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Title: Die Reden Gotamo Buddhos - Mittlere Sammlung, erster Band
Author: Neumann, Karl Eugen
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Reden Gotamo Buddhos - Mittlere Sammlung, erster Band" ***

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                     Anmerkungen zur Transkription
                     #############################

In diesem Text werden fortlaufend Seitenzahlen aus dem Werk eines
anderen Autors angegeben. Diese Verweise werden hier am rechten Rand
außerhalb des laufenden Textes wiedergegeben.

Kursive Passagen im Original werden von Unterstrichen umgeben
(_kursiv_), gesperrter Text dagegen von Tilden (~gesperrt~).
Hochgestellte Symbole werden durch ein vorangehendes Caret-Zeichen (^)
repräsentiert; mehrere Zeichen werden dabei in geschweiften Klammern
gruppiert. Tiefgestellte Zeichen werden in geschweifte Klammern gesetzt
und mit Hilfe eines vorangestellten Unterstriches versinnbildlicht.

Die Wortformen, die in der Vorrede und einigen Fußnoten einem
Wurzelzeichen folgen, stellen die Wortwurzel der erklärten Begriffe
dar. Diese wurden im Original kursiv gesetzt, in dieser Version werden
diese jedoch in normalem Schriftschnitt beispielhaft folgendermaßen
wiedergegeben: √(sru).

Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
erstellt; Interpunktionsfehler wurden dabei stillschweigend korrigiert.
Die Rechtschreibung des Originals wurde beibehalten, sofern es sich
nicht um offensichtliche Fehler handelt; Änderungen, die sich aus den
Corrigenda ergeben, wurden bereits in den Text eingearbeitet.

Die folgenden Stellen wurden korrigiert:

    S. 305: Fußnote [10] → Fußnote [19]
    S. 502: ‚Saft,‘ eingefügt in: ‚mit dem Geschmacke einen Saft,‘
    S. 649: ‚Umrissen‘ → ‚Unwissen‘

------------------------------------------------------------------------



                           DIE REDEN
                        GOTAMO BUDDHOS

                       AUS DER MITTLEREN
                    SAMMLUNG MAJJHIMANIKĀYO
                        DES PĀLI-KANONS

                   ZUM ERSTEN MAL ÜBERSETZT
                              VON
                      KARL EUGEN NEUMANN

                        ZWEITE AUFLAGE

                          ERSTER BAND
                      ERSTES HALBHUNDERT

                 MÜNCHEN 1921 * R. PIPER & CO.



                    ALLE RECHTE VORBEHALTEN
                        COPYRIGHT 1921
           BY R. PIPER & CO. / G. M. B. H. / MÜNCHEN



INHALT

                                                                   Seite

    VORWORT des Herausgebers                                          IX

    VORREDE                                                          XIX



        DIE MITTLERE SAMMLUNG DER REDEN GOTAMO BUDDHOS


                          ERSTER BAND

                      ERSTES HALBHUNDERT


                         ERSTER THEIL

                        BUCH DER URART


    1.   Rede:    Urart                                                3

    2.    „       Alles Wähnen                                        13

    3.    „       Erben der Lehre                                     22

    4.    „       Furcht und Angst                                    29

    5.    „       Unschuld                                            42

    6.    „       Wunsch um Wünsche                                   54

    7.    „       Das Gleichniss vom Kleide                           61

    8.    „       Ledigung                                            69

    9.    „       Die rechte Erkenntniss                              79

    10.   „       Die Pfeiler der Einsicht                            98


                         ZWEITER THEIL

                      BUCH DES LÖWENRUFS

    11. Rede:    Der Löwenruf                                        117

    12.   „      Das Haarsträuben                                    124

    13.   „      Die Leidensverkettung (I)                           153

    14.   „      Die Leidensverkettung (II)                          166

    15.   „      Das Maaß                                            176

    16.   „      Die Herzbeklemmungen                                192

    17.   „      Waldeinsamkeit                                      201

    18.   „      Der gute Bissen                                     208

    19.   „      Zweierlei Erwägungen                                221

    20.   „      Der Erwägungen Eingehn                              230


                         DRITTER THEIL

                     BUCH DER GLEICHNISSE

    21.  Rede:   Das Gleichniss von der Säge                         239

    22.   „      Das Schlangengleichniss                             253

    23.   „      Der Ameisenhügel                                    276

    24.   „      Die Eilpost                                         282

    25.   „      Das Futter                                          293

    26.   „      Das heilige Ziel                                    303

    27.   „      Die Elephantenspur (I)                              328

    28.   „      Die Elephantenspur (II)                             346

    29.   „      Das Gleichniss vom Kernholz (I)                     358

    30.   „      Das Gleichniss vom Kernholz (II)                    371


                         VIERTER THEIL

                     ERSTES BUCH DER PAARE

    31.  Rede:   Im Gosiṉgam-Walde (I)                               387

    32.   „      Im Gosiṉgam-Walde (II)                              398

    33.   „      Der Rinderhirt (I)                                  411

    34.   „      Der Rinderhirt (II)                                 419

    35.   „      Saccako (I)                                         423

    36.   „      Saccako (II)                                        440

    37.   „      Versiegung des Durstes (I)                          467

    38.   „      Versiegung des Durstes (II)                         475

    39.   „      Vor Assapuram (I)                                   503

    40.   „      Vor Assapuram (II)                                  520


                         FÜNFTER THEIL

                    ZWEITES BUCH DER PAARE

    41.  Rede:   Die Brāhmanen von Sālā                              531

    42.   „      Die Brāhmanen von Verañjam                          540

    43.   „      Die Erklärungen (I)                                 540

    44.   „      Die Erklärungen (II)                                553

    45.   „      Die Lebensführung (I)                               563

    46.   „      Die Lebensführung (II)                              570

    47.   „      Der Forscher                                        581

    48.   „      Vor Kosambī                                         586

    49.   „      Brahmās Heimsuchung                                 594

    50.   „      Māros Verweisung                                    605


    ANMERKUNGEN                                                      617

    NACHWEISE. Vom Herausgeber                                       635

    REGISTER                                                         653



                        ZUR AUSSPRACHE:

Die Betonung hält sich, der lateinischen ähnlich, möglichst
am Anfang. Verbundene Worte haben, wie im Deutschen, zwei
Hebungen. Es heißt also: Gótamo, Pasénadi, Sā́vatthī́ ,
Aggivéssano, Kápilavátthu u. s. w.

    ā, ī, ū sind lang auszusprechen, ebenso e, o, ausgenommen
    vor Doppelkonsonanz, c=tsch, j=dsch, y=j, v=w, s ist stets
    scharf, h in Verbindung mit Konsonant oder Doppelkonsonant
    stets hörbar zu sprechen. Punktierte Lettern sind lingual.


Es werden durchweg die unverkürzten Nominative gegeben. Eḷu, d.
i. weder Saṃskṛt noch Pāli, sind die Endungen -a, -e, -ya.

       *       *       *       *       *

Die Zahlen am Rande geben die Seiten des Trencknerschen Textes
an.



                   VORWORT DES HERAUSGEBERS


Als Karl Eugen Neumann im Jahre 1915 starb, war sein Lebenswerk
so gut wie unbekannt, die Mehrzahl der Gebildeten hatte noch
kaum vom Vorhandensein authentischer Reden des Buddho gehört,
und noch gar nicht den Namen ihres ersten Uebermittlers.
Seither ist es anders geworden, heute wissen die Besten, was
der Pāli-Kanon bedeutet, und dass sie ihn in einer Uebertragung
besitzen, um die das deutsche Volk von den andern Nationen
beneidet wird. Und heute ist es möglich geworden, die Mittlere
Sammlung der Reden Gotamo Buddhos, die Karl Eugen Neumann
bereits 1895-1901 übersetzte, zum zweiten Mal erscheinen zu
lassen.

Die vorliegende Ausgabe bringt den unverkürzten Wortlaut der
ersten, weist aber manche Veränderungen auf, die ausnahmslos
von Karl Eugen Neumann selbst herrühren. Der Pāli-Kanon
enthält, in allen seinen Teilen wiederkehrende, gleichlautende
Stellen, Wortfolgen und Begriffe; im Laufe der Jahre hatte nun
Karl Eugen Neumann, unablässig nach höchster Treue strebend,
einige dieser identischen Stellen noch näher zu verdeutschen
vermocht, ohne dass ihm jedoch eine zweite Ausgabe der
Mittleren Sammlung Gelegenheit gegeben hätte, für derartige
Wortfolgen die spätere Fassung einzusetzen. Daraus ergab sich
die Notwendigkeit, einen Text letzter Hand herzustellen.
Hierbei musste mit großer Umsicht vorgegangen werden, nach
sorgsamster Erwägung, denn die Pāli-Texte sind rhythmische
Kunstwerke, worin jeder Silbe ein bestimmter Lautwert zufällt.
Das spricht durchaus nicht gegen die Authentizität der Reden,
ganz im Gegenteil: wenn ein Wesen moralisch und geistig die
höchste Höhe erreicht, dann wird ihm auch sprachlich alles
zu Rhythmus und Melodie; aus der inneren Ruhe und Reinheit,
der tiefen Harmonie, die im Heiligen waltet, entsteht wie
von selbst das Kunstwerk seiner Rede. So hat einmal ein
Erwachter gesprochen, und wir finden vorher und nachher
kein Beispiel dafür. Wohl aber ist der Rahmen mancher Reden
später nachgeschaffenes Kunstwerk, und noch in Gotamos Geiste
stilisiert. Die Aufgabe bei der Textherstellung war darum,
die späteren Fassungen einzusetzen, ohne den Rhythmus zu
zerstören, also nur jene Stellen aus den später übertragenen
Bänden herüberzunehmen, wo der Rhythmus der umgebenden Worte
es ohne irgendwelche selbständigen Zusätze oder Weglassungen
erlaubte. Wo immer ein bloßes Einfügen der späteren Form
ohne Gefährdung des Rhythmus möglich erschien, ist diese
jetzt an die Stelle der früheren getreten, während in wenigen
Fällen, wo das Gleichmaß der benachbarten Stellen durch
ein solches Verfahren zerstört worden wäre, davon Abstand
genommen wurde. Die rhythmischen Gesetze der Pāli-Texte sind
unglaublich fein und manigfaltig, und Karl Eugen Neumann hat
selbst gelegentlich auf eine frühere, darum oft nicht weniger
richtigere Version seiner Uebertragung zurückgegriffen, weil
sie gerade in diese Umgebung sich besser einfügen wollte. In
solchen einzelnen Fällen würde nur helfen, auch die umgebenden
Worte entsprechend anzupassen, zu verändern, wie es Karl
Eugen Neumann, wenn es not war, tat; das aber steht keinem
Herausgeber zu, und nur aus diesem Grunde, nicht weil sie
übersehen wurden, sind auch einige, in späteren Werken Karl
Eugen Neumanns anders wiedergegebene identische Stellen hier
unverändert belassen worden. Als ein leichtes Beispiel für
viele sehr schwierige sei nur erwähnt, dass Karl Eugen Neumann
im ersten Band der Mittleren Sammlung das Wort _brāhmaṇo_ mit
»Brāhmane« übersetzt hatte, während es im zweiten und dritten
Band auch mit »Priester« verdeutscht ist; in der Längeren
Sammlung kommt dann nur mehr die Wiedergabe »Priester« vor.
Es ist nun klar, dass es nicht immer möglich sein kann, ein
zweisilbiges Wort an die Stelle eines dreisilbigen zu setzen,
ohne irgendwelche ausgleichende Veränderung, darum ist auch
die erste Form »Brāhmane« hie und da geblieben. Weil die
jüngere Fassung mancher solcher gleichlautend wiederkehrenden
Stellen in den jeweils später erschienenen Bänden gedruckt
vorlag, brauchte sie nicht immer auch von Karl Eugen Neumann in
seine Handexemplare der früheren Werke eingetragen zu werden,
daher kommt es, dass diese nur wenige Korrekturen enthalten,
nämlich nur die nirgend anderwärts schon gedruckten. Diese
sind hier in den Nachweisen am Schlusse jedes Bandes, woselbst
der Ursprungsort aller geänderten Stellen verzeichnet ist,
aufzufinden. Die meisten Aenderungen waren naturgemäß im ersten
Band durchzuführen, im zweiten sind es bereits wenigere und
nur mehr einige im dritten Band, als im zuletzt übertragenen.
Hier waren nur mehr die Bruchstücke und die Längere Sammlung
zum Vergleich heranzuziehn, während bei der Textredaktion des
ersten Bandes auch der zweite und dritte berücksichtigt werden
musste. Die überwiegende Zahl der späteren Fassungen ist nicht
durch die Nötigung Irrtümer zu berichtigen, sondern zumeist aus
dem Streben nach letzter Vervollkommnung zustandegekommen.
Hat also Karl Eugen Neumann später manche Stelle des 1896
erschienenen ersten Bandes noch zutreffender übertragen, so
war dessenungeachtet dieser erste Band schon ein erstaunliches
Meisterwerk: was in der »Buddhistischen Anthologie« (1892)
kaum noch im ersten Ansatz wahrzunehmen war, die Identität
seines Tones, seiner Sprache mit derjenigen Gotamos, das tritt
hier zum ersten Mal vollkommen zutage. Es ist ein Irrtum zu
vermeinen, man könne, was ein Großer gesprochen habe, auch mit
anders gesetzten Worten unbeeinträchtigt wiederholen, anders
gesetzt ist die Wirkung eben eine andre, oder wird überhaupt
ausbleiben, weil im persönlichen Rhythmus des Redners letzter
Wirkungsgrund liegt. Unrhythmische Worte sind jedoch machtlos,
wenn auch ihr Inhalt bedeutend wäre, welcher Fall aber in der
Erfahrung gar nicht angetroffen wird, während Rhythmus allein
schon das Bändigende an sich ist, das Ordnende und Ermunternde.
Und nun gar die Worte des höchsten der Menschen, von denen
eine Heilkraft sondergleichen ausgeht, die ruhegeboren sind
und schlackenrein: nicht nur ihr Inhalt, auch ihre Form,
die Art ihrer Setzung wirkt in stärkster Weise ermunternd,
umbildend, Wunder schaffend, unmöglich Scheinendes möglich
machend. Und dass die Buddhoworte in der Verdeutschung Karl
Eugen Neumanns dieses zauberhaft Belebende, Beschwichtigende,
Stärkende und Beruhigende unvermindert behalten haben, hierin
liegt das Wunder seiner Uebertragung, die aus verborgenen,
fast geheimnisvollen Quellen fließend, noch weit über alles
Sprachkunstwerk hinausgeht. Gleichzeitig aber war Karl Eugen
Neumann ein philologisches Genie, mit dem allerseltensten
Scharfsinn begabt, bei einem ungeheueren Wissen unermüdlich
in seinem Forschungseifer, stets bis zur letzten Bedeutung
und Beziehung der Worte vordringend. Nicht geringer als sein
Verdienst um die buddhistische Lehre ist sein Verdienst um
die deutsche Sprache, der er ein neues Element, eben das
indische, genauer das gotamidische, zugeführt hat; durch seine
Verschmelzung des edelsten indischen Sprachgutes mit dem
Deutschen hat er diesem neue ungeahnte Schönheiten abgewonnen,
wie auch Luther es sich zum Verdienst anrechnete, die
lateinischen Klänge der Vulgata ins Deutsche herübergebracht zu
haben. Dabei ist die Uebertragung Karl Eugen Neumanns voll von
»ebenso einfachen als genialen Kühnheiten, die nur dem Künstler
gelingen«, wie er selbst es von Richard Wagners Uebersetzung
des Wortes _Vanaheim_ durch ‚Wahnheim‘ rühmt.

Nur ein mit solchen Eigenschaften Ausgezeichneter durfte in
hingebungsvollster Treue daran gehen, die Reden des Buddho
in andrer Sprache zu wiederholen, und nur ein Solcher konnte
eine Uebertragung schaffen, die den Geist und den Buchstaben
der Lehre Gotamos gleich vollkommen wiedergiebt. Ohne Vorbild,
ohne einen Vorgänger, hat er den ersten Schritt auf dem noch
unbetretenen Weg getan und ist ihn bis ans Ende gegangen.
Seinem großen Werk der Uebertragung schließt sich sein Werk
der Anmerkungen und Erläuterungen an, welches in dem noch
ungedruckten Nachlassband gipfelt, einem gewaltigen Werke,
reich an Beziehungen gerade zur Mittleren Sammlung, deren
immerwiederkehrende Begriffe wie _phasso_, _āsavo_, _saṉkhāro_,
_sakkāyo_, _suññatā_ usw. dort eingehend erörtert werden. Die
Anmerkungen zur Mittleren Sammlung sind in der gegenwärtigen
Ausgabe an den Schluss jedes Bandes versetzt, gemäß dem
späteren Wunsche Karl Eugen Neumanns. Er hatte ursprünglich
überhaupt keinerlei Anmerkungen beibringen wollen, um nur
den Text für sich allein wirken zu lassen, darum findet
man so wenige im ersten Band; im zweiten sind es, wenn auch
noch überwiegend philologische, bereits mehr, und erst im
dritten Band hebt sein eigentliches Anmerkungswerk an, das
dann in ununterbrochener, immer gesteigerter Fülle bis zu
dem erwähnten Nachlassband führt. Auf diesem steilen Weg hat
Karl Eugen Neumann noch die herrlichen Lieder der Mönche und
Nonnen, die unsagbar schönen und tiefen, mit der Mittleren
Sammlung unzertrennlich verbundenen Bruchstücke der Reden
nacherschaffen, hat auch noch den Italienern den ersten
Band der Mittleren Sammlung geschenkt, und nachdem die drei
Bände der Längeren Sammlung, während welcher Arbeit seine
Meisterschaft ins Unbegreifliche wuchs, vollendet waren, die
leuchtenden Augen für immer geschlossen.

Wenn ein Genius vom Range Karl Eugen Neumanns erscheint,
neue Bahnen erschließt, ein unsterbliches Werk vollendet, so
vollzieht sich immer wieder dasselbe beschämende Schauspiel:
die von ihm wissen, hüten sich von ihm zu reden, die
Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. Oder sein Werk wird, als ob
es wäre wie andere mehr, so nebenher erwähnt. In diesem Falle
darf vielleicht manchem Beteiligten zugebilligt werden, dass
er ehrlicherweise selbst nicht begriffen hat was eigentlich
am Werke Karl Eugen Neumanns das schlechthin Einmalige sei,
da es scheint, dass für gewöhnlich sich wenig Dinge schwerer
vereinen lassen, als Kunst und indologische Wortforschung. Es
sind auch die gleichen Männer, welche in den Wiederholungen der
Reden nur lästige und langweilende Ausdehnungen erblicken, auch
gelegentlich darüber spötteln, während diese Wiederholungen,
außer ihrer Bedeutung, das Gesagte zutiefst zu befestigen,
in Wahrheit ein höchstes Kunstprinzip darstellen. Das
haben große Geister wohl erkannt; so hat Napoleon von der
Wiederholung ausgesagt, dass sie ihn die einzige ernsthafte
Redefigur dünke, und in Rodins Testament steht der schöne
Satz zu lesen: »Ich liebe das menschliche Bestreben, das
sich durch regelmäßige Wiederholung unablässig steigert.
Diese wiederholte Bewegung ist eine Schlachtordnung. Die
Säulen der Kathedrale verzehnfachen ihre Grazie, indem sie
einander folgen und sich vereinigen.« Das gilt auch von den
Reden Gotamo Buddhos, die wie Säulentempel gebaut, oder wie
Fugen gesetzt sind. Fugenartig sind ihre Wiederholungen, und
dürfen vom Leser nicht übergangen werden, wenn anders er zum
Verständnis und zum Genusse des Ganzen kommen will. Werden sie
aber Wort für Wort mitgelesen, so erschließt sich ihr Sinn,
sie können sich festsetzen, Wurzel schlagen und das Handeln
beeinflussen. Und einzig darauf kommt es an. Nur haben Worte
eine geringere Macht als ihnen im allgemeinen zugestanden
wird, sie erzeugen nur Hirnwissen, nicht Herzwissen; um
bewegen, lenken zu können, müssen ihnen absonderliche Kräfte
innewohnen, und da giebt es in der Welt keinen so unmittelbar
ergreifenden und beschwichtigenden Klang als den der ~Worte~
Gotamos: auch das kennzeichnet ihn und erhebt ihn neben vielem
anderen noch über die höchsten Weisen, dass seine ~Worte~
bleibendere Spuren hinterlassen, weil schon ihr Rhythmus
bezwingender ist. Und nun gar in ihren unaufhörlichen und
großartig rauschenden Wiederholungen, die den ganzen Menschen
durchdringen, und ihn in den Zustand versetzen, aus dem heraus
er das früher Unmögliche vollbringt. Wer diese Wirkung der
~Worte Gotamos~ kennen gelernt hat, deren Inhalt so erhellend,
deren Form so bezwingend ist, der wird verstehen, warum einst
Robert L’Orange, der am stärksten Ergriffene, zu Karl Eugen
Neumann sagen mochte: _Na hi kañci sotabbaṃ maññāmi aññatra
Tathāgatena_: »Nicht irgendwen halte ich für hörenswert außer
dem Vollendeten.«

Denn nicht nur ein Weiser, ein Prophet oder Religionsstifter
spricht in den Reden zu den Menschen: ein wahnloses Wesen,
das sich als den besten Künstler, besten Arzt zu erkennen
giebt, hat einen Heilplan entworfen, um das in die Schiefe
geratene Geschlecht auf den rechten Weg zu bringen, ihm die
Augen zu öffnen, »der Welt«, wie es heißt, »den Schleier
hinwegzunehmen«. Nicht als ein fanatischer Bußprediger,
nein, ohne zuzureden, ohne abzureden legt er die Lehre,
deren Anfang, Mitte und Ende begütigt, dar, und nicht nur
Mönchen, allen Menschen verkündet er sie. Weisen und Toren,
Guten und Schlechten, und es ist wundersam wahrzunehmen wie
noch im Gespräch mit dem Verworfensten der Göttliche lächelt
und mit Freuden ein menschliches Herz erblickt. Dieses kaum
noch merkbare Lächeln, das die indischen Bildner später so
herrlich dargestellt haben, tritt deutlicher in der 81. Rede
und 83. Rede hervor, es erstreckt sich aber eigentlich über
alle, als die sicherste Gewähr der Erwachung; so wahr Zorn,
Hass und Leidenschaft der Traumwelt angehören, der tiefen
Verstrickung; Humor aber, im höchsten Sinn verstanden, das
nicht mehr Einbegriffensein verbürgt. Auch damit zeigt sich
klar wie falsch es war den Buddhismus als eine pessimistische
Weltansicht zu bezeichnen; nicht nur die 74. Rede, die Beides:
»Alles gefällt mir«, also den Optimismus, und »Nichts gefällt
mir«, also den Pessimismus, umgeht, beweist das, sondern
vor allem dieses unendlich feine, heitere Begreifen, das
eben unvereinbar ist mit Pessimismus, und hoch über seinen
Niederungen schwebt. Es ist das Wissen um die vier heiligen
Wahrheiten, das zur Durchschauung und Erwachung führt. Zur
Erwachung aber verkündet der Buddho die Lehre, und als die
erstaunlichste, außerordentlichste Eigenschaft des Vollendeten
bezeichnet er es, wieder in übermenschlicher Heiterkeit, in
der 123. Rede, dass ihm Gefühle bewusst aufsteigen, dass sie
bewusst anhalten, bewusst untergehn, und ebenso Wahrnehmungen,
und ebenso Gedanken. Das klingt einfach, wie das meiste was der
Meister zu sagen hat, darum heißt es ja auch von seiner Lehre,
dass sie klar sichtbar ist, zeitlos, anregend, einladend,
jedem Verständigen von selbst verständlich. Wer aber meint sie
ohneweiters, ohne den rechten Ernst und die rechte Mühe, in
ihrer Tiefe begriffen zu haben, dem wird oft und oft gesagt:
»Schwer wirst du das verstehn, ohne Deutung, ohne Geduld, ohne
Hingabe, ohne Anstrengung, ohne Lenkung«. Nur diejenigen,
welche »seit langer Zeit von gemeineren Dingen abgewandt« sind,
haben die Kraft geduldig in die Sätze Einsicht zu nehmen. Der
Allesleser wird in den seltensten Fällen die Kraft besitzen mit
dem ruhigen Gange der Reden Schritt zu halten, ihr ungewohntes
Zeitmass zu ertragen: sie langsam, und doch ohne Pathos zu
lesen setzt einen Zustand innerer Bereitschaft voraus und will
nur den Geduldigen gelingen. Doch ist die Lehre nach langer
Verborgenheit jetzt glücklich dem Dunkel entrissen, und so
sei denn vorerst die Mittlere Sammlung, in neuer Gestalt, in
einer Vielen zugänglichen Ausgabe, mit den Gefühlen tiefster
Dankbarkeit für Karl Eugen Neumann, den Lesern übergeben.

    ~Wien~, im Frühling 1921.

                                                      E. R.



                            VORREDE

                           DER KANON


Die Mittlere Sammlung, _Majjhimanikāyo_, der uns überlieferten
Lehrdarstellungen Gotamo Buddhos besteht aus 152 Reden.
Diese Reden halten zwischen den 34 längeren Darlegungen des
_Dīghanikāyo_ und den zahlreichen kürzeren Mittheilungen, oft
nur einzelnen Aussprüchen des _Khuddakanikāyo_ in Hinsicht
auf die Dauer des Vortrags gleichsam die Mitte. Nur dieses
äußere Merkmal hat die Namen bestimmt. _Aṉguttaranikāyo_ und
_Saṃyuttakanikāyo_, mehr oder weniger vom selben Gesichtspunkte
aus geordnet, schließen sich als vierte und fünfte Sammlung an.
Das Ganze dieser fünf großen Tage- und Lehrbücher wird unter
dem Begriffe _Suttapiṭakam_, Kanon der Reden, zusammengefasst,
als Gegenstück zum Kanon der Zucht, dem _Vinayapiṭakam_.
Das sind die beiden Hauptstücke des Vermächtnisses. In der
Folge hat man diesem _Dvipiṭakam_, dem Zweifachen Kanon, das
_Abhidhammapiṭakam_ angefügt, den Kanon der Scholastik, und
also das _Tipiṭakam_ geschaffen, den Dreifachen Kanon, die
buddhistischen Biblia Sacra. Wahrscheinlich aber war bis
zum Tode Gotamo Buddhos, um 480 v. Chr., nur ~eine~ Satzung
bekannt, eben der Kanon der Reden, das _Suttapiṭakam_ als
_Ekapiṭakam_, woraus dann allmälig das _Vinayapiṭakam_,
später das _Abhidhammapiṭakam_ theils ausgeschieden, theils
weitergebildet wurde.

Der Name _Ekapiṭakam_ und _Dvipiṭakam_ kommt nicht vor,
_Tipiṭakam_ erst in scholastischer Zeit. Wohl wird das Simplex
_piṭakam_ von alters her gelegentlich gebraucht, doch nur in
seiner eigentlichen Bedeutung, als Korb: so z. B. in unserer
21. Rede, wo gesagt wird, den Weisen erschüttern wollen
sei geradeso wie wenn man, »mit Spaten und Korb versehn«,
daranginge den Erdball abzugraben. Zweifelhaft freilich scheint
mir, im Gegensatz zu Trenckner, ob nicht in Aeußerungen wie
_piṭakasampadānena_ (_AN_ vol. I. p. 189, vol. II. p. 191,
vergl. Trenckner, Pāli Miscellany, London 1879, p. 67 ff.)
schon eine deutliche Anspielung auf den übertragenen Begriff,
auf schriftlich gepflegte brāhmanische Ueberlieferung vorliegt;
wie vielleicht auch in der bitteren Klage des brāhmanischen
Büßers Māgandiyo, _MN_ vol. I. p. 502 f.: _Bhūnahu samaṇo
Gotamo ti me bhāsitaṃ: taṃ kissa hetu? Evam hi no sutte
ocarati_: »Ein Kernhauer ist der Asket Gotamo, sag’ ich: und
warum sag’ ich das? Weil er als solcher gegen unsere Satzungen
vorgeht.« Die erste Erwähnung von _piṭakam_ als Gesammtbegriff
der Lehre geschieht, meines Wissens, im 3. Jahrhundert nach
Gotamo Buddho, ungefähr 200 Jahre nach Fixierung seiner Reden,
auf einer asokischen Topenstele zu Barāhat (s. Bühler, Indian
Studies No. III, Wien 1895, p. 17 und 87). Da finden wir
nämlich auf einem der gestifteten steinernen Gitterbalken als
Geber den Ehrwürdigen Jāto, der sich _peṭaki_ nennt, »Kenner
des _Piṭakam_«. Gleichzeitige Inschriften auf dem Sāñci-Hügel
führen aber, wie Barāhat _sutantiko_, _sutātiko_, »Kenner
der Reden« (cf. _Vinayapit._ vol. I. p. 169 etc.), und, mit
Barāhat, _pacanekāyiko_, »Kenner der fünf Sammlungen«, an.
_Pacanekāyiko_, _sutātiko_ ~ _sutantiko_ und _peṭaki_ sind
jedoch homologe Bezeichnungen desselben Begriffes, der
in Sāñci noch einmal, alle drei zusammenfassend, als ächt
kanonischer _dhamakaṭhīko_, »Sprecher der Lehre« (_MN_ I. 218,
_SN_ II. 18, 114, 156, _AN_ I. 23, passim), auftritt. Was
also damals, wenn wir diesen steinernen Zeugen trauen dürfen,
noch immer eigentlich als Wort der Lehre gegolten hat, liegt
vor Augen: es war der Kanon der Reden, das _Suttapiṭakam_,
und da man ein anderes Piṭakam nicht kannte, reichte das
Synonym _peṭaki_ vollkommen aus für _sutantiko_, _sutātiko_
und _pacanekāyiko_, während der Brāhmane sich nach wie vor des
Titels _traividyas_, _cāturvaidyakas_ bedienen musste, um den
Kenner der drei, den Kenner der vier Veden zu bezeichnen, ja,
dementsprechend, auch bei uns der _pacanekāyiko_ keineswegs zu
einem pentakryphen _nekāyiko_ wurde. Litterarisch beglaubigt
zeigt sich _Piṭakattayam_ erst im _Milindapañho_, p. 348
(cf. p. 1 u. 18), welcher Stelle vor der quasi historischen
Autorität des _Dīpavaṃso_, p. 103, und _Mahāvaṃso_, p. 19, 207,
251/2, 256, der Vorrang gebührt. Kaccāyanos, des Grammatikers,
»Einführung in das Studium des _Piṭakam_« _Peṭakopadesagantho_
(s. Minayeffs Ausgabe des _Ganthavaṃso_ in den Recherches sur
le Bouddhisme, Paris 1894, p. 239 u. 244) beschäftigt sich
offenbar nur mit dem _Suttapiṭakam_[*], was selbstverständlich
nicht ausschließt, dass der Verfasser alle drei _Piṭakas_
genügend gekannt habe. So spricht z. B. Asoko auf einer jüngst
entdeckten nepalischen Felseninschrift von seiner Verehrung des
Buddho Koṇāgamano: aber schwerlich dürfte es jemandem einfallen
den gangbaren volksthümlichen Buddhismus jener Zeit, der sich
zumal in Barāhat schon völlig entwickelt darstellt, mit der
aristokratisch gesicherten Lehre eines _peṭaki_ desshalb gleich
identifizieren zu wollen. Dass man das _Suttapiṭakam_ wirklich
bis spät in das vierte Jahrhundert n. Chr. als den Kanon
schlechthin angesehn hat, sagt uns sogar der _Mahāvaṃso_, p.
247, deutlich genug. Unter der Regierung Buddhadāsos, heißt es
da, habe ein hochgelehrter _dhammakathī_ (vergl. oben Sāñci)
die Texte in die Landessprache übertragen: was für Texte? Eben
die _Suttas_.

    Tass’ eva rañño rajjamhi
    Mahādhammakathīyati
    Suttāni parivaṭṭesi
    Sīhalāya niruttiyā.

Eine nachdrücklichere Bekräftigung des Tenors der Inschriften,
wenn eine solche überhaupt vonnöthen wäre, könnte man sich
kaum wünschen. Wie so oft in Indien zeigt sich auch hier eine
vorerst bedenkliche Tradition durch unbezweifelbare Urkunden in
ihrem ererbten Rechte bestätigt. Das Wort des Mönchs und der
Meißel des Königs ergänzen einander.

Der innere Werth des _Vinayapiṭakam_ wird durch unser Ergebniss
nicht geschmälert, vielmehr lässt sich jetzt deutlich
absehn, warum der Kanon der Zucht neben unverkennbar Aechtem
allerhand sagenhaftes Beiwerk aufweist: das Aechte, zwar
oft fragmentarisch und interpoliert wiedergegeben, ist aus
dem Urkanon geschöpft, aus dem _Suttapiṭakam_, die hundert
Geschichten und Legenden haben sich, nebst einer erdrückenden
abgeschmackten Kasuistik, nach und nach mit eingestellt. Dies
geschah, wie oben gesagt, verhältnissmäßig früh und mochte so
lange geschehn, bis auch diese Sammlung, in nachasokischer
Zeit, zum selbständigen Kanon erhoben wurde. Noch unter Asoko
war das Ordensrecht nur eine Art Auszug[**] aus dem einen
anerkannten _Piṭakam_. Auf dem vielgenannten zweiten Bairāter
Felsenedikt spricht der König den Wunsch aus, man möge vor
allem die _vinayasamukase_ der _dhaṃmapaliyāyāni_ beobachten,
»die Zuchtverordnungen der Lehrreden«, womit eben diejenigen
Theile der Satzung gemeint sind, die auf die Disziplin Bezug
haben. Hiermit stimmt es völlig überein, dass sich unter den
hunderten von Inschriften bisher noch kein einziger »Kenner
des _Vinayapiṭakam_« gefunden hat, weil ein solcher im
Begriffe eines »Kenners des _Suttapiṭakam_« implicite lag.
Schon Oldenberg hat (_Vinayapiṭakam_, vol. I., London 1879, p.
XIV) im Bairāter Wunsche die Unterordnung des _vinayo_ unter
den _dhammo_ scharfsinnig erkannt, eine Unterordnung, deren
Allgemeinheit seit Bühlers umfassenden Forschungen mehr und
mehr durchblickt.

Allerdings sind uns bisher erst wenige Urkunden indischer
Geschichte zugänglich geworden und gar manches ruht noch unter
der Erde. Für die Kenntniss des authentischen Buddhismus trifft
es sich recht glücklich, dass wir auf Grund der Denkmäler
Asokos und seiner Nachfolger schon heute die Entwickelung des
Kanons mit annähernder Genauigkeit verfolgen können. Künftige
Ausgrabungen lassen vielleicht vorasokische Bestätigungen
unserer Urtheile und Schlüsse erwarten.

Die Stellung der Mittleren Sammlung im Kanon der Reden ist
eingangs angegeben worden. Engere Beziehungen zu ihren vier
Stammverwandten zeigen sich in bestimmter Weise. Zunächst sei
hervorgehoben, dass die fünf Sammlungen im Allgemeinen wie
im Besonderen durchaus harmonieren und Widersprüche ernster
Natur schlechterdings unauffindbar scheinen. Inhalt und
Form sind überall gleichgeartet, wenn auch nicht überall
gleichwertig. So tritt das Element des Wunderbaren in unserer
Sammlung fast ganz zurück: aber in diesem oder in jenem
Abschnitte des _Khuddakanikāyo_ (auch in den anapokryphen)
und _Saṃyuttakanikāyo_ macht es sich, obzwar spärlich,
bemerkbar. So wird in vielen Reden unserer Sammlung der
Hauptgedanke ebenso unnachsichtlich entwickelt und zu Ende
gedacht wie es häufig im _Dīghanikāyo_ der Fall ist: aber bei
den zahlreichen, unterschiedlichen Paragraphen, welche diese
Sammlung einschaltet, kommen die scharfen logischen Umrisse
der Darstellung nicht immer ebenso leicht zur Geltung. So
begegnen wir derselben Anordnung des Stoffes, wie sie der
_Aṉguttaranikāyo_ liebt, aber keine auserlesene Reihenfolge,
wechselnde Schilderung wird geboten.

Diese gröberen Züge mögen zur Kennzeichnung genügen.
Aufmerksame, wiederholte Durchnahme des Textes diene als beste
Ausführung.


                        DIE KOMMENTARE

Wie bei den Schriften der Alten ist bei denen der Inder das
Verständniss der ursprünglichen, naiven Gedanken der Meister
früh verloren gegangen, und die große Masse der Gelehrten hat
das Bedürfniss gefühlt Erklärungen zu geben. Wenn wir der
einheimischen Tradition in irgend einem Punkte Glauben schenken
dürfen, so gewiss in diesem, dass die Interpretation des
_Suttapiṭakam_, das ist die halb gelehrte, halb volksthümliche
Zergliederung der Längeren, Mittleren, Kürzeren, Angereihten
und Zusammengestellten Sammlung, bald nach dem Tode Gotamo
Buddhos begonnen und seither stetig die Rezitation des Kanons
begleitet hat. Diese Schulweisheit hat nun ohne Zweifel ihren
Gutes, ja in einem Betracht ist sie nicht hoch genug zu
preisen: ihr allein verdanken wir die reine Erhaltung der
Texte. Mit unermüdlicher Akribie hat sie dritthalb Jahrtausende
eifersüchtig darüber gewacht, dass womöglich auch nicht ein
Jota, auch nicht ein _akkharam_ der ächten Ueberlieferung
verloren gehe, eingedenk des schönen Spruches:

    Attho akkharasaññāto,
    Durch Silben wird der Sinn erkannt.

Solche, in ihrer Art einzige Gewissenhaftigkeit, die eben nur
in Indien möglich war und ist, verdient innige Anerkennung
und Bewunderung. Ihr ist es ferner zu danken, dass die alten
Lehren bis auf den heutigen Tag im Volke lebendig geblieben
sind und, mutatis mutandis, ebenso wirken wie einst. Mit ihr im
Bunde endlich ist es den standhaften buddhistischen Missionaren
gelungen, die eine Hälfte der Erde, wie Sir William Hunter
sagt, zu erobern und den Glauben der anderen zu modifizieren.
Ihr wird man es vielleicht einmal nachzurühmen haben, wenn
eine, so weit es eben möglich ist, menschenwürdige Religion auf
dem Erdball allgemeine Verbreitung gewinnt. Viel, sehr viel
Achtung verdient also die indische Schwester Schulweisheit.

Auf mächtigen Glanz folgt naturgemäß Nacht. Sobald die
buddhistischen Patres ecclesiae und Doctores profundi darangehn
dunkle, tiefe Stellen des Kanons aufhellen zu wollen, reden
sie wie Blinde von der Farbe. Sie meinen’s ja grundehrlich,
die Wackeren, versteht sich; doch was hilft guter Wille in
der Kunst? Kunst kommt von Können, auch im Indischen, ihr
Können aber beschränkte sich auf schwaches philologisches und
reiches volksthümliches Wissen. Damit konnten sie freilich zur
Erklärung der Reden Gotamo Buddhos nicht auslangen.

Es sei hier gestattet ein paar Beispiele anzuführen. Ich
entnehme dieselben den allgemein zugänglichen Kommentaren
oder gebe sie genau nach den mündlichen Belehrungen, welche
mir die höchst achtbaren, vortrefflichen Mönche Zeilons
während eines dortigen Aufenthalts in reicher Fülle zutheil
werden ließen. Unterschiede zwischen den Erklärungen der
Mönche von Kolombo und Kalutara, vom Daladamaligawa und
Asgiriyavihāre, am Alufelsen und in Anurādhapura und an
anderen Orten haben sich, bei wiederholter Besprechung
derselben Punkte, nicht ergeben, da nur eine Autorität für
alle gilt: die οται μυριαδες ἐπων Mahābuddhaghosos. -- _DN_
I., No. 11, Schlussverse des _Kevaṭṭasuttantam_: Zweierlei
_viññāṇam_ giebt’s, das erste, _viññāṇam anidassanam_, ist
gleich _nibbānam_, ja; das zweite, _viññāṇassa nirodhena
etth’ etam uparujjhati_, ist das gewöhnliche. _MN_ I., No.
8 wird _sallekho_ von _likhati_ ~ _chindati_ abgeleitet.
_KhN_, _Dhp._ v. 227 ist _Atula_ statt _atulam_ zu lesen,
als Eigenname im Voc. -- _KhN_, _Itiv._ 1 seqq.: _Ayaṃ vo
pāṭibhogo anāgāmitāya_ wird ersetzt durch _Ahaṃ vo pāṭi^0_,
ganz wie beim Herausgeber der editio princeps. _KhN_, _Thīg._
v. 267 (cf. _MN_ I., 134,_{21}). _nāgabhogasadisopamā_ || _ti
hatthināgassa hatthena samasamā; hatthī hi idha bhuñjati etenā
ti bhogo ti vutto -- tā ti ūruyo_. Es ist eine Reminiszenz
an Stellen wie _nāganāsasamūpamā_. _AN_ IV., No. 159 ist
_setughāto_ = _hetughāto_. Die _dosinā ratti_, passim, erklärt
als _dosāpagatā ratti_. _Sotāpanno_, _sotāpatti_ gehört
zu √(sru), _savati_, u. s. w. -- Wenn nun auch derartige
Originalerklärungen, die man zu hunderten häufen könnte, kaum
mehr als einen Einblick in den scholastischen Volksbuddhismus
gewähren, so dürfen wir uns anderseits der vielen sekundären
Bemerkungen des Scholiasten gelegentlich herzlich freuen.
Diese bringen uns das Verständniss zuweilen wirklich näher
und erleichtern die Denkarbeit, dienen gewissermaaßen als
Eselsbrücke. Einige hübsche Beispiele dafür sind: _MN_ I., No.
36, p. 245 _ajaddhukam_ ~ _abhojanam_; ibid., No. 15, p. 96
_apadānam_ ~ _pubbe apuññakatam_; die zu _DN_, _Mahāparin._ p.
22 gelungene Erklärung der _ācarīyamuṭṭhi_[***]; _KhN_, _Thag._
v. 986 _adda_ = _addakkhi_; _KhN_, _Thīg._ v. 122: _vīdhavā
ti_; _dhavo vuccati sāmiko, tad abhāvā vīdhavā, matapatikā
ti attho_; passim: _anacchariyam_ ~ _thokam abbhutam, pag’
eva_ ~ _paṭhamam eva_, u. a. m. -- Seien wir also billig und
gestehn zu, dass Buddhaghoso, Dhammapālo, Ñāṇasāgaro und
wie die _Aggācariyos_ alle heißen, bis herab auf den ebenso
gelehrten als edlen Subhūti Terunnānse von Kalutara, in ihrer
Art Vorzügliches geleistet haben, dass wir aber diese Braven
nicht nach modernem Wissen und Können schätzen und nützen
dürfen. Uns ziemt es nun unser altes Erbe zurückzuerobern und
den ursprünglichen Gehalt rein darzustellen. Die Geistesspuren
jenes großen Mannes, der wohl überall gepriesen doch nicht
genug gekannt ist, liegen in den auf uns gekommenen Reden
treu erhalten vor: wir sind allmälig mündig geworden, die
ächte Elephantenfährte, wie es in der 27. Rede heißt, von der
falschen unterscheiden zu lernen.

Die Brüder in Zeilon sollen uns jedoch nicht undankbar
schelten. Wir werden sie noch oft um ihren Rath angehn, wenn
es wichtige Bestätigungen gilt. Wie erfreulich war mir z. B.
Subhūtis Denkweise, als er auf meine Bitte, _Māro_ zu erklären,
mit dem schönen Citate aus dem _SN_ antwortete: _Rūpam māro,
vedanā māro, saññā māro, saṉkhāra māro, viññāṇam māro, pañc’
upādānakkhandhā māro ti_, und mir so gleichsam die offizielle
Berechtigung gab in jenem Begriffe die Natur, oder richtiger,
im Einklang mit Schopenhauer, die Mortur wiederzuerkennen.
Solche und manche ähnliche, recht unphantastische Offenbarung
darf man heute gewiss nur mehr auf Zeilon oder allenfalls
noch in Barma und Siam erwarten; in China und Tibet kann man
mitunter etwas andere Dinge zu hören bekommen. Hat mir doch ein
sehr intelligenter Lama, wenige Tagereisen von der Heimath des
Buddhismus entfernt, im Kloster Bhutia Basti bei Dārjiling, am
Schlusse einer langen gelehrten Unterredung die Versicherung
gegeben, ein vollkommener Weiser mag sich ausgesucht nette und
geprüfte Jungfrauen, _varalakṣaṇopetās_, ad libitum zulegen,
zur Erfrischung seiner Lebensgeister. Ein derartiges Ideal hat
nun freilich der südliche Buddhist niemals aufgestellt, und
die _lakṣaṇas_, die ihm, auch als vollkommenem Weisen, einzig
nahe gehn, sind immer die selben geblieben, nämlich _aniccam_,
_dukkham_, _anattam_. Darum wollen wir die gute buddhistische
Volksmetaphysik und ihre Meister hochhalten. Bei der Lehre
Gotamo Buddhos, die erst in den letzten fünfzig Jahren durch
Gogerlys, Spence Hardys und Childers’ vertrauten Umgang mit den
Mönchen Zeilons neu entdeckt wurde, ist das Wort des Richard
Wagnerschen Hans Sachs wundersam am Platze:

    Dass uns’re Meister sie gepflegt,
    Grad’ recht nach ihrer Art,
    Nach ihrem Sinne treu gehegt,
    Das hat sie ächt bewahrt. --

Eine wenig bekannte Einzelheit mag hier noch, als Exkurs,
behandelt werden. Man hat bis vor kurzem allgemein angenommen,
das letzte Mahl Gotamo Buddhos, von einem jungen Schmidte
Namens Cundo gespendet, sei Wildbraten gewesen, und zwar
verdorbener, dessen Genuss Erkrankung und Tod des Buddho zur
Folge hatte. Die betreffende Stelle findet sich in der 16.
Rede des _DN_, _Mahāparinibbānasuttam_ p. 41-42. Dort wird
erzählt, der junge Schmidt Cundo habe die Mönche in sein Haus
geladen und feste und flüssige Speise und ein reichliches
Gericht von _sūkaramaddavam_ für sie bestellt; letzteres habe
sich der Buddho vorsetzen lassen, den Schmidt aber ermahnt, die
Jünger mit der anderen Speise zu bewirten und den Rest seines
Gerichtes in die Gosse zu schütten, da es von keinem verdaut
werden könne, den Vollendeten ausgenommen. Nach dem Genusse
dieser Speise sei dann der Buddho krank geworden, schwer krank,
und heftige Schmerzen hätten sich eingestellt.

    Bhuttassa ca sūkaramaddavena
    Vyādhippabāḷhā udapādi satthuno.

Was ist nun _sūkaramaddavam_? Ist es Wildbratensülze, wie
es auf den ersten Blick scheint? Die einheimische Tradition
hat es meist dafür gehalten, und die europäische Forschung
hat es unbesehens übernommen. Zu vertrauensvoll: denn wir
haben zu _sūkaramaddavam_ Parallelen, die einen anderen
Begriff vermuthen lassen. Unter den Arzeneipflanzen, die der
_Rājanighaṇṭus_ aufzählt, finden wir u. a. das fem. simpl.
_sūkarī_, von _sūkaras_ Eber, Schwein, als Batate, dann
_sūkarakandas_ Eberbirne (Erdbirne), _sūkarapādikā_ Eberklaue
= _kolaśimbī_ Eberschote, dann aber, und dies ist wichtiger,
den _sūkareṣṭas_, eine Erdmandel, welche die Wildschweine
mit Leidenschaft auswühlen, wörtlich Ebergier; daher z. B.
der Ort _Sūkarakhatā_ Eberswühl, _MN_ I., 497. _Suśrutas_
giebt _vārāhī_, von _varāhas_ Eber, für die Yamwurzel an,
dann _varāhakandas_ Ebertrüffel, _varāhamūlam_, Eberwurz,
etc. Vergl. noch Bezeichnungen wie _gostanī_ Weintraube,
wörtlich Kuheuter, _hastikarṇas_ Rizinus, w. Elephantenohr,
_uraṇākṣas_ eine Zimmtpflanze, w. Schaafauge, _kukkuṭamastakas_
ein Pfeffer, w. Hahnenkamm, _vānarapriyas_ ein gemeinsamer
Name der indischen Feigenbäume, w. Affenlieb, _ajamodā_ für
Kümmel, Sellerie, Liguster, w. Ziegenlab, _mṛgabhojanī_
Koloquinthenfrüchte, w. Wildspeise, nämlich der Rehe, Hirsche
etc., u. v. m. _Sūkaramaddavam_, von √(mṛḷ) gaudere (s. _AN_
vol. I. p. 94, XV, 2 = _Suttanipāto_, vv. 250, 292, _Jāt._
vol. V. p. 378 v. 176, _Dhammasaṉg._ s. v. _maddavatā_, Asokos
Delhi-Sivālik-Säulenedikt VII β, 1. 7 _madave_), wird daher
Eberlust bedeuten und der Name irgend einer essbaren Pilzart
sein. Auch wir haben ja derlei Gewächse mit ähnlichen Namen
bedacht, ex jure primi possidentis, und sagen Saubrod (eine
Erdnuss), Hirschtrüffel, Hirschschwamm, Bärwurz, Bärenklee,
Hasenampfer; vergl. auch Benennungen wie Eberesche, Kuhbaum,
Wolfsmilch, Schlangenkraut, Schaafgarbe, Geißblatt. Cundo
der Schmidt gehörte nun offenbar nicht der Jägerkaste an
und war als wohlhabender indischer Handwerker gewiss nicht
gewohnt Saubraten zu essen oder darzureichen. Am Markt
gekaufte Wurzeln, Kräuter und Schwämme dürfte er zubereiten
lassen und zum täglichen Reis mit angeboten haben. Unter die
letzteren werden unglücklicherweise auch giftige gerathen
sein und der Buddho hat es alsbald gemerkt. -- Das Verdienst
die Sache ans Licht gezogen zu haben gebührt dem Verfasser
des trefflich ausgearbeiteten »Buddhistischen Katechismus«,
Friedrich Zimmermann (Subhadra Bhikschu), s. 4. Aufl.,
Braunschweig 1894, p. 26 f. Dieser wieder verdankt, nach
persönlicher Mittheilung, die erste Anregung einem Artikel
im Journal of the Mahā-Bodhi-Society, vol. I., No. VIII. p.
2-3, Kalkutta 1892, wo der Hauspaṇḍit der Zeitschrift unsere
Stelle nach dem Kommentare Dhammapālācariyos zu _KhN_, _Udānam_
VIII., 5., (p. 81) erörtert und Aeußerungen Rhys Davids’,
Bigandets, Rockhills und Colonel Olcotts, der nachdrücklich
auf die richtige Bedeutung hinweist, wiedergiebt. Aus dem
Kommentare geht hervor, dass der Irrthum schon in den Scholien
der _Mahā Aṭṭhakathā_ aufgetischt, aber von ›Anderen‹, d.
h. besseren Beobachtern, erkannt worden ist. Die heutigen
Mönche Zeilons lassen sich über diese Frage mit der ihnen
bei solchen ἀδιαφοροις eigenen Indifferenz aus und stellen
die einander widersprechenden Erklärungen der Kommentatoren
als gleich möglich hin; doch neigen sie seit einigen Jahren,
wie sie sagen, mehr zu der eben dargelegten Ansicht. Einer
der berühmtesten Nāyakas, der ehrwürdige Terunnānse des
Maligakandapariveṇa in Kolombo Hikkaḍuwe Sumaṉgala meinte mit
verächtlichem Lächeln: Ob der Buddho vor seinem Ende Pilze
oder Fleisch, eine Brühe oder was sonst zu sich genommen
habe, sei dem Buddhisten sehr gleichgültig; er wisse: alle
Nahrung ist Elend. _Na hi āhārena suddhī ti._ Dass diese Worte
keine hohle Phrase waren konnte ich täglich beobachten. Wie
einst so schreitet auch heute noch der Mönch am Vormittag
durch das Dorf hin, alter wie junger, niemals ein Wanst,
fast immer eine schlanke, asketische Gestalt, gemessenen
Ganges, barhäuptig, kahlgeschoren wie Scipio, gesenkten
Blickes, unter der langen gelben Toga die Almosenschaale
halb verborgen im Arme, und tritt von Hütte zu Hütte, eine
kleine Weile unbeweglich wartend, ob ihm eine milde Hand einen
Bissen Speise in die Schaale senken werde; und stumm zieht er
weiter, ohne ein Wort des Grußes, ohne ein Wort des Dankes,
ohne aufzublicken, ohne eine Miene zu verziehen. Ist seine
Schaale, ein halbkugelförmiger glatter Napf von 20-25 cm
Durchmesser, nach Gutdünken voll geworden, dann kehrt er in
seine blühende Einsiedelei oder, an größeren Orten, in sein
luftiges Kloster zurück und nimmt langsam und reinlich das
Mahl ein, ohne auszuwählen, Flüssiges und Festes vermischt,
wie’s eben im Napfe sich vorfindet. Um 12½ muss er gespeist und
sich Mund und Hände gewaschen haben und braucht nun bis zum
nächsten Vormittag nicht mehr ans Essen zu denken. Und strenge
wird Zucht gehalten, eine Observanz, die in günstigem Lichte
erscheint, in entschieden günstigerem als Berichterstatter mit
gemächlichen Ohren und eiligen Augen es gelegentlich schildern.


                       DIE UEBERSETZUNG

Wer Pāli kann braucht kein geborgtes Licht; wenn die Sonne
scheint vermissen wir nicht den Mond. Um Pāli wirklich
zu verstehn sind aber, meines Erachtens, vorerst zwei Dinge
unerlässlich: 1) eine möglichst gründliche Kenntniss der
besten Saṃskṛt-Texte und wiederholte Beschäftigung mit
ihnen, und 2) jahrelang geübtes Studium der Pāli-Urkunden.
Den Kampf mit dem spröden Stoffe ohne dieses nothwendigste
Rüstzeug aufnehmen verspricht geringen Erfolg, wie viele, oft
redlich beflissene Uebersetzungen intra et extra muros deutlich
darthun. Man ist nur allzu geneigt die verhältnissmäßig leichte
Zugänglichkeit der Pāli-Texte sogleich auch für leichte
Schmelzbarkeit zu halten. Man zerlegt ein dutzend Perioden,
giebt den ungefähren Inhalt an und glaubt schon, dies wäre,
im Großen und Ganzen, alles. Ein ehrenwerther Rechtsanwalt
in Kandy, Siṇhalo-Holländer, der mich einmal mit einem
Mönche reden gehört hatte, meinte nachher: ‚Wenn ich nur
die Zeit hätte! In drei Monaten würd’ ich das ganze Pāli
bemeistert haben.‘ Er ließ sich von gelegentlichen Anklängen
ans Siṇhalesische bestechen. Wie mancher Biedermann bei
uns gleicht mit seinem bischen Saṃskṛt diesem würdigen
Holländer: nur mit dem Unterschied, dass er sich keine drei
Monate Zeit nimmt, zur »Meisterung«. Er betreibt sie sein
ganzes Leben lang, so nebenher.

Schön und gut sind nun wohl die zwei genannten unerlässlichen
Eigenschaften, doch reichen sie zu einer Uebersetzung
keineswegs hin. Am Schlusse der Anmerkungen zum West-östlichen
Divan stellt Goethe drei Arten von Uebersetzungen auf, die
prosaische, die parodistische und die identische. Die beiden
ersten seien in ihrem Sinne recht brauchbar und verdienstlich,
wahre Befriedigung könne nur die letzte gewähren. »Eine
Uebersetzung, die sich mit dem Original zu identifizieren
strebt, nähert sich zuletzt der Interlinearversion und
erleichtert höchlich das Verständniss des Originals; hiedurch
werden wir an den Grundtext hinangeführt, ja getrieben,
und so ist denn zuletzt der ganze Zirkel abgeschlossen, in
welchem sich die Annäherung des Fremden und Einheimischen, des
Bekannten und Unbekannten bewegt.« Sollte in den folgenden
Blättern jene Identität auch nur hier und da zum kleinsten
Theile sichtbar werden, dann wäre das Verständniss des
Grundtextes allerdings wesentlich leichter, obgleich nicht
mühelos geworden. Die Reden stammen zwar aus dem 6. Jahrhundert
vor Christus: aber sie machen zuweilen den Eindruck als
gehörten sie ins 6. Jahrhundert nach Schopenhauer.

    ~Wien~, im Herbst 1895.

                                  KARL EUGEN NEUMANN.



                         ERSTER THEIL

                        BUCH DER URART



                              1.

              Erster Theil            Erste Rede

                             URART


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei             1
Ukkaṭṭhā, im Lustwalde, am Fuße eines Königsbaumes. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Aller Dinge Urart will ich euch weisen, ihr Mönche: höret es
und achtet wohl auf meine Rede.«

»Ja, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Da hat einer, ihr Mönche, nichts erfahren, ist ein
gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen
Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn
für das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der
Edlen unzugänglich und nimmt die Erde als Erde, und hat er die
Erde als Erde genommen, so denkt er Erde, denkt an die Erde,
denkt über die Erde, denkt ›Mein ist die Erde‹ und freut sich
der Erde: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er
nimmt das Wasser als Wasser, und hat er das Wasser als Wasser
genommen, so denkt er Wasser, denkt an das Wasser, denkt über
das Wasser, denkt ›Mein ist das Wasser‹ und freut sich des
Wassers: und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt
das Feuer als Feuer, und hat er das Feuer als Feuer genommen,
so denkt er Feuer, denkt an das Feuer, denkt über das Feuer,
denkt ›Mein ist das Feuer‹ und freut sich des Feuers: und
warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Luft als
Luft, und hat er die Luft als Luft genommen, so denkt er Luft,
denkt an die Luft, denkt über die Luft, denkt ›Mein ist die
Luft‹ und freut sich der Luft: und warum? Weil er sie nicht
kennt, sage ich. Er nimmt die Natur als Natur, und hat er die          2
Natur als Natur genommen, so denkt er Natur, denkt an die
Natur, denkt über die Natur, denkt ›Mein ist die Natur‹ und
freut sich der Natur: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage
ich. Er nimmt die Götter als Götter, und hat er die Götter
als Götter genommen, so denkt er Götter, denkt an die Götter,
denkt über die Götter, denkt ›Mein sind die Götter‹ und freut
sich der Götter: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich.
Er nimmt den Herrn der Zeugung als Herrn der Zeugung, und
hat er den Herrn der Zeugung als Herrn der Zeugung genommen,
so denkt er den Herrn der Zeugung, denkt an den Herrn der
Zeugung, denkt über den Herrn der Zeugung, denkt ›Mein ist
der Herr der Zeugung‹ und freut sich des Herrn der Zeugung:
und warum? Weil er ihn nicht kennt, sage ich. Er nimmt den
Brahmā als Brahmā, und hat er den Brahmā als Brahmā genommen,
so denkt er den Brahmā, denkt an den Brahmā, denkt über den
Brahmā, denkt ›Mein ist Brahmā‹ und freut sich des Brahmā:
und warum? Weil er ihn nicht kennt, sage ich. Er nimmt die
Leuchtenden als Leuchtende, und hat er die Leuchtenden als
Leuchtende genommen, so denkt er die Leuchtenden, denkt an
die Leuchtenden, denkt über die Leuchtenden, denkt ›Mein sind
die Leuchtenden‹ und freut sich der Leuchtenden: und warum?
Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Strahlenden als
Strahlende, und hat er die Strahlenden als Strahlende genommen,
so denkt er die Strahlenden, denkt an die Strahlenden, denkt
über die Strahlenden, denkt ›Mein sind die Strahlenden‹ und
freut sich der Strahlenden: und warum? Weil er sie nicht
kennt, sage ich. Er nimmt die Gewaltigen als Gewaltige,
und hat er die Gewaltigen als Gewaltige genommen, so denkt
er die Gewaltigen, denkt an die Gewaltigen, denkt über die
Gewaltigen, denkt ›Mein sind die Gewaltigen‹ und freut sich
der Gewaltigen: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich.
Er nimmt den Uebermächtigen[1] als Uebermächtigen, und hat
er den Uebermächtigen als Uebermächtigen genommen, so denkt
er den Uebermächtigen, denkt an den Uebermächtigen, denkt
über den Uebermächtigen, denkt ›Mein ist der Uebermächtige‹
und freut sich des Uebermächtigen: und warum? Weil er ihn
nicht kennt, sage ich. Er nimmt die unbegränzte Raumsphäre
als unbegrenzte Raumsphäre, und hat er die unbegränzte
Raumsphäre als unbegränzte Raumsphäre genommen, so denkt er
unbegränzte Raumsphäre, denkt an die unbegränzte Raumsphäre,
denkt über die unbegränzte Raumsphäre, denkt ›Mein ist die
unbegränzte Raumsphäre‹ und freut sich der unbegränzten
Raumsphäre: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich.
Er nimmt die unbegränzte Bewusstseinsphäre als unbegränzte
Bewusstseinsphäre, und hat er die unbegränzte Bewusstseinsphäre
als unbegränzte Bewusstseinsphäre genommen, so denkt er                3
unbegränzte Bewusstseinsphäre, denkt an die unbegränzte
Bewusstseinsphäre, denkt über die unbegränzte Bewusstseinsphäre,
denkt ›Mein ist die unbegränzte Bewusstseinsphäre‹ und freut
sich der unbegrenzten Bewusstseinsphäre: und warum? Weil er
sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Nichtdaseinsphäre
als Nichtdaseinsphäre, und hat er die Nichtdaseinsphäre
als Nichtdaseinsphäre genommen, so denkt er die
Nichtdaseinsphäre, denkt an die Nichtdaseinsphäre, denkt über
die Nichtdaseinsphäre, denkt ›Mein ist die Nichtdaseinsphäre‹
und freut sich der Nichtdaseinsphäre: und warum? Weil er sie
nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Gränzscheide möglicher
Wahrnehmung als Gränzscheide möglicher Wahrnehmung, und hat
er die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung als Gränzscheide
möglicher Wahrnehmung genommen, so denkt er die Gränzscheide
möglicher Wahrnehmung, denkt an die Gränzscheide möglicher
Wahrnehmung, denkt über die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung,
denkt ›Mein ist die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung‹ und
freut sich der Gränzscheide möglicher Wahrnehmung: und warum?
Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt das Gesehene als
gesehn, und hat er das Gesehene als gesehn genommen, so denkt
er Gesehenes, denkt an das Gesehene, denkt über das Gesehene,
denkt ›Mein ist das Gesehene‹ und freut sich des Gesehenen:
und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt das
Gehörte als gehört, und hat er das Gehörte als gehört genommen,
so denkt er Gehörtes, denkt an das Gehörte, denkt über das
Gehörte, denkt ›Mein ist das Gehörte‹ und freut sich des
Gehörten: und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt
das Gedachte als gedacht, und hat er das Gedachte als gedacht
genommen, so denkt er Gedachtes, denkt an das Gedachte, denkt
über das Gedachte, denkt ›Mein ist das Gedachte‹ und freut sich
des Gedachten: und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er
nimmt das Erkannte als erkannt, und hat er das Erkannte als
erkannt genommen, so denkt er Erkanntes, denkt an das Erkannte,
denkt über das Erkannte, denkt ›Mein ist das Erkannte‹ und
freut sich des Erkannten: und warum? Weil er es nicht kennt,
sage ich. Er nimmt die Einheit als Einheit, und hat er die
Einheit als Einheit genommen, so denkt er die Einheit, denkt
an die Einheit, denkt über die Einheit, denkt ›Mein ist die
Einheit‹ und freut sich der Einheit: und warum? Weil er sie
nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Vielheit als Vielheit,
und hat er die Vielheit als Vielheit genommen, so denkt er
die Vielheit, denkt an die Vielheit, denkt über die Vielheit,
denkt ›Mein ist die Vielheit‹ und freut sich der Vielheit: und
warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt das All als
All, und hat er das All als All genommen, so denkt er das All,
denkt an das All, denkt über das All, denkt ›Mein ist das All‹         4
und freut sich des Alls: und warum? Weil er es nicht kennt,
sage ich. Er nimmt die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung[2],
und hat er die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung genommen, so
denkt er die Wahnerlöschung, denkt an die Wahnerlöschung, denkt
über die Wahnerlöschung, denkt ›Mein ist die Wahnerlöschung‹
und freut sich der Wahnerlöschung: und warum? Weil er sie nicht
kennt, sage ich.

»Wer aber, Mönche, als kämpfender Mönch, mit streitendem Busen
die unvergleichliche Sicherheit zu erringen trachtet, auch
dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als Erde
gegolten, dann soll er nicht Erde denken, nicht an die Erde
denken, nicht über die Erde denken, nicht denken ›Mein ist
die Erde‹, sich der Erde nicht freuen: und warum nicht? Damit
er sie kennen lerne, sage ich. Wasser, Feuer, Luft, Natur und
Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm als All, und
hat ihm das All als All gegolten, dann soll er nicht das All
denken, nicht an das All denken, nicht über das All denken,
nicht denken ›Mein ist das All‹, sich des Alls nicht freuen:
und warum nicht? Damit er es kennen lerne, sage ich. Die
Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die
Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann soll er nicht
die Wahnerlöschung denken, nicht an die Wahnerlöschung denken,
nicht über die Wahnerlöschung denken, nicht denken ›Mein ist
die Wahnerlöschung‹, sich der Wahnerlöschung nicht freuen: und
warum nicht? Damit er sie kennen lerne, sage ich.

»Wer aber, Mönche, als heiliger Mönch, als Wahnversieger,
Endiger, gewirkten Werkes, lastentledigt, sein Ziel vollbracht,
die Daseinsfesseln zerstört hat, in vollkommener Weisheit
erlöst ist, auch dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm               5
die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt
nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht
›Mein ist die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum
nicht? Weil er sie kennt, sage ich. Wasser, Feuer, Luft,
Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm
als All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt
er nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über
das All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht
des Alls: und warum nicht? Weil er es kennt, sage ich. Die
Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die
Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er
nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung,
denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die
Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung: und
warum nicht? Weil er sie kennt, sage ich.

»Wer aber, Mönche, als heiliger Mönch, als Wahnversieger,
Endiger, gewirkten Werkes, lastentledigt, sein Ziel vollbracht,
die Daseinsfesseln zerstört hat, in vollkommener Weisheit
erlöst ist, auch dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm
die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt
nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht
›Mein ist die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum
nicht? Weil er gierversiegt gierlos ist. Wasser, Feuer, Luft,
Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm als
All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt er
nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das
All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des
Alls: und warum nicht? Weil er gierversiegt gierlos ist. Die
Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die
Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er
nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung,
denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die
Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung: und
warum? Weil er gierversiegt gierlos ist.

»Wer aber, Mönche, als heiliger Mönch, als Wahnversieger,
Endiger, gewirkten Werkes, lastentledigt, sein Ziel vollbracht,
die Daseinsfesseln zerstört hat, in vollkommener Weisheit
erlöst ist, auch dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm
die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt
nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht
›Mein ist die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum
nicht? Weil er hassversiegt hasslos ist. Wasser, Feuer, Luft,
Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm als
All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt er
nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das
All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des
Alls: und warum nicht? Weil er hassversiegt hasslos ist. Die
Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die
Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er
nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung,
denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die
Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung: und
warum nicht? Weil er hassversiegt hasslos ist.

»Wer aber, Mönche, als heiliger Mönch, als Wahnversieger,
Endiger, gewirkten Werkes, lastentledigt, sein Ziel vollbracht,
die Daseinsfesseln zerstört hat, in vollkommener Weisheit
erlöst ist, auch dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm
die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt
nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht
›Mein ist die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum
nicht? Weil er irreversiegt irrlos ist. Wasser, Feuer, Luft,
Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm als
All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt er
nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das
All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des
Alls: und warum nicht? Weil er irreversiegt irrlos ist. Die
Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die
Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er
nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung,
denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die
Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung: und
warum nicht? Weil er irreversiegt irrlos ist.

»Und dem Vollendeten, ihr Mönche, dem Heiligen, vollkommen
Erwachten[3], gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als
Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt nicht an die
Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht ›Mein ist die             6
Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum nicht? Weil der
Vollendete sie kennt, sage ich. Wasser, Feuer, Luft, Natur und
Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt dem Vollendeten als
All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt er nicht
das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das All,
denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des Alls:
und warum nicht? Weil der Vollendete es kennt, sage ich. Die
Wahnerlöschung gilt dem Vollendeten als Wahnerlöschung, und hat
ihm die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt
er nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung,
denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die
Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung: und
warum nicht? Weil der Vollendete sie kennt, sage ich.

»Und dem Vollendeten, ihr Mönche, dem Heiligen, vollkommen
Erwachten, gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als
Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt nicht an
die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht ›Mein ist
die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum nicht?
›Genügen ist des Leidens Wurzel‹, das hat er entdeckt,
›Werden gebiert, Gewordenes altert und stirbt.‹ Darum also,
ihr Mönche, sage ich, dass der Vollendete, allem Lebensdurst
erstorben, entwöhnt, entrodet, entgangen, entwunden, in der
unvergleichlichen vollkommenen Erwachung auferwacht ist.
Wasser, Feuer, Luft, Natur und Götter, Einheit und Vielheit,
das All gilt dem Vollendeten als All, und hat ihm das All
als All gegolten, dann denkt er nicht das All, denkt nicht
an das All, denkt nicht über das All, denkt nicht ›Mein ist
das All‹ und freut sich nicht des Alls: und warum nicht?
›Genügen ist des Leidens Wurzel‹, das hat er entdeckt,
›Werden gebiert, Gewordenes altert und stirbt.‹ Darum also,
ihr Mönche, sage ich, dass der Vollendete, allem Lebensdurst
erstorben, entwöhnt, entrodet, entgangen, entwunden, in der
unvergleichlichen vollkommenen Erwachung auferwacht ist. Die
Wahnerlöschung gilt dem Vollendeten als Wahnerlöschung, und hat
ihm die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt
er nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung,
denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist
die Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung:
und warum nicht? ›Genügen ist des Leidens Wurzel‹, das hat
er entdeckt, ›Werden gebiert, Gewordenes altert und stirbt.‹
Darum also, ihr Mönche, sage ich, dass der Vollendete,
allem Lebensdurst erstorben, entwöhnt, entrodet, entgangen,
entwunden, in der unvergleichlichen vollkommenen Erwachung
auferwacht ist.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              2.

              Erster Theil            Zweite Rede

                         ALLES WÄHNEN


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Wie allem Wähnen gewehrt wird, Mönche, das will ich euch
weisen: höret es und achtet wohl auf meine Rede.«                      7

»Ja, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Dem Kenner, ihr Mönche, dem Kundigen verheiße ich
Wahnversiegung, keinem Unbekannten, keinem Unkundigen. Was soll
aber, Mönche, gekannt, was erkundet sein zur Wahnversiegung?
Gründliche Achtsamkeit und seichte Achtsamkeit. Seichte
Achtsamkeit, ihr Mönche, zeitigt neues Wähnen und lässt das
alte erstarken, gründliche Achtsamkeit, ihr Mönche, lässt neues
Wähnen nicht aufkommen und zerstört das alte.

»Es giebt, Mönche, ein Wähnen, das wissend überwunden werden
muss. Es giebt ein Wähnen, das wehrend überwunden werden muss.
Es giebt ein Wähnen, das pflegend überwunden werden muss. Es
giebt ein Wähnen, das duldend überwunden werden muss. Es giebt
ein Wähnen, das fliehend überwunden werden muss. Es giebt ein
Wähnen, das kämpfend überwunden werden muss. Es giebt ein
Wähnen, das wirkend überwunden werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das wissend
überwunden werden muss? Da hat einer, ihr Mönche, nichts
erfahren, ist ein gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das
Heilige, der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre
unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der Lehre der Edlen
unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich und erkennt
nicht was der Achtsamkeit werth ist und erkennt nicht was
der Achtsamkeit unwerth ist. Ohne Kenntniss der würdigen
Dinge, ohne Kenntniss der unwürdigen Dinge achtet er auf das
Unwürdige und nicht auf das Würdige. Was ist aber, Mönche, das
Unwürdige, das er würdigt? Durch dessen Würdigung, ihr Mönche,
neuer Wunscheswahn gezeitigt wird und alter erstarkt, neuer
Daseinswahn gezeitigt wird und alter erstarkt, neuer Irrwahn
gezeitigt wird und alter erstarkt, das ist das Unwürdige,
das er würdigt. Und was ist, ihr Mönche, das Würdige, das
er nicht würdigt? Durch dessen Würdigung, ihr Mönche, neuer
Wunscheswahn nicht aufkommen kann und alter zerstört wird,
neuer Daseinswahn nicht aufkommen kann und alter zerstört wird,
neuer Irrwahn nicht aufkommen kann und alter zerstört wird, das
ist das Würdige, das er nicht würdigt. Und indem er unwürdige          8
Dinge würdigt und würdige Dinge nicht würdigt erhebt sich neues
Wähnen in ihm und das alte erstarkt.

»Und seicht erwägt er also: ›Bin ich wohl in den vergangenen
Zeiten gewesen? Oder bin ich nicht gewesen? Was bin ich wohl
in den vergangenen Zeiten gewesen? Wie bin ich wohl in den
vergangenen Zeiten gewesen? Was geworden bin ich dann was
gewesen? Werd’ ich wohl in den zukünftigen Zeiten sein? Oder
werde ich nicht sein? Was werd’ ich wohl in den zukünftigen
Zeiten sein? Wie werd’ ich wohl in den zukünftigen Zeiten sein?
Was geworden werd’ ich dann was sein?‹ Und auch die Gegenwart
erfüllt ihn mit Zweifeln: ›Bin ich denn? Oder bin ich nicht?
Was bin ich? Und wie bin ich? Dieses Wesen da, woher ist das
wohl gekommen? Und wohin wird es gehn?‹

»Und bei solchen seichten Erwägungen kommt er zu dieser oder zu
jener der sechs Ansichten: die Ansicht ›Ich habe eine Seele‹
wird ihm zur festen Ueberzeugung, oder die Ansicht ›Ich habe
keine Seele‹ wird ihm zur festen Ueberzeugung, oder die Ansicht
›Beseelt ahn’ ich Beseelung‹ wird ihm zur festen Ueberzeugung,
oder die Ansicht ›Beseelt ahn’ ich Entseelung‹ wird ihm zur
festen Ueberzeugung, oder die Ansicht ›Entseelt ahn’ ich
Beseelung‹ wird ihm zur festen Ueberzeugung, oder aber er kommt
zur folgenden Ansicht: ›Mein selbiges Selbst, sag’ ich, findet
sich wieder, wenn es da und dort den Lohn guter und böser
Werke genießt, und dieses mein Selbst ist dauernd, beharrend,
ewig, unwandelbar, wird sich ewiglich also gleich bleiben.‹
Das nennt man, ihr Mönche, Gasse der Ansichten, Höhle der
Ansichten, Schlucht der Ansichten, Dorn der Ansichten, Hag der
Ansichten, Garn der Ansichten. Ins Garn der Ansichten gerathen,
ihr Mönche, wird der unerfahrene Erdensohn nicht frei vom
Geborenwerden, Altern und Sterben, von Kummer, Jammer, Schmerz,
Gram und Verzweiflung, er wird nicht frei, sag’ ich, vom Leiden.

»Doch der erfahrene heilige Jünger, ihr Mönche, merkt das
Heilige, ist der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre
wohlzugänglich, merkt das Edle, ist der Lehre der Edlen
kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich und erkennt was
der Achtsamkeit werth ist und erkennt was der Achtsamkeit
unwerth ist. Bekannt mit den würdigen Dingen, bekannt mit den
unwürdigen Dingen achtet er nicht des Unwürdigen sondern des           9
Würdigen. Was ist aber, Mönche, das Unwürdige, das er nicht
würdigt? Durch dessen Würdigung, ihr Mönche, neuer Wunscheswahn
gezeitigt wird und alter erstarkt, neuer Daseinswahn gezeitigt
wird und alter erstarkt, neuer Irrwahn gezeitigt wird und alter
erstarkt, das ist das Unwürdige, das er nicht würdigt. Und was
ist, ihr Mönche, das Würdige, das er würdigt? Durch dessen
Würdigung, ihr Mönche, neuer Wunscheswahn nicht aufkommen kann
und alter zerstört wird, neuer Daseinswahn nicht aufkommen kann
und alter zerstört wird, neuer Irrwahn nicht aufkommen kann
und alter zerstört wird, das ist das Würdige, das er würdigt.
Und indem er unwürdige Dinge nicht würdigt und würdige Dinge
würdigt kommt neues Wähnen nicht auf und das alte vergeht.

»›Das ist das Leiden‹ erwägt er gründlich. ›Das ist die
Leidensentwicklung‹ erwägt er gründlich. ›Das ist die
Leidensauflösung‹ erwägt er gründlich. ›Das ist der zur
Leidensauflösung führende Pfad‹ erwägt er gründlich.

»Und bei solcher gründlicher Erwägung lösen sich ihm drei
Umgarnungen auf: der Glaube an Persönlichkeit, Zweifelsucht,
sich klammern an Tugendwerk.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das wissend überwunden
werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das wehrend
überwunden werden muss? Da wahrt sich, ihr Mönche, ein Mönch
Besonnenheit als gründliche Wehr und Waffe des Gesichts. Denn
ließ’ er, ihr Mönche, sein Gesicht wehrlos gewähren, so käme
verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn; doch das wehrlich
gewahrte Gesicht hält das verstörende, sehrende Wähnen von ihm
ab. Besonnenheit wahrt er sich als gründliche Wehr und Waffe
des Gehörs. Denn ließ’ er, ihr Mönche, sein Gehör wehrlos
gewähren, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn; doch
das wehrlich gewahrte Gehör hält das verstörende, sehrende
Wähnen von ihm ab. Besonnenheit wahrt er sich als gründliche
Wehr und Waffe des Geruchs. Denn ließ’ er, ihr Mönche, seinen
Geruch wehrlos gewähren, so käme verstörendes, sehrendes
Wähnen über ihn; doch der wehrlich gewahrte Geruch hält das
verstörende, sehrende Wähnen von ihm ab. Besonnenheit wahrt
er sich als gründliche Wehr und Waffe des Geschmacks. Denn
ließ’ er, ihr Mönche, seinen Geschmack wehrlos gewähren, so
käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn; doch der wehrlich
gewahrte Geschmack hält das verstörende, sehrende Wähnen von
ihm ab. Besonnenheit wahrt er sich als gründliche Wehr und
Waffe des Getasts. Denn ließ’ er, ihr Mönche, sein Getast
wehrlos gewähren, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über
ihn; doch das wehrlich gewahrte Getast hält das verstörende,
sehrende Wähnen von ihm ab. Besonnenheit wahrt er sich als
gründliche Wehr und Waffe des Gedenkens. Denn ließ’ er, ihr
Mönche, sein Gedenken wehrlos gewähren, so käme verstörendes,
sehrendes Wähnen über ihn; doch das wehrlich gewahrte Gedenken
hält das verstörende, sehrende Wähnen von ihm ab. Ließ’ er sich
also, ihr Mönche, wehrlos gehn, so käme verstörendes, sehrendes
Wähnen über ihn; doch wehrlich gewahrt hält er das verstörende,       10
sehrende Wähnen von sich ab.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das wehrend überwunden
werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das pflegend
überwunden werden muss? Da pflegt, ihr Mönche, ein Mönch
gründlich besonnen der Kutte, nur um sich vor Kälte zu
schützen, vor Hitze zu schützen, nur um sich vor Wind und
Wetter, vor Mücken und Wespen und plagenden Kriechthieren zu
schützen, nur um die Schaam und Schande bedecken zu können.
Gründlich besonnen pflegt er der Almosenspeise, nicht etwa
zur Letzung und Ergetzung, nicht zur Schmuckheit und Zier,
sondern nur um diesen Körper zu erhalten, zu fristen, um
Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben führen zu können:
›So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten und ein neues Gefühl
nicht aufkommen lassen, und ich werde ein Fortkommen haben,
ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden.‹ Gründlich besonnen
pflegt er der Lagerstatt, nur um sich vor Kälte zu schützen,
vor Hitze zu schützen, nur um sich vor Wind und Wetter, vor
Mücken und Wespen und plagenden Kriechthieren zu schützen, nur
um den Unbilden der Jahreszeit auszuweichen, um Ruhe genießen
zu können. Gründlich besonnen pflegt er der Arzeneien im Fall
einer Krankheit, nur um anfällige niederzerrende Gefühle zu
beschwichtigen, mit der Unabhängigkeit als letztem Ziel. Weil
ihn also, ihr Mönche, ohne Pflege verstörendes, sehrendes
Wähnen ergriffe, nimmt er der Pflege wahr und hält das
verstörende, sehrende Wähnen von sich ab.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das pflegend überwunden
werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das duldend
überwunden werden muss? Da erträgt, ihr Mönche, ein Mönch
gründlich besonnen Kälte und Hitze, Hunger und Durst, Wind
und Wetter, Mücken und Wespen und plagende Kriechthiere,
boshafte, böswillige Redeweisen, körperliche Schmerzgefühle,
die ihn treffen, heftige, schneidende, stechende, unangenehme,
leidige, lebensgefährliche dauert er duldend aus. Denn würde
er ungeduldig, ihr Mönche, so käme verstörendes, sehrendes
Wähnen über ihn: darum bleibt er geduldig und entgeht dem
verstörenden, sehrenden Wähnen.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das duldend überwunden
werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das fliehend
überwunden werden muss? Da flieht, ihr Mönche, ein Mönch
gründlich besonnen einen wüthenden Elephanten, ein wüthendes
Pferd, einen wüthenden Stier, einen wüthenden Hund, er flieht
Schlangen, meidet abgeholzten Grund, Dornengestrüpp, Klinzen
und Klüfte, Pfützen und Sümpfe. Orte, die zum Weilen nicht            11
taugen, Plätze, die zum Wandeln nicht taugen, Freunde, die zum
Verkehr nicht taugen, von erfahrenen Ordensbrüdern entsprechend
missbilligt würden, solche Orte, solche Plätze, solche Freunde
flieht er, gründlich besonnen. Denn wollte er nicht fliehn, ihr
Mönche, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn: darum
flieht er und entgeht dem verstörenden, sehrenden Wähnen.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das fliehend überwunden
werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das kämpfend
überwunden werden muss? Da gönnt, ihr Mönche, ein Mönch
gründlich besonnen einem aufgestiegenen Wunschgedanken keinen
Raum, verleugnet ihn, vertreibt ihn, vertilgt ihn, erstickt
ihn im Keime; gönnt einem aufgestiegenen Hassgedanken keinen
Raum, verleugnet ihn, vertreibt ihn, vertilgt ihn, erstickt
ihn im Keime; gönnt einem aufgestiegenen Wuthgedanken keinen
Raum, verleugnet ihn, vertreibt ihn, vertilgt ihn, erstickt
ihn im Keime; gönnt diesen und jenen schlechten, verderblichen
Gedanken, die aufsteigen, keinen Raum, verleugnet sie,
vertreibt sie, vertilgt sie, erstickt sie im Keime. Gäbe er
aber nach, ihr Mönche, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen
über ihn: darum kämpft er und bleibt frei vom verstörenden,
sehrenden Wähnen.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das kämpfend überwunden
werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das wirkend
überwunden werden muss? Da wirkt, ihr Mönche, ein Mönch
gründlich besonnen der Einsicht Erweckung, die abgeschieden
gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in
Endsal übergeht. Gründlich besonnen wirkt er des Tiefsinns
Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte,
ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Gründlich
besonnen wirkt er der Kraft Erweckung, die abgeschieden
gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in
Endsal übergeht. Gründlich besonnen wirkt er der Heiterkeit
Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte,
ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Gründlich besonnen
wirkt er der Lindheit Erweckung, die abgeschieden gezeugte,
abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht.
Gründlich besonnen wirkt er der Innigkeit Erweckung, die
abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte,
die in Endsal übergeht. Gründlich besonnen wirkt er des
Gleichmuths Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst
gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Weil er
also, ihr Mönche, ohne Wirken verstörendem, sehrendem Wähnen
erläge, wirkt er, und kein verstörendes, sehrendes Wähnen kommt
ihn an.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das wirkend überwunden
werden muss.

»Hat nun, ihr Mönche, ein Mönch das Wähnen, das wissend
überwunden werden muss, wissend überwunden, das Wähnen,
das wehrend überwunden werden muss, wehrend überwunden,
das Wähnen, das pflegend überwunden werden muss, pflegend
überwunden, das Wähnen, das duldend überwunden werden muss,
duldend überwunden, das Wähnen, das fliehend überwunden werden
muss, fliehend überwunden, das Wähnen, das kämpfend überwunden        12
werden muss, kämpfend überwunden, das Wähnen, das wirkend
überwunden werden muss, wirkend überwunden: so nennt man
ihn, Mönche, einen Mönch, der gegen alles Wähnen gefeit ist.
Abgeschnitten hat er den Lebensdurst, weggeworfen die Fessel,
durch vollständige Dünkeleroberung ein Ende gemacht dem Leiden.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              3.

              Erster Theil            Dritte Rede

                        ERBEN DER LEHRE


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Erben der Lehre seid mir, Mönche, nicht Erben der Nothdurft!
Aus Mitleid red’ ich also zu euch: O dass meine Jünger Erben
der Lehre seien und nicht Erben der Nothdurft.

»Wäret ihr, meine Mönche, Erben der Nothdurft, nicht Erben der
Lehre, so zeigte man auf euch und spräche: ›Erben der Nothdurft
sind sie, die Jünger des Meisters, nicht Erben der Lehre‹, und
auch auf mich deutete man: ›Erben der Nothdurft sind sie, die
Jünger des Meisters, nicht Erben der Lehre.‹ Wollt ihr nun,
meine Mönche, Erben der Lehre sein, nicht Erben der Nothdurft,
dann zeiht euch wohl keiner: ›Erben der Lehre sind sie, die
Jünger des Meisters, nicht Erben der Nothdurft‹, und keiner
wird mich zeihen: ›Erben der Lehre sind sie, die Jünger des
Meisters, nicht Erben der Nothdurft.‹ Daher sollt ihr euch,
meine Mönche, als Erben der Lehre erweisen, nicht als Erben
der Nothdurft. Aus Mitleid red’ ich also zu euch: O dass meine
Jünger Erben der Lehre seien und nicht Erben der Nothdurft.

»Wenn ich da, Mönche, zu Mittag die genügende, vollgemessene
Mahlzeit beendet habe, hinreichend satt geworden bin, und es
bleibt mir vom Almosen ein Rest übrig, den ich nicht mehr
einnehme, der nun aus der Schaale entleert werden muss, und es
kommen zwei Mönche heran, aufgerieben von Hunger und Schwäche:        13
da werd’ ich sie einladen: ›Ich habe, ihr Mönche, zu Mittag
die genügende, vollgemessene Mahlzeit beendet, bin hinreichend
satt geworden, und es bleibt mir vom Almosen ein Rest übrig,
den ich nicht mehr einnehme, der nun aus der Schaale entleert
werden muss; wollt ihr, so nehmt ihn, wo nicht, so werd’ ich
ihn jetzt auf grasfreien Grund ausleeren oder in fließendes
Wasser schütten.‹ Da gedächte der eine der Mönche: ›Der
Erhabene hat zu Mittag die genügende, vollgemessene Mahlzeit
beendet, ist hinreichend satt geworden, und dieser Rest da ist
vom Almosen übrig geblieben, muss vertilgt werden; nehmen wir
ihn nicht an, so leert ihn der Erhabene auf grasfreien Grund
oder in fließendes Wasser aus. Aber ich kenne ja das Wort des
Erhabenen: ‚Erben der Lehre seid mir, Mönche, nicht Erben
der Nothdurft!‘ Zur Nothdurft gehört auch ein Almosenbissen;
wie, wenn ich nun diesen Bissen verschmähte und hungrig und
schwach, wie ich bin, bis morgen Mittag aushielte?‹ Und er
verschmähte den Bissen und beschiede sich trotz seines Hungers,
trotz seiner Schwäche bis zum Mahle des folgenden Tages. Doch
der andere Mönch gedächte: ›Der Erhabene hat zu Mittag die
genügende, vollgemessene Mahlzeit beendet, ist hinreichend satt
geworden, und dieser Rest da ist vom Almosen übrig geblieben,
muss vertilgt werden; wie, wenn ich nun diesen Bissen
annähme, mich von Hunger und Schwäche erholte und also den
Tag zubrächte?‹ Und er nähme den Bissen an, erholte sich von
Hunger und Schwäche und brächte den Tag also zu. Immerhin mag,
ihr Mönche, dieser Mönch den Bissen annehmen, sich von Hunger
und Schwäche erholen und also den Tag zubringen: aber jener
andere, mein erster Mönch, ist würdiger und vorzüglicher. Und
warum? Weil es ihn eben, ihr Mönche, lange Zeit fördern wird in
seiner Genugsamkeit, Zufriedenheit, Ledigkeit, Leichtigkeit,
Beharrlichkeit.[4] Daher sollt ihr euch, meine Mönche, als
Erben der Lehre erweisen, nicht als Erben der Nothdurft. Aus
Mitleid red’ ich also zu euch: O dass meine Jünger Erben der
Lehre seien und nicht Erben der Nothdurft.«

Also sprach der Erhabene. Nach diesen Worten stand der
Willkommene vom Sitze auf und zog sich in das Wohnhaus zurück.

Da wandte sich nun der ehrwürdige Sāriputto, bald nachdem
der Erhabene fortgegangen war, an die Mönche: »Brüder Mönche!«
-- »Bruder!« antworteten da jene Mönche dem ehrwürdigen               14
Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto sprach also:

»Hat sich der Meister, ihr Brüder, zurückgezogen, wie pflegen
dann die Jünger der Einsamkeit nicht? Und hat sich der Meister,
ihr Brüder, zurückgezogen, wie pflegen dann die Jünger der
Einsamkeit?«

»Selbst von weit her, Bruder, würden wir kommen, gält’ es beim
ehrwürdigen Sāriputto darüber Aufschluss zu erhalten, gut wär’
es wohl, wenn sich doch der ehrwürdige Sāriputto in dieser
Sache vernehmen ließe! Das Wort des ehrwürdigen Sāriputto
werden wir bewahren.«

»Wohlan denn, Brüder, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«

»Freilich, Bruder!« antworteten da jene Mönche dem ehrwürdigen
Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto sprach also:

»Da pflegen, ihr Brüder, die Jünger des einsam weilenden
Meisters der Einsamkeit nicht; und was der Meister als
verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie nicht; und
anspruchsvoll werden sie und aufdringlich, suchen vor allem
Gesellschaft, fliehen die Einsamkeit als lästige Last. Somit,
ihr Brüder, gereichen drei Fälle den älteren Mönchen zur
Schande: ›Der Meister weilt einsam zurückgezogen, aber die
Jünger pflegen der Einsamkeit nicht‹, das ist der erste Fall,
der den älteren Mönchen zur Schande gereicht; ›und was der
Meister als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie
nicht‹, das ist der zweite Fall, der den älteren Mönchen zur
Schande gereicht; ›und anspruchsvoll sind sie und aufdringlich,
suchen vor allem Gesellschaft, fliehen die Einsamkeit als
lästige Last‹, das ist der dritte Fall, der den älteren Mönchen
zur Schande gereicht. Den älteren Mönchen also, Brüder,
gereichen diese drei Fälle zur Schande. Und den mittleren
Mönchen, Brüder, und den neuen Mönchen, Brüder, gereichen drei
Fälle zur Schande: ›Der Meister weilt einsam zurückgezogen,
aber die Jünger pflegen der Einsamkeit nicht‹, das ist der
erste Fall, der den mittleren Mönchen, der den neuen Mönchen
zur Schande gereicht; ›und was der Meister als verwerflich
bezeichnet hat, das verwerfen sie nicht‹, das ist der zweite
Fall, der den mittleren Mönchen, der den neuen Mönchen zur
Schande gereicht; ›und anspruchsvoll sind sie und aufdringlich,
suchen vor allem Gesellschaft, fliehen die Einsamkeit als
lästige Last‹, das ist der dritte Fall, der den mittleren
Mönchen, der den neuen Mönchen zur Schande gereicht. Den
mittleren Mönchen also, Brüder, den neuen Mönchen also, Brüder,
gereichen diese drei Fälle zur Schande. Das ist die Art, ihr
Brüder, wie die Jünger des einsam weilenden Meisters Einsamkeit
scheuen.

»Wie wird nun, ihr Brüder, von den Jüngern des einsam weilenden       15
Meisters Einsamkeit geübt? Da pflegen, ihr Brüder, die Jünger
des einsam weilenden Meisters der Einsamkeit; und was der
Meister als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie; und
sie werden nicht anspruchsvoll, nicht aufdringlich, fliehen
Gesellschaft als lästige Last, suchen vor allem Einsamkeit.
Somit, ihr Brüder, gereichen drei Fälle den älteren Mönchen
zur Ehre: ›Der Meister weilt einsam zurückgezogen und die
Jünger pflegen der Einsamkeit‹, das ist der erste Fall, der
den älteren Mönchen zur Ehre gereicht; ›und was der Meister
als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie‹, das ist
der zweite Fall, der den älteren Mönchen zur Ehre gereicht:
›und sie sind nicht anspruchsvoll, nicht aufdringlich, fliehen
Gesellschaft als lästige Last, suchen vor allem Einsamkeit‹,
das ist der dritte Fall, der den älteren Mönchen zur Ehre
gereicht. Den älteren Mönchen also, Brüder, gereichen diese
drei Fälle zur Ehre. Und den mittleren Mönchen, Brüder, und
den neuen Mönchen, Brüder, gereichen drei Fälle zur Ehre: ›Der
Meister weilt einsam zurückgezogen und die Jünger pflegen der
Einsamkeit‹, das ist der erste Fall, der den mittleren Mönchen,
der den neuen Mönchen zur Ehre gereicht; ›und was der Meister
als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie‹, das ist der
zweite Fall, der den mittleren Mönchen, der den neuen Mönchen
zur Ehre gereicht; ›und sie sind nicht anspruchsvoll, nicht
aufdringlich, fliehen Gesellschaft als lästige Last, suchen vor
allem Einsamkeit‹, das ist der dritte Fall, der den mittleren
Mönchen, der den neuen Mönchen zur Ehre gereicht. Den mittleren
Mönchen also, Brüder, den neuen Mönchen also, Brüder, gereichen
diese drei Fälle zur Ehre. Das ist die Art, ihr Brüder, wie die
Jünger des einsam weilenden Meisters Einsamkeit üben.

»Nun merket, Brüder: Gier ist vom Uebel und Hass ist vom Uebel
und es giebt einen Mittelweg um der Gier zu entgehn und dem
Hass zu entgehn, einen Weg, der sehend und wissend macht, zur
Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung führt. Was ist
das aber, Brüder, für ein Mittelweg, der sehend und wissend
macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung
führt? Dieser heilige achtfältige Pfad ist es eben, und zwar:
rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes
Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte
Einigung. Das, ihr Brüder, ist der Mittelweg, der sehend und
wissend macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung
führt. Und Zorn, Brüder, und Zwietracht ist vom Uebel, und
Häuchelei und Neid ist vom Uebel, und Eiferung und Eigensucht
ist vom Uebel, und Trug und List ist vom Uebel, und Starrsinn
und Ungestüm ist vom Uebel, und Stolz und Dünkel ist vom
Uebel, und Lauheit und Lässigkeit ist vom Uebel und es giebt
einen Mittelweg um der Lauheit zu entgehn und der Lässigkeit
zu entgehn, einen Weg, der sehend und wissend macht, zur
Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung führt. Was ist           16
das aber, Brüder, für ein Mittelweg, der sehend und wissend
macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung
führt? Dieser heilige achtfältige Pfad ist es eben, und zwar:
rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes
Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte
Einigung. Das, ihr Brüder, ist der Mittelweg, der sehend und
wissend macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung
führt.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der ehrwürdige Sāriputto. Zufrieden freuten sich
jene Mönche über das Wort des ehrwürdigen Sāriputto.



                              4.

              Erster Theil            Vierte Rede

                       FURCHT UND ANGST


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Da kam
nun Jāṇussoṇi, ein Brāhmane, zum Erhabenen hin, begrüßte den
Erhabenen ehrerbietig, wechselte freundliche, denkwürdige Worte
mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite
sitzend wandte sich nun der Brāhmane Jāṇussoṇi also an den
Erhabenen:

»Die edlen Söhne hier, o Gotamo, die um des verehrten Gotamo
willen, aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit
gezogen sind, die folgen dem verehrten Gotamo nach, halten
den verehrten Gotamo hoch, haben den verehrten Gotamo zum
Lenker erkoren, und des verehrten Gotamo Lebensansicht und
Lebensführung wird diesen Leuten zur eigenen.«

»So ist es, Brāhmane, so ist es, Brāhmane. Die edlen Söhne            17
hier, Brāhmane, die um meinetwillen, aus Zuversicht vom Hause
fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, die folgen mir nach,
halten mich hoch, haben mich zum Lenker erkoren, und meine
Lebensansicht und Lebensführung wird diesen Leuten zur eigenen.«

»Schwer lebt es sich aber, o Gotamo, im tiefen Walde, an
abgelegenen Orten, schwer ist es Einsamkeit zu pflegen, schwer
Alleinsein genießen; die Waldschluchten müssen wohl einem
Mönche, der keine Fassung gewinnen kann, das Herz im Leibe
stocken lassen.«

»So ist es, Brāhmane, so ist es, Brāhmane. Schwer lebt es
sich freilich, Brāhmane, im tiefen Walde, an abgelegenen
Orten, schwer ist es Einsamkeit zu pflegen, schwer Alleinsein
genießen; die Waldschluchten müssen wohl einem Mönche, der
keine Fassung gewinnen kann, das Herz im Leibe stocken lassen.

»Auch mir, Brāhmane, ist es, noch vor der vollen Erwachung,
dem unvollkommen Erwachten, Erwachung erst Erringenden[5],
also ergangen: ›Schwer lebt es sich, ach, im tiefen Walde, an
abgelegenen Orten, schwer ist es Einsamkeit zu pflegen, schwer
Alleinsein genießen; die Waldschluchten müssen ja einem Mönche,
der keine Fassung gewinnen kann, das Herz im Leibe stocken
lassen.‹

»Da sagte ich mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die, an Thaten ungeläutert, tief im Walde abgelegene
Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil ihr Thun nicht
geläutert ist, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich,
an Thaten nicht ungeläutert, tief im Walde abgelegene Orte
aufsuche, übe lauteres Thun: habt ihr Heilige, die, lauter an
Thaten, tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich
einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Lauterkeit
des Thuns eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die, an Worten ungeläutert, tief im Walde abgelegene
Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil ihre Rede nicht
geläutert ist, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich,
an Worten nicht ungeläutert, tief im Walde abgelegene Orte
aufsuche, übe lautere Rede: habt ihr Heilige, die, lauter an
Worten, tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich
einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Lauterkeit
der Rede eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die, an Gedanken ungeläutert, tief im Walde
abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil ihr Denken
nicht geläutert ist, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der
ich, an Gedanken nicht ungeläutert, tief im Walde abgelegene
Orte aufsuche, übe lauteres Denken: habt ihr Heilige, die,
lauter an Gedanken, tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen,
so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese
Lauterkeit des Denkens eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am
Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die ungeläuterten Wesens tief im Walde abgelegene
Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil ihr Wesen nicht
geläutert ist, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich
nicht ungeläuterten Wesens tief im Walde abgelegene Orte
aufsuche, übe lauteres Wesen: habt ihr Heilige, die lauteren
Wesens tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich
einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Lauterkeit
des Wesens eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die begierig, voller heftiger Wünsche tief im
Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie
begierig, von heftigen Wünschen erfüllt sind, schuldige Furcht
und Angst; ich aber, der ich nicht begierig, nicht voller
heftiger Wünsche tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin
ohne Begier: habt ihr Heilige, die ohne Begier tief im Walde
abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als           18
ich, Brāhmane, merkte, diese Begierlosigkeit eigne mir, nahm
mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die gehässig, verbitterten Sinnes tief im Walde
abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie
gehässig, verbitterten Sinnes sind, schuldige Furcht und Angst;
ich aber, der ich ohne Hass, ohne Verbitterung tief im Walde
abgelegene Orte aufsuche, fühle Mitleid: habt ihr Heilige, die
mitleidig tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich
einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, dieses Mitleid
eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die matt und müde tief im Walde abgelegene Orte
aufsuchen, die erfahren, eben weil sie sich von matter Müde
beschleichen lassen, schuldige Furcht und Angst; ich aber,
der ich matter Müde wehrend tief im Walde abgelegene Orte
aufsuche, bin frei von matter Müde: habt ihr Heilige, die frei
von matter Müde tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin
ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese matte
Müde sei mir fremd, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die aufgeregt, unruhigen Geistes tief im Walde
abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie
aufgeregt, unruhigen Geistes sind, schuldige Furcht und Angst;
ich aber, der ich ohne Erregung, ohne Unruhe tief im Walde
abgelegene Orte aufsuche, weile ruhigen Gemüthes: habt ihr
Heilige, die ruhigen Gemüthes tief im Walde abgelegene Orte
aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane,
merkte, diese Ruhe eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am
Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen
oder Brāhmanen, die schwankend und zweifelnd tief im Walde
abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie
schwankenden, unsicheren Geistes sind, schuldige Furcht und
Angst; ich aber, der ich sicher und zweifellos tief im Walde
abgelegene Orte aufsuche, bin meiner Sache gewiss: habt ihr
Heilige, die ihrer Sache gewiss tief im Walde abgelegene Orte
aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane,
merkte, diese Gewissheit eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am         19
Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die mit Selbstlob und Nächstentadel tief im Walde
abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie sich
brüsten und andere verachten, schuldige Furcht und Angst; ich
aber, der ich ohne mich zu brüsten, ohne andere zu verachten
tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin frei von Selbstlob
und Nächstentadel: habt ihr Heilige, die frei von Selbstlob
und Nächstentadel tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so
bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, Selbstlob
und Nächstentadel sei mir fremd, nahm mein Wohlgefallen am
Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die zitternd und zagend tief im Walde abgelegene
Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie zittern und zagen,
schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich ohne Zittern,
ohne Zagen tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin frei von
Zittern und Zagen: habt ihr Heilige, die frei von Zittern und
Zagen tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer
von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, Zittern und Zagen sei
mir fremd, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die nach Gaben, Ehre und Ansehn geizend tief im
Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie
Gaben, Ehre und Ansehn erhoffen, schuldige Furcht und Angst;
ich aber, der ich Gaben, Ehre und Ansehn verschmähend tief
im Walde abgelegene Orte aufsuche, bescheide mich: habt ihr
Heilige, die sich bescheidend tief im Walde abgelegene Orte
aufsuchen, so hin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane,
merkte, diese Bescheidenheit eigne mir, nahm mein Wohlgefallen
am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die gebrochen und muthlos tief im Walde abgelegene
Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie gebrochen und
muthlos sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich
ungebrochen, nicht muthlos tief im Walde abgelegene Orte
aufsuche, bin standhaft: habt ihr Heilige, die standhaft tief
im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von
ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Standhaftigkeit eigne
mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder           20
Brāhmanen, die mit verstörter, trüber Vernunft tief im Walde
abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie
verstörter, trüber Vernunft sind, schuldige Furcht und Angst;
ich aber, der ich ohne Verstörung, ohne Trübung tief im Walde
abgelegene Orte aufsuche, bin bei klarer Vernunft: habt ihr
Heilige, die bei klarer Vernunft tief im Walde abgelegene Orte
aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane,
merkte, diese klare Vernunft eigne mir, nahm mein Wohlgefallen
am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die unsteten, zerstreuten Sinnes tief im Walde
abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie unstet
und zerstreut sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der
ich nicht unstet, nicht zerstreut tief im Walde abgelegene Orte
aufsuche, bin gefasst: habt ihr Heilige, die gefasst tief im
Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹
Als ich, Brāhmane, merkte, diese Fassung eigne mir, nahm mein
Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die thörig und stumpf tief im Walde abgelegene Orte
aufsuchen, die erfahren, eben weil sie thörig und stumpf sind,
schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich nicht thörig,
nicht stumpf tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin weise:
habt ihr Heilige, die weise tief im Walde abgelegene Orte
aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane,
merkte, diese Weisheit eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am
Waldleben zu.

»Da sagte ich mir, Brāhmane: ›Wie, wenn ich nun in gewissen,
verrufenen Nächten, bei Vollmond und bei Neumond, bei
zunehmendem und bei abnehmendem Viertel Grabhügel in Hainen,
in Wäldern, unter Bäumen aufsuchte, an Stätten des Grauens
und Entsetzens weilte, damit ich doch erführe, was es mit
jener Furcht und Angst sei?‹ Und im Laufe der Zeit, Brāhmane,
suchte ich in gewissen, verrufenen Nächten, bei Vollmond und
bei Neumond, beim ersten und beim letzten Viertel Grabhügel
auf, in Hainen, in Wäldern, unter Bäumen, weilte an Stätten
des Grauens und Entsetzens. Da saß ich nun, Brāhmane, und ein
Reh kam herbei, oder ein Waldhuhn knickte einen Ast, oder Wind        21
schüttelte das Laubwerk. Ich aber dachte: ›Hier wird sich wohl
jene Furcht und Angst einstellen.‹ Und ich sagte mir, Brāhmane:
›Was wart’ ich denn unverwandt auf das Erscheinen der Furcht?
Wie, wenn ich nun, sobald sich jene Furcht und Angst irgend
zeigen sollte, auch schon alsbald jener Furcht und Angst
begegnete?‹ Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, kam über mich,
als ich auf und ab ging. Aber weder stand ich da, Brāhmane,
still, noch setzte ich mich nieder, noch legte ich mich hin,
bis ich auf und ab gehend jener Furcht und Angst begegnet
hatte. Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, fand sich ein als
ich stille stand. Aber weder ging ich da, Brāhmane, auf und
ab, noch setzte ich mich nieder, noch legte ich mich hin, bis
ich stille stehend jener Furcht und Angst begegnet hatte. Und
jene Furcht und Angst, Brāhmane, nahte mir als ich saß. Aber
weder legte ich mich da, Brāhmane, hin, noch stand ich auf,
noch ging ich umher, bis ich sitzend jener Furcht und Angst
begegnet hatte. Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, kam heran
als ich lag. Aber weder hob ich mich da, Brāhmane, empor, noch
stand ich auf, noch ging ich hin und her, bis ich liegend jener
Furcht und Angst begegnet hatte.

»Doch giebt es, Brāhmane, manche Asketen und Brāhmanen, die
halten die Nacht für Tag und den Tag für Nacht. Das nenn’ ich,
Brāhmane, einen Wahn jener Asketen und Brāhmanen. Ich aber,
Brāhmane, halte die Nacht für Nacht und den Tag für Tag. Wer
nun, Brāhmane, mit Recht von einem Manne sagen kann: ›Ein
wahnloses Wesen ist in der Welt erschienen, vielen zum Wohle,
vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen, Wohle und
Heile für Götter und Menschen‹, der kann eben von mir mit Recht
sagen: ›Ein wahnloses Wesen ist in der Welt erschienen, vielen
zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen,
Wohle und Heile für Götter und Menschen.‹

»Standhaft aber, Brāhmane, hielt ich aus, ohne zu wanken, bei
klarer Vernunft, ohne Verstörung, gestillten Körpers, ohne
Regung, gefassten Gemüthes, einig. Gar fern von Begierden,
fern von unheilsamen Dingen weilte ich da, Brāhmane, in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, erwirkte die
Weihe der ersten Schauung.

»Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewann ich die
innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen,        22
von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit,
die Weihe der zweiten Schauung.

»In heiterer Ruhe verweilte ich gleichmüthig, einsichtig,
klar bewusst, ein Glück empfand ich im Körper, von dem die
Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹;
so erwirkte ich die Weihe der dritten Schauung.

»Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des
einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkte ich die Weihe der
leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen
Reine, die vierte Schauung.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. Ich erinnerte mich an manche verschiedene
frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei
Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf
Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann
an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig
Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann
an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen
Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein
Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren,
so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo
wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich,
dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein
Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein
Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein.‹ So
erinnerte ich mich mancher verschiedenen früheren Daseinsform,
mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen
Beziehungen. Dieses Wissen, Brāhmane, hatte ich nun in den
ersten Stunden der Nacht als erstes errungen, das Nichtwissen
zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht
gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich weilte.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss des
Verschwindens-Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sah
ich die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und
edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich
erkannte wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese
lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,
in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten
zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes;
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf
den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere
Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan,       23
in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan,
tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der
Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute
Fährte, in sälige Welt.‹ So sah ich mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die
Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,
schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkannte
wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Dieses Wissen,
Brāhmane, hatte ich nun in den mittleren Stunden der Nacht
als zweites errungen, das Nichtwissen zertheilt, das Wissen
gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht gewonnen, wie ich da
ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich weilte.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Leidensauflösung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das
ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ verstand ich der
Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ verstand ich der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ verstand ich der Wahrheit
gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ verstand
ich der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend ward da
mein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,
erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,
diese Erkenntniss ging auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
verstand ich da. Dieses Wissen, Brāhmane, hatte ich nun in den
letzten Stunden der Nacht als drittes errungen, das Nichtwissen
zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht
gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich weilte.

»Aber nun möchtest du, Brāhmane, vielleicht meinen: ›Auch heute
wohl ist der Asket Gotamo noch nicht ganz lauter von Gier,
Hass und Wahn: darum sucht er tief im Walde abgelegene Orte
auf.‹ Doch also, Brāhmane, sollst du es nicht verstehn. Zwei
Gründe sind es, Brāhmane, die mich tief im Walde abgelegene
Orte aufsuchen lassen: mein eigenes Wohlbefinden in dieser
Zeitlichkeit und das Mitleid zu denen, die mir nachfolgen.«

»Mitleid geschenkt hat wahrlich Herr Gotamo denen, die ihm            24
nachfolgen, wie’s eben dem Heiligen, vollkommen Erwachten
geziemt. -- Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo!
Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte,
oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder
Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge
sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre gar manigfach
dargelegt. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der
Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger soll mich Herr
Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«



                              5.

              Erster Theil            Fünfte Rede

                           UNSCHULD


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der ehrwürdige Sāriputto an die Mönche:
»Brüder Mönche!« -- »Bruder!« antworteten da jene Mönche dem
ehrwürdigen Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto
sprach also:

»Viererlei Arten von Menschen, Brüder, findet man da in der
Welt: und was für welche? Da ist einer, Brüder, schuldig und
erkennt nicht der Wahrheit gemäß ›In mir ist Schuld‹, und da
ist einer, Brüder, schuldig und erkennt der Wahrheit gemäß ›In
mir ist Schuld‹; da ist einer, Brüder, unschuldig und erkennt
nicht der Wahrheit gemäß ›In mir ist keine Schuld‹, und da ist
einer, Brüder, unschuldig und erkennt der Wahrheit gemäß ›In
mir ist keine Schuld‹. Einen Mann aber, Brüder, der schuldig
ist und nicht der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist Schuld‹,
den bezeichnet man als den Schlechteren von den beiden, die
gleiche Schuld haben. Einen Mann aber, Brüder, der schuldig
ist und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist Schuld‹, den           25
bezeichnet man als den Besseren von den beiden, die gleiche
Schuld haben. Einen Mann aber, Brüder, der unschuldig ist und
nicht der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist keine Schuld‹, den
bezeichnet man als den Schlechteren von den beiden, die gleiche
Unschuld haben. Einen Mann aber, Brüder, der unschuldig ist
und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist keine Schuld‹, den
bezeichnet man als den Besseren von den beiden, die gleiche
Unschuld haben.«

Auf diese Worte wandte sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno an
den ehrwürdigen Sāriputto und sprach:

»Was ist nun der Grund, Bruder Sāriputto, was ist die Ursache,
dass man den einen der beiden gleich Schuldigen als den
Schlechteren und den anderen als den Besseren bezeichnet? Und
was ist der Grund, Bruder Sāriputto, was ist die Ursache,
dass man den einen der beiden gleich Unschuldigen als den
Schlechteren und den anderen als den Besseren bezeichnet?«

»Wenn da, Bruder, einer schuldig ist und nicht der Wahrheit
gemäß erkennt ›In mir ist Schuld‹, so darf man von ihm
erwarten, dass er den Willen nicht beugen wird, nicht kämpfen
wird, nicht die Kraft besitzen wird, seiner Schuld zu entsagen,
dass er mit Gier, mit Hass, mit Irre, mit Schuld beladen
unlauteren Herzens sterben wird. Gleichwie etwa, Bruder,
wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am Markte oder beim
Kupferschmidte erstanden, voller Schmutz und Flecken, und die
Eigner würden sie weder brauchen noch säubern, sondern in
einen Winkel werfen: da würde wohl, Bruder, diese messingerne
Schüssel nach einiger Zeit noch schmutziger und noch fleckiger
geworden sein.«

»Allerdings, Bruder.«

»Ebenso nun auch, o Bruder, darf man von einem Manne, der
schuldig ist und nicht der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist
Schuld‹, erwarten, er werde den Willen nicht beugen, werde
nicht kämpfen, nicht die Kraft besitzen, seiner Schuld zu
entsagen, er werde mit Gier, mit Hass, mit Irre, mit Schuld
beladen unlauteren Herzens sterben. -- Wenn da, Bruder, einer
schuldig ist und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist
Schuld‹, so darf man von ihm erwarten, dass er den Willen
beugen wird, kämpfen, die Kraft besitzen wird, seiner Schuld
zu entsagen, dass er ohne Gier, ohne Hass, ohne Irre, ohne
Schuld lauteren Herzens sterben wird. Gleichwie etwa, Bruder,
wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am Markte oder beim
Kupferschmidte erstanden, voller Schmutz und Flecken, aber die
Eigner würden sie brauchen und säubern, nicht in den Winkel
werfen: da würde wohl, Bruder, diese messingerne Schüssel nach        26
einiger Zeit blank und rein geworden sein.«

»Gewiss, Bruder.«

»Ebenso nun auch, o Bruder, darf man von einem Manne, der
schuldig ist und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist
Schuld‹, erwarten, er werde den Willen beugen, werde kämpfen,
die Kraft besitzen seiner Schuld zu entsagen, er werde ohne
Gier, ohne Hass, ohne Irre, ohne Schuld lauteren Herzens
sterben. -- Wenn da, Bruder, einer unschuldig ist und nicht
der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist keine Schuld‹, so darf
man von ihm erwarten, dass ihn das Blenden der Erscheinung
bewegen wird, und er vom Blenden der Erscheinung bewogen sein
Herz von der Gier wird aufwühlen lassen, dass er mit Gier, mit
Hass, mit Irre, mit Schuld beladen unlauteren Herzens sterben
wird. Gleichwie etwa, Bruder, wenn da eine messingerne Schüssel
wäre, am Markte oder beim Kupferschmidte erstanden, blank und
rein, aber die Eigner würden sie weder brauchen noch säubern,
sondern in einen Winkel werfen: da würde wohl, Bruder, diese
messingerne Schüssel nach einiger Zeit schmutzig und fleckig
geworden sein.«

»Freilich, Bruder.«

»Ebenso nun auch, o Bruder, darf man von einem Manne, der
unschuldig ist und nicht der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist
keine Schuld‹, erwarten, das Blenden der Erscheinung werde ihn
bewegen, vom Blenden der Erscheinung bewogen werde er sein Herz
von der Gier aufwühlen lassen, er werde mit Gier, mit Hass, mit
Irre, mit Schuld beladen unlauteren Herzens sterben. -- Wenn
da, Bruder, einer unschuldig ist und der Wahrheit gemäß erkennt
›In mir ist keine Schuld‹, so darf man von ihm erwarten, dass
ihn das Blenden der Erscheinung nicht bewegen wird, und er vom
Blenden der Erscheinung nicht bewogen sein Herz von der Gier
nicht wird aufwühlen lassen, dass er ohne Gier, ohne Hass, ohne
Irre, ohne Schuld lauteren Herzens sterben wird. Gleichwie
etwa, Bruder, wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am Markte
oder beim Kupferschmidte erstanden, blank und rein, und die
Eigner würden sie brauchen und säubern, nicht in den Winkel
werfen: da würde wohl, Bruder, diese messingerne Schüssel
späterhin noch blanker und reiner geworden sein.«

»Ohne Zweifel, Bruder.«

»Ebenso nun auch, o Bruder, darf man von einem Manne, der
unschuldig ist und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist keine
Schuld‹, erwarten, das Blenden der Erscheinung werde ihn nicht
bewegen, vom Blenden der Erscheinung nicht bewogen werde er
sein Herz von der Gier nicht aufwühlen lassen, er werde ohne
Gier, ohne Hass, ohne Irre, ohne Schuld lauteren Herzens
sterben.

»Das aber, Bruder Moggallāno, ist der Grund, das ist die              27
Ursache, warum man den einen der beiden gleich Schuldigen als
den Schlechteren und den anderen als den Besseren bezeichnet;
und das, Bruder Moggallāno, ist der Grund, das ist die Ursache,
warum man den einen der beiden gleich Unschuldigen als den
Schlechteren und den anderen als den Besseren bezeichnet.«

       *       *       *       *       *

»‚Die Schuld, die Schuld‘, so heißt es, Bruder; was versteht
man aber eigentlich, Bruder, unter dem Begriffe der Schuld?«

»Die bösen, verderblichen Sinnesrichtungen, Bruder, die
versteht man unter dem Begriffe der Schuld. -- Möglich,
Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn ich
mich vergangen habe, so brauchen die anderen nicht zu
wissen: ‚Er hat sich vergangen‘‹. Möglich, Bruder, dass sie
erfahren: ›Er hat sich vergangen.‹ Da wird er erbittert und
missvergnügt: ›Sie wissen es, dass ich mich vergangen habe!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides
ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den
Sinn kommt: ›Wenn ich mich vergangen habe, so sollen mir’s die
Brüder im Geheimen verweisen, nicht vor den anderen Mönchen‹.
Möglich, Bruder, dass sie ihn öffentlich zurechtweisen,
nicht im Geheimen. Da wird er erbittert und missvergnügt:
›Oeffentlich weisen sie mich zurecht, nicht vertraulich!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides
ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den
Sinn kommt: ›Wenn ich mich vergangen habe, so mag mich ein
Freund zurechtweisen, kein anderer Mönch.‹ Möglich, Bruder,
dass ihn ein anderer Mönch zurechtweist, kein Freund. Da wird
er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer Mönch weist mich
zurecht, der mir ferne steht!‹ Diese Erbitterung, Bruder,
und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich,
Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Ach möchte
doch der Meister in Wechselrede mit mir den Mönchen die Lehre
darlegen, nicht in Wechselrede mit einem anderen Mönche!‹
Möglich, Bruder, dass der Meister mit einem anderen Mönch
in Wechselrede die Lehre darlegt, nicht mit diesem Mönche.            28
Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Mit einem anderen
Mönch in Wechselrede legt der Meister den Mönchen die Lehre
dar, nicht mit mir!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da
einem Mönche in den Sinn kommt: ›Die Mönche sollten beim Gang
nach dem Dorfe um Almosenspeise mich an die Spitze stellen,
keinen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass sie einen anderen Mönch
vorangehn lassen, nicht diesen. Da wird er erbittert und
missvergnügt: ›Einen anderen stellen sie voran, nicht mich!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides
ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den
Sinn kommt: ›Wenn doch bei der Mahlzeit der beste Sitz, das
beste Wasser, der beste Bissen keinem anderen zufiele als mir!‹
Möglich, Bruder, dass der beste Sitz, das beste Wasser, der
beste Bissen einem anderen Mönche zufällt und nicht diesem. Da
wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer hat den besten
Sitz, das beste Wasser, den besten Bissen erhalten, nicht
ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen:
beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche
in den Sinn kommt: ›Wenn nur ich und kein anderer bei der
Mahlzeit satt werden kann!‹ Möglich, Bruder, dass ein anderer
und nicht er bei der Mahlzeit satt werde. Da wird er erbittert
und missvergnügt: ›Ein anderer wird satt und ich nicht!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides
ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den
Sinn kommt: ›Wenn die Mönche den Garten besuchen, soll es nur
meine Sache und nicht die eines anderen sein, ihnen die Lehre
darzulegen.‹ Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch den im
Garten versammelten Mönchen die Lehre vorträgt, nicht dieser
Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer            29
trägt den Mönchen die Lehre vor, nicht ich!‹ Diese Erbitterung,
Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. --
Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn
die Nonnen den Garten besuchen, soll es nur meine Sache und
nicht die eines anderen sein, ihnen die Lehre darzulegen‹.
Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch den im Garten
versammelten Nonnen die Lehre vorträgt, nicht dieser Mönch.
Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer trägt den
Nonnen die Lehre vor, nicht ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder,
und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich,
Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn Anhänger
und Anhängerinen den Garten besuchen, soll es nur meine Sache
und nicht die eines anderen sein, ihnen die Lehre darzulegen‹.
Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch den im Garten
versammelten Anhängern und Anhängerinen die Lehre vorträgt,
nicht dieser Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt:
›Ein anderer trägt den Anhängern und Anhängerinen die Lehre
vor, nicht ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass
da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Mich, wahrlich, sollten
die Mönche hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht
einen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass die Mönche einen anderen
Mönch hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht diesen
Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen
schätzen die Mönche hoch, halten ihn werth, achten und ehren
ihn, mich aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass
da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Mich, wahrlich, sollten
die Nonnen hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht
einen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass die Nonnen einen anderen
Mönch hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht diesen
Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen
schätzen die Nonnen hoch, halten ihn werth, achten und ehren
ihn, mich aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da
einem Mönche in den Sinn kommt: ›Mich, wahrlich, sollten die
Anhänger und Anhängerinen hochschätzen, werthhalten, achten
und ehren, nicht einen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass die
Anhänger und Anhängerinen einen anderen Mönch hochschätzen,
werthhalten, achten und ehren, nicht diesen Mönch. Da wird
er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen schätzen die
Anhänger und Anhängerinen hoch, halten ihn werth, achten und
ehren ihn, mich aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und
dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder,
dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Man sollte doch mir
eine auserlesene Kutte zukommen lassen, nicht einem anderen!‹
Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch eine auserlesene Kutte        30
erhält, nicht dieser. Da wird er erbittert und missvergnügt:
›Einem anderen geben sie auserlesene Kleidung und mir nicht!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist
Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn
kommt: ›Man sollte doch mir auserlesene Bissen, auserlesene
Lagerstatt, auserlesene Arzeneien für den Fall einer Krankheit
zukommen lassen, nicht einem anderen!‹ Möglich, Bruder, dass
ein anderer Mönch auserlesene Bissen, auserlesene Lagerstatt,
auserlesene Arzeneien für den Fall einer Krankheit erhält,
nicht dieser Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt:
›Einem anderen geben sie auserlesene Bissen, auserlesene
Lagerstatt, auserlesene Arzeneien für den Fall einer Krankheit,
mir aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Das aber, Bruder, sind
die bösen, verderblichen Sinnesrichtungen, die man unter dem
Begriffe der Schuld versteht.

