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Title: Römische Geschichte — Band 8
Author: Mommsen, Theodor
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Römische Geschichte — Band 8" ***

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Theodor Mommsen
Roemische Geschichte
Achtes Buch
Laender und Leute von Caesar bis Diocletian
Der Wunsch, dass die 'Roemische Geschichte' fortgesetzt werden moege, ist
mir oefter geaeussert worden, und er trifft mit meinem eigenen zusammen, so
schwer es auch ist, nach dreissig Jahren den Faden da wieder aufzunehmen, wo ich
ihn fallen lassen musste. Wenn er nicht unmittelbar anknuepft, so ist daran
wenig gelegen; ein Fragment wuerde der vierte Band ohne den fuenften ebenso
sein, wie es der fuenfte jetzt ist ohne den vierten. Ueberdies meine ich, dass
die beiden zwischen diesem und den frueheren fehlenden Buecher fuer das
gebildete Publikum, dessen Verstaendnis des roemischen Altertums zu foerdern
diese Geschichte bestimmt ist, eher durch andere Werke vertreten werden koennen
als das vorliegende. Der Kampf der Republikaner gegen die durch Caesar
errichtete Monarchie und deren definitive Feststellung, welche in dem Sechsten
Buch erzaehlt werden sollen, sind so gut aus dem Altertum ueberliefert, dass
jede Darstellung wesentlich auf eine Nacherzaehlung hinauslaeuft. Das
monarchische Regiment in seiner Eigenart und die Fluktuationen der Monarchie
sowie die durch die Persoenlichkeit der einzelnen Herrscher bedingten
allgemeinen Regierungsverhaeltnisse, denen das Siebente Buch bestimmt ist, sind
wenigstens oftmals zum Gegenstand der Darstellung gemacht worden. Was hier
gegeben wird, die Geschichte der einzelnen Landesteile von Caesar bis auf
Diocletian, liegt, wenn ich nicht irre, dem Publikum, an das dieses Werk sich
wendet, in zugaenglicher Zusammenfassung nirgends vor, und dass dies nicht der
Fall ist, scheint mir die Ursache zu sein, weshalb dasselbe die roemische
Kaiserzeit haeufig unrichtig und unbillig beurteilt. Freilich kann diese meines
Erachtens fuer das richtige Verstaendnis der Geschichte der roemischen
Kaiserzeit vorbedingende Trennung dieser Spezialgeschichten von der allgemeinen
des Reiches fuer manche Abschnitte, insbesondere fuer die Epoche von Gallienus
bis auf Diocletian, wieder nicht vollstaendig durchgefuehrt werden und hat hier
die noch ausstehende allgemeine Darstellung ergaenzend einzutreten.
Wenn ueberhaupt ein Geschichtswerk in den meisten Faellen nur mit und durch
die Landkarte anschaulich wird, so gilt dies von dieser Darstellung des Reiches
der drei Erdteile nach seinen Provinzen in besonderem Grade, waehrend hierfuer
genuegende Karten nur in den Haenden weniger Leser sein koennen. Dieselben
werden also mit mir meinem Freunde Kiepert es danken, dass er, in der Weise und
in der Begrenzung, wie der Inhalt dieses Bandes es an die Hand gab, demselben
zunaechst ein allgemeines Uebersichtsblatt, das ausserdem mehrfach fuer die
Spezialkarten ergaenzend eintritt, und weiter Spezialkarten der einzelnen
Reichsteile hinzugefuegt hat ...
Berlin, im Februar 1885
Einige Versehen, auf die ich aufmerksam gemacht worden bin und die in den
Platten sich beseitigen liessen, sind bei dem dritten Abzuge verbessert worden,
der vierte ist ein unveraenderter Abdruck des vorigen.
Februar 1886; September 1894
Achtes Buch
Laender und Leute von Caesar bis Diocletian
Gehe durch die Welt und sprich mit jedem.
Firdusi
Einleitung
Die Geschichte der roemischen Kaiserzeit stellt aehnliche Probleme wie
diejenige der frueheren Republik.
Was aus der literarischen Ueberlieferung unmittelbar entnommen werden kann,
ist nicht bloss ohne Farbe und Gestalt, sondern in der Tat meistens ohne Inhalt.
Das Verzeichnis der roemischen Monarchen ist ungefaehr ebenso glaubwuerdig wie
das der Konsuln der Republik und ungefaehr ebenso instruktiv. Die den ganzen
Staat erschuetternden grossen Krisen sind in ihren Umrissen erkennbar; viel
besser aber als ueber die Samnitenkriege sind wir auch nicht unterrichtet ueber
die germanischen unter den Kaisern Augustus und Marcus. Der republikanische
Anekdotenschatz ist sehr viel ehrbarer als der gleiche der Kaiserzeit; aber die
Erzaehlungen von Fabricius und die vom Kaiser Gaius sind ziemlich gleich flach
und gleich verlogen. Die innerliche Entwicklung des Gemeinwesens liegt
vielleicht fuer die fruehere Republik in der Ueberlieferung vollstaendiger vor
als fuer die Kaiserzeit; dort bewahrt sie eine, wenn auch getruebte und
verfaelschte Schilderung der schliesslich wenigstens auf dem Markte Roms
endigenden Wandlungen der staatlichen Ordnung; hier vollzieht sich diese im
kaiserlichen Kabinett und gelangt in der Regel nur mit ihren Gleichgueltigkeiten
in die Oeffentlichkeit. Dazu kommt die ungeheure Ausdehnung des Kreises und die
Verschiebung der lebendigen Entwicklung vom Zentrum in die Peripherie. Die
Geschichte der Stadt Rom hat sich zu der des Landes Italien, diese zu der der
Welt des Mittelmeers erweitert, und worauf es am meisten ankommt, davon erfahren
wir am wenigsten. Der roemische Staat dieser Epoche gleicht einem gewaltigen
Baum, um dessen im Absterben begriffenen Hauptstamm maechtige Nebentriebe rings
emporstreben. Der roemische Senat und die roemischen Herrscher entstammen bald
jedem anderen Reichsland ebensosehr wie Italien; die Quiriten dieser Epoche,
welche die nominellen Erben der weltbezwingenden Legionaere geworden sind, haben
zu den grossen Erinnerungen der Vorzeit ungefaehr dasselbe Verhaeltnis wie
unsere Johanniter zu Rhodos und Malta und betrachten ihre Erbschaft als ein
nutzbares Recht, als stiftungsmaessige Versorgung arbeitsscheuer Armer. Wer an
die sogenannten Quellen dieser Epoche, auch die besseren, geht, bemeistert
schwer den Unwillen ueber das Sagen dessen, was verschwiegen zu werden
verdiente, und das Verschweigen dessen, was notwendig war zu sagen. Denn gross
Gedachtes und weithin Wirkendes ist auch in dieser Epoche geschaffen worden; die
Fuehrung des Weltregiments ist selten so lange in geordneter Folge verblieben,
und die festen Verwaltungsnormen, wie sie Caesar und Augustus ihren Nachfolgern
vorzeichneten, haben sich im ganzen mit merkwuerdiger Festigkeit behauptet,
trotz allem Wechsel der Dynastien und der Dynasten, welcher in der nur darauf
blickenden und bald zu Kaiserbiographien zusammenschwindenden Ueberlieferung
mehr als billig im Vordergrunde steht. Die scharfen Abschnitte, welche in der
landlaeufigen, durch jene Oberflaechlichkeit der Grundlage geirrten Auffassung
die Regierungswechsel machen, gehoeren weit mehr dem Hoftreiben an als der
Reichsgeschichte. Das eben ist das Grossartige dieser Jahrhunderte, dass das
einmal angelegte Werk, die Durchfuehrung der lateinisch-griechischen
Zivilisierung in der Form der Ausbildung der staedtischen Gemeindeverfassung,
die allmaehliche Einziehung der barbarischen oder doch fremdartigen Elemente in
diesen Kreis, eine Arbeit, welche ihrem Wesen nach Jahrhunderte stetiger
Taetigkeit und ruhiger Selbstentwicklung erforderte, diese lange Frist und
diesen Frieden zu Lande und zur See gefunden hat. Das Greisenalter vermag nicht
neue Gedanken und schoepferische Taetigkeit zu entwickeln, und das hat auch das
roemische Kaiserregiment nicht getan; aber es hat in seinem Kreise, den die,
welche ihm angehoerten, nicht mit Unrecht als die Welt empfanden, den Frieden
und das Gedeihen der vielen vereinigten Nationen laenger und vollstaendiger
gehegt, als es irgendeiner anderen Vormacht je gelungen ist. In den
Ackerstaedten Afrikas, in den Winzerheimstaetten an der Mosel, in den bluehenden
Ortschaften der lykischen Gebirge und des syrischen Wuestenrandes ist die Arbeit
der Kaiserzeit zu suchen und auch zu finden. Noch heute gibt es manche
Landschaft des Orients wie des Okzidents, fuer welche die Kaiserzeit den an sich
sehr bescheidenen, aber doch vorher wie nachher nie erreichten Hoehepunkt des
guten Regiments bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz
aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet damals oder
heute mit groesserem Verstande und mit groesserer Humanitaet regiert worden ist,
ob Gesittung und Voelkerglueck im allgemeinen seitdem vorwaerts- oder
zurueckgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, ob der Spruch zu Gunsten der
Gegenwart ausfallen wuerde. Aber wenn wir finden, dass dieses also war, so
fragen wir die Buecher, die uns geblieben sind, meistens umsonst, wie dieses
also geworden ist. Sie geben darauf sowenig eine Antwort, wie die Ueberlieferung
der frueheren Republik die gewaltige Erscheinung des Rom erklaert, welches in
Alexanders Spuren die Welt unterwarf und zivilisierte.
Ausfuellen laesst sich die eine Luecke sowenig wie die andere. Aber es
schien des Versuches wert, einmal abzusehen sowohl von den Regentenschilderungen
mit ihren bald grellen, bald blassen und nur zu oft gefaelschten Farben wie auch
von dem scheinhaft chronologischen Aneinanderreihen nicht zusammenpassender
Fragmente, und dafuer zu sammeln und zu ordnen, was fuer die Darstellung des
roemischen Provinzialregiments die Ueberlieferung und die Denkmaeler bieten, der
Muehe wert, durch diese oder durch jene zufaellig erhaltene Nachrichten, in dem
Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine Institutionen in ihrer
Beziehung auf die einzelnen Landesteile, mit den fuer jeder. derselben, durch
die Natur des Bodens und der Bewohner gegebenen Bedingungen, durch die
Phantasie, welche wie aller Poesie so auch aller Historie Mutter ist, nicht zu
einem Ganzen, aber zu dem Surrogat eines solchen zusammenzufassen. Aber die
Epoche Diocletians habe ich dabei nicht hinausgehen wollen, weil das neue
Regiment, welches damals geschaffen wurde, hoechstens im zusammenfassenden
Ausblick den Schlussstein dieser Erzaehlung bilden kann; seine volle Wuerdigung
verlangt eine besondere Erzaehlung und einen anderen Weltrahmen, ein bei
schaerferem Verstaendnis des Einzelnen in dem grossen Sinn und mit dem weiten
Blick Gibbons durchgefuehrtes selbstaendiges Geschichtswerk. Italien und seine
Inseln sind ausgeschlossen worden, da diese Darstellung von der des allgemeinen
Reichsregiments nicht getrennt werden kann. Die sogenannte aeussere Geschichte
der Kaiserzeit ist aufgenommen als integrierender Teil der Provinzialverwaltung;
was wir Reichskriege nennen wuerden, sind gegen das Ausland unter der Kaiserzeit
nicht gefuehrt worden, wenngleich die durch die Arrondierung oder Verteidigung
der Grenzen hervorgerufenen Kaempfe einige Male Verhaeltnisse annahmen, dass sie
als Kriege zwischen zwei gleichartigen Maechten erscheinen, und der
Zusammensturz der roemischen Herrschaft in der Mitte des dritten Jahrhunderts,
welcher einige Dezennien hindurch ihr definitives Ende werden zu sollen schien,
aus der an mehreren Stellen gleichzeitig ungluecklich gefuehrten
Grenzverteidigung sich entwickelte. Die grosse Vorschiebung und Regulierung der
Nordgrenze, wie sie unter Augustus teilweise ausgefuehrt ward, teilweise
misslang, leitet die Erzaehlung ein. Auch sonst sind die Ereignisse auf einem
jeden der drei hauptsaechlichsten Schauplaetze der Grenzverteidigung, des
Rheins, der Donau, des Euphrat, zusammengefasst worden. Im uebrigen ist die
Darstellung nach den Landschaften geordnet. Im einzelnen fesselndes Detail,
Stimmungsschilderungen und Charakterkoepfe hat sie nicht zu bieten; es ist dem
Kuenstler, aber nicht dem Geschichtschreiber erlaubt, das Antlitz des Arminius
zu erfinden. Mit Entsagung ist dies Buch geschrieben und mit Entsagung moechte
es gelesen sein.
1. Kapitel
Die Nordgrenze Italiens
Die roemische Republik hat ihr Gebiet hauptsaechlich auf den Seewegen gegen
Westen, Sueden und Osten erweitert; nach derjenigen Richtung hin, in welcher
Italien und die von ihm abhaengigen beiden Halbinseln im Westen und im Osten mit
dem grossen Kontinent Europas zusammenhaengen, war dies wenig geschehen. Das
Hinterland Makedoniens gehorchte den Roemern nicht und nicht einmal der
noerdliche Abhang der Alpen; nur das Hinterland der gallischen Suedkueste war
durch Caesar zum Reiche gekommen. Bei der Stellung, die das Reich im allgemeinen
einnahm, durfte dies so nicht bleiben; die Beseitigung des traegen und
unsicheren Regiments der Aristokratie musste vor allem an dieser Stelle sich
geltend machen. Nicht so geradezu wie die Eroberung Britanniens hatte Caesar die
Ausdehnung des roemischen Gebiets am Nordabhang der Alpen und am rechten Ufer
des Rheins den Erben seiner Machtstellung aufgetragen; aber der Sache nach war
die letztere Grenzerweiterung bei weitem naeher gelegt und notwendiger als die
Unterwerfung der ueberseeischen Kelten, und man versteht es, dass Augustus diese
unterliess und jene aufnahm. Dieselbe zerfiel in drei grosse Abschnitte: die
Operationen an der Nordgrenze der griechisch-makedonischen Halbinsel im Gebiet
der mittleren und unteren Donau, in Illyricum; die an der Nordgrenze Italiens
selbst, im oberen Donaugebiet, in Raetien und Noricum; endlich die am rechten
Rheinufer, in Germanien. Meistens selbstaendig gefuehrt, haengen die
militaerisch-politischen Vornahmen in diesen Gebieten doch innerlich zusammen,
und wie sie saemtlich aus der freien Initiative der roemischen Regierung
hervorgegangen sind, koennen sie auch in ihrem Gelingen wie in ihrem teilweisen
Misslingen nur in ihrer Gesamtheit militaerisch und politisch verstanden werden.
Sie werden darum auch mehr im oertlichen als wie zeitlichen Zusammenhang
dargelegt werden; das Gebaeude, von dem sie doch nur Teile sind, wird besser in
seiner inneren Geschlossenheit als in der Zeitfolge der Bauten betrachtet.
Das Vorspiel zu dieser grossen Gesamtaktion machen die Einrichtungen,
welche Caesar der Sohn, so wie er in Italien und Sizilien freie Hand gewonnen
hatte, an den oberen Kuesten des Adriatischen Meeres und im angrenzenden
Binnenland vornahm. In den hundertundfuenfzig Jahren, die seit der Gruendung
Aquileias verflossen waren, hatte wohl der roemische Kaufmann von dort aus sich
des Verkehrs mehr und mehr bemaechtigt, aber der Staat unmittelbar nur geringe
Fortschritte gemacht. An den Haupthaefen der dalmatinischen Kueste, ebenso auf
der von Aquileia in das Savetal fuehrenden Strasse bei Nauportus (Ober-Laibach)
hatten sich ansehnliche Handelsniederlassungen gebildet; Dalmatien, Bosnien,
Istrien und die Krain galten als roemisches Gebiet und wenigstens das
Kuestenland war in der Tat botmaessig; aber die rechtliche Staedtegruendung
stand noch ebenso aus wie die Baendigung des unwirtlichen Binnenlandes. Hier
aber kam noch ein anderes Moment hinzu. In dem Kriege zwischen Caesar und
Pompeius hatten die einheimischen Dalmater ebenso entschieden fuer den letzteren
Partei ergriffen wie die dort ansaessigen Roemer fuer Caesar; auch nach der
Niederlage des Pompeius bei Pharsalos und nach der Verdraengung der
Pompeianischen Flotte aus den illyrischen Gewaessern setzten die Eingeborenen
den Widerstand energisch und erfolgreich fort. Der tapfere und faehige Publius
Vatinius, der frueher in diese Kaempfe mit grossem Erfolg eingegriffen hatte,
wurde mit einem starken Heere nach Illyricum gesandt, wie es scheint in dem
Jahre vor Caesars Tode und nur als Vorhut des Hauptheeres, mit welchem der
Diktator selbst nachfolgend die eben damals maechtig emporstrebenden Daker
niederzuwerfen und die Verhaeltnisse im ganzen Donaugebiet zu ordnen
beabsichtigte. Diesen Plan schnitten die Dolche der Moerder ab; man musste sich
gluecklich schaetzen, dass die Daker nicht ihrerseits in Makedonien eindrangen,
und Vatinius selbst focht gegen die Dalmater ungluecklich und mit starken
Verlusten. Als dann die Republikaner im Osten ruesteten, ging das illyrische
Heer in das des Brutus ueber und die Dalmatiner blieben laengere Zeit
unangefochten. Nach der Niederwerfung der Republikaner liess Antonius, dem bei
der Teilung des Reiches Makedonien zugefallen war, im Jahre 715 (39) die
unbotmaessigen Dardaner im Nordwesten und die Parthiner an der Kueste (oestlich
von Durazzo) zu Paaren treiben, wobei der beruehmte Redner Gaius Asinius Pollio
die Ehren des Triumphes gewann. In Illyricum, welches unter Caesar stand, konnte
nichts geschehen, solange dieser seine ganze Macht auf den sizilischen Krieg
gegen Sextus Pompeius wenden musste; aber nach dessen gluecklicher Beendigung
warf Caesar selbst sich mit aller Kraft auf diese Aufgabe. Die kleinen
Voelkerschaften von Doclea (Cernagora) bis zu den Japuden (bei Fiume) wurden in
dem ersten Feldzug (719 35) zur Botmaessigkeit zurueckgebracht oder jetzt zuerst
gebaendigt. Es war kein grosser Krieg mit namhaften Feldschlachten, aber die
Gebirgskaempfe gegen die tapferen und verzweifelnden Staemme und das Brechen der
festen, zum Teil mit roemischen Maschinen ausgeruesteten Burgen waren keine
leichte Aufgabe; in keinem seiner Kriege hat Caesar in gleichem Grade eigene
Energie und persoenliche Tapferkeit entwickelt. Nach der muehsamen Unterwerfung
des Japudengebiets marschierte er noch in demselben Jahre im Tal der Kulpa
aufwaerts zu deren Muendung in die Save; die dort gelegene feste Ortschaft
Siscia (Sziszek), der Hauptwaffenplatz der Pannonier, gegen den bisher die
Roemer noch nie mit Erfolg vorgegangen waren, ward jetzt besetzt und zum
Stuetzpunkt bestimmt fuer den Krieg gegen die Daker, den Caesar demnaechst
aufzunehmen gedachte. In den beiden folgenden Jahren (720, 721 34, 33) wurden
die Dalmater, die seit einer Reihe von Jahren gegen die Roemer in Waffen
standen, nach dem Fall ihrer Feste Promona (Promina bei Dernis, oberhalb
Sebenico) zur Unterwerfung gezwungen. Wichtiger aber als diese Kriegserfolge war
das Friedenswerk, das zugleich sich vollzog und zu dessen Sicherung sie dienen
sollten. Ohne Zweifel in diesen Jahren erhielten die Hafenplaetze an der
istrischen und dalmatinischen Kueste, soweit sie in dem Machtbereich Caesars
lagen, Tergeste (Triest), Pola, Iader (Zara), Salome (bei Spalato), Narona (an
der Narentamuendung), nicht minder jenseits der Alpen, auf der Strasse von
Aquileia ueber die Julische Alpe zur Save, Emona (Laibach), durch den zweiten
Julier zum Teil staedtische Mauern, saemtlich staedtisches Recht. Die Plaetze
selbst bestanden wohl alle schon laengst als roemische Flecken; aber es war
immer von wesentlicher Bedeutung, dass sie jetzt unter die italischen Gemeinden
gleichberechtigt eingereiht wurden.
Der Dakerkrieg sollte folgen; aber der Buergerkrieg ging zum zweitenmal ihm
vor. Statt nach Illyricum rief er den Herrscher in den Osten; und der grosse
Entscheidungskampf zwischen Caesar und Antonius warf seine Wellen bis in das
ferne Donaugebiet. Das durch den Koenig Burebista geeinigte und gereinigte Volk
der Daker, jetzt unter dem Koenig Cotiso, sah sich von beiden Gegnern umworben -
Caesar wurde sogar beschuldigt, des Koenigs Tochter zur Ehe begehrt und ihm
dagegen die Hand seiner fuenfjaehrigen Tochter Julia angetragen zu haben. Dass
der Daker im Hinblick auf die von dem Vater geplante, von dem Sohn durch die
Befestigung Siscias eingeleitete Invasion sich auf Antonius' Seite schlug, ist
begreiflich; und haette er ausgefuehrt, was man in Rom besorgte, waere er,
waehrend Caesar im Osten focht, vom Norden her in das wehrlose Italien
eingedrungen, oder haette Antonius nach dem Vorschlag der Daker die Entscheidung
statt in Epirus vielmehr in Makedonien gesucht und dort die dakischen Scharen an
sich gezogen, so waeren die Wuerfel des Kriegsgluecks vielleicht anders
gefallen. Aber weder das eine noch das andere geschah; zudem brach eben damals
der durch Burebistas kraeftige Hand geschaffene Dakerstaat wieder auseinander;
die inneren Unruhen, vielleicht auch von Norden her die Angriffe der
germanischen Bastarner und der spaeterhin Dakien nach allen Richtungen
umklammernden sarmatischen Staemme, verhinderten die Daker, in den auch ueber
ihre Zukunft entscheidenden roemischen Buergerkrieg einzugreifen.
Unmittelbar nachdem die Entscheidung in diesem gefallen war, wandte sich
Caesar zu der Regulierung der Verhaeltnisse an der unteren Donau. Indes da teils
die Daker selbst nicht mehr so wie frueher zu fuerchten waren, teils Caesar
jetzt nicht mehr bloss ueber Illyricum, sondern ueber die ganze griechisch-
makedonische Halbinsel gebot, wurde zunaechst diese die Basis der roemischen
Operationen. Vergegenwaertigen wir uns die Voelker und die
Herrschaftsverhaeltnisse; die Augustus dort vorfand.
Makedonien war seit Jahrhunderten roemische Provinz. Als solche reichte es
nicht hinaus noerdlich ueber Stobi und oestlich ueber das Rhodopegebirge; aber
der Machtbereich Roms erstreckte sich weit ueber die eigentliche Landesgrenze,
obwohl in schwankendem Umfang und ohne feste Form. Ungefaehr scheinen die Roemer
damals bis zum Haemus (Balkan) die Vormacht gehabt zu haben, waehrend das Gebiet
jenseits des Balkan bis zur Donau wohl einmal von roemischen Truppen betreten,
aber keineswegs von Rom abhaengig war ^1. Jenseits des Rhodopegebirges waren die
Makedonien benachbarten thrakischen Dynasten, namentlich die der Odrysen, denen
der groesste Teil der Suedkueste und ein Teil der Kueste des Schwarzen Meeres
botmaessig war, durch die Expedition des Lucullus unter roemische
Schutzherrschaft gekommen, waehrend die Bewohner der mehr binnenlaendischen
Gebiete, namentlich die Besser an der oberen Mariza Untertanen wohl hiessen,
aber nicht waren und ihre Einfaelle in das befriedete Gebiet sowie die
Vergeltungszuege in das ihrige stetig fortgingen. So hatte um das Jahr 694 (60)
der leibliche Vater des Augustus, Gaius Octavius, und im Jahre 711 (43) waehrend
der Vorbereitungen zu dem Kriege gegen die Triumvirn Marcus Brutus gegen sie
gestritten. Eine andere thrakische Voelkerschaft, die Dentheleten (in der Gegend
von Sofia), hatten noch in Ciceros Zeit bei einem Einfall in Makedonien Miene
gemacht, dessen Hauptstadt Thessalonike zu belagern. Mit den Dardanern, den
westlichen Nachbarn der Thraker, einem Zweig der illyrischen Voelkerfamilie,
welche das suedliche Serbien und den Distrikt Prisrend bewohnten, hatte der
Amtsvorgaenger des Lucullus, Curio, mit Erfolg und ein Dezennium spaeter Ciceros
Kollege im Konsulat, Gaius Antonius, im Jahre 692 (62) ungluecklich gefochten.
Unterhalb des dardanischen Gebiets, unmittelbar an der Donau, sassen wieder
thrakische Staemme, die einstmals maechtigen, jetzt herabgekommenen Triballer im
Tal des Oescus (in der Gegend von Plewna), weiterhin an beiden Ufern der Donau
bis zur Muendung Daker, oder wie sie am rechten Donauufer mit dem alten, auch
den asiatischen Stammgenossen gebliebenen Volksnamen gewoehnlich genannt wurden,
Myser oder Moeser, wahrscheinlich zu Burebistas Zeit ein Teil seines Reiches,
jetzt wieder in verschiedene Fuerstentuemer zersplittert. Die maechtigste
Voelkerschaft aber zwischen Balkan und Donau waren damals die Bastarner. Wir
sind diesem tapferen und zahlreichen Stamm, dem oestlichsten Zweig der grossen
germanischen Sippe, schon mehrfach begegnet. Eigentlich ansaessig hinter den
transdanuvianischen Dakern jenseits der Gebirge, die Siebenbuergen von der
Moldau scheiden, an den Donaumuendungen und in dem weiten Gebiet von da zum
Dnjestr, befanden sie sich selber ausserhalb des roemischen Bereichs; aber
vorzugsweise aus ihnen hatte sowohl Koenig Philipp von Makedonien wie Koenig
Mithradates von Pontus seine Heere gebildet und in dieser Weise hatten die
Roemer schon frueher oft mit ihnen gestritten. Jetzt hatten sie in grossen
Massen die Donau ueberschritten und sich noerdlich vom Haemus festgesetzt;
insofern der dakische Krieg, wie ihn Caesar der Vater und dann der Sohn geplant
hatten, ohne Zweifel der Gewinnung des rechten Ufers der unteren Donau galt, war
er nicht minder gegen sie gerichtet wie gegen die rechtsufrigen dakischen
Moeser. Die griechischen Kuestenstaedte in dem Barbarenland Odessos (bei Varna),
Tomis, Istropolis, schwer bedraengt durch dies Voelkergewoge, waren hier wie
ueberall die geborenen Klienten der Roemer.
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^1 Dies sagt ausdruecklich Dio (51, 23) zum Jahre 725 (29): teos men o?n
ta?t epoioyn (d. h. solange die Bastarner nur die Triballer - bei Oescus in
Niedermoesien - und die Dardaner in Obermoesien angriffen), oyden sphisi pragma
pros to?s R/o/maioys /e/n. Epei de ton te Aimon yperebesan kai t/e/n THrak/e/n
t/e/n Denthel/e/t/o/n enspondon aytois o?san katedramon k. t. l. Die
Bundesgenossen in Moesien, von denen Dio 38, 10 spricht, sind die
Kuestenstaedte.
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Zur Zeit der Diktatur Caesars, als Burebista auf der Hoehe seiner Macht
stand, hatten die Daker an der Kueste bis hinab nach Apollonia jenen
fuerchterlichen Verheerungszug ausgefuehrt, dessen Spuren noch nach anderthalb
Jahrhunderten nicht verwischt waren. Es mag wohl zunaechst dieser Einfall
gewesen sein, welcher Caesar den Vater bestimmte, den Dakerkrieg zu unternehmen;
und nachdem der Sohn jetzt auch ueber Makedonien gebot, musste er allerdings
sich verpflichtet fuehlen, eben hier sofort und energisch einzugreifen. Die
Niederlage, die Ciceros Kollege Antonius bei Istropolis durch die Bastarner
erlitten hatte, darf als ein Beweis dafuer genommen werden, dass diese Griechen
wieder einmal der Hilfe der Roemer bedurften.
In der Tat wurde bald nach der Schlacht bei Actium (725 29) Marcus Licinius
Crassus, der Enkel des bei Karrhae gefallenen, von Caesar als Statthalter nach
Makedonien gesandt und beauftragt, den zweimal verhinderten Feldzug nun
auszufuehren. Die Bastarner, welche eben damals in Thrakien eingefallen waren,
fuegten sich ohne Widerstand, als Crassus sie auffordern liess, das roemische
Gebiet zu verlassen; aber ihr Rueckzug genuegte dem Roemer nicht. Er
ueberschritt seinerseits den Haemus ^2, schlug am Einfluss des Cibrus
(Tzibritza) in die Donau die Feinde, deren Koenig Deldo auf der Wahlstatt blieb,
und nahm, was aus der Schlacht in eine nahe Festung entkommen war, mit Hilfe
eines zu den Roemern haltenden Dakerfuersten gefangen. Ohne weiteren Widerstand
zu leisten, unterwarf sich dem Ueberwinder der Bastarner das gesamte moesische
Gebiet. Diese kamen im naechsten Jahr wieder, um die erlittene Niederlage
wettzumachen; aber sie unterlagen abermals und mit ihnen, was von den moesischen
Staemmen wieder zu den Waffen gegriffen hatte. Damit waren diese Feinde von dem
rechten Donauufer ein fuer allemal ausgewiesen und dieses vollstaendig der
roemischen Herrschaft unterworfen. Zugleich wurden die noch nicht botmaessigen
Thraker gebaendigt, den Bessern das nationale Heiligtum des Dionysos genommen
und die Verwaltung desselben den Fuersten der Odrysen uebertragen, welche
ueberhaupt seitdem unter dem Schutz der roemischen Obergewalt die
Oberherrlichkeit ueber die thrakischen Voelkerschaften suedlich vom Haemus
fuehrten oder doch fuehren sollten. Unter seinen Schutz wurden ferner die
griechischen Kuestenstaedte am Schwarzen Meere gestellt und auch das uebrige
eroberte Gebiet verschiedenen Lehnsfuersten zugeteilt, auf die somit zunaechst
der Schutz der Reichsgrenze ueberging ^3; eigene Legionen hatte Rom fuer diese
fernen Landschaften nicht uebrig. Makedonien wurde dadurch zur Binnenprovinz,
die der militaerischen Verwaltung nicht ferner bedurfte. Das Ziel, das bei jenen
dakischen Kriegsplaenen ins Auge gefasst worden war, war erreicht.
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^2 Wenn Dio sagt (51, 23): t/e/n Segetik/e/n kakoymen/e/n prosepoi/e/sato
kai es t/e/n Mysida enebale, so kann jene Stadt wohl nur Serdica sein, das
heutige Sofia, am oberen Oescus, der Schluessel fuer das moesische Land.
^3 Nach dem Feldzug des Crassus ist das eroberte Land wahrscheinlich in der
Weise organisiert worden, dass die Kueste zum Thrakischen Reich kam, wie dies G.
Zippel (Die roemische Herrschaft in Illyricum bis auf Augustus. Leipzig 1877, S.
243) dargetan hat, der westliche Teil aber, aehnlich wie Thrakien den
einheimischen Fuersten zu Lehen gegeben ward, an deren eines Stelle der noch
unter Tiberius fungierende praefectus civitatium Moesiae et Triballiae (CIL V,
1838) getreten sein muss. Die uebliche Annahme, dass Moesien anfaenglich mit
Illyricum verbunden gewesen sei, ruht nur darauf, dass dasselbe bei der
Aufzaehlung der im Jahre 727 (27) zwischen Kaiser und Senat geteilten Provinzen
bei Dio 53, 12 nicht genannt werde und also in "Dalmatien" enthalten sei. Aber
auf die Lehnsstaaten und die prokuratorischen Provinzen erstreckt sich diese
Aufzaehlung ueberhaupt nicht und insofern ist bei jener Annahme alles in
Ordnung. Dagegen sprechen gegen die gewoehnliche Auffassung schwerwiegende
Argumente. Waere Moesien urspruenglich ein Teil der Provinz Illyricum gewesen,
so haette es diesen Namen behalten; denn bei Teilung der Provinz pflegt der Name
zu bleiben und nur ein Determinativ hinzuzutreten. Die Benennung Illyricum aber,
die Dio ohne Zweifel a. a. O. wiedergibt, hat sich in dieser Verbindung immer
beschraenkt auf das obere (Dalmatien) und das untere (Pannonien). Ferner bleibt,
wenn Moesien ein Teil von Illyricum war, fuer jenen Praefekten von Moesien und
Triballien, resp. seinen koeniglichen Vorgaenger kein Raum. Endlich ist es wenig
wahrscheinlich, dass im Jahre 727 (27) einem einzigen senatorischen Statthalter
ein Kommando von dieser Ausdehnung und Wichtigkeit anvertraut worden ist.
Dagegen erklaert sich alles einfach, wenn nach dem Kriege des Crassus in Moesien
kleine Klientelstaaten entstanden; diese standen als solche von Haus aus unter
dem Kaiser, und da bei deren sukzessiver Einziehung und Umwandlung in eine
Statthalterschaft der Senat nicht mitwirkte, konnte sie leicht in den Annalen
ausfallen. Vollzogen hat sie sich in oder vor dem Jahre 743 (11), da der damals
den Krieg gegen die Thraker fuehrende Statthalter L. Calpurnius Piso, dem Dio
54, 34 irrig die Provinz Pamphylien beilegt, als Provinz nur Pannonien oder
Moesien gehabt haben kann und da in Pannonien damals Tiberius als Legat
fungierte, fuer ihn nur Moesien uebrig bleibt. Im Jahre 6 n. Chr. erscheint
sicher ein kaiserlicher Statthalter von Moesien.
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Allerdings war dieses Ziel nur ein vorlaeufiges. Aber bevor Augustus die
definitive Regulierung der Nordgrenze in die Hand nahm, wandte er sich zu der
Reorganisation der schon zum Reiche gehoerigen Landschaften; ueber ein Dezennium
verging mit der Ordnung der Dinge in Spanien, Gallien, Asien, Syrien. Wie er
dann, als dort das Noetige geschehen war, das umfassende Werk angriff, soll nun
erzaehlt werden.
Italien, das ueber drei Weltteile gebot, war, wie gesagt, noch keineswegs
unbedingt Herr im eigenen Hause. Die Alpen, die es gegen Norden beschirmen,
waren in ihrer ganzen Ausdehnung von einem Meer zum andern angefuellt mit
kleinen, wenig zivilisierten Voelkerschaften illyrischer, raetischer, keltischer
Nationalitaet, deren Gebiete zum Teil hart angrenzten an die der grossen Staedte
der Transpadana - so das der Trumpiliner (Val Trompia) an die Stadt Brixia, das
der Camunner (Val Camonica, oberhalb des Lago d'Iseo) an die Stadt Bergomum, das
der Salasser (Val d'Aosta) an Eporedia (Ivrea), und die keineswegs friedliche
Nachbarschaft pflogen. Oft genug ueberwunden und als besiegt auf dem Kapitol
proklamiert, pluenderten diese Staemme, allen Lorbeeren der vornehmen
Triumphatoren zum Trotz, fortwaehrend die Bauern und die Kaufleute Oberitaliens.
Ernstlich zu steuern war dem Unwesen nicht, solange die Regierung sich nicht
entschloss, die Alpenhoehen zu ueberschreiten und auch den noerdlichen Abhang in
ihre Gewalt zu bringen; denn ohne Zweifel stroemten bestaendig zahlreiche dieser
Raubgesellen ueber die Berge herueber, um das reiche Nachbarland zu
brandschatzen. Auch nach Gallien hin war noch in gleicher Weise zu tun; die
Voelkerschaften im oberen Rhonethal (Wallis und Waadt) waren zwar von Caesar
unterworfen worden, aber sind auch unter denen genannt, die den Feldherren
seines Sohnes zu schaffen machten. Andererseits klagten die friedlichen
gallischen Grenzdistrikte ueber die stetigen Einfaelle der Raeter. Eine
Geschichtserzaehlung leiden und fordern die zahlreichen Expeditionen nicht,
welche Augustus dieser Missstaende halber veranstaltet hat; in den
Triumphalfasten sind sie nicht verzeichnet und gehoeren auch nicht hinein, aber
sie gaben Italien zum ersten Mal Befriedung des Nordens. Erwaehnt moegen werden
die Niederwerfung der oben erwaehnten Camunner im Jahre 738 (16) durch den
Statthalter von Illyricum und die gewisser ligurischer Voelkerschaften in der
Gegend von Nizza im Jahre 740 (14), weil sie zeigen, wie noch um die Mitte der
augustischen Zeit diese unbotmaessigen Staemme unmittelbar auf Italien
drueckten. Wenn der Kaiser spaeterhin in dem Gesamtbericht ueber seine
Reichsverwaltung erklaerte, dass gegen keine dieser kleinen Voelkerschaften von
ihm zu Unrecht Gewalt gebraucht worden sei, so wird dies dahin zu verstehen
sein, dass ihnen Gebietsabtretungen und Sitzwechsel angesonnen wurden und sie
sich dagegen zur Wehr setzten; nur der unter Koenig Cottius von Segusio (Susa)
vereinigte kleine Gauverband fuegte sich ohne Kampf in die neue Ordnung.
Der Schauplatz dieser Kaempfe waren die suedlichen Abhaenge und die Taeler
der Alpen. Es folgte die Festsetzung auf dem Nordabhang der Gebirge und in dem
noerdlichen Vorlande im Jahre 739 (15). Die beiden dem kaiserlichen Hause
zugezaehlten Stiefsoehne Augusts, Tiberius, der spaetere Kaiser, und sein Bruder
Drusus, wurden damit in die ihnen bestimmte Feldherrnlaufbahn eingefuehrt - es
waren sehr sichere und sehr dankbare Lorbeeren, die ihnen in Aussicht gestellt
wurden. Von Italien aus das Tal der Etsch hinauf drang Drusus in die raetischen
Berge ein und erfocht hier einen ersten Sieg; fuer das weitere Vordringen
reichte ihm der Bruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetischen Gebiet aus
die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die roemischen Trieren die Boote der
Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 739 (15), wurde in der Umgegend der
Donauquellen die letzte Schlacht geschlagen, durch die Raetien und das
Vindelikerland, das heisst Tirol, die Ostschweiz und Bayern, fortan Bestandteile
des Roemischen Reiches wurden. Kaiser Augustus selbst war nach Gallien gegangen,
um den Krieg und die Einrichtung der neuen Provinz zu ueberwachen. Da wo die
Alpen am Golf von Genua endigen, auf der Hoehe oberhalb Monaco, wurde einige
Jahre darauf von dem dankbaren Italien dem Kaiser Augustus ein weit in das
Tyrrhenische Meer hinausschauendes, noch heute nicht ganz verschwundenes Denkmal
dafuer errichtet, dass unter seinem Regiment die Alpenvoelker alle vom oberen
zum unteren Meer - ihrer sechsundvierzig zaehlt die Inschrift auf - in die
Gewalt des roemischen Volkes gebracht worden waren. Es war nicht mehr als die
einfache Wahrheit, und dieser Krieg das, was der Krieg sein soll, der Schirmer
und der Buerge des Friedens.
Schwieriger wohl als die eigentliche Kriegsarbeit war die Organisation des
neuen Gebietes; insbesondere auch deshalb, weil die inneren politischen
Verhaeltnisse hier zum Teil recht stoerend eingriffen. Da nach der Lage der
Dinge das militaerische Schwergewicht nicht in Italien liegen durfte, so musste
die Regierung darauf bedacht sein, die grossen Militaerkommandos aus der
unmittelbaren Naehe Italiens moeglichst zu entfernen; ja es hat wohl bei der
Besetzung Raetiens selbst das Bestreben mitgewirkt, das Kommando, welches
wahrscheinlich bis dahin in Oberitalien selbst nicht hatte entbehrt werden
koennen, definitiv von dort wegzulegen, wie es dann auch zur Ausfuehrung kam.
Was man zunaechst erwarten sollte, dass fuer die in dem neugewonnenen Gebiet
unentbehrlichen militaerischen Aufstellungen ein grosser Mittelpunkt am
Nordabhang der Alpen geschaffen worden waere, davon geschah das gerade
Gegenteil. Es wurde zwischen Italien einer- und den grossen Rhein- und
Donaukommandos andererseits ein Guertel kleinerer Statthalterschaften gezogen,
die nicht bloss alle vom Kaiser, sondern auch durchaus mit dem Senat nicht
angehoerigen Maennern besetzt wurden. Italien und die suedgallische Provinz
wurden geschieden durch die drei kleinen Militaerdistrikte der Seealpen
(Departement der Seealpen und Provinz Cuneo), der Kottischen mit der Hauptstadt
Segusio (Susa) und wahrscheinlich der Graischen (Ostsavoyen), unter denen der
zweite, von dem schon genannten Gaufuersten Cottius und seinen Nachkommen eine
Zeitlang in den Formen der Klientel verwaltete ^4 am meisten bedeutete, die aber
alle eine gewisse Militaergewalt besassen und deren naechste Bestimmung war, in
dem betreffenden Gebiet und vor allem auf den wichtigen, dasselbe
durchschneidenden Reichsstrassen die oeffentliche Sicherheit zu erhalten. Das
obere Rhonetal dagegen, also das Wallis, und das neu eroberte Raetien wurden
einem nicht im Rang, aber wohl an Macht hoeher stehenden Befehlhaber untergeben;
ein relativ ansehnliches Korps war hier nun einmal unumgaenglich erforderlich.
Indes wurde, um dasselbe moeglichst verringern zu koennen, Raetien durch
Entfernung seiner Bewohner im grossen Massstab entvoelkert. Den Ring schloss die
aehnlich organisierte Provinz Noricum, den groessten Teil des heutigen deutschen
Osterreich umfassend. Diese weite und fruchtbare Landschaft hatte sich ohne
wesentlichen Widerstand der roemischen Herrschaft unterworfen, wahrscheinlich in
der Form, dass hier zunaechst ein abhaengiges Fuerstenrum entstand, bald aber
der Koenig dem kaiserlichen Prokurator wich, von dem er ohnehin sich nicht
wesentlich unterschied. Von den Rhein- und Donaulegionen erhielten allerdings
einige ihre Standlager in der unmittelbaren Naehe, einerseits der raetischen
Grenze bei Vindonissa, andererseits der norischen bei Poetovio, offenbar, um auf
die Nachbarprovinz zu druecken; aber Armeen ersten Ranges mit Legionen unter
senatorischen Generalen gab es in jenem Zwischenbereich so wenig wie
senatorische Statthalter. Das Misstrauen gegen das neben dem Kaiser den Staat
regierende Kollegium findet in dieser Einrichtung einen sehr drastischen
Ausdruck.
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^4 Der offizielle Titel des Cottius war nicht Koenig, wie der seines Vaters
Donnus, sondern "Gauverbandsvorstand" (praefectus civitatium), wie er auf dem
noch stehenden, im Jahre 745/46 (9/8) von ihm zu Ehren des Augustus errichteten
Bogen von Susa genannt wird. Aber die Stellung war ohne Zweifel lebenslaenglich
und, unter Vorbehalt der Bestaetigung des Lehnsherrn, auch erblich, also
insofern der Verband allerdings ein Fuerstentum, wie er auch gewoehnlich heisst.
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Naechst der Befriedung Italiens war der Hauptzweck dieser Organisation die
Sicherung seiner Kommunikationen mit dem Norden, die fuer den Handelsverkehr von
nicht minder einschneidender Bedeutung war wie in militaerischer Beziehung. Mit
besonderer Energie griff Augustus diese Aufgabe an und es ist wohl verdient,
dass in den Namen Aosta und Augsburg, vielleicht auch in dem der Julischen Alpen
der seinige noch heute fortlebt. Die alte Kuestenstrasse, die Augustus von der
ligurischen Kueste durch Gallien und Spanien bis an den Atlantischen Ozean teils
erneuerte, teils herstellte, hat nur Handelszwecken dienen koennen. Auch die
Strasse ueber die Kottische Alpe, schon durch Pompeius eroeffnet, ist unter
Augustus durch den schon erwaehnten Fuersten von Susa ausgebaut und nach ihm
benannt worden; ebenfalls eine Handelsstrasse, verknuepft sie Italien ueber
Turin und Susa mit der Handelshauptstadt Suedgalliens Arelate. Aber die
eigentliche Militaerlinie, die unmittelbare Verbindung zwischen Italien und den
Rheinlagern fuehrt durch das Tal der Dora Baltea aus Italien teils nach der
Hauptstadt Galliens, Lyon, teils nach dem Rhein. Hatte die Republik sich darauf
beschraenkt, den Eingang jenes Tals durch die Anlegung von Eporedia (Ivrea) in
ihre Gewalt zu bringen, so nahm Augustus dasselbe ganz in Besitz in der Weise,
dass er dessen Bewohner, die immer noch unruhigen und schon waehrend des
dalmatinischen Krieges von ihm bekaempften Salasser, nicht bloss unterwarf,
sondern geradezu austilgte - ihrer 36000, darunter 8000 streitbare Maenner,
wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in die Sklaverei verkauft und
den Kaeufern auferlegt, binnen zwanzig Jahre keinem derselben die Freiheit zu
gewaehren. Das Feldlager selbst, von dem aus sein Feldherr Varro Murena im Jahre
729 (25) sie schliesslich aufs Haupt geschlagen hatte, wurde die Festung,
welche, besetzt mit 3000 der Kaisergarde entnommenen Ansiedlern, die
Verbindungen sichern sollte, die Stadt Augusta Praetoria, das heutige Aosta,
deren damals errichtete Mauern und Tore noch heute stehen. Sie beherrschte
spaeter zwei Alpenstrassen, sowohl die ueber die Grafische Alpe oder den Kleinen
St. Bernhard an der oberen Isere und der Rhone nach Lyon fuehrende wie die,
welche ueber die Poeninische Alpe, den Grossen St. Bernhard, zum Rhonetal und
zum Genfer See und von da in die Taeler der Aare und des Rheins lief. Aber fuer
die erste dieser Strassen ist die Stadt angelegt worden, da sie urspruenglich
nur nach Osten und Westen fuehrende Tore gehabt hat, und es konnte dies auch
nicht anders sein, da die Festung ein Dezennium vor der Besetzung Raetiens
gebaut ward, auch in jenen Jahren die spaetere Organisation der Rheinlager noch
nicht bestand und die direkte Verbindung der Hauptstaedte Italiens und Galliens
durchaus in erster Reihe stand. In der Richtung auf die Donau zu ist der Anlage
von Emona an der oberen Save auf der alten Handelsstrasse von Aquileia ueber die
Julische Alpe in das pannonische Gebiet schon gedacht worden; diese Strasse war
zugleich die Hauptader der militaerischen Verbindung von Italien mit dem
Donaugebiet. Mit der Eroberung Raetiens endlich verband sich die Eroeffnung der
Strasse, welche von der letzten italischen Stadt Tridentum (Trient) das Etschtal
hinauf zu der im Lande der Vindeliker neu angelegten Augusta, dem heutigen
Augsburg, und weiter zur oberen Donau fuehrte. Als dann der Sohn des Feldherrn,
der dieses Gebiet zuerst aufgeschlossen hatte, zur Regierung gelangte, ist
dieser Strasse der Name der Claudischen beigelegt worden ^5. Sie stellte
zwischen Raetien und Italien die militaerisch unentbehrliche Verbindung her;
indes hat sie in Folge der relativ geringen Bedeutung der raetischen Armee und
wohl auch in Folge der schwierigeren Kommunikation niemals die Bedeutung gehabt
wie die Strasse von Aosta.
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^5 Wir kennen diese Strasse nur in der Gestalt, die der Sohn des Erbauers,
Kaiser Claudius, ihr gab; urspruenglich kann sie natuerlich nicht via Claudia
Augusta geheissen haben, sondern nur via Augusta, und schwerlich als ihr
Endpunkt in Italien Altinum, ungefaehr das heutige Venedig, betrachtet worden
sein, da unter Augustus noch alle Reichsstrassen nach Rom fuehrten. Dass die
Strasse auch durch das obere Etschtal lief, ist erwiesen durch den bei Meran
gefundenen Meilenstein (CIL V 8003); dass sie an die Donau fuehrte, ist bezeugt,
die Verbindung dieses Strassenbaus mit der Anlage von Augusta Vindelicum, wenn
dies auch zunaechst nur Marktflecken (forum) war, mehr als wahrscheinlich (CIL
III, p. 711); auf welchem Wege von Meran aus Augsburg und die Donau erreicht
wurden, wissen wir nicht. Spaeterhin ist die Strasse dahin korrigiert worden,
dass sie bei Bozen die Etsch verlaesst und das Eisacktal hinauf ueber den
Brenner nach Augsburg fuehrt.
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Die Alpenpaesse und der Nordabhang der Alpen waren somit in gesichertem
roemischen Besitz. Jenseits der Alpen erstreckte sich oestlich vom Rhein das
germanische Land, suedwaerts der Donau das der Pannonier und der Moeser. Auch
hier wurde kurz nach der Besetzung Raetiens, und ziemlich gleichzeitig nach
beiden Seiten hin, die Offensive ergriffen. Betrachten wir zunaechst die
Vorgaenge an der Donau.
Das Donaugebiet, allem Anschein nach bis zum Jahre 727 (27) mit Oberitalien
zusammen verwaltet, wurde damals bei der Reorganisation des Reiches ein
selbstaendiger Verwaltungsbezirk Illyricum unter eigenem Statthalter. Er bestand
aus Dalmatien mit seinem Hinterland bis zum Drin, waehrend die Kueste weiter
suedwaerts seit langem zur Statthalterschaft Makedonien gehoerte, und den
roemischen Besitzungen im Lande der Pannonier an der Save. Das Gebiet zwischen
dem Haemus und der Donau bis zum Schwarzen Meer, welches kurz zuvor Crassus in
Reichsabhaengigkeit gebracht hatte, sowie nicht minder Noricum und Raetien
standen im Klientelverhaeltnis zu Rom, gehoerten also zwar nicht zu diesem
Sprengel, aber hingen doch zunaechst von dem Statthalter Illyricums ab. Auch das
noch keineswegs beruhigte Thrakien suedlich vom Haemus fiel militaerisch in
denselben Bereich. Es ist eine bis in spaete Zeit bestehende Fortwirkung dieser
urspruenglichen Organisation gewesen, dass das ganze Donaugebiet von Raetien bis
Moesien als ein Zollbezirk unter dem Namen Illyricum im weiteren Sinne
zusammengefasst worden ist. Legionen standen nur in dem eigentlichen Illyricum,
in den uebrigen Distrikten wahrscheinlich gar keine Reichstruppen, hoechstens
kleinere Detachements; das Oberkommando fuehrte der aus dem Senat hervorgehende
Prokonsul der neuen Provinz, waehrend die Soldaten und die Offiziere
selbstverstaendlich kaiserlich waren. Es zeugt von dem ernsten Charakter der
nach der Eroberung Raetiens beginnenden Offensive, dass zunaechst der
Nebenherrscher Agrippa das Kommando im Donaugebiet uebernahm, dem der Prokonsul
von Illyricum von Rechts wegen sich unterzuordnen hatte, und dann, als Agrippas
ploetzlicher Tod im Fruehjahr 742 (12) diese Kombination scheitern machte, im
Jahre darauf Illyricum in kaiserliche Verwaltung ueberging, also die
kaiserlichen Feldherren hier das Oberkommando erhielten. Bald bildeten sich hier
drei militaerische Mittelpunkte, welche dann auch die administrative Dreiteilung
des Donaugebiets herbeifuehrten. Die kleinen Fuerstentuemer in dem von Crassus
eroberten Gebiet machten der Provinz Moesien Platz, deren Statthalter fortan in
dem heutigen Serbien und Bulgarien die Grenzwacht hielt gegen Daker und
Bastarner. In der bisherigen Provinz Illyricum wurde ein Teil der Legionen an
der Kerka und der Cettina postiert, um die immer noch schwierigen Dalmater im
Zaum zu halten. Die Hauptmacht stand in Pannonien an der damaligen Reichsgrenze,
der Save. Chronologisch genau laesst sich diese Dislokation der Legionen und
Organisation der Provinzen nicht fixieren; wahrscheinlich haben die gleichzeitig
gefuehrten ernsthaften Kriege gegen die Pannonier und die Thraker, von denen wir
gleich zu berichten haben werden, zunaechst dazu gefuehrt, die Statthalterschaft
von Moesien einzurichten, und haben erst einige Zeit nachher die dalmatischen
Legionen und die an der Save eigene Oberbefehlshaber erhalten.
Wie die Expeditionen gegen die Pannonier und die Germanen gleichsam eine
Wiederholung des raetischen Feldzugs in erweitertem Massstab sind, so waren auch
die Fuehrer, welche mit dem Titel kaiserlicher Legaten an die Spitze gestellt
wurden, dieselben; wieder die beiden Prinzen des kaiserlichen Hauses, Tiberius,
der an Agrippas Stelle das Kommando in Illyricum uebernahm, und Drusus, der an
den Rhein ging, beide jetzt nicht mehr unerprobte Juenglinge, sondern Maenner in
der Bluete ihrer Jahre und schwerer Arbeit wohl gewachsen.
An naechsten Anlaessen fuer die Kriegfuehrung fehlte es in der Donaugegend
nicht. Raubgesindel aus Pannonien und selbst aus dem friedlichen Noricum
pluenderte im Jahre 738 (16) bis nach Istrien hinein. Zwei Jahre darauf
ergriffen die illyrischen Provinzialen gegen ihre Herren die Waffen und obwohl
sie dann, als Agrippa im Herbst des Jahres 741 (13) das Kommando uebernahm, ohne
Widerstand zu leisten zum Gehorsam zurueckkehrten, sollen doch unmittelbar nach
seinem Tode die Unruhen aufs neue begonnen haben. Wir vermoegen nicht zu sagen,
wieweit diese roemischen Erzaehlungen der Wahrheit entsprechen; der eigentliche
Grund und Zweck dieses Krieges war gewiss die durch die allgemeine politische
Lage geforderte Vorschiebung der roemischen Grenze. Ueber die drei Kampagnen des
Tiberius in Pannonien 742 bis 744 (12-10) sind wir sehr unvollkommen
unterrichtet. Als Ergebnis derselben wurde von der Regierung die Feststellung
der Donaugrenze fuer die Provinz Illyricum angegeben. Dass diese seitdem in
ihrem ganzen Laufe als die Grenze des roemischen Gebiets angesehen wurde, ist
ohne Zweifel richtig, aber eine eigentliche Unterwerfung oder gar eine Besetzung
dieses ganzen weiten Gebiets ist damals keineswegs erfolgt. Hauptsaechlichen
Widerstand gegen Tiberius leisteten die schon frueher fuer roemisch erklaerten
Voelkerschaften, insbesondere die Dalmater; unter den damals zuerst effektiv
unterworfenen ist die namhafteste die der pannonischen Breuker an der unteren
Save. Schwerlich haben die roemischen Heere waehrend dieser Feldzuege die Drau
auch nur ueberschritten, auf keinen Fall ihre Standlager an die Donau verlegt.
Das Gebiet zwischen Save und Drau wurde allerdings besetzt und das Hauptquartier
der illyrischen Nordarmee von Siscia an der Save nach Poetovio (Pettau) an der
mittleren Drau verlegt, waehrend in dem vor kurzem besetzten norischen Gebiet
die roemischen Besatzungen bis an die Donau bei Carnuntum reichten (Petronell
bei Wien), damals die letzte norische Stadt gegen Osten. Das weite und grosse
Gebiet zwischen der Drau und der Donau, das heutige westliche Ungarn, ist allem
Anschein nach damals nicht einmal militaerisch besetzt worden. Es entsprach dies
dem Gesamtplan der begonnenen Offensive; man suchte die Fuehlung mit dem
gallischen Heer, und fuer die neue Reichsgrenze im Nordosten war der natuerliche
Stuetzpunkt nicht Ofen, sondern Wien.
Gewissermassen eine Ergaenzung zu dieser pannonischen Expedition des
Tiberius bildet diejenige, welche gleichzeitig gegen die Thraker von Lucius Piso
unternommen ward, vielleicht dem ersten eigenen Statthalter, den Moesien gehabt
hat. Die beiden grossen benachbarten Nationen, die Illyriker und die Thraker,
von denen in einem spaeteren Abschnitt eingehender gehandelt werden wird,
standen damals gleichmaessig zur Unterwerfung. Die Voelkerschaften des inneren
Thrakiens erwiesen sich noch stoerriger als die Illyriker und den von Rom ihnen
gesetzten Koenigen wenig botmaessig; im Jahre 738 (16) musste ein roemisches
Heer dort einruecken und den Fuersten gegen die Besser zu Hilfe kommen. Wenn wir
genauere Berichte ueber die dort wie hier in den Jahren 741 bis 743 (13-11)
gefuehrten Kaempfe haetten, wuerde das gleichzeitige Handeln der Thraker und der
Illyriker vielleicht als gemeinschaftliches erscheinen. Gewiss ist es, dass die
Masse der Thrakerstaemme suedlich vom Haemus und vermutlich auch die in Moesien
sitzenden sich an diesem Nationalkrieg beteiligten, und dass die Gegenwehr der
Thraker nicht minder hartnaeckig war als die der Illyriker. Es war fuer sie
zugleich ein Religionskrieg; das den Bessern genommene und den roemisch
gesinnten Odrysenfuersten ueberwiesene Dionysosheiligtum ^6 war nicht vergessen;
ein Priester dieses Dionysos stand an der Spitze der Insurrektion und sie
richtete sich zunaechst eben gegen jene Odrysenfuersten. Der eine derselben
wurde gefangen und getoetet, der andere verjagt; die zum Teil nach roemischem
Muster bewaffneten und disziplinierten Insurgenten siegten indem ersten Treffen
ueber Piso und drangen vor bis nach Makedonien und in den Thrakischen Chersones;
man fuerchtete fuer Asien. Indes die roemische Zucht behielt doch schliesslich
das Uebergewicht auch ueber diese tapferen Gegner; in mehreren Feldzuegen wurde
Piso des Widerstandes Herr, und das entweder schon bei dieser Gelegenheit oder
bald nachher auf dem "thrakischen Ufer" eingerichtete Kommando von Moesien brach
den Zusammenhang der dakisch-thrakischen Voelkerschaften, indem es die Staemme
am linken Ufer der Donau und die verwandten suedlich vom Haemus voneinander
schied, und sicherte dauernd die roemische Herrschaft im Gebiet der unteren
Donau.
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^6 Die Oertlichkeit, "in welcher die Besser den Gott Dionysos verehren" und
die Crassus ihnen nahm und den Odrysen gab (Dio 51, 25), ist gewiss derselbe
Liberi patris lucus, in welchem Alexander opferte und der Vater des Augustus,
cum per secreta Thraciae exercitum duceret, das Orakel wegen seines Sohnes
befragte (Suet. Aug. 94) und das schon Herodot (2, 111; vgl. Eur. Hek. 1267) als
unter Obhut der Besser stehendes Orakelheiligtum erwaehnt. Gewiss ist es
nordwaerts der Rhodope zu suchen; wiedergefunden ist es noch nicht.
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Naeher noch als von den Pannoniern und den Thrakern ward es den Roemern von
den Germanen gelegt, dass der damalige Zustand der Dinge auf die Dauer nicht
bleiben koenne. Die Reichsgrenze war seit Caesar der Rhein, vom Bodensee bis zu
seiner Muendung. Eine Voelkerscheide war er nicht, da schon von alters her im
Nordosten Galliens die Kelten sich vielfach mit Deutschen gemischt hatten, die
Treuerer und die Nervier Germanen wenigstens gern gewesen waeren, am mittleren
Rhein Caesar selbst die Reste der Scharen des Ariovistus, Triboker (im Elsass),
Nemeter (um Speyer), Vangionen (um Worms) sesshaft gemacht hatte. Freilich
hielten diese linksrheinischen Deutschen fester zu der roemischen Herrschaft als
die keltischen Gaue und nicht sie haben den Landsleuten auf dem rechten Ufer die
Pforten Galliens geoeffnet. Aber diese, seit langem der Plunderzuege ueber den
Fluss gewohnt und der mehrfach halb geglueckten Versuche, dort sich
festzusetzen, keineswegs vergessen, kamen auch ungerufen. Die einzige
germanische Voelkerschaft jenseits des Rheines, die schon in Caesars Zeit sich
von ihren Landsleuten getrennt und unter roemischen Schutz gestellt hatte, die
Ubier, hatten vor dem Hass ihrer erbitterten Stammgenossen weichen und auf dem
roemischen Ufer Schutz und neue Wohnsitze suchen muessen (716 38); Agrippa,
obwohl persoenlich in Gallien anwesend, hatte unter dem Druck des damals
bevorstehenden sizilischen Krieges nicht vermocht, ihnen in anderer Weise zu
helfen, und den Rhein nur ueberschritten, um die Ueberfuehrung zu bewirken. Aus
dieser ihrer Siedlung ist spaeter unser Koeln erwachsen. Nicht bloss die auf dem
rechten Rheinufer Handel treibenden Roemer wurden vielfaeltig von den Germanen
geschaedigt, so dass sogar im Jahre 729 (25) deswegen ein Vorstoss ueber den
Rhein ausgefuehrt ward und Agrippa im Jahre 734 (20) vom Rhein heruebergekommene
germanische Schwaerme aus Gallien hinauszuschlagen hatte; es geriet im Jahre 738
(16) das jenseitige Ufer in eine allgemeinere, auf einen Einbruch in grossem
Massstab hinauslaufende Bewegung. Die Sugambrer an der Ruhr gingen voran, mit
ihnen ihre Nachbarn, noerdlich im Lippetal die Usiper, suedlich die Tencterer;
sie griffen die bei ihnen verweilenden roemischen Haendler auf und schlugen sie
ans Kreuz, ueberschritten dann den Rhein, pluenderten weit und breit die
gallischen Gaue, und als ihnen der Statthalter von Germanien den Legaten Marcus
Lollius mit der fuenften Legion entgegenschickte, fingen sie erst deren Reiterei
ab und schlugen dann die Legion selbst in schimpfliche Flucht, wobei ihnen sogar
deren Adler in die Haende fiel. Nach allem diesem kehrten sie unangefochten
zurueck in ihre Heimat. Dieser Misserfolg der roemischen Waffen, wenn auch an
sich nicht von Gewicht, war doch der germanischen Bewegung und selbst der
schwierigen Stimmung in Gallien gegenueber nichts weniger als unbedenklich;
Augustus selbst ging nach der angegriffenen Provinz, und es mag dieser Vorgang
wohl die naechste Veranlassung gewesen sein zur Aufnahme jener grossen
Offensive, die, mit dem Raetischen Krieg 739 (15) beginnend, weiter zu den
Feldzuegen des Tiberius in Illyricum und des Drusus in Germanien fuehrte.
Nero Claudius Drusus, geboren im Jahre 716 (38) von Livia im Hause ihres
neuen Gemahls, des spaeteren Augustus, und von diesem gleich einem Sohn - die
boesen Zungen sagten, als sein Sohn - geliebt und gehalten, ein Bild maennlicher
Schoenheit und von gewinnender Anmut im Verkehr, ein tapferer Soldat und ein
tuechtiger Feldherr, dazu ein erklaerter Lobredner der alten republikanischen
Ordnung und in jeder Hinsicht der populaerste Prinz des kaiserlichen Hauses,
uebernahm bei Augustus' Rueckkehr nach Italien (741 13) die Verwaltung von
Gallien und den Oberbefehl gegen die Germanen, deren Unterwerfung jetzt
ernstlich in das Auge gefasst ward. Wir vermoegen weder die Staerke der damals
am Rhein stehenden Armee noch die bei den Germanen obwaltenden Zustaende
genuegend zu erkennen; nur das tritt deutlich hervor, dass die letzteren nicht
imstande waren, dem geschlossenen Angriff in entsprechender Weise zu begegnen.
Das Neckargebiet, ehemals von den Helvetiern besessen, dann lange Zeit
streitiges Grenzland zwischen ihnen und den Germanen, lag veroedet und
beherrscht einerseits durch die juengst unterworfene Landschaft der Vindeliker,
andererseits durch die roemisch gesinnten Germanen um Strassburg, Speyer und
Worms. Weiter nordwaerts, in der oberen Maingegend, sassen die Markomannen,
vielleicht der maechtigste der suebischen Staemme, aber mit den Germanen des
Mittelrheins seit alters her verfeindet. Nordwaerts des Mains folgten zunaechst
im Taunus die Chatten, weiter rheinabwaerts die schon genannten Tencterer,
Sugambrer und Usiper; hinter ihnen die maechtigen Cherusker an der Weser,
ausserdem eine Anzahl Voelkerschaften zweiten Ranges. Wie diese
mittelrheinischen Staemme, voran die Sugambrer, jenen Angriff auf das roemische
Gallien ausgefuehrt hatten, so richtete sich auch der Vergeltungszug des Drusus
hauptsaechlich gegen sie, und sie auch verbanden sich gegen Drusus zur
gemeinschaftlichen Abwehr und zur Aufstellung eines aus dem Zuzug aller dieser
Gaue zu bildenden Volksheers. Aber die friesischen Staemme an der Nordseekueste
schlossen sich nicht an, sondern verharrten in der ihnen eigenen Isolierung.
Es waren die Germanen, die die Offensive ergriffen. Die Sugambrer und ihre
Verbuendeten griffen wieder alle Roemer auf, deren sie auf ihrem Ufer habhaft
werden konnten, und schlugen die Centurionen darunter, ihrer zwanzig an der
Zahl, ans Kreuz. Die verbuendeten Staemme beschlossen, abermals in Gallien
einzufallen, und teilten auch die Beute im voraus - die Sugambrer sollten die
Leute, die Cherusker die Pferde, die suebischen Staemme das Gold und Silber
erhalten. So versuchten sie im Anfang des Jahres 742 (12) wieder den Rhein zu
ueberschreiten und hofften auf die Unterstuetzung der linksrheinischen Germanen
und selbst auf eine Insurrektion der eben damals durch das ungewohnte
Schaetzungsgeschaeft erregten gallischen Gaue. Aber der junge Feldherr traf
seine Massregeln gut: er erstickte die Bewegung im roemischen Gebiet, noch ehe
sie recht in Gang kam, warf die Eindringenden bei dem Flussuebergang selbst
zurueck und ging dann seinerseits ueber den Strom, um das Gebiet der Usiper und
Sugambrer zu brandschatzen. Dies war eine vorlaeufige Abwehr; der eigentliche
Kriegsplan, in groesserem Stil angelegt, ging aus von der Gewinnung der
Nordseekueste und der Muendungen der Eins und der Elbe. Der zahlreiche und
tapfere Stamm der Bataver im Rheindelta ist, allem Anschein nach damals und
durch guetliche Vereinbarung, dem Roemischen Reiche einverleibt worden; mit
ihrer Hilfe wurde vom Rheine zur Zuidersee und aus dieser in die Nordsee eine
Wasserverbindung hergestellt, welche der Rheinflotte einen sichereren und
kuerzeren Weg zur Ems- und Elbemuendung eroeffnete. Die Friesen an der
Nordkueste folgten dem Beispiel der Bataver und fuegten sich gleichfalls der
Fremdherrschaft. Es war wohl mehr noch die masshaltende Politik als die
militaerische Uebergewalt, die hier den Roemern den Weg bahnte: diese
Voelkerschaften blieben fast ganz steuerfrei und wurden zum Kriegsdienst in
einer Weise herangezogen, die nicht schreckte, sondern lockte. Von da ging die
Expedition an der Nordseekueste hinauf; im offenen Meer wurde die Insel
Burchanis (vielleicht Borkum vor Ostfriesland) mit stuermender Hand genommen,
auf der Ems die Bootflotte der Bructerer von der roemischen Flotte besiegt; bis
an die Muendung der Weser zu den Chaukern ist Drusus gelangt. Freilich geriet
die Flotte heimkehrend auf die gefaehrlichen und unbekannten Watten, und wenn
die Friesen nicht der schiffbruechigen Armee sicheres Geleit gewaehrt haetten,
waere sie in sehr kritische Lage geraten. Nichtsdestoweniger war durch diesen
ersten Feldzug die Kueste von der Rhein- zur Wesermuendung roemisch geworden.
Nachdem also die Kueste umfasst war, begann im naechsten Jahr (743 11) die
Unterwerfung des Binnenlandes. Sie wurde wesentlich erleichtert durch den Zwist
unter den mittelrheinischen Germanen. Zu dem im Jahre vorher versuchten Angriff
auf Gallien hatten die Chatten den versprochenen Zuzug nicht gestellt; in
begreiflichem, aber noch vielmehr unpolitischem Zorn hatten die Sugambrer mit
gesamter Hand das Chattenland ueberfallen, und so wurde ihr eigenes Gebiet sowie
das ihrer naechsten Nachbarn am Rhein ohne Schwierigkeit von den Roemern
besetzt. Die Chatten unterwarfen sich dann den Feinden ihrer Feinde ohne
Gegenwehr; nichtsdestoweniger wurden sie angewiesen, das Rheinufer zu raeumen
und dafuer dasjenige Gebiet zu besetzen, das bis dahin die Sugambrer innegehabt
hatten. Nicht minder unterlagen weiter landeinwaerts die maechtigen Cherusker an
der mittleren Weser. Die an der unteren sitzenden Chauker wurden, wie ein Jahr
zuvor von der Seeseite, so jetzt zu Lande angegriffen und damit das gesamte
Gebiet zwischen Rhein und Weser wenigstens an den militaerisch entscheidenden
Stellen in Besitz genommen. Der Rueckweg waere allerdings, eben wie im vorigen
Jahre, fast verhaengnisvoll geworden; bei Arbalo (unbekannter Lage) sahen sich
die Roemer in einem Engpass von allen Seiten von den Germanen umzingelt und
ihrer Verbindungen verlustig; aber die feste Zucht der Legionaere und daneben
die uebermuetige Siegesgewissheit der Deutschen verwandelten die drohende
Niederlage in einen glaenzenden Sieg ^7. Im naechsten Jahr (744 10) standen die
Chatten auf, erbittert ueber den Verlust ihrer alten schoenen Heimstatt; aber
jetzt blieben sie ihrerseits allein und wurden nach hartnaeckiger Gegenwehr und
nicht ohne empfindlichen Verlust von den Roemern ueberwaeltigt (745 9). Die
Markomannen am oberen Main, die nach der Einnahme des Chattengebiets zunaechst
dem Angriff ausgesetzt waren, wichen ihm aus und zogen sich rueckwaerts in das
Land der Boier, das heutige Boehmen, ohne von hier aus, wo sie dem unmittelbaren
Machtkreise Roms entrueckt waren, in die Kaempfe am Rhein einzugreifen. In dem
ganzen Gebiet zwischen Rhein und Weser war der Krieg zu Ende. Drusus konnte im
Jahre 745 (9) im Cheruskergau das rechte Weserufer betreten und von da vorgehen
bis an die Elbe, die er nicht ueberschritt, vermutlich angewiesen war, nicht zu
ueberschreiten. Manches harte Gefecht wurde geliefert, erfolgreicher Widerstand
nirgends geleistet. Aber auf dem Rueckweg, der, wie es scheint, die Saale hinauf
und von da zur Weser genommen ward, traf die Roemer ein schwerer Schlag, nicht
durch den Feind, aber durch einen unberechenbaren Ungluecksfall. Der Feldherr
stuerzte mit dem Pferd und brach den Schenkel; nach dreissigtaegigen Leiden
verschied er in dem fernen Lande zwischen Saale und Weser ^8, das nie vor ihm
eine roemische Armee betreten hatte, in den Armen des aus Rom herbeigeeilten
Bruders, im dreissigsten Jahre seines Alters, im Vollgefuehl seiner Kraft und
seiner Erfolge, von den Seinigen und dem ganzen Volke tief und lange betrauert,
vielleicht gluecklich zu preisen, weil die Goetter ihm gaben, jung aus dem Leben
zu scheiden und den Enttaeuschungen und Bitterkeiten zu entgehen, welche die
Hoechstgestellten am schmerzlichsten treffen, waehrend in der Erinnerung der
Welt noch heute seine glaenzende Heldengestalt fortlebt.
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^7 Dass die Schlacht bei Arbalo (Plin. nat. 11, 17, 55) in dieses Jahr
gehoert, zeigt Obsequens 72 und also geht auf sie die Erzaehlung bei Dio 54, 33.
^8 Dass der Sturz des Drusus in der Saalegegend erfolgte, wird aus Strabon
7,1, 3 p. 291 gefolgert werden duerfen, obwohl er nur sagt, dass er auf dem
Heerzuge zwischen Salas und Rhein umkam und die Identifikation des Salas mit der
Saale allein auf der Namensaehnlichkeit beruht. Von der Ungluecksstaette wurde
er dann bis in das Sommerlager transportiert (Sen. dial. ad Marciam 3: ipsis
illum hostibus aegrum cum veneratione et pace mutua prosequentibus nec optare
quod expediebat audentibus) und in diesem ist er gestorben (Suet. Claud. 1).
Dies lag tief im Barbarenland (Val. Max. 5, 5, 3) und nicht allzuweit von dem
Schlachtfelde des Varus (Tac. ann. 2, 7, wo die vetus ara Druso sita gewiss auf
den Sterbeplatz zu beziehen ist); man wird dasselbe im Wesergebiet suchen
duerfen. Die Leiche wurde dann in das Winterlager geschafft (Dio 55, 2) und dort
verbrannt; diese Staette galt nach roemischem Gebrauch auch als Grabstaette,
obwohl die Beisetzung der Asche in Rom stattfand, und darauf ist der honorarius
tumulus mit der jaehrlichen Leichenfeier zu beziehen (Suet. a. a. O.).
Wahrscheinlich hat man dessen Staette in Vetera zu suchen. Wenn ein spaeterer
Schriftsteller (Eutr. 7, 13) von dem monumentum des Drusus bei Mainz spricht, so
ist dies nicht wohl das Grabmal, sondern das anderweitig erwaehnte Tropaeum
(Flor. epit. 2, 30: Marcomanorum spoliis et insignibus quendam editum tumulum in
tropaei modum excoluit).
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In dem grossen Gang der Dinge aenderte, wie billig, der Tod des tuechtigen
Feldherrn nichts. Sein Bruder Tiberius kam frueh genug, nicht bloss um ihm die
Augen zuzudruecken, sondern auch um mit seiner sicheren Hand das Heer zurueck
und die Eroberung Germaniens weiter zu fuehren. Er kommandierte dort waehrend
der beiden folgenden Jahre (746, 747 8, 7); zu groesseren Kaempfen ist es
waehrend derselben nicht gekommen, aber weit und breit zwischen Rhein und Elbe
zeigten sich die roemischen Truppen, und als Tiberius die Forderung stellte,
dass saemtliche Gaue die roemische Herrschaft foermlich anzuerkennen haetten,
und zugleich erklaerte, die Anerkennung nur von saemtlichen Gauen zugleich
entgegennehmen zu koennen, fuegten sie sich ohne Ausnahme, zuletzt von allen die
Sugambrer, fuer die es freilich einen wirklichen Frieden nicht gab. Wie weit man
militaerisch gelangt war, beweist die wenig spaeter fallende Expedition des
Lucius Domitius Ahenobarbus. Dieser konnte als Statthalter von Illyricum,
wahrscheinlich von Vindelizien aus, einem unsteten Hermundurenschwarm im
Markomannenlande selbst Sitze anweisen und gelangte bei dieser Expedition bis an
und ueber die obere Elbe, ohne auf Widerstand zu treffen ^9. Die Markomannen in
Boehmen waren voellig isoliert, und das uebrige Germanien zwischen Rhein und
Elbe eine, wenn auch noch keineswegs befriedete, roemische Provinz.
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^9 Die Mitteilung Dios (55, IOa), zum Teil bestaetigt durch Tacitus (arm.
4, 44) kann nicht anders aufgefasst werden. Diesem Statthalter muss
ausnahmsweise auch Noricum und Raetien unterstellt gewesen sein oder der Lauf
der Operationen veranlasste ihn, die Grenze seiner Statthalterschaft zu
ueberschreiten. Dass er Boehmen selbst durchschritten habe, was in noch
groessere Schwierigkeiten verwickeln wuerde, fordert der Bericht nicht.
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Die militaerisch-politische Organisation Germaniens, wie sie damals
angelegt ward, vermoegen wir nur unvollkommen zu erkennen, da uns einmal ueber
die in frueherer Zeit zum Schutz der gallischen Ostgrenze getroffenen
Einrichtungen jede genaue Kunde fehlt, andererseits diejenigen der beiden
Brueder durch die spaetere Entwicklung der Dinge grossenteils zerstoert worden
sind. Eine Verlegung der roemischen Grenzhut vom Rhein weg hat keineswegs
stattgefunden; so weit wollte man vielleicht kommen, aber war man nicht.
Aehnlich wie in Illyricum damals die Donau, war die Elbe wohl die politische
Reichsgrenze, aber der Rhein die Linie der Grenzverteidigung, und von den
Rheinlagern liefen die rueckwaertigen Verbindungen nach den grossen Staedten
Galliens und nach dessen Haefen ^10. Das grosse Hauptquartier waehrend dieser
Feldzuege ist das spaetere sogenannte "alte Lager", Castra vetera (Birten bei
Xanten), die erste bedeutende Hoehe abwaerts Bonn am linken Rheinufer,
militaerisch etwa dem heutigen Wesel am rechten entsprechend. Dieser Platz,
besetzt vielleicht seit den Anfaengen der Roemerherrschaft am Rhein, ist von
Augustus eingerichtet worden als Zwingburg fuer Germanien; und wenn die Festung
zu allen Zeiten der Stuetzpunkt fuer die roemische Defensive am linken Rheinufer
gewesen ist, so war sie fuer die Invasion des rechten nicht weniger wohl
gewaehlt, gelegen gegenueber der Muendung der weit hinauf schiffbaren Lippe und
mit dem rechten Ufer durch eine feste Bruecke verbunden. Den Gegensatz zu diesem
"alten Lager" an der Muendung der Lippe, bildete wahrscheinlich das an der
Muendung des Main, Mogontiacum, das heutige Mainz, allem Anschein nach eine
Schoepfung des Drusus; wenigstens zeigen die schon erwaehnten, den Chatten
auferlegten Gebietsabtretungen, sowie die weiterhin zu erwaehnenden Anlagen im
Taunus, dass Drusus die militaerische Wichtigkeit der Mainlinie und also auch
die ihres Schluessels auf dem linken Rheinufer deutlich erkannt hat. Wenn das
Legionslager an der Aare, wie es scheint, eingerichtet worden ist, um die Raeter
und Vindeliker im Gehorsam zu erhalten, so faellt dessen Anlage vermutlich schon
in diese Zeit, aber es ist dann auch mit den gallisch-germanischen
Militaereinrichtungen nur aeusserlich verknuepft gewesen. Das Strassburger
Legionslager reicht schwerlich bis in so fruehe Zeit hinauf. Die Basis der
roemischen Heerstellung bildet die Linie von Mainz bis Wesel. Dass Drusus und
Tiberius, abgesehen von der damals nicht mehr kaiserlichen narbonensischen
Provinz, sowohl die Statthalterschaft von ganz Gallien wie auch das Kommando der
saemtlichen rheinischen Legionen gehabt haben, ist ausgemacht; von diesen
Prinzen abgesehen, mag damals wohl die Zivilverwaltung Galliens von dem Kommando
der Rheintruppen getrennt gewesen sein, aber schwerlich war das letztere damals
schon in zwei koordinierte Kommandos geteilt ^11.
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^10 Auf eine rueckwaertige Verbindung der Rheinlager mit dem Hafen von
Boulogne duerfte die viel bestrittene Notiz des Florus (epit. 2, 30) zu beziehen
sein: Bonnam (oder Bormam) et Gessoriacum pontibus iunxit classibusque firmavit,
womit zu vergleichen sind die von demselben Schriftsteller erwaehnten Kastelle
an der Maas. Bonn kann damals fueglich die Station der Rheinflotte gewesen sein;
Boulogne ist auch in spaeterer Zeit noch Flottenstation gewesen. Drusus konnte
wohl Veranlassung haben den kuerzesten und sichersten Landweg zwischen den
beiden Flottenlagern fuer Transporte brauchbar zu machen, wenn auch der
Schreiber wahrscheinlich, um das Auffallende bemueht, durch zugespitzte
Ausdrucksweise Vorstellungen erweckt, die so nicht richtig sein koennen.
^11 Ueber die administrative Teilung Galliens fehlt es, abgesehen von der
Abtrennung der Narbonensis, an allen Nachrichten, da sie nur auf kaiserlichen
Verfuegungen beruhte und darueber nichts in die Senatsprotokolle kam. Aber von
der Existenz eines gesonderten ober- und untergermanischen Kommandos geben die
erste Kunde die Feldzuege des Germanicus, und die Varusschlacht ist unter jener
Voraussetzung kaum zu verstehen; hier erscheinen wohl die hiberna inferiora, die
von Vetera (Vell. 2, 120), und den Gegensatz dazu, die superiora koennen nur die
von Mainz gemacht haben, aber auch diese stehen nicht unter einem Kollegen,
sondern unter dem Neffen, also einem Unterbefehlshaber des Varus. Wahrscheinlich
hat die Teilung erst in Folge der Niederlage in den letzten Jahren des Augustus
stattgefunden.
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Ueber den Bestand der damaligen Rheinarmee koennen wir nur etwa sagen, dass
die Armee des Drusus schwerlich staerker, vielleicht geringer war als die,
welche zwanzig Jahre spaeter in Germanien stand, von fuenf bis sechs Legionen,
etwa 50000 bis 60000 Mann.
Diesen militaerischen Einrichtungen am linken Rheinufer sind die am rechten
getroffenen korrelat. Zunaechst nahmen die Roemer dieses selbst in Besitz. Es
traf dies vor allem die Sugambrer, wobei allerdings die Vergeltung fuer den
erbeuteten Adler und die ans Kreuz geschlagenen Centurionen mitgewirkt hat. Die
zur Erklaerung der Unterwerfung abgesandten Boten, die Vornehmsten der Nation,
wurden gegen das Voelkerrecht als Kriegsgefangene behandelt und kamen in den
italischen Festungen elend um. Von der Masse des Volkes wurden 40000 Koepfe aus
ihrer Heimat entfernt und auf dem gallischen Ufer angesiedelt, wo sie spaeter
vielleicht unter dem Namen der Cugerner begegnen. Nur ein geringer und
ungefaehrlicher Ueberrest des maechtigen Stammes durfte in den alten Wohnsitzen
bleiben. Auch suebische Haufen sind nach Gallien uebergefuehrt, andere
Voelkerschaften weiter landeinwaerts gedraengt worden, wie die Marser und ohne
Zweifel auch die Chatten; am Mittelrhein wurde ueberall die eingeborene
Bevoelkerung des rechten Ufers verdraengt oder doch geschwaecht. Laengs dieses
Rheinufers wurden ferner befestigte Posten, fuenfzig an der Zahl, eingerichtet.
Vorwaerts Mogontiacum wurde das den Chatten abgenommene Gebiet, seitdem der Gau
der Mattfiaker bei dem heutigen Wiesbaden, in die roemischen Linien gezogen und
die Hoehe des Taunus stark befestigt ^12. Vor allem aber wurde von Vetera aus
die Lippelinie in Besitz genommen; von der doppelten, von Tagemarsch zu
Tagemarsch mit Kastellen besetzten Militaerstrasse an den beiden Ufern des
Flusses ist wenigstens die rechtsuferige sicher ebenso das Werk des Drusus wie
dies bezeugt ist von der Festung Aliso im Quellgebiet der Lippe, wahrscheinlich
dem heutigen Dorfe Elsen unweit Paderborn ^13.
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^12 Das von Drusus in monte Tauno angelegte praesidium (Tac. ann. 1, 56)
und das mit Aliso zusammengestellte (phro?rion en CHa`attois par' ayt/o/ t/o/
R/e/n/o/ (Dio 54, 33) sind wahrscheinlich identisch, und die besondere Stellung
des Mattiakergaus haengt augenscheinlich mit der Anlage von Mogontiacum
zusammen.
^13 Dass das "Kastell am Zusammenfluss des Lupias und des Helison" bei Dio
54, 33 identisch ist mit dem oefter genannten Aliso und dies an der oberen Lippe
gesucht werden muss, ist keinem Zweifel unterworfen, und dass das roemische
Winterlager an den Lippequellen (ad caput Lupiae, Vell. 2, 105), unseres Wissens
das einzige derartige auf germanischem Boden, eben dort zu suchen ist,
wenigstens sehr wahrscheinlich. Dass die beiden an der Lippe hin laufenden
Roemerstrassen und deren befestigte Marschlager wenigstens bis in die Gegend von
Lippstadt fuehrten, haben namentlich Hoelzermanns Untersuchungen dargetan. Die
obere Lippe hat nur einen namhaften Zufluss, die Alme, und da unweit der
Muendung dieser in die Lippe das Dorf Elsen liegt, so darf hier der
Namensaehnlichkeit einiges Gewicht beigelegt werden.
Der Ansetzung von Aliso an der Muendung der Glenne (und Liese) in die
Lippe, welche unter andern Schmidt vertritt, steht vornehmlich entgegen, dass
das Lager ad caput Lupiae dann von Aliso verschieden gewesen sein muss,
ueberhaupt dieser Punkt von der Weserlinie zu weit abliegt, waehrend von Elsen
aus der Weg geradezu durch die Doerenschlucht in das Werretal fuehrt. ueberhaupt
bemerkt Schmidt (Westfaelische Zeitschrift fuer Gesch. und Alterthumskunde 20,
1862, S. 259), kein Anhaenger der Identifikation von Aliso und Elsen, dass die
Hoehen von Wever (unweit Elsen) und ueberhaupt der linke Talrand der Alme der
Mittelpunkt eines Halbkreises sind, welchen die vorliegenden Gebirge bilden, und
diese hochgelegene, trockene, bis zu dem Gebirge eine genaue Uebersicht
gestattende Gegend, welche das ganze lippische Land deckt und selbst in der
Front durch die Alme gedeckt ist, sich gut eignet zum Ausgangspunkt eines Zuges
gegen die Weser.
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Dazu kam der schon erwaehnte Kanal von der Rheinmuendung zur Zuidersee und
ein von Lucius Domitius Ahenobarbus durch eine laengere Sumpfstrecke zwischen
der Eins und dem Unterrhein gezogener Damm, die sogenannten "langen Bruecken".
Ausserdem standen durch das ganze Gebiet zerstreut einzelne roemische Posten;
dergleichen werden spaeterhin erwaehnt bei den Friesen und den Chaukern, und in
diesem Sinne mag es richtig sein, dass die roemischen Besatzungen bis zur Weser
und bis zur Elbe reichten. Endlich lagerte das Heer wohl im Winter am Rhein, im
Sommer aber, auch wenn nicht eigentlich Expeditionen unternommen wurden,
durchgaengig im eroberten Lande, in der Regel bei Aliso.
Aber nicht bloss militaerisch richteten die Roemer in dem neugewonnenen
Gebiet sich ein. Die Germanen wurden angehalten, wie andere Provinzialen, von
dem roemischen Statthalter Recht zu nehmen und die Sommerexpeditionen des
Feldherrn entwickelten sich allmaehlich zu den ueblichen Gerichtsreisen des
Statthalters. Anklage und Verteidigung der Angeschuldigten fand in lateinischer
Zunge statt; die roemischen Sachwalter und Rechtsbeistaende begannen wie
diesseits so jenseits des Rheines ihre ueberall schwer empfundene, hier die
solcher Dinge ungewohnten Barbaren tief erbitternde Wirksamkeit. Es fehlte viel
zur voelligen Durchfuehrung der provinzialen Einrichtung; an foermliche Umlage
der Schatzung, an regulierte Aushebung fuer das roemische Heer ward noch nicht
gedacht. Aber wie der neue Gauverband eben jetzt in Gallien im Anschluss an die
daselbst eingefuehrte goettliche Verehrung des Monarchen eingerichtet ward, so
wurde eine aehnliche Einrichtung auch in dem neuen Germanien getroffen; als
Drusus fuer Gallien den Augustusaltar in Lyon weihte, wurden die zuletzt auf dem
linken Rheinufer angesiedelten Germanen, die Ubier, nicht in diese Vereinigung
aufgenommen, sondern in ihrem Hauptort, der der Lage nach fuer Germanien
ungefaehr war, was Lyon fuer die drei Gallien, ein gleichartiger Altar fuer die
germanischen Gaue errichtet, dessen Priestertum im Jahre 9 der junge
Cheruskerfuerst Segimundus, des Segestes Sohn, verwaltete.
Den vollen militaerischen Erfolg brach oder unterbrach doch die kaiserliche
Familienpolitik. Das Zerwuerfnis zwischen Tiberius und seinem Stiefvater fuehrte
dazu, dass jener im Anfang des Jahres 748 (6) das Kommando niederlegte. Das
dynastische Interesse gestattete es nicht, umfassende militaerische Operationen
anderen Generalen als Prinzen des kaiserlichen Hauses anzuvertrauen; und nach
Agrippas und Drusus' Tod und Tiberius' Ruecktritt gab es faehige Feldherrn in
demselben nicht. Allerdings werden in den zehn Jahren, wo Statthalter mit
gewoehnlicher Befugnis in Illyricum und in Germanien schalteten, die
militaerischen Operationen daselbst wohl nicht so vollstaendig unterbrochen
worden sein, wie es uns erscheint, da die hoefisch gefaerbte Ueberlieferung
ueber die mit und die ohne Prinzen gefuehrten Kampagnen nicht in gleicher Weise
berichtet; aber das Stocken ist unverkennbar, und dieses selbst war ein
Rueckschritt. Ahenobarbus, der infolge seiner Verschwaegerung mit dem
kaiserlichen Hause - seine Gattin war die Schwestertochter Augusts - freiere
Hand hatte als andere Beamte und der in seiner illyrischen Statthalterschaft die
Elbe ueberschritten hatte, ohne Widerstand zu finden, erntete spaeter als
Statthalter Germaniens dort keine Lorbeeren. Nicht bloss die Erbitterung, auch
der Mut der Germanen waren wieder im Steigen und im Jahre 2 erscheint das Land
wieder im Aufstand, die Cherusker und die Chauker unter den Waffen. Inzwischen
hatte am Kaiserhofe der Tod sich ins Mittel geschlagen und der Wegfall der
jungen Soehne des Augustus diesen und Tiberius ausgesoehnt. Kaum war diese
Versoehnung durch die Annahme an Kindesstatt besiegelt und proklamiert (4), so
nahm Tiberius das Werk da wieder auf, wo es unterbrochen worden war, und fuehrte
abermals in diesem und den beiden folgenden Sommern (5-6) die Heere ueber den
Rhein. Es war eine Wiederholung und Steigerung der frueheren Feldzuege. Die
Cherusker wurden im ersten Feldzug, die Chauker im zweiten zum Gehorsam
zurueckgebracht; die den Batavern benachbarten und an Tapferkeit nicht
nachstehenden Cannenefaten, die im Quellgebiet der Lippe und an der Ems
sitzenden Bructerer und andere Gaue mehr unterwarfen sich, ebenso die hier
zuerst erwaehnten maechtigen Langobarden, damals hausend zwischen der Weser und
Elbe. Der erste Feldzug fuehrte ueber die Weser hinein in das Innere; in dem
zweiten standen an der Elbe selbst die roemischen Legionen dem germanischen
Landsturm am anderen Ufer gegenueber. Vom Jahre 4 auf 5 nahm, es scheint zum
ersten Mal, das roemische Heer das Winterlager auf germanischem Boden bei Aliso.
Alles dies wurde erreicht ohne erhebliche Kaempfe; die umsichtige Kriegfuehrung
brach nicht die Gegenwehr, sondern machte sie unmoeglich. Diesem Feldherrn war
es nicht um unfruchtbare Lorbeeren zu tun, sondern um dauernden Erfolg. Nicht
minder wurde die Seefahrt wiederholt; wie die erste Kampagne des Drusus, so ist
die letzte des Tiberius ausgezeichnet durch die Beschiffung der Nordsee. Aber
die roemische Flotte gelangte diesmal weiter: die ganze Kueste der Nordsee bis
zum Vorgebirge der Kimbrer, das heisst zur juetischen Spitze, ward von ihr
erkundet und sie vereinigte sich dann, die Elbe hinauffahrend, mit dem an dieser
aufgestellten Landheer. Diese zu ueberschreiten, hatte der Kaiser ausdruecklich
untersagt; aber die Voelker jenseits der Elbe, die eben genannten Kimbrer im
heutigen Juetland, die Charuden suedlich von ihnen, die maechtigen Semnonen
zwischen Elbe und Oder traten wenigstens in Beziehung zu den neuen Nachbarn.
Man konnte meinen, am Ziel zu sein. Aber eines fehlte doch noch zur
Herstellung des eisernen Ringes, der Grossdeutschland umklammern sollte: es war
die Herstellung der Verbindung zwischen der mittleren Donau und der oberen Elbe,
die Besitznahme des alten Boierheims, das in seinem Bergkranz gleich einer
gewaltigen Festung zwischen Noricum und Germanien sich einschob. Der Koenig
Maroboduus, aus edlem Markomannengeschlecht, aber in jungen Jahren durch
laengeren Aufenthalt in Rom eingefuehrt in dessen straffere Heer- und
Staatsordnung, hatte nach der Heimkehr, vielleicht waehrend der ersten Feldzuege
des Drusus und der dadurch herbeigefuehrten Uebersiedlung der Markomannen vom
Main an die obere Elbe, sich nicht bloss zum Fuersten seines Volkes erhoben,
sondern auch diese seine Herrschaft nicht in der lockeren Weise des germanischen
Koenigtums, sondern, man moechte sagen, nach dem Muster der augustischen
gestaltet. Ausser seinem eigenen Volk gebot er ueber den maechtigen Stamm der
Lugier (im heutigen Schlesien) und seine Klientel muss sich ueber das ganze
Gebiet der Elbe erstreckt haben, da die Langobarden und die Semnonen als ihm
untertaenig bezeichnet werden. Bisher hatte er den Roemern wie den uebrigen
Germanen gegenueber voellige Neutralitaet beobachtet; er gewaehrte wohl den
fluechtigen Roemerfeinden in seinem Lande eine Freistatt, aber taetig mischte er
sich in den Kampf nicht, nicht einmal, als die Hermunduren von dem roemischen
Statthalter auf markomannischem Gebiet Wohnsitze angewiesen erhielten und als
das linke Elbufer den Roemern botmaessig ward. Er unterwarf sich ihnen nicht,
aber er nahm alle jene Vorgaenge hin, ohne darum die freundlichen Beziehungen zu
den Roemern zu unterbrechen. Durch diese gewiss nicht grossartige und schwerlich
auch nur kluge Politik hatte er erreicht, als der letzte angegriffen zu werden;
nach den vollkommen gelungenen germanischen Feldzuegen der Jahre 4 und 5 kam die
Reihe an ihn. Von zwei Seiten her, von Germanien und Noricum aus, rueckten die
roemischen Heere vor gegen den boehmischen Bergring; den Main hinauf, die
dichten Waelder vom Spessart zum Fichtelgebirge mit Axt und Feuer lichtend, ging
Gaius Sentius Saturninus, von Carnuntum aus, wo die illyrischen Legionen durch
den Winter 5 auf 6 gelagert hatten, Tiberius selbst gegen die Markomannen vor;
die beiden Heere, zusammen zwoelf Legionen, waren den Gegnern, deren Streitmacht
auf 70000 Mann zu Fuss und 4000 Reiter geschaetzt wurde, schon der Zahl nach
fast um das Doppelte ueberlegen. Die umsichtige Strategik des Feldherrn schien
den Erfolg auch diesmal voellig sichergestellt zu haben, als ein ploetzlicher
Zwischenfall den weiteren Vormarsch der Roemer unterbrach.
Die dalmatinischen Voelkerschaften und die pannonischen wenigstens des
Savegebietes gehorchten seit kurzem den roemischen Statthaltern; aber sie
ertrugen das neue Regiment mit immer steigendem Groll, vor allem wegen der
ungewohnten und schonungslos gehandhabten Steuern. Als Tiberius spaeter einen
der Fuehrer nach den Gruenden des Abfalls fragte, antwortete ihm dieser, es sei
geschehen, weil die Roemer ihren Herden zu Huetern nicht Hunde noch Hirten,
sondern Woelfe setzten. Jetzt waren die Legionen aus Dalmatien an die Donau
gefuehrt und die wehrhaften Leute aufgeboten worden, um eben dahin zur
Verstaerkung der Armeen gesendet zu werden. Diese Mannschaften machten den
Anfang und ergriffen die Waffen nicht fuer, sondern gegen Rom; ihr Fuehrer war
ein Daesitiate (um Serajevo), Bato. Dem Beispiel folgten die Pannonier unter
Fuehrung zweier Breuker, eines anderen Bato und des Pinnes. Mit unerhoerter
Schnelligkeit und Eintraechtigkeit erhob sich ganz Illyricum; auf 200000 zu Fuss
und 9000 zu Pferde wurde die Zahl der insurgierten Mannschaften geschaetzt. Die
Aushebung fuer die Auxiliartruppen, welche namentlich bei den Pannoniern in
bedeutendem Masse stattfand, hatte die Kunde des roemischen Kriegswesens,
zugleich mit der roemischen Sprache und selbst der roemischen Bildung in
weiterem Umfang verbreitet; diese gedienten roemischen Soldaten bildeten jetzt
den Kern der Insurrektion ^14. Die in den insurgierten Gebieten in grosser Zahl
angesessenen oder verweilenden roemischen Buerger, die Kaufleute und vor allem
die Soldaten, wurden ueberall aufgegriffen und erschlagen. Wie die provinzialen
Voelkerschaften kamen auch die unabhaengigen in Bewegung. Die den Roemern ganz
ergebenen Fuersten der Thraker fuehrten allerdings ihre ansehnlichen und
tapferen Scharen den roemischen Feldherrn zu; aber vom anderen Ufer der Donau
brachen die Daker, mit ihnen die Sarmaten, in Moesien ein. Das ganze weite
Donaugebiet schien sich verschworen zu haben, um der Fremdherrschaft ein jaehes
Ende zu bereiten.
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^14 Das und nicht mehr sagt Velleius (2, 110): in omnibus Pannoniis non
disciplinae (= Kriegszucht) tantummodo, sed linguae quoque notitia Romanae,
plerisque etiam litterarum Usus et familiaris animorum erat exercitatio. Es sind
das dieselben Erscheinungen, wie sie bei den Cheruskerfuersten begegnen, nur in
gesteigertem Masse; und sie sind vollkommen begreiflich, wenn man sich der von
Augustus aufgestellten pannonischen und breukischen Alen und Kohorten erinnert.
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Die Insurgenten waren nicht gemeint, den Angriff abzuwarten, sondern sie
planten einen Ueberfall Makedoniens und sogar Italiens. Die Gefahr war ernst;
ueber die Julischen Alpen hinueber konnten die Aufstaendischen in wenigen Tagen
wiederum vor Aquileia und Tergeste stehen - sie hatten den Weg dahin noch nicht
verlernt - und in zehn Tagen vor Rom, wie der Kaiser selbst im Senat es
aussprach, allerdings um sich der Zustimmung desselben zu den umfassenden und
drueckenden militaerischen Veranstaltungen zu versichern. In schleunigster Eile
wurden neue Mannschaften auf die Beine gebracht und die zunaechst bedrohten
Staedte mit Besatzung versehen; ebenso, was irgendwo von Truppen entbehrlich
war, nach den bedrohten Punkten geschickt. Der erste zur Stelle war der
Statthalter von Moesien, Aulus Caecina Severus, und mit ihm der thrakische
Koenig Rhoemetalkes; bald folgten andere Truppen aus den ueberseeischen
Provinzen nach. Vor allen Dingen aber musste Tiberius, statt in Boehmen
einzudringen, zurueckkehren nach Illyricum. Haetten die Insurgenten abgewartet,
bis die Roemer mit Maroboduus im Kampfe lagen, oder dieser mit ihnen
gemeinschaftliche Sache gemacht, so konnte die Lage fuer die Roemer eine sehr
kritische werden. Aber jene schlugen zu frueh los, und dieser, getreu seinem
System der Neutralitaet, liess sich dazu herbei, eben jetzt auf der Basis des
Status quo mit den Roemern Frieden zu schliessen. So musste Tiberius zwar die
Rheinlegionen zuruecksenden, da Germanien unmoeglich von Truppen entbloesst
werden konnte, aber sein illyrisches Heer konnte er mit den aus Moesien, Italien
und Syrien anlangenden Truppen vereinigen und gegen die Insurgenten verwenden.
In der Tat war der Schrecken groesser als die Gefahr. Die Dalmater brachen zwar
zu wiederholten Malen in Makedonien ein und pluenderten die Kueste bis nach
Apollonia hinab; aber zu dem Einfall in Italien kam es nicht, und bald war der
Brand auf seinen urspruenglichen Herd beschraenkt.
Dennoch war die Kriegsarbeit nicht leicht: auch hier wie ueberall war die
abermalige Niederwerfung der Unterworfenen muehsamer als die Unterwerfung
selbst. Niemals ist in augustischer Zeit eine gleiche Truppenmasse unter
demselben Kommando vereinigt gewesen; schon im ersten Kriegsjahre bestand das
Heer des Tiberius aus zehn Legionen nebst den entsprechenden Hilfsmannschaften,
dazu zahlreichen freiwillig wieder eingetretenen Veteranen und anderen
Freiwilligen, zusammen etwa 120000 Mann; spaeterhin hatte er fuenfzehn Legionen
unter seinen Fahnen vereinigt ^15. Im ersten Feldzug (6) wurde mit sehr
abwechselndem Glueck gestritten; es gelang wohl, die grossen Ortschaften, wie
Siscia und Sirmium, gegen die Insurgenten zu schuetzen, aber der Dalmatiner Bato
focht ebenso hartnaeckig und zum Teil gluecklich gegen den Statthalter von
Pannonien, Marcus Valerius Messalla, des Redners Sohn, wie sein pannonischer
Namensgenosse gegen den von Moesien, Aulus Caecina. Vor allem der kleine Krieg
machte den roemischen Truppen viel zu schaffen. Auch das folgende Jahr (7), in
welchem neben Tiberius sein Neffe, der junge Germanicus, auf den
Kriegsschauplatz trat, brachte kein Ende der ewigen Kaempfe. Erst im dritten
Feldzug (8) gelang es, zunaechst die Pannonier zu unterwerfen, hauptsaechlich,
wie es scheint, dadurch, dass ihr Fuehrer Bato, von den Roemern gewonnen, seine
Truppen bewog, am Fluss Bathinus samt und sonders die Waffen zu strecken und den
Kollegen im Oberbefehl, Pinnes, den Roemern auslieferte, wofuer er von diesen
als Fuerst der Breuker anerkannt ward. Zwar traf den Verraeter bald die Strafe:
sein dalmatinischer Namensgenosse fing ihn und liess ihn hinrichten, und noch
einmal flackerte bei den Breukern der Aufstand auf; aber er ward rasch wieder
erstickt und der Dalmater beschraenkt auf die Verteidigung der eigenen Heimat.
Hier hatte Germanicus und andere Korpsfuehrer in diesem wie noch im folgenden
Jahr (9) in den einzelnen Gauen heftige Kaempfe zu bestehen; in dem letzteren
wurden die Pirusten (an der epirotischen Grenze) und der Gau, dem der Fuehrer
selbst angehoerte, die Daesitiaten bezwungen, ein tapfer verteidigtes Kastell
nach dem andern gebrochen. Noch einmal im Laufe des Sommers erschien Tiberius
selbst wieder im Felde und setzte die gesamten Streitkraefte gegen die Reste der
Insurrektion in Bewegung. Auch Bato, in dem festen Andetrium (Muck, oberhalb
Salome), seiner letzten Zufluchtstau, von dem roemischen Heere eingeschlossen,
gab die Sache verloren. Er verliess die Stadt, da er nicht vermochte, die
Verzweifelten zur Unterwerfung zu bestimmen, und unterwarf sich dem Sieger, bei
dem er ehrenvolle Behandlung fand; er ist, als politischer Gefangener
interniert, in Ravenna gestorben. Ohne den Fuehrer setzte die Mannschaft den
vergeblichen Kampf noch eine Zeitlang fort, bis die Roemer das Kastell mit
stuermender Hand einnahmen - wahrscheinlich diesen Tag, den 3. August,
verzeichnen die roemischen Kalender als den Jahrestag des von Tiberius in
Illyricum erfochtenen Sieges.
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^15 Nimmt man an, dass von den zwoelf Legionen, die gegen Maroboduus im
Marsch waren (Tac. ann. 2, 46), so viele, als wir bald nachher in Germanien
finden, also fuenf, auf dieses Heer kommen, so zaehlte das illyrische Heer des
Tiberius sieben, und die Zahl von zehn (Vell. 2, 113) kann fueglich bezogen
werden auf den Zuzug aus Moesien und Italien, die fuenfzehn auf den Zuzug aus
Aegypten oder Syrien und auf die weiteren Aushebungen in Italien, von wo die neu
ausgehobenen Legionen zwar nach Germanien, aber die dadurch abgeloesten zu
Tiberius' Heer kamen. Ungenau spricht Velleius (2, 112) gleich im Beginn des
Krieges von fuenf durch A. Caecina und Plautius Silvanus ex transmarinis
provinciis herangefuehrten Legionen; einmal konnten die ueberseeischen Truppen
nicht sofort zur Stelle sein, und zweitens sind die Legionen des Caecina
natuerlich die moesischen. Vgl. meinen Kommentar zum Monumentum Ancyranum (Res
gestae divi Augusti), 2. Aufl. 1883, S. 71.
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Auch die Daker jenseits der Donau traf die Vergeltung. Wahrscheinlich in
dieser Zeit, nachdem der illyrische Krieg sich zu Gunsten Roms entschieden
hatte, fuehrte Gnaeus Lentulus ein starkes roemisches Heer ueber die Donau,
gelangte bis an den Marisus (Marosch) und schlug sie nachdruecklich in ihrem
eigenen Lande, das damals zuerst eine roemische Armee betrat. Fuenfzigtausend
gefangene Daker wurden in Thrakien ansaessig gemacht.
