der allmächtig fortschreitenden
Bildung eines kräftigen sittlichen Volkes -- das #vernichtet kein
Sturm#, dagegen ist das finstere Unwetter einer augenblicklich
mächtigen Reaction wirkungslos. -- Beschränkt, dämmt, unterdrückt,
verbietet, confiscirt, bevormundet die Schrift und das Wort, verfolgt
und verdammt die Vorkämpfer der Zeit, wirkt auf die öffentliche Meinung
durch die Heucheleien und Lügen der ‚guten‘ Presse, laßt die Männer des
Fortschrittes schmähen und verleumden nach Herzenslust, beschränkt und
beaufsichtigt den Lehrstuhl und die Kanzel, gewährt keine von allen
Forderungen der Gegenwart und müht Euch ab Tag und Nacht, das Rad der
Geschichte zurück zu drehen, #den Geist der Zeit zwingt Ihr nicht#“[50].

Inzwischen war allerdings, wie dieses Vorwort sagt, auch in Sachsen
„das finstere Unwetter einer mächtigen Reaction“ hereingebrochen.
Aber mit nichten schien es so, als solle diese Macht nur eine
„augenblickliche“ sein.

Unter größerer Erregung der Gemüther, als sie je zuvor in Sachsen
erlebt worden, war der Landtag Ende 1842 zusammengetreten. Selbst
nach Dresden hatte sich der Gährungsstoff übertragen, der in Leipzig
nun schon seit Jahren heimisch war. In Dresden hatten Gutzkow,
Mosen, Berthold Auerbach ihren Wohnsitz genommen; 1841 war auch der
gewaltigste und philosophisch-dialektisch geschulteste politische
Schriftsteller der Zeit, Arnold Ruge, nach Dresden gezogen und hatte
seine „Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst“ die aus Halle durch die
preußische Censur vertrieben waren, nach Dresden geflüchtet, wo das
liberale Entgegenkommen Lindenau's ihnen Schutz bot. Um den mächtigen
fesselnden Geist dieses Mannes sammelte sich bald eine Schaar kühn
aufstrebender jüngerer Männer; auch mit Blum stand Ruge im regsten
Verkehr. Den Verlag der Ruge'schen Jahrbücher hatte der tapfere Otto
Wigand in Leipzig übernommen. Da geschah das Unerhörte, mindestens
seit Unterdrückung der „Biene“ in Sachsen nicht mehr Erlebte: Anfang
1843 wurden die Jahrbücher unterdrückt. Dieselbe Behörde, welche
Anfangs eine Concession für die Jahrbücher, als für eine rein
wissenschaftliche Zeitschrift für unnöthig erklärt hatte, ertheilte
später aus eigenem Antrieb dem Verleger eine solche auf Widerruf,
um nachher durch Entziehung der Concession das Blatt unterdrücken
zu können. Das geschah, als Anfang 1843 Preußen dazu drängte. Die
Beschwerde Ruge's und Wigand's über diesen flagranten Fall war für
die Opposition sehr schätzbares Material, als sie an die Berathung
des neuen Preßgesetzes schritt. Die große Dürre des Jahres 1842,
die namentlich in den ärmeren Landestheilen eine völlige Mißernte
geschaffen, das gleichzeitige Auftreten der Kartoffelkrankheit,
zahlreiche große Brände, welche u. A. die Städte Oschatz, Sayda und
Adorf fast ganz verzehrten, erfüllten große Kreise des Volkes mit
schmerzlichem Leid und trugen zur allgemeinen Erregung der Gemüther bei.

Abermals hatte die Opposition sich verstärkt, als der Landtag eröffnet
wurde. Die entschiedenste Richtung hatte in Oberländer aus Zwickau
(späterem Märzminister), Tzschukke aus Meißen, Schumann aus Stollberg
Zuwachs gewonnen. Ihnen schlossen sich in den meisten Fragen an Heinr.
Brockhaus aus Leipzig und Schröder aus Rochlitz. Auch in ihren Erfolgen
war die Opposition weit glücklicher, als bisher. Diesmal blieb es
nicht bei der 1839 von Lindenau gerühmten „schönen Eigenthümlichkeit
der Sächsischen Kammer, keine Adresse zu erlassen.“ Als vielmehr Todt
auch diesmal seinen Antrag auf Erlaß einer Adresse einbrachte, traten
ihm Viele bei, da dies die einzige Gelegenheit sei, wo die Kammer ohne
das Hemmniß der ersten Kammer ihre Wünsche und Beschwerden vortragen
könne. Und als selbst Lindenau der Kammer das Recht zur einseitigen
Berathung einer Adresse bestritt, stimmten viele Abgeordnete, die auf
den beiden früheren Landtagen den Adreßantrag Todt's bekämpft hatten,
demselben nun zu, so daß er zum ersten Male in der zweiten Kammer eine
Majorität erlangte. Minister Könneritz erklärte nun rund heraus, daß
die Adresse ohne vorherige Austragung der Principfrage nicht angenommen
werden könne, worauf die zweite Kammer, tief verstimmt durch ein so
schroffes Auftreten, zur Wahrung ihres Rechtes beschloß, die Adresse
dem Protocoll einzuverleiben.

Das beim letzten Landtag gescheiterte Preßgesetz legte die Regierung
dem Landtag abermals zur Berathung vor[51]. Der Zustand der Presse
in Sachsen war ein schlechthin unleidlicher, eines constitutionellen
Staates einfach unwürdiger. Sie unterlag der reinen Willkür der Polizei
und der Censur, der Confiscation ohne Urtheil, der Unterdrückung auf
bloßen Befehl des Ministers, selbst der Nachcensur. Der Richter hatte
bei alledem gar nicht mitzureden. Nach 1842 hatte der Minister des
Innern den Localblättern einfach verboten, Artikel über auswärtige
Politik zu bringen, wenn sie nicht zuvor in der offiziösen Leipziger
Zeitung gestanden hatten! Die Censoren mußten anstößige Artikel nicht
nur streichen, sondern auch denunciren. Statt der Beseitigung dieser
schreienden Mißstände wollte der Regierungsentwurf lediglich Schriften
über zwanzig Druckbogen von der Censur befreien und auch das nur unter
Beschränkungen und Erschwerungen, welche die gewährte Freiheit so
gut wie aufhoben. Die Regierung war naiv oder boshaft genug, dieses
magere Zugeständniß als die Gewährung der im § 35 der Verfassung
verheißenen Preßfreiheit zu bezeichnen. Dagegen erhob sich mannhaft
die zweite Kammer und gab den Gesetzentwurf mit den wesentlichsten
Abänderungen an die erste Kammer. Das Haus der Sächsischen Lords wies
selbstverständlich fast alle diese Abänderungen zurück und so mußte die
zweite Kammer mit schwerem Herzen ihre Anträge wieder fallen lassen,
um wenigstens die Abschlagszahlung, welche das Gesetz bot, zu sichern
-- „wie wenn man auf eine Schuld von hundert Thalern fünf Thaler
erhielte,“ sagt der Referent Todt wörtlich. Nur die Beseitigung der
Nachcensur und eine Beschränkung der Verpflichtung zur Namhaftmachung
der Verfasser hatte die zweite Kammer erreicht[52]. Aber wenigstens
war Alles, was über das Recht und den Werth der freien Presse zu sagen
war, zum ersten Mal ungestraft und mannhaft in Sachsen ausgesprochen
worden und überall im Lande erweckten die tapfern Worte der liberalen
Abgeordneten freudigsten Nachhall.

Noch weit bedeutsamer und erfolgreicher aber war die Haltung
der Opposition der zweiten Kammer gegenüber dem neuen
Strafproceßordnungs-Entwurf der Regierung. Dieser Entwurf basirte,
trotz aller Beschlüsse der bisherigen Landtage, durchaus auf dem
Boden des alten schriftlichen und heimlichen Inquisitionsprocesses.
Die erste Kammer berieth zuerst über den Entwurf und selbst hier
gewann die Regierung für denselben nur die knappe Mehrheit von drei
Stimmen. Ganz anders erging es demselben aber in der zweiten Kammer.
Das treffliche Referat, das Braun darüber erstattete, begründete den
Ruf dieses Abgeordneten als eines tüchtigen, freisinnigen Juristen.
Zehn Tage lang tobte die Schlacht für und gegen die Oeffentlichkeit
und Mündlichkeit, Anklage und Inquisitionsverfahren im Saale der
zweiten Kammer zu Dresden. Vierzig Reden wurden gehalten, darunter
nur eine von einem Abgeordneten für den Regierungsentwurf. Wieviel
Blum's Vaterlandsblätter zur Vorbereitung des Kampfes gewirkt, wieviel
tüchtiges Material sie den Genossen geliefert, erkennt, wer die
„Landtagsmittheilungen“ mit den Jahrgängen 1842 und 43 des Leipziger
Blattes vergleicht. Und ob auch der Justizminister v. Könneritz sich
zu der Erklärung hinreißen ließ: er werde in dieser Frage selbst dem
vereinten Willen der Kammer nicht weichen, sondern nur seiner eigenen
Überzeugung, so beschloß die Kammer doch mit 71 gegen 4 Stimmen die
Ablehnung des Regierungsentwurfs und verlangte mit 68 gegen 8 Stimmen
die Vorlegung eines neuen Entwurfs, der auf dem Anklageverfahren mit
Staatsanwaltschaft, auf Oeffentlichkeit und Mündlichkeit beruhe. Und
als hierauf die Regierung ihren Entwurf zurückzog mit einer Erklärung,
welche von neuem die Nichtbeachtung des Kammerbeschlusses in Aussicht
stellte, beschloß die Kammer, ihre Beschlüsse zur Strafproceßordnung
über den Kopf der Regierung hinweg als ständische Anträge an den König
zu bringen. Auch dieses letzte constitutionelle Hülfsmittel scheiterte
an dem Widerspruch einer kleinen Mehrheit der ersten Kammer.

Ungeheuer war die Nachwirkung dieser Verhandlungen, dieses Ausganges im
Lande. Kein Freisinniger konnte sich mehr der Überzeugung verschließen,
daß so nicht fortregiert werden könne, ohne daß das Ansehen der
Regierung oder das der Kammern und Verfassung schwer leiden, die
bestehende Erregung und Unzufriedenheit einen gefahrdrohenden Umfang
annehmen müsse. Alle liberalen Elemente standen in dieser Überzeugung
zusammen, wie sie im Landtag zusammengestanden in den letzten Kämpfen.
Zu thatkräftigem Handeln raffte nun selbst der Trägste sich auf. Als
die Regierung nach der Landtagscampagne einen Gegner des von der Kammer
beschlossenen Strafverfahrens in die Länder, in denen Schwurgerichte
bestanden, aus Landesmitteln entsendete, sammelten die Liberalen
Mittel, um Braun dieselben Länder zu gleichem Zwecke bereisen zu
lassen[53]. Blum war persönlich, brieflich, in der Presse, auch bei
dieser Agitation ungemein thätig.

Aller Hoffnungen richteten sich nun noch auf den freisinnigen
wohlmeinenden Minister Lindenau. Man hielt für unmöglich, daß er,
der Vater des neuen Verfassungslebens in Sachsen, zugeben werde, daß
Land, Volk und Krone berathen und beherrscht würden von einem ebenso
geist- als vermögenslosen feudalen Junkerthum, das kaum noch den
Buchstaben der Verfassung achtete und jedem, auch dem berechtigtsten
Reformbedürfnisse der Zeit eine Politik des absoluten eigenwilligsten
Widerstandes entgegensetzte. Man täuschte sich nicht in dem trefflichen
Manne. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen die Bestrebungen seiner
Collegen im Ministerium, von neuem eine bevorrechtete Herrschaft
der Aristokratie über das Land zuzulassen, die Lindenau durch die
Verfassung für immer beseitigt glaubte -- aber andrerseits gingen
auch die Strebungen der neuen Zeit über dasjenige hinaus, was er
vertreten und befürworten mochte. So that er denn den Schritt, der
ihm als charaktertreuen Mann geboten schien, der aber für das Land
der unheilvollste war: am 1. September 1843 trat er, der tüchtigste,
verdienstvollste und freisinnigste Minister, den Sachsen je besessen,
von seinem Amte in das Privatleben zurück.

An seiner Stelle trat der bisherige Justizminister v. Könneritz an
die Spitze des Ministeriums: sein Name an dieser Stelle bedeutete den
Triumph der Reaction.



       10. Die Reaction unter Könneritz. Die
            deutsch-katholische Bewegung.

                    (1843-1845.)


Die ersten Schläge der neuen Sächsischen Regierung suchten die verhaßte
Oppositionspresse zu zermalmen, an ihren Leitern Rache zu nehmen. Eine
Reihe der kühnsten Blätter und Zeitschriften wurde einfach unterdrückt.
Den Vaterlandsblättern wurde mit sofortiger Unterdrückung gedroht,
falls sie in der bisherigen Richtung fortführen. Da sie sich nicht
irre machen ließen, bescheerte ihnen der Minister später, gerade zu
Weihnachten 1845, die angedrohte Vollziehung der Unterdrückung. Hatte
man nicht das Recht und noch weniger die Moral auf seiner Seite, so
hatte man doch die Macht, und der alte Spruch: „Es gibt Richter in
Berlin“, vor dem schon die absolute Laune eines Friedrichs des Großen
sich ehrfurchtsvoll beugte, hatte für einen Herrn von Könneritz nichts
zu bedeuten, da der Sächsische Richterstand mit allem Herzeleid und
aller Unbill, die der Presse angethan wurde, eben einfach nichts zu
thun hatte.

In gleich grausamer und und schonungsloser Weise wurde gegen die der
Regierung mißliebigen Schriftsteller verfahren, die das Unglück hatten,
nicht innerhalb der grün-weißen Grenzpfähle geboren zu sein. Sie
wurden einfach ausgewiesen oder, unter der Abforderung eines bündigen
Versprechens für künftiges Wohlverhalten, mit sofortiger Ausweisung
bedroht. Die letztere unwürdige Zwangsmaßregel wurde z. B. gegen
Blum's treuen Mitkämpfer Ludwig #Steger# angewendet. Offen erklärte
der Minister des Innern vor der Kammer: Der deutsche „Ausländer“ habe
kein Recht in Sachsen zu weilen, seine Duldung hänge von der Gnade der
Polizei ab.

Sofort wurde auch Robert Blum vom reichverdienten Zorn der Reaction
betroffen. Ein zu Anfang Januar 1843 in den „Vaterlandsblättern“
erschienener Leitartikel Blums hatte eine in mancher Beziehung
eigenthümliche Strafuntersuchung gegen ein armes Dienstmädchen
behandelt, und daran die entschiedene Forderung nach Oeffentlichkeit
und Mündlichkeit des Strafverfahrens geknüpft. Die in jenem Artikel
gegebene Sachdarstellung des Processes war -- wie Blum freilich nicht
wußte und nicht wissen konnte -- in der Hauptsache unrichtig. Das
stellte sich später heraus. Sowie Könneritz das Staatsruder ergriffen
hatte, wurde wegen dieses Artikels den Vaterlandsblättern eine jener
famosen Berichtigungen zugesandt, durch welche sich Herr von Könneritz,
wenn auch durch sonst nichts, Anspruch auf Unsterblichkeit in der
Geschichte der deutschen Stilistik und Grammatik erworben hat, und
weiter wurde derselbe Artikel noch im September 1843 zum Gegenstand
einer Strafuntersuchung gegen „den Theatersecretär Robert Blum und
Consorten“ gemacht. Der Inhalt dieser Acten[54] ist so charakteristisch
für jene Zeit und nebenbei auch so unterhaltend, daß es sich wirklich
verlohnt, dabei eingehender zu verweilen. Der neue sächsische Premier
hatte persönlich als Chef des Justizministeriums den Strafantrag „wegen
öffentlicher Beleidigung des sächsischen Richterstandes“ gegen den
verhaßten Leipziger Theatersecretär gestellt und die Einleitung der
Untersuchung veranlaßt.

Blum leugnete seine Urheberschaft keinen Augenblick, berief sich
aber in seinen eigenen Auslassungen und den „Schutzschriften“
seines Advocaten Paul Römisch sowohl auf seinen guten Glauben bei
Veröffentlichung jenes Rechtsfalles, als auf das berechtigte politische
Interesse, das er in jenem Artikel wahrgenommen habe. Darauf erfloß am
22. Febr. 1844 von dem hohen Appellationsgericht Leipzig ein Erkenntniß
erster Instanz, in welchem Blum zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt
wurde, und zwar hauptsächlich aus folgenden Erwägungen: „Hat Blum
demnach diesen Fall als Beleg dafür angeführt, daß man ‚der guten
alten Zeit‘ -- dem im Königreich Sachsen bestehenden Strafverfahren
(!) -- ‚#für schlechte Juristen# ein Ende machen, und die traurige
Heimlichkeit -- #für Unfähigkeit und Härte# -- begraben solle‘, so
liegt darin offenbar eine Verunglimpfung der königlich sächsischen
Justizbehörden (?) ... Erwägt man nun, daß diese Beleidigung dem
Richterstande im Königreich Sachsen überhaupt (?) und in Bezug auf
seine amtliche Thätlichkeit (!) in einem öffentlichen Blatte, überdies
unter Anführen unwahrer Thatsachen zugefügt worden und dabei die
Absicht Blumens (!), dadurch Mißtranen in deren gehörige Wirksamkeit
hervorzurufen, nicht zu verkennen“, so &c.

Auch das königliche Oberappellationsgericht bestätigte, indem dasselbe
sich unter Anderem auf die Decision neunundachzig vom Jahre -- 1661!
und auf Leyser's Meditationen berief, die Strafe von zwei Monaten
Gefängniß, überließ aber dem Untersuchungsgericht die Bestimmung,
ob und in wieweit diese Strafe in Geld verwandelt werden könne.
Nach den Rationen des höchsten Gerichtshofes hatte freilich das
Vereinigte Criminalamt thatsächlich keine Wahl. Es mußte einfach die
Gefängnißstrafe vollstrecken. In den Gründen der höchsten Instanz
findet sich eine sehr bemerkenswerthe Stelle, welche besser als lange
Abhandlungen beweist, welches Maß von Denkfreiheit dem beschränkten
Unterthanenverstande damals zugebilligt wurde, wenn der Inhaber dieses
Verstandes nicht Gefahr laufen wollte, in's Gefängniß zu kommen. „#An
sich#,“ heißt es da, „können Angriffe gegen das schriftliche und
geheime Strafverfahren nicht nur als ein erlaubtes und keineswegs
strafbares Unternehmen, sondern auch, nach Beschaffenheit der
Umstände (!) und unter den erforderlichen (!) Voraussetzungen [einer
gewissenhaften und unparteiischen (!) Darstellung und Erwägung der
#dafür# (!) und dagegen streitenden Gründe, unter Beziehung auf wahre
Thatsachen und von einer dazu gehörig qualificirten Person (!)],
selbst als ein nützliches (!) und preiswürdiges Unternehmen angesehen
werden. Eine solche, Beifall verdienende Tendenz aber kann dem in Frage
stehenden Aufsatze und dem Verfasser desselben nicht beigelegt werden“!

Uns Heutigen will freilich scheinen, daß es hiernach überhaupt beinahe
so schwierig gewesen sei, die „erforderlichen Voraussetzungen“ für eine
„unparteiische“ Kritik jener Gesetzesschäden in einer Menschenseele zu
vereinigen, als die Bedingungen zur Wählbarkeit in den hochpreislichen
Landtag des Fürstenthums Liechtenstein, nach der damals bestehenden
Verfassung. Denn dazu gehörte, außer einem nicht unbeträchtlichen
Vermögen und der Absolvirung des Schwabenalters, auch eine nachweisbar
„verträgliche Gemüthsart“.

Nicht ohne Galgenhumor sind die schriftlichen Eingaben Blum's zu
den Acten, durch die wenigstens im Gnadenwege eine Verwandlung der
Freiheitsstrafe in Geld angerufen werden sollte. Die Vollstreckung
der langen Gefängnißstrafe wäre in der That für ihn leicht zur
Vernichtung seiner ganzen bürgerlichen Existenz geworden. Denn am 15.
Mai 1844 war Ringelhardt's Pachtzeit in Leipzig abgelaufen, und Dr.
med. Schmidt, ein geistvoller edler Mann, der das Höchste auf der
Schaubühne anstrebte, zugleich in seinem Fache durch Begründung einer
noch heute bestehenden gelehrten medicinischen Zeitschrift berühmt,
hatte das Theater in Leipzig übernommen und war eben Blum's Principal
geworden, als dieser seine Strafe antreten sollte. Blum malte nun die
Geschäftsunkunde des Dr. Schmidt dem Vereinigten Criminalamt in den
leuchtendsten Farben. Auf ihm, Blum, ruhe die ganze Ordnung aller
Staatsangelegenheiten -- des Leipziger Theaters. Er und Schmidt müßten
fortwährend circa fünfzehn Schneider und Schneiderinnen bewachen und
beobachten, zudem dieselbe Anzahl von Tischlern und Zimmerleuten,
welche „die höchst unvollkommene und defecte Maschinerie“ mit den
Anforderungen des Jahrhunderts zu versöhnen suchten. Endlich falle Blum
allein zur Last „die Herstellung, Uebernahme und Ordnung aller Waffen,
Rüstungen, Federn, Stiefeln, Sandalen, Perrücken, Bärte (!) und aller
sonstigen Bestandtheile des Inventars.“

Auf das Vereinigte Criminalamt machte diese Unmasse von Schneidern,
Bärten, Arbeitern &c. sichtlich einen tiefen Eindruck, denn es
befürwortete die Strafverwandlung. Das Gesammtministerium, unter
Könneritz' Vorsitz, entschied über das Gnadengesuch, da der König
verreist war. Es verwandelte die Strafe zur Hälfte in eine Geldstrafe
von 20 Thalern. Die übrigen vier Wochen mußte Blum absitzen. Er fing am
26. October damit an, kam aber erst am 8. December damit zu Ende, weil
er alle Augenblicke, unter allen möglichen Vorwänden, herausgelassen zu
werden verlangte. Zuletzt enthalten die Acten gar keine Gründe mehr,
wenn er seine Haft unterbricht. Kein Groschen für „Atzung“ findet sich
in der Rechnung des „Stockmeisters“ gebucht. Warum, werden wir gleich
sehen. Blum selbst schreibt nämlich aus diesem fidelen Gefängniß am 23.
November 1844 an seine Schwester Margaretha Selbach: „Arbeit habe ich
genug, an Unterhaltung fehlt mir's nicht und meine Freunde besuchen
mich schaarenweise. Da kommt tagtäglich ein Theil derselben, bringt
mir ein anständiges Frühstück mit Weinen aller Art und wir essen,
trinken, lachen und singen ein paar Stunden zusammen. Abends kommt
meine Frau von fünf bis acht Uhr, oft die Kinder oder Agnes“ (seine
Stiefschwester, deren Vater Schilder kurz zuvor gestorben war), „und
so geht ein Tag nach dem andern hin. Die Sache ist kindlich dumm und
nützt mir viel mehr, als sie mir schadet. Ich habe am Schillerfeste an
der Tafel von etwa vierhundert Theilnehmern den Vorsitz geführt und man
hat mir zugejubelt, wie's selten Jemand geschehen ist. Es hat Niemand
nur die Wimper gezuckt oder sich ein Wort erlaubt. Und sonst waren die
Worte ‚Gefängniß‘ und besonders ‚Criminal‘ entsetzliche Dinge. Die
Bürgerschaft aber hat mich eben zum Wahlmann gewählt und binnen acht
Tagen bin ich -- höchst wahrscheinlich[55] -- Stadtverordneter.“ -- Am
8. December wurde er „nach vorgängiger Verwarnung vor Rückfall aus dem
Arrest entlassen.“

Die persönlichen Verhältnisse Blum's hatten sich in der hier in
Rede stehenden Zeit (bis 1844) immer günstiger gestaltet, so daß er
sich schon 1843 in Leipzig ein eigenes Hausgrundstück (Nr. 8 der
Eisenbahnstraße, unmittelbar an der Leipzig-Dresdner Bahn gelegen)
erwerben konnte. Der große Garten bot Blum reiche Gelegenheit selbst zu
graben und zu pflanzen, was er so gern that. Auch seiner Liebhaberei
für die Züchtung edler Tauben konnte er hier behaglich obliegen. Hier
wurde ihm sein drittes Söhnchen geboren, das jedoch kaum ein Jahr alt
der tückischen Bräune erlag. Als ihm ein Jahr nach diesem schmerzlichen
Verluste seine Gattin das einzige Töchterchen schenkte, freute er sich
des Glückes nicht in dem Grade wie früher. Er hatte auf Ersatz für den
todten Knaben gehofft. „Das Vaterland braucht Männer,“ sprach er zu
den Freunden. Man stand damals in der Aufregung, welche die Leipziger
Augusttage hinterlassen hatten. Unser nächstes Capitel wird davon
handeln.

Sein neues Heim in der Eisenbahnstraße bildete bald den gastlichen
Herd, an dem wohl jeder Gesinnungsgenosse Leipzigs und ganz
Deutschlands, der Leipzig berührte, einmal gesessen und sich des
gesunden bürgerlichen Familienlebens erfreut hat, das Blum das seine
nannte. Mancher schwerverfolgte Pole hat hier sein geächtetes Haupt
geborgen. Selbst der verwöhnte Schlemmer Herwegh fühlte sich wohl da.
Hoffmann von Fallersleben war schon in der Funkenburg heimisch gewesen
und kam hier so oft er konnte. Schon am 10. April 1842 hatte er Blum
beim Scheiden mit prophetischem Blick die schönen Verse hinterlassen:


        An Robert Blum.

      Ja, immer Friede mit den Guten,
    Und mit den Bösen immer Krieg!
    Herr, führ' uns in der Hölle Gluten,
    Nur immer führ' uns, Herr, zum Sieg!

      Laß Recht und Freiheit nicht verderben
    Und fallen durch der Feinde Hand,
    Laß lieber #uns# im Kampfe sterben
    Und rette Du das Vaterland!


Auch größere Gesellschaften tagten und nachteten hier, wegen deren Frau
Eugenie in Küche und Keller sich gewaltig anstrengen mußte, so einmal
auch der Geheimbund, der 1839 in Mainz gestiftet worden war; Itzstein,
Hecker, Jacoby, die beiden schlesischen Grafen Reichenbach, Heinrich
Simon u. A. und viele namhafte Sachsen nahmen daran Theil.

Den Seinen in Köln ließ Blum bei jeder Gelegenheit erfreuliche
Beweise seines ökonomischen Wachsthums in Gestalt kleiner Geschenke
und Geldspenden zukommen. Seiner Briefe an die Eltern (vornehmlich
an die kranke Mutter) und Geschwister sind gleichwohl wenige. Theils
fehlte es ihm an Zeit, theils drückte ihn das Gefühl, daß er über die
Angelegenheiten, welche im Vordergrund seines Interesses standen, über
die politischen und kirchlichen Fragen der Zeit sich nicht ergehen
konnte, ohne zu verletzen oder Theilnahmlosigkeit zu begegnen. Für die
kindliche und brüderliche Liebe des Briefstellers sind gleichwohl auch
diese Briefe rühmlich und interessant wegen manchen Schlaglichtes, das
sie auf seinen Charakter, auf seine Weltanschauung werfen. So schreibt
er z. B. seiner älteren Stiefschwester Elise (geb. 1819, S. 52), als
ihm diese glückselig anvertraut hatte, sie sei mit einem Abiturienten
verlobt, folgenden köstlichen Brief (13. Juli 1842):

  „Daß Du von Deiner Liebe #nie# läßt, daß sie #ewig# dauert --
  nun, das versteht sich ja von selbst; wer einem Mädchen, die zum
  Erstenmale sich vergafft hat, Vernunft predigen will, der muß mit
  seiner Zeit schlecht hauszuhalten wissen. Zum Glück dauern diese
  Ewigkeiten nur bis sie -- aus sind, worüber selten Jemand graue
  Haare erhält. Ich will Dir prophetisch vorhersagen, daß Deine
  Ewigkeit nicht über das erste Studiensemester Deines Geliebten
  hinauswährt; wenn sie an nichts Anderem verbleicht, so stirbt sie an
  der Langweiligkeit Eurer Liebesbriefe, die stets dasselbe enthalten.
  Wir alten Leute sind ein fatales Volk, daß wir so schonungslos in
  Euren Blüthen wühlen. Ihr glaubt uns nicht und habt Recht, aber unser
  trockner Ernst hat das Gute, daß er Euch wenigstens davor bewahrt,
  vor Schmerz zu sterben wenn die reizenden Farben verblassen ... Ich
  halte die ernste Liebe eines Schülers für eine Pflichtwidrigkeit,
  denn mit der ernsten Liebe übernimmt der Mann heilige und schwere
  Pflichten, bei deren Uebernahme er seine Kräfte und Mittel wohl wägen
  muß; wer demnach noch nicht in die Möglichkeit versetzt ist, diese
  Pflichten zu erfüllen, der nimmt -- um bei dem rein materiellen
  Vergleiche zu bleiben -- etwas an, was er nicht bezahlen #kann#, und
  diese Handlung nenne ich nicht redlich. Aber es ist noch eine andere
  Seite der Sache vorhanden: Die Liebe ist für einen jungen Mann, der
  noch nicht feststeht im Leben, mit seinem Wollen und Streben, seiner
  Ueberzeugung und seinem Charakter noch nicht ganz im Klaren ist,
  nur ein Ballast, ein hemmendes Bleigewicht, das er nachschleppt.
  Das Vaterland, sein Volk, die Ehre, die Freiheit, die Wahrheit, das
  Recht, sie alle haben gerechtere Ansprüche an den jungen Mann, als
  ein Mädchen; für alle diese Güter muß er sein Leben ungescheut in die
  Schanze schlagen können, wenn er ein wahrer Mann werden will; das
  kann er aber nicht, wenn er sein Leben thörichterweise verpfändet
  hat, ehe er seinen Werth und seine Bestimmung kannte. Daß wir solche
  Männer leider sehr wenige haben, ist unser Unglück, aber es stimmt
  meine Forderung nicht herab. Wenn die Schüler sich „für ewig“
  vergeben, so müssen wir Dreißiger von Staatswegen angehalten werden,
  uns Krücken anzuschaffen. Ich bin sehr glücklich und zufrieden in
  meiner Häuslichkeit, aber ich habe sie erst dann begonnen, als ich
  meiner Frau auf das Bestimmteste erklärt, daß ich sie und meine
  Kinder verlasse, sobald eine höhere Pflicht mich ruft und dies steht
  so fest bei mir -- allerdings auch bei meiner Frau -- daß selbst die
  Gewißheit, daß die Meinen betteln müssen, mich nicht einen Augenblick
  abhalten würde, mein Leben einer großen Sache, meinem Vaterlande zu
  weihen. Glaubst Du, daß #diese# Auffassung des Lebens mich nicht
  berechtigt, von dem, der mir als ein „würdiger Bruder“ präsentirt
  wird, etwas mehr Ernst zu verlangen, als hier vorliegt; daß er sich
  erst für's Leben rüstet, ehe er seine Blüthen naschen will?“

Ebenso characteristisch sind folgende Aeußerungen am Schlusse eines
überaus herzlichen Glückwunschschreibens an seine Schwester Gretchen
(2. Jan. 1844), vor deren Hochzeit mit Selbach. Es heißt da:

  „Mit Rathschlägen und Ermahnungen will ich diesen Brief nicht füllen.
  Nur das Eine muß ich Dir sagen: wie alles Glück der Welt, in der
  geistigen, wie in der körperlichen, so wurzelt das Glück der Liebe
  auch in der Freiheit. Je selbstständiger der eine Gatte neben dem
  andern steht, um so inniger sind Beide verbunden; je weniger Opfer
  der angeborenen Eigenthümlichkeiten und Neigungen verlangt werden,
  um so freudiger werden sie gegeben. Trage die Gewohnheiten Deines
  bisherigen Lebenskreises, in welchem Dein Wort und Deine Ansicht oft
  unbedingt und allein galt[56] nicht in Deine Ehe über und vergiß nie,
  daß des #wahren# Mannes Herz von der Häuslichkeit und der Kinderstube
  nicht ausgefüllt werden kann und darf. Er hat an das Leben und das
  Leben an ihn andere Ansprüche als das Weib und ihn diesen entziehen
  zu wollen, heißt die Natur seines Wesens, also auch sein Glück und
  Wohl zerstören.“

Eine so kühne und entschlossene Mannesseele gehörte dazu, um mit der
unscheinbaren Kraft eines schlichten deutschen Bürgers #den# Kampf
aufzunehmen, den in unseren Tagen das ganze deutsche Reich mit seiner
gewaltigen Staatsmacht seit seinem Bestehen kämpft: #den Kampf mit Rom#.

Nicht aus lebhaftem Interesse für die inneren Angelegenheiten der
katholischen Kirche ist Robert Blum in diesen Kampf eingetreten. Er
selbst erinnerte sich kaum noch, daß er katholisch sei; seine Kinder
hatte er protestantisch taufen lassen; über den starren katholischen
Kirchenglauben der Mutter hatte er in den Briefen an seine Braut
schon 1839 hart und bitter geurtheilt. Aber die herausfordernde
Anmaßung, welche seit dem für Preußen so schmählichen Ende der
Kölner Bischofswirren und seit der sichtbarlichen Begünstigung der
katholischen Hierarchie unter Friedrich Wilhelm dem Vierten und
selbstverständlich auch in Dresden die katholische Kirche überall
in Deutschland gegenüber dem Fortschritte und der Aufklärung zur
Schau trug, rüttelte auch die kirchlich Gleichgültigsten auf. Die
sächsische Regierung begünstigte sichtlich das „Volksblatt“ und
den „Bayard,“ von denen das erstere ein hierarchisches orthodoxes
Lutherthum, das letztere die rohesten ultramontanen Bestrebungen
vertrat, beide mit einer Niedrigkeit der Gesinnung, einer Gemeinheit
des Ausdrucks und einem zelotischen Fanatismus, wie sie bis dahin
in Sachsen niemals erlebt waren. Das war aber nur die passive Seite
der Regierungsthätigkeit; die active machte sich bald in derselben
Richtung geltend. Als nun gar im Jahre 1844 Bischof Arnoldi von Trier
es wagte, ein altes Stück Tuch unter dem Namen des heiligen Rockes
auszuhängen, und eine große Wallfahrt dahin zu arrangiren, um einen
großen Ablaß als Gegenleistung zu bieten -- da ging ein Schrei der
Entrüstung durch die ganze gebildete Welt, denn die Nerven für derlei
Wunderdinge waren damals noch nicht so abgestumpft wie heute nach all
den Wunderblutungen, Kirschbaum- und Höhlenmadonnen &c. Am 15. August
1844 erschien in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ ein „Offenes
Sendschreiben an den Bischof Arnoldi von Trier“, unterzeichnet von
einem unbekannten katholischen Priester #Johannes Ronge#, in welchem
die Ausstellung des heiligen Rockes ein den Aberglauben und Fanatismus
beförderndes Götzenfest genannt wurde.

Zu gleicher Zeit erfuhr man, daß schon am 22. August der Caplan
#Czerski# in Schneidemühl in Posen mit einem Theile seiner
Gemeinde aus der katholischen Kirche ausgeschieden war. Schon
am 19. October vereinigten sich die Ausgetretenen zu einer
christlich-apostolisch-katholischen Gemeinde. Am 15. December folgte
in Breslau unter Führung des ordentlichen Professors des canonischen
Rechtes, #Regenbrecht#, ein Massenaustritt und am 4. Februar 1845
daselbst die Constituirung einer #deutsch-katholischen# Gemeinde, die
schon im März 1845 zwölfhundert Mitglieder zählte. Sie berief Ronge,
der natürlich inzwischen mit allen Kirchenstrafen belegt worden war und
bei dem edeln schlesischen Grafen Reichenbach eine Freistätte gefunden
hatte, als Seelsorger.

Robert Blum, in dessen Organ zuerst dem Bischofe von Trier der Krieg
verkündet worden war, sorgte dafür, daß der Herd dieser gährenden
Bewegung nicht auf Schlesien beschränkt bleibe. In Wort und Schrift,
durch öffentliche Reden im ganzen Lande, durch Flugblätter, Broschüren
und Zeitungsartikel ist er unablässig thätig gewesen, um überall
eine Massenlossagung von Rom, die Bildung deutsch-katholischer
Gemeinden zu erzielen. Sehr Vieles von dem, was er damals gesprochen
und geschrieben, ist nicht blos interessant als eine für den Mann
charakteristische Aeußerung -- sondern heute nach dreiunddreißig Jahren
noch so treffend, als sei es heute geschrieben -- so wenig hat Rom, die
alte Erbfeindin unseres Volkes, sich seitdem geändert. Mit köstlicher
Ironie z. B. schildert ein Artikel Blum's in den „Vaterlandsblättern“
„die Wunder des heiligen Rockes“ -- nicht etwa in jenem frivol-lustigen
Tone des bekannten Studentenliedes:

    Freifrau von Droste-Vischering
    Zum heiligen Rock wallfahrten ging,

sondern im Tone der heiligsten, den Feind niederschmetternden,
siegesfreudigsten Ueberzeugung: „Das wahre Wunder, welches der heilige
Rock zu Trier gewirkt, ist, daß er endlich auch die verblendetsten
Geister aufgescheucht aus der Ruhe des Nichtsthuns, daß er auch
dem Befangensten den Schleier gerissen vom getrübten Auge und dem
schlichten Worte der Wahrheit einen jubelnden Einzug bereitet in
Millionen Herzen. Es giebt nur ein Mittel, das Joch abzuwerfen,
welches jetzt nur noch locker auf unserem Nacken liegt; es heißt:
Trennung von Rom, Aufhebung der Ohrenbeichte und des Cölibats. Eine
deutsch-katholische Kirche!... Wollen wir länger die Knechtschaft
tragen? Unsere Väter haben den äußeren Feind bekämpft, der unser
Vaterland unterjochte. -- Rom hat im Frieden seine Fremdherrschaft
um so fester begründet. Der äußere Feind nährte und stärkte unsere
Vaterlandsliebe und unser Nationalgefühl -- Rom verdammt Beides, wenn
es seinen Interessen entgegen. Der äußere Feind hätte unsere staatliche
Entwickelung befördern müssen -- Rom #duldet# die gegenwärtige
staatliche Gestaltung nur #gezwungen# und #hat die ganze Grundlage
unseres Staatslebens nicht anerkannt#, ja zum Theil ausdrücklich
verdammt. Der äußere Feind knüpfte das Band zwischen Fürsten und
Völker fester, indem er dieselben zu Einem Interesse vereinte -- Rom
#muß# diese Einigkeit lockern und trennen, weil sie seinem Interesse
feindlich ist.“ Am Schlusse heißt es: „Was bisher geschah, waren nur
Trennungen in unserer Kirche selbst, es waren Theile, die sich ablösten
von dem alten Körper. Erheben wir #einstimmig#, ein Beispiel dem ganzen
Vaterlande, den Ruf: Trennung von Rom! Aufhebung der Ohrenbeichte und
des Cölibats! Eine deutsch-katholische Kirche! O, daß es -- das größte
Wunder des heiligen Rockes -- bald geschehe! Amen!“

Dieses Ziel wurde in Leipzig erreicht durch die Bildung einer
deutsch-katholischen Gemeinde, 12. Februar 1845. Blum hielt die
Eröffnungsrede. Anonyme Drohbriefe von ultramontanen Handlangern höher
stehender Gesellen hatte er schon vorher in Fülle erhalten. Jetzt
suchte man die erste Feier der jungen Gemeinde durch brutalen Skandal
zu entweihen. Als Blum reden wollte, stürzte eine Rotte angestifteter
erwachsener Buben auf ihn los, um ihn niederzuschlagen und zerriß ihm
Kleidung und Wäsche. Er hatte indeß den Fall vorhergesehen und für
starke Polizeibedeckung gesorgt. Mit um so größerer Begeisterung hing
die Gemeinde dann an den Lippen ihres Vorstandes. Er begann seine
Rede[57] mit den Worten:

  „Meine verehrten Anwesenden! Ich habe mich entfernt, als ein
  pöbelhafter Angriff, wie er in einer gebildeten Gesellschaft
  niemals zu erwarten war, gegen mich gerichtet wurde; nicht weil
  es mir an Muth fehlte, denselben abzuwehren (denn was wäre eine
  Ueberzeugung, die nicht Unbilden erdulden, ja selbst Leben und Blut
  dafür zu opfern lehrte), sondern weil ich es für Pflicht hielt, die
  Einleitung zu dessen Bestrafung zu treffen. Wir stehen in einem
  freien hochgebildeten Staate hier mit Erlaubniß unserer städtischen
  Behörde; deshalb habe ich den Schutz der Gesetze angerufen gegen
  rohe Unsitte, und er ist mir sofort zu Theil geworden. Jetzt
  stehe ich hier, kühn zu thun und zu sagen, was ich #muß#. Meine
  verehrten Glaubensgenossen! Sie haben nicht gebetet, als sie dazu
  aufgefordert wurden. Aber unser Glaube lehrt uns, unsern Gott zu
  ehren, nicht durch das Wort, sondern durch die #That#. Ehren wir
  also ihn, den Gott der Wahrheit, durch die Wahrheit; sprechen wir
  dieselbe offen und ehrlich, ungeschminkt und leidenschaftlos aus und
  belehren wir uns gegenseitig. Aber dulden und achten wir auch jede
  Ueberzeugung, werden wir jeder Meinung gleich gerecht, indem wir sie
  zum ungeschmälerten Ausspruche kommen lassen. Vergessen wir nie,
  daß unser Heiland gesagt hat: „Liebet einander!“ und entsagen wir
  also jedem Hasse und Zwiespalt. Wir werden uns vielleicht trennen,
  aber trennen wir uns wie #Männer#, die sich #achten# und sich am
  Scheidewege die Hand reichen, um jeder eine andere Bahn zu wandern.“

Den Kern der Rede bildete eine geschichtliche Darlegung über den Abfall
der römischen Kirche von den Heilswahrheiten des Erlösers und über die
Entartung dieser Kirche durch die Hierarchie, das Cölibat, die Laster
der Päpste, die Inquisition, die Jesuiten u. s. w. Alles das lasse sich
geschichtlich beweisen.

  „Aber wozu brauchen Sie auch weitere Beweise?“ rief er am Schlusse,
  „Sehen Sie um sich im Vaterlande, und überall werden Ihrem Blicke die
  Beweise begegnen, daß Rom fort und fort seinen Frieden untergräbt,
  Haß und Zwietracht säet und die Einigkeit und Brüderlichkeit
  zerstört, in welcher die Menschen verschiedener Bekenntnisse so
  gern mit einander leben. #Jedes Blatt# der Tagesgeschichte bezeugt
  uns, wie das Unkraut aufgegangen ist, welches Rom ausgestreut,
  und wie Unduldsamkeit und Glaubenshaß von demselben eben so sehr
  gepflegt als ausgeübt werden. Und strecken nicht seine Jesuiten ihre
  Polypenarme beutegierig wieder um die ganze Erde? Haben sie nicht
  in der unmittelbaren Nachbarschaft unseres Vaterlandes bereits ganze
  Länder verschlungen und in die Nacht der Finsterniß und des rohesten
  Fanatismus gestürzt? Ja, sind wir im Herzen unseres Vaterlandes
  trotz aller Verbote wohl sicher vor ihren Schlingen? Endlich, hat
  denn Rom wohl irgend dem Einflusse einer allmächtigen Bildung
  nachgegeben? Hat es nicht im vorigen Sommer den gotteslästerlichen
  Ablaßkram unverschämter getrieben als zu den Zeiten Tetzel's und nach
  langjährigen Verdummungsversuchen ein großes schnödes Triumphfest
  gefeiert über den scheinbar bezwungenen Menschenverstand?

  Und was die Ohrenbeichte betrifft, so fühle nur Jeder an seine eigene
  Brust und lasse sich sagen, wie diese unheilvolle Zwangseinrichtung
  ihn empört; wie seine Entrüstung mächtig ist, wenn er sich beugen
  soll vor seines Gleichen wie vor Gott; wie jede wahre Reue und
  Bußfertigkeit vernichtet, die Aufrichtigkeit des Bekenntnisses
  zerstört, der Verstellung, Heuchelei und Unwahrheit aber die Bahn
  gebrochen wird im Herzen! Wer vermag aufzutreten und zu sagen, daß er
  eine #aufrichtige# Beichte ablegt? Niemand. Er fügt sich dem #Zwange#
  widerstrebend und ungenügend, bis das Ganze für ihn eine inhaltleere,
  unmoralische Förmlichkeit wird, oder er sich empört abwendet und auf
  den Trost des Abendmahls verzichtet.

  Die Schädlichkeit des Cölibats endlich bedarf keiner beredten
  Darlegung, jeder Priester ist ein lebender Beweis dafür. Sein
  frevelhaft halb zertretenes Dasein spricht aus seinem ganzen Wesen,
  und das römische Joch beugt seinen Nacken. Leset die ergreifenden
  Schilderungen, wie der Priester vom ersten Vorbereitungsschritte zu
  seinem Berufe an systematisch geknechtet, durch leeres Gebetgeplärre
  und beschäftigten Müßiggang zur Werkheiligkeit erzogen und allmählich
  bis zum willenlosen Werkzeuge erniedrigt wird. Ja, blicket Euch um
  im #Leben#, und bald wird es in Eurem tiefsten Innern selbst rufen:
  Trennung von Rom, Aufhebung des Cölibats und der Ohrenbeichte!

  Glaubt nicht, daß es etwas Neues ist, meine verehrten
  Glaubensgenossen, was wir hier erstreben; die edelsten Geister
  unseres Volkes haben bereits das Gleiche erstrebt. Abgesehen, daß
  #alle# Kirchenversammlungen, von der ersten bis zur letzten, gegen
  die Anmaßungen Roms gekämpft haben; daß auf dem Concil zu Trident
  dasselbe reif zum Falle war und sich nur dadurch retten konnte,
  daß es durch zwei Jesuiten die Versammlung gegen einander hetzen,
  aufwiegeln und äußerlich mit den elegantesten Kleinlichkeiten
  beschäftigen ließ; daß schon im 9. Jahrhundert der Patriarch Photius,
  im 11. der Patriarch Cerularius das römische Joch als unerträglich
  abwarfen und die griechisch-katholische Kirche gründeten -- so
  haben auch die edelsten Geister der neuesten Zeit zu gleichem Zweck
  gearbeitet. 1785 traten die Erzbischöfe von Cöln, Mainz, Salzburg
  und Trier in Ems zusammen und verlangten fast dasselbe, wie wir
  heute. Wessenberg, Hontheim, Reichlin-Meldegg, und Theiner schrieben
  entschieden gegen die römische Tyrannei und gegen das Cölibat; in
  den letzten 15 Jahren aber richteten viele Geistliche in Belgien,
  Luxemburg, Würtemberg, Nassau, Baiern und Baden ihre Bestrebungen
  gegen das Cölibat. Sie arbeiteten alle vergebens, weil die Zeit ihnen
  nicht günstig war.

  Auch uns möchten die Römlinge einlullen bis zu dem Augenblicke, wo
  es wieder möglich ist, unsere Bestrebungen zu verkümmern. Die Einen
  bitten heuchlerisch, „den Frieden nicht zu stören“, während es doch
  keinen Frieden giebt und geben kann zwischen Vernunft und Unvernunft,
  Licht und Finsterniß, Tag und Nacht. Andere weisen mit verstellter
  Besorgniß auf „die aufgeregte Zeit“ und wollen die Zeit der Ruhe
  erwarten. Aber die Zeit der Ruhe ist wohl geeignet zum Aufbauen und
  Vollenden, #schaffen# aber und einen weltumgestaltenden Gedanken
  ins Leben führen, kann nur die Begeisterung, und die Begeisterung
  erheischt Leben, Bewegung, Aufregung. Andere in unserer nächsten
  Nähe endlich weisen mit spießbürgerlicher Sorgfalt auf ihren
  „Kirchenbau“ und fürchten, daß er einstürzt, ehe er aufstieg. O,
  über diese kleinliche Marthasorge! Vielleicht haben wir keine Kirche
  -- aber erheben wir unser Herz zu Gott in der freien Natur oder auf
  unserm Boden -- es ist besser und Gott wohlgefälliger als das fremde
  Geplärre der Römlinge in den prunkvollsten Marmorhallen.

  Ja, meine verehrten Glaubensgenossen, #jetzt# werft das Joch ab,
  jetzt brecht die schmachvollen Ketten Roms, #jetzt# macht Euch frei.
  Fühlt an Euer Herz und erkennet den Schlag der Weltgeschichte, der
  Euch mahnt zu einer That! Unser Vaterland, die ganze gebildete
  Welt sieht auf uns und erwartet unseren Entschluß. Wir können, wir
  #müssen# ein großes Beispiel geben. Einst war unser Sachsen die
  Wiege einer Kirchenverbesserung, an welche sich durch Roms Umtriebe
  Krieg, Verwüstung, Blutvergießen und Entsetzen aller Art knüpften,
  laßt es die Wiege einer zweiten Verbesserung sein, die Frieden und
  Einigkeit wieder herstellt, für die Ewigkeit. Unter einer freien
  Verfassung, unter einer erleuchteten freisinnigen, jedem Fortschritte
  freundlichen Regierung können wir uns befreien. O, zögern wir nicht,
  denn unser Entschluß wirkt auf die ganze gebildete Welt. Machen wir
  die Bruderliebe, welche der Bildung der Zeit und unsern Gefühlen
  entspricht, endlich zur Wahrheit; Rom hat sie auf der Zunge, #aber
  Fluch im Herzen#.

  Ich habe gesprochen nach meiner Ueberzeugung, wer es anders weiß, der
  rede!“

Auch die Einberufung der ersten Gesammtvertretung der neuen
Glaubensgemeinden zu dem deutsch-katholischen Concil nach Leipzig
(23. bis 26. März 1845), die Einladung, Herbeiziehung und Vereinigung
der über das Glaubensbekenntniß der neuen Gemeinden untereinander
zerfallenen Führer der Bewegung Czerski und Ronge bei diesem Concil,
und das größte Resultat, das überhaupt die deutsch-katholische
Bewegung zu verzeichnen hat, das allgemeine Glaubensbekenntniß, das
hier in Leipzig festgestellt wurde -- während die ersten Sitzungen
die dringende Befürchtung erregten, man werde resultatlos und hadernd
auseinandergehen -- das Alles ist hauptsächlich Robert Blum's Verdienst.

Wochen und Monate angestrengter Arbeit erforderte dann die Redaction
der Reden und Beschlüsse dieses Concil's, ihre Vorbereitung zum Druck.
Der Vorsitzende des Concil's, Prof. Franz Wigard von Dresden, ging Blum
dabei zur Hand. Die officielle Ausgabe der Verhandlungen des Concil's
trägt Beider Namen. Auch für alle möglichen sonstigen Bedürfnisse
hatte Blum als Gemeindevorsteher zu sorgen. Er gab „auf Beschluß
der Leipziger Kirchenversammlung“ ein „von den Gemeindevorständen
zu Dresden und Leipzig geprüftes Gebet- und Gesangbuch für
Deutsch-katholische Christen“ heraus. (Leipzig bei C. W. B. Naumburg,
1845) und hatte sogar, so lange die Leipziger deutsch-katholische
Gemeinde keinen Pfarrer besaß, die Leichenreden zu halten![58]

Die Beschlüsse des Leipziger Concil's, namentlich des dort
beschlossenen Glaubensbekenntnisses eingehender darzulegen, und
sodann die Gründe zu untersuchen, warum trotz dieser Resultate die
deutsch-katholische Bewegung so rasch im Sande verlief, liegt außerhalb
der Grenzen dieser Darstellung. Robert Blum hat sehr bald erkannt, daß
er sich über die Kraft und Tiefe der Bewegung getäuscht. Aber über die
Gründe dieser Täuschung ist er sich nie klar geworden. Noch im Jahre
1848 in seinem „Staatslexicon“ sprach er sich in dem von ihm selbst
unterzeichneten Artikel „Deutsch-Katholiken“ dahin aus, daß der Fehler
der Deutsch-Katholiken, den er „selbst anklagend bekenne mitverschuldet
zu haben“, darin bestanden habe, #überhaupt# ein Glaubensbekenntniß
abgestellt, #überhaupt# eine Kirche begründet zu haben! Klarer konnte
Robert Blum, wenigstens für seine Person, die reine Weltlichkeit
seiner Strebungen bei dieser Gründung, das Bekenntniß rein politischer
Agitationszwecke, die Freiheit von jeder #religiösen# Begeisterung, die
ihn geleitet hätte, der Führer des Deutsch-Katholicismus zu werden,
nicht aussprechen.

Aber es war characteristisch für die trotz alledem völlig
weltliche, völlig politische Zeitrichtung, daß Niemand ihm diesen
inneren Widerspruch verargte, daß seine Betheiligung an der
deutsch-katholischen Bewegung ihn bekannt und populär machte in ganz
Deutschland und verhaßt in allen Zwingburgen Roms bis in die heiligen
Säle des Vaticans.

Selbst hinter seine arme alte Mutter und ihren kindlichen Glauben
steckten sich die Schwarzen, daß sie den Sohn von dem breiten Pfad der
großen Sünde ableite. Aber das alte treue Mutterherz fand nur folgende
Worte an den Sohn: „Hier redet man viel über Dich, ich aber bethe für
Dich, ist Deine sache gerecht so bitte ich gott um seinen beistand für
Dich, ist es aber unrecht so möge gott Dir Deinen verstand erleuchten
und Dich zurückführen ich kann nicht darüber urteilen ich kann nur
wünschen und bethen.“



  11. Wachsende Gährung in Sachsen. Die Leipziger
                 Augustereignisse.

                      (1845).


Wenn Robert Blum beim Eintritt in die deutsch-katholische Bewegung
darauf gerechnet hatte, die religiöse Strömung der Zeit für politische
Zwecke zu benutzen, so hatte sich diese Voraussicht für Sachsen
wenigstens im reichsten Maße erfüllt.

Durch nichts war das ohnehin verhaßte Ministerium von Könneritz
unpopulärer geworden, als durch seine Haltung gegenüber den
Ultramontanen, den Deutschkatholiken und den Reformbestrebungen im
protestantischen Lager.

Zunächst war die Klage über ultramontane und jesuitische Umtriebe im
Lande schon seit dem Jahre 1831 auf jedem Landtage erhoben worden. Die
Anträge, eine besondere katholische Facultät zu begründen, und nur
diejenigen Erlasse katholischer Behörden mit gesetzlicher Gültigkeit
zu versehen, welche sich ausdrücklich auf das Placet des Staates
berufen könnten, wurden schon unter Lindenau abgelehnt. Und auch stete
Klagen des Landes und der Landtage über zunehmende Uebergriffe der
katholischen Hierarchie waren schon unter Lindenau vernommen worden.
Entrüstet beschloß die zweite Kammer, daß protestantische Soldaten
nicht mehr zur Kniebeugung in der katholischen Hofkirche commandirt
werden sollten. In scharfer Rede geißelte der ehrwürdige Superintendent
Großmann von Leipzig denselben Mißbrauch, die Härte der Regierung gegen
seinen Amtsbruder in Penig, als dieser ultramontane Umtriebe ans Licht
gezogen, das „auf Socken Einhergehen der hohen Behörden,“ wo es sich um
Uebergriffe der katholischen Hierarchie handle „als wenn sie glaubte,
einen Kranken oder Empfindlichen oder Reizbaren nicht im mindesten
stören zu dürfen.“ Diese Klagen veranlaßten selbst den Prinzen Johann,
für den Wegfall der Kniebeugung protestantischer Soldaten zu stimmen,
„da die ersten protestantischen Geistlichen eine Beeinträchtigung ihrer
Kirche darin fänden.“

Kaum war indessen die Aufregung über diese Vorgänge im Schwinden
begriffen, so erscholl plötzlich der Alarmruf: „Jesuiten im Lande!“
Hinter dem Altar einer neuen Kirche in Annaberg fand man das bekannte
jesuitische Wahrzeichen, die Kirche selbst wurde dem vornehmsten,
jesuitischen Schutzpatron geweiht. In Brauna bei Camenz wurde ohne
Wissen der Regierung eine Filiale der Pariser Erzbrüderschaft „vom
unbefleckten Herzen Mariä“ zur Bekehrung der Sünder errichtet.
Eine Anzahl anderer gleichartiger Ueberhebungen der ultramontanen
Geistlichkeit,[59] verstärkte die ungeheure Gährung, welche diese
Enthüllungen in der ganzen, namentlich in der protestantischen
Bevölkerung hervorrief.

Zum ersten Male verhielt sich die Regierung gegen alle Beschwerden,
die aus diesem Anlaß an sie gerichtet wurden, rein ablehnend. Selbst
als die Kreisdirection zu Zwickau die Befürwortung der Vorstellungen
übernahm, welche Rath und Stadtverordnete zu Annaberg wegen der
dortigen Jesuitengeschichte an die Regierung richteten, erklärte die
Regierung, daß dieser Vorfall keinen Anlaß zum Einschreiten gegen die
betr. katholische Behörde biete!

In schroffem Gegensatze zu dieser Gunst gegen den Ultramontanismus
stand die rauhe Behandlung, die das Ministerium Könneritz nun den
Deutschkatholiken angedeihen ließ. Die Anerkennung einer besonderen
Religionsgemeinde hatte die Regierung den Deutschkatholiken
zwar auch bisher schon versagt. Sie hatte verboten, daß Kirchen
und Gemeindehäuser den Deutschkatholiken zu deren Gottesdienste
eingeräumt würden und hatte den Predigern der Deutschkatholiken jede
kirchliche Handlung verboten. Dagegen hatte die Regierung bisher
klug durch die Finger gesehen, wenn diese dem Rechtsstandpunkt
der Regierung entsprechenden Gebote übertreten wurden. Sie hatte
geschehen lassen, daß kirchliche und bürgerliche Gemeinden ihre
Räume den Deutschkatholiken zur Verfügung stellten; daß die Prediger
deutsch-katholisch tauften, daß die protestantischen Pfarrer derartige
Acte in die Kirchenbücher eintrugen, daß die deutsch-katholischen
Wanderprediger überall, vor Glaubensgenossen wie vor Andersgläubigen,
Reden und Andachten hielten. Nun auf einmal wurde das Alles anders,
in Allem das Gebot der Regierung auf's strengste durchgeführt. Die
allgemeine Mißstimmung stieg daher um so bedenklicher, als der
Rechtsstandpunkt der Regierung keineswegs unbestritten war und die
aufgeklärten Protestanten des Landes überall dem Deutschkatholicismus
begeistert zugejubelt, ihn nach Kräften unterstützt hatten.

Der letzte Zweifel über die kirchlichen Anschauungen der Regierung
mußte aber fallen und der Trägste und Gleichgültigste auch im
protestantischen Lager aus seiner Ruhe aufgerüttelt werden, als
die Regierung durch ihre berufene Bekanntmachung vom 17. Juli 1845
erklärte „die Minister hielten sich durch ihren Eid verpflichtet,
für Aufrechthaltung der auf die Augsburgische Confession gegründeten
Kirche zu sorgen, die Einheit derselben zu wahren und dem Entstehen von
Sekten in solcher vorzubeugen.“ Damit war nicht blos, wie die Regierung
zunächst beabsichtigte, jenen dissidentischen und zugleich halb
politischen glaubenslosen Sekten-Bestrebungen der „protestantischen
Lichtfreunde“, die zu Pfingsten in Köthen eine Versammlung vieler
Tausende abgehalten, und dann in Schaaren Uhlig, Wislicenus u. A.
in Leipzig, Dresden und Zwickau und wo diese sonst in Sachsen sich
zeigten, zu Füßen gesessen hatten, der Boden zu jeder weiteren
agitatorischen Thätigkeit entzogen. Nicht nur jede Versammlung und
Rede, jeder Zweigverein und jedes Preßorgan dieser Richtung konnte
fortan einfach verboten werden, und wurde verboten, sondern die
Juliordonnanz des Ministeriums Könneritz erklärte geradezu der damals
auch in Sachsen herrschenden Richtung der protestantischen Kirche,
der rationalistischen, den Krieg. Als ein Jahrzehnt vorher der Wunsch
geäußert wurde, es möchte auch in Sachsen, wie in Preußen, die Union
der lutherischen und reformirten Kirche vollzogen werden, durfte
Großmann versichern, „dogmatisch und im Herzen sei die Schranke längst
gefallen, und das Weitere möge man ruhig der Zeit überlassen.“[60]
Als derselbe Großmann im Jahre 1844 versuchte, die Rosenmüller'sche
Bekenntnißformel bei der Confirmation durch das apostolische
Glaubensbekenntniß zu ersetzen, stieß er bei einem Theil der Leipziger
Geistlichkeit und in der Presse auf den heftigsten Widerstand.
Namentlich machte Blum in den Vaterlandsblättern auf das Gefährliche
der Neuerung aufmerksam und die Bürgerschaft wurde lebhaft erregt.
Gerade dieser Vorfall brachte Allen zum Bewußtsein, was eigentlich
der lutherischen Kirche fehle, eine Umgestaltung ihres seit der
Reformation unentwickelt gebliebenen Verfassungslebens, die Mitwirkung
der Gemeindeglieder an der innern und äußern Entwickelung der Kirche.
Eben infolge dieser aufsteigenden Klarheit hatte man den Reformgedanken
der Lichtfreunde sein Ohr geschenkt, und nun erklärte plötzlich das
Ministerium, daß es den im Protestantismus erwachten freien Geist
gewaltsam zurückdrängen wolle in die engen Fesseln eines starren
Symbolglaubens, den Großmann schon vor einem Jahrzehnt für gefallen
erachtete, den die große Mehrzahl der Bevölkerung und Geistlichkeit
nicht mehr bekannte!

Die Gährung, welche diese Regierungsmaßregel hervorrief, war ungeheuer.
An vielen Orten wurden öffentliche Versammlungen abgehalten,
Proteste an das Ministerium gerichtet, offen die Anklage erhoben,
die Bekanntmachung vom 17. Juli sei verfassungswidrig, da sie die in
der Verfassung allen Staatsbürgern gewährleistete Gewissensfreiheit
verletze. Auch dieser Agitation hat Robert Blum seine Zeit und Kraft
geliehen. Namentlich gaben die Vaterlandsblätter die kluge Losung aus,
die Regierung auf ihrem eigenen Gebiete zu bekämpfen, für sämmtliche
Dissidenten die #gesetzliche# Anerkennung zu fordern und dadurch
von selbst eine Aufhebung der Verordnungswillkühr der Regierung zu
erzielen. Infolge dessen reichten sämmtliche Dissidenten Sachsens
am 20. August 1845 ein weit umfassenderes Glaubensbekenntniß und
Verfassungsstatut ein, als dasjenige der Deutschkatholiken gewesen
war und baten um staatliche Prüfung desselben und um Anerkennung und
Ertheilung kirchlicher Corporationsrechte.

Ehe jedoch dieser letzte Schritt der Dissidenten geschah, hatte schon
das bisherige Verhalten der Regierung, welche auch die allgemeine
Entrüstung der Bevölkerung über die Juli-Bekanntmachung einfach
ignorirte, zu einem furchtbaren Ausbruch des Volksunwillens geführt.

Seitdem das sächsische Regentenhaus, das solange der rühmlichste
Vorkämpfer der Deutschen Reformation gewesen, um der unseligen Krone
Polens willen, zum katholischen Glauben übergetreten war, machte das
rege Mißtrauen des protestantischen Volkes stets den katholischen Hof
in erster Linie verantwortlich für solche Mißgriffe der Regierung,
hier namentlich für die Begünstigung der Jesuiten, die Unterdrückung
der Deutsch-Katholiken. Unbegreiflicher Weise bezeichnete damals die
öffentliche Stimme in erster Linie den Bruder des regierenden Königs
Friedrich August, den Prinzen (und späteren König) Johann von Sachsen
als Förderer der jesuitischen Umtriebe und geheimes Mitglied des
Ordens. Dieser Prinz hatte die reichste humanste Bildung genossen.
Als ganz jungen Mann hatte Jean Paul ihn kennen gelernt und ihm
begeistertes Lob gespendet. Seine literarischen Neigungen und Studien
waren weltbekannt. Er führte sein Leben am liebsten zurückgezogen,
seiner Familie, seinen Studien hingegeben. Bei dem geringen
Altersunterschied, der zwischen ihm und dem regierenden älteren Bruder
bestand, dachte er kaum daran diesem jemals in der Regierung zu folgen.
Von seinem ersten öffentlichen Auftreten an in der Sächsischen Ersten
Kammer hatte er sich als scharfsinniger Jurist, als wohlwollender und
aufgeklärter Menschenfreund gezeigt, der jeder schroffen Parteiung
abhold war. Seine Aeußerung bei Gelegenheit des Kniebeugungsstreites
zu Gunsten der von den protestantischen Superintendenten verfochtenen
Meinung ist schon oben erwähnt worden. Seine ganze spätere Thätigkeit
als Prinz und als König hat niemals den Schatten eines Verdachtes
dafür aufkommen lassen, als sei er ein religiöser Fanatiker,
zugeneigt kirchlichem Hader, thätig für eine streitbare, von Grund
aus unsittliche Ordensgewalt. Aber wann wird jemals die Vernunft
erfolgreich rechten mit vorgefaßten Meinungen des Volksglaubens? Genug,
daß der Prinz im Jahre 1845 allgemein als Träger der ultramontanen
Bestrebungen in Sachsen, als die festeste Stütze der reactionären
kirchlichen Politik der Regierung überhaupt galt. Es fehlte nur der
äußere Anlaß, um dieser Mißstimmung in grellen Dissonanzen Ausdruck zu
verschaffen. Dieser Anlaß sollte sich leider finden.[61]

Prinz Johann war General-Commandant der Communalgarden des Königreichs
Sachsen. In dieser Eigenschaft kam der Prinz am 12. August Nachmittags
nach Leipzig, stieg im Hôtel de Prusse ab und begab sich sofort
nach dem Exercierplatz bei Gohlis zur Abnahme der Revüe über die
Communalgarden. Sein Gruß wurde von den Mannschaften nur lau erwiedert.
Die Uebungen der Bürgerwehr selbst dagegen wurden zur Zufriedenheit des
Prinzen ausgeführt; das Verhalten der Truppen bis zur Beendigung der
Revüe war tadelfrei. In das am Schlusse derselben vom Commandanten Dr.
Haase ausgebrachte Hoch auf den Prinzen wurde abermals nur matt und lau
eingestimmt und die Musik fiel in den Tusch nicht ein, weil sie über
dem Schreien und Pfeifen der Menge, welche sich um die Truppe drängte,
das Hoch der Garde nicht hörte und den Commandanten nicht sah. Diesen
ärgerlichen Zufall legte die skandalsüchtige Menge als absichtliche
Demonstration gegen den Prinzen aus und steigerte ihr lärmendes und
feindselig-höhnendes Pfeifen und Schreien, bis der Prinz mit seiner
Suite in die Stadt nach der Kaserne der Pleißenburg ritt. Auf dem Wege
dahin umdrängten Straßenbuben den Prinzen; viele Neugierige folgten
ihm, als er kurze Zeit nachher mit seiner Suite zu Fuß von der Kaserne
nach seinem Hôtel sich begab. Irgend ein Exceß fand dabei nicht
statt.[62]

Während der Prinz in dem Hauptgebäude des Hôtel's, das nach dem
Roßplatz und den Promenaden Ausblick gewährt, in der ersten Etage die
Spitzen der Behörden um sich versammelte und sich wiederholt lobend
über Leistung und Haltung der Communalgarde aussprach, hatten sich,
wie gewöhnlich, Neugierige vor dem Hôtel versammelt. Heimkehrende
Arbeiter kamen hinzu. Doch war die Zahl der Menge nicht bedeutend.
Vereinzeltes Pfeifen und Schreien hörte man aus der Menge, die sich
unruhig und bewegt zeigte. Vor dem Hôtel stand ein Doppelposten der
Schützen.

Kurz vor neun Uhr Abends setzte sich der Prinz mit den Spitzen der
Behörden im Hofsaal (Gartensalon) des Hôtels zur Tafel. Dieser Saal
läuft parallel mit dem Hauptgebäude und ist von diesem durch einen
Hof von etwa dreißig Meter Tiefe getrennt. Man hörte hier anfänglich
nichts mehr von dem Geräusch auf dem Platze. Vor viertel zehn Uhr
Nachts erschien der große Zapfenstreich der Communalgarde vor dem Hôtel
mit einem Theil der Wachmannschaft und mit diesem eine große, heftig
bewegte Volksmenge, welche so laut schrie, pfiff und tobte, daß man
die Musik fast nicht hören konnte. Nach wenigen Minuten schon zog die
Musik, auf Anweisung des Commandanten Dr. Haase, ab. Man glaubte, die
unruhige Menge werde sich mit der Musik verziehen. Aber man irrte.
Die Menge blieb auf dem Roßplatz und ihre Aufregung wuchs immer mehr.
Rufe: „Es lebe Rouge, Czerski! Nieder mit den Jesuiten!“ wurden laut.
Plötzlich stimmte die gesammte Menge, die Kopf an Kopf vom Hôtel bis in
die Promenaden, die sog. Lerchenallee hineinstand, das ernste Trost-
und Schlachtlied der Reformation an: „Ein' feste Burg ist unser Gott“.
Alle Strophen des Liedes wurden gesungen. Dann folgten andre Lieder:
„Ein freies Leben führen wir“, „Gute Nacht, gute Nacht“ u. s. w.,
gewöhnliche Gassenhauer. Gelächter, Toben, Schreien, Pfeifen, gemeine
Schimpfworte, die offenbar dem Prinzen galten, füllten die Kunstpausen
aus.

Es war halb zehn Uhr geworden; der Prinz hatte die Tafel aufgehoben
und unterhielt sich im Gartensalon mit seinen Gästen. Das Geschrei vom
Platze war nun auch im Gartensalon hörbar. Der Prinz fragte einen der
Anwesenden: „Was ist das?“ worauf dieser mit traurigem Byzantinismus
erwiederte: „Es wird ein Vivat sein, das man Ew. Kgl. Hoheit bringt,
ein Hurrah.“[63]

Schon bei Tafel hatten einige Bataillonscommandanten der Communalgarde,
Dr. Osterloh und v. Canig, den Commandanten Dr. Haase durch Zeichen
darauf aufmerksam gemacht, daß es wohl nöthig sei, Generalmarsch
schlagen zu lassen, um den Platz durch die Communalgarde zu säubern.
Diese Herren wiederholten dieselbe Vorstellung nach Aufhebung der
Tafel nachdrücklich, da unterdessen der Tumult vor dem Hôtel einen
wesentlich ruchloseren Charakter angenommen hatte. Der Pöbel nämlich,
des Singens und Brüllens müde, und keineswegs gewillt, in der milden
Augustnacht schon nach Hause zu gehen, hatte Massen von Steinen nach
der vorderen Fensterfront des Hôtels geschleudert. Durch einen dieser
Steine ward sogar aus dem Gitter des Balkons der ersten Etage ein Stück
Eisen von drei Viertel Ellen Länge herausgeschlagen. Mehrere Steine
flogen in die Hausflur des Hauptgebäudes und selbst bis in den hinter
demselben gelegenen Hof. Doch fand weder gegen den Doppelposten vor
dem Hôtel, noch gegen die Chaine der Polizeimannschaften, die vor dem
Hôtel noch einen kleinen Platz frei hielt, irgend ein persönlicher
Angriff statt. Wenn irgend einer der bei dem Prinzen versammelten
Würdenträger eine Ansprache an die erregte Menge gehalten hätte, so
wäre gewiß weiteres Unheil vermieden, der bei weitem größte, blos aus
neugierigen Zuschauern bestehende Theil der versammelten Menge zum
Nachhausegehen bewogen worden. Dazu fehlte es aber #allen# Anwesenden,
und nicht am wenigsten den königlichen Beamten, an persönlichem Muth.
Der Commandant der Communalgarde, Dr. Haase, hatte nicht einmal den
Muth, Generalmarsch schlagen zu lassen. Auf die Vorstellungen seiner
Offiziere sowie des Regierungsrathes Ackermann von der Kreisdirection
und der Offiziere der Garnison entschloß er sich vielmehr nach langem
Zaudern endlich nur dazu, den Hauptmann Dr. med. Heyner nach der
Hauptwache auf den Naschmarkt zu entsenden, um diese herbeizuholen. Es
war dies kurz nach halb zehn Uhr. Dr. Heyner seinerseits getraute sich
Anfangs nicht durch die Menge über den Roßplatz und verlor kostbare
Minuten, um den Schlüssel zur Gartenthüre zu suchen. Als dies nicht
gelang, eilte er zum Hauptthor des Hôtels hinaus, verkündete mit seiner
überaus kräftigen Stimme, daß er die Hauptwache hole und schritt in
voller Uniform unbehelligt durch die Menge. Beweis genug, daß von
wirklich gefährlichen Absichten und vollends von einem planmäßigen
Vorhaben der Massen gegen die Sicherheit und das Leben des Prinzen gar
keine Rede sein konnte.

Gleichwohl wartete man im Hôtel keineswegs die Rückkehr des Dr.
Heyner ab. Der Weg nach dem Naschmarkt und zurück konnte frühestens
in fünfzehn Minuten zurückgelegt werden. Aber schon zehn Minuten,
nachdem der Befehl zur Herbeiholung der Wachmannschaft an Dr. Heyner
ertheilt worden war, erhielt der Oberstlieutenant von Süßmilch auf
Andringen des Regierungsraths Ackermann, und ohne daß die anwesenden
Vertreter der Gemeinde, denen #zunächst# die Bestimmung über die
zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung anzuwendenden Mittel
obgelegen hätte, auch nur #befragt# worden wären, durch den Obersten
von Buttlar den Befehl, ein Bataillon Schützen aus der Kaserne
herbeizuholen. Dieser Schritt ist nur dann vollkommen erklärlich,
wenn man die Communalgarde überhaupt nicht zur Wiederherstellung der
Ordnung verwenden #wollte#, wie auch später der Kriegsminister v.
Nostiz-Wallwitz offen vor der zweiten Kammer eingestand![64] Diese
Absicht wurde auch sofort klar durch die Behandlung, welche die
Communalgarde nun erfuhr. Fünf Minuten nach zehn Uhr treffen die
Schützen unter Führung Süßmilch's -- den die Menge gleichfalls in
voller Uniform unbehelligt nach der Kaserne zu hatte passiren lassen
-- im Sturmschritt ein und stellen sich hakenförmig vor dem Hôtel auf.
Zwei Minuten später trifft die Hauptwache der Communalgarde unter Dr.
Heyner ein, über vierzig Mann stark, und wird von den Offizieren der
Schützen verächtlich bei Seite geschoben und Gewehr bei Fuß außer
Dienst unter den Akazien des benachbarten „Kurprinzen“ aufgestellt,
die Front in der Verlängerung des Schrötergäßchens, fast im rechten
Winkel zur Stellung der Schützen. Oberstlieutenant v. Süßmilch ruft dem
Hauptmann Dr. Heyner gebietend zu: „Sie sind nicht mehr nöthig, gehen
Sie zurück. Stellen Sie sich aus der #Schußlinie#, stellen Sie sich
hierher.“ Mehrere Gardisten haben später zu Protokoll erklärt, daß auch
Oberst v. Buttlar geäußert habe: „Es #wird# geschossen werden, hier
können Sie nicht stehen bleiben“[65]; v. Buttlar hat diese Aeußerung
in Abrede gestellt. Jedenfalls ist die Communalgarde absichtlich zur
Zerstreuung der Menge nicht verwendet und in der ungebührlichsten
Weise zur Rolle eines müßigen Zuschauers der nun folgenden schweren
Katastrophe verurtheilt worden. Die Verwendung von Militair, #bevor#
die Communalgarde zur Herstellung der Ruhe wirklich verwendet worden,
war geradezu ungesetzlich.

In wenig Minuten hatten die Schützen, Gewehr in Arm, ohne Anwendung des
Bayonettes, den ganzen Platz gesäubert. Die ganze große Masse war in
die enge Lerchenallee und den dahinter laufenden Fahrweg zurückgewichen
und hier zusammengedrängt und strömte ab, so schnell das im dichten
Gewühl bei dem engen Raum anging. Die Schützen wichen nun wieder in
ihre vorige Stellung zurück. Der Platz blieb frei. Nur einige verwegene
Buben, nach allen Berichten blutjunge Menschen, übersprangen die
Barrièren der Allee, liefen auf das Militair zu, schimpften und warfen
mit Steinen. Deßhalb wurde, unter dem Vorantritt der Polizeimannschaft,
der Lieutenant Vollborn mit einem Peloton Schützen beordert bei Thaer's
Denkmal in die Lerchenallee einzurücken und die Menge aus dieser zu
vertreiben. Er drang da in der linken Flanke der Masse ein, und auch
hier wich diese, von einzelnen Steinwürfen Nichtswürdiger abgesehen,
widerstandslos zurück, wie sämmtliche abgehörte Polizeimannschaften
bekunden. Wegen des dichten Gedränges #konnten# die Menschen nicht
schneller weichen. Jedenfalls war nun längst jeder Schatten von
Besorgniß für die Sicherheit des Prinzen und seiner Leute, namentlich
auch der Truppe, zerstreut.

Da krachen mit einem Mal zahlreiche Schüsse durch die stille Nacht;
v. Süßmilch und Lieutenant v. Abendroth lassen vom Hôtel her über
den Platz in die Front der abströmenden Menge feuern, Lieutenant
Vollborn läßt seine Leute in Flanke und Rücken der Massen Rottenfeuer
geben. Nach Versicherung dieser drei Offiziere und einiger ihnen
nahe Stehender war dem Schießen eine Aufforderung an die Menge zum
Auseinandergehen vorangegangen. Sehr viele Andere aber, die dicht bei
den genannten Offizieren standen, haben von dieser Aufforderung nichts
vernommen. Von der Menge, an die sie gerichtet gewesen sein soll, hat
jedenfalls nicht ein Einziger diese Aufforderung hören können.

Die Wirkung des Feuers war furchtbar. Auf dem Roßplatz, zu dessen
Säuberung das Militair lediglich herbeigeeilt war, lag nur ein einziger
Erschossener -- der #Polizeidiener# Arland. In Erfüllung seiner Pflicht
hatte ihn die im Namen der Ordnung entsendete Kugel hingerafft. Alle
übrigen Todten und Verwundeten waren in den Promenaden und sogar am
Eingang der Universitätsstraße -- etwa drei Minuten vom Roßplatz
entfernt -- von dem mörderischen Blei getroffen worden. Die Meisten
hatten die Todeswunde im Rücken, zum Beweise dafür, daß sie auf dem
Nachhausewege, unschuldig, getödtet worden waren. Am Arm seiner
Braut fiel der Postsecretair Priem, nahe bei ihm der Postsecretair
Jehn; wenige Schritte von seiner Wohnung der bejahrte Privatgelehrte
Nordmann; zwei gesetzte Männer, der Markthelfer Kleeberg und der
Schriftsetzer Müller, und ein vielversprechender Jüngling aus gutem
Bürgerhause, der Handlungscommis Freygang, lagen todt in ihrem Blute.
Die Verwundeten füllten die Krankenhäuser der Stadt.[66] Es war halb
elf Uhr Nachts; seit dem Erscheinen des Militairs waren kaum zehn
Minuten verflossen![67]

Die Aufregung, welche die Kunde dieses grauenvollen Vorfalles in der
Stadt erzeugte, war ungeheuer. Das Entsetzen und die gerechteste
Entrüstung Tausender begleitete die Bahren der Erschossenen und
Verwundeten.

Am bezeichnendsten für das Urtheil der Zeitgenossen über die That, ist
die Darstellung der gelesensten und maßvollsten politischen Zeitschrift
jener Tage. „#Die Grenzboten#“ schrieben: „Ein plötzliches Commando
befahl „Feuer!“ Die Schützen schossen unter die promenirende Menge!
Keine Aufforderung, keine directe Drohung hatte die zum allergrößten
Theile aus Neugierigen, darunter Weiber und Kinder, bestehende Masse
ahnen lassen, daß zu diesem fürchterlichen, alleräußersten, nur in
Momenten eines Bürgerkrieges oder einer Revolution zu entschuldigenden
Mittel gegriffen werden könnte. Dieses bezeugen Hunderte von Zuschauern
mit dem heiligsten Eide. Kein Anstürmen, keine Beleidigung eines
Soldaten hatte dieses unheilvolle Commando nöthig gemacht. Ja selbst
im Falle eines Vordringens war das in Reih und Glied stehende, mit
Bajonetten und Munition versehene Militair dem gänzlich unbewaffneten,
ungeordneten, führerlosen Haufen unendlich überlegen“.

Die Studenten erbrachen den Fechtboden und rotteten sich zusammen,
um die Schützen und deren Kaserne anzugreifen. Ihnen und Hunderten
Gleichgesinnter tritt die Communalgarde entgegen, die endlich um
Mitternacht durch Generalmarsch unter die Waffen gerufen wird,
und ruhig und mühelos, ohne Waffengewalt, die von neuem und in
weit gefährlicherer Stimmung auf dem Roßplatz sich sammelnde Menge
zerstreut. Auch dahin war sie mit Hohn entsendet worden. Als die Garde
verlangte, selbst die Wache vor dem Hôtel des Prinzen zu übernehmen,
erwiderte Oberst von Buttlar: „daß er unter keinen Verhältnissen seinen
Platz verändere, und so lange Se. Kgl. Hoheit im Orte wären, das
Militair von seinem Stande nicht abgehen lassen werde, auch daß er von
Niemandem, selbst nicht von Se. Kgl. Hoheit, Befehle annehmen könne,
übrigens für die Communalgarde, wenn sie, wie ihr zustehe, Excedenten
arretiren wolle, Gelegenheit genug zum Einschreiten sich darbiete.“[68]

Von Verwünschungen und Steinwürfen verfolgt, enteilte am Morgen des 13.
August auf Seitenwegen der an dem Gemetzel völlig schuldlose Prinz,
von reitender Communalgarde geleitet, aus der Stadt. Er hatte keine
Ahnung davon gehabt, welche Katastrophe der Uebereifer seiner Getreuen
vorbereite, bis das Entsetzliche geschehen war. Und dennoch glaubte
am Morgen des 13. August ganz Leipzig, der Prinz sei der Urheber des
Feuerns gewesen. Ja, nicht ein Einziger von allen Denen, die diesem
traurigen Gerücht hätten entgegentreten #können#, die mit dem Prinzen
zu Tische gesessen, die mit ihm gesprochen bis zur Katastrophe und
bezeugen konnten, daß er durch das Feuern auf's Höchste überrascht und
bestürzt gewesen, nicht Einer von ihnen, außer dem mannhaften Rector
der Universität, dem Domherrn Dr. Günther, hatte den Muth, der Wahrheit
die Ehre zu geben.

Völlig gelähmt durch den Schrecken über das ungeheure Ereigniß waren
der Rath, die königlichen Behörden, selbst das Militärcommando. Der
Rath, an dessen Spitze der unfähige Bürgermeister Groß stand, erließ
eine der wunderbarsten Offenbarungen seiner Weisheit. „Gewiß hat
jeder wohlgesinnte Bürger und Einwohner unserer Stadt den größten
Unwillen und tiefsten Schmerz über die beklagenswerthen Ereignisse
empfunden, welche in der vergangenen Nacht stattgefunden haben.“ Und
„zur Aufrechterhaltung der auf so traurige Weise gestörten Ordnung“
verordnete der Rath „zu diesem Entzweck (!): 1) Alle Lehrherren und
Meister, sowie alle Eltern unerwachsener (!) Kinder werden dringend
aufgefordert, ihre Lehrlinge und Kinder von acht Uhr Abends an zu
Hause zu behalten und bei eigener Verantwortung ihnen das Ausgehen
nicht weiter zu gestatten. 2) Alle Hausthüren sind von 9 Uhr an
geschlossen zu halten. 3) Alle Personen, welche nach dieser Zeit
in größeren Truppen (!) auf der Straße sich treffen lassen, haben
auf erfolgte Bedeutung der Patrouillen der Communalgarde sofort
auseinanderzugehen. 4) Der Aufenthalt in öffentlichen Schankstätten ist
Gästen nur bis 9 Uhr zu gestatten“ u. s. w. Gleichzeitig eröffnete der
Rath, der durch diesen Ukas nur noch mehr verstimmten Bürgerschaft:
„Der zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit
allhier erforderliche Dienst der bewaffneten Macht ist ausschließend
(!) der hiesigen Communalgarde, der sich zu diesem Zwecke die Herren
Studirenden auf das Bereitwilligste angeschlossen haben, übergeben
worden.“

Nichts bezeichnet wohl so sehr die Rathlosigkeit des Rathes und der
königl. Behörden, als daß man -- und zwar mit Vorwissen der Königl.
Kreisdirection -- „die Herren Studirenden,“ die noch vor wenigen
Stunden die bewaffnete Macht attakiren wollten, zu Hütern der Ordnung
einsetzte; und es war daher den Musensöhnen durchaus nicht zu verargen,
daß sie, einmal zu einer Art Leipziger Vorsehung erhoben, sich sofort
anschickten ihre Rolle würdevoll zu spielen. Sie ließen an allen
Straßenecken eine Einladung zu einer Versammlung der Studirenden,
die im Schützenhause Nachmittags zwei Uhr stattfinden sollte,
anschlagen. Hier fanden sich etwa siebenhundert Studirende und etwa
dreimal so viel Bürger ein.[69] Wild wogten die Leidenschaften in der
großen Versammlung. Den lebhaftesten Beifall ernteten die extremsten
Vorschläge. Immer höher stieg die Hitze des Zorns, immer verwirrter
wurden die Vorschläge, die Anträge, immer unheimlicher ward der Ruf
nach Sühne und Vergeltung; endlich ward das Verlangen nach Rache um
jeden Preis der herrschende Grundton der Stimmung dieser Versammlung.
Wenn die wildeste Meinung siegte und dann die entfesselten Tausende,
die studirenden Hüter der Ordnung an der Spitze, fraternisirend mit
der durch Militair und königl. Behörden tief gekränkten Communalgarde,
sich durch die Stadt ergossen, Rache heischend und suchend -- was dann?
Seit dem Tage, da der fliehende Napoleon am Ende der Völkerschlacht
seinen Myrmidonen in Leipzig den Befehl hinterlassen, die Stadt nur als
rauchenden Trümmerhaufen dem einziehenden Sieger zu überliefern, hatte
die Stadt nicht mehr in so ernster Gefahr geschwebt, als heute.

Da trat, „von seinen Freunden auf die Tribüne gedrängt, und von der
Versammlung mit dem lautesten Beifall begrüßt,“[70] Robert Blum als
Redner auf. Er war in Geschäften die vorhergehenden Tage verreist
gewesen und hatte eben erst am Bahnhof die Schreckenskunde des
Geschehenen vernommen. Sofort war er in die Volksversammlung des
Schützenhauses geeilt. Sein Wort zündete wie kein anderes zuvor;
begeistert hingen die erregten Tausende an seinem Munde, obwohl
er, der erste unter allen Rednern, die Nothwendigkeit betonte,
nur auf #gesetzlichem# Boden das Verlangen nach Sühne geltend zu
machen. Hier feierte die mächtige Redegabe, der klare Blick und die
maßvolle Persönlichkeit des Mannes unstreitig den größten Triumph
seines Lebens. Er hat später noch stolzere, größere Tage gesehen,
an denen die erwählten Vertreter ganz Deutschlands mit derselben
Spannung seinen Worten lauschten, wie hier die mandatlosen Bürger
einer erregten Stadt. Aber einen schöneren, größeren Erfolg hat er
seinem Talent und Character kaum jemals verdankt, als an diesem Tage.
Ich will nicht leugnen, daß jenes Urtheil viel Wahres enthält, das
die Geschichtsschreiber dieser Zeit über ihn fällen und über sein
Auftreten in dieser Stunde, „da jener merkwürdige Mann, der von da an
eine so bedeutsame Rolle in der Geschichte Sachsens, ja Deutschlands
spielen sollte, in den Vordergrund der politischen Schaubühne trat,
schon hier die ihm eigene Virtuosität bekundend, die Unruhe wollend,
die Ruhe zu predigen.“[71] Hat er doch selbst am 3. November 1845
an Johann Jacoby geschrieben: „Wohl kann ich mit Schillers Jungfrau
sagen: „ach, es war nicht meine Wahl,“ daß ich ein miserables Piano
anstimmte, wo Zeit und Umstände, Hoffnungen und Aussichten, Gegenwart
und Zukunft ein Fortissimo gebieterisch forderten.“ Aber ist es nicht
gerade diese richtige Erkenntniß der Sachlage, die Unterordnung
individueller Anschauungen unter die Umstände, Kräfte und Menschen, mit
denen im Augenblick zu rechnen ist, um nur einen Durchschnittserfolg
anzustreben und zu erzielen, sind das nicht die Eigenschaften, welche
den Staatsmann zum Staatsmann machen? Und war es nicht eine wirklich
staatsmännische Leistung, daß Robert Blum, vielleicht der radicalste
und unerschrockenste Geist der ganzen großen Versammlung, das große
Wort gelassen aussprach, das Alle um ihn vereinte: daß auf dem Boden
des #Gesetzes# die Sühne für das vergossene Blut gefordert und gewährt
werden #müsse#? Wer endlich gab ihm das Recht und die Macht, in dieser
Stunde und dann noch beinahe eine volle Woche hindurch als leitender
Führer der ganzen Bürgerschaft aufzutreten? Abermals doch nur sein
gesunder, maßvoller Sinn und die völlige Rathlosigkeit aller Behörden.
In #diesem# Urtheil treffen alle zeitgenössischen Quellen überein,
auch solche, wie die D. Allg. Z.,[72] welche keineswegs denselben
politischen Standpunkt mit Blum theilten. Sie sagt, er habe „in
längerer Rede auseinandergesetzt, daß nur in dem Boden des Gesetzes
und der Ordnung die Stärke der Versammlung und die Nothwendigkeit
einer Genugthuung ruhe; aber nur durch die ebenso entschiedene als
gesetzliche Haltung des Volkes könne diese erreicht werden. Er
schlug einen Zug -- feierlich, ernst und still wie ein Leichenzug,
denn es gelte ja eben die Sühne geliebter Todter, nach dem Markte
vor, und dort solle die ganze Versammlung die Antwort des Stadtraths
erwarten. Dieser Vorschlag wurde sofort angenommen, Herr Blum durch
Acclamation dem Ausschuß einverleibt und man setzte sich in Bewegung.
Der Zug war würdevoll und imposant, die Masse so gewachsen, daß der
Anfang sich mitten auf dem Markte befand, als das Ende erst die Post
erreicht hatte, kein Laut störte denselben, und es ist unmöglich,
Menschen in ruhigerer Haltung zu einer so ernsten und aufregenden
Mission wandern zu sehen. Auf dem Wege sendete der Commandant (!) der
Communalgarde einige Gardisten an die Führer (!), die Mitwirkung (!)
der Versammlung für die Erhaltung der Ruhe in Anspruch zu nehmen und
erhielt beruhigende Versicherungen. Als die Versammlung auf dem Markte
angelangt war, ermahnte Herr Blum nochmals zur Ruhe und Ordnung und
Aufrechterhaltung der wahrhaften Majestät dieser Volksversammlung[73],
worauf sich der Ausschuß auf das Rathhaus begab.“ Ruhig wartet drunten
die auf etwa zehntausend Köpfe angewachsene Versammlung.

Endlich erscheint Blum wieder an der Spitze der Deputation, umgeben von
den anwesenden Mitgliedern des Stadtrathes -- der Rath war in #solcher#
Stunde nicht einmal vollzählig beisammen! -- und verkündet den
harrenden Tausenden von dem Balcon des Rathhauses herab, daß der Rath
die Beschlüsse der Schützenhausversammlung genehmigt habe. Im Grunde
hatte Blum diese Beschlüsse den anwesenden Rathsmitgliedern einfach
dictirt und die Versicherung dieser Rathsherren, daß der Stadtrath
„diese Anträge theilweise schon in den Vormittagsstunden beschlossen
habe“ und daß der andere noch nicht beschlossene Theil derselben
„ohne Zweifel die Zustimmung des Rathscollegiums erhalten werde,“[74]
war ebenso bezeichnend für das Würdegefühl dieser Herren, als die
Thatsache, daß der Rath nun nicht einmal #selbst# diese erfreuliche
Uebereinstimmung mit den Wünschen des „Volkes“ verkündete, sondern in
seinem Namen Blum dies thun ließ! Eine Lithographie hat uns ein Bild
der merkwürdigen Scene erhalten. Blum steht inmitten der Deputation
und des Rathes auf dem Balcon und redet. Unten jubelt die Menge. Die
Rathhausuhr zeigt auf vier Uhr Nachmittags. --

Die Bedingungen welche der Rath der erregten Bürgerschaft zugestanden
hatte, waren: „1. Daß die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung in
der Stadt ausschließlich der Communalgarde überlassen werde. 2. Daß
das Militair aus der Stadt entfernt werde und ein Garnisonwechsel
stattfinde. 3. Daß eine strenge Untersuchung über die Vorfälle am 12.
August eingeleitet und zwar nicht nur gegen die Tumultuanten, sondern
gegen Alle, welche bei jenem beklagenswerthen Ereigniß ihre Pflicht
nicht gethan oder überschritten haben.“ u. s. w. Die letzte Bedingung
war die feierliche Beerdigung der Erschossenen.[75] Das Organ des
besonnenen Fortschritts in Leipzig, die D. Allg. Ztg., schließt ihren
Bericht über diese unglaubliche Erniedrigung des Rathes mit den Worten:
„Wahrlich, diese imposante Volksversammlung, ihre Haltung und Würde,
ihr Sinn für Ordnung und Gesetzlichkeit unter so aufregenden Umständen,
gibt den Bewohnern Leipzigs das ehrenvollste Zeugniß.“

Am nächsten Tage legte dann, beiläufig bemerkt, noch der Commandant
der Garnison, Herr Oberst von Buttlar, das glänzendste Zeugniß ab für
die Rathlosigkeit, in der er selbst sich den Ereignissen gegenüber
befand. Auch er empfing eine Deputation der Schützenhausversammlung,
welche ihm „die Bitte und den Wunsch aussprach, er möge die geeigneten
Maßregeln treffen, daß an dem Tage der Beerdigung sich kein Schütze
in den Straßen sehen lasse (!), damit bei der zu erwartenden größeren
Aufregung der Gemüther die traurige Feierlichkeit in keiner Weise
gestört (!) werde. Oberst v. Buttlar erklärte, daß er bereit sei, den
Wunsch der Versammlung zu erfüllen, auch dazu bereits die nöthigen
Einleitungen getroffen habe“ -- gerade wie der Rath Tags zuvor! Noch
fügte er hinzu: „die versammelten Bürger möchten aber auch bedenken,
daß die Schützen ihre Pflicht hätten erfüllen und gehorchen müssen;
#die Bürger möchten ihre Vorwürfe auf den werfen, der den Befehl
gegeben habe#.“[76]

Auf den 13. August Nachmittags 5 Uhr hatte der Vorsteher der
Stadtverordneten, App. R. Dr. Haase das Collegium zu einer Sitzung
berufen. Hier wurde eine Adresse an den König beschlossen, in der
folgende Stelle vorkam: „Unser Schmerz wird noch dadurch vermehrt,
daß, um die gestörte Ruhe wieder herzustellen, nicht die eigene Kraft
unserer Stadt, unsere Communalgarde, in Anspruch genommen worden
ist, welche, folgen wir der allgemeinen Stimme, nach der Revue nicht
entlassen oder doch nach dieser zeitiger herbeigerufen, treu ihrer
Pflicht, nichts verabsäumt haben würde, das blutige Unglück abzuwenden,
das uns Alle mit gerechter Trauer erfüllt. Wir bitten Ew. Königl.
Majestät ehrfurchtsvoll um eine strenge Untersuchung gegen Alle, welche
bei diesen Ereignissen, von welcher Seite es sei, betheiligt sind.“ In
der Sitzung selbst fielen Anklagen, die direct auf den Prinzen zielten.
In der vom Stadtrath gleichzeitig beschlossenen Adresse heißt es:
„Mit uns beklagen alle loyalen Bürger Leipzigs die verhängnißvollen
Ursachen dieses Unglücks, deren weitere Ermittelung auf dem Wege
des Rechts gewiß erfolgen wird.“ Die Adreßdeputation des Rathes und
der Stadtverordneten reiste am vierzehnten August nach Dresden und
kehrte bereits am Abend des nämlichen Tages nach Leipzig zurück.
Am Ausgang des Bahnhofes wurde sie erwartet von einer Deputation
der Schützenhausversammlung, die bereits Tags zuvor sich neben den
legitimen Behörden der Stadt gleichsam als Sicherheitsausschuß
etablirt hatte. Die städtische Deputation fand keine Demüthigung,
keine Incorrectheit darin, daß sie, unmittelbar von den Stufen des
Thrones zurückgekehrt, der Aufforderung dieser Schützenhausdelegirten
folgte und der mandatlosen Volksmenge im Schützenhause den Bescheid
des Landesvaters verkündete. Dieser Bescheid war wenig trostreich.
Wohl war der König, wie die Deputation versicherte „bis zu Thränen
gerührt und tief ergriffen.“ Aber er erklärte auch: „Er fühle sich
um so schmerzlicher berührt, als mit den in den Adressen enthaltenen
Aeußerungen, sofort Anträge verbunden worden wären, aus welchen ein
Mißtrauen (?) hervorzugehen scheine.“ „Weiteren Resolutionen haben wir
entgegen zu sehen,“ schloß die städtische Deputation ihren Bericht.

Die große Schützenhausversammlung war zu sehr mit den Vorbereitungen
zum feierlichen Leichenbegängniß der Erschossenen beschäftigt, das
am 15. August früh stattfinden sollte, um die zweideutige Antwort
des Königs eingehend zu erwägen. Daß der Stadt alle Gerechtigkeit
versagt werden könne, mochte ohnehin damals noch Niemand glauben. Das
Begräbniß der Erschossenen wurde begangen von der ganzen Stadt als
der denkbar imposanteste Volkstraueract. Selbst Dr. Großmann, der die
Weiherede hielt, sprach an den offenen Gräbern die bedeutungsvollen
Worte: „Wer wagt's, den Empfindungen der Bewohner einer Stadt Sprache
zu leihen, die sich mitten im tiefsten Frieden in eine Wahlstatt
verwandelt sieht? Wer ist im Stande, den Abgrund der Gefahren zu
beschreiben, die über das ganze Vaterland aus den Ereignissen dieser
Tage heraufziehen? Denn die Feinde unserer Kirche, unserer Verfassung,
unserer bürgerlichen Freiheit, unserer Wohlfahrt, gewiß sie werden die
traurige Veranlassung dieses traurigen Leichenzuges auf alle Weise
auszubeuten bemüht sein und Alles aufbieten, um das Vertrauen zwischen
König und Volk zu erschüttern, um Samen der Zwietracht auszustreuen,
um wo möglich peinliche und schreckliche Maßregeln hervorzurufen.“
Und später in der Ersten Kammer sagte er: „Ich habe die schauervolle
Stunde erlebt, am 15. August vor den sechs Särgen[77] zu stehen, aber
ich habe nicht verhehlt, daß der Fluch der Sünde auch #Unschuldige#
oft in den Strom des Verderbens hinabzieht.“ In schweren Worten
sprachen Dulk, Dr. Zille, Dr. W. Jordan am Grabe, am eindringlichsten
und mächtigsten Robert Blum. Daß volle Sühne für die grauenhafte That
sicher werde geboten werden, geboten werden müsse, vermöge allein über
das Entsetzliche in etwas zu trösten.

Die nächsten Tage enthüllten schon den Standpunkt der Regierung.
Am 14. August war Minister v. Falkenstein mit einem Extrazug nach
Leipzig gekommen und als er die Ueberzeugung gewonnen, daß die Ruhe
der Stadt keineswegs gefährdet sei, man also auch schroff auftreten
könne, reiste er getrost auf demselben Wege sofort wieder nach Dresden
zurück. Sonderbarerweise brachte noch an demselben 14. August die
ministerielle „Leipziger Zeitung“ eine „Privatmittheilung“ über die
blutige Nacht, in welcher auf das Perfideste nicht geradezu behauptet,
aber doch angedeutet wurde, das Militair sei erst aufgeboten worden und
eingeschritten, nachdem die Communalgarde die Unruhe nicht zu stillen
vermocht habe. Biedermann wies in seinem „Herold“ diese wissentlich
falsche Beschuldigung des Königl. Blattes mit der gebührenden Energie
zurück. Am dritten Tage nach der blutigen Nacht, am 15. Aug. hatte der
Kriegsminister, wie er später vor der zweiten Kammer bekannte, bereits
die Berichte seiner unfehlbaren Officiere in Händen, welche ihm „die
Mittel an die Hand gaben, die Sache beurtheilen zu können“, d. h. ihn
getrost den Versuch wagen ließen, dem Verlangen der treuen Stadt nach
Untersuchung und Sühne die eiserne Stirn zu bieten. Demgemäß wurde in
Dresden gehandelt.

In einer der nächsten Nächte weckte Robert Blum die Gattin mit
geheimnißvoller Miene und führte sie an das Fenster seines
hochgelegenen Arbeitszimmers. Der Mond bestrahlte fast tageshell das
Gleis der Dresdner Bahn, die am Garten des Hauses vorüberführte. Leise,
ohne ein Wort zu sagen, deutete er auf die Züge, die hier einer hinter
dem andern herankeuchten, ohne Pfiff, ohne Signal; die dicht vor dem
Garten Halt machten, ohne in den Bahnhof einzufahren. In den Wagen
flimmerte und klirrte es von Waffen; Pferde hörte man stampfen und
wiehern; dann kurze Commando's, schwarze Massen mit funkelnden Waffen
in Reihen aufmarschirt, Infanterie, Cavallerie, Artillerie; dann immer
entfernter klingender Taktschritt der Truppen. Am Morgen war Leipzig
von einer erdrückenden Militairmacht besetzt, behandelt wie eine
eroberte Stadt. Im Schloßhof standen Kanonen aufgefahren.

Unter dieser kriegerischen Machtentfaltung hielt der Königliche
außerordentliche Commissar Geheimrath v. Langenn am 16. August seinen
Einzug in die Stadt; der Mann, der Sühne und Gerechtigkeit bringen
sollte und von dem die Stadt sie vertrauensvoll erwartete, da er damals
noch nicht für immer gerichtet war durch die Todtengräberarbeit,
die er später an dem Mecklenburgischen Verfassungsrecht durch
den Freienwalder Schiedsspruch vollzog. Sein erstes Auftreten in
Leipzig zeigte freilich sofort, wessen man von diesem Herrn sich zu
versehen hatte. Noch konnte die Regierung nur die Berichte ihrer
Creaturen über die unglückseligen Ereignisse besitzen. Kein Zeuge der
That, kein Mitglied einer städtischen Behörde, einschließlich der
Communalgarde, war noch vernommen. Und gleichwohl trat dieser Mann
vor die von ihm versammelten Gemeindevertreter und erklärte in der
hochfahrendsten, schroffsten Weise: „Die Regierung wird die von ihren
Organen ergriffenen Maßregeln vertreten; zu irgend einer Discussion
hierüber bin ich nicht beauftragt.“ Der Schluß seiner Worte aber
lautete: „Die bewaffnete Macht hat also den bestehenden Gesetzen
nach gehandelt!“ Und gleichzeitig verlas der Königliche Commissar den
erstaunten Gemeindevertretern die schriftliche Antwort des Königs auf
die Leipziger Adressen. Falkenstein hatte sie contrasignirt.