»Ein Mönch, Bruder, bei dem sich diese bösen, verderblichen
Sinnesrichtungen ungeschwächt zeigen und äußern, und wäre
er auch ein abgeschiedener Waldeinsiedler, ein stummer
Brockenbettler, bekleidet mit der selbstgeflickten Fetzenkutte,
der wird von seinen Ordensbrüdern nicht hochgeschätzt, nicht
werthgehalten, nicht geachtet, nicht geehrt: und warum nicht?
Weil sich ja bei dem Ehrwürdigen jene bösen, verderblichen
Sinnesrichtungen ungeschwächt zeigen und äußern. Gleichwie
etwa, Bruder, wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am
Markte oder beim Kupferschmidte erstanden, blank und rein,
und die Eigner füllten sie mit Schlangenaas oder mit Hundeaas
oder mit Menschenaas, deckten eine andere Schüssel darüber
und gingen damit auf den Markt. Diese Schüssel sähe einer
und sagte: ›Freund, was birgst du darin und entziehst es dem
Auge?‹ Und er höbe den Deckel ab, legte die Schüssel bloß,
spähte hinein: und bei dem Anblicke stiege ihm Widerwille, Ekel
und Abscheu auf, und selbst Hungrigen verginge die Esslust,
geschweige Gesättigten: ebenso nun auch, Bruder, wird da ein
Mönch, bei dem sich jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen
ungeschwächt zeigen und äußern, und wäre er auch ein
abgeschiedener Waldeinsiedler, ein stummer Brockenbettler,
bekleidet mit der selbstgeflickten Fetzenkutte, von seinen
Ordensbrüdern nicht hochgeschätzt, nicht werthgehalten, nicht         31
geachtet, nicht geehrt: und warum nicht? Weil sich eben bei
dem Ehrwürdigen jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen
ungeschwächt zeigen und äußern.

»Ein Mönch, Bruder, bei dem sich jene bösen, verderblichen
Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht mehr äußern, und
wäre er auch ein Landpilger, ein Ausgespeister, bekleidet mit
einer geschenkten Kutte, der wird von seinen Ordensbrüdern
hochgeschätzt, werthgehalten, geachtet und geehrt: und
warum das? Weil sich ja bei dem Ehrwürdigen jene bösen,
verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht mehr
äußern. Gleichwie etwa, Bruder, wenn da eine messingerne
Schüssel wäre, am Markte oder beim Kupferschmidte erstanden,
blank und rein, und die Eigner füllten sie mit einem saftigen,
würzigen Gerichte aus gekochtem gesichteten Reis, deckten
eine andere Schüssel darüber und gingen damit auf den Markt.
Diese Schüssel sähe einer und sagte: ›Freund, was birgst du
darin und entziehst es dem Auge?‹ Und er höbe den Deckel ab,
legte die Schüssel bloß, spähte hinein: und bei dem Anblicke
stiege ihm Behagen auf, kein Ekel, kein Abscheu, und selbst
bei Gesättigten regte sich Esslust, geschweige bei Hungrigen:
ebenso nun auch, Bruder, wird da ein Mönch, bei dem sich jene
bösen, verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen,
nicht mehr äußern, und wäre er auch ein Landpilger, ein
Ausgespeister, bekleidet mit einer geschenkten Kutte, von
seinen Ordensbrüdern hochgeschätzt, werthgehalten, geachtet und
geehrt: und warum das? Weil sich eben bei dem Ehrwürdigen jene
bösen, verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht
mehr äußern.«

Auf diese Worte wandte sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno an
den ehrwürdigen Sāriputto und sprach:

»Ein Gleichniss, Bruder Sāriputto, leuchtet mir auf.«

»Es leuchte dir auf, Bruder Moggallāno.«

»Einst weilte ich, Bruder, auf der Bergeshalde bei Rājagaham.
Und ich erhob mich frühmorgens, nahm Mantel und Schaale und
ging zur Stadt um Almosenspeise. Zu jener Zeit aber war Samiti,
der Sohn eines Wagenbauers, damit beschäftigt eine Radscheibe
abzuhobeln, und Paṇḍuputto, ein Nackter Büßer, der vorher
Wagner gewesen, stand dabei. Da kam nun der ehemalige Wagner,
der Nackte Büßer Paṇḍuputto auf folgende Gedanken: ›O dass doch
der Wagnersohn Samiti seinem Rade diese Rille und diesen Bug
und diesen Knoten abhobeln möchte: dann würde das Rad, befreit
von Rillen, Bügen und Knoten, aus reinem Kernholz bestehn‹. Und
während, Bruder, dem Nackten Büßer Paṇḍuputto, dem früheren           32
Wagner, Gedanke um Gedanke erschien, hobelte der Wagnersohn
Samiti seinem Rade Rille um Rille, Bug um Bug, Knoten um Knoten
ab. Da ließ der Nackte Büßer Paṇḍuputto, der frühere Wagner,
freudig bewegt den frohen Ruf ertönen: ›Wie aus dem Herzen
heraus hobelt er mir!‹ --: Ebenso nun auch, Bruder, giebt es
da Leute, die unwillig, aus Nothdurft, nicht aus Zuversicht
vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, Häuchler,
Gleißner, Scheinheilige, aufgeblasene Windbeutel, geschäftige
Schwätzer und Plauderer, schlechte Hüter der Sinnesthore, ohne
Rückhalt beim Mahle, der Wachsamkeit abgeneigt, gleichgültig
gegen das Asketenthum, lässig in der Ordenspflicht,
anspruchsvoll, aufdringlich, vor allem Gesellschaft suchend,
Einsamkeit als lästige Last fliehend, matte, schwache Herzen,
verworrene, unklare Köpfe, unbeständige, zerstreute Geister,
Beschränkte und Stumpfe: diesen hat der ehrwürdige Sāriputto
mit seiner Darstellung wie aus dem Herzen heraus gehobelt.
Es giebt aber auch edle Söhne, die aus Zuversicht vom Hause
fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, keine Häuchler, keine
Gleißner, keine Scheinheiligen, keine aufgeblasenen Windbeutel,
keine geschäftigen Schwätzer und Plauderer, strenge Hüter
der Sinnesthore, mäßig beim Mahle, der Wachsamkeit ergeben,
dem Asketenthum zugethan, eifrig in der Ordenspflicht,
anspruchslos, nicht aufdringlich, vor allem Einsamkeit suchend,
Gesellschaft als lästige Last fliehend, muthige, starke Herzen,
einsichtige, klare Köpfe, beständige, einige Geister, Weise
und Witzige: diesen war des ehrwürdigen Sāriputto Darstellung
gleichsam Speise und Trank für Herz und Ohr. Trefflich,
fürwahr, hast du die Ordensbrüder vor dem Unrecht gewarnt und
im Recht bestärkt. Gleichwie etwa, Bruder, ein Weib oder ein
Mann, jung, blühend, gefallsam, sich den Kopf wäscht, Lilien,
Gelsaminen oder Windlinge pflückt, zum Kranze bindet und damit
den Scheitel schmückt: ebenso nun auch, Bruder, giebt es da
edle Söhne, Asketen der Zuversicht, die du trefflich, fürwahr,
vor dem Unrecht gewarnt und im Recht bestärkt hast.«

       *       *       *       *       *

So, wahrlich, ergetzten sich jene beiden Großen an
gegenseitiger trefflicher Rede.



                              6.

             Erster Theil            Sechste Rede

                       WUNSCH UM WÜNSCHE


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei            33
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Bewahret Tugend, Mönche, bewahret Reinheit: Reinheit hegend
und pflegend bewahret im Handel und Wandel; vor geringstem Fehl
auf der Hut schreitet beharrlich weiter Schritt um Schritt.

»Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wär’ ich doch den
Ordensbrüdern lieb und genehm, werth und gewichtig‹, dann soll
er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen,
der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick
gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr
Mönche, ein Mönch: ›Hätt’ ich nur Kleidung, Nahrung, Lagerstatt
und Arzeneien für den Fall einer Krankheit‹, dann soll er nur
vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der
Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen,
ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche,
ein Mönch: ›Denen, die mir da Kleidung, Nahrung, Lagerstatt
und Arzeneien für den Fall einer Krankheit spenden, sollen
diese Gaben hohes Verdienst bringen, hohe Förderung‹, dann
soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe
erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden
Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht
sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Die dahingegangenen, verstorbenen
Blutsverwandten, die meiner in Liebe gedachten[6], sollen
hohes Verdienst darum haben, hohe Förderung‹, dann soll er
nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen,
der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick
gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich,
ihr Mönche, ein Mönch: ›Der Unmuthslust will ich Herr sein,
mich soll Unmuth nicht beherrschen, aufgestiegenen Unmuth
werd’ ich siegreich überwinden‹, dann soll er nur vollkommene
Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht
widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund
leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:
›Der Furcht und Angst will ich Herr sein, mich soll Angst
und Furcht nicht beherrschen, aufgestiegene Furcht und Angst
werd’ ich siegreich überwinden‹, dann soll er nur vollkommene
Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht
widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund
leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:
›Die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben
besäligen, könnt’ ich doch diese sehnend erlangen, in ihrer
Fülle und Weite‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben,
innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben,
durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen
sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Jene heiligen
Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten,
die will ich leibhaftig erfahren und finden‹, dann soll er nur
vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der
Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen,
ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche,          34
ein Mönch: ›Könnt’ ich doch nach Vernichtung der drei Fesseln
zur Hörerschaft gelangen, dem Verderben entronnen zielbewusst
der vollen Erwachung entgegeneilen‹, dann soll er nur
vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der
Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen,
ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche,
ein Mönch: ›Möcht’ ich doch nach Vernichtung der drei Fesseln,
von Gier, Hass und Irre erleichtert, fast schon geläutert, nur
einmal wiederkehren, nur einmal noch zu dieser Welt gekommen
dem Leiden ein Ende machen‹, dann soll er nur vollkommene
Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht
widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund
leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:
›Würd’ ich doch nach Vernichtung der fünf niederzerrenden
Fesseln emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr
zurückkehren nach jener Welt‹, dann soll er nur vollkommene
Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht
widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund
leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:
›Geläng’ es mir doch, auf manigfaltige Weise Machtentfaltung zu
erfahren: als nur einer etwa vielfach zu werden, und vielfach
geworden wieder einer zu sein, oder sichtbar und unsichtbar zu
werden; auch durch Mauern, Wälle, Felsen hindurchzuschweben wie
durch die Luft; oder auf der Erde auf- und unterzutauchen wie
im Wasser; auch auf dem Wasser zu wandeln ohne unterzusinken
wie auf der Erde; oder auch durch die Luft sitzend
dahinzufahren wie der Vogel mit seinen Fittichen; auch etwa
diesen Mond und diese Sonne, die so mächtigen, so gewaltigen,
mit der Hand zu befühlen und zu berühren, etwa gar bis zu
den Brahmawelten den Körper in meiner Gewalt zu haben‹,
wünscht er sich das, ihr Mönche, dann soll er nur vollkommene
Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht
widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund
leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:
›Wenn ich doch mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten,
über menschliche Gränzen hinausreichenden, beide Arten der
Töne hörte, die himmlischen und die irdischen, die fernen
und die nahen‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben,
innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben,
durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen
sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wär’ es mir
doch gegeben, der anderen Wesen, der anderen Personen Herz
und Gemüth zu durchschauen und zu erkennen, das begehrliche
Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das
gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos,
das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos,
das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als
zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das
niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als
edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als
beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz          35
als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt‹, wünscht er
sich das, ihr Mönche, dann soll er nur vollkommene Tugend üben,
innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben,
durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen
sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wär’ ich doch
imstande, mich an manche verschiedene frühere Daseinsform
zu erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann
an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann
an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben,
dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert
Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben,
dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann
an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die
Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen,
‚Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte
ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl
und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende, dort
verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein, da war ich
nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an,
dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe
habe ich erfahren, so war mein Lebensende, da verschieden trat
ich hier wieder ins Dasein‘, wär’ ich doch also imstande,
mich an manche verschiedene frühere Daseinsform zu erinnern,
mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen
Beziehungen‹, wünscht er sich das, ihr Mönche, dann soll er
nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der
Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen,
ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche,
ein Mönch: ›Hätt’ ich doch das himmlische Auge, das geläuterte,
über menschliche Gränzen hinausreichende, die Wesen zu sehn,
wie sie dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,
schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, säh’ ich
doch wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren, ‚Diese
lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,
in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten
zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes,
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie
auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in
untere Welt, jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten
zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten
zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes,
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf
gute Fährte, in sälige Welt‘, könnt’ ich doch also mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, die Wesen erkennen, wie sie dahinschwinden
und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und hässliche,
glückliche und unglückliche, säh’ ich doch wie die Wesen je
nach den Thaten wiederkehren‹, wünscht er sich das, ihr Mönche,
dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe
erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden
Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht
sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Könnt’ ich doch den Wahn
versiegen und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung
noch bei Lebzeiten mir offenbar machen, verwirklichen und             36
erringen‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige
Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben,
durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein.

»›Bewahret Tugend, Mönche, bewahret Reinheit: Reinheit hegend
und pflegend bewahret im Handel und Wandel; vor geringstem Fehl
auf der Hut schreitet beharrlich weiter Schritt um Schritt‹:
wurde das gesagt, so war es darum gesagt.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              7.

             Erster Theil            Siebente Rede

                   DAS GLEICHNISS VOM KLEIDE


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Gleichwie etwa, Mönche, wenn der Färber ein Kleid nähme,
das besudelt und voller Flecken ist, und tauchte es in eine
Farbenlösung, in diese oder in jene, in eine blaue oder in
eine gelbe, in eine rothe oder in eine violette, da könnt’ es
nur schlechte, nur unreine Färbung gewinnen, und warum? Weil
das Kleid, ihr Mönche, nicht rein ist: -- Ebenso nun auch, ihr
Mönche, ist bei besudeltem Herzen ein schlechter Ausgang zu
erwarten.

»Gleichwie etwa, Mönche, wenn der Färber ein Kleid nähme, das
sauber und rein ist, und tauchte es in eine Farbenlösung, in
diese oder in jene, in eine blaue oder in eine gelbe, in eine
rothe oder in eine violette, da könnt’ es nur gute, nur reine
Färbung gewinnen, und warum? Weil das Kleid, ihr Mönche, rein
ist: -- Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist bei unbesudeltem
Herzen ein guter Ausgang zu erwarten.

»Was ist nun, ihr Mönche, Trübung des Herzens? Verderbte
Selbstsucht ist Trübung des Herzens, Bosheit ist Trübung
des Herzens, Zorn ist Trübung des Herzens, Niedertracht ist
Trübung des Herzens, Häuchelei ist Trübung des Herzens, Neid
ist Trübung des Herzens, Eiferung ist Trübung des Herzens,
Eigensucht ist Trübung des Herzens, Trug ist Trübung des
Herzens, Tücke ist Trübung des Herzens, Starrsinn ist Trübung
des Herzens, Ungestüm ist Trübung des Herzens, Dünkel ist
Trübung des Herzens, Uebermuth ist Trübung des Herzens,               37
Lässigkeit ist Trübung des Herzens, Leichtsinn ist Trübung des
Herzens.

»Ein Mönch nun, ihr Mönche, der eingesehn hat, dass verderbte
Selbstsucht Trübung des Herzens sei, der verleugnet die
verderbte Selbstsucht, die Trübung des Herzens; der eingesehn
hat, dass Bosheit Trübung des Herzens sei, der verleugnet die
Bosheit, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Zorn
Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Zorn, die Trübung
des Herzens; der eingesehn hat, dass Niedertracht Trübung des
Herzens sei, der verleugnet die Niedertracht, die Trübung des
Herzens; der eingesehn hat, dass Häuchelei Trübung des Herzens
sei, der verleugnet die Häuchelei, die Trübung des Herzens;
der eingesehn hat, dass Neid Trübung des Herzens sei, der
verleugnet den Neid, die Trübung des Herzens; der eingesehn
hat, dass Eiferung Trübung des Herzens sei, der verleugnet
die Eiferung, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat,
dass Eigensucht Trübung des Herzens sei, der verleugnet die
Eigensucht, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass
Trug Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Trug, die
Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Tücke Trübung
des Herzens sei, der verleugnet die Tücke, die Trübung des
Herzens; der eingesehn hat, dass Starrsinn Trübung des
Herzens sei, der verleugnet den Starrsinn, die Trübung des
Herzens; der eingesehn hat, dass Ungestüm Trübung des Herzens
sei, der verleugnet den Ungestüm, die Trübung des Herzens;
der eingesehn hat, dass Dünkel Trübung des Herzens sei, der
verleugnet den Dünkel, die Trübung des Herzens; der eingesehn
hat, dass Uebermuth Trübung des Herzens sei, der verleugnet
den Uebermuth, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat,
dass Lässigkeit Trübung des Herzens sei, der verleugnet die
Lässigkeit, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat,
dass Leichtsinn Trübung des Herzens sei, der verleugnet den
Leichtsinn, die Trübung des Herzens.

»Hat nun, ihr Mönche, ein Mönch die verderbte Selbstsucht
als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Bosheit
als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Zorn als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Niedertracht
als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Häuchelei
als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Neid als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Eiferung als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Eigensucht
als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Trug als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Tücke als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Starrsinn als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Ungestüm als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Dünkel als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Uebermuth als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Lässigkeit als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Leichtsinn als
Trübung des Herzens erkannt und verleugnet; so ist seine Liebe
zum Erwachten erprobt, derart zwar: ›Das ist der Erhabene,
Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte,
der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter
der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen,
der Erwachte, der Erhabene‹; ist seine Liebe zur Wahrheit
erprobt: ›Wohl kundgethan ist vom Erhabenen die Wahrheit, die
ersichtliche, zeitlose, anregende, einladende, den Verständigen
von selbst verständlich‹; ist seine Liebe zu den Jüngern
erprobt: ›Wohl vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar,
ehrlich vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, recht
vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, geziemend
vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, und zwar vier
Paare der Menschen, nach acht Arten von Menschen: das ist des
Erhabenen Jüngerschaar, die Opfer und Spende, Gabe und Gruß
verdient, heiligste Stätte der Welt ist‹. Die Rücksicht aber
hat er abgethan, abgelegt, abgelöst, verleugnet, verworfen.

»‚Meine Liebe zum Erwachten ist erprobt‘: also gewinnt
er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit,
verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn.
Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt
Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»‚Meine Liebe zur Wahrheit ist erprobt‘: also gewinnt
er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit,
verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn.
Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt
Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»‚Meine Liebe zu den Jüngern ist erprobt‘: also gewinnt               38
er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit,
verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn.
Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt
Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»‚Und die Rücksicht, die hab’ ich abgethan, abgelegt,
abgelöst, verleugnet, verworfen‘: also gewinnt er Verständniss
des Sinnes, Verständniss der Wahrheit, verständnissreife
Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn. Des Besäligten Körper
wird still. Der Körpergestillte fühlt Heiterkeit. Des Heiteren
Herz wird einig.

»Ein Mönch nun, ihr Mönche, dem solche Tugend, solche Wahrheit,
solche Weisheit eignet, mag auch Almosenspeise genießen, die
aus gesichtetem Reis schmackhaft und würzig bereitet ist, und
es schadet ihm nicht. Gleichwie etwa, Mönche, ein Kleid, das
besudelt und voller Flecken ist, in klarem Wasser gewaschen
sauber und rein wird, oder im Schmelztiegel gesottenes Gold
gediegen und lauter wird: ebenso nun auch, ihr Mönche, mag ein
Mönch, dem solche Tugend, solche Wahrheit, solche Weisheit
eignet, auch Almosenspeise genießen, die aus gesichtetem Reis
schmackhaft und würzig bereitet ist, und es schadet ihm nicht.

»Liebevollen Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.

»Erbarmenden Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit erbarmendem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.

»Freudevollen Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit freudevollem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.

»Unbewegten Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit unbewegtem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.

»‚So ist es‘, versteht er, ‚Gemeines ist da und Edles ist
da, und es giebt eine Freiheit, höher als diese sinnliche
Wahrnehmung‘. Und in solchem Schauen, in solchem Anblicke wird
sein Herz erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,
erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,
diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da. Den nennt man, ihr Mönche, einen Mönch, gebadet       39
im inneren Bade.«

Zu jener Zeit aber hatte der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo in
der Nähe des Erhabenen Platz genommen. Da wandte sich nun der
Brāhmane Sundariko Bhāradvājo an den Erhabenen und sprach:

»Geht wohl Herr Gotamo in die Bāhukā baden?«

»Was ist’s mit der Bāhukā, Brāhmane, was soll die Bāhukā?«

»Läuterung glaubt man, o Gotamo, wirke die Bāhukā, Heiligung
glaubt man, o Gotamo, wirke die Bāhukā, in den Wellen der
Bāhukā wasche man seine Schuld ab.«

Da wandte sich nun der Erhabene an den Brāhmanen Sundariko
Bhāradvājo und sagte in Sprüchen:

    »Die Bāhukā, die Adhikā,
    Die Gayā, selbst die Sundarī,
    Sarasvatī, Payāgos Strom
    Und Bāhumatīs rasche Fluth
    Spült nimmer weg gewirkte Schuld,
    Und wüsch’ auch einer ewig sich.

    »Was frommte da wohl die Sundarī,
    Des Payāgos Woge, die Bāhukā?
    Den argen, verruchten Frevelmann
    Wäscht die Welle nicht rein von der Sündenthat.

    »Dem Reinen lächelt steter Mai,
    Dem Reinen steter Feiertag,
    Dem Reinen, der nur Reines wirkt,
    Ist allezeit der Wunsch gewährt.

    »So bade nur hier dich, Geistlicher:
    Alles Lebendige lass’ dir behütet sein.

    »Hast abgesagt dem Lügenwort,
    Verletzest keine Wesenheit
    Und nimmst nichts Ungeschenktes du,
    Der Selbstverleugnung standhaft treu,
    Was willst du dann zur Gayā gehn?
    Nur Wasser gilt die Gayā dir.«

Nach diesen Worten sprach der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo zum
Erhabenen also:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie
etwa, o Gotamo, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder
Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht
in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge
sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre von vielen Seiten
beleuchtet. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der
Lehre und bei der Jüngerschaft: möge mir Herr Gotamo Aufnahme
gewähren, die Ordensweihe ertheilen!«

Es wurde der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo vom Erhabenen
aufgenommen, wurde mit der Ordensweihe belehnt.

Nicht lange aber war der ehrwürdige Bhāradvājo in den Orden           40
aufgenommen, da hatte er, einsam, abgesondert, unermüdlich,
in heißem, innigem Ernste gar bald was edle Söhne gänzlich
vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel
des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht,
verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Bhāradvājo
der Heiligen geworden.



                              8.

              Erster Theil            Achte Rede

                           LEDIGUNG


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Als nun der ehrwürdige Mahācundo gegen Abend die Gedenkensruhe
beendet hatte, begab er sich zum Erhabenen, begrüßte den
Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur
Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Mahācundo zum Erhabenen
also:

»Von den vielen verschiedenen Lehren, o Herr, die da in der
Welt auftauchen und sich bald mit der Betrachtung des Selbst,
bald mit der Betrachtung der Welt befassen, braucht ein Mönch
wohl nur den Anfang, o Herr, zu kennen, um sie zu verwerfen,
um sie zu verleugnen?«

»Von den vielen verschiedenen Lehren, Cundo, die da in der
Welt auftauchen und sich bald mit der Betrachtung des Selbst,
bald mit der Betrachtung der Welt befassen, gilt überall wo
sie auftauchen, aufsteigen, auftreten das wahrheitgemäße,
vollkommen weise Urtheil: ›Das gehört mir nicht, das bin ich
nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so werden sie verworfen, so
werden sie verleugnet.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch, gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen, die sinnend gedenkende
ruhegeborene sälige Heiterkeit, die Weihe der ersten Schauung
erwirkt habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das
wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt,
sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach Vollendung          41
des Sinnens und Gedenkens die innere Meeresstille, die Einheit
des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der
Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung erwirkt habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch
das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt,
sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch in heiterer
Ruhe verweile, gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, und
ein Glück im Körper empfinde, von dem die Heiligen sagen:
›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so habe er die
Weihe der dritten Schauung erwirkt und denke nun: ›Ledigung
wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht
Ledigung genannt, sichtbares Wohl wird das im Orden des
Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach Verwerfung
der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen
Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommen reinen vierten Schauung
erwirkt habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das
wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt,
sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger
Ueberwindung der Formwahrnehmungen, Vernichtung der
Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen in dem
Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten
Raumes gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch
das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt,
sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger
Ueberwindung der unbegränzten Raumsphäre in dem Gedanken
›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des unbegränzten
Bewusstseins gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹
Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung
genannt, sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger
Ueberwindung der unbegränzten Bewusstseinsphäre in dem Gedanken
›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins gewonnen habe und
nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden
des Heiligen nicht Ledigung genannt, sälige Ruhe wird das im
Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger
Ueberwindung der Nichtdaseinsphäre die Gränzscheide möglicher
Wahrnehmung gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹        42
Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung
genannt, sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Aber hier, Cundo, sollt ihr Ledigung üben: ›Die anderen werden
in Wuth gerathen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die
anderen werden das Leben rauben, wir nicht‹, so ist Ledigung zu
üben. ›Die anderen werden Nichtgegebenes nehmen, wir nicht‹,
so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden unkeusch leben,
wir keusch‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
lügen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
heimliche Rede führen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben.
›Die anderen werden rohe Rede gebrauchen, wir nicht‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden Geschwätze pflegen,
wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
selbstsüchtig sein, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die
anderen werden gehässig sein, wir nicht‹, so ist Ledigung zu
üben. ›Die anderen werden falsche Erkenntniss pflegen, wir
rechte Erkenntnis‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden falsche Gesinnung pflegen, wir rechte Gesinnung‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsche Rede pflegen,
wir rechte Rede‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
falschen Handel pflegen, wir rechten Handel‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden falschen Wandel pflegen, wir
rechten Wandel‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
falsches Mühn pflegen, wir rechtes Mühn‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden falsche Einsicht pflegen, wir
rechte Einsicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
falsche Vertiefung pflegen, wir rechte Vertiefung‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsches Wissen pflegen,
wir rechtes Wissen‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden falsche Erlösung pflegen, wir rechte Erlösung‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden sich von matter Müde
beschleichen lassen, wir aber werden matte Müde verscheuchen‹,
so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden sich brüsten,
wir aber werden dehmüthig bleiben‹, so ist Ledigung zu üben.
›Die anderen werden hin und her schwanken, wir aber werden
unserer Sache gewiss sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die
anderen werden zürnen, wir aber werden nicht zürnen‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden zwieträchtig sein, wir
aber werden einträchtig sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die          43
anderen werden häucheln, wir aber werden nicht häucheln‹, so
ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden neiden, wir aber
werden nicht neiden‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden eifern, wir aber werden nicht eifern‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden eigennützig sein, wir aber werden
nicht eigennützig sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden listig sein, wir aber werden nicht listig sein‹, so
ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden gleißnerisch sein,
wir aber werden nicht gleißnerisch sein‹, so ist Ledigung zu
üben. ›Die anderen werden störrisch sein, wir aber werden nicht
störrisch sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
eitel sein, wir aber werden nicht eitel sein‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden ungestüm sein, wir aber werden
sanft bleiben‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
Freunde des Schlechten sein, wir aber werden Freunde des Guten
sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden sich gehn
lassen, wir aber werden unermüdlich sein‹, so ist Ledigung zu
üben. ›Die anderen werden Misstrauen hegen, wir aber werden
Vertrauen hegen‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
unverschämt sein, wir aber werden uns schämen‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden gewissenlos sein, wir aber werden
gewissenhaft sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden unerfahren sein, wir aber werden vielerfahren sein‹,
so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden nachgeben, wir
aber werden ausharren‹, so ist Ledigung zu üben. ›Den anderen
wird sich die Einsicht trüben, uns aber wird die Einsicht klar
bleiben‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden thöricht
sein, wir aber weise‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden nur für das vor Augen Liegende Sinn haben, mit beiden
Händen zugreifen, sich schwer abweisen lassen, wir aber werden
nicht nur für das vor Augen Liegende Sinn haben, nicht mit
beiden Händen zugreifen, uns leicht abweisen lassen‹, so ist
Ledigung zu üben.

»Die Herzensentschließung zum Guten nenn’ ich ja, Cundo,
wichtig: was soll da erst von Geboten des Thuns und Redens
gesagt werden! Darum also, Cundo: ›Die anderen werden in Wuth
gerathen, wir aber wollen nicht in Wuth gerathen‹: dieser
Herzensentschluss ist zu erzeugen. ›Die anderen werden übel
fahren, wir aber wollen wohl fahren‹: dieser Herzensentschluss
ist zu erzeugen. ›Die anderen werden nur für das vor Augen
Liegende Sinn haben, mit beiden Händen zugreifen, sich schwer
abweisen lassen, wir aber wollen nicht nur für das vor Augen
Liegende Sinn haben, nicht mit beiden Händen zugreifen, uns
leicht abweisen lassen‹: dieser Herzensentschluss ist zu
erzeugen.

»Gleichwie etwa, Cundo, wenn da ein ungangbarer Weg wäre und
ein gangbarer Weg führte um ihn herum; oder gleichwie etwa,
Cundo, wenn da eine ungangbare Furth wäre und eine gangbare
Furth führte um sie herum: ebenso nun auch, Cundo, kann wer zur       44
Heftigkeit neigt auf dem Pfade der Milde herumkommen, wer zur
Uebelfahrt neigt auf dem Pfade der Wohlfahrt herumkommen, wer
niederen Sinn hegt, mit beiden Händen zugreift, sich schwer
abweisen lässt, auf dem Pfade des höheren Sinnes, des Anstandes
und der Gelassenheit herumkommen.

»Gleichwie da, Cundo, jedwedes Schlechte wieder zu niederer
Wesenheit führt, jedwedes Gute wieder zu höherer Wesenheit
führt: ebenso nun auch, Cundo, kann wer zur Heftigkeit neigt
durch Milde höhere Wesenheit gewinnen, wer zur Uebelfahrt neigt
durch Wohlfahrt höhere Wesenheit gewinnen, wer niederen Sinn
hegt, mit beiden Händen zugreift, sich schwer abweisen lässt,         45
durch höheren Sinn, Anstand und Gelassenheit höhere Wesenheit
gewinnen.

»Dass aber, Cundo, einer, der selber sumpfversunken ist, einen
anderen Sumpfversunkenen herausziehn kann, ein solcher Fall
findet sich nicht. Dass aber, Cundo, einer, der selber nicht
sumpfversunken ist, einen anderen Sumpfversunkenen herausziehn
kann, ein solcher Fall findet sich. Und dass, Cundo, einer, der
selber nicht bezwungen, nicht verneint, nicht wahnerloschen
ist, einen anderen zur Bezwingung, zur Verneinung, zur
Wahnerlöschung bringen kann, ein solcher Fall findet sich
nicht. Und dass, Cundo, einer, der selber bezwungen, verneint,
wahnerloschen ist, einen anderen zur Bezwingung, zur
Verneinung, zur Wahnerlöschung bringen kann, ein solcher Fall
findet sich:

»Ebenso nun auch, Cundo, kann der Heftige durch Milde
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Blutdürstige durch
Ueberwindung des Blutdurstes zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Diebische durch Ueberwindung des Diebstahls zur
Wahnerlöschung gelangen, kann der Unkeusche durch Keuschheit
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Lügner durch Ueberwindung
der Lüge zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Tückische durch
Ueberwindung der Tücke zur Wahnerlöschung gelangen, kann der
Rohe durch Ueberwindung der Roheit zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Geschwätzige durch Ueberwindung der Schwatzhaftigkeit
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Selbstsüchtige durch
Ueberwindung der Selbstsucht zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der Gehässige durch Ueberwindung des Hasses zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der falsch Erkennende durch rechte Erkenntniss
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch Gesonnene durch
rechte Gesinnung zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch
Redende durch rechte Rede zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der falsch Handelnde durch rechten Handel zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der falsch Wandelnde durch rechten Wandel zur
Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch sich Mühende durch
rechtes Mühn zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch sich
Bedenkende durch rechtes Bedenken zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der falsch sich Vertiefende durch rechte Vertiefung
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch Wissende durch
rechtes Wissen zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch
Erlöste durch rechte Erlösung zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der von matter Müde Gefesselte durch Ueberwindung der
matten Müde zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Stolze durch
Dehmuth zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Schwankende
durch Festigkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Zornige
durch Zornlosigkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann der
Zwieträchtige durch Eintracht zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der Häuchler durch Offenheit zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der Neidige durch Neidlosigkeit zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Eifernde durch Begehrlosigkeit zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der Eigennützige durch Eigenentsagung zur
Wahnerlöschung gelangen, kann der Listige durch Geradheit
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Gleißner durch
Ehrlichkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Störrische
durch Willigkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann der
Eitle durch Schlichtheit zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Ungestüme durch Lindheit zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der Uebelgeneigte durch Wohlgeneigtheit zur
Wahnerlöschung gelangen, kann der Laue durch Unermüdlichkeit
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Misstrauische durch
Vertrauen zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Unverschämte
durch Schaam zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Gewissenlose
durch Gewissenhaftigkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der Unerfahrene durch Erfahrung zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Nachgiebige durch Beharrlichkeit zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der Einsichtgetrübte durch Klärung der Einsicht
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Thor durch Weisheit zur
Wahnerlöschung gelangen, kann wer niederen Sinn hegt, mit             46
beiden Händen zugreift, sich schwer abweisen lässt, durch
höheren Sinn, Anstand und Gelassenheit zur Wahnerlöschung
gelangen.

»Und so habe ich, Cundo, die Art der Ledigung gezeigt, die Art
der Herzensentschließung gezeigt, die Art des Herumkommens
gezeigt, die Art höherer Wesenheit gezeigt, die Art der
Wahnerlöschung gezeigt. Was ein Meister, Cundo, den Jüngern
aus Liebe und Theilnahme, von Mitleid bewogen, schuldet, das
habt ihr von mir empfangen. Da laden, Cundo, Bäume ein, und
dort leere Klausen. Wirket Schauung, Cundo, auf dass ihr nicht
lässig werdet, später nicht Reue empfindet: das haltet als
unser Gebot.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Mahācundo über das Wort des Erhabenen.



                               9.

              Erster Theil            Neunte Rede

                    DIE RECHTE ERKENNTNISS


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der ehrwürdige Sāriputto an die Mönche:
»Ihr Mönche!« -- »Bruder!« antworteten da jene Mönche dem
ehrwürdigen Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto
sprach also:

»‚Die rechte Erkenntniss, die rechte Erkenntniss‘, so sagt man,
ihr Brüder. Inwiefern nun aber, ihr Brüder, hat ein heiliger
Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine
ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen
Lehre an?«

»Selbst von weit her, o Bruder, würden wir zum ehrwürdigen
Sāriputto kommen, um Aufklärung hierüber zu erhalten; wohl wär’
es gut, wenn eben der ehrwürdige Sāriputto diesen Gegenstand
erläutern möchte: die Worte des ehrwürdigen Sāriputto werden
die Mönche bewahren.«

»So höret denn, Brüder, und achtet wohl auf meine Rede.«

»Gewiss, Bruder!« antworteten da jene Mönche dem ehrwürdigen
Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto sprach also:

»Wenn, ihr Brüder, der heilige Jünger das Böse erkennt und
die Wurzel des Bösen erkennt, das Gute erkennt und die Wurzel         47
des Guten erkennt, hat er insofern, ihr Brüder, die rechte
Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe
zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist
nun, Brüder, das Böse, was ist die Wurzel des Bösen, was ist
das Gute, was ist die Wurzel des Guten? Tödten, ihr Brüder,
ist das Böse, stehlen ist das Böse, den Wünschen fröhnen ist
das Böse, Lüge ist das Böse, Verleumdung ist das Böse, barsche
Rede ist das Böse, geschwätzige Rede ist das Böse, Gier ist
das Böse, Wuth ist das Böse, falsche Erkenntniss ist das
Böse. Das nennt man, Brüder, das Böse. Und was, Brüder, ist
die Wurzel des Bösen? Sucht ist die Wurzel des Bösen, Hass
ist die Wurzel des Bösen, Irre ist die Wurzel des Bösen. Das
nennt man, Brüder, die Wurzel des Bösen. Und was, Brüder, ist
das Gute? Ueberwindung des Tödtens ist das Gute, Ueberwindung
des Stehlens ist das Gute, Ueberwindung der Wünsche ist das
Gute, Ueberwindung der Lüge ist das Gute, Ueberwindung der
Verleumdung ist das Gute, Ueberwindung barscher Rede ist
das Gute, Ueberwindung geschwätziger Rede ist das Gute,
Gierlosigkeit ist das Gute, Wuthlosigkeit ist das Gute, rechte
Erkenntniss ist das Gute. Das nennt man, Brüder, das Gute.
Und was, Brüder, ist die Wurzel des Guten? Suchtlosigkeit ist
die Wurzel des Guten, Hasslosigkeit ist die Wurzel des Guten,
Irrlosigkeit ist die Wurzel des Guten. Das nennt man, Brüder,
die Wurzel des Guten.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das Böse,
also die Wurzel des Bösen, also das Gute, also die Wurzel des
Guten, und er hat die Regung des Wollens völlig verleugnet,
die Regung des Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit
vertilgt, das Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so
macht er dem Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern,
ihr Brüder, hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss,
ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre
erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.«

»Wohl, Bruder!« sagten da jene Mönche, erfreut und befriedigt
durch des ehrwürdigen Sāriputto Rede, und stellten nun eine
fernere Frage: »Giebt es vielleicht, o Bruder, noch eine andere
Art, wie der heilige Jünger die rechte Erkenntniss besitzt,
seine Erkenntniss ehrlich, seine Liebe zur Lehre erprobt ist,
er dieser edlen Lehre angehört?«

»Freilich, Brüder. Wenn, ihr Brüder, der heilige Jünger die
Nahrung erkennt und der Nahrung Entwicklung, der Nahrung
Auflösung erkennt und den zu der Nahrung Auflösung führenden
Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die rechte Erkenntniss, ist
seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder, die             48
Nahrung, was ist der Nahrung Entwicklung, was ist der Nahrung
Auflösung, was ist der zu der Nahrung Auflösung führende
Pfad? Vier Arten der Nahrung, ihr Brüder, sind für die Wesen
vorhanden, den entstandenen zur Erhaltung, den entstehenden
zur Entwicklung[7]; welche vier? Körperbildende Nahrung, grob
oder fein, zweitens Berührung, drittens geistiges Innewerden,
viertens Bewusstsein. Die Entwicklung des Durstes bedingt die
Entwicklung der Nahrung, die Auflösung des Durstes bedingt die
Auflösung der Nahrung. Das aber ist der heilige achtfältige
Weg, der zu der Nahrung Auflösung führende Pfad, nämlich:
rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes
Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte
Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also die Nahrung,
also die Entwicklung der Nahrung, also die Auflösung der
Nahrung, also den zur Auflösung der Nahrung führenden Pfad, und
er hat die Regung des Wollens völlig verleugnet, die Regung
des Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit vertilgt, das
Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so macht er dem
Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern, ihr Brüder,
hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an.«

»Wohl, Bruder!« sagten da jene Mönche, erfreut und befriedigt
durch des ehrwürdigen Sāriputto Rede, und stellten nun eine
fernere Frage: »Giebt es vielleicht, o Bruder, noch eine andere
Art, wie der heilige Jünger die rechte Erkenntniss besitzt,
seine Erkenntniss ehrlich, seine Liebe zur Lehre erprobt ist,
er dieser edlen Lehre angehört?«

»Freilich, Brüder. Wenn, ihr Brüder, der heilige Jünger das
Leiden erkennt und die Leidensentwicklung, die Leidensauflösung
erkennt und den zur Leidensauflösung führenden Pfad, hat
er insofern, ihr Brüder, die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder,
das Leiden, was ist die Leidensentwicklung, was ist die
Leidensauflösung, was ist der zur Leidensauflösung führende
Pfad? Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist
Leiden, Sterben ist Leiden, Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und
Verzweiflung sind Leiden, was man begehrt nicht erlangen, das
ist Leiden, kurz gesagt: die fünf Stücke des Anhangens sind
Leiden. Das nennt man, Brüder, Leiden. Was ist aber, Brüder,
die Leidensentwicklung? Es ist dieser Durst, der Wiederdasein
säende, gnügensgierverbundene, bald da bald dort sich
ergetzende, ist der Geschlechtsdurst, der Daseinsdurst, der
Wohlseinsdurst. Das nennt man, Brüder, Leidensentwicklung.            49
Was ist aber, Brüder, die Leidensauflösung? Es ist
ebendieses Durstes vollkommen restlose Auflösung, ihn
abstoßen, austreiben, fällen, vertilgen. Das nennt man,
Brüder, Leidensauflösung. Was ist aber, Brüder, der zur
Leidensauflösung führende Pfad? Dieser heilige achtfältige Weg
ist es, der zur Leidensauflösung führende Pfad, nämlich: rechte
Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln,
rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das Leiden,
also die Entwicklung des Leidens, also die Auflösung des
Leidens, also den zur Auflösung des Leidens führenden Pfad, und
er hat die Regung des Wollens völlig verleugnet, die Regung
des Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit vertilgt, das
Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so macht er dem
Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern, ihr Brüder,
hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an.«

»Wohl, Bruder!« sagten da jene Mönche, erfreut und befriedigt
durch des ehrwürdigen Sāriputto Rede, und stellten nun eine
fernere Frage: »Giebt es vielleicht, o Bruder, noch eine andere
Art, wie der heilige Jünger die rechte Erkenntniss besitzt,
seine Erkenntniss ehrlich, seine Liebe zur Lehre erprobt ist,
er dieser edlen Lehre angehört?«

»Freilich, Brüder. Wenn, ihr Brüder, der heilige Jünger das
Altern und Sterben erkennt und die Entwicklung des Alterns
und Sterbens, die Auflösung des Alterns und Sterbens erkennt
und den zur Auflösung des Alterns und Sterbens führenden
Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die rechte Erkenntniss,
ist seine Erkenntnis eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre
erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder,
das Altern und Sterben, was ist die Entwicklung des Alterns
und Sterbens, was ist die Auflösung des Alterns und Sterbens,
was ist der zur Auflösung des Alterns und Sterbens führende
Pfad? Der jeweiligen Wesen in jeweilig wesender Gattung altern
und abnutzen, gebrechlich, grau und runzelig werden, der
Kräfteverfall, das Abreifen der Sinne, das nennt man, Brüder,
Altern. Der jeweiligen Wesen in jeweilig wesender Gattung
Hinschwund, Auflösung, Zersetzung, Untergang, Todessterben,
Zeiterfüllung, das Zerfallen der Theile, das Verwesen der
Leiche, das nennt man, Brüder, Sterben. Und so ist dies das
Altern und dies das Sterben. Das nennt man, Brüder, Altern und
Sterben. Die Entwicklung der Geburt bedingt die Entwicklung
des Alterns und Sterbens, die Auflösung der Geburt bedingt die
Auflösung des Alterns und Sterbens. Das aber ist der heilige
achtfältige Weg, der zur Auflösung des Alterns und Sterbens
führende Pfad, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung,
rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn,
rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das Altern
und Sterben, also die Entwicklung des Alterns und Sterbens,
also die Auflösung des Alterns und Sterbens, also den zur
Auflösung des Alterns und Sterbens führenden Pfad, und er
hat die Regung des Wollens völlig verleugnet, die Regung des
Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit vertilgt, das
Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so macht er dem
Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern, ihr Brüder,
hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger die Geburt        50
erkennt und die Entwicklung der Geburt, die Auflösung der
Geburt erkennt und den zur Auflösung der Geburt führenden
Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die rechte Erkenntniss,
ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre
erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder,
die Geburt, was ist die Entwicklung der Geburt, was ist die
Auflösung der Geburt, was ist der zur Auflösung der Geburt
führende Pfad? Der jeweiligen Wesen in jeweilig wesender
Gattung Geburt, Gebärung, Bildung, Keimung, Empfängniss, das
Erscheinen der Theile, das Ergreifen der Gebiete, das nennt
man, Brüder, Geburt. Die Entwicklung des Werdens bedingt die
Entwicklung der Geburt, die Auflösung des Werdens bedingt die
Auflösung der Geburt. Das aber ist der heilige achtfältige
Weg, der zur Auflösung der Geburt führende Pfad, nämlich:
rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes
Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte
Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also die Geburt,
also die Entwicklung der Geburt, also die Auflösung der Geburt,
also den zur Auflösung der Geburt führenden Pfad, und er hat
die Regung des Wollens völlig verleugnet, die Regung des
Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit vertilgt, das
Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so macht er dem
Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern, ihr Brüder,
hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger das Werden
erkennt und die Entwicklung des Werdens, die Auflösung des
Werdens erkennt und den zur Auflösung des Werdens führenden
Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die rechte Erkenntniss,
ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre
erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder,
das Werden, was ist die Entwicklung des Werdens, was ist die
Auflösung des Werdens, was ist der zur Auflösung des Werdens
führende Pfad? Drei Arten des Werdens, ihr Brüder, giebt es:
geschlechtliches Werden, formhaftes Werden, formloses Werden.
Die Entwicklung des Anhangens bedingt die Entwicklung des
Werdens, die Auflösung des Anhangens bedingt die Auflösung
des Werdens. Das aber ist der heilige achtfältige Weg, der
zur Auflösung des Werdens führende Pfad, nämlich: rechte
Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln,
rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das Werden,
also die Entwicklung des Werdens, also die Auflösung des
Werdens, also den zur Auflösung des Werdens führenden Pfad, und
er hat die Regung des Wollens völlig verleugnet, die Regung
des Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit vertilgt, das
Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so macht er dem
Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern, ihr Brüder,
hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger das
Anhangen erkennt und die Entwicklung des Anhangens, die
Auflösung des Anhangens erkennt und den zur Auflösung des
Anhangens führenden Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die
rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine
Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.
Was ist nun, Brüder, das Anhangen, was ist die Entwicklung
des Anhangens, was ist die Auflösung des Anhangens, was ist
der zur Auflösung des Anhangens führende Pfad? Vier Arten
des Anhangens, ihr Brüder, giebt es: den Hang zur Lust,               51
den Hang zur Ansicht, den Hang zu Tugendwerk, den Hang zur
Selbstbehauptung. Die Entwicklung des Durstes bedingt die
Entwicklung des Anhangens, die Auflösung des Durstes bedingt
die Auflösung des Anhangens. Das aber ist der heilige
achtfältige Weg, der zur Auflösung des Anhangens führende
Pfad, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte
Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte
Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das
Anhangen, also die Entwicklung des Anhangens, also die
Auflösung des Anhangens, also den zur Auflösung des Anhangens
führenden Pfad, und er hat die Regung des Wollens völlig
verleugnet, die Regung des Scheuens verscheucht, die Regung
der Ichheit vertilgt, das Nichtwissen verloren, das Wissen
erworben, so macht er dem Leiden noch in diesem Leben ein Ende.
Insofern, ihr Brüder, hat da ein heiliger Jünger die rechte
Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe
zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger den Durst
erkennt und die Entwicklung des Durstes, die Auflösung des
Durstes erkennt und den zur Auflösung des Durstes führenden
Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die rechte Erkenntniss,
ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre
erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder,
der Durst, was ist die Entwicklung des Durstes, was ist die
Auflösung des Durstes, was ist der zur Auflösung des Durstes
führende Pfad? Sechs Arten des Durstes, ihr Brüder, giebt es:
Durst nach Formen, Durst nach Tönen, Durst nach Düften, Durst
nach Säften, Durst nach Tastungen, Durst nach Gedanken. Die
Entwicklung des Gefühls bedingt die Entwicklung des Durstes,
die Auflösung des Gefühls bedingt die Auflösung des Durstes.
Das aber ist der heilige achtfältige Weg, der zur Auflösung
des Durstes führende Pfad, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte
Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln,
rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also den Durst,
also die Entwicklung des Durstes, also die Auflösung des
Durstes, also den zur Auflösung des Durstes führenden Pfad, und
er hat die Regung des Wollens völlig verleugnet, die Regung
des Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit vertilgt, das
Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so macht er dem
Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern, ihr Brüder,
hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger das Gefühl
erkennt und die Entwicklung des Gefühls, die Auflösung des
Gefühls erkennt und den zur Auflösung des Gefühls führenden
Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die rechte Erkenntniss,
ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre
erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder,
das Gefühl, was ist die Entwicklung des Gefühls, was ist die
Auflösung des Gefühls, was ist der zur Auflösung des Gefühls
führende Pfad? Sechs Arten des Gefühls, ihr Brüder, giebt es:
durch Sehberührung entstandenes Gefühl, durch Hörberührung
entstandenes Gefühl, durch Riechberührung entstandenes Gefühl,
durch Schmeckberührung entstandenes Gefühl, durch Tastberührung
entstandenes Gefühl, durch Denkberührung entstandenes Gefühl.
Die Entwicklung der Berührung bedingt die Entwicklung des
Gefühls, die Auflösung der Berührung bedingt die Auflösung
des Gefühls. Das aber ist der heilige achtfältige Weg, der
zur Auflösung des Gefühls führende Pfad, nämlich: rechte
Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln,
rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das Gefühl,         52
also die Entwicklung des Gefühls, also die Auflösung des
Gefühls, also den zur Auflösung des Gefühls führenden Pfad, und
er hat die Regung des Wollens völlig verleugnet, die Regung
des Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit vertilgt, das
Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so macht er dem
Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern, ihr Brüder,
hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger die
Berührung erkennt und die Entwicklung der Berührung, die
Auflösung der Berührung erkennt und den zur Auflösung der
Berührung führenden Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die
rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine
Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was
ist nun, Brüder, die Berührung, was ist die Entwicklung der
Berührung, was ist die Auflösung der Berührung, was ist der
zur Auflösung der Berührung führende Pfad? Sechs Arten der
Berührung, ihr Brüder, giebt es: Sehberührung, Hörberührung,
Riechberührung, Schmeckberührung, Tastberührung, Denkberührung.
Die Entwicklung des sechsfachen Reiches bedingt die Entwicklung
der Berührung, die Auflösung des sechsfachen Reiches bedingt
die Auflösung der Berührung. Das aber ist der heilige
achtfältige Weg, der zur Auflösung der Berührung führende
Pfad, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte
Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte
Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also die
Berührung, also die Entwicklung der Berührung, also die
Auflösung der Berührung, also den zur Auflösung der Berührung
führenden Pfad, und er hat die Regung des Wollens völlig
verleugnet, die Regung des Scheuens verscheucht, die Regung
der Ichheit vertilgt, das Nichtwissen verloren, das Wissen
erworben, so macht er dem Leiden noch in diesem Leben ein Ende.
Insofern, ihr Brüder, hat da ein heiliger Jünger die rechte
Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe
zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger das
sechsfache Reich erkennt und die Entwicklung des sechsfachen
Reiches, die Auflösung des sechsfachen Reiches erkennt und
den zur Auflösung des sechsfachen Reiches führenden Pfad, hat
er insofern, ihr Brüder, die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder, das
sechsfache Reich, was ist die Entwicklung des sechsfachen
Reiches, was ist die Auflösung des sechsfachen Reiches, was ist
der zur Auflösung des sechsfachen Reiches führende Pfad? Sechs
Bereiche, ihr Brüder, giebt es: Gesichtbereich, Gehörbereich,
Geruchbereich, Geschmackbereich, Getastbereich, Gedenkbereich.
Die Entwicklung von Bild und Begriff bedingt die Entwicklung
des sechsfachen Reiches, die Auflösung von Bild und Begriff
bedingt die Auflösung des sechsfachen Reiches. Das aber ist der
heilige achtfältige Weg, der zur Auflösung des sechsfachen
Reiches führende Pfad, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte
Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln,
rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das
sechsfache Reich, also die Entwicklung des sechsfachen
Reiches, also die Auflösung des sechsfachen Reiches, also den         53
zur Auflösung des sechsfachen Reiches führenden Pfad, und er
hat die Regung des Wollens völlig verleugnet, die Regung des
Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit vertilgt, das
Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so macht er dem
Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern, ihr Brüder,
hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine
Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger Bild und
Begriff erkennt und die Entwicklung von Bild und Begriff, die
Auflösung von Bild und Begriff erkennt und den zur Auflösung
von Bild und Begriff führenden Pfad, hat er insofern, ihr
Brüder, die rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine
ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser
edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder, Bild und Begriff, was ist
die Entwicklung von Bild und Begriff, was ist die Auflösung
von Bild und Begriff, was ist der zur Auflösung von Bild und
Begriff führende Pfad? Gefühl, Wahrnehmung, Denken, Berührung,
Aufmerksamkeit, das nennt man, Brüder, Begriff. Die vier
Hauptstoffe und was durch die vier Hauptstoffe gebildet
besteht, das nennt man, Brüder, Bild. Und so ist dies das Bild
und dies der Begriff. Das nennt man, Brüder, Bild und Begriff.
Die Entwicklung des Bewusstseins bedingt die Entwicklung von
Bild und Begriff, die Auflösung des Bewusstseins bedingt die
Auflösung von Bild und Begriff. Das aber ist der heilige
achtfältige Weg, der zur Auflösung von Bild und Begriff
führende Pfad, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung,
rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn,
rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also Bild und
Begriff, also die Entwicklung von Bild und Begriff, also die
Auflösung von Bild und Begriff, also den zur Auflösung von Bild
und Begriff führenden Pfad, und er hat die Regung des Wollens
völlig verleugnet, die Regung des Scheuens verscheucht, die
Regung der Ichheit vertilgt, das Nichtwissen verloren, das
Wissen erworben, so macht er dem Leiden noch in diesem Leben
ein Ende. Insofern, ihr Brüder, hat da ein heiliger Jünger die
rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine
Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger das
Bewusstsein erkennt und die Entwicklung des Bewusstseins, die
Auflösung des Bewusstseins erkennt und den zur Auflösung des
Bewusstseins führenden Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die
rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine
Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was
ist nun, Brüder, das Bewusstsein, was ist die Entwicklung des
Bewusstseins, was ist die Auflösung des Bewusstseins, was
ist der zur Auflösung des Bewusstseins führende Pfad? Sechs
Arten des Bewusstseins, ihr Brüder, giebt es: Sehbewusstsein,
Hörbewusstsein, Riechbewusstsein, Schmeckbewusstsein,
Tastbewusstsein, Denkbewusstsein. Die Entwicklung der
Unterscheidung bedingt die Entwicklung des Bewusstseins,
die Auflösung der Unterscheidung bedingt die Auflösung des
Bewusstseins. Das aber ist der heilige achtfältige Weg, der
zur Auflösung des Bewusstseins führende Pfad, nämlich: rechte
Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln,
rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das
Bewusstsein, also die Entwicklung des Bewusstseins, also
die Auflösung des Bewusstseins, also den zur Auflösung des            54
Bewusstseins führenden Pfad, und er hat die Regung des Wollens
völlig verleugnet, die Regung des Scheuens verscheucht, die
Regung der Ichheit vertilgt, das Nichtwissen verloren, das
Wissen erworben, so macht er dem Leiden noch in diesem Leben
ein Ende. Insofern, ihr Brüder, hat da ein heiliger Jünger die
rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine
Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger die
Unterscheidung erkennt und die Entwicklung der Unterscheidung,
die Auflösung der Unterscheidung erkennt und den zur Auflösung
der Unterscheidung führenden Pfad, hat er insofern, ihr Brüder,
die rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche,
seine Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre
an. Was ist nun, Brüder, die Unterscheidung, was ist die
Entwicklung der Unterscheidung, was ist die Auflösung der
Unterscheidung, was ist der zur Auflösung der Unterscheidung
führende Pfad? Drei Arten der Unterscheidung, ihr Brüder, giebt
es: körperliche Unterscheidung, sprachliche Unterscheidung,
geistige Unterscheidung. Die Entwicklung des Nichtwissens
bedingt die Entwicklung der Unterscheidung, die Auflösung des
Nichtwissens bedingt die Auflösung der Unterscheidung. Das
aber ist der heilige achtfältige Weg, der zur Auflösung der
Unterscheidung führende Pfad, nämlich: rechte Erkenntniss,
rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes
Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also die
Unterscheidung, also die Entwicklung der Unterscheidung, also
die Auflösung der Unterscheidung, also den zur Auflösung der
Unterscheidung führenden Pfad, und er hat die Regung des
Wollens völlig verleugnet, die Regung des Scheuens verscheucht,
die Regung der Ichheit vertilgt, das Nichtwissen verloren, das
Wissen erworben, so macht er dem Leiden noch in diesem Leben
ein Ende. Insofern, ihr Brüder, hat da ein heiliger Jünger die
rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine
Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger das
Nichtwissen erkennt und die Entwicklung des Nichtwissens, die
Auflösung des Nichtwissens erkennt und den zur Auflösung des
Nichtwissens führenden Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die
rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine
Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was
ist nun, Brüder, das Nichtwissen, was ist die Entwicklung des
Nichtwissens, was ist die Auflösung des Nichtwissens, was ist
der zur Auflösung des Nichtwissens führende Pfad? Das Leiden,
ihr Brüder, nicht kennen, die Leidensentwicklung nicht kennen,
die Leidensauflösung nicht kennen, den zur Leidensauflösung
führenden Pfad nicht kennen, das nennt man, Brüder,
Nichtwissen. Die Entwicklung des Wahns bedingt die Entwicklung
des Nichtwissens, die Auflösung des Wahns bedingt die Auflösung
des Nichtwissens. Das aber ist der heilige achtfältige Weg, der
zur Auflösung des Nichtwissens führende Pfad, nämlich: rechte
Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln,
rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das
Nichtwissen, also die Entwicklung des Nichtwissens, also
die Auflösung des Nichtwissens, also den zur Auflösung des
Nichtwissens führenden Pfad, und er hat die Regung des Wollens
völlig verleugnet, die Regung des Scheuens verscheucht, die
Regung der Ichheit vertilgt, das Nichtwissen verloren, das
Wissen erworben, so macht er dem Leiden noch in diesem Leben
ein Ende. Insofern, ihr Brüder, hat da ein heiliger Jünger die
rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine
Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.

»Weiter sodann, ihr Brüder: wenn der heilige Jünger den Wahn          55
erkennt und die Wahnentwicklung, die Wahnauflösung erkennt und
den zur Wahnauflösung führenden Pfad, hat er insofern, ihr
Brüder, die rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine
ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser
edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder, der Wahn, was ist die
Wahnentwicklung, was ist die Wahnauflösung, was ist der zur
Wahnauflösung führende Pfad? Drei Arten des Wahns, ihr Brüder,
giebt es: Wunscheswahn, Daseinswahn, Nichtwissenswahn. Die
Entwicklung des Nichtwissens bedingt die Entwicklung des Wahns,
die Auflösung des Nichtwissens bedingt die Auflösung des Wahns.
Das aber ist der heilige achtfältige Weg, der zur Wahnauflösung
führende Pfad, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung,
rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn,
rechte Einsicht, rechte Einigung.

»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also den Wahn,
also die Wahnentwicklung, also die Wahnauflösung, also den zur
Wahnauflösung führenden Pfad, und er hat die Regung des Wollens
völlig verleugnet, die Regung des Scheuens verscheucht, die
Regung der Ichheit vertilgt, das Nichtwissen verloren, das
Wissen erworben, so macht er dem Leiden noch in diesem Leben
ein Ende. Insofern, ihr Brüder, hat da ein heiliger Jünger die
rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine
Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der ehrwürdige Sāriputto. Zufrieden freuten sich
jene Mönche über das Wort des ehrwürdigen Sāriputto.



                              10.

              Erster Theil            Zehnte Rede

                   DIE PFEILER DER EINSICHT


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im
Kurū-Lande, bei einer Stadt der Kurūner Namens Kammāsadammam.
Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Der gerade Weg, ihr Mönche, der zur Läuterung der Wesen,             56
zur Ueberwältigung des Schmerzes und Jammers, zur Zerstörung
des Leidens und der Trübsal, zur Gewinnung des Rechten, zur
Verwirklichung der Erlöschung führt, das sind die vier Pfeiler
der Einsicht. Welche vier? Da wacht, ihr Mönche, ein Mönch beim
Körper über den Körper, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig,
nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns; wacht
bei den Gefühlen über die Gefühle, unermüdlich, klaren
Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und
Bekümmerns; wacht beim Gemüthe über das Gemüth, unermüdlich,
klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen
Begehrens und Bekümmerns; wacht bei den Erscheinungen über die
Erscheinungen, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach
Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns.

»Wie aber, ihr Mönche, wacht ein Mönch beim Körper über den
Körper? Da begiebt sich, ihr Mönche, der Mönch ins Innere des
Waldes oder unter einen großen Baum oder in eine leere Klause,
setzt sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade
aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Bedächtig athmet er ein,
bedächtig athmet er aus. Athmet er tief ein, so weiß er ›Ich
athme tief ein‹, athmet er tief aus, so weiß er ›Ich athme
tief aus‹; athmet er kurz ein, so weiß er ›Ich athme kurz
ein‹, athmet er kurz aus, so weiß er ›Ich athme kurz aus.‹
›Den ganzen Körper empfindend will ich einathmen‹, ›Den ganzen
Körper empfindend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Diese
Körperverbindung besänftigend will ich einathmen‹. ›Diese
Körperverbindung besänftigend will ich ausathmen‹, so übt er
sich.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein geschickter Drechsler oder
Drechslergeselle tief anziehend weiß ›Ich ziehe tief an‹,
kurz anziehend weiß ›Ich ziehe kurz an‹: ebenso nun auch, ihr
Mönche, weiß der Mönch tief einathmend ›Ich athme tief ein‹,
tief ausathmend ›Ich athme tief aus‹; kurz einathmend ›Ich
athme kurz ein‹, kurz ausathmend ›Ich athme kurz aus‹; übt er
sich ›Den ganzen Körper empfindend will ich einathmen‹, ›Den
ganzen Körper empfindend will ich ausathmen‹; übt er sich
›Diese Körperverbindung besänftigend will ich einathmen‹,
›Diese Körperverbindung besänftigend will ich ausathmen‹.

»So wacht er nach innen beim Körper über den Körper, so wacht
er nach außen beim Körper über den Körper, nach innen und außen
wacht er beim Körper über den Körper. Er beobachtet wie der
Körper entsteht, beobachtet wie der Körper vergeht, beobachtet
wie der Körper entsteht und vergeht. ›Der Körper ist da‹: diese
Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen
taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und
nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche,
wacht der Mönch beim Körper über den Körper.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch weiß wenn er geht ›Ich
gehe‹, weiß wenn er steht ›Ich stehe‹, weiß wenn er sitzt ›Ich        57
sitze‹, weiß wenn er liegt ›Ich liege‹, er weiß wenn sich sein
Körper in dieser oder jener Stellung befindet, dass es diese
oder jene Stellung ist.

»So wacht er nach innen beim Körper über den Körper, so wacht
er nach außen beim Körper über den Körper, nach innen und außen
wacht er beim Körper über den Körper. Er beobachtet wie der
Körper entsteht, beobachtet wie der Körper vergeht, beobachtet
wie der Körper entsteht und vergeht. ›Der Körper ist da‹: diese
Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen
taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und
nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche,
wacht der Mönch beim Körper über den Körper.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch ist klar bewusst beim
Kommen und Gehn, klar bewusst beim Hinblicken und Wegblicken,
klar bewusst beim Neigen und Erheben, klar bewusst beim Tragen
des Gewandes und der Almosenschaale des Ordens, klar bewusst
beim Essen und Trinken, Kauen und Schmecken, klar bewusst beim
Entleeren von Koth und Harn, klar bewusst beim Gehn und Stehn
und Sitzen, beim Einschlafen und Erwachen, beim Sprechen und
Schweigen.

»So wacht er nach innen beim Körper über den Körper, so wacht
er nach außen beim Körper über den Körper, nach innen und außen
wacht er beim Körper über den Körper. Er beobachtet wie der
Körper entsteht, beobachtet wie der Körper vergeht, beobachtet
wie der Körper entsteht und vergeht. ›Der Körper ist da‹: diese
Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen
taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und
nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche,
wacht der Mönch beim Körper über den Körper.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch betrachtet sich diesen
Körper da von der Sohle bis zum Scheitel, den hautüberzogenen,
den unterschiedliches Unreine ausfüllt: ›Dieser Körper trägt
einen Schopf, ist behaart, hat Nägel und Zähne, Haut und
Fleisch, Sehnen und Knochen und Knochenmark, Nieren, Herz
und Leber, Zwerchfell, Milz, Lungen, Magen[8], Eingeweide,
Weichtheile und Koth, hat Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß,
Lymphe, Thränen, Serum, Speichel, Rotz, Gelenköl, Urin.‹

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da ein Sack, an beiden Enden
zugebunden, mit verschiedenem Korne gefüllt wäre, als wie
etwa mit Reis, mit Bohnen, mit Sesam, und ein scharfsehender
Mann bände ihn auf und untersuchte den Inhalt: ›Das ist Reis,
das sind Bohnen, das ist Sesam‹: ebenso nun auch, ihr Mönche,
betrachtet sich der Mönch diesen Körper da von der Sohle bis
zum Scheitel, den hautüberzogenen, den unterschiedliches
Unreine ausfüllt.

»So wacht er nach innen beim Körper über den Körper, so wacht
er nach außen beim Körper über den Körper, nach innen und
außen wacht er beim Körper über den Körper. Er beobachtet
wie der Körper entsteht, beobachtet wie der Körper vergeht,
beobachtet wie der Körper entsteht und vergeht. ›Der Körper
ist da‹: diese Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie
eben zum Wissen taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt
verharrt er, und nirgend in der Welt ist er angehangen. So
aber, ihr Mönche, wacht der Mönch beim Körper über den Körper.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch schaut sich diesen Körper
da wie er geht und steht als Artung an: ›Dieser Körper ist von
Erdenart, von Wasserart, von Feuerart, von Luftart.‹

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein geschickter Metzger oder             58
Metzgergeselle eine Kuh schlachtet, auf den Markt bringt, Stück
vor Stück zerlegt und sich dann hinsetzen mag: ebenso nun auch,
ihr Mönche, schaut sich der Mönch diesen Körper da wie er geht
und steht als Artung an: ›Dieser Körper ist von Erdenart, von
Wasserart, von Feuerart, von Luftart.‹

»So wacht er nach innen beim Körper über den Körper, so wacht
er nach außen beim Körper über den Körper, nach innen und außen
wacht er beim Körper über den Körper. Er beobachtet wie der
Körper entsteht, beobachtet wie der Körper vergeht, beobachtet
wie der Körper entsteht und vergeht. ›Der Körper ist da‹: diese
Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen
taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und
nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche,
wacht der Mönch beim Körper über den Körper.

»Weiter sodann, ihr Mönche: als hätte der Mönch einen Leib auf
der Leichenstätte liegen sehn, einen Tag nach dem Tode oder
zwei oder drei Tage nach dem Tode, aufgedunsen, blauschwarz
gefärbt, in Fäulniss übergegangen, zieht er den Schluss auf
sich selbst: ›Und auch dieser Körper ist so beschaffen, wird
das werden, kann dem nicht entgehn.‹ Weiter sodann, ihr
Mönche: als hätte der Mönch einen Leib auf der Leichenstätte
liegen sehn, von Krähen oder Raben oder Geiern zerfressen, von
Hunden oder Schackalen zerfleischt, oder von vielerlei Würmern
zernagt, zieht er den Schluss auf sich selbst: ›Und auch dieser
Körper ist so beschaffen, wird das werden, kann dem nicht
entgehn.‹ Weiter sodann, ihr Mönche: als hätte der Mönch einen
Leib auf der Leichenstätte liegen sehn, ein Knochengerippe,
fleischbehangen, blutbesudelt, von den Sehnen zusammengehalten;
ein Knochengerippe, fleischentblößt, blutbefleckt, von den
Sehnen zusammengehalten; ein Knochengerippe, ohne Fleisch, ohne
Blut, von den Sehnen zusammengehalten; die Gebeine, ohne die
Sehnen, hierher und dorthin verstreut, da ein Handknochen, dort
ein Fußknochen, da ein Schienbein, dort ein Schenkel, da das
Becken, dort Wirbel, da der Schädel; als hätte er das gesehn,
zieht er den Schluss auf sich selbst: ›Und auch dieser Körper
ist so beschaffen, wird das werden, kann dem nicht entgehn.‹
Weiter sodann, ihr Mönche: als hätte der Mönch einen Leib auf
der Leichenstätte liegen sehn, Gebeine, blank, muschelfarbig;
Gebeine, zuhauf geschichtet, nach Verlauf eines Jahres;
Gebeine, verwest, in Staub zerfallen; als hätte er das gesehn,        59
zieht er den Schluss auf sich selbst: ›Und auch dieser Körper
ist so beschaffen, wird das werden, kann dem nicht entgehn.‹

»So wacht er nach innen beim Körper über den Körper, so wacht
er nach außen beim Körper über den Körper, nach innen und außen
wacht er beim Körper über den Körper. Er beobachtet wie der
Körper entsteht, beobachtet wie der Körper vergeht, beobachtet
wie der Körper entsteht und vergeht. ›Der Körper ist da‹: diese
Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen
taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und
nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche,
wacht der Mönch beim Körper über den Körper.

       *       *       *       *       *

»Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Gefühlen
über das Gefühl? Da weiß, ihr Mönche, der Mönch wenn er ein
Wohlgefühl empfindet ›Ich empfinde ein Wohlgefühl‹, weiß wenn
er ein Wehgefühl empfindet ›Ich empfinde ein Wehgefühl‹, weiß
wenn er kein Wohl- und kein Wehgefühl empfindet ›Ich empfinde
kein Wohl- und kein Wehgefühl‹. Er weiß wenn er ein weltliches
Wohlgefühl empfindet ›Ich empfinde ein weltliches Wohlgefühl‹,
und weiß wenn er ein überweltliches Wohlgefühl empfindet ›Ich
empfinde ein überweltliches Wohlgefühl‹, weiß wenn er ein
weltliches Wehgefühl empfindet ›Ich empfinde ein weltliches
Wehgefühl‹, und weiß wenn er ein überweltliches Wehgefühl
empfindet ›Ich empfinde ein überweltliches Wehgefühl‹, weiß
wenn er ein weltliches Gefühl ohne Wohl und Weh empfindet ›Ich
empfinde ein weltliches Gefühl ohne Wohl und Weh‹, und weiß
wenn er ein überweltliches Gefühl ohne Wohl und Weh empfindet
›Ich empfinde ein überweltliches Gefühl ohne Wohl und Weh‹.

»So wacht er nach innen bei den Gefühlen über das Gefühl, so
wacht er nach außen bei den Gefühlen über das Gefühl, nach
innen und außen wacht er bei den Gefühlen über das Gefühl. Er
beobachtet wie die Gefühle entstehn, beobachtet wie die Gefühle
vergehn, beobachtet wie die Gefühle entstehn und vergehn.
›Das Gefühl ist da‹: diese Einsicht ist ihm nun gegenwärtig,
soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung taugt; und
uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt ist er
angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den
Gefühlen über das Gefühl.

       *       *       *       *       *

»Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch beim Gemüthe über
das Gemüth? Da kennt, ihr Mönche, der Mönch das begehrliche
Gemüth als begehrlich und das begehrlose Gemüth als begehrlos,
das gehässige Gemüth als gehässig und das hasslose Gemüth
als hasslos, das irrende Gemüth als irrend und das irrlose
Gemüth als irrlos, das gesammelte Gemüth als gesammelt und
das zerstreute Gemüth als zerstreut, das hochstrebende Gemüth
als hochstrebend und das niedrig gesinnte Gemüth als niedrig
gesinnt, das edle Gemüth als edel und das gemeine Gemüth als
gemein, das beruhigte Gemüth als beruhigt und das ruhelose
Gemüth als ruhelos, das erlöste Gemüth kennt er als erlöst und
das gefesselte Gemüth als gefesselt.

»So wacht er nach innen beim Gemüthe über das Gemüth, so wacht
er nach außen beim Gemüthe über das Gemüth, nach innen und
außen wacht er beim Gemüthe über das Gemüth. Er beobachtet
wie das Gemüth entsteht, beobachtet wie das Gemüth vergeht,           60
beobachtet wie das Gemüth entsteht und vergeht. ›Das Gemüth
ist da‹: diese Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie
eben zum Wissen taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt
verharrt er, und nirgend in der Welt ist er angehangen. So
aber, ihr Mönche, wacht der Mönch beim Gemüthe über das Gemüth.

       *       *       *       *       *

»Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen
über die Erscheinungen? Da wacht, ihr Mönche, der Mönch bei
den Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Hemmungen. Wie
aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über
das Erscheinen der fünf Hemmungen? Da merkt, ihr Mönche, der
Mönch wenn Wunscheswille in ihm ist ›In mir ist Wunscheswille‹,
merkt wenn kein Wunscheswille in ihm ist ›In mir ist kein
Wunscheswille‹. Er merkt es wenn Wunscheswille sich eben erst
entwickelt, merkt es wenn der deutlich gewordene Wunscheswille
aufgehoben wird, und merkt es wenn der aufgehobene
Wunscheswille künftig nicht mehr erscheint. Er merkt wenn
Hassensgroll in ihm ist ›In mir ist Hassensgroll‹, merkt wenn
kein Hassensgroll in ihm ist ›In mir ist kein Hassensgroll‹.
Er merkt es wenn Hassensgroll sich eben erst entwickelt, merkt
es wenn der deutlich gewordene Hassensgroll aufgehoben wird,
und merkt es wenn der aufgehobene Hassensgroll künftig nicht
mehr erscheint. Er merkt wenn matte Müde in ihm ist ›In mir
ist matte Müde‹, merkt wenn keine matte Müde in ihm ist ›In
mir ist keine matte Müde‹. Er merkt es wenn matte Müde sich
eben erst entwickelt, merkt es wenn die deutlich gewordene
matte Müde aufgehoben wird, und merkt es wenn die aufgehobene
matte Müde künftig nicht mehr erscheint. Er merkt wenn stolzer
Unmuth in ihm ist ›In mir ist stolzer Unmuth‹, merkt wenn kein
stolzer Unmuth in ihm ist ›In mir ist kein stolzer Unmuth‹.
Er merkt es wenn stolzer Unmuth sich eben erst entwickelt,
merkt es wenn der deutlich gewordene stolze Unmuth aufgehoben
wird, und merkt es wenn der aufgehobene stolze Unmuth künftig
nicht mehr erscheint. Er merkt wenn Schwanken in ihm ist ›In
mir ist Schwanken‹, merkt wenn kein Schwanken in ihm ist ›In
mir ist kein Schwanken‹. Er merkt es wenn Schwanken sich eben
erst entwickelt, merkt es wenn das deutlich gewordene Schwanken
aufgehoben wird, und merkt es wenn das aufgehobene Schwanken
künftig nicht mehr erscheint.

»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die
Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen
über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei
den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie
die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen
vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn.
›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun
gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung
taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt
ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den
Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Hemmungen.

»Weiter sodann, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den                   61
Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Stücke des
Anhangens. Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den
Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Stücke des
Anhangens? Da sagt sich, ihr Mönche, der Mönch: ›So ist die
Form, so entsteht sie, so löst sie sich auf; so ist das
Gefühl, so entsteht es, so löst es sich auf; so ist die
Wahrnehmung, so entsteht sie, so löst sie sich auf; so sind die
Unterscheidungen, so entstehn sie, so lösen sie sich auf; so
ist das Bewusstsein, so entsteht es, so löst es sich auf.‹

»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die
Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen
über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei
den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie
die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen
vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn.
›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun
gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung
taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt
ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den
Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Stücke des Anhangens.

»Weiter sodann, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den
Erscheinungen über das Erscheinen der sechs Innen- und
Außenreiche. Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den
Erscheinungen über das Erscheinen der sechs Innen- und
Außenreiche? Da kennt, ihr Mönche, der Mönch das Auge und kennt
die Formen, und die Verbindung, die sich aus beiden ergiebt,
auch diese kennt er. Er kennt es wenn die Verbindung eben erst
erfolgt, kennt es wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird,
und kennt es wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht
mehr erscheint. Er kennt das Ohr und kennt die Töne, und die
Verbindung, die sich aus beiden ergiebt, auch diese kennt er.
Er kennt es wenn die Verbindung eben erst erfolgt, kennt es
wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und kennt es
wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint.
Er kennt die Nase und kennt die Düfte, und die Verbindung, die
sich aus beiden ergiebt, auch diese kennt er. Er kennt es wenn
die Verbindung eben erst erfolgt, kennt es wenn die erfolgte
Verbindung aufgehoben wird, und kennt es wenn die aufgehobene
Verbindung künftig nicht mehr erscheint. Er kennt die Zunge
und kennt die Säfte, und die Verbindung, die sich aus beiden
ergiebt, auch diese kennt er. Er kennt es wenn die Verbindung
eben erst erfolgt, kennt es wenn die erfolgte Verbindung
aufgehoben wird, und kennt es wenn die aufgehobene Verbindung
künftig nicht mehr erscheint. Er kennt den Leib und kennt die
Tastungen, und die Verbindung, die sich aus beiden ergiebt,
auch diese kennt er. Er kennt es wenn die Verbindung eben erst
erfolgt, kennt es wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird,
und kennt es wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht
mehr erscheint. Er kennt das Denken und kennt die Dinge, und
die Verbindung, die sich aus beiden ergiebt, auch diese kennt
er. Er kennt es wenn die Verbindung eben erst erfolgt, kennt
es wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und kennt es
wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint.

»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die
Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen
über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei
den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie
die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen
vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn.
›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun
gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung
taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt
ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei
den Erscheinungen über das Erscheinen der sechs Innen- und
Außenreiche.

»Weiter sodann, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den
Erscheinungen über das Erscheinen der sieben Erweckungen.
Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen
über das Erscheinen der sieben Erweckungen? Da gewahrt, ihr
Mönche, der Mönch wenn Einsicht in ihm munter wird ›In mir
wird Einsicht munter‹, und gewahrt wenn Einsicht in ihm nicht
munter wird ›In mir wird Einsicht nicht munter‹; er gewahrt           62
es wenn Einsicht eben erst munter wird, und gewahrt es wenn
die munter gewordene Einsicht völlig aufgeht. Er gewahrt wenn
Tiefsinn in ihm munter wird ›In mir wird Tiefsinn munter‹,
und gewahrt wenn Tiefsinn in ihm nicht munter wird ›In mir
wird Tiefsinn nicht munter‹; er gewahrt es wenn Tiefsinn eben
erst munter wird, und gewahrt es wenn der munter gewordene
Tiefsinn völlig aufgeht. Er gewahrt wenn Kraft in ihm munter
wird ›In mir wird Kraft munter‹, und gewahrt wenn Kraft in
ihm nicht munter wird ›In mir wird Kraft nicht munter‹; er
gewahrt es wenn Kraft eben erst munter wird, und gewahrt es
wenn die munter gewordene Kraft völlig aufgeht. Er gewahrt wenn
Heiterkeit in ihm munter wird ›In mir wird Heiterkeit munter‹,
und gewahrt wenn Heiterkeit in ihm nicht munter wird ›In mir
wird Heiterkeit nicht munter‹; er gewahrt es wenn Heiterkeit
eben erst munter wird, und gewahrt es wenn die munter gewordene
Heiterkeit völlig aufgeht. Er gewahrt wenn Lindheit in ihm
munter wird ›In mir wird Lindheit munter‹, und gewahrt wenn
Lindheit in ihm nicht munter wird ›In mir wird Lindheit nicht
munter‹; er gewahrt es wenn Lindheit eben erst munter wird, und
gewahrt es wenn die munter gewordene Lindheit völlig aufgeht.
Er gewahrt wenn Innigkeit in ihm munter wird ›In mir wird
Innigkeit munter‹, und gewahrt wenn Innigkeit in ihm nicht
munter wird ›In mir wird Innigkeit nicht munter‹; er gewahrt
es wenn Innigkeit eben erst munter wird, und gewahrt es wenn
die munter gewordene Innigkeit völlig aufgeht. Er gewahrt wenn
Gleichmuth in ihm munter wird ›In mir wird Gleichmuth munter‹,
und gewahrt wenn Gleichmuth in ihm nicht munter wird ›In mir
wird Gleichmuth nicht munter‹; er gewahrt es wenn Gleichmuth
eben erst munter wird, und gewahrt es wenn der munter gewordene
Gleichmuth völlig aufgeht.

»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die
Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen
über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei
den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie
die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen
vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn.
›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun
gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung
taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt
ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den
Erscheinungen über das Erscheinen der sieben Erweckungen.

»Weiter sodann, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den
Erscheinungen über das Erscheinen der vier heiligen Wahrheiten.
Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen
über das Erscheinen der vier heiligen Wahrheiten? Da versteht,
ihr Mönche, der Mönch der Wahrheit gemäß ›Das ist das Leiden‹,
versteht der Wahrheit gemäß ›Das ist die Leidensentwicklung‹,
versteht der Wahrheit gemäß ›Das ist die Leidensauflösung‹,
versteht der Wahrheit gemäß ›Das ist der zur Leidensauflösung
führende Pfad‹.

»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die
Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen
über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei
den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie
die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen
vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn.
›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun
gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung
taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der
Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch
bei den Erscheinungen über das Erscheinen der vier heiligen
Wahrheiten.

       *       *       *       *       *

»Wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht
sieben Jahre also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur
Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest
Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um die sieben
Jahre: wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der             63
Einsicht sechs Jahre, fünf Jahre, vier Jahre, drei Jahre, zwei
Jahre, ein Jahr also behaupten kann, dem mag eins von beiden
zur Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein
Rest Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um das
eine Jahr: wer da, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht
sieben Monate also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur
Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest
Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um die sieben
Monate: wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der
Einsicht sechs Monate, fünf Monate, vier Monate, drei Monate,
zwei Monate, einen Monat, einen halben Monat also behaupten
kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewissheit
bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da, Nichtwiederkehr.
Sei es, ihr Mönche, um den halben Monat: wer auch immer, ihr
Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht sieben Tage also
behaupten kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen:
Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da,
Nichtwiederkehr.

       *       *       *       *       *

»‚Der gerade Weg, ihr Mönche, der zur Läuterung der Wesen,
zur Ueberwältigung des Schmerzes und Jammers, zur Zerstörung
des Leidens und der Trübsal, zur Gewinnung des Rechten, zur
Verwirklichung der Erlöschung führt, das sind die vier Pfeiler
der Einsicht‘: wurde das gesagt, so war es darum gesagt.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                         ZWEITER THEIL

                      BUCH DES LÖWENRUFS



                              11.

              Zweiter Theil            Erste Rede

                         DER LÖWENRUF


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»‚Hier endlich, Mönche, findet man den Asketen, findet man den
zweiten Asketen, den dritten Asketen und den vierten Asketen,
ohne Verlangen nach Zank und Streit mit anderen Asketen‘:             64
diesen ächtesten Löwenruf, Mönche, lasset erschallen. Aber es
könnte wohl sein, ihr Mönche, dass da andersfährtige Pilger
also sprächen: ›Mit welchem Fug und Recht, ihr Ehrwürdigen,
sprechet ihr also: ‚Hier endlich findet man den Asketen,
findet man den zweiten Asketen, den dritten Asketen und den
vierten Asketen, ohne Verlangen nach Zank und Streit mit
anderen Asketen‘?‹ Auf solche Rede andersfährtiger Pilger,
ihr Mönche, wäre dies die Antwort: ›Es hat uns, Brüder, der
Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen
Erwachte vier Dinge erklärt, die wir nun innig verstehn, und
darum sprechen wir also. Welche vier Dinge? Wir lieben, o
Brüder, den Meister, wir lieben die Lehre, wir erfüllen die
Regel des Ordens, und Rechtschaffene sind uns werth und genehm,
sowohl weltliche als geistliche. Das, ihr Brüder, sind die
vier Dinge, die uns der Erhabene, der Kenner, der Seher, der
Heilige, vollkommen Erwachte erklärt hat und die wir nun innig
verstehn, und darum sprechen wir also: ‚Hier endlich findet
man den Asketen, findet man den zweiten Asketen, den dritten
Asketen und den vierten Asketen, ohne Verlangen nach Zank und
Streit mit anderen Asketen‘.‹ Aber es könnte wohl sein, ihr
Mönche, dass da andersfährtige Pilger also sprächen: ›Auch
wir, o Brüder, lieben den Meister, und der ist unser Meister,
auch wir lieben die Lehre, und das ist unsere Lehre, auch wir
erfüllen die Regel des Ordens, und das ist unsere Regel, auch
uns sind Rechtschaffene werth und genehm, sowohl weltliche
als geistliche; was für eine Beschränkung, ihr Brüder, was
für Eigenart und Verschiedenheit besteht da wohl zwischen
euch und uns?‹ Auf solche Rede andersfährtiger Pilger, ihr
Mönche, wäre dies zu erwidern: ›Was meint ihr, Brüder: ist
die Vollkommenheit einzeln oder ist sie allgemein?‹ Und die
rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre:
›Einzeln, ihr Brüder, ist die Vollkommenheit, nicht ist die
Vollkommenheit allgemein.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder:
hat die der Gierige oder der Gierlose?‹ Und die rechte Antwort
andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der Gierlose,
Brüder, nicht der Gierige.‹ ›Und diese Vollkommenheit,
Brüder: hat die der Hassende oder der Hasslose?‹ Und die
rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre:
›Der Hasslose, Brüder, nicht der Hassende.‹ ›Und diese
Vollkommenheit, Brüder: hat die der Irrende oder der Irrlose?‹
Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche,
wäre: ›Der Irrlose, Brüder, nicht der Irrende.‹ ›Und diese
Vollkommenheit, Brüder: hat die der noch Durstige oder der
nicht mehr Durstige?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger
Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der nicht mehr Durstige, Brüder,           65
nicht der Durstige.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat
die der noch Anhangende oder der nicht mehr Anhangende?‹ Und
die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre:
›Der nicht mehr Anhangende, Brüder, nicht der noch Anhangende.‹
›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die der Wissende oder
der Unwissende?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger,
ihr Mönche, wäre: ›Der Wissende, Brüder, nicht der Unwissende.‹
›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die ein bald Verzückter
bald Verstimmter oder ein weder Verzückter noch Verstimmter?‹
Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche,
wäre: ›Der weder Verzückte noch Verstimmte, Brüder, kein bald
Verzückter bald Verstimmter.‹ ›Und ist einer vollkommen,
Brüder, dem Sonderheit behagt und Sonderheit gefällt, oder
ist es der, dem keine Sonderheit behagt, keine Sonderheit
gefällt?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr
Mönche, wäre: ›Dem keine Sonderheit behagt; ihr Brüder, keine
Sonderheit gefällt, der ist vollkommen, und nicht ist es der,
dem Sonderheit behagt und Sonderheit gefällt.‹

»Zweierlei Ansichten sind das, ihr Mönche: die Ansicht vom
Dasein und die Ansicht vom Nichtsein. Alle die Asketen oder
Priester, ihr Mönche, die der Ansicht vom Dasein zugethan
sind, der Ansicht vom Dasein huldigen, der Ansicht vom
Dasein anhängen, die werden durch die Ansicht des Nichtseins
verstimmt. Alle die Asketen oder Priester, ihr Mönche, die der
Ansicht vom Nichtsein zugethan sind, der Ansicht vom Nichtsein
huldigen, der Ansicht vom Nichtsein anhängen, die werden durch
die Ansicht des Daseins verstimmt. Alle die Asketen oder
Priester, ihr Mönche, die dieser zwei Ansichten Anfang und
Ende, Lust und Leid und Ueberwindung nicht der Wahrheit gemäß
verstanden haben, die gierigen, hassenden, irrenden, noch
durstigen, noch anhangenden, unwissenden, bald verzückten bald
verstimmten, denen Sonderheit behagt und Sonderheit gefällt:
die werden nicht erlöst von Geburt, Altern und Sterben, von
Sorge, Kummer und Schmerz, Gram und Verzweiflung, werden
nicht erlöst, sag’ ich, vom Leiden. Aber alle die Asketen
oder Priester, ihr Mönche, die dieser zwei Ansichten Anfang
und Ende, Lust und Leid und Ueberwindung der Wahrheit gemäß
verstanden haben, die gierlosen, hasslosen, irrlosen, die
nicht mehr durstigen, nicht mehr anhangenden, wissenden, weder
verzückten noch verstimmten, denen keine Sonderheit behagt,
keine Sonderheit gefällt: die werden erlöst von Geburt,
Altern und Sterben, von Sorge, Kummer und Schmerz, Gram und
Verzweiflung, werden erlöst, sag’ ich, vom Leiden.

»Vier Arten des Anhangens sind das, ihr Mönche: der Hang zur          66
Lust, der Hang zur Ansicht, der Hang zu Tugendwerk, der Hang
zur Selbstbehauptung. Es giebt manche Asketen und Priester,
ihr Mönche, die sich fähig erklären, alles Anhangen von Grund
aus darzulegen; doch eine solche Darlegung liefern sie nicht:
sie untersuchen den Hang zur Lust, aber nicht den Hang zur
Ansicht, aber nicht den Hang zu Tugendwerk, aber nicht den Hang
zur Selbstbehauptung, und warum nicht? Jene lieben Asketen und
Priester haben eben diese drei Fälle nicht gebührend bedacht
und können daher, wenn sie auch meinen, alles Anhangen von
Grund aus zu verstehn, eine solche Untersuchung nicht führen.
Es giebt manche Asketen und Priester, ihr Mönche, die sich
fähig erklären, alles Anhangen von Grund aus darzulegen; doch
eine solche Darlegung liefern sie nicht: sie untersuchen den
Hang zur Lust, untersuchen den Hang zur Ansicht, aber nicht den
Hang zu Tugendwerk, aber nicht den Hang zur Selbstbehauptung,
und warum nicht? Jene lieben Asketen und Priester haben eben
diese zwei Fälle nicht gebührend bedacht und können daher, wenn
sie auch meinen, alles Anhangen von Grund aus zu verstehn, eine
solche Untersuchung nicht führen. Es giebt manche Asketen und
Priester, ihr Mönche, die sich fähig erklären, alles Anhangen
von Grund aus darzulegen; doch eine solche Darlegung liefern
sie nicht: sie untersuchen den Hang zur Lust, untersuchen den
Hang zur Ansicht, untersuchen den Hang zu Tugendwerk, aber
nicht den Hang zur Selbstbehauptung, und warum nicht? Jene
lieben Asketen und Priester haben eben diesen einen Fall nicht
gebührend bedacht und können daher, wenn sie auch meinen, alles
Anhangen von Grund aus zu verstehn, eine solche Untersuchung
nicht führen.

»In einer solchen Heilsordnung, ihr Mönche, kann die Liebe
zum Meister nicht vollkommen sein, kann die Liebe zur
Lehre nicht vollkommen sein, kann die Erfüllung der Regel
nicht vollkommen sein, kann die Werth- und Genehmhaltung
Rechtschaffener nicht vollkommen sein, und warum nicht? Die
Sache, ihr Mönche, verhält sich eben so, wie’s zu erwarten            67
ist bei einer schlechtverkündeten Heilsordnung, bei einer
schlechtdargelegten, abstoßenden, Unruhe schaffenden, die kein
vollkommen Erwachter kundgethan hat.

»Doch der Vollendete, Mönche, der Heilige, vollkommen Erwachte
erklärt sich fähig, alles Anhangen von Grund aus darzulegen,
und er giebt eine solche Darlegung: er untersucht den Hang zur
Lust, er untersucht den Hang zur Ansicht, er untersucht den
Hang zu Tugendwerk, er untersucht den Hang zur Selbstbehauptung.

»In einer solchen Heilsordnung, ihr Mönche, kann die Liebe zum
Meister vollkommen sein, kann die Liebe zur Lehre vollkommen
sein, kann die Erfüllung der Regel vollkommen sein, kann die
Werth- und Genehmhaltung Rechtschaffener vollkommen sein, und
warum das? Die Sache, ihr Mönche, verhält sich eben so, wie’s
zu erwarten ist bei einer wohlverkündeten Heilsordnung, bei
einer wohldargelegten, anziehenden, Ruhe schaffenden, die ein
vollkommen Erwachter kundgethan hat.

»Aber dieses vierfache Anhangen, ihr Mönche, wo wurzelt das,
woraus entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es?
Dieses vierfache Anhangen wurzelt im Durst, entspringt aus dem
Durst, entsteht aus dem Durst, erwächst aus dem Durst. Und
dieser Durst, ihr Mönche, wo wurzelt der, woraus entspringt er,
woraus entsteht er, woraus erwächst er? Der Durst wurzelt im
Gefühl, entspringt aus dem Gefühl, entsteht aus dem Gefühl,
erwächst aus dem Gefühl. Und dieses Gefühl, ihr Mönche, wo
wurzelt das, woraus entspringt es, woraus entsteht es, woraus
erwächst es? Das Gefühl wurzelt in der Berührung, entspringt
aus der Berührung, entsteht aus der Berührung, erwächst aus der
Berührung. Und diese Berührung, ihr Mönche, wo wurzelt die,
woraus entspringt sie, woraus entsteht sie, woraus erwächst
sie? Die Berührung wurzelt im sechsfachen Reich, entspringt
aus dem sechsfachen Reich, entsteht aus dem sechsfachen Reich,
erwächst aus dem sechsfachen Reich. Und dieses sechsfache
Reich, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus entspringt es,
woraus entsteht es, woraus erwächst es? Das sechsfache Reich
wurzelt im Bild und Begriff, entspringt aus Bild und Begriff,
entsteht aus Bild und Begriff, erwächst aus Bild und Begriff.
Und dieses Bild und Begriff, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus
entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Bild und
Begriff wurzelt im Bewusstsein, entspringt aus dem Bewusstsein,
entsteht aus dem Bewusstsein, erwächst aus dem Bewusstsein.
Und dieses Bewusstsein, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus
entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Das
Bewusstsein wurzelt in den Unterscheidungen, entspringt aus den
Unterscheidungen, entsteht aus den Unterscheidungen, erwächst
aus den Unterscheidungen. Und diese Unterscheidungen, ihr
Mönche, wo wurzeln die, woraus entspringen sie, woraus entstehn
sie, woraus erwachsen sie? Die Unterscheidungen wurzeln im
Nichtwissen, entspringen aus dem Nichtwissen, entstehn aus dem
Nichtwissen, erwachsen aus dem Nichtwissen.

»Hat nun, ihr Mönche, ein Mönch das Nichtwissen verleugnet
und das Wissen erworben: nichtwissensentfremdet und
wissensvertraut haftet er nicht mehr am Hang zur Lust, nicht
am Hang zur Ansicht, nicht am Hang zu Tugendwerk, nicht am
Hang zur Selbstbehauptung. Ohne anzuhangen wird er nicht
erschüttert. Unerschütterlich gelangt er eben bei sich selbst
zur Erlöschung; ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das
Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche          68
über das Wort des Erhabenen.



                              12.

             Zweiter Theil            Zweite Rede

                       DAS HAARSTRÄUBEN


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Vesālī, außerhalb der Stadt, in der Umgebung, am Saume des
Waldes. Eben damals nun war Sunakkhatto, ein Licchavier-Prinz,
erst vor kurzem aus dieser Heilsordnung ausgetreten. Der
ließ sich überall in Vesālī also vernehmen: »Der Asket
Gotamo besitzt nicht das überirdische reiche Heilthum der
Wissensklarheit: eine grüblerisch vernagelte Lehre trägt der
Asket Gotamo vor, die er selbst ersonnen und ausgedacht hat;
und der Zweck, warum er seine Lehre darlegt, ist einfach
der, dass sie dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung
ausreicht.«

Da nun begab sich der ehrwürdige Sāriputto, zeitig gerüstet,
mit Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach
Vesālī. Und es hörte der ehrwürdige Sāriputto, wie der
Licchavier-Prinz Sunakkhatto in ganz Vesālī erzählte: »Der
Asket Gotamo besitzt nicht das überirdische reiche Heilthum
der Wissensklarheit: eine grüblerisch vernagelte Lehre trägt
der Asket Gotamo vor, die er selbst ersonnen und ausgedacht
hat; und der Zweck, warum er seine Lehre darlegt, ist einfach
der, dass sie dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung
ausreicht.«

Nachdem nun der ehrwürdige Sāriputto in Vesālī von Haus zu Haus
getreten war, kehrte er zurück, verzehrte sein Almosenmahl
und ging hierauf zu der Stätte, wo der Erhabene weilte. Dort
angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich
zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige
Sāriputto zum Erhabenen also:

»Der Licchavier-Prinz Sunakkhatto, o Herr, der vor kurzem aus
dieser Heilsordnung ausgetreten ist, der führt in ganz Vesālī
solche Rede: ‚Der Asket Gotamo besitzt nicht das überirdische
reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine grüblerisch
vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor, die er selbst
ersonnen und ausgedacht hat; und der Zweck, warum er seine
Lehre darlegt, ist einfach der, dass sie dem Grübler zur
gänzlichen Leidensversiegung ausreicht.‘«

»Zornig, Sāriputto, ist Sunakkhatto, der eitle Mann: und nur
im Zorn hat er diese Worte gesprochen. ›Tadeln will ich‹
meint, Sāriputto, jener Sunakkhatto, der eitle Mann, und lobt
gerade damit den Vollendeten. Ein Lob ja ist es, Sāriputto,           69
des Vollendeten, wenn einer sagt: ›Und der Zweck, warum er
seine Lehre darlegt, ist einfach der, dass sie dem Grübler zur
gänzlichen Leidensversiegung ausreicht.‹

»Aber freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen
Mann, jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn, derart
zwar: ›Das ist der Erhabene, Heilige, vollkommen Erwachte,
der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt
Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der
Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹
Und freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen
Mann, auch jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn,
derart zwar: ›Das ist der Erhabene, der auf manigfaltige
Weise Machtentfaltung an sich erfahren mag: als nur einer
etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder einer
zu sein; oder sichtbar und unsichtbar zu werden; auch durch
Mauern, Wälle, Felsen hindurchzuschweben wie durch die Luft;
oder auf der Erde auf- und unterzutauchen wie im Wasser; auch
auf dem Wasser zu wandeln ohne unterzusinken wie auf der Erde;
oder auch durch die Luft sitzend dahinzufahren wie der Vogel
mit seinen Fittichen; auch etwa diesen Mond und diese Sonne,
die so mächtigen, so gewaltigen, mit der Hand zu befühlen und
zu berühren; etwa gar bis zu den Brahmawelten den Körper in
seiner Gewalt zu haben.‹ Und freilich wird da, Sāriputto,
Sunakkhatto, dem eitlen Mann, auch jene Ahnung der Wahrheit
bei mir nicht aufgehn, derart zwar: ›Das ist der Erhabene, der
mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche
Gränzen hinausreichenden, beide Arten der Töne hört, die
himmlischen und die irdischen, die fernen und die nahen.‹
Und freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen
Mann, auch jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn,
derart zwar: ›Das ist der Erhabene, der der anderen Wesen, der
anderen Personen Herz und Gemüth durchschaut und erkennt: das
begehrliche Herz erkennt er als begehrlich und das begehrlose
Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das
hasslose Herz als hasslos, das irrende Herz als irrend und das
irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und
das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als
hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt,
das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das
beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos,
das erlöste Herz erkennt er als erlöst und das gefesselte Herz
als gefesselt.‹

»Zehn Tugenden sind es, Sāriputto, die dem Vollendeten
taugen, die dem Vollendeten eignen, um das Auffallende zu
verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu
lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen: welche zehn?
Da versteht, Sāriputto, der Vollendete das Aechte als
ächt und das Falsche als falsch der Wahrheit gemäß. Was da,
Sāriputto, der Vollendete Aechtes als ächt und Falsches als
falsch der Wahrheit gemäß versteht, das eben, Sāriputto,
taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten              70
als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den
Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der
Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, kennt
der Vollendete vergangener, zukünftiger und gegenwärtiger
Handlungen ächte und wirkliche Folgen der Wahrheit gemäß.
Was da, Sāriputto, der Vollendete als ächte und wirkliche
Folgen vergangener, zukünftiger und gegenwärtiger Handlungen
der Wahrheit gemäß kennt, das eben, Sāriputto, taugt dem
Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend,
um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den
Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu
begründen. Weiter sodann, Sāriputto, kennt der Vollendete
den Pfad, der überallhin führt, der Wahrheit gemäß. Was da,
Sāriputto, der Vollendete als überallhin führenden Pfad
der Wahrheit gemäß kennt, das eben, Sāriputto, taugt dem
Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend,
um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den
Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu
begründen. Weiter sodann, Sāriputto, weiß der Vollendete
der Wahrheit gemäß, wie die Welt aus einzelnen Elementen, aus
verschiedenen Elementen besteht. Was da, Sāriputto, der
Vollendete als Bestehn der Welt aus einzelnen Elementen, aus
verschiedenen Elementen der Wahrheit gemäß weiß, das eben,
Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem
Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um
unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das
Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto,
kennt der Vollendete der Wesen verschieden geartete Neigungen
der Wahrheit gemäß. Was da, Sāriputto, der Vollendete als
der Wesen verschieden geartete Neigungen der Wahrheit gemäß
kennt, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als
Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende
zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu
lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter
sodann, Sāriputto, kennt der Vollendete das durch die
Sinne gesetzte Maaß der anderen Wesen, der anderen Personen
der Wahrheit gemäß. Was da, Sāriputto, der Vollendete als
durch die Sinne gesetztes Maaß der anderen Wesen, der anderen
Personen der Wahrheit gemäß kennt, das eben, Sāriputto,
taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als
Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den
Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu
begründen. Weiter sodann, Sāriputto, kennt der Vollendete
Schuld, Reinheit und Mündung der Schauenden, Abgelösten,
Vertieften der Wahrheit gemäß. Was da, Sāriputto, der
Vollendete als Schuld, Reinheit und Mündung der Schauenden,
Abgelösten, Vertieften der Wahrheit gemäß kennt, das eben,
Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem
Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um
unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das
Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto,
erinnert sich der Vollendete an manche verschiedene frühere
Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann
an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann
an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben,
dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert
Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben,
dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann
an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die
Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen.
›Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich
an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe
habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden
trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen
Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war
mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich
erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier
wieder ins Dasein.‹ So erinnert er sich an manche verschiedene
frühere Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen,
mit je den eigenartigen Beziehungen. Was da, Sāriputto,
der Vollendete als manche verschiedene frühere Daseinsform
der Wahrheit gemäß wiedersieht, das eben, Sāriputto,
taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten
als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den
Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der
Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, sieht
der Vollendete mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über
menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden
und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne,
glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach
den Thaten wiederkehren. ›Diese lieben Wesen sind freilich
in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten
zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges,
achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des             71
Körpers, nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf
schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben
Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem
Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht
Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des
Körpers, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige
Welt.‹ So sieht er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten,
über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen
dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne
und unschöne, glückliche und unglückliche, er erkennt wie die
Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Was da, Sāriputto,
der Vollendete als Wiedererscheinen der Wesen je nach den
Thaten der Wahrheit gemäß sieht, das eben, Sāriputto,
taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als
Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten
den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit
zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, hat der Vollendete
durch die Wahnversiegung die wahnlose Gemütherlösung,
Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht,
verwirklicht und errungen. Was da, Sāriputto, der Vollendete
durch die Wahnversiegung als wahnlose Gemütherlösung,
Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht,
verwirklicht und errungen hat, das eben, Sāriputto, taugt
dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend,
um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den
Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu
begründen.

»Das, Sāriputto, sind die zehn Tugenden, die dem Vollendeten
taugen, die dem Vollendeten eignen, um das Auffallende zu
verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu
lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen.

»Wer nun zu mir, Sāriputto, dem also Erkennenden, also
Erschauenden also spräche: ›Der Asket Gotamo besitzt nicht
das überirdische reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine
grüblerisch vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor,
die er selbst ersonnen und ausgedacht hat‹, und er bereute,
Sāriputto, diese Rede nicht, verwürfe nicht diese Gedanken,
gäbe diese Ansicht nicht auf, der möchte, wie er’s gefügt, dem
Abweg verfallen. Gleichwie etwa, Sāriputto, ein Mönch, der
Selbstbeherrschung, Vertiefung und Weisheit gewonnen hat, noch
bei Lebzeiten zur Erkenntniss gelangen kann: so, sag’ ich,
Sāriputto, mag wer diese Rede nicht bereut, diese Gedanken
nicht verworfen, diese Ansicht nicht aufgegeben hat, wie er’s
gefügt dem Abweg verfallen.

»Vier Arten der Zuversicht sind es, Sāriputto, die dem
Vollendeten taugen, die dem Vollendeten eignen, um das
Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf
erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen:
welche vier? ›Vollkommen erwacht nennst du dich zwar, aber
diese Dinge hast du nicht erkannt‹: dass mich da ein Asket oder
ein Brāhmane, ein Gott oder ein Teufel, ein Brahmā oder
irgend wer in der Welt mit Recht also abweisen könnte, eine           72
solche Möglichkeit, Sāriputto, sehe ich nicht. Und weil
ich, Sāriputto, keine solche Möglichkeit kenne, bleibe ich
ruhig, unverstört, zuversichtlich. -- ›Wahnversiegt nennst du
dich zwar, aber dieser Wahn ist nicht versiegt‹: dass mich da
ein Asket oder ein Brāhmane, ein Gott oder ein Teufel, ein
Brahmā oder irgend wer in der Welt mit Recht also abweisen
könnte, eine solche Möglichkeit, Sāriputto, sehe ich nicht.
Und weil ich, Sāriputto, keine solche Möglichkeit kenne,
bleibe ich ruhig, unverstört, zuversichtlich. -- ›Was du nun
gar als verderblich bezeichnest, das muss nicht dem Thäter
verderblich sein‹: dass mich da ein Asket oder ein Brāhmane,
ein Gott oder ein Teufel, ein Brahmā oder irgend wer in der
Welt mit Recht also abweisen könnte, eine solche Möglichkeit,
Sāriputto, sehe ich nicht. Und weil ich, Sāriputto,
keine solche Möglichkeit kenne, bleibe ich ruhig, unverstört,
zuversichtlich. -- ›Und trägst du gleich in gewisser Absicht
deine Lehre vor, so reicht sie doch nicht dem Grübler zur
gänzlichen Leidensversiegung aus‹: dass mich da ein Asket oder
ein Brāhmane, ein Gott oder ein Teufel, ein Brahmā oder
irgend wer in der Welt mit Recht also abweisen könnte, eine
solche Möglichkeit, Sāriputto, sehe ich nicht. Und weil ich,
Sāriputto, keine solche Möglichkeit kenne, bleibe ich ruhig,
unverstört, zuversichtlich.

»Das, Sāriputto, sind die vier Arten der Zuversicht, die
dem Vollendeten taugen, die dem Vollendeten eignen, um das
Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf
erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen.

»Wer nun zu mir, Sāriputto, dem also Erkennenden, also
Erschauenden also spräche: ›Der Asket Gotamo besitzt nicht
das überirdische reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine
grüblerisch vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor, die er
selbst ersonnen und ausgedacht hat‹, und er bereute, Sāriputto,
diese Rede nicht, verwürfe nicht diese Gedanken, gäbe diese
Ansicht nicht auf, der möchte, wie er’s gefügt, dem Abweg
verfallen.

»Acht Versammlungen giebt es, Sāriputto: was für acht? Die
Versammlung der Krieger, die Versammlung der Priester, die
Versammlung der Bürger, die Versammlung der Asketen, die
Versammlung der Götter der vier Gegenden, die Versammlung der
Götter der Dreiunddreißig, die Versammlung der sinnlichen
Götter und die Versammlung der heiligen Götter. Das, Sāriputto,
sind die acht Versammlungen. Mit jener vierfachen Zuversicht
ausgerüstet, Sāriputto, geht der Vollendete hin zu den acht
Versammlungen, begiebt sich unter sie. Und ich bekenne,
Sāriputto, unter vielen hunderten von Kriegern gewesen zu
sein: vor mir saßen sie da und ich sprach mit ihnen und
wir wechselten also Rede und Gegenrede. Dass ich nun da in
Bestürzung oder Verlegenheit gerathen könnte, eine solche
Möglichkeit, Sāriputto, ist nicht vorhanden. Und weil ich,
Sāriputto, keine solche Möglichkeit kenne, bleibe ich ruhig,
unverstört, zuversichtlich. Und ich bekenne, Sāriputto, unter
vielen hunderten von Priestern -- von Bürgern -- von Asketen
-- unter vielen hunderten von Göttern der vier Gegenden --
von Göttern der Dreiunddreißig -- von sinnlichen Göttern und
von heiligen Göttern gewesen zu sein: vor mir saßen sie da
und ich sprach mit ihnen und wir wechselten also Rede und
Gegenrede. Dass ich nun da in Bestürzung oder Verlegenheit
gerathen könnte, eine solche Möglichkeit, Sāriputto, ist nicht
vorhanden. Und weil ich, Sāriputto, keine solche Möglichkeit
kenne, bleibe ich ruhig, unverstört, zuversichtlich.

»Wer nun zu mir, Sāriputto, dem also Erkennenden, also                73
Erschauenden also spräche: ›Der Asket Gotamo besitzt nicht
das überirdische reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine
grüblerisch vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor, die er
selbst ersonnen und ausgedacht hat‹, und er bereute, Sāriputto,
diese Rede nicht, verwürfe nicht diese Gedanken, gäbe diese
Ansicht nicht auf, der möchte, wie er’s gefügt, dem Abweg
verfallen.

»Viererlei Schooße giebt es, Sāriputto: und welche sind es? Der
Schooß des Eies, der Schooß des Leibes, der Schooß der Gährung,
der Schooß der Erscheinung. Was ist aber, Sāriputto, der Schooß
des Eies? Wenn da Wesen, Sāriputto, die Schaale des Eies
durchbrechend zur Welt kommen, so nennt man das, Sāriputto,
den Schooß des Eies. Was ist aber, Sāriputto, der Schooß des
Leibes? Wenn da Wesen, Sāriputto, aus der Hülle des Leibes
hervortretend zur Welt kommen, so nennt man das, Sāriputto,
den Schooß des Leibes. Was ist aber, Sāriputto, der Schooß der
Gährung? Wenn da Wesen, Sāriputto, in faulendem Fische entstehn
oder in faulendem Fleische oder in faulender Speise, oder in
Pfuhl oder Pfütze zur Welt kommen, so nennt man das, Sāriputto,
den Schooß der Gährung. Was ist aber, Sāriputto, der Schooß der
Erscheinung? Wenn da Götter in die Tiefe sinken, und manche
Menschen und manche Geister, so nennt man das, Sāriputto, den
Schooß der Erscheinung. Das, Sāriputto, sind die vier Schooße.

»Wer nun zu mir, Sāriputto, dem also Erkennenden, also
Erschauenden also spräche: ›Der Asket Gotamo besitzt nicht
das überirdische reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine
grüblerisch vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor,
die er selbst ersonnen und ausgedacht hat‹, und er bereute,
Sāriputto, diese Rede nicht, verwürfe nicht diese Gedanken,
gäbe diese Ansicht nicht auf, der möchte, wie er’s gefügt, dem
Abweg verfallen.

»Fünf Fährten giebt es, Sāriputto: und was für welche? Den
Abweg, den thierischen Schooß, das Gespensterreich, die
Menschen und die Götter. Den Abweg kenn’ ich, Sāriputto, und
den abwärts führenden Pfad und den abwärts führenden Wandel,
durch dessen Pflege man bei der Auflösung des Körpers, nach
dem Tode, zu Verderben und Unheil gelangt, an Orte der Quaal
und des Jammers: diesen Weg kenne ich. Den thierischen Schooß
kenn’ ich, Sāriputto, und den zum thierischen Schooße führenden
Pfad und den zum thierischen Schooße führenden Wandel, durch
dessen Pflege man bei der Auflösung des Körpers, nach dem
Tode, zum thierischen Schooße gelangt: auch diesen Weg kenne
ich. Das Gespensterreich kenn’ ich, Sāriputto, und den zum
Gespensterreich führenden Pfad und den zum Gespensterreich
führenden Wandel, durch dessen Pflege man bei der Auflösung
des Körpers, nach dem Tode, zum Gespensterreich gelangt: auch
diesen Weg kenne ich. Die Menschen kenn’ ich, Sāriputto, und
den zur Menschenwelt führenden Pfad und den zur Menschenwelt
führenden Wandel, durch dessen Pflege man bei der Auflösung
des Körpers, nach dem Tode, zur Menschheit gelangt: auch
diesen Weg kenne ich. Die Götter kenn’ ich, Sāriputto, und
den zur Götterwelt führenden Pfad und den zur Götterwelt
führenden Wandel, durch dessen Pflege man bei der Auflösung des
Körpers, nach dem Tode, an Orte himmlischer Freude gelangt:
auch diesen Weg kenne ich. -- Und die Wahnerlöschung kenn’
ich, Sāriputto, und den zur Wahnerlöschung führenden Pfad und
den zur Wahnerlöschung führenden Wandel, durch dessen Pflege          74
man nach Versiegung des Wahnes die wahnlose Gemütherlösung,
Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar macht,
verwirklicht, erringt und besitzt: auch diesen Weg kenne ich.

»Und ich durchschau’ und erkenne Herz und Gemüth eines Menschen
also, Sāriputto: ›Derart handelt dieser Mensch, darauf
arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen, dass er
bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf
schlechte Fährte, in Verderben und Unheil gerathen wird‹;
und ich seh’ ihn dann später mit dem himmlischen Auge, dem
geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, bei
der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts gerathen,
auf schlechter Fährte, in Verderben und Unheil, einzig von
schmerzlichen, stechenden, brennenden Gefühlen erfüllt.
Gleichwie etwa, Sāriputto, wenn da eine Grube wäre, tiefer
als Manneshöhe, voller glühender Kohlen, ohne Flammen, ohne
Rauch; und es käme einer heran, vom Sonnenbrande gebraten,
vom Sonnenbrande verzehrt, erschöpft, zitternd, dürstend,
und schritte geraden Weges auf eben diese Grube zu; den habe
ein scharfsehender Mann erblickt und spräche nun: ›Derart
handelt jener liebe Mann, darauf arbeitet er hin, einen
solchen Weg hat er genommen, dass er mitten in die glühenden
Kohlen hineinfallen wird‹; und er sähe ihn dann später in der
Kohlengrube drinnen, einzig von schmerzlichen, stechenden,
brennenden Gefühlen erfüllt: ebenso nun auch, Sāriputto,
durchschau’ und erkenn’ ich da Herz und Gemüth eines
Menschen: ›Derart handelt dieser Mensch, darauf arbeitet
er hin, einen solchen Weg hat er genommen, dass er bei der
Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte
Fährte, in Verderben und Unheil gerathen wird‹; und ich seh’
ihn dann später mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten,
über menschliche Gränzen hinausreichenden, bei der Auflösung
des Körpers, nach dem Tode, abwärts gerathen, auf schlechter
Fährte, in Verderben und Unheil, einzig von schmerzlichen,
stechenden, brennenden Gefühlen erfüllt.

»Und ferner, Sāriputto, durchschau’ und erkenn’ ich Herz und
Gemüth eines Menschen also: ›Derart handelt dieser Mensch,
darauf arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen, dass
er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in thierischen
Schooß gerathen wird‹; und ich seh’ ihn dann später mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Grenzen
hinausreichenden, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode,
in thierischen Schooß gerathen, von schmerzlichen, stechenden,
brennenden Gefühlen erfüllt. Gleichwie etwa, Sāriputto,
wenn da eine Senkgrube wäre, tiefer als Manneshöhe, voller
Unrath; und es käme einer heran, vom Sonnenbrande gebraten,           75
vom Sonnenbrande verzehrt, erschöpft, zitternd, dürstend, und
schritte geraden Weges auf eben diese Senkgrube zu; den habe
ein scharfsehender Mann erblickt und spräche nun: ›Derart
handelt jener liebe Mann, darauf arbeitet er hin, einen solchen
Weg hat er genommen, dass er mitten in den Koth hineinfallen
wird‹; und er sähe ihn dann später in der Jauche drinnen, von
schmerzlichen, stechenden, brennenden Gefühlen erfüllt: ebenso
nun auch, Sāriputto, durchschau’ und erkenn’ ich da Herz und
Gemüth eines Menschen: ›Derart handelt dieser Mensch, darauf
arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen, dass er
bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in thierischen
Schooß gerathen wird‹; und ich seh’ ihn dann später mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode,
in thierischen Schooß gerathen, von schmerzlichen, stechenden,
brennenden Gefühlen erfüllt.

»Und ich durchschau’ und erkenne Herz und Gemüth eines
Menschen also, Sāriputto: ›Derart handelt dieser Mensch,
darauf arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen,
dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, ins
Gespensterreich gerathen wird‹; und ich seh’ ihn dann später
mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche
Gränzen hinausreichenden, bei der Auflösung des Körpers,
nach dem Tode, ins Gespensterreich gerathen, von manchem
Schmerzgefühle erfüllt. Gleichwie etwa, Sāriputto, wenn da auf
schlechtem Erdreich ein Baum gewachsen wäre, mit verkümmertem
Laube, spärlichem Grün, gesprengeltem Schatten; und es käme
einer heran, vom Sonnenbrande gebraten, vom Sonnenbrande
verzehrt, erschöpft, zitternd, dürstend, und schritte geraden
Weges auf eben diesen Baum zu; den habe ein scharfsehender Mann
erblickt und spräche nun: ›Derart handelt jener liebe Mann,
darauf arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen,
dass er gerade zu diesem Baume gelangen wird‹; und er sähe ihn
dann später im Schatten dieses Baumes sitzen oder liegen, von
manchem Schmerzgefühle erfüllt: ebenso nun auch, Sāriputto,
durchschau’ und erkenn’ ich da Herz und Gemüth eines Menschen:
›Derart handelt dieser Mensch, darauf arbeitet er hin, einen
solchen Weg hat er genommen, dass er bei der Auflösung des
Körpers, nach dem Tode, ins Gespensterreich gerathen wird‹;
und ich seh’ ihn dann später mit dem himmlischen Auge, dem
geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, bei
der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, ins Gespensterreich
gerathen, von manchem Schmerzgefühle erfüllt.

»Und ferner, Sāriputto, durchschau’ und erkenn’ ich Herz und
Gemüth eines Menschen also: ›Derart handelt dieser Mensch,
darauf arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen, dass
er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, als Mensch
wiedererscheinen wird‹; und ich seh’ ihn dann später mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode,
als Mensch wiedererscheinen, von manchem Wohlgefühle erfüllt.
Gleichwie etwa, Sāriputto, wenn da auf gutem Erdreich ein Baum
gewachsen wäre, mit breitem Laubdach, dichtem Grün, tiefem
Schatten; und es käme einer heran, vom Sonnenbrande gebraten,
vom Sonnenbrande verzehrt, erschöpft, zitternd, dürstend, und
schritte geraden Weges auf eben diesen Baum zu; den habe ein
scharfsehender Mann erblickt und spräche nun: ›Derart handelt
jener liebe Mann, darauf arbeitet er hin, einen solchen Weg
hat er genommen, dass er gerade zu diesem Baume gelangen
wird‹; und er sähe ihn dann später im Schatten dieses Baumes
sitzen oder liegen, von manchem Wohlgefühle erfüllt: ebenso
nun auch, Sāriputto, durchschau’ und erkenn’ ich da Herz und
Gemüth eines Menschen: ›Derart handelt dieser Mensch, darauf
arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen, dass er
bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, als Mensch
wiedererscheinen wird‹; und ich seh’ ihn dann später mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode,
als Mensch wiedererscheinen, von manchem Wohlgefühle erfüllt.

»Und ich durchschau’ und erkenne Herz und Gemüth eines Menschen       76
also, Sāriputto: ›Derart handelt dieser Mensch, darauf arbeitet
er hin, einen solchen Weg hat er genommen, dass er bei der
Auflösung des Körpers, nach dem Tode, an Orte himmlischer
Freude gelangen wird‹; und ich seh’ ihn dann später mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode,
an Orten himmlischer Freude, nur von Wohlgefühlen erfüllt.
Gleichwie etwa, Sāriputto, wenn da ein Landhaus stände,
mit luftiger Terrasse, zierlich gebohnt und geglättet, mit
gefälligem Geländer versehn, vor den Fensterbogen duftige
Matten, und ein Lager befände sich dort, aus flockigen,
wollenen Decken gepolstert, mit zartesten Antilopenfellen
behangen, zu beiden Seiten purpurne Kissen; und es käme einer
heran, vom Sonnenbrande gebraten, vom Sonnenbrande verzehrt,
erschöpft, zitternd, dürstend, und schritte geraden Weges auf
eben dieses Landhaus zu; den habe ein scharfsehender Mann
erblickt und spräche nun: ›Derart handelt jener liebe Mann,
darauf arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen,
dass er gerade zu diesem Landhaus herankommen wird‹; und er
sähe ihn dann später in diesem Landhause, auf der Terrasse, auf
dem Lager sitzen oder liegen, nur von Wohlgefühlen erfüllt:
ebenso nun auch, Sāriputto, durchschau’ und erkenn’ ich da
Herz und Gemüth eines Menschen: ›Derart handelt dieser Mensch,
darauf arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen,
dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, an Orte
himmlischer Freude gelangen wird‹; und ich seh’ ihn dann später
mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche
Gränzen hinausreichenden, bei der Auflösung des Körpers, nach
dem Tode, an Orten himmlischer Freude, nur von Wohlgefühlen
erfüllt.

»Und ferner, Sāriputto, durchschau’ und erkenn’ ich Herz und
Gemüth eines Menschen also: ›Derart handelt dieser Mensch,
darauf arbeitet er hin, einen solchen Weg hat er genommen, dass
er nach Versiegung des Wahnes die wahnlose Gemütherlösung,
Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar machen,
verwirklichen und erringen wird‹; und ich seh’ ihn dann später
nach Versiegung des Wahnes die wahnlose Gemütherlösung,
Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht,
verwirklicht und errungen haben, einzig von Wohlgefühlen
erfüllt. Gleichwie etwa, Sāriputto, wenn da ein Lotusweiher
läge, mit klarem Spiegel, mild, kühl, glitzernd, leicht
zugänglich, erquickend, und nahe am Wasser tiefe Waldesgründe;
und es käme einer heran, vom Sonnenbrande gebraten, vom
Sonnenbrande verzehrt, erschöpft, zitternd, dürstend, und
schritte geraden Weges auf eben diesen Lotusweiher zu; den
habe ein scharfsehender Mann erblickt und spräche nun:
›Derart handelt jener liebe Mann, darauf arbeitet er hin,
einen solchen Weg hat er genommen, dass er gerade an diesen
Lotusweiher gelangen wird‹; und er sähe ihn dann später,
nachdem er im See gebadet, getrunken und alle Quaal und Pein
der Erschöpfung beschwichtigt hat, im Waldeshaine sitzen oder         77
liegen, einzig von Wohlgefühlen erfüllt: ebenso nun auch,
Sāriputto, durchschau’ und erkenn’ ich da Herz und Gemüth eines
Menschen: ›Derart handelt dieser Mensch, darauf arbeitet er
hin, einen solchen Weg hat er genommen, dass er nach Versiegung
des Wahnes die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung
noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und
erringen wird‹; und ich seh’ ihn dann später nach Versiegung
des Wahnes die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch
bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen
haben, einzig von Wohlgefühlen erfüllt.