Die Spaeteren haben den "Batonischen Krieg" der Jahre 6 bis 9 den
schwersten genannt, den Rom seit dem Hannibalischen gegen einen auswaertigen
Feind zu bestehen gehabt hat. Dem illyrischen Land hat er arge Wunden
geschlagen; in Italien war die Siegesfreude grenzenlos, als der junge Germanicus
die Botschaft des entscheidenden Erfolges nach der Hauptstadt ueberbrachte.
Lange hat der Jubel nicht gewaehrt; fast gleichzeitig mit der Kunde von diesem
Erfolg kam die Nachricht von einer Niederlage nach Rom, wie sie Augustes in
seiner fuenfzigjaehrigen Regierung nur einmal erlebt hat und die in ihren Folgen
noch viel bedeutsamer war als in sich selbst.
Die Zustaende in der Provinz Germanien sind frueher dargelegt worden. Der
Gegenschlag, der auf jede Fremdherrschaft mit der Unvermeidlichkeit eines
Naturereignisses folgt und der soeben in dem illyrischen Lande eingetreten war,
bereitete auch dort, in den mittelrheinischen Gauen, sich vor. Die Reste der
unmittelbar am Rhein sitzenden Staemme waren freilich voellig entmutigt, aber
die weiter zurueck wohnenden, vornehmlich die Cherusker, Chatten, Bructerer,
Marser, kaum minder geschaedigt und keineswegs ohnmaechtig. Wie immer in solchen
Lagen, bildete sich in jedem Gau eine Partei der fuegsamen Roemerfreunde und
eine nationale, die Wiedererhebung im Verborgenen vorbereitende. Die Seele von
dieser war ein junger, sechsundzwanzigjaehriger Mann aus dem Fuerstengeschlecht
der Cherusker, Arminius, des Sigimer Sohn; er und sein Bruder Flavus waren vom
Kaiser Augustes mit dem roemischen Buergerrecht und mit Ritterrang beschenkt
worden ^16 und beide hatten als Offiziere in den letzten roemischen Feldzuegen
unter Tiberius mit Auszeichnung gefochten; der Bruder diente noch im roemischen
Heer und hatte sich in Italien eine Heimstatt begruendet. Begreiflicherweise
galt auch Arminius den Roemern als ein Mann besonderen Vertrauens; die
Anschuldigungen, die sein besser unterrichteter Landsmann Segestes gegen ihn
vorbrachte, vermochten dies Zutrauen bei der wohlbekannten, zwischen beiden
bestehenden Verfeindung nicht zu erschuettern. Von den weiteren Vorbereitungen
haben wir keine Kunde; dass der Adel und vor allem die adlige Jugend auf der
Seite der Patrioten stand, versteht sich von selbst und findet darin deutlichen
Ausdruck, dass Segestes' eigene Tochter Thusnelda wider das Verbot ihres Vaters
sich dem Arminius vermaehlte, auch ihr Bruder Segimundus und Segestes' Bruder
Segimer sowie sein Neffe Sesithacus bei der Insurrektion eine hervorragende
Rolle spielten. Weiten Umfang hat sie nicht gehabt, bei weitem nicht den der
illyrischen Erhebung; kaum darf sie, streng genommen, eine germanische genannt
werden. Die Bataver, die Friesen, die Chauker an der Kueste waren nicht daran
beteiligt, ebensowenig was von suebischen Staemmen unter roemischer Herrschaft
stand, noch weniger Koenig Marobod; es erhoben sich in der Tat nur diejenigen
Germanen, die einige Jahre zuvor sich gegen Rom konfoederiert hatten und gegen
die Drusus' Offensive zunaechst gerichtet gewesen war. Der illyrische Aufstand
hat die Gaerung in Germanien ohne Zweifel gefoerdert, aber von verbindenden
Faeden zwischen den beiden gleichartigen und fast gleichzeitigen Insurrektionen
fehlt jede Spur; auch wuerden, haetten sie bestanden, die Germanen schwerlich
mit dem Losschlagen gewartet haben, bis der pannonische Aufstand ueberwaeltigt
war und in Dalmatien eben die letzten Burgen kapitulierten. Arminius war der
tapfere und verschlagene und vor allen Dingen glueckliche Fuehrer in dem
Verzweiflungskampf um die verlorene nationale Unabhaengigkeit; nicht weniger,
aber auch nicht mehr.
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^16 Das sagt Velleius (2, 118): adsiduus militiae nostrae prioris comes,
iure etiam civitatis Romanae eius equestres consequens gradus; was mit dem
ductor popularium des Tacitus (ann. 2, 10) zusammenfaellt. In dieser Zeit
muessen dergleichen Offiziere nicht selten vorgekommen sein; so fochten in dem
dritten Feldzug des Drusus inter primores Chumstinctus et Avectius tribuni ex
civitate Nerviorum (Liv. ep. 141) und unter Germanicus Chariovalda dux Batavorum
(Tac. ann. 2, 11).
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Es war mehr die Schuld der Roemer als das Verdienst der Insurgenten, wenn
deren Plan gelang. Insofern hat der illyrische Krieg hier allerdings
eingegriffen. Die tuechtigen Fuehrer und allem Anschein nach auch die erprobten
Truppen waren vom Rhein an die Donau gezogen worden. Vermindert war das
germanische Heer, wie es scheint, nicht, aber der groesste Teil desselben
bestand aus neuen, waehrend des Krieges gebildeten Legionen. Schlimmer noch war
es um die Fuehrerschaft bestellt. Der Statthalter Publius Quinctilius Varus ^17
war wohl der Gemahl einer Nichte des Kaisers und ein Mann von uebel erworbenem,
aber fuerstlichem Reichtum und von fuerstlicher Hoffart, aber von traegem
Koerper und stumpfem Geist und ohne jede militaerische Begabung und Erfahrung,
einer jener vielen hochgestellten Roemer, welche infolge des Festhaltens an der
alten Zusammenwerfung der Administrativ- und der Oberoffiziersstellungen die
Feldherrnschaerpe nach dem Muster Ciceros trugen. Er wusste die neuen Untertanen
weder zu schonen noch zu durchschauen; Bedrueckung und Erpressung wurden geuebt,
wie er es von seiner frueheren Statthalterschaft ueber das geduldige Syrien her
gewohnt war; das Hauptquartier wimmelte von Advokaten und Klienten, und in
dankbarer Demut nahmen insbesondere die Verschworenen bei ihm Urteil und Recht,
waehrend sich das Netz um den hoffaertigen Praetor dichter und dichter
zusammenzog.
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^17 Das Bildnis des Varus zeigt eine Kupfermuenze der afrikanischen Stadt
Achulla, geschlagen unter seinem Prokonsulat von Afrika im Jahre 747/48 (7/6)
(L. Mueller, Numismatique de l'ancienne Afrique. Kopenhagen 18674, Bd. 2, S. 44,
vgl. S. 52). Die Basis, welche einst die ihm von der Stadt Pergamon gesetzte
Bildsaeule trug, haben die Ausgrabungen daselbst wieder ans Licht gebracht; die
Unterschrift lautet: o d/e/mos [etim/e/sen] Poplion Koinktilion Sextoy yion
Oyar[on] pas/e/s aret/e/[s eneka].
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Die Lage der Armee war die damals normale. Es standen mindestens fuenf
Legionen in der Provinz, von denen zwei ihr Winterlager in Mogontiacum, drei in
Vetera oder auch in Aliso hatten. Das Sommerlager hatten die letzteren im Jahre
9 an der Weser genommen. Die natuerliche Verbindungsstrasse von der oberen Lippe
zur Weser fuehrt ueber den niederen Hoehenzug des Osning und des Lippischen
Waldes, welcher das Tal der Ems von dem der Weser scheidet, durch die
Doerenschlucht in das Tal der Werre, die bei Rehme unweit Minden in die Weser
faellt. Hier also ungefaehr lagerten damals die Legionen des Varus.
Selbstverstaendlich war dieses Sommerlager mit Aliso, dem Stuetzpunkt der
roemischen Stellungen am rechten Rheinufer, durch eine Etappenstrasse verbunden.
Die gute Jahreszeit ging zu Ende und man schickte sich zum Rueckmarsch an. Da
kam die Meldung, dass ein benachbarter Gau im Aufstand sei, und Varus entschloss
sich, statt auf jener Etappenstrasse das Heer zurueckzufuehren, einen Umweg zu
nehmen und unterwegs die Abgefallenen zum Gehorsam zurueckzubringen ^18. So
brach man auf; das Heer bestand nach zahlreichen Detachierungen aus drei
Legionen und neun Abteilungen der Truppen zweiter Klasse, zusammen etwa 20000
Mann ^19. Als nun die Armee sich von ihrer Kommunikationslinie hinreichend
entfernt hatte und tief genug in das unwegsame Land eingedrungen war, standen in
den benachbarten Gauen die Konfoederierten auf, machten die bei ihnen
stationierten kleinen Truppenabteilungen nieder und brachen von allen Seiten aus
den Schluchten und Waeldern gegen das marschierende Heer des Statthalters vor.
Arminius und die namhaftesten Fuehrer der Patrioten waren bis zum letzten
Augenblick im roemischen Hauptquartier geblieben, um Varus sicher zu machen;
noch am Abend vor dem Tage, an dem die Insurrektion losbrach, hatten sie im
Feldherrnzelt bei Varus gespeist und Segestes, indem er den bevorstehenden
Ausbruch des Aufstandes ankuendigte, den Feldherrn beschworen, ihn selbst sowie
die Angeschuldigten sofort verhaften zu lassen und die Rechtfertigung seiner
Anklage von den Tatsachen zu erwarten. Varus' Vertrauen war nicht zu
erschuettern. Von der Tafel weg ritt Arminius zu den Insurgenten und stand den
anderen Tag vor den Waellen des roemischen Lagers. Die militaerische Situation
war weder besser noch schlimmer als die der Armee des Drusus vor der Schlacht
bei Arbalo und als sie unter aehnlichen Verhaeltnissen oftmals fuer roemische
Armeen eingetreten ist; die Kommunikationen waren fuer den Augenblick verloren,
die mit schwerem Tross beschwerte Armee in dem pfadlosen Lande und in schlimmer,
regnerischer Herbstzeit durch mehrere Tagemaersche von Aliso getrennt, die
Angreifer der Zahl nach ohne Zweifel den Roemern weit ueberlegen. In solchen
Lagen entscheidet die Tuechtigkeit der Truppe; und wenn die Entscheidung hier
einmal zu Ungunsten der Roemer fiel, so wird die Unerfahrenheit der jungen
Soldaten und vor allen Dingen die Kopf- und Mutlosigkeit des Feldherrn dabei
wohl das meiste getan haben. Nach erfolgtem Angriff setzte das roemische Heer
seinen Marsch, jetzt ohne Zweifel in der Richtung auf Aliso, noch drei Tage
fort, unter stetig steigender Bedraengnis und steigender Demoralisation. Auch
die hoeheren Offiziere taten teilweise ihre Schuldigkeit nicht; einer von ihnen
ritt mit der gesamten Reiterei vom Schlachtfeld weg und liess das Fussvolk
allein den Kampf bestehen. Der erste, der voellig verzagte, war der Feldherr
selbst; verwundet im Kampfe, gab er sich den Tod, ehe die letzte Entscheidung
gefallen war, so frueh, dass die Seinigen noch den Versuch machten, die Leiche
zu verbrennen und der Verunehrung durch den Feind zu entziehen. Seinem Beispiel
folgte eine Anzahl der Oberoffiziere. Als dann alles verloren war, kapitulierte
der uebriggebliebene Fuehrer und gab auch das aus der Hand, was diesen letzten
noch blieb, den ehrlichen Soldatentod. So ging in einem der Taeler der das
Muensterland begrenzenden Hoehenzuege im Herbst des Jahres 9 n. Chr. das
germanische Heer Zugrunde ^20. Die Adler fielen alle drei in Feindeshand. Keine
Abteilung schlug sich durch, auch jene Reiter nicht, die ihre Kameraden im Stich
gelassen hatten; nur wenige Vereinzelte und Versprengte vermochten sich zu
retten. Die Gefangenen, vor allem die Offiziere und die Advokaten, wurden ans
Kreuz geschlagen oder lebendig begraben oder bluteten unter dem Opfermesser der
germanischen Priester. Die abgeschnittenen Koepfe wurden als Siegeszeichen an
die Baeume der heiligen Haine genagelt. Weit und breit stand das Land auf gegen
die Fremdherrschaft; man hoffte auf den Anschluss Marobods; die roemischen
Posten und Strassen fielen auf dem ganzen rechten Rheinufer ohne weiteres in die
Gewalt der Sieger. Nur in Aliso leistete der tapfere Kommandant Lucius
Caedicius, kein Offizier, aber ein altgedienter Soldat, entschlossenen
Widerstand und seine Schuetzen wussten den Germanen, die Fernwaffen nicht
besassen, das Lagern vor den Waellen so zu verleiden, dass sie die Belagerung in
eine Blockade umwandelten. Als die letzten Vorraete der Belagerten erschoepft
waren und immer noch kein Entsatz kam, brach Caedicius in einer finsteren Nacht
auf, und dieser Rest des Heeres erreichte in der Tat, wenn auch beschwert mit
zahlreichen Frauen und Kindern und durch die Angriffe der Germanen starke
Verluste erleidend, schliesslich das Lager von Vetera. Dorthin waren auch die
beiden in Mainz stehenden Legionen unter Lucius Nonius Asprenas auf die
Nachricht von der Katastrophe gegangen. Die entschlossene Verteidigung von Aliso
und Asprenas rasches Eingreifen verhinderten die Germanen, ihren Sieg auf dem
linken Rheinufer zu verfolgen, vielleicht die Gallier, sich gegen Rom zu
erheben.
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^18 Der Dionische Bericht, der einzige, der diese Katastrophe in einigem
Zusammenhang ueberliefert, erklaert den Verlauf derselben in genuegender Weise,
wenn man nur, was Dio allerdings nicht hervorhebt, das allgemeine Verhaeltnis
des Sommer- und des Winterlagers hinzunimmt und die von Ranke (Weltgeschichte.
Leipzig 1881-88. Bd. 3, 2, S. 275) mit Recht gestellte Frage, wie gegen eine
lokale Insurrektion das ganze Heer hat marschieren koennen, damit beantwortet.
Der Bericht des Florus beruht keineswegs auf urspruenglich anderen Quellen, wie
derselbe Gelehrte annimmt, sondern lediglich auf dem dramatischen
Zusammenruecken der Motive, wie es allen Historikern dieses Schlages eigen ist.
Die friedliche Rechtspflege des Varus und die Erstuermung des Lagers kennt die
bessere Ueberlieferung beide auch und in ihrem ursaechlichen Zusammenhang; die
laecherliche Schilderung, dass, waehrend Varus auf dem Gerichtsstuhl sitzt und
der Herold die Parteien vorladet, die Germanen zu allen Toren in das Lager
einbrechen, ist nicht Ueberlieferung, sondern aus dieser verfertigtes Tableau.
Dass dieses ausser mit der gesunden Vernunft auch mit Tacitus' Schilderung der
drei Marschlager in unloesbarem Widerspruch steht, leuchtet ein.
^19 Die normale Staerke der drei Alen und der sechs Kohorten ist insofern
nicht genau zu berechnen, als darunter einzelne Doppelabteilungen (miliariae)
gewesen sein koennen; aber viel ueber 20000 Mann kann das Heer nicht gezaehlt
haben. Andererseits liegt keine Ursache vor, eine wesentliche Differenz der
effektiven Staerke von der normalen anzunehmen. Die zahlreichen Detachierungen,
deren Erwaehnung geschieht (Dio 56, 19), finden ihren Ausdruck in der
verhaeltnismaessig geringen Zahl der Auxilien, die immer dafuer vorzugsweise
verwendet wurden.
^20 Da Germanicus, von der Ems kommend, das Gebiet zwischen Ems und Lippe,
das heisst das Muensterland, verheert, und nicht weit davon der Teutoburgiensis
saltus liegt, wo Varus' Heer zugrunde ging (Tat. ann. 1, 61), so liegt es am
naechsten, diese Bezeichnung, welche auf das flache Muensterland nicht passt,
von dem das Muensterland nordoestlich begrenzenden Hoehenzug, dem Osning zu
verstehen; aber auch an das etwas weiter noerdlich parallel mit dem Osning von
Minden zur Huntequelle streichende Wiehengebirge kann gedacht werden. Den Punkt
an der Weser, an dem das Sommerlager stand, kennen wir nicht; indes ist nach der
Lage von Aliso bei Paderborn und nach den zwischen diesem und der Weser
bestehenden Verbindungen wahrscheinlich dasselbe etwa bei Minden gewesen. Die
Richtung des Rueckmarsches kann jede andere, nur nicht die naechste nach Aliso
gewesen sein, und die Katastrophe erfolgte also nicht auf der militaerischen
Verbindungslinie zwischen Minden und Paderborn selbst, sondern in groesserer
oder geringerer Entfernung von dieser. Varus mag von Minden etwa in der Richtung
auf Osnabrueck marschiert sein, dann nach dem Angriff von dort aus nach
Paderborn zu gelangen versucht und auf diesem Marsch in einem jener beiden
Hoehenzuege sein Ende gefunden haben. Seit Jahrhunderten ist in der Gegend von
Venne an der Huntequelle eine auffallend grosse Anzahl von roemischen Gold-,
Silber- und Kupfermuenzen gefunden worden, wie sie in augustischer Zeit
umliefen, waehrend spaetere Muenzen daselbst so gut wie gar nicht vorkommen
(vgl. die Nachweisungen bei Paul Hoefen Der Feldzug des Germanicus im Jahre 16.
Gotha 1884, S. 82 f.). Einem Muenzschatz koennen diese Funde nicht angehoeren,
wegen des zerstreuten Vorkommens und der Verschiedenheit der Metalle; einer
Handelsstaette auch nicht, wegen der zeitlichen Geschlossenheit; sie sehen ganz
aus wie der Nachlass einer grossen aufgeriebenen Armee, und die vorliegenden
Berichte ueber die Varusschlacht lassen sich mit dieser Lokalitaet vereinigen.
Ueber das Jahr der Katastrophe haette nie gestritten werden sollen; die
Verschiebung in das Jahr 10 ist ein blosses Versehen. Die Jahreszeit wird
einigermassen dadurch bestimmt, dass zwischen der Anordnung der illyrischen
Siegesfeier und dem Eintreffen der Ungluecksbotschaft in Rom nur fuenf Tage
liegen und jene wahrscheinlich den Sieg vom 3. August zur Voraussetzung hat wenn
sie auch nicht unmittelbar auf diesen gefolgt ist. Danach wird die Niederlage
etwa im September oder Oktober stattgefunden haben, was auch dazu stimmt, dass
der letzte Marsch des Varus offenbar der Rueckmarsch aus dem Sommer- in das
Winterlager gewesen ist.
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Die Niederlage war insofern bald wieder ausgeglichen, als die Rheinarmee
sofort nicht bloss ergaenzt, sondern ansehnlich verstaerkt ward. Tiberius
uebernahm abermals das Kommando derselben und wenn aus dem auf die Varusschlacht
folgenden Jahr (10) die Kriegsgeschichte Gefechte nicht zu verzeichnen hatte, so
ist wahrscheinlich damals die Besetzung der Rheingrenze mit acht Legionen und
wohl gleichzeitig die Teilung dieses Kommandos in das der oberen Armee mit dem
Hauptquartier Mainz und das der unteren mit dem Hauptquartier Vetera, ueberhaupt
also diejenige Einrichtung daselbst getroffen worden, die dann durch
Jahrhunderte massgebend geblieben ist. Man musste erwarten, dass auf diese
Vermehrung der Rheinarmee die energische Wiederaufnahme der Operationen auf dem
rechten Rheinufer gefolgt waere. Der roemisch-germanische Kampf war nicht ein
Kampf zwischen zwei in politischem Gleichgewicht stehenden Maechten, in welchem
die Niederlage der einen einen unguenstigen Friedensschluss rechtfertigen kann;
es war der Kampf eines zivilisierten und organisierten Grossstaates gegen eine
tapfere, aber politisch und militaerisch barbarische Nation, in welchem das
schliessliche Ergebnis von vornherein feststeht und ein vereinzelter Misserfolg
in dem vorgezeichneten Plan so wenig etwas aendern darf, wie das Schiff darum
seine Fahrt aufgibt, weil ein Windstoss es aus der Bahn wirft. Aber es kam
anders. Wohl ging Tiberius im folgenden Jahr (11) ueber den Rhein; aber diese
Expedition glich den frueheren nicht. Er blieb den Sommer drueben und feierte
dort des Kaisers Geburtstag, aber die Armee hielt sich in der unmittelbaren
Naehe des Rheins und von Zuegen an die Weser und an die Elbe war keine Rede - es
sollte offenbar den Germanen nur gezeigt werden, dass die Roemer den Weg in ihr
Land noch zu finden wussten, vielleicht auch diejenigen Einrichtungen am rechten
Rheinufer getroffen werden, welche die veraenderte Politik erforderte.
Das grosse, beide Heere umfassende Kommando blieb und es blieb also auch im
kaiserlichen Hause. Germanicus hatte es schon im Jahre 11 neben Tiberius
gefuehrt; im folgenden (12), wo ihn die Verwaltung des Konsulats in Rom
festhielt, kommandierte Tiberius allein am Rhein; mit dem Anfang des Jahres 13
uebernahm Germanicus den alleinigen Oberbefehl. Man betrachtete sich als im
Kriegsstand gegen die Germanen; aber es waren tatenlose Jahre ^21. Ungern ertrug
der feurige und ehrgeizige Erbprinz den ihm auferlegten Zwang, und man begreift
es von dem Offizier, dass er die drei Adler in Feindeshand nicht vergass, von
dem leiblichen Sohn des Drusus, dass er dessen zerstoerten Bau wieder
aufzurichten wuenschte. Bald bot sich ihm dazu die Gelegenheit oder er nahm sie.
Am 19. August des Jahres 14 starb Kaiser Augustus. Der erste Thronwechsel in der
neuen Monarchie verlief nicht ohne Krise und Germanicus hatte Gelegenheit, durch
Taten seinem Vater zu beweisen, dass er gesonnen war, ihm die Treue zu wahren.
Darin aber fand er zugleich die Rechtfertigung, die lange gewuenschte Invasion
Germaniens auch ungeheissen wieder aufzunehmen; er erklaerte, die nicht
unbedenkliche, durch den Thronwechsel bei den Legionen hervorgerufene Gaerung
durch diesen frischen Kriegszug ersticken zu muessen. Ob dies ein Grund oder ein
Vorwand war, wissen wir nicht und wusste vielleicht er selber nicht. Dem
Kommandanten der Rheinarmee konnte das Ueberschreiten der Grenze ueberall nicht
gewehrt werden, und es hing immer bis zu einem gewissen Grade von ihm ab, wie
weit gegen die Germanen vorgegangen werden sollte. Vielleicht auch glaubte er,
im Sinne des neuen Herrschers zu handeln, der ja wenigstens ebensoviel Anspruch
wie sein Bruder auf den Namen des Besiegers von Germanien hatte und dessen
angekuendigtes Erscheinen im Rheinlager wohl so aufgefasst werden konnte, als
komme er, um die auf Augustus' Geheiss abgebrochene Eroberung Germaniens wieder
aufzunehmen. Wie dem auch sei, die Offensive jenseits des Rheins begann aufs
neue. Noch im Herbst des Jahres 14 fuehrte Germanicus selbst Detachements aller
Legionen bei Vetera ueber den Rhein und drang an der Lippe hinauf ziemlich tief
in das Binnenland vor, weit und breit das Land verheerend, die Eingeborenen
niedermachend, die Tempel - so den hochgeehrten der Tanfana - zerstoerend. Die
Betroffenen, es waren vornehmlich Bructerer, Tubanten und Usiper, suchten dem
Kronprinzen auf der Heimkehr das Schicksal des Varus zu bereiten; aber an der
energischen Haltung der Legionen prallte der Angriff ab. Da dieser Vorstoss
keinen Tadel fand, vielmehr dem Feldherrn dafuer Danksagungen und
Ehrenbezeugungen dekretiert wurden, ging er weiter. Im Fruehling des Jahres 15
versammelte er seine Hauptmacht zunaechst am Mittelrhein und ging selbst von
Mainz vor gegen die Chatten bis an die oberen Zufluesse der Weser, waehrend das
untere Heer weiter nordwaerts die Cherusker und die Marser angriff. Eine gewisse
Rechtfertigung fuer dies Vorgehen lag darin, dass die roemisch gesinnten
Cherusker, welche unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe des Varus
sich den Patrioten hatten anschliessen muessen, jetzt wieder mit der viel
staerkeren Nationalpartei in offenem Kampfe lagen und die Intervention des
Germanicus anriefen. In der Tat gelang es, den von seinen Landsleuten hart
bedraengten Roemerfreund Segestes zu befreien und dabei dessen Tochter, die
Gattin des Arminius, in die Gewalt zu bekommen; auch des Segestes Bruder
Segimerus, einst neben Arminius der Fuehrer der Patrioten, unterwarf sich; die
inneren Zerwuerfnisse der Germanen ebneten einmal mehr der Fremdherrschaft die
Wege. Noch im selben Jahre unternahm Germanicus den Hauptzug nach dem Emsgebiet;
Caecina rueckte von Vetera aus an die obere Ems, er selbst ging mit der Flotte
von der Rheinmuendung aus eben dorthin; die Reiterei zog die Kueste entlang
durch das Gebiet der treuen Friesen. Wieder vereinigt, verwuesteten die Roemer
das Land der Bructerer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe und machten
von da aus einen Zug nach der Ungluecksstaette, wo sechs Jahre zuvor das Heer
des Varus geendigt hatte, um den gefallenen Kameraden das Grabmal zu errichten.
Bei dem weiteren Vormarsch wurde die roemische Reiterei von Arminius und den
erbitterten Patriotenscharen in einen Hinterhalt gelockt und waere aufgerieben
worden, wenn nicht die anrueckende Infanterie groesseres Unheil verhindert
haette. Schwerere Gefahren brachte die Heimkehr von der Ems, welche auf
denselben Wegen angetreten ward wie der Hinmarsch. Die Reiterei gelangte
unbeschaedigt in das Winterlager. Dafuer das Fussvolk der vier Legionen die
Flotte bei der schwierigen Fahrt - es war um die Zeit der Herbstnachtgleiche -
nicht genuegte, so schiffte Germanicus zwei derselben wieder aus und liess sie
am Strande zurueckgehen; aber mit dem Verhaeltnis von Ebbe und Flut in dieser
Jahreszeit ungenuegend bekannt, verloren sie ihr Gepaeck und gerieten in Gefahr,
massenweise zu ertrinken. Der Rueckmarsch der vier Legionen des Caecina von der
Ems zum Rhein glich genau dem des Varus, ja das schwere sumpfige Land bot wohl
noch groessere Schwierigkeiten als die Schluchten der Waldgebirge. Die ganze
Masse der Eingeborenen, an ihrer Spitze die beiden Cheruskerfuersten, Arminius
und dessen hochangesehener Oheim Inguiomerus, warf sich auf die abziehenden
Truppen in der sicheren Hoffnung, ihnen das gleiche Schicksal zu bereiten, und
fuellte ringsum die Suempfe und Waelder. Der alte Feldherr aber, in
vierzigjaehrigem Kriegsdienst erprobt, blieb kaltbluetig auch in der aeussersten
Gefahr und hielt seine verzagenden und hungernden Mannschaften fest in der Hand.
Dennoch haette auch er vielleicht das Unheil nicht abwenden koennen, wenn nicht
nach einem gluecklichen Angriff waehrend des Marsches, bei dem die Roemer einen
grossen Teil ihrer Reiterei und fast das ganze Gepaeck einbuessten, die
siegesgewissen und beutelustigen Deutschen gegen Arminius Rat dem anderen
Fuehrer gefolgt waeren und statt der weiteren Umstellung des Feindes geradezu
den Sturm auf das Lager versucht haetten. Caecina liess die Germanen bis an die
Waelle herankommen, brach aber dann aus allen Toren und Pforten mit solcher
Gewalt auf die Stuermenden ein, dass sie eine schwere Niederlage erlitten und
infolgedessen der weitere Rueckzug ohne wesentliche Hinderung stattfand. Am
Rhein hatte man die Armee schon verloren gegeben und war im Begriff gewesen, die
Bruecke bei Vetera abzuwerfen, um wenigstens das Eindringen der Germanen in
Gallien zu verhindern; nur die entschlossene Einrede einer Frau, der Gattin des
Germanicus, der Tochter Agrippas, hatte den verzagten und schimpflichen
Entschluss vereitelt.
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^21 Den fortdauernden Kriegsstand bezeugen Tacitus (ann. 1, 9) und Dio (56,
26); aber berichtet wird gar nichts aus den nominellen Feldzuegen der Sommer 12,
13 und 14, und die Expedition vom Herbst des Jahres 14 erscheint als die erste
von Germanicus unternommene. Allerdings ist Germanicus wahrscheinlich noch bei
Augustus' Lebzeiten als Imperator ausgerufen worden (Monumentum Ancyranum, S.
17); aber es steht nichts im Wege, dies auf den Feldzug des Jahres 11 zu
beziehen, in dem Germanicus mit prokonsularischer Gewalt neben Tiberius
kommandierte (Dio 56, 25). Im Jahre 12 war er in Rom zur Verwaltung des
Konsulats, welche er das ganze Jahr hindurch behielt und mit welcher es damals
noch ernsthaft genommen wurde; dies erklaert, weshalb Tiberius, wie dies jetzt
erwiesen ist (Hermann Schulz, Quaestiones Ovidianae. Greifswald 1883, S. 15 f.),
noch im Jahre 12 nach Germanien ging und sein Rheinkommando erst im Anfang des
Jahres 13 mit der pannonischen Siegesfeier niederlegte.
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Die Wiederaufnahme der Unterwerfung Germaniens begann also nicht gerade mit
Glueck. Das Gebiet zwischen Rhein und Weser war wohl wieder betreten und
durchschritten worden, aber entscheidende Erfolge hatten die Roemer nicht
aufzuzeigen, und der ungeheure Verlust an Material, namentlich an Pferden, wurde
schwer empfunden, so dass, wie in Scipios Zeiten, die Staedte Italiens und der
westlichen Provinzen bei dem Ersatz des Verlorenen mit patriotischen Beisteuern
sich beteiligten.
Germanicus aenderte fuer den naechsten Feldzug (16) seinen Kriegsplan: er
versuchte, die Unterwerfung Germaniens auf die Nordsee und die Flotte zu
stuetzen, teils weil die Voelkerschaften an der Kueste, die Bataver, Friesen,
Chauker mehr oder minder zu den Roemern hielten, teils um die zeitraubenden und
verlustvollen Maersche vom Rhein zur Weser und zur Elbe und wieder zurueck
abzukuerzen. Nachdem er dieses Fruehjahr wie das vorige zu raschen Vorstoessen
am Main und an der Lippe verwendet hatte, schiffte er im Anfang des Sommers auf
der inzwischen fertiggestellten gewaltigen Transportflotte von 1000 Segeln sein
gesamtes Heer an der Rheinmuendung ein und gelangte in der Tat ohne Verlust bis
an die der Ems, wo die Flotte blieb, und weiter, vermutlich die Ems hinauf bis
an die Haasemuendung und dann an dieser hinauf in das Werretal, durch dieses an
die Weser. Damit war die Durchfuehrung der bis 80000 Mann starken Armee durch
den Teutoburger Wald, welche namentlich fuer die Verpflegung mit grossen
Schwierigkeiten verbunden war, vermieden, in dem Flottenlager fuer die Zufuhr
ein sicherer Rueckhalt gegeben, und die Cherusker auf dem rechten Ufer der Weser
statt von vorn in der Flanke angegriffen. Auf diesem trat den Roemern das
Gesamtaufgebot der Germanen entgegen, wiederum gefuehrt von den beiden Haeuptern
der Patriotenpartei, Arminius und Inguiomerus; ueber welche Streitkraefte
dieselben geboten, beweist, dass sie im Cheruskerland zunaechst an der Weser
selbst, dann etwas weiter landeinwaerts ^22, zweimal kurz nacheinander gegen das
gesamte roemische Heer in offener Feldschlacht schlugen und in beiden den Sieg
hart bestritten. Allerdings fiel dieser den Roemern zu und von den germanischen
Patrioten blieb ein betraechtlicher Teil auf den Schlachtfeldern - Gefangene
wurden nicht gemacht und von beiden Seiten mit aeusserster Erbitterung
gefochten; das zweite Tropaeum des Germanicus sprach von der Niederwerfung aller
germanischen Voelker zwischen Rhein und Elbe; der Sohn stellte diese seine
Kampagne neben die glaenzenden des Vaters und berichtete nach Rom, dass er im
naechsten Feldzug die Unterwerfung Germaniens vollendet haben werde. Aber
Arminius entkam, obwohl verwundet, und blieb auch ferner an der Spitze der
Patrioten, und ein unvorhergesehenes Unheil verdarb den Waffenerfolg. Auf der
Heimkehr, die von dem groessten Teil der Legionen zu Schiff gemacht wurde,
geriet die Transportflotte in die Herbststuerme der Nordsee; die Schiffe wurden
nach allen Seiten ueber die Inseln der Nordsee und bis an die britische Kueste
hin geschleudert, ein grosser Teil ging zugrunde und die sich retteten, hatten
groesstenteils Pferde und Gepaeck ueber Bord werfen und froh sein muessen, das
nackte Leben zu bergen. Der Fahrtverlust kam, wie in den Zeiten der Punischen
Kriege, einer Niederlage gleich; Germanicus selbst, mit dem Admiralschiff
einzeln verschlagen an den oeden Strand der Chauker, war in Verzweiflung ueber
diesen Misserfolg drauf und dran, seinen Tod in demselben Ozean zu suchen,
dessen Beistand er im Beginn dieses Feldzuges so ernstlich und so vergeblich
angerufen hatte. Wohl erwies sich spaeterhin der Menschenverlust nicht ganz so
gross, wie es anfaenglich geschienen hatte, und einige erfolgreiche Schlaege,
die der Feldherr nach der Rueckkehr an den Rhein den naechstwohnenden Barbaren
versetzte, hoben den gesunkenen Mut der Truppen. Aber im ganzen genommen endigte
der Feldzug des Jahres 16, verglichen mit dem des vorigen, wohl mit
glaenzenderen Siegen, aber auch mit viel empfindlicherer Einbusse.
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^22 Die Annahme Schmidts (Westfaelische Zeitschrift 20, 1862, S. 301), dass
die erste Schlacht auf dem Idistavisischen Feld, etwa bei Bueckeburg, geschlagen
sei, die zweite, wegen der dabei erwaehnten Suempfe, vielleicht am Steinhuder
See, bei dem suedlich von diesem liegenden Dorf Bergkirchen, wird von der
Wahrheit sich nicht weit entfernen und kann wenigstens als Veranschaulichung
gelten. Auf ein gesichertes Ergebnis muss bei diesem wie bei den meisten
Taciteischen Schlachtberichten verzichtet werden.
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Germanicus Abberufung war zugleich die Aufhebung des Oberkommandos der
rheinischen Armee. Die blosse Teilung des Kommandos setzte der bisherigen
Kriegfuehrung ein Ziel; dass Germanicus nicht bloss abberufen ward, sondern
keinen Nachfolger erhielt, kam hinaus auf die Anordnung der Defensive am Rhein.
So ist denn auch der Feldzug des Jahres 16 der letzte gewesen, den die Roemer
gefuehrt haben, um Germanien zu unterwerfen und die Reichsgrenze vom Rhein an
die Elbe zu verlegen. Dass die Feldzuege des Germanicus dieses Ziel hatten,
lehrt ihr Verlauf selbst und das die Elbgrenze feiernde Tropaeum. Auch die
Wiederherstellung der rechtsrheinischen militaerischen Anlagen, der
Taunuskastelle sowohl wie der Festung Aliso und der diese mit Vetera
verbindenden Linie, gehoert nur zum Teil zu derjenigen Besetzung des rechten
Rheinufers, wie sie auch mit dem beschraenkten Operationsplan nach der
Varusschlacht sich vertrug, zum Teil griff sie weit ueber denselben hinaus. Aber
was der Feldherr wollte, wollte der Kaiser nicht oder nicht ganz. Es ist mehr
als wahrscheinlich, dass Tiberius die Unternehmungen des Germanicus am Rhein von
Haus aus mehr hat geschehen lassen, und gewiss, dass er durch dessen Abberufung
im Winter 16/17 denselben ein Ziel hat setzen wollen. Ohne Zweifel ist zugleich
ein guter Teil des Erreichten aufgegeben, namentlich aus Aliso die Besatzung
zurueckgezogen worden. Wie Germanicus von dem im Teutoburger Walde errichteten
Siegesdenkmal schon das Jahr darauf keinen Stein mehr fand, so sind auch die
Ergebnisse seiner Siege wie ein Schlag ins Wasser verschwunden, und keiner
seiner Nachfolger hat auf diesem Grunde weiter gebaut.
Wenn Augustus das eroberte Germanien nach der Varusschlacht verloren
gegeben hatte, wenn Tiberius jetzt, nachdem die Eroberung abermals in Angriff
genommen worden war, sie abzubrechen befahl, so ist die Frage wohl berechtigt,
welche Motive die beiden bedeutenden Regenten hierbei geleitet haben und was
diese wichtigen Vorgaenge fuer die allgemeine Reichspolitik bedeuten.
Die Varusschlacht ist ein Raetsel, nicht militaerisch, aber politisch,
nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen. Augustus hatte nicht unrecht, wenn
er seine verlorenen Legionen nicht von dem Feind oder dem Schicksal, sondern von
dem Feldherrn zurueckforderte; es war ein Ungluecksfall, wie ungeschickte
Korpsfuehrer sie von Zeit zu Zeit fuer jeden Staat herbeifuehren; schwer
begreift man, dass die Aufreibung einer Armee von 20000 Mann ohne weitere
unmittelbare militaerische Konsequenzen der grossen Politik eines einsichtig
regierten Weltstaates eine entscheidende Wendung gegeben hat. Und doch haben die
beiden Herrscher jene Niederlage mit einer beispiellosen und fuer die Stellung
der Regierung, der Armee wie den Nachbarn gegenueber bedenklichen und
gefaehrlichen Geduld ertragen; doch haben sie den Friedensschluss mit Marobod,
der ohne Zweifel eigentlich nur eine Waffenruhe sein sollte, zu einem
definitiven werden lassen und nicht weiter versucht, das obere Elbtal in die
Hand zu bekommen. Es muss Tiberius nicht leicht angekommen sein, den grossen,
mit dem Bruder gemeinschaftlich begonnenen, dann nach dessen Tode von ihm fast
vollendeten Bau zusammenstuerzen zu sehen; der gewaltige Eifer, womit er, sowie
er in das Regiment wieder eingetreten war, den vor zehn Jahren begonnenen
germanischen Krieg aufgenommen hatte, laesst ermessen, was diese Entsagung ihn
gekostet haben muss. Wenn dennoch nicht bloss Augustus bei derselben beharrte,
sondern auch nach dessen Tode er selbst, so ist dafuer ein anderer Grund nicht
zu finden, als dass sie die durch zwanzig Jahre hindurch verfolgten Plaene zur
Veraenderung der Nordgrenze als unausfuehrbar erkannten und die Unterwerfung und
Behauptung des Gebietes zwischen dem Rhein und der Elbe ihnen die Kraefte des
Reiches zu uebersteigen schien.
Wenn die bisherige Reichsgrenze von der mittleren Donau bis an deren Quelle
und den oberen Rhein und dann rheinabwaerts lief, so wurde sie allerdings durch
die Verlegung an die in ihrem Quellgebiet der mittleren Donau sich naehernde
Elbe und an deren ganzen Lauf wesentlich verkuerzt und verbessert; wobei
wahrscheinlich ausser dem evidenten militaerischen Gewinn auch noch das
politische Moment in Betracht kam, dass die moeglichst weite Entfernung der
grossen Kommandos von Rom und Italien eine der leitenden Maximen der
Augusteischen Politik war und ein Elbheer in der weiteren Entwicklung Roms
schwerlich dieselbe Rolle gespielt haben wuerde, wie sie die Rheinheere nur zu
bald uebernahmen. Die Vorbedingungen dazu, die Niederwerfung der germanischen
Patriotenpartei und des Suebenkoenigs in Boehmen, waren keine leichten Aufgaben;
indes man hatte dem Gelingen derselben schon einmal ganz nahe gestanden und bei
richtiger Fuehrung konnten diese Erfolge nicht verfehlt werden. Aber eine andere
Frage war es, ob nach der Einrichtung der Elbgrenze die Truppen aus dem
zwischenliegenden Gebiet weggezogen werden konnten; diese Frage hatte der
dalmatisch-pannonische Krieg in sehr ernster Weise der roemischen Regierung
gestellt. Wenn schon das bevorstehende Einruecken der roemischen Donauarmee in
Boehmen einen mit Anstrengung aller militaerischen Hilfsmittel erst nach
vierjaehrigem Kampf niedergeworfenen Volksaufstand in Illyricum hervorgerufen
hatte, so durfte weder zur Zeit noch auf lange Jahre hinaus dies weite Gebiet
sich selbst ueberlassen werden. Aehnlich stand es ohne Zweifel am Rhein. Das
roemische Publikum pflegte wohl sich zu ruehmen, dass der Staat ganz Gallien in
Unterwuerfigkeit halte durch die 1200 Mann starke Besatzung von Lyon; aber die
Regierung konnte nicht vergessen, dass die beiden grossen Armeen am Rhein nicht
bloss die Germanen abwehrten, sondern auch fuer die keineswegs durch Fuegsamkeit
sich auszeichnenden gallischen Gaue gar sehr in Betracht kamen. An der Weser
oder gar an der Elbe aufgestellt, haetten sie diesen Dienst nicht in gleichem
Masse geleistet; und sowohl den Rhein wie die Elbe besetzt zu halten, vermochte
man nicht. So mochte Augustus wohl zu dem Schluss kommen, dass mit dem
damaligen, allerdings seit kurzem erheblich verstaerkten, aber immer noch tief
unter dem Mass des wirklich Erforderlichen stehenden Heerbestand jene grosse
Grenzregulierung nicht auszufuehren sei; die Frage ward damit aus einer
militaerischen zu einer Frage der inneren Politik und insonderheit zu einer
Finanzfrage. Die Kosten der Armee noch weiter zu steigern, hat weder Augustus
noch Tiberius sich getraut. Man kann dies tadeln. Der laehmende Doppelschlag der
illyrischen und der germanischen Insurrektion mit ihren schweren Katastrophen,
das hohe Alter und die erlahmende Kraft des Herrschers, die zunehmende Abneigung
des Tiberius gegen frisches Handeln und grosse Initiative und vor allem gegen
jede Abweichung von der Politik des Augustus, haben dabei ohne Zweifel
bestimmend mit- und vielleicht zum Nachteil des Staates gewirkt. Man fuehlt es
in dem nicht zu billigenden, aber wohl erklaerlichen Auftreten des Germanicus,
wie das Militaer und die Jugend das Aufgeben der neuen Provinz Germanien
empfanden. Man erkennt in dem duerftigen Versuch, mit Hilfe der paar
linksrheinischen deutschen Gaue wenigstens dem Namen nach das verlorene
Germanien festzuhalten, in den zweideutigen und unsicheren Worten, mit denen
Augustus selbst in seinem Rechenschaftsbericht Germanien als roemisch in
Anspruch nimmt oder auch nicht, wie verlegen die Regierung in dieser Sache der
oeffentlichen Meinung gegenueber stand. Der Griff nach der Elbgrenze war ein
gewaltiger, vielleicht ueberkuehner gewesen; vielleicht von Augustus, dessen
Flug im allgemeinen so hoch nicht ging, erst nach jahrelangem Zaudern und wohl
nicht ohne den bestimmenden Einfluss des ihm vor allen nahestehenden juengeren
Stiefsohns unternommen. Aber einen allzu kuehnen Schritt zurueckzutun ist in der
Regel nicht eine Verbesserung des Fehlers, sondern ein zweiter. Die Monarchie
brauchte die unbefleckte kriegerische Ehre und den unbedingten kriegerischen
Erfolg in ganz anderer Weise als das ehemalige Buergermeisterregiment; das
Fehlen der seit der Varusschlacht niemals ausgefuellten Nummern 17, 18 und 19 in
der Reihe der Regimenter passte wenig zu dem militaerischen Prestige, und den
Frieden mit Marobod aufgrund des Status quo konnte die loyalste Rhetorik nicht
in einen Erfolg umreden. Anzunehmen, dass Germanicus einem eigentlichen Befehl
seiner Regierung zuwider jene weit aussehenden Unternehmungen begonnen hat,
verbietet seine ganze politische Stellung; aber den Vorwurf, dass er seine
doppelte Stellung als Hoechstkommandierender der ersten Armee des Reiches und
als kuenftiger Thronfolger dazu benutzt hat, um seine politisch-militaerischen
Plaene auf eigene Faust durchzufuehren, wird man ihm so wenig ersparen koennen
wie dem Kaiser den nicht minder schweren, zurueckgescheut zu sein vielleicht vor
dem Fassen, vielleicht auch nur vor dem klaren Aussprechen und dem scharfen
Durchfuehren der eigenen Entschluesse. Wenn Tiberius die Wiederaufnahme der
Offensive wenigstens geschehen liess, so muss er empfunden haben, wieviel fuer
eine kraeftigere Politik sprach; wie es ueberbedaechtige Leute wohl tun, mag er
wohl sozusagen dem Schicksal die Entscheidung ueberlassen haben, bis dann der
wiederholte und schwere Misserfolg des Kronprinzen die Politik der Verzagtheit
abermals rechtfertigte. Leicht war es fuer die Regierung nicht, einer Armee Halt
zu gebieten, die von den verlorenen drei Adlern zwei zurueckgebracht hatte; aber
es geschah. Was immer die sachlichen und die persoenlichen Motive gewesen sein
moegen, wir stehen hier an einem Wendepunkt der Voelkergeschicke. Auch die
Geschichte hat ihre Flut und ihre Ebbe; hier tritt nach der Hochflut des
roemischen Weltregiments die Ebbe ein. Nordwaerts von Italien hatte wenige Jahre
hindurch die roemische Herrschaft bis an die Elbe gereicht; seit der
Varusschlacht sind ihre Grenzen der Rhein und die Donau. Ein Maerchen, aber ein
altes, berichtet, dass dem ersten Eroberer Germaniens, dem Drusus, auf seinem
letzten Feldzug an der Elbe eine gewaltige Frauengestalt germanischer Art
erschienen sei und ihm in seiner Sprache das Wort zugerufen habe "Zurueck!" Es
ist nicht gesprochen worden, aber es hat sich erfuellt.
Indes die Niederlage der Augusteischen Politik, wie der Friede mit
Maroboduus und die Hinnahme der Teutoburger Katastrophe wohl bezeichnet werden
darf, war kaum ein Sieg der Germanen. Nach der Varusschlacht muss wohl durch die
Gemueter der Besten die Hoffnung gegangen sein, dass der Nation aus dem
herrlichen Sieg der Cherusker und ihrer Verbuendeten und aus dem Zurueckweichen
des Feindes im Westen wie im Sueden eine gewisse Einigung erwachsen werde. Den
sonst sich fremd gegenueberstehenden Sachsen und Sueben mag vielleicht eben in
diesen Krisen das Gefuehl der Einheit aufgegangen sein. Dass die Sachsen vom
Schlachtfelde weg den Kopf des Varus an den Suebenkoenig schickten, kann nichts
sein als der wilde Ausdruck des Gedankens, dass fuer alle Germanen die Stunde
gekommen sei, in gemeinschaftlichem Ansturm sich auf das Roemische Reich zu
stuerzen und des Landes Grenze und des Landes Freiheit so zu sichern, wie sie
allein gesichert werden koennen, durch Niederschlagen des Erbfeindes in seinem
eigenen Heim. Aber der gebildete Mann und staatskluge Koenig nahm die Gabe der
Insurgenten nur an, um den Kopf dem Kaiser Augustus zur Beisetzung zu senden; er
tat nichts fuer, aber auch nichts gegen die Roemer und beharrte
unerschuetterlich in seiner Neutralitaet. Unmittelbar nach dem Tode des Augustus
hatte man in Rom den Einbruch der Markomannen in Raetien gefuerchtet, aber, wie
es scheint, ohne Ursache, und als dann Germanicus die Offensive gegen die
Germanen vom Rhein aus wieder aufnahm, hatte der maechtige Markomannenkoenig
untaetig zugesehen. Diese Politik der Feinheit oder der Feigheit in der wild
bewegten, von patriotischen Erfolgen und Hoffnungen trunkenen germanischen Welt
grub sich ihr eigenes Grab. Die entfernteren, nur lose mit dem Reich
verknuepften Suebenstaemme, die Semnonen, Langobarden und Gothonen, sagten dem
Koenig ab und machten gemeinschaftliche Sache mit den saechsischen Patrioten; es
ist nicht unwahrscheinlich, dass die ansehnlichen Streitkraefte, ueber welche
Arminius und Inguiomerus in den Kaempfen gegen Germanicus offenbar geboten,
ihnen grossenteils von daher zugestroemt sind. Als bald darauf der roemische
Angriff ploetzlich abgebrochen ward, wendeten sich die Patrioten (17) zum
Angriff gegen Maroboduus, vielleicht zum Angriff auf das Koenigtum ueberhaupt,
wenigstens wie dieser es nach roemischem Muster verwaltete ^23. Aber auch unter
ihnen selbst waren Spaltungen eingetreten; die beiden nah verwandten
cheruskischen Fuersten, die in den letzten Kaempfen die Patrioten wenn nicht
siegreich, doch tapfer und ehrenvoll gefuehrt und bisher stets Schulter an
Schulter gefochten hatten, standen in diesem Krieg nicht mehr zusammen. Der
Oheim Inguiomerus ertrug es nicht noch laenger, neben dem Neffen der zweite zu
sein, und trat bei dem Ausbruch des Krieges auf Maroboduus' Seite. So kam es zur
Entscheidungsschlacht zwischen Germanen und Germanen, ja zwischen denselben
Staemmen; denn in beiden Armeen fochten sowohl Sueben wie Cherusker. Lange
schwankte der Kampf; beide Heere hatten von der roemischen Taktik gelernt, und
auf beiden Seiten war die Leidenschaft und die Erbitterung gleich. Einen
eigentlichen Sieg erfocht Arminius nicht, aber der Gegner ueberliess ihm das
Schlachtfeld, und da Maroboduus den kuerzeren gezogen zu haben schien,
verliessen ihn die bisher noch zu ihm gehalten hatten und fand er sich auf sein
eigenes Reich beschraenkt. Als er roemische Hilfe gegen die uebermaechtigen
Landsleute erbat, erinnerte ihn Tiberius an sein Verhalten nach der
Varusschlacht und erwiderte, dass jetzt die Roemer ebenfalls neutral bleiben
wuerden. Es ging nun schleunig mit ihm zu Ende. Schon im folgenden Jahr (18)
wurde er von einem Gothonenfuersten Catualda, den er frueher persoenlich
beleidigt hatte und der dann mit den uebrigen ausserboehmischen Sueben von ihm
abgefallen war, in seinem Koenigssitz selbst ueberfallen und rettete, von den
Seinigen verlassen, mit Not sich zu den Roemern, die ihm die erbetene Freistatt
gewaehrten - als roemischer Pensionaer ist er viele Jahre spaeter in Ravenna
gestorben.
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^23 Die Angabe des Tacitus (ann. 2, 45), dass dies eigentlich ein Krieg der
Republikaner gegen die Monarchisten gewesen sei, ist wohl nicht frei von
Uebertragung hellenisch-roemischer Anschauungen auf die sehr verschiedene
germanische Welt. Soweit der Krieg eine ethisch-politische Tendenz gehabt hat,
wird ihn nicht das nomen regis, wie Tacitus sagt, sondern das certum imperium
visque regia des Velleius (2, 108) hervorgerufen haben.
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Also waren Arminius' Gegner wie seine Nebenbuhler fluechtig geworden, und
die germanische Nation sah auf keinen andern als auf ihn. Aber diese Groesse war
seine Gefahr und sein Verderben. Seine eigenen Landsleute, vor allem sein
eigenes Geschlecht schuldigte ihn an, den Weg Marobods zu gehen und nicht bloss
der Erste, sondern auch der Herr und der Koenig der Germanen sein zu wollen - ob
mit Grund oder nicht und ob, wenn er dies wollte, er damit nicht vielleicht das
Rechte wollte, wer vermag es zu sagen? Es kam zum Buergerkrieg zwischen ihm und
diesen Vertretern der Volksfreiheit; zwei Jahre nach Maroboduus' Verbannung fiel
auch er, gleich Caesar, durch den Mordstahl ihm nahestehender, republikanisch
gesinnter Adliger. Seine Gattin Thusnelda und sein in der Gefangenschaft
geborener Sohn Thumelicus, den er nie mit Augen gesehen hat, zogen bei dem
Triumph des Germanicus (26. Mai 17) unter den anderen vornehmen Germanen
gefesselt mit auf das Kapitol; der alte Segestes ward fuer seine Treue gegen die
Roemer mit einem Ehrenplatz bedacht, von wo aus er dem Einzug seiner Tochter und
seines Enkels zuschauen durfte. Sie alle sind im Roemerreich gestorben; mit
Maroboduus fanden auch Gattin und Sohn seines Gegners im Exil von Ravenna sich
zusammen. Wenn Tiberius bei Abberufung des Germanicus bemerkte, dass es gegen
die Deutschen der Kriegfuehrung nicht beduerfe und dass sie das fuer Rom
Erforderliche schon weiter selber besorgen wuerden, so kannte er seine Gegner;
darin allerdings hat die Geschichte ihm recht gegeben. Aber dem hochsinnigen
Mann, der sechsundzwanzigjaehrig seine saechsische Heimat von der italischen
Fremdherrschaft erloest hatte, der dann in siebenjaehrigem Kampfe fuer die
wiedergewonnene Freiheit Feldherr wie Soldat gewesen war, der nicht bloss Leib
und Leben, sondern auch Weib und Kind fuer seine Nation eingesetzt hatte, um
dann siebenunddreissigjaehrig von Moerderhand zu fallen, diesem Mann gab sein
Volk, was es zu geben vermochte, ein ewiges Gedaechtnis im Heldenlied.
2. Kapitel
Spanien
Die Zufaelligkeiten der aeusseren Politik bewirkten es, dass die Roemer
frueher als in irgendeinem anderen Teil des ueberseeischen Kontinents sich auf
der Pyrenaeischen Halbinsel festsetzten und hier ein zwiefaches staendiges
Kommando einrichteten. Auch hatte die Republik hier nicht, wie in Gallien und in
Illyricum, sich darauf beschraenkt, die Kuesten des italischen Meeres zu
unterwerfen, vielmehr gleich von Anfang an, nach dem Vorgang der Barkiden, die
Eroberung der ganzen Halbinsel in das Auge gefasst. Mit den Lusitanern (in
Portugal und Estremadura) hatten die Roemer gestritten, seit sie sich Herren von
Spanien nannten; die "entferntere Provinz" war recht eigentlich gegen diese und
zugleich mit der naeheren eingerichtet worden; die Callaeker (Galicia) wurden
ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht den Roemern botmaessig; kurz vor
derselben hatte in seinem ersten Feldzug der spaetere Diktator Caesar die
roemischen Waffen bis nach Brigantium (Coruna) getragen und die Zugehoerigkeit
dieser Landschaft zu der entfernteren Provinz aufs neue befestigt. Es haben dann
in den Jahren zwischen Caesars Tod bis auf Augustus Einherrschaft die Waffen in
Nordspanien niemals geruht: nicht weniger als sechs Statthalter haben in dieser
kurzen Zeit dort den Triumph gewonnen, und vielleicht erfolgte die Unterwerfung
des suedlichen Abhangs der Pyrenaeen vorzugsweise in diese Epoche ^1. Die Kriege
mit den stammverwandten Aquitanern an der Nordseite des Gebirges, die in die
gleiche Epoche fallen und von denen der letzte im Jahre 727 (27) siegreich zu
Ende ging, werden damit in Zusammenhang stehen. Bei der Reorganisation der
Verwaltung im Jahre 727 (27) kam die Halbinsel an Augustus, weil dort
ausgedehnte militaerische Operationen in Aussicht genommen waren und sie einer
dauernden Besatzung bedurfte. Obgleich das suedliche Drittel der entfernteren
Provinz, seitdem benannt vom Baetisfluss (Guadalquivir), dem Regiment des Senats
bald zurueckgegeben wurde ^2, blieb doch der bei weitem groessere Teil der
Halbinsel stets in kaiserlicher Verwaltung, sowohl der groessere Teil der
entfernteren Provinz, Lusitanien und Callaekien ^3, wie die ganze grosse
naehere. Unmittelbar nach Einrichtung der neuen Oberleitung begab sich Augustus
persoenlich nach Spanien, um in zweijaehrigem Aufenthalt (728, 729 26, 25) die
neue Verwaltung zu ordnen und die Okkupation der noch nicht botmaessigen
Landesteile zu leiten. Er tat dies von Tarraco aus, und es wurde damals
ueberhaupt der Sitz der Regierung der naeheren Provinz von Neukarthago nach
Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese Provinz auch seitdem gewoehnlich
genannt wird. Wenn es einerseits notwendig erschien, den Sitz der Verwaltung
nicht von der Kueste zu entfernen, so beherrschte andererseits die neue
Hauptstadt das Ebrogebiet und die Kommunikationen mit dem Nordwesten und den
Pyrenaeen. Gegen die Asturer (in den Provinzen Asturien und Leon) und vor allem
die Kantabrer (im Vaskenland und der Provinz Santander), welche sich hartnaeckig
in ihren Bergen behaupteten und die benachbarten Gaue ueberliefen, zog sich mit
Unterbrechungen, die die Roemer Siege nannten, der schwere und verlustvolle
Krieg acht Jahre hin, bis es endlich Agrippa gelang, durch Zerstoerung der
Bergstaedte und Verpflanzung der Bewohner in die Taeler den offenen Widerstand
zu brechen.
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^1 Es triumphierten ueber Spanien, abgesehen von dem wohl politischen
Triumph des Lepidus, im Jahre 718 (36) Cn. Domitius Calvinus (Konsul 714 40), im
Jahre 720 (34) C. Norbanus Flaccus (Konsul 716 38), zwischen 720 (34) und 725
(29) L. Marcius Philippus (Konsul 716 38) und Appius Claudius Pulcher (Konsul
716 38), im Jahre 726 (28) C. Calvisius Sabinus (Konsul 715 39), im Jahre 728
(26) Sex. Appuleius (Konsul 725 29). Die Schriftsteller erwaehnen nur den Sieg,
den Calvinus ueber die Cerretaner (bei Puycerda in den oestlichen Pyrenaeen)
erfocht (Dio 48, 42; vgl. Vell. 2, 78 und die Muenze des Sabinus mit Osca,
Eckhel, Bd. 5, S. 203).
^2 Da Augusta Emerita in Lusitanien erst im Jahre 729 (25) Kolonie ward
(Dio 53, 26) und diese bei dem Verzeichnis der Provinzen, in denen Augustus
Kolonien gegruendet hat (Monumentum Ancyranum, S. 119, vgl. S. 222), nicht
fueglich unberuecksichtigt geblieben sein kann, so wird die Trennung von
Lusitania und Hispania ulterior erst nach dem kantabrischen Kriege stattgefunden
haben.
^3 Callaekien ist nicht bloss von der Ulterior aus eingenommen worden,
sondern muss noch in der frueheren Zeit des Augustus zu Lusitanien gehoert
haben, ebenso Asturien anfaenglich zu dieser Provinz geschlagen worden sein.
Sonst ist die Erzaehlung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T. Carisius, der
Erbauer Emeritas, ist offenbar der Statthalter von Lusitanien, C. Furnius der
der Tarraconensis. Damit stimmt auch die parallele Darstellung bei Florus (epit.
2, 33), denn die Drigaecini der Handschriften sind sicher die Brigaikinoi, die
Ptolemaeos (2, 6, 29) unter den Asturern auffuehrt. Darum fasst auch Agrippa in
seinen Messungen Lusitania mit Asturia und Callaecia zusammen (Plin. nat. 4, 22,
118), und bezeichnet Strabon (3, 4, 20, p. 166) die Callaeker als frueher
Lusitaner genannt. Schwankungen in der Abgrenzung der spanischen Provinzen
erwaehnt Strabon (3, 4, 19, p. 166).
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Wenn, wie Kaiser Augustus sagt, seit seiner Zeit die Kueste des Ozeans von
Cadiz bis zur Elbmuendung den Roemern gehorchte, so war in diesem Winkel
derselben der Gehorsam recht unfreiwillig und von geringem Verlass. Zu einer
eigentlichen Befriedung scheint es im nordwestlichen Spanien noch lange nicht
gekommen zu sein. Noch in Neros Zeit ist von Kriegszuegen gegen die Asturer die
Rede. Deutlicher noch spricht die Besetzung des Landes, wie Augustus sie
angeordnet hat. Callaekien wurde von Lusitanien getrennt und mit der
tarraconensischen Provinz vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer
Hand zu konzentrieren. Diese Provinz ist nicht bloss damals die einzige gewesen,
welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares Militaerkommando erhalten
hat, sondern es wurden von Augustus nicht weniger als drei Legionen ^4 dorthin
gelegt, zwei nach Asturien, eine nach Kantabrien, und trotz der militaerischen
Bedraengnis in Germanien und in Illyricum ward diese Besatzung nicht vermindert.
Das Hauptquartier ward zwischen der alten Metropole Asturiens, Lancia, und der
neuen, Asturica Augusta (Astorga), eingerichtet, in dem noch heute von ihm den
Namen fuehrenden Leon. Mit dieser starken Besetzung des Nordwestens haengen
wahrscheinlich die daselbst in der frueheren Kaiserzeit in bedeutendem Umfange
vorgenommenen Strassenanlagen zusammen, obwohl wir, da die Dislokation dieser
Truppen in der augustischen Zeit uns unbekannt ist, den Zusammenhang im
einzelnen nicht nachzuweisen vermoegen. So ist von Augustus und Tiberius fuer
die Hauptstadt Callaekiens Bracara (Braga) eine Verbindung mit Asturica, das
heisst mit dem grossen Hauptquartier, nicht minder mit den noerdlich,
nordoestlich und suedlich benachbarten Staedten hergestellt worden. Aehnliche
Anlagen machte Tiberius im Gebiet der Vasconen und in Kantabrien ^5. Allmaehlich
konnte die Besatzung verringert, unter Claudius eine Legion, unter Nero eine
zweite anderswo verwendet werden. Doch wurden diese nur als abkommandiert
angesehen, und noch zu Anfang der Regierung Vespasians hatte die spanische
Besatzung wieder ihre fruehere Staerke; eigentlich reduziert haben sie erst die
Flavier, Vespasian auf zwei, Domitian auf eine Legion. Von da an bis in die
diocletianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7. gemina und eine gewisse
Zahl von Hilfskontingenten in Leon garnisoniert.
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^4 Es sind dies die 4. makedonische, die 6. victrix und die 10. gemina. Die
erste von diesen kam in Folge der durch Claudius' britannische Expedition
veranlassten Verschiebung der Truppenlager an den Rhein. Die beiden anderen,
obwohl inzwischen mehrfach anderswo verwendet, standen noch im Anfang der
Regierung Vespasians in ihrer alten Garnison und mit ihnen anstatt der 4. die
von Galba neu errichtete 1. adiutrix (Tac. hist. 1, 44). Alle drei wurden in
Veranlassung des Bataverkrieges an den Rhein geschickt, und es kam davon nur
eine zurueck. Denn noch im Jahre 88 lagen in Spanien mehrere Legionen (Plin.
paneg. 14; vgl. Hermes 3, 1868, S. 118), von welchen eine sicher die schon vor
dem Jahre 79 in Spanien garnisonierende 7. gemina (CIL II, 2477) ist; die zweite
muss eine von jenen dreien sein und ist wahrscheinlich die 1. adiutrix, da diese
bald nach dem Jahre 88 an den Donaukriegen Domitians sich beteiligt und unter
Traian in Obergermanien steht, was die Vermutung nahelegt, dass sie eine der
mehreren im Jahre 88 von Spanien nach Obergermanien gefuehrten Legionen gewesen
und bei dieser Veranlassung aus Spanien weggekommen ist. In Lusitanien haben
keine Legionen gestanden.
^5 Bei dem Ort Pisoraca (Herrera am Pisuerga, zwischen Palencia und
Santander), der allein auf Inschriften des Tiberius und des Nero, und zwar als
Ausgangspunkt einer Kaiserstrasse genannt wird (CIL II, 4883, 4884), duerfte das
Lager der kantabrischen Legion gewesen sein, wie bei Leon das asturische. Auch
Augustobriga (westlich von Saragossa) und Complutum (Alcala de Henares,
nordwaerts von Madrid) werden nicht ihrer staedtischen Bedeutung wegen, sondern
als Truppenlager Reichsstrassenzentren gewesen sein.
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Keine Provinz ist unter dem Prinzipat weniger von den aeusseren wie von den
inneren Kriegen beruehrt worden als dieses Land des fernen Westens. Wenn in
dieser Epoche die Truppenkommandos gleichsam die Stelle der rivalisierenden
Parteien uebernahmen, so hat das spanische Heer auch dabei durchaus eine
Nebenrolle gespielt; nur als Helfer seines Kollegen trat Galba in den
Buergerkrieg ein und der blosse Zufall trug ihn an die erste Stelle. Die
vergleichungsweise auch nach der Reduktion noch auffallend starke Besatzung des
Nordwestens der Halbinsel laesst darauf schliessen, dass diese Gegend noch im
zweiten und dritten Jahrhundert nicht vollstaendig botmaessig gewesen ist; indes
vermoegen wir ueber die Verwendung der spanischen Legion innerhalb der Provinz,
die sie besetzt hielt, nichts Bestimmtes anzugeben. Der Krieg gegen die
Kantabrer ist mit Hilfe von Kriegsschiffen gefuehrt worden; nachher haben die
Roemer keine Veranlassung gehabt, hier eine dauernde Flottenstation
einzurichten. Erst in der nachdiocletianischen Zeit finden wir die Pyrenaeische
Halbinsel, wie die italische und die griechisch-makedonische, ohne staendige
Besatzung.
Dass die Provinz Baetica, wenigstens seit dem Anfang des 2. Jahrhunderts,
von der gegenueberliegenden Kueste aus durch die Mauren - die Piraten des Rif -
vielfach heimgesucht wurde, wird in der Darstellung der afrikanischen
Verhaeltnisse naeher auszufuehren sei. Vermutlich ist es daraus zu erklaeren,
dass, obwohl sonst in den Provinzen des Senats kaiserliche Truppen nicht zu
stehen pflegen, ausnahmsweise Italica (bei Sevilla) mit einer Abteilung der
Legion von Leon belegt war ^6. Hauptsaechlich aber lag es dem in der Provinz von
Tingis (Tanger) stationierten Kommando ob, das reiche suedliche Spanien vor
diesen Einfaellen zu schuetzen. Dennoch ist es vorgekommen, dass Staedte wie
Italica und Singili (unweit Antequera) von den Piraten belagert wurden.
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^6 Damit kann in Verbindung gebracht werden, dass dieselbe Legion auch,
wenngleich nur zeitweise und mit einem Detachement, in Numidien aktiv gewesen
ist.
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Wenn dem weltgeschichtlichen Werke der Kaiserzeit, der Romanisierung des
Okzidents, von der Republik irgendwo vorgearbeitet war, so war dies in Spanien
geschehen. Was das Schwert begonnen, fuehrte der friedliche Verkehr weiter: das
roemische Silbergeld hat in Spanien geherrscht, lange bevor es sonst ausserhalb
Italien gangbar ward, und die Bergwerke, der Wein- und Oelbau, die
Handelsbeziehungen bewirkten an der Kueste, namentlich im Suedwesten, ein
stetiges Einstroemen italischer Elemente. Neukarthago, die Schoepfung der
Barkiden und von seiner Entstehung an bis in die augustische Zeit die Hauptstadt
der Diesseitigen Provinz und der erste Handelsplatz Spaniens, umschloss schon im
siebenten Jahrhundert eine zahlreiche roemische Bevoelkerung; Carteia,
gegenueber dem heutigen Gibraltar, ein Menschenalter vor der Gracchenzeit
gegruendet, ist die erste ueberseeische Stadtgemeinde mit einer Bevoelkerung
roemischen Ursprungs; die altberuehmte Schwesterstadt Karthagos, Gades, das
heutige Cadiz, die erste fremdlaendische Stadt ausserhalb Italien, welche
roemisches Recht und roemische Sprache annahm. Hatte also an dem groessten Teil
der Kueste des Mittellaendischen Meeres die alteinheimische wie die phoenikische
Zivilisation bereits unter der Republik in die Art und Weise des herrschenden
Volkes eingelenkt, so wurde in der Kaiserzeit in keiner Provinz die
Romanisierung so energisch von oben herab gefoerdert wie in Spanien. Vor allem
die suedliche Haelfte der Baetica zwischen dem Baetis und dem Mittelmeer hat,
zum Teil schon unter der Republik oder durch Caesar, zum Teil in den Jahren 739
(15) und 740 (14) durch Augustur, eine stattliche Reihe von roemischen
Vollbuergergemeinden erhalten, die hier nicht etwa vorzugsweise die Kueste,
sondern vor allem das Binnenland fuellen, voran Hispalis (Sevilla) und Corduba
(Cordoba) mit Kolonialrecht, mit Munizipalrecht Italica (bei Sevilla) und Gades
(Cadiz). Auch im suedlichen Lusitanien begegnet eine Reihe gleichberechtigter
Staedte, namentlich Olisipo (Lissabon), Pax Iulia (Beja) und die von Augustur
waehrend seines Aufenthalts in Spanien gegruendete und zur Hauptstadt dieser
Provinz gemachte Veteranenkolonie Emerita (Merida). In der Tarraconensis finden
sich die Buergerstaedte ueberwiegend an der Kueste, Karthago nova, Ilici
(Elche), Valentia, Dertosa (Tortosa), Tarraco, Barcino (Barcelona); im
Binnenland tritt nur hervor die Kolonie im Ebrotal Caesaraugusta (Saragossa).
Vollbuergergemeinden zaehlte man in ganz Spanien unter Augustus fuenfzig; gegen
fuenfzig andere hatten bis dahin latinisches Recht empfangen und standen
hinsichtlich der inneren Ordnung den Buergergemeinden gleich. Bei den uebrigen
hat dann Kaiser Vespasianus bei Gelegenheit der von ihm im Jahre 74
veranstalteten allgemeinen Reichsschaetzung die latinische Gemeindeordnung
ebenfalls eingefuehrt. Die Verleihung des Buergerrechts ist weder damals noch
ueberhaupt in der besseren Kaiserzeit viel weiter ausgedehnt worden, als sie in
augustischer Zeit gediehen war ^7, wobei wahrscheinlich hauptsaechlich die
Ruecksicht auf das den Reichsbuergern gegenueber beschraenkte Aushebungsrecht
massgebend gewesen ist.
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^7 Dass "die Iberer Roemer genannt werden", wie Josephus (c. Ap. 2, 4) sich
ausdrueckt, kann nur auf die Erteilung des latinischen Rechts durch Vespasian
bezogen werden und ist eine inkorrekte Angabe des Fremden.
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Die einheimische Bevoelkerung Spaniens, welche also teils mit italischen
Ansiedlern vermischt, teils zu italischer Sitte und Sprache hingeleitet ward,
tritt in der Geschichte der Kaiserzeit nirgends deutlich erkennbar hervor.
Wahrscheinlich hat derjenige Stamm, dessen Reste und dessen Sprache sich bis auf
den heutigen Tag in den Bergen Vizcayas, Guipuzcoas und Navarras behaupten,
einstmals die ganze Halbinsel in aehnlicher Weise erfuellt wie die Berber das
nordafrikanische Land. Ihr Idiom, von den indogermanischen grundverschieden und
flexionslos wie das der Finnen und Mongolen, beweist ihre urspruengliche
Selbstaendigkeit, und ihre wichtigsten Denkmaeler, die Muenzen, umfassen in dem
ersten Jahrhundert der Herrschaft der Roemer in Spanien die Halbinsel mit
Ausnahme der Suedkueste von Cadiz bis Granada, wo damals die phoenikische
Sprache herrschte, und des Gebietes noerdlich von der Muendung des Tajo und
westlich von den Ebroquellen, welches damals wahrscheinlich grossenteils
faktisch unabhaengig und gewiss durchaus unzivilisiert war; in diesem iberischen
Gebiet unterscheidet sich wohl die suedspanische Schrift deutlich von der der
Nordprovinz, aber nicht minder deutlich sind beide Aeste eines Stammes. Die
phoenikische Einwanderung hat sich hier auf noch engere Grenzen beschraenkt als
in Afrika und die keltische Mischung die allgemeine Gleichfoermigkeit der
nationalen Entwicklung nicht in einer fuer uns erkennbaren Weise modifiziert.
Aber die Konflikte der Roemermit den Iberern gehoeren ueberwiegend der
republikanischen Epoche an und sind frueher dargestellt worden. Nach den bereits
erwaehnten letzten Waffengaengen unter der ersten Dynastie verschwinden die
Iberer voellig aus unseren Augen. Auch auf die Frage, wieweit sie in der
Kaiserzeit sich romanisiert haben, gibt die uns gebliebene Kunde keine
befriedigende Antwort. Dass sie im Verkehr mit den fremden Herren von jeher
veranlasst sein werden, sich der roemischen Sprache zu bedienen, bedarf des
Beweises nicht; aber auch aus dem oeffentlichen Gebrauch innerhalb der Gemeinden
schwindet unter dem Einfluss Roms die nationale Sprache und die nationale
Schrift. Schon im letzten Jahrhundert der Republik ist die anfaenglich in weitem
Umfange gestattete einheimische Praegung in der Hauptsache beseitigt worden; aus
der Kaiserzeit gibt es keine spanische Stadtmuenze mit anderer als lateinischer
Aufschrift ^8. Wie die roemische Tracht war die roemische Sprache auch bei
denjenigen Spaniern, die des italischen Buergerrechts entbehrten, in grossem
Umfang verbreitet, und die Regierung beguenstigte die faktische Romanisierung
des Landes ^9. Als Augustus starb, ueberwog roemische Sprache und Sitte in
Andalusien, Granada, Murcia, Valencia, Katalonien, Arragonien, und ein guter
Teil davon kommt auf Rechnung nicht der Kolonisierung, sondern der
Romanisierung. Durch die vorher erwaehnte Anordnung Vespasians ward die
einheimische Sprache von Rechts wegen auf den Privatverkehr beschraenkt. Dass
sie in diesem sich behauptet hat, beweist ihr heutiges Dasein; was jetzt auf die
Berge sich beschraenkt, welche weder die Goten noch die Araber je besetzt haben,
wird in der roemischen Zeit sicher ueber einen grossen Teil Spaniens, besonders
den Nordwesten, sich erstreckt haben. Dennoch ist die Romanisierung in Spanien
sicher sehr viel frueher und staerker eingetreten als in Afrika; Denkmaeler mit
einheimischer Schrift aus der Kaiserzeit sind in Afrika in ziemlicher Anzahl, in
Spanien kaum nachzuweisen, und die Berbersprache beherrscht heute noch halb
Nordafrika, die iberische nur die engen Taeler der Basken. Es konnte das nicht
anders kommen, teils weil in Spanien die roemische Zivilisation viel frueher und
viel kraeftiger auftrat als in Afrika, teils weil die Eingeborenen dort nicht
wie hier den Rueckhalt an den freien Staemmen hatten.
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^8 Das wohl juengste sicher datierbare Denkmal der einheimischen Sprache
ist eine Muenze von Osicerda, welche den waehrend des Gallischen Krieges von
Caesar geschlagenen Denaren mit dem Elefanten nachgepraegt ist, mit lateinischer
und iberischer Aufschrift (Zobel, Estudio historico de la moneda antigua
espa¤ola. Bd. 2, S. 11). Unter den ganz oder teilweise epichorischen Inschriften
Spaniens moegen sich manche juengere befinden; oeffentliche Setzung ist bei
keiner derselben auch nur wahrscheinlich.
^9 Es hat eine Zeit gegeben, wo die Peregrinengemeinden das Recht, die
lateinische zur Geschaeftssprache zu machen, vom Senat erbitten mussten; aber
fuer die Kaiserzeit gilt das nicht mehr. Vielmehr ist hier wahrscheinlich
haeufig das Umgekehrte eingetreten, zum Beispiel das Muenzrecht in der Weise
gestattet worden, dass die Aufschrift lateinisch sein musste. Ebenso sind
oeffentliche Gebaeude, die Nichtbuerger errichteten, lateinisch bezeichnet; so
lautet eine Inschrift von Ilipa in Andalusien (CIL II, 1087): Urchail Atitta
f(ilius) Chilasurgun portas fornac(es) aedificand(a) curavit de s(ua) p(ecunia).
Dass das Tragen der Toga auch Nichtroemern gestattet und ein Zeichen von loyaler
Gesinnung war, zeigt sowohl Strabons Aeusserung ueber die Tarraconensis togata
wie Agricolas Verhalten in Britannien (Tac. Agr. 21).
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Die einheimische Gemeindeverfassung der Iberer war von der gallischen nicht
in einer fuer uns erkennbaren Weise verschieden. Von Haus aus zerfiel Spanien,
wie das Keltenland dies- und jenseits der Alpen, in Gaubezirke; die Vaccaeer und
die Kantabrer unterschieden sich schwerlich wesentlich von den Cenomanen der
Transpadana und den Remern der Belgica. Dass auf den in der frueheren Epoche der
Roemerherrschaft geschlagenen spanischen Muenzen vorwiegend nicht die Staedte
genannt werden, sondern die Gaue, nicht Tarraco, sondern die Cessetaner, nicht
Saguntum, sondern die Arsenser, zeigt deutlicher noch als die Geschichte der
damaligen Kriege, dass auch in Spanien einst groessere Gauverbaende bestanden.
Aber die siegenden Roemer behandelten diese Verbaende nicht ueberall in gleicher
Weise. Die transalpinischen Gaue blieben auch unter roemischer Herrschaft
politische Gemeinwesen; wie die cisalpinischen sind die spanischen nur
geographische Begriffe. Wie der Distrikt der Cenomanen nichts ist als ein
Gesamtausdruck fuer die Territorien von Brixia, Bergomum und so weiter, so
bestehen die Asturer aus zweiundzwanzig politisch selbstaendigen Gemeinden, die
allem Anschein nach rechtlich sich nicht mehr angehen als die Staedte Brixia und
Bergomum ^10. Dieser Gemeinden zaehlte die tarraconensische Provinz in
augustischer Zeit 293, in der Mitte des zweiten Jahrhunderts 275. Es sind also
hier die alten Gauverbaende aufgeloest worden. Dabei ist schwerlich bestimmend
gewesen, dass die Geschlossenheit der Vettonen und der Kantabrer bedenklicher
fuer die Reichseinheit erschien als diejenige der Sequaner und der Treuerer;
hauptsaechlich beruht der Unterschied wohl in der Verschiedenheit der Zeit und
der Form der Eroberung. Die Landschaft am Guadalquivir ist anderthalb
Jahrhunderte frueher roemisch geworden als die Ufer der Loire und der Seine; die
Zeit, wo das Fundament der spanischen Ordnung gelegt wurde, liegt derjenigen
Epoche nicht so gar fern, wo die samnitische Konfoederation aufgeloest ward.
Hier waltet der Geist der alten Republik, in Gallien die freiere und mildere
Anschauung Caesars. Die kleineren und machtlosen Distrikte, welche nach
Aufloesung der Verbaende die Traeger der politischen Einheit wurden, die
Kleingaue oder Geschlechter, wandelten sich im Laufe der Zeit hier wie ueberall
in Staedte um. Die Anfaenge der staedtischen Entwicklung, auch ausserhalb der zu
italischem Recht gelangten Gemeinden, gehen weit in die republikanische,
vielleicht in die vorroemische Zeit zurueck; spaeter musste die allgemeine
Verleihung des latinischen Rechts durch Vespasian diese Umwandlung allgemein
oder so gut wie allgemein machen ^11. Wirklich gab es unter den 293 augustischen
Gemeinden der Provinz von Tarraco 114, unter den 275 des zweiten Jahrhunderts
nur 27 nicht staedtische Gemeinden.
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^10 Diese merkwuerdigen Ordnungen erhellen namentlich aus den spanischen
Ortsverzeichnissen bei Plinius, und sind von Detlefsen (Philologus 32, 1878, S.
606f.) gut dargelegt worden. Die Terminologie freilich ist schwankend. Da die
Bezeichnungen civitas, populus, gens der selbstaendigen Gemeinde eigen sind,
kommen sie von Rechts wegen diesen Teilen zu; also wird zum Beispiel gesprochen
von den X civitates der Autrigonen, den XXII populi der Asturer, der gens
Zoelarum (CIL II, 2633), welche eben eine dieser 22 Voelkerschaften ist. Das
merkwuerdige Dokument, das wir von diesen Zoelae besitzen (CIL II, 2633) lehrt,
dass diese gens wieder in gentilitates zerfiel, welche letzteren auch selbst
gentes hiessen, wie eben dieses selbst und andere Zeugnisse (Eph. epigr. II, p.
243) beweisen. Es findet sich auch civis in Beziehung auf einen der
kantabrischen populi (Eph. epigr. II p. 243). Aber auch fuer den groesseren Gau,
der ja einstmals die politische Einheit war, gibt es andere Bezeichnungen nicht
als diese eigentlich retrospektive und inkorrekte; namentlich gens wird dafuer
selbst im technischen Stil verwendet (z. B. CIL II, 4233: Intercat(iensis) ex
gente Vaccaeorum). Dass das Gemeinwesen in Spanien auf jenen kleinen Distrikten
ruht, nicht auf den Gauen, erhellt sowohl aus der Terminologie selbst wie auch
daraus, dass Plinius (3, 3, 18) jenen 293 Ortschaften die civitates contributae
aliis gegenueberstellt; ferner zeigt es der Beamte at census accipiendos
civitatium XXIII Vasconum et Vardulorum (CIL VI, 1463) verglichen mit dem censor
civitates Remorum foederatae (CIL XI, 1855 vgl. 2607).
^11 Da die latinische Gemeindeverfassung fuer eine nicht staedtisch
organisierte Gemeinde nicht passt, so muessen diejenigen spanischen, welche noch
nach Vespasian der staedtischen Organisation entbehrten, entweder von der
Verleihung des latinischen Rechts ausgeschlossen oder fuer sie besondere
Modifikationen eingetreten sein. Das letztere duerfte mehr Wahrscheinlichkeit
haben. Latinische Namensform zeigen nachvespasianische Inschriften auch der
gentes, wie CIL II, 2633 und Eph. epigr. II, 322; und wenn einzelne aus dieser
Zeit sich finden sollten mit nichtroemischen Namen, so wird immer noch zu fragen
sein, ob hier nicht bloss faktische Vernachlaessigung zugrunde liegt. Indizien
nichtroemischer Gemeindeordnung, in den sparsamen sicher vorvespasianischen
Inschriften verhaeltnismaessig haeufig (CIL II, 172, 1953, 2633, 5048), sind mir
in sicher nachvespasianischen nicht vorgekommen.
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Ueber die Stellung Spaniens in der Reichsverwaltung ist wenig zu sagen. Bei
der Aushebung haben die spanischen Provinzen eine hervorragende Rolle gespielt.
Die daselbst garnisonierenden Legionen sind wahrscheinlich seit dem Anfang des
Prinzipats vorzugsweise im Lande selbst ausgehoben worden; als spaeterhin
einerseits die Besatzung vermindert ward, andererseits die Aushebung mehr und
mehr auf den eigentlichen Garnisonsbezirk sich beschraenkte, hat die Baetica,
auch hierin das Los Italiens teilend, das zweifelhafte Glueck genossen,
gaenzlich vom Wehrdienst ausgeschlossen zu werden. Die auxiliare Aushebung,
welcher namentlich die in der staedtischen Entwicklung zurueckgebliebenen
Landschaften unterlagen, ist in Lusitanien, Callaekien, Asturien, nicht minder
im ganzen noerdlichen und inneren Spanien in grossem Massstab durchgefuehrt
worden; Augustus, dessen Vater sogar seine Leibwache aus Spaniern gebildet
hatte, hat abgesehen von der Belgica in keinem der ihm unterstellten Gebiete so
umfassend rekrutiert wie in Spanien.
Fuer die Finanzen des Staates ist dies reiche Land ohne Zweifel eine der
sichersten und ergiebigsten Quellen gewesen; Naeheres ist darueber nicht
ueberliefert.
Auf die Bedeutung des Verkehrs dieser Provinzen gestattet die Fuersorge der
Regierung fuer das spanische Strassenwesen einigermassen einen Schluss. Zwischen
den Pyrenaeen und Tarraco haben sich roemische Meilensteine schon aus der
letzten republikanischen Zeit gefunden, wie sie keine andere Provinz des
Okzidents aufweist. Dass Augustus und Tiberius den Strassenbau in Spanien
hauptsaechlich aus militaerischen Ruecksichten foerderten, ist schon bemerkt
worden; aber die bei Karthago nova von Augustur gebaute Strasse kann nur des
Verkehrs wegen angelegt sein, und hauptsaechlich dem Verkehr diente auch die von
ihm benannte und teilweise regulierte, teilweise neu angelegte durchgehende
Reichsstrasse ^12, welche, die italisch-gallische Kuestenstrasse fortfuehrend
und die Pyrenaeen bei dem Pass von Puycerda ueberschreitend, von da nach Tarraco
ging, dann ueber Valentia hinaus bis zur Muendung des Jucar ungefaehr der Kueste
folgte, von da aber quer durch das Binnenland das Tal des Baetis aufsuchte,
sodann von dem Augustusbogen an, der die Grenze der beiden Provinzen bezeichnete
und mit dem eine neue Milienzaehlung anhob, durch die Provinz Baetica bis an die
Muendung des Flusses lief und also Rom mit dem Ozean verband. Dies ist
allerdings die einzige Reichsstrasse in Spanien. Spaeter hat die Regierung fuer
die Strassen Spaniens nicht viel getan; die Kommunen, welchen dieselben bald
wesentlich ueberlassen wurden, scheinen, soviel wir sehen, abgesehen von dem
inneren Hochplateau, ueberall die Kommunikationen in dem Umfang hergestellt zu
haben, wie der Kulturstand der Provinz sie verlangte. Denn gebirgig wie Spanien
ist, und nicht ohne Steppen und Oedland, gehoert es doch zu den ertragreichsten
Laendern der Erde, sowohl durch die Fuelle der Bodenfrucht wie durch den
Reichtum an Wein und Oel und an Metallen. Hinzu trat frueh die Industrie,
vorzugsweise in Eisenwaren und in wollenen und leinenen Geweben. Bei den
Schaetzungen unter Augustus hatte keine roemische Buergergemeinde, Patavium
ausgenommen, eine solche Anzahl von reichen Leuten aufzuweisen wie das spanische
Gades mit seinen durch die ganze Welt verbreiteten Grosshaendlern; und dem
entsprach die raffinierte Ueppigkeit der Sitten, die dort heimischen
Kastagnettenschlaegerinnen und die den eleganten Roemern gleich dem
alexandrinischen gelaeufigen gaditanischen Lieder. Die Naehe Italiens und der
bequeme und billige Seeverkehr gaben fuer diese Epoche besonders der spanischen
Sued- und Ostkueste die Gelegenheit, ihre reichen Produkte auf den ersten Markt
der Welt zu bringen, und wahrscheinlich hat Rom mit keinem Lande der Welt einen
so umfassenden und stetigen Grosshandel betrieben wie mit Spanien.
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^12 Die Richtung der via Augusta gibt Strabon (3, 4, 9 p. 160) an; ihr
gehoeren alle Meilensteine an, die jenen Namen haben, sowohl die aus der Gegend
von Lerida (CIL II, 4920-4928) wie die zwischen Tarragona und Valencia
gefundenen (das. 4949-4954), wie endlich die zahlreichen ab Iano Augusto, qui
est ad Baetem oder ab arcu, unde incipit Baetica, ad oceanum.
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Dass die roemische Zivilisation Spanien frueher und staerker durchdrungen
hat als irgendeine andere Provinz, bestaetigt sich nach verschiedenen Seiten,
insbesondere in dem Religionswesen und in der Literatur.
Zwar in dem noch spaeter iberischen, von Einwanderung ziemlich
freigebliebenen Gebiet, in Lusitanien, Callaekien, Asturien, haben die
einheimischen Goetter mit ihren seltsamen, meist auf -icus und -ecus ausgehenden
Namen, der Endovellicus, der Eaecus, Vagodonnaegus und wie sie weiter heissen,
auch unter dem Prinzipat noch sich in den alten Staetten behauptet. Aber in der
ganzen Baetica ist nicht ein einziger Votivstein gefunden worden, der nicht
ebensogut auch in Italien haette gesetzt sein koennen; und von der eigentlichen
Tarraconensis gilt dasselbe, nur dass von dem keltischen Goetterwesen am oberen
Duero vereinzelte Spuren begegnen ^13. Eine gleich energische sakrale
Romanisierung weist keine andere Provinz auf.
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^13 In Clunia ist eine Dedikation an die Muetter gefunden (CIL II, 2776) -
die einzige spanische dieses bei den westlichen Kelten so weit verbreiteten und
so lange anhaltenden Kults -, in Uxama eine den Lugoves gesetzte (das. 2818),
welche Gottheit bei den Kelten von Aventicum wiederkehrt.
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Die lateinischen Poeten in Corduba nennt Cicero nur, um sie zu tadeln; und
das augustische Zeitalter der Literatur ist auch noch wesentlich das Werk der
Italiener, wenngleich einzelne Provinzialen daran mithalfen und unter anderen
der gelehrte Bibliothekar des Kaisers, der Philolog Hyginus, als Unfreier in
Spanien geboren war. Aber von da an uebernahmen die Spanier darin fast die Rolle
wenn nicht des Fuehrers, so doch des Schulmeisters. Die Cordubenser Marcus
Porcius Latro, der Lehrer und das Muster Ovids, und sein Landsmann und
Jugendfreund Annaeus Seneca, beide nur etwa ein Dezennium juenger als Horaz,
aber laengere Zeit in ihrer Vaterstadt als Lehrer der Beredsamkeit taetig, bevor
sie ihre Lehrtaetigkeit nach Rom verlegten, sind recht eigentlich die Vertreter
der die republikanische Redefreiheit und Redefrechheit abloesenden
Schulrhetorik. Als der erstere einmal in einem wirklichen Prozess aufzutreten
nicht umhin konnte, blieb er mit seinem Vortrag stecken und kam erst wieder in
Fluss, als das Gericht dem beruehmten Mann zu Gefallen vom Tribunal weg in den
Schulsaal verlegt ward. Auch Senecas Sohn, der Minister Neros und der
Modephilosoph der Epoche, und sein Enkel, der Poet der Gesinnungsopposition
gegen den Prinzipat, Lucanus, haben eine literarisch ebenso zweifelhafte wie
geschichtlich unbestreitbare Bedeutung, die doch auch in gewissem Sinn Spanien
zugerechnet werden darf. Ebenfalls in der fruehen Kaiserzeit haben zwei andere
Provinzialen aus der Baetica, Mela unter Claudius, Columella unter Nero, jener
durch seine kurze Erdbeschreibung, dieser durch eine eingehende, zum Teil auch
poetische Darstellung des Ackerbaus einen Platz unter den anerkannten
stilisierenden Lehrschriftstellern gewonnen. Wenn in der domitianischen Zeit der
Poet Canius Rufus aus Gades, der Philosoph Decianus aus Emerita und der Redner
Valerius Licinianus aus Bilbilis (Calatayud, unweit Saragossa) als literarische
Groessen neben Vergil und Catull und neben den drei cordubensischen Sternen
gefeiert werden, so geschieht dies allerdings ebenfalls von einem Bilbilitaner,
Valerius Martialis ^14, welcher selbst an Feinheit und Mache, freilich aber auch
an Feilheit und Leere unter den Dichtern dieser Epoche keinem weicht, und man
wird mit Recht dabei die Landsmannschaft in Anrechnung bringen; doch zeigt schon
die blosse Moeglichkeit, einen solchen Dichterstrauss zu binden, die Bedeutung
des spanischen Elements in der damaligen Literatur. Aber die Perle der spanisch-
lateinischen Schriftstellerei ist Marcus Fabius Quintilianus (35 bis 95) aus
Calagurris am Ebro. Schon sein Vater hatte als Lehrer der Beredsamkeit im Rom
gewirkt; er selbst wurde durch Galba nach Rom gezogen und nahm, namentlich unter
Domitian, als Erzieher der kaiserlichen Neffen eine angesehene Stellung ein.
Sein Lehrbuch der Rhetorik und bis zu einem Grade der roemischen
Literaturgeschichte ist eine der vorzueglichsten Schriften, die wir aus dem
roemischen Altertum besitzen, von feinem Geschmack und sicherem Urteil getragen,
einfach in der Empfindung wie in der Darstellung, lehrhaft ohne Langweiligkeit,
anmutig ohne Bemuehung, in scharfem und bewusstem Gegensatz zu der
phrasenreichen und gedankenleeren Modeliteratur. Nicht am wenigsten ist es sein
Werk, dass die Richtung sich, wenn nicht besserte, so doch aenderte. Spaeterhin
tritt in der allgemeinen Nichtigkeit der Einfluss der Spanier nicht weiter
hervor. Was bei ihrer lateinischen Schriftstellerei geschichtlich besonders ins
Gewicht faellt, ist das vollstaendige Anschmiegen dieser Provinzialen an die
literarische Entwicklung des Mutterlandes. Cicero freilich spottet ueber das
Ungeschick und die Provinzialismen der spanischen Dichtungsbeflissenen; und noch
Latros Latein fand nicht den Beifall des roemisch geborenen, ebenso vornehmen
wie korrekten Messalla Corvinus. Aber nach der augustischen Zeit wird nichts
Aehnliches wieder vernommen. Die gallischen Rhetoren, die grossen afrikanischen
Kirchenschriftsteller sind auch als lateinische Schriftsteller einigermassen
Auslaender geblieben; die Seneca und Martialis wuerde an ihrem Wesen und
Schreiben niemand als solche erkennen; an inniger Liebe zu der eigenen Literatur
und an feinem Verstaendnis derselben hat nie ein Italiener es dem
calagurritanischen Sprachlehrer zuvorgetan.
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^14 Die Hinkejamben (1, 61) lauten:
Hoch schaetzt des feinen Dichters Lieder Verona;
Des Ivlaro freut sich Mantua.
Pataviums grosser Livius macht der Stadt Ruhm aus
Und Stella wie ihr Flaccus auch.
Apollodoren rauscht Beifall des Nils Woge;
Von Nasos Ruhm ist Sulmo voll.
Die beiden Seneca und den einzigen Lucanus
Ruehmt das beredte Corduba.
Das lustige Gades wird den Canius sein nennen,
Emerita meinen Decian.
Also wird unser Bilbilis auf dich stolz sein,
Licinian, und auch auf mich.
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3. Kapitel
Die gallischen Provinzen
Wie Spanien war auch das suedliche Gallien bereits in republikanischer Zeit
ein Teil des Roemischen Reiches geworden, jedoch weder so frueh noch so
vollstaendig wie jenes. Die beiden spanischen Provinzen sind in der
hannibalischen, die Provinz Narbo in der gracchischen Zeit eingerichtet worden;
und wenn dort Rom die ganze Halbinsel an sich nahm, so begnuegte es sich hier
nicht bloss bis in die letzte Zeit der Republik mit dem Besitz der Kueste,
sondern es nahm auch von dieser unmittelbar nur die kleinere und die entferntere
Haelfte. Nicht mit Unrecht bezeichnete die Republik diesen ihren Besitz als das
Stadtgebiet Narbo (Narbonne); der groessere Teil der Kueste, etwa von
Montpellier bis Nizza, gehoerte der Stadt Massalia. Diese Griechengemeinde war
mehr ein Staat als eine Stadt, und das von alters her bestehende gleiche
Buendnis mit Rom erhielt durch ihre Machtstellung eine reale Bedeutung, wie sie
bei keiner zweiten Bundesstadt je vorgekommen ist. Freilich waren
nichtsdestoweniger die Roemer fuer diese benachbarten Griechen, mehr noch als
fuer die entfernteren des Ostens, der Schild wie das Schwert. Die Massalioten
hatten wohl das untere Rhonegebiet bis nach Avignon hinauf in ihrem Besitz; aber
die ligurischen und die keltischen Gaue des Binnenlandes waren ihnen keineswegs
botmaessig, und das roemische Standlager bei Aquae Sextiae (Aix), einen
Tagemarsch nordwaerts von Massalia, ist recht eigentlich zum dauernden Schutz
der reichen griechischen Kaufstadt eingerichtet worden. Es war eine der
schwerwiegendsten Konsequenzen des roemischen Buergerkrieges, dass mit der
legitimen Republik zugleich ihre treueste Verbuendete, die Stadt Massalia,
politisch vernichtet, aus einem mitherrschenden Staat umgewandelt ward in eine
auch ferner reichsfreie und griechische, aber ihre Selbstaendigkeit und ihren
Hellenismus in den bescheidenen Verhaeltnissen einer provinzialen Mittelstadt
bewahrende Gemeinde. In politischer Hinsicht ist nach der Einnahme im
Buergerkrieg nicht weiter von Massalia die Rede; die Stadt ist fortan nur fuer
Gallien, was Neapolis fuer Italien, das Zentrum griechischer Bildung und
griechischer Lehre. Insofern als der groessere Teil der spaeteren Provinz Narbo
erst damals unter unmittelbare roemische Verwaltung trat, gehoert auch deren
Einrichtung gewissermassen erst dieser Epoche an.
Wie das uebrige Gallien in roemische Gewalt kam, ist auch bereits erzaehlt
worden. Vor Caesars Gallischem Krieg erstreckte die Roemerherrschaft sich
ungefaehr bis nach Toulouse, Vienne und Genf, nach demselben bis an den Rhein in
seinem ganzen Lauf und an die Kuesten des Atlantischen Meeres im Norden wie im
Westen. Allerdings war diese Unterwerfung wahrscheinlich nicht vollstaendig, im
Nordwesten vielleicht nicht viel weniger oberflaechlich gewesen als diejenige
Britanniens. Indes erfahren wir von Ergaenzungskriegen hauptsaechlich nur
hinsichtlich der Distrikte iberischer Nationalitaet. Den Iberern gehoerte nicht
bloss der suedliche, sondern auch der noerdliche Abhang der Pyrenaeen mit deren
Vorland, Bearn, die Gascogne, das westliche Languedoc ^1; und es ist schon
erwaehnt worden, dass, als das nordwestliche Spanien mit den Roemern die letzten
Kaempfe bestand, auch auf der noerdlichen Seite der Pyrenaeen und ohne Zweifel
in Zusammenhang damit, ernsthaft gestritten wurde, zuerst von Agrippa im Jahre
716 (38), dann von Marcus Valerius Messalla, dem bekannten Patron der roemischen
Poeten, welcher im Jahre 726 (28) oder 727 (27), also ungefaehr gleichzeitig mit
dem Kantabrischen Krieg, in dem altroemischen Gebiet unweit Narbonne die
Aquitaner in offener Feldschlacht ueberwand. In Betreff der Kelten wird nichts
weiter gemeldet, als dass kurz vor der Actischen Schlacht die Moriner in der
Picardie niedergeworfen wurden; und wenn auch waehrend des zwanzigjaehrigen,
fast ununterbrochenen Buergerkrieges unsere Berichterstatter die
verhaeltnismaessig unbedeutenden gallischen Angelegenheiten aus den Augen
verloren haben moegen, so beweist doch das Schweigen des hier vollstaendigen
Verzeichnisses der Triumphe, dass keine weiteren militaerischen Unternehmungen
von Bedeutung im Keltenland waehrend dieser Zeit stattgefunden haben. Auch
nachher, waehrend der langen Regierung des Augustus und bei allen, zum Teil
recht bedenklichen Krisen der germanischen Kriege, sind die gallischen
Landschaften botmaessig geblieben. Freilich hat die roemische Regierung sowohl
wie die germanische Patriotenpartei, wie wir gesehen haben, bestaendig in
Rechnung gezogen, dass ein entscheidender Erfolg der Deutschen und deren
Einruecken in Gallien eine Erhebung der Gallier gegen Rom im Gefolge haben
werde; sicher also kann die Fremdherrschaft damals noch keineswegs gestanden
haben. Zu einer wirklichen Insurrektion kam es im Jahre 21 unter Tiberius. Es
bildete sich unter dem keltischen Adel eine weit verzweigte Verschwoerung zum
Sturz des roemischen Regiments. Sie kam vorzeitig zum Ausbruch in den wenig
bedeutenden Gauen der Turoner und der Andecaven an der unteren Loire, und es
wurde sogleich nicht bloss die kleine Lyoner Besatzung, sondern auch ein Teil
der Rheinarmee gegen die Aufstaendischen in Marsch gesetzt. Dennoch schlossen
die angesehensten Distrikte sich an; die Treuerer unter Fuehrung des Iulius
Florus warfen sich haufenweise in die Ardennen; in der unmittelbaren
Nachbarschaft von Lyon erhoben sich unter Fuehrung des Iulius Sacrovir die
Haeduer und die Sequaner. Freilich wurden die geschlossenen Legionen ohne grosse
Muehe der Rebellen Herr; allein der Aufstand, an dem die Germanen sich in keiner
Weise beteiligten, zeigt doch den im Lande und namentlich bei dem Adel damals
noch herrschenden Hass gegen die fremden Gebieter, welcher durch den Steuerdruck
und die Finanznot, die als die Ursachen der Insurrektion bezeichnet werden,
gewiss verstaerkt, aber nicht erst erzeugt war. Eine groessere Leistung der
roemischen Staatskunst, als dass sie Galliens Herr zu werden vermocht hat, ist
es, dass sie verstanden hat, es zu bleiben, und dass Vercingetorix keinen
Nachfolger gefunden hat, obwohl es, wie man sieht, nicht ganz an Maennern
fehlte, die gern den gleichen Weg gewandelt waeren. Erreicht ward dies durch
kluge Verbindung des Schreckens und des Gewinnens, man kann hinzusetzen des
Teilens. Die Staerke und die Naehe der Rheinarmee ist ohne Frage das erste und
das wirksamste Mittel gewesen, um die Gallier in der Furcht des Herrn zu
erhalten. Wenn dieselbe durch das ganze Jahrhundert hindurch auf der gleichen
Hoehe geblieben ist, wie dies in dem folgenden Abschnitt dargelegt werden wird,
so ist dies wahrscheinlich ebenso sehr der eigenen Untertanen wegen geschehen,
als wegen der spaeterhin keineswegs besonders furchtbaren Nachbarn. Dass schon
die zeitweilige Entfernung dieser Truppen die Fortdauer der roemischen
Herrschaft in Frage stellte, nicht weil die Germanen dann den Rhein
ueberschreiten, sondern weil die Gallier den Roemern die Treue aufsagen konnten,
lehrt die Erhebung nach Neros Tod trotz ihrer Haltlosigkeit: nachdem die Truppen
nach Italien abgezogen waren, um ihren Feldherrn zum Kaiser zu machen, wurde in
Trier das selbstaendige Gallische Reich proklamiert und die uebriggebliebenen
roemischen Soldaten auf dieses in Eid und Pflicht genommen. Aber wenn auch diese
Fremdherrschaft, wie jede, auf der uebermaechtigen Gewalt, der Ueberlegenheit
der geschlossenen und geschulten Truppe ueber die Menge zunaechst und
hauptsaechlich beruhte, so beruhte sie doch darauf keineswegs ausschliesslich.
Die Kunst des Teilens ist auch hier erfolgreich angewandt worden. Gallien
gehoerte nicht den Kelten allein; nicht bloss die Iberer waren im Sueden stark
vertreten, sondern auch germanische Staemme am Rhein in betraechtlicher Zahl
angesiedelt und durch ihre hervorragende kriegerische Tuechtigkeit mehr noch als
durch ihre Zahl von Bedeutung. In geschickter Weise wusste die Regierung den
Gegensatz zwischen den Kelten und den linksrheinischen Germanen zu naehren und
auszunutzen. Aber maechtiger wirkte die Politik der Verschmelzung und der
Versoehnung. Welche Massregeln zu diesem Zwecke ergriffen wurden, wird weiterhin
auseinandergesetzt werden; indem die Gauverfassung geschont und selbst eine Art
nationaler Vertretung bewilligt, gegen das nationale Priestertum auch, aber
allmaehlich vorgegangen ward, dagegen die lateinische Sprache von Anfang an
obligatorisch und mit jener nationalen Vertretung die neue Kaiserreligion
verschmolzen wurde, ueberhaupt indem die Romanisierung nicht in schroffer Weise
angefasst, aber vorsichtig und geduldig gefoerdert ward, hoerte die roemische
Fremdherrschaft in dem Keltenland auf, dies zu sein, da die Kelten selber Roemer
wurden und sein wollten. Wie weit die Arbeit bereits nach Ablauf des ersten
Jahrhunderts der Roemerherrschaft in Gallien gediehen war, zeigen die eben
erwaehnten Vorgaenge nach Neros Tod, die in ihrem Gesamtverlauf teils der
Geschichte des roemischen Gemeinwesens, teils den Beziehungen desselben zu den
Germanen angehoeren, aber auch in diesem Zusammenhang wenigstens andeutungsweise
erwaehnt werden muessen. Der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie ging von
einem keltischen Adligen aus und begann mit einer keltischen Insurrektion; aber
es war dies keine Auflehnung gegen die Fremdherrschaft wie die des Vercingetorix
oder noch des Sacrovir, ihr Ziel nicht die Beseitigung, sondern die Umgestaltung
des roemischen Regiments; dass ihr Fuehrer seine Abstammung von einem Bastard
Caesars zu den Adelsbriefen seines Geschlechts zaehlte, drueckt den halb
nationalen, halb roemischen Charakter dieser Bewegung deutlich aus. Einige
Monate spaeter proklamierten allerdings, nachdem die abgefallenen roemischen
Truppen germanischer Herkunft und die freien Germanen fuer den Augenblick die
roemische Rheinarmee ueberwaeltigt hatten, einige keltische Staemme die
Unabhaengigkeit ihrer Nation, aber dieser Versuch scheiterte klaeglich, nicht
erst durch das Einschreiten der Regierung, sondern schon an dem Widerspruch der
grossen Majoritaet der Keltengaue selbst, die den Abfall von Rom nicht wollen
konnten und nicht wollten. Die roemischen Namen der fuehrenden Adligen, die
lateinische Aufschrift der Insurrektionsmuenzen, die durchgehende Travestie der
roemischen Ordnungen zeigen auf das deutlichste, dass die Befreiung der
keltischen Nation von dem Joch der Fremden im Jahre 70 n. Chr. deshalb nicht
mehr moeglich war, weil es eine solche Nation nicht mehr gab und die roemische
Herrschaft nach Umstaenden als ein Joch, aber nicht mehr als Fremdherrschaft
empfunden ward. Waere eine solche Gelegenheit zur Zeit der Schlacht bei Philippi
oder noch unter Tiberius den Kelten geboten worden, so waere der Aufstand wohl
auch nicht anders, aber in Stroemen Bluts verlaufen; jetzt verlief er im Sande.
