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Title: Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern - Eine unterhaltende Erzählung für die Jugend
Author: Königsthal, Anna Elise Sophie von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern - Eine unterhaltende Erzählung für die Jugend" ***

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  Emma und Bertha

  oder

  die Zwillingsschwestern.

  Eine unterhaltende Erzählung
  für die Jugend.

  Mit 4 illum. Kupfern.

  Nürnberg,
  bei Bauer und Raspe
  1834.



Einleitung.


Frau v. Falkensee, die Gattin eines, durch viele im Krieg erhaltenen
Wunden, dienstuntauglichen Majors, war schon Mutter eines Knabens; und
nach 4 Jahren lagen 2 Zwillingstöchterchen in der Wiege, deren Aehnlichkeit
selbst oft den mütterlichen Scharfblick täuschte, so daß Jene Emma für
Bertha, und Bertha für Emma hielt, besonders wenn beide im süßen Schlummer
lagen; denn, sobald sie die Augen aufschlugen, so zeichnete Emma der
sanfte, Bertha der lebhafte Blick; Erstere eine gewiße Ruhe und Stille,
diese ein unverkennbares Feuer in den Bewegungen des kleinen Körperchens
aus. Auch die Stimme der Kinder war verschieden; Bertha schrie kräftig,
wenn ihr Etwas mangelte; in Emma's Tönen lag dann eine klagende Wehmuth.

Diese Kennzeichen waren nun wohl der Mutter und den Hausgenossen durch
immerwährendes Zusammenseyn mit den Kleinen an ihnen bemerkbar; Fremde
aber _mußten_ sie verwechseln, dies war nicht anders möglich. Selbst mit
zunehmenden Jahren verminderte sich der Schwestern _äussere_ Aehnlichkeit
nicht, sondern sie blieben sich in Gesicht und Haar, in Wuchs und Größe
vollkommen gleich und auch der Anzug wurde für Beide stets überein gewählt,
wie man dies bei Zwillingsgeschwistern gewöhnlich zu thun pflegt. -- Jedoch
sehr verschieden war ihr _inneres_ Wesen. Emma sanft, verständig, mild
und fleißig, äusserte mitunter einen furchtsamen, empfindlichen und
verschlossenen Charakter, Bertha war flatterhaft, leichtsinnig und
vorwitzig, aufbrausend und ausgelassen, dabei offen und ehrlich und
äusserst gutmüthig. Ob sie gleich Emma innig liebte, so hielt sie sich doch
auch nicht ungerne zu ihrem muntern Brüderchen und zu dessen Gespielen,
wenn er welche bei sich hatte. Es bedurfte dann nicht viel Bittens von
seiner Seite, so half sie seine kleine Compagnie vollzählig machen, nahm
eine Flinte auf die Schulter, oder den hölzernen Säbel in die Hand, und
marschirte mit den Knaben in die Wette nach dem Takt der Trommel, auf
welcher ein Tambour an der Spitze der kriegerischen Schaar wirbelte.
Wenn Fränzchen alleine war, so ersezte Bertha ihm die Freude, ließ sich
gutwillig als Pferdchen gebrauchen, oder stellte den Kutscher vor, wie es
eben Jenem beliebte, es einzurichten. Bei Emma hingegen kostete es mehr,
sie zu einem ähnlichen Spiel zu bewegen; und nur wenn Franz ihr mit
wehmüthiger Stimme und Geberde versicherte, daß sie ihm durch einen
Abschlag seines Gesuchs recht wehe thun und seine ganze Freude verderben
würde, entschloß sie sich, gemeinschaftliche Sache mit ihm und Bertha zu
machen. Die Geschwister, ihre Neigung kennend, theilten ihr dann immer eine
stillere Rolle zu, und suchten ihr auf alle Weise ihre Gefälligkeit durch
Nachgiebigkeit zu vergelten. Am liebsten spielte Emma alleine mit ihren
Puppen und Küchengeschirr, und konnte sich damit Tage lang vergnügt
beschäftigen. Bertha dagegen mochte nicht lange still sitzen, und hatte
immer muthwillige Streiche im Kopf, die sie nicht selten ausführte,
und Schwester Emma in fatale Verlegenheiten brachte, oder auch ein Lob
einärndete, das dieser gebührte, indem beide gar häufig mit einander
verwechselt wurden.

Wie nun dieser Irrthum bei kleinern und größern Begebenheiten Statt fand,
bis zur Zeit, wo beide Schwestern erwachsen, durch die Entscheidung ihres
fernern Schicksals getrennt wurden; wie Emma und Bertha ihren Charakter
durchgängig äusserten, die gemachten Erfahrungen aber zu ihrer
Vervollkommnung benützten, -- dies sollen meine lieben jungen Leser
und Leserinnen im vorliegenden Büchlein vernehmen; und daß für sie die
Erzählungen eine Quelle angenehmer und nüzlicher Unterhaltung werden mögen,
ist herzlicher Wunsch

  der Verfasserin.



Die Zauberlaterne.


Franzens zehnter Geburtstag nahte, und er hatte die Erlaubniß erhalten,
mehrere Freunde dazu bitten zu dürfen. Er versprach sich unendliches
Vergnügen davon, und eine feierliche Einladung war auch schon von ihm an
die Schwestern ergangen, der muntern Versammlung bei zu wohnen. Bertha
hatte unbedingt zugesagt, und jubelte, mit Franzen darin wetteifernd, --
bei der frohen Aussicht auf jenen Tag, der sich von Früh bis Abend durch
seine angenehmen Ereignisse auszeichnen würde. Besonders wurden für die
Abendstunden, in welchen der Gespielenkreis sich versammelte, viele schöne
Pläne zum gemeinschaftlichen Zeitvertreib entworfen, und Bertha half dem
Bruder emsig, unter seinen Spielkram Alles hervor zu suchen, was zu
jenem Zweck tauglich war. Manches bedurfte einer Verbesserung und
Wiederherstellung, und Franz der kleine Tausendkünstler unternahm selbst
hie und da eine derselben mit Erfolg, wegen anderer schickte er die sanfte
Emma als Fürsprecherin zur Mutter, und diese willfahrte der schmeichelnden
Bitte, und setzte das verdorbene Spielzeug mit eigener Hand, oder durch
fremde Hülfe in bessern Zustand. Zu seiner Freude fand er aber seine
Zauberlaterne ganz unversehrt, und von dieser Unterhaltung versprach er
sich besonders viel Spaß. Er besah mit den Schwestern die zwölf, auf Glas
gemalten Vorstellungen, welche theils Begebenheiten aus der biblischen,
theils aus der Weltgeschichte, theils auch aus dem Kinderleben enthielten,
und sah sie schon im Geist auf dem weißen, an der Wand aufgespannten Tuch
in vergrößerter Gestalt, und in heller Beleuchtung erscheinen. Es war an
keinem ein kleiner Schade zu sehen, und Franz packte sie wieder vorsichtig
in das, dazu bestimmte Kästchen wobei er äusserte: er wolle noch diesen
Abend einen Versuch mit der Zauberlaterne machen, um sie dann recht geübt
zum Vergnügen seiner Freunde benützen zu können. Zu dem Ende stellte er
sie nicht wieder in den Spielschrank, sondern trug sie in das Kinderzimmer.
Herr Werthlieb, der Lehrer hatte unsern Franz in der Nachmittagsstunde
diesmal eine so große Aufgabe ertheilt, daß dieser den größten Theil des
Abends auf dessen Stube bleiben und arbeiten mußte. Dies war Bertha noch
unangenehmer als dem Knaben selbst, denn sie hatte sich schon sehr auf
die Probe mit der Zauberlaterne gefreut; und als Franz immer nicht kommen
wollte, schlich sie sich mit einem brennenden Wachsstock ins benannte
Stübchen, nahm die Laterne aus dem Kasten, zündete das Lämpchen an, und
hing eine weiße Schürze von der Magd an ein paar Schrauben, die sich in der
Wand befanden. Ihre Hast und Unbedachtsamkeit, mit der sie Alles unternahm,
brachte auch hier vielen Schaden; der Oelinhalt des Lämpchens wurde zur
Hälfte in die Laterne geschüttet, und auch der Boden etwas damit befleckt,
und als Bertha zwei der schönsten Vorstellungen -- es war der verlorne
Sohn, wie er reuig zum Vater zurückkehrt, und von diesem zärtlich begrüßt
wird, und dann ein spielender Kinderkreis, wo Knaben und Mädchen sich auf
schuldlose Weise vergnügen -- als Jene nun die beiden Gläser ungeschickter
Weise hinein schob, erhielt das erste einen tüchtigen Sprung, beim zweiten
blieben Bertha die Stücke in den Händen. Erschrocken packte sie eilig alles
zusammen, löschte die Lampe aus, und machte sich aus dem Staube. Als
nun Franz vom Lehrer entlassen war, wollte er ohne Aufschub das erwähnte
Vorhaben ausführen -- aber welch eine Entdeckung mußte er machen! Er schlug
einen gewaltigen Lärm auf, und verlangte von der eintretenden Magd zu
wissen, wer im Zimmer gewesen, und das Unheil angestellt habe. Anna hatte
Bertha nur noch ein wenig im Entfliehen erblickt, und war gerade nicht
gut auf Emma zu sprechen, weil ihr diese einen verdienten Tadel sehr übel
genommen hatte; ohne also sich zu bedenken, nannte sie Leztere, da sie auch
in der Schnelligkeit die Schwestern nicht unterscheiden konnte. Mit den
zerbrochenen Gläsern in der Hand, und mit nassen Augen rannte Franz ins
Wohnzimmer, und stellte Emma sehr derb und heftig zur Rede, drohte auch,
sie bei der Mutter zu verklagen. Bertha kam dazu, noch ehe Jene zu ihrer
Vertheidigung etwas gesagt hatte, und rief, als sie lezte Aeusserung noch
hörte: »Mit Nichten Herr Bruder! Nicht Emma, sondern _ich_ habe mir Deine
Ungnade zugezogen, mich mußt du verklagen. Komm nur gleich, komm!«
Bei diesen Worten ergriff sie ihn am Arm und zog ihn mit fort zu der
mütterlichen Richterin, die im Speisegewölb beschäftigt war. Hier gestand
sie nun offen was sie begangen hatte, verschwieg auch den verdorbenen
Stubenboden nicht, und erhielt den verdienten Verweiß, mit dem Zusatz: daß
sie zur Strafe bei Franzens Geburtstagsfeier ausgeschlossen seyn sollte.
Dieser Ausspruch kostete ihr viele Thränen, jedoch sie wagte nicht, dagegen
Etwas einzuwenden. Emma aber von Bertha's Ehrlichkeit gerührt, ließ mit
Bitten nicht nach, bis Mutter und Bruder dieser verzieh, und Frau von
Falkensee, welche auch ihres Töchterchens Aufrichtigkeit im Stillen
erfreute, nahm ihr strenges Verbot mit der Bedingung zurück: daß Bertha
an Franzen's Festabend die Schranken mädchenhafter Schicklichkeit nicht
übertreten dürfe; ausserdem sogleich auf ihr Zimmer verwiesen würde; sie
versprach es, und Emma hielt ein wachsames Auge über das Schwesterlein,
damit durch dasselbe keine Störung des allgemeinen Vergnügens erfolgte.



Der ungerechte Verdacht.


Nach einiger Zeit erging an Emma und Bertha eine Einladung zu Frau Rutland
welche auch zwei Töchterchen in fast gleichem Alter besaß, und diesen
einmal eine große Mädchengesellschaft einladen wollte. Sie entschloß
sich selten dazu, denn bis zur Uebertreibung an Reinlichkeit und Ordnung
gewöhnt, war ihr schon deshalb eine Versammlung fremder Kinder in ihrem
Hause etwas Aengstliches, und die ihrigen standen unter so strenger Zucht,
daß die Armen ihre Kindlichkeit beinahe dabei einbüßten. Sie mußten sich
immer wie Erwachsene betragen, und dies verlangte denn auch Frau Rutland
von fremden jungen Leuten. Als daher obige Aufforderung erschien,
erschraken Emma und Bertha, statt daß sie sich freuten, und hätten jene
gerne abgewiesen; allein der Major, welcher mit Frau Rutland hie und da
zusammen kam, und auf ziemlich freundschaftlichem Fuße mit ihr stand, gab
seine Einwilligung nicht dazu, sondern ermahnte vielmehr seine Töchterchen,
sich ja recht bescheiden und anständig zu betragen. Es war das erstemal,
daß Emma und Bertha zu Frau Rutland kamen, und sie mußten, wie schon gar
oft, auch nun von dieser, und von einer Verwandten derselben, die bei
ihr war, viele Aeusserung des Erstaunens über die ausserordentliche
Aehnlichkeit, die bei ihnen Statt fand, anhören. Indessen ging es Anfangs
recht gut. Die Bewirthung war trefflich, die Behandlung freundlich, und
nach genoßenem Thee wurden am Tisch mehrere Kreisspiele vorgenommen. Emma
fiel es nicht schwer, der älterlichen Ermahnung eingedenk, still und ruhig
sich zu benehmen, aber Bertha hatte gerade wieder an jenem Abend eine recht
ausgelassene Laune; sie mußte ihrem unwiderstehlichen innern Drang folgen,
und wenigstens ihre Nachbarin immer ein wenig insgeheim necken; bald
versteckte sie ihr dies und Jenes beim Spiel, bald versuchte sie, dieselbe
wenn sie ernsthaft seyn wollte, zum Lachen zu bewegen, bald suchte sie des
Käzchen, das im Zimmer war, habhaft zu werden, und brachte es dem, neben
ihr sizenden Dorchen, welche es nicht leiden mochte, ein wenig nahe --
kurz sie konnte nicht ruhen, obgleich ihr Emma einmal übers anderemal einen
strafenden Blick zu warf. --

Eine, Frau Rutland recht zur Unzeit kommende Aufforderung, nöthigte diese,
noch am nämlichen Abend mit ihrer Baase auszugehen, und nur die Magd blieb
zur Aufsicht über die kleine Mädchen-Versammlung; doch weder diese konnte
ihr Ansehen behaupten, noch auch die Töchter vom Hause dem allgemeinen
Verlangen sich kräftig genug widersetzen, kurz -- es wurden, gegen Frau
Rutlands Verbot, nun wildere Spiele vorgenommen. Es kam: wie gefällt dir
dein Nachbar, Kämerchen vermiethen, blinde Kuh u. d. gl. zum Vorschein; und
der Abend verstrich vollends der lieben anwesenden Jugend recht angenehm.

Allein der folgende Tag verbitterte die genoßene Freude, wenigstens bei
unsern Zwillingsschwesterchen. Es erschien nämlich Frau Rutland in dem
Hause der Majorin, und wünschte diese zu sprechen; sie war aber mit Bertha
ausgegangen, um den Töchterchen einen neuen Strohhut zu kaufen. Emma
empfing Jene mit aller der Artigkeit, die Frau Rutland von einem 3jährigen
Mädchen erwarten konnte; demohngeachtet wurde sie von derselben so heftig
angelassen, daß die Arme gewaltig erschrack, und sich ganz verbleichte. Die
leidenschaftliche Frau kehrte sich jedoch nicht daran, sondern versicherte
der Zitternden: daß sie zum ersten und leztenmal in ihrem Hause gewesen
sey, und daß sie nur gekommen wäre, um einen Ersatz für den Schaden, den
ihr Emma gestern angerichtet habe, zu verlangen. Nach der Aussage der Magd
hätte nämlich durch sie im wilden Spiel, der Spiegel im Zimmer einen
Sprung erhalten, »und dann habe ich wohl gesehen,« -- fuhr Frau Rutland mit
gesteigerten Zorn fort -- »wie du unartiges Mädchen beim Theetrinken mit
deiner Nachbarin immer unnützes Zeug triebst, so daß Jene, einmal von
dir gestossen, ihre Tasse, halb auf den schönen Teppich verschüttete, und
diesen dadurch verdarb. Für beides muß ich nun entschädigt werden.« -- Emma
brach in Thränen aus, und wußte sich nicht zu helfen; reinigte sie sich
von dem Verdacht, so mußte Bertha darunter leiden, doch schmerzte es sie
bitter, ganz unschuldig von Frau Rutland mit so harten Vorwürfen belastet
zu werden. Indem schellte die Klingel; Emma flog zur Thüre hinaus,
sie hoffte auf der Mutter Rückkehr, und wirklich nicht vergebens. Frau
v. Falkensee erschien, und Bertha wollte jubelnd der Schwester das neue
Strohhütchen zeigen; blieb aber, gleich einer Bildsäule, vor ihr stehen;
als sie Thränen über ihre Wange perlen sah. Emma konnte nicht verhehlen was
sie schmerzte; da stürmte, noch während sie, von Schluchzen öfters gehemmt,
erzählte, Bertha ins Zimmer, und rief, indem lachender Unwille ihre Wangen
mit einer Purpurglut übergoß: »Hören sie, Emma saß nicht neben Dorchen
Wider, sie haben ihr Unrecht gethan, ich war Dorchens Nachbarin, und
erinnere mich wohl, daß diese ihre Tasse verschüttet hat, ich bin Schuld,
wenn der Teppich dadurch verdorben wurde. Von dem Sprung im Spiegel weiß
ich aber nichts, doch Emma ist behutsamer als ich; wenn die Magd sahe,
daß eine von uns beiden an den Spiegel stieß, so war _ich_ es in meiner
Unbedachtsamkeit; sie haben Emma vollkommen Unrecht gethan, hören sie
wohl!« Frau v. Falkensee vernahm Bertha's starke Stimme vor dem Zimmer, und
eilte hinein die heftige Kleine zur Ruhe zu verweisen. Während sie jedoch
mit Frau Rutland sich benehmen wollte, eilte Bertha an ihre Komode, nahm
ihre Sparbüchse heraus, näherte sich damit Jener und sagte im sanfteren Ton
-- denn schon war ihre Hitze vorüber: »Liebe Frau Rutland, nehmen Sie hier
Alles was ich vermag, es reicht doch wenigstens hin, ein neues Spiegelglas
zu kaufen, und wegen dem Flecken auf dem Teppich, will ich Hrn. Werthlieb
um sein Mittel, befleckte Sachen zu reinigen bitten; gewiß der Schade wird
auch wieder zu verbessern seyn.« -- Dann fiel sie Emma, die noch immer
sehr bewegt in einer Ecke stand, mit nassem Blick um den Hals und bat
schmeichelnd: »Vergieb Herzensschwesterchen, daß ich dir durch meine
Unarten diese unverdiente Kränkung zuzog, ich will gewiß besonnener
werden.« Frau Rutland wurde durch Alles was sie sah und hörte, ganz
betreten; die Majorin aber gebot den Kindern, sich zu entfernen. Als
diese gehorchten, äusserte sie nun ihre gerechte Empfindlichkeit über Frau
Rutlands schonungsloses Betragen gegen Emma, ohne Bertha rechtfertigen zu
wollen, und erbot sich zu den verlangten Schadenersatz. Jene aber, durch
Bertha's Schwesterliebe, welche leider bei ihren Töchterchen nicht
zu finden war, wunderbar ergriffen, wollte nun nichts mehr von einer
Entschädigung wissen, sondern suchte jezt selbst die Verzeihung der Baronin
zu erhalten, und entfernte sich bald möglichst. Bertha behielt nun zwar
ihr kleines Vermögen, aber einer strengen Rüge der Mutter konnte sie
nicht entgehen, welche sie im Gefühl ihres Unrechts demüthig hinnahm, und
Besserung gelobte; wirklich nahm sie sich künftig in fremden Umgebungen
weit mehr zusammen, um bei einer möglichen Verwechslung Emma wenigstens
nimmer zu schaden.



Die Prüfung.


Herr Werthlieb, Falkensee's Hauslehrer erhielt eine Pfarre, und mußte
seiner neuen Bestimmung folgen. Der Major fand vor der Hand keinen jungen
Mann, welcher ihm Jenen ersezt hätte, so beschloß er, seine Kinder die
öffentlichen Anstalten, die sich in seinem Wohnort befanden, besuchen zu
lassen. Franz kam in eine lateinische Schule, und die Töchter erhielten
in einem Mädchen-Institut Unterricht. Schon war ihnen daselbst ein Jahr
verflossen, die Prüfung nahte, und Emma und Bertha sahen ihr mit gespannter
Erwartung entgegen. Leider konnten die Aeltern nicht gegenwärtig seyn, denn
der Major fühlte sich unwohl, und die Gattin fesselte seine Pflege an das
Haus; aber im Geiste waren sie ihren Kindern immer nahe, und während Emma
etwas ängstlich und schüchtern, Bertha aber mit einem gewißen Freimuth
die Prüfung bestanden, besprachen sich Vater und Mutter über der Töchter
geistige Vorzüge und Mängel. Ersterer sagte: »Emma bringt gewiß ein gutes
Zeugniß mit nach Hause; denn sie ist wacker und fleißig. Aber Bertha wird
uns, wie ich befürchte nicht auf solche Weise erfreuen; ihr Leichtsinn
und ihre Flatterhaftigkeit sind zu groß.« Die Baronin erwiederte: »Deine
Besorgniß ist nicht ungegründet, lieber Ernst; und es ist Schade um das
Mädchen, denn ein gutes Gedächtnis, das ihr der Himmel verlieh, macht
ihr das Lernen leicht;« Jener versezte: »das ist es eben, worauf sich der
kleine Leichtfuß verläßt, und weshalb die Arbeit immer verschoben, und dann
zulezt nur flüchtig vorgenommen wird.« »Vollkommen vertheidigen kann
ich Bertha nicht;« fügte die Mutter bei; »aber zu ihrer Ehre muß ich dir
versichern daß sie sich schon viel gebessert hat, und deswegen erwarte ich
wirklich keinen allzuschlimmen Ausspruch der Lehrer und Lehrerinnen.« --
Nach ein paar Stunden erschienen die Geprüften; beide etwas kleinlaut und
verstimmt, und die Aeltern massen sie mit forschendem Blick.

»Nun, wie gings?« fragte endlich der Vater, da die Mädchen immer noch
schweigend Hüte und Handschuhe, nebst der Büchermappe mit ihrem ganzen
Inhalt auf die nahstehende Komode legten.

»Ich habe ein Diplom erhalten;« versezte Bertha ganz demüthig. »Nun --
und darüber bist Du nicht _mehr_ erfreut?« entgegnete Jener erstaunt.
Das Mädchen erwiederte: »Ach ich verdiene es nicht, und Emma, die weit
fleißiger war als ich, ist leer ausgegangen, dies schmerzt mich bitter.« --
Emma verhielt sich ganz stille, aber man bemerkte es deutlich, daß sie über
die erlittene Zurücksetzung sehr empfindlich schien; Bertha aber nahm erst
auf ein wiederholtes Verlangen der Aeltern das Ehrenzeugnis aus der Mappe,
und reichte es hocherröthend, und mit gesenktem Blick dem Vater hin. Es
war eine zierlich vergoldete Karte, auf welcher die Worte standen: »dem
ausgezeichneten Fleiß und sittlichen Betragen.« Der Major strich ihr die
Wange und sagte: »das ist brav, das habe ich nicht von dir vermuthet!«
Bertha erwiederte: »Gewiß ist es wieder ein, durch unsere Aehnlichkeit
veranlaßter Irrthum; Emma bewieß sich immer tadellos; ich hingegen« -- sie
schwieg und ihr Blick wurde feucht; »da kein Name auf der Karte steht,«
versezte der Major, »so wäre jener Fall möglich, indessen versicherte
mir erst vorhin die Mutter: daß meine Bertha sich bessert; vielleicht daß
dieses Zeugniß eine Aufmunterung deines Eifers seyn soll.« »Nein, nein!«
fiel ihm das Mädchen in die Rede. »Das Diplom gehört nicht mir sondern
Emma, und ich behalte es auch nicht.« »Und _Du_ sagst gar nichts dazu?«
fragte Frau v. Falkensee Emma, die immer noch verstimmt am Fenster stand,
und mit ihrem Schürzenband spielte. »Was soll ich sagen« -- versezte sie
verdrüßlich -- »Bertha war die Glückliche die das Diplom erhielt, so soll
sie es auch von mir aus bleiben.« »Pfui Mädchen!« nahm der Vater das Wort,
»das ist keine Sprache, welche einer guten Schwester geziemt; und nun
erst verdient Bertha in meinen Augen wirklich jene Auszeichnung vor
dir; inzwischen wird die liebe Mutter, da meine Unpäßlichkeit mich daran
hindert, der Wahrheit auf den Grund zu kommen suchen, und die Aeltern
werden dann Alles auszugleichen wissen.«

So war es auch, Frau v. Falkensee begab sich zu der Vorsteherin des
Instituts, und erzählte ihr den ganzen Vorgang, verschwieg auch Bertha's
redliches und schwesterliches Benehmen nicht, welches derselben die Liebe
Jener im hohen Grade gewann; auch erfreute sie die Majorin durch die
wiederholte Versicherung: daß sie jezt viel weniger Ursache finde, mit
Bertha unzufrieden zu seyn, als ehemals, daß jedoch Emma das Diplom sich
rühmlich erworben habe, und der Lehrer bei der Austheilung durch die
täuschende Aehnlichkeit der Schwestern, irre geleitet worden wäre.

Bertha hatte jedoch diesen Ausspruch nicht abgewartet, sondern schon vorher
das Ehrenzeugniß in Emma's Komodschublade gelegt, und als es diese fand,
und nicht annehmen wollte, die Schwester mit Thränen gebeten, dasselbe zu
behalten. Diese ungeheuchelte Gutmüthigkeit brach Emma's kleinen Trotz.
Sie fiel Bertha um den Hals, und sagte schluchzend: »Mit all' meinen
hochgeprießenen Tugenden bin ich bei weitem nicht so gut wie du, vergieb
mir Schwesterchen ich will künftig gewiß meine Empfindlichkeit besser
beherrschen.« --

Der Major wohnte, von den Kindern unbemerkt, im Nebenzimmer, dessen Thüre
offen stand, ihrer Unterredung bei; und als nun die Mutter den obigen
Bescheid mit nach Hause brachte, theilte ihr Jener seine gemachte Erfahrung
mit, und beide kamen darinnen überein: Emma's Besitznahme des Diplom's zu
Bestättigen, und Bertha zur Belohnung ihres Benehmens und zur Aufmunterung
ihres begonnenen Lerneifers, mit einem neuen Schreibbuch, das einen, mit
sinnvollen Bildern gezierten Umschlag hatte, und mit einer fein lackirten
Federbüchse, zu beschenken.



Die schönste Puppe.


Die muntere Bertha war der Liebling der reichen Banquier Krause, und
ihres einzigen Töchterchens Malwina, welche, eben so lebhaft wie Jene, die
stillere Emma weniger liebte, als ihr lustiges Schwesterchen. Bertha
wurde auch öfters zu ihr eingeladen, als Emma, und die beiden Freundinnen
unterhielten sich köstlich mit einander, obgleich auch manches schlimme
Stückchen von ihnen zum Vorschein kam, da sie sich gegenseitig zu
muthwilligen Streichen aufforderten, und verleiteten. Frau Krause jedoch,
gleich edel als verständig, hielt treue Aufsicht über die Kinder, wenn
sie beisammen waren, und verhütete dadurch, daß ihre Munterkeit, nicht in
Ausgelassenheit ausartete, und der Muthwille der Kleinen, der nie bösartig,
oder unanständig sich äusserte, wurde von ihr nur sanft gerügt, nur
leise im Zaum gehalten. Auch vermochte sie es nicht über sich, Emma durch
gänzliche Zurücksetzung zu kränken; sie würdigte den Werth des sanften
Kindes, gab ihr unverkennbare Beweise ihres Wohlwollens, und Malwina mußte
sie immer dazwischen auf ihr Geheiß auch einladen. Aber Bertha's offene
Gutmüthigkeit sprach sie doch besonders an, und diese war Tagelang in ihrem
Hause; wo im Winter den Mädchen mitunter gestattet wurde, in dem großen
Hofraum Schlitten zu fahren, was ein köstliches Vergnügen für sie war; und
im Sommer durften sie Frau Krause auf allen Spaziergängen begleiten,
und sich auf Wiesen und Fluren nach Herzenslust tummeln. Aber auch das
Puppenspiel wurde von ihnen nicht vernachläßigt, nur trieben sie es auf
andere Weise als Emma. Dieser gefiel es, die Puppen neben sich hinzusetzen,
Speisen für sie zu kochen, und sie damit zu bewirthen, oder wohl gar auch
dieselben als Schülerinnen, und sich als ihre Lehrerin zu betrachten, und
Unterricht ihnen zu ertheilen. Die flüchtige Bertha aber, und ihre ihr
nüzliche Freundin Malwina, fanden an diesem Allen wenig Freude; ihre
Unterhaltung war: die Puppen recht oft an und aus zu kleiden, sie, in ihrer
Vorstellung, da und dort hin mit zunehmen, und sie blieben also auch in den
Winterabenden mit denselben nicht lange ruhig sitzen; indessen wußte sich
Bertha nichts hübscheres als eine schön gepuzte Puppe. Als nun ihr 8ter
Geburtstag herbei kam, so theilte Malwina, die Jene unbeschreiblich liebte,
der Mutter den innigen Wunsch mit, Bertha zum Angebind eine ausgezeichnet
schöne Puppe geben zu dürfen. Frau Krause war nicht dagegen, nur äusserte
sie, daß Emma dann auch eine erhalten müsse; es wäre eben so gut ihr
Geburtstag, und sie dürfte durch Vernachlässigung nicht gekränkt werden.
Malwina war es zufrieden, aber sie bat sich aus, daß sie für ihre Bertha
die _schönste_ Puppe aussuchen dürfe.

Mit diesem Vorhaben machten sich Mutter und Tochter auf den Weg, jene
einzukaufen, und erreichten vollkommen ihren Zweck. Sie fanden 2 Puppen,
beinahe sich so ähnlich wie die lebenden Zwillingsschwestern, und nur
dadurch unterschieden: daß die eine mit einem Uehrchen geschmückt war, die
andere aber nicht, ferner trug jene einen Hut von Seide, diese von einem
geringern Zeug, und um den Leib hatte erstere ein Samtband mit einer
niedlichen Schnalle, die zweite nur einen mit dem Kleid ähnlichen Gürtel,
der eine Schleife bildete. Der übrige Anzug der beiden Puppen war überein;
die Kleider aus einem bunten Sommerzeug verfertigt, die Krägen aus feinem
weißen Battist, mit schmalen Spizchen besezt, die Füßchen mit netten
schwarzen Schuhen und gewebten Strümpfchen bekleidet; jede hielt ein
zartgeflochtenes Arbeitskörbchen mit einem blauseidenem Sack versehen, in
der Hand. Malwina war über diesen Kauf so sehr erfreut, als sollten die
Puppen _ihr_ Eigenthum werden; allein leider konnte das gute Mädchen nicht
den Genuß haben, das Entzücken der Freundinnen beim Empfang des schönen
Angebinds zu theilen; ja sie durfte auch nicht hoffen, diese bald zu
sehen, und von ihnen zu hören, wie die gepuzten Abgesandten ihre neuen
Gebieterinnen befriedigt hatten.

Den Abend vor dem ersehnten Geburtstag fühlte sich die arme Malwina unwohl,
und schon am folgenden Morgen machte die Mutter die Entdeckung, daß ihr
Töchterchen von den Masern befallen worden sey; die Krankheit schien
gutartig zu werden, dem ohngeachtet trennte sie dieselbe von Emma und
Bertha, da beide jene noch nicht gehabt hatten.

Malwinens Betrübniß darüber war groß, und besonders an dem wichtigen Tag,
von dem sie sich so viele Freuden versprochen hatte. Die zärtliche Mutter
bot Alles auf, durch andere Erheiterungsmittel Malwinen die Entbehrung
weniger fühlbar zu machen, doch diese konnte sie nicht recht verschmerzen;
besonders war es ihr eine große Sorge, daß die Magd, welche jezt den
Freundinnen das Angebinde bringen mußte, doch ja die Schwestern nicht
verwechseln, und der geliebten Bertha die _schönste_ Puppe übergeben
möchte. Sie ließ Christinen vor ihr Bett kommen und fragte sie wiederholt
und dringend, ob sie Bertha von Emma unterscheiden würde, jene mußte ihr
genau angeben, woran sie dieselbe erkenne und ihr feierlich versprechen,
ihr und nicht Emma die Puppe mit der Uhr einzuhändigen. Christina aber
hatte ein weites Gewissen, sie vergaß ihre Pflicht und ihr Versprechen, und
folgte, als sie auf die Strasse kam, der Einladung einer Bekannten, die auf
der, eben Stattfindenden Messe ein neues Kleid sich kaufen wollte, und ging
mit dieser; eine zweite Bekannte, die ihr begegnete, beauftragte sie,
statt ihrer die Puppen zu Falkensee's zu tragen, und mit ihrer Freundin
Angelegenheit zu sehr beschäftigt, nannte sie der Ueberbringerin jenes
Angebinds wohl die Namen Emma und Bertha, und bezeichnete auch die
Puppe, welche leztere erhalten sollte; allein Alles geschah eilig und
oberflächlich, und als die fremde Magd in das Haus des Majors kam, wußte
sie keinen Bescheid mehr. Indessen lag ihr eine pünktliche Ausrichtung
ihres Auftrags auch nicht sehr am Herzen, und als sie Emma auf dem Vorplatz
fand, glaubte sie, dieser gehöre die _schönste_ Puppe, übergab ihr, ohne
weiter sich zu bedenken, dieselbe in Malwinens Name, und Bertha, welche nun
auch herzu kam, die Andere. Diese lieben Gäste fanden bei den Mädchen die
freundlichste, fröhlichste Aufnahme, und der Unterschied zwischen beiden
wurde anfangs gar nicht beachtet, ja man fühlte sich nur in ihrem Besitz,
und durch den Beweis des liebevollen Andenken der kranken Freundin jubelnd
glüklich. Nach und nach begann eine genauere Musterung des Anzugs der
Puppen, und nun fiel es so wohl Emma als Bertha auf, daß die Puppe der
Erstern mehr Vorzüge hatte, und daß Jener dieselbe gehören solle. »Ich
glaube immer, die _schönste_ Puppe ist _dir_ bestimmt Bertha;« sagte Emma.
»Du bist ja Malwinens beste Freundin, also wird sie dir auch das schönste
Geschenk zugedacht haben.« Bertha versezte: »Nicht doch Schwesterchen! ich
hörte es wohl, daß die Magd ausdrücklich nach _deinem_ Namen fragte, und
dann, als sie diesen vernahm, Dir deine Puppe einhändigte. Laß mich's
gestehen, ich dachte anfangs wie du: es sey wieder eine, durch unsere
Aehnlichkeit entstandene Verwechslung, allein nun glaube ich es nicht mehr;
denn Frau Krause ist dir liebe Emma auch recht aufrichtig zu gethan, und
wird dafür halten, daß bei meinen besonnenen Schwesterchen die schönste
Puppe besser aufgehoben sey, als bei der flüchtigen Bertha; daher behalte
sie in Ruhe, und laß mich nur zuweilen mit spielen, ich will sie dir gewiß
nicht verderben. Besonders muß das zierliche Uehrchen recht in Obacht
genommen werden. Sieh nur Emma wie allerliebst dies ist! auch die
Gürtelschnalle dürfte ich nicht nach meiner sonstigen Weise oft auf- und
zuschnallen, der feine Stachel würde bald abbrechen. Ach könnte nur Malwina
unsere Freude an den schönen Puppen mit genießen!« So schwazte Bertha
noch eine Weile fort, ohne die geringste Misgunst über den Vorzug, den die
Schwester erhielt zu zeigen.