Sie war herb und streng gehalten. Nachdem von dem „unwürdigen Frevel“
eingehend die Rede gewesen, dessen „Schauplatz das vielfach gesegnete
und blühende Leipzig“ gewesen, lauteten die einzigen Sühne -- aber
welche Sühne! -- verheißenden Zeilen wörtlich also: „#Strenge#
Untersuchung der stattgefundenen #Unordnungen# und eine #unbefangene#
Betrachtung des Verfahrens der #Behörden# wird Licht über das Ganze
verbreiten[78] ... so daß es hoffentlich nicht #ernsterer# Maßregeln
bedürfen wird, um dem Gesetze seine Geltung zu verschaffen. Aber mit
tiefem Schmerze muß ich es aussprechen: #Wankend# geworden ist mein
Vertrauen zu einer #Stadt#, in deren #Mitte# (?!) auch nur der Gedanke
einer solchen Handlung entstehen, unter deren Augen (?) er ausgeführt
werden konnte.“

Mit diesen Eröffnungen war die Richtung der Erörterungen klar
bezeichnet, welche die Regierung über die furchtbaren Ereignisse
vorzunehmen willens war. „Strenge Untersuchung der stattgefundenen
Unordnungen“ und „eine unbefangene Betrachtung des Verfahrens der
Behörden“! Um keinen Zweifel über seine und der Regierung Tendenz bei
der Sache aufkommen zu lassen, ließ v. Langenn noch am nämlichen 16.
August den Wortlaut seiner Anrede an die Gemeindevertretung und die
Antwort des Königs in die Leipziger Zeitung einrücken.[79] Und wer
es nur immer hören wollte, konnte von dem Kgl. Commissar unverholen
äußern hören, #daß Leipzig eine Genugthuung nur zu geben, nicht zu
erwarten habe#. Ueberall sprach er nur von dem gar nicht zu sühnenden
Frevel gegen den Prinzen, von dem Schießen aber als einer ganz
gerechtfertigten Maßregel.[80]

Durch solche Erklärungen mußte das Vertrauen in die Unparteilichkeit
der außerordentlichen Untersuchungs-Commission, die gleichzeitig mit
v. Langenn in Leipzig eintraf, von vornherein untergraben werden. Dazu
kamen mannigfache andere Bedenken gegen ihre Arbeit. Diese Commission
empfing ihre Instructionen direct vom Ministerium des Innern.[81] Nicht
sie, sondern das Ministerium hat die Ergebnisse ihrer Erörterungen,
und auch diese nur theilweise, veröffentlicht. Die Commission durfte,
da es sich nicht um eine förmliche richterliche Untersuchung, sondern
nur um polizeiliche Vorerörterungen handelte, die vernommenen Zeugen
nicht vereiden. Statt des Eides wurde die bedenkliche „Versicherung
auf Ehrenwort“ bei Civilisten, der „pflichtgemäße Rapport“ bei
Soldaten, die als Zeugen abgehört wurden, substituirt.[82] Auf die
außerordentlich bedeutenden Widersprüche zwischen den Aussagen der
Zeugen, namentlich der völlig neutralen Zeugen, welche weder eine
thätliche Provocation des Militairs Seitens der Menge wahrgenommen
haben wollten, ehe geschossen wurde (zu diesen Zeugen gehörten
sämmtliche Leipziger Polizeidiener, welche an der Tête des Pelotons
Vollborn die Promenade säuberten), noch auch gehört hatten, daß vor dem
Schießen die gesetzlich nothwendige Aufforderung zum Auseinandergehen
vernehmbar verkündigt worden sei, hatte man fast gar kein Gewicht
gelegt. Man hielt eben für bewiesen, was man bewiesen wünschte. Das
Verfahren der Militairbehörde wurde als gerechtfertigt anerkannt und
nur gegen die Civilbehörde wegen zu späten Einschreitens gegen den
Tumult eine Disciplinaruntersuchung vorbehalten.[83] Dieser Vorbehalt
war um so unbegreiflicher, als später in den Kammerverhandlungen über
die Augustereignisse der Minister v. Nostiz-Wallwitz gleich zu Anfang
der Debatte unaufgefordert erklärte, „daß an jenem Abend in Leipzig die
Communalgarde nicht aus Mißtrauen nicht berufen worden sei, sondern aus
unzeitiger Schonung, aus Rücksicht auf die von derselben während des
Tages ausgehaltenen Strapazen!“[84]

Um so härter wurde gegen die Schuldigen dritten und vierten Ranges,
d. h. die paar Excedenten eingeschritten, die man am 12. August beim
Kragen gefaßt hatte. Gleichzeitig wurden „Erörterungen“ angestellt
gegen besonders verhaßte Persönlichkeiten, denen man gern beigekommen
wäre, aber nicht beikommen konnte, u. A. gegen Robert Blum. Diese
Erörterungen wurden sehr bald eingestellt. Man konnte ihm ja doch
nichts vorwerfen, als daß er die Stadt vor den wildesten Ausbrüchen
der Anarchie gerettet habe. Um so bequemer war die Stellung der
Regierung den verhaßten „Schriftstellern“ gegenüber. Selbst Dr. W.
Jordan, obgleich in Sachsen naturalisirt, wurde ausgewiesen. Die
Schützenhausversammlungen, denen sich Bürgermeister Groß in den Tagen
der höchsten Gefahr blindlings untergeordnet hatte, wurden bereits am
16. August von demselben Würdenträger verboten. Am 26. August folgte
Seitens der Landesregierung auf Grund der Bundesbeschlüsse von 1832
das Verbot aller Volksversammlungen. Damit glaubte man den Herd der
Beunruhigung des Volkes mit einem Male verschüttet zu haben. Die
Bürgervereine, die vom Voigtland aus sich über einen großen Theil des
mittleren Erzgebirges und der Schönburg'schen Lande verbreitet hatten,
waren damit in der That in ihrer Wurzel bedroht.

Dagegen fand Robert Blum für Leipzig schnell einen neuen Namen und
eine neue Form für die verbotenen öffentlichen Versammlungen. Er
gründete zuerst in Leipzig, später in vielen Filialen im Lande,
einen #Redeübungsverein#, d. h. einen Verein, der scheinbar nur eine
rhetorisch-linguistische Ausbildung seiner Mitglieder bezweckte, in der
That aber durch Vorträge über die wichtigsten Zeitfragen, durch die
daran geknüpften Discussionen, und durch die äußerst liberale Zulassung
von Nichtmitgliedern zu den Versammlungen des Vereins jene durch eine
außerordentliche Folge von Ereignissen vorübergehend zusammentretenden
Versammlungen des Schützenhauses, welche die Regierung durch ihr Verbot
für immer gesprengt zu haben meinte, stets von neuem vereinte und
obendrein mit dem Corpsgeist einer festen Verbindung erfüllte.

Die Regierung würde übrigens sicher mehr Maß gehalten haben in ihrem
Verfahren wider Leipzig, wenn die Leipziger Gemeindevertretung sich
auch nur einigermaßen mannhaft gezeigt hätte. Statt jedoch das
Verlangen einer gerechten Beurtheilung und Sühne für das vergossene
Blut nachdrücklich festzuhalten, legten sich die Stadtverordneten in
einer zweiten Adresse vom 2. September 1845 dem König demüthig zu
Füßen mit der Versicherung, sie „könnten sich #in ihrer Unschuld#
sagen, daß sie den Verlust der Gnade und des Vertrauens ihres geliebten
Landesherrn nicht verdient haben und glauben sich deßhalb nur um
so mehr der Hoffnung hingeben zu dürfen, daß die Gerechtigkeit Ew.
Majestät die Frevelthat von einigen Wenigen einer ganzen Stadt nicht
zur Last legen werde.“ Eine dritte gleichwerthige Adresse wurde am
nämlichen Tage an den Prinzen Johann abgelassen. Der hochconservative,
aber freilich mannhaft-unbeugsame Stadtverordnete Kramermeister Poppe,
versagte beiden Adressen seine Zustimmung. Selbstverständlich folgte
der klägliche Rath sofort am 5. September dem guten Beispiel der
Stadtverordneten mit einer Adresse von ähnlichem Inhalt an den Prinzen
Johann. Der Rath sprach sogar von einem gegen den Prinzen „verübten
frevelhaften Attentat“! Die Antwort auf diese Kriecherei erhielten
die städtischen Collegien durch den leipziger Mund der Regierung,
Herrn v. Langenn. Allem bisher von der Regierung Vernommenen setzte
diese Antwort die Krone auf, indem sie direct #gegen# die erhobenen
Thatsachen, und recht eigentlich zum Hohne der überfließenden
Loyalitätsversicherungen der Leipziger Gemeindevertreter „die Hoffnung
Sr. Maj.“ aussprach, „es werde sich diese Gesinnung durch die That und
namentlich durch die Bemühungen, dem Geiste der Gesetzlichkeit und der
Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland allenthalben #wieder Eingang zu
verschaffen#, bewähren!“ Die Sitzung, in der diese Antwort verlesen
wurde, war sehr bewegt und das Collegium beschloß die Erklärung in sein
Protocoll aufzunehmen: „nur durch das beruhigende Bewußtsein, daß die
Bürgerschaft Leipzigs an jenen unheilvollen Ereignissen keinen Theil
genommen, sich vielmehr zu allen Zeiten und unter weit schwierigeren
Umständen durch unerschütterliche Treue und Anhänglichkeit an Fürst
und Vaterland bewährt habe, habe den höchst schmerzlichen Eindruck zu
mildern vermocht, den diese Antwort des Königs in den Herzen Aller
hervorrief.“[85]

Ungeheuer war die Entrüstung über die Leipziger Ereignisse, über
das Verhalten der Regierung in ganz Deutschland. Wenn die Regierung
zweifellos unschuldig war an dem excessiven Waffengebrauch ihrer
Soldaten, so machte sie sich nun zu deren Mitschuldigen, indem sie vor
aller Welt deren Handlungen vertrat. So ging denn das zürnende Gedicht
von Hand zu Hand, von Mund zu Munde, das Ferd. Freiligrath am 24.
August in Meyenberg am Zürcher See „Leipzigs Todten“ widmete, mit dem
düstern Refrain:

    „Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht,
    Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert,
    Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
    Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert.“

Es brauste grollend über Deutschland wie ein heraufziehendes schweres
Gewitter und unvergessen blieb überall die Leipziger Augustnacht.

Unvergessen blieb aber auch beim Volke das Verhalten Robert Blum's
während dieser schweren Tage. An seinem Geburtstage überreichte ihm
ein sehr großer Theil der leipziger Bürgerschaft eine künstlerisch
ausgestattete Dankadresse mit Tausenden von Unterschriften bedeckt,
welche lautete:

          „Verehrter Mitbürger!

  Die unterzeichneten Bewohner Leipzig's sprechen ihren Dank aus für
  Ihre unermüdlichen Bestrebungen zur Wahrung der verfassungsmäßigen
  Ordnung und zur Heilighaltung des Gesetzes, welche in den Tagen des
  13., 14. und 15. August d. J. durch die Ereignisse des 12. desselben
  Monats bedroht wurden. Sie haben, treu Ihrer Bürgerpflicht, die
  aufgeregten Tausende ermahnt: nicht zu verlassen den Boden des
  Gesetzes und mit Vertrauen auf die Behörden zu blicken, die unseren
  gerechten Beschwerden Abhülfe herbeiführen würden. Sie haben durch
  Ihre Worte den stürmischen Ausbrüchen der Gemüther gesteuert. Wir
  danken Ihnen dafür.“

Zahlreiche ähnliche Adressen trafen aus Sachsen und aus dem übrigen
Deutschland bei Blum ein. Besonders merkwürdig unter ihnen ist
diejenige aus Mannheim und Schwetzingen, weil sie einträchtiglich die
Unterschriften aller badischen Liberalen vereinigt, die wenige Jahre
später so hart sich befehden sollten. Da steht an der Spitze Carl
Mathy, neben und unter ihm Adam v. Itzstein, Th. Welcker, Hecker, v.
Soiron, Bassermann, Struve, Hergenhahn, Dr. Paulus, Thilo u. A.

       *       *       *       *       *

Die ganze Bürgerschaft Leipzigs aber stattete Robert Blum ihren Dank
ab, indem sie ihn am Ausgang des Jahres 1845 zum Stadtverordneten
wählte.

Er selbst faßt am 3. November 1845 die Folgen des schmerzlichen
Ereignisses in einem -- auch sonst interessanten -- Briefe an Johann
Jacoby treffend also zusammen:

  „Wie bei uns die Augustereignisse gewirkt haben? Gut und schlecht
  -- wie man will. Die Reaction ist allerdings furchtbar in diesem
  Augenblicke und es gibt kein Land, in welchem man so viele
  Knechtungsversuche aller Art macht; aber gerade dadurch ist
  auch der Spießbürger zum Theil wenigstens zur Besinnung gelangt
  und hat die schwere Täuschung erkannt, die solange ihn benebelt
  hat. Unsere Kammer ist gut, aber sie erzielt natürlich nichts.
  Solange der deutsche Minister einer ganzen Kammer auf alle ihre
  Mehrheitsbeschlüsse mit Unverschämtheit sagen kann: „Es bleibt
  beim Alten, _car tel est notre plaisir_,“ solange bleibt das ganze
  Kammerwesen eine heillose Spiegelfechterei. Aber wenn die Kammer
  wirklich fruchtlos auseinandergeht, so steigert sich die Stimmung im
  Lande bis zur Unglaublichkeit -- wie denn überhaupt die Stimmung in
  unsern kleinen Städten und auf dem Lande vielfach entschieden gut ist
  -- und das #System# ist es endlich, gegen welches sich der Haß kehrt,
  nicht mehr gegen die Menschen und die Umstände. -- Etwas Ungeheures
  ist es bei uns, daß der Leipziger Mord die einfältige Pietät gänzlich
  vernichtet hat, die sich bei jeder unangenehmen Gelegenheit sagte:
  „Ja, der König und die Minister würden dieses und jenes gerne thun,
  sie haben den besten Willen, aber sie können nicht.“ Uebrigens wäre
  das Leipziger Ereigniß auch nicht so ganz zum Siege der Reaction
  ausgeschlagen, wenn sich unsere Stadtverordneten nicht unter allem
  Luder schmachvoll benommen hätten. Diese Adresse aber war für die
  Minister nicht mit Geld zu bezahlen und als sie sahen, daß #das#
  in Leipzig möglich war, traten sie sofort mit einer unglaublichen
  Frechheit auf, während bis dahin die Furcht weit überwog. In einigen
  Wochen werde ich wahrscheinlich zu den Stadtverordneten gehören, bin
  aber noch schwankend, ob ich's annehme. Da es indeß fast der einzige
  Weg ist, den Spießbürger in geeigneten Momenten zu dominiren, und
  ihm zu imponiren, so wird's wohl nicht gut anders gehen, um so mehr
  als es der einzige Weg für mich ist, auf den Landtag zu kommen, den
  ich, wenn die Zeiten so trostlos bleiben, nicht ausschlagen möchte.
  -- Werden Sie mich denn in diesem Jahre mit einem Beitrage für mein
  Taschenbuch „Vorwärts“ erfreuen? Wenn Sie können, so thun Sie's,
  denn eben jetzt im letzten Augenblicke haben sie mir Steger geraubt,
  der seine Theilnahme am Buche seiner Existenz in Sachsen zum Opfer
  bringen mußte.[86] Uebelnehmen kann ich's ihm nicht, denn er ist eben
  im Begriff sich einen Herd zu gründen und wäre, wenn man auf der
  Ausweisung bestünde, gänzlich heimathlos; aber es bereitet mir manche
  Verlegenheit.“[87]

Besonders bemerkenswerth in diesem Briefe ist das Urtheil, das Blum
über die wahrscheinliche Erfolglosigkeit der Anstrengungen der
liberalen Partei im Landtage fällte. Während Aller Augen gespannt auf
dem Landtag hafteten und hoffnungsreich von ihm Sühne für die Leipziger
That und Abstellung aller übrigen Beschwerden erwarteten, erklärte der
Führer des Fortschritts in Sachsen ganz offen: „#Unsere Kammer ist gut,
aber sie erzielt natürlich nichts.#“

Diese Voraussicht sollte im vollsten Maße sich bewahrheiten.



     12. Die letzten Jahre vor der Revolution.

                   (1846. 1847.)


Jeder unbefangene Beobachter der Sächsischen Zustände und namentlich
jeder aufrichtige Freund der Regierung mußte sich überzeugt halten, daß
das Ministerium Könneritz das Königreich entweder einem Staatsstreich
oder einer Revolution entgegentreibe. Mit gleich verblendetem Eigensinn
hat nur noch Herr v. Beust zwanzig Jahre später das Land regiert und
der Katastrophe von 1866 entgegengetrieben. Von Jahr zu Jahr war die
Bewegung der Geister, welche die Regierung einfach unterdrücken zu
können meinte, gewachsen, mit jedem Jahre auch die Zahl der Opposition
im Landtag. Auch in dem neuen Landtag, welcher am 14. September 1845
eröffnet wurde, hatte die Opposition neue Sitze errungen. Zum ersten
Mal trat hier jener „entschiedenere“ Nachwuchs im Landhaussaal auf,
der sich zwar Todt's Führung noch unterordnete, aber den alten Führer
der Sächsischen Opposition doch häufig auch weiter nach Links führte,
als ihm lieb war; dagegen sonderte sich dieser junge Fortschritt
vollständig ab von dem maßvollen Liberalismus der Braun, Georgi,
Brockhaus u. s. w. Diese äußerste Linke war hauptsächlich vertreten
durch die nächsten Freunde Blum's: Schaffrath, Joseph, Hensel,
Rewitzer. Ueberhaupt schied sich seit den Leipziger Augustereignissen
mehr und mehr der radicale Fortschritt unter Blum's Führung ab von dem
gemäßigteren Liberalismus, der in der Presse hauptsächlich durch Prof.
Biedermann, im Landtag durch Braun u. s. w. vertreten war.

Doch vorläufig verband die reactionäre Haltung des Ministeriums
noch sämmtliche oppositionelle Elemente der Kammer zu gemeinsamer
Schlachtreihe. Männer aller Parteifarben hatten die treffliche
Petition Biedermann's an den Landtag unterzeichnet, welche Sühne für
das in Leipzig vergossene Blut forderte. Und wiederum Männer aller
Parteien hatten ihre Unterschriften unter die von Blum verfaßte, und
von ihm an erster Stelle unterzeichnete Petition gesetzt, welche --
bezeichnend genug! -- alle Beschwerden zusammenfaßte, die sich gegen
sächsische und #allgemein deutsche# Verhältnisse richten ließen. Die
Erläuterung des § 89 der Verfassung, die Bundesbeschlüsse betreffend;
die Wiener Beschlüsse von 1834; die Erfüllung des Art. 13 der
Bundesacte; die Aufrechterhaltung der deutschen Volksthümlichkeit in
Schleswig-Holstein; die Aufhebung der Censur; die Verbesserung der
Stellung der Volksschullehrer; die Herabsetzung des Sächs. Contingents
und dessen Vereidigung auf die Verfassung: das war der Hauptinhalt der
in dieser Petition enthaltenen Wünsche.

Schon die Thronrede der Regierung war weniger herzlich, als sonst.
Mit mahnendem Ernst forderte der König die Stände auf, ihn bei der
Erhaltung eines verfassungs- und ordnungsmäßigen Ganges im innern
Staatsleben zu unterstützen.[88] Dagegen waren mehrere der brennendsten
Fragen in der Thronrede mit Stillschweigen übergangen. Deßhalb, und
um dem allgemeinen Bedürfniß zu entsprechen, welches eine offene
Aussprache über die reichlich vorhandenen Beschwerden erheischte, wurde
selbst von der ersten Kammer diesmal zum Erlaß einer Adresse die Hand
geboten. Der Adreßentwurf Todt's war ein Meisterwerk staatsmännischer
Mäßigung, bei aller Kühnheit seiner sachlichen Kritik gegen die
Regierung. Man merkte ihm deutlich das Streben an, die erste Kammer für
den Entwurf zu gewinnen.

Selbst die Regierung fühlte bei Beginn der Adreßdebatten das
Bedürfniß ihrer Rechtfertigung. Könneritz verlas eine ausführliche
Vertheidigungsschrift seines Regimentes, welche um so weniger
befriedigte, da er mit der Behauptung, daß die Verfassung eine dem
Zeitbewußtsein nachgebende Entwickelung überhaupt nicht gestatte,
den lautesten Forderungen des Volkes eine schroffe Kriegserklärung
entgegenwarf. Noch unglücklicher in seinem Debüt vor der Kammer war
wo möglich derjenige Minister, auf welchen der Liberalismus früher
die größten Hoffnungen gesetzt, Herr v. Falckenstein, welcher sich
dazu berufen fühlte, der Stadt Leipzig den Rath zu ertheilen, „den
Weg der Selbsterkenntniß zu betreten und sich wiederzufinden,“ ja der
sich sogar zum Vertheidiger der Censur aufwarf. Mit wuchtigen Worten
traten Brockhaus und der conservative Poppe diesem anmaßlichen Urtheil
entgegen, und selbst in der ersten Kammer erklärte später am 19. Nov.
Dr. Crusius: „Leipzig braucht nicht erst zum Selbstbewußtsein zu
kommen, es braucht sich nicht erst wiederzufinden, denn es hat sich
nie verloren.“ Zum ersten Male lernte man hier auch die rücksichtslose,
häufig leider auch maßlose und allzu persönliche Sprache der „jungen
Linken“ kennen. Bei der Abstimmung über die Adresse traten für die
Regierung nur zwölf Abgeordnete ein. Selbstverständlich scheiterte auch
diese Adresse an den Amendements der ersten Kammer, in welcher zum
ersten Mal v. Carlowitz die Führung der Conservativen oder richtiger
Feudalen übernommen hatte. Die kräftigere Fassung, welche er dem
Entwurfe Todt's an der den Bundestag betreffenden Stelle gab, verrieth
aber zugleich auch, daß in diesem Manne ein lauteres deutsches Herz
schlug, daß er einer der wenigen deutschen Patrioten war, welche die
erste Sächs. Kammer aufzuweisen hatte. Doch kam es über die Adresse zu
keiner Einigung der Kammern.

Auch über die Frage, welche auf den früheren Landtagen im Vordergrund
des Interesses gestanden, die Reform des Strafverfahrens, hinterließ
dieser Landtag keine vollendete gesetzgeberische Arbeit. In einer der
ersten Sitzungen interpellirte Klinger die Regierung über den Stand
dieser Frage. Da erklärte zum allgemeinen Erstaunen Könneritz: Das
Ministerium habe sich überzeugt, daß mit einer bloßen Verbesserung
des bisherigen Verfahrens nicht durchzukommen, vielmehr eine größere
Reform nöthig sei. Mündlichkeit und Anklageprozeß wolle die Regierung
zugestehen, die Oeffentlichkeit dagegen halte sie nachtheilig für die
Rechtspflege und den Character des Volkes. Entschieden blieb die Kammer
nach dem trefflichen Referate Braun's bei ihrer früheren Forderung auf
Mündlichkeit und Oeffentlichkeit stehen, verzichtete dagegen vorläufig
aus Zweckmäßigkeitsgründen auf die Einführung von Schwurgerichten
und hielt ihren Standpunkt auch aufrecht, als die Regierung eine
beschränkte Oeffentlichkeit für Gemeindevertreter u. s. w. einräumen
wollte. Nur dadurch, daß in der ersten Kammer eine Stimme Majorität
sich für den Standpunkt der Regierung fand, entging diese dem Geschick
in dieser wichtigen Frage ein von ihr unannehmbar erklärtes Gesetz von
beiden Kammern vor die Krone gebracht zu sehen. Auch hier kam also
nichts zu Stande.

Etwas erfolgreicher waren die Verhandlungen über die kirchlichen
Fragen. Die berufene Verordnung vom 17. Juli, die das Ministerium
zu vertheidigen suchte, deckte man nach einigen leidenschaftlichen
Angriffen mit dem Mantel der Liebe und einigte sich allerseits bald
über das Verhältniß des Staates zur lutherischen Kirche: Die Regierung
sollte eine Presbyterial- und Synodalverfassung ausarbeiten und den
Grundsatz der Trennung des Staates von der Kirche dadurch anerkennen,
daß die eigentliche Kirchengewalt einer obersten collegialen Behörde
übertragen werde. Auch das Verhältniß der Deutschkatholiken wurde nach
langwierigem Widerstreit zwischen den Kammern endlich in allseitigem
Einverständniß dahin geordnet, daß ihnen Duldung und gewisse kirchliche
Rechte -- Gewährung evangelischer Kirchen an sie in Städten, die
Einsegnung der Ehe nach vorausgegangener protestantischer Trauung u. s.
w. -- zugestanden werden sollten. In einer Verordnung vom 17. Juni 1846
stellte die Regierung das Rechtsverhältniß der deutsch-katholischen
Gemeinden fest. Diese kirchliche Species war indessen damals schon
durch Spaltungen u. s. w. im öffentlichen Interesse tief gesunken. Sie
hat es in Sachsen überhaupt nur auf achtzehn Gemeinden gebracht.

Die anzuerkennende Toleranz der Regierung gegen die Deutschkatholiken,
die selbst über das Toleranzniveau der ersten Kammer sich erhob,
war aber auch die einzige liberale Regung, die diesem Ministerium
nachgesagt werden konnte. Ihren absolut reactionären Standpunkt
trug sie insbesondere zur Schau allen Anträgen, Petitionen
und Verhandlungen gegenüber, die eine Abstellung der wahrhaft
unerträglichen Censurplackereien und Concessionsentziehungen, überhaupt
eine Entfesselung des freien gedruckten Gedankens aus jenen Banden
bezweckten, mit welchen diese Regierung unaufhörlich und schonungslos
die ganze inländische Presse und alle unliebsamen Preßerzeugnisse
umstrickte. In dieser Beziehung halfen alle Vorstellungen der
Sachverständigen, alle Verhandlungen der zweiten Kammer nicht das
geringste. Die Leipziger Buchhändler verlangten lediglich die
Beseitigung der Concessionen auf Widerruf und die Feststellung
gesetzlicher Gründe für Unterdrückung von Zeitschriften. Der Verein
deutscher Buchhändler setzte 1845 in Nürnberg in einer lehrreichen
Denkschrift der Regierung die Gefahren auseinander, welche dem
Leipziger Commissions- und Speditionsbuchhandel durch das Verhalten
der Regierung drohten. Held faßte unter dem Titel „_Censuriana_“
die Ungeheuerlichkeiten der Sächs. Censur in einem dicken Buche
zusammen. Todt berichtete actengemäß in der Kammer über die unerhörten
Censurplackereien, welche beispielsweise das Organ Blum's, die
Vaterlandsblätter, zu erleiden hätten. Die Antwort des Ministers war
die sofortige gänzliche Unterdrückung des verhaßten Blattes. Brockhaus
schilderte sachverständig und eindringlich das Widersinnige der Censur,
des Concessionswesens auf Widerruf, das allein in Sachsen bestehe und
nicht einmal durch die Bundesbeschlüsse geboten sei. Die Minister
blieben einfach dabei, daß sie dieser Waffe gegen den Radicalismus
nicht entrathen könnten. Und mit der ihm eigenen Logik erklärte
Könneritz: „Wenn die Concession auf Widerruf gegeben ist, so kann sie
auch zurückgenommen werden, ohne daß Jemand darüber zu klagen hat, ob
Gründe dazu vorhanden sind oder nicht.“ Das war das würdige Seitenstück
zu der andern Erklärung seines Collegen vom Innern, daß der deutsche
Ausländer ja gar kein Recht habe, in Sachsen zu wohnen und daher ohne
Angabe von Gründen ausgewiesen werden könne.

Die schroffe Unbeugsamkeit der Regierung in der Frage der Reform
der sächsischen Preßzustände erklärte sich, abgesehen von ihrem
hervorragend bornirten Standpunkte, welcher Geistströmungen und
selbst Meinungen mit Polizeimaßregeln unterdrücken zu können glaubte,
hauptsächlich dadurch, daß in dieser Frage fast die ganze erste
Kammer hinter der Regierung stand. Mit offener Schadenfreude über
die Verfolgungen der verhaßten Presse, stimmte dieses erlauchte Haus
der Regierung in der Hauptsache durchaus bei, verwarf namentlich den
Antrag der zweiten Kammer, daß auch nur eine baldige gesetzliche
Ordnung des Concessionswesens der Presse stattfinden möge! Ihren rein
junkerlichen Standpunkt wahrte dieselbe Kammer auch durch Verwerfung
aller Petitionen, welche die Ablösung der Jagdbefugnisse bezweckten und
durch die Aeußerung eines würdigen Mitgliedes, „daß ein Dorfschullehrer
mit zwei Neugroschen pro Tag ganz gut leben könne“. Man erfuhr da, was
es heiße, wenn ein anderes fast ebenso humanes Mitglied dieser hohen
Kammer äußerte: „das Volk verdiene eine Art von Berücksichtigung“.

Welches Schicksal bei diesem Bestande der ersten Kammer jene Petition
Biedermann's und seiner 1800 Genossen beim Landtag haben werde, welche
Gerechtigkeit für Leipzig verlangte, war hiernach mit ziemlicher
Bestimmtheit vorauszusehen. Aber unerwartet war das traurige Schicksal,
das sie schon in der zweiten Kammer ereilte und begrub. Mannigfache
Gründe wirkten hierfür zusammen. Das Referat lag in den Händen des rein
ministeriell gewordenen alten Feindes von Leipzig, Eisenstuck. Nicht
unabsichtlich hatte er und die Commission die Sache über ein halbes
Jahr hingeschleppt, ohne Bericht zu erstatten. Inzwischen hatte die
Regierung alles nur mögliche Material herbeigezogen, um das Verhalten
der Schießoffiziere als gerechtfertigt und Leipzig als eine höchst
ungezogene Stadt hinzustellen. Sogar das alberne Kunstmärchen von
einem für den 12. August 1845 langgeplanten Aufruhr spukte durch die
Regierungsberichte und Staatsminister v. Könneritz erzählte dasselbe
sogar später noch vor der Kammer in neuem Aufputz[89]. Auch hoffte
Herr Eisenstuck und seine Freunde, daß in fast sieben Monaten Gras
über den Gräbern der Erschossenen wachsen und das Sühneverlangen
Leipzigs sich wesentlich abkühlen werde. Diesem dilatorischen Verfahren
kam eine rührige Agitation der feudalen Junkerpartei der ersten und
zweiten Kammer zu Hülfe. Die edeln Herren hatten allmählig gelernt,
wie die Opposition Stimmen gewinne und hatten es ihr geschickt
nachgemacht. Die theilweise maßlose Sprache der jungen Linken, welche
in diesen feierlichen Räumen unerhört war, die häufigen persönlichen
Invectiven, die sie sich zu schulden kommen ließ, Anklagen, die nicht
immer bewiesen werden konnten, alles das schreckte einen großen Theil
maßvoller, bedächtiger unentschiedener Abgeordneten zurück. Und als
nun die adligen Bauernwerber dem biedern Landmann vollends klar
machten, daß der Umsturz alles Bestehenden das geheime letzte Ziel der
Opposition sei, zogen sie alle diese Elemente auf ihre Seite.

Unter solchen Auspicien begann die Kammer am 14. Mai 1846 die
Debatte über die Leipziger Augustereignisse. Der Bericht der
Deputationsmehrheit verwarf die Leipziger Petition und erklärte
das Verfahren der Schießoffiziere für gerechtfertigt. Der Bericht
der Minderheit (Klinger, Todt, Hensel) forderte die Regierung auf,
Anordnung zu treffen, daß wegen dieser Ereignisse „vom competenten
Untersuchungsgericht das diesfallsige Sach- und Rechtsverhältniß
legal erörtert und der Gebühr Rechtens allenthalben nachgegangen
würde“. Dieser Bericht erklärte also, daß das Verfahren der Offiziere
vorläufig noch nicht als ein berechtigtes angesehen werden könne,
eine förmliche Untersuchung gegen sie stattfinden müsse. Der Antrag
war so maßvoll gefaßt und motivirt, daß auch Brockhaus, Braun,
Harkort u. A. dafür stimmten. Auch stehen die Reden der Abgeordneten,
welche Gerechtigkeit und Sühne verlangten, hoch über denen ihrer
Gegner. Mit Hülfe der kläglichsten formellen Competenzeinreden und
der bedenklichsten Auslegungen einer militairischen Instruction,
die, wenn sie richtig waren, mit klaren, gesetzlichen Bestimmungen
in Widerspruch traten, suchten die Vertreter der Regierung und die
wenigen Redner, die aus der Kammer für den Majoritätsantrag das
Wort ergriffen, eine Untersuchung von den betheiligten Offizieren
abzuwenden. Dabei erlaubten sich namentlich die Minister einen Ton
gegen die Redner der Opposition anzuschlagen, der uns Heutigen geradezu
unwürdig erscheint[90]. Das Resultat der mehrtägigen Verhandlung
war aber nur in Sachsen möglich. Bei der Abstimmung ergab sich
Stimmengleichheit für beide Anträge (36 Stimmen). Am 18. Mai mußte
nach der Landtagsordnung die Abstimmung wiederholt werden. Da stimmten
37 Stimmen gegen das Majoritätsgutachten, das also verworfen wurde.
Gleichzeitig aber wurde auch das Votum der Minorität mit 41 gegen 32
Stimmen verworfen. Zu Deutsch hieß das Resultat dieser Abstimmung:
die Kammer erklärt das Leipziger Schießen für ungerechtfertigt, lehnt
aber gleichwohl die Einleitung einer Untersuchung gegen die Urheber
ab. Man bedurfte hiernach der ersten Kammer gar nicht mehr, um die
Gerechtigkeitshoffnungen Leipzigs zu Grabe zu tragen.

So hatte denn auch in der wichtigsten Frage der Landtag die auf ihn
gesetzten Erwartungen getäuscht, und damit Blum's pessimistischen
Ansichten mehr als Recht gegeben. Das Traurigste war, daß gerade in
dieser Angelegenheit, die „für die große Mehrheit aller Unabhängigen
im Volke eine wahre Herzensangelegenheit war, weil es sich dabei um
die Befriedigung des tiefempfundenen Bedürfnisses nach Gerechtigkeit,
um die Beseitigung der Besorgniß handelte, daß Gewalt von oben nicht
denselben Schranken der Gesetze unterworfen sei, wie Willkühr von
unten“[91], nicht die Regierung und nicht das Haus des Adels, sondern
die Volkskammer die berechtigten Erwartungen getäuscht hatte. „Ein
schroffer Stachel des Unmuthes blieb in den Gemüthern zurück“.[92] Die
paar Gesetze, die man dankbar diesem Landtag gut zu schreiben hatte,
wogen keineswegs seine Fehlarbeiten und Unterlassungssünden auf.

Kein Wunder, daß sich die thatkräftige Opposition dieser Sachlage
bemächtigte, daß sie auch nur #den# Mitgliedern der zweiten Kammer
ihre volle Sympathie zuwandte, welche sich treu erwiesen hatten.

Blum war unermüdlich darin, den Getreuen den Dank des Volkes bei
festlichen Zweckessen darzubringen, da dies die einzige erlaubte Form
größerer politischer Versammlungen war. Am 24. Mai 1846 wurde den
heimkehrenden liberalen Abgeordneten ein Fest gegeben, an dem er die
Rede hielt und zu dem er folgende Verse spendete:

    Wie heißt das Land, an dessen Kraft
      Die Weltmacht Rom's zerschellt.
    Das oft besiegt -- sich aufgerafft
      Und Zwingherrntrotz gefällt:
    Das Land, das stets im Schooße trug
      Den tiefsten Forschergeist?
    Das dem Gedanken gab den Flug,
      Der alle Welt umkreist?
    Das Land -- o fühlt's in stolzer Brust
    In seliger Erinn'rungslust --
      Ist Deutschland, ist Deutschland,
      Das theure Vaterland!

    Wie heißt das Land, an Eichen reich --
      Doch ach! an Freiheit leer,
    Wo zwar noch Land und Ströme gleich,
      Die Zeiten nimmermehr;
    Wo zwar der Geist die Schwingen regt,
      Und muthig aufwärts strebt,
    Doch ach, durch Fesseln, die er trägt,
      Gedrückt am Boden klebt?
    Es ist -- in schmerzerfüllter Brust
    Seid dieses Wechsels Euch bewußt --
      In Deutschland, in Deutschland,
      Dem theuern Vaterland!

    Doch ziemt's dem Mann nicht, daß er klagt,
      Ihm ziemt Erhebung, Muth.
    Der Hutten sprach: Ich hab's gewagt!
      So #wagt# und es wird gut.
    Eilt für die Freiheit Hand in Hand
      Zur Geisterschlacht herbei,
    Dann wieder wird das Vaterland
      Auch stark und licht und frei!
    Dann jauchzt das Volk aus voller Brust:
    Das Land in blüh'nder Freiheitslust
      Ist Deutschland, ist Deutschland,
      Das theure Vaterland!


Und zu des Abgeordneten Joseph Ehrenfest in Lindenau (6. Decbr. 1846)
dichtete er jenes schönste seiner Vaterlandslieder, das in einem
weitverbreiteten Commersbuch deutscher Studenten mit Recht noch heute
seine Stätte hat:


        Dem Vaterlande.

      Wo deutsche Männer sich vereinen
    Zu ernstem Wort bei heiterm Mahl,
    Will nur der rechte Sinn erscheinen
    Und leuchten aus des Auges Strahl,
    Wenn innig sie und fest umschlinget
    Ein heilig, Allen theures Band,
    Ein Hochgefühl sie All' durchdringet:
    Das Eine deutsche Vaterland.

      Und sind die Zeiten schwer und trübe,
    Das kaum Errungene bedroht,
    Welkt, was wir pflegten voller Liebe,
    Das kaum Lebend'ge schon zum Tod,
    So muß die Pflicht uns ernster mahnen
    Mit Muth und Treue Hand in Hand,
    Durch jeden Damm den Weg zu bahnen
    Dem Einen deutschen Vaterland.

      Der finstern Stürme blindes Wüthen,
    Das stark und mächtig rückwärts bläst,
    Zerknicket nur die äußern Blüthen,
    Die Wurzel nicht, die tief und fest;
    Drum muß es aus dem Herzen stammen,
    Wo seine Wurzel festgebannt,
    Muß aus der tiefen Seele flammen
    Das Eine deutsche Vaterland.

      So hebet denn nach deutscher Weise
    Der Traube gold'nes Feuerblut,
    Und weiht mit ihm im weiten Kreise
    Dem Vaterlande Kraft und Gut:
    Wir wollen treu und männlich weben
    Ein unzertrennlich Bruderband!
    Es soll in Kraft und Freiheit leben
    Das Eine deutsche Vaterland.


Jedenfalls war es nur schlichte Wahrheit, wenn Blum am 8. Juli 1846 an
seine Mutter schrieb: „Diesen Sommer bin ich jeden Augenblick gereist,
bald hier, bald dorthin, bald in Geschäften, bald zum Vergnügen, d. h.
zum Vergnügen Anderer, denn für mich war es meist nur Plage. Es kann
nämlich kein politisches Fest in Sachsen mehr gefeiert werden, ohne
mich; so meinen wenigstens die Leute, und wo etwas los ist, da schickt
man mir Einladungen, Deputationen, stellt mir Eisenbahn, Extrapost,
alles Mögliche zur Verfügung, wenn ich nur komme. Auf die Dauer kann
das allerdings nicht währen, denn theils kann ich meinem Director nicht
zumuthen, daß er mich jeden Augenblick fortläßt, theils paßt meine
Theaterstellung nicht zu meiner öffentlichen. Es #muß# anders werden,
aber freilich weiß ich nicht wie“.

Schon seit Jahren war ihm dieser Widerstreit der Pflichten peinlich
gewesen. Zu Beginn des Jahres 1843 schon hatte er in gleichem Sinn
an seinen Stiefvater geschrieben. Nun mit Beginn des Jahres 1846
nahmen ihn auch die zeitraubenden Geschäfte des #Stadtverordneten#
in Anspruch und zogen ihn daher noch mehr von seinem Berufe ab, als
bisher. Darüber schreibt er am 11. März 1846 an seine Mutter: „Leider
bin ich mit Arbeiten mehr überladen, als je zuvor. Das Amt eines
Stadtverordneten ist ein ziemlich mühevolles; außer den Sitzungen alle
Wochen kommen noch eine Masse Deputationen und andere Arbeiten, die
mich um so mehr stören, als ich übergenug beschäftigt war. Und leider
sind die Mühen auch insofern noch unerfreulicher Art, als sie vorerst
nichts nützen; denn die alten Zöpfe im Collegium schaaren sich zusammen
wie die Kletten und stimmen gegen alle Vernunft, wenn die Vorschläge
von uns ausgehen. Indessen das wird anders, im nächsten Jahre treiben
wir wieder ein Drittel hinaus und dann muß es besser werden.“ In der
That bezeichnet der Beginn des Jahres 1846 einen Umschwung in dem
Gemeindeleben und der Stellung der Gemeindevertretung Leipzig's. Mit
Blum waren Biedermann, Koch, Joseph, Klinger, Bertling, u. A. in das
Stadtverordnetencollegium gelangt, und traten hier, in den kommenden
Jahren immer mehr verstärkt durch Gleichgesinnte, als energische
Opposition auf gegen die hergebrachte Leisetreterei in allen Dingen,
welche bei Rath und Regierung verstimmen konnten. In zwei Jahren, bis
zum Februar des Jahres 1848 hatten diese liberalen Elemente schon
solchen Einfluß erlangt, daß das leipziger Stadtverordnetencollegium,
wie unten gezeigt werden wird, als die erste vorwärtsdrängende Macht
im Staate angesehen werden konnte. Auch hier aber, wie im Landtag,
schied sich später in den meisten Fragen der entschiedene Radikalismus
unter Blum's Führung, von dem gemäßigteren Liberalismus, den auch im
Collegium Biedermann leitete.

So peinlich nun Blum bei dieser Fülle öffentlicher Pflichten eine
abhängige geschäftliche Stellung empfand, so war doch für's Erste an
ein Aufgeben der letzteren nicht zu denken. Denn sie bildete für
ihn und die Seinen mehr als je die Grundlage der Existenz. Mit der
Unterdrückung der Vaterlandsblätter durch die Regierung hatten seine
finanziellen Einnahmen eine schwere Einbuße erlitten. Blum hatte zwar
auch diesmal der Partei ihr Organ zu retten gesucht, indem er seine
und der Freunde Theilnahme, Abonnements und Mitarbeiterschaft der
#Constitutionellen Staatsbürgerzeitung#, die unter Dr. R. Rüder's
Redaction erschien, zuwandte. Aber dieses junge Unternehmen hatte
zunächst hart mit seiner Existenz zu kämpfen, erforderte Opfer, statt
seine Mitarbeiter mit Einkünften versorgen zu können. Und am härtesten
hatte es zu kämpfen mit der schrecklichen Lauheit und Erschlaffung,
in welche die Sächs. Bevölkerung, nachdem die mit Anspannung aller
Kräfte geführten parlamentarischen und politischen Kämpfe resultatlos
geblieben waren, damals und auch später so oft nach ähnlicher
Aufregung, rasch und plötzlich verfallen war. Noch am 1. September
erließ Blum ein Circular an die nächsten Freunde der Provinz, in dem
es heißt: „Heute sind es vier Monate, daß Dr. Rüder die Redaction der
Constit. Staatsb.-Ztg. übernommen hat und fast fünf Monate, daß ich
zur Theilnahme an derselben aufzufordern mich veranlaßt fand. Was ist
seitdem geschehen? Weder für die Vorbereitung noch für den Inhalt des
Blattes irgend etwas Wesentliches, die Steigerung des Absatzes ist
eine sehr unbedeutende, den Inhalt hat Dr. Rüder und einige seiner
Freunde fast allein liefern müssen. Steht es denn wirklich so traurig
um die Partei des Fortschritts in Sachsen, daß sie nicht #ein# Blatt
halten, ausbreiten und mit Stoff versorgen kann? Dann wollen, dann
müssen wir aufhören, und uns schämen, daß wir so groß uns wähnten und
so kinderleicht überwunden wurden.“ Und am Schlusse heißt es: „Wer bei
dem augenblicklichen Zustande unseres Vaterlandes nicht erkennt, daß
gemeinsame Anstrengungen uns nöthiger sind, als je zuvor, wer nicht
Alles thut, was in seinen Kräften steht -- der begeht eine Todsünde an
der heiligen Sache des Fortschrittes, die er vor seinem Gewissen nie
und nimmer verantworten kann.“ Aber auch trotz dieses Weckrufes hat die
Const. Staatsb.-Ztg. niemals eine annähernd gleich große Verbreitung
gefunden als die Vaterlandsblätter, so daß die letzteren mit dem ersten
Frühlingsbrausen des Jahres 1848 von Blum sofort wieder ins Leben
gerufen wurden.

Auch die Betheiligung Blum's an dem rühmlichen Unternehmen des
jungen Buchhändlers #Ernst Keil#, in einer illustrirten billigen und
populären Zeitschrift, „#Der Leuchtthurm#“, dem Volke die Biographien
der verdientesten Volksmänner der Zeit, gediegene Unterhaltung und
Belehrung zu bieten, konnte mit nichten Ersatz bringen für die
Einbuße, die Blum mit Unterdrückung der Vaterlandsblätter erlitten.
Im „Leuchtthurm“ versuchte Ernst Keil schon denselben Gedanken zu
verwirklichen, den er später in der „Gartenlaube“ mit so großartigem
Erfolg durchführte. Der Versuch scheiterte indessen an der Grundanlage:
es war zuviel Politik darin für das große Publicum, die Darstellung der
Hauptbilder in Stahlstich erforderte zuviel Zeit, und -- die Reaction
war zu übermächtig; von Leipzig an über Gera, Magdeburg, Braunschweig
&c. wurde das verhaßte Blatt sammt seinem muthigen Verleger verfolgt
wie ein gehetztes Wild und zuletzt einfach todtgeschlagen. Im
Leuchtthurm von 1846 hat Blum die Biographien von Zittel und Itzstein,
in dem von 1847 die Biographie Ernst Moritz Arndt's außer zahlreichen
kleineren Beiträgen geschrieben. -- Daß Blum's Taschenbuch „Vorwärts“
in dieser Zeit infolge der Regierungsplackereien gleichfalls nicht mehr
rentirte, ist schon oben bemerkt worden.

Unter solchen Umständen mußte er denn in seiner abhängigen
geschäftlichen Stellung aushalten, zumal er daheim das härteste Leid
fürchtete, den Verlust der Gattin -- glücklicherweise grundlos! Am 8.
Juli schrieb er darüber an die Mutter: „Ich und die Kinder, wir sind
ganz gesund, aber meine Frau kränkelt sehr und ich fürchte, es wird
Auszehrung werden, was Ihr aber ja in Euren Briefen nicht berühren
wollt. Wenn unser Besuch (die Schwester seiner Frau, Frau Jost) fort
ist, soll sie auf's Land, um vollständige Ruhe zu haben und die
Milchkur zu gebrauchen. Gebe Gott, daß es hilft!“ Auch die Lasten, die
Blum mit dem Hauskauf übernommen, waren nicht unerheblich. Indeß schoß
Freund Joseph die Summen vor, die auf das Kaufgeld abgetragen werden
mußten.

In diesen trübseligen Tagen blickte Blum mit verdoppelter Zuversicht
auf den Freundeskreis, der sich im August wieder auf Hallgarten
bei Itzstein versammeln sollte. In seiner bereits S. 136 erwähnten
Einladung an Johann Jacoby v. 17. Juni 1846 schreibt er u. A.: „Von
unsern Zuständen kein Wort, gewiß hat es Sie längst angewidert, wenn
Sachsen Ihnen in der Zeitung begegnete, und die etwaige geheime
Geschichte dieser Niederträchtigkeitsepoche ist wo möglich noch
schlimmer, als die öffentliche. Indessen ist die jetzige Periode, so
entsetzlich sie sein mag, nicht verloren; sie entzieht dem politischen
Mäßigkeitsverein, welcher in Sachsen vorzugsweise heimisch ist, viele
Anhänger und die Zahl derjenigen wächst täglich, welche einsehen, daß
es einer kräftigeren, einer markerschütternden Azung bedarf, aus dieser
Flauigkeit herauszukommen. Aber wie klar auch diese Keime vorhanden
sind und treiben, es bedarf leider in Deutschland Alles gar zu langer
Zeit zum Reifen.“

Vorläufig dachte die Regierung nicht daran, ihre Handlungen zu
verheimlichen, sondern ließ sich höchst ungenirt in der reactionären
Strömung treiben. Hatte man bisher hauptsächlich den Radicalismus
bekämpft, so ging man nun auch dem gründlicheren und maßvolleren und
darum doppelt verhaßten Liberalismus in der Presse und sonst zu Leibe.
Die Veröffentlichung einer von Biedermann beim Constitutionsfest
1845 gehaltenen Rede zog diesem eine Anklage zu und obwohl derselbe
in dritter Instanz „im Mangel mehreren Verdachts“ freigesprochen
wurde, untersagte man ihm nach wie vor das Halten staatsrechtlicher
Vorlesungen. Das Heft von Biedermann's Gegenwart und Zukunft, welches
den wiederholt citirten Aufsatz „Sächsische Zustände“ brachte,
wurde von der Kreisdirection mit Beschlag belegt, obwohl kein Wort
darin stand, das nicht durch öffentliche Actenstücke belegt war.
Wenige Tage darauf aber wurde diese Beschlagnahme vom Minister des
Innern aufgehoben mit der von sämmtlichen Ministern unterzeichneten
Motivirung: „Daß die in jenem Aufsatze enthaltenen Aeußerungen über
die Wirksamkeit und Gesinnung mehrerer Minister zu unwürdig seien,
um von ihnen auf irgend eine Weise (?) beachtet zu werden, und daß
sie sich durch dergleichen Angriffe in treuer Erfüllung ihrer Pflicht
gegen König und Vaterland nicht irre machen lassen würden.“ Natürlich
erlebte die Schrift nun rasch drei Auflagen. Dem Buchhändler Brockhaus
wurde der Druck magyarischer Schriften einfach verboten, weil kein
sächsischer Censor diese Sprache verstehe. Ja, eine Generalverordnung
vom 22. April 1847 setzte den Denuncianten aufrührerischer Schriften
Prämien von zwanzig bis hundert Thalern aus.

Den Wahlen von Oppositionsmännern zu Stadträthen wurde grundsätzlich
die Bestätigung versagt. Dieses Loos traf Ende 1847 auch Blum. Sowie
die Kreisdirection Nachricht von seiner Wahl erhalten, erließ sie
am 10. November 1847 folgendes sinn- und stilvolle Schreiben an das
Vereinigte Criminalamt zu Leipzig[93]: „Die Königl. Kreisdirection
wünscht von #Demjenigen# (!) unterrichtet zu sein, was gegen den
vormaligen Theatersecretair, jetzigen Buchhändler Robert Blum allhier,
theils in Bezug auf #die# (!) Ereignisse im August 1845, theils #sonst#
etwa (!) bei dem Vereinigten Criminalamte allhier vorgekommen ist und
es erhält daher Letzteres andurch Veranlassung die #darüber# (?!)
ergangenen Acten baldmöglichst anher einzureichen.“ Wie neugierig
die Königliche Kreisdirection war, den Inhalt dieser Acten kennen zu
lernen, erhellte schon daraus, daß dieser vom 10. Nov. 1847 datirte
Erlaß am nämlichen Tage noch mundirt und abgesendet wurde. Das verrieth
eine ganz ungewöhnliche Eile. Das Vereinigte Criminalamt konnte nun
freilich mit „Demjenigen, was gegen Blum theils in Bezug auf die
Ereignisse im August vorgekommen“ gar nicht aufwarten, sondern nur
mit dem früher besprochenen kleinen Beamtenbeleidigungsproceß. Aber
auch dieses Material, in Verbindung mit der Erinnerung, welche die
Königliche Kreisdirection von Blum's Verhalten in den Augusttagen 1845
in ihrem Haupte trug, genügte vollkommen, um Blum die Bestätigung
als Stadtrath zu versagen. Blum ließ sich natürlich die Gelegenheit
nicht entgehen, in einem Recurse gegen diese Nichtbestätigung seinem
Herzen gegen die Regierung ungestraft Luft zu machen. Als eine
ernstliche Begründung dieser Beschwerde konnte man es jedenfalls nicht
ansehen, wenn er sagte: „er erkenne offen die Nothwendigkeit der
Nichtbestätigung freisinniger Männer an bei einem Ministersysteme,
welches mit Gewalt an seiner Selbstvernichtung arbeite. Dieses System,
welches im entschiedensten Widerspruch mit den Staatseinrichtungen
stehe, habe er auf jedem Schritte bekämpft und werde es mit allen ihm
zu Gebote stehenden Mitteln fernerhin bekämpfen.“ Selbstverständlich
blieb es auf diesen Recurs bei der Nichtbestätigung.

Eine letzte Heldenthat der Reaction endlich, welche Aller Gemüther
damals (1846) lebhaft bewegte, wurde von Blum besonders tief empfunden:
die Ausweisung sämmtlicher Polen aus Sachsen. Von dem ersten
Augenblicke an, wo Robert Blum sich um öffentliche Dinge kümmerte,
trug er eine schwärmerische Sympathie für Polen, dessen tragisches
Geschick und dessen exilirte Bewohner im Busen. Kein Wunder, da
die wirklich heldenmüthige Erhebung Polens um 1830 mit dem ersten
Erwachen der politischen Naturtriebe Blum's zusammenfiel. Er hat die
Niederlage dieser Revolution poetisch gefeiert und betrauert wie einen
Weltuntergang. Auch zu der traurigsten und undramatischsten seiner
Tragödien hatte ein polnischer Stoff, Kosciuszko, herhalten müssen.
Seit dieser Zeit war Blum den Polen so kritiklos treu geblieben,
wie einer ersten Liebe. Von der heillosen polnischen Wirthschaft
der letzten Jahrzehnte des Polenreiches, welche uns Heutigen die
Theilung des Landes nicht blos als eine reich verdiente Strafe des
Weltgerichtes, sondern als einfache politische Nothwendigkeit für den
Frieden Europa's erscheinen läßt, hatte Blum, wie die Meisten seiner
Zeitgenossen, kaum eine Ahnung; ebensowenig dachte er daran, was die
Forderung einer Wiederherstellung des Polenreiches für unsere deutschen
Ostmarken bedeute! Daß Prof. Wuttke, ein trefflicher Polenfeind, Blum
über diese Dinge nachdrücklich und immer wieder zu belehren suchte,
war der Hauptgrund, weshalb Blum diesen Professor immer mit tiefstem
Mißtrauen betrachtete, so lang und so oft auch ihre politische
Bahn zusammenging. Längst hatte Blum's polnische Liebe übrigens
aufgehört, sich mit der platonischen Form lyrischer und dramatischer
Maculaturpoesie zu begnügen. Schon in der Mitte der dreißiger Jahre
wußten die flüchtigen Polen, die durch Leipzig kamen, wohl, daß sie
nirgends ihr gesuchtes und steckbrieflich prämiirtes Haupt sicherer
bargen, als in dem schmalen Bett, unter dem einfachen Dach des
leipziger Theatersecretairs. Wiederholt schreibt Blum im Jahre 1839
triumphirend an die Braut, daß er wieder einem edeln, arggehetzten
polnischen Wild durchgeholfen habe, auf dessen Kopf ein Blutlohn
gesetzt sei, der einen Verräther reich machen könne. Dasselbe sichere
Asyl stand allen Polen unter Blum's eigenem Dache in den vierziger
Jahren offen. Seit 1845 hatte er sich aber in noch tiefere Geheimnisse
eingelassen. Er wußte darum, daß in Posen und Galizien 1846 polnische
Aufstände ausbrechen sollten. Durch seine Hand gingen in Gestalt von
Clavieren u. s. w. nicht unerhebliche Waffensendungen an die Centren
der künftigen Erhebung ab. Er selbst schmiedete und feilte in stillen
Nächten den Schlüssel, mit dem die Citadelle von Krakau in polnische
Hände gespielt werden sollte. Deshalb war er vor allen Andern betroffen
und tief gebeugt, als diese Aufstände mißlangen, Sachsen alle Polen
auswies und im Februar 1846 den flüchtigen Dictator von Krakau,
Tyssowski, in Dresden verhaftete und an Oesterreich auslieferte. Hier
ist dieser polnischen Schwächen Blum's nur deshalb eingehend Erwähnung
geschehen, weil sie ihm später noch im Frankfurter Parlament besonders
verhängnißvoll werden sollten.

Die öffentliche Mißstimmung, welche sich an alle diese Maßregeln der
Regierung knüpfte, wurde indessen weit in den Hintergrund gedrängt
durch die entsetzliche Mißernte und Theuerung, welche das Jahr 1846/47
über Sachsen und einen großen Theil des nordöstlichen Deutschlands
brachte. Schon 1842 hatte Blum versucht und verstanden, die damalige
Mißernte agitatorisch auszubeuten. Er machte sich auch diesmal an
die Arbeit. Eine besondere Broschüre „Ein Blick in das Leben des
Erzgebirges“, die er im Frühjahr 1847 schrieb, enthält eine ergreifende
und gewiß durchaus wahrheitsgetreue Schilderung des Elends, welches
damals im sächsischen Gebirge herrschte. Sein Auge war für solche
Leiden des Volkes besonders geschärft, sein Herz besonders theilnehmend
gestimmt durch seine eigene harte Kindheit und Jugend. Neben den
Zwecken des Agitators verfolgte hier unzweifelhaft der Menschenfreund,
der Berather der Armen und Hülflosen im weitesten Maße seine edeln
Ziele. Dafür spricht in dieser lesenswerthen Flugschrift nicht blos die
höchst lebendige objective Schilderung des Leidens der Bevölkerung,
sondern namentlich auch die treffende gründliche Untersuchung der
Ursachen der schweren Krankheit und der Mittel, mit welchen ihr
abgeholfen werden könne, besonders der beredte Weckruf an die
Privatwohlthätigkeit, den Blum am Schluß erhob. Aber weit gründlicher
und verständiger als der menschenfreundlichste Oppositionsmann half
diesmal die Regierung selbst dem Nothstande ab. Blum schlug als
Heilmittel vor: „Gewährung von Rechten im Staate und Arbeit.“ „Die
ersteren kann, #muß# der Staat geben, die letztere schafft gewiß die
Gesellschaft selbst besser. Solche Versuche mißlingen in den Händen
des Staates.[94] Viel wirksamer ist in dieser Beziehung das Bestreben
des Kaufmanns Karl Heicke in Leipzig, der einen Verein zu Stande
brachte, welcher bereits die Mittel aufbot, mehrere hundert Arbeiter
zu beschäftigen.“ Das Unreife dieses Heilvorschlages liegt auf der
Hand: nicht auf Gewährung von Arbeit, sondern auf #productive# Arbeit
kam es an und diese konnte unmöglich durch „Vereine“ und mühsam
herbeigeschaffte Geldmittel geboten werden, sondern es waren produktive
Arbeitsziele zu ermitteln, welche der feiernden Arbeit Beschäftigung
und Lohn gaben.

Weit umfassender und weiser waren die Maßregeln zur Abhülfe des
Nothstandes, welche die Regierung selbst traf und bezw. dem im Januar
1847 zusammenberufenen außerordentlichen Landtag vorschlug. Ihre
Kornpolitik zur allmählichen Linderung der schweren Theuerung war
geradezu meisterhaft zu nennen; selbst die erste Autorität auf diesem
Gebiete, Wilhelm Roscher, hatte nur Lob für sie. Sie gewährte Getreide,
Mehl, Hülsenfrüchte, ermäßigte Bahnfracht, ließ die Dorfbäcker zu
städtischen Märkten zu, hob die Brodtaxe auf, suchte Hülsenfrüchten
und trockenen Gemüsen an Stelle der mißrathenen Kartoffeln bei
der Bevölkerung Eingang zu verschaffen, übte Steuernachsicht, bot
reichliche Arbeit an Straßen- und Eisenbahnbauten, weckte und leitete
die Privatwohlthätigkeit, und suchte in trefflicher Weise die durch
das Phantom des Kornwuchers aufgeregte Phantasie der Massen über die
wahren Ursachen der Theuerung aufzuklären. Große Mittel ließ sie sich
von dem außerordentlichen Landtag bewilligen, um etwaigen plötzlich
gesteigerten Bedürfnissen genügen und ihre Maßregeln zur Linderung
des Nothstandes durchführen zu können. Doch wurden nur 187,000 Thaler
wirklich verausgabt. Schon im Frühjahr 1847 sank der Roggenpreis
wieder auf sieben Thaler (von 9½) und kehrte infolge der reichen
Ernteaussichten bald auf seinen gewöhnlichen Stand zurück. Damit war
die Noth überwunden. Die „entschiedene“ Opposition hatte sich in
diesen volkswirthschaftlichen Fragen auch in der Kammer nicht mit
Ruhm bedeckt. Sogar durch Erhebung von Competenzzweifeln hemmte sie
die so nothwendige Beschleunigung der Hülfeleistung an das Land. Und
ihre Preßerzeugnisse wimmeln von den dicksten und verderblichsten
volkswirthschaftlichen Irrthümern.

Einen Trost hatte die Opposition bei ihrer Niederlage: ihr alter
Hauptgegner v. Könneritz hatte diesen Sieg über sie nicht mehr
erfochten. Er hatte schon Ende 1846 sein Amt in die Hände des
bisherigen Präsidenten der ersten Kammer, des Herrn v. Carlowitz
niedergelegt und sich nur den Vorsitz im Ministerium und die Leitung
der Gesetzgebungsarbeiten vorbehalten. Während nun v. Carlowitz in der
Nothstandsfrage zeigte, daß er der Mann von Geist und Charakter sei,
für den das Land ihn hielt, sorgte Herr v. Könneritz seinerseits durch
Fortsetzung seiner reactionären Regierungskunst dafür, daß das Land
seinen Rücktritt nicht etwa als Systemwechsel betrachten dürfe, und
stärkte dadurch bald wieder den Einfluß der entschiedenen Opposition.
Als Robert Blum z. B. dem Redeübungsverein in Leipzig 1847 den
Jahresbericht erstattete, durfte er ein Anwachsen der Mitgliederzahl um
hundert Procent verkünden.

Inzwischen hatten sich aber für Blum auch die Bedenken gemindert,
welche noch 1846 der Lösung seines abhängigen Verhältnisses beim
Theater entgegenstanden. Die Versammlung der freisinnigen deutschen
Patrioten hatte in Hallgarten schon im August 1846 beschlossen, eine
#„Volksbuchhandlung“ auf Actien# (zu fünf Thalern) zu gründen und Blum
mit den Vorarbeiten und Cassengeschäften betraut. Mit gewohnter Energie
betrieb Blum diesen Auftrag. An alle Welt versandte er Antheilscheine.
Dr. Jucho allein setzte in Frankfurt achtzehn Stück ab (Brief vom
4. März 1847), Wippermann arbeitete dafür in Kurhessen, Winter und
Itzstein in Baden, die sächsischen Freunde männiglich in Sachsen,
Jacoby, Simon u. A. in Preußen. „Recht sehr bitte ich Sie, sich um den
Stand der Actien bekümmern zu wollen“, schreibt Blum am 15. Juli an
Jacoby, „_aut Caesar aut Michel!_“ Diese Bemühungen waren von recht
günstigem Erfolg gekrönt. Größere Summen zum Beginn des Geschäftes
stellten Joseph und Andere zur Verfügung. Doch zog man klugerweise vor,
diese „Volksbuchhandlung“ nicht in den Formen einer Actiengesellschaft
zu gründen, sondern als einfache Handelsgesellschaft, unter der Firma
Robert Blum u. Comp. Zum Beitritt als Associé erklärte sich der alte
treue Kampfgenosse Blum's, der Verleger der Vaterlandsblätter und
später der Constitutionellen Staatsbürgerzeitung, Robert Friese, bereit.

Als die Vorbereitungen soweit gediehen waren, schrieb Blum am 1. Mai
1847 folgenden Kündigungsbrief an den Theaterdirector Schmidt, den ich
vollständig mittheile, da er eine Fülle interessanter Einblicke gewährt.

          Sehr geehrter Herr Director.

  Mit aufrichtigstem Bedauern, welches hier keine Redensart ist,
  wie gewöhnlich in solchen Fällen, muß ich Ihnen den zwischen uns
  bestehenden Contract hiermit kündigen, so daß derselbe mit Ende Juli
  sich auflöst. Ist es im Allgemeinen schon eine schwere Aufgabe, ein
  Geschäft zu verlassen, in welchem man volle 15 Jahre gearbeitet hat,
  so ist es bei mir doppelt schwer, weil mir das Geschäft als das
  Mittel lieb und werth ist, an welches sich eine sociale Erhebung für
  mich geknüpft hat, die ich früher kaum zu hoffen wagte. Indessen es
  #muß# denn doch sein.

  Fragen Sie nach den Gründen, so sind dieselben verschiedener Art:

  1) #politische#; die Stellung und die öffentliche Wirksamkeit
  vertragen sich schlecht mit einander, und entweder muß das eine oder
  die andere mitunter leiden, was mir in beiden Fällen empfindlich
  ist. Kommt es gar zu einer Wahl, wo ich nach Partheistellung und
  Ueberzeugung concurriren #muß#, wenn ich auch durchfallen sollte, so
  würde die Stellung allein die Wahl unmöglich machen. Deshalb haben
  Freunde von nah und fern mich schon längst angetrieben, das Geschäft
  zu verlassen; freilich sind solche Rathschläge in Deutschland
  billiger, als #Ersatz# für das Aufzugebende.

  Dann ist es 2) die Rücksicht auf meine und der Meinigen Zukunft.
  15 Jahre bin ich am Theater, bleibe ich noch 10 Jahre, so bin ich
  vielleicht zu stumpf und abgenutzt, um eine andere Laufbahn zu
  beginnen; und doch ist weder für die Dauer der Stellung die geringste
  Bürgschaft vorhanden, noch für die Arbeitsunfähigkeit irgend ein
  Rückhalt, seit die Verwaltung des Pensionsfonds völlig willkührlich
  und gesetz- wie statutenwidrig den Cassirer ausgeschlossen hat.
  Die Gerechtigkeit und Billigkeit dieses Verfahrens, welches den
  Mann ausschließt, der vielleicht sein #Leben# dem Leipziger Theater
  widmet, während es den Fremden begünstigt, der flüchtig für schweres
  Geld hier weilte; so wie die völlige Principlosigkeit des ganzen
  Instituts, seine nothwendige Unhaltbarkeit, wenn das _bon plaisir_
  der wechselnden Verwaltung Gesetze giebt oder ändert, werde ich zu
  einer öffentlichen Besprechung bringen, sobald ich in keiner Weise
  mehr betheiligt bin. -- Ich muß also trachten, mir ein Geschäft zu
  schaffen, welches mich aus dieser precären Stellung herauszieht und
  glaube und hoffe, dazu #jetzt# Gelegenheit zu haben.

  Weiter ist es 3) die Ueberzeugung, daß ich Ihnen nütze, wenn ich
  abgehe; ich glaube, oder ich #weiß# vielmehr, daß unser edler
  Stadtrath großen Anstoß daran nimmt, daß der ihm verhaßteste
  Mensch an einem städtischen Institut angestellt ist, und bei der
  unglaublichen Kleinlichkeit, die diesen Staatsweisen anklebt, ist
  es nicht unmöglich, daß dies auf Ihre Stellung zum Stadtrathe
  Einfluß hat. Bin ich nun auch eitel genug zu glauben, daß ich nicht
  gerade Ihrem #Wunsche# entgegen komme, so überhebe ich Sie doch
  der Calamität, heut' oder morgen einer unangenehmen Nothwendigkeit
  folgen, oder deren Nachtheile tragen zu müssen.

  Endlich sind es 4) auch #finanzielle# Gründe, die mich bestimmen.
  Bei den schweren Lasten, die ich bei einem Hauskaufe ohne eigenes
  Vermögen mir aufbürden lassen #mußte#, ist es nothwendig, daß ich
  fast eben so viel durch literarische und andere Arbeiten verdiene,
  als am Theater. Dazu aber brauch' ich einen großen Theil meiner
  Nächte, da der freien Tage und Abende immer weniger werden, und eine
  solche Anstrengung #reibt mich auf#. Aber die Thatsache, daß ich mir
  das Nothwendige seit drei Jahren verdient #habe#, zeigt mir auch, daß
  ich mit literarischen Arbeiten allein, wenn ich mich denselben ruhig
  und ungestört hingeben kann, mehr zu erwerben vermag, als jetzt bei
  der Stelle; wenn ich auch das Precäre einer literarischen Existenz
  in Deutschland keineswegs verkenne und meine Zukunft nicht darauf
  gründen möchte. In der Erwähnung dieses Umstandes soll nicht ein
  Schatten von Vorwurf für Sie liegen und ich würde denselben um keinen
  Preis erwähnt haben, wenn eine Aenderung darin auf meinen Entschluß
  Einfluß haben könnte. Sie haben mir die Lasten nicht aufgebürdet, Sie
  sind mit Gehalten überlastet genug und müssen so oft spielen, als
  Sie thun; ich aber vermag es nicht, Ihre zu große Gutmüthigkeit zu
  mißbrauchen, um heute eine Zulage und morgen eine Gratification u. s.
  w. von Ihnen zu verlangen. Nur die #Thatsache# erwähne ich, die Sie
  anerkennen werden, da Sie ja selbst wissen, was das Leben selbst bei
  der größten Einschränkung kostet.

  Das sind die Motive meines Entschlusses, die ich Ihnen offen
  mitzutheilen für Pflicht hielt; ich füge die Bitte hinzu: bleiben Sie
  mir auch in veränderten Beziehungen gewogen und seien Sie versichert,
  daß ich Ihnen stets die vollste Achtung und Verehrung zollen werde.

                                    Ihr
                                                 ergebenster
                                                #Robert Blum#.

Am 1. Juli 1847 wurde die neue Firma und Verlagshandlung Robert Blum
u. Comp. eröffnet. Die ersten Verlagswerke schon zeigten die Tendenz
und Spezialität der Unternehmer. Wohl die erste Schrift, die unter
der neuen Firma das Licht der Welt erblickte, war die interessante
Broschüre des Vertheidigers Heinrich Simon's (Justizrath Gräff), welche
die Vertheidigungsschriften aus dem Majestätsbeleidigungsprocesse
enthielt, der gegen Simon wegen seiner berühmten Flugschrift „Annehmen
oder Ablehnen“ angestrengt worden war. Gleichzeitig wurde vorbereitet
Blum's „Weihnachtsbaum“, eine populäre Schrift, welche die Biographien
der liberalen Zeitgenossen u. dgl. bieten sollte; und sofort mit
Eröffnung des Geschäftes wurde angezeigt das Hauptwerk, das die
junge Firma zu verlegen gedachte: „#Das Volksthümliche Handbuch der
Staatswissenschaften und Politik.# Ein Staatslexicon für das Volk,
herausgegeben von Robert Blum“. Doch sollte dieser Plan, wie alle
anderen Lebenspläne des Unternehmers, jäh zerrissen werden. Denn kaum
hatte Blum seines Glückes Schiff auf diese neue Bahn getrieben, als der
große Völkersturm hereinbrach, der in der Rechnung der Zeiten das Jahr
1848 heißt.

Bei Lebzeiten Blum's ist nur der erste Band des Werkes vollständig
erschienen; zum zweiten hat er nur noch wenig selbst beitragen können,
da die Pflichten des Abgeordneten ihn daran hinderten. Gewiß wird man
vom persönlichen Standpunkt aus bedauern müssen, daß Blum sich an
eine jenseits seiner Kenntnisse liegende Aufgabe wagte, wird man vom
wissenschaftlichen Standpunkt aus das Buch in hohem Grade ungenügend
finden, und im Allgemeinen dem treffenden Urtheil Robert v. Mohl's[95]
beipflichten, der das Werk nach dem „Populären Staatslexicon“ von
Hermann vom Busche (Prof. Baumstark) rangirt und darüber bemerkt: „Noch
kürzer und somit stoffärmer, ferner auf eine noch tiefere Bildungsstufe
berechnet, ist ein von Robert Blum begonnenes, nach seinem Tode von
Gleichgesinnten zu Ende geführtes Handbuch“. Folgt der Titel. Bei
„und (?) Politik“ macht Mohl ein Fragezeichen. „Dem Umfang nach geht
dasselbe nicht selten über den richtig gezogenen Kreis des staatlichen
Lebens hinaus; inhaltlich aber gibt es in der Regel kaum etwas mehr,
als eine Worterklärung oder eine auf das Aeußerste beschränkte
geschichtliche Nachweisung. Nur da, wo eine Gelegenheit ist, Ansichten
der demokratischen Partei auszusprechen, wird in die Sache eingegangen,
aber allerdings mehr mit Behauptungen, als mit umsichtigen oder gar
unparteiischen Gründen. Zu den staatswissenschaftlichen Arbeiten
ist das Buch somit nicht wohl zu rechnen; dagegen kann ihm das
Zeugniß, für den practischen Zweck der Bestärkung und Vorbereitung
der demokratischen Partei gut berechnet zu sein, nicht versagt
werden.“ Aber dem Biographen Robert Blum's, und allen Denen, welche
sich mit der Geschichte jener Zeit und insbesondere mit den radicalen
Parteibestrebungen jener Tage beschäftigen, bietet das Buch die
interessantesten Aufschlüsse. Es enthält das Glaubensbekenntniß der
Männer, die längstens ein halbes Jahr nach Abschluß der Vorarbeiten für
den ersten Band des Blum'schen Staatslexicons als Linke des Frankfurter
Parlaments große Politik trieben. Manches, was in Frankfurt nicht zur
Sprache kam, oder nicht bekannt wurde, ward hier ausgesprochen. Blum's
Urtheil über den Freimaurerbund, über die Deutschkatholiken, haben wir
schon an früheren Stellen diesem Werke entnommen.

Hier interessirt uns vor Allem das Urtheil, das Robert Blum in seinem
Staatslexicon in den von ihm selbst verfaßten und unterzeichneten
Artikeln über die socialistischen Bestrebungen seiner Zeit, über jene
Parteien und deren Ziele fällte, die sich heutzutage erdreisten, ihn
als einen ihrer Parteiangehörigen zu beanspruchen. Dieses Urtheil
Blum's war weit ausführlicher niedergelegt in Vorträgen, die er im
Winter 1847-48 im Saale der Leipziger Buchhändlerbörse gehalten,
offenbar in Nachahmung der Dresdner Vorträge Biedermann's über
dasselbe Thema. Diese Vorträge hat er später, wesentlich gekürzt, in
seinem „Staatslexicon für das Volk“ in den Artikeln „Gesellschaft“,
„Gesellschaftswissenschaft“ u. s. w. abgedruckt. Das Manuscript
zu diesen Artikeln ist theilweise auf die weiße Rückseite von
Flugschriften oder Briefcouverts aus dem Februar 1848 geschrieben,
gehört also unzweifelhaft der letzten Periode seines Lebens an, so daß
die Einrede schlechthin abgeschnitten wird, Blum habe etwa später seine
Ansicht über den heutigen Socialismus u. s. w. noch geändert. -- Ueber
den #Communismus# gelangt Blum, nachdem er alle einzelnen Theorien
und Apostel desselben vorgeführt und bekämpft hat, zu folgendem
Schlußurtheil: „Die Communisten bauen mehr Systeme auf, als daß sie
sich an die Zustände und ihre Bedürfnisse anschließen. Jedes System
weicht vom andern ab und doch behauptet jedes das #alleinrichtige# zu
sein, wie die römische Kirche von dem ihrigen. Wir haben bereits unter
„Eigenthum“ ausgesprochen, daß wir den Communismus für #naturwidrig und
unmöglich# halten.“

Hierbei ist indessen noch zu berücksichtigen, daß Robert Blum unter
Communismus nach Ausweis seines Artikels in seinem Staatslexicon,
(Seite 421-425) eine Reihe von Bestrebungen mit verstanden und mit
verurtheilt hat, #welche die Socialisten heut zu Tage# als integrirende
Bestandtheile in ihr Programm aufgenommen haben -- #da sie ja überhaupt
die reinsten vaterlandslosen Communisten sind#. Diese Bestrebungen
suchte die Vorsehung der Socialdemokraten nur so lange im Programm
des sog. #Socialismus# unterzubringen, als sie das Publikum gegen die
Ideen und Zweigideen des Communismus verschlossen und mißtrauisch
fand. Bis vor Kurzem dagegen hielt dieselbe Partei-Vorsehung die Zeit
gekommen, mit ihren communistischen vaterlandslosen Endzielen offen
herauszutreten. Wer daran zweifelt, mag die Offenbarungen der Führer
und die Parteibeschlüsse von Eisenach, Gotha und Gent nachlesen.[96]
Der Ausspruch Blum's über den #Communismus# wird für die Socialisten
auch nicht günstiger durch seinen scheinbar wohlwollenderen Ausspruch
über den #Socialismus#. Denn wie sich sogleich zeigen wird, versteht
Blum unter Socialismus etwas ganz Anderes als die Socialisten von
heute. Vielmehr erblickt er vorahnend die beste Lösung der socialen
Schäden seiner Tage in solchen Bestrebungen, wie sie Schulze-Delitzsch
nach der Revolution mit so großem Erfolge durchgeführt hat, und in
solchen gesellschaftlich befreienden Gesetzen, wie sie Deutschland
seit derselben Zeit, namentlich aber seit dem Jahre 1867 errungen
hat. Er sagt nämlich Seite 427: „dagegen müssen Vereinigungen
(Genossenschaften) nach Fourier's Andeutungen zu glänzenden Ergebnissen
führen. Es ist auffallend, daß unter den mächtigen Fortschritten des
menschlichen Wissens in jeder denkbaren Sphäre die Gesellschaft in
ihrem fast ursprünglichen Zustand geblieben ist, indem sie sich in den
engen Kreis der Familie drängt und dort mit verhältnißmäßig ungeheuren
Kosten Alles besorgt und anschafft, was in der #Vergesellschaftung#
unendlich billiger und besser zu haben wäre. #Auf diesem Gebiete#
kann man also dem Socialismus eine bedeutende Zukunft vorhersagen.“
Seite 424 aber faßt er die „Lehren“ des Socialismus dahin zusammen:
„Gerechtere Vertheilung der Güter der Erde, #nicht durch Gewalt,
sondern durch friedliche Ausgleichung#; Beschränkung der unheilvollen
Uebermacht des Geldes; genügender und entsprechender Lohn der Arbeit
und des Verdienstes; Erhebung der sogenannten unteren Classen zu
#gleichem Menschenrecht und gleichem staatlichen Rechte#.“ Indem
Robert Blum dieses als „Lehre“ des Socialismus bezeichnet, und also
fortfährt: „Es ist eine Lehre, die, nicht nach den vorliegenden Formen,
sondern #nach dem Inhalte#, jeder Menschen- und Freiheitsfreund
bekennen #muß#, deren Verwirklichung die Gestaltung der Gesellschaft
fordert, täglich gebieterischer und nothwendig macht, in der das
einzige Heil der Zukunft, die einzig wahre Gerechtigkeit liegt,“ steht
er der werkthätigen Menschenliebe eines Schulze-Delitzsch und selbst
den maßvollen Gedanken eines Heinrich v. Sybel über den Socialismus
sicherlich bei weitem näher, als Jene, welche den Samen der Zwietracht
gewerbsmäßig ausstreuen, und die verderblichen Keime der rothen
Revolution mit Jubel hervorbrechen sehen, weil sie in dem ersehnten
allgemeinen Vernichtungskampf nichts verlieren, nur gewinnen können.
#Der Leser erkennt daher sofort, mit =wie= wenig Berechtigung diese
Partei nun schon seit Jahren den guten Namen Robert Blum's als den
eines Gesinnungsgenossen und Mitverschworenen, das heißt als den eines
vaterlandslosen Theilbruders in ihrem ungewaschenen Munde führt.#

Das kleine Bild der reichen Thätigkeit Robert Blum's in den letzten
Jahren vor der Revolution mag beschlossen werden durch folgende „den
Frauen“ gewidmeten Verse, die er im November 1847 zum Jahresfeste des
Redeübungsvereins darbrachte. Sie prägen schön die edle Männlichkeit
aus, die sich beim ersten Anzeichen des großen Auferstehungssturmes
anschickte, die ganze Pflicht zu erfüllen, die das Vaterland forderte!

            Der Jungfrau gilt es, deren Lieb' beglücket
              Den #wahren# Mann allein,
            Den fester Sinn und Stolz des Freien schmücket,
              Nicht eitler Tand und Schein.

            Der Gattin gilt's, die gern den Gatten theilet
              Mit ihrem Vaterland,
            Und treuen Sinns die Herzenswunden heilet,
              Die er im Kampfe fand.

            Der Mutter gilt es, die den reichsten Samen
              In's Herz der Kinder legt.
            Daß bei des Rechts, der Freiheit heil'gem Namen
              Es warm und höher schlägt.

            Die Männer zieht aus ihren schmucken Söhnen,
              Wie sie die Zeit begehrt,
            Die -- sollt' sie nicht des Sieges Palme krönen,
              Doch sind der Palme werth. --

            Den Frauen all', die hassen und verachten
              Jedweder Knechtschaft Joch,
            Die mit uns nach der bessern Zukunft trachten,
              Ein donnernd Lebehoch!



        13. Die Jubelwochen der Revolution.

                      (1848.)


Mehr als dreißig Jahre sind hingegangen über die Tage, die man den
großen „Völkerfrühling“ des Jahres 1848 nennt. Gestorben oder verdorben
sind die Meisten, die damals in Deutschland Geschichte machten. Die
Ueberlebenden haben eine so gewaltige Erhebung unseres Volkes gesehen,
wie kein früherer Abschnitt unserer Geschichte sie kennt. Weit mehr als
ein Jahrhundert scheint uns in dem einen Menschenalter verflossen, das
uns vom Jahr 1848 trennt. Man sollte daher vor Allem erwarten dürfen,
daß Gerechtigkeit geübt werde von den glücklicheren Genossen unserer
Tage gegen die tapferen aber sieglosen Kämpfer des „tollen Jahres“.
Doch wie selten ist diese Gerechtigkeit zu finden, wie selten wird auch
nur der Versuch gemacht, die völlig veränderten Verhältnisse jener
Zeit zu würdigen, wenn man heute sich anschickt, über sie zu urtheilen!

Wohl dürfen Diejenigen sich glücklich preisen, welche jung waren und
doch schon zur Erkenntniß gereift, als die große Erhebung des Jahres
1870 über unser Volk kam und als dann das Deutsche Reich erstand
aus blutiger Saat! Wenn sie hundert Jahr alt werden, immer werden
die kommenden Geschlechter ihren Erinnerungen an das große Jahr mit
Begeisterung lauschen. Niemals wieder -- so Großes wir noch erleben
werden -- steht uns bevor, ein zweites Jahr 1870 zu durchleben. In
künstlicher Trennung fand der Feind den Norden und Süden unseres
Vaterlandes vor, doch der freche gleißnerische Plan des Erbfeindes ward
zu Schanden. Die gemeinsame Noth überbrückte die Mainlinie. Schulter
an Schulter verbluteten Pommern und Baiern, Sachsen und Schwaben im
Feindeslande.

Glücklich allein kann man die Menschen nicht nennen, welche das große
Jahr 1848 mit Bewußtsein durchlebten! Schwere Drangsal und Kümmerniß
folgte dem glückseligen Sonnentag, der unserm Volke damals aufging.
Ewig lang schien die Nacht, die ihm folgte. Härter hat nie eine
Fremdherrschaft auf unserm Volke gelastet, als die k. k. Reaction
der fünfziger Jahre, besiegelt durch die schmähliche Preisgebung der
nationalen Traditionen Preußens an dem Tage von Olmütz. Wohl ist es
Zeit, an diesen Charfreitag unserer Geschichte zu erinnern in einem
Augenblicke, wo die abgestorbene junkerliche Anmaßung wieder das Haupt
erhebt unter der Firma der Deutsch-Conservativen und wettbewerbend
eintrat um die Wahlgunst der Nation. Wir Alle mögen uns erinnern, daß
dem tapfern Hohenzoller, der in Erz gegossen steht auf dem Leipziger
Platz in Berlin, das Herz brach, als er, seiner Pflicht gehorchend, den
Vertrag von Olmütz unterzeichnete. Denselben Schimpf, nichts Besseres,
haben wir auch heute von dieser Richtung zu erwarten.

Und dennoch wird Jedem, der das Jahr 1848 mit Bewußtsein durchlebt
und Jedem, der versucht hat, seine Spuren und Folgen an den Quellen
nachzulesen, die Erinnerung an diese Zeit so heilig sein und so theuer,
wie an irgend eine spätere, glücklichere Zeit unserer Geschichte.
Das Jahr 1870 führte uns die Ernte in die Scheunen und kelterte den
in heißer Sonne langsam gereiften Wein. Das Jahr 1848 berauschte mit
allen Reizen des Frühlings: zauberhaft brechen überall unter der
kaum geborstenen Decke des Winters die Knospen und Blüten hervor und
versprechen reiche Ernte, einen gesegneten Herbst. Aber die Ernte erlag
dem Hagel, der Herbst dem Frost. Im Jahre 1870 feierte die deutsche
Nation das Jubelfest ihrer ewigen und unlöslichen Verbindung. Im Jahre
1848 strebte sie darnach, ihre heiße Jugendliebe heimzuführen, sie
scheiterte; aber unverloren war die Erfahrung des Glückes und Schmerzes
für ihre Zukunft!

Vielleicht Keinem unter allen Denen, die das „tolle Jahr“ seit langer
Zeit schon heraufkommen sahen, verhieß es eine reichere Ernte mühsam
ausgestreuter Saat, als Robert Blum. Und wohl Keiner unter Allen hat
seine Hoffnungen schmerzlicher vernichtet gesehen, als er: denn er
mußte ihr Scheitern mit dem Leben bezahlen. In seiner Natur, seinem
Charakter schienen sich alle Vorbedingungen zu vereinigen, um das
Ringen der Nation, wie es damals zum Ausdrucke kam, zum Siege zu
führen. Es galt, zunächst in den Einzelstaaten durch den Sturz des
alten Systems die Bahn zu brechen für den Zusammentritt eines deutschen
Parlaments, dann in der Nationalversammlung selbst eine gemeinsame
Verfassung für Deutschland auf möglichst freisinniger Grundlage zu
schaffen. Robert Blum hatte sich seit seinem ersten öffentlichen
Auftreten immer gleich gut deutsch und gleich maßvoll erwiesen. Von
ihm durfte daher in erster Linie eine richtige, befriedigende Lösung
der großen Aufgabe erwartet werden. Den ersten Theil dieser Aufgabe:
den Sturz des alten Systems in Sachsen, die Vorarbeit für freie Wahlen
der Nation, wie für die Anerkennung der verfassunggebenden Befugnisse
des deutschen Parlaments hat er vollkommen erfüllt. Dagegen hat auch
er seinen Antheil an der Schuld, die auf jeder Partei des Frankfurter
Parlamentes ruht, die aber verhängnißvoll und verderblich wurde für
unsere Nation nur durch die mindestens gleich wiegende Schuld der
damaligen deutschen Regierungen.

Zu Anfang des nächsten Abschnittes wird diese Ansicht eingehender zu
begründen sein. --

Auf einem Ball im Hôtel de Pologne in Leipzig ereilte die Nachricht
vom Ausbruch und Erfolg der Pariser Februarrevolution die Elite der
Leipziger Bürgerschaft, auch Robert Blum.[97] Auf dem Balle selbst
trat Blum sofort mit einigen Freunden zu einer Berathung über die
nächsten Schritte zusammen, die nun in Leipzig geschehen müßten. Aller
Ansichten stimmten darin überein, daß die Gemeindevertretung, die
Stadtverordneten, womöglich auch der Rath, die Wünsche der Leipziger
Bürgerschaft vor den Thron bringen müßten. Am nächsten Morgen schon
ergab sich, daß auch die gemäßigt Liberalen unter Biedermann's Führung
genau dasselbe Ziel verfolgten. Schon hatte Biedermann in engerem
Freundeskreise eine Adresse entworfen, welche von den Stadtverordneten
an den König gerichtet werden sollte. Blum und seine Freunde nahmen
zwar Anstoß an dem ihrer Meinung nach zu gemäßigten Ton der Adresse.
Aber sie ordneten ihre Parteiwünsche unter dem Gelingen dieses edeln
und schönen Versuches: durch eine Kundgebung des Kerns der Leipziger
Bürgerschaft auf friedlichem und gesetzlichem Wege eine Abhülfe der
drückendsten Beschwerden und eine Bürgschaft besserer öffentlicher
Zustände herbeizuführen. Zudem stellte sich diese Adresse auf einen
so hohen, deutsch-nationalen Standpunkt, daß ihr jeder gute Deutsche,
er mochte sonst einer Parteirichtung angehören, welcher er wollte,
beistimmen konnte. Sie verlangte „eine Reorganisation der deutschen
Bundesverfassung im Geist und nach den Bedürfnissen der Zeit, angebahnt
durch die Entfesselung der Presse und die Berufung von Vertretern
sämmtlicher deutscher Völker an den Sitz des Bundestags.“ Von dem
Verfasser des ofterwähnten Aufsatzes „Das Königreich Sachsen“ in dem
5. Bande der Gegenwart wird S. 596 mit Recht hervorgehoben, daß die
Hauptkraft der Bewegung, welche unmittelbar nach der Februarrevolution
von der Bürgerschaft Leipzigs gegen das in Dresden herrschende System
gerichtet wurde, eben in jener „merkwürdigen Einmüthigkeit aller
Parteien und aller Classen der Bevölkerung“ beruhte, welche von da ab
wochenlang Liberale und Radicale, Biedermann und Blum, zu treuester
Bundesgenossenschaft einte, bis der gemeinsame Feind geschlagen, Alles
was man erstrebte, erreicht war. Es war zweifellos eine bedeutsame
ebenso patriotische als staatsmännische That, daß Blum, der populärste
und einflußreichste Mann des damaligen Leipzig, in den Tagen, die auch
seinen letzten Hoffnungen noch Erfüllung verhießen, als Parteiführer
und mit seinem persönlichen Ehrgeiz völlig sich unterordnete unter
Bestrebungen und Männer, die nicht ganz seinen Neigungen entsprachen --
nur um die #vereinte# Kraft der Stadt für das #gemeinsam erreichbare#
Ziel zu gewinnen. Der Verfasser der schönen, ofterwähnten Arbeit in der
„Gegenwart“ (Biedermann?) erkannte das an, vielleicht gerade weil er
neben Blum damals gekämpft und den tüchtigen und braven Patriotismus
Blum's in täglichem persönlichen Verkehr erkannt hat[98]. Der Verfasser
der Sächs. „Geschichte“ dagegen[99], obwohl er jenen Aufsatz der
Gegenwart kannte, da er ihn auf Schritt und Tritt benützt, konnte
mit seinem „schärferen Blick schon damals erkennen,“ daß „der Mann
(Blum), kein Politiker, noch weniger ein Staatsmann, am wenigsten,
trotz aller Phrasen, ein Patriot, sondern, gleich den Meisten seiner
Partei, nur der Verfechter abstracter und politisch werthloser Ideen
war.“ Die Schärfe dieses Blickes hat nur den einen Fehler, daß sie
alle #Thatsachen# übersieht, welche geeignet gewesen wären, ein
solches Urtheil zu berichtigen. Die nachstehenden Blätter verfolgen
u. A. die Aufgabe, einem derartigen Urtheil über Blum hinfort den
Vorwand des guten Glaubens zu entziehen und jener Auffassung Schranken
aufzuerlegen, welche behauptet, daß ein solches Urtheil aus dem Streben
hervorgehe, „durchweg nur die historische Wahrheit zu ermitteln.“

Als am ersten März 1848 die Leipziger Stadtverordneten zur Berathung
des Biedermann'schen Adreßentwurfes zusammentraten, fand sich volle
Einstimmigkeit dafür. Auch die Conservativen schlossen sich derselben
an. Noch mehr überraschte, daß der Stadtrath, an dessen Spitze noch
immer der traurige Bürgermeister Groß stand, der Adresse einstimmig
beitrat. Am zweiten März ging die Deputation der städtischen Behörden
zur Ueberreichung der Adresse nach Dresden ab. Der König empfing die
Leipziger keineswegs gnädig. Er zeigte sich verletzt durch den Hinweis
auf den zwischen dem Geiste des Volkes und dem Geiste der Verwaltung
bestehenden Zwiespalt, und lehnte jedes Eingehen auf den Inhalt der
Adresse ab, zu welcher die Gemeindevertretung Leipzigs sich nur in
Ueberschreitung ihrer Befugnisse habe hinreißen lassen.

Durch anonyme Maueranschläge ward die Bevölkerung Leipzigs am dritten
März zu Abends acht Uhr nach dem Dresdner Bahnhof zusammenberufen, um
hier die von Dresden zurückkehrende Deputation zu erwarten. Da hier
der Raum zu eng war, zog die zahllose Masse nach dem Markt, den sie
sammt den angrenzenden Straßen vollständig anfüllte. In lautloser
Stille harrten die Tausende hier auf das Eintreffen der Deputation,
die endlich gegen neun Uhr eintraf und mit unendlichem Jubel begrüßt
wurde. Zuerst sprach Stadtrath Seeburg von der tiefen Rührung des
Königs, dann Biedermann. Doch ungestüm verlangte das Volk nach Robert
Blum. Endlich erschien Blum auf dem Rathhausbalkon. Seine Stimme
allein beherrschte den ganzen Markt, wurde in den angrenzenden Straßen
noch gehört. Auch er suchte beschwichtigend von der Adresse und der
Antwort des Königs abzulenken. Doch ungestüm fiel auch ihm das Volk
in die Rede mit dem Verlangen: „die Antwort, die Antwort!“ Es war
nicht mehr zu verheimlichen, daß die Bitten der Stadt harte Abweisung
erfahren hatten. Zuerst allgemeines befremdliches Erstaunen. Dann
lautes, leidenschaftliches Murren. Die Masse hatte bestimmt gehofft,
die Deputation werde die Entlassung der verhaßten Minister von
Dresden mitbringen. Doch Blum fuhr fort und wurde weiter angehört. In
constitutionellen Ländern, sagte er, sei nicht der König, sondern seien
die Minister verantwortlich. Sie trügen auch die Verantwortlichkeit
für die Abweisung der Leipziger Anträge. Auf ihre Beseitigung müsse
man dringen. Er werde in der nächsten Stadtverordnetenversammlung den
Antrag stellen, daß der König das Ministerium, welches das Vertrauen
des Volkes nicht besitze, entlassen möge. Unter ungeheuren Jubel- und
Hochrufen trennte sich die befriedigte Versammlung.

Schon am nächsten Tage, in der Stadtverordnetensitzung vom vierten
März, hielt Blum sein Versprechen. Das Collegium trat seinem Antrage in
Form einer „Erklärung“ bei, in welcher es seine vom König bezweifelte
Competenz entschieden wahrte und betonte, man müsse dem über die
Tragweite der geschehenen Manifestationen getäuschten König erklären,
daß die Minister das Vertrauen des Landes nicht besäßen. Weiter trat
man einstimmig dem Antrag von Brockhaus auf sofortige Berufung des
Landtages bei. Auch diesen Beschlüssen der Stadtverordneten schloß
sich der verschüchterte Rath an. Inzwischen hatte sich noch in der
Nacht fast unmittelbar nach der Rückkehr der ersten Deputation aus
Dresden eine zweite dahin begeben, um dem König eindringlich mündlich
die drohende Lage und die Nothwendigkeit beruhigender Schritte
vorzustellen. Der König zeigte sich jedoch noch immer so wenig zur
Nachgiebigkeit geneigt wie seine Minister. Koch, der in der Deputation
war, versuchte durch persönliche Ansprache den verhaßtesten der
Minister, Falkenstein, zum Rücktritt zu bewegen; doch anscheinend
war auch dieser kühne Versuch erfolglos. Wenigstens brachte die
Deputation nichts nach Leipzig mit als die Antwort des Königs: „Aber
nichts wird mich bewegen, von dem klaren Wege abzugehen, den mir
meine Verbindlichkeit als Mitglied des Deutschen Bundes und meine
durch die Verfassung übernommene Pflicht vorschreiben.... Das muß
ich offen erklären, daß ich mich in dieser wichtigen Angelegenheit
(der Preßgesetzgebung) nicht von Zeitereignissen, sondern nur von der
gewissenhaften Rücksicht auf das Wohl des mir anvertrauten Volkes und
von meiner, durch die Bundes- und Landesverfassung übernommenen Pflicht
leiten lassen werde. Im Uebrigen vertraue ich, daß es dem Ansehen
der Behörden, der Kraft und dem guten Geiste der Communalgarde, dem
ernsten Willen aller guten Bürger gelingen werde, denjenigen gegenüber,
welche auf ungesetzlichem Wege Ungesetzliches wollen, Gesetz und
Ordnung zu bewahren; und mache ich dafür, daß dies geschehe, die Stadt
Leipzig verantwortlich.“ Die einzige Vertröstung, welche diese Antwort
enthielt, waren Schritte beim Bunde betreffs der Befreiung der Presse.

Aber auch diese geringe Zusage wirkte nur verstimmend, da der im
Entschlafen begriffene Bundestag schon am 1. März, nachdem er durch
dreißig Jahre das öffentliche Vertrauen mit Füßen getreten, sich
„vertrauensvoll an die deutschen Regierungen und an das deutsche Volk“
gewendet hatte mit der Versicherung: „er werde von seinem Standpunkt
aus Alles aufbieten, um gleich eifrig für die Sicherheit Deutschlands
nach außen, wie für die Forderung der nationalen Interessen und des
nationalen Lebens im Innern zu sorgen,“ ja, nachdem derselbe Bundestag
am dritten März sogar die Proclamation hatte folgen lassen: daß es
jedem Bundesstaate frei gestellt werde, die Censur aufzuheben und die
Preßfreiheit einzuführen. Kannte man diesen Bundesbeschluß in Dresden
noch nicht? Oder wollte man, wie nun seit anderthalb Jahrzehnten,
hinter dem Rücken des Bundestags Versteckens spielen gegen die
ungestüm rufende Zeit? Schon ehe die Antwort des Königs eintraf und
der Bundesbeschluß vom 3. März bekannt wurde, hatte Blum übrigens
die Regierung mit ihrem Beharren bei der Censur in eine böse Lage
versetzt. Er war mit Wuttke, Oettinger und Arnold Ruge zu dem Censor
Prof. Dr. Marbach gegangen und hatte von diesem die Niederlegung seines
Amtes gefordert. Dr. Marbach hatte hierauf erklärt, daß er sich dazu
nicht berechtigt halte, daß dagegen die Censoren eine Eingabe an das
Ministerium gerichtet hätten, in welcher sie gegen die Censur und ihre
verderblichen Wirkungen sich ausgesprochen und das Bedenkliche des
Fortbestehens der Censur ernstlich vorgestellt hätten. Diese Erklärung
veröffentlichte Blum. Man sah den Augenblick herannahen, wo die Räder
der verbrauchten Staatsmaschine von selbst den Dienst versagen würden.
Niemals hatte der große Fehler dieses Regiments sich klarer und
kläglicher gezeigt: aus Furcht, schwach zu erscheinen, bewilligte man
auch das Nothwendigste immer erst, wenn es zu spät war.