Wenn einige Dezennien nach diesen schweren Krisen die Rheinarmee betraechtlich
reduziert ward, so hatten eben sie den Beweis geliefert, dass die Gallier in
ihrer grossen Mehrzahl nicht mehr daran dachten, sich von den Italienern zu
scheiden, und die vier Generationen, die seit der Eroberung sich gefolgt waren,
ihr Werk getan hatten. Was spaeter dort vorgeht, sind Krisen innerhalb der
roemischen Welt. Als diese auseinanderzubrechen drohte, sonderte sich fuer
einige Zeit wie der Osten so auch der Westen von dem Zentrum des Reiches ab;
aber der Sonderstaat des Postumus war das Werk der Not, nicht der Wahl, und auch
die Sonderung nur eine faktische; die Imperatoren, die ueber Gallien, Britannien
und Spanien geboten, haben gerade ebenso auf die Beherrschung des ganzen Reiches
Anspruch gemacht wie ihre italischen Gegenkaiser. Gewiss blieben genug Spuren
des alten keltischen Wesens und auch der alten keltischen Unbaendigkeit. Wie der
Bischof Hilarius von Poitiers, selbst ein Gallier, ueber das trotzige Wesen
seiner Landsleute klagt, so heissen die Gallier auch in den spaeteren
Kaiserbiographien stoerrig und unregierlich und geneigt zur Widersetzlichkeit,
so dass ihnen gegenueber Konsequenz und Strenge des Regiments besonders
erforderlich erscheint. Aber an eine Trennung vom Roemischen Reich oder gar an
eine Lossagung von der roemischen Nationalitaet, soweit es ueberhaupt eine
solche damals gab, ist in diesen spaeteren Jahrhunderten nirgends weniger
gedacht worden als in Gallien; vielmehr fuellt die Entwicklung der roemisch-
gallischen Kultur, zu welcher Caesar und Augustus den Grund gelegt haben, die
spaetere roemische Epoche ebenso aus wie das Mittelalter und die Neuzeit.
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^1 Das iberische Muenzgebiet reicht entschieden ueber die Pyrenaeen
hinueber, wenn auch die einzelnen Muenzaufschriften, welche unter anderm auf
Perpignan und Narbonne bezogen werden, nicht sicherer Deutung sind. Da alle
diese Praegungen unter roemischer Autorisation stattgefunden haben, so legt dies
die Frage nahe, ob nicht frueher, namentlich vor der Gruendung von Narbo (636
118), dieser Teil der spaeteren Narbonensis unter dem Statthalter des
Diesseitigen Spaniens gestanden hat. Aquitanische Muenzen mit iberischer
Aufschrift gibt es nicht, so wenig wie aus dem nordwestlichen Spanien,
wahrscheinlich, weil die roemische Oberherrschaft, unter deren Tutel diese
Praegung erwachsen ist, solange dieselbe dauerte, das heisst vielleicht bis zum
Numantinischen Krieg, jene Gebiete nicht umfasste.
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Die Regulierung Galliens ist das Werk des Augustus. Bei derjenigen der
Reichsverwaltung nach dem Schluss der Buergerkriege kam das gesamte Gallien, so
wie es Caesar uebertragen oder von ihm hinzugewonnen worden war, nur mit
Ausschluss des inzwischen mit Italien vereinigten Gebiets diesseits der Alpen,
unter kaiserliche Verwaltung. Unmittelbar nachher begab Augustus sich nach
Gallien und vollzog im Jahre 727 (27) in der Hauptstadt Lugudunum die Schatzung
der gallischen Provinz, wodurch die durch Caesar zum Reiche gekommenen
Landesteile zuerst einen geordneten Kataster erhielten und fuer sie die
Steuerzahlung reguliert ward. Er verweilte damals nicht lange, da die spanischen
Angelegenheiten seine Gegenwart erheischten. Aber die Durchfuehrung der neuen
Ordnung stiess auf grosse Schwierigkeiten und vielfach auf Widerstand; es sind
nicht bloss militaerische Angelegenheiten gewesen, welche Agrippas Aufenthalt in
Gallien im Jahre 735 (19) und den des Kaisers selbst waehrend der Jahre 738-741
(16-13) veranlassten; und die dem kaiserlichen Hause angehoerigen Statthalter
oder Kommandofuehrer am Rhein, Augustus' Stiefsohn Tiberius 738 (16), dessen
Bruder Drusus 742-745 (12-9), wieder Tiberius 745-747 (9-7), 757-759 (3-5 n.
Chr.), 763-765 (9-11 n. Chr.), dessen Sohn Germanicus 766-769 (12-15 n. Chr.),
hatten alle auch die Aufgabe, die Organisation Galliens weiterzufuehren. Das
Friedenswerk war sicher nicht minder schwierig und nicht minder wichtig als die
Waffengaenge am Rhein; man erkennt dies darin, dass der Kaiser die
Fundamentierung selbst in die Hand nahm und die Durchfuehrung den naechst- und
hoechstgestellten Maennern des Reiches anvertraute. Die von Caesar im Drange der
Buergerkriege getroffenen Festsetzungen haben erst in diesen Jahren diejenige
Gestalt bekommen, welche sie dann im wesentlichen behielten. Sie erstreckten
sich ueber die alte wie ueber die neue Provinz; indes gab Augustus das
altroemische Gebiet nebst dem von Massalia vom Mittelmeer bis an die Cevennen
schon im Jahre 732 (22) an die senatorische Regierung ab und behielt nur
Neugallien in eigener Verwaltung. Dieses immer noch sehr ausgedehnte Gebiet
wurde dann in drei Verwaltungsbezirke aufgeloest, deren jedem ein selbstaendiger
kaiserlicher Statthalter vorgesetzt wurde. Diese Einteilung knuepfte an an die
schon von dem Diktator Caesar vorgefundene und auf den nationalen Gegensaetzen
beruhende Dreiteilung des Keltenlandes in das von Iberern bewohnte Aquitanien,
das rein keltische Gallien und das keltisch-germanische Gebiet der Bellten; auch
ist wohl beabsichtigt worden, diese den Ausbau der roemischen Herrschaft
foerdernden Gegensaetze einigermassen in der administrativen Teilung zum
Ausdruck zu bringen. Indes ist dies nur annaehernd durchgefuehrt worden und
konnte auch praktisch nicht anders realisiert werden. Das rein keltische Gebiet
zwischen Garonne und Loire ward zu dem allzu kleinen iberischen Aquitanien
hinzugelegt, das gesamte linksrheinische Ufer vom Lemansee bis zur Mosel mit der
Belgica vereinigt, obwohl die meisten dieser Gaue keltisch waren; ueberhaupt
ueberwog der Keltenstamm in dem Grade, dass die vereinigten Provinzen die "drei
Gallien" heissen konnten. Von der Bildung der beiden sogenannten Germanien,
nominell dem Ersatz fuer die verlorene oder nicht zustande gekommene wirklich
germanische Provinz, der Sache nach der gallischen Militaergrenze, wird in dem
folgenden Abschnitt die Rede sein.
Die rechtlichen Verhaeltnisse wurden in durchaus verschiedener Weise fuer
die alte Provinz Gallien und fuer die drei neuen geordnet: jene wurde sofort und
vollstaendig latinisiert, in dieser zunaechst nur das bestehende nationale
Verhaeltnis reguliert. Dieser Gegensatz der Verwaltung, welcher weit tiefer
eingreift als die formale Verschiedenheit der senatorischen und der kaiserlichen
Administration, hat wohl die noch heute nachwirkende Verschiedenheit der Laender
der Langue d'oc und der Provence zu denen der Langue d'oui zunaechst und
hauptsaechlich herbeigefuehrt.
Soweit wie die Romanisierung Suedspaniens war die des gallischen Suedens in
republikanischer Zeit nicht vorgeschritten. Die zwischen den beiden Eroberungen
liegenden achtzig Jahre waren nicht rasch einzuholen; die Truppenlager in
Spanien waren bei weitem staerker und stetiger als die gallischen, die Staedte
latinischer Art dort zahlreicher als hier. Wohl war auch hier in der Zeit der
Gracchen und unter ihrem Einfluss Narbo gegruendet worden, die erste eigentliche
Buergerkolonie jenseits des Meeres; aber sie blieb vereinzelt und im
Handelsverkehr zwar Rivalin von Massalia, aber allem Anscheine nach an Bedeutung
ihr keineswegs gleich. Aber als Caesar anfing, die Geschicke Roms zu leiten,
wurde vor allem hier, in diesem Lande seiner Wahl und seines Sterns, das
Versaeumte nachgeholt. Die Kolonie Narbo wurde verstaerkt und war unter Tiberius
die volkreichste Stadt im gesamten Gallien. Dann wurden, hauptsaechlich auf dem
von Massalia abgetretenen Gebiet, vier neue Buergergemeinden angelegt, darunter
die bedeutendsten militaerisch Forum Iulii (Frejus), Hauptstation der neuen
Reichsflotte, fuer den Verkehr Arelate (Arles) an der Rhonemuendung, das bald,
als Lyon sich hob und der Verkehr sich wieder mehr nach der Rhone zog, Narbo
ueberfluegelnd, die rechte Erbin Massalias und das grosse Emporium des gallisch-
italischen Handels ward. Was er selbst noch und was sein Sohn in diesem Sinne
geschaffen hat, ist nicht bestimmt zu unterscheiden, und geschichtlich kommt
darauf auch wenig an; wenn irgendwo, war hier Augustus nichts als der
Testamentsvollstrecker Caesars. Ueberall weicht die keltische Gauverfassung der
italischen Gemeinde. Der Gau der Volker im Kuestengebiet, frueher den
Massalioten untertaenig, empfing durch Caesar latinische Gemeindeverfassung in
der Weise, dass die "Praetoren" der Volker dem ganzen, 24 Ortschaften
umfassenden Bezirk vorstanden ^2, bis dann bald darauf die alte Ordnung auch dem
Namen nach verschwand und an die Stelle des Gaus der Volker die latinische Stadt
Nemausus (Nimes) trat. Aehnlich erhielt der ansehnlichste aller Gaue dieser
Provinz, der der Allobrogen, welche das Land noerdlich der Isere und oestlich
der mittleren Rhone, von Valence und Lyon bis in die savoyischen Berge und an
den Lemansee in Besitz hatten, wahrscheinlich bereits durch Caesar eine gleiche
staedtische Organisation und italisches Recht, bis dann Kaiser Gaius der Stadt
Vienna das roemische Buergerrecht gewaehrte. Ebenso wurden in der gesamten
Provinz die groesseren Zentren durch Caesar oder in der ersten Kaiserzeit nach
latinischem Recht organisiert, so Ruscino (Roussillon), Avennio (Avignon), Aquae
Sextiae (Aix), Apta (Apt). Schon am Schluss der augustischen Zeit war die
Landschaft an beiden Ufern der unteren Rhone in Sprache und Sitte vollstaendig
romanisiert, die Gauverfassung wahrscheinlich in der gesamten Provinz bis auf
geringe Ueberreste beseitigt. Die Buerger der Gemeinden, denen das
Reichsbuergerrecht verliehen war, und nicht minder die Buerger derjenigen
latinischen Rechts, welche durch den Eintritt in das Reichsheer oder durch
Bekleidung von Aemtern in ihrer Heimatstadt fuer sich und ihre Nachkommen das
Reichsbuergerrecht erworben hatten, standen rechtlich den Italienern
vollstaendig gleich und gelangten gleich ihnen im Reichsdienst zu Aemtern und
Ehren.
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^2 Das zeigt die merkwuerdige Inschrift von Avignon (Herzog, Galliae
Narbonensis historia, descriptio, institutorum compositio. Leipzig 1864 n. 403):
T. Carisius T. f. pr(aetor) Volcar(um) dar, das aelteste Zeugnis fuer die
roemische Ordnung des Gemeinwesens in diesen Gegenden.
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Dagegen in den drei Gallien gab es Staedte roemischen und latinischen
Rechts nicht, oder vielmehr es gab dort nur eine solche ^3, die eben darum auch
zu keiner der drei Provinzen oder zu allen gehoerte, die Stadt Lugudunum (Lyon).
Am aeussersten Suedrand des kaiserlichen Gallien, unmittelbar an der Grenze der
staedtisch geordneten Provinz, am Zusammenfluss der Rhone und der Saone, an
einer militaerisch wie kommerziell gleich wohlgewaehlten Stelle war waehrend der
Buergerkriege, zunaechst infolge der Vertreibung einer Anzahl in Vienna
ansaessiger Italiener ^4, im Jahre 711 (43) diese Ansiedlung entstanden, nicht
hervorgegangen aus einem Keltengau ^5 und daher auch immer mit eng beschraenktem
Gebiet, sondern von Haus aus von Italienern gebildet und im Besitz des vollen
roemischen Buergerrechts, einzig in ihrer Art dastehend unter den Gemeinden der
drei Gallien, den Rechtsverhaeltnissen nach einigermassen wie Washington in dem
nordamerikanischen Bundesstaat. Diese einzige Stadt der drei Gallien wurde
zugleich die gallische Hauptstadt. Eine gemeinschaftliche Oberbehoerde hatten
die drei Provinzen nicht und von hohen Reichsbeamten hatte dort nur der
Statthalter der mittleren oder der lugudunensischen Provinz seinen Sitz; aber
wenn Kaiser oder Prinzen in Gallien verweilten, residierten sie regelmaessig in
Lyon. Lyon war neben Karthago die einzige Stadt der lateinischen Reichshaelfte,
welche nach dem Muster der hauptstaedtischen Garnison eine staendige Besatzung
erhielt ^6. Die einzige Muenzstaette fuer Reichsgeld, die wir im Westen fuer die
fruehere Kaiserzeit mit Sicherheit nachweisen koennen, ist die von Lyon. Hier
war die Zentralstelle des ganz Gallien umfassenden Grenzzolles, hier der
Knotenpunkt des gallischen Strassennetzes. Aber nicht bloss alle
Regierungsanstalten, welche Gallien gemeinschaftlich waren, hatten ihren
geborenen Sitz in Lyon, sondern diese Roemerstadt wurde auch, wie wir weiterhin
sehen werden, der Sitz des keltischen Landtags der drei Provinzen und aller
daran sich knuepfenden politischen und religioesen Institutionen, seiner Tempel
und seiner Jahresfeste. Also bluehte Lugudunum rasch empor, gefoerdert durch die
mit der Metropolenstellung verbundene reiche Dotation und die fuer den Handel
ungemein guenstige Lage. Ein Schriftsteller aus Tiberius' Zeit bezeichnet sie
als die zweite in Gallien nach Narbo; spaeterhin nimmt sie daselbst den Platz
neben oder vor ihrer Rhoneschwester Arelate. Bei der Feuersbrunst, die im Jahre
64 einen grossen Teil Roms in Asche legte, sandten die Lugudunenser den
Abgebrannten eine Beihilfe von 4 Millionen Sesterzen (870000 Mark), und als ihre
eigene Stadt im naechsten Jahr dasselbe Schicksal in noch haerterer Weise traf,
steuerte auch ihnen das ganze Reich seinen Beitrag und sandte der Kaiser die
gleiche Summe aus seiner Schatulle. Glaenzender als zuvor erstand die Stadt aus
ihren Ruinen, und sie ist fast durch zwei Jahrtausende unter allen Zeitlaeuften
eine Grossstadt geblieben bis auf den heutigen Tag. In der spaeteren Kaiserzeit
freilich tritt sie zurueck hinter Trier. Die Stadt der Treverer, Augusta genannt
wahrscheinlich von dem ersten Kaiser, gewann bald in der Belgica den ersten
Platz; wenn noch in Tiberius' Zeit Durocortorum der Remer (Reims) die
volkreichste Ortschaft der Provinz und der Sitz der Statthalter genannt wird, so
teilt bereits ein Schriftsteller aus der Zeit des Claudius den Primat daselbst
dem Hauptort der Treverer zu. Aber die Hauptstadt Galliens ^7, man darf
vielleicht sagen des Okzidents, ist Trier erst geworden durch die Umgestaltung
der Reichsverwaltung unter Diocletian. Seit Gallien, Britannien und Spanien
unter einer Oberverwaltung stehen, hat diese ihren Sitz in Trier, und seitdem
ist Trier auch, wenn die Kaiser in Gallien verweilen, deren regelmaessige
Residenz und, wie ein Grieche des 5. Jahrhunderts sagt, die groesste Stadt
jenseits der Alpen. Indes die Epoche, wo dieses Rom des Nordens seine Mauern und
seine Thermen empfing, die wohl genannt werden duerfen neben den Stadtmauern der
roemischen Koenige und den Baedern der kaiserlichen Reichshauptstadt, liegt
jenseits unserer Darstellung. Durch die ersten drei Jahrhunderte der Kaiserzeit
ist Lyon das roemische Zentrum des Keltenlandes geblieben, und nicht bloss, weil
es an Volkszahl und Reichtum den ersten Platz einnahm, sondern weil es, wie
keine andere des gallischen Nordens und nur wenige des Suedens, eine von Italien
aus gegruendete und nicht nur dem Recht, sondern dem Ursprung und dem Wesen nach
roemische Stadt war.
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^3 Nur etwa Noviodunum (Nyon am Genfer See) kann in den drei Gallien der
Anlage nach mit Lugudunum zusammengestellt werden; aber da diese Gemeinde
spaeter als civitas Equestrium auftritt (Inscr. Helv. 115), so scheint sie unter
die Gaue eingereiht zu sein, was von Lugudunum nicht gilt.
^4 Die aus Vienna von den Allobrogen frueher Vertriebenen (oi ek Oyienn/e/s
t/e/s Narbon/e/sias ypo t/o/n Allobrig/o/n pote ekpesontes) bei Dio 46, 50
koennen nicht wohl andere gewesen sein als roemische Buerger, da die Gruendung
einer Buergerkolonie zu ihren Gunsten nur unter dieser Voraussetzung sich
begreift. Die "fruehere" Vertreibung stand wohl in Zusammenhang mit dem
Allobrogenaufstand unter Catugnatus im Jahre 693 (61). Die Erklaerung, warum die
Vertriebenen nicht zurueckgefuehrt, sondern anderweitig angesiedelt wurden,
fehlt, aber es lassen sich dafuer mancherlei Veranlassungen denken, und die
Tatsache selbst wird dadurch nicht in Zweifel gestellt. Die der Stadt
zufliessenden Renten (Tac. hist. 1, 65) moegen ihr wohl auf Kosten von Vienna
verliehen worden sein.
^5 Der Boden gehoerte frueher den Segusiavern (Plin. nat. 4, 18, 107;
Strab. p. 186, 192), einem der kleinen Klientelgaue der Haeduer (Caes. Gall. 7,
75); aber in der Gaueinteilung zaehlt sie nicht zu diesen, sondern steht fuer
sich als m/e/tropolis (Ptol. geogr. 2, 8, 11 u. 12).
^6 Dies sind die 1200 Soldaten, mit welchen, wie der Judenkoenig Agrippa
bei Josephus (bel. Iud. 2, 16, 4) sagt, die Roemer das gesamte Gallien in
Botmaessigkeit halten.
^7 Nichts ist so bezeichnend fuer die Stellung Triers in dieser Zeit als
die Verordnung des Kaisers Gratianus vom Jahre 376 (Cod. Theod. 13, 3, 11), dass
den Professoren der Rhetorik und der Grammatik beider Sprachen in saemtlichen
Hauptstaedten der damaligen siebzehn gallischen Provinzen zu ihrem staedtischen
Gehalt die gleiche Zulage aus der Staatskasse gegeben, fuer Trier aber diese
hoeher bemessen werden solle.
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Wie fuer die Organisation der Suedprovinz die italische Stadt die Grundlage
war, so fuer die noerdliche der Gau, und zwar ueberwiegend derjenige der
keltischen ehemaligen Staats-, jetzigen Gemeindeordnung. Die Bedeutung des
Gegensatzes von Stadt und Gau ist nicht zunaechst abhaengig von seinem Inhalt;
selbst wenn er ein bloss rechtlich formaler gewesen waere, haette er die
Nationalitaeten geschieden, auf der einen Seite das Gefuehl der Zugehoerigkeit
zu Rom, auf der andern Seite das der Fremdartigkeit geweckt und geschaerft. Hoch
darf fuer diese Zeit die praktische Verschiedenheit der beiden Ordnungen nicht
angeschlagen werden, da die Elemente der Gemeindeordnung, die Beamten, der Rat,
die Buergerversammlung, dort wie hier dieselben waren und etwa frueher
vorhandene, tiefer gehende Gegensaetze von der roemischen Oberherrschaft
schwerlich lange geduldet wurden. Daher hat auch der Uebergang von der
Gauordnung zu der staedtischen sich haeufig und ohne Anstoss, man kann
vielleicht sagen im Laufe der Entwicklung mit einer gewissen Notwendigkeit von
selber vollzogen. Infolgedessen treten die qualitativen Unterschiede der beiden
Rechtsformen in unserer Ueberlieferung wenig hervor. Dennoch war der Gegensatz
sicher nicht ein bloss nomineller, sondern es bestanden in den Befugnissen der
verschiedenen Gewalten, in Rechtspflege, Besteuerung, Aushebung,
Verschiedenheiten, die fuer die Administration, teils an sich, teils infolge der
Gewoehnung, von Bedeutung waren oder doch bedeutend schienen. Bestimmt erkennbar
ist der quantitative Gegensatz. Die Gaue, wenigstens wie sie bei den Kelten und
den Germanen auftreten, sind durchgaengig mehr Voelkerschaften als Ortschaften;
dieses sehr wesentliche Moment ist allen keltischen Gebieten eigentuemlich und
selbst durch die spaeter eintretende Romanisierung oft mehr verdeckt als
verwischt. Mediolanum und Brixia haben ihre weiten Grenzen und ihre dauernde
Potenz wesentlich dem zu danken, dass sie eigentlich nichts sind als die Gaue
der Insubrer und der Cenomanen. Dass das Territorium der Stadt Vienna die
Dauphine und Westsavoyen umfasst und die ebenso alten und fast ebenso
ansehnlichen Ortschaften Cularo (Grenoble) und Genava (Genf) bis in die spaete
Kaiserzeit dem Rechte nach Doerfer der Kolonie Vienna sind, erklaert sich
ebenfalls daraus, dass dieses der spaetere Name der Voelkerschaft der Allobrogen
ist. In den meisten keltischen Gauen ueberwiegt eine Ortschaft so durchaus, dass
es einerlei ist, ob man die Remer oder Durocortorum, die Bituriger oder
Burdigala nennt; aber es kommt auch das Gegenteil vor, wie zum Beispiel bei den
Vocontiern Vasio (Vaison) und Lucus, bei den Carnuten Autricum (Chartres) und
Cenabum (Orleans) sich die Waage halten; und ob die Vorrechte, die nach
italischer und griechischer Ordnung sich selbstverstaendlich der Flur gegenueber
an den Mauerring knuepfen, bei den Kelten rechtlich oder auch nur tatsaechlich
in aehnlicher Weise geordnet waren, ist mehr als fraglich. Das Gegenbild fuer
diesen Gau im griechisch-italischen Westen ist viel weniger die Stadt als die
Voelkerschaft; die Carnuten hat man mit den Boeotern zu gleichen, Autricum und
Cenabum mit Tanagra und Thespiae. Die Besonderheit der Stellung der Kelten unter
der roemischen Herrschaft gegenueber anderen Nationen, den Iberern zum Beispiel
und den Hellenen, beruht darauf, dass diese groesseren Verbaende dort als
Gemeinden fortbestanden, hier diejenigen Bestandteile, aus denen sie sich
zusammensetzten, die Gemeinden bildeten. Dabei moegen aeltere, der vorroemischen
Zeit angehoerige Verschiedenheiten der nationalen Entwicklung mitgewirkt haben;
es mag wohl leichter ausfuehrbar gewesen sein, den Boeotern den
gemeinschaftlichen Staedtetag zu nehmen, als die Helvetier in ihre vier
Distrikte aufzuloesen; politische Verbaende behaupten sich auch nach der
Unterwerfung unter eine Zentralgewalt da, wo ihre Aufloesung die Desorganisation
herbeifuehren wuerde. Dennoch ist, was in Gallien durch Augustus oder, wenn man
will durch Caesar geschah, nicht durch den Zwang der Verhaeltnisse
herbeigefuehrt worden, sondern hauptsaechlich durch den freien Entschluss der
Regierung, wie er auch allein zu der uebrigens gegen die Kelten geuebten
Schonung passt. Denn es gab in der Tat in der vorroemischen Zeit und noch zur
Zeit der Caesarischen Eroberung eine bei weitem groessere Anzahl von Gauen, als
wir sie spaeter finden; namentlich ist es bemerkenswert, dass die zahlreichen,
durch Klientel einem groesseren Gau angeschlossenen kleineren in der Kaiserzeit
nicht selbstaendig geworden, sondern verschwunden sind ^8. Wenn spaeterhin das
Keltenland geteilt erscheint in eine maessige Anzahl bedeutender, zum Teil sogar
sehr grosser Gaudistrikte, innerhalb deren abhaengige Gaue nirgends zum
Vorschein kommen, so ist diese Ordnung freilich durch das vorroemische
Klientelwesen angebahnt, aber erst durch die roemische Reorganisation
vollstaendig durchgefuehrt worden. Dieser Fortbestand und diese Steigerung der
Gauverfassung wird fuer die weitere politische Entwicklung Galliens vor allem
bestimmend gewesen sein. Wenn die tarraconensische Provinz in 293 selbstaendige
Gemeinden zerfiel, so zaehlten die drei Gallien zusammen, wie wir sehen werden,
deren nicht mehr als 64. Die Einheit und ihre Erinnerungen blieben ungebrochen;
die eifrige Verehrung, die die ganze Kaiserzeit hindurch dem Quellgott Nemausus
bei den Volkern gezollt wurde, zeigt, wie selbst hier, im Sueden des Landes und
in einem zur Stadt umgewandelten Gau die traditionelle Zusammengehoerigkeit noch
immer lebendig empfunden ward. In dieser Art innerlich fest zusammenhaltende
Gemeinden mit weiten Grenzen waren eine Macht. Wie Caesar die gallischen
Gemeinden vorfand, mit einer in voelliger politischer wie oekonomischer
Abhaengigkeit gehaltenen Volksmasse und einem uebermaechtigen Adel, so sind sie
im wesentlichen auch unter roemischer Herrschaft geblieben; genau wie in
vorroemischer Zeit die grossen Adligen mit ihrem nach Tausenden zaehlenden
Gesinde von Hoerigen und Schuldknechten ein jeder in seiner Heimat die Herren
spielten, so schildert uns Tacitus in Tiberius' Zeit die Zustaende bei den
Treverern. Das roemische Regiment gab der Gemeinde weitgehende Rechte, sogar
eine gewisse Militaergewalt, so dass sie unter Umstaenden Festungen einzurichten
und besetzt zu halten befugt war, wie dies bei den Helvetiern vorkommt, die
Beamten die Buergerwehr aufbieten konnten und in diesem Falle Offiziersrecht und
Offiziersrang hatten. Diese Befugnis war nicht dieselbe in den Haenden des
Vorstehers einer kleinen Stadt Andalusiens und desjenigen eines Bezirkes an der
Loire oder der Mosel vom Umfang einer kleinen Provinz. Die weitherzige Politik
Caesars des Vaters, auf den die Grundzuege dieses Systems notwendig
zurueckgefuehrt werden muessen, zeigt sich hier in ihrer ganzen grossartigen
Ausdehnung.
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^8 Bei Caesar erscheinen wohl, im grossen und ganzen genommen, dieselben
Gaue, wie sie dann in der augustischen Ordnung vertreten sind, aber zugleich
vielfache Spuren kleinerer Klientelverbaende (vgl. 3, 249); so werden als
"Klienten" der Haeduer genannt die Segusiaver, die Ambivareten, die Aulerker
Brannoviker und die Brannovier (Caes. Gall. 7, 75), als Klienten der Treuerer
die Condruser (Caes. Gall. 4; 6), als solche der Helvetier die Tulinger und
Latobrigen. Mit Ausnahme der Segusiaver fehlen diese alle auf dem Lyoner
Landtage. Dergleichen kleinere, nicht voellig in die Vororte aufgegangene Gaue
mag es in Gallien zur Zeit der Unterwerfung in grosser Zahl gegeben haben. Wenn
nach Josephus (bel. Iud. 2, 16, 4) den Roemern 305 gallische Gaue und 1200
Staedte gehorchten, so moegen dies die Ziffern sein, die fuer Caesars
Waffenerfolge herausgerechnet worden sind; wenn die kleinen iberischen Voelker
in Aquitanien und die Klientelgaue im Keltenland mitgezaehlt wurden, konnten
dergleichen Zahlen wohl herauskommen.
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Aber die Regierung beschraenkte sich nicht darauf, die Gauordnung den
Kelten zu lassen; sie liess oder gab ihnen vielmehr auch eine nationale
Verfassung, soweit eine solche mit der roemischen Oberherrschaft sich
vereinbaren liess. Wie der hellenischen Nation, so verlieh Augustus der
gallischen eine organisierte Gesamtvertretung, welche dort wie hier in der
Epoche der Freiheit und der Zerfahrenheit wohl erstrebt, aber nie erreicht
worden war. Unter dem Huegel, den die Hauptstadt Galliens kroente, da wo die
Saone ihr Wasser mit dem der Rhone mischt, weihte am 1. August des Jahres 742
(12) der kaiserliche Prinz Drusus als Vertreter der Regierung in Gallien der
Roma und dem Genius des Herrschers den Altar, an welchem fortan jedes Jahr an
diesem Tage diesen Goettern von der Gemeinschaft der Gallier die Festfeier
abgehalten werden sollte. Die Vertreter der saemtlichen Gaue waehlten aus ihrer
Mitte Jahr fuer Jahr den "Priester der drei Gallien", und dieser brachte am
Kaisertag das Kaiseropfer dar und leitete die dazu gehoerigen Festspiele. Diese
Landesvertretung hatte nicht bloss eine eigene Vermoegensverwaltung mit Beamten,
welche den vornehmen Kreisen des provinzialen Adels angehoerten, sondern auch
einen gewissen Anteil an den allgemeinen Landesangelegenheiten. Von
unmittelbarem Eingreifen derselben in die Politik findet sich allerdings keine
andere Spur, als dass bei der ernsten Krise des Jahres 70 der Landtag der "drei
Gallien" die Treverer von der Auflehnung gegen Rom abmahnte; aber er hatte und
gebrauchte das Recht der Beschwerdefuehrung ueber die in Gallien fungierenden
Reichs- und Hausbeamten und wirkte ferner mit wenn nicht bei der Auflegung, so
doch bei der Repartition der Steuern ^9, zumal da diese nicht nach den einzelnen
Provinzen, sondern fuer Gallien insgemein angelegt wurden. Aehnliche
Einrichtungen hat allerdings die Kaiserregierung in allen Provinzen ins Leben
gerufen, in einer jeden nicht bloss die sakrale Zentralisierung eingefuehrt,
sondern auch, was die Republik nicht getan hatte, einer jeden ein Organ
verliehen, um Bitten und Klagen vor die Regierung zu bringen. Dennoch hat
Gallien in dieser Hinsicht vor allen uebrigen Reichsteilen wenigstens ein
tatsaechliches Privilegium, wie sich denn diese Institution auch allein hier
voll entwickelt findet ^10. Einmal steht der vereinigte Landtag der drei
Provinzen den Legaten und Prokuratoren einer jeden notwendig unabhaengiger
gegenueber als zum Beispiel der Landtag von Thessalonike dem Statthalter von
Makedonien. Sodann aber kommt es bei Institutionen dieser Art weit weniger auf
das Mass der verliehenen Rechte an, als auf das Gewicht der darin vertretenen
Koerperschaften; und die Staerke der einzelnen gallischen Gemeinden uebertrug
sich ebenso auf den Landtag von Lyon wie die Schwaeche der einzelnen
hellenischen auf den von Argos. In der Entwicklung Galliens unter den Kaisern
hat der Landtag von Lyon allem Anschein nach diejenige allgemein gallische
Homogenitaet, welche daselbst mit der Latinisierung Hand in Hand geht,
wesentlich gefoerdert.
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^9 Darauf fuehrt ausser der Inschrift bei Boissieu, Lyon, S. 609, wo die
Worte tot[i]us cens[us Galliarum] mit dem Namen eines der Altarpriester in
Verbindung gebracht werden, die Ehreninschrift, welche die drei Gallien einem
kaiserlichen Beamten a censibus accipiendis setzen (Heuzen 6944); derselbe
scheint die Katasterrevision fuer das ganze Land geleitet zu haben, eben wie
frueher Drusus, waehrend die Schaetzung selbst durch Kommissarien fuer die
einzelnen Landschaften erfolgte. Auch ein sacerdos Romae et Augusti der
Tarraconensis wird belobt ob curam tabulari censualis fideliter administratam
(CIL II, 4248); es waren also mit der Steuerrepartierung wohl die Landtage aller
Provinzen befasst. Die kaiserliche Finanzverwaltung der drei Gallien war
wenigstens der Regel nach so geteilt, dass die beiden westlichen Provinzen
(Aquitanien und Lugudunensis) unter einem Prokurator standen, Belgica und die
beiden Germanien unter einem andern; doch hat es rechtlich feste Kompetenzen
dafuer wohl nicht gegeben. Auf eine regelmaessige Beteiligung bei der Aushebung
darf aus der von Hadrian, offenbar ausserordentlicher Weise, mit Vertretern
aller spanischen Distrikte gepflogenen Verhandlung (vita 12) nicht geschlossen
werden.
^10 Fuer die arca Galliarum, den Freigelassenen der drei Gallien (Heuzen
6393), den adlector arcae Galliarum, inquisitor Galliarum, iudex arcae Galliarum
gibt meines Wissens keine andere Provinz Analogien; und von diesen Einrichtungen
haetten, wenn sie allgemein gewesen waeren, die Inschriften sicher auch sonst
Spuren bewahrt. Diese Einrichtungen scheinen auf eine sich selbst verwaltende
und besteuernde Koerperschaft zu fuehren (der in seiner Bedeutung unklare
adlector kommt als Beamter in Kollegien vor CIL VI, 355; Orelli 2406);
wahrscheinlich bestritt diese Kasse die wohl nicht unbetraechtlichen Ausgaben
fuer die Tempelgebaeude und fuer das Jahrfest. Eine Staatskasse ist die arca
Galliarum nicht gewesen.
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Die Zusammensetzung des Landtags, welche uns ziemlich genau bekannt ist
^11, zeigt, in welcher Weise die Nationalitaetenfrage von der Regierung
behandelt ward. Von den sechzig, spaeter vierundsechzig auf dem Landtag
vertretenen Gauen kommen nur vier auf die iberischen Bewohner Aquitaniens,
obwohl dieses Gebiet zwischen der Garonne und den Pyrenaeen unter eine sehr viel
groessere Zahl durchgaengig kleiner Staemme geteilt war, sei es, dass die
uebrigen von der Vertretung ueberhaupt ausgeschlossen waren, sei es, dass jene
vier vertretenen Gaue die Vororte von Gauverbaenden sind ^12. Spaeterhin,
wahrscheinlich in traianischer Zeit, ist der iberische Bezirk von dem Lyoner
Landtag abgetrennt und ihm eine selbstaendige Vertretung gegeben worden ^13.
Dagegen sind die keltischen Gaue in derjenigen Organisation, die wir frueher
kennengelernt haben, im wesentlichen alle auf dem Landtag vertreten und ebenso
die halb oder ganz germanischen ^14, soweit sie zur Zeit der Stiftung des Altars
zum Reiche gehoerten; dass fuer die Hauptstadt Galliens in dieser Gauvertretung
kein Platz war, versteht sich von selbst. Ausserdem erscheinen die Ubier nicht
auf dem Landtag von Lyon, sondern opfern an ihrem eigenen Augustus-Altar - es
ist dies, wie wir sahen, ein stehengebliebener Ueberrest der beabsichtigten
Provinz Germanien.
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^11 Als Gesamtzahl der auf dem Lyoner Altar verzeichneten Gemeinden gibt
Strabo (4, 3, 2, p. 192) sechzig an, als die Zahl der aquitanischen in dem
keltischen Teil, noerdlich von der Garonne, vierzehn (4,1, 1, p. 177). Tacitus
(ann. 3, 44) nennt als Gesamtzahl der gallischen Gaue vierundsechzig, ebenso,
wenn auch in unrichtiger Verbindung, der Scholiast zur Aeneis (1, 286). Auf die
gleiche Gesamtzahl fuehrt das Verzeichnis bei Ptolemaeos aus dem zweiten
Jahrhundert, welches fuer Aquitanien siebzehn, fuer die Lugudunensis 25, fuer
Belgica 22 Gaue auffuehrt. Von seinen aquitanischen Gauen fallen dreizehn auf
das Gebiet zwischen Loire und Garonne, vier auf das zwischen Garonne und
Pyrenaeen. In dem spaeteren aus dem 5. Jahrhundert, das unter dem Namen der
Notitia Galliarum bekannt ist, fallen auf Aquitanien 26, auf die Lugudunensis
(ausschliesslich Lyons) 24, auf Belgica 27. Alle diese Zahlen sind vermutlich
eine jede fuer ihre Zeit richtig; zwischen der Errichtung des Altars im Jahre
742 (12) und der Zeit des Tacitus (denn auf diese ist seine Angabe wohl zu
beziehen) koennen ebenso vier Gaue hinzugetreten sein, wie sich die Verschiebung
der Zahlen vom 2, bis zum 5. Jahrhundert auf einzelne, zum guten Teil speziell
noch nachweisliche Aenderungen zurueckfuehren laesst.
Bei der Wichtigkeit dieser Ordnungen wird es nicht ueberfluessig sein, sie
wenigstens fuer die beiden westlichen Provinzen im speziellen darzulegen. In der
rein keltischen Mittelprovinz stimmen die drei Verzeichnisse bei Plinius (1.
Jahrhundert), Ptolemaeos (2. Jahrhundert) und der Notitia (5. Jahrhundert) in 21
Namen ueberein: Abrincates - Andecavi - Aulerci Cenomani - Aulerci Diablintes -
Aulerci Eburovici - Baiocasses (Bodiocasses Plin., Vadicasii Ptol.) - Carnutes -
Coriosolites (ohne Zweifel die Samnitae des Ptolemaeos) - Haedui - Lexovii -
Meldae - Namnetes - Osismii - Parisii - Redones - Senones - Tricassini - Turones
- Veliocasses (Rotomagenses) - Veneti - Unelli (Constantia); in drei weiteren:
Caletae - Segusiavi - Viducasses stimmen Plinius und Ptolemaeos, waehrend sie in
der Notitia fehlen, weil inzwischen die Caletae mit den Veliocasses oder den
Rotomagenses, die Viducasses mit den Baiocasses zusammengelegt und die Segusiavi
in Lyon aufgegangen waren. Dagegen erscheinen hier statt der drei verschwundenen
zwei neue durch Teilung entstandene: Aureliani (Orleans), abgezweigt aus den
Carnutes (Chartres), und Autessiodurum (Auxerre), abgezweigt aus den Senones
(Sens). Uebrig bleiben bei Plinius zwei Namen: Boi - Atesui; bei Ptolemaeos
einer: Arvii; in der Notitia einer: Saii.
Fuer das keltische Aquitanien stimmen die drei Listen in elf Namen
ueberein:
Arverni - Bituriges Cubi - Bituriges Vivisci (Burdigalenses) - Cadurci -
Gabales - Lemovici - Nitiobriges (Aginnenses) - Petrucorii - Pictones - Ruteni -
Sautones; die zweite und dritte in dem zwoelften der Vellauni, der bei Plinius
ausgefallen sein wird; Plinius allein hat (abgesehen von den problematischen
Aquitani) zwei Namen mehr: Ambilatri und Anagnutes, Ptolomaeos einen sonst
unbekannten: Datii; vielleicht ist mit zweien von diesen die Strabonische Zahl
der vierzehn voll zu machen. Die Notitia hat ausser jenen elf noch zwei auf
Spaltung beruhende, die Albigenses (Albi am Tarn) und die Ecolismenses
(Angouleme).
In aehnlicher Weise verhalten sich die Listen der oestlichen Gaue. Obwohl
untergeordnete Differenzen sich ergeben, die hier nicht eroertert werden
koennen, liegt das Wesen und die Bestaendigkeit der gallischen Gauteilung
deutlich vor.
^12 Die vier vertretenen Voelkerschaften sind die Tarbeller, Vasaten,
Auscier und Convener. Ausser diesen zaehlt Plinius im suedlichen Aquitanien
nicht weniger als 25 groesstenteils sonst unbekannte Voelkerschaften auf als
rechtlich jenen vier gleichstehend.
^13 Plinius und, vermutlich auch hier aelteren Quellen folgend, Ptolemaeos
wissen von dieser Teilung nichts; aber wir besitzen noch die ungefuegen Verse
des Gascogner Bauern (B. Borghesi, (Oeuvres completes. Paris 1862-79. Bd. 8, S.
544), der dies in Rom auswirkte, ohne Zweifel in Gemeinschaft mit einer Anzahl
seiner Landsleute, obwohl er es vorgezogen hat, dies nicht hinzuzusetzen:
Flamen, item dumvir, quaestor pagiq(ue) magister
Verus ad Augustum legato (so) munere functus
pro novem optinuit populis seiungere Gallos:
urbe redux Genio pagi hanc dedicat aram.
Flamen, auch Zweimann, Schatzmeister und Schulze des Dorfes
Ging den Kaiser ich an, Verus, nach erhaltenem Auftrag;
Wirkte dem Neungau aus von ihm zu scheiden die Galler
Und zurueck von Rom weih den Altar ich dem Dorfgeist.
Die aelteste Spur der administrativen Trennung des iberischen Aquitaniens
von dem gallischen ist die Nennung des "Bezirks von Lactora" (Lectoure) neben
Aquitanien in einer Inschrift aus traianischer Zeit (CIL V 875: procurator
provinciarum Luguduniensis et Aquitanicae, item Lactorae). Diese Inschrift
beweist allerdings an sich mehr die Verschiedenheit der beiden Gebiete als die
formelle Absonderung des einen von dem andern; aber es laesst sich anderweitig
zeigen, dass bald nach Traian die letztere durchgefuehrt war. Denn dass der
abgetrennte Bezirk urspruenglich in neun Gaue zerfiel, wie jene Verse es sagen,
bestaetigt der seitdem gebliebene Name Novempopulana; unter Pius aber zaehlt der
Bezirk bereits elf Gemeinden (denn der dilectator er Apquitanicae XI populos,
Boissieu, Lyon, S. 246, gehoert gewiss hierher), im fuenften Jahrhundert zwoelf;
denn so viele zaehlt die Notitia unter der Novempopulana auf. Diese Vermehrung
erklaert sich ebenso wie die in Anm. 11 eroerterte. Auf die Statthalterschaft
bezieht die Teilung sich nicht; vielmehr blieben das keltische und das iberische
Aquitanien beide unter demselben Legaten. Aber die Novempopulana erhielt unter
Traian ihren eigenen Landtag, waehrend die keltischen Distrikte Aquitaniens nach
wie vor den Landtag von Lyon beschickten.
^14 Es fehlen einige kleinere germanische Voelkerschaften, wie die
Baetasier und die Sunuker, vielleicht aus aehnlichen Gruenden wie die kleineren
iberischen; ferner die Cannenefaten und die Friesen, wahrscheinlich weil diese
erst spaeter reichsuntertaenig geworden sind. Die Bataver sind vertreten.
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Wurde die keltische Nation also in dem kaiserlichen Gallien in sich selbst
konsolidiert, so wurde sie auch dem roemischen Wesen gegenueber gewissermassen
garantiert durch das hinsichtlich der Erteilung des Reichsbuergerrechts fuer
dieses Gebiet eingehaltene Verfahren. Die Hauptstadt Galliens freilich war und
blieb eine roemische Buergerkolonie, und es gehoert dies wesentlich mit zu der
eigenartigen Stellung, die sie dem uebrigen Gallien gegenueber einnahm und
einnehmen sollte. Aber waehrend die Suedprovinz mit Kolonien bedeckt und
durchaus nach italischem Gemeinde recht geordnet ward, hat Augustus in den "drei
Gallien" nicht eine einzige Buergerkolonie eingerichtet, und wahrscheinlich ist
auch dasjenige Gemeinderecht, welches unter dem Namen des latinischen eine
Zwischenstufe zwischen Buergern und Nichtbuergern bildet und seinen
angeseheneren Inhabern von Rechts wegen das Buergerrecht fuer ihre Person und
ihre Nachkommen gewaehrt, laengere Zeit von Gallien ferngehalten worden. Die
persoenliche Verleihung des Buergerrechts, teils nach allgemeinen Bestimmungen
an den Soldaten bald bei dem Eintritt, bald bei dem Abschied, teils aus
besonderer Gunst an einzelne Personen, konnte allerdings auch dem Gallier zuteil
werden; so weit, wie die Republik gegangen war, dem Helvetier zum Beispiel den
Gewinn des roemischen Buergerrechts ein fuer allemal zu untersagen, ging
Augustus nicht und konnte es auch nicht, nachdem Caesar das Buergerrecht an
geborene Gallier vielfach auf diese Weise vergeben hatte. Aber er nahm
wenigstens den aus den "drei Gallien" stammenden Buergern - mit Ausnahme immer
der Lugudunenser - das Recht der Aemterbewerbung und schloss sie damit zugleich
aus dem Reichssenat aus. Ob diese Bestimmung zunaechst im Interesse Roms oder
zunaechst in dem der Gallier getroffen war, koennen wir nicht wissen; gewiss hat
Augustus beides gewollt, einmal dem Eindringen des fremdartigen Elements in das
Roemertum wehren und damit dasselbe reinigen und heben, andererseits den
Fortbestand der gallischen Eigenartigkeit in einer Weise verbuergen, die eben
durch verstaendiges Zurueckhalten die schliessliche Verschmelzung mit dem
roemischen Wesen sicherer foerderte, als die schroffe Aufzwingung
fremdlaendischer Institutionen getan haben wuerde.
Kaiser Claudius, selbst in Lyon geboren und, wie die Spoetter von ihm
sagten, ein richtiger Gallier, hat diese Schranken zum guten Teil beseitigt. Die
erste Stadt in Gallien, welche sicher italisches Recht empfangen hat, ist die
der Ubier, wo der Altar des roemischen Germaniens angelegt war; dort im
Feldlager ihres Vaters, des Germanicus, wurde die nachmalige Gemahlin des
Claudius Agrippina geboren, und sie hat im Jahre 50 ihrem Geburtsort das
wahrscheinlich latinische Kolonialrecht erwirkt, dem heutigen Koeln. Vielleicht
gleichzeitig, vielleicht schon frueher ist dasselbe fuer die Stadt der Treverer,
Augusta, geschehen, das heutige Trier. Auch noch einige andere gallische Gaue
sind in dieser Weise dem Roemertum naeher gerueckt worden, so der der Helvetier
durch Vespasian, ferner der der Sequaner (Besan‡on); grosse Ausdehnung aber
scheint das latinische Recht in diesen Gegenden nicht gefunden zu haben. Noch
weniger ist in der frueheren Kaiserzeit in dem kaiserlichen Gallien ganzen
Gemeinden das volle Buergerrecht beigelegt worden. Wohl aber hat Claudius mit
der Aufhebung der Rechtsbeschraenkung den Anfang gemacht, welche die zum
persoenlichen Reichsbuergerrecht gelangten Gallier von der Reichsbeamtenlaufbahn
ausschloss; es wurde zunaechst fuer die aeltesten Verbuendeten Roms, die
Haeduer, bald wohl allgemein diese Schranke beseitigt. Damit war wesentlich die
Gleichstellung erreicht. Denn nach den Verhaeltnissen dieser Epoche hatte das
Reichsbuergerrecht fuer die durch ihre Lebensstellung von der Aemterlaufbahn
ausgeschlossenen Kreise kaum einen besonderen praktischen Wert und war fuer
vermoegende Peregrinen guter Herkunft, die diese Laufbahn zu betreten wuenschten
und deshalb seiner bedurften, leicht zu erlangen; wohl aber war es eine
empfindliche Zuruecksetzung, wenn dem roemischen Buerger aus Gallien und seinen
Nachkommen von Rechts wegen die Aemterlaufbahn verschlossen blieb.
Wenn in der Organisation der Verwaltung das nationale Wesen der Kelten so
weit geschont ward, als dies mit der Reichseinheit sich irgend vertrug, so ist
dies hinsichtlich der Sprache nicht geschehen. Auch wenn es praktisch
ausfuehrbar gewesen waere, den Gemeinden die Fuehrung ihrer Verwaltung in einer
Sprache zu gestatten, deren die kontrollierenden Reichsbeamten nur ausnahmsweise
maechtig sein konnten, lag es unzweifelhaft nicht in den Absichten der
roemischen Regierung, diese Schranke zwischen den Herrschenden und Beherrschten
aufzurichten. Dementsprechend ist unter den in Gallien unter roemischer
Herrschaft geschlagenen Muenzen und von Gemeinde wegen gesetzten Denkmaelern
keine erweislich keltische Aufschrift gefunden worden. Der Gebrauch der
Landessprache wurde uebrigens nicht gehindert; wir finden sowohl in der
Suedprovinz wie in den noerdlichen Denkmaeler mit keltischer Aufschrift, dort
immer mit griechischem ^15, hier immer mit lateinischem Alphabet geschrieben
^16, und wahrscheinlich gehoeren wenigstens manche von jenen, sicher diese
saemtlich der Epoche der Roemerherrschaft an. Dass in Gallien ausserhalb der
Staedte italischen Rechts und der roemischen Lager inschriftliche Denkmaeler
ueberhaupt nur in geringer Zahl auftreten, wird wahrscheinlich hauptsaechlich
dadurch herbeigefuehrt sein, dass die als Dialekt behandelte Landessprache
ebenso fuer solche Verwendung ungeeignet erschien wie die ungelaeufige
Reichssprache und daher das Denksteinsetzen hier ueberhaupt nicht so wie in den
latinisierten Gegenden in Aufnahme kam; das Lateinische mag in dem groessten
Teil Galliens damals ungefaehr die Stellung gehabt haben wie nachher im
frueheren Mittelalter gegenueber der damaligen Volkssprache. Das energische
Fortleben der nationalen Sprache zeigt am bestimmtesten die Wiedergabe der
gallischen Eigennamen im Latein nicht selten unter Beibehaltung unlateinischer
Lautformen. Dass Schreibungen wie Lousonna und Boudicca mit dem unlateinischen
Diphthong ou selbst in die lateinische Literatur eingedrungen sind und fuer den
aspirierten Dental, das englische th, sogar in roemischer Schrift ein eigenes
Zeichen (D) verwendet wird, ferner Epaciatextorigus neben Epasnactus geschrieben
wird, Dirona neben Sirona, machen es fast zur Gewissheit, dass die keltische
Sprache, sei es im roemischen Gebiet, sei es ausserhalb desselben, in oder vor
dieser Epoche einer gewissen schriftmaessigen Regulierung unterlegen hatte und
schon damals so geschrieben werden konnte, wie sie noch heute geschrieben wird.
Auch an Zeugnissen fuer ihren fortdauernden Gebrauch in Gallien fehlt es nicht.
Als die Stadtnamen Augustodunum (Autun), Augustonemetum (Clermont), Augustobona
(Troyes) und manche aehnliche aufkamen, sprach man notwendig auch im mittleren
Gallien noch keltisch. Arrian unter Hadrian gibt in seiner Abhandlung ueber die
Kavallerie fuer einzelne den Kelten entlehnte Manoever den keltischen Ausdruck
an. Ein geborener Grieche, Eirenaeos, der gegen das Ende des 2. Jahrhunderts als
Geistlicher in Lyon fungierte, entschuldigt die Maengel seines Stils damit, dass
er im Lande der Kelten lebe und genoetigt sei, stets in barbarischer Sprache zu
reden. In einer juristischen Schrift aus dem Anfang des 3. Jahrhunderts wird, im
Gegensatz zu der Rechtsregel, dass die letztwilligen Verfuegungen im allgemeinen
lateinisch oder griechisch abzufassen sind, fuer Fideikommisse auch jede andere
Sprache, zum Beispiel die punische und die gallische zugelassen. Dem Kaiser
Alexander wurde sein Ende von einer gallischen Wahrsagerin in gallischer Sprache
angekuendigt. Noch der Kirchenvater Hieronymus, der selber in Ancyra wie in
Trier gewesen ist, versichert, dass die kleinasiatischen Galater und die
Treverer seiner Zeit ungefaehr die gleiche Sprache redeten, und vergleicht das
verdorbene Gallisch der Asiaten mit dem verdorbenen Punisch der Afrikaner. Wenn
die keltische Sprache sich in der Bretagne, aehnlich wie in Wales, bis auf den
heutigen Tag behauptet hat, so hat die Landschaft zwar ihren heutigen Namen von
den im fuenften Jahrhundert dorthin vor den Sachsen fluechtenden Inselbriten
erhalten, aber die Sprache ist schwerlich erst mit diesen eingewandert, sondern
allem Anschein nach hier seit Jahrtausenden von einem Geschlecht dem andern
ueberliefert. In dem uebrigen Gallien hat natuerlich im Laufe der Kaiserzeit das
roemische Wesen schrittweise Boden gewonnen; ein Ende gemacht hat aber dem
keltischen Idiom hier wohl nicht so sehr die germanische Einwanderung als die
Christianisierung, welche in Gallien nicht, wie in Syrien und Aegypten, die von
der Regierung beiseite geschobene Landessprache aufnahm und zu ihrem Traeger
machte, sondern das Evangelium lateinisch verkuendigte.
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^15 So hat sich in Nemausus eine in keltischer Sprache geschriebene
Weihinschrift gefunden, gesetzt Matrebo Namaysikabo (CIL XI, p. 383), das
heisst, den oertlichen Muettern.
^16 Beispielsweise liest man auf einem in Neris-les-Bains (Allier)
gefundenen Altarstein (E. Desjardins, Geographie historique et administrative de
la Gaule Romaine. 4 Bde. Paris 1876-93. Bd. 2, S. 476): Bratronos Nantonicn
Epadatextorici Leucullo Suio rebelocitoi. Auf einem andern, den die Pariser
Schiffergilde unter Tiberius dem hoechsten besten Jupiter setzte (Mowat im
Bulletin epigraphique de la Gaule 1, S. 25f.), ist die Hauptinschrift
lateinisch, aber ueber den Reliefs der Seitenflaechen, die eine Prozession von
neun bewaffneten Priestern darzustellen scheinen, stehen erklaerende
Beischriften: Senani Useiloni . . . und Eurises, die nicht lateinisch sind.
Solches Gemenge begegnet auch sonst, zum Beispiel in einer Inschrift von Arrenes
(Creuse im Bulletin epigraphique de la Gaule 1, S. 38): Sacer Peroco ieuru
(wahrscheinlich = fecit) Duorico v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito).
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In dem Vorschreiten der Romanisierung, welche in Gallien, abgesehen von der
Suedprovinz, wesentlich der inneren Entwicklung ueberlassen blieb, zeigt sich
eine bemerkenswerte Verschiedenheit zwischen dem oestlichen Gallien und dem
Westen und Norden, die wohl mit, aber nicht allein auf dem Gegensatz der
Germanen und der Gallier beruht. In den Vorgaengen bei und nach Neros Sturz
tritt diese Verschiedenheit selbst politisch bestimmend hervor. Die nahe
Beruehrung der oestlichen Gaue mit den Rheinlagern und die hier vorzugsweise
stattfindende Rekrutierung der Rheinlegionen hat dem roemischen Wesen hier
frueher und vollstaendiger Eingang verschafft als im Gebiet der Loire und der
Seine. Bei jenen Zerwuerfnissen gingen die rheinischen Gaue, die keltischen
Lingonen und Treverer sowohl wie die germanischen Ubier oder vielmehr die
Agrippinenser mit der Roemerstadt Lugudunum und hielten fest zu der legitimen
roemischen Regierung, waehrend die, wie bemerkt ward, wenigstens in gewissem
Sinn nationale Insurrektion von den Sequanern, Haeduern und Arvernern ausgeht.
In einer spaeteren Phase desselben Kampfes finden wir unter veraenderten
Parteiverhaeltnissen dieselbe Spaltung, jene oestlichen Gaue mit den Germanen im
Bunde, waehrend der Landtag von Reims den Anschluss an diese verweigert.
Wurde somit das gallische Land in Betreff der Sprache im wesentlichen
ebenso behandelt wie die uebrigen Provinzen, so begegnet wiederum die Schonung
seiner alten Institutionen bei den Bestimmungen ueber Mass und Gewicht.
Allerdings haben neben der allgemeinen Reichsordnung, welche in dieser Hinsicht
von Augustus erlassen ward, entsprechend dem toleranten oder vielmehr
indifferenten Verhalten der Regierung in dergleichen Dingen, die oertlichen
Bestimmungen vielerorts fortbestanden, aber nur in Gallien hat die oertliche
Ordnung spaeterhin die des Reiches verdraengt. Die Strassen sind im ganzen
Roemischen Reich gemessen und bezeichnet nach der Einheit der roemischen Meile
(1,48 Kilometer), und bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts trifft dies auch
fuer diese Provinzen zu. Aber von Severus an tritt in den "drei Gallien" und den
beiden Germanien an deren Stelle eine zwar der roemischen angefuegte, aber doch
verschiedene und gallisch benannte Meile, die Leuga (2,22 Kilometer), gleich
anderthalb roemischen Meilen. Unmoeglich kann Severus damit den Kelten eine
nationale Konzession haben machen wollen; es passt dies weder fuer die Epoche,
noch insbesondere fuer diesen Kaiser, der eben diesen Provinzen in
ausgesprochener Feindseligkeit gegenueberstand; ihn muessen
Zweckmaessigkeitsruecksichten bestimmt haben. Diese koennen nur darauf beruhen,
dass das nationale Wegemass, die Leuga oder auch die Doppelleuga, die
germanische Rasta, welche letztere der franzoesischen Lieue entspricht, in
diesen Provinzen nach der Einfuehrung des einheitlichen Wegemasses in
ausgedehnterem Umfang fortbestanden haben, als dies in den uebrigen
Reichslaendern der Fall war. Augustus wird die roemische Meile formell auf
Gallien erstreckt und die Postbuecher und die Reichsstrassen darauf gestellt,
aber der Sache nach dem Lande das alte Wegemass gelassen haben; und so mag es
gekommen sein, dass die spaetere Verwaltung es weniger unbequem fand, die
zwiefache Einheit im Postverkehr sich gefallen zu lassen ^17, als noch laenger
sich eines praktisch im Lande unbekannten Wegemasses zu bedienen.
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^17 Die Postbuecher und Strassentafeln verfehlen nicht bei Lyon und
Toulouse anzumerken, dass hier die Leugen beginnen.
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Von weit groesserer Bedeutung ist das Verhalten der roemischen Regierung zu
der Landesreligion; ohne Zweifel hat das gallische Volkstum seinen festesten
Rueckhalt an dieser gefunden. Selbst in der Suedprovinz muss die Verehrung der
nichtroemischen Gottheiten lange, viel laenger als zum Beispiel in Andalusien
sich behauptet haben. Die grosse Handelsstadt Arelate freilich hat keine anderen
Weihungen aufzuweisen als an die auch in Italien verehrten Goetter; aber in
Frejus, Aix, Nimes und ueberhaupt der ganzen Kuestenlandschaft sind die alten
keltischen Gottheiten in der Kaiserepoche nicht viel weniger verehrt worden als
im inneren Gallien. Auch in dem iberischen Teil Aquitaniens begegnen zahlreiche
Spuren des einheimischen, von dem keltischen durchaus verschiedenen Kultus.
Indes tragen alle im Sueden Galliens zum Vorschein gekommenen Goetterbilder
einen minder von dem gewoehnlichen abweichenden Stempel als die Denkmaeler des
Nordens, und vor allem war es leichter, mit den nationalen Goettern auszukommen
als mit dem nationalen Priestertum, das uns nur im kaiserlichen Gallien und auf
den britannischen Inseln begegnet, den Druiden. Es wuerde vergebliche Muehe
sein, von dem inneren Wesen der aus Spekulation und Imagination wunderbar
zusammengestellten Druidenlehre eine Vorstellung geben zu wollen; nur die
Fremdartigkeit und die Fruchtbarkeit derselben sollen einige Beispiele
erlaeutern. Die Macht der Rede wurde symbolisch dargestellt in einem
kahlkoepfigen, runzligen, von der Sonne verbrannten Greis, der Keule und Bogen
fuehrt und von dessen durchbohrter Zunge zu den Ohren des ihm folgenden Menschen
feine goldene Ketten laufen - das heisst, es fliegen die Pfeile und schmettern
die Schlaege des redegewaltigen Alten und willig folgen ihm die Herzen der
Menge. Das ist der Ogmius der Kelten; den Griechen erschien er wie ein als
Herakles staffierter Charon. Ein in Paris gefundener Altar zeigt uns drei
Goetterbilder mit Beischrift, in der Mitte den Jovis, zu seiner Linken den
Vulcan, ihm zur Rechten den Esus, "den Entsetzlichen mit seinen grausen
Altaeren", wie ihn ein roemischer Dichter nennt, aber dennoch ein Gott des
Handelsverkehrs und des friedlichen Schaffens ^18; er ist zur Arbeit geschuerzt
wie Vulcan, und wie dieser Hammer und Zange fuehrt, so behaut er mit dem Beil
einen Weidenbaum. Eine oefter wiederkehrende Gottheit, wahrscheinlich Cernunnos
genannt, wird kauernd, mit untergeschlagenen Beinen, dargestellt; auf dem Kopf
traegt sie ein Hirschgeweih, an dem eine Halskette haengt, und haelt auf dem
Schoss den Geldsack; vor ihr stehen zuweilen Rinder und Hirsche - es scheint,
als solle damit der Erdboden als die Quelle des Reichtums ausgedrueckt werden.
Die ungeheure Verschiedenheit dieses aller Reinheit und Schoenheit baren, im
barocken und phantastischen Mengen sehr irdischer Dinge sich gefallenden
keltischen Olymp von den einfach menschlichen Formen der griechischen und den
einfach menschlichen Begriffen der roemischen Religion gibt eine Ahnung der
Schranke, die zwischen diesen Besiegten und ihren Siegern stand. Daran hingen
weiter sehr bedenkliche praktische Konsequenzen: ein umfassender Geheimmittel-
und Zauberkram, bei dem die Priester zugleich die Aerzte spielten und wo neben
dem Besprechen und Besegnen auch Menschenopfer und Krankenheilung durch das
Fleisch der also Geschlachteten vorkam. Dass direkte Opposition gegen die
Fremdherrschaft in dem Druidentum dieser Zeit gewaltet hat, laesst sich
wenigstens nicht erweisen; aber auch, wenn dies nicht der Fall war, ist es wohl
begreiflich, dass die roemische Regierung, welche sonst alle oertlichen
Besonderheiten der Gottesverehrung mit gleichgueltiger Duldung gewaehren liess,
diesem Druidenwesen nicht bloss in seinen Ausschreitungen, sondern ueberhaupt
mit Apprehension gegenueberstand. Die Einrichtung des gallischen Jahrfestes in
der rein roemischen Landeshauptstadt und unter Ausschluss aller Anknuepfung an
den nationalen Kultus ist offenbar ein Gegenzug der Regierung gegen die alte
Landesreligion mit ihrem jaehrlichen Priesterkonzil in Chartres, dem Mittelpunkt
des gallischen Landes. Unmittelbar aber ging Augustus gegen das Druidentum nicht
weiter vor, als dass er jedem roemischen Buerger die Beteiligung an dem
gallischen Nationalkult untersagte. Tiberius in seiner energischeren Weise griff
durch und verbot dieses Priestertum mit seinem Anhang von Lehrern und
Heilkuenstlern ueberhaupt; aber es spricht nicht gerade fuer den praktischen
Erfolg dieser Verfuegung, dass dasselbe Verbot abermals unter Claudius erging -
von diesem wird erzaehlt, dass er einen vornehmen Gallier lediglich deshalb
koepfen liess, weil er ueberwiesen ward, fuer guten Erfolg bei Verhandlungen vor
dem Kaiser das landuebliche Zaubermittel in Anwendung gebracht zu haben. Dass
die Besetzung Britanniens, welches von alters her der Hauptsitz dieses
Priestertreibens gewesen war, zum guten Teil beschlossen ward, um damit dieses
an der Wurzel zu fassen, wird weiterhin ausgefuehrt werden. Trotz alledem hat
noch in dem Abfall, den die Gallier nach dem Sturz der claudischen Dynastie
versuchten, dies Priestertum eine bedeutende Rolle gespielt; der Brand des
Kapitols, so predigten die Druiden, verkuende den Umschwung der Dinge und den
Beginn der Herrschaft des Nordens ueber den Sueden. Indes wenn auch dies Orakel
spaeterhin in Erfuellung ging, durch diese Nation und zugunsten ihrer Priester
ist es nicht geschehen. Die Besonderheiten der gallischen Gottesverehrung haben
wohl auch spaeter noch ihre Wirkung geuebt; als im dritten Jahrhundert fuer
einige Zeit ein gallisch-roemisches Sonderreich ins Leben trat, spielt auf
dessen Muenzen die erste Rolle der Herkules, teils in seiner griechisch-
roemischen Gestalt, teils auch als gallischer Deusoniensis oder Magusanus. Von
den Druiden aber ist nur noch etwa insofern die Rede, als die klugen Frauen in
Gallien bis in die diocletianische Zeit unter dem Namen der Druidinnen gehen und
orakeln, und dass die alten adligen Haeuser noch lange nachher in ihrer
Ahnenreihe sich druidischer Altvordern beruehmen. Wohl rascher noch als die
Landessprache ging die Landesreligion zurueck und das eindringende Christentum
hat kaum noch an dieser ernstlichen Widerstand gefunden.
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^18 Die zweite Berner Glosse zu Lucan 1, 445, die den Teutates richtig zum
Mars macht und auch sonst glaubwuerdig scheint, sagt von ihm: Hesum Mercurium
credunt, si quidem a mercatoribus colitur.
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Das suedliche Gallien, mehr als irgendeine andere Provinz durch seine Lage
jedem feindlichen Angriff entzogen und gleich Italien und Andalusien ein Land
der Olive und der Feige, gedieh unter dem Kaiserregiment zu hohem Wohlstand und
reicher staedtischer Entwicklung. Das Amphitheater und das Sarkophagfeld von
Arles, der "Mutter ganz Galliens", das Theater von Orange, die in und bei Nimes
noch heute aufrecht stehenden Tempel und Bruecken sind davon bis in die
Gegenwart lebendige Zeugen. Auch in den noerdlichen Provinzen stieg der alte
Wohlstand des Landes weiter durch den dauernden Frieden, der, allerdings mit dem
dauernden Steuerdruck, durch die Fremdherrschaft in das Land kam. "In Gallien",
sagt ein Schriftsteller der vespasianischen Zeit, "sind die Quellen des
Reichtums heimisch und ihre Fuelle stroemt ueber die ganze Erde ^19." Vielleicht
nirgends sind gleich zahlreiche und gleich praechtige Landhaeuser zum Vorschein
gekommen, vor allen Dingen im Osten Galliens, am Rhein und seinen Zufluessen;
man erkennt deutlich den reichen gallischen Adel. Beruehmt ist das Testament des
vornehmen Lingonen, welcher anordnet, ihm das Grabdenkmal und die Bildsaeule aus
italischem Marmor oder bester Bronze zu errichten und unter anderem sein
saemtliches Geraet fuer Jagd und Vogelfang mit ihm zu verbrennen - es erinnert
dies an die anderweitig erwaehnten, meilenlangen eingefriedigten Jagdparks im
Keltenland und an die hervorragende Rolle, welche die keltischen Jagdhunde und
keltische Waidmannsart bei dem Xenophon der hadrianischen Zeit spielen, welcher
nicht verfehlt hinzuzufuegen, dass dem Xenophon, des Gryllos Sohn, das Jagdwesen
der Kelten nicht habe bekannt sein koennen. Nicht minder gehoert in diesen
Zusammenhang die merkwuerdige Tatsache, dass in dem roemischen Heerwesen der
Kaiserzeit die Kavallerie eigentlich keltisch ist, nicht bloss insofern diese
vorzugsweise aus Gallien sich rekrutiert, sondern auch, indem die Manoever und
selbst die technischen Ausdruecke zum guten Teil den Kelten entlehnt sind; man
erkennt hier, wie nach dem Hinschwinden der alten Buergerreiterei unter der
Republik die Kavallerie durch Caesar und Augustus mit gallischen Mannschaften
und in gallischer Weise reorganisiert worden ist. Die Grundlage dieses vornehmen
Wohlstandes war der Ackerbau, auf dessen Hebung auch Augustus selbst energisch
hinwirkte und der in ganz Gallien, etwa abgesehen von der Steppengegend an der
aquitanischen Kueste, reichen Ertrag gab. Eintraeglich war auch die Viehzucht,
besonders im Norden, namentlich die Zucht von Schweinen und Schafen, welche bald
fuer die Industrie und die Ausfuhr von Bedeutung wurden - die menapischen
Schinken (aus Flandern) und die atrebatischen und nervischen Tuchmaentel (bei
Arras und Tournay) gingen in spaeterer Zeit in das gesamte Reich. Von besonderem
Interesse ist die Entwicklung des Weinbaus. Weder das Klima noch die Regierung
waren demselben guenstig. Der "gallische Winter" blieb lange Zeit bei den
Suedlaendern sprichwoertlich; wie denn in der Tat das Roemische Reich nach
dieser Seite hin am weitesten gegen Norden sich ausdehnt. Aber engere Schranken
zog der gallischen Weinkultur die italische Handelskonkurrenz. Allerdings hat
der Gott Dionysos seine Welteroberung ueberhaupt langsam vollbracht und nur
Schritt vor Schritt ist der aus der Halmfrucht bereitete Trank dem Saft der Rebe
gewichen; aber es beruht auf dem Prohibitivsystem, dass in Gallien das Bier sich
wenigstens im Norden als das gewoehnliche geistige Getraenk die ganze Kaiserzeit
hindurch behauptete und noch Kaiser Julianus bei seinem Aufenthalt in Gallien
mit diesem falschen Bacchus in Konflikt kam ^20. So weit freilich, wie die
Republik, welche den Wein- und Oelbau an der gallischen Suedkueste polizeilich
untersagte, ging das Kaiserregiment nicht; aber die Italiener dieser Zeit waren
doch die rechten Soehne ihrer Vaeter. Die Bluete der beiden grossen
Rhoneemporien Arles und Lyon beruhte zu einem nicht geringen Teil auf dem
Vertrieb des italienischen Weins nach Gallien; daran mag man ermessen, welche
Bedeutung der Weinbau damals fuer Italien selbst gehabt haben muss. Wenn einer
der sorgfaeltigsten Verwalter, die das Kaiseramt gehabt hat, Domitianus, den
Befehl erliess, in saemtlichen Provinzen mindestens die Haelfte der Rebstoecke
zu vertilgen ^21, was freilich so nicht zur Ausfuehrung kam, so darf daraus
geschlossen werden, dass die Ausbreitung des Weinbaus allerdings von Regierungs
wegen ernstlich eingeschraenkt ward. Noch in augustischer Zeit war er in dem
noerdlichen Teil der narbonensischen Provinz unbekannt, und wenn er auch hier
bald in Aufnahme kam, scheint er doch durch Jahrhunderte auf die Narbonensis und
das suedliche Aquitanien beschraenkt geblieben zu sein; von gallischen Weinen
kennt die bessere Zeit nur den allobrogischen und den biturigischen, nach
unserer Redeweise den Burgunder und den Bordeaux ^22. Erst als die Zuegel des
Reiches den Haenden der Italiener entfielen, im Laufe des dritten Jahrhunderts,
aenderte sich dies, und Kaiser Probus (276-282) gab endlich den Provinzialen den
Weinbau frei. Wahrscheinlich erst infolgedessen hat die Rebe festen Fuss gefasst
an der Seine wie an der Mosel. "Ich habe", schreibt Kaiser Julianus, "einen
Winter" (es war der von 357 auf 358) "in dem lieben Lutetia verlebt, denn so
nennen die Gallier das Staedtchen der Pariser, eine kleine Insel im Flusse
gelegen und rings ummauert; das Wasser ist dort trefflich und rein zu schauen
und zu trinken. Die Einwohner haben einen ziemlich milden Winter, und es waechst
bei ihnen guter Wein; ja einige ziehen sogar auch Feigen, indem sie sie im
Winter mit Weizenstroh wie mit einem Rocke zudecken." Und nicht viel spaeter
schildert dann der Dichter von Bordeaux in der anmutigen Beschreibung der Mosel,
wie die Weinberge diesen Fluss an beiden Ufern einfassen, "gleich wie die
eigenen Reben mir kraenzen die gelbe Garonne".
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^19 Ios. bel. Iud. 2, 16, 4. Ebenda sagt Koenig Agrippa zu seinen Juden, ob
sie sich etwa einbildeten, reicher zu sein als die Gallier, tapferer als die
Germanen, klueger als die Hellenen. Damit stimmen alle anderen Zeugnisse
ueberein. Nero vernimmt den Aufstand nicht ungern occasione nata spoliandarum
iure belli opulentissimarum provinciarum (Suet. Nero 40; Plut. Galba 5); die dem
Insurgentenheer des Vindex abgenommene Beute ist unermesslich (Tac. hist. 1,
51). Tacitus (hist. 3, 46) nennt die Haeduer pecunia dites et voluptatibus
opulentos. Nicht mit Unrecht sagt der Feldherr Vespasians zu den abgefallenen
Galliern bei Tacitus (bist. 4, 74); regna bellaque per Gallias semper fuere,
donec in nostrum ius concederetis; nos quamquam totiens lacessiti iure victoriae
id solum vobis addidimus quo pacem tueremur, nam neque quies gentium sine armis
neque arma sine stipendiis neque stipendia sine tributis haberi queunt. Die
Steuern drueckten wohl schwer, aber nicht so schwer wie der alte Fehde- und
Faustrechtzustand.
^20 Sein Epigramm 'Auf den Gerstenwein' ist erhalten (AP 9, 368):
Tis pothen eis, Dionyse? Ma gar ton al/e/thea Bakchon
s?s' epigign/o/sk/o/. ton Dios oida monon
keinos nektar od/o/de. s? de tragoy. /e/ ra se Keltoi
t/e/ peni/e/ botr?/o/n te?xan ap' astach?/o/n.
t/o/ se chr/e/ kaleein D/e/m/e/trion, oy Dionyson
pyrsgen/e/ mallon kai bromon, oy Bromion.
Du, Dionysos, von wo kommst du? Bei dem richtigen Bacchus!
Ich erkenne dich nicht; Zeus Sohn kenn' ich allein.
Jener duftet nach Nektar; du riechst nach dem Bocke. Die Kelten,
Denen die Rebe versagt, braueten dich aus dem Halm,
Scheuer-, nicht Feuersohn, Erdkind, nicht Kind dich des Himmels,
Nur fuer das Futtern gemacht, nicht fuer den lieblichen Trunk.
Auf einem in Paris gefundenen irdenen Ring (Mowat im Bulletin epigraphique
de la Gaule 2, S. 110; 3, S. 133), der hohl und zum Fuellen der Becher
eingerichtet ist, sagt der Trinkende zu dem Wirt: copo, conditu(m) [cnoditu ist
Schreibfehler] abes; est reple(n)da - Wirt, du hast mehr im Keller; die Flasche
ist leer, und zu der Kellnerin: ospita, reple, lagona(m) cervesa - Maedchen,
fuelle die Flasche mit Bier.
^21 Suet. Dom. 7. Wenn als Grund angegeben ward, dass die hohen Kornpreise
durch das Umwandeln des Ackerlandes in Weinberge veranlasst seien, so war das
natuerlich ein auf den Unverstand des Publikums berechneter Vorwand.
^22 Wenn noch V. Hehn (Kulturpflanzen und Haustiere. Berlin 1870, S. 76)
fuer den Weinbau der Arverner und der Sequaner ausserhalb der Narbonensis sich
auf Plinius (nat. 14, 1, 18) beruft, so folgt er beseitigten
Textinterpolationen. Es ist moeglich, dass das straffere kaiserliche Regiment in
den "drei Gallien" den Weinbau mehr zurueckhielt als das schlaffe senatorische
in der Narbonensis.
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Der innere Verkehr so wie der mit den Nachbarlaendern, besonders mit
Italien, muss ein sehr reger gewesen sein und das Strassennetz entwickelt und
gepflegt. Die grosse Reichsstrasse von Rom nach der Muendung des Baetis, deren
bei Spanien gedacht ward, war die Hauptader fuer den Landhandel der Suedprovinz;
die ganze Strecke, in republikanischer Zeit von den Alpen bis zur Rhone durch
die Massalioten, von da bis zu den Pyrenaeen durch die Roemer instand gehalten,
wurde von Augustus neu chaussiert. Im Norden fuehrten die Reichsstrassen
hauptsaechlich teils nach der gallischen Hauptstadt, teils nach den grossen
Rheinlagern; doch scheint auch ausserdem fuer die uebrige Kommunikation in
ausreichender Weise gesorgt gewesen zu sein.
Wenn die Suedprovinz in der aelteren Zeit auf dem geistigen Gebiet zu dem
hellenischen Kreise gehoerte, so hat der Rueckgang von Massalia und das
gewaltige Vordringen des Roemertums im suedlichen Gallien darin freilich eine
Aenderung herbeigefuehrt; dennoch aber ist dieser Teil Galliens immer, wie
Kampanien, ein Sitz hellenischen Wesens geblieben. Dass Nemausus, eine der
Teilerben von Massalia, auf seinen Muenzen aus augustischer Zeit alexandrinische
Jahreszahlen und das Wappen Aegyptens zeigt, ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit
darauf bezogen worden, dass durch Augustus selbst in dieser, dem Griechentum
nicht fremd gegenueberstehenden Stadt Veteranen aus Alexandreia angesiedelt
worden sind. Es darf wohl auch mit dem Einfluss Massalias in Verbindung gebracht
werden, dass dieser Provinz, wenigstens der Abstammung nach, derjenige
Historiker angehoerte, welcher, es scheint im bewussten Gegensatz zu der
nationalroemischen Geschichtschreibung und gelegentlich mit scharfen Ausfaellen
gegen deren namhafteste Vertreter, Sallustius und Livius, die hellenische
vertrat, der Vocontier Pompeius Trogus, Verfasser einer von Alexander und den
Diadochenreichen ausgehenden Weltgeschichte, in welcher die roemischen Dinge nur
innerhalb dieses Rahmens oder anhangsweise dargestellt werden. Ohne Zweifel gab
er damit nur wieder, was eigentlich der literarischen Opposition des Hellenismus
angehoerte; immer bleibt es bemerkenswert, dass diese Tendenz ihren lateinischen
Vertreter, und einen geschickten und sprachgewandten Vertreter, hier in
augustischer Zeit fand. Aus spaeterer ist erwaehnenswert Favorinus, aus einem
angesehenen Buergerhaus von Arles, einer der Haupttraeger der Polymathie der
hadrianischen Zeit; Philosoph mit aristotelischer und skeptischer Tendenz,
daneben Philolog und Kunstredner, Schueler des Dion von Prusa, Freund des
Plutarchos und des Herodes Atticus, polemisch auf dem wissenschaftlichen Gebiet
angegriffen von Galenus, feuilletonistisch von Lucian, ueberhaupt in lebhaften
Beziehungen mit den namhaften Gelehrten des zweiten Jahrhunderts und nicht
minder mit Kaiser Hadrian. Seine mannigfaltigen Forschungen, unter anderm ueber
die Namen der Genossen des Odysseus, die die Scylla verschlang, und ueber den
des ersten Menschen, der zugleich ein Gelehrter war, lassen ihn als den rechten
Vertreter des damals beliebten gelehrten Kleinkrams erscheinen, und seine
Vortraege fuer ein gebildetes Publikum ueber Thersites und das Wechselfieber
sowie seine zum Teil uns aufgezeichneten Unterhaltungen ueber alles und noch
etwas mehr gewaehren kein erfreuliches, aber ein charakteristisches Bild des
damaligen Literatentreibens. Hier ist hervorzuheben, was er selbst unter die
Merkwuerdigkeiten seines Lebenslaufes rechnete, dass er geborener Gallier und
zugleich griechischer Schriftsteller war. Obwohl die Literaten des Okzidents
haeufig nebenbei auch griechisch speziminierten, so haben doch nur wenige sich
dieser als ihrer eigentlichen Schriftstellersprache bedient; hier wird dies mit
durch die Heimat des Gelehrten bedingt sein. Im uebrigen war Suedgallien an der
augustischen Literaturbluete insofern beteiligt, als einige der namhaftesten
Gerichtsredner der spaeteren augustischen Zeit, Votienus Montanus (+ 27 n. Chr.)
aus Narbo - der Ovid der Redner genannt - und Gnaeus Domitius Afer (Konsul 39 n.
Chr.) aus Nemausus, dieser Provinz angehoerten. ueberhaupt erstreckt die
roemische Literatur ihre Kreise natuerlich auch ueber diese Landschaft; die
Dichter der domitianischen Zeit sandten ihre Freiexemplare den Freunden in
Tolosa und Vienna. Plinius unter Traian ist erfreut, dass seine kleinen
Schriften auch in Lugudunum nicht bloss guenstige Leser, sondern auch
Buchhaendler finden, die sie vertreiben. Einen besonderen Einfluss aber, wie ihn
die Baetica in der frueheren, das noerdliche Gallien in der spaeteren Kaiserzeit
auf die geistige und literarische Entwicklung Roms ausgeuebt hat, vermoegen wir
fuer den Sueden nicht nachzuweisen. Wein und Fruechte gediehen in dem schoenen
Land; aber weder Soldaten noch Denker sind dem Reiche von dorther gekommen.
Das eigentliche Gallien ist im Gebiet der Wissenschaft das gelobte Land des
Lehrens und des Lernens; vermutlich geht dies zurueck auf die eigentuemliche
Entwicklung und den maechtigen Einfluss des nationalen Priestertums. Das
Druidentum war keineswegs ein naiver Volksglaube, sondern eine hoch entwickelte
und anspruchsvolle Theologie, die nach guter Kirchensitte alle Gebiete des
menschlichen Denkens und Tuns, Physik und Metaphysik, Rechts- und Heilkunde
bestrebt war zu erleuchten oder doch zu beherrschen, die von ihren Schuelern
unermuedliches, man sagt zwanzigjaehriges Studium forderte und diese ihre
Schueler vor allem in den adligen Kreisen suchte und fand. Die Unterdrueckung
der Druiden durch Tiberius und seine Nachfolger muss in erster Reihe diese
Priesterschulen betroffen und deren wenigstens oeffentliche Beseitigung
herbeigefuehrt haben; aber wirksam konnte dies nur dann geschehen, wenn der
nationalen Jugendbildung die roemisch-griechische ebenso gegenuebergestellt
ward, wie dem carnutischen Druidenkonzil der Roma-Tempel in Lyon. Wie frueh
dies, ohne Frage unter dem bestimmenden Einfluss der Regierung, in Gallien
eingetreten ist, zeigt die merkwuerdige Tatsache, dass bei dem frueher
erwaehnten Aufstand unter Tiberius die Insurgenten vor allen Dingen versuchten,
sich der Stadt Augustodunum (Autun) zu bemaechtigen, um die dort studierende
vornehme Jugend in ihre Gewalt zu bekommen und dadurch die grossen Familien zu
gewinnen oder zu schrecken. Zunaechst moegen wohl diese gallischen Lyzeen trotz
ihres keineswegs nationalen Bildungskursus dennoch ein Ferment des spezifisch
gallischen Volkstums gewesen sein; schwerlich zufaellig hat das damals
bedeutendste derselben nicht in dem roemischen Lyon seinen Sitz, sondern in der
Hauptstadt der Haeduer, des vornehmsten unter den gallischen Gauen. Aber die
roemisch-hellenische Bildung, wenn auch vielleicht der Nation aufgenoetigt und
zunaechst mit Opposition aufgenommen, drang, wie allmaehlich der Gegensatz sich
verschliff, in das keltische Wesen so sehr ein, dass mit der Zeit die Schueler
sich ihr eifriger zuwandten als die Lehrmeister. Die Gentlemanbildung, etwa in
der Art, wie sie heute in England besteht, ruhend auf dem Studium des
Lateinischen und in zweiter Reihe des Griechischen und in der Entwicklung der
Schulrede mit ihren Schnitzelpointen und Glanzphrasen lebhaft an neuere,
demselben Boden entstammende literarische Erscheinungen erinnernd, ward
allmaehlich im Okzident eine Art Privilegium der Galloromanen. Besser bezahlt
als in Italien wurden dort die Lehrer wohl von jeher, und vor allen Dingen auch
besser behandelt. Schon Quintilianus nennt mit Achtung unter den hervorragenden
Gerichtsrednern mehrere Gallier; und nicht ohne Absicht macht Tacitus in dem
feinen Dialog ueber die Redekunst den gallischen Advokaten Marcus Aper zum
Verteidiger der modernen Beredsamkeit gegen die Verehrer Ciceros und Caesars.
Den ersten Platz unter den gallischen Universitaeten nahm spaeterhin Burdigala
ein, wie denn ueberall Aquitanien hinsichtlich der Bildung dem mittleren und
noerdlichen Gallien weit voran war - in einem dort geschriebenen Dialog aus dem
Anfang des 5. Jahrhunderts wagt einer der Mitsprechenden, ein Geistlicher aus
Chalon-sur-Saone, kaum den Mund aufzutun vor dem gebildeten aquitanischen
Kreise. Hier wirkte der frueher erwaehnte, von Kaiser Valentinianus zum Lehrer
seines Sohnes Grabanus (geb. 359) berufene Professor Ausonius, der in seinen
vermischten Gedichten einer grossen Anzahl seiner Kollegen ein Denkmal gestiftet
hat; und als sein Zeitgenosse Symmachus, der beruehmteste Redner dieser Epoche,
fuer seinen Sohn einen Hofmeister suchte, liess er in Erinnerung an seinen
alten, an der Garonne heimischen Lehrer sich einen aus Gallien kommen. Daneben
ist Augustodunum immer einer der grossen Mittelpunkte der gallischen Studien
geblieben; wir haben noch die Reden, welche wegen der Wiederherstellung dieser
Lehranstalt bittend und dankend vor dem Kaiser Konstantin gehalten worden sind.
Die literarische Vertretung dieser eifrigen Schultaetigkeit ist
untergeordneter Art und geringen Wertes: Prunkreden, die namentlich durch die
spaetere Umwandlung von Trier in eine kaiserliche Residenz und das haeufige
Verweilen des Hofes im gallischen Land gefoerdert worden sind, und
Gelegenheitsgedichte mannigfaltiger Art. Wie die Redeleistung war das
Versemachen ein notwendiges Attribut des Lehramts und der oeffentliche Lehrer
der Literatur zugleich nicht gerade geborener, aber doch bestallter Dichter.
Wenigstens die Geringschaetzung der Poesie, welche der uebrigens gleichartigen
hellenischen Literatur der gleichen Epoche eigen ist, hat sich auf diese
Okzidentalen nicht uebertragen. In den Versen herrscht die Schulreminiszenz und
das Pedantenkunststueck vor ^23 und nur selten begegnen, wie in der Moselfahrt
des Ausonius, lebendige und empfundene Schilderungen. Die Reden, die wir
freilich nur nach einigen spaeten, am kaiserlichen Hoflager gehaltenen
Vortraegen zu beurteilen in der Lage sind, sind Musterstuecke in der Kunst, mit
vielen Worten wenig zu sagen und die unbedingte Loyalitaet in gleich unbedingter
Gedankenlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Wenn eine vermoegende Mutter ihren
Sohn, nachdem er die Fuelle und den Schmuck der gallischen Rede sich angeeignet
hat, weiter nach Italien schickt, um auch die roemische Wuerde ^24 zu gewinnen,
so war diesen gallischen Rhetoren allerdings diese schwieriger abzulernen als
der Wortpomp. Fuer das fruehe Mittelalter sind diese Leistungen bestimmend
gewesen; durch sie ist in der ersten christlichen Zeit Gallien die eigentliche
Staette der frommen Verse und doch auch der letzte Zufluchtsort der
Schulliteratur geworden, waehrend die grosse geistige Bewegung innerhalb des
Christentums ihre Hauptvertreter nicht hier gefunden hat.
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^23 Eines der Professorengedichte des Ausonius ist vier griechischen
Grammatikern gewidmet: "Alle fleissig walteten sie des Lehramts; Schmal nur war
der Sold ja und duenn der Vortrag; Aber da sie lehrten zu meinen Zeiten, Will
ich sie nennen." Dies ist um so verdienstlicher, da er nichts Rechtes bei ihnen
gelernt hat: "Wohl, weil mich gehindert die allzu schwache Fassungskraft des
Geistes und mich von Hellas Bildung fernhielt leider damals des Knaben trauriger
Irrtum." Diese Gedanken sind oefter, aber selten in sapphischem Masse
vorgetragen worden.
^24 Romana gravitas: Hier. epist. 125 p. 929 Vall.
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In dem Kreise der bauenden und der bildenden Kuenste rief schon das Klima
manche Erscheinung hervor, welche der eigentliche Sueden nicht oder nur in den
Anfaengen kennt; so ist die in Italien nur bei Baedern gebraeuchliche
Luftheizung und der dort ebenfalls wenig verbreitete Gebrauch der Glasfenster in
der gallischen Baukunst in umfassender Weise zur Anwendung gekommen. Aber auch
von einer diesem Gebiet eigenen Kunstentwicklung darf vielleicht insofern
gesprochen werden, als die Bildnisse und in weiterer Entwicklung die Darstellung
der Szenen des taeglichen Lebens in dem keltischen Gebiet relativ haeufiger
auftreten als in Italien und die abgenutzten mythologischen Darstellungen durch
erfreulichere ersetzen. Wir koennen diese Richtung auf das Reale und das Genre
allerdings fast nur an den Grabmonumenten erkennen, aber sie hat wohl in der
Kunstuebung ueberhaupt vorgeherrscht. Der Bogen von Arausio (Orange) aus der
fruehen Kaiserzeit mit seinen gallischen Waffen und Feldzeichen, die bei Vetera
gefundene Bronzestatue des Berliner Museums, wie es scheint, den Ortsgott mit
Gerstenaehren im Haar darstellend, das wahrscheinlich zum Teil aus gallischen
Werkstaetten hervorgegangene Hildesheimer Silbergeraet beweisen eine gewisse
Freiheit in der Aufnahme und Umbildung der italischen Motive. Das Juliergrabmal
von St. Remy bei Avignon, ein Werk augustischer Zeit, ist ein merkwuerdiges
Zeugnis fuer die lebendige und geistreiche Rezeption der hellenischen Kunst im
suedlichen Gallien, sowohl in seinem kuehnen architektonischen Aufbau zweier
quadratischer Stockwerke, welche ein Saeulenkreis mit konischer Kuppel kroent,
wie auch in seinen Reliefs, welche, im Stil den pergamenischen naechst verwandt,
figurenreiche Kampf- und Jagdszenen, wie es scheint, dem Leben der Geehrten
entnommen, in malerisch bewegter Ausfuehrung darstellen. Merkwuerdigerweise
liegt der Hoehepunkt dieser Entwicklung neben der Suedprovinz in der Gegend der
Mosel und der Maas; diese Landschaft, nicht so voellig unter roemischem Einfluss
stehend wie Lyon und die rheinischen Lagerstaedte und wohlhabender und
zivilisierter als die Gegenden an der Loire und der Seine, scheint diese
Kunstuebung einigermassen aus sich selbst erzeugt zu haben. Das unter dem Namen
der Igeler Saeule bekannte Grabdenkmal eines vornehmen Trierers gibt ein
deutliches Bild der hier einheimischen turmartigen, mit spitzem Dach gekroenten,
auf allen Seiten mit Darstellungen aus dem Leben des Verstorbenen bedeckten
Denkmaeler. Haeufig sehen wir auf denselben den Gutsherrn, dem seine Kolonen
Schafe, Fische, Gefluegel, Eier darbringen. Ein Grabstein aus Arlon bei
Luxemburg zeigt ausser den Portraets der beiden Gatten auf der einen Seite einen
Karren und eine Frau mit einem Fruchtkorb, auf der andern ueber zwei auf dem
Boden hockenden Maennern einen Aepfelverkauf. Ein anderer Grabstein aus Neumagen
bei Trier hat die Form eines Schiffes: in diesem sitzen sechs Schiffer, die
Ruder fuehrend; die Ladung besteht aus grossen Faessern, neben denen der lustig
blickende Steuermann, man moechte meinen, sich des darin geborgenen Weines zu
freuen scheint. Wir duerfen sie wohl in Verbindung bringen mit dem heiteren
Bilde, das der Poet von Bordeaux uns vom Moseltal bewahrt hat mit den
praechtigen Schloessern, den lustigen Rebgelaenden und dem regen Fischer- und
Schiffertreiben, und den Beweis darin finden, dass in diesem schoenen Lande
bereits vor anderthalb Jahrtausenden friedliche Taetigkeit, heiterer Genuss und
warmes Leben pulsiert hat.
4. Kapitel
Das roemische Germanien und die freien Germanen
Die beiden roemischen Provinzen Ober- und Untergermanien sind das Ergebnis
derjenigen Niederlage der roemischen Waffen und der roemischen Staatskunst unter
der Regierung des Augustus, welche frueher geschildert worden ist. Die
urspruengliche Provinz Germanien, die das Land vom Rhein bis zur Elbe umfasste,
hat nur zwanzig Jahre, vom ersten Feldzug des Drusus (742 12 v. Chr.) bis zur
Varusschlacht und dem Falle Alisos (762 9 n. Chr.) bestanden; da sie aber
einerseits die Militaerlager auf dem linken Rheinufer, Vindonissa, Mogontiacum,
Vetera in sich schloss, andererseits auch nach jener Katastrophe mehr oder
minder betraechtliche Teile des rechten Ufers roemisch blieben, so wurden durch
jene Katastrophe die Statthalterschaft und das Kommando nicht eigentlich
aufgehoben, obwohl sie sozusagen in der Luft standen. Die innere Ordnung der
drei Gallien ist frueher dargelegt worden; sie umfassten das gesamte Gebiet bis
an den Rhein, ohne Unterschied der Abstammung -nur etwa die erst waehrend der
letzten Krisen nach Gallien uebergesiedelten Ubier gehoerten nicht zu den 64
Gauen, wohl aber die Helvetier, die Triboker und ueberhaupt die sonst von den
rheinischen Truppen besetzt gehaltenen Distrikte. Es war die Absicht gewesen,
die germanischen Gaue zwischen Rhein und Elbe zu einer aehnlichen Gemeinschaft
unter roemischer Hoheit zusammenzufassen, wie dies mit den gallischen geschehen
war, und denselben in dem Augustusaltar der Ubierstadt, dem Keim des heutigen
Koeln, einen aehnlichen exzentrischen Mittelpunkt zu verleihen, wie der
Augustusaltar von Lyon ihn fuer Gallien bildete; fuer die fernere Zukunft war
wohl auch die Verlegung der Hauptlager auf das rechte Rheinufer und die
Rueckgabe des linken, wenigstens im wesentlichen, an den Statthalter der Belgica
in Aussicht genommen. Allein diese Entwuerfe gingen mit den Legionen des Varus
zugrunde; der germanische Augustusaltar am Rhein ward oder blieb der Altar der
Ubier; die Legionen behielten dauernd ihre Standquartiere in dem Gebiet, welches
eigentlich zur Belgica gehoerte, aber, da eine Trennung der Militaer- und
Zivilverwaltung nach der roemischen Ordnung ausgeschlossen war, so lange, als
die Truppen hier standen, auch administrativ unter den Kommandanten der beiden
Heere gelegt war. Denn, wie schon frueher angegeben worden ist, Varus ist
wahrscheinlich der letzte Kommandant der vereinigten Rheinarmee gewesen ^1; bei
der Vermehrung der Armee auf acht Legionen, welche diese Katastrophe im Gefolge
gehabt hat, ist allem Anschein nach auch deren Teilung eingetreten. Es sind also
in diesem Abschnitt nicht eigentlich die Zustaende einer roemischen Landschaft
zu schildern, sondern die Geschicke einer roemischen Armee, und, was damit aufs
engste zusammenhaengt, die der Nachbarvoelker und der Gegner, soweit sie in die
Geschichte Roms verflochten sind.
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^1 Diese Teilung einer Provinz unter drei Statthalter ist in der roemischen
Verwaltung sonst ohne Beispiel; das Verhaeltnis von Afrika und Numidien bietet
wohl eine aeussere Analogie, ist aber politisch bedingt durch die Stellung des
senatorischen Statthalters zu dem kaiserlichen Militaerkommandanten, waehrend
die drei Statthalter der Belgica gleichmaessig kaiserlich sind und gar nicht
abzusehen ist, warum den beiden germanischen Sprengel innerhalb der Belgica
statt eigener angewiesen werden. Nur das Zuruecknehmen der Grenze unter
Beibehaltung des bisherigen Namens - aehnlich wie das transdanuvianische Dakien
spaeterhin als cisdanuvianisches dem Namen nach fortbestand - erklaert diese
Seltsamkeit.
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Die beiden Hauptquartiere der Rheinarmee waren von jeher Vetera bei Wesel
und Mogontiacum, das heutige Mainz, beide wohl aelter als die Teilung des
Kommandos und eine der Ursachen, dass dieselbe eintrat. Die beiden Armeen
zaehlten jede im ersten Jahrhundert n. Chr. vier Legionen, also ungefaehr 30000
Mann ^2; in oder zwischen jenen beiden Punkten lag die Hauptmasse der roemischen
Truppen, ausserdem eine Legion bei Noviomagus (Nimwegen), eine andere in
Argentoratum (Strassburg), eine dritte bei Vindonissa (Windisch, unweit
Zuerich), nicht weit von der raetischen Grenze. Zu dem unteren Heere gehoerte
die nicht unbetraechtliche Rheinflotte. Die Grenze zwischen der oberen und der
unteren Armee liegt zwischen Andernach und Remagen bei Brohl ^3, so dass Koblenz
und Bingen in das obere, Bonn und Koeln in das untere Militaergebiet fielen. Auf
dem linken Ufer gehoerten zu dem obergermanischen Verwaltungsbezirk die
Distrikte der Helvetier (Schweiz), der Sequaner (Besan‡on), der Lingonen
(Langres), der Rauriker (Basel), der Triboker (Elsass), der Nemeter (Speyer) und
der Vangionen (Worms); zu dem beschraenkteren untergermanischen der Distrikt der
Ubier oder vielmehr die Kolonie Agrippina (Koeln), der Tungrer (Tongern), der
Menapier (Brabant) und der Bataver, waehrend die weiter westlich gelegenen Gaue
mit Einschluss von Metz und Trier unter den verschiedenen Statthaltern der drei
Gallien standen. Wenn diese Scheidung nur administrative Bedeutung hat, so
faellt dagegen die wechselnde Ausdehnung der beiden Sprengel auf dem rechten
Ufer mit den wechselnden Beziehungen zu den Nachbarn und der dadurch bedingten
Vor- und Zurueckschiebung der Grenzen der roemischen Herrschaft zusammen. Diesen
Nachbarn gegenueber sind die unterrheinischen und die oberrheinischen
Verhaeltnisse in so verschiedener Weise geordnet worden und die Ereignisse in so
durchaus anderer Richtung verlaufen, dass hier die provinziale Trennung
geschichtlich von der eingreifendsten Bedeutung wurde. Betrachten wir zunaechst
die Entwicklung der Dinge am Unterrhein.
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^2 Die Staerke der Auxilien der oberen Armee laesst sich fuer die
domitianisch-traianische Epoche mit ziemlicher Sicherheit auf etwa 10000 Mann
bestimmen. Eine Urkunde vom Jahre 90 zaehlt vier Alen und vierzehn Kohorten
dieser Armee auf; zu diesen kommt wenigstens eine Kohorte (I Germanorum), die
nachweislich, sowohl im Jahre 82 wie im Jahre 116, daselbst garnisonierte; ob
zwei Alen, die im Jahre 82, und mindestens drei Kohorten, die im Jahre 116
daselbst sich befanden und die in der Liste vom Jahre 90 fehlen, im Jahr 90 dort
garnisonierten oder nicht, ist zweifelhaft, die meisten derselben aber sind wohl
vor 90 aus der Provinz weg oder erst nach 90 in dieselbe gekommen. Von jenen
neunzehn Auxilien ist eine sicher (coh. I Damascenorum), eine andere (ala I
Flavia gemina) vielleicht eine Doppelabteilung. Im Minimum also ergibt sich als
Normaletat der Auxilien dieses Heeres die oben bezeichnete Ziffer, und bedeutend
kann sie nicht ueberschritten sein. Wohl aber moegen die Auxilien von
Untergermanien, dessen Garnisonen weniger ausgedehnt waren, an Zahl geringer
gewesen sein.
^3 An der Grenzbruecke ueber den Abrinca-, jetzt Vinxtbach, der alten
Grenze der Erzdioezesen Koeln und Trier, standen zwei Altaere, der auf der Seite
von Remagen den Grenzen, dem Ortsgeist und dem Jupiter (Finibus et Genio loci et
Iovi optimo maximo) gewidmet von Soldaten der 30. niedergermanischen Legion, der
auf der Seite von Andernach dem Jupiter, dem Ortsgott und der Juno geweiht von
einem Soldaten der 8. obergermanischen (Brambach 649, 650).
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Es ist frueher dargestellt worden, wieweit die Roemer zu beiden Seiten des
Unterrheins die Germanen sich unterworfen hatten. Die germanischen Bataver sind
nicht durch Caesar, aber nicht lange nachher, vielleicht durch Drusus, auf
friedlichem Wege mit dem Reiche vereinigt worden. Sie sassen im Rheindelta, das
heisst auf dem linken Rheinufer und auf den durch die Rheinarmee gebildeten
Inseln aufwaerts bis wenigstens an den Alten Rhein, also etwa von Antwerpen bis
Utrecht und Leiden in Seeland und dem suedlichen Holland, auf urspruenglich
keltischem Gebiet - wenigstens sind die Ortsnamen ueberwiegend keltisch; ihren
Namen fuehrt noch die Betuwe, die Niederung zwischen Waal und Leck mit der
Hauptstadt Noviomagus, jetzt Nimwegen. Sie waren, insbesondere verglichen mit
den unruhigen und stoerrigen Kelten, gehorsame und nuetzliche Untertanen und
nahmen daher im roemischen Reichsverband und namentlich im Heerwesen eine
Sonderstellung ein. Sie blieben gaenzlich steuerfrei, wurden aber dagegen so
stark wie kein anderer Gau bei der Rekrutierung angezogen; der eine Gau stellte
zu dem Reichsheer 1000 Reiter und 9000 Fusssoldaten; ausserdem wurden die
kaiserlichen Leibwaechter vorzugsweise aus ihnen genommen. Das Kommando dieser
batavischen Abteilungen wurde ausschliesslich an geborene Bataver vergeben. Die
Bataver galten unbestritten nicht bloss als die besten Reiter und Schwimmer der
Armee, sondern auch als das Muster treuer Soldaten, wobei allerdings der gute
Sold der batavischen Leibwaechter sowohl wie der bevorzugte Offiziersdienst der
Adligen die Loyalitaet erheblich befestigte. Diese Germanen waren denn auch bei
der Varuskatastrophe weder vorbereitend noch nachfolgend beteiligt; und wenn
Augustus unter dem ersten Eindruck der Schreckensnachricht seine batavischen
Leibwaechter verabschiedete, so ueberzeugte er sich bald selbst von der
Grundlosigkeit seines Argwohns, und die Truppe wurde kurze Zeit darauf wieder
hergestellt.
Am anderen Ufer des Rheins wohnten den Batavern zunaechst, im heutigen
Kennemerland (Nordholland ueber Amsterdam), die ihnen eng verwandten, aber
weniger zahlreichen Cannenefaten; sie werden nicht bloss unter den durch
Tiberius unterworfenen Voelkerschaften genannt, sondern sind auch in der
Stellung von Mannschaften wie die Bataver behandelt worden.
Die weiterhin sich anschliessenden Friesen in dem noch heute nach ihnen
benannten Kuestenland bis zu der unteren Ems unterwarfen sich dem Drusus und
erhielten eine aehnliche Stellung wie die Bataver; es wurde ihnen, anstatt der
Steuer, nur die Ablieferung einer Anzahl von Rindshaeuten fuer die Beduerfnisse
des Heeres auferlegt; dagegen hatten auch sie verhaeltnismaessig zahlreiche
Mannschaften fuer den roemischen Dienst zu stellen. Sie waren seine so wie
spaeter des Germanicus treueste Bundesgenossen, ihm nuetzlich sowohl bei dem
Kanalbau wie besonders nach den ungluecklichen Nordseefahrten.
Auf sie folgen oestlich die Chauker, ein weitausgedehntes Schiffer- und
Fischervolk an der Nordseekueste zu beiden Seiten der Weser, vielleicht von der
Ems bis zur Elbe; sie wurden durch Drusus zugleich mit den Friesen, aber nicht
wie diese ohne Gegenwehr, den Roemern botmaessig.