»Das, Sāriputto, sind die fünf Fährten. Wer nun zu mir,
Sāriputto, dem also Erkennenden, also Erschauenden also
spräche: ›Der Asket Gotamo besitzt nicht das überirdische
reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine grüblerisch
vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor, die er selbst
ersonnen und ausgedacht hat‹, und er bereute, Sāriputto, diese
Rede nicht, verwürfe nicht diese Gedanken, gäbe diese Ansicht
nicht auf, der möchte, wie er’s gefügt, dem Abweg verfallen.
Gleichwie etwa, Sāriputto, ein Mönch, der Selbstbeherrschung,
Vertiefung und Weisheit gewonnen hat, noch bei Lebzeiten zur
Erkenntniss gelangen kann: so, sag’ ich, Sāriputto, mag wer
diese Rede nicht bereut, diese Gedanken nicht verworfen,
diese Ansicht nicht aufgegeben hat, wie er’s gefügt dem Abweg
verfallen.

»Und ferner bekenn’ ich, Sāriputto, die Zeiten der vierfach
geübten Askese:

    Inbrünstig bin ich gewesen,
    Inbrünstig wie noch kein andrer;

    Rauhsinnig bin ich gewesen,
    Rauhsinnig wie noch kein andrer;

    Wehmüthig bin ich gewesen,
    Wehmüthig wie noch kein andrer;

    Abgelöst bin ich gewesen,
    Abgelöst wie noch kein andrer.

»Da hab’ ich denn, Sāriputto, also Inbrunst geübt: ein
Unbekleideter war ich, ein Ungebundener, ein Handverköster,
kein Ankömmling, kein Abwärtling, gestattete keine Darreichung,
keine Vergünstigung, keine Einladung, spähte beim Empfangen des
Almosens nicht nach dem Topfe, nicht nach der Schüssel, nicht
über die Schwelle, nicht über das Gitter, nicht in den Kessel
hinein, nahm nicht von zu zweit Speisenden an, nicht von einer
Schwangeren, nicht von einer Säugenden, nicht von einer, die
vom Manne kommt, nicht von Beschmutzten, nicht wo ein Hund
dabei steht, nicht wo Fliegen hin und her schwärmen, aß keinen
Fisch, kein Fleisch, trank keinen Wein, kein gebranntes Wasser,
keinen gegohrenen Haferschleim. Ich ging zu einem Hause und
begnügte mich mit einer handvoll Almosenspeise; ging zu zwei
Häusern und begnügte mich mit zwei handvoll Almosenspeise;
ging zu sieben Häusern und begnügte mich mit sieben handvoll          78
Almosenspeise. Ich fristete mein Leben durch die Mildthätigkeit
von nur einer Spenderin, von nur zwei Spenderinen, von nur
sieben Spenderinen. Ich nahm nur jeden ersten Tag Nahrung ein,
nur jeden zweiten Tag, nur jeden siebenten Tag. Solcherart
wechselnd beobachtet’ ich streng diese bis auf einen halben
Monat ausgedehnte Fastenübung.

»Und ich lebte von Kräutern und Pilzen, von wildem Reis und
Korn, von Saamen und Kernen, von Pflanzenmilch und Baumharz,
von Gräsern, von Kuhmist, fristete mich von Wurzeln und
Früchten des Waldes, lebte von abgefallenen Früchten.

»Und ich trug das hänfene Hemd, trug das härene Hemd, trug
einen Rock, geflickt aus den im Leichenhof und auf der Straße
gefundenen Fetzen, hüllte mich in Lumpen, in Felle, in Häute,
gürtete mich mit Flechten aus Gras, mit Flechten aus Rinde, mit
Flechten aus Laub, barg die Blöße unter pelzigem Schurze, unter
borstigem Schurze, unter einem Eulenflügel.

»Und ich raufte mir Haupt- und Barthaar aus, die Regel der
Haar- und Bartausraufer befolgend; war ein Stetigsteher,
verwarf Sitz und Lager; war ein Fersensitzer, übte die Zucht
der Fersensitzer; war ein Dornenseitiger und legte mich zur
Seite auf ein Dornenlager; stieg allabendlich zum dritten
Mal herab ins Büßerbad. So übte ich mich gar vielfach in des
Körpers inbrünstiger Schmerzensaskese. Und das, Sāriputto,
ist meine Inbrunst gewesen.

»Und ich habe da, Sāriputto, also Rauhsinn gepflegt:
vieljährigen Schmutz und Staub ließ ich am Körper ansammeln,
bis zum herabfallen. Gleichwie etwa, Sāriputto, am Stumpfe
des Ebenholzbaumes die Staubschicht sich von Jahr zu Jahr
verdichtet, bis zum herabfallen: ebenso nun auch, Sāriputto,
hatte sich an meinem Körper vieljähriger Schmutz und Staub
angesammelt, bis zum herabfallen. Und es kam mir da, Sāriputto,
kein solcher Gedanke: ›Ach könnte ich mich doch endlich von
diesem Staub und Schmutze säubern, oder möchten es andere
thun!‹ Ein solcher Gedanke, Sāriputto, kam mir nicht. Und das,
Sāriputto, ist mein Rauhsinn gewesen.

»Und ich habe da, Sāriputto, also Wehmuth gehegt: jeder meiner
Schritte, Sāriputto, war von klarem Bewusstsein geleitet, von
klarem Bewusstsein gelenkt, und selbst ein Tropfen Wassers
erregte in mir das Mitleid: ›O dass ich den kleinen verirrten
Wesen ja nicht Schaden zufüge!‹ Und das, Sāriputto, ist meine
Wehmuth gewesen.

»Und ich habe da, Sāriputto, also Ablösung gelernt: ich ging          79
in irgend einen Wald hinein und verweilte dort; bemerkt’ ich
aber einen Rinderhirten oder Viehtreiber, einen Kräutersucher
oder Reisigsammler oder einen Holzknecht, so floh ich von Forst
zu Forst, von Hain zu Hain, von Thal zu Thal, von Berg zu Berg:
und warum das? Jene sollten mich nicht sehn, und ich mochte sie
nicht sehn. Gleichwie etwa, Sāriputto, ein Wild des Waldes,
wenn es Menschen gesehn hat, von Forst zu Forst, von Hain zu
Hain, von Thal zu Thal, von Berg zu Berg flieht: ebenso nun,
Sāriputto, floh auch ich, wenn ich da einen Rinderhirten
oder Viehtreiber, einen Kräutersucher oder Reisigsammler oder
einen Holzknecht bemerkt hatte, von Forst zu Forst, von Hain
zu Hain, von Thal zu Thal, von Berg zu Berg: und warum das?
Jene sollten mich nicht sehn, und ich mochte sie nicht sehn.
Und das, Sāriputto, ist meine Ablösung gewesen.

»Und ich ging dann, Sāriputto, wenn die Knechte fort waren, zu
den Hürden hinab, zu den angebundenen Kühen, und sammelte in
meinem irdenen Topfe Mist von den jungen, säugenden Kälbern
und lebte davon. Und was da, Sāriputto, als mein eigener Koth
und Harn unverdaut blieb, auch das nahm ich ein. Und das,
Sāriputto, ist mein großer Hefekelch gewesen.

»Und ich habe mich dann, Sāriputto, in einen anderen, in
grauenvollen Wald begeben, dort zu verweilen. In jener
grässlichen Wildniss, Sāriputto, herrschte solches Entsetzen,
dass jedem ungeheiligten Wanderer alsbald die Haare sich
sträubten. Und während der kalten, eisigen Nächte im Winter,
zur Zeit des Frostes, hielt ich mich nachts in einer Lichtung
auf und tags im Dickicht; und im Sommer, zur Zeit der Hitze,
hielt ich mich tags in einer Lichtung auf und nachts im
Dickicht. Und es leuchtete mir, Sāriputto, dieser naturgemäße
Spruch auf, der nie zuvor gehörte:

    ›Im Sommerbrand, im Wintersturm
    Allein im wilden Schreckensforst
    Sinnt ohne Feuer, ohne Herd
    Ein nackter Dulder selbstvertieft.‹

»Und ich wanderte, Sāriputto, zu einer Leichenstätte hin und
lagerte mich auf einem Haufen fauler Gebeine. Und da kamen,
Sāriputto, Hirtenkinder herbei, spieen auf mich und benässten
mich und bewarfen mich mit Unrath und fuhren mir mit spitzigen
Halmen in die Ohren. Doch erinnere ich mich nicht, Sāriputto,
dass mir ein böser Gedanke gegen sie aufgestiegen wäre. Und
das, Sāriputto, ist mein Gleichmuth gewesen.

»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:           80
›Die Nahrung läutert.‹ Und sie ermahnen: ›Lasst uns von
Steinäpfeln leben.‹ Und sie verzehren Steinäpfel, essen
Steinäpfelmus, trinken Steinäpfelsaft, genießen allerlei
Gerichte aus Steinäpfeln. Ich erinnere mich, Sāriputto, nur
einen Steinapfel als tägliche Nahrung genossen zu haben. Nun
möchtest du wohl, Sāriputto, meinen, es habe damals auch
größere Steinäpfel gegeben. Doch wäre eine solche Meinung,
Sāriputto, unrichtig: auch damals wurden Steinäpfel nur
ebenso groß wie heute. Und indem ich, Sāriputto, nur einen
Steinapfel als tägliche Nahrung zu mir nahm wurde mein Körper
außerordentlich mager.

»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und
lehren: ›Die Nahrung läutert.‹ Und sie ermahnen: ›Lasst uns
von Bohnen leben‹, ›Lasst uns von Sesam leben‹, ›Lasst uns von
Reis leben.‹ Und sie verzehren Reis, essen Reisbrei, trinken          81
Reiswasser, genießen allerlei Gerichte aus Reis. Ich erinnere
mich, Sāriputto, nur ein Reiskorn als tägliche Nahrung
genossen zu haben. Nun möchtest du wohl, Sāriputto, meinen,
es habe damals auch größeren Reis gegeben. Doch wäre eine
solche Meinung, Sāriputto, unrichtig: auch damals wurde der
Reis nur ebenso groß wie heute. Und indem ich, Sāriputto,
nur ein Reiskorn als tägliche Nahrung zu mir nahm wurde mein
Körper außerordentlich mager.

»Wie dürres, welkes Rohr wurden da meine Arme und Beine durch
diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Kameelhuf wurde
da mein Gesäß durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme,
wie eine Kugelkette wurde da mein Rückgrat mit den hervor-
und zurücktretenden Wirbeln durch diese äußerst geringe
Nahrungaufnahme, wie sich die Dachsparren eines alten Hauses
queerkantig abheben, hoben sich da meine Rippen queerkantig
ab durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie in einem
tiefen Brunnen die unten liegenden Wasserspiegel verschwindend
klein erscheinen, so erschienen da in meinen Augenhöhlen die
tiefliegenden Augensterne verschwindend klein durch diese
äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Bitterkürbiss, frisch
angeschnitten, in heißer Sonne hohl und schrumpf wird, so wurde
da meine Kopfhaut hohl und schrumpf durch diese äußerst geringe
Nahrungaufnahme. Und indem ich, Sāriputto, die Bauchdecke
befühlen wollte traf ich auf das Rückgrat, und indem ich das
Rückgrat befühlen wollte traf ich wieder auf die Bauchdecke. So
nahe war mir, Sāriputto, die Bauchdecke ans Rückgrat gekommen
durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Und ich wollte,
Sāriputto, Koth und Harn entleeren, da fiel ich vornüber hin
durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Um nun diesen
Körper da zu stärken, Sāriputto, rieb ich mit der Hand die
Glieder. Und indem ich also, Sāriputto, mit der Hand die
Glieder rieb, fielen die wurzelfaulen Körperhaare aus durch
diese äußerst geringe Nahrungaufnahme.

»Und auch dieser Pfad, diese Zucht, diese harte Askese,
Sāriputto, brachte mich dem überirdischen, reichen Heilthum
der Wissensklarheit nicht näher: und warum nicht? Weil ich
eben jene heilige Weisheit nicht errungen hatte, jene heilige
Weisheit, deren Errungenschaft sich als heilige Weihe erweist,
dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung.

       *       *       *       *       *

»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Der Kreislauf läutert.‹ Doch ist der Kreislauf, Sāriputto,           82
durchaus kein leichter, den ich auf dieser langen Fahrt
nirgends gefunden habe als etwa bei den Reinen Göttern. Und
sollt’ ich auch, Sāriputto, nur unter Reinen Göttern kreisen:
ich mag in diese Welt nicht wiederkehren.

»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Die Geburt läutert.‹ Doch ist die Geburt, Sāriputto, durchaus
keine leichte, die ich auf dieser langen Fahrt nirgends
gefunden habe als etwa bei den Reinen Göttern. Und sollt’ ich
auch, Sāriputto, nur unter Reinen Göttern geboren werden: ich
mag in diese Welt nicht wiederkehren.

»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Das Leben läutert.‹ Doch ist das Leben, Sāriputto, durchaus
kein leichtes, das ich auf dieser langen Fahrt nirgends
gefunden habe als etwa bei den Reinen Göttern. Und sollt’ ich
auch, Sāriputto, nur unter Reinen Göttern leben: ich mag in
diese Welt nicht wiederkehren.

»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Die Spende läutert.‹ Doch ist die Spende, Sāriputto, durchaus
keine leichte, die ich auf dieser langen Fahrt nicht geben
konnte, es sei denn als gesalbter Kriegerkönig oder als
mächtiger Brāhmane.

»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Das Feueropfer läutert.‹ Doch ist das Feueropfer, Sāriputto,
durchaus kein leichtes, das ich auf dieser langen Fahrt nicht
darbringen konnte, es sei denn als gesalbter Kriegerkönig oder
als mächtiger Brāhmane.

»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Solange dieser liebe Mann da frisch und kräftig ist,
glänzend dunkelhaarig, im Genusse der glücklichen Jugend,
im ersten Mannesalter, solange besitzt er auch die höchsten
Geisteskräfte. Ist aber dieser liebe Mann alt und greis
geworden, hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, ein Achtziger
oder Neunziger oder Hundertjähriger, dann schwinden ihm jene
Geisteskräfte.‹ Doch ist das, Sāriputto, nicht schlechthin
gültig. Ich bin ja, Sāriputto, jetzt alt geworden und greis
und hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, stehe im achtzigsten
Jahre. Gesetzt aber, Sāriputto, ich hätte da vier Jünger, die
hundert Jahre alt würden, hundert Jahre lebten, höchst innig,
tugendhaft und stark, mit den höchsten Geisteskräften begabt.
Gleichwie etwa, Sāriputto, ein sehniger Bogenschütze, wohl
geschult, geübt und erprobt, einen leichten Pfeil mit geringer
Mühe über den Schatten einer Palme hinausschießen könnte:
ebenso wären diese gar sehr innig, tugendhaft und stark und           83
mit den höchsten Geisteskräften begabt. Und sie stellten mir
Frage auf Frage, von den Vier Pfeilern der Einsicht an, und
ich gäbe ihnen Erklärung auf Erklärung, und sie bewahrten was
ich erklärt hätte als erklärt und fragten mich keine Frage zum
zweiten Mal, nur rastend beim Essen und Trinken, Kauen und
Schlürfen, beim Entleeren von Koth und Harn und während der
Pausen des Schlafes und der Müdigkeit. Unausgeführt bliebe
da wohl, Sāriputto, des Vollendeten Zeugniss der Wahrheit,
unausgeführt bliebe da wohl des Vollendeten Zeichnung des
Wahrheitpfades, unausgeführt bliebe da wohl des Vollendeten
Klärung der Fragen: denn jene vier Jünger, die hundert Jahre
alt geworden wären, hundert Jahre gelebt hätten, stürben mir
dann weg. Und wenn ihr mich auf dem Bette herbeitragen werdet,
Sāriputto: die Geisteskraft des Vollendeten wird unverändert
sein.

»Wer nun, Sāriputto, mit Recht von einem Manne sagen kann: ›Ein
wahnloses Wesen ist in der Welt erschienen, vielen zum Wohle,
vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen, Wohle und
Heile für Götter und Menschen‹, der kann eben von mir mit Recht
sagen: ›Ein wahnloses Wesen ist in der Welt erschienen, vielen
zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen,
Wohle und Heile für Götter und Menschen.‹«

Während dieser Zeit nun hatte der ehrwürdige Nāgasamālo hinter
dem Erhabenen gestanden und dem Erhabenen Kühlung gefächelt.
Da wandte sich der ehrwürdige Nāgasamālo an den Erhabenen und
sprach:

»Wunderbar ist es, o Herr, außerordentlich: denn während ich
da, o Herr, dieser Darlegung lauschte, haben sich mir die Haare
gesträubt. Wie soll, o Herr, diese Rede heißen?«

»Wohlan denn, Nāgasamālo, so bewahre sie unter dem Namen der
Rede des Haarsträubens.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Nāgasamālo über das Wort des Erhabenen.



                              13.

             Zweiter Theil            Dritte Rede

                     DIE LEIDENSVERKETTUNG

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Da nun
begaben sich viele Mönche, zeitig gerüstet, mit Mantel und            84
Schaale versehn, auf den Weg zur Stadt, um Almosenspeise.
Aber jene Mönche überlegten alsbald: ›Zu früh ist’s noch, in
die Stadt um Almosenspeise zu gehn; wie, wenn wir jetzt den
Garten der andersfährtigen Pilger aufsuchten?‹ Und jene Mönche
begaben sich zum Garten der andersfährtigen Pilger, wechselten
höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihnen
und setzten sich seitwärts hin. Hierauf wandten sich die
andersfährtigen Pilger an die Mönche und sprachen:

»Der Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Begehren von Grund
aus, auch wir untersuchen das Begehren von Grund aus; der
Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Körperliche von Grund
aus, auch wir untersuchen das Körperliche von Grund aus; der
Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Gefühl von Grund aus,
auch wir untersuchen das Gefühl von Grund aus: was für eine
Beschränkung, ihr Brüder, was für Eigenart und Verschiedenheit
besteht da wohl zwischen dem Asketen Gotamo und uns, sei es nun
in Beziehung auf Vortrag oder Gebot?«

Doch die Mönche wurden durch diese Worte der andersfährtigen
Pilger weder befriedigt noch verstimmt; ohne Befriedigung, ohne
Verstimmung erhoben sie sich und gingen fort:

»Beim Erhabenen werden wir den Sinn dieser Worte verstehn.«

Und sie wanderten nach Sāvatthī, traten von Haus zu Haus um
Almosenspeise, kehrten zurück, nahmen ihr Mahl ein und begaben
sich alsdann zum Erhabenen. Dort angelangt begrüßten sie den
Erhabenen ehrerbietig und setzten sich seitwärts hin. Seitwärts
sitzend sprachen nun jene Mönche zum Erhabenen also:

»Wir waren da heute früh, o Herr, mit Mantel und Schaale
versehn, nach Sāvatthī aufgebrochen, um Almosenspeise. Da kam
uns, o Herr, der Gedanke: ›Es ist noch zu zeitig, in die Stadt
um Almosenspeise zu gehn; lasst uns einstweilen den Garten
der andersfährtigen Pilger aufsuchen.‹ Und wir begaben uns,
o Herr, in den Garten der andersfährtigen Pilger, wechselten
höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihnen
und setzten uns seitwärts hin. Hierauf wandten sich die
andersfährtigen Pilger, o Herr, mit folgender Rede an uns:
›Der Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Begehren von Grund
aus, auch wir untersuchen das Begehren von Grund aus; der
Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Körperliche von Grund            85
aus, auch wir untersuchen das Körperliche von Grund aus; der
Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Gefühl von Grund aus,
auch wir untersuchen das Gefühl von Grund aus: was für eine
Beschränkung, ihr Brüder, was für Eigenart und Verschiedenheit
besteht da wohl zwischen dem Asketen Gotamo und uns, sei es
nun in Beziehung auf Vortrag oder Gebot?‹ Diese Worte der
andersfährtigen Pilger, o Herr, befriedigten uns nicht und
verstimmten uns nicht; ohne Befriedigung, ohne Verstimmung
erhoben wir uns und gingen fort: ›Beim Erhabenen werden wir den
Sinn dieser Worte verstehn.‹«

»Auf diese Worte, ihr Mönche, wäre den andersfährtigen Pilgern
zu erwidern gewesen: ›Was ist also, Brüder, Labsal des
Begehrens, Elend des Begehrens, Ueberwindung des Begehrens?
Was ist Labsal des Körperlichen, Elend des Körperlichen,
Ueberwindung des Körperlichen? Was ist Labsal des Gefühls,
Elend des Gefühls, Ueberwindung des Gefühls?‹ Also gefragt, ihr
Mönche, würden die andersfährtigen Pilger genügende Antwort
nicht gefunden haben, sogar recht in Verlegenheit gerathen
sein: und warum? Weil das, ihr Mönche, fremdes Gebiet für
sie ist. Keinen seh’ ich, ihr Mönche, in der Welt mit ihren
Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar
von Büßern und Priestern, Göttern und Menschen, der durch
eine Erklärung dieser Fragen das Herz gewinnen könnte, den
Vollendeten ausgenommen, oder einen Jünger des Vollendeten, und
die es von da gehört haben.

»Was ist nun, ihr Mönche, Labsal des Begehrens? Fünf
Begehrungen giebt es, ihr Mönche, und welche fünf? Die
durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen, die
ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör
ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden
Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack
ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden
Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, ihr Mönche,
die fünf Begehrungen. Was da Wohl und Erwünschtes diesen fünf
Begehrungen gemäß geht ist Labsal des Begehrens.

»Was ist nun, ihr Mönche, Elend des Begehrens? Da erwirbt sich,
ihr Mönche, ein Sohn des Hauses seinen Unterhalt durch ein
Amt, sei es als Schreiber oder als Rechner oder Verwalter, als
Landwirt oder als Kaufmann oder als Heerdenzüchter, als Soldat
oder Minister des Königs, oder durch irgend einen anderen
Dienst, ist der Hitze ausgesetzt, ist der Kälte ausgesetzt,
muss Sonne und Wind Trotz bieten, sich mit Mücken, Wespen
und Kriechthieren herumschlagen, wird von Hunger und Durst
aufgerieben. Das aber, Mönche, ist Elend des Begehrens, ist
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.

»Wenn diesem Sohne des Hauses, ihr Mönche, der sich also              86
abmüht, plagt und quält, kein Reichthum erblüht, so wird er
bekümmert und schwermüthig, klagt, schlägt sich stöhnend die
Brust, geräth in Verzweiflung: ›Vergeblich, ach, ist mein
Streben, meine Mühe hat keinen Zweck!‹ Das aber, Mönche, ist
Elend des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch
Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren
erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.

»Wenn diesem Sohne des Hauses, ihr Mönche, der sich also
abmüht, plagt und quält, Reichthum erblüht, so nagt ihn
sorgende Pein um die Erhaltung dieses Reichthums: ›Dass
mir meine Güter nur nicht von Königen eingezogen, oder von
Räubern geplündert, oder vom Feuer verzehrt, oder vom Wasser
weggespült, oder von feindlichen Verwandten entrissen werden!‹
Und indem er seine Güter wahrt und schützt werden sie ihm von
Königen eingezogen, oder von Räubern geplündert, oder vom Feuer
verzehrt, oder vom Wasser weggespült, oder von feindlichen
Verwandten entrissen. Da wird er bekümmert und schwermüthig,
klagt, schlägt sich stöhnend die Brust, geräth in Verzweiflung:
›Meinen Besitz, den haben wir nicht mehr!‹ Das aber, Mönche,
ist Elend des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung,
durch Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch
Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel
Begehren streiten Könige mit Königen, Fürsten mit Fürsten,
Priester mit Priestern, Bürger mit Bürgern, streitet die
Mutter mit dem Sohne, der Sohn mit der Mutter, der Vater mit
dem Sohne, der Sohn mit dem Vater, streitet Bruder mit Bruder,
Bruder mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund mit Freund.
Also in Zwist, Zank und Streit gerathen gehn sie mit Fäusten
aufeinander los, mit Steinen, Stöcken und Schwerdtern. Und
so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem Schmerze. Das
aber, Mönche, ist Elend des Begehrens, ist die offenbare
Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren
gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin
bedingt.

»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel
Begehren stürzen sie sich, Schild und Schwerdt in den
Händen, gegürtet mit Köcher und Bogen, von beiden Seiten der
Schlachtordnung in den Kampf, und die Pfeile schwirren und die
Speere sausen und die Schwerdter blitzen. Und sie durchbohren
sich mit Pfeilen, durchbohren sich mit Speeren, spalten sich
mit den Schwerdtern die Köpfe. Und so eilen sie dem Tode
entgegen oder tödtlichem Schmerze. Das aber, Mönche, ist Elend
des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch
Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren
erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel
Begehren stürzen sie sich, Schild und Schwerdt in den Händen,
gegürtet mit Köcher und Bogen, auf die schlüpfrig getünchten
Wälle, und die Pfeile schwirren und die Speere sausen und die         87
Schwerdter blitzen. Und sie durchbohren sich mit Pfeilen,
durchbohren sich mit Speeren, schütten glühenden Sand herunter,
schleudern zerschmetternde Blöcke herab, spalten sich mit den
Schwerdtern die Köpfe. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder
tödtlichem Schmerze. Das aber, Mönche, ist Elend des Begehrens,
ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus
eitel Begehren brechen sie Verträge, rauben fremdes Gut,
stehlen, betrügen, verführen Ehefrauen. Da lassen die
Könige einen solchen ergreifen und verhängen mancherlei
Strafen, als wie Peitschen-, Stock- oder Ruthenhiebe;
Handverstümmlung, Fußverstümmlung oder Verstümmlung der
Hände und Füße; Ohrenverstümmlung, Nasenverstümmlung,
Verstümmlung der Ohren und der Nase; den Breikessel, die
Muschelrasur, das Drachenmaul; den Pechkranz, die Fackelhand;
das Spießruthenlaufen, das Rindenliegen, den Marterbock;
das Angelfleisch, den Münzengriff, die Laugenätze; den
Schraubstock, das Bastgeflecht; die siedende Oelbeträufelung,
das Zerreißen durch Hunde, die lebendige Pfählung, die
Enthauptung. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem
Schmerze. Das aber, Mönche, ist Elend des Begehrens, ist die
offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch
Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel
Begehren wandeln sie in Thaten den Weg des Unrechts, wandeln
sie in Worten den Weg des Unrechts, wandeln sie in Gedanken
den Weg des Unrechts. Und in Thaten auf dem Wege des Unrechts,
in Worten auf dem Wege des Unrechts, in Gedanken auf dem Wege
des Unrechts gelangen sie bei der Auflösung des Körpers,
nach dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben
und Unheil. Das aber, Mönche, ist Elend des Begehrens, ist
die verborgene Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.

»Und was, ihr Mönche, ist des Begehrens Ueberwindung? Was
beim Begehren, ihr Mönche, Verneinung des Willensreizes ist,
Verleugnung des Willensreizes, ist des Begehrens Ueberwindung.

»Dass aber Asketen oder Priester, ihr Mönche, die nicht also
der Wahrheit gemäß des Begehrens Labsal als Labsal, Elend als
Elend, Ueberwindung als Ueberwindung erkennen, vielleicht
selbst das Begehren verstehn oder einen anderen dazu bringen
werden, durch ihre Belehrung zum Verständnisse des Begehrens
zu gelangen: das ist unmöglich. Dass nun aber Asketen oder
Priester, ihr Mönche, die also der Wahrheit gemäß des
Begehrens Labsal als Labsal, Elend als Elend, Ueberwindung als        88
Ueberwindung erkennen, vielleicht selbst das Begehren verstehn
oder einen anderen dazu bringen werden, durch ihre Belehrung
zum Verständnisse des Begehrens zu gelangen: das ist möglich.

»Was ist nun, ihr Mönche, Labsal des Körperlichen? Zum
Beispiel, ihr Mönche, eine Königstochter, oder eine
priesterliche Jungfrau, oder ein Bürgermädchen, in der Blüthe
des fünfzehnten oder sechzehnten Jahres, nicht zu groß nicht
zu klein, nicht zu schlank nicht zu voll, nicht zu dunkel nicht
zu hell: erscheint nicht eine solche schimmernde Schönheit, ihr
Mönche, zu dieser Zeit am prächtigsten?«

»Freilich, o Herr!«

»Was da Wohl und Erwünschtes schimmernder Schönheit gemäß geht
ist Labsal des Körperlichen.

»Was ist nun, ihr Mönche, Elend des Körperlichen? Da sehe
man nur diese Schwester, ihr Mönche, zu anderer Zeit, im
achtzigsten oder neunzigsten oder hundertsten Lebensjahre,
gebrochen, giebelförmig geknickt, abgezehrt, auf Krücken
gestützt schlotternd dahinschleichen, siech, welk, zahnlos, mit
gebleichten Strähnen, kahlem, wackelndem Kopfe, verrunzelt,
die Haut voller Flecken: was meint ihr wohl, Mönche? Ist, was
einst schimmernde Schönheit war, verschwunden und Elend ruchbar
geworden?«

»Freilich, o Herr!«

»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter sodann,
ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester unwohl, leidend,
schwerkrank, mit Koth und Harn beschmutzt daliegen, von anderen
gehoben, von anderen bedient: was meint ihr wohl, Mönche? Ist,
was einst schimmernde Schönheit war, verschwunden und Elend
ruchbar geworden?«

»Freilich, o Herr!«

»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter sodann,
ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester, den Leib auf der
Leichenstätte, einen Tag oder zwei Tage oder drei Tage nach
dem Verscheiden, aufgedunsen, blauschwarz gefärbt, in Fäulniss
übergegangen: was meint ihr wohl, Mönche? Ist, was einst
schimmernde Schönheit war, verschwunden und Elend ruchbar
geworden?«

»Freilich, o Herr!«

»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter sodann,
ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester, den Leib auf der
Leichenstätte, von Krähen oder Raben oder Geiern zerfressen,
von Hunden oder Schackalen zerfleischt, oder von vielerlei
Würmern zernagt: was meint ihr wohl, Mönche? Ist, was einst           89
schimmernde Schönheit war, verschwunden und Elend ruchbar
geworden?«

»Freilich, o Herr!«

»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter
sodann, ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester, den Leib
auf der Leichenstätte, das Knochengerippe, fleischbehangen,
blutbesudelt, von den Sehnen zusammengehalten; das
Knochengerippe, fleischentblößt, blutbefleckt, von den Sehnen
zusammengehalten; das Knochengerippe, ohne Fleisch, ohne
Blut, von den Sehnen zusammengehalten; die Gebeine, ohne die
Sehnen, hierher und dorthin verstreut, da ein Handknochen,
dort ein Fußknochen, da ein Schienbein, dort ein Schenkel, da
das Becken, dort Wirbel, da der Schädel: was meint ihr wohl,
Mönche? Ist, was einst schimmernde Schönheit war, verschwunden
und Elend ruchbar geworden?«

»Freilich, o Herr!«

»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter sodann,
ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester, den Leib auf der
Leichenstätte, die Gebeine, bleich, muschelfarben anzusehn;
die Gebeine, zuhauf geschichtet, nach Verlauf eines Jahres;
die Gebeine, verwest, in Staub zerfallen: was meint ihr wohl,
Mönche? Ist, was einst schimmernde Schönheit war, verschwunden
und Elend ruchbar geworden?«

»Freilich, o Herr!«

»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen.

»Und was, ihr Mönche, ist des Körperlichen Ueberwindung? Was
beim Körperlichen, ihr Mönche, Verneinung des Willensreizes
ist, Verleugnung des Willensreizes, ist des Körperlichen
Ueberwindung.

»Dass aber Asketen oder Priester, ihr Mönche, die nicht also
der Wahrheit gemäß des Körperlichen Labsal als Labsal, Elend
als Elend, Ueberwindung als Ueberwindung erkennen, vielleicht
selbst das Körperliche verstehn oder einen anderen dazu bringen
werden, durch ihre Belehrung zum Verständnisse des Körperlichen
zu gelangen: das ist unmöglich. Dass nun aber Asketen oder
Priester, ihr Mönche, die also der Wahrheit gemäß des
Körperlichen Labsal als Labsal, Elend als Elend, Ueberwindung
als Ueberwindung erkennen, vielleicht selbst das Körperliche
verstehn oder einen anderen dazu bringen werden, durch ihre
Belehrung zum Verständnisse des Körperlichen zu gelangen: das
ist möglich.

»Was ist nun, ihr Mönche, Labsal der Gefühle? Da erwirkt, ihr
Mönche, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen
Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit
die Weihe der ersten Schauung. Zu einer Zeit, ihr Mönche, wo
der Mönch die Weihe der ersten Schauung erwirkt hat, zu einer
solchen Zeit ist er weder von sich abhängig noch von anderen,
weder von sich noch von anderen abhängig empfindet er zu              90
dieser Zeit nur ein Gefühl der Unabhängigkeit. Unabhängigkeit,
sag’ ich, ihr Mönche, ist höchstes Labsal der Gefühle.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens erwirkt ein Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung. Zu einer Zeit, ihr Mönche, wo der Mönch die Weihe
der zweiten Schauung erwirkt hat, zu einer solchen Zeit ist er
weder von sich abhängig noch von anderen, weder von sich noch
von anderen abhängig empfindet er zu dieser Zeit nur ein Gefühl
der Unabhängigkeit. Unabhängigkeit, sag’ ich, ihr Mönche, ist
höchstes Labsal der Gefühle.

»Weiter sodann, ihr Mönche: in heiterer Ruhe verweilt ein Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹: so erwirkt er die Weihe der dritten
Schauung. Zu einer Zeit, ihr Mönche, wo der Mönch die Weihe
der dritten Schauung erwirkt hat, zu einer solchen Zeit ist er
weder von sich abhängig noch von anderen, weder von sich noch
von anderen abhängig empfindet er zu dieser Zeit nur ein Gefühl
der Unabhängigkeit. Unabhängigkeit, sag’ ich, ihr Mönche, ist
höchstes Labsal der Gefühle.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt ein Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung. Zu einer Zeit, ihr Mönche, wo der Mönch die Weihe der
vierten Schauung erwirkt hat, zu einer solchen Zeit ist er
weder von sich abhängig noch von anderen, weder von sich noch
von anderen abhängig empfindet er zu dieser Zeit nur ein Gefühl
der Unabhängigkeit. Unabhängigkeit, sag’ ich, ihr Mönche, ist
höchstes Labsal der Gefühle.

»Was ist nun, ihr Mönche, Elend der Gefühle? Was vergängliches,
schmerzliches, wechselndes Gefühl ist, ihr Mönche, das ist
Elend der Gefühle.

»Und was, ihr Mönche, ist der Gefühle Ueberwindung? Was bei
den Gefühlen, ihr Mönche, Verneinung des Willensreizes ist,
Verleugnung des Willensreizes, ist der Gefühle Ueberwindung.

»Dass aber Asketen oder Priester, ihr Mönche, die nicht also
der Wahrheit gemäß der Gefühle Labsal als Labsal, Elend als
Elend, Ueberwindung als Ueberwindung erkennen, vielleicht
selbst die Gefühle verstehn oder einen anderen dazu bringen
werden, durch ihre Belehrung zum Verständnisse der Gefühle
zu gelangen: das ist unmöglich. Dass nun aber Asketen oder
Priester, ihr Mönche, die also der Wahrheit gemäß der
Gefühle Labsal als Labsal, Elend als Elend, Ueberwindung als
Ueberwindung erkennen, vielleicht selbst die Gefühle verstehn
oder einen anderen dazu bringen werden, durch ihre Belehrung
zum Verständnisse der Gefühle zu gelangen: das ist möglich.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              14.

             Zweiter Theil            Vierte Rede

                     DIE LEIDENSVERKETTUNG

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im             91
Lande der Sakker, bei Kapilavatthu, im Park der Feigenbäume.
Da nun begab sich ein Sakkerfürst, Mahānāmo, dorthin wo
der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und
setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun
Mahānāmo, der Sakker, zum Erhabenen also:

»Lange Zeit schon, o Herr, scheint mir die Lehre des Erhabenen
folgende zu sein: ›Gier ist Herzenstrübung, Hass ist
Herzenstrübung, Irre ist Herzenstrübung.‹ So kenne ich zwar, o
Herr, die Lehre des Erhabenen von der Gier als Herzenstrübung,
vom Hasse als Herzenstrübung, von der Irre als Herzenstrübung,
trotzdem aber lässt sich mein Herz zuweilen von Regungen der
Gier beeinflussen, von Regungen des Hasses beeinflussen, von
Regungen der Irre beeinflussen. Da frag’ ich mich nun, o Herr:
was für ein Ding haust wohl noch in mir, dass sich mein Herz
zuweilen von Regungen der Gier, von Regungen des Hasses, von
Regungen der Irre beeinflussen lässt?«

»Eben das Ding, Mahānāmo, haust noch in dir, dass sich dein
Herz zuweilen von Regungen der Gier, von Regungen des Hasses,
von Regungen der Irre beeinflussen lässt. Denn würde, Mahānāmo,
dieses Ding nicht mehr in dir hausen, so wolltest du nicht in
der Familie bleiben, keine Begierden genießen. Weil nun aber,
Mahānāmo, eben dieses Ding noch in dir haust, desshalb bleibst
du in der Familie, genießest Begierden.

»‚Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden, voller
Quaalen, das Elend überwiegt‘: wenn der heilige Jünger,
Mahānāmo, diesen Satz der Wahrheit gemäß mit vollkommener
Weisheit erkannt hat, aber er findet außer den Begierden,
außer dem Schlechten keine Glücksäligkeit und nichts Besseres,
so tanzt er eben immer noch um die Begierden herum. Sobald
aber, Mahānāmo, der heilige Jünger den Satz ›Unbefriedigend
sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt‹ der Wahrheit gemäß mit vollkommener Weisheit erkannt
hat, und er findet außer den Begierden, außer dem Schlechten
Glücksäligkeit und Besseres, so tanzt er nicht mehr um die
Begierden herum.

»Auch ich, Mahānāmo, hatte schon vor der vollen Erwachung,            92
als unvollkommen Erwachter, Erwachung erst Erringender den
Satz ›Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden,
voller Quaalen, das Elend überwiegt‹ der Wahrheit gemäß mit
vollkommener Weisheit erkannt, doch außer den Begierden,
außer dem Schlechten fand ich keine Glücksäligkeit und nichts
Besseres, und so gewahrte ich denn, dass ich eben immer noch
um die Begierden herumtanzte. Sobald ich aber, Mahānāmo,
den Satz ›Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden,
voller Quaalen, das Elend überwiegt‹ der Wahrheit gemäß mit
vollkommener Weisheit erkannt und außer den Begierden, außer
dem Schlechten Glücksäligkeit gefunden hatte und Besseres, da
gewahrte ich, dass ich nicht mehr um die Begierden herumtanzte.

»Was ist nun, Mahānāmo, Befriedigung des Begehrens?
Fünf Begehrungen giebt es, Mahānāmo, und welche fünf?
Die durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen,
die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör
ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden
Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack
ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden
Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Mahānāmo,
die fünf Begehrungen. Was da Wohl und Erwünschtes diesen fünf
Begehrungen gemäß geht ist Befriedigung des Begehrens.

»Was ist nun, Mahānāmo, Elend des Begehrens? Da erwirbt sich,
Mahānāmo, ein Sohn des Hauses seinen Unterhalt durch ein Amt,
sei es als Schreiber oder als Rechner oder Verwalter, als
Landwirt oder als Kaufmann oder als Heerdenzüchter, als Soldat
oder Minister des Königs, oder durch irgend einen anderen
Dienst, ist der Hitze ausgesetzt, ist der Kälte ausgesetzt,
muss Sonne und Wind Trotz bieten, sich mit Mücken, Wespen
und Kriechthieren herumschlagen, wird von Hunger und Durst
aufgerieben. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.

»Wenn diesem Sohne des Hauses, Mahānāmo, der sich also abmüht,        86
plagt und quält, kein Reichthum erblüht, so wird er bekümmert
und schwermüthig, klagt, schlägt sich stöhnend die Brust,
geräth in Verzweiflung: ›Vergeblich, ach, ist mein Streben,
meine Mühe hat keinen Zweck!‹ Das aber, Mahānāmo, ist Elend des
Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren
entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten,
durch Begehren schlechthin bedingt.

»Wenn diesem Sohne des Hauses, Mahānāmo, der sich also abmüht,
plagt und quält, Reichthum erblüht, so nagt ihn sorgende Pein
um die Erhaltung dieses Reichthums: ›Dass mir meine Güter nur
nicht von Königen eingezogen, oder von Räubern geplündert,
oder vom Feuer verzehrt, oder vom Wasser weggespült, oder von
feindlichen Verwandten entrissen werden!‹ Und indem er seine
Güter wahrt und schützt werden sie ihm von Königen eingezogen,
oder von Räubern geplündert, oder vom Feuer verzehrt, oder vom
Wasser weggespült, oder von feindlichen Verwandten entrissen.
Da wird er bekümmert und schwermüthig, klagt, schlägt sich
stöhnend die Brust, geräth in Verzweiflung: ›Meinen Besitz,
den haben wir nicht mehr!‹ Das aber, Mahānāmo, ist Elend des
Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren
entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten,
durch Begehren schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
streiten Könige mit Königen, Fürsten mit Fürsten, Priester
mit Priestern, Bürger mit Bürgern, streitet die Mutter mit
dem Sohne, der Sohn mit der Mutter, der Vater mit dem Sohne,
der Sohn mit dem Vater, streitet Bruder mit Bruder, Bruder
mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund mit Freund. Also
in Zwist, Zank und Streit gerathen gehn sie mit Fäusten
aufeinander los, mit Steinen, Stöcken und Schwerdtern. Und
so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem Schmerze. Das
aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist die offenbare
Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren
gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin
bedingt.

»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
stürzen sie sich, Schild und Schwerdt in den Händen, gegürtet
mit Köcher und Bogen, von beiden Seiten der Schlachtordnung in
den Kampf, und die Pfeile schwirren und die Speere sausen und
die Schwerdter blitzen. Und sie durchbohren sich mit Pfeilen,
durchbohren sich mit Speeren, spalten sich mit den Schwerdtern
die Köpfe. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem
Schmerze. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
stürzen sie sich, Schild und Schwerdt in den Händen, gegürtet
mit Köcher und Bogen, auf die schlüpfrig getünchten Wälle, und
die Pfeile schwirren und die Speere sausen und die Schwerdter         87
blitzen. Und sie durchbohren sich mit Pfeilen, durchbohren
sich mit Speeren, schütten glühenden Sand herunter, schleudern
zerschmetternde Blöcke herab, spalten sich mit den Schwerdtern
die Köpfe. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem
Schmerze. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
brechen sie Verträge, rauben fremdes Gut, stehlen, betrügen,
verführen Ehefrauen. Da lassen die Könige einen solchen
ergreifen und verhängen mancherlei Strafen, als wie Peitschen-,
Stock- oder Ruthenhiebe; Handverstümmlung, Fußverstümmlung
oder Verstümmlung der Hände und Füße; Ohrenverstümmlung,
Nasenverstümmlung, Verstümmlung der Ohren und der Nase; den
Breikessel, die Muschelrasur, das Drachenmaul; den Pechkranz,
die Fackelhand; das Spießruthenlaufen, das Rindenliegen,
den Marterbock; das Angelfleisch, den Münzengriff, die
Laugenätze; den Schraubstock, das Bastgeflecht; die siedende
Oelbeträufelung, das Zerreißen durch Hunde, die lebendige
Pfählung, die Enthauptung. Und so eilen sie dem Tode entgegen
oder tödtlichem Schmerze. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des
Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren
entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten,
durch Begehren schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
wandeln sie in Thaten den Weg des Unrechts, wandeln sie in
Worten den Weg des Unrechts, wandeln sie in Gedanken den Weg
des Unrechts. Und in Thaten auf dem Wege des Unrechts, in
Worten auf dem Wege des Unrechts, in Gedanken auf dem Wege des
Unrechts gelangen sie bei der Auflösung des Körpers, nach dem
Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil.
Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist die verborgene
Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren
gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin
bedingt.

       *       *       *       *       *

»Einstmals weilte ich da, Mahānāmo, zu Rājagaham, am Geierkulm,
im Gebirge. Zu jener Zeit nun lebten viele Freie Brüder[9]
am Abhange des Sehergipfels, am Schwarzenfels, und übten
Askese als Stetigsteher, verwarfen Sitz und Lager, und
schmerzliche, stechende, brennende Gefühle bemächtigten sich
ihrer. Da begab ich mich eines Abends, Mahānāmo, nach Aufhebung
der Gedenkensruhe an den Abhang des Sehergipfels, auf den
Schwarzenfels, zu den Freien Brüdern und sprach also zu ihnen:

›Warum, liebe Freie Brüder, übt ihr denn die Askese als
Stetigsteher, verwerft Sitz und Lager, erduldet überwältigenden
Schmerz, stechende, brennende Gefühle?‹

»Auf diese Frage, Mahānāmo, erwiderten mir die Freien Brüder
Folgendes:

›Der Freie Bruder Nāthaputto, Lieber, weiß alles, versteht
alles, bekennt unbeschränkte Wissensklarheit: ‚Ob ich geh’
oder stehe, schlaf’ oder wache, jederzeit hab’ ich die                93
gesammte Wissensklarheit gegenwärtig.‘ Und er sagt: ‚Ihr habt
da, Freie Brüder, ehedem Böses gethan; das büßt ihr durch
diese bittere Schmerzensaskese ab. Denn weil ihr jetzt in
dieser Zeit Thaten, Worte und Gedanken bezwinget, lasset ihr
Böses ferner nicht mehr aufkommen. So findet durch Büßung
und Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein
Zufluss mehr statt. Weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt er zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein.‘ Das aber leuchtet uns ein, und wir billigen
es und geben uns damit zufrieden.‹

»Auf diese Worte, Mahānāmo, sagte ich zu den Freien Brüdern:

›So wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Wir sind schon ehedem
gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Wir haben schon
ehedem Böses gethan, wir sind nicht schuldlos geblieben‘?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Diese und jene böse
That haben wir begangen‘?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›Oder wisset ihr etwa, liebe Freie Brüder: ‚Ein Stück Leiden
ist überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein
Stück Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden
werden‘?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›Oder wisset ihr vielleicht, liebe Freie Brüder, wie man noch
bei Lebzeiten das Falsche verleugnen und das Rechte gewinnen
kann?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›So gesteht ihr, liebe Freie Brüder, ihr wisst nicht ‚Wir sind
schon ehedem gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘, ihr wisst
nicht ‚Wir haben schon ehedem Böses gethan, wir sind nicht
schuldlos geblieben‘, ihr wisst nicht ‚Diese und jene böse That
haben wir begangen‘, ihr wisst nicht ‚Ein Stück Leiden ist
überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein Stück
Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden werden‘,
wisst nicht, wie man noch bei Lebzeiten das Falsche verleugnen
und das Rechte gewinnen kann. Dann also, liebe Freie Brüder,
gehn Weltverfluchte, Blutbefleckte, als Verbrecher geborene
Menschen unter die Freien Brüder.‹

›Man kann eben nicht, Bruder Gotamo, Wohl um Wohl gewinnen: um
Wehe lässt sich Wohl gewinnen. Wär’ es möglich, Bruder Gotamo,        94
Wohl um Wohl zu gewinnen, so könnte der König von Magadhā,
Seniyo Bimbisāro das Wohl gewinnen; dem König von Magadhā
Seniyo Bimbisāro ist wohler als dem Mönche Gotamo.‹

›Ohne Zweifel haben jetzt die ehrwürdigen Freien Brüder
voreilig und unüberlegt gesprochen. Denn nun muss ich eben
fragen: welchem der beiden Ehrwürdigen ist wohler, dem König
von Magadhā oder dem Mönche Gotamo?‹

›Vielleicht haben wir, Bruder Gotamo, voreilig und unüberlegt
gesprochen. Aber sei es drum, jetzt bitten wir den ehrwürdigen
Gotamo um Antwort: welchem von beiden Ehrwürdigen ist wohler,
dem König von Magadhā oder dem Mönche Gotamo?‹

›Da will ich nun an euch, liebe Freie Brüder, eine Frage
richten, die ihr nach euerem Ermessen beantworten sollt. Was
meinet ihr, liebe Freie Brüder: kann der König von Magadhā ohne
körperliche Bewegung, ohne ein Wort zu reden sieben Tage und
Nächte sich vollkommen wohl fühlen?‹

›Das kann er nicht, Bruder.‹

›Was meinet ihr, liebe Freie Brüder: kann der König von Magadhā
ohne körperliche Bewegung, ohne ein Wort zu reden sechs Tage
und Nächte, fünf Tage und Nächte, vier Tage und Nächte, drei
Tage und Nächte, zwei Tage und Nächte, einen Tag und Nacht sich
vollkommen wohl fühlen?‹

›Er kann es nicht, Bruder.‹

›Ich aber, liebe Freie Brüder, kann ohne körperliche Bewegung,
ohne ein Wort zu reden einen Tag und Nacht mich vollkommen wohl
fühlen. Ich aber, liebe Freie Brüder, kann ohne körperliche
Bewegung, ohne ein Wort zu reden zwei Tage und Nächte, drei
Tage und Nächte, vier Tage und Nächte, fünf Tage und Nächte,
sechs Tage und Nächte, sieben Tage und Nächte mich vollkommen
wohl fühlen. Was meinet ihr, liebe Freie Brüder: wem ist da
wohler, dem König von Magadhā oder mir?‹

›Da ist freilich dem ehrwürdigen Gotamo wohler als dem König 95
von Magadhā.‹«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Mahanāmo der
Sakker über das Wort des Erhabenen.



                              15.

             Zweiter Theil            Fünfte Rede

                           DAS MAASS


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige
Mahāmoggallāno im Lande der Bhagger, bei der Stadt
Suṃsumāragiram, im Forste des Bhesakaḷā-Waldes. Dort nun wandte
sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno an die Mönche: »Brüder
Mönche!« -- »Bruder!« erwiderten da aufmerksam jene Mönche
dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno. Der ehrwürdige Mahāmoggallāno
sprach also:

»Fordert, ihr Brüder, ein Mönch auf: ›Warnen mögen mich die
Ehrwürdigen, ich bedarf ihrer Verwarnung‹, und es steht
misslich um ihn, missliche Dinge machen sich geltend, er ist
ungeduldig und nimmt eine Belehrung ungeziemend auf, so können
ihn eben die Ordensbrüder kaum einer Warnung oder Belehrung
werth halten, können eine solche Person vertrauten Umgangs
nicht würdig erachten.

»Welche Dinge nun, Brüder, machen sich misslich geltend? Da
ist, Brüder, ein Mönch boshaft und folgt dem Triebe böser
Regungen. Wenn aber, Brüder, ein Mönch boshaft ist und dem
Triebe böser Regungen folgt, so ist das eben ein Ding, das
sich misslich geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch
brüstet sich und verachtet die anderen. Wenn aber, Brüder,
ein Mönch sich brüstet und die anderen verachtet, so ist das
eben ein Ding, das sich misslich geltend macht. Weiter sodann,
Brüder: ein Mönch ist zornig und zornverzehrt. Wenn aber,
Brüder, ein Mönch zornig ist und zornverzehrt, so ist das eben
ein Ding, das sich misslich geltend macht. Weiter sodann,
Brüder: ein Mönch ist zornig und aus Zorn feindsälig. Wenn
aber, Brüder, ein Mönch zornig ist und aus Zorn feindsälig,
so ist das eben ein Ding, das sich misslich geltend macht.
Weiter sodann, Brüder: ein Mönch ist zornig und flucht aus
Zorn. Wenn aber, Brüder, ein Mönch zornig ist und aus Zorn
flucht, so ist das eben ein Ding, das sich misslich geltend
macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch ist zornig und lässt
zornverwandte Worte hören. Wenn aber, Brüder, ein Mönch zornig
ist und zornverwandte Worte hören lässt, so ist das eben ein
Ding, das sich misslich geltend macht. Weiter sodann, Brüder:
ein Mönch fährt auf eine Ermahnung gegen den Ermahner los.
Wenn aber, Brüder, ein Mönch auf eine Ermahnung gegen den
Ermahner losfährt, so ist das eben ein Ding, das sich misslich
geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch beleidigt auf
eine Ermahnung den Ermahner. Wenn aber, Brüder, ein Mönch auf
eine Ermahnung den Ermahner beleidigt, so ist das eben ein
Ding, das sich misslich geltend macht. Weiter sodann, Brüder:         96
ein Mönch widerspricht auf eine Ermahnung dem Ermahner. Wenn
aber, Brüder, ein Mönch auf eine Ermahnung dem Ermahner
widerspricht, so ist das eben ein Ding, das sich misslich
geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch zieht den
Ermahner von einem ins andere, schweift vom Gegenstande ab und
legt Verdrossenheit, Hass und Misstrauen an den Tag. Wenn aber,
Brüder, ein Mönch den Ermahner von einem ins andere zieht, vom
Gegenstande abschweift und Verdrossenheit, Hass und Misstrauen
an den Tag legt, so ist das eben ein Ding, das sich misslich
geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch giebt auf eine
Ermahnung Verstöße nicht zu. Wenn aber, Brüder, ein Mönch auf
eine Ermahnung Verstöße nicht zugiebt, so ist das eben ein
Ding, das sich misslich geltend macht. Weiter sodann, Brüder:
ein Mönch ist häuchlerisch und neidisch. Wenn aber, Brüder,
ein Mönch häuchlerisch ist und neidisch, so ist das eben ein
Ding, das sich misslich geltend macht. Weiter sodann, Brüder:
ein Mönch ist eifernd und selbstsüchtig. Wenn aber, Brüder, ein
Mönch eifernd ist und selbstsüchtig, so ist das eben ein Ding,
das sich misslich geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein
Mönch ist listig und gleißnerisch. Wenn aber, Brüder, ein Mönch
listig ist und gleißnerisch, so ist das eben ein Ding, das sich
misslich geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch ist
störrisch und eitel. Wenn aber, Brüder, ein Mönch störrisch
ist und eitel, so ist das eben ein Ding, das sich misslich
geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch hat nur für das
vor Augen Liegende Sinn, greift mit beiden Händen zu, lässt
sich schwer abweisen. Wenn aber, Brüder, ein Mönch nur für
das vor Augen Liegende Sinn hat, mit beiden Händen zugreift,
sich schwer abweisen lässt, so ist das eben ein Ding, das sich
misslich geltend macht. Das nennt man, Brüder, Dinge, die sich
misslich geltend machen.

»Fordert aber, ihr Brüder, ein Mönch nicht auf[10]: ›Warnen
mögen mich die Ehrwürdigen, ich bedarf ihrer Verwarnung‹, und
es steht günstig um ihn, günstige Dinge machen sich geltend, er
ist geduldig und nimmt eine Belehrung geziemend auf, so können
ihn eben die Ordensbrüder wohl einer Warnung oder Belehrung
werth halten, können eine solche Person vertrauten Umgangs
würdig erachten.

»Welche Dinge nun, Brüder, machen sich günstig geltend? Da ist,
Brüder, ein Mönch nicht boshaft, folgt nicht dem Triebe böser
Regungen. Wenn aber, Brüder, ein Mönch nicht boshaft ist, dem
Triebe böser Regungen nicht folgt, so ist das eben ein Ding,
das sich günstig geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein
Mönch brüstet sich nicht, verachtet nicht die anderen. Wenn
aber, Brüder, ein Mönch sich nicht brüstet und die anderen
nicht verachtet, so ist das eben ein Ding, das sich günstig
geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch ist nicht
zornig, nicht zornverzehrt. Wenn aber, Brüder, ein Mönch
nicht zornig ist und nicht zornverzehrt, so ist das eben ein
Ding, das sich günstig geltend macht. Weiter sodann, Brüder:
ein Mönch ist nicht zornig, nicht feindsälig aus Zorn. Wenn
aber, Brüder, ein Mönch nicht zornig ist und nicht feindsälig
aus Zorn, so ist das eben ein Ding, das sich günstig geltend
macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch ist nicht zornig,
flucht nicht aus Zorn. Wenn aber, Brüder, ein Mönch nicht
zornig ist und nicht flucht aus Zorn, so ist das eben ein
Ding, das sich günstig geltend macht. Weiter sodann, Brüder:
ein Mönch ist nicht zornig, lässt keine zornverwandten Worte
hören. Wenn aber, Brüder, ein Mönch nicht zornig ist und keine
zornverwandten Worte hören lässt, so ist das eben ein Ding, das
sich günstig geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch
fährt nicht auf eine Ermahnung gegen den Ermahner los. Wenn
aber, Brüder, ein Mönch auf eine Ermahnung nicht gegen den
Ermahner losfährt, so ist das eben ein Ding, das sich günstig
geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch beleidigt nicht
auf eine Ermahnung den Ermahner. Wenn aber, Brüder, ein Mönch
auf eine Ermahnung den Ermahner nicht beleidigt, so ist das
eben ein Ding, das sich günstig geltend macht. Weiter sodann,         97
Brüder: ein Mönch widerspricht nicht auf eine Ermahnung dem
Ermahner. Wenn aber, Brüder, ein Mönch auf eine Ermahnung
dem Ermahner nicht widerspricht, so ist das eben ein Ding,
das sich günstig geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein
Mönch zieht den Ermahner nicht von einem ins andere, schweift
nicht vom Gegenstande ab und legt nicht Verdrossenheit, Hass
und Misstrauen an den Tag. Wenn aber, Brüder, ein Mönch den
Ermahner nicht von einem ins andere zieht, vom Gegenstande
nicht abschweift, keine Verdrossenheit, keinen Hass und kein
Misstrauen an den Tag legt, so ist das eben ein Ding, das
sich günstig geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch
leugnet nicht auf eine Ermahnung Verstöße. Wenn aber, Brüder,
ein Mönch auf eine Ermahnung Verstöße nicht leugnet, so ist das
eben ein Ding, das sich günstig geltend macht. Weiter sodann,
Brüder: ein Mönch ist frei von Häuchelei und Neid. Wenn aber,
Brüder, ein Mönch frei ist von Häuchelei und Neid, so ist das
eben ein Ding, das sich günstig geltend macht. Weiter sodann,
Brüder: ein Mönch ist frei von Eiferung und Selbstsucht. Wenn
aber, Brüder, ein Mönch frei ist von Eiferung und Selbstsucht,
so ist das eben ein Ding, das sich günstig geltend macht.
Weiter sodann, Brüder: ein Mönch ist frei von Listigkeit
und Gleißnerei. Wenn aber, Brüder, ein Mönch frei ist von
Listigkeit und Gleißnerei, so ist das eben ein Ding, das sich
günstig geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein Mönch ist
frei von Starrsinn und Eitelkeit. Wenn aber, Brüder, ein Mönch
frei ist von Starrsinn und Eitelkeit, so ist das eben ein Ding,
das sich günstig geltend macht. Weiter sodann, Brüder: ein
Mönch hat nicht nur für das vor Augen Liegende Sinn, greift
nicht mit beiden Händen zu, lässt sich leicht abweisen. Wenn
aber, Brüder, ein Mönch nicht nur für das vor Augen Liegende
Sinn hat, nicht mit beiden Händen zugreift, sich leicht
abweisen lässt, so ist das eben ein Ding, das sich günstig
geltend macht. Das nennt man, Brüder, Dinge, die sich günstig
geltend machen.

»Nun, Brüder, hat ein Mönch mit folgendem Maaße sich selber zu
messen: ›Eine Person, welche boshaft ist und dem Triebe böser
Regungen folgt, die ist mir unliebsam, unangenehm; wenn ich
nun aber boshaft wäre und dem Triebe böser Regungen folgte, so
würde ja ich den anderen unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein
also erkennender Mönch, ihr Brüder, hat den Herzensentschluss
zu erzeugen: ›Ich will nicht boshaft sein, nicht dem Triebe
böser Regungen folgen. -- Eine Person, welche sich brüstet
und die anderen verachtet, die ist mir unliebsam, unangenehm;
wenn ich nun aber mich brüstete und die anderen verachtete,
so würde ja ich den anderen unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein
also erkennender Mönch, ihr Brüder, hat den Herzensentschluss
zu erzeugen: ›Ich will mich nicht brüsten, die anderen nicht
verachten. -- Eine Person, welche zornig ist und zornverzehrt,
die ist mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun aber zornig
wäre und zornverzehrt, so würde ja ich den anderen unliebsam,
unangenehm werden.‹ Ein also erkennender Mönch, ihr Brüder,
hat den Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich will nicht zornig
sein, nicht zornverzehrt. -- Eine Person, welche zornig ist
und aus Zorn feindsälig, die ist mir unliebsam, unangenehm;
wenn ich nun aber zornig wäre und aus Zorn feindsälig, so
würde ja ich den anderen unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein
also erkennender Mönch, ihr Brüder, hat den Herzensentschluss
zu erzeugen: ›Ich will nicht zornig sein, nicht feindsälig
aus Zorn. -- Eine Person, welche zornig ist und aus Zorn
flucht, die ist mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun aber
zornig wäre und aus Zorn fluchte, so würde ja ich den anderen
unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein also erkennender Mönch,
ihr Brüder, hat den Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich will
nicht zornig sein, nicht fluchen aus Zorn. -- Eine Person,
welche zornig ist und zornverwandte Worte hören lässt, die ist
mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun aber zornig wäre und
zornverwandte Worte hören ließe, so würde ja ich den anderen
unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein also erkennender Mönch, ihr
Brüder, hat den Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich will nicht
zornig sein, keine zornverwandten Worte hören lassen. -- Eine
Person, welche auf eine Ermahnung gegen den Ermahner losfährt,
die ist mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun aber auf eine
Ermahnung gegen den Ermahner losführe, so würde ja ich den
anderen unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein also erkennender
Mönch, ihr Brüder, hat den Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich        98
will nicht auf eine Ermahnung gegen den Ermahner losfahren. --
Eine Person, welche auf eine Ermahnung den Ermahner beleidigt,
die ist mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun aber auf eine
Ermahnung den Ermahner beleidigte, so würde ja ich den anderen
unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein also erkennender Mönch, ihr
Brüder, hat den Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich will nicht
auf eine Ermahnung den Ermahner beleidigen. -- Eine Person,
welche auf eine Ermahnung dem Ermahner widerspricht, die ist
mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun aber auf eine Ermahnung
dem Ermahner widerspräche, so würde ja ich den anderen
unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein also erkennender Mönch, ihr
Brüder, hat den Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich will nicht
auf eine Ermahnung dem Ermahner widersprechen. -- Eine Person,
welche den Ermahner von einem ins andere zieht, vom Gegenstande
abschweift und Verdrossenheit, Hass und Misstrauen an den
Tag legt, die ist mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun
aber den Ermahner von einem ins andere zöge, vom Gegenstande
abschweifte, und Verdrossenheit, Hass und Misstrauen an den
Tag legte, so würde ja ich den anderen unliebsam, unangenehm
werden.‹ Ein also erkennender Mönch, ihr Brüder, hat den
Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich will den Ermahner nicht von
einem ins andere ziehn, nicht vom Gegenstande abschweifen,
keine Verdrossenheit, keinen Hass, kein Misstrauen an den Tag
legen. -- Eine Person, welche auf eine Ermahnung Verstöße nicht
zugiebt, die ist mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun aber
auf eine Ermahnung Verstöße nicht zugäbe, so würde ja ich den
anderen unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein also erkennender
Mönch, ihr Brüder, hat den Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich
will auf eine Ermahnung Verstöße nicht leugnen. -- Eine Person,
welche häuchlerisch ist und neidisch, die ist mir unliebsam,
unangenehm; wenn ich nun aber häuchlerisch wäre und neidisch,
so würde ja ich den anderen unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein
also erkennender Mönch, ihr Brüder, hat den Herzensentschluss
zu erzeugen: ›Ich will nicht häuchlerisch sein, nicht neidisch.
-- Eine Person, welche eifernd ist und selbstsüchtig, die ist
mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun aber eifernd wäre
und selbstsüchtig, so würde ja ich den anderen unliebsam,
unangenehm werden.‹ Ein also erkennender Mönch, ihr Brüder,
hat den Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich will nicht eifernd
sein, nicht selbstsüchtig. -- Eine Person, welche listig ist
und gleißnerisch, die ist mir unliebsam, unangenehm; wenn ich
nun aber listig wäre und gleißnerisch, so würde ja ich den
anderen unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein also erkennender
Mönch, ihr Brüder, hat den Herzensentschluss zu erzeugen:
›Ich will nicht listig sein, nicht gleißnerisch. -- Eine
Person, welche störrisch ist und eitel, die ist mir unliebsam,
unangenehm; wenn ich nun aber störrisch wäre und eitel, so
würde ja ich den anderen unliebsam, unangenehm werden.‹ Ein
also erkennender Mönch, ihr Brüder, hat den Herzensentschluss
zu erzeugen: ›Ich will nicht störrisch sein, nicht eitel. --
Eine Person, welche nur für das vor Augen Liegende Sinn hat,
mit beiden Händen zugreift, sich schwer abweisen lässt, die ist
mir unliebsam, unangenehm; wenn ich nun aber nur für das vor
Augen Liegende Sinn hätte, mit beiden Händen zugriffe, mich
schwer abweisen ließe, so würde ja ich den anderen unliebsam,
unangenehm werden.‹ Ein also erkennender Mönch, ihr Brüder,
hat den Herzensentschluss zu erzeugen: ›Ich will nicht nur für
das vor Augen Liegende Sinn haben, nicht mit beiden Händen
zugreifen, mich leicht abweisen lassen.‹

»Nun, Brüder, hat ein Mönch sich selber also zu erforschen:
›Bin ich etwa boshaft und folge dem Triebe böser Regungen?‹
Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung erkennt:
›Freilich bin ich boshaft und folge dem Triebe böser Regungen‹,
so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von
ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber,
Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung erkennt: ›Nein, ich
bin nicht boshaft, folge nicht dem Triebe böser Regungen‹, so
hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere
Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Brüste ich mich etwa und verachte die anderen?‹
Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung erkennt:
›Freilich brüste ich mich und verachte die anderen‹, so hat ein
solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von ebendiesen bösen,
schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch
bei seiner Erforschung erkennt: ›Nein, ich brüste mich nicht,         99
verachte nicht die anderen‹, so hat ein solcher Mönch, ihr
Brüder, ebendiese sälig heitere Uebung im Guten Tag und Nacht
zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Bin ich etwa zornig und zornverzehrt?‹ Wenn da der
Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung erkennt: ›Freilich
bin ich zornig und zornverzehrt‹, so hat ein solcher Mönch, ihr
Brüder, um Befreiung von ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu
kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung
erkennt: ›Nein, ich bin nicht zornig und zornverzehrt‹ so hat
ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere Uebung
im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Bin ich etwa zornig und aus Zorn feindsälig?‹
Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung erkennt:
›Freilich bin ich zornig und aus Zorn feindsälig‹, so hat ein
solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von ebendiesen bösen,
schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch bei
seiner Erforschung erkennt: ›Nein, ich bin nicht zornig und
feindsälig aus Zorn‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder,
ebendiese sälig heitere Uebung im Guten Tag und Nacht zu
pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Bin ich etwa zornig und fluche aus Zorn?‹ Wenn
da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung erkennt:
›Freilich bin ich zornig und fluche aus Zorn‹, so hat ein
solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von ebendiesen bösen,
schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch
bei seiner Erforschung erkennt: ›Nein, ich bin nicht zornig,
fluche nicht aus Zorn‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder,
ebendiese sälig heitere Uebung im Guten Tag und Nacht zu
pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Bin ich etwa zornig und lasse zornverwandte Worte
hören?‹ Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung
erkennt: ›Freilich bin ich zornig und lasse zornverwandte Worte
hören‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von
ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber,
Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung erkennt: ›Nein, ich
bin nicht zornig, lasse keine zornverwandten Worte hören‹, so
hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere
Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also
zu erforschen: ›Fahr’ ich etwa auf eine Ermahnung gegen den
Ermahner los?‹ Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner
Erforschung erkennt: ›Freilich fahr’ ich auf eine Ermahnung
gegen den Ermahner los‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder,
um Befreiung von ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu
kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung
erkennt: ›Nein, ich fahre nicht auf eine Ermahnung gegen den
Ermahner los‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese
sälig heitere Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also
zu erforschen: ›Beleidige ich etwa auf eine Ermahnung
den Ermahner?‹ Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner
Erforschung erkennt: ›Freilich beleidige ich auf eine Ermahnung
den Ermahner‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, um
Befreiung von ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu kämpfen.
Wenn aber, Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung erkennt:
›Nein, ich beleidige den Ermahner nicht auf eine Ermahnung‹,
so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere
Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also
zu erforschen: ›Widerspreche ich etwa auf eine Ermahnung
dem Ermahner?‹ Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner
Erforschung erkennt: ›Freilich widerspreche ich dem Ermahner
auf eine Ermahnung‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, um
Befreiung von ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu kämpfen.
Wenn aber, Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung erkennt:
›Nein, ich widerspreche nicht dem Ermahner auf eine Ermahnung‹,
so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere
Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Ziehe ich etwa den Ermahner von einem ins andere,
schweife vom Gegenstande ab und lege Verdrossenheit, Hass und
Misstrauen an den Tag?‹ Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei
seiner Erforschung erkennt: ›Freilich zieh’ ich den Ermahner
von einem ins andere, schweife vom Gegenstande ab und lege
Verdrossenheit, Hass und Misstrauen an den Tag‹, so hat ein
solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von ebendiesen bösen,
schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch bei
seiner Erforschung erkennt: ›Nein, ich ziehe den Ermahner nicht
von einem ins andere, schweife vom Gegenstand nicht ab, lege
keine Verdrossenheit, keinen Hass, kein Misstrauen an den Tag‹,
so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere
Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Geb’ ich etwa auf eine Ermahnung Verstöße nicht
zu?‹ Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung
erkennt: ›Freilich geb’ ich auf eine Ermahnung Verstöße nicht
zu‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von
ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber,
Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung erkennt: ›Nein, auf
eine Ermahnung leugne ich Verstöße nicht‹, so hat ein solcher
Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere Uebung im Guten Tag
und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Bin ich etwa häuchlerisch und neidisch?‹ Wenn
da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung erkennt:
›Freilich bin ich häuchlerisch und neidisch‹, so hat ein
solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von ebendiesen bösen,
schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch bei
seiner Erforschung erkennt: ›Nein, ich bin ohne Häuchelei, ohne
Neid‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig
heitere Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Bin ich etwa eifernd und selbstsüchtig?‹ Wenn
da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung erkennt:
›Freilich bin ich eifernd und selbstsüchtig‹, so hat ein
solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von ebendiesen bösen,
schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch bei
seiner Erforschung erkennt: ›Nein, ich bin ohne Eiferung, ohne
Selbstsucht‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese
sälig heitere Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Bin ich etwa listig und gleißnerisch?‹ Wenn da der
Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung erkennt: ›Freilich
bin ich listig und gleißnerisch‹, so hat ein solcher Mönch, ihr
Brüder, um Befreiung von ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu
kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung
erkennt: ›Nein, ich hin ohne List, ohne Gleißnerei‹, so hat ein
solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere Uebung im
Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also zu
erforschen: ›Bin ich etwa störrisch und eitel?‹ Wenn da der
Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung erkennt: ›Freilich
bin ich störrisch und eitel‹, so hat ein solcher Mönch, ihr
Brüder, um Befreiung von ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu
kämpfen. Wenn aber, Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung
erkennt: ›Nein, ich bin ohne Starrsinn, ohne Eitelkeit‹, so
hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere
Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Weiter sodann, ihr Brüder: ein Mönch hat sich selber also
zu erforschen: ›Hab’ ich etwa nur für das vor Augen Liegende
Sinn, greif’ ich mit beiden Händen zu, lass’ ich mich
schwer abweisen?‹ Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner
Erforschung erkennt: ›Freilich hab’ ich nur für das vor Augen
Liegende Sinn, greife mit beiden Händen zu, lasse mich schwer
abweisen‹, so hat ein solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung
von ebendiesen bösen, schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber,       100
Brüder, der Mönch bei seiner Erforschung erkennt: ›Nein, ich
habe nicht nur für das vor Augen Liegende Sinn, greife nicht
mit beiden Händen zu, lasse mich leicht abweisen‹, so hat ein
solcher Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere Uebung im
Guten Tag und Nacht zu pflegen.

»Wenn da der Mönch, ihr Brüder, bei seiner Erforschung etwa
alle diese bösen, schlechten Dinge an sich merkt, so hat ein
solcher Mönch, ihr Brüder, um Befreiung von eben allen diesen
bösen, schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber, Brüder, der
Mönch bei seiner Erforschung etwa keines von allen diesen
bösen, schlechten Dingen mehr finden kann, so hat ein solcher
Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere Uebung im Guten Tag
und Nacht zu pflegen.

»Gleichwie etwa, Brüder, ein Weib oder ein Mann, jung, frisch,
gefallsam, in einem Spiegel oder in einer reinen lauteren,
hellen Wasserfläche das Bild des eigenen Antlitzes prüfend
betrachtet, und wenn sich da irgend ein Fleck oder Schmutz
zeigt, ebendiesen Fleck oder Schmutz zu beseitigen sucht; doch
wenn sich da kein Fleck oder Schmutz zeigt, eben darum erfreut
ist, ›Heil mir, ich bin rein‹: also nun auch, ihr Brüder, hat
da ein Mönch, der bei seiner Erforschung etwa alle diese bösen,
schlechten Dinge an sich merkt, um Befreiung von eben allen
diesen bösen, schlechten Dingen zu kämpfen. Wenn aber, Brüder,
der Mönch bei seiner Erforschung etwa keines von allen diesen
bösen, schlechten Dingen mehr finden kann, so hat ein solcher
Mönch, ihr Brüder, ebendiese sälig heitere Uebung im Guten Tag
und Nacht zu pflegen.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der ehrwürdige Mahāmoggallāno. Zufrieden freuten
sich jene Mönche über das Wort des ehrwürdigen Mahāmoggallāno.



                              16.

             Zweiter Theil            Sechste Rede

                     DIE HERZBEKLEMMUNGEN


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           101
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Wer da von euch, ihr Mönche, die fünf Herzbeklemmungen nicht
verloren und die fünf Fesseln des Herzens nicht durchschnitten
hat, kann freilich in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen,
zur Reife und Entfaltung nicht gelangen. Welche fünf
Herzbeklemmungen sind das, die ein solcher nicht verloren hat?
Da schwankt und zweifelt, ihr Mönche, ein Mönch am Meister,
hegt Misstrauen und Missgunst. Ein Mönch, ihr Mönche, der am
Meister schwankt und zweifelt, Misstrauen und Missgunst hegt,
dessen Gemüth ist der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und
Ausdauer abgeneigt. Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe,
Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt ist, der hat also diese
erste Herzbeklemmung nicht verloren.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch schwankt und zweifelt
an der Satzung, hegt Misstrauen und Missgunst. Ein Mönch, ihr
Mönche, der an der Satzung schwankt und zweifelt, Misstrauen
und Missgunst hegt, dessen Gemüth ist der Anstrengung und
Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt. Wessen Gemüth der
Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt
ist, der hat also diese zweite Herzbeklemmung nicht verloren.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch schwankt und zweifelt
an der Jüngerschaft, hegt Misstrauen und Missgunst. Ein
Mönch, ihr Mönche, der an der Jüngerschaft schwankt und
zweifelt, Misstrauen und Missgunst hegt, dessen Gemüth ist der
Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt.
Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit
und Ausdauer abgeneigt ist, der hat also diese dritte
Herzbeklemmung nicht verloren.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch schwankt und zweifelt
an der Ordensregel, hegt Misstrauen und Missgunst. Ein Mönch,
ihr Mönche, der an der Ordensregel schwankt und zweifelt,
Misstrauen und Missgunst hegt, dessen Gemüth ist der
Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt.
Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit
und Ausdauer abgeneigt ist, der hat also diese vierte
Herzbeklemmung nicht verloren.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch ärgert und kränkt sich
über seine Ordensbrüder, ist niedergeschlagen und beklommen.
Ein Mönch, ihr Mönche, der sich über seine Ordensbrüder
ärgert und kränkt, niedergeschlagen und beklommen ist,
dessen Gemüth ist der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit
und Ausdauer abgeneigt. Wessen Gemüth der Anstrengung und
Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt ist, der hat also
diese fünfte Herzbeklemmung nicht verloren. Das sind die fünf
Herzbeklemmungen, die ein solcher nicht verloren hat.

»Welche fünf Fesseln des Herzens sind das, die ein solcher
nicht durchschnitten hat? Da hat sich, ihr Mönche, ein Mönch
beim Wollen nicht der Begierde entäußert, nicht des Verlangens
entäußert, nicht der Sehnsucht entäußert, nicht des Gelüstens
entäußert, nicht des Fieberns entäußert, nicht des Dürstens
entäußert. Ein Mönch, ihr Mönche, der sich beim Wollen nicht
der Begierde, nicht des Verlangens, nicht der Sehnsucht, nicht
des Gelüstens, nicht des Fieberns, nicht des Dürstens entäußert
hat, dessen Gemüth ist der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit
und Ausdauer abgeneigt. Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe,
Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt ist, der hat also diese
erste Fessel des Herzens nicht durchschnitten.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch hat sich beim Fühlen
nicht der Begierde entäußert, nicht des Verlangens entäußert,
nicht der Sehnsucht entäußert, nicht des Gelüstens entäußert,
nicht des Fieberns entäußert, nicht des Dürstens entäußert. Ein
Mönch, ihr Mönche, der sich beim Fühlen nicht der Begierde,
nicht des Verlangens, nicht der Sehnsucht, nicht des Gelüstens,
nicht des Fieberns, nicht des Dürstens entäußert hat, dessen
Gemüth ist der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und
Ausdauer abgeneigt. Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe,
Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt ist, der hat also diese
zweite Fessel des Herzens nicht durchschnitten.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch hat sich beim Sehn             102
nicht der Begierde entäußert, nicht des Verlangens entäußert,
nicht der Sehnsucht entäußert, nicht des Gelüstens entäußert,
nicht des Fieberns entäußert, nicht des Dürstens entäußert.
Ein Mönch, ihr Mönche, der sich beim Sehn nicht der Begierde,
nicht des Verlangens, nicht der Sehnsucht, nicht des Gelüstens,
nicht des Fieberns, nicht des Dürstens entäußert hat, dessen
Gemüth ist der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und
Ausdauer abgeneigt. Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe,
Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt ist, der hat also diese
dritte Fessel des Herzens nicht durchschnitten.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch hat zur Mahlzeit so
viel gegessen, als seinem Magen wohlbekommt, und gefällt
sich in behaglichem Sitzen, behaglichem Liegen, behaglichem
Schlummern. Ein Mönch, ihr Mönche, der zur Mahlzeit so
viel gegessen hat, als seinem Magen wohlbekommt, und sich
in behaglichem Sitzen, behaglichem Liegen, behaglichem
Schlummern gefällt, dessen Gemüth ist der Anstrengung und
Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt. Wessen Gemüth der
Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt
ist, der hat also diese vierte Fessel des Herzens nicht
durchschnitten.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch führt in der Absicht
etwelche göttliche Verkörperung zu erlangen ein heiliges Leben:
›Durch diese Uebungen oder Gelübde, Kasteiung oder Entsagung
will ich ein Gott werden oder ein Göttlicher!‹ Ein Mönch, ihr
Mönche, der in der Absicht etwelche göttliche Verkörperung zu
erlangen ein heiliges Leben führt: ›Durch diese Uebungen oder
Gelübde, Kasteiung oder Entsagung will ich ein Gott werden
oder ein Göttlicher!‹, dessen Gemüth ist der Anstrengung und
Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt. Wessen Gemüth der
Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer abgeneigt
ist, der hat also diese fünfte Fessel des Herzens nicht
durchschnitten. Das sind die fünf Fesseln des Herzens, die ein
solcher nicht durchschnitten hat. Wer da von euch, ihr Mönche,
diese fünf Herzbeklemmungen nicht verloren und diese fünf
Fesseln des Herzens nicht durchschnitten hat, kann freilich
in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen, zur Reife und
Entfaltung nicht gelangen.

       *       *       *       *       *

»Wer da von euch, ihr Mönche, die fünf Herzbeklemmungen
verloren und die fünf Fesseln des Herzens glatt durchschnitten
hat, kann wohl in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen, zur
Reife und Entfaltung gelangen. Welche fünf Herzbeklemmungen
sind das, die ein solcher verloren hat? Da schwankt nicht
und zweifelt nicht, ihr Mönche, ein Mönch am Meister, hegt
Vertrauen und Gunst. Ein Mönch, ihr Mönche, der am Meister
nicht schwankt und nicht zweifelt, Vertrauen und Gunst hegt,
dessen Gemüth ist der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit
und Ausdauer geneigt. Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe,
Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt ist, der hat also diese
erste Herzbeklemmung verloren.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch schwankt nicht und
zweifelt nicht an der Satzung, hegt Vertrauen und Gunst. Ein
Mönch, ihr Mönche, der an der Satzung nicht schwankt und nicht
zweifelt, Vertrauen und Gunst hegt, dessen Gemüth ist der
Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt.
Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und
Ausdauer geneigt ist, der hat also diese zweite Herzbeklemmung
verloren.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch schwankt nicht und
zweifelt nicht an der Jüngerschaft, hegt Vertrauen und Gunst.
Ein Mönch, ihr Mönche, der an der Jüngerschaft nicht schwankt
und nicht zweifelt, Vertrauen und Gunst hegt, dessen Gemüth ist
der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt.
Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und
Ausdauer geneigt ist, der hat also diese dritte Herzbeklemmung
verloren.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch schwankt nicht und
zweifelt nicht an der Ordensregel, hegt Vertrauen und Gunst.
Ein Mönch, ihr Mönche, der an der Ordensregel nicht schwankt
und nicht zweifelt, Vertrauen und Gunst hegt, dessen Gemüth ist
der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt.
Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und
Ausdauer geneigt ist, der hat also diese vierte Herzbeklemmung
verloren.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch ärgert sich nicht, kränkt
sich nicht über seine Ordensbrüder, ist nicht niedergeschlagen,
nicht beklommen. Ein Mönch, ihr Mönche, der sich über seine
Ordensbrüder nicht ärgert und kränkt, nicht niedergeschlagen
und beklommen ist, dessen Gemüth ist der Anstrengung und
Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt. Wessen Gemüth der         103
Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt ist,
der hat also diese fünfte Herzbeklemmung verloren. Das sind die
fünf Herzbeklemmungen, die ein solcher verloren hat.

»Welche fünf Fesseln des Herzens sind das, die ein solcher
glatt durchschnitten hat? Da hat sich, ihr Mönche, ein Mönch
beim Wollen der Begierde entäußert, des Verlangens entäußert,
der Sehnsucht entäußert, des Gelüstens entäußert, des Fieberns
entäußert, des Dürstens entäußert. Ein Mönch, ihr Mönche, der
sich beim Wollen der Begierde, des Verlangens, der Sehnsucht,
des Gelüstens, des Fieberns, des Dürstens entäußert hat,
dessen Gemüth ist der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit
und Ausdauer geneigt. Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe,
Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt ist, der hat also diese
erste Fessel des Herzens glatt durchschnitten.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch hat sich beim Fühlen der
Begierde entäußert, des Verlangens entäußert, der Sehnsucht
entäußert, des Gelüstens entäußert, des Fieberns entäußert, des
Dürstens entäußert. Ein Mönch, ihr Mönche, der sich beim Fühlen
der Begierde, des Verlangens, der Sehnsucht, des Gelüstens,
des Fieberns, des Dürstens entäußert hat, dessen Gemüth ist
der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt.
Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und
Ausdauer geneigt ist, der hat also diese zweite Fessel des
Herzens glatt durchschnitten.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch hat sich beim Sehn der
Begierde entäußert, des Verlangens entäußert, der Sehnsucht
entäußert, des Gelüstens entäußert, des Fieberns entäußert, des
Dürstens entäußert. Ein Mönch, ihr Mönche, der sich beim Sehn
der Begierde, des Verlangens, der Sehnsucht, des Gelüstens,
des Fieberns, des Dürstens entäußert hat, dessen Gemüth ist
der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt.
Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und
Ausdauer geneigt ist, der hat also diese dritte Fessel des
Herzens glatt durchschnitten.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch hat zur Mahlzeit nicht
so viel gegessen, als seinem Magen wohlbekommt, gefällt sich
nicht in behaglichem Sitzen, behaglichem Liegen, behaglichem
Schlummern. Ein Mönch, ihr Mönche, der zur Mahlzeit nicht
so viel gegessen hat, als seinem Magen wohlbekommt, sich
nicht in behaglichem Sitzen, behaglichem Liegen, behaglichem
Schlummern gefällt, dessen Gemüth ist der Anstrengung und
Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt. Wessen Gemüth der
Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer geneigt
ist, der hat also diese vierte Fessel des Herzens glatt
durchschnitten.

»Weiter sodann, ihr Mönche: ein Mönch führt nicht in der
Absicht etwelche göttliche Verkörperung zu erlangen ein
heiliges Leben: ›Durch diese Uebungen oder Gelübde, Kasteiung
oder Entsagung will ich ein Gott werden oder ein Göttlicher!‹
Ein Mönch, ihr Mönche, der nicht in der Absieht etwelche
göttliche Verkörperung zu erlangen ein heiliges Leben führt:
›Durch diese Uebungen oder Gelübde, Kasteiung oder Entsagung
will ich ein Gott werden oder ein Göttlicher!‹, dessen Gemüth
ist der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit und Ausdauer
geneigt. Wessen Gemüth der Anstrengung und Mühe, Beharrlichkeit
und Ausdauer geneigt ist, der hat also diese fünfte Fessel des
Herzens glatt durchschnitten. Das sind die fünf Fesseln des
Herzens, die ein solcher glatt durchschnitten hat. Wer da von
euch, ihr Mönche, diese fünf Herzbeklemmungen verloren und
diese fünf Fesseln des Herzens glatt durchschnitten hat, kann
wohl in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen, zur Reife und
Entfaltung gelangen.

       *       *       *       *       *

»Er gewinnt das durch Innigkeit, Ausdauer und Sammlung des
Willens erworbene Machtgebiet, gewinnt das durch Innigkeit,
Ausdauer und Sammlung der Kraft erworbene Machtgebiet, gewinnt
das durch Innigkeit, Ausdauer und Sammlung des Gemüthes
erworbene Machtgebiet, gewinnt das durch Innigkeit, Ausdauer
und Sammlung des Prüfens erworbene Machtgebiet, Heldenmuth
aber zum fünften. Und dieser also fünfzehnfach heldenmüthig          104
gewordene Mönch, ihr Mönche, ist fähig zur Durchbrechung, fähig
zur Erwachung, fähig die unvergleichliche Sicherheit zu finden.
Gleichwie etwa, Mönche, wenn eine Henne ihre Eier, acht oder
zehn oder zwölf Stück, wohl bebrütet, gänzlich ausgebrütet,
völlig gar gebrütet hat; wie sollte da nicht jener Henne der
Wunsch kommen: ›Ach möchten doch meine Küchlein mit den Krallen
oder dem Schnabel die Schaale aufhacken, möchten sie doch
heil durchbrechen!‹, und jene Küchlein sind fähig geworden
mit den Krallen oder dem Schnabel die Schaale aufzuhacken und
heil durchzubrechen: ebenso nun auch, ihr Mönche, ist ein
also fünfzehnfach heldenmüthig gewordener Mönch fähig zur
Durchbrechung, fähig zur Erwachung, fähig die unvergleichliche
Sicherheit zu finden.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              17.

            Zweiter Theil            Siebente Rede

                        WALDEINSAMKEIT


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Die Arten der Waldeinsamkeit will ich euch Mönchen erklären;
höret es und achtet wohl auf meine Rede.«

»Ja, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Da lebt, ihr Mönche, ein Mönch in einer Waldeinsamkeit: und
während er in dieser Waldeinsamkeit, noch ohne Einsicht,
lebt, gewinnt er keine, das zerstreute Gemüth sammelt sich
nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreicht er nicht, und was ein
Asket zur Fristung des Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung,
Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit, das
fließt ihm kümmerlich zu. Dieser Mönch, ihr Mönche, soll
also erwägen: ›Ich lebe da in dieser Waldeinsamkeit: und             105
während ich in dieser Waldeinsamkeit, noch ohne Einsicht,
lebe, gewinne ich keine, das zerstreute Gemüth sammelt sich
nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreiche ich nicht, und was ein
Asket zur Fristung des Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung,
Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit, das
fließt mir kümmerlich zu.‹ Dieser Mönch, ihr Mönche, soll
bei Tag oder bei Nacht diese Waldeinsamkeit verlassen, nicht
bleiben.

»Da lebt nun, ihr Mönche, der Mönch in einer anderen
Waldeinsamkeit: und während er in dieser Waldeinsamkeit, noch
ohne Einsicht, lebt, gewinnt er keine, das zerstreute Gemüth
sammelt sich nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die
unerreichte unvergleichliche Sicherheit erreicht er nicht, was
aber ein Asket zur Fristung des Lebens braucht, an Kleidung,
Nahrung, Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit,
das fließt ihm reichlich zu. Dieser Mönch, ihr Mönche, soll
also erwägen: ›Ich lebe da in dieser Waldeinsamkeit: und
während ich in dieser Waldeinsamkeit, noch ohne Einsicht,
lebe, gewinne ich keine, das zerstreute Gemüth sammelt sich
nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreiche ich nicht, was aber ein
Asket zur Fristung des Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung,
Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit, das
fließt mir reichlich zu; aber ich bin ja nicht der Kleidung
halber aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert, nicht
der Nahrung, nicht der Lagerstatt, nicht der Arzeneien halber
bin ich aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert. Doch
während ich da in dieser Waldeinsamkeit, noch ohne Einsicht,
lebe, gewinne ich keine, das zerstreute Gemüth sammelt sich
nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreiche ich nicht.‹ Dieser Mönch,
ihr Mönche, soll dann nach einiger Zeit diese Waldeinsamkeit
verlassen, nicht bleiben.

»Da lebt, ihr Mönche, ein Mönch in einer Waldeinsamkeit: und
während er in dieser Waldeinsamkeit, noch ohne Einsicht,
lebt, gewinnt er sie, das zerstreute Gemüth sammelt sich, der
unversiegte Wahn versiegt, die unerreichte unvergleichliche
Sicherheit erreicht er, was aber ein Asket zur Fristung des
Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung, Lagerstatt und Arzeneien
für den Fall einer Krankheit, das fließt ihm kümmerlich zu.
Dieser Mönch, ihr Mönche, soll also erwägen: ›Ich lebe               106
da in dieser Waldeinsamkeit: und während ich in dieser
Waldeinsamkeit, noch ohne Einsicht, lebe, gewinne ich sie,
das zerstreute Gemüth sammelt sich, der unversiegte Wahn
versiegt, die unerreichte unvergleichliche Sicherheit erreiche
ich, was aber ein Asket zur Fristung des Lebens braucht, an
Kleidung, Nahrung, Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer
Krankheit, das fließt mir kümmerlich zu; aber ich bin ja
nicht der Kleidung halber aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert, nicht der Nahrung, nicht der Lagerstatt, nicht der
Arzeneien halber bin ich aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert. Doch während ich da in dieser Waldeinsamkeit, noch
ohne Einsicht, lebe, gewinne ich sie, das zerstreute Gemüth
sammelt sich, der unversiegte Wahn versiegt, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreiche ich.‹ Dieser Mönch, ihr
Mönche, soll dann eine Zeit lang in dieser Waldeinsamkeit
bleiben, nicht fortgehn.

»Da lebt nun, ihr Mönche, ein Mönch in einer anderen
Waldeinsamkeit: und während er in dieser Waldeinsamkeit, noch
ohne Einsicht, lebt, gewinnt er sie, das zerstreute Gemüth
sammelt sich, der unversiegte Wahn versiegt, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreicht er, und was ein Asket zur
Fristung des Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung, Lagerstatt
und Arzeneien für den Fall einer Krankheit, das fließt ihm
reichlich zu. Dieser Mönch, ihr Mönche, soll also erwägen: ›Ich
lebe da in dieser Waldeinsamkeit: und während ich in dieser
Waldeinsamkeit, noch ohne Einsicht, lebe, gewinne ich sie, das
zerstreute Gemüth sammelt sich, der unversiegte Wahn versiegt,
die unerreichte unvergleichliche Sicherheit erreiche ich, und
was ein Asket zur Fristung des Lebens braucht, an Kleidung,
Nahrung, Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit,
das fließt mir reichlich zu.‹ Dieser Mönch, ihr Mönche, soll
dann zeitlebens in dieser Waldeinsamkeit bleiben, nicht
fortgehn.

»Da lebt, ihr Mönche, ein Mönch in der Umgebung eines
Dorfes oder einer Burg oder einer Stadt, in diesem oder in
jenem Lande, in Gesellschaft dieser oder jener Person: und
während er in solcher Gesellschaft, noch ohne Einsicht,
lebt, gewinnt er keine, das zerstreute Gemüth sammelt sich
nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreicht er nicht, und was ein
Asket zur Fristung des Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung,
Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit, das
fließt ihm kümmerlich zu. Dieser Mönch, ihr Mönche, soll
also erwägen: ›Ich lebe da in Gesellschaft dieser Person:
und während ich in solcher Gesellschaft, noch ohne Einsicht,
lebe, gewinne ich keine, das zerstreute Gemüth sammelt sich
nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreiche ich nicht, und was ein
Asket zur Fristung des Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung,
Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit, das
fließt mir kümmerlich zu.‹ Dieser Mönch, ihr Mönche, soll bei
Tag oder bei Nacht jene Person ohne Abschied verlassen, nicht
bleiben.

»Da lebt nun, ihr Mönche, der Mönch in Gesellschaft einer
anderen Person: und während er in dieser Gesellschaft, noch          107
ohne Einsicht, lebt, gewinnt er keine, das zerstreute Gemüth
sammelt sich nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die
unerreichte unvergleichliche Sicherheit erreicht er nicht, was
aber ein Asket zur Fristung des Lebens braucht, an Kleidung,
Nahrung, Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit,
das fließt ihm reichlich zu. Dieser Mönch, ihr Mönche, soll
also erwägen: ›Ich lebe da in Gesellschaft dieser Person:
und während ich in dieser Gesellschaft, noch ohne Einsicht,
lebe, gewinne ich keine, das zerstreute Gemüth sammelt sich
nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreiche ich nicht, was aber ein
Asket zur Fristung des Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung,
Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit, das
fließt mir reichlich zu; aber ich bin ja nicht der Kleidung
halber aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert, nicht
der Nahrung, nicht der Lagerstatt, nicht der Arzeneien halber
bin ich aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert. Doch
während ich da in dieser Gesellschaft, noch ohne Einsicht,
lebe, gewinne ich keine, das zerstreute Gemüth sammelt sich
nicht, der unversiegte Wahn versiegt nicht, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreiche ich nicht.‹ Dieser Mönch,
ihr Mönche, soll dann nach einiger Zeit jene Person ohne
Abschied verlassen, nicht bleiben.

»Da lebt, ihr Mönche, ein Mönch in Gesellschaft dieser oder
jener Person: und während er in solcher Gesellschaft, noch
ohne Einsicht, lebt, gewinnt er sie, das zerstreute Gemüth
sammelt sich, der unversiegte Wahn versiegt, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreicht er, was aber ein Asket zur
Fristung des Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung, Lagerstatt
und Arzeneien für den Fall einer Krankheit, das fließt ihm
kümmerlich zu. Dieser Mönch, ihr Mönche, soll also erwägen:
›Ich lebe da in Gesellschaft dieser Person: und während ich
in solcher Gesellschaft, noch ohne Einsicht, lebe, gewinne ich
sie, das zerstreute Gemüth sammelt sich, der unversiegte Wahn
versiegt, die unerreichte unvergleichliche Sicherheit erreiche
ich, was aber ein Asket zur Fristung des Lebens braucht, an
Kleidung, Nahrung, Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer
Krankheit, das fließt mir kümmerlich zu; aber ich bin ja
nicht der Kleidung halber aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert, nicht der Nahrung, nicht der Lagerstatt, nicht der
Arzeneien halber bin ich aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert. Doch während ich da in solcher Gesellschaft, noch
ohne Einsicht, lebe, gewinne ich sie, das zerstreute Gemüth
sammelt sich, der unversiegte Wahn versiegt, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreiche ich.‹ Dieser Mönch, ihr
Mönche, soll dann eine Zeit lang bei jener Person bleiben,
nicht fortgehn.

»Da lebt nun, ihr Mönche, ein Mönch in Gesellschaft einer
anderen Person: und während er in dieser Gesellschaft, noch
ohne Einsicht, lebt, gewinnt er sie, das zerstreute Gemüth
sammelt sich, der unversiegte Wahn versiegt, die unerreichte
unvergleichliche Sicherheit erreicht er, und was ein Asket zur
Fristung des Lebens braucht, an Kleidung, Nahrung, Lagerstatt
und Arzeneien für den Fall einer Krankheit, das fließt ihm
reichlich zu. Dieser Mönch, ihr Mönche, soll also erwägen:
›Ich lebe da in Gesellschaft dieser Person: und während ich          108
in dieser Gesellschaft, noch ohne Einsicht, lebe, gewinne ich
sie, das zerstreute Gemüth sammelt sich, der unversiegte Wahn
versiegt, die unerreichte unvergleichliche Sicherheit erreiche
ich, und was ein Asket zur Fristung des Lebens braucht, an
Kleidung, Nahrung, Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer
Krankheit, das fließt mir reichlich zu.‹ Dieser Mönch, ihr
Mönche, soll dann zeitlebens bei jener Person bleiben und nicht
fortgehn, wenn er nicht fortgejagt wird.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              18.

              Zweiter Theil            Achte Rede

                        DER GUTE BISSEN


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande
der Sakker, bei Kapilavatthu, im Park der Feigenbäume. Und der
Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und ging
nach der Stadt um Almosenspeise. Und als der Erhabene, von Haus
zu Haus tretend, Almosen erhalten hatte, kehrte er zurück, nahm
das Mahl ein und begab sich in den Großen Wald, für den Tag.
Im Inneren des Großen Waldes setzte sich der Erhabene unter
eine Gruppe von Zitronenapfelbäumen[11], um hier bis gegen
Sonnenuntergang zu verweilen.

Daṇḍapāṇi nun aber, ein Sakko-Prinz, erging sich lustwandelnd
dahin und dorthin und kam in den Großen Wald. Im Inneren des
Großen Waldes gelangte er zur Gruppe der Zitronenapfelbäume,
zum Erhabenen. Da tauschte er mit dem Erhabenen höflichen
Gruß und freundliche, denkwürdige Worte und stellte sich, auf
seinen Spazierstock gestützt, seitwärts hin. Hierauf nun sprach
Daṇḍapāṇi der Sakker zum Erhabenen also:

»Was bekennt und verkündet der Asket?«

»Dass der Bekenner, Bruder, in der Welt mit ihren Göttern,
ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von
Priestern und Büßern, Göttern und Menschen durch nichts in
der Welt außer Fassung geräth, und dass dem wunschentwunden
Verweilenden, dem Heiligen, der keine Frage mehr stellt, jeden
Unmuth vertilgt hat, weder Dasein noch Nichtsein begehrt[12],
Wahrnehmungen nicht anhaften: das bekenne ich, Bruder, das
verkünde ich.«

Auf diese Worte senkte der Sakker Daṇḍapāṇi den Kopf, ließ die
Zunge sehn, zog die Brauen mit drei Stirnfalten in die Höhe und      109
ging, auf seinen Spazierstock gestützt, von dannen.

Nachdem nun der Erhabene gegen Abend die Gedenkensruhe beendet
hatte, begab er sich in den Park der Feigenbäume. Dort
angelangt setzte sich der Erhabene auf den dargebotenen Sitz.
Hierauf nun wandte sich der Erhabene an die Mönche:

»Als ich da, Mönche, heute früh gerüstet war, begab ich mich,
mit Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach
Kapilavatthu. Nach Empfang der Almosenspeise kehrte ich von
der Stadt zurück und ging nach dem Mahle zum Großen Wald, für
den Tag. Im Inneren des Großen Waldes setzte ich mich unter
eine Gruppe von Zitronenapfelbäumen, bis gegen Sonnenuntergang
dort zu verweilen. Daṇḍapāṇi nun aber, ihr Mönche, ein
Sakko-Prinz, kam lustwandelnd in den Großen Wald, zur Gruppe
der Bäume, unter der ich saß. Da tauschte er mit mir höflichen
Gruß und freundliche, denkwürdige Worte und stellte sich, auf
seinen Spazierstock gestützt, seitwärts hin. Und nun, ihr
Mönche, sprach Daṇḍapāṇi der Sakker also zu mir: ›Was bekennt
und verkündet der Asket?‹ Hierauf erwiderte ich, ihr Mönche,
dem Sakker Daṇḍapāṇi: ›Dass der Bekenner, Bruder, in der Welt
mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit
ihrer Schaar von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen
durch nichts in der Welt außer Fassung geräth, und dass dem
wunschentwunden Verweilenden, dem Heiligen, der keine Frage
mehr stellt, jeden Unmuth vertilgt hat, weder Dasein noch
Nichtsein begehrt, Wahrnehmungen nicht anhaften: das bekenne
ich, Bruder, das verkünde ich.‹ Auf diese Worte, ihr Mönche,
senkte der Sakker Daṇḍapāṇi den Kopf, ließ die Zunge sehn,
zog die Brauen mit drei Stirnfalten in die Höhe und ging, auf
seinen Spazierstock gestützt, von dannen.«

Auf diese Worte wandte sich einer der Mönche an den Erhabenen
und sprach:

»Und was bekennt, o Herr, der Erhabene und geräth in der Welt
mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer
Schaar von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen durch
nichts in der Welt außer Fassung, und wie haften, o Herr, dem
Erhabenen, dem wunschentwunden Verweilenden, dem Heiligen,
der keine Frage mehr stellt, jeden Unmuth vertilgt hat, weder
Dasein noch Nichtsein begehrt, Wahrnehmungen nicht an?«

»Wenn der Sonderheit Wahrnehmungen, Mönch, wodurch auch
immer bedingt, an den Menschen der Reihe nach herantreten
und da kein Entzücken, kein Entsprechen, keinen Halt
finden, so ist das eben das Ende der Lustanhaftungen, so
ist das eben das Ende der Ekelanhaftungen, so ist das eben           110
das Ende der Glaubensanhaftungen, so ist das eben das
Ende der Zweifelanhaftungen, so ist das eben das Ende der
Dünkelanhaftungen, so ist das eben das Ende der Anhaftungen
der Daseinslust, so ist das eben das Ende der Anhaftungen
des Nichtwissens, so ist das eben das Ende vom Wüthen und
Blutvergießen, von Krieg und Zwietracht, Zank und Streit, Lug
und Trug: da werden diese bösen, schlechten Dinge restlos
aufgelöst.«

Also sprach der Erhabene. Nach diesen Worten stand der
Willkommene vom Sitze auf und zog sich in das Wohnhaus zurück.

Da gedachten denn die Mönche, bald nachdem der Erhabene
fortgegangen war, unter sich: ›Diese Lehre, Brüder, hat uns der
Erhabene in kurzer Fassung gegeben, ohne den Inhalt ausführlich
zu erläutern, ist aufgestanden und hat sich in das Wohnhaus
zurückgezogen. Wer könnte nun wohl dieser kurzgefassten Lehre
Inhalt ausführlich begründen?‹ Da sagten sich nun jene Mönche:
›Der ehrwürdige Mahākaccāno wird selbst vom Meister gepriesen,
von den verständigen Ordensbrüdern aber verehrt: wohl wäre
der ehrwürdige Mahākaccāno imstande, den Inhalt dieser
kurzgefassten Lehre ausführlich zu begründen; wie, wenn wir uns
nun zum ehrwürdigen Mahākaccāno begeben und ihn bitten würden,
uns den Inhalt darzulegen?‹

Und jene Mönche begaben sich zum ehrwürdigen Mahākaccāno,
wechselten höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte
mit ihm und setzten sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend
sprachen nun jene Mönche zum ehrwürdigen Mahākaccāno also:

»Folgende Lehre, Bruder Kaccāno, hat uns der Erhabene
in kurzer Fassung gegeben, ohne den Inhalt ausführlich zu
erläutern, ist aufgestanden und hat sich in das Wohnhaus
zurückgezogen: ›Wenn der Sonderheit Wahrnehmungen, Mönch,
wodurch auch immer bedingt, an den Menschen der Reihe nach
herantreten und da kein Entzücken, kein Entsprechen, keinen
Halt finden, so ist das eben das Ende der Lustanhaftungen,
so ist das eben das Ende der Ekelanhaftungen, so ist das
eben das Ende der Glaubensanhaftungen, so ist das eben das
Ende der Zweifelanhaftungen, so ist das eben das Ende der
Dünkelanhaftungen, so ist das eben das Ende der Anhaftungen
der Daseinslust, so ist das eben das Ende der Anhaftungen
des Nichtwissens, so ist das eben das Ende vom Wüthen und
Blutvergießen, von Krieg und Zwietracht, Zank und Streit, Lug
und Trug: da werden diese bösen, schlechten Dinge restlos
aufgelöst.‹ Da kam uns, Bruder Kaccāno, bald nachdem
der Erhabene fortgegangen war, der Gedanke: ›Diese Lehre,
Brüder, hat uns der Erhabene in kurzer Fassung gegeben, ohne
den Inhalt ausführlich zu erläutern, ist aufgestanden und
hat sich in das Wohnhaus zurückgezogen. Wer könnte nun wohl
dieser kurzgefassten Lehre Inhalt ausführlich begründen?‹
Da kam uns, Bruder Kaccāno, der Gedanke: ›Der ehrwürdige
Mahākaccāno wird selbst vom Meister gepriesen, von
den verständigen Ordensbrüdern aber verehrt: wohl wäre der           111
ehrwürdige Mahākaccāno imstande, den Inhalt dieser
kurzgefassten Lehre ausführlich zu begründen; wie, wenn wir uns
nun zum ehrwürdigen Mahākaccāno begeben und ihn bitten
würden, uns den Inhalt darzulegen?‹ Mög’ es der ehrwürdige
Mahākaccāno thun!«

»Gleichwie etwa, Brüder, wenn ein Mann, der Kernholz begehrt,
Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, über Wurzel und Stamm
eines großen kernig dastehenden Baumes hinaufkletterte und im
Laubgezweige Kernholz finden wollte: so ergeht es nun hier euch
Ehrwürdigen, die ihr vor dem Meister gewesen seid, den Herrn
übergangen habt und von mir die Lösung der Frage erwartet.
Doch der Erhabene, ihr Brüder, ist der kennende Kenner und
der sehende Seher, der Auggewordene, Erkenntnissgewordene,
Wahrheitgewordene, Heiligkeitgewordene, der Künder und
Verkünder, der Eröffner des Inhalts, der Spender der
Unsterblichkeit, der Herr der Wahrheit, der Vollendete. Und es
war ja wohl noch an der Zeit gewesen, dass ihr den Erhabenen
selbst befragen und diesen Gegenstand der Erklärung des
Erhabenen gemäß bewahren konntet.«

»Freilich, Bruder Kaccāno, ist der Erhabene der kennende Kenner
und der sehende Seher, der Auggewordene, Erkenntnissgewordene,
Wahrheitgewordene, Heiligkeitgewordene, der Künder und
Verkünder, der Eröffner des Inhalts, der Spender der
Unsterblichkeit, der Herr der Wahrheit, der Vollendete.
Und es war ja wohl noch an der Zeit gewesen, dass wir den
Erhabenen selbst befragen und diesen Gegenstand der Erklärung
des Erhabenen gemäß bewahren konnten. Aber der ehrwürdige
Mahākaccāno wird ja selbst vom Meister gepriesen und von den
verständigen Ordensbrüdern verehrt: wohl wäre der ehrwürdige
Mahākaccāno imstande, den Inhalt jener vom Erhabenen in der
Kürze gegebenen Lehre ausführlich darzulegen. Mög’ es der
ehrwürdige Mahākaccāno thun und es nicht übel nehmen!«

»Wohlan denn, Brüder, so höret und achtet wohl auf meine Rede!«

»Gewiss, o Bruder!« antworteten da aufmerksam jene Mönche dem
ehrwürdigen Mahākaccāno. Der ehrwürdige Mahākaccāno sprach also:

»Die Lehre, Brüder, die uns der Erhabene in der Kürze
gegeben hat: ›Wenn der Sonderheit Wahrnehmungen, Mönch,
wodurch auch immer bedingt, an den Menschen der Reihe nach
herantreten und da kein Entzücken, kein Entsprechen, keinen
Halt finden, so ist das eben das Ende der Lustanhaftungen,
so ist das eben das Ende der Ekelanhaftungen, so ist das
eben das Ende der Glaubensanhaftungen, so ist das eben das
Ende der Zweifelanhaftungen, so ist das eben das Ende der
Dünkelanhaftungen, so ist das eben das Ende der Anhaftungen
der Daseinslust, so ist das eben das Ende der Anhaftungen
des Nichtwissens, so ist das eben das Ende vom Wüthen und
Blutvergießen, von Krieg und Zwietracht, Zank und Streit, Lug
und Trug: da werden diese bösen, schlechten Dinge restlos
aufgelöst‹: diese kurzgefasste Lehre, ihr Brüder, stelle
ich ihrem Inhalt gemäß in folgender Weise ausführlich dar.
Durch das Gesicht, Brüder, und die Formen entsteht das
Sehbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung,
durch die Berührung ist das Gefühl bedingt, was man fühlt
nimmt man wahr, was man wahrnimmt unterscheidet man,                 112
was man unterscheidet sondert man ab, was man absondert
tritt, dadurch bedingt, der Reihe nach als der Sonderheit
Wahrnehmungen in den durch das Sehbewusstsein gehenden Formen
vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Zeiten an den
Menschen heran. Durch das Gehör, Brüder, und die Töne entsteht
das Hörbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung,
durch die Berührung ist das Gefühl bedingt, was man fühlt
nimmt man wahr, was man wahrnimmt unterscheidet man, was man
unterscheidet sondert man ab, was man absondert tritt, dadurch
bedingt, der Reihe nach als der Sonderheit Wahrnehmungen in
den durch das Hörbewusstsein gehenden Tönen vergangener,
gegenwärtiger und zukünftiger Zeiten an den Menschen heran.
Durch den Geruch, Brüder, und die Düfte entsteht das
Riechbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung,
durch die Berührung ist das Gefühl bedingt, was man fühlt
nimmt man wahr, was man wahrnimmt unterscheidet man, was man
unterscheidet sondert man ab, was man absondert tritt, dadurch
bedingt, der Reihe nach als der Sonderheit Wahrnehmungen in
den durch das Riechbewusstsein gehenden Düften vergangener,
gegenwärtiger und zukünftiger Zeiten an den Menschen heran.
Durch den Geschmack, Brüder, und die Säfte entsteht das
Schmeckbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung,
durch die Berührung ist das Gefühl bedingt, was man fühlt
nimmt man wahr, was man wahrnimmt unterscheidet man, was man
unterscheidet sondert man ab, was man absondert tritt, dadurch
bedingt, der Reihe nach als der Sonderheit Wahrnehmungen in
den durch das Schmeckbewusstsein gehenden Säften vergangener,
gegenwärtiger und zukünftiger Zeiten an den Menschen heran.
Durch das Getast, Brüder, und die Tastungen entsteht das
Tastbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung,
durch die Berührung ist das Gefühl bedingt, was man fühlt
nimmt man wahr, was man wahrnimmt unterscheidet man, was man
unterscheidet sondert man ab, was man absondert tritt, dadurch
bedingt, der Reihe nach als der Sonderheit Wahrnehmungen in
den durch das Tastbewusstsein gehenden Tastungen vergangener,
gegenwärtiger und zukünftiger Zeiten an den Menschen heran.
Durch das Gedenken, Brüder, und die Dinge entsteht das
Denkbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung,
durch die Berührung ist das Gefühl bedingt, was man fühlt
nimmt man wahr, was man wahrnimmt unterscheidet man, was man
unterscheidet sondert man ab, was man absondert tritt, dadurch
bedingt, der Reihe nach als der Sonderheit Wahrnehmungen in
den durch das Denkbewusstsein gehenden Dingen vergangener,
gegenwärtiger und zukünftiger Zeiten an den Menschen heran.

»Ist nun, Brüder, Gesicht, Form und Sehbewusstsein da, so
darf man auf das Erscheinen der Berührung schließen, ist die
Berührung erschienen, so darf man auf das Erscheinen des
Gefühls schließen, ist das Gefühl erschienen, so darf man auf
das Erscheinen der Wahrnehmung schließen, ist die Wahrnehmung
erschienen, so darf man auf das Erscheinen der Unterscheidung
schließen, ist die Unterscheidung erschienen, so darf man
schließen, dass die der Reihe nach herantretenden Wahrnehmungen
der Sonderheit erscheinen werden.

»Ist nun, Brüder, Gehör, Ton und Hörbewusstsein da,

»Ist nun, Brüder, Geruch, Duft und Riechbewusstsein da,

»Ist nun, Brüder, Geschmack, Saft und Schmeckbewusstsein da,

»Ist nun, Brüder, Getast, Tastung und Tastbewusstsein da,

»Ist nun, Brüder, Gedenken, Ding und Denkbewusstsein da, so
darf man auf das Erscheinen der Berührung schließen, ist die
Berührung erschienen, so darf man auf das Erscheinen des
Gefühls schließen, ist das Gefühl erschienen, so darf man auf
das Erscheinen der Wahrnehmung schließen, ist die Wahrnehmung
erschienen, so darf man auf das Erscheinen der Unterscheidung
schließen, ist die Unterscheidung erschienen, so darf man
schließen, dass die der Reihe nach herantretenden Wahrnehmungen
der Sonderheit erscheinen werden.

»Ist nun, Brüder, Gesicht, Form und Sehbewusstsein nicht da,
so darf man auf das Nichterscheinen der Berührung schließen,
ist die Berührung nicht erschienen, so darf man auf das
Nichterscheinen des Gefühls schließen, ist das Gefühl nicht
erschienen, so darf man auf das Nichterscheinen der Wahrnehmung
schließen, ist die Wahrnehmung nicht erschienen, so darf man
auf das Nichterscheinen der Unterscheidung schließen, ist die
Unterscheidung nicht erschienen, so darf man schließen, dass
die der Reihe nach herantretenden Wahrnehmungen der Sonderheit
nicht erscheinen werden.

»Ist nun, Brüder, Gehör, Ton und Hörbewusstsein nicht da,

»Ist nun, Brüder, Geruch, Duft und Riechbewusstsein nicht da,

»Ist nun, Brüder, Geschmack, Saft und Schmeckbewusstsein nicht
da,

»Ist nun, Brüder, Getast, Tastung und Tastbewusstsein nicht da,

»Ist nun, Brüder, Gedenken, Ding und Denkbewusstsein nicht da,
so darf man auf das Nichterscheinen der Berührung schließen,
ist die Berührung nicht erschienen, so darf man auf das
Nichterscheinen des Gefühls schließen, ist das Gefühl nicht
erschienen, so darf man auf das Nichterscheinen der Wahrnehmung
schließen, ist die Wahrnehmung nicht erschienen, so darf man
auf das Nichterscheinen der Unterscheidung schließen, ist die
Unterscheidung nicht erschienen, so darf man schließen, dass
die der Reihe nach herantretenden Wahrnehmungen der Sonderheit
nicht erscheinen werden.

»Das, ihr Brüder, betrachte ich als die ausführliche Darlegung
113 jener Lehre, die uns der Erhabene in kurzer Fassung gegeben
hat. Wenn es euch Ehrwürdigen nun recht ist, so gehet hin und
befragt den Erhabenen selbst hierüber: wie es uns der Erhabene
erklärt wollet es behalten.«

Da waren denn jene Mönche über des ehrwürdigen Mahākaccāno Rede
erfreut, erhoben sich befriedigt von ihren Sitzen und begaben
sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßten den Erhabenen
ehrerbietig und setzten sich seitwärts nieder. Seitwärts
sitzend sprachen nun jene Mönche zum Erhabenen also:

»Folgende Lehre, o Herr, hat uns der Erhabene in kurzer
Fassung gegeben und ist, ohne den Inhalt ausführlich
erläutert zu haben, aufgestanden und hat sich in das Wohnhaus
zurückgezogen: ›Wenn der Sonderheit Wahrnehmungen, Mönch,
wodurch auch immer bedingt, an den Menschen der Reihe nach
herantreten und da kein Entzücken, kein Entsprechen, keinen
Halt finden, so ist das eben das Ende der Lustanhaftungen,
so ist das eben das Ende der Ekelanhaftungen, so ist das
eben das Ende der Glaubensanhaftungen, so ist das eben das
Ende der Zweifelanhaftungen, so ist das eben das Ende der
Dünkelanhaftungen, so ist das eben das Ende der Anhaftungen
der Daseinslust, so ist das eben das Ende der Anhaftungen
des Nichtwissens, so ist das eben das Ende vom Wüthen und
Blutvergießen, von Krieg und Zwietracht, Zank und Streit, Lug
und Trug: da werden diese bösen, schlechten Dinge restlos
aufgelöst.‹ Da kam uns, o Herr, bald nachdem der Erhabene
fortgegangen war, der Gedanke: ›Diese Lehre, Brüder, hat uns
der Erhabene in kurzer Fassung, ohne ausführliche Erläuterung
gegeben, ist aufgestanden und hat sich in das Wohnhaus
zurückgezogen. Wer könnte nun wohl dieser kurzgefassten Lehre
Inhalt ausführlich begründen?‹ Da kam uns, o Herr, der Gedanke:
›Der ehrwürdige Mahākaccāno wird selbst vom Meister gepriesen,
von den verständigen Ordensbrüdern aber verehrt: wohl wäre
der ehrwürdige Mahākaccāno imstande, den Inhalt dieser
kurzgefassten Lehre ausführlich zu begründen; wie, wenn wir uns
nun zum ehrwürdigen Mahākaccāno begeben und ihn bitten würden,
uns den Inhalt darzulegen?‹ Und wir begaben uns, o Herr, zum
ehrwürdigen Mahākaccāno und baten ihn um Aufklärung. Da hat          114
uns, o Herr, der ehrwürdige Mahākaccāno auf solche Weise, in
solcher Art, mit solchen Bestimmungen den Inhalt dargestellt.«

»Weise, ihr Mönche, ist Mahākaccāno, wissensmächtig, ihr
Mönche, ist Mahākaccāno. Wolltet ihr mich, ihr Mönche, um
Aufklärung angehn, ich würde den Gegenstand genau so erläutern,
wie ihn Mahākaccāno erläutert hat: denn eben das ist der
Inhalt, und den sollt ihr derart bewahren.«

Auf diese Worte wandte sich der ehrwürdige Ānando an den
Erhabenen und sagte:

»Gleichwie etwa, o Herr, wenn ein Mann, der von Hunger und
Schwäche gepeinigt wird, einen guten Bissen fände; wie er ihn
da nach und nach genösse, empfände er angenehmen Geschmack,
Genugthuung: ebenso nun auch, o Herr, mag ein Mönch, dem seine
Geistesbildung angelegen ist, wie er sich da nach und nach mit
dem Gang dieser Lehre weise vertraut macht, wohl Befriedigung
empfinden, Geistesruhe erlangen. Welchen Namen, o Herr, soll
der Gang dieser Lehre haben?«

»Wohlan denn, Ānando, so behalte den Gang dieser Lehre unter
dem Namen des Guten Bissens.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Ānando über das Wort des Erhabenen.



                              19.

             Zweiter Theil            Neunte Rede

                     ZWEIERLEI ERWÄGUNGEN


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Früher, ihr Mönche, noch vor der vollen Erwachung, kam mir,
dem unvollkommen Erwachten, Erwachung erst Erringenden, dieser
Gedanke: ›Wie, wenn ich nun die Erwägungen nach der einen und
nach der anderen Seite sonderte?‹ Und ich sonderte nun, ihr
Mönche, die Erwägungen des Begehrens, Schadens und Wüthens nach
der einen Seite, und sonderte die Erwägungen des Entsagens,
Nichtschadens, Nichtwüthens nach der anderen Seite. Als mir
nun, Mönche, bei diesem ernsten, eifrigen, heißen Mühn eine
Erwägung des Begehrens aufstieg, sagte ich mir: ›Aufgestiegen        115
ist mir da diese Erwägung des Begehrens; und sie führt zu
eigener Beschränkung und führt zu fremder Beschränkung, sie
führt zu beider Beschränkung, rodet die Weisheit aus, bringt
Verstörung mit sich, führt nicht zur Wahnerlöschung, führt zu
eigener Beschränkung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie
sich auf. ›Führt zu fremder Beschränkung‹: da ich also sann,
ihr Mönche, löste sie sich auf. ›Führt zu beider Beschränkung‹:
da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. ›Rodet die
Weisheit aus, bringt Verstörung mit sich, führt nicht zur
Wahnerlöschung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich
auf. Und so oft nun, ihr Mönche, eine Erwägung des Begehrens in
mir aufstieg, da verleugnete, vertrieb, vertilgte ich sie eben.

»Als mir nun, Mönche, bei diesem ernsten, eifrigen, heißen Mühn
eine Erwägung des Schadens, eine Erwägung des Wüthens aufstieg,
sagte ich mir: ›Aufgestiegen ist mir da diese Erwägung des
Schadens, diese Erwägung des Wüthens; und sie führt zu eigener
Beschränkung und führt zu fremder Beschränkung, sie führt zu
beider Beschränkung, rodet die Weisheit aus, bringt Verstörung
mit sich, führt nicht zur Wahnerlöschung, führt zu eigener
Beschränkung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich
auf. ›Führt zu fremder Beschränkung‹: da ich also sann, ihr
Mönche, löste sie sich auf. ›Führt zu beider Beschränkung‹:
da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. ›Rodet die
Weisheit aus, bringt Verstörung mit sich, führt nicht zur
Wahnerlöschung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich
auf. Und so oft nun, ihr Mönche, eine Erwägung des Schadens,
eine Erwägung des Wüthens in mir aufstieg, da verleugnete,
vertrieb, vertilgte ich sie eben.

»Was da, ihr Mönche, ein Mönch lange erwägt und überlegt,
dahin neigt sich der Sinn. Wenn der Mönch, ihr Mönche, eine
Erwägung des Begehrens lange erwägt und überlegt, so hat
er die Erwägung des Entsagens verleugnet, die Erwägung des
Begehrens großgezogen, und sein Herz neigt sich zur Erwägung
des Begehrens. Wenn der Mönch, ihr Mönche, eine Erwägung des
Schadens, eine Erwägung des Wüthens lange erwägt und überlegt,
so hat er die Erwägung des Nichtschadens, die Erwägung des
Nichtwüthens verleugnet, die Erwägung des Schadens, die
Erwägung des Wüthens großgezogen, und sein Herz neigt sich zur
Erwägung des Schadens, zur Erwägung des Wüthens.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Rinderhirt im letzten
Monat der Regenzeit, im Herbste, wenn die Ernte eingebracht
ist, seine Heerde sammelt, die Rinder von da und von dort
herantreibt, herzutreibt und in die Hürden und Ställe bringt,
und warum das? Weil ja sonst, ihr Mönche, der Hirt gewissen
Verlust oder Nachtheil, Unglück oder Unbill gewärtigen müsste:
ebenso nun auch, ihr Mönche, merkte ich da des Schlechten
Elend, Erbärmlichkeit und Besudelung und des Guten heilsamen
Einfluss in der Entsagung.