Fast gleichzeitig mit der Antwort des Königs drang die Kunde
nach Leipzig, daß Falkenstein, der gestern noch so zäh an seinem
Portefeuille gehangen, freiwillig sein Amt niedergelegt habe, „um
nicht den Vorwand zu ferneren Demonstrationen und Unordnungen
abzugeben.“ Eben hatten die Stadtverordneten am 5. März beschlossen,
ihre gestrige Erklärung nunmehr in Form einer Adresse an den König
zu erlassen und offen die Ersetzung der Minister durch Männer des
öffentlichen Vertrauens zu fordern. An diesem Verlangen hielt die
Leipziger Gemeindevertretung auch fest, als am 6. März eine Ansprache
des Königs „An meine Sachsen“ erschien, welche die Berufung des
Landtages spätestens zu Anfang Mai verhieß, die Vorlage eines
Preßgesetzes ankündigte und an das Volk die Mahnung richtete: „Harret
ruhig und im Vertrauen auf das, was ich schon gethan und noch thun
werde. Greift nicht den Befugnissen der von Euch selbst gewählten
Landesvertreter vor.“ Auch daß die offiziöse Leipziger Zeitung nun
auf einmal die Einführung des öffentlichen und mündlichen Verfahrens
in Aussicht stellte, und „die Unterstützung aller Maßregeln verhieß,
welche die Einigkeit, das Wohl und die Kräftigung Deutschlands fördern
könnten,“ verfing bei den Leipzigern nicht. Hatte dasselbe Organ doch
nicht lange zuvor noch geschrieben: „es sei eine Ausschreitung, wenn
in der Kammer der Satz aufgestellt worden sei, daß das System der
Regierung sich irgendwie nach den Ergebnissen der parlamentarischen
Debatten und Abstimmungen richten müsse.“ Wie viel weniger war an
eine ernstliche Nachgiebigkeit gegen Wünsche einzelner städtischer
Corporationen und Volkskreise zu denken. Robert Blum sprach daher
nur die Ueberzeugung aller liberalen Bürger Leipzigs aus, als er in
der nächsten Stadtverordnetensitzung (7. März) ausrief: „Man hat uns
einen Menschen“ (Falkenstein) „zum Opfer gebracht, aber das System
ist nicht damit gefallen. Dieses vertreten die Minister v. Könneritz
und v. Wietersheim; wir dürfen die Ungesetzlichkeit der Censur nicht
länger dulden.“ In derselben Sitzung erwiderten die Stadtverordneten
auf die königliche Ansprache des vorhergehenden Tages: „Nach § 85
der Verfassung und dem Bundesbeschluß vom 3. März sei die Presse
gesetzlich frei, stehe daher der sofortigen Einführung der Preßfreiheit
nichts im Wege; durch die Entlassung Falkenstein's sei das Hinderniß
nicht beseitigt, welches der Wiederherstellung des friedlichen und
harmonischen Verhältnisses zwischen Regierung und Volk entgegenstehe;
dieses Hinderniß bestehe vielmehr so lange fort, als nicht auch die
übrigen Träger des bisherigen ministeriellen Systems zurückgetreten
wären, indem man gerade in der neuesten Proclamation den Beweis
finde, wie der König nach wie vor über die dringlichen Bedürfnisse des
Landes und die Pflichten und Rechte, welche die Verfassung auferlege
und verbürge, #getäuscht# sei; daß aber auch eine Garantie für eine
wahrhafte Systemänderung nur dann vorhanden, wenn Männer, die durch
ihr öffentliches und ständisches Wirken sich das Vertrauen des Landes
erworben, in den Rath des Königs berufen würden.“

Alle diese Beschlüsse faßten die Stadtverordneten einstimmig, unter
Blum's kräftiger Mitwirkung. Immer trat der Stadtrath ihnen einstimmig
bei. Nie war aus dem Kreise der Bürger eine abweichende Meinung laut
geworden. Eine höchst zahlreiche Menge wohnte allen Sitzungen der
Stadtverordneten bei. Die engen Tribünen reichten bei weitem nicht
zu, sie zu fassen. Sie füllte die Gänge, die Treppen, selbst den
Saal um die Sitze der Gemeindevertreter, beobachteten aber stets die
würdigste Zurückhaltung und Ordnung. Einen Antrag, seine Sitzungen in
ein größeres Local zu verlegen, um einem zahlreicheren Publikum Zutritt
zu verschaffen, lehnte das Collegium ab, um auch nicht den Schein
der Unfreiheit, der Beeinflussung seiner Entschließungen zu erregen.
Täglich große Versammlungen des Redeübungsvereins im Schützenhause,
meist unter Blum's Vorsitz oder doch seiner Betheiligung, unterstützten
die Stadtverordneten durch Beitrittserklärungen, friedliche, von jedem
Terrorismus freie Ovationen ihres Beifalls. Zahlreiche freiwillige
Hülfscorps (17 Compagnien zu 50 Mann) verstärkten die Communalgarde
in ihrem Ordnungsdienst für jeden Fall. Daß ganz Leipzig #einer#
Gesinnung, von unausrottbarem Mißtrauen gegen das herrschende System
erfüllt sei, ließ sich in Dresden kaum bezweifeln. Nun trat aber noch
eine entscheidende Kundgebung in gleichem Sinne von ganz anderer
Seite hinzu: die Universität durch den akademischen Senat richtete
eine kräftige, vom Professor (späteren sächsischen, dann baierischen
Minister) v. d. Pfordten verfaßte Adresse an den König, in der Reformen
in der Verwaltung, der Presse, der Rechtspflege, und eine Regeneration
jenes Bundes gefordert wurde, „der das Vertrauen der Völker verloren,
um nicht zu sagen niemals besessen habe.“

Immer noch schwankte jedoch die Regierung zwischen Nachgiebigkeit und
trotzigem Eigensinn. Als Nachgiebigkeit konnte man die Bekanntmachung
der Minister vom 9. März ansehen, in der sie kundthaten, sie hätten dem
König ihre Entlassung angeboten, doch sei sie nicht angenommen worden;
vielmehr habe der König beschlossen, den Landtag schon zum 30. März
einzuberufen, damit dieser darüber entscheide, „ob das gesammte Land
die Meinung Derer theile, welche sich gegen die bisherige Wirksamkeit
der Minister erhoben hätten.“ Aber dieser Erlaß goß nur Oel ins Feuer.
Wie? -- rief und schrieb man in Leipzig mit vollem Rechte -- die unter
dem Drucke der vormärzlichen Bevormundung gewählten abgenutzten Kammern
sollten über ein Preßgesetz entscheiden, während die Regierung seit
dem 3. März die volle Preßfreiheit unbedenklich gewähren kann? Und nun
appellirten auf einmal an die Stände dieselben Minister, die so oft
erklärt, sie würden nur ihrer eigenen Ueberzeugung folgen? Und wenn es
unzulässig war, die Censur ohne die Stände aufzuheben, warum erklärte
die Regierung -- wie sie gleichzeitig that -- die Censur bis zum 15.
April versuchsweise aufgehoben?

Schließlich überwog aber doch die Meinung in Dresden, man könne es
noch einmal mit Strenge probiren. Zu diesem Entschlusse bestimmte
vor allem die kläglich-servile Haltung der Hauptstadt. Der Dresdner
Stadtverordnete (berühmte Philologe, später im Exil jahrelang Professor
in Zürich, nach 1870 in Heidelberg und Reichstagsabgeordneter) Dr.
Köchly suchte den Leipziger Patrioten durch ähnliche Anträge, wie
sie von da ausgingen, die Hand zu reichen. Aber schroff lehnte man
in Dresden das ab. Der Dresdner Stadtrath suchte sogar eine Adresse
der Bürgerschaft, die ähnliche Wünsche aussprach, zu escamotiren.
Als die Kunde nach Dresden drang, Leipzig werde durch Massen- oder
Sturmdeputationen nach Dresden seine Anträge beim König durchzudrücken
versuchen, rottete sich die Dresdner Communalgarde zusammen, besetzte
den Leipziger Bahnhof und lauerte hier auf die Leipziger, sie zu
fangen oder zurückzutreiben, je nach Umständen. Aber die Leipziger
erschienen nicht. Blum hatte seinen ganzen Einfluß aufgeboten, um
den Massenzugs-Unsinn zu hintertreiben. Damit doch Etwas geschehe,
defilirte die Dresdner Communalgarde vor dem König am Schlosse vorbei,
und der „Dresdner Anzeiger“ sprach gerührt von der „großartigen
Kundgebung der Stimmung der Dresdner Communalgarde.“ Arm in Arm mit
ihr glaubte das Ministerium schon sein Jahrhundert in die Schranken
fordern zu können. Daß aus Zwickau und vielen anderen Städten Adressen,
Beschlüsse und Deputationen kamen, die mit Leipzig harmonirten, wurde
in Dresden weggespottet. Den Sprecher einer Deputation aus der Provinz,
den Bürgermeister Schwedler, fuhr der König an: „Nein, nein, nein,
nein! Unbillige Wünsche werde ich nicht berücksichtigen! Ich kann mich
mit Ihnen nicht in Discussionen einlassen, ich habe Ihnen nichts zu
sagen, als: leben Sie wohl!“ Man glaubte eben überall nur Strohmänner
einiger Leipziger „Schreier“ vor sich zu haben. Und dieser Ueberzeugung
gemäß ward gehandelt -- genau so wie im Jahr 1845. Plötzlich wurden
große Militairmassen um Leipzig zusammengezogen. Gleichzeitig rückten
-- gewiß nicht ohne bundesfreundliches Ersuchen von Dresden --
preußische Truppen in nächster Nähe von Leipzig an die Grenze. Und
wie Herr von Langenn 1845, hielt jetzt der Minister v. Carlowitz unter
dieser vollen Machtentfaltung, gleichsam umringt von Bajonetten, am 11.
März seinen Einzug in die bedrohte Stadt.

Aber freilich, Herr v. Carlowitz war kein Herr v. Langenn. Wohl war er
gekommen, um den Auftrag seines Königs zu vollziehen, des Königs Gebot
der erregten Stadt zu verkündigen. Aber gleichzeitig war er gekommen,
um mit eigenen Augen zu sehen, und seinem König wahrheitsgetreu über
das Gesehene zu berichten. Er fand die treue Stadt in einer Bedrängniß
ohne Gleichen. Seit Wochen waren nun Liberale, Radicale, alle irgend
nennenswerthen Kreise der Stadt zusammengegangen in dem Streben,
auf #gesetzlichem# Wege die Forderungen der Stadt, des Landes, die
heiligsten Interessen ganz Deutschlands gewahrt zu sehen. Nur durch
das immer erneute Versprechen, daß auf friedlichem und gesetzlichem
Wege Alles sicher erreicht werde, hatte namentlich Robert Blum die
meisterlosen, wüsten Elementarkräfte, die jede Revolution entfesselt,
niedergehalten. Nun aber, da Woche auf Woche verstrich, ohne den
ersehnten unblutigen Sieg zu bringen, begann der Neid und die Mißgunst
unverantwortlicher, weit „entschiedenerer“ Gesellen gegen den
verdienten Führer in den Massen zu wühlen und zu hetzen -- und als
vollends das Militair rings um Leipzig zusammengezogen wurde, gährte
und grollte es überall in der Stadt wie in einem Vulkan, der sich zum
Ausbruch rüstet. Das allgemein verbreitete Gerücht, daß das Militair
beabsichtige, Blum und Andere der Gehaßtesten zu greifen und vor ein
Kriegsgericht zu stellen, trug nicht wenig zu dieser Erregung bei. --

Dem Minister Carlowitz entging diese Stimmung nicht. Dennoch that
er seine Pflicht bis zuletzt. Er richtete die Forderungen aus,
die der König ihm für Leipzig mitgegeben. Er verlangte von den
Stadtverordneten, sie sollten sich aufregender politischer Reden
enthalten. Der Redeübungsverein und die Schützenhausversammlungen
sollten jeder politischen Agitation fern bleiben, das lärmende
Umherziehen größerer Volksmassen aufhören, der Zug nach Dresden
schlechterdings unterbleiben. -- Die Stadtverordneten antworteten auf
diese Forderungen, die allgemein schmerzliche Enttäuschung erregten,
noch am nämlichen Abend ruhig, fest, ablehnend. „Man erwäge nur die
Umzingelung Leipzigs,“ hatte Blum schon in der vorangehenden Sitzung
(10. März) gerufen. „Weßhalb diese Kosten? Warum wird der Landbewohner
so ausgesogen? Weil fünf Menschen, die eine Armee zur Verfügung haben,
nicht begreifen, daß sie mit ihren Kugeln zwar Menschen tödten, aber
#nicht ein einziges Loch in die Idee bohren können#, welche die
Welt beherrscht.“ Die Stadtverordneten erklärten Herrn v. Carlowitz
einstimmig: strafbare politische Reden seien in ihren Versammlungen
nicht vorgekommen. Das Recht und die Pflicht freier Meinungsäußerung
habe jedermann, namentlich in so bedrängter Zeit. Jeder werde das, was
er sage, vor dem Gesetz vertreten. Die Schützenhausversammlungen lägen
außerhalb des Geschäftskreises der Stadtverordneten. Umzüge seien seit
der Abmahnung des Stadtrathes nicht wieder vorgekommen. Garantien gegen
den Zug nach Dresden könnten vom Collegium weder verlangt noch gegeben
werden. Die Spannung war auf's Aeußerste gestiegen.

Da versammelten sich am 12. März im Schützenhause zu Leipzig auf
Joseph's Einladung vierzig namhafte freisinnige Männer, Mitglieder des
letzten Landtages und sonstige Vertrauensmänner: Todt, Oberländer,
Schaffrath, Joseph, Blum, Biedermann, Koch, Klinger u. s. w. Schaffrath
legte ein Programm vor, welches die wichtigsten politischen,
religiösen und sozialen Anliegen des Volkes zusammenfaßte. Die
radicalen Elemente herrschten in dieser Versammlung vor, aber leicht
wurde auch hier ein Durchschnittsausdruck der Meinungen gefunden.
Auf Anregung der süddeutschen Liberalen wählte die Versammlung zwei
Vertrauensmänner für Frankfurt, wo sich nach den Beschlüssen der
Patrioten von Heppenheim und Heidelberg demnächst die Delegirten ganz
Deutschlands zusammenfinden sollten. Gewählt wurden die Führer der
beiden Richtungen, die in der Versammlung vertreten waren: Blum und
Biedermann. Da Blum ablehnte, trat Todt an seine Stelle.

Minister Carlowitz reiste ab. Niemand wußte, ob sein Scheiden von
Leipzig Krieg oder Frieden bedeute. Nur daß er selbst keinesfalls
länger als bis zum Landtag im Amt bleiben werde, hatte er überall offen
erklärt. Aber Carlowitz war ein ganzer Mann[100], wer ihn kannte,
durfte nicht zweifelhaft sein, wie er in Dresden auftreten werde. Er
öffnete dem König die Augen über den wahren Charakter der Leipziger
Bewegung. Der König erkannte, daß er von Könneritz getäuscht worden
und entließ diesen sofort in Ungnaden. Am 13. März trat das ganze alte
Ministerium zurück. Kaum wagte man in Leipzig der frohen Kunde zu
trauen.

Aber schon am 16. März wurden die Namen der neuen Sächsischen Minister
bekannt gemacht. Bernhard v. Lindenau, an den die treue Anhänglichkeit
des Volkes zunächst dachte, hatte von seinem abgeschiedenen Landsitz
aus der Krone den Rath ertheilt, an die Spitze des neuen Ministeriums
Braun zu berufen. Neben diesem übernahm Georgi die Finanzen, v. d.
Pfordten das Aeußere und Innere, v. Holtzendorff den Krieg. Am 20.
März wurde das Ministerium vervollständigt durch den Eintritt eines der
nächsten politischen Freunde Blum's, Martin Oberländer aus Zwickau.
Weite Kreise Sachsens dachten vor Oberländer's Berufung daran und
sprachen aus, daß Blum selbst zum Minister ernannt werden müsse. Beim
König wäre seine Ernennung wohl kaum schwieriger durchzusetzen gewesen,
als die Oberländers[101]. Aber auf das Bestimmteste erklärte Blum,
daß nunmehr, nachdem das alte System in Sachsen gestürzt sei, seine
Thätigkeit nur den Vorarbeiten für das Deutsche Parlament, Deutschland,
nicht Sachsen gewidmet sein könne.

In der That war durch die Einsetzung des Märzministeriums und die
Durchführung des Regierungsprogramms, welches das Ministerium
verkündigte, Alles erreicht, was die vereinigte Opposition des
Landes in Sächsischen und Deutschen Dingen seit Jahren vergebens
verlangt hatte. Denn das Programm der neuen Regierung enthielt
folgende Verheißungen: Vereidigung des Militairs auf die Verfassung,
Aufhebung der Censur für immer, ein Preßgesetz ohne das System der
Concessionen und Cautionen, Reform der Rechtspflege auf Grundlage der
Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, Geschworenengerichte in Strafsachen,
Reform des Wahlgesetzes, Vereinsrecht mit Repressivbestimmungen gegen
Mißbrauch, gesetzliche Ordnung der kirchlichen Verhältnisse im Geiste
der Duldung und Parität, Antrag auf Revision des Vereinszolltarifs,
kräftige Mitwirkung zu zeitgemäßer Gestaltung des Deutschen Bundes
mit Vertretung des Volkes bei demselben. In diesem Sinne #handelte#
das neue Ministerium auch sofort. Am 22. ward das Militair auf die
Verfassung vereidet, am 23. die Presse freigegeben, am 30. sagte
sich das Ministerium von den sog. „Ausnahmebeschlüssen“ des Bundes
los. Am 11. April wurde eine Art von Volksbewaffnung eingeführt, am
17. April eine allgemeine Amnestie für politische Vergehen erlassen
u. s. w. Namentlich ließ das Ministerium ein vollständiges Eingehen
auf die nationalen Forderungen der Zeit hoffen. Als am 20. März
die Deputation der süddeutschen Regierungen in Dresden eintraf, um
Sachsen zum Anschluß an die Grundzüge der von Hessen, Nassau, Baden,
Württemberg beschlossenen künftigen deutschen Verfassung (Bundesstaat
unter preußischer Spitze) einzuladen, sandte Braun den Professor
Biedermann in außerordentlicher Mission nach Berlin, um den Anschluß
der Sächsischen Regierung an diese Bestrebungen zu erklären[102].
Während diese Action geheim blieb, ließ sich der Standpunkt des
Sächsischen Ministeriums in der Deutschen Frage für Alle erkennen in
der Instruction, welche es jenem „Vertrauensmann“ nach Frankfurt
mitgab, den es nach dem Beschlusse des Bundestags dorthin zu entsenden
hatte. Schon die Wahl Todt's, des Schöpfers und Leiters der ehemaligen
Landtagsopposition, zu dieser wichtigen Stellung, erregte überall
freudige Zustimmung. Die ihm mitgegebene Instruction aber enthielt
folgende Grundzüge: „Deutschland wird Bundesstaat auf volksthümlicher
Grundlage, dessen Organe ein Oberhaupt mit einem verantwortlichen
Ministerium, ein Parlament mit zwei Häusern, ein Reichsgericht sind.
Die Aufgabe der Centralgewalt umfaßt die völkerrechtliche Vertretung
Deutschlands, die Gesetzgebung in den wichtigsten Gegenständen, die
Grundlagen des Verkehrs, Heer und Flotte; sie garantirt überdies
die Grundrechte des deutschen Volkes. Die innere Verfassung der
Einzelstaaten ist die constitutionelle mit ihren Consequenzen.
Beschränkung der Selbständigkeit der Einzelstaaten, soweit die
völkerrechtliche und bundesstaatsrechtliche Einheit Deutschlands es
fordert.“ Wie weit damals das Ministerium auf dieser deutschen Bahn
zu gehen entschlossen war, erhellt am besten aus jenem Wort, das der
particularistischste der Märzminister, v. d. Pfordten, zu Biedermann
sprach, als dieser zum Vorparlament reiste: „Bringen Sie uns eine
Verfassung, welche Sie wollen, nur halten Sie uns die Republik vom
Leibe“[103].

Die öffentlich bekannt gemachte Instruction der Regierung an Todt
stimmte durchaus überein mit den Ansichten aller Parteien in der
Deutschen Frage. Die conservativ-reactionären Elemente, die allein
anderer Meinung waren, wagten sich damals noch nicht hervor. Namentlich
war der radicale Fortschritt unter Blum's Führung damals durchaus
einverstanden damit, daß die Regierung sich bereit erklärte, die Opfer
zu bringen, welche die Nation durch ihre Vertreter in Frankfurt
fordern würde. Die radicale Partei glaubte in dem Programm den
vollen Spielraum zu finden für ihre damals noch unfertigen und weit
auseinandergehenden Ansichten über die Art dieser Opfer und die Natur
des künftigen deutschen Oberhauptes. Keineswegs nur republikanische
Elemente einigten sich um Blum unter dessen Führung. Im Gegentheil:
seine nächsten und intimsten Freunde, Rüder, Cramer, Bertling u. s.
w. waren monarchisch gesinnt. Sein eigenes Ideal war unstreitig die
Republik. Daß eine solche in Deutschland, mindestens #vorläufig#,
nicht durchführbar sei, hat auch er damals in classischen Aussprüchen
kund gegeben. Als vor seiner Abreise zum Vorparlament eine zahlreiche
Deputation aus dem sächsischen Gebirge ihm zur Pflicht machte,
binnen längstens vierzehn Tagen von Frankfurt die deutsche Republik
mitzubringen, richtete er die verblüffende Frage an die Versammlung: ob
die Herren an allen Orten, von denen sie herkamen, schon Feuerspritzen
hätten? Als die Frage von einem großen Theile der Deputirten verneint
wurde, erwiderte Blum lakonisch: „Sagen Sie Ihren Auftraggebern, ehe
jedes Dorf in Deutschland seine Feuerspritze habe, könne ich ihnen die
deutsche Republik nicht besorgen“[104]. -- Eine ähnliche Aeußerung that
er bei seiner Ankunft in Frankfurt vor der Eröffnung des Vorparlaments.
Er und die anderen sächsischen Delegirten zum Vorparlamente, darunter
Professor Wuttke, der mir den Vorfall erzählt hat, wurden bei ihrer
Ankunft in eine große Frankfurter Volksversammlung geladen. Wild
wogten hier die Anträge und Reden durch einander. Daß Deutschland
Republik werden müsse, schien Allen ausgemacht. Da trat Robert Blum,
den Meisten unbekannt, auf und sprach das Wort: „Eine Republik könnte
Deutschland schon werden -- aber es fehlen uns die Republikaner!“
Vorläufig entsprach das Programm, die Leitung und Organisation des
Vereins, der Blum als seinen Führer anerkannte, der Ansicht des
Letzteren. Dieser Verein bildete sich am 28. März aus den Versammlungen
des Schützenhauses und nahm den Namen „#Vaterlandsverein#“ an. An der
Spitze desselben standen neben den Monarchisten Cramer, Bertling,
Wuttke, Rüder, auch in der Wolle gefärbte Republikaner wie Ruge,
Jäkel, Binder, Skrobek, Althaus. Nur die reinen Socialisten fanden
keinen Boden hier und traten unter der Losung: „Sociale Reform, aber
keinen Communismus!“ unter Weller's und Semmig's Leitung zu einem
„Demokratischen Verein“ zusammen. Weitaus die Mehrheit aller politisch
regen Männer des Landes aber umfaßten die „Vaterlandsvereine,“ die
sich rasch über ganz Sachsen verbreiteten und Blum zum ersten Obmann
und gleichsam Protector aller Zweigvereine wählten. Sie umfaßten schon
auf der Generalversammlung Ende April vierzig Vereine mit 12,000
Mitgliedern. Zu Anfang September waren sie auf hundert Vereine mit
etwa 30,000 Mitgliedern gestiegen. Auch das platte Land bedeckte sich
mit Vaterlandsvereinen. Sie waren unter sich in Bezirke getheilt, der
„leitende Ausschuß“ aber saß in Leipzig und regierte von hier aus. Von
Zeit zu Zeit fanden Generalversammlungen statt. Ueber die Hauptfrage,
ob Monarchie, ob Republik? sprach sich das Programm der Vereine, wie
gesagt, Anfangs schon um deßwillen nicht aus, weil die Ansicht der
Führer selbst getheilt, ja ungeklärt war. Anfangs sagte das Programm
darüber nur: „man dürfe dem Volkswillen nicht vorgreifen; dessen Sache
sei es, sich diejenige Regierungsform zu geben, welche ihm am meisten
entspreche“. Später nahm man, um sich gegen mannigfache Angriffe zu
decken, die Erklärung auf: „daß die demokratisch-constitutionelle
Monarchie für Sachsen als die Vollzieherin des Volkswillens zu
betrachten sei.“ Dabei beruhigten sich vorläufig alle Elemente, welche
die Vaterlandsvereine zusammenfaßten -- obwohl die Unklarheit in der
Hauptfrage nothwendig künftige Conflicte in sich barg -- und wandten
ihre vereinte Kraft zunächst der Vorbereitung der Parlamentswahlen
zu. Von dem Einfluß, den diese Vereine damals übten, giebt am besten
die Thatsache Zeugniß, daß von den 24 Abgeordneten, die aus Sachsen
nach Frankfurt entsandt wurden, zwanzig der Linken, die Blum führte,
angehörten. Nicht minder fielen die Ergänzungswahlen zum Landtage fast
durchgängig im Sinne der Vaterlandsvereine aus.

Die Bildung streng monarchisch-constitutioneller „Deutscher Vereine“
begann erst am 6. April. Von ihnen wird später die Rede sein.

Unter so günstigen Auspicien konnte Blum getrost sein Vorhaben
ausführen: Sachsen zu verlassen, um in Frankfurt im Vorparlament einen
neuen Schauplatz seines Wirkens zu eröffnen. Er reiste von Leipzig ab
in den letzten Tagen des Monat März. Der Stadt Zwickau, vor Allen dem
rührigen braven Hermann Breithaupt daselbst, dankte er sein Mandat
für das Vorparlament. Dieselbe Stadt hatte ihn zuvor zum Ehrenbürger
ernannt.



     14. Im Vorparlament und Fünfzigerausschuß.


Unzweifelhaft, wurde oben gesagt, war das Ideal Robert Blum's
die Republik. Ebenso sicher aber ist, daß er dieses Ideal seines
Herzens vorläufig nicht erreichbar hielt, als er nach Frankfurt zum
Vorparlament zog. Aeußerungen, welche diese Ueberzeugung bekunden,
wurden oben angeführt. Auch die verschämt monarchische Färbung des
Programms der Vaterlandsvereine würde er nicht geduldet haben, wenn
er schon im März in Leipzig die Republik für Deutschland erreichbar
gehalten, seine politische Arbeit auf die Verwirklichung dieses seines
Ideals gerichtet hätte.

Unglücklicherweise änderte sich bei ihm diese Ansicht schon in den
ersten Tagen seines Frankfurter Aufenthaltes. Den Schreiern zwar,
die dort in den Bierhäusern das große Wort führten, den Struve,
Hecker, Ronge, Zitz u. s. w.[105] mißtraute er gründlich und sprach
dieses Mißtrauen offen und in Privatbriefen (die unten mitgetheilt
werden) rückhaltlos aus. Aber ganz anders als in dem nüchternen,
faßt spießbürgerlichen Sachsen machte sich hier die Leidenschaft und
Begeisterung der Bürger geltend: revolutionstrunken, freiheitglühend
erschien Blum der ganze deutsche Süden. Und wenn so kühle abstracte
Denker wie Johann Jacoby und Heinrich Simon, so geschäftskundige
Politiker wie Itzstein und Abegg, so reichbegabte patriotische Männer
wie Raveaux von Köln, und so rein materialistische Naturen wie Carl
Vogt ihren Glauben an die unmittelbare Verwirklichung der deutschen
Republik gleich entschieden und zuversichtlich offenbarten, so war es
dem Führer des radicalen sächsischen Fortschritts kaum zu verargen, daß
er sich fortan mit Begeisterung und Energie dem Streben hingab, dieses
vermeintlich höchste Ideal seines Lebens und Denkens zu verwirklichen.
Selbst von dem gegnerischen und um weitere dreißig Jahre gereiften
Standpunkt aus[106] wird zugegeben: „Wenn damals die Linke des
Vorparlaments siegte, wenn ihr gelang, was sie wollte, die sofortige
Verkündigung einer republikanischen Verfassung für Deutschland,
oder auch nur, was im Effect nahezu das Gleiche gewesen wäre, die
Permanenzerklärung des Vorparlaments -- die Regierungen und der
Bundestag hätten dies schwerlich zu hindern vermocht, vielleicht kaum
einen Versuch dazu gewagt, und eine Periode unabsehbarer Verwirrung
wäre auf unbestimmte Zeit über Deutschland hereingebrochen.“

Heute wird mit verschwindend kleinen Ausnahmen jeder Deutsche dieses
Urtheil unterschreiben. Ausgangs März 1848 aber stand für die Anhänger
der Deutschen Republik nur das Eine fest, was wir heute auch einräumen
müssen, daß die Proclamirung einer republikanischen Staatsverfassung
für Deutschland alle Formen rechtsgültiger Beschlüsse für sich gehabt
hätte, und weder das ernstliche Widerstreben einer Regierung, noch
des Bundestages herausgefordert haben würde. Sehr zweifelhaft dagegen
konnte den Republikanern des Jahres 1848 das Andere erscheinen, worüber
wir heute Alle einig sind: daß mit Proclamirung der Republik „eine
Periode unabsehbarer Verwirrung auf unbestimmte Zeit über Deutschland
hereinbrechen“ würde. #Wir# haben gewiß Recht in dieser Annahme.
Eine seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen seit Jahrtausenden stetig
und ohne Unterbrechung fortgesetzte monarchische Staatsentwickelung
läßt sich von heut auf morgen nicht in republikanische Bahnen lenken.
Und diejenigen, welche etwa aus der Geschichte Frankreichs seit 1789
das Gegentheil folgern wollen, mögen sich von dem besten deutschen
Kenner französischer Geschichte und französischer Gesellschaft, Carl
Hillebrand[107], belehren lassen, daß sie irren, daß auch seit der
großen Revolution jeder Herrscher Frankreichs vom ersten Consul bis
zum Marschall Mac Mahon ein persönlicher Herrscher gewesen ist und
daß jeder Minister oder Volksmann, der sie dazu zwingen wollte, die
constitutionelle Fiction des unverantwortlichen Staatsoberhauptes
beizubehalten, ohne jeden Aufwand von Zeit beseitigt worden ist.

Aber keine Zeit war weniger geeignet, solchen Erwägungen Raum und
Recht zu geben, als der März des Jahres 1848. Beinahe widerstandslos
hatte überall das alte Regiment, die ganze bis dahin herrschende
Partei und Gesellschaft sich selbst, den Thron, den „Staat“, den sie
zu vertheidigen hatte, den Wogen der Revolution preisgegeben. Daß die
„Revolution vor den Thronen stehen geblieben war,“ erschien als ein
unerklärlicher, vom Standpunkt des Republikaners aus ganz unbegründeter
Act der Gutmüthigkeit. Denn wenn man die Widerstandsfähigkeit der
Monarchie im damaligen Deutschland schätzte nach den Erfahrungen der
jüngsten Wochen, so erschien sie außerordentlich gering. Gerade in
dem größten deutschen Staate, in Preußen, hatte sich der regierende
König so tief erniedrigt, daß der gesundeste Gedanke der Anhänger
einer monarchischen Staatsverfassung für Deutschland: dem König von
Preußen die deutsche Kaiserkrone zu übertragen und ihn an die Spitze
des deutschen Bundesstaates zu stellen, vorläufig einfach unausführbar
war. „Die Person des preußischen Königs ist nicht wieder zu heben,“
schrieb am 26. März die „Deutsche Zeitung“, das Organ jener Partei
in Deutschland, die auf Preußen alle ihre Hoffnungen setzte. Am 28.
März fügte sie hinzu: „Das Odium gegen Preußen ist unglaublich groß
und kann nur durch die Zeit gemindert werden“. Und als dieser Antrag
zum ersten Mal im Parlament auftauchte, wurde er begraben unter dem
Hohngelächter des Hauses und fand bei der Unterstützungsfrage nur die
einzige Stimme des Antragstellers. Auch muß man sich erinnern, wie
unbeliebt die Person des Preußischen Thronfolgers (des heutigen Kaisers
Wilhelm) damals war. Der Prinz war so verhaßt, daß er als Verbannter im
Auslande leben mußte[108]. In Baiern und andern deutschen Staaten hatte
die Krone sich beinahe nicht weniger compromittirt als in Preußen.
Wenn damals selbst die „Deutsche Zeitung“ für Deutschland eher an eine
Verfassung „ähnlich der nordamerikanischen“, als an einen monarchischen
Bundesstaat dachte, so wird man den Männern, welche damals die Republik
in Deutschland für erreichbar hielten, weder die politische Einsicht
noch namentlich den Patriotismus absprechen dürfen. Sehr viele dieser
republikanisch-gesinnten Abgeordneten, und zwar selbst von denen, die
damals die Republik auch um den Preis eines Bürgerkrieges anstrebten
-- denn das war doch eigentlich das Programm jener äußersten Linken
des Frankfurter (Vorparlaments und) Parlaments, die auch Robert Blum
einen Reactionär schalt -- haben später die schönsten Beweise ihrer
gut nationalen Gesinnung gegeben. Ich erinnere nur an Arnold Ruge,
Friedrich Kapp, Johann Jacoby (bis 1860), selbst Hecker; von den
Jüngeren, wie Ludw. Bamberger und Miquèl ganz zu geschweigen, die Beide
sich damals bereit hielten, jeden Augenblick das reactionäre Parlament,
einschließlich Robert Blum's und seiner Freunde, von Heidelberg und
Mainz aus mit Krieg zu überziehen[109].

Diese Sättigung der damaligen politischen Luft mit republikanischem
Lebensstoff ließe sich noch aus tausend andern unverwerflichen
Zeugnissen jener Tage darthun. Erzählt doch selbst Biedermann, der
in seinem Wahlkreise gegen Robert Blum gewählt wurde, daß ihm seine
nach damaligen Begriffen conservativen Wähler, als er sich Anfang Mai
von ihnen verabschiedete, als letztes Wort noch in den Eisenbahnwagen
nachriefen: „Bringen Sie uns nur um Gottes Willen keinen Kaiser
mit!“[110] Und derselbe maßvolle Politiker schreibt wenige Seiten
vorher[111]: „Zunächst vergesse man nicht, daß in der Zeit, wo das
Vorparlament und der Fünfziger-Ausschuß tagten, ja auch noch als
das Parlament zusammentrat, #beinahe alle gewohnte Autorität in
Deutschland, selbst in den größeren Staaten gänzlich geschwunden war.
Die einzige noch existirende Autorität war damals bei den frei aus dem
Volke hervorgegangenen Gewalten.#“

Daß Robert Blum, als er nach Frankfurt gekommen, die Republik in
Deutschland für erreichbar hielt und darauf hinarbeitete, kann ihm
daher an sich weder den Vorwurf mangelnder politischer Einsicht
noch den Tadel undeutscher Gesinnung zuziehen. Er theilte mit
Hunderttausenden seiner Mitbürger einen Irrthum, den er schwerer
als Alle gebüßt hat. Aber er unterschied sich zu seinem Vortheil
von Tausenden dieser Mitbürger und einer großen Anzahl seiner
Meinungsgenossen im Vorparlament und Parlament dadurch, daß er die
Verwirklichung seines Ideals, der deutschen Republik, #nur auf
gesetzlichem Boden#, d. h. dem einzigen gesetzlichen Boden, der damals
noch vorhanden war, #durch den Beschluß der Nationalversammlung selbst
erstrebte, dagegen jede bewaffnete Erhebung mißbilligte, welche
versuchte, außerhalb des Parlaments auf dem Wege der Gewalt die
republikanische Staatsform zu erzwingen#. Diese eine Thatsache sollte
man ihm vor Allem nicht vergessen. Von jenen Apriltagen an, da Struve
und Hecker das Banner der Revolution im Badischen Seekreis und im
oberrheinischen Schwarzwald erhoben, bis zu jenem letzten fluchwürdigen
Angriff auf die Freiheit und Selbständigkeit der Deutschen
Nationalversammlung in den Frankfurter Septembertagen hat Robert Blum
seine Stimme und seinen Einfluß jedesmal #gegen# die Friedensstörer
erhoben, die unter dem Namen der Freiheit ihren souverainen Willen
durchzusetzen suchten. Jedermann kann ermessen, wieviel gefährlicher
und ausgedehnter jene revolutionären Schilderhebungen geworden wären,
wie weite Kreise des Volkes sie ergriffen hätten, wenn Robert Blum
seinen Einfluß bei den Massen und im Parlament für die Revolution
verwandt hätte, statt #gegen# sie. Diesem seinem maßvollen und loyalen
Verhalten dankte er zumeist den Verlust des Gutes, das er in größter
Fülle sein eigen nannte, der Gunst und Liebe der Massen.

Schwerer als der Tadel, daß Robert Blum und seine Freunde von Anbeginn
ihres parlamentarischen Wirkens an republikanischen Plänen nachhingen,
wiegt gewiß der andere Vorwurf: daß es die Pflicht der Frankfurter
Linken gewesen sei, von ihrer republikanischen Herzensneigung
abzulassen und den Boden einer Vereinigung auf monarchischer
Verfassungsgrundlage zu suchen, sobald die Linke erkennen mußte, daß
die große Mehrheit des Vorparlamentes, des Fünfziger-Ausschusses
und des Frankfurter Parlamentes niemals eine republikanische
Staatsverfassung für Deutschland beschließen würde, vielmehr durchaus
monarchisch gesinnt sei. Indessen auch dieser Vorwurf wird doctrinär
vom Standpunkt unsrer völlig veränderten heutigen Staatsverhältnisse
aus erhoben, er vermischt mindestens Wahres mit Falschem.

Gegründet ist an diesem Vorwurf, daß die Linke fast während ihrer
ganzen politischen Wirksamkeit sich nicht in die Rolle einer
parlamentarischen Minderheit zu schicken vermochte, immer wieder die
Prätension erhob, daß ihre Meinung die des wahren Volkes, des Volkes
schlechtweg sei, während die Mehrheit nur die Meinung der durch die
Revolution ausrangirten Regierungsunfähigkeit vertrete. Dieser Anspruch
war ebenso anmaßend als lächerlich. Niemals ist der Radicalismus
wohlfeiler und müheloser zu parlamentarischem Wirken gekommen, als im
Vorparlament. Wer nur irgendwie sich jemals mit Politik in Deutschland
befaßt hatte und sich nur des geringsten öffentlichen Vertrauens
erfreute, konnte sich von irgendwem ein Mandat zum Vorparlament geben
lassen und war sicher, daß man seine Legitimation gelten ließ. Es
kann auch durchaus nicht behauptet werden, daß der Radicalismus sich
dieser glücklichen Lage allzu verschämt bedient hätte. Es genügt hier
zum Beweise, auf die offiziellen Abstimmungslisten des Vorparlaments
zu verweisen[112]. Daraus ersieht man zugleich, wie viele Sitze des
Vorparlaments einige der Länder und Ländchen für sich in Anspruch
nahmen, die dem Radicalismus besonders zugänglich waren. Auch die
Wahlen zum Deutschen Parlament brachten die Meinung des „Volkes“ zum
denkbar freiesten Ausdruck. Auf 50,000 Seelen wurde ein Abgeordneter
gewählt; jeder volljährige selbständige Staatsangehörige war wahlfähig
und wählbar[113]. Selbst die „politischen Flüchtlinge, die nach
Deutschland zurückkehrten und ihr Staatsbürgerrecht wieder antraten,“
sollten wahlberechtigt und wählbar sein[114]. Zudem fanden die Wahlen
so bald nach den Revolutionswochen statt, daß die monarchischen
Parteien in vielen Ländern Deutschlands eben so wenig, als wie das
oben für das Königreich Sachsen nachgewiesen wurde, sich bereits fest
und thatkräftig aneinandergeschlossen hatten. Am wenigsten konnte etwa
bei den Parlamentswahlen irgendwo von Entfaltung eines übermächtigen
Regierungseinflusses die Rede sein. Die Mehrheit des Parlaments wie
des Vorparlaments war daher mit ihrer monarchischen Tendenz gewiß
der wahre Ausdruck der großen Mehrheit des Deutschen Volkes. Auch
hat Robert Blum für seine Person im Vorparlament sowohl, als später
im August vor seinen Wählern in Leipzig in seiner Schützenhausrede
die Unterwerfung unter den Willen der Mehrheit für die oberste
Pflicht jeder parlamentarischen Partei und für die Vorbedingung jeder
parlamentarischen Thätigkeit erklärt. Gleichwohl hat er geschehen
lassen, daß in seiner Presse (in den Vaterlandsblättern und der von
ihm in Frankfurt gegründeten und herausgegebenen Reichstagszeitung)
die „Mehrheit“ fort und fort als im Widerspruch mit der Volksmeinung
stehend angegriffen und verleumdet wurde, und auch durch seine ganze
Privatcorrespondenz zieht sich derselbe völlig unbegründete Vorwurf,
die beinahe kindliche Hoffnung, das „Volk“ würde sich demnächst mit
Entrüstung in einer feierlichen Form von der Mehrheit des Parlaments
lossagen und insgesammt der Linken zukehren. Der Zeitpunkt, wann dieses
Pronunciamento eintreten müsse, wird von Blum Anfangs auf den Sommer,
dann auf den Herbst oder Winter, dann auf das kommende Frühjahr (1849)
angesagt -- deutlich verräth dieses haltlose Prophezeihen die Schwäche
der Stellung des sonst so klaren Mannes.

Dagegen erscheint das Verlangen, die Linke hätte sich im Wege des
Compromisses oder sonstwie dem Standpunkt der monarchischen Rechten
schon im Vorparlament oder doch in den ersten Monaten der Thätigkeit
der Deutschen Nationalversammlung annähern und unterwerfen sollen,
absolut ungerecht, weil damals unausführbar. Die siegreiche Mehrheit
war in sich selbst über die wichtigsten Fragen noch keineswegs einig;
am wenigsten über die allerwichtigste, die Grundzüge der künftigen
Staatsverfassung Deutschlands, so daß selbst noch 1849 bei der
entscheidenden Abstimmung über das erbliche preußische Kaiserthum nur
eine Majorität von #vier# Stimmen, und zwar von vier österreichischen
Stimmen, sich für das preußische Kaiserthum erklärte[115]. Aber
neben dieser sehr schwer wiegenden sachlichen Unmöglichkeit einer
Verschmelzung der beiden großen Hälften des Frankfurter Parlamentes,
waren auch persönliche Hindernisse vorhanden, die wohl zu würdigen
sind. Wie in Sachsen seit den Augustereignissen des Jahres 1845 die
gemäßigt liberalen Elemente sich von den radicalen unter Blum's
Führung mehr und mehr geschieden hatten, wie sie nur in den ersten
Wochen nach der Revolution durch den Drang der Noth wieder vereinigt
waren und Schulter an Schulter den Sturz des alten Systems gemeinsam
erzwungen hatten, dann aber sofort der alte Zwiespalt unter ihnen
wieder hervortrat, so hatten die Märzwochen auch in Süddeutschland
überall eine tiefe Spaltung zwischen denselben Parteistandpunkten
vollzogen. Für Blum war der Anblick überaus befremdend, daß er Männer
wie Welcker, Mathy, v. Soiron, Bassermann &c., mit denen er bis dahin
theilweise in vertrautem Briefwechsel gestanden[116], Männer, die Blum
insgesammt noch 1845 in begeisterten Ausdrücken für sein Verhalten
während der Augusttage belobt hatten, mit einem Male im Lager und als
Wortführer seiner Gegner fand. Zudem hat der alte verschlagene Itzstein
gewiß nicht ermangelt, die Abneigung Blum's gegen diese früheren
Freunde dadurch künstlich zu steigern, daß er Blum diese Männer in den
schwärzesten Farben als Verräther an der Sache des Volkes brandmarkte.
Bald äußert sich der Schmerz über diese Wahrnehmung bei Blum in der
Form tiefster Verachtung der einstigen Kampfgenossen: „diese Lumpen,
die jahrelang als freisinnig und entschieden galten, die man verehrte,
sie sind jetzt Stillstands- und Rückschrittsmenschen“, schreibt er
am 3. Mai seiner Frau. „Die Tyrannei ist überwunden, aber dieses
feige Geschlecht stellt sich in den Weg auf der Bahn zur Freiheit.
Wir könnten Deutschland regieren“ (im Fünfzigerausschuß) „und dieses
Volk ist zu erbärmlich, die losen Zügel zu ergreifen, ja hält die
Andern noch davon ab“. Es war rein unmöglich, daß Männer zusammengehen
sollten, die so übereinander dachten, schrieben[117]. Es gehörte ein
längeres gemeinsames Arbeiten im Dienste des Vaterlandes dazu -- ein
längeres, als es Blum zu erleben beschieden war -- um zunächst eine
gerechtere gegenseitige Würdigung zu erzeugen und dadurch den Boden für
ein compromissarisches Zusammengehen zu schaffen.

Endlich kam aber zu diesen persönlichen Verstimmungen auch eine
Verschiedenheit der Stellung beider Parteien den Regierungen gegenüber,
welche vorläufig eine Annäherung ihrer Ansichten unmöglich machte. Die
Linke hatte #einen# unleugbaren Vorzug vor der Mehrheit des Parlaments:
sie stand den Regierungen ganz frei, kritisch und sogar mißtrauisch
gegenüber. Jede Handlung des reactionären Particularismus, welche die
Souverainetät der deutschen Nationalversammlung verkümmern könnte, fand
in den ersten Monaten an der Linken zu Frankfurt die unerbittlichste
Richterin. Jede Regung des monarchischen Bewußtseins überwachte sie mit
Argusaugen. Die Erstarkung reactionärer, der #nationalen# Entwickelung
feindseliger Pläne wies sie schon bei deren erstem Auftauchen klar
und bestimmt nach und verlangte deren Vereitelung, woher sie immer
kamen. In der Mehrheit des Frankfurter Parlamentes waren dagegen gerade
den weitest Denkenden, den mit den maßgebenden Regierungskreisen
Preußens u. s. w. am engsten Vertrauten, die Hände in dieser Hinsicht
gebunden. Sie konnten nicht die Krone brüskiren, die sie im Stillen
zur Deutschen Kaiserkrone zu erhöhen gedachten. Ein ähnlicher Unstern
waltete damals über Deutschland, wie in der Conflictszeit von 1863 an.
Niemand wird das Verhalten des damaligen preuß. Abgeordnetenhauses
gerecht beurtheilen allein nach dem Standpunkte von heute, da wir
wissen, welche Pläne Bismarck mit der Militairreorganisation verfolgte.
Noch viel weniger aber darf das Verhalten der Linken des Frankfurter
Parlaments beurtheilt werden nach den Kenntnissen, die wir heute
von der geheimen Correspondenz zwischen den Führern der Frankfurter
Mehrheit mit Bunsen, Stockmar, Radowitz, König Friedrich Wilhelm IV.,
Prinz Wilhelm, Prinz Albert, und zwischen Bunsen und Friedrich Wilhelm
IV., Stockmar und Prinz Albert, König Leopold u. s. w. -- besitzen. Und
wenn die Linke selbst diese Kenntniß damals besessen hätte -- wäre ihr
Verhalten nicht wenigstens zum Theil gerechtfertigt, wenn sie z. B. den
Brief gekannt hätte, den König Friedrich Wilhelm IV., der projectirte
Deutsche Kaiser, am 13. December 1848 an Bunsen schrieb? „#Die# Krone
ist erstlich keine Krone. Die Krone, die ein Hohenzoller nehmen
dürfte, #wenn# die Umstände es möglich machen #könnten#, ist keine,
die eine, wenn auch mit fürstlichen Zustimmungen eingesetzte, aber
in die revolutionäre Saat geschossene Versammlung #macht# (_dans le
genre de la couronne des pavés de Louis Philippe_), sondern eine, die
den Stempel Gottes trägt, die den, dem sie aufgesetzt wird, nach der
heiligen Oelung von „Gottes Gnaden“ macht, weil und wie sie mehr denn
34 Fürsten zu Königen der Deutschen von Gottes Gnaden gemacht hat.
Die Krone, die die Ottonen, die Hohenstaufen, die Habsburger getragen,
kann natürlich ein Hohenzoller tragen; sie ehrt ihn überschwänglich
mit tausendjährigem Glanze. #Die# aber, die Sie meinen, verunehrt
überschwänglich mit ihrem #Ludergeruch# der Revolution von 1848, der
albernsten, dümmsten, schlechtesten, wenn auch Gottlob nicht bösesten
dieses Jahrhunderts. Einen solchen imaginären Reif, aus Dreck und
Letten gebacken, soll ein legitimer König von Gottes Gnaden und nun gar
der König von Preußen sich geben lassen, der den Segen hat, wenn auch
nicht die älteste, doch die edelste Krone, die Niemand gestohlen worden
ist, zu tragen?“

Gewiß haben die edeln Patrioten, die im Frühjahr 1849 den Muth besaßen,
trotz aller Schwächen und Fehler dieses Königs, ihm die deutsche
Kaiserkrone anzubieten, um die Arbeit eines ganzen Jahres, die
Hoffnungen der großen deutschen Erhebung zu retten, das volle Recht
gerade auf die Schwäche und Fehler dieses Königs zu verweisen, wenn man
ihnen #allein# das Scheitern des ganzen Verfassungswerkes beizumessen
versucht. Aber auch Derjenige, der über die Gegner der Erbkaiserpartei,
die Frankfurter Linke, namentlich in ihrem Verhalten vom April bis
October gerecht urtheilen will, muß nachdrücklich hinweisen auf die
Schwächen und Fehler dieses Königs, der eine so spröde Auffassung
seines Königsberufs hatte, der im März das Haupt entblößte vor den
Särgen der Märzgefallenen und bereit war, „Preußen in Deutschland
aufgehen zu lassen“, der Anfang Mai in seinen Briefen an Dahlmann
elegisch von dem „alten Erzhaus Oesterreich“ sprach, das „wieder an die
Spitze Deutschlands gestellt werden müsse“, während er sich mit dem Amt
eines „Erzfeldherrn“ begnügen wolle, der gleichzeitig schrieb: „sollte
das #Volk# sich unterstehen, ihm die Krone anzubieten, so müsse man
mit Kanonenschüssen darauf antworten“, der bei dem Kölner Dombaufest
im August die Deputation des Frankfurter Parlaments daran mahnte, daß
es „noch Fürsten in Deutschland gebe, und daß er einer der ersten
sei“, und dann wieder im September Frankfurt „als Herd der Revolution“
bezeichnete. Kurz, wer gerecht über alle Parteien des Frankfurter
Parlaments urtheilen will, muß berücksichtigen, daß der Kroncandidat
der Kaiserpartei der schwankendste, romantischste, eigenwilligste und
am wenigsten pflichtbewußte König war, der jemals auf dem preußischen
Throne gesessen hat.

Alle diese Erwägungen werden indessen nicht hinreichen, das tiefe
Bedauern darüber zu beseitigen, daß Robert Blum den politischen
Standpunkt in Frankfurt einnahm, auf den er, besonders in der
Nationalversammlung, sich stellte. Denn gewiß ist die Frage
gerechtfertigt, ob nicht der Ausgang der deutschen Bewegung von 1848
ein für die ganze Nation günstigerer gewesen wäre, wenn Robert Blum mit
seinem Talent, seinem Einfluß und seinem Anhang im deutschen Parlament
jene vermittelnde Rolle weiter gespielt hätte, die er im Vorparlament
mit Glück und Erfolg übernahm, und die erst lange nach seinem Tode
sein treuer Freund Heinrich Simon im Parlament wieder aufnahm. Doch
abgesehen von dieser Frage der Conjecturalpolitik muß selbst Derjenige,
der Robert Blum am pietätvollsten und mildesten beurtheilt, auch aus
persönlichen Gründen jenes Bedauern äußern. Denn durch die Festhaltung
jenes politischen Standpunktes geräth der Charakter des Führers
der Frankfurter Linken in jenes schillernde und schwankende Licht,
in dem seine Gegner ihn bisher am liebsten vorgeführt haben. Der
Mann, der es mit Deutschlands Größe und Einheit gewiß so tief ernst
meinte, wie irgendwer in Frankfurt, greift zur Verwirklichung seines
republikanisch-demokratischen Ideals schließlich zu dem verwerflichen
Versuche, den Particularismus radical-demokratischer Einzellandtage
zu entfesseln gegen das Verfassungswerk der monarchischen Mehrheit
des Frankfurter Parlaments. Er, dessen Wort und Wille daheim wie in
weiten Kreisen des deutschen Volkes im März und April 1848 am meisten
galt, muß schon im September 1848 erkennen, daß die Grundvesten seines
politischen Wirkens daheim wie in Frankfurt durch seine eigene Haltung
vollständig unterwühlt sind und die Erkenntniß dieser Unhaltbarkeit
seiner Stellung reift den Entschluß zu jener unseligen Reise nach Wien,
in dessen verworrener Bewegung der klare Mann unverdient plötzlich
seinen Tod findet.

Wenn man daher auch tief beklagen muß, daß Robert Blum seine Thätigkeit
im Deutschen Parlamente nach einem von Haus aus unerreichbaren Ziele
richtete, so erscheint andererseits sein Charakterbild auf diesem
Höhepunkt seines politischen Wirkens in edelster Reinheit und Größe.
Voll entfaltete sich hier sein hohes natürliches Talent. Er war der
anerkannte Führer der Linken. Auch die Gegner waren bezaubert von
der gewaltigen Macht seiner Reden. Sie sind getragen von tiefster,
innerlichster Ueberzeugung. Sein monatelanges Wirken in Frankfurt war
aber auch ein Beispiel von Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes,
eine so hingebende Aufopferung aller persönlichen Interessen, wie sie
wenige unter den sechshundert Abgeordneten der Paulskirche dargebracht
haben mögen. Denn Blum zog nach Frankfurt ohne irgend nennenswerthe
Mittel, fort von einem kaum gegründeten jungen Geschäft, das ihn und
die Seinen unmöglich schon nähren konnte. Die Abgeordnetendiäten
reichten nicht einmal für ihn allein, geschweige denn für die Seinen.
Unter drückenden Sorgen um's Dasein hat er seine Pflicht für das
Vaterland gethan. Aber er hat sie erfüllt ohne Murren: denn nun waren
die Tage gekommen, die er schon kommen sah, ehe er seinen Herd
begründete, die ihn zu höherem Wirken beriefen, als zur Sorge für
Weib und Kind und Haus. Nur in den vertrauten Briefen an die Gattin
kommen Klagen zum Ausdruck über die schwere Sorge des Daseins, die ihm
beschieden ist zu all den Sorgen und Mühen seiner parlamentarischen
Stellung.

An der Hand dieser allgemeinen Bemerkungen dürfte es leichter sein,
einen Ueberblick und ein Gesammturtheil über Robert Blum's Haltung im
Frankfurter Parlament zu gewinnen.

Auch der gerechte Gegner wird ihm Anerkennung und Lob nicht versagen
können für das, was er im #Vorparlament# und #Fünfzigerausschuß#
geleistet hat.

Niemand wird erwarten, daß hier die Geschichte dieser merkwürdigen
Versammlungen, in der Folge auch des ersten Deutschen Parlamentes
geboten werde. Schon der große Umfang des Stoffes mußte einen solchen
Versuch aus Anlaß der Lebensbeschreibung eines einzelnen Mitkämpfers
verbieten. Auch die Biographen Dahlmann's und Mathy's, Springer und
Freytag, haben sich mit Recht streng an die parlamentarische Thätigkeit
ihrer Helden gehalten. Und selbst Biedermann in seinen „Erinnerungen
aus der Paulskirche“ lehnt bescheiden ab, eine Geschichte der Deutschen
Nationalversammlung bieten zu wollen. Herr Laube übt diese Entsagung
nicht; es war aber auch nicht nöthig, da kein Einsichtiger von ihm ein
geschichtliches Werk erwarten konnte. An Robert Blum's Lebensgeschichte
eine eingehende Darstellung der Arbeit des ersten Deutschen Parlaments
zu knüpfen, wäre um so zweckwidriger, als das Leben des Mannes da
abbricht, wo die Hauptarbeit der Nationalversammlung erst ihren Anfang
nimmt. Es kann sich also in der Folge überall nur darum handeln, Robert
Blum's Antheil und Stellung zu den Aufgaben darzulegen, welche zur
Zeit seines Lebens die Abgeordneten der Deutschen Nation beschäftigten.

Als eine Versammlung, welche trotz der Formlosigkeit ihrer
Zusammensetzung und trotz der Unbestimmtheit ihrer Aufgabe das
ganze und volle Vertrauen des deutschen Volkes besaß, ist gewiß das
Frankfurter #Vorparlament# zu bezeichnen. Von einer Vereinigung von
51 Männern von localer und deutscher Berühmtheit, die am 5. März
in Heidelberg sich versammelt hatten, war das Vorparlament berufen
worden. Den Kern dieser Versammlung hatten die alten Freunde und
Mitverschworenen Blum's von Hattersheim und Mainz gebildet. Ihre
stille, beinahe ein Jahrzehnt im Verborgenen gebliebene Arbeit sollte
nun im hellen Lichte des Tages gethan werden und Früchte bringen. Als
Hauptaufgabe des hier beschlossenen Vorparlaments ward die Berufung
eines Deutschen Parlaments für Anfang Mai, die Vorbereitung der Wahlen
für dasselbe durch einen permanenten Ausschuß des Vorparlaments
bezeichnet. Auch eine neue Verfassung für Deutschland war von dem
Siebener-Ausschuß der Heidelberger Versammlung am 5. März entworfen
worden[118]. Dieser Entwurf sollte die Grundlage der Berathungen des
Vorparlamentes bilden.

Am 31. März trat das Vorparlament in der Paulskirche zu Frankfurt
zusammen. Unter einem wogenden Meer Deutscher Fahnen, durch einen
Wald grünender Freiheitsbäume, überschüttet von Blumen und Kränzen,
schritten die Mitglieder des Vorparlaments, umgeben und geleitet
von Tausenden begeisterter Männer und Frauen, gehobenen Herzens vom
Kaisersaale des Römers aus an ihre Arbeit, in jene Paulskirche, die
fortan fast ein Jahr lang die besten Männer Deutschlands und die
heiligsten Hoffnungen der Nation umschließen sollte.

Schon die Präsidentenwahl sollte Blum's natürliche Fähigkeiten in das
glänzendste Licht stellen. Der ehrwürdige Präsident Mittermaier besaß
nicht einmal die physische Kraft, eine so stürmische und dichtgedrängte
Versammlung -- in der Anfangs nicht einmal an Sitzen zu denken war
-- zu leiten, noch weniger die Ruhe, das Herrscherauge und die
Geistesgegenwart des geborenen Präsidenten. Unter allen Vicepräsidenten
(Dahlmann, Itzstein, S. Jordan, Blum) besaß nur Robert Blum diese
Eigenschaften. Wiederholt hat er durch sein machtvolles Organ und seine
unerschütterliche Ruhe die entfesselten Leidenschaften des „wilden
Parlamentes“ besänftigt und dadurch die Würde der Versammlung gerettet,
als der Präsident das Steuer längst aus den kraftlosen Händen hatte
gleiten lassen.

Vier Sitzungen nur (vom 31. März bis 3. April) hat das Vorparlament
gehalten. Schon in der ersten dieser Sitzungen hat Robert Blum
wiederholt in bedeutsamer Weise in die Verhandlungen eingegriffen.
Er stellte, als er das erste Mal das Wort erbat[119], den Antrag,
den Verfassungsentwurf der Siebener-Commission sowohl als Struve's
Abschaffungs-Antrag, der sofort nach Eröffnung der ersten Sitzung in
die Versammlung geschleudert wurde, als republikanische Gegenverfassung
gegen das monarchische Verfassungsproject der Siebener, an eine
vom Vorparlament zu wählende Commission zu verweisen. Nach der
Stellung, die Blum im ganzen Verlauf des Vorparlaments zu diesem
wahnwitzigen Antrag und seinen Vertheidigern einnahm, kann sein
Vorschlag, die beiden Verfassungsentwürfe, den der Siebener und
den _Tabula-rasa_-Antrag Struve's an eine Commission zu verweisen,
keinen andern Zweck verfolgt haben, als den, die traurige Secession
der äußersten Linken, welche in den folgenden Tagen die Geschichte
des Vorparlaments entstellen sollte, zu vermeiden, und womöglich die
Basis eines Compromisses für alle Vaterlandsfreunde zu finden. Damit
wäre das Größte gewonnen gewesen. Vor Allem war dann das unselige
Streben im Keime erstickt, zu dem Struve und Hecker sich gedrängt
fühlten, als sie im Vorparlament und noch mehr im Fünfzigerausschuß
sich die parlamentarische Arena erschlossen glaubten: der bewaffnete
Aufstand. Auch der Verfasser der Geschichte des Vorparlaments in der
„Gegenwart“[120] (Biedermann?) ist der Ansicht, daß dieser Aufstand
selbst noch am Ende des Vorparlaments durch die Wahl Hecker's und
Struve's in den Fünfzigerausschuß hätte vermieden werden können, sicher
also durch ein Compromiß über ihre Anträge, wenn das Vorparlamen auch
-- wie das später thatsächlich der Fall war[121] -- der künftigen
Deutschen Nationalversammlung die eigentliche Entscheidung über die
verfassungsmäßigen Grundlagen und Grundrechte des Deutschen Staates
überlassen hätte.

Es gehört wirklich die ganze eitle Voreingenommenheit Heinrich
Laube's gegen Robert Blum dazu, um so schiefe Urtheile über Blum und
seine Rolle in dieser Stunde des Vorparlaments zu fällen, wie Laube
gethan[122]. Nicht einmal das Portrait des Mannes, den er verhöhnen
will, ist dabei richtig gezeichnet[123]. Denn Blum war damals, wie
das treue treffliche Oelbild in Lebensgröße, das vor mir hängt,
darthut, der von Laube entworfenen Karikatur so unähnlich wie möglich.
Sein reiches lockiges Haupt- und Barthaar war von bräunlichem Blond,
schön durchgearbeitet die breite Stirn, glänzend und groß das braune
Auge, feingeschnitten der beredte Mund, der über den Lippen keinen
Bart zeigt, die Gesichtsfarbe allerdings von einer von Herrn Laube
begreiflicherweise beneideten Frische der Gesundheit. Schulter und
Brust von einer gewaltigen Kraft zeugend. So sah das Bild des Mannes
aus, das Herr Laube mit seinem feuilletonistischen Stift zu verzerren
suchte[124]. Aber an dieser Karikatur des Aeußern ließ sich dieser
boshafte Stift nicht genügen. So oft Blum im Parlament auftritt, wird
dieser Stift in eine gallige Substanz getaucht und in leidenschaftliche
Bewegung gesetzt, um den Herrn Laube so verhaßten Redner
niederzustrecken, ihm wenigstens einige giftige Stiche zu versetzen.
Unglaublich komisch geberdet sich diese Feder bei ihren Angriffen
auf Blum, ihren Zurechtweisungen. Das Erste, was Herr Laube an Blum
zu tadeln hat, ist seine Gesundheit[125]. Warum wohl? „Wer nicht
fasten, wer nicht warten, wer nicht entsagen kann,“ schreibt Herr Laube
asketisch, „der ist nicht für hohe Ziele geschaffen“. Anfangs ist man
geneigt zu glauben, Herr Laube halte hier ein Selbstgespräch; etwa vom
Standpunkte eines Mannes aus, dem es ärgerlich ist, in ein paar Jahren
als Director des Leipziger Stadttheaters beiläufig eine Million Mark
verdient zu haben und sonst nichts. Aber nichts von Selbsterkenntniß
steckt in diesen Zeilen. Sie sind auf Robert Blum gemünzt; und
geschrieben nicht etwa in der Erregung darüber, daß man Herrn Laube zum
Vorparlament nicht zulassen wollte, sondern „im Winter 1848/49“[126],
#nach# Blum's Tode. Also nachdem Blum auf der Brigittenau verblutet
hatte, setzt sich Herr Laube hin und schreibt, dieser Mann „habe nicht
fasten, nicht warten, nicht entsagen können.“ Es genügt, auf den
Lebenslauf beider Männer zu verweisen, um zu erkennen, #wie# gerecht
dieses Urtheil ist; um zu wissen, welcher von Beiden gefastet, gewartet
und entsagt hat, welcher von Beiden mehr Anlage und Aufopferung zur
Erreichung höherer Ziele besessen. Eines ist dabei noch von besonders
heiterer Wirkung für uns Heutige. Herr Laube, welcher die Schaubühne
heute zur reinen Kunstanstalt erklärt, wenn er sie leitet und dabei
Geld verdient, spricht mit besonderer Verachtung[127] von Blum's
Berührung mit dem Theater: „wie er (Blum), das gründliche Widerspiel
schöner Kunst, dem Theatergeschäfte, dem frivolen! sich hingeben und
die Vergeudung von Zeit und von edeln menschlichen Kräften[128] trocken
berechnen und ordnen muß als Theater-Kassirer“.

Das Zweite, was Herr Laube Blum vorwirft, ist, daß Blum ohne spezielle
Erlaubniß des Herrn Laube sich herausgenommen hat, in dem großen Drama
der Zeit eine andere Rolle zu spielen, als der geniale Dirigent dieses
Schauspiels, Herr Heinrich Laube, ihm zugedacht hatte. Herr Laube
hatte Blum die liebliche Rolle des Kleon, des maßlosen Schreiers,
des Apostels eines bornirten und albernen Klassenhasses zugedacht.
„Er (Blum) wäre ganz (!) und hätte alsdann mit seinen Mitteln eine
gewaltige Wirksamkeit, wenn er, seiner Herkunft gemäß, das Evangelium
für die Dürftigen rücksichtslos ergriffen (!) hätte, ganz als moderner
Bettelmönch“[129]. Statt dessen steht nun auf einmal Robert Blum als
ein maßvoller Patriot, dessen Arbeit dem Wohle des Ganzen gilt, vor
den Augen Herrn Laube's, an der Spitze des Vorparlaments. Eine solche
Vermessenheit ohne Gleichen bedarf der Züchtigung. Sie ist der Anlaß
aller „bösen Zungen“, aller untergeschobenen Motive, welche Herr Laube
gegen Blum aufbietet. Niemand, der sich ernstlich mit der Geschichte
jener Tage beschäftigt, wird von einer andern Schrift über die Zeit
geringer denken, als von derjenigen Herrn Laube's. Deßhalb wird auch in
der Folge von diesem Buche nur die Rede sein, wenn sich darin besonders
treffende Belege finden für die Untauglichkeit des Verfassers zu
geschichtlicher Beurtheilung.

Schon der erste Tag des Parlaments bot Blum, wie oben gesagt wurde,
wiederholt Gelegenheit zur Entfaltung seiner Talente. Vor allem der
Nachmittag. Am Vormittag hatte Carl Vogt durch einen in der Form
untadeligen, dem versteckten Sinne nach aber unerträglichen Angriff auf
den alten Welcker den Präsidenten gezwungen, die Sitzung aufzuheben.
Blum wies beim Wiederzusammentritt der Versammlung Freund und Feind
zurecht wegen solcher Scenen. Und bald darauf noch einmal. Am
Nachmittag verbreitete sich nämlich unter den Abgeordneten plötzlich
die Schreckenskunde, bewaffnete Schaaren seien auf die Kirche in
Anmarsch, in der nächsten Straße habe schon ein Kampf stattgefunden.
Alles rennt in der Kirche durcheinander, jede Ordnung ist aufgelöst.
Wenige Minuten noch, so schreiten die Abgeordneten von bittersten
gegenseitigen Vorwürfen vielleicht zu Tätlichkeiten und -- die Würde
der Versammlung ist für immer dahin! Da tritt Robert Blum auf, seine
Stimme bricht sich Gehör in der meisterlosen, wilderregten Menge.
„Er benutzte die gedoppelte Gelegenheit, um der Versammlung ganz
ordentlich den Text zu lesen. Man nahm es ruhig hin, denn der Mann
hatte Recht“[130]. Er sagte:[131]

  „Lassen Sie uns, verehrte Versammlung, einen Blick zurückwerfen auf
  die drei ersten Stunden unseres Lebens. Wir sind unter Umständen
  auseinander gegangen, welche die gespannte Aufmerksamkeit Europa's,
  die auf diese Versammlung gerichtet ist, wenigstens zu einem
  Kopfschütteln veranlassen wird. Mißverständnisse haben Statt
  gefunden, die beklagenswerth sind. Meine Herren, woher sollen wir
  die Freiheit bekommen, wenn wir sie nicht in unserem engsten Kreise
  uns gegenseitig erhalten. Woher sollen wir die Ruhe bekommen, wenn
  wir in unserem Kreise uns spalten bei dem ersten Zusammensein und
  diese Spaltung soweit treiben, daß es nicht mehr möglich ist, zu
  verhandeln. Wir haben noch keine von den Prinzipienfragen erörtert,
  für die die Menschen in allen Jahrhunderten Gut und Blut und
  Leben hingegeben haben. Es hat sich bisher bei uns nur um Formen
  gehandelt, und diese Formen haben uns in eine Leidenschaft gebracht,
  daß es thatsächlich unmöglich war, zu verhandeln. O, meine Herren,
  mögen wir doch daran denken, daß die Augen des gesammten Europa
  auf uns gerichtet sind, daß wir die erste Versammlung sind, die
  durch ihre That wie durch ihre Haltung aussprechen muß: Sehet,
  das deutsche Volk, das ihr so lange zurückgesetzt habet gegen
  andere Völker, beweist auch in seinen ersten Vertretern, daß es
  so entschlossen, so würdig, so ernst, so ruhig ist, wie irgend
  Jemand, der seit Jahrhunderten sich des kostbaren Gutes der freien
  Erörterung erfreut hat. Fragen Sie sich selbst, meine Herren,
  wenn die Zeitungen berichten über die Nothwendigkeit, die heutige
  Verhandlung aufzuheben, was das für einen Eindruck machen wird?
  Glauben Sie, daß dies geeignet wäre, das Vertrauen des Volkes auf uns
  zu stärken? Und fragen Sie sich selbst, wenn wir in dieser schroffen
  Gegenüberstellung zu einander stehen, was soll dann daraus werden?
  Der Wille des Volkes, seine Wünsche, sein Verlangen ist das einzige
  Mandat, das wir haben. Die da draußen stehen, stehen hinter uns
  Allen, wenn wir einig sind und die Discussion so leiten, daß wir ein
  Ganzes sind. Es stehen hinter uns Parteien, sobald wir uns selbst
  spalten in unserem Innern, und wohin es führt, wenn die Parteien sich
  in der gegenwärtigen Zeit so schroff gegenüber stehen, das brauche
  ich Ihnen nicht zu sagen. Was wir hier tumultuarisch ausmachen
  oder nicht ausmachen, es wird draußen nicht mit Geschrei, es wird
  mit der Faust, und wenn es sein muß, mit den Waffen ausgemacht.
  Meine Herren, unser heiligster Beruf ist es, unserem Volk einen
  Begriff zu geben von der Würde und Größe der Volksvertreter, und
  in diesem Bewußtsein können wir uns so stolz erheben, wie nie eine
  andere Versammlung; denn es wird kein Unfriede kommen, wo sich die
  Liebe und Verehrung und das Vertrauen des Volkes so überzeugend,
  so hinreißend ausgesprochen hat, wie bei uns. Lassen Sie uns dem
  ganzen Volke vorangehen in dieser ernsten und großen Zeit in einer
  würdigen Haltung. Wir können es, sobald wir uns Alle zur Pflicht
  machen, unseren Willen nie durch einen Ausruf, sondern stets auf
  dem parlamentarischen Wege geltend zu machen. Wir wollen das
  Gesetz zuerst achten, das wir selbst geschaffen haben, dem wir uns
  freiwillig unterwerfen. Thun wir das, meine Herren, dann werden nicht
  allein die Herzen unseres Volkes uns entgegenschlagen, sondern auch
  die anderen Völker werden ihre Arme mit Bruderliebe ausstrecken nach
  den bisher verschmähten und verachteten Deutschen und werden in der
  ersten Vertretung, die hier zu Stande gekommen ist, die mündigen, die
  wahrhaften Männer begrüßen, die der Freiheit ebenso fähig sind, als
  sie sich ihrer werth zeigen.“ (Allgemeiner Beifall.)

Und aus Anlaß der allgemeinen Erregung über die Straßenscene sagte er:

  „Darf ich, weil ich gerade im Besitze des Wortes bin, noch etwas
  Allgemeines sagen, so bitte ich, lassen Sie, meine Herren, das
  Beispiel, das vor wenigen Augenblicken Statt gefunden hat, das letzte
  sein. Wäre die Kunde, die vor wenigen Augenblicken hierher gelangt
  ist, wahr gewesen, dann durften wir uns nicht in unserer Berathung
  stören lassen. Es ist nicht unsere Aufgabe, einen Straßenauflauf zu
  dämpfen. Gleichwie der römische Senat fest gesessen hat, als der
  Feind vor dem Thore Roms erschien, müssen auch wir unserer Aufgabe
  genügen, selbst wenn der Tumult bis zu unserer Thüre gelangt wäre.
  Er hätte zerschellen müssen an unserer Festigkeit. Meine Herren!
  Wenn die Kunde wahr gewesen wäre, ich frage Sie, wäre auch nur die
  Möglichkeit gewesen, Etwas zur Besänftigung zu thun? Wenn je dieser
  Fall wiederkehren sollte, lassen Sie deßhalb keinen Laut über Ihre
  Lippen gehen, sondern bleiben Sie sitzen und beschließen Sie, was
  Sie für nöthig halten. Sodann habe ich noch eine Bitte zu thun in
  Beziehung auf unseren Präsidenten, es ist die freundliche Bitte
  an die Zuhörer. Es ist nicht möglich bei dieser Art und Weise der
  Berathung, die Funktionen des Präsidiums auszuüben. Der Präsident
  mag sein, wer er will. Wir morden den Präsidenten, wenn wir so
  fortfahren. Zudem erheischt die Feierlichkeit der Versammlung
  eine gute Stimmung. Sie ist eine gute, aber sie kann auch eine
  böse werden. Wir ehren die Frankfurter Einwohnerschaft, die uns
  auf eine so ergreifende Weise begrüßt hat. Allein die Meinung
  der Frankfurter Einwohnerschaft kann unsere Beschlüsse nicht
  bestimmen, sie kann nicht mitberathen, nicht mitstimmen, sei es auch
  nur durch Beifallsbezeigungen. Ich bin überzeugt, daß es an die
  Frankfurter Bewohner nur der eindringlichen Bitte bedarf, sich der
  Beifallsbezeigung zu enthalten. Wir wollen den Beifall nicht. Wir
  sind nicht im Stande zu discutiren, wenn keine Redefreiheit vorhanden
  ist[132].“

Verhältnismäßig ruhig verliefen die weiteren Debatten des Vorparlaments
über den Wahlmodus des künftigen Parlaments an den ersten beiden Tagen.
Blum trat für directe Wahlen ein, blieb aber mit 194 gegen 317 Stimmen
in der Minderheit. Dagegen ward der andere von ihm unterstützte
Vorschlag, schon auf 50,000 statt auf 70,000 Seelen einen Abgeordneten
zu wählen, mit großer Mehrheit angenommen.

Sofort gerieth aber das Vorparlament wieder in wilde Gährung, als
am Nachmittag des zweiten Tages (1. April) die Frage zur Debatte
gelangte, ob das Vorparlament sich bis zum Zusammentritt der Deutschen
Nationalversammlung permanent erklären solle oder nicht. Für eine
Art von Permanenz, d. h. für die Wahl eines starken Ausschusses (von
fünfzig Mitgliedern) der Versammlung, der bis zum Zusammentritt
des Parlaments die Beschlüsse der Versammlung ausführe und deren
Vollziehung durch die Regierung überwache, mit dem Bundestag und den
siebenzehn Vertrauensmännern, welche der Bundestag sich zugelegt,
verhandle u. s. w. -- für diese Art von Permanenz waren Alle. Dagegen
trat die Linke der Versammlung von Struve bis Blum für die Permanenz
des vollen Vorparlaments ein. Ihre Gründe waren freilich sehr
verschieden. „Wir müssen in diesem Augenblicke der Machtlosigkeit und
Auflösung des Deutschen Bundes und der Deutschen Regierungen, der
Nation als Gesammtbürgen gegenüber stehen“, rief Hecker und führte
dann aus, das alle deutsche Staatsmacht, einschließlich derjenigen
Preußens, ohnmächtig sei. „Geschäftsführer der deutschen Nation, seid
permanent, wir erwarten es von Euch und nichts Anderes als Permanenz“,
schloß er. „Die alte Autorität ist eine Leiche“, rief Struve später in
Gagern's Rede hinein. Damit war deutlich gesagt, wohin die äußerste
Linke, die schon am Schlusse des Struve'schen „Abschaffungs“-Antrages
„die Aufhebung der erblichen Monarchie und Ersetzung derselben
durch freigewählte Parlamente“ als ihr Ziel hingestellt, mit der
Permanenzerklärung strebte: die alte Autorität war eine Leiche, das
Vorparlament das einzige lebendige Rechtswesen der Gegenwart --
es sollte die Macht allein erfassen und festhalten. Damit war „die
Aufhebung der erblichen Monarchie“ von selbst gegeben.

Von anderen Gesichtspunkten gingen Blum und seine Freunde bei
Unterstützung des Permanenzverlangens aus. Sie wollten nicht den
deutschen Zukunftsstaat durch das permanente Vorparlament fertig machen
lassen. Aber sie mißtrauten den bestehenden Gewalten und deren gutem
Willen, die Beschlüsse des Vorparlaments auszuführen. Sie hielten
die Autorität eines Ausschusses nicht kräftig genug. Sie glaubten,
der Nachdruck der ganzen geschlossenen Versammlung müsse hinter den
Beschlüssen des Vorparlaments stehen bleiben, bis sie durchgeführt
seien. Sie meinten aber auch, jeder Tag könne im Innern oder von Außen
Ereignisse über Deutschland bringen, denen gegenüber ein Ausschuß
der Versammlung gewissermaßen ohne Instruction und Vollmacht sei.
Diese Gedanken sprach Raveaux am deutlichsten aus: „Sie sind eine
revolutionäre Versammlung. Wir wissen nicht, was der nächste Tag
bringt; so müssen wir hier stets bereit sein; wir stehen an der Spitze
des Volkes, wir selbst haben uns nicht dahin gestellt“ u. s. w.

Den Gegnern war nicht zu verargen, daß sie in dieser Frage alle
Anhänger der Permanenz nach den Absichten beurtheilten, welche Hecker
und Struve verfolgten und deßhalb sich schlechthin unnachgiebig
zeigten. Heckscher sprach das offen aus: „Die Permanenzerklärung
dieser Versammlung wäre eine Permanenzerklärung der Anarchie und
der Besorgniß in ganz Deutschland. Stoßen Sie nicht die letzte
Autorität (des Bundestags) vollends um, thun Sie vielmehr Alles, um
sie aufrecht zu erhalten.“ Heckscher hätte wohl besser gesagt: „des
Bundes“ statt „des Bundestags“. Gagern betonte mit Nachdruck diesen
Gegensatz: „Sie müssen wünschen, daß der #Bund# eine Wahrheit werde,
das kann er nur durch die Wahl der Personen, die ihm wieder Vertrauen
verschaffen. Man muß nicht vernichten, sondern aufbauen“. Doch auch
Gagern sprach nicht von einer endgültigen Beseitigung des Bundestags,
glaubte durch das öffentliche Vertrauen ihn wieder beleben zu können.
Als dann unmittelbar nach Gagern's Rede, trotz Blum's Widerspruch,
abgestimmt und die Permanenz mit 368 gegen 143 Stimmen abgelehnt
wurde, da hafteten die Worte, welche über die Wiederbelebung des
Bundestags vernommen worden waren, weit schmerzlicher im Gedächtniß der
Unterlegenen, als der Eindruck, daß sie in der Permanenzfrage besiegt
seien.

Und sehr geschickt wurde dieser große Fehler der Redner der Mehrheit
von den verzweifelten Gesellen der Minderheit benutzt, um auch die
klügsten und bedächtigsten Genossen, wie Robert Blum, zu einem
Ultimatum gegen die Majorität fortzureißen. Die siegreiche Mehrheit
hatte am Bundestag festgehalten. Gelang es, sie in den Augen des Volkes
mit dem Bundestag zu identifiziren, so war die Mehrheit trotz aller
Siege in der Paulskirche doch politisch fortan unmöglich. Deßhalb
ließ die Minderheit am nächsten Tag (2. April) durch Zitz von Mainz
einen Antrag einbringen: „Die Bundesversammlung möge, bevor sie die
Gründung einer Deutschen Nationalversammlung in die Hand nimmt, sich
von den verfassungswidrigen Ausnahmebeschlüssen lossagen und die Männer
aus ihrem Schooß entfernen, welche zur Hervorrufung und Ausführung
derselben mitgewirkt haben“. Durch öffentlichen Mauerschlag ließen
Hecker und Struve bekannt machen, daß die Unterzeichner des Antrags
aus dem Vorparlament austreten würden, wenn dieser nicht durchgehe.
Zu diesen Unterzeichnern gehörte auch Robert Blum. Doch ihm selbst
überraschend kam dieser Maueranschlag. Treffend enthüllte Bassermann
die tiefsten Gedanken der eigentlichen Urheber des Antrags Zitz:
Der Antrag, nicht eher zu wählen, bis der ganze Bundestag regenerirt
sei, komme nur auf eine andere Art von Permanenz hinaus. Deßhalb
setzte Bassermann mit glücklichem Instinct „indem“ statt „bevor“, eine
sittliche und logische Voraussetzung statt einer Zeitbestimmung. Wer
mochte an der Redlichkeit dieses Patriotismus zweifeln, da Welcker,
Uhland, Venedey sich auf Bassermann's Seite schlugen? Blum stimmte
mit Zitz, da er einmal seinen Namen unter den Antrag gesetzt. Aber im
Voraus erklärte er seine Unterordnung unter den Willen der Mehrheit.
Er sagte: „Ich werde für die schärfere Fassung stimmen, aber wenn
ich sie fallen sehe, ehre ich die Mehrheit“[133]. Die große Mehrheit
stimmte für Bassermann. In der Hauptsache wollten ja doch beide Anträge
dasselbe: der radicale Bruch mit der bundestäglichen Vergangenheit war
auch durch Annahme des Antrags Bassermann vollzogen.

Gleichwohl erhob sich plötzlich Hecker mit etwa vierzig seiner Getreuen
und verließ den Saal. Eine tiefe Bewegung und Entrüstung bemächtigte
sich der Versammlung. Wieder war es Raveaux, der die schöne Losung
an den besonnenen Theil der Minderheit ausgab: „Ich halte gerade
Denjenigen für den freisinnigsten Mann, der seine individuelle Ansicht
der Mehrheit unterwirft.“ Blum, Jacoby, Wesendonck, die Sachsen u. s.
w., im Ganzen 63 Abgeordnete, gaben ihre Zustimmung zu dieser Erklärung
zu Protokoll. Robert Blum erklärte noch besonders: daß der Protest
der Minderheit, der im Voraus für den Fall der Ablehnung des Antrags
Zitz vorbereitet worden, sich erledigt habe, weil dieser Antrag mit
einer Aenderung angenommen worden sei, „die das noch enthält, was wir
wollten“[134].

Das war die That eines wahren Demokraten im besten Sinne des Wortes,
die tüchtigste Leistung Blum's im Vorparlament. Rasch und klar hatte
er bei dem Austritt der Vierzig die Stellung genommen, die er schon
im Voraus angekündigt hatte, „die Mehrheit zu ehren“, wenn er in der
Minderheit bleiben sollte. Herr Laube natürlich kennt diese offiziell
beglaubigten Worte nicht. Er baut ungestört seinen Feuilleton-Kohl,
indem er Blum schwankende Unentschiedenheit während des Austritts der
Intransigenten und unmittelbar darauf die diplomatische Gewandtheit
eines Talleyrand in seiner Erklärung beimißt.

Alles bot Blum auf, um die Ausgetretenen zum Wiedererscheinen im
Saal zu bewegen. Schon vor ihrer Entfernung hatte er Namens des
Bureau die Erklärung abgegeben, daß die Mehrheit des Bureaus der
Ansicht sei, bei den Wahlen zum Fünfzigerausschusses werde „Jeder
darauf Rücksicht nehmen, daß die verschiedenen Provinzen und mit
ihnen die verschiedenen Interessen des Vaterlandes vertreten sind“.
Daß darunter auch zu verstehen sei: die verschiedenen Parteien
des Hauses, daß keine Richtung im Fünfzigerausschuß unvertreten
sein sollte, lag auf der Hand. Es wurde aber auch in der letzten
Sitzung (vom dritten April) ausdrücklich ausgesprochen. Man wollte,
falls die Ausgetretenen zurückkehrten, ihnen noch jetzt Sitze im
Fünfzigerausschuß offen halten. Deßhalb sollte es jedem Abgeordneten
freistehen, bis 1 Uhr Nachmittags seinen Stimmzettel zurückzunehmen
und anders zu beschreiben. Brockhaus gab die ehrenhafte Erklärung
ab, daß er „Mehre jener Herren, welche den Saal gestern verließen,
bereits gewählt habe, weil alle Parteien im Ausschuß vertreten sein
müssen“[135]. Da inzwischen auch der Bundestag mit würdeloser Eile „die
gedachten beanstandeten Ausnahmegesetze und Beschlüsse für sämmtliche
Bundesstaaten aufgehoben“ und dem Präsidenten erklärt hatte, „daß
diejenigen Gesandten, welche fühlen, der gestern vom Vorparlament
gefaßte Beschluß könnte auf sie bezogen werden, ihre Entlassung bereits
eingereicht haben oder jetzt unverzüglich einreichen werden“, kehrte
die ausgetretene Minderheit in den Saal zurück und berieth hier wieder
mit bis zu Ende. Doch konnte sich die Mehrheit nicht dazu aufraffen,
irgend Einen von ihnen in den Fünfzigerausschuß zu wählen -- ein
schwerer Fehler, wie schon oben bemerkt wurde. Durch ihre Ausschließung
vom Fünfzigerausschuß wurden Hecker und Struve zum bewaffneten Aufstand
gedrängt.

       *       *       *       *       *

Blum wurde nächst Wiesner und Itzstein mit den meisten Stimmen (435) in
den Fünfzigerausschuß gewählt.

       *       *       *       *       *

In völliger Eintracht der Gesinnung berieth die Linke und die
liberale Mehrheit die #letzte#, die wichtigste Frage, welche
das Vorparlament beschäftigte: die Befugnisse der künftigen
constituirenden Nationalversammlung Deutschlands. In dieser Frage
war das Vorparlament am Ende seiner Berathungen fast einstimmig
zu der entgegengesetzten Auffassung gelangt, von welcher seine
Berathungen ausgegangen waren. Ursprünglich wollte der Entwurf
der Siebener die Grundzüge der Verfassung für Deutschland
feststellen im monarchischen Sinn. Dagegen hatte Struve seine
republikanisch-anarchischen Gegenvorschläge gerichtet. Beide Entwürfe
sollte das Vorparlament sogleich berathen, einen annehmen. Nun, am
Schlusse der Verhandlungen, brachte v. Soiron seinen klugen Antrag
ein, das Vorparlament solle jede Verfassungsberathung unterlassen
und sich auf die Erklärung beschränken, „daß die Beschlußnahme über
die künftige Verfassung Deutschlands einzig und allein der vom Volke
zu wählenden Nationalversammlung zu überlassen sei.“ Den Kern seines
Antrags drückte v. Soiron in den Worten aus: „wir werden dadurch
beweisen, daß wir in der einzigen Prinzipienfrage, die in unserer
Versammlung zur Sprache gekommen ist -- denn die anderen Fragen
waren keine Prinzipienfragen --, daß wir in der Prinzipienfrage der
Volkssouveränität einstimmig sind, und daß es keine Parteien unter uns
gegeben hat, wenn wir auch glauben, es habe solche gegeben“[136].

Die Linke mußte diese Erklärung mit heller Freude begrüßen. Mit
gleicher Freude die liberale Mehrheit, welcher das Zustandekommen der
Verfassung dann am sichersten verbürgt erscheinen mußte, wenn der
Vertretung der Nation die freieste Befugniß eingeräumt wurde. Gegen
den Soiron'schen Antrag erhoben sich also nur die Verfechter der
fürstlichen Legitimität. Sie argwöhnten, daß man die deutschen Fürsten
als „Heloten“ behandeln, ihnen bei dem Zustandekommen der künftigen
Verfassung kein Recht der Vereinbarung, der Zustimmung gönnen wolle.
Mit vollendeter Sicherheit vertheidigte Soiron seinen Antrag auch
gegen diese Einwendungen, indem er sagte, daß der Nationalversammlung
auch überlassen werden müsse, ob sie, „nachdem sie mit ihrem Geschäfte
fertig geworden ist, darüber Verträge mit den Fürsten abschließen wolle
#oder nicht#“[137]. Darin war die damalige öffentliche Rechtslage
aufs schärfste ausgeprägt; durch Annahme des Antrags Soiron war die
größte That des Vorparlaments gethan. Niemand widersetzte sich diesem
Beschluß, nicht der Bundestag, keine Einzelregierung, nicht einmal
Preußen. Alle ließen zur „constituirenden“ Nationalversammlung wählen
ohne jeden Vorbehalt gegen die Auffassung, daß dem Parlament zustehe,
die künftige Verfassung Deutschlands endgültig zu beschließen, ohne
Vereinbarung mit den Fürsten, „wenn das Parlament wolle“.

Am Ende dieser bewegten Tage schrieb Blum an seine Gattin: „Heut
scheint der letzte Tag zu sein, dann #muß# ich mich einen Tag ausruhen,
#ganz# ausruhen, denn ich bin wie ein Mensch, der durch fortwährendes
Trinken sich vor dem Katzenjammer schützt, diese Aufregung Tag und
Nacht reibt auf. Aber sie ist süß, bezaubernd, schwelgerisch wie ein
Champagnerrausch. Struve und Hecker sind wahre Viehkerls, rennen durch
die Wand wie geschlagene Ochsen und haben uns den Sieg furchtbar schwer
gemacht. Aber wir haben gesiegt in Allem. Unter den stürmischsten
Verhandlungen geschrieben. Gruß und Kuß. B.“

Auch der #Fünfzigerausschuß#, der nach Auflösung des Vorparlaments
dessen Beschlüsse ausführte, wählte Blum zum Vicepräsidenten; Präsident
wurde von Soiron. Die ihm gestellte Aufgabe hat der Fünfzigerausschuß
ebenso glänzend gelöst wie das Vorparlament. Ueberall, auch gegen
Preußen, hat er den Beschlüssen des Vorparlaments Nachachtung und
Gehorsam verschafft, von dem jämmerlichen Bundestage gar nicht
zu reden. Wie die Strahlen der untergegangenen Sonne noch lange
die Erdrinde erwärmen, nachdem das Tagesgestirn unseren Blicken
entschwunden ist, so richtete sich die nationale Hoffnung noch auf an
den Beschlüssen des Vorparlaments und Fünfzigerausschusses, so faßte
sie noch Fuß auf dem von diesen Versammlungen geschaffenen Rechtsboden,
als längst diese Körperschaften in das Meer der Vergangenheit gesunken,
und ihre Nachfolgerin, die mit aller Hoheit souveräner Constituanten
ausgerüstete Nationalversammlung längst ohnmächtig geworden war.
Verloren war also keineswegs die Arbeit, welche die fünfzig Männer
in Frankfurt thaten vom 4. April bis zum 18. Mai, dem Tage des
Zusammentritts des Deutschen Parlaments.

Einen großen Theil dieser Zeit[138] hat Blum auf offiziellen
Sendungen nach Köln und Aachen verbracht, zu denen der Ausschuß ihn
verwendete. In Aachen galt es Frieden zu stiften nach Unruhen, die dort
ausgebrochen waren. In Köln war eine böse Mißstimmung erzeugt worden
über das Vorgehen der Dampfschleppschifffahrtsgesellschaft gegen die
Segelschifffahrt. Die letztere fühlte sich in ihrer Existenz bedroht.
Die beiden Sendungen hat Blum zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber und
aller Betheiligten vollzogen. Ihm selbst bot namentlich die Sendung
nach Köln, seiner Geburts- und Vaterstadt, dem Schauplatz seiner
trüben Kindheit, seiner harten Jugendjahre, unendliche Freude. Seit
sechszehn Jahren hatte er die Mutter, die leibliche Schwester nicht
mehr gesehen. Als Secretär des Director Ringelhardt war er von der
Heimath ausgezogen. Nun zog er dort wieder ein, auf reichgeschmücktem
Dampfer, an der Seite des treuen Raveaux, als Bevollmächtigter der
höchsten und gefeiertsten Behörde, die Deutschland damals kannte, unter
Böllerschüssen und dem Jubel Tausender, die um die Landungsbrücke sich
drängten. Seine erste Ansprache an die Menge begann er mit den trauten
Worten: „Hier hat meine Wiege gestanden.“ Von Fest zu Fest zogen ihn
die Heimathgenossen. Aus diesen Stimmungen heraus schrieb er der Gattin
von Köln:

  „Liebe Jenny. Du mußt den guten Willen für das Werk und diese zwei
  Zeilen, die ich im Sturme schreibe, für einen Brief nehmen. Wir
  kommen aus den Conferenzen nicht heraus und es ist wahrlich mit uns
  wie mit den ehemaligen Fürsten, zu denen sich von nah und fern Alles
  drängt. Dazu muß ich mir persönlich noch täglich von einer Menge
  Polen, die massenweise hier durchziehen, Complimente schneiden und
  mich von Fürstinnen -- küssen lassen. Aber es war leider nur die
  alte, die dies that, die junge hat mir blos eine Hand gegeben. Laß
  Dir also von Georg sagen, wie's mir geht. Meine Schwestern habe ich
  gestern nur eine Viertelstunde, heut nebst der Mutter eine Stunde
  gesehen. Sie sind alle wohl und lassen Euch herzlichst grüßen. Sobald
  ich kann, erhältst Du auch wieder einen Brief von Deinem treuergebenen

                                                Robert.

  Gruß und Kuß Dir und den Kindern.“

Und Anfang Mai, nach seiner Rückkehr nach Frankfurt, berührte er noch
einmal die Kölner Reise in einem Briefe an seine Frau:

  „-- -- -- Ronge ist längst von hier fort und zwar nach Rendsburg; es
  wäre gescheidt, wenn er sich irgendwo todtschießen ließe, denn seine
  Zeit ist aus. Wenn auch Bertha darüber jammert, es wäre doch besser,
  denn er arbeitet jetzt nur an seinem Untergange. -- Daß die Meinen
  gesund sind, habe ich Dir von Köln geschrieben; meine alte Mutter ist
  fast wahnsinnig geworden vor Freude, daß ihrem Sohne ein Fackelzug
  gebracht wurde; wie würde die sich freuen, wenn Du mit den Kindern
  nach Köln kämst. Indessen es kann nicht sein. Beruhigen wir uns, wir
  müssen der Zeit Opfer bringen. Würde die Messe gut, so könntet Ihr
  Euch in eine rückgehende Kiste stecken lassen, aber es werden nur
  volle Kisten zurückgehen. Hier wird nichts, rein nichts verkauft.
  Lebe wohl, liebe Jenny, grüße und küsse mir die armen Kinder, die
  jetzt auch niemals in die Kneipe kommen; sie sollen nur gut und brav
  sein, dann komme ich auch zurück und bringe ihnen etwas sehr Schönes
  mit. Wenn ich nur die Ostertage dort sein könnte! Es geht aber nicht,
  also fort mit Wünschen. Bleibe gesund und munter. Von Herzen Gruß und
  Kuß von Deinem

                                                Robert.“

Zum letzten Mal hatte er in der Heimath, bei Mutter und Schwestern
verweilt.[139] Sieben Monate später waren die Kirchen der Stadt schwarz
verhangen, und Ferdinand Freiligrath sang über den Tod des „Kölner
Kindes“ Blum:

    „So redet Köln! Und Orgelsturm entquillt dem Kirchenchore,
    Es stehn die Säulen des Altars umhüllt mit Trauerflore,
    Die Kerzen werfen matten Schein, die Weihrauchwolken ziehen,
    Und tausend Augen werden naß bei Neukomm's Melodien.
    So ehrt die treue Vaterstadt des Tonnenbinders Knaben --
    Ihn, den die Schergen der Gewalt zu Wien gemordet haben!
    Ihn, der sich seinen Lebensweg, den steilen und den rauhen,
    Auf bis zu Frankfurts Parlament mit starker Hand gehauen!“

Zwei Tage bevor Blum auf diese amtlichen Reisen sich begab, hatte
Hecker im Badischen Oberlande losgeschlagen. Der Fünfzigerausschuß
hatte schon am 10. April einen Aufruf an die Deutschen in der
Schweiz und Frankreich erlassen, in dem er sie beschwor, nicht mit
bewaffneter Hand nach Deutschland zurückzukehren, da das Parlament
„einzig und allein“ zu berathen habe. Schon damals ging nämlich das
Gerücht, daß Handwerksburschen aus der Schweiz und Frankreich mit
Kanonen (!) an die deutsche Grenze zögen. Dieser Aufruf war ebenso
erfolglos geblieben, wie die zweimalige Sendung von Bevollmächtigten
des Fünfzigerausschusses -- Venedey und Spatz am 14. April nach
Straßburg und zu Hecker, Soiron und Buhl ins badische Oberland am 15.
April. Nun, da der Aufstand losgebrochen war, erließ der Ausschuß am
28. April, immer noch in Blum's Abwesenheit[140] einen „Aufruf an das
badische Volk“, der mit prophetischem Blick den Sieg der Reaction als
die Folge solcher Bestrebungen verkündete, aber ebensowenig fruchtete,
wie jene Delegationen. Diese Verhandlungen würden Blum also gar nicht
berühren, wenn nicht Biedermann an zwei Stellen seiner „Erinnerungen
aus der Paulskirche“[141] behauptete, Blum habe „sich darauf betreffen
lassen, daß er die Schilderhebung Hecker's im Stillen begünstige
und ihr den Sieg wünsche. Damals war es, wo er sich nur ungenügend
und mit einer an ihm nicht gewohnten Heftigkeit vertheidigte.“ Die
„heftig auffahrende Entgegnung Blum's, welche der tödtlichen Kälte
des Angriffs von Mathy gelungen, zeigte nur um so deutlicher, wie
gut der sicher geführte Streit getroffen habe.“ Das soll „in einer
Verhandlung im Fünfzigerausschuß[142]“ vorgekommen sein. Da Hecker
erst am 12. April losgeschlagen hat, Blum aber nun vom 14. bis 26.
April abwesend war, und an der hier einschlagenden Sitzung vom 28.
April nicht theilgenommen hat, so könnte diese Begegnung zwischen Mathy
und Blum nur in die Zeit nach dem 28. April bis 18. Mai fallen[143].
Gleichwohl enthalten die offiziellen Berichte, die gerade von da ab
fast vollständig stenographisch vorliegen, kein Wort der Bestätigung
dieses angeblichen Vorkommnisses. Auch Freytag in seiner Biographie
Mathy's erwähnt gar nichts von dieser Begegnung[144]. Vor Allem aber
müßte gewiß die vertraulichste Aussprache Blum's aus jener Zeit, müßten
die Briefe an seine Frau ein Wort enthalten, welches bestätigte, daß
er „die Schilderhebung Hecker's im Stillen begünstigt, ihr den Steg
gewünscht“ habe. Und was finden wir statt dessen? Am 3. Mai schreibt
er an die Gattin: „Hecker und Struve haben das Land verrathen nach dem
Gesetz -- das wäre Kleinigkeit; #aber sie haben das Volk verrathen
durch ihre wahnsinnige Erhebung#; es ist mitten im Siegeslauf
aufgehalten; #das ist ein entsetzliches Verbrechen#“. Entschiedener
konnte gewiß Blum oder irgend ein Anderer nicht Partei nehmen gegen den
Hecker'schen Aufstand.

Auch eine andere noch wichtigere Verhandlung des Fünfzigerausschusses
hatte sich in der Hauptsache wenigstens abgespielt während Blum's
amtlicher Abwesenheit in Köln und Aachen: jener Versuch des Bundestags,
durch Einsetzung eines Triumvirates wieder Einfluß auf das deutsche
Verfassungswerk zu gewinnen. In einem Briefe Blum's an Jacoby aus
Köln (ohne Datum) hatte selbst Blum sich diesem Projecte günstig
ausgesprochen. Dasselbe that die große Mehrheit des Ausschusses, da sie
so wenig wie Blum die geheimen Absichten des Bundestages kannte. Eben
als Blum wieder zu den Arbeiten des Ausschusses zurückkehrte, hatte der
Ausschuß mit 26 gegen 13 Stimmen der Einsetzung des Triumvirates --
einer Art von provisorischer Bundesexecution zur Vertretung der äußeren
Sicherheit Deutschlands und Vollziehung der Parlamentsbeschlüsse
im Innern -- beschlossen. Der Bundestag aber hatte diesen Beschluß
des Fünfzigerausschusses, wie Heckscher am 4. Mai wiederholt sagte,
„verfälscht“, indem er -- unter dem Anschein, die Beschlüsse des
Ausschusses zu vollziehen -- gerade das Gegentheil dieses Beschlusses
auszuführen, „die Vollziehungsgewalt in der innigsten Vereinigung
der Regierungen unter sich wie mit der Bundesversammlung auszuüben“
versuchte und beschloß: daß das Triumvirat bis nach Beendigung der
Nationalversammlung, bis zur Neugestaltung des Bundes bestehen
solle, ohne daß die Volksvertretung bei der Wahl der drei Männer
mitzureden habe. Diese „Fälschung“ brachte die größte Entrüstung bei
den Fünfzigern hervor und warf das ganze Triumvirat noch vor seiner
Einsetzung über den Haufen. Noch größere Erbitterung entstand aber im
Ausschuß, als nun vollends am 10. Mai Abegg das geheime Promemoria des
hessen-darmstädtischen Bundestagsgesandten von Lepel an's Licht zog,
welches empfahl, durch Corruption der Wahlen oder durch Bestechung von
Parlamentsmitgliedern den Regierungen einen Einfluß auf das künftige
Verfassungswerk zu sichern, welcher ihnen nach dem damaligen Stand der
Dinge entzogen sei; und als festgestellt wurde, daß der Bundestag am 4.
Mai über dieses Promemoria verhandelt und sogar beschlossen hatte, es
den Regierungen „zur gutfindenden Kenntnißnahme einzusenden, da es,
theilweise wenigstens, Bemerkungen enthalte, deren Berücksichtigung
sich empfehlen dürfte,“ -- da brach die lauteste Entrüstung aus.

In den entschiedensten Worten verlangten Heckscher, Lehne, Blum, daß
man Aufklärung vom Bundestag über die Echtheit dieser Schriftstücke
fordere, ehe man weiter berathe. Blum sprach von einem „unwürdigen
Verfahren“. „Ist das vorgelegte Actenstück echt, so ist es Thatsache,
daß man eine constituirende Nationalversammlung nicht will, daß man dem
Volke das Recht abzuschneiden meint, sich selbst seine Grundverfassung
zu geben ... wenn man diesen Beschluß in Nacht und Dunkel gefaßt und
gehüllt hat, dann steht uns ein Protest gegen diese Schöpfung des
Triumvirates bevor, die man unter einer falschen Larve hat aufdringen
wollen, dann steht das Vaterland in Gefahr, und wir müssen thun, was
das Vorparlament für einen solchen Fall bestimmt hat. Die Prüfung
dieses Documents also und die darüber zu fordernde Erklärung ist auf
den Beschluß, der heute gefaßt werden soll, von dem unermeßlichsten
Einfluß“[145]. Dieser Antrag wurde zum Beschluß erhoben. Der Bundestag
gab die Erklärung ab, daß die Documente echt seien. Er hatte einen
Ausdruck des Bedauerns nur dafür, daß ihre Mittheilung durch einen
„Mißbrauch des Vertrauens“ möglich geworden sei.

Am 12. Mai verhandelte der Ausschuß über diese Antwort. Die bittersten
Worte fielen über den Bundestag und dessen Vertheidiger im Ausschuß.
„Wen Gott verderben will, den verblendet er“, rief Heinrich Simon. „Die
Regierungen werden mit der constituirenden Nationalversammlung sich
vertragen müssen“, sagte Blum, „aber nicht in dem #Metternich#'schen
Sinne, sondern in einem offenen ehrlichen Sinne. Wenn aber die
Verwandtschaft dieses Promemoria mit dem Metternich'schen Systeme
hervorgehoben worden ist, so ist dies um so weniger abzusprechen, als
ausdrücklich Phrasen von den geheimen Wiener Conferenz-Beschlüssen
darin vorkommen. Das sind also die Anhänger der constitutionellen
Monarchie![146]“ Auch die schriftliche Erklärung des hessischen
Ministers Heinrich von Gagern, daß er Herrn von Lepel desavouire und
dessen Promemoria keineswegs die Ansichten der hessischen Regierung
ausdrücke, rettete den Bundestag nicht vor dem vernichtenden Urtheil,
das der Fünfzigerausschuß am 12. Mai über ihn und sein Verhalten
aussprach. Die Zustimmung des Ausschusses zur Einsetzung eines
Triumvirates wurde ausdrücklich zurückgenommen.

Es war die letzte große That des Fünfzigerausschusses: der Bundestag
war nun vollends moralisch vernichtet; Niemand in Deutschland glaubte
damals, daß er je wieder aus der Grube sich erheben würde, in die er
mit Schanden gefahren.



                 15. Im Parlament.

  (Bis zur Einsetzung der provisor. Centralgewalt.
                Mai bis Juli 1848.)