Alle diese germanischen Kuestenvoelker fuegten sich entweder durch Vertrag
oder doch ohne schweren Kampf der neuen Herrschaft, und wie sie an dem
Cheruskeraufstand keinen Teil gehabt haben, blieben sie nach der Varusschlacht
gleichfalls in den frueheren Verhaeltnissen zum Roemischen Reich; selbst aus den
entfernter liegenden Gauen der Friesen und der Chauker sind die Besatzungen
damals nicht herausgezogen worden, und noch zu den Feldzuegen des Germanicus
haben die letzteren Zuzug gestellt. Bei der abermaligen Raeumung Germaniens im
Jahre 17 scheint allerdings das arme und ferne, schwer zu schuetzende
Chaukerland aufgegeben worden zu sein; wenigstens gibt es fuer die Fortdauer der
roemischen Herrschaft daselbst keine spaeteren Belege, und einige Dezennien
nachher finden wir sie unabhaengig. Aber alles Land westwaerts der unteren Ems
blieb bei dem Reiche, dessen Grenze also die heutigen Niederlande einschloss.
Die Verteidigung dieses Teils der Reichsgrenze gegen die nicht zum Reich
gehoerigen Germanen blieb in der Hauptsache den botmaessigen Seegauen selber
ueberlassen.
Weiter stromaufwaerts wurde anders verfahren; hier ward eine Grenzstrasse
abgesteckt und das Zwischenland entvoelkert. An die in groesserer oder
geringerer Entfernung vom Rhein gezogene Grenzstrasse, den Limes ^4, knuepfte
sich die Kontrolle des Grenzverkehrs, indem die Ueberschreitung dieser Strasse
zur Nachtzeit ueberhaupt, am Tage den Bewaffneten untersagt und den uebrigen in
der Regel nur unter besonderen Sicherheitsmassregeln und unter Erlegung der
vorgeschriebenen Grenzzoelle gestattet war. Eine solche Strasse hat gegenueber
dem unterrheinischen Hauptquartier im heutigen Muensterland Tiberius nach der
Varusschlacht gezogen, in einiger Entfernung vom Rhein, dazwischen ihr und dem
Fluss der seiner Lage nach nicht naeher bekannte "Caesische Wald" sich
erstreckte. Aehnliche Anstalten muessen gleichzeitig in den Taelern der Ruhr und
der Sieg bis zu dem der Wied hin, wo die unterrheinische Provinz endigte,
getroffen worden sein. Militaerisch besetzt und zur Verteidigung eingerichtet
brauchte diese Strasse nicht notwendig zu sein, obwohl natuerlich die
Grenzverteidigung und die Grenzbefestigung immer darauf hinausgingen, die
Grenzstrasse moeglichst sicher zu stellen. Ein hauptsaechliches Mittel fuer den
Grenzschutz war die Entvoelkerung des Landstrichs zwischen dem Fluss und der
Strasse. "Vom rechten Rheinufer", sagt ein kundiger Schriftsteller der
tiberischen Zeit, "haben teils die Roemer die Voelkerschaften auf das linke
uebergefuehrt, teils diese selbst sich in das Innere zurueckgezogen." Dies traf
im heutigen Muensterland die daselbst frueher ansaessigen germanischen Staemme
der Usiper, Tencterer, Tubanten. In den Zuegen des Germanicus erscheinen
dieselben vom Rhein abgedraengt, aber noch in der Gegend der Lippe, spaeter,
wahrscheinlich eben infolge jener Expeditionen, weiter suedwaerts, Mainz
gegenueber. Ihr altes Heim lag seitdem oede und bildete das ausgedehnte, fuer
die Herden der niedergermanischen Armee reservierte Triftland, auf welchem im
Jahre 58 erst die Friesen und dann die heimatlos irrenden Amsivarier sich
niederzulassen gedachten, ohne dazu die Erlaubnis der roemischen Behoerden
auswirken zu koennen. Weiter suedwaerts blieb von den Sugambrern, die ebenfalls
zum grossen Teil derselben Behandlung unterlagen, wenigstens ein Teil am rechten
Ufer ansaessig ^5, waehrend andere kleinere Voelkerschaften ganz verdraengt
wurden. Die spaerliche innerhalb des Limes geduldete Bevoelkerung war
selbstverstaendlich reichsuntertaenig, wie dies die bei den Sugambrern
stattfindende roemische Aushebung bestaetigt.
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^4 Limes (von limus quer) ist ein unseren Rechtsverhaeltnissen fremder und
daher auch in unserer Sprache nicht wiederzugebender technischer Ausdruck, davon
hergenommen, dass die roemische Ackerteilung, die alle Naturgrenzen
ausschliesst, die Quadrate, in welche der im Privateigentum stehende Boden
geteilt wird, durch Zwischenwege von einer bestimmten Breite trennt; diese
Zwischenwege sind die limites, und insofern bezeichnet das Wort immer zugleich
sowohl die von Menschenhand gezogene Grenze wie die von Menschenhand gebaute
Strasse. Diese Doppelbedeutung behaelt das Wort auch in der Anwendung auf den
Staat (unrichtig Rudorff); limes ist nicht jede Reichsgrenze, sondern nur die
von Menschenhand abgesteckte und zugleich zum Begehen und Postenstellen fuer die
Grenzverteidigung eingerichtete (vita Hadriani 12: locis in quibus barbari non
fluminibus, sed limitibus dividuntur), wie wir sie in Germanien und in Afrika
finden. Darum werden auch auf die Anlage dieses Limes die fuer den Strassenbau
dienenden Bezeichnungen angewandt aperire (Vell. 2, 121, was nicht, wie
Muellenhoff in der Zeitschrift fuer deutsches Altertum, N. F. 2, S. 32 will, so
zu verstehen ist wie unser oeffnen des Schlagbaums), munire, agere (Frontin.
straf. 1, 3, 10: limitibus per CXX m. p. actis). Darum ist der Limes nicht bloss
eine Laengenlinie, sondern auch von einer gewissen Breite (Tac. ann. 1, 50:
castra in limite locat). Daher verbindet sich die Anlage des limes oft mit
derjenigen des agger, das heisst des Strassendammes (Tac. ann. 2, 7: cuncta
novis limitibus aggeribusque permunita) und die Verschiebung desselben mit der
Verlegung der Grenzposten (Tac. Germ. 29: limite acto promotisque praesidiis).
Der Limes ist also die Reichsgrenzstrasse, bestimmt zur Regulierung des
Grenzverkehrs dadurch, dass ihre Ueberschreitung nur an gewissen, den Bruecken
der Flussgrenze entsprechenden Punkten gestattet, sonst untersagt wird.
Zunaechst ist dies ohne Zweifel herbeigefuehrt worden durch Abpatrouillierung
der Linie, und solange dies geschah blieb der Limes ein Grenzweg. Er blieb dies
auch, wenn er an beiden Seiten befestigt ward, wie dies in Britannien und an der
Donaumuendung geschah; auch der britannische Wall heisst limes. Es konnten aber
auch an den gestatteten Ueberschreitungspunkten Posten aufgestellt und die
Zwischenstrecken der Grenzwege in irgendeiner Weise unwegsam gemacht werden, In
diesem Sinne sagt der Biograph in der oben angefuehrten Steile von Hadrian, dass
an den limites er stipitibus magnis in modum muralis saepis funditus iactis
atque conexis barbaros separavit. Damit verwandelt sich die Grenzstrasse in eine
mit gewissen Durchgaengen versehene Grenzbarrikade, und das ist der Limes
Obergermaniens in der entwickelten, weiterhin darzulegenden Gestalt. Uebrigens
wird das Wort in diesem Werte in republikanischer Zeit nicht gebraucht und ist
ohne Zweifel dieser Begriff des limes erst entstanden mit der Einrichtung der
den Staat, wo Naturgrenzen fehlen, umschliessenden Postenkette, welcher
Reichsgrenzschutz der Republik fremd, aber das Fundament des Augusteischen
Militaer- und vor allem des Augusteischen Zollsystems ist.
^5 Die auf das linke Ufer uebergesiedelten Sugambrer werden unter diesem
Namen nachher nicht erwaehnt und sind wahrscheinlich die unterhalb Koeln am
Rhein wohnenden Cugerner. Aber dass die Sugambrer auf dem rechten Ufer, welche
Strabo erwaehnt, wenigstens noch zu Claudius' Zeit bestanden, zeigt die nach
diesem Kaiser benannte, also sicher unter ihm und zwar aus Sugambrern errichtete
Kohorte (CIL III p. 877); und sie, sowie die vier anderen, wahrscheinlich
augustischen Kohorten dieses Namens bestaetigen, was eigentlich auch Strabon
sagt, dass diese Sugambrer zum Roemischen Reich gehoerten. Sie sind wohl, wie
die Mattiaker, erst in den Stuermen der Voelkerwanderung verschwunden.
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In dieser Weise wurden nach dem Aufgeben der weiter greifenden Entwuerfe
die Verhaeltnisse am Unterrhein geordnet, immer also noch ein nicht
unbetraechtliches Gebiet am rechten Ufer von den Roemern gehalten. Aber es
knuepften sich daran mancherlei unbequeme Verwicklungen. Gegen das Ende der
Regierung des Tiberius (28) fielen die Friesen infolge der unertraeglichen
Bedrueckung bei der Erhebung der an sich geringen Abgabe vom Reiche ab,
erschlugen die bei der Erhebung beschaeftigten Leute und belagerten den hier
fungierenden roemischen Kommandanten mit dem Reste der im Gebiet verweilenden
roemischen Soldaten und Zivilpersonen in dem Kastell Flevum, da, wo vor der im
Mittelalter erfolgten Ausdehnung der Zuidersee die oestlichste Rheinmuendung
war, bei der heutigen Insel Vlieland neben dem Texel. Der Aufstand nahm solche
Verhaeltnisse an, dass beide Rheinheere gemeinschaftlich gegen die Friesen
marschierten; aber der Statthalter Lucius Apronius richtete dennoch nichts aus.
Die Belagerung des Kastells gaben die Friesen auf, als die roemische Flotte die
Legionen herantrug; aber ihnen selbst war in dem durchschnittenen Lande schwer
beizukommen; mehrere roemische Heerhaufen wurden vereinzelt aufgerieben und die
roemische Vorhut so gruendlich geschlagen, dass selbst die Leichen der
Gefallenen in der Gewalt des Feindes blieben. Zu einer entscheidenden Aktion kam
es nicht, aber auch nicht zu rechter Unterwerfung; groesseren Unternehmungen,
die dem kommandierenden Feldherrn eine Machtstellung gaben, war Tiberius, je
aelter er wurde, immer weniger geneigt. Damit steht in Zusammenhang, dass in den
naechsten Jahren die Nachbarn der Friesen, die Chauker, den Roemern sehr
unbequem wurden, im Jahre 41 der Statthalter Publius Gabinius Secundus gegen sie
eine Expedition unternehmen musste und sechs Jahre spaeter (47) sie sogar unter
Fuehrung des roemischen Ueberlaeufers Gannascus, eines geborenen Cannenefaten,
mit ihren leichten Piratenschiffen die gallische Kueste weithin brandschatzten.
Gnaeus Domitius Corbulo, von Claudius zum Statthalter Niedergermaniens ernannt,
legte mit der Rheinflotte diesen Vorgaengern der Sachsen und Normannen das
Handwerk und brachte dann die Friesen energisch zum Gehorsam zurueck, indem er
ihr Gemeinwesen neu ordnete und roemische Besatzung dorthin legte. Er hatte die
Absicht, weiter die Chauker zu zuechtigen; auf sein Anstiften wurde Gannascus
aus dem Wege geraeumt - gegen den Ueberlaeufer hielt er sich auch dazu
berechtigt -, und er war im Begriff, die Ems ueberschreitend in das Chaukerland
einzuruecken, als er nicht bloss Gegenbefehl von Rom erhielt, sondern die
roemische Regierung ueberhaupt ihre Stellung am Unterrhein vollstaendig
aenderte. Kaiser Claudius wies den Statthalter an, alle roemischen Besatzungen
vom rechten Ufer wegzunehmen. Es ist begreiflich, dass der kaiserliche General
die freien Feldherren des ehemaligen Rom mit bitteren Worten gluecklich pries;
es wurde allerdings damit die nach der Varusschlacht nur halb gezogene
Konsequenz der Niederlage vervollstaendigt. Wahrscheinlich ist diese durch keine
unmittelbare Noetigung veranlasste Einschraenkung der roemischen Okkupation
Germaniens hervorgerufen worden durch den eben damals gefassten Entschluss,
Britannien zu besetzen, und findet darin ihre Rechtfertigung, dass die Truppen
beidem zugleich nicht genuegten. Dass der Befehl ausgefuehrt ward und es auch
spaeter dabei blieb, beweist das Fehlen der roemischen Militaerinschriften am
ganzen rechten Unterrhein ^6. Nur einzelne Uebergangspunkte und Ausfallstore,
wie insbesondere Deutz gegenueber Koeln, machen Ausnahmen von dieser allgemeinen
Regel. Auch die Militaerstrasse haelt sich hier auf dem linken Ufer und streng
an den Rheinlauf, waehrend der hinter derselben herlaufende Verkehrsweg, die
Kruemmungen abschneidend, die gerade Verbindung verfolgt. Auf dem rechten
Rheinufer sind hier nirgends, weder durch aufgefundene Meilensteine noch
anderweitig, roemische Militaerstrassen bezeugt.
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^6 Das Kastell von Niederbiber, unweit der Muendung der Wied in den Rhein,
sowie das von Arzbach bei Montabaur im Lahngebiet gehoeren schon zu
Obergermanien. Die besondere Bedeutung jener Festung, des groessten Kastells in
Obergermanien, beruht darauf, dass sie die roemischen Linien auf dem rechten
Rheinufer militaerisch abschloss.
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Einen eigentlichen Verzicht auf den Besitz des rechten Ufers in dieser
Provinz schliesst die Zurueckziehung der Besatzungen nicht ein. Dasselbe galt
den Roemern seitdem etwa wie dem Festungskommandanten das unter seinen Kanonen
liegende Terrain. Die Cannenefaten und wenigstens ein Teil der Friesen ^7 sind
nach wie vor reichsuntertaenig gewesen. Dass auch spaeter noch im Muensterland
die Herden der Legionen weideten und den Germanen nicht gestattet wurde, sich
dort niederzulassen, ist schon bemerkt worden. Aber die Regierung hat seitdem
fuer den Schutz des Grenzgebietes auf dem rechten Ufer, das es in dieser Provinz
auch ferner gab, im Norden sich auf die Cannenefaten und die Friesen verlassen,
weiter stromaufwaerts im wesentlichen der Oedgrenze vertraut und auch die
roemische Ansiedelung hier, wenn nicht geradezu untersagt, doch nicht aufkommen
lassen. Der in Altenberg (Kreis Muelheim) am Dhuenfluss gefundene Altarstein
eines Privaten ist fast das einzige Zeugnis roemischer Einwohnerschaft in diesen
Gegenden. Es ist dies um so bemerkenswerter, als das Aufbluehen von Koeln, wenn
hier nicht besondere Hindernisse im Wege gestanden haetten, die roemische
Zivilisation von selber weithin auf das andere Ufer getragen haben wuerde. Oft
genug werden roemische Truppen diese ausgedehnten Gebiete betreten, vielleicht
selbst die gerade hier in augustischer Zeit zahlreich angelegten Strassen
einigermassen gangbar gehalten, auch wohl neue angelegt haben; spaerliche
Ansiedler, teils Ueberreste der alten germanischen Bevoelkerung, teils
Kolonisten aus dem Reich, werden hier gesessen haben, aehnlich wie wir sie bald
in der frueheren Kaiserzeit am rechten Ufer des Oberrheins finden werden; aber
den Wegen wie den Besitzungen fehlte der Stempel der Dauerhaftigkeit. Man wollte
hier nicht eine Arbeit von gleicher Ausdehnung und gleicher Schwierigkeit
unternehmen, wie wir sie weiterhin in der oberen Provinz kennenlernen werden,
nicht hier, wie es dort geschah, die Reichsgrenze militaerisch schuetzen und
befestigen. Darum hat den Unterrhein wohl die roemische Herrschaft, aber nicht,
wie den Oberrhein, auch die roemische Kultur ueberschritten.
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^7 Dies fordern die Aushebungen (Eph. epigr. V, p. 274), waehrend die
Friesen, wie sie im Jahre 58 (Tac. ann. 13, 54) auftreten, eher unabhaengig
erscheinen; auch der aeltere Plinius (nat. 25, 3, 22) unter Vespasian nennt sie
im Rueckblick auf die Zeit des Germanicus gens tum fida. Wahrscheinlich haengt
dies zusammen mit der Unterscheidung der Frisii und Frisiavones bei Plinius
(nat. 4, 15, 101) und der Frisii maiores und minores bei Tacitus (Germ. 34). Die
roemisch gebliebenen Friesen werden die westlichen sein, die freien die
oestlichen; wenn die Friesen ueberhaupt bis zur Ems reichen (Ptol. geogr. 3, 11,
7), so moegen die spaeter roemischen etwa westwaerts der Yssel gesessen haben.
Anderswo als an der noch heute ihren Namen tragenden Kueste darf man sie nicht
ansetzen; die Nennung bei Plinius (nat. 4, 17, 106) steht vereinzelt und ist
ohne Zweifel fehlerhaft.
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Ihrer doppelten Aufgabe, das benachbarte Gallien in Gehorsam und die
Germanen des rechten Rheinufers von Gallien abzuhalten, hatte die Armee am
Unterrhein auch nach dem Verzicht auf Besetzung des rechtsrheinischen Gebietes
ausreichend genuegt; und es waere die Ruhe nach aussen und innen voraussichtlich
nicht unterbrochen worden, wenn nicht der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie
und der dadurch hervorgerufene Buerger- oder vielmehr Korpskrieg in diese
Verhaeltnisse in verhaengnisvoller Weise eingegriffen haette. Die Insurrektion
des Keltenlandes unter Fuehrung des Vindex wurde zwar von den beiden
germanischen Armeen niedergeschlagen; aber Neros Sturz erfolgte dennoch, und als
sowohl das spanische Heer wie die Kaisergarde in Rom ihm einen Nachfolger
bestellten, taten auch die Rheinarmeen das gleiche, und im Anfang des Jahres 69
ueberschritt der groesste Teil dieser Truppen die Alpen, um auf den
Schlachtfeldern Italiens auszumachen, ob dessen Herrscher Marcus oder Aulus
heissen werde. Im Mai desselben Jahres folgte der neue Kaiser Vitellius, nachdem
die Waffen fuer ihn entschieden hatten, begleitet von dem Rest der guten
kriegsgewohnten Mannschaften. Durch eilig in Gallien ausgehobene Rekruten waren
allerdings die Luecken in den Rheinbesatzungen notduerftig ausgefuellt worden;
aber dass es nicht die alten Legionen waren, wusste das ganze Land, und bald
zeigte es sich auch, dass jene nicht zurueckkamen. Haette der neue Herrscher die
Armee, die ihn auf den Thron gesetzt hatte, in seiner Gewalt gehabt, so haette
gleich nach der Niederwerfung Othos im April wenigstens ein Teil derselben an
den Rhein zurueckkehren muessen; aber mehr noch die Unbotmaessigkeit der
Soldaten als die bald eintretende neue Verwicklung mit dem im Osten zum Kaiser
ausgerufenen Vespasian hielt die germanischen Legionen in Italien zurueck.
Gallien war in der furchtbarsten Aufregung. Die Insurrektion des Vindex
war, wie frueher bemerkt ward, an sich nicht gegen die Herrschaft Roms, sondern
gegen den dermaligen Herrscher gerichtet; aber darum war sie nicht weniger eine
Kriegfuehrung gewesen zwischen den Rheinarmeen und dem Landsturm der grossen
Mehrzahl der keltischen Gaue, und diese nicht weniger gleich Besiegten
gepluendert und misshandelt worden. Die Stimmung, die zwischen den Provinzialen
und den Soldaten bestand, zeigt zum Beispiel die Behandlung, welche der Gau der
Helvetier bei dem Durchmarsch der nach Italien bestimmten Truppen erfuhr: weil
hier ein von den Vitellianern nach Pannonien abgesandter Kurier aufgegriffen
worden war, rueckten die Marschkolonnen von der einen Seite, von der anderen die
in Raetien in Garnison stehenden Roemer in den Gau ein, pluenderten weit und
breit die Ortschaften, namentlich das heutige Baden bei Zuerich, jagten die in
die Berge Fluechtenden aus ihrem Versteck auf und machten sie zu Tausenden
nieder oder verkauften die Gefangenen nach Kriegsrecht. Obwohl die Hauptstadt
Aventicum (Avenches bei Murten) sich ohne Gegenwehr unterwarf, forderten die
Agitatoren der Armee ihre Schleifung und alles, was der Feldherr gewaehrte, war
die Verweisung der Frage nicht etwa an den Kaiser, sondern an die Soldaten des
grossen Hauptquartiers; diese sassen ueber das Schicksal der Stadt zu Gericht
und nur der Umschlag ihrer Laune rettete den Ort vor der Zerstoerung.
Dergleichen Misshandlungen brachten die Provinzialen aufs aeusserste; noch bevor
Vitellius Gallien verliess, trat ein gewisser Mariccus aus dem von den Haeduern
abhaengigen Gau der Boier auf, ein Gott auf Erden, wie er sagte, und bestimmt,
die Freiheit der Kelten wieder herzustellen; und scharenweise stroemten die
Leute unter seine Fahnen. Indes kam auf die Erbitterung im Keltenland nicht
allzu viel an. Eben der Aufstand des Vindex hatte auf das deutlichste gezeigt,
wie voellig unfaehig die Gallier waren, sich der roemischen Umklammerung zu
entwinden. Aber die Stimmung der zu Gallien gerechneten germanischen Distrikte
in den heutigen Niederlanden, der Bataver, der Cannenefaten, der Friesen, deren
Sonderstellung schon hervorgehoben ward, hatte etwas mehr zu bedeuten; und es
traf sich, dass eben diese einerseits aufs aeusserste erbittert worden waren,
andererseits ihre Kontingente zufaellig sich in Gallien befanden. Die Masse der
batavischen Truppen, 8000 Mann, der 14. Legion beigegeben, hatte laengere Zeit
mit dieser bei dem oberen Rheinheere gestanden und war dann unter Claudius bei
der Besetzung Britanniens nach dieser Insel gekommen, wo dieses Korps kurz zuvor
die entscheidende Schlacht unter Paullinus durch seine unvergleichliche
Tapferkeit fuer die Roemer gewonnen hatte; von diesem Tag an nahm dasselbe unter
allen roemischen Heeresabteilungen unbestritten den ersten Platz ein. Eben
dieser Auszeichnung wegen von Nero abberufen, um mit ihm zum Kriege in den
Orient abzugehen, hatte die in Gallien ausbrechende Revolution ein Zerwuerfnis
zwischen der Legion und ihren Hilfsmannschaften herbeigefuehrt: jene, dem Nero
treu ergeben, eilte nach Italien, die Bataver dagegen weigerten sich zu folgen.
Vielleicht hing dies damit zusammen, dass zwei ihrer angesehensten Offiziere,
die Brueder Paulus und Civilis, ohne jeden Grund und ohne Ruecksicht auf
vieljaehrige treue Dienste und ehrenvolle Wunden, kurz vorher als des
Hochverrats verdaechtig in Untersuchung gezogen, der erstere hingerichtet, der
zweite gefangengesetzt worden war. Nach Neros Sturz, zu welchem der Abfall der
batavischen Kohorten wesentlich beigetragen hatte, gab Galba den Civilis frei
und sandte die Bataver in ihr altes Standquartier nach Britannien zurueck.
Waehrend sie auf dem Marsch dahin bei den Lingonen (Langres) lagerten, fielen
die Rheinlegionen von Galba ab und riefen den Vitellius zum Kaiser aus. Die
Bataver schlossen nach laengerem Schwanken schliesslich sich an; dieses
Schwanken vergab ihnen Vitellius nicht, doch wagte er nicht, den Fuehrer des
maechtigen Korps geradezu zur Verantwortung zu ziehen. So waren die Bataver mit
den Legionen von Untergermanien nach Italien marschiert und hatten mit gewohnter
Tapferkeit in der Schlacht von Betriacum fuer Vitellius gefochten, waehrend ihre
alten Legionskameraden ihnen in dem Heere Othos gegenueberstanden. Aber der
Uebermut dieser Germanen erbitterte ihre roemischen Siegesgenossen, wie sehr sie
ihre Tapferkeit im Kampf anerkannten; auch die kommandierenden Generale trauten
ihnen nicht und machten sogar einen Versuch, durch Detachierung sie zu teilen,
was freilich in diesem Krieg, in dem die Soldaten kommandierten und die Generale
gehorchten, nicht durchzufuehren war und fast dem General das Leben gekostet
haette. Nach dem Siege wurden sie beauftragt, ihre feindlichen Kameraden von der
14. Legion nach Britannien zu eskortieren; aber da es zwischen beiden in Turin
zum Handgemenge gekommen war, gingen diese allein dorthin und sie selbst nach
Germanien. Inzwischen war im Orient Vespasianus zum Kaiser ausgerufen worden,
und waehrend infolgedessen Vitellius sowohl den batavischen Kohorten
Marschbefehl nach Italien gab wie auch bei den Batavern neue umfassende
Aushebungen anordnete, knuepften Vespasians Beauftragte mit den batavischen
Offizieren an, um diesen Abmarsch zu verhindern und in Germanien selbst einen
Aufstand hervorzurufen, der die Truppen dort festhielte. Civilis ging darauf
ein. Er begab sich in seine Heimat und gewann leicht die Zustimmung der
Seinigen, sowie der benachbarten Cannenefaten und Friesen. Bei jenen brach der
Aufstand aus; die beiden Kohortenlager in der Naehe wurden ueberfallen und die
roemischen Posten aufgehoben; die roemischen Rekruten schlugen sich schlecht;
bald warf Civilis mit seiner Kohorte, die er hatte nachkommen lassen, um sie
angeblich gegen die Insurgenten zu gebrauchen, sich selbst offen in die
Bewegung, sagte mit den drei germanischen Gauen dem Vitellius auf und forderte
die uebrigen, eben damals von Mainz zum Abmarsch nach Italien aufbrechenden
Bataver und Cannenefaten auf, sich ihm anzuschliessen.
Das alles war mehr ein Soldatenaufstand als eine Insurrektion der Provinz
oder gar ein germanischer Krieg. Wenn damals die Rheinlegionen mit denen von der
Donau und weiter mit diesen und der Euphratarmee schlugen, so war es nur
folgerichtig, dass auch die Soldaten zweiter Klasse, und vor allem die
angesehenste Truppe derselben, die batavische, selbstaendig in diesen Korpskrieg
eintrat. Wer diese Bewegung bei den Kohorten der Bataver und den
linksrheinischen Germanen mit der Insurrektion der rechtsrheinischen unter
Augustus zusammenstellt, der darf nicht uebersehen, dass in jener die Alen und
Kohorten die Rolle des Landsturms der Cherusker uebernahmen; und wenn der
treulose Offizier des Varus seine Nation aus der Roemerherrschaft erloeste, so
handelte der batavische Fuehrer im Auftrag Vespasians, ja vielleicht auf geheime
Anweisung des im stillen Vespasian geneigten Statthalters seiner Provinz, und
richtete sich der Aufstand zunaechst lediglich gegen Vitellius. Freilich war die
Lage der Dinge von der Art, dass dieser Soldatenaufstand jeden Augenblick in
einen Germanenkrieg gefaehrlichster Art sich verwandeln konnte. Dieselben
roemischen Truppen, die den Rhein gegen die Germanen des rechten Ufers deckten,
standen infolge der Korpskriege den linksrheinischen Germanen feindlich
gegenueber; die Rollen waren solcher Art, dass es fast leichter schien, sie zu
wechseln als sie durchzufuehren. Civilis selbst mag es wohl auf den Erfolg haben
ankommen lassen, ob die Bewegung auf einen Kaiserwechsel oder auf die
Vertreibung der Roemer aus Gallien durch die Germanen hinauslaufen werde.
Das Kommando ueber die beiden Rheinarmeen fuehrte damals, nachdem der
Statthalter von Untergermanien Kaiser geworden war, sein bisheriger Kollege in
Obergermanien Hordeonius Flaccus, ein hochbejahrter podagrischer Mann, ohne
Energie und ohne Autoritaet, dazu entweder in der Tat im geheimen zu Vespasian
haltend oder doch bei den eifrig dem Kaiser ihrer Mache anhaengenden Legionen
solcher Treulosigkeit sehr verdaechtig. Es zeichnet ihn und seine Stellung, dass
er, um sich von dem Verdacht des Verrats zu reinigen, Befehl gab, die
einlaufenden Regierungsdepeschen uneroeffnet den Adlertraegern der Legionen
zuzustellen und diese sie zunaechst den Soldaten vorlasen, bevor sie dieselben
an ihre Adresse befoerderten. Von den vier Legionen des unteren Heeres, das
zunaechst mit den Aufstaendischen zu tun hatte, standen zwei, die 5. und die
15., unter dem Legaten Munius Lupercus im Hauptquartier zu Vetera, die 16. unter
Numisius Rufus in Novaesium (Neuss), die 1. unter Herennius Gallus in Bonna
(Bonn). Von dem oberen Heer, das damals nur drei Legionen zaehlte ^8, blieb die
eine, die 21., in ihrem Standquartier Vindonissa diesen Vorgaengen fern, wenn
sie nicht vielmehr ganz nach Italien gezogen worden war; die beiden anderen, die
4. makedonische und die 22., standen im Hauptquartier Mainz, wo auch Flaccus
sich befand und faktisch der tuechtige Legat des letzteren, Dillius Vocula, den
Oberbefehl fuehrte. Die Legionen hatten durchgaengig nur die Haelfte der vollen
Zahl, und die meisten Soldaten waren Halbinvalide oder Rekruten.
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^8 Die 4. obergermanische Legion war im Jahre 58 nach Kleinasien geschickt,
wegen des Armenisch-Parthischen Krieges (Tac. ann. 13, 35).
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Civilis, an der Spitze einer kleinen Zahl regulaerer Truppen, aber des
Gesamtaufgebots der Bataver, Cannenefaten und Friesen, ging aus der Heimat zum
Angriff vor. Zunaechst am Rhein stiess er auf Reste der aus den noerdlichen
Gauen vertriebenen roemischen Besatzungen und eine Abteilung der roemischen
Rheinflotte; als er angriff, lief nicht bloss die grossenteils aus Batavern
bestehende Schiffsmannschaft zu ihm ueber, sondern auch eine Kohorte der Tungrer
- es war der erste Abfall einer gallischen Abteilung; was von italischen
Mannschaften dabei war, wurde erschlagen oder gefangen. Dieser Erfolg brachte
endlich die rechtsrheinischen Germanen in Bewegung. Was sie seit langem
vergeblich gehofft hatten, die Erhebung der roemischen Untertanen auf dem
anderen Ufer, ging nun in Erfuellung und sowohl die Chauker und die Friesen an
der Kueste wie vor allem die Bructerer zu beiden Seiten der oberen Ems bis hinab
zur Lippe, und am Mittelrhein, Koeln gegenueber, die Tencterer, in minderem
Masse die suedlich an diese sich anschliessenden Voelkerschaften, Usiper,
Mattiaker, Chatten, warfen sich in den Kampf. Als auf Befehl des Flaccus die
beiden schwachen Legionen von Vetera gegen die Insurgenten ausrueckten, konnten
ihnen diese schon mit zahlreichem ueberrheinischem Zuzug entgegentreten; und die
Schlacht endigte wie das Gefecht am Rhein mit einer Niederlage der Roemer durch
den Abfall der batavischen Reiterei, welche zu der Garnison von Vetera gehoerte,
und durch die schlechte Haltung der Reiter der Ubier wie der Treverer. Die
insurgierten wie die zustroemenden Germanen schritten dazu, das Hauptquartier
des unteren Heeres zu umstellen und zu belagern. Waehrend dieser Belagerung
erreichte die Kunde der Vorgaenge am Unterrhein die uebrigen batavischen
Kohorten in der Naehe von Mainz; sie machten sofort kehrt gegen Norden. Statt
sie zusammenhauen zu lassen, liess der schwachmuetige Oberfeldherr sie ziehen,
und als der Legionskommandant in Bonn sich ihnen entgegenwarf, unterstuetzte
Flaccus diesen nicht, wie er es gekonnt und sogar anfaenglich zugesagt hatte. So
sprengten die tapferen Germanen die Bonner Legion auseinander und gelangten
gluecklich zu Civilis, fortan der geschlossene Kern seines Heeres, in welchem
jetzt die roemischen Kohortenfahnen neben den Tierstandarten aus den heiligen
Hainen der Germanen standen. Noch immer aber hielt der Bataver, wenigstens
angeblich, an Vespasian; er schwur die roemischen Truppen auf dessen Namen ein
und forderte die Besatzung von Vetera auf, sich mit ihm fuer diesen zu
erklaeren. Indes diese Mannschaften sahen darin, vermutlich mit Recht, nur einen
Versuch der Ueberlistung und wiesen diesen ebenso entschlossen ab wie die
anstuermenden Scharen der Feinde, die bald durch die ueberlegene roemische
Taktik sich gezwungen sahen, die Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Aber
da die roemische Heerleitung durch diese Vorgaenge ueberrascht worden war, waren
die Vorraete knapp und baldiger Entsatz dringend geboten. Um diesen zu bringen,
brachen Flaccus und Vocula mit ihrer gesamten Mannschaft von Mainz auf, zogen
unterwegs die beiden Legionen aus Bonna und Novaesium sowie die auf den
erhaltenen Befehl zahlreich sich einstellenden Hilfstruppen der gallischen Gaue
an sich und naeherten sich Vetera. Aber statt sofort die gesamte Macht von innen
und aussen auf die Belagerer zu werfen, mochte deren Ueberzahl noch so gewaltig
sein, schlug Vocula sein Lager bei Gelduba (Gellep am Rhein, unweit Krefeld),
einen starken Tagemarsch entfernt von Vetera, waehrend Flaccus weiter
zurueckstand. Die Nichtigkeit des sogenannten Feldherrn und die immer steigende
Demoralisation der Truppen, vor allem das oft bis zu Misshandlungen und
Mordanschlaegen sich steigernde Misstrauen gegen die Offiziere kann allein dies
Einhalten wenigstens erklaeren. Also zog sich das Unheil immer dichter von allen
Seiten zusammen. Ganz Germanien schien sich an dem Krieg beteiligen zu wollen;
waehrend die belagernde Armee bestaendig neuen Zuzug von dort erhielt, gingen
andere Schwaerme ueber den in diesem trocknen Sommer ungewoehnlich niedrigen
Rhein teils in den Ruecken der Roemer in die Gaue der Ubier und der Treverer,
das Moseltal zu brandschatzen, teils unterhalb Vetera in das Gebiet der Maas und
der Schelde; weitere Haufen erschienen vor Mainz und machten Miene, dies zu
belagern. Da kam die Nachricht von der Katastrophe in Italien. Auf die Kunde von
der zweiten Schlacht bei Betriacum im Herbst des Jahres 69 gaben die
germanischen Legionen die Sache des Vitellius verloren und schwuren, wenn auch
widerwillig, dem Vespasian; vielleicht in der Hoffnung, dass Civilis, der ja
auch den Namen Vespasians auf seine Fahnen geschrieben hatte, dann seinen
Frieden machen werde. Aber die germanischen Schwaerme, die inzwischen ueber ganz
Nordgallien sich ergossen hatten, waren nicht gekommen, um die Flavische
Dynastie einzusetzen; selbst wenn Civilis dies einmal gewollt hatte, jetzt
haette er es nicht mehr gekonnt. Er warf die Maske weg und sprach es offen aus,
was freilich laengst feststand, dass die Germanen Nordgalliens sich mit Hilfe
der freien Landsleute der roemischen Herrschaft zu entwinden gedachten.
Aber das Kriegsglueck schlug um. Civilis versuchte das Lager von Gelduba zu
ueberrumpeln; der Ueberfall begann gluecklich und der Abfall der Kohorten der
Nervier brachte Voculas kleine Schar in eine kritische Lage. Da fielen
ploetzlich zwei spanische Kohorten den Germanen in den Ruecken; die drohende
Niederlage verwandelte sich in einen glaenzenden Sieg; der Kern der angreifenden
Armee blieb auf dem Schlachtfeld. Vocula rueckte zwar nicht sofort gegen Vetera
vor, was er wohl gekonnt haette, aber drang einige Tage spaeter, nach einem
abermaligen heftigen Gefecht mit den Feinden, in die belagerte Stadt. Freilich
Lebensmittel brachte er nicht; und da der Fluss in der Gewalt des Feindes war,
mussten diese auf dem Landweg von Novaesium herbeigeschafft werden, wo Flaccus
lagerte. Der erste Transport kam durch; aber die inzwischen wieder gesammelten
Feinde griffen die zweite Proviantkolonne unterwegs an und noetigten sie, sich
nach Gelduba zu werfen. Zu ihrer Unterstuetzung ging Vocula mit seinen Truppen
und einem Teil der alten Besatzung von Vetera dorthin ab. In Gelduba angelangt,
weigerten sich die Mannschaften, nach Vetera zurueckzukehren und die Leiden der
abermals in Aussicht stehenden Belagerung weiter auf sich zu nehmen; statt
dessen marschierten sie nach Novaesium, und Vocula, welcher den Rest der alten
Garnison von Vetera einigermassen verproviantiert wusste, musste wohl oder uebel
folgen. In Novaesium war inzwischen die Meuterei zum Ausbruch gelangt. Die
Soldaten hatten in Erfahrung gebracht, dass ein von Vitellius fuer sie
bestimmtes Donativ an den Feldherrn gelangt sei und erzwangen dessen Verteilung
auf den Namen Vespasians. Kaum hatten sie es, so brach in den wuesten Gelagen,
welche die Spende im Gefolge hatte, der alte Soldatengroll wieder hervor; sie
pluenderten das Haus des Feldherrn, der die Rheinarmee an den General der
syrischen Legionen verraten hatte, erschlugen ihn und haetten auch dem Vocula
das gleiche Schicksal bereitet, wenn dieser nicht in Vermummung entkommen waere.
Darauf riefen sie abermals den Vitellius zum Kaiser aus, nicht wissend, dass
dieser schon tot war. Als diese Kunde ins Lager kam, kam der bessere Teil der
Soldaten, namentlich die beiden obergermanischen Legionen, einigermassen zur
Besinnung; sie vertauschten an ihren Standarten das Bildnis des Vitellius wieder
mit dem Vespasians und stellten sich unter Voculas Befehle; dieser fuehrte sie
nach Mainz, wo er den Rest des Winters 69/70 verblieb. Civilis besetzte Gelduba
und schnitt damit Vetera ab, das aufs neue eng blockiert ward; die Lager von
Novaesium und Bonna wurden noch gehalten.
Bisher hatte das gallische Land, abgesehen von den wenigen insurgierten
germanischen Gauen im Norden, fest an Rom gehalten. Allerdings ging die
Parteiung durch die einzelnen Gaue; unter den Tungrern zum Beispiel hatten die
Bataver starken Anhang, und die schlechte Haltung der gallischen
Hilfsmannschaften waehrend des ganzen Feldzugs wird wohl zum Teil durch
dergleichen roemerfeindliche Stimmungen hervorgerufen sein. Aber auch unter den
Insurgierten gab es eine ansehnliche roemisch gesinnte Partei; ein vornehmer
Bataver, Claudius Labeo, fuehrte gegen seine Landsleute in seiner Heimat und der
Nachbarschaft einen Parteigaengerkrieg nicht ohne Erfolg und Civilis'
Schwestersohn Iulius Briganticus fiel in einem dieser Gefechte an der Spitze
einer roemischen Reiterschar. Dem Befehl, Zuzug zu senden, hatten alle
gallischen Gaue ohne weiteres Folge geleistet; die Ubier, obwohl germanischer
Herkunft, waren auch in diesem Kriege lediglich ihres Roemerrums eingedenk und
sie, wie die Treverer, hatten den in ihr Gebiet einbrechenden Germanen tapferen
und erfolgreichen Widerstand geleistet. Es war das begreiflich. Die Dinge lagen
in Gallien noch so wie in den Zeiten Caesars und Ariovists; eine Befreiung der
gallischen Heimat von der roemischen Herrschaft durch diejenigen Schwaerme,
welche, um dem Civilis landsmannschaftlichen Beistand zu leisten, eben damals
das Mosel-, Maas- und Scheldetal ausraubten, war ebensosehr eine Auslieferung
des Landes an die germanischen Nachbarn; in diesem Krieg, der aus einer Fehde
zwischen zwei roemischen Truppenkorps zu einem roemisch-germanischen sich
entwickelt hatte, waren die Gallier eigentlich nichts als der Einsatz und die
Beute. Dass die Stimmung der Gallier, trotz aller wohlbegruendeten allgemeinen
und besonderen Beschwerden ueber das roemische Regiment, ueberwiegend
antigermanisch war und fuer jene aufflammende und ruecksichtslose nationale
Erhebung, wie sie vor Zeiten wohl durch das Volk gegangen war, in diesem
inzwischen halb romanisierten Gallien der Zuendstoff fehlte, hatten die
bisherigen Vorgaenge auf das deutlichste gezeigt. Aber unter den bestaendigen
Misserfolgen der roemischen Armee wuchs allmaehlich den roemerfeindlichen
Galliern der Mut, und ihr Abfall vollendete die Katastrophe. Zwei vornehme
Treverer, Iulius Classicus, der Befehlshaber der treverischen Reiterei, und
Iulius Tutor, der Kommandant der Uferbesatzungen am Mittelrhein, der Lingone
Iulius Sabinus, Nachkomme, wie er wenigstens sich beruehmte, eines Bastards
Caesars, und einige andere gleichgesinnte Maenner aus verschiedenen Gauen
glaubten in der fahrigen keltischen Weise zu erkennen, dass der Untergang Roms
in den Sternen geschrieben und durch den Brand des Kapitols (Dezember 69) der
Welt verkuendigt sei. So beschlossen sie, die Roemerherrschaft zu beseitigen und
ein Gallisches Reich zu errichten. Dazu gingen sie den Weg des Arminius. Vocula
liess sich wirklich durch gefaelschte Rapporte dieser roemischen Offiziere
bestimmen, mit den unter ihrem Kommando stehenden Kontingenten und einem Teil
der Mainzer Besatzung im Fruehjahr 70 nach dem Unterrhein aufzubrechen, um mit
diesen Truppen und den Legionen von Bonna und Novaesium das hart bedraengte
Vetera zu entsetzen. Auf dem Marsch von Novaesium nach Vetera verliessen
Classicus und die mit ihm einverstandenen Offiziere das roemische Heer und
proklamierten das neue Gallische Reich. Vocula fuehrte die Legionen zurueck nach
Novaesium; unmittelbar davor schlug Classicus sein Lager auf. Vetera konnte sich
nicht mehr lange halten; die Roemer mussten erwarten, nach dessen Fall die
gesamte Macht des Feindes sich gegenueber zu finden. Dies vor Augen, versagten
die roemischen Truppen und kapitulierten mit den abgefallenen Offizieren.
Vergeblich versuchte Vocula noch einmal die Bande der Zucht und der Ehre
anzuziehen; die Legionen Roms liessen es geschehen, dass ein roemischer
Ueberlaeufer von der ersten Legion auf Befehl des Classicus den tapferen
Feldherrn niederstiess und lieferten selbst die uebrigen Oberoffiziere gefesselt
an den Vertreter des Reiches Gallien aus, der dann die Soldaten auf dieses Reich
in Eid und Pflicht nahm. Denselben Schwur leistete in die Haende der
eidbruechigen Offiziere die Besatzung von Vetera, die, durch Hunger bezwungen,
sofort sich ergab, und ebenso die Besatzung von Mainz, wo nur wenige einzelne
der Schande sich durch Flucht oder Tod entzogen. Das ganze stolze Rheinheer, die
erste Armee des Reiches, hatte vor seinen eigenen Auxilien, Rom vor Gallien
kapituliert.
Es war ein Trauerspiel und zugleich eine Posse. Das Gallische Reich
verlief, wie es musste. Civilis und seine Germanen liessen es zunaechst sich
wohl gefallen, dass der Zwist im roemischen Lager ihnen die eine wie die andere
Haelfte der Feinde in die Haende lieferte, aber er dachte nicht daran, jenes
Reich anzuerkennen, und noch weniger seine rechtsrheinischen Genossen.
Ebenso wenig wollten die Gallier selbst davon etwas wissen, wobei
allerdings der schon bei dem Aufstand des Vindex hervorgetretene Riss zwischen
den oestlichen Distrikten und dem uebrigen Lande mit ins Gewicht fiel. Die
Treverer und die Lingonen, deren leitende Maenner jene Lagerverschwoerung
angezettelt hatten, standen zu ihren Fuehrern, aber sie blieben so gut wie
allein, nur die Vangionen und Triboker schlossen sich an. Die Sequaner, in deren
Gebiet die benachbarten Lingonen einrueckten, um sie zum Beitritt zu bestimmen,
schlugen dieselben kurzweg zum Lande hinaus. Die angesehenen Remer, der
fuehrende Gau in der Belgica, riefen den Landtag der drei Gallien ein, und
obwohl es an politischen Freiheitsrednern auf demselben nicht mangelte, so
beschloss derselbe lediglich, die Treverer von der Auflehnung abzumahnen.
Wie die Verfassung des neuen Reiches ausgefallen sein wuerde, wenn es
zustande gekommen waere, ist schwer zu sagen; wir erfahren nur, dass jener
Sabinus, der Urenkel der Kebse Caesars, sich auch Caesar nannte und in dieser
Eigenschaft sich von den Sequanern schlagen liess, Classicus dagegen, dem solche
Aszendenz nicht zu Gebote stand, die Abzeichen der roemischen Magistratur
anlegte, also wohl den republikanischen Prokonsul spielte. Dazu passt eine
Muenze, die von Classicus oder seinen Anhaengern geschlagen sein muss, welche
den Kopf der Gallia zeigt, wie die Muenzen der roemischen Republik den der Roma,
und daneben das Legionssymbol mit der recht verwegenen Umschrift der "Treue"
(fides).
Zunaechst am Rhein freilich hatten die Reichsmaenner in Gemeinschaft mit
den insurgierten Germanen freie Hand. Die Reste der beiden Legionen, die in
Vetera kapituliert hatten, wurden gegen die Kapitulation und gegen Civilis'
Willen niedergemacht, die beiden von Novaesium und Bonna nach Trier geschickt,
die saemtlichen roemischen Rheinlager, grosse und kleine, mit Ausnahme von
Mogontiacum niedergebrannt. In der schlimmsten Lage fanden sich die
Agrippinenser. Die Reichsmaenner hatten sich allerdings darauf beschraenkt, von
ihnen den Treueid zu fordern; aber ihnen vergassen es die Germanen nicht, dass
sie eigentlich die Ubier waren. Eine Botschaft der Tencterer vom rechten
Rheinufer - es war dies einer der Staemme, deren alte Heimat die Roemer
oedegelegt hatten und als Viehtrift benutzten, und die infolgedessen sich andere
Wohnsitze hatten suchen muessen - forderte die Schleifung dieses Hauptsitzes der
germanischen Apostaten und die Hinrichtung aller ihrer Buerger roemischer
Herkunft. Dies waere auch wohl beschlossen worden, wenn nicht sowohl Civilis,
der ihnen persoenlich verpflichtet war, wie auch die germanische Prophetin,
Veleda im Bructerergau, welche diesen Sieg vorhergesagt hatte und deren
Autoritaet das ganze Insurgentenheer anerkannte, ihr Fuerwort eingelegt haetten.
Lange Zeit blieb den Siegern nicht, ueber die Beute zu streiten. Die
Reichsmaenner versicherten allerdings, dass der Buergerkrieg in Italien
ausgebrochen, alle Provinzen vom Feinde ueberzogen und Vespasianus
wahrscheinlich tot sei; aber der schwere Arm Roms wurde bald genug empfunden.
Das neu befestigte Regiment konnte die besten Feldherren und zahlreiche Legionen
an den Rhein entsenden, und es bedurfte allerdings hier einer imposanten
Machtentwicklung. Annius Gallus uebernahm das Kommando in der oberen, Petillius
Cerialis in der unteren Provinz, der letztere, ein ungestuemer und oft
unvorsichtiger, aber tapferer und faehiger Offizier, die eigentliche Aktion.
Ausser der 21. Legion von Vindonissa kamen fuenf aus Italien, drei aus Spanien,
eine nebst der Flotte aus Britannien, dazu ein weiteres Korps von der raetischen
Besatzung. Dieses und die 21. Legion trafen zuerst ein. Die Reichsmaenner hatten
wohl davon geredet, die Alpenpaesse zu sperren; aber geschehen war nichts und
das ganze oberrheinische Land bis nach Mainz lag offen da. Die beiden Mainzer
Legionen hatten zwar dem gallischen Reich geschworen und leisteten anfaenglich
Widerstand; aber sowie sie erkannten, dass eine groessere roemische Armee ihnen
gegenueberstand, kehrten sie zum Gehorsam zurueck und ihrem Beispiel folgten
sofort die Vangionen und die Triboker. Sogar die Lingonen unterwarfen sich ohne
Schwertstreich, bloss gegen Zusage milder Behandlung, ihrer 70000 waffenfaehigen
Maenner ^9. Fast haetten die Treverer selbst das gleiche getan; doch wurden sie
daran durch den Adel verhindert. Die beiden von der niederrheinischen Armee
uebriggebliebenen Legionen, die hier standen, hatten auf die erste Kunde von dem
Annahen der Roemer die gallischen Insignien von ihren Feldzeichen gerissen und
rueckten ab zu den treugebliebenen Mediomatrikern (Metz), wo sie sich der Gnade
des neuen Feldherrn unterwarfen. Als Cerialis bei dem Heer eintraf, fand er
schon ein gutes Stueck der Arbeit getan. Die Insurgentenfuehrer freilich boten
das Aeusserste auf - damals sind auf ihr Geheiss die bei Novaesium
ausgelieferten Legionslegaten umgebracht worden -, aber militaerisch waren sie
ohnmaechtig und ihr letzter politischer Schachzug, dem roemischen Feldherrn
selber die Herrschaft des Gallischen Reiches anzutragen, des Anfangs wuerdig.
Nach kurzem Gefecht besetzte Cerialis die Hauptstadt der Treverer, nachdem die
Fuehrer und der ganze Rat zu den Germanen gefluechtet waren; das war das Ende
des Gallischen Reiches.
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^9 Frontin strat. 4, 3, 14. In ihrem Gebiet muessen die einrueckenden
Truppen eine Reservestellung und ein Depot angelegt haben; nach kuerzlich bei
Mirabeau-sur-Beze, 22 Kilometer nordoestlich von Dijon, gefundenen Ziegeln haben
Mannschaften von wenigstens fuenf der einrueckenden Legionen hier Bauten
ausgefuehrt (Heymes 19, 1884, S. 437).
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Ernster war der Kampf mit den Germanen. Civilis ueberfiel mit seiner
gesamten Streitmacht, den Batavern, dem Zuzug der Germanen und den
landfluechtigen Scharen der gallischen Insurgenten die viel schwaechere
roemische Armee in Trier selbst; schon war das roemische Lager in seiner Gewalt
und die Moselbruecke von ihm besetzt, als seine Leute, statt den gewonnenen Sieg
zu verfolgen, vorzeitig zu pluendern begannen und Cerialis, seine
Unvorsichtigkeit durch glaenzende Tapferkeit wiedergutmachend, den Kampf
wiederherstellte und schliesslich die Germanen aus dem Lager und der Stadt
hinausschlug. Es gelang nichts mehr von Bedeutung. Die Agrippinenser schlugen
sich sofort wieder zu den Roemern und brachten die bei ihnen weilenden Germanen
in den Haeusern um; eine ganze dort lagernde germanische Kohorte wurde
eingesperrt und in ihrem Quartier verbrannt. Was in der Belgica noch zu den
Germanen hielt, brachte die aus Britannien eintreffende Legion zum Gehorsam
zurueck; ein Sieg der Cannenefaten ueber die roemischen Schiffe, die die Legion
gelandet hatten, andere einzelne Erfolg der tapferen germanischen Haufen und vor
allem der zahlreicheren und besser gefuehrten germanischen Schiffe aenderten die
allgemeine Kriegslage nicht. Auf den Ruinen von Vetera bot Civilis dem Feind die
Stirn; aber dem inzwischen verdoppelten roemischen Heere musste er weichen, dann
endlich auch die eigene Heimat nach verzweifelter Gegenwehr dem Feind
ueberlassen. Wie immer stellte im Gefolge des Ungluecks die Zwietracht sich ein;
Civilis war seiner eigenen Leute nicht mehr sicher und suchte und fand Schutz
vor ihnen bei den Feinden. Im Spaetherbst des Jahres 70 war der ungleiche Kampf
entschieden; die Auxilien kapitulierten nun ihrerseits vor den Buergerlegionen
und die Priesterin Veleda kam als Gefangene nach Rom.
Blicken wir zurueck auf diesen Krieg, einen der seltsamsten und einen der
entsetzlichsten aller Zeiten, so ist kaum je einer Armee eine gleich schwere
Aufgabe gestellt worden wie den beiden roemischen Rheinheeren in den Jahren 69
und 70: im Laufe weniger Monate Soldaten Neros, dann des Senats, dann Galbas,
dann des Vitellius, dann Vespasians; die einzige Stuetze der Herrschaft Italiens
ueber die zwei maechtigen Nationen der Gallier und der Germanen, und die
Soldaten der Auxilien fast ganz, die der Legionen grossenteils aus eben diesen
Nationen genommen; ihrer besten Mannschaften beraubt, meist ohne Loehnung und
oft hungernd und ueber alle Massen elend gefuehrt, ist ihnen allerdings
innerlich wie aeusserlich Uebermenschliches zugemutet worden. Sie haben die
schwere Probe uebel bestanden. Es ist dieser Krieg weniger einer gewesen
zwischen zwei Armeekorps, wie die anderen Buergerkriege dieser entsetzlichen
Zeit, als ein Krieg der Soldaten und vor allem der Offiziere zweiter Klasse
gegen die der ersten, verbunden mit einer gefaehrlichen Insurrektion und
Invasion der Germanen und einer beilaeufigen und unbedeutenden Auflehnung
einiger keltischer Distrikte. In der roemischen Militaergeschichte sind Cannae
und Karrhae und der Teutoburger Wald Ruhmesblaetter, verglichen mit der
Doppelschmach von Novaesium; nur wenige einzelne Maenner, keine einzige Truppe
hat in der allgemeinen Verunehrung sich reinen Schild bewahrt. Die grauenhafte
Zerruettung des Staats- und vor allem des Heerwesens, welche bei dem Untergang
der Julisch-Claudischen Dynastie uns entgegentritt, erscheint deutlicher noch
als in der fuehrerlosen Schlacht von Betriacum in diesen Vorgaengen am Rhein,
derengleichen die Geschichte Roms nie vorher und nie nachher aufweist.
Bei dem Umfang und der Allgemeinheit dieser Frevel war ein entsprechendes
Strafgericht unmoeglich. Es verdient Anerkennung, dass der neue Herrscher, der
gluecklicherweise persoenlich all diesen Vorgaengen fern geblieben war, in echt
staatsmaennischer Weise das Vergangene vergangen sein liess und nur bemueht war,
der Wiederholung aehnlicher Auftritte vorzubeugen. Dass die hervorragenden
Schuldigen, sowohl aus den Reihen der Truppen wie aus den Insurgenten, fuer ihre
Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden, versteht sich von selbst; man mag
das Strafgericht daran messen, dass, als fuenf Jahre spaeter einer der
gallischen Insurgentenfuehrer in einem Versteck aufgefunden wurde, in dem seine
Gattin ihn bis dahin verborgen gehalten hatte, Vespasian ihn wie sie dem Henker
uebergab. Aber man gestattete den abtruennigen Legionen, mit gegen die Deutschen
zu kaempfen und in den heissen Schlachten bei Trier und bei Vetera ihre Schuld
einigermassen zu suehnen. Allerdings wurden nichtsdestoweniger die vier Legionen
des unterrheinischen Heeres alle, und von den beiden beteiligten oberrheinischen
die eine kassiert - gern moechte man glauben, dass die 22. verschont ward in
ehrender Erinnerung an ihren tapferen Legaten. Auch von den batavischen Kohorten
ist wahrscheinlich eine betraechtliche Anzahl von dem gleichen Schicksal
betroffen worden, nicht minder, wie es scheint, das Reiterregiment der Treverer
und vielleicht noch manche andere besonders hervorgetretene Truppe. Noch viel
weniger als gegen die abtruennigen Soldaten konnte gegen die insurgierten
keltischen und germanischen Gaue mit der vollen Schaerfe des Gesetzes
eingeschritten werden; dass die roemischen Legionen die Schleifung der
treverischen Augustuskolonie forderten, diesmal nicht der Beute, sondern der
Rache wegen, ist wenigstens ebenso begreiflich wie die von den Germanen begehrte
Zerstoerung der Ubierstadt; aber wie Civilis diese, so schuetzte jene Vespasian.
Selbst den linksrheinischen Germanen wurde ihre bisherige Stellung im ganzen
gelassen. Wahrscheinlich aber trat - wir sind hier ohne sichere Ueberlieferung -
in der Aushebung und der Verwendung der Auxilien eine wesentliche Aenderung ein,
welche die in dem Auxilienwesen liegende Gefahr minderte. Den Batavern blieb die
Steuerfreiheit und ein immer noch bevorzugtes Dienstverhaeltnis; hatte doch ein
nicht ganz geringer Teil derselben die Sache der Roemer mit den Waffen
verfochten. Aber die batavischen Truppen wurden betraechtlich verringert, und
wenn ihnen bisher, wie es scheint von Rechts wegen, die Offiziere aus dem
eigenen Adel gesetzt worden waren, und auch gegenueber den sonstigen
germanischen und keltischen das gleiche wenigstens haeufig geschehen war, so
werden die Offiziere der Alen und Kohorten spaeterhin ueberwiegend aus dem
Stande genommen, dem Vespasian selber entstammte, aus dem guten staedtischen
Mittelstand Italiens und der italisch geordneten Provinzialstaedte. Offiziere
von der Stellung des Cheruskers Arminius, des Batavers Civilis, des Treverers
Classicus begegnen seitdem nicht wieder. Die bisherige Geschlossenheit der aus
dem gleichen Gau ausgehobenen Truppen findet sich spaeter ebensowenig, sondern
die Leute dienen ohne Unterschied ihrer Herkunft in den verschiedensten
Abteilungen; es ist das wahrscheinlich eine Lehre, welche die roemische
Militaerverwaltung sich aus diesem Kriege gezogen hat. Eine andere durch diesen
Krieg gewiesene Aenderung wird es sein, dass, wenn bis dahin die in Germanien
verwendeten Auxilien der Mehrzahl nach aus den germanischen und den benachbarten
Gauen genommen waren, seitdem eben, wie die dalmatischen und pannonischen
infolge des Batonischen Krieges, fortan auch die germanischen Auxiliartruppen
ueberwiegend ausserhalb ihrer Heimat Verwendung fanden. Vespasian war ein
einsichtiger und erfahrener Militaer; es ist wahrscheinlich zum guten Teil sein
Verdienst, wenn von Auflehnung der Auxilien gegen ihre Legionen kein spaeteres
Beispiel begegnet.
Dass die eben berichtete Insurrektion der linksrheinischen Germanen, obwohl
sie, infolge der zufaelligen Vollstaendigkeit der darueber erhaltenen Berichte,
allein uns einen deutlichen Einblick in die politischen und militaerischen
Verhaeltnisse am Unterrhein und Galliens ueberhaupt gewaehrt und darum auch eine
ausfuehrliche Erzaehlung verdiente, dennoch mehr durch aeussere und zufaellige
Ursachen als durch die innere Notwendigkeit der Dinge hervorgerufen wurden,
beweist die nun folgende, anscheinend vollstaendige Ruhe daselbst und der,
soviel wir sehen, ununterbrochene Status quo eben in dieser Gegend. Die
roemischen Germanen sind in dem Reiche nicht minder vollstaendig aufgegangen als
die roemischen Gallier; von Insurrektionsversuchen jener ist nie wieder die
Rede. Am Ausgang des dritten Jahrhunderts wird von den ueber den Unterrhein in
Gallien einbrechenden Franken auch das batavische Gebiet mit erfasst; doch haben
sich die Bataver in ihren alten, wenn auch geschmaelerten Sitzen und ebenso die
Friesen selbst waehrend der Wirren der Voelkerwanderung behauptet und, soviel
wir wissen, auch dem baufaelligen Reichsganzen die Treue bewahrt.
Wenden wir uns von den roemischen zu den freien Germanen oestlich vom
Rhein, so ist fuer diese mit ihrer Beteiligung an jener batavischen Insurrektion
das offensive Vorgehen nicht minder vorbei, wie mit den Expeditionen des
Germanicus die Versuche der Roemer zu Ende sind, eine Grenzveraenderung im
grossen Stil in diesen Gebieten herbeizufuehren.
Unter den freien Germanen sind die dem roemischen Gebiet naechstwohnenden
die Bructerer an beiden Ufern der mittleren Ems und in dem Quellgebiet der Ems
und der Lippe, weshalb sie auch vor allen uebrigen Germanen sich an der
batavischen Insurrektion beteiligten. Aus ihrem Gau war das Maedchen Veleda, die
ihre Landsleute in den Krieg gegen Rom entsandte und ihnen den Sieg verhiess,
deren Ausspruch ueber das Schicksal der Ubierstadt entschied, zu deren hohem
Turm die gefangenen Senatoren und das erbeutete Admiralschiff der Rheinflotte
gesendet wurden. Die Niederwerfung der Bataver traf auch sie, vielleicht noch
ein besonderer Gegenschlag der Roemer, da jene Jungfrau spaeterhin gefangen nach
Rom gefuehrt ward. Diese Katastrophe sowie Fehden mit den benachbarten Voelkern
brachen ihre Macht; unter Nerva ist ihnen ein Koenig, den sie nicht wollten, von
ihren Nachbarn unter passiver Assistenz des roemischen Legaten mit den Waffen
aufgezwungen worden.
Die Cherusker im oberen Wesergebiet, zu Augustus' und Tiberius' Zeit der
fuehrende Gau in Mitteldeutschland, werden seit Armins Tode selten genannt,
immer aber als in guten Beziehungen zu den Roemern stehend. Als der
Buergerkrieg, der bei ihnen auch nach Arminius' Fall weiter gewuetet haben muss,
ihr ganzes Fuerstengeschlecht hingerafft, erbaten sie sich den letzten des
Hauses, den in Italien lebenden Brudersohn Armins, Italicus, von der roemischen
Regierung zum Herrscher; freilich entzuendete die Heimkehr des tapferen, aber
mehr seinem Namen als seiner Herkunft entsprechenden Mannes die Fehde abermals
und, von den Seinen vertrieben, setzten ihn noch einmal die Langobarden auf den
wankenden Herrschersitz. Einer seiner Nachfolger, der Koenig Chariomerus,
ergriff in dem Chattenkrieg Domitians so ernstlich fuer die Roemer Partei, dass
er nach dessen Beendigung, von den Chatten vertrieben, zu den Roemern fluechtete
und deren Intervention, freilich vergebens, anrief. Durch diese ewigen inneren
und aeusseren Fehden ward das Cheruskervolk so geschwaecht, dass es seitdem aus
der aktiven Politik verschwindet. Der Name der Marser wird seit den Zuegen des
Germanicus ueberhaupt nicht mehr gefunden. Dass die weiter oestlich an der Elbe
wohnenden Voelkerschaften, wie alle entfernteren Germanen, an den Kaempfen der
Bataver und ihrer Genossen in den Jahren 69 und 70 sich so wenig beteiligt haben
wie diese an den germanischen Kriegen unter Augustus und Tiberius, darf bei der
Ausfuehrlichkeit des Berichtes als sicher bezeichnet werden. Wo sie spaeterhin
einmal begegnen, erscheinen sie nie in feindlicher Haltung gegen die Roemer.
Dass die Langobarden den roemischen Cheruskerkoenig wieder einsetzten, wurde
schon erwaehnt. Der Koenig der Semnonen, Masuus, und merkwuerdigerweise mit ihm
die Prophetin Ganna, welche bei diesem, wegen besonderer Glaeubigkeit beruehmten
Stamme in hohem Ansehen stand, besuchten den Kaiser Domitianus in Rom und wurden
an dessen Hofe freundlich aufgenommen. Es mag in den Gegenden von der Weser bis
zur Elbe in diesen Jahrhunderten manche Fehde getobt, manche Machtstellung sich
verschoben, mancher Gau den Namen gewechselt oder sich anderer Verbindung
eingefuegt haben; den Roemern gegenueber trat, nachdem der feste Verzicht
derselben auf Unterwerfung dieser Landschaft allgemein empfunden ward, ein
dauernder Grenzfriede ein. Auch Invasionen aus dem fernen Osten koennen
denselben in dieser Epoche nicht wesentlich gestoert haben; denn der Rueckschlag
davon auf die roemische Grenzwacht haette nicht ausbleiben koennen und von
ernsteren Krisen auf diesem Gebiet wuerde die Kunde nicht fehlen. Zu allem
diesem gibt das Siegel die Reduktion der niederrheinischen Armee auf die Haelfte
des frueheren Bestandes, welche, wir wissen nicht genau wann, aber in dieser
Epoche eingetreten ist. Das niederrheinische Heer, mit welchem Vespasian zu
kaempfen hatte, zaehlte vier Legionen, das der traianischen Zeit vermutlich die
gleiche Zahl, mindestens drei ^10; wahrscheinlich schon unter Hadrian, gewiss
unter Marcus, standen daselbst nicht mehr als zwei, die 1. minervische und die
30. Traians.
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^10 Unter dem Legaten Q. Acutius Nerva, welcher wahrscheinlich der Konsul
des Jahres 100 ist, also nach diesem Jahre Untergermanien verwaltete, standen
nach Inschriften von Brohl (Brambach 660, 662, 679, 680) in dieser Provinz vier
Legionen, die 1. Minervia, 6. victrix, 10. gemina, 22. primigenia. Da jede
dieser Inschriften nur zwei oder drei nennt, so kann die Besatzung damals nur
aus drei Legionen bestanden haben, wenn waehrend Acutius' Statthalterschaft die
1. Minervia fuer die anderswohin abgegebene 22. primigenia eintrat. Aber bei
weitem wahrscheinlicher ist es, da bei den Detachierungen in die Steinbrueche
bei Brohl nicht immer alle Legionen beteiligt waren, dass jene vier Legionen
gleichzeitig in Untergermanien garnisonierten. Diese vier Legionen sind
wahrscheinlich eben die, welche bei der Reorganisation der germanischen Heere
durch Vespasian nach Untergermanien kamen, nur dass die 1. Minervia von Domitian
an die Stelle der wahrscheinlich von ihm aufgeloesten 21. gesetzt ist.
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In anderer Weise entwickelten sich die germanischen Verhaeltnisse in der
oberen Provinz. Von den linksrheinischen Germanen, die dieser angehoerten, den
Tribokern, Nemetern, Vangionen, ist geschichtlich nichts hervorzuheben als dass
sie, seit langem unter den Kelten ansaessig, die Schicksale Galliens teilten.
Die hauptsaechliche Verteidigungslinie der Roemer ist auch hier der Rhein immer
geblieben. Alle Standlager der Legionen finden sich zu aller Zeit auf dem linken
Rheinufer; nicht einmal das von Argentoratum ist auf das rechte verlegt worden,
als das ganze Neckargebiet roemisch war. Aber wenn in der unteren Provinz die
roemische Herrschaft auf dem rechten Rheinufer im Laufe der Zeit beschraenkt
wird, so wird sie umgekehrt hier erweitert. Die von Augustus beabsichtigte
Verknuepfung der Rheinlager mit denen an der Donau durch Vorschiebung der
Reichsgrenze in oestlicher Richtung, welche, wenn sie zur Ausfuehrung gekommen
waere, mehr Ober- als Untergermanien erweitert haben wuerde, ist in diesem
Kommando wohl niemals voellig aufgegeben und spaeterhin, wenn auch in
bescheidenerem Massstabe, wieder aufgenommen worden. Die Ueberlieferung
gestattet uns nicht, die in diesem Sinne durch Jahrhunderte fortgefuehrten
Operationen, die dazu gehoerigen Strassen- und Wallbauten, die deshalb
gefuehrten Kriege in ihrem Zusammenhang darzulegen; und auch der noch vorhandene
grosse Militaerbau, dessen gleichfalls Jahrhunderte umfassende Entstehung einen
guten Teil jener Geschichte in sich schliessen muss, ist bisher nicht so, wie es
wohl geschehen koennte, von militaerisch geschaerften Augen in seiner Gesamtheit
untersucht worden - die Hoffnung, dass das geeinigte Deutschland sich auch zu
der Erforschung dieses seines aeltesten geschichtlichen Gesamtdenkmals
vereinigen werde, ist fehlgeschlagen. Was zur Zeit aus den Truemmern der
roemischen Annalen oder der roemischen Kastelle darueber ans Licht gekommen ist,
soll hier versucht werden zusammenzufassen.
Auf dem rechten Ufer legt sich, nicht weit von dem noerdlichen Ende der
Provinz, dem ebenen oder huegeligen niederrheinischen Land in westoestlicher
Richtung die Taunuskette vor, die gegenueber Bingen auf den Rhein stoesst.
Diesem Bergzug parallel, auf der anderen Seite abgeschlossen durch die
Auslaeufer des Odenwaldes, erstreckt sich die Ebene des unteren Maintales, der
rechte Zugang zum inneren Deutschland, beherrscht von der Schluesselstellung an
der Muendung des Mains in den Rhein, Mogontiacum oder Mainz, seit Drusus' Zeit
bis zum Ausgang Roms der Ausfallsburg der Roemer aus Gallien gegen Germanien ^11
wie heutzutage dem rechten Riegel Deutschlands gegen Frankreich. Hier behielten
die Roemer, auch nachdem sie auf die Herrschaft im ueberrheinischen Land im
allgemeinen verzichtet hatten, nicht bloss den Brueckenkopf am anderen Ufer, das
castellum Mogontiacense (Kastel), sondern jene Mainebene selbst in ihrem Besitz;
und in diesem Gebiet durfte auch die roemische Zivilisation sich festsetzen. Es
war dies urspruenglich chattisches Land und ein chattischer Stamm, die
Mattiaker, sind auch unter roemischer Herrschaft hier ansaessig geblieben; aber
nachdem die Chatten diesen Distrikt an Drusus hatten abtreten muessen, ist
derselbe ein Teil des Reiches geblieben. Die warmen Quellen in der naechsten
Naehe von Mainz (aquae Mattiacae, Wiesbaden) wurden erweislich in Vespasians
Zeit, und sicher schon lange vorher, von den Roemern benutzt; unter Claudius
wurde hier auf Silber gebaut; die Mattiaker haben schon frueh wie andere
Untertanendistrikte Truppen zur Armee gestellt. An der allgemeinen Auflehnung
der Germanen unter Civilis nahmen sie Anteil; aber nach der Besiegung stellten
die frueheren Verhaeltnisse sich wieder her. Seit dem Ende des zweiten
Jahrhunderts finden wir die Gemeinde der taunensischen Mattiaker unter roemisch
geordneten Behoerden ^12.
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^11 Nach Zangemeisters (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift 3,
1884, S. 307ff.) schoenen Entzifferungen steht es fest, dass eine
Militaerstrasse am linken Rheinufer von Mainz bis an die Grenze der
obergermanischen Provinz schon unter Claudius angelegt ward.
^12 Der volle Name c(ivitas) M(attiacorum) Ta(unensium) erscheint auf der
Inschrift von Kastel (Brambach 1330); als civitas Mattiacorum oder civitas
Taunensium kommt sie oefter vor, mit Duovirn Aedilen, Decurionen, Sacerdotalen
Sevirn; eigentuemlich und fuer die Grenzstadt bezeichnend sind die
wahrscheinlich als Munizipalmiliz zu fassenden hastiferi civitatis Mattiacorum
(Brambach 1336). Das aelteste datierte Dokument dieser Gemeinde ist vom Jahre
198 (Brambach 956).
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Die Chatten, obwohl also vom Rhein abgedraengt, erscheinen in der folgenden
Zeit als der maechtigste Stamm unter denen des germanischen Binnenlandes, die
mit den Roemern in Beziehung kamen; die Fuehrung, die unter Augustur und
Tiberius die Cherusker an der mittleren Weser gehabt hatten, ging in der
stetigen Fehde mit diesen, ihren stammverwandten suedlichen Nachbarn auf die
letzteren ueber. Alle Kriege zwischen Roemern und Germanen, von denen wir aus
der Zeit nach Arminius' Tod bis auf die beginnende Voelkerverschiebung am Ende
des 3. Jahrhunderts Kunde haben, sind gegen die Chatten gefuehrt worden; so im
Jahre 41 unter Claudius durch den spaeteren Kaiser Galba, im Jahre 50 unter
demselben Kaiser durch den als Dichter gefeierten Publius Pomponius Secundus.
Dies waren die ueblichen Grenzeinfaelle, und an dem grossen Batavischen Kriege
waren die Chatten zwar auch, aber nur nebenbei beteiligt. Aber in dem Feldzug,
den der Kaiser Domitianus im Jahre 83 unternahm, waren die Roemer die
Angreifenden, und dieser Krieg fuehrte zwar nicht zu glaenzenden Siegen, aber
wohl zu einer bedeutenden und folgenreichen Vorschiebung der roemischen Grenze
^13. Damals wird die Grenzlinie so, wie wir sie seitdem gezogen finden, geordnet
und in dieselbe, welche in ihrem noerdlichsten Stueck sich nicht weit vom Rhein
entfernte, hier ein grosser Teil des Taunus und das Maingebiet bis oberhalb
Friedberg hineingezogen worden sein. Die Usiper, die nach ihrer schon
berichteten Vertreibung aus dem Lippegebiet um die Zeit Vespasians in der Naehe
von Mainz auftreten und oestlich von den Mattiakern an der Kinzig oder im
Fuldischen neue Sitze gefunden haben moegen, sind damals zum Reiche gezogen
worden, und zugleich mit ihnen eine Anzahl kleinerer, von den Chatten
abgesprengter Voelkerschaften. Als dann im Jahre 88 unter dem Statthalter Lucius
Antonius Saturninus das obergermanische Heer gegen Domitian sich erhob, haette
fast der Krieg sich erneuert; die abgefallenen Truppen machten gemeinschaftliche
Sache mit den Chatten ^14 und nur die Unterbrechung der Kommunikationen, indem
das Eis auf dem Rhein aufging, machte den treu gebliebenen Regimentern moeglich,
mit den abgefallenen fertigzuwerden, bevor der gefaehrliche Zuzug eintraf. Es
wird berichtet, dass die roemische Herrschaft von Mainz landeinwaerts 80 Leugen
weit, also noch ueber Fulda hinaus, sich erstreckt hat ^15; und diese Nachricht
erscheint glaubwuerdig, wenn dabei in Betracht gezogen wird, dass die
militaerische Grenzlinie, die allerdings nicht weit ueber Friedberg
hinausgegangen zu sein scheint, sich wohl auch hier innerhalb der Gebietsgrenze
hielt.
^13 Die Berichte ueber diesen Krieg sind verloren gegangen; Zeit und Ort
lassen sich bestimmen. Da die Muenzen dem Domitian den Titel Germanicus seit dem
Anfang des Jahres 84 geben (Eckhel, Bd. 6, S. 378, 397), so faellt der Feldzug
in das Jahr 83. Dazu stimmt die in eben dieses Jahr fallende Aushebung der
Usiper und ihr verzweifelter Fluchtversuch (Tac. Agr. 28; vgl. Matt. 6, 60). Es
war ein Angriffskrieg (Suet. Dom. 6: expeditio sponte suscepta; Zon. 11, 19: le
plt/e/as tina t/o/n peran R/e/noy t/o/n espond/o/n}). Die Verlegung der
Postenlinie bezeugt Frontmus, der den Krieg mitgemacht hat (strat. 2, 11, 7):
cum in finibus Cubiorum (Name unbekannt und wohl verdorben) castella poneret und
(strat. 1, 3, 10): limitibus per CXX m. p. actis, was hier mit den
militaerischen Operationen in unmittelbare Verbindung gebracht wird, daher auch
von dem Chattenkrieg selbst nicht getrennt und nicht auf die laengst in
roemischer Gewalt stehenden agri decumates bezogen werden darf. Auch ist das
Mass von 177 Kilometern wohl denkbar fuer die Militaerlinie, die Domitian am
Taunus angelegt hat (nach v. Cohausens Ansetzungen - Der roemische Grenzwall in
Deutschland. Wiesbaden 1884, S. 8 - stellt sich der spaetere Limes vom Rhein um
den Taunus herum bis zum Main auf 237« Kilometer), aber viel zu klein, um auf
die Verbindungslinie von da bis Regensburg bezogen werden zu koennen.
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^14 Die Germanen (Suet. Dom. 6) koennen nur die Chatten und deren fruehere
Verbuendete sein, vielleicht zunaechst eben die Usiper und ihre
Schicksalsgenossen. Ausgebrochen ist der Aufstand in Mainz, das allein ein
Doppellager zweier Legionen war. Saturninus wurde von Raetien aus angegriffen
durch die Truppen des L. Appius Maximus Korbanus. Denn anders kann das Epigramm
Martials 9, 84 um so weniger gefasst werden, als sein Besiegen senatorischen
Standes wie er war, ein regulaeres Kommando in Raetien und Vindelicien nicht
verwalten und nur durch einen Kriegsfall in diese Landschaft gefuehrt werden
konnte, wie denn auch die sacrilegi furores deutlich auf den Aufstand weisen.
Die Ziegel desselben Appius, die in den Provinzen Obergermanien und Aquitanien
sich gefunden haben, berechtigen nicht, ihn zum Legaten der Lugdunensis zu
machen, wie Asbach (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift 3, 1884, S.
9) vorschlaegt, sondern muessen auf die Epoche nach der Ueberwindung des
Antonius bezogen werden (Heymes 19, 1884, S. 438). Wo die Schlacht geliefert
ward, bleibt zweifelhaft; am naechsten liegt die Gegend von Vindonissa, bis
wohin Saturninus dem Norbanus entgegen gegangen sein kann. Waere Norbanus erst
bei Mainz auf die Aufstaendischen gestossen, was an sich auch denkbar erscheint,
so hatten diese den Rheinuebergang in der Gewalt und konnte der Zuzug der
Germanen durch das Aufgehen des Rheines nicht verhindert werden.
^15 Die abgerissene Notiz findet sich hinter dem Veroneser
Provinzialverzeichnis (Notitia dignitatum, ed. Seeck, p. 253): nomina civitatum
trans Renum fluvium quae sunt: Usiphorum (schr. Usiporum) - Tuvanium (schr.
Tubantum) - Nictrensium - Novarii - Casuariorum: istae omnes civitates trans
Renum in formulam Belgicae primae redactae trans castellum .Montiacese: nam LXXX
leugas trans Renum Romani possederunt. Istae civitates sub Gallieno imperatore a
barbaris occupatae sunt. Dass die Usiper spaeter in dieser Gegend gewohnt haben,
bestaetigt Tacitus (hist. 4, 37; Germ. 32); dass sie im Jahre 83 zum Reich
gehoert haben, vielleicht aber erst kurz vorher unterworfen waren, geht aus der
Erzaehlung Agr. 28 hervor. Die Tubanten und Chasuarier stellt Ptolemaeos (geogr.
2, 11, 11) in die Naehe der Chatten; dass sie das Schicksal der Usiper teilten,
ist demnach wahrscheinlich. Eine sichere Identifikation der anderen beiden
verdorbenen Namen ist bisher nicht gefunden; vielleicht standen die Tencterer
hier oder einige der kleinen, nur bei Ptolemaeos (geogr. 2, 11, 6) mit diesen
genannten Staemme. Die Notiz nannte in ihrer urspruenglichen Form die Belgica
schlechthin, da die Provinz erst durch Diocletian geteilt worden ist, und diese
insofern mit Recht, als die beiden Germanien geographisch zu Belgica gehoerten.
Das angegebene Mass fuehrt, wenn man das Kinzigtal nach Nordosten verfolgt,
ueber Fulda hinaus nahezu bis Hersfeld. Auch Inschriftenfunde reichen hier
oestlich weit ueber den Rhein hinaus, bis in die Wetterau; Friedberg und
Butzbach waren stark belegte Militaerpositionen; in Altenstadt zwischen
Friedberg und Buedingen ist eine auf Grenzschutz deutende (collegium iuventutis)
Inschrift vom Jahre 242 (CIRh 1410) gefunden worden.
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Aber nicht bloss das untere Maintal vorwaerts Mainz ist in die
militaerische Grenzlinie hineingezogen worden; auch im suedwestlichen
Deutschland wurde die Grenze noch in groesserem Massstab vorgeschoben. Das
Neckargebiet, einst von den keltischen Helvetiern eingenommen, dann lange Zeit
streitiges Grenzland zwischen diesen und den vordringenden Germanen und darum
das helvetische Oedland genannt, spaeterhin vielleicht teilweise von den
Markomannen besetzt, bevor diese nach Boehmen zurueckwichen, kam bei der
Regulierung der germanischen Grenzen nach der Varusschlacht in die gleiche
Verfassung wie der groesste Teil des rechten unterrheinischen Ufers. Es wird
auch hier schon damals eine Grenzlinie bezeichnet worden sein, innerhalb deren
germanische Ansiedlungen nicht geduldet wurden. Wie auf nicht eingedeichter
Marsch liessen dann einzelne, meist gallische Einwanderer, die nicht viel zu
verlieren hatten, in diesen fruchtbaren, aber wenig geschuetzten Strichen, dem
damals sogenannten Dekumatenland sich nieder ^16. Dieser vermutlich von der
Regierung nur geduldeten privaten Okkupation folgte die foermliche Besetzung
wahrscheinlich unter Vespasian. Da schon um das Jahr 74 von Strassburg aus eine
Chaussee auf das rechte Rheinufer wenigstens bis nach Offenburg gefuehrt worden
ist ^17, so wird um diese Zeit in diesem Gebiet ein ernstlicherer Grenzschutz
eingerichtet worden sein, als ihn das blosse Verbot germanischer Siedelung
gewaehrte. Was der Vater begonnen hatte, fuehrten die Soehne durch. Vielleicht
ist sogar, sei es von Vespasian, sei es von Titus oder Domitian, durch die
Anlegung der "Flavischen Altaere" ^18 an der Neckarquelle bei dem heutigen
Rottweil, von welcher Ansiedlung wir freilich nichts als den Namen kennen, fuer
das rechtsrheinische neue Obergermanien ein aehnlicher Mittelpunkt geschaffen
worden, wie es frueher der ubische Altar fuer Grossgermanien hatte werden sollen
und bald nachher fuer das neu eroberte Dakien der Altar von Sarmizegetusa wurde.
Die erste Einrichtung der weiterhin zu schildernden Grenzwehr, durch welche das
Neckartal in die roemische Linie hineingezogen wurde, ist also das Werk der
Flavier, hauptsaechlich wohl Domitians ^19, welcher damit die Anlage am Taunus
weiterfuehrte. Die rechtsrheinische Militaerstrasse von Mogontiacum ueber
Heidelberg und Baden in der Richtung auf Offenburg, die notwendige Konsequenz
dieser Einziehung des Neckargebiets, ist, wie wir jetzt wissen ^20, im Jahre 100
von Traian angelegt und ein Teil der von demselben Kaiser hergestellten
direkteren Verbindung Galliens mit der Donaulinie. Die Soldaten sind bei diesen
Werken taetig gewesen, aber schwerlich die Waffen; germanische Voelkerschaften
wohnten im Neckargebiet nicht, und noch weniger kann der schmale Streifen am
linken Ufer der Donau, welcher dadurch mit in die Grenzlinie gezogen ward,
ernstliche Kaempfe gekostet haben. Das naechste namhafte germanische Volk
daselbst, die Hermunduren, waren den Roemern freundlich gesinnt wie kein anderes
und fuehrten in der Vindelikerstadt Augusta mit ihnen lebhaften Handelsverkehr;
dass bei ihnen diese Vorschiebung keinen Widerstand gefunden hat, davon werden
wir weiterhin die Spuren finden. Unter den folgenden Regierungen, des Hadrian,
des Pius, des Marcus, ist dann an diesen militaerischen Einrichtungen
weitergebaut worden.
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^16 Was die nur bei Tacitus (Germ. 29) vorkommende Benennung agri decumates
denn mit agri wird das letztere Wort doch zu verbinden sein) bedeutet, ist
ungewiss; moeglich ist es, dass das in der frueheren Kaiserzeit gewiss als
Eigentum des Staats oder vielmehr des Kaisers betrachtete Gebiet, wie der alte
ager occupatorius der Republik, von dem zuerst Besitz Ergreifenden gegen Abgabe
des Zehnten benutzt werden konnte; aber weder ist es sprachlich erwiesen, dass
decumas "zehntpflichtig" heissen kann, noch kennen wir derartige Einrichtungen
der Kaiserzeit. Uebrigens sollte man nicht uebersehen, dass die Schilderung des
Tacitus sich auf die Zeit vor der Einrichtung der Neckarlinie bezieht; auf die
spaetere passt sie so wenig wie die zwar nicht klare, aber doch sicher mit dem
frueheren Rechtsverhaeltnis zusammenhaengende Benennung.
^17 Dies hat Zangemeister (a. a.O., S. 246) erwiesen.
^18 Dass hier mehrere Altaere dediziert wurden, waehrend sonst bei diesen
Zentralheiligtuemern nur einer genannt wird, erklaert sich vielleicht durch das
Zuruecktreten des Romakults neben dem der Kaiser. Wenn gleich zu Anfang mehrere
Altaere errichtet wurden, was wahrscheinlich ist, so hat einer der Soehne sowohl
dem oder den verstorbenen flavischen Kaisern wie auch seinem eigenen Genius
Altaere setzen lassen.
^19 Dass die Verlegung stattfand, kurz bevor Tacitus im Jahre 98 die
'Germania' schrieb, sagt er, und dass Domitian der Urheber ist, folgt auch
daraus, dass er den Urheber nicht nennt.
^20 Auch dies hat Karl Zangemeister (a.a.O., S. 237f.) urkundlich
festgestellt.
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Den Grenzschutz zwischen Rhein und Donau, wie er zum grossen Teil in seinen
Fundamenten noch heute besteht, vermoegen wir nicht in seiner
Entstehungsgeschichte zu verfolgen, wohl aber zu erkennen nicht bloss, wie er
lief, sondern auch, wozu er diente. Die Anlage ist nach Art und Zweck eine
andere in Obergermanien und eine andere in Raetien. Der obergermanische
Grenzschutz, in der Gesamtlaenge von etwa 250 roemischen Milien (368 Kilometer)
^21, beginnt unmittelbar an der Nordgrenze der Provinz, umfasst, wie schon
gesagt ward, den Taunus und die Mainebene bis in die Gegend von Friedberg und
wendet sich von da suedwaerts dem Main zu, auf welchen er bei Grosskrotzenburg,
oberhalb Hanau, trifft. Dem Main von da bis Woerth folgend, schlaegt er hier die
Richtung nach dem Neckar ein, den er etwas unterhalb Wimpfen erreicht und nicht
wieder verlaesst. Spaeter ist der suedlichen Haelfte dieser Grenzlinie eine
zweite vorgelegt worden, die dem Main ueber Woerth hinaus bis nach Miltenberg
folgt und von da, zum groesseren Teil in schnurgerader Richtung, auf Lorch,
zwischen Stuttgart und Aalen, gefuehrt ist. Hier schliesst an den
obergermanischen der raetische Grenzschutz an von nur 120 Milien (174 Kilometer)
Laenge; er verlaesst die Donau bei Kelheim, oberhalb Regensburg, und laeuft von
da, zweimal die Altmuehl ueberschreitend, im Bogen nach Westen zu, ebenfalls bis
Lorch.
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^21 Dies Mass gilt fuer die Kastellinie von Rheinbrohl bis Lorch (v.
Cohausen, Der roemische Grenzwall, S. 7f.). Fuer den Erdwall kommt die
Mainstrecke von Miltenberg bis Grosskrotzenburg von etwa 30 roemischen Milien in
Abzug. Bei der aelteren Neckarlinie ist der Erdwall betraechtlich kuerzer, da
statt desjenigen von Miltenberg bis Lorch hier der viel kuerzere des Odenwaldes
von Woerth bis Wimpfen ein tritt.
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Der obergermanische Limes besteht aus einer Reihe von Kastellen, die
hoechstens einen halben Tagemarsch (15 Kilometer) voneinander entfernt sind. Wo
die Verbindungslinien zwischen den Kastellen nicht durch den Main oder den
Neckar, wie angegeben, gesperrt sind, ist eine kuenstliche Sperrung angebracht,
anfangs vielleicht bloss durch Verhaue ^22, spaeterhin durch einen fortlaufenden
Wall von maessiger Hoehe mit aussen vorgelegtem Graben und in kurzen
Entfernungen auf der inneren Seite eingebauten Wachttuermen. ^23 Die Kastelle
sind in den Wall nicht eingezogen, aber unmittelbar hinter ihm angelegt, nicht
leicht ueber einen halben Kilometer von ihm entfernt.
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^22 Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Angabe, dass Hadrian die
Reichsgrenzstrassen durch Verhaue gegen die Barbaren sperrte, mit und vielleicht
zunaechst auf die obergermanische sich bezieht, so ist der Wall, dessen Reste
vorhanden sind, sein Werk nicht; mag dieser Pallisaden getragen haben oder
nicht, kein Bericht wuerde diese erwaehnen und den Wallbau uebergehen. Dass
Hadrian die Grenzverteidigung im ganzen Reiche revidierte, sagt Dio 69, 9.
Die Benennung des Pfahls oder Pfahlgrabens kann nicht roemisch sein;
roemisch heissen die Pfaehle, welche, in den Lagerwall eingerammt, auf demselben
eine Pallisadenkette bilden, nicht pali, sondern valli oder sudes, ebenso der
Wall selbst nie anders als vallum. Wenn die, wie es scheint, auf der ganzen
Linie bei den Germanen dafuer von jeher uebliche Bezeichnung wirklich von den
Pallisaden entlehnt ist, so muss sie germanischen Ursprungs sein und kann nur
aus der Zeit herstammen, wo dieser Wall ihnen in seiner Integritaet und seiner
Bedeutung vor Augen stand. Ob die "Gegend" Palas, die Ammian (18, 2, 15)
erwaehnt, damit zusammenhaengt, ist zweifelhaft.
^23 In einem solchen, kuerzlich zwischen den Kastellen von Schlossau und
Hesselbach, 1700 Meter von dem ersteren, vier bis fuenf Kilometer von dem
letzteren, aufgedeckten hat sich eine Weihinschrift (Korrespondenzblatt der
Westdeutschen Zeitschrift, 1. Juli 1884) gefunden, welche die Truppe, die ihn
erbaut hat, ein Detachement der 1. Kohorte der Sequaner und Rauriker unter
Kommando eines Centurionen der 22. Legion, gesetzt hat als Danksagung ob burgum
explic(itum). Diese Tuerme also waren burgi.
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Der raetische Grenzschutz ist eine blosse, durch Aufschuettung von
Bruchsteinen bewirkte Sperrung; Graben und Wachttuerme fehlen und die hinter dem
Limes ohne regelrechte Folge und in ungleichen Abstaenden (keines naeher als 4
bis 5 Kilometer) angelegten Kastelle stehen mit der Sperrlinie in keiner
unmittelbaren Verbindung. Ueber die zeitliche Folge der Anlagen fehlen bestimmte
Zeugnisse; erwiesen ist, dass die obergermanische Neckarlinie unter Pius ^24,
die ihr vorgelegte von Miltenberg nach Lorch unter Marcus ^25 bestand.
Gemeinschaftlich ist beiden sonst so verschiedenen Anlagen die Grenzsperrung;
dass in dem einen Fall die Erdaufschuettung vorgezogen ist, durch welche der
Graben sich meistens von selber ergab, in dem andern die Steinschichtung, beruht
wahrscheinlich nur auf der Verschiedenartigkeit des Bodens und des Baumaterials.
Gemeinschaftlich ist ihnen ferner, dass weder die eine noch die andere angelegt
ist zur Gesamtverteidigung der Grenze. Nicht bloss ist das Hindernis, welches
die Erd- oder Steinschuettung dem Angreifer entgegenstellt, an sich
geringfuegig, sondern es begegnen auf der Linie ueberall ueberhoehende
Stellungen, hinterliegende Suempfe, Verzicht auf den Ausblick in das Vorland und
aehnliche deutliche Spuren davon, dass bei deren Trassierung an Kriegszwecke
ueberhaupt nicht gedacht ist. Die Kastelle sind natuerlich jedes fuer sich zur
Verteidigung eingerichtet, aber sie sind nicht durch chaussierte Querstrassen
verbunden; also stuetzte die einzelne Besatzung sich nicht auf die der
benachbarten Kastelle, sondern auf den Rueckhalt, zu welchem die Strasse
fuehrte, welche eine jede besetzt hielt. Es waren ferner diese Besatzungen nicht
eingefuegt in ein militaerisches System der Grenzverteidigung, mehr befestigte
Stellungen fuer den Notfall als strategisch gewaehlte fuer die Okkupation des
Gebiets, wie denn auch schon die Ausdehnung der Linie selbst, verglichen mit der
disponiblen Truppenzahl, die Moeglichkeit einer Gesamtverteidigung ausschliesst.
^26 Also haben diese ausgedehnten militaerischen Anlagen nicht den Zweck gehabt,
wie der Britannische Wall, dem Feinde den Einbruch zu wehren. Es sollten
vielmehr, wie an den Flussgrenzen die Bruecken, so an den Landgrenzen die
Strassen durch die Kastelle beherrscht werden, im uebrigen aber, wie an den
Wassergrenzen der Fluss, so an den Landgrenzen der Wall die nicht kontrollierte
Ueberschreitung der Grenzen hindern. Anderweitige Benutzung mochte sich damit
verbinden; die oft hervortretende Bevorzugung der geradlinigen Richtung deutet
auf Verwendung fuer Signale, und gelegentlich mag die Anlage auch geradezu fuer
Kriegszwecke benutzt worden sein. Aber der eigentliche und naechste Zweck der
Anlage war die Verhinderung der Grenzueberschreitung. Dass dabei nicht an der
raetischen, wohl aber an der obergermanischen Grenze Wachtposten und Forts
eingerichtet worden sind, erklaert sich aus dem verschiedenen Verhaeltnis zu den
Nachbarn, dort den Hermunduren, hier den Chatten. Die Roemer standen in
Obergermanien ihren Nachbarn nicht so gegenueber wie den britannischen
Hochlaendern, gegen die die Provinz sich stets im Belagerungsstand befand; aber
die Abwehr raeuberischer Einbrecher sowie die Erhebung der Grenzzoelle forderten
doch bereite und nahe militaerische Hilfe. Man konnte die obergermanische Armee
und dementsprechend die Besatzungen am Limes allmaehlich reduzieren, aber
entbehrlich ward das roemische Pilum im Neckarlande nie. Wohl aber war es
entbehrlich gegenueber den Hermunduren, welchen in traianischer Zeit allein von
allen Germanen das ueberschreiten der Reichsgrenze ohne besondere Kontrolle und
der freie Verkehr im roemischen Gebiet, namentlich in Augsburg, freistand, und
mit denen, soviel wir wissen, niemals Grenzkollisionen stattgefunden haben. Es
war also fuer diese Zeit zu einer aehnlichen Anlage an der raetischen Grenze
keine Veranlassung; die Kastelle nordwaerts der Donau, welche erweislich bereits
in traianischer Zeit bestandenem ^27, genuegten hier fuer den Schutz der Grenze
und die Kontrolle des Grenzverkehrs. Dem kommt die Wahrnehmung entgegen, dass
der raetische Limes, wie er uns vor Augen steht, allein mit der juengeren,
vielleicht erst unter Marcus angelegten obergermanischen Sperrlinie
korrespondiert. Damals fehlte dazu die Veranlassung nicht. Die Chattenkriege
ergriffen, wie wir sehen werden, in dieser Zeit auch Raetien; auch die
Verstaerkung der Besatzung der Provinz kann fueglich mit der Einrichtung dieses
Limes in Verbindung stehen, welcher, wie wenig er fuer militaerische Zwecke
eingerichtet ist, doch wohl ebenfalls einer wenn auch milderen Grenzsperre wegen
angelegt wurde ^28.
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^24 Das aelteste datierte Zeugnis fuer diese sind zwei Inschriften der
Besatzung von Boeckingen, gegenueber Heilbronn am linken Ufer des Neckar, vom
Jahre 148 (Brambach CIRh, 1583, 1590).
^25 Das aelteste datierte Zeugnis fuer die Existenz dieser Linie ist die
Inschrift von vicus Aurelii (Oehringen) vom Jahre 169 (Brambach CIRh, 1558),
zwar nur privat, aber gewiss nicht gesetzt vor der Anlage dieses zu der Linie
Miltenberg-Lorch gehoerenden Kastells; wenig juenger die von dem ebenfalls dazu
gehoerigen Jagsthausen vom Jahre 179 (CIRh, 1618). Danach duerfte vicus Aurelii
seinen Namen von Marcus fuehren, nicht von Caracalla, wenn auch von diesem
bezeugt ist, dass er manche Kastelle in diesen Gegenden anlegte und nach sich
benannte (Dio 77, 13).
^26 Ueber die Dislokation der obergermanischen Truppen fehlt es zwar an
genuegender Kunde, doch nicht ganz an Anhaltspunkten. Von den beiden
Hauptquartieren in Obergermanien ist das von Strassburg nach der Einrichtung der
Neckarlinie erweislich nur schwach belegt und wahrscheinlich mehr
administratives als militaerisches Zentrum gewesen (Korrespondenzblatt der
Westdeutschen Zeitschrift, 3,1884, S. 132). Dagegen hat die Besatzung von Mainz
immer einen betraechtlichen Teil der Gesamtstaerke in Anspruch genommen, um so
mehr, als dieselbe wahrscheinlich der einzige groessere, geschlossene
Truppenkoerper in ganz Obergermanien war. Die uebrigen Truppen verteilen sich
teils auf den Limes, dessen Kastelle nach v. Cohausens (Der roemische Grenzwall,
S. 335) Schaetzung durchschnittlich acht Kilometer voneinander entfernt, also
insgesamt gegen 50 waren, teils auf die inneren Kastelle, insbesondere an der
Odenwaldlinie von Gundelsheim bis Woerth; dass die letzteren wenigstens zum Teil
auch nach Anlegung des aeusseren Limes besetzt blieben, ist mindestens
wahrscheinlich. Bei der ungleichen Groesse der noch messbaren Kastelle ist es
schwer zu sagen, welche Truppenzahl erforderlich war, um sie verteidigungsfaehig
zu machen. Cohausen (S. 340) rechnet auf ein mittelgrosses Kastell
einschliesslich der Reserve 720 Mann. Da die gewoehnliche Kohorte der Legion wie
der Auxilien 500 Mann zaehlt und die Kastenbauten notwendig auf diese Zahl haben
Ruecksicht nehmen muessen, wird die Besatzung des Kastells fuer den Fall der
Belagerung durchschnittlich mindestens auf diese Zahl angesetzt werden muessen.
Unmoeglich hat nach der Reduktion die obergermanische Armee die Kastelle auch
nur des Limes gleichzeitig in dieser Staerke besetzen koennen. Noch weit weniger
konnte sie, selbst vor der Reduktion, mit ihren 30000 Mann die zwischen den
Kastellen befindlichen Linien auch nur besetzt halten; wenn aber dies nicht
moeglich war, so hatte die gleichzeitige Besetzung auch der saemtlichen Kastelle
in der Tat keinen Zweck. Allem Anschein nach ist wohl jedes Kastell in der Weise
angelegt worden, dass es, gehoerig besetzt, gehalten werden konnte, aber der
Regel nach - und an dieser Grenze war der Friedensstand Regel - war das einzelne
Kastell nicht nach Kriegsfuss, sondern nur insoweit mit Truppen belegt, dass die
Posten in den Wachttuermen ausgesetzt und die Strassen sowie die Schleichwege
unter Aufsicht gehalten werden konnten. Die staendigen Besatzungen der Kastelle
sind vermutlich sehr viel schwaecher gewesen, als gewoehnlich angenommen wird.
Wir besitzen aus dem Altertum ein einziges Verzeichnis einer derartigen
Besatzung; es ist vom Jahre 155 und betrifft das Kastell von Kutlowitza,
noerdlich von Sofia (Eph. epigr. IV, p. 524), wofuer die Armee von Untermoesien,
und zwar die 11. Legion, die Besatzung stellte. Diese Truppe zaehlte damals
ausser dem kommandierenden Centurionen nur 76 Mann.
Die raetische Armee war, wenigstens vor Marcus, noch viel weniger imstande,
ausgedehnte Linien zu besetzen: sie zaehlte damals hoechstens 10000 Mann und
hatte ausser dem raetischen Limes noch die Donaulinie von Regensburg bis Passau
zu belegen.
^27 Dies beweist die bei Weissenburg gefundene Urkunde Traians vom Jahre
107.
^28 Die bisherigen Untersuchungen ueber den raetischen Limes haben die
Bestimmung dieser Anlage noch wenig aufgeklaert; ausgemacht ist nur, dass sie
weniger als die analoge obergermanische auf militaerische Besetzung eingerichtet
war. Eine derartige schwaechere Grenzsperrung kann fueglich schon vor dem
Markomannenkrieg den Hermunduren gegenueber beliebt worden sein; auch schliesst,
was Tacitus ueber deren Verkehr in Augusta Vindelicum berichtet, die damalige
Existenz eines raetischen Limes keineswegs aus. Nur muesste man dann erwarten,
dass er nicht in Lorch endigte, sondern sich an die Neckarlinie anschloss;
einigermassen tut er dies auch, insofern bei Lorch an die Stelle des Limes die
Rems tritt, welche bei Cannstatt in den Neckar einmuendet.
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Militaerisch wie politisch ist die verlegte Grenze oder vielmehr der
verstaerkte Grenzschutz eingreifend und nuetzlich gewesen. Wenn frueher die
roemische Postenkette in Obergermanien und Raetien wahrscheinlich rheinaufwaerts
ueber Strassburg nach Basel und an Vindonissa vorbei an den Bodensee, dann von
da zu der oberen Donau gegangen war, so wurden jetzt das obergermanische
Hauptquartier in Mainz und das raetische in Regensburg und ueberhaupt die beiden
Hauptarmeen des Reiches einander betraechtlich genaehert. Das Legionslager von
Vindonissa (Windfisch bei Zuerich) wurde dadurch ueberfluessig. Das
oberrheinische Heer konnte, wie das benachbarte, nach einiger Zeit auf die
Haelfte seines frueheren Bestandes herabgesetzt werden. Die anfaengliche Zahl
von vier Legionen, welche waehrend des batavischen Krieges nur zufaellig auf
drei vermindert war, bestand allerdings wahrscheinlich noch unter Traian ^29;
unter Marcus aber war die Provinz nur mit zwei Legionen besetzt, der achten und
der zweiundzwanzigsten, von denen die erste in Strassburg stand, die zweite in
dem Hauptquartier Mainz, waehrend die meisten Truppen, in kleinere Posten
aufgeloest, an dem Grenzwall lagerten. Innerhalb der neuen Linie bluehte das
staedtische Leben auf fast wie links vom Rheinland: Sumelocenna (Rottenburg am
Neckar), Aquae (civitas Aurelia Aquensis, Baden), Lopodunum (Ladenburg) hatten,
wenn man von Koeln und Trier absieht, in roemisch-staedtischer Entwicklung den
Vergleich mit keiner Stadt der Belgica zu scheuen. Das Emporkommen dieser
Ansiedlungen ist hauptsaechlich das Werk Traians, welcher sein Regiment mit
dieser Friedenstat eroeffnete ^30; "den auf beiden Ufern roemischen Rhein" fleht
ein roemischer Dichter an, den noch nicht gesehenen Herrscher ihnen bald
zuzusenden. Die grosse und fruchtbare Landschaft, die auf diese Weise unter den
Schutz der Legionen gestellt ward, war dieses Schutzes beduerftig, aber auch
wert gewesen. Wohl bezeichnet die Varusschlacht die beginnende Ebbe der
roemischen Macht, aber nur insofern, als das Vorschreiten damit ein Ende hat und
die Roemer seitdem sich im allgemeinen begnuegten, das damals Festgehaltene
staerker und dauernder zu schirmen.
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^29 Von den sieben Legionen, die bei Neros Tode in den beiden Germanien
standen, loeste Vespasian fuenf auf; es blieben die 21. und die 22., wozu dann
die zur Niederwerfung des Aufstandes eingerueckten sieben oder acht Legionen,
die 1. adiutrix, 2. adiutrix, 6. victrix, 8., 10. gemina, 11., 13. (?) und 14.
hinzutraten. Von diesen ist nach Beendigung des Krieges die 1. adiutrix
wahrscheinlich nach Spanien, die 2. adiutrix wahrscheinlich nach Britannien, die
13. gemina (wenn diese ueberhaupt nach Germanien kam) nach Pannonien gesandt
worden; die anderen sieben blieben, und zwar in der unteren Provinz die 6., 10.,
21. und 22., in der oberen die 8., 11, und 14. Zu den letzteren trat
wahrscheinlich im Jahre 88 die aus Spanien abermals nach Obergermanien gesandte
1. adiutrix hinzu. Dass unter Traian die 1. adiutrix und die 11. in
Obergermanien standen beweist die Inschrift von Baden-Baden, Brambach 1666. Die
8. und die 14. sind erwiesenermassen beide mit Cerialis nach Germanien gekommen
und haben beide laengere Zeit daselbst garnisoniert.
^30 Traianus ward von Nerva im Jahre 96 oder 97 als Legat nach Germanien
gesandt, wahrscheinlich dem oberen, da dem unteren damals Vestricius Spurinna
vorgestanden zu haben scheint. Hier im Oktober des Jahres 97 zum Mitregenten
ernannt, erhielt er die Nachricht von Nervas Tode und seiner Ernennung zum
Augustus im Februar 98 in Koeln. Den Winter und den folgenden Sommer mag er dort
geblieben sein; im Winter 98/99 war er an der Donau. Die Worte des Eutropius (8,
2): urbes trans Rhenum in Germania reparavit (woraus die oft gemissbrauchte
Notiz bei Orosius, hist. 7, 12, 2, abgeschrieben ist), welche nur auf die obere
Provinz bezogen werden koennen, aber natuerlich nicht dem Legaten, sondern dem
Caesar oder dem Augustur gelten, erhalten eine Bestaetigung durch die civitas
Ulpia s(altus?) N(icerini?) Lopodunum der Inschriften. Die "Wiederherstellung"
duerfte im Gegensatz stehen nicht zu den Einrichtungen Domitians, sondern zu den
ungeordneten Anfaengen staedtischer Anlagen im Decumatenland vor der Verlegung
der Militaergrenze. Auf kriegerische Vorgaenge unter Traian fuehrt keine Spur;
dass er ein castellum in Alamannorum solo, nach dem Zusammenhang am Main unweit
Mainz, anlegte und nach seinem Namen nannte (Amm. 17, 1, 11), beweist dafuer
ebenso wenig, wie dass ein spaeter Dichter (Sidon. carm. 7, 115), Altes und
Neues vermengend, Agrippina unter ihm den Schrecken der Sugambrer, das heisst in
seinem Sinn der Franken nennt.