»Als mir nun, Mönche, bei diesem ernsten, eifrigen, heißen           116
Mühn eine Erwägung des Entsagens aufstieg, sagte ich mir:
›Aufgestiegen ist mir da diese Erwägung des Entsagens; und
sie führt wahrlich nicht zu eigener Beschränkung, nicht zu
fremder Beschränkung, führt zu keines Beschränkung, fördert
die Weisheit, bringt keine Verstörung mit sich, führt zur
Wahnerlöschung. Ob ich sie nun, ihr Mönche, bei Nacht erwäge
und überlege, ob ich sie nun, ihr Mönche, bei Tag erwäge und
überlege, ich kann in ihr nichts Schreckliches finden: ob ich
sie gleich, ihr Mönche, Tag und Nacht erwäge und überlege, ich
kann in ihr nichts Schreckliches finden. Aber gäbe ich mich
dem Erwägen und Ueberlegen zu lange hin, so würde mein Körper
ermüden, bei müdem Körper das Herz matt werden, und das matte
Herz ist fern von der Selbstvertiefung.‹ Da fasste ich denn,
ihr Mönche, mein Herz innig zusammen, beruhigte es, einigte es,
festigte es, und warum das? Damit mein Herz nicht matt werde.

»Als mir nun, ihr Mönche, bei diesem ernsten, eifrigen,
heißen Mühn eine Erwägung des Nichtschadens, eine Erwägung
des Nichtwüthens aufstieg, sagte ich mir: ›Aufgestiegen ist
mir da diese Erwägung des Nichtschadens, diese Erwägung
des Nichtwüthens; und sie führt wahrlich nicht zu eigener
Beschränkung, nicht zu fremder Beschränkung, führt zu keines
Beschränkung, fördert die Weisheit, bringt keine Verstörung mit
sich, führt zur Wahnerlöschung. Ob ich sie nun, ihr Mönche,
bei Nacht erwäge und überlege, ob ich sie nun, ihr Mönche, bei
Tag erwäge und überlege, ich kann in ihr nichts Schreckliches
finden: ob ich sie gleich, ihr Mönche, Tag und Nacht erwäge und
überlege, ich kann in ihr nichts Schreckliches finden. Aber
gäbe ich mich dem Erwägen und Ueberlegen zu lange hin, so würde
mein Körper ermüden, bei müdem Körper das Herz matt werden, und
das matte Herz ist fern von der Selbstvertiefung.‹ Da fasste
ich denn, ihr Mönche, mein Herz innig zusammen, beruhigte es,
einigte es, festigte es, und warum das? Damit mein Herz nicht
matt werde.

»Was da, ihr Mönche, ein Mönch lange erwägt und überlegt,
dahin neigt sich der Sinn. Wenn der Mönch, ihr Mönche, eine
Erwägung des Entsagens lange erwägt und überlegt, so hat
er die Erwägung des Begehrens verleugnet, die Erwägung des
Entsagens großgezogen, und sein Herz neigt sich zur Erwägung
des Entsagens. Wenn der Mönch, ihr Mönche, eine Erwägung des
Nichtschadens, eine Erwägung des Nichtwüthens lange erwägt und
überlegt, so hat er die Erwägung des Schadens, die Erwägung
des Wüthens verleugnet, die Erwägung des Nichtschadens, die
Erwägung des Nichtwüthens großgezogen, und sein Herz neigt sich
zur Erwägung des Nichtschadens, zur Erwägung des Nichtwüthens.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Rinderhirt im letzten Monat
des Sommers, wenn das Korn auf den Feldern ringsum in voller
Reife steht, seine Heerde hüten und im Walde wie auf der Wiese       117
wohl achthaben muss: ›Die Rinder sind da‹: ebenso nun auch, ihr
Mönche, musste ich da wohl achthaben: ›Die Dinge sind da.‹

»Gestählt war aber, ihr Mönche, meine Kraft, unbeugsam,
gewärtig die Einsicht, unverrückbar, beruhigt der Körper, ohne
Regung, vertieft das Gemüth, einig. Und ich weilte nun, ihr
Mönche, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen,
in sinnend erwägender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in
der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens
und Erwägens erwirkte ich innere Meeresstille, Einheit des
Gemüthes, sinnens- und erwägensfreie, in der Einigung geborene
sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer
Ruhe weilte ich gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein
Glück empfand ich im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der
gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkte ich die
Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkte ich die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig
einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,             22
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. Ich erinnerte mich an manche verschiedene
frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei
Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf
Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann
an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig
Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann
an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen
Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein
Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren,
so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo
wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich,
dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein
Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein
Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein.‹ So
erinnerte ich mich mancher verschiedenen früheren Daseinsform,
mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen
Beziehungen. Dieses Wissen, ihr Mönche, hatte ich da in den
ersten Stunden der Nacht als erstes errungen, das Nichtwissen
zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das
Licht gewonnen, als ich in so ernstem, eifrigem, heißem Mühn
verweilte.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss des Verschwindens-
Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge, dem
geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sah
ich die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und
edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich
erkannte wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese
lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,
in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten
zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes;
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf
den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere
Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan,       23
in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan,
tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der
Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute
Fährte, in sälige Welt.‹ So sah ich mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die
Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,
schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkannte
wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Dieses Wissen,
ihr Mönche, hatte ich da in den mittleren Stunden der Nacht
als zweites errungen, das Nichtwissen zertheilt, das Wissen
gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht gewonnen, als ich in
so ernstem, eifrigem, heißem Mühn verweilte.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Leidensauflösung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß.
›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ verstand
ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ verstand ich der
Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ verstand ich
der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ verstand ich
der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende
Pfad‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also
sehend ward da mein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom
Daseinswahn. erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die
Erlösung‹, diese Erkenntnis ging auf. ›Versiegt ist die Geburt,
vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist
diese Welt‹ verstand ich da. Dieses Wissen, ihr Mönche, hatte
ich nun in den letzten Stunden der Nacht als drittes errungen,
das Nichtwissen zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel
zertheilt, das Licht gewonnen, als ich in so ernstem, eifrigem,
heißem Mühn verweilte.

       *       *       *       *       *

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn eine große Heerde Wildes in
waldigem Thale auf weiten sumpfigen Moorgrund gerathen wäre,
und irgend ein Mensch wollte ihr übel, sänne auf ihr Verderben
und Unheil; da versperrte er den Weg, der sicher, günstig,
fröhlich zu wandeln ist, und ließe den Abweg offen, der zum
Sumpfe führt, triebe sie hin: so würde nun, Mönche, diese große
Heerde Wildes bald schwinden und abnehmen. Doch wenn sich, ihr
Mönche, irgend ein Mensch dieser großen Heerde Wildes erbarmte,
auf ihr Wohl und Heil sänne, möchte er den Weg, der sicher,
günstig, fröhlich zu wandeln ist, offenbar machen, den Abweg
versperren, die sumpfige Fährte verrammeln, die Thiere von dort
verscheuchen: so würde nun, Mönche, diese große Heerde Wildes
bald zunehmen, blühn und gedeihen.

»Ein Gleichniss habe ich da, meine Mönche, gegeben, um den Sinn
zu erklären. Das aber ist nun der Sinn. Der weite sumpfige           118
Moorgrund: das ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung der Begierden.
Die große Heerde Wildes: das ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung
der Lebendigen. Der Mensch, der übelwill, auf Verderben und
Unheil sinnt: das ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung der Natur,
der bösen.[13] Der Abweg: das ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung
des achtfältigen falschen Weges, nämlich falscher Erkenntniss,
falscher Gesinnung, falscher Rede, falschen Handelns, falschen
Wandelns, falschen Mühns, falscher Einsicht, falscher Einigung.
Die sumpfige Fährte: das ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung
der Genügenslust. Der Gang in den Sumpf: das ist, ihr Mönche,
eine Bezeichnung des Nichtwissens. Der Mensch aber, der
sich erbarmt, auf Wohl und Heil sinnt: das ist, ihr Mönche,
eine Bezeichnung des Vollendeten, des Heiligen, vollkommen
Erwachten. Und der sichere Weg, der günstig und fröhlich zu
wandeln ist: das ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung des heiligen
achtfältigen Weges, nämlich rechter Erkenntniss, rechter
Gesinnung, rechter Rede, rechten Handelns, rechten Wandelns,
rechten Mühns, rechter Einsicht, rechter Einigung.

»Und so habe ich, Mönche, den sicheren Weg, der günstig und
fröhlich zu wandeln ist, offenbar gemacht, den Abweg versperrt,
die sumpfige Fährte verrammelt, den Gang in den Sumpf
verleidet. Was ein Meister, ihr Mönche, den Jüngern aus Liebe
und Theilnahme, von Mitleid bewogen, schuldet, das habt ihr von
mir empfangen. Da laden, ihr Mönche, Bäume ein, und dort leere
Klausen. Wirket Schauung, Mönche, auf dass ihr nicht lässig
werdet, später nicht Reue empfindet: das haltet als unser
Gebot.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              20.

             Zweiter Theil            Zehnte Rede

                    DER ERWÄGUNGEN EINGEHN


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:                                119

»Wer nach Hohem strebt, Mönche, soll sich von Zeit zu Zeit
fünf Arten von Vorstellungen gegenwärtig halten: welche
fünf? Da fasst, ihr Mönche, ein Mönch eine Vorstellung,
vergegenwärtigt sich eine Vorstellung, und dabei steigen ihm
böse, unwürdige Erwägungen auf, Bilder der Gier, des Hasses und
der Verblendung: da soll, ihr Mönche, der Mönch aus dieser
Vorstellung eine andere gewinnen, ein würdiges Bild. Während
er aus dieser Vorstellung eine andere gewinnt, ein würdiges
Bild, schwinden die bösen, unwürdigen Erwägungen, die Bilder
der Gier, des Hasses und der Verblendung, lösen sich auf;
und weil es sie überwunden hat, festigt sich eben das innige
Herz, beruhigt sich, wird einig und stark. Gleichwie etwa,
ihr Mönche, ein geschickter Maurer oder Maurergeselle mit
einem feinen Keil einen groben heraustreiben, herausschlagen,
herausstoßen kann, ebenso nun auch, ihr Mönche, soll ein
Mönch, wenn er eine Vorstellung fasst, eine Vorstellung sich
vergegenwärtigt, und ihm dabei böse, unwürdige Erwägungen
aufsteigen, Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung,
aus dieser Vorstellung eine andere gewinnen, ein würdiges Bild.
Während er aus dieser Vorstellung eine andere gewinnt, ein
würdiges Bild, schwinden die bösen, unwürdigen Erwägungen, die
Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung, lösen sich
auf; und weil es sie überwunden hat, festigt sich eben das
innige Herz, beruhigt sich, wird einig und stark.

»Wenn einem solchen, ihr Mönche, bei seinem Bemühn aus der
einen Vorstellung eine andere zu gewinnen, ein würdiges Bild,
noch böse, unwürdige Erwägungen aufsteigen, Bilder der Gier,
des Hasses und der Verblendung, so soll er, ihr Mönche, das
Elend derartiger Erwägungen betrachten: ›Da sind sie ja,
diese unwürdigen Erwägungen, da sind sie ja, diese unlauteren
Erwägungen, da sind sie ja, diese Leiden ausbrütenden
Erwägungen!‹ Während er das Elend derartiger Erwägungen
betrachtet, schwinden die bösen, unwürdigen Erwägungen, die
Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung, lösen sich
auf; und weil es sie überwunden hat, festigt sich eben das
innige Herz, beruhigt sich, wird einig und stark. Gleichwie
etwa, ihr Mönche, ein Weib oder ein Mann, jung, frisch,
gefallsam, dem ein Schlangenaas oder ein Hundeaas oder ein
Menschenaas an den Hals gebunden würde, sich entsetzen,              120
empören und sträuben möchte: ebenso nun auch, ihr Mönche,
soll ein Mönch, wenn ihm bei seinem Bemühn aus der einen
Vorstellung eine andere zu gewinnen, ein würdiges Bild, noch
böse, unwürdige Erwägungen aufsteigen, Bilder der Gier, des
Hasses und der Verblendung, das Elend derartiger Erwägungen
betrachten. Während er das Elend derartiger Erwägungen
betrachtet, schwinden die bösen, unwürdigen Erwägungen, die
Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung, lösen sich
auf; und weil es sie überwunden hat, festigt sich eben das
innige Herz, beruhigt sich, wird einig und stark.

»Wenn einem solchen, ihr Mönche, bei seiner Betrachtung des
Elends jener Erwägungen noch böse, unwürdige Erwägungen
aufsteigen, Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung,
so soll er, ihr Mönche, jenen Erwägungen keinen Sinn, keine
Beachtung schenken. Während er jenen Erwägungen keinen Sinn,
keine Beachtung schenkt, schwinden die bösen, unwürdigen
Erwägungen, die Bilder der Gier, des Hasses und der
Verblendung, lösen sich auf; und weil es sie überwunden hat,
festigt sich eben das innige Herz, beruhigt sich, wird einig
und stark. Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein scharfsehender
Mann, der in seinen Gesichtskreis getretene Erscheinungen
nicht verfolgen will, die Augen schließen oder anderswo
hinblicken mag: ebenso nun auch, ihr Mönche, soll ein Mönch,
wenn ihm bei seiner Betrachtung des Elends jener Erwägungen
noch böse, unwürdige Erwägungen aufsteigen, Bilder der Gier,
des Hasses und der Verblendung, solchen Erwägungen keinen
Sinn, keine Beachtung schenken. Während er solchen Erwägungen
keinen Sinn, keine Beachtung schenkt, schwinden die bösen,
unwürdigen Erwägungen, die Bilder der Gier, des Hasses und der
Verblendung, lösen sich auf; und weil es sie überwunden hat,
festigt sich eben das innige Herz, beruhigt sich, wird einig
und stark.

»Wenn einem solchen, ihr Mönche, ob er gleich jenen Erwägungen
keinen Sinn, keine Beachtung schenkt, noch böse, unwürdige
Erwägungen aufsteigen, Bilder der Gier, des Hasses und der
Verblendung, so soll er, ihr Mönche, jene Erwägungen der
Reihe nach einzeln eingehn lassen. Während er jene Erwägungen
der Reihe nach einzeln eingehn lässt, schwinden die bösen,
unwürdigen Erwägungen, die Bilder der Gier, des Hasses und der
Verblendung, lösen sich auf; und weil es sie überwunden hat,
festigt sich eben das innige Herz, beruhigt sich, wird einig
und stark. Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da ein Mann eilig
dahinschritte und es käme ihm der Gedanke ›Was schreite ich
denn so eilig dahin? Ich will etwas langsamer gehn‹, und er
ginge langsamer und es käme ihm der Gedanke ›Doch warum geh’
ich überhaupt? Ich will nun stehn bleiben‹, und er bliebe
stehn und es käme ihm der Gedanke ›Aber wesshalb steh’ ich?
Ich werde mich setzen‹, und er setzte sich nieder und es käme
ihm der Gedanke ›Warum sollt’ ich nur sitzen? Ich will mich da
hinlegen‹, und er legte sich hin; und so hätte dieser Mann,
ihr Mönche, die gröberen Bewegungen eingestellt und sich den
feineren hingegeben: ebenso nun auch, ihr Mönche, soll ein
Mönch, wenn ihm trotz seiner Verachtung und Verwerfung jener
Erwägungen noch böse, unwürdige Erwägungen aufsteigen, Bilder
der Gier, des Hasses und der Verblendung, jene Erwägungen der
Reihe nach einzeln eingehn lassen. Während er jene Erwägungen
der Reihe nach einzeln eingehn lässt, schwinden die bösen,
unwürdigen Erwägungen, die Bilder der Gier, des Hasses und der
Verblendung, lösen sich auf; und weil es sie überwunden hat,
festigt sich eben das innige Herz, beruhigt sich, wird einig
und stark.

»Wenn einem solchen, ihr Mönche, während er jene Erwägungen
der Reihe nach einzeln eingehn lässt, noch böse, unwürdige
Erwägungen aufsteigen, Bilder der Gier, des Hasses und der
Verblendung, so soll er, ihr Mönche, mit aufeinandergepressten       121
Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge durch den Willen das
Gemüth niederzwingen, niederdrücken, niederquälen. Während er
mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter
Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwingt, niederdrückt,
niederquält, schwinden die bösen, unwürdigen Erwägungen,
die Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung, lösen
sich auf; und weil es sie überwunden hat, festigt sich
eben das innige Herz, beruhigt sich, wird einig und stark.
Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein starker Mann einen
schwächeren beim Kopf oder bei der Schulter ergreifend
niederzwingt, niederdrückt, niederquält: ebenso nun auch,
ihr Mönche, soll ein Mönch, wenn ihm beim Eingehnlassen der
Reihe jener Erwägungen noch böse, unwürdige Erwägungen
aufsteigen, Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung,
mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter
Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwingen, niederdrücken,
niederquälen. Während er mit aufeinandergepressten Zähnen und
an den Gaumen gehefteter Zunge durch den Willen das Gemüth
niederzwingt, niederdrückt, niederquält, schwinden die bösen,
unwürdigen Erwägungen, die Bilder der Gier, des Hasses und der
Verblendung, lösen sich auf; und weil es sie überwunden hat,
festigt sich eben das innige Herz, beruhigt sich, wird einig
und stark.

       *       *       *       *       *

»Wenn also, ihr Mönche, einem von euch beim Fassen einer
Vorstellung, beim Vergegenwärtigen einer Vorstellung böse,
unwürdige Erwägungen aufsteigen, Bilder der Gier, des Hasses
und der Verblendung, und er aus dieser Vorstellung eine
andere gewinnt, ein würdiges Bild, so schwinden die bösen,
unwürdigen Erwägungen, die Bilder der Gier, des Hasses und
der Verblendung, lösen sich auf; und weil es sie überwunden
hat, festigt sich eben das innige Herz, beruhigt sich,
wird einig und stark. Und er betrachtet das Elend jener
Erwägungen, und die bösen, unwürdigen Erwägungen, die Bilder
der Gier, des Hasses und der Verblendung, schwinden, lösen
sich auf; und weil es sie überwunden hat, festigt sich eben
das innige Herz, beruhigt sich, wird einig und stark. Und er
schenkt jenen Erwägungen keinen Sinn, keine Beachtung, und
die bösen, unwürdigen Erwägungen, die Bilder der Gier, des
Hasses und der Verblendung, schwinden, lösen sich auf; und
weil es sie überwunden hat, festigt sich eben das innige
Herz, beruhigt sich, wird einig und stark. Und er lässt jene
Erwägungen der Reihe nach einzeln eingehn, und die bösen,
unwürdigen Erwägungen, die Bilder der Gier, des Hasses und
der Verblendung, schwinden, lösen sich auf; und weil es sie
überwunden hat, festigt sich eben das innige Herz, beruhigt
sich, wird einig und stark. Und mit aufeinandergepressten
Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge zwingt er durch den
Willen das Gemüth nieder, drückt es nieder, quält es nieder,
und die bösen, unwürdigen Erwägungen, die Bilder der Gier, des
Hasses und der Verblendung, schwinden, lösen sich auf; und
weil es sie überwunden hat, festigt sich eben das innige Herz,
beruhigt sich, wird einig und stark.

»Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch Herrscher über der              122
Erwägungen Arten genannt. Welche Erwägung er will, die wird
er erwägen, welche Erwägung er nicht will, die wird er nicht
erwägen. Abgeschnitten hat er den Lebensdurst, weggeworfen die
Fessel, durch vollständige Dünkeleroberung ein Ende gemacht dem
Leiden.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                         DRITTER THEIL

                     BUCH DER GLEICHNISSE



                              21.

              Dritter Theil            Erste Rede

                  DAS GLEICHNISS VON DER SÄGE


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Damals
nun weilte der ehrwürdige Moliyaphagguṇo zu ungehöriger
Zeit in Gesellschaft der Nonnen. Also weilte der ehrwürdige
Moliyaphagguṇo in Gesellschaft der Nonnen, dass er, wenn irgend
einer der Mönche ihm gegenüber jene Nonnen tadelte, darob
entrüstet und verstimmt schlechthin einen Verweis ertheilte;
und wenn irgend einer der Mönche jenen Nonnen gegenüber den
ehrwürdigen Moliyaphagguṇo tadelte, diese darob entrüstet und
verstimmt schlechthin einen Verweis ertheilten. Also weilte der
ehrwürdige Moliyaphagguṇo in Gesellschaft der Nonnen.

Da nun begab sich ein Mönch zum Erhabenen, begrüßte den
Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite hin. Zur Seite
sitzend sprach nun jener Mönch zum Erhabenen also:

»Der ehrwürdige Moliyaphagguṇo, o Herr, weilt zu ungehöriger
Zeit in Gesellschaft der Nonnen. Also, o Herr, weilt der
ehrwürdige Moliyaphagguṇo in Gesellschaft der Nonnen, dass
er, wenn irgend einer der Mönche ihm gegenüber jene Nonnen
tadelt, darob entrüstet und verstimmt schlechthin einen
Verweis ertheilt; und wenn irgend einer der Mönche jenen
Nonnen gegenüber den ehrwürdigen Moliyaphagguṇo tadelt, diese
darob entrüstet und verstimmt schlechthin einen Verweis
ertheilen. Also, o Herr, weilt der ehrwürdige Moliyaphagguṇo in
Gesellschaft der Nonnen.«

Da nun wandte sich der Erhabene an einen der Mönche:

»Gehe, o Mönch, und sage in meinem Namen dem Mönche                  123
Moliyaphagguṇo: der Meister ruft dich, Bruder Phagguṇo.«

»Wohl, o Herr!« erwiderte jener Mönch, dem Erhabenen
gehorchend, begab sich dorthin wo der ehrwürdige Moliyaphagguṇo
weilte, und sprach hierauf also zu ihm:

»Der Meister ruft dich, Bruder Phagguṇo.«

»Gut, o Bruder, ich komme!« erwiderte der ehrwürdige
Moliyaphagguṇo jenem Mönche, begab sich dorthin wo der Erhabene
weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur
Seite nieder. Hierauf nun sprach zum ehrwürdigen Moliyaphagguṇo
der Erhabene also:

»Ist es wahr, wie man sagt, Phagguṇo, dass du zu ungehöriger
Zeit in Gesellschaft der Nonnen weilst? Also weilst du, heißt
es, Phagguṇo, in Gesellschaft der Nonnen, dass, wenn irgend
einer der Mönche dir gegenüber jene Nonnen tadelt, du darob
entrüstet und verstimmt schlechthin einen Verweis ertheilst;
und wenn irgend einer der Mönche jenen Nonnen gegenüber dich
tadelt, jene Nonnen darob entrüstet und verstimmt schlechthin
einen Verweis ertheilen: weilst du wirklich also, Phagguṇo, in
Gesellschaft der Nonnen?«

»Ja, o Herr!«

»Bist du denn nicht, Phagguṇo, als edler Sohn von Zuversicht
bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert?«

»Ja, o Herr!«

»Das steht dir nicht wohl, Phagguṇo, der du als edler Sohn
von Zuversicht bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert bist, dass du zu ungehöriger Zeit in Gesellschaft der
Nonnen weilst. Darum also, Phagguṇo: wenn auch irgend einer
dir gegenüber jene Nonnen tadeln mag, so magst du, Phagguṇo,
alle gemeinen Regungen, alle gemeinen Erwägungen verleugnen,
so hast du dich, Phagguṇo, solcherart wohl zu üben: ›Nicht
soll mein Gemüth verstört werden, kein böser Laut meinem
Munde entfahren, freundlich und mitleidig will ich bleiben,
liebevollen Gemüthes, ohne heimliche Tücke‹: solcherart hast
du dich, Phagguṇo, wohl zu üben. Darum also, Phagguṇo:
wenn auch irgend einer in deiner Gegenwart jene Nonnen mit
Fäusten schlüge, mit Steinen würfe, mit Stöcken prügelte, mit
Schwerdtern träfe, so magst du, Phagguṇo, alle gemeinen
Regungen, alle gemeinen Erwägungen verleugnen, so hast du
dich, Phagguṇo, solcherart wohl zu üben: ›Nicht soll mein
Gemüth verstört werden, kein böser Laut meinem Munde entfahren,
freundlich und mitleidig will ich bleiben, liebevollen
Gemüthes, ohne heimliche Tücke‹: solcherart hast du dich,
Phagguṇo, wohl zu üben. Darum also, Phagguṇo: wenn auch
irgend einer dir gegenüber Tadel aussprechen mag, so magst du,
Phagguṇo, alle gemeinen Regungen, alle gemeinen Erwägungen
verleugnen, so hast du dich, Phagguṇo, solcherart wohl
zu üben: ›Nicht soll mein Gemüth verstört werden, kein böser
Laut meinem Munde entfahren, freundlich und mitleidig will
ich bleiben, liebevollen Gemüthes, ohne heimliche Tücke‹:
solcherart hast du dich, Phagguṇo, wohl zu üben. Darum also,
Phagguṇo: wenn auch irgend einer dich mit Fäusten schlüge,
mit Steinen würfe, mit Stöcken prügelte, mit Schwerdtern träfe,
so magst du, Phagguṇo, alle gemeinen Regungen, alle gemeinen         124
Erwägungen verleugnen, so hast du dich, Phagguṇo, solcherart
wohl zu üben: ›Nicht soll mein Gemüth verstört werden, kein
böser Laut meinem Munde entfahren, freundlich und mitleidig
will ich bleiben, liebevollen Gemüthes, ohne heimliche Tücke‹:
solcherart hast du dich, Phagguṇo, wohl zu üben.«

Und der Erhabene wandte sich nun an die Mönche:

»Willigen Sinnes kamen mir wahrlich, ihr Mönche, die Mönche
einmal entgegen. Da wandte ich mich zu ihnen: ›Ich nehme,
ihr Mönche, einsames Mahl zu mir: einsames Mahl, ihr Mönche,
zu mir nehmend wahre ich Gesundheit und Frische, Munterkeit,
Stärke und Wohlsein. So nehmet auch ihr, meine Mönche, einsames
Mahl zu euch: einsames Mahl, ihr Mönche, zu euch nehmend
werdet auch ihr Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und
Wohlsein wahren.‹ Und jene Mönche bedurften, ihr Mönche, keiner
Ermahnung von mir: nur ihre Einsicht war zu erwecken.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da auf gutem Boden, am
Ausgangsplatze vierer Straßen, ein treffliches Wagengespann in
Bereitschaft stände, mit dem zugehörigen Treibstock versehn;
diesen Wagen bestiege ein Meister der Fahrkunst, ein gewandter
Rosselenker, nähme die Zügel in die linke Hand, den Treibstock
in die rechte, und führe nach Wunsch und Willen hin und her:
ebenso nun auch, ihr Mönche, bedurften jene Mönche keiner
Ermahnung von mir: nur ihre Einsicht war zu erwecken. Darum
also, ihr Mönche: verleugnet das Schlechte, seid stetig im
Guten; denn also werdet auch ihr in diesem Orden der Wahrheit
zum Gedeihen, zur Reife und Entfaltung gelangen.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn sich da in der Nähe eines
Dorfes oder einer Stadt ein dichtes Gehölz befände, von
Rizinusstauden umwuchert; und es erbarmte sich Einer der Bäume,
um sie zu hegen und zu sichern: da ginge er hin und holzte
die krummen, entsäfteten Stämme ab, schaffte sie fort und
hielte den wohlgesäuberten Forst sauber instand; die geraden,
gutgewachsenen Stämme aber, die pflegte er sorgsam; und so käme
wohl diese Waldung, ihr Mönche, beizeiten zum Gedeihen, zur
Reife und Entfaltung: ebenso nun auch verleugnet, ihr Mönche,
das Schlechte, seid stetig im Guten; denn also werdet auch           125
ihr in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen, zur Reife und
Entfaltung gelangen.

»Einst lebte hier in Sāvatthī, ihr Mönche, eine Hausfrau Namens
Vedehikā. Die Hausfrau Vedehikā, ihr Mönche, stand in dem
erfreulichen Rufe: ‚Sanft ist die Hausfrau Vedehikā, mild ist
die Hausfrau Vedehikā, friedsam ist die Hausfrau Vedehikā!‘
Diese Hausfrau nun, ihr Mönche, hatte eine Magd Namens Kāḷī,
die flink und fleißig ihre verschiedenen Obliegenheiten wohl
besorgte. Da kam, ihr Mönche, der Magd Kāḷī dieser Gedanke:
›Meine Gnädige steht ja in dem erfreulichen Rufe: ‚Sanft ist
die Hausfrau Vedehikā, mild ist die Hausfrau Vedehikā, friedsam
ist die Hausfrau Vedehikā!‘ Wie nun: verbirgt mir nur die
Gnädige ihre innere Galle, oder hat sie überhaupt keine? Oder
besorg’ ich vielleicht alles so gut, dass mir die Gnädige die
innere Galle, die sie hat, nicht zeigen kann? Ich will doch
einmal die Gnädige auf die Probe stellen!‹ Und die Magd Kāḷī,
ihr Mönche, stand bei hell lichtem Tage auf. Und die Hausfrau
Vedehikā, ihr Mönche, rief nach ihr: ›He da, Kāḷī!‹ -- ›Was,
Gnädige?‹ -- ›Warum stehst du bei hell lichtem Tage auf?‹
-- ›Das thut nichts, Gnädige!‹ -- ›Uns aber thut’s was, du
schlechte Magd, dass du bei hell lichtem Tage aufstehst!‹ sagte
die Hausfrau erzürnt und verstimmt mit gerunzelten Brauen. Da
kam, ihr Mönche, der Magd Kāḷī dieser Gedanke: ›Die innere
Galle, die sie hat, verbirgt mir die Gnädige, und ich besorge
alles so gut, dass mir die Gnädige die innere Galle, die sie
hat, nicht zeigen mag; ich will nun die Gnädige noch stärker
auf die Probe stellen!‹ Und die Magd Kāḷī, ihr Mönche, stand
noch später auf. Und die Hausfrau Vedehikā, ihr Mönche, rief
nach ihr: ›He da, Kāḷī!‹ -- ›Was, Gnädige?‹ -- ›Warum stehst
du bei hell lichtem Tage auf?‹ -- ›Das thut nichts, Gnädige!‹
-- ›Uns aber thut’s was, du schlechte Magd, dass du bei hell
lichtem Tage aufstehst!‹ sagte die Hausfrau erzürnt und
verstimmt und verstimmte Worte entfuhren ihrem Munde. Da kam,
ihr Mönche, der Magd Kāḷī dieser Gedanke: ›Die innere Galle,
die sie hat, verbirgt mir die Gnädige, und ich besorge alles so
gut, dass mir die Gnädige die innere Galle, die sie hat, nicht
zeigen mag; ich will nun die Gnädige noch stärker auf die Probe
stellen!‹ Und die Magd Kāḷī, ihr Mönche, stand noch später
auf. Und die Hausfrau Vedehikā, ihr Mönche, rief nach ihr: ›He       126
da, Kāḷī!‹ -- ›Was, Gnädige?‹ -- ›Warum stehst du bei hell
lichtem Tage auf?‹ -- ›Das thut nichts, Gnädige!‹ -- ›Uns aber
thut’s was, du schlechte Magd, dass du bei hell lichtem Tage
aufstehst!‹ sagte die Hausfrau erzürnt und verstimmt, ergriff
den spitzigen Thorriegel, warf ihn ihr an den Kopf, verwundete
ihr den Kopf. Und die Magd Kāḷī, ihr Mönche, lief nun mit
verwundetem Kopfe triefenden Blutes zu den Nachbarn und klagte
jammernd: ›Seht, Beste, das Werk der Sanften, seht, Beste, das
Werk der Milden, seht, Beste, das Werk der Friedsamen, wie’s da
zugeht bei einer Frau, die nur eine Magd hält: ‚Bei Tag stehst
du auf‘ sagt sie und wird euch zornig und wild den spitzigen
Thorriegel an den Kopf werfen, den Kopf verwunden!‹ Und die
Hausfrau Vedehikā, ihr Mönche, kam nun in den üblen Ruf:
‚Heftig ist die Hausfrau Vedehikā, ungestüm ist die Hausfrau
Vedehikā, unfriedsam ist die Hausfrau Vedehikā!‘ --:

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist da gar mancher Mönch nur
solange einer der sanften, einer der milden, einer der
friedsamen, als ihn angenehme Redeweisen berühren; wenn aber
dann, ihr Mönche, den Mönch unangenehme Redeweisen berühren,
dann soll ein Mönch sanft erfunden, mild erfunden, friedsam
erfunden werden. Nicht den Mönch, ihr Mönche, nenne ich lind,
der durch Darreichung von Kleidung, Almosenspeise, Lagerstatt
und Arzeneien für den Fall einer Krankheit lind wird, lindes
Wesen gewinnt; und warum nicht? Weil ja, ihr Mönche, ein
solcher Mönch, wird ihm Kleidung, Almosenspeise, Lagerstatt
und Arzenei für den Fall einer Krankheit nicht dargereicht,
nicht lind wird, lindes Wesen nicht gewinnt. Einen Mönch
aber, der, ihr Mönche, die Satzung nur achtend, die Satzung
ehrend, die Satzung schätzend lind wird, lindes Wesen gewinnt,
den nenne ich lind. Darum also, ihr Mönche: ›Die Satzung nur
achtend, die Satzung ehrend, die Satzung schätzend wollen wir
lind werden, lindes Wesen gewinnen‹: also habt ihr euch, meine
Mönche, wohl zu üben.

»Fünferlei Redeweisen giebt es, ihr Mönche, deren die
Leute sich euch gegenüber bedienen können: rechtzeitiger
oder unzeitiger, sinniger oder unsinniger, höflicher oder
grober, zweckmäßiger oder unzweckmäßiger, liebevoller oder
heimtückischer. Zur rechten Zeit, ihr Mönche, können sich
die Leute der Rede bedienen, oder zur unrechten Zeit. Den
Thatsachen entsprechend, ihr Mönche, können sich die Leute
der Rede bedienen, oder den Thatsachen nicht entsprechend.
Höflicher Rede, ihr Mönche, können sich die Leute bedienen,
oder grober. Zweckmäßiger Rede, ihr Mönche, können sich die
Leute bedienen, oder unzweckmäßiger. Liebevoller Rede, ihr           127
Mönche, können sich die Leute bedienen, oder heimtückischer.
Da habt ihr euch nun, meine Mönche, wohl zu üben: ›Nicht
soll unser Gemüth verstört werden, kein böser Laut unserem
Munde entfahren, freundlich und mitleidig wollen wir bleiben,
liebevollen Gemüthes, ohne heimliche Tücke; und jene Person
werden wir mit liebevollem Gemüthe durchstrahlen: von ihr
ausgehend werden wir dann die ganze Welt mit liebevollem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem, durchstrahlen‹: also habt ihr euch, meine
Mönche, wohl zu üben.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da ein Mann herkäme, mit
Spaten und Korb versehn, und spräche also: ›Ich werde den
Erdball erdlos machen‹, und er grübe da und dort, würfe da auf
und dort auf, lockerte da auf und dort auf, löste da ab und
dort ab, ›Erdlos sollst du werden, erdlos sollst du werden‹;
was meint ihr nun, Mönche: könnte wohl dieser Mann den Erdball
erdlos machen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Der Erdball, o Herr, ist ja tief, unermesslich, den kann man
nicht wohl erdlos machen, so viel Mühe und Plage auch immer
jener Mann haben mag.«

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, giebt es da fünferlei Redeweisen,
deren die Leute sich euch gegenüber bedienen können:
rechtzeitiger oder unzeitiger, sinniger oder unsinniger,
höflicher oder grober, zweckmäßiger oder unzweckmäßiger,
liebevoller oder heimtückischer. Zur rechten Zeit, ihr
Mönche, können sich die Leute der Rede bedienen, oder zur
unrechten Zeit. Den Thatsachen entsprechend, ihr Mönche,
können sich die Leute der Rede bedienen, oder den Thatsachen
nicht entsprechend. Höflicher Rede, ihr Mönche, können sich
die Leute bedienen, oder grober. Zweckmäßiger Rede, ihr
Mönche, können sich die Leute bedienen, oder unzweckmäßiger.
Liebevoller Rede, ihr Mönche, können sich die Leute bedienen,
oder heimtückischer. Da habt ihr euch nun, meine Mönche, wohl
zu üben: ›Nicht soll unser Gemüth verstört werden, kein böser
Laut unserem Munde entfahren, freundlich und mitleidig wollen
wir bleiben, liebevollen Gemüthes, ohne heimliche Tücke; und
jene Person werden wir mit liebevollem Gemüthe durchstrahlen:
von ihr ausgehend werden wir dann die ganze Welt mit
erdballgleichem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem,
von Grimm und Groll geklärtem, durchstrahlen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da ein Mann herkäme, mit Lack
oder Gelbwurz, Indigo oder Karmin versehn, und spräche also:
›Ich werde hier im Himmelsraume Gestalten zeichnen, werde ein
Bild entwerfen‹; was meint ihr nun, Mönche: könnte wohl dieser
Mann im Himmelsraume eine Gestalt zeichnen, ein Bild zuwege
bringen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Der Himmelsraum, o Herr, ist ja gestaltlos, unsichtbar, da
kann man nicht wohl eine Gestalt zeichnen, ein Bild erscheinen       128
lassen, so viel Mühe und Plage auch immer jener Mann haben mag.«

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, giebt es da fünferlei Redeweisen,
deren die Leute sich euch gegenüber bedienen können:
rechtzeitiger oder unzeitiger, sinniger oder unsinniger,
höflicher oder grober, zweckmäßiger oder unzweckmäßiger,
liebevoller oder heimtückischer. Zur rechten Zeit, ihr
Mönche, können sich die Leute der Rede bedienen, oder zur
unrechten Zeit. Den Thatsachen entsprechend, ihr Mönche,
können sich die Leute der Rede bedienen, oder den Thatsachen
nicht entsprechend. Höflicher Rede, ihr Mönche, können sich
die Leute bedienen, oder grober. Zweckmäßiger Rede, ihr
Mönche, können sich die Leute bedienen, oder unzweckmäßiger.
Liebevoller Rede, ihr Mönche, können sich die Leute bedienen,
oder heimtückischer. Da habt ihr euch nun, meine Mönche,
wohl zu üben: ›Nicht soll unser Gemüth verstört werden, kein
böser Laut unserem Munde entfahren, freundlich und mitleidig
wollen wir bleiben, liebevollen Gemüthes, ohne heimliche
Tücke; und jene Person werden wir mit liebevollem Gemüthe
durchstrahlen: von ihr ausgehend werden wir dann die ganze
Welt mit himmelsraumgleichem Gemüthe, mit weitem, tiefem,
unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem, durchstrahlen‹:
also habt ihr euch, meine Mönche, wohl zu üben.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da ein Mann herkäme, mit
einem lodernden Strohwisch versehn, und spräche also: ›Ich
werde mit diesem lodernden Strohwisch den Ganges ausdünsten,
gänzlich ausdünsten‹; was meint ihr nun, Mönche: könnte wohl
dieser Mann mit dem lodernden Strohwisch den Ganges ausdünsten,
gänzlich ausdünsten?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Der Ganges, o Herr, ist ja tief, unermesslich, den kann man
nicht wohl mit einem lodernden Strohwisch ausdünsten, gänzlich
ausdünsten, so viel Mühe und Plage auch immer jener Mann haben
mag.«

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, giebt es da fünferlei Redeweisen,
deren die Leute sich euch gegenüber bedienen können:
rechtzeitiger oder unzeitiger, sinniger oder unsinniger,
höflicher oder grober, zweckmäßiger oder unzweckmäßiger,
liebevoller oder heimtückischer. Zur rechten Zeit, ihr
Mönche, können sich die Leute der Rede bedienen, oder zur
unrechten Zeit. Den Thatsachen entsprechend, ihr Mönche,
können sich die Leute der Rede bedienen, oder den Thatsachen
nicht entsprechend. Höflicher Rede, ihren Mönche, können
sich die Leute bedienen, oder grober. Zweckmäßiger Rede, ihr
Mönche, können sich die Leute bedienen, oder unzweckmäßiger.
Liebevoller Rede, ihr Mönche, können sich die Leute bedienen,
oder heimtückischer. Da habt ihr euch nun, meine Mönche, wohl
zu üben: ›Nicht soll unser Gemüth verstört werden, kein böser
Laut unserem Munde entfahren, freundlich und mitleidig wollen
wir bleiben, liebevollen Gemüthes, ohne heimliche Tücke; und
jene Person werden wir mit liebevollem Gemüthe durchstrahlen:
von ihr ausgehend werden wir dann die ganze Welt mit
gangesgleichem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von
Grimm und Groll geklärtem, durchstrahlen‹: also habt ihr euch,
meine Mönche, wohl zu üben.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da ein Katzenfell wäre,
gegerbt, gut gegerbt, wohl ausgegerbt, weich und wollig,
saftlos und kraftlos; und es käme ein Mann her, mit einem
Scheit oder Scherben versehn, und spräche also: ›Ich werde
dieses Katzenfell, das gegerbt worden ist, gut gegerbt, wohl
ausgegerbt, das weiche und wollige, saftlose und kraftlose, mit
dem Scheite oder dem Scherben zu Säften und Kräften bringen‹;
was meint ihr nun, Mönche: könnte wohl dieser Mann das
Katzenfell, das gegerbte, gut gegerbte, wohl ausgegerbte, das
weiche, wollige, saft- und kraftlose, mit dem Scheite oder dem
Scherben zu Säften und Kräften bringen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Das Katzenfell, o Herr, ist ja gegerbt, gut gegerbt, wohl
ausgegerbt worden, weich und wollig, saftlos und kraftlos, das
kann man nicht wohl mit einem Scheit oder Scherben zu Säften
und Kräften bringen, so viel Mühe und Plage auch immer jener
Mann haben mag.«

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, giebt es da fünferlei Redeweisen,
deren die Leute sich euch gegenüber bedienen können:                 129
rechtzeitiger oder unzeitiger, sinniger oder unsinniger,
höflicher oder grober, zweckmäßiger oder unzweckmäßiger,
liebevoller oder heimtückischer. Zur rechten Zeit, ihr
Mönche, können sich die Leute der Rede bedienen, oder zur
unrechten Zeit. Den Thatsachen entsprechend, ihr Mönche,
können sich die Leute der Rede bedienen, oder den Thatsachen
nicht entsprechend. Höflicher Rede, ihr Mönche, können sich
die Leute bedienen, oder grober. Zweckmäßiger Rede, ihr
Mönche, können sich die Leute bedienen, oder unzweckmäßiger.
Liebevoller Rede, ihr Mönche, können sich die Leute bedienen,
oder heimtückischer. Da habt ihr euch nun, meine Mönche, wohl
zu üben: ›Nicht soll unser Gemüth verstört werden, kein böser
Laut unserem Munde entfahren, freundlich und mitleidig wollen
wir bleiben, liebevollen Gemüthes, ohne heimliche Tücke; und
jene Person werden wir mit liebevollem Gemüthe durchstrahlen:
von ihr ausgehend werden wir dann die ganze Welt mit
katzenfellgleichem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem,
von Grimm und Groll geklärtem, durchstrahlen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben.

»Wenn auch, ihr Mönche, Räuber und Mörder mit einer Baumsäge
Gelenke und Glieder abtrennten, so würde wer da in Wuth
geriethe nicht meine Weisung erfüllen. Da habt ihr euch nun,
meine Mönche, wohl zu üben: ›Nicht soll unser Gemüth verstört
werden, kein böser Laut unserem Munde entfahren, freundlich
und mitleidig wollen wir bleiben, liebevollen Gemüthes, ohne
heimliche Tücke; und jene Person werden wir mit liebevollem
Gemüthe durchstrahlen: von ihr ausgehend werden wir dann
die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit weitem, tiefem,
unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem, durchstrahlen‹:
also habt ihr euch, meine Mönche, wohl zu üben.

»Dieser Belehrung aber, ihr Mönche, durch das Gleichniss der
Säge mögt ihr euch oftmals erinnern. Wisst ihr, meine Mönche,
von einer Redeweise, ob fein oder gemein, die ihr nicht
ertragen könntet?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Darum also, ihr Mönche: dieser Belehrung durch das Gleichniss
der Säge erinnert euch oftmals; es wird euch lange zum Wohle,
zum Heile gereichen.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              22.

             Dritter Theil            Zweite Rede

                    DAS SCHLANGENGLEICHNISS


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           130
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Zu
jener Zeit nun hatte ein Mönch Namens Ariṭṭho, ehemals ein
Geierjäger, folgende verkehrte Meinung geäußert: ›Also fasse
ich die vom Erhabenen verkündete Lehre auf, dass jene vom
Erhabenen als verderblich bezeichneten Handlungen dem Thäter
nicht nothwendig zum Verderben gereichen.‹ Es kam nun vielen
Mönchen zu Ohren, dass ein Mönch Namens Ariṭṭho, ein früherer
Geierjäger, diese verkehrte Meinung gefasst habe. Da begaben
sich nun jene Mönche dorthin wo Ariṭṭho der Mönch, der frühere
Geierjäger, weilte, und sprachen hierauf also zu ihm:

»Ist es wahr, wie man sagt, Bruder Ariṭṭho, du habest diese
verkehrte Meinung gefasst: ›Also verstehe ich die vom Erhabenen
verkündete Lehre, dass jene vom Erhabenen als verderblich
bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig zum
Verderben gereichen‹?«

»So ist es, ihr Brüder, allerdings fass’ ich die vom Erhabenen
verkündete Lehre also auf, dass jene vom Erhabenen als
verderblich bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig
zum Verderben gereichen.«

Da nun wollten jene Mönche Ariṭṭho den Mönch, den früheren
Geierjäger, von seiner verkehrten Meinung abbringen, wandten
sich zu ihm, sprachen zu ihm, belehrten ihn: »Nicht also rede,
Bruder Ariṭṭho, den Erhabenen verbessere nicht, nicht ist es
gut den Erhabenen verbessern, nicht kann der Erhabene solches
gesagt haben. Auf manigfaltige Weise, Bruder Ariṭṭho, wurden
die verderblichen Handlungen vom Erhabenen erklärt, und sie
gereichen dem Thäter nothwendig zum Verderben. Unbefriedigend
sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden,
voller Quaalen, das Elend überwiegt. Kahlen Knochen verglichen
hat der Erhabene die Begierden, Fleischfetzen verglichen hat
der Erhabene die Begierden, flammendem Stroh verglichen hat
der Erhabene die Begierden, glühenden Kohlen verglichen hat
der Erhabene die Begierden, Träumereien verglichen hat der
Erhabene die Begierden, Betteleien verglichen hat der Erhabene
die Begierden, Baumfrüchten verglichen hat der Erhabene die
Begierden, Schwerdterschneiden verglichen hat der Erhabene
die Begierden, Lanzenspitzen verglichen hat der Erhabene die
Begierden, Schlangenrachen gleich sind die Begierden, hat der
Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt.«[14]

Ariṭṭho der Mönch aber, der frühere Geierjäger, obzwar von
jenen Mönchen also angegangen, angesprochen und belehrt, hielt
an dieser seiner verkehrten Meinung zähe fest: »Ich, fürwahr,
ihr Brüder, verstehe die vom Erhabenen verkündete Lehre also,
dass jene vom Erhabenen als verderblich bezeichneten Handlungen
dem Thäter nicht nothwendig zum Verderben gereichen müssen.«

Als nun jene Mönche Ariṭṭho den Mönch, den früheren Geierjäger,
von dieser verkehrten Meinung nicht abbringen konnten,               131
begaben sie sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßten
den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder.
Hierauf nun sprachen jene Mönche zum Erhabenen also:

»Ein Mönch Namens Ariṭṭho, o Herr, ein ehemaliger Geierjäger,
hat folgende verkehrte Meinung geäußert: ›Also verstehe ich die
vom Erhabenen verkündete Lehre, dass jene vom Erhabenen als
verderblich bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig
zum Verderben gereichen.‹ Hiervon erhielten wir Kunde, o Herr,
begaben uns zu Ariṭṭho und fragten ihn, ob das Gerücht wahr
sei. Auf unsere Frage, o Herr, erwiderte uns Ariṭṭho der Mönch,
der frühere Geierjäger: ›So ist es, ihr Brüder, allerdings
fasse ich die vom Erhabenen verkündete Lehre also auf, dass
jene vom Erhabenen als verderblich bezeichneten Handlungen
dem Thäter nicht nothwendig zum Verderben gereichen.‹ Da
nun wollten wir, o Herr, Ariṭṭho den Mönch, den früheren
Geierjäger, von seiner verkehrten Meinung abbringen, wandten
uns zu ihm, sprachen zu ihm, belehrten ihn: Nicht also rede,
Bruder Ariṭṭho, den Erhabenen verbessere nicht, nicht ist es
gut den Erhabenen verbessern, nicht kann der Erhabene solches
gesagt haben. Auf manigfaltige Weise, Bruder Ariṭṭho, wurden
die verderblichen Handlungen vom Erhabenen erklärt, und sie
gereichen dem Thäter nothwendig zum Verderben. Unbefriedigend
sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden,
voller Quaalen, das Elend überwiegt. Kahlen Knochen verglichen
hat der Erhabene die Begierden, Fleischfetzen verglichen hat
der Erhabene die Begierden, flammendem Stroh verglichen hat
der Erhabene die Begierden, glühenden Kohlen verglichen hat
der Erhabene die Begierden, Träumereien verglichen hat der
Erhabene die Begierden, Betteleien verglichen hat der Erhabene
die Begierden, Baumfrüchten verglichen hat der Erhabene die
Begierden, Schwerdterschneiden verglichen hat der Erhabene
die Begierden, Lanzenspitzen verglichen hat der Erhabene die
Begierden, Schlangenrachen gleich sind die Begierden, hat der
Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt. Obzwar nun, o Herr, solcherart von uns angegangen,
angesprochen und belehrt, hielt Ariṭṭho der Mönch, der frühere
Geierjäger, an dieser seiner verkehrten Meinung zähe fest:
›Ich, fürwahr, ihr Brüder, fasse die vom Erhabenen verkündete
Lehre also auf, dass jene vom Erhabenen als verderblich
bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig zum
Verderben gereichen.‹ Da wir nun, o Herr, Ariṭṭho den Mönch,
den früheren Geierjäger, von dieser verkehrten Meinung nicht
abbringen konnten, beschlossen wir, die Sache dem Erhabenen zu
berichten.«

Da nun wandte sich der Erhabene an einen der Mönche:

»Gehe, o Mönch, und sage in meinem Namen Ariṭṭho dem Mönche,
dem früheren Geierjäger: der Meister ruft dich, Bruder Ariṭṭho.«

»Wohl, o Herr!« erwiderte jener Mönch, dem Erhabenen                 132
gehorchend, begab sich dorthin wo Ariṭṭho der Mönch, der
frühere Geierjäger, weilte, und sprach hierauf also zu ihm:

»Der Meister ruft dich, Bruder Ariṭṭho.«

»Gut, o Bruder, ich komme!« erwiderte Ariṭṭho der Mönch, der
frühere Geierjäger, jenem Mönche, begab sich dorthin wo der
Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte
sich zur Seite nieder. Hierauf nun sprach zu Ariṭṭho dem
Mönche, dem früheren Geierjäger, der Erhabene also:

»Ist es wahr, wie man sagt, Ariṭṭho, du habest diese verkehrte
Meinung gefasst: ›Also verstehe ich die vom Erhobenen
verkündete Lehre, dass jene vom Erhabenen als verderblich
bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig zum
Verderben gereichen‹?«

»So ist es allerdings: ich, o Herr, fasse die vom Erhabenen
verkündete Lehre dahin auf, dass jene vom Erhabenen als
verderblich bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig
zum Verderben gereichen.«

»Von wem hast du denn, du bethörter Mann, gehört, dass ich
eine solche Lehre verkündet hätte? Habe ich nicht, o Thor,
auf manigfaltige Weise die verderblichen Handlungen erklärt
und dargelegt, dass sie dem Thäter nothwendig zum Verderben
gereichen? Unbefriedigend sind die Begierden, hab’ ich gesagt,
voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt. Kahlen
Knochen verglichen habe ich die Begierden, Fleischfetzen
verglichen habe ich die Begierden, flammendem Stroh verglichen
habe ich die Begierden, glühenden Kohlen verglichen habe ich
die Begierden, Träumereien verglichen habe ich die Begierden,
Betteleien verglichen habe ich die Begierden, Baumfrüchten
verglichen habe ich die Begierden, Schwerdterschneiden
verglichen habe ich die Begierden, Lanzenspitzen verglichen
habe ich die Begierden, Schlangenrachen gleich, habe ich
gesagt, sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das
Elend überwiegt. Aber missverständigen Sinnes, o Thor, willst
du uns verbessern und gräbst dir selbst das Grab und schaffst
dir schwere Schuld. Das wird dir, o Thor, lange zum Unheil,
zum Leiden gereichen.«

Und der Erhabene wandte sich an die Mönche:

»Was meint ihr wohl, Mönche? Hat dieser Mönch Ariṭṭho, der
frühere Geierjäger, in unserer Heilsordnung nicht etwa Brand
gestiftet?«

»Wie wäre das möglich, o Herr, nein, wahrlich nicht, o Herr!«

Auf diese Worte setzte sich Ariṭṭho der Mönch, der frühere
Geierjäger, verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes,
gesenkten Hauptes, das Antlitz von brennender Röthe übergossen,
wortlos nieder. Als nun der Erhabene sah, wie Ariṭṭho der
Mönch, der frühere Geierjäger, verstummt und verstört dasaß,
gebeugten Rumpfes, gesenkten Hauptes, das Antlitz von
brennender Röthe übergossen, wortlos, sprach er also zu ihm:
»Dies wird sich als deine eigene verkehrte Meinung erweisen, o
du Bethörter; ich werde nun die Mönche befragen.«

Und der Erhabene wandte sich an die Mönche:

»Versteht auch ihr, meine Mönche, die verkündete Lehre also,         133
wie dieser Mönch Ariṭṭho, der frühere Geierjäger, der
missverständigen Sinnes uns verbessert und sich selbst das Grab
gräbt und schwere Schuld schafft?«

»Nicht so, o Herr! Auf manigfaltige Weise hat uns ja, o
Herr, der Erhabene die verderblichen Handlungen erklärt und
dargelegt, dass sie dem Thäter nothwendig zum Verderben
gereichen. Unbefriedigend sind die Begierden, hat der Erhabene
gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt.
Kahlen Knochen verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Fleischfetzen verglichen hat der Erhabene die Begierden,
flammendem Stroh verglichen hat der Erhabene die Begierden,
glühenden Kohlen verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Träumereien verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Betteleien verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Baumfrüchten verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Schwerdterschneiden verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Lanzenspitzen verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Schlangenrachen gleich sind die Begierden, hat der Erhabene
gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt.«

»Wohl, ihr Mönche, wohl, dass ihr, meine Mönche, die verkündete
Lehre also versteht. Freilich habe ich euch, ihr Mönche,
auf manigfaltige Weise die verderblichen Handlungen erklärt
und dargelegt, dass sie dem Thäter nothwendig zum Verderben
gereichen. Unbefriedigend sind die Begierden, habe ich gesagt,
voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt. Kahlen
Knochen verglichen habe ich die Begierden, Fleischfetzen
verglichen habe ich die Begierden, flammendem Stroh verglichen
habe ich die Begierden, glühenden Kohlen verglichen habe ich
die Begierden, Träumereien verglichen habe ich die Begierden,
Betteleien verglichen habe ich die Begierden, Baumfrüchten
verglichen habe ich die Begierden, Schwerdterschneiden
verglichen habe ich die Begierden, Lanzenspitzen verglichen
habe ich die Begierden, Schlangenrachen gleich, habe ich
gesagt, sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das
Elend überwiegt. Aber dieser Mönch Ariṭṭho, der frühere
Geierjäger, will uns missverständigen Sinnes verbessern und
gräbt sich selbst das Grab und schafft sich schwere Schuld.
Das wird diesem bethörten Manne lange zum Unheil, zum Leiden
gereichen. Dass er aber, ihr Mönche, außer diesen Begierden
da, außer den wahrgenommenen Begierden, außer dem, was unter
Begierden gedacht wird, etwa andere Begierden finden könnte,
ist schlechterdings unmöglich.

»Wohl giebt es, ihr Mönche, Thoren, die sich die Lehre[15]
aneignen. Obzwar sie diese Lehre sich angeeignet haben,
untersuchen sie nicht mit Weisheit den Sinn der Lehren. Da
sie den Sinn nicht mit Weisheit untersuchen, gewähren ihnen
die Lehren keine Einsicht. Sie lernen die Lehre nur, um Reden
und Meinungen über sie äußern zu können. Den Zweck, um dessen
willen sie die Lehre lernen, den merken sie nicht. Ihnen
gereichen die unrecht angefassten Lehren lange zum Unheil und
Leiden. Und warum das? Weil sie die Lehren, ihr Mönche, unrecht
angefasst haben. Es ist, ihr Mönche, als wie wenn ein Mann,
der Schlangen begehrt, Schlangen sucht, auf Schlangen ausgeht,
eine gewaltige Schlange fände und sie am Leibe oder am Schwanze
anfasste: da schösse die Schlange auf ihn zu und bisse ihn in
die Hand, in den Arm oder in andere Glieder, so dass er in der       134
Folge den Tod oder tödtlichen Schmerz erlitte. Und warum das?
Weil er die Schlange, ihr Mönche, unrecht angefasst hätte.
Ebenso nun auch, ihr Mönche, giebt es Thoren, denen die unrecht
angefassten Lehren lange zum Unheil und Leiden gereichen. Und
warum das? Weil sie die Lehren, ihr Mönche, unrecht angefasst
haben.

»Wohl giebt es aber, ihr Mönche, auch edle Söhne, die sich
die Lehre aneignen. Nachdem sie diese Lehre sich angeeignet
haben, untersuchen sie mit Weisheit den Sinn der Lehren. Da
sie den Sinn mit Weisheit untersuchen, gewähren ihnen die
Lehren Einsicht. Sie lernen die Lehre nicht etwa nur, um
Reden und Meinungen über sie äußern zu können. Den Zweck, um
dessen willen sie die Lehre lernen, den merken sie. Ihnen
gereichen die recht angefassten Lehren lange zum Wohle, zum
Heile. Und warum das? Weil sie die Lehren, ihr Mönche, recht
angefasst haben. Es ist, ihr Mönche, als wie wenn ein Mann,
der Schlangen begehrt, Schlangen sucht, auf Schlangen ausgeht,
eine gewaltige Schlange fände und sie mit einem gabelförmigen
Stocke, recht angefasst, niederzwänge und, nachdem er sie mit
dem gabelförmigen Stocke, recht angefasst, niedergezwungen
hätte, am Halse wohl gepackt hielte: wenn nun auch, ihr Mönche,
die Schlange Hand oder Arm oder andere Glieder jenes Mannes
mit ihrem Leibe umringelte, so brauchte er darum weder Tod zu
befürchten noch tödtlichen Schmerz. Und warum nicht? Weil er
die Schlange, ihr Mönche, recht angefasst hätte. Ebenso nun
auch, ihr Mönche, giebt es auch edle Söhne, denen die recht
angefassten Lehren lange zum Wohle, zum Heile gereichen. Und
warum das? Weil sie die Lehren, ihr Mönche, recht angefasst
haben.

»Darum also, ihr Mönche: was ihr vom Sinn meiner Rede
verstehet, das bewahret getreu; was ihr aber vom Sinn meiner
Rede nicht verstehet, das muss ich mit euch besprechen, auf
dass es wohlbelehrte Mönche gebe.

       *       *       *       *       *

»Als Floss, ihr Mönche, will ich euch die Lehre weisen, zum
Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten. Das höret und achtet
wohl auf meine Rede.«

»Ja, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann, auf der Reise, an
ein ungeheueres Wasser käme, das diesseitige Ufer voller
Gefahren und Schrecken, das jenseitige Ufer sicher, frei von
Schrecken, und es wäre kein Schiff da zur Ueberfuhr, keine
Brücke diesseits um das jenseitige Ufer zu erreichen. Da
würde dieser Mann denken: ›Das ist ja ein ungeheueres Wasser,
das diesseitige Ufer voller Gefahren und Schrecken, das              135
jenseitige Ufer sicher, frei von Schrecken, und kein Schiff
ist da zur Ueberfuhr, keine Brücke diesseits um jenseits
hinüberzugelangen. Wie, wenn ich nun Röhricht und Stämme,
Reisig und Blätter sammelte, ein Floss zusammenfügte und
mittelst dieses Flosses, mit Händen und Füßen arbeitend, heil
zum jenseitigen Ufer hinübersetzte?!‹ Und der Mann, ihr Mönche,
sammelte nun Röhricht und Stämme, Reisig und Blätter, fügte ein
Floss zusammen und setzte mittelst dieses Flosses, mit Händen
und Füßen arbeitend, heil ans jenseitige Ufer hinüber. Und,
gerettet, hinübergelangt, würde er also denken: ›Hochtheuer ist
mir wahrlich dieses Floss, mittelst dieses Flosses bin ich, mit
Händen und Füßen arbeitend, heil ans jenseitige Ufer gelangt.
Wie, wenn ich nun dieses Floss auf den Kopf heben oder auf die
Schultern laden würde und hinginge, wohin ich will?‹ Was haltet
ihr davon, Mönche? Würde wohl dieser Mann durch solches Thun
das Floss richtig behandeln?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was hätte also, ihr Mönche, der Mann zu thun, damit er das
Floss richtig behandelte? Da würde, ihr Mönche, dieser Mann,
gerettet, hinübergelangt, also erwägen: ›Hochtheuer ist mir
wahrlich dieses Floss, mittelst dieses Flosses bin ich, mit
Händen und Füßen arbeitend, heil an das jenseitige Ufer
hinübergelangt. Wie, wenn ich nun dieses Floss ans Ufer legte
oder in die Fluth senkte und hinginge, wohin ich will?‹ Durch
solches Thun, wahrlich, ihr Mönche, würde dieser Mann das Floss
richtig behandeln. Ebenso nun auch, ihr Mönche, habe ich die
Lehre als Floss dargestellt, zum Entrinnen tauglich, nicht zum
Festhalten.

    Die ihr das Gleichniss vom Flosse, ihr Mönche, verstehet,
    Ihr habt auch das Rechte zu lassen, geschweige das Unrecht.

       *       *       *       *       *

»Sechs verkehrte Lehren, ihr Mönche, sind das; welche sechs?
Da betrachtet, ihr Mönche, der unerfahrene gewöhnliche Mensch,
der Heiligen ungewärtig, der heiligen Lehre unkundig, der
heiligen Lehre fremd -- der Edlen ungewärtig, der Lehre der
Edlen unkundig, der Lehre der Edlen fremd, den Körper: ›Der
gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹; er betrachtet
das Gefühl: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹;
er betrachtet die Wahrnehmung: ›Die gehört mir, das bin ich,
das ist mein Selbst‹; er betrachtet die Unterscheidungen:
›Die gehören mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹; und was
da gesehn, gehört, gedacht, erkannt, erreicht, erforscht, im
Geiste untersucht wird, auch davon hält er: ›Das gehört mir,
das bin ich, das ist mein Selbst‹; und auch den Glaubenssatz,
welcher da lehrt: ›Das ist die Welt, das ist die Seele, das
werde ich nach meinem Tode werden, unvergänglich, beharrend,
ewig, unwandelbar, ewig gleich, ja, werde ich so verbleiben‹,        136
auch davon hält er: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein
Selbst.‹

»Der erfahrene heilige Jünger aber, ihr Mönche, der Heiligen
gewärtig, der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre
vertraut -- der Edlen gewärtig, der Lehre der Edlen kundig,
der Lehre der Edlen vertraut, betrachtet den Körper: ›Der
gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst‹; er betrachtet das Gefühl: ›Das gehört mir nicht, das
bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹; er betrachtet die
Wahrnehmung: ›Die gehört mir nicht, das bin ich nicht, das
ist nicht mein Selbst‹; er betrachtet die Unterscheidungen:
›Die gehören mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst‹; und was da gesehn, gehört, gedacht, erkannt, erreicht,
erforscht, im Geiste untersucht wird, auch davon hält er:
›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst‹; und auch den Glaubenssatz, welcher da lehrt: ›Das
ist die Welt, das ist die Seele, das werde ich nach meinem
Tode werden, unvergänglich, beharrend, ewig, unwandelbar,
ewig gleich, ja, werde ich so verbleiben‹, auch davon hält
er: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht
mein Selbst.‹ Also die Dinge betrachtend kennt er kein
unverständiges Zittern.«

Auf diese Worte wandte sich einer der Mönche an den Erhabenen:
»Kann wohl, o Herr, unverständiges Zittern aus äußeren Gründen
eintreten?«

»Kann sein, o Mönch«, sprach der Erhabene. »Es wird, zum
Beispiel, o Mönch, einem Menschen also zumuthe: ›Verloren
hab’ ich’s, ach, ich besitze es nimmer! O, hätt’ ich’s doch
wieder! Ach, nimmermehr werd’ ich’s erlangen!‹ Er ist traurig,
gebrochen, er jammert, schlägt sich stöhnend die Brust und
geräth in Verzweiflung. Also, o Mönch, tritt unverständiges
Zittern aus äußeren Gründen ein.«

»Und kann wohl, o Herr, unverständiges Zittern aus äußeren
Gründen unterbleiben?«

»Kann sein, o Mönch«, sprach der Erhabene. »Da wird, o Mönch,
einem Menschen nicht also zumuthe: ›Verloren hab’ ich’s,
ach, ich besitze es nimmer! O, hätt’ ich’s doch wieder! Ach,
nimmermehr werd’ ich’s erlangen!‹ Er ist nicht traurig, nicht
gebrochen, er jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend
die Brust und geräth nicht in Verzweiflung. Also, o Mönch,
unterbleibt unverständiges Zittern aus äußeren Gründen.«

»Kann aber, o Herr, unverständiges Zittern ans inneren Gründen
eintreten?«

»Kann sein, o Mönch«, sprach der Erhabene. »Es hat, zum
Beispiel, o Mönch, einer den Glauben: ›Das ist die Welt,
das ist die Seele, das werde ich nach meinem Tode werden,
unvergänglich, beharrend, ewig, unwandelbar, ewig gleich,
ja, werde ich so verbleiben.‹ Der hört vom Vollendeten
oder von einem Jünger des Vollendeten die Verkündung der
Wahrheit, die alles Anhängen und Genügen an falschen Lehren,
Dogmen und Systemen von Grund aus zerstört, die zum Aufgehn
aller Unterscheidung führt[16], zur Abwehr aller Anhaftung,
zum Versiegen des Durstes, zur Wendung, zur Auflösung, zur
Erlöschung. Da wird ihm also zumuthe: ›Vernichtet werde ich          137
sein, o, zugrunde gegangen, ach! Nicht mehr werde ich sein!‹
Er ist traurig, gebrochen, er jammert, schlägt sich stöhnend
die Brust und geräth in Verzweiflung. Also, o Mönch, tritt
unverständiges Zittern aus inneren Gründen ein.«

»Und kann wohl, o Herr, unverständiges Zittern aus inneren
Gründen unterbleiben?«

»Kann sein, o Mönch«, sprach der Erhabene. »Da hat, o Mönch,
einer nicht den Glauben: ›Das ist die Welt, das ist die
Seele, das werde ich nach meinem Tode werden, unvergänglich,
beharrend, ewig, unwandelbar, ewig gleich, ja, werde ich so
verbleiben.‹ Der hört vom Vollendeten oder von einem Jünger des
Vollendeten die Verkündung der Wahrheit, die alles Anhängen
und Genügen an falschen Lehren, Dogmen und Systemen von Grund
aus zerstört, die zum Aufgehn aller Unterscheidung führt,
zur Abwehr aller Anhaftung, zum Versiegen des Durstes, zur
Wendung, zur Auflösung, zur Erlöschung. Da wird ihm nicht also
zumuthe: ›Vernichtet werde ich sein, o, zugrunde gegangen,
ach! Nicht mehr werde ich sein!‹ Er ist nicht traurig, nicht
gebrochen, er jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend die
Brust, geräth nicht in Verzweiflung, Also, o Mönch, unterbleibt
unverständiges Zittern aus inneren Gründen.

       *       *       *       *       *

»Könntet ihr wohl, Mönche, ein Gut erlangen, dessen Besitz
unvergänglich, beharrend, ewig, unwandelbar, ewig gleich
derselbe nur bliebe? Kennt ihr, Mönche, ein solches Gut?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Wohl, ihr Mönche: auch ich, ihr Mönche, kenne ein solches
Gut nicht, dessen Besitz unvergänglich, beharrend, ewig,
unwandelbar, ewig gleich derselbe nur bliebe.

»Seid ihr wohl, Mönche, einem Glauben an Unsterblichkeit
ergeben, nach welchem der Gläubige von Wehe, Jammer, Leiden,
Gram und Verzweiflung erlöst würde? Kennt ihr, Mönche, einen
Glauben an Unsterblichkeit, der dem Gläubigen Erlösung brächte
von Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Wohl, ihr Mönche: auch ich, ihr Mönche, kenne keinen Glauben
an Unsterblichkeit, der dem Gläubigen Erlösung brächte von
Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung.

»Hängt ihr wohl, Mönche, einer Schule an, durch welche der
Anhänger vor Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung
bewahrt bliebe? Kennt ihr, Mönche, eine Schule, die den
Anhänger vor Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung
schützen könnte?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Wohl, ihr Mönche: auch ich, ihr Mönche, kenne eine solche           138
Schule nicht, die den Anhänger schützen könnte vor Wehe,
Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung.

       *       *       *       *       *

»Wenn das Ichselbst, ihr Mönche, vorhanden wäre, könnt’ es dann
auch ein ›Mir eigen‹ geben?«

»Ja, o Herr!«

»Wenn das Eigen, ihr Mönche, vorhanden wäre, könnt’ es dann
auch ein ›Mir selbst‹ geben?«

»Freilich, o Herr!«.

»Da nun weder das Ich noch das Eigen, ihr Mönche, wahrhaft und
wirklich erlangt werden kann, wie steht’s um das Dogma, welches
da lehrt: ›Das ist die Welt, das ist die Seele, das werd’
ich nach meinem Tode werden, unvergänglich, beharrend, ewig,
unwandelbar, ewig gleich, ja, werde ich so verbleiben‹? ist das
nicht, ihr Mönche, eine völlig ausgereifte Narrenlehre?«

»Was wär’ es denn anderes, o Herr, als eine völlig ausgereifte
Narrenlehre!«

»Was meint ihr wohl, Mönche: ist der Körper unvergänglich oder
vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meint ihr wohl, Mönche: ist das Gefühl unvergänglich oder
vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meint ihr wohl, Mönche: ist die Wahrnehmung unvergänglich
oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meint ihr wohl, Mönche: sind die Unterscheidungen
unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meint ihr wohl, Mönche: ist das Bewusstsein unvergänglich
oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Darum also, ihr Mönche: was es auch an Körperlichem giebt,          139
vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes,
grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes:
alles Körperliche ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener
Weisheit, also anzusehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich
nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch an Gefühl
giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder
fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes
oder nahes: alles Gefühl ist, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit, also anzusehn: ›Das gehört mir nicht,
das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch
an Wahrnehmung giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne
oder nahe: alle Wahrnehmung ist, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit, also anzusehn: ›Die gehört mir nicht,
die bin ich nicht, die ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch an
Unterscheidungen giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne
oder nahe: alle Unterscheidungen sind, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit, also anzusehn: ›Die gehören mir nicht,
die bin ich nicht, die sind nicht mein Selbst.‹ Was es auch an
Bewusstsein giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Bewusstsein ist, der Wahrheit gemäß,
mit vollkommener Weisheit, anzusehn: ›Das gehört mir nicht, das
bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹

»In solchem Anblick, ihr Mönche, wird der erfahrene heilige
Jünger des Körpers überdrüssig und wird des Gefühles
überdrüssig und wird der Wahrnehmung überdrüssig und wird
der Unterscheidungen überdrüssig und wird des Bewusstseins
überdrüssig. Ueberdrüssig wendet er sich ab. Abgewandt löst er
sich los. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss
geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum,
gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da.

»Ein solcher Mönch, ihr Mönche, wird ›Riegelheber‹ genannt,
wird ›Grabenfüller‹ genannt, wird ›Pfeilentledigter‹ genannt,
wird ›Hakenloser‹ genannt, wird ›Heiliger, Fahnenloser,
Bürdeloser, Abgeschiedener‹ genannt.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch zum Riegelheber? Da wird,
ihr Mönche, von dem Mönch das Nichtwissen verneint, an der
Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass
es nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann. Also,
ihr Mönche, wird der Mönch zum Riegelheber.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch zum Grabenfüller?
Da wird, ihr Mönche, von dem Mönch die daseinsschwangere
Wandelwelt der Geburten verneint, an der Wurzel abgeschnitten,
einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie nicht mehr keimen,
nicht mehr sich entwickeln kann. Also, ihr Mönche, wird der
Mönch zum Grabenfüller.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch zum Pfeilentledigten? Da
wird, ihr Mönche, von dem Mönch der Lebensdurst verneint, an
der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so
dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann.
Also, ihr Mönche, wird der Mönch zum Pfeilentledigten.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch zum Hakenlosen? Da
werden, ihr Mönche, von dem Mönch die fünf niederzerrenden
Fesseln verneint, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf
gleichgemacht, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr
sich entwickeln können. Also, ihr Mönche, wird der Mönch zum
Hakenlosen.

»Und wie, ihr Mönche, wird der Mönch zum Heiligen, zum
Fahnenlosen, Bürdelosen, Abgeschiedenen? Da wird, ihr Mönche,
von dem Mönch der Ichheit Dünkel verneint, an der Wurzel
abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass er nicht
mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann. Also, ihr Mönche,      140
wird der Mönch zum Heiligen, zum Fahnenlosen, Bürdelosen,
Abgeschiedenen.

»Den also gemütherlösten Mönch, ihr Mönche, lauernd zu
versuchen wagen selbst die Indo-, Brahmā- und Pajāpati-Götter
nicht: ›Gefestigt ist dieses Vollendeten Bewusstsein.‹ Und
warum nicht? Schon bei Lebzeiten nenn’ ich den Vollendeten, ihr
Mönche, unerfassbar.

»Der ich also rede, also lehre, ihr Mönche, mich bezichtigen
einige Asketen und Brāhmanen, grundloser, nichtiger Weise,
fälschlich, mit Unrecht: ›Ein Verneiner ist der Asket Gotamo,
des lebendigen Wesens Zerstörung, Vernichtung, Aufhebung
verkündigt er.‹ Was ich nicht bin, ihr Mönche, nicht rede,
dessen bezichtigen mich jene lieben Asketen und Brāhmanen,
grundloser, nichtiger Weise, fälschlich, mit Unrecht: ›Ein
Verneiner ist der Asket Gotamo, des lebendigen Wesens
Zerstörung, Vernichtung, Aufhebung verkündigt er.‹ Nur eines,
ihr Mönche, verkündige ich, heute wie früher: das Leiden und
des Leidens Ausrodung.

»Wenn da, ihr Mönche, die Menschen den Vollendeten tadeln,
verurtheilen, verfolgen und angreifen, da wird der Vollendete,
ihr Mönche, nicht unwillig, nicht missmuthig, nicht gedrückten
Gemüthes. Wenn da, ihr Mönche, die Menschen den Vollendeten
werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, da wird der
Vollendete, ihr Mönche, nicht froh, nicht freudig, nicht
geschwellten Gemüthes. Wenn da, ihr Mönche, die Menschen den
Vollendeten werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, da
gedenkt, ihr Mönche, der Vollendete also: ›Weil dies früher
durchdacht worden ist, erweisen sie mir hierin solche Ehren.‹

»Darum also, ihr Mönche: wenn auch die Menschen euch tadeln,
verurtheilen, verfolgen und angreifen, werdet da nicht
unwillig, nicht missmuthig, nicht gedrückten Gemüthes. Darum
also, ihr Mönche: wenn auch die Menschen euch werthhalten,
hochschätzen, achten und ehren, werdet da nicht froh, nicht
freudig, nicht geschwellten Gemüthes. Darum also, ihr Mönche:
wenn auch die Menschen euch werthhalten, hochschätzen, achten
und ehren, so gedenket dabei: ›Weil dies früher durchdacht
worden ist, erweisen sie uns hierin solche Ehren.‹

       *       *       *       *       *

»Darum also, ihr Mönche: was euch nicht angehört, das gebet
auf. Das von euch Aufgegebene wird euch lange zum Wohle, zum
Heile gereichen.

»Was aber, ihr Mönche, gehört euch nicht an? Der Körper, ihr
Mönche, gehört euch nicht an: ihn gebet auf. Der von euch
aufgegebene wird euch lange zum Wohle, zum Heile gereichen.
Das Gefühl, ihr Mönche, gehört euch nicht an: das gebet auf.         141
Das von euch aufgegebene wird euch lange zum Wohle, zum Heile
gereichen. Die Wahrnehmung, ihr Mönche, gehört euch nicht
an: sie gebet auf. Die von euch aufgegebene wird euch lange
zum Wohle, zum Heile gereichen. Die Unterscheidungen, ihr
Mönche, gehören euch nicht an: sie gebet auf. Die von euch
aufgegebenen werden euch lange zum Wohle, zum Heile gereichen.
Das Bewusstsein, ihr Mönche, gehört euch nicht an: das gebet
auf. Das von euch aufgegebene wird euch lange zum Wohle, zum
Heile gereichen.

»Was meint ihr wohl, Mönche: wenn ein Mann das, was an Gräsern
und Reisig, Zweiglein und Blättern in diesem Siegerwalde
daliegt, wegtrüge, oder verbrennte, oder sonst nach Belieben
damit schaltete, würdet ihr da etwa denken: ›Uns trägt der Mann
weg, oder verbrennt er, oder schaltet sonst nach Belieben‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Nicht das ist ja, o Herr, unser Ich oder Eigen!«

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, gebet auf, was euch nicht
angehört. Das von euch Aufgegebene wird euch lange zum Wohle,
zum Heile gereichen. Und was, ihr Mönche, gehört euch nicht an?
Der Körper, ihr Mönche, gehört euch nicht an: ihn gebet auf.
Der von euch aufgegebene wird euch lange zum Wohle, zum Heile
gereichen. Das Gefühl, ihr Mönche, gehört euch nicht an: das
gebet auf. Das von euch aufgegebene wird euch lange zum Wohle,
zum Heile gereichen. Die Wahrnehmung, ihr Mönche, gehört euch
nicht an: sie gebet auf. Die von euch aufgegebene wird euch
lange zum Wohle, zum Heile gereichen. Die Unterscheidungen,
ihr Mönche, gehören euch nicht an: sie gebet auf. Die von euch
aufgegebenen werden euch lange zum Wohle, zum Heile gereichen.
Das Bewusstsein, ihr Mönche, gehört euch nicht an: das gebet
auf. Das von euch aufgegebene wird euch lange zum Wohle, zum
Heile gereichen.

»So hab’ ich, ihr Mönche, die Wahrheit wohlverkündet, gezeigt,
aufgedeckt, dargelegt, entschleiert.

»So ist die Wahrheit, ihr Mönche, von mir wohlverkündet,
gezeigt, aufgedeckt, dargelegt, entschleiert worden, und jene
Mönche, welche Heilige, Wahnversieger, Endiger sind, die das
Werk gewirkt, die Bürde abgelegt, das Heil errungen, die
Daseinsfesseln vernichtet haben, die in vollkommener Weisheit
Erlösten: ein Wandeln giebt es für diese nimmer.

»So hab’ ich, ihr Mönche, die Wahrheit wohlverkündet, gezeigt,
aufgedeckt, dargelegt, entschleiert.

»So ist die Wahrheit, ihr Mönche, von mir wohlverkündet,
gezeigt, aufgedeckt, dargelegt, entschleiert worden, und jene
Mönche, welche die fünf niederzerrenden Fesseln abgestreift
haben, alle diese gelangen empor, um von dort aus zu erlöschen,
nicht mehr kehren sie zurück nach jener Welt.

»So hab’ ich, ihr Mönche, die Wahrheit wohlverkündet, gezeigt,
aufgedeckt, dargelegt, entschleiert.

»So ist die Wahrheit, ihr Mönche, von mir wohlverkündet,
gezeigt, aufgedeckt, dargelegt, entschleiert worden, und jene
Mönche, welche die drei Fesseln abgestreift haben, die von
Gier, Hass und Irre Erleichterten, fast schon Geläuterten, alle
diese kehren nur einmal wieder, nur einmal noch zu dieser Welt
gekommen, werden sie dem Leiden ein Ende machen.

»So hab’ ich, ihr Mönche, die Wahrheit wohlverkündet, gezeigt,
aufgedeckt, dargelegt, entschleiert.

»So ist die Wahrheit, ihr Mönche, von mir wohlverkündet,
gezeigt, aufgedeckt, dargelegt, entschleiert worden, und jene
Mönche, welche die drei Fesseln abgestreift haben, alle diese
sind Hörer der Botschaft geworden, dem Verderben entronnen,          142
eilen zielbewusst der vollen Erwachung entgegen.

»So hab’ ich, ihr Mönche, die Wahrheit wohlverkündet, gezeigt,
aufgedeckt, dargelegt, entschleiert.

»So ist die Wahrheit, ihr Mönche, von mir wohlverkündet,
gezeigt, aufgedeckt, dargelegt, entschleiert worden, und jene
Mönche, welche der Wahrheit ergeben, der Lehre ergeben sind,
alle diese eilen der vollen Erwachung entgegen.

»So hab’ ich, ihr Mönche, die Wahrheit wohlverkündet, gezeigt,
aufgedeckt, dargelegt, entschleiert.

»So ist die Wahrheit, ihr Mönche, von mir wohlverkündet,
gezeigt, aufgedeckt, dargelegt, entschleiert worden, und jene,
die Vertrauen, die Liebe zu mir empfinden, alle diese steigen
himmelwärts auf.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              23.

             Dritter Theil            Dritte Rede

                       DER AMEISENHÜGEL


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Zu jener
Zeit nun weilte der ehrwürdige Kumārakassapo im Dunkeln Walde.
Als nun die Nacht eingetreten war, erleuchtete eine gewisse
Gottheit den ganzen großen Dunkeln Wald mit ihrem Glanze, begab
sich dorthin, wo der ehrwürdige Kumārakassapo weilte, und
stellte sich seitwärts hin. Seitwärts stehend sprach nun jene
Gottheit zum ehrwürdigen Kumārakassapo also:

»Mönch, o Mönch! Dieser Ameisenhügel raucht bei Nacht und
flammt bei Tage. Der Geistliche sagte: Grab’ auf, o Weiser, mit
scharfer Waffe. Der Weise grub auf mit scharfer Waffe und fand
einen Keil: Ein Keil, o Herr! Der Geistliche sagte: Weg mit dem
Keil, grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Der Weise grub
auf mit scharfer Waffe und fand eine Blase: Eine Blase, o Herr!
Der Geistliche sagte: Weg mit der Blase, grab’ auf, o Weiser,
mit scharfer Waffe. Der Weise grub auf mit scharfer Waffe und
fand einen Zweizack: Ein Zweizack, o Herr! Der Geistliche
sagte: Weg mit dem Zweizack, grab’ auf, o Weiser, mit scharfer
Waffe. Der Weise grub auf mit scharfer Waffe und fand ein            143
Geflecht: Ein Geflecht, o Herr! Der Geistliche sagte: Weg mit
dem Geflecht, grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Der
Weise grub auf mit scharfer Waffe und fand eine Schildkröte:
Eine Schildkröte, o Herr! Der Geistliche sagte: Weg mit der
Schildkröte, grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Der
Weise grub auf mit scharfer Waffe und fand ein Schlachtbeil:
Ein Schlachtbeil, o Herr! Der Geistliche sagte: Weg mit dem
Schlachtbeil, grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Der
Weise grub auf mit scharfer Waffe und fand einen Fleischfetzen:
Ein Fleischfetzen, o Herr! Der Geistliche sagte: Weg mit dem
Fleischfetzen, grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Der
Weise grub auf mit scharfer Waffe und fand eine Kobra: Eine
Kobra, o Herr! Der Geistliche sagte: Halt, es bleibe die Kobra,
die Kobra rühre nicht an, Verehrung erweise der Kobra! -- Diese
Räthsel, o Mönch, wolle vor dem Erhabenen berichten und der
Erklärung des Erhabenen gemäß bewahren. Keinen seh’ ich, o
Mönch, in der Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen
Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern und Priestern, Göttern
und Menschen, der durch eine Erklärung dieser Fragen das Herz
gewinnen könnte, den Vollendeten ausgenommen, oder einen Jünger
des Vollendeten, und die es von da gehört haben.«

Das sprach jene Gottheit und verschwand hierauf von dort.

Nachdem nun die Nacht verflossen war, begab sich der ehrwürdige
Kumārakassapo zum Erhabenen, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig
und setzte sich zur Seite nieder. Hierauf nun sprach der
ehrwürdige Kumārakassapo zum Erhabenen also:

»Diese Nacht, o Herr, beim Eintritt der Dämmerung, erleuchtete
eine gewisse Gottheit den ganzen großen Dunkeln Wald mit ihrem
Glanze, kam zu mir heran und stellte sich seitwärts hin.
Seitwärts stehend sprach nun, o Herr, jene Gottheit also zu
mir: ›Mönch, o Mönch! Dieser Ameisenhügel raucht bei Nacht und
flammt bei Tage. Der Geistliche sagte: Grab’ auf, o Weiser,
mit scharfer Waffe. Der Weise grub auf mit scharfer Waffe
und fand einen Keil: Ein Keil, o Herr! Der Geistliche sagte:
Weg mit dem Keil, grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe.
Der Weise grub auf mit scharfer Waffe und fand eine Blase:
Eine Blase, o Herr! Der Geistliche sagte: Weg mit der Blase,
grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Der Weise grub auf
mit scharfer Waffe und fand einen Zweizack: Ein Zweizack,
o Herr! Der Geistliche sagte: Weg mit dem Zweizack, grab’
auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Der Weise grub auf mit
scharfer Waffe und fand ein Geflecht: Ein Geflecht, o Herr!
Der Geistliche sagte: Weg mit dem Geflecht, grab’ auf, o
Weiser, mit scharfer Waffe. Der Weise grub auf mit scharfer
Waffe und fand eine Schildkröte: Eine Schildkröte, o Herr!
Der Geistliche sagte: Weg mit der Schildkröte, grab’ auf, o
Weiser, mit scharfer Waffe. Der Weise grub auf mit scharfer
Waffe und fand ein Schlachtbeil: Ein Schlachtbeil, o Herr!
Der Geistliche sagte: Weg mit dem Schlachtbeil, grab’ auf, o
Weiser, mit scharfer Waffe. Der Weise grub auf mit scharfer
Waffe und fand einen Fleischfetzen: Ein Fleischfetzen, o Herr!
Der Geistliche sagte: Weg mit dem Fleischfetzen, grab’ auf, o
Weiser, mit scharfer Waffe. Der Weise grub auf mit scharfer
Waffe und fand eine Kobra: Eine Kobra, o Herr! Der Geistliche
sagte: Halt, es bleibe die Kobra, die Kobra rühre nicht an,
Verehrung erweise der Kobra! -- Diese Räthsel, o Mönch, wolle
vor dem Erhabenen berichten und der Erklärung des Erhabenen
gemäß bewahren. Keinen seh’ ich, o Mönch, in der Welt mit ihren
Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar
von Büßern und Priestern, Göttern und Menschen, der durch
eine Erklärung dieser Fragen das Herz gewinnen könnte, den
Vollendeten ausgenommen, oder einen Jünger des Vollendeten,
und die es von da gehört haben.‹ So sprach, o Herr, jene
Gottheit und verschwand hierauf von dort. Was ist nun, o Herr,
der Ameisenhügel, was das Rauchen bei Nacht und das Flammen
bei Tage, wer der Geistliche, wer der Weise, was die scharfe
Waffe, was das Aufgraben, was der Keil, was die Blase, was
der Zweizack, was das Geflecht, was die Schildkröte, was das
Schlachtbeil, was der Fleischfetzen, was ist die Kobra?«

»Ameisenhügel: das ist, o Mönch, eine Bezeichnung für diesen         144
Körper, der aus den vier Hauptstoffen entstanden, von Vater und
Mutter gezeugt, durch Speise und Trank entwickelt, dem Vergehn,
dem Untergang, der Aufreibung, Auflösung, der Zerstörung
verfallen ist. Was er, o Mönch, für das Tagewerk in der Nacht
überlegt und erwägt, das ist das Rauchen bei Nacht. Was er, o
Mönch, nach der nächtlichen Ueberlegung und Erwägung am Tage
in Thaten, Worten und Gedanken wirkt, das ist das Flammen
bei Tage. Der Geistliche: das ist, o Mönch, eine Bezeichnung
für den Vollendeten, den Heiligen, vollkommen Erwachten. Der
Weise: das ist, o Mönch, eine Bezeichnung für den kämpfenden
Mönch. Die scharfe Waffe: das ist, o Mönch, eine Bezeichnung
der heiligen Weisheit. Das Aufgraben: das ist, o Mönch, eine
Bezeichnung der standhaften Ausdauer. Der Keil: das ist, o
Mönch, eine Bezeichnung des Nichtwissens. Weg mit dem Keil:
fort mit dem Nichtwissen. Grab’ auf, o Weiser, mit scharfer
Waffe. Das ist der Sinn. Die Blase: das ist, o Mönch, eine
Bezeichnung für Zorn und Verzweiflung. Weg mit der Blase: fort
mit Zorn und Verzweiflung. Grab’ auf, o Weiser, mit scharfer
Waffe. Das ist der Sinn. Der Zweizack: das ist, o Mönch, eine
Bezeichnung des Zweifels. Weg mit dem Zweizack: fort mit dem
Zweifel. Grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Das ist
der Sinn. Das Geflecht: das ist, o Mönch, eine Bezeichnung
der fünf Hemmungen: der Hemmung durch Wunscheswillen, der
Hemmung durch Hassensgroll, der Hemmung durch matte Müde, der
Hemmung durch stolzen Unmuth, der Hemmung durch Schwanken. Weg
mit dem Geflecht: fort mit den fünf Hemmungen. Grab’ auf, o
Weiser, mit scharfer Waffe. Das ist der Sinn. Die Schildkröte:
das ist, o Mönch, eine Bezeichnung der fünf Stücke des
Anhangens, als da ist ein Stück Anhangen an der Form, ein Stück
Anhangen am Gefühl, ein Stück Anhangen an der Wahrnehmung,
ein Stück Anhangen an der Unterscheidung, ein Stück Anhangen
am Bewusstsein. Weg mit der Schildkröte: fort mit den fünf
Stücken des Anhangens. Grab’ auf, o Weiser, mit scharfer
Waffe. Das ist der Sinn. Das Schlachtbeil: das ist, o Mönch,
eine Bezeichnung der fünf Begehrungen: der durch das Gesicht
ins Bewusstsein tretenden Formen, der ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; der durch das Gehör ins Bewusstsein tretenden
Töne, der ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden; der durch den Geruch
ins Bewusstsein tretenden Düfte, der ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; der durch den Geschmack ins Bewusstsein tretenden
Säfte, der ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; der durch das Getast ins
Bewusstsein tretenden Tastungen, der ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden. Weg mit dem Schlachtbeil: fort mit den fünf               145
Begehrungen. Grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Das ist
der Sinn. Der Fleischfetzen: das ist, o Mönch, eine Bezeichnung
der Genügenslust. Weg mit dem Fleischfetzen: fort mit der
Genügenslust. Grab’ auf, o Weiser, mit scharfer Waffe. Das ist
der Sinn. Die Kobra: das ist, o Mönch, eine Bezeichnung des
wahnversiegten Mönchs. Halt, es bleibe die Kobra, die Kobra
rühre nicht an, Verehrung erweise der Kobra. Das ist der Sinn.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Kumārakassapo über das Wort des Erhabenen.



                              24.

             Dritter Theil            Vierte Rede

                          DIE EILPOST


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen. Da
nun begaben sich viele Mönche aus ihrer Heimath, wo sie die
Regenzeit zugebracht hatten, zum Erhabenen, begrüßten den
Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder. An
diese Mönche, die da zur Seite saßen, wandte sich nun der
Erhabene und sprach:

»Wer von den Mönchen, den Ordensgetreuen, ihr Mönche, hat
sich daheim wohl also erwiesen: selbst wenig bedürfend die
Bedürfnisslosigkeit mit den Mönchen besprechend, selbst
zufrieden die Zufriedenheit mit den Mönchen besprechend,
selbst zurückgezogen die Zurückgezogenheit mit den Mönchen
besprechend, selbst weltflüchtig die Weltflucht mit den Mönchen
besprechend, selbst ausdauernd standhaft die standhafte
Ausdauer mit den Mönchen besprechend, selbst ordenstüchtig die
Ordenstugend mit den Mönchen besprechend, selbst vertieft das
Heil der Vertiefung mit den Mönchen besprechend, selbst weise
das Heil der Weisheit mit den Mönchen besprechend, selbst
erlöst das Heil der Erlösung mit den Mönchen besprechend,
selbst die Erlösung klar kennend das Heil klarer Kenntniss
der Erlösung mit den Mönchen besprechend: ein Belehrer,
Aufklärer, Verkünder, ein Ermunterer, Ermuthiger, Erheiterer
der Ordensgetreuen?«

»Ein Ehrwürdiger Namens Puṇṇo, o Herr, der Sohn der Mantāṇī,         146
hat sich daheim unter den Mönchen, den Ordensgetreuen, also
erwiesen: selbst wenig bedürfend die Bedürfnisslosigkeit mit
den Mönchen besprechend, selbst zufrieden die Zufriedenheit
mit den Mönchen besprechend, selbst zurückgezogen die
Zurückgezogenheit mit den Mönchen besprechend, selbst
weltflüchtig die Weltflucht mit den Mönchen besprechend, selbst
ausdauernd standhaft die standhafte Ausdauer mit den Mönchen
besprechend, selbst ordenstüchtig die Ordenstugend mit den
Mönchen besprechend, selbst vertieft das Heil der Vertiefung
mit den Mönchen besprechend, selbst weise das Heil der
Weisheit mit den Mönchen besprechend, selbst erlöst das Heil
der Erlösung mit den Mönchen besprechend, selbst die Erlösung
klar kennend das Heil klarer Kenntniss der Erlösung mit den
Mönchen besprechend: ein Belehrer, Aufklärer, Verkünder, ein
Ermunterer, Ermuthiger, Erheiterer der Ordensgetreuen.«

Zu jener Zeit nun hatte der ehrwürdige Sāriputto nicht fern vom
Erhabenen Platz genommen. Da kam nun dem ehrwürdigen Sāriputto
der Gedanke: ›Gesegnet ist der ehrwürdige Puṇṇo Mantāṇiputto,
dessen vielseitiges Verdienst verständige Ordensbrüder vor dem
Meister preisen, und der Meister freut sich darüber. O dass wir
doch gelegentlich einmal mit dem ehrwürdigen Puṇṇo Mantāṇiputto
zusammenträfen, dass wir uns über irgend etwas besprächen!‹

Nachdem nun der Erhabene in Rājagaham nach Belieben geweilt
hatte, begab er sich auf die Wanderung nach Sāvatthī, von Ort
zu Ort wandernd näherte er sich der Stadt.

In Sāvatthī weilte nun der Erhabene, im Siegerwalde, im Garten
Anāthapiṇḍikos. Da kam es dem ehrwürdigen Puṇṇo Mantāṇiputto
zu Ohren: ›Der Erhabene ist in Sāvatthī angekommen, weilt in
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos!‹ Und der
ehrwürdige Puṇṇo Mantāṇiputto räumte sein Lager zurecht, nahm
Mantel und Almosenschaale und begab sich auf die Wanderung
nach Sāvatthī. Von Ort zu Ort wandernd gelangte er zu der
Stadt, zum Siegerwalde, zum Garten Anāthapiṇḍikos, wo der
Erhabene weilte. Als er zum Erhabenen gelangt war, begrüßte er
den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder.
Diesen Ehrwürdigen, der da zur Seite saß, stärkte nun der
Erhabene, ermunterte, ermuthigte, erheiterte ihn in lehrreichem
Gespräche. Und nachdem der ehrwürdige Puṇṇo Mantāṇiputto vom
Erhabenen in lehrreichem Gespräche gestärkt, ermuntert,
ermuthigt, erheitert worden war, erhob er sich, erfreut und
befriedigt durch des Erhabenen Rede, von seinem Sitze, begrüßte
den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und begab sich zum
Dunkeln Walde, für den Rest des Tages.

Aber es ging ein Mönch zum ehrwürdigen Sāriputto und meldete
ihm: »Jener Mönch, o Bruder Sāriputto, der Puṇṇo heißt, der
Sohn der Mantāṇī, den du oft gerühmt hast, der hat sich,             147
vom Erhabenen in lehrreichem Gespräche gestärkt, ermuntert,
ermuthigt, erheitert, durch des Erhabenen Rede erfreut und
befriedigt, von seinem Sitze erhoben, den Erhabenen ehrerbietig
begrüßt und ist gegen den Dunkeln Wald zu gegangen, wo er bis
Abend verweilen dürfte.«

Da nahm der ehrwürdige Sāriputto unverzüglich seine Strohmatte
und folgte dem ehrwürdigen Puṇṇo Mantāṇiputto Schritt vor
Schritt, den Kopf nicht aus den Augen verlierend. Und der
ehrwürdige Puṇṇo Mantāṇiputto wandte sich ins Innere des
Dunkeln Waldes und setzte sich am Fuß eines Baumes nieder, für
den Tag. Und auch der ehrwürdige Sāriputto wandte sich ins
Innere des Dunkeln Waldes und setzte sich am Fuß eines Baumes
nieder, für den Tag.

Als nun der ehrwürdige Sāriputto gegen Abend die Gedenkensruhe
beendet hatte, begab er sich zum ehrwürdigen Puṇṇo
Mantāṇiputto, wechselte höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit ihm und setzte sich zur Seite nieder.
Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Sāriputto zum
ehrwürdigen Puṇṇo Mantāṇiputto also:

»Wird denn beim Erhabenen, o Bruder, heiliges Leben gepflegt?«

»Freilich, o Bruder.«

»Wie nun, o Bruder: wird beim Erhabenen um reiner Tugend willen
heiliges Leben gepflegt?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Oder wird, o Bruder, um reinen Herzens willen beim Erhabenen
heiliges Leben gepflegt?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Oder wird vielleicht, o Bruder, um reiner Erkenntniss willen
beim Erhabenen heiliges Leben gepflegt?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Oder wird etwa, o Bruder, um reiner Gewissheit willen beim
Erhabenen heiliges Leben gepflegt?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Wird also vielleicht, o Bruder, um reiner Wissenschaft der
Wege willen beim Erhabenen heiliges Leben gepflegt?«

»Das nicht, o Bruder.«

»So wird also, o Bruder, um reiner Wissenschaft des Pfades
willen beim Erhabenen heiliges Leben gepflegt?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Wird dann vielleicht, o Bruder, um reiner Wissenschaft willen
beim Erhabenen heiliges Leben gepflegt?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Wie nun, o Bruder: auf die Frage, ›Wird beim Erhabenen um
reiner Tugend willen heiliges Leben gepflegt‹ antwortest du
›Das nicht, o Bruder‹; auf die Frage ›Oder wird, o Bruder, um
reinen Herzens willen beim Erhabenen heiliges Leben gepflegt‹
antwortest du ›Das nicht, o Bruder‹; auf die Frage ›Oder
wird vielleicht, o Bruder, um reiner Erkenntniss willen beim
Erhabenen heiliges Leben gepflegt‹ antwortest du ›Das nicht,
o Bruder‹; auf die Frage ›Oder wird etwa, o Bruder, um reiner
Gewissheit willen beim Erhabenen heiliges Leben gepflegt‹
antwortest du ›Das nicht, o Bruder‹; auf die Frage ›Wird also
vielleicht, o Bruder, um reiner Wissenschaft der Wege willen
beim Erhabenen heiliges Leben gepflegte antwortest du ›Das
nicht, o Bruder‹; auf die Frage ›So wird also, o Bruder, um
reiner Wissenschaft des Pfades willen beim Erhabenen heiliges
Leben gepflegt‹ antwortest du ›Das nicht, o Bruder‹; auf die
Frage ›Wird dann vielleicht, o Bruder, um reiner Wissenschaft
willen beim Erhabenen heiliges Leben gepflegt‹ antwortest du
›Das nicht, o Bruder‹. Um wessen willen, sag’ an, o Bruder,
wird beim Erhabenen heiliges Leben gepflegt?«

»Um hangloser Wahnerlöschung willen, o Bruder, wird beim             148
Erhabenen heiliges Leben gepflegt.«

»Ist da wohl, o Bruder, reine Tugend hanglose Wahnerlöschung?«

»Das nicht, o Bruder.«

»So ist vielleicht, o Bruder, reines Herz hanglose
Wahnerlöschung?«

»Das nicht, o Bruder.«

»So ist wohl, o Bruder, reine Erkenntniss hanglose
Wahnerlöschung?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Ist nun etwa, o Bruder, reine Gewissheit hanglose
Wahnerlöschung?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Oder ist da, o Bruder, reine Wissenschaft der Wege hanglose
Wahnerlöschung?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Oder ist, o Bruder, reine Wissenschaft des Pfades hanglose
Wahnerlöschung?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Oder ist dann, o Bruder, reine Wissenschaft hanglose
Wahnerlöschung?«

»Das nicht, o Bruder.«

»So liegt also, o Bruder, hanglose Wahnerlöschung außerhalb
dieser Dinge?«

»Das nicht, o Bruder.«

»Wie nun, o Bruder: auf die Frage ›Ist da wohl reine Tugend
hanglose Wahnerlöschung‹ antwortest du ›Das nicht, o Bruder‹;
auf die Frage ›So ist vielleicht, o Bruder, reines Herz
hanglose Wahnerlöschung‹ antwortest du ›Das nicht, o Bruder‹;
auf die Frage ›So ist wohl, o Bruder, reine Erkenntnis hanglose
Wahnerlöschung‹ antwortest du ›Das nicht, o Bruder‹; auf die
Frage ›Ist nun etwa, o Bruder, reine Gewissheit hanglose
Wahnerlöschung‹ antwortest du ›Das nicht, o Bruder‹; auf die
Frage ›Oder ist da, o Bruder, reine Wissenschaft der Wege
hanglose Wahnerlöschung‹ antwortest du ›Das nicht, o Bruder‹;
auf die Frage ›Oder ist, o Bruder, reine Wissenschaft des
Pfades hanglose Wahnerlöschung‹ antwortest du ›Das nicht,
o Bruder‹; auf die Frage ›Oder ist dann, o Bruder, reine
Wissenschaft hanglose Wahnerlöschung‹ antwortest du ›Das nicht,
o Bruder‹; auf die Frage ›So liegt also, o Bruder, hanglose
Wahnerlöschung außerhalb dieser Dinge‹ antwortest du ›Das
nicht, o Bruder‹. Wie soll da wohl, o Bruder, dieser Rede Sinn
verstanden werden?«

»Hätte der Erhabene, o Bruder, reine Tugend als hanglose
Wahnerlöschung bezeichnet, so würde ja der Erhabene Hanghaftes
als hanglose Wahnerlöschung bezeichnet haben. Hätte der
Erhabene, o Bruder, reines Herz als hanglose Wahnerlöschung
bezeichnet, so würde ja der Erhabene Hanghaftes als hanglose
Wahnerlöschung bezeichnet haben. Hätte der Erhabene, o Bruder,
reine Erkenntniss als hanglose Wahnerlöschung bezeichnet, so
würde ja der Erhabene Hanghaftes als hanglose Wahnerlöschung
bezeichnet haben. Hätte der Erhabene, o Bruder, reine
Gewissheit als hanglose Wahnerlöschung bezeichnet, so würde ja
der Erhabene Hanghaftes als hanglose Wahnerlöschung bezeichnet
haben. Hätte der Erhabene, o Bruder, reine Wissenschaft der
Wege als hanglose Wahnerlöschung bezeichnet, so würde ja der
Erhabene Hanghaftes als hanglose Wahnerlöschung bezeichnet
haben. Wäre aber, o Bruder, hanglose Wahnerlöschung ohne
diese Dinge möglich, so erlangte der gemeine Mensch die
Wahnerlöschung: denn der gemeine Mensch, o Bruder, ist
ohne diese Dinge. Desshalb will ich dir nun, o Bruder, ein
Gleichniss geben: auch durch Gleichnisse wird da manchem
verständigen Manne der Sinn einer Rede klar. -- Gleichwie
etwa, o Bruder, wenn den König Pasenadi Kosalo, während er in
Sāvatthī residiert, irgend ein dringendes Geschäft nach Sāketam
riefe: da würden für ihn zwischen Sāvatthī und Sāketam sieben        149
Eilposten eingestellt werden. Und der König Pasenadi Kosalo, o
Bruder, verließe seine Burg zu Sāvatthī, bestiege vor dem Thore
die erste Eilpost und führe mit dieser ersten bis zur zweiten.
Dann stiege er aus der ersten in die zweite ein und führe mit
dieser zweiten bis zur dritten. Dann stiege er aus der zweiten
in die dritte ein und führe mit dieser dritten bis zur vierten.
Dann stiege er aus der dritten in die vierte ein und führe
mit dieser vierten bis zur fünften. Dann stiege er aus der
vierten in die fünfte ein und führe mit dieser fünften bis zur
sechsten. Dann stiege er aus der fünften in die sechste ein
und führe mit dieser sechsten bis zur siebenten. Dann stiege
er aus der sechsten in die siebente ein und führe mit der
siebenten Eilpost bis nach Sāketam, vor das Thor seiner Burg.
Dort angekommen frügen ihn Brüder und Vettern, Minister und
Räthe: ›Mit dieser Eilpost, großer König, bist du von Sāvatthī
nach Sāketam gefahren, bis zum Burgthor?‹ Wie möchte da wohl, o
Bruder, der König Pasenadi Kosalo rechten Bescheid ertheilen?«

»Also, o Bruder, möchte der König Pasenadi Kosalo rechten
Bescheid ertheilen: ›Während meiner Anwesenheit in Sāvatthī hat
mich ein bestimmtes wichtiges Ereigniss nach Sāketam gerufen.
Da befahl ich, sieben Eilposten zwischen Sāvatthī und Sāketam
für mich einzustellen. Und ich verließ meine Burg zu Sāvatthī,
bestieg vor dem Thore die erste Eilpost und fuhr mit dieser
ersten bis zur zweiten. Dann stieg ich aus der ersten in die
zweite ein und fuhr mit dieser zweiten bis zur dritten. Dann
stieg ich aus der zweiten in die dritte ein und fuhr mit dieser
dritten bis zur vierten. Dann stieg ich aus der dritten in die
vierte ein und fuhr mit dieser vierten bis zur fünften. Dann
stieg ich aus der vierten in die fünfte ein und fuhr mit dieser
fünften bis zur sechsten. Dann stieg ich aus der fünften in die
sechste ein und fuhr mit dieser sechsten bis zur siebenten.
Dann stieg ich aus der sechsten in die siebente ein und bin
mit der siebenten Eilpost in Sāketam angekommen, hier vor dem
Burgthor.‹ Also, o Bruder, möchte der König Pasenadi Kosalo
rechten Bescheid ertheilen.«

»Ebenso nun auch, o Bruder, führt reine Tugend zu reinem
Herzen, reines Herz zu reiner Erkenntniss, reine Erkenntniss zu
reiner Gewissheit, reine Gewissheit zu reiner Wissenschaft der       150
Wege, reine Wissenschaft der Wege zu reiner Wissenschaft des
Pfades, reine Wissenschaft des Pfades zu reiner Wissenschaft,
reine Wissenschaft zu hangloser Wahnerlöschung. Um hangloser
Wahnerlöschung willen, o Bruder, wird beim Erhabenen heiliges
Leben gepflegt.«

       *       *       *       *       *

Nach diesen Worten sagte der ehrwürdige Sāriputto zum
ehrwürdigen Puṇṇo Mantāṇiputto:

»Wie heißt der Ehrwürdige und unter welchem Namen kennen den
Ehrwürdigen die Ordensbrüder?«

»Puṇṇo heiße ich, o Bruder, und als Mantāṇiputto kennen mich
die Ordensbrüder.«

»Wunderbar, o Bruder, außerordentlich ist es, wie erschöpfend
ein so erfahrener Jünger, ein so gründlicher Kenner des
Meisterwortes, der ehrwürdige Puṇṇo Mantāṇiputto, diese
überaus tiefsinnigen Fragen beantwortet hat. Gesegnet sind
die Ordensbrüder, hochgesegnet sind die Ordensbrüder, denen
der Anblick, denen die Gesellschaft des ehrwürdigen Puṇṇo
Mantāṇiputto gegönnt ist! Und wenn den Ordensbrüdern Anblick
und Gesellschaft des ehrwürdigen Puṇṇo Mantāṇiputto nur
verhüllten Hauptes gegönnt wäre, so wären sie auch dann noch
gesegnet, hochgesegnet. Gesegnet, hochgesegnet sind auch wir,
die wir den Anblick und die Gesellschaft des ehrwürdigen Puṇṇo
Mantāṇiputto genießen!«

Auf diese Worte sagte der ehrwürdige Puṇṇo Mantāṇiputto zum
ehrwürdigen Sāriputto:

»Wie heißt der Ehrwürdige und unter welchem Namen kennen den
Ehrwürdigen die Ordensbrüder?«

»Upatisso heiße ich, o Bruder, und als Sāriputto kennen mich
die Ordensbrüder.«

»Als wir uns mit euch, dem Jünger, der dem Meister gleicht,
wie man sagt, unterhielten, wussten wir nicht: das ist der
ehrwürdige Sāriputto. Hätten wir das gewusst, wären wir nicht
so ausführlich gewesen. Wunderbar, o Bruder, außerordentlich
ist es, wie erschöpfend ein so erfahrener Jünger, ein so
gründlicher Kenner des Meisterwortes, der ehrwürdige Sāriputto,
diese überaus tiefsinnigen Fragen gestellt hat. Gesegnet
sind die Ordensbrüder, hochgesegnet sind die Ordensbrüder,
denen der Anblick, denen die Gesellschaft des ehrwürdigen
Sāriputto gegönnt ist! Und wenn den Ordensbrüdern Anblick
und Gesellschaft des ehrwürdigen Sāriputto nur verhüllten
Hauptes gegönnt wäre, so wären sie auch dann noch gesegnet,
hochgesegnet. Gesegnet, hochgesegnet sind auch wir, die wir          151
den Anblick und die Gesellschaft des ehrwürdigen Sāriputto
genießen!«

So, wahrlich, ergetzten sich jene beiden Großen an
gegenseitiger trefflicher Rede.



                              25.

             Dritter Theil            Fünfte Rede

                          DAS FUTTER


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Nicht streut der Wildsteller, ihr Mönche, dem Wilde Futter
aus in dem Gedanken: ›Von dem Futter, das ich hier ausstreue,
möge das Wild genießen, um gesund zu bleiben und alt zu
werden, lange Zeit hindurch soll es sich davon ernähren‹,
sondern, ihr Mönche, er denkt dabei: ›Von dem Futter, das ich
hier ausstreue, angelockt wird sich das Wild blindem Genusse
ergeben; angelockt, blindem Genusse ergeben wird es behaglich
werden; behaglich geworden wird es sich gehn lassen; und wenn
es sich gehn lässt, wird es in diesem Gehäge meinem Gefallen
überliefert sein.‹

»Da kam, ihr Mönche, die erste Heerde Wildes heran, angelockt
von dem Futter, das der Wildsteller ausgestreut hatte, und
ergab sich blindem Genusse; angelockt, blindem Genusse ergeben
wurden die Thiere behaglich; behaglich geworden ließen sie sich
gehn; und als sie sich gehn ließen, waren sie in jenem Gehäge
dem Gefallen des Wildstellers überliefert. Und so konnte,
ihr Mönche, die erste Heerde Wildes aus dem Machtbereich des
Wildstellers nicht entkommen.

»Da gedachte, ihr Mönche, die zweite Heerde Wildes: ›Jene
Ersten sind von dem ausgestreuten Futter des Wildstellers
angelockt worden, haben sich blindem Genusse ergeben;
angelockt, blindem Genusse ergeben wurden sie behaglich;
behaglich geworden ließen sie sich gehn; und als sie sich gehn       152
ließen, waren sie in jenem Gehäge dem Gefallen des Wildstellers
überliefert. Und so konnten jene Ersten aus des Wildstellers
Machtbereich nicht entkommen. Wir aber wollen uns von allem
ausgestreuten Futter fern halten, fern von der Unglückspeise
tief in den Wald zurückziehn.‹ Und sie hielten sich fern
von allem ausgestreuten Futter, fern von der Unglückspeise
zogen sie sich tief in den Wald zurück. Und im letzten Monat
des Sommers, als Gras und Wasser versiegte, wurden sie
außerordentlich mager; außerordentlich mager geworden verloren
sie die Kraft; entkräftet gingen sie nun zu jenem Futter heran,
das der Wildsteller ausgestreut hatte. Angelockt ergaben sie
sich blindem Genusse; angelockt, blindem Genusse ergeben wurden
sie behaglich; behaglich geworden ließen sie sich gehn; und als
sie sich gehn ließen, waren sie in jenem Gehäge dem Gefallen
des Wildstellers überliefert. Und so konnte, ihr Mönche, auch
die zweite Heerde Wildes aus dem Machtbereich des Wildstellers
nicht entkommen.

»Da gedachte, ihr Mönche, die dritte Heerde Wildes: ›Jene
Ersten und auch jene Zweiten konnten also aus des Wildstellers
Machtbereich nicht entkommen. Wie, wenn wir uns nun in der Nähe      153
jenes Platzes aufhielten, wo der Wildsteller Futter ausstreut?
Dort weilend werden wir nicht angelockt und nicht blindlings
die Nahrung genießen; nicht angelockt und nicht blindlings die
Nahrung genießend werden wir nicht behaglich werden; nicht
behaglich geworden werden wir uns nicht gehn lassen; und wenn
wir uns nicht gehn lassen, werden wir in jenem Gehäge dem
Gefallen des Wildstellers nicht überliefert sein.‹ Und sie
hielten sich in der Nähe jenes Platzes auf, wo der Wildsteller
Futter ausstreute; dort weilend genossen sie nicht angelockt
und nicht blindlings die Nahrung; nicht angelockt und nicht
blindlings die Nahrung genießend wurden sie nicht behaglich;
nicht behaglich geworden ließen sie sich nicht gehn; und da sie
sich nicht gehn ließen, waren sie in jenem Gehäge dem Gefallen
des Wildstellers nicht überliefert. Da sagten sich, ihr Mönche,
der Wildsteller und seine Gesellen: ›Schlau ist wahrhaftig
dieses dritte, gewitzigte Rudel, magische Macht muss dieses
dritte, fremde Rudel besitzen, da es ja hier das ausgestreute
Futter verzehrt und keiner von uns entdecken kann, woher es
kommt, oder wohin es geht! Wir wollen jetzt den Futterplatz mit
großen Pfählen rings umstecken, von allen Seiten, damit wir
vielleicht auf solche Weise auskundschaften, wo sich das dritte
Rudel aufhält, wo es sich verbirgt.‹ Und sie säumten den
Futterplatz ringsumher, von allen Seiten, mit großen Pfählen
ein. Und der Wildsteller und seine Gesellen, ihr Mönche, sahn
nun, wo sich die dritte Heerde Wildes aufhielt, wo sie sich
verbarg. Und so konnte, ihr Mönche, auch die dritte Heerde
Wildes aus dem Machtbereich des Wildstellers nicht entkommen.

»Da gedachte, ihr Mönche, die vierte Heerde Wildes: ›Jene
Ersten und auch jene Zweiten und selbst jene Dritten konnten         154
also aus des Wildstellers Machtbereich nicht entkommen. Wie,
wenn nun wir eine Stätte aufsuchten, die dem Wildsteller und
seinen Gesellen unzugänglich wäre? Von dort aus mögen wir
kommen und nicht angelockt und nicht blindlings die Nahrung
genießen; nicht angelockt und nicht blindlings die Nahrung
genießend werden wir nicht behaglich werden; nicht behaglich
geworden werden wir uns nicht gehn lassen; und wenn wir uns
nicht gehn lassen, werden wir in jenem Gehäge dem Gefallen           155
des Wildstellers nicht überliefert sein.‹ Und sie suchten
eine Stätte auf, die dem Wildsteller und seinen Gesellen
unzugänglich blieb; von dort aus kamen sie und genossen nicht
angelockt und nicht blindlings die Nahrung; nicht angelockt
und nicht blindlings die Nahrung genießend wurden sie nicht
behaglich; nicht behaglich geworden ließen sie sich nicht
gehn; und da sie sich nicht gehn ließen, waren sie in jenem
Gehäge dem Gefallen des Wildstellers nicht überliefert. Da
sagten sich, ihr Mönche, der Wildsteller und seine Gesellen:
›Schlau ist wahrlich dieses vierte, gewitzigte Rudel, magische
Macht muss dieses vierte, fremde Rudel besitzen, da es ja
hier das ausgestreute Futter verzehrt und keiner von uns
entdecken kann, woher es kommt oder wohin es geht! Wir wollen
diesen Futterplatz mit großen Pfählen rings umstecken, von
allen Seiten, und glücklich erspähen, wo sich das vierte Rudel
aufhält, wo es sich verbirgt.‹ Und sie säumten den Futterplatz
von allen Seiten mit großen Pfählen ringsherum ein. Aber der
Wildsteller und seine Gesellen, ihr Mönche, fanden keine Spur
zu dem Orte, wo sich die vierte Heerde Wildes aufhielt, wo sie
sich verbarg. Da sagten sich, ihr Mönche, der Wildsteller und
seine Gesellen: ›Wenn wir nun das vierte Rudel verscheuchen
wollten, so würde dieses, verscheucht, andere verscheuchen,
diese anderen wieder andere, und so möchte das Futter, das wir
hier ausstreuen, von allem Wilde gemieden werden: lasset uns
doch über das vierte Rudel hinwegsehn!‹ Und der Wildsteller und
seine Gesellen, ihr Mönche, sahn über die vierte Heerde Wildes
hinweg. Und so konnte, ihr Mönche, die vierte Heerde Wildes aus
dem Machtbereich des Wildstellers entkommen.

       *       *       *       *       *

»Ein Gleichniss habe ich da, meine Mönche, gegeben, um den
Sinn zu erklären. Das aber ist nun der Sinn. Das Futter: das
ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung der fünf Begehrungen. Der
Wildsteller: das ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung der Natur,
der bösen.[17] Die Gesellen des Wildstellers: das ist, ihr
Mönche, eine Bezeichnung der Gesellen der Natur. Die Heerde
Wildes: das ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung der Asketen und
Büßer.

»Da haben sich, ihr Mönche, die ersten Asketen und Büßer,
angelockt von dem Futter, das die Natur ausstreut, von der           156
Lust an der Welt, blindem Genusse ergeben; angelockt, blindem
Genusse ergeben wurden sie behaglich; behaglich geworden ließen
sie sich gehn; und als sie sich gehn ließen, waren sie in jenem
Gehäge, in jener Lust an der Welt, dem Gefallen der Natur
überliefert. Und so konnten, ihr Mönche, die ersten Asketen und
Büßer aus dem Machtbereich der Natur nicht entkommen. Wie die
erste Heerde Wildes, ihr Mönche, erscheinen mir diese ersten
Asketen und Büßer.

»Da gedachten, ihr Mönche, die zweiten Asketen und Büßer:
›Jene ersten Asketen und Büßer sind von dem Futter, das die
Natur ausstreut, von der Lust an der Welt, angelockt worden,
haben sich blindem Genusse ergeben; angelockt, blindem Genusse
ergeben wurden sie behaglich; behaglich geworden ließen sie
sich gehn; und als sie sich gehn ließen, waren sie in jenem
Gehäge, in jener Lust an der Welt, dem Gefallen der Natur
überliefert. Und so konnten jene ersten Asketen und Büßer aus
dem Machtbereich der Natur nicht entkommen. Wir aber wollen
uns von allem Futtergenusse, von aller Weltlust, fern halten,
fern von der Unglücksspeise tief in den Wald zurückziehn.‹
Und sie hielten sich fern von allem Futtergenusse, von aller
Weltlust, fern von der Unglücksspeise zogen sie sich tief in
den Wald zurück. Und sie lebten von Kräutern und Pilzen, von
wildem Reis und Korn, von Saamen und Kernen, von Pflanzenmilch
und Baumharz, von Gräsern, von Kuhmist, fristeten sich von
Wurzeln und Früchten des Waldes, lebten von abgefallenen
Früchten. Und im letzten Monat des Sommers, als Gras und Wasser
versiegte, wurden sie außerordentlich mager; außerordentlich
mager geworden verloren sie die Kraft; entkräftet verloren
sie die Geistesruhe; verstört gingen sie nun zu jenem Futter
heran, das die Natur ausstreut, zu jener Lust an der Welt.
Angelockt ergaben sie sich blindem Genusse; angelockt, blindem
Genusse ergeben wurden sie behaglich; behaglich geworden
ließen sie sich gehn; und als sie sich gehn ließen, waren
sie in jenem Gehäge, in jener Lust an der Welt, dem Gefallen
der Natur überliefert. Und so konnten, ihr Mönche, auch die
zweiten Asketen und Büßer aus dem Machtbereich der Natur nicht
entkommen. Wie die zweite Heerde Wildes, ihr Mönche, erscheinen      157
mir diese zweiten Asketen und Büßer.

»Da gedachten, ihr Mönche, die dritten Asketen und Büßer: ›Jene
Ersten und auch jene Zweiten konnten also aus dem Machtbereich
der Natur nicht entkommen. Wie, wenn wir uns nun in der Nähe
des Futters aufhielten, das die Natur ausstreut, in der Nähe
der weltlichen Lust? Dort weilend werden wir nicht angelockt
und nicht blindlings die Nahrung genießen; nicht angelockt
und nicht blindlings die Nahrung genießend werden wir nicht
behaglich werden; nicht behaglich geworden werden wir uns
nicht gehn lassen; und wenn wir uns nicht gehn lassen, werden
wir in jenem Gehäge, in jener Lust an der Welt, dem Gefallen
der Natur nicht überliefert sein.‹ Und sie hielten sich in
der Nähe des Futters auf, das die Natur ausstreut, in der
Nähe der weltlichen Lust; dort weilend genossen sie nicht
angelockt und nicht blindlings die Nahrung; nicht angelockt
und nicht blindlings die Nahrung genießend wurden sie nicht
behaglich; nicht behaglich geworden ließen sie sich nicht
gehn; und da sie sich nicht gehn ließen, waren sie in jenem
Gehäge, in jener Lust an der Welt, dem Gefallen der Natur nicht
überliefert. Aber sie bekamen nun Ansichten wie: ›Ewig ist die
Welt‹ oder ›Zeitlich ist die Welt‹, ›Endlich ist die Welt‹
oder ›Unendlich ist die Welt‹, ›Seele und Leib sind ein und
dasselbe‹ oder ›Anders ist die Seele, anders der Leib‹, ›Der
Vollendete besteht nach dem Tode‹ oder ›Der Vollendete besteht
nicht nach dem Tode‹ oder ›Der Vollendete besteht und besteht
nicht nach dem Tode‹ oder ›Weder besteht noch besteht nicht der
Vollendete nach dem Tode‹. Und so konnten, ihr Mönche, auch die      158
dritten Asketen und Büßer aus dem Machtbereich der Natur nicht
entkommen. Wie die dritte Heerde Wildes, ihr Mönche, erscheinen
mir diese dritten Asketen und Büßer.