Nach mehreren Wochen, als Malwina glücklich hergestellt, und die Gefahr der
Ansteckung vorüber war, wurde sogleich Bertha zu ihr eingeladen und Jene
konnte es kaum erwarten von ihr zu hören: ob _sie_ doch die _schönste_
Puppe erhalten habe. Bertha's Erzählung überzeugte Malwina vom Gegentheil
und tief betrübt darüber, bat sie die Freundin: Schwester Emma zu einem
Tausch zu bewegen. Allein dazu verstand sich Bertha durchaus nicht. Sie
sprach: »Emma verdient das _Schönste_; sie geht bedachtsamer damit um als
ich, und hält ihre Puppe gewaltig in Ehren. Wie könnte ich ihr die Freude
rauben! Auch ist sie die Gefälligkeit selbst, und schlägt mir nie die Bitte
ab, wenn ich die Puppe ein wenig haben, und mich an dem Anblick des netten
Uehrchens ergözen will. Daher soll sie auch ihr Eigenthum bleiben.« Frau
Krause, welche diese Aeusserung mit angehört hatte, nahm sich im Stillen
vor, noch ein kleines Uehrchen zu bekommen zu suchen, und als es ihr
gelang, mußte Malwine insgeheim Bertha's Puppe damit schmücken, und ihre
Mutter versezte, als die Kleine sie wieder sah, und ihr für jenes Geschenk
dankte: »auf solche Weise wird uneigennützige Schwesterliebe belohnt,
wenigstens von mir.« Dabei drückte sie dem guten Mädchen einen herzlichen
Kuß auf die Lippen, und Bertha stand wieder eine Stufe höher in ihrem
Herzen.



Das Gartenbeet.


Es war aber auch eine seltene Liebe und Treue, welche Bertha an Emma
kettete, und um keinen Preis hätte sie das geringste Lob, welches sie,
ihrer Aehnlichkeit, wegen, statt Jener erhielt, sich zugeeignet. Schon bei
Veranlassung des Diplom's überzeugten sich meine lieben Leserinnen davon,
doch kann auch folgende Erzählung zum Beweiß dienen:

An der Wohnung des Major's befand sich ein kleiner Garten, welcher der
Familie manche Genüsse bot; besonders lag er der Baronin sehr am Herzen,
und so viel sie Zeit erübrigen konnte, widmete sie dieselbe der Pflege
ihres Gärtchens. Doch mußte auch zuweilen ein Gärtner Nachhülfe leisten,
und einmal nahm das Unkraut so sehr überhand, daß jener mit Schmerzen von
Frau v. Falkensee erwartet wurde, um gründlich dem Uebel zu steuern.

Emma welche der Mutter die Wünsche aus den Augen zu lesen verstand, sagte
zu Bertha, als Meister Niklas erschien: »Höre Schwesterchen! ich glaube,
Mutter würde sich sehr freuen, wenn wir heute nach geendigter Schule statt
zu spielen, dem Gärtner Unkraut jäten hälfen. Meinst du nicht auch.«

Bertha fiel ihr mit ungestümer Zärtlichkeit um den Hals und rief: »Ja, ja!
das wollen wir thun. Du bist eben meine gescheite Emma, die immer kluge
Einfälle hat. Mütterchen wird sich gewiß darüber freuen, und der Gärtner
unsere fleißigen Händchen spüren; ich will mich nicht dabei umsehen.« --
Wirklich glaubte man Anfangs, Bertha würde die meisten Beete vom Unkraut
reinigen, so eifrig war sie daran; allein es dauerte nicht lange. Bald
wurden die Hände loß; sie überschaute knieend diese und jene vergraßte
Stelle, und sagte klagend und gähnend: -- »mein Himmel wie viel Unkraut!
Es graußt Einem vor der entsezlichen Aufgabe.« Dann sah sie einen bunten
Schmetterling fliegen, und nun mußte sie sich schnell erheben und jenen
verfolgen; dabei kam sie in die Nähe der Schauckel, schwang sich auf
das Brettchen, das an 2 Seile befestigt war, und schob sich mit ihm
in Bewegung; auch wurde hie und da ein Beerchen von der Hümbeer-Hecke
gepflückt, oder auf dem Rand der Fontaine künstlicher Weise herum spaziert,
-- kurz unsere Bertha war überall zu sehen, nur nicht beim Unkraut jäten.
Emma hingegen half stille und beharlich dem ehrlichen Niklas, und förderte
wirklich seine Arbeit um ein Großes.

Als er den folgenden Tag wieder kam, war Bertha im Zimmer bei der Mutter;
der Gärtner hielt sie für Emma und sagte zur Majorin: »O gnädige Frau!
gestern sollten sie zu Hause gewesen seyn, und das fleißige Töchterchen
hier gesehen haben. Die half mir jäten, daß es eine Lust war, und sie hat
mir für heute auch wieder ihren Beistand versprochen, nicht war Kind?« --
Frau v. Falkensee streichelte Bertha's Wange und sagte: »Ei wie höre ich
so Gutes von dir, das ist brav; aber meine Emma, -- hat diese nicht auch
geholfen?« Der Gärtner zuckte die Achsel und versezte: »könnte nicht
rühmen, der Fleiß war nicht heftig.« Da konnte Bertha nicht länger
schweigen; hoch erröthend fiel sie der Mutter um den Hals und flüsterte:
»Niklas irrt, Emma war die Fleißige, und _sie_ verdient das Lob; ich aber
hatte die Arbeit bald satt, und versprach auch für heute nichts; indessen
sollst du dennoch mit mir zufrieden seyn.« Sie flog in den Garten, wo sie
Emma schon wieder beschäftigt fand, und arbeitete nun mit ihr in die Wette,
so daß Meister Niklas am Abend nicht wußte, welcher von beiden Schwestern
er den Preis, der in einem, von der Mutter geflochtenen Blumenkranz
bestand, zu erkennen sollte. Doch Bertha entschied, daß er Emma gebühre,
weil sie ihn schon Tags zuvor durch ihren Fleiß verdient habe.



Die kleine Heldin.


Emma erhielt wegen ihrer Furchtsamkeit manchen Verweiß, oder wurde vom
Bruder Franz tüchtig geneckt, allein es war Alles vergeblich; die Kleine
hätte sich nicht bewegen lassen, im Dunkeln ohne Licht aus dem Zimmer,
geschweige weiter zu gehen. Auch konnte sie ein beißender Hund, eine Heerde
Kühe, Schweine oder Gänse, welche ihr irgendwo entgegen kam, in Angst
versezen. Bertha aber war gewaltig muthvoll, übernahm daher jeden Auftrag
statt des Schwesterchens, wenn am Abend in der Küche, oder da und dort,
Etwas geholt werden sollte; auch ging sie unerschrocken ihres Wegs, wenn
Emma bei einer Begegnung, wie sie oben erwähnt wurde, zitterte und
bebte. Die zwei folgenden Beispiele werden meine lieben Leserinnen die
Eigenthümlichkeit der beiden Schwestern in _dieser_ Hinsicht schildern.

Einst befanden sie sich bei einer Freundin der Majorin, welche Besuch von
entfernten Verwandten erhalten, und Frau v. Falkensee mit ihren Töchtern
eingeladen hatte. Erstere war schon anderwärts versagt, Emma und Bertha
aber folgten dem Ruf, und brachten einen vergnügten Abend bei Jener zu;
denn unter den Freunden befand sich auch ein wundernettes Mädchen, im Alter
der beiden Schwestern, mit welcher sie sich besonders gut unterhielten;
auch waren ausserdem, noch mehrere Gespielen versamelt. Nachdem schon viel
Gutes genossen, und schon Mancherlei gespielt worden war, kam die Reihe
an das beliebte -- Sträußchen binden. Bekanntlich muß dasjenige Glied der
Gesellschaft, das den Strauß erhält, bis die Blumen dazu gewählt sind, sich
aus dem Zimmer entfernen, um dann unbefangen bestimmen zu können, was sie
mit jenen Blumen, welche jede eine Person vorstellt, beginnen will. Mußte
nun Emma auf den Vorplaz wandern, so bat sie immer ein Licht mit hinaus
nehmen zu dürfen, hielt sich dennoch in der Nähe des Zimmers, und ihr
Herzchen pochte gewaltig; ja sehnsüchtig harrte sie auf den Ruf: »herein!«
und folgte ihm eilig und froh. Ausser Emma ging jedes von der Gesellschaft
im Dunkeln hinaus, und besonders Bertha spazirte dann immer ohne Furcht
den großen Vorplaz auf und ab, und war oft von der Zimmerthüre so weit
entfernt, daß jener Ruf ein paarmal wiederholt werden mußte, bis sie ihn
hörte. Als sie sich wieder einmal aussen befand, vernahm sie von der Seite
her eine leise, wehklagende Stimme; entschlossen ging das 8jährige Mädchen
dem Schalle nach, mußte über einen langen Gang im finstern tappen, und kam
endlich an eine Thüre, die nur zugelehnt war, aber aus deren Spalte der
Ton und ein Lichtstrahl hervor ging, Bertha riß Jene auf, da lag eine
Weibsperson auf dem Boden, mit blutender Hand, halb ohnmächtig; der
Leuchter mit dem Lichte neben ihr, und ein Hühnchen flatterte ängstlich hin
und her. Es war die Köchin vom Hause, welche in diesem Kämmerchen das Huhn
töten sollte und wollte; ungeschickt aber mit dem Messer in die Hand fuhr,
und bewußtlos niederstürzte. Bertha hob das Licht auf, flog ins Wohnzimmer,
verkündete was geschehen war, und bat flehentlich um schleunige Hülfe für
die arme Magd. Sie wurde auch dieser sogleich zu Theil und Bertha wegen
ihres furchtlosen Betragens sehr gelobt; indem ja, wäre sie nicht beherzt
dem klagenden Tone gefolgt, Rosine noch länger in dem hülflosen Zustand
geblieben seyn, und sich noch mehr verblutet haben würde. Nun aber war sie
schon wieder erholt, als die Gesellschaft aus einander ging, und sie
ließ es sich nicht nehmen, Emma und Bertha mit der Laterne nach Hause zu
begleiten. Dabei konnte sie nicht aufhören, ihrer kleinen Wohlthäterin zu
danken, verwechselte indessen immerwährend beide Schwestern. Bertha ließ
dies nicht nur geschehen, sondern bat auch heimlich aber dringend die
Schwester: den Ruhm auf sich ruhen zu lassen, indem die Aeltern die größte
Freude darüber fühlen würden, wenn sie glauben dürften, daß Emma von ihrer
Furcht geheilt sey. Ja als Rosina Frau v. Falkensee die ganze Begebenheit
erzählte, Emma lobpreisend erhob, und die Mutter erstaunt aber erfreut
zuhörte, da zupfte Bertha das Schwesterchen immer insgeheim am Arm, um zu
verhindern, daß diese widerspräche. Allein jezt kam auch Franz nach Hause
und hörte ungläubig Rosinens wiederholte Schilderung des stattgefundenen
Ereignißes zu. Dann sagte er lachend zur Mutter, während er forschend
beide Schwesterchen betrachtete: »Siehst du denn nicht lieb Mütterlein, wie
Bertha Emma immer zuwinkt, daß sie das Lob, das ihr nicht gehört, für sich
behalten soll? sprich Häschen« -- fuhr er zu lezterer gewendet fort --
»sprich ehrlich, verdienst Du es?« »Nein, nein!« rief Emma. »Aber Ihr laßt
mich ja nicht zu Worte kommen. Ich mag keinen erborgten Ruhm, und diesen
könnte ich mir auch um keinen Preis erwerben. Hu! mich schauderts, wenn ich
bedenke, was Bertha sah, hörte und that.« »Und doch Emma,« versezte Frau
v. Falkensee -- »und doch mußt du deine Furcht bemeistern, es koste was es
wolle. Sie ist deine Quälerin, und würde Dich überdies hindern, in einem
ähnlichen Fall die Pflicht der Menschenliebe auszuüben, und dir ein so
lohnendes Bewußtseyn zu verschaffen, wie gewiß Bertha jezt besizt.« --
Diese, besorgt, daß das Schwesterchen durch der Mutter ernste Ermahnung
gekränkt seyn könnte, sezte, dasselbe liebkosend im schmeichelnden
beschwichtigenden Tone hinzu! »Ja ja liebe Emma, nach und nach wird's schon
gehen, nicht wahr? halte dich nur« -- raunte sie ihr ins Ohr -- »halte
Dich nur an mich, wenn wir im Finstern sind, ich lasse Dir kein Leid
widerfahren.« Die Mutter jedoch fügte bei: »Halte Dich lieber an den guten,
allgegenwärtigen Gott, welcher fromme Kinder auch im Dunkeln beschüzt,
und versprich mir: an Deiner Besserung zu arbeiten.« Mit gesenktem Blick
reichte Emma der Mutter die Hand; Bertha aber schlug halb böse, halb
lachend den leichtfertigen Bruder, der mit allerlei losen Reden »vom
Hasenherz, und von dem mächtigen schwesterlichen Schutz,« die Mädchen
neckte, auf das spottende Mäulchen; welchem Schlag bald ein herzlicher Kuß
von ihr zur Vergütung folgte.

Bald darauf erhielten beide Schwestern die älterliche Erlaubniß ein
Stündchen ums Thor gehen zu dürfen. Es war ein schöner Herbst-Nachmittag,
der blaue Himmel hatte kein Wölkchen, die Luft wehte mild, ja die Strahlen
der Sonne brannten noch heiß dem Wandelnden auf den Rüken, und aus
den schönen Gärten, die vor der Stadt lagen, trug ein sanfter Wind die
köstlichen Gerüche der Reseda, der bunten Wicke, und der Herbsthyazinthe
den Vorübergehenden zu. Auch Emma und Bertha labten sich daran, und fühlten
sich dadurch noch mehr angezogen, hier durch ein schwarzes Gitterthor, dort
durch die Spalte einer Dielenwand, oder über eine, schon etwas entlaubte
Hecke in jene Gärten zu schauen. Zulezt kamen sie an ein offenes Thor, und
das 2jährige Kind des Gärtners lief aus und ein, sezte sich endlich mitten
im Fahrweg, faßte in ein Nöpfchen den lockern Sand ein, den es wieder
ausgoß, und lange auf diese Weise spielte. Emma und Bertha jedoch traten in
den Garten, baten die Gärtnerin, die ihnen entgegen kam, um die Genehmigung
ein wenig in jenem herum spazieren zu dürfen, erfreuten sich nun, als
es ihnen gestattet wurde, über die schönen Parthien und Anlagen die sie
antrafen, und mit lüsternem Blick stunden sie lange vor einem Basquet
manigfach blühender Gyranien, welches ein Heckchen von Monatrosen umgab,
von denen eine Menge Knospen entfaltet waren, und einen recht schönen
Anblick gewährten. »O wer sich hier ein Sträußchen pflücken dürfte!« sagte
Emma sehnsüchtig, denn sie war eine sehr große Blumenfreundin. Bertha aber
zog sie nach einer Weile hinweg, und meinte: »je länger man das hübsche
Beetchen betrachtet, je mehr wünscht man sich, mit seinen Blüthen
bereichern zu dürfen: Auch ist gewiß die Stunde schon verflossen, die uns
zum Spaziergang zugestanden war, wir wollen also nach Hause wandeln, komm
Emma und folge auch einmal deiner Bertha, die sonst immer _dein_ gehorsames
Schwesterchen ist.« »Könnte die ausserordentliche Folgsamkeit eben nicht
besonders rühmen;« wandte jene ein; »doch du hast diesmal Recht; wir haben
uns gewiß schon verspätet.« Eilig schritten die Mädchen den Gang hinauf dem
Gartenthore zu, das noch immer offen stand, denn es saß das kleine Bärbchen
fortwährend auf der Straße, und spielte nun mit 2 Gefäßen, indem sie aus
einem in das andere den Sand laufen ließ. Doch als gerade die Schwestern
aus dem Garten traten, hörten sie den schnellen Hufschlag eines Pferdes,
und sahen am Ende der Strasse einen Schimmel ohne Reiter im vollen Lauf
daher sprengen. Emma nahm ängstlich rufend Reisaus, und lief wieder in den
Garten hinein; Bertha hingegen zog das Kind schnell in die Höhe, und ein
wenig auf die Seite, dann lief sie mit ihrem aufgespannten Sonnenschirmchen
gegen das Pferd, um dieses zum umwenden zu bewegen. Wirklich erreichte sie
ihre Absicht, und den Leuten welche dem ausgerissenen Thier nach eilten,
wurde es nun leichter, dasselbe aufzufangen. Auf Emma's Schreien, war
unterdessen die Gärtnerin herzugesprungen, und zitterte am ganzen Leibe,
als sie von Jener im Vorüberrennen vernahm, in welcher Gefahr sich ihr
Kind befinde. Doch als sie es zwar weinend, aber gerettet fand, und Bertha,
dasselbe mit freundlichen Worten beschwichtigend, bei ihm erblickte,
da brach sie in Dank und Freudenäusserungen aus, und rühmte des wackern
Fräulchens Muth und Entschlossenheit. Diese aber suchte nun Emma auf,
welche sich ganz am Ende des Gartens, hinter ein Gewächshaus verkrochen
hatte, und sagte lächelnd: »Nun wahrhaftig Du hast ein sicheres Pläzchen
gewählt; hieher wäre freilich der Schimmel nicht gallopirt, aber hätte
ichs auch so gemacht, so würde vielleicht jezt das arme Bärbchen von jenem
zertretten worden seyn.« Emma konnte sich ihr albernes Betragen nicht
abläugnen, und schämte sich dessen wohl, doch sie vermochte es nicht über
sich, sich anzuklagen, und schweigend kehrten beide Schwestern zur Stadt
zurück.

Bertha hatte Emma viel zu lieb, um sich auf ihre Kosten mit ihrer That zu
rühmen; sie verschwieg sie, und verschmerzte auch den Verweiß, den beide
über ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten, ob sie gleich in
der erlebten Begebenheit einen großen Entschuldigungsgrund hätte anführen
können.

Am folgenden Tag erschien die erwähnte Gärtnerin, und händigte Emma, diese
für Bertha haltend, die gerade auf dem Vorplaz war, ein Körbchen köstlicher
Pflaumen und einen großen Strauß Monatrosen und Gyranien ein; welches
Geschenk sie mit den Worten begleitete: »Der Lebensretterin meines
Bärbchens gehört dieß Alles. O könnte ich nur noch mehr geben; aber
vergessen werde ich es in meinem Leben nicht, was Sie gethan haben.
Ich vernahm gestern wohl in einiger Entfernung Ihr Gespräch mit dem
Schwesterchen und Ihren Wunsch von diesen Blumen welche pflücken zu können,
allein ich konnte in dem Augenblick nicht von meiner Arbeit weg, und gleich
darauf folgte ja die Begebenheit, die mich fast zum Tod erschreckte.«
»Welche Begebenheit denn? und was soll dies Alles bedeuten?« fragte Frau
v. Falkensee, die dazu gekommen war. Nun mußte Emma beichten, und es
geschah mit glührothen Wangen und niedergeschlagenen Blicken. Die Mutter
schüttelte misfällig den Kopf, und nahm vor der Hand das ganze Geschenk in
Beschlag, freundlich der Geberin dankend. Als nun Bertha, die mit Franz,
einen Auftrag des Vaters auszurichten weggegangen war, nach Haus kam;
übergab ihr die Mutter obiges Geschenk, und sagte: »_Du_ hast es verdient
Bertha, es ist Dein;« und verbot Emma daran Theil nehmen zu lassen, um sie
für das Verschweigen des Ereignisses zu strafen. Doch Jene ließ mit Thränen
und Bitten nicht nach, bis Frau v. Falkensee den strengen Urtheilsspruch
zurück nahm, worauf dann Bertha fröhlich und redlich Alles mit der
Schwester theilte.



Die Kirmes zu Moosdorf.


Werthlieb war Geistlicher auf dem Lande geworden, und das Dorf in dem er
lebte, lag in einer wunderlieblichen Gegend; besonders gab es in derselben
viele Weinberge, welche dieses Jahr eine sehr reiche Lese versprachen. Die
Kirmes, oder Kirchweih jenes Orts fiel auch im Herbst, und man versprach
sich daher in Moosdorf zu dieser Zeit eine ganze Kette von Lustbarkeiten.

Werthlieb war mit dem Falkensee'schen Hause im herzlichsten Verhältniß
geblieben, denn er vergaß es nie, welche würdige und freundliche Behandlung
er daselbst genoß, und der Major und seine Gattin erinnerten sich immer
dankbar, an die Verdienste, die sich Ersterer um ihre Kinder, namentlich um
Franz erworben hatte; denn daß derselbe in eine, für sein Alter hohe Classe
aufgenommen wurde, und hier einen der ersten Pläze behauptete, und das er
und seine Schwesterchen Sinn für manches Gute in sich trugen, das schrieben
mit Recht die Aeltern dem Beispiel, und den Lehren des wackern Werthliebs
zu. Man nahm also fortwährend aufrichtig Theil an dem gegenseitigen
Geschick, wechselte zuweilen Briefe, und selbst die Kinderchen legten von
Zeit zu Zeit einige schriftliche Zeilen, an ihren geliebten ehemaligen
Lehrer, dem Schreiben der Aeltern bei. An seinem lezten Geburtstag aber
hatte Jener von Bertha und Emma einen seidnen Geldbeutel, und von Franz
eine hübsche Zeichnung und einen schön geschriebenen Glückwunsch erhalten.
Der Pastor, hoch erfreut darüber, wollte seinen Lieblingen thätig die
Dankbarkeit, die er fühlte, beweisen, und lud Emma und Bertha zur nächsten
Kirmesfeier, Franz jedoch in seinen, spätereintretenden Schulfeiertagen zur
Weinlese ein. Welch einen Jubel veranlaßte dies bei den Geschwistern; sie
träumten wachend und schlafend von dem bevorstehenden Vergnügen, denn sie
waren noch nicht weiter, als in die nächste Umgegend der Stadt gekommen.
Die Reise nach Moosdorf also, die ohngefähr 4 Stunden betrug, erschien
ihnen ungeheuer groß und wichtig; und Emma versprach der Mutter ein
getreues Tagebuch zu halten. Werthlieb hatte verheißen, seine kleinen
Freundinnen selbst zu holen, und beide waren sehr geschäftig, all ihre
Habseligkeiten bereit zu halten, um dann gleich abreisen zu können.

Den Abschied aus dem älterlichem Haus, so wie den Aufenthalt in Moosdorf,
und der Kinder dort gemachten Erfahrungen soll uns die, jezt 10jährige Emma
in ihrem Tagebuch selbst erzählen.



Emma's Tagebuch.


  Den 10ten September Morgens 9 Uhr.

Gestern war ich von der Reise, und von Allem was ich erlebt hatte, so
ermüdet, und so schläfrig, daß ich mein, der Mutter gegebenes Versprechen,
alle Abend in mein Tagebuch zu schreiben, unmöglich erfüllen konnte. Es
soll jezt geschehen, während Schwesterchen Bertha noch tüchtig schnarcht.
Aber sie hat sich auch gestern mit Schullehrers Suschen recht abgetummelt.
Ich hätte das nicht gekannt; ach trotz aller Liebe, die wir hier erfahren,
quält mich das Heimweh! -- Schon wieder muß ich weinen, und das Herz ist
mir recht schwer. -- O Ihr guten Aeltern! -- Wenn Ihr nur da wäret! oder
doch wenigstens mein munteres Fränzchen; mit seinen Schnacken würde er mich
erheitern.

So leichtfertig er oft ist, so ging ihm gestern der Abschied von uns doch
recht nahe; ich merkte es wohl, ob er es gleich verbergen wollte; und der
guten Mutter Auge schwamm ebenfalls in Thränen als ich weinend an ihrem
Halse hing. Der Vater aber war standhaft, und meinte: eine so kurze
Entfernung und Trennung wäre nicht der Thränen werth, und wir gingen ja
frohen Tagen entgegen. Er hat freilich Recht der liebe Vater, allein es ist
die erste Trennung von ihm und lieb Mütterlein; und noch nie legte ich mich
zu Bette, ohne Jene vorher noch oftmals geherzt und geküßt zu haben. Da
dies gestern Abend nicht geschehen konnte, so weinte ich mich, ehe ich
einschlief, recht satt. Auch jezt will es mir nicht zu Sinne, daß ich
meinen lieben Aeltern, Bruder Franz, und unserer ehrlichen Anna keinen
guten Morgen wünschen kann. -- Wenn nur Bertha die Langschläferin
aufwachte! die Frau Pastorin wird bald zum Frühstück klingeln; dann geht
mirs wieder besser, denn so wohl gestern auf der Reise vergaß ich mich
durch all das Neue, was ich sah, als auch hier; so lange wir unter unserer
lieben Hauswirthin waren. Beide, so wie Rosalie, die Schwester der Frau
Pfarrerin sind gar freundlich und gut; und das nette kleine Dingelchen in
der Wiege macht mir auch recht viel Spaß. Ich werde mir es heute öfters
ausbitten, Luischen auf den Schoos nehmen zu dürfen. Eine solche lebendige
Puppe wäre mir lieber, als alle die welche ich besitze. Aber wie schön die
Aussicht von unserm Schlafstübchen hinaus ins Freie ist! Ach die köstlichen
reich beladenen Weinberge! -- ich muß wirklich ein Bischen näher ans
Fenster treten, und mich an ihren Anblick ergözen. Herr Pfarrer hat uns
auch für heute einen weiten Spaziergang versprochen. Wie freue -- Nun da
schellts! Geschwind muß ich die faule Bertha weken. --


  Den 12ten Abends 10 Uhr.

Ei ei! Wieder ist der gestrige Abende verflossen, und ich habe nicht die
erlebten Tagsbegebenheiten aufgezeichnet. Ungesäumt will ich es jezt thun;
sonst würde mein gutes Mütterchen mit Recht schmälen, wenn sie von ihrer
Emma ein unvollständiges Tagebuch erhielte und ich kann viel, recht viel
erzählen.

Zuerst von dem wunderschönen Spaziergang, den wir vorgestern mit unserm
theuern Pastor machten. Er führte uns durchs hübsche, reinliche Dörfchen,
am Wirthshaus vorüber, wo eben der hohe Maienbaum unter einem großen Zulauf
der Dorfsjugend aufgerichtet, und als er stund, von jener umtanzt wurde.
Sie scheuten sich dabei nicht vor der Gegenwart ihres Pastors; hatten es
aber auch nicht nöthig, den er war gar liebreich, und ermunterte sie
selbst zur schuldlosen Fröhlichkeit; Schwester Bertha und ich mußten
uns gleichfalls auf sein Geheiß ein wenig im Kreise Drehen. Dann ging es
weiter; immer an Weinbergen fort, bis wir bei _dem_ anlangten, welcher das
Eigenthum des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie -- Frau Werthlieb blieb
bei ihrem Luischen zu Hause -- führten uns nun an die besten Weinstöcke,
und wir durften nach Herzenslust Trauben abschneiden und sie verzehren,
auch einige in unserm Körbchen mitnehmen, um unter Wegs uns damit zu laben.
Dann verließen wir den Weinberg, und schlenderten über einen frischen
Wiesgrund, den ein klarer Bach, von Erlen umpflanzt, munter durchströmte,
welcher wie Silber glänzte, wenn die Sonne darauf schien. Nach einer Weile
erreichten wir eine Mühle; deren Besitzer sehr wohlhabend sind, und eine
große Freude äusserten, über die Ehre, die ihnen durch den Besuch des Herrn
Pastors und der Jungfer Schwester zu Theil würde. Die Müllerin wollte uns
Kaffe machen, und Gebackenes vorsezen; unser lieber Begleiter verbat
es sich aber, und nun kam eine Schale herrliches Obst, gutes schwarzes
Hausbrod, und frische Butter auf den Tisch. Wir thaten uns gütlich damit,
und dann wurde uns die Einrichtung des Mühlwerks gezeigt. Ich habe nun wohl
Alles genau betrachtet, und recht aufmerksam der Erklärung zugehört, aber,
du lieber Himmel zum niederschreiben würde ich eine lange Zeit brauchen,
das kann ich nicht. Mütterchen soll es mündlich von mir hören, was ich mir
gemerkt habe.

Mit der sinkenden Sonne kamen wir von unserm Spaziergang nach Hause, und
den Abend über spielten Pfarrers mit uns, nämlich: »Weil und warum; Hast
Du deine Lektion gut gelernt, und Salz schneiden« da gab es vielen Spaß.
Bertha war beim zweiten Spiel immer gleich mit ihrem -- Ja oder Nein -- bei
der Hand, und mußte viele Pfänder geben. Ich nahm mich wohl recht in Acht,
doch kam ich auch nicht ungerupft durch. Dabei, so wie überhaupt seit wir
hier sind, verwechselt uns Schwestern die gute Pfarrerin immerwährend, bald
heiße ich bei ihr Bertha, bald Emma, und Rosalie wird auch zuweilen irre,
noch mehr die Magd im Hause, und die andern Leute die aus und ein gehen;
ich streite mich nicht darüber ab, denn Schwesterchen Bertha beträgt sich
recht gut, warum sollte ich nicht für sie gelten wollen? -- Doch wieder zu
meiner Erzählung zurück. Gestern war der erste berühmte Kirmestag; den ich
jezt beschreiben will; allein wo fange ich an? Ich möchte gleich _Alles_
zu Papier bringen; aber nein, hübsch in der Ordnung Emma! sonst wird
Mütterchen böse, wenn sie ein Quodlibet lesen muß. Also früh in die Kirche
-- o weh! ich mußte schon einigemal recht gähnen, der Schlaf kommt mit
Macht, ich kann ihm nicht widerstehen.

Den 13ten Morgens 8 Uhr. -- Gescheuder ists, ich nehme die Morgenstunde
bei meinem Tagebuch zu Hülfe; am Abend ist wenig Kluges mit mir anzufangen;
daher will ich lieber jezt meine Erzählung fortsetzen: Am Sonntag also
ging es in die Kirche; sie war mit vielen jungen Birken, mit Kränzen
und Blumengewinden geschmückt, und der Herr Pfarrer predigte recht schön
_davon_, wie man sich im Gotteshaus betragen soll. Ich habe mir manches
gemerkt, und will z. B. gewiß nimmer in der Kirche meine Augen so viel
herum spazieren lassen, wie es zuweilen geschah. Am Schluß der Predigt bat
Herr Werthlieb so rührend für einen kranken und armen Mann im Dorfe, daß
mir die Thränen über die Wangen liefen, und ich gleich wußte, was ich thun
wollte. Nach der Predigt wandelten wir Schwestern mit Amtmanns Lotte und
Schullehrers Suschen auf den, mit feinen Kieß und rothen Sand bestreuten
großen Tanzplan, der auch mit Birken umpflanzt war, um welche sich
Blumengewinde schlangen. Die Eßglocke rief uns _endlich_ nach Hause, wo es
ein herrliches Mittagsmahl gab; Gänsebraten, Schinken, Bratwürste, Obst und
köstliche Weintrauben, auch Wein, zu Ehren der Kirchweih. Nachmittag kam
Besuch aus der Gegend; meist Geistliche mit ihren Familien; wir lernten
sehr artige Kinder kennen, Knaben und Mädchen, und ich dachte oft an Bruder
Franz, der gewiß auch recht vergnügt gewesen wäre; doch er kann jene in
der Weinlese besuchen. Nach dem Kaffe trinken begaben wir uns Alle auf den
Tanzplan, wo schon 2 Geiger und ein Schalmeibläser lustig mussicirten.
Nun wurde frisch getanzt, und Herr Werthlieb hatte seine größte Freude
an unserm Vergnügen; auch die Dorfsjugend tanzte mit, betrug sich aber
so gesittet, daß man sich ihrer nicht zu schämen brauchte. Nach einem
Stündchen gebot unser lieber Herr Pfarrer, daß wir nicht mehr tanzen,
sondern in einem nahstehenden Gartenhäuschen uns langsam abkühlen sollten.
Dann besahen wir die aufgeschlagenen Buden, wo hübsche Sachen zu finden
waren, und Bertha kaufte sich von dem Geld, das die guten Aeltern einer
Jeden von uns mitgaben, nette Herzen von Perlenmutter in die Ohrringe, und
allerliebstes kleines Geschirr von feinem Porzellan. Gerne hätte ich mir
auch eines gekauft, und Bertha bat, zürnte, und bot Alles auf, um mich dazu
zu bewegen; allein es half nichts, ich blieb standhaft. Warum? -- ach, soll
ich es denn erzählen. Ei wohl! ließt doch dieses Tagebuch niemand als
mein Mütterchen, und dieser darf und will ich nichts verschweigen. In der
Dämmerung schlich ich mich nämlich in das, von Herrn Pastor bezeichnetes
Häuschen zu dem armen Mann, und brachte ihm mein Geld. Ach Gott! welch
Elend traf ich hier! Ein noch nicht betagter Mann lag abgezehrt, gleich
einem Todtengerippe auf einem elenden Bette, die Frau und 2 Kinderchen von
ohngefähr 4 und 7 Jahren saßen betrübt in einer Ecke, jene spann Wolle,
der Knabe nagte an einer harten Rinde Brod, und das Mädchen verbarg ihr
Köpfchen in den Rock der Mutter, und schluchzte leise, wahrscheinlich aus
Hunger. Denn die Gaben, welche die Gemeinde, nach der Aufforderung
ihres Seelsorgers, gebracht hatte, und die in Geld bestanden, wurden zur
Belohnung des Arztes aufgespart, nach dem in die nächste Stadt geschickt
worden war. Ich hatte mir vorgenommen, all mein Geld her zugeben; nun
drückte ich aber nur 3 viergroschen Stück der Frau in die Hand, und lief
unter dem Versprechen, bald wieder zu kommen hinweg. Mein Vorsatz war,
Küchen- und Spielzeug für die armen Kinder zu kaufen, und ihnen zu bringen,
doch o weh, die Krämer hatten schon eingepackt, es war nichts mehr zu
bekommen, betrübt schlich ich nach Hause; da begegnete mir die alte Liese,
welche im Pfarrhaus mancherlei Dienste thut; dieser klagte ich mein Leid
und erhielt von ihr den Trost: daß die Buden am folgenden Tag wieder
aufgeschlagen würden, wo ich dann mein gutes Werk, wie sie sagte, vollenden
könnte. So war es auch, und die Freude, welche Paul und Gretchen über meine
kleinen Geschenke hatten, machte mich glücklicher, als alle Herrlichkeiten,
die ich mir selbst gekauft hätte. Der Mutter rannen die Thränen über die
eingefallenen Wangen, als sie ihre Kinderchen so vergnügt sah, und selbst
der kranke Mann lächelte auf seinem Schmerzenslager; und reichte mir die
knöcherne Hand. Ach ich war so innig froh, so selig, daß ich es nicht
beschreiben kann; und daß ich die Freude so still in mir hatte, daß Niemand
davon wußte, als ich, das war mir doppelt lieb; -- aber oft versezte ich
mich mit meinen Gedanken in die ärmliche Hütte, und dann fand mich Bertha
und die Andern zerstreut und einsilbig, und erstere zankte mich darüber
recht ordentlich aus, wenn mir das gesellschaftliche Gewühl lästig wurde,
und ich mich ein wenig absonderte; denn gestern ging es im Haus und im
Dorfe noch recht lustig zu, es wurde geschmaußt und getanzt; und wieder
andere Freunde der Pfarrleute erschienen schon zu Mittag, weshalb abermals
viel mehr Gerichte auf den Tisch kamen als gewöhnlich. Es gelang mir, von
meinem Teller Eines und das Andere unbemerkt wegzunehmen, und dies trug ich
meinen Armen Abends wieder zu.