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Bis in den Anfang des 3. Jahrhunderts zeigt die roemische Macht am Rhein
keine Spuren des Schwankens. Waehrend des Markomannenkrieges unter Marcus blieb
in der unteren Provinz alles ruhig. Wenn ein Legat der Belgica damals den
Landsturm gegen die Chauker aufbieten musste, so ist dies vermutlich ein
Piratenzug gewesen, wie sie die Nordkueste oftmals, in dieser Zeit ebenso wie
frueher und spaeter, heimgesucht haben. An die Donauquellen und selbst bis in
das Rheingebiet reichte der Wellenschlag der grossen Voelkerbewegung; aber die
Fundamente erschuetterte er hier nicht. Die Chatten, das einzige bedeutende
germanische Volk an der obergermanisch-raetischen Grenzwacht, brachen in beiden
Richtungen vor und sind wahrscheinlich damals selbst unter den in Italien
einfallenden Germanen gewesen, wie dies weiterhin bei der Darstellung dieses
Krieges gezeigt werden soll. Auf jeden Fall kann die von Marcus damals verfuegte
Verstaerkung der raetischen Armee und ihre Umwandlung in ein Kommando erster
Klasse mit Legion und Legaten nur erfolgt sein, um den Angriffen der Chatten zu
steuern, und beweist, dass man sie auch fuer die Zukunft nicht leicht nahm. Die
schon erwaehnte Verstaerkung der Grenzverteidigung wird damit ebenfalls in
Verbindung stehen. Fuer das naechste Menschenalter muessen diese Massregeln
ausgereicht haben.
Unter Antoninus, dem Sohn des Severus, brach (213) abermals in Raetien ein
neuer und schwererer Krieg aus. Auch dieser ist gegen die Chatten gefuehrt
worden; aber neben ihnen wird ein zweites Volk genannt, das hier zum erstenmal
begegnet, das der Alamannen. Woher sie kamen, wissen wir nicht. Einem wenig
spaeter schreibenden Roemer zufolge war es zusammengelaufenes Mischvolk; auf
einen Gemeindebund scheint auch die Benennung hinzuweisen sowie, dass spaeter
noch die verschiedenen, unter diesem Namen zusammengefassten Staemme mehr als
bei den sonstigen grossen germanischen Voelkern in ihrer Besonderheit
hervortreten, und die Juthungen, die Lentienser und andere Alamannenvoelker
nicht selten selbstaendig handeln. Aber dass es nicht die Germanen dieser Gegend
sind, welche unter dem neuen Namen verbuendet und durch den Bund verstaerkt hier
auftreten, zeigt sowohl die Nennung der Alamannen neben den Chatten wie die
Meldung von der ungewohnten Geschicklichkeit der Alamannen im Reitergefecht.
Vielmehr sind es der Hauptsache nach sicher aus dem Osten nachrueckende Scharen
gewesen, die dem fast erloschenen Widerstand der Germanen am Rhein neue Kraft
verliehen haben; es ist nicht unwahrscheinlich, dass die in frueherer Zeit an
der mittleren Elbe hausenden maechtigen Semnonen, deren seit dem Ende des 2.
Jahrhunderts nicht wieder gedacht wird, zu den Alamannen ein starkes Kontingent
gestellt haben. Das stetig sich steigernde Missregiment im Roemischen Reich hat
natuerlich auch, wenngleich nur in zweiter Reihe, zu der Machtverschiebung
seinen Teil beigetragen. Der Kaiser zog persoenlich gegen die neuen Feinde ins
Feld; im August des Jahres 213 ueberschritt er die roemische Grenze und ein Sieg
ueber sie am Main wurde erfochten oder wenigstens gefeiert; es wurden noch
Kastelle angelegt; die Voelkerschaften von der Elbe und der Nordsee beschickten
den roemischen Herrscher und verwunderten sich, wenn er sie in ihrer eigenen
Tracht empfing, in silberbeschlagener Jacke und Haar und Bart nach deutscher Art
gefaerbt und geordnet. Aber von da an hoeren die Kriege am Rhein nicht auf, und
die Angreifer sind die Germanen; die sonst so fuegsamen Nachbarn waren wie
ausgetauscht. Zwanzig Jahre spaeter wurden an der Donau wie am Rhein die
Einfaelle der Barbaren so stetig und so ernsthaft, dass Kaiser Alexander
deswegen den weniger unmittelbar gefaehrlichen Persischen Krieg abbrechen und
sich persoenlich in das Lager von Mainz begeben masste, nicht so sehr, um das
Gebiet zu verteidigen, als um von den Deutschen den Frieden durch hohe
Geldsummen zu erkaufen. Die Erbitterung der Soldaten darueber fuehrte zu seiner
Ermordung (235) und damit zu dem Untergang der Severischen Dynastie, der
letzten, die es bis auf die Regeneration des Staats ueberhaupt gegeben hat. Sein
Nachfolger Maximinus, ein roher, aber tapferer, vom gemeinen Soldaten
aufgedienter Thraker, machte das feige Verhalten seines Vorgaengers wieder gut
durch einen nachdruecklichen Feldzug tief in Germanien hinein. Noch wagten die
Barbaren nicht, einem starken und wohlgefuehrten Roemerheere die Spitze zu
bieten; sie wichen in ihre Waelder und Suempfe, und auch dahin ihnen folgend,
focht im Handgemenge der tapfere Kaiser allen voran. Von diesen Kaempfen, die
ohne Zweifel von Mainz aus zunaechst gegen die Alamannen sich richteten, durfte
er mit Recht sich Germanicus nennen; und auch fuer die Zukunft hat die
Expedition vom Jahre 236, auf lange hinaus der letzte grosse Sieg, den die
Roemer am Rhein gewannen, wohl einiges gefruchtet. Obwohl die stetigen und
blutigen Thronwechsel und die schweren Katastrophen im Osten und an der Donau
die Roemer nicht zu Atem kommen liessen, ist doch durch die naechsten zwanzig
Jahre am Rhein wenn nicht eigentlich die Ruhe erhalten worden, doch eine
groessere Katastrophe nicht eingetreten. Es scheint sogar damals eine der
obergermanischen Legionen nach Afrika geschickt worden zu sein, ohne dass dafuer
Ersatz kam, also Obergermanien als wohl gesichert gegolten zu haben. Aber als im
Jahre 253 wieder einmal die verschiedenen Feldherren Roms um die Kaiserwuerde
untereinander schlugen und die Rheinlegionen nach Italien marschierten, um ihren
Kaiser Valerianus gegen den Aemilianus der Donauarmee durchzufechten, scheint
dies das Signal gewesen zu sein ^31 fuer das Vorbrechen der Germanen namentlich
auch gegen den Unterrhein ^32. Diese Germanen sind die hier zuerst auftretenden
Franken, allerdings vielleicht nur dem Namen nach neue Gegner; denn obwohl die
schon im spaeteren Altertum begegnende Identifikation derselben mit frueher am
Unterrhein genannten Voelkerschaften, teils den neben den Bructerern sitzenden
Chamavern, teils den frueher genannten, den Roemern untertaenigen Sugambrern,
unsicher und mindestens unzulaenglich ist, so hat es hier groessere
Wahrscheinlichkeit als bei den Alamannen, dass die bisher von Rom abhaengigen
Germanen am rechten Rheinufer und die frueher vom Rhein abgedraengten
germanischen Staemme damals unter dem Gesamtnamen der "Freien" gemeinschaftlich
die Offensive gegen die Roemer ergriffen haben. Solange Gallienus selbst am
Rhein blieb, hielt er, trotz der geringen, ihm zur Verfuegung stehenden
Streitkraefte, die Gegner einigermassen im Zaum, verhinderte sie am
Ueberschreiten des Flusses oder schlug die Eingedrungenen wieder hinaus, raeumte
auch wohl einem der germanischen Fuehrer einen Teil des begehrten Ufergebietes
ein unter der Bedingung, die roemische Herrschaft anzuerkennen und seinen Besitz
gegen seine Landsleute zu verteidigen, was freilich schon fast auf eine
Kapitulation hinauskam. Aber als der Kaiser, abgerufen durch die noch
gefaehrlichere Lage der Dinge an der Donau, sich dorthin begab und in Gallien
als Repraesentanten seinen noch im Knabenalter stehenden aelteren Sohn
zurueckliess, liess einer der Offiziere, denen er die Verteidigung der Grenze
und die Hut seines Sohnes anvertraut hatte, Marcus Cassianius Latinius Postumus
^33, sich von seinen Leuten zum Kaiser ausrufen und belagerte in Koeln den
Hueter des Kaisersohnes Silvanus. Es gelang ihm, die Stadt einzunehmen und
seinen frueheren Kollegen sowie den kaiserlichen Knaben in seine Gewalt zu
bekommen, worauf er beide hinrichten liess. Aber waehrend dieser Wirren brachen
die Franken ueber den Rhein und ueberschwemmten nicht bloss ganz Gallien,
sondern drangen auch in Spanien ein, ja pluenderten selbst die afrikanische
Kueste. Bald nachher, nachdem Valerians Gefangennahme durch die Perser das Mass
des Unheils voll gemacht hatte, ging in der oberrheinischen Provinz alles
roemische Land auf dem linken Rheinufer verloren, ohne Zweifel an die Alamannen,
deren Einbruch in Italien in den letzten Jahren des Gallienus diesen Verlust
notwendig voraussetzt. Dieser ist der letzte Kaiser, dessen Name auf
rechtsrheinischen Denkmaelern gefunden wird. Seine Muenzen feiern ihn wegen
fuenf grosser Siege ueber die Germanen, und nicht minder sind die seines
Nachfolgers in der gallischen Herrschaft, des Postumus, voll des Preises der
deutschen Siege des Retters von Gallien. Gallienus hatte in seinen frueheren
Jahren nicht ohne Energie den Kampf am Rhein aufgenommen, und Postumus war sogar
ein vorzueglicher Offizier und waere gern auch ein guter Regent gewesen. Aber
bei der Meisterlosigkeit, welche damals in dem roemischen Staat oder vielmehr in
der roemischen Armee waltete, nuetzte Talent und Tuechtigkeit des Einzelnen
weder ihm noch dem Gemeinwesen. Eine Reihe bluehender roemischer Staedte wurde
damals von den einfallenden Barbaren oedegelegt, und das rechte Rheinufer ging
den Roemern auf immer verloren.
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^31 Nicht bloss der ursaechliche Zusammenhang, sondern selbst die zeitliche
Folge dieser wichtigen Vorgaenge liegen im unklaren. Der relativ beste Bericht
bei Zosimus (hist. 1, 29) bezeichnet den germanischen Krieg als die Ursache,
weshalb Valerianus gleich bei seiner Thronbesteigung 253 seinen Sohn zum
Mitherrscher gleichen Rechts gemacht habe; und den Titel Germanicus maximus
fuehrt Valerian schon im Jahre 256 (CIL VIII, 2380; ebenso 259 CIL XI, 826),
vielleicht sogar, wenn der Muenze Cohen n. 54 zu trauen ist, den Titel
Germanicus maximus ter.
^32 Dass die Germanen, gegen die Gallienus zu streiten hatte, wenigstens
hauptsaechlich am Unterrhein zu suchen sind, zeigt die Residenz seines Sohnes in
Agrippina, wo er doch nur als nomineller Repraesentant des Vaters
zurueckgeblieben sein kann. Auch der Biograph (c. 8) nennt die Franken.
^33 Von dem Grade der Geschichtsfaelschung, welche in einem Teil der
Kaiserbiographien herrscht, macht man sich schwer eine Vorstellung; es wird
nicht unnuetz sein, hier an dem Bericht ueber Postumus dies beispielsweise zu
zeigen. Er heisst hier (freilich in einer Einlage) Iulius Postumus (tyr. 6), auf
den Muenzen und Inschriften al. Cassianius Latinius Postumus, im epitomierten
Victor 32 Cassius Labienus Postemus.
Er regiert sieben Jahre (Gall. 4; tyr. 3 und 5); Muenzen nennen seine tr.
p. X, und zehn Jahre gibt ihm Eutropius (9, 10).
Sein Gegner heisst Lollianus, nach den Muenzen Ulpius Cornelias Laelianus,
Laelianus bei Eutropius (9, 9; nach der einen Handschriftenklasse, waehrend die
andere der Interpolation der Biographen folgt) und bei Victor (c. 33), Aelianus
in der Victorianischen Epitome.
Postumus und Victorinus herrschen nach dem Biographen gemeinschaftlich;
aber es gibt keine beiden gemeinschaftliche Muenzen, und somit bestaetigen diese
den Bericht bei Victor und Eutropius, dass Victorinus der Nachfolger des
Postumus gewesen ist.
Es ist eine Besonderheit dieser Kategorie von Faelschungen, dass sie in den
eingelegten Urkunden gipfeln. Das Koelner Epitaphium der beiden Victorinus (tyr.
7): hic duo Victorini tyranni(!) siti sunt kritisiert sich selbst. Das
angebliche Patent Valerians (tyr. 3), womit dieser den Galliern die Ernennung
des Postumus mitteilt, ruehmt nicht bloss prophetisch des Postumus
Herrschergaben, sondern nennt auch verschiedene unmoegliche Aemter: einen
Transrhenani limitis dux et Galliae praeses hat es zu keiner Zeit gegeben und
kann Postumus arch/e/n en Keltois strati/o/t/o/n empepisteymenos ;Zos. hist. 1,
38) nur praeses einer der beiden Germanien oder, wenn sein Kommando ein
ausserordentliches war, dux per Germanias gewesen sein. Ebenso unmoeglich ist in
derselben Quasi-Urkunde der tribunatus Vocontiorum des Sohnes, eine offenbare
Nachbildung der Tribunate, wie sie in der Notitia dignitatum aus der Zeit des
Honorius auftreten.
Gegen Postumus und Victorinus, unter denen die Gallier und die Franken
fechten, zieht Gallienus mit Aureolus, spaeter seinem Gegner, und dem spaeteren
Kaiser Claudius; er selbst wird durch einen Pfeilschuss verwundet, siegt aber,
ohne dass durch den Sieg sich etwas aendert. Von diesem Kriege wissen die
anderen Berichte nichts. Postumus faellt in dem von dem sogenannten Lollianus
angezettelten Militaeraufstand, waehrend nach dem Bericht bei Victor und
Eutropius Postumus dieser Mainzer Insurrektion Herr wird, aber dann die Soldaten
ihn erschlagen, weil er ihnen Mainz nicht zur Pluenderung ueberliefern will.
Ueber die Erhebung des Postumus steht neben der im wesentlichen mit der
gewoehnlichen uebereinstimmenden Erzaehlung, dass Postumus den seiner Hut
anvertrauten Sohn des Gallienus treulos beseitigt habe, eine andere, offenbar
als Rettung erfundene, wonach das Volk in Gallien dies tat und dann dem Postumus
die Krone antrug. Die enkomiastische Tendenz fuer den, der Gallien das Schicksal
der Donaulaender und Asiens erspart und es vor den Germanen gerettet habe, tritt
hier und ueberall (am offenbarsten tyr. 5) zutage; womit denn zusammenhaengt,
dass dieser Bericht den Verlust des rechten Rheinufers und die Zuege der Franken
nach Gallien, Spanien und Afrika nicht kennt. Bezeichnend ist noch, dass der
angebliche Stammvater des konstantinischen Hauses auch hier mit einer
ehrenvollen Nebenrolle bedacht wird. Diese nicht zerruettete, sondern
durchgefaelschte Erzaehlung wird voellig beseitigt werden muessen; die Berichte
einerseits bei Zosimus, andererseits der aus einer gemeinschaftlichen Quelle
schoepfenden Lateiner Victor und Eutropius, kurz und zerruettet wie sie sind,
koennen allein in Betracht kommen.
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Die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung in Gallien hing zunaechst ab von
dem Zusammenhalten des Reichs ueberhaupt; solange die italischen Kaiser ihre
Truppen in der Narbonensis aufstellten, um den gallischen Rivalen zu beseitigen
und dieser wieder Miene machte, die Alpen zu ueberschreiten, war eine wirksame
Operation gegen die Germanen von selber ausgeschlossen. Erst nachdem um das Jahr
272 ^34 der damalige Herrscher Galliens, Tetricus, seiner undankbaren Rolle
muede, selbst dazu getan hatte, dass seine Truppen sich dem vom roemischen Senat
anerkannten Kaiser Aurelianus unterwarfen, konnte wieder daran gedacht werden,
den Germanen zu wehren. Den Zuegen der Alamannen, die fast ein Jahrzehnt
hindurch das obere Italien bis nach Ravenna hinab heimgesucht hatten, setzte
derselbe tuechtige Herrscher, der Gallien wieder zum Reich gebracht hatte, fuer
lange Zeit ein Ziel und schlug an der oberen Donau nachdruecklich einen ihrer
Staemme, die Juthungen. Haette sein Regiment Dauer gehabt, so wuerde er wohl
auch in Gallien den Grenzschutz erneuert haben; nach seinem baldigen und jaehen
Ende (275) ueberschritten die Germanen abermals den Rhein und verheerten weit
und breit das Land. Sein Nachfolger Probus (seit 276), auch ein tuechtiger
Soldat, warf sie nicht bloss wieder hinaus - siebzig Staedte soll er ihnen
abgenommen haben -, sondern ging auch wieder angreifend vor, ueberschritt den
Rhein und trieb die Deutschen ueber den Neckar zurueck; aber die Linien der
frueheren Zeit erneuerte er nicht ^35, sondern begnuegte sich, an den
wichtigeren Rheinpositionen Brueckenkoepfe auf dem anderen Ufer einzurichten und
zu besetzen - das heisst, er kam etwa auf die Einrichtungen zurueck, wie sie
hier vor Vespasian bestanden hatten. Gleichzeitig wurden durch seine Feldherren
in der noerdlichen Provinz die Franken niedergeschlagen. Grosse Massen der
ueberwundenen Germanen wurden als gezwungene Ansiedler nach Gallien und vor
allem nach Britannien gesandt. In dieser Weise wurde die Rheingrenze wieder
gewonnen und auf das spaetere Kaiserreich uebertragen. Freilich war wie die
Herrschaft am rechten Rheinufer so auch der Friede am linken unwiderbringlich
dahin. Drohend standen die Alamannen gegenueber Basel und Strassburg, die
Franken gegenueber Koeln. Daneben melden sich andere Staemme. Dass auch die
Burgundionen, einst jenseits der Elbe sesshaft, westwaerts vorrueckend bis an
den oberen Main, Gallien bedrohen, davon ist zuerst unter Kaiser Probus die
Rede; wenige Jahre spaeter beginnen die Sachsen in Gemeinschaft mit den Franken
ihre Angriffe zur See auf die gallische Nordkueste wie auf das roemische
Britannien. Aber unter den groesstenteils tuechtigen und faehigen Kaisern des
Diocletianisch-Konstantinischen Hauses und noch unter den naechsten Nachfolgern
hielt der Roemer die drohende Voelkerflut in gemessenen Schranken.
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^34 Postumus Herrschaft dauerte zehn Jahre. Dass im Jahre 259 der aeltere
Sohn des Gallienus bereits tot war, lehrt die Inschrift von Modena CIL XI, 826;
also faellt Postumus Abfall sicher in oder vor dieses Jahr. Da die Gefangennahme
des Tetricus nicht wohl spaeter als 272, unmittelbar nach der zweiten Expedition
gegen Zenobia, angesetzt werden kann und die drei gallischen Herrscher Postumus
zehn, Victorinus zwei (Eutr. 9, 9), Tetricus zwei (Aur. Vict. Caes. 35) Jahre
regiert haben, so bringt dies Postumus Abfall etwa auf 259; doch sind
dergleichen Zahlen haeufig etwas verschoben. Wenn die Dauer der Germanenzuege in
Spanien unter Gallienus auf zwoelf Jahre bestimmt wird (Oros. hist. 7, 41, 2),
so scheint dies nach der Hieronymischen Chronik oberflaechlich berechnet zu
sein. Die ueblichen genauen Zahlen sind unbeglaubigt und taeuschend.
^35 Nach dem Biographen (c. 14, 15) hat Probus die Germanen des rechten
Rheinufers in Abhaengigkeit gebracht, so dass sie den Roemern tributpflichtig
sind und die Grenze fuer sie verteidigen (omnes iam barbari vobis arant, vobis
iam serviunt et contra interiores gentes militant); das Recht der Waffenfuehrung
wird ihnen vorlaeufig gelassen, aber daran gedacht, bei weiteren Erfolgen die
Grenze vorzuschieben und eine Provinz Germanien einzurichten. Auch als freie
Phantasien eines Roemers des vierten Jahrhunderts - mehr ist es nicht - haben
diese Aeusserungen ein gewisses Interesse.
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Die Germanen in ihrer nationalen Entwicklung darzustellen, ist nicht die
Aufgabe des Geschichtschreibers der Roemer; fuer ihn erscheinen sie nur hemmend
oder auch zerstoerend. Eine Durchdringung der beiden Nationalitaeten und eine
daraus hervorgehende Mischkultur, wie das romanisierte Keltenland, hat das
roemische Germanien nicht aufzuweisen oder sie faellt fuer unsere Auffassung mit
der roemisch-gallischen um so mehr zusammen, als die laengere Zeit in roemischem
Besitz gebliebenen germanischen Gebiete auf dem linken Rheinufer durchaus mit
keltischen Elementen durchsetzt waren und auch die auf dem rechten, ihrer
urspruenglichen Bevoelkerung groesstenteils beraubt, die Mehrzahl der neuen
Ansiedler aus Gallien erhielten. Dem germanischen Element fehlten die kommunalen
Zentren, wie sie das Keltentum zahlreich besass. Teils deswegen, teils infolge
aeusserer Umstaende konnte, wie schon hervorgehoben worden ist, in dem
germanischen Osten das roemische Element sich eher und voller entwickeln als in
den keltischen Gegenden. Von wesentlichstem Einfluss darauf sind die Heerlager
der Rheinarmee geworden, die alle auf das roemische Germanien fallen. Die
groesseren derselben erhielten teils durch die Handelsleute, die dem Heere sich
anschlossen, teils und vor allem durch die Veteranen, die in ihren gewohnten
Quartieren auch nach der Entlassung verblieben, einen staedtischen Anhang, eine
von den eigentlichen Militaerquartieren gesonderte Budenstadt (canabae);
ueberall und namentlich in Germanien sind aus diesen bei den Legionslagern und
besonders den Hauptquartieren mit der Zeit eigentliche Staedte erwachsen. An der
Spitze steht die roemische Ubierstadt, urspruenglich das zweitgroesste Lager der
niederrheinischen Armee, dann seit dem Jahre 50 roemische Kolonie und von
bedeutendster Wirksamkeit fuer die Hebung der roemischen Zivilisation im
Rheinland. Hier wich die Lagerstadt der roemischen Pflanzstadt; spaeterhin
erhielten, ohne Verlegung der Truppen, Stadtrecht die zu den beiden grossen
unterrheinischen Lagern gehoerenden Ansiedlungen Ulpia Noviomagus im Bataverland
und Ulpia Traiana bei Vetera durch Traianus, im dritten Jahrhundert die
Militaerhauptstadt Obergermaniens Mogontiacum. Freilich haben diese Zivilstaedte
neben den davon unabhaengigen militaerischen Verwaltungszentren immer eine
untergeordnete Stellung behalten.
Blicken wir ueber die Grenze hinueber, wo diese Erzaehlung abschliesst, so
begegnet uns allerdings anstatt der Romanisierung der Germanen gewissermassen
eine Germanisierung der Romanen. Die letzte Phase des roemischen Staats ist
bezeichnet durch dessen Barbarisierung und speziell dessen Germanisierung; und
die Anfaenge reichen weiter zurueck. Sie beginnt mit der Bauernschaft in dem
Kolonat, geht weiter zu der Truppe, wie Kaiser Severus sie gestaltete, erfasst
dann die Offiziere und Beamte und endigt mit den roemisch-germanischen
Mischstaaten der Westgoten in Spanien und Gallien, der Vandalen in Afrika, vor
allem dem Italien Theoderichs. Fuer das Verstaendnis dieser letzten Phase bedarf
es allerdings der Einsicht in die staatliche Entwicklung der einen wie der
anderen Nation. Freilich steht in dieser Beziehung die germanische Forschung
sehr im Nachteil. Die staatlichen Einrichtungen, in welche diese Germanen
dienend oder mitherrschend eintraten, sind wohlbekannt, weit besser als die
pragmatische Geschichte der gleichen Epoche; aber ueber den germanischen
Anfaengen liegt ein Dunkel, mit dem verglichen die Anfaenge von Rom und von
Hellas lichte Klarheit sind. Waehrend die nationale Gottesverehrung der antiken
Welt relativ erkennbar ist, ist die Kunde des deutschen Heidentums, vom fernen
Norden abgesehen, vor der historischen Zeit untergegangen. Die Anfaenge der
staatlichen Entwicklung der Germanen schildert uns teils die schillernde und in
der Gedankenschablone des sinkenden Altertums befangene, die eigentlich
entscheidenden Momente nur zu oft auslassende Darstellung des Tacitus, teils
muessen wir sie den auf ehemals roemischem Boden entstandenen, ueberall mit
roemischen Elementen durchsetzten Zwitterstaaten entnehmen. Wie die germanischen
Worte hier ueberall fehlen und wir fast ausschliesslich auf lateinische,
notwendig inadaequate Bezeichnungen angewiesen sind, so versagen auch
durchgaengig die scharfen Grundanschauungen, derer unsere Kunde des klassischen
Altertums nicht entbehrt. Es gehoert zur Signatur unserer Nation, dass es ihr
versagt geblieben ist, sich aus sich selbst zu entwickeln; und dazu gehoert es
mit, dass deutsche Wissenschaft vielleicht weniger vergeblich bemueht gewesen
ist, die Anfaenge und die Eigenart anderer Nationen zu erkennen als die der
eigenen.
5. Kapitel
Britannien
Siebenundneunzig Jahre waren vergangen, seitdem roemische Truppen das
grosse Inselland im nordwestlichen Ozean betreten und unterworfen und wiederum
verlassen hatten, bevor die roemische Regierung sich entschloss, die Fahrt zu
wiederholen und Britannien bleibend zu besetzen. Allerdings war Caesars
britannische Expedition nicht bloss, wie seine Zuege gegen die Germanen, ein
defensiver Vorstoss gewesen. So weit sein Arm reichte, hatte er die einzelnen
Voelkerschaften reichsuntertaenig gemacht und ihre Jahresabgabe an das Reich
hier wie in Gallien geordnet. Auch die fuehrende Voelkerschaft, welche durch
ihre bevorzugte Stellung fest an Rom geknuepft und somit der Stuetzpunkt der
roemischen Herrschaft werden sollte, war gefunden: die Trinovanten (Essex)
sollten auf der keltischen Insel dieselbe, mehr vorteilhafte als ehrenvolle
Rolle uebernehmen wie auf dem gallischen Kontinent die Haeduer und die Reiner.
Die blutige Fehde zwischen dem Fuersten Cassivellaunus und dem Fuerstenhaus von
Camalodunum (Colchester) hatte unmittelbar die roemische Invasion
herbeigefuehrt; dieses wieder einzusetzen, war Caesar gelandet, und der Zweck
ward fuer den Augenblick erreicht. Ohne Zweifel hat Caesar sich nie darueber
getaeuscht, dass jene Tribute ebenso wie diese Schutzherrschaft zunaechst nur
Worte waren; aber diese Worte waren ein Programm, das die bleibende Besetzung
der Insel durch roemische Truppen herbeifuehren masste und herbeifuehren sollte.
Caesar selbst kam nicht dazu, die Verhaeltnisse der unterworfenen Insel
bleibend zu ordnen; und fuer seine Nachfolger war Britannien eine Verlegenheit.
Die reichsuntertaenig gewordenen Briten entrichteten den schuldigen Tribut
gewiss nicht lange, vielleicht ueberhaupt niemals; das Protektorat ueber die
Dynastie von Camalodunum wird noch weniger respektiert worden sein und hatte
lediglich zur Folge, dass Fuersten und Prinzen dieses Hauses wieder und wieder
in Rom erschienen und die Intervention der roemischen Regierung gegen Nachbarn
und Rivalen anriefen - so kam Koenig Dubnovellaunus, wahrscheinlich der
Nachfolger des von Caesar bestaetigten Trinovantenfuersten, als Fluechtling nach
Rom zu Kaiser Augustas, so spaeter einer der Prinzen desselben Hauses zu Kaiser
Gaius ^1.
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^1 Allem Anschein nach sind die politischen Relationen zwischen Rom und
Britannien in der Zeit vor der Eroberung wesentlich auf das von Caesar
wiederhergestellte und garantierte (Gall. 5, 22) Fuerstentum der Trinovanten zu
beziehen. Dass Koenig Dubnovellaunus, der nebst einem anderen ganz unbekannten
Britannerfuersten bei Augustas Schutz suchte, hauptsaechlich in Essex herrschte,
zeigen seine Muenzen (mein Monumentum Ancyranum. 2. Aufl. 1883, S. 138f.). Die
britannischen Fuersten, die den Augustus beschickten und seine Oberherrschaft
anerkannten (denn so scheint Strab. 4, 5, 3, p. 200 gefasst werden zu muessen;
vgl. Tac. ann. 2, 24), haben wir auch zunaechst dort zu suchen. Cunobelinus,
nach den Muenzen der Sohn des Koenigs Tasciovanus, von dem die Geschichte
schweigt, gestorben, wie es scheint, bejahrt, zwischen 40 und 43, im Regiment
also wahrscheinlich dem spaeteren des Augustus und denen des Tiberius und Gaius
parallel gehend, residierte in Camalodunum (Dio 60, 21); um ihn und um seine
Soehne dreht sich die Vorgeschichte der Invasion. Wohin Bericus, der zum
Claudias kam (Dio 60, 19), gehoert, wissen wir nicht, und es moegen auch andere
brittische Dynasten dem Beispiel derer von Colchester gefolgt sein; aber an der
Spitze stehen diese.
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In der Tat war die Expedition nach Britannien ein notwendiger Teil der
Caesarischen Erbschaft; es hatte auch schon waehrend der Zweiherrschaft Caesar
der Sohn zu einer solchen einen Anlauf genommen und nur davon abgesehen wegen
der dringenderen Notwendigkeit, in Illyricum Ruhe zu schaffen, oder auch wegen
des gespannten Verhaeltnisses zu Antonius, das zunaechst den Parthern sowohl wie
den Britannern zustatten kam. Die hoefischen Poeten aus Augustus' frueheren
Jahren haben die britannische Eroberung vielfach antizipierend gefeiert; das
Programm Caesars also nahm der Nachfolger an und auf. Als dann die Monarchie
feststand, erwartete ganz Rom, dass der Beendigung des Buergerkrieges die
britannische Expedition auf dem Fusse folgen werde; die Klagen der Poeten ueber
den schrecklichen Hader, ohne welchen laengst die Britanner im Siegeszug zum
Kapitol gefuehrt worden waeren, verwandelten sich in die stolze Hoffnung auf die
neu zum Reich hinzutretende Provinz Britannien. Die Expedition wurde auch zu
wiederholten Malen angekuendigt (727, 728 27, 26); dennoch stand Augustus, ohne
das Unternehmen foermlich fallenzulassen, bald von der Durchfuehrung ab, und
Tiberius hielt, seiner Maxime getreu, auch in dieser Frage an dem System des
Vaters fest ^2. Die nichtigen Gedanken des letzten Julischen Kaisers schweiften
wohl auch ueber den Ozean hinueber; aber ernste Dinge vermochte er nicht einmal
zu planen. Erst die Regierung des Claudius nahm den Plan des Diktators wieder
auf und fuehrte ihn durch.
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^2 Tac. Agr. 13: consilium id divus Augustas vocabat, Tiberius praeceptum.
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Welche Motive nach der einen wie nach der andern Seite hin bestimmend
waren, laesst sich teilweise wenigstens erkennen. Augustus selbst hat geltend
gemacht, dass die Besetzung der Insel militaerisch nicht noetig sei, da ihre
Bewohner nicht imstande seien, die Roemer auf dem Kontinent zu belaestigen, und
fuer die Finanzen nicht vorteilhaft; was aus Britannien zu ziehen sei, fliesse
in Form des Einfuhr- und Ausfuhrzolles der gallischen Haefen in die Kasse des
Reiches; als Besatzung werde wenigstens eine Legion und etwas Reiterei
erforderlich sein und nach Abzug der Kosten derselben von den Tributen der Insel
nicht viel uebrig bleiben ^3. Dies alles war unbestreitbar richtig, ja noch
keineswegs genug; die Erfahrung erwies spaeter, dass eine Legion bei weitem
nicht ausreichte, um die Insel zu halten. Hinzuzunehmen ist, was die Regierung
zu sagen allerdings keine Veranlassung hatte, dass bei der Schwaeche des
roemischen Heeres, wie sie durch die innere Politik Augusts einmal
herbeigefuehrt war, es sehr bedenklich erscheinen musste, einen erheblichen
Bruchteil desselben ein fuer allemal auf eine ferne Insel des Nordmeers zu
bannen. Man hatte vermutlich nur die Wahl, von Britannien abzusehen oder
deswegen das Heer zu vermehren; und bei Augustus hat die Ruecksicht auf die
innere Politik stets die auf die aeussere ueberwogen.
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^3 Die Auseinandersetzung bei Strabon (2, 5, 8, p. 115; 4, 5, 3, p. 200)
gibt offenbar die gouvernementale Version. Dass nach Einziehung der Insel der
freie Verkehr und damit der Ertrag der Zoelle sinken werde, muss wohl als
Eingestaendnis des Satzes genommen werden, dass die roemische Herrschaft und die
roemischen Tribute den Wohlstand der Untertanen herabdrueckten.
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Aber dennoch muss die Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Unterwerfung
Britanniens bei den roemischen Staatsmaennern vorgewogen haben. Caesars
Verhalten wuerde unbegreiflich sein, wenn man sie nicht bei ihm voraussetzt.
Augustus hat das von Caesar gesteckte Ziel trotz seiner Unbequemlichkeit zuerst
foermlich anerkannt und niemals foermlich verleugnet. Gerade die weitsichtigsten
und folgerichtigsten Regierungen, die des Claudius, des Nero, des Domitian,
haben zu der Eroberung Britanniens den Grund gelegt oder sie erweitert; und sie
ist, nachdem sie erfolgt war, nie betrachtet worden wie etwa die Traianische von
Dakien und Mesopotamien. Wenn die sonst so gut wie unverbruechlich festgehaltene
Regierungsmaxime, dass das Roemische Reich seine Grenzen nur zu erfuellen, nicht
aber auszudehnen habe, allein in betreff Britanniens dauernd beiseite gesetzt
worden ist, so liegt die Ursache darin, dass die Kelten so, wie Roms Interesse
es erheischte, auf dem Kontinent allein nicht unterworfen werden konnten. Diese
Nation war allem Anschein nach durch den schmalen Meeresarm, der England und
Frankreich trennt, mehr verbunden als geschieden; dieselben Voelkernamen
begegnen hueben und drueben; die Grenzen der einzelnen Staaten griffen oefter
ueber den Kanal hinueber; der Hauptsitz des hier mehr wie irgendwo sonst das
ganze Volkstum durchdringenden Priestertums waren von jeher die Inseln der
Nordsee. Den roemischen Legionen das Festland Galliens zu entreissen, vermochten
diese Insulaner freilich nicht; aber wenn der Eroberer Galliens selbst, und
weiter die roemische Regierung in Gallien andere Zwecke verfolgte als in Syrien
und Aegypten, wenn die Kelten der italischen Nation angegliedert werden sollten,
so war diese Aufgabe wohl unausfuehrbar, solange das unterworfene und das freie
Keltengebiet ueber das Meer hin sich beruehrten und der Roemerfeind wie der
roemische Deserteur in Britannien eine Freistatt fand ^4. Zunaechst genuegte
dafuer schon die Unterwerfung der Suedkueste, obwohl die Wirkung natuerlich sich
steigerte, je weiter das freie Keltengebiet zurueckgeschoben ward. Claudius'
besondere Ruecksicht auf seine gallische Heimat und seine Kenntnis gallischer
Verhaeltnisse mag auch hierbei mit im Spiel gewesen sein ^5. Den Anlass zum
Kriege gab, dass eben dasjenige Fuerstentum, welches von Rom in einer gewissen
Abhaengigkeit stand, unter der Fuehrung seines Koenigs Cunobelinus - es ist dies
Shakespeares Cymbeline - seine Herrschaft weit ausbreitete ^6 und sich von der
roemischen Schutzherrschaft emanzipierte. Einer der Soehne desselben, Adminius,
der gegen den Vater sich aufgelehnt hatte, kam schutzbegehrend zum Kaiser Gaius,
und darueber, dass dessen Nachfolger sich weigerte, dem britischen Herrscher
diese seine Untertanen auszuliefern, entspann sich der Krieg zunaechst gegen den
Vater und die Brueder dieses Adminius. Der eigentliche Grund desselben freilich
war der unerlaessliche Abschluss der Unterwerfung einer bisher nur halb
besiegten, eng zusammenhaltenden Nation.
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^4 Als Ursache des Krieges gibt Sueton (Claud. 17) an: Britanniam tunc
tumultuantem ob non redditos transfugas; was O. Hirschfeld mit Recht in
Verbindung bringt mit Gai. 44: Adminio Cunobellini Britannorum regis filio, qui
pulsus a patre cum exigua mani transfugerat, in deditionem recepto. Mit dem
tumultuari werden wohl wenigstens beabsichtigte Pluenderfahrten nach der
gallischen Kueste gemeint sein. Um den Bericus (Dio 60, 19) ist der Krieg gewiss
nicht gefuehrt worden.
^5 Ebenso war Mona nachher receptaculum perfugarum (Tac. ann. 14, 29).
^6 Tac. ann. 12, 37: pluribus gentibus imperitantem.
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Dass die Besetzung Britanniens nicht erfolgen koenne ohne gleichzeitige
Vermehrung des stehenden Heeres, war auch die Ansicht derjenigen Staatsmaenner,
die sie veranlassten; es wurden drei der Rhein-, eine der Donaulegionen dazu
bestimmt ^7, gleichzeitig aber zwei neu errichtete Legionen den germanischen
Heeren zugeteilt. Zum Fuehrer dieser Expedition und zugleich zum ersten
Statthalter der Provinz wurde ein tuechtiger Soldat, Aulus Plautius, ausersehen;
sie ging im Jahre 43 nach der Insel ab. Die Soldaten zeigten sich schwierig,
wohl mehr wegen der Verbannung auf die ferne Insel als aus Furcht vor dem
Feinde. Einer der leitenden Maenner, vielleicht die Seele des Unternehmens, der
kaiserliche Kabinettssekretaer Narcissus, wollte ihnen Mut einsprechen - sie
liessen den Sklaven vor hoehnendem Zuruf nicht zu Worte kommen, aber taten, wie
er wollte, und schifften sich ein.
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^7 Die drei Legionen vom Rhein sind die 2. Augusta, die 14. und die 20.;
aus Pannonien kam die 9. spanische. Dieselben vier Legionen standen dort noch zu
Anfang der Regierung Vespasians; dieser rief die 14. ab zum Kriege gegen
Civilis, und diese kam nicht zurueck, dafuer aber wahrscheinlich die 2.
adiutrix. Diese ist vermutlich unter Domitian nach Pannonien verlegt, unter
Hadrian die 9. aufgeloest und durch die 6. victrix ersetzt worden. Die beiden
anderen Legionen, 2. Augusta und 20., haben vom Anfang bis zum Ende der
Roemerherrschaft in England gestanden.
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Besondere Schwierigkeit hatte die Besetzung der Insel nicht. Die
Eingeborenen standen politisch wie militaerisch auf derselben niedrigen
Entwicklungsstufe, welche Caesar auf der Insel vorgefunden hatte. Koenige oder
Koeniginnen regierten in den einzelnen Gauen, die kein aeusseres Band
zusammenschloss und die in ewiger Fehde miteinander lagen. Die Mannschaften
waren wohl von ausdauernder Koerperkraft und von todesverachtender Tapferkeit
und namentlich tuechtige Reiter. Aber der homerische Streitwagen, der hier noch
eine Wirklichkeit war und auf dem die Fuersten des Landes selber die Zuegel
fuehrten, hielt den geschlossenen roemischen Reiterschwadronen ebensowenig
stand, wie der Infanterist ohne Panzer und Helm, nur durch den kleinen Schild
verteidigt, mit seinem kurzen Wurfspiess und seinem breiten Schwert im Nahkampf
dem kurzen roemischen Messer gewachsen war oder gar dem schweren Pilum des
Legionaers und dem Schleuderblei und dem Pfeil der leichten roemischen Truppen.
Der Heermasse von etwa 40000 wohlgeschulten Soldaten hatten die Eingeborenen
ueberall keine entsprechende Abwehr entgegenzustellen. Die Ausschiffung traf
nicht einmal auf Widerstand; die Briten hatten Kunde von der schwierigen
Stimmung der Truppen und die Landung nicht mehr erwartet. Koenig Cunobelinus war
kurz vorher gestorben; die Gegenwehr fuehrten seine beiden Soehne, Caratacus und
Togodumnus. Der Marsch des Invasionsheeres ward sofort auf Camalodunum gerichtet
^8 und in raschem Siegeslauf gelangte es bis an die Themse; hier wurde Halt
gemacht, vielleicht hauptsaechlich, um dem Kaiser die Gelegenheit zu geben, den
leichten Lorbeer persoenlich zu pfluecken. Sobald er eintraf, ward der Fluss
ueberschritten, das britische Aufgebot geschlagen, wobei Togodumnus den Tod
fand, Camalodunum selber genommen. Wohl setzte der Bruder Caratacus den
Widerstand hartnaeckig fort und gewann sich, siegend oder geschlagen, einen
stolzen Namen bei Freund und Feind; aber das Vorschreiten der Roemer war dennoch
unaufhaltsam. Ein Fuerst nach dem andern ward geschlagen und abgesetzt - elf
britische Koenige nennt der Ehrenbogen des Claudius als von ihm besiegt; und was
den roemischen Waffen nicht erlag, das ergab sich den roemischen Spenden.
Zahlreiche vornehme Maenner nahmen die Besitzungen an, die auf Kosten ihrer
Landsleute der Kaiser ihnen verlieh; auch manche Koenige fuegten sich in die
bescheidene Lehnsstellung, wie denn der der Regner (Chichester), Cogidumnus, und
der der Icener (Norfolk), Prasutagus, eine Reihe von Jahren als Lehnsfuersten
die Herrschaft gefuehrt haben. Aber in den meisten Distrikten der bis dahin
durchgaengig monarchisch regierten Insel fuehrten die Eroberer ihre
Gemeindeverfassung ein und gaben, was noch zu verwalten blieb, den oertlichen
Vornehmen in die Hand; was denn freilich schlimme Parteiungen und innere
Zerwuerfnisse im Gefolge hatte. Noch unter dem ersten Statthalter scheint das
gesamte Flachland bis etwa zum Humber hinauf in roemische Gewalt gekommen zu
sein; die Icener zum Beispiel haben bereits ihm sich ergeben. Aber nicht bloss
mit dem Schwert bahnten die Roemer sich den Weg. Unmittelbar nach der Einnahme
wurden nach Camalodunum Veteranen gefuehrt und die erste Stadt roemischer
Ordnung und roemischen Buergerrechts, die "Claudische Siegeskolonie", in
Britannien gegruendet, bestimmt zur Landeshauptstadt. Unmittelbar nachher begann
auch die Ausbeutung der britannischen Bergwerke, namentlich der ergiebigen
Bleigruben; es gibt britannische Bleibarren aus dem sechsten Jahre nach der
Invasion. Offenbar hat in gleicher Schleunigkeit der Strom roemischer Kaufleute
und Industrieller sich ueber das neu geschlossene Gebiet ergossen; wenn
Camalodunum roemische Kolonisten empfing, so bildeten anderswo im Sueden der
Insel, namentlich an den warmen Quellen der Sulis (Bath), in Verulamium (St.
Albans, nordwestlich von London) und vor allem in dem natuerlichen Emporium des
Grossverkehrs, in Londinium an der Themsemuendung, bloss infolge des freien
Verkehrs und der Einwanderung sich roemische Ortschaften, die bald auch formell
staedtische Organisation erhielten. Die vordringende Fremdherrschaft machte
nicht bloss in den neuen Abgaben und Aushebungen, sondern vielleicht mehr noch
in Handel und Gewerbe ueberall sich geltend. Als Plautius nach vierjaehriger
Verwaltung abberufen ward, zog er, der letzte Private, der zu solcher Ehre
gelangt ist, triumphierend in Rom ein, und Ehren und Orden stroemten herab auf
die Offiziere und Soldaten der siegreichen Legionen; dem Kaiser wurden in Rom
und danach in anderen Staedten Triumphbogen errichtet wegen des "ohne
irgendwelche Verluste" errungenen Sieges; der kurz vor der Invasion geborene
Kronprinz erhielt anstatt des grossvaeterlichen den Namen Britannicus. Man wird
hierin die unmilitaerische, der Siege mit Verlust entwoehnte Zeit und die der
politischen Altersschwaeche angemessene Ueberschwenglichkeit erkennen duerfen;
aber wenn die Invasion Britanniens vom militaerischen Standpunkt aus nicht viel
bedeuten will, so muss doch den leitenden Maennern das Zeugnis gegeben werden,
dass sie das Werk in energischer und folgerichtiger Weise angriffen und die
peinliche und gefahrvolle Zeit des Uebergangs von der Unabhaengigkeit zur
Fremdherrschaft in Britannien eine ungewoehnlich kurze war.
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^8 Die nur auf bedenkliche Emendationen gestuetzte Identifikation der
Boduner und Catuellaner bei Dio 60, 20 mit Voelkerschaften aehnlichen Namens bei
Ptolemaeos kann nicht richtig sein; diese ersten Kaempfe muessen zwischen der
Kueste und der Themse stattgefunden haben.
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Nach dem ersten raschen Erfolg freilich entwickelten auch hier sich die
Schwierigkeiten und selbst die Gefahren, welche die Besetzung der Insel nicht
bloss den Eroberten brachte, sondern auch den Eroberern.
Des Flachlandes war man Herr, aber nicht der Berge noch des Meeres. Vor
allem der Westen machte den Roemern zu schaffen. Zwar im aeussersten Suedwest,
im heutigen Cornwall, hielt sich das alte Volkstum wohl mehr, weil die Eroberer
sich um diese entlegene Ecke wenig kuemmerten, als weil es geradezu sich gegen
sie auflehnte. Aber die Siluren im Sueden des heutigen Wales und ihre
noerdlichen Nachbarn, die Ordoviker, trotzten beharrlich den roemischen Waffen;
die den letzteren anliegende Insel Mona (Anglesey) war der rechte Herd der
nationalen und religioesen Gegenwehr. Nicht die Bodenverhaeltnisse allein
hemmten das Vordringen der Roemer; was Britannien fuer Gallien gewesen, das war
jetzt fuer Britannien, und insbesondere fuer diese Westkueste, die grosse Insel
Ivernia; die Freiheit drueben liess die Fremdherrschaft hueben nicht feste
Wurzel fassen. Deutlich erkennt man an der Anlegung der Legionslager, dass die
Invasion hier zum Stehen kam. Unter Plautius' Nachfolger wurde das Lager fuer
die vierzehnte Legion am Einfluss des Tern in den Severn bei Viroconium
(Wroxeter, unweit Shrewsbury ^9) angelegt, vermutlich um dieselbe Zeit suedlich
davon das von Isca (Caerleon = castra legionis) fuer die zweite, noerdlich das
von Deva (Chester = castra) fuer die zwanzigste; diese drei Lager schlossen das
walisische Gebiet ab gegen Sueden, Norden und Westen und schuetzten also das
befriedete Land gegen das frei gebliebene Gebirge. Dorthin warf sich, nachdem
seine Heimat roemisch geworden war, der letzte Fuerst von Camalodunum,
Caratacus. Er wurde von dem Nachfolger des Plautius, Publius Ostorius Scapula,
im Ordovikergebiet geschlagen und bald darauf von den geschreckten Briganten, zu
denen er gefluechtet war, den Roemern ausgeliefert (51) und mit all den Seinen
nach Italien gefuehrt. Verwundert fragte er, als er die stolze Stadt sah, wie es
die Herren solcher Palaeste nach den armen Huetten seiner Heimat verlangen
koenne. Aber damit war der Westen keineswegs bezwungen; die Siluren vor allem
verharrten in hartnaeckiger Gegenwehr, und dass der roemische Feldherr
ankuendigte, sie bis auf den letzten Mann ausrotten zu wollen, trug auch nicht
dazu bei, sie fuegsamer zu machen. Der unternehmende Statthalter Gaius Suetonius
Paullinus versuchte einige Jahre spaeter (61), den Hauptsitz des Widerstandes,
die Insel Mona, in roemische Gewalt zu bringen, und trotz der wuetenden
Gegenwehr, welche ihn hier empfing und in der die Priester und die Weiber
vorangingen, fielen die heiligen Baeume, unter denen mancher roemische Gefangene
geblutet hatte, unter den Aexten der Legionaere. Aber aus der Besetzung dieses
letzten Asyls der keltischen Priesterschaft entwickelte sich eine gefaehrliche
Krise in dem unterworfenen Gebiete selbst, und die Eroberung Monas zu vollenden,
war dem Statthalter nicht beschieden.
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^9 Tac. ann. 12, 31: (P. Ostorius) cuncta castris ad . . . ntonam
(ueberliefert ist castris antonam) et Sabrinam fluvios cohibere parat. So ist
hier herzustellen, nur dass der sonst nicht ueberlieferte Name des Flusses Tern
nicht ergaenzt werden kann. Die einzigen in England gefundenen Inschriften von
Soldaten der 14. Legion, die unter Nero England verliess, sind in Wroxeter, dem
sogenannten "englischen Pompeii" zum Vorschein gekommen. Da dort sich auch die
Grabschrift eines Soldaten der 20. gefunden hat, war das von Tacitus bezeichnete
Lager vielleicht anfaenglich beiden Legionen gemeinsam und ist die 20. erst
spaeter nach Deva gekommen. Dass das Lager bei Isca gleich nach der Invasion
angelegt ward, geht aus Tac. ann. 12, 32 u. 38 hervor.
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Auch in Britannien hatte die Fremdherrschaft die Probe der nationalen
Insurrektion zu bestehen. Was Mithradates in Kleinasien, Vercingetorix bei den
Kelten des Kontinents, Civilis bei den unterworfenen Germanen unternahmen, das
versuchte bei den Inselkelten eine Frau, die Gattin eines jener von Rom
bestaetigten Vasallenfuersten, die Koenigin der Icener, Boudicca. Ihr
verstorbener Gatte hatte, um seiner Frau und seiner Toechter Zukunft zu sichern,
seine Herrschaft dem Kaiser Nero vermacht, sein Vermoegen zwischen ihm und den
Seinigen geteilt. Der Kaiser nahm die Erbschaft an, aber was ihm nicht zufallen
sollte, dazu; die fuerstlichen Vettern wurden in Ketten gelegt, die Witwe
geschlagen, die Toechter in schaendlicherer Weise misshandelt. Dazu kam andere
Unbill des spaeteren Neronischen Regiments. Die in Camalodunum angesiedelten
Veteranen jagten die frueheren Besitzer von Haus und Hof, wie es ihnen beliebte,
ohne dass die Behoerden dagegen einschritten. Die vom Kaiser Claudius
verliehenen Geschenke wurden als widerrufliche Gaben eingezogen. Roemische
Minister, die zugleich Geldgeschaefte machten, trieben auf diesem Wege die
britannischen Gemeinden eine nach der anderen zum Bankrott. Der Moment war
guenstig. Der mehr tapfere als vorsichtige Statthalter Paullinus befand sich,
wie gesagt wurde, mit dem Kern der roemischen Armee auf der entlegenen Insel
Mona, und dieser Angriff auf den heiligsten Sitz der nationalen Religion
erbitterte ebenso die Gemueter, wie er dem Aufstande den Weg ebnete. Der alte
gewaltige Keltenglaube, der den Roemern so viel zu schaffen gemacht, loderte
noch einmal, zum letzten Mal, in maechtiger Flamme empor. Die geschwaechten und
weitgetrennten Legionslager im Westen und im Norden gewaehrten dem ganzen
Suedosten der Insel mit seinen aufbluehenden roemischen Staedten keinen Schutz.
Vor allem die Hauptstadt Camalodunum war voellig wehrlos, eine Besatzung nicht
vorhanden, die Mauern nicht vollendet, wohl aber der Tempel ihres kaiserlichen
Stifters, des neuen Gottes Claudius. Der Westen der Insel, wahrscheinlich
niedergehalten durch die dort stehenden Legionen, scheint sich bei der
Schilderhebung nicht beteiligt zu haben und ebensowenig der nicht botmaessige
Norden; aber, wie das bei keltischen Aufstaenden oefter vorgekommen ist, es
erhob sich im Jahre 61 auf die vereinbarte Losung das ganze uebrige unterworfene
Gebiet auf einen Schlag gegen die Fremden, voran die aus ihrer Hauptstadt
vertriebenen Trinovanten. Der zweite Befehlshaber, der zur Zeit den Statthalter
vertrat, der Prokurator Decianus Catus, hatte im letzten Augenblick, was er von
Soldaten hatte, dieser zum Schutz gesandt: es waren 200 Mann. Sie wehrten sich
mit den Veteranen und den sonstigen waffenfaehigen Roemern zwei Tage im Tempel;
dann wurden sie ueberwaeltigt und was in der Stadt roemisch war, umgebracht bis
auf den letzten. Das gleiche Schicksal erfuhr das Hauptemporium des roemischen
Handels, Londinium, und eine dritte aufbluehende roemische Stadt, Verulamium
(St. Albans, nordwestlich von London), nicht minder die auf der Insel
zerstreuten Auslaender - es war eine nationale Vesper, gleich jener
Mithradatischen und die Zahl der Opfer - angeblich 70000 - nicht geringer. Der
Prokurator gab die Sache Roms verloren und fluechtete nach dem Kontinent. Auch
die roemische Armee ward in die Katastrophe verwickelt. Eine Anzahl zerstreuter
Detachements und Besatzungen erlag den Angriffen der Insurgenten. Quintus
Petillius Cerialis, der im Lager von Lindum den Befehl fuehrte, marschierte auf
Camalodunum mit der neunten Legion; zur Rettung kam er zu spaet und verlor, von
ungeheurer Uebermacht angegriffen, in der Feldschlacht sein gesamtes Fussvolk;
das Lager erstuermten die Briganten. Es fehlte nicht viel, dass den obersten
Feldherrn das gleiche Schicksal erreichte. Eilig zurueckkehrend von der Insel
Mona, rief er die bei Isca stehende zweite Legion heran; aber sie gehorchte dem
Befehle nicht und mit nur etwa 10000 Mann musste Paullinus den ungleichen Kampf
gegen das zahllose und siegreiche Insurgentenheer aufnehmen. Wenn je der Soldat
die Fehler der Fuehrung gutgemacht hat, so war es an dem Tage, wo dieser kleine
Haufen, hauptsaechlich die seitdem gefeierte vierzehnte Legion, wohl zu seiner
eigenen Ueberraschung den vollen Sieg erfocht und die roemische Herrschaft in
Britannien abermals festigte; viel fehlte nicht, dass Paullinus Name neben dem
des Varus genannt worden waere. Aber der Erfolg entscheidet, und hier blieb er
den Roemern ^10. Der schuldige Kommandant der ausgebliebenen Legion kam dem
Kriegsgericht zuvor und stuerzte sich in sein Schwert. Die Koenigin Boudicca
trank den Giftbecher. Der uebrigens tapfere Feldherr wurde zwar nicht in
Untersuchung gezogen, wie anfangs die Absicht der Regierung zu sein schien, aber
bald unter einem schicklichen Vorwand abgerufen.
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^10 Eine schlechtere Relation als die des Tacitus ueber diesen Krieg (14,
31-39) ist selbst bei diesem unmilitaerischsten aller Schriftsteller kaum
aufzufinden. Wo die Truppen standen und wo die Schlachten geliefert wurden,
hoeren wir nicht dafuer aber von Zeichen und Wundern genug und leere Worte nur
zu viel. Die wichtigen Tatsachen, die im Leben des Agricola (31) erwaehnt
werden, fehlen im Hauptbericht insonderheit die Erstuermung des Lagers. Dass
Paullinus, von Mona kommend, nicht bedacht ist, die Roemer im Suedosten zu
retten, sondern seine Truppen Zu vereinigen, begreift sich, aber nicht, warum
er, wenn er Londinium aufopfern wollte, deswegen dahin marschiert. Ist er
wirklich dorthin gekommen, so kann er nur mit einer persoenlichen Bedeckung,
ohne das Korps, das er auf Mona bei sich gehabt, dort erschienen sein; was
freilich auch keinen Sinn hat. Das Gros der roemischen Truppen, sowohl der von
Mona zurueckgefuehrten wie der sonst noch vorhandenen, kann nach Rufreibung der
9. Legion nur auf der Linie Deva - Viroconium - Isca gestanden haben; Paullinus
schlug die Schlacht mit den beiden in den beiden ersten dieser Lager stehenden
Legionen der 14. und der (unvollstaendigen) 20. Dass Paullinus schlug, weil er
schlagen masste, sagt Dio (62, 1-12), und wenngleich dessen Erzaehlung sonst
auch nicht gebraucht werden kann, um die des Tacitus zu bessern, so scheint dies
durch die Sachlage selbst gefordert.
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Die Unterwerfung der westlichen Teile der Insel wurde von Paullinus
Nachfolgern nicht sogleich fortgesetzt. Erst der tuechtige Feldherr Sextus
Iulius Frontinus unter Vespasian zwang die Siluren zur Anerkennung der
roemischen Herrschaft; sein Nachfolger Gnaeus Iulius Agricola fuehrte nach
harten Kaempfen mit den Ordovikern das aus, was Paullinus nicht erreicht hatte,
und besetzte im Jahre 78 die Insel Mona. Nachher ist von aktivem Widerstand in
diesen Gegenden nicht die Rede; das Lager von Viroconium konnte, wahrscheinlich
um diese Zeit, aufgehoben, die dadurch frei gewordene Legion im noerdlichen
Britannien verwendet werden. Aber die anderen beiden Legionslager von Isca und
von Deva sind noch bis in die diocletianische Zeit an Ort und Stelle geblieben
und erst in dem spaeteren Besatzungsstand verschwunden. Wenn dabei auch
politische Ruecksichten mitgewirkt haben moegen, so ist doch der Widerstand des
Westens wahrscheinlich, vielleicht gestuetzt auf Verbindungen mit Ivernia, auch
spaeter noch fortgefuehrt worden. Dafuer spricht ferner das voellige Fehlen
roemischer Spuren in dem inneren Wales und das daselbst bis auf den heutigen Tag
sich behauptende keltische Volkstum.
Im Norden bildete den Mittelpunkt der roemischen Stellung, oestlich von
Viroconium das Lager der neunten spanischen Legion in Lindum (Lincoln).
Zunaechst mit diesem beruehrte sich in Nordengland das maechtigste Fuerstentum
der Insel, das der Briganten (Yorkshire); es hatte sich nicht eigentlich
unterworfen, aber die Koenigin Cartimandus suchte doch mit den Eroberern Frieden
zu halten und erwies sich ihnen gefuegig. Die Partei der Roemerfeinde hatte hier
im Jahre 50 loszuschlagen versucht, aber der Versuch war rasch unterdrueckt
worden. Caratacus, im Westen geschlagen, hatte gehofft, seinen Widerstand im
Norden fortfuehren zu koennen, aber die Koenigin lieferte ihn, wie schon gesagt
ward, den Roemern aus. Diese inneren Zwistigkeiten und haeuslichen Haendel
muessen dann in dem Aufstand gegen Paullinus, bei dem wir die Briganten in einer
fuehrenden Stellung fanden und der eben die Legion des Nordens mit seiner ganzen
Schwere traf, mit im Spiel gewesen sein. Indes war die roemische Partei der
Briganten einflussreich genug, um nach Niederwerfung des Aufstandes die
Wiederherstellung des Regiments der Cartimandus zu erlangen. Aber einige Jahre
nachher bewirkte die Patriotenpartei daselbst, getragen durch die Losung des
Abfalles von Rom, welche waehrend des Buergerkrieges nach Neros Katastrophe den
ganzen Westen erfuellte, eine neue Schilderhebung der Briganten gegen die
Fremdherrschaft, an deren Spitze Cartimandus' frueherer, von ihr beseitigter und
beleidigter Gemahl, der kriegserfahrene Venutius stand; erst nach laengeren
Kaempfen bezwang Petillius Cerialis das maechtige Volk, derselbe, der unter
Paullinus nicht gluecklich gegen eben diese Briten gefochten hatte, jetzt einer
der namhaftesten Feldherren Vespasians und der erste von ihm ernannte
Statthalter der Insel. Der allmaehlich nachlassende Widerstand des Westens
machte es moeglich, die eine der drei bisher dort stationierten Legionen mit der
in Lindum stehenden zu vereinigen und das Lager selbst von Lindum nach dem
Hauptort der Briganten, Eburacum (York), vorzuschieben. Indes so lange der
Westen ernstliche Gegenwehr leistete, geschah im Norden nichts weiter fuer die
Ausdehnung der roemischen Grenze; am Kaledonischen Walde, sagt ein
Schriftsteller vespasianischer Zeit stocken seit dreissig Jahren die roemischen
Waffen. Erst Agricola griff, nachdem er im Westen fertig war, die Unterwerfung
auch des Nordens energisch an. Er schuf vor allem sich eine Flotte, ohne welche
die Verpflegung der Truppen in diesen, wenige Hilfsmittel darbietenden Gebirgen
unmoeglich gewesen sein wuerde. Gestuetzt auf diese gelangte er unter Titus (80)
bis an die Tava-Bucht (Firth of Tay) in die Gegend von Perth und Dundee und
wandte die drei folgenden Feldzuege daran, die weiten Landstriche zwischen
dieser Bucht und der bisherigen roemischen Grenze an beiden Meeren genau zu
erkunden, den oertlichen Widerstand ueberall zu brechen und an den geeigneten
Stellen Verschanzungen anzulegen, wobei namentlich die natuerliche
Verteidigungslinie, welche durch die beiden tief einschneidenden Buchten Clota
(Firth of Clyde) bei Glasgow und Bodotria (Firth of Forth) bei Edinburgh
gebildet wird, zum Rueckhalt ausersehen ward. Dieser Vorstoss rief das gesamte
Hochland unter die Waffen; aber die gewaltige Schlacht, welche die vereinigten
kaledonischen Staemme den Legionen zwischen den beiden Buchten Forth und Tay an
den Graupischen Bergen lieferten, endigte mit dem Siege Agricolas. Nach seiner
Ansicht musste die Unterwerfung der Insel, einmal begonnen, auch vollendet, ja
auch auf Ivernia ausgedehnt werden; und es liess sich dafuer mit Ruecksicht auf
das roemische Britannien geltend machen, was mit Ruecksicht auf Gallien die
Besetzung der Insel herbeigefuehrt hatte; hinzu kam, dass bei energischer
Durchfuehrung der Besetzung des gesamten Inselkomplexes der Aufwand an Menschen
und Geld fuer die Zukunft wahrscheinlich sich verringert haben wuerde.
Die roemische Regierung folgte diesen Ratschlaegen nicht. Wieweit bei der
Rueckberufung des siegreichen Feldherrn im Jahre 85, der uebrigens laenger, als
sonst der Fall zu sein pflegte, im Amte geblieben war, persoenliche und
gehaessige Motive mitgewirkt haben, muss dahingestellt bleiben; das
Zusammentreffen der letzten Siege des Generals in Schottland und der ersten
Niederlagen des Kaisers im Donauland war allerdings in hohem Grade peinlich.
Aber fuer das Einstellen der Operationen in Britannien ^11 und fuer die, wie es
scheint, damals erfolgte Abberufung einer der vier Legionen, mit denen Agricola
seine Feldzuege ausgefuehrt hatte, nach Pannonien, gibt die damalige
militaerische Lage des Staats, die Ausdehnung der roemischen Herrschaft auf dem
rechten Rheinufer in Obergermanien und der Ausbruch der gefaehrlichen Kriege in
Pannonien, eine voellig hinreichende Erklaerung. Das freilich ist damit nicht
erklaert, warum hiermit dem Vordringen gegen Norden ueberhaupt ein Ziel gesetzt
und Nordschottland sowohl wie Irland sich selber ueberlassen wurden. Dass
seitdem die Regierung, nicht wegen Zufaelligkeiten der augenblicklichen Lage,
sondern ein fuer allemal von der Vorschiebung der Reichsgrenze absah und daran
bei allem Wechsel der Persoenlichkeiten festhielt, lehrt die gesamte spaetere
Geschichte der Insel und lehren insbesondere die gleich zu erwaehnenden
muehsamen und kostspieligen Wallbauten. Ob sie im rechten Interesse des Staates
auf die Vollendung der Eroberung verzichtet hat, ist eine andere Frage. Dass die
Reichsfinanzen bei dieser Erweiterung der Grenzen nur einbuessen wuerden, wurde
auch jetzt ebenso geltend gemacht ^12, wie frueher gegen die Besetzung der Insel
selbst, konnte aber freilich nicht entscheiden. Militaerisch durchfuehrbar war
die Besetzung so, wie Agricola sie gedacht hatte, ohne Zweifel ohne wesentliche
Schwierigkeit. Aber ins Gewicht mochte die Erwaegung fallen, dass die
Romanisierung der noch freien Gebiete grosse Schwierigkeit bereitet haben wuerde
wegen der Stammesverschiedenheit. Die Kelten im eigentlichen England gehoerten
durchaus zu denen des Festlands; Volksname, Glaube, Sprache waren beiden
gemeinsam. Wenn die keltische Nationalitaet des Kontinents einen Rueckhalt an
der Insel gefunden hatte, so griff umgekehrt die Romanisierung Galliens
notwendig auch nach England hinueber, und diesem vornehmlich verdankte es Rom,
dass in so ueberraschender Schnelligkeit Britannien sich gleichfalls
romanisierte. Aber die Bewohner Irlands und Schottlands gehoerten einem anderen
Stamme an und redeten eine andere Sprache; ihr Gadhelisch verstand der Brite
wahrscheinlich so wenig wie der Germane die Sprache der Skandinaven. Als
Barbaren wildester Art werden die Kaledonier - mit den Ivernern haben die Roemer
sich kaum beruehrt - durchaus geschildert. Andererseits waltete der
Eichenpriester (Derwydd, Druida) seines Amtes an der Rhone wie in Anglesey, aber
nicht auf der Insel des Westens noch in den Bergen des Nordens. Wenn die Roemer
den Krieg hauptsaechlich gefuehrt hatten, um das Druidengebiet ganz in ihre
Gewalt zu bringen, so war dieses Ziel einigermassen erreicht. Ohne Frage haetten
in anderer Zeit alle diese Erwaegungen die Roemer nicht vermocht, auf die so
nahe gerueckte Seegrenze im Norden zu verzichten und wenigstens Kaledonien waere
besetzt worden. Aber weitere Landschaften mit roemischem Wesen zu durchdringen,
vermochte das damalige Rom nicht mehr; die zeugende Kraft und der vorschreitende
Volksgeist waren aus ihm entwichen. Wenigstens diejenige Eroberung, die nicht
durch Verordnungen und Maersche erzwungen werden kann, waere, wenn man sie
versucht haette, schwerlich gelungen.
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^11 Tac. hist. I, 2 fasst das Resultat zusammen in die Worte perdomita
Britannia et statim missa.
^12 Der kaiserliche Finanzbeamte unter Pius, Appian (prooem. 5), bemerkt,
dass die Roemer den besten Teil (to kratiston) der britischen Insel besetzt
haetten oiden t/e/s all/e/s deomenoi. oy' gar e?phoros aytois estin oyd' /e/n
echoysin. Das ist die Antwort der Gouvernementalen an Agricola und seine
Meinungsgenossen.
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Es kam also darauf an, die Nordgrenze fuer die Verteidigung in geeigneter
Weise einzurichten; und darum dreht sich fortan hier die militaerische Arbeit.
Der militaerische Mittelpunkt blieb Eburacum. Das weite, von Agricola besetzte
Gebiet wurde festgehalten und mit Kastellen belegt, die als vorgeschobene Posten
fuer das zurueckliegende Hauptquartier dienten; wahrscheinlich ist der groesste
Teil der nicht legionaeren Truppen zu diesem Zweck verwendet worden. Spaeter
folgte die Anlage zusammenhaengender Befestigungslinien. Die erste der Art
ruehrt von Hadrian her und ist auch insofern merkwuerdig, als sie in gewissem
Sinn bis auf den heutigen Tag noch besteht und vollstaendiger bekannt ist als
irgendeine andere der grossen militaerischen Bauten der Roemer. Es ist genau
genommen eine von Meer zu Meer in der Laenge von etwa 16 deutschen Meilen
westlich an den Solway Firth, oestlich an die Muendung der Tyne fuehrende, nach
beiden Seiten hin festungsmaessig geschuetzte Heerstrasse. Die Verteidigung
bildet noerdlich eine gewaltige urspruenglich mindestens 16 Fuss hohe und 8 Fuss
dicke, an beiden Aussenseiten aus Quadersteinen erbaute, dazwischen mit
Bruchsteinen und Moertel ausgefuellte Mauer, vor welcher ein nicht minder
imponierender, 9 Fuss tiefer, oben bis 34 Fuss und mehr breiter Graben sich
hinzieht. Gegen Sueden ist die Strasse geschuetzt durch zwei parallele, noch
jetzt 6 bis 7 Fuss hohe Erddaemme, zwischen denen ein 7 Fuss tiefer Graben mit
einem nach Sueden aufgehoehten Rande sich hinzieht, so dass die Anlage von Damm
zu Damm eine Gesamtbreite von 24 Fuss hat. Zwischen der Steinmauer und den
Erddaemmen, auf der Strasse selbst, liegen die Lagerplaetze und Wachthaeuser,
naemlich in der Entfernung einer kleinen Meile voneinander die Kohortenlager,
angelegt als selbstaendig wehrfaehige Kastelle mit Toroeffnungen nach allen vier
Seiten; zwischen je zweien derselben eine kleinere Anlage aehnlicher Art mit
Ausfallstoren nach Norden und Sueden; zwischen je zweien von diesen vier
kleinere Wachthaeuser in Rufweite voneinander. Diese Anlage von grossartiger
Soliditaet, welche als Besatzung 10000 bis 12000 Mann erfordert haben muss,
bildete seitdem das Fundament der militaerischen Operationen im noerdlichen
England. Eigentlicher Grenzwall war sie nicht; vielmehr haben nicht bloss die
schon seit Agricolas Zeit weit darueber hinaus vorgeschobenen Posten daneben
fortbestanden, sondern es ist spaeterhin, zuerst unter Pius, dann in
umfassenderer Weise unter Severus gleichsam als Vorposten fuer den Hadrianswall
^13 die schon von Agricola mit einer Postenreihe besetzte, um die Haelfte
kuerzere Linie vom Firth of Clyde zum Firth of Forth in aehnlicher, aber
schwaecherer Weise befestigt worden. Der Anlage nach war diese Linie von der
Hadrianischen nur insofern verschieden, als sie sich auf einen ansehnlichen
Erdwall, mit Graben davor und Strasse dahinter, beschraenkte, nach Sueden also
nicht zur Verteidigung eingerichtet war; im uebrigen schloss auch sie eine
Anzahl kleinerer Lager in sich. An dieser Linie endigten die roemischen
Reichsstrassen ^14, und obwohl auch jenseits dieser noch roemische Posten
standen - der noerdlichste Punkt, auf dem der Grabstein eines roemischen
Soldaten sich gefunden hat, ist Ardoch zwischen Stirling und Perth -, kann die
Grenze der Zuege Agricolas, der Firth of Tay, auch spaeter noch als die Grenze
des Roemischen Reiches angesehen werden.
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^13 Die Meinung, dass der noerdliche Wall an die Stelle des suedlichen
getreten sei, ist ebenso verbreitet wie unhaltbar; die Kohortenlager am
Hadrianswall, wie sie uns die Inschriften des 2. Jahrhunderts zeigen, bestanden
im wesentlichen unveraendert noch am Ende des 3. (denn dieser Epoche gehoert der
betreffende Abschnitt der Notitia an). Beide Anlagen haben nebeneinander
bestanden, seit die juengere hinzugetreten war; auch zeigt die Masse der
Denkmaeler am Severuswall mit Evidenz, dass er bis zum Ende der roemischen
Herrschaft in Britannien besetzt geblieben ist.
Der Bau des Severus kann nur auf die noerdliche Anlage bezogen werden.
Einmal war die Anlage des Hadrian von der Art, dass eine etwaige
Wiederherstellung unmoeglich, wie dies von der Severischen gesagt wird, als
Neubau aufgefasst werden konnte; aber die Anlage des Pius war ein blosser
Erddamm (murus cespiticius, vita c. 5) und unterliegt hier die gleiche Annahme
minderem Bedenken. Zweitens passt die Laenge des Severuswalles von 32 Milien
(Aur. Vict. epit. 20; die unmoegliche Zahl 132 ist ein Schreibfehler unserer
Handschriften des Eutropius 8, 19 - wo Paulus das Richtige bewahrt hat -, der
dann von Hier. chron. a. Abr. 2221, Oros. hist. 7, 17, 7 und Cassiod. chron. zum
Jahre 207 uebernommen worden ist) nicht auf den Hadrianswall von 80 Milien; aber
die Anlage des Pius, die nach den inschriftlichen Erhebungen etwa 40 Milien lang
war, kann wohl gemeint sein, da die Endpunkte der Severischen Anlage an den
beiden Meeren recht wohl andere und naeher gelegene gewesen sein koennen. Wenn
endlich nach Dio 76,12 von der Mauer, welche die Insel in zwei Teile teilt,
noerdlich die Kaledonien suedlich die Maeaten wohnen, so sind zwar die Wohnsitze
der letzteren sonst nicht bekannt (vgl. Dio 75, 5), koennen aber unmoeglich auch
nach der Schilderung, die Dio von ihrer Gegend macht, suedlich vom Hadrianswall
angesetzt und die der Kaledonier bis an diesen erstreckt werden. Also ist hier
die Linie Glasgow-Edinburgh gemeint.
^14 A limite id est a vallo heisst es im Itinerarium, p. 464.
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Weniger als von diesen imponierenden Verteidigungsanlagen wissen wir von
der Anwendung, die sie gefunden haben und ueberhaupt den spaeteren Ereignissen
auf diesem fernen Kriegsschauplatz. Unter Hadrian ist eine schwere Katastrophe
hier eingetreten, allem Anschein nach ein Ueberfall des Lagers von Eburacum und
die Vernichtung der dort stehenden Legion ^15, derselben neunten, die im
Boudiccakrieg so ungluecklich gefochten hatte. Wahrscheinlich ist diese nicht
durch feindlichen Einfall herbeigefuehrt, sondern durch den Abfall der
noerdlichen als reichsuntertaenig geltenden Voelkerschaften, insbesondere der
Briganten. Damit wird in Verbindung zu bringen sein, dass der Hadrianswall
ebenso gegen Sueden wie gegen Norden Front macht; offenbar war er auch dazu
bestimmt, das nur oberflaechlich unterworfene Nordengland niederzuhalten. Auch
unter Hadrians Nachfolger Pius haben hier Kaempfe stattgefunden, an denen die
Briganten wieder beteiligt waren; doch laesst sich Genaueres nicht erkennen ^16.
Der erste ernstliche Angriff auf diese Reichsgrenze und die erste nachweisliche
Ueberschreitung der Mauer - ohne Zweifel derjenigen des Pius - erfolgte unter
Marcus und weiter unter Commodus; wie denn auch Commodus der erste Kaiser ist,
der den Siegesbeinamen des Britannikers angenommen hat, nachdem der tuechtige
General Ulpius Marcellus die Barbaren zu Paaren getrieben hatte. Aber das Sinken
der roemischen Macht tritt seitdem hier ebenso hervor wie an der Donau und am
Euphrat. In den unruhigen Anfangsjahren des Severus hatten die Kaledonier ihre
Zusage, sich nicht mit den roemischen Untertanen einzulassen, gebrochen, und,
auf sie gestuetzt, ihre suedlichen Nachbarn, die Maeaten, den roemischen
Statthalter Lupus genoetigt, gefangene Roemer mit grossen Summen zu loesen.
Dafuer traf sie Severus' schwerer Arm nicht lange vor seinem Tode; er drang in
ihr eigenes Gebiet ein und zwang sie zur Abtretung betraechtlicher Strecken ^17,
aus welchen freilich, nachdem der alte Kaiser im Jahre 211 im Lager von Eburacum
gestorben war, seine Soehne die Besatzungen sofort freiwillig zurueckzogen, um
der laestigen Verteidigung ueberhoben zu sein.
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^15 Der Hauptbeweis dafuer liegt in dem unzweifelhaft bald nach dem Jahre
108 (CIL VII, 241) eintretenden Verschwinden dieser Legion und ihrer Ersetzung
durch die 6. victrix. Die beiden Notizen, welche auf dies Ereignis hindeuten
(Fronto p. 217 Naher: Hadriano imperium obtinente quantum militum a Britannis
caesum? Vita 5: Britanni teneri sub Romana dicione non poterant) sowie die
Anspielung bei Iuvenal (14, 196: castella Brigantum) fuehren auf einen Aufstand,
nicht auf einen Einfall.
^16 Wenn Pius nach Pausanias (8, 43, 4) apetemeto t/o/n en Britannia
Brigant/o/n t/e/n poll/e/n oti epesbainein kai o?toi s?n oplois /e/rxan eis
t/e/n Genoynian moiran (unbekannt, vielleicht, wie O. Hirschfeld vorschlaegt,
die Brigantenstadt Vinovia) ypkooys R/o/mai/o/n, so folgt daraus nicht, dass es
auch Briganten in Kaledonien gab, sondern dass die Briganten in Nordengland
damals das befriedete Brittenland heimsuchten und darum ein Teil ihres Gebiets
konfisziert ward.
^17 Dass er die Absicht gehabt hat, den ganzen Norden in roemische Gewalt
zu bringen (Dio 76, 13), vertraegt sich weder recht mit der Abtretung (a. a. O.)
noch mit dem Mauerbau und ist wohl ebenso fabelhaft wie der roemische Verlust
von 50000 Mann, ohne dass es auch nur zum Kampfe kam.
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Aus dem dritten Jahrhundert wird von den Schicksalen der Insel kaum etwas
gemeldet. Da keiner der Kaiser, bis auf Diocletian und seine Kollegen, den
Siegernamen von der Insel gefuehrt hat, moegen ernstere Kaempfe hier nicht
stattgefunden haben, und wenn auch in dem Landstrich zwischen den Waellen des
Pius und des Hadrianus das roemische Wesen wohl nie festen Fuss gefasst hat,
scheint doch wenigstens der Hadrianswall was er sollte, auch damals geleistet
und hinter ihm die fremdlaendische Zivilisation gesichert sich entwickelt zu
haben. In der Zeit Diocletians finden wir den Bezirk zwischen beiden Waellen
geraeumt, aber den Hadrianswall nach wie vor besetzt und das uebrige roemische
Heer zwischen ihm und dem Hauptquartier Eburacum kantonierend zur Abwehr der
seitdem oft erwaehnten Raubzuege der Kaledonier, oder wie sie jetzt gewoehnlich
heissen, der Taetowierten (picti) und der von Ivernia her einstroemenden Skoten.
Eine staendige Flotte haben die Roemer in Britannien gehabt; aber wie das
Seewesen immer die schwache Seite der roemischen Wehrordnung geblieben ist, war
auch die britische Flotte nur unter Agricola voruebergehend von Bedeutung.
Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Regierung darauf gerechnet hatte,
nach erfolgter Besetzung der Insel den groessten Teil der dorthin gesandten
Truppen zuruecknehmen zu koennen, so erfuellte diese Hoffnung sich nicht: nur
eine der entsendeten vier Legionen ist, wie wir sahen, unter Domitian abberufen
worden; die drei anderen muessen unentbehrlich gewesen sein, denn es ist nie der
Versuch gemacht worden, sie zu verlegen. Dazu kamen die Auxilien, die zu dem
wenig einladenden Dienst auf der abgelegenen Nordseeinsel dem Anschein nach im
Verhaeltnis staerker als die Buergertruppen herangezogen wurden. In der Schlacht
am Graupischen Berge im Jahre 84 fochten ausser den vier Legionen 8000 zu Fuss
und 3000 zu Pferde von den Hilfssoldaten. Fuer die Zeit von Traian und Hadrian,
wo von diesen in Britannien sechs Alen und 21 Kohorten, zusammen etwa 15000 Mann
standen, wird man das gesamte britannische Heer auf etwa 30000 Mann anzuschlagen
haben. Britannien war von Haus aus ein Kommandobezirk ersten Ranges, den beiden
rheinischen und dem syrischen vielleicht im Rang, aber nicht an Bedeutung
nachstehend, gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts wahrscheinlich die
angesehenste aller Statthalterschaften. Es lag nur an der weiten Entfernung,
dass die britannischen Legionen in der Korpsparteiung der frueheren Kaiserzeit
in zweiter Reihe erscheinen; bei dem Korpskrieg nach dem Erloeschen des
Antoninischen Hauses fochten sie in der ersten. Darum aber war es auch eine der
Konsequenzen des Sieges des Severus, dass die Statthalterschaft geteilt ward.
Seitdem standen die beiden Legionen von Isca und Deva unter dem Legaten der
oberen, die eine von Eburacum und die Truppen an den Waellen, also die
Hauptmasse der Auxilien, unter dem der unteren Provinz ^18. Wahrscheinlich ist
die Verlegung der ganzen Besatzung nach dem Norden, die, wie oben bemerkt ward,
nach bloss militaerischen Ruecksichten wohl zweckmaessig gewesen sein wuerde,
mit deswegen unterblieben, weil sie einem Statthalter drei Legionen in die Hand
gegeben haette.
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^18 Die Teilung ergibt sich aus Dio 55, 23.
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Dass finanziell die Provinz mehr kostete, als sie eintrug, kann hiernach
nicht verwundern. Fuer die Wehrkraft des Reiches dagegen kam Britannien
erheblich in Betracht; das Kompensationsverhaeltnis von Besteuerung und
Aushebung wird auch fuer die Insel in Anwendung gekommen sein und die britischen
Truppen galten neben den illyrischen fuer die besten der Armee. Gleich
anfaenglich sind dort sieben Kohorten aus den Eingeborenen aufgestellt und diese
weiter bis auf Hadrian stetig vermehrt worden; nachdem dieser das System
aufgebracht hatte, die Truppen moeglichst aus ihren Garnisonsbezirken zu
rekrutieren, scheint Britannien dies fuer seine starke Besatzung wenigstens zum
grossen Teil geleistet zu haben. Es war ein ernster und tapferer Sinn in den
Leuten; sie trugen die Steuern und die Aushebung willig, nicht aber Hoffart und
Brutalitaet der Beamten.
Fuer die innere Ordnung Britanniens bot als Grundlage sich die dort zur
Zeit der Eroberung bestehende Gauverfassung, welche, wie schon bemerkt ward, von
derjenigen der Kelten des Kontinents sich nur darin wesentlich entfernte, dass
die einzelnen Voelkerschaften der Insel, es scheint saemtlich, unter Fuersten
standen. Aber diese Ordnung scheint nicht beibehalten und der Gau (civitas) in
Britannien, wie in Spanien, ein geographischer Begriff geworden zu sein;
wenigstens ist es kaum anders zu erklaeren, dass die britannischen
Voelkerschaften genau genommen verschwinden, sowie sie unter roemische
Herrschaft geraten, und von den einzelnen Gauen nach ihrer Unterwerfung so gut
wie gar nicht die Rede ist. Wahrscheinlich sind die einzelnen Fuerstentuemer,
wie sie unterworfen und eingezogen wurden, in kleinere Gemeinden zerschlagen
worden; es ward dies dadurch erleichtert, dass auf der Insel sich nicht, wie auf
dem Kontinent, eine ohne monarchische Spitze geordnete Gauverfassung vorfand.
Damit haengt auch wohl zusammen, dass, waehrend die gallischen Gaue eine
gemeinsame Hauptstadt und in dieser eine politische und religioese
Gesamtvertretung besessen haben, von Britannien nichts aehnliches gemeldet wird.
Gefehlt hat der Provinz ein Concilium und ein gemeinsamer Kaiserkultus nicht;
aber waere der Altar des Claudius in Camalodunum ^19 auch nur annaehernd
gewesen, was der des Augustus in Lugudunum, so wuerde davon wohl etwas
verlauten. Die freie und grosse politische Gestaltung, welche dem gallischen
Lande von Caesar gewaehrt und von seinem Sohne bestaetigt worden war, passt in
den Rahmen der spaeteren Kaiserpolitik nicht mehr.
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^19 Auf ihn geht wohl das Epigramm des Seneca (vol. 4, p. 69 Baehrens):
oceanus que tuas ultra se respicit aras. Auch der Tempel, der nach der
Spottschrift desselben Seneca (8, 3) dem Claudius bei Lebzeiten in Britannien
errichtet ward, und der damit sicher identische Tempel des Gottes Claudius in
Camalodunum (Tac. ann. 14, 31) ist wohl nicht als staedtisches Heiligtum zu
fassen, sondern nach Analogie der Augustusheiligtuemer von Lugudunum und
Tarraco. Die delecti sacerdotes, welche specie religionis omnes fortunas
effundebant, sind die bekannten Provinzialpriester und Spielgeber.
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Von der mit der Invasion ziemlich gleichzeitigen Gruendung der Kolonie
Camalodunum war schon die Rede, wie es auch bereits hervorgehoben wurde, dass
die italische Stadtverfassung frueh in einer Reihe britannischer Ortschaften
eingefuehrt worden ist. Auch hierin ist Britannien mehr nach dem Muster Spaniens
als nach dem des keltischen Kontinents behandelt worden.
Die inneren Zustaende Britanniens muessen, trotz der allgemeinen Gebrechen
des Reichsregiments, wenigstens im Vergleich mit anderen Gebieten, nicht
unguenstige gewesen sein. Kannte man im Norden nur Jagd und Weide und waren hier
die Einwohner wie die Anwohner zu Fehde und Raub jederzeit bei der Hand, so
entwickelte sich der Sueden in dem ungestoerten Friedensstand vor allem durch
Ackerbau, daneben durch Viehzucht und Bergwerksbetrieb zu maessiger Wohlfahrt:
die gallischen Redner der diocletianischen Zeit preisen den Reichtum der
fruchtbaren Insel, und oft genug haben die Rheinlegionen ihr Getreide aus
Britannien empfangen.
Das Strassennetz der Insel, das ungemein entwickelt ist und fuer das
namentlich Hadrian in Verbindung mit seinem Wallbau viel getan hat, hat
natuerlich zunaechst militaerischen Zwecken gedient; aber neben, ja vor den
Legionslagern nimmt Londinium darin einen Platz ein, welcher seine leitende
Stellung im Verkehr deutlich vor Augen bringt. Nur in Wales gab es
Reichsstrassen allein in der naechsten Naehe der roemischen Lager, von Isca nach
Nidum (Neath) und von Deva zur Ueberfahrt nach Mona.
Zu der Romanisierung verhielt sich das roemische Britannien aehnlich wie
das noerdliche und mittlere Gallien. Die nationalen Gottheiten, der Mars
Belatucadrus oder Cocidius, die der Minerva gleichgesetzte Goettin Sulis, nach
welcher die heutige Stadt Bath hiess, sind auch in lateinischer Sprache noch
vielfach auf der Insel verehrt worden. Ein exotisches Gewaechs ist die aus
Italien eindringende Sprache und Sitte auf der Insel noch mehr gewesen als auf
dem Kontinent; noch gegen das Ende des ersten Jahrhunderts lehnten die
angesehenen Familien dort sowohl die lateinische Sprache ab wie die roemische
Tracht. Die grossen staedtischen Zentren, die eigentlichen Herde der neuen
Kultur, sind in Britannien schwaecher entwickelt; wir wissen nicht bestimmt,
welche englische Stadt fuer das Concilium der Provinz und die gemeinschaftliche
Kaiserverehrung als Sitz gedient und in welchem der drei Legionslager der
Statthalter der Provinz residiert hat; wenn, wie es scheint, die Zivilhauptstadt
Britanniens Camalodunum gewesen ist, die Militaerhauptstadt Eburacum ^20, so
kann dieses sich so wenig mit Mainz messen wie jenes mit Lyon. Die
Truemmerstaetten auch der namhaften Ortschaften, der Claudischen Veteranenstadt
Camalodunum und der volkreichen Kaufstadt Londinium, nicht minder die
vielhundertjaehrigen Legionslager von Deva, Isca, Eburacum haben Inschriftsteine
nur in geringfuegiger Zahl, namhafte Staedte roemischen Rechts wie die Kolonie
Glevum (Gloucester), das Municipium Verulamium bis jetzt nicht einen einzigen
ergeben; die Sitte des Denksteinsetzens, auf deren Ergebnisse wir fuer solche
Fragen grossenteils angewiesen sind, hat in Britannien nie recht
durchgeschlagen. Im inneren Wales und in anderen weniger zugaenglichen Strichen
sind roemische Denkmaeler ueberhaupt nicht zum Vorschein gekommen. Daneben aber
stehen deutliche Zeugen des von Tacitus hervorgehobenen regen Handels und
Verkehrs, so die zahllosen Trinkschalen, die aus den Ruinen Londons
hervorgegangen sind, und das Londoner Strassennetz. Wenn Agricola bemueht war,
den munizipalen Wetteifer in der Ausschmueckung der eigenen Stadt durch Bauten
und Denkmaeler, wie er von Italien sich auf Afrika und Spanien uebertragen
hatte, auch nach Britannien zu verpflanzen, und die vornehmen Insulaner zu
bestimmen, in ihrer Heimat die Maerkte zu schmuecken und Tempel und Palaeste zu
errichten, wie dies anderswo ueblich war, so ist ihm das fuer die Gemeindebauten
nur in geringem Umfang gelungen. Aber in der Privatwirtschaft ist es anders; die
stattlichen, roemisch angelegten und geschmueckten Landhaeuser, von denen jetzt
nur noch die Mosaikfussboeden uebrig geblieben sind, finden sich im suedlichen
Britannien bis in die Gegend von York hinauf ^21 ebenso haeufig wie im
Rheinland. Die hoehere schulmaessige Jugendbildung drang von Gallien aus
allmaehlich in Britannien ein. Unter Agricolas administrativen Erfolgen wird
angefuehrt, dass der roemische Hofmeister in die vornehmen Haeuser der Insel
anfange, seinen Weg zu finden. In hadrianischer Zeit wird Britannien als ein von
den gallischen Schulmeistern erobertes Gebiet bezeichnet, und "schon spricht
Thule davon, sich einen Professor zu mieten". Diese Schulmeister waren zunaechst
Lateiner, aber es kamen auch Griechen; Plutarchos erzaehlt von einer
Unterhaltung, die er in Delphi pflog mit einem aus Britannien heimkehrenden
griechischen Sprachlehrer aus Tarsos. Wenn im heutigen England, abgesehen von
Wales, und bis vor kurzem von Cornwall, die alte Landessprache verschwunden ist,
so ist sie nicht den Angeln oder den Sachsen, sondern dem roemischen Idiom
gewichen; und wie es in Grenzlaendern zu geschehen pflegt, in der spaeteren
Kaiserzeit stand keiner treuer zu Rom als der britannische Mann. Nicht
Britannien hat Rom aufgegeben, sondern Rom Britannien - das letzte, was wir von
der Insel erfahren, sind die flehentlichen Bitten der Bevoelkerung bei Kaiser
Honorius um Schutz gegen die Sachsen, und dessen Antwort, dass sie sich selber
helfen moechten, wie sie koennten.
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^20 Das hier stationierte Kommando war wenigstens in spaeterer Zeit ohne
Frage das wichtigste unter den britannischen; und es wird auch dort (denn an
Eburacum ist hier ohne Zweifel gedacht) ein Palatium erwaehnt (vita Severi 22).
Das praeto rium, unterhalb Eburacum wohl an der Kueste gelegen (Irin. Anton.
Aug., p. 466), mag der Sommersitz des Statthalters gewesen sein.
^21 Noerdlich von Aldborough und Easingwold (beide etwas noerdlich von
York) haben sich keine gefunden (J. C. Bruce, Description of the Roman wall. 3.
Aufl. 1867, S. 61).
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6. Kapitel
Die Donaulaender und die Kriege an der Donau
Wie die Rheingrenze Caesars, so ist die Donaugrenze das Werk des Augustus.
Als er an das Ruder kam, waren die Roemer auf der italischen Halbinsel kaum
Herren der Alpen, auf der griechischen kaum des Haemus (Balkan) und der
Kuestenstreifen am Adriatischen und am Schwarzen Meer; nirgends reichte ihr
Gebiet an den maechtigen Strom, der das suedliche Europa vom noerdlichen
scheidet; sowohl das noerdliche Italien wie auch die illyrischen und pontischen
Handelsstaedte und mehr noch die zivilisierten Landschaften Makedoniens und
Thrakiens waren den Raubzuegen der rohen und unruhigen Nachbarstaemme stetig
ausgesetzt. Als Augustus starb, waren an die Stelle der einen, kaum zu
selbstaendiger Verwaltung gelangten Provinz Illyricum fuenf grosse roemische
Verwaltungsbezirke getreten, Raetien, Noricum, Unterillyrien oder Pannonien,
Oberillyrien oder Dalmatien und Moesien, und die Donau in ihrem ganzen Lauf,
wenn nicht ueberall die militaerische, doch die politische Reichsgrenze
geworden. Die verhaeltnismaessig leichte Unterwerfung dieser weiten Gebiete
sowie die schwere Insurrektion der Jahre 6 bis 9 und das dadurch veranlasste
Aufgeben der frueher beabsichtigten Verlegung der Grenzlinie von der oberen
Donau nach Boehmen und an die Elbe sind frueher dargestellt worden. Es bleibt
uebrig, die Entwicklung dieser Landschaften in der Zeit nach Augustus und die
Beziehungen der Roemer zu den jenseits der Donau wohnhaften Staemmen
darzustellen.
Die Schicksale Raetiens sind mit denen der Obergermanischen Provinz so eng
verflochten, dass dafuer auf die fruehere Darstellung verwiesen werden kann. Die
roemische Zivilisation hat hier, im ganzen genommen, sich wenig entwickelt. Das
Hochland der Alpen mit den Taelern des oberen Inn und des oberen Rhein umschloss
eine schwache und eigenartige Bevoelkerung, wahrscheinlich diejenige, die
einstmals die oestliche Haelfte der norditalischen Ebene besessen hatte,
vielleicht den Etruskern verwandt. Von dort zurueckgedraengt durch die Kelten
und vielleicht auch die Illyriker, behauptete sie sich in den noerdlichen
Gebirgen. Waehrend die nach Sueden sich oeffnenden Taeler, wie das der Etsch, zu
Italien gezogen wurden, boten jene den Suedlaendern wenig Platz und noch weniger
Reiz zur Ansiedelung und Staedtegruendung. Weiter noerdlich, auf der Hochebene
zwischen dem Bodensee und dem Inn, welche von den keltischen Staemmen der
Vindeliker eingenommen war, waere wohl fuer roemische Kultur Raum und Staette
gewesen; aber es scheint in diesem Gebiet, das nicht so wie das norische
unmittelbare Fortsetzung Italiens werden konnte und das, gleich dem angrenzenden
sogenannten Decumatenland, wohl zunaechst nur als Scheide gegen die Germanen
fuer die Roemer von Wert war, die Politik der frueheren Kaiserzeit die Kultur
vielmehr zurueckgehalten zu haben. Es ist schon darauf hingewiesen worden, dass
gleich nach der Eroberung man bedacht war, die Landschaft zu entvoelkern. Diesem
geht zur Seite, dass in der frueheren Kaiserzeit keine roemisch organisierte
Gemeinde hier entstanden ist. Zwar von der Anlage der grossen Strasse, die
gleich mit der Eroberung selbst von dem aelteren Drusus durch die Hochalpen an
die Donau gefuehrt ward, war die Gruendung der Augusta der Vindeliker, des
heutigen Augsburg, ein notwendiger Teil; aber es war und blieb dieser rasch
aufbluehende Ort ueber ein Jahrhundert ein Marktflecken, bis endlich Hadrian
auch in dieser Hinsicht die von Augustus vorgezeichnete Bahn verliess und die
Landschaft der Vindeliker in die Romanisierung des Nordens hineinzog. Die
Verleihung des roemischen Stadtrechts an den Vorort der Vindeliker durch Hadrian
wird damit zusammengestellt werden duerfen, dass ungefaehr um dieselbe Zeit die
Militaergrenze am Oberrhein vorgeschoben ward und roemische Staedte im
ehemaligen Decumatenland entstanden; indes ist in Raetien auch spaeter Augusta
der einzige groessere Mittelpunkt roemischer Zivilisation geblieben. Auch die
militaerischen Einrichtungen haben auf das Zurueckhalten derselben eingewirkt.
Die Provinz stand von Anfang an unter kaiserlicher Verwaltung und konnte nicht
ohne Besatzung gelassen werden; aber besondere Ruecksichten noetigten, wie dies
frueher gezeigt ward, die Regierung, nach Raetien lediglich Truppen zweiter
Klasse zu legen, und wenn diese auch der Zahl nach nicht unbetraechtlich waren,
so haben doch die kleineren Standlager der Alen und Kohorten nicht die
zivilisierende und staedtebildende Wirkung ausueben koennen wie die
Legionslager. Unter Marcus ist allerdings infolge des Markomannischen Krieges
das raetische Hauptquartier, die castra Regina, das heutige Regensburg, mit
einer Legion belegt worden; aber selbst dieser Ort scheint in roemischer Zeit
bloss Militaerniederlassung geblieben zu sein und kaum mit den Lagern zweiten
Ranges am Rhein, wie zum Beispiel Bonna, in der staedtischen Entwicklung auf
einer Linie gestanden zu haben.
Dass die Grenze Raetiens schon zu Traianus' Zeit von Regensburg westlich
eine Strecke ueber die Donau hinaus vorgeschoben war, ist frueher bemerkt und
daselbst auch ausgefuehrt worden, dass dieses Gebiet wahrscheinlich ohne
Anwendung von Waffengewalt, aehnlich wie das Decumatenland, zum Reiche gezogen
worden ist. Es wurde ebenfalls schon erwaehnt, dass die Befestigung dieses
Gebiets vielleicht mit den unter Marcus bis hierher sich erstreckenden
Einfaellen der Chatten zusammenhaengt, sowie dass diese und spaeter die
Alamannen im dritten Jahrhundert sowohl dies Vorland wie Raetien selbst
heimsuchten und schliesslich unter Gallienus den Roemern entrissen.
Die Nachbarprovinz Noricum ist wohl in der provinzialen Einrichtung
aehnlich wie Raetien behandelt worden, aber hat sich sonst anders entwickelt.
Nach keiner Richtung hin ist Italien fuer den Landverkehr so wie gegen Nordosten
aufgeschlossen; die Handelsbeziehungen Aquileias sowohl durch das Friaul nach
der oberen Donau und zu den Eisenwerken von Noreia wie ueber die Julische Alpe
zum Savetal haben hier der augustischen Grenzerweiterung vorgearbeitet wie
nirgends sonst im Donaugebiet. Nauportus (Oberlaibach), jenseits des Passes, war
ein roemischer Handelsflecken schon in republikanischer Zeit, Emona (Laibach)
eine spaeter foermlich Italien einverleibte, der Sache nach seit ihrer Gruendung
durch Augustus zu Italien gehoerige roemische Buergerkolonie. Daher genuegte,
wie frueher schon hervorgehoben ward, fuer die Umwandlung dieses "Koenigreichs"
in eine roemische Provinz wahrscheinlich die blosse Ankuendigung. Die
urspruenglich wohl illyrische, spaeter zum guten Teil keltische Bevoelkerung
zeigt keine Spur von demjenigen Festhalten an der nationalen Weise und Sprache,
welche wir bei den Kelten des Westens wahrnehmen. Roemische Sprache und
roemische Sitte muss hier frueh Eingang gefunden haben, und von Kaiser Claudius
wurde dann das gesamte Gebiet, selbst der noerdliche, durch die Tauernkette vom
Drautal getrennte Teil, nach italischer Gemeindeverfassung organisiert. Waehrend
in den Nachbarlaendern Raetien und Pannonien die Denkmaeler roemischer Sprache
entweder fehlen oder doch nur in den groesseren Zentren erscheinen, sind die
Taeler der Drau, der Mut und der Salzach und ihrer Nebenfluesse bis in das hohe
Gebirge hinauf erfuellt mit Zeugnissen der hier tief eingedrungenen
Romanisierung. Noricum ward ein Vorland und gewissermassen ein Teil Italiens;
bei der Aushebung fuer die Legion und fuer die Garde ist, so lange hier die
Italiker ueberhaupt bevorzugt wurden, diese Bevorzugung auf keine andere Provinz
so voellig erstreckt worden wie auf diese.
Hinsichtlich der militaerischen Belegung gilt von Noricum dasselbe wie von
Raetien. Aus den schon entwickelten Gruenden gab es auch in Noricum waehrend der
ersten zwei Jahrhunderte der Kaiserzeit nur Alen- und Kohortenlager; Carnuntum
(Petronell bei Wien), das in der augustischen Zeit zu Noricum gehoerte, ist, als
die illyrischen Legionen dorthin gelegt wurden, eben darum zu Pannonien gezogen
worden. Die kleineren norischen Standlager an der Donau und selbst das von
Marcus, der auch in diese Provinz eine Legion legte, fuer diese eingerichtete
Lager von Lauriacum (bei Enns) sind fuer die staedtische Entwicklung von keiner
Bedeutung gewesen; die grossen Ortschaften Noricums, wie Celeia (Cilli) im
Sanntal, Aguontum (Lienz), Teurnia (unweit Spittal), Virunum (Zollfeld bei
Klagenfurt), im Norden Iuvavum (Salzburg) sind rein aus buergerlichen Elementen
hervorgegangen.
Illyricum, das heisst das roemische Gebiet zwischen Italien und Makedonien,
wurde in republikanischer Zeit zum kleineren Teil mit der griechisch-
makedonischen Statthalterschaft vereinigt, zum groesseren als Nebenland von
Italien und, nach der Einrichtung der Statthalterschaft des Cisalpinischen
Galliens, als ein Teil von dieser verwaltet. Das Gebiet deckt sich bis zu einem
gewissen Grade mit dem weitverbreiteten Stamm, von dem es die Roemer benannt
haben: es ist derjenige, dessen duerftiger Rest an dem suedlichen Ende seines
ehemals weitgedehnten Besitzes unter dem Namen der Skipetaren, welchen sie sich
selbst beilegen, oder, wie ihre Nachbarn sie heissen, der Arnauten oder
Albanesen noch heute seine alte Nationalitaet und seine eigene Sprache bewahrt
hat. Es ist derselbe ein Glied der indogermanischen Familie und innerhalb
derselben wohl am naechsten dem griechischen Kreise verwandt, wie dies auch den
oertlichen Verhaeltnissen angemessen ist; aber er steht neben diesem wenigstens
ebenso selbstaendig wie der lateinische und der keltische. In ihrer
urspruenglichen Ausdehnung erfuellte diese Nation die Kueste des Adriatischen
Meeres von der Muendung des Po durch Istrien, Dalmatien und Epirus bis gegen
Akarnanien und Aetolien, ferner im Binnenlande das obere Makedonien sowie das
heutige Serbien und Bosnien und das ungarische Gebiet auf dem rechten Ufer der
Donau; sie grenzt also oestlich an die thrakischen Voelkerschaften, westlich an
die keltischen, von welchen letzteren Tacitus sie ausdruecklich unterscheidet.
Es ist ein kraeftiger Schlag suedlaendischer Art, mit schwarzem Haar und dunklen
Augen, sehr verschieden von den Kelten und mehr noch von den Germanen,
nuechterne, maessige, unerschrockene, stolze Leute, vortreffliche Soldaten, aber
buergerlicher Entwicklung wenig zugaenglich, mehr Hirten als Ackerbauer. Zu
einer groesseren politischen Entwicklung ist er nicht gelangt. An der italischen
Kueste traten ihnen wahrscheinlich zunaechst die Kelten entgegen; die
wahrscheinlich illyrischen Voelkerschaften daselbst, insbesondere die Veneter,
wurden durch die Rivalitaet mit den Kelten frueh zu fuegsamen Untertanen der
Roemer. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt engte die Gruendung von Aquileia
und die Unterwerfung der Halbinsel Istrien weiter ihre Grenzen ein. An der
Ostkueste des Adriatischen Meeres waren die wichtigeren Inseln und die
Suedhaefen des Kontinents seit langem von den kuehnen hellenischen Schiffern
okkupiert. Als dann in Skodra (Scutari), gewissermassen in alter Zeit wie
heutzutage dem Zentralpunkt des illyrischen Landes, die Herrscher anfingen, sich
zu eigener Macht zu entwickeln und besonders auf dem Meere die Griechen zu
befehden, schlug Rom schon vor dem Hannibalischen Kriege sie mit gewaltiger Hand
nieder und nahm die ganze Kueste unter seine Schutzherrschaft, welche bald,
nachdem der Herr von Skodra mit dem Koenig Perseus von Makedonien den Krieg und
die Niederlage geteilt hatte, die voellige Aufloesung dieses Fuerstentums
herbeifuehrte. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt und in der ersten Haelfte
des siebenten wurde in langjaehrigen Kaempfen auch die Kueste zwischen Istrien
und Skodra von den Roemern besetzt. Im Binnenland wurden die Illyrier in
republikanischer Zeit von den Roemern wenig beruehrt; dafuer aber muessen, von
Westen her vordringend, die Kelten einen guten Teil urspruenglich illyrischen
Gebiets in ihre Gewalt gebracht haben, so das spaeterhin ueberwiegend keltische
Noricum. Kelten sind auch die Latobiker im heutigen Krain; und in dem gesamten
Gebiet zwischen Save und Drau, ebenso im Raabtal sassen die beiden grossen
Staemme im Gemenge, als Caesar Augustus die suedlichen Distrikte Pannoniens der
roemischen Herrschaft unterwarf. Wahrscheinlich hat diese starke Mischung mit
keltischen Elementen neben der ebenen Bodenbeschaffenheit zu dem fruehen
Untergang der illyrischen Nation in den pannonischen Landschaften ihren Teil
beigetragen. In die suedliche Haelfte der von Illyriern bewohnten Landschaften
dagegen sind von den Kelten nur die Skordisker vorgedrungen, deren Festsetzung
an der unteren Save bis zur Morawa und deren Streifereien bis in die Naehe von
Thessalonike frueher erwaehnt worden sind. Die Griechen aber haben hier ihnen
gewissermassen den Platz geraeumt; das Sinken der makedonischen Macht und die
Veroedung von Epirus und Aetolien muessen die Ausbreitung der illyrischen
Nachbarn gefoerdert haben. Bosnien, Serbien, vor allem Albanien sind in der
Kaiserzeit illyrisch gewesen, und Albanien ist es noch heute.