Für Robert Blum waren die letzten Wochen des Fünfzigerausschusses
Wochen schmerzlicher persönlicher Sorge gewesen. Lange Zeit nämlich
war es höchst zweifelhaft, ob der Führer des radicalen Fortschritts in
Sachsen, der Vicepräsident des Vorparlaments und Fünfzigerausschusses,
der Mann, nach dessen Bestimmung zwanzig der sechsundzwanzig
Sächsischen Parlamentssitze besetzt wurden, überhaupt ein Mandat für
die Nationalversammlung erhalten werde! Dieser kaum glaubliche Fall
war lediglich verschuldet durch die Saumseligkeit und Unfähigkeit
der Parteileitung in Leipzig. Denn die „entschiedenen“ Republikaner
des „Republikanischen Klubs“ in Leipzig unter dem Schriftsteller
Oelckers, der „Demokratische Verein“ unter Semmig, der „Volksverein“
unter dem Improvisator Langenschwarz, welcher das Prinzip des rohesten
Demagogenthums vertrat, und alle die übrigen kleinen Abbröckelungen
von Blum's Vaterlandsvereinen waren bis jetzt ohne alle Bedeutung. Die
Broschüre Semmig's „Was thut Noth und was thut Blum?“, die der Bekenner
des großen Grundsatzes „Sociale Reform, aber keinen Communismus“ schon
im März 1848 Blum mit der Absicht der Vernichtung entgegengeschleudert
hatte, war spurlos an der Weltgeschichte vorübergegangen; nicht minder
die neuesten Improvisationen des Herrn Langenschwarz. Selbst der
„Deutsche Verein“, der mit seinem scharf ausgeprägten Programm der
„constitutionellen Monarchie auf breitester demokratischer Grundlage“
und mit seiner Forderung eines „Bundesstaates mit volksthümlichem
Parlament, das ganze Deutsche Vaterland umfassend“, und durch das
Gewicht der Namen seiner Begründer[147] an die besten Kreise der
Leipziger Bürgerschaft und des ganzen Landes sich wendete, stand
damals erst in den Anfängen seiner Wirksamkeit und Ausbreitung.
Aber mit bitterer Sorge mußte Blum in die Zukunft seiner Partei in
Sachsen blicken, wenn jetzt schon, da er kaum einen Monat die Leitung
aus der Hand gegeben, die Führer selbst seine Wahl zum Parlament so
erschwerten, wie dies aus den nachstehenden Briefen erhellt. Der Typus
jener Märzfreisinnigen, welche sich vorläufig unter den Fittichen eines
möglichst populären Volksmannes am sichersten fühlten, und die Deutsche
Einheit auf dem trockenen Wege von Resolutionen, Programmen und
Vereinsgründungen zu verdienen bestrebt waren, der Advocat Dr. Gustav
Haubold in Leipzig, später Vormund von Blum's Kindern, erhob sogar die
Zumuthung gegen Blum, dieser möge ein „politisches Glaubensbekenntniß“
aufstellen. Aus diesen Stimmungen schrieb Blum am 3. Mai an die Gattin:
„Noch immer habe ich von unsern Leuten keine Silbe und weiß nichts über
die Wahl; das ist auch schönes Pack. Aber ich werde mir's merken, komme
ich wieder nach Haus, so werde ich thun, was ich muß, aber mich um
keine Versammlung, keine Veranstaltung und keinen Menschen bekümmern;
ihr Verfahren gegen mich ist zu schmachvoll.“ Am nämlichen Tage
antwortete er Haubold:

  „Mein lieber und geehrter Freund! Dein Brief vom 26. v. M. hat mich
  sehr erfreut, weil er mir den Beweis bringt, daß Du mir auch in
  der Ferne die Theilnahme erhalten hast, die Du mir dort geschenkt.
  Bewahre sie mir auch ferner, selbst dann, wenn ich Deinen jedenfalls
  wohlgemeinten Rath nicht befolge. Dies ist aber der Fall hinsichtlich
  eines Glaubensbekenntnisses. Es ist jetzt zu spät dazu, aber ich
  konnte und mochte es auch nicht geben, als es noch Zeit war. Ich
  werde mich allezeit zu allen Wahlen anbieten und geschieht dies
  irgend, wo man mich nicht kennt, stets den Leuten sagen, was ich
  will, damit sie wissen, was sie an mir haben. Aber #jetzt#, in
  #Leipzig#, #durfte# ich das nicht thun. Ich will nicht von 16
  Jahren meines bürgerlichen, nicht von 8 Jahren meines öffentlichen
  und publicistischen Lebens reden, obgleich auch das genügt; aber
  #nach# unsern Wirren im März, #nach# der ungehemmten Aussprache in
  unzähligen Volksversammlungen, #nach# dem Vorparlament #und der
  ungeheuer schwierigen Stellung, welche die nicht revolutionäre
  Linke dort hatte#, und #nach# dreiwöchentlichem Wirken im
  Fünfzigerausschuß, müßte ich mich selbst herabsetzen, wenn ich den
  Leipzigern ein Glaubensbekenntniß gäbe. Wenn mein #Leben# und #Thun#
  keine Gewährleistung giebt, wie soll denn mein #Wort# eine geben?
  Wenn ich im Leben geheuchelt hätte, würde mir das zweideutige Wort
  oder der Bruch des geraden Wortes schwer werden? Gewiß nicht! Wer
  ein Glaubensbekenntniß von mir braucht, um sich durch dasselbe zur
  Wahl bestimmen zu lassen, der soll mir die Ehre anthun, mich nicht zu
  wählen; ich würde es für mein größtes Unglück halten, der Vertreter
  solcher Leute zu sein. Nun, ich werde in Leipzig in die Verlegenheit
  nicht kommen, wie die Sachen zu stehen scheinen. #Wegen der Republik
  sollen die Leute ruhig sein, die bekommen sie nicht; aber die ganze
  alte Sauwirthschaft bekommen sie wieder in neuer Auflage#, weil sie
  das Michelthum wieder bewährt haben und sich von dem Popanz der
  Republik ins Bockshorn und der Reaction in die Arme jagen lassen.
  Die constituirende Versammlung wird entsetzlich werden, und der
  Spießbürger zu spät einsehen, wie er genasführt wurde. -- Nimm mir,
  lieber Freund, die Weigerung nicht übel, ich achte und ehre Deine
  Absicht, ich danke Dir für Deine Aussprache, aber Du wirst selbst
  einsehen: es geht nicht, es war nicht möglich....

  Ueber unsre Sitzungen nichts, die Zeitungen bringen das; sie bringen
  zuviel darüber im Vergleiche zum Werthe, daher nur noch die besten
  Wünsche u. s. w.

  Frankfurt, 3. Mai 1848.                         Robert Blum.“

Am 6. Mai schrieb Blum an seinen Freund, den Advocaten Dr. Bertling,
der mit an der Spitze des Vaterlandsvereins in Leipzig stand:

  „Lieber Freund. Mit tiefer Beschämung muß ich Dir antworten: ich
  weiß nicht, ob ich in Reußen angenommen habe. Vom ersten Augenblick
  an habe ich durch meinen Schwager[148] an Euch geschrieben und
  erklärt: ich nehme an nach #Eurem# Bedürfnisse, nach #Eurem# Willen.
  Ich habe #keinen# Brief nach Reußen gehen lassen, der nicht vorher
  durch Eure Hände gehen #sollte# und gehen mußte. Ich habe unbedingte
  Vollmacht gegeben in meinem Namen #jede# Erklärung zu geben, welche
  Eure Verhältnisse erheischen und habe dagegen nichts verlangt: als
  sorgsame #gemeinschaftliche# Berathung und Beschlußfassung über diese
  Angelegenheit und Mittheilung dieses Beschlusses. Ich weiß aber in
  diesem Augenblicke #nichts#, #gar nichts#; nicht #ob# berathen, nicht
  #was# beschlossen worden ist, nicht ob meine (eventuell zusagenden
  Briefe) nach Reußen abgegangen, noch welche Antwort gekommen ist,
  denn auch diese hatte ich nach Leipzig gewiesen. Ich stehe hier als
  der Spott meiner wenigen Freunde, die mich um so mehr verhöhnen,
  als ich auf die Organisation der Partei in Leipzig gepocht habe. Du
  willst dennoch Antwort von #mir# und ich versichere Dir, Du wirst mir
  einen großen Gefallen thun, wenn Du #mir# eine Antwort verschaffst,
  die mich aus meiner peinlichen Lage reißt und mir selbst sagt,
  was ich den Leuten geschrieben habe. Was im Frankfurter Journal
  steht, beruht auf der #Zeitungs#nachricht: ich sei gewählt; darauf
  haben mich die Abgeordneten als legitimirt betrachtet. -- Wenn
  die Biedermänner wirklich niederträchtig handeln, so brecht doch
  offen mit ihnen und brandmarkt sie; zu was denn die Halbheit, wenn
  Vereinigung einmal nicht möglich ist? Oder löst Euch auf und geht
  alle in den „Deutschen Verein“, dann hebt Ihr sie in ihrem eigenen
  Neste aus. Wie um Gotteswillen kommt denn Langenschwarz zu einer
  Partei und zu einer Bedeutung? Sei herzlich gegrüßt von Deinem

                                                Blum.“

Am bittersten aber schreibt Blum über diese heillose Verwirrung, welche
einige der besten Freunde angerichtet hatten, am 9. Mai an die Gattin:

  „Liebe Jenny. Du meinst, meine Freunde hätten gethan, was sie können.
  Ja, das haben sie, d. h. um mich vom Reichstag auszuschließen und
  mich dazu zu blamiren. Als man mir aus Reußen die Wahl antrug,
  schrieb ich nach Leipzig und sagte: sie möchten über mich verfügen,
  Leipzig oder dort, nach ihrem Ermessen und Bedürfniß, sie könnten in
  meinem Namen Antwort und Erklärungen abgeben, wie sie wollten. Nach
  Reußen schrieb ich #zusagende# Briefe, legte sie nach Leipzig ein und
  sagte, man möge sie absenden oder zurückhalten nach Ermessen. Diese
  Briefe sind ohne Berathung, ohne Plan, ohne daß man nur sich darüber
  ausgesprochen hat, abgeschickt worden. Das einzige aber, was ich
  mir am 23., 24. und 25. April nach einander erbat, eine #umgehende#
  Antwort über ihre Absichten und ihre Pläne, hatte ich am 1. Mai noch
  nicht, habe ich #heute# noch nicht. So brachten mir die #Zeitungen#
  erst die Kunde, ich sei in Reußen gewählt und Knoch und A. schrieben
  mir dasselbe. Darauf ging ich am 1. Mai in die Versammlung hier und
  das verdarb nun Alles. Denn jetzt erst hörte ich, daß man mich auch
  durch die Leipziger Wahl schleppe. Unsinniger Weise aber hatte man
  mich in Reußen #dreimal zusagen# lassen. Wäre die Sache günstig
  in Leipzig, so müßte ich durch die unbegreifliche Absendung der
  zusagenden Briefe dort den Freunden #wortbrüchig# werden. Aber es
  ist in Reußen ebenfalls nichts, denn es muß dort wegen falscher
  Anordnungen auf's Neue gewählt werden, und bin ich in Leipzig
  durchgefallen, so falle ich dort nun auch durch, da die Abstimmung
  sich ändert und das böse Beispiel Leipzigs wirkt. Aber das ist
  nicht genug. Während man in Leipzig noch zu siegen meint, schreibt
  man auch einen Bettelbrief an's Voigtland und giebt sich dadurch
  selbst das Zeugniß, daß man an den Sieg nicht glaubt. Jetzt wird man
  mich wahrscheinlich noch mit Uebereilung in einigen Wahlbezirken
  vorschlagen und ebenfalls durchfallen lassen, und dann kehre ich
  mit 3-4 Niederlagen geschändet zurück und man lacht mich aus. Man
  läßt Biedermann wählen und erst dann denkt man daran, daß es gut
  gewesen wäre, mich zu rufen. Der Vaterländische Verein ist zu Grunde
  gerichtet, ist eine Beute Semmig's[149] geworden, weil man sich mit
  leerem Formenkram herumschlägt, selten sich bespricht, dann um halb
  10 Uhr anfängt und sich bis nach Mitternacht um Nichts streitet.
  Die fähigsten Menschen „haben keine Zeit“ und gehen gar nicht hin,
  andere gehen hin, sind aber laß und pomadig. Und hätte man nun noch
  den Verein aufgelöst oder gesprengt, so war's doch ein ehrenvoller
  Tod; aber nein, man läßt ihn elendiglich an Auswüchsen und an der
  Schwindsucht sterben zum Hohn und Spott der Gegner. Kurz, Alles was
  seit langen Jahren so sehr mühsam gepflanzt wurde und nun mächtig
  aufgeblüht war, das ist in wenig Wochen völlig zu Grunde gerichtet,
  und man hat sich die Frucht vor der Nase wegpflücken lassen. --

  Was ich in diesen Tagen an Aerger und Wuth verschlungen habe,
  das ist unermeßlich. Friese hat mir mit großer Treue #alle Tage#
  geschrieben, was ich sehr dankbar anerkenne; aber er hat mir
  #seine# Ansicht geschrieben, vielleicht hat er meine Aufforderung,
  einen festen Plan zu entwerfen, gar nicht gekannt, sondern in
  liebenswürdigem Diensteifer gerade #die# Briefe fortgeschickt, die
  nicht fortgeschickt werden durften. -- Nun, die Welt geht auch
  ohne mich fort und ich will mich freuen, wenn ich erst die Rückkehr
  überwunden habe und dann friedlich im Garten sitze. Die armen Kinder!
  wahrscheinlich kommen sie nirgend hin; geh nur einmal mit ihnen auf
  die Messe, laß sie auf dem Caroussel fahren und kaufe jedem eine
  Apfelsine. Ich war allerdings trüb gestimmt und bin es noch, nicht
  wegen dem schweren Stande hier, sondern weil durch das sündliche
  Verfahren in Leipzig der Rückhalt weggezogen wird, weil man aus
  dem schlechten Feldzuge nicht auf ein sicheres Lager blicken kann.
  #Fallen# im Kampfe, das ist nichts, es ist sogar schön, aber ohne
  alle Schuld zu Grunde gerichtet werden, das ist abscheulich. Wenn ich
  nicht gewählt werde, wie das sehr wahrscheinlich ist, so schickst Du
  mir natürlich nichts, ich reise dann sofort ab, um nicht trauriger
  Zeuge der Eröffnung sein zu müssen. -- Lebe recht wohl, bleibe
  gesund, lasse den Kindern den Zügel nicht zu sehr schießen, bald
  werde ich ja wiederkommen und helfen erziehen. Nochmals lebe wohl,
  empfiehl mich allen Bekannten als bald Ankommenden und nimm bis dahin
  herzlich Gruß und Kuß von

                              Deinem
  9. Mai 1848.                    Robert.“

                                          Auf der Rückseite:

  „Eben erhalte ich die Kunde der Wahl. Lege der Sendung etwas
  Visitenkarten bei.

                                                            B.“

Diese Wahl war in Leipzig trotz aller Fehler der Freunde fast
einstimmig gelungen. Die Gegner vom Deutschen Verein hatten nur einen
Zählcandidaten aufgestellt; die radicalen Vereinchen wagten sich mit
keinem Candidaten an's Tageslicht.

So war denn Robert Blum, als Abgeordneter der Stadt seines
Manneswirkens, unter jenen 330 Männern, welche am 18. Mai im Römer
zu Frankfurt zusammentraten und nun in feierlichem Zuge, entblößten
Hauptes, über den Römerberg und die Neuekräme nach dem nördlichen
Hauptthore der Paulskirche zogen. Der reiche Schmuck und der
patriotische Jubel Frankfurts, welcher das Vorparlament schon auf
seinem Wege nach St. Paul begleitete, erreichte nun seinen Höhepunkt,
da die Deutsche Nationalversammlung zusammentrat. Von ihr hoffte
man in wenigen Monaten die Deutsche Staatsverfassung bescheert zu
erhalten. Auch die meisten Abgeordneten hatten sich auf keinen längeren
Aufenthalt in Frankfurt eingerichtet[150].

Am folgenden Tag (19. Mai) fand die Wahl des Präsidiums statt. Von 397
Abstimmenden wählten 305 Heinrich v. Gagern. Die Linke gab ihre 85
Stimmen für v. Soiron ab, da er im Vorparlament die Volkssouveränität
proclamirt, den Fünfzigerausschuß geleitet hatte. Geschickt wußte
Gagern den Gefühlen seiner Gegner Rechnung zu tragen, indem er auch
seinerseits die Souveränität des Volkes, die alleinige Befugniß
der Nationalversammlung zur Schaffung einer Deutschen Verfassung
verkündigte, als er das Präsidium übernahm. „Der Beruf und die
Vollmacht, eine Verfassung für das ganze Reich zu schaffen, hat die
Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit in unsere Hände gelegt,
daß es auf anderem Wege zu Stande kommen könne. Die Schwierigkeit,
eine Verständigung mit den Regierungen zu Stande zu bringen, hat das
Vorparlament richtig vorgefühlt und uns den Charakter einer constit.
Versammlung vindicirt. Deutschland will Eins sein, regiert vom Willen
des Volkes, unter Mitwirkung aller seiner Gliederungen. Diese
Mitwirkung auch den Staatsregierungen zu erwirken, liegt im Berufe
dieser Versammlung.“ Durch diese klugen Worte beseitigte Gagern einen
Sturm, der schon in der Eröffnungssitzung am 18. Mai ausgebrochen wäre,
wenn das Parlament damals schon -- eine Geschäftsordnung besessen
hätte. Die Bundesversammlung hatte nämlich das Parlament am 18. Mai
durch einen schriftlichen Glückwunsch begrüßt, der wohl nach Ansicht
des Herrn v. Schmerling, des damaligen Bundespräsidialgesandten,
die Stelle einer Thronrede vertreten sollte. Einige wollten diese
Höflichkeit vom Parlament erwidert sehen. Die Linke erklärte sich
durch Zitz entschieden dagegen, mit dem Bundestag Complimente zu
tauschen. Da wurde der Glückwunsch des Bundestags ironisch zu den Acten
gelegt von der „neuen Größe“, welcher der alte Bundestag grießgrämig
gratulirte. Aber die Worte Gagerns waren auch echt staatsmännisch,
weil sie den Rechtsboden und die Aufgabe des Deutschen Parlaments
klar bezeichneten. Bis zuletzt hatten die Regierungen versäumt, eine
Verständigung mit dem Parlament vorzubereiten. Seit dem 26. April
schon war der Verfassungsentwurf der siebenzehn Vertrauensmänner, mit
denen sich der Bundestag umgeben hatte, dem Bundestag, fast ebenso
lang den Regierungen bekannt. Dahlmann, Albrecht und Droysen hatten
ihn verfaßt; er enthielt die Grundgedanken der Reichsverfassung von
1849, namentlich die erbliche monarchische Spitze. Eine Vereinbarung
der Regierungen über diesen Entwurf bis zum Zusammentritt des
Parlaments wäre daher leicht gewesen. Wie rasch und freudig hätte
dann die monarchische Mehrheit des Parlaments die Verfassungsarbeit
fördern, wie leicht selbst den Boden der Verständigung mit der
Linken finden können in #den# Fragen, über welche überhaupt eine
Verständigung möglich war, und über welche sie in der That auch später
unter so viel schwierigeren Verhältnissen stattgefunden hat. Aber
nicht eine einzige Deutsche Regierung hat sich bis zum 18. Mai über
den Siebzehner-Entwurf geäußert. Die vertraulichen Briefe, die vom
Prinzen und vom König von Preußen in der Zwischenzeit an Dahlmann und
A. über den Entwurf einliefen, entzogen sich naturgemäß öffentlicher
Mittheilung und durften nur als die Ansicht höchstgestellter
Privatleute gelten. Mit Recht äußerte sich Dahlmann später einmal:
„Die Bundesversammlung sprach sich selbst das Todesurtheil, indem sie
über die Verfassung der Siebzehn, die ihr seit Wochen vorlag, kein
Urtheil wagte, ihr eigenes Verhältniß zur Nationalversammlung mit
keiner Silbe bezeichnete, sich begnügte, dem Parlament einen völlig
inhaltsleeren Glückwunsch zuzuschicken. Das hieß die Versammlung
herausfordern, ihre Machtvollkommenheit unbedingt festzustellen.“ Und
Bunsen schrieb: „Die Fürsten versäumten, sich zu verständigen, ehe das
Parlament zusammentrat, um ihm als Regierung gegenüberzutreten. War
dies Kurzsichtigkeit oder Hinterlist?“

Die Linke war sehr geneigt, dieses Verhalten der Regierungen von
der schlimmsten Seite aufzufassen. Bedenkliche Symptome anderer Art
schienen hierfür zu sprechen, die sie aufmerksam verfolgte. Die Linke
war (neben der rein landsmannschaftlichen Vereinigung der Oesterreicher
unter Schmerling) bei Beginn des Parlaments die einzige organisirte
Partei, unbestritten war in ihr Blum's Führerschaft. Sie versammelte
sich im „Deutschen Hofe“. Die Kosten für die Beschäftigung des
Parlaments hat in den ersten Wochen die Linke fast ausschließlich
getragen. Man kann daher ermessen, welche Arbeitslast ihrem Führer
in diesen Wochen zufiel, in denen er gleichzeitig in dem wichtigsten
Ausschusse des Parlaments, dem Verfassungsausschuß, eine hervorragende
Rolle spielte und der Commission angehörte, welche das Parlament zur
Untersuchung der Mainzer Wirren entsendete; nebenbei war dann noch
das Organ der Partei, die „Deutsche Reichstagszeitung“ zu gründen,
zu redigiren und mit Stoff und ständigen Mitarbeitern zu versorgen.
Nur eine so unverwüstliche Natur, wie die Robert Blum's, konnte
diese Arbeitslast bewältigen. Schon am 10. Mai hatte er an die Frau
geschrieben: „Diese Zeilen seien Dir nur ein Zeichen liebender
Erinnerung, denn ich muß von heute an eine Zeitung schreiben, die ich
der Partei gegründet habe. Bis unsere Leute, hoffentlich recht bald,
kommen, muß ich dies allein und das ist eine furchtbare Aufgabe.“ Am
19. schrieb er:

  „Liebe Jenny. Der Sturm hat seit vorgestern wieder begonnen und Nacht
  und Tag vermengen sich bei uns in der sonderbarsten Weise. Erwarte
  daher jetzt keine #Briefe#, ab und zu ein Zettelchen sollst Du haben.
  Georg (Günther), Schaffrath und ich -- wir wohnen jetzt zusammen
  in einer prächtigen Wohnung mit schönem Garten und bezaubernder
  Aussicht. Georg ist der unerbittliche Wecker, wenn wir morgens oft
  nur zwei, höchstens drei Stunden geschlafen haben. Denn #frühestens#
  kommen wir 1 Uhr nach Hause und stehen um 4 Uhr wieder auf. Geld
  (Diäten vom Fünfzigerausschuß) haben wir noch nicht bekommen, sonst
  würde ich Dir senden; indessen hoffe ich in den nächsten Tagen
  darauf. Bis dahin wirst Du wohl reichen. Sieh in den Steuerbüchern
  nach, wenn Steuern zu bezahlen sind, damit das nicht versäumt
  wird; nur etwaige #Kirchensteuer#, d. h. für die römische Kirche,
  bezahle nicht. Bleibe recht gesund und munter, wenn Ihr könnt, so
  schlaft etwas für mich, denn ich erhalte jetzt meinen Bedarf nicht.
  Herzlichen Gruß und Kuß Dir und den Kindern.

                                                            B.“

Am 27. Mai fügt er hinzu:

  „Das Treiben ist hier jetzt betäubend, keinen Tag, keine Stunde Ruhe
  und doch keine Frucht. Oeffentliche Sitzungen, Abtheilungssitzungen,
  Sitzungen in 3 Commissionen und zwar den wichtigsten,
  Parteiberathungen, Clubberathungen, Commissionsarbeiten und dazu eine
  #Zeitung# -- wer sagt, daß ich nicht arbeite, der lügt schauderhaft.
  Wahrlich, man lebt und arbeitet in einem Monat für Jahre, aber man
  merkt's nicht. Als Mensch geht's mir leidlich, der Aerger setzt das
  Blut in Bewegung, und man entbehrt dadurch die Bewegung weniger;
  so bin ich also gesund. Ebenso Georg, Joseph und Schaffrath, die
  mit mir wohnen. Das Haus liegt an der Promenade, hat einen schönen
  Garten, Aussicht auf den Taunus, und es wohnt Niemand darin als wir
  und Todt's. Die Frau Wirkliche Geheime Legations-Räthin kocht uns mit
  den Kaffee und wir trinken denselben im Garten. Die Geschichte kostet
  monatlich 83 Gulden, aber billiger bekommt man's einmal nicht....
  Daß die Kinder gesund sind und gedeihen, freut mich; Gott weiß, wie
  lange es noch dauert, ehe ich sie wieder sehe, am Ende kennen sie
  mich nicht mehr, wenn ich komme; es sind nun schon bald zwei Monate!
  Indessen es muß sein und wenn nur die Opfer etwas nützen, so wollen
  wir sie in Gottesnamen bringen!“

Und am 30. Mai schreibt er an dieselbe:

  „-- -- Also unsre Leute bekümmern sich gar nicht um Dich? Es
  geht damit wie im Politischen, da bekümmern sie sich auch erst
  um die Dinge, wenn's zu spät ist. Nun, Du kannst ja mitunter mit
  Cramers oder Frieses ausgehen, damit Du und die Kinder doch wohin
  kommen.... -- Diese Tage sind keine Verhandlungen von Bedeutung:
  Geschäftsordnung, Wahlen u. s. w., langweilig und doch nothwendig.
  Lebe wohl, die Pflicht ruft! Grüße und küsse die Kinder und empfiehl
  mich allen Bekannten, die Du siehst. -- Bleibe nur gesund und spare
  nicht etwa zu sehr, so daß Hans sagt: wir essen nichts! Nochmals lebe
  wohl und nimm Gruß und Kuß von Deinem

                                                Robert.“

Schon am 19. Mai, aus Anlaß der Wahlprüfungen, hatte Raveaux darauf
hingewiesen, daß Preußen, trotz der Abmahnung des Fünfzigerausschusses,
die preußische Nationalversammlung gleichzeitig mit dem Deutschen
Parlament einberufen und die Abgeordneten, die beiden Versammlungen
angehörten, aufgefordert habe, nur eines der beiden Mandate anzunehmen.
Die Frage wurde, ihrer großen Wichtigkeit halber, auf den 22. Mai
vertagt. Indessen auch an diesen Tagen gelangte nur Raveaux zur
eingehenden Begründung seines Antrags, den er dahin erläuterte, daß
neben dem Deutschen Parlament kein Einzelstaat seine Landesvertretung
die Verfassung Deutschlands berathen lassen dürfe. Siebenzehn
Abänderungsanträge waren eingegangen, die auf Blum's Antrag verlesen
wurden. Deßhalb beschloß die Mehrheit, die Sache an einen Ausschuß zu
verweisen. Von der Minderheit, welche die rasche Erledigung der Frage
für nothwendig hielt, gab ein großer Theil seinen Namen zu Protocoll,
damit, wie Eisenstuck von Chemnitz sagte, „das Deutsche Volk die Männer
kennen lerne, die schnelle Hülfe, Einheit und Kraft bringen.“ Leider
steht auch Blum's Name unter den Namen dieser Tendenzprotestler[151].

Die Zwischenzeit bis zur Berichterstattung über den Raveaux'schen
Antrag füllte die Linke mit der Besprechung der Mainzer Angelegenheit.
Seit Jahren waren hier Reibereien zwischen den Bürgern und der
preußischen Besatzung an der Tagesordnung. Nun hatte sogar die
Mainzer Bürgerwehr auf die Preußen Feuer gegeben. Da drohte der
Vicegouverneur von Mainz, General von Hüser, die Stadt zu beschießen,
wenn nicht binnen wenigen Stunden die Bürgerwehr entwaffnet sei.
Das Mittel wirkte; am Mittag des 22. war die Entwaffnung vollzogen.
Aber Zitz, dreifach gekränkt als Mainzer, als Democrat und als
Bürgerwehrcommandant, donnerte schon am 23. im Parlament gegen die
preußischen „Ausnahmemaßregeln“ und formulirte Anträge, welche die
preußischen Truppen einfach durch das caudinische Joch geschickt
hätten, wenn sie angenommen worden wären. Die Nationalversammlung,
ja selbst die Linke, goß jedoch Wasser in seinen Feuertrank. Carl
Vogt stellte den Antrag, eine Commission nach Mainz zu senden zur
Untersuchung der dortigen Verhältnisse. Hergenhahn, Blum und Vogt
gehörten zu den Mitgliedern dieser Commission. Am 26. Mai erstattete
Hergenhahn dem Parlament Bericht Namens des Ausschusses. Danach schien
die schwere Schuld der Unruhen auf Seite der Bürger zu liegen. Denn von
den Bürgern waren nur fünf (und zwei von diesen nur leicht) verletzt,
während vier preußische Soldaten getödtet, 25 verwundet waren, darunter
drei durch Stiche im Rücken! Deßhalb ging der Antrag des Ausschusses
nur dahin: einen Theil der preußischen Garnison zu verlegen, ein
hessisches Bataillon nach Mainz zu ziehen und die Neubildung
der Mainzer Bürgerwehr, in Formen, welche dem Festungsreglement
entsprächen, durch ein hessisches Landesgesetz zu vollziehen. Blum und
Vogt schwiegen bei diesem Referat. Man konnte glauben, sie stimmten ihm
zu. Eine Minderheit des Ausschusses war sogar für einfache Tagesordnung.

Diesen Ausgang hatte Zitz nicht erwartet. Abermals suchte er die
Mainzer Wirren ausschließlich dem Uebermuth und der Zuchtlosigkeit der
Preußen zuzuschreiben und erging sich dagegen im Lobe der dortigen
österreichischen Garnison. Kein Geringerer als Schmerling antwortete
ihm. Er wies das Lob der Oesterreicher auf Kosten der Preußen zurück
und erklärte mit kühner Offenheit, seine Landsleute würden sich in
gleicher Lage gerade so benommen haben, wie die Preußen, das hoffe er
„zu ihrer Ehre“. Und mit weitsehendem Blick fügte er hinzu: „Mainz muß
in Vertheidigungsfähigkeit erhalten werden, da es demnächst bestimmt
ist, auch uns in Frankfurt gegen feindliche Ueberfälle zu schützen.“

Nach Schmerling bestieg zum ersten Male Robert Blum die Tribüne
des Deutschen Parlaments. Er führte aus[152], daß der Ausschuß 234
Eingaben von Einwohnern der Stadt Mainz absichtlich ungeprüft gelassen
habe, um an Ort und Stelle selbst sich ein Urtheil zu bilden. Auch
Zitz dürfe sich daher auf dieses Material nicht beziehen. Aber der
Augenschein habe in ihm persönlich die Ueberzeugung begründet, daß die
Erregung der Mainzer Bevölkerung sich hauptsächlich an zwei Ereignisse
geknüpft habe: den Berliner Straßenkampf und die Nachricht, der
Prinz von Preußen solle zurückgerufen werden. Da seien Excesse der
Bürger gegen das preußische Militair vorgekommen, aber der preußische
Commandant habe die Excedenten nicht vor die Gerichte gezogen, sondern
zugelassen, daß seine Soldaten sich selbst Recht genommen durch
Gewalt. Die Maßregel, die der Commandant jetzt getroffen, die Drohung
der Beschießung der Stadt, sei vielleicht weniger geboten gewesen
durch die „militairische Stellung, als durch die Nothwendigkeit einer
wilden und zügellosen Gewalt entgegenzutreten und sie in den wankenden
Schranken zu halten, die noch da sein mögen.“ „Wie die Sache sein
mag, darüber ist kein Zweifel, daß die Stimmung in Mainz derart ist,
daß die Menschen, die einander entgegenstehen, miteinander nicht mehr
leben können. Die erste Pflicht bei einem ausgebrochenen Streite ist
die, die Streitenden zu trennen und dann das Rechtsverhältniß wieder
zwischen ihnen herzustellen... Sie müssen dafür sorgen, daß die im
höchsten Grade gespannte Erbitterung nicht zu neuen, zu schrecklicheren
Blutscenen Veranlassung gebe, als bisher. Und dies können Sie nur, wenn
Sie die Bürgerschaft zum Auswandern, oder das Militair zum Auszuge
bringen.“ (Lebhaftes Bravo).

Mit einem Standpunkt, der seinen heißblütigen Freunden so offen die
Meinung sagte und sich so gänzlich frei hielt von jenen Schmähungen
preußischer Waffenehre und Mannszucht, die sich Zitz erlaubt hatte,
hätte die conservative Mehrheit wohl sich vertragen können[153]. Aber
schon war durch Zitz' Auftreten Alles verdorben. Trotz des Tobens
der Linken und der Gallerien fanden doch die Worte jenes schneidigen,
schönen Aristokraten, der nach Robert Blum die Tribüne betrat, die
Worte des Fürsten Lichnowsky, brausenden Wiederhall in der Versammlung,
als er die innigen Beziehungen zwischen den in Mainz ersehnten „rothen
Hosen“ und den landesverrätherischen „rothen Mützen“ hervorhob, die
1793 die Festung Mainz dem Feinde überlieferten, und als er rief: „Ist
denn kein Deputirter aus Schleswig hier, um dafür einzustehen, wie
sich preußische Truppen benahmen?“ Weder Welcker's noch Heckscher's
Vorschlag, daß das Parlament die fernere Schlichtung der Sache in die
Hand nehmen möge, fand Zustimmung. Denn alle Besonnenen erblickten
in diesem Verhalten die Gefahr, das Parlament in einen Convent
hinüberzuspielen und wohl auch die andere Gefahr, einen Conflict
mit Preußen heraufzubeschwören. So wurde der Antrag auf einfache
Tagesordnung mit großer Mehrheit angenommen.

Blum hatte in seiner Rede ungefähr denselben Gedanken ausgesprochen,
der in Heckscher's und Welcker's Antrag hervortrat; er hatte daher wie
diese mit der Minderheit gestimmt. Aber trotzdem beginnt schon von
diesem Tage an das Mißtrauen der „äußersten Linken“ gegen den Führer.
Hatte er doch Zitz' Beweismaterial gering geschätzt, die Mainzer
Excesse getadelt. Das wollte ein Volksmann sein?

Die tiefe Erregung des Hauses über die Mainzer Angelegenheit hatte sich
noch nicht gelegt, als am folgenden Tage (27. Mai) die Verhandlungen
über den Raveaux'schen Antrag von Neuem alle Leidenschaften
entzündeten. Der Ausschuß brachte aus seinen viertägigen Berathungen
nicht einmal einen Mehrheitsantrag vor das Haus. Während die mehr
rechts Stehenden (Vincke, Simson u. A.) eine motivirte Tagesordnung
vorschlugen, „in dem begründeten Vertrauen“, daß alle Staaten
Deutschlands ihre mit dem deutschen Verfassungswerk in Widerspruch
stehenden Verfassungsbestimmungen „abändern werden“, und während Andere
den Einzelstaaten die Aufhebung solcher Widersprüche zur Pflicht
machen wollten, traten die der Linken angehörigen Ausschußmitglieder
(Schaffrath, Kolb, Moritz Hartmann) entschieden mit dem Antrag hervor,
daß das bedeutsame „einzig und allein“, welches das Vorparlament
der Nationalversammlung gewonnen, ausdrücklich wiederholt werde und
daher alle Gesetze, Verfassungen und Verträge nur soweit gültig
seien, als sie mit der von der Nationalversammlung zu errichtenden
Deutschen Verfassung übereinstimmten. Nachdem Oesterreich bereits
am 9. April erklärt hatte, daß es sich an die künftigen Beschlüsse
der Nationalversammlung nur insoweit gebunden erachte, als diese mit
seinem Landesinteresse im Einklang stehen würden, nachdem Preußen für
den 22. Mai eine „constit. Nationalversammlung“ nach Berlin berufen
hatte, und Hannover den denkbar schlechtesten Willen kundgab, die
verfassunggebende Befugniß des Frankfurter Parlaments anzuerkennen,
zog der Antrag der Linken unleugbar am klarsten und entschiedensten
die natürlichen Folgerungen aus den Beschlüssen des Vorparlaments und
der von diesem geschaffenen, allseitig anerkannten Rechtslage. Keiner
der Anträge prägte die große nationale Aufgabe des Parlaments schärfer
aus, keiner zeigte sich unnachgiebiger gegen alle Hintergedanken
und Querabsichten des dynastisch-antinationalen Particularismus.
Rücksichtslos und hart gegen die Einzelregierungen mochte man diese
Haltung der Linken schelten: dem nationalen Politiker zeigt sie sich in
diesen Tagen noch in schönster Reinheit und Kraft.

Die Gegensätze zu vermitteln, hatte Werner von Coblenz den Antrag
eingebracht: „Die Deutsche Nationalversammlung, als das aus dem
Willen und den Wahlen der deutschen Nation hervorgegangene Organ
zur Begründung der Einheit und politischen Freiheit Deutschlands,
erklärt, daß alle Bestimmungen einzelner deutscher Verfassungen,
welche mit dem von ihr zu gründenden allgemeinen Verfassungswerke
nicht übereinstimmen, nur nach Maßgabe des letzteren als gültig zu
betrachten sind, ihrer bis dahin bestandenen Wirksamkeit unbeschadet.“
Der Antrag vereinigte in sich die beiden Hauptansichten und sprach
dennoch correct die Souveränität des Parlaments aus. Es erging jedoch
diesem Vermittlungsantrag wie jedem Versuch einer Versöhnung, bevor
große Gegensätze sich ausgesprochen, bevor sie erkannt haben, daß bei
gleicher Kraft gegnerischer Meinungen nur beiderseitige Nachgiebigkeit
den Frieden ermöglicht: er wurde Anfangs kaum beachtet. Ungestüm
brachen die besten Redner den ganzen Vormittag ihre Lanzen für ihre
extremen Ansichten. Nach der Mittagspause noch trat Graf Arnim für
die Meinung der Rechten, Robert Blum für den Antrag Schaffrath in die
Schranken. Arnim meinte, es sei unmöglich, daß man die Unterwerfung
unter eine Verfassung fordere, deren Berathung noch gar nicht begonnen
habe.

Mit Recht entgegnete ihm Blum[154], daß der Inhalt der Verfassung für
#die# Frage gleichgültig sei, die dem Parlament „die feierlichste,
gewichtigste und gewaltigste“ sei, ob sie nur Vorschläge zu machen
oder eine Verfassung zu gründen habe. Dann wies er auf die Einberufung
so vieler constitutioneller Versammlungen in den Einzelstaaten hin
„und fand in ihnen eine Absicht und Bedeutung, welche die Geschichte
bestätigt hat“[155].

Er sagte:

  „Unsere Arbeit ohne diese Erklärung ist ein Haus ohne Fundament,
  ein Baum ohne Wurzel. Was nützt es uns, wenn wir hier Monate lang
  Verfassungen bauen und am Ende es sich fragt, welchen Werth und
  welche Geltung sie haben? Wenn wir #ein# Deutschland hier bauen, so
  versteht es sich von selbst, daß wir #allein# bauen müssen; denn
  wenn man an zwei Orten baut, so baut man eben zwei Deutschländer und
  nicht eins (Gelächter), abgesehen davon, daß am Ende jede der heute
  entdeckten 38 Nationen dasselbe Recht hat, für sich zu bauen.“ Sehr
  glücklich entgegnete er auf den Einwurf, die Nationalversammlung sei
  nur ein Geschworenengericht, das Volk aber ein Appellhof, das in
  letzter Instanz entscheidet: „Ich gehöre zwar der Linken an, aber
  bekennen muß ich, wir haben uns vor diesen ultra-revolutionären
  Ansichten entsetzt. Nur einmal in der Geschichte ist es dagewesen,
  daß man das Volk entscheiden ließ über die Verfassung. Das war
  1793, und diese Verfassung war wegen ihres ultra-revolutionären
  Charakters nicht lebensfähig. Wenn daher die Linke ihr Mißfallen
  gegen den Sprecher äußern sollte, so thut sie es darum, weil sie
  so revolutionär nicht sein will (Bravo und Händeklatschen)“. Und
  am Schlusse gab er eine Schilderung der deutschen Zustände beim
  etwaigen Mißlingen des Verfassungswerkes, die man als Motto vor die
  Geschichte der Jahre 1849 und 50 setzen könnte: „Wenn die einzelnen
  Volksstämme aufhören müssen zu hoffen, daß hier die Möglichkeit
  gegeben sei zu einer Einheit Deutschlands, dann wird im allgemeinen
  Bankbruch jeder Einzelstaat genöthigt sein für sich zu sorgen, dann
  heißt es, um die Zeit nicht ungenutzt dahingehen zu lassen, für jeden
  derselben: _Sauve qui peut!_ (Bravo! Unruhe auf der Rechten. Eine
  #Stimme#: Zur Ordnung!) Zur Ordnung? Weßhalb denn?“ -- #Präsident#:
  „Es ist kein Grund vorhanden, den Redner zur Ordnung zu rufen, ich
  muß aber bedauern, daß er eine Befürchtung ausgesprochen hat, die ich
  nicht theile.“ #Rob. Blum#: „Das sind eben verschiedene Ansichten.“
  #Wigard#: „Eine subjective Ansicht.“ (Allgemeine Unruhe. Einzelne
  #Stimmen#: „Die Galerie räumen!)“ #Präsident#: „Ich bitte, dem Redner
  das Wort zu lassen.“ #Blum#: „Ich bin am Schlusse, und der Schluß
  lautet nicht anders, als: Entscheiden Sie! (Bravo!)“

Schließlich aber wandten sich doch alle Redner dem
versöhnlich-entschiedenen Antrag Werner's zu, auch Raveaux, auch
Beckenrath, Heckscher und Schaffrath erklärten unter allseitigem
Beifall im Namen der Linken, auch diese werde für den Werner'schen
Antrag stimmen. Fast einstimmig wurde dieser Antrag angenommen. Da ging
ein gewaltiges Hoch-, Bravo- und Hurrahrufen durch das ganze Haus,
ein anhaltendes Händeklatschen erhob sich in der Versammlung und auf
den überfüllten Galerien[156]. Jeder fühlte sich gehoben durch diesen
Beschluß, der noch einmal die Nationalversammlung zur souveränen
Schöpferin der Verfassung erklärte.

Dieser schöne Tag des Parlaments, der an seinem Schlusse eine seltene
Einmüthigkeit der Parteien herbeiführte, sollte für Blum noch ein recht
unangenehmes Nachspiel herbeiführen. Blum hatte die Gefahr, welche die
Einberufung einzelstaatlicher Constituanten in sich berge u. A. durch
folgende Mittheilung anschaulich zu machen gesucht[157]:

  „Ein deutscher Minister hat mir gestern Folgendes mitgetheilt: Die
  Sachsen-Meiningische Regierung hat vor Kurzem an andere Regierungen
  ein Rundschreiben erlassen mit der Aufforderung, man solle das
  Plenum des Bundestags vollständig besetzen und für jede einzelne
  Stimme einen Gesandten hersenden. Darauf hat man von Seiten der
  preußischen Regierung geantwortet, die Bestimmung, die man dem also
  zusammengesetzten Plenum geben wolle: die vollendete Verfassung der
  Nationalversammlung zu berathen, darüber zu verhandeln und endlich
  zu beschließen, sei nicht zu erfüllen. Selbst dieses Plenum werde
  der Nationalversammlung gegenüber ohne Macht sein; das einzige
  Gegengewicht gegen die const. Nationalversammlung sei das, daß
  man möglichst viele constit. Ständeversammlungen in Deutschland
  berufe. -- Meine Herren! Ich habe Ihnen für die Genauigkeit dieser
  Mittheilung nichts einzusetzen, als das Ehrenwort, welches ich
  Ihnen hier gebe, daß sie mir so gemacht worden ist; ich kann in die
  diplomatischen Archive nicht hineinsehen; aber es wird nicht gar
  schwer halten, anzufragen, ob ein derartiges Ansinnen gestellt und
  eine derartige Antwort gegeben worden ist.“

Schon in der nächsten Sitzung (29. Mai) behielt sich bei Verlesung des
Protocolls der tapfere, gerade preußische General v. Auerswald vor, auf
diese Aeußerung Blum's zurückzukommen, da sie „Folgen“ hervorgerufen
habe[158]. Am 1. Juni verlas der Präsident ein Schreiben Auerswald's,
in welchem es u. A. hieß[159]:

  „Der Unterzeichnete, wenn schon dieser Mittheilung keinen Glauben
  schenkend, welche offenbar den guten Willen der preußischen Regierung
  gegen die Nationalversammlung, gegen das von ihr vertretene Deutsche
  Volk verdächtigte, ja welche der preußischen Regierung Mangel an
  Treu und Glauben, dem deutschen Volke gegenüber vorwarf: war dennoch
  bemüht, sich jede mögliche Aufklärung über das von dem Abg. Blum
  behauptete Factum zu verschaffen. Das Resultat dieser Bemühungen
  ist eine, unter dem 1. d. Mts. von dem K. Preuß. Minister der ausw.
  Angelegenheiten, Herrn v. Arnim, zu Berlin gegebene Erklärung
  folgenden Inhalts: „Die preußische Regierung hat weder bei der ersten
  von Frankfurt abgegangenen Einleitung zur Berufung der Deutschen
  Nationalversammlung, noch bei irgend einer anderen Gelegenheit einer
  deutschen Regierung in Beziehung auf das Verfassungswerk jemals
  irgend einen Rath, geschweige denn den Rath ertheilt, die Frankfurter
  Nationalversammlung durch Landtage in den einzelnen Staaten zu
  schwächen oder zu paralysiren. Wenn dessen ungeachtet in Frankfurt
  behauptet wird, Preußen habe sich durch derartigen Rath eines
  Verraths an der Deutschen Sache schuldig gemacht, so muß eine solche
  Behauptung als verleumderisch bezeichnet werden; Diejenigen, die sich
  nicht scheuen, dergleichen Behauptungen vorzubringen, werden zur
  Führung des Beweises durch Vorlagen der angeblich zu Grunde liegenden
  Actenstücke aufzufordern sein.““ --

Robert Blum bestritt[160] mit Grund, daß die Schreiben des Herrn v.
Auerswald und v. Arnim seine Aeußerungen richtig wiedergeben und bat,
wenn eine Verhandlung der Sache gewünscht werde, auf das Eintreffen der
stenographischen Berichte zu warten. Er erklärte unter dem Widerspruch
Vincke's und Bally's, daß im Uebrigen eine Privatmittheilung des
einen Ministers der Privatmittheilung eines andern Ministers
gegenüberstehe; denn auch „wenn einzelnen Mitgliedern von einzelnen
Ministern etwas mitgetheilt wird, so bleibt dieses nach meiner Ansicht
immer Privatmittheilung, die constitutionelle Nationalversammlung
verhandelt durch ihren Präsidenten, nicht durch einzelne Mitglieder
(Bravo!).“ Und er schloß unter „stürmischem“ Beifall: „Wenn erklärt
wird, es sollten für die Sache Beweisstücke vorgelegt werden, so will
ich Ihnen ganz einfach den Weg andeuten, wie diese zu erhalten sind:
die Nationalversammlung möge nur beschließen, von beiden Ministerien
die Acten einzufordern, dann werden Sie die Beweise haben!“ Präsident
Gagern erklärte es als einen „billigen Wunsch Blum's, daß vor
Weiterverhandlung der Sache die stenographischen Berichte über die
Sitzung vom 27. Mai abgewartet werden möchten.“ Als diese wenigstens in
einigen Exemplaren eingetroffen waren, ergriff Blum in der Sitzung vom
8. Juni, nachdem die Versammlung gegen die Abmahnung Eisenmanns eine
Verhandlung der Frage beschlossen, zuerst das Wort[161], um nunmehr
zu constatiren, daß er die ihm in Arnim's Schreiben an Auerswald
beigemessenen Ausdrücke über Preußen nicht gebraucht, nicht einmal
behauptet habe, Preußen habe Meiningen einen „Rath“ ertheilt. Er habe
auch nur behauptet, daß er wortgetreu referire, was ihm ein glaubhafter
deutscher Minister erzählt, und zwar vor zwei Zeugen erzählt habe, die
Mitglieder des Parlaments seien[162]. Den Minister könne er nicht
nennen. „Ist die Sache unrichtig mitgetheilt worden, so bedaure ich
dieses. Ich bedauerte es um so mehr, weil ich es gewesen wäre, der eine
unrichtige Mittheilung in Ihre Mitte gebracht hätte.“ Sehr geschickt
war die Schlußwendung Blum's: „es wäre gut gewesen, wenn der preußische
Minister an die Zurückweisung einer unrichtigen Beschuldigung irgend
einen Ausspruch für Beseitigung der vielfach aufgetauchten Besorgnisse
über die Stellung der constitutionellen Versammlung zu der allgemeinen
deutschen beigefügt hätte. Ich aber bitte Sie, meine Herren,
beschließen Sie die Einforderung der Acten. (Bravo!)“

Unter „vielfachen Zeichen des Unwillens“ beantragte nun Auerswald,
daß die Versammlung Blum ihre förmliche Mißbilligung ausspreche, „in
gerechter Würdigung der von ihm erhobenen ungegründeten Anklage.“
Der Präsident ließ ihn ruhig diesen Antrag begründen, ihn auch den
angeblichen Wortlaut der preußischen Note nach Meiningen auf Beschluß
der Versammlung vorlesen. Dann aber erhob sich Gagern mit um so
größerem Nachdruck unter allseitigem Beifall zu der Erklärung: „den
Antrag, den Herr v. Auerswald heute gestellt hat, kann ich nicht zur
Abstimmung bringen, weil, wenn in der Aeußerung des Herrn Blum etwas
gelegen hätte, was ich für ungeeignet oder beleidigend hätte halten
müssen, ich unmittelbar den Ruf zur Ordnung ausgesprochen haben würde.
Das ist nicht geschehen, und ich kann es jetzt nicht nachholen. Der
Beschluß kann kein anderer sein, als zur Tagesordnung überzuschreiten.“
Die Versammlung hätte am besten gethan, dieser Mahnung des Präsidenten
zu folgen. Sie hätte dann zwei Reden in ihren Berichten weniger, welche
weder den Rednern noch der Versammlung zu großer Ehre gereichen:
erstens die Rede des Fürsten Lichnowsky, die von persönlicher
Gehässigkeit gegen Blum überströmt und nicht gerade ritterlich gegen
Blum's Schweigen über seinen Gewährsmann ankämpfte, da doch Blum lieber
sich allen Angriffen der Rechten aussetzte, als daß er jenen Minister
compromittirte[163]. Und zweitens die berufene Rede des Abgeordneten
Schaffrath, in der er ausrief: „Ich hätte ruhig an das Volk appellirt
und hätte erwartet, ob es, ob das Volk dem Robert Blum mehr glaubt,
oder dem Herrn von Auerswald. Blum hat nichts zu beweisen, er ist ein
Volksmann, das ist genug.“ Ein tiefer Stachel persönlicher Erbitterung
blieb auf beiden Seiten aus dieser nutzlosen Verhandlung zurück. Am
gegründetsten war der Unmuth der Linken über den Versuch der Rechten,
die Redefreiheit des Parlaments zu verkümmern, den schon Gagern mit
Energie zurückgewiesen hatte.

Auch von zu Hause hatte Blum Nachrichten, welche ihm nicht zur Freude
gereichten: „Friese hat mir die traurigsten Geschäftsberichte gegeben,
die weit unter den allerschlechtesten Erwartungen bleiben und mir
große Sorgen machen“, schreibt er am 6. Juni der Frau. „Unter diesen
Umständen ist allerdings jetzt an eine Reise nicht zu denken, und wie
schmerzlich es mir ist, so muß es nun verschoben, wo nicht aufgehoben
werden. Nach Leipzig kann ich unbedingt nicht gehen zu Johanni; wie
die Sachen hier stehen, so kann Niemand nur einen Tag fort, ich am
wenigsten, namentlich jetzt, wo wir endlich an die wichtigen Fragen
kommen.“

Nach all dieser monatelangen Arbeit, Mühsal und Sorge that sich endlich
plötzlich eine unvergleichliche Pfingstfreude vor Blum und seinen
Parteigenossen auf: die ganze Rheinpfalz hatte die Linke eingeladen,
das fröhliche Fest dort zu verleben. So schrieb denn Blum am 9. Juni an
die Gattin:

  „Liebe Jenny, keine Antwort sollst Du haben, sondern nur in zwei
  Zeilen ein Zeichen der Erinnerung. Ich habe heute furchtbar zu thun
  und muß morgen früh verreisen, um in unserem Rücken eine Sicherheit
  zu Stande zu bringen. Das soll die Pfalz sein, wohin morgen früh
  hundert Mann von uns ziehen. Daher heute nur die besten Wünsche
  für Dein und der Kinder beständiges Wohl. Mögen Eure Feiertage so
  fröhlich wie möglich sein. Wäre doch eine Eisenbahn bis Leipzig!“ u.
  s. w. Am Sonnabend den 10. Juni früh 9 Uhr fuhr Blum mit dem Gros der
  Linken nach Mannheim[164]. Viele Genossen waren schon vorausgeeilt,
  manche folgten. In Mannheim begrüßte Itzstein die Partei und ward von
  dieser als „Vater“ gefeiert.

  Im „Europäischen Hof“ wurde zu Mittag gegessen, wurden „beim goldenen
  Becher herzliche Empfindungen getauscht.“ Hier begrüßte eine
  Deputation aus Neustadt die „Männer der Linken“, hierher erging „von
  den schönsten Frauen und Jungfrauen Frankenthals“ eine Einladung,
  auch diese Stadt zu besuchen. Blum kam dem Verlangen schriftlicher
  Zusage -- die „schönsten Frauen und Jungfrauen Frankenthals“
  liebten es, sicher zu gehen -- in der für solche Fälle ziemlich
  ungewöhnlichen Form eines Wechsels nach. Dieser lautete: „Am Dienstag
  den 13. Juni Nachmittags 4 Uhr liefere ich gegen diesen Solawechsel
  an die liebenswürdigsten Damen von Frankenthal dreißig Männer der
  Linken. Mannheim, 10. Juni 1848, Robert Blum“[165].

  In Ludwigshafen begann der eigentliche Festzug. Der Bahnhof und
  viele Häuser waren mit Fahnen geschmückt. Im „Deutschen Hause fand
  ein erhebender Austausch der Gesinnungen statt“. Mit dem letzten Zuge
  ging der Weg weiter nach Neustadt. Auf jeder Station ertönte den
  Reisenden ein Lebehoch von der zahlreich versammelten Bevölkerung
  der Umgegend. In Neustadt war der Empfang wahrhaft großartig: die
  gesammte Bürgerwehr vor dem Bahnhof aufgestellt, auf dem weiten
  Platze, der durch Pechkränze erhellt war; der Stadtrath an der Spitze
  einer unübersehbaren Volksmenge; Hunderte von Böllerschüssen mischten
  sich in die Klänge der Musik, des Gesanges. Blum beantwortete die
  Begrüßung des Bürgermeisters, Jordan die des Bürgerwehrcommandanten;
  die letztere defilirte vor den Gästen und ein großer Zug setzte
  sich in Bewegung nach dem hochgelegenen Schießhause. Feenhaft war
  die Scene, als bei der Ankunft der Abgeordneten bengalische Flammen
  das Haus und die Bergkette erleuchteten und aus dem Grün der Bäume
  der kräftigste Männergesang erschallte. Im Schießhause fand ein
  Abendessen statt, an welchem so viel Einwohner Neustadt's Theil
  nahmen, als der Raum zu fassen vermochte. Hunderte aber umdrängten
  die Eingänge und weilten im Garten, um mindestens so weit an dem
  kräftigen Austausch der Gesinnungen Theil zu nehmen, als es möglich
  war. Erst spät führten Neustadt's Einwohner die Gäste in die
  Wohnungen, welche man auf's Zuvorkommendste ihnen bereitet hatte, um
  auszuruhen zu neuem Tagewerke.

  Mit dem frühen Morgen war Neustadt wieder auf den Beinen, denn die
  Gäste sammelten sich um 6 Uhr im Garten des Schießhauses, von wo sie
  in Begleitung vieler Freunde die weitere Reise antraten. Es war ein
  imposanter langer, reich mit Blumen und Grün bekränzter Wagenzug,
  auf welchem die Reisenden dahin rollten, geleitet von den besten
  Wünschen und dem jubelnden Lebehoch der zurückbleibenden Menge.
  Schon in Edesheim begann die ehrende Begrüßung; eine Ehrenpforte war
  errichtet mit der sinnreichen Inschrift: „#Der Rückblick führt zum
  Fortschritt!#“ andererseits: „#Für uns Euer Wirken! Für Euch unsere
  Kraft!#“ und in der Nähe derselben empfing die Bürgerwehr und die
  Ortsobrigkeit die Reisenden mit festlichem Gruß, welcher dankbare
  Erwiderung fand. -- So ging der Zug nach der Bundesfestung Landau, wo
  zwar zahlreiche Volksmassen denselben begrüßten, aber jede festliche
  Veranstaltung unterblieben war, da man irrthümlich annahm, der Zug
  werde Landau nicht berühren.

  So ging es denn über Eschbach nach der Ruine Madenburg, auf welcher
  die halbe Einwohnerschaft von Landau und eine große Volksmasse
  aus naher und ferner Umgebung versammelt waren. Diese Tausende
  von Menschen, der Schmuck zahlreicher Fahnen, der Donner der
  Freudenschüsse und die Klänge der Musik und des Gesanges nahmen auf
  diesem wunderbar herrlichen Punkte und unter den weiten Trümmern
  eines Baues der Vergangenheit einen besonderen Festcharakter an.
  Blum eröffnete den Reigen der Sprecher mit einer tiefen Eindruck
  machenden Rede; eine große Anzahl der Abgeordneten folgte ihm und
  drei bis vier Stunden mögen wohl dahingegangen sein, während welcher
  die Massen trotz der glühenden Mittagssonne voll Andacht dem Worte
  der Freiheit lauschten. Ein Frühstück war den Reisenden in der Ruine
  auf einem herrlichen Punkte bereitet und manches zarte Frauenantlitz
  setzte sich während desselben dem sengenden Sonnenstrahle aus, um die
  Gäste mit dem Schirme zu schützen, damit nicht wahr werde, was Vogt
  scherzweise verkündete, daß die Linke hier „zusammenschmelzen“ müsse.
  Doch erlitt sie einen Verlust: Der Vertreter eines der kleinsten
  Staaten hatte ein schattiges Plätzchen gefunden und war daselbst
  eingeschlafen; er erwachte erst, als die Burg verödet und der Mond am
  Himmel stand, so daß er erst am folgenden Tage wieder zu den Freunden
  gelangte.

  Von Eschbach ging nun der Zug nach dem Bade Gleisweiler, dessen
  schöner Garten mit Menschen überfüllt war und wo dem jubelnden Gruße
  mehrfache Ansprache vom Balkon des Gasthofes herab folgte; dann
  wurde die Reise bis nach Edenkoben fortgesetzt. Hier war der Empfang
  auf der königlichen Villa, gewiß einem der herrlichsten Punkte der
  schönen Haardt, und die Gäste wurden hier von der aufgestellten
  Bürgerwehr u. s. w. herzlich begrüßt. Bis zum kühlen Abend tagte
  man oben auf dem Berge, dann geleitete die Bürgerwehr von Rodt
  und Edenkoben die Gäste in feierlichem Zuge nach der Stadt. Ein
  Abendessen machte hier den Beschluß des anstrengenden Tages; man
  hatte die Frauen davon ausgeschlossen, aber sie füllten in schönem
  Kranze die weite Gallerie und warfen einen Regen von frischen Rosen
  auf Blum, welcher die Stellung und Aufgabe der Frauen in der Neuzeit
  in einem Trinkspruche schilderte, welchen er den Schönen widmete.

  Montags früh weckte eine glänzende Reveille der Bürgerwehr die
  Reisenden, welche sich im Garten des Gasthofes zum Lamme sammelten
  und von hier aus um acht Uhr zu Fuß den Weg fortsetzten, geleitet
  von der gesammten Bürgerwehr von Edenkoben. Der Zug schwoll von nun
  an von Stunde zu Stunde, indem sich die Bewohner der Ortschaften
  ihm anschlossen, durch welche er kam, um an der Volksversammlung
  in Neustadt Theil zu nehmen[166]. In Maikammer reichte man den
  Reisenden den Ehrentrunk in kostbarem Wein und nach wechselseitigen
  Begrüßungsreden wechselte die Bürgerwehr von Maikammer mit der von
  Edenkoben ab und gab ihnen das Geleit bis Hambach. Auf dem berühmten
  Schlosse waren abermals Tausende versammelt; allein man besuchte
  dasselbe nicht, indem die Zeit drängte, zog vielmehr durch Mittel-
  und Oberhambach, wo abermals die herzlichste Begrüßung Seitens der
  Ortsbehörden und der Bürgerwehr stattfand, nach Neustadt.

  An der Gemarkungsgrenze Neustadt's war abermals die Bürgerwehr,
  die Turnerschaft Neustadt's und mehrerer Nachbarorte u. s. w.
  aufgestellt. Die 16 Jahre tief verborgene Hambacher Fahne wurde vom
  kräftigsten Manne getragen, und zahlreiche Fahnen von Liederkränzen
  und Turnern reihten sich um dieselbe. Nachdem der Bürgermeister hier
  nochmals die Gäste begrüßt hatte, setzte sich der lange Zug nach der
  Stadt in Bewegung, umgeben von Tausenden, die zur Volksversammlung
  gekommen waren. Diese Volksversammlung fand auf dem weiten Platze vor
  dem Bahnhofe statt, wo eine sehr geräumige Tribüne für die Gäste,
  eine noch weit größere für die Frauen errichtet war, die denn auch in
  dicht geschaarten schönen Reihen der Versammlung beiwohnten, während
  eine ungeheure Volksmasse den weiten Raum füllte. Dr. Hepp, der
  ringsgeehrte und gefeierte Kämpfer für die Freiheit, eröffnete hier
  die Reihe der Sprecher mit einer Hinweisung auf die Gäste, ihr Thun,
  ihre Aufgabe u. s. w. Nach ihm sprachen Blum, Zimmermann, Dietzsch,
  Vogt, Eisenstuck, Wesendonk, Günther, v. Trützschler, Dr. Schilling
  und mehrere andere. Die Lage Deutschlands, die Ermahnung, fest zu
  halten an der noch lange nicht vollendeten Revolution, die Darlegung
  der Nothwendigkeit eines Schutz- und Trutzbündnisses mit Frankreich,
  die Vorzüge der republikanischen Staatsform und dergleichen bildeten
  den Inhalt der Reden, die fast alle mit jubelnder Zustimmung
  unterbrochen und abgenommen wurden. -- Obgleich die Sonne wahrhaft
  versengend herabbrannte, so verminderten sich die Massen in dem
  Zeitraume von 10 bis 2 Uhr nicht nur nicht, sondern es zogen vielmehr
  fortwährend neue zu und besonders der Zug von Mannheim brachte
  Hunderte neuer Theilnehmer.

  Nach der Volksversammlung vereinigte ein Mittagessen die Gäste mit
  so viel Pfälzern, als der Raum zu fassen vermochte, bei welchem
  abermals das ernste Wort mit Scherz und Heiterkeit wechselte. Bei
  Tafel war besonders Professor Vogt aus Gießen der Unwiderstehliche.
  Wie Heinrich der 72. seit 30 Jahren auf dem Princip, so ritt Vogt auf
  den deutschen und besonders Heidelberger Hofräthen herum, und zwar
  mit einer solchen Fülle von Humor und so meisterhaften Variationen,
  daß er sich das größte Verdienst um eine die Verdauung befördernde
  Zwerchfellerschütterung erwarb. --

  Um 4 Uhr endlich ging die Reise fort; die Pflicht gebot es, wie
  gerne die Reisenden auch noch in dem lieben Neustadt geweilt
  hätten. Die Straßen waren jetzt überfüllt mit Menschen und nur
  mühsam konnte sich der Zug hindurch winden, Alles drängte sich um
  die Volksvertreter, und suchte ein Wort, einen Druck der Hand zu
  erhaschen; auch wurde ihnen im Vorbeiziehen noch eine mit zahlreichen
  Unterschriften versehene Adresse überreicht, welche ihre Zustimmung
  zu den Grundsätzen der Linken ausspricht, gegen jede Schmälerung der
  Volksrechte protestirt und sich für die Republik erklärt.

  Eine zahlreiche, berittene, mit Schärpen geschmückte Ehrenwache
  geleitete die Reisenden auf dem Zuge nach Dürkheim. Zweimal wurde
  derselbe unterbrochen, in Moßbach, wo Ortsbehörden und Bürgerwehr
  sich aufgestellt hatten und die Reisenden mit einem Ehrentrunke
  begrüßten, und in Deidesheim, wo ein Gleiches geschah. An beiden
  Orten waren wieder wahrhafte Massen Volkes versammelt, es wurden
  mehrere Reden gewechselt und besonders rief man Blum stürmisch auf
  den Tisch, welcher als Tribüne diente. Der Menschen Herzlichkeit
  und Freundlichkeit und der unvergleichlich kostbare Wein fesselten
  die Reisenden ziemlich lange und so geschah es, daß sie erst spät,
  aber in der heitersten Stimmung nach Dürkheim kamen, wo sie der
  Bürgermeister und der Obrist der Bürgerwehr eben so herzlich, als
  das dichtgeschaarte Volk jubelnd begrüßte. Ein Abendessen in den
  „Vier Jahreszeiten“ machte dem Tage ein Ende; Hunderte von Zuhörern
  drängten sich im Saale selbst und auf den Gallerien, denen der Raum
  die Theilnahme nicht mehr gestattete. Auch hier wehte dieselbe
  freie, schwunghafte, kräftige Gesinnung, welche die Pfälzer so
  ehrenvoll auszeichnet, und die sich auf der ganzen Reise so vielfach
  ausgesprochen hatte. Hier erstattete Vogt einen prophetischen Bericht
  über die Reise, wie ihn die „deutsche Zeitung“ wahrscheinlich
  erstatten wird, der eine wirklich erschütternde Wirkung hervorbrachte.

  Der Vormittag des Dienstags war einem Besuche der Limburg, der
  herrlichen Ruinen einer Kirche und eines Klosters gewidmet. Dort
  hatte sich eine große Volksmenge aus Dürkheim und der Umgegend
  gesammelt, Freudenschüsse und eine Parade der Bürgerwehr empfing
  die Gäste und das weite Schiff der Kirche, am Boden jetzt mit
  grünem Rasenteppich geschmückt, gedeckt nur von der azurblauen
  Himmelswölbung, diente zum Sammelplatze für das Volk; von einer
  gefallenen Säule der alten Kirche und der alten Satzung wurde das
  neue Evangelium des Lichtes und der Freiheit verkündet. Hier, wie
  schon früher, hörte man mit besonderer Theilnahme den jugendlichen
  Giskra, welcher mit lebendiger Einbildungskraft die Berge, den
  Himmel, schöne Mädchen, Wein und Freiheit zu einem glänzenden Bilde
  zu verweben weiß. Geleitet von der Bürgerwehr und dem versammelten
  Volke zogen die Gäste nach mehrstündigem Aufenthalt wieder
  bergabwärts und fuhren nach eingenommenem Mittagsessen in den „Vier
  Jahreszeiten“ unter herzlichem, tausendstimmigen Lebewohl von den
  schönen Bergen ab und dem Rheine zu.

Noch als ich 1864 zum ersten Male in der schönen Pfalz war, traf ich
überall die lebendigste Erinnerung an diese Pfingstreise der Linken
und besonders an Robert Blum. „Hier hat er gestanden, gesprochen“
-- erzählen noch heute die Alten, die damals jung waren. Und auf
dem Eschbacher Schloß -- von wo der Blick umspannt die Vogesen von
Straßburg an und die Höhen des Schwarzwaldes von Baden-Baden bis zu
dem fernen Kaiserstuhl von Heidelberg und dem ferneren Melibocus der
Bergstraße, stand einst auf steinerner Platte eingegraben, daß hier
auf den Trümmern des gebrochenen Bischofsitzes, Robert Blum gesprochen
habe zum Volke über seine heiligsten Rechte und Ziele. Der Stein
ist zerschlagen von der Wuth einer baierischen Soldatenschaar. Neue
Trümmer haben sich zu den Trümmern gesellt, die einst Melac's Wüthriche
gebrochen. Die Gebeine des gefeierten Redners und Volksmannes modern
an den Ufern der Donau. Das erzählt das Eschbacher Schloß von der
Pfingstfahrt der Linken.

Schon am 14. Juni war wieder die volle parlamentarische Arbeit
zu thun. Es galt, sechs Millionen für die Deutsche Flotte zu
verwilligen. Niemand in der Versammlung hätte die Summe geradezu
versagen mögen. Wiesner allein meinte, bei „dem nahen Frieden mit
Dänemark“ möge man die neue Steuer bis nach Einführung einer neuen
deutschen Heerverfassung verschieben. Die Linke dagegen war zwar für
die Bewilligung, doch wahrte sie auch hier die höchsten Rechte der
Versammlung: nach Eisenstucks Antrag sollte die Summe nur mit Vorbehalt
ihrer Verwendung durch die künftige Centralgewalt bewilligt werden.
Unter dem „allgemeinen Bravo“, welches diesen fast mit Stimmeinheit
gefaßten Beschluß begleitete[167], erwog man freilich nicht, daß es
leichter sei, „die Bundesversammlung zu veranlassen, die Summe von
sechs Millionen Thalern auf bisher verfassungsmäßigem Wege verfügbar zu
machen,“ als diese Summe wirklich zu beschaffen.

Die Verhandlungen über die „Errichtung einer provisorischen
Centralgewalt“ begannen am 19. Juni. Den Beginn dieser größten Arbeit,
welche das Parlament bis dahin beschäftigt hatte, zeigte Blum am
18. der Gattin mit den Worten an: „Liebe Jenny, Du mußt glauben,
ich sei sehr nachlässig geworden, aber wir schlagen dieser Tage
die Entscheidungsschlacht und schlafen jetzt höchstens 3 Stunden
täglich.“ Blum war Mitglied des „Prioritätsausschusses“, welcher die
Anträge betreffs der provisorischen Centralgewalt vorbereitet hatte.
Elf von den dreizehn Mitgliedern des Ausschusses schlugen eine neue
Auflage des vom Fünfzigerausschuß abgelehnten Triumvirates oder des
„Directoriums der drei Onkel“ unter dem Namen „Bundesdirectorium“
vor. Diese drei Männer sollten von den Regierungen gewählt, von
der Nationalversammlung (ohne Berathung über die Persönlichkeiten)
bestätigt werden. Die Heeresleitung, die völkerrechtliche Vertretung
Deutschlands sollte ihnen zustehen, die Entscheidung über Krieg und
Frieden im Einverständniß mit der Nationalversammlung. Seine Gewalt
sollte das Directorium durch der Nationalversammlung verantwortliche
Minister üben. Die Minderheit des Ausschusses, Blum und Trützschler,
hatten dagegen den Antrag[168] gestellt: „Die Nationalversammlung wählt
mit absoluter Mehrheit eines ihrer Mitglieder zum Vorsitzenden eines
Vollziehungsausschusses. Dieser Vorsitzende wählt nach freier Wahl
vier Genossen, die gemeinschaftlich mit ihm den Vollziehungs-Ausschuß
bilden. Der Ausschuß hat die Beschlüsse der Nationalversammlung
auszuführen und die Vertretung Deutschlands nach Außen zu übernehmen.
Derselbe ist der Nationalversammlung verantwortlich und muß sich
zurückziehen, wenn die Mehrheit der Versammlung gegen ihn ist.“ Dann
erfolgt die Neuwahl auf dieselbe Weise. „Der Vollziehungs-Ausschuß
besteht so lange, bis die deutsche Bundesgewalt durch die
Nationalversammlung bestimmt (!) eingesetzt ist[169].“ „Man hatte
hier ein vollständiges Spiegelbild der französischen _Commission
exécutive_, nur mit dem Unterschiede, daß in Frankreich kein Thron mehr
stand, in Deutschland aber alle die alten Herrscher aufrecht geblieben
waren[170].“ Bassermann war es, der die Undurchführbarkeit dieses
Vorschlages treffend nachwies. In den allgemeinen Bemerkungen über
Blum's politische Stellung[171] ist dieser Ansicht in der Hauptsache
beigetreten worden. Nichtsdestoweniger erscheint die Begründung des
Minoritätsantrags durch Blum vom höchsten Interesse. Denn diese
„glänzende Vertheidigung, die auf das Gefühl der Massen trefflich
berechnet war“[172] und auch den Gegnern ein achtungsvolles Schweigen
abnöthigte, gehört zu den besten Reden Blum's und gewährt den tiefsten
Einblick in seine und seiner Partei politische Denkweise, in die
eigenthümliche Kraft und Ueberzeugung seiner Sprache. Und wenn er für
eine unausführbare Idee kämpfte, so war der Vorschlag der Majorität,
wie sich schon während der Verhandlungen selbst herausstellte, nicht
minder unausführbar. Gerade gegen die Schwächen dieses Gegenantrages
richtete sich Blum's stärkste Beredsamkeit. Er sagte am zweiten Tage
der Verhandlungen, am 20. Juni, Folgendes[173]:

  „Diese Versammlung, meine Herren, erscheint mir oft wie der
  Prometheus: seine Riesenkraft war angeschlossen an einen Felsen und
  er konnte sie nicht brauchen, -- die Riesenkraft der Versammlung
  scheint mir zuweilen angeschlossen zu sein an den Felsen des
  Zweifels, den sie sich selbst aufbaut. Zu verschiedenen Zeiten
  ist sie sich dieser ungeheuren Kraft bewußt geworden, und der
  Ausdruck derselben genügte, in den Augen der Nation sie wieder auf
  den Standpunkt zu stellen, den sie einnimmt, den aber der Zweifel
  auf der andern Seite ihr streitig zu machen suchte; so bei dem
  Beschlusse über den Raveaux'schen Antrag, dem der Zweifel voranging;
  so bei dem Zweifel, ob man einen Friedensschluß genehmigen könne
  und dürfe[174], während es doch sonst Niemanden gibt, der ihn
  genehmigen kann; so bei der Bewilligung der sechs Millionen für die
  Marine, und so heute wieder, als Sie mit dem großartigsten Schwunge
  einen Krieg erklärt haben[175], ohne sich zu fragen, ob Sie ein
  Heer haben, und ob Sie eine Flotte haben, und ob Sie Mittel dazu
  haben; aber Sie haben mit der kühnen Erklärung zu gleicher Zeit den
  #Sieg# beschlossen, denn der Sieg lebt in #uns#, nicht da draußen
  und nicht in materiellen Dingen! Eine neue große Entscheidung
  schlägt an Ihr Herz, und Sie sollen noch einmal den Zweifel lösen,
  ob Sie Ihre Gewalt fühlen und die unumstößliche Majestät, die in
  Ihren Händen liegt, und ob Sie sie gebrauchen wollen. -- Sie sind
  hierher gekommen, um dieses zerstückelte Deutschland in ein Ganzes
  zu verwandeln; Sie sind hierher gekommen, um den durchlöcherten
  Rechtsboden in einen wirklichen, in einen starken zu verwandeln; Sie
  sind hierher gekommen, bekleidet mit der Allmacht des Vertrauens der
  Nation, um das „#einzig und allein#“ zu thun. Genügt es dazu, daß
  Sie Beschlüsse fassen und sagen: die Nationalversammlung beschließt,
  daß das oder das geschehe? Durchaus nicht. Sie müssen sich das Organ
  schaffen, durch welches diese Beschlüsse hinausgetragen werden in
  das Leben, durch welches sie gesetzliche Geltung erlangen; dieses
  Organ zu schaffen, ist der Gegenstand unserer Verhandlung. Was wird
  dieses Organ sein? Bei dem ersten Anblick Dessen, was wir bedürfen,
  eben nur das Organ, welches Ihren Willen verkündet. Man sagt uns,
  der Vollziehungs-Ausschuß, der von einer sehr kleinen Minderheit
  vorgeschlagen worden ist, sei eine republikanische Einrichtung, und
  wir geben das sehr gern zu; wir verhehlen gar nicht, wir wollen die
  Republik für den #Gesammtstaat#, wir wollen diese Einrichtung, und
  nicht deßhalb, weil wir die Verhältnisse in Deutschland auflösen
  wollen, sondern weil wir sie schützen wollen, weil wir glauben,
  daß zwei gleichartige Richtungen nicht mit einander bestehen
  können, weil wir in der republikanischen Form an der Spitze des
  Gesammtstaates Sicherheit sehen für die Freiheit jedes einzelnen
  Staates, seinen eigenen Willen auszuführen und zu erhalten, und
  weil wir zu gleicher Zeit diese Spitze nicht den Zielpunkt niederen
  Ehrgeizes sein lassen wollen. Allein es ist ein arger Irrthum, wenn
  man dieses Streben nach einer republikanischen Einheit verwechselt
  mit dem, was in den einzelnen Staaten geschieht oder geschehen
  soll. Wir bauen den Gesammtstaat aus den einzelnen Theilen, die
  vorhanden sind, wir erkennen die Thatsache dieses Vorhandenseins
  ebenso wie die Formen an, und unser Bestreben ist dahin gerichtet,
  in der großen Gesammtheit einer jeden Einzelnheit ihre Freiheit,
  den Spielraum zu ihrer eigenthümlichen Entwickelung zu gönnen und
  zu belassen. Schaffen Sie den #Vollziehungs-Ausschuß#, so sind
  es die bestehenden Gewalten, die bestehenden Regierungen, welche
  vom Vollziehungs-Ausschuß die Beschlüsse der Nationalversammlung
  empfangen und diese Beschlüsse ausführen; sie werden in ihrem Wesen
  und in ihrer Kraft nicht im Mindesten angetastet, sie bleiben
  vielmehr im Vaterlande völlig auf dem Standpunkte, den sie sich zu
  erhalten vermocht haben. Wenn die Regierungen das sind, was man
  so vielfach behauptet, gutwillig in Bezug auf die Ausführung und
  bereit, Opfer zu bringen zum Gedeihen des Ganzen, so ist diese
  Einrichtung so einfach, daß es keine einfachere gibt; wenn sie aber
  nicht gutwillig sind, was von anderer Seite auch vielfach behauptet
  wird, und wofür man sich auf einzelne Erscheinungen stützt, die man
  vielleicht überschätzt, dann -- wir haben keinen Hehl in unsern
  Gedanken -- dann soll er die Bedürfnisse der Zeit stellen über die
  Regierungen, dann soll er ihnen entgegentreten, dann soll er die
  Nation nicht den Sonderinteressen aufopfern, sondern vielmehr die
  Widerstrebenden -- geradezu herausgesagt! -- zermalmen. -- Wäre ein
  solcher Fall denkbar, ich hoffe, er ist es nicht, dann wäre es eine
  sonderbare Einrichtung, daß wir Denen die Vollziehungs-Gewalt oder
  die provisorische Regierung, die es dann allerdings werden müßte,
  in die Hand geben, gegen die sie handeln soll und muß. Man hat den
  Vollziehungs-Ausschuß auch in anderer Beziehung angegriffen und
  hat ihn ungenügend genannt, da er nur die Vertretung Deutschlands
  nach Außen, nicht die Vertheidigung desselben enthält. Nun, es
  muß in dieser Beziehung ein arges Mißverständniß herrschen, denn
  die Vertretung eines Landes nach Außen besteht nicht blos im
  diplomatischen Verkehr, sie besteht auch in der Entwickelung der
  ganzen Kraft und Gewalt, die eine Nation hat, da wo sie nothwendig
  wird. Der Vollziehungs-Ausschuß hat ferner einen großen Vortheil:
  Er gewährt den Regierungen, was sie bedürfen, den Mittelpunkt,
  in dem das Staatsleben für den Gesammtstaat in diesem Augenblick
  zusammenläuft. Er ist ihnen, wenn sie wirklich das Beste der Nation
  wollen, ihr Aufstreben fördern, nicht im Geringsten gefährlich. Er
  sichert die Versammlung vor jedem Mißbrauch; denn die Versammlung
  hat es in der Hand ihn zurückzuziehen, sobald er die Begrenzung
  überschreitet, die sie ihm zu stecken für gut findet. Er sichert
  die Regierungen auch durch die #Wahl#; denn wie die Versammlung
  zusammengesetzt ist, haben Sie nicht zu besorgen, daß eine Meinung
  aufkomme und an die Spitze gestellt werde, die den Regierungen
  Besorgnisse erregt. Hat doch ein Mann, der in jenen Kreisen lange
  Jahre gelebt und gewirkt hat, Ihnen ausdrücklich gesagt, daß er
  ohne alle Besorgniß das Wohl des Gesammt- wie der einzelnen Staaten
  in den Händen dieser Versammlung sehe. Der Vollziehungs-Ausschuß
  sichert aber auch das Volk vor möglichen Uebergriffen, indem er als
  ein Ausfluß der von ihm erwählten Versammlung, als ein Ausfluß der
  Gewalt, der Träger seiner Majestät und Souveränetät dasteht, und das
  Vertrauen des Volkes aus seinem Ursprunge schon für sich in Anspruch
  nimmt. -- Das Directorium, welches man Ihnen vorgeschlagen hat,
  sichert in dieser Beziehung Niemanden. Wird es stark, dann sind die
  einzelnen Regierungen ihm preisgegeben; die Fürsten der kleineren
  Staaten können sich als halb mediatisirt betrachten, sobald dieses
  Directorium ins Leben tritt. Es sichert die Versammlung nicht;
  denn die Versammlung, die ihre stillschweigende, wenigstens ihre
  prüfungslose Zustimmung dazu geben soll, sie hat nicht mehr die
  Macht, dasselbe zu entfernen. Die angebliche Verantwortlichkeit,
  sie ist eine leere Phrase. Es gibt keine Verantwortlichkeit ohne
  Gesetz; es gibt keine Verantwortlichkeit ohne einen Gerichtshof,
  wo ich den Verantwortlichen belangen kann; und nicht einmal das
  letzte kümmerliche Mittel, sich zwar nicht eine Verantwortlichkeit,
  doch einen #Rückzug# zu erzwingen, die Steuerverweigerung, sie ist
  nicht in Ihrer Hand. Und weil Sie keine Verfassung haben, und weil
  Sie keine Grundlage haben, auf welcher diese Gewalt steht, und weil
  Sie keine Schranken gezogen haben, innerhalb deren sie sich bewegen
  muß, und weil Sie kein Mittel haben, sie in den Schranken zu halten,
  deßhalb ist es die #Despotie#; deßhalb ist es die #Dictatur#, die
  #schrankenloseste Dictatur#, die die Freiheit gefährdet, wie nie
  etwas Anderes. Sie wollen ein solches Directorium schaffen, und
  ich frage Sie: Dürfen Sie dasselbe schaffen? Haben Sie ein Mandat
  dazu, mit irgend Jemand in der Welt zu verhandeln? Hat eine einzige
  Wahlhandlung auch nur einen derartigen Vorbehalt nicht aufkommen,
  sondern nur gewissermaßen als eine Ansicht aufdämmern lassen? --
  Nirgends in der Welt. Berufen sind Sie durch die Allmacht des Volkes,
  und Sie sind nur jenem Mandate treu, so lange Sie diese Allmacht
  wahren. #Sie dürfen nicht verhandeln#; Sie müssen eher Ihr Mandat
  niederlegen, als sich von der Aufgabe entfernen, die uns geworden
  ist. Sie dürfen am wenigsten in dem Augenblick, wo das Volk seine
  lang verkümmerten Rechte und seine lang verkümmerte Macht errungen
  hat, mit Denen unterhandeln, die seit 30 Jahren niemals mit uns
  unterhandelt haben, die selbst unsern Rath niemals hörten, wenn es
  sich darum handelte, Deutschland als #ein Ganzes# zu vertreten.
  Allein es wird auch der Unterhandlungen nicht bedürfen; wahrlich,
  Diejenigen leisten den Regierungen einen sehr schlimmen Dienst, die
  sie darstellen als etwas, was außerhalb uns, d. h. außerhalb des
  Volkes steht; man sagt uns ja immer: „Die Regierungen sind jetzt
  volksthümlich, sie sind aus dem Volke hervorgegangen, sie gehören
  dem Volke an.“ -- Nun wohlan! Wenn das wahr ist, so vertreten wir
  sie mit, wir vertreten nicht den Einzelnen, nicht den Stand, keine
  Kaste; wir vertreten das Volk #und# die Regierungen, sie gehören
  zum Volke; mindestens #sollen# sie zum Volke gehören. Wo das nicht
  der Fall wäre, daß die Regierungen im Volke aufgingen, nun, dann
  würde nichts vorliegen, als die Wahrung der alten Fürsten- und
  Dynastien-Interessen, und wahrlich ein Volk von 40 Millionen,
  es würde nicht unterhandeln können mit 34 Menschen, die ihr
  Sonder-Interesse fördern wollen. So ist in unserm Vorschlage nach
  meiner Ueberzeugung gewahrt, was Sie wahren wollen; das allseitige
  Recht, die allseitige thatsächliche Stellung ist anerkannt, wenn Sie
  sich darauf beschränken, zu erklären, was Sie bedürfen, und wenn
  Sie warten in Beziehung auf die Ausdehnung der Gewalt, bis Sie sie
  bedürfen.

  Man hat vielfach in diesen Tagen darauf hingewiesen, es herrsche
  die Anarchie, und sie trete hervor an diesem und jenem Orte in
  Deutschland, und das ist wahr, leider ist es wahr; aber fragen Sie,
  was ist denn diese Anarchie? Ist sie etwas Anderes als die Zuckung
  der Ungeduld, die in dem gehemmten Leben sich kundgibt, die Zuckung
  der Kraft, die nach Außen oder nach Innen sich geltend machen
  will? In einer Weise, wie es die Weltgeschichte noch nie gesehen
  hat, hat das Volk in Deutschland seine Revolution gemacht; es hat
  mit wenigen Ausnahmen die Gewaltäußerungen gescheut, weil eine
  revolutionäre Volksversammlung, eine revolutionäre Nationalvertretung
  im Vorparlament zusammentrat und dem Gesammtausdruck seine Geltung
  zu verschaffen suchte; es hat sich gemäßigt, weil aus jener
  revolutionären Volksvertretung eine zweite, gleichartige, wenn auch
  in anderer Beziehung auf einem Gesetze beruhende Volksvertretung
  sich gestaltete; verhehlen wir es nicht, eine auf einem Gesetze der
  Revolution beruhende Versammlung, die ihm versprach, seine Wünsche
  zur Geltung zu bringen, seine Bedürfnisse zur Wirklichkeit zu machen.
  Wollen Sie der Anarchie entgegentreten, Sie können es nur durch den
  innigen Anschluß an die Revolution und ihren bisherigen Gang. Das
  Directorium, das Sie schaffen wollen, ist aber kein Anschluß daran;
  es ist Reaction, es ist Contrerevolution, -- und die Kraft erregt
  die Gegenkraft. Man wirft mitunter schielende Blicke auf einzelne
  Parteien und Personen, und sagt, daß sie die Anarchie, die Wühlerei,
  und wer weiß was, wollen. Diese Partei läßt sich den Vorwurf der
  Wühlerei gern gefallen; sie hat gewühlt ein Menschenalter lang, mit
  Hintansetzung von Gut und Blut, mindestens von allen den Gütern,
  die die Erde gewährt; sie hat den Boden ausgehöhlt, auf dem die
  Tyrannei stand, bis sie fallen mußte, und Sie säßen nicht hier, wenn
  nicht gewühlt worden wäre. (Stürmischer, anhaltender Beifall in der
  Versammlung und auf den Gallerien.) Allein die Leute, die man in
  dieser Beziehung ansieht, sie sagen Ihnen mindestens geradezu und
  ungeschminkt, was sie wollen. Ich muß bekennen, ich habe das in dem
  Commissions-Berichte nicht gefunden. Ja ich fürchte, daß die Dinge,
  die hinter demselben versteckt sind, schlimmer sind als die Dinge,
  die ausgesprochen wurden. Sie haben eine Abstimmung gehört in Ihrem
  Kreise heute, als man Ihnen vorschlug, die Gewalt einer Krone zu
  übertragen[176], -- man hat dieselbe verhöhnt, ausgelacht; was thun
  Sie anders, als die Gewalt drei Kronen oder 34 Kronen zu übertragen?
  Glauben Sie, daß die Abstimmung über Ihren Vorschlag anders werde?
  Ein Nachtrag, dessen Urheber sich nicht einmal genannt hat, schlägt
  Ihnen auch vor, den vor zehn Wochen auf dieser Stelle zur Leiche
  erklärten Bundestag beizubehalten, und der Commissions-Bericht hat
  es nicht gewagt, sich darüber auszusprechen, was mit demselben
  werden solle. Oh! beschenken Sie doch das deutsche Volk mit Ihrem
  Direktorium und lassen Sie den nach den Gesetzen der Natur, wenn er
  Leiche geworden war, in Fäulniß übergegangenen Bundestag dazu! --
  Sie werden sehen, was Sie aussäen damit, indem Sie behaupten die
  Einheit zu säen. -- Man hat hingewiesen auf andere Länder und ein
  Vorgänger vor mir hat Ihnen bereits insofern widersprochen, als
  er Ihnen gesagt hat, daß Belgien, bevor es unterhandelte, seine
  Verfassung, seine Grundlagen, seine Sicherheit sich geschaffen
  hat. Thun Sie dasselbe, und Sie werden auch hoffentlich das Glück
  Belgiens genießen. Man hat Sie hingewiesen auf einen andern Staat,
  auf einen Staat, der großartig sich erhoben hat für die Freiheit
  in der letzten Zeit. Man hat ein Gespenst heraufbeschworen, hat
  Ihnen gesagt, dieser starke Staat erzittere vor einem unbedeutenden
  jungen Menschen. Meine Herren! Es gab einen Staat in Deutschland,
  der auch stark war, der auf dem historischen Rechtsboden stand,
  auf Ihrem historischen Rechtsboden, der uns hier so oft vorgeführt
  wird. Dieser Staat ward in seinen Grundfesten erschüttert durch den
  Fuß einer #Tänzerin#[177]. (Bravo!) Es mag Manches fest scheinen im
  deutschen Vaterlande, was, beim Lichte gesehen, nicht fester ist,
  als der Zustand, den eine Phryne stürzte. Es ist nach meiner Ansicht
  eine Gotteslästerung der Freiheit, wenn man ihr aufbürdet, daß sie
  kranke an dem Erbe, welches sie von der Despotie unfreiwillig hat
  übernehmen müssen. Es ist eine Gotteslästerung an der Menschlichkeit,
  wenn man darauf hinweist, daß dieser Staat achtzigtausend seiner
  hungernden Brüder hat ernähren müssen. Diese achtzigtausend Hungernde
  kosten nicht so viel, als ihnen der gestürzte Thron gekostet hat,
  und man kann noch eine Null hinzufügen und sie kosten immer noch
  nicht so viel. Abgesehen davon, daß in dem Sumpfe, der sich um diesen
  corrumpirten und corrumpirenden Thron ausgebreitet, neben aller
  Sittlichkeit, Ehre und Tugend auch alle Mittel verschlungen wurden,
  die nöthig waren, um die Hungernden zu ernähren. Auf dem historischen
  Rechtsboden, auf welchem wir angeblich stehen, hat man in einem ganz
  ähnlichen Falle die Hungernden lieber der Hungerpest preisgegeben.
  (Bravo!) Dorthin, wo man das Gespenst hervorruft, wird die Freiheit
  den Kranz des unverwelklichen Dankes niederlegen, wenn sie siegt; und
  wenn sie unterliegt, wird auch der letzte sehnsüchtige Blick ihres
  brechenden Auges sich dorthin wenden. Wollen Sie das Himmelsauge
  brechen sehen, und die alte Nacht über unser Volk auf's Neue
  heraufführen, so schaffen Sie Ihre Dictatur. (Stürmisches Bravo!)“

Wesentlich verändert war schon die Stellung der Parteien, als Blum
als erster Redner am 24. Juni zum zweiten Male über die provisorische
Centralgewalt das Wort nahm. Wohl hatte man nun fünf Tage lang über
dieselbe Frage nur Reden gehört, Reden von allen möglichen Standpunkten
aus, und noch keinen Beschluß gefaßt; aber soviel war doch Allen klar
geworden: Der Antrag der Ausschußmajorität, das Bundesdirectorium,
stieß auf unübersteigliche Schwierigkeiten. Soweit hatten die Debatten
und die Clubverhandlungen die Ueberzeugung der großen Mehrheit
geklärt. Nur was an die Stelle dieses Triumvirates zu setzen sei,
war der Mehrheit zur Stunde noch zweifelhaft. Die Linke ihrerseits
hatte inzwischen gleichfalls eine bedeutsame, ihrer ganzen bisherigen
Haltung direct zuwiderlaufende und darum verhängnißvolle Schwenkung
vollzogen. Sie sah bestimmt voraus daß, wie immer die Entscheidung
der Mehrheit falle, keinesfalls der Antrag Blum-Trützschler Annahme
finden werde, keinesfalls die provisorische Centralgewalt in die Hand
eines Abgeordneten und eines von diesem erwählten verantwortlichen
Vollziehungsausschusses, welcher der jeweiligen Parlamentsmehrheit
zu gehorchen habe, werde gelegt werden, sondern in Hände, die dem
Einflusse der Regierungen zugänglich, über und außer dem Parlament
stehen würden. Und da die Linke in einer solchen Entscheidung
den Bruch mit dem revolutionären Ursprung des Parlaments und die
Gefährdung und Verkümmerung seiner Befugnisse durch die fürstliche
Regierungsgewalt erblickte, so hatte sie sich schlüssig gemacht,
alle ihr zu Gebote stehenden Mittel aufzubieten, um die Mehrheit
#von außen her# zu bekriegen, da im Parlament selbst Hoffnung auf
Erfolg nicht war. Dieselbe Partei, welche bis dahin die Souveränität
des Parlaments über alle Gewalten Deutschlands gestellt, die etwa
abweichenden Meinungen der Einzellandtage schon in deren Entstehung,
bei Berufung dieser Landtage, zu vernichten beantragt hatte, ließ nun
schon am 21. Juni durch Schaffrath erklären: „Wenn Sie den Regierungen
ein Widerspruchsrecht und eine Mitwirkung zugestehen, so haben die
ständischen Kammern auch mit darein zu reden, und dann frage ich
Sie, ob Ihr Beschluß ausführbar ist? Dann werde ich vielleicht die
Versammlung #hier# verlassen und an einem andern Orte[178] gegen
diesen Beschluß sprechen, und ich hoffe, selbst wenn ich nicht dorthin
komme, daß meine Meinung dort die Majorität hat und dort siegen wird,
wenn wir #hier# unterliegen[179].“ Auch in der Rede Robert Blum's vom
24. Juni, so meisterhaft und staatsmännisch sie sonst angelegt ist,
klingt diese unheilvolle Wendung in der Politik der Linken durch.
Aber dem Directorialproject der Mehrheit gab sie den Todesstoß. „Die
Klarheit des Gedankengangs, die seltene Reinheit der Sprache und
Aussprache, die echte Kenntniß aller der Töne, die in den Herzen des
Volkes wiederklangen, das waren die glücklichen Gaben, die er diesmal
im vollsten Maße bewährte,“ so schreibt ein Gegner seines Standpunktes
über diese Rede[180]. Auch sie theile ich daher im Wortlaut mit.