Den 13ten Abends 9 Uhr. Die alte Plaudertasche die Lies' die mir gestern
Abend wieder begegnete, als ich nach Clausens Hütte ging, hat gewiß dem
Herrn Pfarrer Alles geschäftig hinter bracht, was sie von mir wußte, aber
wieder mich mit Bertha verwechselte; denn heute bemerkte ich von ihm und
seiner Frau, sowie von Rosalien eine ausgezeichnete Freundlichkeit gegen
Jene. Auch sprach Herr Werthlieb ein paarmal mit großem Ruhm von der
stillen Wohlthätigkeit, sah dabei lächelnd und bedeutend auf Bertha, und
streichelte ihr die Wange. Sie aber schaute ihn mit großen Augen an, und
wußte nicht, wie sie das nehmen sollte. Was soll ich nun thun, soll
ich Schwesterchen die Sache erklären oder schweigen? -- Diese Frage
beschäftigte mich heute immer, und da ich nicht mit mir einig werden
konnte, und überdies ein ununterbrochener Regen uns ins Zimmer bannte, war
ich oft ganz verstimmt. Rosalie benahm sich aber recht gütig gegen
uns, lehrte uns viele künstliche Sachen aus Karten ausschneiden und
zusammenlegen, zeigte und erklärte uns köstliche Bilderbücher aus ihres
Bruders Bibliothek, und erzählte uns auch einige schöne Geschichten,
dazwischen tändelte und schäckerte ich mit dem kleinen dicken Luischen, und
so verstrich der heutige Tag. Morgen aber -- ja Morgen geht es wieder in
die liebe Heimath und so vergnügt ich auch in Moosdorf war, so freue ich
mich doch unbeschreiblich die guten Aeltern und Bruder Franz wieder zu
sehen. Wenn ich nur wüßte, ob ich schweigen, oder Bertha aus dem Traum
helfen soll; -- nein, ich will ihr die gute Meinung, welche Pfarrers von
ihr hegen, gönnen und -- stille seyn. --



Die Entdeckung.


Wirklich hatte Emma den Sieg über sich gewonnen, den Ruhm, welchen Bertha,
ohne es zu wissen und zu verdienen, sich bei Werthliebs erworben hatte,
durch keine Erklärung ihr zu entziehen; doch ein Zufall stellte die Sache
ins wahre Licht. Emma hatte am lezten Morgen noch einen kurzen Besuch in
Clausens ärmlichen Häuschen abgestattet, und dessen Bewohnern versprochen:
ihnen durch Franz, wenn dieser zur Weinlese nach Moosdorf kommen würde,
einen Beweiß ihres Andenkens zu schicken; die dankbare Rührung der Leute,
mit der sie von dem guten Mädchen Abschied nahmen, bewegte Emma selbst so
sehr, daß sie sich der Thränen nicht enthalten konnte. Noch unter der Thüre
trocknete sie sich die Augen, und wollte dann das Sacktuch in ihr Körbchen
schieben, indem kam ein Hund aus einem Seitengäßchen bellend auf sie
zugesprungen, und unsere furchtsame Emma lief wie ein gejagtes Reh dem
Pfarrhause zu. In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen, Liese,
die nahe -- bei Clausen wohnte, dasselbe gefunden, und der Frau Pastorin
mit der dazu gehörigen Erläuterung gebracht. Emma's Name, der ins Sacktuch
gezeichnet war, sagte Jener nun, daß nicht Bertha, sondern ihre Schwester
die kleine Wohlthäterin der armen Leute war, und sie theilte ihrem Manne,
so wie Rosalien die Entdeckung mit. Der Pastor vermochte es nicht, Emma
sein Wohlgefallen, so wohl über ihre Mildthätigkeit, als auch über
ihr anspruchloses edelmüthiges Verschweigen ihrer Handlungsweise
vorzuenthalten; aber er nahm sie dabei alleine mit in sein Gärtchen,
um ohne Zeugen ihr sein Lob zu ertheilen; denn er wollte weder ihre
Bescheidenheit verletzen, noch Bertha wehe thun; Ja er bat Emma: das
Schwesterchen nun ganz in Unbekanntschaft mit der Sache zu lassen, »denn«
fügte er hinzu; »an deiner Stelle liebe Emma, hätte ich Bertha den Antheil
an der schönen That gegönnt. Ihr macht es auch Freude, Armen Gutes zu thun,
vereint hättet ihr die Wohlthat noch vergrößern können; und so verschloßen
gegen eine Schwester zu seyn, ist nicht recht. Jezt kannst Du nur deinen,
gegen Bertha begangenen Fehler dadurch mindern, daß Du die Begebenheit als
ein Geheimniß so lange bewahrst, bis Du einmal in einer vertrauten Stunde
der guten Schwester Verzeihung wegen deiner Verschlossenheit nach suchen,
und ihr dann Alles aufrichtig erzählen kannst und wirst.« Diese Rüge, so
sanft sie war, wollte Emma auf das erhaltene Lob gar nicht behagen; aber
sie trug für Werthlieb zu viel kindliche Ehrfurcht und Liebe im Herzen, als
daß sie ihm ihre Empfindlichkeit gezeigt hätte, auch mußte sie sich sagen,
daß er Recht habe. Nach kurzem Nachdenken entschloß sie sich Moosdorf nicht
zu verlassen, ohne den Vorwurf, den sie sich selbst zu machen hatte, von
sich weggewälzt zu haben. Stillschweigend war sie mit dem Pastor noch ein
paar Gänge im Garten auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine
Hand, führte sie an ihre Lippen und sagte: »Ich will auf der Stelle mein
Unrecht wieder gut machen, schicken Sie mir Bertha, ich werde ihr Alles
gestehen.« Werthlieb versprach es mit einem herzlichen Kuß, und bald
hatten sich die Schwestern unter sich verständigt, denn Bertha konnte nicht
zürnen; aber sie untersuchte den Inhalt ihres Geldbeutelchens, fand noch
2 Groschen darin, kaufte Brod, und brachte es, von Emma hingeleitet den
Armen. Mit innerer Zufriedenheit verließen nun beide Schwestern Moosdorf,
und schieden mit Dankesthränen von der freundlichen Pfarrerin und von
Rosalien. Der Pfarrherr aber hatte den Aeltern versprochen, die geliebten
Töchterchen wieder selbst zurückzubringen, und so hielt er auch Wort.
Groß war die Freude des Wiedersehens in der Familie Falkensee, und noch
an demselben Abend übergab Emma, ehe sie sich schlafen legte, der theuern
Mutter das versprochene Tagebuch.

[Illustration:

  ~pag. 63.~

Die Entdeckung.]



Die Schlittenfahrt.


So wie Bertha, (was meine lieben Leser und Leserinnen sich erinnern
werden,) der Liebling bei der reichen Banquier Krause war, so stand Emma
bei der Rath Sinthal, _vor_ dem Schwesterchen hoch in der Gunst; denn Frau
Krause liebte die _muntere_ Jugend, Jene die sanfteren Kinder, und sie
hoffte durch den Umgang mit Emma, ihrer, etwas wilden Thekla, mehr Ruhe und
Stille anzugewöhnen. Emma durfte also nicht nur zu Sinthals unaufgefordert
kommen wann sie wollte und wurde immer mit Liebe empfangen, sondern es
erging auch noch manche besondere Einladung an sie. Mitunter wohl auch an
Bertha, jedoch seltener, da Thekla gleichfalls dem andern Schwesterchen mit
mehr Liebe zugethan war, ja nach ihrem Wunsch sollte Emma jeden Festtag in
der Familie mit verleben, jedes ausgezeichnete Vergnügen mit genießen. Dies
konnte jedoch nicht immer geschehen; denn Falkensee's lebten noch in
gar manchen freundschaftlichen Verbindungen, an denen die Kinder
Antheil nahmen; und dann durften sich, nach der Baronin Grundsäzen, ihre
Töchterchen nicht gewöhnen, _täglich_ ausser dem Hause zu seyn; deshalb
blieb mancher Wunsch von Thekla in jener Hinsicht unbefriedigt. Aber auf
der Erfüllung eines derselben bestund sie einstmals sehr fest. Es fiel
nämlich Schlittenwetter ein, und Emma hatte früher hin geäussert: daß sie
kein größeres Vergnügen kenne, als in einem Schlitten über die beschneiten
Straßen und Fluren hinweg zu fliegen, und dabei das Geläute der kleinen
Glöckchen und Schellen zu vernehmen. Nun wurde bei Sinthals eine
Schlittenfahrt nach einem entfernten Dorf angeordnet, und Thekla bat
flehentlich: Emma daran Antheil nehmen zu lassen. Wohl war der Schlitten
schon besezt, denn ausser den Aeltern und dem Töchterchen fuhr noch ein
Freund des Vaters mit; indessen hielt man davor, daß ein so kleines und
zartes Persönchen wie Emma war, noch einzuschieben wäre, und es wurde
bewilligt, sie einzuladen. Die Magd der Räthin war noch nicht lange im
Hause, hatte jedoch, da sie sich die Winterabende hindurch mit ihrem
Spinnrädchen im Wohnzimmer aufhalten mußte, die Namen der beiden
Zwillingsschwesterchen schon öfters nennen hören, und verwechselte sie bei
jener Einladung. Bertha hüpfte gerade über den Vorplaz als die Dienerin in
ihrer Wohnung erschien, und diese glaubte, als sie die ähnliche Schwester
erblickte, nun gar nicht zu irren, indem sie ihren, von der Herrschaft
erhaltenen Auftrag an Bertha richtete. »Ach nein,« entgegnete leztere.
»Emma ist darunter gemeint, und nicht ich.« »Heißen sie denn nicht Bertha?«
fragte die Magd. »Ja das ist mein Name« antwortete das Mädchen, und jene
bestättigte ihre Aussage mit der Versicherung: »mir wurde befohlen Fräulein
Bertha einzuladen, und so kann ich es nicht anders sagen.« Auch gegen
Frau v. Falkensee, die dazu kam, und kopfschüttelnd der Magd zuhörte,
wiederholte diese ihre Aufforderung, und blieb hartnäckig auf dem Namen
Bertha. Was war zu thun -- so sehr Emma sich im Stillen darüber betrübte,
und die Mutter und Bertha zweifelten -- Leztere mußte doch zur bestimmten
Zeit sich auf den Weg nach Sinthals Wohnung machen. Thekla hatte
sehnsüchtig am Fenster auf Emma geharrt, und sah nun schon von Weitem
Bertha herbei kommen. Erschrocken lief sie zur Mutter, und klagte ihr die
Verwechslung. Sie theilte ihres Töchterchens Trauer über die erlittene
Täuschung, verbot ihr aber strenge, sie Bertha entgelten zu lassen, ja
diese sollte nach der Räthin Willen es nicht erfahren, daß sie nicht
gemeint war. Sie wurde also recht freundlich empfangen, und da der
Schlitten gleich vorfuhr, so hatte man gar nicht Zeit, sich viel zu
besprechen. Es war ein köstlicher Wintertag. Die Sonne stand klar und
heiter im reinen Himmelblau, und von ihren Strahlen beglänzt, funkelte
der Schnee auf den Fluren und Feldern, gleich Diamanten, und die Bäume und
Gesträuche waren mit Reif, wie mit feinem Sammt verbrämt. Der Schlitten
flog pfeilschnell dahin, und das Geläute des Pferdgeschirrs tönte lieblich
und hell. Die Kinder jubelten vor Lust, nur in Bertha stieg zuweilen
der Wunsch auf: wenn _nur_ Emma dies Vergnügen mit genießen könnte. Auch
gesellte sich zuweilen der Zweifel dazu: und wie -- wenn _doch_ eine
Verwechslung Statt gefunden hätte! -- Zwar die Art, wie sie empfangen
wurde, hatte in Bertha so ziemlich jene Vermuthung verscheucht; nur auf
Thekla's Stirne glaubte sie einige Falten wahrgenommen zu haben; allein
es war überhaupt ihre Sache nicht, lange einer ernsten Betrachtung
nachzuhängen, und das Vergnügen der Fahrt zerstreute noch mehr ihre
Bedenklichkeiten; nur die Liebe zu Emma rief sie zuweilen auf kurze Zeit
wieder hervor. Dies geschah auch, als sie, in Hainfeld angelangt, in der
wohl durchwärmten Wirthsstube, beim duftenden Kaffetrank saßen, und
sich denselben, nebst dem, von Frau Sinthal, mitgenommenen mürben Kuchen
trefflich hatten schmecken lassen; es schlenderten darauf beide Mädchen Arm
in Arm im Zimmer auf und ab, und plauderten von diesem und Jenem. Da trat
wieder Emma's Bild vor Bertha's Seele, und sie flüsterte der Freundin
traulich zu: »Sage mir liebe Thekla recht ehrlich: bin ich nicht heute
wieder mit meinem Schwesterchen verwechselt worden?« Jene wurde über und
über roth, und wußte vor Verlegenheit nicht, was sie antworten sollte. »Ja,
ja so ist es! Emma hat dies Vergnügen genießen sollen, und nun ist die Arme
um dasselbe gekommen!« rief Bertha und brach -- heftig, wie sie war -- in
lautes Schluchzen aus. Erschrocken eilte Frau Sinthal hinzu, und fragte was
ihr fehle. Thekla erzählte, und Bertha wollte sich nicht trösten lassen,
bis der Rath, der so eben ins Zimmer kam, und sich auch nach der Ursache
von Berthas Betrübniß erkundigte, sie mit der Versicherung beruhigte:
daß, wenn die Schlittenbahn noch einige Tage währte, er eine zweite Fahrt
unternehmen, und Emma mitnehmen wolle. Dies Versprechen troknete die
Thränen der zärtlichen Schwester, und bald kehrte ihre vorige Fröhlichkeit
wieder zurück. Als die Sonne tiefer sank, als sie einen rosigen Schleier
über die ganze Flur verbreitete, und bei den gegenüberstehenden Häusern
und Hütten, die Fenster von dem Wiederschein der feurigen Himmelskugel
in vollen Flammen zu stehen schienen, wurden von unserer Gesellschaft
Anstalten zum Aufbruch getroffen, und die Mädchen freuten sich herzlich auf
die Rückfahrt. Jedoch bald, bald wäre ihnen diese sehr verbittert worden.

Der Kutscher hatte nämlich, ohne Wissen des Raths, zur Erwärmung noch ein
paar Gläser Brantwein, neben dem Bier, das er von Jenem erhielt, getrunken,
so daß er etwas berauscht war, und die muthigen Rosse nicht recht zu
bändigen vermochte. Der Schlitten schien kaum den Boden zu berühren, so
rannten jene mit ihm davon, und schon sah man die Stadt ziemlich nahe vor
sich liegen, als die Pferde vor einer an ihnen vorbeigehenden Frau, und
vor ihnen, mit Wäsche hoch aufgethürmten Korb, den sie noch zur Stadt trug,
scheu wurden, ausrissen, und durch die Gewalt, mit der dies geschah, den
Schlitten umwarfen, und zerbrachen. Glüklicher Weise nahm Niemand Schaden
bei dem Fall, und die Pferde wurden mit dem Theile des Schlittens, den sie
mit fort nahmen, auch bald aufgefangen. Aber Bertha's erster Ausruf war,
als man sich wieder erhoben hatte: »Gottlob daß Emma nicht dabei gewesen
ist!«

Auch schickte sie, bei ihrer Nachhausekunft, die Erzählung des erlittenen
Unfalls, der, von der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fügte
des Raths Zusicherung einer zweiten Schlittenfahrt gleich hinzu, um dem
Schwesterchen die heutige unangenehme Erfahrung verschmerzen zu machen.
Noch nie war aber Bertha ein solches Wetterhähnchen als in diesen Tagen.
Immer prüfte sie Wind und Wolken, ob sie doch kein Thauwetter mitbringen
würden. Doch der Himmel erfüllte ihren schwesterlichen Wunsch, und
Emma genoß dasselbe Vergnügen, das ihr zu Theil gewordene war, und noch
ungetrübter, da auch die Nachhausfahrt glüklich vorüberging.



Die Maskerade.


»Ich möchte doch einmal einen Maskenball sehen!« äusserte die fröhliche
Bertha gegen die Mutter; als diese verschiedene Anstalten traf, um einer
Aufforderung von mehreren Freunden zu folgen, welche Herrn und Frau von
Falkensee zu einer gesellschaftlichen Verkleidung für die nächste Redoute
eingeladen hatten. --

»Nun in 5 oder 6 Jahren ist's immer noch Zeit genug für Dich, eine solche
Lustbarkeit mit zu machen,« erwiederte die Baronin dem Töchterchen; aber
in ihrem Herzen dachte sie anders. Franzen Geburtstag fiel in die Zeit des
Carnewal's, und der wackere Sohn erfreute die Aeltern fortwährend durch
Fleiß und Lerneifer, so wie durch ein gesittetes Betragen, darum
sollte auch ihm, nach dem Wunsche der Mutter, auf seinen Geburtstag ein
ausgezeichnetes Vergnügen bereitet werden. Franz tanzte sehr gerne; da
führte Bertha's ausgesprochenes Verlangen, Jene auf den Gedanken: an dem
erwähnten Tag einen maskirten Kinderball zu veranstalten. Sie erwog Alles
hinlänglich, holte sich auch des Gatten Rath und Meinung, und schritt
zulezt wirklich zur Ausführung des entworfenen Plans. Alle Kinder aus ihrem
Verwandtschafts- und Bekanntschaftskreis wurden eingeladen, und gebeten,
mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen; Auch Emma und Bertha
erhielten Leztere, doch keine Masken vor das Gesicht; denn die Majorin
wollte sehen: ob der fremde, aber ganz ähnliche Anzug der Töchterchen mehr
oder minder zu ihrer Verwechslung beitragen würde, besonders bei Bruder
Franz, welcher von der ganzen Veranstaltung nur so viel erfuhr; daß mehrere
seiner und der Schwestern Gespielen den Abend mit ihm feiern würden. Wie
erstaunte er aber, als er von den Aeltern in das große, hellerleuchtete
Zimmer geführt wurde, als bei seinem Eintritt die Musik ertönte, und lauter
vermummte kleine Gestalten ihn begrüßten. Da näherte sich ihm ein schlankes
Bauern-Bürschchen und reichte ihm mit einem Krazfuß ein Sträußchen dar;
dort brachte ihm ein nettes Gärtner-Mädchen ein Körbchen mit ausgesucht
schönen Aepfeln; dann kam ein kleiner Harlequin und ließ Franz, ihn
neckend, seine leichte hölzerne Pritsche fühlen; ein Türke stolzirte
langsam auf ihn zu, und bot ihm an, aus seiner langen Pfeife einige Züge zu
thun; ein Pastetenjunge trug sein Backwerk zum Verkauf herum, das, in
ein reines weißes Tuch geschlagen, sein Korb enthielt, und mit dem der
Geburtstäger, so wie die ganze Gesellschaft damit beschenkt wurde. Ein
Zigeunermädel prophezeite Franz aus seiner Hand viel Gutes, und auch viel
drolliges; und 2 niedliche Mädchen, nebst 2 Knaben, die 4 Jahreszeiten
vorstellend, überreichten Jenem folgende Verse:


_Der Winter._

  Verachte nicht den Wintersmann,
  Bei ihm fing einst dein Leben an;
  Auch deine Freunde ehren ihn,
  Und lässt er schöne Blumen blühn
  Am Fensterglas, dann gehts hinaus
  Zur Schlittenbahn, in Saus und Braus!


_Der Frühling._

  Neues Leben regt sich auf der Flur
  Und in Kinderherzen, denn -- seht, die Natur
  Streut auf unsre Wege Blum' und Blüthen.


_Der Sommer._

  Trockne die Stirne geduldig; es reift
  Nur an der Sonne heis glühendem Strahl,
  Was uns erquicket beim köstlichen Mahl;
  Nichts ohne Müh' hier gedeihet.


_Der Herbst._

  Wenn die Jugend reiche Saat,
  In das Feld gesenket hat,
  Lohnt die Erndte jede Müh;
  Darum denke oft an sie. --

Ausser diesen genannten Masken waren noch Schäfer und Schäferinnen, Pilger
und Pilgerinnen, Ritter und Nonnen u. a. m. zu sehen. Manche Kinderchen
konnten ihre Sprache, und andere Eigenthümlichkeiten nicht genug
verstellen, diese wurden dann natürlich gleich erkannt. Bei Manchen aber
rieth man lange hin und her, und immer falsch, so, daß sogar einige aus
kindischer Ungeduld die Masken vom Gesicht nahmen, und sich selbst zu
erkennen gaben. Daß viel dabei gelacht wurde, werden meine lieben Leser und
Leserinnen leicht glauben. Endlich trat ein Kellnermädchen in baierischer
Tracht vor Franzen hin, und presentirte ihm auf einem Teller schweigend ein
Glas süße Mandelmilch. Das Mädchen trug einen dunkeln Rock, nebst kurzer
weißer Schürze, weite lange Hemdermel, ein schwarz-samtnes Leibchen, mit
rothem Brustlaz, welches eine silberne Kette schnürte; inwendig einen
fein gefälteten Hemdkragen, und ein seidnes Halstüchlein darüber
herumgeschlungen; Auf dem Kopf ein kleines silbernes Häubchen; Nach kurzem
Anschaun rief Franz lachend: »Ei meine Bertha! seht doch! seht wie schmuck
das Mädel aussieht! Nun gieb mir nur deine gute Erfrischung, und nimm dafür
meinen schönsten Dank.« Schnell entfernte sich die Kleine, um sich nicht
durch Lachen zu verrathen, denn es war -- _Emma_. Ihr folgte die Schwester,
Jenem eine Schale Zwieback hinreichend, von welchem er dankend nahm, sich
über den schwesterlichen Anzug freute und nun Bertha für Emma hielt, bis
beide vor ihm standen, und schäckernd eine jede fragte: »Wer bin ich?
Sprich, wer bin ich?« -- Die holden Kellnermädchen tanzten anfangs wenig,
sondern spielten ihre Rolle recht natürlich, indem sie sich geschäftig der
Bewirthung annahmen, wo aber beständig eine Verwechslung der Schwestern
zu Schulden kam. Nach einer Weile entfernte sich Franz auf einen Wink der
Mutter, und kam im Anzug eines Tyrolers, der Teppiche zum Verkauf über der
Achsel trug, ins Zimmer zurück. Bald warf er jedoch die Decken ab, und fing
an zu Tanzen. Sein Herz zog ihn vor Allem zu den lieben Schwesterchen; er
holte sich Bertha, ob er gleich Emma der Ältern den Vorzug zugedacht hatte;
sprach jene aber immer als diese an; und das lose Mädchen ließ ihn lange
auf seinen Glauben, redete wenig und schlug den Blick zu Boden; denn noch
immer waren die Schwestern an den Unterschied der Stimme und Augen am
kennbarsten. Endlich hielt Bertha im Tanzen inne, rief Emma zu sich und
sagte: »Franz will mit _Dir_ Tanzen, und nur durch einen Irrthum ist
die arme Bertha des Glükes theilhaftig geworden. Zur Strafe für seine
Partheilichkeit wollte ich nun den Herrn Bruder ein Weilchen zum besten
haben. Doch Bertha's Zorn ist gar schnell verraucht, und also auch dem
Herrn Geburtstäger in Gnaden vergeben.« --

»Was, Du bist nicht Emma?« fragte dieser erstaunt. »Ja wirklich!« fuhr er
fort; »und ich hätte nur in Deine muthwilligen Augen schauen dürfen, dann
würde ich gleich gewußt haben, woran ich bin; doch laß uns nur noch ein
wenig fort waltzen, es geht ja auch mit Dir wie auf einem Schnürchen, und
Emma tanzt nachher mit mir, nicht wahr?«

Wie dem eigenen Bruder, widerfuhr es den fremden Knaben und Mädchen; immer
waren sie zweifelhaft, wenn sie mit den Schwestern tanzten oder plauderten,
welche Emma oder Bertha sey; bis Jene ihnen oft selbst zu Recht halfen.
Indessen machten sich Beide durch ihr Betragen allgemein beliebt, also
störten die vorfallenden Verwechslungen die gesellige Freude nicht, welche
diesen Abend in einer besonders freundlichen Gestalt im Kreise der Kinder
waltete. Ja beim Abschied versicherten Alle dem Major und seiner Gattin:
daß sie nicht leicht so froh und glücklich gewesen wären als heute. Franz
aber fiel am Schluß der Lustbarkeit den geliebten Aeltern um den Hals,
dankte ihnen gerührt für ihre genuß- und liebevollen Veranstaltungen zur
Feier seines Geburtstags und gelobte für das neue Jahr auch durch neues
Streben ihrer Liebe werth zu bleiben. -- Er hielt getreulich Wort.

[Illustration:

  ~pag. 73.~

Die Maskerade.]



Das Pathengeschenk.


Bertha hatte ausser einer Taufpathin in ihrem Wohnort, auch noch eine
auswärts, welche die vertraute Freundin der Majorin in früherer Zeit war.
Auch jezt noch wechselten sie zuweilen Briefe, und keiner wurde gegenseitig
abgesendet und empfangen, in welchem nicht des lieben Pathchens Erwähnung
geschah. Nach der Schilderung der zärtlichen Mutter hatte Frau v. Weißmann
eine sehr gute Meinung von Bertha gefaßt, und ihr Bildniß, das sie einst
von den Aeltern derselben erhalten hatte, war ihr ein recht werthes
Besizthum. Gerne hätte auch sie öfters Jener einen Beweiß ihres liebenden
Andenkens zugeschickt; allein die Entfernung betrug viele Meilen, wodurch
der Transport einer Sendung sehr erschwert wurde. Doch es ergab sich,
daß ein, in Weißmanns Hause bekannter Officier in Berthas Wohnort versezt
wurde. Diese Gelegenheit durfte nicht unbenüzt vorbeistreichen, und
Hauptmann Halten wurde recht schön gebeten, einen Auftrag zu übernehmen.
Gerne verstand sich dieser dazu, denn er war überdieß ein großer
Kinderfreund; und Frau v. Weißmann brachte bei seinem Abschiedsbesuch
Berthas Bildniß herbei, und suchte ihn zu bewegen, dasselbe recht
anzuschauen, damit ihr liebes Pathchen, das für sie bestimmte Geschenk
gewiß erhielt, und nicht die, ihr sehr ähnliche Emma, obgleich für diese
auch Etwas beigepackt worden war. Halten glaubte sich des Portraits Züge
recht eingeprägt zu haben, und reiste mit der Zusicherung, Alles aufs
Beste zu übergeben, ab. Als er an dem Ort seiner Bestimmung angelangt war,
überfiel sogleich den, nicht mehr jungen Mann eine bedeutende Krankheit und
er mußte längere Zeit, das Bett hüten; durch jemand Anderm aber wollte er
nicht die ihm anvertraute Gabe Falkensee's beiden Töchterchen einhändigen
lassen, behielt sie also bis zu seiner Wiederherstellung zurück; der
Hauptmann war ein frommer Krieger, daher besuchte er, nach wieder
erhaltener Gesundheit vor Allem das Gotteshaus, um daselbst dem Höchsten
für seine Hülfe zu danken. Von einer Emporkirche herab bemerkte er in
einem untern Kirchenstuhl zwei Mädchen, die er sogleich für die
Zwillingsschwestern erkannte, und nun sah er aber erst ein, wie schwer eine
bezeichnende Verschiedenheit bei ihnen zu finden sey; Er nahm sich vor, die
Mädchen auf eine Probe zu stellen, und glaubte sicherlich die, welche darin
am besten bestehen würde, müsse Frau v. Weißmanns Pathin seyn, so sehr
hatte er für Letztere, durch die Schilderung jener ein günstiges Vorurtheil
gefaßt. Aber es zerstreute ihn der Anblick der Mädchen selbst in der
Predigt ein wenig, denn er beobachtete immer dazwischen ihr Benehmen, und
da entging es ihm nicht, daß das eine still und voll Aufmerksamkeit schien,
hingegen das Andere unruhig hin- und herrückte, bald da, bald dorthin
schaute, das Sacktuch, das Gesangbuch fallen ließ, und von dem
Schwesterchen erst darüber getadelt wurde. Beim Herausgehen aus der Kirche,
wo Halten den Kindern auf dem Fuße folgte, sah und hörte er, wie ein armer
Greis dieselben um ein Almosen ansprach. Das fromme stille Kind schlug
das Gesangbuch auf, nahm eine darin befindliche kleine Münze heraus, und
reichte sie mit freundlicher Miene dem Armen; ihre Gefährtin suchte auch in
ihrem Gesangbuch nach, doch -- o weh! als sie es in der Kirche fallen ließ,
mußte das Geld dadurch verloren worden seyn, -- sie fand es nicht, schien
sich aber leicht darüber zu trösten. Dies Alles gab dem Hauptmann
Aufschluß über den Charakter der beiden Schwestern, und sein Liebling, die
verständige und milde, mußte nun auch nach seiner Meinung das vielgeliebte
Pathchen seyn, dem er ein so schönes Geschenk zu übergeben hatte. -- Noch
an demselben Tag begab er sich in Falkensee's Wohnung, und begrüßte den
Major als seinen Kriegskameraden, ohne der Weißmännischen Familie und
seines Auftrags zu erwähnen; aber als die beiden Mädchen nach einer Weile
Hand in Hand ins Zimmer traten, begrüßte er sie freundlich, und sagte: »Ich
habe schon heute Morgens in der Kirche eure Bekanntschaft gemacht, meine
Lieben!« Beide schauten ihn fragend und zweifelnd mit großen Augen an.
Er aber fuhr fort: »Ja, ja, so ist es; und ich glaubte, meine andächtige
Kleine von dem unruhigen Schwesterchen bei einem Wiedersehen genau
unterscheiden zu können, allein eure wunderbare Aehnlichkeit macht es mir
dennoch unmöglich; daher sagt mir ehrlich, welche von Euch betrug sich so
ruhig und anständig im Hause Gottes, und welche von Euch erfreute den
armen Greis mit einer Gabe?« Die Mädchen standen verlegen vor ihm; eine
Purpurröthe übergoß ihre Wangen, und ihr Blick senkte sich zur Erde.
Endlich hub Bertha an, und sagte halbe laut: »ich war die Unruhige, meine
Schwester ist viel artiger als ich.« Halten über diese Offenheit gerührt,
stand einige Augenblicke zweifelnd, welchen der Kinder er den Vorzug
einräumen, welches er für das Pathchen seiner Freundin erklären sollte.
Da fiel ihm erst die Schilderung jener bei, welche ihm Bertha als ein
lebhaftes, Emma als ein ruhiges Geschöpfchen bezeichnete, und schon wollte
er Ersterer die bestimmte Gabe einhändigen; aber nun kam ihm der Gedanke:
die Kleinen noch strenger zu prüfen. Er zog zwei Packette aus der Tasche,
übergab das Größere der sanften Emma, und das Kleinere der muntern Bertha,
indem er sagte: »meine Freundin Weißmann, Euch wohl bekannt, sendet Euch
durch mich viele herzliche Grüße, und diese Geschenke.« Begierig öffneten
die Kinder die Päckchen, und Emma fand in dem ihrigen ein schönes seidenes
Halstuch, ein goldnes Ringchen mit Haargeflecht, und in einer hölzernen
Frucht, die man öffnen konnte, niedliche kleine Kämmchen, Täßchen,
Tellerchen, Töpfchen, u. s. w. von blendend weisen Elfenbein. In Bertha's
Packett war ein etwas geringeres Halstuch und ein Kästchen voll Dewisen.
Als der Hauptmann den Namen, Weißmann, nannte rief Bertha hoch erfreut:
»Ach von meiner Pathin, von meiner guten Pathin!« und die Mutter, die
während des Gesprächs ihrer Kinder mit Halten, an einer andern Stelle des
Zimmers ein Geschäft vorzunehmen hatte, kam auch herbei, und war, gleich
den Kindern, begierig, welchen Beweiß ihres Andenkens die entfernte
Freundin gesendet haben würde. Als nun die schönen Sachen ausgepackt waren,
überzeugte sich Emma sogleich, daß sie das unrechte Packett erhalten habe,
und äusserte bescheiden gegen den Hauptmann: »Sie haben sich geirrt, lieber
Herr! dies Geschenk gehört Bertha.« »Nein, nein!« fiel ihr diese in die
Rede. »Der Herr hält Dich für vorzüglicher, und meint also, Du verdienst
das schönere Geschenk. Er hat auch Recht, und da Du es einmal erhielst, so
gehört es Dein, ich trete es Dir feierlich ab.« Emma wollte nichts davon
hören, und der edle Wettstreit dauerte noch eine Weile. Endlich entschied
Halten dahin: daß Emma, das ihr zugefallene Tuch und Spielzeug behalten,
Bertha aber das Ringchen annehmen solle, da die Haare von ihrer Pathin,
und durchaus _ihr_ bestimmt seyen. Aber tief bewegt, setzte er noch hinzu:
»Eure Bekanntschaft liebe Kinder rechne ich zu den angenehmen Erfahrungen
meines Lebens, denn eure Schwesterliebe, und edle Uneigennützigkeit hat
mich wahrhaft gerührt. O bleibt dieser schönen Denk- und Handlungsweise
stets getreu, und seyd gewiß, daß Gottes Segen sie begleitet.« Nach diesen
Worten umarmte er die Mädchen herzlich, wandte sich dann an die Baronin und
sagte: »Jetzt erst, nachdem ich mein Vorhaben ausgeführt, und den Werth und
Charakter Ihrer Töchterchen selbst geprüft habe, kann ich meinen erhaltenen
Auftrag ganz genügen, und von ihrer Freundin, deren Abgesandter ich bin,
Ihnen viel, recht viel erzählen, so wie von deren würdigem Gatten, meinem
lieben Major. Wo ist er denn hingekommen?« dieser war vor einer Weile aus
dem Zimmer gerufen worden; kehrte aber eben wieder zurück; seine Gattin
bereitete darauf den Theetisch, und daran wurde in traulicher Runde
Plaz genommen. Dann begann eine, für den ganzen kleinen Kreis wichtige
Unterhaltung, deren Hauptgegenstand die Weißmännische Familie war. Bertha
blickte dabei nicht selten auf den, an ihrem Fingerchen schimmernden
Ring, und sie und Emma vergnügte oft späterhin in Friede und Eintracht das
niedliche, von der gütigen Pathin erhaltene Spielzeug.