Es ist frueher erzaehlt worden, dass Illyricum schon nach der Absicht des
Diktators Caesar als eigene Statthalterschaft konstituiert werden sollte und
diese Absicht bei der Teilung der Provinzen zwischen Augustus und dem Senat zur
Ausfuehrung kam; dass diese anfangs dem Senat ueberwiesene Statthalterschaft
wegen der daselbst notwendigen Kriegfuehrung auf den Kaiser ueberging; dass
Augustus diese Statthalterschaft teilte und die bis dahin im ganzen nur
nominelle Herrschaft ueber das Binnenland sowohl in Dalmatien wie im Savegebiet
effektiv machte; dass er endlich die gewaltige nationale Insurrektion, die bei
den dalmatischen wie bei den pannonischen Illyriern im Jahre 6 n. Chr. ausbrach,
nach schwerem vierjaehrigem Kampf ueberwaeltigte. Es bleibt uebrig, die ferneren
Schicksale zunaechst der suedlichen Provinz zu berichten.
Nach den bei der Insurrektion gemachten Erfahrungen schien es erforderlich,
nicht bloss die in Illyricum ausgehobenen Mannschaften statt wie bisher in ihrer
Heimat, vielmehr auswaerts zu verwenden, sondern auch die Dalmater wie die
Pannonier durch ein Kommando ersten Ranges in Botmaessigkeit zu halten. Dasselbe
hat seinen Zweck rasch erfuellt. Der Widerstand, den die Illyriker unter
Augustus der ungewohnten Fremdherrschaft entgegensetzten, hat sich ausgetobt mit
dem einen gewaltigen Sturm; spaeterhin verzeichnen unsere Berichte keine
aehnliche auch nur partielle Bewegung. Fuer das suedliche oder, nach dem
roemischen Ausdruck, das obere Illyricum, die Provinz Dalmatien, wie sie seit
der Zeit der Flavier gewoehnlich heisst, begann mit dem Kaiserregiment eine neue
Epoche. Die griechischen Kaufleute hatten wohl auf der ihnen naechst liegenden
Kueste die beiden grossen Emporien Apollonia (bei Valona) und Dyrrachium
(Durazzo) gegruendet; eben darum war dieser Teil schon unter der Republik der
griechischen Verwaltung ueberwiesen worden. Aber weiter nordwaerts hatten die
Hellenen nur auf den vorliegenden Inseln Issa (Lissa), Pharos (Lesina), Schwarz-
Kerkyra (Curzola) sich angesiedelt und von da aus den Verkehr mit den
Eingeborenen, namentlich an der Kueste von Narona und in den Salonae
vorliegenden Ortschaften, unterhalten. Unter der roemischen Republik hatten die
italischen Haendler, welche hier die Erbschaft der griechischen antraten, in den
Haupthaefen Epitaurum (Ragusa vecchia), Narona, Salonae, Iader (Zara) sich in
solcher Zahl niedergelassen, dass sie in dem Kriege zwischen Caesar und Pompeius
eine nicht unwesentliche Rolle spielen konnten. Aber Verstaerkung durch dort
angesiedelte Veteranen und, was die Hauptsache war, staedtisches Recht empfingen
diese Ortschaften erst durch Augustus, und zugleich kam teils die energische
Unterdrueckung der auf den Inseln noch bestehenden Piratenschlupfwinkel, teils
die Unterwerfung des Binnenlandes und die Vorschiebung der roemischen Grenze
gegen die Donau insbesondere diesen auf der Ostkueste des Adriatischen Meeres
angesiedelten Italikern zugute. Vor allem die Hauptstadt des Landes, der Sitz
des Statthalters und der gesamten Verwaltung, Salonae, bluehte rasch auf und
ueberfluegelte weit die aelteren griechischen Ansiedlungen Apollonia und
Dyrrachium, obwohl in die letztere Stadt, ebenfalls unter Augustus, italische
Kolonisten, freilich nicht Veteranen, sondern expropriierte Italiker, gesendet
und die Stadt als roemische Buergergemeinde eingerichtet wurde. Vermutlich hat
bei dem Aufbluehen Dalmatiens und dem Verkuemmern der illyrisch-makedonischen
Kueste der Gegensatz des kaiserlichen und des Senatsregimentes eine wesentliche
Rolle gespielt, die bessere Verwaltung sowohl wie die Bevorzugung bei dem
eigentlichen Machthaber. Damit wird weiter zusammenhaengen, dass die illyrische
Nationalitaet sich in dem Bereich der makedonischen Statthalterschaft besser
behauptet hat als in dem der dalmatischen: in jenem lebt sie heute noch fort und
es muss in der Kaiserzeit, abgesehen von dem griechischen Apollonia und der
italischen Kolonie Dyrrachium, neben den beiden Reichssprachen im Binnenland,
die des Volkes, die illyrische, geblieben sein. In Dalmatien dagegen wurden die
Kueste und die Inseln, soweit sie irgend sich eigneten - die unwirtliche Strecke
nordwaerts von Iader blieb in der Entwicklung notwendig zurueck -, nach
italischer Ordnung kommunalisiert, und bald sprach die ganze Kueste lateinisch,
etwa wie heutzutage venezianisch. Dem Vordringen der Zivilisation in das
Binnenland traten oertliche Schwierigkeiten entgegen. Dalmatiens bedeutende
Stroeme bilden mehr Wasserfaelle als Wasserstrassen; und auch die Herstellung
der Landstrassen stoesst bei der Beschaffenheit seines Bergnetzes auf
ungewoehnliche Schwierigkeiten. Die roemische Regierung hat ernstliche
Anstrengungen gemacht, das Land aufzuschliessen. Unter dem Schutz des
Legionslagers von Burnum entwickelte im Kerkatal, in dem der Cettina unter dem
des Lagers von Delminium, welche Lager auch hier die Traeger der Zivilisierung
und der Latinisierung gewesen sein werden, sich die Bodenbestellung nach
italischer Art, auch die Pflanzung der Rebe und der Olive und ueberhaupt
italische Ordnung und Gesittung. Dagegen jenseits der Wasserscheide, zwischen
dem Adriatischen Meer und der Donau, sind die auch fuer den Ackerbau wenig
guenstigen Taeler von der Kulpa bis zum Drin in roemischer Zeit in aehnlichen
primitiven Verhaeltnissen verblieben, wie sie das heutige Bosnien aufweist.
Kaiser Tiberius allerdings hat durch die Soldaten der dalmatinischen Lager von
Salonae bis in die Taeler Bosniens verschiedene Chausseen gefuehrt; aber die
spaeteren Regierungen liessen, wie es scheint, die schwierige Aufgabe fallen. An
der Kueste und in den der Kueste naehergelegenen Strichen bedurfte Dalmatien
bald keiner weiteren militaerischen Hut; die Legionen des Kerka- und des
Cettinatales konnte schon Vespasian von dort wegziehen und anderweitig
verwenden. Unter dem allgemeinen Verfall des Reiches im dritten Jahrhundert hat
Dalmatien verhaeltnismaessig wenig gelitten, ja Salonae wohl erst damals seine
hoechste Bluete erreicht. Freilich ist dies zum Teil dadurch veranlasst, dass
der Regenerator des roemischen Staates, Kaiser Diocletianus, ein geborener
Dalmatiner war und sein auf die Dekapitalisierung Roms gerichtetes Streben der
Hauptstadt seines Heimatlandes vorzugsweise zugute kommen liess: er baute neben
derselben den gewaltigen Palast, von dem die heutige Hauptstadt der Provinz den
Namen Spalato traegt, innerhalb dessen sie zum groessten Teil Platz gefunden hat
und dessen Tempel ihr heute als Dom und als Baptisterium ^1 dienen. Aber zur
Grossstadt hat nicht erst Diocletian Salonae gemacht, sondern, weil sie es war,
sie fuer seine Privatresidenz gewaehlt; Handel und Schiffahrt und Gewerbe
muessen damals in diesen Gewaessern vorzugsweise in Aquileia und in Salonae sich
konzentriert haben und die Stadt eine der volkreichsten und wohlhabendsten des
Okzidents gewesen sein. Die reichen Eisengruben Bosniens waren, wenigstens in
der spaeteren Kaiserzeit, in starkem Betrieb; ebenso lieferten die Waelder der
Provinz massenhaftes und vorzuegliches Bauholz; auch von der bluehenden
Textilindustrie des Landes bewahrt die priesterliche Dalmatica noch heute eine
Erinnerung. Ueberhaupt ist die Zivilisierung und die Romanisierung Dalmatiens
eine der eigensten und eine der bedeutendsten Erscheinungen der Kaiserzeit. Die
Grenze Dalmatiens und Makedoniens ist zugleich die politische und die
sprachliche Scheide des Okzidents und des Orients. Bei Skodra beruehren sich,
wie die Herrschaftsgebiete Caesars und Marc Antons, so auch nach der
Reichsteilung des vierten Jahrhunderts die von Rom und Byzanz. Hier grenzt die
lateinische Provinz Dalmatien mit der griechischen Provinz Makedonien; und
kraeftig emporstrebend und ueberlegen, mit gewaltig treibender Propaganda, steht
hier die juengere neben der aelteren Schwester.
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^1 Das Baptisterium ist vielleicht das Grabmal des Kaisers.
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Wenn die suedliche illyrische Provinz und ihr Friedensregiment bald in
geschichtlicher Beziehung nicht ferner hervortritt, so bildet das noerdliche
Illyricum oder, wie es gewoehnlich heisst, Pannonien in der Kaiserzeit eines der
grossen militaerischen und somit auch politischen Zentren. In dem Donauheer
haben die pannonischen Lager die fuehrende Stellung wie im Westen die
rheinischen, und die dalmatischen und die moesischen schliessen ihnen in
aehnlicher Weise sich an und ordnen ihnen sich unter wie den rheinischen die
Legionen Spaniens und Britanniens. Die roemische Zivilisation steht und bleibt
hier unter dem Einfluss der Lager, die in Pannonien nicht, wie in Dalmatien, nur
einige Generationen hindurch, sondern dauernd verblieben. Nach der
Ueberwaeltigung des Batonischen Aufstandes belief die regelmaessige Besatzung
der Provinz sich zuerst auf drei, spaeter, wie es scheint, nur auf zwei
Legionen, und durch deren Standlager und ihre Vorschiebung ist die weitere
Entwicklung bedingt. Wenn Augustus nach dem ersten Kriege gegen die Dalmater
Siscia an der Muendung der Kulpa in die Save zum Hauptwaffenplatz ausersehen
hatte, so waren, nachdem Tiberius Pannonien mindestens bis an die Drau
unterworfen hatte, die Lager an diese vorgeschoben worden, und wenigstens eines
der pannonischen Hauptquartiere befand sich seitdem in Poetovio (Pettau) an der
norischen Grenze. Die Ursache, weshalb die pannonische Armee ganz oder zum Teil
im Drautal verblieb, kann nur die gleiche gewesen sein, welche zu der Anlage der
dalmatinischen Legionslager gefuehrt hat: man brauchte hier die Truppen, um die
Untertanen sowohl in dem nahen Noricum wie vor allem im Draugebiet selbst in
Gehorsam zu halten. Auf der Donau hielt die roemische Flotte Wacht, die schon im
Jahre 50 erwaehnt wird und vermutlich mit der Einrichtung der Provinz entstanden
war. Legionslager gab es am Flusse selbst unter der Julisch-Claudischen Dynastie
vielleicht noch nicht ^2, wobei in Betracht kommt, dass der zunaechst der
Provinz vorliegende Suebenstaat von Rom damals vollstaendig abhaengig war und
fuer die Grenzdeckung einigermassen genuegte. Wie die dalmatinischen, hat dann,
wie es scheint, Vespasian auch die Lager an der Drau aufgehoben und sie an die
Donau selbst verlegt; seitdem ist das grosse Hauptquartier der pannonischen
Armee das frueher norische Carnuntum (Petronell oestlich von Wien) und daneben
Vindobona (Wien).
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^2 Dass im Jahre 50 noch keine Legionen an der Donau selbst standen, folgt
aus Tac. ann. 12, 29; sonst waere es nicht noetig gewesen, zur Aufnahme der
uebertretenden Sueben eine Legion dorthin zu schicken. Auch die Anlage des
claudischen Savaria passt besser, wenn die Stadt damals norisch war, als wenn
sie schon zu Pannonien gehoerte; und da die Zuteilung dieser Stadt zu Pannonien
mit der gleichen Abtrennung von Carnuntum und mit der Verlegung der Legion dahin
sicher der Zeit nach zusammengehoert, so duerfte dies alles erst in
nachclaudischer Zeit stattgefunden haben. Auch die geringe Zahl der in den
Donaulagern gefundenen Inschriften von Italikern (Eph. epigr. 5, p. 225) deutet
auf spaetere Entstehung. Allerdings haben sich in Carnuntum einige Grabschriften
von Soldaten der 15. Legion gefunden, die nach der aeusseren Form und nach dem
Fehlen des Cognomen aelter zu sein scheinen (O. Hirschfeld in Aerchaeologisch-
epigraphische Mittheilungen 5, 1881, S. 217). Derartige Zeitbestimmungen
koennen, wo es sich um ein Dezennium handelt, volle Sicherheit nicht in Anspruch
nehmen; indes muss eingeraeumt werden, dass auch jene Argumente keinen vollen
Beweis machen und die Translokation frueher, etwa unter Nero, begonnen haben
kann. Fuer die Anlegung oder Erweiterung dieses Lagers durch Vespasian spricht
die einen derartigen Bau bezeugende Inschrift von Carnuntum aus dem Jahre 73
(Hirschfeld a. a. O.).
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Die buergerliche Entwicklung, wie wir sie in Noricum und an der Kueste
Dalmatiens fanden, zeigt in Pannonien in gleicher Weise sich nur in einigen, an
der norischen Grenze gelegenen und zum Teil urspruenglich zu Noricum gehoerigen
Distrikten; Emona und das obere Savetal stehen mit Noricum gleich, und wenn
Savaria (Steinamanger) zugleich mit den norischen Staedten italische
Stadtverfassung empfangen hat, so wird, solange Carnuntum eine norische Stadt
war, wohl auch jener Ort zu Noricum gehoert haben. Erst seitdem die Truppen an
der Donau standen, ging die Regierung daran, das Hinterland staedtisch zu
organisieren. In dem westlichen, urspruenglich norischen Gebiet erhielt
Scarbantia (Oedenburg am Neusiedler See) unter den Flaviern Stadtrecht, waehrend
Vindobona und Carnuntum von selbst zu Lagerstaedten wurden. Zwischen Save und
Drau empfingen Siscia und Sirmium unter den Flaviern, an der Drau Poetovio
(Pettau) unter Traianus Stadtrecht, Mursa (Eszeg) unter Hadrian Kolonialrecht,
um hier nur der Hauptorte zu gedenken. Dass die ueberwiegend illyrische, aber
zum guten Teil auch keltische Bevoelkerung der Romanisierung keinen energischen
Widerstand entgegensetzte, ist schon ausgesprochen worden; die alte Sprache und
die alte Sitte schwanden, wo die Roemer hinkamen, und hielten sich nur in den
entfernteren Bezirken. Die weiten, aber wenig zur Ansiedelung einladenden
Striche oestlich vom Raabfluss und noerdlich der Drau bis zur Donau sind wohl
schon seit Augustus zum Reiche gerechnet worden, aber vielleicht in nicht viel
anderer Weise als Germanien vor der Varusschlacht; hier hat die staedtische
Entwicklung weder damals noch spaeter rechten Boden gefunden, und auch
militaerisch ist dieses Gebiet lange Zeit wenig oder gar nicht belegt worden.
Dies hat sich erst infolge der Einverleibung Dakiens unter Traian einigermassen
geaendert; die dadurch herbeigefuehrte Vorschiebung der pannonischen Lager gegen
die Ostgrenze der Provinz und die weitere innere Entwicklung Pannoniens wird
besser im Zusammenhang mit den Traianischen Kriegen geschildert.
Das letzte Stueck des rechten Donauufers, das Bergland zu beiden Seiten des
Margus (Morawa) und das zwischen dem Haemus und der Donau lang sich
hinstreckende Flachland, war bewohnt von thrakischen Voelkerschaften; und es
erscheint zunaechst erforderlich, auf diesen grossen Stamm als solchen einen
Blick zu werfen. Er geht dem illyrischen in gewissem Sinne parallel. Wie die
Illyrier einst die Landschaften vom Adriatischen Meer bis zur mittleren Donau
erfuellten, so sassen ehemals die Thraker oestlich von ihnen, vom Aegaeischen
Meer bis zur Donaumuendung und nicht minder einerseits auf dem linken Donauufer
namentlich in dem heutigen Siebenbuergen, andererseits jenseits des Bosporus
wenigstens in Bithynien und bis nach Phrygien; nicht mit Unrecht nennt Herodot
die Thraker das groesste der ihm bekannten Voelker nach den Indern. Wie der
illyrische ist auch der thrakische Stamm zu keiner vollen Entwicklung gelangt
und erscheint mehr gedraengt und verdraengt als in eigener, geschichtliche
Erinnerung hinterlassender Entwicklung. Aber waehrend Sprache und Sitte der
Illyrier sich in einer wenngleich im Laufe der Jahrhunderte verschlissenen Form
bis auf den heutigen Tag erhalten haben und wir mit einigem Recht das Bild der
Palikaren aus der neueren Geschichte in die der roemischen Kaiserzeit
uebertragen, so gilt das gleiche von den thrakischen Staemmen nicht. Vielfach
und sicher ist es bezeugt, dass die Voelkerschaften des Gebiets, welchem infolge
der roemischen Provinzialteilung schliesslich der Name Thrakien geblieben ist,
sowie die moesischen zwischen dem Balkan und der Donau, und nicht minder die
Geten oder Daker am anderen Donauufer alle eine und dieselbe Sprache redeten. Es
hatte diese Sprache in dem roemischen Kaiserreich eine aehnliche Stellung wie
die der Kelten und der Syrer. Der Historiker und Geograph der augustischen Zeit,
Strabo, erwaehnt die Gleichheit der Sprache der genannten Voelker; in
botanischen Schriften der Kaiserzeit werden von einer Anzahl Pflanzen die
dakischen Benennungen angegeben ^3. Als seinem Zeitgenossen, dem Poeten Ovidius
Gelegenheit gegeben wurde, ueber seinen allzu flotten Lebenswandel fern in der
Dobrudscha nachzudenken, benutzte er seine Musse, um getisch zu lernen, und
wurde fast ein Getenpoet:
Und ich schrieb, o weh! ein Gedicht in getischer Sprache,
Gratulierst du mir nicht, dass ich den Geten gefiel?
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^3 Thrakischer, getischer, dakischer Orts- und Personennamen kennen wir
ganze Reihen; sprachlich bemerkenswert ist eine mit -centhus zusammengesetzte
Gruppe von Personennamen: Bithicenthus, Zipacenthus, Disacenthus, Tracicenthus,
Linicenthus (BCH 6, 1882, S. 179), von denen die ersten beiden in ihrer anderen
Haelfte (Bithus, Zipa) auch isoliert haeufig begegnen. Eine aehnliche Gruppe
bilden die Composita mit -poris, wie Mucaporis (Thraker BCH, a. a. O., Daker
zahlreich), Cetriporis, Rhaskyporis, Bithoporis, Dirdiporis.
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Aber wenn die irischen Barden, die syrischen Missionare, die Bergtaeler
Albaniens anderen Idiomen der Kaiserzeit eine gewisse Fortdauer gewahrt haben,
so ist das thrakische unter dem Voelkergewoge des Donaugebiets und dem
uebermaechtigen Einfluss Konstantinopels verschollen, und wir vermoegen nicht
einmal die Stelle zu bestimmen, welche ihm in dem Voelkerstammbaum zukommt. Die
Schilderungen von Sitten und Gebraeuchen einzelner dazugehoeriger
Voelkerschaften, ueber welche mancherlei Notizen sich erhalten haben, ergeben
keine fuer den ganzen Stamm gueltigen individuellen Zuege und heben meistens nur
Einzelheiten hervor, wie sie bei allen Voelkern auf niederer Kulturstufe sich
zeigen. Aber ein Soldatenvolk sind sie gewesen und geblieben, als Reiter nicht
minder brauchbar wie fuer die leichte Infanterie, von den Zeiten des
Peloponnesischen Krieges und Alexanders bis hinab in die der roemischen
Caesaren, mochten sie gegen diese sich stemmen oder spaeter fuer sie fechten.
Auch die wilde, aber grossartige Weise der Goetterverehrung darf vielleicht als
ein diesem Stamm eigentuemlicher Grundzug aufgefasst werden, der gewaltige
Ausbruch der Fruehlings- und der Jugendlust, die naechtlichen Bergfeste
fackelschwingender Maedchen, die rauschende, sinnverwirrende Musik, der
stroemende Wein und das stroemende Blut, der in Aufregung aller sinnlichen
Leidenschaften zugleich rasende Taumel der Feste. Dionysos, der herrliche und
der schreckliche, ist ein thrakischer Gott, und was der Art in dem hellenischen
und dem roemischen Kult besonders hervortritt, knuepft an thrakische oder
phrygische Sitte an.
Waehrend die illyrischen Voelkerschaften in Dalmatien und Pannonien nach
der Niederwerfung der grossen Insurrektion in den letzten Jahren des Augustus
die Entscheidung der Waffen nicht wieder gegen die Roemer angerufen haben, gilt
von den thrakischen Staemmen nicht das gleiche; der oft bewiesene
Unabhaengigkeitssinn und die wilde Tapferkeit dieser Nation verleugnete auch in
ihrem Untergang sich nicht. In dem Thrakien suedlich vom Haemus blieb das alte
Fuerstenrum unter roemischer Oberhoheit. Das einheimische Herrscherhaus der
Odrysen, mit der Residenz Bizye (Wiza) zwischen Adrianopel und der Kueste des
Schwarzen Meeres, tritt schon in der frueheren Zeit unter den thrakischen
Fuerstengeschlechtern am meisten hervor; nach der Triumviralzeit ist von anderen
thrakischen Koenigen als denen dieses Hauses nicht ferner die Rede, so dass die
uebrigen Fuersten durch Augustus zu Vasallen gemacht oder beseitigt zu sein
scheinen und mit dem thrakischen Koenigtum fortan nur Glieder dieses Geschlechts
belehnt worden sind. Es geschah dies wahrscheinlich deshalb, weil waehrend des
ersten Jahrhunderts, wie weiterhin zu zeigen sein wird, an der unteren Donau
keine roemischen Legionen standen; den Grenzschutz an der Donaumuendung
erwartete Augustus von dem thrakischen Vasallen. Rhoemetalkes, welcher in der
zweiten Haelfte der Regierung des Augustus als roemischer Lehnskoenig das
gesamte Thrakien beherrschte ^4, und seine Kinder und Enkel spielten denn auch
in diesem Lande ungefaehr dieselbe Rolle wie Herodes und seine Nachkommen in
Palaestina: unbedingte Ergebenheit gegen den Oberherrn, entschiedene Hinneigung
zu roemischem Wesen, Verfeindung mit den eigenen, die nationale Unabhaengigkeit
festhaltenden Landsleuten bezeichnen die Stellung des thrakischen
Herrscherhauses. Die grosse, frueher erzaehlte thrakische Insurrektion der Jahre
741-743 (13-11) richtete sich zunaechst gegen diesen Rhoemetalkes und seinen
Bruder und Mitherrscher Kotys, der dabei umkam, und wie er damals den Roemern
die Wiedereinsetzung in seine Herrschaft verdankte, so trug er ihnen einige
Jahre spaeter seinen Dank ab, indem er bei dem Aufstand der Dalmater und der
Pannonier, dem seine dakischen Stammesgenossen sich anschlossen, treu zu den
Roemern hielt und an der Niederwerfung desselben wesentlichen Anteil hatte. Sein
Sohn Kotys war mehr Roemer oder vielmehr Grieche als Thraker; er fuehrte seinen
Stammbaum zurueck auf Eumolpos und Erichthonios und gewann die Hand einer
Verwandten des kaiserlichen Hauses, der Urenkelin des Triumvirn Antonius; nicht
bloss die griechischen und die lateinischen Poeten seiner Zeit sangen ihn an,
sondern er selbst war ebenfalls und nicht getischer Dichter ^5. Der letzte der
thrakischen Koenige, des frueh gestorbenen Kotys Sohn Rhoemetalkes, war in Rom
aufgewachsen und gleich dem Herodeer Agrippa des Kaisers Gaius Jugendgespiele.
Die thrakische Nation aber teilte keineswegs die roemischen Neigungen des
regierenden Hauses, und die Regierung ueberzeugte sich allmaehlich in Thrakien
wie in Palaestina, dass der schwankende, nur durch bestaendiges Eingreifen der
Schutzmacht aufrecht erhaltene Vasallenthron weder fuer sie noch fuer das Land
von Nutzen und die Einfuehrung der unmittelbaren Verwaltung in jeder Hinsicht
vorzuziehen sei. Kaiser Tiberius benutzte die in dem thrakischen Koenigshause
entstandenen Zerwuerfnisse, um in der Form der Vormundschaftsfuehrung ueber die
unmuendigen Prinzen im Jahre 19 einen roemischen Statthalter, Titus Trebellenus
Rufus, nach Thrakien zu schicken. Doch vollzog sich diese Okkupation nicht ohne
freilich erfolglosen, aber ernstlichen Widerstand des Volkes, das namentlich in
den Bergtaelern sich um die von Rom gesetzten Herrscher wenig kuemmerte, und
dessen Mannschaften, von ihren Stammhaeuptern gefuehrt, sich kaum als
koenigliche, noch weniger als roemische Soldaten fuehlten. Die Sendung des
Trebellenus rief im Jahre 21 einen Aufstand hervor, an dem nicht bloss die
angesehensten thrakischen Voelkerschaften sich beteiligten, sondern der
groessere Verhaeltnisse anzunehmen drohte; Boten der Insurgenten gingen ueber
den Haemus, um in Moesien und vielleicht noch weiter hin den Nationalkrieg zu
entfachen. Indes die moesischen Legionen erschienen rechtzeitig, um
Philippopolis, das die Aufstaendischen belagerten, zu entsetzen und die Bewegung
zu unterdruecken. Aber als einige Jahre spaeter (25) die roemische Regierung in
Thrakien Aushebungen anordnete, weigerten sich die Mannschaften, ausserhalb des
eigenen Landes zu dienen. Da keine Ruecksicht darauf genommen wurde, stand das
ganze Gebirge auf und es folgte ein Verzweiflungskampf, in welchem die
Insurgenten, endlich durch Durst und Hunger bezwungen, zum grossen Teil teils in
die Schwerter der Feinde, teils in die eigenen sich stuerzten und lieber dem
Leben entsagten als der altgewohnten Freiheit. Das unmittelbare Regiment dauerte
in der Form der Vormundschaftsfuehrung in Thrakien bis zum Tode des Tiberius;
und wenn Kaiser Gaius bei dem Antritt der Regierung dem thrakischen Jugendfreund
ebenso wie dem juedischen die Herrschaft zurueckgab, so machte wenige Jahre
darauf, im Jahre 46, die Regierung des Claudius ihr definitiv ein Ende. Auch
diese schliessliche Einziehung des Koenigreichs und Umwandlung in einen
roemischen Bezirk traf noch auf eine gleich hoffnungslose und gleich
hartnaeckige Gegenwehr. Aber mit der Einfuehrung der unmittelbaren Verwaltung
ist der Widerstand gebrochen. Eine Legion hat der Statthalter, anfangs von
Ritter-, seit Traian von Senatorenrang, niemals gehabt; die in das Land gelegte
Besatzung, wenn sie auch nicht staerker war als 2000 Mann nebst einem kleinen
bei Perinthos stationierten Geschwader, genuegte in Verbindung mit den sonst von
der Regierung getroffenen Vorsichtsmassregeln, um die Thraker niederzuhalten.
Mit der Anlegung der Militaerstrassen wurde gleich nach der Einziehung begonnen;
wir finden, dass die bei dem Zustand des Landes erforderlichen Stationsgebaeude
fuer die Unterkunft der Reisenden bereits im Jahre 61 von der Regierung
eingerichtet und dem Verkehr uebergeben wurden. Thrakien ist seitdem eine
gehorsame und wichtige Reichsprovinz; kaum hat irgendeine andere fuer alle Teile
der Kriegsmacht, insbesondere auch fuer die Reiterei und die Flotte, so
zahlreiche Mannschaften gestellt wie dieses alte Heimatland der Fechter und der
Lohnsoldaten.
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^4 Das sagt Tac. ann. 2, 64 ausdruecklich. Freie Thraker, vom roemischen
Standpunkt aus betrachtet, gab es damals nicht; wohl aber behauptete das
thrakische Gebirge, namentlich die Rhodope der Besser, auch im Friedensstand den
von Rom eingesetzten Fuersten gegenueber eine kaum als Untertaenigkeit zu
bezeichnende Stellung; sie erkannten wohl den Koenig an, gehorchten ihm aber,
wie Tacitus (a. a. O. und 4, 46 u. 51) sagt, nur, wenn es ihnen passte.
^5 Wir haben noch ein Kotys gewidmetes griechisches Epigramm des Antipater
von Thessalonike (Anthol. Planud. 4, 75), desselben Dichters, der auch den
Thrakersieger Piso feierte, und eine an Kotys gerichtete lateinische Epistel in
Versen des Ovidius (Pont. 2, 9).
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Die ernsten Kaempfe, welche die Roemer auf dem sogenannten thrakischen
Ufer, in der Landschaft zwischen dem Balkan und der Donau mit derselben Nation
zu bestehen hatten und welche zu der Einrichtung des moesischen Kommandos
fuehrten, bilden einen wesentlichen Bestandteil der Regulierung der Nordgrenze
in augustischer Zeit und sind in ihrem Zusammenhang bereits geschildert worden.
Von aehnlichem Widerstand, wie die Thraker ihn den Roemern entgegensetzten, wird
aus Moesien nichts berichtet; die Stimmung daselbst mag nicht anders gewesen
sein, aber in dem ebenen Lande und unter dem Druck der bei Viminacium lagernden
Legionen trat der Widerstand nicht offen hervor.
Die Zivilisation kam den thrakischen Voelkerschaften, wie den illyrischen,
von zwei Seiten: von der Kueste her und von der makedonischen Grenze die der
Hellenen, von der dalmatischen und pannonischen die lateinische. Ueber jene wird
zweckmaessiger zu handeln sein, wo wir versuchen, die Stellung der europaeischen
Griechen unter der Kaiserherrschaft zu bezeichnen; hier genuegt es im
allgemeinen hervorzuheben, dass dieselbe auch hier nicht bloss das Griechentum,
wo sie es fand, geschuetzt hat und die gesamte Kueste, auch die dem Statthalter
von Moesien untergebene, stets griechisch geblieben ist, sondern dass die
Provinz Thrakien, deren Zivilisation ernstlich erst von Traian begonnen und
durchaus ein Werk der Kaiserzeit ist, nicht in die roemische Bahn gelenkt,
sondern hellenisiert ward. Selbst die noerdlichen Abhaenge des Haemus, obwohl
administrativ zu Moesien gehoerig, sind in diese Hellenisierung hineingezogen,
Nikopolis an der Jantra und Markianopolis unweit Varna, beides Gruendungen
Traians, nach griechischem Schema organisiert worden.
Von der lateinischen Zivilisation Moesiens gilt das gleiche wie von der des
angrenzenden dalmatischen und pannonischen Binnenlandes; nur tritt dieselbe, wie
natuerlich, um so viel spaeter, schwaecher und unreiner auf, je weiter sie von
ihrem Ausgangspunkt sich entfernt. Ueberwiegend ist sie hier den Legionslagern
gefolgt und mit diesen nach Osten hin vorgedrungen, ausgehend von den
wahrscheinlich aeltesten Moesiens bei Singidunum (Belgrad) und Viminacium
(Kostolatz) ^6. Freilich hat sie, der Beschaffenheit ihrer bewaffneten Apostel
entsprechend, auch in Obermoesien sich auf sehr niedriger Stufe gehalten und den
primitiven Zustaenden noch Spielraum genug gelassen. Viminacium hat durch
Hadrian italisches Stadtrecht erhalten. Niedermoesien zwischen dem Balkan und
der Donau ist in der frueheren Kaiserzeit wohl durchaus in der Verfassung
geblieben, welche die Roemer vorfanden; erst als die Legionslager an der unteren
Donau bei Novae, Durostorum und Troesmis gegruendet wurden, was, wie weiter
unten dargelegt werden wird, wohl erst im Anfang des 2. Jahrhunderts geschah,
ist auch dieser Teil des rechten Donauufers eine Staette derjenigen italischen
Zivilisation geworden, welche mit der Lagerordnung sich vertrug. Seitdem sind
hier auch buergerliche Ansiedlungen entstanden, namentlich an der Donau selbst
zwischen den grossen Standlagern die nach italischem Muster eingerichteten
Staedte Ratiaria unweit Widin und Oescus am Einfluss der Iskra in die Donau, und
allmaehlich naeherte sich die Landschaft dem Niveau der damals noch bestehenden,
freilich in sich verfallenden roemischen Kultur. Fuer den Wegebau in
Untermoesien sind seit Hadrian, von dem die aeltesten bisher daselbst gefundenen
Meilensteine herruehren, die Regenten vielfach taetig gewesen.
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^6 Es ist eine der empfindlichsten Luecken der roemischen Kaisergeschichte,
dass die Standlager der beiden Legionen, welche unter den Julisch-Claudischen
Kaisern die Besatzung von Moesien bildeten, der 4. Scythica und der 5.
Macedonica (wenigstens standen diese dort im Jahre 33: CIL III, 1698) sich bis
jetzt nicht mit Sicherheit nachweisen lassen. Wahrscheinlich waren es Viminacium
und Singidunum in dem spaeteren Obermoesien. Unter den Legionslagern
Niedermoesiens, von denen namentlich das von Troesmis zahlreiche Monumente
aufzuweisen hat, scheint keines aelter zu sein als Hadrian; die Ueberreste der
obermoesischen sind bis jetzt so sparsam, dass sie wenigstens nicht hindern,
deren Entstehung ein Jahrhundert weiter zurueck zu legen. Wenn der Koenig von
Thrakien im Jahre 18 gegen Bastarner und Skythen ruestet (Tac. ann. 2, 65), so
haette dies auch als Vorwand nicht geltend gemacht werden koennen, wenn
niedermoesische Legionslager schon damals bestanden haetten. Eben diese
Erzaehlung zeigt, dass die Kriegsmacht dieses Lehnsfuersten nicht unbedeutend
war, und die Beseitigung eines unfuegsamen Koenigs von Thrakien Vorsicht
erheischte.
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Wenden wir uns von der Uebersicht der roemischen Herrschaft, wie sie seit
Augustus in den Laendern am rechten Ufer der Donau sich gestaltet hatte, zu den
Verhaeltnissen und den Anwohnern des linken, so ist, was ueber die westliche
Landschaft zu bemerken waere, im wesentlichen schon bei der Schilderung
Obergermaniens zur Sprache gekommen und namentlich hervorgehoben worden, dass
die zunaechst an Raetien angrenzenden Germanen, die Hermunduren, unter den
saemtlichen Nachbarn der Roemer die friedfertigsten gewesen und, soviel uns
bekannt, niemals mit denselben in Konflikt geraten sind.
Dass das Volk der Markomannen oder, wie die Roemer sie in frueherer Zeit
gewoehnlich nennen, der Sueben, nachdem es in augustischer Zeit in dem alten
Boierland, dem heutigen Boehmen, neue Sitze gefunden und durch den Koenig
Maroboduus eine festere staatliche Organisation sich gegeben hatte, waehrend der
roemisch-germanischen Kriege zwar Zuschauer blieb, aber doch durch die
Dazwischenkunft der rheinischen Germanen vor der drohenden roemischen Invasion
bewahrt ward, ist bereits erzaehlt worden; nicht minder, dass der Rueckschlag
des abermaligen Abbruchs der roemischen Offensive am Rhein diesen allzu
neutralen Staat ueber den Haufen warf. Die Vormachtstellung, welche die
Markomannen unter Maroboduus ueber die entfernteren Voelker im Elbegebiet
gewonnen hatten, ging damit verloren, und der Koenig selbst ist als vertriebener
Mann auf roemischer Erde gestorben. Die Markomannen und ihre stammverwandten
oestlichen Nachbarn, die Quaden in Maehren, gerieten insofern in roemische
Klientel, als hier, ungefaehr wie in Armenien, die um die Herrschaft streitenden
Praetendenten sich teilweise auf die Roemer stuetzten und diese das
Belehnungsrecht in Anspruch nahmen und je nach Umstaenden auch ausuebten. Der
Gotonenfuerst Catualda, der zunaechst den Maroboduus gestuerzt hatte, konnte als
dessen Nachfolger sich nicht lange behaupten, zumal da der Koenig der
benachbarten Hermunduren, Vibilius, gegen ihn eintrat; auch er musste auf
roemisches Gebiet uebertreten und, gleich Maroboduus, die kaiserliche Gnade
anrufen. Tiberius bewirkte dann, dass ein vornehmer Quade, Vannius, an seine
Stelle kam; dem zahlreichen Gefolge der beiden verbannten Koenige, das auf dem
rechten Donauufer nicht bleiben durfte, verschaffte Tiberius Sitze auf dem
linken im Marchtal ^7 und dem Vannius die Anerkennung von Seiten der mit Rom
befreundeten Hermunduren. Nach dreissigjaehriger Herrschaft wurde dieser im
Jahre 50 gestuerzt durch seine beiden Schwestersoehne Vangio und Sido, die sich
gegen ihn auflehnten und die Nachbarvoelker, die Hermunduren im Fraenkischen,
die Lugier in Schlesien, fuer sich gewannen. Die roemische Regierung, die
Vannius um Unterstuetzung anging, blieb der Politik des Tiberius getreu: sie
gewaehrte dem gestuerzten Koenig das Asylrecht, intervenierte aber nicht, da
zumal die Nachfolger, die das Gebiet unter sich teilten, bereitwillig die
roemische Oberherrschaft anerkannten. Der neue Suebenfuerst Sido und sein
Mitherrscher Italicus, vielleicht der Nachfolger Vangios, fochten in der
Schlacht, die zwischen Vitellius und Vespasian entschied, mit der roemischen
Donauarmee auf der Seite der Flavianer. In den grossen Krisen der roemischen
Herrschaft an der Donau unter Domitian und Marcus werden wir ihren Nachfolgern
wieder begegnen. Zum Roemischen Reich haben die Donausueben nicht gehoert; die
wahrscheinlich von denselben geschlagenen Muenzen zeigen wohl lateinische
Aufschriften, aber nicht roemischen Fuss, geschweige denn das Bildnis des
Kaisers; eigentliche Abgaben und Aushebungen fuer Rom haben hier nicht
stattgefunden. Aber in dem Machtbereich Roms ist, namentlich im ersten
Jahrhundert, der Suebenstaat in Boehmen und Maehren einbegriffen gewesen und,
wie schon bemerkt ward, ist dies auch auf die Aufstellung der roemischen
Grenzwacht nicht ohne Einfluss geblieben.
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^7 Dass das regnum Vannianum (Plin. nat. 4, 12, 81), der Suebenstaat (Tac.
ann. 12, 29; hist. 3, 5 u. 21) nicht bloss, wie es nach Tacitus ann. 2, 63
scheinen koennte, auf die Wohnsitze der mit Maroboduus und Catualda
uebergetretenen Leute, sondern auf das ganze Gebiet der Markomannen und Quaden
bezogen werden muss, zeigt deutlich der zweite Bericht ann. 12, 29 u. 30, da
hier als Gegner des Vannius neben seinen eigenen insurgierten Untertanen die
westlich und noerdlich an Boehmen angrenzenden Voelker, die Hermunduren und
Lugier, erscheinen. Als Grenze gegen Osten bezeichnet Plinius (a. a. O.) die
Gegend von Carnuntum (Germanorum ibi confinium), genauer den Fluss Marus oder
Duria, der die Sueben und das regnum Vannianum von ihren oestlichen Nachbarn
scheidet, mag man nun das dirimens eos mit Muellenhoff (SB Berlin 1883, S. 871)
auf die Jazygen oder, was naeher liegt, auf die Bastarner beziehen. Sachlich
grenzten wohl beide, die Jazygen suedlich, die Bastarner noerdlich, mit den
Quaden des Marchtals. Demnach ist der Marus die March und die Scheide machen die
zwischen dem March- und dem Waagtal sich erstreckenden kleinen Karpaten. Wenn
also jene Gefolgschaften inter flumen Marum et Cusum angesiedelt werden, so ist
der sonst nicht genannte Cusus, falls die Angabe genau ist, nicht die Waag oder
gar, wie Muellenhoff meinte, die, unterhalb Gran in die Donau fallende Eipel,
sondern ein Zufluss der Donau westlich der March, etwa der Gusen bei Linz. Auch
fordert die Erzaehlung bei Tacitus (ann. 12, 29 u. 30), dass das Gebiet des
Vannius westlich noch ueber die March hinausgereicht hat. Die Subskription unter
dem ersten Buch der Betrachtungen des Kaisers Marcus en Koyadois pros t/o/
Granoia beweist wohl, dass damals der Quadenstaat sich bis zum Granfluss
erstreckte; aber dieser Staat deckt sich nicht mit dem regnum Vannianum.
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In der Ebene zwischen Donau und Theiss, ostwaerts von dem roemischen
Pannonien, hat zwischen dieses und die thrakischen Daker sich ein Splitter
geschoben des wahrscheinlich zum medisch-persischen Stamm gehoerigen Volkes der
Sarmaten, das, nomadisch lebend als Hirten- und Reitervolk, die weite
osteuropaeische Ebene zum grossen Teil fuellte; es sind dies die Jazygen, die
"ausgewanderten" (metanastai) genannt zum Unterschied von dem am Schwarzen Meer
zurueckgebliebenen Hauptstamm. Die Benennung zeigt, dass sie erst
verhaeltnismaessig spaet in diese Gegenden vorgedrungen sind; vielleicht gehoert
ihre Einwanderung mit zu den Stoessen, unter denen um die Zeit der Actischen
Schlacht das Dakerreich des Burebista zusammenbrach. Uns begegnen sie hier
zuerst unter Kaiser Claudius; dem Suebenkoenig Vannius stellten die Jazygen fuer
seine Kriege die Reiterei. Die roemische Regierung war auf der Hut vor den
flinken und raeuberischen Reiterscharen, stand aber uebrigens zu ihnen nicht in
feindlichen Beziehungen. Als die Donaulegionen im Jahre 70 nach Italien
marschierten, um Vespasian auf den Thron zu setzen, lehnten sie den von den
Jazygen angebotenen Reiterzuzug ab und fuehrten nur in schicklicher Form eine
Anzahl der Vornehmsten mit sich, damit diese inzwischen fuer die Ruhe an der
entbloessten Grenze buergten.
Ernstlicher und dauernder Wacht bedurfte es weiter abwaerts an der unteren
Donau. Jenseits des maechtigen Stromes, der jetzt des Reiches Grenze war, sassen
hier in den Ebenen der Walachei und dem heutigen Siebenbuergen die Daker, in dem
oestlichen Flachland, in der Moldau, Bessarabien und weiter hin zunaechst die
germanischen Bastarner, alsdann sarmatische Staemme, wie die Roxolaner, ein
Reitervolk gleich den Jazygen, anfaenglich zwischen Dnjepr und Don, dann am
Meerufer entlang vorrueckend. In den ersten Jahren des Tiberius verstaerkte der
Lehnsfuerst von Thrakien seine Truppen, um die Bastarner und Skythen abzuwehren;
in Tiberius' spaeteren Jahren wurde unter anderen Beweisen seines mehr und mehr
alles gehen lassenden Regiments geltend gemacht, dass er die Einfaelle der Daker
und der Sarmaten ungestraft hinnehme. Wie es in den letzten Jahren Neros
diesseits und jenseits der Donaumuendung zuging, zeigt ungefaehr der zufaellig
erhaltene Bericht des damaligen Statthalters von Moesien, Tiberius Plautius
Silvanus Aelianus. Dieser "fuehrte ueber 100000 jenseits der Donau wohnhafte
Maenner mit ihren Weibern und Kindern und ihren Fuersten oder Koenigen ueber den
Fluss, so dass sie der Steuerentrichtung unterlagen. Eine Bewegung der Sarmaten
unterdrueckte er, bevor sie zum Ausbruch kam, obwohl er einen grossen Teil
seiner Truppen zur Kriegfuehrung in Armenien (an Corbulo) abgegeben hatte. Eine
Anzahl bis dahin unbekannter oder mit den Roemern in Fehde stehender Koenige
fuehrte er ueber auf das roemische Ufer und noetigte sie, vor den roemischen
Feldzeichen den Fussfall zu tun. Den Koenigen der Bastarner und der Roxolaner
sandte er die gefangenen oder den Feinden wieder abgenommenen Soehne, denen der
Daker die gefangenen Brueder zurueck ^8 und nahm von mehreren derselben Geiseln.
Dadurch wurde der Friedensstand der Provinz sowohl befestigt wie weiter
erstreckt. Auch den Koenig der Skythen bestimmte er, abzustehen von der
Belagerung der Stadt Chersonesos (Sevastopol) jenseits des Borysthenes. Es war
der erste, der durch grosse Getreidesendungen aus dieser Provinz das Brot in Rom
wohlfeiler machte". Man erkennt hier deutlich sowohl den unter der Julisch-
Claudischen Dynastie am linken Donauufer gaerenden Voelkerstrudel, wie auch den
starken Arm der Reichsgewalt, der selbst ueber den Strom hinueber die
Griechenstaedte am Dnjepr und in der Krim noch zu schuetzen suchte und
einigermassen auch zu schuetzen vermochte, wie dies bei der Darstellung der
griechischen Verhaeltnisse weiter dargelegt werden wird.
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^8 Regibus Bastarnarum et Roxolanorum filios, Dacorum fratrum captos aut
hostibus ereptos remisit (Orelli 750) ist verschrieben; es muss Fratres heissen
oder allenfalls fratrum filios. Ebenso ist nachher per quaezu lesen fuer per
quem und rege statt regem.
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Indes die Streitkraefte, ueber welche Rom hier verfuegte, waren mehr als
unzulaenglich. Die geringfuegige Besatzung Kleinasiens und die ebenfalls geringe
Flotte auf dem Schwarzen Meer kamen hoechstens fuer die griechischen Anwohner
der noerdlichen und der westlichen Kueste desselben in Betracht. Dem Statthalter
von Moesien, der mit seinen beiden Legionen das Donauufer von Belgrad bis zur
Muendung zu schirmen hatte, war eine sehr schwierige Aufgabe gestellt; und die
Beihilfe der wenig botmaessigen Thraker war unter Umstaenden eine Gefahr mehr.
Insbesondere nach der Muendung der Donau zu mangelte ein genuegendes Bollwerk
gegen die hier mit steigender Wucht andraengenden Barbaren. Der zweimalige Abzug
der Donaulegionen nach Italien in den Wirren nach Neros Tod rief mehr noch an
der Donaumuendung als am Unterrhein Einfaelle der Nachbarvoelker hervor, zuerst
der Roxolaner, dann der Daker, dann der Sarmaten, das heisst wohl der Jazygen.
Es waren schwere Kaempfe; in einem dieser Gefechte, wie es scheint gegen die
Jazygen, blieb der tapfere Statthalter von Moesien, Gaius Fonteius Agrippa.
Dennoch schritt Vespasian nicht zu einer Vermehrung der Donauarmee ^9; die
Notwendigkeit, die asiatischen Garnisonen zu verstaerken, muss noch dringender
erschienen sein und die damals besonders gebotene Sparsamkeit verbot jede
Erhoehung der Gesamtarmee. Er begnuegte sich, wie es die Befriedung des
Binnenlandes erlaubte und die an der Grenze bestehenden Verhaeltnisse sowie die
durch die Einziehung Thrakiens herbeigefuehrte Aufloesung der thrakischen
Truppen gebieterisch verlangten, die grossen Lager der Donauarmee an die
Reichsgrenze vorzuschieben. So kamen die pannonischen von der Drau weg dem
Suebenreich gegenueber nach Carnuntum und Vindobona und die dalmatischen von der
Kerka und der Cettina an die moesischen Donauufer ^10, so dass der Statthalter
von Moesien seitdem ueber die doppelte Zahl von Legionen verfuegte.
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^9 In Pannonien standen um das Jahr 70 zwei Legionen, die 13. gemina und
die 15. Apollinaris, fuer welche letztere waehrend ihrer Beteiligung am
Armenischen Krieg einige Zeit die 7. gemina eintrat (CIL III, p. 482). Von den
beiden spaeter hinzugetretenen Legionen, 1. adiutrix und 2. adiutrix, lag die
erste noch im Anfang der Regierung Traians in Obergermanien und kann erst unter
diesem nach Pannonien gekommen sein; die zweite unter Vespasian in Britannien
stationierte ist wahrscheinlich erst unter Domitian nach Pannonien gekommen.
Auch das moesische Heer zaehlte nach der Vereinigung mit dem dalmatischen unter
Vespasian wahrscheinlich nur vier Legionen, also soviel wie bisher beide Heere
zusammen, die spaeteren obermoesischen 4. Flavia und 7. Claudia und die
spaeteren untermoesischen 1. Italica und 5. Macedonica. Die durch die Hin- und
Hermaersche des Vierkaiserjahres verschobenen Stellungen (Marquardt, Roemische
Staatsverwaltung, Bd. 2, S. 435), welche zeitweilig drei Legionen nach Moesien
brachten, duerfen nicht taeuschen. Die spaetere dritte untermoesische Legion,
die 11., stand noch unter Traian in Obergermanien.
^10 Ios. bel. Iud. 7, 4, 3: pleiosi kai meizosi phylakais ton topon
dielaben, /o/s einai tois barbaroist/e/n diabasin tele/o/s ad?naton. Damit
scheint die Verlegung der beiden dalmatischen Legionen nach Mphsien gemeint.
Wohin sie gelegt wurden, wissen wir nicht. Nach der sonstigen roemischen Weise
ist es wahrscheinlicher, dass sie in dem Umkreis des bisherigen Hauptquartiers
Viminacium stationiert worden sind als in der entfernten Gegend der
Donaumuendungen. Die Entstehung der dortigen Lager ist wohl erst erfolgt bei der
Teilung des moesischen Kommandos und bei Einrichtung der selbstaendigen Provinz
Untermoesien unter Domitian.
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Eine Verschiebung der Machtverhaeltnisse zu Ungunsten Roms trat unter
Domitian ein ^11, oder es wurden vielmehr damals die Konsequenzen der
ungenuegenden Grenzverteidigung gezogen. Nach dem wenigen, was wir darueber
wissen, knuepfte die Wandlung der Dinge, ganz wie die gleiche in Caesars Zeit,
an einen einzelnen dakischen Mann an; was Koenig Burebista geplant hatte, schien
Koenig Decebalus ausfuehren zu sollen. Wie sehr in seiner Persoenlichkeit die
eigentliche Triebfeder lag, beweist die Erzaehlung, dass der Dakerkoenig Duras,
um den rechten Mann an die rechte Stelle zu bringen, zu Gunsten des Decebalus
von seinem Amt zuruecktrat. Dass Decebalus, um zu schlagen, vor allem
organisierte, beweisen die Berichte ueber seine Einfuehrung der roemischen
Disziplin bei der dakischen Armee und die Anwerbung tuechtiger Leute unter den
Roemern selbst, und selbst die nach dem Siege von ihm den Roemern gestellte
Bedingung, ihm zur Unterweisung der Seinigen in den Handwerken des Friedens wie
des Krieges die noetigen Arbeiter zu liefern. In welchem grossen Stil er sein
Werk ergriff, beweisen die Verbindungen, die er nach Westen und Osten
anknuepfte, mit den Sueben und den Jazygen und sogar mit den Parthern. Die
Angreifenden waren die Daker. Der Statthalter der Provinz Moesien, der ihnen
zuerst entgegentrat, Oppius Sabinus, liess sein Leben auf dem Schlachtfelde.
Eine Reihe kleinerer Lager wurde erobert, die grossen bedroht, der Besitz der
Provinz selbst stand in Frage. Domitianus selbst begab sich zu der Armee und
sein Stellvertreter - er selbst war kein Feldherr und blieb zurueck -, der
Gardekommandant Cornelias Fuscus, fuehrte das Heer ueber die Donau; aber er
buesste das unbedachte Vorgehen mit einer schweren Niederlage, und auch er, der
zweite Hoechstkommandierende, blieb vor dem Feind. Sein Nachfolger Iulianus, ein
tuechtiger Offizier, schlug die Daker in ihrem eigenen Gebiet in einer grossen
Schlacht bei Tapae und war auf dem Wege, dauernde Erfolge zu erreichen. Aber
waehrend der Kampf gegen die Daker schwebte, hatte Domitianus die Sueben und die
Jazygen mit Krieg ueberzogen, weil sie es unterlassen hatten, ihm Zuzug gegen
jene zu senden; die Boten, die dies zu entschuldigen kamen, liess er hinrichten
^12. Auch hier verfolgte das Missgeschick die roemischen Waffen. Die Markomannen
erfochten einen Sieg ueber den Kaiser selbst; eine ganze Legion ward von den
Jazygen umzingelt und niedergehauen. Durch diese Niederlage erschuettert,
schloss Domitian trotz der von Iulianus ueber die Daker gewonnenen Vorteile mit
diesen voreilig einen Frieden, der ihn zwar nicht hinderte, dem Vertreter des
Decebalus in Rom, Diegis, gleich als waere dieser Lehnstraeger der Roemer, die
Krone zu verleihen und als Sieger auf das Kapitol zu ziehen, der aber in
Wirklichkeit einer Kapitulation gleich kam. Wozu Decebalus bei dem Einruecken
des roemischen Heeres in Dakien sich hoehnisch erboten hatte, jeden Mann, fuer
den ihm eine jaehrliche Zahlung von 2 Assen zugesichert werde, ungeschaedigt
nach Hause zu entlassen, das wurde beinahe wahr; in dem Frieden wurden mit einer
jaehrlich zu entrichtenden Abstandssumme die Einfaelle in Moesien abgekauft.
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^11 Die Chronologie des dakischen Krieges liegt sehr im Ungewissen. Dass er
bereits vor dem Chattenkrieg (83) begonnen hat, lehrt die karthagische Inschrift
CIL VIII, 1082 eines dreimal von Domitian, im dakischen, im germanischen und
wieder im dakischen Kriege dekorierten Soldaten. Eusebius setzt den Ausbruch des
Krieges oder vielmehr den ersten grossen Kampf in das Jahr Abrahams 2101 oder
2102 = n. Chr. 85 (genauer 1. Oktober 84-30. September 85) oder 86, den Triumph
in das Jahr 2106 = 90; auf voellige Zuverlaessigkeit haben diese Zahlen freilich
keinen Anspruch. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird der Triumph in das Jahr 89
gesetzt (W. Henzen, Acta fratrum Arvalium. Berlin 1874, S. 116).
^12 Das Fragment Dio 67, 7, 1 Dind. steht in der Folge der Ursinischen
Exzerpte vor 67, 5, 1 bis 3 und gehoert auch nach der Folge der Ereignisse vor
die Verhandlung mit den Lugiern. Vgl. Hermes 3, 1868, S. 115.
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Hier musste Wandel geschafft werden. Auf Domitian, der wohl ein guter
Reichsverwalter, aber stumpf fuer die Forderungen der militaerischen Ehre war,
folgte nach dem kurzen Regiment Nervas Kaiser Traianus, der, zuerst und vor
allem Soldat, nicht bloss jenen Vertrag zerriss, sondern auch die Massregeln
danach traf, dass aehnliche Dinge sich nicht wiederholten. Der Krieg gegen die
Sueben und Sarmaten, der bei Domitians Tod (96) noch dauerte, ward, wie es
scheint, unter Nerva im Jahre 97 gluecklich beendigt. Der neue Kaiser ging, noch
bevor er in die Hauptstadt des Reiches seinen Einzug hielt, vom Rhein an die
Donau, wo er im Winter 98/99 verweilte, aber nicht, um sofort die Daker
anzugreifen, sondern um den Krieg vorzubereiten; in diese Zeit gehoert die an
die Strassenbauten in Obergermanien anschliessende Anlage der am rechten
Donauufer, in der Gegend von Orsowa, im Jahre 100 vollendeten Strasse. Zum
Kriege gegen die Daker, in dem er wie in allen seinen Feldzuegen selbst
kommandierte, ging er erst im Fruehjahr 101 ab. Er ueberschritt die Donau
unterhalb Viminacium und rueckte gegen die nicht weit davon entfernte Hauptstadt
des Koenigs Sarmizegetusa vor. Decebalus mit seinen Verbuendeten - die Barer und
andere nordwaerts wohnende Staemme beteiligten sich an diesem Kampf - leistete
entschlossenen Widerstand, und nur mit heftigen und blutigen Gefechten bahnten
die Roemer sich den Weg; die Zahl der Verwundeten war so gross, dass der Kaiser
seine eigene Garderobe den Aerzten zur Verfuegung stellte. Aber der Sieg
schwankte nicht. Eine feste Burg nach der anderen fiel; die Schwester des
Koenigs, die Gefangenen aus dem vorigen Krieg, die den Heeren Domitians
abgenommenen Feldzeichen fielen den Roemern in die Haende; durch Traianus selbst
und durch den tapferen Lusius Quietus in die Mitte genommen, blieb dem Koenig
nichts uebrig als vollstaendige Ergebung (102). Auch verlangte Traianus nichts
geringeres als den Verzicht auf die souveraene Gewalt und den Eintritt des
Dakischen Reiches in die roemische Klientel. Die Ueberlaeufer, die Waffen, die
Kriegsmaschinen, die einst fuer diese von Rom gestellten Arbeiter massten
abgeliefert werden und der Koenig persoenlich vor dem Sieger den Fussfall tun;
er begab sich des Rechts auf Krieg und Frieden und versprach die Heerfolge; die
Festungen wurden entweder geschleift oder den Roemern ausgeliefert und in
diesen, vor allem in der Hauptstadt, blieb roemische Besatzung. Die maechtige
steinerne Bruecke, die Traian bei Drobetae (gegenueber Turnu Severinului) ueber
die Donau schlagen liess, stellte die Verbindung auch in der schlimmen
Jahreszeit sicher und gab den dakischen Besatzungen an den nahen Legionen
Obermoesiens einen Rueckhalt. Aber die dakische Nation und vor allem der Koenig
selbst wussten sich in die Abhaengigkeit nicht so zu fuegen, wie es die Koenige
von Kappadokien und Mauretanien verstanden hatten, oder hatten vielmehr das Joch
nur auf sich genommen in der Hoffnung, bei erster Gelegenheit sich desselben
wieder zu entledigen. Die Anzeichen dafuer traten bald hervor. Ein Teil der
auszuliefernden Waffen wurde zurueckgehalten, die Kastelle nicht, wie es
bedungen war, uebergeben, roemischen Ueberlaeufern auch ferner noch eine
Freistatt gewaehrt, den mit den Dakern verfeindeten Jazygen Gebietsstuecke
entrissen oder vielleicht auch nur deren Grenzverletzungen nicht hingenommen,
mit den entfernteren, noch freien Nationen ein lebhafter und bedenklicher
Verkehr unterhalten. Traianus musste sich ueberzeugen, dass er halbe Arbeit
gemacht, und kurz entschlossen, wie er war, erklaerte er, ohne auf weitere
Verhandlungen sich einzulassen, drei Jahre nach dem Friedensschluss (105) dem
Koenig abermals den Krieg. Gern haette dieser ihn abgewandt; aber die Forderung,
sich gefangen zu geben, sprach allzu deutlich. Es blieb nichts als der Kampf der
Verzweiflung, und dazu waren nicht alle bereit; ein grosser Teil der Daker
unterwarf sich ohne Gegenwehr. Der Aufruf an die Nachbarvoelker, in die Abwehr
fuer die auch ihrer Freiheit und ihrem Volkstum drohende Gefahr mit einzutreten,
verhallte ohne Wirkung; Decebalus und die ihm treugebliebenen Daker standen in
diesem Krieg allein. Die Versuche, den kaiserlichen Feldherrn durch Ueberlaeufer
aus dem Wege zu schaffen, oder mit der Losgebung eines gefangengenommenen hohen
Offiziers ertraegliche Bedingungen zu erkaufen, scheiterten ebenfalls. Der
Kaiser zog abermals als Sieger in die feindliche Hauptstadt ein und Decebalus,
der bis zum letzten Augenblick mit dem Verhaengnis gerungen hatte, gab, als
alles verloren war, sich selber den Tod (107). Diesmal machte Traianus ein Ende;
der Krieg galt nicht mehr der Freiheit des Volkes, sondern seiner Existenz. Aus
dem besten Teile des Landes wurde die eingeborene Bevoelkerung ausgetrieben und
diese Striche mit einer, fuer die Bergwerke aus den Gebirgen Dalmatiens, sonst
ueberwiegend, wie es scheint, aus Kleinasien herangezogenen nationslosen
Bevoelkerung wiederbesetzt. In manchen Gegenden freilich blieb dennoch die alte
Bevoelkerung und behauptete sich sogar die Landessprache ^13; diese Daker sowohl
wie die ausserhalb der Grenzen hausenden Splitter haben auch nachher noch, zum
Beispiel unter Commodus und Maximinus, den Roemern zu schaffen gemacht; aber sie
standen vereinzelt und verkamen. Die Gefahr, mit der der kraeftige Thrakerstamm
mehrmals die roemische Herrschaft bedroht hatte, durfte nicht wiederkehren, und
dies Ziel hat Traianus erreicht. Das traianische Rom war nicht mehr das der
hannibalischen Zeit; aber es war immer noch gefaehrlich, die Roemer besiegt zu
haben.
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^13 Arr. takt. 44 erwaehnt unter den Aenderungen, die Hadrian bei der
Kavallerie einfuehrte, dass er den einzelnen Abteilungen ihre nationalen
Schlachtrufe gestattet habe, Keltiko?s men tois Keltois ippe?sin, Getiko?s de
tois Getais, Raitikoys de osoi ek Rait/o/n.
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Die stattliche Saeule, welche sechs Jahre darauf dem Kaiser von dem
Reichssenat auf dem neuen Traiansmarkt der Hauptstadt errichtet ward und die ihn
heute noch schmueckt, ist ein Zeugnis der verwuesteten Geschichtsueberlieferung
der roemischen Kaiserzeit, wie wir kein zweites besitzen. In ihrer ganzen Hoehe
von genau 100 roemischen Fuss ist sie bedeckt mit einzelnen Darstellungen - man
zaehlt deren 124; ein gemeisseltes Bilderbuch der dakischen Kriege, zu welchem
uns fast ueberall der Text fehlt. Wir sehen die Wachttuerme der Roemer mit ihrem
spitzen Dach, ihrem pallisadierten Hof, ihrem oberen Umgang, ihren
Feuersignalen. Die Stadt am Ufer des Donaustroms, dessen Flussgott den
roemischen Kriegern zuschaut, wie sie unter ihren Feldzeichen auf der
Schiffbruecke entlangziehen. Den Kaiser selbst im Kriegsrat, dann vor den
Waellen des Lagers am Altar opfernd. Es wird erzaehlt, dass die den Dakern
verbuendeten Burer den Traian vom Kriege abmahnten in einem lateinischen, auf
einen gewaltigen Pilz geschriebenen Spruch: man meint, diesen Pilz zu erkennen,
auf ein Saumtier geladen, von dem gestuerzt ein Barbar mit der Keule, auf dem
Boden liegend, dem heranschreitenden Kaiser mit dem Finger den Pilz weist. Wir
sehen das Lager schlagen, die Baeume faellen, Wasser holen, die Bruecke legen.
Die ersten gefangenen Daker, leicht kenntlich an ihren langaermligen Kitteln und
ihren weiten Hosen, werden, die Haende auf den Ruecken gebunden und an ihrem
langen Haarbusch von den Soldaten gefasst, vor den Kaiser gefuehrt. Wir sehen
die Gefechte, die Speer- und Steinschleuderer, die Sicheltraeger, die
Bogenschuetzen zu Fuss, die auch den Bogen fuehrenden schweren Panzerreiter, die
Drachenfahne der Daker, die feindlichen Offiziere, geschmueckt mit dem Zeichen
ihres Ranges, der runden Muetze, den Fichtenwald, in den die Daker ihre
Verwundeten tragen, die abgehauenen Koepfe der Barbaren, vor dem Kaiser
niedergelegt. Wir sehen das dakische Pfahldorf mitten im See, in dessen runde
Huetten mit spitzem Dach die Brandfackeln fliegen. Frauen und Kinder flehen den
Kaiser um Gnade an. Die Verwundeten werden gepflegt und verbunden, Ehrenzeichen
an Offiziere und Soldaten ausgeteilt. Dann geht es weiter im Kampf: die
feindlichen Verschanzungen, teils von Holz, teils Steinmauern, werden
angegriffen, das Belagerungsgeschuetz faehrt auf, die Leitern werden
herangetragen, unter dem Schilderdach greift die Sturmkolonne an. Endlich liegt
der Koenig mit seinem Gefolge zu den Fuessen Traians; die Drachenfahnen sind in
Roemerhand; die Truppen begruessen jubelnd den Imperator; vor den aufgetuermten
Waffen der Feinde steht die Victoria und beschreibt die Tafel des Sieges.. Es
folgen die Bilder des zweiten Krieges, im ganzen der ersten Reihe gleichartig;
bemerkenswert ist eine grosse Darstellung, welche, nachdem die Koenigsburg in
Flammen aufgegangen ist, die Fuersten der Daker zu zeigen scheint, sitzend um
einen Kessel und einer nach dem andern den Giftbecher leerend; eine andere, wo
des tapferen Dakerkoenigs Haupt auf einer Schuessel dem Kaiser gebracht wird;
endlich das Schlussbild, die lange Reihe der Besiegten mit Frauen, Kindern und
Herden aus der Heimat abziehend. Die Geschichte dieses Krieges hat der Kaiser
selbst geschrieben, wie Friedrich der Grosse die des Siebenjaehrigen, und nach
ihm viele andere; uns ist alles dies verloren, und wie niemand es wagen wuerde,
nach Menzels Bildern die Geschichte des Siebenjaehrigen Krieges zu erfinden, so
bleibt auch uns nur mit dem Einblick in halb verstaendliche Einzelheiten die
schmerzliche Empfindung einer bewegten und grossen, auf ewig verblassten und
selbst fuer die Erinnerung vergangenen geschichtlichen Katastrophe.
Die Grenzverteidigung im Donaugebiet wurde infolge der Verwandlung Dakiens
in eine roemische Provinz nicht in dem Grade verschoben, wie man wohl erwarten
sollte; eine eigentliche Veraenderung der Verteidigungslinie trat nicht ein,
sondern es wurde die neue Provinz im ganzen als eine exzentrische Position
behandelt, die nur nach Sueden hin, an der Donau selbst, unmittelbar mit dem
roemischen Gebiet zusammenhing, nach den anderen drei Seiten in das barbarische
Land hineinragte. Die zwischen Pannonien und Dakien sich erstreckende
Theissebene blieb auch ferner den Jazygen; es haben sich wohl Reste alter Waelle
gefunden, die von der Donau ueber die Theiss weg bis an das dakische Gebirge
fuehren und das Jazygengebiet noerdlich begrenzen, aber ueber die Zeit und die
Urheber dieser Verschanzungen ist nichts Sicheres ermittelt. Auch Bessarabien
wird von einer doppelten Sperrlinie durchschnitten, welche, vom Prut zum Dnjestr
laufend, bei Tyra endigt, und nach den darueber bis jetzt vorliegenden,
ungenuegenden Berichten von den Roemern herzuruehren scheint ^14. Ist dies der
Fall, so sind die Moldau und die suedliche Haelfte von Bessarabien sowie die
gesamte Walachei dem Roemischen Reich einverleibt gewesen. Aber mag dies auch
nominell geschehen sein, effektiv hat die Roemerherrschaft sich schwerlich auf
diese Laender erstreckt; wenigstens fehlt es an sicheren Beweisen roemischer
Ansiedlung bis jetzt sowohl in der oestlichen Walachei wie in der Moldau und in
Bessarabien voellig. Auf alle Faelle blieb hier viel mehr noch als in Germanien
der Rhein die Donau die Grenze der roemischen Zivilisation und der eigentliche
Stuetzpunkt der Grenzverteidigung. Die Positionen an dieser wurden erheblich
verstaerkt. Es war ein Gluecksfall fuer Rom, dass, waehrend die Voelkerbrandung
an der Donau stieg, sie am Rhein sank und die dort entbehrlich gewordenen
Truppen anderweitig verfuegbar wurden. Wenn noch unter Vespasian wahrscheinlich
nicht mehr als sechs Legionen an der Donau standen, so ist deren Zahl durch
Domitianus und Traianus spaeter auf zehn gesteigert, womit zusammenhaengt, dass
die bisherigen beiden Oberkommandanturen von Moesien und Pannonien, die erstere
unter Domitian, die zweite unter Traian, geteilt wurden und, indem weiter die
dakische hinzutrat, die Gesamtzahl der Kommandanturen an der unteren Donau sich
auf fuenf stellte. Anfaenglich scheint man freilich die Ecke, welche dieser
Strom unterhalb Durostorum (Silistria) macht, die heutige Dobrudscha,
abgeschnitten und von dem heutigen Ort Rassowa an, wo der Fluss bis auf sieben
deutsche Meilen sich dem Meere naehert, um dann fast im rechten Winkel nach
Norden abzubiegen, die Flusslinie durch eine befestigte Strasse nach Art der
britannischen ersetzt zu haben, welche bei Tomis die Kueste erreichte ^15. Indes
diese Ecke ist wenigstens seit Hadrian in die roemische Grenzbefestigung
eingezogen worden; denn von da an finden wir Untermoesien, das vor Traian
wahrscheinlich gar keine groesseren staendigen Besatzungen gehabt hatte, belegt
mit den drei Legionslagern von Novae (bei Svischtova), Durostorum (Silistria)
und Troesmis (Iglitza bei Galatz), von welchen das letzte eben jener Donauecke
vorliegt. Gegen die Jazygen wurde die Stellung dadurch verstaerkt, dass zu den
obermoesischen Lagern bei Singidunuum und Viminacium das unterpannonische an der
Muendung der Theiss in die Donau bei Acumincum hinzutrat. Dakien selbst ist
damals nur schwach besetzt worden. Die Hauptstadt, jetzt traianische Kolonie
Sarmizegetusa, lag nicht weit von den Hauptuebergaengen ueber die Donau in
Obermoesien; hier und an dem mittleren Marisus sowie jenseits desselben, in dem
Bezirk der Goldgruben, haben die Roemer vorzugsweise sich ansaessig gemacht;
auch die eine seit Traian in Dakien garnisonierende Legion hat ihr Hauptquartier
wenigstens bald nachher in dieser Gegend bei Apulum (Karlsburg) erhalten. Weiter
noerdlich sind Potaissa (Thorda) und Napoca (Klausenburg) wohl auch sofort von
den Roemern in Besitz genommen worden, aber erst allmaehlich schoben die grossen
pannonisch-dakischen Militaerzentren sich weiter gegen Norden vor. Die Verlegung
der unterpannonischen Legion von Acumincum nach Aquincum, dem heutigen Ofen, und
die Okkupierung dieser militaerisch beherrschenden Position faellt nicht spaeter
als Hadrian und wahrscheinlich unter ihn; wohl gleichzeitig ist die eine der
oberpannonischen Legionen nach Brigetio (gegenueber Komorn) gekommen. Unter
Commodus wurde an der Nordgrenze Dakiens in der Breite von einer deutschen Meile
jede Ansiedelung untersagt, was mit den spaeter zu erwaehnenden Grenzordnungen
nach dem Markomannenkrieg zusammenhaengen wird. Damals moegen auch die
befestigten Linien entstanden sein, welche diese Grenze, aehnlich wie die
obergermanische, sperrten. Unter Severus kam eine der bisher niedermoesischen
Legionen an die dakische Nordgrenze nach Potaissa (Thorda). Aber auch nach
diesen Verlegungen bleibt Dakien eine von Bergen und Schanzen gedeckte,
vorgeschobene Stellung am linken Ufer, bei der es wohl zweifelhaft sein mochte,
ob sie die allgemeine Defensivstellung der Roemer mehr foerderte oder mehr
beschwerte. Hadrianus hat in der Tat daran gedacht, dies Gebiet aufzugeben, also
dessen Einverleibung als einen Fehler betrachtet; nachdem sie einmal geschehen
war, ueberwog allerdings die Ruecksicht, wenn nicht auf die eintraeglichen
Goldgruben des Landes, so doch auf die rasch sich entwickelnde roemische
Zivilisation im Marisusgebiet. Aber wenigstens den Oberbau der steinernen
Donaubruecke liess er entfernen, da ihm die Besorgnis vor der Benutzung
derselben durch die Feinde schwerer wog als die Ruecksicht auf die dakische
Besatzung. Die spaetere Zeit hat von dieser Aengstlichkeit sich freigemacht;
aber die exzentrische Stellung Dakiens zu der uebrigen Grenzverteidigung ist
geblieben.
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^14 Die Waelle, welche 3 Meter hoch, 2 Meter dick, mit breitem Aussengraben
und vielen Resten von Kastellen in zwei fast parallelen Linien, teils in der
Laenge vor. 150 Kilometern vom linken Ufer des Pruth ueber Tabak und Tatarbunar
zum Dnjestr-Liman zwischen Akerman und dem Schwarzen Meer, teils in der Laenge
von 100 Kilometern von Leowa am Pruth zum Dnjestr unterhalb Bendery ziehen
(Petermanns Geographische Mittheilungen 1857, S. 129), moegen wohl auch roemisch
sein; aber es fehlt bis jetzt an jeder genaueren Feststellung.
^15 Nach v. Vinckes Aufnahme (Monatsberichte ueber die Verhandlungen der
Gesellschaft fuer Erdkunde in Berlin 1, 1839/40, S. 179 f.; vgl. in v. Moltkes
Briefen ueber Zustaende in der Tuerkei den vom 2. November 1837) sowie nach den
mir mitgeteilten Aufzeichnungen und Plaenen des Herrn Dr. C. Schuchhardt sind
hier drei Sperrungen angelegt. Die suedlichste, wahrscheinlich aelteste, ist ein
einfacher Erdwall mit (auffallender Weise) gegen Sueden vorliegendem Graben; ob
roemischen Ursprungs, kann zweifelhaft sein. Die beiden anderen Linien sind ein
jetzt noch vielfach bis 3 Meter hoher Erd- und ein niederigerer einst mit
Steinen gefuetterter Wall, die oft dicht nebeneinander her, anderswo wieder
stundenweit voneinander entfernt laufen. Man moechte sie fuer die beiden
Verteidigungslinien einer befestigten Strasse halten, wenn auch in der
oestlichen Haelfte der Erdwall, in der suedlicheren der Steinwall der
noerdlichere ist und sie in der Mitte sich kreuzen. An einer Stelle bildet der
(hier suedlichere) Erdwall die Hinterseite eines hinter dem Steinwall angelegten
Kastells. Der Erdwall ist auf der Nordseite von einem tiefen, auf der Suedseite
von einem flachen Graben gedeckt; jeden Graben schliesst ein Aufwurf ab. Dem
Steinwall liegt auch noerdlich ein Graben vor. Hinter dem Erdwall, und meist an
ihn angelehnt, finden sich je 750 Meter voneinander entfernt Kastelle; andere in
unregelmaessigen Entfernungen desgleichen hinter dem Steinwall. Alle Linien
halten sich hinter den Karasu-Seen als der natuerlichen Verteidigungsstuetze;
von da, wo diese aufhoert, bis zum Meer sind sie mit geringer Ruecksicht auf die
Terrainverhaeltnisse gefuehrt. Die Stadt Tomis liegt ausserhalb des Walls und
noerdlich davon; es sind aber ihre Festungsmauern durch einen besonderen Wall
mit der Sperrbefestigung in Verbindung gesetzt.
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Die sechzig Jahre nach den Dakerkriegen Traians sind fuer die Donaulaender
eine Zeit des Friedens und der friedlichen Entwicklung gewesen. Ganz zur Ruhe
kam es freilich, namentlich an den Donaumuendungen, nie, und auch das
bedenkliche Hilfsmittel von den angrenzenden, unruhigen Nachbarn, aehnlich wie
es mit Decebalus geschehen war, durch Aussetzung jaehrlicher Gratiale die
Grenzsicherheit zu erkaufen, ist ferner angewandt worden ^16; dennoch zeigen die
Reste des Altertums eben in dieser Zeit ueberall das Aufbluehen staedtischen
Lebens, und nicht wenige Gemeinden namentlich Pannoniens nennen als ihren
Stifter Hadrian oder Pius. Aber auf diese Stille folgte ein Sturm, wie das
Kaisertum noch keinen bestanden hatte, und der, obwohl eigentlich auch nur ein
Grenzkrieg, durch seine Ausdehnung ueber eine Reihe von Provinzen und durch
seine dreizehnjaehrige Dauer das Reich selbst erschuetterte.
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^16 Vita Hadriani 6: cum rege Roxolanorum qui de imminutis stipendiis
querebatur cognito negotio pacem composuit.
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Den nach den Markomannen benannten Krieg hat nicht eine einzelne
Persoenlichkeit vom Schlage des Hannibal und des Decebalus angefacht.
Ebensowenig haben Uebergriffe roemischerseits diesen Krieg heraufbeschworen;
Kaiser Pius verletzte keinen Nachbarn, weder den maechtigen, noch den geringen,
und hielt den Frieden fast mehr als billig hoch. Das Reich des Maroboduus und
des Vannius hatte sich seitdem, vielleicht infolge der Teilung unter Vangio und
Sido, in das Koenigtum der Markomannen im heutigen Boehmen und das der Quaden in
Maehren und Oberungarn geschieden. Konflikte mit den Roemern scheinen hier nicht
stattgefunden zu haben; das Lehnsverhaeltnis der Quadenfuersten wurde sogar
unter Pius' Regierung durch die erbetene Bestaetigung in foermlicher Weise
anerkannt. Voelkerverschiebungen, die jenseits des roemischen Horizonts liegen,
sind die naechste Ursache des grossen Krieges gewesen. Bald nach Pius' Tode
(161) erschienen Haufen von Germanen, namentlich Langobarden von der Elbe her,
aber auch Markomannen und andere Mannschaften in Pannonien, es scheint, um neue
Wohnsitze am rechten Ufer zu gewinnen. Gedraengt von den roemischen Truppen, die
ihnen entgegengeschickt wurden, entsandten sie den Markomannenfuersten
Ballomarius und mit ihm je einen Vertreter der zehn beteiligten Staemme, um ihre
Bitte um Landanweisung zu erneuern. Aber der Statthalter liess es bei dem
Bescheid und zwang sie, ueber die Donau zurueckzugehen. Dies ist der Anfang des
grossen Donaukrieges ^17. Auch der Statthalter von Obergermanien, Gaius Aufidius
Victorinus, der Schwiegersohn des literarisch bekannten Fronto, hatte bereits um
das Jahr 162 einen Ansturm der Chatten abzuschlagen, welcher ebenfalls durch
nachdraengende Voelkerschaften von der Elbe her veranlasst sein mag. Waere
gleich energisch eingeschritten worden, so haette groesserem Unheil vorgebeugt
werden koennen. Aber eben damals hatte der Armenische Krieg begonnen, in den
bald die Parther eintraten; wenn auch die Truppen nicht gerade von der bedrohten
Grenze weg nach dem Osten geschickt wurden, wofuer wenigstens keine Beweise
vorliegen ^18, so fehlte es doch an Mannschaft, um den zweiten Krieg sofort
energisch aufzunehmen. Dies Temporisieren hat sich schwer geraecht. Eben als in
Rom ueber die Koenige des Ostens triumphiert ward, brachen an der Donau die
Chatten, die Markomannen, die Quaden, die Jazygen wie mit einem Schlag ein in
das roemische Gebiet. Raetien, Noricum, beide Pannonien, Dakien waren im selben
Augenblick ueberschwemmt; im dakischen Grubendistrikt koennen noch wir die
Spuren dieses Einbruchs verfolgen. Welche Verheerungen sie in diesen
Landschaften, die seit langem keinen Feind gesehen hatten, damals anrichteten,
zeigt die Tatsache, dass mehrere Jahre spaeter die Quaden erst 13000, dann noch
50000, die Jazygen gar 100000 roemische Gefangene zurueckgaben. Es blieb nicht
einmal bei der Schaedigung der Provinzen. Es geschah, was seit drei
Jahrhunderten nicht geschehen war und anfing als unmoeglich zu gelten: die
Barbaren durchbrachen den Alpenwall und fielen in Italien selbst ein; von
Raetien aus zerstoerten sie Opitergium (Oderzo), die Scharen von der Julischen
Alpe berannten Aquileia ^19. Niederlagen einzelner roemischer Armeekorps muessen
mehrfach stattgefunden haben; wir erfahren nur, dass einer der
Gardekommandanten, Victorinus, vor dem Feind blieb und die Reihen der roemischen
Heere sich in arger Weise lichteten.
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^17 Vita Marci 14: gentibus quae pulsae a superioribus barbaris fugerant
nisi reciperentur bellum ireferentibus. Dio bei Petrus Patricius fr. 6:
Laggibard/o/n kai Obi/o/n (sonst unbekannt) exakischili/o/n Istr/o/n
perai/o/thent/o/n t/o/n peri Bindika (vielleicht schon damals praef. praetorio,
in welchem Fall die Garde wegen dieses Vorganges ausmarschiert waere) ippe/o/n
exelasant/o/n kai t/o/n amphi Kandidon pez/o/n epiphthasant/o/n eis pantel/e/
phyg/e/n oi barbaroi etraponto. eph'ois o?t/o/ prachth/e/sin en deei katastantes
ek pr/o/t/e/s epicheir/e/se/o/s oi barbaroi presbeis para Ailion Basson t/e/n
Paionian dieponta stelloysi Ballomarion te ton basilea Markoman/o/n kai eteroys
deka, kat' ethnos epilexamenoi ena. kai orkois t/e/n eir/e/n/e/n oi presbeis
pist/o/samenoi oikade ch/o/ro?sin. Dass dieser Vorfall vor den Ausbruch des
Krieges faellt, zeigt seine Stellung; fr. 7 des Patricius ist Exzerpt aus Dio
71, 11, 2.
^18 Das moesische Heer gab Soldaten zum Armenischen Krieg ab (O.
Hirschfeld, Archaeologisch-epigraphische Mittheilungen 6, S. 41); aber hier war
die Grenze nicht gefaehrdet.
^19 Die Beteiligung der rechtsrheinischen Germanen bezeugt Dio 71, 3, und
nur dadurch erklaeren sich die Massregeln, die Marcus fuer Raetia und Noricum
traf. Auch die Lage von Oderzo spricht dafuer, dass diese Angreifer ueber den
Brenner kamen.
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Der schwere Angriff traf den Staat zur ungluecklichsten Stunde. Zwar der
orientalische Krieg war beendigt; aber in seinem Gefolge hatte eine Seuche sich
in Italien und dem ganzen Westen verbreitet, die dauernder als der Krieg und in
entsetzlicherem Masse die Menschen hinraffte. Wenn die Truppen, wie es notwendig
war, zusammengezogen wurden, so fielen der Pest die Opfer nur um so zahlreicher.
Wie zu der Pestilenz immer die teure Zeit gehoert, so erschien auch hier mit ihr
Misswachs und Hungersnot und schwere Finanzkalamitaet - die Steuern gingen nicht
ein, und im Laufe des Krieges sah sich der Kaiser veranlasst, die Kleinodien
seines Palastes in oeffentlicher Auktion zu veraeussern. Es fehlte an einem
geeigneten Leiter. Eine so ausgedehnte und so verwickelte militaerisch-
politische Aufgabe konnte, wie die Dinge in Rom lagen, kein beauftragter
Feldherr, sondern allein der Herrscher selbst auf sich nehmen. Marcus hatte, in
richtiger und bescheidener Erkenntnis dessen, was ihm abging, bei der
Thronbesteigung sich seinen juengeren Adoptivbruder Lucius Verus
gleichberechtigt zur Seite gestellt, in der wohlwollenden Voraussetzung, dass
der flotte junge Mann, wie er ein tuechtiger Fechter und Jaeger war, so auch zum
faehigen Feldherrn sich entwickeln werde. Aber den scharfen Blick des
Menschenkenners besass der ehrliche Kaiser nicht; die Wahl war so ungluecklich
wie moeglich ausgefallen; der eben beendigte Parthische Krieg hatte den
nominellen Feldherrn als eine wueste Persoenlichkeit und einen unfaehigen
Offizier gezeigt. Verus' Mitregentschaft war nichts als eine Kalamitaet mehr,
die freilich durch seinen, nicht lange nach dem Ausbruch des Markomannischen
Krieges erfolgten Tod (169) in Wegfall kam. Marcus, seinen Neigungen nach mehr
reflektiv als dem praktischen Leben zugewandt und ganz und gar kein Soldat,
ueberhaupt keine hervorragende Persoenlichkeit, uebernahm die ausschliessliche
und persoenliche Leitung der erforderlichen Operationen. Er mag dabei im
einzelnen Fehler genug gemacht haben, und vielleicht geht die lange Dauer der
Kaempfe darauf mit zurueck; aber die Einheit des Oberbefehls, die klare Einsicht
in den Zweck der Kriegfuehrung, die Folgerichtigkeit des staatsmaennischen
Handelns, vor allem die Rechtschaffenheit und Festigkeit des seines schweren
Amtes mit selbstvergessener Treue waltenden Mannes haben schliesslich den
gefaehrlichen Ansturm gebrochen. Es ist dies ein um so hoeheres Verdienst, als
der Erfolg mehr dem Charakter als dem Talent verdankt wird.
Worauf man sich gefasst machte, zeigt die Tatsache, dass die Regierung,
trotz des Mangels an Menschen und an Geld, in dem ersten Jahre dieses Krieges
mit ihren Soldaten und auf ihre Kosten die Mauern der Hauptstadt Dalmatiens,
Salonae, und der Hauptstadt Thrakiens, Philippopolis, herstellen liess; sicher
sind dies nicht vereinzelte Anordnungen gewesen. Man musste sich darauf
vorbereiten, die Nordlaender ueberall die grossen Staedte des Reiches berennen
zu sehen; die Schrecken der Gotenzuege pochten schon an die Pforten und wurden
vielleicht fuer diesmal nur dadurch abgewandt, dass die Regierung sie kommen
sah. Die unmittelbare Oberleitung der militaerischen Operationen und die durch
die Sachlage geforderte Regulierung der Beziehungen zu den Grenzvoelkern und
Reformierung der bestehenden Ordnungen an Ort und Stelle durfte weder fehlen
noch dem charakterlosen Bruder oder Einzelfuehrern ueberlassen werden. In der
Tat aenderte sich die Lage der Dinge, sowie die beiden Kaiser in Aquileia
eintrafen, um von dort mit dem Heer nach dem Kriegsschauplatz abzugehen. Die
Germanen und Sarmaten, wenig in sich geeinigt und ohne gemeinschaftliche
Leitung, fuehlten sich solchem Gegenschlag nicht gewachsen. Die eingedrungenen
Haufen zogen ueberall sich zurueck; die Quaden sandten den kaiserlichen
Statthaltern ihre Unterwerfung ein, und vielfach buessten die Fuehrer der gegen
die Roemer gerichteten Bewegung diesen Rueckschlag mit dem Leben. Lucius meinte,
dass der Krieg Opfer genug gefordert habe und riet zur Rueckkehr nach Rom. Aber
die Markomannen verharrten in trotzigem Widerstand, und die Kalamitaet, die
ueber Rom gekommen war, die Hunderttausende der weggeschleppten Gefangenen, die
von den Barbaren errungenen Erfolge forderten gebieterisch eine kraeftigere
Politik und die offensive Fortsetzung des Krieges. Marcus' Schwiegersohn
Tiberius Claudius Pompeianus uebernahm ausserordentlicherweise das Kommando in
Raetien und Noricum; sein tuechtiger Unterbefehlshaber, der spaetere Kaiser
Publius Helvius Pertinax, saeuberte ohne Schwierigkeit mit der aus Pannonien
herbeigerufenen ersten Hilfslegion das roemische Gebiet. Trotz der Finanznot
wurden namentlich aus illyrischen Mannschaften, bei deren Aushebung freilich
mancher bisherige Strassenraeuber zum Landesverteidiger gemacht ward, zwei neue
Legionen gebildet und, wie schon frueher angegeben ward, die bisher
geringfuegige Grenzwacht dieser beiden Provinzen durch die neuen Legionslager
von Regensburg und Enns verstaerkt. In die oberpannonischen Lager begaben sich
die Kaiser selbst. Vor allen Dingen kam es darauf an, den Herd des Kriegsfeuers
einzuschraenken. Die von Norden kommenden Barbaren, die ihre Hilfe anboten,
wurden nicht zurueckgewiesen und fochten in roemischem Sold, soweit sie nicht,
was auch vorkam, ihr Wort brachen und mit dem Feind gemeinschaftliche Sache
machten. Den Quaden, welche um Frieden und um die Bestaetigung des neuen Koenigs
Furtius baten, wurde diese bereitwillig zugestanden und nichts gefordert als
Rueckgabe der Ueberlaeufer und der Gefangenen. Es gelang einigermassen, den
Krieg auf die beiden Hauptgegner, die Markomannen und die von alters her ihnen
verbuendeten Jazygen, zu beschraenken. Gegen diese beiden Voelker wurde in den
folgenden Jahren in schweren Kaempfen und nicht ohne Niederlage gestritten. Wir
wissen davon nur Einzelheiten, die sich nicht in festen Zusammenhang bringen
lassen. Marcus Claudius Fronto, dem die ausserordentlicherweise vereinigten
Kommandos von Obermoesien und Dakien anvertraut waren, fiel um das Jahr 171 im
Kampfe gegen Germanen und Jazygen. Ebenso fiel vor dem Feind der Gardekommandant
Marcus Macrinius Vindex. Sie und andere hochgestellte Offiziere erhielten in
diesen Jahren Ehrendenkmaeler in Rom an der Saeule Traians, weil sie in
Verteidigung des Vaterlandes den Tod gefunden hatten. Die barbarischen Staemme,
die sich fuer Rom erklaert hatten, fielen zum Teil wieder ab, so die Cotiner und
vor allem die Quaden, welche den fluechtigen Markomannen eine Freistatt
gewaehrten und ihren Vasallenkoenig Furtius vertrieben, worauf Kaiser Marcus auf
den Kopf seines Nachfolgers Ariogaesus einen Preis von 1000 Goldstuecken setzte.
Erst im sechsten Kriegsjahr (172) scheint die voellige Ueberwindung der
Markomannen erreicht worden zu sein und danach Marcus den wohlverdienten
Siegestitel Germanicus angenommen zu haben. Es folgte dann die Niederwerfung der
Quaden, endlich im Jahre 175 die der Jazygen, infolge deren der Kaiser den
weiteren Beinamen des Sarmatensiegers empfing. Die Bedingungen, welche den
ueberwundenen Voelkerschaften gestellt wurden, zeigen, dass Marcus nicht zu
strafen beabsichtigte, sondern zu unterwerfen. Den Markomannen und den Jazygen,
wahrscheinlich auch den Quaden, wurde auferlegt, einen Grenzstreifen am Flusse
in der Breite von zwei, nach spaeterer Milderung von einer deutschen Meile zu
raeumen. In die festen Plaetze am rechten Donauufer wurden roemische Besatzungen
gelegt, die allein bei den Markomannen und Quaden zusammen sich auf nicht
weniger als 20000 Mann beliefen. Alle Unterworfenen hatten Zuzug zum roemischen
Heer zu stellen, die Jazygen zum Beispiel 8000 Reiter. Waere der Kaiser nicht
durch die Insurrektion Syriens abgerufen worden, so haette er die letzteren ganz
aus ihrer Heimat getrieben, wie Traianus die Daker. Dass Marcus die abgefallenen
Transdanuvianer nach diesem Muster zu behandeln gedachte, bestaetigt der weitere
Verlauf. Kaum war jenes Hindernis beseitigt, so ging der Kaiser wieder an die
Donau und begann, eben wie Traianus, im Jahre 178 den zweiten, abschliessenden
Krieg. Die Motivierung dieser Kriegserklaerung ist nicht bekannt; der Zweck wird
ohne Zweifel richtig dahin angegeben, dass er zwei neue Provinzen, Marcomania
und Sarmatia, einzurichten gedachte. Den Jazygen, die sich den Absichten des
Kaisers fuegsam gezeigt haben werden, wurden die laestigen Auflagen
groesstenteils erlassen, ja ihnen fuer den Verkehr mit ihren oestlich von Dakien
hausenden Stammverwandten, den Roxolanern, der Durchgang durch Dakien unter
angemessener Aufsicht gewaehrt - wahrscheinlich auch nur, weil sie schon als
roemische Untertanen betrachtet wurden. Die Markomannen wurden durch Schwert und
Hunger fast aufgerieben. Die verzweifelnden Quaden wollten nach Norden
auswandern und bei den Semnonen sich Sitze suchen; aber auch dies wurde ihnen
nicht gestattet, da sie die Aecker zu bestellen hatten, um die roemischen
Besatzungen zu versorgen. Nach vierzehnjaehriger, fast ununterbrochener
Waffenarbeit stand der Kriegsfuerst wider Willen am Ziel und die Roemer zum
zweiten Mal vor der Gewinnung der oberen Elbe; jetzt fehlte in der Tat nur die
Ankuendigung, das Gewonnene festhalten zu wollen. Da starb er, noch nicht
sechzig Jahre alt, im Lager von Vindobona am 17. Maerz 180.
Man wird nicht bloss die Entschlossenheit und die Konsequenz des Herrschers
anerkennen, sondern auch einraeumen muessen, dass er tat, was die richtige
Politik gebot. Die Eroberung Dakiens durch Traian war ein zweifelhafter Gewinn,
obwohl eben in dem Markomannischen Krieg der Besitz Dakiens nicht bloss ein
gefaehrliches Element aus den Reihen der Gegner Roms entfernt, sondern
wahrscheinlich auch bewirkt hat, dass der Voelkerschwarm an der unteren Donau,
die Bastarner, die Roxolaner und andere mehr in den Markomannenkrieg nicht
eingegriffen haben. Aber nachdem der gewaltige Ansturm der Transdanuvianer
westlich von Dakien die Niederwerfung derselben zur Notwendigkeit gemacht hatte,
konnte diese nur in abschliessender Weise ausgefuehrt werden, indem Boehmen,
Maehren und die Theissebene in die roemische Verteidigungslinie eingezogen
wurden, wenn auch diesen Gebieten wohl nur, wie Dakien, eine Vorpostenstellung
zugedacht war und die strategische Grenzlinie sicher die Donau bleiben sollte.
Des Marcus Nachfolger, Kaiser Commodus, war im Lager anwesend, als der
Vater starb und trat, da er die Krone schon seit mehreren Jahren dem Namen nach
mit dem Vater teilte, mit dessen Tode sofort in den Besitz der unumschraenkten
Gewalt. Nur kurze Zeit liess der neunzehnjaehrige Nachfolger die
Vertrauensmaenner des Vaters, seinen Schwager Pompeianus und andere, die mit
Marcus die schwere Last des Krieges getragen hatten, im Sinne desselben
schalten. Commodus war in jeder Hinsicht das Gegenteil seines Vaters; kein
Gelehrter, sondern ein Fechtmeister, so feig und charakterschwach, wie dieser
entschlossen und konsequent, so traege und pflichtvergessen wie dieser taetig
und gewissenhaft. Er gab nicht bloss die Einverleibung des gewonnenen Gebiets
auf, sondern gewaehrte auch den Markomannen freiwillig Bedingungen, wie sie sie
nicht hatten hoffen duerfen. Die Regulierung des Grenzverkehrs unter roemischer
Kontrolle und die Verpflichtung, ihre den Roemern befreundeten Nachbarn nicht zu
schaedigen, verstanden sich von selbst; aber die Besatzungen wurden aus ihrem
Lande zurueckgezogen und nur das Gebot, den Grenzstreifen nicht zu besiedeln,
festgehalten. Die Leistung von Abgaben und die Stellung von Rekruten wurde wohl
ausbedungen, aber jene bald erlassen und diese sicher nie gestellt. Aehnlich
ward mit den Quaden abgeschlossen und wird mit den uebrigen Transdanuvianern
abgeschlossen worden sein. Damit waren die gemachten Eroberungen aufgegeben, und
die vieljaehrige Kriegsarbeit war umsonst; wenn man nicht mehr wollte, so war
eine aehnliche Ordnung der Dinge schon viel frueher zu erreichen. Dennoch hat
der Markomannische Krieg die Suprematie Roms in diesen Landschaften fuer die
Folgezeit sichergestellt, trotzdem Rom den Siegespreis aus der Hand gab. Nicht
von den Staemmen, welche dabei beteiligt waren, ist der Stoss gefuehrt worden,
dem die roemische Weltmacht erlag.
Eine andere bleibende Folge dieses Krieges haengt zusammen mit den durch
denselben veranlassten Oberfuehrungen der Transdanuvianer in das Roemische
Reich. An sich waren derartige Umsiedlungen zu aller Zeit vorgekommen; die unter
Augustus nach Gallien verpflanzten Sugambrer, die nach Thrakien gesandten Daker
waren nichts als neue, zu den frueher vorhandenen hinzutretende Untertanen oder
Untertanengemeinden, und etwas anderes sind wohl auch die 3000 Naristen nicht
gewesen, denen Marcus gestattete, ihre Sitze westlich von Boehmen mit solchen im
Reich zu vertauschen, waehrend den sonst unbekannten Astingern an der dakischen
Nordgrenze die gleiche Bitte abgeschlagen ward. Aber die nicht bloss im
Donauland, sondern in Italien selbst, bei Ravenna, von ihm angesiedelten
Germanen waren weder freie Untertanen noch eigentlich unfreie Leute; es sind
dies die Anfaenge der roemischen Leibeigenschaft, des Kolonats, dessen
Eingreifen in die Bodenwirtschaft des gesamten Staats in anderem Zusammenhang
darzulegen ist. Jene ravennatische Ansiedlung hat indes keinen Bestand gehabt;
die Leute lehnten sich auf und mussten wieder weggeschafft werden, so dass der
neue Kolonat zunaechst auf die Provinzen, namentlich die Donaulandschaften,
beschraenkt blieb.
Wiederum folgte auf den grossen Krieg an der mittleren Donau eine fast
sechzigjaehrige Friedenszeit, deren Segen durch das waehrend derselben stetig
steigende innere Missregiment nicht vollstaendig aufgehoben werden konnte. Wohl
zeigt manche vereinzelte Nachricht, dass die Grenze, namentlich die am meisten
exponierte dakische, nicht ohne Anfechtung blieb; aber vor allem das straffe
Militaerregiment des Severus tat hier seine Schuldigkeit, und wenigstens
Markomannen und Quaden erscheinen auch unter dessen naechsten Nachfolgern in
unbedingter Abhaengigkeit, so dass der Sohn des Severus einen Quadenfuersten vor
sich zitieren und ihm den Kopf vor die Fuesse legen konnte. Auch die in dieser
Epoche an der unteren Donau gelieferten Kaempfe sind von untergeordnetem Belang.
Aber wahrscheinlich hat in dieser Zeit eine umfassende Voelkerverschiebung von
Nordosten her gegen das Schwarze Meer stattgefunden und die roemische Grenzwacht
an der unteren Donau neuen und gefaehrlicheren Gegnern gegenuebergestellt. Bis
auf diese Zeit hatten den Roemern dort vorzugsweise sarmatische Voelkerschaften
gegenueber gestanden, unter denen sich die Roxolaner mit den Roemern am
naechsten beruehrten; von Germanen sassen damals hier nur die seit langem in
dieser Gegend heimischen Bastarner. Jetzt verschwinden die Roxolaner, vielleicht
unter den dem Anschein nach, ihnen stammverwandten Carpern, welche fortan an der
unteren Donau, etwa in den Taelern des Sereth und Pruth, die naechsten Nachbarn
der Roemer sind. Neben die Carper, ebenfalls als unmittelbare Nachbarn der
Roemer an der Donaumuendung, tritt das Volk der Goten. Dieser germanische Stamm
ist nach der einheimischen Erzaehlung, die uns erhalten ist, von Skandinavien
ueber die Ostsee nach der Weichselgegend und aus dieser zum Schwarzen Meer
gewandert; damit uebereinstimmend kennen die roemischen Geographen des 2.
Jahrhunderts sie an der Weichset und die roemische Geschichte seit dem ersten
Drittel des dritten an der nordwestlichen Kueste des Schwarzen Meeres. Von da an
erscheinen sie hier in stetigem Anschwellen; die Reste der Bastarner sind unter
Kaiser Probus, die Reste der Carper unter Kaiser Diocletian vor ihnen auf das
rechte Donauufer gewichen, waehrend ohne Zweifel ein grosser Teil dieser wie
jener sich unter die Goten mischten und ihnen sich anschlossen. ueberall darf
diese Katastrophe nur in dem Sinne als die des Gotenkrieges bezeichnet werden,
wie die unter Marcus eingetretene von den Markomannen heisst; die ganze Masse
der durch den Wanderstrom vom Nordosten zum Schwarzen Meer in Bewegung gesetzten
Voelkerschaften ist daran beteiligt, und um so mehr beteiligt, als diese
Angriffe ebenso zu Lande ueber die untere Donau, wie zu Wasser von der
Nordkueste des Schwarzen Meeres aus in einer unentwirrbaren Verschlingung der
Land- und der Seepiraterie erfolgten. Nicht unpassend nennt darum der gelehrte
Athener, der in ihm gefochten und ihn erzaehlt hat, diesen Krieg vielmehr den
Skythischen, indem er unter diesem, gleich dem pelasgischen die Verzweiflung der
Historiker machenden Namen alle germanischen und nichtgermanischen Reichsfeinde
zusammenfasst. Was ueber diese Zuege zu berichten ist, soll, soweit die der
Verwirrung dieser schrecklichen Zeiten nur zu sehr entsprechende Verwirrung der
Ueberlieferung es gestattet, hier zusammengefasst werden.
Das Jahr 238, auch ein Vierkaiserjahr des Buergerkriegs, wird bezeichnet
als dasjenige, in dem der Krieg gegen die hier zuerst genannten Goten begann
^20. Da die Muenzen von Tyra und Olbia mit Alexander (+ 235) aufhoeren, so sind
diese ausserhalb der Reichsgrenze gelegenen roemischen Besitzungen wohl schon
einige Jahre frueher eine Beute der neuen Feinde geworden. In jenem Jahr
ueberschritten sie zuerst die Donau, und die noerdlichste der moesischen
Kuestenstaedte, Istros, war das erste Opfer. Gordian, der aus den Wirren dieser
Zeit als Herrscher hervorging, wird als Besieger der Goten bezeichnet; gewisser
ist es, dass die roemische Regierung, wenn nicht schon frueher, so doch unter
ihm, sich dazu verstand, die gotischen Einfaelle abzukaufen ^21.
Begreiflicherweise forderten die Carper das gleiche, was der Kaiser den
schlechteren Goten bewilligt habe; als die Forderung nicht gewaehrt ward, fielen
sie im Jahre 245 in das roemische Gebiet ein. Kaiser Philippus - Gordianus war
damals schon tot - schlug sie zurueck, und eine energische Aktion mit der
vereinigten Kraft des grossen Reiches wuerde den Barbaren wohl hier Halt geboten
haben. Aber in diesen Jahren fand der Kaisermoerder so sicher den Thron wie
wiederum seinen Moerder und Nachfolger; eben in den gefaehrdeten
Donaulandschaften rief die Armee gegen Kaiser Philippus erst den Marinus
Pacatianus und nach dessen Beseitigung den Traianus Decius aus, welcher letztere
in der Tat in Italien seinen Gegner ueberwand und als Herrscher anerkannt ward.
Er war ein tuechtiger und tapferer Mann, nicht unwert der beiden Namen, die er
trug, und trat, sowie er konnte, entschlossen in die Kaempfe an der Donau ein;
aber was der inzwischen gefuehrte Buergerkrieg verdorben hatte, liess sich nicht
mehr einbringen. Waehrend die Roemer miteinander schlugen, hatten die Goten und
die Carper sich geeinigt und waren unter dem Gotenfuersten Cniva in das von
Truppen entbloesste Moesien eingefallen. Der Statthalter der Provinz,
Trebonianus Gallus, warf sich mit seiner Mannschaft nach Nikopolis am Haemus und
wurde hier von den Goten belagert; diese raubten zugleich Thrakien aus und
belagerten dessen Hauptstadt, das grosse und feste Philippopolis; ja sie
gelangten bis nach Makedonien und berannten Thessalonike, wo der Statthalter
Priscus eben diesen Moment geeignet fand, um sich zum Kaiser ausrufen zu lassen.