  „In der ernsten Entscheidungsstunde, wo über die wichtigste
  Angelegenheit, die uns bis jetzt vorlag, Entschluß gefaßt werden
  soll, glaube ich darauf verzichten zu können, auf Persönliches, was
  gegen mich vorgebracht worden ist, einzugehen; ich glaube es um so
  mehr zu können als ich mich auf ein Gebiet verlieren müßte, welches
  zu betreten ich ewig verschmähen werde. Im Laufe einer fünftägigen
  Verhandlung ist es klarer geworden vor unserm Blick über Das, was wir
  wollen und was wir wollen müssen. Wie die Wolken sich theilen und
  mehr den reinen Himmel zeigen, so sind die Gedanken mehr und mehr
  herausgehülst worden aus dem, was sie umgab. Die Consequenzen und
  Nothwendigkeiten haben sich herausgestellt in einer Entschiedenheit,
  die keinen Zweifel mehr läßt, um was es sich handelt. Es ist von
  dieser Seite der Reichsstatthalter verlangt worden, d. h. eine
  Entscheidung über die Monarchie für den Gesammtstaat; es ist von
  der andern Seite diese Entscheidung zwar nicht verlangt worden,
  man hat sie aber hineingelegt, und wir sind weit entfernt, das
  Prinzip abzuweisen, wenn wir auch bestreiten müssen, daß durch
  die Ernennung eines Vollziehungsausschusses präjudicirt wird, wie
  hier in Bezug auf die Monarchie. Indessen, ich ehre und anerkenne
  diese gerade, entschiedene Forderung; ich mag die Halbheiten
  nicht, sie mögen kommen, woher sie wollen, und der offene Gegner
  ist mir lieber und ehrenwerther als Derjenige, mit dem ich nie und
  nimmermehr weiß, woran ich bin. Ich sehe Ihre Monarchie viel lieber
  erstehen, als Ihr Directorium oder ein ähnliches Ding, das in seiner
  undurchsichtigen Hülle und in unverständlichen Wendungen nicht
  heraussagt, was es sein soll und was es sein muß. Nur Eines habe
  ich allerdings dagegen, es ist mir gefährlich und scheint mir auf
  einem großen Irrthum zu beruhen: die Behauptung, Sie könnten eine
  #constitutionelle# Monarchie schaffen; dies muß ich verneinen. Ich
  habe dafür nichts Anderes entgegenzuhalten, als daß die Bedingung der
  constitutionellen Monarchie, d. i. die #Constitution#, fehlt. Sie
  haben keine Constitution, und Sie können folglich nur die absolute
  Monarchie schaffen. Es hat Sie ein Redner mit eindringlichen Worten
  an die Gelüste des Menschenherzens gemahnt, und behauptet, daß die
  Gewalt gemißbraucht werde, wenn sie in schrankenlosem Maße dem
  Herzen übergeben werde, Sie haben keine Schranke für die Gewalt,
  die Sie schaffen wollen. Was man heraufbeschworen hat, um uns zur
  Beruhigung darauf hinzuweisen -- die englische Verfassung und die
  englischen Formen, sie sind für uns nicht vorhanden; Sie können eine
  Staatenkammer schaffen, Sie können ein verantwortliches Ministerium
  schaffen, Sie können schaffen was Sie für das Bedürfniß der Zeit
  geeignet halten, wenn Sie eine Verfassung haben, wenn Sie Schranken
  haben für ihre Gewalt. Sie können nichts schaffen als Worte und todte
  Formen, so lange Sie diese Schranken nicht haben. Ob Sie es wagen
  wollen in dem gegenwärtigen Augenblick, wo man mit aller Versicherung
  der Liebe und Treue zu den Fürsten doch nun und nimmermehr die
  Thatsachen hinwegleugnen kann, die uns auf jedem Schritt, auf
  jedem Blick begegnen, und zeigen, daß die Dinge schwanken, daß das
  Mißtrauen wuchert, nicht das Vertrauen, welches keine Regierung,
  d. h. kein Ministerium besitzt, daß ein ewiges Werden vorhanden
  ist und kein Sein; ob Sie es wagen wollen, in dem Augenblick eine
  Gewalt zu schaffen, auf welche Sie dieses Mißtrauen des ganzen
  Volkes concentriren, -- ob Sie nicht fürchten, daß dieselbe unter
  diesem Mißtrauen erliegen werde, das muß ich Ihnen überlassen.
  Ich bin der Ueberzeugung, daß bei der Gestaltung der künftigen
  Verfassung ein Staatenhaus uns nothwendig ist; aber Sie werden sich
  sehr täuschen, wenn Sie in dem alten Bundestag dieses Staatenhaus
  zu finden meinen. Es ist darüber geklagt worden, daß man sich mit
  ungerechten Beschuldigungen gegen die „andern“ Menschen wendet, die
  in den Bundestag gekommen sind, und diese Klage mag gerechtfertigt
  sein; aber, meine Herren, vergessen wir doch nicht, daß die Menschen
  den Bundestag nicht anders machen #können#. Wenn Sie ein Kloster, ein
  Jesuitenkloster haben, und die alten Mönche hinausschicken und neue,
  junge, andersdenkende hineinsetzen, haben Sie dann etwas Anderes,
  als ein Jesuitenkloster? Sie haben dasselbe, bis Sie die Satzung des
  heiligen Lojola vernichtet haben, und Sie haben den alten Bundestag
  mit seinen Ausnahmegesetzen und mit seinen Lepelschen Promemorias,
  bis Sie die alte Bundesacte und die Stellung einer bloßen
  Fürstenvertretung vernichtet haben. Verlangen Sie von dem Volke nicht
  das Unmögliche, verlangen Sie nicht, daß es in einer Anstalt, die
  30 Jahre lang gleichbedeutend war mit seinem Unglück, mit seiner
  Knechtung und mit seiner tiefen Schmach, binnen drei Monaten eine
  Anstalt seines Heils erblicken solle. Es wird eine spätere Zeit
  geben, wo über das Prinzip der Monarchie und der Republik an der
  Spitze des Gesammtstaats die Meinungen hier ausgetauscht werden.
  Ich verzichte jetzt darauf, aber bemerken muß ich wenigstens, daß
  die Stellung eines auf Zeitdauer ernannten wechselnden Präsidenten
  wahrlich für den niedern Ehrgeiz weniger lockend ist, als die
  Stellung eines Monarchen. Es ist wohl überflüssig, Sie auf die
  blutigen und entsetzlichen Belege hinzuweisen, die unsere Geschichte
  uns dafür giebt. Die Mehrheit der Commission sowohl, als die
  verschiedenen Unter-Anträge, welche gekommen sind, wollen eine
  Vereinbarung. Sie wollen die Regierungen als etwas Besonderes außer
  dem Volke, und folglich außer uns Stehendes betrachtet wissen,
  und mit ihnen unterhandeln. Man hat uns zugerufen, wir sollen den
  Gebeugten nicht ganz niederdrücken; man hat uns gesagt, wir sollen
  doch dieses „armselige Zugeständniß“ machen, wir sollen anerkennen,
  daß wir allmächtig sind, aber freiwillig darauf verzichten. Meine
  Herren! Es wird uns vielfach vorgeworfen, daß wir mit den Regierungen
  auf einem weit schlechtern Fuße ständen, als Andere in dieser
  Versammlung. Aber ich sage Ihnen offen, als die thatsächlichen Träger
  der Gewalt in den einzelnen Staaten achte ich die Regierungen zu
  hoch, als daß ich in solcher Weise mit ihnen unterhandeln möchte.
  Die widerstrebende Kraft ehrt man durch Kampf, die überwundene ehrt
  man durch Schonung. Eine Hingabe, eine Verständigung, die keine ist,
  kommt mir vor wie der freie Wille Desjenigen, dem man ein Pistol
  auf die Brust setzt und sagt: _la bourse ou la vie!_ Ich will die
  Regierungen anerkannt wissen in der Gewalt, die sie noch haben,
  und deshalb ihnen keine entehrenden Anerbieten machen. Entehrend
  aber scheint es mir, wenn man hier von ihrer Gewalt und ihrer Kraft
  spricht, und sie dann so behandelt, daß man ihnen zumuthet, binnen 14
  Tagen sollen sie selbst sagen, wer die Gewalt tragen solle, die man
  ihnen abnimmt. Ich will auf die Volkssouveränität nicht zurückkommen,
  aber hinweisen muß ich darauf, daß der Antrag auf ein Directorium
  nichts Anderes ist, als eine vollständige Aufwärmung der alten
  Wirthschaft. In dem Directorium liegt nicht Das, was wir bedürfen,
  nämlich der #Bundesstaat#, sondern der alte #Staatenbund# mit seinen
  Sonderinteressen und seiner Zersplitterung. Dieses Directorium ist
  meines Erachtens bereits verurtheilt. Ich komme nun auf den Punkt
  der Verantwortlichkeit, und damit auf dasjenige Prinzip, worauf
  meine Gesinnungsgenossen bestehen zu müssen überzeugt sind, auf
  das eine Prinzip, hinsichtlich dessen sie den gesetzlichen Antrag
  stellen werden, daß man mit seinem Namen dafür oder dagegen auftrete.
  Wir haben die Verantwortlichkeit verlangt, und man hat uns gesagt,
  sie sei nicht nothwendig, hat aber keine Gründe dafür vorgebracht,
  sondern nur Worte und Redensarten, die völlig vormärzlich sind. Die
  Regierungen, hat man behauptet, können und werden nicht ernennen,
  was dem Volke nicht genehm ist, müssen Dasjenige thun, was man
  verlangt. O, meine Herren, schwimmen Sie nicht auf diesem Meere des
  Vertrauens! Es hat von jeher nur Wasser genug gehabt für die flachen
  Fahrzeuge der Staatszeitungen und ihrer Genossenschaften. Dieses
  bischen Fahrwasser war eingedämmt durch die Schleußen der Censur und
  der Ausnahmegesetze, und mit der Sprengung derselben ist ein Sumpf
  geworden. Es ist nicht wahr, es ist kein Vertrauen in Deutschland,
  und Derjenige wahrlich muß blind sein, der es behauptet. Ich frage
  Sie auch ferner, wann denn die Gewalt zu Stande kommen solle, die
  Sie durch eine Vereinbarung schaffen wollen? Ich will Sie nicht auf
  die Schwierigkeiten der Einigung über eine solche Wahl, nicht auf
  den nothwendigen Aufenthalt hinweisen, den die Vorverhandlungen der
  deutschen Fürsten selbst unerläßlich machen. Nur daran will ich
  erinnern, daß die Fürsten einen Theil der innern Regierungsgewalt
  nicht abtreten dürfen, und die Männer des historischen Rechtsbodens,
  die uns trotzdem versichern, daß ihre Schöpfung binnen wenigen
  Tagen fertig sein könne, mögen doch nicht vergessen, daß in den
  Einzelstaaten die Zustimmung der Stände nothwendig ist. Ich kann und
  will nicht behaupten, daß dies nach allen Verfassungen der Fall sei;
  allein nach dem §. 2 der sächsischen Verfassung ist dem so, und was
  Ihnen Schaffrath verkündigt hat, muß ich bestätigen. Unterliegt er
  hier, als Mitglied der sächsischen Ständeversammlung, siegt er wo
  anders; denn die sächsische Stände-Versammlung -- wie schlimm es auch
  ist, zu prophezeien, ich prophezeie es doch -- gibt, wie ich glaube,
  die Erlaubniß zur Gründung einer #solchen# Gewalt jetzt noch nicht.
  (Mehrere Stimmen rechts: Oh! Oh!) Alle diese Schwierigkeiten, die
  Sie bis jetzt vor Ihren Blicken gesehen haben, fallen nach unserer
  Ueberzeugung weg, wenn wir einen Vollziehungs-Ausschuß ernennen. Es
  bedarf nichts weiter, als der Wahl, und diese geht hier von uns aus.
  Die Regierungen sollen nichts abtreten von ihren Regierungsrechten
  im Innern, jener Ausschuß soll nichts haben, als die Vertretung
  und Vertheidigung des Vaterlandes nach Außen; er ist durch die
  Nationalversammlung gewählt, und deßhalb im Nothfall von ihr zu
  entfernen; er ist der Nationalversammlung verantwortlich, und diese
  Verantwortlichkeit sehe ich eben nur in der Entfernung. Man hat uns
  zwar gestern darauf hingewiesen, es sei das Directorium oder der
  Reichsstatthalter der Nachwelt verantwortlich. Das ist sehr wahr.
  Aber Nero und Caligula, Philipp II. und sein Henker Alba waren der
  Nachwelt auch verantwortlich. Hat sie dies aber gehindert, Thaten zu
  vollführen, vor denen sich noch heute das Haar des Menschenfreundes
  emporsträubt? Wir haben endlich die Competenz dieses Ausschusses
  beschränkt, und zwar aus den Gründen beschränkt, die ich gegen die
  Monarchie geltend gemacht habe, weil wir nämlich eifersüchtig und in
  heiliger Liebe zur Freiheit über ihrer ärgsten Feindin, nämlich der
  Gewalt, wachen und dieselbe so viel als möglich einschränken wollen,
  bis die Freiheit diejenige Grundlage gewonnen hat, auf der sie
  bestehen kann. Auch nur in dieser Beziehung weichen wir von unsern
  Freunden, mit denen wir sonst innig verbunden sind, ab. Wir wollen
  etwas weniger Gewalt geben, wo es möglich ist, sie zurückzuhalten;
  wir wollen wenigstens die Noth an uns herantreten lassen, ehe wir
  mehr geben. Schließlich ist dann auch unser Vorschlag wohlfeiler, und
  wenn wir auch zugeben, daß bei dem, was nothwendig ist, es sich nicht
  darum handelt, einen verhältnismäßig geringen Betrag an Kosten zu
  sparen, so müssen wir doch, indem wir die Nothwendigkeit bestreiten,
  auch diese Seite ins Auge fassen, besonders in dem Augenblicke,
  wo das ganze Volk unter dem gewaltigen Eindruck der letzten Zeit
  seufzt, und wo die Noth herrscht von einer Grenze des Vaterlandes bis
  zur andern. Die Freiheit der Wahl durch diese Versammlung ist das
  zweite Princip, für das wir die namentliche Abstimmung beantragen
  werden. -- Meine Herren! Man hat uns im Laufe der Zeit vielfach
  auf die Revolution hingewiesen; man hat uns ermahnt, ihren Schlund
  zu schließen, und uns gesagt, wir eilten der Schreckensherrschaft
  entgegen. Aber vergessen Sie doch nicht, daß wir in der Revolution
  stehen, und lassen Sie den Mann, der von verschiedenen Seiten
  hier citirt wurde, ich meine Mirabeau, Ihnen sagen: „Es ist die
  kindischste Thorheit, sich dem einmal rollenden Wagen der Revolution
  entgegenstemmen zu wollen; man kann nur muthig auf ihn springen und
  ihn zu lenken suchen oder man muß sich von ihm zermalmen lassen.“
  Gewiegte Diplomaten, gewissermaßen grau geworden in der Sphäre ihres
  Berufs, haben wenige Wochen vor dem Februar verkündigt, der Thron
  Louis Philipp's stehe fest wie Eisen, und wenige Wochen später war
  er zersplittert. Glauben Sie nicht, daß, wenn Sie einen Deckel legen
  da oben auf den Krater oder auf den Abgrund, den Sie schließen zu
  können behaupten, er damit auch wirklich geschlossen sei. Man sagt:
  die Weltgeschichte wiederholt sich nicht, und doch wiederholt sie
  sich so sehr. Unsere Zustände werden von Tag zu Tag denen von 1789
  ähnlicher. Sehen Sie die Meinung in den einzelnen Truppencorps bei
  uns, sehen Sie dieses -- Drängen möchte ich sagen nach äußerem
  Krieg, sehen Sie das Bestreben, die thatsächlich zerfallene Gewalt
  wieder herzustellen, sehen Sie die furchtbare Besetzung der Grenze,
  wohin sich die Liebe und die Sympathie des Volks wendet, weil dort
  die Freiheit wohnt; dagegen die -- Vernachlässigung möchte ich fast
  sagen, wenigstens die unbegreifliche Schutzloslassung der anderen
  Seite, wo die Tyrannei wohnt, und wo sich des Volkes Haß und Furcht
  hinwendet. Sehen Sie ferner die beständigen Mahnungen daran, diese
  „junge“ Versammlung solle sich nicht übereilen, und denken Sie dabei
  an den Abbé Maury, der seiner Zeit ganz Dasselbe sprach. Alsdann
  werden Sie in diesen wenigen Zügen schon die außerordentliche
  Aehnlichkeit unserer Zustände mit jenen erblicken. Unsere Aufgabe ist
  es, aus der Geschichte zu lernen, nicht ihre Lehren zu mißachten, und
  dann können wir es nicht verhehlen, daß die Schreckensherrschaft,
  die man uns aufgestellt hat, nicht zu #Paris#, sondern zu #Pillnitz#
  und #Coblenz# geboren worden ist, wo man den eitlen Versuch machte,
  eine zu Grunde gegangene Gewalt wieder herzustellen. (Zuruf von der
  Linken: Sehr wahr!) Wir können uns nicht verhehlen, daß das Veto
  den 10. August und den 21. Januar heraufbeschworen hat; Ludwig XVI.
  ist am #Veto# zu Grunde gegangen und die Nation hat es im ersten
  Augenblicke gefühlt, daß dort der wunde Fleck lag, denn von dem
  Ausspruche an hieß er nur Veto. (Links: Bravo!) Lassen Sie diese
  Lehre der Geschichte nicht vorübergehen. Wahrscheinlich vermögen
  wir noch der Revolution, die thatsächlich da ist, eine andere
  Bahn zuzuweisen, wenn wir ihr gerecht werden. Man hat gestern die
  Freiheit verglichen mit der Liebe zum Weibe, und eine Zeitung unseres
  Nachbarstaates, eine französische, hat es jüngst behauptet, das
  deutsche Volk sei zu alt geworden, um in kühnem Griffe, in männlicher
  Umarmung sich die holdeste Braut: die Freiheit, zu erobern und sie
  unzertrennlich an sein Herz zu drücken. Man hat gesehen, daß die
  Schrecken einer einzigen Nacht die Haare bleichen, und den Menschen
  zum Greise machen können. Wie sollte das Herz eines Volkes nicht
  abstumpfen können unter einer dreißigjährigen Tyrannei, wie sollte
  es nicht alt werden unter der Knechtschaft eines Menschenalters!
  Aber auch das alte Herz kann lieben, und es liebt inniger, wenn auch
  ruhiger als das junge, weil es das Bewußtsein in sich trägt, daß der
  Liebesfrühling ihm nur noch #einmal# kommt. Es wird für die Erkorene
  in die Schranken treten, nicht mit der Aufwallung des Jünglings, aber
  mit der vollen Kraft des reifen Mannes. Ueberliefern Sie die Braut
  des besonnenen deutschen Volkes nicht ihrem ärgsten Todfeind: #der
  Gewalt!# (Von allen Seiten: Bravo! Klatschen auf den Gallerien.)“

Noch am nämlichen Tage fiel die Entscheidung: nicht im ursprünglichen
Sinne der Mehrheit, nicht in dem der Minderheit. Gagern that seinen
berühmten „kühnen Griff“, indem er sagte: „wir müssen die Centralgewalt
selbst schaffen“ -- damit sprach er eigentlich nur dasselbe aus,
was der Antrag Blum-Trützschler auch an die Spitze stellte. Der
„langanhaltende stürmische Jubelruf“[181], welcher das entscheidende
Wort Gagern's begleitete, daß die Centralgewalt vom Parlament selbst
geschaffen werden müsse, ward auch von der Linken erhoben. Sie bedurfte
gar nicht erst der Erläuterung, die Gagern diesen seinen Worten gab:
„Man wird mir nun nicht mehr den Vorwurf machen können, als habe ich
das Princip der Souveränität der Nation aufgegeben.“ Aber darüber
war nicht blos die Linke betroffen, darüber waren selbst Gagern's
nächste Freunde bestürzt gewesen, als er ihnen von seinem Plan Kunde
gegeben: daß er sich als den #einen Reichsverweser#, den er statt des
Directoriums vorschlug, den Erzherzog Johann von Oesterreich denke. Die
Linke und das linke Centrum hatten gehofft, Gagern selbst, der Träger
der Souveränität des Parlaments, werde die Stelle des Reichsverwesers
annehmen. Der Name des Erzherzogs wurde freilich von Gagern nicht
genannt. Aber alle Welt wußte, wer unter dem „Fürsten“ zu verstehen
sei, dem er die Würde des Reichsverwesers übertragen wollte. Galt doch
dieser „Fürst“ dem damaligen Geschlecht als der Einzige unter den
Dreien, die früher zu dem Triumvirat der „drei Onkel“ ausersehen waren,
als der Einzige, der für sich allein regierungsfähig sei.

Die Hauptlegitimation zu dem schweren Beruf, den man dem Erzherzog
zudachte, bildete ein Toast, den er nie gehalten hat. Seine Leistungen
als österreichischer Vicekaiser waren bei Lichte besehen von höchst
zweifelhaftem Werthe. Er übte schon damals kunstvoll die Tugenden, die
ihn in Frankfurt auszeichneten: die unvergleichliche Fähigkeit, Jeden
bürgerlich-treuherzig anzubiedern; nichts zu sagen in Worten, denen
Jeder die gewünschte Deutung unterlegen konnte; hinzuhalten, bis seine
Getreuen die Zeit des Handelns gekommen erachteten. Wer vom Standpunkt
des heutigen Geschlechts aus den Gang der Geschichte jener Jahre
überblickt, der muß mit Nachdruck aussprechen: der kühne Griff Gagern's
war ein ungeheurer Mißgriff, insofern er die Deutschen Geschicke in die
Hand eines habsburgischen Prinzen legte. Das Scheitern der deutschen
Bewegung und ihres Verfassungswerkes ist diesem Mißgriff in erster
Linie zuzuschreiben. Aber freilich, Biedermann hat Recht: „das Tadeln
ist hier leichter, als das Bessermachen“.[182] Niemand, am wenigsten
die Linke, konnte damals den Charakter des Mannes übersehen, sein
Verhalten der Nationalversammlung gegenüber im Voraus ermessen. Von
Blum insbesondere sollen höchst irrige Urtheile über den Reichsverweser
noch mitgetheilt werden. Er nannte ihn nur den „Reichsvermoderer.“
Er würde vielleicht jeden andern Fürsten an dieser Stelle auch so
genannt haben. Dahlmann, der das Ziel der ganzen Parlamentsarbeit, das
preußische Erbkaiserthum, schon seit April klar und fest in seinem
Verfassungsentwurf vorgezeichnet hatte, war verdrossener als je über
Gagern's kühnen Griff. Unentwegt durch das stürmische Hochrufen am
Schlusse von Gagern's Rede, hatte er nach ihm die Tribüne bestiegen und
sich trotz aller Unterbrechungen Achtung und Gehör erzwungen. Freilich
stimmte auch er später für den Erzherzog.

Schließlich war es doch auch nicht zum geringsten Theile die
allgemeine tiefe Ermüdung nach einer Woche aufregender Debatten über
die Centralgewalt, welche Gagern's Vorschlag so rasch zum Siege führte.
Schreibt doch selbst Blum, der nervenlose, unermüdliche Kämpfer, schon
am 22. Juni an die Frau: „das heißt leben, aber auch sich #aufleben#.“
Und am 25. Juni: „Liebe Jenny. Das waren schwere, schwere vierzehn
Tage; die schwersten, die ich je erlebt habe. Von Sonnabend den 10. bis
Mittwoch 14. in unermeßlicher Fest- und Reiseanstrengung, von Mittwoch
an bis heute in Arbeit. Berge von Stößen haben sich aufgehäuft, aber
bei einer halbtägigen Pause am Donnerstage, wo hier Frohnleichnamsfest
war, vermochte #Niemand# etwas zu thun, wir #mußten# ruhen und
flegelten uns im Garten herum.“ Die Wahl des Reichsverwesers erfolgte
indessen doch erst am 29. Juni. Jeder Paragraph des Gesetzes über
die provisorische Centralgewalt bot Anlaß zu heftigem Parteistreit,
namentlich die Unverantwortlichkeit des Reichsverwesers. Die
Weigerung Dahlmann's, des Berichterstatters, auf Biedermann's Frage
zu antworten: „ob hier eine ganz allgemeine oder nur eine politische
Unverantwortlichkeit gemeint sei?“ führte bei der Abstimmung sogar zu
einer Spaltung des linken Centrums. Einmal, als Heckscher die Linke
durch eine Bemerkung beleidigte, die wenigstens dahin gedeutet werden
#konnte#, daß die Linke ihre Anträge von der Gallerie beklatschen
lasse, ehe das Parlament sie kenne, drohte das ganze Parlament in
wildem Spektakel auseinanderzufahren. Die Sitzung (26. Juni) mußte
aufgehoben werden, da der Vicepräsident v. Soiron nicht die zur
Bändigung dieses Sturmes erforderliche Kraft besaß. Gerade in diesem
Augenblicke wäre das Ansehen des Parlamentes und seiner Beschlüsse
durch eine Terrorisirung der Minderheit und einen etwaigen erzwungenen
Austritt derselben schlimmer als je geschädigt worden. Deßhalb begannen
gleich nach der Sitzung am 26. Juni Vergleichsverhandlungen zwischen
den Parteien, die in der Nacht zu einem Abschluß führten. Heckscher gab
eine versöhnliche Erklärung, dann folgte Robert Blum, der Namens seiner
Partei erklärte:

  „Wir ziehen zurück, was wir zurückziehen können; wir unterwerfen
  uns der Entscheidung dieser Versammlung, sofern sie innerhalb der
  Schranken des selbstgegebenen Gesetzes erfolgt. Wir erkennen die
  thatsächlich bestehenden Regierungen an, und soweit sie der Neuzeit
  treu sind und auf dieser Grundlage sich ihr Selbstbestehen erhalten,
  mögen sie bestehen. Wir reichen die Hand zur Versöhnung, nicht für
  jetzt nur; für immer Versöhnung auf dem Boden des Gesetzes und
  Versöhnung auch auf dem Boden der Vereinbarung. Denn das ist das
  einzige Mittel, wodurch man sich mit einander vereinbaren kann, wenn
  die Vereinbarung heilig und unverletzlich ist. (Großer Beifall von
  allen Seiten[183].“

Bei der Abstimmung über die Person des Reichsverwesers stimmte Blum
mit 81 seiner Freunde für Itzstein, 52 andere für Heinrich von Gagern.
27 Abgeordnete der äußersten Linken enthielten sich der Abstimmung.
Erzherzog Johann wurde gewählt mit 436 Stimmen. Unmittelbar nach der
Wahl erklärte Gagern: „Ich proclamire hiermit Johann, Erzherzog von
Oesterreich, zum Reichsverweser über Deutschland.“ Dreimaliges Hoch
der Versammlung und der Gallerie erhob sich, alle Glocken läuteten
und Kanonensalven erdröhnten. Und in dieses feierliche Getöse sprach
Gagern die Worte, die so wenig zur Wahrheit werden sollten: „Er bewahre
seine allezeit bewiesene Liebe zu unserem großen Vaterlande, er sei
der Gründer unserer Einheit, der Bewahrer unserer Volksfreiheit, der
Wiederhersteller von Ordnung und Vertrauen.“

Die Deputation, welche den Reichsverweser in die Paulskirche am
12. Juli einzuführen hatte, wurde durch das Loos bestimmt: durch
die Ironie des Zufalls wurde auch Blum ausgeloost. Aus diesen
Tagen der Kämpfe und der Einsetzung des Reichsverwesers schrieb
Blum die folgenden Briefe nach Hause, die gewiß noch heute nicht
ohne allgemeines Interesse sind, besonders wichtig aber für seine
Charakterzeichnung, seine Beurtheilung:

  Der Schluß des schon oben angeführten Briefes vom 25. Juni an seine
  Frau lautete: „Ueber die Reise der Linken schreibe ich nichts
  mehr, Du hast sie ja gelesen; nur war das Bild schwach, weil sich
  meine Feder sträubte, niederzuschreiben was mir selbst widerfuhr
  und doch sich alle Huldigungen eben auf mich -- den Führer --
  wendeten. Wenn Du besorgst, diese und besonders die der Frauen
  möchten mich schwindlich machen, so kannst Du deshalb ruhig sein.
  Zwar sind die Frauen allerdings fanatisch hier im Süden und ihre
  Theilnahmsbezeugungen steigen bis zu Unglaublichem. Bei einer
  lebendigen Verhandlung, einem entschiedenen Auftreten nimmt das
  Klatschen, das Wehen mit Tüchern, das Zuwerfen von Blumen und
  Kußhändchen, oder die Uebersendung von Bouquets oft gar kein Ende.
  Und das geschieht offen, ohne Prüderie, Allen sichtbar, oft unter
  rasendem Beifall der Gallerie und die ganze Nationalversammlung
  platzt vor Aerger, denn es hat es noch keine andre Seite, noch
  #Niemand# zu einem derartigen Zeichen gebracht als wir. Als ich
  jüngst über die Centralgewalt sprach und am Schlusse sehr ernst
  und feierlich wurde, schwamm das Frauenauditorium in Thränen und
  schluchzend streckte man mir hundert Hände entgegen, als ich
  herab kam. Das ist ein schönes Zeichen, aber vor Eitelkeit, d.
  h. persönlicher bewahrt mich 1) jeder Blick in den Spiegel, der
  mir sagt, daß ich nicht schön und 40 Jahre alt bin, 2) das klare
  Bewußtsein, daß es nicht dem #Manne#, sondern dem #Parteiführer#
  gilt und ich also stets mit meinen Getreuen theilen muß, wobei mir
  sehr wenig bleibt. Kommt der Mangel an Zeit dazu, der mir jede
  Bekanntschaft in Familien unmöglich macht und mich gegen die wenigen,
  die ich gemacht habe, #zwingt unartig# zu sein, so bleibt die Sache
  rein politisch und da ist sie allerdings ein gewaltiger Hebel, gegen
  den Du nichts haben wirst. Ging es doch dem alten, häßlichen Mirabeau
  gerade so; hoffentlich werde ich demselben in andrer Beziehung nicht
  ähnlich“ u. s. w.

Am 19. Mai, am Tage nach der Eröffnung des Parlaments, hatte Blum ein
Schreiben von Haubold in Leipzig erhalten, das eine Anweisung auf
350 Thaler enthielt -- das Resultat einer verschwiegenen Sammlung
wohlhabender Leipziger Bürger, um den Abgeordneten Leipzigs für seine
finanziellen Opfer zu entschädigen. Blum antwortete darauf am 5. Juli
an Haubold:

          Mein theurer und verehrter Freund!

  „Dem Schreiben vom 17. vorigen Monats, welches ich wie Du weißt
  erst jetzt erhalten habe, hat mich zu gleicher Zeit hoch erhoben
  und tief beschämt: hoch erhoben, denn in dem Sturm der Revolution,
  in dem wirren Treiben der Parteikämpfe, welche sie nothwendig mit
  sich führt, ist die Anerkennung edler Menschen doppelt wohlthuend,
  ermunternd und anspornend; -- tief beschämt, weil Du mir im Namen so
  vieler edeln Männer eine so große und werthvolle Gabe bietest (groß
  und werthvoll besonders durch den Sinn der Geber!) die nicht verdient
  zu haben ich nur zu sehr fühle. #Ich habe nur meine Pflicht gethan#,
  das mir vom Schöpfer verliehene Pfand verwendet zum Besten meiner
  Mitmenschen, wie es meine Schuldigkeit war und die mir verliehene
  Kraft gebraucht, wohin sie gehörte. Haben meine Mitbürger in der
  Nähe und Ferne mich dafür weit über Gebühr ausgezeichnet, so wurde
  mir diese Auszeichnung weniger durch eigenes Verdienst als durch
  das fluchwürdige Bestreben des gestürzten Systems zu Theil, die
  Pflichterfüllung für das Vaterland zu hintertreiben und zu ächten,
  und diese in einem durch Bevormundung entarteten Geschlecht zur
  Seltenheit zu machen. Die Neuzeit wird edlere Kräfte lösen und auf
  den Schauplatz rufen; und dessen wird sich Niemand inniger und
  herzlicher freuen, als ich.

  Nehme ich nun die mir gebotene Gabe mit Beschämung und innigster
  Dankbarkeit an, so betrachte ich dieselbe doch nur als ein Darlehen,
  als eine heilige Schuld, die ich dem Vaterlande abzutragen habe. Und
  ich kann sie nicht besser abtragen, als wenn ich dem Vaterlande, der
  Freiheit, der Verbesserung der politischen und socialen Zustände
  meine Kraft, mein Wirken, mein Leben, mein Gut und Blut widme, wo und
  wie es nöthig ist. Das zu thun aber gelobe ich Dir und allen edeln
  Männern und Mitbürgern hiermit auf's Feierlichste, und versichere,
  daß es der schönste Augenblick meines Lebens sein wird, wo Du mir
  die Hand reichen und sagen kannst: Blum, Du hast einen Theil Deiner
  Schuldigkeit getilgt[184].

  Wenn ich Dich nun bitte, der Dolmetscher meiner Gefühle zu sein,
  wie Du der Vermittler warst bei der mir bereiteten Freude, so mache
  ich noch eine hohe Forderung an Dein Herz. Bewahre mir, soweit Du
  kannst, das Vertrauen und die Achtung meiner Mitbürger, welche
  zu untergraben man leider! sehr bemüht ist. In Zeiten, wie die
  unsrigen, wo die Woge der Bewegung steigt und fällt, mit derselben
  aber die Parteien und ihre Führer und Glieder bald im Lichte,
  bald im Schatten stehen, ist es nicht möglich #jeden einzelnen
  Schritt# als Maßstab der Beurtheilung für einen Abgeordneten
  anzunehmen; es ist ungerecht, unedel und unbillig auf Einzelheiten
  hin Verdächtigungen und Schmähungen auszustreuen. Obgleich ich nun
  #nie einen Schritt# gethan, dessen strengste Beurtheilung ich von
  unbefangenen Beurtheilern zu scheuen hätte, so ist es doch keine
  unbillige Forderung, daß man mein Wirken als #ein Ganzes#, in seiner
  Gesammtheit beurtheile, daß man meine #eigenen# Worte und meine
  #eigenen# Handlungen zu Grunde lege, nicht die Entstellungen und
  Verdrehungen, die man in Sachsen gegen und über mich verbreitet.

  So empfiehl mich denn herzlichst allen Betheiligten und bringe ihnen
  meinen Gruß und Handschlag bis ich selbst Gelegenheit haben werde,
  ihnen Rechenschaft über mein Thun abzulegen. Du aber erhalte mir
  ferner Deine Liebe und Freundschaft und empfange den herzlichsten
  Gruß von Deinem treu ergebenen Robert Blum.“

Um dieselbe Zeit (einige Tage früher, ohne Datum) schrieb er an die
Frau:

  „Daß ich in Leipzig fehle, sehe ich allerdings sehr gut ein; aber es
  geht nicht anders und es wird auch jetzt nicht viel verloren dort.
  Sollte es nöthig sein, dort wieder Boden zu gewinnen, so kann das
  bald geschehen. Leipzig ist doch sehr erbärmlich; diese kleinlichen,
  gemeinen Häkeleien auf den Abgeordneten, sind in der ganzen Welt,
  in keinem Blatte Deutschlands so, wie in Leipzig. Und diese
  theewässerigen, fischblutigen, juchtenledernen Vaterlandsblätter,
  die wir noch zur Hälfte von hier aus füttern, haben nicht soviel
  Muth und Gefühl, daß sie diese Gemeinheit nur einmal geißeln. Wir
  hier schämen uns unseres Blattes und unserer Freunde, daß sie dieser
  Unverschämtheit der Biedermänner[185] gegenüber nichts, nichts thun,
  und Günther und ich werden uns nächstens von den Vaterlandsblättern
  lossagen. -- Friese's Krankheit hat sich, wie ich höre, wieder
  gebessert; aber er wird nicht wieder zu fester Gesundheit
  kommen[186], wie ich höre. Was meine Geschäftsverhältnisse betrifft,
  so ist unser Buchhandel todt und es wird lange Zeit brauchen ehe
  er wieder auflebt. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, wenn ich
  zurückkehre; doch daran ist #jetzt# nicht zu denken“ u. s. w.

Am 5. Juli schrieb er der Gattin wieder:

  „Liebe Jenny. Also Du bist immer noch krank[187]. Das dauert ja sehr
  lange diesmal. Nun, Dein Bleistiftbriefchen beruhigt mich wenigstens,
  daß es besser geht. Mache nur, daß Du gesund, und völlig wieder
  dem Haushalt und den verwaisten Kindern zurückgegeben wirst. Uns
  geht es ziemlich schlecht, die Mehrheit wird alle Tage frecher und
  unverschämter, steckt mit den Regierungen unter einer Decke, spielt
  in und mit der Versammlung Comödie und treibt ihren Verrath ziemlich
  offen; es ist ganz 1789. Ob die Menschen niemals an 1793 denken?
  Wie unangenehm die Stellung nur sein mag, so muß sie doch ertragen
  werden und wir sind auch guten Muthes und donnern nur um so mehr
  los. Die gemeinen, kleinlichen, erbärmlichen Umtriebe in Leipzig nur
  ärgern mich, ärgern mich deßhalb, weil in keiner Stadt, in keinem
  Orte (wir haben hier alle Zeitungen) eine solche Jämmerlichkeit zur
  Schau getragen wird, wie dort. Wäre ich dort und es geschähe einem
  Andern, ich würde dieses Gesindel geißeln nach Herzenslust; unsere
  Leute aber regen sich nicht einmal gegen .... Lügen, die sie durch
  die stenographischen Berichte klar beweisen können. Mögen sie! --“

In der Nacht vom 15. zum 16. Juli schreibt er an dieselbe:

  „-- -- Leider bemerke auch ich, wie die Vierteljahre enteilen.
  Bereits ist der längste Tag vorüber und ich habe vom Sommer nichts,
  gar nichts gemerkt, als daß die Hitze in der Paulskirche und in den
  Commissionslocalen unerträglich ist und mir oft nur alle 8 Tage Zeit
  bleibt, einmal zu baden. Wir müssen wirklich große Opfer bringen an
  Kräften und Wohlsein; und wenn sie nur nutzten! Aber gegenwärtig
  geht es sehr schlecht, der Wahnsinn glaubt jetzt, der Reichsverweser
  bringe die goldene Zeit und denkt nur an ihn. Aber der Rückschlag
  wird und muß auch kommen und dann wollen wir thätig sein. Wenn der
  Herbst kommt, wendet sich die Sache. -- Also werde gesund und bewahre
  mir die armen Kinder! Aber die entbehren mich wohl gar nicht mehr?
  Warum muß man so arm sein, daß man dieselben gar nicht sehen kann!
  Doch ich komme jedenfalls in einiger Zeit einmal nach Hause und wenn
  es auch nur auf einige Tage ist. Lebt alle recht wohl und nehmt Gruß
  und Kuß von Eurem Robert.“

Am 19. Juli endlich schreibt er an dieselbe:

  „Liebe Jenny! Eben komme ich vom Hofe und benütze die Minuten, die
  mir bleiben, dazu, Dir wenigstens dieses Zettelchen zu schreiben.
  Den Halloh, Spectakel und officiellen Jubel kannst Du aus den
  Zeitungen lesen; aber wahrscheinlich hast Du trotz allem Jubel den
  Reichsverweser und Vermoderer nicht gesehen und ich muß Dir also
  melden, daß er ein so erdiges, abgelebtes, todtes, regungsloses
  Gesicht hat, daß es den übelsten Eindruck macht und jedes Fünkchen
  Hoffnung, welches sich an ihn knüpfte, vernichtet hat. Im
  Privatverkehr ist er ein achtungswerther, liebenswürdiger Mensch, der
  aber in jedem Worte zeigt, daß er eben nur in's Haus taugt, nicht
  in's politische Leben. Es ist entsetzlich, daß man diesem Menschen
  Deutschland vertrauen will; allein Bestand kann die Sache nicht
  haben, oder vielmehr, er kann nur eine unbedeutende Puppe sein, die
  aber hemmt auf Schritt und Tritt. Daß mich das Unglück getroffen hat,
  ihn heute Morgen becomplimentiren zu müssen, wirst Du schon wissen;
  es war ein schweres Opfer, welches der Partei gebracht werden mußte,
  aber es hat mir auch wieder den Vortheil gebracht, den armseligen
  Menschen in der Nähe zu sehen und mich zu überzeugen, daß er ein
  wirklicher Vermoderer ist. Das Ministerium, welches wahrscheinlich
  morgen an den Tag kommt, wird rein reactionär, aber die Ministerien
  dauern jetzt nur vier Wochen. -- Wie werden unsre armen Kinder
  verlassen sein jetzt! es wird mir doch manchmal recht sauer hier zu
  bleiben, so ununterbrochen hier zu bleiben und ich muß mich förmlich
  von dem Gedanken losreißen. Geht es so fort, so gehe ich jedenfalls
  einmal auf 8 Tage nach Haus. -- Lebe wohl, liebe Frau, grüße die
  Kinder und sei auch Du herzlichst gegrüßt von Deinem Robert.“



            16. Im Parlament und Daheim.

    (Juli und August 1848 bis zum Conflict über
           den Malmöer Waffenstillstand.)


Auch die Einsetzung des Reichsverwesers hatte von neuem jenen Conflict
entzündet, der bei jedem entscheidenden Schritt der deutschen
Volksvertretung bei Ausübung ihrer verfassunggebenden Befugnisse und
der in ihrer Hand ruhenden Centralgewalt bisher entbrannt war. Schon am
30. Juni hatte der Bundestag auf die Kunde der Wahl des Reichsverwesers
durch das Parlament ein Glückwunschschreiben an den Erwählten erlassen,
in welchem ausgesprochen wurde, „daß die Bundesversammlung bereits
vor Schluß der Verhandlung über die Centralgewalt von den Regierungen
ermächtigt gewesen sei, für diese Wahl sich zu erklären.“ Blum brachte
die wichtige Sache am 1. Juli im Parlament zur Sprache.[188] „Wenn die
Bundesversammlung keine Prophetengabe hat, die ich bis jetzt an ihr
noch nicht bemerkt habe,“ sagte er, „so konnte sie über diese Wahl
im Voraus mit den Regierungen gar nicht reden. Wenn aber, was ich
annehmen muß, die Bundesversammlung ihre Nachrichten nicht schöpft aus
Privatcirkeln und Clubbs, so muß man glauben, es habe ein offizieller
Verkehr stattgefunden.“ Er bat deßhalb einen „möglichst naheliegenden
Tag“ zu bestimmen, um in dieser Angelegenheit eine Interpellation
einbringen zu können. „Zugleich aber stelle ich den Antrag, es möge von
der Versammlung ausgesprochen werden, daß jene Erklärung -- für deren
Bezeichnung kein Ausdruck stark genug sein dürfte -- eine unangemessene
und den Beschlüssen der Nationalversammlung widersprechende sei.“ Unter
„vielstimmigem Bravo“ erklärte Gagern sofort: „Ich habe auf die Frage
des Herrn Blum nur zu erklären, daß zwischen der Bundesversammlung und
mir nicht die geringste Communication über die Sache stattgefunden hat.“

Am 4. Juli brachte Blum von Neuem die Angelegenheit zur Sprache[189]
und stellte den Antrag: „von der Bundesversammlung eine amtliche nähere
Erklärung über den Sinn und die Bedeutung ihres Glückwunschschreibens
an den Reichsverweser und besonders über die darin enthaltene Erklärung
für diese Wahl zu erfordern.“ Er sagte zur Begründung dieses Antrags u.
A.:

  „Wenn die Bundesversammlung im Auftrage der Regierungen für unsre
  Wahl sich erklärt, so thut sie nichts Anderes, als was Dahlmann
  gesagt hat, sie bringt durch das Fenster wieder herein, was wir durch
  die Thüre durch zwei Abstimmungen hinausgeworfen haben, nämlich
  die Mitwirkung und Zustimmung der Regierungen; wenn sie sich #für#
  diese Wahl erklärt, so kann sie sich auch #gegen# die Wahl erklären,
  und wir sind nicht sicher davor, daß wir nicht zum zweiten Male
  wählen müssen, und sie widerspricht damit entschieden allen unseren
  Beschlüssen, ja sie stellt unser ganzes Dasein in Frage.“ Mit Recht
  forderte er eine Erklärung der Bundesversammlung, nicht blos des
  „Bundestags-Präsidenten“, denn „wir haben hier nur den Abgeordneten
  v. Schmerling bei uns, nicht den Bundestags-Präsidenten.“

Gleichwohl wich die Mehrheit, nach einer jener nichtssagenden und
so klugzurückhaltenden Erklärungen Schmerling's, der wichtigen
Principienfrage aus und ging über Blum's Antrag zur Tagesordnung
über. Aber von selbst drängte sich immer von Neuem diese Frage in
den Vordergrund. Als am 12. Juli der Reichsverweser im Parlament die
Annahme seiner Würde erklärt und feierlich versprochen hatte, das
Gesetz über die Einführung der provisorischen Centralgewalt zu halten
und halten zu lassen, begab er sich an den Sitz des Bundestages,
um die Auflösung dieser Versammlung zu vollziehen. Da erklärte ihm
Schmerling als Bundespräsidialgesandter, daß „die Bundesversammlung
die Ausübung ihrer verfassungsmäßigen Befugnisse und Verpflichtungen
in die Hände der provisorischen Centralgewalt lege, daß die Mitwirkung
aller deutschen Regierungen dem Reichsverweser zur Seite stehe und
sie ihre bisherige Thätigkeit als beendigt ansehe.“ Diese Erklärung
rüttelte weite Kreise des Parlaments aus der vertrauensseligen Stimmung
auf, welche man bisher den Alarmrufen der Linken gegenüber zur Schau
getragen hatte. Das linke Centrum brachte am 14. Juli den Antrag ein,
„daß der Seitens der Bundesversammlung am 12. Juli vollzogene Act der
Uebertragung ihrer Befugnisse auf die provisorische Centralgewalt für
nicht geschehen zu erklären“. Allein die Versammlung erklärte auch
diesen Antrag nicht für dringlich.[190] Um so energischer wurde am
14. Juli der Trotz der Krone Hannover gebrochen. Der allen Parteien
des Parlaments, mit Ausnahme der äußersten Rechten, verhaßte Monarch
hatte es gewagt, in einem von seinem Gesammtministerium unterzeichneten
Schreiben vom 7. Juli „Bedenken über die Form und den Inhalt“ des
Gesetzes über die provisorische Centralgewalt zu äußern. Darauf
forderte das Parlament mit großer Mehrheit „die unumwundene Anerkennung
der Centralgewalt und des Gesetzes darüber von der Staatsregierung
des Königreichs Hannover.“ Und die Krone Hannover beugte sich
diesem Beschlusse. Sie beauftragte ihren Bevollmächtigten bei der
Centralgewalt, v. Bothmer, alle Erklärungen in ihrem Namen vollgültig
abzugeben, und diese stellte nun die schriftliche Zusicherung aus, die
das Parlament erfordert hatte.[191]

Unmittelbar nach seinem Amtsantritt besetzte der Reichsverweser
einige der unentbehrlichsten Departements mit Ministern: dem preuß.
General Peucker gab er das Kriegswesen, Heckscher die Justiz,
Schmerling das Innere und Aeußere. In diesen Händen ruhten die
Geschäfte der deutschen Centralgewalt, als der Reichsverweser vom
15. Juli bis 3. August nach Oesterreich reiste, um dort den Staat
wieder nothdürftig zusammenzuleimen. Am 9. August war die Bildung
des deutschen Reichsministeriums abgeschlossen. Schmerling hatte den
Löwenantheil, das Innere, erhalten, dem polternden Heckscher war die
Gelegenheit geboten, sich durch Leitung der Auswärtigen Angelegenheiten
zu compromittiren, Duckwitz übernahm den Handel, Beckerath die
Finanzen, R. v. Mohl die Justiz, Peucker wie bisher den Krieg. Als
Unterstaatssecretaire waren u. A. im Innern Bassermann, im Finanzamt
Mathy thätig. Im Uebrigen zeigte sich bald, daß der Reichsverweser
für seine Regierungsgewalt dieselbe Unabhängigkeit forderte, wie das
Parlament für seine Beschlüsse über Verfassung und Gesetze. Preußen
machte nämlich am 17. Juli den Versuch, die Bevollmächtigten der
Einzelstaaten bei der Centralgewalt zu einem Rathe, mit einer der Größe
der einzelnen Staaten entsprechenden Stimmenzahl zu vereinigen, in
der Absicht, daß dieser Rath mit dem Reichsverweser sich über alle in
Folge des Beschlusses vom 28. Juni zu treffenden Maßregeln verständige
und deren Ausführung mit den Einzelstaaten vermittle. Da erklärte
jedoch die Centralgewalt am 30. August ausdrücklich, daß die bei ihr
bevollmächtigten Vertreter der einzelnen Staaten „die Befugniß, auf die
Beschlußnahmen der Centralgewalt entscheidend einzuwirken oder irgend
eine collective Geschäftsführung auszuüben“, in keiner Weise besäßen.
Es war also gewiß auch dem Parlament nicht zu verdenken, daß es
ängstlich über seinen Befugnissen wachte; und wenn man diesem zur Last
legte, „es habe vergessen, daß es noch Fürsten in Deutschland gebe“,
so war in dieser Hinsicht das Gedächtniß der Centralgewalt nicht viel
günstiger veranlagt.

Zum Zeichen seiner Oberherrlichkeit über alle deutsche Regierungsgewalt
hatte der Reichsverweser gleich bei Uebernahme seines Amtes durch den
Kriegsminister v. Peucker von den Bundesregierungen gefordert, daß
diese am 6. August die Bundestruppen die deutschen Farben anlegen
ließen und ihm, dem Reichsverweser, als Huldigung ein dreifaches
Hoch der Truppen und eine dreimalige Geschützsalve darbringen lassen
sollten. Die kleineren Staaten, auch Württemberg und Sachsen folgten
der Weisung. Baiern gehorchte in seiner Weise: das erste Hoch wurde
dem König, das zweite dem Reichsverweser, das dritte dem deutschen
Vaterlande dargebracht. Oesterreich schwieg wie gewöhnlich vollständig
und ließ einzig in Wien die dortige Besatzung dem „Erzherzog Johann von
Oesterreich“ das vorgeschriebene Lebehoch darbringen. Das Ganze war
offenbar eine raffinirte List Schmerling's, um Preußen zu demüthigen
oder in eine schiefe Stellung zur Nationalversammlung zu bringen. Das
letztere war vorherzusehen, da der preußische Stolz nimmermehr zu einer
solchen Komödie sein Heer hergeben, noch die Mannszucht der Truppen
verwirren konnte durch die Einsetzung eines neuen Kriegsherrn neben
dem König. So geschah es auch. Der König erließ am 29. Juli einen
Armeebefehl, in dem er seine Zustimmung zur Wahl des Reichsverwesers
aussprach, aber der Ernennung desselben durch das Parlament mit keinem
Worte gedachte. Dieser Befehl schloß mit den Worten: „Soldaten!
Ueberall wo preuß. Truppen für die deutsche Sache einzutreten und #nach
meinem Befehl# Sr. k. k. Hoheit dem Reichsverweser sich unterzuordnen
haben, werdet Ihr den Ruhm preuß. Tapferkeit und Disciplin treu
bewahren, siegreich bewähren.“ Nur die preußischen Garnisonen der
Bundesfestungen durften die Huldigungskomödie aufführen, die übrigens,
wenn es „zum Klappen“ kam, dem Reichsverweser auch nicht einen Mann
sicherte. Dafür aber schien Schmerling's ganzes Spiel zu glücken:
General Peucker war durch sein Huldigungsverlangen in Preußen unmöglich
geworden; Preußen hatte sich durch seine Weigerung bei einem großen
Theile des Parlaments unpopulärer als je gemacht. Von der Linken
erhoben sich Carl Vogt, Schlöffel und L. Simon zu einem Tadelsvotum
gegen die preuß. Regierung.[192] Sie hatten offenbar keine Ahnung, an
wessen geheimen Fäden sie tanzten. Ihre Anträge wurden jedoch von der
Mehrheit nicht für dringlich anerkannt und damit war Schmerling das
Spiel schließlich doch theilweise verdorben.

Die Debatten des Parlaments verlieren mit Einsetzung der Centralgewalt
viel von ihrer bisherigen Lebendigkeit. Natürlich, da nun vorläufig das
Hauptwerk gethan war, und es nicht mehr anging, wie früher oftmals,
Alles und noch einiges Andere bei Gelegenheit der Tagesordnung für
dringlich zu erklären. Dennoch haben auch die zweite Hälfte des Juli
und der August aus bestimmten Anlässen sehr aufregende politische
Debatten von großer grundsätzlicher Tragweite in der Paulskirche
gesehen. Den ersten Gegenstand dieser lebhaften Erörterungen bildete
der Antrag des Wehrausschusses, die Regierungen möchten den Bestand
ihrer Truppen bis auf ein Procent der Bevölkerung vermehren und
außerdem für Kriegsfälle noch 340,000 M. bereit halten, damit die
gesammte Streitmacht Deutschlands auf 910,000 M. anwachse. Die Linke
erklärte sich am 7. Juli, als der Antrag zur Verhandlung kam, gegen
denselben. Robert Blum berührte unzweifelhaft den Kernpunkt der Frage,
als er aussprach:[193]

  „Wenn es sich darum handelte, einen Krieg zu führen, und für diesen
  Krieg die nöthigen Mittel zu besprechen, ich würde nicht wagen, auf
  diese Tribüne zu treten. Aber droht uns denn wirklich ein Krieg?“
  Das sei nicht der Fall, meinte er, denn das Streben der Völker gehe
  nicht mehr auf Eroberung, sondern auf Gründung und Sicherung der
  Freiheit im Innern. Von Frankreich habe ja Deutschland eben erst
  die Versicherung der Brüderlichkeit empfangen. Die 300 Bataillone
  Nationalgarde, die man dort aufgestellt, seien nach den gegebenen
  Zusicherungen nicht zu feindseligen Zwecken bestimmt. „Gehen Sie
  hinüber,“ fuhr er fort, „fragen Sie, unter welchen Bedingungen man
  die Bruderhand bieten wolle, und bieten Sie Ihre Hand, so werden Sie
  die 300 Bataillone auflösen und das Nachbarvolk befreien von der
  schweren Last, sie zu unterhalten.“

Diese vertrauensvolle Stimmung zur jungen französ. Republik, an deren
Spitze schon Louis Napoleon Bonaparte zu treten sich anschickte, jener
Republik, der schon Wochen zuvor der alte Arndt in der Paulskirche
geweissagt hatte, daß sie bald wieder ihren Herrn finden werde, war
in Blum erzeugt hauptsächlich durch die herzgewinnenden Phrasen des
französ. Gesandten in Frankfurt Savoye, „des ehemaligen Flüchtlings“,
dessen treue Ehrlichkeit Blum der Gattin in einem Briefe dieser Tage
preist. Wir Heutigen lächeln über dieses naive Vertrauen auf die
französ. Bruderhand. Und auch die Zeitgenossen lächelten. Der berühmte
Zeichner der Paulskirche Boddien eröffnete bei dieser Rede seinen
Caricaturenkampf, indem er Blum einem französ. General, der sehr
unhöflich lacht, die Bruderhand bieten läßt, während im Hintergrund
das ganze französ. Heer in ungeheurer Eile auseinanderläuft. Und in
gleichem Sinne entschied sich die Nationalversammlung: die Antwort
auf Blum's Rede war der Beschluß (am 15. Juli mit 303 gegen 149
Stimmen), daß der Bestand des Heeres auf zwei Procent der Bevölkerung
gebracht werden solle, bei allgemeiner Wehrpflicht und möglichster
Einfachheit der Ausrüstung, als ein Uebergang zur künftigen
Bürgerwehr. An kräftiger Betonung seines nationalen Standpunktes hatte
es Blum indessen auch bei dieser Gelegenheit nicht fehlen lassen.
Bei dem Angriffe eines äußeren Feindes hatte er sich zu den größten
Opfern bereit erklärt. „Es koste das Letzte, was wir aufzubieten
hätten“, hatte er gerufen, so dürfe man sich doch dem äußern Feind
gegenüber nicht wehrlos machen, „wir dürfen das nicht wollen, ohne
uns selbst auszustreichen aus der Reihe der Nationen“.[194] Es war
daher jedenfalls ein völlig ungerechter Vorwurf, wenn Mitte August
der „deutsche Verein“ in Leipzig dieser Rede und Abstimmung Blum's
undeutsche Gesinnung unterlegte.

Die zweite der rein politischen Fragen betraf die polnische
Angelegenheit und wurde am 24. Juli verhandelt. Schon das
Vorparlament und der Fünfzigerausschuß hatte sich mit dieser Frage
zu beschäftigen gehabt. Dort war das „schmachvolle Unrecht“, das
gegen Polen begangen worden, von der deutschen Versammlung feierlich
anerkannt worden, ja man hatte beschlossen, den nach der (deutschen?)
Heimath zurückkehrenden Polen auch in Haufen den Durchzug durch
Deutschland zu gewähren. Der Fünfzigerausschuß hatte vorsichtiger
das national-deutsche Interesse gewahrt. In beiden Versammlungen
hatte Blum seine polnischen Sympathien offen und beredt bekannt, aber
auch kein Wort gesprochen, das die deutschen Interessen verletzen
konnte. Nun schlug der Ausschuß einen Antrag vor, welcher in den
gemischten Landestheilen vor Allem das deutsche Interesse auf das
Sorgfältigste wahrte, den Polen dagegen auf Grund eines Beschlusses des
Parlaments vom 31. Mai die „ungehinderte volksthümliche Entwickelung
und Gleichberechtigung ihrer Sprache gewährleistete“. Diesen Antrag
konnte kein deutscher Abgeordneter bekämpfen. Aber er enthielt durch
die vorläufige Genehmigung der Demarcationslinie des General Pfuel
vom 4. Juni u. A. doch schon eine bestimmte Entscheidung über die
Nationalitätengrenze und deßhalb beantragte Blum, die Frage erst
noch durch die Centralgewalt untersuchen zu lassen. Die Rede, die
Blum bei dieser Gelegenheit hielt, stieg aber weit hinaus über diese
rein praktischen und nüchternen Gesichtspunkte. Sie zog das ganze
Verhängniß der unglücklichen Nation in ihren Bereich. Und so weit wir
vom Standpunkt des Redners entfernt sein mögen, so werden wir doch die
Tiefe seiner Ueberzeugung und die Kraft seiner Worte ebenso schätzen,
wie die Zeitgenossen sie schätzten, die sie hörten und anderer Meinung
waren als er Blum sagte:

  „Es giebt wohl kaum eine eigenthümlichere Stellung, als diejenige
  ist, wo ein freigewordenes oder freiwerdendes Volk entscheiden soll
  über das Schicksal eines dem Untergang scheinbar gewidmeten Volks.
  Wir haben wahrscheinlich wichtigere Beschlüsse gefaßt, als der
  heutige ist, wir werden vielleicht wichtigere fassen, aber wir werden
  schwerlich irgend einen fassen, bei dem die Gerechtigkeit so laut und
  so gewaltig an unser Herz schlägt mit ihren Aufforderungen, und bei
  der möglicherweise ein Zwiespalt entsteht zwischen den Forderungen
  der Gerechtigkeit und denjenigen, die das Nationalgefühl macht.
  Erregt schon das Unglück an und für sich eine lebendige Theilnahme,
  giebt es nach dem Ausspruche eines von allen Parteien und allen
  Richtungen verehrten Polenhelden keinen größeren Schmerz, als den
  eines untergehenden Volkes, weil der Gesammtschmerz der ganzen Nation
  sich vererbt auf die noch lebenden Glieder bis zum Letzten hinab und
  der Letzte ihn in seiner Gesammtheit tragen muß, wie Kosziusko in
  der Schweiz ausgesprochen hat; so wird diese Theilnahme noch erhöht
  dadurch, wenn man auf das Volk selbst einen Blick wendet und nicht
  blind für seine Mängel und Fehler -- denn wer hätte die nicht? --
  dennoch genöthigt ist, ihm in der Geschichte einen der ehrenvollsten
  Plätze anzuweisen. Meine Herren! vergessen wir es doch ja nicht, wie
  lange Polen einen Wall gebildet zwischen der nordischen Barbarei
  und der westlichen Bildung, vergessen wir es doch ja nicht in dem
  gegenwärtigen Augenblick, wie viel wir ihnen zu danken haben in den
  früheren Jahrhunderten; und wenn wir jetzt nur zu leicht geneigt
  sind, die Schattenseite dieses Volkes zu betrachten, vergessen
  wir doch ja nicht, daß dasselbe seit undenklicher Zeit in seinem
  Schooße den Einwanderern gewährt hat, wonach wir in Deutschland in
  diesem Augenblick noch ringen: daß die Gewissensfreiheit nirgends
  so geschützt war, als in Polen, und daß selbst die verachteten und
  von der ganzen Welt zurückgestoßenen Juden eine Heimath dort fanden.
  (Mehrere Stimmen: Bravo!) Ich würde Ihnen noch manche geschichtliche
  Erinnerung darbieten können aus vergangenen Zeiten Polens, ich will
  aber darauf verzichten: Denen aber, die so sehr bereit sind, heute
  das polnische Volk in den möglichst tiefen Schatten zu stellen, ihm
  alle Tugend abzusprechen, und alle Laster ihm anzuhängen (Unruhe
  auf der Rechten), muß ich zurufen, sie sollen nicht vergessen,
  daß wir einen großen Theil der Schuld davon tragen. Das Volk ist
  seit achtzig Jahren zerrissen, geknebelt und unterdrückt, und wir
  haben es beraubt seiner inneren Kraft und seines Landes und seiner
  Selbstständigkeit und seiner Freiheit. Und wenn nach achtzig Jahren
  Derjenige, den wir zu unsern Füßen niedergetreten haben in den
  Schmutz, schmutzig erscheint, dann wälzen Sie die Schuld nicht
  auf ihn. Es mag sehr richtig sein, daß in den Jahren so langer
  Unterdrückung, so langer systematisch gepflegter Demoralisation,
  d. h. geistiger Zerstörung, so wie äußerlicher, Manches sich an
  dieses Volk angehängt hat, von dem es früher nichts gekannt hat;
  es mag sein, daß es gesunken ist von Stufe zu Stufe; dann aber ist
  es um so mehr unsere Aufgabe, dazu beizutragen, daß es sich wieder
  erhebe, weil wir Theil haben an seinem Versinken. So paart sich
  mit der Theilnahme an dem Volke das Bewußtsein der Schuld unserer
  Väter, die wir tilgen müssen. Denn ein Volk geht nicht dahin, wie ein
  Mensch, ein Volk bleibt immer dasselbe, und sühnen muß #das Volk#,
  was das Volk, wenn auch ohne seine Zustimmung, in seinen damaligen
  einzigen Vertretern gesündigt hat. Ein Mann, den Sie wahrscheinlich
  nicht zu den Wühlern und Anarchisten zählen werden, ein Mann, der
  kaum jemals auf der linken Seite irgend eines Hauses gesessen hat,
  dessen staatsmännischen Verstand und dessen tiefe Gedankenfülle bei
  Auffassung der europäische Ereignisse aber alle Parteien anerkannt
  haben, hat es gesagt, „daß das der Alp sei, der unsere Geschichte,
  unsere Politik des achtzehnten Jahrhunderts, den Begriff der
  Nationalität, der Sittlichkeit, den Friedenszustand, die Zukunft
  und das ganze Völkerrecht drücke, das Unrecht, das an Polen begangen
  worden sei.“ Dieser Mann -- es ist der alte #Gagern#, dessen Namen
  sie mit Ehrfurcht begrüßen werden -- er hat „keinen andern Schmerz
  über sein Dasein gekannt, keine andere Ursache es zu bereuen, als
  daß er in dieser Zeit der durch und durch falschen Handlungsweise
  -- Seitens der Diplomatie und alten Herrschaft -- gelebt hat.“ Er
  sagt es Ihnen sehr deutlich, daß „die Schuld, die begangen worden
  ist, nicht bloß auf Diejenigen kommt, die sie unmittelbar begangen
  haben, sondern auch auf Diejenigen, die sie fortsetzen dadurch, daß
  sie ihre Kraft nicht anwenden, um sie zu sühnen.“ Und er sagt Ihnen
  endlich, „daß es in Europa keinen Frieden, kein Völkerglück, keine
  Sicherheit der Zustände, keine auf der Gerechtigkeit fußende Zukunft
  und keine Freiheit geben könne, bis die Schuld gesühnt sei, die man
  an Polen begangen habe.“ (Vielseitiger Beifall.) Was ist bis jetzt
  zu dieser Sühne geschehen? Die Polen haben in einem langen Zeitraume
  der Unterdrückung zu verschiedenen Zeiten den Versuch gemacht, sich
  frei zu machen, und das Joch wieder zu brechen, welches man auf ihren
  Nacken gelegt hatte. Je nachdem die Zeitumstände waren, hat man das
  Heldenmuth und Revolution genannt; je nachdem die Zeitumstände waren,
  hat man sie bewundert und hat sie geschmäht. Ich will kein Urtheil
  darüber fällen, auf welchem Punkt wir gegenwärtig angelangt sind,
  aber sagen muß ich, daß es nach den Resultaten der letzten Monate
  auf jeden Fall Veranlassung giebt einzugestehen, daß das seit 80
  Jahren unterdrückte Volk vielen andern in Europa mit dem Beispiel der
  Vaterlandsliebe und des nie zu vernichtenden Muthes vorangegangen
  ist, welches, wenn es nachgeahmt worden wäre, in unserm Vaterland
  uns höchst wahrscheinlich nicht auf die tiefe Stufe des Elends hätte
  sinken lassen können, auf welcher wir am Schlusse des vorigen und am
  Anfange dieses Jahrhunderts uns befunden haben. Auch jetzt, wo aufs
  Neue der Frühling dahinzog über die Völker, haben die Polen Theil
  nehmen wollen an dem werdenden Tage. Sie haben geglaubt, daß auch
  für sie die Stunde der Wiedergeburt geschlagen habe, und in diesem
  Glauben haben sie die Hand gelegt an diese Wiedergeburt, wo und wie
  sie konnten, und wenn Sie ihnen sagen wollen, oder sagen müssen:
  daß sie hin und wieder übereilt oder unbesonnen gehandelt haben,
  dann erkennen Sie wenigstens an, daß der Trieb, der sie geführt hat,
  ein edler war, und daß es um so edler ist, die letzte Kraft dem
  Vaterlande zu weihen, jemehr dieses Vaterland unterdrückt ist, und
  je geschwächter die Kraft selbst ist, die man in die Wagschale legen
  kann. Ich will hier nicht anklagen! denn klagte ich an, ich würde
  in den Fehler verfallen, den ich dem Ausschuß-Berichte demnächst
  vorwerfen will; wie sehr auch das Herz geneigt ist, für Polen Partei
  zu nehmen -- und es ist eine schöne Seite des menschlichen Herzens,
  daß es Partei nimmt für das Unglück, selbst dann Partei nimmt, wenn
  es möglicherweise das Unglück zu hoch, seine Gegner zu tief stellen
  sollte -- ich will doch nicht anklagen, ich will der Mahnung des
  Vorsitzenden gedenken, die so hochwichtige europäische Frage mit
  schonender Milde zu behandeln. Ich will nicht hinweisen auf die
  Gefahren, die uns von Rußland drohen, und nicht ausführen, wie wir
  denselben einen Damm entgegenstellen können, indem wir zugleich unsre
  Schuld und unser Gewissen sühnen. Ich will nur fragen, wenn wir hier
  die Angelegenheiten der europäischen Politik, Angelegenheiten von
  dem gewaltigsten Gewichte nicht bloß für unser Vaterland, sondern
  für das gesammte Europa, entscheiden, nach welchem Principe handeln
  Sie denn da? Ist es die territoriale Auffassung der Dinge, die
  Sie bestimmt, wie das z. B. hinsichtlich Schleswig-Holsteins, der
  Slaven und Triests der Fall gewesen zu sein scheint? Warum sind Sie
  dann nicht von demselben Principe ausgegangen, wenn es sich darum
  handelt, ein anderes Volk zu beurtheilen, dem eine Anzahl Deutscher
  einverleibt ist, wie uns eine Anzahl Dänen und Slaven und Italiener,
  und wie sie heißen mögen? Oder ist es der Nationalgesichtspunkt,
  der Sie leitet? -- Nun, dann seien Sie auf der andern Seite so
  gerecht, und wenn Sie Posen durchschneiden, um die Deutschen zu
  reclamiren, so schneiden Sie auch Schleswig durch, geben Sie die
  Slaven los, die zu Oesterreich gehören, und trennen Sie auch Südtyrol
  von Deutschland. -- Ja, ich sage mehr: Wenn Sie ein so lebhaftes
  Nationalgefühl haben, und durch dasselbe allein sich leiten lassen
  wollen, so befreien Sie die deutschen Ostseeprovinzen von der
  Herrschaft Rußlands, und befreien Sie die 600,000 unglückseligen
  Deutschen im Elsaß, die sogar unter der Herrschaft einer Republik
  schmachten. (Anhaltender Beifall.) Entweder das Eine, oder das
  Andere ist richtig, denn sich die Politik zurechtmachen in der Art
  und Weise, wie sie Einem eben für den Augenblick paßt, das ist
  nach meiner Ansicht gar keine Politik. -- Ich will aber auch hier
  mild sein, und sagen: es ist möglich, daß nach einer 80jährigen
  Unterdrückung für die Polen auch die Nothwendigkeit eingetreten
  ist, einen Theil ihres Bodens abzugeben; es ist möglich, daß es
  eine Nothwendigkeit ist, eine Linie zu ziehen; es ist möglich,
  daß die Freiheit wie die Gerechtigkeit Dieses gebieten können --
  dann können Sie diese Frage nur entscheiden, wenn Sie mit all der
  Gründlichkeit, die eine schöne Eigenthümlichkeit unsers Volks ist,
  diese Nothwendigkeit nachweisen. Ich suche vergebens in diesem
  Berichte auch nur im Allerkleinsten einen Nachweis, und muß bekennen,
  ich begreife es nicht, wie ein solcher Bericht in einer deutschen
  Volksvertretung nur hat gemacht und vorgelegt werden können. Nichts
  ist darin, als Angaben auf Zeitungsgeschwätz hin, nicht eine einzige
  Nachweisung ist darin, wo eine vernünftige Grenze in Polen ist,
  nirgends ist eine Nachweisung über das wahre Bevölkerungs-Verhältniß,
  oder über die topographische Lage der Dinge, nicht eine Tabelle
  oder Karte, die belehrte, gar nichts. In Bausch und Bogen sollen
  Sie entscheiden, ohne Kenntniß der Dinge, über eine Frage, die uns
  in größere Verwickelungen stürzen kann, als es in dem europäischen
  Leben noch gegeben hat! Muß man einen Schnitt machen in das Land, so
  kann man diesen Schnitt nur machen in Uebereinstimmung mit Denen,
  die diese Territorial-Verhältnisse festgestellt haben; wenn man
  das Beispiel von Krakau wiederholt, so wundere man sich wenigstens
  nicht, wenn die europäischen Verträge, die für uns keine Geltung
  haben, wo sie uns oder der übertriebenen Eroberungslust unserer
  jungen und zweifelhaften Freiheit unbequem sind, auch von Andern
  nicht mehr geachtet und nicht mehr als bestehend anerkannt werden;
  wundern wir uns nicht, wenn in dem Augenblicke, wo wir Alle auf das
  Innigste betheiligt sind, daß das Gewordene sich befestige, bei
  uns und bei unsern Nachbarn die Partei kommt und Volksleidenschaft
  auf ihrer Seite, die als erste Verkündigung ihres Sieges von der
  Tribüne herab erklärt: „Polen soll befreit werden, wenn nicht durch
  unsere Vermittelung, durch unsere Waffen.“ Dann geben Sie die
  Zukunft der Welt preis dem ungewissen Schicksale eines langen und
  blutigen Krieges, dann vernichten Sie vollständig den Wohlstand des
  Volkes, der jetzt so tief erschüttert ist, und so nothwendig hat,
  sich wieder zu erholen. Ich will nichts von Ihnen als den Ernst und
  die Prüfung, die uns nothwendig ist, eine Prüfung, die man selbst
  als nothwendig erkannt hat, wo man tiefer betheiligt ist bei diesen
  Angelegenheiten, als wir es für den gegenwärtigen Augenblick sind.
  Die preußische Regierung, welche die Theilung Polens ausgeführt
  hat, hat die Nothwendigkeit anerkannt, die Akten wieder aufzunehmen
  und näher anzusehen, was damals geschehen ist; sie hat im Vereine
  mit ihren Vertretern eine neue Untersuchung angeordnet und einer
  Commission der dortigen Volksvertreter übertragen, oder mindestens
  übertragen lassen; sie wird die Berichte dieser Commission erwarten
  und sie wird, ich zweifle nicht, darnach handeln. Mehr verlange ich
  auch nicht. Man kann die Völkerschicksale nicht anhalten: haben die
  Polen uns ein Stück Boden, und haben sie uns so und so viel deutsche
  Bewohner abzugeben, wohlan, so mögen sie dieses Schicksal tragen, wie
  manches andere harte Schicksal, das sie haben tragen müssen; aber man
  zeige ihnen nicht mit Shrapnells, sondern mit #Gründen der Vernunft#
  und der Nothwendigkeit, daß sie es #müssen#; man zeige es ihnen im
  Angesichte von Europa, und erst dann, wenn sie mindestens wieder
  angefangen haben, ein Volk zu sein, nicht jetzt, wo sie gebunden
  sind an Händen und Füßen, und wo wir nicht mit ihnen unterhandeln,
  sondern ihnen nur abnehmen können, was wir haben wollen. Man thue
  ihnen, den Schwachen und Unglücklichen, gegenüber, was man gegenüber
  von Rußland und Frankreich that, weil sie stark und gewaffnet sind;
  man wende ihnen zu, was ihnen gebührt: die Schonung, die das Unglück
  in so hohem Grade in Anspruch nimmt, und man behandle sie eher
  milder, als härter denn andere Völker; das ist das Einzige, was ich
  beantrage. Beauftragen Sie die Gewalt, die Sie geschaffen haben,
  mit #eigenen# Augen zu sehen, nicht mit den trüben Augen, die die
  gegenseitigen Parteischriften hervorgerufen haben; gedenken Sie an
  die Worte des Dichters, „daß von der Parteiengunst und Haß entstellt
  das Charakterbild der Zustände in der Geschichte schwankt.“

  Lassen Sie Ihren verantwortlichen Minister Ihnen gegenübertreten,
  von dieser Tribüne herab Ihnen sagen: „Das ist nothwendig,“ und
  wenn er das sagt und mit Gründen belegt, dann werden Sie ruhig der
  Nothwendigkeit gehorchen können. Indem ich also nichts von Ihrer
  Gerechtigkeit verlange, als eine #Untersuchung der Sache#, schließe
  ich mit den Worten einer Herrscherin, die betheiligt war bei der
  Theilung Polens. Sie sagte: „In dieser Sache, wo nicht allein das
  offenbare Recht himmelschreiend gegen uns ist, sondern auch alle
  Billigkeit und die gesunde Vernunft wider uns ist, muß ich bekennen,
  daß zeitlebens ich nicht so geängstigt mich befunden und mich sehen
  zu lassen schäme. Bedenke der Fürst, was wir aller Welt für ein
  Exempel geben, wenn wir um ein elendes Stück von Polen unsere Ehre
  und Reputation in die Schanze schlagen.“ Das schrieb Maria Theresia
  an Kaunitz. (Stürmisches Bravo von der Linken.)“

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Blum's Antrag verworfen, derjenige
des Ausschusses angenommen wurde. Bemerkenswerth war die dreitägige
Debatte (die am 27. Juli endigte) weniger durch die meisterhafte Rede
Janisczewski's -- obwohl sie die maßvollste und hinreißendste Rede
für die Sache der Polen war, die je in deutschen Parlamenten gehalten
worden ist -- als durch den Verfall an Disciplin, der sich schon da
auf Seiten der Linken offenbarte. Wilhelm Jordan, der noch bei der
namentlichen Abstimmung über die Person des Reichsverwesers als der
Erste seine Stimme für Itzstein abgegeben, sagte sich entschieden los
von dem Standpunkt der Linken. Wer die deutschen Bewohner von Posen
den Polen hingeben wolle, sagte er u. A., der sei mindestens ein
unbewußter Volksverräther. Blum verlangte infolge dieser Rede noch
am nämlichen Abend im Club des „deutschen Hofes“ die Ausstoßung des
bisherigen Genossen. Doch drang er mit diesem Antrag nicht durch. Und
als Blum's Amendement im Parlament mit 333 gegen 139 Stimmen verworfen
wurde, entfernten sich die meisten Abgeordneten der Linken, weil sie,
nach Blum's Erklärung, über den Stand der Dinge nicht ausreichend
belehrt seien. Diese Secession war nicht so bösartig, wie die Hecker's
und seiner Freunde im Vorparlament, da die Ausscheidenden sich schon
an der Schlußabstimmung wieder betheiligten. Aber von dem schönen
Pflichtgefühl „die Mehrheit zu ehren“, das Blum damals verkündigt
hatte, war die Linke doch schon ein ganzes Stück abgekommen.

       *       *       *       *       *

Noch weit stürmischer waren die Verhandlungen über die Amnestie
der Männer, die sich an den bisherigen Aufständen, namentlich dem
Badischen betheiligt hatten, und über die Gültigkeit der Wahl Hecker's
zum Parlament, welche der badische Wahlkreis Thiengen vollzogen hatte.
Beide Fragen wurden von der Nationalversammlung mit großer Mehrheit
verneint: die Amnestie wurde verworfen und Hecker's Wahl für „ungültig
und unwirksam“ erklärt. Aber die dreitägigen Debatten darüber (7. bis
10. August) waren die ordnungslosesten und widerwärtigsten, welche
die Paulskirche je gesehen, hauptsächlich infolge des Ungeschicks der
Leitung durch v. Soiron am 7. und 8. August. Die Linke wurde wirklich
ungerecht von ihm behandelt, das Wort ihr abgeschnitten, so daß diesmal
ihre zeitweilige Entfernung gerechtfertigt war. Selbst der milde
Löwe-Calbe konnte erst am dritten Tage zur Versöhnung sprechen. Von
da an war v. Soiron von allen Parteien als Vicepräsident aufgegeben.
Blum hat sich an beiden Debatten nicht betheiligt. Nur aus einer der
Abstimmungslisten ersehen wir, daß er zu den „Abwesenden“ der Linken
gehörte[195] und aus der andern, daß er gegen die Ungültigkeit der Wahl
Hecker's stimmte; mit ihm stimmten übrigens auch Biedermann, Uhland,
v. Wydenbrugk, Riesser u. A.[196] Denn sehr zweifelhaft lag hier die
Rechtslage.

       *       *       *       *       *

Die Hauptarbeit des Parlaments bildete vom 3. Juli an bis zum December
die Berathung der sog. Grundrechte, jenes Abschnittes der künftigen
Verfassung, welchen der Verfassungsausschuß zuerst der allgemeinen
Discussion unterbreitete, da über die Freiheiten, die Grundrechte des
Volkes, leichter und schneller allgemeines Einverständniß erhofft
wurde, als über die Grundformen der künftigen Verfassung: die
Spitze des Reiches und dessen Verhältniß zu den einzelnen Gliedern
(Regierungen). Doch selbst die Hoffnung einer raschen Durchberathung
der Grundrechte erwies sich bekanntlich als eine durchaus trügerische.
Bis zum 12. September waren erst 16 Paragraphen berathen, erst am
13. October war die erste Lesung zu Ende gediehen. Gleich Anfangs
häuften sich die angeblichen Verbesserungsanträge in solcher Weise,
zeigten die Schleußen der Beredsamkeit sich so wohlversorgt, daß ein
kühler Statistiker der Versammlung prophezeihte, man werde nach dem
Maßstab der ersten vier Tage im Ganzen 4380 Reden über die Grundrechte
hören müssen, und im April 1850 damit zu Ende kommen! Robert Blum
hat äußerst wenig zur Verlängerung dieser Discussion beigetragen.
Bei den namentlichen Abstimmungen, welche diese Berathungen
bis zu seiner Abreise nach Wien (Mitte October) herbeiführten,
stimmte er für Aufhebung des Adels und der Todesstrafe; gegen die
unbedingte Unabhängigkeit der Kirche vom Staat; gegen das Verbot von
Volksversammlungen unter freiem Himmel bei dringender Gefahr für die
öffentliche Sicherheit und Ordnung; für unentgeltliche Aufhebung der
aus dem grund- und schutzherrlichen Verbande herstammenden Leistungen
und Abgaben, soweit sie nicht erweislichermaßen als ein Theil des
Kaufpreises bedungen worden sind; für unentgeltliche Aufhebung der
Jagdgerechtigkeit; für Aufhebung der Fideicommisse aller Art. Es kann
hier nicht die Aufgabe sein, den Werth dieser Grundrechte zu prüfen,
die, wie das ganze Verfassungswerk der 1848er Nationalversammlung, fast
überall leider nur auf dem Papier Geltung erlangten. Doch gegenüber der
oft gehörten Behauptung, daß die heutige deutsche Reichsverfassung und
-Gesetzgebung in den Freiheiten, die sie dem Volke gewähre, noch weit
hinter den Grundrechten von 1848/49 zurückstehe, zeigt eine einfache
Prüfung der heutigen Gesetzgebung, daß die wirklich werthvollen und
inhaltreichen Freiheiten der „Grundrechte“ heute in Deutschland alle
errungen sind.[197]

Immer mehr wurde Robert Blum's Interesse übrigens von diesen
langathmigen Berathungen abgelenkt, immer dringlicher erheischten die
Sächsischen Zustände seine aufmerksame Beobachtung, sein persönliches
Eingreifen.

Schon oben ist an der Hand der eigenen Briefe Blum's geschildert
worden, in welcher Verwirrung sich seine Partei bereits zur Zeit der
Parlamentswahl in Leipzig befand. Nun mag man immerhin annehmen, daß
ein Theil dieser Wahlverwirrung auf Mißverständnisse und Versäumnisse
Einzelner zurückzuführen ist. Indessen sehr bald traten tiefere
Spaltungen in dem großen Verbande der Sächsischen Vaterlandsvereine zu
Tage, die sich bei Blum's Wahl nur nothdürftig ausgeglichen hatten.
Die Meinungsverschiedenheit der Gemäßigteren (unter Wuttke, Bertling,
Rüder, Cramer in Leipzig, den Dresdnern Bromme, Blöde, Minckwitz,
Herz u. s. w.) im Gegensatz zu den „Entschiedeneren“ (unter Jäkel
und Ruge, so lange dieser vor seiner Wahl ins Parlament in Leipzig
blieb, Binder, Ludwig u. A.) erwies sich auf die Dauer als unheilbar.
Die „Entschiedenen“ wollten die Herstellung der Republik baldigst in
Angriff nehmen. Jede Regierungshandlung, jeder Gesetzesvorschlag des
freisinnigen Märzministeriums fand an ihnen unerbittliche Tadler. Oft
vergebens warnten die Maßvolleren vor allzu extremen Beschlüssen.
Gleich wohl beanspruchten und etablirten die unaufhörlichen
Beschlüsse, Mißtrauensvoten, Ermunterungs- und Entrüstungsadressen der
Vaterlandsvereine, die bis zum September wenigstens der Regierung und
andern Parteien gegenüber leidlich geschlossen auftraten, geradezu
eine Art Vice- oder Contreregierung. Sie übten einen Druck auf die
legitime Regierungsgewalt, welchem kein Minister sich ganz zu entziehen
vermochte. Bei jedem Schritt, den man in den Regierungskreisen that,
warf man ängstlich die Frage auf: was werden die Vereine dazu sagen?
Und die letzteren zauderten nie lange, den bangen Zweifel der Regierung
zu lösen, freilich selten in ganz erwünschter Weise. So kräftig als
möglich suchten die „Deutschen Vereine“ die Regierung zu stützen, gegen
ungerechte Angriffe zu vertheidigen, ihre Anschauungen zur Kenntniß der
Regierung zu bringen.

Bei den Ergänzungswahlen zum Landtage hatte die Partei der
Vaterlandsvereine einen ebenso vollständigen Sieg erfochten, als
bei den Parlamentswahlen. Einer der Ihrigen, der schlichte brave
Weber Rewitzer aus Chemnitz wurde zum Präsidenten der zweiten Kammer
erwählt. Der Sächsische Landtag wurde am nämlichen Tage eröffnet, wie
das Frankfurter Parlament. Am 21. Mai trat er in die Berathung seiner
Geschäfte, deren Hauptgegenstand das neue Wahlgesetz bilden sollte.
Schon am 22. Mai gaben die Vertreter der Ritterschaft in beiden Kammern
die hochherzige Erklärung ab, daß sie bereit seien bei Feststellung
des neuen Wahlgesetzes und auch sonst die Privilegien ihres Standes
zu opfern. Damit war die größte Schwierigkeit, die einer zeitgemäßen
Umwandlung des Sächsischen Wahlgesetzes und einer veränderten Stellung
der beiden Kammern zu einander im Wege gestanden wäre, von Anfang an
beseitigt. Aber unbegreiflicher Weise nutzte die Regierung die Gunst
der Lage nicht aus, sondern schlug in ihrem Wahlgesetzentwurf nur eine
Reform des Wahlgesetzes für die zweite Kammer vor, ließ die erste
Kammer völlig unverändert und wollte die entscheidendste Principfrage:
ob Ein- oder Zweikammersystem? dem nächsten Landtag überlassen.
Diese Halbheit fand Tadel bei allen Parteien. Nachdem die Linke in
ihrem Verlangen auf Einführung des Einkammersystems mit 31 Stimmen
unterlegen war, beschloß die Kammer, daß das Wahlgesetz der Regierung
ohne eine gleichzeitige Reform der ersten Kammer nicht annehmbar
sei, und demgemäß zog Oberländer am 7. Juli den Entwurf mit der
Erklärung zurück: die Regierung werde unter Benutzung der dargelegten
Ansichten sofort an die Ausarbeitung eines neuen Wahlgesetzes gehen,
dessen Berathung die letzte Arbeit der Stände, in ihrer gegenwärtigen
Zusammensetzung bilden solle.

Durch diese Vorgänge in Dresden war der Agitation der Parteiführer
in den Vereinen, den Versammlungen und in der Presse von neuem der
reichste, dankbarste Stoff zugeführt. Läßt sich doch am Wahlgesetz,
an den Befugnissen der Abgeordneten und der Zusammensetzung
parlamentarischer Körperschaften mit am besten die Natur eines
Staates erkennen. So pries denn jede Partei schleunigst ihr Ideal von
Wahlgesetz und Kammerwesen dem Lande. Ungestüm verlangte die Presse
und Agitation der Vaterlandsvereine das Einkammersystem. Die Frage
war um so wichtiger, als schon am 3. Juli die Regierung -- die erste
in Deutschland -- die Centralgewalt anerkannt, zugleich aber auch
ausgesprochen hatte, daß das künftige deutsche Verfassungswerk mit ihr
vereinbart werden müsse, die Annahme der Frankfurter Beschlüsse von
der Zustimmung der Sächsischen Kammern abhängig sei. In diesen ruhte
also vielleicht einmal die wichtigste Entscheidung der Deutschen Frage.
Mit Nachdruck hatte sich Tzschirner, der Führer der äußersten Linken
in Dresden, gegen diese Erklärung der Regierung erhoben und von der
Regierung verlangt, daß sie alle Beschlüsse der Nationalversammlung
ohne Weiteres für rechtsverbindlich erachte. Das war seit dem Ausgange
der Bewegung im März die Ansicht aller Liberalen im Lande gewesen,
von den Vaterlandsvereinen an bis zu den deutschen Vereinen. Zur
Zeit, als die Regierung zum ersten Male ihren Vereinbarungsstandpunkt
bekannte, und unter Hinweis auf den § 2 der Verfassungsurkunde
begründete,[198] wäre es noch leicht gewesen, die Zustimmung einer
großen Mehrheit in beiden Kammern und des Königs selbst -- da dieser
sich damals noch zu jedem Opfer für die Deutsche Sache bereit zeigte
-- für die entgegengesetzte Meinung (die Tzschirner's) zu erlangen und
dadurch dem Lande später die schwersten und blutigsten Kämpfe, dem
Ministerium die größten Schwierigkeiten zu ersparen. Aber schon bei
Vorlegung des Decrets der Regierung über Anerkennung der Centralgewalt
folgte ein Theil der Linken des Landtags dem Leitmotiv Schaffrath's
in seiner Frankfurter Rede über die Centralgewalt, dem ja auch
Blum sich in seiner Rede vom 24. Juni angeschlossen hatte[199] und
verlangte geradezu, daß die deutsche Verfassung, wenn sie in Frankfurt
beendet sei, den einzelnen Ständeversammlungen zur Berathung und
Beschlußfassung im Einzelnen vorgelegt werden müsse. Damals erhob
selbst v. d. Pfordten noch Widerspruch gegen diese ungeheuerliche
Forderung des souveränen Particularismus. Aber noch rascher als bei
ihm vollzog sich ein völliger Umschwung der Meinungen bei dem Theil
der Linken und der äußersten Linken, die bisher an der Souveränität
der verfassunggebenden Nationalversammlung festgehalten hatte. Je
weniger Aussicht sich zeigte, daß ihre extremen Ansichten in Frankfurt
verfassungsmäßige Anerkennung finden würden, um so mehr verleugneten
sie die Souveränität des Parlamentes, verlegten sie die ganze
Machtvollkommenheit des Volkes in die Landtage der Einzelstaaten, da
sie hier noch die Mehrheit hatten. Bald ging auch Tzschirner und seine
Fraction ins Lager der Particularisten über. Unleugbar hat die Linke
in Frankfurt hierzu Anregung und Leitung gegeben. Daß Blum sich zu
dieser Entfesselung der unreinen Leidenschaften des Particularismus
mit hergab, ist, wie schon früher bemerkt wurde, zweifellos und
wird sogleich urkundlich belegt werden. Darin besteht seine größte
Verschuldung.

Zur Verhandlung über all diese wichtigen Fragen hatten die
Vaterlandsvereine Sachsens eine Generalversammlung zum 9. Juli
nach Dresden einberufen. An sie richtete Blum die nachstehende
Zuschrift,[200] die deutlich zeigt, wie wirksam inzwischen auch die
deutschen Vereine gearbeitet hatten, mit welch ernster Besorgniß das
Anwachsen der Gegner von Blum betrachtet wurde, mit welchen Mitteln er
sie zu bekämpfen sich anschickte:

  Adresse: „An den Vorstand des deutschen Vaterlandvereins zu
  Dresden.“ Text des Briefes: „An die Generalversammlung des sächs.
  Vaterlandsvereins.

          Lieben Freunde und Mitbürger!

  Vor Allem Gruß und Handschlag aus weiter Ferne und dabei das
  aufrichtige Bedauern, nicht in Eurer Mitte sein zu können an dem
  Tage, wo Ihr gemeinsam berathet über das Wohl, das politische Leben
  und den Fortschritt unseres schönen engeren Vaterlandes Sachsen.
  Möge der Geist der Freiheit walten über Euch, damit Ihr Beschlüsse
  faßt, welche ihre Freunde vermehren und stärken, ihre heuchlerischen
  Feinde aber, welche so frech wieder das Haupt erheben, entlarven und
  vernichten. -- An diesen Gruß und Wunsch knüpft sich eine directe
  Frage, welche zu beantworten ich dringend bitte. Zwar soll der
  Abgeordnete keine Instruction annehmen, sondern stimmen nach seinem
  Gewissen; ich will auch eine solche nicht und könnte nicht um ein
  Haarbreit weichen von meiner Ueberzeugung durch eine solche. Aber
  wir sind nicht Abgeordnete von Gottes Gnaden, sondern durch des
  Volkes freie Wahl, im Volke beruht unsere Stütze, unsere Kraft, unser
  Lebensnerv, und deshalb ist es eben so sehr unsere Pflicht als unser
  Bedürfniß, zu fragen: was das Volk will und denkt?

  Dies geschieht denn nun hiermit: Als der Verfassungsentwurf der
  Siebenzehn Vertrauensmänner mit der Mißgeburt eines deutschen Kaisers
  in Sachsen bekannt wurde, erhoben sich von dort -- wie fast aus ganz
  Deutschland -- sofort zahlreiche Stimmen gegen diesen verschrobenen
  Gedanken; von Vereinen und Volksversammlungen kamen Eingaben an den
  Fünfziger-Ausschuß wie an die Nationalversammlung gegen diesen Kaiser
  und es ist sehr mäßig, wenn ich die abgegebenen Stimmen in dieser
  Beziehung auf 20,000 schätze. -- Das stimmte mit den Ansichten der
  sächsischen Abgeordneten (mit =Ausnahme= der Herren Biedermann,
  Herrmann, Koch und Zöllner, deren politische Genossenschaft wir
  entschieden ablehnen) vollkommen überein. Sie wollen keinen deutschen
  Kaiser, keine neue Civilliste, keine neue schwere Belastung des
  Volkes; sie wollen noch weniger ihr Vaterland aufs Neue den Stürmen
  und Gefahren Preis geben, die ihm drohen wenn der fürstliche
  Ehrgeiz nach dieser Gewalt ringt, oder wenn der Inhaber dieselbe
  für dynastische oder Privatinteressen mißbraucht. Aber wie sie
  kämpfen werden gegen jene unzeitgemäße Schöpfung, so würden sie
  kämpfen mit aller Kraft gegen jeden Eingriff in die Verfassung des
  Einzelstaates; dort soll und muß neben der gesetzlichen Freiheit die
  volle Unabhängigkeit bestehen, die neben der Einheit möglich ist; die
  Staatsform, für welche das Volk sich in seiner Mehrheit ausspricht,
  auf gesetzlichem Wege ausspricht, darf nicht angetastet werden und
  sollte -- was gar nicht denkbar ist -- die National-Versammlung
  jemals sich mischen wollen in diese Verhältnisse, wir würden es
  nimmermehr dulden, würden für Sachsens Selbstständigkeit in dieser
  Beziehung mit aller Entschiedenheit in die Schranken treten.

  Diese glückliche Uebereinstimmung der sächsischen Abgeordneten
  mit ihren Vertretern war um so erfreulicher, als ein Zeichen
  entgegengesetzter Meinung gar nicht zu Tage kam. Das ist seit einigen
  Tagen anders: Eine Adresse aus Leipzig mit 9,600 Unterschriften aus
  dem ganzen Lande bedeckt, ist bei der Nationalversammlung eingegangen
  und spricht sich #gegen die Republik# aus. Dagegen wäre gar nichts
  zu haben, wenn nicht diese Adresse in absichtlicher Zweideutigkeit
  es unentschieden ließ, gegen #welche# Republik, ob gegen eine
  #sächsische#, oder gegen eine #deutsche# man sich ausspricht.
  Sind republikanische Bestrebungen in Sachsen entstanden, (was ich
  nicht weiß) und ist die Adresse gegen #diese# gerichtet, so gehört
  sie nicht in die Nationalversammlung, das haben die #sächsischen
  Kammern# zu entscheiden; vorbereitet und bekämpft muß diese Frage
  werden in der Presse, in Vereinen, Volksversammlungen u. s. w., die
  Nationalversammlungen #geht das nichts an#. Bezieht sie sich aber auf
  den #Gesammtstaat#, will sie also den #deutschen Kaiser#, so hätte
  sie dies aussprechen sollen und müssen; es wäre dann gewiß nicht
  die Unbegreiflichkeit vorgekommen, daß Namen, welche sich #gegen#
  den deutschen Kaiser aussprechen, auch unter dieser Adresse stehen,
  wie dies thatsächlich der Fall ist. -- Deshalb wende ich mich an
  Euch, lieben Freunde und Mitbürger, und bitte Euch, bringt Klarheit
  in diese dunkle Sache; fordert durch die Mittel der Oeffentlichkeit
  eine offene Erklärung von den Urhebern und Unterzeichnern über ihre
  Absichten; duldet eine Täuschung des Volkes nicht, welche hier zu
  Grunde zu liegen scheint; laßt die Lüge, die große Krankheit --
  nicht unserer, sondern der vergangenen Tage -- nicht aufs Neue ihr
  Haupt erheben. Polizei und Censur haben die Lüge geboren, laßt die
  häßlichen Eltern nicht überlebt werden von der häßlicheren Tochter;
  laßt uns klar sehen über die Ansicht des sächsischen Volkes in dieser
  Sache. Ihr seid die Vertreter von mindestens 25,000 Mitbürgern, deren
  politisches Wollen und Streben uns innig verwandt ist; laßt uns und
  die Welt nicht in Zweifel über den Sinn und die Bedeutung dieser
  räthselhaften Erscheinung aus Sachsen.

  Daß diese Adresse zu einer Demonstration gegen den Unterzeichneten
  benutzt worden ist; daß man zugleich mit ihrer Ankunft in allen
  hiesigen Zeitungen (d. h. in allen süddeutschen) die Nachricht
  verbreitet hat, es sei das Vorkommen dieser Adresse eine moralische
  Nöthigung für mich, mein Mandat niederzulegen, daß man die Adresse
  mit dieser Meinung mittelst Placat an den Straßenecken Frankfurts
  angeschlagen hat -- das bestimme Euch durchaus nicht. Diese Benutzung
  der Adresse ist -- ich weiß das genau -- nicht aus Leipzig, nicht
  aus Sachsen hervorgegangen. Es erfüllt mich mit hohem Selbstgefühl,
  ja mit #Stolz#, daß man #solche# Mittel gegen mich, das Mitglied
  einer nicht zahlreichen Minderheit in Bewegung setzt. Wie gefährlich
  muß ich den Menschen sein, die mich mit #den# Waffen schwächen und
  stürzen wollen. Es liegt vor Euch, lieben Freunde und Mitbürger,
  wie und durch welche Mittel ich wirke: es ist die Aussprache
  meiner Ueberzeugung durch das einfache gerade Wort. Wer #dagegen#
  mit solchen Waffen streitet, der schadet nicht mir, sondern sich
  selbst. Wenn meine Aufgabe vollendet ist, werde ich Freund und Feind
  entgegentreten mit klarer Darlegung meines Thuns. Die #Zustimmung#
  der Gegner #kann# ich mir nicht erwerben; aber die Achtung, welche
  ein überzeugungstreuer, offener, ehrlicher Kampf fordern kann, die
  wird mir kein ehrlicher Mann versagen können.

  Zieht, lieben Freunde und Mitbürger meine Bitte in Betracht und thut,
  was Eures Berufes ist. Von Herzen begrüße ich Euch Alle und jeden
  Einzelnen in eigenem und der Genossen Namen! Der Himmel segne Euer
  Bestreben und erhalte Eure Theilnahme Eurem treuergebenen

  Frankfurt, am 6. Juli 1848.                   Robert Blum.“

Indessen nur wenige grundsätzliche Entscheidungen fällte die
Generalversammlung der Vaterlandsvereine zu Dresden. Sie forderte ein
Wahlgesetz mit dem Einkammersystem, directe Wahlen, ohne Censur und
ohne Standesunterschiede. Im übrigen aber folgte sie dem so heftig
getadelten Beispiel der Regierung in der Wahlgesetzfrage, indem sie
alle Fragen, die zu einer Trennung der Partei hätten führen können,
hübsch vertagte. Vertagt wurden vor Allem sämmtliche Anträge der
„Entschiedenen“ unter Jäkel's Führung: der Antrag auf sofortige
Berufung einer constitutionellen Versammlung; der Antrag, sich für
die demokratische Republik zu erklären und nach ihrer Herbeiführung
mit allen humanen Mitteln zu streben. Zum Trost für die ungeduldigen
Republikaner wurde erklärt, diese Frage solle öfters zur Besprechung
gebracht werden, um aufklärend und bildend für diese beste Staatsform
zu wirken. Heftiger wollte man vorläufig nicht drängen, da der
Lieblingsminister der Vaterlandsvereine, Oberländer, am 7. Juli erklärt
hatte: „Die Reform der öffentlichen Zustände dem Volke zu verschaffen,
ist die Regierung fest entschlossen. Sollte das Ministerium hierbei
auf der einen oder anderen Seite unüberwindliche Schwierigkeiten
finden, so würde es seine Mission als beendigt betrachten müssen.“

Diese Haltung der Vaterlandsvereine machte ihrer politischen Klugheit
Ehre und gewann ihnen von neuem die Sympathien weiter Kreise im Lande.
Um so schonungsloser aber donnerte nun Jäkel und sein Generalstab gegen
die „Halben“ und „Lauen“. Immer unhaltbarer erschien die Verbindung
aller der Elemente, die bisher der gemeinsame Name „Vaterlandsverein“
gedeckt hatte. An Blum wandten sich beide hadernde Theile wiederholt um
Schiedsspruch, gewissermassen um eine Offenbarung _e cathedra_. Beide
sprachen ihre gegenseitige Verachtung in ihren vertraglichen Briefen an
Blum mit größter Entschlossenheit aus. Doch Blum hielt sich keineswegs
für unfehlbar und schwieg daher vorläufig. Mehrmals reisten Joseph
und Schaffrath nach Leipzig und Dresden, um sich über die Sachlage
zu unterrichten, aber auch sie kehrten ohne feste Meinung zurück. Im
Allgemeinen waren ihre Sympathien mehr bei den Gemäßigten. Daß Blum
in Sachsen nothwendiger sei als je, daß die Einheit des Vereins, wenn
irgend möglich, erhalten werden müsse, erklärten sie bestimmt. Daran
ließ sich nun vollends nicht mehr zweifeln, als mit Blum's Rede in
der Polenfrage auch Prof. Wuttke, bisher der Führer der gemäßigten
Richtung des Vaterlandsvereins, sich verdrossen von Blum und dem Verein
abwandte. So schreibt denn Blum schon am 22. Juli an die Gattin: „Nach
Sachsen komme ich jedenfalls in den nächsten vier Wochen, denn man
schreibt mir von allen Seiten, daß es nothwendig sei und ich sehe das
selbst ein“. Aber er verspricht sich nicht einmal viel von seiner
persönlichen Einwirkung auf die Partei, wie er am 2. August der Frau
mittheilt:

  „Ich habe bei meinen Freunden angefragt wegen meiner Reise, ob sie
  möglich ist. Ob sie zweckmäßig ist, das weiß ich freilich nicht,
  denn nach allen Nachrichten ist in Sachsen Alles, Alles geändert; man
  weiß nicht mehr, was man will, und nicht was man soll; an den besten,
  ehernsten, geprüftesten Menschen wird man irre. Es ist wirklich
  furchtbar: wir stehen jetzt nicht einmal mehr auf dem Standpunkte
  vom Januar d. J., sondern auf dem von 1837. Wie man jetzt noch halb,
  unentschieden, zweideutig sein kann, das ist mir unerklärlich. Es
  gilt nur siegen oder sterben, und wer das erstere will, muß zeigen,
  daß er zum letzteren bereit ist. Wahrlich, aber ich finde in Leipzig
  keinen Menschen mehr, der dazu entschlossen scheint. Man scheint mir
  es leicht machen zu wollen, Leipzig zu entbehren; denn wenn es ist,
  wie ich's von hier aus ansehe, dann werde ich freudig den Staub von
  meinen Füßen schütteln. Indessen wir wollen sehen[201].“

Am 7. August schon ist die Reise nach Leipzig fest beschlossen. „Ich
denke, daß ich vier Tage, vielleicht sogar bis Montag den 21. dort
bleiben kann“, schreibt er der Frau. „Das ist allerdings der äußerste
Zeitpunkt. Sollte man irgend einen Empfang veranstalten wollen, so
wirke dagegen wo und wie Du kannst, ersuche auch meine Freunde darum,
daß sie in gleichem Sinne wirken“. In der Nacht vom 11. bis 12. August
schreibt er nochmals an die Gattin, daß er Montag den 14. komme und:
„Empfangen will ich nicht sein, weil ein allgemeiner Empfang nicht
denkbar ist, ein Parteiempfang aber besser unterbleibt, bis ich sehe,
wie Alles steht“.

Seine Ankunft in Leipzig verzögerte sich indessen noch bis Dienstag den
15. August. An diesem Tag endlich sah er die langentbehrten Seinigen
wieder, die Gattin, die Kinder, denen er Kuchen und Geschenke von der
Frau hatte besorgen lassen, da er in Frankfurt keine Zeit zum Einkauf
hatte. Was er in Frankfurt monatelang entbehrt um des Vaterlandes
willen, ermaß er hier erst, da er sich wieder umringt sah von seinen
fröhlichen Kindern, im Frieden des eigenen Hauses. Und die Größe
der Opfer, die er gebracht, würdigen wir erst in ihrem vollem Maße,
wenn wir von ihm hören, wie leidend er die Gattin wieder sah nach
ihrem langen Krankenlager. Ihr mochte er nur mit tiefem verhaltenen
Schmerz ins Auge blicken. Am 29. August, nach seiner Rückkehr nach
Frankfurt, schrieb er darüber an Mutter und Schwestern: „Jenny hatte
sich mühsam und eben wieder etwas erholt, war aber noch keineswegs
wieder gekräftigt. Meine Vermuthung, daß sie die Auszehrung habe,
bestätigt sich, und ich weiß wahrlich nicht, ob ich es preisen oder
beklagen soll, daß ich hier bin. Zeuge einer Krankheit zu sein, die mit
furchtbarer Langsamkeit den Menschen aufreibt, ist entsetzlich; fern zu
sein, ist um so entsetzlicher, als bei der Zunahme der Kraftlosigkeit
die Kinder natürlich verwildern und den Vater doppelt bedürfen“.
Glücklicherweise war diese Befürchtung irrig. Aber für die Schätzung
der Pflichterfüllung, die Blum dem Vaterland leistete, ist dieser
Umstand von entscheidender Bedeutung.[202]

Natürlich durfte Blum auch in Leipzig nicht hoffen auf ein idyllisches
Stillleben im Familienkreise. Tag und Nacht nahmen die politischen
Freunde den Volksmann in Beschlag mit Versammlungen, Volksfesten,
Ehrenbezeugungen aller Art. Was immer das Herz des Mannes mit Stolz
und Freude erfüllen kann, hat damals Leipzig seinem Abgeordneten
geboten. Noch heute leben jene Festestage, die Robert Blum von der
ganzen Bevölkerung der Stadt dargebracht wurden, in der Erinnerung
des Volkes, namentlich der gewaltige Fackelzug, der an seinem
bescheidenen Hause in der Eisenbahnstraße vorüberwallte, über eine
Stunde lang, mit zehntausend Fackeln. Noch unvergessener ist die Rede,
die Blum am 16. August 1848 im Garten des Schützenhauses vor zehn-
bis zwölftausend Hörern hielt. Er gab hier einen Rechenschaftsbericht
über sein Verhalten im Vorparlament, im Fünfzigerausschuß und der
Paulskirche. Kaum konnte ein Redner besser und klüger sprechen, der
den Zweck verfolgte, die in sich verfeindeten Freunde wieder zu
einigen und alle Kreise der Bürgerschaft Leipzigs, welche während der
langen Abwesenheit des Abgeordneten seinen Gegnern ihr Ohr geliehen,
wieder zu sich heranzuziehen in dem alten Vertrauen. Auch seine Gegner
mußten zugestehen, daß diese Rede durch ihre maßvolle Ruhe und ihre
loyale Erklärung, sich den Beschlüssen der Mehrheit des Parlamentes
unterzuordnen, alle ihre Erwartungen übertroffen habe. Blum sagte:

  „Ich beginne damit, daß ich nach langer Abwesenheit einen herzlichen
  Gruß an Sie richte, #den# Gruß, den man den #Seinen# bringt (Stimmen:
  es lebe Blum!) bei endlichem Wiedersehen. Denn was wäre unser Sein
  und unser Wirken, wenn wir uns nicht als eine Familie mit den Bürgern
  betrachten wollten, die wir zu vertreten die Ehre haben? Eine
  gewaltige Zeit ist in unserm Vaterlande dahingegangen, seit wir uns
  nicht gesehen. Ein Theil des sächsischen Volkes hat mich gesendet zu
  dem Vorparlamente in einer Zeit, die einzig in ihrer Art dasteht und
  noch unermeßlich ist in ihren Folgen. Vom ersten Augenblicke an habe
  ich mir die Richtschnur für mein Thun gezogen, die, wie ich meine,
  der Wichtigkeit der Aufgabe entsprach, und ich kann mir das Zeugniß
  geben, derselben treu geblieben zu sein. Diese Richtschnur war Nichts
  anderes, als eine Feststellung und Sicherung der Rechte, die das
  deutsche Volk zwar im Sturme erobert, aber doch nicht so, wie in
  andern Ländern mit dem Umsturze alles Bestehenden. Groß stand es da
  in der Art und Weise, wie es die Revolution auf dem Wege des Gesetzes
  geltend zu machen strebte; auf dem Wege nicht des alten, sondern
  des neuen Gesetzes, welches seine Vertreter, die es direct und ohne
  ängstliche Formen gewählt, schaffen und feststellen sollten.

  In #diesem# Gesetze sehen meine Genossen und ich die Bürgschaft
  der Einheit unsers Vaterlandes, basirt auf die einzig dauernde
  Grundlage der Freiheit, durch welche die Größe und Kraft eines
  Volkes allein wachsen und gedeihen kann. Nur durch die Freiheit
  glaubten wir die Einheit und mit ihr das Vertrauen, die Wiederkehr
  des Geschäftsverkehres, der Arbeit und des Wohlstandes herstellen
  und so eine neue Ordnung an die Stelle des alten Zustandes gründen
  zu können. Dies zu erzielen, erachteten für den Staat und das Wohl
  des Staates wir vor allem die Feststellung der Grundrechte des
  deutschen Volkes im Vorparlamente für nothwendig, wie alle Völker sie
  festgestellt haben bei ihrer Erhebung. Es war daher der erste Beruf
  derer, die man die Linke nennt, dem deutschen Volke vor allem diese
  Rechte zu sichern vor jedem Wechselfalle und auf sofortige Berathung
  dieses Gegenstandes zu dringen. Allerdings kann man nicht läugnen,
  daß die Gründe gewaltig und gewichtig waren, welche eine Verhandlung
  zu verschieben riethen, die nicht nur Tage, sondern Wochen bedurfte,
  wenn die Materialien mit Umsicht und Sorgfalt geordnet werden sollten
  und man konnte nicht verkennen, daß das Vorparlament sich für
  permanent erklärte, bis eine gewählte Volksversammlung es ablöse.
  Der Vorschlag fiel durch, und ich bekenne, daß es mich mit Freude
  und Stolz erfüllt, zu den 193 gehört zu haben, die für die Permanenz
  stimmten; es ist jetzt nicht mehr blos mein Urtheil, sondern das
  Urtheil Deutschlands geworden, daß Vieles nicht so gekommen wäre,
  wenn die Versammlung zusammenblieb; daß die Sonderinteressen der
  Dynastien und der Partikularismus nicht ihr Haupt erhoben haben
  würden, wie jetzt; daß man früher binnen 6 Wochen erzielt haben
  würde, wozu man jetzt so viele Monate gebraucht und doch am Erfolge
  zweifeln muß. Dieser Sinn lag in dem Antrage auf -- Permanenz; man
  beschäftigte sich indessen nur mit der Berufung der constituirenden
  Versammlung.