Der kranke Zahn.


»Ach Mutter!« jammerte an einem Morgen Emma. »Diese Nacht ließen mich meine
bösen Zähne wieder gar nicht schlafen, sage mir doch ein Mittel, das
mich von dem argen Schmerz befreit.« »Warte mein Kind;« tröstete sie die
Baronin; »heute ist Rasiertag, wenn Herr Ziegler zum Vater kommt, wollen
wir ihn um Rath fragen.« Kaum konnte ihn Emma erwarten, und hoffte
zuversichtlich Hülfe von ihm. Allein sie hatte sich einigermassen
getäuscht; denn jener war ein großer Liebhaber vom Zahn ausnehmen, vor
dieser gewaltsamen Operation schauderte aber die zarte Emma zurück, und
ließ sich durchaus nicht bewegen, sich derselben zu unterwerfen. »Haben
sie den gar kein anderes Mittelchen?« fragte Frau v. Falkensee; und Ziegler
erwiederte: »Zu Hause steht wohl eine Tinktur, die zuweilen den Schmerz hie
und da gestillt hat, aber immer nur auf kurze Zeit, das Beste ist, wie ich
schon sagte, man macht mit dem Friedensstörer kurzen Prozeß, und giebt ihm
den Laufzettel.« »Nein, dazu versteh ich mich nicht,« entgegnete Emma und
der Chirurg ging seiner Wege. Doch im Lauf des Tages wurde es immer ärger
mit dem armen Mädchen. Der Schmerz preßte ihr bittere Thränen aus dem
Auge, und sie vermochte weder zu arbeiten, noch zu spielen, sondern
lag größtentheils auf dem Sopha und klagte laut. Bertha, die zärtliche
Schwester, fühlte das tiefste Mitleid mit der Leidenden, und sagte unter
andern: »Ich habe auch einen dienstuntauglichen Unterthan in meinem Mund,
und herzlich gerne wollte ich mir ihm auf der Stelle herausziehen lassen,
ob er sich gleich nicht rebellisch beträgt, wenn es meiner Emma etwas
nützte.« Die Mutter kam herzu, hörte diese Aeusserung, und sagte: »Dies
Opfer verlange ich nicht, aber Du könntest zu Ziegler gehen, und ihn um
seine Tinktur bitten; ich weiß nicht warum der wunderliche Mann dieselbe
nicht schickt, da ich ihn doch beim Weggehen darum bat.« Ungesäumt eilte
Bertha fort, blieb aber ziemlich lange aus. Endlich erschien sie, und trat
unter herzlichen Lachen ins Zimmer. »Rathet einmal rathet, was mich so
lange aufhielt!« rief sie, »es lebe Herr Ziegler der geschickte Zahnarzt!«
darauf brach sie wieder in Lachen aus, und konnte kaum zur Erzählung
kommen, so sehr belustigte sie die Erinnerung an das bestandene Abentheuer.
Doch der Mutter Gebot: ernsthaft zu seyn, und ein Blick auf die leidende
Schwester, mäßigte ihre muthwillige Laune, und sie wickelte nun aus ihrem
Sacktuch das kranke Zähnchen, dessen sie vorhin erwähnte. »Wie?« fragte die
erstaunte Mutter. »Du hast dir ohne alle Ursache den Schmerz zugezogen,
und den Zahn herausnehmen lassen?« »Freilich,« erwiederte das muthvolle
Mädchen. »Zwar geschah es von meiner Seite nicht freiwillig, aber ich
bereue es nicht, hat der faule Schelm doch zu nichts mehr getaugt; hier ist
vor Allem die Tinktur, und nun will ich erzählen, wie es mir erging.« Sie
fuhr fort, indem sie sich zu Emma wandte, während die Mutter bei derselben
das mitgebrachte Mittel anzuwenden suchte. -- »Unsere schon oft angestaunte
Aehnlichkeit mein liebes Zwillingsschwesterchen hat mich um meinen armen
Zahn gebracht. Es war wohl nichts an ihm gelegen, allein es ist doch eine
eigene Sache, so mir nichts, dir nichts, eine solche Strafe vollziehen zu
lassen. Indeßen als mich Herr Ziegler erblickte, rief er mir gleich zu:
»Aha mein liebes Kind, ich errathe, was Sie zu mir führt; der Bösewicht in
ihrem Mäulchen läßt ihnen keine Ruhe: Nun, nun, setzen Sie sich nur, sie
sollen gleich von ihm befreit werden.« »Hollah« dachte ich. Der grimmige
Helfer hält mich für mein Schwesterchen. Nun es sey! Er wird mir den
Kopf nicht mit dem Zahn abreißen, und ich kann dann meiner lieben Emma
beschreiben, wie es thut, kann ihr zu oder abrathen meinem Beispiel zu
folgen. Unter diesen Betrachtungen hatte Herr Ziegler seine Instrumente
herbeigeholt und ein kleines Sesselchen auf welches ich mich geduldig
setzte, und ruhig erwartete, was über mich ergehen würde. Seine Magd sollte
mir den Kopf halten, dies verbot ich mir aber, auch war es nur ein Ruck,
ein Augenblick, und die ganze Geschichte hatte ein Ende; dann kam ein
bischen Blut, und als dies auch vorüber war, erklärte ich dem guten Freund
seinen Irrthum. Er lachte laut auf, prieß meinen Muth, und meinte, Du liebe
Emma solltest ihm nun auch das ungeheuere Vergnügen machen, und dich von
deinem schlimmen Zähnchen auf solche Weise befreien.« Emma schüttelte das
Köpfchen, obgleich Bertha ihr versicherte: daß der Schmerz der Operation
schnell vorübergehend sey, der ihrige sie aber noch lang quälen würde. So
war es auch, sie litt' noch mehrere Tage und Nächte, und zuletzt mußte sie
sich doch noch den Händen des allzeit fertigen Zahnausnehmer anvertrauen,
welcher das muthige Schwesterchen ihr lobpreisend zum Muster aufstellte;
und auch die Mutter konnte Bertha ihren Beifall nicht versagen, da sie
durch die entschloßene Aufopferung des kranken Zahn's die übrigen gesunden
vor Ansteckung schützte, und Zahnschmerz auch in Zukunft zu den Uebeln
gehörte, die sie fast gar nicht aus Erfahrung kennen lernte.



Versuchung und Reue.


Frau von Wellenfells, eine Schwester des Majors, hatte ihren Gatten vor 2
Jahren verloren, und ihr schon länger kränkelnder Körper erlag fast unter
dem Schmerz jener Trennung. Als sie sich nach und nach wieder etwas
erholt hatte, riethen ihr die Aerzte Wohnung- und Luftveränderung, und sie
beschloß eine Reise zu ihrem Bruder zu machen, und einige Zeit bei ihm
zu bleiben. Man nahm sie gerne auf, denn sie besaß viele Vorzüge, und
besonders gewann sie bald die Gunst der Kinder, da sie die Gabe hatte, sie
auf allerlei artige Weise zu unterhalten. Sie spielte trefflich den Flügel,
wußte viel aus ihrem Leben, so wie auch andere nette Geschichtchen zu
erzählen, und in ihrer reichhaltigen Bibliothek befanden sich manche
werthvolle Jugendschriften. Wenn sie recht guter Laune war, so lehrte sie
Franzen verschiedene kleine Taschenspielerkünste, mit und ohne Karten; und
dann war sie auch nicht abgeneigt, mit den Mädchen in ihren Feierstunden
zu kochen, und aus frischen und getroknetem Obst, und andern Süssigkeiten,
herrliche Gerichte zu verfertigen. Doch, wie gesagt, dies geschah nur, wenn
sie sich ganz wohl fühlte, und dann recht heiter war. Oft aber störte ihre
Zufriedenheit wirkliches Unwohlseyn; nicht selten auch eingebildetes.
Ja dies war eine ihrer Schwächen, daß ihr körperliches Befinden sie viel
beschäftigte, und sie immerwährend an sich kurirte. Sie fragte dabei selten
einen Arzt, sondern ihre Hausapothecke, die sie mit sich führte, enthielt
für alle Arten Uebel ein Mittelchen, dessen sie sich noch obwaltenden
Umständen bediente. Es gab darinnen niederschlagende Pulver, Magen- und
Nervenstärkende Tropfen, heilsame getrocknete Kräuter, Latwergen, kräftige
Wasser, zusammengesezter Essig, und ausser dergleichen Dingen noch viel
Gutes zur Erfrischung und Labung in krankhaften Zuständen. -- Als sie in
Falkensee's Wohnung anlangte, und ihr Zimmerchen ihr angewiesen war, so
ließen sich's Emma und Bertha nicht nehmen, sie dahin zu begleiten, und
waren sehr geschäftig beim Auspacken und Einrichten ihr zu helfen. Dabei
kam den nun auch das kleine Schränkchen mit der erwähnten Apotheke zum
Vorschein, und Tante Hildegard wieß ihr den Plaz in einem Wandbehälter an,
der unversperrt, und nur mit einem Griff zum Auf- und Zumachen versehen
war. Auch ihre Bücher stellte sie in einem zweiten ähnlichen Schrank, der
sich in einer andern Seite der Wand befand. Diese getroffene Maßregel war
Bertha höchst angenehm; den _Neugierde_ war ein Hauptfehler des Mädchens,
und diese regte sich mächtig beim Anblick der Besitzthümer Hildegardens in
ihr; ja sie flüsterte der Kleinen zu: »in diesen unverschlossenen Schränken
kannst Du ungehindert öfters alle die Gegenstände und Bücher, die sich
darin befinden, genau untersuchen und durchblättern, und Dich damit recht
angenehm unterhalten.« Eine bessere Stimme in ihrem Innern widersprach
Jener, und ermahnte Bertha: »der Aeltern oft erhaltenen Befehl, ihre
Neugierde zu besiegen, Folge zu leisten.« Allein die Lockung war zu groß,
denn zufällig waren ihr bei der Einrichtung manche, schon dem Aeußern
nach, köstliche Bücher in die Hand gekommen, die sie gar zu gerne näher und
länger betrachtet hätte, sie war jedoch gegen die Tante noch zu schüchtern,
dieselbe darum zu bitten; auch stack ihr gewaltig das niedliche Schränkchen
im Kopf, dessen Inhalt sie zu kennen wünschte. Als daher einmal Hildegard
mit der Mutter ausgegangen war, um einige Besuche abzustatten, schlich sich
Bertha in ihr Zimmer, kam an den Bücherschrank, nahm eines der Bücher nach
dem andern heraus, und in welchem Bilder waren, mit dem unterhielt sie
sich eine geraume Zeit. Sie hatte sie noch nicht alle durchgesehen, als sie
Tantens Stimme hörte. Eilig stellte sie das Buch, das sie gerade in Händen
hielt, an seinen Ort, schlug den Schrank zu, und begab sich an das Fenster,
vor welchem schöne Blumen in Töpfen standen, womit man Hildegarden bei
ihrer Ankunft beschenkt und überrascht hatte. Bertha ergriff ein Glas
Wasser, das in der Nähe stand, begoß damit ein paar der Blumen, und Jene
traf sie bei diesem Geschäft. »Das ist schön,« sagte die Tante, »daß Du
für meine Blumen Sorge trägst;« und Bertha verbarg das Gesichtchen in einen
buschigten Gyranienstock, denn das erhaltene unverdiente Lob jagte ihr das
Blut ins Gesicht. »Ich will noch mehr Wasser holen,« sagte sie, und eilte
fort, ihre Verlegenheit nicht bemerkbar werden zu lassen. Sie hatte jedoch
den Griff des Bücherschrank's vorhin nicht hinreichend herum gedreht,
und als sie zur Zimmerthüre hinausstürmte, flog vom Zug der Luft die
Schrankthüre auf, und Hildegard sagte, indem sie dieselbe wieder zu machte:
und dann daran rüttelte, »Ei, ei! mein Nichtchen hat sicherlich in meinen
Büchern gekrammt, den heute früh, als ich mein Gebetbuch hinein stellte,
verschloß ich den Schrank ganz fest, wie auch jetzt wieder, wo er nicht so
leicht auffahren kan.« Sie frug bei Käthe -- ihrer Kammerjungfer -- nach.
Diese aber konnte keinen Aufschluß geben, da sie eine Wäsche für ihre
Gebieterin zu besorgen hatte, und deshalb mehrere Stunden im
Hofraum beschäftigt war. Nach einigen Tagen, als Tante mit ihrem
Lieblings-Nichtchen, Emma, abermals ausgegangen war, begab sich Bertha, vom
unwiderstehlichen innern Drang getrieben, wieder in Hildegards Zimmer, um
das kleine Schränkchen, wegen dem ihre Neugierde sie nicht ruhen ließ, in
der Nähe zu beschauen. Sie fand, die schon früher angegebenen Gegenstände
darin, las die Aufschrift jedes Glases, jedes Schächtelchens, stellte und
legte Alles ordentlich wieder an seine Stelle, und als sie ihre
Neugierde vollkommen befriedigt hatte, wollte sie sich aufs Neue mit dem
Bücherschrank unterhalten; aber sie vernahm Tritte, und verließ also eilig
das Zimmer. Wirklich war es Käthe, welche die Treppe herauf kam; doch da
die Kinder auf demselben Stockwerk auch ihre Spielzeugkämerchen hatten,
so konnte Bertha eben so gut von diesem herkommen, und Jene dachte nichts
arges dabei. Am Abend dieses Tages, als die Schwestern im Bette lagen --
(sie hatten ihr eigenes Schlafstübchen) -- und nach Gewohnheit noch eine
Weile plauderten, seufzte mitunter Bertha tief auf, und Emma fragte sie
besorgt, was ihr fehle? »Ach Gott!« erwiederte sie: »mich quält die
Reue! Ich war den guten Aeltern heute, und auch vor ein paar Tagen recht
ungehorsam. Oft schon verwiesen sie mir ernstlich meine Neugierde, und
geboten mir, sie zu beherrschen, und dennoch folgte ich der Lockung
derselben, statt ihren Ermahnungen.« Nun erzählte sie Emma Alles was
meine Leser schon wissen, und schloß mit einer lebhaften Schilderung der
Hausapothecke. Sie sagte: »O Schwesterchen in dieser sind gute Sachen!
Nach der Aufschrift der Gläser und Schachteln giebt es Himmbeersaft,
Hagenbuttensulze, Brustzelten, Magenmorsellen, süße Latwergen, von
verschiedener Art und noch eine Menge herrlicher Erquickungen, für Kranke,
die ich darnach gar nicht mehr weiß.« »Ei da wässert auch Gesunden der
Mund!« versetzte Emma, die ein gewaltiges Leckermäulchen war. Ja ihre
Neigung zur _Naschhaftigkeit_ hatte ihr schon manchen Verdruß zugezogen,
ohne daß sie dadurch von Jener ganz befreit worden wäre. Bertha's Erzählung
machten den erwähnten Hang wieder ungemein in ihr rege, und er raubte ihr
sogar noch eine Weile den Schlaf. Immer sah sie im Geiste die gefüllten
Gläser, Tiegelchen und Schachteln vor sich, und das Gelüsten nach ihrem
Inhalt überwog das Vermögen, der Stimme der Vernunft und Pflicht, die sich
in ihrem Innern erhob, Gehör zu geben. Auch am andern Morgen war bei Emma's
Erwachen die Hausapotheke ihr erster Gedanke, und als sie die Tante im
Laufe des Tag's zu einem Spaziergang aufforderte, schützte sie eine Arbeit,
die sie für den Lehrer zu verfertigen habe, vor, und bat: daß Hildegard
lieber Bertha mitnehmen möchte. Erstere prieß ihren Fleiß, ihre
Schwesterliebe, und that was sie wünschte. Auch die Mutter schloß sich an
Jene an, und so hatte Emma freien Spielraum, den sie, trotz ihres mahnenden
und strafenden Gewissens zu benützen sich vornahm. Allein noch, als sie
schon vor dem Wandbehälter stand, der das Ziel ihrer Wünsche verschloß, war
sie im Zwiespalt mit sich selbst, ob sie der Versuchung folgen, oder ihr
muthig widerstehen sollte.

»Ach nur _sehen_ will ich die köstlichen Sachen, und mich an ihrem Anblick
weiden;« sagte die Stimme der Verführung in ihr. »Nein, es ist Sünde!«
sprach das Gewissen. »Allein das Anschauen ist eine Freude, die Du dir
doch erlauben kannst;« wandte Erstere ein, und so öffnete denn Emma den
Behälter, und auch das kleine Schränkchen. Nun war es aber um jede Kraft
zum Widerstand geschehen. Zu lockend blikten ihr alle die Süssigkeiten
entgegen, sie mußte sie kosten. Ja sie nahm von jeder einen Mundvoll, doch
so geschickt, daß man es nicht bemerken konnte; brachte dann alles wieder
an seine Stelle, und schlich sich davon. Diesmal aber hatte Käthe des
Mädchens Thun und Treiben bemerkt, wußte indessen nicht, ob es Emma oder
Bertha war, welche sie ohnehin immer verwechselte.

Bald nachher offenbarten sich die Folgen von Emma's Vergehen; denn sie
hatte von allen Sulzen, Latwergen und Zelten genoßen, schnell alles
verschluckt, und die vielen Leckereien erregten ihr heftige Ueblichkeiten
und Magenbeschwerden. Ueberdieß kam Mittag ihr Leibgericht, eine
Stockfischpastete auf den Tisch, und ob sie gleich schon nicht ganz wohl
sich fühlte, so konnte sie sich's doch nicht versagen, ihre Gelüste darnach
zu stillen, und ziemlich viel davon zu eßen. Ihr nachheriges vergrößertes
Uebelbefinden wurde nun auf Rechnung jener Speise geschrieben, und Niemand
forschte weiter darnach. Aber als am Abend Käthe, die Kammerzofe, ihrer
Herrschaft beim Auskleiden behülflich war; sagte sie: »Ich weiß wohl,
wo Fräulein Emma's Unwohlseyn hauptsächlich herrührt, die arme
Stockfischpastete ist nicht allein Schuld.« Hildegard erwiederte strenge:
»Nun so sage was du weißt.« Käthe erzählte ihre gemachten Beobachtungen,
und Tante schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, nein,« entgegnete sie,
»du verwechselst die Schwestern. Emma, meine gute Emma ist einer solchen
Handlung nicht fähig; eher die leichtfertige Bertha, die noch überdies
recht neugierig ist, denn neulich gerieth sie sicherlich über meinen
Bücherschrank.« Die Dienerin versezte: »Auch mir begegnete gestern eine der
Schwestern auf der Treppe, doch welche es war, kann ich unmöglich angeben,
sie sehen sich zu ähnlich.« Am andern Tag theilte Hildegard der Majorin
Kätchens Erzählung mit, und Bertha wurde vor das mütterliche Gericht
berufen. Auch die Tante war bei dem Verhör gegenwärtig, und das ehrliche
Töchterchen gestand augenblicklich den zweimal begangenen Fehler, wofür
sie den verdienten Verweiß erhielt, und ruhig denselben hinnahm. Aber als
Hildegard in sie drang, auch zu bekennen, daß sie genascht habe, da braußte
die, dem Mädchen eigene Heftigkeit auf, und nur der Mutter drohende Stimme,
brachte sie wieder ins Geleise. Die Tante äusserte: »sie wolle es dahin
gestellt seyn lassen;« schien jedoch ihren Argwohn nicht ganz aufgegeben zu
haben, was Bertha innig schmerzte. Zwar hatte Jene am Morgen, als sie ihre
Hausapotheke untersuchte, keine Spur von irgend einem unberufenen Besuch
derselben entdeckt, und da Käthe ihr schon einigemal Beweise eines
verläumderischen Charakters gegeben hatte, so wußte sie nicht, was sie von
der Sache denken sollte, und ließ sie scheinbar beruhen. Ihre geliebte Emma
sprach sie in ihrem Herzen ganz frei von Schuld, da ja Bertha eingestanden
hatte, zweimal in ihrem Zimmer gewesen zu seyn; gegen diese aber war sie,
seit dem Vorfall auffallend kälter, denn sie zweifelte immer noch daran,
ob sie Wahrheit gesprochen habe, und die Lüge haßte sie mit Recht, als das
schändlichste Vergehen. Beide Schwestern bemerkten ihre veränderte Stimmung
und Bertha sprach sich gegen Emma recht tief betrübt darüber aus. Sie
kannte des Schwesterchens Fehler, und hielt dafür, daß es gemaußt habe,
allein sie konnte es nicht über sich gewinnen, dasselbe darum zu befragen.
Emma jedoch kämpfte mit ihrem Innern zwei Tage lang, und fühlte sich immer
nicht fähig den bessern Entschluß, der in ihr entstand, auszuführen. Länger
aber vermochte sie es nicht, die unverdienten zärtlichen Liebkosungen der
Tante anzunehmen, und zu ertragen, daß Bertha's Augen bei der sichtlichen
Unfreundlichkeit Hildegardens in Thränen schwammen -- sie fiel, als dies
einmal wieder der Fall, und sie mit der Schwester alleine war, dieser
weinend um den Hals, und entdeckte ihr, was sie gethan hatte. Von ihr aus
flog sie an das mütterliche Herz, und bekannte auch da ihre Schuld, so wie
sie dieselbe der Tante nicht verschwieg. Natürlich ließ man der kleinen
Näscherin den wohlverdienten Unwillen fühlen; aber ihr aufrichtiges
Bekenntniß und Bertha's dringende Fürbitten erwarben ihr auch wieder
Verzeihung. Sie gelobte Besserung, und hielt was sie versprach.
Entschlossen besiegte sie künftig jede Versuchung zu naschen, wich aber
dabei auch der gefährlichen Schaulust aus, und gewann dadurch in einem noch
höheren Grad die Liebe der Ihrigen. Die Tante aber bat Bertha förmlich den,
im Stillen gegen sie gehegten Argwohn ab, und suchte ihr denselben durch
verdoppelte Erweisungen ihres Wohlwollens zu vergüten. --



Belohnte Gastfreundschaft.


Kaum war, nach einem 6monatlichen Aufenthalt der Tante Hildegard, das
Gaststübchen leer geworden, so wurde es auf der gutmüthigen Bertha
Veranlaßung wieder besezt. Sie besuchte an einem Nachmittag ihre Freundin
Malwina, und nachdem sie einige Stunden vergnügt bei ihr zugebracht
hatte, wollte sie wieder nach Hause kehren. Es war Dämmerung, der Regen
plätscherte aus den Wolken hernieder, und dabei stürmte es so gewaltig,
daß Bertha kaum den kleinen Regenschirm, der sie schützen sollte, erhalten
konnte. Zulezt riß ihr ihn wirklich ein Windstoß aus der Hand, und jagte
ihn an den Rand einer Brücke, über die gerade das Mädchen mühsam schritt.
Erschrocken sah sie dem Fliehenden nach, und gewahrte, daß ein Wanderer
auf ihn zulief, ihn glücklich erhaschte, und Bertha für die Eigenthümerin
erkennend, denselben zustellte. Sie dankte ihm freundlich, er aber erbot
sich, da seine Kräfte eher zureichten, den Schirm über sie zu halten, und
sie nach Hause zu begleiten. Die Kleine nahm es dankbar an, und versicherte
dem jungen Mann ihre Theilnahme, da von seinem Reisehemd und seinem
Ränzchen das Wasser immerwährend herunter troff. »Wäre ich nur gesund;«
versezte der Wandersmann; »dann würde mich der Regen wenig kümmern, aber
ich wollte lieber zu Bette liegen, als in der Nässe herum waten.« Bertha
schaute ihn mitleidig an, und sagte: »Armer Mann! wie bedaure ich Sie!
Geht denn die Reise noch weit?« Jener erwiederte: »Ei freilich noch mehrere
Meilen habe ich zurückzulegen, bis ich in meine Heimath komme.« Bertha's
Neugierde und Theilnahme stellte noch viele Fragen an ihren Begleiter, und
so erfuhr sie denn: daß er der einzige Sohn reicher Aeltern sey und auf
der hohen Schule seines Wohnorts die Theologie studiere, daß er in den
Feiertagen entfernte Verwandte besucht habe; auf der Rückreise krank
geworden sey und seine ganze Baarschaft, bis auf einen kleinen Rest dadurch
aufgezehrt hatte. Noch nicht völlig erholt, wollte er doch weiter wandern,
allein im lezten Dorf sey er wieder liegen geblieben, was die lezten Gulden
vollends gekostet habe. Nun wisse er nicht einmal, wo er diese Nacht
ohne Geld als Fremder eine Unterkunft finden würde. »Ach wüßte meine gute
Mutter, in welcher Verlegenheit sich ihr Heinrich befindet, wie würde sie
sich grämen und ängstigen!« fügte er am Schluße seiner Mittheilungen tief
seufzend hinzu. Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele entstand ein
Entschluß, den sie nicht als unausführbar verwerfen konnte und wollte.
Sie kannte ja die Menschenfreundlichkeit ihrer Aeltern, und hoffte, keine
Fehlbitte zu thun, wenn sie dem Reisenden ein Obdach in ihrem Hause für
diese Nacht von Jenen zu verschaffen suchte. In ihrer Wohnung angelangt,
bat sie den Wanderer auf dem Vorplaz ein wenig zu verziehen, flog ins
Wohnzimmer, wo auch gerade der Vater zugegen war, und erzählte mit
eiligen Worten des Fremden gefälliges Benehmen gegen sie, und seine Noth.
Augenblicklich wurde ihm die Thüre geöffnet, und es verging keine Stunde,
so war er in der Familie einheimisch, und wie ein Glied derselben von Allen
betrachtet. Besonders schloß sich Franz herzlich an ihn an, und auch der
Major und seine Gattin fanden Gefallen, an dem gebildeten, sittlich guten
Jüngling. Aber ach, der Arme war noch nichts weniger, als gesund, und schon
die erste Nacht brachte er in einem fieberhaften Zustande, zu. Am andern
Morgen wurde der Arzt gerufen, und er erklärte den Kranken für bedenklich.
Man kann sich die Sorge der Falkensee'schen Familie denken, und Bertha
weinte manches Thränchen; denn die Mutter ihres Gastes, welche dieser mit
so begeisterte kindlicher Liebe geschildert hatte, lag dem guten Mädchen
immer im Sinn, und sie dachte sich lebhaft ihren Gram, wenn sie den
geliebten Sohn in der Ferne verlieren sollte. Zu seiner Rettung und Pflege
wurde nun Alles aufgeboten, und die Kinder wetteiferten mit den Aeltern
darinnen. Namentlich ließ es sich Franz nicht nehmen, seinen neuen Freund
treu zu bedienen; Bertha aber übernahm emsig alle Geschäfte, die _ihr_
angemessen waren, und nur aus schwesterlicher Gefälligkeit überließ sie
zuweilen Emma eines oder das andere. Heinrich genaß, und sobald es ihm
von dem Arzt erlaubt wurde, berichtete er in einem Brief seine Aeltern
von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen, wobei natürlich
die Aufnahme und Behandlung welche ihm im Falkensee'schen Hause zu Theil
geworden war, hoch von ihm gerühmt, und mit den lebhaftesten Farben
geschildert ward. Bald erschien von Volkmar -- so hieß Heinrichs Vater
-- ein Antwortschreiben voll Aeusserungen des innigsten Dankes gegen die
Wohlthäter seines Sohnes, und auch das, von dem Jüngling erbetene Geld zur
Rückreise und zur Bestreitung noch anderer Ausgaben, hatte Jener beigelegt.
Es war gerade Messe, als es anlangte, und nun wußte Heinrich nichts
angelegentlicheres zu thun, als mit Franz und seinen beiden Schwestern
den Markt zu besuchen; denn es glühte in ihm das Verlangen: den kleinen
Freunden thätige Beweise seiner Dankbarkeit zu geben. Auch für Frau
v. Falkensee kaufte er einen geschmackvollen Seidenzeug zu einem Kleid, für
den Baron einen schönen Pfeifenkopf, für seine Lieblingsschwester Bertha
(wie er sie öfters gegen Franz nannte) goldne Ohrenringe, welche aus
kleinen bunten Juwelen ein niedliches Blümchen bildeten; Emma sollte
einen Wollenhacken von Silber erhalten, und Franz eine reich eingerichtete
Brieftasche.

Jugendliche Ungeduld ließ Heinrich die Nachhausekunft nicht erwarten; nein
schon auf dem Markt theilte er die Geschenke an die Geschwister aus.
Aber im Gewühl der Menschen Menge verwechselte er, was ihm auch auf
dem Krankenbette öfters wiederfahren war, die, sich so ähnlichen
Zwillingsschwestern; und Emma erhielt, was er für Bertha bestimmt hatte,
diese, was Jene erhalten sollte. Erst als zu Hause den Aeltern Alles
jubelnd von den Kindern gezeigt wurde, bemerkte Heinrich den Irrthum, und
zwar mit wahrem Schmerz; denn obgleich er Emma's Vorzüge einsah, und sie
deshalb ebenfalls brüderlich liebte, so war er doch Bertha einen größern
Beweiß seiner dankbaren Anerkennung schuldig. Ihrer Vermittlung hatte er ja
die gastfreie Aufnahme im Hause der Aeltern zuzuschreiben, sie befreite
ihn damals aus einer großen Noth und Verlegenheit und erzeigte ihm später
viele, freundliche Dienste. Er klagte Franz was geschehen war, und bat ihn:
die Schwestern auf irgend eine Weise zu einem Tausch zu bewegen; doch
noch ehe dieser seinen Auftrag ausrichten konnte, trat Emma, die schon
Ohrenringe besaß, Bertha die neuerhaltenen ab, und nahm dagegen den
Wollenhacken; denn ihr richtiges Gefühl sagte ihr, daß nicht sie, sondern
Jene das werthvollere Geschenk von dem lieben Gast verdient habe. Wie
freute sich dieser als er nach einigen Tagen Bertha im Besitz des ihr
bestimmten Eigenthum's erblickte. Doch die erhaltenen schönen Sachen waren
nicht die alleinige angenehme Folge der, von der Falkensee'schen Familie
bewiesene Gastfreundschaft. In Heinrichs Wohnort lebte ein böser Schuldner
des Majors, von dem er, trotz alles Mahnen's die geliehene Summe nicht
bekommen konnte. Der Vater des wackern Jünglings war ein geschickter
Rechtsgelehrter, und sobald der Sohn im älterlichen Hause die Freuden
des Wiedersehens genoßen hatte, war es eine seiner ersten Bemühungen,
die Angelegenheit des Barons dem Vater zur baldigen und erfolgsreichen
Besorgung anzuempfehlen. Volkmars getroffenen Maßregeln gelang es, die
genügte Zahlung zu bewerkstelligen, und nun konnte er es nicht versagen,
die, schon für verloren geachtete Summe Falkensee selbst einzuhändigen,
und die edlen Menschen kennen zu lernen, welche seinem Sohn so viel
Gutes erzeigten. Der Vater des, von Allen geliebten Heinrichs wurde
aufs freundlichste empfangen, und auch gegen ihn jede Pflicht der
Gastfreundschaft treu und freudig geübt. An einem Abend, als der Major und
Volkmar bei einer Pfeife Taback beisammen saßen, und traulich von diesem
und jenem schwazten, kam das Gespräch auf ihre Jugendjahre, und nun ergab
sichs: daß sie beide als Knaben eine Schule besuchten. Man rief sich
allerlei lustige und verwegene Streiche ins Gedächtnis zurück, welche
damals zu Schulden kamen, und unter andern erwähnte der Major einer
Lebensgefahr, in welche ihn und andere, Knaben-Uebermuth gebracht hatte.
Es zog nämlich einmal im Winter, wo es kaum ein paar Nächte gefroren hatte,
eine Schaar wilder Jungen auf einen nahen Teich, der nur mit dünnem Eis
überzogen war, und wollten darauf Schlittschuh laufen. Falkensee war der
erste, der es versuchte, und -- siehe da -- des Wassersspiegels Decke
krachte, jener plumpste hinein, und würde ertrunken seyn, wäre nicht ein
entschlossener Knabe herbei gesprungen, und hätte jenen gerettet. »Was!« --
rief Volkmar, das waren Sie? Ach so habe ich meinem Sohn einen Wohlthäter
am Leben erhalten. Wunderbarlich sind die Führungen Gottes! -- Wohl
erinnere ich mich der Begebenheit fuhr er fort, aber die Furcht vor der
Strafe bestimmte mich, damals bei der Sache mich ganz stille zu verhalten,
und so blieb mir der Name des Schülers, der überdies mit mir nicht die
nämliche Claße besuchte, unbekannt. Auch Falkensee staunte, und er und alle
die Seinigen, (als sie die Begebenheit hörten,) waren tief gerührt. Jener
aber sezte noch hinzu, der Schrecken, den das kalte Wasserbad bei mir
verursachte, benahm mir in den ersten Stunden das deutliche Bewußtseyn,
und nachher waren -- wie es bei Kindern gewöhnlich der Fall ist, die nähern
Umstände des Ereignisses gar bald vergessen. Späterhin aber dachte ich
öfters an meinen Lebensretter, und wünschte ihn zu kennen. Meine Mitschüler
konnten mir jedoch keinen Aufschluß geben, und so war es mir für diesen
Augenblick aufbehalten, mich dem Edlen zu nähern, jezt erst den Dank gegen
ihn auszusprechen, den ihm schon früher mein Herz weihte. »Stille, stille!«
fiel ihm Volkmar ins Wort. »Dem Vater ist Alles abgetragen worden, was der
Mitschüler etwa einst verdient hatte.« Und nun zählte er wiederholt alles
Gute auf, was sein Sohn in dieser Familie genossen hätte. Daß Bertha
dabei zu erwähnen nicht vergessen wurde, läßt sich denken; doch Volkmar
verwechselte sie sehr oft, und auch gegenwärtig mit Emma, die aber
bescheiden dann immer zurück wich, und der Schwester das erhaltene Lob
abtrat.