Als Decius anlangte, um zugleich den Nebenbuhler und den Landesfeind zu
bekaempfen, wurde wohl jener ohne Muehe beseitigt und gelang auch der Entsatz
von Nikopolis, wo 30000 Goten gefallen sein sollen. Aber die nach Thrakien
zurueckweichenden Goten siegten ihrerseits bei Beroe (Alt-Zagora), warfen die
Roemer nach Moesien zurueck und bezwangen sowohl Nikopolis daselbst wie in
Thrakien Anchialos und sogar Philippopolis, wo 100000 Menschen in ihre Gewalt
gekommen sein sollen. Darauf zogen sie nordwaerts, um die ungeheure Beute in
Sicherheit zu bringen. Decius entwarf den Plan, dem Feind bei dem Uebergang
ueber die Donau einen Schlag zu versetzen. Er stellte eine Abteilung unter
Gallus am Ufer auf und hoffte, diese auf die Goten werfen und ihnen den Rueckzug
abschneiden zu koennen. Aber bei dem moesischen Grenzort Abrittus entschied das
Kriegsglueck oder auch der Verrat des Gallus gegen ihn; Decius kam mit seinem
Sohn um, und Gallus, der als sein Nachfolger ausgerufen ward, begann sein
Regiment damit, den Goten die jaehrlichen Geldzahlungen abermals zuzusichern
(251) ^22. Diese voellige Niederlage der roemischen Waffen wie der roemischen
Politik, der Fall des Kaisers, des ersten, der im Kampf gegen die Barbaren das
Leben verlor, eine Kunde, welche selbst in dieser, in der Gewohnheit des Unheils
erschlaffenden Zeit tief die Gemueter erregte, die darauf folgende schimpfliche
Kapitulation, stellte in der Tat die Integritaet des Reiches in Frage. Ernste
Krisen an der mittleren Donau, wahrscheinlich der drohende Verlust Dakiens
muessen die naechste Folge gewesen sein. Noch einmal ward dieser abgewandt: der
Statthalter von Pannonien, Marcus Aemilius Aemilianus, ein guter Soldat, errang
einen bedeutenden Waffenerfolg und trieb die Feinde ueber die Grenze. Aber die
Nemesis waltete. Die Konsequenz dieses auf Gallus' Namen erfochtenen Sieges war,
dass die Armee dem Verraeter des Decius den Gehorsam aufkuendigte und ihren
Feldherrn zu seinem Nachfolger erkor. Abermals ging also der Buergerkrieg der
Grenzverteidigung vor, und waehrend Aemilianus in Italien zwar den Gallus
ueberwand, aber bald darauf dem Feldherrn desselben, Valerianus, unterlag (254),
ging Dakien, wie und an wen, wissen wir nicht ^23, dem Reiche verloren. Die
letzte von dieser Provinz geschlagene Muenze und die juengste dort gefundene
Inschrift sind vom Jahre 255, die letzte Muenze des benachbarten Viminacium in
Obermoesien vom folgenden Jahre; in den ersten Jahren Valerians und Galliens
also besetzten die Barbaren das roemische Gebiet am linken Ufer der Donau und
drangen sicher auch hinueber auf das rechte.
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^20 Die angebliche erste Erwaehnung der Goten in der Biographie Caracallas
c. 10 beruht auf Missverstaendnis. Wenn wirklich ein Senator sich den boshaften
Scherz gestattet hat, dem Moerder Getas den Namen Geticus beizulegen, weil er
auf seinem Zug von der Donau nach dem Orient einige Getenschwaerme (tumultuariis
proeliis) besiegt habe, so meinte er Daker, nicht die damals schwerlich dort
wohnenden und dem roemischen Publikum kaum bekannten Goten, deren Gleichung mit
den Geten auch gewiss erst spaeter erfunden ward.
Uebrigens fuehrt noch weiter zurueck die Angabe, dass Kaiser Maximinus
(235-238) der Sohn eines in das benachbarte Thrakien uebergesiedelten Goten
gewesen sei; doch wird auch darauf nicht viel zu geben sein.
^21 Petrus Patricius fr. 8. Die Verwaltung des hier genannten Legaten von
Untermoesien, Tullius Menophilus, ist durch Muenzen sicher auf die Zeit Gordians
und mit Wahrscheinlichkeit auf 238-240 bestimmt (B. Borghesi, Oeuvres completes.
Bd. 2, S. 227). Da der Anfang des Gotenkrieges und die Zerstoerung von Istros
durch Dexippos (vita Max. et Balb. 16) auf 238 festgestellt ist, so liegt es
nahe, die Uebernahme des Tributs damit in Zusammenhang zu bringen; auf jeden
Fall ist er damals erneuert worden. Die vergeblichen Belagerungen von
Markianopolis und Philippopolis durch die Goten (Dexippus fr. 18, 19) moegen auf
die Einnahme von Istros gefolgt sein. Iordanes (Get. 16, 92) setzt die erstere
unter Philippus, ist aber in chronologischen Fragen kein gueltiger Zeuge.
^22 Die Berichte ueber diese Vorgaenge bei Zosimus (bist. 1, 21-24),
Zonaras (12, 20), Ammian (31, 5, 16 u. 17) (welche Nachrichten bis zu der
Philippopolis betreffenden dadurch, dass diese bei Zosimus wiederkehrt, als
hierher gehoerig fixiert werden), obwohl alle fragmentarisch oder zerruettet,
duerften aus dem Bericht des Dexippus, wovon fr. 16 u. 19 erhalten sind,
geflossen sein und lassen sich einigermassen vereinigen. Dieselbe Quelle liegt
auch den Kaiserbiographien und Iordanes zu Grunde; beide aber haben sie in dem
Grade entstellt und verfaelscht, dass von ihren Angaben nur mit grosser Vorsicht
Gebrauch gemacht werden kann. Unabhaengig ist Aur. Vict. Caes. 29.
^23 Vielleicht bezieht sich darauf der Einbruch der Markomannen bei Zos.
hist. 1, 29.
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Bevor wir die Entwicklung der Dinge an der unteren Donau weiter verfolgen,
erscheint es notwendig, einen Blick zu werfen auf die Piraterie, wie sie in der
oestlichen Haelfte des Mittelmeeres damals im Gange war, und die daraus
hervorgegangenen Seezuege der Goten und ihrer Genossen.
Dass auf dem Schwarzen Meer die roemische Flotte zu keiner Zeit
entbehrlich, die Piraterie daselbst wahrscheinlich nie ausgerottet worden ist,
liegt im Wesen der Roemerherrschaft, wie sie an seinen Kuesten sich gestaltet
hatte. In festem Besitz waren sie nur etwa von der Donaumuendung abwaerts bis
Trapezunt. Roemisch waren freilich auch einerseits Tyra, an der Muendung des
Dnjestr, und Olbia, an der Bucht der Dnjeprmuendung, andererseits die
kaukasischen Hafenorte in der Gegend des heutigen Suchum-Kaleh, Dioskurias und
Pityus. Auch das dazwischenliegende Bosporanische Koenigreich auf der Krim stand
in roemischem Schutz und hatte roemische, dem Statthalter von Moesien
unterstehende Besatzung. Aber es waren an diesen groesstenteils wenig
einladenden Gestaden nur jene Hafenplaetze entweder als alte griechische
Ansiedlungen oder als roemische Festungen in festem Besitz, die Kueste selbst
oede oder in den Haenden der das Binnenland erfuellenden Eingeborenen, die unter
dem allgemeinen Namen der Skythen zusammengefasst, meistens sarmatischer
Abkunft, den Roemern niemals botmaessig wurden noch werden sollten; man war
zufrieden, wenn sie sich nicht geradezu an den Roemern oder deren
Schutzbefohlenen vergriffen. Danach ist es nicht zu verwundern, dass schon in
Tiberius' Zeit die Piraten der Ostkueste nicht bloss das Schwarze Meer unsicher
machten, sondern auch landeten und die Doerfer und die Staedte der Kueste
brandschatzten. Wenn unter Pius oder Marcus eine Schar der an dem nordwestlichen
Ufer hausenden Kostoboker die im Herzen von Phokis gelegene Binnenstadt Elateia
ueberfiel und unter deren Mauern mit den Buergern sich herumschlug, so zeigt
dieser gewiss nur zufaellig fuer uns einzeln dastehende Vorgang, dass dieselben
Erscheinungen, welche dem Sturz des Senatsregiments voraufgingen, jetzt sich
erneuerten und noch bei aeusserlich unerschuettert aufrecht stehender
Reichsgewalt nicht bloss einzelne Piratenschiffe, sondern Piratengeschwader im
Schwarzen und selbst im Mittelmeere kreuzten. Das nach dem Tode des Severus und
vor allem nach dem Ausgang der letzten Dynastie deutlich erkennbare Sinken des
Regiments offenbarte sich dann, wie billig, vor allem in dem weiteren Verfall
der Seepolizei. Die im einzelnen wenig zuverlaessigen Berichte melden bereits in
der Zeit vor Decius das Erscheinen einer grossen Piratenflotte im Aegaeischen
Meer; dann unter Decius die Pluenderung der pamphylischen Kueste und der
griechisch-asiatischen Inseln, unter Gallus Piratenstreifereien in Kleinasien
bis nach Pessinus und Ephesos ^24. Dies waren Raeuberzuege. Diese Gesellen
pluenderten die Kuesten weit und breit, und machten auch, wie man sieht, dreiste
Zuege in das Binnenland; aber von zerstoerten Staedten wird nichts gemeldet, und
die Piraten vermieden es, mit den roemischen Truppen zusammenzustossen;
vorzugsweise richtete sich der Angriff gegen solche Landschaften, in denen keine
Truppen standen.
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^24 Amm. Marc. 31, 5, 15: duobus navium milibus perrupto Bosporo et
litoribus Propontidis Scythicarum gentium catervae transgressae ediderunt quidem
acerbas terra marique strages: sed amissa suorum parte maxima reverterunt,
worauf die Katastrophe der Decier erzaehlt und in diese die weitere Notiz
eingeflochten wird: obsessae Pamphyliae civitates (dahin wird die Belagerung von
Side gehoeren, bei Dexippus selbst fr. 23), insulae populatae complures, ebenso
die Belagerung von Kyzikos. Wenn in diesem Rueckblick nicht alles verwirrt ist,
was bei Ammian doch nicht wohl angenommen werden kann, so faellt dies vor
diejenigen Seefahrten, die mit der Belagerung von Pityus beginnen und mehr ein
Teil der Voelkerwanderung sind als Piratenzuege. Die Zahl der Schiffe freilich
duerfte durch Gedaechtnisfehler von dem Zug des Jahres 269 hierher uebertragen
sein. In denselben Zusammenhang gehoert die Notiz bei Zosimus (hist. 1, 28)
ueber die Skythenzuege in Asien und Kappadokien bis Ephesos und Pessinus. Die
Nachricht ueber Ephesos in der Biographie Gallienus' c. 6 ist dieselbe, aber der
Zeit nach verschoben.
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Unter Valerianus nehmen diese Expeditionen einen anderen Charakter an. Die
Art der Zuege weicht von den frueheren so sehr ab, dass der an sich nicht
besonders wichtige Zug der Boraner gegen Pityus unter Valerianus von kundigen
Berichterstattern geradezu als der Anfang dieser Bewegung bezeichnet werden
konnte ^25 und dass die Piraten eine Zeitlang in Kleinasien mit dem Namen dieser
uns sonst nicht bekannten Voelkerschaft genannt wurden. Nicht mehr von den alten
einheimischen Anwohnern des Schwarzen Meeres gehen diese Zuege aus, sondern von
den nachdraengenden Schwaermen. Was bis dahin Seeraub gewesen war, faengt an,
ein Stueck derjenigen Voelkerverschiebung zu werden, welcher das Vordringen der
Goten an die untere Donau angehoert. Die beteiligten Voelker sind sehr
mannigfach und zum Teil wenig bekannt; bei den spaeteren Zuegen scheinen die
germanischen Heruler, damals Anwohner der Maeotis, eine fuehrende Rolle gespielt
zu haben. Beteiligt sind auch die Goten, indes soweit es sich um eigentliche
Seefahrten handelt und ueber diese leidlich genaue Berichte vorliegen, nicht in
hervorragender Weise; recht eigentlich diese Zuege heissen richtiger skythische
als gotische. Der maritime Mittelpunkt dieser Angriffe ist die Dnjestrmuendung,
der Hafen von Tyra ^26. Die griechischen Staedte des Bosporus, durch den
Bankrott der Reichsgewalt schutzlos den andraengenden Haufen preisgegeben und
der Belagerung durch dieselben gewaertig, liessen halb gezwungen, halb
freiwillig sich dazu herbei, die unbequemen neuen Nachbarn auf ihren Schiffen
und durch ihre Seeleute nach den naechstgelegenen roemischen Besitzungen an der
Nordkueste des Pontus ueberzufuehren, wofuer diesen selbst die noetigen Mittel
und das noetige Geschick mangelte. So kam jene Expedition gegen Pityus zustande.
Die Boraner wurden gelandet und sandten, auf den Erfolg vertrauend, die Schiffe
zurueck. Aber der entschlossene Befehlshaber von Pityus, Successianus, wies den
Angriff ab und die Angreifer, den Anmarsch der uebrigen roemischen Besatzungen
befuerchtend, zogen eilig ab, wozu sie muehsam die noetigen Fahrzeuge
beschafften. Aufgegeben aber war der Plan nicht; im naechsten Jahr kamen sie
wieder, und da der Kommandant inzwischen gewechselt war, ergab sich die Festung.
Die Boraner, welche diesmal die bosporanischen Schiffe festgehalten hatten und
aus gepressten Schiffsleuten und gefangenen Roemern deren Bemannung beschafften,
bemaechtigten sich weithin der Kueste und gelangten bis nach Trapezunt. In diese
gut befestigte und stark besetzte Stadt hatte alles sich gefluechtet und zu
einer wirklichen Belagerung waren die Barbaren nicht imstande. Aber die Fuehrung
der Roemer war schlecht und die Kriegszucht so verfallen, dass nicht einmal die
Mauer besetzt wurde; so erstiegen die Barbaren dieselbe bei Nachtzeit, ohne auch
nur Gegenwehr zu finden, und in der grossen und reichen Stadt fiel ungeheure
Beute, darunter auch eine Anzahl von Schiffen, in ihre Haende. Gluecklich
kehrten sie aus dem fernen Lande zurueck an die Maeotis.
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^25 Bei Zosimus selbst wird man voelliges Verstaendnis dafuer nicht
erwarten; aber sein Gewaehrsmann Dexippus, der Zeitgenosse und Beteiligte,
wusste wohl, warum er die bithynische Expedition die deytera ephodos nannte
(Zos. hist. 1, 35); und auch bei Zosimus noch erkennt man deutlich den von
Dexippus beabsichtigten Gegensatz der Expedition der Boraner gegen Pityus und
Trapezunt zu den hergebrachten Piratenfahrten. In der Biographie des Gallienus
wird die c. 11 unter dem Jahre 264 erzaehlte skythische Expedition nach
Kappadokien die trapezuntische sein sowie die damit verknuepfte bithynische die,
welche Zosimus die zweite nennt; verwirrt ist hier freilich alles.
^26 Dies sagt Zosimus (hist. 1, 42) und folgt auch aus dem Verhaeltnis der
Bosporaner zu dem ersten (1, 32) und dem des ersten zu dem zweiten Zug (1, 34).
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Ein zweiter, durch diesen Erfolg angeregter Zug anderer, aber benachbarter
skythischer Haufen im folgenden Winter richtete sich gegen Bithynien; es ist
bezeichnend fuer die zerruetteten Verhaeltnisse, dass der Anstifter dieses Zuges
ein Grieche aus Nikomedeia, Chrysogonos, war, und dass er fuer den gluecklichen
Erfolg von den Barbaren hochgeehrt ward. Diese Expedition wurde, da die noetige
Zahl von Schiffen nicht zu beschaffen war, teils zu Lande, teils zu Wasser
unternommen; erst in der Naehe von Byzanz gelang es den Piraten, sich einer
betraechtlichen Zahl von Fischerbooten zu bemaechtigen, und so gelangten sie an
die asiatische Kueste nach Kalchedon, dessen starke Besatzung auf diese Kunde
davonlief. Nicht bloss diese Stadt geriet in ihre Hand, sondern auch an der
Kueste Nikomedeia, Kios, Apameia, im Binnenland Nikaea und Prusa; Nikomedeia und
Nikaea brannten sie nieder und gelangten bis zum Rhyndakos. Von da aus fuhren
sie heim, beladen mit den Schaetzen des reichen Landes und seiner ansehnlichen
Staedte.
Schon der Zug gegen Bithymen war zum Teil auf dem Landweg unternommen
worden; um so mehr setzten die Angriffe, die gegen das europaeische Griechenland
gerichtet wurden, sich aus Land- und Seeraubfahrten zusammen. Wenn Moesien und
Thrakien auch nicht dauernd von den Goten besetzt wurden, so kamen und gingen
sie doch hier, gleich als waeren sie zu Hause, und streiften von da aus weit
nach Makedonien hinein. Selbst Achaia erwartete unter Valerianus von dieser
Seite her den Einbruch; die Thermopylen und der Isthmos wurden verrammelt und
die Athener gingen daran, ihre seit Sullas Belagerung in Truemmern liegenden
Mauern wiederherzustellen. Damals und auf diesem Wege kamen die Barbaren nicht.
Aber unter Gallienus erschien eine Flotte von 500 Segeln, diesmal vornehmlich
Heruler, vor dem Hafen von Byzanz, das indes seine Wehrhaftigkeit noch nicht
eingebuesst hatte; die Schiffe der Byzantier schlugen gluecklich die Raeuber ab.
Diese fuhren weiter, zeigten sich an der asiatischen Kueste vor dem frueher
nicht angegriffenen Kyzikos und gelangten von da ueber Lemnos und Imbros nach
dem eigentlichen Griechenland. Athen, Korinth, Argos, Sparta wurden gepluendert
und zerstoert. Es war immer etwas, dass, wie in den Zeiten der Perserkriege, die
Buerger des zerstoerten Athen, 2000 an der Zahl, den abziehenden Barbaren einen
Hinterhalt legten und unter Fuehrung ihres ebenso gelehrten wie tapferen
Vormanns Publius Herennius Dexippus aus dem altadligen Geschlecht der Keryken,
mit Unterstuetzung der roemischen Flotte, den Piraten einen namhaften Verlust
beibrachten. Auf der Heimkehr, die zum Teil auf dem Landweg erfolgte, griff
Kaiser Gallienus sie in Thrakien am Fluss Nestos an und toetete ihnen eine
betraechtliche Anzahl Leute ^27.
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^27 Dexippus' Bericht ueber diesen Zug geben im Auszug Synkellos (p. 717)
(wo anelontos fuer anelontes gelesen werden muss), Zosimus (hist. 1, 39) und der
Biograph des Gallienus (c. 13). Ein Bruchstueck seiner eigenen Erzaehlung ist
fr. 22. Bei dem Fortsetzer des Dio, von dem Zonaras abhaengt, ist der Vorgang
unter Claudius gesetzt, durch Irrtum oder durch Faelschung, die dem Gallienus
diesen Sieg nicht goennte. Die Biographie des Gallienus erzaehlt den Vorgang,
wie es scheint, zweimal, zuerst kurz c. 6 unter dem Jahre 262, dann besser unter
oder nach 265 (c. 13).
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Um das Mass des Unheils vollstaendig zu uebersehen, muss man hinzunehmen,
dass in diesem in Scherben gehenden Reiche und vor allem in den vom Feind
ueberschwemmten Provinzen ein Offizier nach dem andern nach der Krone griff, die
es kaum noch gab. Es lohnt der Muehe nicht, die Namen dieser ephemeren
Purpurtraeger zu verzeichnen; die Lage zeichnet, dass nach der Verwuestung
Bithyniens durch die Piraten Kaiser Valerian es unterliess, einen
ausserordentlichen Kommandanten dorthin zu schicken, weil ihm jeder General,
nicht ohne Grund, als Rivale galt. Dies hat mitgewirkt bei dem fast durchaus
passiven Verhalten der Regierung gegenueber dieser schweren Not. Doch ist
andererseits unzweifelhaft ein guter Teil dieser unverantwortlichen Passivitaet
auf die Persoenlichkeit der Herrscher zurueckzufuehren; Valerianus war schwach
und bejahrt, Gallienus fahrig und wuest, und der Lenkung des Staatsschiffs im
Sturme weder jener noch dieser gewachsen. Marcianus, dem Gallienus nach dem
Einfall in Achaia das Kommando in diesen Gegenden uebertragen hatte, operierte
nicht ohne Erfolg; aber zu einer wirklichen Wendung zum Besseren kam es nicht,
solange Gallienus den Thron einnahm.
Nach Gallienus' Ermordung (268), vielleicht auf die Kunde von dieser,
unternahmen die Barbaren, wieder unter Fuehrung der Heruler, aber diesmal mit
vereinigten Kraeften, einen Ansturm gegen die Reichsgrenzen, wie er also noch
nicht dagewesen war, mit einer maechtigen Flotte und wahrscheinlich gleichzeitig
zu Lande, von der Donau aus ^28. Die Flotte hatte in der Propontis viel von
Stuermen zu leiden; dann teilte sie sich und es gingen die Goten teils gegen
Thessalien und Griechenland vor, teils gegen Kreta und Rhodos; die Hauptmasse
begab sich nach Makedonien und drang von da in das Binnenland ein, ohne Zweifel
in Verbindung mit den in Thrakien eingerueckten Haufen. Aber den oft belagerten,
jetzt bis aufs aeusserste gebrachten Thessalonikern brachte Kaiser Claudius, der
persoenlich mit starker Macht heranrueckte, endlich Entsatz; er trieb die Goten
vor sich her das Tal des Axios (Vardar) hinauf und weiter ueber die Berge
hinueber nach Obermoesien; nach mancherlei Kaempfen mit wechselndem Kriegsglueck
erfocht er hier im Moravatal bei Naissus einen glaenzenden Sieg, in welchem
50000 Feinde gefallen sein sollen. Die Goten wichen in Aufloesung zurueck, in
der Richtung erst auf Makedonien, dann durch Thrakien zum Haemus, um die Donau
zwischen sich und den Feind zu bringen. Fast haette ihnen ein Zwist im
roemischen Lager, diesmal zwischen Infanterie und Reiterei, noch einmal Luft
gemacht; aber als es zum Schlagen kam, ertrugen die Reiter es doch nicht, ihre
Kameraden im Stich zu lassen und so siegte die vereinigte Armee abermals. Eine
schwere Seuche, welche in all den Jahren der Not, aber besonders damals in
diesen Gegenden und vor allem in den Heeren wuetete, tat zwar auch den Roemern
grossen Schaden - Kaiser Claudius selbst erlag ihr -, aber das grosse Heer der
Nordlaender wurde voellig aufgerieben und die zahlreichen Gefangenen in die
roemischen Heere eingereiht oder zu Leibeigenen gemacht. Auch die Hydra der
Militaerrevolutionen wurde einigermassen gebaendigt; Claudius und nach ihm
Aurelianus waren in anderer Weise Herren im Reich, als dies von Gallienus gesagt
werden kann. Die Erneuerung der Flotte, wozu unter Gallienus ein Anfang gemacht
worden war, wird nicht gefehlt haben. Das traianische Dakien war und blieb
verloren; Aurelianus zog die dort sich noch haltenden Posten heraus und gab den
vertriebenen oder zur Auswanderung geneigten Besitzern neue Wohnstaetten auf dem
moesischen Ufer. Aber Thrakien und Moesien, die eine Zeitlang mehr den Goten als
den Roemern gehoert hatten, kehrten unter roemische Herrschaft zurueck, und
wenigstens die Donaugrenze ward wieder befestigt.
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^28 In unserer Ueberlieferung erscheint dieser Zug als eine reine Seefahrt,
unternommen mit (wahrscheinlich) 2000 Schiffen (so die Biographie des Claudius;
die Zahlen 6000 und 900, zwischen denen die Ueberlieferung bei Zos. hist. 1, 42,
schwankt, sind wohl beide verdorben) und 320000 Menschen. Indes ist es wenig
glaublich dass Dexippus, auf den diese Angaben zurueckgehen muessen die letztere
Ziffer in dieser Weise hat setzen koennen. Andererseits ist bei der Richtung des
Zuges zunaechst gegen Tomis und Markianopolis es mehr als wahrscheinlich, dass
dabei das von Zos. hist. 1, 34 beschriebene Verfahren befolgt ward und ein Teil
zu Lande marschierte, und unter dieser Voraussetzung mochte auch ein Zeitgenosse
die Zahl der Angreifer wohl auf jene Ziffer schaetzen. Auch zeigt der Verlauf
des Feldzugs, namentlich der Ort der Entscheidungsschlacht, dass man es
keineswegs bloss mit einer Flotte zu tun hatte.
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Man wird diesen Goten- und Skythenzuegen zu Lande und zur See, welche die
zwanzig Jahre 250 bis 269 ausfuellen, nicht die Bedeutung beilegen duerfen, dass
die ausschwaermenden Haufen darauf bedacht gewesen waeren, die Landschaften, die
sie betraten, in bleibenden Besitz zu nehmen. Ein solcher Plan ist nicht einmal
fuer Moesien und Thrakien nachweisbar, geschweige denn fuer die entfernteren
Kuesten; schwerlich waren auch die Angreifer zahlreich genug, um eigentliche
Invasionen zu unternehmen. Wie das schlechte Regiment der letzten Herrscher und
vor allem die Unzuverlaessigkeit der Truppen viel mehr als die Uebermacht der
Barbaren die Ueberflutung des Gebietes durch Land- und Seeraeuber hervorriefen,
so zog die Wiederherstellung der inneren Ordnung und das energische Auftreten
der Regierung von selbst die Befreiung desselben nach sich. Noch konnte der
roemische Staat nicht gebrochen werden, wenn er nicht sich selber brach. Immer
aber war es ein grosses Werk, das Regiment so wieder zusammenzunehmen, wie
Claudius es getan hat. Wir wissen noch etwas weniger von ihm, als von den
meisten Regenten dieser Zeit, da die wahrscheinlich fiktive Zurueckfuehrung des
konstantinischen Stammbaumes auf ihn sein Bild nach der platten
Vollkommenheitsschablone uebermalt hat; aber diese Anknuepfung selbst, sowie die
zahllosen nach seinem Tode ihm zu Ehren geschlagenen Muenzen beweisen, dass er
der naechsten Generation als der Retter des Staates galt, und sie wird darin
nicht geirrt haben. Ein Vorspiel der spaeteren Voelkerwanderung sind diese
Skythenzuege allerdings; und die Staedtezerstoerung, welche sie vor den
gewoehnlichen Piratenfahrten auszeichnet, hat damals in einem Umfang
stattgefunden, dass der Wohlstand wie die Bildung Griechenlands und Kleinasiens
sich niemals davon erholt haben.
An der wiederhergestellten Donaugrenze befestigte Aurelianus den
erfochtenen Sieg, indem er die Defensive wiederum offensiv fuehrte und die Donau
an ihrer Muendung ueberschreitend, jenseits derselben sowohl die Carper schlug,
die seitdem zu den Roemern im Schutzverhaeltnis standen, wie auch die Goten
unter ihrem Koenig Canabaudes. Sein Nachfolger Probus nahm, wie schon angegeben
ward, die Ueberreste der von den Goten bedraengten Bastarner herueber auf das
roemische Ufer, ebenso im Jahre 295 Diocletian die Reste der Carper. Dies deutet
darauf hin, dass jenseits des Flusses das Reich der Goten sich konsolidierte;
aber weiter kamen sie auch nicht. Die Grenzbefestigungen wurden verstaerkt;
Gegen-Aquincum (contra Aquincum, Pest) ist im Jahre 294 angelegt worden. Die
Piratenfahrten verschwanden nicht voellig. Unter Tacitus zeigten sich Schwaerme
von der Maeotis in Kilikien. Die Franken, die Probus am Schwarzen Meer
angesiedelt hatte, verschafften sich Fahrzeuge und fuhren heim nach ihrer
Nordsee, nachdem sie unterwegs an der sizilischen und der afrikanischen Kueste
gepluendert hatten. Auch zu Lande ruhten die Waffen nicht, wie denn die
zahlreichen Sarmatensiege Diocletians alle, und ein Teil seiner germanischen,
auf die Donaugegenden fallen werden; aber erst unter Konstantin kam es wieder zu
einem ernsthaften Kriege mit den Goten, der gluecklich verlief. Das Uebergewicht
Roms stand seit Claudius' gotischem Siege wieder so fest wie vorher.
Die eben entwickelte Kriegsgeschichte blieb auf die innere Ordnung des
roemischen Staats- und Heerwesens nicht ohne allgemeine und bleibende
militaerisch-politische Rueckwirkung. Es ist bereits darauf hingewiesen worden,
dass die Rheinheere, in der fruehen Kaiserzeit die fuehrenden in der Armee,
ihren Primat schon unter Traian an die Donaulegionen abgaben. Wenn unter
Augustus sechs Legionen im Donau- und acht im Rheinland standen, so zaehlten
nach den dakischen Kriegen Domitians und Traians im 2. Jahrhundert die
Rheinlager nur vier, die Donaulager zehn, nach dem Markomannischen sogar zwoelf
Legionen. Nachdem seit Hadrian aus der Armee, abgesehen von den Offizieren, das
italische Element verschwunden war und im ganzen genommen jedes Regiment sich in
der Gegend, in welcher es lagerte, auch rekrutierte, waren die meisten Soldaten
der Donauarmee und nicht weniger die aus dem Gliede hervorgegangenen Centurionen
in Pannonien, Dakien, Moesien, Thrakien zu Hause. Auch die neuen, unter Marcus
gebildeten Legionen gingen aus Illyricum hervor, und die ausserordentlichen
Ergaenzungen, deren die Truppen damals bedurften, wurden wahrscheinlich
ebenfalls vorzugsweise aus den Gegenden genommen, in denen die Heere standen.
Also war der Primat der Donauarmeen, den der Dreikaiserkrieg der severischen
Zeit feststellte und steigerte, zugleich ein Primat der illyrischen Soldaten;
und es kam dies bei der Reform der Garde unter Severus zu sehr energischem
Ausdruck. In die hoeheren Kreise des Regiments griff dieser Primat nicht
eigentlich ein, solange die Offizierstellung noch mit der Reichsbeamtenstellung
zusammenfiel, obwohl die ritterliche Laufbahn dem gemeinen Soldaten durch das
Zwischenglied des Centurionats zu allen Zeiten zugaenglich war und also die
Illyriker auch in jene schon frueh eindrangen, wie denn bereits im Jahre 235 ein
geborener Thraker, Gaius Iulius Verus Maximinus, im Jahre 248 ein geborener
Pannonier, Traianus Decius, auf diesem Wege sogar zum Purpur gelangt sind. Aber
als dann Gallienus in allerdings nur zu gerechtfertigtem Misstrauen die
Rangklasse der Senatoren von dem Offizierdienst ausschloss, erstreckte sich
notwendigerweise, was bisher von den Soldaten galt, auch auf die Offiziere. Es
ist also nur in der Ordnung, dass die der Donauarmee angehoerigen, meistens aus
den illyrischen Gegenden herstammenden Soldaten seitdem auch im Regiment die
erste Rolle spielen und, soweit die Armee die Kaiser machte, diese ebenfalls der
Mehrzahl nach Illyriker sind. Also folgen auf Gallienus der Dardaner Claudius,
Aurelianus aus Moesien, Probus aus Pannonien, Diocletianus aus Dalmatien,
Maximianus aus Pannonien, Constantius aus Dardanien, Galerius aus Serdica; von
den letztgenannten hebt ein unter der konstantinischen Dynastie schreibender
Schriftsteller die Herkunft aus Illyricum hervor und fuegt hinzu, dass sie mit
wenig Bildung, aber guter Vorschulung durch Feldarbeit und Kriegsdienst
treffliche Herrscher gewesen seien. Was die Albanesen lange Zeit dem Tuerkischen
Reich gewesen sind, das haben ihre Vorfahren dem roemischen Kaiserstaat, als
dieser bei aehnlicher Zerruettung und aehnlicher Barbarei angelangt war, in
gleicher Weise geleistet. Nur darf die illyrische Regeneration des roemischen
Kaisertums nicht etwa als eine nationale Reorganisation aufgefasst werden; es
war lediglich die soldatische Stuetzung eines durch das Missregiment vornehm
geborener Herrscher voellig herabgekommenen Reiches. Die Demilitarisierung
Italiens war vollstaendig geworden, und Herrscherrecht ohne kriegerische Kraft
erkennt die Geschichte nicht an.
7. Kapitel
Das griechische Europa
Mit der allgemeinen geistigen Entwicklung der Hellenen hatte die politische
ihrer Republiken sich nicht im Gleichgewicht gehalten, oder vielmehr die
Ueberschwenglichkeit jener hatte, wie die allzu volle Bluete den Kelch sprengt,
keinem einzelnen Gemeinwesen verstattet, diejenige Ausdehnung und Stetigkeit zu
gewinnen, welche fuer die staatliche Ausgestaltung vorbedingend ist. Die
Kleinstaaterei der einzelnen Staedte oder Staedtebuende musste in sich
verkuemmern oder den Barbaren verfallen; nur der Panhellenismus verbuergte, wie
den Fortbestand der Nation, so ihre Weiterentwicklung gegenueber den
stammfremden Umwohnern. Er ward verwirklicht durch den Vertrag, den Koenig
Philipp von Makedonien, der Vater Alexanders, in Korinth mit den Staaten von
Hellas abschloss. Es war dies dem Namen nach ein Bundesvertrag, in der Tat die
Unterwerfung der Republiken unter die Monarchie, aber eine Unterwerfung, welche
nur dem Ausland gegenueber sich vollzog, indem die unumschraenkte
Feldherrnschaft gegen den Nationalfeind von fast allen Staedten des griechischen
Festlandes dem makedonischen Feldherrn uebertragen, sonst ihnen die Freiheit und
die Autonomie gelassen ward, und es war, wie die Verhaeltnisse lagen, dies die
einzig moegliche Realisierung des Panhellenismus und die im wesentlichen fuer
die Zukunft Griechenlands massgebende Form. Philipp und Alexander gegenueber hat
sie Bestand gehabt, wenn auch die hellenischen Idealisten wie immer das
realisierte Ideal als solches anzuerkennen sich straeubten. Als dann Alexanders
Reich zerfiel, war es wie mit dem Panhellenismus selbst, so auch mit der
Einigung der griechischen Staedte unter der monarchischen Vormacht vorbei und
rieben diese in Jahrhunderten ziellosen Ringens ihre letzte geistige und
materielle Macht auf, hin- und hergezogen zwischen der wechselnden Herrschaft
der uebermaechtigen Monarchien und vergeblichen Versuchen, unter dem Schutz des
Haders derselben den alten Partikularismus zu restaurieren.
Als dann die maechtige Republik des Westens in den bisher einigermassen
gleichgewogenen Kampf der Monarchien des Ostens eintrat und bald sich maechtiger
als jeder der dort miteinander ringenden griechischen Staaten erwies, erneuerte
sich mit der festen Vormachtstellung auch die panhellenische Politik. Hellenen
im vollen Sinn des Worts waren weder die Makedonier noch die Roemer; es ist nun
einmal der tragische Zug der griechischen Entwicklung, dass das attische
Seereich mehr eine Hoffnung als eine Wirklichkeit war und das Einigungswerk
nicht aus dem eigenen Schoss der Nation hat hervorgehen duerfen. Wenn in
nationaler Hinsicht die Makedonier den Griechen naeher standen als die Roemer,
so war das Gemeinwasen Roms den hellenischen politisch bei weitem mehr
wahlverwandt als das makedonische Erbkoenigtum. Was aber die Hauptsache ist, die
Anziehungskraft des griechischen Wesens ward von den roemischen Buergern
wahrscheinlich nachhaltiger und tiefer empfunden als von den Staatsmaennern
Makedoniens, eben weil jene ihm ferner standen als diese. Das Begehren, sich
wenigstens innerlich zu hellenisieren, der Sitte und der Bildung, der Kunst und
der Wissenschaft von Hellas teilhaftig zu werden, auf den Spuren des grossen
Makedoniers Schild und Schwert der Griechen des Ostens sein und diesen Osten
nicht italisch, sondern hellenistisch weiter zivilisieren zu duerfen, dieses
Verlangen durchdringt die spaeteren Jahrhunderte der roemischen Republik und die
bessere Kaiserzeit mit einer Macht und einer Idealitaet, welche fast nicht
minder tragisch ist als jenes nicht zum Ziel gelangende politische Muehen der
Hellenen. Denn auf beiden Seiten wird Unmoegliches erstrebt: dem hellenischen
Panhellenismus ist die Dauer versagt und dem roemischen Hellenismus der
Vollgehalt. Indes hat er darum nicht weniger die Politik der roemischen Republik
wie die der Kaiser wesentlich bestimmt. Wie sehr auch die Griechen, namentlich
im letzten Jahrhundert der Republik, den Roemern es bewiesen, dass ihre
Liebesmuehe eine verlorene war, es hat dies weder an der Muehe noch an der Liebe
etwas geaendert.
Die Griechen Europas waren von der roemischen Republik zu einer einzigen,
nach dem Hauptlande Makedonien benannten Statthalterschaft zusammengefasst
worden. Wenn diese mit dem Beginn der Kaiserzeit administrativ aufgeloest ward,
so wurde damals gleichzeitig dem gesamten griechischen Harnen eine religioese
Gemeinschaft verliehen, die sich anschloss an die alte, des Gottesfriedens wegen
eingefuehrte und dann zu politischen Zwecken missbrauchte Delphische
Amphiktyonie. Unter der roemischen Republik war dieselbe im wesentlichen auf die
urspruenglichen Grundlagen zurueckgefuehrt worden: Makedonien sowohl wie
Aetolien, die sich beide usurpatorisch eingedraengt hatten, wurden wieder
ausgeschieden und die Amphiktyonie umfasste abermals nicht alle, aber die
meisten Voelkerschaften Thessaliens und des eigentlichen Griechenlands. Augustus
veranlasste die Erstreckung des Bundes auf Epirus und Makedonien und machte ihn
dadurch im wesentlichen zum Vertreter des hellenischen Landes in dem weiteren,
dieser Epoche allein angemessenen Sinne. Eine bevorzugte Stellung nahmen in
diesem Verein neben dem altheiligen Delphi die beiden Staedte Athen und
Nikopolis ein, jene die Kapitale des alten, diese nach Augustus' Absicht die des
neuen kaiserlichen Hellenentums ^1. Diese neue Amphiktyonie hat eine gewisse
Aehnlichkeit mit der Landesversammlung der drei Gallien; in aehnlicher Weise wie
fuer diese der Kaiseraltar bei Lyon war der Tempel des pythischen Apollon der
religioese Mittelpunkt der griechischen Provinzen. Indes waehrend jenem daneben
eine geradezu politische Wirksamkeit zugestanden hat, so besorgten die
Amphiktyonen dieser Epoche ausser der eigentlich religioesen Feier lediglich die
Verwaltung des delphischen Heiligtums und seiner immer noch betraechtlichen
Einkuenfte ^2. Wenn ihr Vorsteher sich in spaeterer Zeit die "Helladarchie"
zuschreibt, so ist diese Herrschaft ueber Griechenland lediglich ein idealer
Begriff. ^3 Immer aber bleibt die offizielle Konservierung der griechischen
Nationalitaet ein Kennzeichen der Haltung, welche das neue Kaisertum gegen
dieselbe einnimmt, und seines den republikanischen weit ueberbietenden
Philhellenismus.
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^1 Die Ordnung der Delphischen Amphiktyonie unter der roemischen Republik
erhellt namentlich aus der delphischen Inschrift CIL III, p. 987 (vgl. BCH
7,1883, S. 427f.). Den Verein bildeten damals siebzehn Voelkerschaften mit
zusammen 24 Stimmen, saemtlich dem eigentlichen Griechenland oder Thessalien
angehoerig; Aetolien, Epirus, Makedonien fehlen. Nach der Umgestaltung durch
Augustus (Paus. 10, 8) blieb diese Organisation im uebrigen bestehen, nur dass
durch Beschraenkung der unverhaeltnismaessig zahlreichen thessalischen die
Stimmen der bisher vertretenen Voelkerschaften auf achtzehn herabgemindert
wurden; dazu traten neu Nikopolis in Epirus mit sechs und Makedonien ebenfalls
mit sechs Stimmen. Ferner sollten die sechs Stimmen von Nikopolis ein fuer
allemal gefuehrt werden, ebenso wie dies blieb fuer die zwei von Delphi und die
eine von Athen, die uebrigen Stimmen dagegen von den Verbaenden, so dass zum
Beispiel die eine Stimme der peloponnesischen Dorier wechselte zwischen Argos,
Sikyon, Korinth und Megara. Eine Gesamtvertretung der europaeischen Hellenen
waren die Amphiktyonen insofern auch jetzt nicht, als die frueher
ausgeschlossenen Voelkerschaften im eigentlichen Griechenland, ein Teil der
Peloponnesier und die nicht zu Nikopolis gezogenen Aetoler, darin nicht
repraesentiert waren.
^2 Die stehenden Zusammenkuenfte in Delphi und an den Thermopylen waehrten
fort (Paus. 7, 24, 3; Vita Apoll. 4, 23) und natuerlich auch die Ausrichtung der
Pythischen Spiele nebst der Erteilung der Preise durch das Kollegium der
Amphiktyonen (vit. soph. 2, 27); dasselbe hat die Verwaltung der "Zinsen und
Einkuenfte" des Tempels (Inschrift von Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2,
1843, S. 111) und legt aus denselben, zum Beispiel in Delphi, eine Bibliothek an
(Lebas-Foucart II, S. 845) oder setzt daselbst Bildsaeulen.
^3 Die Mitglieder des Kollegiums der Ampsiktiones oder, wie sie in dieser
Epoche heissen, Ampsikt?ones, werden von den einzelnen Staedten in der frueher
bezeichneten Weise bald von Fall zu Fall (Iteration: CIG 1085), bald auf
Lebenszeit (Plut. an seni 20) bestellt; was wohl davon abhaengt, ob die Stimme
staendig war oder alternierend (Wilamowitz). Ihr Vorsteher heisst in frueherer
Zeit epimel/e/t/e/s to? koino? t/o/n Ampsiktyon/o/n (Inschriften von Delphi,
Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111; CIG 1713), spaeter Elladarch/e/s
t/o/n Ampsiktyon/o/n (CIG 1124).
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Hand in Hand mit der sakralen Einigung der europaeischen Griechen ging die
administrative Aufloesung der griechisch-makedonischen Statthalterschaft der
Republik. An der Teilung der Reichsverwaltung unter Kaiser und Senat hing sie
nicht, da dieses gesamte Gebiet und nicht minder die vorliegenden
Donaulandschaften bei der urspruenglichen Teilung dem Senat zugewiesen wurden;
ebensowenig haben militaerische Ruecksichten hier eingegriffen, da die ganze
Halbinsel bis hinauf zur thrakischen Grenze, als gedeckt teils durch diese
Landschaft, teils durch die Besatzungen an der Donau, immer dem befriedeten
Binnenlande zugerechnet worden ist. Wenn der Peloponnes und das attisch-
boeotische Festland damals seinen eigenen Prokonsul erhielt und von Makedonien
getrennt ward, was wohl schon Caesar beabsichtigt haben mag, so war dabei, neben
der allgemeinen Tendenz, die senatorischen Statthalterschaften nicht zu gross zu
nehmen, vermutlich die Ruecksicht massgebend, das rein hellenische Gebiet von
dem halb hellenischen zu scheiden. Die Grenze der Provinz Achaia war anfaenglich
der Oeta, und auch nachdem die Aetoler spaeter dazu gelegt worden ^4, ist sie
nicht hinausgegangen ueber den Acheloos und die Thermopylen.
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^4 Die urspruenglichen Grenzen der Provinz bezeichnet Strabon (17, 3, 25 p.
840) in der Aufzaehlung der senatorischen Provinzen: Achaia mechri THettalias
kai Ait/o/l/o/n kai Akarnan/o/n kai tin/o/n /E/peir/o/tik/o/n ethn/o/n osa t/e/
Makedonia pros/o/risto, wobei der uebrige Teil von Epirus der (von Strabon hier,
fuer seine Zeit irrig, den senatorischen zugezaehlten) Provinz Illyricum
zugeteilt zu werden scheint. Mechri einschliessend zu nehmen geht, von
sachlichen Erwaegungen abgesehen, schon deswegen nicht an, weil nach den
Schlussworten die vorher genannten Gebiete "Makedonien zugeteilt sind".
Spaeterhin finden wir die Aetoler zu Achaia gelegt (Ptol. geogr. 3, 14). Dass
Epirus eine Zeitlang auch dazu gehoert hat, ist moeglich, nicht so sehr wegen
der Angabe bei Dio 53, 12, die weder fuer Augustus' Zeit noch fuer diejenige
Dios verteidigt werden kann, sondern weil Tacitus zum Jahre 17 (ann. 2, 53)
Nikopolis zu Achaia rechnet. Aber wenigstens seit Traian bildet Epirus mit
Akarnanien eine eigene prokuratorische Provinz (Ptol. geogr. 3, 13; CIL III,
536; Marquardt, Roemische Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 331). Thessalien und alles
Land noerdlich vom Oeta ist stets bei Makedonien geblieben.
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Diese Ordnungen betrafen die Landschaft im ganzen. Wir wenden uns zu der
Stellung, welche den einzelnen Stadtgemeinden unter der roemischen Herrschaft
gegeben ward.
Die urspruengliche Absicht der Roemer, die Gesamtheit der griechischer.
Stadtgemeinden in aehnlicher Weise an das eigene Gemeinwesen anzuschliessen, wie
dies mit den italischen geschehen war, hatte infolge des Widerstandes, auf den
diese Einrichtungen trafen, insbesondere infolge der Auflehnung des Achaeischen
Bundes im Jahre 608 (146) und des Abfalls der meisten Griechenstaedte zu Koenig
Mithradates im Jahre 666 (88) wesentliche Einschraenkungen erfahren. Die
Staedtebuende, das Fundament aller Machtentwicklung in Hellas wie in Italien,
und von den Roemern anfaenglich akzeptiert, waren saemtlich, namentlich der
wichtigste der Peloponnesier oder, wie er sich nannte, der Achaeer, aufgeloest
und die einzelnen Staedte angehalten worden, ihr Gemeinwesen fuer sich zu
ordnen. Es wurden ferner fuer die einzelnen Gemeindeverfassungen von der
Vormacht gewisse allgemeine Normen aufgestellt und nach diesem Schema dieselben
in antidemokratischer Tendenz reorganisiert. Nur innerhalb dieser Schranken
blieb der einzelnen Gemeinde die Autonomie und die eigene Magistratur. Es
blieben ihr auch die eigenen Gerichte; aber daneben stand der Grieche von Rechts
wegen unter den Ruten und Beilen des Praetors, und wenigstens konnte wegen eines
jeden Vergehens, das als Auflehnung gegen die Vormacht sich betrachten liess,
von den roemischen Beamten auf Geldbusse oder Ausweisung oder auch Lebensstrafe
erkannt werden ^5. Die Gemeinden besteuern sich selbst; aber sie hatten
durchgaengig eine bestimmte, im ganzen, wie es scheint, nicht hoch gegriffene
Summe nach Rom zu entrichten. Besatzungen wurden nicht so, wie einst in
makedonischer Zeit, in die Staedte gelegt, da die in Makedonien stehenden
Truppen noetigenfalls in der Lage waren, auch in Griechenland einzuschreiten.
Aber schwerer als die Zerstoerung Thebens auf dem Andenken Alexanders, lastet
auf der roemischen Aristokratie die Schleifung Korinths. Die uebrigen
Massregeln, wie gehaessig und erbitternd sie auch teilweise waren, namentlich
als von der Fremdherrschaft oktroyiert, mochten im ganzen genommen unvermeidlich
sein und vielfach heilsam wirken; sie waren die unvermeidliche Palinodie der
urspruenglichen, zum Teil recht unpolitischen roemischen Politik des Verzeihens
und Verziehens gegenueber den Hellenen. Aber in der Behandlung Korinths hatte
sich der kaufmaennische Egoismus in unheimlicher Weise maechtiger erwiesen als
alles Philhellenentum.
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^5 Nichts gibt von der Lage der Griechen des letzten Jahrhunderts der
roemischen Republik ein deutlicheres Bild als das Schreiben eines dieser
Statthalter an die achaeische Gemeinde Dyme (CIG 1543). Weil diese Gemeinde sich
Gesetze gegeben hat, welche der im allgemeinen den Griechen geschenkten Freiheit
(/e/ apodedomen/e/ kata koinon tois 'Ell/e/sin eleytheria) und der von den
Roemern den Achaeern gegebenen Ordnung (/e/ apodeytheisa tois Achaiois ypo
R/o/mai/o/n politeia; wahrscheinlich unter Mitwirkung des Polybios Paus. 8, 30,
9) zuwiderliefen, worueber es allerdings auch zu Auflaeufen gekommen war, zeigt
der Statthalter der Gemeinde an, dass er die beiden Raedelsfuehrer habe
hinrichten, lassen und ein minder schuldiger Dritter nach Rom exiliert sei.
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Bei allem dem war der Grundgedanke der roemischen Politik, die griechischen
Staedte dem italischen Staedtebund anzugliedern, nie vergessen worden; gleich
wie Alexander niemals Griechenland hat beherrschen wollen wie Illyrien und
Aegypten, so haben auch seine roemischen Nachfolger das Untertanenverhaeltnis
nie vollstaendig auf Griechenland angewandt und schon in republikanischer Zeit
von dem strengen Recht des den Roemern aufgezwungenen Krieges wesentlich
nachgelassen. Insbesondere geschah dies gegenueber Athen. Keine griechische
Stadt hat vom Standpunkt der roemischen Politik aus so schwer gegen Rom gefehlt
wie diese; ihr Verhalten im Mithradatischen Kriege haette bei jedem anderen
Gemeinwesen unvermeidlich die Schleifung herbeigefuehrt. Aber vom
philhellenischen Standpunkt aus freilich war Athen das Meisterstueck der Weit,
und es knuepften sich an dasselbe fuer die vornehme Welt des Auslandes aehnliche
Neigungen und Erinnerungen wie fuer unsere gebildeten Kreise an Pforta und an
Bonn; dies ueberwog damals wie frueher. Athen hat nie unter den Beilen des
roemischen Statthalters gestanden und niemals nach Rom gesteuert, hat immer mit
Rom beschworenes Buendnis gehabt und nur ausserordentlicher und, wenigstens der
Form nach, freiwilliger Weise den Roemern Beihilfe gewaehrt. Die Kapitulation
nach der Sullanischen Belagerung fuehrte wohl eine Aenderung der
Gemeindeverfassung herbei, aber das Buendnis ward erneuert, ja sogar alle
auswaertigen Besitzungen zurueckgegeben; selbst die Insel Delos, welche, als
Athen zu Mithradates uebertrat, sich losgemacht und als selbstaendiges
Gemeinwesen konstituiert hatte und zur Strafe fuer ihre Treue gegen Rom von der
pontischen Flotte ausgeraubt und zerstoert worden war ^6.
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^6 Die delischen Ausgrabungen der letzten Jahre haben die Beweise
geliefert, dass die Insel, nachdem die Roemer sie einmal an Athen gegeben
hatten, bestaendig athenisch geblieben ist und sich zwar infolge des Abfalls der
Athener von Rom als Gemeinde der "Delier" konstituierte (Eph, epigr. V, p. 604),
aber schon sechs Jahre nach der Kapitulation Athens wieder athenisch war (Ep h.
epigr. V, n. 184; Homolle im BCH 8, 1884, S. 142).
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Mit aehnlicher Ruecksicht, und wohl auch zum guten Teil seines grossen
Namens wegen, ist Sparta behandelt worden. Auch einige andere Staedte der
spaeter zu nennenden befreiten Gemeinden hatten diese Stellung bereits unter der
Republik. Wohl kamen dergleichen Ausnahmen in jeder roemischen Provinz vor; aber
dem griechischen Gebiet ist dies von Haus aus eigen, dass eben die beiden
namhaftesten Staedte desselben ausserhalb des Untertanenverhaeltnisses standen
und dieses demnach nur die geringeren Gemeinwesen traf.
Auch fuer die untertaenigen Griechenstaedte traten schon unter der Republik
Milderungen ein. Die anfaenglich untersagten Staedtebuende lebten allmaehlich
wieder auf, insbesondere die kleineren und machtlosen, wie der boeotische, sehr
bald ^7; mit der Gewoehnung an die Fremdherrschaft schwanden die oppositionellen
Tendenzen, welche ihre Aufhebung herbeigefuehrt hatten, und ihre enge
Verknuepfung mit dem sorgfaeltig geschonten, althergebrachten Kultus wird ihnen
weiter zugute gekommen sein, wie denn schon bemerkt worden ist, dass die
roemische Republik die Amphiktyonie in ihren urspruenglichen nicht politischen
Funktionen wiederherstellte und schuetzte. Gegen das Ende der republikanischen
Zeit scheint die Regierung den Boeotern sogar gestattet zu haben, mit den
kleinen noerdlich angrenzenden Landschaften und der Insel Euboea eine
Gesamtverbindung einzugehen ^8.
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^7 Ob das koinon t/o/n Achai/o/n, das in der eigentlich republikanischen
Zeit natuerlicherweise nicht vorkommt, schon am Ende derselben oder erst nach
Einfuehrung der kaiserlichen Provinzialordnung rekonstruiert worden ist, ist
zweifelhaft. Inschriften wie die olympische des Proquaestors Q. Ancharius Q. f.
(Archaeologische Zeitung 36, 1878, S. 38, n. 114) sprechen mehr fuer die erstere
Annahme; doch kann sie nicht mit Gewissheit als voraugustisch bezeichnet werden.
Das aelteste sichere Zeugnis fuer die Existenz dieser Vereinigung ist die von
ihr dem Augustus in Olympia gesetzte Inschrift (Archaeologische Zeitung 35,
1877, S. 36, n. 33). Vielleicht sind dies Ordnungen des Diktators Caesar und im
Zusammenhang mit dem unter ihm begegnenden Statthalter "Griechenlands",
wahrscheinlich des Achaia der Kaiserzeit (Cic. ad fam. 6, 6, 10).
Uebrigens haben sicher auch unter der Republik, nach Ermessen des
jedesmaligen Statthalters, mehrere Gemeinden fuer einen bestimmten Gegenstand
durch Deputierte zusammentreten und Beschluesse fassen koennen; wie das koinon
der Sikelioten also dem Verres eine Statue dekretierte (Cic. Verr. 1, 2, 46,
114), wird aehnliches auch in Griechenland unter der Republik vorgekommen sein.
Aber die regelmaessigen provinzialen Landtage mit ihren festen Beamten und
Priestern sind eine Einrichtung der Kaiserzeit.
^8 Dies ist das koinon Boi/o/t/o/n Eyboe/o/n Lokr/o/n PH/o/ke/o/n
D/o/rie/o/n merkwuerdigen, wahrscheinlich kurz vor der Attischen Schlacht
gesetzten Inschrift CIA III, 568. Unmoeglich kann mit Dittenberger
(Archaeologische Zeitung 34, 1876, S. 220) auf diesen Bund die Meldung des
Pausanias (7, 16, 10) bezogen werden, dass die Roemer "nicht viele Jahre" nach
der Zerstoerung Korinths sich der Hellenen erbarmt und ihnen die
landschaftlichen Vereinigungen (synedria kata ethnos ekastois) wieder gestattet
haetten; dies geht auf die kleineren Einzelbuende.
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Den Schlussstein der republikanischen Epoche macht die Suehnung der
Schleifung Korinths durch den groessten aller Roemer und aller Philhellenen, den
Diktatar Caesar, und die Erneuerung des Sternes von Hellas in der Form einer
selbstaendigen Gemeinde roemischer Buerger, der neuen "julischen Ehre".
Diese Verhaeltnisse fand das eintretende Kaiserregiment in Griechenland
vor, und diese Wege ist es weiter gegangen. Die von dem unmittelbaren Eingreifen
der Provinzialregierung und von der Steuerzahlung an das Reich befreiten
Gemeinden, denen die Kolonien der roemischen Buerger in vieler Hinsicht
gleichstehen, begreifen weitaus den groessten und besten Teil der Provinz
Achaia: im Peloponnes Sparta, mit seinem zwar geschmaelerten, aber doch jetzt
wieder die noerdliche Haelfte Lakoniens umfassenden Gebiet ^9, immer noch das
Gegenbild Athens, sowohl in den versteinerten altfraenkischen Institutionen wie
in der wenigstens aeusserlich bewahrten Ordnung und Haltung; ferner die achtzehn
Gemeinden der freien Lakonen, die suedliche Haelfte der lakonischen Landschaft,
einst spartanische Untertanen, nach dem Kriege gegen Nabis von den Roemern als
selbstaendiger Staedtebund organisiert und von Augustus gleich Sparta mit der
Freiheit beliehen ^10; endlich in der Landschaft der Achaeer ausser Dyme, das
schon von Pompeius mit Piratenkolonisten belegt worden war und dann durch Caesar
neue roemische Ansiedler empfangen hatte ^11, vor allem Patrae, aus einem
herabgekommenen Flecken von Augustus, seiner fuer den Handel guenstigen Lage
wegen, teils durch Zusammenziehung der umliegenden kleinen Ortschaften, teils
durch Ansiedelung zahlreicher italischer Veteranen zu der volkreichsten und
bluehendsten Stadt der Halbinsel umgeschaffen und als roemische Buergerkolonie
konstituiert, unter die auch auf der gegenueberliegenden lokrischen Kueste
Naupaktos (italienisch Lepanto) gelegt ward. Auf dem Isthmos war Korinth, wie es
einst das Opfer der Gunst seiner Lage geworden war, so jetzt nach seiner
Wiederherstellung, aehnlich wie Karthago, rasch emporgekommen und die gewerb-
und volkreichste Stadt Griechenlands, ueberdies der regelmaessige Sitz der
Regierung. Wie die Korinther die ersten Griechen gewesen waren, welche die
Roemer als Landsleute anerkannt hatten durch Zulassung zu den Isthmischen
Spielen, so leitete dieselbe Stadt jetzt, obgleich roemische Buergergemeinde,
dieses hohe griechische Nationalfest. Auf dem Festlande gehoerten zu den
befreiten Distrikten nicht bloss Athen mit seinem ganz Attika und zahlreiche
Inseln des Aegaeischen Meeres umfassenden Gebiet, sondern auch Tanagra und
Thespiae, damals die beiden ansehnlichsten Staedte der boeotischen Landschaft,
ferner Plataeae ^12; in Phokis Delphi, Abae, Elateia, sowie die ansehnlichste
der lokrischen Staedte, Amphissa. Was die Republik begonnen hatte, das
vollendete Augustus in der eben dargelegten, wenigstens in den Hauptzuegen von
ihm festgestellten und auch spaeter im wesentlichen festgehaltenen Ordnung.
Wenngleich die dem Prokonsul unterworfenen Gemeinden der Provinz der Zahl nach
gewiss und vielleicht auch nach der Gesamtbevoelkerung ueberwogen, so sind in
echt philhellenischem Geiste die durch materielle Bedeutung oder durch grosse
Erinnerungen ausgezeichnetsten Staedte Griechenlands befreite ^13.
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^9 Dazu gehoerte nicht bloss das nahe Amyklae, sondern auch Kardmyle (durch
Schenkung Augusts, Paus. 3, 26, 7), Pherae (Paus. 4, 30, 2), Thuria (das. 4, 31,
1) und eine Zeitlang auch Korone (CIG 1258; vgl. Lebas-Foucart II, S. 305) am
Messenischen Busen, ferner die Insel Kythera (Dio 54, 7).
^10 In republikanischer Zeit erscheint dieser Distrikt als to koinon t/o/n
Lakedaimoni/o/n (Lebas-Foucart II, S. 110); Pausanias (3, 21, 6) irrt also, wenn
er ihn erst durch Augustus von Sparta loesen laesst. Aber Eleytherolakones
nennen sie sich erst seit Augustus, und die Erteilung der Freiheit wird also mit
Recht auf diesen zurueckgefuehrt.
^11 Es gibt Muenzen dieser Stadt mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia)
D(ume)und dem Kopf Caesars, andere mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia)
A(ugusta) Du m(e) und dem Kopf Augusts neben dem des Tiberius (F. Imhoof-Blumer,
Monnaies Grecques. Leipzig 1883, S. 165). Dass Augustus Dyme der Kolonie Patrae
zugeteilt hat, ist wohl ein Irrtum des Pausanias (7,17, 5); moeglich bleibt es
freilich, dass Augustus in seinen spaeteren Jahren diese Vereinigung verfuegt
hat.
^12 Dies zeigt, wenigstens fuer die Zeit des Pius, die afrikanische
Inschrift CIL VIII, 7059 (vgl. Plut. Arist. 21). Die Schriftstellernachrichten
ueber die befreiten Gemeinden geben ueberhaupt keine Gewaehr fuer die
Vollstaendigkeit der Liste. Wahrscheinlich gehoert zu denselben auch Elis, das
von der Katastrophe der Achaeer nicht betroffen ward und auch spaeter noch nach
Olympiaden, nicht nach der Aera der Provinz datierte; ueberdies ist es
unglaublich, dass die Stadt der olympischen Feier nicht bestes Recht gehabt hat.
^13 Scharf drueckt dies Aristeides aus in der Lobrede auf Rom (or. p. 224
Jebb): diateleite t/o/n men Ell/e/n/o/n /o/sper trophe/o/n epimelomenoi ... to?s
men aristoys kai palai /e/gemonas (Athen und Sparta) eleytheroys kai aytonomoys
apheikotes ayt/o/n, t/o/n d'all/o/n metri/o/s ... ex/e/go?menoi, to?s de
barbaroys pros t/e/n ekastois ayt/o/n o?san ph?sin paid?ontes.
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Weiter, als in dieser Richtung Augustus gegangen war, ging der letzte
Kaiser des Claudischen Hauses, einer vom Schlage der verdorbenen Poeten und
insofern allerdings ein geborener Philhellene. Zum Dank fuer die Anerkennung,
die seine kuenstlerischen Leistungen in dem Heimatlande der Musen gefunden
hatten, sprach Nero, wie einst Titus Flamininus und wieder in Korinth bei den
Isthmischen Spielen, die saemtlichen Griechen des roemischen Regiments ledig,
frei von Tributen und gleich den Italikern keinem Statthalter untertan. Sofort
entstanden in ganz Griechenland Bewegungen, welche Buergerkriege gewesen sein
wuerden, wenn diese Leute mehr haetten fertig bringen koennen als Schlaegereien;
und nach wenigen Monaten stellte Vespasian mit der trockenen Bemerkung, dass die
Griechen verlernt haetten, frei zu sein, die Provinzialverfassung wieder her
^14, so weit sie reichte.
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^14 Aber dankbar blieben die hellenischen Literaten ihrem Kollegen und
Patron. In dem Apolloniusroman schlaegt der grosse Weise aus Kappadokien
Vespasian die Ehre seiner Begleitung ab, weil er die Hellenen zu Sklaven gemacht
habe, wie sie eben im Begriff waren, wieder ionisch und dorisch zu reden, und
schreibt ihm verschiedene Billets von ergoetzlicher Grobheit. Ein Mann aus
Soloi, der den Hals brach und dann wieder auflebte und bei dieser Gelegenheit
alles sah, was Dante schaute, berichtete, dass er Neros Seele getroffen habe, in
welche die Arbeiter des Weltgerichts Flammennaegel getrieben hatten und
beschaeftigt waren sie in eine Natter umzugestalten; allein eine himmlische
Stimme habe Einspruch getan und geboten, den Mann wegen seines irdischen
Philhellenismus in eine minder abscheuliche Bestie zu verwandeln (Plut. de Sera
num. vind. a. E.).
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Die Rechtsstellung der befreiten Gemeinden blieb im wesentlichen dieselbe
wie unter der Republik. Soweit nicht roemische Buerger in Frage kamen, behielten
sie die volle Justizhoheit; nur scheinen die allgemeinen Bestimmungen ueber die
Appellationen an den Kaiser einer- und die Senatsbehoerden andererseits auch die
freien Staedte eingeschlossen zu haben ^15. Vor allem behielten sie die volle
Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Athen zum Beispiel hat in der Kaiserzeit
das Praegerecht geuebt, ohne je einen Kaiserkopf auf seine Muenzen zu setzen,
und auch auf spartanischen Muenzen der ersten Kaiserzeit fehlt derselbe haeufig.
In Athen blieb auch die alte Rechnung nach Drachmen und Obolen, nur dass
freilich die oertliche attische Drachme dieser Zeit nichts als lokale
Scheidemuenze war und dem Wert nach als Obol der attischen Reichsdrachme oder
des roemischen Denars kursierte. Selbst die formale Ausuebung des Rechts ueber
Krieg und Frieden war in einzelnen Vertraegen dergleichen Staaten gewahrt ^16.
Zahlreiche der italischen Gemeindeordnung voellig widerstreitende Institutionen
blieben bestehen, wie der jaehrliche Wechsel der Ratsmitglieder und die
Tagegelder dieser und der Geschworenen, welche, wenigstens in Rhodos, noch in
der Kaiserzeit gezahlt worden sind. Selbstverstaendlich uebte die roemische
Regierung nichtsdestoweniger auf die Konstituierung auch der befreiten Gemeinden
fortwaehrend einen massgebenden Einfluss. So ist zum Beispiel die athenische
Verfassung, sei es am Ausgang der Republik, sei es durch Caesar oder Augustus,
in der Weise modifiziert worden, dass nicht mehr jedem Buerger, sondern, wie
nach roemischer Ordnung, nur bestimmten Beamten das Recht zustand, einen Antrag
an die Buergerschaft zu bringen; und unter der grossen Zahl der bloss
figurierenden Beamten wurde einem einzigen, dem Strategen, die Geschaeftsleitung
in die Hand gelegt. Sicher sind auf diesem Wege noch mancherlei weitere Reformen
durchgefuehrt worden, deren Eintreten in dem abhaengigen wie unabhaengigen
Griechenland wir ueberall erkennen, ohne dass Zeit und Anlass der Reform sich
bestimmen laesst. So ist das Recht oder vielmehr das Unrecht der Asyle, welche
als Ueberreste einer rechtlosen Zeit jetzt fromme Schlupfwinkel fuer schlechte
Schuldner und Verbrecher geworden waren, gewiss auch in dieser Provinz wenn
nicht beseitigt, so doch eingeschraenkt worden. Das Institut der Proxenie,
urspruenglich eine unseren auslaendischen Konsulaten vergleichbare zweckmaessige
Einrichtung, aber durch die Verleihung voller buergerlicher Rechte und oft auch
noch des Privilegiums der Steuerfreiheit an den befreundeten Auslaender,
besonders bei der Ausdehnung, in der es gewaehrt ward, politisch bedenklich, ist
durch die roemische Regierung, wie es scheint erst im Anfang der Kaiserzeit,
beseitigt worden; wofuer dann nach italischer Weise das mit dem Steuerwesen sich
nicht beruehrende inhaltlose Stadtpatronat an die Stelle trat. Endlich hat die
roemische Regierung, als Inhaberin der obersten Souveraenitaet ueber diese
abhaengigen Republiken ebenso wie ueber die Klientelfuersten, immer es als ihr
Recht betrachtet und geuebt, die freie Verfassung im Fall des Missbrauchs
aufzuheben und die Stadt in eigene Verwaltung zu nehmen. Indes teils der
beschworene Vertrag, teils die Machtlosigkeit dieser nominell verbuendeten
Staaten hat diesen Vertraegen eine groessere Stabilitaet gegeben, als sie in dem
Verhaeltnis zu den Klientelfuersten wahrgenommen wird.
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^15 Wenigstens wird in der Verordnung Hadrians ueber die den athenischen
Grundbesitzern obliegenden Oellieferungen an die Gemeinde (CIA III, 18) die
Entscheidung zwar der Bule und der Ekklesia gegeben, aber Appellation an den
Kaiser oder den Prokonsul gestattet.
^16 Was Strabon (14, 3, 3, p. 665) von dem zu seiner Zeit autonomen
Lykischen Staedtebund berichtet, dass ihm das Kriegs- und Friedens- und das
Buendnisrecht fehle, ausser wenn die Roemer dasselbe gestatten oder es zu ihrem
Nutzen geschieht, wird ohne weiteres auch auf Athen bezogen werden duerfen.
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Wenn den befreiten Gemeinden Achaias ihre bisherige Rechtsstellung unter
dem Kaisertum blieb, so hat Augustus denen der Provinz, welchen die Freiheit
nicht gewaehrt war oder ward, eine neue und bessere Rechtsstellung verliehen.
Wie er in der reorganisierten Delphischen Amphiktyonie den Griechen Europas
einen gemeinsamen Mittelpunkt gegeben hatte, gestattete er auch den saemtlichen
Staedten der Provinz Achaia, soweit sie unter roemischer Verwaltung standen,
sich als Gesamtverband zu konstituieren und jaehrlich in Argos, der
bedeutendsten Stadt des unfreien Griechenlands, zur Landesversammlung
zusammenzutreten ^17. Damit wurde der nach dem achaeischen Kriege aufgeloeste
Achaeische Bund nicht bloss rekonstituiert, sondern ihm auch die frueher
erwaehnte, erweiterte boeotische Vereinigung eingefuegt. Wahrscheinlich ist eben
durch die Zusammenlegung dieser beiden Gebiete die Abgrenzung der Provinz Achaia
herbeigefuehrt worden. Der neue Verband der Achaeer, Boeoter, Lokrer, Phokier,
Dorer und Euboeer ^18 oder, wie er gewoehnlich gleich wie die Provinz bezeichnet
wird, der Verband der Achaeer hat vermutlich weder mehr noch weniger Rechte
gehabt, als die sonstigen Provinziallandtage des Kaiserreichs. Eine gewisse
Kontrolle der roemischen Beamten wird dabei beabsichtigt gewesen und werden
darum auch die dem Prokonsul nicht unterstellten Staedte, wie Athen und Sparta,
von demselben ausgeschlossen worden sein. Daneben wird diese Tagsatzung, wie
alle aehnlichen, hauptsaechlich in dem gemeinschaftlichen, das ganze Land
umfassenden Kultus den Mittelpunkt ihrer Taetigkeit gefunden haben. Aber wenn in
den uebrigen Provinzen dieser Landeskult ueberwiegend an Rom anknuepfte, so
wurde der Landtag von Achaia vielmehr ein Brennpunkt des Hellenismus und sollte
es vielleicht werden. Schon unter den julischen Kaisern betrachtete er sich als
den rechten Vertreter der griechischen Nation und legte seinem Vorstand den
Namen des Helladarchen bei, sich selbst sogar den der Panhellenen ^19. Die
Versammlung entfernte sich also von ihrer provinzialen Grundlage, und ihre
bescheidenen administrativen Befugnisse traten in den Hintergrund.
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^17 Allerdings sind die bis jetzt bekannten Vorsteher des koinon t/o/n
Achai/o/n, deren Heimat feststeht, aus Argos, Messene, Korone in Messenien
(Lebas-Foucart II, S. 305) und haben sich darunter bisher nicht bloss keine
Buerger der befreiten Gemeinden, wie Athen und Sparta, sondern auch keine der zu
der Konfoederation der Boeoter und Genossen gehoerigen (Anm. 8) gefunden.
Vielleicht beschraenkte sich dies koinon rechtlich auf das Gebiet, das die
Roemer die Republik Achaia nannten, das heisst das des Achaeischen Bundes bei
seinem Untergang, und sind die Boeoter und Genossen mit dem eigentlichen koinon
der Achaeer zu demjenigen weiteren Bunde vereinigt, dessen Vorhandensein und
Tagen in Argos die Inschriften von Akraephia (Anm. 18) dokumentieren. Uebrigens
bestand neben diesem koinon der Achaeer noch ein engeres der Landschaft Achaia
im eigentlichen Sinn, dessen Vertreter in Aegion zusammentraten (Paus. 7, 24,
4), eben wie das koinon t/o/n Arkad/o/n (Archaeologische Zeitung 37, 1879, S.
139, n. 274) und zahlreiche andere. Wenn nach Paus. 5, 12, 6 in Olympia dem
Traian oi pantes Ell/e/nes, dem Hadrian ai es to Achaikon telo?sai Bildsaeulen
gesetzt hatten und hier kein Missverstaendnis untergelaufen ist, so wird die
letztere Dedikation auf dem Landtag von Aegion stattgefunden haben.
^18 So (nur dass die Dorer fehlen; vgl. Anm. 8) heisst der Verein auf der
Inschrift von Akraephia (Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Eben
diese Urkunde aber nebst der gleichzeitigen CIG 1625 liefert den Beweis, dass
der Verein unter Kaiser Gaius statt dieser wohl eigentlich offiziellen Benennung
sich auch einerseits als Verein der Achaeer bezeichnet, andererseits als to
koinon t/o/n Panell/e/n/o/n oder /e/ s?nodos t/o/n Ell/e/n/o/n, auch to t/o/n
Achai/o/n kai Panell/e/n/o/n synedrion. Diese Ruhmredigkeit tritt anderswo nicht
so grell hervor wie in jenem boeotischen Landstaedtchen; aber auch in Olympia,
wo der Verein seine Denkmaeler vorzugsweise aufstellte nennt er sich zwar
meistens to koinon t/o/n Achai/o/n, aber zeigt oft genug dieselbe Tendenz, zum
Beispiel wenn to koinon t/o/n Achai/o/n P. Ailio Aristona ... synpantes oi
Ell/e/nes anestesan (Archaeologische Zeitung 38, 1880, S. 86, n. 344). Ebenso
setzen in Sparta dem Caesar Marcus oi Ell/e/nes eine Bildsaeule apo to? koino?
t/o/n Achai/o/n (CIG 1318).
^19 Auch in Asia, Bithynien, Niedermoesien heisst der Vorsteher der der
betreffenden Provinz angehoerigen Griechenstaedte Elladarch/e/s, ohne dass damit
mehr aus gedrueckt wuerde als der Gegensatz gegen die Nichtgriechen. Aber wie
der Hellenenname in Griechenland verwendet wird, in einem gewissen Gegensatz zu
dem eigentlich korrekten der Achaeer, ist dies sicher von derselben Tendenz
eingegeben die in den Panhellenea von Argos am deutlichsten sich zeichnete. So
findet sich strat/e/gos to? koino? t/o/n Achai/o/n kai prostat/e/s dia bioy
t/o/n Ell/e/n/o/n (Archaeologische Zeitung 35, 1877, S. 192, n. 98) oder auf
einem anderen Dokument desselben prostat/e/s dia bioy t/o/n Ell/e/n/o/n to?
koino? t/o/n Achai/o/n Mannes prostat/e/s dia bioy to? koino? t/o/n Achai/o/n
(Lebas-Foucart, n. 305); ein (Archaeologische Zeitung 35, 1877, S. 195, n. 106),
strat/e/gos asynkrit/o/s arxas t/e/s Ellados (das. S. 40, n. 42), strat/e/gos
kai Elladarch/e/s (das. 34, 1876, S. 8, S. 226), alle ebenfalls auf Inschriften
des koinon t/o/n Achai/o/n. Dass in diesem, mag es auch vielleicht bloss auf den
Peloponnes bezogen werden (Anm. 17), die panhellenische Tendenz darum nicht
weniger sich geltend machte, ist begreiflich.
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Diese Panhellenen nannten sich missbraeuchlich also und wurden von der
Regierung nur toleriert. Aber Hadrian schuf wie ein neues Athen, so auch ein
neues Hellas. Unter ihm durften die Vertreter der saemtlichen autonomen oder
nicht autonomen Staedte der Provinz Achaia in Athen sich als das vereinigte
Griechenland, als die Panhellenen ^20 konstituieren. Die in besseren Zeiten oft
getraeumte und nie erreichte nationale Einigung war damit geschaffen, und was
die Jugend gewuenscht, das besass das Alter in kaiserlicher Fuelle. Freilich,
politische Befugnisse erhielt das neue Panhellenion nicht; aber was Kaisergunst
und Kaisergold gewaehren konnte, daran war kein Mangel. Es erhob sich in Athen
der Tempel des neuen Zeus Panhellenios, und glaenzende Volksfeste und Spiele
wurden mit dieser Stiftung verbunden, deren Ausrichtung dem Kollegium der
Panhellenen zustand, und zwar zunaechst dem Priester des Hadrian als des
stiftenden lebendigen Gottes. Einen der Akte, welche dieselben alljaehrlich
begingen, war das dem Zeus-Befreier dargebrachte Opfer in Plataeae zum
Gedaechtnis der hier im Kampf gegen die Perser gefallenen Hellenen am Jahrestag
der Schlacht, dem 4. Boedromion; dies zeichnet seine Tendenz ^21. Noch
deutlicher zeigt dieselbe sich darin, dass Griechenstaedten ausserhalb Hellas',
welche der nationalen Gemeinschaft wuerdig erschienen, von der Versammlung in
Athen ideale Buergerbriefe des Hellenismus ausgestellt wurden ^22.
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^20 Die hadrianischen Panhellenen nennen sich to koinon synedrion t/o/n
Ell/e/n/o/n t/o/n eis Plat/e/as syniont/o/n (Theben: Keil, Sylloge lnscriptionum
Boeoticarum, n. 31, vgl. Plut. Arist. 19 u. 21), koinon t/e/s Ellados (CIG
5852), to /o/n (ebenda). Ihr Vorsteher heisst o arch/o/n t/o/n Panell/e/n/o/n
(CIA III, 681, 682; CIG 3832, vgl. CIA III, 10: a[nt[arch/o/n to? ier/o/tatoy
a[g/o/nos to? P]an[el]l/e/nioy), der einzelne Deputierte Panell/e/n (z. B. CIA
III, 534; CIG 1124). Daneben treten auch in nachhadrianischer Zeit noch das
koinon t/o/n Achai/o/n und dessen strat/e/gos oder Elladarch/e/s auf, welche
wohl von jenen zu scheiden sein werden, obwohl letzterer seine Ehrendekrete
jetzt nicht bloss in Olympia aufstellt, sondern auch in Athen (CIA 18; zweites
Exemplar in Olympia, Archaeologische Zeitung 37, 1879, S. 52).
^21 Dass die Bemerkung Dions von Prusa (or. 38, p. 148 R.) ueber den Streit
der Athener und der Lakedaemonier yper t/e/s propompeias sich auf das Fest in
Plataeae bezieht, ergibt sich aus (Lucian) Er/o/tes 18: /o/s peri propompeias
ag/o/nio?menoi Plataiasin. Auch der Sophist Irenaeos schrieb (Suidas u. d. W.)
und Hermogenes (id. II p. 373 Walz) gibt als Redestoff Ay/e/naioi kai
Lakedaimonioi peri t/e/s propompeias kata ta M/e/dika (Mitteilung von
Wilamowitz).
^22 Es haben sich zwei derselben erhalten, fuer Kibyra in Phrygien (CIG
5882), ausgestellt vom koinon t/e/s Ellados durch ein dogma to? Panell/e/nioy
und fuer Magnesia am Maeandros (CIA III, 16). In beiden wird die gut hellenische
Abstammung der betreffenden Koerperschaften nebst den sonstigen Verdiensten um
die Hellenen hervorgehoben. Charakteristisch sind auch die Empfehlungsbriefe,
welche diese Panhellenen einem um ihr Gemeinwesen wohlverdienten Mann an seine
Heimatgemeinde Aezani in Phrygien, an den Kaiser Pius und an die Hellenen in
Asia insgemein mitgeben (CIG 3832, 3833, 3834).
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Wenn die Kaiserherrschaft in dem ganzen weiten Reich die Verwuestungen
eines zwanzigjaehrigen Buergerkrieges vorfand und vielerorts die Folgen
desselben niemals voellig verwunden wurden, so ist wohl kein Gebiet davon so
schwer betroffen worden wie die griechische Halbinsel. Das Schicksal hatte es so
gefuegt, dass die drei grossen Entscheidungsschlachten dieser Epoche, Pharsalos,
Philippi, Aktion auf ihrem Boden oder an ihrer Kueste geschlagen wurden; und die
militaerischen Operationen, welche bei beiden Parteien dieselben einleiteten,
hatten ihre Opfer von Menschenleben und Menschenglueck hier vor allem gefordert.
Noch dem Plutarch erzaehlte sein Aeltervater, wie die Offiziere des Antonius die
Buerger von Chaeroneia gezwungen haetten, da sie Sklaven und Lasttiere nicht
mehr besassen, ihr letztes Getreide auf den eigenen Schultern nach dem naechsten
Hafenort zu schleppen zur Verschiffung fuer das Heer; und wie dann, als eben der
zweite Transport abgehen sollte, die Nachricht von der Actischen Schlacht wie
eine erloesende Freudenbotschaft eingetroffen sei. Das erste, was nach diesem
Siege Caesar tat, war die Verteilung der in seine Gewalt geratenen feindlichen
Getreidevorraete unter die hungernde Bevoelkerung Griechenlands. Dieses
schwerste Mass des Leidens traf auf vorzugsweise schwache Widerstandskraft.
Schon mehr als ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht hatte Polybios
ausgesprochen, dass ueber ganz Griechenland in seiner Zeit Unfruchtbarkeit der
Ehen und Einschwinden der Bevoelkerung gekommen sei, ohne dass Seuchen oder
schwere Kriege das Land betroffen haetten. Nun hatten diese Geisseln in
furchtbarer Weise sich eingestellt; und Griechenland blieb veroedet fuer alle
Folgezeit. Im ganzen Roemerreich, meint Plutarch, sei infolge der verwuestenden
Kriege die Bevoelkerung zurueckgegangen, am meisten aber in Griechenland, das
jetzt nicht imstande sei, aus den besseren Kreisen der Buergerschaften die 3000
Hopliten zu stellen, mit denen einst die kleinste der griechischen Landschaften,
Megara, bei Plataeae gestritten hatte ^23. Caesar und Augustus haben versucht,
dieser auch fuer die Regierung erschreckenden Entvoelkerung durch Entsendung
italischer Kolonisten aufzuhelfen, und in der Tat sind die beiden bluehendsten
Staedte Griechenlands eben diese Kolonien; die spaeteren Regierungen haben
solche Entsendungen nicht wiederholt. Zu der anmutigen euboeischen Bauernidylle
des Dion von Prusa bildet den Hintergrund eine entvoelkerte Stadt, in der
zahlreiche Haeuser leer stehen, die Herden am Rathaus und am Stadtarchiv weiden,
zwei Drittel des Gebiets aus Mangel an Haenden unbestellt liegen; und wenn dies
der Erzaehler als Selbsterlebtes berichtet, so schildert er damit sicher
zutreffend die Zustaende zahlreicher kleiner griechischer Landstaedte in der
Zeit Traians. "Theben in Boeotien", sagt Strabon in der augustischen Zeit, "ist
jetzt kaum noch ein stattliches Dorf zu nennen, und mit Ausnahme von Tanagra und
Thespiae gilt dasselbe von saemtlichen boeotischen Staedten." Aber nicht bloss
der Zahl nach schwanden die Menschen zusammen, auch der Schlag verkam. Schoene
Frauen gibt es wohl noch, sagt einer der feinsten Beobachter um das Ende des
ersten Jahrhunderts, aber schoene Maenner sieht man nicht mehr; die olympischen
Sieger der neueren Zeit erscheinen, verglichen mit den aelteren, niedrig und
gemein, zum Teil freilich durch die Schuld der Kuenstler, aber hauptsaechlich,
weil sie eben sind, wie sie sind. Die koerperliche Ausbildung der Jugend ist in
diesem gelobten Lande der Epheben und Athleten in einer Ausdehnung gefoerdert
worden, als ob es der Zweck der Gemeindeverfassung sei, die Knaben zu Turnern
und die Maenner zu Boxern zu erziehen; aber wenn keine Provinz so viele
Ringkuenstler besass, so stellte auch keine so wenig Soldaten zur Reichsarmee.
Selbst aus dem athenischen Jugendunterricht, der in aelterer Zeit das
Speerwerfen, das Bogenschiessen, die Geschuetzbedienung, das Ausmarschieren und
das Lagerschlagen einschloss, verschwindet jetzt dieses Soldatenspiel der
Knaben. Die griechischen Staedte des Reiches werden ueberhaupt bei der Aushebung
so gut wie gar nicht beruecksichtigt, sei es, weil diese Rekruten physisch
untauglich erschienen, sei es, weil dieses Element im Heere bedenklich erschien;
es war ein kaiserlicher Launscherz, dass der karikierte Alexander, Severus
Antoninus, die roemische Armee fuer den Kampf gegen die Perser durch einige
Lochen Spartiaten verstaerkte ^24. Was fuer die innere Ordnung und Sicherheit
ueberhaupt geschah, muss von den einzelnen Gemeinden ausgegangen sein, da
roemische Truppen in der Provinz nicht standen; Athen zum Beispiel unterhielt
Besatzung auf der Insel Delos, und wahrscheinlich lag eine Milizabteilung auch
auf der Burg ^25. In den Krisen des dritten Jahrhunderts haben der Landsturm von
Elateia und derjenige von Athen die Kostoboker und die Goten tapfer
zurueckgeschlagen und in wuerdigerer Weise, als die Enkel der Kaempfer von
Thermopylae in Caracallas Perserkrieg, haben in dem gotischen die Enkel der
Marathonsieger ihren Namen zum letzten Mal in die Annalen der alten Geschichte
eingezeichnet. Aber wenn auch dergleichen Vorgaenge davon abhalten muessen, die
Griechen dieser Epoche schlechtweg zu dem verkommenen Gesindel zu werfen, so hat
das Sinken der Bevoelkerung an Zahl wie an Kraft auch in der besseren Kaiserzeit
stetig angehalten, bis dann seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts die diese
Landschaften ebenfalls schwer heimsuchenden Seuchen, die namentlich die
Ostkueste treffenden Einfaelle der Land- und Seepiraten, endlich das
Zusammenbrechen der Reichsgewalt in der gallienischen Zeit das chronische Leiden
zur akuten Katastrophe steigerten.
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^23 Ohne Zweifel will Plutarch mit diesen Worten (de defectu orac. 8) nicht
sagen, dass Griechenland ueberhaupt nicht 3000 Waffenfaehige zu stellen
vermoege, sondern dass, wenn Buergerheere nach alter Art gebildet wuerden, man
nicht imstande sein wuerde, 3000 "Hopliten" aufzustellen. In diesem Sinn mag die
Aeusserung wohl soweit richtig sein, als dies bei dergleichen allgemeinen Klagen
ueberhaupt erwartet werden kann. Die Zahl der Gemeinden der Provinz belaeuft
sich ungefaehr auf hundert.
^24 Davon erzaehlt Herodian (4, 8, 3; c. 9, 4) und wir haben die
Inschriften zweier dieser Spartiaten, des Nikokles strateymenos dis kata
Pers/o/n (CIG 1253) und des Dioskoras apelth/o/n eis t/e/n eytychestat/e/n
symmachian (= expeditio) t/e/n kata Pers/o/n (CIG 1495).
^25 Das phro?rion (CIA III, 826) kann nicht wohl anders verstanden werden.
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In ergreifender Weise tritt das Sinken von Hellas und treten die
Stimmungen, die dasselbe bei den Besten hervorrief, uns entgegen in der
Ansprache, die einer von diesen, der Bithyner Dion, um die Zeit Vespasians an
die Rhodier richtete. Diese galten, nicht mit Unrecht, als die trefflichsten
unter den Hellenen. In keiner Stadt war besser fuer die niedere Bevoelkerung
gesorgt und trug diese Fuersorge mehr den Stempel nicht des Almosens, sondern
des Arbeitgebens. Als nach dem grossen Buergerkriege Augustus im Orient alle
Privatschulden klaglos machte, wiesen allein die Rhodier die bedenkliche
Verguenstigung zurueck. War auch die grosse Epoche des rhodischen Handels
vorueber, so gab es dort immer noch zahlreiche bluehende Geschaefte und
vermoegende Haeuser ^26. Aber viele Missstaende waren auch hier eingerissen, und
deren Abstellung fordert der Philosoph, nicht so sehr, wie er sagt, um der
Rhodier willen, als um der Hellenen insgemein. "Einst ruhte die Ehre von Hellas
auf vielen und viele mehrten seinen Ruhm, ihr, die Athener, die Lakedaemonier,
Theben, eine Zeitlang Korinth, in ferner Zeit Argos. Nun aber ist es mit den
anderen nichts; denn einige sind gaenzlich heruntergekommen und zerstoert,
andere fuehren sich, wie ihr wisst, und sind entehrt und ihres alten Ruhmes
Zerstoerer. Ihr seid uebrig; ihr allein seid noch etwas und werdet nicht voellig
verachtet; denn wie es jene treiben, waeren laengst alle Hellehen tiefer
gesunken als die Phryger und die Thraker. Wie wenn ein grosses und reiches
Geschlecht auf zwei Augen steht und was dieser letzte des Hauses suendigt, alle
Vorfahren mit entehrt, so stehet ihr in Hellas. Glaubt nicht die ersten der
Hellehen zu sein; ihr seid die einzigen. Sieht man auf jene erbaermlichen
Schandbuben, so werden selbst die grossen Geschicke der Vergangenheit
unbegreiflich: die Steine und die Staedtetruemmer zeigen deutlicher den Stolz
und die Groesse von Hellas als diese nicht einmal mysischer Ahnen wuerdigen
Nachfahren; und besser als den von diesen bewohnten ist es den Staedten
ergangen, welche in Truemmern liegen, denn deren Andenken bleibt in Ehren und
ihr wohlerworbener Ruhm unbefleckt - besser die Leiche verbrennen, als sie
faulend liegen lassen."
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^26 "An Mitteln", sagt Diodor. 31, p. 566), "fehlt es euch nicht, und
Tausende und aber Tausende gibt es hier, denen es nuetzlich waere, minder reich
zu sein"; und weiterhin (p. 620): "ihr seid reich, wie sonst niemand in Hellas.
Mehr als ihr besassen eure Vorfahren auch nicht. Die Insel ist nicht schlechter
geworden; ihr zieht die Nutzung von Karien und einem Teil Lykiens; eine Anzahl
Staedte sind euch steuerpflichtig; stets empfaengt die Stadt reiche Gaben von
zahlreichen Buergern." Er fuehrt weiter aus, dass neue Ausgaben nicht
hinzugetreten, wohl aber die frueheren fuer Heer und Flaue fast weggefallen
seien; nur ein oder zwei kleine Schiffe haetten sie jaehrlich nach Korinth (zur
roemischen Flotte also) zu stellen.
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Man wird diesem hohen Sinn eines Gelehrten, welcher die kleine Gegenwart an
der grossen Vergangenheit mass und, wie dies nicht ausbleiben kann, jene mit
widerwilligen Augen, diese in der Verklaerung des Dagewesenseins anschaute,
nicht zu nahe treten mit dem Hinweis darauf, dass die alte gute hellenische
Sitte damals und noch lange nachher denn doch nicht bloss in Rhodos zu finden,
vielmehr in vieler Hinsicht noch allerorts Lebendig war. Die innerliche
Selbstaendigkeit, das wohlberechtigte Selbstgefuehl der immer noch an der Spitze
der Zivilisation stehenden Nation ist bei aller Schmiegsamkeit des Untertanen-
und aller Demut des Parasitenrums den Hellenen auch dieser Zeit nicht abhanden
gekommen. Die Roemer entlehnen die Goetter von den alten Hellenen und die
Verwaltungsform von den Alexandrinern; sie suchen sich der griechischen Sprache
zu bemaechtigen und die eigene in Mass und Stil zu hellenisieren. Die Hellenen
auch der Kaiserzeit tun nicht das gleiche; die nationalen Gottheiten Italiens,
wie Silvanus und die Laren, werden in Griechenland nicht verehrt und keiner
griechischen Stadtgemeinde ist es je in den Sinn gekommen, die von ihrem
Polybios als die beste gefeierte politische Ordnung bei sich einzufuehren.
Insofern die Kenntnis des Lateinischen fuer die hoehere wie die niedere
Aemterlaufbahn bedingend war, haben die Griechen, die diese betraten, sich
dieselbe angeeignet; denn wenn es auch praktisch nur dem Kaiser Claudius
einfiel, den Griechen, die kein Lateinisch verstanden, das roemische
Buergerrecht zu entziehen, so war allerdings die wirkliche Ausuebung der mit
diesem verknuepften Rechte und Pflichten nur dem moeglich, der der Reichssprache
maechtig war. Aber von dem oeffentlichen Leben abgesehen, ist nie in Griechen
land so lateinisch gelernt worden wie in Rom griechisch; Plutarchos, der
schriftstellerisch die beiden Reichshaelften gleichsam vermaehlte und dessen
Parallelbiographien roemischer und griechischer beruehmter Maenner, vor allem
durch diese Nebeneinanderstellung, sich empfahlen und wirkten, verstand nicht
sehr viel mehr lateinisch als Diderot russisch, und beherrschte wenigstens, wie
er selbst sagt, die Sprache nicht; die des Lateinischen wirklich maechtigen
griechischen Literaten waren entweder Beamte, wie Appianus und Cassius Dion,
oder Neutrale, wie Koenig Juba. In der Tat war Griechenland in sich selbst weit
weniger veraendert als in seiner aeusseren Stellung. Das Regiment von Athen war
recht schlecht, aber auch in der Zeit von Athens Groesse war es gar nicht
musterhaft gewesen. "Es ist", sagt Plutarchos, "derselbe Volksschlag, dieselben
Unruhen, der Ernst und der Scherz, die Anmut und die Bosheit wie bei den
Vorfahren." Auch diese Epoche weist in dem Leben des griechischen Volkes noch
einzelne Zuege auf, die seines zivilisatorischen Prinzipats wuerdig sind. Die
Fechterspiele, die von Italien aus sich ueberall hin, namentlich auch nach
Kleinasien und Syrien verbreiteten, haben am spaetesten von allen Landschaften
in Griechenland Eingang gefunden; laengere Zeit beschraenkten sie sich auf das
halb italische Korinth, und als die Athener, um hinter diesen nicht
zurueckzustehen, sie auch bei sich einfuehrten, ohne auf die Stimme eines ihrer
Besten zu hoeren, der sie fragte, ob sie nicht zuvor dem Gotte des Erbarmens
einen Altar setzen moechten, da wandten manche der Edelsten unwillig sich weg
von der sich selber entehrenden Vaterstadt. In keinem Lande der antiken Welt
sind die Sklaven mit solcher Humanitaet behandelt worden wie in Hellas; nicht
das Recht, aber die Sitte verbot dem Griechen, seine Sklaven an einen nicht
griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit aus dieser Landschaft den
eigentlichen Sklavenhandel. Nur hier finden wir in der Kaiserzeit bei den
Buergerschmaeusen und den Oelspenden an die Buergerschaft auch die unfreien
Leute mit bedachte ^27. Nur hier konnte ein unfreier Mann, wie Epiktetos unter
Traian, in seiner mehr als bescheidenen aeusseren Existenz in dem epirotischen
Nikopolis mit angesehenen Maennern senatorischen Standes in der Weise verkehren
wie Sokrates mit Kritias und Alkibiades, so dass sie seiner muendlichen
Belehrung wie Schueler dem Meister lauschten und die Gespraeche aufzeichneten
und veroeffentlichten. Die Milderungen der Sklaverei durch das Kaiserrecht gehen
wesentlich zurueck auf den Einfluss der griechischen Anschauungen, zum Beispiel
bei Kaiser Marcus, der zu jenem nikopolitanischen Sklaven wie zu seinem Meister
und Muster emporsah. Unuebertrefflich schildert der Verfasser eines unter den
lukianischen erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischen
Stadtbuergers in seinen engen Verhaeltnissen gegenueber dem vornehmen und
reichen, reisenden Publikum zweifelhafter Bildung oder auch unzweifelhafter
Rohen: wie man es dem reichen Auslaender abgewoehnt, im oeffentlichen Bade mit
einem Heer von Bedienten aufzuziehen, als ob er seines Lebens in Athen nicht
ohnehin sicher und nicht Frieden im Lande sei, wie man es ihm abgewoehnt, auf
der Strasse mit dem Purpurgewand sich zu zeigen, indem die Leute sich freundlich
erkundigen, ob es nicht das seiner Mama sei. Er zieht die Parallele zwischen
roemischer und athenischer Existenz: dort die beschwerlichen Gastereien und die
noch beschwerlicheren Bordelle, die unbequeme Bequemlichkeit der
Bedientenschwaerme und des haeuslichen Luxus, die Laestigkeiten der
Liederlichkeit, die Qualen des Ehrgeizes, all das Uebermass, die
Vielfaeltigkeit, die Unruhe des hauptstaedtischen Treibens; hier die Anmut der
Armut, die freie Rede im Freundeskreis, die Muse fuer geistigen Genuss, die
Moeglichkeit des Lebensfriedens und der Lebensfreude - "wie konntest du", fragt
ein Grieche in Rom den andern, "das Licht der Sonne, Hellas und sein Glueck und
seine Freiheit, um dieses Gedraenges willen verlassen?" In diesem Grundakkord
begegnen sich alle feiner und reiner organisierten Naturen dieser Epoche; eben
die besten Hellenen mochten nicht mit den Roemern tauschen. Kaum gibt es etwas
gleich Erfreuliches in der Literatur der Kaiserzeit wie Dions schon erwaehnte
euboeische Idylle: sie schildert die Existenz zweier Jaegerfamilien im einsamen
Walde, deren Vermoegen acht Ziegen sind, eine Kuh ohne Horn und ein schoenes
Kalb, vier Sicheln und drei Jagdspeere, welche weder von Geld noch von Steuern
etwas wissen, und die dann, vor die tobende Buergerversammlung der Stadt
gestellt, von dieser schliesslich unbehelligt entlassen werden zum Freuen und
zum Freien. Die reale Durchfuehrung dieser poetisch verklaerten Lebensauffassung
ist Plutarchos von Chaeroneia, einer der anmutigsten und belesensten und nicht
minder einer der wirksamsten Schriftsteller des Altertums. Einer vermoegenden
Familie jener kleinen boeotischen Landstadt entsprossen und erst daheim, dann in
Athen und in Alexandreia in die volle hellenische Bildung eingefuehrt, auch
durch seine Studien und vielfaeltige persoenliche Beziehungen sowie durch Reisen
in Italien mit roemischen Verhaeltnissen wohlvertraut, verschmaehte er es, nach
der ueblichen Weise der begabten Griechen in den Staatsdienst zu treten oder die
Professorenlaufbahn einzuschlagen; er blieb seiner Heimat treu, mit der
trefflichen Frau und den Kindern und mit den Freunden und Freundinnen des
haeuslichen Lebens im schoensten Sinne des Wortes geniessend, sich bescheidend
mit den Aemtern und Ehren, die sein Boeotien ihm zu bieten vermochte, und mit
dem maessigen angeerbten Vermoegen. In diesem Chaeroneer drueckt der Gegensatz
der Hellenen und der Hellenisierten sich aus; ein solches Griechentum war weder
in Smyrna moeglich noch in Antiocheia; es gehoerte zum Boden wie der Honig vom
Hymettos. Es gibt genug maechtigere Talente und tiefere Naturen, aber schwerlich
einen zweiten Schriftsteller, der mit so gluecklichem Mass sich in das
Notwendige mit Heiterkeit zu finden und so wie er den Stempel seines
Seelenfriedens und seines Lebensglueckes seinen Schriften aufzupraegen gewusst
hat.
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^27 Bei den Volksfesten, die in Tiberius' Zeit ein reicher Mann in
Akraephia in Boeotien ausrichtete, lud er die erwachsenen Sklaven, seine Gattin
die Sklavinnen mit den Freien zu Gaste (CIG 1625). In einer Stiftung zur
Verteilung von Oel in der Turnanstalt (gymnasion) von Gytheion in Lakonien wird
festgesetzt, dass an sechs Tagen im Jahr auch die Sklaven daran Anteil haben
sollen (Lebas-Foucart, n. 243 a). Aehnliche Spenden begegnen in Argos (CIG 1122,
1123).
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Die Selbstbeherrschung des Hellenismus kann auf dem Boden des oeffentlichen
Lebens sich nicht in der Reinheit und Schoenheit offenbaren wie in der stillen
Heimstatt, nach der die Geschichte und sie nach der Geschichte gluecklicherweise
nicht fragt. Wenden wir uns den oeffentlichen Verhaeltnissen zu, so ist mehr vom
Missregiment als vom Regiment zu berichten, sowohl der roemischen Regierung wie
der griechischen Autonomie. An gutem Willen fehlte es dort insofern nicht, als
der roemische Philhellenismus die Kaiserzeit noch viel entschiedener beherrscht
als die republikanische. Er aeussert sich ueberall im Grossen wie im Kleinen, in
der Fortfuehrung der Hellenisierung der oestlichen Provinzen und der Anerkennung
der doppelten offiziellen Reichssprache wie in den hoeflichen Formen, in welchen
die Regierung auch mit der kleinsten griechischen Gemeinde verkehrt und ihre
Beamten zu verkehren anhaelt ^28. Auch haben es die Kaiser an Gaben und Bauten
zu Gunsten dieser Provinz nicht fehlen lassen; und wenn auch das meiste der Art
nach Athen kam, so baute doch Hadrian eine grosse Wasserleitung zum Besten von
Korinth, Plus die Heilanstalt von Epidauros. Aber die ruecksichtsvolle
Behandlung der Griechen insgemein und die besondere Huld, welche dem
eigentlichen Hellas von der kaiserlichen Regierung zuteil wurde, weil es in
gewissem Sinn gleich wie Italien als Mutterland galt, sind weder dem Regiment
noch der Landschaft recht zum Vorteil ausgeschlagen. Der jaehrliche Wechsel der
Oberbeamten und die schlaffe Kontrolle der Zentralstelle liessen alle
senatorischen Provinzen, soweit das Statthalterregiment reichte, mehr den Druck
als den Segen einheitlicher Verwaltung empfinden, und diese doppelt bei ihrer
Kleinheit und ihrer Armut. Noch unter Augustus selbst machten diese Missstaende
sich in dem Grade geltend, dass es eine der ersten Regierungshandlungen seines
Nachfolgers war, sowohl Griechenland wie Makedonien in eigene Verwaltung zu
nehmen ^29, wie es hiess vorlaeufig, in der Tat auf die ganze Dauer seiner
Regierung. Es war sehr konstitutionell, aber vielleicht nicht ebenso weise, dass
Kaiser Claudius, als er zur Gewalt gelangte, die alte Ordnung wiederherstellte.
Seitdem hat es dann bei dieser sein Bewenden gehabt und ist Achaia nicht von
ernannten, sondern von erlosten Beamten verwaltet worden, bis diese
Verwaltungsform ueberhaupt abkam.
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^28 Auf eine der unzaehligen Beschwerden, mit welchen die kleinasiatischen
Staedte wegen ihrer Titel- und Rangstreitigkeiten die Regierung belaestigten,
antwortete Pius den Ephesiern (W. H. Waddington, Aristide, S. 51), erhoere gern,
dass die Pergamener ihnen die neue Titulatur gegeben haetten; die Smyrnaeer
haetten es wohl nur zufaellig unterlassen und wuerden sicher in Zukunft
gutwillig das Richtige tun, wenn auch sie, die Ephesier, ihnen ihre rechten
Titel beilegen wuerden. Einer kleinen lykischen Stadt, welche um Bestaetigung
eines von ihr gefassten Beschlusses bei dem Prokonsul einkommt, erwidert dieser
(O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884, Bd. 1, S. 71), treffliche
Anordnungen verlangten nur Lob, keine Bestaetigung; diese liege in der Sache.
Die Rhetorenschulen dieser Epoche liefern auch die Konzipienten fuer die
kaiserliche Kanzlei; aber dies tut es nicht allein. Es gehoert zum Wesen des
Prinzipals, das Untertanverhaeltnis nicht aeusserlich zu akzentuieren, und
namentlich nicht gegen Griechen.
^29 Eine formale Aenderung der Steuerordnung folgt an sich aus diesem
Wechsel nicht und ist auch bei Tacitus (ann. 1, 76) nicht angedeutet; wenn die
Einrichtung getroffen wird, weil die Provinzialen ueber Steuerdruck klagen
(onera deprecantes), so konnten bessere Statthalter durch zweckmaessige
Repartierung, eventuell durch Erwirkung von Remission, den Provinzen aufhelfen.
Dass die Befoerderung der Reichspost besonders in dieser Provinz als drueckende
Last empfunden ward, zeigt das Edikt des Claudius aus Tegea (Eph. epigr. V, p.
69).
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Aber bei weitem uebler noch stand es um die von dem Statthalterregiment
eximierten Gemeinden Griechenlands. Die Absicht, diese Gemeinwesen zu
beguenstigen, durch die Befreiung von Tribut und Aushebung wie nicht minder
durch die moeglichst geringe Beschraenkung der Rechte des souveraenen Staates,
hat, wenigstens in vielen Faellen, zu dem Gegenteil gefuehrt. Die innere
Unwahrheit der Institutionen raechte sich. Zwar bei den weniger bevorrechteten
oder besser verwalteten Gemeinden mag die kommunale Autonomie ihren Zweck
erfuellt haben; wenigstens vernehmen wir nicht, dass es mit Sparta, Korinth,
Patrae besonders uebel bestellt gewesen sei. Aber Athen war nicht geschaffen,
sich selbst zu verwalten, und bietet das abschreckende Bild eines von der
Obergewalt verhaetschelten und finanziell wie sittlich verkommenen Gemeinwesens.
Von Rechts wegen haette dasselbe in bluehendem Zustande sich befinden muessen.