»Da gedachten, ihr Mönche, die vierten Asketen und Büßer: ›Jene
Ersten und auch jene Zweiten und selbst jene Dritten konnten
also aus dem Machtbereich der Natur nicht entkommen. Wie,
wenn nun wir eine Stätte aufsuchten, die der Natur und ihren
Gesellen unzugänglich wäre? Von dort aus mögen wir herantreten
zu dem Futter, das die Natur ausstreut, zu der weltlichen Lust,
und nicht angelockt und nicht blindlings die Nahrung genießen;
nicht angelockt und nicht blindlings die Nahrung genießend
werden wir nicht behaglich werden; nicht behaglich geworden
werden wir uns nicht gehn lassen; und wenn wir uns nicht gehn
lassen, werden wir in jenem Gehäge, in jener Lust an der Welt,
dem Gefallen der Natur nicht überliefert sein.‹ Und sie suchten
eine Stätte auf, die der Natur und ihren Gesellen unzugänglich
blieb; von dort aus traten sie heran zu dem Futter, das die          159
Natur ausstreut, zu der weltlichen Lust, und genossen nicht
angelockt und nicht blindlings die Nahrung; nicht angelockt
und nicht blindlings die Nahrung genießend wurden sie nicht
behaglich; nicht behaglich geworden ließen sie sich nicht
gehn; und da sie sich nicht gehn ließen, waren sie in jenem
Gehäge, in jener Lust an der Welt, dem Gefallen der Natur nicht
überliefert. Und so konnten, ihr Mönche, die vierten Asketen
und Büßer aus dem Machtbereich der Natur entkommen. Wie die
vierte Heerde Wildes, ihr Mönche, erscheinen mir diese vierten
Asketen und Büßer.

»Wie aber, ihr Mönche, ist der Natur und ihren Gesellen
der Zugang verwehrt? Da weilt, ihr Mönche, ein Mönch, gar
fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe
der ersten Schauung. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch
genannt: geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens erreicht der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie,
in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der
zweiten Schauung. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der
dritten Schauung. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt,
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen,
Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen gewinnt der Mönch in dem
Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten
Raumes. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt: geblendet
hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge, entschwunden ist
er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
unbegränzten Raumsphäre gewinnt der Mönch in dem Gedanken
›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des unbegränzten
Bewusstseins.[18] Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
unbegränzten Bewusstseinsphäre gewinnt der Mönch in dem              160
Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins. Ein
solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt: geblendet hat er die
Natur, spurlos vertilgt ihr Auge, entschwunden ist er der
bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
Nichtdaseinsphäre erreicht der Mönch die Gränzscheide möglicher
Wahrnehmung. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
Gränzscheide möglicher Wahrnehmung erreicht der Mönch die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit, und des weise Sehenden Wahn
ist aufgehoben. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen, entronnen der Weltlichkeit.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              26.

             Dritter Theil            Sechste Rede

                       DAS HEILIGE ZIEL


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Und der
Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und ging
nach der Stadt um Almosenspeise. Da nun begaben sich viele
Mönche zum ehrwürdigen Ānando und sagten zu ihm:

»Lang’ ist es her, Bruder Ānando, seitdem wir vom Munde des
Erhabenen ein lehrreiches Gespräch gehört haben: gut wär’ es,
Bruder Ānando, wenn wir vom Munde des Erhabenen ein lehrreiches
Gespräch zu hören bekämen.«

»Wohlan, Ehrwürdige, so begebt euch zur Klause des Brāhmanen
Rammako, vielleicht werdet ihr vom Munde des Erhabenen ein
lehrreiches Gespräch zu hören bekommen.«

»Das wollen wir thun, Bruder!« erwiderten da jene Mönche dem
ehrwürdigen Ānando.

Nachdem nun der Erhabene in Sāvatthī von Haus zu Haus getreten
und vom Almosengange zurückgekehrt war, wandte er sich nach dem
Mahle an den ehrwürdigen Ānando:

»Komm’, Ānando, lass’ uns in den Osthain gehn, zu Mutter
Migāros Terrasse, und bis gegen Abend dort verweilen.«

»Wohl, o Herr!« erwiderte der ehrwürdige Ānando dem Erhabenen.

Und der Erhabene begab sich nun mit dem ehrwürdigen Ānando in        161
den Osthain, zu Mutter Migāros Terrasse, für den Tag.

Als nun der Erhabene gegen Abend die Gedenkensruhe beendet
hatte, wandte er sich zum ehrwürdigen Ānando:

»Komm’, Ānando, gehn wir ins Alte Bad, die Glieder erfrischen.«

»Wohl, o Herr!« erwiderte der ehrwürdige Ānando dem Erhabenen.

Und der Erhabene ging nun mit dem ehrwürdigen Ānando ins Alte
Bad, die Glieder erfrischen. Nachdem der Erhabene seine
Glieder im Alten Bade besprengt und bespült hatte, nahm er
eines seiner drei Kleidungstücke um und ließ die Glieder
vorerst trocknen.[19] Da nun sprach der ehrwürdige Ānando zum
Erhabenen also:

»Jene Klause des Brāhmanen Rammako, o Herr, ist nicht weit von
hier, entzückend gelegen, o Herr, in heiterer Ruhe. Gut wär’
es, o Herr wenn der Erhabene sich dorthin begeben möchte, von
Mitleid bewogen!«

Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte. Und der Erhabene
begab sich nun zur Klause des Brāhmanen Rammako.

Um diese Zeit aber waren dort viele Mönche in lehrreichem
Gespräche versammelt. Da blieb der Erhabene vor dem Thore
der Klause stehn und wartete das Ende des Gespräches ab. Als
nun der Erhabene merkte, das Gespräch sei zu Ende, räusperte
er sich und schlug mit dem Klopfer an; jene Mönche aber
öffneten dem Erhabenen die Pforte. Und der Erhabene betrat
nun die Klause des Brāhmanen Rammako und setzte sich auf den
dargebotenen Sitz. Hierauf wandte sich der Erhabene an die
Mönche:

»Zu welchem Gespräch, ihr Mönche, seid ihr jetzt hier
zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?«

»Um des Erhabenen willen, o Herr, haben wir ein lehrreiches
Gespräch unterbrochen: denn der Erhabene ist gekommen!«

»Gut, meine Mönche, das steht euch an, meine Mönche, die ihr
als edle Söhne von Zuversicht bewogen aus dem Hause in die
Hauslosigkeit gewandert seid, dass ihr zu lehrreichem Gespräche
zusammenkommet. Trefft ihr euch, meine Mönche, so geziemt euch
zweierlei: lehrreiches Gespräch oder heiliges Schweigen.

       *       *       *       *       *

»Zwei Ziele, ihr Mönche, giebt es: das heilige Ziel und das
unheilige Ziel. Was ist aber, ihr Mönche, das unheilige Ziel?
Da sucht, ihr Mönche, einer, selber der Geburt unterworfen,          162
was auch der Geburt unterworfen ist; selber dem Altern
unterworfen sucht er was auch dem Altern unterworfen ist;
selber der Krankheit unterworfen sucht er was auch der
Krankheit unterworfen ist; selber dem Sterben unterworfen
sucht er was auch dem Sterben unterworfen ist; selber dem
Schmerz unterworfen sucht er was auch dem Schmerze unterworfen
ist; selber dem Schmutz unterworfen sucht er was auch dem
Schmutze unterworfen ist. Was aber, ihr Mönche, nennet ihr der
Geburt unterworfen? Weib und Kind, ihr Mönche, ist der Geburt
unterworfen, Knecht und Magd ist der Geburt unterworfen, Lamm
und Ziege ist der Geburt unterworfen, Schwein und Hahn ist der
Geburt unterworfen, Elephant und Rind, Hengst und Stute ist der
Geburt unterworfen, Gold und Silber ist der Geburt unterworfen.
Der Geburt unterworfen sind diese Gebilde, ihr Mönche; und da
sucht man verlockt, geblendet, hingerissen, selber der Geburt
unterworfen was auch der Geburt unterworfen ist. Was aber, ihr
Mönche, nennet ihr dem Altern, der Krankheit, dem Sterben, dem
Schmerze, dem Schmutze unterworfen? Weib und Kind, ihr Mönche,
Knecht und Magd, Lamm und Ziege, Schwein und Hahn, Elephant und
Rind, Hengst und Stute, Gold und Silber ist dem Altern, der
Krankheit, dem Sterben, dem Schmerze, dem Schmutze unterworfen.
Dem Altern, der Krankheit, dem Sterben, dem Schmerze, dem
Schmutze unterworfen sind diese Gebilde, ihr Mönche; und
da sucht man verlockt, geblendet, hingerissen, selber dem
Altern, der Krankheit, dem Sterben, dem Schmerze, dem Schmutze
unterworfen was auch dem Altern, der Krankheit, dem Sterben,
dem Schmerze, dem Schmutze unterworfen ist. Das ist, ihr
Mönche, das unheilige Ziel.

»Was ist aber, ihr Mönche, das heilige Ziel? Da sucht, ihr
Mönche, einer, selber der Geburt unterworfen, das Elend              163
dieses Naturgesetzes merkend, die geburtlose unvergleichliche
Sicherheit, die Wahnerlöschung; selber dem Altern unterworfen,
das Elend dieses Naturgesetzes merkend, sucht er die alterlose
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung; selber der
Krankheit unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes merkend,
sucht er die krankheitlose unvergleichliche Sicherheit, die
Wahnerlöschung; selber dem Sterben unterworfen, das Elend
dieses Naturgesetzes merkend, sucht er die unsterbliche
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung; selber dem
Schmerze unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes merkend,
sucht er die unbeschmerzte unvergleichliche Sicherheit, die
Wahnerlöschung; selber dem Schmutze unterworfen, das Elend
dieses Naturgesetzes merkend, sucht er die unbeschmutzte
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung. Das ist, ihr
Mönche, das heilige Ziel.

»Auch ich habe einst, ihr Mönche, noch vor der vollen
Erwachung, als unvollkommen Erwachter, Erwachung erst
Erringender, selber der Geburt unterworfen, gesucht was auch
der Geburt unterworfen ist; selber dem Altern unterworfen,
gesucht was auch dem Altern unterworfen ist; selber der
Krankheit unterworfen, gesucht was auch der Krankheit
unterworfen ist; selber dem Sterben unterworfen, gesucht
was auch dem Sterben unterworfen ist; selber dem Schmerz
unterworfen, gesucht was auch dem Schmerze unterworfen ist;
selber dem Schmutz unterworfen, gesucht was auch dem Schmutze
unterworfen ist.

»Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Was suche ich denn,
selber der Geburt, dem Altern, der Krankheit, dem Sterben,
dem Schmerze, dem Schmutze unterworfen, was auch der Geburt,
dem Altern, der Krankheit, dem Sterben, dem Schmerze, dem
Schmutze unterworfen ist? Wie, wenn ich nun, selber der Geburt
unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes merkend, die
geburtlose unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung
suchte? Selber dem Altern unterworfen, das Elend dieses
Naturgesetzes merkend, die alterlose unvergleichliche
Sicherheit, die Wahnerlöschung suchte? Selber der Krankheit
unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes merkend, die
krankheitlose unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung
suchte? Selber dem Sterben unterworfen, das Elend dieses
Naturgesetzes merkend, die unsterbliche unvergleichliche
Sicherheit, die Wahnerlöschung suchte? Selber dem Schmerz
unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes merkend, die
unbeschmerzte unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung
suchte? Selber dem Schmutze unterworfen, das Elend dieses
Naturgesetzes merkend, die unbeschmutzte unvergleichliche
Sicherheit, die Wahnerlöschung suchte?‹

»Und ich zog, ihr Mönche, nach einiger Zeit, noch in frischer
Blüthe, glänzend dunkelhaarig, im Genusse glücklicher Jugend,
im ersten Mannesalter, gegen den Wunsch meiner weinenden und
klagenden Eltern, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem
Gewande bekleidet, vom Hause fort in die Hauslosigkeit hinaus.

»Also Pilger geworden, das wahre Gut suchend, nach dem
unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, begab ich
mich zu Āḷāro Kālāmo und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder
Kālāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹
Hierauf, ihr Mönche, erwiderte mir Āḷāro Kālāmo: ›Bleibt,
Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger
Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft             164
begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz erlangen
kann.‹ Und ich begriff, ihr Mönche, binnen kurzem, sehr bald
diese Lehre. Ich lernte nun soviel, ihr Mönche, als Lippen
und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das
Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir
kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke:
›Āḷāro Kālāmo verkündet nicht die ganze Lehre nach seinem
Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’
ich in ihrem Besitze‘, sicher kennt Āḷāro Kālāmo diese Lehre
genau.‹ Ich ging nun, ihr Mönche, zu Āḷāro Kālāmo hin und
sprach also: ›Inwiefern, Bruder Kālāmo, erklärst du, dass wir
diese Lehre begriffen, uns offenbar gemacht und ihren Besitz
erlangt haben?‹ Hierauf, ihr Mönche, stellte Āḷāro Kālāmo
das Reich des Nichtdaseins dar. Da kam mir, ihr Mönche, der
Gedanke: ›Nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Zuversicht, ich aber
habe Zuversicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Standhaftigkeit,
ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat
Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo
hat Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung; nicht
einmal Āḷāro Kālāmo hat Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie,
wenn ich nun diese Lehre, von welcher Āḷāro Kālāmo sagt ‚Mir
selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem
Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar
würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, ihr Mönche, hatte ich
diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz
erlangt. Ich ging nun, ihr Mönche, wieder zu Āḷāro Kālāmo hin
und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder Kālāmo, insofern
von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ --
›Insofern, o Bruder, ist diese Lehre begriffen, offenbar
gemacht und erlangt worden.‹ -- ›Ich habe nun, Bruder Kālāmo,
diese Lehre insofern begriffen, mir offenbar gemacht und
erlangt.‹ -- ›Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die
wir einen solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken!
So wie ich die Lehre verkünde, so hast du sie erlangt; so wie        165
du sie erlangt hast, so verkünde ich die Lehre. So wie ich
die Lehre kenne, so kennst du die Lehre; so wie du die Lehre
kennst, so kenne ich die Lehre. So wie ich bin, so bist du; so
wie du bist, so bin ich. Komm’ denn, Bruder: selbander wollen
wir diese Jüngerschaar lenken.‹ So, ihr Mönche, erklärte Āḷāro
Kālāmo, mein Lehrer, mich, seinen Schüler, als ihm ebenbürtig
und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir, ihr Mönche, der
Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr, zur Wendung, zur
Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung, zur Erwachung,
zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das Reich des
Nichtdaseins.‹ Und ich fand diese Lehre ungenügend, ihr Mönche,
und unbefriedigt von ihr zog ich fort.

»Ich begab mich nun, ihr Mönche, das wahre Gut suchend, nach
dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, zu
Uddako, dem Sohne Rāmos, und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder
Rāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹
Hierauf, ihr Mönche, erwiderte mir Uddako Rāmaputto: ›Bleibt,
Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger
Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft
begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz erlangen
kann.‹ Und ich begriff, ihr Mönche, binnen kurzem, sehr bald
diese Lehre. Ich lernte nun soviel, ihr Mönche, als Lippen
und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das
Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir
kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke:
›Rāmo hat nicht die ganze Lehre nach seinem Glauben ‚Mir
selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem
Besitze‘ verkündet, sicher hat Rāmo diese Lehre genau gekannt.‹
Ich ging nun, ihr Mönche, zu Uddako, dem Sohne Rāmos, hin und
sprach also: ›Inwiefern, Bruder, hat Rāmo diese Lehre als von
uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt erklärt?‹ Hierauf,
ihr Mönche, stellte Uddako, der Sohn Rāmos, die Gränzscheide
möglicher Wahrnehmung dar. Da kam mir, ihr Mönche, der
Gedanke: ›Nicht einmal Rāmo hatte Zuversicht, ich aber habe
Zuversicht; nicht einmal Rāmo hatte Standhaftigkeit, ich aber        166
habe Standhaftigkeit; nicht einmal Rāmo hatte Einsicht, ich
aber habe Einsicht; nicht einmal Rāmo hatte Selbstvertiefung,
ich aber habe Selbstvertiefung; nicht einmal Rāmo hatte
Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie, wenn ich nun diese
Lehre, von welcher Rāmo sagte ‚Mir selbst begreiflich und
offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem Besitze‘, mir anzueignen
suchte, damit sie mir völlig klar würde?‹ Und binnen kurzem,
sehr bald, ihr Mönche, hatte ich diese Lehre begriffen, mir
offenbar gemacht und ihren Besitz erlangt. Ich ging nun, ihr
Mönche, wieder zu Uddako Rāmaputto hin und sprach also: ›Ist
diese Lehre, Bruder, der Darlegung Rāmos gemäß insofern von uns
begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ -- ›Insofern,
Bruder, hat Rāmo diese Lehre als begriffen, offenbar gemacht
und erlangt dargestellt.‹ -- ›Ich habe nun, Bruder, diese Lehre
insofern begriffen, mir offenbar gemacht und erlangt.‹ --
›Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die wir einen
solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken! So wie Rāmo
die Lehre verkündet hat, so hast du die Lehre erlangt; so wie
du sie erlangt hast, so hat Rāmo die Lehre verkündet. So wie
Rāmo die Lehre gekannt hat, so kennst du die Lehre; so wie du
die Lehre kennst, so hat Rāmo die Lehre gekannt. So wie Rāmo
war, so bist du; so wie du bist, so war Rāmo. Komm’ denn, o
Bruder: sei du das Haupt dieser Jüngerschaar.‹ So, ihr Mönche,
belehnte Uddako Rāmaputto, mein Ordensbruder, mich mit der
Meisterschaft und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir, ihr
Mönche, der Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr, zur
Wendung, zur Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung, zur
Erwachung, zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das Reich
der Gränze möglicher Wahrnehmung.‹ Und ich fand diese Lehre
ungenügend, ihr Mönche, und unbefriedigt von ihr zog ich fort.

»Ich wanderte nun, ihr Mönche, das wahre Gut suchend, nach
dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, im
Magadhā-Lande von Ort zu Ort und kam in die Nähe der Burg            167
Uruvelā. Dort sah ich einen entzückenden Fleck Erde: einen
heiteren Waldesgrund, einen hell strömenden Fluss, zum Baden
geeignet, erfreulich, und rings umher Wiesen und Felder. Da kam
mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Entzückend, wahrlich, ist dieser
Fleck Erde! Heiter ist der Waldesgrund, der Fluss strömt hell
dahin, zum Baden geeignet, erfreulich, und rings umher liegen
Wiesen und Felder. Das genügt wohl einem Askese begehrenden
edlen Sohne zur Askese.‹ Und ich setzte mich nun, ihr Mönche,
dort nieder: ›Das genügt zur Askese.‹

»Und der ich, ihr Mönche, selber der Geburt unterworfen,
das Elend dieses Naturgesetzes merkend, die geburtlose
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung suchte,
fand die geburtlose unvergleichliche Sicherheit, die
Wahnerlöschung; der ich, selber dem Altern unterworfen,
das Elend dieses Naturgesetzes merkend, die alterlose
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung suchte, fand
die alterlose unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung;
der ich, selber der Krankheit unterworfen, das Elend dieses
Naturgesetzes merkend, die krankheitlose unvergleichliche
Sicherheit, die Wahnerlöschung suchte, fand die krankheitlose
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung; der ich,
selber dem Sterben unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes
merkend, die unsterbliche unvergleichliche Sicherheit, die
Wahnerlöschung suchte, fand die unsterbliche unvergleichliche
Sicherheit, die Wahnerlöschung; der ich, selber dem Schmerze
unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes merkend, die
unbeschmerzte unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung
suchte, fand die unbeschmerzte unvergleichliche Sicherheit,
die Wahnerlöschung; der ich, selber dem Schmutze unterworfen,
das Elend dieses Naturgesetzes merkend, die unbeschmutzte
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung suchte,
fand die unbeschmutzte unvergleichliche Sicherheit, die
Wahnerlöschung. Die klare Gewissheit ging mir nun auf:

    ›Für ewig bin erlöst ich,
    Das ist das letzte Leben,
    Und nicht mehr giebt es Wiedersein.‹

»Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Entdeckt hab’ ich diese
tiefe Satzung, die schwer zu gewahren, schwer zu erkunden
ist, die stille, erlesene, unbekrittelbare, feine, Weisen
erfindliche. Vergnügen aber sucht ja dieses Geschlecht,
Vergnügen liebt es, Vergnügen schätzt es. Dem Vergnügen
suchenden Geschlechte nun aber, Vergnügen liebenden, Vergnügen
schätzenden ist ein solches Ding kaum verständlich: als wie
das auf gewisse Weise bedingt sein, die bedingte Entstehung;
und auch ein solches Ding wird es kaum verstehn: eben dieses
Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das
Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung. Wenn      168
ich also die Satzung darlege und die anderen mich doch nicht
begreifen, so ist mir Plage gewiss und Anstoß.‹ Und es sind da,
ihr Mönche, diese naturgemäßen Sprüche mir aufgeleuchtet, die
vorher nie gehörten:

    ›Mit heißer Mühe was ich fand
    Nun offenbaren wär’ umsonst:
    Das gier- und hassverzehrte Volk
    Ist solcher Satzung nicht geneigt.

    ›Die stromentgegen gehende
    Tief innig zart verborgene
    Bleibt Gierergetzten unsichtbar
    In dichter Finsterniss verhüllt.‹

»Also erwägend, ihr Mönche, neigte sich mein Gemüth zur
Verschlossenheit, nicht zur Darlegung der Lehre. Da nun
gewahrte, ihr Mönche, Brahmā Sahampati[20] meines Herzens
Bedenken und klagte: ›Verderben, ach, wird ja die Welt, elend
verderben, wenn des Vollendeten, Heiligen, vollkommen Erwachten
Gemüth sich zur Verschlossenheit neigt und nicht zur Darlegung
der Lehre!‹ Da verschwand nun, ihr Mönche, Brahmā Sahampati,
so schnell wie etwa ein kräftiger Mann den eingezogenen Arm
ausstrecken oder den ausgestreckten Arm einziehn mag, aus der
Brahmawelt und erschien vor mir. Da nun entblößte, ihr Mönche,
Brahmā Sahampati eine Schulter, faltete die Hände zu mir und
sprach hierauf also:

›O dass doch der Erhabene, o Herr, die Lehre darlege, o dass
doch der Willkommene die Lehre darlege! Es giebt Wesen edlerer
Art: ohne Gehör der Lehre verlieren sie sich; sie werden die
Lehre verstehn.‹

»Das sagte, ihr Mönche, Brahmā Sahampati; und hierauf sprach er
fernerhin also:

    ›Verkündet ward in Magadhā Verkehrtes,
    Vertrübte Lehre von Unreinen ausgedacht:
    Eröffne du jetzt dieses Thor des Lebens,
    Der Reine weise zur entdeckten Wahrheit uns.

    ›Wie einer, der am Gipfel hoher Berge steht
    Und in die Lande blickt nach allen Seiten hin,
    So blick’, Allauge du, vom Thurm der Wahrheit
    In dieses Schmerzenreich, du Schmerzenlöser!
    Sieh’ hin, o Weiser, auf das Sein:
    Entstehn-Vergehn ist seine Pein.

    ›Wohlan, o Helde, siegreicher Kampfesherr,                       169
    Geh’ hin zur Welt, entsühnt, o Meisterführer du!
    Die Lehre mögest, Herr, verkünden:
    Es werden sich Verständige finden.‹

»Auf das Anliegen Brahmās nun, ihr Mönche, und aus Erbarmen
zu den Wesen blickte ich mit dem erwachten Auge in die Welt.
Und ich sah, ihr Mönche, mit dem erwachten Auge in die Welt
blickend, Wesen edlerer Art und gemeinerer Art, scharfsinnige
und stumpfsinnige, gut begabte und schlecht begabte, leicht
begreifende und schwer begreifende und auch manche, die das
Anpreisen einer anderen Welt für arg erachten. Gleichwie
etwa, ihr Mönche, in einem Lotusweiher einzelne blaue oder
rothe oder weiße Lotusrosen im Wasser entstehn, im Wasser
sich entwickeln, unter dem Wasserspiegel bleiben, aus der
Wassertiefe Nahrung aufsaugen; einzelne blaue oder rothe oder
weiße Lotusrosen im Wasser entstehn, im Wasser sich entwickeln,
bis zum Wasserspiegel dringen; einzelne blaue oder rothe oder
weiße Lotusrosen im Wasser entstehn, im Wasser sich entwickeln,
über das Wasser emporsteigen und dastehn unbenetzt von Wasser:
ebenso nun auch, ihr Mönche, sah ich, mit dem erwachten Auge
in die Welt blickend, Wesen edlerer Art und gemeinerer Art,
scharfsinnige und stumpfsinnige, gut begabte und schlecht
begabte, leicht begreifende und schwer begreifende und auch
manche, die das Anpreisen einer anderen Welt für arg erachten.

»Und ich erwiderte nun, ihr Mönche, Brahmā Sahampati’n mit
dem Spruche:

    »Erschlossen sind zur Ewigkeit die Thore:
    Wer Ohren hat zu hören komm’ und höre.
    Den Anstoß ahnend wahrt’ ich unberedsam
    Das köstlich Edle vor den Menschen, Brahmā.«

»Da nun, ihr Mönche, sagte Brahmā Sahampati: ›Gewährung
hat mir der Erhabene verheißen, die Lehre darzulegen‹,
begrüßte mich ehrerbietig, ging rechts herum und war alsbald
verschwunden.

»Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Wem könnt’ ich nun
wohl zuerst die Lehre darlegen, wer wird diese Lehre gar bald
begreifen?‹ Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Jener Āḷāro
Kālāmo ist weise, entfremdet, tiefsinnig, lebt seit langer
Zeit der Entsagung; wenn ich nun ihm zuerst die Lehre darlege,       170
wird er diese Lehre gar bald begreifen.‹ Da nun kamen, ihr
Mönche, Gottheiten zu mir und sagten: ›Vor sieben Tagen, o
Herr, ist Āḷāro Kālāmo gestorben.‹ Die klare Gewissheit ging
mir nun auf: ›Vor sieben Tagen ist Āḷāro Kālāmo gestorben.‹ Da
kam mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Ein großer Geist war Āḷāro
Kālāmo: hätte er diese Lehre vernommen, er hätte sie gar bald
begriffen.‹ Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Wem könnt’
ich nun wohl zuerst die Lehre darlegen, wer wird diese Lehre
gar bald begreifen?‹ Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke:
›Jener Uddako Rāmaputto ist weise, entfremdet, tiefsinnig, lebt
seit langer Zeit der Entsagung; wenn ich nun ihm zuerst die
Lehre darlege, wird er diese Lehre gar bald begreifen.‹ Da nun
kamen, ihr Mönche, Gottheiten zu mir und sagten: ›Am Abend, o
Herr, ist Uddako Rāmaputto gestorben.‹ Die klare Gewissheit
ging mir nun auf: ›Am Abend ist Uddako Rāmaputto gestorben.‹
Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Ein großer Geist war
Uddako Rāmaputto: hätte er diese Lehre vernommen, er hätte sie
gar bald begriffen.‹ Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Wem
könnt’ ich nun wohl zuerst die Lehre darlegen, wer wird diese
Lehre gar bald begreifen?‹ Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke:
›Zugethan sind mir ja die Fünf verbündeten Mönche, die meiner
warteten, als ich mich der Askese hingab; wie, wenn ich nun
zuerst den Fünf verbündeten Mönchen die Lehre darlegen möchte?‹
Da kam mir, ihr Mönche, der Gedanke: ›Wo weilen wohl jetzt
die Fünf verbündeten Mönche?‹ Und ich sah, ihr Mönche, mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, den Aufenthalt der Fünf verbündeten Mönche
bei Benāres, am Sehersteine, im Wildparke.[21] Und ich begab
mich nun, ihr Mönche, da ich in Uruvelā nach Belieben geweilt
hatte, auf die Wanderung nach Benāres.

»Da begegnete mir, ihr Mönche, Upako, ein Nackter Büßer, auf
dem Wege vom Baum der Erwachung nach Gayā, und als er mich
gesehen hatte sprach er also zu mir:

›Heiter, o Bruder, ist dein Angesicht, hell die Hautfarbe und
rein! Um wessen willen, o Bruder, bist du hinausgezogen? Wer
ist wohl dein Meister? Oder zu wessen Lehre bekennst du dich?‹

»Auf diese Worte, ihr Mönche, sprach ich zu Upako dem Nackten        171
Büßer die Sprüche:

    »Allüberwinder, Allerkenner bin ich,
    Von allen Dingen ewig abgeschieden,
    Verlassend alles, lebenswahngeläutert,
    Durch mich allein belehrt, wen kann ich nennen?

    »Kein Lehrer hat mich aufgeklärt,
    Kein Wesen giebt es, das mir gleicht,
    Die Welt mit ihren Göttern hat
    Nicht Einen Ebenbürtigen.

    »Denn ich bin ja der Herr der Welt,
    Der höchste Meister, der bin ich,
    Ein einzig Allvollendeter,
    Vollkommen Wahnerloschener.

    »Der Wahrheit Reich erricht’ ich nun
    Und wandre zur Benāresstadt:
    Erdröhnen soll in finstrer Welt
    Die Trommel der Unsterblichkeit.«

›So glaubst du also, Bruder, dass du der Heilige bist, der
Unumschränkte Sieger?‹

    »Mir gleich, ja, werden Siegende,
    Ist Wahnvertilgung ausgeübt:
    Besiegt hab’ ich das Sündige,
    Bin darum Sieger, Upako.«

»Auf diese Worte, ihr Mönche, erwiderte Upako der Nackte Büßer:
›Wenn’s nur wäre, Bruder!‹ schüttelte das Haupt, schlug einen
Seitenweg ein und entfernte sich.

»Und ich zog nun, ihr Mönche, von Ort zu Ort nach Benāres, kam
zum Seherstein, in den Wildpark, wo die Fünf verbündeten Mönche
weilten. Da erblickten mich, ihr Mönche, die Fünf verbündeten
Mönche von ferne, und als sie mich gesehn, bestärkte einer
den anderen: ›Da kommt, Bruder, jener Asket Gotamo heran,
der Ueppige, der von der Askese abgefallen ist und sich der
Ueppigkeit ergeben hat: wir wollen ihn weder begrüßen, noch uns
erheben um ihm Mantel und Schaale abzunehmen, aber ein Sitz sei
zugewiesen; wenn er will, mag er sich setzen.‹ Je mehr ich mich
aber, ihr Mönche, näherte, desto weniger vermochten die Fünf
verbündeten Mönche bei ihrem Entschluss zu verharren: einige
kamen entgegen und nahmen mir Mantel und Schaale ab, einige
baten mich Platz zu nehmen, einige machten ein Fußbad zurecht,
und sie gingen mich mit dem Namen und dem Bruderworte an. Da
sagte ich, ihr Mönche, zu den Fünf verbündeten Mönchen:

›Nicht gehet, ihr Mönche, den Vollendeten mit dem Namen und
dem Bruderworte an: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete,          172
der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die
Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre
dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes
Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in
die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit
noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und
erringen.‹ Auf diese Worte, ihr Mönche, erwiderten mir die Fünf
verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder
Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese
hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit
nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden,
von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben
hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit
besitzen?‹ Auf diese Worte, ihr Mönche, erwiderte ich den Fünf
verbündeten Mönchen: ›Nicht ist, ihr Mönche, der Vollendete
üppig geworden, von der Askese abgefallen, der Ueppigkeit
ergeben: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen
Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist
gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung
folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen
willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit
ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei
Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹
Und zum zweiten Mal nun, ihr Mönche, erwiderten mir die Fünf
verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder
Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese
hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit
nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden,
von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben
hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit
besitzen?‹ Und zum zweiten Mal nun, ihr Mönche, erwiderte ich
den Fünf verbündeten Mönchen: ›Nicht ist, ihr Mönche, der
Vollendete üppig geworden, von der Askese abgefallen, der
Ueppigkeit ergeben: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete,
der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die
Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre
dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes
Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in
die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit
noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und
erringen.‹ Und zum dritten Mal nun, ihr Mönche, erwiderten
mir die Fünf verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte
Buße, o Bruder Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine
Schmerzensaskese hast du das überirdische, reiche Heilthum der
Wissensklarheit nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du
üppig geworden, von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit
dich ergeben hast, das überirdische, reiche Heilthum der
Wissensklarheit besitzen?‹ Auf diese Worte, ihr Mönche, sagte
ich zu den Fünf verbündeten Mönchen:

›Entsinnet ihr euch, ihr Mönche, dass ich je zuvor also
gesprochen hätte?‹

›Nein, o Herr!‹

›Heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen
Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist
gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung
folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen
willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit
ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten
euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹ Und es            173
gelang mir, ihr Mönche, den Fünf verbündeten Mönchen meine
Erkenntniss mitzutheilen. Erst trug ich, ihr Mönche, zweien
Mönchen die Lehre vor, drei Mönche gingen um Almosenspeise,
und was die drei Mönche an Almosenspeise brachten, das
theilten wir in sechs Theile und lebten davon. Dann trug ich,
ihr Mönche, dreien Mönchen die Lehre vor, zwei Mönche gingen
um Almosenspeise, und was die zwei Mönche an Almosenspeise
brachten, das theilten wir in sechs Theile und lebten davon.

»Und die Fünf verbündeten Mönche, ihr Mönche, von mir also
belehrt, also eingeführt, selber der Geburt unterworfen,
das Elend dieses Naturgesetzes merkend, die geburtlose
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung suchend, fanden
die geburtlose unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung;
selber dem Altern unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes
merkend, die alterlose unvergleichliche Sicherheit, die
Wahnerlöschung suchend, fanden die alterlose unvergleichliche
Sicherheit, die Wahnerlöschung; selber der Krankheit
unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes merkend, die
krankheitlose unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung
suchend, fanden die krankheitlose unvergleichliche Sicherheit,
die Wahnerlöschung; selber dem Sterben unterworfen, das Elend
dieses Naturgesetzes merkend, die unsterbliche unvergleichliche
Sicherheit, die Wahnerlöschung suchend, fanden die unsterbliche
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung; selber
dem Schmerze unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes
merkend, die unbeschmerzte unvergleichliche Sicherheit,
die Wahnerlöschung suchend, fanden die unbeschmerzte
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung; selber
dem Schmutze unterworfen, das Elend dieses Naturgesetzes
merkend, die unbeschmutzte unvergleichliche Sicherheit,
die Wahnerlöschung suchend, fanden die unbeschmutzte
unvergleichliche Sicherheit, die Wahnerlöschung. Die klare
Gewissheit ging ihnen nun auf:

    ›Für ewig sind erlöst wir,
    Das ist das letzte Leben,
    Und nicht mehr giebt es Wiedersein.‹

       *       *       *       *       *

»Fünf Begehrungen, ihr Mönche, giebt es: welche fünf?
Die durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen,
die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör
ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden
Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack
ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden
Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, ihr Mönche,
die fünf Begehrungen.

»Von allen den Asketen oder Priestern, ihr Mönche, die sich da
der fünf Begehrungen verlockt, geblendet, hingerissen bedienen,
ohne das Elend zu sehn, ohne an Entrinnung zu denken, von denen
gelte das Wort: verloren, verdorben, dem Gefallen des Bösen
überliefert. Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn sich ein Wild
des Waldes auf eine Fallschlinge, verstrickt, hinlegte; da
gälte von ihm das Wort: verloren, verdorben, dem Gefallen des
Jägers überliefert, kommt nun der Jäger heran, wird es nicht
hinwegeilen können, wohin es will: ebenso nun auch, ihr Mönche,
gelte das Wort von allen den Asketen oder Priestern, die sich
da der fünf Begehrungen verlockt, geblendet, hingerissen
bedienen, ohne das Elend zu sehn, ohne an Entrinnung zu denken:
verloren, verdorben, dem Gefallen des Bösen überliefert. Von
allen den Asketen oder Priestern aber, ihr Mönche, die sich
da der fünf Begehrungen nicht verlockt, nicht geblendet,
nicht hingerissen bedienen, das Elend sehend, der Entrinnung
eingedenk, von denen gelte das Wort: nicht verloren, nicht           174
verdorben, dem Gefallen des Bösen nicht überliefert. Gleichwie
etwa, ihr Mönche, wenn sich ein Wild des Waldes auf eine
Fallschlinge, unverstrickt, hinlegte; da gälte von ihm das
Wort: nicht verloren, nicht verdorben, dem Gefallen des Jägers
nicht überliefert, und kommt nun der Jäger heran, wird es
hinwegeilen können, wohin es will: ebenso nun auch, ihr Mönche,
gelte das Wort von allen den Asketen oder Priestern, die sich
da der fünf Begehrungen nicht verlockt, nicht geblendet,
nicht hingerissen bedienen, das Elend sehend, der Entrinnung
eingedenk: nicht verloren, nicht verdorben, dem Gefallen des
Bösen nicht überliefert.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Wild des Waldes, in fernen
Waldesgründen schweifend, gesichert geht, gesichert steht,
gesichert sitzt, gesichert liegt, und desshalb zwar, weil es
sich außer dem Bereich des Jägers hält: ebenso nun auch, ihr
Mönche, verweilt da ein Mönch, gar fern von Begierden, fern
von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener
säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Ein
solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt: geblendet hat er die
Natur, spurlos vertilgt ihr Auge, entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens erwirkt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie,
in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der
zweiten Schauung. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten
Schauung. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen,
Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen gewinnt der Mönch in dem
Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten
Raumes. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt: geblendet
hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge, entschwunden ist
er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
unbegränzten Raumsphäre gewinnt der Mönch in dem Gedanken
›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des unbegränzten
Bewusstseins. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
unbegränzten Bewusstseinsphäre gewinnt der Mönch in dem
Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins. Ein
solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt: geblendet hat er die
Natur, spurlos vertilgt ihr Auge, entschwunden ist er der
bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
Nichtdaseinsphäre erreicht der Mönch die Gränzscheide möglicher      175
Wahrnehmung. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach völliger Ueberwindung der
Gränzscheide möglicher Wahrnehmung erreicht der Mönch die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit, und des weise Sehenden Wahn
ist aufgehoben. Ein solcher, ihr Mönche, wird Mönch genannt:
geblendet hat er die Natur, spurlos vertilgt ihr Auge,
entschwunden ist er der bösen, entronnen der Weltlichkeit.
Gesichert geht er, gesichert steht er, gesichert sitzt er,
gesichert liegt er, und desshalb zwar, weil er sich außer dem
Bereich des Bösen hält.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              27.

            Dritter Theil            Siebente Rede

                      DIE ELEPHANTENSPUR

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Zu jener
Zeit nun fuhr der Brāhmane Jāṇussoṇi eines Nachmittags in einem
weißen Zeltwagen aus der Stadt hinaus. Da sah der Brāhmane
Jāṇussoṇi den Pilger Pilotikā von ferne herankommen, und
nachdem er ihn gesehn sprach er also zu ihm:

»Sieh’ da, wo kommt denn der verehrte Vacchāyano her, in der
Sonne des Nachmittags?«

»Von dort, Lieber, vom Asketen Gotamo komme ich.«

»Was meint wohl Herr Vacchāyano: hat der Asket Gotamo große
Geisteskraft? Man hält ihn für weise.«

»Wer bin ich, Lieber, dass ich über die große Geisteskraft des
Asketen Gotamo urtheilen sollte? Der müsste ihm wohl gleichen,
der die große Geisteskraft des Asketen Gotamo kennte!«

»Gewaltig, fürwahr, preist Herr Vacchāyano das Lob des Asketen
Gotamo!«

»Wer bin ich, Lieber, dass ich den Asketen Gotamo preisen
sollte? Von Gepriesenen gepriesen wird Herr Gotamo, der Höchste
der Götter und Menschen.«

»Welche Eigenschaft hat doch Herr Vacchāyano wahrgenommen, um
dem Asketen Gotamo so hingegeben zu sein?«

»Gleichwie etwa, Lieber, wenn ein kundiger Elephantensteller
einen Elephantenwald aufsuchte; dort fände er die mächtige           176
Fußspur eines Elephanten, groß in der Länge, breit in der
Queere; da käme er zu dem Schlusse: ›Welch ein mächtiger
Elephant muss das sein!‹ --: ebenso nun auch habe ich,
Lieber, da ich des Asketen Gotamo vier Fußspuren gesehn,
alsbald geschlossen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,
wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die
Jüngerschaft!‹ -- Welche vier?

»Da habe ich, Lieber, manche gelehrte Adelige gesehn, feine,
erprobte Gegenredner, die Haare zu spalten schienen, die
mit ihrem Scharfsinn die schönsten Ansichten, so zu sagen,
entzweischnitten. Denen war zu Ohren gekommen: ›Der Asket
Gotamo selbst wird auf der Wanderung dieses Dorf oder jene
Stadt besuchen!‹ Da stellten sie eine Frage zusammen: ›Diese
Frage wollen wir dem Asketen Gotamo vorlegen; giebt er uns auf
diese Frage diese Antwort, so werden wir ihm auf diese Weise
das Wort verdrehn: giebt er uns aber auf diese Frage jene
Antwort, so werden wir ihm auf jene Weise das Wort verdrehn.‹
Und sie hörten: ›Der Asket Gotamo selbst ist auf der Wanderung
in diesem Dorfe oder in jener Stadt angekommen!‹ Und sie
begaben sich hin. Und der Asket Gotamo ermunterte, ermuthigte,
erregte und erheiterte sie in lehrreichem Gespräche. Und vom
Asketen Gotamo in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt,
erregt und erheitert stellten sie dem Asketen Gotamo weder
eine Frage, geschweige dass sie ihm das Wort verdrehn wollten,
wurden vielmehr Anhänger[22] des Asketen Gotamo.

»Als ich, Lieber, diese erste Fußspur des Asketen Gotamo gesehn
hatte, da bin ich zu dem Schlusse gekommen: ›Vollkommen erwacht
ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung,
wohlvertraut die Jüngerschaft!‹

»Weiter sodann, Lieber, habe ich da manche gelehrte Priester
gesehn, feine, erprobte Gegenredner, die Haare zu spalten
schienen, die mit ihrem Scharfsinn die schönsten Ansichten,
so zu sagen, entzweischnitten. Denen war zu Ohren gekommen:
›Der Asket Gotamo selbst wird auf der Wanderung dieses Dorf
oder jene Stadt besuchen!‹ Da stellten sie eine Frage zusammen:
›Diese Frage wollen wir dem Asketen Gotamo vorlegen; giebt er
uns auf diese Frage diese Antwort, so werden wir ihm auf diese
Weise das Wort verdrehn: giebt er uns aber auf diese Frage jene
Antwort, so werden wir ihm auf jene Weise das Wort verdrehn.‹
Und sie hörten: ›Der Asket Gotamo selbst ist auf der Wanderung
in diesem Dorfe oder in jener Stadt angekommen!‹ Und sie
begaben sich hin. Und der Asket Gotamo ermunterte, ermuthigte,
erregte und erheiterte sie in lehrreichem Gespräche. Und vom
Asketen Gotamo in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt,
erregt und erheitert stellten sie dem Asketen Gotamo weder
eine Frage, geschweige dass sie ihm das Wort verdrehn wollten,
wurden vielmehr Anhänger des Asketen Gotamo.

»Als ich, Lieber, diese zweite Fußspur des Asketen Gotamo
gesehn hatte, da bin ich zu dem Schlusse gekommen: ›Vollkommen
erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die
Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft!‹«

»Weiter sodann, Lieber, habe ich da manche gelehrte Bürger
gesehn, feine, erprobte Gegenredner, die Haare zu spalten
schienen, die mit ihrem Scharfsinn die schönsten Ansichten, so
zu sagen, entzweischnitten. Denen war zu Ohren gekommen: ›Der
Asket Gotamo selbst wird auf der Wanderung dieses Dorf oder
jene Stadt besuchen!‹ Da stellten sie eine Frage zusammen:
›Diese Frage wollen wir dem Asketen Gotamo vorlegen; giebt er
uns auf diese Frage diese Antwort, so werden wir ihm auf diese
Weise das Wort verdrehn: giebt er uns aber auf diese Frage jene
Antwort, so werden wir ihm auf jene Weise das Wort verdrehn.‹
Und sie hörten: ›Der Asket Gotamo selbst ist auf der Wanderung
in diesem Dorfe oder in jener Stadt angekommen!‹ Und sie
begaben sich hin. Und der Asket Gotamo ermunterte, ermuthigte,
erregte und erheiterte sie in lehrreichem Gespräche. Und vom
Asketen Gotamo in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt,
erregt und erheitert stellten sie dem Asketen Gotamo weder
eine Frage, geschweige dass sie ihm das Wort verdrehn wollten,
wurden vielmehr Anhänger des Asketen Gotamo.

»Als ich, Lieber, diese dritte Fußspur des Asketen Gotamo
gesehn hatte, da bin ich zu dem Schlusse gekommen: ›Vollkommen
erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die
Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft!‹«

»Weiter sodann, Lieber, habe ich da manche gelehrte Asketen
gesehn, feine, erprobte Gegenredner, die Haare zu spalten
schienen, die mit ihrem Scharfsinn die schönsten Ansichten, so
zu sagen, entzweischnitten. Denen war zu Ohren gekommen: ›Der
Asket Gotamo selbst wird auf der Wanderung dieses Dorf oder          177
jene Stadt besuchen!‹ Da stellten sie eine Frage zusammen:
›Diese Frage wollen wir dem Asketen Gotamo vorlegen; giebt
er uns auf diese Frage diese Antwort, so werden wir ihm auf
diese Weise das Wort verdrehn: giebt er uns aber auf diese
Frage jene Antwort, so werden wir ihm auf jene Weise das Wort
verdrehn.‹ Und sie hörten: ›Der Asket Gotamo selbst ist auf
der Wanderung in diesem Dorfe oder in jener Stadt angekommen!‹
Und sie begaben sich hin. Und der Asket Gotamo ermunterte,
ermuthigte, erregte und erheiterte sie in lehrreichem
Gespräche. Und vom Asketen Gotamo in lehrreichem Gespräche
ermuntert, ermuthigt, erregt und erheitert stellten sie dem
Asketen Gotamo weder eine Frage, geschweige dass sie ihm das
Wort verdrehn wollten, flehten vielmehr den Asketen Gotamo
an, sie in den Orden aufzunehmen. Und der Asket Gotamo nahm
sie auf. Und in diesen Orden aufgenommen lebten sie einzeln,
abgesondert, ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich. Und in gar
kurzer Zeit hatten sie jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne
gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste
Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar
gemacht, verwirklicht und errungen. Und sie sprachen: ›Den
Verstand mussten wir verloren haben, den Verstand müssen wir
wiedergefunden haben! Die wir früher nichts weniger als Asketen
waren glaubten ‚Wir sind Asketen‘, die wir nichts weniger als
Heilige waren glaubten ‚Wir sind Heilige‘, die wir nichts
weniger als Sieger waren glaubten ‚Wir sind Sieger‘: jetzt sind
wir Asketen, jetzt sind wir Heilige, jetzt sind wir Sieger.‹

»Als ich, Lieber, diese vierte Fußspur des Asketen Gotamo
gesehn hatte, da bin ich zu dem Schlusse gekommen: ›Vollkommen
erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die
Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft!‹ Weil ich nun,
Lieber, diese vier Fußspuren des Asketen Gotamo gesehn habe,
darum bin ich zu dem Schlusse gekommen: ›Vollkommen erwacht
ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung,
wohlvertraut die Jüngerschaft!‹«

Auf diese Worte stieg der Brāhmane Jāṇussoṇi von seinem weißen
Zeltwagen herab, entblößte eine Schulter, verneigte sich
ehrerbietig nach der Richtung wo der Erhabene weilte, und ließ
dann dreimal den Gruß ertönen:

    »Verehrung dem Erhabenen,
    Dem heilig auferwachten Herrn!

    »Verehrung dem Erhabenen,
    Dem heilig auferwachten Herrn!

    »Verehrung dem Erhabenen,
    Dem heilig auferwachten Herrn!«

»O dass wir doch einmal Gelegenheit hätten mit jenem Herrn           178
Gotamo zusammenzutreffen, dass doch irgend eine Unterredung
zwischen uns stattfände!«

Und der Brāhmane Jāṇussoṇi begab sich nun dorthin wo der
Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite
nieder. Zur Seite sitzend berichtete nun der Brāhmane Jāṇussoṇi
dem Erhabenen von seiner Begegnung mit dem Pilger Pilotikā und
erzählte das ganze Gespräch. Hierauf wandte sich der Erhabene
an den Brāhmanen Jāṇussoṇi und sprach:

»Bis dahin, Brāhmane, ist der Vergleich mit der Elephantenspur
nur unvollständig ausgeführt; wie aber, Brāhmane, dieser
Vergleich vollständig wird, das höre und achte wohl auf meine
Rede.«

»Ja, o Herr!« erwiderte aufmerksam der Brāhmane Jāṇussoṇi dem
Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Wenn da, Brāhmane, ein Elephantensteller einen Elephantenwald
aufsucht und dort die mächtige Fußspur eines Elephanten
findet, groß in der Länge, breit in der Queere, und er
ist ein kundiger Elephantensteller, so kommt er nicht
alsogleich zu dem Schlusse: ›Welch ein mächtiger Elephant
muss das sein!‹ Und warum nicht? Es giebt ja, Brāhmane, im
Elephantenwalde Zwerginen genannte Elephantenweibchen mit
großen Füßen, und ihre Spur könnte es sein. Er verfolgt diese
Spur und indem er sie weiter verfolgt findet er im Walde eine
mächtige Elephantenspur, groß in der Länge, breit in der
Queere, mit niedergetretenem Röhricht. Ist er ein kundiger
Elephantensteller, so kommt er auch jetzt noch nicht zu dem
Schlusse: ›Welch ein mächtiger Elephant muss das sein!‹
Und warum nicht? Es giebt ja, Brāhmane, im Elephantenwalde
Röhrichtzertreter genannte Elephantenweibchen mit großen Füßen,
und ihre Spur könnte es sein. Er verfolgt diese Spur und
indem er sie weiter verfolgt findet er im Walde eine mächtige
Elephantenspur, groß in der Länge, breit in der Queere, mit
niedergetretenem Röhricht, mit darauf gefallenem von den Hauern
zerkerbten Röhricht. Ist er ein kundiger Elephantensteller,
so kommt er auch jetzt noch nicht zu dem Schlusse: ›Welch ein
mächtiger Elephant muss das sein!‹ Und warum nicht? Es giebt
ja, Brāhmane, im Elephantenwalde Röhrichtzerreiber genannte
Elephantenweibchen mit großen Füßen, und ihre Spur könnte es
sein. Er verfolgt diese Spur und indem er sie weiter verfolgt
findet er im Walde eine mächtige Elephantenspur, groß in der
Länge, breit in der Queere, mit niedergetretenem Röhricht,
mit darauf gefallenem von den Hauern zerkerbten Röhricht, mit
darauf gefallenem abgebrochenen Geäst. Und er erblickt den
Elephanten am Fuß eines Baumes, oder in einer Lichtung, wie
er eben geht oder steht, sitzt oder liegt. Da kommt er zu dem
Schlusse: ›Das ist er, der mächtige Elephant!‹ --:

»Ebenso nun auch, Brāhmane, erscheint da der Vollendete in           179
der Welt, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens-
und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der
unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der
Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese
Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit
ihrer Schaar von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen,
nachdem er sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er
verkündet die Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte
begütigt, deren Ende begütigt, die sinn- und wortgetreue, er
legt das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum dar.

»Diese Lehre hört ein Hausvater, oder der Sohn eines
Hausvaters, oder einer, der in anderem Stande neugeboren ward.
Nachdem er diese Lehre gehört hat, fasst er Vertrauen zum
Vollendeten. Von diesem Vertrauen erfüllt denkt und überlegt er
also: ›Ein Gefängniss ist die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel;
der freie Himmelsraum die Pilgerschaft. Nicht wohl geht es,
wenn man im Hause bleibt, das völlig geläuterte, völlig
geklärte Asketenthum Punkt für Punkt zu erfüllen. Wie, wenn
ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande
bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ So
giebt er denn später einen kleinen Besitz oder einen großen
Besitz auf, hat einen kleinen Verwandtenkreis oder einen großen
Verwandtenkreis verlassen und ist mit geschorenem Haar und
Barte, im fahlen Gewande von Hause fort in die Hauslosigkeit
gezogen.

»Er ist nun Pilger geworden und hat die Ordenspflichten der
Mönche auf sich genommen. Lebendiges umzubringen hat er
verworfen, Lebendiges umzubringen liegt ihm fern: ohne Stock,
ohne Schwerdt, fühlsam, voll Theilnahme, hegt er zu allen
lebenden Wesen Liebe und Mitleid. Nichtgegebenes zu nehmen hat
er verworfen, vom Nehmen des Nichtgegebenen hält er sich fern:
Gegebenes nimmt er, Gegebenes wartet er ab, nicht diebisch
gesinnt, rein gewordenen Herzens. Die Unkeuschheit hat er
verworfen, keusch lebt er, fern zieht er hin, entrathen der
Paarung, dem gemeinen Gesetze. Lüge hat er verworfen, von Lüge
hält er sich fern: die Wahrheit spricht er, der Wahrheit ist
er ergeben, standhaft, vertrauenswürdig, kein Häuchler und
Schmeichler der Welt. Das Ausrichten hat er verworfen, vom
Ausrichten hält er sich fern: was er hier gehört hat erzählt er
dort nicht wieder, um jene zu entzweien, und was er dort gehört
hat erzählt er hier nicht wieder, um diese zu entzweien; so
einigt er Entzweite, festigt Verbundene, Eintracht macht ihn
froh, Eintracht freut ihn, Eintracht beglückt ihn, Eintracht
fördernde Worte spricht er. Barsche Worte hat er verworfen, von
barschen Worten hält er sich fern: Worte, die frei von Schimpf
sind, dem Ohre wohlthuend, liebreich, zum Herzen dringend,
höflich, viele erfreuend, viele erhebend, solche Worte spricht       180
er. Plappern und Plaudern hat er verworfen, von Plappern und
Plaudern hält er sich fern: zur rechten Zeit spricht er, den
Thatsachen gemäß, auf den Sinn bedacht, der Lehre und Ordnung
getreu, seine Rede ist reich an Inhalt, gelegentlich mit
Gleichnissen geschmückt, klar und bestimmt, ihrem Gegenstande
angemessen.

»Sämereien und Pflanzungen anzulegen hat er verschmäht. Einmal
des Tags nimmt er Nahrung zu sich, nachts ist er nüchtern,
fern liegt es ihm zur Unzeit zu essen. Von Tanz, Gesang,
Spiel, Schaustellungen hält er sich fern. Kränze, Wohlgerüche,
Salben, Schmuck, Zierrath, Putz weist er ab. Hohe, prächtige
Lagerstätten verschmäht er. Gold und Silber nimmt er nicht
an. Rohes Getreide nimmt er nicht an. Rohes Fleisch nimmt er
nicht an. Frauen und Mädchen nimmt er nicht an. Diener und
Dienerinen nimmt er nicht an. Ziegen und Schaafe nimmt er nicht
an. Hühner und Schweine nimmt er nicht an. Elephanten, Rinder
und Rosse nimmt er nicht an. Haus und Feld nimmt er nicht an.
Botschaften, Sendungen, Aufträge übernimmt er nicht. Von Kauf
und Verkauf hält er sich fern. Von falschem Maaß und Gewicht
hält er sich fern. Von den schiefen Wegen der Bestechung,
Täuschung, Niedertracht hält er sich fern. Von Raufereien,
Schlägereien, Händeln, vom Rauben, Plündern und Zwingen hält er
sich fern.

»Er ist zufrieden mit dem Gewande, das seinen Leib deckt,
mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch
pilgert, nur mit dem Gewande und der Almosenschaale versehn
pilgert er. Gleichwie da etwa ein beschwingter Vogel, wohin er
auch fliegt, nur mit der Last seiner Federn fliegt, ebenso auch
ist ein Mönch zufrieden mit dem Gewande, das seinen Leib deckt,
mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch
wandert, nur damit versehn wandert er.

»Durch die Erfüllung dieser heiligen Tugendsatzung empfindet er
ein inneres fleckenloses Glück.

»Erblickt er nun mit dem Gesichte eine Form, so fasst er
keine Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth,
böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der
unbewachten Gesichtes verweilt, befleißigt er sich dieser
Bewachung, er hütet das Gesicht, er wacht eifrig über das
Gesicht.

»Hört er nun mit dem Gehöre einen Ton,

»Riecht er nun mit dem Geruche einen Duft,

»Schmeckt er nun mit dem Geschmacke einen Saft,

»Tastet er nun mit dem Getaste eine Tastung,

»Erkennt er nun mit dem Gedenken ein Ding, so fasst er keine
Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth,
böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der
unbewachten Gedenkens verweilt, befleißigt er sich dieser
Bewachung, er hütet das Gedenken, er wacht eifrig über das           181
Gedenken.

»Durch die Erfüllung dieser heiligen Sinnenzügelung empfindet
er ein inneres ungetrübtes Glück.

»Klar bewusst kommt er und geht er, klar bewusst blickt er
hin, blickt er weg, klar bewusst regt und bewegt er sich, klar
bewusst trägt er des Ordens Gewand und Almosenschaale, klar
bewusst isst und trinkt, kaut und schmeckt er, klar bewusst
entleert er Koth und Harn, klar bewusst geht und steht und
sitzt er, schläft er ein, wacht er auf, spricht er und schweigt
er.

»Treu dieser heiligen Tugendsatzung, treu dieser heiligen
Sinnenzügelung, treu dieser heiligen klaren Einsicht sucht er
einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines
Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof,
die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Nach
dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist, setzt
er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade
aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er hat weltliche
Begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemüthes, von
Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er verworfen,
hasslosen Gemüthes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu
allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit.
Matte Müde hat er verworfen, von matter Müde ist er frei;
das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er sein
Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er verworfen, er ist
frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes läutert er sein
Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat er verworfen, der
Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, vom
Schwanken läutert er sein Herz.

»Er hat nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken
des Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der
ersten Schauung.

»Das aber wird, Brāhmane, die Spur des Vollendeten[23] genannt,
wird die Fährte des Vollendeten genannt, wird die Kerbe des
Vollendeten genannt.

»Doch hier kommt wahrlich der heilige Jünger noch nicht zu dem       182
Schlusse: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan
vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft.‹
Denn ferner noch, Brāhmane: nach Vollendung des Sinnens
und Gedenkens erwirkt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung.

»Das aber wird, Brāhmane, die Spur des Vollendeten genannt,
wird die Fährte des Vollendeten genannt, wird die Kerbe des
Vollendeten genannt.

»Doch hier kommt wahrlich der heilige Jünger noch nicht zu dem
Schlusse: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan
vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft.‹ Denn
ferner noch, Brāhmane: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die Weihe der dritten
Schauung.

»Das aber wird, Brāhmane, die Spur des Vollendeten genannt,
wird die Fährte des Vollendeten genannt, wird die Kerbe des
Vollendeten genannt.

»Doch hier kommt wahrlich der heilige Jünger noch nicht zu dem
Schlusse: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan
vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft.‹ Denn
ferner noch, Brāhmane: nach Verwerfung der Freuden und Leiden,
nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erreicht
der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig
einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung.

»Das aber wird, Brāhmane, die Spur des Vollendeten genannt,
wird die Fährte des Vollendeten genannt, wird die Kerbe des
Vollendeten genannt.

»Doch hier kommt wahrlich der heilige Jünger noch nicht zu dem
Schlusse: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan
vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft.‹
Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. Er erinnert sich an manche verschiedene frühere
Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an
drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Lehen, dann an
zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann
an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben,
dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an
die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die
Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten
während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort
war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an,
das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe
ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat
ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen
hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand,
dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so
war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins
Dasein.‹ So erinnert er sich mancher verschiedenen früheren
Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den
eigenartigen Beziehungen.

»Das aber wird, Brāhmane, die Spur des Vollendeten genannt,
wird die Fährte des Vollendeten genannt, wird die Kerbe des
Vollendeten genannt.

»Doch hier kommt wahrlich der heilige Jünger noch nicht
zu dem Schlusse: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,
wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die           183
Jüngerschaft.‹ Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert,
gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest,
unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des
Verschwindens-Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden,
sieht er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine
und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er
erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese
lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,
in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten
zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes;
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf
den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere
Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan,
in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan,
tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der
Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute
Fährte, in sälige Welt.‹ So sieht er mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die
Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,
schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er erkennt
wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.

»Das aber wird, Brāhmane, die Spur des Vollendeten genannt,
wird die Fährte des Vollendeten genannt, wird die Kerbe des
Vollendeten genannt.

»Doch hier kommt wahrlich der heilige Jünger noch nicht zu dem
Schlusse: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan
vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft.‹
Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die Erkenntnis der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß.

»Das aber wird, Brāhmane, die Spur des Vollendeten genannt,
wird die Fährte des Vollendeten genannt, wird die Kerbe des
Vollendeten genannt.

»Und auch hier ist der heilige Jünger noch nicht zu dem
Schlusse gekommen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,
wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut
die Jüngerschaft‹, aber er kommt nun zum Schlusse. Denn
also erkennend, also sehend wird da sein Gemüth erlöst
vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom                 184
Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese
Erkenntnis geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das
Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da.

»Das wird, Brāhmane, die Spur des Vollendeten genannt, wird die
Fährte des Vollendeten genannt, wird die Kerbe des Vollendeten
genannt.

»Und hier ist nun, Brāhmane, der heilige Jünger zum Schlusse
gekommen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan
vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft.‹ Und
hier ist nun, Brāhmane, der Vergleich mit der Elephantenspur
vollständig ausgeführt.«

       *       *       *       *       *

Nach diesen Worten sprach der Brāhmane Jāṇussoṇi zum Erhabenen
also:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie
etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte, oder
Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht
in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge
sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre auf manigfaltige
Weise dargelegt. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht,
bei der Lehre und bei der Jüngerschaft, als Anhänger möge mich
Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«



                              28.

              Dritter Theil            Achte Rede

                      DIE ELEPHANTENSPUR

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der ehrwürdige Sāriputto an die Mönche:
»Brüder Mönche!« -- »Bruder!« antworteten da jene Mönche dem
ehrwürdigen Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto
sprach also:

»Gleichwie etwa, ihr Brüder, alles Lebendige, Bewegliche,
Fußbegabte in der Elephantenspur mit fortkommt, die
Elephantenspur ist ja der Größe wegen als die vornehmste ihrer
Art bekannt: ebenso nun auch, ihr Brüder, stellt sich alles
Gute in den vier heiligen Wahrheiten ein; in welchen vier? In
der heiligen Wahrheit vom Leiden, in der heiligen Wahrheit           185
von der Leidensentwicklung, in der heiligen Wahrheit von
der Leidensauflösung, in der heiligen Wahrheit von dem zur
Leidensauflösung führenden Pfade.

»Was ist aber, Brüder, die heilige Wahrheit vom Leiden? Geburt
ist Leiden, Alter ist Leiden, Sterben ist Leiden, Kummer,
Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden, was man
begehrt nicht erlangen, das ist Leiden, kurz gesagt: die fünf
Stücke des Anhangens sind Leiden. Was sind aber, Brüder, die
fünf Stücke des Anhangens? Es ist da ein Stück Anhangen an der
Form, ein Stück Anhangen am Gefühl, ein Stück Anhangen an der
Wahrnehmung, ein Stück Anhangen an der Unterscheidung, ein
Stück Anhangen am Bewußtsein. Was ist aber, Brüder, das Stück
Anhangen an der Form? Die vier Hauptstoffe und was durch die
vier Hauptstoffe als Form besteht. Was sind aber, Brüder, die
vier Hauptstoffe? Die Erdenart, die Wasserart, die Feuerart,
die Luftart.

»Was ist nun, Brüder, die Erdenart? Die Erdenart mag
innerlich sein oder äußerlich. Was ist aber, Brüder, die
innerliche Erdenart? Was sich innerlich einzeln fest und hart
dargestellt hat, als wie Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne,
Haut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Mark, Nieren, Herz, Leber,
Zwerchfell, Milz, Lunge, Magen, Eingeweide, Weichtheile, Koth,
oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln fest und hart
dargestellt hat: das nennt man, Brüder, innerliche Erdenart.
Was es nun da an innerlicher Erdenart und was es an äußerlicher
Erdenart giebt, ist Erdenart. Und: ›Das gehört mir nicht, das
hin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist das, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn. Hat man das
also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit erkannt,
wird man der Erdenart satt, löst den Sinn von der Erdenart ab.

»Es giebt, ihr Brüder, eine Zeit, wo die äußeren Wasser rasen,
und verschwunden ist dann die äußere Erde. Dieser äußerlichen
Erdenart, der so ungeheueren, Vergänglichkeit wird sich also,
ihr Brüder, zeigen, zeigen wird es sich, dass sie den Gesetzen
der Zerstörung, der Auflösung, der Veränderung unterworfen
ist: und von diesem Körper da, der acht Spannen hoch ist,
ein Gemächte des Durstes, von dem gälte vielleicht ›Ich‹
oder ›Mein‹ oder ›Bin‹? Vielmehr ›Nichts ist sein‹ gilt in
Wirklichkeit.

»Wenn die Leute, ihr Brüder, einen solchen Mönch tadeln,
verurtheilen, verfolgen, angreifen, so denkt er dabei:
›Entstanden ist mir da dieses Wehegefühl, durch Gehörberührung
hervorgerufen, und es ist bedingt, nicht unbedingt; wodurch          186
bedingt? Durch Berührung bedingt.‹ Und: ›Die Berührung
ist vergänglich‹ merkt er, ›Das Gefühl ist vergänglich‹
merkt er, ›Die Wahrnehmung ist vergänglich‹ merkt er, ›Die
Unterscheidungen sind vergänglich‹ merkt er, ›Das Bewusstsein
ist vergänglich‹ merkt er. Sein Gemüth, das die Elemente also
zerlegt, erhebt sich, erheitert sich, wird stark und standhaft.

»Wenn die Leute, ihr Brüder, einem solchen Mönche unhöflich,
lieblos, rauh begegnen, ihn mit Fäusten schlagen, mit Steinen
werfen, mit Stöcken prügeln, mit Schwerdtern treffen, so denkt
er dabei: ›So beschaffen ist ja dieser Körper, dass man ihn
mit Fäusten schlagen, mit Steinen werfen, mit Stöcken prügeln,
mit Schwerdtern treffen kann! Und das Wort des Erhabenen im
Gleichniss von der Säge lautet: ‚Wenn auch, ihr Mönche, Räuber
und Mörder mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten,
so würde wer da in Wuth geriethe nicht meine Weisung erfüllen.‘
Gestählt aber wird meine Kraft sein, unbeugsam, gewärtig die
Einsicht, unverrückbar, beruhigt der Körper, unregsam, vertieft
das Gemüth, einig. Wollen sie, nun so sollen sie diesen Körper
mit Fäusten schlagen, mit Steinen werfen, mit Stöcken prügeln,
mit Schwerdtern treffen: erfüllt werde jene Weisung der
Erwachten.‹

»Wenn diesem Mönche, ihr Brüder, der also des Erwachten,
also der Lehre, also der Jünger gedenkt, der Gleichmuth
edler Standhaftigkeit versagt, so wird er befangen, geräth
in Aufregung: ›Unmöglich ist’s mir, es ist mir ja nicht
möglich! Kaum kann ich’s ertragen, wie schwer ist es, ach,
dass mir, der ich also des Erwachten, also der Lehre, also
der Jünger gedenke, der Gleichmuth edler Standhaftigkeit
versagt!‹ Gleichwie etwa, ihr Brüder, die Schwiegertochter, dem
Schwiegervater begegnend, befangen wird, in Aufregung geräth:
ebenso nun auch, ihr Brüder, wird da ein Mönch befangen, geräth
in Aufregung, wenn ihm, der also des Erwachten, also der Lehre,
also der Jünger gedenkt, der Gleichmuth edler Standhaftigkeit
versagt.

»Wenn diesem Mönche, ihr Brüder, der also des Erwachten, also
der Lehre, also der Jünger gedenkt, der Gleichmuth edler
Standhaftigkeit ausdauert, so ist er beglückt. Insofern aber,        187
ihr Brüder, hat ein Mönch viel geleistet.

»Was ist nun, Brüder, die Wasserart? Die Wasserart mag
innerlich sein oder äußerlich. Was ist aber, Brüder, die
innerliche Wasserart? Was sich innerlich einzeln flüssig und
wässerig dargestellt hat, als wie Galle, Schleim, Eiter, Blut,
Schweiß, Lymphe, Thränen, Serum, Speichel, Rotz, Gelenköl,
Urin, oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln
flüssig und wässerig dargestellt hat: das nennt man, Brüder,
innerliche Wasserart. Was es nun da an innerlicher Wasserart
und was es an äußerlicher Wasserart giebt, ist Wasserart. Und:
›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst‹: so ist das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener
Weisheit anzusehn. Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit erkannt, wird man der Wasserart satt,
löst den Sinn von der Wasserart ab.

»Es giebt, ihr Brüder, eine Zeit, wo die äußeren Wasser rasen,
wo sie ein Dorf fortreißen, eine Stadt fortreißen, eine
Residenz fortreißen, ein Land wegspülen, Länder und Reiche
wegspülen. Es giebt, ihr Brüder, eine Zeit, wo die Gewässer
des großen Meeres hunderte von Meilen tief sind, wo sie
sechshundert Meilen, neunhundert Meilen, zwölfhundert Meilen,
fünfzehnhundert Meilen, achtzehnhundert Meilen tief sind.
Es giebt, ihr Brüder, eine Zeit, wo das Wasser des großen
Meeres sieben Palmen hoch steht, wo es sechs Palmen, wo es
fünf Palmen, wo es vier Palmen, wo es drei Palmen, wo es zwei
Palmen, wo es eine Palme hoch steht. Es giebt, ihr Brüder, eine
Zeit, wo das Wasser des großen Meeres sieben Mannestiefen hat,
wo es sechs Mannestiefen, wo es fünf Mannestiefen, wo es vier
Mannestiefen, wo es drei Mannestiefen, wo es zwei Mannestiefen,
wo es eine Mannestiefe hat. Es giebt, ihr Brüder, eine Zeit,
wo das Wasser des großen Meeres halbe Manneshöhe erreicht, wo
es bis zur Hüfte, wo es bis zum Knie, wo es bis zum Knöchel
reicht. Es giebt, ihr Brüder, eine Zeit, wo das Wasser des
großen Meeres kein Nass von der Höhe eines Fingergliedes
besitzt. Dieser äußerlichen Wasserart, der so ungeheueren,           188
Vergänglichkeit wird sich also, ihr Brüder, zeigen, zeigen wird
es sich, dass sie den Gesetzen der Zerstörung, der Auflösung,
der Veränderung unterworfen ist: und von diesem Körper da, der
acht Spannen hoch ist, ein Gemächte des Durstes, von dem gälte
vielleicht ›Ich‹ oder ›Mein‹ oder ›Bin‹? Vielmehr ›Nichts ist
sein‹ gilt in Wirklichkeit.

»Wenn da dem Mönche, ihr Brüder, der also des Erwachten, also
der Lehre, also der Jünger gedenkt, der Gleichmuth edler
Standhaftigkeit ausdauert, so ist er beglückt. Insofern aber,
ihr Brüder, hat ein Mönch viel geleistet.

»Was ist nun, ihr Brüder, die Feuerart? Die Feuerart mag
innerlich sein oder äußerlich. Was ist aber, Brüder, die
innerliche Feuerart? Was sich innerlich einzeln flammig und
feurig dargestellt hat, als wie wodurch Wärme erzeugt wird,
wodurch man verdaut, wodurch man sich erhitzt, wodurch gekaute
Speise und geschlürfter Trank einer vollkommenen Umwandlung
erliegen, oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln
flammig und feurig dargestellt hat: das nennt man, Brüder,
innerliche Feuerart. Was es nun da an innerlicher Feuerart
und was es an äußerlicher Feuerart giebt, ist Feuerart. Und:
›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst‹: so ist das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener
Weisheit anzusehn. Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit erkannt, wird man der Feuerart satt, löst
den Sinn von der Feuerart ab.

»Es giebt, ihr Brüder, eine Zeit, wo die äußeren Feuer rasen,
wo sie ein Dorf verzehren, eine Stadt verzehren, eine Residenz
verzehren, ein Land verzehren, Länder und Reiche verzehren,
wo sie Wiesen und Anger, Wälder und Auen und blühende Gefilde
ergreifen und erst erlöschen, wenn alles ausgebrannt ist. Es
giebt, ihr Brüder, eine Zeit, wo man mit einer Hahnenfeder
oder mit einem Bindfaden Feuer anzuglimmen sucht. Dieser
äußerlichen Feuerart, der so ungeheueren, Vergänglichkeit wird
sich also, ihr Brüder, zeigen, zeigen wird es sich, dass sie
den Gesetzen der Zerstörung, der Auflösung, der Veränderung
unterworfen ist: und von diesem Körper da, der acht Spannen
hoch ist, ein Gemächte des Durstes, von dem gälte vielleicht
›Ich‹ oder ›Mein‹ oder ›Bin‹? Vielmehr ›Nichts ist sein‹ gilt
in Wirklichkeit.

»Wenn da dem Mönche, ihr Brüder, der also des Erwachten, also
der Lehre, also der Jünger gedenkt, der Gleichmuth edler
Standhaftigkeit ausdauert, so ist er beglückt. Insofern aber,
ihr Brüder, hat ein Mönch viel geleistet.

»Was ist nun, Brüder, die Luftart? Die Luftart mag innerlich
sein oder äußerlich. Was ist aber, Brüder, die innerliche
Luftart? Was sich innerlich einzeln flüchtig und luftig
dargestellt hat, als wie die aufsteigenden und die absteigenden
Winde, die Winde des Bauches und Darmes, die Winde, die jedes
Glied durchströmen, die Einathmung und die Ausathmung: dies,
oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln flüchtig
und luftig dargestellt hat, das nennt man, Brüder, innerliche
Luftart. Was es nun da an innerlicher Luftart und was es an
äußerlicher Luftart giebt, ist Luftart. Und: ›Das gehört mir
nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist
das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn.
Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit
erkannt, wird man der Luftart satt, löst den Sinn von der
Luftart ab.

»Es giebt, ihr Brüder, eine Zeit, wo die äußeren Lüfte rasen,        189
wo sie ein Dorf fortreißen, eine Stadt fortreißen, eine
Residenz fortreißen, ein Land verwehen, Länder und Reiche
verwehen. Es giebt, ihr Brüder, eine Zeit, im letzten Monat
des Sommers, wo man mit einem Palmenwedel, mit einem Fächer
Wind anwehen muss, wo selbst an fließendem Wasser kein Halm
sich regt. Dieser äußerlichen Luftart, der so ungeheueren,
Vergänglichkeit wird sich also, ihr Brüder, zeigen, zeigen wird
es sich, dass sie den Gesetzen der Zerstörung, der Auflösung,
der Veränderung unterworfen ist: und von diesem Körper da, der
acht Spannen hoch ist, ein Gemächte des Durstes, von dem gälte
vielleicht ›Ich‹ oder ›Mein‹ oder ›Bin‹? Vielmehr ›Nichts ist
sein‹ gilt in Wirklichkeit.

»Wenn die Leute, ihr Brüder, einen solchen Mönch tadeln,
verurtheilen, verfolgen, angreifen, so denkt er dabei:
›Entstanden ist mir da dieses Wehegefühl, durch Gehörberührung
hervorgerufen, und es ist bedingt, nicht unbedingt; wodurch
bedingt? Durch Berührung bedingt.‹ Und: ›Die Berührung
ist vergänglich‹ merkt er, ›Das Gefühl ist vergänglich‹
merkt er, ›Die Wahrnehmung ist vergänglich‹ merkt er, ›Die
Unterscheidungen sind vergänglich‹ merkt er, ›Das Bewusstsein
ist vergänglich‹ merkt er. Sein Gemüth, das die Elemente also
zerlegt, erhebt sich, erheitert sich, wird stark und standhaft.

»Wenn die Leute, ihr Brüder, einem solchen Mönche unhöflich,
lieblos, rauh begegnen, ihn mit Fäusten schlagen, mit Steinen
werfen, mit Stöcken prügeln, mit Schwerdtern treffen, so denkt
er dabei: ›So beschaffen ist ja dieser Körper, dass man ihn mit
Fäusten schlagen, mit Steinen werfen, mit Stöcken prügeln,
mit Schwerdtern treffen kann! Und das Wort des Erhabenen im
Gleichniss von der Säge lautet: ‚Wenn auch, ihr Mönche, Räuber
und Mörder mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten,
so würde wer da in Wuth geriethe nicht meine Weisung erfüllen.‘
Gestählt aber wird meine Kraft sein, unbeugsam, gewärtig die
Einsicht, unverrückbar, beruhigt der Körper, unregsam, vertieft
das Gemüth, einig. Wollen sie, nun so sollen sie diesen Körper
mit Fäusten schlagen, mit Steinen werfen, mit Stöcken prügeln,
mit Schwerdtern treffen: erfüllt werde jene Weisung der
Erwachten.‹

»Wenn diesem Mönche, ihr Brüder, der also des Erwachten,
also der Lehre, also der Jünger gedenkt, der Gleichmuth
edler Standhaftigkeit versagt, so wird er befangen, geräth
in Aufregung: ›Unmöglich ist’s mir, es ist mir ja nicht
möglich! Kaum kann ich’s ertragen, wie schwer ist es, ach,           190
dass mir, der ich also des Erwachten, also der Lehre, also
der Jünger gedenke, der Gleichmuth edler Standhaftigkeit
versagt!‹ Gleichwie etwa, ihr Brüder, die Schwiegertochter, dem
Schwiegervater begegnend, befangen wird, in Aufregung geräth:
ebenso nun auch, ihr Brüder, wird da ein Mönch befangen, geräth
in Aufregung, wenn ihm, der also des Erwachten, also der Lehre,
also der Jünger gedenkt, der Gleichmuth edler Standhaftigkeit
versagt.

»Wenn diesem Mönche, ihr Brüder, der also des Erwachten, also
der Lehre, also der Jünger gedenkt, der Gleichmuth edler
Standhaftigkeit ausdauert, so ist er beglückt. Insofern aber,
ihr Brüder, hat ein Mönch viel geleistet.

»Gleichwie etwa, ihr Brüder, vermittelst der Balken und Binsen,
des Strohs und Lehms ein begränzter Raum, eben ›das Haus‹
zustande kommt: geradeso nun, ihr Brüder, kommt vermittelst der
Knochen und Sehnen, des Fleisches und der Haut ein begränzter
Raum, eben ›die Form‹ zustande.

»Ist von innen das Gesicht, ihr Brüder, ungebrochen, und treten
von außen die Formen nicht in den Gesichtskreis, so findet auch
kein entsprechendes Ineinandergreifen statt, und es kommt zu
keiner Bildung des entsprechenden Theiles Bewusstseins.

»Ist von innen das Gesicht, ihr Brüder, ungebrochen, und treten
von außen die Formen in den Gesichtskreis, und es findet kein
entsprechendes Ineinandergreifen statt, so kommt es auch zu
keiner Bildung des entsprechenden Theiles Bewusstseins.

»Sobald aber, ihr Brüder, von innen das Gesicht ungebrochen
ist, und von außen die Formen in den Gesichtskreis treten, und
es findet ein entsprechendes Ineinandergreifen statt, so kommt
es also zur Bildung des entsprechenden Theiles Bewusstseins.
Die Form, die dem so gebildeten eignet, stellt sich im Stück
Anhangen an der Form ein, das Gefühl, das dem so gebildeten
eignet, stellt sich im Stück Anhangen am Gefühl ein, die
Wahrnehmung, die dem so gebildeten eignet, stellt sich im Stück
Anhangen an der Wahrnehmung ein, die Unterscheidungen, die dem
so gebildeten eignen, stellen sich im Stück Anhangen an der
Unterscheidung ein, das Bewusstsein, das dem so gebildeten
eignet, stellt sich im Stück Anhangen am Bewusstsein ein. Man
versteht jetzt: ›Das also ist die Einstellung, die Vereinigung,
die Verbindung dieser fünf Stücke des Anhangens!‹ Und das
Wort des Erhabenen lautet: ‚Wer die bedingte Entstehung merkt,       191
der merkt die Satzung: wer die Satzung merkt, der merkt die
bedingte Entstehung.‘ Bedingt sind sie aber entstanden, diese
fünf Stücke des Anhangens. Was bei diesen fünf Stücken des
Anhangens Wille, Vergnügen, Bejahung, Behagen ist, das ist die
Leidensentwicklung; was bei diesen fünf Stücken des Anhangens
Verneinung des Willensreizes, Verleugnung des Willensreizes
ist, das ist die Leidensauflösung. Insofern aber, ihr Brüder,
hat ein Mönch viel geleistet.

»Ist von innen das Gehör, ihr Brüder, ungebrochen,

»Ist von innen der Geruch, ihr Brüder, ungebrochen,

»Ist von innen der Geschmack, ihr Brüder, ungebrochen,

»Ist von innen das Getast, ihr Brüder, ungebrochen,

»Ist von innen das Gedenken, ihr Brüder, ungebrochen, und
treten die äußerlichen Dinge nicht in den Denkkreis, so findet
auch kein entsprechendes Ineinandergreifen statt, und es kommt
zu keiner Bildung des entsprechenden Theiles Bewusstseins.

»Ist von innen das Gedenken, ihr Brüder, ungebrochen, und
treten die äußerlichen Dinge in den Denkkreis, und es findet
kein entsprechendes Ineinandergreifen statt, so kommt es auch
zu keiner Bildung des entsprechenden Theiles Bewusstseins.

»Sobald aber, ihr Brüder, von innen das Gedenken ungebrochen
ist, und von außen die Dinge in den Denkkreis treten, und es
findet ein entsprechendes Ineinandergreifen statt, so kommt
es also zur Bildung des entsprechenden Theiles Bewusstseins.
Die Form, die dem so gebildeten eignet, stellt sich im Stück
Anhangen an der Form ein, das Gefühl, das dem so gebildeten
eignet, stellt sich im Stück Anhangen am Gefühl ein, die
Wahrnehmung, die dem so gebildeten eignet, stellt sich im Stück
Anhangen an der Wahrnehmung ein, die Unterscheidungen, die dem
so gebildeten eignen, stellen sich im Stück Anhangen an der
Unterscheidung ein, das Bewusstsein, das dem so gebildeten
eignet, stellt sich im Stück Anhangen am Bewusstsein ein. Man
versteht jetzt: ›Das also ist die Einstellung, die Vereinigung,
die Verbindung dieser fünf Stücke des Anhangens!‹ Und das Wort
des Erhabenen lautet: ‚Wer die bedingte Entstehung merkt,
der merkt die Satzung: wer die Satzung merkt, der merkt die
bedingte Entstehung.‘ Bedingt sind sie aber entstanden, diese
fünf Stücke des Anhangens. Was bei diesen fünf Stücken des
Anhangens Wille, Vergnügen, Bejahung, Behagen ist, das ist die
Leidensentwicklung; was bei diesen fünf Stücken des Anhangens
Verneinung des Willensreizes, Verleugnung des Willensreizes
ist, das ist die Leidensauflösung. Insofern aber, ihr Brüder,
hat ein Mönch viel geleistet.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der ehrwürdige Sāriputto. Zufrieden freuten sich
jene Mönche über das Wort des ehrwürdigen Sāriputto.



                              29.

             Dritter Theil            Neunte Rede

                  DAS GLEICHNISS VOM KERNHOLZ

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           192
Rājagaham, am Geierkulm, im Gebirge, kurz nachdem Devadatto
sich losgesagt hatte. Dort nun wandte sich der Erhabene, in
Beziehung auf Devadatto, an die Mönche:

»Da ist, ihr Mönche, ein edler Sohn von Zuversicht bewogen aus
dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert: ›Versunken bin ich in
Geburt, in Altern und Sterben, in Wehe, Jammer und Leiden, in
Gram und Verzweiflung, in Leiden versunken, in Leiden verloren!
O dass es doch etwa möglich wäre dieser ganzen Leidensfülle
ein Ende zu machen!‹ Mit solcher Gesinnung hat er der Welt
entsagt und erlangt Almosen, Ehre und Ruhm. Diese Erlangung
von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut ihn, und er wird voller
Willensregungen. Durch diese Erlangung von Almosen, Ehre und
Ruhm wird er hochfahrend, verachtet die anderen: ›Ich bin
beliebt und berühmt, diese anderen Mönche aber sind unbekannt,
unbedeutend.‹ Durch diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm
wird er berauscht, wird nachlässig, wird leichtsinnig, und den
Leichtsinnigen trifft Leiden.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann, der Kernholz
begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade über
das Kernholz eines großen, kernig dastehenden Baumes
hinaufkletterte, über das Grünholz hinaufkletterte, über
die Rinde hinaufkletterte, über das Geäst hinaufkletterte,
einen Blätterzweig abschnitte, mitnähme und in dem Gedanken
›Das ist Kernholz‹ fortginge; den habe ein scharfsehender
Mann beobachtet: ›Dieser liebe Mann kennt wahrlich weder
das Kernholz, noch das Grünholz, weder die Rinde, noch das
Geäst, noch das Laubgezweig; daher ist nun dieser liebe Mann,
der Kernholz begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht,
gerade über das Kernholz des großen, kernig dastehenden Baumes
hinaufgeklettert, über das Grünholz hinaufgeklettert, über die
Rinde hinaufgeklettert, über das Geäst hinaufgeklettert, hat
einen Blätterzweig abgeschnitten, mitgenommen und ist in der
Meinung, dies wäre Kernholz, fortgegangen; was aber aus dessen
Kerne als Kern gewinnbar ist, das wird seinem Zwecke nicht
entsprechen‹:

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist da ein edler Sohn von
Zuversicht bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert: ›Versunken bin ich in Geburt, in Altern und Sterben,
in Wehe, Jammer und Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden
versunken, in Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre
dieser ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher
Gesinnung hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre
und Ruhm. Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut
ihn, und er wird voller Willensregungen. Durch diese Erlangung
von Almosen, Ehre und Ruhm wird er hochfahrend, verachtet die
anderen: ›Ich bin beliebt und berühmt, diese anderen Mönche          193
aber sind unbekannt, unbedeutend.‹ Durch diese Erlangung von
Almosen, Ehre und Ruhm wird er berauscht, wird nachlässig, wird
leichtsinnig, und den Leichtsinnigen trifft Leiden.

»Ein solcher, ihr Mönche, wird ein Mönch genannt, der das
Laubgezweig des Asketenthums an sich genommen hat und sich
damit begnügt.

»Da ist ferner, ihr Mönche, ein edler Sohn von Zuversicht
bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert:
›Versunken bin ich in Geburt, in Altern und Sterben, in
Wehe, Jammer und Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden
versunken, in Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre
dieser ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher
Gesinnung hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre
und Ruhm. Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut
ihn nicht, macht ihn nicht voller Willensregungen. Durch diese
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm wird er nicht hochfahrend,
verachtet nicht die anderen. Durch diese Erlangung von Almosen,
Ehre und Ruhm wird er nicht berauscht, wird nicht nachlässig,
wird nicht leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende
erkämpft sich die Ordenstugenden. Durch diese Ordenstugenden
wird er erfreut und voller Willensregungen. Diese
Ordenstugenden machen ihn hochfahrend, lassen ihn die anderen
verachten: ›Ich bin tüchtig, bin rechtschaffen, diese anderen
Mönche aber sind untüchtig, sind Sünder.‹ Diese Ordenstugenden
berauschen ihn, machen ihn nachlässig, leichtsinnig, und den
Leichtsinnigen trifft Leiden.

»Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann, der Kernholz begehrt,
Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade über das Kernholz
eines großen, kernig dastehenden Baumes hinaufkletterte, über
das Grünholz hinaufkletterte, über die Rinde hinaufkletterte,
einen Ast abschnitte, mitnähme und in dem Gedanken ›Das
ist Kernholz‹ fortginge; den habe ein scharfsehender Mann
beobachtet: ›Dieser liebe Mann kennt wahrlich weder das
Kernholz, noch das Grünholz, weder die Rinde, noch das Geäst,
noch das Laubgezweig; daher ist nun dieser liebe Mann, der
Kernholz begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade
über das Kernholz des großen, kernig dastehenden Baumes
hinaufgeklettert, über das Grünholz hinaufgeklettert, über
die Rinde hinaufgeklettert, hat einen Ast abgeschnitten,
mitgenommen und ist in der Meinung, dies wäre Kernholz,
fortgegangen; was aber aus dessen Kerne als Kern gewinnbar ist,
das wird seinem Zwecke nicht entsprechen‹:

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist da ein edler Sohn von
Zuversicht bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert: ›Versunken bin ich in Geburt, in Altern und Sterben,
in Wehe, Jammer und Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden
versunken, in Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre
dieser ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher
Gesinnung hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre
und Ruhm. Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut
ihn nicht, macht ihn nicht voller Willensregungen. Durch diese
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm wird er nicht hochfahrend,
verachtet nicht die anderen. Durch diese Erlangung von Almosen,
Ehre und Ruhm wird er nicht berauscht, wird nicht nachlässig,
wird nicht leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende
erkämpft sich die Ordenstugenden. Durch diese Ordenstugenden
wird er erfreut und voller Willensregungen. Diese
Ordenstugenden machen ihn hochfahrend, lassen ihn die anderen
verachten: ›Ich bin tüchtig, bin rechtschaffen, diese anderen
Mönche aber sind untüchtig, sind Sünder.‹ Diese Ordenstugenden
berauschen ihn, machen ihn nachlässig, leichtsinnig, und den
Leichtsinnigen trifft Leiden.

»Ein solcher, ihr Mönche, wird ein Mönch genannt, der das Geäst      194
des Asketenthums an sich genommen hat und sich damit begnügt.

»Da ist ferner, ihr Mönche, ein edler Sohn von Zuversicht
bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert:
›Versunken bin ich in Geburt, in Altern und Sterben, in
Wehe, Jammer und Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden
versunken, in Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre
dieser ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher
Gesinnung hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre
und Ruhm. Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut
ihn nicht, macht ihn nicht voller Willensregungen. Durch diese
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm wird er nicht hochfahrend,
verachtet nicht die anderen. Durch diese Erlangung von Almosen,
Ehre und Ruhm wird er nicht berauscht, wird nicht nachlässig,
wird nicht leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende
erkämpft sich die Ordenstugenden. Durch diese Ordenstugenden
wird er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Diese
Ordenstugenden machen ihn nicht hochfahrend, lassen ihn die
anderen nicht verachten. Diese Ordenstugenden berauschen ihn
nicht, machen ihn nicht nachlässig, nicht leichtsinnig, und
der ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich das Glück der
Selbstvertiefung. Durch dieses Glück der Selbstvertiefung
wird er erfreut und voller Willensregungen. Dieses Glück der
Selbstvertiefung macht ihn hochfahrend, lässt ihn die anderen
verachten: ›Ich bin vertieft, geeinten Gemüthes, diese anderen
Mönche aber sind nicht vertieft, sind zerfahrenen Gemüthes.‹
Dieses Glück der Selbstvertiefung berauscht ihn, macht ihn
nachlässig, leichtsinnig, und den Leichtsinnigen trifft Leiden.

»Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann, der Kernholz begehrt,
Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade über das Kernholz
eines großen, kernig dastehenden Baumes hinaufkletterte, über
das Grünholz hinaufkletterte, Rinde wegschnitte, mitnähme
und in dem Gedanken ›Das ist Kernholz‹ fortginge; den habe
ein scharfsehender Mann beobachtet: ›Dieser liebe Mann kennt
wahrlich weder das Kernholz, noch das Grünholz, weder die
Rinde, noch das Geäst, noch das Laubgezweig; daher ist nun
dieser liebe Mann, der Kernholz begehrt, Kernholz sucht,
auf Kernholz ausgeht, gerade über das Kernholz des großen,
kernig dastehenden Baumes hinaufgeklettert, über das Grünholz
hinaufgeklettert, hat Rinde weggeschnitten, mitgenommen und
ist in der Meinung, dies wäre Kernholz, fortgegangen; was aber
aus deren Kerne als Kern gewinnbar ist, das wird seinem Zwecke
nicht entsprechen‹:

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist da ein edler Sohn von
Zuversicht bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert: ›Versunken bin ich in Geburt, in Altern und Sterben,
in Wehe, Jammer und Leiden, in Gram und Verzweiflung, in
Leiden versunken, in Leiden verloren! O dass es doch etwa
möglich wäre dieser ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹
Mit solcher Gesinnung hat er der Welt entsagt und erlangt
Almosen, Ehre und Ruhm. Diese Erlangung von Almosen, Ehre und
Ruhm erfreut ihn nicht, macht ihn nicht voller Willensregungen.
Durch diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm wird er
nicht hochfahrend, verachtet nicht die anderen. Durch diese
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm wird er nicht berauscht,
wird nicht nachlässig, wird nicht leichtsinnig, und der
ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich die Ordenstugenden.
Durch diese Ordenstugenden wird er erfreut, aber nicht
voller Willensregungen. Diese Ordenstugenden machen ihn
nicht hochfahrend, lassen ihn die anderen nicht verachten.
Diese Ordenstugenden berauschen ihn nicht, machen ihn nicht
nachlässig, nicht leichtsinnig, und der ernsten Sinnes
Strebende erkämpft sich das Glück der Selbstvertiefung. Durch
dieses Glück der Selbstvertiefung wird er erfreut und voller
Willensregungen. Dieses Glück der Selbstvertiefung macht
ihn hochfahrend, lässt ihn die anderen verachten: ›Ich bin
vertieft, geeinten Gemüthes, jene anderen Mönche aber sind
nicht vertieft, sind zerfahrenen Gemüthes.‹ Dieses Glück
der Selbstvertiefung berauscht ihn, macht ihn nachlässig,
leichtsinnig, und den Leichtsinnigen trifft Leiden.

»Ein solcher, ihr Mönche, wird ein Mönch genannt, der die Rinde      195
des Asketenthums an sich genommen hat und sich damit begnügt.

»Da ist ferner, ihr Mönche, ein edler Sohn von Zuversicht
bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert:
›Versunken bin ich in Geburt, in Altern und Sterben, in
Wehe, Jammer und Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden
versunken, in Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre
dieser ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher
Gesinnung hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre
und Ruhm. Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut
ihn nicht, macht ihn nicht voller Willensregungen. Durch diese
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm wird er nicht hochfahrend,
verachtet nicht die anderen. Durch diese Erlangung von Almosen,
Ehre und Ruhm wird er nicht berauscht, wird nicht nachlässig,
wird nicht leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende
erkämpft sich die Ordenstugenden. Durch diese Ordenstugenden
wird er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Diese
Ordenstugenden machen ihn nicht hochfahrend, lassen ihn die
anderen nicht verachten. Diese Ordenstugenden berauschen ihn
nicht, machen ihn nicht nachlässig, nicht leichtsinnig, und
der ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich das Glück der
Selbstvertiefung. Durch dieses Glück der Selbstvertiefung wird
er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Dieses Glück
der Selbstvertiefung macht ihn nicht hochfahrend, lässt ihn
die anderen nicht verachten. Dieses Glück der Selbstvertiefung
berauscht ihn nicht, macht ihn nicht nachlässig, nicht
leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich
die Wissensklarheit. Diese Wissensklarheit erfreut ihn, und
er wird voller Willensregungen. Diese Wissensklarheit macht
ihn hochfahrend, lässt ihn die anderen verachten: ›Ich bin
klarwissend, diese anderen Mönche aber sind unwissend, unklar.‹
Diese Wissensklarheit berauscht ihn, macht ihn nachlässig,
leichtsinnig, und den Leichtsinnigen trifft Leiden.

»Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann, der Kernholz begehrt,
Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade über das Kernholz
eines großen, kernig dastehenden Baumes hinaufkletterte,
Grünholz absägte, mitnähme und in dem Gedanken ›Das ist
Kernholz‹ fortginge; den habe ein scharfsehender Mann
beobachtet: ›Dieser liebe Mann kennt wahrlich weder das
Kernholz, noch das Grünholz, weder die Rinde, noch das Geäst,
noch das Laubgezweig; daher ist nun dieser liebe Mann, der
Kernholz begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade
über das Kernholz des großen, kernig dastehenden Baumes
hinaufgeklettert, hat Grünholz abgesägt, mitgenommen und ist
in der Meinung, dies wäre Kernholz, fortgegangen; was aber aus
dessen Kerne als Kern gewinnbar ist, das wird seinem Zwecke
nicht entsprechen‹:

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist da ein edler Sohn von              196
Zuversicht bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert: ›Versunken bin ich in Geburt, in Altern und Sterben,
in Wehe, Jammer und Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden
versunken, in Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre
dieser ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher
Gesinnung hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre
und Ruhm. Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut
ihn nicht, macht ihn nicht voller Willensregungen. Durch diese
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm wird er nicht hochfahrend,
verachtet nicht die anderen. Durch diese Erlangung von Almosen,
Ehre und Ruhm wird er nicht berauscht, wird nicht nachlässig,
wird nicht leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende
erkämpft sich die Ordenstugenden. Durch diese Ordenstugenden
wird er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Diese
Ordenstugenden machen ihn nicht hochfahrend, lassen ihn die
anderen nicht verachten. Diese Ordenstugenden berauschen ihn
nicht, machen ihn nicht nachlässig, nicht leichtsinnig und
der ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich das Glück der
Selbstvertiefung. Durch dieses Glück der Selbstvertiefung wird
er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Dieses Glück
der Selbstvertiefung macht ihn nicht hochfahrend, lässt ihn
die anderen nicht verachten. Dieses Glück der Selbstvertiefung
berauscht ihn nicht, macht ihn nicht nachlässig, nicht
leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich
die Wissensklarheit. Diese Wissensklarheit erfreut ihn, und
er wird voller Willensregungen. Diese Wissensklarheit macht
ihn hochfahrend, lässt ihn die anderen verachten: ›Ich bin
klarwissend, diese anderen Mönche aber sind unwissend, unklar.‹
Diese Wissensklarheit berauscht ihn, macht ihn nachlässig,
leichtsinnig, und den Leichtsinnigen trifft Leiden.

»Ein solcher, ihr Mönche, wird ein Mönch genannt, der das
Grünholz des Asketenthums an sich genommen hat und sich damit
begnügt.

»Da ist ferner, ihr Mönche, ein edler Sohn von Zuversicht
bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert:
›Versunken bin ich in Geburt, in Altern und Sterben, in
Wehe, Jammer und Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden
versunken, in Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre
dieser ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher
Gesinnung hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre
und Ruhm. Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut
ihn nicht, macht ihn nicht voller Willensregungen. Durch diese
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm wird er nicht hochfahrend,
verachtet nicht die anderen. Durch diese Erlangung von Almosen,
Ehre und Ruhm wird er nicht berauscht, wird nicht nachlässig,
wird nicht leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende
erkämpft sich die Ordenstugenden. Durch diese Ordenstugenden
wird er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Diese
Ordenstugenden machen ihn nicht hochfahrend, lassen ihn die
anderen nicht verachten. Diese Ordenstugenden berauschen ihn
nicht, machen ihn nicht nachlässig, nicht leichtsinnig, und
der ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich das Glück der
Selbstvertiefung. Durch dieses Glück der Selbstvertiefung wird
er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Dieses Glück
der Selbstvertiefung macht ihn nicht hochfahrend, lässt ihn
die anderen nicht verachten. Dieses Glück der Selbstvertiefung
berauscht ihn nicht, macht ihn nicht nachlässig, nicht
leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende erkämpft
sich die Wissensklarheit. Durch diese Wissensklarheit
wird er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Diese
Wissensklarheit macht ihn nicht hochfahrend, lässt ihn die
anderen nicht verachten. Diese Wissensklarheit berauscht ihn
nicht, macht ihn nicht nachlässig, nicht leichtsinnig, und
der ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich eine zeitliche
Erlösung. Aber es ist möglich, ihr Mönche, dass dieser Mönch
der zeitlichen Erlösung verlustig gehe.

»Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann, der Kernholz begehrt,
Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade das Kernholz
eines großen, kernig dastehenden Baumes heraussägte, mitnähme
und in der Erkenntniss ›Das ist Kernholz‹ fortginge; den habe
ein scharfsehender Mann beobachtet: ›Dieser liebe Mann kennt
wahrlich das Kernholz, kennt das Grünholz, kennt die Rinde,
kennt das Geäst, kennt das Laubgezweig; daher hat nun dieser
liebe Mann, der Kernholz begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz       197
ausgeht, gerade das Kernholz des großen, kernig dastehenden
Baumes herausgesägt, mitgenommen und ist in der Erkenntniss,
dass dies Kernholz sei, fortgegangen; und was aus dessen Kerne
als Kern gewinnbar ist, das wird seinem Zwecke entsprechen‹:

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist da ein edler Sohn von
Zuversicht bewogen aus dem Hause in die Hauslosigkeit
gewandert: ›Versunken bin ich in Geburt, in Altern und Sterben,
in Wehe, Jammer und Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden
versunken, in Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre
dieser ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher
Gesinnung hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre
und Ruhm. Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut
ihn nicht, macht ihn nicht voller Willensregungen. Durch diese
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm wird er nicht hochfahrend,
verachtet nicht die anderen. Durch diese Erlangung von Almosen,
Ehre und Ruhm wird er nicht berauscht, wird nicht nachlässig,
wird nicht leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende
erkämpft sich die Ordenstugenden. Durch diese Ordenstugenden
wird er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Diese
Ordenstugenden machen ihn nicht hochfahrend, lassen ihn die
anderen nicht verachten. Diese Ordenstugenden berauschen ihn
nicht, machen ihn nicht nachlässig, nicht leichtsinnig, und
der ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich das Glück der
Selbstvertiefung. Durch dieses Glück der Selbstvertiefung wird
er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Dieses Glück
der Selbstvertiefung macht ihn nicht hochfahrend, lässt ihn
die anderen nicht verachten. Dieses Glück der Selbstvertiefung
berauscht ihn nicht, macht ihn nicht nachlässig, nicht
leichtsinnig, und der ernsten Sinnes Strebende erkämpft
sich die Wissensklarheit. Durch diese Wissensklarheit
wird er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Diese
Wissensklarheit macht ihn nicht hochfahrend, lässt ihn die
anderen nicht verachten. Diese Wissensklarheit berauscht ihn
nicht, macht ihn nicht nachlässig, nicht leichtsinnig, und der
ernsten Sinnes Strebende erkämpft sich die ewige Erlösung. Und
es ist unmöglich, ihr Mönche, es kann nicht sein, dass dieser
Mönch der ewigen Erlösung verlustig gehe.

»Und so ist der Gewinn des Asketenthums, ihr Mönche, nicht
Almosen, Ehre und Ruhm, nicht Ordenstugend, nicht Glück der
Selbstvertiefung, nicht Wissensklarheit. Jene unerschütterliche
Gemütherlösung aber, ihr Mönche, das ist der Zweck, dies, ihr
Mönche, ist das Asketenthum, das ist der Kern, das ist das
Ziel.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              30.

             Dritter Theil            Zehnte Rede

                  DAS GLEICHNISS VOM KERNHOLZ

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           198
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Da nun
begab sich der Brāhmane Piṉgalakoccho dorthin wo der Erhabene
weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige
Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder.
Hierauf nun sprach der Brāhmane Piṉgalakoccho zum Erhabenen
also:

»Die da, o Gotamo, Asketen und Priester sind, von zahlreichen
Jüngern und Anhängern umschaart, Häupter der Schulen, bekannte,
gefeierte Bahnbrecher, die viel bei den Leuten gelten, als wie
Pūraṇo Kassapo, Makkhali Gosālo, Ajito Kesakambalo, Pakudho
Kaccāyano, Sañjayo Belaṭṭhaputto, Nigaṇṭho Nāthaputto[24],
haben alle die, wie ein jeder versichert, verstanden, oder
haben alle eben nichts verstanden? Oder aber haben die einen
verstanden, und die anderen nichts verstanden?«

»Genug, Brāhmane: lass’ es gut sein, ob alle die, wie ein
jeder versichert, verstanden haben, oder ob alle eben nichts
verstanden haben, oder ob etwa die einen verstanden haben, und
die anderen nichts verstanden haben. Die Satzung, Brāhmane,
werd’ ich dir aufweisen; höre zu und achte wohl auf meine Rede.«

»Gewiss, o Herr!« sagte da aufmerksam der Brāhmane
Piṉgalakoccho zum Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Gleichwie etwa, Brāhmane, wenn ein Mann, der Kernholz begehrt,
Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade über das Kernholz
eines großen, kernig dastehenden Baumes hinaufkletterte, über
das Grünholz hinaufkletterte, über die Rinde hinaufkletterte,
über das Geäst hinaufkletterte, einen Blätterzweig abschnitte,
mitnähme und in dem Gedanken ›Das ist Kernholz‹ fortginge: den
habe ein scharfsehender Mann beobachtet: ›Dieser liebe Mann
kennt wahrlich weder das Kernholz, noch das Grünholz, weder
die Rinde, noch das Geäst, noch das Laubgezweig; daher ist
nun dieser liebe Mann, der Kernholz begehrt, Kernholz sucht,
auf Kernholz ausgeht, gerade über das Kernholz des großen,
kernig dastehenden Baumes hinaufgeklettert, über das Grünholz
hinaufgeklettert, über die Rinde hinaufgeklettert, über das
Geäst hinaufgeklettert, hat einen Blätterzweig abgeschnitten,
mitgenommen und ist in der Meinung, dies wäre Kernholz,
fortgegangen; was aber aus dessen Kerne als Kern gewinnbar ist,
das wird seinem Zwecke nicht entsprechen‹:

»Gleichwie, ferner noch, Brāhmane, wenn ein Mann, der Kernholz
begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade
über das Kernholz eines großen, kernig dastehenden Baumes
hinaufkletterte, über das Grünholz hinaufkletterte, über die
Rinde hinaufkletterte, einen Ast abschnitte, mitnähme und            199
in dem Gedanken ›Das ist Kernholz‹ fortginge; den habe ein
scharfsehender Mann beobachtet: ›Dieser liebe Mann kennt
wahrlich weder das Kernholz, noch das Grünholz, weder die
Rinde, noch das Geäst, noch das Laubgezweig; daher ist nun
dieser liebe Mann, der Kernholz begehrt, Kernholz sucht,
auf Kernholz ausgeht, gerade über das Kernholz des großen,
kernig dastehenden Baumes hinaufgeklettert, über das Grünholz
hinaufgeklettert, über die Rinde hinaufgeklettert, hat einen
Ast abgeschnitten, mitgenommen und ist in der Meinung, dies
wäre Kernholz, fortgegangen; was aber aus dessen Kerne als Kern
gewinnbar ist, das wird seinem Zwecke nicht entsprechen‹:

»Gleichwie, ferner noch, Brāhmane, wenn ein Mann, der Kernholz
begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade
über das Kernholz eines großen, kernig dastehenden Baumes
hinaufkletterte, über das Grünholz hinaufkletterte, Rinde
wegschnitte, mitnähme und in dem Gedanken ›Das ist Kernholz‹
fortginge; den habe ein scharfsehender Mann beobachtet:
›Dieser liebe Mann kennt wahrlich weder das Kernholz, noch das
Grünholz, weder die Rinde, noch das Geäst, noch das Laubgezweig;
daher ist nun dieser liebe Mann, der Kernholz begehrt, Kernholz
sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade über das Kernholz des
großen, kernig dastehenden Baumes hinaufgeklettert, über
das Grünholz hinaufgeklettert, hat Rinde weggeschnitten,
mitgenommen und ist in der Meinung, dies wäre Kernholz,
fortgegangen; was aber aus deren Kerne als Kern gewinnbar ist,
das wird seinem Zwecke nicht entsprechen‹:

»Gleichwie, ferner noch, Brāhmane, wenn ein Mann, der
Kernholz begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht,
gerade über das Kernholz eines großen, kernig dastehenden
Baumes hinaufkletterte, Grünholz absägte, mitnähme und in
dem Gedanken: ›Das ist Kernholz‹ fortginge; den habe ein
scharfsehender Mann beobachtet: ›Dieser liebe Mann kennt
wahrlich weder das Kernholz, noch das Grünholz, weder die
Rinde, noch das Geäst, noch das Laubgezweig; daher ist nun
dieser liebe Mann, der Kernholz begehrt, Kernholz sucht, auf
Kernholz ausgeht, gerade über das Kernholz des großen, kernig
dastehenden Baumes hinaufgeklettert, hat Grünholz abgesägt,
mitgenommen und ist in der Meinung, dies wäre Kernholz,
fortgegangen; was aber aus dessen Kerne als Kern gewinnbar ist,
das wird seinem Zwecke nicht entsprechen‹:

»Gleichwie, ferner noch, Brāhmane, wenn ein Mann, der Kernholz
begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, gerade das
Kernholz eines großen, kernig dastehenden Baumes heraussägte,
mitnähme und in der Erkenntniss ›Das ist Kernholz‹ fortginge;
den habe ein scharfsehender Mann beobachtet: ›Dieser liebe
Mann kennt wahrlich das Kernholz, kennt das Grünholz, kennt
die Rinde, kennt das Geäst, kennt das Laubgezweig; daher hat
nun dieser liebe Mann, der Kernholz begehrt, Kernholz sucht,
auf Kernholz ausgeht, gerade das Kernholz des großen, kernig
dastehenden Baumes herausgesägt, mitgenommen und ist in der          200
Erkenntniss, dass dies Kernholz sei, fortgegangen; und was aus
dessen Kerne als Kern gewinnbar ist, das wird seinem Zwecke
entsprechen‹:

»Ebenso nun auch, Brāhmane, ist da einer von Zuversicht bewogen
aus dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert: ›Versunken bin
ich in Geburt, in Altern und Sterben, in Wehe, Jammer und
Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden versunken, in
Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre dieser ganzen
Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher Gesinnung hat
er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre und Ruhm. Diese
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut ihn und er wird
voller Willensregungen. Er brüstet sich dieser Erlangung von
Almosen, Ehre und Ruhm und verachtet die anderen: ›Ich bin
beliebt und berühmt, diese anderen Mönche aber sind unbekannt,
unbedeutend.‹ Jene ferneren Dinge aber, die höher und
herrlicher sind als die Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm,
die Verwirklichung dieser Dinge ersehnt und erkämpft er nicht,
ist bequemlich und schlaff.

»Wie jener Mann, Brāhmane, der Kernholz begehrt, Kernholz
sucht, auf Kernholz ausgeht, aber gerade über das Kernholz
eines großen, kernig dastehenden Baumes hinaufklettert, über
das Grünholz hinaufklettert, über die Rinde hinaufklettert,
über das Geäst hinaufklettert, einen Blätterzweig abschneidet,
mitnimmt und in dem Gedanken ›Das ist Kernholz‹ fortgeht --
doch was aus dessen Kerne als Kern gewinnbar ist, das kann
seinem Zwecke nicht entsprechen --: so erscheint mir, Brāhmane,
ein solcher.

»Da ist ferner, Brāhmane, einer von Zuversicht bewogen aus dem
Hause in die Hauslosigkeit gewandert: ›Versunken bin ich in
Geburt, in Altern und Sterben, in Wehe, Jammer und Leiden, in
Gram und Verzweiflung, in Leiden versunken, in Leiden verloren!
O dass es doch etwa möglich wäre dieser ganzen Leidensfülle
ein Ende zu machen!‹ Mit solcher Gesinnung hat er der Welt
entsagt und erlangt Almosen, Ehre und Ruhm. Diese Erlangung
von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut ihn nicht, macht ihn nicht
voller Willensregungen. Er brüstet sich nicht dieser Erlangung
von Almosen, Ehre und Ruhm, verachtet nicht die anderen. Und
jene ferneren Dinge, die höher und herrlicher sind als die
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm, die Verwirklichung dieser
Dinge ersehnt und erkämpft er, ist nicht bequemlich, nicht
schlaff. Er erkämpft sich die Ordenstugenden. Durch diese
Ordenstugenden wird er erfreut und voller Willensregungen.
Dieser Ordenstugenden brüstet er sich und verachtet die
anderen: ›Ich bin tüchtig, bin rechtschaffen, diese anderen
Mönche aber sind untüchtig, sind Sünder.‹ Jene ferneren Dinge
aber, die höher und herrlicher sind als die Ordenstugenden, die
Verwirklichung dieser Dinge ersehnt und erkämpft er nicht, ist       201
bequemlich und schlaff.

»Wie jener Mann, Brāhmane, der Kernholz begehrt, Kernholz
sucht, auf Kernholz ausgeht, aber gerade über das Kernholz
eines großen, kernig dastehenden Baumes hinaufklettert, über
das Grünholz hinaufklettert, über die Rinde hinaufklettert,
einen Ast abschneidet, mitnimmt und in dem Gedanken ›Das ist
Kernholz‹ fortgeht -- doch was aus dessen Kerne als Kern
gewinnbar ist, das kann seinem Zwecke nicht entsprechen --: so
erscheint mir, Brāhmane, ein solcher.

»Da ist ferner, Brāhmane, einer von Zuversicht bewogen aus
dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert: ›Versunken bin ich
in Geburt, in Altern und Sterben, in Wehe, Jammer und Leiden,
in Gram und Verzweiflung, in Leiden versunken, in Leiden
verloren! O dass es doch etwa möglich wäre dieser ganzen
Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher Gesinnung
hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre und Ruhm.
Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut ihn nicht,
macht ihn nicht voller Willensregungen. Er brüstet sich
nicht dieser Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm, verachtet
nicht die anderen. Und jene ferneren Dinge, die höher und
herrlicher sind als die Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm,
die Verwirklichung dieser Dinge ersehnt und erkämpft er,
ist nicht bequemlich, nicht schlaff. Er erkämpft sich die
Ordenstugenden. Durch diese Ordenstugenden wird er erfreut,
aber nicht voller Willensregungen. Er brüstet sich nicht dieser
Ordenstugenden, verachtet nicht die anderen. Und jene ferneren
Dinge, die höher und herrlicher sind als die Ordenstugenden,
die Verwirklichung dieser Dinge ersehnt und erkämpft er, ist
nicht bequemlich, nicht schlaff. Er erkämpft sich das Glück
der Selbstvertiefung. Durch dieses Glück der Selbstvertiefung
wird er erfreut und voller Willensregungen. Er brüstet sich
dieses Glücks der Selbstvertiefung, verachtet die anderen: ›Ich
bin vertieft, geeinten Gemüthes, diese anderen Mönche aber
sind nicht vertieft, sind zerfahrenen Gemüthes.‹ Jene ferneren
Dinge aber, die höher und herrlicher sind als das Glück der
Selbstvertiefung, die Verwirklichung dieser Dinge ersehnt und
erkämpft er nicht, ist bequemlich und schlaff.

»Wie jener Mann, Brāhmane, der Kernholz begehrt, Kernholz
sucht, auf Kernholz ausgeht, aber gerade über das Kernholz
eines großen, kernig dastehenden Baumes hinaufklettert, über
das Grünholz hinaufklettert, Rinde abschneidet, mitnimmt und in
dem Gedanken ›Das ist Kernholz‹ fortgeht -- doch was aus deren
Kerne als Kern gewinnbar ist, das kann seinem Zwecke nicht
entsprechen --: so erscheint mir, Brāhmane, ein solcher.

»Da ist ferner, Brāhmane, einer von Zuversicht bewogen aus dem
Hause in die Hauslosigkeit gewandert: ›Versunken bin ich in
Geburt, in Altern und Sterben, in Wehe, Jammer und Leiden, in        202
Gram und Verzweiflung, in Leiden versunken, in Leiden verloren!
O dass es doch etwa möglich wäre dieser ganzen Leidensfülle
ein Ende zu machen!‹ Mit solcher Gesinnung hat er der Welt
entsagt und erlangt Almosen, Ehre und Ruhm. Diese Erlangung
von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut ihn nicht, macht ihn nicht
voller Willensregungen. Er brüstet sich nicht dieser Erlangung
von Almosen, Ehre und Ruhm, verachtet nicht die anderen. Und
jene ferneren Dinge, die höher und herrlicher sind als die
Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm, die Verwirklichung
dieser Dinge ersehnt und erkämpft er, ist nicht bequemlich,
nicht schlaff. Er erkämpft sich die Ordenstugenden. Durch
diese Ordenstugenden wird er erfreut, aber nicht voller
Willensregungen. Er brüstet sich nicht dieser Ordenstugenden,
verachtet nicht die anderen. Und jene ferneren Dinge, die höher
und herrlicher sind als die Ordenstugenden, die Verwirklichung
dieser Dinge ersehnt und erkämpft er, ist nicht bequemlich,
nicht schlaff. Er erkämpft sich das Glück der Selbstvertiefung.
Durch dieses Glück der Selbstvertiefung wird er erfreut, aber
nicht voller Willensregungen. Er brüstet sich nicht dieses
Glücks der Selbstvertiefung, verachtet nicht die anderen. Und
jene ferneren Dinge, die höher und herrlicher sind als das
Glück der Selbstvertiefung, die Verwirklichung dieser Dinge
ersehnt und erkämpft er, ist nicht bequemlich, nicht schlaff.
Er erkämpft sich die Wissensklarheit. Diese Wissensklarheit
erfreut ihn, und er wird voller Willensregungen. Er brüstet
sich dieser Wissensklarheit, verachtet die anderen: ›Ich bin
klarwissend, diese anderen Mönche aber sind unwissend, unklar.‹
Jene ferneren Dinge aber, die höher und herrlicher sind als die
Wissensklarheit, die Verwirklichung dieser Dinge ersehnt und
erkämpft er nicht, ist bequemlich und schlaff.

»Wie jener Mann, Brāhmane, der Kernholz begehrt, Kernholz
sucht, auf Kernholz ausgeht, aber gerade über das Kernholz
eines großen, kernig dastehenden Baumes hinaufklettert,
Grünholz absägt, mitnimmt und in dem Gedanken ›Das ist
Kernholz‹ fortgeht -- doch was aus dessen Kerne als Kern
gewinnbar ist, das wird seinem Zwecke nicht entsprechen --: so
erscheint mir, Brāhmane, ein solcher.

»Da ist ferner, Brāhmane, einer von Zuversicht bewogen aus
dem Hause in die Hauslosigkeit gewandert: ›Versunken bin
ich in Geburt, in Altern und Sterben, in Wehe, Jammer und
Leiden, in Gram und Verzweiflung, in Leiden versunken, in
Leiden verloren! O dass es doch etwa möglich wäre dieser
ganzen Leidensfülle ein Ende zu machen!‹ Mit solcher Gesinnung
hat er der Welt entsagt und erlangt Almosen, Ehre und Ruhm.
Diese Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm erfreut ihn nicht,        203
macht ihn nicht voller Willensregungen. Er brüstet sich
nicht dieser Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm, verachtet
nicht die anderen. Und jene ferneren Dinge, die höher und
herrlicher sind als die Erlangung von Almosen, Ehre und Ruhm,
die Verwirklichung dieser Dinge ersehnt und erkämpft er,
ist nicht bequemlich, nicht schlaff. Er erkämpft sich die
Ordenstugenden. Durch diese Ordenstugenden wird er erfreut,
aber nicht voller Willensregungen. Er brüstet sich nicht dieser
Ordenstugenden, verachtet nicht die anderen. Und jene ferneren
Dinge, die höher und herrlicher sind als die Ordenstugenden,
die Verwirklichung dieser Dinge ersehnt und erkämpft er, ist
nicht bequemlich, nicht schlaff. Er erkämpft sich das Glück
der Selbstvertiefung. Durch dieses Glück der Selbstvertiefung
wird er erfreut, aber nicht voller Willensregungen. Er brüstet
sich nicht dieses Glücks der Selbstvertiefung, verachtet nicht
die anderen. Und jene ferneren Dinge, die höher und herrlicher
sind als das Glück der Selbstvertiefung, die Verwirklichung
dieser Dinge ersehnt und erkämpft er, ist nicht bequemlich,
nicht schlaff. Er erkämpft sich die Wissensklarheit. Durch
diese Wissensklarheit wird er erfreut, aber nicht voller
Willensregungen. Er brüstet sich nicht dieser Wissensklarheit,
verachtet nicht die anderen. Und jene ferneren Dinge, die höher
und herrlicher sind als die Wissensklarheit, die Verwirklichung
dieser Dinge ersehnt und erkämpft er, ist nicht bequemlich,
nicht schlaff.

»Und welche Dinge, Brāhmane, sind höher und herrlicher als die
Wissensklarheit?

»Da erwirkt, Brāhmane, der Mönch, gar fern von Begierden, fern
von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener
säliger Heiterkeit die Weihe der ersten Schauung.

»Das aber, Brāhmane, ist ein Ding höher und herrlicher als die
Wissensklarheit.

»Weiter sodann, Brāhmane: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens erreicht der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung.

»Das aber, Brāhmane, ist ein Ding höher und herrlicher als die
Wissensklarheit.

»Weiter sodann, Brāhmane: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten
Schauung.

»Das aber, Brāhmane, ist ein Ding höher und herrlicher als           204
die Wissensklarheit.

»Weiter sodann, Brāhmane: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erreicht der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung.

»Das aber, Brāhmane, ist ein Ding höher und herrlicher als die
Wissensklarheit.

»Weiter sodann, Brāhmane: nach völliger Ueberwindung der
Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen,
Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen gewinnt der Mönch in dem
Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten
Raumes.

»Das aber, Brāhmane, ist ein Ding höher und herrlicher als die
Wissensklarheit.

»Weiter sodann, Brāhmane: nach völliger Ueberwindung der
unbegränzten Raumsphäre gewinnt der Mönch in dem Gedanken
›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des unbegränzten
Bewusstseins.

»Das aber, Brāhmane, ist ein Ding höher und herrlicher als die
Wissensklarheit.

»Weiter sodann, Brāhmane: nach völliger Ueberwindung der
unbegränzten Bewusstseinsphäre gewinnt der Mönch in dem
Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins.

»Das aber, Brāhmane, ist ein Ding höher und herrlicher als die
Wissensklarheit.

»Weiter sodann, Brāhmane: nach völliger Ueberwindung der
Nichtdaseinsphäre erreicht der Mönch die Gränzscheide möglicher
Wahrnehmung.

»Das aber, Brāhmane, ist ein Ding höher und herrlicher als die
Wissensklarheit.

»Weiter sodann, Brāhmane: nach völliger Ueberwindung der
Gränzscheide möglicher Wahrnehmung erreicht der Mönch die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit, und des weise Sehenden Wahn ist
aufgehoben.

»Das aber, Brāhmane, ist ein Ding höher und herrlicher als die
Wissensklarheit.

»Das sind die Dinge, Brāhmane, die höher und herrlicher sind
als die Wissensklarheit.[25]

»Wie jener Mann, Brāhmane, der Kernholz begehrt, Kernholz
sucht, auf Kernholz ausgeht und gerade das Kernholz eines
großen, kernig dastehenden Baumes heraussägt, mitnimmt und
in der Erkenntniss ›Das ist Kernholz‹ fortgeht -- und was aus
dessen Kerne als Kern gewinnbar ist, das wird seinem Zwecke
entsprechen --: so erscheint mir, Brāhmane, ein solcher.