Nach einigen Wochen reißte Volkmar wieder ab; in der spätern Zeit werden
wir indeßen ihm und seinem Sohne, nur unter andern Verhältnissen, in dieser
Geschichte wieder begegnen. Bis dahin nehmen auch wir freundlich Abschied
von ihnen.



Die plauderhafte Dienerin.


So oft der Postbote einen Brief brachte, wurde der Kinder Erwartung
gespannt. »Er ist gewiß von Heinrich;« meinte Franz. »Oder von meiner
lieben Pathin;« äusserte Bertha, und Emma freute sich immer auf Nachrichten
von Moosdorf, von dorther eine Zuschrift erwartend. Wirklich wurde diesmal
_ihre_ Hoffnung erfüllt. Es traf ein Schreiben von Herrn Werthlieb ein,
in welchem er zwar von seinem und der Seinigen Befinden Erfreuliches zu
berichten hatte, aber zugleich meldete er auch den erfolgten Todesfall des
Schullehrers im Ort, des wackern Feßlers, der noch recht gut in Franzens
und der Schwestern Andenken lebte, und welchem sie jetzt wehmüthig im
Geiste ein -- »Schlafe wohl redlicher Mann!« nachriefen. Feßler besaß kein
Vermögen, aber viele Kinder, daher mußte Suschen die älteste Tochter sich
entschließen, Dienste zu suchen. Sie war ein Mädchen von 14 Jahren, und wir
kennen sie schon aus Emma's Tagebuch, wo sie derselben als eine etwas wilde
Gespielin Bertha's erwähnt: doch längere Kränklichkeit des Vaters, und
endlich sein Tod hatten jede Spur von Ausgelassenheit in ihr vertilgt, und
es war ihr mit dem Verlangen: in der Fremde eine gute Unterkunft zu suchen,
und diese durch ein wackeres Betragen zu verdienen, wahrer Ernst. Dies
wußte Werthlieb, und hegte im Stillen den Wunsch: Suschen möchte in dem,
von ihm so hochgeachtetem Falkensee'schen Hause ein Plätzchen erhalten. Er
unterließ daher nicht in seinem erwähnten Schreiben die Lage von Feßlers
Hinterbliebenen nach ihrer wahren Beschaffenheit Mitleid erregend
darzustellen; und auch Suschens Vorhaben mit bedeutungsvollen Worten
anzuführen. Zum Glücke jener war gerade die Majorin entschloßen, ihrem
Stubemnädchen den Dienst aufzukündigen, da sie Ursache hatte mit ihr sehr
unzufrieden zu seyn und, Bertha, der alten Freundschaft eingedenk, rief,
sobald Werthliebs Brief vorgelesen war. »O lieb Mütterlein, nimm Suschen
in Dienst statt Christinen!« Auch Emma stimmte bei, und so kam es denn
wirklich dazu, daß des Pastors geheimer, menschenfreundlicher Wunsch
erfüllt wurde.

Schon war Suschen mehrere Wochen im Dienst, und man fand gegenseitig keine
Veranlaßung, den gethanenen Schritt zu bereuen. Das Mädchen that ihre
Schuldigkeit, vollzog pünktlich alle erhaltenen Befehle und Aufträge,
und hatte dafür das beste Leben. Ja ihre gütige Herrschaft nahm auf ihre
vermögenslose Lage Rücksicht, und beschenkte sie noch ausser dem bedungenen
Lohn, mit allerlei, theils neuen, theils abgetragenen Kleidungsstücken. Für
Speise, Trank und ihre andern Bedürfnisse war ohnehin gesorgt, und da sie
ihre Pflicht erfüllte, so erhielt sie auch kein schlimmes Wort. Besonders
aber besaß sie Bertha's Liebe und sie hing ebenfalls vor Allem an Jener.
Zwar verwechselte sie oft das Schwesternpaar, und bereute es dann wohl
nicht, wenn sie Emma statt Bertha mit besonderer Eile und Pünktlichkeit
bedient oder einen Auftrag von ihr auf solche Weise vollzogen hatte, denn
Erstere stand auch gut bei ihr angeschrieben; aber Bertha erhielt dennoch
den Vorzug in ihrem Herzen. Sie hatte es bald weg, daß ihr Liebling den
Hang zur Neugierde hegte, der wirklich in Berthas Innern immer noch nicht
ausgerottet war; und um ihr Freude zu machen, gab sich Suschen alle Mühe,
ihr viel Neues mittheilen zu können. Sie trug ihr Alles zu, was in und
ausser dem Haus geschah, und Jener, wie allen unbefangenen Kindern,
vielleicht unbekannt geblieben wäre. Dadurch erhielt Bertha's, ohnehin
noch nicht ganz besiegte Neigung aufs Neue Nahrung und Stärke, und Suschen
gewöhnte sich auf diese Art eine tadelnswürdige Waschhaftigkeit an, welche
sie bald um ihre gute Stelle gebracht hätte.

Für den angehenden Winter war Emma ein neuer Mantel verheißen, der aus
einem, von der Mutter ihr abgetretenen verfertigt, und daher dieser ganz
auseinander getrennt werden sollte. Es häuften sich aber gerade für Frau
v. Falkensee andere nothwendigen Arbeiten, und Thekla, Emma's Freundin
wurde in dieser Zeit krank, wodurch letztere sehr oft zu Jener geholt ward,
und derselben sich ganze Tage lang widmen mußte. Daher konnte weder sie,
noch die Mutter obiges Geschäft vornehmen, obgleich die kältere Jahreszeit
Emma den Besitz des neuen Mantels sehr wünschenswerth machte, und der
Schneider nach dem vertrennten verlangte. Da erbot sich Bertha die Sache zu
fördern, und so wenig sie ausserdem eine Freundin vom langen Sitzen war,
so betrieb sie diesmal die erwähnte Arbeit so eifrig, daß sie in ein paar
Tagen vollkommen damit zu Stande kam. Die dankbare Schwester wünschte nun
ihr dafür auch eine Freude machen zu können, und beredete sich deshalb mit
der Mutter. Es wurde beschloßen: daß Bertha in den nächsten Tagen in ihrem
Schrank ein neues Filzhütchen finden sollte, ganz so, wie Emma eines von
Tante Hildegard erhalten hatte, und Jene sichs sehnlich wünschte. Emma war
gesonnen, aus ihrer Sparbüchse einen, nicht unbedeutenden Beitrag zu geben,
und freute sich unbeschreiblich auf die frohe Ueberraschung, welche dem
Schwesterchen bestimmt war. Suschen hatte während der Verhandlung ein
Geschäft im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, zu besorgen, hörte also
Alles, und gedachte ihrer lieben Bertha durch eine frühere Verkündigung
obigen Plans, eine frühere Freude zu bereiten, strebte also immer sie
allein zu treffen. -- Einmal sah sie Bertha -- ihrer Meinung nach -- im
Schlafstübchen derselben, vor einer Schublade ihrer Commode knieend, und
eifrig etwas suchend. Es war ausserdem Niemand im Zimmer und Jene in ihr
Bemühen gewaltig vertieft. Ueberdies kam Suschen hinter ihrem Rücken her,
und begann nun halb leise und wichtig: »O Fräulein Bertha! Ich weiß ein
Geheimnis! -- Es drückt mir fast das Herz ab. Nein, ich kann es nicht
verschweigen, und muß es ihnen mittheilen.« --

Emma (denn _sie_ war die Kniende) kannte Suschens Geschwäzigkeit, und
wollte nun sehen, wie weit sie dieselbe treiben würde. Sie hob den Kopf
nicht in die Höhe, sondern suchte scheinbar immer fort, ob sie gleich das,
was sie wollte, schon längst gefunden hatte; Jene aber offenbarte die ganze
Heimlichkeit, und maß sich noch ein großes Verdienst bei, sie weggeschnappt
und Bertha hinterbracht zu haben. Als sie geendigt hatte, sprang Emma auf,
trat unwillig vor sie hin und sagte: »Du plauderhaftes Mädchen Du! Sieh
mich an, bin ich Bertha? und wenn ich es wäre, so hättest Du ihr und mir
die ganze Freude verdorben. Wage es nicht, ein Wort von jenem Geschenk
gegen sie zu erwähnen, sonst verrathe ich Deine Plauderei bei der Mutter.«
Erschrocken erkannte Suschen ihren Irrthum, und bat flehentlichst um
Verzeihung und um das Verschweigen ihrer Schuld. Emma war auch, aus Mitleid
mit des Mädchens Angst dazu geneigt; allein ehe sich's Beide versehen,
stand Frau v. Falkensee vor ihnen, welche streng den Vorfall zu wissen
verlangte. Suschen wurde nun mit dem Verlust des Dienstes bedroht, wenn sie
sich je wieder eine ähnliche Waschhaftigkeit zu Schulden kommen ließe. Dies
half; denn zu viel war ihr an ihrer Stelle gelegen, und sie gab sich alle
Mühe, sich den angenommenen Fehler wieder abzugewöhnen. Als aber Bertha
wirklich mit dem schönen Hütchen beschenkt, und ihr nachher erzählt wurde,
wie leicht die Ueberraschung hätte vereitelt werden können, da verbot sie
Suschen selbst die geschäftige Mittheilung von Neuigkeiten; denn ihr war
der Gedanke unerträglich, daß durch ihren und durch Suschens Fehler die
geliebte Schwester bald des Genußes beraubt worden wäre, welchen ihr die
Veranstaltung, Bertha eine unerwartete Freude zu bereiten; gewährt hatte.



Die Krankheit der Mutter und ihre Folgen.


Nicht nur von Fremden, nicht nur von Suschen wurden die
Zwillingsschwesterchen öfters verwechselt; sogar den Aeltern widerfuhr
es zuweilen, die Eine für die Andere zu halten. Besonders geschah dies
in einem traurigen Zeitpunkt; als nämlich Frau v. Falkensee von einer
gefährlichen Krankheit heimgesucht wurde. Der Jammer der ihrigen und aller
Hausgenoßen war unbeschreiblich. -- Emma und Bertha wichen nicht von dem
Lager der geliebten Kranken, und leisteten, als 11jährige Mädchen, ungemein
viel. Da geschah es denn oft, daß die Mutter in ihrer Schwäche, und in dem,
durch die zugezogenen Fenstervorhänge verdunkelten Zimmer Emma als Bertha
ansprach; und auch wieder umgekehrt. Selbst als sie sich auf dem Weg der
Besserung befand, und sich kräftiger fühlte, mußte sie ihre Töchterchen
noch ins Auge fassen, wollte sie dieselben von einander unterscheiden,
denn ihrer persönlichen Aehnlichkeit gleich, war der Eifer, mit dem sie
die theure Mutter bedienten, die Aufmerksamkeit mit welcher sie auf ihr
leisestes Verlangen lauschten, und die Umsicht, mit der sie ihr alle
Schmerzen und Unbequemlichkeiten zu erleichtern suchten. Beide erwarben
sich aber auch gleiche Aeußerungen der mütterlichen segnenden, und
dankvollen Zufriedenheit. Der Vater und Franz, die sich ebenfalls oft und
viel im Krankenzimmer aufhielten, wurden selbst nicht selten an den beiden
Mädchen irre; denn die oft unbedachtsame, lustige Bertha, war still und
besonnen, ihrer Schwester ähnlich, und diese ließ, durch den tiefen Schmerz
erweicht, alle Empfindungen aus ihrem, oft so verschloßenem Gemüth strömen;
und waren Beide, immer friedlich und freundlich gegen einander, so schienen
sie jezt nur _eine_ Seele zu seyn. -- Der Arzt beobachtete oft ihr Thun und
Treiben mit schweigendem Staunen und Wohlgefallen, und wußte eben so wenig
die Mädchen zu unterscheiden, als einer vor den Andern irgend einen Vorzug
zu geben. -- Nur in der Aufnahme der begleitenden Nachricht: daß die
geliebte Mutter nun ausser Gefahr sey; zeigte sich die Eigenthümlichkeit
der Schwestern. Emma zerfloß in Thränen froher Rührung, und hob das
schwimmende Auge dankend zum Himmel empor. Bertha tanzte jubelnd im Kreise
umher, klatschte in die Hände und war ganz Fröhlichkeit. Wohl geschah dies
Alles ausserhalb dem Krankenzimmer, aber die besonnene Emma lief geschwind
nach der Thüre, und untersuchte besorgt, ob sie verschlossen sey, damit des
Schwesterchens laute Freude die noch sehr schwache Mutter nicht unangenehm
berühre. Dieser Vorfall entschied bei Doktor Wollmann über den Werth der
beiden Mädchen. Ohne Bertha weniger zu lieben als bisher, fühlte er sich
nun doch noch mehr zu der sanften und verständigen Emma hingezogen, und sie
ersah er sich jetzt zur Vollzieherin eines Auftrag's, den er schon lange
einem der Mädchen ertheilen wollte, jedoch immer nicht mit sich einig
werden konnte: ob Emma oder Bertha.

Wollman hatte zugleich mit Frau v. Falkensee eine eben so gefährliche
Kranke in die Kur bekommen, für die er ungemein viel Theilnahme hegte.
Sie lebte erst seit kurzem in W*, war Wittwe, und besaß ein einziges
Töchterchen, welches mit den Zwillingsschwesterchen in gleichem Alter war.
Die Mutter litt jedoch nicht nur körperlich, sondern verschämte Armuth
drückte den Geist, beugte das Herz, und erschwerte die Genesung
des Körpers. Dies entging dem Arzte nicht, welcher reich und
menschenfreundlich, schon häufig armen Kranken nicht nur seine
einsichtsvollen Verordnungen unentgeldlich ertheilte, sondern überdies noch
manche Unterstüzung ihnen zufließen ließ. Bei Frau Tellheim wurde ihm aber
dies unmöglich gemacht. Sie erlaubte sich nicht nur keine Klage, sondern
wich auch jeder seiner Fragen nach ihren nähern Verhältnissen sorgsam aus.
Und doch war es unläugbar, daß der Mangel in der kleinen Wohnung hause,
welchen _vor_ der Krankheit Frau Tellheim's fleißige und geschickte Hand,
durch feine künstliche Arbeiten abzuwehren suchte. Nun beschloß Wollmann
durch Emma der kleinen Lidy ein bedeutendes Geldgeschenk für ihre Mutter
einhändigen zu lassen, und unterrichtete das Mädchen von der Rolle, die
sie übernehmen sollte. Herr v. Falkensee vermehrte die Gabe des Arztes aus
dankbarer Freude über die Rettung seiner theuern Gattin durch einen, nicht
kleinen Beitrag, und auch die Kinder ließen es sich nicht nehmen, jedes
aus seiner Sparbüchse etwas dazu zugeben. Damit eilte nun Emma in das
ihr bezeichnete Haus, und es ergab sich, daß Wollmann seinen Plan gut
ausgedacht hatte. Emma's sanfte Weise fand Zugang, sowohl bei der Mutter,
als auch bei der Tochter, und die Gabe wurde mit tiefer Rührung angenommen,
jene hatte nach Wollmanns Auftrag ausgesagt: ein durchreisender Fremde
habe ihr das Päkchen eingehändigt, und sie gebeten, Frau Tellheim es
zuzustellen, und so unwahrscheinlich dies klang, so ehrte diese doch Emma's
Verschwiegenheit und drang nicht weiter in sie, ihr weitere Aufschlüße
zu geben. Lidy aber fand an der neuen Bekannten ein unbeschreibliches
Wohlgefallen und da sich diese bei dem ersten Besuch nicht lange aufhalten
konnte, so bat sie dieselbe süß schmeichelnd: ja bald wieder zu kommen,
und ihr und der kranken Mutter Trost und Erheiterung zu bringen. Emma wurde
lange abgehalten, ihren Vorsatz auszuführen. Unterdessen begegnete
einmal Lidy Bertha auf der Straße, hielt sie für Emma und umarmte sie mit
zärtlichem Ungestüm. Jene benahm ihr den Wahn, und das Mädchen staunte über
die wunderseltsame Aehnlichkeit beider Schwester; aber eben dadurch auch
Bertha gleich zugethan, bat sie diese, mit Emma zu ihr zu kommen,
und Ersterer zu versichern, daß sie ihr eine recht wichtige Neuigkeit
mitzutheilen hätte. Ungesäumt folgten beide dem erhaltenen Ruf, und wie
erstaunt war Emma, als sie Alles sichtlich verändert fand. Die Armuth
und der daraus entspringende Gram schienen ganz verschwunden, und
eine glükliche Wohlhabenheit an deren Stelle getreten zu seyn. Freudig
theilnehmend erkundigte sich Emma nach der Ursache und erfuhr nun: daß
Tellheim einst in einer Lotterie sein Glück versucht, und nun nach seinem
Tode die Nummer das große Loos den Seinigen gebracht habe. Aus inniger
Dankbarkeit für ihre zarte Weise wohlzuthun, und unter den zärtlichsten
Versicherungen ihrer Liebe schlang Lidy um Emma's Hals ein feines goldnes
Kettchen, das schon längst für sie bereit lag, und Bertha, die nicht leer
ausgehen sollte, wurde mit einem hübschen Nähkästchen beschenkt, in
welchem Fingerhut, Nadelbüchschen und all dergleichen Dinge von Silber sich
befanden.

Das liebliche Kleeblatt verlebte nun noch manche genußreiche Stunde mit
einander, und sie geizten um so mehr darnach, als Frau Tellheim nach
einiger Zeit den Entschluß faßte, wieder in ihre Heimath zurückzukehren,
aus welcher sie nur Schaam über die eingetretene Armuth vertrieben hatte.



Das Genesungsfest.


Mehrere Monate gehörten dazu, bis Frau v. Falkensee sich völlig erholte.
Unterdessen war die glückliche Veränderung mit Tellheims vorgegangen,
und durch die Töchter veranlaßt, traten die Mütter ebenfalls in ein
freundschaftliches Verhältnis zu einander. Frau Tellheim war es auch werth,
die Freundin einer so vorzüglichen Frau, wie die Baronin war, zu werden,
diese und jene schmerzte es nur, daß der Genuß des persönlichen Umgangs
bald für sie verloren ging, weil die Verhältnisse der Ersteren, wie schon
gesagt wurde, dieselbe wieder in ihre Vaterstadt riefen.

Doch ehe dies geschah, bald nach der Genesung beider Frauen feierten
sie noch ein schönes Fest, welches sie Wollmanns thätiger Theilnahme
hauptsächlich zu verdanken hatten. Er war nicht nur Arzt und
Menschenfreund, wie wir ihn schon kennen lernten, sondern er besaß für
alles Gute und Schöne ein reges Gefühl, und dieser Sinn sprach sich
bei allen seinen, mehr oder minder wichtigen Handlungen aus. In einer
glücklichen Ehe lebend, gehörte er und seine würdige Gattin zu Falkensee's
Hausfreunden, und Frau Tellheim durfte jetzt im Glück, wie ehedem im
Unglück auf die Fortdauer seiner freundschaftlichen Gesinnungen rechnen.
Seine Freude über ihre ihm gelungene Herstellung, so wie über die der
Majorin war innig und aufrichtig, und sie drängte ihn, auch öffentlich
dieselbe an den Tag zu legen. Bei einem seiner lezten ärztlichen Besuche,
welche er bei Frau v. Falkensee abstattete, nahm er seinen kleinen Liebling
-- Emma -- bei Seite, und theilte ihr seinen Plan mit: durch ihre und der
Geschwister Mitwirkung ein Genesungsfest zu bewerkstelligen, dessen Feier,
in einem, von den Kindern gegebenen, und von ihm verfertigten kleinen
Schauspiel bestehen solle. Hoch erfreut vernahm die Kleine diesen Plan,
und versprach mit Hand und Mund des freundlichen Wollmanns Forderungen
zu befriedigen. Herr v. Falkensee wurde natürlich auch mit in den Rath
gezogen, und ertheilte der Idee seines Freundes vollen Beifall. Wollmann
bot seine Wohnung zur Ausführung ihres Unternehmens an, und er und seine
Gattin sorgten unermüdet thätig für alle Erfordernisse dazu. An dem dazu
bestimmten Abend versammelte sich bei dem Arzte die ganze Gesellschaft.
Er hatte ausser Tellheims und Falkensee's noch einige Freunde mit ihren
Familien eingeladen, unter denen sich auch Sinthals und Krause befanden, da
er bei seinem Plan auf die Anwesenheit Thekla's und Malwinens, so wie auf
die, einiger Söhne seiner Bekannten rechnete. Doch wurden diese mit
ihren Rollen, welche unbedeutend waren, erst bei ihrem Erscheinen bekannt
gemacht. -- Als Alles gehörig vorbereitet war, und die jungen Leute sich
schon länger entfernt hatten, führte der Hauswirth die Väter und Mütter
in einen geräumigen Saal, welcher sehr zweckmäßig in ein Schauspielhaus
umgewandelt worden war. Man nahm Plaz, und darauf rauschte der Vorhang
in die Höhe; und Emma stand da in wunderlieblicher, mädchenhafter
Schüchternheit, einfach, aber geschmackvoll gekleidet, und nachdem sie sich
die gehörige Faßung errungen hatte, sprach sie mit vielem Ausdruck und ohne
Anstoß folgende Strophen:

  Ihr lieben Herrn und Damen!
  Vernehmt, was Euch hieher berief: --
  Der Schreckenszeit entronnen
  Wo Angst und Gram das Herz ergriff
  Empfinden wir nun Wonne
  Daß die Gefahr entschwunden ist.
  Und was aus tiefer Seele
  In Freudenströmen überfließt,
  Das bitten wir zu theilen
  Mit uns, die wir alleine nicht
  Im Stande sind zu tragen
  Des Glückes Sonne strahlend Licht.
  Drum hört geneigt, und tadelt strenge nicht
  Was ungekünstelt Kindesliebe spricht.

Mit einer anständigen Verbeugung endigte sie, und der Vorhang sank. »War
dies Emma oder Bertha?« So ging ein Flüstern durch die Versammlung der
Zuschauer und selbst Herr und Frau v. Falkensee waren ihrer Sache nicht
gewiß. »Dem sey, wie ihm wolle,« ließ sich wieder eine leise Stimme
vernehmen -- »Emma oder Bertha -- gleich viel! Die Kleine lößte
unbestreitbar ihre Aufgabe recht gut.« »Ja, ja!« bestättigten mehrere; und
Jedermann harrte mit gespannter Erwartung des weitern Erfolgs. Da wurde
abermals der Vorhang aufgezogen und es erschien Franz, welcher mit einem
tiefen Bückling dem Publikum verkündigte daß --

    die Mädchengesandtschaft

  Ein Schauspiel in 3 Aufzügen gegeben würde.

(Bis zum Anfang des Stücks, und in den Zwischenräumen unterhielt
-- ebenfalls auf Wollmanns Veranstaltung -- eine hübsche Musik die
Versammlung, doch immer waren die Blicke nach dem Vorhang gerichtet, mit
dem geheimen Wunsch, daß er sich öffne, und die kleinen Schauspieler
sich zeigen möchten.) Endlich erscholl die Klingel und der _erste Aufzug_
begann:

Franz erscheint im Feströckchen, und besieht sich mit Wohlgefallen im
Spiegel, mustert jedes Stück seiner Kleidung, bürstet sie sorgfältig und
reibt das braune Lockenhaar. Dabei hält er folgendes Selbstgespräch:

»Gewiß, es ist nicht zu läugnen -- Franz ist ein bildschöner Junge, und der
Anzug paßt und steht ihm allerliebst! Aber es verlohnt sich auch der Mühe
sich zu putzen. Ein _Abgesandter_ zu seyn -- das ist keine kleine Ehre!
und wem gilt die Aufwartung? -- Einem weltberühmten Manne! Wie muß es ihm
schmeicheln, daß selbst die Jugend seine Verdienste anerkennt! Gut ist
es übrigens, daß meine Mitschüler mich gewählt haben, ich werde ihnen
als Redner keine Schande zuziehen -- Allons Franz! wiederhole deine
Aufgabe.« --

Er übt sich vor dem Spiegel in Reverenzen, räuspert sich einige male und
beginnt: »Angestaunter, preiswürdiger, hochverehrter Meister aller Meister
in der Tonkunst!« --

(Bertha war schon länger, Franz unbemerkt, ins Zimmer geschlichen, und
hatte ihn belauscht; jetzt konnte sie das Lachen nicht mehr zurückhalten,
und Franz erschrack, daß seiner Hand der Hut entfiel, und er ein lautes:

»Ach!« hervorsties.)

Bertha: »Aber sag mir nur einmal Brüderchen, was in aller Welt soll
  dies bedeuten? Was hast Du denn vor, und wie eitel geberdet sich das
  Herrchen?«

Franz, zürnend: »Verlaß mich du unnüzes Ding! Gerade jezt kommst du mir
  in die Quere, und erschreckst mich, daß ich zittere.«

Bertha, schmeichelnd: »Sey nicht böse Franz! ich that dies nicht mit
  Absicht, aber schon eine ernstere Person als ich hätte deine Grimassen
  und steifen Krazfüsse nicht ohne Lachen mit ansehen können, und nun
  erst die lachlustige Bertha! -- nein, um keinen Preis wäre es mir
  möglich gewesen. Doch erkläre mir nur, warum Du Dich so stattlich
  aufgepuzt hast und Dich aufbläst wie ein Truthähnchen. Wer ist denn
  der Glückliche dem Du deinen Besuch abstatten, und so hochtrabend
  ansprechen willst?«

Franz: »Ei was verstehst Du davon, was sich schickt, und was sich nicht
  schickt. Wenn ich als Abgesandter einem berühmten Virtuos aufwarte,
  dann kann ich nicht im Alltagsjäckchen hinlaufen, und ohne Wahl im
  Ausdruck mich gegen ihn aussprechen. Dazu muß man vorbereitet seyn, und
  den Anstand beobachten.«

Bertha: »Freilich, wann Du erwachsen wärst, ließ sich dies hören, aber
  ein Knabe, und ein Abgesandter, wie reimt sich wohl das? und wer sendet
  dich denn?«

Franz: »Meine ganze ansehnliche Schule, die gestern mit mir dem Conzert
  beiwohnte, das der große Violinspieler Marko im Gasthaus zur goldnen
  Rose gab. Wir Alle waren entzückt über das Spiel des unvergleichlichen
  Meister, und beschlossen nun, daß eine Gesandschaft von uns zu jenem
  sich heute begeben, und ihm unser Wohlgefallen versichern solle. Mich
  -- (er wirft sich in die Brust) erkohr einstimmige Wahl zum Redner, und
  eben wollte ich meine Aufgabe wiederholen, als Du mich störtest.«

Bertha: (rückt Franz vertraulich näher; legte die Hand auf seinen Arm
  und raunt ihm halb laut ins Ohr:)

  »Du gehst auf Stelzen Fränzchen! Gieb Acht daß Du nicht purzelst. Höre,
  ich bin nur ein einfältiges Mädchen, aber das sehe ich wohl ein: daß
  ihr Knaben eingebildete Herrchen, und euer Einfall eine Thorheit ist.
  Der Künstler bedarf _Eures_ Lobs nicht, und kann Euch unfreundlich
  abweisen. Ich bitte dich Brüderchen, nimm nicht Theil an der Sache, Du
  erndest keine Ehre davon.«

Franz: »O über die wohlweise Fräulein Schwester! ich muß dich bitten,
  deine Rathschläge für dich zu behalten. -- Aha! da kommen sie ja, mich
  abzuholen.«

(Er eilt zum Zimmer hinaus, und in der geöffneten Thüre werden mehrere
gepuzte Knaben sichtbar, die jenen in ihrer Mitte fortführen.)


2ter Auftritt.

(Bertha wirft sich auf einen Sessel, legt die gefaltenen Hände in den
Schoos, und blickt lange noch dem entschwundenen Bruder nach. Endlich
spricht sie:)

»Da geht er hin, um sich lächerlich zu machen, der kleine Thor! Nun,
wem nicht zu rathen ist, dem ist nicht zu helfen. Indessen würde er
mich dennoch herzlich dauern, wenn er von seinem Beginnen Aerger und
Verdruß haben sollte. Er ist ja mein Bruder, und alles was ihn betrift,
Freude und Leid fühlt Schwesterchen Bertha lebhaft mit ihm. Doch --
(springt von ihrem Sitz auf) doch warum gräme ich mich um ungewisse
Dinge? Herr Marko kann ja auch artiger seyn als ich denke. Nein ich
will mich in meiner fröhlichen Laune nicht stören lassen. Ist doch mein
Mütterchen wieder gesund und heiter, daher soll und kann mich nichts
verstimmen.«

(Sie reibt sich vergnügt die Hände, und hüpft singend gegen die Thüre.)


3ter Auftritt.

(Lidy tritt herein und sagt:)

»Die Stimme der lustigen Bertha hört man im Hause weit und breit ertönen --
sprich was macht Dich denn so überfroh?«

Bertha: »Und Du kannst noch fragen, _Du_ Lidy die Du eine gleiche
  Erfahrung gemacht hast! die Genesung der theuern Mutter ist es, die
  mich durch und durch entzückt, daß ich wie ein fröhliches Vögelein eine
  Sangesweise um die andere anstimme.«

Lidy: »Ja, ja, du hast Recht liebe Bertha. Wir Alle haben Ursache mit
  frohem Muthe Gott zu danken; denn wie ich höre wollen unsere lieben
  Mütter nächsten Sonntag den ersten Ausgang in die Kirche unternehmen;
  da kam mir der Gedanke: wir sollten, ehe dies geschieht, ihre
  Wiederherstellung durch ein kindliches Fest vereint feiern. Wie meinst
  Du Bertha?«

Bertha: (Fällt ihr mit stürmischer Freude um den Hals, und ruft:) »o
  laß Dich herzen und küssen für diesen goldnen Einfall. Ja, ja! das
  wollen wir. Hast Du auch schon mit Emma gesprochen, und was sagt diese
  dazu?«

Lidy: »Ich suchte sie, aber fand sie nicht. Komm Bertha wir wollen
  beide nach ihr gehen, und unsern Plan und Wunsch ihr mittheilen.«

(Sie gehen ab, und der Vorhang fällt.)


2ter Aufzug.

1ster Auftritt.

(Franz sizt an einem Tisch; den Kopf auf beide Hände gestüzt und seufzt
einigemale laut auf. Dann spricht er in abgebrochenen Sätzen in sich
hinein:)

»Der undankbare Mensch! -- der stolze Künstler! -- Hätte ich mich doch
nicht überreden lassen, mit zu gehen! -- Bertha hatte Recht! -- O wie
schäme ich mich vor ihr!« --


2ter Auftritt.

Emma und Franz.

(Emma nähert sich besorgt dem Bruder, zieht ihm die eine Hand vom Gesichte
weg, und sieht ihm theilnehmend ins thränende Auge. Dann sagt sie:)

»Mein Gott! Brüderchen was fehlt Dir denn, warum bist Du so verstimmt?«

Franz ärgerlich: »laß mich Emma, Du kannst mir doch nicht helfen.«

Emma: »Nein, nein, Du darfst mich nicht so schnöde abweisen. Eine
  gute Schwester hat immer das Recht nach dem Kummer des Brüderleins
  zu fragen, und dieser ist verpflichtet, hübsch ordentlich darauf zu
  antworten. Also sprich Fränzchen, was quält und betrübt Dich?«

(Franz durch Emma's sanftes Zureden erweicht, bricht in Thränen aus, und
erwiedert:)

»Die Schande schmerzt mich, die Schande abgewiesen worden zu sehn, wo ich
es nicht erwartete.«

Emma: »Ei so erzähle doch nur, ich weiß ja nicht, woran ich bin.«

Franz: »Bertha hat Dir also nicht mitgetheilt, daß ich mit noch einigen
  Freunden abgesendet wurde, Herrn Marko für sein gestriges herrliches
  Conzert in unser aller Namen Dank und Lob zu bringen, und ich war
  erwählt die Anrede an ihn zu halten; allein denke Dir nur: als wir
  hinkamen, und er durch seinen Diener unser Vorhaben vernahm, ließ er
  uns wissen: wir möchten gleich wieder umkehren, Knaben-Lob nähme er
  für Tadel. Nun urtheile Schwesterchen ob ich nicht über diese Erfahrung
  mich halb zu Tode grämen soll.«

Emma: »Ei das lasse wohl bleiben Du Närrchen, und -- im Vertrauen
  gesagt, wärst du weniger eingebildet gewesen, so hätte dir dies nicht
  begegnen können: Doch es ist vorbei und so schlage Dir es aus dem
  Sinne, hörst Du?«

Franz: »Ach wie kann ich dies? es ist schwer zu verschmerzen.«

Emma: »Nicht doch Franz! ich will Dir gleich etwas mittheilen, über
  das Du als guter Sohn Dich aufrichtig freuen, und Marko, deine Rede und
  Kameraden ja alles Unangenehme leicht vergessen wirst.«

Franz: »Du machst mich neugierig, sprich, was ists.«

Emma: »Schwester Bertha, Lidy und ich, wir haben beschloßen, unserer
  lieben Mutter Genesung zu feiern. Wie? das sollst Du gleich hernach
  erfahren, denn ich werde jenen sagen: daß sie Dich, als unsern guten
  Bruder auch Antheil nehmen lassen müssen. Komm nur, komm!« --

(Beide gehen ab; der Vorhang fällt.)