  Es handelte sich nun darum, daß die Wahlen zu dieser Versammlung so
  allgemein als möglich wurden, damit eine #wahre# Volksvertretung
  nach Frankfurt komme; in diesem Sinne habe ich für das Wahlgesetz
  gewirkt, welches zwar für unsere Verhältnisse so freisinnig wie
  möglich war, welches uns aber doch gelehrt hat, daß man in solchen
  Dingen auch an das Einzelnste denken muß. Die engherzige Auslegung
  der Bestimmungen dieses Wahlgesetzes in einzelnen Staaten, die
  Verkürzung des Wahlrechtes für einen großen Theil unserer Mitbürger
  hat uns reiche Erfahrungen machen lassen; sie werden nicht verloren
  sein für das Wahlgesetz für die Reichsvertretung und man wird
  hoffentlich in demselben dem #ganzen# Volke gerecht werden. -- Vom
  Vorparlament wurde mir die Ehre zu Theil, in den Ausschuß gewählt
  zu werden, welcher über die Ausführung der Beschlüsse desselben
  wachen, die allgemeinen Wahlen befördern und die baldigste Berufung
  der constituirenden Versammlung vermitteln sollte. Dieser Ausschuß
  stellte sich zur Aufgabe, mit gleicher Entschiedenheit gegen die
  Reaction wie gegen die Anarchie einzuschreiten und ist dieser Devise
  getreu geblieben bis an sein Ende. Er hat mit Unerschrockenheit
  der Reaction sich entgegengestellt, wo sie sich blicken ließ und
  hat den drohenden Bürgerkrieg verfolgt, bis in sein Waffenlager.
  Ich habe, wie die Verhandlungen zeigen, beiden Richtungen die
  Unterstützung angedeihen lassen, die in meiner Kraft stand. Wir haben
  allerdings vergebens versucht, der engherzigen Auslegung des Wortes
  „#selbstständig#“ entgegen zu treten, vergebens versucht, andere
  Wahlen zu erzielen, wo man dieselben gegen das Wahlgesetz beengt und
  beschränkt hatte; der Drang des Augenblicks war so groß, daß man hin
  und wieder durch die Finger sehen mußte, um nur das Ganze zu Stande
  zu bringen. Der Fünfziger-Ausschuß hat mir, wie Ihnen bekannt sein
  wird, die Ehre zu Theil werden lassen, mich als Commissär nach Köln,
  Koblenz, Aachen u. s. w. mit andern Mitgliedern zu senden, wo schwere
  Gewaltthaten, die niemals zu rechtfertigen oder zu billigen sind, die
  Ruhe und den Verkehr störten; ich habe mich bestrebt, nach Kräften
  die Einheit, das Recht, den Frieden zu befördern und diejenigen,
  welche mich gesandt hatten, waren mit mir zufrieden. -- Wir haben,
  allerdings eine kleine Minderheit, bis zu dem letzen Mittel dagegen
  gekämpft, daß die Eröffnung der National-Versammlung vom 1. zum 18.
  Mai verschoben wurde, da jeder Tag ein verlorener war und Gefahren
  für das Vaterland herbeiführen konnte; es war vergebens.

  In der National-Versammlung war es ebenfalls die früher angedeutete
  Richtschnur, die meine Freunde und mein Wirken bestimmte: daß
  dieses Jahrhunderte lang zerrissene, zersplitterte und dadurch tief
  gesunkene Deutschland #Eins# werde; Eins auf der Grundlage der
  Freiheit, und daß des schwer gedrückten Volkes Last, so weit es die
  großen Bedürfnisse einer Revolution zulassen, gemindert und gelindert
  würde. Und ich wiederhole, ich glaube nicht, daß wir in irgend einem
  Schritte von diesem Pfade gewichen sind. Was die Einheit unseres
  Vaterlandes zu stören drohte, das haben wir bekämpft. Als man in
  mehren Staaten constituirende Versammlungen berief, namentlich in den
  zwei größten Staaten unseres Vaterlandes, haben wir darin Gefahr für
  die Einheit gesehen, wir haben gefürchtet, daß, wenn man in Berlin
  und Wien etwas Anderes beschließe als in Frankfurt, mindestens in
  langen Verhandlungen die Zeit verloren, oder gar ein Zerwürfniß
  herbeigerufen werden könne, was ewig beklagenswert sein würde. Aus
  dieser Ansicht entspann sich die Verhandlung über den Raveauxschen
  Antrag, in Folge dessen die Nationalversammlung die Bestimmungen
  der Einzelverfassungen, welche mit der allgemeinen Verfassung in
  Widerspruch stehen, für ungültig erklärte. Gefährlich für die
  Einheit erachteten wir es, wenn es einzelnen Staaten gestattet sei,
  Friedensschlüsse nach eigner Willkür abzuschließen, weil dann leicht
  das Interesse dieser einzelnen Staaten dem der Gesammtheit vorgezogen
  werde, oder der Friede geschlossen werden könne, bevor es Zeit sei.
  Daran knüpfte sich die Verhandlung über die schleswig-holsteinische
  Angelegenheit und der Antrag,

    daß kein Friedensschluß und kein Waffenstillstand ohne die
    Genehmigung der National-Versammlung geschlossen werden dürfe;

  ein Antrag, der leider damals durchgefallen ist, obgleich man fast
  mit Nothwendigkeit darauf eingehen #mußte#, da es keine andere
  Vertretung Deutschlands gab. Für nicht weniger gefährlich hielten
  wir die Centralgewalt, so wie sie geschaffen worden ist, mit einem
  unverantwortlichen Reichsverweser an der Spitze. Wir fürchteten,
  daß ein solcher fürstlicher Reichsverweser in souveräner Stellung
  den alten Streit zwischen Hohenzollern und Habsburg wieder erneuern
  könne; daß das Institut, welches den Mittelpunkt der Einheit bilden
  sollte, den Anlaß zum Zwiespalte zu geben geeignet sei. -- In diesem
  Augenblicke ist es nicht mehr nöthig zu sagen, daß die Furcht wohl
  begründet war. Sie haben in den letzten Wochen gesehen, wie stark
  diese Eifersucht ist, und Erscheinungen sind zu Tage gekommen, die
  man vier Monate nach der Revolution für unmöglich hätte halten müssen.

  Wir wollen hoffen, daß der Gedanke der Einheit stark genug ist,
  diese Sondergelüste zu bewältigen; aber das muß ich aussprechen daß
  ich glaube, eine Centralgewalt, wie ich sie gewollt, war nicht im
  Stande, die Eifersucht in dieser Weise rege zu machen. Wir wollten
  nicht mit Kartätschen schießen, wo uns die Handwaffe zu genügen
  schien; in dem Vertrauen, daß es den Regierungen ernst sei um die
  Freiheit und Einheit, wollten wir die Centralgewalt beauftragt sehen
  mit der Vollziehung der Beschlüsse der National-Versammlung, wir
  wollten keine Regierung mit Ministern und Unterministern, sondern nur
  einen Vollziehungsausschuß, der die Regierungen völlig unangetastet
  ließ, sofern sie ihren Versprechungen treu blieben. Erst dann, wenn
  die Verfassung fertig geworden war, wenn die Regierungen einsehen
  konnten, #was# die Einheit von ihnen forderte, und was ihnen
  bleiben sollte; wenn sie Ruhe und Sicherheit hatten, hinsichtlich
  der Gewährleistung des Bleibenden, dann wollten wir eine wirkliche
  Staatsgewalt für das Ganze schaffen. Wir sind unterlegen und haben
  jetzt im Interesse unseres Vaterlandes #einen# Wunsch nur: daß die
  Mehrheit diesen Schritt niemals bereuen möge! dann werden wir gern
  gestehen, daß wir uns geirrt haben.

  Allein leider können wir uns nicht verhehlen, daß die Sondergelüste
  gewaltig sich regen; nicht blos in einem großen deutschen Staate,
  auch rückwirkend auf Frankfurt, in der National-Versammlung.

  Ich habe die Ehre, dem Verfassungsausschusse anzugehören und
  mit Schmerz muß ich es sagen, auch dort thut sich bereits die
  gewaltige Wirkung der Sonderbestrebungen kund. Sie werden sich
  Alle erinnern, daß in den Tagen des März schon die süddeutschen
  Staaten zusammentraten, um an die Neugestaltung Deutschlands
  Hand zu legen; daß man damals als das Mindeste der Einheit die
  Vertretung Deutschlands nach Außen, das Militärwesen, die Zölle,
  die Posten, Münze, Maß und Gewicht u. s. w. in die Hand des Reichs
  gelegt wissen wollte. -- Die sächsische Regierung, die sich
  zuvorkommend und bereitwillig, wie so oft bei den Forderungen der
  Neuzeit, diesen Vorschlägen anschloß, gab denselben die Verstärkung
  ihrer Zustimmung und mit derselben wurden sie in den Märztagen
  nach Berlin gebracht und von dort haben wir bald die Nachricht
  zurückerhalten, daß man diese Grundlage als nothwendig anerkenne.
  Das ist ganz anders geworden. Man will das Militärwesen Sache des
  Einzelstaates sein lassen. Ja, man will so weit gehen, die Abtretung
  der Vertheidigungsmittel, der Festungen, abhängig zu machen davon,
  daß man sie erst #bezahlt#, ehe man sie zum Schutze Deutschlands
  verwenden kann. Dies sind Erscheinungen, die ihren Wiederhall in der
  National-Versammlung finden werden, wie sehr auch die Minderheit
  dagegen kämpfen mag. Daß es aber nur eine Minderheit ist, ist um so
  trauriger, als 3 Staaten ihre Heere behalten sollen, Oesterreich,
  Preußen und Bayern, während man die kleineren entwaffnen will.
  Wenn ich es auch niemals für ein Glück gehalten habe, daß die
  kleineren Staaten große Heere halten, so kann ich doch, wenn die
  Einheit wirklich nur ein schöner Traum gewesen sein sollte, es
  nimmermehr zugeben, daß die kleineren Staaten den Abrundungs- und
  Vergrößerungsgelüsten der größeren, oder dem fast nothwendigen
  Bestreben einer den großen Staaten gegenüber ohnmächtigen
  Centralgewalt nach eigener Macht wehrlos preisgegeben werden. Sie
  haben so viel Recht wie die großen und sollen nur sie Opfer bringen,
  dann werde ich ihr Recht vertreten, wie die großen das ihrige
  vertreten lassen. (Lauter Beifall.)

  So viel also über das Bestreben nach Einheit.

  Was die Freiheit des Volkes betrifft, so haben wir die Vermehrung
  der Militärmacht für gefährlich gehalten. Nicht daß wir im Soldaten
  etwas Anderes sehen als im Bürger, im Gegentheil, keinen innigeren
  Wunsch kenne ich, als den, welchen ich schon im März in diesen
  Räumen ausgesprochen, daß recht bald die Scheidewand falle, die
  zwischen dem Soldaten und uns noch gezogen ist. Aber ich habe nicht
  vergessen, daß gleich von Anbeginn der Bewegung an der laute Ruf
  erschallte, daß die stehenden Heere vertauscht werden sollten mit
  einer Volksbewaffnung, und daß diese Volksbewaffnung so schnell wie
  möglich in's Leben treten möge. Allerdings, so lange Deutschland
  von irgend einer Seite bedroht ist, schrecken wir nicht zurück vor
  dem Gedanken, daß die stehenden Heere im Nothfalle vermehrt werden
  müssen bis zu dem Punkte, wo der letzte waffenfähige Mann eintritt;
  allein wir schaffen nicht für den Augenblick und die stehenden Heere
  müssen #gesetzlich#, wenn nicht abgeschafft, doch vermindert werden
  bis auf den Punkt, wo es gewissermaßen die Rahmen sind, in welchen
  die Volksbewaffnung eintritt, wie in der Schweiz und in Nordamerika,
  und in diesem Sinne habe ich gegen die Vermehrung der stehenden Heere
  gestimmt. Daß stehende Heere häufig ein Werkzeug der rohen Gewalt und
  der Tyrannei sind, darüber zu sprechen ist überflüssig: auch wäre
  es ungerecht, dem Soldaten die Schuld beizumessen, wenn er am Bürger
  Schweres verübt hat; wir müssen nur trachten, daß der Unterschied
  zwischen Soldaten und Bürger wegfällt, und daß dem Soldaten sein
  heiliges Recht gewährt werde wie uns; jetzt entzieht man ihm
  dasselbe, behandelt ihn gar noch wie eine Maschine, verkümmert ihm
  das Petitions- und Versammlungsrecht und zeigt damit, daß man den
  Soldaten im alten Zustande lassen und zu den alten Gewaltzwecken
  mißbrauchen will. Und dies ist ein neuer mächtiger Grund, gegen
  die Vermehrung des alten Soldatenthums zu stimmen. Endlich werden
  auch die Kosten des Heeres weit geringer, wenn jeder Waffenfähige
  geübt wird in den Waffen, aber nicht mehr mißbraucht wird zum
  Soldaten#spiel#, zu Parademärschen und Manövern, die dem Müssiggänger
  zum Vergnügen dienen: sondern zu Uebungen, welche Ausbildung und
  Wehrtüchtigkeit zum Zwecke haben.

  Ich hielt ferner dafür, daß die Centralgewalt auch der
  Freiheit gefährlich sei -- weil man die Spitze derselben mit
  einem #unverantwortlichen# Herrscher besetzte. Eine ganz neue
  Staatsweisheit hat uns zwar gesagt, wir hätten verschwiegen oder
  übersehen, daß dessen Räthe verantwortliche Minister seien; allein
  auf dieser Stufe politischer Kindlichkeit stehen wir nicht, daß wir
  dieses übersehen hätten. Die Verantwortlichkeit der Minister versteht
  sich von selbst und nicht die Unverantwortlichkeit selbst war es,
  gegen die wir kämpften, sondern der Kaiserembryo, welcher darin lag;
  die Schöpfung einer neuen Fürstengewalt, die wir nicht an der Spitze
  des Staates haben wollten (Beifall). Wenn dieser Gegenstand nützliche
  Folgen gehabt, so ist es die, daß nach Ernennung des Reichsverwesers
  die Kaiser-Idee gestorben ist. Selbst in den Köpfen derer, die sie
  geschaffen haben, ist sie als beseitigt zu betrachten.

  Gestatten Sie mir hier eine Abschweifung. Durch den Vorschlag des
  Vollziehungs-Ausschusses hat man uns republikanischer Tendenzen
  beschuldigt; wir hatten dieselben zwar für den vorliegenden Fall
  nicht, aber ich hege die Ansicht, daß nur die republikanische
  Regierungsform für den Gesammtstaat gut und heilsam ist. Wir wollen
  das Vaterland nicht auf's Neue den Stürmen preisgeben, welche seine
  Kaiser Jahrhunderte lang über dasselbe heraufgeführt haben; wir
  wollen nicht, daß das Kaiserthum mißbraucht werde zur Erwerbung und
  Verstärkung einer sogenannten Hausmacht, oder daß die Hausmacht
  dazu diene, die Einzelstaaten zu knechten; wir wollen nicht, daß
  die höchste Stelle im Staate der Zielpunkt sei für den Ehrgeiz, und
  trachten deshalb diese Spitze so schlicht als es irgend möglich ist,
  hinzustellen; so hinzustellen, daß sie nur das #Nöthige# thut, in
  dem Wechsel der Versammlungen gar keine Veranlassung findet, in das
  einzugreifen, was außer ihrem Bereich bleiben muß. -- Wir wollen
  also die Republik an der Spitze des Gesammt-Staates (Bravoruf). Aber
  indem wir dieselbe wollen, weisen wir es entschieden zurück, daß
  wir jemals die Hände an die Umgestaltung der Verhältnisse in den
  Einzelstaaten legen wollen, das hielten wir für ein Unglück und für
  eine Thorheit. Unser Vaterland ist der Art construirt, daß seine
  Stämme selbstständig bleiben müssen; darin beruht sein schönstes
  Leben. Und es giebt keinen Menschen in Deutschland, der, wenn er
  es könnte, die Thorheit begehen würde, in die Verhältnisse der
  einzelnen Staaten zu Gunsten republikanischer Formen einzugreifen.
  Wer möchte verkennen, daß die Verschiedenheiten so ungeheuer sind,
  daß es schwer fällt, die einzelnen Grundpfeiler für einen gemeinsamen
  Bundesstaat aufzustellen. Wie sollte man dem Ganzen eine Form
  aufzwingen wollen, die nur aus der freien Entwickelung der Theile
  hervorgehen kann? Nein, meine Mitbürger! Es ist eine Lüge, die uns
  an die Schöpfung einzelner Republiken hat denken lassen; wir würden
  die Ersten sein, die sich dem Bestreben einer ganz republikanischen
  Nationalversammlung, in die einzelnen Staaten einzugreifen,
  widersetzten. (Vollster Applaus.)

  Was das von mir bezeichnete Streben betrifft, die Lasten des Volkes
  zu erleichtern, so ist besonders unsere Abstimmung vielfach im
  Vaterlande angefochten worden, nach welcher wir nicht sofort 6
  Millionen zum Baue einer Flotte bewilligen wollten. Daß Niemand die
  Vertheidigung Deutschlands gegen einen übermüthigen Feind weniger
  hemmen möchte, als wir, das bedarf keiner Versicherung; aber wir
  glaubten den Antrag stellen zu müssen, daß man von Seiten der
  Bundesversammlung erst Rechnung ablegen solle über die ungeheuern
  Summen, welche zum Festungsbau geliefert wurden und die nach
  Versicherung Sachkundiger noch sehr bedeutende Baarschaften übrig
  gelassen haben mußten. Diese Baarschaften schienen uns #zuerst# zur
  Vertheidigung Deutschlands angewendet werden zu müssen und eine
  Besteuerung des Volkes erst gerechtfertigt, wenn sie erschöpft waren.
  Das war der Grund, warum wir für den Augenblick gegen die Bewilligung
  gestimmt haben, und wir werden auch ferner darauf dringen, daß der
  Schleier gehoben werde, welcher auf dem Haushalt des Bundestages
  ruht. Die Volkswohlfahrt war auch ein Grund, besonders im Hinblick
  auf die kleinen Staaten, daß wir gegen die Vermehrung des stehenden
  Heeres stimmten.

  Zwar hat man gesagt, die einzelnen Staaten trifft es nicht so
  schwer, sie haben nur im Verhältniß ihrer Bevölkerung das Heer zu
  vermehren. Allein das ist falsche Darlegung: die kleinen Staaten
  trifft es außerordentlich, es trifft sie fast allein. Die großen, z.
  B. Preußen, haben viel mehr Truppen als Prozent ihrer Bevölkerung,
  Bayern besitzt gegenwärtig 72,000 Mann und hat also nur 18,000 zu
  stellen, wenn es sie auf 2 Prozent der Bevölkerung bringen soll,
  d. h. nur um ein Fünftel hat es sein Militär zu vermehren, während
  unser Sachsen dasselbe #verdreifachen# muß. Meine Genossen und ich,
  wir wollen nicht, daß die kleinen Staaten ebenfalls an den Rand
  des finanziellen Verderbens geführt werden, an dem Oesterreich
  und Preußen stehen. Und die Militärvermehrung führt dazu. Wir
  haben ferner erst in der vorigen Woche dagegen gestimmt, daß dem
  Präsidenten der National-Versammlung eine jährliche Besoldung oder
  vielmehr Entschädigung für Repräsentations-Aufwand von 24,000 Gulden
  bewilligt werde; nicht weil wir knickern um diese höchste Stelle,
  welche das Volk zu vergeben hat, oder weil wir die Verdienste des
  Präsidenten gering achten, sondern weil wir meinen, daß die neue
  Zeit den unsinnigen Repräsentations-Aufwand nicht mehr braucht,
  daß gerade der Präsident an Einfachheit und Sparsamkeit vorangehen
  sollte, daß jedenfalls die Hälfte, 12,000 Gulden genügte, und daß die
  hohe Bewilligung jetzt doppelt gefährlich sei, wo 6 neue Minister,
  12 überflüssige Unterminister und eine Anzahl anderer Reichsbeamte
  zu besolden sind, die ihre Ansprüche alle nach dieser Bewilligung
  richten werden.

  Daß ich im Verfassungs-Ausschusse für die Freiheit, wie für
  die Erleichterung des Volkes gewirkt, geht aus den zahlreichen
  Minderheits-Gutachten hervor, die ich mit wenigen Freunden
  unterschrieben und wofür wir im Ausschuß wie in der Versammlung
  gekämpft haben. Ebenso ist von uns der Antrag ausgegangen, die
  Hindernisse zu entfernen, die dem Handel und Verkehr entgegenstehen,
  die Flußzölle und alle Hemmungen im Innern. Dieser Antrag ist noch
  nicht zur Berathung gekommen, er liegt dem volkswirthschaftlichen
  Ausschusse vor und es wird hoffentlich nicht lange Zeit vergehen,
  bis er zur Verhandlung kommt. Das sind in weiten und einfachen Linien
  die Gegenstände, mit denen wir uns bis jetzt beschäftigt, ich werde
  dankbar sein, wenn man mich an Vergessenes erinnert und einzelne
  Punkte aushebt, worüber ich Aufschluß geben soll.

  Werfen wir nun noch einen Blick auf die auswärtige Politik, wie sie
  von meinen Gesinnungsgenossen und mir aufgefaßt wird. Was diese
  Angelegenheit betritt, so haben wir in unserm Vaterlande eine
  unglücklichere Stellung als irgend ein anderes Volk nach Osten und
  Westen einnimmt. Wir haben fremde Völkerstämme, die seit langer
  Zeit mit uns verbunden sind und es im Interesse der Grenzen, der
  Sicherheit und der Vertheidigung Deutschlands bleiben müssen. Andere
  sind durch das Loos des Kriegs, der Eroberung oder einer gewissen-
  und herzlosen diplomatischen Landeszerbröcklung mit uns vereint,
  die es nicht nothwendig bleiben müssen. Was die Ersten betrifft, so
  haben diese fremden Volksstämme lange unter der Unterdrückung der
  Deutschen geseufzt, so daß der Name deutsch und tyrannisch bei ihnen
  gleichlautend geworden ist. Es ist kein Wunder, wenn sie uns hassen,
  denn wir haben diesen Haß nicht verschuldet aber verdient; es ist ein
  fluchwürdiges Erbtheil der Freiheitsfeinde. Wir müssen diese fremden
  Stämme zu versöhnen suchen und wir haben dahin getrachtet dies zu
  thun. Gerade von unserer Seite ist der Antrag ausgegangen, daß die
  Nationalversammlung die Erklärung gebe, daß außer dem Genusse aller
  Rechte, die wir uns selbst sichern, den fremden Stämmen auch ihre
  Sprache und Nationalität gesichert sei. Die Nationalversammlung hat
  diese Erklärung fast mit Stimmeneinheit gegeben und das wird zur
  Beruhigung dienen und besser wirken als die Waffen. Wenn jene Stämme
  sich aussöhnen mit ihrem Loose, dann würden sie die Verbindung segnen
  und preisen, und wahrlich, sie werden nicht dem schlechtesten Theile
  von Deutschlands Bewohnern angehören. Für diese Stämme nehmen wir
  also die Rechte der Freiheit in Anspruch, wir erkennen ihnen das
  Recht zu, sich selbstständig zu entwickeln und mit uns Eins und frei
  zu werden. Den Völkern aber, welche nicht mit uns verbunden sein
  müssen, die eine Unterdrückungspolitik uns zugeführt, erkennen wir
  das Recht der Befreiung, der #Trennung# zu. Das heißt aber nicht, daß
  wir nur mit vollen Händen zum Fenster hinauswerfen, was wir besitzen,
  oder die Interessen des eigenen Landes verkennen, um andern zu
  dienen. Wir wollen nur auf dem Wege des Friedens und Vertrauens die
  Geschicke unseres Vaterlandes sich entwickeln sehen und die große, so
  selten von Nationen geübte Tugend: #Gerechtigkeit# üben, ohne welche
  keine dauernde, keine Freiheitsschöpfung gedeihen kann.

  Wir halten diese Politik jetzt für um so nothwendiger, als wir
  unser Vaterland nicht in einen Krieg stürzen mögen, der das Elend,
  welches da und dort herrscht, vergrößert und mit der Freiheit
  den Wohlstand vernichten kann auf sehr lange Zeit. Wir halten es
  für leichtfertig und verbrecherisch, wenn man in dem Augenblick,
  wo die innere Grundlage des Staates völlig erschüttert ist und
  umgestaltet werden muß, auch die Verträge übermüthig zerreißt,
  auf welchen die Beziehungen der Nationen zu einander beruhen wir
  halten es für schmachvoll, wenn ein Volk in seinem ersten Aufstreben
  zur Freiheit in die Fußtapfen der alten Tyrannei tritt und mit
  bloßer #Gewalt# Länderscheidungen ohne Prüfung und Kenntniß der
  Dinge vornimmt. Die letztere haben wir verlangt und werden sie
  ewig verlangen zur Ehre des deutschen Stamms. Wir sind ferner
  überzeugt, daß der Volkswohlstand nicht gedeiht, so lange der
  sogenannte bewaffnete Friede dauert und die Länder von unermeßlichen
  Heeren ausgesogen werden, und deshalb wollen wir eine Verbrüderung
  angebahnt sehen zwischen den freien Völkern des Westens, zwischen
  Deutschland, England und Frankreich, gegen den Osten, der jetzt noch
  freiheitsfeindlich ist. Nicht daß man ein Bündniß um jeden Preis
  schließen soll, dies wäre Thorheit! Nein, nur die Bedingungen soll
  man herbeiführen, den gestörten diplomatischen Verkehr herstellen
  und so die Möglichkeit anbahnen. Die Länder können und werden nicht
  aufblühen, so lange der Friede nur auf den Spitzen der Bajonette
  und der gegenseitigen Beobachtung, dem allgemeinen Mißtrauen ruht.
  Die Freiheit erobert nicht und will nicht erobern, die Herrschgier
  und Tyrannei nur will erobern und immer mehr Macht erwerben nach
  Innen und nach Außen. Die Freien brauchen sich gegenseitig nicht zu
  bewaffnen, sie nehmen nur die freie innere Entwickelung in Anspruch
  für sich, und in dem Augenblicke, wo sie sich verbunden, ist wirklich
  der ewige Friede gesichert, wie man sich jetzt auch anstrengt, es zu
  verhindern, von diesem Augenblicke an datirt uns eine bessere Zeit in
  der Wahrheit und Wirklichkeit.

  Soll ich schließlich noch darüber sprechen, daß ich auf der #Linken#
  sitze? (Zuruf: Nein, nein!) Ihretwegen thue ich's nicht, es hieße
  Sie beleidigen; aber ich thue es, weil wir jetzt überall zum
  ganzen Volke sprechen. Müßte ich doch meinem ganzen Leben und den
  Genossen meiner politischen Laufbahn treulos geworden sein, wenn
  ich nicht auf der Linken säße. Auch ist es kein Geheimniß, unter
  welchen Einflüssen die Wahlen zur Nationalversammlung zu Stande
  gekommen sind und aus welchen Elementen ihre Mehrheit besteht. Ja,
  ich sitze auf der Linken, wo, das sage ich kühn, wo das Herz des
  Volkes und wo das Herz für das Volk schlägt. (Applaus.) Es ist Einem
  wahrlich nicht leicht gemacht, auf der Linken zu sitzen, es gehört
  Stärke und Ueberzeugungstreue dazu, sitzen zu bleiben. (Applaus.)
  Es blühen daselbst keine Reichsministerien und keine Staats- und
  Unterstaatssecretariate (Applaus), auch keine Lorbeern, sondern eher
  Niederlagen, und diese selbst dürfen nicht einmal den natürlichen
  Eindruck machen, daß sie ermatten, sondern sie müssen zu immer neuen
  Kämpfen anspornen. Nicht einmal Lob und Anerkennung gebührt uns, denn
  die Presse, obgleich sie frei geworden ist, ist zum größten Theil
  noch in #den# Händen, in welchen sie sich unter dem alten Systeme
  allein befinden konnte, und diese sind uns nicht hold. Vergessen Sie
  nicht, daß außerdem drei Viertheile der Artikel schon der Zahl nach
  #gegen# uns geschrieben werden und nur ein Viertheil #für# uns ist.
  Aber man muß auch die Auswüchse der Preßfreiheit ertragen, und wir
  ertragen sie freudig, im Bewußtsein, daß wir unsere Pflicht thun,
  und indem wir zum gesunden Menschenverstande das Vertrauen hegen,
  daß die Gemeinheiten feiger und niedriger Gesinnung spurlos an ihm
  vorüber gehen. (Beifall.) Selbst dem Hohne vieler Krautjunker bieten
  wir Trotz und verlachen ihre Forderungen (großer Beifall); besteht
  doch oft ihre einzige erbärmliche Fähigkeit darin, daß sie eine Kugel
  abschießen können. Ja, ich sitze auf der Linken, mit hohem Stolz sage
  ich das, denn noch nie hat die Rechte, die Mehrheit, die Geschichte
  fortgeschoben, stets die Linke oder die Minderheit: Für die Aufhebung
  der Sclaverei hat sie 22 Jahre lang gerungen, ehe sie zur Mehrheit
  wurde; ein Gleiches war es mit der Emancipation der Katholiken, der
  Reformbill, den Korngesetzen u. s. w. Die Linke hat eine reiche
  Entschädigung für Alles, was sie duldet, in dem neidenswerthen Loose,
  daß der Gedanke der Zukunft wie ein Kind geboren wird in ihrem
  Schooße, und sie sich groß fühlt in ihm, ehe die Welt ihn erkennt;
  sie weiß, daß der Mensch nicht lebt für diese Welt; daß dem Gedanken
  eine Zukunft werden muß, und daß ihr Thun nicht verloren ist, wie
  sich auch die Erfolge des Augenblicks gestalten.

  So, meine Mitbürger! habe ich Ihnen gesagt, was ich bisher gethan
  und ich werde so fortfahren (Applaus), die nächste Zeit wird mir in
  Frankfurt auch Gelegenheit geben, für das Wohl unserer Vaterstadt
  zu wirken, indem ich die beantragte Veränderung der Schutzzölle
  bekämpfe, die nach meiner Ueberzeugung den Handel und die Blüthe
  Leipzigs fast vernichten und zu Grunde richten würde. Ich will der
  Freiheit, die das Lebenselement für jede Regung des politischen wie
  des socialen und mercantilen Lebens ist, auch auf diesem Gebiete das
  Wort reden und auch hier das Monopol bekämpfen, nicht weil es für
  Leipzig, sondern weil es für die Freiheit geschieht. (Beifall.)

  So also werde ich fortfahren, fest hinblickend auf das Ziel, wie
  der Weise nach dem Sterne geblickt hat, der ihm das Heil der Welt
  zeigen sollte. Ich werde festhalten an der Einheit, die ruht auf der
  Freiheit, an der einzig haltbaren Grundlage und an der Beförderung
  des Volkswohls nach meinen Kräften.

  Kein Mensch ist fehlerfrei und auch ich kann irren. Freudig und
  dankbar nehme ich jede Belehrung an. Aber die Grundzüge meines
  Handelns stehen fest und ich werde nicht von ihnen wanken. Handelt
  die Mehrheit der National-Versammlung nach meiner Ansicht dagegen,
  so werde ich dem mich widersetzen bis zum letzten Augenblicke und
  bis zum letzten parlamentarischen Mittel. Das ist ein schlechter
  Soldat, der nicht die letzte Kugel forttreibt in Feindes Brust, ehe
  er sich zurückzieht. Aber das ist auch ein schlechter Soldat, der
  sich zurückzieht vom Schlachtfelde, weil er eine Niederlage erhalten
  hat. (Allgemeiner Applaus.)

  Es ist in Frankfurt kein Geheimniß, daß man die Linke dahin treiben
  will, die Paulskirche zu verlassen. #Die Linke wird sie nicht
  verlassen#, sie wird bleiben und aushalten, wie auch der Würfel
  fallen möge, mag sie auch unterliegen, sie wird immer auf's Neue
  kämpfen für ihre Ansicht. Aber sie wird und #muß# sich auch fügen
  der Mehrheit und ihren Beschlüssen. Was einmal die Mehrheit gewollt
  hat das ist Gesetz, und die Linke wird dasselbe anerkennen als
  heiligen Willen der Nation, deren Vertreter es gegeben. So ist
  die Stellung der Linken, und wenn auch verschiedene Fractionen
  darin vorkommen, so sind dieselben doch in Wollen und Streben, in
  Grundsätzen und in Zielpunkten eins. Daß ich von der einen dieser
  Fractionen zur andern übergegangen, ist ein Irrthum; ich habe noch
  dieselbe Parteistellung, die ich von Anfang an hatte: die Linke hat
  mir die Ehre erwiesen, mich mit zu dem Vorstand zu wählen, der ihre
  taktischen Bewegungen, wie ihre Clubverhandlungen leitet, und ich
  bin das heute noch. (Großer Beifall.) Und so scheide ich von Ihnen,
  geehrte Mitbürger, mit der offenen Darlegung meines Bekenntnisses und
  mit der heiligsten Versicherung, das Wohl des Volkes, die Freiheit
  und Einheit des Vaterlandes zu vertreten nach Kräften und, wenn es
  die Zeit erfordert, freudig Gut und Blut dafür aufzuopfern.“

So tief die Wirkung dieser Rede, dieser Feste war, so hat doch Robert
Blum's Reise nach Leipzig ihren wahren eigentlichen Zweck, den
nämlich: die mehr und mehr aus einander fallenden demokratischen und
fortschrittlichen Elemente Leipzigs und des Landes sämmtlich, wie
ehedem, unter Blum's Führung zu vereinigen und an seinen guten Namen
zu fesseln, nicht erreicht. Am wenigsten durfte Blum die Hoffnung
nähren, die Gegner überzeugt, die in Leipzigs höheren Bürgerkreisen
so erfolgreiche Agitation des „Deutschen Vereins“ durch seine Rede
lahm gelegt zu haben. Denn die Führer des „Deutschen Vereins“ in
Leipzig sprachen in einer im Tageblatte veröffentlichten „Erklärung“
vom 18. August offen aus, warum sie mit dem Vertreter Leipzigs im
Parlament unzufrieden seien und die Versammlung im Schützenhause nicht
besucht hätten. Der Vorwurf „undeutscher Gesinnung“, der hier gegen
Blum erhoben wurde, war gewiß unberechtigt, aber im Uebrigen traf die
kurze Erklärung scharf und schneidend die Fehler seiner Parteipolitik.
Blum's sehr umfangreiche Entgegnung („Offener Brief“) aus Frankfurt
vom 25. August 1848 widerlegt mit Glück, was zu widerlegen war, den
ungerechten Vorwurf undeutscher Gesinnung. Aber dem Unparteiischen
wird kaum entgehen, daß Blum in diesem Federkriege eine Niederlage
erlitten hat. Daß ihm selbst nicht ganz wohl dabei war, verrieth seine
leidenschaftliche persönliche Sprache im „Offenen Briefe“, die ihm
sonst, auch in der Rede im Schützenhause, so fern lag.[203]

Aber noch weit peinlicher als dieses Anwachsen gegnerischer Kräfte
mußte ihn berühren der sichtliche Zerfall der Disciplin und Einigkeit
im eigenen Lager. Noch einmal hatten sich in den Augusttagen alle
politischen und socialen Schattirungen, welche die „Vaterlandsvereine“
in sich zusammenfaßten, um den beliebten Führer geschaart und aus
seinen Mahnungen die Erkenntniß zu einträchtigem Zusammenhalten
gewonnen. Aber unheilbar klaffte schon auf der Generalversammlung der
„Vaterlandsvereine“ zu Dresden, am 3. und 4. September, der Riß aus
einander. Das liberale Ministerium hatte auf fortwährendes Drängen der
Vereinspresse Anfang September endlich den neuen Wahlgesetzentwurf
fertig gestellt. Derselbe gelangte am 4. September vor die Kammer,
sein Inhalt war aber den Führern der Vaterlandsvereine durch
Oberländer vorher mitgetheilt worden. Der Entwurf behielt beide
Kammern bei. Die Wahlfähigkeit zur zweiten war schon mit dem 21.
Jahr und der „Selbstständigkeit“ des Wählers vorhanden. Die erste
sollte nach einem Census gewählt und aus „Capacitäten“ gebildet
werden, zu welchen u. A. auch die Volksschullehrer gerechnet wurden.
Trotz dieser weitgehenden Concessionen an den Zeitgeist beharren die
Vaterlandsvereine bei ihren Beschlüssen vom 9. Juli und griffen den
Entwurf und das Ministerium heftig an. Damit war aber Jäkel noch
nicht zufrieden. Er hielt jetzt den Moment gekommen, die Republik
auszuspielen. Der radicale Unverstand, der jede Regierung als solche
haßt, jede ihrer Absichten, auch ohne sie zu kennen, mißbilligt, und
der deshalb auch das liberale sächsische Märzministerium mit seinem
souveränen Mißvergnügen verfolgte, erfocht unter Jäkel's Führung am
3. September über die gemäßigteren Elemente mit nur einer Stimme
Mehrheit einen verhängnißvollen Sieg: die Generalversammlung strich
die „Aufrechterhaltung der constitutionellen Monarchie“ aus dem
Programm der sächsischen „Vaterlandsvereine“. Die Folge war natürlich
das Ausscheiden der mit einer Stimme besiegten, um nicht zu sagen
vergewaltigten Minderheit. Auf Seite dieser Minderheit standen die
langjährigen persönlichen Freunde Blum's: Bertling, Minckwitz, Bromme,
vor Allem Cramer und Rüder, deren Namen täglich neben dem Blum's als
„Herausgeber“ der „Vaterlandsblätter“ auf deren Titelblatt standen, und
die „Vaterlandsblätter“ selbst. Sofort bestürmten ihn diese Freunde,
energische Einsprache gegen die Dresdener Beschlüsse zu erheben, die
Jäkel mit dem ihm eigenen bornirten und rohen Fanatismus terroristisch
durchführte.[204]

Der bittere Mangel an politischer Einsicht und der verschwenderische
Ueberfluß an unfreiwilliger Komik, der diesen Strudelkopf auszeichnete,
mußte Blum aus jedem Briefe Jäkel's, aus jedem seiner Worte, aus jeder
seiner Thaten erkennbar werden. So schrieb dieser große Sieger des 3.
September am 5. von Leipzig aus an Blum: „Die Freiheit hat gesiegt,
glänzend gesiegt“ -- mit #einer# Stimme! „Diese Generalversammlung wird
maßgebend für #die Zukunft Sachsens# sein! Der in Leipzig zwischen
der Bewegungspartei und der Stillstandspartei ausgebrochene Zwiespalt
hatte endlich den Leuten die Augen geöffnet, in welchem Zustande
der Fäulniß sich der sächsische Vaterlandsverein befinde -- wie es
schien“ (wie bescheiden!) „war man durch meine Denkschrift belehrt.
Die beantragte Permanenz der Versammlung“ (die so lange dauern sollte,
bis das Volk ein vernünftiges Wahlgesetz erlangt habe)[205] „setzten
wir mit 139 gegen 114 Stimmen durch. Wir hatten diese Frage in die
Versammlung geschleudert, um eine Muthprobe zu machen und die Stärke
und Ausdauer unserer Partei kennen zu lernen. Da die Probe gelungen
war, so konnten wir getrosten Muthes die Abänderung des Grundgesetzes
beantragen. Unser Antrag war sehr gemäßigt (!); er verlangte nur die
Weglassung des ebenso überflüssigen, als einfältigen Passus: „In
Sachsen will der Verein mit dem Volke (!)“ -- das Ausrufungszeichen ist
von Jäkel selbst -- „die Beibehaltung und zeitgemäße Fortbildung der
constitutionellen Monarchie.“ Da geberdete sich die Rechte, die von dem
Dresdener Ausschuß und den Leipzigern aus dem Bertling'schen (früher
Wuttke'schen) Verein commandirt wurde, als stände die Republik vor den
Thoren. Aber es half ihnen Alles nichts. Wir schnitten den alten dummen
Zopf weg, mit 120 gegen 119 Stimmen um Nachts ein Uhr, nachdem wir zehn
Stunden ununterbrochen verhandelt hatten.“

So geht es noch bogenlang weiter. Man sieht den Herrn ordentlich
vor sich in dem historischen blauen Frack mit gelben Knöpfen,
carrirten Hosen, einem ungeheueren Hecker-Hut mit rother Feder auf der
Siegerstirn. Dann erzählt der blutrünstige Marat von Leipzig von dem
grauenvollen Autodafé, das er über die „vormaligen Abgötter des Volkes“
gehalten, und mit der Barmherzigkeit eines Großinquisitors versichert
er: „Einige, die ich als gute Kerle kannte, dauerten mich. Aber es kann
nichts helfen. Wir sind entschlossen, #Niemanden# mehr zu schonen,
der nicht ganz entschieden für die Bewegung ist.“ Und nun kommt die
Nutzanwendung für den „lieben Blum“: „Ob #Ihr in Frankfurt# eine
Erklärung in Bezug auf das in Dresden Vorgefallene erlassen wollt, muß
ich Euch überlassen. Keinesfalls könnt Ihr Euch für die Ausgetretenen
erklären; Eure ganze Popularität stände auf dem Spiele, denn unter
unserer Partei gab sich der entschlossenste Geist kund, nach #allen#
Seiten #auszuschlagen# (!). Nur so können wir die Reaction besiegen!“

Blum antwortete nicht. Vielleicht hoffte er nebenbei, daß der Mann
an seiner eigenen _vis comica_ zu Grunde gehen werde. Jedenfalls
aber nahmen nun wieder die Angelegenheiten des Parlaments Blum's
Thätigkeit und sein Interesse so vollständig in Anspruch, daß der
häusliche Familienzwist der Vaterlandsvereine wirklich recht klein
erschien gegenüber der großen nationalen Ehrenfrage, die aus dem
Waffenstillstand von Malmö sich aufdrängte.



        17. Der Waffenstillstand von Malmö.
           Die Frankfurter Septembertage.


Der schwere und in mannigfacher Hinsicht so folgenreiche Zwiespalt,
der aus Anlaß der schleswig-holsteinischen Sache zwischen der Krone
Preußen und dem Frankfurter Parlament ausbrach, gehört bei Allen zu
den bekanntesten Ereignissen des Jahres 1848, so daß hier eine kurze
Aufzählung der wesentlichsten Thatsachen genügt.[206]

Schon zu Anfang April war es zwischen den Dänen, welche die
Einverleibung Schleswigs in Dänemark, die Vergewaltigung des
Verfassungsrechts beider Herzogthümer durchsetzen wollten und den
schleswig-holsteinischen Truppen, die den Befehlen der provisorischen
Regierung der Herzogthümer dienten, und verstärkt waren durch
Freiwillige aus ganz Deutschland, zu heftigen Kämpfen gekommen. Die
Deutschen mußten sich hinter die Eider zurückziehen. Am 11. April
flatterte der Danebrog wieder in der Stadt Schleswig.

Da rückte am 10. April, nachdem alle gütlichen Aufforderungen an die
Dänen vergeblich gewesen, General Wrangel mit seinen Preußen über
die Eider. Schon am Ende des Monats stand er an der Grenze Jütlands;
Schleswig war von Dänen gesäubert. Am 2. Mai drang er in Jütland
ein, um für den Raub deutscher Schiffe Kriegsvergeltung zu üben und
besetzte die Festung Friedericia. Da erfolgte die Einmischung der
neidischen Großmächte England und Rußland, der prahlerischen Schweden;
Rückzugsbefehle trafen Ende Mai von Berlin ein. Die Dänen drangen
sofort nach; am 5. Juni kämpfte General Bonin bei Düppel, von der Tann
bei Hoptrup mit seinen Freiwilligen, Ende Juni stand das deutsche Heer
abermals auf der Königsau, an der Grenze Jütlands.

Nun mischte noch erfolgreicher als zuvor die auswärtige Diplomatie
sich ein. Sie fand leider in Berlin günstigen Boden für ihre
anmaßlichen Drohungen. Denn dem König erschien die ganze Wirthschaft
in Schleswig-Holstein zu revolutionär. Er glaubte auch seiner Garden
nothwendiger in der Hauptstadt zu bedürfen, und die Aussicht, daß die
deutsche Demokratie mit Freuden zu einem Kriege gegen Rußland treiben
könne, erfüllte ihn mit peinlichster Sorge. So begannen denn Ende Juni
Waffenstillstandsverhandlungen zu Malmö, die am 19. Juli in Bellevue
bei Kolding zu einem vorläufigen Einverständniß führten. Drei Monate
lang sollten die Waffen ruhen, die Herzogthümer von beiden Truppen
geräumt, die schleswig-holsteinische Armee in eine schleswigsche und
holsteinische Hälfte getheilt, die provisorische Regierung durch eine
von Preußen und Dänemark gemeinsam zu ernennende Behörde ersetzt werden.

Preußen hatte den Krieg Namens des Deutschen Bundes begonnen. Da der
Band am 11. Juli sein Dasein beschlossen hatte, bedurfte es nun der
Zustimmung des Reichsverwesers und Parlaments für die Rechtswirksamkeit
der Verabredungen von Bellevue. Schon am 9. Juni hatte das Parlament
diesen Anspruch erhoben und beschlossen, es werde keinen Frieden
genehmigen, der die Rechte der Herzogthümer und die Ehre Deutschlands
schädige. Das Reichsministerium, Schmerling voran, ermunterte lebhaft
diese Haltung. Stand dem verschlagenen österreichischen Staatsmann doch
der so beliebte Conflict mit Preußen nun näher vor Augen als jemals.
Dennoch ertheilte der Reichsverweser den Verabredungen von Bellevue
am 7. August mit einigen Aenderungen seine Zustimmung, und entsendete
seinen Unterstaatssecretair Max von Gagern, den Bruder des Präsidenten,
zum Theilnehmer an den ferneren Verhandlungen. Dänemark weigerte sich
einfach, mit Gagern zu verhandeln, auch Preußen ließ diesen Anspruch
fallen, und am 26. August kam in Malmö der eigentliche Waffenstillstand
zu Stande, der für die deutschen Waffen erheblich ungünstiger war,
als das Abkommen vom 19. Juli. Dänemark erhielt für sieben Monate
Waffenruhe, d. h. für den ganzen Winter, wo die feindliche Flotte uns
nichts hätte anhaben können und das ganze feindliche Land uns offen
lag; „Deutschland sei geradezu in den April geschickt“, erklärte
Dahlmann bitter; alle seit dem März erlassenen Gesetze und Verordnungen
wurden außer Kraft gesetzt; zum Präsidenten der gemeinschaftlich
ernannten Regierung wurde der verhaßteste Dänenfreund, Graf Carl
Moltke, berufen.

Am 4. September ward der Wortlaut des Vertrags dem Parlament von
Heckscher mitgetheilt. Der Abschluß war schon seit dem 30. August
bekannt geworden. Aber hier erfuhr man zum ersten Mal den offiziellen
Wortlaut mit allen Zusätzen. Die tiefste Entrüstung ergriff die
weitesten Kreise des Parlaments. Selbst Fürst Lichnowsky trat mit Takt
und Wärme für den Antrag von Waitz ein, daß ein besonderer Ausschuß
schon am folgenden Tage Bericht erstatten solle, ob man nicht die
Maßregeln zur Vollziehung des Waffenstillstandes hemmen solle, bis das
Parlament endgültig Beschluß gefaßt habe.

Dahlmann erstattete den Bericht am 5. September. Schon am Tage vor der
amtlichen Mittheilung des Vertrags an die Versammlung hatte er seine
berühmten fünf Fragen vorgelegt und geschlossen: „Vor noch nicht drei
Monaten wurde hier beschlossen, daß in der schleswig-holsteinischen
Sache die Ehre Deutschlands gewahrt werden sollte -- die Ehre
Deutschlands!“ Nun begründete er im Namen des Ausschusses den Antrag,
die zur Ausführung des Waffenstillstandes ergriffenen militairischen
und sonstigen Maßregeln einzustellen, und schloß mit den unvergeßlichen
Worten: „Unterwerfen wir uns bei der ersten Prüfung, welche uns naht,
den Mächten des Auslandes gegenüber, kleinmüthig bei dem Anfange, dem
ersten Anblick der Gefahr, dann, meine Herren, werden Sie Ihr ehemals
stolzes Haupt #nie# wieder erheben! Denken Sie an diese meine Worte:
#Nie!#“[207]

So stand in der That die Frage. Das Redeturnier, das nun folgte,
war das ernsteste und glänzendste, das St. Paul je gesehen. Aber
durchaus ungleich waren Licht und Schatten vertheilt für die beiden
Lager. Schmerling mochte innerlich aufjubeln, als der Kriegsminister
von Peucker, der Preuße, zu dem früher schon geernteten Zorn seiner
Regierung nun auch den Zorn des ganzen deutschen Volkes erntete, da
er mahnte, geduldig zu tragen den Schlag, der zu Malmö der deutschen
Einheit versetzt worden, und über all die Verachtung zu quittiren,
welche der deutschen Centralgewalt dort bekundet worden war. Und
selbst die Vertheidiger Preußens und der Reichsgewalt, wie Bassermann,
hatten kein Wort der Rechtfertigung für den schimpflichen Vertrag; sie
begnügten sich, bei der vorhandenen Nothlage vor dessen Verwerfung zu
warnen. Radowitz, der mit diplomatischen Winkelzügen diplomatische
Niederlagen zu verdecken suchte, war niemals so geistesarm und
unbedeutend wie an diesem Tage. Nur Lichnowsky trat auch heute ganz
und voll für seine preußische Regierung ein. Aber auch er, der kühnste
Degen Preußens im Parlament, erging sich heute nur in Rechtsmeinungen:
Preußen habe unleugbar von der Centralgewalt die freieste Vollmacht
erhalten, habe demgemäß gehandelt; den Waffenstillstand verwerfen,
heiße die Brandfackel der Revolution in Deutschland umhertragen;
das Parlament könne wohl über Krieg und Frieden, nicht aber über
einen Waffenstillstand entscheiden, welcher dem künftigen Frieden
nicht eine Zeile vorschreibe. Wie viel günstiger stand das Terrain
der Redeschlacht für die Gegner des Vertrags von Malmö! Das Tiefste
und Wahrste hatte schon Dahlmann gesagt. Aber auch Heinrich Simon,
Zimmermann von Stuttgart, Wesendonck verliehen beredte Worte der
tiefernsten Klage der Volksseele, daß die glorreichste Erhebung der
Nation so traurig enden solle. Und nächst Dahlmann sprach Robert Blum
auch heute das Beste.[208]

Er verglich in treffendster Weise die günstigeren Bedingungen des
Vertrags von Bellevue mit den schweren Nachtheilen des Abkommens von
Malmö. Zur Rechtfertigung dieser Wandlung habe man nur die Furcht
vor dem Kriege anzuführen. Und doch habe man vor wenig Wochen noch
gesagt, durch Vermehrung des deutschen Heeres um 340,000 Mann könne
man der ganzen Welt trotzen! Preußen habe im Namen eines „Gespenstes“,
des Bundestags, verhandelt, nicht Namens der Centralgewalt. Das
sei bedenklich. „Es muß sich entscheiden“, schloß er, „ob Preußen
in Deutschland aufgehe, oder ob Deutschland preußisch werde. Ich
möchte nicht so begeisterungslos sein im Anblicke der Gefahr, die
möglicherweise oder wirklich droht, hier vorzuschlagen, die kleine
Schande zu tragen, um die große zu vermeiden. Im Gegentheil, eine
Nation wird nimmer mit Schande und Schmach bedeckt werden, wenn sie
Muth hat, den Gefahren zu trotzen, die sich ihr entgegenthürmen.
(Stürmisches Bravo.) Es ist ein Erfahrungssatz, so alt wie die Welt,
daß der Mensch und der Staat soviel gilt, als er Muth hat, und wäre
über die deutsche Nation, durch die Verhältnisse, wie sie vorliegen,
in der ersten Zeit ihres Emporstrebens das Verhängniß der Vernichtung
ausgesprochen -- es wäre unendlich schmerzlich -- aber ertragen
möchte ich es noch lieber, als mit Schmach und durch schmachvolle
Nachgiebigkeit fortzuleben. Sie mag am Völkergrabe das Bewußtsein sich
eintauschen, daß die Nachwelt sage: sie sei zu Grunde gegangen, aber
mit Ehre.“

Die Entscheidung ließ sich vorhersehen. Mit vierzehn Stimmen Mehrheit
ward die Genehmigung des Waffenstillstandes verworfen, mit einer
Mehrheit von siebzehn Stimmen beschlossen, daß die Maßregeln zur
Ausführung des Waffenstillstandes einzustellen seien. Obwohl die
Sitzung des Parlaments erst um sieben Uhr Abends schloß, stellten
noch am nämlichen Abend sämmtliche Reichsminister ihre Aemter dem
Reichsverweser zur Verfügung. Dahlmann wurde mit der Leitung und
Bildung des neuen Ministeriums beauftragt. Er hat es bekanntlich
nicht zu Stande gebracht. Seiner ganzen Natur und Staatsanschauung
widerstrebte es, zu Genossen seines Ministeriums die Führer der Linken
zu berufen, an deren Seite er den Sieg vom 5. September erfochten,
namentlich Robert Blum. Und auf der Rechten und dem rechten Centrum
fand er Keinen, der mit ihm hätte ankämpfen wollen gegen Preußen, das
den Malmöer Waffenstillstand schon am 2. September ratifizirt hatte.
So gab er denn nach mehrfachen gegründeten Anfragen und Mahnungen
der Linken und selbst des Präsidenten von Gagern am Abend des 8.
September seinen Auftrag als unausführbar an den Reichsverweser zurück.
Viel kostbare Zeit war in diesen Tagen verloren worden und Vogt hatte
Recht, als er aussprach, daß Dahlmann, wenn er einmal die Bildung eines
Ministeriums zur Vollziehung des Parlamentsbeschlusses übernommen, auch
die Verpflichtung gehabt hätte, diesen Beschluß wirklich durchzuführen
wenn auch nur mit einem Ministerium von zwölf Stunden.

Es frommt nicht, der Frage nachzugehen, was geschehen wäre, oder was
hätte geschehen können, wenn Dahlmann anders gehandelt, wenn er die
Sachlage genommen hätte wie sie lag, wenn er von den Siegern des 5.
September die Führer: etwa Biedermann, Heinrich Simon, Robert Blum
u. A. in das neue Ministerium berief? Anton Springer sagt uns zwar
bestimmt, was geschehen wäre: ein solcher Versuch hätte „schon nach
acht Tagen mit Spott und Schande geendet“. Heinrich von Treitschke
war dagegen noch im Frühjahr 1863 in seinen Leipziger Vorlesungen
über das Jahr 1848 ganz anderer Meinung. Er tadelte Dahlmann lebhaft,
daß er jenen Versuch nicht unternommen; er sprach namentlich aus, daß
Robert Blum in seiner Person und seinem Charakter wohl die Gewähr
geboten hätte, die Gegensätze zu versöhnen, daß ein entschlossenes
Reichsministerium die kleine Majorität des 5. September zu einem fast
einmüthigen parlamentarischen Rückhalt hätte umbilden können, daß der
drohende Conflict mit Preußen schließlich doch nicht gegen das Volk
und die Krone Preußen sich richtete, sondern möglicherweise durch eine
einfache Aenderung im preußischen Ministerium zu beseitigen gewesen
wäre. Erst im Winter 1863/64 schrieb mir Treitschke, daß er zu der
Ueberzeugung gekommen sei, die Mehrheit vom 5. September habe doch
den falschen Standpunkt eingenommen. Denn die entscheidende Frage sei
schon damals nicht mehr eine nationale Herzensfrage, sondern eine
reine Machtfrage gewesen zwischen Preußen und dem Parlament. So tief
und schwankend konnte die peinliche Frage, die in jenen Septembertagen
das Deutsche Parlament bewegte, noch fünfzehn Jahre später in der Brust
eines der besten Deutschen sich regen. Wieviel weniger sind wir also
berechtigt, Diejenigen zu verurtheilen, welche inmitten der schweren
Krisis bis zuletzt gegen Preußen, gegen die Waffenruhe stimmten und
gegen die Bedingungen, die sie für eine Entwürdigung Deutschlands
hielten! War doch auch Dahlmann bis zuletzt unter den Verneinenden,
ebenso Biedermann, Eisenstuck, Mittermaier, Riehl, Riesser, Uhland,
Wippermann, selbst Vincke. Man kann doch im Ernste nicht behaupten
wollen, daß diese Männer bei ihrer Abstimmung daran hätten denken
können, Preußens Volk und Königthum zu beleidigen, und daß die Männer
der Linken, Blum voran, entfernten Vorwand zu dem Klatsch gegeben
hätten für die „bösen Zungen“, zu deren Vermittler ein so angesehener
Geschichtsforscher wie Anton Springer sich macht, wenn er sagt[209]:
„Robert Blum habe bereits Frack und Handschuhe hervorgeholt, um als
Minister an Dahlmann's Seite würdig aufzutreten“. Als ob die Würde
Dahlmann's in Frack und Handschuhen bestanden, oder als ob Blum dieser
Zierrathe bedurft hätte, um an Dahlmann's Seite „würdig aufzutreten“.

Doch, wie gesagt, es frommt nicht, die Folgerungen einer Wendung zu
ziehen, zu welcher diese Krisis nicht gediehen ist. Es ward anders
gehandelt und unser Volk hat die Folgen zu tragen gehabt. Sehr bald
kehrte der Kreislauf des Sturmes wieder zu dem Anfangspunkt zurück,
von dem er ausgegangen. Schon am 14. September begann das Parlament
von Neuem die Verhandlung über Verwerfung und Genehmigung des Malmöer
Waffenstillstandes. Auch diesmal ging der Antrag der Ausschußmehrheit
auf Verwerfung. Drei Tage währte die Redeschlacht. Sie trug trotz
aller Heißblütigkeit Ludwig Simon's, Giskra's u. A. doch das Gepräge
dumpfer Resignation. Selbst die streitbarsten Kämpen entschiedener
Parteimeinung, Robert Blum und Fürst Lichnowsky, sprachen zum Frieden,
zur Versöhnung, Carl Vogt selbst trug den tiefsten sittlichen Ernst
zur Schau. Alles sah aus wie der letzte Act einer großen Tragödie, die
betitelt war: „Die Ehre Deutschlands“. Am letzten Tag der Debatten
bestieg Blum die Tribüne und hielt seine letzte große Rede im
Parlament, die reifste und schönste, die von ihm in St. Paul vernommen
wurde. „Er sprach vortrefflicher als je“, sagt eine gegnerische
Darstellung der Verhandlungen der deutschen Nationalversammlung.[210]
„Sittliche Würde gesellte sich zur Schärfe der zergliedernden Prüfung;
zermalmende Kraft paarte sich mit Mäßigung. So warf er Schritt für
Schritt die Vertheidiger des Waffenstillstandes zu Boden“.[211]
So sprach der Mann, der nach Anton Springer Handschuhe und Frack
hervorholen mußte, um neben Dahlmann würdig auftreten zu können. Er
sagte:

  „Man hat uns im Laufe der jetzigen Verhandlungen vielfach zur
  Ruhe und zur Besonnenheit gemahnt, und allerdings ist dieselbe
  nothwendig bei einer Verhandlung dieser Art; allein ausschließen
  kann dieselbe doch wohl nicht jene lebendige Empfindung für Das,
  was wir verhandeln, und die man gestern richtig mit #Leidenschaft#
  bezeichnet hat. Denn soweit die Geschichte reicht, hat die
  Leidenschaft stets die Ereignisse #geboren#, die Ruhe und
  Besonnenheit hat sie erzogen; wir sind aber wirklich in dem Falle,
  die auf dem Papier stehende deutsche Einheit zur Wirklichkeit zu
  machen, sie in das Leben zu rufen; und dazu gehört Leidenschaft,
  dazu gehört eine lebendige Empfindung. So selten es der Fall sein
  mag, so vollkommen bin ich mit Herrn Jordan einverstanden, daß die
  Haltung unseres Reichsministeriums keinesfalls in dieser Frage
  von der Art gewesen ist, daß ich in die Lobsprüche einstimmen
  könnte, die man ihm ertheilt hat. Ich will nicht von der heiteren
  Laune des Herrn v. Schmerling reden; sie hat mich erfreut, denn
  nach den Erfahrungen, die wir an einem der letzten Tage seiner
  Bundespräsidentschaft gemacht haben, scheint das sein Schwanengesang
  sein. Ich meine nicht den der Person als Minister, sondern den
  des alten Bundestagssystems, welches mit ihm an der Herrschaft
  gewesen ist. Inwiefern des Reichsministers des Auswärtigen, Herrn
  Heckscher's Vertheidigung, die hier mit Anrufung aller Zeugen,
  aller processualischen Formen stattgefunden hat, geeignet war, der
  Sache, die er vertrat, Anhänger zu verschaffen, wird der Erfolg
  zeigen. Ich muß mit dem Redner vor mir übereinstimmen, daß ich
  lieber die Sache, als die Person des Reichsministers vertreten
  gesehen hätte. Es ist gestern darauf hingewiesen worden, daß diese
  (linke) Seite des Hauses die Centralgewalt nicht in der Weise
  gewollt habe, wie sie geschaffen worden ist, und das ist richtig;
  allein man ist auch so gerecht gewesen, zu sagen, daß man, wenn es
  sich darum handle, die Centralgewalt stark und zur Wirklichkeit zu
  machen, zu uns vertraue, wir werden die Hand dazu bieten, und ich
  versichere, wir werden es. (Bravo in der Versammlung.) Wir werden
  alle Ministerien, die halb und zweideutig und feig sind, und nicht
  wissen, was sie sollen und wollen, mit allen Kräften, die uns zu
  Gebot stehen, bekämpfen, bis zu dem Augenblick, wo wir ein starkes
  haben, einerlei ob von dieser oder jener Seite (Bravo!) und deshalb
  greifen wir das Ministerium an, das noch in einem halben Leben vor
  uns tritt. Deshalb weisen wir für seine traurige Haltung auf die Art
  und Weise hin, wie die Limburger Frage verhandelt worden ist, wie
  man officielle Actenstücke durch halbofficielle Briefe verleugnet
  und zu nichte macht, wie man die Centralgewalt oder vielmehr ihren
  Träger bei öffentlichen Gelegenheiten auftreten läßt, und wie
  man in dieser Sache verfahren ist. Als das Ministerium sein Amt
  antrat, hatte es jenen Krieg vor sich: allein nachdem Ihnen hier
  im August gesagt worden ist, daß es eben noch beschäftigt sei,
  sich die Schreibmaterialien anzuschaffen, ist es begreiflich, daß
  es sich um diesen Krieg nicht bekümmern konnte. Es ist der ganze
  Monat Juli vergangen, und man kann nicht das Kleinste aufweisen,
  daß sich das Ministerium darum bekümmert hat. Am Ende Juli brachte
  man ihm die Kunde von den Waffenstillstands-Präliminarien zu
  Malmö und Bellevue, die ihm die englischen Zeitungen vier Wochen
  vorher gebracht hatten, und dann erst begann es -- -- nichts zu
  thun. (Gelächter.) Die preußische Regierung verlangte von ihm eine
  unbedingte Vollmacht zum Abschluß des Waffenstillstandes; überraschen
  kann es uns allerdings nicht, nachdem Heckscher bei Gelegenheit der
  Verhandlung des Raveaux'schen Antrags uns die Theorie entwickelt
  hat, daß man Das, was man besitzt, nicht auszusprechen brauche,
  daß das Ministerium bei dem Ansinnen, welches ihm gestellt wurde,
  auch nicht für nothwendig hielt, die Genehmigung vorzubehalten.
  Wenn der Reichsminister Heckscher in seinem Privatverkehr derartige
  Ansichten hat, dann ist es allerdings seine Sache, inwiefern
  er darnach leben will, oder nicht; wenn ihm aber von uns etwas
  #anvertraut# ist, -- und das war das Gesetz über die Centralgewalt,
  -- und es zweifelt Jemand daran, daß dieses anvertraute Gut unser
  ist, dann verlange ich vom Reichsminister Heckscher, daß er das
  ihm anvertraute Pfand hüte, und das hat er nicht gethan. (Bravo!)
  Man hat uns gesagt, die Verhandlungen, wie sie nun einmal seien,
  und namentlich der zweideutige Passus, „die gewünschte Vollmacht“
  habe Preußen berechtigt, zu handeln, wie es gethan hat. Das muß
  ich freilich bestreiten, und namentlich gegen Den bestreiten, der
  die Fortexistenz des deutschen Bundes mit soviel Bestimmtheit
  behauptet hat; denn in der deutschen Bundesacte und in der Wiener
  Schlußacte ist ausdrücklich festgesetzt, daß bei einem Bundeskrieg
  kein einzelnes Glied des Bundes im eigenen Namen verhandeln kann
  und darf. Auf diesen Grund hin hat auch der Bundestag den damaligen
  Vollmachtträger, die preußische Regierung, darauf aufmerksam gemacht,
  daß bei „jedem wichtigen und präjudizirlichen Abschluß, ja bei jeder
  Verhandlung dieser Art“ die Genehmigung des Bundestags eingeholt
  werden müsse. Wollen Sie demnach sich auf die Bundesacte stellen,
  so war Preußen zum Abschlusse in keiner Weise befugt; wollen Sie
  sich auf das neue Gesetz über die Centralgewalt stellen, so war es
  dazu ebensowenig befugt. Was aber das Reichsministerium betrifft,
  mit dem wir es in dieser Frage allein zu thun haben, so glaube ich,
  lag ihm nicht blos ob, die Gesetze zu bewahren und die Centralgewalt
  auf eine würdigere Weise, als es gethan hat, zu vertreten; sondern
  man sollte bei so scharfsichtigen Männern, wie die Reichsminister,
  glauben, sie hätten die #Verhältnisse# auch ins Auge gefaßt. Dann
  würde ihnen nicht entgangen sein, daß gerade merkwürdigerweise
  seit Schaffung der Centralgewalt von Seiten Preußens mit einer
  Hast auf diesen Waffenstillstand zugesteuert wurde, die in der
  That überraschen muß. Unmittelbar nach Schaffung der Centralgewalt
  kamen die vorläufigen Bedingungen von Malmö, wurde die Vermittlung
  Englands bei Seite gelassen und die Schwedens angenommen, kamen
  die Unterhandlungen von Bellevue, und in einer ununterbrochenen
  Reihenfolge kam man zum Abschluß des Waffenstillstandes. Nichts ist
  natürlicher, als daß Dänemark, nachdem es sah, mit welcher Hast
  man den Abschluß des Waffenstillstandes betrieb, sich in seinen
  Anforderungen steigerte, daß es mehr verlangte als anfangs. Ich will
  indessen nicht wiederholen, was bereits oft hier gesagt worden ist,
  inwiefern die letzten Bedingungen von den ersten abweichen; ich will
  auch nicht darauf hinweisen, daß es sehr gleichgiltig ist, ob der
  Graf v. Moltke an der Spitze der Regierung stand, oder nicht; denn
  um die Person handelt es sich nicht, es handelt sich darum, daß
  man den Mann, in dem das dänische Princip am schärfsten ausgeprägt
  war, an die Spitze der Regierung stellte. Man sagt nun als eine
  Concession: Graf v. Moltke ist zurückgetreten; nein, meine Herren,
  er ist #zurückgetreten worden#, und wenn man jetzt angeblich eine
  gute Miene zum bösen Spiele macht, so ist Das nichts Anderes, als
  die Anwendung des Sprichworts von dem Fuchs, dem die Tauben zu sauer
  sind. Was wird kommen? Nichts Anderes, als ein anderer Moltke, wenn
  er auch nicht so heißt. So hat man denn einen Waffenstillstand in dem
  Augenblick abgeschlossen, wo die vereinten Kräfte von Deutschland
  sich auf dem Schauplatze des Krieges gesammelt hatten, als die
  Söhne unseres Vaterlandes von allen Seiten zusammengeströmt waren,
  als Deutschland zum ersten Male seit dem Erwachen der neuen Zeit
  seine gemeinsamen Kräfte üben sollte, also die sichersten Bürgen in
  denselben gegeben waren, daß wir einen ehrenvollen Frieden schließen
  konnten. Wie der Waffenstillstand beschaffen ist, darüber lesen Sie
  die Blätter unserer Feinde, lesen Sie namentlich Fädrelandet, welches
  hier citirt wurde. Warum aber dies Alles? Warum wurde nicht direct
  verhandelt, warum nicht wenigstens die Verhandlung, ich will nicht
  sagen, beaufsichtigt, aber von Seiten der Reichsgewalt daran Theil
  genommen? Ich kann mir darüber keine Rechenschaft geben, denn da,
  von wo uns Auskunft darüber kommen sollte: beim Ministerium, finden
  wir dieselbe Einheit und Einigkeit, wie wir sie in der Limburger
  Frage fanden, wo die Minister hier nicht wußten, was diese dort
  vorbrachten. Herr Heckscher hat uns etwa gesagt: „Wenn Dänemark
  behauptet, es könne mit der Centralgewalt nicht unterhandeln, so ist
  das eine Lächerlichkeit; man hat hier eine historische weltbekannte
  Thatsache verleugnet, und darüber braucht man gar nicht zu reden.“
  Der diplomatischere Herr v. Schmerling sagt uns dagegen: „Gott
  bewahre, die Centralgewalt war für Dänemark gar nicht da, sie war
  ihm ja nicht angezeigt, wie konnte es also mit der Centralgewalt
  verhandeln?“ Die Sonderbarkeit, die darin liegt, daß der #Herzog von
  Holstein# nichts davon wußte, will ich nicht wiederholen, aber auf
  einen andern Umstand aufmerksam machen, daß nämlich dieses Ding,
  welches den Dänen gar nicht bekannt, und für sie nicht in der Welt
  war, dessen ungeachtet einen Bevollmächtigten ernennen, demselben
  eine Vollmacht geben, und von ihm verlangen konnte, auf Grund dieser
  Vollmacht mit den Dänen einen Waffenstillstand abzuschließen. Das
  geht über meinen, freilich nicht diplomatischen Verstand hinaus.
  Etwas aber ist mir klar: entweder war die Centralgewalt wirklich
  nicht vorhanden, und dann handelte das Ministerium uns gegenüber
  pflichtwidrig, denn es mußte Preußen allein bevollmächtigen, und
  das Gesetz vom 28. Juni umgehen; oder es war die Centralgewalt
  eine historische Thatsache, die man nicht leugnen konnte und dann
  begreife ich nicht, wie man solche Entschuldigungen vorbringen
  mochte, wie wir sie vorgestern hier gehört haben. Freilich, von einem
  Ministerium, das die neugeschaffene Centralgewalt, die so sehr der
  Entschiedenheit bedarf, #entschieden# vertrat, hätte man erwartet,
  daß es eine Antwort gab, wie sie Bonaparte zu Campoformio gegeben
  hat. „Streichen Sie“, sagte er, „die Anerkennung der Republik aus;
  wir brauchen sie nicht, denn sie ist klar wie die Sonne am Himmel.“
  (Bravo!) Dies war indessen nicht genug. Man schickte auch einen
  Gesandten hin, und bot auf andere Weise seine Dienste an. Treu dem
  bekannten Briefe des Herrn v. Peucker spielte man so eine Art von
  Vermittelungspolizei in Schleswig-Holstein. Die preußische Regierung
  sah ein, daß ihr die Landesversammlung gefährlich sei, und fürchtete
  die durch dieselbe aufgeregten Leidenschaften. Sie fand aber, wie ihr
  sehr gewandter Agent sagte, die „passende Form“ hierzu, indem sie das
  Ministerium der Centralgewalt die Kastanien aus dem Feuer holen ließ,
  und es beauftragte, es möchte dies doch den Schleswig-Holsteinern
  auf eine passende Weise beibringen; das Ministerium war dazu
  bereit, und berief sich nicht blos auf die Unthunlichkeit, sondern
  auch auf einen Beschluß der National-Versammlung, wonach keine
  constituirende Versammlung mit der hiesigen zugleich stattfinden
  solle, ein Beschluß, der niemals gefaßt worden ist. Man ging noch
  etwas weiter, und schickte einen Gesandten. Ehre dem Manne, der
  dorthin gegangen ist, aber tiefes Mitleiden seiner Stellung. Seit
  dem Bürgermeister von Saardam komischen Andenkens hat kaum ein
  Diplomat eine ähnliche Rolle gespielt, wie dieser Gesandte der
  deutschen Centralgewalt. Er ging nach Berlin, wo man ihn kaum
  anhörte; er ging nach Schleswig-Holstein, und stand dort gänzlich
  hinter den Coulissen, wie ein junger Mensch, der in das Theater
  sich geschmuggelt hat und nicht gesehen sein will. Er schickte
  Personallisten nach Malmö, als es sich darum handelte, Personen zu
  wählen. Wir kennen leider in diesem Augenblick noch nicht, welche
  Listen es waren; aber factisch liegt uns vor, daß man sie in den
  Papierkorb warf. Er ging nicht nach Malmö, wohin er eingeladen wurde,
  und es war gewiß das Beste, was er thun konnte; denn er würde eine
  noch traurigere Rolle dort gespielt haben, als im Hintergrunde. Der
  Inhalt des Waffenstillstandes wurde ihm vor der Ratification nicht
  mitgetheilt, denn was ging das die Centralgewalt Deutschlands an? Er
  reiste ab ohne Protest und ohne Verwahrung, und die ganze Reise gab
  nicht einmal Veranlassung zu einem gastronomischen Bericht, worin
  doch das Ministerium des Auswärtigen so groß ist. (Heiterkeit.) Das
  preußische Ministerium fügte zu der ihm angethanen -- lassen Sie
  mich das Wort nicht aussprechen -- noch den Hohn, indem es erklärte,
  es würde #nach geschehenem Abschlusse# sich vertraulich mit ihm
  unterhalten haben, wenn er hingekommen wäre, und die Weigerung des
  Generals von Below, ihm die Bedingungen mitzutheilen, verstand es
  dahin, daß er wahrscheinlich habe sagen wollen, er wolle sich auch
  vertraulich mit ihm unterhalten. Das sind, soweit sie uns vorliegen,
  die #offenen# Actenstücke; über die geheimen, die man allerdings
  in der Tasche haben soll, haben wir keinen Aufschluß; allein wir
  sehen wenigstens, daß das Ministerium des Auswärtigen, um der alten
  Diplomatie in Nichts nachzustehen, #vertrauliche# Briefe nicht zu
  drucken für gut befunden hat. Was die geheimen Actenstücke in dieser
  Sache betrifft, so berufe ich mich auf ein Mitglied dieser Seite
  des Hauses (der Rechten), auf Schubert, der uns im Ausschuß gesagt
  hat, er habe derartige geheime Noten gesehen; ich berufe mich ferner
  auf die Briefe des Herrn Camphausen, in denen immerwährend von den
  Einflüsterungen Rußlands die Rede ist, während doch durchaus nicht
  eine Zeile in den Acten enthalten ist, und ich berufe mich endlich
  auf die Depesche des Ministeriums an den schwedischen Gesandten
  in Berlin, worin dasselbe sagt, wenn man sich den Anforderungen
  Schwedens nicht füge, werde dasselbe Dinge veröffentlichen, die
  den Leuten, welche unterhandelt haben, nicht sonderlich angenehm
  sein werden. (Hört! Hört!) Was nach dieser Haltung mit unserem
  Ministerium zu thun ist, das bleibe hier unentschieden. Unsere Seite
  wird allerdings nicht unterlassen, geeignete Anträge einzubringen,
  und sollten dieselben wegen mangelnden Gesetzes keinen Erfolg haben,
  so fürchte ich dennoch nicht, daß die Indemnitätsbill, die sich der
  Minister des Auswärtigen in seiner Verzweiflung von Lord Cowley geben
  ließ, von dem deutschen Volke bestätigt wird. So liegt also die
  Sache in diesem Augenblick, und man sagt, wir sollen ratificiren;
  ratificiren einen Waffenstillstand, der gegen die Bundesacte, gegen
  die Wiener Schlußacte, gegen das Gesetz vom 28. Juni, gegen die
  Beschlüsse dieser Versammlung, und gegen die ausdrückliche Vollmacht
  geschlossen ist; ratificiren einen Waffenstillstand, der thatsächlich
  unmöglich und unausführbar ist. Wir können ihn ratificiren, aber
  dann sehen Sie sich auch die nothwendigen Folgen an, verlieren Sie
  sich nicht auf den sophistischen Irrweg des Mannes, der Ihnen vom
  historischen Rechtsboden vorgesagt hat, daß Sie den Waffenstillstand,
  wenn sich die Schleswig-Holsteiner ihm widersetzen, nicht mit Gewalt
  der Waffen auszuführen hätten. Wenn Sie ehrlich sein wollen gegen
  Dänemark in vollem Umfange, wenn Sie die deutsche Ehre einsetzen für
  diesen Waffenstillstand, dann #müssen# Sie mit deutschen Truppen das
  rebellische deutsche Land Schleswig-Holstein zwingen, den Grafen
  Moltke oder irgend einen Anderen anzunehmen. Das ist nothwendig, eine
  ganz unvermeidliche Consequenz. Allein wenn wir aus den Actenstücken
  selbst gesehen haben, namentlich aus der merkwürdigen Aeußerung, die
  sich auf den Fürsten von Augustenburg bezieht, gesehen haben, daß es
  geheime Artikel gibt, wie können wir etwas ratificiren, was wir nicht
  kennen? Wie können wir den Kopf in eine Schlinge stecken, deren Weite
  wir nicht ermessen können? Ich wenigstens habe nicht Lust, wie die
  an ihrer eigenen Unfähigkeit bankerott gewordene Diplomatie, mich
  darauf zu berufen, daß uns vielleicht eine Vorsehung aus dieser
  Schwierigkeit erretten werde. Es ist darauf aufmerksam gemacht
  worden, welche schweren Verluste die Küstenländer erleiden durch eine
  Fortsetzung des Kriegs, und gewiß ist das mit vollem Recht geschehen.
  Ich brauche Ihnen nicht zu wiederholen, was in dieser Beziehung mein
  Vorredner gesagt; aber aufmerksam machen muß ich Sie darauf, daß
  der Ruin dieser Küstenländer nicht von dem dänischen Kriege datirt,
  sondern von der Liebäugelei mit Rußland; von unserer Grenzsperre,
  von unsern Cartelverträgen; daß er dieselbe Ursache hat, wie die
  Hungerpest in Schlesien. Es wird längere Zeit noch einer sehr festen
  Haltung bedürfen, bevor Sie diesen Provinzen den Wohlstand wieder
  geben können, der fast systematisch untergraben worden ist. Man ruft
  uns ferner zu, wir sollen ratificiren im Interesse des Handels und
  der Gewerbe, und wer ein Herz für's Volk hat, wahrlich, der wird
  jedes Mittel ergreifen, das dazu führen kann; aber glauben Sie, daß
  Handel und Gewerbe emporblühen können, so lange anstatt der alten
  verwitterten Grundlage des gestürzten Staatensystems nicht eine
  neue und dauerhafte gefunden ist? Glauben Sie, daß dieses Schaukeln
  und Schwanken des Systems, das nicht hier- und nicht dorthin sich
  wendet, geeignet ist, das Vertrauen zurückzuführen? Glauben Sie,
  daß, so lange man in Deutschland nicht weiß, wer nach dem vulgären
  Sprüchworte Koch oder Kellner ist, es möglich sei, daß irgendwie
  Unternehmungen begonnen werden, die geeignet sind, dem großen Theil
  unserer hungernden Bevölkerung Lebensmittel zu geben? Ich glaube es
  nicht. Wir sollen ferner ratificiren, weil wir möglicherweise einen
  Bruch mit Preußen herbeiführen. Nun, in der alten Zeit, da hieß es
  allerdings, wenn man vom Staate sprach: Das Auge nur hinaufrichten
  auf die äußerste Spitze, wo uns der Flammenspruch entgegenstrahlte:
  „_L'état c'est moi!_“ Diese Zeit ist nicht mehr vorhanden, und das
  preußische Volk ist wohl zu trennen von der wechselnden Neigung der
  Regierung. Preußens Volk ist, und es freut mich, das von dieser
  Seite (rechts) gehört zu haben, ein deutsches Volk, und Preußens
  Volk wird mit uns fühlen, wie es in diesem Waffenstillstand der
  gesammten gesitteten Welt gegenüber steht. Ich will nicht davon
  sprechen, welche Rolle wir dem Auslande gegenüber spielen, wenn wir
  gegen Hannover allerdings Courage und sehr hochklingende Redensarten
  haben, gegen Preußen aber nichts als gehorsame Diener. (Bravo auf
  der Linken.) Ich will auch nicht davon reden, daß wir keine neue
  Bilderstürmer-Secte organisiren wollen, um die Bildnisse Friedrichs
  des Großen zu vernichten, oder daß wir dem Manne seinen Kienspahn
  nicht auslöschen wollen, der von dem großen Kurfürsten erzählt. Wir
  ehren die geschichtlichen Erinnerungen eines Volkes; sie sind das
  Heiligste, was es hat; wenn man aber eine neue Staatengestaltung
  nicht gründen dürfte, weil man neben diesen Erinnerungen den
  Gedanken einer neuen Zeit aufbringt, so müßte Deutschland noch in
  die 371 Territorien, die es am Anfange des vorigen Jahrhunderts
  hatte, getheilt sein. (Zuruf: Sehr gut!) Man hat uns, und es war ein
  Sprecher aus Oesterreich, vordeducirt, die Regierung sei einerlei
  mit dem Volke, und wenn die eine angetastet werde, würde auch das
  andere angetastet. Dieser Sprecher mag es bei seinen Landsleuten
  verantworten, wenn man consequenter Weise diesen zumuthet, sie
  sollten sich identisch betrachten mit dem Metternich'schen System
  und mit Metternich selbst, der so lange Europa geknechtet hat.
  (Beifall.) Allerdings hat Herr Jordan bereits prophetisch verkündet,
  was die preußische Nationalversammlung in dieser Angelegenheit
  beschließen werde. Ich habe diesen prophetischen Blick nicht, aber
  einige Wahrscheinlichkeit habe ich dafür, daß die linke Seite der
  Versammlung zu Berlin diese Angelegenheit gerade so betrachten wird,
  wie die linke Seite zu Frankfurt, und ich bitte, gefälligst zu
  bedenken, daß nach der letzen Abstimmung vom 7. September die linke
  Seite die Mehrheit hat. (Hört! Hört!) Auch hat Herr Jordan bereits
  Diejenigen gezählt, die sich für den Waffenstillstand erklären
  werden; es waren 10 Millionen. Wie ist es aber mit den übrigen 6
  Millionen, die also wahrscheinlich dagegen sind? Wir wollen den
  Bruch #mit# Preußen vermeiden, und bringen den Bruch #in# Preußen
  zur Erscheinung. Aber nicht allein, daß wir den Bruch des Nordens
  mit dem Süden bringen, den Bruch Preußens, wenn denn wirklich in
  Preußen die Sache so sein sollte, wie Sie uns dargestellt haben,
  dann bringen wir auch den Bruch Preußens mit Süddeutschland zu Wege.
  Worauf gründen Sie die Behauptung, daß es in Preußen so sein müsse?
  Zeigen Sie uns die Erzeugnisse der Presse und der Versammlungen,
  oder was es sonst sein soll, wo man sich mit so großer Begeisterung
  für die Genehmigung des Waffenstillstandes aussprach. Wir haben eine
  Reihe von Eingaben gesehen, die sich dagegen ausgesprochen haben; wir
  haben mit Fleiß und Sorgsamkeit die preußischen Zeitungen gelesen,
  und außer der „neuen preußischen Zeitung“ keine gefunden, die sich in
  diesem Sinne ausgesprochen hat. (Zuruf. Hört! Hört!) Man weist hin
  auf die öffentliche Meinung; ihr Ausspruch liegt nahe genug, wenn von
  67 Eingaben 66 sich in einem und demselben Sinne aussprechen. Es ist
  die schönste Erscheinung, die wir in Deutschland seit den Märztagen
  gehabt haben, daß das Volk in dieser hohen sittlichen Kraft sich
  erhebt, wo es gilt nicht nur seine Interessen, sondern seine Ehre zu
  vertreten; daß es nicht wägt und nicht prüft, sondern nur das eine
  allgemeine Gefühl ausspricht: Wir stehen ein mit Gut und Blut dafür,
  daß diese Ehre eingelöst werde. (Anhaltendes Bravo auf der Linken und
  dem linken Centrum.) Allerdings hat man gesagt, diese Tausende zählen
  nicht. Es ist ein sehr verbrauchter Kniff des gestürzten Regiments,
  welches Tausende von Unterschriften nicht achtete, wenn sie von #der#
  Seite kamen, aber zehn Unterschriften für sehr hoch hielt, wenn
  sie von der andern Seite kamen (Zuruf von der Linken: Sehr gut!);
  allein wenn diese Tausende nicht zählen, und wenn man andere Tausende
  nicht dagegen aufstellen kann, so sollte man seine Augen doch nicht
  verschließen vor der Geschichte und vor den Thatsachen; man sollte
  nicht vergessen, daß unter weit größeren Hindernissen diese Tausende
  mächtig genug waren (Unruhe auf der Rechten) #Kerkermauern# zu
  sprengen, und Diejenigen zu befreien, die dahinter schmachteten.
  (Stürmischer Beifall des Hauses und der Gallerie.) Man sollte nicht
  vergessen, daß diese Tausende gerade es waren, die uns bis zu diesem
  Punkte geführt haben, wo wir jetzt stehen, und die uns hoffentlich
  weiter führen werden. Die Kammern sollen es sein, in denen sich die
  Meinung des Volkes ausspricht. Nun, die Kammern haben am Schlusse
  des vergangenen Jahres in allen Ländern Deutschlands kein Vertrauen
  mehr gehabt, und sind bis diesen Augenblick, trotz der neuen Zeit,
  noch nicht regenerirt, noch nicht eine einzige. Man hat uns sogar
  damit gedroht, wir würden verhungern in der Paulskirche, man würde
  die Mittel nicht mehr aufbringen können, die Nationalversammlung zu
  unterhalten; ich antworte Ihnen darauf ebenfalls mit der Geschichte,
  und sage Ihnen, das deutsche Volk hat zur Zeit, wo derartige Gaben
  ein ganzes oder halbes Verbrechen waren, Tausende durch Kreuzer-
  und Groschenbeiträge zusammengebracht zu den edelsten Zwecken,
  die ich hier nicht nennen will (Hört! Hört! von der Linken), und
  dieses deutsche Volk wird, wenn es sich um sein Leben und sein
  Dasein handelt, größere Aufopferungen bringen, als selbst für den
  edelsten Mann, den es jemals in Deutschland gegeben hat. (Bravo
  und Beifall von vielen Seiten der Versammlung und der Gallerie).
  Die sittliche Empörung, von der ich gesprochen habe, gründet sich
  darauf, daß die Errungenschaften der Neuzeit, die Beschlüsse des
  Vorparlaments, die Bestrebungen des Fünfziger-Ausschusses, die
  Beschlüsse der Versammlung, die Gesetze, die bis jetzt das Einzige
  sind, was für den Gesammtstaat feststeht, nicht geachtet worden
  sind bei diesem Waffenstillstand; sie gründet sich darauf, daß die
  alte Diplomatie gerade in demselben Verhältniß, als ob wir keinen
  Märzmonat dieses Jahres gehabt hätten, schaltet und waltet mit dem
  Schicksale der Völker nach ihrem Ermessen; sie gründet sich darauf,
  daß man den Söhnen, die sich von dem Herzen des Vaters losgerissen
  haben, um sich dem ungewissen Schicksale des Kriegs hinzugeben, sagt:
  Kehrt nach Hause zurück, wir brauchen euch nicht mehr. Und diese
  sittliche Entrüstung lebt nicht nur im Volke, sie lebt auch, und
  das ist unsere Freude, im Heere. Die süddeutschen Truppen, welche
  den Herrn Peucker schon vor langer Zeit so bedenklich gemacht haben
  hinsichtlich ihrer Stimmung, glauben Sie, daß sie besser werden in
  Herrn Peucker's Sinne, wenn man sie im vollen Bewußtsein ihrer Kraft
  und ihres Willens den Feinden entgegenführt, um dann zu commandiren:
  Kehrt um und geht nach Hause!? Glauben Sie, daß das deutsche Heer,
  welches man namentlich von dieser Seite (zur Rechten gewendet) und
  bei verschiedenen Gelegenheiten als nicht willenlos dargestellt
  hat, nicht als eine Masse, die wie eine Herde dem Befehle folgt,
  unempfindlich sei dafür, was in Schleswig-Holstein mit ihm geschieht
  und geschehen soll? Ich glaube es nicht; ich hoffe, daß der Soldat
  auch denkt, und wenn er denkt, dann wird er kennen lernen, daß die
  Demokratie in Deutschland es wirklich nicht schlecht mit ihm meint,
  daß sie im Soldaten den Bürger ehrt und anerkennt, wie in jedem
  Anderen, und daß sie nicht die Letzte ist, die dem Heere Beifall
  und Lob zujauchzt für die brave Haltung, die es in dieser ernsten
  Angelegenheit Deutschlands eingenommen hat. (Bravo von vielen
  Seiten.) -- Wir kommen auf den Punkt der Furcht vor dem auswärtigen
  Krieg, und es bietet sich auch hier eine merkwürdige Erscheinung dar.
  Die Furcht vor dem Krieg ist immer unbedeutend, ungerechtfertigt
  und unbegründet, wenn es gilt, die Gewalt anzuwenden gegen das
  Prinzip der Freiheit; sie ist gefährlich im höchsten Grade, wenn
  es gilt, dieselbe Gewalt anzuwenden für das Prinzip der Freiheit.
  (Hört! Hört!) Als es sich um Posen handelte, um die Vernichtung
  völkerrechtlicher Verträge, um Italien und Anerkennung des Rechts
  der Freiheit und Unabhängigkeit seiner Bewohner, da wiesen wir
  auf unser Heer von 900,000 Mann hin, und trotzten der ganzen Welt.
  Jetzt, wo es sich handelt, den thatsächlichen Zustand der Revolution
  in Schleswig-Holstein anzuerkennen und zu erhalten, da fürchten wir
  uns vor der ganzen Welt. (Mehrere Stimmen: Sehr wahr!) Allerdings,
  die Gefahr eines auswärtigen Krieges ist keine kleine; man darf sie
  nicht leichtfertig betrachten; aber die Gefahr, die uns bis jetzt
  vorliegt, scheint mir freilich so groß nicht zu sein. Wir haben uns
  gesträubt gegen die Vermehrung der Armee bis zu 900,000 Mann, und
  wir haben Ihnen das Bündniß mit der französischen Republik dringend
  empfohlen. (Heiterkeit in der Versammlung.) Droht uns Krieg von
  Westen oder Osten, wir bewilligen den letzten waffenfähigen Mann
  auch gegen die französische Republik, wenn sich dieselbe anmaßt,
  in unsere Angelegenheiten unbefugter Weise sich einmischen zu
  wollen. (Bravo von der Linken.) Aber die Einmischung scheint mir
  bis jetzt noch nicht gefährlich, die auf völliger Sachunkenntniß
  beruhende Aufforderung des Ministers des Auswärtigen der damaligen
  republikanischen Polizeiregierung in Frankreich scheint mir noch
  in keiner Weise einer Kriegserklärung ähnlich zu sein. Von dieser
  Auseinandersetzung bis zum Kriege ist noch ein so weiter Schritt,
  daß ich fürchte, der Terrorismus der Bourgeoisie erlebt den Tag
  nicht, wo dieser Schritt zurückgelegt ist. Komisch ist es übrigens,
  daß eine Regierung und ein Staatszustand, der seine Existenz noch
  nicht über vier Monate hinaus schreibt, und seinen ersten Geburtstag
  noch nicht gefeiert hat, sich zum Ritter für die verrosteten
  Dynastie-Verträge aufwirft, die aus vergangenen Jahrhunderten
  herstammen. (Bravo von vielen Seiten.) England, darauf hat man uns
  auch hingewiesen, droht uns, und das ist mir auch nicht wunderbar.
  Nichts ist natürlicher, als daß die „Erbweisheit ohne Gleichen,“
  die dort das Volk ausbeutet, sich nach besten Kräften bestrebt,
  ähnliche Gelüste und Bestrebungen auf dem Continent zu unterstützen.
  Wunderbar ist es mir nicht, daß ein Volk, in dessen Tasche nach
  ungefährer Berechnung aus unserem Vaterlande jährlich 17 Millionen
  Thaler flossen, mit einigem Bedenken daran denkt, daß ein einiges und
  starkes Deutschland ihm möglicherweise nicht mehr in diesem Sinne
  contribuiren würde. (Bravo auf der linken Seite.) Und übrigens kann
  ich nicht umhin, daran zu erinnern, daß es das ganz alte Spiel von
  1790 und 1791 ist; dieselben Organe, dieselben Parteien eiferten
  damals ebenso sehr gegen das kräftig aufstrebende Frankreich, wie sie
  jetzt gegen das aufstrebende Deutschland eifern. Daß das Ausland
  unsere Kraft und unsere Einheit nicht will, darüber dürfen wir doch
  wohl nicht zweifelhaft sein, und wenn das Ausland den geschlossenen
  Waffenstillstand preist, und wenn es unsere Nichtgenehmigung
  fürchtet, wahrlich, dann liegt darin nur ein Grund mehr, daß wir
  uns ernstlich besinnen sollen über Das, was wir thun. (Beifall auf
  der linken Seite.) Die Entscheidung liegt indeß in Ihrer Hand, thun
  Sie, was Sie müssen; allein an #Eines# lassen Sie mich anschließen,
  was ein Redner auf dieser Seite gesagt hat, thun Sie nichts Halbes,
  -- offen wie ein Mann #für# oder #wider#, nicht Achselzucken, nicht
  zweideutig, nicht #zwar# und #aber#, ich #möchte# gern, aber ich
  #mag# nicht, -- schieben Sie nichts auf die Centralgewalt, denn das
  sind Sie selbst; sie ist stark oder schwach in dem Verhältnisse,
  wie Sie es sind, sie thut, was wir beschließen, und wenn wir
  Halbheiten beschließen, und wenn wir nicht den Muth haben, geradezu
  herauszusagen, was wir wollen, so wird die Centralgewalt in der
  Wirklichkeit der Central#schatten# bleiben, als welchen sie die
  englische Presse begrüßt. Die Centralgewalt kann nicht einmal ein
  Ministerium zusammenbringen ohne Ihren entscheidenden geraden
  Ausspruch, denn ich halte den Minister für sehr gewissenlos, der
  auf einen zweideutigen Ausspruch hin und auf einen Auftrag, die
  Centralgewalt möge nach ihrem Ermessen handeln, irgend etwas in
  dieser Angelegenheit unternimmt. Man hat von den verschiedensten
  Seiten von dieser Tribüne her auf die Revolution hingewiesen, und es
  wird gestattet sein, denselben Gegenstand ins Auge zu fassen, denn
  er gehört ja eben zu den möglichen, vielleicht zu den nothwendigen
  Folgerungen Dessen, was wir beschließen. Leugnen läßt sich nicht, und
  Niemand, der in Deutschland ein offenes Auge hat, wird verkennen,
  daß die Bewegung in den letzten Wochen und Tagen merklich gestiegen
  ist; die alte Diplomatie hatte etwas zu schnell das Schicksal der
  Völker in die Hand genommen und bestimmen wollen, sie hatte etwas
  zu bald in die alten Bahnen eingelenkt, und die Reactionsversuche,
  die jetzt von fast Niemandem bezweifelt werden, waren zu gewaltig,
  als daß das noch nicht eingeschlummerte Volk nicht auf seiner Hut
  sein sollte. Offen und ehrlich, wie sich die äußersten Seiten des
  Hauses vom Anfang an gegenüber gestellt haben, denn wir haben uns
  ohne Hehl gesagt, was wir wollen: Man sagt, ein Theil dieses Hauses
  -- oder wenn nicht direct Diejenigen, die in diesem Hause sitzen,
  so doch indirect dieselben durch ihre politischen Freunde, die sie
  draußen haben, -- strebe darnach, die Ruhe nicht wiederkehren zu
  lassen; er trachte nach nichts Anderem als die Bewegung zu erhalten,
  und zu steigern ... Meine Herren! Wenn das der Fall wäre, so
  würde ich Ihnen mit aller Kraft, die mir zu Gebote steht, rathen:
  „Ratificiren Sie den Waffenstillstand;“ es ist aber nicht wahr,
  und ich will Ihnen ehrlich sagen, weshalb, -- weil wir die ernste
  Besorgniß hegen, daß die Bewegung, wenn wir sie nicht behalten, in
  Hände übergeht, die weit von uns nach dieser oder jener Seite liegen,
  und die vielleicht #ohne Schuld# die gesammten Errungenschaften
  unseres geistigen Daseins bis diesen Augenblick in Frage stellen.
  (Bravo auf der Linken und dem linken Centrum.) Deßhalb wollen wir es
  nicht, und deßhalb bitten wir Sie: Wagen Sie es nicht darauf, daß
  es dahin komme, daß die Bewegung sich steigere! Es giebt Mitglieder
  in unserer Nationalversammlung, die ihre Aufgabe nicht darin sehen,
  das Volk zu vertreten und blos Verfassungen zu machen, sondern die
  behaupten, sie seien von ihren legitimen Regierungen hergeschickt,
  um gegen die Revolution zu kämpfen. (Beifall auf der Linken.) Das
  ist eine eigenthümliche Auffassung ihrer Aufgabe, über die ich
  nicht streiten will, aber meine Meinung ist die, daß auch diese ein
  Interesse daran hätten, auf die Zeichen der Zeit zu merken. Herr
  Heckscher hat uns an das Schicksal der Julidynastie erinnert, und ich
  nehme diese Erinnerung an, nur in einer anderen Folgerung: #weil# die
  Vertretung des Volkes schlecht war, weil sie corrumpirt war, weil sie
  Ja sagte zu Allem, und weil sie nicht den Muth hatte; da entschieden
  für das Volk aufzutreten, wo es sich darum handelte; deßhalb fiel
  die Julidynastie, nicht deßhalb, weil die Kammern ihr opponirten.
  (Lebhafter Beifall auf der Linken und dem linken Centrum.) Wir
  haben es oft gehört, namentlich von der rechten Seite des Hauses,
  daß Sie Ihre Fürsten lieben, und ich erkenne dieses Gefühl an; denn
  die Liebe ist etwas Heiliges, mag sie sich wenden, wohin sie will.
  (Große Heiterkeit.) Aber wenn Sie Ihre Fürsten lieben, so treten Sie
  dem immer wuchernden Glauben entgegen, daß die Fürsten mit ihren
  dynastischen Interessen ein Hinderniß bieten für die Entwickelung
  unserer neuen Zustände, -- geben Sie dem Volke das Vertrauen daß Sie
  ebenso sehr die Uebergriffe von der einen wie von der anderen Seite
  in die Schranken zu weisen entschlossen sind! Die Krone ist mit in
  diese Verhandlung gezogen worden; das gehört sich nicht, es ist
  nicht die Art parlamentarischer Verhandlung; allein sie #ist# eben
  hineingezogen worden, und da darf man wohl auch daran erinnern, daß,
  wenn Sie uns gesagt haben: „Die Revolution ist ehrfurchtsvoll vor den
  Thronen stehen geblieben,“ es Ihre gewichtigste Sorge sein muß, daß
  die zweite Bewegung nicht darüber hinwegschwemmt. Erlauben Sie mir
  zum Schluß eine historische Thatsache: So lange Ludwig XVI. im Innern
  regierte gegen die Freiheit und das neue Leben seines Volkes, hatte
  er nur einen parlamentarischen Kampf, den er durch einen ehrlichen
  Vertrag hätte enden können; als er die Nationalität und die Ehre
  seines Volks auf das Spiel setzte für seine dynastischen Interessen,
  als er mit dem Auslande liebäugelte und sich sogar mit ihm verschwor,
  #da war er verloren#. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall auf der
  Linken und dem linken Centrum.)“

Wie schon oft zuvor sprach Lichnowsky nach Blum. Auch er schwang
die Palme des Friedens. „Lichnowsky hatte die letzte und schönste
Blüthe seiner Rede in St. Paul entfaltet, wie Robert Blum, und die
beiden schroffen Gegensätze wurden fast zu gleicher Zeit im Buche des
Schicksals gestrichen.“[212]

Nach unaufhörlichem Widerstreit der Meinungen wurde endlich die
Sistirung des Waffenstillstandes, der Ausschußantrag mit 21 Stimmen
Mehrheit verworfen[213], mit derselben Mehrheit die Genehmigung
des Waffenstillstandes ausgesprochen. Es war gegen neun Uhr Abends
geworden. Fast zwölf Stunden waren verflossen seit dem Beginn der
Debatten am letzten Tage. „Die Paulskirche rauschte auf in herz- und
ohrzerreißendem Toben, in der Versammlung, in den unteren Räumen, auf
der Galerie. Unter dem Lärm forderten unheimliche Gestalten nach der
Stadtallee zu einer Volksberathung auf; die das Haus verlassenden
Abgeordneten der Mehrheit, in der Verwirrung auch die der Minderheit,
wurden verhöhnt, beschimpft, in die Flucht getrieben.“ So schildert
ein Augenzeuge das Ende dieses Tages.[214] Der Abgeordnete Zell aus
Trier, einer der Linken, wurde verkannt und mißhandelt. Der Turnvater
Jahn mußte sich vor der entfesselten Volkswuth in einen Winkel der
Westendhall bergen. Barbarisch wurde dieses Berathungslocal der
gemäßigten Linken verwüstet. Der Minister Heckscher, der in unglaublich
taktloser Weise, vom Präsidenten wiederholt zur Ordnung gerufen, an
diesem Tage die Linke verhöhnt und verleumdet hatte, war vor der
Volksrache nach dem Bade Soden entwichen. Da hier, wie in allen
Ortschaften des Taunus, der Zuzug nach Frankfurt gepredigt wurde, floh
er weiter gegen Mainz. In Höchst wurde er erkannt und mißhandelt, und
er wäre unzweifelhaft ermordet worden, wenn nicht die Ortsbehörde mit
seltener Geistesgegenwart seine Verhaftung verfügt und ihn dadurch
gerettet hätte.

Daß die im Parlament unterlegene Linke in ihren drei Fractionen, der
Westendhall, dem Deutschen Hof und dem Donnersberg mit all diesen
Bübereien nichts zu thun hatte, zeigte sich noch am Abend des 16.
September. Die drei Zweige der Linken waren zu gemeinsamer Berathung
der #nun im Parlament# zu ergreifenden Schritte im Deutschen Hofe
zusammengetreten. Da verlangten Deputationen des „Montagskränzchens“,
des „demokratischen“ und des „Arbeitervereins“ in die Versammlung
eintreten zu dürfen, um den Abgeordneten persönlich „die Ansichten der
Vereine über das Verhalten der Linken mitzutheilen“. Die Abgeordneten
der Vereine wurden zugelassen. Sie erklärten und verlangten, die Linke
soll sich als selbstständiges Parlament constituiren, da ihr allein das
Vertrauen des Volks gehöre. Tausende kräftiger Arme stellten sie zu
diesem Zwecke zur Verfügung.