»Und so ist der Gewinn des Asketenthums, Brāhmane, nicht
Almosen, Ehre und Ruhm, nicht Ordenstugend, nicht Glück der
Selbstvertiefung, nicht Wissensklarheit. Jene unerschütterliche
Gemütherlösung aber, Brāhmane, das ist der Zweck, dies,
Brāhmane, ist das Asketenthum, das ist der Kern, das ist das
Ziel.«

       *       *       *       *       *

Nach diesen Worten sprach der Brāhmane Piṉgalakoccho zum
Erhabenen also:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie
etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte, oder
Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht
in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge
sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre auf manigfaltige
Weise dargelegt. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht,
bei der Lehre und bei der Jüngerschaft, als Anhänger soll mich
Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«



                         VIERTER THEIL

                     ERSTES BUCH DER PAARE



                              31.

               Vierter Theil         Erste Rede

                      IM GOSIṈGAM-WALDE.

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Nādikā, in der Steinernen Einsiedelei. Um diese Zeit aber
weilte der ehrwürdige Anuruddho, der ehrwürdige Nandiyo und der
ehrwürdige Kimbilo im Forste des Gosiṉgam-Waldes. Als nun der
Erhabene gegen Abend die Gedenkensruhe beendet hatte, begab
er sich zum Forste des Gosiṉgam-Waldes. Da sah ein Waldhüter
den Erhabenen von ferne herankommen, und als er den Erhabenen
gesehn sprach er also zu ihm:

»Gehe nicht in diesen Forst, o Asket: drei edle Jünglinge
weilen hier, die selbstzufrieden scheinen, störe sie nicht!«

Der ehrwürdige Anuruddho hörte aber des Waldhüters Gespräch
mit dem Erhabenen, und als er es gehört sprach er also zum
Waldhüter:

»Wehre nicht, Bruder Waldhüter, dem Erhabenen: unser Meister,
der Erhabene ist gekommen.«

Und der ehrwürdige Anuruddho begab sich nun zum ehrwürdigen
Nandiyo und zum ehrwürdigen Kimbilo und sprach hierauf also zu
ihnen:

»Kommt herbei, ihr Brüder, kommt herbei, ihr Brüder: unser
Meister, der Erhabene ist da.«

Und der ehrwürdige Anuruddho, der ehrwürdige Nandiyo und             206
der ehrwürdige Kimbilo gingen nun dem Erhabenen entgegen.
Einer nahm dem Erhabenen Mantel und Almosenschaale ab,
einer bereitete einen Sitz zurecht, einer brachte Wasser
zur Fußwaschung herbei. Es setzte sich der Erhabene auf den
dargebotenen Sitz, und als er saß spülte er sich die Füße
ab. Jene Ehrwürdigen aber setzten sich, nach des Erhabenen
Begrüßung, zur Seite nieder. Und der Erhabene wandte sich nun
an den ehrwürdigen Anuruddho, der zur Seite saß, und sprach
also:

»Geht es euch, Anuruddher, leidlich, kommt ihr wohl aus, ohne
Mangel an Nahrung?«

»Leidlich, Erhabener, geht es uns, wohl, Erhabener, kommen wir
aus, wir ermangeln, o Herr, nicht der Nahrung.«

»Vertragt ihr euch aber, Anuruddher, einig, ohne Zwist, mild
geworden, und seht euch sanften Auges an?«

»Freilich, o Herr, vertragen wir uns, einig, ohne Zwist, mild
geworden, und sehn uns sanften Auges an.«

»Inwiefern aber, Anuruddher, vertragt ihr euch, einig, ohne
Zwist, mild geworden, und seht euch sanften Auges an?«

»Da gedenk’ ich, o Herr, also: ›Erreicht habe ich’s, wohl
getroffen, fürwahr, der ich mit solchen wahren Asketen vereint
lebe.‹ Und ich Glücklicher, o Herr, diene diesen Ehrwürdigen
mit liebevoller That, so offen als verborgen, mit liebevollem
Wort, so offen als verborgen, mit liebevoller Gesinnung, so
offen als verborgen. Und also verweilend, o Herr, denke ich:
›Wenn ich nun meinen eigenen Willen aufgäbe und mich nur dem
Willen dieser Ehrwürdigen unterwürfe?‹ Und ich habe, o Herr,
meinen eigenen Willen aufgegeben und mich dem Willen dieser
Ehrwürdigen unterworfen. Verschieden, o Herr, sind zwar unsere
Körper, aber ich glaube wir haben nur einen Willen.«

Und der ehrwürdige Nandiyo, und der ehrwürdige Kimbilo sprach
zum Erhabenen:

»Auch ich, o Herr, gedenke also: ›Erreicht habe ich’s wohl
getroffen, fürwahr, der ich mit solchen wahren Asketen vereint
lebe.‹ Und ich Glücklicher, o Herr, diene diesen Ehrwürdigen
mit liebevoller That, so offen als verborgen, mit liebevollem
Wort, so offen als verborgen, mit liebevoller Gesinnung, so
offen als verborgen. Und also verweilend, o Herr, denke ich:         207
›Wenn ich nun meinen eigenen Willen aufgäbe und mich nur dem
Willen dieser Ehrwürdigen unterwürfe?‹ Und ich habe, o Herr,
meinen eigenen Willen aufgegeben und mich dem Willen dieser
Ehrwürdigen unterworfen. Verschieden, o Herr, sind zwar unsere
Körper, aber ich glaube wir haben nur einen Willen.

»Also, o Herr, verweilen wir verträglich, einig, ohne Zwist,
mild geworden, und sehn uns sanften Auges an.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Und verweilt ihr auch ernsten
Sinnes, Anuruddher, eifrig, unermüdlich?«

»Freilich, o Herr, verweilen wir ernsten Sinnes, eifrig,
unermüdlich.«

»Inwiefern aber, Anuruddher, verweilt ihr ernsten Sinnes,
eifrig, unermüdlich?«

»Wer da zuerst von uns, o Herr, vom Almosengang aus dem Dorfe
zurückkehrt, der bereitet die Plätze und setzt Trinkwasser,
Waschwasser und den Spülnapf vor. Wer zuletzt vom Almosengang
aus dem Dorfe zurückkehrt, und es ist noch Speise übrig, und
er verlangt danach, so nimmt er davon; wo nicht, so wirft er
sie fort, auf grasfreien Grund oder in fließendes Wasser.
Dann ordnet er die Sitze, räumt Trinkwasser, Waschwasser und
Spülnapf weg und fegt den Speiseplatz rein. Wer bemerkt,
dass man den Trinknapf oder den Waschkrug oder den Mistkübel
nicht mehr braucht, der stellt ihn gesäubert auf. Wenn er es
allein nicht kann, so winkt er einen Zweiten herbei, und wir
kommen und helfen, ohne dass wir, o Herr, aus solchem Grunde
das Schweigen brächen. Und jeden fünften Tag, o Herr, sitzen
wir die ganze Nacht hindurch in Gesprächen über die Lehre
beisammen. Also, o Herr, verweilen wir ernsten Sinnes, eifrig,
unermüdlich.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Habt ihr aber, Anuruddher, die
ihr also ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilet, ein
überirdisches, reiches Heilthum errungen, sälige Ruhe?«

»Wie denn nicht, o Herr! Da verweilen wir nach Belieben, o
Herr, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen,
in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in
der Weihe der ersten Schauung. Dies, o Herr, ist von uns, den
ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich Verweilenden, errungen
worden, ein überirdisches, reiches Heilthum, sälige Ruhe.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Habt ihr aber, Anuruddher,
nach Ersteigung und Ueberwindung dieser Warte noch ein anderes       208
überirdisches, reiches Heilthum errungen, sälige Ruhe?«

»Wie denn nicht, o Herr! Da erwirken wir nach Belieben, o
Herr, nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens die innere
Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von
gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die
Weihe der zweiten Schauung. Nach Ersteigung und Ueberwindung
jener Warte, o Herr, erscheint dieses andere überirdische,
reiche Heilthum, sälige Ruhe.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Habt ihr aber, Anuruddher,
nach Ersteigung und Ueberwindung dieser Warte noch ein anderes
überirdisches, reiches Heilthum errungen, sälige Ruhe?«

»Wie denn nicht, o Herr! Da verweilen wir nach Belieben, o
Herr, in heiterer Ruhe gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst,
ein Glück empfinden wir im Körper, von dem die Heiligen sagen:
›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirken
wir die Weihe der dritten Schauung. Nach Ersteigung und
Ueberwindung jener Warte, o Herr, erscheint dieses andere
überirdische, reiche Heilthum, sälige Ruhe.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Habt ihr aber, Anuruddher,
nach Ersteigung und Ueberwindung dieser Warte noch ein anderes
überirdisches, reiches Heilthum errungen, sälige Ruhe?«

»Wie denn nicht, o Herr! Da erreichen wir nach Belieben, o
Herr, nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung
des einstigen Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen,
freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die
vierte Schauung. Nach Ersteigung und Ueberwindung jener Warte,
o Herr, erscheint dieses andere überirdische, reiche Heilthum,
sälige Ruhe.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Habt ihr aber, Anuruddher,
nach Ersteigung und Ueberwindung dieser Warte noch ein anderes
überirdisches, reiches Heilthum errungen, sälige Ruhe?«

»Wie denn nicht, o Herr! Da gewinnen wir nach Belieben, o Herr,
nach völliger Ueberwindung der Formwahrnehmungen, Vernichtung
der Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen
in dem Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des
unbegränzten Raumes. Nach Ersteigung und Ueberwindung jener          209
Warte, o Herr, erscheint dieses andere überirdische, reiche
Heilthum, sälige Ruhe.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Habt ihr aber, Anuruddher,
nach Ersteigung und Ueberwindung dieser Warte noch ein anderes
überirdisches, reiches Heilthum errungen, sälige Ruhe?«

»Wie denn nicht, o Herr! Da gewinnen wir nach Belieben, o
Herr, nach völliger Ueberwindung der unbegränzten Raumsphäre
in dem Gedanken ›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des
unbegränzten Bewusstseins. Nach Ersteigung und Ueberwindung
jener Warte, o Herr, erscheint dieses andere überirdische,
reiche Heilthum, sälige Ruhe.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Habt ihr aber, Anuruddher,
nach Ersteigung und Ueberwindung dieser Warte noch ein anderes
überirdisches, reiches Heilthum errungen, sälige Ruhe?«

»Wie denn nicht, o Herr! Da gewinnen wir nach Belieben,
o Herr, nach völliger Ueberwindung der unbegränzten
Bewusstseinsphäre in dem Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des
Nichtdaseins. Nach Ersteigung und Ueberwindung jener Warte, o
Herr, erscheint dieses andere überirdische, reiche Heilthum,
sälige Ruhe.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Habt ihr aber, Anuruddher,
nach Ersteigung und Ueberwindung dieser Warte noch ein anderes
überirdisches, reiches Heilthum errungen, sälige Ruhe?«

»Wie denn nicht, o Herr! Da erreichen wir nach Belieben, o
Herr, nach völliger Ueberwindung der Nichtdaseinsphäre die
Gränzscheide möglicher Wahrnehmung. Nach Ersteigung und
Ueberwindung jener Warte, o Herr, erscheint dieses andere
überirdische, reiche Heilthum, sälige Ruhe.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Habt ihr aber, Anuruddher,
nach Ersteigung und Ueberwindung dieser Warte noch ein anderes
überirdisches, reiches Heilthum der Wissensklarheit errungen,
sälige Ruhe?«

»Wie denn nicht, o Herr! Da erreichen wir nach Belieben, o
Herr, nach völliger Ueberwindung der Gränzscheide möglicher
Wahrnehmung die Auflösung der Wahrnehmbarkeit, und der weise
Sehenden Wahn ist aufgehoben. Nach Ersteigung und Ueberwindung
jener Warte, o Herr, erscheint dieses andere überirdische,
reiche Heilthum der Wissensklarheit, sälige Ruhe. Und eine
andere sälige Ruhe, höher oder herrlicher als diese, o Herr,
kennen wir nicht.«

»Recht so, recht so, Anuruddher. Eine andere sälige Ruhe, höher
oder herrlicher als diese, Anuruddher, giebt es nicht.«

Als nun der Erhabene den ehrwürdigen Anuruddho, den ehrwürdigen
Nandiyo und den ehrwürdigen Kimbilo in lehrreichem Gespräche
ermuntert, ermuthigt, erregt und erheitert hatte, stand er von
seinem Sitze auf und ging fort. Der ehrwürdige Anuruddho, der
ehrwürdige Nandiyo und der ehrwürdige Kimbilo gaben nun dem
Erhabenen das Geleite und kehrten dann wieder zurück. Da wandte
sich der ehrwürdige Nandiyo und der ehrwürdige Kimbilo an den        210
ehrwürdigen Anuruddho:

»Wie ist es doch? Haben wir dem ehrwürdigen Anuruddho
gesagt: ›Dieser und jener Heilstufen erfreuen wir uns‹, da
uns der ehrwürdige Anuruddho vor dem Erhabenen als bis zur
Wahnversiegung gelangt dargestellt hat?«

»Nein, wahrlich, die Ehrwürdigen haben mir nicht gesagt:
›Dieser und jener Heilstufen erfreuen wir uns‹, aber ich habe
es im Herzen der Ehrwürdigen gelesen und gesehn: ›Dieser und
jener Heilstufen erfreuen sich diese Ehrwürdigen.‹ Und auch
Gottheiten haben es mir gesagt: ›Dieser und jener Heilstufen
erfreuen sich diese Ehrwürdigen.‹ Den Fragen des Erhabenen
gemäß hab’ ich geantwortet.«

Da nun begab sich Dīgho, ein Fremder, ein Geist, dorthin wo der
Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und stellte
sich seitwärts hin. Seitwärts stehend sprach nun Dīgho, der
Fremde, der Geist, zum Erhabenen also:

»Gesegnet sind die Vajjīner, o Herr, hochgesegnet das
Vajjī-Volk, wo der Vollendete weilt, der Heilige, vollkommen
Erwachte, und diese drei edlen Söhne, der ehrwürdige
Anuruddho, der ehrwürdige Nandiyo, der ehrwürdige Kimbilo!«

Die Stimme Dīghos, des Fremden, des Geistes, vernehmend hallten
die Stimmen der Erdgötter wieder:

»Gesegnet sind die Vajjīner, fürwahr, hochgesegnet das
Vajjī-Volk, wo der Vollendete weilt, der Heilige, vollkommen
Erwachte, und diese drei edlen Söhne, der ehrwürdige Anuruddho,
der ehrwürdige Nandiyo, der ehrwürdige Kimbilo!«

Die Stimmen der Erdgötter vernehmend hallten die Stimmen der
Götter der Vier großen Könige wieder:

»Gesegnet sind die Vajjīner, fürwahr, hochgesegnet das
Vajjī-Volk, wo der Vollendete weilt, der Heilige, vollkommen
Erwachte, und diese drei edlen Söhne, der ehrwürdige Anuruddho,
der ehrwürdige Nandiyo, der ehrwürdige Kimbilo!«

Die Stimmen der Götter der Vier großen Könige vernehmend
hallten die Stimmen der Dreiunddreißig Götter wieder:

»Gesegnet sind die Vajjīner, fürwahr, hochgesegnet das
Vajjī-Volk, wo der Vollendete weilt, der Heilige, vollkommen
Erwachte, und diese drei edlen Söhne, der ehrwürdige Anuruddho,
der ehrwürdige Nandiyo, der ehrwürdige Kimbilo!«

Die Stimmen der Dreiunddreißig Götter vernehmend hallten die
Stimmen der Schattengötter wieder:

»Gesegnet sind die Vajjīner, fürwahr, hochgesegnet das
Vajjī-Volk, wo der Vollendete weilt, der Heilige, vollkommen
Erwachte, und diese drei edlen Söhne, der ehrwürdige Anuruddho,
der ehrwürdige Nandiyo, der ehrwürdige Kimbilo!«

Die Stimmen der Schattengötter vernehmend hallten die Stimmen
der Säligen Götter wieder:

»Gesegnet sind die Vajjīner, fürwahr, hochgesegnet das
Vajjī-Volk, wo der Vollendete weilt, der Heilige, vollkommen
Erwachte, und diese drei edlen Söhne, der ehrwürdige Anuruddho,
der ehrwürdige Nandiyo, der ehrwürdige Kimbilo!«

Die Stimmen der Säligen Götter vernehmend hallten die Stimmen
der Götter der unbeschränkten Freude wieder:

»Gesegnet sind die Vajjīner, fürwahr, hochgesegnet das
Vajjī-Volk, wo der Vollendete weilt, der Heilige, vollkommen
Erwachte, und diese drei edlen Söhne, der ehrwürdige Anuruddho,
der ehrwürdige Nandiyo, der ehrwürdige Kimbilo!«

Die Stimmen der Götter der unbeschränkten Freude vernehmend
hallten die Stimmen der Jenseit der unbeschränkten Freude
weilenden Götter wieder:

»Gesegnet sind die Vajjīner, fürwahr, hochgesegnet das
Vajjī-Volk, wo der Vollendete weilt, der Heilige, vollkommen
Erwachte, und diese drei edlen Söhne, der ehrwürdige Anuruddho,
der ehrwürdige Nandiyo, der ehrwürdige Kimbilo!«

Die Stimmen der Jenseit der unbeschränkten Freude weilenden
Götter vernehmend hallten die Stimmen der Götter der Brahmawelt
wieder:

»Gesegnet sind die Vajjīner, fürwahr, hochgesegnet das
Vajjī-Volk, wo der Vollendete weilt, der Heilige, vollkommen
Erwachte, und diese drei edlen Söhne, der ehrwürdige Anuruddho,
der ehrwürdige Nandiyo, der ehrwürdige Kimbilo!«

So waren da jene Ehrwürdigen in einem Augenblick, in einem Nu
bis in die Brahmawelt wahrgenommen worden.

       *       *       *       *       *

»So ist es, Dīgho, so ist es, Dīgho. Wenn die Familie,
Dīgho, aus der jene edlen drei Söhne vom Hause fort in die
Hauslosigkeit hinausgezogen sind, jener edlen drei Söhne in
Liebe gedächte, so gereicht’ es auch ihr lange zum Wohle, zum
Heile. Wenn der Familienkreis, Dīgho, aus dem jene edlen drei
Söhne vom Hause fort in die Hauslosigkeit hinausgezogen sind,
jener edlen drei Söhne in Liebe gedächte, so gereicht’ es auch       211
ihm lange zum Wohle, zum Heile. Wenn das Dorf, Dīgho, aus dem
jene edlen drei Söhne vom Hause fort in die Hauslosigkeit
hinausgezogen sind, jener edlen drei Söhne in Liebe gedächte,
so gereicht’ es auch ihm lange zum Wohle, zum Heile. Wenn die
Stadt, Dīgho, aus der jene edlen drei Söhne vom Hause fort in
die Hauslosigkeit hinausgezogen sind, jener edlen drei Söhne
in Liebe gedächte, so gereicht’ es auch ihr lange zum Wohle,
zum Heile. Wenn die Hauptstadt, Dīgho, aus der jene edlen drei
Söhne vom Hause fort in die Hauslosigkeit hinausgezogen sind,
jener edlen drei Söhne in Liebe gedächte, so gereicht’ es auch
ihr lange zum Wohle, zum Heile. Wenn das Land, Dīgho, aus dem
jene edlen drei Söhne vom Hause fort in die Hauslosigkeit
hinausgezogen sind, jener edlen drei Söhne in Liebe gedächte,
so gereicht’ es auch ihm lange zum Wohle, zum Heile. Wenn
auch alle Adeligen, Dīgho, jener edlen drei Söhne in Liebe
gedächten, so gereicht’ es jedem von ihnen lange zum Wohle,
zum Heile. Wenn auch alle Geistlichen, Dīgho, jener edlen
drei Söhne in Liebe gedächten, so gereicht’ es jedem von ihnen
lange zum Wohle, zum Heile. Wenn auch alle Bürgerlichen, Dīgho,
jener edlen drei Söhne in Liebe gedächten, so gereicht’ es
jedem von ihnen lange zum Wohle, zum Heile. Wenn auch alle
Dienenden, Dīgho, jener edlen drei Söhne in Liebe gedächten,
so gereicht’ es jedem von ihnen lange zum Wohle, zum Heile.
Wenn selbst die Welt, Dīgho, mit ihren Göttern, ihren bösen und
heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern und Priestern,
Göttern und Menschen, jener edlen drei Söhne in Liebe gedächte,
so gereicht’ es selbst der Welt, mit ihren Göttern, ihren
bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern und
Priestern, Göttern und Menschen, lange zum Wohle, zum Heile.

»Siehe, Dīgho, wie weit jene edlen drei Söhne vielen zum Wohle,
vielen zum Heile wirken, aus Erbarmen zur Welt: zum Nutzen,
Wohle und Heile für Götter und Menschen.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Dīgho, der
Fremde, der Geist, über das Wort des Erhabenen.



                              32.

             Vierter Theil            Zweite Rede

                       IM GOSIṈGAM-WALDE

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im            212
Forste des Gosiṉgam-Waldes, mit gar manchen wohlbekannten
Oberen, wohl bekannten Jüngern, mit dem ehrwürdigen
Sāriputto und dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno, mit dem
ehrwürdigen Mahākassapo und dem ehrwürdigen Anuruddho, mit
dem ehrwürdigen Revato und dem ehrwürdigen Ānando und mit
anderen wohlbekannten Oberen, wohlbekannten Jüngern zusammen.

Als nun der ehrwürdige Mahāmoggallāno gegen Abend die
Gedenkensruhe beendet hatte, begab er sich dorthin wo der
ehrwürdige Mahākassapo weilte, und sprach zum ehrwürdigen
Mahākassapo also:

»Komm’, Bruder Kassapo, lass’ uns zum ehrwürdigen Sāriputto
gehn, die Lehre zu hören.«

»Gern, Bruder«, erwiderte der ehrwürdige Mahākassapo dem
ehrwürdigen Mahāmoggallāno.

Und der ehrwürdige Mahāmoggallāno und der ehrwürdige
Mahākassapo wie auch der ehrwürdige Anuruddho begaben sich nun
dorthin wo der ehrwürdige Sāriputto weilte, die Lehre zu hören.
Der ehrwürdige Ānando aber erblickte diese Ehrwürdigen, wie sie
sich zum ehrwürdigen Sāriputto begaben, die Lehre zu hören, und
nachdem er sie gesehn ging er zum ehrwürdigen Revato und sprach
also zu ihm:

»Es begeben sich, Bruder Revato, jene Edlen dorthin wo der
ehrwürdige Sāriputto weilt, die Lehre zu hören; komm’, Bruder
Revato, lass’ uns zum ehrwürdigen Sāriputto gehn, die Lehre zu
hören.«

»Gern, Bruder«, erwiderte der ehrwürdige Revato dem ehrwürdigen
Ānando.

Und der ehrwürdige Revato und der ehrwürdige Ānando begaben
sich nun dorthin wo der ehrwürdige Sāriputto weilte, die Lehre
zu hören.

Da sah der ehrwürdige Sāriputto den ehrwürdigen Revato und den
ehrwürdigen Ānando von ferne herankommen, und nachdem er sie
gesehn sprach er zum ehrwürdigen Ānando also:

»Willkommen sei der ehrwürdige Ānando, gegrüßt der ehrwürdige
Ānando, der des Erhabenen wartet, dem Erhabenen nahe ist.
Entzückend, Bruder Ānando, ist der Gosiṉgam-Wald, herrlich die
klare Mondnacht, die Bäume stehn in voller Blüthe, himmlische
Düfte, meint man, wehn umher. Was für ein Mönch, Bruder Ānando,
mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen?«                             213

»Da hat, Bruder Sāriputto, ein Mönch viel gehört, ist Behälter
des Wortes, Hort des Wortes der Lehre; und was da am Anfang
begütigt, in der Mitte begütigt, am Ende begütigt und sinn-
und wortgetreu das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum
überliefert: das kennt er, behält er, beherrscht er mit
der Rede, bewahrt es im Gedächtnis, hat es von Grund aus
verstanden. Er legt den vier Arten von Hörern[26] die Lehre
dar, im Ganzen, im Einzelnen und im Zusammenhang, zur völligen
Wunschesvertilgung. Ein solcher Mönch, Bruder Sāriputto, mag
dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen.«

Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Sāriputto an den
ehrwürdigen Revato:

»Der ehrwürdige Ānando, Bruder Revato, hat nach seinem
Begriffe geantwortet. Jetzt fragen wir den ehrwürdigen Revato:
Entzückend, Bruder Revato, ist der Gosiṉgam-Wald, herrlich die
klare Mondnacht, die Bäume stehn in voller Blüthe, himmlische
Düfte, meint man, wehn umher. Was für ein Mönch, Bruder
Revato, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen?«

»Da wird, Bruder Sāriputto, ein Mönch durch die Gedenkensruhe
erquickt und beglückt, erkämpft innigen Geistesfrieden,
widerstrebt nicht der Schauung, gewinnt durchdringenden Blick,
ist ein Freund leerer Klausen. Ein solcher Mönch, Bruder
Sāriputto, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen.«

Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Sāriputto an den
ehrwürdigen Anuruddho:

»Der ehrwürdige Revato, Bruder Anuruddho, hat nach seinem
Begriffe geantwortet. Jetzt fragen wir den ehrwürdigen
Anuruddho: Entzückend, Bruder Anuruddho, ist der Gosiṉgam-Wald,
herrlich die klare Mondnacht, die Bäume stehn in voller Blüthe,
himmlische Düfte, meint man, wehn umher. Was für ein Mönch,
Bruder Anuruddho, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen?«

»Da blickt, Bruder Sāriputto, ein Mönch mit dem himmlischen
Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, über tausend Welten hin. Gleichwie etwa,
Bruder Sāriputto, ein scharfsehender Mann von der Zinne
eines hohen Thurmes tausend Gehöfte im Kreise überblicken
mag: ebenso auch, Bruder Sāriputto, blickt ein Mönch mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, über tausend Welten hin. Ein solcher Mönch,
Bruder Sāriputto, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen.«

Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Sāriputto an den
ehrwürdigen Mahākassapo:

»Der ehrwürdige Anuruddho, Bruder Kassapo, hat nach seinem
Begriffe geantwortet. Jetzt fragen wir den ehrwürdigen
Mahākassapo: Entzückend, Bruder Kassapo, ist der Gosiṉgam-Wald,
herrlich die klare Mondnacht, die Bäume stehn in voller Blüthe,
himmlische Düfte, meint man, wehn umher. Was für ein Mönch,
Bruder Kassapo, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen?«

»Da ist, Bruder Sāriputto, ein Mönch selbst Waldeinsiedler und       214
preist das Waldeinsiedlerthum, lebt selbst von Almosenspeise
und preist das Leben von Almosenspeise, trägt selbst die
geflickte Fetzenkutte und preist das Tragen der geflickten
Fetzenkutte, besitzt nur drei Kleidungstücke und preist
das bloße Besitzthum dreier Kleidungstücke[27], hat selbst
wenig Bedürfnisse und preist die Bedürfnisslosigkeit, ist
selbst zufrieden und preist die Zufriedenheit, ist selbst
zurückgezogen und preist die Zurückgezogenheit, flieht selbst
die Welt und preist die Weltflucht, ist selbst standhaft und
preist die Standhaftigkeit, ist selbst ordenstüchtig und preist
die Ordenstugend, hat selbst das Glück der Vertiefung errungen
und preist das Glück der Vertiefung, hat selbst die Weisheit
errungen und preist die Errungenschaft der Weisheit, hat
selbst die Erlösung errungen und preist die Errungenschaft der
Erlösung, hat selbst die Wissensklarheit der Erlösung errungen
und preist die Errungenschaft der wissensklaren Erlösung. Ein
solcher Mönch, Bruder Sāriputto, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz
verleihen.«

Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Sāriputto an den
ehrwürdigen Mahāmoggallāno:

»Der ehrwürdige Mahākassapo, Bruder Moggallāno, hat nach
seinem Begriffe geantwortet. Jetzt fragen wir den ehrwürdigen
Mahāmoggallāno: Entzückend, Bruder Moggallāno, ist der
Gosiṉgam-Wald, herrlich die klare Mondnacht, die Bäume stehn
in voller Blüthe, himmlische Düfte, meint man, wehn umher. Was
für ein Mönch, Bruder Moggallāno, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz
verleihen?«

»Da halten, Bruder Sāriputto, zwei Mönche ein Gespräch über
die Lehre, stellen sich Fragen, und nachdem sie die Fragen
gegenseitig beantwortet haben, gehn sie auseinander, jeder
für sich, und lehrreich war ihr Gespräch und anregend. Ein
solcher Mönch, Bruder Sāriputto, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz
verleihen.«

Und nun wandte sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno also an den
ehrwürdigen Sāriputto:

»Jeder von uns, Bruder Sāriputto, hat nach seinem Begriffe
geantwortet. Jetzt fragen wir den ehrwürdigen Sāriputto:
Entzückend, Bruder Sāriputto, ist der Gosiṉgam-Wald, herrlich
die klare Mondnacht, die Bäume stehn in voller Blüthe,
himmlische Düfte, meint man, wehn umher. Was für ein Mönch,
Bruder Sāriputto, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen?«

»Da hat, Bruder Moggallāno, ein Mönch das Herz in seiner Gewalt
und nicht ist er in der Gewalt des Herzens. Welcher Vertiefung
er sich morgens erfreuen will, dieser Vertiefung erfreut er
sich morgens, welcher Vertiefung er sich mittags erfreuen will,      215
dieser Vertiefung erfreut er sich mittags, welcher Vertiefung
er sich abends erfreuen will, dieser Vertiefung erfreut er
sich abends. Gleichwie etwa, Bruder Moggallāno, ein König oder
ein Fürst aus einer Truhe voller verschiedenfarbiger Gewänder
gerade das Gewand für den Morgen auswählen würde, das er
morgens tragen will, gerade das Gewand für den Mittag auswählen
würde, das er mittags tragen will, gerade das Gewand für den
Abend auswählen würde, das er abends tragen will: ebenso auch,
Bruder Moggallāno, hat ein Mönch das Herz in seiner Gewalt und
nicht ist er in der Gewalt des Herzens. Welcher Vertiefung er
sich morgens erfreuen will, dieser Vertiefung erfreut er sich
morgens, welcher Vertiefung er sich mittags erfreuen will,
dieser Vertiefung erfreut er sich mittags, welcher Vertiefung
er sich abends erfreuen will, dieser Vertiefung erfreut er
sich abends. Ein solcher Mönch, Bruder Moggallāno, mag dem
Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen.«

Und der ehrwürdige Sāriputto wandte sich nun zu jenen
Ehrwürdigen und sprach also:

»Jeder von uns, ihr Brüder, hat nach seinem Begriffe
geantwortet. Kommt, ihr Brüder, lasst uns zum Erhabenen gehn
und die Sache dem Erhobenen berichten: wie uns der Erhabene
antworten wird, so wollen wir es halten.«

»So sei es, Bruder«, erwiderten da jene Ehrwürdigen dem
ehrwürdigen Sāriputto.

Und jene Mönche begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte,
begrüßten den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite
nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Sāriputto
zum Erhabenen also:

»Da hatten sich, o Herr, der ehrwürdige Revato und der
ehrwürdige Ānando dorthin begeben wo ich weilte, die Lehre
zu hören. Ich sah den ehrwürdigen Revato und den ehrwürdigen
Ānando von ferne herankommen, und nachdem ich sie gesehn
sprach ich zum ehrwürdigen Ānando also: ›Willkommen sei der          216
ehrwürdige Ānando, gegrüßt der ehrwürdige Ānando, der des
Erhabenen wartet, dem Erhabenen nahe ist. Entzückend, Bruder
Ānando, ist der Gosiṉgam-Wald, herrlich die klare Mondnacht,
die Bäume stehn in voller Blüthe, himmlische Düfte, meint
man, wehn umher. Was für ein Mönch, Bruder Ānando, mag dem
Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen?‹ -- Hierauf, o Herr, erwiderte
mir der ehrwürdige Ānando: ‚Da hat, Bruder Sāriputto, ein
Mönch viel gehört, ist Behälter des Wortes, Hort des Wortes
der Lehre; und was da am Anfang begütigt, in der Mitte
begütigt, am Ende begütigt und sinn- und wortgetreu das
vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum überliefert: das
kennt er, behält er, beherrscht er mit der Rede, bewahrt es
im Gedächtniss, hat es von Grund aus verstanden. Er legt den
vier Arten von Hörern die Lehre dar, im Ganzen, im Einzelnen
und im Zusammenhang, zur völligen Wunschesvertilgung. Ein
solcher Mönch, Bruder Sāriputto, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz
verleihen.‘«

»Gut, gut, Sāriputto, wie es eben Ānando recht beantworten
kann. Denn Ānando, Sāriputto, hat viel gehört, ist Behälter
des Wortes, Hort des Wortes der Lehre: und was da am Anfang
begütigt, in der Mitte begütigt, am Ende begütigt und sinn-
und wortgetreu das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum
überliefert: das kennt er, behält er, beherrscht er mit
der Rede, bewahrt es im Gedächtniss, hat es von Grund aus
verstanden. Er legt den vier Arten von Hörern die Lehre dar,
im Ganzen, im Einzelnen und im Zusammenhang, zur völligen
Wunschesvertilgung.«

»Hierauf, o Herr, wandte ich mich an den ehrwürdigen Revato:
›Der ehrwürdige Ānando, Bruder Revato, hat nach seinem
Begriffe geantwortet. Jetzt fragen wir den ehrwürdigen Revato:
Entzückend, Bruder Revato, ist der Gosiṉgam-Wald, herrlich die
klare Mondnacht, die Bäume stehn in voller Blüthe, himmlische
Düfte, meint man, wehn umher. Was für ein Mönch, Bruder
Revato, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen?‹ -- Hierauf,
o Herr, erwiderte mir der ehrwürdige Revato: ‚Da wird, Bruder
Sāriputto, ein Mönch durch die Gedenkensruhe erquickt und
beglückt, erkämpft innigen Geistesfrieden, widerstrebt nicht
der Schauung, gewinnt durchdringenden Blick, ist ein Freund
leerer Klausen. Ein solcher Mönch, Bruder Sāriputto, mag dem
Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen.‘«

»Gut, gut, Sāriputto, wie es eben Revato recht beantworten
kann. Denn Revato, Sāriputto, wird durch die Gedenkensruhe
erquickt und beglückt, erkämpft innigen Geistesfrieden,
widerstrebt nicht der Schauung, besitzt durchdringenden Blick,
ist ein Freund leerer Klausen.«

»Hierauf, o Herr, wandte ich mich an den ehrwürdigen Anuruddho:      217
›Der ehrwürdige Revato, Bruder Anuruddho, hat nach seinem
Begriffe geantwortet. Jetzt fragen wir den ehrwürdigen
Anuruddho: Entzückend, Bruder Anuruddho, ist der Gosiṉgam-Wald,
herrlich die klare Mondnacht, die Bäume stehn in voller Blüthe,
himmlische Düfte, meint man, wehn umher. Was für ein Mönch,
Bruder Anuruddho, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen?‹ --
Hierauf, o Herr, erwiderte mir der ehrwürdige Anuruddho: ‚Da
blickt, Bruder Sāriputto, ein Mönch mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden,
über tausend Welten hin. Gleichwie etwa, Bruder Sāriputto,
ein scharfsehender Mann von der Zinne eines hohen Thurmes
tausend Gehöfte im Kreise überblicken mag: ebenso auch, Bruder
Sāriputto, blickt ein Mönch mit dem himmlischen Auge, dem
geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, über
tausend Welten hin. Ein solcher Mönch, Bruder Sāriputto, mag
dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen.‘«

»Gut, gut, Sāriputto, wie es eben Anuruddho recht
beantworten kann. Denn Anuruddho, Sāriputto, blickt mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, über tausend Welten hin.«

»Hierauf, o Herr, wandte ich mich an den ehrwürdigen
Mahākassapo: ›Der ehrwürdige Anuruddho, Bruder Kassapo,
hat nach seinem Begriffe geantwortet. Jetzt fragen wir den
ehrwürdigen Mahākassapo: Entzückend, Bruder Kassapo, ist der
Gosiṉgam-Wald, herrlich die klare Mondnacht, die Bäume stehn
in voller Blüthe, himmlische Düfte, meint man, wehn umher. Was
für ein Mönch, Bruder Kassapo, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz
verleihen?‹ -- Hierauf, o Herr, erwiderte mir der ehrwürdige
Mahākassapo: ‚Da ist, Bruder Sāriputto, ein Mönch selbst
Waldeinsiedler und preist das Waldeinsiedlerthum, lebt selbst
von Almosenspeise und preist das Leben von Almosenspeise, trägt
selbst die geflickte Fetzenkutte und preist das Tragen der
geflickten Fetzenkutte, besitzt selbst nur drei Kleidungstücke
und preist das bloße Besitzthum dreier Kleidungstücke, hat
selbst wenig Bedürfnisse und preist die Bedürfnisslosigkeit,
ist selbst zufrieden und preist die Zufriedenheit, ist selbst
zurückgezogen und preist die Zurückgezogenheit, flieht selbst
die Welt und preist die Weltflucht, ist selbst standhaft und
preist die Standhaftigkeit, ist selbst ordenstüchtig und preist
die Ordenstugend, hat selbst das Glück der Vertiefung errungen
und preist das Glück der Vertiefung, hat selbst die Weisheit
errungen und preist die Errungenschaft der Weisheit, hat
selbst die Erlösung errungen und preist die Errungenschaft der
Erlösung, hat selbst die Wissensklarheit der Erlösung errungen
und preist die Errungenschaft der wissensklaren Erlösung. Ein
solcher Mönch, Bruder Sāriputto, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz
verleihen.‘«

»Gut, gut, Sāriputto, wie es eben Kassapo recht beantworten          218
kann. Denn Kassapo, Sāriputto, ist selbst Waldeinsiedler und
preist das Waldeinsiedlerthum, lebt selbst von Almosenspeise
und preist das Leben von Almosenspeise, trägt selbst die
geflickte Fetzenkutte und preist das Tragen der geflickten
Fetzenkutte, besitzt selbst nur drei Kleidungstücke und
preist das bloße Besitzthum dreier Kleidungstücke, hat selbst
wenig Bedürfnisse und preist die Bedürfnisslosigkeit, ist
selbst zufrieden und preist die Zufriedenheit, ist selbst
zurückgezogen und preist die Zurückgezogenheit, flieht selbst
die Welt und preist die Weltflucht, ist selbst standhaft und
preist die Standhaftigkeit, ist selbst ordenstüchtig und preist
die Ordenstugend, hat selbst das Glück der Vertiefung errungen
und preist das Glück der Vertiefung, hat selbst die Weisheit
errungen und preist die Errungenschaft der Weisheit, hat
selbst die Erlösung errungen und preist die Errungenschaft der
Erlösung, hat selbst die Wissensklarheit der Erlösung errungen
und preist die Errungenschaft der wissensklaren Erlösung.«

»Hierauf, o Herr, wandte ich mich an den ehrwürdigen
Mahāmoggallāno: ›Der ehrwürdige Mahākassapo, Bruder Moggallāno,
hat nach seinem Begriffe geantwortet. Jetzt fragen wir den
ehrwürdigen Mahāmoggallāno: Entzückend, Bruder Moggallāno,
ist der Gosiṉgam-Wald, herrlich die klare Mondnacht, die
Bäume stehn in voller Blüthe, himmlische Düfte, meint man,
wehn umher. Was für ein Mönch, Bruder Moggallāno, mag dem
Gosiṉgam-Wald Glanz verleihen?‹ -- Hierauf, o Herr, erwiderte
mir der ehrwürdige Mahāmoggallāno: ‚Da halten, Bruder
Sāriputto, zwei Mönche ein Gespräch über die Lehre, stellen
sich Fragen, und nachdem sie die Fragen gegenseitig beantwortet
haben, gehn sie auseinander, jeder für sich, und lehrreich war
ihr Gespräch und anregend. Ein solcher Mönch, Bruder Sāriputto,
mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen.‘«

»Gut, gut, Sāriputto, wie es eben Moggallāno recht beantworten
kann. Denn Moggallāno, Sāriputto, ist der Lehre Sprecher.«

Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno an
den Erhabenen und sagte:

»Und nun, o Herr, sprach ich zum ehrwürdigen Sāriputto:
›Jeder von uns, Bruder Sāriputto, hat nach seinem Begriffe
geantwortet. Jetzt fragen wir den ehrwürdigen Sāriputto:
Entzückend, Bruder Sāriputto, ist der Gosiṉgam-Wald, herrlich
die klare Mondnacht, die Bäume stehn in voller Blüthe,
himmlische Düfte, meint man, wehn umher. Was für ein Mönch,
Bruder Sāriputto, mag dem Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen?‹ --
Hierauf, o Herr, erwiderte mir der ehrwürdige Sāriputto: ‚Da
hat, Bruder Moggallāno, ein Mönch das Herz in seiner Gewalt und
nicht ist er in der Gewalt des Herzens. Welcher Vertiefung er
sich morgens erfreuen will, dieser Vertiefung erfreut er sich
morgens, welcher Vertiefung er sich mittags erfreuen will,
dieser Vertiefung erfreut er sich mittags, welcher Vertiefung
er sich abends erfreuen will, dieser Vertiefung erfreut er
sich abends. Gleichwie etwa, Bruder Moggallāno, ein König oder
ein Fürst aus einer Truhe voller verschiedenfarbiger Gewänder        219
gerade das Gewand für den Morgen auswählen würde, das er
morgens tragen will, gerade das Gewand für den Mittag auswählen
würde, das er mittags tragen will, gerade das Gewand für den
Abend auswählen würde, das er abends tragen will: ebenso auch,
Bruder Moggallāno, hat ein Mönch das Herz in seiner Gewalt und
nicht ist er in der Gewalt des Herzens. Welcher Vertiefung er
sich morgens erfreuen will, dieser Vertiefung erfreut er sich
morgens, welcher Vertiefung er sich mittags erfreuen will,
dieser Vertiefung erfreut er sich mittags, welcher Vertiefung
er sich abends erfreuen will, dieser Vertiefung erfreut er
sich abends. Ein solcher Mönch, Bruder Moggallāno, mag dem
Gosiṉgam-Walde Glanz verleihen.‘«

»Gut, gut, Moggallāno, wie es eben Sāriputto recht beantworten
kann. Denn Sāriputto, Moggallāno, hat das Herz in seiner Gewalt
und nicht ist er in der Gewalt des Herzens. Welcher Vertiefung
er sich morgens erfreuen will, dieser Vertiefung erfreut er
sich morgens, welcher Vertiefung er sich mittags erfreuen
will, dieser Vertiefung erfreut er sich mittags, welcher
Vertiefung er sich abends erfreuen will, dieser Vertiefung
erfreut er sich abends.«

       *       *       *       *       *

Nach diesen Worten sprach der ehrwürdige Sāriputto zum
Erhabenen also:

»Wer hat nun wohlgesprochen, o Herr?«

»Alle habt ihr wohlgesprochen, Sāriputto, der Reihe nach. Und
nun hört auch von mir, was für ein Mönch dem Gosiṉgam-Walde
Glanz verleihen mag. Da setzt sich, Sāriputto, ein Mönch nach
dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist, mit
verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet,
und pflegt der Einsicht: ›Nicht eher will ich von hier
aufstehn, als bis ich ohne anzuhangen das Herz vom Wahn erlöst
habe.‹ Ein solcher Mönch, Sāriputto, mag dem Gosiṉgam-Walde
Glanz verleihen.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene
Ehrwürdigen über das Wort des Erhabenen.



                              33.

             Vierter Theil            Dritte Rede

                        DER RINDERHIRT

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           220
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Elf Eigenschaften, ihr Mönche, machen es einem Rinderhirten
unmöglich seine Heerde zu hüten, zum Gedeihen zu bringen;
welche elf? Da ist, ihr Mönche, ein Rinderhirt der Leibesart
unkundig, versteht nicht die Lebensweise, verscheucht nicht das
Schädliche, verbindet nicht Wunden, macht kein Feuer an, kennt
keine Furth, kennt keine Quelle, kennt keinen Steig, kennt
keine Weide, er melkt übermäßig, und den Stieren, den Vätern
der Heerde, den Führern der Heerde, denen schenkt er keine
besondere Aufmerksamkeit.

»Diese elf Eigenschaften, ihr Mönche, machen es einem
Rinderhirten unmöglich seine Heerde zu hüten, zum Gedeihen zu
bringen.

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, machen es elf Eigenschaften einem
Mönch unmöglich in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen,
zur Reife und Entfaltung zu gelangen; welche elf? Da ist,
ihr Mönche, ein Mönch der Leibesart unkundig, versteht nicht
die Lebensweise, verscheucht nicht das Schädliche, verbindet
nicht Wunden, macht kein Feuer an, kennt keine Furth, kennt
keine Quelle, kennt keinen Steig, kennt keine Weide, er melkt
übermäßig, und den Mönchen, den Oberen, den Bejahrten, den im
Asketenthume Ergrauten, den Vätern des Ordens, den Führern des
Ordens, denen schenkt er keine besondere Aufmerksamkeit.

»Wie aber, ihr Mönche, ist ein Mönch der Leibesart unkundig?
Da betrachtet, ihr Mönche, ein Mönch alles Körperliche, die
gesammte Körperlichkeit, die vier Hauptstoffe und was durch
die vier Hauptstoffe besteht, nicht der Wahrheit gemäß als
körperlich. Also, ihr Mönche, ist ein Mönch der Leibesart
unkundig. Und wie, ihr Mönche, versteht ein Mönch nicht die
Lebensweise? Da erkennt, ihr Mönche, ein Mönch nicht der
Wahrheit gemäß: die That zeigt mir den Thoren, die That zeigt
mir den Weisen. Also, ihr Mönche, versteht ein Mönch nicht
die Lebensweise. Und wie, ihr Mönche, verscheucht ein Mönch
nicht das Schädliche? Da giebt, ihr Mönche, ein Mönch einem
aufgestiegenen Wunschgedanken Raum, verwirft ihn nicht,
vertreibt ihn nicht, vertilgt ihn nicht, vernichtet ihn nicht;
einem aufgestiegenen Hassgedanken, einem aufgestiegenen
Wuthgedanken und anderen aufgestiegenen bösen, schlechten
Gedanken giebt er Raum, verwirft sie nicht, vertreibt sie            221
nicht, vertilgt sie nicht, vernichtet sie nicht. Also, ihr
Mönche, verscheucht ein Mönch nicht das Schädliche. Und wie,
ihr Mönche, verbindet ein Mönch nicht Wunden? Wenn da, ihr
Mönche, ein Mönch mit dem Gesicht eine Form erblickt hat, fasst
er Neigung, fasst er Absicht. Obgleich Begierde und Missmuth,
böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der
unbewachten Gesichtes verweilt, befleißigt er sich dieser
Bewachung nicht, hütet nicht das Gesicht, wacht nicht eifrig
über das Gesicht. Wenn er mit dem Gehör einen Ton gehört, mit
dem Geruch einen Duft gerochen, mit dem Geschmack einen
Saft geschmeckt, mit dem Getast eine Tastung getastet, mit
dem Gedenken ein Ding gedacht hat, fasst er Neigung, fasst er
Absicht. Obgleich Begierde und Missmuth, böse und schlechte
Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gedenkens
verweilt, befleißigt er sich dieser Bewachung nicht, hütet
nicht das Gedenken, wacht nicht eifrig über das Gedenken. Also,
ihr Mönche, verbindet ein Mönch nicht Wunden. Und wie, ihr
Mönche, macht ein Mönch kein Feuer an? Da zeigt, ihr Mönche,
ein Mönch nicht den anderen die Lehre, weithin sichtbar, wie
er sie gehört und aufgefasst hat. Also, ihr Mönche, macht ein
Mönch kein Feuer an. Und wie, ihr Mönche, kennt ein Mönch keine
Furth? Da sucht, ihr Mönche, ein Mönch nicht von Zeit zu Zeit
jene Mönche auf, die viel gehört haben und wissen, die Hüter
der Lehre, die Hüter der Ordnung, die Hüter der Regel, fragt
nicht, erkundigt sich nicht: ›Wie ist das, o Herr, was ist der
Sinn davon?‹ Und so eröffnen ihm jene Ehrwürdigen nicht das
Uneröffnete, klären das Unaufgeklärte nicht auf, lösen nicht
den Zweifel über Dinge, die vielfach bezweifelbar sind. Also,
ihr Mönche, kennt ein Mönch keine Furth. Und wie, ihr Mönche,
kennt ein Mönch keine Quelle? Da gelangt, ihr Mönche, ein
Mönch bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten
nicht zum Verständniss des Sinnes, nicht zum Verständnis der
Lehre, nicht zum Genusse der Lehre. Also, ihr Mönche, kennt
ein Mönch keine Quelle. Und wie, ihr Mönche, kennt ein Mönch
keinen Steig? Da erkennt, ihr Mönche, ein Mönch den heiligen
achtfältigen Weg nicht der Wahrheit gemäß. Also, ihr Mönche,
kennt ein Mönch keinen Steig. Und wie, ihr Mönche, kennt ein
Mönch keine Weide? Da kennt, ihr Mönche, ein Mönch die Vier
Pfeiler der Einsicht nicht der Wahrheit gemäß. Also, ihr
Mönche, kennt ein Mönch keine Weide. Und wie, ihr Mönche, melkt      222
ein Mönch übermäßig? Da laden, ihr Mönche, gläubige Hausväter
einen Mönch ein, sich Kleidung, Almosenspeise, Lagerstatt und
Arzeneien für den Fall einer Krankheit auszuwählen, und der
Mönch kennt kein Maaß im Annehmen. Also, ihr Mönche, melkt
ein Mönch übermäßig. Und wie, ihr Mönche, schenkt ein Mönch
jenen Mönchen, den Oberen, den Bejahrten, den im Asketenthume
Ergrauten, den Vätern des Ordens, den Führern des Ordens, keine
besondere Aufmerksamkeit? Da dient, ihr Mönche, ein Mönch
jenen Mönchen, den Oberen, den Bejahrten, den im Asketenthume
Ergrauten, den Vätern des Ordens, den Führern des Ordens,
weder mit liebevoller That, so offen als verborgen, noch mit
liebevollem Wort, so offen als verborgen, noch mit liebevoller
Gesinnung, so offen als verborgen. Also, ihr Mönche, schenkt
ein Mönch jenen Mönchen, den Oberen, den Bejahrten, den im
Asketenthume Ergrauten, den Vätern des Ordens, den Führern des
Ordens, keine besondere Aufmerksamkeit.

»Diese elf Eigenschaften, ihr Mönche, machen es einem Mönch
unmöglich in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen, zur Reife
und Entfaltung zu gelangen.

»Elf Eigenschaften, ihr Mönche, machen es einem Rinderhirten
möglich seine Heerde zu hüten, zum Gedeihen zu bringen; welche
elf? Da ist, ihr Mönche, ein Rinderhirt der Leibesart kundig,
versteht die Lebensweise, verscheucht das Schädliche, verbindet
Wunden, macht Feuer an, kennt die Furth, kennt die Quelle,
kennt den Steig, kennt die Weide, er lässt noch Milch im Euter,
und den Stieren, den Vätern der Heerde, den Führern der
Heerde, denen schenkt er besondere Aufmerksamkeit.

»Diese elf Eigenschaften, ihr Mönche, machen es einem
Rinderhirten möglich seine Heerde zu hüten, zum Gedeihen zu
bringen.

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, machen es elf Eigenschaften
einem Mönch möglich in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen,
zur Reife und Entfaltung zu gelangen; welche elf? Da ist,
ihr Mönche, ein Mönch der Leibesart kundig, versteht die
Lebensweise, verscheucht das Schädliche, verbindet Wunden,
macht Feuer an, kennt die Furth, kennt die Quelle, kennt den
Steig, kennt die Weide, er lässt noch Milch im Euter, und
den Mönchen, den Oberen, den Bejahrten, den im Asketenthume
Ergrauten, den Vätern des Ordens, den Führern des Ordens, denen
schenkt er besondere Aufmerksamkeit.

»Wie aber, ihr Mönche, ist ein Mönch der Leibesart kundig?
Da betrachtet, ihr Mönche, ein Mönch alles Körperliche, die
gesammte Körperlichkeit, die vier Hauptstoffe und was durch die      223
vier Hauptstoffe besteht, der Wahrheit gemäß als körperlich.
Also, ihr Mönche, ist ein Mönch der Leibesart kundig. Und
wie, ihr Mönche, versteht ein Mönch die Lebensweise? Da
erkennt, ihr Mönche, ein Mönch der Wahrheit gemäß: die That
zeigt mir den Thoren, die That zeigt mir den Weisen. Also,
ihr Mönche, versteht ein Mönch die Lebensweise. Und wie, ihr
Mönche, verscheucht ein Mönch das Schädliche? Da giebt, ihr
Mönche, ein Mönch einem aufgestiegenen Wunschgedanken nicht
Raum, verwirft ihn, vertreibt ihn, vertilgt ihn, vernichtet
ihn; einem aufgestiegenen Hassgedanken, einem aufgestiegenen
Wuthgedanken und anderen aufgestiegenen bösen, schlechten
Gedanken giebt er nicht Raum, verwirft sie, vertreibt sie,
vertilgt sie, vernichtet sie. Also, ihr Mönche, verscheucht
ein Mönch das Schädliche. Und wie, ihr Mönche, verbindet ein
Mönch Wunden? Wenn da, ihr Mönche, ein Mönch mit dem Gesicht
eine Form erblickt hat, fasst er keine Neigung, fasst keine
Absicht. Da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken
gar bald den überwältigen, der unbewachten Gesichtes verweilt,
befleißigt er sich dieser Bewachung, er hütet das Gesicht, er
wacht eifrig über das Gesicht. Wenn er mit dem Gehör einen Ton
gehört, mit dem Geruch einen Duft gerochen, mit dem Geschmack
einen Saft geschmeckt, mit dem Getast eine Tastung getastet,
mit dem Gedenken ein Ding gedacht hat, fasst er keine Neigung,
fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth, böse und
schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten
Gedenkens verweilt, befleißigt er sich dieser Bewachung, er
hütet das Gedenken, er wacht eifrig über das Gedenken. Also,
ihr Mönche, verbindet ein Mönch Wunden. Und wie, ihr Mönche,
macht ein Mönch Feuer an? Da zeigt, ihr Mönche, ein Mönch den
anderen die Lehre, weithin sichtbar, wie er sie gehört und
aufgefasst hat. Also, ihr Mönche, macht ein Mönch Feuer an.
Und wie, ihr Mönche, kennt ein Mönch die Furth? Da sucht, ihr
Mönche, ein Mönch von Zeit zu Zeit jene Mönche auf, die viel
gehört haben und wissen, die Hüter der Lehre, die Hüter der
Ordnung, die Hüter der Regel, fragt und erkundigt sich: ›Wie
ist das, o Herr, was ist der Sinn davon?‹ Und so eröffnen ihm
jene Ehrwürdigen das Uneröffnete, klären das Unaufgeklärte
auf, lösen den Zweifel über Dinge, die vielfach bezweifelbar
sind. Also, ihr Mönche, kennt ein Mönch die Furth. Und wie,
ihr Mönche, kennt ein Mönch die Quelle? Da gelangt, ihr              224
Mönche, ein Mönch bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des
Vollendeten zum Verständniss des Sinnes, zum Verständniss
der Lehre, zum Genusse der Lehre. Also, ihr Mönche, kennt
ein Mönch die Quelle. Und wie, ihr Mönche, kennt ein Mönch
den Steig? Da erkennt, ihr Mönche, ein Mönch den heiligen
achtfältigen Weg der Wahrheit gemäß. Also, ihr Mönche, kennt
ein Mönch den Steig. Und wie, ihr Mönche, kennt ein Mönch
die Weide? Da kennt, ihr Mönche, ein Mönch die Vier Pfeiler
der Einsicht der Wahrheit gemäß. Also, ihr Mönche, kennt ein
Mönch die Weide. Und wie, ihr Mönche, lässt ein Mönch noch
Milch im Euter? Da laden, ihr Mönche, gläubige Hausväter
einen Mönch ein, sich Kleidung, Almosenspeise, Lagerstatt und
Arzeneien für den Fall einer Krankheit auszuwählen, und der
Mönch kennt Maaß im Annehmen. Also, ihr Mönche, lässt ein Mönch
noch Milch im Euter. Und wie, ihr Mönche, schenkt ein Mönch
jenen Mönchen, den Oberen, den Bejahrten, den im Asketenthume
Ergrauten, den Vätern des Ordens, den Führern des Ordens,
besondere Aufmerksamkeit? Da dient, ihr Mönche, ein Mönch
jenen Mönchen, den Oberen, den Bejahrten, den im Asketenthume
Ergrauten, den Vätern des Ordens, den Führern des Ordens,
diesen dient er mit liebevoller That, so offen als verborgen,
dient er mit liebevollem Wort, so offen als verborgen, dient
er mit liebevoller Gesinnung, so offen als verborgen. Also,
ihr Mönche, schenkt ein Mönch jenen Mönchen, den Oberen, den
Bejahrten, den im Asketenthume Ergrauten, den Vätern des
Ordens, den Führern des Ordens, besondere Aufmerksamkeit.

»Diese elf Eigenschaften, ihr Mönche, machen es einem Mönch
möglich in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen, zur Reife
und Entfaltung zu gelangen.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              34.

             Vierter Theil            Vierte Rede

                        DER RINDERHIRT

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im            225
Vajjī-Lande, bei Ukkācelā, am Gestade des Ganges. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Es war einmal, ihr Mönche, in Magadhā ein Rinderhirt von
trübem Verstande, der im letzten Monat der Regenzeit, im
Herbste, ohne Untersuchung des diesseitigen Ufers, ohne
Untersuchung des jenseitigen Ufers des Ganges seine Heerde aufs
geradewohl in den Strom trieb, hinüber zum Ufer von Suvidehā.
Als nun, ihr Mönche, die Rinder in die Mitte des Ganges, in
die Strömung gelangt waren, da überschlugen sie sich und
gingen elend zugrunde. Und warum das? Weil ja, ihr Mönche,
jener unverständige Rinderhirt aus Magadhā im letzten Monat
der Regenzeit, im Herbste, ohne Untersuchung des diesseitigen
Ufers, ohne Untersuchung des jenseitigen Ufers des Ganges seine
Heerde aufs geradewohl in den Strom trieb, hinüber zum Ufer von
Suvidehā.

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist es mit jenen Asketen oder
Priestern, die diese Welt nicht verstehn und jene Welt nicht
verstehn, das Reich der Natur nicht verstehn und das Reich der
Freiheit nicht verstehn, die Zeitlichkeit nicht verstehn und
die Ewigkeit nicht verstehn[28]: wer der Schwimmkunst jener
trauen will, dem wird es zu langem Unheil und Leiden gereichen.

»Es war einmal, ihr Mönche, in Magadhā ein Rinderhirt von
hellem Verstande, der im letzten Monat der Regenzeit, im
Herbste, nach genauer Untersuchung des diesseitigen Ufers,
nach genauer Untersuchung des jenseitigen Ufers des Ganges
seine Heerde in eine richtige Furth trieb, hinüber zum Ufer
von Suvidehā. Zuerst trieb er die Stiere hinein, die Väter
der Heerde, die Führer der Heerde; diese durchkreuzten die
Strömung des Ganges und gelangten heil an das andere Ufer.
Hierauf trieb er die starken Kühe und Ochsen hinein, und auch
diese durchkreuzten die Strömung des Ganges und gelangten heil
an das andere Ufer. Hierauf trieb er die Farren und Färsen
hinein, und auch diese durchkreuzten die Strömung des Ganges
und gelangten heil an das andere Ufer. Hierauf trieb er die
schwächlichen Kälbchen hinein, und auch diese durchkreuzten
die Strömung des Ganges und gelangten heil an das andere
Ufer. Zuletzt, ihr Mönche, war noch ein zartes Kälblein da,
eben erst geboren, der Mutter mit Wehegebrüll entrissen, und
auch dieses durchkreuzte die Strömung des Ganges und gelangte
heil an das andere Ufer. Und warum das? Weil ja, ihr Mönche,
jener verständige Rinderhirt aus Magadhā im letzten Monat            226
der Regenzeit, im Herbste, nach genauer Untersuchung des
diesseitigen Ufers, nach genauer Untersuchung des jenseitigen
Ufers des Ganges seine Heerde in eine richtige Furth trieb,
hinüber zum Ufer von Suvidehā.

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist es mit jenen Asketen oder
Priestern, die diese Welt verstehn und jene Welt verstehn, das
Reich der Natur verstehn und das Reich der Freiheit verstehn,
die Zeitlichkeit verstehn und die Ewigkeit verstehn: wer der
Schwimmkunst jener trauen will, dem wird es zu langem Wohle und
Heile gereichen.

»Gleichwie nun, ihr Mönche, jene Stiere, die Väter der Heerde,
die Führer der Heerde, die Strömung des Ganges durchkreuzten
und heil an das andere Ufer gelangten: ebenso nun auch,
ihr Mönche, haben jene Mönche, die Heilige, Wahnversieger,
Endiger sind, die das Werk gewirkt, die Bürde abgelegt, das
Heil errungen, die Daseinsfesseln vernichtet haben, die in
vollkommener Weisheit Erlösten, haben diese die Strömung der
Natur durchkreuzt und sind heil an das andere Ufer gelangt.

»Gleichwie nun, ihr Mönche, jene starken Kühe und Ochsen die
Strömung des Ganges durchkreuzten und heil an das andere Ufer
gelangten: ebenso nun auch, ihr Mönche, werden jene Mönche,
welche nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln
emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, die nicht mehr
zurückkehren nach jener Welt, werden auch sie die Strömung der
Natur durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen.

»Gleichwie nun, ihr Mönche, jene Farren und Färsen die
Strömung des Ganges durchkreuzten und heil an das andere Ufer
gelangten: ebenso nun auch, ihr Mönche, werden jene Mönche,
welche die drei Fesseln vernichtet haben, die von Gier, Hass
und Irre Erleichterten, fast schon Geläuterten, die nur einmal
wiederkehren, nur einmal noch zu dieser Welt gekommen dem
Leiden ein Ende machen, werden auch sie die Strömung der Natur
durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen.

»Gleichwie nun, ihr Mönche, jene schwächlichen Kälbchen die
Strömung des Ganges durchkreuzten und heil an das andere Ufer
gelangten: ebenso nun auch, ihr Mönche, werden jene Mönche,
welche nach Vernichtung der drei Fesseln Hörer der Botschaft
geworden, dem Verderben entronnen sind, zielbewusst der vollen
Erwachung entgegeneilen, werden auch diese die Strömung der
Natur durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen.

»Gleichwie nun, ihr Mönche, jenes zarte Kälblein, das eben
erst geboren, der Mutter mit Wehegebrüll entrissen ward, die
Strömung des Ganges durchkreuzte und heil an das andere Ufer
gelangte: ebenso nun auch, ihr Mönche, werden jene Mönche,
welche der Wahrheit ergeben, der Lehre ergeben sind, werden
auch diese die Strömung der Natur durchkreuzen und heil an das
andere Ufer gelangen.

»Ich aber, ihr Mönche, verstehe diese Welt und verstehe jene         227
Welt, verstehe das Reich der Natur und verstehe das Reich der
Freiheit, verstehe die Zeitlichkeit und verstehe die Ewigkeit.
Und die meiner Schwimmkunst trauen wollen, ihr Mönche, denen
wird es zu langem Wohle und Heile gereichen.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Als der Willkommene das gesagt hatte,
sprach fernerhin also der Meister:

    »So diese Welt wie jene Welt
    Hat klar der Kenner aufgehellt:
    Naturgebiet, Naturgebot,
    Und Freiheit, Ende aller Noth.

    »Verstanden hat der wache Mann
    Das ganze Dasein, weit und breit,
    Und sichres Thor zur Ewigkeit,
    Zur Wahnesruhe aufgethan.

    »Des Bösen Strömung ist zerkriegt,
    Zerstört, zerstoben und versiegt.
    Seid heiter, Jünger, euer Theil
    Ist sichrer Toderlösung Heil.«



                              35.

             Vierter Theil            Fünfte Rede

                            SACCAKO

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Zur
selben Zeit nun lebte der junge Nigaṇṭher Saccako in Vesālī,
ein geübter Dialektiker, ein trefflicher Redner, hoch angesehn
bei vielen. Der kündigte nun in ganz Vesālī an: »Den Asketen
oder Priester möchte ich kennen, sei er auch ein Meister mit
zahlreichen Jüngern und Anhängern, und hielt’ er sich gleich
für den Heiligen, vollkommen Erwachten, der im Redekampfe mit
mir nicht wankte, bebte, erzitterte, dem nicht der Angstschweiß
aus den Achselhöhlen rieselte! Ja, wenn ich eine leblose
Säule mit meiner Rede anginge, würde selbst diese, von der
Rede getroffen, wanken, beben, erzittern -- geschweige ein
Menschlein!«

Da nun begab sich der ehrwürdige Assaji, zeitig gerüstet,
mit Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach
Vesālī. Saccako aber, der junge Nigaṇṭher, spazierte gerade
in den Straßen Vesālīs auf und ab, hin und her, und sah              228
den ehrwürdigen Assaji von ferne herankommen. Als er den
ehrwürdigen Assaji gesehn ging er auf ihn zu, wechselte
höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihm und
trat an seine Seite. Hierauf nun sprach Saccako der junge
Nigaṇṭher zum ehrwürdigen Assaji also:

»Wie unterweist denn, verehrter Assaji, der Asket Gotamo seine
Jünger, und welcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern
des Asketen Gotamo am meisten gilt?«

»So, Aggivessano, unterweist der Erhabene seine Jünger, und
solcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern des Erhabenen
am meisten gilt. ›Der Körper, ihr Mönche, ist vergänglich,
das Gefühl ist vergänglich, die Wahrnehmung ist vergänglich,
die Unterscheidungen sind vergänglich, das Bewusstsein ist
vergänglich. Der Körper, ihr Mönche, ist wesenlos, das
Gefühl ist wesenlos, die Wahrnehmung ist wesenlos, die
Unterscheidungen sind wesenlos, das Bewusstsein ist wesenlos.
Alle Unterscheidungen sind vergänglich, alle Dinge sind
wesenlos.‹ So, Aggivessano, unterweist der Erhabene seine
Jünger, und solcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern
des Erhabenen am meisten gilt.«

»Schlechtes, wahrlich, haben wir gehört, Assaji, die wir
solche Rede des Asketen Gotamo gehört haben! O dass wir doch
gelegentlich einmal mit jenem verehrten Gotamo zusammenträfen,
dass doch irgend eine Unterredung stattfände, damit wir diese
verderbliche Ansicht erledigten!«

Zu jener Zeit nun waren die Licchavī-Fürsten mit ihrem
Gefolge, fünfhundert Mann stark, im städtischen Herrenhause
zusammengekommen, irgend eine Angelegenheit zu berathschlagen.
Da nun begab sich Saccako der junge Nigaṇṭher dorthin wo die
Licchavier weilten, und sprach hierauf also zu ihnen:

»Mögen die erlauchten Licchavier zugegen sein, mögen die
erlauchten Licchavier zugegen sein! Heute wird zwischen mir
und dem Asketen Gotamo eine Disputation stattfinden. Wenn mir
da der Asket Gotamo ebenso entgegentritt, wie einer seiner
bekannten Jünger, der Mönch Assaji, mir entgegengetreten ist,
so werde ich den Asketen Gotamo, gleichwie etwa ein starker
Mann einen langhaarigen Widder bei den Haaren ergreifen,
heranziehn, herumziehn, rings herumziehn mag, mit der Rede
heranziehn, herumziehn, rings herumziehn; oder gleichwie
etwa der starke Knecht eines Branntweinbrenners das große
Filtriergeflecht in einen tiefen Wasserpfuhl werfen, am einen
Ende festhalten, heranziehn, herumziehn, rings herumziehn mag,
so werde auch ich den Asketen Gotamo mit der Rede heranziehn,
herumziehn, rings herumziehn; oder gleichwie etwa ein rüstiger
Branntweinsäuberer das Destilliersieb am Henkel packen,              229
hinschwenken, herschwenken, ausseihen mag, so werde auch ich
den Asketen Gotamo mit der Rede hinschwenken, herschwenken,
ausseihen; oder gleichwie etwa ein sechzigjähriger Elephant in
einen tiefen Lotusweiher steigt und ein sogenanntes Spritzbad
zur Erholung vornimmt, so gedenke auch ich mit dem Asketen
Gotamo eine Art Spritzbad zur Erholung vorzunehmen. Mögen
die erlauchten Licchavier zugegen sein, mögen die erlauchten
Licchavier zugegen sein! Heute wird zwischen mir und dem
Asketen Gotamo eine Disputation stattfinden.«

Da sagten einige der Licchavier: »Wie nun? Wird der Asket
Gotamo das Wort Saccakos, des Nigaṇṭhersohns, aufheben, oder
wird Saccako, der Nigaṇṭhersohn, das Wort des Asketen Gotamo
aufheben?« Andere der Licchavier sagten: »Wie nun? Wird dieser
Prahler Saccako, der Nigaṇṭhersohn, das Wort des Erhabenen
aufheben, oder wird der Erhabene das Wort Saccakos, des
Nigaṇṭhersohns, aufheben?« Und Saccako Nigaṇṭhaputto begab sich
nun, von den fünfhundert Licchaviern begleitet, zum Großen
Walde, zur Halle der Einsiedelei.

Um diese Zeit nun erging sich eine Schaar Mönche im Freien.
Da trat Saccako der junge Nigaṇṭher zu den Mönchen heran und
sprach also zu ihnen:

»Wo weilt denn, Liebe, der verehrte Gotamo jetzt? Wir möchten
gern jenen verehrten Gotamo sehn!«

»Der Erhabene, Aggivessano, hat sich in den Großen Wald
begeben und weilt bis gegen Abend unter einem Baume sitzend.«

Da nun wandte sich Saccako der junge Nigaṇṭher mit der
zahlreichen Schaar der Licchavier in das Innere des Großen
Waldes, suchte den Erhabenen auf, wechselte höflichen Gruß und
freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte
sich zur Seite nieder. Von jenen Licchaviern aber verneigten
sich einige ehrerbietig vor dem Erhabenen und setzten sich zur
Seite nieder; andere wechselten höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur
Seite nieder; einige wieder falteten die Hände zum Erhabenen
und setzten sich zur Seite nieder; andere wieder gaben beim
Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur
Seite nieder; und andere setzten sich still zur Seite nieder.
Hierauf nun sprach Saccako der junge Nigaṇṭher zum Erhabenen
also:

»Darf ich den verehrten Gotamo über irgend etwas befragen, wenn
mir der verehrte Gotamo der Frage Beantwortung gewähren will?«

»Frag’, Aggivessano, nach Belieben.«

»Wie unterweist denn der verehrte Gotamo seine Jünger, und           230
welcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern des verehrten
Gotamo am meisten gilt?«

»So, Aggivessano, unterweise ich die Jünger, und solcherart
ist die Belehrung, die bei meinen Jüngern am meisten gilt:
›Der Körper, ihr Mönche, ist vergänglich, das Gefühl
ist vergänglich, die Wahrnehmung ist vergänglich, die
Unterscheidungen sind vergänglich, das Bewusstsein ist
vergänglich. Der Körper, ihr Mönche, ist wesenlos, das
Gefühl ist wesenlos, die Wahrnehmung ist wesenlos, die
Unterscheidungen sind wesenlos, das Bewusstsein ist wesenlos.
Alle Unterscheidungen sind vergänglich, alle Dinge sind
wesenlos.‹ So, Aggivessano, unterweise ich die Jünger, und
solcherart ist die Belehrung, die bei meinen Jüngern am meisten
gilt.«

»Ein Gleichniss, o Gotamo, leuchtet mir auf!«

»Es leuchte dir auf, Aggivessano«, sprach der Erhabene.

»Gleichwie etwa, o Gotamo, alle die Saamen und Pflanzen, die
zum Gedeihen, zur Reife und Entfaltung gelangen, durch die Erde
bedingt sind, auf die Erde sich stützen und also zum Gedeihen,
zur Reife und Entfaltung gelangen; oder gleichwie etwa ferner,
o Gotamo, alle die Kraft erfordernden Werke durch die Erde
bedingt sind, auf die Erde sich stützen und also ausgeführt
werden: ebenso nun auch, o Gotamo, lebt und webt der Mensch in
der Körperlichkeit[29], auf den Körper sich stützend erzeugt er
Gutes oder Böses; lebt und webt der Mensch in der Fühlbarkeit,
auf das Gefühl sich stützend erzeugt er Gutes oder Böses; lebt
und webt der Mensch in der Wahrnehmbarkeit, auf die Wahrnehmung
sich stützend erzeugt er Gutes oder Böses; lebt und webt der
Mensch in der Unterscheidbarkeit, auf die Unterscheidungen
sich stützend erzeugt er Gutes oder Böses; lebt und webt der
Mensch in der Bewusstbarkeit, auf das Bewusstsein sich stützend
erzeugt er Gutes oder Böses.«

»So ist wohl das, Aggivessano, deine Meinung: ‚Der Körper
ist mein Selbst, das Gefühl ist mein Selbst, die Wahrnehmung
ist mein Selbst, die Unterscheidungen sind mein Selbst, das
Bewusstsein ist mein Selbst‘?«

»Gewiss, o Gotamo! Ich sage: ›Der Körper ist mein Selbst, das
Gefühl ist mein Selbst, die Wahrnehmung ist mein Selbst, die
Unterscheidungen sind mein Selbst, das Bewusstsein ist mein
Selbst‹, und diese große Menge sagt es auch!«

»Was geht dich denn, Aggivessano, die große Menge an? Lass’ es
nur, Aggivessano, bei deinem eigenen Worte bewenden.«

»Wohlan denn, o Gotamo, ich sage: ›Der Körper ist mein Selbst,
das Gefühl ist mein Selbst, die Wahrnehmung ist mein Selbst,
die Unterscheidungen sind mein Selbst, das Bewusstsein ist mein
Selbst!‹«

»So will ich dir nun, Aggivessano, hierüber Fragen stellen:
wie’s dir gutdünkt, magst du sie beantworten. Was meinst du          231
wohl, Aggivessano: erfüllte sich einem gesalbten Kriegerkönige,
wie zum Beispiel dem König Pasenadi von Kosalo oder dem König
Ajātasattu Vedehiputto von Magadhā, der Wunsch, in seinem
Reiche einen zum Tode Verurtheilten hinrichten, oder einen in
die Acht zu Erklärenden ächten, oder einen Bannwürdigen bannen
zu lassen?«

»Gewiss, o Gotamo, erfüllte sich dieser Wunsch einem gesalbten
Kriegerkönige, wie etwa dem König Pasenadi von Kosalo oder dem
König von Magadhā Ajātasattu, dem Sohne der Videherin. Ja sogar
diesen zahlreich versammelten Fürsten hier, o Gotamo, wie zum
Beispiel den Vajjīnern, den Mallern, erfüllt sich der Wunsch,
im eigenen Gebiete hinrichten, ächten und bannen zu lassen --
wie also erst einem gesalbten Kriegerkönige, als wie dem König
Pasenadi von Kosalo oder dem König Ajātasattu Vedehiputto von
Magadhā! Er mag sich erfüllen, o Gotamo, und es ist Recht so!«

»Was meinst du nun, Aggivessano, der du also sprichst, ‚Der
Körper ist mein Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Körper der
Wunsch: ‚So soll mein Körper sein, so soll mein Körper nicht
sein‘?«

Auf diese Worte blieb Saccako Nigaṇṭhaputto stumm. Und zum
zweiten Mal sprach der Erhabene zu Saccako Nigaṇṭhaputto also:

»Was meinst du wohl, Aggivessano, der du also sprichst, ‚Der
Körper ist mein Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Körper der
Wunsch: ‚So soll mein Körper sein, so soll mein Körper nicht
sein‘?«

Und zum zweiten Mal blieb Saccako Nigaṇṭhaputto stumm. Da nun
sprach der Erhabene zu Saccako Nigaṇṭhaputto also:

»Antworte jetzt, Aggivessano, jetzt geziemt es dir nicht zu
schweigen. Wer da zum dritten Mal, Aggivessano, nach Rechtens
vom Vollendeten gefragt keine Antwort giebt, dessen Haupt wird
alsbald in sieben Theile zerspringen.«

Zu jener Zeit nun stand ein blitzhändiger Geist mit blitzendem
glühendem sprühendem flammendem Strahle oberhalb des Saccako
Nigaṇṭhaputto in der Luft: »Wenn dieser Saccako Nigaṇṭhaputto,
vom Erhabenen zum dritten Mal nach Rechtens gefragt, keine
Antwort geben will, so werde ich ihm alsbald das Haupt in
sieben Theile zersprengen.« Dieser blitzhändige Geist war aber
nur dem Erhabenen sichtbar und dem Saccako Nigaṇṭhaputto. Da
suchte nun Saccako der junge Nigaṇṭher entsetzt, erschüttert,
gesträubten Haares, beim Erhabenen Rettung, beim Erhabenen           232
Schutz, beim Erhabenen Zuflucht und sprach zum Erhabenen also:

»Möge mich der verehrte Gotamo befragen, ich werde antworten!«

»Was meinst du wohl, Aggivessano, der du also sprichst, ‚Der
Körper ist mein Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Körper der
Wunsch: ‚So soll mein Körper sein, so soll mein Körper nicht
sein‘?«

»Das nicht, o Gotamo!«

»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte
mit dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du
wohl, Aggivessano, der du also sprichst, ‚Das Gefühl ist mein
Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Gefühle der Wunsch: ‚So
soll mein Gefühl sein, so soll mein Gefühl nicht sein‘?«

»Das nicht, o Gotamo!«

»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte mit
dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du wohl,
Aggivessano, der du also sprichst, ‚Die Wahrnehmung ist mein
Selbst‘, erfüllt sich dir bei dieser Wahrnehmung der Wunsch:
‚So soll meine Wahrnehmung sein, so soll meine Wahrnehmung
nicht sein‘?«

»Das nicht, o Gotamo!«

»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte mit
dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du wohl,
Aggivessano, der du also sprichst, ‚Die Unterscheidungen sind
mein Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesen Unterscheidungen der
Wunsch: ‚So sollen meine Unterscheidungen sein, so sollen meine
Unterscheidungen nicht sein‘?«

»Das nicht, o Gotamo!«

»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte mit
dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du wohl,
Aggivessano, der du also sprichst, ‚Das Bewusstsein ist mein
Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Bewusstsein der Wunsch:
‚So soll mein Bewusstsein sein, so soll mein Bewusstsein nicht
sein‘?» »Das nicht, o Gotamo!«

»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte mit
dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du wohl,
Aggivessano: ist der Körper unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Gotamo!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Gotamo!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ‚Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‘?«

»Freilich nicht, o Gotamo!«

»Was meinst du wohl, Aggivessano: sind Gefühl, Wahrnehmung,
Unterscheidungen, Bewusstsein unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Gotamo!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Gotamo!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ‚Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‘?«      233

»Gewiss nicht, o Gotamo!«

»Was meinst du nun, Aggivessano: wer da Wehem anhängt, Wehem
nachfolgt, Wehem verbunden ist, Wehes also betrachtet: ›Das
gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹, kann etwa der
das Wehe wirklich begreifen, kann der das Wehe ringsum von sich
abhalten?«

»Wie wär’ es möglich, o Gotamo, das nicht, o Gotamo!«

»Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn ein Mann, der Kernholz
begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, mit einem
scharfen Beile versehn in den Wald ginge; dort erblickte er
eine Gruppe zahlreicher Bananenpalmen, gerade, jung, schön
gewachsen; eine derselben fällte er an der Wurzel, schnitte
die Krone ab und rollte hierauf den aus Blattscheiden
gebildeten Stamm auf; indem er da diese Blattscheidenröhre
auseinanderrollte fände er nicht einmal Grünholz, geschweige
Kernholz: ebenso hast du dich nun, Aggivessano, in deinem
Gespräche mit mir hohl, leer, nichtig erwiesen. Denn du hast
ja, Aggivessano, zu den Vesāliern also gesprochen: ›Den Asketen
oder Priester möchte ich kennen, sei er auch ein Meister mit
zahlreichen Jüngern und Anhängern, und hielt’ er sich gleich
für den Heiligen, vollkommen Erwachten, der im Redekampfe mit
mir nicht wankte, bebte, erzitterte, dem nicht der Angstschweiß
aus den Achselhöhlen rieselte! Ja, wenn ich eine leblose
Säule mit meiner Rede anginge, würde selbst diese, von der
Rede getroffen, wanken, beben, erzittern -- geschweige ein
Menschlein!‹ Dir jedoch, Aggivessano, haben sich Schweißtropfen
von der Stirne gelöst, sind über den Mantel herab auf die Erde
gefallen. Mein Körper aber, Aggivessano, ist gegenwärtig frei
von Schweiß.«

So bot der Erhabene in dieser Versammlung einen Anblick dar
rein wie Gold.

Auf diese Worte setzte sich Saccako der junge Nigaṇṭher              234
verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes, gesenkten Hauptes,
das Antlitz von brennender Röthe übergossen, wortlos nieder.

Als nun Dummukho, einer der Licchavī-Prinzen, sah, wie Saccako
der junge Nigaṇṭher verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes,
gesenkten Hauptes, das Antlitz von brennender Röthe übergossen,
wortlos dasaß, sprach er zum Erhabenen also:

»Ein Gleichniss, Erhabener, leuchtet mir auf!«

»Es leuchte dir auf, Dummukho«, sprach der Erhabene.

»Gleichwie, o Herr, wenn da in der Nähe eines Dorfes oder
einer Stadt ein Teich wäre, und darin befände sich eine
Krabbe; aus diesem Dorfe oder dieser Stadt, o Herr, zöge nun
eine Schaar von Knaben oder Mädchen hinaus, zu jenem Teiche
hin. Dort badeten sie, fänden die Krabbe und würfen sie aus
dem Wasser heraus, an das Ufer. So oft nun, o Herr, die
Krabbe eine Scheere ausstreckte, so oft würfen die Knaben
oder Mädchen mit Holz oder mit Kies und Steinen danach. Und
so wäre, o Herr, diese Krabbe an allen Gliedern zertroffen,
zerbrochen, zerstört, außer Stande wieder ins Wasser zu
krabbeln wie früher: ebenso nun auch, o Herr, sind dem Saccako
Nigaṇṭhaputto alle seine Stacheln, Dornen und Zacken vom
Erhabenen zertroffen, zerbrochen, zerstört worden, und nunmehr,
o Herr, ist Saccako Nigaṇṭhaputto außer Stande wiederum an den
Erhabenen heranzutreten, zu einer freislichen Unterredung.«

Auf diese Worte sprach Saccako Nigaṇṭhaputto zum Licchavier
Dummukho also:

»Geh’ du nur, Dummukho, geh’ du nur, Dummukho! Nicht mit
dir reden wir, wir reden hier mit dem verehrten Gotamo. --
Dahingestellt sei, o Gotamo, jene Dialektik, wie sie zwischen
mir und den anderen, gewöhnlichen Asketen und Priestern im
Schwange ist: sie dünkt mich eitles Geschwätz! Inwiefern aber
ist nun ein Jünger des verehrten Gotamo ordensgetreu, der
Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken und
verweilt, in sich selber gewiss, auf keinen anderen gestützt im
Orden des Meisters?«

»Da betrachtet, Aggivessano, ein Jünger von mir was es auch an
Körperlichem giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Körperliche betrachtet er, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Das gehört mir
nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es         235
auch an Gefühl giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Gefühl betrachtet er, der Wahrheit
gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Das gehört mir nicht,
das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch
an Wahrnehmung giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle,
ferne oder nahe: alle Wahrnehmung betrachtet er, der Wahrheit
gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Die gehört mir nicht,
die bin ich nicht, die ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch an
Unterscheidungen giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne
oder nahe: alle Unterscheidungen betrachtet er, der Wahrheit
gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Die gehören mir nicht,
die bin ich nicht, die sind nicht mein Selbst.‹ Was es auch an
Bewusstsein giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Bewusstsein betrachtet er, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Das gehört mir
nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Insofern,
Aggivessano, ist ein Jünger von mir ordensgetreu, der Belehrung
zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken und verweilt, in
sich selber gewiss, auf keinen anderen gestützt im Orden des
Meisters.«

»Und inwiefern, o Gotamo, ist ein Mönch Heiliger,
Wahnversieger, Endiger, hat er das Werk gewirkt, die Last
abgelegt, das Heil errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, ist
er in vollkommener Weisheit erlöst?«

»Da hat, Aggivessano, ein Mönch was es auch an Körperlichem
giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder
fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder
nahes: alles Körperliche hat er, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit also erkannt: ›Das gehört mir nicht,
das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹, und ist
restlos erlöst. Was es auch an Gefühl giebt, vergangenes,
zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes
oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes: alles
Gefühl hat er, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit
also erkannt: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das
ist nicht mein Selbst‹, und ist restlos erlöst. Was es auch
an Wahrnehmung giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne
oder nahe: alle Wahrnehmung hat er, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit also erkannt: ›Die gehört mir nicht, die
bin ich nicht, die ist nicht mein Selbst‹, und ist restlos
erlöst. Was es auch an Unterscheidungen giebt, vergangene,
zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine,
gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle Unterscheidungen
hat er, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also
erkannt: ›Die gehören mir nicht, die bin ich nicht, die sind
nicht mein Selbst‹, und ist restlos erlöst. Was es auch an
Bewusstsein giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Bewusstsein hat er, der Wahrheit
gemäß, mit vollkommener Weisheit also erkannt: ›Das gehört mir
nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹, und ist
restlos erlöst. Insofern, Aggivessano, ist ein Mönch Heiliger,
Wahnversieger, Endiger, hat er das Werk gewirkt, die Last
abgelegt, das Heil errungen, die Daseinsfesseln vernichtet,
ist er in vollkommener Weisheit erlöst. Der also gemütherlöste
Mönch, Aggivessano, hat drei Unvergleichlichkeiten erlangt:
unvergleichliches Wissen, unvergleichliche Fährte,
unvergleichliche Erlösung. Der also erlöste Mönch, Aggivessano,
hält den Vollendeten werth, schätzt ihn hoch, achtet und ehrt
ihn: ‚Erwacht ist der Erhabene, zur Erwachung zeigt er die
Lehre, beruhigt ist der Erhabene, zur Beruhigung zeigt er die
Lehre, gestillt ist der Erhabene, zur Stillung zeigt er die
Lehre, entronnen ist der Erhabene, zur Entrinnung zeigt er die
Lehre, zur Erlöschung gekommen ist der Erhabene, zur Erlöschung
kommen zu lassen zeigt er die Lehre‘.«

       *       *       *       *       *

Nach diesen Worten sprach Saccako der junge Nigaṇṭher zum
Erhabenen also:

»Ich war freilich verwegen, o Gotamo, ich war vermessen,             236
der ich glaubte, dem verehrten Gotamo könnte im Redekampf
entgegengetreten werden! Man mag vielleicht, o Gotamo, einem
wüthenden Elephanten entgegentreten ohne Schaden zu nehmen,
aber nicht also dem verehrten Gotamo. Man mag vielleicht, o
Gotamo, einer fauchenden Giftschlange entgegentreten ohne
Schaden zu nehmen, aber nicht also dem verehrten Gotamo. Man
mag vielleicht, o Gotamo, einem flammenden Scheiterhaufen
entgegentreten ohne Schaden zu nehmen, aber nicht also dem
verehrten Gotamo. Ich war freilich verwegen, o Gotamo, ich war
vermessen, der ich glaubte, dem verehrten Gotamo könnte im
Redekampf entgegengetreten werden! -- Gewähre mir der verehrte
Gotamo die Bitte, morgen mit den Mönchen bei mir zu speisen!«

Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte.

Als nun Saccako Nigaṇṭhaputto der Zustimmung des Erhabenen
sicher war, wandte er sich an die Licchavier:

»Hört mich, erlauchte Licchavier! Der Asket Gotamo ist für
morgen mit den Mönchen zum Mahle geladen: verseht mich, bitte,
mit dem, was euch hierzu gebührend erscheint.«

Da nun brachten jene Licchavier am nächsten Morgen zu Saccako
Nigaṇṭhaputto ein Mahl von fünfhundert Schüsseln, fertig
angerichtet. Saccako Nigaṇṭhaputto aber ließ ausgewählte feste
und flüssige Speise in seiner Behausung auftragen und sandte
einen Boten an den Erhabenen mit der Meldung: ›Es ist Zeit, o
Gotamo, das Mahl ist bereit.‹ Und der Erhabene rüstete sich
beizeiten, nahm Mantel und Almosenschaale und begab sich zur
Wohnung des Saccako Nigaṇṭhaputto. Dort angekommen nahm der
Erhabene mit den Mönchen auf den dargebotenen Sitzen Platz.
Und Saccako Nigaṇṭhaputto bediente und versorgte eigenhändig
den Erwachten und seine Jünger mit ausgewählter fester und
flüssiger Speise.

Nachdem nun der Erhabene gespeist und das Mahl beendet hatte,
nahm Saccako Nigaṇṭhaputto einen von den niederen Stühlen zur
Hand und setzte sich zur Seite hin. Zur Seite sitzend sprach
nun Saccako Nigaṇṭhaputto zum Erhabenen also:

»Was da, o Gotamo, an dieser Gabe Gutes und Gutgemeintes ist,
das möge den Gebern zum Wohle gereichen!«

»Was da, Aggivessano, dir zur Ehre geschehn, der Gier, dem
Hass, der Irre unterthan, das gilt den Gebern; was da,               237
Aggivessano, mir zur Ehre geschehn, der Gier, dem Hass, der
Irre nicht unterthan, das gilt dir.«



                              36.

             Vierter Theil            Sechste Rede

                            SACCAKO

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Eines
Morgens nun, als der Erhabene wohlgerüstet, mit Mantel und
Schaale versehn, eben im Begriffe war nach der Stadt um
Almosenspeise zu gehn, kam Saccako, der junge Nigaṇṭher, auf
einem Spaziergange lustwandelnd, in den Großen Wald, zur Halle
der Einsiedelei heran. Der ehrwürdige Ānando aber sah den
Nigaṇṭhaputto Saccako von ferne herankommen und nachdem er ihn
gesehn sprach er zum Erhabenen also:

»Da kommt, o Herr, jener Saccako der junge Nigaṇṭher heran, ein
geübter Dialektiker, ein trefflicher Redner, der bei vielen
hoch angesehn ist. Dieser Mann nun, o Herr, sucht Schwächen
des Erwachten, Schwächen der Lehre, Schwächen des Ordens.
Gut wär’ es, o Herr, wenn sich der Erhabene einen Augenblick
niedersetzte, von Mitleid bewogen!«

Es setzte sich der Erhabene auf den dargebotenen Sitz.

Da nun kam Saccako Nigaṇṭhaputto dorthin wo der Erhabene
weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige
Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder.
Hierauf nun sprach Saccako der junge Nigaṇṭher zum Erhabenen
also:

»Es giebt, o Gotamo, einige Asketen und Priester, die den
Körper in der Gewalt haben, aber nicht das Gemüth. Sie
empfinden ja, o Gotamo, körperliches Wehgefühl. Zuweilen, o
Gotamo, von körperlichem Wehgefühl getroffen, wird da einer vom
Schlage gerührt, oder das Herz zerspringt, oder heißes Blut
quillt aus dem Munde, oder er fällt dem Wahnsinn anheim, der
Geistesverwirrung. Bei einem solchen, o Gotamo, ist also das
Gemüth dem Körper unterworfen, richtet sich nach dem Willen
des Körpers. Und was ist der Grund hierfür? Die Ohnmacht des
Gemüthes. Anderseits wieder, o Gotamo, giebt es einige Asketen       238
und Priester, die das Gemüth in der Gewalt haben, aber nicht
den Körper. Sie empfinden ja, o Gotamo, geistiges Wehgefühl.
Zuweilen, o Gotamo, von geistigem Wehgefühl getroffen, wird
da einer vom Schlage gerührt, oder das Herz zerspringt, oder
heißes Blut quillt aus dem Munde, oder er fällt dem Wahnsinn
anheim, der Geistesverwirrung. Bei einem solchen, o Gotamo,
ist also der Körper dem Gemüthe unterworfen, richtet sich
nach dem Willen des Gemüthes. Und was ist der Grund hierfür?
Die Ohnmacht des Körpers. Da kann ich mich nun, o Gotamo,
des Gedankens nicht erwehren: offenbar haben die Jünger des
verehrten Gotamo das Gemüth in der Gewalt, aber nicht den
Körper.«

»Was hast du denn, Aggivessano, Gewalthaben über den Körper
nennen hören?«

»Da ist zum Beispiel Nando Vaccho, Kiso Saṉkicco, Makkhali
Gossālo[30]: das sind Unbekleidete, o Gotamo, Ungebundene,
Handverköster, keine Ankömmlinge, keine Abwärtlinge, die
gestatten keine Darreichung, keine Vergünstigung, keine
Einladung, spähen beim Empfangen des Almosens nicht nach
dem Topfe, nicht nach der Schüssel, nicht über die Schwelle,
nicht über das Gitter, nicht in den Kessel hinein, nehmen
nicht von zu zweit Speisenden an, nicht von einer Schwangeren,
nicht von einer Säugenden, nicht von einer, die vom Manne
kommt, nicht von Beschmutzten, nicht wo ein Hund dabei steht,
nicht wo Fliegen hin und her schwärmen, essen keinen Fisch,
kein Fleisch, trinken keinen Wein, kein gebranntes Wasser,
keinen gegohrenen Haferschleim. Sie gehn zu einem Hause und
begnügen sich mit einer handvoll Almosenspeise; gehn zu zwei
Häusern und begnügen sich mit zwei handvoll Almosenspeise;
gehn zu sieben Häusern und begnügen sich mit sieben handvoll
Almosenspeise. Sie fristen ihr Leben durch die Mildthätigkeit
von nur einer Spenderin, von nur zwei Spenderinen, von nur
sieben Spenderinen. Sie nehmen nur jeden ersten Tag Nahrung
ein, nur jeden zweiten Tag, nur jeden siebenten Tag. Solcherart
wechselnd beobachten sie streng diese bis auf einen halben
Monat ausgedehnte Fastenübung.«

»Wie nun, Aggivessano: fristen sie ihr Leben einzig auf diese
Weise?«

»Das wohl nicht, o Gotamo! Sondern späterhin, o Gotamo,
verzehren sie reichlich feste Speise, genießen reichlich
flüssige Speise, schmecken vorzügliche Gerichte, schlürfen
vorzügliche Getränke. Dadurch gewinnen sie natürlich wieder
Körperkraft, gehn in die Breite, werden wohlbeleibt, wie
bekannt.«

»Was sie also, Aggivessano, vorher verworfen haben übertreiben
sie nachher, und so entsteht dieses Schwellen und Schwinden des
Leibes. Und was hast du, Aggivessano, Gewalthaben über das
Gemüth nennen hören?«

Auf diese Frage des Erhabenen wusste Saccako Nigaṇṭhaputto           239
keinen Bescheid.

Da sprach nun der Erhabene zu Saccako Nigaṇṭhaputto also:

»Was du da früher, Aggivessano, als Gewalthaben über den
Körper bezeichnet hast, das gilt im Orden des Heiligen nicht
als ächtes Gewalthaben über den Körper. Das Gewalthaben über
den Körper kennst du wahrlich nicht, Aggivessano; wie solltest
du erst das Gewalthaben über das Gemüth kennen! Doch merke,
Aggivessano: wenn man den Körper nicht in der Gewalt hat, so
hat man auch das Gemüth nicht in der Gewalt; hat man aber den
Körper in der Gewalt, so hat man auch das Gemüth in der Gewalt.
Das höre und achte wohl auf meine Rede.«

»Ja, Herr!« erwiderte da aufmerksam Saccako Nigaṇṭhaputto dem
Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Wie also, Aggivessano, hat man keine Gewalt über den Körper,
keine Gewalt über das Gemüth? Da entsteht, Aggivessano,
einem unerfahrenen gewöhnlichen Menschen ein Wohlgefühl. Vom
Wohlgefühl getroffen wird er wohlbegierig, fällt der Wohlbegier
anheim. Dieses Wohlgefühl vergeht ihm. Durch das Vergehn des
Wohlgefühls entsteht Wehgefühl. Vom Wehgefühl getroffen wird
er traurig, gebrochen, er jammert, schlägt sich stöhnend die
Brust, fällt der Verzweiflung anheim. Jenes ihm entstandene
Wohlgefühl nun, Aggivessano, fesselt das Gemüth infolge der
Ohnmacht des Körpers, das entstandene Wehgefühl aber fesselt
das Gemüth infolge der Ohnmacht des Gemüthes. Wenn das Gemüth
solcherart doppelseitig gefesselt wird, Aggivessano, vom
entstandenen Wohlgefühle durch die Ohnmacht des Körpers, vom
entstandenen Wehgefühle durch die Ohnmacht des Gemüthes, hat
man solcherart, Aggivessano, keine Gewalt über den Körper,
keine Gewalt über das Gemüth. Wie aber, Aggivessano, hat man
Gewalt über den Körper, Gewalt über das Gemüth? Da entsteht,
Aggivessano, einem erfahrenen heiligen Jünger ein Wohlgefühl.
Vom Wohlgefühle getroffen wird er nicht wohlbegierig, fällt
nicht der Wohlbegier anheim. Dieses Wohlgefühl vergeht ihm.
Durch das Vergehn des Wohlgefühls entsteht Wehgefühl. Vom
Wehgefühle getroffen wird er nicht traurig, nicht gebrochen,
er jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend die Brust,
fällt nicht der Verzweiflung anheim. Jenes ihm entstandene
Wohlgefühl nun, Aggivessano, kann das Gemüth infolge der Gewalt
über den Körper nicht fesseln, und das entstandene Wehgefühl
kann das Gemüth infolge der Gewalt über das Gemüth nicht
fesseln. Wenn das Gemüth solcherart von keiner Seite gefesselt
werden kann, Aggivessano, durch die Gewalt über den Körper           240
nicht vom entstandenen Wohlgefühle, durch die Gewalt über das
Gemüth nicht vom entstandenen Wehgefühle, hat man solcherart,
Aggivessano, Gewalt über den Körper, Gewalt über das Gemüth.«

»So darf ich dem verehrten Gotamo zutrauen: der verehrte Gotamo
hat Gewalt über den Körper und hat Gewalt über das Gemüth?«

»Gewiss hast du mir, Aggivessano, diese Frage nur desshalb
gestellt, um mich weiter zu locken: aber ich will dir Antwort
geben. Seitdem ich, Aggivessano, Haar und Bart geschoren, das
fahle Gewand angelegt habe, vom Hause fort in die Hauslosigkeit
gezogen bin, kann wahrlich kein mir entstandenes Wohlgefühl,
kein mir entstandenes Wehgefühl mein Gemüth fesseln.«

»Dann kennt wohl der verehrte Gotamo kein solches Wohlgefühl,
welches Gegenwart genug besäße das Gemüth zu fesseln? Dann
kennt wohl der verehrte Gotamo kein solches Wehgefühl, welches
Gegenwart genug besäße das Gemüth zu fesseln?«

»Wie denn nicht, Aggivessano! -- Da ist mir, Aggivessano, noch
vor der vollen Erwachung, dem unvollkommen Erwachten, Erwachung
erst Erringenden, dieser Gedanke gekommen: ›Ein Gefängniss ist
die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel; der freie Himmelsraum die
Pilgerschaft. Nicht wohl geht es, wenn man im Hause bleibt,
das völlig geläuterte, völlig geklärte Asketenthum Punkt für
Punkt zu erfüllen. Wie, wenn ich nun, mit geschorenem Haar
und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die
Hauslosigkeit hinauszöge?‹

»Und ich zog, Aggivessano, nach einiger Zeit, noch in frischer       163
Blüthe, glänzend dunkelhaarig, im Genusse glücklicher Jugend,
im ersten Mannesalter, gegen den Wunsch meiner weinenden und
klagenden Eltern, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem
Gewande bekleidet, vom Hause fort in die Hauslosigkeit hinaus.

»Also Pilger geworden, das wahre Gut suchend, nach dem
unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, begab ich
mich zu Āḷāro Kālāmo und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder
Kālāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹
Hierauf, Aggivessano, erwiderte mir Āḷāro Kālāmo: ›Bleibt,
Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger
Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft             164
begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz erlangen
kann.‹ Und ich begriff, Aggivessano, binnen kurzem, sehr bald
diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Aggivessano, als Lippen
und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das
Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir
kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke:
›Āḷāro Kālāmo verkündet nicht die ganze Lehre nach seinem
Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’
ich in ihrem Besitze‘, sicher kennt Āḷāro Kālāmo diese Lehre
genau.‹ Ich ging nun, Aggivessano, zu Āḷāro Kālāmo hin und
sprach also: ›Inwiefern, Bruder Kālāmo, erklärst du, dass wir
diese Lehre begriffen, uns offenbar gemacht und ihren Besitz
erlangt haben?‹ Hierauf, Aggivessano, stellte Āḷāro Kālāmo
das Reich des Nichtdaseins dar. Da kam mir, Aggivessano, der
Gedanke: ›Nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Zuversicht, ich aber
habe Zuversicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Standhaftigkeit,
ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat
Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo
hat Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung; nicht
einmal Āḷāro Kālāmo hat Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie,
wenn ich nun diese Lehre, von welcher Āḷāro Kālāmo sagt ‚Mir
selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem
Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar
würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, Aggivessano, hatte ich
diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz
erlangt. Ich ging nun, Aggivessano, wieder zu Āḷāro Kālāmo hin
und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder Kālāmo, insofern
von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ -- ›
Insofern, o Bruder, ist diese Lehre begriffen, offenbar gemacht
und erlangt worden.‹ -- ›Ich habe nun, Bruder Kālāmo, diese
Lehre insofern begriffen, mir offenbar gemacht und erlangt.‹
-- › Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die wir
einen solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken! So
wie ich die Lehre verkünde, so hast du sie erlangt; so wie
du sie erlangt hast, so verkünde ich die Lehre. So wie ich           165
die Lehre kenne, so kennst du die Lehre; so wie du die Lehre
kennst, so kenne ich die Lehre. So wie ich bin, so bist du; so
wie du bist, so bin ich. Komm’ denn, Bruder: selbander wollen
wir diese Jüngerschaar lenken.‹ So, Aggivessano, erklärte
Āḷāro Kālāmo, mein Lehrer, mich, seinen Schüler, als ihm
selbst ebenbürtig und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir,
Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr,
zur Wendung, zur Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung,
zur Erwachung, zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das
Reich des Nichtdaseins.‹ Und ich fand diese Lehre ungenügend,
Aggivessano, und unbefriedigt von ihr zog ich fort.

»Ich begab mich nun, Aggivessano, das wahre Gut suchend, nach
dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, zu
Uddako, dem Sohne des Rāmo, und sprach zu ihm: ›Ich möchte,
Bruder Rāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben
führen.‹ Hierauf, Aggivessano, erwiderte mir Uddako Rāmaputto:
›Bleibt, Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein
verständiger Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene
Meisterschaft begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz
erlangen kann.‹ Und ich begriff, Aggivessano, binnen kurzem,
sehr bald diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Aggivessano, als
Lippen und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens
und das Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen
wussten: ›Wir kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Aggivessano,
der Gedanke: ›Rāmo hat nicht die ganze Lehre nach seinem
Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’
ich in ihrem Besitze‘ verkündet, sicher hat Rāmo diese Lehre
genau gekannt.‹ Ich ging nun, Aggivessano, zu Uddako, dem Sohne
Rāmos, hin und sprach also: ›Inwiefern, Bruder, hat Rāmo diese
Lehre als von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt
erklärt?‹ Hierauf, Aggivessano, stellte Uddako, der Sohn
Rāmos, die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung dar. Da kam mir,
Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht einmal Rāmo hatte Zuversicht,
ich aber habe Zuversicht; nicht einmal Rāmo hatte                    166
Standhaftigkeit, ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal
Rāmo hatte Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal
Rāmo hatte Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung;
nicht einmal Rāmo hatte Weisheit, ich aber habe Weisheit.
Wie, wenn ich nun diese Lehre, von welcher Rāmo sagte ‚Mir
selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem
Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar
würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, Aggivessano, hatte ich
diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz
erlangt. Ich ging nun, Aggivessano, wieder zu Uddako, dem Sohn
Rāmos, und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder, der Darlegung
Rāmos gemäß insofern von uns begriffen, offenbar gemacht und
erlangt worden?‹ -- ›Insofern, Bruder, hat Rāmo diese Lehre
als begriffen, offenbar gemacht und erlangt dargestellt.‹ --
›Ich habe nun, Bruder, diese Lehre insofern begriffen, mir
offenbar gemacht und erlangt.‹ -- ›Beglückt sind wir, o Bruder,
hoch begünstigt, die wir einen solchen Ehrwürdigen als ächten
Asketen erblicken! So wie Rāmo die Lehre verkündet hat, so hast
du die Lehre erlangt; so wie du sie erlangt hast, so hat Rāmo
die Lehre verkündet. So wie Rāmo die Lehre gekannt hat, so
kennst du die Lehre; so wie du die Lehre kennst, so hat Rāmo
die Lehre gekannt. So wie Rāmo war, so bist du; so wie du bist,
so war Rāmo. Komm’ denn, o Bruder: sei du das Haupt dieser
Jüngerschaar.‹ So, Aggivessano, belehnte Uddako Rāmaputto,
mein Ordensbruder, mich mit der Meisterschaft und ehrte mich
mit hoher Ehre. Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht
diese Lehre führt zur Abkehr, zur Wendung, zur Auflösung, zur
Aufhebung, zur Durchschauung, zur Erwachung, zur Erlöschung,
sondern nur zur Einkehr in das Reich der Gränze möglicher
Wahrnehmung.‹ Und ich fand diese Lehre ungenügend, Aggivessano,
und unbefriedigt von ihr zog ich fort.

»Ich wanderte nun, Aggivessano, das wahre Gut suchend, nach
dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, im
Magadhā-Lande von Ort zu Ort und kam in die Nähe der Burg
Uruvelā. Dort sah ich einen entzückenden Fleck Erde: einen           167
heiteren Waldesgrund, einen hell strömenden Fluss, zum Baden
geeignet, erfreulich, und rings umher Wiesen und Felder. Da
kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Entzückend, wahrlich, ist
dieser Fleck Erde!‹ Heiter ist der Waldesgrund, der Fluss
strömt hell dahin, zum Baden geeignet, erfreulich, und rings
umher liegen Wiesen und Felder. Das genügt wohl einem Askese
begehrenden edlen Sohne zur Askese.‹ Und ich setzte mich nun,
Aggivessano, dort nieder: ›Das genügt zur Askese.‹

»Da leuchteten mir, Aggivessano, drei Gleichnisse auf,               240
naturgemäße, nie zuvor gehörte.

»Gleichwie, Aggivessano, wenn ein feuchtes, leimiges Holzscheit
ins Wasser geworfen würde; da träte ein Mann hinzu, mit
einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken, Licht
hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Aggivessano: könnte wohl
dieser Mann, mit dem Reibholz das feuchte, leimige, ins
Wasser geworfene Holzscheit reibend, Feuer erwecken, Licht
hervorbringen?«

»Gewiss nicht, o Gotamo!«

»Und warum nicht?«

»Jenes Holzscheit, o Gotamo, ist ja feucht, leimig und überdies      241
noch ins Wasser geworfen! Alle Plage und Mühe des Mannes wäre
vergeblich.«

»Ebenso nun auch, Aggivessano, steht es mit jenen Asketen oder
Priestern, die des Körpers nicht, nicht der Wünsche entwöhnt
sind, die was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim,
Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das
nicht innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene
lieben Asketen und Priester herantretende schmerzliche,
brennende, bittere Gefühle erfahren, so sind sie unfähig zum
Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und
auch wenn jene lieben Asketen und Priester keine herantretenden
schmerzlichen, brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so
sind sie auch dann unfähig zum Wissen, zur Klarsicht,
zur unvergleichlichen Erwachung. Dieses Gleichniss nun,
Aggivessano, war das erste mir aufleuchtende, das naturgemäße,
nie zuvor gehörte.

»Und hierauf, Aggivessano, leuchtete mir nun ein zweites
Gleichniss auf, ein naturgemäßes, nie zuvor gehörtes.
Gleichwie, Aggivessano, wenn ein feuchtes, leimiges Holzscheit
fern vom Wasser ans Land geworfen würde; da träte ein Mann
hinzu, mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken,
Licht hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Aggivessano: könnte
wohl dieser Mann, mit dem Reibholz das feuchte, leimige,
fern vom Wasser ans Land geworfene Holzscheit reibend, Feuer
erwecken, Licht hervorbringen?«

»Gewiss nicht, o Gotamo!«

»Und warum nicht?«

»Jenes Holzscheit, o Gotamo, ist ja feucht, leimig, und wenn es
auch außerhalb des Wassers am Lande liegt, alle Plage und Mühe
des Mannes wäre vergeblich.«

»Ebenso nun auch, Aggivessano, steht es mit jenen Asketen oder
Priestern, die des Körpers, die auch der Wünsche entwöhnt sind,
die aber was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim,
Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das
nicht innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene
lieben Asketen und Priester herantretende schmerzliche,
brennende, bittere Gefühle erfahren, so sind sie unfähig zum
Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und
auch wenn jene lieben Asketen und Priester keine herantretenden
schmerzlichen, brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so
sind sie auch dann unfähig zum Wissen, zur Klarsicht,
zur unvergleichlichen Erwachung. Dieses Gleichniss nun,
Aggivessano, war das zweite mir aufleuchtende, das naturgemäße,
nie zuvor gehörte.

»Und hierauf, Aggivessano, leuchtete mir nun ein drittes             242
Gleichniss auf, ein naturgemäßes, nie zuvor gehörtes.
Gleichwie, Aggivessano, wenn ein trockenes, ausgedörrtes
Holzscheit fern vom Wasser ans Land geworfen würde; da träte
ein Mann hinzu, mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer
erwecken, Licht hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Aggivessano:
könnte wohl dieser Mann, mit dem Reibholz das trockene,
ausgedörrte, fern vom Wasser ans Land geworfene Holzscheit
reibend, Feuer erwecken, Licht hervorbringen?«

»Freilich, o Gotamo!«

»Und warum das?«

»Jenes Holzscheit, o Gotamo, ist ja trocken und ausgedörrt und
liegt fern vom Wasser am Lande.«

»Ebenso nun auch, Aggivessano, steht es mit jenen Asketen oder
Priestern, die des Körpers, die auch der Wünsche entwöhnt
sind, die was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim,
Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das
innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene lieben
Asketen und Priester herantretende schmerzliche, brennende,
bittere Gefühle erfahren, so sind sie fähig zum Wissen, zur
Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und auch wenn jene
lieben Asketen und Priester keine herantretenden schmerzlichen,
brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so sind sie auch
dann fähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen
Erwachung. Dieses Gleichniss nun, Aggivessano, war das dritte
mir aufleuchtende, das naturgemäße, nie zuvor gehörte.

»Diese drei Gleichnisse, Aggivessano, leuchteten mir auf,
naturgemäße, nie zuvor gehörte.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich
nun mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen
gehefteter Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwänge,
niederdrückte, niederquälte?‹ Und ich zwang nun, Aggivessano,
mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter
Zunge durch den Willen das Gemüth nieder, drückte es nieder,
quälte es nieder. Und indem ich also, Aggivessano, mit
aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter
Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwang, niederdrückte,
niederquälte, rieselte mir der Schweiß aus den Achselhöhlen.
Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn ein starker Mann einen
schwächeren, beim Kopf oder bei der Schulter ergreifend,
niederzwingt, niederdrückt, niederquält, ebenso rieselte mir
da, Aggivessano, indem ich also mit aufeinandergepressten
Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge durch den Willen das
Gemüth niederzwang, niederdrückte, niederquälte, der Schweiß
aus den Achselhöhlen. Gestählt war zwar, Aggivessano, meine
Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber
regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so       243
schmerzliche Askese, die mich antrieb. Und das solcherart mir
entstandene Wehgefühl, Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht
fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun
in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich hielt nun,
Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von Mund und Nase an.
Und indem ich also, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von
Mund und Nase anhielt, wurde mir das überlaute Geräusch der
Blutströmungen im Ohre vernehmbar. Gleichwie etwa, Aggivessano,
der geblähte Blasebalg einer Schmiede überlautes Geräusch
erzeugt, ebenso wurde mir da, Aggivessano, indem ich also die
Ein- und Ausathmungen von Mund und Nase anhielt, das überlaute
Geräusch der Blutströmungen im Ohre vernehmbar. Gestählt
war zwar, Aggivessano, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die
Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper,
nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die
mich antrieb. Und das solcherart mir entstandene Wehgefühl,
Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich
nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und
ich hielt nun, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von
Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Aggivessano,
die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt,
schlugen mir überheftige Strömungen auf die Schädeldecke auf.
Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn ein starker Mann mit scharfer
Dolchspitze die Schädeldecke zerhämmerte, ebenso schlugen
mir da, Aggivessano, indem ich also die Ein- und Ausathmungen
von Mund, Nase und Ohr anhielt, überheftige Strömungen auf
die Schädeldecke auf. Gestählt war zwar, Aggivessano, meine
Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber
regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so
schmerzliche Askese, die mich antrieb. Und das solcherart mir
entstandene Wehgefühl, Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht
fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun
noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich
hielt nun, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von Mund,
Nase und Ohr an. Und indem ich also, Aggivessano, die Ein-
und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, hatte ich im
Kopfe betäubende Kopfgefühle. Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn
ein starker Mann feste Riemenstränge auf dem Kopfe peitschend        244
tanzen ließe, ebenso hatte ich da, Aggivessano, indem ich also
die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, im
Kopfe betäubende Kopfgefühle. Gestählt war zwar, Aggivessano,
meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar,
aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch
diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb. Und das
solcherart mir entstandene Wehgefühl, Aggivessano, konnte mein
Gemüth nicht fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich
nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und
ich hielt nun, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von
Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Aggivessano,
die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt,
schnitten mir überheftige Strömungen durch den Bauch.
Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn ein geschickter Schlächter
oder Schlächtergeselle mit scharfem Schlachtmesser den Bauch
durchschlitzte, ebenso schnitten mir da, Aggivessano, indem ich
also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt,
überheftige Strömungen durch den Bauch. Gestählt war zwar,
Aggivessano, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht,
unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig
geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
Und das solcherart mir entstandene Wehgefühl, Aggivessano,
konnte mein Gemüth nicht fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich
nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und
ich hielt nun, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von
Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Aggivessano, die
Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, hatte
ich im Körper überheftig glühende Quaal. Gleichwie etwa,
Aggivessano, wenn zwei starke Männer einen schwächeren Mann an
beiden Armen ergriffen und in eine Grube voll glühender Kohlen
hineinquälten, hineinrollten, ebenso hatte ich da, Aggivessano,
indem ich also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und
Ohr anhielt, im Körper überheftig glühende Quaal. Gestählt
war zwar, Aggivessano, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die
Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper,
nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die
mich antrieb. Und das solcherart mir entstandene Wehgefühl,
Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht fesseln.

»Da sahn mich nun, Aggivessano, Gottheiten und sagten:               245
›Gestorben ist der Asket Gotamo.‹ Andere Gottheiten sagten:
›Nicht gestorben ist der Asket Gotamo, aber er stirbt.‹ Und
andere Gottheiten sagten: ›Nicht gestorben ist der Asket Gotamo
und nicht stirbt er, heilig ist der Asket Gotamo, ein Zustand
ist es nur des Heiligen, von solcher Art.‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich
nun gänzlich der Nahrung enthielte?‹ Da traten, Aggivessano,
Gottheiten zu mir heran und sprachen: ›Wolle nicht, Würdiger,
dich gänzlich der Nahrung enthalten! Wenn du dich, Würdiger,
gänzlich der Nahrung enthalten willst, so werden wir dir
himmlischen Thau durch die Poren einflößen: dadurch wirst du
am Leben bleiben.‹ Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wenn
ich nun auch gänzliches Fasten hielte, diese Gottheiten mir
aber himmlischen Thau durch die Poren einflößten und ich also
gefristet würde, so wär’ es bloßer Schein.‹ Und ich wies,
Aggivessano, die Gottheiten zurück und sagte: ›Schon gut!‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich nun
wenig, wenig Nahrung zu mir nähme, eine hohle Hand voll
und noch eine, als wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe oder
Linsenbrühe?‹ Und ich nahm, Aggivessano, wenig, wenig Nahrung
zu mir, eine hohle Hand voll und noch eine, als wie Bohnenbrühe
oder Erbsenbrühe oder Linsenbrühe. Und indem ich also,
Aggivessano, wenig, wenig Nahrung zu mir nahm, eine hohle Hand
voll und noch eine, als wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe
oder Linsenbrühe, wurde mein Körper außerordentlich mager.
Wie dürres, welkes Rohr wurden da meine Arme und Beine durch
diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Kameelhuf wurde
da mein Gesäß durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme,
wie eine Kugelkette wurde da mein Rückgrat mit den hervor-
und zurücktretenden Wirbeln durch diese äußerst geringe
Nahrungaufnahme, wie sich die Dachsparren eines alten Hauses
queerkantig abheben, hoben sich da meine Rippen queerkantig
ab durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie in einem
tiefen Brunnen die unten liegenden Wasserspiegel verschwindend
klein erscheinen, so erschienen da in meinen Augenhöhlen die
tiefliegenden Augensterne verschwindend klein durch diese
äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Bitterkürbiss, frisch       246
angeschnitten, in heißer Sonne hohl und schrumpf wird, so wurde
da meine Kopfhaut hohl und schrumpf durch diese äußerst geringe
Nahrungaufnahme. Und indem ich, Aggivessano, die Bauchdecke
befühlen wollte traf ich auf das Rückgrat, und indem ich das
Rückgrat befühlen wollte traf ich wieder auf die Bauchdecke. So
nahe war mir, Aggivessano, die Bauchdecke ans Rückgrat gekommen
durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Und ich wollte,
Aggivessano, Koth und Harn entleeren, da fiel ich vornüber hin
durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahm. Um nun diesen
Körper da zu stärken, Aggivessano, rieb ich mit der Hand die
Glieder. Und indem ich also, Aggivessano, mit der Hand die
Glieder rieb, fielen die wurzelfaulen Körperhaare aus durch
diese äußerst geringe Nahrungaufnahme.

»Da sahn mich nun, Aggivessano, Menschen und sagten: ›Blau ist
der Asket Gotamo!‹ Andere Menschen sagten: ›Nicht blau ist der
Asket Gotamo, braun ist der Asket Gotamo!‹ Und andere Menschen
sagten: ›Nicht blau ist der Asket Gotamo und nicht braun ist
der Asket Gotamo, gelbhäutig ist der Asket Gotamo!‹ So sehr
war nun, Aggivessano, meine helle, reine Hautfarbe angegriffen
worden durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Was für Asketen
oder Priester auch je in der Vergangenheit herangetretene
schmerzliche, brennende, bittere Gefühle erfahren haben: das
ist das höchste, weiter geht es nicht. Was für Asketen oder
Priester auch je in der Zukunft herantretende schmerzliche,
brennende, bittere Gefühle erfahren werden: das ist das
höchste, weiter geht es nicht. Was für Asketen oder Priester
auch jetzt in der Gegenwart herantretende schmerzliche,
brennende, bittere Gefühle erfahren: das ist das höchste,
weiter geht es nicht. Und doch erreiche ich durch diese bittere
Schmerzensaskese kein überirdisches, reiches Heilthum der
Wissensklarheit! Es giebt wohl einen anderen Weg zur Erwachung.‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Ich erinnere mich,
einst, während der Feldarbeiten bei meinem Vater Sakko, im
kühlen Schatten eines Rosenapfelbaumes sitzend, den Wünschen
erstorben, dem Unheil entronnen, in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit die Weihe der ersten Schauung
errungen zu haben: das mag wohl der Weg sein zur Erwachung.‹

»Da kam mir, Aggivessano, das einsichtgemäße Bewusstsein: ›Das
ist der Weg zur Erwachung.‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, sollt’ ich etwa         247
jenes Glück fürchten, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit
des Schlechten?‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nein, ich fürchte jenes
Glück nicht, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit des
Schlechten.‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht leicht kann wohl
jenes Glück erreicht werden mit so außerordentlich entkräftetem
Körper; wie, wenn ich nun feste Nahrung zu mir nähme, gekochten
Reisbrei?‹ Und ich nahm, Aggivessano, feste Nahrung zu mir,
gekochten Reisbrei.

»Zu jener Zeit aber, Aggivessano, lebten fünf Mönche um mich
herum: ›Wenn uns der Asket Gotamo die Wahrheit erkämpft haben
wird, wird er sie uns mittheilen!‹ Als ich nun, Aggivessano,
feste Nahrung zu mir nahm, gekochten Reisbrei, da wandten sich
jene Mönche von mir ab und gingen fort: ›Ueppig wird der Asket
Gotamo, der Askese untreu, geneigt der Ueppigkeit.‹

»Und ich nahm nun, Aggivessano, feste Nahrung zu mir,
gewann Kraft und erwirkte, gar fern von Begierden, fern von
unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener
säliger Heiterkeit die Weihe der ersten Schauung. Und das
solcherart mir entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte mein
Gemüth nicht fesseln.

»Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens, Aggivessano,
erwirkte ich die innere Meeresstille, die Einheit des
Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung
geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. Und
das solcherart mir entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte
mein Gemüth nicht fesseln.

»In heiterer Ruhe, Aggivessano, weilte ich gleichmüthig,
einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfand ich im Körper, von
dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt
beglückt‹; so erwirkte ich die Weihe der dritten Schauung. Und
das solcherart mir entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte
mein Gemüth nicht fesseln.

»Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, Aggivessano, nach
Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkte ich
die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen
vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Und das solcherart mir
entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht
fesseln.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer      248
Daseinsformen. Ich erinnerte mich an manche verschiedene
frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei
Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf
Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann
an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig
Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann
an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen
Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein
Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren,
so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo
wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich,
dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein
Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein
Lebensende; da verschieden trat ich hier wie -- ins Dasein.‹ So
erinnerte ich mich mancher verschiedenen früheren Daseinsform,
mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen
Beziehungen. Dieses Wissen, Aggivessano, hatte ich nun in den
ersten Stunden der Nacht als erstes errungen, das Nichtwissen
zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das
Licht gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich
verweilte. Und das solcherart mir entstandene Wohlgefühl,
Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht fesseln.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss des Verschwindens-
Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge, dem
geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sah
ich die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und
edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich
erkannte wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese
lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,
in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten
zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes;
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf
den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere
Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan,
in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan,
tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der
Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute
Fährte, in sälige Welt.‹ So sah ich mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die
Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,
schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkannte
wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Dieses Wissen,
Aggivessano, hatte ich nun in den mittleren Stunden der Nacht
als zweites errungen, das Nichtwissen zertheilt, das Wissen
gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht gewonnen, wie ich          249
da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilte. Und das
solcherart mir entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte mein
Gemüth nicht fesseln.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Leidensauflösung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß.
›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ verstand
ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ verstand ich der
Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ verstand ich
der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ verstand ich
der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende
Pfad‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also
sehend ward da mein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom
Daseinswahn, erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist
die Erlösung‹, diese Erkenntniss ging auf. ›Versiegt ist die
Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr
ist diese Welt‹ verstand ich da. Dieses Wissen, Aggivessano,
hatte ich nun in den letzten Stunden der Nacht als drittes
errungen, das Nichtwissen zertheilt, das Wissen gewonnen,
das Dunkel zertheilt, das Licht gewonnen, wie ich da ernsten
Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilte. Und das solcherart mir
entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht
fesseln.