3ter Aufzug.

(Im Hintergrund sieht man einen Kreis weißgekleideter Mädchen, unter
ihnen Emma, Bertha, und Lidy. Sie sind eifrig beschäftigt Blumengewinde zu
flechten. Franz ist ihnen dazu behülflich, indem er aus mehreren Körbchen
taugliche Blumen heraus sucht, und sie jenen hinreicht. Weiter vorne, in
der Mitte der Bühne, steht ein kleiner, mit Blumen bekränzter Altar.)

(Emma und Bertha erscheinen nun, eine fertige große Guirlande tragend, in
dem Vordergrund und Erstere spricht:)

»Wo Freundschaft und Liebe sich vereinigt, muß jeder schöne Plan
gelingen. Und so hat auch dieses Gewinde seine Entstehung erhalten. Unsere
Freundinnen haben wacker geholfen, aber alle sind ja auch der guten Mutter
Dank für ihre Freundlichkeit und Aeusserungen der Freude über ihre Genesung
schuldig; und wir? -- O könnte jedes Blättchen sprechen, dennoch würden
die Gefühle nicht erschöpfend geschildert werden können, die für die Theure
unser Inneres beleben.« (Mit diesen Worten kommen Emma, Bertha und Franz
von der Bühne herab, nähern sich der Mutter, umschlingen sie mit der
Guirlande, und rufen mit einer, von frohen Rührungsthränen erstickten
Stimme:)

  Heil der Genesenen!

(Eine lange heiße Umarmung folgt darauf, in welcher nur einzelne zärtliche
Worte den mütterlichen und kindlichen Lippen entschlüpfen. Dann kehren die
Geschwister auf die Bühne zurück und nun folgt Lidy begleitet von Emma und
den andern Mädchen, und umschlingt mit Hülfe ersterer ihre Mutter, mit dem
zweiten Blumengewinde, und ihr Ausruf:

  »Heil der Geretteten!«

veranlaßt eine heftige Bewegung in der Seele jener, welche sich beim
innigen Kusse der Tochter, in strömenden Thränen ausspricht. Dann zieht
sich Lidy mit ihren Begleitern auf die Bühne zurück, alle Kinder bilden auf
derselben einen Halbzirkel, und Franz, welcher vortritt, spricht folgende
Verse:

  »Vorhin, als Abgesandten einer kleinen Schaar,
  Ward eine herbe Täuschung mir zu Theil;
  Da nahm mich tröstend auf das Schwesternpaar,
  Und bald war die erhaltene Wunde heil.
  Denn nun auch beigesellt mit voller Ehre,
  Der _weiblichen Gesandtschaft_ kleinem Kreis,
  Hab ich zu fürchten nichts, was feindlich störe,
  Die _reine_ Lust -- der _Liebe_ schönen Preis.
  Wer aber sandte uns, um zu erscheinen
  Im feierlichen Zuge bei den Theuern?
  Wer hieß uns fröhlich uns vereinen,
  Um das Genesungsfest beglückt zu feiern?
  Die _Dankbarkeit_ ist es, die _Kindesliebe_!
  Und heilig war uns allen ihr Gebot:
  Nach überstandner Angst und Noth,
  Euch vielgeliebte Mütter zu begrüßen.
  Ach wie ganz anders war mir da zu Muth!
  Ich stund vor meines Lebens höchstem Gut
  Und statt, wie dort gar schnöde abgewiesen
  Erwarteten uns hier der Freuden viel;
  Denn die melodischen, die süßen Töne,
  Die aus der Seele treuer Mutter fließen,
  Sie übertreffen jedes Künstlers Spiel.
  Und an dem liebereichen Herzen ruhend,
  Das stets mit Wärme für uns schlägt,
  Und sanfte Rührung jezt bewegt,
  Gewährte uns ein süßer Kuß
  Den schönsten, lohnendsten Genuß.
  Habt Dank! für diesen Augenblick,
  Der uns beseligte mit stiller Wonne.
  Habt Dank! daß eure Liebe unser Glück
  Erhöht und mehrt, so oft die Morgensonne
  Uns winkt mir ihrem Strahlenlicht.
  Und nun o Schwestern -- Freundinnen! -- noch eine Pflicht
  Bleibt zu erfüllen uns: Ja kniet mit mir
  Dort an dem heiligen Altare nieder!
  Das Opfer unsers Dankes bringen wir
  Dem guten Gott, daß er die Theuern wieder
  Aufs Neu uns schenkte. Unser frommes Lallen
  Vernimmt der Ewige mit Wohlgefallen.«

(Die Kinder umgeben knieend den Altar, und der Vorhang fällt.)



Die Badreise.


Zur gänzlichen Herstellung wurde der Baronin vom Arzte eine Badereise
verordnet, und noch im Spätsommer des Jahrs von derselben mit Gatten und
Kindern angetreten. Groß war die Freude und Erwartung der Mädchen, als sie
die frohe Kunde erhielten: daß sie die Mutter begleiten dürften, und schon
die Zurüstungen, welche die ziemlich weite Reise erforderte, gewährte ihnen
einen süßen Vorgenuß. Lange Zeit unterhielten sich die Schwestern, wenn sie
des Nachts in ihr Schlafstübchen kamen, bis der Schlummer ihr Auge schloß,
von Nichts, als von dem Vergnügen, das ihnen in kurzem bevorstund, und
malten sich dasselbe mit lebhaften, und wunderlieblichen Farben, welche
ihnen theils ihre Einbildungskraft, theils Schilderungen des Orts, der das
Ziel ihrer Reise war, und die sie von Erwachsenen hörten, verlieh; ja nicht
selten wurden diese Gespräche in ihre Träume mit verwebt, welche sie sich
dann bei ihrem Erwachen ungesäumt mittheilten. Nur daß der liebe Bruder
Franz ihrer, zu hoffenden Genüsse sich nicht auch zu getrösten hatte, dies
war ein trauriger Gedanke für sie; allein die Versäumniß in der Schule wäre
für ihn zu nachtheilig durch die lange Abwesenheit geworden, als daß die
Aeltern seinen stillen Wunsch hätten erfüllen, und ihn mitnehmen können. Er
wurde bei einem Freund seines Vaters so lange in die Kost gegeben, und da
Jener mehrere Söhne hatte, mit denen er sich gut verstand, so versprach er
sich von diesem Aufenthalt auch manche Freude, und verschmerzte leichter
die unvermeidliche Entbehrung.

Die Seinigen reißten ab, und Bertha und Emma waren ganz Auge und Ohr, damit
ihnen in der neuen Welt, die sich vor ihnen öffnete Nichts entgehen konnte,
was ihre Wißbegierde befriedigte. Ja sie hatten schon zu Hause den lieben
Vater um die Erlaubniß gebeten, ihn unter Wegs recht viel fragen zu dürfen.
Dies wurde ihnen zugestanden, und jener blieb ihnen keine Antwort schuldig.
Emma nahm dann öfters ihr Schreibtäfelchen heraus, und bemerkte sich das
Wichtigste. Bertha aber meinte: in ihrem Köpfchen hätte dies Alles Plaz,
sie brauche nicht, sich die Mühe zu geben und es aufzuschreiben. Bereichert
schon mit allerlei erlangten Einsichten und Kenntnissen, langten sie nach
3 Tagen an dem Ort ihrer Bestimmung an, und auch hier brachte ihnen Anfangs
fast jede Stunde eine neue Erfahrung; wozu hauptsächlich die Menge der
Anwesenden, und noch hinzukommenden Kurgäste das ihrige beitrug; hier
sahen sie fast alle Nationen Europa's, lernten fremde Sitten und Gebräuche
kennen, begegneten bald da einem unermeßlichen Reichthum, bald dort
körperlichem Elende, hier einem Kranken der voll Hoffnung seine
Wiederherstellung erwartete, dort einem bekümmerten Zweifler, der
kleinmüthig an seiner Rettung verzagte. Die Wirthstafel bot ihnen täglich
Veränderungen dar, sowohl in den oft wechselnden Mitgästen, als auch durch
die Unterhaltungen, welche daselbst Statt fanden; denn immer erschienen
Leute, welche durch Sing und Sang, durch den Vortrag von Romanzen und
Liedern, durch Taschenspieler Künste, oder durch den Verkauf allerlei
hübscher Sachen das Geld aus der Börse der Kurgäste in ihren Beutel
lockten. Oft vergaßen die Mädchen darüber Eßen und Trinken, um alles
Neue zu schauen und zu vernehmen, und spendeten willig auch ihr kleines
Scherflein, wenn der Teller herum ging, auf dem die Gaben eingesammelt
wurden. Traf ein neuer Badegast ein, so verkündigte dies am ersten Abend
der musikalische Willkomm, der Jenem von den dortigen Musikern, die
sehr vorzüglich waren, zu Theil wurde, und auch dies war eine angenehme
Unterhaltung für Emma und Bertha, da sie die Musik sehr liebten; täglich
begleiteten sie die Mutter an den Gesundbrunnen, wo das rege Gewühl der
Menschen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Auch auf allen nahen und weitern
Spaziergängen oder Fahrten nahmen die liebenden Aeltern ihre Töchterchen
mit, und die Reize der Natur in jener wunderschönen Gegend gewährte ihnen
viel Genuß. Ueberdieß fehlte es ihnen eben so wenig an geselligen Freuden;
denn es befanden sich noch mehrere junge Leute an dem Badeort, welche ihre
Aeltern oder Verwandte dahin begleitet hatten, und unsere Schwestern fanden
manches Mädchen ihres Alters, zu der sie sich hingezogen fühlten, und
angenehme Stunden mit ihnen verlebten. Aber sie selbst erregten große
Theilnahme unter den anwesenden Kurgästen, und Einwohnern des Orts. Ihre
wunderbare Aehnlichkeit, wurde sehr oft angestaunt, ihre Liebe zu einander,
ihr angenehmes Aeussere, so wie ihr sittsames und anständiges Benehmen
erwarb ihnen allgemeines Wohlgefallen, und lange waren sie das
Tagsgespräch, ohne daß die anspruchslosen Kinder es wußten oder
vermutheten; denn treulich sorgten Vater und Mutter dafür, daß das
schmeichelnde Lob, welches man ihnen zollte, nicht, oder doch selten zu
ihren Ohren drang. Ohne es im geringsten zu veranlaßen, erhielt daher auch
Bertha durch einstimmige Wahl einstmals einen sehr ehrenvollen Auftrag,
und keines der anwesenden Mädchen beneidete sie darum, indem sie durch ihre
Gutmüthigkeit die Liebe aller im hohen Grad erlangt hatte.

Gegen das Ende ihres Badeaufenthalts erschall plözlich die Kunde: daß der
allgemein geliebte Landesvater für einige Zeit auch ein Badegast werden
wollte. Aufrichtig war die Freude, die darüber laut wurde, und in froher
Erwartung schlug jenem jedes Herz entgegen. Mit großer Sorgfalt wurden alle
erforderlichen Vorkehrungen zu einer würdigen und bequemen Aufnahme und
Beherbergung des hohen Gastes getroffen, und dem Monarchen die schönste
Wohnung eingeräumt. Unter den Badbesuchenden war auch ein verdienter
General, der für König und Vaterland oft sein Leben aufs Spiel gesezt, und
dadurch viele Wunden, die ihm jezt den Gebrauch des Bades nöthig machten,
erhalten hatte. Dieser gerieth in fast jugendliche Begeisterung bei der
Nachricht: daß sein geliebter Herrscher mit ihm _zugleich_ die Heilquelle
trinken und benüzen wolle, und Tag und Nacht beschäftigte ihn der Gedanke,
wie Jener recht feierlich empfangen werden könnte. Er besprach sich mit
Falkensee darüber, und beide entwarfen einen schönen Plan, welcher dann der
übrigen Badegesellschaft vorgelegt und von dieser mit ungetheiltem Beifall
aufgenommen wurde.

Der König liebte es, zuweilen, und besonders auf dem Lande sich zwanglos
zu unterhalten, und zu freuen, so sollte denn auch die Festlichkeit den
Anstrich einer ländlichen erhalten. Am ersten Abend, nach der Ankunft
des Monarchen, warfen sich Herren und Damen, Knaben und Mädchen in
geschmackvolle Bauerntracht nach dortiger Landessitte; jedoch die Kleidung
war sehr anständig, ja bei Manchen, die es daraufwenden konnten, kostbar zu
nennen. Alle begaben sich auf einen runden freien Plaz, welcher mit Buchen
und Birken umpflanzt, mit Blumengewinden verziert, und mit einer zahllosen
Menge Lampen vielfarbig beleuchtet war. In der Mitte des Plazes erhob
sich ein kleiner Tempel, aus Baumstämmchen errichtet, deren obere Zweige
künstlich verschlungen, das grüne Dach wölbten. Im Hintergrund erblickte
man transparent erhellt, eine Lorberkrone in einem Sternenkranz, und die
Worte:

  Dem Beglücker seines Volkes!

    _geweiht_

  von treu ihm ergebenen Landeskindern!

Im Tempel war ein Theil der weiblichen Jugend versammelt; diese aber nicht
als Bäuerinen gekleidet, sondern in weißen Gewändern, blau ausgeschmückt.
An ihrer Spitze die erwählte Bertha, welche dem König auf einem
blauseidenen Kissen einige werthvolle Verse, von denen der General der
Verfasser war, zu überreichen, und jene zu deklamiren, beauftragt wurde.
Den Plaz füllten die verkleideten Landleute, so wie sich auch wirkliche
darunter mischten, und fast kein Bewohner des Orts und der Umgegend
fehlte. In einiger Entfernung verbarg ein Gebüsch die Musiker, welche
beim Erscheinen des Gefeierten das Lied: -- »_Heil unserm König Heil!_«
anstimmten, das alle Anwesenden mit einem unnennbar gerührten und frohen
Ausdruck absangen. Die Witterung und alle Umstände begünstigten das
Unternehmen, und der König war tief bewegt bei diesen Aeusserungen und
Beweisen der Liebe und Verehrung seiner Unterthanen. -- Freundlich dankend
wandte er sich allenthalben hin, und fast jedes der Theilnehmer an diesem
Feste konnte sich rühmen: daß sein geliebter Landesherr einige inhaltreiche
Worte ihm gespendet habe, welche dem Gedächtnis tief eingeprägt wurden.
Besonders ruhte aber der Blick des Königs wohlgefällig auf der holden
Jugend, die sich still und bescheiden auf ihrem angewiesenen Plaz verhielt.
Er raunte einem seiner Kammerherrn etwas ins Ohr, worauf sich dieser mit
einer Verbeugung entfernte, bald aber zurückkehrte, und dem Monarchen eine
kleine Chatoulle einhändigte. Aus dieser beschenkte letzterer nun jedes
der Kinder mit einem neugeprägten blanken Thaler, der des Regenten
wohlgetroffenes Bildniß trug. Dann nahm er aus dem Kästchen eine
Perlenschnur, und schlang sie eigenhändig um Emmas dunkle reiche
Haarflechten. Diese verbeugte sich mit Anmuth, küßte des Königs Hand und
sagte: »Nicht ich verdiene solche Huld, sondern meine Zwillingsschwester
Bertha war es, welche das Glück genoß, Euer Majestät die Verse des guten
General Romberg zu überreichen.« Erstaunt blickte der Monarch umher;
Emma aber winkte, und Bertha trat zu ihr. »Fürwahr eine täuschende
Aehnlichkeit!« rief der König, und fügte bei: »Allein was ich einmal
gegeben habe, kann ich doch nicht wieder nehmen; die Schwestern mögen sich
gütlich vergleichen.« Mit diesen Worten steckte er an Bertha's Finger
ein Diamant-Ringlein, küßte beide Mädchen auf die Stirne, und verließ den
Tempel, um auf dem freien Plaz, unter den Anwesenden den Dichter jener
Strophen aufzusuchen, und ihm besonders dafür zu danken.

Die festlichen Stunden verstrichen schnell, aber höchst genußreich,
und jedes kehrte mit süßen Erinnerungen an dieselben, und mit erhöhter
Verehrung für den huldvollen Monarchen in seine Wohnung zurück. Bertha's
und Emma's schwesterlichen Einverständniß brachte aber des Königs Geschenk
keinen Nachtheil. Die Perlen hatten wohl mehr Werth, als das Ringlein,
und Emma wollte jene der Erstern durchaus aufdringen; doch diese ließ sich
nicht dazu bewegen, und so blieb es dabei.

Beide verehrten indessen in den erhaltenen Kostbarkeiten ein stets theures
Andenken, an den geliebten Landesvater, und an ihre genuß- und folgereiche
Badereise.

[Illustration:

  ~pag. 150.~

Die Badereise.]



Die Verwundung.


Bertha, obgleich schon 12 Jahre alt, besaß doch noch einen tüchtigen Theil
Muthwillen, der sich aber nie heimtükisch sondern entweder im offenen
kleinen Krieg mit Geschwistern und Freunden, oder sonst in schuldlosen
lustigen Einfällen und Streichen äusserte. Man konnte ihr auch deshalb
nicht zürnen nur _das_ tadelte die Mutter, tadelte Emma und Franz an ihr,
daß sie in den Kindergesellschaften, an denen des Bruders wegen, auch
Knaben oft theilnahmen, sich immer lieber zu diesen als zu den Mädchen
hielt. Ja wenn sie auch nicht mehr wie ehedem mit ihnen herum lärmte, so
mußte sie doch, wenn sich jene von dem weiblichen Theil der Gesellschaft
absonderten, ihnen nach schleichen, und neugierig schauen, was sie vor
haben, mußte ihnen ungebeten mit ihrem guten Rath vorspannen, und ihre
weisen Bemerkungen, oft mit gutmüthigen Spott untermischt, mittheilen,
nicht selten aber auch mit einem langen Näschen abziehen, das sie sich
jedoch gar nicht verdrießen, und sich für einandermal nicht dadurch
abschrecken ließ. Im gemeinschaftlichen Spiel suchte sie aber immer
ihr Müthchen an den Knaben zu kühlen; strebte angelegentlich sie in
Pfänderstrafe oder andere Verlegenheit zu bringen, und lachte herzlich,
wenn es ihr gelang. Vor allem reizte sie Richard, ein aufgeblasener junger
Mensch, der sich auch öfters unter den Gespielen befand, ihr Witztalent zu
üben, und sie verfolgte ihn unaufhörlich mit ihren Neckereien. Sein Wissen
war ein erbärmliches Stückwerk, und weit mehr Schein als Wahrheit,
da Bertha dies wußte, so trieb sie ihn bei Spielen, die zugleich
Verstandesübungen waren, oft so in die Enge, daß er sich nicht zu helfen,
und seinen Zorn über Bertha's Tücke (wie er es nannte) nicht zu verbergen
wußte. War er dann recht aufgebracht, so bat sie ihn mit tiefen Knieen
recht weh- und demüthig um Verzeihung, oder sie brachte ihm, da er
Süßigkeiten sehr liebte, zur Versöhnung ein Händchen voll Pfeffernüß'chen,
Rosinen oder dergleichen, und beschwichtigte damit seinen Zorn. Wurde sie
späterhin von den ihrigen über ihren Muthwillen getadelt, so suchte sie,
ihrem Verfahren immer eine gute Seite abzugewinnen; und erwiederte einmal
unter andern lachend: »o ihr wißt gar nicht, welch ein gutes Werk ich thue,
sonst würdet ihr mich nicht davon abhalten wollen. Ich bringe ja nur das
supperkluge Bürschchen zur heilsamen Einsicht seiner Mangelhaftigkeit, und
heil ihn von den schädlichsten aller Fehler, vom Eigendünkel.« »Und bist
selbst nicht frei davon, wenn du dir einbildest, daß _dir_ dies gelingen
würde;« wandte die Mutter ein. »O nicht doch Mütterchen,« versezte Bertha,
und verschloß Frau v. Falkensee den Mund mit Küssen. »O doch, deine Bertha
hat eine winzig kleine Meinung von sich; und ist nur so ein lustiges
Dingelchen, das sich oft vor Muthwillen nicht zu lassen weiß.«

Einst war wieder eine Zusammenkunft junger Leute bei Rath Sinthal
veranstaltet, und auch Richard befand sich unter ihnen; er ging
unausstehlich hochtrabend einher, und reizte dadurch Andere, theils zum
heimlichen Lachen theils zu verborgenen Verdruß. Alles, was sie thaten und
sprachen beurtheilte er verächtlich, alle Spiele gab er an, oder meisterte
doch die, welche nicht von ihm vorgeschlagen wurden, und man sah es ihm
recht deutlich an, daß er sich nur alleine klug dünkte. Da zuckte Aerger
und Muthwille wieder durch Bertha's ganzes Wesen, und schnell war ein loser
Streich ausgedacht, der Richard gespielt werden sollte. Sie wisperte mit
Thekla ein wenig, und entfernte sich darauf mit ihr. Nach einiger Zeit
erschien Erstere wieder, trug auf einem großen Tassenbrett Rath Sinthals
Klapphut, und auf demselben lag ein mit goldnem Schnitt versehenes feines
Papier; es enthielt die von Bertha zierlich und mit großen Buchstaben
geschriebene Ernennung Richards zum Magister der _Weltweisheit_ mit dem
Beisaz: daß er sich durch seine ausserordentliche Klugheit schon längst
den Doktorhut verdient habe. -- Mit einer tiefen Verbeugung überreichte sie
Richarden dies ehrenvolle Diplom, welcher das Papier neugierig entfaltete,
doch als er es gelesen hatte, es erzürnt zu Boden warf, und in gewaltigen
Zornäusserungen aufbraußte. Die andern Kinder aber brachen in ein lautes
Lachen und Beifall rufen aus, und Bertha wurde für ihren drolligen Einfall
manches Lob zu Theil. Niemand ahnete, daß es ihr so theuer zu stehen kommen
würde. Richard jedoch nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit dem
Mädchen seine Rache fühlen zu lassen, und der böse Knabe führte sein
frevelhaftes Vorhaben wirklich noch am nämlichen Abend aus, allein nicht
so, wie er wollte. Es wurde nämlich noch eine Weile »Ring versteckens,«
gespielt. Die Gesellschaft sezt sich bei diesem Spiel in einen Kreis, und
giebt sich von Hand zu Hand ein Ringlein, doch so daß der Knabe, oder das
Mädchen, welches in der Mitte steht, nicht bemerken kann, bei wem es zu
finden wäre, und entweder nur durch Beobachtung der Mienen, oder durch
sonst eine Vermuthung geleitet, zu dem oder jenem tritt, und die Hand ihm
öffnet, um den versteckten Ring zu finden. Ist dies geschehen, so begiebt
sich derjenige bei dem sich jener vorfand, in dem Kreis, wird aber falsch
gerathen, so ist die Strafe ein Pfand, und das weiter Suchen. Richard, der
rachsüchtige Knabe -- hielt während des Spiels, ausser den Ring, wenn er
zu ihm kam, noch ein kleines, aber scharfes Messerchen in der Hand, und als
einmal Emma, welche er für Bertha hielt, im Kreise sich befand, und auch zu
ihm trat, um die Hand ihm zu öffnen, versezte er ihr mit der, in die Höhe
gekehrten, Schärfe des Messerchens eine tiefe Wunde. Mit einem lautem
Schrei fuhr das Mädchen zurück, und der starke Blutverlust, so wie der
erlittene Schrecken zog ihr eine Ohnmacht zu. Man kann sich das Wehklagen
und das Entsezen der kleinen Versammlung denken, da überdieß, ausser den
Dienstboten kein erwachsenes im Hause war. -- Richard machte sich in
der allgemeinen Bestürzung aus dem Staube, und die herbeigerufenen Mägde
leisteten Emma die nöthige Hülfe. Im Weglaufen hatte aber jener einem
Gespielen zugerufen: »Nun hat Bertha für ihren unzeitigen Wiz den
verdienten Lohn.« Aus dieser Aeusserung ergab es sich also, daß wieder
eine Verwechslung der Schwestern Statt fand, und die unschuldige Emma für
Bertha's Muthwillen leiden mußte. Als sich diese davon überzeugte, wollte
sie sich nicht trösten lassen, obgleich die edelmüthige Schwester sie durch
die Versicherung zu beruhigen gedachte: daß sie die wahre Ursache ihrer
Verwundung verschweigen, und einer Unvorsichtigkeit von ihrer Seite die
Schuld beimessen wollte; denn es war zu erwarten, daß Bertha über ihr
Benehmen, welches Emma das Unheil zuzog, einen strengen Verweiß erhalten
würde, und die kleine Versammlung, welche die Zwillingsschwestern fast
gleich liebte, bestärkte jene in ihrem Entschluß und nahm auch Franzen, der
am ungehaltensten auf Bertha war, das Versprechen der Verschwiegenheit ab.
Doch die Mägde plauderten die Sache aus; und nun fand ein strenges Examen
statt, im welchem Bertha und Emma, Alles aufrichtig gestanden. Richard
wurde darauf aus den Kindergesellschaften ausgeschloßen und Bertha
eingeschärft: das Necken künftig zu unterlassen. Doch sie hatte es sich
schon selbst recht ernstlich vorgenommen, und hielt redlich ihren Vorsaz;
denn Emma's Wunde verschlimmerte sich in den ersten Tagen so sehr; daß die
liebende Schwester unendlich viel Angst und Jammer ausstund. Jeder Blick
auf die verwundete Hand der Leidenden prägte jenen Entschluß tiefer in ihre
Seele, und recht oft stellte sie die Frage wehmüthig an Emma: ob sie ihr
verzeihen, und sie ferner lieben könne? doch diese wußte von keinem Groll,
und bald trat auch eine glückliche Heilung ein. Bertha aber widerstand in
Zukunft jedem Drang zu Necken, ohne an ihrer muntern Laune zu verlieren,
welche ihr so viele Liebenswürdigkeit verlieh.



Die Wette.


Herr v. Falkensee sparte nichts, seinen Kindern eine vorzügliche Ausbildung
geben zu lassen. In Allem wozu sie Lust und Anlage hatten, ließ er
sie unterrichten, und jedes von ihnen war auch von der Natur mit einem
hervortretenden Talent begabt worden. Franz verfertigte artige Verse in
deutscher und lateinischer Sprache -- eine Gabe, welche vom Vater, der ein
sehr guter Dichter war -- ihm angeerbt schien. Bertha machte im Spiel
auf dem Flügel gute Fortschritte, und Emma gab Hoffnung eine geschickte
Zeichnerin zu werden.

Einstmals, als der Geburtstag der Mutter wiederkehrte beschenkte Emma
Erstere mit einem, von ihr recht schön gezeichneten Blumenstraus, und
erreichte auch ganz ihre Absicht damit, Jene zu erfreuen. Jedem, der an
diesem Tage zu ihr kam, zeigte sie denselben, und die kleine Künstlerin
erhielt das verdiente Lob. -- Am Abend aber hatte der Major zur Feier des
Festes eine große Gesellschaft eingeladen, und in dieser Versammlung mußte
auch Bertha ihr Talent zeigen. Der zärtliche Gatte hatte zu Ehren der
lieben Geburtstägerin einen schönen Rundgesang gedichtet, welcher von
der Gesellschaft an der frohen Tafel abgesungen, und den Bertha, nach des
Vaters Wunsch und Willen, mit ihrem Spiel auf dem Flügel begleiten mußte,
was ihr auch zur allgemeinen Zufriedenheit gelang. -- Unter den anwesenden
Gästen befanden sich zwei junge Künstler. Sie waren Brüder, und Söhne eines
Freundes des Barons, welcher ihnen, um des Vaters Willen, nicht nur den
Zutritt in sein Haus gestattete, sondern ihnen auch schon manche große
Gefälligkeit erzeigt hatte. Albrecht, so hieß der Aeltere, widmete sich
ausschließend dem Zeichnen und Malen; Walther aber arbeitete geschickt im
Wachs, und spielte überdies die Guitarre sehr gut. Beide unterhielten
sich diesen Abend viel mit den Zwillingsschwestern, und freuten sich ihrer
schönen Talente. Emma's Zeichnung erhielt ihren vollen Beifall, so wie
Berthas Flügelspiel, allein immer wurde es jenen schwer, die Mädchen zu
unterscheiden, zumal da Emma ebenfalls Clavier spielte, wenn auch nicht so
vorzüglich wie Bertha. Als nun die Brüder aus dem frohen Zirkel nach Haus
kehrten, unterhielten sie sich noch lange über Falkensee's Töchterchen und
prießen die Aeltern wegen ihres Besitzes glücklich. Aber nun entstand unter
ihnen ein kleiner Streit. Walther behauptete: Bertha sey nicht nur die
gute Clavierspielerin, sondern überdies die Verfertigerin des gelungenen
Blumenstraußes. Albrecht jedoch hatte sie richtiger erkannt, und
widersprach also mit Feuer dem Bruder. »Ich muß meiner Sache gewiß seyn,«
äusserte Walther, »denn ich habe mir vorgenommen, dem Baron für seine uns
oft bewiesene Freundschaft, das Anerbieten zu machen, und Bertha, die eine
entschiedene Anlage zur Musik hat, unentgeldlich Guitarre zu lehren, daher
darf ich sie nicht für Emma, und Emma nicht für sie halten. Daß aber _sie_
die Blumen gezeichnet hat, weiß ich gewiß, und somit besizt sie nach meiner
Ueberzeugung die beiden Talente.« »Nicht doch,« wandte Albrecht ein; »warum
willst Du denn Emma Alles rauben? _Sie_ ist die Zeichnerin, ich irre mich
nicht.« Jener blieb indessen hartnäckig auf seiner Meinung, und brachte
Albrecht so weit, daß derselbe eine Wette in Vorschlag brachte. »Es sey,«
rief der lustige Walther, und schlug in die dargebotene Hand des Bruders.
»Ich wette, daß Bertha auch die Bleifeder künstlich führt, und täusche
ich mich wirklich, so will ich unsern ehrlichen Hauswirth um seinen
Sonntagsanzug bitten, in diesen bei Falkensee's erscheinen, und Emma wegen
des ihr zugefügten Unrechts um Verzeihung bitten.« (Die Jünglinge wohnten
bei einem alten ehrsamen Krämer, der eine noch ganz altmodische Tracht
beibehielt.) Der ernstere Albrecht verstand sich nicht zu jener tollen
Verkleidung, sondern machte sich anheischig, im Fall er Unrecht hätte,
Walthern mit einer Sammlung Musikalien, welche eben neu in allen Kunst- und
Buchläden erschienen waren, zu beschenken.

Ein Dankbesuch, den, nach seiner Sitte, die beiden Brüder in dem
Falkensee'schen Hause für die lezt genoßene Ehre abzustatten
gedachten, sollte die Sache entscheiden. Sorgsam bemerkten sie hier die
unterscheidenden Kennzeichen der Zwillingsschwestern, und es ergab sich
nun, daß Albrecht die Wette gewonnen hatte. Gleich am folgenden Tag
erschien Walther wieder in der Wohnung des Majors, und zwar mit einer
Stutzperücke auf dem Kopf, an die ein kleiner Haarbeutel befestigt war,
in kurzen schwarzen Beinkleidern, grauen Strümpfen und breiten Schuhen mit
kleinen silbernen Schnallen; er trug ferner eine grüne Weste mit langen
Schoßen, und einen braunzeuchenen Rock, ebenfalls ganz nach alten Schnitt,
in der Hand aber hielt er ein hohes spanisches Rohr mit elfenbeinernem
Knopf. Auf der Straße hatte er seinen Mantel umgeworfen, doch bei
Falkensee's angelangt, legte er diesen ab, und frug nach Fräulein Emma. Die
anwesende Magd wollte ihn zu ihrem Herrn führen, allein er bestund darauf,
das Fräulein sprechen zu müssen; da öffnete sich die Wohnzimmerthüre, weil
die Baronin auf dem Vorplatz laut sprechen hörte, und Walther trat ohne
viele Umstände ein. Niemand erkannte ihn, und alle waren im Stillen über
die Dreistigkeit des fremden Mannes unwillig. Er schien sich aber nicht
daran zu kehren, suchte Emma mit seinen Blicken, fragte ausdrücklich, um
sich nicht wieder zu irren; ob sie es doch wäre? und als sie es bejahte,
äusserte er: der Künstler Walther habe ihn geschickt, um Emma die, bei ihm
zu Schulden gekommene Verwechslung zu bekennen, so wie sein Vergehen, daß
er ihr den Ruhm als geschickte Zeichnerin habe rauben wollen, wofür er
um Verzeihung bitten lasse. Das Mädchen staunte, eben so die anwesenden
Geschwister und Mutter. Da trat Walther ein wenig auf die Seite, wischte
sich mit einem Tuch die gemalten Falten aus dem Gesichte, und nahm die
Perücke ab, wodurch das dunkle Lockenhaar wieder sichtbar wurde. Als er
sich der Familie näherte, rief Alles aus einem Munde. »Ach Walther, Walther
ist es! wie drollig! Nein wer hätte dies gedacht!« Franz und die Schwestern
brachen in lautes Lachen aus, und musterten jedes Stück an des verkleideten
Anzug; selbst die Aeltern -- der Vater kam zufällig dazu -- konnten den
jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen. Doch als der größte Spaß vorüber
war, trug jener dem Major das Anerbieten vor: den Töchtern desselben
unentgeldlich Unterricht im Guitarrespielen ertheilen zu dürfen; denn zur
Vergütung des, an Emma begangenen Unrechts, wollte er einen Theil seiner
sehr beschränkten Zeit auch dieser opfern, und sie als Schülerin annehmen.
Beide Mädchen brachten es im kurzen, recht weit bei ihm; jedoch wie Bertha
von Emma immer im Zeichnen übertroffen wurde, so diese von ersterer stets
in der Tonkunst, und ihr Phantasien Spiel so wie das, nach vorgezeichneten
Noten, entzückte jeden, der es hörte; besondere ihren Lehrer, welcher es
nie bereute, dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben. Er sah
dadurch einen Theil seiner Schuld abgetragen, die er sich gegen dem Baron
bewußt war, und dies beglückte den wackern Jüngling sehr. -- Falkensee
hatte nämlich den Brüdern früherhin, durch seine Bekanntschaft mit
obrigkeitlichen Personen den freien Zutritt in die Kunstschule des Orts
verschaft, und sie, da der Vater kein Vermögen besaß, von Zeit zu Zeit
mit Geld unterstüzt, bis sie so weit kamen, sich selbst ihren Unterhalt zu
erwerben. Walther mißbrauchte überdies anfangs die Freiheit, die er ausser
dem älterlichen Hause genoß, und gerieth durch böse Gesellen auf Abwege.
Vorzüglich ergab er sich dem Spiel, und stürzte sich einst in eine
verzweifelnde Verlegenheit. Der wackere Bruder wußte keinen Ausweg,
als sich dem Major zu entdecken. Dies geschah; letzterer lößte Walthers
Spielschuld aus; berief aber den verblendeten Jüngling zu sich, und machte
demselben so rührende Vorstellungen, daß er von Reue ganz zerknirscht,
seinen Wohlthäter mit Mund und Hand gelobte: keine Karte mehr anzurühren.
Er hielt Wort und seine Zufriedenheit und Ruhe war hinfort keiner Störung
mehr unterworfen. Dem Baron aber verehrte er wie seinen zweiten Vater, und
immer sehnte er sich, ihm sprechende Beweise seiner Dankbarkeit geben zu
können, wozu sich nun in der Ausbildung des musikalischen Talents seiner
Töchter eine günstige Gelegenheit gezeigt hatte, welche Walther freudig
benüzte, und der Erfolg veranlaßte dem erfreuten Vater oft zur Behauptung:

»Wohlthun trägt Zinsen.«

[Illustration:

  ~pag. 163.~

Die Wette.]