Aber die Linke lehnte diese Rolle entschieden ab. Man werde selbst
nach eigenem Gutfinden beschließen. Die erwählten Vertreter des Volks
könnten sich keinesfalls von irgend welcher Seite her Vorschriften
und Bedingungen machen lassen. Vor Gewaltschritten irgend welcher
Art wurden die Mitglieder der Deputation eindringlich verwarnt. Man
ließ sie nicht abziehen, ohne von ihnen das bündige Versprechen zu
erlangen, daß sie in diesem Sinne zur Beruhigung der Gemüther in
ihren Kreisen wirken wollten, nicht ohne daß sie betheuert hatten,
an den schmählichen Tumulten und persönlichen Angriffen des Abends
sei kein Mitglied der vertretenen Vereine betheiligt. „Mit solchen
Bübereien haben wir nichts zu schaffen!“ rief empört der Vertreter des
Arbeitervereins[215]. Unter den einflußreichsten Mahnern zur Ordnung
war Robert Blum.

Das Schlimmste war: die Männer, mit denen die Linke so offen und
energisch sprechen konnte, hatten selbst nicht mehr die Zügel der
Bewegung in den Händen, am wenigsten die Männer der Linken selbst.
Und einzelne der leidenschaftlichsten Radicalen von der Linken,
Zitz und Schlöffel (die berüchtigte „Reichshyäne“), standen mit den
meisterlosen, blutdürstigen empörten Massen selbst in innigster
Verbindung. Längst war das Band der Zucht und Parteiordnung
zerschnitten, das im Frühjahr 1848 Blum um alle diese disparaten
Elemente geschlungen hatte. Schon am 24. August hatte der Abgeordnete
Kolaczek an Trützschler einen Brief geschrieben, den ich besitze,
in welchem er Ruge feiert, daß dieser den Frankfurter Berathungen
überhaupt den Rücken gekehrt und sich nach Berlin gewandt habe, und
in welchem er Blum verhöhnt: „so daß nur #er# als[216] _conditio sine
qua non_ erscheine, um welche Alles mit mehr oder weniger Bewußtsein
kreist“. Anfangs, als die Unversöhnlichen, die reinen Republikaner,
von Blum und Vogt sich trennten, erdröhnten die Hallen des „Deutschen
Hofes“, in denen die Getreuen Blum's sich sammelten, von der ungeheuren
Heiterkeit, die Vogt's geistvolle Kneipzeitungen auf Kosten der
„linkser“ Stehenden hervorrief[217]. Da wurden z. B. die „Grundrechte
der äußersten Linken“ herausgegeben: „die Todesstrafe ist abgeschafft.
Die Guillotine wird als Vertheidigungsmittel beibehalten. -- Das
Betteln ist nur mit bewaffneter Hand erlaubt“ u. s. w. -- Aber jetzt
hatte man längst aufgehört zu lachen. Die rothe Revolution klopfte an
die Thüren der Linken, an die Kirchenpforten von St. Paul!

Diejenigen, welche später die Beschuldigung erhoben haben, Blum und
seine nächsten Freunde seien Mitschuldige an den schweren Verbrechen
der nächsten Tage, haben sich immer nur auf jenen Artikel der
„Reichstagszeitung“ beziehen können, welchen Stavenhagen in der Sitzung
des Parlaments vom 20. September zur Verlesung brachte[218]. Man kann
dem Abg. Simson (dem späteren ehrwürdigen Präsidenten des deutschen
Reichstags) durchaus beipflichten, wenn dieser in einer späteren Stunde
derselben Sitzung die volle Verantwortlichkeit für diesen Artikel, auch
wenn ihn Robert Blum nicht selbst geschrieben -- was nach Stil und
Ausdrucksweise wohl zweifellos ist -- Blum treffe, da sein Name als
Herausgeber auf dem Blatte stehe[219]. Aber freilich in diesen Tagen,
wo dem #Abgeordneten# über sechszehn (Blum meist zwanzig) Stunden
Tagesdienst zugemessen waren, mußte an sich schon der #Redacteur#
milder beurtheilt werden. Und vor Allem: was steht in diesem Artikel?
Unleugbar eine nicht zu rechtfertigende Schmähung der Mehrheit vom 16.
September. „Verräther an der Sache des Volks“ wurden sie genannt; von
dem „blutigsten Schimpf“, den sie dem „Volkswillen“ angethan, wurde
gesprochen. Aber völlig ungerecht ist die Anklage, daß die Mitglieder
der Majorität in diesem Artikel „der Volksrache bezeichnet“ worden
seien[220]. Der Hauptzweck desselben ist vielmehr, auf die angeblich
ungerechte Leitung des Präsidiums von Gagern, auf die zweifellos
parteiische Handhabung der Präsidialgeschäfte von Soiron hinzuweisen.
Und wenn man nicht einmal die ungeheure Aufregung, in welcher sich alle
Parteien damals befanden, als mildernden Umstand für solche Preßexcesse
gelten lassen wollte, so stand doch die #Rechte# durch die Flugblätter
des Abg. Jürgens in Bezug auf persönliche Schmähung und Denunciation
ihrer Gegner um keinen Schritt hinter der Reichstagszeitung der Linken
zurück. Nur war die Instanz eine andere, an welche die Denunciationen
gerichtet wurden -- und auch der Erfolg. Herr Jürgens ist unversehrt
geblieben. Die Verleumdungen des christlichen Pastors Herrn Jürgens
haben Blum mit erschießen helfen.

Diese Anklage gegen Blum erweist sich aber vor Allem ungerecht, wenn
man seine Handlungsweise in Betracht zieht in den schweren Stunden,
die nun über Frankfurt hereinbrachen. Am Nachmittag des 17. September
(einem Sonntag) sammelten sich von 4 Uhr an zehn- bis zwölftausend
Menschen auf der Pfingstweide, einem Anger im Nordosten der Stadt. Nur
fünf Abgeordnete der Linken waren überhaupt zugegen: Zitz, Schlöffel,
Wesendonck, Ludwig Simon und Hentges aus Heilbronn. Von diesen fünf
Abgeordneten, die doch Alle der äußersten Linken angehörten, erklärte
Hentges mit schönem Mannesmuth: „Wir weisen solche Bundesgenossen
zurück, welche die Freiheit der Berathung beschränken und mit Gewalt
uns vorschreiben wollen, wie wir zu stimmen haben“.[221] Und Ludwig
Simon, der heißblütige Fanatiker der Freiheit, erklärte keineswegs, wie
man seine Rede vielfach aufgefaßt, die Versammlung der Pfingstweide
solle den Abgeordneten „vor die Häuser und Leiber rücken“, sondern er
sagte im Gegentheil: „die Wähler der süddeutschen Abgeordneten können
sich doch nicht das Recht beilegen, auch Wähler der norddeutschen
zu sein. Warum fordern die #norddeutschen# Wähler sie nicht auf,
ihre Plätze als Abgeordnete zu verlassen? Warum machten sie nicht
Demonstrationen in deren Heimath? Warum rücken #sie# nicht denselben
vor die Häuser und Leiber und erklären feierlich: Ihr habt unser
Vertrauen verscherzt?“ Gewiß haben Schlöffel und Zitz mit ihrem
Verlangen, das Volk müsse jetzt „Fractur schreiben“ u. s. w. auf der
Pfingstweide sich sehr unbesonnen und taktlos benommen. Aber aus diesem
Verhalten Weniger ist durchaus kein Schluß auf Blum und die Maßvollen
der Partei zu ziehen.

Vielmehr zeigte sich schon an diesem Sonntag Abend (17. Sept.),
daß Blum und seine Freunde an den Excessen der Pfingstweide völlig
unschuldig und dem süßen Pöbel ebenso verhaßt seien, wie irgend
eine andere „reactionäre“ Partei. Wiederum war an diesem Abend die
ganze Linke (in ihren drei Fractionen) im Deutschen Hofe versammelt.
Vogt präsidirte. Die äußerste Linke, der Donnersberg, verlangte,
daß die ganze Linke aus dem Parlament ausscheiden, sich als Convent
constituiren solle. Der „Deutsche Hof“ unter Blum's Leitung und die
Fraction „Westendhall“ widersprachen. Sie machten geltend, die Linke
sei eine parlamentarische Partei und habe ihre Kämpfe nur im Schooße
des Parlaments, auf gesetzlichem Boden auszukämpfen, nicht an der
Spitze der Revolution. Der Antrag des „Donnersbergs“ wurde von den
beiden anderen Fractionen fast einmüthig abgelehnt, gegen 19 Stimmen.
Diesem Beschluß ordnete sich auch die extreme Minderheit unter, indem
sie ruhig weiter verhandelte -- da wurde die Deputation der Versammlung
der Pfingstweide angemeldet. „Mit Gut und Blut wollen wir die Linke
schützen“, rief der Sprecher der Deputation, „wenn sie aus jener
servilen Versammlung austritt und sich selbstständig constituirt, aber
das verlangen wir auch von ihr. Thut sie es nicht, dann freilich wird
das Volk die Linke als ebenso ehrlos betrachten, wie die Mitglieder der
Majorität, dann freilich wird die neue Revolution auch über die Linke
hinweggehen und diese vernichten wie das Centrum und die Rechte!“[222]

Der so sprach, hieß Germain Metternich und war der Führer der
Massen, die sich zum bewaffneten Aufruhr anschickten, der Gracchus
der Pfingstweide. Vogt entgegnete ihm Namens der drei versammelten
Fractionen der Linken trocken, daß man im entgegengesetzten Sinne
bereits entschieden habe. Venedey stellte ihnen das Verbrecherische
ihres Beginnens vor. Da wurden Beide verhöhnt, besonders Venedey. Die
Helden der Gasse sagten sich feierlich los von der „ehrlosen“ Linken.

Als am 18. September früh 9 Uhr die Parlamentssitzung begann, glänzten
Bajonette rings um die Paulskirche. Früh 3 Uhr waren auf Schmerling's
und des Frankfurter Senats telegraphische Weisung 2400 Oesterreicher
und Preußen von der Mainzer Garnison in Frankfurt eingetroffen.
Schmerling und die anderen „in Frankfurt anwesenden Reichsminister“
hatten in der kritischen Lage die einstweilige Leitung der Geschäfte
wieder aufgenommen. Unglücklicherweise hatten die Truppen den
Nordeingang zur Paulskirche nicht besetzt, auf welchen zwei enge Gassen
mündeten, und durch welchen die Abgeordneten einzutreten pflegten. Hier
hatten sich die erregten Massen zusammengerottet. Und eben als das
Parlament, nach heftiger aber vergeblicher Einsprache der äußersten
Linken[223] gegen die militairische Machtentfaltung vor der Kirche, in
seine Tagesordnung eintrat und den Artikel der Grundrechte berieth:
„Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei“ -- da dröhnte die Nordpforte
der Kirche von Schlägen und Stößen. Zuvor war schon ein verspäteter
Abgeordneter (Riesser) von dem Pöbel mißhandelt, ein in die Kirche
bereits eingedrungener Haufe mit Gewalt von Abgeordneten hinausgedrängt
worden. Nun klaffte von dem wuchtigen Anprall die Pforte, von oben bis
unten gespalten, auseinander. Eine ungeheuere Erregung bemächtigte sich
der Versammlung. Würdevoll und erfolgreich mahnte Gagern zur Ruhe und
Besonnenheit. Dann hörte man draußen kurzen Kampf, gellende wüste Rufe
der Angst und Verwünschung, dann ward es still. Die Preußen hatten die
Banden mit dem Bajonett von der Thüre getrieben.[224] Die Versammlung
setzte die Berathung in Ruhe fort bis Nachmittags 2 Uhr.

Ein merkwürdiger Anblick bot sich den Abgeordneten, als sie
heraustraten. Ueberall waren in der Zwischenzeit Barrikaden entstanden.
Die Aussagen Aller stimmten darin überein, daß sie erbaut worden waren
vor den Augen der Soldaten, die Gewehr in Arm zuschauten, ohne daß auch
nur der Versuch gemacht worden wäre, ihre Entstehung zu hindern; sogar
Kinder hatten das Material zum Bau mit herbeigeschleppt! Wenn es später
nicht schwer war, auch die stärksten dieser Bollwerke der Empörung
zu stürmen, wieviel leichter wäre es gewesen, ihren Aufbau unmöglich
zu machen. Diese Thatsache mußte mit tiefem Mißtrauen erfüllen gegen
die Absichten des Mannes, der die nothwendige Dictatur in seine Hand
genommen, gegen Schmerling. Dazu kam, was man später erfuhr, daß die
heftigsten Aufwiegler zum Kampfe Menschen waren, die Keiner kannte,
und die alsbald nach dem Ausbruch verschwanden, die man also nicht mit
Unrecht für angestiftete Sendlinge hielt.[225] Auch Germain Metternich,
der mit einer Karte Frankfurts in der Hand, überall die Punkte bestimmt
hatte, wo Barrikaden anzulegen seien, ist an diesem Tage im Palais des
Herrn Reichsministers v. Schmerling mehrfach ein- und ausgegangen.[226]

Nach Beendigung der Sitzung griffen die Truppen an. Zwei Barrikaden
stürmten die Preußen, zwei die Oesterreicher. Auf beiden Seiten fielen
in dem ganzen heißen Kampfe kaum zehn Opfer. Doch wäre auch dieses Blut
zu sparen gewesen, wenn man früher eingeschritten wäre. Gegen 5 Uhr
waren die drei Hauptbarrikaden noch nicht genommen. Es trat eine kurze
Waffenruhe ein. Man erwartete per Bahn die reitenden Batterien von
Darmstadt.

Noch einmal bot Blum Alles auf, um weiteres Blutvergießen zu hindern.
Er und seine Freunde begaben sich zum Reichsverweser und Schmerling,
und beschworen diese, eine friedliche Lösung herbeizuführen. Der
Reichsverweser zeigte sich bereit, Schmerling deutete an, die
Lieblinge des Volks möchten selbst den Versuch einer Versöhnung
machen. Da schritt Robert Blum mit Ludwig Simon und Anderen unbewehrt
den Barrikaden entgegen und redete zum Frieden, mahnte dringend, von
weiterem Widerstand abzulassen. Aber Dutzende von Flintenläufen erhoben
sich gegen seine Brust. Tobende Verwünschungen erfüllten die Luft. Die
Freunde rissen Blum zurück. Er wäre gemordet worden, wenn er ihnen
nicht folgte.[227] Die teuflische Rohheit und Mordlust der Massen
hatte sich ja um dieselbe Stunde in entsetzlicher Weise offenbart. Vor
dem Bockenheimer Thor waren die Abgeordneten Auerswald und Lichnowsky
barbarisch hingeschlachtet worden! Die furchtbare Kunde durcheilte die
Stadt, während das dumpfe Grollen der schweren Geschütze ansagte, daß
der Angriff gegen die Barrikaden wieder begonnen habe. Als der schöne
fürstliche Kämpfer der Rechten in der Nacht im Armenspital seinen Geist
aufgab, war jener unselige Aufstand im Blut erstickt, der ihm sein
junges vielversprechendes Leben gekostet.

Wohl mochte das Parlament wieder aufathmen, als es am Morgen des
19. September zur gewohnten Arbeit schritt, befreit von der Sorge,
vom empörten Pöbel erdrückt zu werden. Aber das richtigste Wort für
die Bezeichnung der Lage sprach an jenem Morgen doch Venedey in die
behagliche Stimmung der Rechten hinein: „Ein Sieg, wie der gestrige,
hat eine hohe Gefahr; hüten Sie um so bedächtiger die Freiheit,
weil der Rückschritt sich dieses Sieges bemächtigen kann“. Dieselbe
peinliche Sorge quälte Robert Blum. Er schwieg vornehm still auf die
Anklage Stavenhagen's, der an diesem Morgen durch Verlesung des früher
erwähnten Artikels der Reichstagszeitung vom 19. die Mitschuld Blum's
an der niedergeworfenen Bewegung zu begründen versuchte. Denn jede
persönliche unverdiente Verdächtigung erschien Blum klein gegen die
Gefahr, welche der deutschen Nationalversammlung nun drohte: niemals
wieder durfte sie hoffen, ihre Macht nach oben zu wenden, seitdem zum
Schutze des Parlaments die Waffen nach unten gekehrt worden waren!
Er hat mit keinem Worte im Parlament dieser ihn niederbeugenden
Ueberzeugung Ausdruck gegeben. Aber seine vertraulichen Briefe aus
jenen Tagen sind davon erfüllt. Darüber schrieb er am 23. und 28. an
die Frau, und am eingehendsten an Haubold am 3. October:

  „Lieber Freund! Wie es hier geht? Es ist fast überflüssig zu
  sagen: schlecht. Man fühlt diese Stellung um so mehr, als wir die
  beste hatten und gewissermaßen die Hand nur ausstrecken durften,
  um die Frucht viermonatlicher schwerer Arbeit zu brechen. Dieser
  unsinnigste und fluchwürdigste aller Straßenkämpfe hat uns fast
  ebensoviel geschadet, als die Februar- und Märzrevolution genützt
  und man fragt sich oft ernstlich, ob es wirklich ein revolutionäres
  Frühjahr gegeben habe. Und wie stehen wir persönlich? Von der einen
  Seite gibt man uns „intellectuelle Urheberschaft“ eines Kampfes
  schuld, bei welchem nur wir verloren haben und nur wir verlieren
  konnten. Auf der andern Seite wirft man uns Verrath des Volkes,
  Feigheit und Unentschiedenheit vor, #weil wir die Versammlung auf der
  Pfingstweide nicht für das deutsche Volk ansehen und uns den Dictaten
  ihrer exaltirten Abgeordneten nicht fügen wollten#. Wahrlich, man
  möchte oft lieber in den Urwäldern von Californien sitzen, als in
  der deutschen Volksvertretung. Nie hat eine Partei so unmittelbar am
  Siege gestanden, als die unsere und #nie hatte sie# bei nur einem
  Fünkchen von Vernunft #mehr Interesse davon, daß keine gewaltsame
  Verschiebung dieser Stellung eintrete#; dennoch aber soll gerade
  sie die Gewalt provocirt haben! Es ist entsetzlich, wie weit die
  Parteileidenschaft die allereinfachsten Verstandssätze verkommen
  lassen kann.

  Gott sei Dank, #die Dummheit, welche uns in den Straßen zu Frankfurt,
  im Badischen Oberlande, in Würtemberg, Köln u. s. w. zu Grunde#
  gerichtet hat -- sie erhebt uns wohl auch wieder. Denn die Reaction
  ist zu übermüthig, sie errichtet Barrikaden in der Paulskirche
  und fällt so in Struvescher Manier in das Gebiet des Rechtes und
  der Billigkeit ein, daß sie sich selbst zu Grunde richten muß.
  Hoffentlich wird sie die Hand an einige Abgeordnete legen, und deren
  4-6 zum Opfer bringen, was diese Sache nur fördern kann. Lust hat man
  viel dazu, aber man zagt doch immer noch etwas, seiner Herzensneigung
  zu fröhnen.

  Soll ich #Dir# versichern daß wir keinen Antheil an dem Aufstande
  haben, daß wir vielmehr als Partei wie als Privatpersonen Alles
  aufgeboten haben, denselben zu hindern? Dummheiten sind auf der
  Pfingstweide gemacht worden, das ist wahr, namentlich von Schlöffel
  und Zitz. Aber es waren nur Dummheiten und ich versichere Dir, an
  einen #Aufstand# hat #kein Mensch# gedacht, es hat ihn #kein Mensch#
  geahnt. Man hat diesen Aufstand gepflegt wie eine #Treibhauspflanze#;
  man hat das Blut unnütz und frevelhaft vergossen; mit #einer#
  Compagnie Soldaten war die ganze Kinderei -- es war Anfangs nichts
  anderes -- zu beseitigen. #Das unter uns# und ich hoffe Dir die
  Angelegenheit gelegentlich mündlich auseinandersetzen zu können; der
  Oeffentlichkeit gegenüber läßt sich jetzt nichts thun, wir haben
  einmal Barrikaden gebaut, Lichnowsky erschlagen und den Struve
  ins Oberland gelockt oder gerufen -- das #müssen# wir tragen, bis
  aus dem Duster der Untersuchung die #Thatsachen# mit einfacher
  Klarheit hervortreten. Dann werden #wir# gerechtfertigt sein, aber
  das verblendete Volk wird zu spät die Augen öffnen. Während es seine
  entrüsteten Blicke auf die angeblichen „intellectuellen Urheber“
  lenken läßt, wird man ihm Hände und Füße knebeln und es mißhandeln
  wie früher. #Ach, das Schicksal unsres Vaterlandes und unseres Volkes
  ist# doch ein sehr trauriges; es scheint mir oft, als ob es zum Tode
  verurtheilt sei, und nicht die Kraft zu einer Auferstehung habe.“

Am 4. October schrieb Blum in gleicher Stimmung an seine Gattin:

  „Liebe Jenny! Wie es uns hier ergeht, das hast Du theils aus
  den Zeitungen theils aus dem Briefe an Jäckel ersehen. In der
  Nationalversammlung verfolgt aus Bosheit, #vom Volke in die
  traurigste Stellung gebracht aus Dummheit, von den Demokraten
  angefeindet und geächtet aus Unverstand, stehen wir isolirter
  als jemals und haben vor wie rückwärts keine Hoffnung#. Die
  Zersplitterung Deutschlands hat nicht blos Staaten und Stämme
  auseinander gerissen, sie frißt sogar wie ein böses Geschwür an
  einzelnen Menschen und trennt sie von ihren Genossen, von aller
  nothwendigen Gemeinsamkeit. Die letzten Wochen sind Kräfte vergeudet
  und thörichterweise vernichtet worden, die bei weiser Zusammenfassung
  und sorgsamer Verwendung hingereicht hätten, das Schicksal
  Deutschlands vollständig umzugestalten. #Nie bin ich so lebens- und
  wirkensmüde gewesen, wie jetzt#; wäre es nicht eine Schande, sich im
  Unglück von den Kampfgenossen zu trennen, ich würde zusammenraffen,
  was ich allenfalls habe und entweder auswandern, oder mir in irgend
  einem stillen friedlichen Thale des südlichen Deutschlands eine Mühle
  oder dergleichen kaufen und nie wieder in die Welt zurückkehren,
  sondern theilnahmlos aus der Ferne ihr Treiben betrachten. Nicht
  weil ich muthlos bin und am endlichen Siege der Vernunft verzweifle,
  sondern weil ich wirklich #müde# bin, völlig abgerungen in dieser
  Sisiphusarbeit, die ewig sich erneuert und kaum einen Erfolg zeigt.
  Indessen, es muß ausgehalten sein und da einmal nach dem Naturgesetz
  die Revolutionen ihre Kinder fressen, so mag es ruhig diesem
  Hungermomente entgegen gehend; die Erschlaffung, welche so natürlich
  sich an die traurigen Erfahrungen der letzten Zeit knüpft, wird wohl
  auch wieder weichen.

  Gehen wir zu Deinen unbeantwortet gebliebenen Briefen zurück und
  verfolgen sie nach ihrer Reihenfolge: Die Vaterlandsvereine in
  Leipzig überbieten sich gegenseitig in Dummheiten, der eine zieht
  thörichterweise der Bourgeoisie die Zollkastanien aus dem Feuer, der
  andere gestaltet auf seine Weise die Welt um und hebt sie aus den
  Angeln, ohne nur die Kraft oder den Standpunkt des Archimedes zu
  haben. #Wenn ich denke, ich müßte jetzt nach Leipzig zurück, um dort
  zu bleiben, ich könnte schwermüthig werden.# -- Ueber das Ministerium
  -- Blum bist Du nun wohl beruhigt; es ist bis Ostern verschoben,
  wenn es auch dann nicht so #heißt#, so wird es doch wahrscheinlich
  so #sein#. Auf Namen und Menschen kommt's nicht an. Die Sorgen um
  den Haushalt bist Du los und zu sterben aus Patriotismus brauchst
  Du auch nicht. -- Träume! Träume! und doch war ihre Verwirklichung
  nahe und wäre eingetreten, wenn man vernünftig war. -- Wegen dem
  Schillerfest hat mir Haubold geschrieben; es findet statt, und ich
  werde also wahrscheinlich dazu kommen, wenn auch nur auf kurze Zeit.
  Dann wird es mir wenigstens leichter werden, Weihnachten hier zu
  bleiben, was wohl unvermeidlich sein wird. -- Nächstes Frühjahr muß
  sich die Sache jedenfalls wenden und ob nach dieser, ob nach jener
  Seite, man wird im Stande sein, einen festen Lebensplan zu fassen.
  #Wenn man dann nur nicht ein rein verlorenes Jahr zu beklagen hat.#
  -- Es ist jetzt Messe in Leipzig und ich denke mit Kummer und Sorge
  daran, daß ich Dir arme Frau, stets etwas gab zur Ergänzung kleiner
  Haushaltungsbedürfnisse; wie viele mögen deren sein, da Du auch
  die Ostermesse nichts bekamst! Und doch #kann# ich leider nicht,
  ich habe nichts. Die letzen 14 Tage haben solch riesenhafte Opfer
  gefordert, daß die ganze Linke auch finanziell ruinirt ist; dem
  Unglücklichen muß man helfen, wie sehr man auch Ursache hat, mit ihm
  zu zürnen. Und ich hatte wahrlich gerade jetzt Sorge genug. -- Neues
  ist hier nichts, Stadt und Umgegend ist vollgespickt mit Soldaten
  und der Schrecken führt das Regiment; #wenn derselbe noch von der
  Kraft gehandhabt würde, so ließe ich mir's gefallen: aber dieser
  Schmerling ist das Sinnbild der Feigheit und der niederträchtigsten
  diplomatischen Schurkerei# -- und #der# ist Dictator! Lebe recht wohl
  mit den Kindern. Ich habe noch viel zu schreiben diesen Morgen und
  muß daher aufhören.

  Hoffentlich sehen wir uns in 5 Wochen.[228] Du wirst das ja aus den
  Veranstaltungen erfahren, es wäre mir sehr lieb. Aber wenn davon die
  Rede ist in der Stadt, so erkläre nur rund heraus, daß ich #keine#
  Theilnahme an politischen Dingen, welcher Art sie auch sind, will,
  sondern die 3 Tage, die mir höchstens vergönnt sein werden, lediglich
  zu Hause bleibe (abgesehen vom Schillerfeste.) Also nochmals
  Lebewohl! Es gehe Euch so gut als möglich. Gruß und Kuß von Herzen
  von Deinem

                                                Robert.“

In diesen Briefen ist schon ausgesprochen, wie verworren unterdessen
die Verhältnisse in Sachsen geworden waren.

Die Dictatur, welche Jäkel seit dem 3. September in den
Vaterlandsvereinen übte, war um so unerträglicher für jeden Freund
der Erhaltung des Staates, als auch Minister Oberländer schon am 4.
September der Deputation, welche ihm die Beschlüsse des souveränen
Volkes überbrachte, mannhaft erklärt hatte, daß er sich in der Frage
des Wahlgesetzes von seinen Collegen nicht trennen werde, auch wenn
er in einzelnen Fragen anderer Ansicht sei als sie. Die Demagogen
von Jäkel's Schlag mußten daher erkennen, daß ihre bisher gehegte
und öffentlich ausgesprochene Hoffnung, sie würden an Oberländer ein
Ministerium ihrer Mache angliedern können, durchaus hinfällig sei. Sie
mußten Anfang October aber auch die weitere Erfahrung machen, daß ihre
Partei selbst im Landtag nur eine unbedeutende Minderheit darstellte.

Am 27. September hatte im Landhaus zu Dresden die Berathung des
neuen, von Jäkel und seinen Freunden als unannehmbar bezeichneten
Wahlgesetzes begonnen. Am 3. October war es bereits, gegen zehn Stimmen
der äußersten Linken, angenommen. Noch ehe diese Landtagsverhandlung
die volle Schwäche der Fraction Tzschirner dargethan, hatte der
Leipziger Dictator auch an Blum und Günther „Fractur geschrieben“, um
unter allen Umständen endlich Blum zu seinen demagogischen Umtrieben
herüberzuziehen. Bot doch das Verhalten der Linken während der
Septembertage dem revolutionären Unverstande eine reiche Quelle der
Unzufriedenheit. Am 23. September schrieb er darüber an Blum:

  „Lieber Blum! Nur wenige Worte. Daß Du nebst Günther mit Ablauf
  dieses Quartals von der Redaction der „Vaterlandsblätter“
  zurücktrittst, wird hier allgemein (!) erwartet. Das Blatt ist
  zu scheußlich, zu charakterlos. Unzählige (!) Schreiben, die bei
  dem Centralausschusse aus der Provinz eingegangen, sprechen ihre
  Verwunderung darüber aus, wie Eure Namen noch auf diesem reactionären
  Blatte stehen können.“ Um Blum zu zeigen, welche Schreckmittel der
  rothe Dictator noch im Hintergrunde verwahre, fuhr er also fort:
  „Sodann mache ich Dich darauf aufmerksam, daß doch endlich die
  Actiengeschichte mit der vor zwei Jahren projectirten Buchhandlung
  abgewickelt werden möge. Ich habe darüber neuerdings manche Klage
  hören müssen. Die Leute können sich nicht erklären, warum sie gar
  keine Nachricht erhalten, was mit ihrem Gelde angefangen worden
  ist.“ -- Also neben seiner zwölfstündigen parlamentarischen Arbeit
  sollte Blum sich in Frankfurt auch sofort an die Rechnungslegung
  über den zweijährigen Geschäftsbetrieb der Actienbuchhandlung
  machen, um dem für den Fall des Ungehorsams gegen Jäkel deutlich
  vorbehaltenen Vorwurf der Veruntreuung anvertrauter Gelder zu
  entgehen. Nach einem Gedankenstrich fährt Jäkel fort: „Auch hat es
  hier im Allgemeinen einen übeln Eindruck gemacht, daß die Linke in
  Frankfurt nach dem ehrlosen Beschluß der Nationalversammlung in der
  Waffenstillstandsfrage nicht ausgetreten ist. Man (!) wird nachgerade
  diese Parlamentsspielerei, wobei nur Schande herauskommt, müde, daß
  die Linke den Zeitpunkt versäumt hat, durch einen entschiedenen
  Schritt die deutsche Bewegung in eine neue Phase zu führen, dürfte
  ihr in ganz Deutschland ungeheuer geschadet haben. Es fällt mir nicht
  ein, Euch gute Lehren geben zu wollen“ -- Gott bewahre! -- „aber
  _relata refero_“ -- der reine Tacitus, _sine studio et ira_! --
  „Das allgemeine Urtheil der Entschiedenen stimmt so ziemlich dahin
  überein: Diesmal hat's die Linke verdorben! -- Ich wünschte darüber
  Deine Ansicht zu hören und bitte Dich daher, mir, wenn Du einmal ein
  Viertelstündchen Zeit hast, einige Zeilen zu schreiben. Dein treuer
  Jäkel.“ -- Das Wichtigste war in einer unverfänglichen Nachschrift
  untergebracht: „Schreibe mir auch ein Wort darüber, ob Du die Wahl in
  den Ausschuß des Vaterlandsvereins annimmst, sage dies auch Günther.“

Blum antwortete dem „treuen“ Jäkel nicht. Er hatte seine Gründe zum
Schweigen. Infolge dessen schrieb der entrüstete Monopolist der
„entschiedenen“ Gesinnung im Königreich Sachsen am 27. September von
Leipzig an Blum's Schwager:

  „Lieber Günther! Ich bin Dir noch auf Deinen letzten Brief die
  Antwort schuldig. Was Du mir dort ans Herz legtest, die moralische
  Unterstützung der Linken durch Agitation im Großen, (!) es ist
  geschehen, und namentlich habe ich meine Stellung im Centralausschuß
  dazu benutzt.

  Aber was hilft uns hier alle Rührigkeit und Tapferkeit, wenn ihr
  in Frankfurt im gegebenen Augenblick nicht zu handeln versteht?
  Ihr gebt uns immer guten Rath, wir sollten feststehen, die Courage
  nicht verlieren und dergleichen. Es wäre vortrefflich, wenn ihr
  selbst zur rechten Zeit Muth hättet. Warum tratet ihr nach dem
  schmachvollen Waffenstillstandsbeschluß nicht aus dem Parlamente
  aus und constituirtet ein eigenes? O ihr klugen Staatsmänner, daß
  ihr die centnerschwere Wichtigkeit dieses Augenblicks verkanntet!
  Ihr härtet Deutschland eine neue Seele gegeben und, gehoben und
  getragen von der Kraft der ganzen Nation, eine ungeheure Macht
  in euren Händen vereinigt. Jetzt habt ihr Ohnmacht und Schande,
  und das Vertrauen des Volkes zu euch ist, wenn noch nicht ganz
  vernichtet, so doch mächtig, unheilbar erschüttert. Als gestern
  Abend in einer Gesellschaft radikaler Männer ein Artikel aus der
  Deutschen Allgemeinen vorgelesen wurde, welcher berichtete, welche
  Beleidigungen sich die Linke bei einem Versuch zur Leichenfeier für
  die Gefallenen habe gefallen lassen müssen, brachen alle Anwesende in
  Beifallklatschen und Bravorufen aus. „Mit Füßen müssen sie getreten
  werden,“ meinten Einige, „dann werden sie wohl merken, wie viel Uhr
  es geschlagen hat.“ Und es wird kommen, ihr werdet mit Füßen getreten
  werden, wenn ihr's in diesem Augenblicke nicht schon seid. O ihr
  habt viel, sehr viel versäumt. Ich bin kein Sanguiniker. Aber ich
  habe die feste Ueberzeugung, daß, wenn ihr damals den entscheidenden
  Schritt gethan hättet, derselbe gelungen, herrlich gelungen wäre.
  Ihr schlagt Deutschland, namentlich Nord- und Mitteldeutschland,
  viel zu gering an. Ueber Sachsen seid ihr offenbar ganz falsch
  unterrichtet. Und warum? Wenn ein Joseph, ein Schaffrath hierher
  kommen, verkehren sie mit den alten abgedankten Liberalen, diesen
  Weibern in Männerkleidung, diesen mitleidswürdigen Schwachmaticis.
  Da bekommen sie freilich ein trauriges Bild von Sachsen. Ich sage
  Dir aber: Baden kann nicht besser, nicht glühender republikanisch
  sein, als Sachsen. Bei der elenden Vermittlungspolitik, die früher
  von dem leitenden Ausschusse der Vaterlandsvereine beobachtet
  wurde, konnte dies freilich nicht zum Vorschein kommen. Jetzt aber,
  wo wir offen die Fahne der entschiedensten Gesinnung aufgepflanzt
  haben, bricht die langverhaltene Gluth mit doppelter Macht hervor.
  Alles fällt uns zu: Alles unterwirft sich dem Centralausschuß;
  allenthalben stürzt man die alten, aus abgelebten Liberalen
  zusammengesetzten Ausschüsse und zieht uns dann mit fliegenden
  Fahnen zu. Die Minoritätsvaterlandsvereine sind von 26 auf etwa 15
  zusammengeschrumpft, und täglich erfolgen neue Abfälle. Wir zählen
  50-60 Vereine, zu denen wir immer noch neue hinzugründen. Die Leute
  gehorchen uns mit Freuden; denn sie fühlen das Bedürfniß, unter
  einem bestimmten Befehl zu stehen. Wie regieren wir aber auch! Du
  kennst mich und kannst Dir daher denken, welche Energie unsere
  Erlasse durch die Provinz (die übrigens Dresden und Leipzig #weit#
  voraus ist) strömen. Die Entschiedenheit, die von uns ausgeht und
  die uns von allen Seiten entgegenkommt, kann nicht größer sein. Daß
  bei #solchen# Leuten die Linke durch ihr neuliches Benehmen nichts
  gewonnen hat, brauche ich kaum zu bemerken. Im Gegentheil, sie muß
  sich ganz energisch aufraffen, wenn sie nicht binnen Kurzem #allen#
  Boden in Sachsen verlieren will. Wer stützte die Linke hier? Wir,
  die Partei des Vaterlandsvereins, und wir lassen sie fallen, wenn
  sie fortfährt, sich schwach zu zeigen. Wir wollen nicht unsere alten
  schwatzenden Kammern in Frankfurt aufleben sehen, wir wollen, daß
  man auch #handelt#, wenn es Zeit ist, und im Nothfall für die gute
  Sache sein Leben einsetzt. Die Ereignisse, wenn sie geschehen sind,
  #auszubeuten#, ist keine Kunst. Aber Ihr sollt sie mit #herbeiführen#
  helfen, Ihr sollt Geschichte #machen#, und Ihr hättet allerdings
  welche gemacht, wenn Ihr Euch als eigenes Parlament constituirt und
  damit die Zügel der Revolution in die Hände genommen hättet. Ich
  habe Blum schon vor einem Monat geschrieben: wir seien entschlossen,
  Niemanden mehr zu schonen, der nicht ganz entschieden auftrete. Ich
  weiß nicht, ob er das richtig verstanden hat; aber auf gut deutsch
  heißt es: Wir lassen uns für Euch todtschlagen, so lange Ihr die
  Freiheit mit Kraft anstrebt; #wir schlagen Euch aber selbst zuerst
  todt#, sobald Ihr schwankt und durch Aengstlichkeit große Dinge
  verpfuschen wollt. Gestern habe ich's im Vaterlandsvereine offen
  ausgesprochen, daß Volksführern, die erst zur Revolution reizen und
  dann das Volk in der ernsten Stunde des Kampfes verlassen, die Kugel
  vor den Kopf gehört, und der brausende Beifall der Versammlung gab
  mir Recht. So steht es hier, lieber Freund! Glaubt nicht, daß das
  Volk sich beliebig gängeln läßt; es stellt auch Anforderungen an
  seine Führer und wenn diese nicht erfüllt werden, so zerfleischt es
  sie. Wäre ich in Frankfurt gewesen und hätte an der Spitze des Volkes
  gestanden, es hätte wahrlich der Linken und ihren Stimmführern nicht
  so hingehen sollen. Ich würde ein Wort mit ihnen gesprochen haben,
  das sie vielleicht gefügig gemacht hätte. Entweder, oder! Gestorben
  muß es sein. Also entweder für uns, oder durch uns! -- Nimm Dir aus
  diesen abgerissenen Gedanken das Beste heraus. In den nächsten Tagen
  rücken Preußen hier ein, die berüchtigten Schweidnitzer. Das Uebrige
  kannst Du Dir denken.

                                                Dein J.“

Nicht diese pöbelhaften Briefe bewogen Blum und Günther, endlich
doch ihrem alten Organ in der Heimath, den Vaterlandsblättern, die
Freundschaft aufzusagen. Aber in Manchem hatte Blum mit den Leitern
des Blattes (Rüder und Cramer) die Fühlung verloren. Sie waren ihm zu
„ministeriell“ geworden. Er hielt Jäkel, abgesehen von seinen radicalen
Verschrobenheiten, für einen weit energischeren Agitator als seine
bequemer gewordenen alten Freunde. Jäkel schien vor Allem brauchbarer
als -- Popanz; mit ihm meinte Blum dem Frankfurter Parlament weit
besser graulich machen zu können, als mit seinen maßvolleren Leipziger
Freunden, die mindestens nichts Schreckliches an sich hatten. So sollte
denn zunächst eine öffentliche Absage von den Vaterlandsblättern
erscheinen. Sie lautete:

  „#Erklärung.# Seit unserer Entfernung von Leipzig (März resp. Mai d.
  J.) haben unsere Namen auf dem Titel dieser Blätter keinen anderen
  Sinn, als daß wir materiell bei der Herausgabe derselben betheiligt
  waren und sind. Da unsere Abwesenheit von Leipzig allem Anscheine
  nach noch lange dauern kann, da uns von verschiedenen Seiten aus
  Mißverständniß eine Mitverantwortlichkeit für den Inhalt dieser
  Blätter zugeschrieben wird; da wir diese um so weniger übernehmen
  können, als wir mit der Haltung derselben in der Angelegenheit
  der Vaterlandsvereine und gegen das sächsische Ministerium nicht
  allein durchaus nicht einverstanden sind, sondern im entschiedensten
  Widerspruche stehen, so ziehen wir unsere Namen als Mitherausgeber
  der „Vaterländischen Blätter“ hiermit zurück.“

Energisch warnten da Cramer und vor allem Rüder[229] den Freund vor
diesem Schritte. Rüder schrieb von Leipzig am 9. October:

  „Lieber Freund! Du wirst eine gestern von Cramer im Einverständniß
  mit mir abgesendete Warnung erhalten haben, die Namenstreichung
  auf den Vaterlandsblättern betreffend. Unsere Remonstration ist
  nur gegen die Form der Erklärung gerichtet und wir wünschen die
  Aenderung nur in Deinem Interesse. Ich gebe Dir namentlich Eins zu
  bedenken. Während Jäkel's Verein jetzt erkennt, daß es auf der früher
  betretenen Bahn nicht fortgehen kann, daß die Agitation gegen die
  Minister nicht fortgesetzt werden kann, während eine Vereinigung
  der Vereine jetzt angebahnt ist, werft Ihr durch Eure Erklärung
  wieder Zwietracht in die Vereine und stellt Euch gegenüber dem
  sächsischen Ministerium auf eine Stelle, auf welcher nur noch Weller
  und Genossen stehen. Dies würde Euch sehr verdacht werden. Lies die
  Verhandlungen der ersten Kammer vom 6. October und erwäge, ob man
  nach der Haltung, welche Pfordten und Oberländer dabei eingenommen,
  es verantworten kann, sie wegzujagen. Du tadelst es, daß wir das
  Ministerium zu stützen suchen, und ich halte die Art, wie Oberländer
  in der „Reichstagszeitung“ angegriffen worden, für eine unwürdige.
  Objectiv mag man die Angriffe ausdehnen so weit man will, aber es muß
  ohne hämische persönliche Ausfälle geschehen. Wir haben eben noch
  keine Veranlassung gehabt, aus diesem Grunde irgend einen Artikel
  zurückzuweisen. Mit freundschaftlichem Gruße Dein Rüder.“

Schon infolge der Warnung Cramers hatte Blum, nach nochmaliger
Rücksprache mit den Freunden (Günther, Joseph Schaffrath u. A.),
die Absage an die Vaterlandsblätter zurückgehalten und dagegen die
Annäherung an Jäkel aufgegeben und diesem geschrieben, daß dessen
Stellung gegenüber der Haltung der Linken in den Septembertagen jede
Ausgleichung ihrer Standpunkte unmöglich mache. Dieser Brief war
eingelegt in einen an Blum's Gattin vom 10. October:

  „Liebe Jenny! Deine Mittheilungen über Jäkel, verbunden mit
  einem Briefe ähnlichen Inhalts, welchen derselbe direct an Georg
  geschrieben hat, veranlassen mich zu der anliegenden Antwort. Laß
  ihn rufen und gieb sie ihm selbst. Es scheint allerdings, daß wir
  durch Dummheit zu Grunde gehen sollen und zwar durch die unserer
  „Freunde“. Machten unsere Gegner nicht noch größere, so müßten wir
  schon zu Ende sein. Morgen (Sonntag) will ich mit einigen Freunden in
  den Taunus gehn, in das wildeste, tiefste Gebirge, um Kriegszustand
  und Belagerung und Soldaten auf einen Tag zu vergessen; es wird einem
  übel dabei.

  Wie steht's mit dem Schillerfeste? Es wird wohl nichts? Dann muß ich
  leider bleiben und selbst zu Weihnachten bleiben, denn es wird mir
  wahrlich sauer[230].“

Damit hatte Blum den unheilbaren Bruch mit dem revolutionären
Radicalismus der Heimath vollzogen. Er wußte, daß nun von dorther aller
Schimpf und aller Haß auf seinen Namen geschleudert werden würde und
doch hatte er sich noch niemals so todtmüde, so kampfessatt gefühlt wie
jetzt.

Dieses tiefe Bedürfniß nach einer Ruhepause in jenem unablässigen
Kampfe, der dem rüstigen Kämpfer nur völlige Ermattung und
Niedergeschlagenheit, beinahe Hoffnungslosigkeit eingetragen hatte,
sollte mit einem Male in eigenthümlicher Weise befriedigt werden:
durch seine Reise nach Wien. Die untrüglichen Zeugnisse von der
Stimmung Blum's vor Antritt der Wiener Reise, welche in seinen Briefen
vom 3., 4. und 10. October niedergelegt sind, bewahrheiten aber
zugleich nachdrücklich die Ansicht, daß der Führer der Frankfurter
Linken „vor- wie rückwärts keine Hoffnung“ sah, mit der bisherigen
Parteitaktik weiter zu kommen, daß ihm namentlich auch ein Anschluß an
die „Demokraten, die ihn angefeindet und geächtet aus Unverstand“, in
tiefster Seele zuwider war, und daß er daher diese Reise wohl antrat
mit dem stillen Vorsatze, mit einem neuen realpolitischen Plane und mit
neuer Kraft zu seiner Partei zurückzukehren. Sein Tod aber breitet über
die Antwort auf diese Frage das Schweigen des Grabes.

Die Antwort, die der Tod nicht geben kann, giebt indessen ziemlich
deutlich sein Verhalten vor seiner Abreise nach Wien.



             18. Nach Wien und in Wien.

          (Wiener Octoberrevolution 1848.)


Noch weniger als eine umfassende Geschichte der deutschen Bewegung
des Jahres 1848 kann und soll hier geboten werden eine eingehende
Darstellung jener Vorgänge im Kaiserstaat Oesterreich, welche im
October 1848 zu der Krisis in Wien führten. Hier können nur die
wichtigsten Ereignisse in andeutenden Strichen in Erinnerung gebracht
werden.[231]

Vor Allem kommt es hier darauf an nachzuweisen, wie die
staatsrechtlichen Verhältnisse Oesterreichs zur Zeit der
Octoberrevolution lagen. Dadurch allein tritt die Wiener
Octoberrevolution in das richtige geschichtliche Licht, wird sie vom
sittlichen und staatsrechtlichen Standpunkt gerecht beurtheilt, während
andererseits das Unternehmen des Fürsten Windischgrätz gegen Wien
die gebührende Beleuchtung empfängt. Namentlich für das Urtheil über
Robert Blum's Betheiligung an der Wiener Octoberrevolution und über
den gegen ihn verhandelten kriegsgerichtlichen Proceß ist eine Prüfung
der öffentlich-rechtlichen Verhältnisse des damaligen Oesterreich von
entscheidender Bedeutung.

Im März 1848 war in Oesterreich der Rechtsboden, auf welchem der
Kaiserstaat bis dahin fußte, vollständig zusammengebrochen. Kein
Land des damaligen deutschen Bundes war unvermittelter in völlig
neue Verhältnisse geschleudert worden, als Oesterreich. „Ueber die
Lebensfähigkeit des neuen Oesterreich, welches auf den Trümmern des
alten zu errichten versucht wurde, kann man verschiedener Ansicht
sein, daß aber in den Märztagen das alte Oesterreich vollständig, #mit
Recht und für immer zu Grunde ging, alle Machthaber seit 1848 ohne
Unterschied auf die Revolution# als ihre Basis fußen, darüber herrscht
kein Zwiespalt der Meinungen“. So bezeichnet Anton Springer[232]
die Rechtslage der österreichischen Staatsgewalt am Ausgange der
Märzrevolution, am Eingang in Oesterreichs neueste Entwickelung.
Keineswegs war dieses staatsrechtliche Chaos bis zum Herbst wesentlich
geordneteren Verhältnissen gewichen. Sicher war nur das Eine: seit
der Verkündigung des neuen österreichischen Staatsgrundgesetzes vom
25. April war das alte absolute Kaiserthum feierlich begraben, war
der Kaiser nur der unverantwortliche Herrscher, die Regierung dagegen
ausschließlich in den Händen seiner verantwortlichen Minister, der
Staat überhaupt eine constitutionelle Monarchie nach belgischem
Muster. Jede kaiserliche Entschließung, welche der Gegenzeichnung
der Minister entbehrte, war verfassungswidrig und rechtsungültig.
Sicher war ferner das Andere: daß diese Verfassung nicht galt für
die Länder der Stephanskrone und die italienischen Provinzen des
Kaiserstaates; sicher auch soviel: daß von all den Provinzen, für
welche die Verfassung gegeben war, keine einzige durch dieselbe sich
befriedigt erklärte. Aus diesem Grunde war am 22. Juli vom Erzherzog
Johann (dem deutschen Reichsverweser), dem Stellvertreter des Kaisers,
der verfassunggebende Reichstag in Wien eröffnet worden; seine Aufgabe
sollte sein, für die deutsch-slavischen Länder eine neue gemeinsame
Verfassung zu Stande zu bringen. Bis zum 7. September hatte diese
Versammlung indessen nur das eine Gesetz über die Aufhebung der
Feudallasten geschaffen. Am 7. October hatte der Kaiser mit dem Hof,
wie noch näher berichtet werden wird, allerdings wieder einmal Wien
verlassen. Aber Niemand achtete dessen vorläufig. Denn dem kaiserlichen
Hof war die Domicillosigkeit seit dem Frühjahr fast zur Gewohnheit
geworden. Mit Ausnahme der Minister Wessenberg und Bach blieben
Ministerium und Regierung in Wien, blieben sämmtliche Behörden des
Kaisers, die gesammte Diplomatie, die am kaiserlichen Hofe beglaubigt
war, blieb endlich der constituirende Reichstag. Am wenigsten konnte
durch die zeitweilige Verlegung der Residenz das Staatsgrundgesetz
irgend welche Abänderung erleiden. Unmittelbar nach der Flucht des
Hofes desertirten allerdings fast sämmtliche slavischen Abgeordneten
aus dem Reichstag auf Nimmerwiedersehen. Durch ihren Austritt sank vom
16. October an die Zahl der zurückgebliebenen Abgeordneten unter die
gesetzliche Beschlußfähigkeitsziffer. Erst vom 16. October an könnte
man daher die Gesetzmäßigkeit der Reichstagsbeschlüsse anzweifeln.
Indessen auch dieser Zweifel erscheint von sehr fragwürdiger
Berechtigung. Denn auch nach dem 16. October erschien der k. k.
Minister Kraus, der seit dem 7. alle Portefeuilles bis auf dasjenige
Hornbostl's und Wessenberg's in seiner Hand vereinigte, Tag für
Tag im Reichstagsrumpf, ohne gegen dessen Beschlußfähigkeit irgend
einen Einwand zu erheben. Selbst die Diplomatie, alle Vertreter
auswärtiger Mächte blieben auch nach dem 6. October in Wien, folgten
keineswegs dem Hofe nach Olmütz, zum besten Beweise dafür, daß sie in
Wien, in den dort verbliebenen Ministern und kaiserlichen Behörden,
in dem constitutionellen Reichstag die legitimen Regierungsgewalten
des österreichischen Kaiserstaates erblickten, nicht in Olmütz.
Jener Zweifel in der Beschlußfähigkeit des Reichstags erscheint
übrigens um so unbegründeter, als die Beschlußfähigkeitsziffer aller
parlamentarischen Versammlungen nur berechnet werden kann nach der
Zahl der jeweilig in Kraft stehenden Mandate. Mit dem Austritt der
slavischen Abgeordneten aber, mit deren Erklärung, daß sie nie wieder
an den Berathungen des Reichstags Theil nehmen würden, vollends mit
ihrem Versuche, in Prag einen parlamentarischen Sonderbund zu stiften,
waren die Mandate dieser Abgeordneten schlechthin erloschen und der
Wiener Reichstag stand mindestens im guten Glauben, wenn er sich nach
wie vor beschlußfähig erklärte. Selbst dann ließ sich noch dieser
gute Glaube nicht vollständig absprechen, als am 24. October das
kaiserliche Schreiben vom 22. in Wien bekannt wurde, durch welches der
Wiener Reichstag geschlossen und für den 15. November nach Kremsier
ausgeschrieben wurde. Denn auch dieses kaiserliche Patent ermangelte
der verfassungsmäßigen Gegenzeichnung aller Minister. Die Unterschrift
Wessenberg's genügte keineswegs. Doch kommt es auf diese Streitfrage
hier nicht an. Die Frage ist vielmehr nur: ob die kaiserliche Regierung
in Wien, vertreten durch den Minister Kraus und alle sonstigen
kaiserlichen Behörden in Wien, ob das Wirken des Reichstags in den
Tagen vom 6. bis 24. October zu Recht bestand oder nicht? Diese
Frage ist entschieden zu bejahen. Daraus folgt ohne Weiteres die
unumstößliche Rechtsgültigkeit ihrer amtlichen Handlungen.

Neben diesen nach wie vor in Wien verbliebenen Gewalten des
Gesammtstaates bestanden hier noch locale Behörden, die trotz
ihres revolutionären Ursprungs oder Namens auf keinem schlechteren
Rechtsboden standen, wie Alles Uebrige, was sich seit dem März in
Oesterreich mit dem Namen kaiserlicher Amtsgewalt schmückte. Dazu
gehörte nicht blos die „Studentenlegion“, die in den sog. „glorreichen
Revolutionen“ vom 15. und 26. Mai ihre feierliche Anerkennung
gegenüber der erstarkenden Reaction ertrotzt hatte, sondern sogar
der sog. „Sicherheitsausschuß“, ein aus 200 Menschen aller Gattungen
zusammengewürfeltes Collegium unter der Aegide des Dr. Fischhof,
welches die eigentliche Dictatur in Wien mit gesetzlichem Ansehen
übte. Ihm waren auch die Minister unterthan. Zu diesen rechtlich
unanfechtbar bestehenden Behörden gehörte ferner der Wiener
Gemeinderath, der ja nach Umständen die kleinsten Angelegenheiten einer
simpeln Stadtverwaltung neben den höchsten Interessen des Staates
souverän zu entscheiden hatte, je nachdem die Ereignisse ihm die
patriarchalische Rolle der Stadtväter oder der Spitzen der Haupt- und
Residenzstadt des Kaisers zutheilten. Endlich bestand in Wien zu Recht
die Nationalgarde, eine Bürgerwehr, die seit dem 15. Mai laut einer
kaiserlichen Proclamation das unveräußerliche Menschenrecht erworben
hatte, daß das Militair nur auf Verlangen der Nationalgarde aufgeboten
werden sollte.[233] Sie hatte das Recht der Wahl ihrer Offiziere und
des Vorschlags ihres Obercommandanten. Der unglückselige Mensch, der
Wien vom 13. October an commandirte, Wenzel Messenhauser, konnte mit
vollem Recht behaupten, daß seine Wahl nicht blos von allen localen
Gewalten Wiens, sondern auch vom Reichstagsausschuß und vom Ministerium
des Innern ausdrücklich genehmigt worden sei.[234]

Gewiß konnte kein Großstaat auf die Dauer bei so verworrenen
Rechtsverhältnissen bestehen; aber das ändert nichts an der Thatsache,
daß beim Ausbruche und im Verlaufe der Wiener Octoberrevolution alle
die genannten Behörden und Gewalten der Residenzstadt sich eines
unbestreitbaren Rechtsbodens erfreuten, daß dagegen das Unternehmen
des Fürsten Windischgrätz gegen Wien d. h. gegen die gesetzliche
Wirksamkeit dieser Behörden ein rein rechtswidriger Gewaltact war. Es
wäre nicht schwer gewesen, mit Hülfe der großen Mehrheit der Wiener
Bürgerschaft, die nach wie vor in unverbrüchlicher Treue an ihrem
Kaiserhause hing, die Forderungen der Neuzeit in maßvoller Weise
mit den unentbehrlichen Grundlagen eines kräftigen monarchischen
Staatswesens zu versöhnen. Aber es fehlte gerade auf Seiten der Krone
ebensosehr an klarem Verständniß für die berechtigten Forderungen
der Zeit, wie an gutem Willen. Schon zu Beginn des Sommers, als
der Hof noch überströmte an herzgewinnenden Versicherungen loyaler
Verfassungsmäßigkeit und Freiheitsliebe, wurde, wie wir sehen werden,
dem Fürsten Windischgrätz im tiefsten Geheimniß, selbst verschwiegen
vor allen Ministern, die kaiserliche Vollmacht ertheilt, alle
kaiserlichen Truppen, mit Ausnahme der italienischen Armee, gegen die
Hauptstadt oder wohin ihm sonst beliebte, zu führen, um die ganze
Bewegung und alle verfassungsmäßigen Errungenschaften seit dem März in
Blut und Eisen zu ersticken.

Diese unbelehrbare Treulosigkeit der habsburgischen Hauspolitik
führte in erster Linie die Katastrophe des 6. October in Wien
herbei. Schon seit Monaten waren in den Regierungshandlungen des
Ministeriums Wessenberg untrügliche Kennzeichen dafür hervorgetreten,
daß man in der Hofburg in Wien den Umsturz der Aprilverfassung und
der Märzerrungenschaften, die Wiederherstellung des alten absoluten
Kaiserthums, mit Hülfe des Heeres plane. Am 3. October enthüllte sich
der andere Theil dieser reactionären Politik. Schon vorher waren Briefe
aufgefangen worden, welche verriethen, daß die Regierung den in Ungarn
eingefallenen Banus von Kroatien Jelačić heimlich mit Geld und
Kriegsmaterial unterstützte. Durch die kaiserliche Verordnung vom 3.
October wurde der Banus, der Todfeind Ungarns, zum Oberbefehlshaber
aller kaiserlichen Truppen und zum kaiserlichen Statthalter in Ungarn
ernannt. Das war die offene Kriegserklärung an Ungarn. Und der
Volksinstinkt in Wien hatte Recht, wenn er darin nur das Vorspiel des
Umsturzes der Märzverfassung erblickte.

Eine bewaffnete Empörung bemächtigte sich innerhalb vierundzwanzig
Stunden -- dank der feigen Unthätigkeit und der rathlosen Führung der
Truppen -- am 6. October der Stadt, und ermordete in gräßlicher Weise
den Kriegsminister Latour, während seine Grenadiere Gewehr in Arm dem
furchtbaren Schauspiele zusahen. So empörend diese scheußliche That
des Pöbels auf der einen, die Muthlosigkeit der bewaffneten Macht auf
der andern Seite ist, so war das Empörendste an der ganzen Tragödie
doch die doppelzüngige Verlogenheit der Regierung. Der Deputation des
Reichstages, die nach der Revolution treuvertrauend zum Kaiser kam, um
ihm zu versichern, daß Wien dem Kaiser nach wie vor gehorsam sei und
nur verlange, daß der Kaiser die reactionären Minister entlasse und
die Verordnung vom 3. October gegen Ungarn zurücknehme, versicherte
der schlaue Biedermann, das werde geschehen. Und die Nacht darauf
entwich er mit dem Hofe nach Olmütz und hinterließ der Stadt seine
Kriegserklärung, die jedoch ohne Gegenzeichnung irgend eines Ministers
ein schlechthin rechtsungültiger Act war.

       *       *       *       *       *

Aus den Adressen, welche der Reichstag und der Gemeinderath von Wien
in der ganzen Zeit vom 6. October an bis zur Bezwingung der Stadt
durch Windischgrätz am 30. October an den Kaiser gerichtet haben, aus
allen ihren Handlungen erhellt klar, daß die Wiener Revolution keinen
Augenblick auf die Beseitigung der Krone, auf die Verwandlung des
österreichischen Kaiserstaates in eine Republik zielte. Diese Bewegung
bezweckte nichts Anderes, als was die zwei Revolutionen im Mai bezweckt
hatten: die Sicherung der constitutionellen Verfassungsform und der vom
Kaiser gewährleisteten Freiheiten gegen die Staatsstreichgelüste der
Reaction, die uns gerade Herr v. Helfert, der keineswegs verschämte
Vertheidiger aller dieser geheimen Junker- und Hofintriguen, so
hübsch klargelegt hat. Erst nachdem Wien bereits capitulirt hatte und
die kaiserlichen Truppen durch die unbegreifliche Verzögerung ihres
Einmarsches in die bezwungene Stadt, Scenen hervorriefen, welche an den
Anfang des Pariser Communeaufstandes erinnern, erst da geberdeten sich
einige anarchische Banden als Republikaner. Dafür sind jedoch die sog.
revolutionären, in der That jedoch völlig legitimen Behörden Wiens um
so weniger verantwortlich zu machen, als auch Herr v. Helfert nicht
bestreiten kann, daß die bedrohliche Unbotmäßigkeit der Anarchisten in
erster Linie gerade gegen die Beschlüsse und Anordnungen der in Wien
damals bestehenden Behörden gerichtet war.

       *       *       *       *       *

Daß die Frankfurter Linke versuchte, zu Gunsten Wiens einen Ausspruch
des deutschen Parlamentes herbeizuführen, war nur natürlich. Am
12. October brachte der Abgeordnete für Wien in Frankfurt, Joh.
Berger, den dringlichen Antrag ein, das Parlament wolle erklären,
daß die deutsche Stadt Wien sich durch ihren Kampf gegen die
„freiheitsmörderische Camarilla um das Vaterland wohl verdient gemacht
habe“.

       *       *       *       *       *

Es war gleichfalls sehr natürlich, daß das Parlament diesen
excentrischen Antrag ablehnte, die Dringlichkeit desselben verneinte.
Nun zog Berger den Antrag selbst zurück. Schon vorher hatte jedoch
die „vereinigte Linke“ beschlossen, für diesen Fall von sich aus eine
Deputation nach Wien zu senden, um die verfassungstreue Majorität des
Reichstages und das Wiener Volk zu beglückwünschen. Noch in der Sitzung
des Parlaments schrieb Blum auf einen Zettel: „Wenn wir überhaupt eine
Deputation nach Wien senden wollen, müssen wir jetzt Beschluß fassen
und heute Abend wählen. Die Gewählten müssen morgen früh abreisen.“
Sämmtliche Abgeordnete der Linken setzten ihren Namen darunter, nur
der Blum's fehlte. Da trat Roßmäßler zu Blum und sagte: „Ich möchte
mir dieses merkwürdige Document aufheben, Du fehlst darauf“. Lächelnd
setzte Blum seinen Namen in die letzte freie Ecke. Er ahnte nicht,
daß er sein Todesurtheil unterzeichnete. Ich habe das „merkwürdige
Document“ oft bei Roßmäßler gesehen.

       *       *       *       *       *

Am Abend war die Wahl der Deputation. Bald waren die Clubs des
„Donnersbergs“ und des „Deutschen Hofes“ einig über die Entsendung
von Julius Fröbel, Moritz Hartmann, Albert Trampusch. Aber sollte man
Robert Blum in Frankfurt entbehren können? Stimmengleichheit ergab
sich für ihn und Karl Vogt. Da zog Blum den Freund hinaus und beschwor
ihn, bei der Stichwahl zurückzutreten, damit Blum aus der dumpfen
Frankfurter Atmosphäre hinauskomme, um Zeit zu fruchtbarer Sammlung und
Erholung zu gewinnen, die der ganzen Partei zu Gute kommen werde. Vogt
trat zurück und Blum wurde gewählt.[235]

In der Nacht des folgenden Tages kam er in Leipzig an. Noch einmal
schlief er -- die letzte Nacht -- im eigenen Hause, noch einmal -- zum
letzten Mal -- herzte er die Kinder, umarmte er die Gattin -- dann ging
es am Frühmorgen des 14. October über Breslau nach Wien in einem wahren
Triumphzuge. Am 17. erreichte er mit den Genossen Wien.

Von den Behörden, dem Volke wurden die vier Abgeordneten feierlich
empfangen. Sie nahmen Wohnung in „Stadt London“.

Die Ereignisse hatten für Wien seit dem 11. October, ja selbst seit
Blum's Abreise von Frankfurt eine ungeahnte Wendung genommen. Seit
den blutigen Kämpfen des 6. October hatte der Oberbefehlshaber der
Wiener Garnison, General Graf Auersperg, sämmtliche Truppen aus ihren
Kasernen und aus der Stadt überhaupt herausgezogen und mit ihnen
in der Vorstadt Wieden und im Schwarzenberg'schen Garten ein Lager
bezogen. Am Morgen des 12. October hatte er auch diese Stellung
geräumt und Wien sich selbst überlassen. Die Freude der Wiener über
diesen unblutigen Sieg war indessen von kurzer Dauer. Denn alsbald
erfuhr man, daß General Auersperg seine Truppen mit denen des Banus
von Kroatien, Jelačić, vereinigt habe, der seit dem 8. October
auf österreichischem Boden stand, seit dem 10. sein Hauptquartier
bei Rothneusiedel aufgeschlagen hatte. Diesem Kroaten weiß Herr
v. Helfert nachzurühmen: „Es gibt in der ganzen neueren Geschichte
Oesterreichs keine liebenswürdig fesselndere Erscheinung, als die
des ritterlichen Banus Jelačić von Kroatien“. Wer die seltene
Anspruchslosigkeit des Herrn v. Helfert kennt, wenn es gilt, Männer
für groß zu erklären, die er groß zu sehen wünscht, der wird diesem
Urtheile vielleicht beipflichten. Andere, die einen anderen Maßstab für
historische Größe haben, sind geneigt in dem „liebenswürdig-fesselnden“
und „ritterlichen“ Banus einige der hervorragendsten Charakterzüge
Sir John Fallstaff's wiederzufinden. Auch Jelačić betrachtete
die Vorsicht als den besten Theil der Tapferkeit. Auch er war unter
Umständen eine Memme aus Instinkt und renommirte wie ein Herkules.
Auch er liebte den Sekt und betrachtete die Bezahlung von Schulden
als „doppelte Arbeit“. Aber in der Hauptsache stand er weit zurück
hinter dem fröhlichen altenglischen Zechbruder: kaum ein Abglanz
moderner Kultur war in diese wilde Seele gefallen. Wüste Sinnenlust
gehörte zu seinem täglichen Brode. Sein Kulturwerth ist erschöpft mit
der Charge, in der ihn der Frühmorgen des Jahres 1848 traf: er war
damals „Oberst im ersten Banal-Gränz-Regiment“.[236] Nun, im Herbst,
da jeder ehrgeizige General des verlotterten Kaiserstaates mindestens
ein kleiner Wallenstein zu sein glaubte, schickte sich auch der
„ritterliche“ Banus an, „gegen den Willen und das ausgesprochene Verbot
des irregeleiteten (!) Hofes“[237] seine „geschichtliche Bedeutung“
zu gewinnen und „ein Retter der Monarchie zu werden“. Er war von dem
magyarischen General Moga gründlich geschlagen worden, und befand
sich auf einer rathlosen Flucht, deren wahren Charakter auch Helfert
nicht zu verdunkeln vermag, wenn er zugesteht, daß Jelačić bei
der Kunde von der Wiener Revolution seine Generale zurückgelassen
und nur mit etwa tausend Mann ohne Gepäck nach achtzehnstündigem
Gewaltmarsch niederösterreichischen Boden gewonnen habe.[238] Es war
eitle Renommage, wenn der Banus der Deputation aus Wien, die, mit
einem Befehl des Ministers Kraus versehen, ihn zur Rückkehr auf den
ihm vorgeschriebenen Wirkungskreis (Ungarn) zu veranlassen suchte,
stolz erwiederte: „Als Soldat zeigt mir der Donner der Geschütze
meine Marschroute“ -- denn in Wien donnerte nichts dergleichen --
und der Banus erlaubte sich eine große poetische Freiheit, wenn er
hinzusetzte, „strategische Grundsätze“ hätten ihn über die ungarische
Grenze hinausgeführt.[239] Diese „strategischen Grundsätze“ hatten nur
die grundsätzliche Rettung seiner werthen Person zum Zwecke. Er half
sich nur aus persönlicher peinlicher Verlegenheit, indem er sich als
Retter der Monarchie aufspielte, und erst die Vereinigung der Truppen
Auersperg's mit ihm machte sein Erscheinen vor den Thoren Wiens zu
einem bedrohlichen Ereigniß für die Stadt.

Doch mit ihm durfte die Stadt hoffen, rasch fertig zu werden, zumal
Moga's Heer kräftig auf den geschlagenen Gegner drückte. Nur ein
einziges Wort der Wiener Behörden, namentlich des Reichstags, an die
Ungarn wäre nöthig gewesen, um diese über die ungarische Grenze zum
Entsatze der Stadt heranzuziehen. Aber dieses Wort wurde jetzt so wenig
als später gesprochen. Das waren die ersten Scenen des heraufziehenden
Verhängnisses, die Robert Blum in Wien mit erlebte. Am 17. schreibt er
an seine Frau, Anfangs fast im Tone des Touristen:

  „Unter dem ersten Eindrucke dieser ungeheuren Stadt kann ich Dir
  nur anzeigen, daß wir ohne, oder doch mit sehr geringer Gefahr hier
  angelangt sind. Wien ist prächtig, herrlich, die liebenswürdigste
  Stadt, die ich je gesehen; dabei revolutionär in Fleisch und Blut.
  Die Leute treiben die Revolution gemüthlich, aber gründlich. (?) Die
  Vertheidigungsanstalten sind furchtbar, die Kampfbegier grenzenlos,
  Alles wetteifert an Aufopferung, Anstrengung und Heldenmuth. Wenn
  Wien nicht siegt, so bleibt nach der Stimmung nur ein Schutt- und
  Leichenhaufen übrig. Morgen erfolgt wahrscheinlich die Schlacht, d.
  h. nicht in Wien, sondern außerhalb derselben zwischen Ungarn und
  Croaten; sie wird durch etwa 10,000 Wiener unterstützt werden und
  wir werden sie mitmachen, denn wir sind heut Ehrenmitglieder der
  academischen Legion und sofort bewaffnet worden. Wir müssen also mit
  unsern Kameraden, es wäre eine Schande, es nicht zu thun. Wir werden
  hier überall mit Jubel empfangen, soweit dies die ernste Stimmung
  zuläßt. Der Reichstag, der Gemeinderath, das Obercommando, die Aula
  -- Alles nahm uns wahrhaft begeistert, als Boten der Theilnahme
  Deutschlands auf. Alles ist hier bewaffnet, Alles drängt sich der
  Erste zu sein, welcher dem Feinde entgegengeht.“ Doch wenige Zeilen
  später heißt es: „Nur Eins fehlt: wahrhaft revolutionärer Muth in
  den Behörden; man zerrt sich dort gar zu sehr mit Halbheiten herum,
  und lawirt immer, um auf dem gesetzlichen Boden zu bleiben. Energie
  dort im ersten Augenblicke, und die Sache wäre schon entschieden.
  Hoffentlich bekommt man unter dem Kanonendonner auch dieses Fehlende
  noch ... Wann ich zurückkomme, kann ich allerdings jetzt nicht
  bestimmen, aber jedenfalls reise ich diese Woche noch ab, denn eine
  Entscheidung erfolgt in den nächsten Tagen.“

Dieser Brief ist so widerspruchsvoll, wie die Eindrücke, die am ersten
Tage seines Wiener Aufenthaltes auf Blum einstürmten. Doch ist der
bezaubernde Eindruck, eine große Revolution in Waffen unmittelbar
mitzuerleben, entschieden vorherrschend; auch noch am folgenden Tage.
Auch am 18. Oct. glaubt Blum noch, die Entscheidungsschlacht stehe
unmittelbar bevor. Auch da ist er mit den Freunden entschlossen, sie
mitzukämpfen. In dieser Stimmung setzt er seinen Namen unter die
phrasenhafte Straßenproclamation des Dichters Moritz Hartmann, in der
die Frankfurter Deputation den Wienern „den Bruderkuß von vielen
Tausenden“ überbrachte und ihnen versprach, „wenn das Schicksal will,
die Gefahren mit ihnen zu theilen, mit der Wiener Bevölkerung zu stehen
und zu fallen“.

Aber schon am „19. October Morgens“ schreibt Blum der Gattin[240]
lakonisch: „In aller Eile, liebe Jenny, die Nachricht, daß ich
wahrscheinlich Sonntags (22. Oct.) mit dem ersten Zuge von Dresden
komme, doch kann es auch Montag werden, aber #wahrscheinlich# Sonntag.
Die Sachen gehen hier wieder langsamer, ja sind gewissermaßen
umgeschlagen. Gruß und Kuß Bl.“ „Dieser Entschluß stand“ also nicht,
wie Anton Springer meint, „im Widerspruch mit dem tapferen Wunsche,
für Wiens Freiheit zu sterben“, sondern er war, wie auch Springer
zugibt, „begreiflich“, eine nothwendige Folge des „Umschlags“ der
Dinge in Wien. Die Deputirten hatten sich eben in der Zwischenzeit
überzeugt, daß die Behörden der Stadt den Ungarn nicht die Hand reichen
würden, daß man dem Banus mit papiernen Redensarten und Gesetzesworten
zu Leibe rücken wolle, statt mit denselben Waffen, die er gegen die
Stadt trug, daß man also einen innerösterreichischen Rechtsstreit
auszufechten gedenke, statt einer geschichtlichen Feldschlacht, und
damit hielten sie ihre Sendung für erledigt. Der Behauptung Helfert's
(S. 129) „Blum hat in Wien vom ersten Tage an bös gewirkt; er war
die ganze Zeit in einer Aufregung; er bethörte auf der Universität
die jungen Leute, deren Uniform er trug und in deren Kreisen er, der
gereifte Mann, die leidenschaftlichsten Reden führte“, steht dieser
Brief vom 19. schlagend entgegen. Es steht ihr ferner entgegen das
völlige Schweigen der damaligen Wiener Presse über „bethörende“ (man
würde damals gesagt haben gesinnungstüchtige) Reden Blum's in der
Aula in den Tagen vom 17. bis 19. October. Auch führt Helfert, außer
dem wenig zuverlässigen Urtheil des typischen Angstmichels jener Tage,
Schuselka's, über Blum's angeblich permanente Aufregung, gar keinen
Gewährsmann für diese Behauptung an. Für die alberne Phrase, Blum habe
gesagt, er werde „nicht eher ruhen, bis noch zweihundert wie Latour
gefallen wären“,[241] hat Herr v. Helfert nur einen und obendrein sehr
traurigen Gewährsmann, „einen Studiosus _juris_, Franz Köcher“, einen
Menschen, der sich durch solche Lügen über einen Todten die Gunst der
Sieger zu erkaufen suchte; denn er wagte sich erst am 21. Novbr. in der
Wiener Zeitung (!) damit heraus, als in Wien nur diejenigen Zeitungen
erscheinen durften, die sagten, was Windischgrätz wünschte und zuließ.
Und von diesen Zeitungen wählte Köcher sich zu seinen Denunciationen,
die er in einem „offenen Schreiben einrückte“, noch das offizielle
Leiborgan des Fürsten![242]

Im Uebrigen bezeichnet Helfert allerdings einen der Gründe richtig, die
Blum zur Abreise entschlossen machten. „Er war mit dem unentschiedenen
Vorgehen des Reichstags und seines Ausschusses höchst unzufrieden und
sprach dies bei jedem Anlasse offen aus.“ Herr v. Helfert scheint
über diese Unzufriedenheit Blum's entrüstet zu sein. Wir müssen sie
durchaus begreiflich finden. Es giebt kaum etwas Kläglicheres, als die
unentschlossene und schwankende Haltung der Wiener Behörden jener Tage.
Wenn sie von ihrem Recht überzeugt waren -- und das waren sie -- so
hatten sie den rechtlosen Einbruch des Kroaten mit den Waffen Moga's
und ihren eigenen Streitkräften abzuweisen. Statt dessen erschöpfte
sich Alles, was sich in Wien Behörde nannte, in den windigsten Phrasen,
deren ungeheure Lächerlichkeit sonderbarerweise damals von Niemandem
empfunden wurde.

Der Gemeinderath war am 7. October neu gewählt worden. Der
Studentenausschuß, der bis dahin neben ihm die Stadt regiert hatte,
löste sich auf, nachdem er sein Dasein mit jenem Antrag an den
Reichsrath gekrönt hatte, die Armee solle in eine Volkswehr verwandelt
und den Soldaten das Recht zur Desertion verliehen werden. Diese
Eingabe begann mit den wundervollen Worten: „In jedem Augenblicke
der Säumniß spült die nagende Woge der Ereignisse einen Grundstein
der gesetzlichen Ordnung hinweg; wehe uns, wenn das ganze Gebäude
erschüttert zusammenbricht und Scilla und Charibdis (!) seine Trümmer
verschlingt.“ Der Gemeinderath seinerseits hatte seine Thätigkeit
damit begonnen, den obdachlosen Deserteuren, den eidbrüchigen
Grenadieren Geldprämien und den Wittwen und Waisen der „gefallenen
Freiheitskämpfer“ Pensionen auszuzahlen. Wenige Tage später befahl er
eine allgemeine Bewaffnung und nahm das Proletariat unter dem Namen
der Mobilgarde in seinen Sold. Er verbot aber ausdrücklich jeden
Angriff auf das Militair, überließ diesen Theil der Verantwortung,
wie überhaupt jede Verantwortung für die Ereignisse dem Reichstag.
Der Reichstag seinerseits wies die Sorge und die Vertretung für alle
Vertheidigungsmaßregeln vertrauensvoll ausschließlich dem Gemeinderath
zu und hütete sich mit peinlicher Aengstlichkeit vor jedem Schritt,
der ihm als eine Ueberschreitung seiner parlamentarischen Befugnisse
hätte ausgelegt werden können. Einzig und allein der Minister Kraus
zeigte sich als ganzer Mann. Er bewies zugleich durch sein Verhalten,
wie streng legitim er die Wiener Behörden und ihr Wirken betrachte. Er
erhöhte den Sold der mobilen Nationalgarde aus Staatsmitteln und hob
einstweilen die Verzehrungssteuer auf Lebensmittel auf, um die Einfuhr
größerer Proviantvorräthe nach Wien zu ermuntern. Er hatte, wie schon
erwähnt, am 12. Oct., im Einverständnisse mit dem Reichstagsausschusse
den von den demokratischen Vereinen vorgeschlagenen provisorischen
Obercommandanten der Stadt, Wenzel Messenhauser, in dieser
Würde bestätigt. Er hatte endlich dem ohnmächtigen Protest der
übrigen Behörden beim Banus den förmlichen Befehl der von ihm
selbst verwalteten kaiserlichen Regierung hinzugefügt, sofort den
österreichischen Boden zu verlassen.[243]

Am wenigsten war #der# Mann seiner Aufgabe gewachsen, der bei kühner
Entschlossenheit und einiger Anlage zum Feldherrn alle Fehler der
Behörden leicht überwunden und mit Hülfe der Ungarn der bedrängten
Stadt sicherlich den Sieg verschafft hätte: der Obercommandant Wenzel
Cäsar Messenhauser.[244]

Seine Wahl zum Obercommandanten dankte er vornehmlich seiner
grenzenlosen Gutmüthigkeit und Naivetät, welche den eigentlichen
Führern der demokratischen Vereine versprach, daß er ein willenloses
Werkzeug ihrer Oberleitung sein werde, und dann dem Aberglauben, daß
ein k. k. Offizier a. D. etwas von militairischer Führung oder gar von
Feldherrnschaft verstehen müsse. Außerdem brachte Messenhauser die
unleugbare Ehrbarkeit seines Wesens, unendlichen Enthusiasmus, die
größte Selbstlosigkeit, den redlichsten Willen und das unausrottbare
Bedürfniß mit, die verhaßte Kürze der „corporalsmäßigen Tagesbefehle“
durch gewaltige Proclamationen in dem blühenden Bombast seines
noch ungezähmten Deutsch zu ersetzen. Die Ausarbeitung dieser
Stilübungen nahm den Obercommandanten während der größten Zeit
des Tages in Anspruch. Er ist darin unglaublich fruchtbar gewesen.
Sein Generalstabschef Fenneberg meint, es seien damals in Wien an
Proclamationen mehr Rieß Papier verdruckt, als Kanonenkugeln abgefeuert
worden, obwohl letztere sich in die Tausende beliefen. Von seinem Amte
hatte Messenhauser (13. October) mit der ersten dieser Proclamationen
Besitz ergriffen, welche lautete: „In diesen Stunden, wo jeder Tag ein
Blatt der Weltgeschichte füllt, versenken wir trübe Erinnerungen auf
ewig in den Strom des Vergessens und wollen theure Errungenschaften
durch begeisterte Hingebung und kalte Besonnenheit gegen mächtige
Gefahren behaupten.“ Jede Gelegenheit hatte inzwischen der neue
Obercommandant zu gleich geschmackvollen Aeußerungen ergriffen. Den
General Auersperg belehrte er über die Natur der Bewegung vom 6.
October, „welche sonnenklar eine Volkssache sei,“ und theilte ihm
mit, daß „er, Messenhauser, in seinem diplomatischen Verkehre die
Richtschnur angenommen, offen vor dem ganzen Volke zu verhandeln“. Er
offenbarte der Nationalgarde, daß „auf den Fittigen der Minuten im
Felde Erfolg und Sieg ruhe“ und daß er, „der Mensch, das Individuum,
der Bürger Messenhauser gar keine Ansicht habe, sondern nur die
Ueberzeugungen der tagenden Völker vollstreckte“. An den Banus richtete
er „Noten in dem düsteren Charakter eines Ultimatums,“ und schließlich
schwang er sich in einem Tagesbefehle zu der selbstmörderischen
Erkenntniß auf: „Mit Redensarten schlägt man keinen Gegner.“ Es ist
traurig, wenn in so ernsten Tagen die komischen Personen die Hauptrolle
spielen. Zum Soldaten und Commandanten fehlte Messenhauser Alles: Ruhe,
Kenntnisse, Umsicht, Energie, Begabung. Nicht einmal „die Verhältnisse
der Oertlichkeit“ waren ihm bekannt (Helfert und Auerbach). Während der
wichtigsten Entscheidungsstunden des Kampfes wies er alle Meldungen ab,
um eine politische Kannegießerei ungestört fortzuführen. Seine größte
Schuld aber bestand darin, daß er von heldenmüthiger Vertheidigung
und von künftigen Siegen sprach, während er von Anfang an die Sache
Wiens für eine hoffnungslose gehalten haben will[245], und daß er „wo
möglich einen andern Ausweg, als den gewaltsamen Zusammenstoßes“ auch
dann noch anstrebte, als die Entscheidung längst auf die Schneide der
Waffen gestellt war. Seine Pflicht wäre gewesen, von Anfang an zu
capituliren oder zu resigniren. Zu Beidem fehlte ihm die Kraft, ja
er war es hauptsächlich, der durch seine zweideutigen Botschaften
vom Stephansthurm beim Herannahen der Ungarn an die Schwechat den
Wiederausbruch der Feindseligkeiten verschuldete, als die Capitulation
schon abgeschlossen war.

Diese traurige Beschaffenheit der Behörden, in deren Hand Gut und
Leben Hunderttausender ruhte, und deren Schwäche Blum schon am ersten
Tage durchschaute, wurde aber besonders verhängnißvoll durch die
Zudringlichkeit illegitimer Gewalten, die von Anfang an, ehrgeizig
und unzufrieden, sich zur Herrschaft, mindestens zur schonungslosen
Kritik über die Herrschenden, herandrängten. Schon am 19. October
waren Blum und seine Genossen Zeugen, wie Chaizes in der Sitzung des
demokratischen Centralvereins über den Reichstag schimpfte und ihm
rundweg das Vertrauen des Volkes kündigte, und Zeugen der schimpflichen
Ausweisung des Prof. Wuttke aus Leipzig. Schon da „erkannten sie die
ganze Hilflosigkeit der angeblichen Volksführer“.[246] Trotz der
ungeheuren Dürftigkeit der Prozeßacten des Kriegsgerichts wider Blum
-- seine Acten sind die kürzesten, die das „permanente Standrecht“
überhaupt geführt hat -- findet man doch auch aus dem Verhörsprotokoll
bestätigt, daß und warum Blum am 19. October zu seiner Abreise von Wien
sich fest entschlossen hatte: „Wir fanden die Verhältnisse anders als
wir geglaubt hatten.“ Wie herrlich hatte die Wiener Revolution aus der
Ferne ausgesehen -- wie kläglich und verworren erschien sie Blum in der
Nähe!

Am 20. October früh erhob Blum seinen Paß bei dem Sächs. Gesandten
von Könneritz. Er hatte gehofft, auch Fröbel werde dort einen Paß
erhalten. Aber da das Reich Schwarzburg-Rudolstadt nicht durch Sachsen
in Wien vertreten war, und Fröbel der diplomatischen Vertretung
Schwarzburgs nicht traute, so erwies sich diese Hoffnung als trügerisch
und Blum mußte warten, bis die Genossen einen Paß „auf drei Tage“ von
Messenhausers Generalstabschef Fenneberg erhielten. Diese Zögerung
wurde für ihn verhängnißvoll. Denn als sie nun die Stadt verlassen
wollten, stellte man ihnen vor, daß Wien bereits von allen Seiten durch
Militär umschlossen sei, und die Passirscheine Fennebergs ihre Inhaber
und deren Begleiter (Blum) ebenso wie die Abgeordneten-Legitimationen,
welche sie bei sich führten, den kaiserlichen Offizieren eher zur
Gefangennehmung und Mißhandlung als zum Durchlaß empfehlen dürften.
Ja man spiegelte den Abgeordneten geradezu vor, österreichische
Abgeordnete seien bereits angehalten worden.[247] Leider glaubten die
Frankfurter Deputirten diesen Angaben, die sicherlich falsch waren
-- mindestens hatte der Cernirungsring der Kaiserlichen damals noch
erhebliche Lücken und kein österreichischer Abgeordneter ist vor dem
24. October angehalten worden. Diese Vorspiegelungen wurden gemacht,
weil die Führer der Wiener Bewegung ungern „das moralische Gewicht“
entbehrten, „welches das Erscheinen und Verweilen dieser vier deutschen
Männer in Wien für die leicht erregbare Menge hatte, der man jetzt
vorsagen konnte, halb Deutschland stehe hinter ihnen.[248]“ Daß Blum
nur höchst ungern blieb, und auch am 20. nur auf Abreise sann, nicht
mehr an Betheiligung an der verworrenen Bewegung, daß er nicht blieb
aus revolutionärem Instinct und Behagen, wie Helfert insinuirt, das
erhellt zunächst daraus, daß er vom 20. bis 26. Oct. sich von jedem
persönlichen Antheil am Kampfe und Waffendienst fern hielt, und am
20., wie wir sehen werden, eine Stelle nur in demjenigen Corps
annahm, welches die Ruhe und Ordnung der Stadt wahren sollte. Dasselbe
erhellt aber auch aus einem Briefe Blums an seine Frau vom 20. October
Nachmittags, den Helfert kannte.[249] Er lautet:

  „Meine liebe Jenny! Ob Du diese Zeilen erhältst, weiß ich nicht; da
  aber mein Weg gut ist, versuche ich's wenigstens. Du erwartest mich
  Sonntag oder Montag, und ich bin indessen hier fest eingeschlossen,
  so daß Niemand mehr heraus kann. Gestern ist dies vollendet
  worden und heute sieht man eifriger und sehnsüchtiger als je der
  Entscheidungsschlacht entgegen. Wir sind also völlig in die Hand
  des Kriegsglückes gegeben, und ob wir herauskommen, wann wir
  fortkommen, wohin wir den Weg nehmen -- davon haben wir in diesem
  Augenblicke noch keinen Begriff. Ob über Kärnten nach Triest, oder
  über Salzburg nach Baiern, läßt sich nichts, nichts bestimmen. Sei
  indessen unbesorgt, wir werden schon irgendwo durchkommen, und geht's
  nicht, nun so kosten die nächsten Tage so edle Opfer, daß es sich
  wohl lohnt, unter ihnen zu sein. Sobald die Entscheidung gefallen
  und dann irgend ein Weg offen ist, gehen wir. Wiens Begeisterung
  und Kampfesmuth ist unermeßlich, und man lebt jede Stunde ein
  ansehnliches Stück Menschenleben, wenn man diese Züge geistiger
  Größe sieht. Man achtet das Leben nicht im geringsten, geht auf
  den Vorposten hin und her und wechselt Kugeln, wie man sich mit
  Brotküchelchen wirft nach heiterm Mahle ... In Wien entscheidet
  sich das Schicksal Deutschlands.... Siegt die Revolution hier,
  dann beginnt sie von neuem ihren Kreislauf; erliegt sie, dann ist,
  wenigstens für eine zeitlang, Kirchhofsruhe in Deutschland ... Sei so
  unbesorgt als möglich, ich bin in sehr heiterer Stimmung und werde
  es bleiben bei jeder Wandlung, denn die Sache ist groß. Hoffentlich
  sehen wir uns wieder und bald. Die Kinder brauch' ich Dir nicht zu
  empfehlen, sie sind ja Dein. Grüße und küsse sie recht herzlich“ u.
  s. w.

Der verhängnißvolle Irrthum des Briefstellers besteht darin, daß
er annahm, in Wien entscheide sich das Schicksal Deutschlands. Das
war nicht der Fall und konnte nicht der Fall sein. Er kannte die
verschlungenen Verhältnisse des damaligen Oesterreich nicht, wenn er
das annahm. Dieser Irrthum aber ist es, der den energischen, tapfern
Mann endlich doch zu dem Entschlusse drängte, sich wenigstens am
Waffendienste für die Ruhe der Stadt zu betheiligen. „Wir glaubten
als Fremde, die in einer schwer bedrängten Stadt sich als Gäste
aufhielten, die Pflicht zu haben, und es unserer Ehre schuldig zu sein,
an den allgemeinen Lasten theilzunehmen, namentlich da man uns gesagt
hatte, daß man zur Aufrechterhaltung der inneren Ruhe und Sicherheit
auf unsere Namen Werth legt“, sagte Fröbel am 18. November in der
Paulskirche.

Die Heersäulen, welche vom 20. October an die Umschließung der Stadt
vollendeten, standen unter dem Oberbefehl des Fürsten Alfred zu
Windischgrätz. Das war nun schon der zweite General, der ohne jede
constitutionelle Berechtigung sich zum Bändiger der Hauptstadt, zum
Retter des Thrones aufwarf „und den Willen des Monarchen kurzweg
voraussetzte“. (Springer, S. 563). Schon am 11. October hatte der Fürst
in Prag eine Proclamation erlassen, in welcher er seinen Abmarsch
nach Wien ankündigte: „die Anarchie in Wien legt mir die Pflicht auf,
mich mit einem Theile der mir unterstehenden Truppen zum Schutze
des Monarchen und zur Wahrung der Einheit der constitutionellen (?)
Monarchie von hier zu entfernen.“ Kein Wort von einem Auftrag des
Kaisers war in dieser Ankündigung zu entdecken; Böswilligkeit konnte
man denen nicht vorwerfen, welche diese Worte so auslegten, als handle
Windischgrätz auf eigne Faust. Um dieses Urtheil von seinem Helden
abzuwenden, enthüllt uns der Haushistoriker der Familie Windischgrätz,
Herr v. Helfert, die ganze Geheimgeschichte der Unterhandlungen, die
zwischen dem Fürsten und dem Hofe seit dem Beginn der Bewegung des
Jahres 1848 gespielt haben. Diese Intriguen, welche zur großen Ehre
des Fürsten dienen sollen, enthüllen einen so tiefen Abgrund von
Treulosigkeit und doppelzüngiger Verlogenheit, wie er selbst in der
österreichischen Geschichte selten angetroffen wird. Herr v. Helfert
hat dabei nur zu rühmen. „Ein großer, eines Helden der classischen
Zeit würdiger Gedanke!“ ruft er aus, als die hochverrätherischen --
weil verfassungswidrigen und ungehorsamen Umtriebe des Fürsten die
erste feste Gestalt gewinnen. „Windischgrätz war fest entschlossen, die
der Revolution gegenüber gewonnene Stellung nicht wieder aufzugeben,
vielmehr die Kräfte bereit zu halten, um im geeigneten Zeitpunkte das
Werk ihrer vollständigen Niederwerfung zu Ende zu führen. Unmittelbar
nach den (Prager) „Junitagen“ (wo er die Revolution blutig niederwarf),
sandte er den Obristlieutenant Baron von Langenau in geheimer
Sendung nach Innsbruck“ (an den kaiserlichen Hof), „um sich für
unvorhergesehene (!) Ereignisse die nöthige Vollmacht zu erbitten; sie
kam in einem kaiserlichen Handschreiben, worin ihm für den eintretenden
Fall (!) „der unbeschränkte Befehl über alle kaiserlichen Truppen
der Monarchie, die italienische Armee allein ausgenommen, eingeräumt
wurde. Von da an blieb Windischgrätz mit dem kaiserlichen Hoflager in
unausgesetztem Verkehr, den die regierende (?) Kaiserin unmittelbar
führte“.[250] Windischgrätz setzt sich nun in Verbindung mit Generälen
von der Verfassungstreue seines Schlages und erhält die Zusage auf
eine Unterstützung von 15-20,000 Mann „für den Fall des Bedarfs“. „Bei
allen diesen Verhandlungen blieben das kaiserliche Handschreiben und
überhaupt die näheren Beziehungen Windischgrätz's zum Hofe strenges
Geheimniß; auch Latour“ -- der Kriegsminister, der seine Treue zu dem
falschen Kaiserhofe mit dem Tode besiegelte! -- „erfuhr davon nichts“.
Im Gegentheil beginnt nun vom 7. Juli an zwischen dem Kriegsminister
und dem Hochverrath spinnenden Fürsten ein Briefwechsel, der auf Seite
des Ministers zu begreiflicher Erbitterung, auf Seite des Fürsten zu
steigender Frechheit des Ungehorsams führt, zu einem Trotz und einer
Nichtachtung der von Wien erhaltenen Befehle, die einem preußischen
General sofortige schimpfliche Cassation, wenn nicht die Kugel auf dem
Sandhaufen eingetragen hätten. Was sagt uns Herr v. Helfert darüber?
„Doch Windischgrätz, der von der Höhe des Hradschin über die Grenzen
Böhmens und von den Verhältnissen des Augenblicks auf das, was eine
nahe Zukunft bringen konnte, hinausblickte, sträubte sich dagegen
mit aller Macht.“ Als Windischgrätz dem Minister, der die böhmischen
Truppen in Italien und für den Einfall des Banus in Ungarn nothwendig
brauchte, schließlich rund heraus erklärte: „er werde sich unter keiner
Bedingung zur Fortsendung der verlangten Truppenkörper hergeben; er
(Windischgrätz) bitte, ihn nicht in die Lage offener Weigerung zu
bringen, da er fest entschlossen sei, in jener Richtung ihm zukommenden
Befehlen nicht zu entsprechen“ -- da riß doch selbst dem greisen
Latour die Geduld. Er sprach nun von der Abberufung des Fürsten,
und bezeichnete dessen Verhalten als „ein seit dem dreißigjährigen
Kriege in der kaiserlichen Armee nicht vorgekommenes Beispiel offenen
Ungehorsams eines commandirenden Generals“.[251] Leider störte die
Ermordung Latours die einzige Lösung des Conflicts, die mit der
Ehre der Regierung verträglich, die einzige, die denkbar war, wenn
Oesterreich auf den Begriff eines Staates ferner Anspruch machen
wollte: die Cassation und Bestrafung des Rebellen in Generalsuniform.

Mit dem Ausbruch der Wiener Revolution ließ er die Maske fallen. Hatte
er doch, wie uns Herr v. Helfert versichert, (offenbar ohne zu ahnen,
welches Verbrechens er damit den Fürsten beschuldigt) „im stillen
längst seine Anstalten für den äußersten Fall getroffen“. Am 11.
erschien sein bereits erwähnter Aufruf „An die Bewohner Böhmens“, in
welchem zum großen Erstaunen der Tschechen deren loyale Gesinnung von
demselben Fürsten belobt war, der das Juni-Blutbad in der böhmischen
Hauptstadt angerichtet hatte. Am 15. brach Windischgrätz von Prag
auf, zog aber vorläufig in dem dunkeln Drange der Erkenntniß, daß
seine Innsbrucker Vollmacht doch wohl einigen staatsrechtlichen
Zweifeln begegnen könne, nicht nach Wien, sondern nach Olmütz,
wo er am nämlichen Tage bei Hofe eintraf, „von der kaiserlichen
Familie sehnlichst erwartet“. Auch die reinlichen Verhandlungen, die
hier gepflogen wurden, enthüllt uns Herr v. Helfert.[252] Kübeck
war für einen glatten Staatsstreich: Auflösung des Reichstags,
Belagerungszustand in der ganzen Monarchie, Bekleidung des Fürsten
Windischgrätz mit schrankenloser Dictatur. Fürst Felix Schwarzenberg
dagegen, der im Grunde ja dasselbe Ziel anstrebte, rieth auch jetzt
noch die constitutionelle Maske beizubehalten, nur den Reichstag in
eine „unbefangene Landstadt“ zu verlegen, und Windischgrätz stellte
seinerseits nur (!) die Bedingung, daß von dem neu zu bildenden
Ministerium kein wichtiger Schritt unternommen, namentlich keine
organisatorische Verfügung getroffen werde, zu deren zustimmenden
Mitwisser er zuvor nicht gemacht worden. Vor der Welt wurde nur
die Erhebung des Fürsten Windischgrätz zum Feldmarschall -- mit
Ueberspringung des Feldzeugmeisterranges -- und dessen unbeschränkte
Vollmacht zur Herstellung der Ordnung und Gesetzlichkeit im
außeritalienischen Oesterreich bekannt“. Natürlich, denn es wäre
eine zu eigenthümliche Beleuchtung der Wahrheitsliebe des Fürsten
gewesen, wenn man hätte bekennen wollen, „die Wahrung der Einheit
der constitutionellen Monarchie“, für die der Fürst angeblich nach
seiner Proclamation vom 11. von Prag aufgebrochen, bestehe in dem
absoluten Veto des Fürsten gegen jede wichtigere Handlung der Regierung
und in seiner schrankenlosen Dictatur! Vom Rechtsstandpunkte aus
war übrigens das kaiserliche Manifest, welches diese Vollmacht „vor
der Welt“ dem Fürsten übertrug, in nichts gesetzlicher, als der von
Kübeck angerathene Staatsstreich. Auch das Manifest entbehrte jeder
ausreichenden Gegenzeichnung. Und im Grunde etablirte es dieselbe
schrankenlose Dictatur, die Kübeck offen beim Namen genannt wissen
wollte.

Schon am 15. October war eine Deputation des Reichstags und
Gemeinderaths aus Wien in Olmütz erschienen, um den Kaiser um Abwendung
des Aeußersten, des Sturmes auf seine Hauptstadt, zu bitten. So
zweideutig wie immer wurde sie vom Monarchen beschieden. Viel klarer
sprach der gefürstete Dictator, der monatelang gegen die Befehle der
kaiserlichen Minister rebellirt hatte, am 18. zu Pillersdorff, als
dieser ihm auf dem Wege nach Wien in geheimer Mission entgegenkam:
„Mit Rebellen werde ich nicht unterhandeln“.[253] Es kann nicht
Wunder nehmen, wenn der Freiherr v. Helfert, nachdem ihm die
handschriftlichen Schätze des Windischgrätzer Hausarchivs überlassen
worden, dem Grundsatze _noblesse oblige_ folgt, und versucht, unsern
durch die Weltgeschichte verdorbenen Geschmack dadurch zu verbessern,
daß er den Fürsten Windischgrätz als den heldenhaftesten, edelsten,
leutseligsten, gutmüthigsten und mildesten Menschen hinstellt, den
etwa im letzten Jahrtausend die österreichische Erde hervorgebracht.
Freilich ist Herr v. Helfert, wie schon bemerkt, ungemein genügsam
in seinen Ansprüchen an große Männer. Und es kann ja sein, daß Fürst
Windischgrätz, wie Helfert in zorniger Erregung versichert, das Wort
nicht gesprochen hat, das ihm bis zum Erscheinen von Helferts Werk
zugeschrieben wurde: „Der Mensch fängt erst beim Baron an“. Es kann
sein, daß Fürst Windischgrätz den österreichischen Baron nicht so
hoch taxirte; wenn vielleicht auch damals diese Standeserhöhung noch
nicht so tief im Werthe stand wie vor einigen Jahren, wo jeder höhere
österreichische Beamte, Militair und Gründer der taxfreien Verleihung
des k. k. österreichischen „von“ fast nur durch Selbstmord entgehen
konnte. Aber all diese Rettungsversuche vermögen die Gestalt des
Fürsten in kein günstigeres Licht zu stellen, als ihm die Geschichte
nach seinen #Handlungen# angewiesen hat. Einige dieser Handlungen sind
ja leider in der Folge noch zu berichten.[254]

Am 20. October war Fürst Windischgrätz bis Lundenburg vorgerückt
und sein Aufmarsch gegen Wien nahezu vollendet[255]. Er erließ
am nämlichen Tage von Lundenburg aus eine Proclamation gegen die
Hauptstadt, in welcher es hieß: „Ihr werdet in mir den Willen und
die Kraft finden, Euch aus der Gewalt einer Handvoll Verbrecher
zu befreien.“ Im Uebrigen wurde Belagerungszustand, Standrecht,
die Suspension aller Civilbehörden verkündigt. Eine Deputation des
Gemeinderathes, welche am 22. Morgens in das fürstliche Lager kam,
ließ sich die Proclamation nebst dem kaiserlichen Manifest vom 16.
versiegelt in der ganzen Auflage nach Wien aufpacken und mitgeben, ohne
den Inhalt zu kennen; so erschreckt war sie über des Fürsten polternde
Drohungen. Am nämlichen Tage trafen die Frankfurter Abgeordneten
Welcker und Mosle, die der Reichsverweser als Friedensstifter
entsendet, in Lundenburg ein und wurden schließlich, nachdem sie
sich an der Tafel der Offiziere „ganz behaglich gefühlt“, auch
von Windischgrätz empfangen. Die Generale hatten erst große Mühe
gehabt, dem Gewaltigen begreiflich zu machen, daß die Reichsboten
nicht zu den verächtlichen Demokraten gehörten. Er behandelte also
die Herren, wie Welcker versichert, „mit größter gesellschaftlicher
Auszeichnung.“[256] Aber als Welcker beredt zu Ausgleich und Versöhnung
mahnte, erwachte im Fürsten doch wieder das Mißtrauen, daß man ihm am
Ende doch verkappte Demokraten von Frankfurt zugesendet habe und er
unterbrach den Sprecher brüsk mit den Worten: „Es scheint fast, als
wenn Sie für die Wiener Volks-Souveränetät Partei nähmen! Mein Monarch
selbst kann augenblicklich in Wien nichts thun, da (!) derselbe mir
unbedingte Vollmacht gegeben hat. Haben Sie etwa ein besseres Recht
sich einzumischen, als der Kaiser von Oesterreich?“ Endlich, als sich
Welcker auf seinen Auftrag vom Reichsverweser berief, schnarrte der
Fürst grob: „Ihre Vollmachten brauche ich nicht einzusehen. Oesterreich
bedarf der Paulskirche nicht; es wird den Kampf um sein Bestehen allein
ausfechten.“[257] So verfuhr der liebe menschenfreundliche Herr (nach
Herrn v. Helfert) mit den Boten seines Erzherzogs!

In Wien war die Proclamation des Fürsten am 21. Nachmittags am
Gebäude des Kriegsministeriums und einigen Straßenecken angeklebt und
herabgerissen worden. Diese Botschaft des Fürsten erzeugte bei einigen
Schwächlingen Furcht, vorwiegend aber ungeheure Erbitterung. Der
Reichstag beschloß, diese Proclamation für ungesetzlich zu erklären.
Jubelnd stimmte der Gemeinderath bei. In der Bevölkerung tobte der Zorn
in wilden Scenen aus. Zum ersten Mal waren werthvolle Sammlungen der
Stadt, geistliche Grabstätten gefährdet.