       *       *       *       *       *

»Ich weiß wohl, Aggivessano: wenn ich da einer Schaar von
vielen hunderten die Lehre verkündet habe, so meint einer
um den anderen von mir: ›Nur für mich hat der Asket Gotamo
die Lehre verkündet!‹ Doch ist das nicht also zu verstehn,
Aggivessano, weil ja der Vollendete den anderen die Lehre zur
Aufklärung verkündet. Aber wenn eine solche Darlegung zu Ende
ist, Aggivessano, dann richte ich auch das einzelne Gemüth
eines jeden Friedesuchenden auf, bring’ es zur Ruhe, einige es,
füge es zusammen. Und so halte ich es allezeit, allezeit.«

»Also geziemt es dem verehrten Gotamo, als dem Heiligen,
vollkommen Erwachten. -- Giebt der verehrte Gotamo wohl zu, bei
Tage zu schlafen?«

»Ich geb’ es zu, Aggivessano, im letzten Monat des Sommers,
nach dem Mahle, wenn man vom Almosengange zurückgekehrt ist,
den Mantel vierfach gefaltet auszuspreiten und auf der rechten
Seite liegend gesammelten Sinnes einzuschlafen.«

»Das wird aber, o Gotamo, von manchen Asketen und Priestern als
bethörendes Sichgehenlassen bezeichnet!«

»Nicht insofern, Aggivessano, ist man bethört oder nicht             250
bethört. Aber, Aggivessano, wie man bethört und wie man nicht
bethört ist, das höre und achte wohl auf meine Rede.«

»Ja, Herr!« erwiderte Saccako der junge Nigaṇṭher, dem
Erhabenen zustimmend. Der Erhabene sprach also:

»Wer da, Aggivessano, den Wahn, den besudelnden, Wiederdasein
säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden, wiederum Leben,
Altern und Sterben erzeugenden, nicht verleugnet hat, den
nenne ich bethört. Denn durch des Wahnes Nichtverleugnung,
Aggivessano, wird man bethört. Wer da, Aggivessano, den Wahn,
den besudelnden, Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden
ausbrütenden, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden,
verleugnet hat, den nenne ich unbethört. Denn durch des Wahnes
Verleugnung, Aggivessano, wird man unbethört. Der Vollendete,
Aggivessano, hat den Wahn, den besudelnden, Wiederdasein
säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden, wiederum Leben,
Altern und Sterben erzeugenden, verleugnet, an der Wurzel
abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass er
nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann. Gleichwie
etwa, Aggivessano, eine Palme, der man die Krone abgeschnitten
hat, nicht wieder emporwachsen kann, ebenso auch, Aggivessano,
hat der Vollendete den Wahn, den besudelnden, Wiederdasein
säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden, wiederum Leben,
Altern und Sterben erzeugenden, verleugnet, an der Wurzel
abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass er nicht
mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann.«

       *       *       *       *       *

Nach diesen Worten sprach Saccako der junge Nigaṇṭher zum
Erhabenen also:

»Wunderbar, o Gotamo, außerordentlich ist es, o Gotamo, wie
da, nach der sanft und sicher hinleitenden Behandlung gar
mancher Frage, des verehrten Gotamo Hautfarbe so hell und
das Antlitz so heiter geblieben ist, wie das dem Heiligen,
vollkommen Erwachten eignet! Ich bekenne, o Gotamo, mich mit
Pūraṇo Kassapo in ein Gespräch eingelassen zu haben: der aber
kam im Gespräche mit mir von einem ins andere, schweifte vom
Gegenstand ab und legte Zorn, Hass und Verdrossenheit an den
Tag. Beim verehrten Gotamo dagegen ist nach der sanft und
sicher hinleitenden Behandlung gar mancher Frage die Hautfarbe
so hell und das Antlitz so heiter geblieben, wie es dem
Heiligen, vollkommen Erwachten eignet. Ich bekenne, o Gotamo,
mich mit Makkhali Gosālo, Ajito Kesakambalo, Pakudho Kaccāyano,
Sañjayo Belaṭṭhaputto, Nigaṇṭho Nāthaputto in Gespräche
eingelassen zu haben: die aber kamen im Gespräche mit mir von
einem ins andere, schweiften vom Gegenstand ab und legten            251
Zorn, Hass und Verdrossenheit an den Tag. Beim verehrten Gotamo
dagegen ist nach der sanft und sicher hinleitenden Behandlung
gar mancher Frage die Hautfarbe so hell und das Antlitz so
heiter geblieben, wie es dem Heiligen, vollkommen Erwachten
eignet. -- Wohlan denn, jetzt wollen wir gehn, o Gotamo, manche
Pflicht und Obliegenheit wartet auf uns.«

»Wie es dir nun, Aggivessano, belieben mag.«

       *       *       *       *       *

Da nun erhob sich Saccako Nigaṇṭhaputto, erfreut und befriedigt
durch des Erhabenen Rede, von seinem Sitze und ging fort.



                              37.

            Vierter Theil            Siebente Rede

                    VERSIEGUNG DES DURSTES

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Osthaine, auf Mutter Migāros Terrasse. Da nun
begab sich Sakko, der Götter König, dorthin wo der Erhabene
weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und stellte sich
seitwärts hin. Seitwärts stehend sprach nun Sakko, der Götter
König, zum Erhabenen also:

»Inwiefern ist wohl, o Herr, ein Mönch, kurz gesagt, durch
Versiegung des Durstes erlöst, durchaus gefeit, durchaus
gesichert, durchaus geheiligt, durchaus vollendet, Höchster der
Götter und Menschen?«

»Da hat, König der Götter, ein Mönch gehört: ›Kein Ding ist der
Mühe werth.‹ Wenn der Mönch, König der Götter, dies gehört hat
›Kein Ding ist der Mühe werth‹, so betrachtet er jedes Ding;
und wenn er jedes Ding betrachtet hat, durchschaut er jedes
Ding; und wenn er jedes Ding durchschaut hat und nun irgend
ein Gefühl empfindet, ein freudiges oder leidiges oder weder
freudig noch leidiges, so beobachtet er bei diesen Gefühlen die
Gesetze der Vergänglichkeit, der Aufhebung, der Auflösung, der
Entäußerung; und indem er bei diesen Gefühlen die Gesetze der
Vergänglichkeit, der Aufhebung, der Auflösung, der Entäußerung
beobachtet, hangt er nirgend in der Welt an; ohne anzuhangen
wird er nicht erschüttert, unerschütterlich gelangt er eben bei
sich selbst zur Erlöschung: ›Versiegt ist die Geburt, vollendet      252
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da. Insofern, König der Götter, ist ein Mönch, kurz
gesagt, durch Versiegung des Durstes erlöst, durchaus gefeit,
durchaus gesichert, durchaus geheiligt, durchaus vollendet,
Höchster der Götter und Menschen.«

Da war nun Sakko, der Götter König, durch des Erhabenen Rede
erfreut und befriedigt, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig,
ging rechts herum und verschwand von diesem Orte.

Zu jener Zeit nun hatte der ehrwürdige Mahāmoggallāno nicht
fern vom Erhabenen Platz genommen. Da nun kam dem ehrwürdigen
Mahāmoggallāno der Gedanke: ›Ist wohl dieser Geist durch des
Erhabenen Rede vollauf befriedigt worden, oder nicht? Wie,
wenn ich nun diesen Geist prüfte, ob er durch des Erhabenen
Rede vollauf befriedigt wurde, oder aber nicht?‹ Da verschwand
nun der ehrwürdige Mahāmoggallāno, so schnell wie etwa ein
kräftiger Mann den eingezogenen Arm ausstrecken oder den
ausgestreckten Arm einziehn mag, von Mutter Migāros Terrasse im
Osthain und erschien bei den Dreiunddreißig Göttern.

Zu jener Zeit nun erging sich Sakko, der Götter König,
im Garten der weißen Lotusblüthe, dem Genusse der
fünfhundertstimmigen Himmelsmusik hingegeben. Da erblickte
Sakko, der Götter König, den ehrwürdigen Mahāmoggallāno wie
von ferne herankommen. Als er ihn gesehn winkte er jener
fünfhundertstimmigen Himmelsmusik ab, ging dem ehrwürdigen
Mahāmoggallāno entgegen und sprach also zu ihm:

»Komm’, o würdiger Moggallāno, sei gegrüßt, würdiger
Moggallāno! Lange schon, würdiger Moggallāno, habe ich auf die
Gunst dieses Besuches gehofft! Setze dich, würdiger Moggallāno,
nimm hier Platz.«

Es setzte sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno auf den
angebotenen Sitz. Sakko aber, der Götter König, nahm einen
anderen, niederen Stuhl und setzte sich zur Seite. Den zur
Seite sitzenden Sakko, den König der Götter, sprach nun der
ehrwürdige Mahāmoggallāno also an:

»Auf welche Weise hat dir denn, Kosiyo, der Erhabene die
Erlösung durch Versiegung des Durstes kurz dargelegt? Gut
wär’ es, wenn auch wir dieser Rede theilhaftig würden und sie
hörten.«

»Wir haben, o würdiger Moggallāno, viele Pflichten, wir
haben viele Obliegenheiten zu erfüllen, sowohl in eigener
Sache als auch in Beziehung auf die Dreiunddreißig Götter.
Aber, würdiger Moggallāno, es ist gar wohl verstanden, wohl          253
begriffen, wohl gemerkt, wohl aufbewahrt, so dass es nicht
so bald vergessen sein wird. -- Es war einmal, würdiger
Moggallāno, ein Kampf zwischen Göttern und Unholden zum
Ausbruch gekommen. In jenem Kampfe nun, würdiger Moggallāno,
siegten die Götter und verloren die Unholde. Nachdem ich nun,
würdiger Moggallāno, jenen Kampf glücklich beendet hatte und
siegreich wieder zurückgekehrt war, erbaute ich ein Schloss
und nannte es Siegesbanner. Und das Siegesbanner-Schloss,
o würdiger Moggallāno, hat hundert Thore: auf jedem der
Thore sind siebenmal siebenhundert Terrassen, auf jeder der
Terrassen befinden sich siebenmal sieben Nymphen, und jede
der Nymphen hat ein Gefolge von siebenmal sieben Gespielinen.
Wünschest du nicht, würdiger Moggallāno, die Wonnen des
Siegesbanner-Schlosses zu sehn?«

Schweigend gewährte der ehrwürdige Mahāmoggallāno die Bitte.

Da nun begaben sich Sakko, der Götter König, und Vessavaṇo,
der Große Herrscher, unter dem Vortritt des ehrwürdigen
Mahāmoggallāno zum Siegesbanner-Schlosse. Und es sahn des
Götterkönigs Sakko Trabanten, wie der ehrwürdige Mahāmoggallāno
von ferne herankam, und als sie ihn gesehn errötheten sie,
schämten sich und zogen sich in ihre Gemächer zurück.
Gleichwie etwa eine Schwiegertochter, den Schwiegervater
erblickend, erröthet und sich schämt, so auch errötheten da
des Götterkönigs Sakko Trabanten als sie den ehrwürdigen
Mahāmoggallāno gesehn, schämten sich und zogen sich in ihre
Gemächer zurück. Da nun führten Sakko, der Götter König, und
Vessavaṇo, der Große Herrscher, den ehrwürdigen Mahāmoggallāno
im Siegesbanner-Schlosse umher, geleiteten ihn dahin und
dorthin: »Sieh’ nur, würdiger Moggallāno, diese Wonne des
Siegesbanner-Schlosses, sieh’ nur, würdiger Moggallāno, jene
Wonne des Siegesbanner-Schlosses!«

»Dieses Glück glänzt dem ehrwürdigen Kosiyo, weil er früher
Gutes gethan. Die Menschen sagen ja, wenn sie irgend etwas
Entzückendes sehn: ›Ach das glänzt wie bei den Dreiunddreißig
Göttern!‹ Dieses Glück glänzt dem ehrwürdigen Kosiyo, weil er
früher Gutes gethan.«

Da kam dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno der Gedanke: ›Allzu
leicht lebt wohl dieser Geist dahin; wie, wenn ich ihn nun
erschütterte?‹ Da ließ nun der ehrwürdige Mahāmoggallāno eine
magische Erscheinung von solcher Art erscheinen, als ob er mit
der großen Zehe das Siegesbanner-Schloss zum Wanken, zum Beben,
zum Erzittern brächte. Da wurden Sakko, der Götter König, und        254
Vessavaṇo, der Große Herrscher, und die Dreiunddreißig Götter
durch den außerordentlichen, wunderbaren Vorgang im Innersten
getroffen: ›Ach wie erstaunlich, wie doch so wunderbar ist des
Asketen hohe Macht, hohe Gewalt! Sogar Himmelspaläste kann er
da mit der großen Zehe zum Wanken, zum Beben, zum Erzittern
bringen!‹ Als nun der ehrwürdige Mahāmoggallāno Sakko, den
König der Götter, erschüttert und gesträubten Haares dastehn
sah, sprach er also zu ihm:

»Auf welche Weise hat dir denn, Kosiyo, der Erhabene die
Erlösung durch Versiegung des Durstes kurz dargelegt? Gut
wär’ es, wenn auch wir dieser Rede theilhaftig würden und sie
hörten.«

»Ich hatte mich, würdiger Moggallāno, zum Erhabenen begeben,
den Erhabenen ehrerbietig begrüßt und seitwärts hingestellt.
Seitwärts stehend sprach ich nun, würdiger Moggallāno, zum
Erhabenen also: ›Inwiefern ist wohl, o Herr, ein Mönch, kurz
gesagt, durch Versiegung des Durstes erlöst, durchaus gefeit,
durchaus gesichert, durchaus geheiligt, durchaus vollendet,
Höchster der Götter und Menschen?‹ -- Hierauf, würdiger
Moggallāno, erwiderte mir der Erhabene: ›Da hat, König der
Götter, ein Mönch gehört: ‚Kein Ding ist der Mühe werth.‘
Wenn der Mönch, König der Götter, dies gehört hat ‚Kein Ding
ist der Mühe werth‘, so betrachtet er jedes Ding; und wenn
er jedes Ding betrachtet hat, durchschaut er jedes Ding; und
wenn er jedes Ding durchschaut hat und nun irgend ein Gefühl
empfindet, ein freudiges oder leidiges oder weder freudig
noch leidiges, so beobachtet er bei diesen Gefühlen die
Gesetze der Vergänglichkeit, der Aufhebung, der Auflösung, der
Entäußerung; und indem er bei diesen Gefühlen die Gesetze der
Vergänglichkeit, der Aufhebung, der Auflösung, der Entäußerung
beobachtet, hangt er nirgend in der Welt an; ohne anzuhangen
wird er nicht erschüttert, unerschütterlich gelangt er eben bei
sich selbst zur Erlöschung: ‚Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‘
versteht er da. Insofern, König der Götter, ist ein Mönch, kurz
gesagt, durch Versiegung des Durstes erlöst, durchaus gefeit,
durchaus gesichert, durchaus geheiligt, durchaus vollendet,
Höchster der Götter und Menschen.‹ Auf solche Weise hat mir,
würdiger Moggallāno, der Erhabene die Erlösung durch Versiegung
des Durstes kurz dargelegt.«

Da war nun der ehrwürdige Mahāmoggallāno durch Sakkos, des           255
Götterkönigs, Rede erfreut und befriedigt. Und so schnell wie
etwa ein kräftiger Mann den eingezogenen Arm ausstrecken oder
den ausgestreckten Arm einziehn mag, verschwand er da von den
Dreiunddreißig Göttern und erschien auf der Terrasse Mutter
Migāros im Osthain.

Da nun sagten die Trabanten des Götterkönigs Sakko, kurz
nachdem sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno entfernt hatte, zu
Sakko dem König der Götter:

»Der bei dir war, Würdiger, das war wohl Er, der Erhabene, der
Meister?«

»Nein, ihr Würdigen, nicht Er, der Erhabene, der Meister war
bei mir, sondern ein Jünger, der ehrwürdige Mahāmoggallāno.«

»Heil dir, Würdiger, der du einen Jünger von so hoher Macht,
von so hoher Gewalt kennst: ach, wie mag dir erst Er, der
Erhabene, der Meister erschienen sein!«

Da begab sich nun der ehrwürdige Mahāmoggallāno zum Erhabenen,
begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur
Seite hin. Zur Seite sitzend wandte sich nun der ehrwürdige
Mahāmoggallāno an den Erhabenen:

»Bestätigt wohl, o Herr, der Erhabene eben zuvor einem gewissen
großmächtigen Geiste die Erlösung durch Versiegung des Durstes
kurz dargelegt zu haben?«

»Ich bestätige es, Moggallāno. Sakko, der Götter König, kam da
zu mir, begrüßte mich ehrerbietig und stellte sich seitwärts
hin. Seitwärts stehend, Moggallāno, sprach nun Sakko, der
Götter König, also zu mir: ›Inwiefern ist wohl, o Herr, ein
Mönch, kurz gesagt, durch Versiegung des Durstes erlöst,
durchaus gefeit, durchaus gesichert, durchaus geheiligt,
durchaus vollendet, Höchster der Götter und Menschen?‹ --
Hierauf, Moggallāno, erwiderte ich dem Götterkönige Sakko: ›Da
hat, König der Götter, ein Mönch gehört: ‚Kein Ding ist der
Mühe werth.‘ Wenn der Mönch, König der Götter, dies gehört hat
‚Kein Ding ist der Mühe werth‘, so betrachtet er jedes Ding;
und wenn er jedes Ding betrachtet hat, durchschaut er jedes
Ding; und wenn er jedes Ding durchschaut hat und nun irgend
ein Gefühl empfindet, ein freudiges oder leidiges oder weder
freudig noch leidiges, so beobachtet er bei diesen Gefühlen die
Gesetze der Vergänglichkeit, der Aufhebung, der Auflösung, der
Entäußerung; und indem er bei diesen Gefühlen die Gesetze der
Vergänglichkeit, der Aufhebung, der Auflösung, der Entäußerung
beobachtet, hangt er nirgend in der Welt an; ohne anzuhangen
wird er nicht erschüttert, unerschütterlich gelangt er eben bei
sich selbst zur Erlöschung: ‚Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‘        256
versteht er da. Insofern, König der Götter, ist ein Mönch, kurz
gesagt, durch Versiegung des Durstes erlöst, durchaus gefeit,
durchaus gesichert, durchaus geheiligt, durchaus vollendet,
Höchster der Götter und Menschen.‹ Auf solche Weise bestätige
ich, Moggallāno, dem Götterkönige Sakko kurzgefasst die
Erlösung durch Versiegung des Durstes dargelegt zu haben.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Mahāmoggallāno über das Wort des Erhabenen.



                              38.

              Vierter Theil            Achte Rede

                    VERSIEGUNG DES DURSTES

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Zu
jener Zeit nun hatte ein Mönch Namens Sāti, der Sohn eines
Fischers, folgende verkehrte Meinung gefasst: ›Also verstehe
ich die vom Erhabenen verkündete Lehre, dass nämlich dieses
unser Bewusstsein im Kreislauf des Wandelseins beharrt,
unveränderlich.‹ Es kam nun vielen Mönchen zu Ohren, dass ein
Mönch Namens Sāti, der Sohn eines Fischers, diese verkehrte
Meinung gefasst habe. Da begaben sich nun jene Mönche dorthin
wo sich Sāti der Mönch, der Fischersohn, aufhielt, und sprachen
hierauf also zu ihm:

»Ist es wahr, wie man sagt, Bruder Sāti, du habest diese
verkehrte Meinung gefasst: ›Also verstehe ich die vom Erhabenen
verkündete Lehre, dass nämlich dieses unser Bewusstsein im
Kreislauf des Wandelseins beharre, unveränderlich‹?«

»So ist es, ihr Brüder, allerdings fasse ich die vom
Erhabenen verkündete Lehre dahin auf, dass es dieses unser
Bewusstsein ist, welches im Kreislauf des Wandelseins beharrt,
unveränderlich.«

Da nun wollten jene Mönche Sāti den Mönch, den Sohn eines
Fischers, von seiner verkehrten Meinung abbringen, wandten
sich zu ihm, sprachen zu ihm, belehrten ihn: »Nicht also rede,
Bruder Sāti, den Erhabenen verbessere nicht, nicht ist es gut
den Erhabenen verbessern, nicht kann der Erhabene solches
gesagt haben. Auf manigfaltige Weise, Bruder Sāti, wurde die
bedingte Natur des Bewusstseins vom Erhabenen erklärt: ‚Ohne         257
zureichenden Grund entsteht kein Bewusstsein.‘«

Sāti der Mönch aber, der Sohn eines Fischers, obzwar von jenen
Mönchen also angegangen, angesprochen und belehrt, hielt an
dieser seiner verkehrten Meinung zähe fest: »Ich, fürwahr, ihr
Brüder, fasse die vom Erhabenen verkündete Lehre also auf,
dass es dieses unser Bewusstsein ist, welches im Kreislauf des
Wandelseins beharrt, unveränderlich.«

Als nun jene Mönche Sāti den Mönch, den Sohn eines Fischers,
von dieser verkehrten Meinung nicht abbringen konnten,
begaben sie sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßten
den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder.
Hierauf nun sprachen jene Mönche zum Erhabenen also:

»Ein Mönch Namens Sāti, o Herr, der Sohn eines Fischers,
hat folgende verkehrte Meinung gefasst: ›Also verstehe ich
die vom Erhabenen verkündete Lehre, dass nämlich dieses
unser Bewusstsein im Kreislauf des Wandelseins beharrt,
unveränderlich.‹ Hiervon erhielten wir Kunde, o Herr, begaben
uns zu Sāti und fragten ihn, ob das Gerücht wahr sei. Auf
unsere Frage, o Herr, erwiderte uns Sāti der Mönch, der
Fischersohn: ›So ist es, ihr Brüder, allerdings fasse ich
die vom Erhabenen verkündete Lehre dahin auf, dass es dieses
unser Bewusstsein ist, welches im Kreislauf des Wandelseins
beharrt, unveränderlich.‹ Da nun wollten wir, o Herr, Sāti den
Mönch, den Sohn eines Fischers, von seiner verkehrten Meinung
abbringen, wandten uns zu ihm, sprachen zu ihm, belehrten ihn:
Nicht also rede, Bruder Sāti, den Erhabenen verbessere nicht,
nicht ist es gut den Erhabenen verbessern, nicht kann der
Erhabene solches gesagt haben. Auf manigfaltige Weise, Bruder
Sāti, wurde die bedingte Natur des Bewusstseins vom Erhabenen
erklärt: ‚Ohne zureichenden Grund entsteht kein Bewusstsein.‘
Obzwar nun, o Herr, solcherart von uns angegangen, angesprochen
und belehrt, hielt Sāti der Mönch, der Sohn eines Fischers,
an dieser seiner verkehrten Meinung zähe fest: ›Ich aber,
Brüder, fasse die vom Erhabenen verkündete Lehre also auf,
dass es dieses unser Bewusstsein ist, welches im Kreislauf
des Wandelseins beharrt, unveränderlich.‹ Da wir nun, o Herr,
Sāti den Mönch, den Sohn eines Fischers, von dieser verkehrten
Meinung nicht abbringen konnten, beschlossen wir, die Sache dem
Erhabenen vorzutragen.«

Da nun wandte sich der Erhabene an einen der Mönche:

»Gehe, o Mönch, und sage in meinem Namen Sāti dem Mönche, dem        258
Sohn eines Fischers: der Meister ruft dich, Bruder Sāti.«

»Wohl, o Herr!« erwiderte jener Mönch, dem Erhabenen
gehorchend, begab sich dorthin wo Sāti der Mönch, der
Fischersohn, weilte, und sprach hierauf also zu ihm:

»Der Meister ruft dich, Bruder Sāti.«

»Gut, o Bruder, ich komme!« erwiderte Sāti der Mönch, der
Fischersohn, jenem Mönche, begab sich dorthin wo der Erhabene
weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur
Seite nieder. Hierauf nun sprach zu Sāti dem Mönche, dem Sohn
eines Fischers, der Erhabene also:

»Ist es wahr, wie man sagt, Sāti, du habest diese verkehrte
Meinung gefasst: ›Also verstehe ich die vom Erhabenen
verkündete Lehre, dass nämlich dieses unser Bewusstsein im
Kreislauf des Wandelseins beharre, unveränderlich‹?«

»So ist es allerdings, o Herr: ich fasse die vom Erhabenen
verkündete Lehre also auf, dass es dieses unser Bewußtsein ist,
welches im Kreislauf des Wandelseins beharrt, unveränderlich.«

»Was ist das für ein Bewusstsein, Sāti?«

»Was da wieder als selbes, sag’ ich, o Herr, da und dort den
Lohn guter und böser Werke genießt.«

»Von wem hast du denn, du bethörter Mann, gehört, dass ich
eine solche Lehre verkündet hätte? Habe ich nicht, o Thor, auf
manigfaltige Weise die bedingte Natur des Bewußtseins erklärt:
›Ohne zureichenden Grund entsteht kein Bewusstsein‹? Aber
missverständigen Sinnes, o Thor, willst du uns verbessern und
gräbst dir selbst das Grab und schaffst dir schwere Schuld. Das
wird dir, o Thor, lange zum Unheil, zum Leiden gereichen.«

Und der Erhabene wandte sich an die Mönche:

»Was meinet ihr wohl, Mönche? Hat dieser Mönch Sāti, der
Fischersohn, in unserer Heilsordnung nicht etwa Brand
gestiftet?«

»Wie wäre das möglich, o Herr, nein, wahrlich nicht, o Herr!«

Auf diese Worte setzte sich Sāti der Mönch, der Sohn eines
Fischers, verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes, gesenkten
Hauptes, das Antlitz von brennender Röthe übergossen, wortlos
nieder. Als nun der Erhabene sah, wie Sāti der Mönch, der
Sohn eines Fischers, verstummt und verstört dasaß, gebeugten
Rumpfes, gesenkten Hauptes, das Antlitz von brennender Röthe
übergossen, wortlos, sprach er also zu ihm: »Dies wird sich als
deine eigene verkehrte Meinung erweisen, o du Bethörter; ich
werde nun die Mönche befragen.«

Und der Erhabene wandte sich an die Mönche:

»Versteht auch ihr, meine Mönche, die verkündete Lehre also,
wie dieser Mönch Sāti, der Fischersohn, der missverständigen         259
Sinnes uns verbessert und sich selbst das Grab gräbt und
schwere Schuld schafft?«

»Nicht so, o Herr! Auf manigfaltige Weise hat uns ja, o Herr,
der Erhabene die bedingte Natur des Bewusstseins erklärt: ‚Ohne
zureichenden Grund entsteht kein Bewusstsein.‘«

»Wohl, ihr Mönche, wohl, dass ihr, meine Mönche, die verkündete
Lehre also verstehet. Freilich habe ich euch, ihr Mönche,
auf manigfaltige Weise die bedingte Natur des Bewusstseins
erklärt: ›Ohne zureichenden Grund entsteht kein Bewusstsein.‹
Aber dieser Mönch Sāti, der Sohn eines Fischers, will uns
missverständigen Sinnes verbessern und gräbt sich selbst das
Grab und schafft sich schwere Schuld. Das wird diesem bethörten
Manne lange zum Unheil, zum Leiden gereichen.

»Aus was für einem Grunde, ihr Mönche, Bewusstsein entsteht,
gerade durch diesen und nur durch diesen kommt es zustande.
Durch das Gesicht und die Formen entsteht Bewusstsein:
gerade ›Sehbewusstsein‹ kommt da zustande. Durch das Gehör
und die Töne entsteht Bewusstsein: gerade ›Hörbewusstsein‹
kommt da zustande. Durch den Geruch und die Düfte entsteht
Bewusstsein: gerade ›Riechbewusstsein‹ kommt da zustande.
Durch den Geschmack und die Säfte entsteht Bewusstsein: gerade
›Schmeckbewusstsein‹ kommt da zustande. Durch das Getast und
die Tastungen entsteht Bewusstsein: gerade ›Tastbewusstsein‹
kommt da zustande. Durch das Gedenken und die Dinge entsteht
Bewusstsein: gerade ›Denkbewusstsein‹ kommt da zustande.
Gleichwie etwa Feuer, ihr Mönche, aus was für einem Grund es
brennt, gerade durch diesen und nur durch diesen zustande
kommt: durch Holz wird es genährt und gerade ›Holzfeuer‹
kommt da zustande, durch Reisig wird es genährt und gerade
›Reisigfeuer‹ kommt da zustande, durch Heu wird es genährt
und gerade ›Heufeuer‹ kommt da zustande, durch Dünger wird es
genährt und gerade ›Dungfeuer‹ kommt da zustande, durch Spreu
wird es genährt und gerade ›Spreufeuer‹ kommt da zustande,
durch Kehricht wird es genährt und gerade ›Kehrichtfeuer‹ kommt
da zustande: ebenso nun auch, ihr Mönche, kommt Bewusstsein,
aus was für einem Grund es entsteht, gerade durch diesen
und nur durch diesen zustande. Durch das Gesicht und die
Formen entsteht Bewusstsein: gerade ›Sehbewusstsein‹ kommt da
zustande. Durch das Gehör und die Töne entsteht Bewusstsein:
gerade ›Hörbewusstsein‹ kommt da zustande. Durch den Geruch
und die Düfte entsteht Bewusstsein: gerade ›Riechbewusstsein‹        260
kommt da zustande. Durch den Geschmack und die Säfte entsteht
Bewusstsein: gerade ›Schmeckbewusstsein‹ kommt da zustande.
Durch das Getast und die Tastungen entsteht Bewusstsein: gerade
›Tastbewusstsein‹ kommt da zustande. Durch das Gedenken und die
Dinge entsteht Bewusstsein: gerade ›Denkbewusstsein‹ kommt da
zustande.

»‚Entstanden ist dieses‘: begreift ihr das, Mönche?«

»Ja, o Herr!«

»‚Durch solche Nahrung gebildet‘: begreift ihr das, Mönche?«

»Ja, o Herr!«

»‚Durch die Auflösung solcher Nahrung ist, was entstanden, dem
Gesetze der Auflösung verfallen‘: begreift ihr das, Mönche?«

»Freilich, o Herr!«

»‚Vielleicht ist dieses nicht entstanden‘: wer also schwankt,
ihr Mönche, beginnt zu zweifeln.«

»Gewiss, o Herr!«

»‚Vielleicht nicht durch solche Nahrung gebildet‘: wer also
schwankt, ihr Mönche, beginnt zu zweifeln.«

»Gewiss, o Herr!«

»‚Vielleicht ist durch die Auflösung solcher Nahrung, was
entstanden, dem Gesetze der Auflösung doch nicht verfallen‘:
wer also schwankt, ihr Mönche, beginnt zu zweifeln.«

»Gewiss, o Herr!«

»‚Entstanden ist dieses‘: wenn man das, ihr Mönche, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit begreift, schwindet
dann jeder Zweifel?«

»Freilich, o Herr!«

»‚Durch solche Nahrung gebildet‘: wenn man das, ihr Mönche, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit begreift, schwindet
dann jeder Zweifel?«

»Freilich, o Herr!«

»‚Durch die Auflösung solcher Nahrung ist, was entstanden, dem
Gesetze der Auflösung verfallen‘: wenn man das, ihr Mönche, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit begreift, schwindet
dann jeder Zweifel?«

»Freilich, o Herr!«

»‚Entstanden ist dieses‘: hegt ihr hierüber, ihr Mönche, den
leisesten Zweifel?«

»Nein, o Herr!«

»‚Durch solche Nahrung gebildet‘: hegt ihr hierüber, ihr
Mönche, den leisesten Zweifel?«

»Nein, o Herr!«

»‚Durch die Auflösung solcher Nahrung ist, was entstanden,
dem Gesetze der Auflösung verfallen‘: hegt ihr hierüber, ihr
Mönche, den leisesten Zweifel?«

»Nein, o Herr!«

»‚Entstanden ist dieses‘: habt ihr das, ihr Mönche, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit klar erkannt?«

»Ja, o Herr!«

»‚Durch solche Nahrung gebildet‘: habt ihr das, ihr Mönche, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit klar erkannt?«

»Ja, o Herr!«

»‚Durch die Auflösung solcher Nahrung ist, was entstanden, dem
Gesetze der Auflösung verfallen‘: habt ihr das, ihr Mönche, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit klar erkannt?«

»Ja, o Herr!«

»Wenn ihr euch nun, ihr Mönche, an diese Erkenntniss, die
also geläuterte, also geklärte, anklammern, an ihr ergetzen,
sie liebgewinnen und als eigen schätzen wolltet: würdet ihr
da wohl, ihr Mönche, die verkündete Lehre wie ein Floss
betrachten, zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Wenn ihr euch aber, ihr Mönche, an diese Erkenntniss, die
also geläuterte, also geklärte, nicht anklammern, nicht an ihr       261
ergetzen, sie nicht liebgewinnen, nicht als eigen schätzen
wolltet: würdet ihr da wohl, ihr Mönche, die verkündete Lehre
wie ein Floss betrachten, zum Entrinnen tauglich, nicht zum
Festhalten?«

»Gewiss, o Herr!«

       *       *       *       *       *

»Vier Arten der Nahrung, ihr Mönche, sind für die Wesen
vorhanden, den entstandenen zur Erhaltung, den entstehenden
zur Entwickelung; welche vier? Körperbildende Nahrung, grob
oder fein, zweitens Berührung, drittens geistiges Innewerden,
viertens Bewusstsein. Und wo, ihr Mönche, wurzeln diese vier
Arten der Nahrung, woraus entspringen sie, woraus entstehn
sie, woraus erwachsen sie? Diese vier Arten der Nahrung
wurzeln im Durst, entspringen aus dem Durst, entstehn aus dem
Durst, erwachsen aus dem Durst. Und wo, ihr Mönche, wurzelt
dieser Durst, woraus entspringt er, woraus entsteht er, woraus
erwächst er? Der Durst wurzelt im Gefühl, entspringt aus dem
Gefühl, entsteht aus dem Gefühl, erwächst aus dem Gefühl. Und
wo, ihr Mönche, wurzelt dieses Gefühl, woraus entspringt es,
woraus entsteht es, woraus erwächst es? Das Gefühl wurzelt in
der Berührung, entspringt aus der Berührung, entsteht aus der
Berührung, erwächst aus der Berührung. Und wo, ihr Mönche,
wurzelt diese Berührung, woraus entspringt sie, woraus entsteht
sie, woraus erwächst sie? Die Berührung wurzelt im sechsfachen
Reich[31], entspringt aus dem sechsfachen Reich, entsteht aus
dem sechsfachen Reich, erwächst ans dem sechsfachen Reich.
Und wo, ihr Mönche, wurzelt dieses sechsfache Reich, woraus
entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Das
sechsfache Reich wurzelt in Bild und Begriff, entspringt aus
Bild und Begriff, entsteht aus Bild und Begriff, erwächst
aus Bild und Begriff. Und wo, ihr Mönche, wurzelt dies Bild
und Begriff, woraus entspringt es, woraus entsteht es,
woraus erwächst es? Bild und Begriff wurzelt im Bewusstsein,
entspringt aus dem Bewusstsein, entsteht aus dem Bewusstsein,
erwächst aus dem Bewusstsein. Und wo, ihr Mönche, wurzelt
dieses Bewusstsein, woraus entspringt es, woraus entsteht
es, woraus erwächst es? Das Bewusstsein wurzelt in den
Unterscheidungen, entspringt aus den Unterscheidungen, entsteht
aus den Unterscheidungen, erwächst aus den Unterscheidungen.
Und wo, ihr Mönche, wurzeln diese Unterscheidungen, woraus
entspringen sie, woraus entstehn sie, woraus erwachsen
sie? Die Unterscheidungen wurzeln im Unwissen, entspringen
aus dem Unwissen, entstehn aus dem Unwissen, erwachsen aus
dem Unwissen. So sind denn, ihr Mönche, durch Unwissen
bedingt Unterscheidungen, ist durch Unterscheidungen bedingt
Bewusstsein, durch Bewusstsein bedingt Bild und Begriff, durch
Bild und Begriff bedingt sechsfaches Reich, durch sechsfaches
Reich bedingt Berührung, durch Berührung bedingt Gefühl, durch
Gefühl bedingt Durst, durch Durst bedingt Anhangen, durch
Anhangen bedingt Werden, durch Werden bedingt Geburt, durch
Geburt bedingt gehn Alter und Tod, Schmerz und Jammer, Leiden,
Trübsal, Verzweiflung hervor: also kommt dieses gesammten
Leidensstückes Entwicklung zustande.

»‚Durch Geburt bedingt ist Alter und Tod‘, das ist da wohl
gesagt worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch Geburt dem Alter
und Tod verfallen, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Geburt, o Herr, bedingt ist Alter und Tod: so verhält es
sich mit uns. Durch Geburt bedingt ist Alter und Tod.«

»‚Durch Werden bedingt ist Geburt‘, das ist da wohl gesagt
worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch Werden der Geburt
verfallen, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Werden, o Herr, bedingt ist Geburt: so verhält es sich        262
mit uns. Durch Werden bedingt ist Geburt.«

»‚Durch Anhangen bedingt ist Werden‘, das ist da wohl gesagt
worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch Anhangen dem Werden
verfallen, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Anhangen, o Herr, bedingt ist Werden: so verhält es sich
mit uns. Durch Anhangen bedingt ist Werden.«

»‚Durch Durst bedingt ist Anhangen‘, das ist da wohl gesagt
worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch Durst dem Anhangen
verfallen, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Durst, o Herr, bedingt ist Anhangen: so verhält es sich
mit uns. Durch Durst bedingt ist Anhangen.«

»‚Durch Gefühl bedingt ist Durst‘, das ist da wohl gesagt
worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch Gefühl dem Durst
verfallen, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Gefühl, o Herr, bedingt ist Durst: so verhält es sich
mit uns. Durch Gefühl bedingt ist Durst.«

»‚Durch Berührung bedingt ist Gefühl‘, das ist da wohl gesagt
worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch Berührung dem Gefühl
verfallen, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Berührung, o Herr, bedingt ist Gefühl: so verhält es
sich mit uns. Durch Berührung bedingt ist Gefühl.«

»‚Durch sechsfaches Reich bedingt ist Berührung‘, das ist da
wohl gesagt worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch sechsfaches
Reich der Berührung verfallen, oder wie verhält es sich
hiermit?«

»Durch sechsfaches Reich, o Herr, bedingt ist Berührung: so
verhält es sich mit uns. Durch sechsfaches Reich bedingt ist
Berührung.«

»‚Durch Bild und Begriff bedingt ist sechsfaches Reich‘, das
ist da wohl gesagt worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch Bild
und Begriff dem sechsfachen Reich verfallen, oder wie verhält
es sich hiermit?«

»Durch Bild und Begriff, o Herr, bedingt ist sechsfaches Reich:
so verhält es sich mit uns. Durch Bild und Begriff bedingt ist
sechsfaches Reich.«

»‚Durch Bewusstsein bedingt ist Bild und Begriff‘, das ist da
wohl gesagt worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch Bewusstsein
dem Bild und Begriff verfallen, oder wie verhält es sich
hiermit?«

»Durch Bewusstsein, o Herr, bedingt ist Bild und Begriff: so
verhält es sich mit uns. Durch Bewusstsein bedingt ist Bild und
Begriff.«

»‚Durch Unterscheidungen bedingt ist Bewusstsein‘, das ist
da wohl gesagt worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch
Unterscheidungen dem Bewusstsein verfallen, oder wie verhält es
sich hiermit?«

»Durch Unterscheidungen, o Herr, bedingt ist Bewusstsein: so
verhält es sich mit uns. Durch Unterscheidungen bedingt ist
Bewusstsein.«

»‚Durch Unwissen bedingt sind Unterscheidungen‘, das ist da
wohl gesagt worden; sind wir nun, ihr Mönche, durch Unwissen
den Unterscheidungen verfallen, oder wie verhält es sich
hiermit?«

»Durch Unwissen, o Herr, bedingt sind Unterscheidungen:
so verhält es sich mit uns. Durch Unwissen bedingt sind
Unterscheidungen.«

»Wohl, ihr Mönche. Und somit, ihr Mönche, sprecht ihr es
aus, und spreche ich es aus: Wenn Jenes ist, wird Dieses,            263
durch die Entstehung von Jenem entsteht Dieses, und zwar
sind durch Unwissen bedingt Unterscheidungen, ist durch
Unterscheidungen bedingt Bewußtsein, durch Bewusstsein
bedingt Bild und Begriff, durch Bild und Begriff bedingt
sechsfaches Reich, durch sechsfaches Reich bedingt Berührung,
durch Berührung bedingt Gefühl, durch Gefühl bedingt Durst,
durch Durst bedingt Anhangen, durch Anhangen bedingt Werden,
durch Werden bedingt Geburt, durch Geburt bedingt gehn Alter
und Tod, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal, Verzweiflung
hervor: also kommt dieses gesammten Leidensstückes Entwicklung
zustande. Ist aber eben Unwissen ohne Reiz, ohne Ueberrest
aufgelöst, werden Unterscheidungen aufgelöst, durch Auflösung
der Unterscheidungen wird Bewusstsein aufgelöst, durch
Auflösung des Bewusstseins wird Bild und Begriff aufgelöst,
durch Auflösung von Bild und Begriff wird sechsfaches Reich
aufgelöst, durch Auflösung des sechsfachen Reichs wird
Berührung aufgelöst, durch Auflösung der Berührung wird Gefühl
aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls wird Durst aufgelöst,
durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst, durch
Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösung
des Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt
wird Alter und Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden,
Trübsal, Verzweiflung gehn zugrunde: also kommt dieses
gesammten Leidensstückes Auflösung zustande.

»‚Durch Auflösung der Geburt wird Alter und Tod aufgelöst‘, das
ist da wohl gesagt worden; erreichen wir nun, ihr Mönche, durch
Auflösung der Geburt die Auflösung von Alter und Tod, oder wie
verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung der Geburt, o Herr, wird Alter und Tod
aufgelöst: so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung der
Geburt wird Alter und Tod aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung des Werdens wird Geburt aufgelöst‘, das ist
da wohl gesagt worden; erreichen wir nun, ihr Mönche, durch
Auflösung des Werdens die Auflösung der Geburt, oder wie
verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung des Werdens, o Herr, wird Geburt aufgelöst:
so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung des Werdens wird
Geburt aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst‘, das ist
da wohl gesagt worden; erreichen wir nun, ihr Mönche, durch
Auflösung des Anhangens die Auflösung des Werdens, oder wie
verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung des Anhangens, o Herr, wird Werden aufgelöst:
so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung des Anhangens wird
Werden aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst‘, das ist
da wohl gesagt worden; erreichen wir nun, ihr Mönche, durch
Auflösung des Durstes die Auflösung des Anhangens, oder wie
verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung des Durstes, o Herr, wird Anhangen aufgelöst:
so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung des Durstes wird
Anhangen aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung des Gefühls wird Durst aufgelöst‘, das ist
da wohl gesagt worden; erreichen wir nun, ihr Mönche, durch
Auflösung des Gefühls die Auflösung des Durstes, oder wie
verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung des Gefühls, o Herr, wird Durst aufgelöst: so
verhält es sich mit uns. Durch Auflösung des Gefühls wird Durst
aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung der Berührung wird Gefühl aufgelöst‘, das ist
da wohl gesagt worden; erreichen wir nun, ihr Mönche, durch          264
Auflösung der Berührung die Auflösung des Gefühls, oder wie
verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung der Berührung, o Herr, wird Gefühl aufgelöst:
so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung der Berührung wird
Gefühl aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung des sechsfachen Reichs wird Berührung
aufgelöst‘, das ist da wohl gesagt worden; erreichen wir
nun, ihr Mönche, durch Auflösung des sechsfachen Reichs die
Auflösung der Berührung, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung des sechsfachen Reichs, o Herr, wird Berührung
aufgelöst: so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung des
sechsfachen Reichs wird Berührung aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung von Bild und Begriff wird sechsfaches Reich
aufgelöst‘, das ist da wohl gesagt worden; erreichen wir nun,
ihr Mönche, durch Auflösung von Bild und Begriff die Auflösung
des sechsfachen Reichs, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung von Bild und Begriff, o Herr, wird sechsfaches
Reich aufgelöst: so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung
von Bild und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung des Bewusstseins wird Bild und Begriff
aufgelöst‘, das ist da wohl gesagt worden; erreichen wir nun,
ihr Mönche, durch Auflösung des Bewusstseins die Auflösung von
Bild und Begriff, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung des Bewusstseins, o Herr, wird Bild und
Begriff aufgelöst: so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung
des Bewusstseins wird Bild und Begriff aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung der Unterscheidungen wird Bewusstsein
aufgelöst‘, das ist da wohl gesagt worden; erreichen wir nun,
ihr Mönche, durch Auflösung der Unterscheidungen die Auflösung
des Bewusstseins, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung der Unterscheidungen, o Herr, wird Bewusstsein
aufgelöst: so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung der
Unterscheidungen wird Bewusstsein aufgelöst.«

»‚Durch Auflösung des Unwissens werden Unterscheidungen
aufgelöst‘, das ist da wohl gesagt worden; erreichen wir nun,
ihr Mönche, durch Auflösung des Unwissens die Auflösung der
Unterscheidungen, oder wie verhält es sich hiermit?«

»Durch Auflösung des Unwissens, o Herr, werden Unterscheidungen
aufgelöst: so verhält es sich mit uns. Durch Auflösung des
Unwissens werden Unterscheidungen aufgelöst.«

»Wohl, ihr Mönche. Und somit, ihr Mönche, sprecht ihr es aus,
und spreche ich es aus: Wenn Jenes nicht ist, wird Dieses
nicht, durch die Auflösung von Jenem wird Dieses aufgelöst, und
zwar: durch Auflösung des Unwissens werden Unterscheidungen
aufgelöst, durch Auflösung der Unterscheidungen wird
Bewusstsein aufgelöst, durch Auflösung des Bewusstseins wird
Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung von Bild und
Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, durch Auflösung des
sechsfachen Reichs wird Berührung aufgelöst, durch Auflösung
der Berührung wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des
Gefühls wird Durst aufgelöst, durch Auflösung des Durstes wird
Anhangen aufgelöst, durch Auflösung des Anhangens wird Werden
aufgelöst, durch Auflösung des Werdens wird Geburt aufgelöst,
durch Auflösung der Geburt wird Alter und Tod aufgelöst,
Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal, Verzweiflung gehn
zugrunde: also kommt dieses gesammten Leidensstückes Auflösung
zustande.

»Werdet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend,        265
in die Vergangenheit zurück forschen: ‚Waren wir in den
vergangenen Zeiten -- waren wir nicht in den vergangenen
Zeiten -- was waren wir wohl in den vergangenen Zeiten -- wie
waren wir wohl in den vergangenen Zeiten -- was waren wir wohl
während der vergangenen Zeiten gewesen --‘?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Werdet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend,
in die Zukunft hinein forschen: ‚Werden wir in den zukünftigen
Zeiten sein -- werden wir in den zukünftigen Zeiten nicht sein
-- was werden wir wohl in den zukünftigen Zeiten sein -- wie
werden wir wohl in den zukünftigen Zeiten sein -- was werden
wir wohl die zukünftigen Zeiten hindurch geworden sein --‘?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Werdet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend,
euch jetzt über die Gegenwart bald diese bald jene Frage
stellen: ‚Bin ich -- bin ich nicht -- was bin ich -- wie bin
ich -- woher ist wohl dieses mein Wesen gekommen, wohin wird es
gehn --‘?«

»Gewiß nicht, o Herr!«

»Werdet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend,
vielleicht sagen: ‚Dem Meister zollen wir Verehrung, aus
Verehrung vor dem Meister reden wir also‘?«

»Gewiß nicht, o Herr!«

»Werdet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend,
vielleicht sagen: ‚Ein Asket hat also zu uns gesprochen und
Asketen, wir aber reden nicht also‘?«

»Gewiß nicht, o Herr!«

»Möchtet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend,
vielleicht einen anderen Meister erwählen?«

»Gewiß nicht, o Herr!«

»Oder wolltet ihr etwa, ihr Mönche, also erkennend, also
verstehend, zu den Gelübden, Schwärmereien und Feierlichkeiten
der gewöhnlichen Asketen und Priester als zum Heile
zurückkehren?«

»Gewiß nicht, o Herr!«

»Wie nun, ihr Mönche: so sagt ihr einzig das, was ihr selbst
durchdacht, selbst erkannt, selbst verstanden habt?«

»So ist es, o Herr!«

»Wohl, ihr Mönche. Belehnt seid ihr, meine Mönche, mit dieser
klar sichtbaren Lehre, der zeitlosen, anregenden, einladenden,
die Verständigen von selbst verständlich wird. ›Klar sichtbar,
ihr Mönche, ist diese Lehre, zeitlos, anregend, einladend,
jedem Verständigen von selbst verständlich‹: wurde das gesagt,
so war es darum gesagt.

       *       *       *       *       *

»Wenn Drei sich vereinen, ihr Mönche, bildet sich eine
Leibesfrucht. Da sind Vater und Mutter vereint, aber die Mutter
hat nicht ihre Zeit, aber der Keimling ist nicht bereit, und
so bildet sich keine Leibesfrucht. Da sind Vater und Mutter          266
vereint, und die Mutter hat ihre Zeit, aber der Keimling ist
nicht bereit, und so bildet sich keine Leibesfrucht. Sind
aber, ihr Mönche, Vater und Mutter vereint, und die Mutter hat
ihre Zeit, und der Keimling ist bereit, so bildet sich durch
der Drei Vereinigung eine Leibesfrucht. Eine solche Frucht,
ihr Mönche, hegt die Mutter neun bis zehn Monate im Leibe,
mit großer Angst, eine schwere Last. Eine solche Frucht, ihr
Mönche, gebiert die Mutter nach Verlauf von neun bis zehn
Monaten, in großen Aengsten, die schwere Last. Und wann dieser
Sprössling geboren ist, ernährt sie ihn mit ihrem eigenen
Blute. Blut sagt man, ihr Mönche, im Orden des Heiligen für
Muttermilch. Dieses Kind nun, ihr Mönche, entwickelt sich nach
und nach, reift nach und nach heran und pflegt alle die Spiele
und Uebungen seiner Genossen, als wie Verstecken und Fangen,
Klettern und Springen, Schleudern, Wagenlenken, Bogenschießen.
Dieser Knabe nun, ihr Mönche, hat sich allmälig entwickelt, ist
allmälig reif geworden und lebt und webt im Genusse der fünf
Begehrungen: der durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden
Formen, der ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden; der durch das Gehör
ins Bewusstsein tretenden Töne, der ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; der durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden
Düfte, der ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; der durch den Geschmack
ins Bewusstsein tretenden Säfte, der ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; der durch das Getast ins Bewusstsein tretenden
Tastungen, der ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden.

»Erblickt er nun mit dem Gesichte eine Form, so verfolgt             267
er die angenehmen Formen und verabscheut die unangenehmen,
ohne Einsicht in das Wesen der Körperlichkeit verweilt er
beschränkten Gemüthes, und nicht gedenkt er, der Wahrheit
gemäß, jener Gemütherlösung, Weisheiterlösung, wo seine bösen,
schlechten Eigenschaften sich restlos auflösen. So fällt er
der Befriedigung und Unbefriedigung anheim, und was für ein
Gefühl er auch fühlt, ein freudiges oder leidiges oder weder
freudig noch leidiges, dieses Gefühl hegt er und pflegt er und
klammert sich daran. Während er das Gefühl hegt und pflegt
und sich daran klammert erhebt sich in ihm Genügen: dieses
Genügehaben bei den Gefühlen, das ist Anhangen. Durch dieses
Anhangen bedingt ist Werden, durch Werden bedingt Geburt, durch
Geburt bedingt gehn Alter und Tod, Schmerz und Jammer, Leiden,
Trübsal, Verzweiflung hervor, also kommt dieses gesammten
Leidensstückes Entwicklung zustande.

»Hört er nun mit dem Gehöre einen Ton,

»Riecht er nun mit dem Geruche einen Duft,

»Schmeckt er nun mit dem Geschmacke einen Saft,

»Tastet er nun mit dem Getaste eine Tastung,

»Erkennt er nun mit dem Gedenken ein Ding, so verfolgt er
die angenehmen Dinge und verabscheut die unangenehmen,
ohne Einsicht in das Wesen der Körperlichkeit verweilt er
beschränkten Gemüthes, und nicht gedenkt er, der Wahrheit
gemäß, jener Gemütherlösung, Weisheiterlösung, wo seine bösen,
schlechten Eigenschaften sich restlos auflösen. So fällt er
der Befriedigung und Unbefriedigung anheim, und was für ein
Gefühl er auch fühlt, ein freudiges oder leidiges oder weder
freudig noch leidiges, dieses Gefühl hegt er und pflegt er und
klammert sich daran. Während er das Gefühl hegt und pflegt
und sich daran klammert erhebt sich in ihm Genügen: dieses
Genügehaben bei den Gefühlen, das ist Anhangen. Durch dieses
Anhangen bedingt ist Werden, durch Werden bedingt Geburt, durch
Geburt bedingt gehn Alter und Tod, Schmerz und Jammer, Leiden,
Trübsal, Verzweiflung hervor: also kommt dieses gesammten
Leidensstückes Entwicklung zustande.

       *       *       *       *       *

»Da erscheint, ihr Mönche, der Vollendete in der Welt, der
Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte,
der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter
der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen,
der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren
Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar
von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er
sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die
Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende
begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen
geläuterte, geklärte Asketenthum dar.

»Diese Lehre hört ein Hausvater, oder der Sohn eines
Hausvaters, oder einer, der in anderem Stande neugeboren ward.
Nachdem er diese Lehre gehört hat, fasst er Vertrauen zum
Vollendeten. Von diesem Vertrauen erfüllt denkt und überlegt er
also: ›Ein Gefängniss ist die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel;
der freie Himmelsraum die Pilgerschaft. Nicht wohl geht es,
wenn man im Hause bleibt, das völlig geläuterte, völlig
geklärte Asketenthum Punkt für Punkt zu erfüllen. Wie, wenn
ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande
bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ So
giebt er denn später einen kleinen Besitz oder einen großen
Besitz auf, hat einen kleinen Verwandtenkreis oder einen großen
Verwandtenkreis verlassen, und ist mit geschorenem Haar und
Barte, im fahlen Gewande von Hause fort in die Hauslosigkeit
gezogen.

»Er ist nun Pilger geworden und hat die Ordenspflichten der
Mönche auf sich genommen. Lebendiges umzubringen hat er
verworfen, Lebendiges umzubringen liegt ihm fern: ohne Stock,
ohne Schwerdt, fühlsam, voll Theilnahme, hegt er zu allen
lebenden Wesen Liebe und Mitleid. Nichtgegebenes zu nehmen hat
er verworfen, vom Nehmen des Nichtgegebenen hält er sich fern:
Gegebenes nimmt er, Gegebenes wartet er ab, nicht diebisch           268
gesinnt, rein gewordenen Herzens. Die Unkeuschheit hat er
verworfen, keusch lebt er: fern zieht er hin, entrathen der
Paarung, dem gemeinen Gesetze. Lüge hat er verworfen, von Lüge
hält er sich fern: die Wahrheit spricht er, der Wahrheit ist
er ergeben, standhaft, vertrauenswürdig, kein Häuchler und
Schmeichler der Welt. Das Ausrichten hat er verworfen, vom
Ausrichten hält er sich fern: was er hier gehört hat erzählt
er dort nicht wieder, um jene zu entzweien, und was er dort
gehört hat erzählt er hier nicht wieder, um diese zu entzweien:
so einigt er Entzweite, festigt Verbundene, Eintracht macht ihn
froh, Eintracht freut ihn, Eintracht beglückt ihn, Eintracht
fördernde Worte spricht er. Barsche Worte hat er verworfen, von
barschen Worten hält er sich fern: Worte, die frei von Schimpf
sind, dem Ohre wohlthuend, liebreich, zum Herzen dringend,
höflich, viele erfreuend, viele erhebend, solche Worte spricht
er. Plappern und Plaudern hat er verworfen, vom Plappern und
Plaudern hält er sich fern: zur rechten Zeit spricht er, den
Thatsachen gemäß, auf den Sinn bedacht, der Lehre und Ordnung
getreu, seine Rede ist reich an Inhalt, gelegentlich mit
Gleichnissen geschmückt, klar und bestimmt, ihrem Gegenstande
angemessen.

»Sämereien und Pflanzungen anzulegen hat er verschmäht. Einmal
des Tags nimmt er Nahrung zu sich, nachts ist er nüchtern,
fern liegt es ihm zur Unzeit zu essen. Von Tanz, Gesang,
Spiel, Schaustellungen hält er sich fern. Kränze, Wohlgerüche,
Salben, Schmuck, Zierrath, Putz weist er ab. Hohe, prächtige
Lagerstätten verschmäht er. Gold und Silber nimmt er nicht
an. Rohes Getreide nimmt er nicht an. Rohes Fleisch nimmt er
nicht an. Frauen und Mädchen nimmt er nicht an. Diener und
Dienerinen nimmt er nicht an. Ziegen und Schaafe nimmt er nicht
an. Hühner und Schweine nimmt er nicht an. Elephanten, Rinder
und Rosse nimmt er nicht an. Haus und Feld nimmt er nicht an.
Botschaften, Sendungen, Aufträge übernimmt er nicht. Von Kauf
und Verkauf hält er sich fern. Von falschem Maaß und Gewicht
hält er sich fern. Von den schiefen Wegen der Bestechung,
Täuschung, Niedertracht hält er sich fern. Von Raufereien,
Schlägereien, Händeln, vom Rauben, Plündern und Zwingen hält er
sich fern.

»Er ist zufrieden mit dem Gewande, das seinen Leib deckt,
mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch
pilgert, nur mit dem Gewande und der Almosenschaale versehn
pilgert er. Gleichwie da etwa ein beschwingter Vogel, wohin er
auch fliegt, nur mit der Last seiner Federn fliegt, ebenso auch
ist der Mönch mit dem Gewande zufrieden, das seinen Leib deckt,
mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch
wandert, nur damit versehn wandert er.

»Durch die Erfüllung dieser heiligen Tugendsatzung empfindet er      269
ein inneres fleckenloses Glück.

»Erblickt er nun mit dem Gesichte eine Form, so fasst er
keine Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth,
böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der
unbewachten Gesichtes verweilt, befleißigt er sich dieser
Bewachung, er hütet das Gesicht, er wacht eifrig über das
Gesicht.

»Hört er nun mit dem Gehöre einen Ton,

»Riecht er nun mit dem Geruche einen Duft,

»Schmeckt er nun mit dem Geschmacke einen Saft,

»Tastet er nun mit dem Getaste eine Tastung,

»Erkennt er nun mit dem Gedenken ein Ding, so fasst er keine
Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth,
böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der
unbewachten Gedenkens verweilt, befleißigt er sich dieser
Bewachung, er hütet das Gedenken, er wacht eifrig über das
Gedenken.

»Durch die Erfüllung dieser heiligen Sinnenzügelung empfindet
er ein inneres ungetrübtes Glück.

»Klar bewusst kommt er und geht er, klar bewusst blickt er
hin, blickt er weg, klar bewusst regt und bewegt er sich, klar
bewusst trägt er des Ordens Gewand und Almosenschaale, klar
bewusst isst und trinkt, kaut und schmeckt er, klar bewusst
entleert er Koth und Harn, klar bewusst geht und steht und
sitzt er, schläft er ein, wacht er auf, spricht er und schweigt
er.

»Treu dieser heiligen Tugendsatzung, treu dieser heiligen
Sinnenzügelung, treu dieser heiligen klaren Einsicht sucht er
einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines
Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof,
die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Nach
dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist, setzt
er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade
aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er hat weltliche
Begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemüthes, von
Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er verworfen,
hasslosen Gemüthes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu
allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit.
Matte Müde hat er verworfen, von matter Müde ist er frei;
das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er sein
Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er verworfen, er ist
frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes läutert er sein
Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat er verworfen, der
Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, vom
Schwanken läutert er sein Herz.

»Er hat nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die                 270
Schlacken des Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar fern
von Begierden, fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der
ersten Schauung.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens erwirkt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung.

»Weiter sodann, ihr Mönche: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten
Schauung.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung.

»Erblickt er nun mit dem Gesichte eine Form, so verfolgt
er nicht die angenehmen Formen und verabscheut nicht die
unangenehmen, gewärtig des Wesens der Körperlichkeit verweilt
er unbeschränkten Gemüthes und gedenkt, der Wahrheit gemäß,
jener Gemütherlösung, Weisheiterlösung, wo seine bösen,
schlechten Eigenschaften sich restlos auflösen. So hat er sich
von Befriedigung und Unbefriedigung losgelöst, und was für ein
Gefühl er auch fühlt, ein freudiges oder leidiges oder weder
freudig noch leidiges, dieses Gefühl hegt er nicht und pflegt
er nicht und klammert sich nicht daran. Während er das Gefühl
nicht hegt und nicht pflegt und sich nicht daran klammert löst
jenes Genügehaben bei den Gefühlen sich auf. Durch Auflösung
jenes Genügens wird Anhangen aufgelöst, durch Auflösung des
Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösung des Werdens
wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter
und Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal,
Verzweiflung gehn zugrunde: also kommt dieses gesammten
Leidensstückes Auflösung zustande.

»Hört er nun mit dem Gehöre einen Ton,

»Riecht er nun mit dem Geruche einen Duft,

»Schmeckt er nun mit dem Geschmacke einen Saft,

»Tastet er nun mit dem Getaste eine Tastung,

»Erkennt er nun mit dem Gedenken ein Ding, so verfolgt
er nicht die angenehmen Dinge und verabscheut nicht die
unangenehmen, gewärtig des Wesens der Körperlichkeit verweilt
er unbeschränkten Gemüthes und gedenkt, der Wahrheit gemäß,
jener Gemütherlösung, Weisheiterlösung, wo seine bösen,
schlechten Eigenschaften sich restlos auflösen. So hat er sich
von Befriedigung und Unbefriedigung losgelöst, und was für ein
Gefühl er auch fühlt, ein freudiges oder leidiges oder weder
freudig noch leidiges, dieses Gefühl hegt er nicht und pflegt
er nicht und klammert sich nicht daran. Während er das Gefühl
nicht hegt und nicht pflegt und sich nicht daran klammert löst
jenes Genügehaben bei den Gefühlen sich auf. Durch Auflösung
jenes Genügens wird Anhangen aufgelöst, durch Auflösung des
Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösung des Werdens
wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter
und Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal,
Verzweiflung gehn zugrunde: also kommt dieses gesammten
Leidensstückes Auflösung zustande.

       *       *       *       *       *

»Dies, meine Mönche, bewahret, kurzgefasst, unter dem Namen
Erlösung durch Versiegung des Durstes. Den Mönch Sāti aber, den      271
Fischersohn, betrachtet als in des Durstes gewaltiges Netz, in
des Durstes Koppel verstrickt.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              39.

             Vierter Theil            Neunte Rede

                         VOR ASSAPURAM

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene in
Bengalen, bei einer Stadt der Bengalier Namens Assapuram. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»‚Büßer, Büßer sind’s‘: so denken, ihr Mönche, von euch die
Leute. Ihr aber, wenn ihr gefragt werdet: ›Was seid ihr?‹,
bekennet: ›Wir sind Büßer.‹ Die ihr also bekannt seid, ihr
Mönche, die ihr euch also bekennet, ihr habt auch die
Pflichten zu üben: ›Was den Büßern, was den Heiligen obliegt,
das haben wir auf uns genommen und werden es erfüllen. Und so
soll dieser Name, den man uns giebt, wahr und unser Bekenntniss
wirklich sein. Und für das Almosen von Kleidung, Speise,
Obdach und Arzenei, dafür sollen die Geber bei uns hohen Lohn
erlangen, hohe Förderung. Unsere Pilgerschaft aber soll nicht
unfruchtbar bleiben, sondern Zweck und Ziel erwirken.‹

»Was aber, ihr Mönche, obliegt den Büßern, obliegt den
Heiligen? ›Schaamhaft und dehmüthig wollen wir sein‹: also habt
ihr euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig: genug ist’s, gethan ist’s, erreicht haben wir das
Ziel des Asketenthums, nichts weiter haben wir zu thun‹, und
ihr möchtet euch damit schon zufrieden geben. Ich mache euch
kund, ihr Mönche, ich mache euch aufmerksam: möge euch, die
ihr nach dem Ziel des Asketenthums trachtet, das Ziel nicht
entgehn, da noch mehr zu thun ist.

»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Geläutert sei         272
unser Wandel, offen und ehrlich, nicht heimlich und verhohlen;
und dieses geläuterten Wandels halber werden wir uns nicht
überheben, noch die anderen geringschätzen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel: genug ist’s, gethan
ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums, nichts
weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet euch damit
schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich
mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.

»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Geläutert sei
unsere Rede, offen und ehrlich, nicht heimlich und verhohlen;
und dieser geläuterten Rede halber werden wir uns nicht
überheben, noch die anderen geringschätzen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel, geläutert die Rede:
genug ist’s, gethan ist’s, erreicht haben wir das Ziel des
Asketenthums, nichts weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet
euch damit schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr
Mönche, ich mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem
Ziel des Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch
mehr zu thun ist.

»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Geläutert sei
unser Sinn, offen und ehrlich, nicht heimlich und verhohlen;
und dieses geläuterten Sinnes halber werden wir uns nicht
überheben, noch die anderen geringschätzen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel, geläutert die Rede,
geläutert der Sinn: genug ist’s, gethan ist’s, erreicht haben
wir das Ziel des Asketenthums, nichts weiter haben wir zu
thun‹, und ihr möchtet euch damit schon zufrieden geben. Ich
mache euch kund, ihr Mönche, ich mache euch aufmerksam: möge
euch, die ihr nach dem Ziel des Asketenthums trachtet, das Ziel
nicht entgehn, da noch mehr zu thun ist.

»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Geläutert sei
unser Leben, offen und ehrlich, nicht heimlich und verhohlen;
und dieses geläuterten Lebens halber werden wir uns nicht
überheben, noch die anderen geringschätzen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel, geläutert die Rede,
geläutert der Sinn, geläutert das Leben: genug ist’s, gethan         273
ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums, nichts
weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet euch damit schon
zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich mache
euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.

»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Die Thore der
Sinne lasset uns hüten. Erblicken wir mit dem Gesichte eine
Form, so fassen wir keine Neigung, keine Absicht. Da Begierde
und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den
überwältigen, der unbewachten Gesichtes verweilt, befleißigen
wir uns dieser Bewachung, hüten wir das Gesicht, wachen wir
eifrig über das Gesicht. Hören wir mit dem Gehöre einen Ton
-- riechen wir mit dem Geruche einen Duft -- schmecken wir
mit dem Geschmacke einen Saft -- tasten wir mit dem Getaste
eine Tastung -- erkennen wir mit dem Gedenken ein Ding, so
fassen wir keine Neigung, fassen keine Absicht. Da Begierde
und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den
überwältigen, der unbewachten Gedenkens verweilt, befleißigen
wir uns dieser Bewachung, hüten wir das Gedenken, wachen wir
eifrig über das Gedenken‹: also habt ihr euch, meine Mönche,
wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht, ihr Mönche, der Gedanke
kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind dehmüthig, geläutert ist
unser Wandel, geläutert die Rede, geläutert der Sinn, geläutert
das Leben, die Thore der Sinne hüten wir: genug ist’s,
gethan ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums,
nichts weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet euch damit
schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich
mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.

»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Beim Essen
lasset uns Maaß halten, jeden Bissen gründlich betrachten,
nicht etwa zur Letzung und Ergetzung, nicht zur Schmuckheit und
Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten, zu fristen, um
Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben führen zu können:
‚So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten und ein neues Gefühl
nicht aufkommen lassen, und ich werde ein Fortkommen haben,
ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden‘‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel, geläutert die Rede,
geläutert der Sinn, geläutert das Leben, die Thore der Sinne
hüten wir, beim Essen halten wir Maaß: genug ist’s, gethan
ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums, nichts
weiter haben wir zu thun‹, und ihr mochtet euch damit
schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich
mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.

»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Der Wachsamkeit
wollen wir uns weihen. Bei Tage werden wir, gehend und sitzend,
das Gemüth von trübenden Dingen läutern; in den ersten Stunden
der Nacht werden wir, gehend und sitzend, das Gemüth von             274
trübenden Dingen läutern; in den mittleren Stunden der Nacht
werden wir uns dann wie der Löwe auf die rechte Seite hinlegen,
einen Fuß über dem anderen, gesammelten Sinnes, der Zeit des
Aufstehns gedenkend; in den letzten Stunden der Nacht werden
wir uns wieder erheben und, gehend und sitzend, das Gemüth von
trübenden Dingen läutern‹: also habt ihr euch, meine Mönche,
wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht, ihr Mönche, der Gedanke
kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind dehmüthig, geläutert ist
unser Wandel, geläutert die Rede, geläutert der Sinn, geläutert
das Leben, die Thore der Sinne hüten wir, beim Essen halten
wir Maaß, haben uns der Wachsamkeit geweiht: genug ist’s,
gethan ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums,
nichts weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet euch damit
schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich
mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.

»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Mit klarem
Bewusstsein wollen wir uns wappnen. Klar bewusst beim Kommen
und Gehn, klar bewusst beim Hinblicken und Wegblicken, klar
bewusst beim Neigen und Erheben, klar bewusst beim Tragen des
Gewandes und der Almosenschaale des Ordens, klar bewusst beim
Essen und Trinken, Kauen und Schmecken, klar bewusst beim
Entleeren von Koth und Harn, klar bewusst beim Gehn und Stehn
und Sitzen, beim Einschlafen und Erwachen, beim Sprechen und
Schweigen‹: also habt ihr euch, meine Mönche, wohl zu üben.
Nun mag euch vielleicht, ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir
sind schaamhaft, sind dehmüthig, geläutert ist unser Wandel,
geläutert die Rede, geläutert der Sinn, geläutert das Leben,
die Thore der Sinne hüten wir, beim Essen halten wir Maaß,
haben uns der Wachsamkeit geweiht, sind mit klarem Bewusstsein
gewappnet: genug ist’s, gethan ist’s, erreicht haben wir das
Ziel des Asketenthums, nichts weiter haben wir zu thun‹, und
ihr möchtet euch damit schon zufrieden geben. Ich mache euch
kund, ihr Mönche, ich mache euch aufmerksam: möge euch, die
ihr nach dem Ziel des Asketenthums trachtet, das Ziel nicht
entgehn, da noch mehr zu thun ist.

»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? Da sucht, ihr
Mönche, der Mönch einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain,
den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft,
einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen
Ebene. Nach dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt
ist, setzt er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper
gerade aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er hat weltliche
Begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemüthes, von
Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er verworfen,
hasslosen Gemüthes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu            275
allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit.
Matte Müde hat er verworfen, von matter Müde ist er frei;
das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er sein
Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er verworfen, er ist
frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes läutert er sein
Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat er verworfen, der
Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, vom
Schwanken läutert er sein Herz.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann, von Schulden
bedrückt, sich in Geschäfte einließe; diese Geschäfte aber
nähmen einen gedeihlichen Ausgang für ihn, sodass er seine alte
Schuldenlast tilgen könnte und ihm sogar noch ein Uebriges
bliebe um ein Weib auszuhalten; der sagte sich nun: ›Ich habe
mich früher, von Schulden bedrückt, in Geschäfte eingelassen,
und diese sind mir nun gediehen; jetzt hab’ ich meine alte
Schuldenlast getilgt und besitze sogar noch ein Uebriges um
ein Weib aushalten zu können‹: darüber freute er sich, wäre
fröhlich gestimmt;

gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann siech wäre, leidend,
von schwerer Krankheit betroffen, keine Nahrung vertrüge,
keine Kraft mehr im Leibe hätte; später dann wiche aber das
Gebresten von ihm, die Nahrung bekäme ihm wohl, er fühlte sich
wieder kräftig im Leibe; der sagte sich nun: ›Ich war früher
siech, leidend, schwerkrank, die Nahrung bekam mir nicht, mein
Leib war kraftlos; jetzt aber bin ich von dieser Krankheit
genesen, die Nahrung schlägt mir an, ich fühle mich wieder
leibeskräftig‹: darüber freute er sich, wäre fröhlich gestimmt;

gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann im Kerker
schmachtete; später dann würde er aber aus dem Kerker befreit,
heil und sicher, und nicht den geringsten Verlust an seinem
Vermögen erleiden; der sagte sich nun: ›Ich habe früher im
Kerker geschmachtet; jetzt aber bin ich aus dem Kerker erlöst,
heil und sicher, und habe nicht den geringsten Verlust an
meinem Vermögen erlitten‹: darüber freute er sich, wäre
fröhlich gestimmt;

gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann Knecht wäre, nicht
sein eigener Herr, von anderen abhängig, nicht gehn könnte
wohin er wollte; später dann würde er aber dieser Knechtschaft
enthoben, wäre sein eigener Herr, unabhängig von anderen, ein
freier Mann, könnte gehn wohin er wollte; der sagte sich nun:
›Ich war früher Knecht, nicht mein eigener Herr, von anderen
abhängig, konnte nicht gehn wohin ich wollte; jetzt aber bin
ich dieser Knechtschaft enthoben, mein eigener Herr, unabhängig      276
von anderen, ein freier Mann, wo ich will kann ich hingehn‹:
darüber freute er sich, wäre fröhlich gestimmt;

gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann mit Hab und Gut auf
einer öden langen Landstraße dahinzöge; später dann gelangte er
aber aus dieser Oede heraus, heil und sicher, ohne irgend etwas
von seiner Habe eingebüßt zu haben; der sagte sich nun: ›Ich
bin früher mit Hab und Gut auf einer öden langen Landstraße
dahingezogen; jetzt aber bin ich dieser Oede entronnen, heil
und sicher, und habe von meinem Besitze nichts verloren‹:
darüber freute er sich, wäre fröhlich gestimmt:

Ebenso nun auch, ihr Mönche, betrachtet der Mönch als
Schuldenlast, als Krankheit, als Kerker, als Knechtschaft, als
öde lange Landstraße jene fünf in ihm hausenden Hemmungen;
gleichwie aber, ihr Mönche, die Schuldentilgung, wie die
Gesundheit, wie die Befreiung aus dem Kerker, wie den
Herrenstand, wie die sicher umgränzte Stätte: ebenso auch
betrachtet der Mönch jene fünf von ihm aufgehobenen Hemmungen.

»Er hat nun jene fünf Hemmungen aufgehoben, hat die
Schlacken des Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar
fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen erwirkt er
in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit die
Weihe der ersten Schauung. Diesen Körper da durchdringt und
durchtränkt, erfüllt und sättigt er mit ruhegeborener säliger
Heiterkeit, sodass nicht der kleinste Theil seines Körpers von
ruhegeborener säliger Heiterkeit ungesättigt bleibt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein gewandter Bader oder
Badergeselle auf ein erzernes Becken Seifenpulver streut
und mit Wasser versetzt, verreibt und vermischt, sodass
sein Schaumball völlig durchfeuchtigt, innen und außen mit
Feuchtigkeit gesättigt ist und nichts herabträufelt: ebenso
nun auch, ihr Mönche, durchdringt und durchtränkt, erfüllt und
sättigt der Mönch diesen Körper da mit ruhegeborener säliger
Heiterkeit, sodass nicht der kleinste Theil seines Körpers von
ruhegeborener säliger Heiterkeit ungesättigt bleibt.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens erreicht der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung. Diesen Körper da durchdringt und durchtränkt, erfüllt
und sättigt er mit der in der Einigung geborenen säligen
Heiterkeit, sodass nicht der kleinste Theil seines Körpers von
der in der Einigung geborenen säligen Heiterkeit ungesättigt
bleibt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein See mit unterirdischer Quelle,      277
in den sich kein Bach von Osten oder Westen, von Norden oder
Süden ergösse, keine Wolke von Zeit zu Zeit mit tüchtigem Gusse
darüber hinwegzöge, in welchem nur die kühle Quelle des Grundes
emporwellte und diesen See völlig durchdränge, durchtränkte,
erfüllte und sättigte, sodass nicht der kleinste Theil des
Sees von kühlem Wasser ungesättigt bliebe: ebenso nun auch,
ihr Mönche, durchdringt und durchtränkt, erfüllt und sättigt
der Mönch diesen Körper da mit der in der Einigung geborenen
säligen Heiterkeit, sodass nicht der kleinste Theil meines
Körpers von der in der Einigung geborenen säligen Heiterkeit
ungesättigt bleibt.

»Weiter sodann, ihr Mönche: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten
Schauung. Diesen Körper da durchdringt und durchtränkt, erfüllt
und sättigt er mit entsäligter Heiterkeit, sodass nicht der
kleinste Theil seines Körpers von entsäligter Heiterkeit
ungesättigt bleibt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, in einem Lotusweiher einzelne
blaue oder rothe oder weiße Lotusrosen im Wasser entstehn,
im Wasser sich entwickeln, unter dem Wasserspiegel bleiben,
aus der Wassertiefe Nahrung aufsaugen und ihre Blüthen und
ihre Wurzeln von kühlem Wasser durchdrungen, durchtränkt,
erfüllt und gesättigt sind, sodass nicht der kleinste Theil
jeder blauen oder rothen oder weißen Lotusrose von kühlem Nass
ungesättigt bleibt: ebenso nun auch, ihr Mönche, durchdringt
und durchtränkt, erfüllt und sättigt der Mönch diesen Körper
da mit entsäligter Heiterkeit, sodass nicht der kleinste Theil
seines Körpers von entsäligter Heiterkeit ungesättigt bleibt.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung. Er setzt sich hin und bedeckt diesen Körper da mit
geläutertem Gemüthe, geklärtem, sodass nicht der kleinste Theil
seines Körpers von dem geläuterten Gemüthe, dem geklärten,
unbedeckt bleibt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann vom Scheitel bis
zur Sohle in einen weißen Mantel eingehüllt sich niedersetzte,
sodass nicht der kleinste Theil seines Körpers von dem               278
weißen Mantel unbedeckt bliebe: ebenso nun auch, ihr Mönche,
setzt sich der Mönch nieder und hat nun diesen Körper mit
geläutertem Gemüthe, mit geklärtem, überzogen, sodass nicht der
kleinste Theil seines Körpers von dem geläuterten Gemüthe, dem
geklärten, unbedeckt bleibt.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. Er erinnert sich an manche verschiedene frühere
Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an
drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an
zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann
an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben,
dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an
die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die
Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten
während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort
war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an,
das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe
ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat
ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen
hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand,
dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so
war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins
Dasein‹: so erinnert er sich mancher verschiedenen früheren
Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den
eigenartigen Beziehungen.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann von seinem Orte
nach einem anderen Orte ginge und von diesem Orte wieder nach
einem anderen Orte und von diesem Orte nach seinem eigenen
Orte zurückkehrte; der sagte sich nun: ›Ich bin von meinem
Orte nach jenem Orte gegangen, dort bin ich also gestanden,
also gesessen, habe also gesprochen, also geschwiegen; von
jenem Orte bin ich aber nach diesem Orte gegangen, da bin
ich nun also gestanden, also gesessen, habe also gesprochen,
also geschwiegen; dann bin ich von diesem Orte nach meinem
eigenen Orte wieder zurückgegangen‹: ebenso nun auch, ihr
Mönche, erinnert sich der Mönch an manche verschiedene frühere
Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den
eigenartigen Beziehungen.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert,
gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest,
unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des
Verschwindens-Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden,
sieht er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine
und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er
erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese        279
lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,
in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten
zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes;
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf
den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere
Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan,
in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan,
tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der
Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute
Fährte, in sälige Welt.‹ So sieht er mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden,
die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und
edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er
erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da zwei Häuser wären, mit
Thüren, und es betrachtete ein scharfsehender Mann, in der
Mitte stehend, die Menschen, wie sie das Haus betreten und
verlassen, kommen und gehn: ebenso nun auch, ihr Mönche, sieht
der Mönch mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über
menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden
und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne,
glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach
den Thaten wiederkehren.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ versteht er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ versteht er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Leidensauflösung‹ versteht er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ versteht er der
Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ versteht er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ versteht er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ versteht er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ versteht
er der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend wird da sein
Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst
vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese
Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da am Ufer eines Alpensees
von klarem, durchsichtigem, ungetrübtem Wasser ein
scharfsehender Mann stände und hineinblickte auf die Muscheln
und Schnecken, auf den Kies und Sand und die Fische, wie
sie dahingleiten und stillestehn; der sagte sich nun: ›Klar
ist diese Wasserfläche, durchsichtig, ungetrübt; ich sehe
darunter die Muscheln und Schnecken, den Kies und Sand und           280
die Fische, die dahingleiten oder ruhn‹: ebenso nun auch, ihr
Mönche, versteht da der Mönch der Wahrheit gemäß: ›Das ist
das Leiden.‹ Er versteht der Wahrheit gemäß: ›Das ist die
Leidensentwicklung.‹ Er versteht der Wahrheit gemäß: ›Das
ist die Leidensauflösung.‹ Er versteht der Wahrheit gemäß:
›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad.‹ Er versteht
der Wahrheit gemäß: ›Das ist der Wahn.‹ Er versteht der
Wahrheit gemäß: ›Das ist die Wahnentwicklung.‹ Er versteht
der Wahrheit gemäß: ›Das ist die Wahnauflösung.‹ Er versteht
der Wahrheit gemäß: ›Das ist der zur Wahnauflösung führende
Pfad.‹ Also erkennend, also sehend wird da sein Gemüth
erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom
Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese
Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das
Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da.

»Ein solcher Mönch, ihr Mönche, wird ›Büßer‹ genannt, wird
›Heiliger‹ genannt, wird ›Reiner‹ genannt, wird ›Kenner‹
genannt, wird ›Fertiger‹ genannt, wird ›Herr‹ genannt, wird
›Hehrer‹ genannt.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch ein Büßer? Abgebüßt
hat er die bösen, die schlechten Dinge, die besudelnden,
Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden,
wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden. Also, ihr
Mönche, wird der Mönch ein Büßer.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch ein Heiliger? Geheilt hat
er sich von den bösen, den schlechten Dingen, den besudelnden,
Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden,
wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden. Also, ihr
Mönche, wird der Mönch ein Heiliger.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch ein Reiner? Gereinigt hat
er sich von den bösen, den schlechten Dingen, den besudelnden,
Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden,
wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden. Also, ihr
Mönche, wird der Mönch ein Reiner.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch ein Kenner? Er kennt die
bösen, die schlechten Dinge, die besudelnden, Wiederdasein
säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden, wiederum Leben,
Altern und Sterben erzeugenden. Also, ihr Mönche, wird der
Mönch ein Kenner.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch ein Fertiger? Fertig
ist er mit den bösen, den schlechten Dingen, den besudelnden,
Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden,
wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden. Also, ihr
Mönche, wird der Mönch ein Fertiger.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch ein Herr? Herausgetrieben
hat er die bösen, die schlechten Dinge, die besudelnden,
Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden,
wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden. Also, ihr
Mönche, wird der Mönch ein Herr.

»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch ein Hehrer?
Herausgetrieben hat er die bösen, die schlechten Dinge, die
besudelnden, Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden
ausbrütenden, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden.
Also, ihr Mönche, wird der Mönch ein Hehrer.«[32]

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              40.

             Vierter Theil            Zehnte Rede

                         VOR ASSAPURAM

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene in            281
Bengalen, bei einer Stadt der Bengalier Namens Assapuram. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»‚Asketen, Asketen sind’s‘: so denken, ihr Mönche, von euch
die Leute. Ihr aber, wenn ihr gefragt werdet: ›Was seid
ihr?‹, bekennet: ›Wir sind Asketen.‹ Die ihr also bekannt
seid, ihr Mönche, die ihr euch also bekennet, ihr habt auch
die Pflichten zu üben: ›Den geraden Weg des Asketenthums,
den werden wir wandeln. Und so soll dieser Name, den man uns
giebt, wahr und unser Bekenntniss wirklich sein. Und für das
Almosen von Kleidung, Speise, Obdach und Arzenei, dafür sollen
die Geber bei uns hohen Lohn haben, hohe Förderung. Unsere
Pilgerschaft aber soll nicht unfruchtbar bleiben, sondern Zweck
und Ziel erwirken.‹

»Wie aber, ihr Mönche, wandelt der Mönch den geraden Weg des
Asketenthums nicht? Ein Mönch, der da gierig die Gier nicht
verleugnet hat, gehässig den Hass nicht verleugnet hat, zornig
den Zorn nicht verleugnet hat, feindsälig die Feindschaft nicht
verleugnet hat, häuchlerisch die Häuchelei nicht verleugnet
hat, neidisch den Neid nicht verleugnet hat, eifernd die
Eifersucht nicht verleugnet hat, selbstsüchtig die Selbstsucht
nicht verleugnet hat, listig die List nicht verleugnet hat,
gleißnerisch die Gleißnerei nicht verleugnet hat, boshaft die
Bosheit nicht verleugnet hat, falsch die Falschheit nicht
verleugnet hat: der wandelt, sage ich, ihr Mönche, weil er
diese Flecken, Schäden und Schwären des Asketenthums, diese
abwärts, zum Verderben führenden Eigenschaften nicht verleugnet
hat, den geraden Weg des Asketenthums nicht. Wie eine
Mordwaffe, ihr Mönche, zur Schlacht geeignet, zweischneidig,
blinkend geschliffen, und mit einer Kutte umhangen, umhüllt: so
erscheint mir, ihr Mönche, eines solchen Mönches Pilgerschaft.

»Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Kuttenträger, weil er die
Kutte trägt, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche,
einem Unbekleideten, weil er unbekleidet ist, das Asketenthum
zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Schmutzbeschmierten,
weil er schmutzbeschmiert ist, das Asketenthum zu. Nicht
spreche ich, ihr Mönche, einem Wasserbesprenger, weil er sich
mit Wasser besprengt, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich,
ihr Mönche, einem Waldeinsiedler, weil er im Walde wohnt,            282
das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem
Feldeinsiedler, weil er auf dem Felde wohnt, das Asketenthum
zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Stetigsteher, weil
er sich nicht setzt, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich,
ihr Mönche, einem Fastenpfleger, weil er Fasten pflegt,
das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem
Spruchgewaltigen, weil er Sprüche in seiner Gewalt hat,
das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem
Flechtenträger, weil er Flechten trägt, das Asketenthum zu.

»Wenn durch das Tragen der Kutte, ihr Mönche, des gierigen
Kuttenträgers Gier verschwinden könnte, des gehässigen Hass
verschwinden könnte, des zornigen Zorn verschwinden könnte,
des feindsäligen Feindschaft verschwinden könnte, des
häuchlerischen Häuchelei verschwinden könnte, des neidischen
Neid verschwinden könnte, des eifernden Eifersucht verschwinden
könnte, des selbstsüchtigen Selbstsucht verschwinden könnte,
des listigen List verschwinden könnte, des gleißnerischen
Gleißnerei verschwinden könnte, des boshaften Bosheit
verschwinden könnte, des falschen Falschheit verschwinden
könnte, würden Blutsverwandte und Freunde einem Neugeborenen
die Kutte bringen, nur die Kutte verleihen: ›Komm’, du
Glückskind, sei Kuttenträger! Als Kuttenträger wird dir, dem
Gierigen, durch das Tragen der Kutte die Gier schwinden, dem
Gehässigen der Hass schwinden, dem Zornigen der Zorn schwinden,
dem Feindsäligen die Feindschaft schwinden, dem Häuchlerischen
die Häuchelei schwinden, dem Neidischen der Neid schwinden,
dem Eifernden die Eifersucht schwinden, dem Selbstsüchtigen
die Selbstsucht schwinden, dem Listigen die List schwinden,
dem Gleißnerischen die Gleißnerei schwinden, dem Boshaften die
Bosheit schwinden, dem Falschen die Falschheit schwinden!‹ Da
ich nun aber, ihr Mönche, auch manchen Träger der Kutte hier
sehe, der gierig, gehässig, zornig, feindsälig, häuchlerisch,
neidisch, eifersüchtig, selbstsüchtig, listig, gleißnerisch,
boshaft, falsch ist, so spreche ich keinem Träger der Kutte,
weil er die Kutte trägt, das Asketenthum zu.

»Wenn durch Unbekleidetsein, ihr Mönche, durch
Schmutzbeschmierung, durch Wasserbesprengen, durch
Waldeinsiedlerthum, durch Feldeinsiedlerthum, durch
Stetigstehn, durch Fastenpflege, durch Spruchgewalt, durch
Flechtentragen des gierigen Unbekleideten, des gierigen
Schmutzbeschmierten, des gierigen Wasserbesprengers, des
gierigen Waldeinsiedlers, des gierigen Feldeinsiedlers, des
gierigen Stetigstehers, des gierigen Fastenpflegers, des
gierigen Spruchgewaltigen, des gierigen Flechtenträgers Gier
verschwinden könnte, des gehässigen Hass, des zornigen Zorn,
des feindsäligen Feindschaft, des häuchlerischen Häuchelei, des
neidischen Neid, des eifernden Eifersucht, des selbstsüchtigen
Selbstsucht, des listigen List, des gleißnerischen Gleißnerei,
des boshaften Bosheit, des falschen Falschheit verschwinden
könnte, würden Blutsverwandte und Freunde dem Neugeborenen
Unbekleidetsein vorschreiben, Schmutzbeschmierung,
Wasserbesprengung, Waldeinsiedlerthum, Feldeinsiedlerthum,
Stetigstehn, Fastenpflege, Spruchgewalt, Flechtentragen,
würden ihn damit belehnen: ›Komm’, du Glückskind, sei
unbekleidet, sei schmutzbeschmiert, sei wasserbesprengt,
werde Waldeinsiedler, werde Feldeinsiedler, werde ein
Stetigsteher, werde ein Fastenpfleger, werde Spruchgewaltiger,
werde Flechtenträger! Also wird dir, dem Gierigen, die Gier          283
schwinden, dem Gehässigen der Hass, dem Zornigen der Zorn, dem
Feindsäligen die Feindschaft, dem Häuchlerischen die Häuchelei,
dem Neidischen der Neid, dem Eifernden die Eifersucht, dem
Selbstsüchtigen die Selbstsucht, dem Listigen die List, dem
Gleißnerischen die Gleißnerei, dem Boshaften die Bosheit,
dem Falschen die Falschheit schwinden!‹ Da ich nun aber, ihr
Mönche, auch manchen Unbekleideten, Schmutzbeschmierten,
Wasserbesprenger, Waldeinsiedler, Feldeinsiedler, Stetigsteher,
Fastenpfleger, Spruchgewaltigen, Flechtenträger hier sehe, der
gierig, gehässig, zornig, feindsälig, häuchlerisch, neidisch,
eifersüchtig, selbstsüchtig, listig, gleißnerisch, boshaft,
falsch ist, so spreche ich keinem solchen aus solchem Grunde
das Asketenthum zu.

»Wie aber, ihr Mönche, wandelt der Mönch den geraden Weg des
Asketenthums? Ein Mönch, der da gierig die Gier verleugnet hat,
gehässig den Hass verleugnet hat, zornig den Zorn verleugnet
hat, feindsälig die Feindschaft verleugnet hat, häuchlerisch
die Häuchelei verleugnet hat, neidisch den Neid verleugnet
hat, eifernd die Eifersucht verleugnet hat, selbstsüchtig
die Selbstsucht verleugnet hat, listig die List verleugnet
hat, gleißnerisch die Gleißnerei verleugnet hat, boshaft die
Bosheit verleugnet hat, falsch die Falschheit verleugnet hat:
der wandelt, sage ich, ihr Mönche, weil er diese Flecken,
Schäden und Schwären des Asketenthums, diese abwärts, zum
Verderben führenden Eigenschaften verleugnet hat, den geraden
Weg des Asketenthums. Er merkt, dass er von all diesen bösen,
schlechten Dingen geläutert ist, dass er befreit ist. Dieses
Merken durchwonnigt ihn. Der Durchwonnigte wird besäligt.
Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt
Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»Liebevollen Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.

»Erbarmenden Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit erbarmendem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.

»Freudevollen Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit freudevollem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.

»Unbewegten Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit unbewegtem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Lotusweiher mit klarem,
süßem, kühlem Wasser, hell spiegelnd, leicht zugänglich,             284
entzückend gelegen: wenn da von Osten ein Mann herankäme, vom
Sonnenbrande gebraten, vom Sonnenbrande verzehrt, erschöpft,
zitternd, dürstend; der gelangte nun zu dem Lotusweiher und
löschte den Durst, löschte die quälende Gluth; wenn da von
Westen oder von Norden oder von Süden ein Mann herankäme, vom
Sonnenbrande gebraten, vom Sonnenbrande verzehrt, erschöpft,
zitternd, dürstend; der gelangte nun zu dem Lotusweiher und
löschte den Durst, löschte die quälende Gluth: ebenso nun auch,
ihr Mönche, erlangt, wer da aus einem Kriegergeschlechte vom
Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen und zu des Vollendeten
dargelegter Lehre und Ordnung gekommen ist und also die
Liebe, das Erbarmen, die Freude, den Gleichmuth gezeugt hat,
die eigene Ebbung. Weil er die eigene Ebbung erlangt hat,
sage ich, wandelt er den geraden Weg des Asketenthums. Wer
da aus einem Priestergeschlechte oder Bürgergeschlechte oder
Dienergeschlechte oder aus was immer für einem Geschlechte vom
Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen und zu des Vollendeten
dargelegter Lehre und Ordnung gekommen ist und also die Liebe,
das Erbarmen, die Freude, den Gleichmuth gezeugt hat, erlangt
die eigene Ebbung. Weil er die eigene Ebbung erlangt hat, sage
ich, wandelt er den geraden Weg des Asketenthums.

»Wenn da einer aus einem Kriegergeschlechte vom Hause fort in
die Hauslosigkeit gezogen ist und durch die Wahnversiegung
die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei
Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen
hat, so wird er durch die Wahnversiegung Asket. Wenn da einer
aus einem Priestergeschlechte oder Bürgergeschlechte oder
Dienergeschlechte oder aus was immer für einem Geschlechte
vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen ist und durch die
Wahnversiegung die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung
noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und
errungen hat, so wird er durch die Wahnversiegung Asket.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



FÜNFTER THEIL

ZWEITES BUCH DER PAARE



                              41.

              Fünfter Theil            Erste Rede

                    DIE BRĀHMANEN VON SĀLĀ


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene             285
im Lande Kosalo von Ort zu Ort und kam, von vielen Mönchen
begleitet, in die Nähe eines kosalischen Brāhmanendorfes Namens
Sālā. Und es hörten die brāhmanischen Bürger in Sālā reden:
›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe
der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von Ort zu Ort
und ist mit vielen Mönchen in Sālā angekommen. Diesen Herrn
Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe,
so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen
Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene,
der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde,
der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der
Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern, ihren bösen
und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Priestern und
Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst verstanden
und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren Anfang
begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die sinn-
und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte, geklärte
Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn
kann!‘‹

Und jene brāhmanischen Bürger von Sālā begaben sich nun dorthin
wo der Erhabene weilte. Dort angelangt verneigten sich einige
vor dem Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite
nieder, andere wechselten höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur Seite
nieder, einige wieder falteten die Hände gegen den Erhabenen
und setzten sich zur Seite nieder, andere wieder gaben beim
Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur
Seite nieder, und andere setzten sich still zur Seite nieder.
Hierauf nun sprachen jene brāhmanischen Bürger von Sālā zum
Erhabenen also:

»Was ist wohl, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass
da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode,
auf einen Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil
gerathen? Und was ist wiederum, o Gotamo, der Anlass, was ist
der Grund, dass da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers,
nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt gelangen?«

»Weil sie falsch und unrecht leben, ihr Bürger, desshalb
gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach
dem Tode, auf einen Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben
und Unheil. Weil sie wahr und recht leben, ihr Bürger, desshalb
gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach
dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt.«

»Den ganzen Sinn dieser kurzgefassten Worte des verehrten            286
Gotamo, den verstehn wir nicht; gut wär’ es, wenn uns der
verehrte Gotamo die Satzung dergestalt zeigen wollte, dass wir
den ganzen Sinn dieser kurzgefassten Worte verstehn könnten.«

»Wohlan denn, Bürgen, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«

»Ja, o Herr!« antworteten da die brāhmanischen Bürger von
Sālā dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Dreifach verschieden in Thaten, ihr Bürger, ist das falsche,
unrechte Leben, vierfach verschieden in Worten ist das falsche,
unrechte Leben, dreifach verschieden in Gedanken ist das
falsche, unrechte Leben. Wie aber, Bürger, ist das falsche,
unrechte Leben in Thaten dreifach verschieden? Da ist einer,
ihr Bürger, ein Mörder, grausam und blutgierig, der Gewalt und
dem Todtschlag ergeben, ohne Erbarmen gegen seine Mitwesen.
Dann nimmt er was man ihm nicht gegeben hat; was ein anderer
in Dorf oder Wald an Hab und Gut besitzt, das macht er sich
ungeschenkt, in diebischer Absicht, zueigen. Und er begeht
Ausschweifung; mit einem Mädchen, das unter der Obhut der
Mutter oder des Vaters, unter der Obhut von Bruder oder von
Schwester, unter der Obhut von Verwandten steht, mit einer
Gattenbefohlenen oder einer Dienstergebenen, bis herab zu der
blumengeschmückten Tänzerin, mit solchen pflegt er Verkehr.
Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Thaten
dreifach verschieden.

»Wie aber, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Worten
vierfach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, ein Lügner. Vor
Gericht, oder von den Leuten, oder unter Verwandten, oder in
der Gesellschaft, oder von königlichen Beamten als Augenzeuge
vernommen und befragt: ›Wohl denn, lieber Mann, was du weißt,
das sage‹, antwortet er, wenn er nichts weiß: ›Ich weiß
es‹, und wenn er es weiß: ›Ich weiß nichts‹, wenn er nichts
gesehn hat: ›Ich hab’ es gesehn‹, und wenn er es gesehn hat:
›Ich habe nichts gesehn‹. So legt er um seinetwillen oder um
eines anderen willen oder von irgend einer sonstigen Absicht
bewogen wissentlich falsches Zeugniss ab. Dann liebt er das
Ausrichten. Was er hier gehört hat erzählt er dort wieder, um
jene zu entzweien; oder was er dort gehört hat erzählt er hier
wieder, um diese zu entzweien. So stiftet er Zwietracht unter
Verbundenen und hetzt die Entzweiten auf. Hader erfreut ihn,
Hader macht ihn froh, Hader befriedigt ihn, Hader erregende
Worte spricht er. Dann gebraucht er barsche Worte, Reden, die
spitzig und stechend sind, andere beleidigen, andere verletzen,
Äußerungen des Zornes, die zu keiner Einigung führen: solche         287
Worte spricht er. Und er treibt müßiges Geplauder, spricht zur
Unzeit, ohne Sinn, ohne Zweck, nicht der Lehre und Ordnung
gemäß; seine Rede ist nicht werth, dass man ihrer gedenke, sie
ist ungehörig, ungebildet, unangemessen, unverständlich. Also,
ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Worten vierfach
verschieden.

»Und wie, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Gedanken
dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, lüstern. Was
ein anderer an Hab und Gut besitzt, danach giert er: ›Ach
wenn doch sein Eigen das meine wäre!‹ Dann ist er gehässig,
übelgesinnten Herzens: ›Diese Wesen sollen getödtet werden,
sollen umgebracht werden, sollen zerstört werden, sollen
vertilgt werden, sie sollen so nicht bleiben!‹ Und er hegt
verkehrte Ansichten, verfehlte Meinungen: ›Almosengeben,
Verzichtleisten, Spenden -- es ist alles eitel; es giebt keine
Saat und Ernte guter und böser Werke; Diesseits und Jenseits
sind leere Worte; Vater und Mutter und auch geistige Geburt
sind hohle Namen; die Welt hat keine Asketen und Priester,
die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser
und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und
erklären können.‹ Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte
Leben in Gedanken dreifach verschieden. Weil sie also falsch
und unrecht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche
Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf einen
Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil.

       *       *       *       *       *

»Dreifach verschieden in Thaten, ihr Bürger, ist das wahre,
rechte Leben, vierfach verschieden in Worten ist das wahre,
rechte Leben, dreifach verschieden in Gedanken ist das wahre,
rechte Leben. Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben
in Thaten dreifach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger,
das Morden verworfen, vom Tödten hält er sich fern; Stock
und Schwerdt hat er abgelegt, er ist mild und theilnehmend,
voll Liebe und Mitleid zu allem, was da lebt und athmet.
Nichtgegebenes zu nehmen hat er verworfen, vom Stehlen hält
er sich fern; was ein anderer in Dorf oder Wald an Hab und
Gut besitzt, das macht er sich ungeschenkt, in diebischer
Absicht, nicht zueigen. Ausschweifung hat er verworfen, von
Ausschweifung halt er sich fern; mit einem Mädchen, das unter
der Obhut der Mutter oder des Vaters, unter der Obhut von
Bruder oder von Schwester, unter der Obhut von Verwandten
steht, mit einer Gattenbefohlenen oder einer Dienstergebenen,
bis herab zu der blumengeschmückten Tänzerin, mit solchen
pflegt er keinen Verkehr. Also, ihr Bürger, ist das wahre,
rechte Leben in Thaten dreifach verschieden.

»Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Worten             288
vierfach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger, das Lügen
verworfen, vom Lügen hält er sich fern. Vor Gericht, oder von
den Leuten, oder unter Verwandten, oder in der Gesellschaft,
oder von königlichen Beamten als Augenzeuge vernommen und
befragt: ›Wohl denn, lieber Mann, was du weißt, das sage‹,
antwortet er, wenn er nichts weiß: ›Ich weiß nichts‹, und
wenn er es weiß: ›Ich weiß es‹, wenn er nichts gesehn hat:
›Ich habe nichts gesehn‹, und wenn er es gesehn hat: ›Ich
hab’ es gesehn.‹ So legt er um seinetwillen oder um eines
anderen willen oder von irgend einer sonstigen Absicht bewogen
wissentlich kein falsches Zeugniss ab. Das Ausrichten hat er
verworfen, vom Ausrichten hält er sich fern. Was er hier gehört
hat erzählt er dort nicht wieder, um jene zu entzweien; oder
was er dort gehört hat erzählt er hier nicht wieder, um diese
zu entzweien. So einigt er Entzweite, festigt Verbundene,
Eintracht erfreut ihn, Eintracht macht ihn froh, Eintracht
befriedigt ihn, Eintracht fördernde Worte spricht er. Barsche
Worte hat er verworfen, von barschen Worten hält er sich fern.
Worte, die lauter sind, dem Ohre wohlthuend, liebevoll, zum
Herzen dringend, höflich, viele ansprechend, vielen angenehm,
solche Worte gebraucht er. Plappern und Plaudern hat er
verworfen, von Plappern und Plaudern hält er sich fern. Zur
rechten Zeit spricht er, den Thatsachen gemäß, gehaltvoll, der
Lehre und Ordnung getreu; seine Rede ist werth, dass man ihrer
gedenke, gelegentlich mit Gleichnissen geschmückt, klar und
bestimmt, dem Gegenstande angemessen. Also, ihr Bürger, ist das
wahre, rechte Leben in Worten vierfach verschieden.

»Und wie, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Gedanken
dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, nicht lüstern.
Was ein anderer an Hab und Gut besitzt, danach giert er nicht:
›Ach wenn doch sein Eigen das meine wäre!‹ Dann ist er frei
von Gehässigkeit, frei von Uebelwollen: ›Mögen diese Wesen
ohne Hass, ohne Schmerz, ohne Quaal glücklich ihr Dasein
bewahren!‹ Und er hat rechte Ansichten, hegt keine verkehrten
Meinungen: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden ist kein
Unsinn; es giebt eine Saat und Ernte guter und böser Werke; das
Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist vorhanden; Eltern
giebt es und geistige Geburt giebt es; die Welt hat Asketen
und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den
Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich
vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr Bürger, ist das
wahre, rechte Leben in Gedanken dreifach verschieden. Weil sie
also wahr und recht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da
manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf
gute Fährte, in sälige Welt.

       *       *       *       *       *

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und                 289
Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers,
nach dem Tode, in der Familie eines reichen Adelsgeschlechtes
wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der
Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines
reichen Adelsgeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um
seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter:
›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem
Tode, in der Familie eines reichen Priestergeschlechtes
wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der
Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines
reichen Priestergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um
seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und
Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers,
nach dem Tode, in der Familie eines reichen Bürgergeschlechtes
wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der
Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines
reichen Bürgergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um
seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter:
›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem
Tode, unter den Göttern der Vier großen Könige -- unter den
Dreiunddreißig Göttern -- unter den Schattengöttern -- unter
den Säligen Göttern -- unter den Göttern der unbeschränkten
Freude -- unter den Jenseit der unbeschränkten Freude
weilenden Göttern -- unter den Göttern der Brahmawelt --
unter den Glänzenden Göttern -- unter den Hellerglänzenden
Göttern -- unter den Unermesslichglänzenden Göttern --
unter den Leuchtenden Göttern -- unter den Strahlenden
Göttern -- unter den Hellerstrahlenden Göttern -- unter den
Unermesslichstrahlenden Göttern -- unter den Strahlengewordenen
Göttern -- unter den Gewaltigen Göttern -- unter den Wonnigen
Göttern -- unter den Sonnigen Göttern -- unter den Hehren
Göttern -- unter den Herrlichen Göttern -- unter den Erhabenen
Göttern -- unter den Raumunendlichkeit genießenden Göttern
-- unter den Bewusstseinunendlichkeit genießenden Göttern
-- unter den Nichtdasein genießenden Göttern -- unter den
weder Wahrnehmung noch Nichtwahrnehmung genießenden Göttern
wiedererscheinen möchte‹, so mag dies wohl sein. Und warum? Um
seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und
Gerechter: ›O dass ich doch den Wahn versiegen und die
wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten
mir offenbar machen, verwirklichen und erringen könnte‹, so
mag es wohl sein, dass er den Wahn versiegen und die wahnlose
Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich
offenbar machen, verwirklichen und erringen kann. Und warum
das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.«

       *       *       *       *       *

Nach diesen Worten sprachen die brāhmanischen Bürger von Sālā        290
zum Erhabenen also:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie
etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte, oder
Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder in die
Finsterniss ein Licht hielte, ›Wer Augen hat wird die Dinge
sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre auf manigfaltige
Weise dargelegt. Und so nehmen wir bei Herrn Gotamo Zuflucht,
bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge uns
Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«



                              42.

             Fünfter Theil            Zweite Rede

                  DIE BRĀHMANEN VON VERAÑJAM


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Zu dieser
Zeit nun befanden sich brāhmanische Bürger aus Verañjam wegen
irgend einer Angelegenheit in Sāvatthī. Und es hörten die
brāhmanischen Bürger von Verañjam reden:

    [Das Folgende stimmt wörtlich mit dem                            291
    Vorhergehenden überein.[33] ]



                              43.

             Fünfter Theil            Dritte Rede

                        DIE ERKLÄRUNGEN

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           292
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Als nun
der ehrwürdige Mahākoṭṭhito gegen Abend die Gedenkensruhe
beendet hatte, begab er sich dorthin wo der ehrwürdige
Sāriputto weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit dem ehrwürdigen Sāriputto und setzte sich
zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige
Mahākoṭṭhito zum ehrwürdigen Sāriputto also:

»‚Unverständig, unverständig‘ heißt es, o Bruder; inwiefern
denn, o Bruder, wird einer unverständig genannt?«

»Er versteht nicht, er versteht nicht, o Bruder: desshalb wird
er unverständig genannt; was versteht er nicht? ›Das ist das
Leiden‹ versteht er nicht, ›Das ist die Leidensentwicklung‹
versteht er nicht, ›Das ist die Leidensauflösung‹ versteht
er nicht, ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹
versteht er nicht. Er versteht nicht, er versteht nicht, o
Bruder: desshalb wird er unverständig genannt.«

»Wohl, Bruder!« erwiderte der ehrwürdige Mahākoṭṭhito erfreut
und befriedigt dem ehrwürdigen Sāriputto und stellte nun eine
fernere Frage: »‚Verständig, verständig‘ heißt es, o Bruder;
inwiefern denn, o Bruder, wird einer verständig genannt?«

»Er versteht, er versteht, o Bruder: desshalb wird er
verständig genannt; und was versteht er? ›Das ist das Leiden‹
versteht er, ›Das ist die Leidensentwicklung‹ versteht er,
›Das ist die Leidensauflösung‹ versteht er, ›Das ist der zur
Leidensauflösung führende Pfad‹ versteht er. Er versteht, er
versteht, o Bruder: desshalb wird er verständig genannt.«

»‚Bewusst, bewusst‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o
Bruder, wird einer bewusst genannt?«

»Er ist bewusst, er ist bewusst, o Bruder: desshalb wird
er bewusst genannt; und wessen ist er bewusst? Er ist der
Freude bewusst und er ist des Leides bewusst und er ist der
Abwesenheit beider bewusst. Er ist bewusst, er ist bewusst, o
Bruder: desshalb wird er bewusst genannt.«

»Dieses Verständniss nun, o Bruder, und dieses Bewusstsein:
sind diese beiden verbunden, oder sind sie getrennt, und kann
man sie sondern und ihren Unterschied angeben?«

»Dieses Verständniss, o Bruder, und dieses Bewusstsein: diese
beiden sind verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich
sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben. Denn was einer
versteht, Bruder, dessen ist er bewusst, und wessen er bewusst       293
ist, das versteht er, darum sind diese beiden verbunden,
nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren
Unterschied anzugeben.«

»Was für ein Unterschied besteht dann, o Bruder, zwischen
diesen beiden verbundenen, nicht getrennten, dem Verständniss
und dem Bewusstsein?«

»Zwischen dem Verständniss und dem Bewusstsein, o Bruder,
die verbunden und nicht getrennt erscheinen, besteht der
Unterschied, dass das Verständnis auszubilden, das Bewusstsein
aber zu durchschauen ist.«

»‚Gefühl, Gefühl‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder,
spricht man von Gefühl?«

»Man fühlt, man fühlt, o Bruder: desshalb spricht man von
Gefühl; und was fühlt man? Freude fühlt man und Leid fühlt man
und die Abwesenheit beider fühlt man. Man fühlt, man fühlt, o
Bruder: desshalb spricht man von Gefühl.«

»‚Wahrnehmung, Wahrnehmung‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn,
o Bruder, spricht man von Wahrnehmung?«

»Man nimmt wahr, man nimmt wahr, o Bruder: desshalb spricht man
von Wahrnehmung; und was nimmt man wahr? Blaues nimmt man wahr
und Gelbes nimmt man wahr und Rothes nimmt man wahr und Weißes
nimmt man wahr. Man nimmt wahr, man nimmt wahr, o Bruder:
desshalb spricht man von Wahrnehmung.«

»Dieses Gefühl nun, o Bruder, und diese Wahrnehmung und dieses
Bewusstsein: erscheinen diese verbunden oder getrennt, und ist
es möglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben?«

»Dieses Gefühl, o Bruder, diese Wahrnehmung und dieses
Bewusstsein: diese drei erscheinen verbunden, nicht getrennt,
und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied
anzugeben. Denn was einer fühlt, Bruder, das nimmt er wahr, und
was er wahrnimmt, dessen ist er bewusst; darum erscheinen diese
Dinge verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu
sondern und ihren Unterschied anzugeben.«

»Und wer sich, Bruder, von fünf Sinnen losgelöst hat, was kann
der mit dem geläuterten Denkbewusstsein erkennen?«

»Wer sich da, Bruder, von fünf Sinnen losgelöst hat, kann mit
dem geläuterten Denkbewusstsein in dem Gedanken ›Gränzenlos
ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten Raumes erkennen, in
dem Gedanken ›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des
unbegrenzten Bewusstseins erkennen, in dem Gedanken ›Nichts ist
da‹ das Reich des Nichtdaseins erkennen.«

»Und das Erkennbare, Bruder, wie kann man das begreifen?«

»Das Erkennbare, Bruder, kann man durch das Auge der Weisheit
begreifen.«

»Und die Weisheit, Bruder, wozu dient die?«

»Die Weisheit, Bruder, dient zur Durchschauung, dient zur
Durchdringung, dient zur Entsagung.«

»Welche Bedingungen liegen nun, o Bruder, der rechten                294
Erkenntniss zugrunde?«

»Zwei Bedingungen, o Bruder, liegen der rechten Erkenntniss
zugrunde: die Stimme eines anderen und tiefes Nachdenken.
Das sind die zwei Bedingungen, o Bruder, die der rechten
Erkenntniss zugrunde liegen.«

»Was für Eigenschaften muss aber, Bruder, die rechte
Erkenntniss besitzen, um die Frucht der Gemütherlösung zu
bringen und den Gewinn dieser Frucht, um die Frucht der
Weisheiterlösung zu bringen und den Gewinn dieser Frucht?«

»Fünf Eigenschaften, Bruder, muss die rechte Erkenntniss
besitzen, um die Frucht der Gemütherlösung zu bringen und den
Gewinn dieser Frucht, um die Frucht der Weisheiterlösung zu
bringen und den Gewinn dieser Frucht: da besitzt, o Bruder, die
rechte Erkenntniss die Eigenschaft der Tugend, die Eigenschaft
der Erfahrung, die Eigenschaft des Mittheilens, die Eigenschaft
der Ruhe und die Eigenschaft der Klarsicht. Diese fünf
Eigenschaften, Bruder, muss die rechte Erkenntniss besitzen,
soll sie die Frucht der Gemütherlösung bringen und den Gewinn
dieser Frucht, soll sie die Frucht der Weisheiterlösung bringen
und den Gewinn dieser Frucht.«

»Wie viele Arten des Daseins, o Bruder, giebt es?«

»Drei Arten des Daseins, Bruder, giebt es: geschlechtliches
Dasein, formhaftes Dasein, formloses Dasein.«

»Und wie ist es möglich, o Bruder, dass immer wieder ein neuer
Keim entsteht?«

»Weil die Wesen, o Bruder, versunken im Nichtwissen, vom
Lebensdurst geködert, bald da und bald dort sich ergetzen,
desshalb kommt immer wieder ein neuer Keim zustande.«

»Und wie ist es möglich, o Bruder, dass nie wieder ein neuer
Keim entstehe?«

»Durch den Nichtwissensekel, o Bruder, durch die
Wissensgewinnung, durch die Auflösung des Durstes wird jede
weitere Keimbildung aufgehoben.«

»Was ist nun, Bruder, die erste Schauung?«

»Da weilt, o Bruder, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern
von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener
säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Das nennt
man, Bruder, die erste Schauung.«

»Und was für Eigenschaften, Bruder, besitzt die erste Schauung?«

»Die erste Schauung, Bruder, besitzt fünf Eigenschaften: da
ist, o Bruder, ein Mönch, der die erste Schauung erwirkt hat,
dem Sinnen und Gedenken hingegeben, der Heiterkeit, Säligkeit
und Einheit des Gemüthes. Solcher Art, Bruder, sind die fünf
Eigenschaften der ersten Schauung.«

»Und von welchen Eigenschaften, Bruder, muss die erste Schauung
frei sein, und von welchen erfüllt?«

»Die erste Schauung, Bruder, muss von fünf Eigenschaften frei
und von fünf Eigenschaften erfüllt sein: da ist, o Bruder,
ein Mönch, der die erste Schauung erwirkt hat, lauter von
Wunscheswillen, lauter von Gehässigkeit, lauter von matter           295
Müde, lauter von stolzem Unmuth, lauter von schwankender
Ungewissheit; und er ist dem Sinnen und Gedenken hingegeben,
der Heiterkeit, Säligkeit und Einheit des Gemüthes. Solcher
Art, Bruder, ist die erste Schauung von fünf Eigenschaften frei
und von fünf Eigenschaften erfüllt.«

»Fünf Sinnen, o Bruder, eignet verschiedenes Gebiet,
verschiedener Wirkungskreis, und keiner hat am Gebiet und
Wirkungskreis des anderen theil. Es ist das Gesicht, das Gehör,
der Geruch, der Geschmack, das Getast. Diese fünf Sinne,
Bruder, denen verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis
eignet, so dass keiner am Gebiet und Wirkungskreis des anderen
theilhat, haben die nicht einen Hort, nimmt nicht etwas an
ihrem Gebiet und Wirkungskreis theil?«

»Fünf Sinnen, o Bruder, eignet verschiedenes Gebiet,
verschiedener Wirkungskreis, und keiner hat am Gebiet und
Wirkungskreis des anderen theil. Es ist das Gesicht, das Gehör,
der Geruch, der Geschmack, das Getast. Diese fünf Sinne,
Bruder, denen verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis
eignet, so dass keiner am Gebiet und Wirkungskreis des anderen
theilhat, die haben das Herz zum Hort, das Herz hat an ihrem
Gebiet und Wirkungskreis theil.«

»Fünf Sinne haben wir da, Bruder: Gesicht, Gehör, Geruch,
Geschmack, Getast. Wodurch bestehn nun, o Bruder, diese fünf
Sinne?«

»Fünf Sinne haben wir da, Bruder: Gesicht, Gehör, Geruch,
Geschmack, Getast. Diese fünf Sinne, o Bruder, bestehn durch
die Lebenskraft.«

»Wodurch besteht aber die Lebenskraft, o Bruder?«

»Die Lebenskraft besteht durch die Wärme.«

»Und wodurch, o Bruder, besteht die Wärme?«

»Die Wärme besteht durch die Lebenskraft.«

»So verstehn wir nun jetzt die Rede des ehrwürdigen Sāriputto
also: ›Die Lebenskraft besteht durch die Wärme‹, und: ›Die
Wärme besteht durch die Lebenskraft‹; wie soll man, o Bruder,
den Sinn solcher Rede deuten?«

»So will ich dir denn, o Bruder, ein Gleichniss geben: auch
durch Gleichnisse wird da manchem verständigen Manne der Sinn
einer Rede klar. Gleichwie etwa, Bruder, bei einer brennenden
Oellampe durch die Flamme das Licht erscheint und durch
das Licht die Flamme: ebenso nun auch, o Bruder, besteht
die Lebenskraft durch die Wärme und die Wärme durch die
Lebenskraft.«

»Sind wohl, o Bruder, die Elemente der Lebenskraft mit den
intelligiblen Dingen identisch, oder sind sie von ihnen
verschieden?«

»Nicht sind die Elemente der Lebenskraft, o Bruder, mit den          296
intelligiblen Dingen identisch. Sind aber, Bruder, die Elemente
der Lebenskraft intelligibel geworden, so ist das nicht als
das letzte Ziel eines Mönchs zu betrachten, der die Auflösung
der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat. Wenn aber, Bruder, die
Elemente der Lebenskraft eines, und die intelligiblen Dinge
etwas anderes sind, so betrachtet man dies als das letzte Ziel
eines Mönchs, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt
hat.«

»Welche Eigenschaften haben nun, o Bruder, diesen Körper
verlassen, wenn er niedergestürzt, hingefallen daliegt, wie ein
todtes Stück Holz?«

»Wenn drei Eigenschaften, Bruder, diesen Körper verlassen
haben: die Lebenskraft, die Wärme und das Bewusstsein, dann
liegt dieser Körper niedergestürzt, hingefallen da, wie ein
todtes Stück Holz.«

»Welcher Unterschied besteht nun, Bruder, zwischen einem
Todten, Abgestorbenen und einem Mönche, der die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit erwirkt hat?«

»Wer da todt und abgestorben ist, o Bruder, dessen körperliche
Elemente sind aufgelöst und erloschen, dessen sprachliche
Elemente sind aufgelöst und erloschen, dessen geistige
Elemente sind aufgelöst und erloschen, die Lebenskraft ist
aufgezehrt, die Wärme verflogen, die Sinne zerstoben; der
Mönch aber, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt
hat, dessen körperliche, sprachliche und geistige Elemente
sind zwar aufgelöst und erloschen, doch die Lebenskraft ist
nicht aufgezehrt, die Wärme nicht verflogen, und die Sinne
sind gestillt. Das ist der Unterschied, Bruder, zwischen einem
Todten und Abgestorbenen und einem Mönche, der die Auflösung
der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat.«

»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen die leidlose,
freudlose Gemütherlösung?«

»Vier Bedingungen, Bruder, ermöglichen die leidlose,
freudlose Gemütherlösung: da erwirkt, o Bruder, ein Mönch,
nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des
einstigen Frohsinns und Trübsinns, die Weihe der leidlosen,
freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die
vierte Schauung. Das sind die vier Bedingungen, Bruder, um der
leidlosen, freudlosen Gemütherlösung theilhaftig zu werden.«

»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen den Eintritt der
vorstellungslosen Gemütherlösung?«

»Zwei Bedingungen, Bruder, ermöglichen den Eintritt der
vorstellungslosen Gemütherlösung: keiner Vorstellung Raum
gewähren und sich in die Vorstellungslosigkeit verlieren. Das,
o Bruder, sind die zwei Bedingungen, welche den Eintritt der
vorstellungslosen Gemütherlösung ermöglichen.«

»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen die Dauer der
vorstellungslosen Gemütherlösung?«

»Drei Bedingungen, Bruder, ermöglichen die Dauer der                 297
vorstellungslosen Gemütherlösung: keiner Vorstellung Raum
gewähren, sich in die Vorstellungslosigkeit verlieren und
vorhergegangener Willensentschluss. Das, o Bruder, sind die
drei Bedingungen, welche die Dauer der vorstellungslosen
Gemütherlösung ermöglichen.«

»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen das Ende der
vorstellungslosen Gemütherlösung?«

»Zwei Bedingungen, Bruder, ermöglichen das Ende der
vorstellungslosen Gemütherlösung: sich in die Vorstellungen
verlieren, der Vorstellungslosigkeit keinen Raum gewähren.
Das, o Bruder, sind die zwei Bedingungen, welche das Ende der
vorstellungslosen Gemütherlösung ermöglichen.«

»Und nun, o Bruder: die unbeschränkte Gemütherlösung, die
unbeschwerte Gemütherlösung, die ledige Gemütherlösung,
die vorstellungslose Gemütherlösung, sind das von einander
verschiedene Begriffe, die auch eine verschiedene Bezeichnung
haben? Oder sind sie einander gleich und ist nur die
Bezeichnung verschieden?«

»Die unbeschränkte Gemütherlösung, die unbeschwerte
Gemütherlösung, die ledige Gemütherlösung, die vorstellungslose
Gemütherlösung: das sind Begriffe, o Bruder, die nach der einen
Betrachtungsart verschieden sind und verschiedene Bezeichnung
haben, nach der anderen Betrachtungsart aber gleich sind, doch
verschieden bezeichnet. Nach welcher Betrachtungsart nun, o
Bruder, sind diese Begriffe verschieden und haben verschiedene
Bezeichnung? Da strahlt, o Bruder, ein Mönch liebevollen
Gemüthes weilend nach einer Richtung, dann nach einer zweiten,
dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach
oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend
durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit
weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem.
Erbarmenden Gemüthes -- freudevollen Gemüthes -- unbewegten
Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach
einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten,
ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem
Gemüthe, mit erbarmendem Gemüthe, mit freudevollem Gemüthe,
mit unbewegtem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem,
von Grimm und Groll geklärtem. Das nennt man, o Bruder,
die unbeschränkte Gemütherlösung. Und was, Bruder, ist die
unbeschwerte Gemütherlösung? Da erwirkt, o Bruder, der Mönch
nach völliger Ueberwindung der unbegränzten Bewusstseinsphäre
in dem Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins.
Das nennt man, o Bruder, die unbeschwerte Gemütherlösung. Und
was, Bruder, ist die ledige Gemütherlösung? Da weilt, o Bruder,
der Mönch im Walde, oder am Fuß eines Baumes, oder in leerer
Klause und überlegt also: ›Leer ist das von Mir und Mein.‹           298
Das nennt man, o Bruder, die ledige Gemütherlösung. Und was,
Bruder, ist die vorstellungslose Gemütherlösung? Da erwirkt, o
Bruder, der Mönch, indem er keiner Vorstellung Raum giebt, die
vorstellungslose Gemüthvertiefung. Das nennt man, Bruder, die
vorstellungslose Gemütherlösung. Das ist die Betrachtungsart,
Bruder, nach welcher diese Begriffe verschieden sind und
verschiedene Bezeichnung haben. Nach welcher Betrachtungsart
nun, o Bruder, sind diese Begriffe einander gleich und haben
nur eine verschiedene Bezeichnung? Die Gier, o Bruder,
beschränkt, der Hass beschränkt, die Irre beschränkt: die
hat der wahnversiegte Mönch verleugnet, an der Wurzel
abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie
nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können. Sind nun,
o Bruder, die unbeschränkten Gemütherlösungen unerschütterlich
geworden, so gilt die Gemütherlösung von ihnen als das Letzte;
und diese unerschütterliche Gemütherlösung ist dann ledig der
Gier, ledig des Hasses, ledig der Irre. Die Gier, o Bruder,
beschwert, der Hass beschwert, die Irre beschwert: die hat der
wahnversiegte Mönch verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten,
einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie nicht mehr keimen,
nicht mehr sich entwickeln können. Sind nun, o Bruder, die
unbeschwerten Gemütherlösungen unerschütterlich geworden, so
gilt die Gemütherlösung von ihnen als das Letzte; und diese
unerschütterliche Gemütherlösung ist dann ledig der Gier,
ledig des Hasses, ledig der Irre. Die Gier, o Bruder, schafft
Vorstellungen, der Hass schafft Vorstellungen, die Irre schafft
Vorstellungen: die hat der wahnversiegte Mönch verleugnet, an
der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so
dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können.
Sind nun, o Bruder, die vorstellungslosen Gemütherlösungen
unerschütterlich geworden, so gilt die Gemütherlösung von ihnen
als das Letzte; und diese unerschütterliche Gemütherlösung ist
dann ledig der Gier, ledig des Hasses, ledig der Irre. Das, o
Bruder, ist die Betrachtungsart, nach welcher diese Begriffe
einander gleich sind und nur die Bezeichnung eine verschiedene
ist.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der ehrwürdige Sāriputto. Zufrieden freute sich der
ehrwürdige Mahākoṭṭhito über das Wort des ehrwürdigen Sāriputto.