Der wichtige Fund.


Der lezte Winter war hart und streng, und die Armuth hatte viel zu leiden.
Wenn nun Franz und seine Schwestern mit ihren gewöhnlichen Gespielen
zusammen kamen, dort ein Knabe in die rothen Hände hauchte und durch Reiben
ihre Erstarrung zu mildern suchte, hier ein Mädchen zum Ofen eilte, und
seine wohlthätige Wärme prieß; wenn wohlschmeckender Thee die Frierenden
labte, oder gebratene Aepfel ihnen gespendet wurden, dann meinten sie;
der Winter sey doch so übel nicht, und habe auch seine eigenen Freuden.
Einstmals aber, als dies wieder zur Sprache kam, wandte Franz ein:
»Ihr habt wohl Recht liebe Freunde, so lange ihr bei _unserm_ Schicksal
verweilt, wenn ihr aber die armen Leute und Kinder bedenkt, welche jede
Erleichterung, die uns dargeboten wird, sich versagen müssen, und deren
Noth durch die anhaltende und strenge Kälte furchtbar steigt und sich
vermehrt, dann werdet Ihr mit mir doch die beßere Jahrszeit herbei
wünschen.« »Ja, wohl, ja wohl!« riefen die Kinder. »Wer nur das Elend aller
Hülfsbedürftigen mildern könnte!« fügte ein mitleidiges Mädchen hinzu.
»_Allen_ Armen können wir freilich nicht helfen;« begann ein guter und
verständiger Knabe in der kleinen Versammlung. »Aber _etwas_ für Jene zu
thun, steht doch in unserer Macht. Hört meinen Vorschlag lieben Freunde,
der so eben durch Franzens Aeußerung in mir seine Entstehung erhielt.
Wir alle, genießen wie ich glaube, durch die Veranstaltung unserer lieben
Aeltern viel Gutes zu Hause, wahrscheinlich auch ihr, wie ich und meine
Schwestern, immer zum Frühstück und zum Vieruhrbrod weißes, oft gar mürbes
Brod. Beim Mittageßen öfters Wein, oder auch Bier, und an Namens- und
Geburtstägen manche überflüßige Leckerei und Süssigkeit, ists nicht so
meine Lieben?« -- Die Knaben und Mädchen antworteten durch einander: »Du
hast Recht Adolph! dies alles was du anführtest, wird mir zu Theil.« --
»Nun wohl,« versezte dieser. »Meine Meinung nach, wäre es kein großes
Opfer, wenn wir die Wintermonate hindurch, uns statt mit weißem, mit
schwarzem Brod, statt mit Wein und Bier mit Wasser begnügten, auf alle
Süssigkeiten verzichteten, und uns für das, was wir entbehren wollen, von
unsern lieben Aeltern mit Geld entschädigen ließen, welches wir in eine
Büchse sammelten, wöchentlich es gemeinschaftlich berechneten, und unter
Arme vertheilten.« »Ja ja, das wollen wir thun; o das ist ein herrlicher
Plan, ein köstlicher Einfall!« So äusserten sich alle Glieder der kleinen
Gesellschaft, und stimmten auch darinn Adolphen bei, daß keine menschliche
Seele, ausser den Aeltern um die Sache wissen dürfe. Gerührt vernahmen
die Väter und Mütter den Entschluß der Kinder, und billigten nicht nur
denselben, sondern sie nahmen es auch bei der Entschädigung nicht so genau,
sondern schlugen z. B. ein Gläschen Wein oder Bier viel höher an, als
es werth war, so daß die vereinten Gaben, welche die Kinder wöchentlich
zusammen trugen, ziemlich bedeutend wurden, und sie damit mancher
augenblicklichen Noth erfolgreich abhelfen konnten. Als kleine Engel
erschienen sie in den ärmlichen Wohnungen, und wurden öfters fast
angebetet. Aber eben durch die Dankbarkeit der durch sie Gespeisten,
Erwärmten, Geretteten kam ihr schönes Unternehmen doch an Tag. Auch
plauderte ein kleines Plappermäulchen unter ihnen, und schwazte einmal
irgendwo die getroffene Verabredung aus; wie ein Lauffeuer verbreitete
sich die Sage davon in der Stadt, und kam auch zu den Ohren des städtischen
Senats. Dieser hielt eine eigene Sitzung über die Sache, und es wurde
darinnen beschloßen: die edle Jugend für ihre stille Wohlthätigkeit
zweckmäßig zu belohnen.

Aber dieser Beschluß blieb ein Geheimniß, bis der Frühling seine Reize
über die Erde ausgebreitet hatte, bis die Wiesen mit sammtartigem grünen
Teppich, die Bäume mit Blüthenschnee, und die Gartenbeete mit duftenden
Blumen bedeckt waren. Die Armen sahen nun einer sorgenfreiern Zeit, die
Reichen wieder neuen Vergnügungen im Schoose der Natur entgegen. Ein
würdiger Geistlicher aber verkündigte einmal vom Predigerstuhl herab:
daß am nächsten Sonntag auf einem, dazu bestimmten großen Wiesenplan ein
Jugendfest gefeiert werden sollte, zu Ehren der wohlthätigen Kinder, welche
mit Aufopferung mancher Genüsse im verfloßenen Winter viel Gutes übten, oft
die Thränen des Kummers trockneten, oft dem Hunger und Frost in den
Hütten der Armuth durch ihre mildthätigen Gaben wehrten, und dies Alles
anspruchlos, und im Stillen vollbrachten. »Nun mögen sie sich,« so schloß
oder Pfarrherr, »nun mögen sie sich auch schuldlos freuen, und ihre Lust
wird das innere lohnende Bewußtseyn erhöhen. An sie ergeht vor Allem die
Einladung zu jenem Fest, doch darf demselben jeder gutartige Knabe, jedes
gesittete Mädchen, welche die allgemeine Freude nicht stören werden,
daran Antheil nehmen, so wie selbst arme Kinder, die mit Gottes und edler
Menschenhülfe den harten Winter überstanden haben, welche reinlich und
anständig dabei erscheinen, und die nicht durch ein rohes Benehmen sich der
Gefahr aussezen, abgewiesen zu werden. Auch durch schuldlose Lust wird Gott
gepriesen, und so wollen wir den Freundlichen auf solche Weise ebenfalls
loben und danken!« -- Die Glieder des schönen Bundes, welche in der Kirche
waren, und diese Aufforderung mit anhörten, schlugen erröthend den Blick
zu Boden, und getrauten sich, als sie das Gotteshaus verließen, kaum
aufzusehen. Aber süße Gefühle regten sich in ihrer Seele, so wie in der
ihrer Gespielen, welche die geistlichen Worte nicht selbst vernahmen,
sondern durch treue Mittheilung erfuhren. Man versäumte nicht am bestimmten
Tag auf der großen Wiese zu erscheinen; wohin ausser den enger verbundenen
Freunden, noch eine Menge Knaben und Mädchen strömten, so wie die meisten
Aeltern und Verwandten. Nach der erhaltenen Erlaubniß fanden sich auch arme
Kinderchen ein, und fühlten in den Stunden allgemeiner Lust einmal nicht
den schmerzlichen Unterschied zwischen ihnen und der reichen Jugend. Auch
für sie war der Glückshafen errichtet, und sie konnten sich eines für sie
unschäzbaren Gewinns, in einem Halstüchlein, in einer Rechentafel, in
ein paar Hemderknöpfchen u. s. w. erfreuen. Auch sie durften sich in dem
anwesenden Caroussel schauckeln, oder nach der hübschen Musik im fröhlichen
Tanze drehen.

Ihre Eßlust wurde mit Obst und mürben Brod, mit leichtem Backwerk, oder
auch mit einer Bratwurst ebenfalls gestillt, -- kurz es war ein Festtag für
sie, und seine Genüße sollten in ihnen, nach dem Willen des Senat's; die
Dankbarkeit gegen ihre jungen Wohlthäter vermehren, da um dieser Willen und
zum Gedächtnis ihres guten Werks das Fest veranstaltet wurde. Jene Kinder
selbst, so wie überhaupt die Jugend der höhern Classe belustigten sich auch
auf mancherlei Art, im freundlichsten Einverständniß, und auf bescheidene
artige Weise. Ja die Stunden enteilten im Fluge dahin, und mit Wehmuth sah
man die Sonne sinken, welche den Tag über im reinen Himmelsblau gestrahlt
und eine milde Wärme verbreitet hatte, die durch sanfte kühle Lüftchen
nicht zur brennenden Hize werden konnte. Die blasse Sichel des Mondes,
und der flimmernde Abendstern erinnerte endlich die Theilnehmer an dem
fröhlichen Feste in die Stadt und in ihre Wohnungen zurückzukehren, wo man
sich lange Zeit an der Erinnerung labte, welche jene schöne Stunden oft in
die Seele zurück rief.

Nur Bertha konnte sich nicht ungetrübt dem Andenken an dieselben
überlassen, denn sie hatte an dem frohen Abend ein theures Gut, ihr
Haarringlein von der geliebten Pathin verloren. Sie trug es selten, denn
noch war es ihr ein Bischen zu weit; doch damals konnte sie dem Verlangen,
es anzustecken nicht widerstehen, und wie bereute sie es nun, dies gethan
zu haben! So bald sie es auf der Wiese vermißte, suchte sie ängstlich
darnach, und wer sich in ihrer Nähe befand, bemühte sich es zu finden,
allein vergeblich. Besonders waren die anwesenden armen Kinder sehr
geschäftig, Bertha wieder in den Besitz des verlorenen lieben Eigenthums
zu sezen, und betrübten sich sehr, daß es ihnen nicht gelang. Bertha aber
konnte es lange, lange nicht verschmerzen.

Nach einiger Zeit begab sich Emma zu einem, in der Nachbarschaft wohnenden
Schuhmacher, der im lezten harten Winter ganz verarmt, jezt mit seinem
Weibe und 6 Kindern nur von Wohlthaten guter Menschen lebte. Jene brachte
ihm, wie schon öfter, eine kleine Gabe der Aeltern, und hatte noch überdies
ein Körbchen Kirschen mitgenommen, um sie unter die Kinder auszutheilen,
denn diese erhielten gewöhnlich auch etwas von ihr, und waren daher,
besonders das 8jährige Lieschen recht zutraulich gegen sie. Diesmal aber
entwischte bei Emma's Eintritt Leztere in die Kammer, erschien auch auf
dem Ruf der Mutter nicht, um ihren Antheil Kirschen zu empfangen, und als
Erstere sich wieder entfernte, bemerkte sie wie Liese durch die Spalte
der Thüre, welche auf den Vorplaz führte, lauschte, bis Emma das Häuschen
verließ. Dieser entging es nicht, und des Mädchens ganzes Betragen fiel ihr
gewaltig auf; ja, je mehr sie darüber nachdachte, desto unerklärbarer war
es ihr, denn sie hatte Lieschen immer nur Liebes und Gutes erwiesen, und
konnte daher nicht begreifen, woher ihre plözliche Schüchternheit und
Furcht rühre. Indessen kam es ihr doch wieder aus dem Sinne, bis Meister
Simon durch eine erhaltene reiche Unterstüzung in den Stand gesezt wurde,
von Neuem sein Handwerk zu treiben. Eine gelungene Sammlung für ihn,
welche Herr v. Falkensee veranstaltete und durch den eigenen großen Beitrag
begründete, brachte Jenen wieder empor, und von nun an durfte er auch
unter andern, die Falkensee'sche Familie durchgehends bedienen. Liese aber
vermied auch jezt ängstlich mit Emma oder Bertha in nähere Berührung zu
kommen, und floh vor ihnen wo sie nur konnte. Dies ärgerte besonders Emma,
und sie beschloß der Sache auf den Grund zu kommen; deswegen trug sie
einmal schadhafte Schuhe selbst zu Meister Simon, und zwar zu einer Zeit,
wo sie wußte, daß jener eine kleine Reise wegen Leder-Einkauf unternommen
hatte, und die Frau auf den Markt, der ältere Bruder Lieschens in die
Schule gegangen, und diese mit den jüngern Geschwistern alleine zu
Hause war. Nun mußte sie ihr zur Rede stehen, und wohl mit sanfter
Freundlichkeit, aber mit forschendem Blick drang sie in das Mädchen, ihr
die Ursache von ihrem seltsamen Benehmen zu gestehen.

Roth wie Blut im Gesichte, schlug Liese die Augen zu Boden, und unter den
gesenkten Wimpern träufelten große Thränen hervor. Endlich brach sie
in lautes Weinen aus, rang die Hände und geberdete sich trostlos. Noch
dringender verlangte Emma Aufklärung über Alles; und zulezt gestand das
Mädchen, daß sie an dem bewußten Kinderfest ein Ringlein gefunden habe,
welches Emma gehöre. »Ich habe wohl,« fuhr sie unter Schluchzen fort,
»damals gesehen und vernommen, wie Sie liebes Fräulein ängstlich dasselbe
gesucht, und um seinen Verlust gejammert haben, und doch war ich
so gottlos, dasselbe zu behalten. Allein es ist wundernett, und das
Vergismeinnicht von blauen Steinchen, welches das Schildchen vorstellt,
gefiel mir so gar wohl, daß ich mich nicht von ihm trennen konnte, und es
wie einen Schaz in meinem Nähpultchen aufhob. Aber ganz vergnügt konnte
ich doch niemals seyn, wenn ich mich auch an seinem Anblick ergözen wollte;
besonders ist, wenn ich Sie sehe, und Sie so gütig gegen mich waren, mein
Gewissen aufgewacht, und hat mich mit Vorwürfen gepeinigt. Nein, ich mag
das Ringlein nicht behalten, sondern will es gleich holen, und Ihnen geben,
dann werde ich hoffentlich wieder ruhig werden.« Mit diesen Worten lief sie
fort, und brachte das vorenthaltene Gut. Dabei flehte sie aber mit heißen
Thränen: Emma möchte keiner menschlichen Seele von ihrem Vergehen sagen,
und steckte jener das Ringlein an den Finger; doch war es Bertha schon
weit, so paßte es an Emma's noch zarteres Fingerchen gar nicht, und
Lieschen verwunderte sich darüber. Jene war eben im Begriff ihr zu sagen,
daß nicht sie, sondern Bertha die Eigenthümerin sey, da kam die Mutter nach
Hause, und so eilte Emma fort, um dem Mädchen die sonst gewiße, und harte
Strafe zu ersparen: Wie groß war Bertha's Freude, als sie wieder im Besitz
ihres lieben Ringleins war, doch als Schwesterchen erzählte, wie es dazu
gekommen sey, da beklagten Beide das gewissenlose Kind, das schon so
frühzeitig anfange, sich fremdes Eigenthum unrechtmäßig anzueignen. Auf
einmal wurde Bertha still, und schien über etwas nachzudenken. Nach einer
Weile sagte sie: »Wie wäre es Emma, wenn wir uns um des Mädchens Charakter
verdient machten? Mir fällt ein Plan ein, den ich dir mittheilen muß.« Und
nun schlug sie jener vor: mit der Mutter Bewilligung Lieschen im Nähen und
Stricken zu unterrichten, und ihr dabei recht gute Lehren und Ermahnungen
zu geben, damit sie die Rechtschaffenheit schäzen lerne, und sich nicht,
wenn sie älter würde, ins Verderben stürze. Von Herzen stimmte Emma in
diesen Plan ein, der auch bald ausgeführt, und Lieschen durch Lehre und
Beispiel ihrer Wohlthäterinnen ganz für die Tugend gewonnen wurde. Um
keinen Preis hätte sie je mehr eine Unredlichkeit begangen; und als sie
älter wurde, und in Dienste trat, erwarb ihre gewißenhafte Treue ihr die
Achtung aller Guten und Edlen, und es fehlte ihr nie an einer Unterkunft,
welche ihren bescheidenen Wünschen genügte, ja oft dieselben übertraf. So
oft sie aber an Bertha's Finger das verhängnisvolle Ringlein erblickte, so
entschlüpfte ihr immer der Ausruf: »Welch ein wichtiger Fund war dieser!«



Die Blumenfreundin.


Meine lieben Leser und Leserinnen werden sich doch wohl noch der
freundlichen Gärtnerin und ihres Bärbchens erinnern, welches lezteres
Bertha's Muth dem verlezenden Huf des flüchtigen Schimmels entzog.
Erstere wenigstes konnte die erwähnte Begebenheit und die Retterin ihres
Töchterchens auch lange nicht vergessen, und wurde nach einigen Jahren
wieder lebhaft daran erinnert, als Emma bei ihr erschien, und ein paar
Blumenstöcke kaufen wollte.

Es war nämlich Schwester Bertha von einer bedeutenden Krankheit überfallen
worden, und Emma hatte viel Angst und Jammer um sie ausgestanden, auch
treue Pflege ihr gewidmet, und alles aufgeboten, sie, als die Gefahr
vorüber war, zu erheitern und zu zerstreuen. Wir wissen, daß Emma eine
große Blumenfreundin war, und so nahm sie es von sich ab, daß der Kranken
ein Blumengeschenk die größte Freude bereiten würde. Sie begab sich in den,
früher einmal erwähnten Garten, und suchte 2 gewürzhafte Nelkenstöcke von
brauner und rother Farbe, und ein blühendes, niedliches Orangenstöckchen,
heraus, welche sie aushandeln wollte. Der Preis überstieg den damaligen
Zustand ihrer Kassa, und sie beschloß, nur die Nelken zu nehmen. Während
dem betrachtete sie Frau Anna lange und schweigend, und endlich rief sie
freudig aus: »Ach mein Gott! Sie sind ja die Retterin meines Mädchens! O
daß ich Sie nur einmal wieder sehe! Wie groß sind Sie unterdessen geworden,
bald hätte ich Sie nicht mehr erkannt! Komm Bärbchen!« rief sie den Garten
hinunter. »Komm und küsse diesem guten Jungferchen die Hand; Sie hat dir
einstens das Leben gerettet, wie ich dir schon oft erzählte.« -- Das Kind
that, wie die Mutter gebot, und Emma -- nicht um mit Bertha's Verdienst zu
prahlen, aber in der Hoffnung: daß sie durch den Wahn der Frau, von ihr aus
Dankbarkeit das Orangenstöckchen um billigeren Preis erhalten würde, ließ
sie in demselben ohne die Sache aufzuklären. Sie hatte sich nicht geirrt;
nicht nur die Nelkenstöcke, auch das Orangenbäumchen, und noch zwei
ausländische schöne Blumen erhielt Emma, und die dankbare Gärtnerin nahm
gar keine Bezahlung dafür an. Sie packte ohne Aufschub die Blumenschäze
ihrer Magd auf, welche Emma nach Haus begleiten mußte. Falsche Scham
gestattete dieser nicht, den kleinen Betrug den Ihrigen zu gestehen, aber
sie konnte es nun kaum erwarten, bis die Kranke aus dem Schlummer, in
dem sie eben lag, erwachen, und die mitgebrachten Herrlichkeiten von ihr
empfangen würde. Zu ihrem Leidwesen äusserte Jene ihre Freude nicht
in _dem_ Grad, wie sie es erwartet, und Emma hatte nun nichts
angelegentlicheres zu thun, als die fremden Gewächse, und das
Orangenstöckchen in _ihre_ Pflege zu nehmen. Unbeschreiblich ergözte sie
sich daran, doch der Genuß war nicht von langer Dauer. Troz aller Sorgfalt,
die sie auf ihre Kleinode wandte, welkten sie -- o Himmel! -- dennoch
dahin; so wie auch die Nelken. Diese waren von Bertha, als sie wieder
hergestellt war, nach ihrer, immer noch zuweilen bei ihr obwaltenden
Unachtsamkeit öfters zu gießen vergessen worden, und so war ihr kurzer
Lebenslauf wohl kein großes Wunder; aber warum Emma's Pflegkinder dahin
starben, -- das konnte sie sich nicht erklären. Sie war recht betrübt
darüber, und überdies flüsterte oft eine Stimme in ihrem Gemüthe: »Du hast
es verdient, daß deine Freude so vergänglich ist, du bist unwahr gewesen;
dies ist die Strafe dafür,« und diese innere Unruhe konnte sie auch
nicht lange ertragen. Nein, so wie sie während des Aufenthalts der Tante
Hildegard einstens den schönen Sieg über sich gewann, ihr Unrecht zu
gestehen, so entstand wieder in ihr plözlich der Entschluß: durch ein
aufrichtiges Geständnis die Schuld von sich zu wälzen, die sie drückte. --

An einem schönen Herbsttag beredete sie die jezt vollkommen genesene
Schwester zu einem Spaziergang, und führte sie in jenen Garten. Erstaunt
sah nun die Gärtnerin die Zwillingsschwestern vor sich, blickte eine nach
der andern an, und konnte die Retterin ihres Bärbchens nicht erkennen.
Da sagte Emma, auf Bertha deutend: »diese ists liebe Frau; sie darf mir's
glauben. Neulich aber verführte mich ein böser Geist, meiner Schwester den
verdienten Ruhm zu entziehen, und sie, gute Mutter, in den Wahn zu lassen:
_ich_ sey es gewesen, welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr
Töchterchen ihr erhalten habe; aber so ist es nicht; ich war damals
die Furchtsame, Bertha die Muthvolle, und nur die Hoffnung, für mein
Schwesterchen recht schöne Blumen zu erhalten, konnte mich veranlaßen,
mich neulich für Bertha auszugeben. Aber es war Unrecht, und der Unwahrheit
folgt die Strafe auf dem Fuße nach. Auch ich ward gestraft: Bertha äusserte
nicht _die_ Freude, welche ich vermuthete. Ach es hat dir geahnt, daß es
keine _reine_ Gabe war! und dann -- denke sie nur liebe Frau,« sprach sie,
wieder zur Gärtnerin gewendet. »Denke sie nur, alle die schönen Blumen sind
dahin gestorben. O die herrlichen, köstlichen Blumen. Ich möchte mich halb
zu tod grämen. Aber es ist mir schon Recht geschehen, warum war ich so
pflichtvergeßen. Vergieb mir Schwesterchen; und sieh meine Reue!« sagte
sie unter strömenden Thränen, und weinte lang an Bertha's Halse, welche
sie zärtlich zu trösten suchte, und von keiner Schuld wissen wollte. Dann
reichte Jene der Gärtnerin die Hand, und bat auch diese um Verzeihung. Frau
Anna trocknete sich mit der weißen Schürze die Augen und erwiederte: »Ach
gehen Sie doch; Sie machen einen ja ganz weichmüthig, es war ja nicht böse
von Ihnen gemeint.« Emma wandte sich nun, um fortzugehen, da erblickte sie
hinter dem Gatterthor eine männliche Gestalt, und stieß erschrocken einen
lauten Schrei aus. Es war aber keine furchterregende Erscheinung; sondern
der alte wackere Hauptmann Halten, der Alles mit angehört und angesehen
hatte. Er trat nun in den Garten, umfaßte beide Mädchen mit Liebe und
sagte: »Abermals habe ich durch einen Zufall tiefe Blicke in Euer Inneres
geworfen, und nichts als Erfreuliches entdeckt. Deine Reue Emma, dein
offenes Bekenntniß und deine Schwesterliebe wiegen den begangenen Fehler
auf, und von meiner Bertha hörte ich auch wieder Gutes. Kommt liebe
Kinder! Ich führe Euch durch den Garten, und Ihr müßt ein Andenken an diese
Begebenheit mit nach Hause nehmen.« -- Er suchte unter einer Menge Blumen
eine Nachtviole und ein Granatbäumchen heraus. Ersteres erhielt Bertha mit
dem Zusaze: daß sie immer wie bisher geräuschlos Gutes thun möge, gleich
der Nachtviole; welche im Dunkeln ihre süßesten Gerüche verbreitet. Emma
aber beschenkte er mit der Granatenblüthe, und sagte: »Sie trägt die
unvergängliche Farbe der Wahrheit, und erinnere dich immer daran, daß diese
Tugend ewig besteht, während Trug und Täuschung untergeht.« --

Die Mädchen dankten dem väterlichen Freund innig für seine Geschenke, und
versprachen ihren Sinn wohl zu erfassen, und treu in demselben zu handeln.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr aber Halten Emma's Blumenliebhaberei, und von
Zeit zu Zeit erfreute er sie nun immer mit ein paar Blumenstöcken, und die
freundliche Gärtnerin mußte die Verwelkten und Alten oft mit frischen
und neuen verwechseln. Bertha jedoch, welche die Blumen nicht so liebte,
entschädigte er durch schöne Musikalien, und verpflichtete auf solche Weise
beide Schwestern zur herzlichsten Dankbarkeit. Ja sie waren tief betrübt,
als ein Regimentsbefehl ihren Freund wieder von hinnen, und in eine andere
Garnison rief.



Der Flüchtling.


»O verbergen Sie mich, verbergen Sie mich!« bat dringend ein hübscher,
aber ärmlich gekleideter Knabe, welcher durch die, so eben offenstehende
Hausthüre in das Gärtchen drang, das sich an Falkensee's Wohnung befand,
und in welchem sich gerade Emma aufhielt; sie las ausdrucksvoll mit
melodischer Stimme Schillers Lied von der Glocke, und übte dadurch
wiederholt ein Talent, daß sie und Bertha ebenfalls besaßen. So oft sie
eine solche Uebung vornehmen wollten, begaben sie sich in ihr Gärtchen, um
hier ungestört und laut irgend ein Meisterstück der Dichtkunst zu lesen.
Auch gegenwärtig hatte ein solches Vorhaben Emma hieher geführt, als der
erwähnte Knabe weinend und zitternd ins Gärtchen stürzte, und Jene bebend
um Schuz anflehte. Ohne sich lange zu bedenken, zog ihn Emma mit sich
fort, die Stufen des offenen Kellers mit hinunter und ließ über ihnen die
Fallthüre zusinken. Indem kam Bertha in den Garten, sah auf einer Rasenbank
das Buch liegen, und fing nun auch laut darinnen zu lesen an. Kaum hörte
und sah dies der reiche geizige Böttchermeister Ulrich, der als Falkensee's
naher Nachbar in das Gärtchen schauen konnte, so erschien er in demselben,
und fragte, Bertha für Emma haltend, dieselbe ziemlich barsch, wohin der
böse Junge versteckt worden sey, welcher von seinem Pfirsichbaum Früchte
gemaust hat? »Ich sahe sie,« äusserte er, »vorhin schon hier an dem Bassin
sitzen und lesen; Sie müssen sicherlich den kleinen Dieb aufgefangen und
verborgen haben.« Das Mädchen den Zusammenhang ahnend, aber im Grunde
Nichts wissend, konnte ganz unbefangen antworten, daß sie keinen Knaben
gehört noch gesehen habe. Ulrich betrachtete sie lange forschend, allein
die ehrliche Miene, mit welcher Bertha obige Versicherung ertheilte, benahm
ihm jeden Zweifel, und er ging ruhig fort. Nun suchte sie aber nach der
Schwester und ihrem Schüzling im Gärtchen umher, und rief mit halblauter
Stimme Emma's Namen. So näherte sie sich auch unter andern der Kellerthüre,
und vernahm auf ihr Rufen ein leises Pochen unterhalb derselben; allein
mit aller Anstrengung vermochte sie die Thüre nicht aufzuheben. Da war
nun guter Rath theuer, denn einen Domesticken wollte sie nicht rufen;
zum Glücke kam zufällig Franz herbei, welchem die Schwester in Eile und
heimlich alle ihre Vermuthungen mittheilte. Der kräftigere Knabe brachte
die Kellerthüre in die Höhe, und aus der Tiefe stieg Emma herauf, sich
ängstlich umschauend: ob Antons Verfolger nicht mehr in der Nähe wäre. Wohl
war dies nicht der Fall, doch zu größerer Sicherheit winkte Franz, daß der
Knabe noch im Keller bleiben solle, lief fort, und kehrte aber bald mit
seinem Mantel zurück, in welchen er Anton hüllte, und ihn, auf solche Weise
unkenntlich durch den Garten in die Wohnung führte. Hier mußte nun vor
Franzens Aeltern der Flüchtling beichten, wer er sey, und durch was er
sich Ulrichs Zorn zugezogen habe. Er erzählte: daß sein Vater ein armer
Maurersgeselle, und Miethsmann des reichen Böttchers, die Mutter schon
längst gestorben wäre. Durch einen unglücklichen Sturz vom Gerüste hatte
sich der Maurer sehr beschädigt, und eine bedeutende Krankheit kam dazu.
Hier brach Anton in lautes Weinen aus, und schilderte seinen Kummer über
das Leiden des Vaters so herzergreifend, daß in die Augen Aller, die ihm
zu hörten, Thränen traten. Nach einer Weile fuhr er fort: »Wie es nun bei
Kranken geht -- sie haben mancherlei Gelüste, und so wünschte sich mein
armer Vater, wenn er von seinem elenden Lager ans Fenster wankte, und den
reichbeladenen Pfirsichbaum im Hofe unsers Hausherrns betrachtete,
sehnlich eine, ach nur _eine_ Frucht desselben. Ich nahm es über mich, den
Hartherzigen darum zu bitten, aber er schlug mir rund und kalt mein Gesuch
ab; und doch wiederholte der Kranke immer von Neuem sein Verlangen mit
solchen Klagen, die mir durch die Seele schnitten. Da wollte ich vorhin,
in der Meinung, Meister Ulrich sey nicht zu Hause, einen Versuch machen und
einen einzigen Pfirsich abpflücken. Aber hilf Himmel, mein karger Hausherr
stand an dem Fenster, das in das Gärtchen und in einen Theil seines
Hofraum's führte, und sah mein Beginnen. Nun sprang er die Treppe herunter,
und mir nach. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als in ihren Garten zu
flüchten, und die Hülfe des Fräuleins anzusprechen. Gott lohne ihnen den
Schuz den Sie mir angedeihen ließen, und glauben sie, dass mich nur
das Verlangen, meinen kranken Vater das ihm grausam versagte Labsal zu
verschaffen, nöthigen konnte, diesen Pfirsich hier zu nehmen. Ach wenn ich
ihn nur behalten, und jenem bringen dürfte! doch wie Sie wollen;« sezte er
mit einem tiefen Seufzer hinzu, und reichte Herrn v. Falkensee die Frucht
hin. Die Kinder sahen erwartungsvoll auf des Vaters Miene, um darin zu
lesen, was er thun würde. Dieser gab dem Knaben den Pfirsisch zurück und
sagte: »Nun es sey; ich will deinen Versicherungen Glauben beimessen, und
hoffen, daß du nie mehr ohne Fug und Macht etwas entwenden wirst, sey es
auch nur eine Frucht wie diese; denn wisse, selbst die Liebe zu deinem
Vater kann eine solche Handlung nicht entschuldigen. Wärst du zu mir
gekommen, siehe, meine Bäume biegen sich unter dem Obstsegen dieses Jahrs;
und ich hätte dir deine Bitte um eine Erquickung für deinen Kranken gewiß
erfüllt. Nun versprich mir nur,« sagte er noch zu dem still weinenden
Knaben; »versprich mir, nie mehr etwas zu stehlen, und dann will ich für
dich und deinen Vater sorgen.« Anton legte das feierliche Gelübde in des
Barons Hand, und ging mit seinem Pfirsich getröstet fort. Franz mußte ihn
schüzend begleiten, und im Namen des Vaters Ulrichen für jene Frucht
ein Stück Geld bringen. Dem kranken Lorenz aber sandte der Baron den
menschenfreundlichen Arzt Wollmann, der ihn bald wieder herstellte, zumal
da Emma und Bertha von der Mutter die Erlaubniß erhielten, jenem täglich
eine kräftige Suppe kochen und bringen zu dürfen. Nicht lange, so konnte er
wieder sein Handwerk treiben, und jezt mit mehr frohem Muth als sonst; denn
sein Sohn Anton, den er herzlich liebte war durch des Majors Veranstaltung
versorgt. -- Zuerst durfte er auf Falkensee's Kosten eine Schule besuchen,
und dann gab ihn jener in die Werkstatt eines Tischlers, wo er sich zu
einem brauchbaren und geschickten Manne bildete. Bertha sagte nachher oft
zu Emma: »In diesem Falle hat unsere täuschende Aehnlichkeit etwas Gutes
bewirkt; sie führte Meister Ulrich irre, und wäre dies nicht geschehen, so
hätte der Grausame den armen Anton mishandelt, statt daß dieser gerettet
in unser Haus kam, wir ihn von einer guten Seite kennen lernten, und unser
liebe Vater seinem Schicksal eine günstige Wendung gab. Ja, wohl mir, daß
ich meinem Schwesterchen ähnlich bin!« sezte dann fröhlich die lustige
Bertha hinzu, und fiel Emma mit stürmischer Zärtlichkeit um den Hals.