Am 23. berief Blum eine Volksversammlung in die Aula. Der Saal war
keineswegs blos von Studenten gefüllt. Auch einige gediegene Spitzel,
„die sich um das, was Blum zu sagen hatte, nicht viel zu kümmern
schienen“[258], aber doch später vor der Standrechts-Commission mit
den Früchten ihrer Erinnerung gegen Blum aufwarten konnten, scheinen
sich hier eingefunden zu haben. Noch heute ist das Urtheil über diese
Rede getheilt, weil ihr Wortlaut nicht feststeht. Am richtigsten
dürfte der Text der Rede in der „Wiener Zeitung“ sein; denn diese war
das offizielle Organ der damaligen Behörden und hatte daher unter
allen das größte Interesse, die vielbesprochene Kundgebung eines
hervorragenden Mannes so richtig und treu als möglich zu geben. In
der „Wiener Zeitung“ findet sich keine Stelle, aus welcher man Blum
ein Verbrechen oder die Anstiftung zu einem solchen zur Last legen
könnte. Aus dieser Quelle schöpfen aber die Herren nicht, die gern
Alles, was Blum betrifft, ins Schwarze malen, um den Justizmord, der
an ihm verübt wurde, zu beschönigen; namentlich Herr v. Helfert.
Sie citiren lieber die notorisch schwarzgelbe „Presse“ und die Blum
feindselige „Ostdeutsche Post“, weil hier Blum die monströsesten
Dinge in den Mund gelegt werden; Dinge, die er jedenfalls berichtigt
haben würde, wenn die beiden Blätter nicht am 25. October schon eines
sanften Todes verblichen wären.[259] In der „Presse“ erschien der
Angriff auf Blum „Robert Blum auf der Aula“ erst am 25., in der letzten
Nummer des Blattes, in der „Ostdeutschen Post“ am 24. Abends. Ferner
aber übersehen die leidenschaftlichen Ankläger Blum's auch, daß sie
viel zu viel beweisen, wenn sie behaupten, Blum habe damals in den
wildesten Ausdrücken zum „Mord aller Fürsten“ u. s. w. aufgefordert.
Die entscheidende Frage ist doch einzig und allein die: welche Worte
der Rede hat das Kriegsgericht später zur Anklage gezogen? Die Antwort
hierauf liefert das Vernehmungsprotocoll bei Blum's Verhör vor dem
Kriegsgericht. In diesem ist ein einziger Satz aus Blum's Aula-Rede,
und zwar nach der Version der „Ostdeutschen Post“, als aufrührerisch
bezeichnet. Er lautet: „Man möge an die Stelle des früheren Bandes der
Gewalt, welches die verschiedenen Nationalitäten des österreichischen
Kaiserstaates zusammengehalten, das Band gemeinsamer #Freiheit#
setzen“. Das Kriegsgericht verstand darunter die Republik! --
während die ganze Wiener Bewegung von Haus aus streng monarchisch
-- aber allerdings constitutionell-monarchisch war! Wenn daher Herr
v. Helfert am Schlusse #seiner# Darstellung dieser Volksversammlung
in der Aula behaglich berichtet: „Der gefeierte Demagog (Blum) war
von diesem Zeitpunkte seinem Verhängniß verfallen“[260], so hat er
offenbar abermals keine Empfindung für die klägliche Rolle, die er
dem Kriegsgericht zuweist. Dasselbe hat nur eine einzige, unleugbar
mißverstandene und sinnwidrige ausgelegte Stelle der Rede Blum's, und
diese eine Stelle, obendrein in der Fassung einer Blum feindseligen
Zeitung zur Anklage gezogen, und alles Uebrige, was Blum damals sagte,
unberücksichtigt gelassen.[261] Wenn also Herr v. Helfert behauptet,
Blum sei durch diese Rede seinem „Verhängniß verfallen“, so heißt das
nichts Anderes, als: der schmähliche Vorwand für den Justizmord war
hier gefunden! Wie wenig diese Rede gerade einen aufrührerischen,
die Hörer zu aufgeregtem Handeln anspornenden Inhalt gehabt haben
kann, geht wiederum am besten aus dem Bericht der offiziellen „Wiener
Zeitung“ über die Rede hervor, der sie „zu matt“ (!) war: „es waren
nur allgemeine Redensarten, wie wir sie auch hier von Eingeborenen
(!) öfters und vielleicht drastischer ausgesprochen hören“. Auch
diese Stelle war Herrn v. Helfert bekannt[262] und gleichwohl
entstellt er die Sache in so tendenziöser Weise. Wer die Rede (in der
Fassung der „Wiener Zeitung“) liest und sie mit andern authentischen
Reden Blum's vergleicht, wird sie allerdings in Inhalt und Form zu
seinen schwächsten Leistungen zählen. Blum fühlte sich eben, wie
der mitanwesende Berthold Auerbach treffend bemerkt, in der ihm
fremdartigen Umgebung nicht wohl; er beherrschte die Volksseele nicht,
an die er sich wendete; er hatte keine Fühlung mit den eigenthümlichen
Verhältnissen des Kaiserstaates, die scharf zu berühren waren, wenn die
Zuhörer besonders bewegt werden sollten. Schon diese eine Thatsache
hätte Blum's Richter, hätte noch mehr Herrn v. Helfert, der zwanzig
Jahre später schrieb, vor so gezwungenen Auslegungskünsten bewahren
sollen, zumal Zeugen jener Tage, wie der spätere Kampfgenosse Blum's,
L. Wittig[263], versichern: „Blum's Rede sei eine der ruhigsten und
besonnensten gewesen, die in Wien gehalten worden sei.“

„Noch an demselben Abend schrieb Blum im Club einen giftgetränkten
Aufsatz für den demokratischen Central-Ausschuß, der am nächsten Morgen
unter dieser Firma an den Straßenecken zu lesen war,“ berichtet v.
Helfert weiter. „Giftgetränkt“ muß Hrn. v. Helfert hauptsächlich der
Satz vorgekommen sein[264]: „Wir kämpfen nicht mehr für politische
Ansichten, wir kämpfen wie jenes schlichte Hirtenvolk in der Schweiz
gegen den Uebermuth der kaiserlichen Vögte, für unsere Freiheit, für
unsere Ehre, für unsern Herd, für unser Weib und unsere Kinder. Wer
ist der Feigling, der an diesem heiligen Kampfe #nicht# Theil nimmt?“
-- denn es ist der einzige, den Helfert anführt. Die Argusaugen der
Richter Blum's haben in diesem Aufruf nichts Giftiges oder auch nur
Verfängliches gefunden. Wie schade, daß Herr v. Helfert nicht damals
schon sie eines Besseren belehren konnte. Sie hätten eine #noch#
einfachere Anleitung bekommen, um das Wort Lessings wahr zu machen:
Thut nichts, der Jude wird verbrannt.

Zu gleicher Zeit erschien am 24. October im „Radikalen“ von Becher und
Jellineck unter der Ueberschrift „Belagerungszustand und Standrecht“
ein Artikel aus Blum's Feder, mit seinem Namen unterzeichnet, in
welchem er, allerdings in höhnischer und verletzender Form, aber
durchaus richtig und treffend das rechtswidrige Auftreten des Fürsten
Windischgrätz und die Verdrehungen seiner Proclamation geißelte. In
ruhigen Tagen würde Blum in dieser Form nicht geschrieben haben. Aber
es waren eben keine ruhigen Tage. Und die „Denkschrift“, welche der
sonst so zaghafte Gemeinderath Wien's am 24. an den Fürsten zu senden
beschloß, stimmt großentheils wörtlich, überall im Gedankengang überein
mit Blum's Artikel.[265] Wie Blum, wies der Gemeinderath nach, „daß von
Anarchie in Wien keine Spur, die Aufregung nur durch die feindlichen
Truppenbewegungen hervorgerufen sei, daß nicht eine kleine Fraction in
Wien herrsche, die Stadt vielmehr einig sei in dem Bestreben, Freiheit
und Ordnung zu erhalten.“ Die Denkschrift ging sogar weit hinaus über
das, was Blum zu sagen wagte. „Die Anwendung von Gewalt“, erklärte
der Gemeinderath, „könnte leicht der Beginn von Kämpfen werden, die
in der Folge nicht mehr den Parteien, sondern dem Throne Verderben zu
bringen im Stande wären!“ Und doch ist kein Mitglied des Gemeinderathes
aus diesem Grunde zur Verantwortung gezogen worden. Auch in Blum's
kurzen Proceßacten ist sein Artikel im „Radikalen“ vom 24. October gar
nicht erwähnt. Vielleicht deckt aber dennoch Herr v. Helfert geheime
Karten der damaligen Vorsehung von Lundenburg-Hetzendorf auf, wenn er
sagt[266]: „Wenn Blum lachte, da er seinen aberwitzigen (?) Artikel
zu Papier brachte, und wenn Becher und Jellineck vor boshafter Freude
grinsten, als sie den Artikel in die Druckerei ihres Blattes sandten,
so hatten die drei wohl keine Ahnung, daß es ihr eigenes Todesurtheil
war, das sie sich geschrieben hatten.“ Vermuthlich will Herr v. Helfert
an dieser Stelle nur seine Befähigung als fürstlich windischgrätzischer
Haushistoriker nachweisen?

Inzwischen hatte Fürst Windischgrätz selbst erkannt, daß er mit seiner
Proclamation vom 20. einen kühnen Mißgriff gethan habe. Auf die
Beschlüsse und Vorstellungen des Reichstags und einzelner Deputationen
erließ er daher am 23. October eine neue Proclamation vom Hauptquartier
Hetzendorf aus, die ihn zwar nicht, wie Herr v. Helfert von Adalbert
Stifter sagt, als „Beherrscher einer wundervollen Prosa“ erkennen
ließ, aber doch als einen General, der das Blut seiner Leute auch
um den Preis einiger Nachgiebigkeit noch schonen wollte. Er stellte
von selbst weit glimpflichere Bedingungen als am 20. „Im Verlaufe
des Belagerungzustandes habe ich befunden“, versicherte der Fürst in
seinem eigenthümlichen Deutsch, „folgende fernere Bedingungen zu
stellen“: Auflösung aller bewaffneten Corps, „Sperrung“ der Aula;
Auslieferung der academischen Legion, und von zwölf Studenten als
Geißeln, desgleichen „mehrerer, vom Fürsten noch zu bestimmenden
Individuen“; Suspension aller Zeitungen, bis auf die Wiener Zeitung,
die „auf die Wiedergabe amtlicher Nachrichten eingeschränkt bleibt.“
Binnen 48 Stunden gebot er Annahme der Bedingungen oder Eröffnung der
Feindseligkeiten. Durch neue Deputationen ließ er sich schließlich
zu einer theilweisen Milderung auch dieser Bedingungen bewegen. Er
verlangte nun blos noch die Auslieferung folgender Personen: „des
angeblichen polnischen Emissärs Bem, der sich unberufen in die Wiener
Angelegenheiten mischt[267], Pulszky's, eines demokratischen Schreiers
Namens Schütte, und der Mörder Latour's.“ Diese Liste ist bezeichnend
für das ganze, auch Blum gegenüber später beobachtete Verhalten und
die Sachkenntniß der diplomatischen Kanzlei des Fürsten. Die Grundlage
für diese Zusammenstellung und für die Beurtheilung der Gefährlichkeit
der Gegner bildeten eben nur Zeitungsgerüchte und dunkle Erinnerungen
der fürstlichen Kanzleibeamten. Sonst hätten sie wissen müssen, daß
mehrere der hier genannten Personen Wien längst verlassen hatten oder
an den Octoberereignissen ganz unbetheiligt waren. Besonders wichtig
erscheint aber auch, daß in dieser Proscriptionsliste der Name Blum's
nicht vorkommt. Sein Verhalten in Wien #kann# also den Augen des
Fürsten nicht als das todeswürdige Verbrechen erschienen sein, wie
Herrn v. Helfert.

Der Gemeinderath wagte gegen diese Bedingungen keine Einwendungen mehr.
Auch Minister Kraus nicht, den der Fürst zum Erscheinen in Hetzendorf
aufgefordert hatte, und der am 25. mit Brestel vom Gemeinderath vor
den Gewaltigen trat. „Wissen Sie“, schrie Windischgrätz den Minister
an, indem er ihn am Arme faßte, „daß ich Sie als Gefangenen erklären
und nicht in die Stadt zurücklassen sollte!“ Darauf Kraus in seiner
unerschütterlichen Ruhe: „Behalten Sie mich da! Einen größern Gefallen,
wenn ich nur mein persönliches Interesse befragte, könnte man mir
nicht erweisen. Oder meinen Euer Durchlaucht, ich sei zu meinem
Vergnügen in Wien?“ Schlagfertigkeit war des Fürsten Sache nicht. Er
schaute, statt eine Antwort zu geben, den unglücklichen Brestel an,
den er offenbar auch wie den Geh. Rath Welcker für einen verkappten
Demokraten hielt und sagte dann barsch zu Kraus: „Der Herr da ist Ihnen
wahrscheinlich zur Controle beigegeben“?[268] So leutselig behandelte
der menschenfreundliche Feldherr den Minister seines Kaisers. Herr v.
Helfert selbst dient als classischer Zeuge für diese Verhandlung, „die
in solchem Tone begonnen, keinen günstigen Erfolg haben konnte“. Die
Herren stellten dem Fürsten vor, es werde wohl nicht möglich sein,
die Führer des Proletariats ihm auszuliefern, so lange dasselbe unter
Waffen stehe. Sie erinnerten ihn also an dieselbe „goldene Regel der
Nürnberger“, deren Erwähnung in Blum's Artikel im „Radikalen“ Herr v.
Helfert als todeswürdiges Verbrechen betrachtet. Sie ermunterten den
Fürsten, unverweilt in die schlecht vertheidigte Stadt zu ziehen, und
die gewünschten Geißeln sammt den Rädelsführern, nach Entwaffnung der
Mobilgarde, selbst zu greifen. Das wies Windischgrätz aber weit von
sich. „Der Mann hatte von dem Werthe auch des niedrigsten Soldaten
übertriebene Vorstellungen. Schonung der Truppen erschien ihm als die
höchste Feldherrnpflicht, nicht weil er sich als Vater derselben fühlte
-- solche gemüthliche Beziehungen blieben ihm fremd --, sondern weil
er es nicht verantworten zu können glaubte, im Interesse bloßer Bürger
die Soldaten zu opfern. Er wollte sie nicht der Noth und den Gefahren
eines Straßenkampfes preisgeben. Dafür gab er Wien den Gefahren eines
Bombardements preis“.[269]

Es kann nicht die Aufgabe sein, an dieser Stelle die Geschichte der nun
beginnenden ernstlichen Kämpfe um die österreichische Hauptstadt zu
schreiben, obwohl dem Verfasser hierfür Material zu Gebote stand, das
selbst Helfert entbehrt zu haben scheint.[270] Diese Darstellung würde
über den Rahmen dieser Arbeit weit hinausgehen. Zudem ist die Aufgabe
wenig lockend, bei dem grellen Abstand der Kraft und Leistungsfähigkeit
der kämpfenden Gegner. Im Ganzen sind die Ziffern richtig, die Blum
am 20. seiner Frau meldete: 100,000 Bewaffnete in der Stadt, 72,000
draußen. „Aber freilich auf jener Seite geübte Soldaten, hier Bürger“,
hatte auch er schon hinzugefügt. Und nun noch die unvergleichlichen
Gegensätze der Bewaffnung, der Führung, des Kriegsmaterials, des
Kriegsplans und -Ziels auf den beiden Seiten! Der energischste Führer
der Wiener, General Bem, der „die Vertheidigung nach außen im Großen
zu dirigiren“ hatte und Jedem, welcher der sofortigen Ausführung
seiner Befehle Zögerung oder gar Widerstand entgegensetzte, in seinem
gebrochenen Deutsch das verständliche Wort: „Enken!“ entgegendonnerte,
war eben doch nicht Obercommandant, fühlte sich bei jedem Schritte
gehemmt, und ohne die Mithülfe der Ungarn verzweifelte auch er am
Siege. Der Obercommandant dagegen eröffnete die Feindseligkeiten
abermals mit einer Proclamation. Am 25. schrieb er in Folge der
Kundmachung des Fürsten vom 23.: „Nie hat ein übermüthiger Brennus sich
in so schauerlicher Hoffart als Feind des ganzen Menschengeschlechts
erklärt. Mitbürger! laßt Euch durch die vermeintliche Stärke des
Feindes nicht in Bangen versetzen: in den Mauern unserer Hauptstadt
ersteht auf das erste Alarmzeichen ein Heer doppelt so stark als das
seine. Ich blicke heiteren Auges auf die Entscheidung der nächsten
Tage. Wir werden siegen, unser Belagerungszustand[271] wird ein kurzer
sein.“ In demselben Sinne schrieb Blum am 23. an die Gattin. So wenig
übersah er die wirklichen Machtverhältnisse.

Die Truppen des Fürsten hatten inzwischen die Stadt überall eng
umschlossen, die Zufuhr von Lebensmitteln gründlich abgeschnitten.
Empfindlicher Mangel begann sich bald fühlbar zu machen. Die
Vertheidiger sahen sich schon auf die Bollwerke der Barrikaden in den
Vorstädten zurückgedrängt. Wenige der natürlichen Vertheidigungslinien,
wie die Brigittenau und den Prater hielten sie noch besetzt, als
am 26. Morgens der umfassende allgemeine Angriff begann. Bei der
geringen Ausdauer der ungeschulten Vertheidigungstruppen und der
wachsenden Gährung unter den meisterlosen Elementen der großen
Stadt, hatte der k. k. Major a. D. Ernst Haug mit Recht schon am
24. zur Bildung eines „Elite-Corps“ aufgefordert[272], zum Schutze
der Ruhe und Ordnung der Stadt. Blum hatte bisher unmuthig sich zur
Unthätigkeit verurtheilt gesehen. Als dieser Aufruf erschien, der ihm
die willkommene Gelegenheit bot, sich der gastlichen Stadt nützlich
zu erweisen, ohne doch kämpfend in die verworrenen Verhältnisse
einzugreifen, beeilte er sich mit Fröbel, unter Haug's Commando im
_Corps d'élite_ eine Volontairstelle anzunehmen. Auch Moritz Hartmann
ließ sich einreihen[273] -- und dennoch wurde ihm später nicht ein
Haar gekrümmt! Das Corps bestand aus Nationalgarden, Mitgliedern der
academischen Legion und Arbeitern. Die Mannschaften wählten die beiden
Deputirten zu Hauptleuten, Blum zum Hauptmann der ersten, Fröbel der
zweiten Compagnie. In dieser Eigenschaft traten sie ihren Dienst
an. Bei Blum meldete sich alsbald ein achtzehnjähriger schmächtiger
Student der Mathematik aus Breslau als Freiwilliger, der hierher geeilt
war, um eine leibhaftige Revolution mitzumachen. Er hieß #Eduard
Lasker#[274]. Blum glaubte, ihm wenig active Betheiligung am Kampfe
versprechen zu können. Aber schon am nämlichen Tage (26. Oct) verfügte
Messenhauser vertragswidrig über das _Corps d'élite_. Er ließ Blum's
Compagnie in die Gefechtslinie an der Sophienbrücke einrücken. Blum
hätte sich mit Grund weigern können, dem Befehle Gehorsam zu leisten.
Aber diejenigen, die in solcher Weise über ihn verfügten, hatten ihn
richtig beurtheilt, wenn sie annahmen, daß er sich lieber dem Vorwurf
aussetzen werde, in der Noth der Verhältnisse seine neutrale Stellung
als Fremder verkannt zu haben, als dem Verdachte der Feigheit. Seine
Betheiligung am Kampfe als Compagnieführer konnte der Sache Wiens
in den entscheidenden Stunden von großem moralischem Nutzen sein,
konnte die feige Kampfscheu jener verweichlichten Großstädter mindern,
die man schon seit vielen Tagen aus ihren Häusern und Verstecken
„herauskitzeln“ mußte, um sie an die Barrikaden zu bringen. Das waren
jedenfalls die bestimmenden Gesichtspunkte für Blum, als er ebenso
wie Fröbel sich dahin entschied, dem Befehle Messenhausers Folge zu
leisten, und mit seiner Compagnie in die Feuerlinie einzurücken. So
sehr wir es menschlich erklärlich finden, daß Blum sich nicht unthätig
verhalten wollte in Tagen, wo sich seiner Ansicht nach „das Schicksal
Deutschlands entschied“, und daß er seine Compagnie nicht verließ, als
sie in's Feuer commandirt wurde, und so sicher diese seine Betheiligung
am offenen Kampfe, wie wir unten sehen werden, durch die Capitulation
mit Windischgrätz vom 30. October als verziehen zu gelten hatte -- so
bleibt sie doch, in Anbetracht seiner Stellung in Wien als Fremder
und Abgeordneter, ein schwerer politischer Fehler. Hier verläßt ihn
jene größte Seite seines Charakters, die olympische Ruhe inmitten des
Aufruhrs aller Elemente, die kühle, objective Abwägung der wirklichen
Dinge.

Höchst muthig hat sich Blum im Kampfe gehalten. Wir haben dafür eine
Reihe bekannter Aeußerungen. Zunächst seiner Feinde. Selbst Herr v.
Helfert kann das nicht in Abrede stellen[275]. Auch der schwarzgelbe
Lyser nicht, welcher schreibt: „Von den Redacteuren, mit Scham und
Aerger muß ich es sagen, besaß nicht einer so viel Ambition als
Robert Blum traurigen Andenkens.“[276] Während nun aber Lyser Blum's
Tapferkeit, da sie für eine so schlechte Sache vergeudet wurde, als
„wahren Muth“ nicht gelten lassen will, sind die gleichzeitigen Blätter
voll von Lob über Blum's Kaltblütigkeit und Todesmuth im feindlichen
Feuer. Aber auch noch Jahrzehnte später urtheilten die Augenzeugen
nicht anders, erinnerten sie sich seiner tapferen Haltung im Gefecht.
So Eduard Lasker. So ein Offizier des Elite-Corps, der einen ganz
Deutschland theuren Namen trägt, der Bruder eines auch in diesen
Blättern oftgenannten Abgeordneten der Paulskirche; ohne daß ich nur
von seinem Leben Kenntniß hatte, bestätigte er mir brieflich aus freien
Stücken noch im September 1878 Blum's Tapferkeit. Eine Kanonenkugel riß
aus einer Barrikade einen Sandstein weg, auf den Blum eben seinen Arm
gestützt hatte und schleuderte ihn weit hinweg auf das Pflaster. „Wenn
der nicht so schwer wäre,“ sagte darauf Blum zu dem eben genannten
Hauptmann, „so könnte man ihn nach Hause schaffen und ein Andenken
daraus machen lassen.“ Als die Leute Blum's im heißen Feuer Zeichen
der Unruhe gaben, rief er: „Kinder, die Kugeln, die Ihr pfeifen hört,
thun Euch nichts.“ Und diese Ruhe bewies er in einer Lage, die den
erprobtesten Krieger hätte außer sich bringen können: „Robert Blum
stand den Kroaten gegenüber,“ berichtete Fröbel am 18. November dem
Parlament[277]. „Er hatte fünf Kanonen, aber den strengsten Befehl in
der Tasche, sie nicht zu gebrauchen.“ An seine Frau schrieb Blum am
30. October[278]: „Ich habe am Samstag (28. October) noch einen sehr
heißen Tag erlebt, eine Streifkugel hat mich unmittelbar am Herzen
getroffen, aber nur den Rock verletzt.“ Das ehrenvollste Denkmal hat
der Commandant des Elite-Corps selbst Blum's Kampfesmuth gesetzt,
freilich in einem so grauenhaften Deutsch, daß es Messenhauser selbst
geschrieben haben könnte. Leipziger Blätter nämlich veröffentlichten am
Tage der Todtenfeier Blum's folgendes Schreiben von „Ernst Haug, Major
und Chef des Generalstabs der Wiener Nationalgarde“ aus Leipzig vom 27.
November 1848:

  „Von den Freiheitskämpfern Wiens, welche ein höher waltendes
  Schicksal dem Blutbeile des Würgers von Hetzendorf entführt hat,
  weilen mehrere in dem gastlichen Leipzig. Sie alle erkennen die
  heilige Pflicht, dem Todtenopfer beiwohnen zu müssen, welches heute
  dem Märtyrer Robert Blum von dem pietosen Sinne der Bewohner dieser
  Stadt veranstaltet ist. Indem ich im Namen meiner Verbannungsgenossen
  die Ehre habe diese Mittheilung zu machen, sehe ich mich besonders
  berufen, die heldenmüthige Vertheidigung der Rosomowski'schen Brücke
  #während 36 Stunden#, vom Hauptmann R. Blum commandirt, als eine
  glänzende Kriegsthat zu erklären, welche nur einem Verbande (!) von
  Muth und Kaltblüthigkeit wie ihn der edle Gefallene bewies, gelingen
  konnte. Ich lege diesen Nachruf als eine Immortelle auf den Sarkophag
  meines tapferen Kameraden R. Blum. Genehmigen Sie &c.“

Es ist daher gewiß unrichtig, wenn Springer[279] schreibt: „#Sobald#
die Frankfurter Deputirten merkten, daß das _Corps d'élite_ zum
Barrikadenkampf verwendet werde, gaben sie ihre Entlassung ein.“ Beide,
auch Fröbel, hatten zwei volle Tage im heißesten Feuer gestanden, ehe
sie aus den Reihen der Kämpfer für immer austraten.

Diese Thatsachen sind nicht blos wichtig für die Charakteristik
Blum's, insofern sie beweisen, daß er die Versicherung: Gut und Blut
für seine Ueberzeugung einzusetzen, nicht blos im Munde führte; noch
wichtiger sind sie für zwei in der Folge noch zu berührende Fragen.
Die Feinde Blum's werfen ihm nämlich vor, er sei nicht gestorben als
Held, sondern fassungslos; selbst von „zitternden Knieen“ wird geredet.
Wir werden diese niedrige Verdächtigung noch näher prüfen. Aber schon
jetzt leuchtet ein, wie wenig eine solche Behauptung Glauben verdient,
da derselbe Mann, der vor drei Flintenläufen gezittert haben soll,
hunderten von Feuerschlünden kaltblütig zwei Tage sich aussetzte! Das
Andere betrifft die verlogene Ausrede der k. k. Tendenzschriftsteller:
Fröbel sei begnadigt worden, weil er, im Gegensatz zu Blum, am
bewaffneten Widerstand nicht Theil genommen habe. Fröbel hat in seiner
Rede vor dem Frankfurter Parlament ausdrücklich bekannt, mitgekämpft
zu haben. Er sagt[280]: „Wir kamen an die äußersten Punkte der
Stadt, wo Barrikaden gebaut waren, an die gefährlichsten Orte, die
überhaupt möglich waren.“ Er spricht von „einer einige Tage andauernden
militairischen Laufbahn“ und fügt hinzu: „An der #Barrikade#, wo ich
stand, hatte man meinen Leuten Patronen ohne Kugeln ausgetheilt. Ich
selbst habe Kanonenpatronen abgeliefert, die mit Sägspänen gefüllt
waren.“ Niemand, am wenigsten ein Militair, wird bestreiten können,
daß diese Betheiligung Fröbels an den Ereignissen vom 26.-28. October
als eine Betheiligung am #Kampfe# anzusehen ist, selbst wenn seine
Mannschaft nicht einen Schuß abgegeben hätte. Denn auch die Reserve
wirkt mit zur Schlacht. Und Fröbel stand an der Barrikade, an den
„gefährlichsten Orten“. Aber er spricht noch deutlicher aus, daß er
mitgekämpft hat: „Nach solchen Thatsachen,“ berichtet er, „können
Sie wohl denken, daß wir von dem #Kampfe# abstehen wollten. Unsere
#Activität# hatte am 26. begonnen; am 28. Abends beschlossen wir,
unsere Demission einzureichen. Am 29. früh 6 Uhr ist dies von uns
schriftlich geschehen, und die Demission ist von dem Commandirenden
des Corps angenommen worden. Nachdem dieses vorüber war, haben wir
an dem, was #weiter# geschah, keinen Antheil genommen.“ Wenn Fröbel
für gut fand, vor dem Kriegsgericht auszusagen, daß er nicht am
Kampfe Theil genommen habe[281], so stand dieser Behauptung schon
der Eingang seiner Vernehmung entgegen, wo Fröbel zugestand, daß er
#nach# seiner Verwendung in der Jägerzeile (27. October) den General
Bem aufgefordert habe, ihm einen anderen Posten zu geben, da ihm diese
Position unhaltbar schien.[282] Mit einem Worte: man #wollte# eben
Fröbel begnadigen, Blum erschießen. Der sogenannte Prozeß gegen Beide
ist die widerlichste Komödie, welche jemals unter der Maske der Justiz
aufgeführt worden ist.

Schon am ersten Tag ihrer Betheiligung am Kampfe hatten die
Abgeordneten übrigens erkannt, daß die Stadt nicht zu halten sei;
sie glaubten Beide an Verrath. Aber auch ohne Verrath war den
übermächtigen Angriffsmitteln der Truppen nicht zu widerstehen. Vom
Frühmorgen des 26. October an erdröhnte unaufhörliches Kanonen-
und Musketenfeuer von der Nußdorfer bis zur St. Marxerlinie. Beim
Abbruch des Gefechts hielten die Angreifer die Brigittenau und den
Prater besetzt, bestrichen vom Eisenbahndamm die Hauptbarrikade am
Praterstern und hatten die Vertheidiger bis in die inneren Vorstädte
zurückgeworfen. Die Truppen hätten wohl kaum ernstlichen Widerstand
erfahren, wenn sie an diesem Abend durch die von Fröbel als unhaltbar
bezeichnete Jägerzeile in die innere Stadt vorgedrungen wären. Aber
das widersprach der fürstlichen Kriegskunst. Windischgrätz hatte am
26. blos „recognosciren“ wollen und weiteres Vordringen mußte einer
förmlichen „Schlacht“ vorbehalten werden. Dazwischen mußte nach dem
Kriegscomment des Fürsten eine 24stündige Waffenruhe liegen. Diese
Pause benützte er, die Stadt noch einmal zur Unterwerfung aufzufordern.
Als ob die bisherigen Kämpfe nur mit Worten geführt worden seien,
verkündigte er: „daß ihm nichts übrig bleibe, als nunmehr die Gewalt
der Waffen eintreten zu lassen; es habe von jetzt an niemand Schonung
zu erwarten, der mit den Waffen in der Hand angetroffen werde“. Das
Obercommando, das im Besitz dieser Proclamation war, ließ sie nicht
veröffentlichen, sondern Messenhauser fuhr in der Fabrikation seiner
eigenen stilvollen Proclamationen fort: „Wir können den abgerissenen
Faden der Unterhandlungen nicht mehr aufnehmen,“ schrieb er am
26. Fürst Windischgrätz beharre bei seinen Bedingungen, „ohne das
Gottesurtheil eines gerechten und heiligen Kampfes versucht zu haben.
So möge denn das Verhängniß eines Bruderkampfes walten! Die Würfel sind
gefallen, das heilige Recht wird siegen.“ So ging das auch am 27. mit
ungeschwächten Kräften fort.

Am 28. früh wurde die „Schlacht“ überall aufgenommen. Der planmäßige
Hauptangriff auf die Vorstädte begann. Schauerlich dröhnten die
Sturmglocken des Stephansthurmes über die bedrängte Stadt. Die
Mobilgarden eilten an die gefährdetsten Punkte, Jägerzeile und
Landstraße. Wo Bem persönlich befehligte, war die Vertheidigung zäh.
Aber unhaltbar war in dem mörderischen Geschützfeuer der Angreifer
auch die festeste Barrikade. Triumphirend konnte der Feldmarschall des
Abends nach Olmütz telegraphiren: „Die Truppen sind nach neunstündigem
Barrikadenkampfe der Disposition gemäß in die Vorstädte Landstraße,
Leopoldstadt und Jägerzeile eingedrungen und haben dieselben bis an die
Wälle der (innern) Stadt besetzt.“ Daß ein furchtbarer Flammengürtel
rings um die innere Stadt zum Himmel lohte und die Bahn der Sieger
bezeichnete, telegraphirte der Fürst nicht nach Olmütz. Auch von
den furchtbaren Gräueln seiner braven Soldaten hatte er nichts zu
melden, noch weniger suchte er dem barbarischen Morden, Schänden
und Plündern dieser Horden Einhalt zu thun. Er war ja gekommen, um
der Stadt Ruhe und Ordnung zu bringen. Und in der That konnte es
nichts Ruhigeres geben, als die Grabstätten der von der Soldateska
des Herrn Fürsten hingeschlachteten wehrlosen Bürger, Weiber und
Kinder; nichts Ordentlicheres als die von den zuchtvollen Siegern bis
auf's Letzte ausgeplünderten Wohnstätten, namentlich wenn der für
solche Fälle bereit gehaltene rothe Hahn die etwa noch vorhandenen
Spuren der Unordnung getilgt hatte. Herr v. Helfert und neben ihm
sein „glaubwürdiger“ Herr Dunder[283] sind gewiß die Letzten, welche
Fürstlich Windischgrätzischen Truppen Böses nachsagen werden. Und
doch muß Herr v. Helfert[284] zugestehen, daß „es in den eroberten
Vorstädten von Seiten der siegestrunkenen Soldaten gräulich zuging. Es
läßt sich für Acte solchen Charakters keine Entschuldigung vorbringen,
nur eine Erklärung.“ Und diese Erklärung ist die schwerste Anklage,
die der geschworenste Feind des Fürsten hätte ersinnen können. Sie
lautet: „Von mehr als einem Offizier hatten die Soldaten den Aufruf
(?) vernommen: „wenn sie nach Wien kämen, dürften sie das Kind
im Mutterleibe nicht schonen““[285]. Muß sich da nicht die Frage
regen, ob solche frevelhafte Reden der Offiziere, die nicht blos
der Anstiftung, sondern dem #Befehl# zu ruchlosesten Mordthaten
gleichkamen, ohne Wissen und Billigung des Fürsten zugelassen worden
seien? Die fürchterlichen Gräuel, welche Helfert nun Seiten lang aufs
Einzelnste erzählt, mit so eisiger Gelassenheit wie Machiavelli den
Mord von Sinigaglia, kann man sonst nur noch in Indianergeschichten
wiederfinden. Eine weitere Mißbilligung hat Herr v. Helfert nicht
für dieselben, noch weniger für den Feldherrn, der sie zuließ. Im
Gegentheil wird der letztere am Ende dieser haarsträubenden Frevel
von Herrn v. Helfert zum „menschenfreundlichen Feldherrn“ befördert.
Uebereinstimmend mit Dunder[286] bestätigt v. Helfert auch, daß das
Plündern und Würgen erst am Morgen des 29. aufhörte, erst da die
Soldaten zusammengezogen wurden. Am 29. Nachmittags waren in der
Matzleinsdorfer Kirche 19 Leichen Ermordeter ausgestellt, „damit jede
Familie die ihrigen (!) herausfinden möge, und am 30. führte man aus
der Johannagasse und vom Hundsthurmer Walle 57 Todte“ (Ermordete) fort.
„Die das Militair vor die Linie hinausgeführt und dort erschossen und
begraben hatte, waren #nicht# dabei“ (Helfert und Dunder). „Man hält
sie alle für schuldlose Opfer. So viel ist gewiß, daß von allen 57
Todten nicht einer in der Gegenwehr gefallen ist und ebenso sicher ist
es, daß keines der Häuser in der Johannagasse durch das Bombardement
angezündet wurde, sondern einzig und allein durch die Rache und den
Muthwillen der Soldaten, mitunter auf das Geheiß ihrer Offiziere.“
(Dunder). Die Soldaten, die so wütheten, waren nicht Kroaten, sondern
böhmische und galizische Kerntruppen (von den Regimentern Paumgarten,
Latour, Parma, Nassau) und Jäger (Helfert).

Daß die Stadt nicht mehr zu halten sei, war nun (am Abend des 28.) die
allgemeine Ueberzeugung. Einige der unbezwungenen Vorstädte, Rossau
und Wieden, ließen Messenhauser erklären, daß sie keinen Befehl zur
Wiedereröffung der Feindseligkeiten mehr annähmen und lieferten die
Waffen ab. Am Spätabend versammelte Messenhauser seinen Kriegsrath in
der Stallburg. Die große Mehrzahl sprach und stimmte für Unterwerfung,
da es besonders an Munition fehlte. Messenhauser schlug eine neue
Deputation an den Fürsten vor, „um ihn zu halbwegs menschlichen
Bedingungen zu vermögen.“ Das wurde angenommen, die Deputation ward
gewählt. Der Gemeinderath, bei dem Messenhauser unmittelbar nachher
erschien, fügte der Deputation einige seiner Mitglieder hinzu. Der
Reichstagsausschuß lehnte seine Betheiligung ab. Er überließ wie
gewöhnlich „alles Weitere dem gewissenhaften Ermessen der Vertreter und
Vertheidiger der Stadt“. Bem sah seine Wiener Laufbahn für beendigt
an und verschwand ebenso geheimnißvoll aus Wien, als er gekommen war.
Blum und Fröbel nahmen am Frühmorgen des 29. von ihrem Hotel aus ihre
Entlassung. „Leider endete damit nicht auch Blum's revolutionäre
Thätigkeit“, insinuirt Herr v. Helfert. Wir werden sehen, mit welchem
Rechte!

Die Deputation der städtischen Behörden verfügte sich in der
sonntäglichen Stille des 29. October zum Fürsten auf den Laaer Berg,
von wo aus der Fürst die Kämpfe der letzten Tage geleitet hatte. Tiefer
Friede lag über der Stadt, der Landschaft, die Tags zuvor alle Gräuel
des Bürgerkrieges gekostet. Von den Thürmen wehten weiße Fahnen.
Glockengeläute klang wehmüthig über der bezwungenen Stadt. Nicht
mehr zum Kampfe rief es, zum Gebet. Schaarenweise strömten die Frauen
zur Kirche, den Höchsten anzuflehen um Erlösung von tausendfältigem
Uebel. Auch Fürst Windischgrätz hatte eine Art von Sonntagsfrieden im
Herzen. Unbeugsam hielt er zwar seine Bedingungen fest. Aber als ihn
die Vertreter der Stadt anflehten um Milde und Gnade, auch für die
Deserteure, die in Wien gegen seine Truppen gefochten, gab er sein
fürstliches Wort zum Unterpfande: er werde sich an Großmuth nicht
überbieten lassen.[287] So ward ihm denn die unbedingte Unterwerfung
der Stadt zugesagt. Messenhauser suchte im Innern der Stadt in seiner
Weise, auf dem gewohnten Wege der Proclamation auf diese Wendung
vorzubereiten. „Wir stritten nicht mit der vollen Aussicht, mit der
sichern Ueberzeugung auf den factischen Sieg“, offenbarte er nun
plötzlich, „wir stritten einfach als constitutionelle Männer, um
für unsere Ehre das äußerste gethan zu haben. Daher ergeht jetzt an
Euch, Mitbürger, die dringende Aufforderung, Gewissen und Vernunft
zu erforschen“. Er fügte hinzu, daß jede bewaffnete Compagnie nach
der Rückkehr der Deputation die Erklärung abzugeben habe, ob sie für
die Fortsetzung des Kampfes oder für die Unterwerfung stimmen wolle.
„Die Mehrheit ist das Gottesurtheil für Entschlüsse und Handlungen,
insolange nicht die Minorität auf natürlichem Wege zur Majorität
geworden.“

Um vier Uhr Nachmittags fand diese Abstimmung in der Stallburg statt.
Sie führte zu den leidenschaftlichsten Scenen. Aber dennoch siegte
auch hier, vornehmlich durch Messenhauser's überzeugende Reden zu
Anfang und am Schlusse der stürmischen Verhandlungen, die Stimme der
Vernunft. Messenhauser feierte den glücklichsten Tag seines Lebens.
Auch im Studentenausschuß, der in geheimer Sitzung über die Frage der
Capitulation berieth, waren die Ansichten getheilt. Da traten Blum und
Fröbel herein, begrüßt von dem Jubel der Studenten. Blum verlangte
sofort das Wort und sagte: „Er sei zur Ueberzeugung gekommen, daß man
ohne Plan und Ziel seine Kräfte, sein Leben einer Bewegung geweiht
habe, die keine Aussicht auf einen wahrscheinlichen Sieg habe; es
sei auf Kräfte gerechnet worden, die man #nicht# besitze; man habe
eine durch fünfzehn Kreuzer[288] hervorgerufene Kampflust für wahre
Begeisterung des Volkes genommen. Jeder Versuch, den Kampf länger
fortzusetzen, sei Wahnsinn, sei Verbrechen, weil man, wie die Sachen
ständen, nicht siegen könne.“[289] Auch Fröbel mahnte zur Uebergabe.
Das Studentencomité beschloß in diesem Sinne.

Hätte Fürst Windischgrätz einen Funken wahrer militairischer und
namentlich staatsmännischer Begabung besessen, so hätte er bei dieser
tiefen Niedergeschlagenheit der Vertheidiger sich sofort mühelos und
widerstandslos zum Herrn der Stadt gemacht. „Dem steifen, förmlichen
Wesen des Feldherrn waren aber rasche Entschließungen in hohem Grade
zuwider, es mußte zuerst eine „gemischte Commission“ von Offizieren
und Gemeinderäthen zur Berathung über die Modalitäten der Entwaffnung
bestellt, dann eine neue Punctation der Deputation entworfen werden.
Darüber ging eine kostbare Zeit verloren.“[290] Die anarchistischen
Elemente der Stadt, die Deserteure, die sich nach der Capitulation
den Kugeln des Standrechts preisgegeben sahen, gewannen in diesen
nutzlos vergeudeten Stunden den Muth der Verzweiflung, die nichts mehr
zu verlieren hat, und verlangten die Fortsetzung des Kampfes. Daß
Verrath Schuld an der trostlosen Lage der Stadt sei, war allgemeiner
Glaubensartikel. Fröbel hat ihn, wie wir sahen, später vor der
Paulskirche bekannt, und Blum schrieb aus dieser Stimmung am 30.[291]
an die Gattin:

  „Liebe Jenny! Die Schlacht ist verloren, das boshafte Glück hat
  uns geäfft. Nein, das Glück nicht; der schmachvollste Verrath, den
  jemals die Weltgeschichte gesehen hat, war derart gesponnen, daß
  er im Entscheidungsaugenblicke und allein in diesem ausbrach. Wien
  capitulirt eben und wahrscheinlich wird die innere Stadt heute Abend
  oder morgen übergeben; dadurch sind einige noch unbesiegte Vorstädte
  dann ebenfalls bezwungen oder werden es wenigstens leicht. Ein
  Theil des Heeres, d. h. des städtischen Heeres -- will die Waffen
  nicht ablegen, besonders sind die übergetretenen Soldaten in wahrer
  Raserei; es kann demnach sehr schlimme Scenen im Innern geben. Sobald
  der Verkehr wieder beginnt, reise ich ab und komme nach Leipzig. Leb'
  wohl, ich kann nicht mehr schreiben, mein Herz ist zerrissen von
  Zorn und Wuth und Schmerz. Lebe wohl! Auf baldiges Wiedersehen! Gruß
  und Kuß. #Robert.# -- Es fällt mir eben ein, daß Du nichts mehr zu
  leben hast; es geht Dir wie uns. Wir haben nur Brot, Eier, Käse und
  ein wenig gesalzenes Fleisch, auch etwas Fische, alles enorm theuer.
  Laß Dir, wenn Du auf Georg nicht warten kannst, von Freund Heyner 30
  Thaler geben, ich schicke sie ihm dann gleich zurück, wenn ich wieder
  dort bin.“

Ein unseliges Geschick machte die Zögerung des Fürsten bei der
Besitznahme der Stadt besonders verhängnißvoll. Am Nachmittag des 30.
October rückten nämlich plötzlich die so lang ersehnten ungarischen
Heersäulen zum Entsatze der bedrängten Hauptstadt heran und stellten
sich bei Schwechat den Heerhaufen Jelačić's gegenüber. Zweimal
schon hatten sie im October die Leitha überschritten, waren aber aus
politischen Bedenken immer wieder auf ungarisches Gebiet zurückgekehrt.
Da eilte Kossuth selbst in das Lager bei Parendorf und drängte zum
Angriff. Er sandte am 25. dem Fürsten ein Ultimatum. Windischgrätz
antwortete mit seinem Sprüchel: „Mit Rebellen unterhandle ich
nicht“, und behielt den ungarischen Sendboten, den Oberst Ivánka als
Kriegsgefangenen im Lager. Dieser Bruch des Völkerrechts heischte
Rache. Am 26. brachen die Ungarn auf. Am 30. standen sie bei Schwechat.
Das Treffen war ein kurzes. Die Ungarn wichen rasch zurück, ohne eine
entscheidende Niederlage erlitten zu haben, aber auch ohne die Absicht,
je wieder den Wienern zu Hülfe zu kommen. Am 31. stand Moga schon
wieder auf vaterländischem Boden. Für Wien aber war diese kurze Episode
von furchtbaren Folgen!

Seit dem Frühmorgen des 30. October hatte man in Wien vom Anmarsch der
Ungarn geredet. Messenhauser, der sein Commando bereits niedergelegt,
übernahm es wieder, stieg auf den Stephansthurm und meldete von hier
gegen Mittag, daß man deutlich ein Gefecht bei Kaiserebersdorf gewahre.
Bald folgten zwei weitere Bulletins, welche die offenbare Annäherung
der Schlacht, also das siegreiche Vordringen der Ungarn meldeten und
den Nationalgarden befahlen: „im Falle ein geschlagenes Heer sich unter
den Mauern Wiens zeigen sollte, auch ohne Commando unter das Gewehr zu
treten“. Diese Aufforderung konnte nur bedeuten, daß die Nationalgarde
sich über die Truppen des Fürsten hermachen solle, um diese vollends zu
vernichten. Auf eine solche Losung hatte das anarchische Proletariat
nur gewartet. Umsonst war der Widerruf Messenhauser's, der bald seinen
schweren Irrthum erkannte. Umsonst versicherte der Gemeinderath, daß
die Capitulation bereits abgeschlossen sei; umsonst versprach er, den
Sold an die Arbeiter und Unbemittelten „bis zur hergestellte Ordnung
der gestörten Gewerbsverhältnisse“ fortzuzahlen. Umsonst endlich
warf Messenhauser die schönsten Blüten seiner Proclamationskunst
unter die Menge: „An Wien, dem einstigen heitern Zusammenflusse der
Fremden und Wißbegierigen, soll sich nicht eine Erinnerung, gräßlich
und erschütternd, wie jene von Troja, Jerusalem, Magdeburg knüpfen;
jede belagerte Stadt muß sich ergeben, wenn es zum Sturm gekommen
ist.“ Die zuchtlosen Mobilen dachten nicht an Ergebung, aber auch
nicht mehr an Gehorsam gegen irgend einen Befehl. Messenhauser wurde
der Vorwurf des Verraths offen ins Gesicht geschleudert, stürmisch
seine Absetzung verlangt. Schließlich ließ der unselige Mann sich
bewegen, mit Fenneberg sich in das Commando zu theilen und auch die
wildesten Maßregeln des Pöbels, den Aufstand gegen jede gesetzliche
Autorität, einen Kampf, dessen Nutzlosigkeit und Nichtswürdigkeit er
einsah, mit seinem Namen zu decken. Als die souveränen Gewalthaber
Wien's durchzogen die Proletarier seit dem Abend des 30. die Straßen,
preßten Alles zum Kampfe, übten jede Gewalt gegen Diejenigen, welche
sich ihrem verbrecherischen Ansinnen aller Art widersetzten; kurz, die
Pöbelherrschaft in schlimmster Form herrschte seit dem 30. October in
Wien.

Es ist traurig, daß man heute, nach dreißig Jahren noch, gezwungen ist,
Robert Blum gegen den Verdacht zu rechtfertigen, daß er sich an diesem
schuldvollen Capitulationsbruch betheiligt habe, daß er unter Denen
gewesen sei, welche Messenhauser's Absetzung verlangt, ja ihn mit dem
Leben bedroht hatten, daß er zur Weiterführung des Kampfes aufgereizt
haben soll. Allerdings ist der Gewährsmann für diese Behauptung #nur#
Herr v. Helfert. Selbst seine „zuverlässigen“ Quellen, Dunder, Köcher
und wie die Söldlinge des Wiener k. k. Militärcommando's aus den Jahren
1848/49 Alle heißen mögen, geben sich nicht her zu Genossen dieser
Verdächtigung. Herr v. Helfert nimmt diese Behauptungen ganz allein auf
sich selbst und er hat es daher auch allein zu tragen, wenn hiermit
erklärt wird: #daß Derjenige wissentlich und in der Absicht, einen
Todten zu verleumden, die Unwahrheit sagte#, der diese Behauptungen
niederschrieb. Wissentlich und in der Absicht zu verleumden, denn er
kannte den Bericht Fröbel's vor der Paulskirche und #wußte# daher,
daß Fröbel hier erklärt hatte[292]: „Nachdem dieses (unsere Demission
und deren Annahme) vorüber war, haben wir an Dem, was weiter geschah,
keinen Antheil genommen. Ich muß Sie hierauf aufmerksam machen, weil
ich gehört habe, daß in Zeitungsberichten gesagt wurde[293], Blum
hätte noch nach der Capitulation und während der Einnahme der Stadt
unter Waffen gestanden und gefochten, das ist eine Unwahrheit. Wir
haben die ganze Zeit, vom 29. October bis zum 4. November in unserem
Gasthause zugebracht, mit wenigen Ausgängen in die Stadt. An dem ersten
Tage nämlich haben wir es noch mehrmals gewagt, auf die Straße zu
gehen. Da aber in der Stadt Greuel verübt wurden und man Gefahr laufen
konnte, massacrirt zu werden, weil man eine Physiognomie hatte, die
den Soldaten nicht gefiel, entschlossen wir uns, nicht mehr auszugehen
und haben uns ruhig zu Hause gehalten.“ Dasselbe bestätigt zum Theil
L. Wittig in seinem bereits citirten Artikel in der „Dresdner Zeitung“
vom 15. November. Er besuchte Blum tagelang in dessen Hôtel. Dasselbe
bestätigt Blum's Brief an seine Frau vom 30. October, den Herr v.
Helfert gleichfalls kannte, da er in Frey, „Robert Blum“ abgedruckt
ist. Vor Allem aber hätte Blum vor dieser Verleumdung schützen sollen:
zunächst jede genauere Kenntniß seines Lebens und Charakters -- diese
konnte man bei Herrn v. Helfert allerdings #nicht# voraussetzen --
sodann Blum's Auftreten vor dem Studentencomité am 28. Oct.; --
endlich schon die eine Thatsache, daß er mit Fröbel seine Stellung
als Hauptmann niederlegte bereits am #29. Morgens#, sobald er von der
Unhaltbarkeit der Stadt überzeugt war, und von der #Einleitung# von
Capitulationsverhandlungen gehört hatte. Nichts hatte sich seither
zu Gunsten der Stadt geändert. Im Gegentheil, die Capitulation war
fest abgeschlossen und die Niederlage der Ungarn hatte Blum selbst
mit angesehen[294], da er nach Auerbach's Darstellung zu einer Zeit
Messenhauser auf dem Stephansthurm besuchte und durch das Glas schaute,
als die Ungarn schon auf eiligem Rückzuge begriffen sein mußten.
Welches Motiv Blum #da# hätte veranlassen können, mit jenen Helden zu
fünfzehn Kreuzern zu fraternisiren, die er am 28. im Studentenausschuß
so verächtlich bezeichnet hatte, dafür bleibt Herr v. Helfert jede
Erklärung schuldig. Er wagte sich freilich, als der erste Band seines
Werkes erschien, nicht einmal mit seinem Namen heraus.[295] Seine
Verleumdung trug also damals den Charakter des muthvollen namenlosen
Pasquills.

Nach diesen Ausführungen liegt es ganz außerhalb der Aufgabe einer
Lebensgeschichte Robert Blum's, die letzten Scenen der Wiener
Erhebung vorzuführen. Es genügt, zu erwähnen, daß der frevelhafte
Capitulationsbruch im Blute erstickt wurde. Sowie am Nachmittag des 31.
in das Burgthor, hinter dem die Pöbelmassen als letzter Brustwehr sich
verschanzten, Bresche geschossen war, löste sich Alles in wilder Flucht
auf. Am Abend zog das ganze „kaiserliche“ Heer in das bezwungene Wien
ein. Am 1. November wehte vom Stephansthurm eine riesige schwarzgelbe
Fahne.

Am 2. November schrieb Windischgrätz vertraulich an den Minister
Wessenberg: „Nach solchen treulosen Vorgängen kann Milde unmöglich
Platz greifen. Der Belagerungszustand wird und muß mit aller Strenge
durchgeführt werden und ich erwarte, daß meine darauf Bezug habenden
Maßregeln in keiner Weise gestört werden. Auch jeder Wohldenkende
muß sein Heil und seine fernere Ruhe davon erwarten.“ Da man in
Olmütz hiernach erwarten mußte, daß der Fürst zunächst mit den
Friedensbrechern abzurechnen gedenke, welche den #letzten# Kampf
verschuldet hatten, erhob man keinen Einwand. Aber der Fürst faßte
seine Aufgabe und Vollmacht ganz anders auf.



     19. Robert Blum's Gefangennehmung, Proceß
                      und Tod.


Auch Fürst Windischgrätz führte sich als nunmehriger Gewalthaber
der österreichischen Hauptstadt bei der Bevölkerung durch eine
Proclamation ein. Sie war immer noch von Hetzendorf, den 1. November
datirt und enthielt weit weniger angenehme Verheißungen in weit
weniger schwungvoller Sprache, als die Proclamationen des verflossenen
Stadtcommandanten Messenhauser. Windischgrätz erklärte nämlich: Der
Umkreis, für welchen der Belagerungszustand bezw. das Standrecht in
der Umgebung Wien's gelten solle, werde auf zwei Meilen festgesetzt.
Unter dem Vorsitz des Generals Cordon wurde eine „gemischte
Centralcommission“ eingesetzt, „welche die oberste Leitung der durch
den Belagerungszustand bedingten Geschäfte führen sollte.“ Im Uebrigen
erklärte der Machthaber, daß er seine „Anordnungen“ ohne Rücksicht
auf die am 30. zustandegekommene Uebereinkunft treffe. Allgemeine
Entwaffnung wurde angeordnet.[296] Die Presse wurde unter die Censur
der Militairbehörden gestellt. Was man auswärts unter dem Schein einer
unabhängigen Meinung veröffentlichen wollte, sandte man an die bis
in die sechziger Jahre von Oesterreich -- abhängige „Augsb. Allg.
Zeitung“[297] oder in die gelben Hefte der Familie Görres („histor.
polit. Blätter“) nach München an Jörg. Alle Clubs, Vereine und
Versammlungen wurden aufgelöst und verboten. Um zehn Uhr mußten alle
Wirthshäuser geschlossen werden. „Alle ohne standhältige Nachweisung
der Ursache ihres Aufenthaltes in Wien weilenden Ausländer oder nicht
nach Wien zuständigen Inländer“ mußten die Stadt verlassen. Das
„Standrecht“ wurde über Jeden verhängt, der sich in die politischen
Angelegenheiten mischte, d. h. eine selbständige Meinung laut werden
ließ. Der Militaircommandant der Stadt war FML. Csorich, ein Kroat,
dessen Name eine reiche Fundgrube unarticulirter Laute bot und daher
von keinem der zeitgenössischen Schriftsteller richtig geschrieben,
noch viel weniger richtig ausgesprochen werden konnte.

Die Verhaftung verdächtiger Individuen erreichte nach Helfert
schon bis zum 5. November die Zahl von „1000 bis 1500“![298]
Abgeurtheilt wurden bis zum 6. Mai 1849 nur 144, darunter 24 zum
Tode! Darin bestand in der Hauptsache „das beste Geschenk, das
Windischgrätz unter solchen Umständen Wien machen konnte“[299],
und das sich äußerlich in der Ernennung Cordon's zum Vorsitzenden
der Central-Untersuchungs-Commission erkennbar machte. Durch diese
Massenverhaftungen offenbarte Cordon den Besitz „aller Eigenschaften,
welche die Bekleidung eines so heiklen Postens erforderte und die er
mit Mäßigung und Milde in einer Weise zu verwerthen wußte, daß er
schnell das allgemeine Vertrauen gewann.“ (Helfert). Auch er erließ
am 3. die, wie es scheint, damals unvermeidliche Proclamation; er
forderte auf, ihm die Hand zu bieten, „den Uebergang von der Anarchie
zu dem geregelten constitutionellen Rechtszustande zu beschleunigen“.
„Der Mangel an stilistischer Correctheit“, meint Herr v. Helfert,
„bei österreichischen Militairs noch heutzutage nicht Ausnahme,
sondern Regel[300], konnte dem unverkennbaren Wohlwollen (!), das
sich in jenen Kundgebungen aussprach, keinen Abbruch thun.“ Schuld
an dem schreckenerregenden Mißbrauch der Gewalt, wie Andere dieses
„Wohlwollen“ betiteln, das sich in der Verhaftung Tausender von
Unschuldigen offenbarte, war übrigens nicht blos das Mißtrauen und
der Rachedurst der siegreichen Truppen und ihrer Führer, sondern vor
Allem die schmachvolle Denunciationssucht des Wiener Bürgerthums.
„Die Bürgerschaft Wiens“, sagt Anton Springer treffend[301], „hatte
sich während der Herrschaft der radicalen Partei mit Schmach bedeckt,
ihre Feigheit in den Mantel begeisterter Zustimmung zu dem unsinnigen
Treiben der Aula und der demokratische Clubs gehüllt. Sie belastete
sich jetzt mit gleicher Schande. Jetzt kroch der Wiener Philister
vor jeder Soldatenmütze und blickte zu jedem Sereschaner wie zu
einem höheren Wesen empor. Widerlich war die kriechende Demuth, das
Prunken mit sclavischem Sinne, welches die ehrsamen Bürger, durch den
Belagerungszustand sicher gemacht, zur Schau trugen, empörend ihr
ununterbrochener Aufruf zur Rache.“ Die Denuncianten und Sykophanten,
die seit den Tagen der dreißig Tyrannen von Athen bis heute noch jeden
Sieg einer Militairdespotie begleiteten, wie die Raben und Aasgeier die
Wahlstatt, auf der Heldenleichen ruhen, haben auch das beste gethan, um
Robert Blum zu verderben!

Blum hatte keine Ahnung von dem über seinem Haupte heraufziehenden
Verhängniß. Am 2. November schrieb er an die Gattin: „Dem Vernehmen
nach gehen heute die Posten wieder ab, hoffentlich folgt diesem
Schritte bald auch die Möglichkeit, reisen zu können und ich komme dann
nach Haus. Natürlich kann ich nun zum Schillerfeste nicht bleiben; ich
bleibe höchstens einen Tag, da ich nur zu lange hier verweilen mußte.“

Am nämlichen Tage richtete Blum mit seinen drei Frankfurter Genossen an
den unaussprechlichen Csorich, den Blum Schowitz nannte -- als sei es
ein sächsischer Landsmann aus Probsthaida oder Unterstützengrün -- das
folgende schriftliche Gesuch:

  „Die unterzeichneten Abgeordneten der deutschen constituirenden
  Nationalversammlung zu Frankfurt sind im Laufe der letzten Wochen
  nach Wien gekommen und durch die Ereignisse zurückgehalten worden.
  Nach der jetzt eingetretenen Wendung der Dinge hoffen und wünschen
  dieselben, zu ihrem Berufe zurückkehren zu können und bitten Ew.
  Exc. zu diesem Zwecke höflichst und ergebenst um den nöthigen
  Passirschein. -- Um Ew. Exc. nicht mit einer Antwort belästigen zu
  müssen, werden die Unterzeichneten sich erlauben, heute Nachmittag
  persönlich sich bei Ew. Exc. einzustellen und den Nachweis über
  Person und Eigenschaft gehorsamst zu überreichen. -- In der Erwartung
  einer gnädigen Gewährung ihrer gehorsamsten Bitte, zeichnen mit
  vollkommenster Verehrung Ew. Exc. gehorsamste

  Wien, d. 2. Nov. 1848.
                           Abgeordnete der deutschen constituirenden
                                     National-Versammlung.“

  (Folgen die vier Unterschriften, mit Beisetzung der Wahlkreise der
  Abgeordneten.)

Der gebildete Kroat, der dieses Schreiben empfing, war in der Lage
eines Naturforschers, der plötzlich die Spezies einer Gattung
entdeckt, bei der bisher Gattung und Spezies sich deckten. Er hatte
wohl oft über den Wiener Reichstag schimpfen hören und nun erfuhr er
zu seinem Schrecken, daß es auch eine deutsche Nationalversammlung in
Wien gebe, eine „constituirende“ obendrein. Er meinte, constituirend
und constitutionell müsse dasselbe sein, zumal er ja an der großen
Aufgabe des Generals Cordon mitbetheiligt war, „den Uebergang von
der Anarchie zu dem geregelten constitutionellen Rechtszustande zu
beschleunigen.“ Er nahm an, die ganze deutsche Nationalversammlung
wolle ihm ihre Aufwartung machen. Und da er gehört haben mochte, daß so
ein Reichstag im Grunde nur aus einer Sammlung gefährlicher Aufrührer
bestehe, so wollte er lieber dem General Cordon, mit dem Ausdrucke
vorsichtiger Menschenkenntniß, diese Ehre zuweisen. Er richtete deshalb
noch am nämlichen Tage an den General Cordon ein Schreiben, dessen
überwältigende Komik Herr v. Helfert leider nicht begriffen zu haben
scheint, denn er begleitet es nicht mit einer einzigen Bemerkung:

  „Anliegend übersende ich Ihnen das Schreiben der deutschen
  constitutionellen (!) Nationalversammlung, woraus (!) Sie ersehen
  werden, daß selbe eine persönliche Vorstellung (!) bei mir
  beabsichtigen. Da der Herr General mit der Geschäftsleitung der
  Stadthauptmannschaft beauftragt sind, so habe ich diese Versammlung
  (!) an Sie angewiesen, und bemerke schlüßlich, daß auf einige der
  unterzeichneten (!) Versammlung ein besonders Augenmerk zu richten
  nicht unangemessen sein dürfte.“[302]

In der That hatte FML. Csorich dem Zwiespalt seines Herzens dadurch
weiter abzuhelfen versucht, daß er der „Deutschen constitutionellen
Nationalversammlung“ in „Stadt London“ eröffnete, sie möge sich mit
ihren Wünschen an Herrn General von Cordon wenden. Dieser Weisung
kamen die vier Abgeordneten am 3. November nach, in einem Schreiben,
in dem sie zunächst die Correspondenz mit Csorich erwähnen und dann
fortfahren:

  „Nachdem nun der Versuch, uns Ew. Exc. persönlich zu nahen, durch
  den übergroßen Andrang von Bittstellenden zweimal gescheitert
  ist, erlauben sich die Unterzeichneten die gehorsamste Bitte um
  gütige Ertheilung von Passirscheinen zum Antritt der Rückreise
  auszusprechen, eventuell aber von Euer Excellenz die Gnade einer
  Audienz zu erbitten... In der Erwartung, daß Euer Excellenz Gnade uns
  die Möglichkeit, unsern wichtigen Beruf wieder anzutreten, gütigst
  gewähren wird, zeichnen wir &c.“

Unterschrieben waren, wie in der Eingabe an Csorich: Robert Blum aus
Leipzig; Julius Fröbel „für den Wahlbezirk der Fürstenthümer Reuß
jüngerer Linie“; Trampusch für Weidenau „in k. k. Schlesien“ und Moritz
Hartmann „aus Leitmeritz“.

#Auf die Rückseite dieser Eingabe# schrieb Generalmajor von Cordon „von
der Central-Commission der k. k. Stadt-Commandantur“ noch am nämlichen
Tage:

  „Die Stadthauptmannschaft wird beauftragt, die #angeblich# (!)
  im „Hotel zur Stadt London“ wohnhaften Herren Robert Blum und
  Jul. Fröbel in militairgerichtlichen Verhaft zu nehmen, unter
  Beschlagnahme ihrer Papiere und Effecten.“

Dieser Verhaftsbefehl ist höchst charakteristisch. Also der Herr
Generalmajor wußten, bis sich die Abgeordneten selbst meldeten, noch
gar nicht, daß sie „angeblich“ in Stadt London wohnten. Er wurde auch
nicht deshalb auf sie aufmerksam, weil sie sich als Mitglieder des
höchst gefährlichen Frankfurter Parlaments bezeichneten, namentlich
war das nicht der Grund des Haftbefehls. Am allerwenigsten wurde
dieser erlassen, weil der Herr Generalmajor etwa eine Ahnung davon
zu besitzen sich rühmen konnte, wer Robert Blum sei und was er in
Wien gethan habe. Wären das die Ursachen des Haftbefehls gewesen,
so hätten die Herren Trampusch und Moritz Hartmann unbedingt auch
mit in „militairgerichtlichen Verhaft“ genommen werden müssen. Denn
auch sie waren Abgeordnete. Auch Hartmann hatte mitgekämpft. Nein,
so tief geruhten der Herr Generalmajor nicht in das Wesen der Dinge
einzudringen. Die Freiheit Robert Blum's und Fröbel's war durch eine
weit simplere kaiserlich königliche Erwägung bedroht. Trampusch und
Hartmann waren Oesterreicher, Blum und Fröbel aber „Ausländer“,
und von diesen hatten Seine Durchlaucht der Fürst-Feldmarschall zu
Windischgrätz in Ihrem „Nachhange zur Proclamation vom 20. October“
am 23. October, Ziffer 5, zu bestimmen befunden: „Alle Ausländer
in der Residenz (!) sind mit legalen Nachweisungen der Ursache
ihres Aufenthalts namhaft zu machen, die Paßlosen zur sofortigen
Ausweisung anzuzeigen.“ Weil Robert Blum und Fröbel Ausländer und,
wie sie selbst gestanden, ohne Passirscheine waren, sollten sie in
militairgerichtlichen Verhaft genommen werden, aus keinem andern Grunde.

Der Befehl wurde am 4. November früh gegen sechs Uhr ausgeführt.
Zu dieser Stunde erschienen unter militairischer Bedeckung der
Polizei-Ober-Commissar von Felsenthal und der Hauptmann Graf Caboga
in „Stadt London“ und fragten den Wirth nach den beiden Gesuchten.
Der brave Mann trotzte der Gefahr des Standrechts und warnte die
beiden Abgeordneten. Noch wäre es Zeit gewesen. Hartmann und Trampusch
sind damals entflohen. Aber Blum war in dem unerschütterlichen
verhängnißvollen Glauben befangen, daß die siegreiche österreichische
Kriegsgewalt vor seiner papiernen Unverletzlichkeit als deutscher
Reichstagsabgeordneter ehrfurchtsvoll sich beugen werde, und wies
die von dem braven Wirthe gebotene Rettung mit würdevollem Lächeln
ab. Wenige Minuten später waren Blum und Fröbel Gefangene. Blum's
Frage an den Offizier: „ob ihn seine Eigenschaft als Abgeordneter des
Parlamentes nicht vor Verhaftung schütze?“ beantwortete dieser kurz
dahin: „Richten Sie diese Frage an meinen General!“ Dann wurde jeder
der Gefangenen in einem geschlossenen Wagen nach dem Stabsstockhause
gebracht, wo wieder ein gemeinsames Zimmer ihnen angewiesen wurde; „das
beste Gelaß im Hause“, wie Herr Helfert freudig versichert. In der That
war das Gefängniß wohnlich, beinahe behaglich.

Der Abg. Schuselka, der gleichfalls in Stadt London wohnte, ohne bis
dahin auch nur Kenntniß zu haben, daß Blum und Fröbel mit ihm dasselbe
Hotel bewohnten -- so zurückgezogen hielten sich die Abgeordneten --,
begab sich sofort zum Minister Kraus. Der Abg. Goldmark schloß sich ihm
unterwegs an. Kraus beruhigte sie: „man werde die beiden Frankfurter
Deputirten wohl nur über die Grenze bringen wollen“. In der Stadt
gewann das Gerücht von dieser Verhaftung im Laufe des 5. sicheren Halt.
Auch da meinte man allgemein, es sei nur geschehen, um sie über die
Grenze zu „spediren“.[303]

Der sächsische Gesandte R. v. Könneritz hatte bereits am 4. November
von der Verhaftung Blum's gehört.[304] Sie wurde ihm am 5. November
von der Preußischen Gesandtschaft zu Wien bestätigt. Der Gesandte
hatte am 22. October infolge der Lundenburger Proclamation des Fürsten
Windischgrätz und infolge der gleichzeitigen Veröffentlichung des
kaiserlichen Manifestes vom 16. October Wien verlassen und sich nach
Hietzing begeben. Er hatte damit deutlich genug dargethan, daß er
die kaiserliche Regierung nicht mehr in Wien bei Kraus, sondern im
Feldlager des Fürsten Windischgrätz erblickte. Nachdem nun der Fürst
am 23. den Belagerungszustand verkündet und alle Behörden in Wien für
aufgelöst erklärt, nachdem er in seiner Proclamation vom 1. November
die gesammte Regierung und Verwaltung der Stadt in die Hände Cordon's
gelegt und die permanente Standrechtscommission als einziges Gericht
in Wien eingesetzt hatte, konnte der sächsische Gesandte darüber
sich nicht in Zweifel befinden, bei #wem# er anzufragen hatte, um
über die Wahrheit des #Gerüchtes# von Blum's Verhaftung und über
den Grund dieser Verhaftung sofort volle Gewißheit zu erhalten.
Statt dessen horchte dieser Gesandte, nachdem er am 5. November
zunächst seine Uebersiedelung nach Wien bewerkstelligt hatte, auf
dem k. k. Ministerium des Auswärtigen herum, während er doch selbst
in seiner späteren Verantwortungsschrift vom 21. November 1848[305]
zugestehen mußte: „Ich fand kein Ministerium in der Stadt, die meisten
Behörden noch in völliger Desorganisation; die eben erst einzeln
zurückkehrenden Beamten waren mit dem besten Willen außer Stand, meine
Anfragen genügend zu beantworten. Die wenigen Räthe, welche ich im
k. k. Ministerium des Aeußern antraf, konnten mir nur sagen, daß die
Nachricht von Blum's und Fröbel's Verhaftung allgemein verbreitet sei!“
Diese Erkundigungen bezeichnet der Gesandte als „die sorgfältigsten
Nachforschungen“ -- doch nein, er that noch ein Uebriges. Er nahm
einen Fiaker und fuhr nach Stadt London auf dem Fleischmarkt und hörte
auch hier von vielen Augenzeugen, Blum sei am 4. früh bei Tagesgrauen
abgeführt worden. Man hätte denken sollen, #nun# hätte der Herr
Gesandte Blum's Verhaftung beinahe als Thatsache anerkennen, wenigstens
einmal in der Umgebung Cordon's darüber anfragen können. Doch das hielt
Herr v. Könneritz unter seiner Würde. Er hatte ja noch keine „amtliche“
Bestätigung der Verhaftung! Er that demnach seiner Ansicht nach mehr
als genug[306], wenn er sich schon am 6. November Blum's halber wieder
an seinen Schreibtisch setzte und an seinen Minister Alles berichtete,
was er über Blum hatte erfahren können. Bei den vorzüglichen Quellen,
welche der Herr Gesandte hierbei benutzte -- die consternirten „wenigen
Räthe“ im k. k. Ministerium und die Polizeiorgane, die bis an den Hals
in Denunciationen saßen -- konnte er nicht viel Günstiges über Blum
melden. Er offenbarte zunächst dem Minister, Blum habe „die Sympathien
der äußersten Linken in Frankfurt für die hiesige Revolution zu
hinterbringen gehabt“, dann heißt es weiter[307]:

  „Daß dieser Reichstagsabgeordnete von Frankfurt hier seine Zeit
  nicht verloren, werden Ew. Excellenz aus öffentlichen Blättern
  ersehen haben. Er hat sich hier durch Proclamationen und Reden zu
  dem äußersten Terrorismus bekannt und ganz offen den Aufwiegler in
  einer Weise gemacht, daß seine bluttriefenden Worte selbst inmitten
  der hiesigen Anarchie Entsetzen verbreitet haben; so erzählen mir
  wenigstens Personen, die ihn gehört haben wollen (!). Doch hat er
  sich, wie andere versichern, nicht auf Reden beschränkt, sondern an
  dem Kampfe in der Leopoldstadt an der Franzensbrücke selbst Theil
  genommen, ja sogar eine Abtheilung commandirt, wobei ihm das Zeugniß
  großer Ruhe, aber keineswegs des militärischen Talentes ertheilt
  wird. #Bei so erschwerenden Umständen kann es mir nur erwünscht sein
  (!), wenn Robert Blum sich nicht an die königliche Gesandtschaft als
  diesseitiger Staatsangehöriger wendet, sondern Schutz und Hülfe als
  Frankfurter Abgeordneter sucht, was übrigens voraussichtlich auch
  ohne Erfolg bleiben würde (!!).# Jedenfalls bitte ich Ew. Excellenz
  um Instructionen (!) für den Fall, daß etwaige Aufforderungen #von
  Robert Blum# (!) (wegen gesandtschaftlichen Einschreitens) noch an
  mich gelangen sollten.“

Diese Instructionen hatte das Sächs. Ministerium durch eine Depesche
v. d. Pfordten's vom 3. November bereits erlassen[308], ehe Herr v.
Könneritz darum nachsuchte. Man mochte in Dresden den Wiener Gesandten
doch genau so beurtheilen, wie er war, daß man es für nöthig hielt,
ihm einzuschärfen: „den sächsischen Unterthanen, welche unter den
gegenwärtigen betrübenden Ereignissen in Wien anwesend sein könnten,
#soviel nur immer thunlich#, seinen Schutz #angedeihen# zu lassen“,
und ihm außerdem: „den angelegentlichen Wunsch auszudrücken, #daß Sie
dabei ohne Unterschied und mit größter Thätigkeit verfahren mögen#.“
Diese Depesche erhielt Herr v. Könneritz am 8. November früh. Sie hätte
jedem andern Diplomaten die Frage nahe gelegt, ob er denn bisher genug
gethan, „ohne Unterschied verfahren“ sei u. s. w.? Namentlich hätte
sie den unseligen Standpunkt doch einigermaßen erschüttern müssen, den
Herr v. Könneritz bisher Blum gegenüber eingenommen hatte und sogar
in seiner Rechtfertigungsschrift vom 21. November noch festzuhalten
wagte; daß der gefangene Robert Blum ihn, den Gesandten, mit dem
Antrag auf Hülfeleistung hätte aufsuchen sollen, nicht etwa der freie
Gesandte den Gefangenen und seine Schergen. Aber soweit dachte Herr v.
Könneritz nicht einmal. Er hatte ja eine noch bei weitem einfachere
Einrede zur Hand, um sein „gesandtschaftliches Einschreiten“ zu
Gunsten Blum's zur Zeit noch abzulehnen. Er hatte nämlich auch am 8.
noch immer keine „amtliche“ Mittheilung über Blum's Verhaftung! Er
besaß gar nichts zum Beweise dieser Thatsache, als die Versicherung
aller Räthe im k. k. Auswärtigen Amt, ferner nur die übereinstimmende
Mittheilung aller Augenzeugen in Stadt London, die Blum hatten abführen
sehen und dann noch das allgemeine Stadtgespräch und eine anonyme
Zuschrift, die er am 7. erhalten. Sie war der an den Preußischen
Gesandten gelangten gleichlautend. Das Alles war aber doch noch lange
keine „amtliche“ Mittheilung und woher Herr v. Könneritz diese erlangen
sollte, wußte er auch am 8. November noch nicht! Am 7. November
hatte er eine Note -- nicht etwa an Cordon, der eine Antwort hätte
geben können, Gott bewahre! -- sondern an das k. k. österreichische
Ministerium des Aeußern gerichtet, welches sich der Verhaftung Blum's
gegenüber im Stande paradiesischer Unschuld befand. In dieser Note
sagte er: „sicherem Vernehmen nach“ sei Blum verhaftet, und, „für den
Fall, daß diese Nachricht sich bestätigen sollte, erbitte er sich
eine baldgefällige Mittheilung über die Gründe und nähern Umstände
jener Verhaftung.“ Als nun die Depesche des Ministers v. d. Pfordten
vom 3. November eintraf, setzte er seiner aufopfernden Thätigkeit
für den gefangenen Staatsangehörigen die Krone auf, indem er sich
höchstselbst noch einmal -- nicht etwa zu Cordon, sondern -- in das
k. k. Ministerium des Aeußern begab und den Inhalt seines gestrigen
Schreibens hier mündlich wiederholte. Dann setzte er sich im Bewußtsein
erfüllter Pflicht abermals an seinen Schreibtisch und berichtete
über diese seine Großthaten am 8. November an seinen Minister, in
der sichern Erwartung auf „Billigung“ seines Verhaltens[309] und
nicht ohne behaglich Alles mitzutheilen, was ihm inzwischen wieder
„nach den glaubwürdigsten Versicherungen“ -- die Polizei ist ja immer
glaubwürdigst -- Nachtheiliges von Blum zu Ohren gekommen war. Es waren
sehr schlimme Dinge:

  „Ueber das hiesige Auftreten des Herrn Blum kann ich noch beifügen,
  #daß er, sehr täuschend in Proletariertracht verkleidet, in dem
  Gemeinderath erschienen#, dann wieder anderweit (!) als Ehrenmitglied
  der academischen Legion mit dem betreffenden (!) Costüme, mit
  Säbel und Cabrerahut gesehen worden ist. Auch wird von sehr guter
  Autorität behauptet, daß er nächst dem ... Füster am meisten zu
  dem Wiederbeginne der Feindseligkeiten nach der abgeschlossenen
  Capitulation beigetragen habe! Sogar von einer Correspondenz in
  sehr vertraulicher Form wird gesprochen, zwischen ihm und Herrn
  Messenhauser eine Correspondenz, welche sich in den Händen der
  Untersuchungscommission befinden soll.“

Mit Weitererzählung dieser stattlichen Enten schloß der sächsische
Gesandte seine Thätigkeit für Blum. Die Humoristen der Wiener Polizei
mochten in dem sächsischen Gesandten erfahrungsmäßig das dankbarste
Absatzgebiet für solche Räubergeschichten besitzen. Aber daß er sie
seinem Minister weiter berichten werde, hatten sie wohl selbst kaum
erwartet.

Als man später von Dresden aus dem Gesandten vorhielt, daß es doch
seine Pflicht gewesen wäre, an die #militairischen# Machthaber in Wien,
und namentlich an den Fürsten Windischgrätz selbst, zu Gunsten Blum's
sich zu wenden, hatte er die naive Ausrede: „Ich hatte zu bedenken,
daß mit einem drängendern directen Schritt bei demselben #das äußerste
Mittel erschöpft wurde#. Dies auf die erste (?) Nachricht von einer
Verhaftung hin und in einem Augenblicke zu thun, wo ich mir über den
Grad der Schuld und der Gefahr, in welcher Robert Blum schwebte,
natürlich keine Rechenschaft ablegen konnte, erschien mir durchaus
nicht rathsam.“ Um das äußerste Mittel nicht zu erschöpfen, wandte der
treffliche Gesandte lieber gar keins an, und hatte infolge dessen am 9.
November Nachmittags die Erschießung Blum's nach Dresden zu berichten
mit den klassischen Worten: „Ich verhehle mir nicht den schweren Ernst
dieses Ereignisses“.[310]

Dieses traurige Benehmen bedarf keiner Kritik. Es war geradezu
verhängnißvoll für Blum. Hätte der Gesandte in den ersten Tagen nach
Blum's Verhaftung nur im Geringsten seine Pflicht gethan, so war
Blum's Freilassung zweifellos. Es fehlte damals noch an dem Schatten
eines Vorwandes zu einem standrechtlichen Vorgehen gegen ihn. Die
Einsprache des #Gesandten#, die Zuwendung seines Schutzes an den
königlich sächsischen Unterthan Blum hätte nicht nöthig gemacht
jene nachdrückliche und immer erneute Berufung Blum's auf seine
Unverletzlichkeit als Mitglied des Frankfurter Parlaments, an welcher
Blum zu Grunde ging.[311] Blum war, auch als er sich mit Fröbel hinter
den Eisenthüren und Eisengittern des Stabsstockhauses verwahrt sah,
der festen Ueberzeugung, daß die Berufung auf das von der Deutschen
Centralgewalt erlassene Gesetz vom 29./30. September 1848[312] ihm
alsbald die Freiheit wieder geben müsse. Dieses Gesetz bestimmte:

  „Ein Abgeordneter zur verfassunggebenden Nationalversammlung darf
  von dem Augenblick der auf ihn gefallenen Wahl während der Dauer der
  Sitzungen ohne Zustimmung der Reichsversammlung weder verhaftet,
  noch in strafrechtliche Untersuchung gezogen werden, mit alleiniger
  Ausnahme der Ergreifung auf frischer That. In diesem letzteren
  Fall ist der Reichsversammlung von der getroffenen Maßregel sofort
  Kenntniß zu geben und es steht ihr zu, die Aufhebung der Haft oder
  Untersuchung bis zum Schluß der Sitzungen zu verfügen. Vorstehende
  Bestimmungen treten in Kraft mit dem Tage ihrer Verkündigung im
  Reichsgesetzblatt.

Die Gültigkeit dieses Gesetzes für Oesterreich ließ sich nicht
bestreiten. Oesterreich, einschließlich des Kaisers, hatte die
Einsetzung des Erzherzogs Johann als Reichsverwesers von Deutschland
ausdrücklich genehmigt. Seine Einsetzung bildete nur einen untrennbaren
Theil des ganzen Gesetzes über die provisorische Centralgewalt. Die von
der Centralgewalt verkündigten Gesetze erlangten Gesetzeskraft für ganz
Deutschland[313] -- zu welchem die deutsch-österreichischen Provinzen
damals noch gehörten -- durch ihre Verkündigung im Reichsgesetzblatt.
Aber nicht einmal der letzte Einwand erlogener Rechtsverdrehung konnte
sich hier hervorwagen, der Einwand nämlich, daß in Oesterreich „die
Kundmachung, durch welche die Wirksamkeit eines österreichischen
Gesetzes bedingt ist, durch spezielle Mittheilung desselben an die
besondern Gerichte u. s. w. geschehe, und daß zur Zeit des Eintreffens
des gedachten Reichsgesetzes (in Wien) ein vollständiges Ministerium
nicht bestanden habe, namentlich zu jener Zeit ein Justizminister
nicht dagewesen sei.“[314] Denn das Justizministerium war mittels
kaiserlichen Erlasses vom 7. October Kraus, Hornbostl und Doblhoff
mit übertragen. Der österreichische Ministerrath hatte auch am 8.
October ein Wechselmoratorium -- also zweifellos einen Act des
Justizministeriums -- erlassen. Vor Allem aber hatte der „k. k.
österreichische Bevollmächtigte bei der Reichscentralgewalt in
Frankfurt“, v. Bruck dem Reichsministerium der Justiz am 11. October
angezeigt:[315]

  „Der Unterzeichnete beehrt sich in Erwiderung der geehrten Note
  von gestern den Empfang des Reichsgesetzblattes Nr. 1 bis 3 in
  den gewünschten 100 Abdrücken zu bestätigen, #welche sogleich
  nach der jedesmaligen Ausgabe an die Provinzialregierungen der
  österreichischen Bundesländer zur schleunigen Vertheilung an
  die betreffenden Behörden versandt werden sollen. Die örtliche
  Veröffentlichung der darin enthaltenen Gesetze und Verordnungen wird
  stets durch die Provinzialregierungen unverzüglich erfolgen#, und
  der Unterzeichnete erlaubt sich in Erwidrung der geehrten Note v.
  6. d. #auf die Wiener Zeitung vom 5. d. zu verweisen, in welcher das
  erste Stück des Reichsgesetzblattes unter der Bezeichnung „Amtliches“
  abgedruckt ist.#“

Damit war klar anerkannt, daß auch für Oesterreich die
Rechtsverbindlichkeit zur Verkündigung der Reichsgesetze mit
deren Erscheinen im Reichsgesetzblatt begründet war. Und da dem
Reichsgesetzblatt die Verkündigung für das ganze Reichsgebiet
gesetzlich zustand und dieses Gesetz wie die rechtsverbindliche Kraft
aller Reichsgesetze für die Einzelstaaten bereits in Stück 1. stand und
#dieses in Oesterreich verkündigt war#, so bedurfte es der „örtlichen
Veröffentlichung“ des Immunitätsgesetzes vom 30. in Oesterreich
überhaupt nicht. Dasselbe war Gesetz für Oesterreich seit dem 30.
September.

Blum war daher im vollen Rechte, wenn er am 5. November gemeinsam
mit Fröbel ein Schreiben an den Präsidenten der Deutschen
Nationalversammlung aufsetzte, in welchem er diesem Kunde von ihrer
Verhaftung gab und um Schutz und Freiheit auf Grund des Reichsgesetzes
vom 30. September bat. Dieses Schreiben ist indessen nie nach Frankfurt
gelangt, wohl aber in die Hände des Fürsten Windischgrätz. Bei den
Blum'schen Acten befindet es sich nicht. Es bildete für den Fürsten
offenbar den ersten Anlaß des Nachdenkens über die Frage, ob man dem
verhaßten Frankfurter Parlament durch die Vernichtung der beiden
gefangenen Abgeordneten nicht offenbaren könne, wie wenig man sich
in Oesterreich um des Parlamentes Rechte und Gesetze kümmere. Daß in
Schönbrunn -- wo Windischgrätz nun schaltete -- nach Empfang oder
richtiger nach Unterschlagung dieses Schreibens sofort der Entschluß
feststand, das Reichsgesetz vom 30. September geflissentlich zu
mißachten, hat der damalige Alter-Ego des Fürsten, der Vollstrecker
der Bluturtheile des k. k. permanenten Standrechts, G. M. Hipssich,
offen eingestanden.[316] Nun verräth uns aber Herr v. Helfert auch die
geheimen Verhandlungen, welche in diesen Tagen zwischen dem Fürsten
und Olmütz, d. h. zwischen Windischgrätz und den Ministern Wessenberg
und Schwarzenberg spielten. Dieselben beweisen für Jeden, der lesen
kann, gerade das, was Herr v. Helfert so gern bestreiten möchte, daß
bei Windischgrätz die Hinrichtung Blum's eine festbeschlossene Sache
war, und die Beschaffung der „juridischen Beweise“ seiner Schuld
getrost der in solchen Dingen höchst probaten k. k. permanenten
Standrechtscommission überlassen werden sollte. Schon am 24. October
nämlich hatte Windischgrätz an Wessenberg geschrieben „daß gegen die
in Wien befindlichen Mitglieder des Reichstags als Theilnehmer am
Aufstande vorgegangen werden müsse.“ Er hatte diese Ansicht am 30.
October weiter begründet. Wessenberg hatte am 31. October entschieden
widersprochen, und verlangt, daß Windischgrätz die Deputirten den
ordentlichen Gerichten überliefern müsse. „Das Verfahren gegen
allenfalls schuldig befundene Reichstagsgesandte verdiene eine nähere
Erwähnung und müsse seines Erachtens diesfalls Baron Kraus als der
einzige in Wien anwesende verantwortliche Minister und allenfalls
ein höherer Justizbeamter zu Rathe gezogen werden, da die besondere
privilegirte Stellung der Reichstagsabgeordneten eine eigene Beachtung
nöthig mache und die Regierung sonst in Conflicte mit dem Reichstag
kommen könnte.“ Windischgrätz gerieth darüber in nicht geringe
Aufregung. Am 2. November schrieb er an Wessenberg, es stelle sich die
Nothwendigkeit heraus, die Häupter jener Fraction des Reichstages, die
mit der subversiven Partei eng verbündet war, zur Verantwortung zu
ziehen. „#Die moralischen Beweise ihrer Schuld liegen klar am Tage
und es sollte, denke ich, nicht schwer werden, auch die juridischen zu
finden.#“ Bis dahin bezog sich der Briefwechsel nur auf die Mitglieder
des österreichischen Reichstages.

Von nun an führte aber nicht Wessenberg, sondern Fürst Felix
Schwarzenberg, ein Dutzbruder Windischgrätz, die Correspondenz mit
diesem weiter. Er zeigte sich weit gefügiger gegen die Ansichten des
Feldherrn. Das Immunitätsgesetz genirte ihn gar nicht. Er schreibt am
3. November an Windischgrätz: „#Wenn wir juridische Beweise hätten#,
wäre es ein Leichtes, die Betretenden der gewöhnlichen gerichtlichen
Behandlung zu überliefern.“ Am 5. schreibt er, von der „Mitschuld
mancher Reichstagsdeputirten an den Schändlichkeiten der letzten
Revolution“ sei er #moralisch# überzeugt, allein an die „geheiligten
Leiber“ der Volksvertreter könne man „nur durch #juridische Beweise#
gelangen“; lägen in dieser Beziehung „constatirte Daten“ vor, so
könnte „viel ersprießliches“ erreicht werden. Herr v. Helfert hat
offenbar seine Gründe dafür, warum er diesen Briefwechsel nicht
vollständig mittheilt, sondern nur einzelne Sätze oder gar nur Worte
daraus citirt. #Aber sicher ist, daß Windischgrätz am 6. November#
(vielleicht schon am 4.) #Schwarzenberg von der Verhaftung Blum's
Kenntniß gegeben und am 6. November# -- nachdem er Blum's Eingabe für
Frankfurt gelesen! -- #verlangt hat, daß er diesen Mann hinrichten
lassen dürfe#, und zwar auch -- denn das bildete ja bisher den
Kernpunkt des Streites zwischen Schönbrunn und Olmütz -- #ohne
„juridische Beweise“# nur nach dem „#moralischen#“ Verdammungsurtheil
des Fürsten, und nicht von den gewöhnlichen Gerichten, sondern
von der k. k. Standrechtscommission. Dieses Schreiben verschweigt
Herr v. Helfert vollständig. Es muß aber existiren und zwar dem
angegebenen Sinne nach existiren, denn Schwarzenberg antwortet am
7. Nov.: er bitte „um Schonung für die schlechtesten (!) #unserer#
Reichstagsdeputirten; #mit Blum möge der Feldmarschall nach Ermessen#“
(also nicht nach Richterspruch!) „#vorgehen, er verdiene Alles#.“ Es
scheint nach dieser Antwort sogar, als habe Windischgrätz in seinem
Briefe an Schwarzenberg auf die Wichtigkeit des Unterschiedes zwischen
„unseren“ und den Frankfurter Abgeordneten hingewiesen, d. h. mit
anderen Worten auf die politische Wichtigkeit, welche der Hinrichtung
eines Frankfurter Deputirten für Oesterreichs Machtstellung gegenüber
der Paulskirche haben müsse. Der Fürst beeilte sich außerordentlich,
von dieser Indieachterklärung Blum's Gebrauch zu machen. Denn schon
der folgende Tag konnte einen Widerruf bringen -- und brachte ihn
auch! Am 8. ließ nämlich Schwarzenberg die Erläuterung folgen: „Die
Reichstagsdeputirten seien #nicht standrechtlich zu behandeln#, wenn
sie nicht #_in flagranti_#[317] verhaftet werden könnten“ -- dazu
war natürlich im Stabsstockhause keine Aussicht -- „#sie sind auf
freien Fuß zu lassen#, wohl aber alle rechtlichen Anzeigen zu sammeln,
damit sie den #ordentlichen Gerichten# überliefert werden können. Ein
anderes Verfahren würde uns die größten Schwierigkeiten bereiten.“
Hier ist der Unterschied zwischen „unsern“ Reichstagsabgeordneten und
Blum nicht mehr gemacht. Diese Note hätte also Blum frei gemacht.
Aber als sie am Morgen des 9. in Wien eintraf, hatte Blum schon
aufgehört zu leben. „Die Zuschrift Schwarzenberg's vom 7.“, schreibt
v. Helfert mit empörender Offenheit, „die jedenfalls im Laufe des
8. November in Schönbrunn eintraf, #entschied# über das Schicksal
der beiden Frankfurter Deputirten.“ Und dann will uns derselbe Herr
später einreden, dieses „Schicksal“ sei durch einen ordentlichen
#Richter#spruch „entschieden“ worden!

Robert Blum saß ohne Ahnung aller dieser Dinge im Stabsstockhause und
harrte seiner Befreiung entgegen. Er versprach sich dieselbe bestimmt
von seinem Schreiben vom 5. an den Präsidenten der Nationalversammlung
zu Frankfurt a./M. In zwei Tagen konnte das Schreiben in Frankfurt
sein, am nämlichen Tage mußte der Erzherzog den Befehl erlassen, ihn
und Fröbel freizugeben. In dieser Hoffnung schrieb er am 6. an die Frau:

  „Meine liebe Jenny! als ich Dir meine letzten Zeilen schrieb, deren
  Kürze die Umstände geboten, glaubte ich denselben auf dem Fuße zu
  folgen und wenigstens kurze Zeit in meinem Hause zu verleben. Das
  ist anders geworden und ich werde unfreiwillig hier zurückgehalten,
  bin verhaftet. Deute Dir indessen nichts Schreckliches, ich bin in
  Gesellschaft Fröbel's und wir werden sehr gut behandelt; allein
  die große Menge der Verhafteten kann die Entscheidung wohl etwas
  hinausschieben. Sei also ruhig und wenn Du das bist, wirst Du zu
  meiner Ruhe wesentlich beitragen; ich denke Dich stark und gefaßt
  und bins deshalb selbst. Bitte Heyner in meinem Namen, daß er Dir
  die Haushaltungsbedürfnisse vorschießt; ich werde ihm das entnommene
  sofort ersetzen, wenn ich wiederkomme. Leb' recht wohl, bleibe gesund
  und heiter, grüße alle Freunde und empfange für Dich und unsere
  lieben Kinder von Herzen Gruß und Kuß von Deinem #Robert#.“ -- „Denkt
  am 10. und 11.[318] freundlich an mich.“

Die feste, heitere Stimmung Blum's begann vom 6. November an sich zu
trüben. Wenigstens behauptet das Fröbel in seinen „Briefen“.[319]
Dasselbe schreibt Fröbel in einem Briefe an Blum's Schwester, Frau
Selbach in Köln, am 22. December 1848. Der Brief enthält auch über die
früheren Ereignisse interessante Daten. Fröbel berichtet, nachdem die
Ereignisse bis zum 28. erzählt sind:

  „Von da (vom 26.) bis zum 28. sah ich Ihren Bruder nicht wieder.
  Ich hörte aber von Andern, daß er unterdessen mit einem Muthe,
  der über jedes Lob erhaben war, ja sogar mit Lust und Freude sich
  im Kugelregen und in anderen Gefahren befunden. Mehrere seiner
  Mannschaften fielen in seiner Nähe und andere wurden verwundet.
  Eine Kugel fuhr ihm auf der linken Seite, am Herzen, durch das
  Rockfutter. Die Nacht vom 28. auf den 29. brachte er in seinem Zimmer
  in Stadt London zu, während ich mit dem #Rest# meiner Compagnie[320]
  einen Saal des Universitätsgebäudes inne hatte. Am 29. früh um 5
  Uhr besuchte ich ihn und wir schrieben unser Entlassungsgesuch,
  welches wir gegen 6 Uhr abschickten. Dann lebten wir wieder bis zum
  4. früh, wo wir verhaftet wurden, im Gasthaus zusammen. Ihr Bruder
  war in der ganzen Zeit äußerlich abwechselnd bald ernst und ruhig,
  bald humoristisch, bald ziemlich leidenschaftlich activ gestimmt,
  innerlich aber bemerkte ich an ihm immer eine sehr große Erregung.
  Wir kannten die Menschen nicht genug, die uns umgaben, und so war
  er ungewiß, ob für ihn die Zeit eines entscheidenden Augenblicks
  gekommen sei. Hätte er gewollt, so wäre die Leitung der Dinge sehr
  bald in seinen Händen gewesen. Weil er sich in dieser Beziehung über
  seine Aufgabe nicht klar sein konnte, schwankte er auch von Anfang an
  zwischen dem Wunsche, abzureisen und dem, zu bleiben. -- Im Gefängniß
  hatten wir miteinander ein leidliches Zimmer. Ihr Bruder sprach, als
  hoffe er höchstens acht Tage gefangen zu sein und dann freigelassen
  zu werden, innerlich aber scheinen ihn düstre Ahnungen beunruhigt zu
  haben. Er dachte viel an seine Familie und als er einmal, am Fenster
  sitzend, vor dem Kinder spielten[321], zu mir sagte: „sieh', da geht
  mein kleiner --“ (ich weiß den Namen nicht mehr), sah ich, daß seine
  Hand zitterte und seine Augen feucht waren. Er sagte mir am dritten
  und vierten Tage unserer gemeinsamen Haft oftmals: „Du wirst am Ende
  allein zurückreisen,“ was ich ihm auszureden suchte. Er mochte (!)
  an seine Rede in der Aula und an einen sehr beleidigenden Artikel
  denken, den er im „Radikalen“ mit seiner Namensunterschrift gegen den
  Fürsten Windischgrätz geschrieben.“

Diese Mittheilungen entsprechen gewiß vollständig den Beobachtungen,
die Fröbel gemacht hat. Nur die Genauigkeit dieser Beobachtungen ist
in Frage. Denn Fröbel war, wie er selbst zugesteht, bei weitem der
Aufgeregtere von Beiden. Er durchmaß das Zimmer in großen Schritten
in steter Erregung, während Blum meist lesend dasaß, wenn die Freunde
nicht zusammen sprachen. Daß kürzere und längere Stunden kamen,
Stunden der bangen Sorge auch für Blum, kann bei seinem tiefen Gemüth,
bei seiner innigen Anhänglichkeit an Weib und Kind kaum bezweifelt
werden. Das ist aber eine Wahrnehmung, die jeder Richter und jeder
Vertheidiger, der mit Untersuchungsgefangenen zu thun hat, die nicht
verkommen sind, in den ersten drei Tagen ihrer Haft machen wird. Und
sicher ist nach allen Fröbel'schen Versionen, daß Blum #selbst# nie
seine Rede auf der Aula und seinen Artikel im „Radicalen“ als den Grund
seiner nachdenklichen Stimmung bezeichnet hat, sondern daß Fröbel das
nur vermuthet hat. („Er #mochte# an seine Rede“ u. s. w. „denken“).
-- Uebrigens bildeten, wie Fröbel gleichfalls zugesteht, diese trüben
Stimmungen nur die Ausnahme. Sehr häufig blickte die Schildwache
draußen mit Verwunderung durch die „verglaste Oeffnung in der Thür“
-- wie Helfert schön sagt -- wenn die Gefangenen laut und anhaltend
lachten und scherzten.

Am 6. Abends wurde beiden Gefangenen eine sehr unangenehme
Ueberraschung zu Theil: ein Italiener Matteo Padovani wurde zu
ihnen in dasselbe Zimmer als Mitgefangener gelassen. Fröbel hat
diesen Mann später vor dem Parlament offen der Spionage beschuldigt.
Die Verdachtsgründe, die Fröbel anführt: die auffallend behäbige
Garderobe und Ausstattung, die Padovani mit sich in das Gefängniß
brachte, die Zuvorkommenheit der Bedienung gegen ihn, das widerwärtig
zudringliche, auffallende und unruhige Wesen des Fremden, seine
tendenziöse Einmischung in die Gespräche und gemeinsamen Schritte
der Abgeordneten, seine fortwährende Aufforderung an dieselben,
ihre Unverletzlichkeit als Abgeordnete den Behörden gegenüber recht
scharf zu betonen, seine auffallenden Versuche, von den Gefangenen
Einzelheiten über ihre Betheiligung am Kampfe zu erfahren, sind
keineswegs „sicher ohne allen Grund“ wie Herr v. Helfert kurz
meint.[322] Im Gegentheil waren die bisherigen „juridischen Beweise“,
welche die Central-Untersuchungscommission trotz des ganzen Heers ihrer
Denuncianten und Polizeispione für die Schuld der beiden Abgeordneten
zusammengebracht hatte, so überaus dürftig, daß die Einstellung und
Mitwirkung eines Spions zur Ergänzung des Schuldbeweises, namentlich
in der Geschäftsgebahrung des nachmetternich'schen Oesterreich und bei
dem in Schönbrunn bereits am 6. nach Olmütz gemeldete Entschlusse,
Blum mit oder ohne „juridische Beweise“ nicht lebend nach Frankfurt
kommen zu lassen, durchaus nicht zu jenen Dingen gehört, welche damals
in Wien undenkbar gewesen wären; am wenigsten zu denen, welche die
Entrüstung des Herrn v. Helfert vorzugsweise verdient hätten. Denn die
Briefe seines Helden Windischgrätz an Wessenberg und Schwarzenberg
stehen moralisch betrachtet tief unter der Judasrolle, die Padovani
von Fröbel beigemessen wird. Padovani wäre doch nur das Werkzeug einer
feilen Scheinjustiz gewesen, ein Werkzeug, das sich vielleicht durch
diese Handlungsweise die eigene Straflosigkeit erkaufte (Nordstein S.
361), der Fürst Windischgrätz aber erscheint nach jenen Briefen als der
eigentliche Anstifter eines Justizmordes.

Was mich veranlassen könnte, den schweren Verdacht, der dreißig Jahre
lang auf dem unglücklichen Italiener gelastet hat, für grundlos
zu erklären, ist sein Verhalten, als ich vor fünf Jahren (1873)
einige Actenstücke über Blum's Tod in der „Deutschen Zeitung“ in
Wien veröffentlichte.[323] Damals entspann sich eine lange Fehde
zwischen Padovani und Fröbel in der Zeitung, und Padovani schrieb
mir in Ausdrücken, die schwerlich erheuchelt waren, wie schwer er
die fünfundzwanzig Jahre über unter dieser falschen Anklage gelitten
habe. Diese günstige Meinung wird aber getrübt durch Actenstücke, auf
welche ich seither aufmerksam geworden bin. Helfert theilt nämlich in
seiner Darstellung des Processes wider Fröbel mit, daß die Broschüre
Fröbel's „Wien, Deutschland und Europa“, welche Fröbel's Begnadigung
bekanntlich vorzugsweise erwirkte, von Padovani den Richtern zugesandt
worden sei.[324] Padovani war damals noch Untersuchungsgefangener,
und es macht einen mindestens eigenthümlichen Eindruck, wenn er in
dieser Lage wissen konnte und wußte, was „die Richter“ gerade als
Begnadigungsmoment zu Gunsten Fröbel's gebrauchen konnten -- namentlich
wenn man sich daran erinnert, daß Schwarzenberg nur #Blum# dem
„Ermessen“ des Fürsten preisgegeben und auch diese Zusage in seinem
Schreiben vom 8. November wieder eingeschränkt hatte. Da das Urtheil
gegen Fröbel erst den 11. November Vormittags geschöpft wurde[325], so
lag hier nunmehr der Vorwand einer Begnadigung ebens