                              44.

             Fünfter Theil            Vierte Rede

                        DIE ERKLÄRUNGEN

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           299
Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen. Da nun
begab sich Visākho, ein Anhänger, zur Nonne Dhammadinnā,
begrüßte sie höflich und setzte sich seitwärts nieder.
Seitwärts sitzend sprach nun der Anhänger Visākho zur Nonne
Dhammadinnā also:

»‚Die Persönlichkeit, die Persönlichkeit‘ heißt es, Ehrwürdige;
was hat denn wohl der Erhabene gesagt, Ehrwürdige, dass die
Persönlichkeit sei?«

»Die fünf Stücke des Anhangens sind die Persönlichkeit, hat der
Erhabene gesagt, Bruder Visākho, als da ist ein Stück Anhangen
an der Form, ein Stück Anhangen am Gefühl, ein Stück Anhangen
an der Wahrnehmung, ein Stück Anhangen an der Unterscheidung,
ein Stück Anhangen am Bewusstsein. Diese fünf Stücke des
Anhangens, Bruder Visākho, sind die Persönlichkeit, hat der
Erhabene gesagt.«

»Wohl, Ehrwürdige!« erwiderte Visākho der Nonne Dhammadinnā
erfreut und befriedigt und stellte nun eine fernere Frage:
»‚Die Entstehung der Persönlichkeit, die Entstehung der
Persönlichkeit‘ heißt es, Ehrwürdige; was hat denn nun,
Ehrwürdige, der Erhabene über die Entstehung der Persönlichkeit
gesagt?«

»Dieser Durst da, Bruder Visākho, der Wiederdasein säende,
gnügensgierverbundene, bald da bald dort sich ergetzende,
als da ist der Geschlechtsdurst, der Daseinsdurst, der
Wohlseinsdurst[34], das, Bruder Visākho, hat der Erhabene
gesagt, ist die Entstehung der Persönlichkeit.«

»‚Die Auflösung der Persönlichkeit, die Auflösung der
Persönlichkeit‘ heißt es, Ehrwürdige; was hat nun wohl,
Ehrwürdige, der Erhabene über die Auflösung der Persönlichkeit
gesagt?«

»Ebendieses Durstes vollkommen restlose Auflösung, Abstoßung,
Austreibung, Aufhebung, Vertilgung, Bruder Visākho, das ist die
Auflösung der Persönlichkeit, hat der Erhabene gesagt.«

»‚Der zur Auflösung der Persönlichkeit führende Pfad, der
zur Auflösung der Persönlichkeit führende Pfad‘ heißt es,
Ehrwürdige; was hat da wohl, Ehrwürdige, der Erhabene über
diesen Pfad gesagt?«

»Es ist dieser heilige achtfältige Weg, Bruder Visākho,
von dem der Erhabene gesagt hat, dass er zur Auflösung der
Persönlichkeit führe, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte
Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln,
rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Vertiefung.«

»Ist nun, Ehrwürdige, Anhangen und die fünf Stücke des
Anhangens ein und dasselbe, oder giebt es ein Anhangen außer
den fünf Stücken des Anhangens?«

»Nicht ist, Bruder Visākho, Anhangen und die fünf Stücke des         300
Anhangens ein und dasselbe, doch giebt es kein Anhangen außer
den fünf Stücken des Anhangens: was da, Bruder Visākho, bei
den fünf Stücken des Anhangens Willensreiz ist, das ist dabei
Anhangen.«

»Wie aber kann, Ehrwürdige, der Glaube an Persönlichkeit
aufkommen?«

»Da hat einer, Bruder Visākho, nichts erfahren, ist ein
gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen
Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für
das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen
unzugänglich und betrachtet die Form als sich selbst, oder
sich selbst als formähnlich, oder in sich selbst die Form,
oder in der Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die
Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewusstsein als sich
selbst, oder sich selbst als diesen ähnlich, oder in sich
selbst diese, oder in diesen sich selbst. So kann, Bruder
Visākho, der Glaube an Persönlichkeit aufkommen.«

»Und wie, Ehrwürdige, kann der Glaube an Persönlichkeit nicht
aufkommen?«

»Da hat einer, Bruder Visākho, als erfahrener heiliger Jünger
das Heilige gemerkt, ist der heiligen Lehre kundig, der
heiligen Lehre wohlzugänglich, hat das Edle gemerkt, ist der
Lehre der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich und
betrachtet die Form nicht als sich selbst, noch sich selbst als
formähnlich, noch in sich selbst die Form, noch in der Form
sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung, die
Unterscheidungen, das Bewusstsein nicht als sich selbst, noch
sich selbst als diesen ähnlich, noch in sich selbst diese, noch
in diesen sich selbst. So kann, Bruder Visākho, der Glaube an
Persönlichkeit nicht aufkommen.«

»Welcher Art ist nun, Ehrwürdige, der heilige achtfältige Weg?«

»Solcher Art, Bruder Visākho, ist der heilige achtfältige
Weg, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte
Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte
Einsicht, rechte Vertiefung.«

»Ist nun der heilige achtfältige Weg, Ehrwürdige, ein
Zusammengefügtes oder ein Einiges?«

»Der heilige achtfältige Weg, Bruder Visākho, ist ein
Zusammengefügtes.«

»Hat sich nun etwa, Ehrwürdige, der heilige achtfältige Weg aus      301
drei Theilen zusammengestellt, oder ist er aus drei Theilen
zusammengestellt worden?«

»Der heilige achtfältige Weg, Bruder Visākho, hat sich nicht
aus drei Theilen zusammengestellt, sondern ist aus drei Theilen
zusammengestellt worden. Rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes
Wandeln bilden den Theil der Tugend; rechtes Mühn, rechte
Einsicht, rechte Vertiefung bilden den Theil der Vertiefung;
rechte Erkenntniss und rechte Gesinnung bilden den Theil der
Weisheit.«

»Und wie erklärt man, Ehrwürdige, die Vertiefung, die
Vorstellungen in der Vertiefung, das Rüstzeug bei der
Vertiefung und die Pflege der Vertiefung?«

»Die Einheit des Gemüthes, Bruder Visākho, das ist die
Vertiefung, die vier Pfeiler der Einsicht sind die
Vorstellungen in der Vertiefung, die vier gewaltigen Kämpfe
sind das Rüstzeug bei der Vertiefung, und die Uebung, Pflege
und Ausbildung in ebendiesen Dingen, das ist die Pflege der
Vertiefung.«

»Wieviel Unterscheidungen giebt es, Ehrwürdige?«

»Drei Unterscheidungen giebt es, Bruder Visākho: körperliche
Unterscheidung, sprachliche Unterscheidung und geistige
Unterscheidung.«

»Und was ist, Ehrwürdige, körperliche Unterscheidung,
sprachliche Unterscheidung und geistige Unterscheidung?«

»Einathmung und Ausathmung, Bruder Visākho, ist körperliche
Unterscheidung, Erwägung und Ueberlegung sprachliche
Unterscheidung, Wahrnehmung und Gefühl geistige Unterscheidung.«

»Und warum, Ehrwürdige, ist Einathmung und Ausathmung
körperliche Unterscheidung, Erwägung und Ueberlegung
sprachliche Unterscheidung, und Wahrnehmung und Gefühl geistige
Unterscheidung?«

»Einathmung und Ausathmung, Bruder Visākho, sind körperliche
Eigenschaften, sind an den Körper gebunden: darum ist
Einathmung und Ausathmung die körperliche Unterscheidung. Was
man vorher in Erwägung und Ueberlegung gezogen hat, Bruder
Visākho, spricht man nachher aus: darum ist Erwägung und
Ueberlegung die sprachliche Unterscheidung. Wahrnehmung und
Gefühl sind geistige Eigenschaften, sind an den Geist gebunden:
darum ist Wahrnehmung und Gefühl die geistige Unterscheidung.«

»Und wie kann man, Ehrwürdige, die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit erlangen?«

»Das ist nicht so, Bruder Visākho, als ob ein Mönch, dem die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit zutheil wird, sagen könnte: ›Ich
werde die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erlangen‹, oder: ›Ich
erlange die Auflösung der Wahrnehmbarkeit‹, oder: ›Ich habe die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit erlangt‹; sondern er hat sein
Gemüth vorher soweit ausgebildet, dass es dafür empfänglich
wird.«

»Und wenn einem Mönche, Ehrwürdige, die Auflösung der                302
Wahrnehmbarkeit zutheil wird, was löst sich da zuerst
auf, die körperliche Unterscheidung, oder die sprachliche
Unterscheidung, oder die geistige Unterscheidung?«

»Wenn einem Mönche, Bruder Visākho, die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit zutheil wird, löst sich zuerst die sprachliche
Unterscheidung auf, dann die körperliche und dann die geistige.«

»Und wie kann man, Ehrwürdige, die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit aufheben?«

»Das ist nicht so, Bruder Visākho, als ob ein Mönch, der die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufhebt, sagen könnte: ›Ich werde
die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufheben‹, oder ›Ich hebe
die Auflösung der Wahrnehmbarkeit auf‹, oder: ›Ich habe die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben‹; sondern er hat sein
Gemüth vorher soweit ausgebildet, dass es dafür empfänglich
wird.«

»Und wenn ein Mönch die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufhebt,
Ehrwürdige, was erscheint da zuerst wieder, die körperliche
Unterscheidung, oder die sprachliche Unterscheidung, oder die
geistige Unterscheidung?«

»Wenn ein Mönch, Bruder Visākho, die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit aufhebt, erscheint zuerst die geistige
Unterscheidung wieder, dann die körperliche und dann die
sprachliche.«

»Und was für Empfindungen, Ehrwürdige, kommen den Mönch an,
wenn er die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben hat?«

»Drei Empfindungen, Bruder Visākho, kommen den Mönch
an, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben
hat: die Empfindung der Leerheit, die Empfindung der
Vorstellungslosigkeit, die Empfindung der Reglosigkeit.«

»Und wohin neigt sich, wohin beugt sich, wohin senkt sich,
Ehrwürdige, das Gemüth eines Mönchs, der die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit aufgehoben hat?«

»Das Gemüth eines Mönchs, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit
aufgehoben hat, Bruder Visākho, neigt sich zur Einsamkeit,
beugt sich zur Einsamkeit, senkt sich zur Einsamkeit.«

»Was für Gefühle giebt es, Ehrwürdige?«

»Es giebt drei Arten von Gefühlen, Bruder Visākho: das freudige
Gefühl, das leidige Gefühl und das weder freudig noch leidige
Gefühl.«

»Und wie erklärt man, Ehrwürdige, das freudige Gefühl, wie das
leidige Gefühl und wie das weder freudig noch leidige Gefühl?«

»Körperliche oder geistige Freude, Bruder Visākho, die sich
angenehm fühlbar macht, ist das freudige Gefühl; körperliches
oder geistiges Leid, Bruder Visākho, das sich unangenehm
fühlbar macht, ist das leidige Gefühl; und körperliche oder
geistige Empfindung, Bruder Visākho, die sich weder angenehm
noch unangenehm fühlbar macht, ist das weder freudig noch            303
leidige Gefühl.«

»Und was ist beim freudigen Gefühl, Ehrwürdige, Freude und was
ist Leid, was ist beim leidigen Gefühl Leid und was ist Freude,
und was ist beim weder freudig noch leidigen Gefühl Freude und
was ist Leid?«

»Beim freudigen Gefühl, Bruder Visākho, ist die Dauer Freude
und der Wechsel Leid, beim leidigen Gefühl ist die Dauer Leid
und der Wechsel Freude, und beim weder freudig noch leidigen
Gefühl ist das Verstehn Freude und das Nichtverstehn Leid.«

»Und was für ein Trieb, Ehrwürdige, haftet dem freudigen
Gefühle an, was für ein Trieb haftet dem leidigen Gefühle
an, was für ein Trieb haftet dem weder freudig noch leidigen
Gefühle an?«

»Dem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, haftet der Trieb der
Gier an, dem leidigen Gefühle haftet der Trieb des Hassens an,
dem weder freudig noch leidigen Gefühle haftet der Trieb des
Nichtwissens an.«

»Und haftet der Trieb der Gier, Ehrwürdige, jedem freudigen
Gefühle an, haftet der Trieb des Hassens jedem leidigen Gefühle
an, haftet der Trieb des Nichtwissens jedem weder freudig noch
leidigen Gefühle an?«

»Nicht jedem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, haftet der
Trieb der Gier an, nicht jedem leidigen Gefühle haftet der
Trieb des Hassens an, nicht jedem weder freudig noch leidigen
Gefühle haftet der Trieb des Nichtwissens an.«

»Was ist nun, Ehrwürdige, beim freudigen Gefühle verwerflich,
was ist beim leidigen Gefühle verwerflich, was ist beim weder
freudig noch leidigen Gefühle verwerflich?«

»Beim freudigen Gefühl, Bruder Visākho, ist der Trieb der Gier
verwerflich, beim leidigen Gefühl ist der Trieb des Hassens
verwerflich, beim weder freudig noch leidigen Gefühl ist der
Trieb des Nichtwissens verwerflich.«

»Ist nun, Ehrwürdige, der Trieb der Gier bei jedem freudigen
Gefühl zu verwerfen, ist der Trieb des Hassens bei jedem
leidigen Gefühl zu verwerfen, ist der Trieb des Nichtwissens
bei jedem weder freudig noch leidigen Gefühl zu verwerfen?«

»Nicht bei jedem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, ist der
Trieb der Gier zu verwerfen, nicht bei jedem leidigen Gefühle
ist der Trieb des Hassens zu verwerfen, nicht bei jedem weder
freudig noch leidigen Gefühle ist der Trieb des Nichtwissens zu
verwerfen. Da weilt, Bruder Visākho, ein Mönch, gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten
Schauung; und so verwirft er die Gier, und kein Giertrieb
haftet ihm an. Und ein Mönch, Bruder Visākho, sagt zu sich
selbst: ›Wann doch nur werde ich das Gebiet erobert haben, das
die Heiligen schon besitzen?‹ Und indem er also voll Sehnsucht
der höchsten Erlösungen gedenkt, fühlt er sich schmerzlich
bewegt; und so verwirft er das Hassen, und kein Hassenstrieb         304
haftet ihm an. Und ein Mönch, Bruder Visākho, erwirkt nach
Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des
einstigen Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen,
freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die
vierte Schauung; und so verwirft er das Nichtwissen, und kein
Nichtwissenstrieb haftet ihm an.«

»Was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem freudigen Gefühle?«

»Aus dem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, erfolgt das leidige
Gefühl.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem leidigen Gefühle?«

»Aus dem leidigen Gefühle, Bruder Visākho, erfolgt das freudige
Gefühl.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem weder freudig noch
leidigen Gefühle?«

»Aus dem weder freudig noch leidigen Gefühle, Bruder Visākho,
erfolgt das Nichtwissen.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem Nichtwissen?«

»Aus dem Nichtwissen, Bruder Visākho, erfolgt das Wissen.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem Wissen?«

»Aus dem Wissen, Bruder Visākho, erfolgt die Erlösung.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus der Erlösung?«

»Aus der Erlösung, Bruder Visākho, erfolgt die Erlöschung.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus der Erlöschung?«

»Ueberschritten hast du, Bruder Visākho, das Fragen, man kann
den Begriff der Frage nicht fassen. Denn um in die Erlöschung
zu münden, Bruder Visākho, wird das Asketenleben geführt, in
die Erlöschung geht es ein, in der Erlöschung geht es auf. Wenn
es dir recht ist, Bruder Visākho, so gehe nun und bitte den
Erhabenen um Aufklärung: wie es dir der Erhabene darstellen
wird bewahre es.«

       *       *       *       *       *

Da war nun Visākho, der Anhänger, durch die Rede der Nonne
Dhammadinnā erfreut und befriedigt, erhob sich von seinem
Sitze, begrüßte die Nonne Dhammadinnā ehrerbietig, ging rechts
herum und begab sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort
angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich
seitwärts nieder. Zur Seite sitzend erzählte nun der Anhänger
Visākho dem Erhabenen Wort für Wort das Gespräch mit der Nonne
Dhammadinnā. Nach diesem Berichte wandte sich der Erhabene an
Visākho den Anhänger also:

»Weise, Visākho, ist die Nonne Dhammadinnā, wissensmächtig,
Visākho, ist die Nonne Dhammadinnā. Wolltest du mich um
Aufklärung bitten, Visākho, ich würde dir genau die selbe
Antwort geben, wie sie dir die Nonne Dhammadinnā gegeben hat:        305
denn das ist der Sinn, und also bewahre ihn.«

       *       *       *       *       *

So sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der Anhänger
Visākho über das Wort des Erhabenen.



                              45.

             Fünfter Theil            Fünfte Rede

                       DIE LEBENSFÜHRUNG

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Vier Arten der Lebensführung giebt es, ihr Mönche: welche
vier? Die Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges
Wehe bringt, die Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie
künftiges Wehe bringt, die Lebensführung, die gegenwärtiges
Wehe und künftiges Wohl bringt, und die Lebensführung, die
gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für eine Lebensführung, die
gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt? Manche Asketen
und Brāhmanen, ihr Mönche, sagen und lehren: ›Wir finden
kein Arg an der Lust.‹ Sie lassen der Lust freien Lauf, pflegen
Umgang mit lockigen Nonnen und sagen: ›Warum haben doch jene
lieben Asketen und Brāhmanen aus Vorsicht vor kommender
Schreckniss Verleugnung der Lust gepredigt, Ueberwindung
der Lust gelehrt? Süß ist die Umarmung mit dieser jungen,
geschmeidigen, flaumigen Nonne!‹ So reden sie und lassen die
Lust gewähren. Haben sie die Lust gewähren lassen, so gelangen
sie bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts,
auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil, und empfinden
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Dann sagen
sie: ›Dieses Schreckliche da haben jene lieben Asketen und
Brāhmanen vorausgesehn und Verleugnung der Lust gepredigt,
Ueberwindung der Lust gelehrt: denn Lust ist der Grund, Lust         306
ist die Ursache, dass wir jetzt schmerzliche, brennende,
stechende Gefühle empfinden!‹

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn gegen Ende des Sommers
ein kriechendes Schlinggewächs Frucht trüge, und es fiele
ein Saamenkorn an die Wurzel eines Prachtbaumes. Da würde,
ihr Mönche, die Gottheit die in dem Baume lebt, erschreckt
und bestürzt, in Aufregung gerathen. Aber nun kämen, ihr
Mönche, Freunde und Verwandte der Gottheit herbei, die
Haingottheiten, die Waldgottheiten, die Baumgottheiten,
alle die Götter die Kräuter, Gräser und Wipfel beleben
versammelten sich und sprächen tröstend im Chore: ›Fürchte
dich nicht, Lieber! Fürchte dich nicht, Lieber! Ganz sicher
wird ja dieses Saamenkorn von einem Fasan verschlungen oder
von einem Reh zerkaut oder bei einem Forstbrand vernichtet
oder von Waldarbeitern aufgelesen oder von Termiten
fortgeschleppt werden, oder es wird überhaupt nicht keimen.‹
Doch dieses Saamenkorn, ihr Mönche, würde weder von einem
Fasan verschlungen noch von einem Reh zerkaut noch bei einem
Forstbrand vernichtet noch von Waldarbeitern aufgelesen noch
von Termiten fortgeschleppt werden, sondern würde keimen.
Während der Regenzeit wände es sich empor, wüchse sich völlig
aus, wäre Liane geworden, jung, geschmeidig, flaumig, Ranken
treibend, und süchtig umklammerte diese den Prachtbaum. Da wäre
nun, ihr Mönche, der Gottheit die in diesem Baume lebt also zu
Muthe: ›Warum haben doch meine lieben Freunde und Verwandten,
die Haingottheiten, die Waldgottheiten, die Baumgottheiten,
die Götter der Kräuter, Gräser und Wipfel kommende
Schreckniss vom Saamenkorne befürchtet und insgesammt also
mir zugesprochen: ‚Fürchte dich nicht, Lieber! Fürchte dich
nicht, Lieber! Ganz sicher wird ja dieses Saamenkorn von einem
Fasan verschlungen oder von einem Reh zerkaut oder bei einem
Forstbrand vernichtet oder von Waldarbeitern aufgelesen oder
von Termiten fortgeschleppt werden, oder es wird überhaupt
nicht keimen‘: süß ist es ja, von dieser jungen, geschmeidigen,
flaumigen Liane umrankt zu werden!‹ Und sie schlängelte sich
um den Prachtbaum herum, um den Prachtbaum herumgeschlängelt
verzweigte sie sich oben, oben verzweigt wirkte sie einen
Rankenschleier herab, und mit diesem Rankenschleier erstickte
sie dann die mächtigen, mächtigen Stämme des Prachtbaumes. Da
wäre nun, ihr Mönche, der Gottheit die in diesem Baume lebt
also zu Muthe: ›Das ist das Schreckliche, das meine lieben
Freunde und Verwandten, die Haingottheiten, die Waldgottheiten,
die Baumgottheiten, die Götter der Kräuter, Gräser und Wipfel
vorausgesehn haben, und desshalb haben sie mich alle zusammen
trösten wollen: denn jenes Saamenkorn ist die Ursache, dass          307
ich schmerzliche, brennende, stechende Gefühle empfinde!‹ --:
Ebenso nun auch, ihr Mönche, sagen und lehren da manche Asketen
und Brāhmanen: ›Wir finden kein Arg an der Lust.‹ Sie lassen
der Lust freien Lauf, pflegen Umgang mit lockigen Nonnen und
sagen: ›Warum haben doch jene lieben Asketen und Brāhmanen
aus Vorsicht vor kommender Schreckniss Verleugnung der Lust
gepredigt, Ueberwindung der Lust gelehrt? Süß ist die Umarmung
mit dieser jungen, geschmeidigen, flaumigen Nonne!‹ So reden
sie und lassen die Lust gewähren. Haben sie die Lust gewähren
lassen, so gelangen sie bei der Auflösung des Körpers, nach dem
Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil,
und empfinden schmerzliche, brennende, stechende Gefühle.
Dann sagen sie: ›Dieses Schreckliche da haben jene lieben
Asketen und Brāhmanen vorausgesehn und Verleugnung der
Lust gepredigt, Ueberwindung der Lust gelehrt: denn Lust ist
der Grund, Lust ist die Ursache, dass wir jetzt schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle empfinden!‹ Das nennt man,
ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und
künftiges Wehe bringt.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für eine Lebensführung, die
gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt? Da ist
einer, ihr Mönche, ein Unbekleideter, ein Ungebundener, ein
Handverköster[35], kein Ankömmling, kein Abwärtling, gestattet
keine Darreichung, keine Vergünstigung, keine Einladung, späht
beim Empfangen des Almosens nicht nach dem Topfe, nicht nach
der Schüssel, nicht über die Schwelle, nicht über das Gitter,
nicht in den Kessel hinein, nimmt nicht von zu zweit Speisenden
an, nicht von einer Schwangeren, nicht von einer Säugenden,
nicht von einer, die vom Manne kommt, nicht von Beschmutzten,
nicht wo ein Hund dabei steht, nicht wo Fliegen hin und her
schwärmen, isst keinen Fisch, kein Fleisch, trinkt keinen
Wein, kein gebranntes Wasser, keinen gegohrenen Haferschleim.
Er geht zu einem Hause und begnügt sich mit einer handvoll
Almosenspeise; geht zu zwei Häusern und begnügt sich mit zwei
handvoll Almosenspeise; geht zu sieben Häusern und begnügt
sich mit sieben handvoll Almosenspeise. Er fristet sein Leben
durch die Mildthätigkeit von nur einer Spenderin, von nur
zwei Spenderinen, von nur sieben Spenderinen. Er nimmt nur
jeden ersten Tag Nahrung ein, nur jeden zweiten Tag, nur jeden
siebenten Tag. Solcherart wechselnd beobachtet er streng diese
bis auf einen halben Monat ausgedehnte Fastenübung. Oder er          308
lebt von Kräutern und Pilzen, von wildem Reis und Korn, von
Saamen und Kernen, von Pflanzenmilch und Baumharz, von Gräsern,
von Kuhmist, fristet sich von Wurzeln und Früchten des Waldes,
lebt von abgefallenen Früchten. Auch trägt er das hänfene Hemd,
trägt das härene Hemd, trägt einen Rock, geflickt aus den im
Leichenhof und auf der Straße gefundenen Fetzen, hüllt sich
in Lumpen, in Felle, in Häute, gürtet sich mit Flechten aus
Gras, mit Flechten aus Rinde, mit Flechten aus Laub, birgt
die Blöße unter pelzigem Schurze, unter borstigem Schurze,
unter einem Eulenflügel. Und er rauft sich Haupt- und Barthaar
aus, die Regel der Haar- und Bartausraufer befolgend; ist ein
Stetigsteher, verwirft Sitz und Lager; ist ein Fersensitzer,
übt die Zucht der Fersensitzer; ist Dornenseitiger und legt
sich zur Seite auf ein Dornenlager; steigt allabendlich zum
dritten Mal herab ins Büßerbad. So übt er sich gar vielfach in
des Körpers inbrünstiger Schmerzensaskese. Der gelangt bei der
Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte
Fährte, in Verderben und Unheil. Das nennt man, ihr Mönche,
eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe
bringt.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für eine Lebensführung, die
gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt? Da ist einer,
ihr Mönche, von Natur aus heftigem Begehren geneigt, und das
Begehren lässt ihn oft Schmerz und Quaal empfinden; ist von
Natur aus heftigem Hasse geneigt, und der Hass lässt ihn
oft Schmerz und Quaal empfinden; ist von Natur aus heftigem
Wahne geneigt, und der Wahn lässt ihn oft Schmerz und Quaal
empfinden. Und nur mit Schmerzen, nur mit Quaalen, nur unter
bitteren Thränen kann er das lautere, reine Leben der
Heiligkeit führen. Der gelangt bei der Auflösung des Körpers,
nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt. Das nennt man,
ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und
künftiges Wohl bringt.

»Und was für eine Lebensführung ist es, ihr Mönche, die
gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt? Da ist einer,
ihr Mönche, von Natur aus heftigem Begehren nicht geneigt, und
das Begehren lässt ihn selten Schmerz und Quaal empfinden;
ist von Natur aus heftigem Hasse nicht geneigt, und der Hass
lässt ihn selten Schmerz und Quaal empfinden; ist von Natur
aus heftigem Wahne nicht geneigt, und der Wahn lässt ihn             309
selten Schmerz und Quaal empfinden. Gar fern von Begierden,
fern von unheilsamen Dingen weilt er in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten
Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens erwirkt
er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von
sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige
Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe
verweilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück
empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der
gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die
Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig
einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Der
gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf
gute Fährte, in sälige Welt. Das nennt man, ihr Mönche, eine
Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl
bringt. Das sind, ihr Mönche, die vier Arten der Lebensführung.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              46.

             Fünfter Theil            Sechste Rede

                       DIE LEBENSFÜHRUNG

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Die meisten Menschen, ihr Mönche, hegen das Verlangen,
hegen den Wunsch, hegen die Absicht: ›Ach, möchte sich doch
das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche mindern und
das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche mehren!‹ Und diesen
Menschen, ihr Mönche, die solches Verlangen, solchen Wunsch,
solche Absicht hegen, mehrt sich das Unersehnte, Unerwünschte,
Unerfreuliche, mindert sich das Ersehnte, Erwünschte,
Erfreuliche. Was gebt ihr da, Mönche, als Grund an?«

»Vom Erhabenen stammt unser Wissen, o Herr, vom Erhabenen geht       310
es aus, auf den Erhabenen geht es zurück. Gut wär’ es, o Herr,
wenn nur der Erhabene jenen eigenthümlichen Umstand erklären
wollte! Das Wort des Erhabenen werden wir bewahren.«

»Wohlan denn, ihr Mönche, so höret und achtet wohl auf meine
Rede.«

»Gewiss, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Da ist einer, ihr Mönche, ein unerfahrener gewöhnlicher
Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig,
der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der
Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich,
kennt weder die zu pflegenden Dinge noch die nicht zu
pflegenden Dinge, kennt weder die würdigen Dinge noch die
nichtswürdigen Dinge. Unbekannt mit den zu pflegenden Dingen,
unbekannt mit den nicht zu pflegenden Dingen, unbekannt mit den
würdigen Dingen, unbekannt mit den nichtswürdigen Dingen pflegt
er die nicht zu pflegenden Dinge und pflegt die zu pflegenden
Dinge nicht, würdigt er die nichtswürdigen Dinge und würdigt
die würdigen Dinge nicht. Und indem er nicht zu pflegende Dinge
pflegt und zu pflegende Dinge nicht pflegt, nichtswürdige
Dinge würdigt und würdige Dinge nicht würdigt mehrt sich das
Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mindert sich das
Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben
also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer unwissend ist.

»Doch der erfahrene heilige Jünger, ihr Mönche, das Heilige
verstehend, der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre
wohlzugänglich, das Edle verstehend, der Lehre der Edlen
kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich, kennt die zu
pflegenden Dinge und kennt die nicht zu pflegenden Dinge,
kennt die würdigen Dinge und kennt die nichtswürdigen Dinge.
Bekannt mit den zu pflegenden Dingen, bekannt mit den nicht zu
pflegenden Dingen, bekannt mit den würdigen Dingen, bekannt mit
den nichtswürdigen Dingen pflegt er die nicht zu pflegenden
Dinge nicht und pflegt die zu pflegenden Dinge, würdigt er die
nichtswürdigen Dinge nicht und würdigt die würdigen Dinge. Und
indem er nicht zu pflegende Dinge nicht pflegt und zu pflegende
Dinge pflegt, nichtswürdige Dinge nicht würdigt und würdige
Dinge würdigt, mindert sich das Unersehnte, Unerwünschte,
Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte, Erwünschte,
Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn
muss, wenn einer wissend ist.

»Vier Arten der Lebensführung giebt es, ihr Mönche: welche
vier? Die Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges
Wehe bringt, die Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und           311
künftiges Wehe bringt, die Lebensführung, die gegenwärtiges
Wehe und künftiges Wohl bringt, und die Lebensführung, die
gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die
gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt, so begreift
diese der Unverständige nicht, erkennt nicht der Wahrheit
gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe
sowie künftiges Wehe bringt.‹ Da er sie nicht begreift, nicht
versteht, nicht der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie,
entsagt ihr nicht. Und indem er sie pflegt und ihr nicht
entsagt mehrt sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche
und mindert sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und
warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer
unwissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die
gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt, so begreift diese
der Unverständige nicht, erkennt nicht der Wahrheit gemäß: ›Das
ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges
Wehe bringt.‹ Da er sie nicht begreift, nicht versteht, nicht
der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie, entsagt ihr nicht.
Und indem er sie pflegt und ihr nicht entsagt mehrt sich das
Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mindert sich das
Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben
also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer unwissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die
gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt, so begreift diese
der Unverständige nicht, erkennt nicht der Wahrheit gemäß: ›Das
ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges
Wohl bringt.‹ Da er sie nicht begreift, nicht versteht, nicht
der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie nicht, entsagt ihr.
Und indem er sie nicht pflegt und ihr entsagt mehrt sich das
Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mindert sich das
Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben
also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer unwissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die
gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, so begreift
diese der Unverständige nicht, erkennt nicht der Wahrheit
gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl
sowie künftiges Wohl bringt.‹ Da er sie nicht begreift, nicht
versteht, nicht der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie
nicht, entsagt ihr. Und indem er sie nicht pflegt und ihr
entsagt mehrt sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche       312
und mindert sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und
warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer
unwissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die
gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt, so begreift
diese der Verständige, erkennt der Wahrheit gemäß: ›Das ist
eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges
Wehe bringt.‹ Da er sie begreift, versteht, der Wahrheit gemäß
erkennt, pflegt er sie nicht, entsagt ihr. Und indem er sie
nicht pflegt und ihr entsagt mindert sich das Unersehnte,
Unerwünschte, Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte,
Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr
Mönche, geschehn muss, wenn einer wissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die
gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt, so begreift
diese der Verständige, erkennt der Wahrheit gemäß: ›Das ist
eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe
bringt.‹ Da er sie begreift, versteht, der Wahrheit gemäß
erkennt, pflegt er sie nicht, entsagt ihr. Und indem er sie
nicht pflegt und ihr entsagt mindert sich das Unersehnte,
Unerwünschte, Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte,
Erwünschte. Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr
Mönche, geschehn muss, wenn einer wissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die
gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt, so begreift
diese der Verständige, erkennt der Wahrheit gemäß: ›Das ist
eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl
bringt.‹ Da er sie begreift, versteht, der Wahrheit gemäß
erkennt, pflegt er sie, entsagt ihr nicht. Und indem er sie
pflegt und ihr nicht entsagt mindert sich das Unersehnte,
Unerwünschte, Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte,
Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr
Mönche, geschehn muss, wenn einer wissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die
gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, so begreift
diese der Verständige, erkennt der Wahrheit gemäß: ›Das ist
eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges
Wohl bringt.‹ Da er sie begreift, versteht, der Wahrheit gemäß
erkennt, pflegt er sie, entsagt ihr nicht. Und indem er sie
pflegt und ihr nicht entsagt mindert sich das Unersehnte,
Unerwünschte, Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte,
Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr
Mönche, geschehn muss, wenn einer wissend ist.

»Wie ist aber, Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges          313
Wehe sowie künftiges Wehe bringt? Da ist einer, ihr Mönche,
unter Schmerzen und Quaalen ein Mörder und empfindet seines
Mordes wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen
und Quaalen ein Dieb und empfindet seines Diebstahls wegen
Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen ein
Wüstling und empfindet seines Wüstens wegen Schmerzen und
Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen ein Lügner und
empfindet seiner Lüge wegen Schmerzen und Quaalen, ist
unter Schmerzen und Quaalen ein Verleumder und empfindet
seiner Verleumdung wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter
Schmerzen und Quaalen barsch und empfindet seiner Barschheit
wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen
geschwätzig und empfindet seiner Geschwätzigkeit wegen
Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen
selbstsüchtig und empfindet seiner Selbstsucht wegen Schmerzen
und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen boshaft und
empfindet seiner Bosheit wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter
Schmerzen und Quaalen falsch und empfindet seiner Falschheit
wegen Schmerzen und Quaalen. Der gelangt bei der Auflösung
des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte,
in Verderben und Unheil. Das nennt man, ihr Mönche, eine
Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe
bringt.

»Wie ist aber, Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges
Wohl und künftiges Wehe bringt? Da ist einer, ihr Mönche, mit
Lust und Genügen ein Mörder und genießt seinen Mord mit Lust
und Genügen, ist mit Lust und Genügen ein Dieb und genießt
seinen Diebstahl mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen
ein Wüstling und genießt sein Wüsten mit Lust und Genügen,
ist mit Lust und Genügen ein Lügner und genießt seine Lüge
mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen ein Verleumder
und genießt seine Verleumdung mit Lust und Genügen, ist mit          314
Lust und Genügen barsch und genießt seine Barschheit mit Lust
und Genügen, ist mit Lust und Genügen geschwätzig und genießt
seine Geschwätzigkeit mit Lust und Genügen, ist mit Lust und
Genügen selbstsüchtig und genießt seine Selbstsucht mit Lust
und Genügen, ist mit Lust und Genügen boshaft und genießt
seine Bosheit mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen
falsch und genießt seine Falschheit mit Lust und Genügen. Der
gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts,
auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil. Das nennt man,
ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und
künftiges Wehe bringt.

»Wie ist aber, Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges
Wehe und künftiges Wohl bringt? Da hält sich einer, ihr
Mönche, unter Schmerzen und Quaalen vom Morde zurück und seine
Verwerfung des Mordes kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält
sich unter Schmerzen und Quaalen vom Diebstahl zurück und seine
Verwerfung des Diebstahls kostet ihn Schmerzen und Quaalen,
hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Wüsten zurück und
seine Verwerfung des Wüstens kostet ihn Schmerzen und Quaalen,
hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Lügen zurück und
seine Verwerfung des Lügens kostet ihn Schmerzen und Quaalen,
hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Verleumden zurück
und seine Verwerfung des Verleumdens kostet ihn Schmerzen und
Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Barschsein
zurück und seine Verwerfung der Barschheit kostet ihn Schmerzen
und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom
Schwatzen zurück und seine Verwerfung des Schwatzens kostet ihn
Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen
von der Selbstsucht zurück und seine Verwerfung der Selbstsucht
kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen
und Quaalen von der Bosheit zurück und seine Verwerfung der          315
Bosheit kostet ihn Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen
und Quaalen wahrhaft und seine Wahrhaftigkeit kostet ihn
Schmerzen und Quaalen. Der gelangt bei der Auflösung des
Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt. Das
nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges
Wehe und künftiges Wohl bringt.

»Und wie ist, ihr Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges
Wohl sowie künftiges Wohl bringt? Da hält sich einer, ihr
Mönche, mit Lust und Genügen vom Morde zurück und seine
Verwerfung des Mordes gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich
mit Lust und Genügen vom Diebstahl zurück und seine Verwerfung
des Diebstahls gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust
und Genügen vom Wüsten zurück und seine Verwerfung des Wüstens
gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen
von der Lüge zurück und seine Verwerfung der Lüge gewährt ihm
Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Verleumden
zurück und seine Verwerfung des Verleumdens gewährt ihm Lust
und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Barschsein
zurück und seine Verwerfung der Barschheit gewährt ihm Lust
und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Schwatzen
zurück und seine Verwerfung des Schwatzens gewährt ihm Lust und
Genügen, hält sich mit Lust und Genügen von der Selbstsucht
zurück und seine Verwerfung der Selbstsucht gewährt ihm Lust
und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen von der Bosheit
zurück und seine Verwerfung der Bosheit gewährt ihm Lust
und Genügen, ist mit Lust und Genügen wahrhaft und seine
Wahrhaftigkeit gewährt ihm Lust und Genügen. Der gelangt bei
der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in
sälige Welt. Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die
gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt. Das sind, ihr
Mönche, die vier Arten der Lebensführung.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man eine Kürbissflasche
da hätte, mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei,
der leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe
verabscheut, und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, diese
Kürbissflasche ist mit Gift versetzt: wenn du willst, so             316
trinke. Aber dieser Trank wird dir nicht behagen, weder an
Farbe, noch an Geruch und Geschmack, und nach dem Genusse
wirst du sterben oder tödtliche Schmerzen erleiden.‹ Doch
unbesonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank
behagte ihm weder an Farbe noch an Geruch und Geschmack, und
nachdem er ihn getrunken, stürbe er oder erlitte tödtliche
Schmerzen: -- Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist
eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe
bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man eine Trinkschaale da
hätte, mit schönem, duftendem, wohlschmeckendem Inhalte, aber
mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei, der leben,
nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut,
und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, diese Trinkschaale
birgt schönes, duftendes, wohlschmeckendes Nass, ist aber mit
Gift versetzt: wenn du willst, so trinke. Zwar wird dir der
Trank behagen, an Farbe, Duft und Wohlgeschmack, aber nach dem
Genusse wirst du sterben oder tödtliche Schmerzen erleiden.‹
Doch unbesonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und
der Trank behagte ihm zwar an Farbe, Duft und Wohlgeschmack,
nachdem er ihn aber getrunken, stürbe er oder erlitte tödtliche
Schmerzen: -- Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist
eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe
bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man faulen Urin da hätte,
mit mancherlei Heilkräutern versetzt, und es käme ein Mann
herbei, der die Gelbsucht hat, und man spräche also zu ihm:
›Lieber Mann, dieser faule Urin ist mit mancherlei Heilkräutern
versetzt: wenn du willst, so trinke. Der Trank wird dir
freilich nicht behagen, weder an Farbe noch an Geruch und
Geschmack, aber der Genuss wird dir wohlbekommen.‹ Und besonnen
tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank behagte
ihm freilich weder an Farbe noch an Geruch und Geschmack,
nachdem er ihn aber getrunken, würde ihm wohl: -- Dem zu
vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine Lebensführung, die
gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man Rahm und Honig, Butteröl
und Zucker da hätte, innig vermischt, und es käme ein Mann
herbei, der an Blutbrechen litte, und man spräche also zu ihm:
›Lieber Mann, hier ist Rahm und Honig, Butteröl und Zucker,          317
innig vermischt: wenn du willst, so trinke. Dieser Trank wird
dir an Farbe, Duft und Geschmack eben recht sein, und der
Genuss wird dir wohlthun.‹ Und besonnen tränke er ihn, wiese
ihn nicht zurück. Und der Trank wär’ ihm eben recht an Farbe,
Duft und Geschmack, und nachdem er ihn getrunken, würde ihm
wohl: -- Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine
Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl
bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn im letzten Monat der
Regenzeit, im Herbste, nach Zerstreuung und Vertreibung der
wasserschwangeren Wolken die Sonne am Himmel aufgeht und alle
Nebel der Lüfte strahlend verscheucht und flammt und leuchtet:
ebenso nun auch, ihr Mönche, erscheint da diese Lebensführung,
die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, und
verscheucht strahlend die Redereien gewöhnlicher Büßer und
Priester und flammt und leuchtet.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              47.

            Fünfter Theil            Siebente Rede

                         DER FORSCHER


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Ein forschender Mönch, ihr Mönche, der seines Nächsten
Gemüthsart versteht, soll beim Vollendeten die Prüfung
anstellen: ›Ist er der vollkommen Erwachte, oder ist er es
nicht?‹ Darüber muss er sich klar werden.«

»Vom Erhabenen stammt unser Wissen, o Herr, vom Erhabenen geht
es aus, auf den Erhabenen geht es zurück. Gut wär’ es, o Herr,
wenn doch der Erhabene den Sinn dieser Rede erläutern wollte!
Das Wort des Erhabenen werden wir bewahren.«

»Wohlan denn, ihr Mönche, so höret und achtet wohl auf meine
Rede.«

»Gern, o Herr!« erwiderten da aufmerksam jene Mönche dem             318
Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Ein forschender Mönch, ihr Mönche, der seines Nächsten
Gemüthsart versteht, soll bei zwei Dingen den Vollendeten
prüfen, bei den sichtbaren und bei den hörbaren Dingen: ›Die
unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die
beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Und indem er
ihn prüft erkennt er: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und
hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ Und wenn
er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter: ›Die
wechselvollen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich
die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Und indem er
ihn prüft erkennt er: ›Die wechselvollen Dinge, die sichtbar
und hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ Und
wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter:
›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden
sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Und
indem er ihn prüft erkennt er: ›Die abgeklärten Dinge, die
sichtbar und hörbar sind, die finden sich beim Vollendeten‹:
Und wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn
weiter: ›Ist es schon lange her, dass der Ehrwürdige diese
treffliche Satzung entdeckt hat, oder ist es eben erst
geschehn?‹ Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Lang’ ist es
her, dass der Ehrwürdige diese treffliche Satzung entdeckt hat,
nicht ist der Ehrwürdige eben erst dazu gekommen.‹ Und wenn er
ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter: ›Zu
Ansehn ist der Ehrwürdige gelangt, ist ein berühmter Mönch
geworden: da wird sich manches Elend bei ihm finden.‹ Denn
desshalb kann man nicht bei einem Mönch, ihr Mönche, Elend
finden, weil er kein Ansehn, keinen Ruhm gewonnen hat: ist aber
erst ein Mönch, ihr Mönche, angesehn, berühmt geworden, dann
stellt sich manches Elend bei ihm ein. Und indem er ihn prüft
erkennt er: ›Zu Ansehn ist der Ehrwürdige gelangt, ist ein           319
berühmter Mönch geworden, doch lässt sich da kein Elend bei ihm
finden.‹ Und wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft
er ihn weiter: ›Ist der Ehrwürdige ohne Fürchten beschwichtigt,
ist der Ehrwürdige nicht aus Fürchten beschwichtigt? Pflegt
der Ehrwürdige, verlangensledig, keiner Lust, versiegten
Verlangens?‹ Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Ohne Fürchten
beschwichtigt ist der Ehrwürdige, nicht ist der Ehrwürdige
aus Fürchten beschwichtigt: verlangensledig pflegt er keiner
Lust, versiegten Verlangens.‹ Wenn man nun diesen Mönch,
ihr Mönche, fragte: ›Was für Anhalt, was für Anlass hat
wohl der ehrwürdige Bruder, also zu sprechen ‚Ohne Fürchten
beschwichtigt ist jener Ehrwürdige, nicht ist jener Ehrwürdige
aus Fürchten beschwichtigt: verlangensledig pflegt er keiner
Lust, versiegten Verlangens‘‹, so würde der Mönch, ihr Mönche,
rechten Bescheid also geben: ›Der Gleiche ist jener Ehrwürdige,
ob er unter den Jüngern weilt oder allein, und sanfte Gesellen
und rauhe Gesellen, wie sie da sind, die Häupter des Ordens,
Erdensöhne und Erdenüberwinder: keinen schätzt jener Ehrwürdige
darum gering. Und vom Munde des Erhabenen hab’ ich es gehört,
von seinem Munde vernommen:

    ‚Beschwichtigt bin ich ohne Fürchten,
    Nicht bin aus Fürchten ich beschwichtigt:
    Verlangensledig lustentpflegt
    Ist was Verlangen war versiegt.‘‹

»Und nun, ihr Mönche, ist noch der Vollendete selbst zu
befragen: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind,
finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹
Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre dieser:
›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden
sich nicht beim Vollendeten.‹ ›Die wechselvollen Dinge, die
sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten,
oder finden sie sich nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den
der Vollendete gäbe, wäre dieser: ›Die wechselvollen Dinge,
die sichtbar und hörbar sind, die finden sich nicht beim
Vollendeten.‹ ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar
sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich
nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre
dieser: ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind,
die finden sich beim Vollendeten,

    Meine Spuren sind es nur,
    Meine Bahnen nur,
    Aber ich bin andrer Art.‹

»Einen Meister, ihr Mönche, der also spricht, mag der Jünger
wohl aufsuchen, seine Satzung zu hören. Und der Meister legt
ihm die Satzung dar, weit und weiter, innig und inniger,
mit ihren Theilen von dunkel und licht. Wie nun der Meister
die Satzung darlegt, weit und weiter, innig und inniger,
mit ihren Theilen von dunkel und licht, wird sie dem Jünger          320
klarer und klarer, und Satz um Satz erschließt sich ihm, und
er erkennt den Meister: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,
wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die
Jüngerschaft.‹ Wenn man nun diesen Mönch, ihr Mönche, fragte:
›Was für Anhalt, was für Anlass hat aber der Ehrwürdige, zu
sagen ‚Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom
Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft‘‹, so
würde der Mönch, ihr Mönche, rechten Bescheid also geben: ›Ich
war da, Brüder, zum Erhabenen gegangen, seine Satzung zu hören.
Und der Erhabene legte mir die Satzung dar, weit und weiter,
innig und inniger, mit ihren Theilen von dunkel und licht. Wie
mir nun da der Erhabene die Satzung darlegte, weit und weiter,
innig und inniger, mit ihren Theilen von dunkel und licht,
ward sie mir klarer und klarer, und Satz um Satz erschloss
sich mir, und ich erkannte den Meister: Vollkommen erwacht
ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung,
wohlvertraut die Jüngerschaft.‹

»Bei wem da, ihr Mönche, Zuversicht zum Vollendeten mit
solchem Anhalt, auf solche Weise, unter solchen Umständen Boden
gefunden, Wurzel geschlagen, standgehalten hat: die wird, ihr
Mönche, Zuversicht des Anhalts genannt, in der Anschauung
wurzelnd, stark, und kein Büßer oder Priester, kein Gott und
kein Teufel, kein Brahmā noch irgendeiner in der Welt kann sie
ausroden.

»Das ist die Art, ihr Mönche, wie man beim Vollendeten die
Satzung prüft, und das ist die Art, wie der Vollendete der
Satzung gemäß wohl geprüft wird.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              48.

              Fünfter Theil            Achte Rede

                          VOR KOSAMBĪ


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Kosambī, in der Gartenstiftung. Zu jener Zeit nun war unter den
Mönchen von Kosambī Zank und Streit ausgebrochen, sie haderten
mit einander und scharfe Wortgefechte fanden statt. Sie konnten
sich nicht versöhnen und wiesen eine Versöhnung ab, sie
konnten sich nicht verständigen und blieben der Verständigung
unzugänglich.

Da begab sich nun einer der Mönche zum Erhabenen, begrüßte den       321
Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur
Seite sitzend sprach jener Mönch zum Erhabenen also:

»Es ist da, o Herr, unter den Kosambiyer Mönchen Zank und
Streit ausgebrochen, sie hadern mit einander und scharfe
Wortgefechte finden statt. Sie können sich nicht versöhnen und
weisen eine Versöhnung ab, sie können sich nicht verständigen
und bleiben der Verständigung unzugänglich.«

Da gab nun der Erhabene einem Mönche den Auftrag:

»Geh’, lieber Mönch, und sag’ in meinem Namen jenen Mönchen:
Der Meister lässt euch Ehrwürdige rufen.«

»Gut, o Herr!« erwiderte der Mönch dem Erhabenen und begab sich
zu jenen Mönchen. Dort angelangt sprach er also zu ihnen:

»Der Meister lässt euch Ehrwürdige rufen.«

»Wohl, Bruder, wir kommen!« sagten jene Mönche und begaben
sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßten den Erhabenen
ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder. Zu den dort
Sitzenden sprach nun der Erhabene also:

»Ist es wahr, wie man sagt, dass unter euch Mönchen Zank und
Streit ausgebrochen sei, dass ihr mit einander hadert und
scharfe Wortgefechte führt? Dass ihr euch nicht versöhnen
könnt und eine Versöhnung zurückweist, dass ihr euch nicht
verständigen könnt und der Verständigung unzugänglich bleibt?«

»Allerdings, o Herr!«

»Was meint ihr nun, Mönche: zu einer Zeit wo ihr unter einander
in Zank, Streit und Hader liegt und euch mit scharfer
Rede angreift, dient ihr wohl zu einer solchen Zeit eueren
Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen als verborgen,
mit liebevollem Wort, so offen als verborgen, mit liebevollem
Herzen, so offen als verborgen?«

»Freilich nicht, o Herr!«

»So ist es klar, Mönche, dass ihr zu einer solchen Zeit eueren
Ordensbrüdern weder mit liebevoller That dienet, so offen als
verborgen, noch mit liebevollem Worte, so offen als verborgen,
noch mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen. Was wollt
ihr also, Bethörte, was bezweckt ihr, was beabsichtigt ihr mit
euerem Zanken, Streiten und Hadern, mit eurer scharfen Rede,         322
mit eurer Unversöhnlichkeit und Unverständigkeit? Das wird euch
Bethörten lange zum Unheil, zum Leiden gereichen.«

Und der Erhabene wandte sich nun an die Mönche:

»Sechs Dinge giebt es, ihr Mönche, nicht zu vergessende,
hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss,
zum Frieden, zur Eintracht führen: und welche sind das?
Da dient, ihr Mönche, ein Mönch seinen Ordensbrüdern mit
liebevoller That, so offen als verborgen. Das ist eines der
nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum
allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt.
Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient seinen Ordensbrüdern
mit liebevollem Worte, so offen als verborgen. Auch das ist
eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen
Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur
Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient
seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Herzen, so offen als
verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch
und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss,
zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche:
wenn der Mönch Gaben empfängt, Ordenspenden, so theilt er
sie nicht nach Belieben, sondern bis auf die Brocken in
seiner Almosenschaale nach dem Maaße der bewährten Brüder des
Ordens. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und
hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum
Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der
Mönch bewahrt die Ordenspflichten, ungebrochen, unverletzt,
ungemustert, ungesprenkelt, aus freiem Entschlusse, als von
Verständigen gepriesen, nicht angetastet, zur Vertiefung
tauglich, er übt diese Pflichten gleich seinen Ordensbrüdern,
so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu
vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum
allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt.
Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch hat jene Ansicht,
die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur völligen
Leidensversiegung ausreicht, jene Ansicht hat er mit seinen
Ordensbrüdern gemeinsam bewahrt, so offen als verborgen.
Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr
gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden,
zur Eintracht führt.

»Das aber, Mönche, sind die sechs Dinge, nicht zu vergessende,
hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss,
zum Frieden, zur Eintracht führen. Und von diesen sechs
Dingen, ihr Mönche, die nicht zu vergessen sind, ist eines
das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: es ist
jene Ansicht, die heilige ausreichende, die dem Grübler zur
völligen Leidensversiegung ausreicht. Gleichwie etwa, Mönche,
bei einem Thurme eines das beste, eines der Inbegriff, eines
alles zusammen ist, nämlich die Zinne: ebenso nun auch, ihr          323
Mönche, ist bei diesen sechs Dingen, den nicht zu vergessenden,
eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen:
jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur
völligen Leidensversiegung ausreicht.

»Wie reicht nun, ihr Mönche, jene Ansicht, die heilige,
ausreichende, dem Grübler zur völligen Leidensversiegung aus?
Da geht, ihr Mönche, der Mönch in den Wald, oder an einen Baum,
oder in leere Klause, und erforscht sich also: ›Ist wohl in
mir noch eine Umspinnung, die mein Herz derart umsponnen hat,
dass ich nicht klar und richtig denken und sehn kann?‹ Wenn
ein Mönch, ihr Mönche, gierumsponnen ist, so ist sein Herz
eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, hassumsponnen ist,
so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche,
trägheitumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn
ein Mönch, ihr Mönche, stolzumsponnen ist, so ist sein Herz
eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, zweifelumsponnen
ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr
Mönche, dieser Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen.
Wenn ein Mönch, ihr Mönche, jener Welt nachhängt, so ist
sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, Zank
und Streit liebt, hadert, sich in scharfe Reden einlässt, so
ist sein Herz eben umsponnen. Er aber erkennt: ›Es ist keine
Umspinnung in mir, die mein Herz derart umsponnen hätte, dass
ich nicht klar und richtig denken und sehn könnte. Wohl
empfänglich ist mein Sinn, die Wahrheiten zu fassen.‹ Das ist
die erste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige,
überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich
also: ›Weil ich nun jene Ansicht hege und pflege und ausbilde,
gelang’ ich da zur eigenen Ebbung, gelang’ ich da zur eigenen
Erlöschung?‹ Und er erkennt: ›Weil ich jene Ansicht hege und
pflege und ausbilde gelang’ ich zur eigenen Ebbung, gelang’ ich
zur eigenen Erlöschung.‹ Das ist die zweite Wissenschaft, die
er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen
Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich
also: ›Jene Ansicht, die ich mir angeeignet habe, kann die wohl
auch außerhalb dieser Regel von einem anderen Asketen oder
Priester ganz ebenso gefunden werden?‹ Und er erkennt: ›Jene
Ansicht, die ich mir angeeignet habe, die kann nicht außerhalb
dieser Regel von einem anderen Asketen oder Priester ganz
ebenso gefunden werden.‹ Das ist die dritte Wissenschaft, die        324
er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen
Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich
also: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe
auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Art aber ist es, ihr
Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Die Art des
Ansichtvertrauten, ihr Mönche, ist diese: hat er irgendwie
eine Uebertretung begangen, die gesühnt werden muss, so geht
er alsbald zum Meister oder zu erfahrenen Ordensbrüdern,
bekennt seine Schuld, deckt sie auf, legt sie dar, und hat er
sie bekannt gemacht, aufgedeckt, dargelegt, so hütet er sich
künftighin. Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein zarter Knabe, ein
unvernünftiger Säugling, mit der Hand oder mit dem Fuße von
ungefähr auf glühende Kohlen stoßend rasch zurückfährt: ebenso
nun auch, ihr Mönche, ist es die Art des Ansichtvertrauten,
dass er eine irgendwie begangene Uebertretung, die er sühnen
muss, alsbald dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern bekannt
giebt, aufdeckt, darlegt und sich künftighin hütet. Und er
erkennt: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, die
habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die vierte Wissenschaft,
die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit
gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht
sich also: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat,
habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Art aber ist
es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Die
Art des Ansichtvertrauten, ihr Mönche, ist diese: haben die
Ordensbrüder irgendwie da oder dort Obliegenheiten auf sich
zu nehmen, so ist er mit Eifer dabei, und innig ist er bemüht
hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu pflegen, hohe Weisheit
zu pflegen. Gleichwie etwa, ihr Mönche, eine junge Mutterkuh
die Hürde durchbricht und ihr Kälblein aufsucht: ebenso nun
auch, ihr Mönche, ist es die Art des Ansichtvertrauten, dass er
mit Eifer an allen Obliegenheiten der Ordensbrüder theilnimmt
und innig bemüht ist hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu
pflegen, hohe Weisheit zu pflegen. Und er erkennt: ›Jene Art,
die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir
erworben.‹ Das ist die fünfte Wissenschaft, die er gewonnen
hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen
unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich        325
also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat,
habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber
ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat?
Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass
er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten
achtsam, aufmerksam, mit ganzem Gemüthe hingegeben, offenen
Ohres die Lehre hört. Und er erkennt: ›Jene Kraft, die der
Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹
Das ist die sechste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine
heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich
also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat,
habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber
ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat?
Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass
er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten
zum Verständniss des Sinnes, zum Verständniss der Lehre, zum
verständnissvollen Genusse der Lehre gelangt. Und er erkennt:
›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe
auch ich mir erworben.‹ Das ist die siebente Wissenschaft, die
er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen
Begriffen unvereinbare.

»Der also siebenfach gefeite heilige Jünger, ihr Mönche, hat
seine Art genugsam geprüft, um das Ziel seiner Hörerschaft
zu erwirken. Der also siebenfach gefeite heilige Jünger, ihr
Mönche, hat das Ziel seiner Hörerschaft gefunden.«[36]

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.



                              49.

             Fünfter Theil            Neunte Rede

                      BRAHMĀS HEIMSUCHUNG


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           326
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Eines Tages, ihr Mönche, weilte ich da bei Ukkaṭṭhā, im
Lustwalde, am Fuße eines Königsbaumes. Damals aber, ihr Mönche,
war der Brahmā Bako[37] zu der falschen Ansicht gekommen:
›Hier ist das Ewige, hier das Beharrende, Immerwährende, hier
ist Unauflösbarkeit und Unvergänglichkeit: denn hier herrscht
kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und
Wiedererscheinen; und es giebt keine andere, höhere Freiheit
als diese.‹

»Und ich erkannte, ihr Mönche, des Brahmās Bako Gedanken,
und gleichwie etwa ein kräftiger Mann den eingezogenen Arm
ausstrecken oder den ausgestreckten Arm einziehn mag, ebenso
verschwand ich da von Ukkaṭṭhā, aus dem Lustwalde, vom Fuße
des Königsbaumes, und erschien in jener Brahmawelt. Da sah
mich, ihr Mönche, der Brahmā Bako wie von ferne herankommen,
und nachdem er mich gesehn sprach er also zu mir: ›Heil, o
Würdiger, willkommen, Würdiger! Lange schon hab’ ich die
Hoffnung gehegt, der Würdige werde hierherkommen. Denn hier,
Würdiger, ist das Ewige, hier das Beharrende, Immerwährende,
hier ist Unauflösbarkeit und Unvergänglichkeit: hier herrscht
kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und
Wiedererscheinen; und eine andere, höhere Freiheit als diese
giebt es nicht.‹

»Hierauf, ihr Mönche, erwiderte ich dem Brahmā Bako:
›Verblendet, wahrlich, ist der liebe Brahmā Bako, verblendet,
wahrlich, ist der liebe Brahmā Bako, da er ja was eben nicht
ewig ist als ewig bezeichnen will, was eben nicht beharrend
ist als beharrend bezeichnen will, was eben dauerlos ist als
immerwährend bezeichnen will, was eben auflösbar ist als
unauflösbar bezeichnen will, was eben vergänglich ist als
unvergänglich bezeichnen will, und nun von dem, was da geboren
wird und altert, stirbt und vergeht und wiedererscheint,
behauptet, dass es nicht geboren werde, nicht altere, nicht
sterbe und vergehe und wiedererscheine, dann aber jene andere,
höhere Freiheit, die es giebt, leugnet.‹

»Da fuhr nun, ihr Mönche, Māro der Böse in einen der Götter
vom Gefolge Brahmās und sprach also aus ihm: ›Mönchlein,
Mönchlein! Hüte dich vor diesem, hüte dich vor diesem: das ist
ja Brahmā, o Mönch, der Große Brahmā, der Uebermächtige, der         327
Unübermächtigte, der Allsehende, der Gebieter, der Herr,
der Schöpfer, der Erschaffer, der Höchste, der Erzeuger, der
Erhalter, der Vater von allem was da war und sein wird. Schon
vor dir, o Mönch, gab es in der Welt Asketen und Priester, die
Erdenfeinde waren, Erdenverächter, die Wasserfeinde waren,
Wasserverächter, die Feuerfeinde waren, Feuerverächter, die
Luftfeinde waren, Luftverächter, die Naturfeinde waren,
Naturverächter, die Götterfeinde waren, Götterverächter, die
Feinde des Herrn der Zeugung waren, Verächter des Herrn der
Zeugung, die Feinde Brahmās waren, Verächter Brahmās: diese
gelangten bei der Auflösung des Körpers, nach verbrauchter
Lebenskraft, zu verstoßenen Daseinsarten. Und es gab
vor dir, o Mönch, Asketen und Priester in der Welt, die
Erdenfreunde waren, Erdenliebhaber, die Wasserfreunde waren,
Wasserliebhaber, die Feuerfreunde waren, Feuerliebhaber, die
Luftfreunde waren, Luftliebhaber, die Naturfreunde waren,
Naturliebhaber, die Götterfreunde waren, Götterliebhaber, die
Freunde des Herrn der Zeugung waren, Liebhaber des Herrn der
Zeugung, die Freunde Brahmās waren, Liebhaber Brahmās: diese
gelangten bei der Auflösung des Körpers, nach verbrauchter
Lebenskraft, zu erlesenen Daseinsarten. Und so rath’ ich dir
denn, o Mönch: hab’ Acht, Würdiger! Was dir Brahmā gesagt
hat, das lass’ dir gesagt sein, auf dass du nicht dem Worte
Brahmās widersprechest! Wenn du, o Mönch, dem Worte Brahmās
widersprechen wolltest, so wär’ es als ob ein Mann an einen
Felsen träte und mit einem Stabe dagegen schlüge, oder als ob,
o Mönch, ein Mann, in einen Höllenabgrund stürzend, mit Händen
und Füßen Boden zu fassen suchte: ganz ebenso, o Mönch, würd’
es dir hier ergehn. Hab’ Acht, Würdiger! Was dir Brahmā gesagt
hat, das lass’ dir gesagt sein, auf dass du nicht dem Worte
Brahmās widersprechest!

    Siehst, Mönchlein, du nicht rings umher
    Den Götterkreis der Brahmawelt?‹

»Mit diesen Worten, ihr Mönche, führte mich Māro der Böse in
den Kreis der Brahmagötter. Ich aber, ihr Mönche, sprach also
zu Māro dem Bösen: ›Wohl kenn’ ich dich, Böser, lass’ die
Hoffnung fahren: ‚Er kennt mich nicht‘, Māro bist du, der Böse.
Und dieser Brahmā da, Böser, und diese Brahmagötter, und diese
Brahmaschaaren: alle sind sie in deiner Hand, alle sind sie in
deiner Willkür. Du freilich, Böser, denkst nun: ‚Auch der soll
in meiner Hand sein, auch der soll in meiner Willkür sein!‘
Ich aber, Böser, stehe nicht in deiner Hand und stehe nicht in
deiner Willkür.‹

»Auf diese Worte, ihr Mönche, sprach der Brahmā Bako also
zu mir: ›Ich nun, Würdiger, halte für ewig was eben ewig
ist, halte für beharrend was eben beharrend ist, halte für           328
immerwährend was eben immerwährend ist, halte für unauflösbar
was eben unauflösbar ist, halte für unvergänglich was eben
unvergänglich ist; und wo kein Geborenwerden und Altern, kein
Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen ist, da sag’ ich eben:
hier, wahrlich, herrscht kein Geborenwerden und Altern, kein
Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen; und weil es keine
andere, höhere Freiheit giebt, desshalb sag’ ich: es giebt
keine andere, höhere Freiheit. Vor dir, o Mönch, waren schon
Asketen und Priester in der Welt, die sich die ganze Spanne
Zeit eueres Lebens einzig der Kasteiung hingegeben hatten:
die mochten vielleicht wissen, ob es eine andere, höhere
Freiheit giebt oder nicht giebt. Darum lass’ dir, o Mönch,
bedeutet sein: du wirst eine andere, höhere Freiheit gewiss
nicht entdecken, und wenn du dir auch noch so viel Mühe und
Quaal gäbest. Nimmst du, o Mönch, die Erde zum Stützpunkt, so
hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen,
musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch,
das Wasser zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt
genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst
mir weichen; nimmst du, o Mönch, das Feuer zum Stützpunkt,
so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt
genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o
Mönch, die Luft zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt
genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst
mir weichen; nimmst du, o Mönch, die Natur zum Stützpunkt, so
hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen,
musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch,
die Götter zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt
genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen,
musst mir weichen; nimmst du, o Mönch, den Herrn der Zeugung
zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum
Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen;
nimmst du, o Mönch, den Brahmā zum Stützpunkt, so hast du mich
zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir
gehorchen, musst mir weichen.‹

›Wohl weiß auch ich es, Brahmā: nehm’ ich die Erde zum
Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen,
zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir
weichen; nehm’ ich das Wasser zum Stützpunkt, so hab’ ich
dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen,
muss dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich das Feuer
zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen,
zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir
weichen; nehm’ ich die Luft zum Stützpunkt, so hab’ ich dich
zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss
dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich die Natur zum
Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum
Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen;
nehm’ ich die Götter zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum
Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir
gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich den Herrn der Zeugung
zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum
Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen;
nehm’ ich den Brahmā zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum
Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir
gehorchen, muss dir weichen. Wohl kenn’ ich, Brahmā, deine Art,
kenne deine Herrlichkeit: hochmächtig ist der Brahmā Bako,
hochgewaltig ist der Brahmā Bako, hochangesehn ist der Brahmā
Bako.‹

›Inwiefern denn, Würdiger, kennst du meine Art, kennst meine
Herrlichkeit: hochmächtig ist der Brahmā Bako, hochgewaltig ist
der Brahmā Bako, hochangesehn ist der Brahmā Bako?‹

    ›Soweit die Sonne strahlt, der Mond
    In voller Pracht die Räume durch,
    Ist tausendfach die reiche Welt
    In deinen Willen eingewiegt.

    ›Die Höh’n und Tiefen kennest du,
    Du kennst den Freien und den Knecht,
    So dieses Sein wie jenes Sein,
    Der Wesen Kommen, Wesen Gehn.‹

›Also kenn’ ich, Brahmā, deine Art, kenne deine Herrlichkeit:
hochmächtig ist der Brahmā Bako, hochgewaltig ist der Brahmā
Bako, hochangesehn ist der Brahmā Bako. Nun giebt es, Brahmā,        329
drei fernere Daseinsarten, wohin dein Kennen und Sehn nicht
reicht, die ich kenne und sehe. Es giebt, Brahmā, eine
leuchtende Art des Daseins: aus dieser verschieden bist du hier
erschienen, wo dir im Laufe deines ungemein langen Verweilens
die Erinnerung daran entschwunden ist; daher kennst du und
siehst sie nicht, die ich kenne und sehe. Und somit bin ich
dir, Brahmā, nicht nur nicht gleich an Erkenntniss, geschweige
dass ich unter dir stände, sondern bin dir weit überlegen.
Und es giebt, Brahmā, eine strahlende Art des Daseins, und es
giebt, Brahmā, eine gewaltige Art des Daseins: die kennst du
nicht und siehst sie nicht, die ich kenne und sehe. Und somit
bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht gleich an Erkenntniss,
geschweige dass ich unter dir stände, sondern bin dir weit
überlegen. -- Die Erde hab’ ich, Brahmā, als Erde erkannt,
wie unbefriedigend der Erde Erdheit ist, das hab’ ich erkannt
und der Erde entsagt, der Erde abgesagt, von der Erde mich
losgesagt, die Erde verleugnet, die Erde verachtet. Und somit
bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht gleich an Erkenntniss,
geschweige dass ich unter dir stände, sondern bin dir weit
überlegen. Das Wasser hab’ ich, Brahmā, als Wasser erkannt, wie
unbefriedigend des Wassers Wasserheit ist, das hab’ ich erkannt
und dem Wasser entsagt, dem Wasser abgesagt, vom Wasser mich
losgesagt, das Wasser verleugnet, das Wasser verachtet.
Und somit bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht gleich an
Erkenntniss, geschweige dass ich unter dir stände, sondern
bin dir weit überlegen. Das Feuer hab’ ich, Brahmā, als Feuer
erkannt, wie unbefriedigend des Feuers Feuerheit ist, das
hab’ ich erkannt und dem Feuer entsagt, dem Feuer abgesagt,
vom Feuer mich losgesagt, das Feuer verleugnet, das Feuer
verachtet. Und somit bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht
gleich an Erkenntniss, geschweige dass ich unter dir stände,
sondern bin dir weit überlegen. Die Luft hab’ ich, Brahmā,
als Luft erkannt, wie unbefriedigend der Luft Luftheit ist,
das hab’ ich erkannt und der Luft entsagt, der Luft abgesagt,
von der Luft mich losgesagt, die Luft verleugnet, die Luft
verachtet. Und somit bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht
gleich an Erkenntniss, geschweige dass ich unter dir stände,
sondern bin dir weit überlegen. Die Natur, Brahmā, die Götter,
den Herrn der Zeugung, den Brahmā, die Leuchtenden, die
Strahlenden, die Gewaltigen, den Uebermächtigen -- das All
hab’ ich, Brahmā, als All erkannt, wie unbefriedigend des Alls
Allheit ist, das hab’ ich erkannt und dem All entsagt, dem All
abgesagt, vom All mich losgesagt, das All verleugnet, das All
verachtet. Und somit bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht
gleich an Erkenntniss, geschweige dass ich unter dir stände,
sondern bin dir weit überlegen.‹

›Wenn dir, Würdiger, die Allheit des Alls keine Befriedigung
gewährt hat, so mag eben vielleicht bei dir hohl sein, leer sein

    Was Leuchtkraft des Bewusstseins war
    Und ganz und gar erloschen ist:[38]

da bleibt man von der Erde Erdheit unbefriedigt, von des
Wassers Wasserheit unbefriedigt, von des Feuers Feuerheit
unbefriedigt, von der Luft Luftheit unbefriedigt, von der
Natur, den Göttern, dem Herrn der Zeugung, dem Brahmā,
von den Leuchtenden, den Strahlenden, den Gewaltigen, vom            330
Uebermächtigen, bleibt von des Alls Allheit unbefriedigt. --
Wohlan denn, Würdiger, ich werde dir jetzt entschwinden.‹

›Wohlan denn, Brahmā, so entschwinde mir, wenn du es vermagst.‹
Und nun, ihr Mönche, sagte der Brahmā Bako: ‚Entschwinden will
ich dem Asketen Gotamo, entschwinden will ich dem Asketen
Gotamo!‘, aber er konnte mir nicht entschwinden. Darauf sagte
ich, ihr Mönche, zum Brahmā Bako:

›Wohlan denn, Brahmā, so werde ich dir entschwinden.‹

›Wohlan denn, Würdiger, so entschwinde mir, wenn du es
vermagst.‹

»Und ich ließ nun, ihr Mönche, eine magische Erscheinung
folgender Art sich fügen: ›Sei es dass der Brahmā und die
Brahmagötter und die Brahmaschaaren meine Stimme hören aber
mich nicht sehn!‹, also unsichtbar geworden sprach ich den
Spruch:

    ›Das Leben acht’ als Leiden ich:
    Und allerhöchstes Leben selbst,
    Kein Leben lieb’ ich irgendwo,
    Kein Gnügen kann genügen mir.‹

»Da waren nun, ihr Mönche, Brahmā und die Brahmagötter und
die Brahmaschaaren über das Außerordentliche, Wunderbare
dieses Vorgangs erstaunt und bestürzt: ›Außerordentlich,
wahrlich, wunderbar, wahrlich, ist des Asketen Gotamo hohe
Macht, hohe Gewalt! Niemals noch, fürwahr, haben wir einen
Asketen oder Priester gesehn oder von einem gehört, der so
hochmächtig, so hochgewaltig gewesen wäre, wie dieser Asket
Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat.
Dem lebensfrohen Geschlechte, o Wunder, dem lebensfreudigen,
lebenslustigen hat er das Leben mit der Wurzel ausgezogen!‹

»Aber Māro der Böse, ihr Mönche, fuhr nun in einen der Götter
vom Gefolge Brahmās und sprach zu mir: ›Bist du, o Würdiger,
also weise und weck, so ziehe dir keine Jünger heran, keine
Nachfolger, so zeige nicht Jüngern die Wahrheit, nicht
Nachfolgern, so ersehne nicht Jünger und Nachfolger. Schon
vor dir, o Mönch, waren Asketen und Priester in der Welt, die
sich für Heilige, vollkommen Erwachte ausgaben. Und sie zogen
sich Jünger heran, Nachfolger, zeigten Jüngern die Wahrheit,
Nachfolgern, ersehnten Jünger und Nachfolger. Und nachdem
sie sich Jünger herangezogen hatten, Nachfolger, Jüngern die
Wahrheit gezeigt hatten, Nachfolgern, Jünger ersehnt hatten,
Nachfolger, starben sie und gelangten nach der Auflösung des
Körpers zu verstoßenen Daseinsarten. Und schon vor dir, o
Mönch, gab es Asketen und Priester in der Welt, die sich für         331
Heilige, vollkommen Erwachte hielten, aber keine Jünger und
Nachfolger heranzogen, keine Wahrheit zeigten, keine Nachfolge
ersehnten. Ohne Jünger und Nachfolger zu hinterlassen, ohne
die Wahrheit gezeigt und Nachfolge ersehnt zu haben, starben
sie und gelangten nach der Auflösung des Körpers zu erlesenen
Daseinsarten. Darum lass’ dir, o Mönch, gerathen sein: höre, o
Würdiger! Gieb dir keine Mühe, verweile so lange du noch lebst
im ungetrübten Genusse deiner Heiterkeit, behalte das Aechte
nur für dich, Würdiger, belehre keinen anderen!‹

»Auf diese Worte, ihr Mönche, sprach ich also zu Māro dem
Bösen: ›Wohl kenn’ ich dich, Böser, lass’ die Hoffnung fahren:
‚Er kennt mich nicht‘, Māro bist du, der Böse. Und nicht
aus liebevoller Theilnahme redest du, Böser, also zu mir,
sondern aus gehässiger Theilnahme; denn das, Böser, sind
deine Gedanken: ‚Denen der Asket Gotamo die Wahrheit zeigen
wird, die werden sich gegen meine Herrschaft auflehnen.‘ Doch
unvollkommen erwacht, Böser, waren die Asketen und Priester,
die dir erklärt haben: ‚Wir sind vollkommen erwacht.‘ Ich
aber, Böser, der eben vollkommen erwacht bin, erkläre dir: ich
bin vollkommen erwacht. Zeigt aber nun, Böser, der Vollendete
Jüngern die Wahrheit: immer bleibt er der Selbe. Zeigt aber
nun, Böser, der Vollendete Jüngern die Wahrheit nicht: immer
bleibt er der Selbe. Zieht aber nun, Böser, der Vollendete
Jünger heran: immer bleibt er der Selbe. Zieht aber nun, Böser,
der Vollendete Jünger nicht heran: immer bleibt er der Selbe.
Wie ist das möglich? Der Vollendete, Böser, hat den Wahn,
den besudelnden, Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden
ausbrütenden, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden,
verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf
gleichgemacht, so dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich
entwickeln kann. Gleichwie etwa, Böser, eine Palme, der man die
Krone abgeschnitten hat, nicht mehr emporwachsen kann: ebenso
nun auch, Böser, hat der Vollendete den Wahn, den besudelnden,
Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden,
wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden, verleugnet, an
der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so
dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann.«

       *       *       *       *       *

So ist da Māro zum Schweigen gebracht und Brahmā heimgesucht
worden; darum eben hat man diesen Bericht Brahmās Heimsuchung
genannt.



                              50.

             Fünfter Theil            Zehnte Rede

                       MĀROS VERWEISUNG


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige             332
Mahāmoggallāno im Lande der Bhagger, bei der Stadt
Suṃsumāragiram, im Forste des Bhesakaḷā-Waldes. Damals nun
erging sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno in einer Lichtung.
Aber Māro der Böse war dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno in den
Bauch gefahren und hatte sich im Darm festgesetzt. Da kam nun
dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno der Gedanke: ›Was ist denn nur
mein Bauch so schwer, wie etwa ein Sack voll Bohnen?‹ Und der
ehrwürdige Mahāmoggallāno hielt seine Schritte an, ging in das
Wohnhaus und setzte sich auf seinem Sitze nieder. Dort sitzend
beobachtete sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno aufmerksam. Und
der ehrwürdige Mahāmoggallāno sah Māro den Bösen in seinem
Bauche, im Darme sitzen, und nachdem er ihn gesehn sprach er
also zu ihm:

»Weiche von hinnen, Böser, weiche von hinnen, Böser! Nicht den
Vollendeten plage, nicht des Vollendeten Jünger, auf dass es
nicht dir zu langem Leiden und Unheil gereiche.«

Doch Māro der Böse dachte bei sich: ›Ohne mich wirklich zu
kennen oder zu sehn spricht dieser Asket also zu mir; denn
selbst Er, der sein Meister ist, hätte mich nicht so schnell
erkannt: woher sollte mich erst dieser Jünger kennen!‹ Aber der
ehrwürdige Mahāmoggallāno sprach also zu Māro dem Bösen:

»Allerdings kenn’ ich dich, Böser, lass’ die Hoffnung fahren:
›Er kennt mich nicht‹, Māro bist du, der Böse. Du aber, Böser,
denkst bei dir: ›Ohne mich wirklich zu kennen oder zu sehn
spricht dieser Asket also zu mir; denn selbst Er, der sein
Meister ist, hätte mich nicht so schnell erkannt: woher sollte
mich erst dieser Jünger kennen!‹«

Da gedachte nun Māro der Böse: ›Er hat mich wirklich erkannt
und gesehn, dieser Asket, der da also zu mir spricht.‹ Und Māro
der Böse fuhr aus dem Munde des ehrwürdigen Mahāmoggallāno           333
hervor und stellte sich an den Thürbalken hin. Und der
ehrwürdige Mahāmoggallāno sah Māro den Bösen gegenüber stehn,
und bei diesem Anblick sprach er also zu ihm:

»So seh’ ich dich denn hier, Böser! Lass’ die Hoffnung fahren:
›Er sieht mich nicht‹, dort stehst du, Böser, an den Thürbalken
gelehnt. -- Vor langen Zeiten, Böser, war ich einst Māro
gewesen und hieß Dūsī, hatte eine Schwester, die hieß Kāḷī;
deren Sohn warst du, bist damals mein Neffe gewesen. Zu jener
Zeit nun, Böser, war Kakusandho der Erhabene, der Heilige,
vollkommen Erwachte in der Welt erschienen. Kakusandho nun
aber, Böser, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte,
hatte ein Jüngerpaar, das unter dem Namen Wissenswalt und
Lebenswalt bekannt war, ein hohes, erlauchtes Paar. Denn
so viel Jünger auch, Böser, Kakusandho der Erhabene, der
Heilige, vollkommen Erwachte besaß: keiner reichte da wohl an
den ehrwürdigen Wissenswalt heran, wenn es galt die Satzung
darzulegen. Und so geschah es, Böser, dass der ehrwürdige
Wissenswalt nach und nach eben als ›Wissenswalt, Wissenswalt‹
bekannt wurde. Der ehrwürdige Lebenswalt dagegen, Böser,
pflegte im Inneren des Waldes zu weilen, oder unter einem
großen Baume, oder in leerer Klause, und versenkte sich gar
leicht in die Auflösung der Wahrnehmbarkeit. Eines Tages,
Böser, hatte sich der ehrwürdige Lebenswalt, unter einem großen
Baume sitzend, in die Auflösung der Wahrnehmbarkeit versenkt.
Da sahn nun, Böser, Hirten und Landleute den ehrwürdigen
Lebenswalt, in die Auflösung der Wahrnehmbarkeit verloren, am
Fuße eines großen Baumes sitzen, und wie sie ihn da fanden
riefen sie erstaunt und bestürzt aus: ›Seht nur, welch ein
Wunder! Sitzend ist dieser Asket da gestorben! Lasst ihn uns
bestatten.‹ Und jene Hirten und Landleute, Böser, trugen Stroh
und Reisig und trockenen Dünger herbei, bedeckten damit den
Körper des Ehrwürdigen, legten Feuer an und gingen fort. Am
nächsten Morgen nun, Böser, kam der ehrwürdige Lebenswalt
aus seiner Vertiefung zurück, erhob sich, schüttelte sein
Gewand, nahm Mantel und Schaale und begab sich ins Dorf um
Almosenspeise. Da sahn nun, Böser, jene Hirten und Landleute
den ehrwürdigen Lebenswalt von Haus zu Haus schreiten, und als
sie ihn gesehn riefen sie erschreckt und entsetzt aus: ›Seht, o
seht nur! Der Asket, der da sitzend gestorben ist, der ist nun
wieder lebendig geworden!‹ Und so geschah es, Böser, dass der        334
ehrwürdige Lebenswalt nach und nach eben als ›Lebenswalt,
Lebenswalt‹ bekannt wurde. -- Aber Dūsī der Māro, Böser,
gedachte nun also: ›Ich weiß wahrhaftig nicht, woher diese
tugendreinen, edelgearteten Mönche kommen und wohin sie gehn;
wie, wenn ich nun Priester und Hausväter aufzureizen suchte:
Geht mir mit eueren tugendreinen, edelgearteten Mönchen!
Beschimpft sie, beleidigt sie, verjagt sie, verfolgt sie --
da wird sich bei solcher Behandlung ihr Sinn schon ändern
und Māro Dūsī Eingang finden.‹ Und Māro Dūsī, Böser, fuhr
in die Priester und Hausväter hinein: ›Geht mir mit eueren
tugendreinen, edelgearteten Mönchen! Beschimpft sie, beleidigt
sie, verjagt sie, verfolgt sie -- da wird sich bei solcher
Behandlung ihr Sinn schon ändern und Māro Dūsī Eingang finden.‹
Und jene Priester und Hausväter, Böser, aufgehetzt von Dūsī
dem Māro, beschimpften und beleidigten die tugendreinen,
edelgearteten Mönche, verjagten und verfolgten sie: ›Da
kommen sie ja, die Kahlköpfe, die Pfaffen, dieses dreiste
Gesindel, einer dem anderen auf den Fersen! Beschaulichkeit,
Beschaulichkeit athmen sie aus, mit ihren gebeugten Schultern
und gesenkten Blicken, wie süßen Mostes trunken, die schauen
und hinschauen und herschauen und nachschauen. Gleichwie etwa
die Eule am Ast eine Maus erspäht und schaut und hinschaut und
herschaut und nachschaut, oder gleichwie etwa der Schackal
am Bache nach Fischen auslugt und schaut und hinschaut und
herschaut und nachschaut, oder gleichwie etwa die Katze im
Kehrichtwinkel des Hofes der Ratte auflauert und schaut und
hinschaut und herschaut und nachschaut, oder gleichwie etwa der
Esel, vom Karren losgeschnallt, in den Hof, zum Kerichthaufen
geht und schaut und hinschaut und herschaut und nachschaut:
ebenso kommen sie da, diese Kahlköpfe von Pfaffen, das dreiste
Gesindel, einer dem anderen auf den Fersen! Beschaulichkeit,
Beschaulichkeit athmen sie aus, mit ihren gebeugten Schultern
und gesenkten Blicken, wie süßen Mostes trunken, die schauen
und hinschauen und herschauen und nachschauen.‹ Und die
Menschen, Böser, die damals starben, die gelangten bei der
Auflösung des Körpers, nach dem Tode, zumeist abwärts, auf
schlechte Fährte, in Verderben und Unheil. -- Aber Kakusandho,       335
Böser, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte ermahnte
die Mönche: ›Angestiftet, ihr Mönche, sind Priester und
Hausväter von Dūsī dem Māro: ‚Geht mir mit eueren tugendreinen,
edelgearteten Mönchen! Beschimpft sie, beleidigt sie, verjagt
sie, verfolgt sie: da wird sich bei solcher Behandlung ihr
Sinn schon ändern und Māro Dūsī Eingang finden.‘ Gehet, ihr
Mönche: liebevollen Gemüthes weilend strahlet nach einer
Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann
nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall
in allem euch wiedererkennend durchstrahlet die ganze Welt
mit liebevollem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem,
von Grimm und Groll geklärtem. Erbarmenden Gemüthes weilend
strahlet nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann
nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und
nach unten: überall in allem euch wiedererkennend durchstrahlet
die ganze Welt mit erbarmendem Gemüthe, mit weitem, tiefem,
unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Freudevollen
Gemüthes weilend strahlet nach einer Richtung, dann nach einer
zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso
nach oben und nach unten: überall in allem euch wiedererkennend
durchstrahlet die ganze Welt mit freudevollem Gemüthe, mit
weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem.
Unbewegten Gemüthes weilend strahlet nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem euch
wiedererkennend durchstrahlet die ganze Welt mit unbewegtem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.‹ Und jene Mönche, Böser, von Kakusandho dem
Erhabenen, dem Heiligen, vollkommen Erwachten also belehrt,
also gewiesen, zogen sich ins Innere des Waldes zurück,
oder unter große Bäume, oder in leere Klausen: liebevollen
Gemüthes, erbarmenden Gemüthes, freudevollen Gemüthes und
unbewegten Gemüthes weilend strahlten sie nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach
der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in
allem sich wiedererkennend durchstrahlten sie die ganze Welt
mit liebevollem Gemüthe, mit erbarmendem Gemüthe, mit
freudevollem Gemüthe und mit unbewegtem Gemüthe, mit weitem,
tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. --
Aber Dūsī der Māro, Böser, besann sich nun also: ›Auf diese
Weise komm’ ich nicht weiter und kann nicht erfahren woher die
Mönche, die tugendreinen, edelgearteten, kommen und wohin sie
gehn: wie, wenn ich nun Priester und Hausväter antriebe: Seht
doch die tugendreinen, edelgearteten Mönche! Haltet sie hoch,
schätzt sie gebührend, achtet und ehrt sie -- da wird sich
bei solcher Behandlung ihr Sinn gewiss ändern und Māro Dūsī
Eingang finden.‹ Und Māro Dūsī, Böser, fuhr in die Priester und
Hausväter hinein: ›Seht doch die tugendreinen, edelgearteten
Mönche! Haltet sie hoch, schätzt sie gebührend, achtet und           336
ehrt sie -- da wird sich bei solcher Behandlung ihr Sinn
gewiss ändern und Māro Dūsī Eingang finden.‹ Und jene Priester
und Hausväter, Böser, bewogen von Dūsī dem Māro, hielten die
tugendreinen, edelgearteten Mönche hoch, schätzten sie nach
Gebühr, achteten und ehrten sie. Und die Menschen, Böser,
die damals starben, die gelangten bei der Auflösung des
Körpers, nach dem Tode, zumeist auf gute Fährte, in himmlische
Welt. -- Aber Kakusandho, Böser, der Erhabene, der Heilige,
vollkommen Erwachte ermahnte die Mönche: ›Angestiftet, ihr
Mönche, sind Priester und Hausväter von Dūsī dem Māro: ‚Seht
doch die tugendreinen, edelgearteten Mönche! Haltet sie
hoch, schätzt sie gebührend, achtet und ehrt sie -- da wird
sich bei solcher Behandlung ihr Sinn gewiss ändern und Māro
Dūsī Eingang finden.‘ Gehet, ihr Mönche: betrachtet die
Erbärmlichkeit des Körpers, gedenket des Ekels der Nahrung,
gedenket der Freudlosigkeit an der ganzen Welt, gedenket der
Flüchtigkeit aller Erscheinungen.‹ Und jene Mönche, Böser, von
Kakusandho dem Erhabenen, dem Heiligen, vollkommen Erwachten
also belehrt, also gewiesen, zogen sich ins Innere des Waldes
zurück, oder unter große Bäume, oder in leere Klausen: dort
weilend betrachteten sie die Erbärmlichkeit des Körpers, waren
eingedenk des Ekels der Nahrung, eingedenk der Freudlosigkeit
an der ganzen Welt, hielten sich die Flüchtigkeit aller
Erscheinungen vor. -- Und Kakusandho, Böser, der Erhabene, der
Heilige, vollkommen Erwachte stand rüstig auf, nahm Mantel und
Schaale und ging gefolgt vom ehrwürdigen Wissenswalt, nach dem
Dorfe um Almosenspeise. Und Dūsī der Māro, Böser, fuhr in einen
Knaben, ergriff einen Scherben und warf ihn dem ehrwürdigen
Wissenswalt an den Kopf, verletzte den Kopf. Und der ehrwürdige
Wissenswalt, Böser, folgte nun mit zerschnittenem Kopfe und          337
strömendem Blute Kakusandho dem Erhabenen, dem Heiligen,
vollkommen Erwachten Schritt um Schritt nach. Und Kakusandho,
Böser, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte blickte
sich mit dem Blicke des Elephanten um:

›Wahrlich kein Maaß hat Māro gekannt hier.‹

Bei jenem Blicke, Böser, zerging aber Dūsī der Māro auf der
Stelle und erschien in einer Erzhölle wieder; in einer Hölle,
Böser, die mit dreierlei Namen genannt wird: als Hölle der
Sechs Sinne[39], als Hölle der Lanzenstarre, als Hölle der
Innigen Pein. Da traten nun, Böser, Höllenwächter zu mir heran
und sprachen: ›So oft sich, Würdiger, zwei Lanzen in deinem
Herzen kreuzen, wisse, dass tausend Jahre deiner Höllenquaal
um sind.‹ Und so litt ich denn, Böser, viele Jahre, viele
Jahrhunderte, viele Jahrtausende in jener Erzhölle: zehn
Jahrtausende litt ich allein im Höllenpfuhle, das äußerste der
Gefühle, wie man es nennt, empfindend. Und mein Leib war da,
Böser, wie etwa der eines Menschen, und mein Kopf wie etwa der
eines Fisches.

    »Was war es für ein Höllenort
    Wo Māro Dūsī Quaalen litt
    Als Frevel er an Wissenswalt
    Und seinem hehren Herrn gethan?

    »Es blitzten hundert Lanzen blank
    Und jede stach mit eignem Stich:
    Das war des Ortes arge Pein
    Wo Māro Dūsī Quaalen litt
    Als Frevel er an Wissenswalt
    Und seinem hehren Herrn gethan.

    »Wer dessen sich erinnern kann,
    Des Auferwachten treuer Sohn,
    Den lasse, Frevler, unversucht,
    Willst selber Leid nicht leiden du.

    »Im Meere liegen Inseln hold,
    Ein Weltenalter stehn sie stand,
    Wie Edelsteine hell und rein,
    Ein funkelnd Feuer, glänzend klar:
    Und Nixen tanzen Tänze dort,
    Und jede lacht in eignem Licht.

    »Wer dessen sich erinnern kann,
    Des Auferwachten treuer Sohn,
    Den lasse, Frevler, unversucht,
    Willst selber Leid nicht leiden du.

    »Wer auf Geheiß des wachen Herrn
    Im Angesicht der Jüngerschaar
    Den Quaadergrund am Hirschenstein
    Mit seiner Zeh’ erzittern ließ:

    »Wer dessen sich erinnern kann,
    Des Auferwachten treuer Sohn,
    Den lasse, Frevler, unversucht,
    Willst selber Leid nicht leiden du.

    »Wer Sakkos Siegesbanner-Schloss
    Mit seiner Zeh’ erzittern ließ,
    Magiegewaltig witzbegabt
    Ein Götterbeben einst gebot:

    »Wer dessen sich erinnern kann,                                  338
    Des Auferwachten treuer Sohn,
    Den lasse, Frevler, unversucht,
    Willst selber Leid nicht leiden du.

    »Wer dann im Siegesbanner-Saal
    Den Götterfürsten Sakko frug:
    ›Doch kennst du, lieber Vāsu, wohl
    Das Heil versiegter Lebenslust?‹
    Und dem der Gott nun Punkt für Punkt
    Bescheid auf seine Frage gab:

    »Wer dessen sich erinnern kann,
    Des Auferwachten treuer Sohn,
    Den lasse, Frevler, unversucht,
    Willst selber Leid nicht leiden du.

    »Wer fragend vor den Brahmā trat,
    im Saal der Säligen also sprach:
    ›Wähnst, Bruder, du hier immer noch
    Den Wahn, den du vorher gewähnt?
    Merkst nicht, dass auch der Glitterglanz
    Der Brahmawelt verwesen muss?‹

    »Und dem nun Brahmā Punkt für Punkt,
    Wie sich’s gebühret, Antwort gab:
    ‚Nein, Würdiger, ich wähne nicht
    Den Wahn mehr, den ich einst gewähnt.

    »‚Wohl merk’ ich, dass der Glitterglanz
    Der Brahmawelt verwesen muss;
    Wie achtlos hab’ ich doch geirrt,
    Zu wähnen, dass ich ewig sei!‘

    »Wer dessen sich erinnern kann,
    Des Auferwachten treuer Sohn,
    Den lasse, Frevler, unversucht,
    Willst selber Leid nicht leiden du.

    »Wer höchsten Berges Gipfelgrat
    Als Heiliger erobert hielt,
    Den östlichen Videher-Wald.
    Der Erde tiefste Höllen fand:

    »Wer dessen sich erinnern kann,
    Des Auferwachten treuer Sohn,
    Den lasse, Frevler, unversucht,
    Willst selber Leid nicht leiden du.

    »Hat wohl das Feuer je gedacht:
    ›Versengen will den Thoren ich‹?
    Der Thor, der flacke Feuersgluth
    Erfassen will, versengt sich selbst.

    »So willst nun, Māro, fassen du,
    Willst sehren den Vollendeten,
    Wirst aber sengen nur dich selbst,
    Ein Thor, der Feuer fassen will.

    »Verderben schürst dir, Māro, an:
    Willst fassen den Vollendeten,
    Und hoffest, Frevler, hoffensfroh,
    Dein Frevel werde frommen dir?

    »Des Frevlers Frevel schichten sich
    Zu langem Leid, Verworfener!
    Verzweifle, Tod, am wachen Herrn,
    Heb’ von den Jüngern dich hinweg.«

    So hat im wilden Schreckenswald
    Ein Mönch dem Māro einst gewehrt:
    Und plötzlich war der wirre Geist
    Am selben Ort verschwunden da.



ANMERKUNGEN


[* Wie aus der, durch die Güte und Beharrlichkeit Mr. /Hugh
Nevills/, G. A. C. S. Ceylon, mir zugegangenen Abschrift (15
folios = 4 Kapiteln, das letzte unvollständig) hervorgeht,
erwähnt das, nebenbei gesagt, äußerst seltene Werk
_Vinayapiṭakam_ und _Abhidhammapiṭakam_ mit keinem Worte,
sondern giebt eine kurzgefasste, natürlich scholastische, doch
sehr gute Hermenie zu den Lehren des Buddhismus, d. i. des
_Suttapiṭakam_, auf Grund zahlreicher Citate aus demselben. Die
Belegstellen sind verständig und sorgfältig gewählt, etwa je
ein dutzend wohlbekannter Stücke aus dem _AN_, _SN_ und _MN_,
auch etwas aus dem _DN_, insbesondere aber sind es Verse, gegen
dreißig, ¾ davon solche des _Dhammapadam_. Bei der Darstellung
der Vier heiligen Wahrheiten wird erklärt, wie bei genauer
Prüfung »durchgängig im _Pañcanikāyo_« das Wort den Sinn und
der Sinn das Wort erhelle. Das Werk war für Vorgeschrittenere
bestimmt und setzt viel als bekannt voraus. Aus allem geht klar
hervor, dass Kaccāyano, oder wer der Verfasser sonst gewesen
sein mag, _Peṭakopadeso_ im Sinne von _Suttapiṭakopadeso_
gebraucht hat.]

[** cf. den Schluss des _Vinayapiṭakam_, vol. IV. p. 207 und
351: _Ettakaṃ tassa bhagavato suttāgataṃ suttapariyāpannam
anvaddhamāsam uddesam āgacchati_ -- womit also dieser
Kanon sich selbst schlank und schlicht als Auszug aus dem
_Suttapiṭakam_ vorstellt.]

[*** zu den von /Rhys Davids/, SBE XI. 36^{2}, beigebrachten
Stellen zur _ācariyamuṭṭhi_ cf. die ausgezeichnete Bestätigung
/Burnells/, _Vaṃśabrāhmaṇam_, Mangalore 1873, p. XIV. s. v.
_upadeśas_.]



FUSSNOTEN:

[Fußnote 1: _abhibhū_, der Uebermächtige, der Ueberwältiger,
ist nicht etwa eine Hypostase Brahmās (die ja sammt und sonders
ad absurdum geführt werden, e. g. _DN_ vol. I. p. 17 f., 221
f.), sondern es ist der Weltüberwinder, der _Jino_. Cf. _MN_
vol. I. p. 171.]

[Fußnote 2: _nibbānam:_ von √(van) wollen, wünschen, wähnen;
siehe meinen »Wahrheitpfad«, 1. Aufl., p. 155. Zur Etymologie
vergl. noch _Theragāthā_ v. 689 ff. _Manussabhūto sambuddho
vanā nibbānam āgato_; zur Semasiologie _SN_ vol. II. p. 118
_Bhavanirodho nibbānan ti_.]

[Fußnote 3: _buddho_ erwacht; vergl. _paṭibuddho_
wiedererwacht, _MN_ vol. I. p. 365.]

[Fußnote 4: die Reihe _appicchatā_, _santuṭṭhī_, _sallekhā_,
_subharatā_, _viriyārambhā_ weist auf die wahre Abstammung
von _sallekhā_, _sallekho_ hin: nicht aus _likh°_, sondern
aus _lagh°_ hat sich entwickelt _saṃlaghuka_, _sallahuka_,
_sallaukha_, _salloekha_, _sallekho_. -- In _sallikhitagatto_,
_SN_ vol. I., p. 82, ist das _i_ dialektische Differenzierung,
wie bei _nisinno_ für _niṣaṇṇas_.]

[Fußnote 5: _pubbe ’va sambodhā anabhisambuddhassa
bodhisattass’ eva sato: bodhisatto_ = _bodhi_ + _sakta_,
√(sañj); cf. _āsatto_, _MN_ I., 120, 1; _AN_ I., 138, _SN_
I., 212 (_CV_ II., 156), _asatto_, _Suttanipāto_ v. 176
f. etc., _ādānasattam maccudheyyam_ v. 1104, auch _MN_ I,
376 _manosatto_ = _manopaṭibaddho_, _Suttanip_. v. 473
_mānasatto_, _SN_ IV., 23, 66 _bhavasatto_. Diese Ableitung
war dem ursprünglichen Buddhismus so geläufig, dass er sie,
metaphorisch, sogar auf _sattva_ bezogen hat, siehe _SN_ III.,
190.]

[Fußnote 6: _anussaranti_, praesens praeteriti soliti; cf.
_Ekaṃ samayaṃ... viharati_ u. a. m. -- /Whitney/, Ind. Gramm. §
777.]

[Fußnote 7: Die richtige Auslegung dieser Stelle verdanke ich
/Georg Bühler/; vergl. auch /R. Otto Franke/ in der Wiener
Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes, vol. VII., p. 353.
Zum Begriffe _anuggaho_ cf. übrigens _Ṛgvedaprātiśākhyam_ XI,
10, sammt Kommentar, mit /Wilsons/ _Viṣṇupurāṇam_ vol. I., p.
76 n. 1, und /Burnoufs/ _Bhāgavatapurāṇam_ VII, 9, 48.]

[Fußnote 8: ~Magen~ für _antam_ (von _antaram_) ergiebt sich
aus _SN_ vol. II. p. 270, lin. ult.]

[Fußnote 9: Freie Brüder = _Nigaṇṭhā_, wörtlich Knotenlose,
einer der Zweige der großen Sekte der _Jainās_ die noch
heute in Indien besteht, gegründet von _Nāthaputto_, einem
Zeitgenossen Gotamos. Vergl. Anm. 24.]

[Fußnote 10: Die tief im Wesen des Ordens begründete
Geringschätzung aller Riten (vergl. die keineswegs seltene
_Ehibhikkhu-upasampadā_) giebt sich auch hier, fast
überraschend, zu erkennen: selbst die, _Vin._ vol. I. p. 159,
klar normierte _Pavāraṇā_-Feier mag der Mönch, ganz nach
Belieben, mitmachen oder nicht mitmachen, es gilt gleich;
wie eben schon ein alter, dem _Śaṉkhas_ (_Saṇh._ VII, 16, 4)
zugeschriebener Spruch sagt: _Hṛdi sarvam pratiṣṭhitam._]

[Fußnote 11: Hohe schlanke Bäume voller wohlriechender Blüthen;
die köstliche Frucht, von außen wie eine große grüne Orange
anzusehn, heißt Bilva.]

[Fußnote 12: _bhavābhavo_ ist hier zu erklären wie
_kusalākusalam, sāvajjānavajjam, karaṇīyākaraṇīyam, maggāmaggo_
u. a., _AN_ vol. I. p. 129, 174, II. 37; vergl. insbes. das 49.
_Itivuttakam, Suttanipāto_ v. 6 u. 514, _DN_ vol. I. p. 179.]

[Fußnote 13: Vergl. Anmerk. 28.]

[Fußnote 14: Die ersten sieben Gleichnisse werden in der
54. Rede näher erklärt: Ein kahler Knochen, ohne Fleisch,
abgeschabt, blutbefleckt, vom Schlächter einem halbverhungerten
Hunde zugeworfen; ein Fleischfetzen, von einem Geier gepackt,
doch von anderen herniederstürzenden Geiern im Kampf auf
Leben und Tod entrissen; eine Strohfackel, die gegen den Wind
getragen gar bald Hand, Arm und Leib ergreift; eine Grube voll
glühender Kohlen, die dem Hineingestoßenen jämmerliches Unheil
bereitet; Gärten, Haine, Gewässer, die man im Traum gesehn
hat, aber wiedererwacht (_paṭibuddho_) vergebens suchen würde;
ein zusammengeborgter Schatz, mit dem man am Markte großthut:
aber die Eigner kommen und nehmen ihn weg; Nüsse, die einer,
der klettern kann, auf hoher Palme oben sitzend pflückt: aber
ein anderer, der nicht klettern kann, kommt mit scharfem
Beile versehn heran und hackt auf den Stamm los, die Nüsse zu
kriegen. -- Die weiteren drei Gleichnisse kommen a. a. O. nicht
vor, sind übrigens allgemein verständlich.]

[Fußnote 15: Der Text fügt hier als Kommentar, gleichsam
in Klammern, hinzu: _suttaṃ geyyaṃ veyyākaraṇaṃ gātham
udānam itivuttakaṃ jātakam abbhutadhammaṃ vedallaṃ_ -- eine
augenfällige Interpolation.]

[Fußnote 16: _sabbasaṇkhārasamathāya_; cf. meine »Buddhistische
Anthologie«, Leiden 1892, p. XXV.]

[Fußnote 17: _mārassa pāpimato_; cf. die 28. Anmerkung. _Māro_,
personifiziert, ist der indische Große Pan.]

[Fußnote 18: Dieses Bewusstsein ist gleich dem inneren Sinn, d.
h. dem Bewusstsein von der Unendlichkeit der Zeit.]

[Fußnote 19: _pubbāpayamāno: pubbe apayamāno_, von _payate_.]

[Fußnote 20: _Sahampati_ ist Eigenname dieses Brahmā, wie
_Bako_, der Blitzstrahl, in der 49. Rede, oder _Sanaṉkumāro_,
Der ewige Jüngling, in der 53. Rede (auch _DN_ No. 3, 27 und
_SN_, vol. I. p. 153), Eigennamen anderer gleichzeitiger und
gleichmächtiger Brahmās sind. _Sahampati_ ist nur par parum.]

[Fußnote 21: Die Umgebung von Benāres, wald- und wasserreich,
ist flach: doch sieht man hier und da anmuthige kleine Erd- und
Steintumuli, von mächtigen Bäumen und Baumgruppen umstanden.
Ein solcher dürfte auch der Seherstein, _Isipatanam_, gewesen
sein. Eine Tagereise Bahnfahrt ost-südöstlich liegt die uralte
Gayāstadt, an der freundlichen, hellen Gayā, die heute Phalgu
genannt wird; ein schöner Spaziergang den Fluss entlang führt
zum berühmten Tempel des Dorfes Buddh’ Gayā. Ureli, einst
Uruvelā, ist einen Tagemarsch weiter nach Süden gelegen,
drüben, am rechten Ufer, an einem Knie der hier Lilañjā,
früher Nerañjarā genannten mittleren Gayā. Die Landschaft mit
ihren schattigen Auen und weiten Wiesen und sanften bewaldeten
Hügeln und Felsen im Hintergrund erinnert, bei auffallend
zurücktretender Tropenvegetation, an die untere Maingegend.]

[Fußnote 22: _sāvakā_: hier gleich _upāsakā_, gegenüber den
späteren _samaṇā_; cf. Asokos Felsenedikt von _Rūpnāth_, l. 1,
mit der entspr. Stelle von _Sahasarām_.]

[Fußnote 23: _tathāgatapadam._]

[Fußnote 24: Siṇh. Mss haben uns diese offenbar ältere und
bessere Variante zu _nāta^0_ und _nāṭa^0_ erhalten; vergl.
/Feer/ im Journal asiatique, April-Juni 1887, p. 314 Anm.
2; _SN_, vol. I, p. 68 Anm. 7, _AN_ I, 220 (B = SS?), _DN_
I, 49, 57 f., auch _Vinayapiṭakam_ I, 385. Nāthaputto ist
»der Sohn aus fürstlichem Hause«, wörtlich »der junge Herr«,
analog dem späteren Nāthakumāras; cf. auch die beliebten
Namen _Viśvanāthas_, _Bhoganāthas_, _Rāmanāthas_,
_Jagannāthas_, _Lokanāthas_, _Dharmanāthas_, _Yoganāthas_,
_Bhāvanāthas_, _Viranāthas_ und noch ein dutzend ähnlicher.
Die _Nāthakṣatriyās_ nun aus einem imaginierten _Jñātavaṃśas_
abzuleiten ist ein würdiges Kommentatorenstücklein, das denn
auch unsere Jainologen gläubig hingenommen haben, ohne Kritik.
Der allerdings befremdliche Uebergang des _ha_ in _ya_ ist
nämlich, wenn nicht etwa bloß ein alter Irrthum vorliegt,
zu erklären nach _Hemacandras_ I. 214 (vergl. 249, 250),
_ta:ha_ = _ta:ya_. Es wurde also _nātha^0_ zunächst regelrecht
_nāha^0_: dieses aber, nach _Hem._ l. c., hier fälschlich
auf _nāta^0_ bezogen, musste _nāya^0_ ergeben. Eine volle
Bestätigung von seiten der Inschriften wird sich vielleicht
im Laufe der Zeiten finden. Einstweilen genüge /Bühlers/
Nachweisung verballhornter Namen, Ep. Ind. I. 378, ferner die
Statue des 3. _Jinas Sambhavanāthas_, ib. 153, und endlich
der alles eher als zufällig gewählte Name _Pārśvanāthas_ für
_Nāthaputras’_ quasi Vorgänger. -- Der Dialektiker Saccako ist
möglicherweise des Nigaṇṭhers bekannter Tochtermann (_jāmātā_),
der das erste Schisma unter den _Jainās_ verursacht haben
soll. Die Charakteristik in unserer 35. und 36. Rede trifft
genau zu. _Jāmātā_ ~ _jāmas_, _jāmis_, mit dem prākṛtischen
Personalsuffixe _li_ verziert, mag später Nom. propr. geworden
sein; cf. _Jābāli_. Die irrige Uebertragung von Saccakos
_gotram_ auf das seines Schwiegervaters und mütterlichen
Oheims, _DN_ vol. I. p. 57, scheint darauf zu beruhen, dass
man den Nigaṇṭhaputto für den leiblichen Sohn gehalten hat,
ein verzeihliches Versehn, »als dan noch bey uns heutigen tag
der brauch ist, dasz der schweher sein tochterman sein sun
heist«: Aventin vol. IV. p. 728. -- Buddhaghosos Variante
_Nigaṇṭhiputto_ weist übrigens direkt auf die Mutter hin; ob
auf Grund geschichtlicher Ueberlieferung oder geschwätziger
Allwissenheit, wage ich nicht zu entscheiden.]

[Fußnote 25: Diese wohlbekannten neun _phāsuvihārā_ hat wohl
Asoko gemeint, wenn er, auf dem Bairāter Edikt I. 5, von den
_aliyavasāni_ spricht: denn sie heißen auch _ariyavisesā_,
z. B. in der folgenden Rede. -- Freilich ließe sich noch
an den _ariyūposatho_, _AN_ III. No. 70, und an die Dekade
im _Saṉgītisuttam_ denken. Für Asokos _aliyavasāni_ =
_phāsuvihārā_ spricht noch _Khuddakapāṭho_ IV, 9 _santāvāsā_
(so ist zu lesen) = _MN_ vol. I. p. 42 _santā vihārā_. Als
6. Fassung derselben Begriffe sei hier noch _anupubbavihārā_
gegeben: _Paṭtisambhidāmaggo_, Pāli-Mss /Neumann/ No. 5 fol.
_ki_. -- Der von Asoko im selben Edikt als _moneyasūte_
belobte Text ist weder im _Sāmaññaphalasuttam_ noch im _AN_
III. No. 120, wie /Oldenberg/ _Vin._ I. XL^1 vermuthet hat,
wohl aber im 2. Theil des _Nālakasuttam_ des _Suttanipāto_,
vv. 699-723, mit voller Sicherheit wiederzuerkennen. Der
selben, dem götterbegnadeten Gnadenreich so sympathischen
Sammlung könnte auch der _Upatisapasine_ entnommen sein:
der unermüdliche Prediger der _ahiṃsā_ hätte damit nämlich
das _Sāriputtapañhasuttam_ (vv. 955-975) empfehlen wollen,
keineswegs die erst später zu hohem Ansehn gelangte dunkle
metaphysische Formel _ye dhammā hetuppabhavādi_. Die
Verse 964/5 stellten die _Anāgatabhayāni_ im Auszuge dar.
Wahrscheinlich aber wird unsere 24. Rede gemeint sein, welcher
der Titel _Upatissapañho_ ganz eigentlich zukommt und die
überdies noch durch _e--cā_ unserer 61. Rede, dem _Rāhulovādo_,
verbunden ist: Asokos allgemeine Angabe _bhagavatā bhāsite_
widerspricht, im Grunde genommen, nicht.]

[Fußnote 26: Mönchen und Nonnen, Anhängern und Anhängerinen.]

[Fußnote 27: Unterkleid, Oberkleid und doppelte Toga; vergl.
_Mahāvaggo_ p. 287 ff.]

[Fußnote 28: _māradheyyam, amāradheyyam, maccudheyyam,
amaccudheyyam. -- māradheyyam_ wörtlich: das Reich der Mortur,
genau wie /Schopenhauer/ den Ausdruck anwendet, Nachlass Bd.
IV., § 551.]

[Fußnote 29: lies: _rūpattāyam_, _vedanattāyam_ etc.]

[Fußnote 30: Das waren die Häupter jener ante- und
conbuddhistischen Wunderbaren Heiligen, der Unbekleideten
(_Acelakos_), der Ungebundenen (_Muttācāros_ ͠= _Ājīvikos_),
der Handverköster (_Hatthāpalekhanos_). Die Geißelung aber
war diese, dass der völlig Nackte, der nicht einmal einen
Napf besaß, das Almosen nicht zum Munde führen, sondern
nur aus seiner Hand aufschlürfen durfte. Vergl. hierzu das
_Kukkuravatikasuttantam_, _MN_ No. 57, wo noch inbrünstigere
Geißelbrüder die Sache cagnescamente, bez. vacchescamente
betreiben, u. a. m. _Acelakā_, _vivasanā_, _muttavasanā_,
_muttācārā_, _naggacariyā_ (cf. _Dhp_. v. 141), _digambarā,_
_nigaṇṭhā_ (cf. _Suttanip_. v. 381) sind übrigens Synonyme
und gehören unter den Begriff des _kṣapaṇājīvas_, als dessen
bekannteste Vertreter sich bis auf den heutigen Tag die
_Jainās_ erhalten haben.]

[Fußnote 31: Zu unseren fünf Sinnen zählen die Inder als
sechsten die Funktion des Denkens hinzu: Gesicht, Gehör,
Geruch, Geschmack, Getast, Gedenken. Vergl. die 9., 10. und 11.
Rede.]

[Fußnote 32: Die Antithesen _samaṇo_: _samitā_, _brāhmaṇo_:
_bāhitā_, _nahātako_: _nahātā_, _vedagū_: _viditā,_
_sottiyo_: _nissutā_, _ariyo_: _ārakā_, _araham_: _ārakā_
sind metaphorisch angewandt, nicht etymologisch: denn dass
der Buddho die wahren Etymologien nicht gekannt habe, ist
bei seiner gründlichen Vertrautheit mit dem Brāhmanenthume
(_DN_) kaum anzunehmen. -- Vergl. die tiefsinnige Ableitung
des _rūpam_ von √(rup) = √(lup), _SN_ vol. III. p. 86; auch
_Suttanip._ v. 1121. Ebenso _loko_ von √(luj), _SN_ vol. IV. p.
52.]

[Fußnote 33: Einen trefflichen Auszug dieser Reden, die auch
heute noch im Volke recht beliebt sind, giebt Asoko auf seinem
11. Felsenedikt.]

[Fußnote 34: _vibhavataṇhā; vibhavo = vibhu, vibhūti,_ ist
hier positiv. Der Gebrauch κατ’ ἐναντιοτην findet sich ebenso
oft, z. B. _MN_ vol. I. p. 65: da ist _vibhavo_ in den
negativen Pol umgeschlagen und ist gleich _abhavo,_ nämlich
jenem Begriffe, der scharf hervortritt in dem reinen Dvandvam
_bhavābhavo,_ Sein und Nichtsein -- wohl zu unterscheiden von
dem gleichlautenden Āmreḍitam. Cf. die Anm. 12 und die schönen
Belegstellen im P. W.]

[Fußnote 35: Vergl. die 30. Anm. Zur Fastenübung:
_Manus_ XI, 216/18, VI, 19/20. Der _addhamāsiko
pariyāyabhattabhojanānuyogo_ ist ohne Zweifel eine Gattung des
c_āndrāyaṇam,_ der Mondesrunde: von Vollmond bis Neumond von
15 auf 0 Bissen täglicher Nahrung fallend und dann wieder bis
15 Bissen steigend; eine Hungerkasteiung von je ½ Monat, die
bei den Brāhmanen in höchstem Ansehn steht. _Kṛcchrātikṛcchrau
cāndrāyaṇam iti sarvaprāyaścitaṃ sarvaprāyaścitaṃ,_ und _etam
āptvā vipāpo vipāpmā sarvam eno hanti_ sagt _Gautamas_ XIX.
20, XXVII. 16. -- Theile der folgenden _dukkarakārikā_ lassen
sich, parallel oder gar wörtlich, wiedererkennen _Man._ VI,
5, 6, 13, 21, 22, XI, 223, 224. Ebenso schon in den Sūtren
_Gautamas’, Baudhāyanas’, Āpastambas’._ Recht ergiebig ist, als
Nachprobe, eine Vergleichung der Fragmente des /Megasthenes/,
siehe besonders p. 135-141 und 155-160 ed. /Schwanbeck/. So
heißt es, wie auf unseren Text bezogen, p. 139,_{22} Ἀτκειν
δε και τουτους κἀκεινους καρτεριαν, τηη δε ἐν πονοις και την
ἐν ταις ὑπομοναις, ὡςτ’ ἐφ’ ἑνος σχηματος ἀκινητον διατελεται
την ἡμεραν ὁλην. Mit letzterem Beispiele sind ganz gewiss
die Stetigsteher gemeint (möglicherweise zugleich auch die
_Jainās_, vergl. unseren Text p. 147), während die im selben
Fragmente sub 19 genannten ἐσθητες ἀπο φλοιων δενδρειων Rinden-
und Laubflechten sein sollen. Der _Acelako_, den der Begleiter
/Alexanders/, /Aristobulos/, schildert als ὑπτιον πεσοντα
ἁνεχεσθαι των ἡλιων και των ὀμβρων (bei /Strabo/, ed. /Meineke/
p. 995,_{6}) hat sein Vorbild in dem sehr alten Spruche unserer
12. Rede, p. 147. Die zwar allgemein gehaltene Mittheilung
/Strabos/, ὡς δ’ εἰπεν, Ἰνδους ... ἀναρλεκομενους δε μιτρουτθαι
τας κομας (l. c. 1002,_{5}), dürfen wir doch wohl insbesondere
von den _Jaṭilos_ gelten lassen. Die _Hatthāpalekhanos_ sind
uns als ταις χερσι ὑδωρ πινξντες überliefert von /Clemens
Alexandr/. (nach Historiographen? nach Pantänus?) Strom. I.,
ed. /Sylburg/ p. 305B.]

[Fußnote 36: _sotāpatti_, die Hörerschaft, nicht von √(sru),
sondern von √(śru), daher _sotāpanno_ und _ohitasoto_: Der
gehört hat und Der offene Ohren hat. -- Vergl. _MN_ vol. I. p.
169, 172, 445, 480, 512. _SN_ vol. II. p. 68-70, vol. IV. p.
138, No. 152 (_aññatra anussavā_), _AN_ vol. I. p. 198 No. 6,
vol. II. p. 116 f. und ib. 185 _sotānugato_, DN vol. I. p. 230
f., Mahāparin. p. 39. Ein _sotāpanno_ ist schon der _sāvako_:
nämlich der _sutavā ariyasāvako ariyānaṃ dassāvī_; im _SN_ vgl.
II. p. 43 noch deutlicher genannt _dhammasotaṃ samāpanno_.

Bei dem hohen Werthe des gesprochenen Wortes, der selbst vor
der kleinsten Rede durch die Versicherung _Evam me sutam_
bekräftigt wird, könnte das _Buddhavacanam_ wohl auch als
_Sutapiṭakam_ gelten. Vom _sutantiko_ zum _suttantiko_ =
_śrutvāntika_s wäre der Schritt jedenfalls näher als zum
_sottantiko_ = _sautrāntikas_, zumal für unseren Kanon nicht
leicht etwas unzutreffender sein kann als der Begriff des
_sūtram_, und nichts zutreffender als der des _sutam_. Es
spielt keine Rolle, wenn gelegentlich einmal, wie _Vinayapiṭ_.
vol. III. p. 8 f. (cf. _Dhp._ vv. 44, 45), von der Lehrmethode
als von dem die Blumen zusammenhaltenden Baste, _suttam_,
gesprochen wird, was nicht mehr und nicht weniger als ein
Gleichniss wie hundert andere sein will. Ein dunkles Gefühl
der Sache, sprachlich bedingt und rückgedeutet, lässt sich
bei Asoko und Späteren mehr vermuthen als nachweisen: cf.
Epigraphia Indica vol. II. p. 105 No. 79, p. 106 No. 80, p.
400 No. 59. -- Die Sprache aber war die Magadhās, und zwar
die gewählte Rede, nicht der schwankende Kanzleipatois der
Edikte. Und dass dieses unser Pāli wirklich von Magadhā bis
nach Zeilon herab ~rein~ überliefert wurde, dafür gewährt uns
die Stelle _Cullavaggo_ p. 139 starken Anhalt. Zwei Jünger,
früher brāhmanische Gelehrte, wird da erzählt, wollen das
_Buddhavacanam_ in gebundenes Saṃskṛt üb