Der Gevatterbrief.


Wenn es im Falkensee'schen Hause Holz zu spalten gab, so wurde ein armer,
aber ehrlicher Taglöhner vom Lande berufen, und ihm jener Verdienst
zugewiesen. Ehemals unter des Major's Regiment, gemeiner Soldat, stand er
bei diesem noch in großer Gunst, denn er hatte sich immer brav gehalten,
und seine Wunden, die ihn zum Invaliden machten, zeigten von seiner
Tapferkeit. Er war aber auch seinem ehemaligen Vorgesezten mit Liebe zu
gethan, und freute sich herzlich, wenn er in sein Haus berufen wurde. Die
Kinder hatten den lustigen Paul recht gern, und unterhielten sich oft
lange mit ihm, besonders Bertha, die ohnehin ihr Plappermäulchen öfter in
Bewegung sezte als Emma. Sie ließ es sich nicht nehmen, Paul das Frühstück,
und sein Mittageßen zu bringen, und erbat sich oft für ihm von der Mutter
eine aussergewöhnliche Erfrischung in einem Glas Bier, oder wenn es kalt
war, eine Erwärmung in einem Glas Brantewein. Dabei ließ sie sich dann von
ihm erzählen wie er als Soldat in manche Noth gerieth, sich durch List und
tolle Streiche, aber auch durch Muth daraus half, welche Leute und
Kinder er kennen lernte, wenn er hie und da einquartirt wurde, wie seine
Hauswirthe ihn immer so ungerne verloren, weil er in Küche und Garten, im
Stall und Scheuern gute Dienste leistete, mit den Kindern spielte, ihre
zerbrochenen kleinen Besitzthümer wieder herstellte und sich kurz jedem
gefällig machte. »Am liebsten,« gestund er lachend, »am liebsten war es
mir, wenn ich einen Auftrag im Keller zu besorgen hatte, oder bei einem
Wirthe einquartirt wurde, da ließ es sich Paul schmecken, daß es eine Lust
war.« Dieser Versicherung mußte man Glauben beimessen, denn noch jezt war
Paul's größter Fehler, die Liebe zum Trunk. -- In einem solchen Zustand, wo
er nicht ganz seiner Geisteskräfte Herr war, schrieb er einmal, als seine
Frau mit einem Mädchen in die Wochen kam, einen Gevatterbrief an Emma, den
er eigentlich _Bertha_ zugedacht hatte. Allein die Freude, daß er nach 4
Jungen, ein nettes Mädchen erhielt, ließ ihn das gehörige Maß vergessen,
und er sezte in der Schenke dem Gerstensaft wieder tüchtig zu. Als er
darauf nach Haus kam, und, da er zu schüchtern war, sein liebes Fräulein
persönlich zu Gevatter zu bitten, obigen Brief schrieb, so verwechselte er
in der Adreße die Namen der Schwestern, und sezte Emma, statt Bertha. Jene
war höchlich darüber verwundert, und konnte es nicht begreifen wie ihr die
Taufpathen-Ehre zu gefallen sey, weil sie eigentlich keine absonderliche
Gönnerin ihres neuen Herrn Gevatters war, und Bertha trauerte ganz, daß
sie von ihm vernachläßiget zu werden schien; da sagte Jene als sie dies
bemerkte: »weißt du was Schwesterchen, Paul wird es schon recht seyn, 2
Pathen statt einer für sein Kindchen zu bekommen, wir wollen alle beide bei
der Taufhandlung gegenwärtig seyn, und die Kleine soll den Namen Marie,
den wir ja gemeinschaftlich tragen, erhalten.« Bertha hüpfte über diesen
Vorschlag vor Freuden in die Höhe, und auch die Aeltern genehmigten ihn
vollkommen.

Am Tag der Taufe fuhren nun die Schwestern, von der Mutter und Franz
begleitet, auf das Dorf, in dem Paul wohnte. Die Landleute versammelten
sich neugierig vor der kleinen Hütte, als die Staatskarosse daher fuhr,
und bei jener hielt. Beim Aussteigen, wo Bertha ihrer lieben Emma folgte,
riefen mehrere der versammelten Zuschauer: -- »Ei, was ist denn das, die
Gevatter kommt ja doppelt! oder ist die eine ihr Geist?« -- Paul aber und
sein Weib waren ganz erstaunt, die _beiden_ Fräuleins bei sich zu sehen
in der Absicht, ihr Kind aus der Taufe zu heben, und weder Mann noch Frau
befanden sich im Stande, die Schwestern zu unterscheiden. Während der
Weihe-Handlung hielten Emma und Bertha das Kind nach einander auf dem Arm,
und freuten sich im Stillen, gemeinschaftlichen Antheil an dem kleinen
Mädchen zu zu haben; späterhin aber, als Paul einmal ausser dem Stübchen
ein Geschäft zu besorgen hatte, schlich ihm Bertha nach und sagte halb
schmollend: »Ich sollte eigentlich recht böse auf dich seyn, alter Paul,
daß Du mich nicht zur Gevatter gewollt hast, sondern Schwester Emma.
Habe ich Dir denn etwas zu leide gethan, und war ich nicht immer recht
freundlich gegen Dich? Warum hast du mir denn jene Freude nicht gegönnt?«
»Poz Bliz! ich weiß nicht wie mir geschieht!« antwortete der Taglöhner,
faßte bescheiden Bertha bei der Schulter, wandte sie gegen das Licht, das
durch die offene Thüre auf den kleinen Vorplaz herein fiel, und sah ihr
forschend ins Antliz. »Sagen Sie mir nur« -- fuhr er fort, »sind Sie denn
Fräulein Emma oder Bertha? doch ja ja, ich erkenne Sie jezt doch. Sie sind
meine liebe lustige Fräulein Bertha, und _Sie_ habe ich auch gemeint.«
»Aber du hast ja den Brief an Emma überschrieben« -- wandte jene ein. »Hab
ich das wirklich?« frug Paul. »O ich alter Schöps! da war es einmal wieder
nicht ganz richtig hier im Kopfe, als ich das schrieb. Ja ja ich erinnere
mich, die Buchstaben tanzten damals gar wunderlich vor meinen Augen; aber
die Freude, Papa von einem lieben Mädel zu werden, nachdem mir 4 wilde
Jungen oft tüchtig warm machen, führte mich zum Trunk, wo ich nicht zur
rechten Zeit aufhörte. Doch nun ists gut. _Sie_ erwiesen ja auch meinem
Kinde den Liebesdienst und machten meinen begangenen Fehler freundlich
selbst gut. Nun habe ich _zwei_ herzige Gevattern statt einer, denn
Fräulein Emma ist ebenfalls die Liebe selbst.« Diese trat eben aus der
Stube, und erkundigte sich, was Paul mit Bertha so laut verhandle, die
Verwechslung kam an Tag, doch des Mannes treuherzige Versicherung: wie
dankbar er dem Schwesternpaar für ihre _vereinte_ Pathenschaft sey,
verscheuchte bei jener jeden Argwohn, daß er seinen Irrthum bereue. Auch
in Zukunft fand er nur Ursache, sich über die Art und Weise, wie sich
die Sache gestaltete, zu freuen, denn Emma und Bertha wetteiferten, ihrem
Pathchen Liebe und Fürsorge zu beweisen, und auch sie erlebten viel Freude
an dem Kinde, das die Aeltern in Gottesfurcht, zum Fleiße und allen Guten
erzogen. Die Schwestern aber theilten ihrem lieben Mariechen, als sie
größer wurde, auch manches von ihrer Geschicklichkeit in weiblichen
Arbeiten mit, und sie vergalt ihre Liebe mit treuer Anhänglichkeit.



Die Erbschaft.


Emma war die erklärte Günstlingin einer alten reichen Bürgersfrau, welche
in ihrer Nachbarschaft wohnte. Sie hatte sich ihre Zuneigung durch einen
Dienst erworben, den sie ihr nicht vergaß. Es fiel nämlich einmal im Winter
Glatteis ein, und als Emma von dem Besuch bei einer Freundin vorsichtig
nach Haus trippelte sah sie Frau Günther an den Häusern fortschleichen, an
der Mauer sich ängstlich festhaltend, und dennoch ausglitschen. Die eigene
Gefahr vergeßend, sprang Emma eilig hin, half der Matrone mit vieler Mühe
empor, und bot sich freundlich an, sie in ihre Wohnung zu führen. Es wurde
dankbar angenommen, und Schritt vor Schritt suchte man jene glücklich zu
erreichen. Hier mußte die Greisin von dem erlittenen Schrecken sich ein
wenig erholen, und konnte nicht, wie sie wünschte, auf der Stelle ihrer
lieben Führerin die Dankbarkeit, die sie für sie fühlte, mit der That
beweisen; aber sie bat dieselbe, recht bald auf länger zu ihr zu kommen.
Frau Günther wohnte in einem Stübchen zu ebener Erde, und nach ein paar
Tagen vermochte sie das Bett wieder zu verlassen, und an dem Fenster
ihren gewöhnlichen Plaz in dem grüngepolsterten Armsessel einzunehmen. Sie
gedachte eben, eine Einladung für Nachmittag an Emma ergehen zu lassen, da
sie sich immer mit Dank ihres geleisteten Beistandes erinnerte, als Bertha
vorüber ging, welche sie für Jene hielt, sie zu sich rief, und selbst
jene Aufforderung an sie richtete. Die Schwestern waren gewohnt, von ihren
kleinen und größern guten Handlungen, die sie alleine vollbrachten, nichts
zu rühmen, und so wußte Bertha auch nichts von dem Dienst, welchen Emma der
Frau Nachbarin erwiesen, konnte daher gar nicht begreifen, warum es dieser
einfiel, sie einzuladen; denn sie wohnte schon länger in ihrer Nähe,
und hatte noch nie etwas von sich hören lassen. Bei ihrer Nachhausekunft
erzählte sie also verwundert, was sie erfahren, und bemerkte, wie Emma
still und heimlich für sich lächelte. Sie drang in sie, ihr zu sagen, was
sie beschäftige, und nun theilte ihr jene obige Begebenheit mit. Darauf
bat Bertha die Schwester herzlich, statt ihrer Frau Günther zu besuchen,
da _sie_ ja gemeint sey, und auch die Mutter fand es billig. Suschen, das
Stubenmädchen hörte es, und sagte: »O Fräulein! wie gut wird es Ihnen da
ergehen! Frau Günther bewirthet ihre Gäste vortrefflich, sie werden nicht
genug eßen und trinken können.« Dies bewog Bertha noch mehr, Emma, welche
wir als eine Liebhaberin vom Backwerk u. d. gl. kennen zuzureden, die Ehre,
die ihr rechtmäßig zustehe, zu genießen. »Nun wohl,« sagte diese. »Diesmal
will ich hingehen; kommt aber von der lieben Frau Günther wieder eine
Einladung, so mußt Du sie benüzen. Bei unserer großen Aehnlichkeit wird die
gute Alte gar nicht wissen und erkennen; ob Du oder ich es sey.«

Emma begab sich also hin, und wurde aufs freundlichste empfangen. Es war
ihr recht wohl und heimlich in den neuen Umgebungen; und dies konnte auch
seyn, denn in dem heitern, grauangestrichenen Stübchen herrschte die größte
Ordnung und Reinlichkeit. Der Boden war blendend weis, wie ein hölzerner
Teller, Tische, Sessel und Schränke glänzend gebahnt, in den grünen
Ofentafeln konnte man sich spiegeln, die klaren hellen Fenster zierten
reine Vorhänge von roth- und weisgestreiftem Zeug; auf der Komode, die ein
grünes Wachstuch bedeckte, stand ein kleines Schränkchen mit Glasthüren,
hinter dem allerlei hübsche Geräthschaften von Glas und Porzelan, auch
ein paar Salzfäßer, Messer, Gabeln und Löffel von Silber, ja sogar ein
vergoldeter Pokal prangte. Die silberne Zuckerdose und einige Kaffelöffel
befanden sich schon auf dem Kaffetisch, der mit einer Decke von feinem
geblümten Zitz versehen war. Auf ihm standen auf einem lackirten Brett,
drei Tassen vom blau und weißen Dresdner Porzelan, und auf einer gelben
Schale ein ziemlich großer köstlicher Gogelhopfen, durch dessen saftige
Rinde die kleinen braunen Rosinen, die in Menge darinen waren, hervor
schauten, feine Damastene Servietten lagen auf den Pläzen, welche die
Hauswirthin und ihr lieber Gast einzunehmen hatten, und neben an stunden
Porzelanteller, das Kaffebrod darauf zu legen, und blank geputzte Messer
mit braunen Heften, dasselbe zu zerschneiden, fehlten auch nicht dabei.
Kaum war Emma eingetreten, so brachte die Magd, die hellkupferne Kaffe-
und Milchkanne, und Frau Günther nöthigte ihren Besuch, Plaz zu nehmen, und
bediente ihn reichlich. Dabei schwazte sie recht treuherzig von diesem und
jenem, und die Zeit verstrich so schnell und angenehm für beide, daß
die Hausfrau Emma beim Abschied bat, doch ja recht bald ihren Besuch zu
wiederholen, diese es auch versprach, aber im Stillen eigentlich für Bertha
es zu sagte.

Wirklich erschien nicht lange nachher wieder eine Einladung von der
freundlichen Nachbarin, und auf Emma's Zureden machte Bertha davon
Gebrauch. Wie es vorauszusehen war, so geschah es; die Matrone bemerkte
nicht die Statt gefundene Verwechslung der Schwestern und war eben so
liebevoll gegen Bertha, als gegen Emma. Ja sie lobte vorzugsweise
an Ersterer diesmal ihre lautere Aussprache, (welche auch ein
Unterscheidungszeichen der Mädchen war, indem Emma's sanfterer Charakter
im etwas leiserem Sprechen sich kund gab,) Frau Günther aber litt', wie
gewöhnlich alte Personen, am Gehör, und also machte sie obige Bemerkung mit
vielem Wohlgefallen. Zur Unterhaltung ihres lieben Gastes öffnete sie auch
diesmal ihr Glasschränkchen, nahm ein Kästchen heraus, das aus Ebenholz
fein gearbeitet und mit Elfenbein eingelegt war, und worin sich die
Kostbarkeiten der Greisin befanden; nämlich silberne und goldne Ketten,
Perlen, Ohrringe und Halsgehänge von ächten Korallen, von Perlen und
Granaten, Ringe, in denen Inschriften schwarz eingeschmelzt waren u. a. m.
Die purpurrothen schönen Granaten gefielten dem Mädchen besonders wohl, und
sie äusserte es auch gegen die Eigenthümerin; da sagte diese gütig: »nun
warte nur mein Kind, wenn ich sterbe, vermache ich sie dir in meinem
Testamente.« »O stille doch gute Frau Günther,« erwiederte Bertha. »Von
Ihrem Tode mag ich nichts hören, sie sollen noch lange, recht lange leben!«
Bei dieser Aeusserung schlang sie ihren Arm um den Nacken der Greisin, und
küßte herzlich ihre faltige Wange. Diese drükte sie aber mit vieler Liebe
an ihr Herz und versicherte sie wiederholt: daß ihr jenes Andenken nun ganz
gewiß von ihr bestimmt sey. -- Und sie hielt Wort. Nach einigen Monaten, zu
bald für Emma und Bertha, nahm sie ein sanfter Tod hinweg. Jene hatten
sie abwechselnd fleißig besucht, und wohl späterhin sich ihr als
Zwillingsschwestern vorgestellt, aber durch das Alter waren die
Geisteskräfte der guten Frau doch etwas geschwächt, und ihr geschah
häufiger, was schon jüngern und kräftigern Personen oft widerfuhr, daß sie
die Mädchen verwechselte; da ihr der Name Emma von der ersten Begegnung mit
derselben an geläufiger war als Bertha, so galt diese bei ihr größtentheils
für Erstere. -- Nach ihrem Dahinscheiden ergab sichs, daß sie auch Emma
den Granatenschmuck testamentlich bestimmt hatte, und er wurde dieser
eingehändigt. Allein nun entstand wieder ein liebender Streit zwischen
den Schwestern. Bertha behauptete: Emma verdiene die Erbschaft, da sie der
Verstorbenen den wesentlichsten Beistand einst geleistet hatte; Jene aber
wandte ein: daß Frau Günther, als sie Bertha die Kostbarkeiten zeigte,
ausdrücklich derselben die Granaten versprochen habe. Da es indessen eine
große Anzahl waren, so schlug die Mutter eine redliche Theilung vor, und
freudig verstanden sich die Schwestern dazu. In diesem Besitzthum ehrten
beide dankbar das Andenken an ihre verewigte Freundin, und oft war sie
und ihr freundliches Benehmen gegen die Schwestern, ein Gegenstand ihrer
Gespräche.



Der Schluß.


Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr 13tes Jahr begleitet, und
dabei oft Gelegenheit gehabt, sie ihrer Aehnlichkeit und Verschiedenheit
nach, genau kennen zu lernen. Ich hoffe, sie sind meinen lieben Lesern
und Leserinnen lieb geworden, und sie würden mir vielleicht gerne
länger zuhören, wenn ich ihnen noch eine oder die andere Erfahrung ihres
Jugendlebens mittheilen wollte, allein der Raum des Büchleins gestattet mir
nicht bei jenem Zeitpunkt zu verweilen, indem ich glaube, es wird meinen
jungen Freunden nicht unangenehm seyn auch zu erfahren, wie sich
das Schicksal der _erwachsenen_ Emma und Bertha gestaltete; deshalb
überschreite ich einige Jahre schweigend oder doch schneller, und stelle
Euch die Schwestern als Jungfrauen vor, welche ihr 20tes Jahr erreicht
hatten. In dieser Zeit mußten sie manche herbe Erfahrung machen. Ihre
Taufpathinnen, so wie mehrere ihrer nähern Freunde und Bekannte wurden
ihnen durch den Tod, oder andere Verhältnisse, welche sie in die Ferne
riefen, geraubt. Auch Dokter Woldemann war unter den leztern. Ja er konnte
gar nicht mehr an seinen besten Freunden Falkensee's seine Geschicklichkeit
erproben, indem er einen Ruf in eine sehr entfernte Gegend erhielt, und
demselben folgte, noch ehe den Major eine tödliche Krankheit auf das
Lager warf, die ihm auch das Leben wirklich kostete. Seine Gattin, welche
unbeschreiblich zärtlich ihn liebte, ertrug seinen Verlust nicht lange,
sondern folgte ihm bald in die Gruft; und nun standen die Schwestern
alleine, und sehr verlassen, denn Franz hatte bei einem reichen Engländer
die Stelle als Hofmeister von dessen einzigen Sohn erhalten, und machte
mit diesem große Reisen. Das Vermögen aber, das Falkensee hinterließ, war
unbedeutend, denn der treffliche Mann hatte seinem wohltätigen Sinne zu
viel geopfert, und oft Undank und großen Verlust erfahren müssen, denn
nicht alle, die er großmüthig mit Geldsummen unterstüzte, suchten wie
Walther auf eine oder die andere Weise ihre Schuld zu tilgen, und
also ergab sichs nach seinem Tode, daß die Töchter das Haus und andere
Habseligkeiten zu verkaufen, und irgendwo eine Unterkunft für sich zu
suchen, genöthigt wurden. -- Für ihre Wohnung erhielten sie lange keinen
paßenden Käufer, und so lange sie dieselben besäßen, benüzten sie fleißig
ihren Lieblingsaufenthalt, ihr Gärtchen, wo sie sich einzeln und vereint
wehmütigen Erinnerungen hingaben, auch zuweilen mit ihrer Guitarre oder
einem schönen Buche die Sorgen für ihre Zukunft verscheuchten. An den
Garten stieß das Nebengebäude eines stark besuchten Gasthofs, und die
Fenster einiger Gastzimmer führten in denselben. Eine durchreisende Gräfin
fand im Hauptgebäude keine Unterkunft mehr, mußte sich mit jenen Gemächern
begnügen, und bemerkte Emma in ihrer Laube, welche zuerst, nach ihrer
frühern Gewohnheit mehrere Stellen aus einer schönen Gedichtsammlung
laut und ausdrucksvoll für sich las, dann die neben ihr liegende Guitarre
ergriff und ein frommes erhebendes Lied spielte und sang. -- Gräfin
Sternfeld suchte schon längst eine Gesellschafterin für sich, da ihre
Kinder alle erwachsen und vermählt waren, und sie öfters sich recht einsam
fühlte, ob sie gleich jene von Zeit zu Zeit besuchte, und eben auch jezt
von einer Reise, welche sie zu einem ihrer entfernt lebenden Söhne gemacht
hatte, zurück kehrte. Emma's Talent, gut zu lesen, so wie ihr hübsches
Spiel und sanfter Gesang, ließen sie wünschen, die holde Jungfrau zu sich
nehmen zu können. Sie ließ den Gastwirth rufen, und fragte ihn nach Namen
und Verhältnis derselben. »Es ist Berta von Falkensee,« erwiederte der
dienstbefließene redselige Mann. »Das Mädchen ist ein verarmtes Fräulein,
überdies eine Waise, deren Aeltern, Gott hab sie selig! wackere Leute
waren. Der Major hatte nur einen Fehler, daß er nämlich zu gut war, und
sich von jedem Taugenichts hinters Licht führen ließ, dafür müssen nun die
Töchter büßen, und in beschränkter Lage leben; indessen hat der Vater auch
viel Gutes ausgeübt, und ich denke immer, dies soll den Kindern vergolten
werden.«

Dies war genug um die Gräfin in ihrem Entschluß zu befestigen. Sie
beorderte den Wirth die Guitarrspielerin, die noch immer ohne zu wissen,
daß sie beobachtet wurde, im Gärtchen weilte, rufen zu lassen; und er
sandte also nach _Bertha_ Falkensee, welche bei der Gräfin erschien, wo
gegenseitig ein vortheilhafter Vertrag sehr bald abgeschlossen wurde. Auch
die Abreise fand in den nächsten Tagen Statt, und der Abschied zwischen den
zärtlichen Schwestern war ungemein schmerzlich für Jede.

Noch betrübter aber wurde Bertha, als sie, angelangt auf dem Landsitz der
Gräfin die vielen Vortheile ihrer neuen Lage, und den trefflichen Charakter
jener edlen Frau erst recht kennen lernte, nach einigen Tagen sich aber
überzeugen mußte, daß abermals, auch bei diesem wichtigen Schritt, der
ihr Schicksal entschied eine _Verwechslung_ der Schwestern Statt fand. Die
Gräfin ersuchte nämlich ihre Gesellschafterin, als sie einmal mit ihr in
einem Rosenbasquett des großen Parks saß, das Lied zu singen, und auf der
Guitarre zu spielen, welches ihr das Wohlgefallen derselben zugezogen habe.
Es hatte sich ihr so eingeprägt, daß sie die Endstrophen, mit denen jeder
Vers sich schloß, recht in Gedächtnis behalten hatte. Sie lauteten:

  »Bewahre dir in Freud und Schmerz
  Des Glaubens Kraft o Menschenherz!«

Dies war jedoch ein Lied, welches nicht Bertha, sondern Emma immer
sang, und Erstere gar nie gespielt hatte. Da entdeckte sich nun, daß
der Gastwirth Emma für Berta gehalten, und _dieser_ das Glück mit Gräfin
Sternfeld in so schöne Verhältniße zu treten, aus _Irrthum_ verschafft
hatte, was die liebende Schwester ungemein beunruhigte. Sie verheelte es
weder jener noch Emma selbst, erhielt aber von Beiden den Trost, daß es
eine höhere Fügung sey, welcher sie sich ruhig unterwerfen müßten. Bald
aber wurde Bertha _ganz_ zufrieden gestellt, indem sie aus der Heimath die
Kunde erhielt, daß ein würdiger Mann um die Hand der Schwester geworben
habe. Sie kannte ihn wohl; es war ein Bekannter des Banquier Krause, bei
dem sie ihn öfter traf, und welcher Gefallen an ihr zu finden schien.
Nun hatte er eine kaufmännische Reise zurückgelegt, begründete in W* eine
eigene Handlung und begann von Neuem Emma, die er mit Bertha verwechselte,
auszuzeichnen. Bald wurde ihm sein Wahn benommen, aber nicht die
achtungsvolle Liebe, die ihm Emma nun auch eingeflößt hatte, und er fand
nie Ursache zu bereuen, sie, statt Bertha, zur Lebensgefährtin gewählt
zu haben. Diese aber traf bei einem Besuch, den sie mit der Gräfin einer
verheiratheten Tochter derselben abstattete mit dem Geistlichen des, dem
jungen Paare zugehörigem Rittergut's, zusammen, und erkannte in ihm den
alten Freund, Heinrich Volkmar. Dieser war noch unverehlicht, und hatte,
da der Vater nicht mehr lebte, seine Mutter zu sich genommen, welche dem
kleinen Haushalt sorgsam vorstand. Bald erhielt sie in Bertha eine liebende
Tochter und Heinrich eine treue Gattin; und so bewährte die Verwechslung
der Zwillingsschwestern, in ihrem spätern Leben, keinen nachtheiligen,
sondern einen beglückenden Einfluß auf ihr Geschick. Beide aber blieben
auch entfernt, im Geiste sich immer noch, und durch die innigste Liebe und
Theilnahme verbunden.



[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
wird gesperrt gesetzte Schrift "_gesperrt_" wiedergegeben, und Textanteile
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Fehlende oder überzählige Anführungszeichen wurden still korrigiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Aeltern" -- "Ältern",
"Dokter" -- "Doktor", "drückte" -- "drükte", "erschrack" -- "erschrak",
"getrocknetem" -- "getroknetem", "glücklich" -- "glüklich", "Hausapothecke"
-- "Hausapotheke", "jetzt" -- "jezt", "kan" -- "kann", "priesen" --
"prießen", "verschafft" -- "verschaft", "weis" -- "weiß", "zuletzt" --
"zulezt",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 6:
  "," nach "Schwester" entfernt
  (und Schwester Emma in fatale Verlegenheiten brachte)

  Seite 7:
  "rohen" geändert in "frohen"
  (bei der frohen Aussicht auf jenen Tag)

  Seite 9:
  "Oelinnhalt" geändert in "Oelinhalt"
  (der Oelinhalt des Lämpchens)

  Seite 12:
  "freute" geändert in "freuten"
  (erschraken Emma und Bertha, statt daß sie sich freuten)

  Seite 12:
  "ihn" geändert in "ihr"
  (auf ziemlich freundschaftlichem Fuße mit ihr stand)

  Seite 13:
  ";" geändert in ","
  (die bei ihnen Statt fand, anhören)

  Seite 15:
  "hofte" geändert in "hoffte"
  (Emma flog zur Thüre hinaus, sie hoffte auf der Mutter Rückkehr)

  Seite 20:
  "nahstehenden" geändert in "nahstehende"
  (mit ihrem ganzen Inhalt auf die nahstehende Komode legten)

  Seite 21:
  "auszezeichneten" geändert in "ausgezeichneten", "Fleis" in "Fleiß"
  (»dem ausgezeichneten Fleiß und sittlichen Betragen.«)

  Seite 21:
  "Irthum" geändert in "Irrthum"
  (durch unsere Aehnlichkeit veranlaßter Irrthum)

  Seite 21:
  ";" eingefügt
  (sie schwieg und ihr Blick wurde feucht;)

  Seite 23:
  "." eingefügt
  (meine Empfindlichkeit besser beherrschen.)

  Seite 24:
  "zukränken" geändert in "zu kränken"
  (Emma durch gänzliche Zurücksetzung zu kränken)

  Seite 29:
  "," nach "Auftrags" entfernt
  (pünktliche Ausrichtung ihres Auftrags auch nicht sehr am Herzen)

  Seite 43:
  "den" geändert in "denn"
  (denn es saß das kleine Bärbchen fortwährend auf der Straße)

  Seite 43:
  "den" eingefügt
  (und lief wieder in den Garten hinein)

  Seite 44:
  "Muter" geändert in "Mutter"
  (über ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten)

  Seite 51:
  "znr" geändert in "zur"
  (und ermunterte sie selbst zur schuldlosen Fröhlichkeit)

  Seite 52:
  "Pfarres" geändert in "Pfarrers"
  (des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie)

  Seite 53:
  "den" geändert in "denn"
  (denn Schwesterchen Bertha beträgt sich recht gut)

  Seite 54:
  "kan" geändert in "kann"
  (ich kann ihm nicht widerstehen)

  Seite 61:
  "Schreken" geändert in "Schrecken"
  (In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen)

  Seite 62:
  "gegönt" geändert in "gegönnt"
  (hätte ich Bertha den Antheil an der schönen That gegönnt)

  Seite 62/63:
  "," eingefügt
  (auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine Hand)

  Seite 63:
  Bildunterschrift "Entdekung" geändert in "Entdeckung"
  (Die Entdeckung.)

  Seite 68:
  "treflich" geändert in "trefflich", "schmeken" geändert in "schmecken"
  (mürben Kuchen trefflich hatten schmecken lassen)

  Seite 69:
  "Farth" geändert in "Fahrt"
  (er eine zweite Fahrt unternehmen, und Emma mitnehmen wolle)

  Seite 70:
  "vorans" geändert in "voraus"
  (der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fügte)

  Seite 72:
  "im" geändert in "in"
  (mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen)

  Seite 73:
  "-" eingefügt
  (näherte sich ihm ein schlankes Bauern-Bürschchen)

  Seite 79:
  "Hauptmaan" geändert in "Hauptmann"
  (und Hauptmann Halten wurde recht schön gebeten)

  Seite 86:
  "den" geändert in "denn"
  (denn jener war ein großer Liebhaber vom Zahn ausnehmen)

  Seite 93:
  "können" geändert in "kennen"
  (dessen Inhalt sie zu kennen wünschte)

  Seite 94:
  "Zimmer-Thüre" geändert in "Zimmerthüre"
  (und als sie zur Zimmerthüre hinausstürmte)

  Seite 95:
  "nnd" geändert in "und"
  (und Jene dachte nichts arges dabei)

  Seite 98:
  "den" geändert in "denn"
  (und so öffnete denn Emma den Behälter)

  Seite 99:
  "," eingefügt hinter "Kammerzofe"
  (als am Abend Käthe, die Kammerzofe, ihrer Herrschaft)

  Seite 104:
  "," verschoben von "seufzte," nach "mit,"
  (Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele)

  Seite 106:
  "seinem" geändert in "seinen"
  (von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen)

  Seite 107:
  "war" geändert in "was"
  (Emma erhielt, was er für Bertha bestimmt hatte)

  Seite 108:
  "angehme" geändert in "angenehme"
  (waren nicht die alleinige angenehme Folge)

  Seite 115:
  "gewähnte" geändert in "gewöhnte"
  (und Suschen gewöhnte sich auf diese Art eine)

  Seite 116:
  "," geändert in "."
  (sichs sehnlich wünschte. Emma war gesonnen)

  Seite 117:
  "hinter bracht" geändert in "hinterbracht"
  (und Bertha hinterbracht zu haben)

  Seite 120:
  "." eingefügt
  (zeigte sich die Eigenthümlichkeit der Schwestern.)

  Seite 132/133:
  "daß" geändert in "das"
  (nur ein einfältiges Mädchen, aber das sehe ich wohl ein)

  Seite 137:
  ":" geändert in "."
  (abgewiesen worden zu sehn, wo ich es nicht erwartete.«)

  Seite 139:
  "fer-fertige" geändert in "fertige"
  (erscheinen nun, eine fertige große Guirlande tragend)

  Seite 139:
  "," eingefügt
  (Mit diesen Worten kommen Emma, Bertha und Franz)

  Seite 141:
  "zn" geändert in "zu"
  (Euch vielgeliebte Mütter zu begrüßen)

  Seite 142:
  "Gros" geändert in "Groß"
  (Groß war die Freude und Erwartung)

  Seite 144:
  "Kurkäste" geändert in "Kurgäste"
  (und noch hinzukommenden Kurgäste)

  Seite 146:
  "," eingefügt hinter "zollte"
  (welches man ihnen zollte, nicht, oder doch selten)

  Seite 151:
  "folgereiche-Badereise" geändert in "folgereiche Badereise"
  (und an ihre genuß- und folgereiche Badereise)

  Seite 152:
  "," eingefügt
  (Vor allem reizte sie Richard, ein aufgeblasener junger Mensch)

  Seite 162:
  "folgengen" geändert in "folgenden"
  (Gleich am folgenden Tag erschien Walther)

  Seite 164:
  "konnte" geändert in "konnten"
  (konnten den jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen)

  Seite 164:
  "den" geändert in "denn"
  (denn zur Vergütung des, an Emma begangenen Unrechts)

  Seite 165:
  "," entfernt hinter "gefolgt"
  (dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben)

  Seite 173:
  "Einnerung" geändert in "Erinnerung"
  (wo man sich lange Zeit an der Erinnerung labte)

  Seite 176:
  "zu-behalten" geändert in "zu behalten"
  (war ich so gottlos, dasselbe zu behalten)

  Seite 182:
  "," entfernt hinter "ihr"
  (welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr Töchterchen)

  Seite 190:
  "Urilchen" geändert in "Ulrichen", "." eingefügt
  (Ulrichen für jene Frucht ein Stück Geld bringen.)

  Seite 191:
  "den" geändert in "denn"
  (denn sein Sohn Anton, den er herzlich liebte)

  Seite 193:
  "denn" geändert in "den"
  (einen Gevatterbrief an Emma, den er eigentlich)

  Seite 194:
  "zn" geändert in "zu"
  (ihr Kind aus der Taufe zu heben)

  Seite 195:
  "," eingefügt, "»" eingefügt, "den" geändert in "denn"
  (fuhr er fort, »sind Sie denn Fräulein Emma)

  Seite 201:
  "Zwilligsschwestern" geändert in "Zwillingsschwestern"
  (Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr)

  Seite 201:
  ";" geändert in ","
  (oder andere Verhältnisse, welche sie in die Ferne riefen)

  Seite 202:
  "dennn" geändert in "denn"
  (großen Verlust erfahren müssen, dennn nicht alle)

  Seite 202:
  "nnd" geändert in "und"
  (das Haus und andere Habseligkeiten zu verkaufen)]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern - Eine unterhaltende Erzählung für die Jugend" ***

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