Wenn es den Athenern misslang, die Nation unter ihrer Hegemonie zu vereinigen,
so ist diese Stadt doch die einzige Griechenlands wie Italiens gewesen, welche
die landschaftliche Einigung vollstaendig durchgefuehrt hat; ein eigenes Gebiet,
wie es die Attike ist, von etwa 40 Quadratmeilen, der doppelten Groesse der
Insel Ruegen, hat keine Stadt des Altertums sonst besessen. Aber auch ausserhalb
Attikas blieb ihnen, was sie besassen, sowohl nach dem Mithradatischen Kriege
durch Sullas Gnade wie nach der Pharsalischen Schlacht, in der sie auf Seiten
des Pompeius gestanden hatten, durch die Gnade Caesars - er fragte sie nur, wie
oft sie noch sich selber zugrunde richten und dann durch den Ruhm ihrer
Vorfahren retten lassen wollten. Der Stadt gehoerte immer noch nicht bloss das
ehemals haliartische Gebiet in Boeotien, sondern auch an ihrer eigenen Kueste
Salamis, der alte Ausgangspunkt ihrer Seeherrschaft, im Thrakischen Meer die
eintraeglichen Inseln Skyros, Lemnos und Imbros sowie im Aegaeischen Delos;
freilich war diese Insel seit dem Ende der Republik nicht mehr das zentrale
Emporium des Handels mit dem Osten, nachdem der Verkehr sich von da weg nach den
Haefen der italischen Westkueste gezogen hatte, und es war dies fuer die Athener
ein unersetzlicher Verlust. Von den weiteren Verleihungen, die sie Antonius
abzuschmeicheln gewusst hatten, nahm ihnen Augustas, gegen den sie Partei
ergriffen hatten, allerdings Aegina und Eretria auf Euboea, aber die kleineren
Inseln des Thrakischen Meeres, Ikos, Peparethos, Skiathos, ferner Keos vor der
Sunischen Landspitze durften sie behalten; und Hadrian gab ihnen weiter den
besten Teil der grossen Insel Kephallenia im Ionischen Meer. Erst durch den
Kaiser Severus, der ihnen nicht wohlwollte, wurde ihnen ein Teil dieser
auswaertigen Besitzungen entzogen. Hadrian gewaehrte ferner den Athenern die
Lieferung eines gewissen Quantums von Getreide auf Kosten des Reiches und
erkannte durch die Erstreckung dieses, bisher der Reichshauptstadt vorbehaltenen
Privilegiums Athen gleichsam an als eine der Reichsmetropolen. Nicht minder
wurde das segensreiche Institut der Alimentarstiftungen, dessen Italien sich
seit Traian erfreute, von Hadrian auf Athen ausgedehnt und das dazu
erforderliche Kapital sicher aus seiner Schatulle den Athenern geschenkt. Eine
Wasserleitung, die er ebenfalls seinem Athen widmete, wurde erst nach seinem
Tode von Pius vollendet. Dazu kam der Zusammenfluss der Reisenden und der
Studierenden und die in immer steigender Zahl von den roemischen Grossen und den
auswaertigen Fuersten der Stadt verliehenen Stiftungen. Dennoch war die Gemeinde
in stetiger Bedraengnis. Mit dem Buergerrecht wurde nicht bloss das ueberall
uebliche Geschaeft auf Nehmen und Geben, sondern foermlich und offenkundig
Schacher getrieben, so dass Augustas mit einem Verbot dagegen einschritt. Einmal
ueber das andere beschloss der Rat von Athen, diese oder jene seiner Inseln zu
verkaufen, und nicht immer fand sich ein opferwilliger Reicher gleich dem Iulius
Nikanor, der unter Augustas den bankrotten Athenern die Insel Salamis
zurueckkaufte und dafuer von dem Rat derselben den Ehrentitel des "neuen
Themistokles" sowie, da er auch Verse machte, nebenbei den des "neuen Homer" und
mit den edlen Ratsherren zusammen von dem Publikum den wohlverdienten Hohn
erntete. Die prachtvollen Bauten, mit denen Athen fortfuhr sich zu schmuecken,
erhielt es ohne Ausnahme von den Fremden, unter anderen von den reichen Koenigen
Antiochos von Kommagene und Herodes von Judaea, vor allen aber von dem Kaiser
Hadrian, der eine voellige "Neustadt" (novae Athenae) am Ilisos anlegte und
ausser zahllosen anderen Gebaeuden, darunter dem schon erwaehnten Panhellenion,
das Wunder der Welt, den von Peisistratos begonnenen Riesenbau des Olympieion
mit seinen 120, zum Teil noch stehenden Saeulen, den groessten von allen, die
heute aufrecht sind, sieben Jahrhunderte nach seinem Beginn in wuerdiger Weise
abschloss. Selbst hatte diese Stadt kein Geld, nicht bloss fuer ihre
Hafenmauern, die jetzt allerdings entbehrlich waren, sondern nicht einmal fuer
den Hafen. Zu Augusts Zeit war der Peiraeeus ein geringes Dorf von wenigen
Haeusern, nur besucht wegen der Meisterwerke der Malerei in den Tempelhallen.
Handel und Industrie gab es in Athen fast nicht mehr, oder fuer die
Buergerschaft insgemein wie fuer den einzelnen Buerger nur ein einziges
bluehendes Gewerbe, den Bettel. Auch blieb es nicht bei der Finanzbedraengnis.
Die Welt hatte wohl Frieden, aber nicht die Strassen und Plaetze von Athen. Noch
unter Augustas hat ein Aufstand in Athen solche Verhaeltnisse angenommen, dass
die roemische Regierung gegen die Freistadt einschreiten musste ^30; und wenn
auch dieser Vorgang vereinzelt steht, so gehoerten Auflaeufe auf der Gasse wegen
der Brotpreise und aus anderen geringfuegigen Anlaessen in Athen zur
Tagesordnung. Viel besser wird es in zahlreichen anderen Freistaedten nicht
ausgesehen haben, von denen weniger die Rede ist. Einer solchen Buergerschaft
die Kriminaljustiz unbeschraenkt in die Hand zu geben, war kaum zu verantworten;
und doch stand dieselbe den zu internationaler Foederation zugelassenen
Gemeinden, wie Athen und Rhodos, von Rechts wegen zu. Wenn der athenische
Areopag in augustischer Zeit sich weigerte, einen wegen Faelschung verurteilten
Griechen auf die Verwendung eines vornehmen Roemers hin von der Strafe zu
entbinden, so wird er in seinem Recht gewesen sein; aber dass die Kyzikener
unter Tiberius roemische Buerger einsperrten, unter Claudius gar die Rhodier
einen roemischen Buerger ans Kreuz schlugen, waren auch formale
Rechtsverletzungen, und ein aehnlicher Vorgang hat unter Augustus den Thessalern
ihre Autonomie gekostet. Uebermut und Uebergriff wird durch die Machtlosigkeit
nicht ausgeschlossen, nicht selten von den schwachen Schutzbefohlenen eben
daraufhin gewagt. Bei aller Achtung fuer grosse Erinnerungen und beschworene
Vertraege mussten doch jeder gewissenhaften Regierung diese Freistaaten nicht
viel minder als ein Bruch in die allgemeine Rechtsordnung erscheinen, wie das
noch viel altheiligere Asylrecht der Tempel.
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^30 Der athenische Aufstand unter Augustus ist sicher beglaubigt durch die
aus Africanus geflossene Notiz bei Eusebius zum Jahre Abrahams 2025 (daraus
Oros. hist. 6, 22, 2). Die Auflaeufe gegen den Strategen werden oft erwaehnt:
Plut. q. sympos. 8, 3 z. A.; (Lucian) Demonax 11, 64; vit. soph. 1, 23. 2, 1,
11.
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Schliesslich griff die Regierung durch und stellte die freien Staedte
hinsichtlich ihrer Wirtschaft unter die Oberaufsicht von Beamten kaiserlicher
Ernennung, die allerdings zunaechst als ausserordentliche Kommissarien "zur
Korrektur der bei den Freistaedten eingerissenen Uebelstaende" charakterisiert
werden und davon spaeterhin die Bezeichnung Korrektoren als titulare fuehren.
Die Anfaenge derselben lassen sich bis in die traianische Zeit verfolgen; als
stehende Beamte finden wir sie in Achaia im dritten Jahrhundert. Diese, neben
den Prokonsuln fungierenden, vom Kaiser bestellten Beamten finden in keinem Teil
des Roemischen Reichs so frueh sich ein und sind in keinem so frueh staendig
geworden sie in dem halb aus Freistaedten bestehenden Achaia.
Das an sich wohlberechtigte und durch die Haltung der roemischen Regierung
wie vielleicht noch mehr durch die des roemischen Publikums genaehrte
Selbstgefuehl der Hellenen, das Bewusstsein des geistigen Primats rief daselbst
einen Kultus der Vergangenheit ins Leben, der sich zusammensetzt aus dem treuen
Festhalten an den Erinnerungen groesserer und gluecklicherer Zeiten und dem
barocken Zurueckdrehen der gereiften Zivilisation auf ihre zum Teil sehr
primitiven Anfaenge. Zu den auslaendischen Kulten, wenn man absieht von dem
schon frueher durch die Handelsverbindungen eingebuergerten Dienst der
aegyptischen Gottheiten, namentlich der Isis, haben die Griechen im eigentlichen
Hellas sich durchgehend ablehnend verhalten; wenn dies von Korinth am wenigsten
gilt, so ist dies auch die am wenigsten griechische Stadt von Hellas. Die alte
Landesreligion schuetzt nicht der innige Glaube, von dem diese Zeit sich laengst
geloest hatte ^31; aber die heimische Weise und das Gedaechtnis der
Vergangenheit haften vorzugsweise an ihr und darum wird sie nicht bloss mit
Zaehigkeit festgehalten, sondern sie wird auch, zum guten Teil durch gelehrte
Repristination, im Laufe der Zeit immer starrer und altertuemlicher, immer mehr
ein Sonderbesitz der Studierten.
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^31 Dem Beamten, auch dem gebildeten, das heisst dem Freidenker, wird
angeraten, die Spenden, die er mache, an die religioesen Feste anzuknuepfen;
denn die Menge werde in ihrem Glauben bestaerkt, wenn sie sehe, dass auch die
Vornehmen der Stadt auf die Goetterverehrung etwas geben und sogar dafuer etwas
aufwenden (Plut. praec. ger. reip. 30).
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Aehnlich verhaelt es sich mit dem Kultus der Stammbaeume, in welchem die
Hellenen dieser Zeit ungemeines geleistet und die adelsstolzesten Roemer weit
hinter sich gelassen haben. In Athen spielt das Geschlecht der Eumolpiden eine
hervorragende Rolle bei der Reorganisierung des Eleusinischen Festes unter
Marcus. Dessen Sohn Commodus verlieh dem Haupt des Geschlechtes der Keryken das
roemische Buergerrecht, und aus demselben stammt der tapfere und gelehrte
Athener, der, .fast wie Thukydides, mit den Goten schlug und dann den Gotenkrieg
beschrieb. Des Marcus Zeitgenosse, der Professor und Konsular Herodes Atticus,
gehoerte ebendiesem Geschlechte an, und sein Hofpoet singt von ihm, dass dem
hochgeborenen Athener, dem Nachkommen des Hermes und der Kekropstochter Herse,
der rote Schuh des roemischen Patriziats wohl angestanden habe, waehrend einer
seiner Lobredner in Prosa ihn als Aeakiden feiert und zugleich als Abkoemmling
von Miltiades und Kimon. Aber auch Athen wurde hierin noch weit ueberboten von
Sparta; mehrfach begegnen Spartiaten, die sich der Herkunft von den Dioskuren,
dem Herakles, dem Poseidon und des seit vierzig und mehr Generationen in ihrem
Hause erblichen Priestertums dieser Altvordern beruehmen. Es ist
charakteristisch fuer dieses Adelsrum, dass es sich hauptsaechlich erst mit dem
Ende des zweiten Jahrhunderts einstellt; die Heraldiker, welche diese
Geschlechtstafeln entwarfen, werden fuer die Beweisstuecke weder in Athen noch
in Sparta die Goldwaage angewandt haben.
Dieselbe Tendenz zeigt sich in der Behandlung der Sprache oder vielmehr der
Dialekte. Waehrend in dieser Zeit in den sonstigen griechisch redenden Laendern
und auch in Hellas im gewoehnlichen Verkehr das sogenannte gemeine, im
wesentlichen aus der attischen Mundart heraus verschliffene Griechisch
vorherrscht, strebt die Schriftsprache dieser Epoche nicht bloss nach der
Beseitigung der eingerissenen Sprachfehler und Neuerungen, sondern vielfach
werden dialektische Besonderheiten, dem Sprachgebrauch entgegen, wieder
aufgenommen und hier, wo er am wenigsten berechtigt war, der alte
Partikularismus in scheinhafter Weise zurueckgefuehrt. Den Standbildern, welche
die Thespier den Musen im Hain des Helikon setzten, wurden auf gut boeotisch die
Namen Orania und Thalea beigeschrieben, waehrend die dazu gehoerigen Epigramme,
verfasst von einem Poeten roemischen Namens, sie auf gut ionisch Uranie und
Thaleie nannten, und die nicht gelehrten Boeoter, wenn sie sie kannten, sie
nannten, wie alle anderen Griechen, Urania und Thaleia. Von den Spartanern vor
allem ist darin Unglaubliches geleistet und nicht selten mehr fuer den Schatten
des Lykurgos als fuer die zur Zeit lebenden Aelier und Aurelier geschrieben
worden ^32. Daneben kommt der korrekte Gebrauch der Sprache in dieser Zeit auch
in Hellas allmaehlich ins Schwanken; Archaismen und Barbarismen gehen in den
Dokumenten der Kaiserzeit haeufig friedlich nebeneinander her. Athens sehr mit
Fremden gemischte Bevoelkerung hat in dieser Hinsicht sich zu keiner Zeit
besonders ausgezeichnet ^33, und obwohl die staedtischen Urkunden sich
verhaeltnismaessig rein halten, macht doch seit Augustus die allgemein
einreissende Sprachverderbnis auch hier sich fuehlbar. Die strengen Grammatiker
der Zeit haben ganze Buecher gefuellt mit den Sprachschnitzern, die der eben
erwaehnte, viel gefeierte Rhetor Herodes Atticus und die uebrigen beruehmten
Schulredner des zweiten Jahrhunderts sich zuschulden kommen liessen ^34, ganz
abgesehen von der verzwickten Kuenstelei und der manierierten Pointierung ihrer
Rede. Die eigentliche Verwilderung aber in Sprache und Schrift reisst in Athen
und ganz Griechenland, eben wie in Rom, ein mit Septimius Severus ^35.
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^32 Ein Musterstueck ist die Inschrift (Lebas-Foucart II, S. 142, n. 162)
des M(ark/o/r) Ayr(/e/lior) Ze?xippoy o kai Kleandror PHilomois/o/, eines
Zeitgenossen also des Pius und Marcus, welcher war iere?s Lethkippid/o/n kai
Tindaridan, der Dioskuren und ihrer Gattinnen, der Toechter des Leukippos, aber,
damit zu dem Alten das Neue nicht fehle, auch archiereos t/o/ Sebast/o/ kai
t/o/on thei/o/n progon/o/n /o/t/o/. Er war in seiner Jugend ferner gewesen
boyagor mikkichiddomen/o/n, woertlich Stierfuehrer der Kleinen, naemlich
Anfuehrer der dreijaehrigen Knaben - die lykurgischen Knabenherden gingen mit
dem siebenten Jahr an, aber seine Nachfahren hatten das Fehlende nachgeholt und
von den Einjaehrigen an alle eingeherdet und mit "Fuehrern" versehen. Dieser
selbe Mann siegte (neikaar = nik/e/sas) kass/e/ratorin, m/o/an kai l/o/an; was
das heisst, weiss vielleicht Lykurgos.
^33 "Das innere Attika", sagt ein Bewohner desselben bei Philostratos (vit.
soph. 2, 7), "ist eine gute Schule fuer den, der sprechen lernen will; die
Stadtbewohner dagegen von Athen, welche den aus Thrakien und dem Pontus und
andern barbarischen Landschaften herbeistroemenden jungen Leuten Wohnungen
vermieten, lassen mehr durch sie ihre Sprache sich verderben als dass sie ihnen
das gute Sprechen beibringen. Aber im Binnenland, dessen Bewohner nicht mit
Barbaren vermischt sind, ist die Aussprache und die Rede gut".
^34 Karl Keil (RE 1, z. Aufl., S. 2100) weist hin auf tinos fuer /e/s tinos
und ta ch/o/ria gegonan der Inschrift der Gattin des Herodes (CIL VI, 1342).
^35 Dittenberger in Hermes 1, 1866, S. 414. Dahin gehoert auch, was der
plumpe Vertreter des Apollonios seinen Helden an die alexandrinischen
Professoren schreiben laesst (ep. 34), dass er Argos, Sikyon, Megara, Phokis,
Lokris verlassen habe, um nicht, wenn er laenger in Hellas verweile, voellig zum
Barbaren zu werden.
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Die Schadhaftigkeit der hellenischen Existenz lag in der Beschraenktheit
ihres Kreises: es mangelte dem hohen Ehrgeiz an dem entsprechenden Ziel und
darum ueberwucherte die niedere und erniedrigende Ambition. Auch in Hellas
fehlte es nicht an einheimischen Familien von grossem Reichtum und bedeutendem
Einfluss ^36. Das Land war wohl im ganzen arm, aber es gab doch Haeuser von
ausgedehntem Grundbesitz und altbefestigtem Wohlstand. In Sparta zum Beispiel
hat das des Lachares von Augustus bis wenigstens in die hadrianische Zeit eine
Stellung eingenommen, welche tatsaechlich von dem Fuerstentum nicht allzuweit
abstand. Den Lachares hatte Antonius wegen Erpressung hinrichten lassen. Dafuer
war dessen Sohn Eurykles einer der entschiedensten Parteigaenger Augusts und
einer der tapfersten Kapitaene in der entscheidenden Seeschlacht, der fast den
besiegten Feldherrn persoenlich zum Gefangenen gemacht haette; er empfing von
dem Sieger unter anderen reichen Gaben als Privateigentum die Insel Kythere
(Cerigo). Spaeter spielte er eine hervorragende und bedenkliche Rolle, nicht
bloss in seinem Heimatland, ueber welches er eine dauernde Vorstandschaft
ausgeuebt haben muss, sondern auch an den Hoefen von Jerusalem und Caesarea,
wobei das dem Spartiaten von den Orientalen gezollte Ansehen nicht wenig
mitwirkte. Deswegen von dem Kaisergericht mehrfach zur Verantwortung gezogen,
wurde er schliesslich verurteilt und ins Exil gesandt; aber der Tod entzog ihn
rechtzeitig den Folgen des Urteilsspruches und sein Sohn Lakon trat in das
Vermoegen und wesentlich auch, wenngleich in vorsichtigerer Form, in die
Machtstellung des Vaters ein. Aehnlich stand in Athen das Geschlecht des oft
genannten Herodes; wir koennen dasselbe aufsteigend durch vier Generationen bis
in die Zeit Caesars zurueckverfolgen, und ueber des Herodes Grossvater ist,
aehnlich wie ueber den Spartaner Eurykles, wegen seiner uebergreifenden
Machtstellung in Athen die Konfiskation verhaengt worden. Die ungeheuren
Latifundien, welche der Enkel in seiner armen Heimat besass, die zu Grabzwecken
seiner Lustknaben verwendeten weiten Flaechen erregten den Unwillen selbst der
roemischen Statthalter. Derartige maechtige Familien gab es vermutlich in den
meisten Landschaften von Hellas, und wenn sie auf dem Landtag der Provinz in der
Regel entschieden, so waren sie auch in Rom nicht ohne Verbindungen und
Einfluss. Aber obwohl diejenigen rechtlichen Schranken, welche den Gallier und
den Alexandriner noch nach erlangtem Buergerrecht vom Reichssenat ausschlossen,
diesen vornehmen Griechen schwerlich entgegenstanden, vielmehr unter den Kaisern
diejenige politische und militaerische Laufbahn, welche dem Italiker sich
darbot, von Rechts wegen dem Hellenen gleichfalls offenstand, so sind dieselben
doch tatsaechlich erst in spaeter Zeit und in beschraenktem Umfang in den
Staatsdienst eingetreten, zum Teil wohl, weil die roemische Regierung der
frueheren Kaiserzeit die Griechen als Auslaender ungern zuliess, zum Teil, weil
diese selbst die mit dem Eintritt in diese Laufbahn verknuepfte Uebersiedlung
nach Rom scheuten und es vorzogen, statt einer mehr unter den vielen Senatoren
daheim die ersten zu sein. Erst des Lachares Urenkel Herklanos ist in
traianischer Zeit, und in der Familie des Herodes wahrscheinlich zuerst dessen
Vater um dieselbe Zeit in den roemischen Senat eingetreten ^37.
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^36 Tacitus (zum Jahre 62 ann. 15, 20) charakterisiert einen dieser reichen
und einflussreichen Provinzialen, den Claudius Timarchides aus Kreta, der in
seinem Kreis allmaechtig ist (ut solent praevalidi provincialium et opibus
nimiis ad iniurias minorum elati) und ueber den Landtag, also auch ueber das
obligate, aber fuer den abgehenden Prokonsul mit Ruecksicht auf die moeglichen
Rechenschaftsklagen sehr wuenschenswerte Danksagungsdekret desselben verfuegt
(in sua potestate situm, an proconsulibus, qui Cretam obtinuissent, grates
agerentur). Die Opposition beantragt die Untersagung dieser Dankdekrete, aber es
gelingt ihr nicht, den Antrag zur Abstimmung zu bringen. Von einer andern Seite
schildert Plutarch (praec. ger. reip. 19, 3) diese vornehmen Griechen.
^37 Herodes war ex ypat/o/n (vit. soph. 1, 25, 5, p. 536), etelei ek
pater/o/n es to?s disypatoys (das. 2 z. A., p. 545). Sonst ist von Konsulaten
seiner Ahnen nichts bekannt; aber sicher ist der Grossvater Hipparchos nicht
Senator gewesen. Moeglicherweise handelt es sich sogar nur um kognatische
Aszendenten. Das roemische Buergerrecht hat die Familie nicht unter den Juliern
(vgl. CIA III, 489), sondern erst unter den Claudiern empfangen.
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Die andere Laufbahn, welche erst in der Kaiserzeit sich auftat, der
persoenliche Dienst des Kaisers, gab wohl im guenstigen Fall Reichtum und
Einfluss und ist auch frueher und haeufiger von den Griechen betreten worden;
aber da die meisten und wichtigsten dieser Stellungen an den Offizierdienst
geknuepft waren, scheint auch fuer diese laengere Zeit ein faktischer Vorzug der
Italiker bestanden zu haben und war der gerade Weg auch hier den Griechen
einigermassen verlegt. In untergeordneten Stellungen sind Griechen am
kaiserlichen Hofe von jeher und in grosser Anzahl verwendet worden und auf
Umwegen oftmals zu Vertrauen und Einfluss gelangt; aber dergleichen
Persoenlichkeiten kamen mehr aus den hellenisierten Landschaften als aus Hellas
selbst und am wenigsten aus den besseren hellenischen Haeusern. Fuer die
legitime Ambition des jungen Mannes von Herkunft und Vermoegen gab es, wenn er
ein Grieche war, im roemischen Kaiserreich nur beschraenkten Spielraum.
Es blieb ihm die Heimat, und in dieser fuer das gemeine Wohl taetig zu
sein, war allerdings Pflicht und Ehre. Aber es waren sehr bescheidene Pflichten
und noch viel bescheidenere Ehren. "Eure Aufgabe", sagt Dion weiter seinen
Rhodiern, "ist eine andere, als die der Vorfahren war. Sie konnten ihre
Tuechtigkeit nach vielen Seiten hin entwickeln, nach dem Regiment streben, den
Unterdrueckten beistehen, Bundesgenossen gewinnen, Staedte gruenden, kriegen und
siegen; von allem dem vermoegt ihr nichts mehr zu tun. Es bleibt euch die
Fuehrung des Hauswesens, die Verwaltung der Stadt, die Verleihung von Ehren und
Auszeichnungen mit Wahl und Mass, der Sitz im Rat und im Gericht, der
Gottesdienst und die Feier der Feste; in allem diesem koennt ihr euch vor andern
Staedten auszeichnen. Auch das ist nichts Geringes, die anstaendige Haltung, die
Sorgfalt fuer Haar und Bart, der gesetzte Gang auf der Strasse, so dass bei euch
selbst die anders gewoehnten Fremden sich es abgewoehnen zu rennen, die
schickliche Tracht, sogar, wenn es auch laecherlich erscheinen mag, der schmale
und knappe Purpursaum, die Ruhe im Theater, das Masshalten im Klatschen: das
alles macht die Ehre eurer Stadt, und mehr als in euren Haefen und Mauern und
Docks zeigt sich hierin das gute alte hellenische Wesen und erkennt hierin auch
der Barbar, der den Namen der Stadt nicht weiss, dass er in Griechenland ist und
nicht in Syrien oder Kilikien." Das traf alles zu; aber wenn es jetzt nicht mehr
von dem Buerger verlangt ward, fuer die Vaterstadt zu sterben, so war doch die
Frage nicht ohne Berechtigung, ob es noch der Muehe wert sei, fuer diese
Vaterstadt zu leben. Es gibt von Plutarchos eine Auseinandersetzung ueber die
Stellung der griechischen Gemeindebeamten zu seiner Zeit, worin er mit der ihm
eigenen Billigkeit und Umsicht diese Verhaeltnisse eroertert. Die alte
Schwierigkeit, die gute Verwaltung der oeffentlichen Angelegenheiten zu fuehren
mittels der Majoritaeten der unsicheren, launenhaften, oft mehr den eigenen
Vorteil als den des Gemeinwesens bedenkenden Buergerschaft oder auch der sehr
zahlreichen Ratsversammlung - die athenische zaehlte in der Kaiserzeit erst 600,
dann 500, spaeter 750 Stadtraete -, bestand wie frueher, so auch jetzt; es ist
die Pflicht des tuechtigen Beamten zu verhindern, dass das "Volk" nicht dem
einzelnen Buerger Unrecht tut, nicht das Privatvermoegen unerlaubterweise an
sich zieht, nicht das Gemeindegut unter sich verteilt - Aufgaben, die dadurch
nicht leichter werden, dass der Beamte kein Mittel dafuer hat als die
verstaendige Ermahnung und die Kunst des Demagogen, dass ihm ferner geraten
wird, in kleinen Dingen nicht allzu sproede zu sein und wenn bei einem Stadtfest
eine maessige Spende an die Buergerschaft in Antrag kommt, es nicht solcher
Kleinigkeit wegen mit den Leuten zu verderben. Im uebrigen aber hatten die
Verhaeltnisse sich voellig veraendert, und es muss der Beamte in die
gegenwaertigen sich schicken lernen. Vor allem hat er die Machtlosigkeit der
Hellenen sich selbst wie den Mitbuergern jeden Augenblick gegenwaertig zu
halten. Die Freiheit der Gemeinde reicht soweit die Herrscher sie gestatten, und
ein Mehr wuerde auch wohl vom Uebel sein. Wenn Perikles die Amtstracht anlegte,
so rief er sich zu, nicht zu vergessen, dass er ueber Freie und Griechen
herrsche; heute hat der Beamte sich zu sagen, dass er unter einem Herrscher
herrsche, ueber eine den Prokonsuln und den kaiserlichen Prokuratoren
untergebene Stadt, dass er nichts sein koenne und duerfe als das Organ der
Regierung, dass ein Federstrich des Statthalters genuege, um jedes seiner
Dekrete zu vernichten. Darum ist es die erste Pflicht eines guten Beamten, sich
mit den Roemern in gutes Einvernehmen zu setzen und womoeglich einflussreiche
Verbindungen in Rom anzuknuepfen, damit diese der Heimat zugute kommen. Freilich
warnt der rechtschaffene Mann eindringlich vor der Servilitaet; noetigenfalls
soll der Beamte mutig dem schlechten Statthalter entgegentreten, und als die
hoechste Leistung erscheint die entschlossene Vertretung der Gemeinde in solchen
Konflikten in Rom vor dem Kaiser. In bezeichnender Weise tadelt er scharf
diejenigen Griechen, die - ganz wie in den Zeiten des Achaeischen Bundes - bei
jedem oertlichen Hader die Intervention des roemischen Statthalters
herbeifuehren, und mahnt dringend, die Gemeindeangelegenheiten lieber innerhalb
der Gemeinde zu erledigen, als durch Appellation sich nicht so sehr der
Oberbehoerde, als den bei ihr taetigen Sachwaltern und Advokaten in die Haende
zu liefern. Alles dieses ist verstaendig und patriotisch, so verstaendig und so
patriotisch wie einstmals die Politik des Polybios, auf die auch ausdruecklich
hingewiesen wird. In dieser Epoche des voelligen Weltfriedens, wo es weder einen
Griechen- noch einen Barbarenkrieg irgendwo gibt, wo die staedtischen Kommandos,
die staedtischen Friedensschluesse und Buendnisse lediglich der Geschichte
angehoeren, war der Rat sehr am Platze, Marathon und Plataeae den Schulmeistern
zu ueberlassen und nicht die Koepfe der Ekklesia mit dergleichen grossen Worten
zu erhitzen, vielmehr in dem engen Kreise der noch gestatteten freien Bewegung
sich zu bescheiden. Aber die Welt gehoert nicht dem Verstande, sondern der
Leidenschaft. Der hellenische Buerger konnte auch jetzt noch gegen das Vaterland
seine Pflicht tun; aber fuer den rechten politischen, nach Grossem ringenden
Ehrgeiz, fuer die Perikleische und Alkibiadische Leidenschaft war in diesem
Hellas, vom Schreibtisch etwa abgesehen, nirgends ein Raum, und in der Luecke
wucherten die Giftkraeuter, die da, wo das hohe Streben erstickt ist, die
Menschenbrust versehren und das Menschenherz vergiften.
Darum ist Hellas auch das Mutterland der heruntergekommenen, inhaltlosen
Ambition, unter den vielen schweren Schaeden der sinkenden antiken Zivilisation
vielleicht des am meisten allgemeinen, und sicher eines der verderblichsten.
Dabei stehen in erster Reihe die Volksfeste mit ihrer Preiskonkurrenz. Die
olympischen Wettkaempfe stehen dem jugendlichen Volk der Hellenen wohl an; das
allgemeine Turnerfest der griechischen Staemme und Staedte und der nach dem
Spruch der "Hellasrichter" dem tuechtigsten Wettlaeufer aus den Zweigen des
Oelbaums geflochtene Kranz ist der unschuldige und einfache Ausdruck der
Zusammengehoerigkeit der jungen Nation. Aber die politische Entwicklung hatte
bald ueber diese Morgenroete hinausgefuehrt. Schon in den Tagen des Athenischen
Seebundes und gar erst der Alexandermonarchie war jenes Hellenenfest ein
Anachronismus, ein im Mannesalter fortgefuehrtes Kinderspiel; dass der Besitzer
jenes Oelkranzes wenigstens sich und seinen Mitbuergern als Inhaber des
nationalen Primats galt, kam ungefaehr darauf hinaus, wie wenn man in England
die Sieger der Studentenregatten mit Pitt und Beaconsfield in eine Linie stellen
wollte. Die Ausdehnung der hellenischen Nation durch Kolonisierung und
Hellenisierung fand in ihrer idealen Einheit und realen Zerfahrenheit in diesem
traumhaften Reich des Olivenkranzes ihren rechten Ausdruck; und die griechische
Realpolitik der Diadochenzeit hat sich denn auch um dasselbe, wie billig, wenig
bekuemmert. Aber als die Kaiserzeit in ihrer Weise den panhellenischen Gedanken
aufnahm und die Roemer in die Rechte und die Pflichten der Hellenen eintraten,
da blieb oder ward fuer das roemische Allhellas Olympia das rechte Symbol;
erscheint doch unter Augustus der erste roemische Olympionike, und zwar kein
geringerer als Augustus' Stiefsohn, der spaetere Kaiser Tiberius ^38. Das nicht
reinliche Ehebuendnis, welches das Allhellenentum mit dem Daemon des Spiels
einging, machte aus diesen Festen eine ebenso maechtige und dauernde wie im
allgemeinen und besonders fuer Hellas schaedliche Institution. Die gesamte
hellenische und hellenisierende Welt beteiligte sich daran, sie beschickend und
sie nachahmend; ueberall sprangen aehnliche, fuer die ganze griechische Welt
bestimmte Feste aus dem Boden und die eifrige Anteilnahme der breiten Massen,
das allgemeine Interesse fuer den einzelnen Wettkaempfer, der Stolz des Siegers
nicht bloss, sondern seines Anhangs und seiner Heimat liessen fast vergessen, um
welche Dinge eigentlich gestritten ward. Die roemische Regierung liess diesem
Wetturnen und den sonstigen Wettkaempfen nicht bloss freien Lauf, sondern
beteiligte das Reich an denselben; das Recht der feierlichen Einholung des
Siegers in seine Heimatstadt hing in der Kaiserzeit nicht von dem Belieben der
betreffenden Buergerschaft ab, sondern wurde den einzelnen Spielinstituten durch
kaiserliches Privilegium verliehen ^39 und in diesem Fall auch die dem Sieger
zustehende jaehrliche Pension (sit/e/sis) auf die Reichskasse uebernommen, die
bedeutenderen Spielinstitute also geradezu als Reichseinrichtungen behandelt.
Dieses Spielwesen erfasste wie das Reich selbst so alle Provinzen; immer aber
war das eigentliche Griechenland der ideale Mittelpunkt solcher Kaempfe und
Siege, hier ihre Heimat am Alpheios, hier der Sitz der aeltesten Nachbildungen,
der noch der grossen Zeit des hellenischen Namens angehoerigen und von ihren
klassischen Dichtern verherrlichten Pythien, Isthmien und Nemeen, nicht minder
einer Anzahl juengerer, aber reich ausgestatteter, aehnlicher Feste, der
Eurykleen, die der oben erwaehnte Herr von Sparta unter Augustus gegruendet, der
athenischen Panathenaeen, der von Hadrian mit kaiserlicher Munifizenz dotierten,
ebenfalls in Athen gefeierten Panhellenien. Man durfte sich verwundern, dass die
ganze Welt des weiten Reiches sich um diese Turnfeste zu drehen schien, aber
nicht darueber, dass an diesem seltsamen Zauberbecher vor allem die Hellenen
sich berauschten, und dass das politische Stilleben, das ihre besten Maenner
ihnen anempfahlen, durch die Kraenze und die Statuen und die Privilegien der
Festsieger in schaedlichster Weise verwirrt ward.
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^38 Der erste roemische Olympionike, von dem wir wissen, ist Ti. Claudius
Ti. f. Nero, ohne Zweifel der spaetere Kaiser, mit dem Viergespann
(Archaeologische Zeitung 38, 1880, S. 53); es faellt dieser Sieg wahrscheinlich
Ol. 195 (n. Chr. 1), nicht Ol. 199 (n. Chr. 17), wie die Liste des Africanus
angibt (Eus. thron. 1, p. 214 Schoene). In diesem Jahre siegte vielmehr sein
Sohn Germanicus, ebenfalls mit dem Viergespann (Archaeologische Zeitung 37,
1879, S. 36). Unter den eponymen Olympioniken, den Siegern im Stadium, findet
sich kein Roemer; diese Verletzung des griechischen Nationalgefuehls scheint
vermieden worden zu sein.
^39 Ein also privilegiertes Spielinstitut heisst ag/o/n ieros, certamen
sacrum (das heisst mit Pensionierung: Dio Sl, 1) oder ag/o/n eiselastikos,
certamen iselasticum (vgl. unter anderen Plin. ep. ad Trai. 118, 119; CIL X,
515). Auch die Xystarchie wird, wenigstens in gewissen Faellen, vom Kaiser
verliehen (Dittenberger in Heymes 12, 1877, S. 17f.). Nicht mit Unrecht nennen
diese Institute sich "Weltspiele" (ag/o/n oikoymenikos).
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Einen aehnlichen Weg gingen die staedtischen Institutionen, allerdings im
ganzen Reich, aber wiederum vorzugsweise in Hellas. Als es dort noch grosse
Ziele und einen Ehrgeiz gab, hatte in Hellas, eben wie in Rom, die Bewerbung um
die Gemeindeaemter und die Gemeindeehren den Mittelpunkt des politischen
Wetteifers gebildet und neben vielem Leeren, Laecherlichen, Boesartigen auch die
tuechtigsten und edelsten Leistungen hervorgerufen. Jetzt war der Kern
verschwunden, die Schale geblieben; in Panopeus im Phokischen standen zwar die
Haeuser ohne Dach und wohnten die Buerger in Huetten, aber es war noch eine
Stadt, ja ein Staat, und bei dem Aufzug der phokischen Gemeinden fehlten die
Panopeer nicht. Diese Staedte trieben mit ihren Aemtern und Priestertuemern, mit
den Belobigungsdekreten durch Heroldsruf und den Ehrensitzen bei den
oeffentlichen Versammlungen, mit dem Purpurgewand und dem Diadem, mit den
Statuen zu Fuss und zu Ross ein Eitelkeits- und Geldgeschaeft schlimmer als der
kleinste Duodezfuerst der neueren Zeit mit seinen Orden und Titeln. Es wird ja
auch in diesen Vorgaengen das wirkliche Verdienst und die ehrliche Dankbarkeit
nicht gefehlt haben; aber durchgaengig war es ein Handel auf Geben und Nehmen
oder, mit Plutarch zu reden, ein Geschaeft wie zwischen der Kurtisane und ihren
Kunden. Wie heutzutage die private Munifizenz im Positiv den Orden und im
Superlativ den Adel bewirkt, so verschaffte sie damals den priesterlichen Purpur
und die Bildsaeule auf dem Markt; und nicht ungestraft treibt der Staat mit
seinen Ehren Falschmuenzerei. In der Massenhaftigkeit derartiger Prozeduren und
der Roheit ihrer Formen stehen die heutigen Leistungen hinter denen der alten
Welt betraechtlich zurueck, wie natuerlich, da die durch den Staatsbegriff nicht
genuegend gebaendigte scheinhafte Autonomie der Gemeinde auf diesem Gebiet
ungehindert schaltete und die dekretierenden Behoerden durchgaengig die
Buergerschaften oder die Raete von Kleinstaedten waren. Die Folgen waren nach
beiden Seiten verderblich: die Gemeindeaemter wurden mehr nach der
Zahlungsfaehigkeit als nach der Tuechtigkeit der Bewerber vergeben; die
Schmaeuse und Spenden machten die Beschenkten nicht reicher und den Schenker
oftmals arm; an dem Zunehmen der Arbeitsscheu und dem Vermoegensverfall der
guten Familien traegt diese Unsitte ihren vollgemessenen Anteil. Auch die
Wirtschaft der Gemeinden selbst litt schwer unter dem Umsichgreifen der
Adulation. Zwar waren die Ehren, mit welchen die Gemeinde dem einzelnen
Wohltaeter dankte, grossenteils nach demselben verstaendigen Prinzip der
Billigkeit bemessen, welches heutzutage die aehnlichen dekorativen
Verguenstigungen beherrscht; und wo das nicht der Fall war, fand haeufig der
Wohltaeter sich bereit, zum Beispiel die ihm zu setzende Bildsaeule selber zu
bezahlen. Aber nicht dasselbe gilt von den Ehrenbezeugungen, welche die Gemeinde
vornehmen Auslaendern, vor allem den Statthaltern und den Kaisern wie den
Gliedern des kaiserlichen Hauses erwies. Die Richtung der Zeit auf
Wertschaetzung auch der inhaltlosen und obligaten Huldigung beherrschte den
kaiserlichen Hof und die roemischen Senatoren nicht so wie die Kreise des
kleinstaedtischen Ehrgeizes, aber doch auch in sehr fuehlbarer Weise; und
selbstverstaendlich wuchsen die Ehren und die Huldigungen einmal im Laufe der
Zeit durch die ihnen eigene Vernutzung, und ferner in demselben Mass, wie die
Geringhaltigkeit der regierenden oder an der Regierung beteiligten
Persoenlichkeiten. Begreiflicherweise war in dieser Hinsicht das Angebot immer
staerker als die Nachfrage und diejenigen, die solche Huldigungen richtig
wuerdigten, um davon verschont zu bleiben, genoetigt, sie abzuwehren, was im
einzelnen Fall oft genug ^40, aber konsequenterweise selten geschehen zu sein
scheint - fuer Tiberius darf die geringe Anzahl der ihm errichteten Bildsaeulen
vielleicht unter seinen Ruhmestiteln verzeichnet werden. Die Ausgaben fuer
Ehrendenkmaeler, die oft weit ueber die einfache Statue hinausgingen, und fuer
Ehrengesandtschaften ^41 sind ein Krebsschaden gewesen und immer mehr geworden
an dem Gemeindehaushalt aller Provinzen. Aber keine wohl hat im Verhaeltnis zu
ihrer geringen Leistungsfaehigkeit so grosse Summen unnuetz aufgewandt wie die
Provinz von Hellas, das Mutterland wie der Festsieger- so auch der Gemeindeehren
und in einem Prinzipat in dieser Zeit unuebertroffen, in dem der Bedientendemut
und untertaenigen Huldigung.
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^40 Kaiser Gaius zum Beispiel verbittet sich in seinem Schreiben an den
Landtag von Achaia die "grosse Zahl" der ihm zuerkannten Bildsaeulen und
begnuegt sich mit den vier von Olympia, Nemea, Delphi und dem Isthmos (Keil,
Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Derselbe Landtag beschliesst, dem
Kaiser Hadrian in jeder seiner Staedte eine Bildsaeule zu setzen, von welchen
die Basis der in Abea in Messenien aufgestellten sich erhalten hat (CIG 1307).
Kaiserliche Autorisation ist fuer solche Setzungen von jeher gefordert worden.
^41 Bei der Revision der Stadtrechnungen von Byzantion fand Plinius, dass
jaehrlich 12000 Sesterzen (2500 Mark) fuer den dem Kaiser und 3000 Sesterzen
(650 Mark) fuer den dem Statthalter von Moesien durch eine besondere Deputation
zu ueberreichenden Neujahrsglueckwunsch angesetzt waren. Plinius weist die
Behoerden an, diese Glueckwuensche fortan nur schriftlich einzusenden, was
Traian billigt (ep. ad Trai. 43, 44).
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Dass die wirtschaftlichen Zustaende Griechenlands nicht guenstig waren,
braucht kaum noch besonders ausgefuehrt zu werden. Das Land, im ganzen genommen,
ist nur von maessiger Fruchtbarkeit, die Ackerfluren von beschraenkter
Ausdehnung, der Weinbau auf dem Kontinent nicht von hervorragender Bedeutung,
mehr die Kultur der Olive. Da die Brueche des beruehmten Marmors, des glaenzend
weissen attischen wie des gruenen karystischen, wie die meisten uebrigen zum
Domanialbesitz gehoerten, kam deren Ausbeutung durch die kaiserlichen Sklaven
der Bevoelkerung wenig zugute.
Die gewerbfleissigste der griechischen Landschaften war die der Achaeer, wo
die seit langem bestehende Fabrikation von Wollenstoffen sich behauptete und in
der wohlbevoelkerten Stadt Patrae zahlreiche Spinnereien den feinen elischen
Flachs zu Kleidern und Kopfnetzen verarbeiteten. Die Kunst und das Kunsthandwerk
blieben auch jetzt noch vorzugsweise den Griechen, und von den Massen besonders
pentelischen Marmors, welche die Kaiserzeit verbraucht hat, muss ein nicht
geringer Teil an Ort und Stelle verarbeitet worden sein. Ueberwiegend aber
uebten die Griechen beide im Ausland; von dem frueher so bedeutenden Export des
griechischen Kunstgewerbes ist in dieser Zeit wenig die Rede. Den regsten
Verkehr hatte die Stadt der beiden Meere, Korinth, die allen Hellenen
gemeinsame, stets von Fremden wimmelnde Metropole, wie ein Redner sie
bezeichnet. In den beiden roemischen Kolonien Korinth und Patrae, und ausserdem
in dem stets von schauenden und lernenden Auslaendern gefuellten Athen
konzentrierte sich das groessere Bankiergeschaeft der Provinz, welches in der
Kaiserzeit wie in der republikanischen zum grossen Teil in den Haenden dort
ansaessiger Italiker lag. Auch in Plaetzen zweiten Ranges, wie in Argos, Elis,
Mantineia im Peloponnes, bilden die ansaessigen roemischen Kaufleute eigene,
neben der Buergerschaft stehende Genossenschaften. Im allgemeinen lag in Achaia
Handel und Verkehr darnieder, namentlich seit Rhodos und Delos aufgehoert
hatten, Stapelplaetze fuer den Zwischenverkehr zwischen Asien und Europa zu sein
und dieser sich nach Italien gezogen hatte. Die Piraterie war gebaendigt und
auch die Landstrassen wohl leidlich sicher ^42; aber damit kehrte die alte
glueckliche Zeit noch nicht zurueck. Der Veroedung des Peiraeeus wurde schon
gedacht; es war ein Ereignis, wenn eines der grossen aegyptischen
Getreideschiffe sich einmal dorthin verirrte. Nauplia, der Hafen von Argos, nach
Patrae der bedeutendsten Kuestenstadt des Peloponnes, lag ebenso wuest ^43.
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^42 Dass die Landstrassen in Griechenland besonders unsicher gewesen seien,
erfahren wir nicht; der Aufstand in Achaia unter Pius (vita 5, 4) ist seiner Art
nach voellig dunkel. Wenn der Raeuberhauptmann ueberhaupt - nicht eben gerade
der griechische - in der geringen Literatur der Epoche eine hervorragende Rolle
spielt, so ist dies Vehikel den schlechten Romanschreibern aller Zeiten gemein.
Das euboeische Oedland des feineren Dion ist nicht ein Raeubernest, sondern es
sind die Truemmer einer grossen Gutswirtschaft, deren Inhaber seines Reichtums
wegen vom Kaiser verurteilt worden ist und die seitdem wuest liegt. Uebrigens
zeigt sich hier, was freilich wenigstens fuer Nicht-Gelehrte keines Beweises
bedarf, dass diese Geschichte gerade ebenso wahr ist wie die meisten, welche
damit anfangen, dass der Erzaehler sie selbst von dem Beteiligten habe; waere
die Konfiskation historisch, so wuerde der Besitz an den Fiskus gekommen sein,
nicht an die Stadt, welche der Erzaehler denn auch sich wohl huetet zu nennen.
^43 Des aegyptischen Kaufmanns aus Constantius Zeit naive Schilderung
Achaias mag hier noch Platz finden: "Das Land Achaia, Griechenland und Lakonien
hat viel Gelehrsamkeit, aber fuer die uebrigen Beduerfnisse ist es
unzulaenglich: denn es ist eine kleine und gebirgige Provinz und kann nicht viel
Getreide liefern, erzeugt aber etwas Oel und den attischen Honig, und kann mehr
wegen der Schulen und der Beredsamkeit gepriesen werden, nicht aber so in den
meisten uebrigen Beziehungen. Von Staedten hat es Korinth und Athen. Korinth hat
viel Handel und ein schoenes Gebaeude, das Amphitheater, Athen aber die alten
Bilder (historias antiquas) und ein erwaehnenswertes Werk, die Burg, wo viele
Bildsaeulen stehen und wunderbar die Kriegstaten der Vorfahren darstellen (ubi
multis statuis stantibus mirabile est videre dicendum antiquorum bellum).
Lakonien soll allein den Marmor von Krokeae aufzuweisen haben, den man den
lakedaemonischen nennt." Die Barbarei des Ausdrucks kommt nicht auf Rechnung des
Schreibers, sondern auf die des viel spaeteren Uebersetzers.
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Dem entspricht es, dass fuer die Strassen dieser Provinz in der Kaiserzeit
so gut wie nichts geschehen ist; roemische Meilensteine haben sich nur in der
naechsten Naehe von Patrae und von Athen gefunden und auch diese gehoeren den
Kaisern aus dem Ende des dritten und dem vierten Jahrhundert; offenbar haben die
frueheren Regierungen darauf verzichtet, hier Kommunikationen herzustellen. Nur
Hadrian unternahm es, wenigstens die so wichtige wie kurze Landverbindung
zwischen Korinth und Megara ueber den schlimmen skironischen Klippenpass durch
gewaltige, ins Meer geworfene Daemme zu einer fahrbaren Strasse zu machen.
Der seit langem verhandelte Plan, die korinthische Landenge zu
durchstechen, den der Diktator Caesar aufgefasst hatte, ist spaeterhin erst von
Kaiser Gaius, dann von Nero in Angriff genommen worden. Letzterer hat sogar bei
seinem Aufenthalt in Griechenland persoenlich zu dem Kanal den ersten Stich
getan und eine Reihe von Monaten hindurch 6000 juedische Kriegsgefangene an
demselben arbeiten lassen. Bei den in unseren Tagen wieder aufgenommenen
Durchsticharbeiten sind bedeutende Reste dieser Bauten zum Vorschein gekommen,
welche zeigen, dass die Arbeiten ziemlich weit vorgeschritten waren, als man sie
abbrach, wahrscheinlich nicht infolge der einige Zeit nachher im Westen
ausbrechenden Revolution, sondern weil man hier, eben wie bei dem aehnlichen
aegyptischen Kanal, infolge des irrigerweise vorausgesetzten verschiedenen
Hoehestandes der beiden Meere bei Vollendung des Kanals den Untergang der Insel
Aegina und weiteres Unheil befuerchtete. Freilich wuerde dieser Kanal, wenn er
vollendet worden waere, wohl den Verkehr zwischen Asien und Italien abgekuerzt
haben, aber Griechenland selbst nicht vorwiegend zugute gekommen sein.
Dass die Landschaften noerdlich von Hellas, Thessalien und Makedonien und,
wenigstens seit Traian, auch Epirus, in der Kaiserzeit administrativ von
Griechenland getrennt wurden, ist schon bemerkt worden. Von diesen hat die
kleine epirotische Provinz, die von einem kaiserlichen Statthalter zweiten
Ranges verwaltet wurde, sich niemals von der Verwuestung erholt, welche im
Verlauf des Dritten makedonischen Krieges ueber sie ergangen war. Das bergige
und arme Binnenland besass keine namhafte Stadt und eine duenn gesaete
Bevoelkerung. Die nicht minder veroedete Kueste war Augustus zu heben bemueht
durch eine doppelte Staedteanlage, durch die Vollendung der schon von Caesar
beschlossenen Kolonie roemischer Buerger in Buthrotum, Kerkyra gegenueber, die
indes zu keiner rechten Bluete gelangte, und durch die Gruendung der
griechischen Stadt Nikopolis an eben der Stelle, wo vor der Aktischen
Entscheidungsschlacht das Hauptquartier gestanden hatte, an dem suedlichsten
Punkte von Epirus, anderthalb Stunden noerdlich von Prevesa, nach Augustus'
Absicht zugleich ein dauerndes Denkmal des grossen Seesiegs und der Mittelpunkt
neu aufbluehenden hellenischen Lebens. Diese Gruendung ist in ihrer Art als
roemische neu.
An Ambrakias Statt und des amphilochischen Argos,
an Thyreions und an Anaktorions Statt,
auch an Leukas Statt und was von Staedten noch ringsum
rasend des Ares Speer weiter zu Boden gestreckt,
gruendet die Siegsstadt Caesar, die heilige, also dem Koenig
Phoebos Apollon mit ihr dankend den aktischen Sieg.
Diese Worte eines gleichzeitigen griechischen Dichters sprechen einfach
aus, was Augustus hier getan hat: das ganze umliegende Gebiet, das suedliche
Epirus, die gegenueberliegende Landschaft Akarnanien mit der Insel Leukas,
selbst einen Teil von Aetolien vereinigte er zu einem Stadtgebiet und siedelte
die in den dort vorhandenen, verkuemmernden Ortschaften noch uebrigen Bewohner
ueber nach der neuen Stadt Nikopolis, der gegenueber auf dem akarnanischen Ufer
der alte Tempel des aktischen Apollon in prachtvoller Weise erneuert und
erweitert ward. Eine roemische Stadt ist nie in dieser Weise gegruendet worden;
dies ist der Synoekismos der Alexandriden. Ganz in derselben Weise haben Koenig
Kassandros die makedonischen Staedte Thessalonike und Kassandreia, Demetrios der
Staedtebezwinger die thessalische Stadt Demetrias, Lysimachos die Stadt
Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersones aus einer Anzahl umliegender, ihrer
Selbstaendigkeit entkleideter Ortschaften zusammengelegt. Dem griechischen
Charakter der Gruendung entsprechend sollte Nikopolis nach der Absicht seines
Stifters eine griechische Grossstadt werden ^44. Sie erhielt Freiheit und
Autonomie wie Athen und Sparta und sollte, wie bereits angegeben ward, in der
das gesamte Hellas vertretenden Amphiktyonie den fuenften Teil der Stimmen
fuehren und zwar, wie Athen, ohne mit anderen Staedten zu wechseln. Das neue
aktische Apolloheiligtum war voellig nach dem Muster von Olympia eingerichtet,
mit einem Vierjahrfest, das selbst den Namen des olympischen neben dem eigenen
fuehrte, gleichen Rang und gleiche Privilegien, auch seine Aktfaden wie jenes
seine Olympiaden hatte ^45; die Stadt Nikopolis verhielt sich dazu wie die Stadt
Elis zu dem olympischen Tempel ^46. Sorgfaeltig ward bei der staedtischen
Einrichtung sowohl wie bei den religioesen Ordnungen alles eigentlich Italische
vermieden, so nahe es lag, die mit der Reichsbegruendung so innig verknuepfte
Siegesstadt in roemischer Weise zu gestalten. Wer die Augustischen Ordnungen in
Hellas im Zusammenhang erwaegt und namentlich diesen merkwuerdigen Schlussstein,
wird sich der Ueberzeugung nicht verschliessen koennen, dass Augustus eine
Reorganisation von Hellas unter dem Schutz des roemischen Prinzipats ausfuehrbar
geglaubt hat und hat ausfuehren wollen. Die Oertlichkeit wenigstens war dafuer
wohl gewaehlt, da es damals, vor der Gruendung von Patrae, an der ganzen
griechischen Westkueste keine groessere Stadt gab. Aber was Augustus im Anfang
seiner Alleinherrschaft hoffen mochte, hat er nicht erreicht, vielleicht selbst
schon spaeterhin aufgegeben, als er Patrae die Form der roemischen Kolonie gab.
Nikopolis blieb, wie die ausgedehnten Ruinen und die zahlreichen Muenzen
beweisen, verhaeltnismaessig bevoelkert und bluehend ^47, aber seine Buerger
scheinen weder im Handel und Gewerbe noch anderweitig hervorragend eingegriffen
zu haben. Das noerdliche Epirus, welches, aehnlich wie das angrenzende, zu
Makedonien gelegte Illyricum, zum groesseren Teil von albanesischen
Voelkerschaften bewohnt war und nicht unter Nikopolis gelegt ward, ist in der
Kaiserzeit in seinen einigermassen noch heute fortbestehenden primitiven
Verhaeltnissen verblieben. "Epirus und Illyricum", sagt Strabon, "ist zum
grossen Teil eine Einoede; wo sich Menschen finden, wohnen sie in Doerfern und
in Truemmern frueherer Staedte; auch das" - im Mithradatischen Kriege von den
Thrakern verwuestete - "Orakel von Dodona ist erloschen wie das uebrige alles."
^48
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^44 Wenn Tacitus (arm. 5, 10) Nikopolis eine colonia Romana nennt, so ist
das zwar missverstaendlich, aber nicht gerade unrichtig, irrig aber des Plinius
(nat. 4, 1, 5) colonia Augusti Actium cum .. . civitate libera Nicopolitana, da
Aktion Stadt so wenig gewesen ist wie Olympia.
^45 O ag/o/n Ol?mpios ta Aktia: Strab. 7, 7, 6, p. 325; Aktias: Ios. bel.
Iud. 1, 20, 4; Aktionik/e/s oefter. Wie die vier grossen griechischen
Landesfeste bekanntlich /e/ periodos heissen, der in allen vier gekroente
Sieger, periodonik/e/s, so wird CIG 4472 auch den Spielen von Nikopolis
beigefuegt t/e/s periodoy und jene Periodos als die alte (archaia) bezeichnet.
Wie die Wettspiele oefter isol?mpia heissen, so findet sich auch ag/o/n isaktios
(CIG 4472) oder certamen ad exemplar Actiacae religionis (Tac. ann. 15, 23).
^46 So nennt sich ein Nikopolit arch/o/n t/e/s ieras Aktiak/e/s boyl/e/s
(Delphi; Rheinisches Museum N. F. 2, 1843, S. 111), wie in Elis es heisst /e/
polis /E/lei/o/n kai /e/ Olympik/e/ boyl/e/ (Archaeologische Zeitung 34, 1876,
S. 57; aehnlich daselbst 35, 1877, S. 40 und 41 und sonst). uebrigens erhielten
die Spartaner, als die einzigen an dem Aktischen Siege mitbeteiligten Hellenen,
die Leitung (epimeleia) der Aktischen Spiele (Strab. 7, 7, 6, p. 325); ihr
Verhaeltnis zu der boyl/e/ Aktiak/e/ von Nikopolis kennen wir nicht.
^47 Die Schilderung seines Verfalls in der Zeit des Constantius (Paneg. 11,
9) beweist fuer die fruehere Kaiserzeit vielmehr das Gegenteil.
^48 Die Ausgrabungen in Dodona haben dies bestaetigt; alle Fundstuecke
gehoeren der vorroemischen Epoche an, mit Ausnahme einiger Muenzen. Allerdings
hat ein Restaurationsbau stattgefunden, dessen Zeit sich nicht bestimmen laesst;
vielleicht ist er ganz spaet. Wenn Hadrian, der Ze?s D/o/d/o/naios genannt wird
(CIG 1822), Dodona besucht hat (Duerr, Reisen Hadrians, S. 56), so tat er es als
Archaeologe. Eine Befragung des Orakels in der Kaiserzeit wird nur, und auch
nicht in glaubwuerdigster Weise, berichtet von Kaiser Julian (Theodoretus hist.
eccl. 3, 21).
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Thessalien, an sich eine rein hellenische Landschaft so gut wie Aetolien
und Akarnanien, war in der Kaiserzeit administrativ von der Provinz Achaia
getrennt und stand unter dem Statthalter von Makedonien. Was von
Nordgriechenland gilt, trifft auch auf Thessalien zu. Die Freiheit und
Autonomie, welche Caesar den Thessalern allgemein zugestanden oder vielmehr
nicht entzogen hatte, scheint ihnen wegen Missbrauchs von Augustus genommen
worden zu sein, so dass spaeterhin nur Pharsalos diese Rechtsstellung behalten
hat ^49; roemische Kolonisten sind in der Landschaft nicht angesiedelt worden.
Ihren besonderen Landtag in Larisa behielt sie, und auch die staedtische
Selbstverwaltung ist, wie den abhaengigen Griechen in Achaia, so den Thessalern
geblieben. Thessalien ist weitaus die fruchtbarste Landschaft der ganzen
Halbinsel und fuehrte noch im vierten Jahrhundert Getreide aus;
nichtsdestoweniger sagt Dion von Prusa, dass auch der Peneios durch wuestes Land
fliesse, und es ist in der Kaiserzeit in dieser Landschaft nur in sehr geringem
Umfang gemuenzt worden. Um die Herstellung von Landstrassen haben Hadrian und
Diocletian sich bemueht, aber auch, soviel wir sehen, von den roemischen Kaisern
sie allein.
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^49 Die Verfuegung Caesars bezeugen Appian (civ. 2, 88) und Plutarch (Caes.
48), und sie stimmt zu seinem eigenen Bericht (civ. 3, 80) recht gut; dagegen
nennt Plinius (nat. 4, 8, 29) nur Pharsalos als freie Stadt. Zu Augustus' Zeit
wurde ein vornehmer Thessaler Petraeos (wahrscheinlich der Caesarianer, civ. 3,
35) lebendig verbrannt (Plut. praec. ger. reip. 19), ohne Zweifel nicht durch
ein Privatverbrechen, sondern nach Beschluss des Landtags, und es wurden die
Thessaler vor das Kaisergericht gestellt (Suet. Tib. 8). Vermutlich gehoeren
beide Vorgaenge und ebenso der Verlust der Freiheit zusammen.
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Makedonien als roemischer Verwaltungsbezirk der Kaiserzeit ist, verglichen
mit dem Makedonien der Republik, wesentlich verkleinert. Allerdings reicht es
wie dieses von Meer zu Meer, indem die Kueste sowohl des Aegaeischen Meeres von
der zu Makedonien gehoerigen Landschaft Thessalien an bis zur Muendung des
Nestos (Mesta), wie auch die des Adriatischen vom Aoos ^50 bis zum Drilon (Drin)
diesem Distrikt zugerechnet wurden; das letztere Gebiet, nicht eigentlich
makedonisches, sondern illyrisches Land, aber schon in republikanischer Zeit dem
Statthalter Makedoniens zugewiesen, ist auch in der Kaiserzeit bei der Provinz
geblieben. Aber dass Griechenland suedlich vom Oeta davon getrennt ward, wurde
schon gesagt. Die Nordgrenze gegen Moesien und die Ostgrenze gegen Thrakien
blieben zwar insofern unveraendert, als die Provinz in der Kaiserzeit so weit
reichte, wie auch das eigentliche Makedonien der Republik gereicht hatte, das
heisst noerdlich etwa bis zum Tal des Erigon, oestlich bis zum Flusse Nestos;
aber wenn in republikanischer Zeit die Dardaner und die Thraker und saemtliche
dem makedonischen Gebiet benachbarte Voelkerschaften des Nordens und des
Nordostens in ihren friedlichen wie in ihren kriegerischen Beruehrungen mit
diesem Statthalter zu tun hatten und insofern gesagt werden konnte, dass die
makedonische Grenze so weit reiche wie die roemischen Lanzen, so gebot der
makedonische Statthalter der Kaiserzeit nur ueber den ihm angewiesenen, nirgends
mehr mit halb oder ganz unabhaengigen Nachbarn grenzenden Bezirk. Da der
Grenzschutz zunaechst auf das in roemische Botmaessigkeit gelangte Thrakerreich
und bald auf den Statthalter der neuen Provinz Moesien ueberging, so wurde der
von Makedonien seines Kommandos von vornherein enthoben. Es ist auch auf
makedonischem Boden in der Kaiserzeit kaum gefochten worden; nur die
barbarischen Dardaner am oberen Axios (Vardar) brandschatzten zuweilen noch die
friedliche Nachbarprovinz. Auch von oertlichen Auflehnungen wird aus dieser
Provinz nichts berichtet.
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^50 In der Zeit der Republik scheint Skodra zu Makedonien gehoert zu haben;
in der Kaiserzeit sind dies und Lissus dalmatische Staedte und macht die Grenze
an der Kueste die Muendung des Drin.
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Von den suedlicheren griechischen Landschaften entfernt sich diese
noerdlichste sowohl in dem nationalen Fundament wie in der Stufe der
Zivilisation. Wenn die eigentlichen Makedonier an dem Unterlauf des Haliakmon
(Vistritza) und des Axios (Vardar) bis zum Strymon ein urspruenglich
griechischer Stamm sind, dessen Verschiedenheit von den suedlicheren Hellenen
fuer die gegenwaertige Epoche keine Bedeutung mehr hat, und wenn die hellenische
Kolonisation beide Kuesten in ihren Kreis hineingezogen hat, im Westen mit
Apollonia und Dyrrhachion, im Osten namentlich mit den Ortschaften der Halbinsel
Chalkidike, so ist dagegen das Binnenland der Provinz von einem Gewimmel
ungriechischer Voelker erfuellt, das von den heutigen Zustaenden auf dem
gleichen Gebiet mehr in seinen Elementen als in seinem Ergebnis sich
unterschieden haben wird. Nachdem die bis in diese Gegend vorgedrungenen Kelten,
die Skordisker, von den Feldherren der roemischen Republik zurueckgedraengt
worden waren, teilten sich in das innere Makedonien insbesondere illyrische
Staemme im Westen und Norden, thrakische im Osten. Von beiden ist schon frueher
gesprochen worden; hier kommen sie nur insofern in Betracht, als die griechische
Ordnung, wenigstens die staedtische, bei diesen Staemmen wohl wie in der
frueheren ^51 so auch in der Kaiserzeit nur in beschraenktem Masse eingefuehrt
worden ist. Ueberall ist ein energischer Zug staedtischer Entwicklung nie durch
das makedonische Binnenland gegangen, die entlegeneren Landschaften sind
wenigstens der Sache nach kaum ueber die Dorfwirtschaft hinausgekommen.
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^51 Die staedtischen Gruendungen in diesen Gegenden ausserhalb des
eigentlichen Makedoniens tragen ganz den Charakter eigentlicher Kolonien: so die
von Philippi im Thrakerland und besonders die von Derriopos in Paeonien (Liv. 39
53), fuer welchen letzteren Ort auch die spezifisch makedonischen Politarchen
inschriftlich bezeugt sind. Inschrift vom Jahre 197 n. Chr.: t/o/n peri
Alexandron PHilippoy en Derriop/o/ politarch/o/n (Duchesne und Bayet, Mission au
mont Athos, S. 103).
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Die griechische Politie selbst ist in diesem Koenigsland nicht so wie in
dem eigentlichen Hellas aus sich selber erwachsen, sondern durch die Fuersten
eingefuehrt worden, die mehr Hellenen waren als ihre Untertanen. Welche Gestalt
sie gehabt hat, ist wenig bekannt; doch laesst die in Thessalonike, Edessa, Lete
gleichmaessig wiederkehrende, anderswo nicht begegnende Stadtvorstandschaft der
Politarchen auf eine merkliche und ja auch an sich wahrscheinliche
Verschiedenheit der makedonischen Stadtverfassung von der sonst in Hellas
ueblichen schliessen. Die griechischen Staedte, welche die Roemer vorfanden,
haben ihre Organisation und ihre Rechte behalten, die bedeutendste derselben,
Thessalonike, auch die Freiheit und die Autonomie. Es bestand ein Bund und ein
Landtag (koinon) der makedonischen Staedte, aehnlich wie in Achaia und
Thessalien. Erwaehnung verdient als ein Zeugnis fuer die nachwirkende Erinnerung
der alten grossen Zeit, dass noch in der Mitte des dritten Jahrhunderts nach
Christus der Landtag von Makedonien und einzelne makedonische Staedte Muenzen
gepraegt haben, auf denen der Kopf und der Name des regierenden Kaisers durch
den Alexanders des Grossen ersetzt sind. Die ziemlich zahlreichen Kolonien
roemischer Buerger, welche Augustus in Makedonien eingerichtet hat, Byllis
unweit Apollonia, Dyrrachium am Adriatischen Meer, an der anderen Kueste Dium,
Pella, Cassandrea, in dem eigentlich thrakischen Gebiet Philippi, sind saemtlich
aeltere griechische Staedte, welche nur eine Anzahl Neubuerger und eine andere
Rechtsstellung erhielten, und zunaechst ins Leben gerufen durch das Beduerfnis,
die ausgedienten italischen Soldaten, fuer die in Italien selbst kein Platz mehr
war, in einer zivilisierten und nicht stark bevoelkerten Provinz unterzubringen.
Auch die Gewaehrung des italischen Rechts erfolgte gewiss nur, um den Veteranen
die Ansiedelung im Ausland zu vergolden. Dass ein Hineinziehen Makedoniens in
die italische Kulturentwicklung niemals beabsichtigt ward, dafuer zeugt, von
allem andern abgesehen, dass Thessalonike griechisch und die Hauptstadt des
Landes blieb. Daneben gedieh Philippi, eigentlich eine der nahen Goldbergwerke
wegen angelegte Grubenstadt, von den Kaisern beguenstigt als Staette der die
Monarchie definitiv begruendenden Schlacht und wegen der zahlreichen an
derselben beteiligten und nachher dort angesiedelten Veteranen. Roemische, nicht
koloniale Gemeindeverfassung hat bereits in der ersten Kaiserzeit Stobi
erhalten, die schon erwaehnte noerdlichste Grenzstadt Makedoniens gegen Moesien
am Einfluss des Erigon in den Axios, kommerziell wie militaerisch eine wichtige
Position und vermutlich schon in makedonischer Zeit zu griechischer Politie
gelangt.
In wirtschaftlicher Hinsicht ist fuer Makedonien auch unter den Kaisern von
Staats wegen wenig geschehen; wenigstens tritt eine besondere Fuersorge
derselben fuer diese nicht unter ihrer eigenen Verwaltung stehende Provinz
nirgends hervor. Um die schon unter der Republik angelegte Militaerstrasse quer
durch das Land von Dyrrachium nach Thessalonike, eine der wichtigsten
Verkehrsadern des ganzen Reiches, haben sich, so viel wir wissen, erst die
Kaiser des dritten Jahrhunderts, zuerst Severus Antoninus, wieder bemueht; die
ihr anliegenden Staedte Lychnidos am Ochrida-See und Herakleia Lynkestis
(Bitolia) haben nie viel bedeutet. Dennoch war Makedonien wirtschaftlich besser
bestellt als Griechenland. Es uebertrifft dasselbe weitaus an Fruchtbarkeit; wie
noch heute die Provinz von Thessalonike relativ gut bebaut und wohlbevoelkert
ist, so wird auch in der Reichsbeschreibung aus Constantius' Zeit, allerdings
als Konstantinopel schon bestand, Makedonien zu den besonders wohlhabenden
Bezirken gerechnet. Wenn fuer Achaia und Thessalien unsere die roemische
Aushebung betreffenden Dokumente schlechthin versagen, so ist dagegen Makedonien
dabei, namentlich auch fuer die Kaisergarde, in bedeutendem Umfang, staerker als
die meisten griechischen Landschaften, in Anspruch genommen worden, wobei
freilich die Gewoehnung der Makedonier an den regelmaessigen Kriegsdienst und
ihre vorzuegliche Qualifikation fuer denselben, wohl auch die relativ geringe
Entwicklung des staedtischen Wesens in dieser Provinz in Anschlag zu bringen
sind. Thessalonike, die Metropole der Provinz und deren volkreichste und
gewerbreichste Stadt dieser Zeit, gleichfalls in der Literatur mehrfach
vertreten, hat auch in der politischen Geschichte durch den tapferen Widerstand,
den seine Buergerin den schrecklichen Zeiten der Goteneinfaelle den Barbaren
entgegensetzten, sich einen Ehrenplatz gesichert.
Wenn Makedonien ein halb griechisches, so war Thrakien ein nicht
griechisches Land. Von dem grossen, aber fuer uns verschollenen thrakischen
Stamm ist frueher gesprochen worden. In seinen Bereich ist der Hellenismus
lediglich von aussen gelangt; und es wird nicht ueberfluessig sein, zunaechst
rueckblickend darzulegen, wie oft der Hellenismus an die Pforten der
suedlichsten Landschaft, welche dieser Stamm inne hatte und die wir noch nach
ihm nennen, bis dahin gepocht und wie wenig er bis dahin im Binnenland erreicht
hatte, um deutlich zu machen, was Rom hier nachzuholen blieb und was es
nachgeholt hat. Zuerst Philippos, der Vater Alexanders, unterwarf Thrakien und
gruendete nicht bloss Kalybe in der Naehe von Byzantion, sondern im Herzen des
Landes die Stadt, die seitdem seinen Namen traegt. Alexander, auch hier der
Vorlaeufer der roemischen Politik, gelangte an und ueber die Donau und machte
diesen Strom zur Nordgrenze seines Reiches; die Thraker in seinem Heere haben
bei der Unterwerfung Asiens nicht die letzte Rolle gespielt. Nach seinem Tode
schien der Hellespont einer der grossen Mittelpunkte der neuen Staatenbildung,
das weite Gebiet von dort bis an die Donau ^52 die noerdliche Haelfte eines
griechischen Reiches werden zu sollen, der Residenz des ehemaligen Statthalters
von Thrakien, Lysimachos, der auf dem Thrakischen Chersones neugegruendeten
Stadt Lysimacheia eine aehnliche Zukunft zu winken wie den Residenzen der
Marschaelle von Syrien und Aegypten. Indes es kam dazu nicht; die
Selbstaendigkeit dieses Reiches ueberdauerte den Fall seines ersten Herrschers
(473 281) nicht. In dem Jahrhundert, welches von da bis auf die Begruendung der
Vormachtstellung Roms im Orient verging, versuchten bald die Seleukiden, bald
die Ptolemaeer, bald die Attaliden die europaeischen Besitzungen des Lysimachos
in ihre Gewalt zu bringen, aber saemtlich ohne dauernden Erfolg. Das Reich von
Tylis im Haemus, welches die Kelten nicht lange nach dem Tode Alexanders,
ungefaehr gleichzeitig mit ihrer bleibenden Niederlassung in Kleinasien, im
moesisch-thrakischen Gebiet gegruendet hatten, vernichtete die Saat griechischer
Zivilisation in seinem Bereich und erlag selber waehrend des Hannibalischen
Krieges den Angriffen der Thraker, die diese Eingedrungenen bis auf den letzten
Mann ausrotteten. Seitdem gab es in Thrakien eine fuehrende Macht ueberhaupt
nicht; die zwischen den griechischen Kuestenstaedten und den Fuersten der
einzelnen Staemme bestehenden Verhaeltnisse, die ungefaehr denen vor Alexander
entsprechen mochten, erlaeutert die Schilderung, die Polybios von der
bedeutendsten dieser Staedte gibt: wo die Byzantier gesaet haben, da ernten die
thrakischen Barbaren, und es hilft gegen diese weder das Schwert noch das Geld;
schlagen die Buerger einen der Fuersten, so fallen dafuer drei andere in ihr
Gebiet, und kaufen sie einen ab, so verlangen fuenf mehr den gleichen Jahrzins.
Dem Bestreben der spaeteren makedonischen Herrscher, in Thrakien wieder festen
Fuss zu fassen und namentlich die griechischen Staedte der Suedkueste in ihre
Gewalt zu bringen, traten die Roemer entgegen, teils um Makedoniens
Machtentwicklung ueberhaupt niederzuhalten, teils um nicht die wichtige, nach
dem Orient fuehrende "Koenigsstrasse", diejenige, auf der Xerxes nach
Griechenland, die Scipionen gegen Antiochos marschierten, in ihrer ganzen
Ausdehnung in makedonische Hand kommen zu lassen. Schon nach der Schlacht bei
Kynoskephalae wurde die Grenzlinie ungefaehr so gezogen, wie sie seitdem
geblieben ist. oefter versuchten die beiden letzten makedonischen Herrscher,
sich dennoch in Thrakien sei es geradezu festzusetzen, sei es dessen einzelne
Fuersten durch Vertraege an sich zu knuepfen; der letzte Philippos hat sogar
Philippopolis abermals gewonnen und Besatzung hineingelegt, die die Odrysen
freilich bald wieder vertrieben. Zu dauernder Festsetzung gelangte weder er noch
sein Sohn, und die nach der Aufloesung Makedoniens den Thrakern von Rom
eingeraeumte Selbstaendigkeit zerstoerte, was dort etwa von hellenischen
Anfaengen noch uebrig sein mochte. Thrakien selbst wurde zum Teil schon in
republikanischer, entschiedener in der Kaiserzeit roemisches Lehnsfuerstentum,
dann im Jahre 46 n. Chr. roemische Provinz; aber die Hellenisierung des Landes
war nicht hinausgekommen ueber den Saum griechischer Pflanzstaedte, welcher in
fruehester Zeit sich auch um diese Kueste gelegt hatte, und im Lauf der Zeit
eher gesunken als gestiegen. So maechtig und bleibend die makedonische
Kolonisation den Osten ergriffen, so schwach und vergaenglich hat sie Thrakien
beruehrt; Philipp und Alexander selbst scheinen die Ansiedelungen in diesem
Lande widerwillig vorgenommen und geringgeschaetzt zu haben ^53. Bis weit in die
Kaiserzeit hinein ist das Land den Eingeborenen, sind die an der Kueste
uebriggebliebenen, fast alle heruntergekommenen Griechenstaedte ohne
griechisches Hinterland geblieben.
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^52 Dass auch fuer Lysimachos die Donau Reichsgrenze war, geht hervor aus
Paus. 1,9,6.
^53 Kalybe bei Byzantion entstand nach Strabon (7, 6, 2, p. 320) PHilippoy
to? Am?ntoy to?s pon/e/ratotoys enta?tha idr?santos. Philippopolis soll sogar
nach dem Bericht Theopomps (fr. 122 Mueller) als Pon/e/ropolis gegruendet sein
und die entsprechenden Kolonisten empfangen haben. Wie wenig Vertrauen diese
Angaben auch verdienen, so druecken sie doch in ihrem Zusammentreffen den
Botany-Bay-Charakter dieser Gruendungen aus.
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Dieser von der makedonischen Grenze an bis zum Taurischen Chersonesos sich
erstreckende Kranz hellenischer Staedte ist sehr ungleich geflochten. Im Sueden
ist er dicht geschlossen von Abdera an bis nach Byzantion an den Dardanellen;
doch hat keine dieser Staedte in spaeterer Zeit eine hervorragende Bedeutung
gehabt, mit Ausnahme von Byzantion, das durch die Fruchtbarkeit seines Gebietes,
die eintraegliche Thunfischerei, die ungemein guenstige Handelslage, den
Gewerbefleiss und die durch die exponierte Lage nur gesteigerte und gestaehlte
Tuechtigkeit seiner Buerger auch den schwersten Zeiten der hellenischen Anarchie
zu trotzen gewusst hatte. Bei weitem duerftiger hatte die Ansiedlung sich an der
Westkueste des Schwarzen Meeres entwickelt; an der spaeter zur roemischen
Provinz Thrakien gehoerigen war nur Mesembria von einiger Bedeutung, an der
spaeter moesischen Odessos (Varna) und Tomis (Kuestendsche). Jenseits der
Donaumuendung und der roemischen Reichsgrenze an dem Nordgestade des Pontus
lagen mitten im Barbarenland Tyra ^54 und Olbia; weiterhin machten die alten und
grossen griechischen Kaufstaedte auf der heutigen Krim, Herakleia oder
Chersonesos und Pantikapaeon, einen stattlichen Schlussstein. Alle diese
Ansiedlungen genossen des roemischen Schutzes, seit die Roemer ueberhaupt die
Vormacht auf dem griechisch-asiatischen Kontinent geworden waren, und der starke
Arm, der das eigentliche hellenische Land oft schwer traf, verhinderte hier
wenigstens Katastrophen wie die Zerstoerung von Lysimacheia. Die Beschuetzung
dieser Griechen gehoerte in republikanischer Zeit zu den Obliegenheiten teils
des Statthalters von Makedonien, teils des von Bithymen, seit auch dies roemisch
war; Byzantion ist spaeter bei Bithynien geblieben ^55. Im uebrigen ging in der
Kaiserzeit nach Einrichtung der Statthalterschaft von Moesien und spaeter
derjenigen von Thrakien die Schutzleistung auf diese ueber.
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^54 Doch reicht die noerdliche bessarabische Linie, die vielleicht roemisch
ist, bis nach Tyra.
^55 Dass Byzantion noch in traianischer Zeit unter dem Statthalter von
Bithynien stand, folgt aus Plin. ep. ad Trai. 43. Aus den Gratulationen der
Byzantier an die Legaten von Moesien kann die ihrer Lage nach kaum moegliche
Zugehoerigkeit zu dieser Statthalterschaft nicht geschlossen werden; die
Beziehungen zu dem Statthalter von Moesien erklaeren sich aus den
Handelsverbindungen der Stadt mit den moesischen Hafenplaetzen. Dass Byzanz auch
im Jahre 53 unter dem Senat stand, also nicht zu Thrakien gehoerte, geht aus
Tacitus ann. 12, 62 hervor. Zugehoerigkeit zu Makedonien unter der Republik
bezeugt Cicero (Pis. 35, 86; prov. 4, 6) nicht, da die Stadt damals frei war.
Diese Freiheit scheint, wie bei Rhodos, oft gegeben und oft genommen zu sein.
Cicero, a. a. O., spricht sie ihr zu; im Jahre 53 ist sie tributpflichtig;
Plinius (nat. 4, 11, 46) fuehrt sie als freie Stadt auf; Vespasian entzieht ihr
die Freiheit (Suet. Vesp. 8).
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Schutz und Gunst gewaehrte diesen Griechen Rom von jeher; aber um die
Ausdehnung des Hellenismus hat weder die Republik noch die fruehere Kaiserzeit
sich bemueht ^56. Nachdem Thrakien roemisch geworden war, ist es in Landkreise
eingeteilt worden ^57; und bis fast an das Ende des ersten Jahrhunderts ist dort
keine Stadtanlage zu verzeichnen, mit Ausnahme zweier Pflanzstaedte des Claudius
und des Vespasianus, Apri im Binnenland, nicht weit von Perinthos, und Deultus
an der noerdlichsten Kueste ^58. Domitian hat damit begonnen, griechische
Stadtverfassung im Binnenland einzufuehren, zuerst fuer die Landeshauptstadt
Philippopolis. Unter Traianus erhielten eine Reihe anderer thrakischer
Ortschaften das gleiche Stadtrecht: Topeiros unweit Abdera, Nikopolis am Nestos,
Plotinopolis am Hebros, Pautalia bei Koestendil, Serdica jetzt Sofia, Augusta
Traiana bei Alt-Zagora, ein zweites Nikopolis am noerdlichen Abhang des Haemus
^59 ausserdem an der Kueste Traianopolis an der Hebrosmuendung; ferner unter
Hadrian Adrianopolis, das heutige Adrianopel. Alle diese Staedte waren nicht
Kolonien von Auslaendern, sondern nach dem von Augustus in dem epirotischen
Nikopolis aufgestellten Muster zusammengefasste, griechisch organisierte
Poliden; es war eine Zivilisierung und Hellenisierung der Provinz von oben
herab. Ein thrakischer Landtag bestand seitdem in Philippopolis ebenso wie in
den eigentlich griechischen Landschaften. Dieser letzte Trieb des Hellenismus
ist nicht der schwaechste. Das Land ist reich und anmutig - eine Muenze der
Stadt Pautalia preist den vierfachen Segen der Aehren, der Trauben, des Silbers
und des Goldes; und Philippopolis sowie das schoene Tal der Tundja sind die
Heimat der Rosenzucht und des Rosenoels - und die Kraft des thrakischen Schlages
war nicht gebrochen. Es entwickelte sich hier eine dichte und wohlhabende
Bevoelkerung; der starken Aushebung in Thrakien wurde schon gedacht und in der
Taetigkeit der staedtischen Muenzstaetten stehen fuer diese Epoche wenige
Gebiete Thrakien gleich. Als Philippopolis im Jahre 251 den Goten erlag, soll es
hunderttausend Einwohner gezaehlt haben. Auch die energische Parteinahme der
Byzantier fuer den Kaiser des griechischen Ostens, Pescennius Niger, und der
mehrjaehrige Widerstand, den die Stadt noch nach dessen Untergang dem Sieger
entgegenstellte, zeigen die Mittel und den Mut dieser thrakischen Staedter. Wenn
die Byzantier auch hier unterlagen und sogar eine Zeitlang ihr Stadtrecht
einbuessten, so sollte bald die durch den Aufschwung des thrakischen Landes sich
vorbereitende Zeit eintreten, wo Byzantion das neue hellenische Rom und die
Hauptresidenz des umgewandelten Reiches ward.
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^56 Dies verbuergt das Fehlen von Muenzen der thrakischen Binnenstaedte,
welche nach Metall und Stil in die aeltere Zeit gesetzt werden koennten. Dass
eine Anzahl thrakischer, besonders odrysischer Fuersten zum Teil schon in recht
frueher Zeit gepraegt haben, beweist nur, dass sie ueber Kuestenplaetze mit
griechischer oder halbgriechischer Bevoelkerung geboten. Ebenso wird auch zu
urteilen sein ueber die ganz vereinzelt stehenden Tetradrachmen der "Thraker"
(A. v. Sallet in Zeitschrift fuer Numismatik 3, 1876, S. 241).
Auch die im thrakischen Binnenland gefundenen Inschriften sind durchgaengig
aus roemischer Zeit. Das in Bessapara, jetzt Tatar Bazardjik, westlich von
Philippopolis, von Dumont (Inscriptions de la Thrace, S. 7) gefundene Dekret
einer nicht genannten Stadt wird freilich in gute makedonische Zeit gesetzt,
aber nur nach dem Charakter der Schrift, welcher vielleicht truegt.
^57 Die fuenfzig Strategien Thrakiens (Plin. nat. 4,11, 40; Ptol. geogr. 3,
11, 6) sind nicht Militaerbezirke, sondern, wie dies namentlich bei Ptolemaeos
deutlich hervortritt, Landkreise, die sich mit den Staemmen decken
(strat/e/gi/e/ Maidik/e/, Bessik/e/ u.s.w.) und Gegensatz zu den Staedten
bilden. Die Bezeichnung strat/e/gos hat, ebenso wie praetor, ihren urspruenglich
militaerischen Wert spaeter eingebuesst. Hier liegt wohl zunaechst die Analogie
von Aegypten zu Grunde, das ebenso in Stadtgebiete unter staedtischen
Magistraten und in Landkreise unter Strategen zerfiel. Ein strat/e/gos peri
Perinthon aus roemischer Zeit: Eph. epigr. II, p. 252.
^58 In Deultus, der colonia Flavia Pacis Deultensium, wurden Veteranen der
8. Legion versorgt (CIL VI, 3828). Flaviopolis auf dem Chersones, das alte
Coela, ist gewiss nicht Kolonie gewesen (Plin, nat. 4, 11, 47), sondern gehoert
zu der eigenartigen Ansiedelung des Kaisergesindes auf diesem Domanialbesitz
(Eph. epigr. V, p. 82).
^59 Diese Stadt Nikopolis /e/ peri Aim/o/n des Ptolemaeos (geogr. 3, 11,
7), Nikopolis pros Istron der Muenzen, das heutige Nikup an der Jantra, gehoert
geographisch zu Untermoesien und, wie die Statthalternamen der Muenzen zeigen,
seit Severus auch administrativ; aber nicht bloss fuehrt Ptolemaeos es bei
Thrakien auf, sondern die Fundorte der hadrianischen Terminalsteine (CIL III,
736, vgl. p. 992) scheinen es ebenfalls zu Thrakien zu stellen. Da diese
griechische Binnenstadt weder zu den lateinischen Stadtgemeinden Untermoesiens
noch zu dem koinon des moesischen Pontus passte, ist sie bei der ersten Ordnung
der Verhaeltnisse dem koinon der Thraker zugewiesen worden. Spaeter muss sie
freilich einem oder dem andern jener moesischen Verbaende angeschlossen worden
sein.
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In der benachbarten Provinz Untermoesien hat sich, freilich in geringerem
Masse, eine aehnliche Entwicklung vollzogen. Die griechischen Kuestenstaedte,
deren Metropole wenigstens in roemischer Zeit Tomis war, wurden, wahrscheinlich
bei Konstituierung der roemischen Provinz Moesien, zusammengefasst als
"Fuenfstaedtebund des linken Ufers des Schwarzen Meeres" oder, wie er auch sich
nennt, "der Griechen", das heisst der Griechen dieser Provinz. Spaeter ist als
sechste Stadt die unweit der Kueste an der thrakischen Grenze von Traian
angelegte und gleich den thrakischen griechisch geordnete Stadt Markianopolis
diesem Bund angeschlossen worden ^60. Dass die Lagerstaedte am Donauufer und
ueberhaupt die im Binnenland von Rom ins Leben gerufenen Ortschaften nach
italischem Muster eingerichtet wurden, ist frueher bemerkt worden; Untermoesien
ist die einzige durch die Sprachgrenze durchschnittene roemische Provinz, indem
der tomitanische Staedtebund dem griechischen, die Donaustaedte wie Durostorum
und Oescus dem lateinischen Sprachgebiet angehoeren. Im uebrigen gilt von diesem
moesischen Staedtebund wesentlich das gleiche, was ueber Thrakien bemerkt ward.
Wir haben eine Schilderung von Tomis aus den letzten Jahren des Augustus,
freilich von einem dahin zur Strafe Verbannten, aber sicher im wesentlichen
getreu. Die Bevoelkerung besteht zum groesseren Teil aus Geten und Sarmaten; sie
tragen, wie die Daker auf der Traianssaeule, Pelze und Hosen, langes flatterndes
Haar und den Bart ungeschoren, erscheinen auf der Strasse zu Pferde und mit dem
Bogen bewaffnet, den Koecher auf der Schulter, das Messer im Guertel. Die
wenigen Griechen, die unter ihnen sich finden, haben die barbarische Sitte
angenommen mit Einschluss der Hosen und wissen ebensogut oder besser getisch als
griechisch sich auszudruecken; der ist verloren, der sich nicht auf getisch
verstaendlich machen kann, und kein Mensch versteht ein Wort lateinisch. Vor den
Toren hausen raeuberische Scharen der verschiedensten Voelker und ihre Pfeile
fliegen nicht selten ueber die schuetzende Stadtmauer; wer seinen Acker zu
bestellen wagt, der tut es mit Lebensgefahr, und pfluegt bewaffnet - war doch um
die Zeit von Caesars Diktatur bei dem Zuge des Burebista die Stadt den Barbaren
in die Haende gefallen und wenige Jahre, bevor jener Verbannte nach Tomis kam,
waehrend der dalmatisch-pannonischen Insurrektion ueber diese Gegend abermals
die Kriegsfurie hingebraust. Zu diesen Erzaehlungen passen die Muenzen und die
Inschriften derselben Stadt insofern wohl, als die Metropole des linkspontischen
Staedtebundes in der vorroemischen Zeit kein Silber geschlagen hat, was manche
andere dieser Staedte taten, und dass ueberhaupt Muenzen wie Inschriften aus der
Zeit vor Traian nur vereinzelt begegnen. Aber im 2. und 3. Jahrhundert ist sie
umgewandelt und kann ziemlich mit demselben Recht eine Gruendung Traians heissen
wie das ebenfalls rasch zu bedeutender Entwicklung gelangte Markianopolis. Die
frueher erwaehnte Sperrung in der Dobrudscha diente zugleich als Schutzmauer
fuer die Stadt Tomis. Hinter dieser bluten daselbst Handel und Schiffahrt auf.
Es gab in der Stadt eine Genossenschaft alexandrinischer Kaufleute mit ihrer
eigenen Serapiskapelle ^61; in munizipaler Freigebigkeit und munizipaler
Ambition steht die Stadt hinter keiner griechischen Mittelstadt zurueck;
zweisprachig ist sie auch jetzt noch, aber in der Weise, dass neben der auf den
Muenzen immer festgehaltenen griechischen Sprache hier an der Grenze der beiden
Reichssprachengebiete auch die lateinische vielfach selbst auf oeffentlichen
Denkmaelern angewendet wird.
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^60 Das koinon t/e/s Pentapole/o/s findet sich auf einer Inschrift von
Odessos (CIG 2056 c) die fueglich der frueheren Kaiserzeit angehoeren kann, die
pontische Hexapolis auf zwei Inschriften von Tomis wahrscheinlich des 2.
Jahrhunderts n. Chr. (Marquardt, Roemische Staatsverwaltung, Bd. 1, z. Aufl., S.
305; Hirschfeld in Archaeologisch-epigraphische Mittheilungen 6, 1882, S. 22).
Die Hexapolis muss auf jeden Fall und danach wahrscheinlich auch die Pentapolis,
mit den roemischen Provinzialgrenzen in Einklang gebracht werden, das heisst die
griechischen Staedte Untermoesiens in sich schliessen. Diese finden sich auch,
wenn man den sichersten Fuehrern, den Muenzen der Kaiserzeit, folgt.
Muenzstaetten (von Nikopolis abgesehen, Anm. 59) gibt es in Untermoesien sechs:
Istros, Tomis, Kallatis, Dionysopolis, Odessos und Markianopolis, und da die
letzte Stadt von Traian gegruendet ward, so erklaert sich damit zugleich die
Pentapolis. Tyra und Olbia haben schwerlich dazu gehoert; wenigstens zeigen die
zahlreichen und redseligen Denkmaeler der letzteren Stadt nirgends eine
Anknuepfung an diesen Staedtebund. Koinon t/o/n Ell/e/n/o/n heisst derselbe auf
einer Inschrift von Tomis, welche ich hier wiederhole, da sie nur in der
athenischen Pandora vom 1. Juni 1868 gedruckt ist: Agath/e/ t?ch/e/. Kata ta
doxanta t/e/ krat/e/st/e/ boyl/e/ kai t/o/ lamprotat/o/ d/e/m/o/ t/e/s
lamprotat/e/s metropole/o/s kai a toi epon?moy Pontoy Tome/o/s ton Pontarch/e/n
Preiskion Annianon arxanta toi koino? t/o/n Ell/e/n/o/n kai t/e/s metropole/o/s
t/e/n a' arch/e/n agn/o/s, kai archierasamenon, t/e/n diopl/o/n kyneg/e/si/o/n
endox/o/s philoteimian m/e/ dialiponta, alla kai boyleyt/e/n kai t/o/n
pr/o/teyont/o/n PHlabias Neas pole/o/s, kai t/e/n archiereian s?mbion ayto?
Ioylian Apolaist/e/n pas/e/s teim/e/s charein.
^61 Das zeigt die merkwuerdige Inschrift bei Allard, La Bulgarie Orientale.
Paris 1863, S. 263: THe/o/ megal/o/ Sarap{idi kai} tois synnaiois theois kai
t/o/ aytokratori T. Aili/o/ Adrian/o/ Ant/o/nein/o/ Sebast/o/ Eysebei kai M.
Ayr/e/li/o/ Oy/e/r/o/ Kaisari Karpi/o/n Anoybi/o/nos t/o/ oik/o/ Alexandre/o/n
ton b/o/mon ek t/o/n idi/o/n aneth/e/ken etoys kg' m/e/nos PHarmoythi a' epi
iere/o/n Kornoytoy to? kai Sarapi/o/nos Pol?mnoy to? kai Longeinoy. Die
Schiffergilde von Tomis begegnet mehrfach in den Inschriften der Stadt.
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Jenseits der Reichsgrenze, zwischen der Donaumuendung und der Krim, hatte
der griechische Kaufmann die Kueste wenig besiedelt; es gab hier nur zwei
namhafte griechische Staedte, beide von Miletos aus in ferner Zeit gegruendet,
Tyra an der Muendung des gleichnamigen Flusses, des heutigen Dnjestr, und Olbia
an dem Busen, in welchen der Borysthenes (Dnjepr) und der Hypanis (Bug) fallen.
Die verlorene Stellung dieser Hellenen unter den sie umdraengenden Barbaren in
der Diadochenzeit sowohl wie waehrend der Vorherrschaft der roemischen Republik
ist frueher geschildert worden. Die Kaiser brachten Hilfe. Im Jahre 56, also in
dem musterhaften Anfang der Neronischen Regierung, ist Tyra zur Provinz Moesien
gezogen worden. Von dem entfernteren Olbia besitzen wir eine Schilderung aus
traianischer Zeit ^62: die Stadt blutete noch aus ihren alten Wunden; die
elenden Mauern umschlossen gleich elende Haeuser und das damals bewohnte
Quartier fuellte einen kleinen Teil des alten ansehnlichen Stadtringes, von dem
einzelne uebriggebliebene Tuerme weit hinaus auf dem wuesten Felde standen; in
den Tempeln gab es kein Goetterbild, das nicht die Spuren der Barbarenfaeuste
trug; die Bewohner hatten ihr Hellenentum nicht vergessen, aber sie trugen und
schlugen sich nach Art der Skythen, mit denen sie taeglich im Gefecht lagen.
Ebenso oft wie mit griechischen nennen sie sich mit skythischen Namen, das
heisst mit denen der den Iraniern verwandten sarmatischen Staemme ^63; ja im
Koenigshause selbst ward Sauromates ein gewoehnlicher Name. Ihr Fortbestehen
selbst hatten diese Staedte wohl weniger der eigenen Kraft zu danken als dem
guten Willen oder vielmehr dem eigenen Interesse der Eingeborenen. Die an dieser
Kueste sitzenden Voelkerschaften waren weder imstande, den auswaertigen Handel
aus eigenen Emporien zu fuehren, noch mochten sie ihn entbehren; in den
hellenischen Kuestenstaedten kauften sie Salz, Kleidungstuecke, Wein, und die
zivilisierteren Fuersten schuetzten einigermassen die Fremden gegen die Angriffe
der eigentlichen Wilden. Die frueheren Regenten Roms muessen Bedenken getragen
haben, den schwierigen Schutz dieser entlegenen Niederlassung zu uebernehmen;
dennoch sandte Pius, als die Skythen sie wieder einmal belagerten, ihnen
roemische Hilfstruppen und zwang die Barbaren, Frieden zu bieten und Geiseln zu
stellen. Durch Severus, von dem an Olbia Muenzen mit dem Bildnis der roemischen
Herrscher schlug, muss die Stadt dem Reiche geradezu einverleibt worden sein.
Selbstverstaendlich erstreckte sich diese Annektierung nur auf die Stadtgebiete
selbst und ist nie daran gedacht worden, die barbarischen Umwohner Tyras und
Olbias unter das roemische Szepter zu bringen. Es ist schon bemerkt worden, dass
diese Staedte die ersten waren, welche, vermutlich unter Alexander ( + 235), dem
beginnenden Gotensturm erlagen.
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^62 Das stets bekriegte und oft zerstoerte Olbia erlitt nach der Angabe
Dios (Borysth. p. 75 R.) etwa 150 Jahre vor seiner Zeit das heisst etwa vor dem
Jahre 100 n. Chr., also wahrscheinlich bei dem Zug des Burebista, die letzte und
schwerste Eroberung (t/e/n teleytaian kai megist/e/n al/o/sin). Eilon de, faehrt
Dion fort, kai ta?t/e/n Getai kai tas allas tas en tois aristerois to? Pontoy
poleis mechri Apoll/o/nias (Sozopolis oder Sizebolu, die letzte namhafte
Griechenstadt an der pontischen Westkueste) othen d/e/ kai sphodra tapeina ta
pragmata katest/e/ t/o/n ta?t/e/ Ell/e/n/o/n, t/o/n men oyketi syoikistheis/o/n
pole/o/n, t/o/n de pha?l/o/s kai t/o/n pleist/o/n barbar/o/n eis aytas
syrryent/o/n. Der junge vornehme Stadtbuerger ausgepraegter ionischer
Physiognomie, dem Dion dann begegnet, welcher zahlreiche Sarmaten erschlagen
oder gefangen hat, und zwar den Phokylides nicht kennt, aber den Homer auswendig
weiss, traegt Mantel und Hosen nach Skythenart und das Messer im Gurt. Die
Stadtbuerger alle tragen langes Haar und langen Bart und nur einer beides
geschoren, was ihm als Zeichen serviler Haltung gegen die Roemer verdacht wird.
Also ein Jahrhundert spaeter sah es dort ganz so aus, wie Ovidius Tomis
schildert.
^63 Ganz gewoehnlich heisst der Vater skythisch, der Sohn griechisch, oder
auch umgekehrt; zum Beispiel verzeichnet eine unter oder nach Traian gesetzte
Inschrift von Olbia (CIG 2074) sechs Strategen: M. Ulpius Pyrrhus Sohn des
Arseuaches, Demetrios Sohn des Xessagaros, Zoilos Sohn des Arsakes, Badakes Sohn
des Radanpson, Epikrates Sohn des Koxuros, Ariston Sohn des Vargadakes.
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Wenn auf dem Kontinent im Norden des Pontus die Griechen sich nur spaerlich
angesiedelt hatten, so war die grosse, aus dieser Kueste vorspringende
Halbinsel, der Taurische Chersonesos, die heutige Krim, seit langem zum grossen
Teil in ihren Haenden. Getrennt durch die Gebirge, welche die Taurier
innehatten, waren die beiden Mittelpunkte der griechischen Niederlassung auf ihr
am westlichen Ende die dorische freie Stadt Herakleia oder Chersonesos
(Sevastopol), am oestlichen das Fuerstenrum von Pantikapaeon oder Bosporus
(Kertsch). Koenig Mithradates hatte auf der Hoehe seiner Macht beide vereinigt
und hier sich ein zweites Nordreich gegruendet, das dann nach dem Zusammenbruch
seiner Herrschaft als einziger Ueberrest derselben seinem Sohn und Moerder
Pharnakes verblieb. Als dieser waehrend des Krieges zwischen Caesar und Pompeius
versuchte, die vaeterliche Herrschaft in Kleinasien wieder zu gewinnen, hatte
Caesar ihn besiegt und ihn auch des Bosporanischen Reiches verlustig erklaert.
In diesem hatte inzwischen der von Pharnakes daselbst zurueckgelassene
Statthalter Asandros dem Koenig den Gehorsam aufgekuendigt, in der Hoffnung,
durch diesen Caesar erwiesenen Dienst selbst das Koenigtum zu erlangen. Als
Pharnakes nach der Niederlage in sein Bosporanisches Reich zurueckkam,
bemaechtigte er zwar zunaechst sich wieder seiner Hauptstadt, unterlag aber
schliesslich und fiel tapfer fechtend in der letzten Schlacht, als Soldat
wenigstens seinem Vater nicht ungleich. Um die Nachfolge stritten Asandros, der
tatsaechlich Herr des Landes war, und Mithradates von Pergamon, ein tuechtiger
Offizier Caesars, den dieser mit dem bosporanischen Fuerstenrum belehnt hatte;
beide suchten zugleich Anlehnung an die bisher im Bosporus herrschende Dynastie
und den grossen Mithradates, indem Asandros sich mit der Tochter des Pharnakes,
Dynamis, vermaehlte, Mithradates, einem pergamenischen Buergerhaus entsprossen,
ein Bastardsohn des grossen Mithradates Eupator zu sein behauptete, sei es nun,
dass dieses Gerede die Auswahl bestimmte, sei es, dass es zur Rechtfertigung der
Auswahl in Umlauf gesetzt ward. Da Caesar selbst zunaechst durch wichtigere
Aufgaben in Anspruch genommen war, so entschieden zwischen dem legitimen und dem
illegitimen Caesarianer die Waffen, und zwar wieder zu Gunsten des letzteren;
Mithradates fiel im Gefecht und Asandros blieb Herr im Bosporus. Er vermied es
anfaenglich, ohne Zweifel, weil ihm die Bestaetigung des Lehnsherrn fehlte, sich
den Koenigsnamen beizulegen, und begnuegte sich mit dem auch von den aelteren
Fuersten von Pantikapaeon gefuehrten Archontentitel; aber bald, wahrscheinlich
noch von Caesar selbst, erwirkte er die Bestaetigung seiner Herrschaft und den
koeniglichen Titel ^64. Bei seinem Tode (737/38 17/16) hinterliess er sein Reich
der Gemahlin Dynamis. So stark war immer noch die Macht der Erbfolge und des
Mithradatischen Namens, dass sowohl ein gewisser Scribonianus, der zunaechst
Asandros' Stelle einzunehmen versuchte, wie nach ihm der Koenig Polemon von
Pontus, dem Augustus das Bosporanische Reich zusprach, mit der Uebernahme der
Herrschaft ein Ehebuendnis mit der Dynamis verbanden; ueberdies behauptete
jener, selber ein Enkel des Mithradates zu sein, waehrend Koenig Polemon bald
nach dem Tode der Dynamis eine Enkelin des Antonius und somit eine Verwandte des
Kaiserhauses heiratete. Nach seinem fruehen Tode - er fiel im Kampfe gegen die
Aspurgianer an der asiatischen Kueste - folgten seine unmuendigen Kinder ihm
nicht und auch seinem gleichnamigen Enkel, den Kaiser Gaius trotz seines
Knabenalters im Jahre 38 in die beiden Fuerstenroemer seines Vaters wieder
einsetzte, blieb das bosporanische nicht lange. An seiner Stelle berief Kaiser
Claudius einen wirklichen oder angeblichen Nachkommen des Mithradates Eupator,
und diesem Hause ist, wie es scheint, das Fuerstenrum von da an verblieben ^65.
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^64 Da Asandros sein Archontat wahrscheinlich schon von seinem Abfall von
Pharnakes, also vom Sommer des Jahres 707 (47) gezaehlt hat und bereits im
vierten Jahre seiner Regierung den Koenigstitel annimmt, so kann dieses Jahr
fueglich auf Herbst 709/710 (45/44) gesetzt werden, die Bestaetigung also von
Caesar erfolgt sein. Antonius kann sie nicht wohl erteilt haben, da er erst Ende
712 (42) nach Asien kam; noch weniger ist an Augustus zu denken, den Pseudo-
Lukianos (macrob. 15) nennt, Vater und Sohn verwechselnd.
^65 Mithradates den Claudius im Jahre 41 zum Koenig des Bosporus machte,
fuehrte sein Geschlecht auf Eupator zurueck (Dio 60, 8; Tac. ann. 12, 18) und
ihm folgte sein Bruder Kotys (Tac. a. a. O.). Ihr Vater heisst Aspurgos (CIG II,
p. 95), braucht aber darum kein Aspurgianer (Strab. 11, 2, 19, p. 415) gewesen
zu sein. Von einem spaeteren Dynastiewechsel wird nicht berichtet; Koenig
Eupator in Pius Zeit (Lukian. Alex. 57; vita Pii 9) weist auf das gleiche Haus.
Wahrscheinlich haben uebrigens diese spaeteren bosporanischen Koenige so wie die
uns nicht einmal dem Namen nach bekannten naechsten Nachfolger Polemons auch zu
den Polemoniden in verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden, wie denn der
erste Polemon selbst eine Enkelin des Eupator zur Frau gehabt hatte. Die
thrakischen Koenigsnamen, wie Kotys und Rhaskuporis, die in dem bosporanischen
Koenigshaus gewoehnlich sind, knuepfen wohl an den Schwiegersohn des Polemon,
den thrakischen Koenig Kotys, an. Die Benennung Sauromates, welche seit dem Ende
des 1. Jahrhunderts haeufig auftritt, ist ohne Zweifel durch Verschwaegerung mit
sarmatischen Fuerstenhaeusern aufgekommen, beweist aber natuerlich nicht, dass
ihre Traeger selber Sarmaten waren. Wenn Zosimos (hist. 1, 31) den nach
Erloeschendes alten Koenigsgeschlechts zur Regierung gelangten geringen und
unwuerdigen Fuersten die Schuld daran zuschreibt, dass die Goten unter Valerian
auf bosporanischen Schiffen ihre Piratenzuege ausfuehren konnten, so mag das
seine Richtigkeit haben und zunaechst Phareanses gemeint sein, von dem es
Muenzen aus den Jahren 254 und 255 gibt. Aber auch diese sind mit dem Bildnis
des roemischen Kaisers bezeichnet, und spaeter finden sich wieder die alten
Geschlechtsnamen (alle bosporanischen Koenige sind Tiberii Iulii) und die alten
Beinamen wie Sauromates und Rhaskuporis. Im ganzen genommen sind die alten
Traditionen wie die roemische Schutzherrschaft auch damals hier noch
festgehalten worden.
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Waehrend im roemischen Staat sonst das Klientelfuerstentum nach dem Ausgang
der ersten Dynastie schwindet und seit Traianus das Prinzip des unmittelbaren
Regiments im ganzen Umfang des Roemischen Reiches durchgefuehrt ist, bestand das
bosporanische Koenigtum unter roemischer Oberherrschaft bis in das vierte
Jahrhundert hinein. Erst nachdem der Schwerpunkt des Reiches nach Konstantinopel
verlegt war, ging dieser Staat in das Hauptreich auf ^66, um dann bald von
diesem aufgegeben und, wenigstens zum groesseren Teil, die Beute der Hunnen zu
werden ^67. Indes ist der Bosporus der Sache nach mehr eine Stadt als ein
Koenigreich gewesen und geblieben und hat mehr Aehnlichkeit mit den
Stadtbezirken von Tyra und Olbia als mit den Koenigreichen Kappadokien und
Numidien. Auch hier haben die Roemer nur die hellenische Stadt Pantikapaeon
geschuetzt und Grenzerweiterung und Unterwerfung des Binnenlandes so wenig
erstrebt wie in Tyra und Olbia. Zu dem Gebiet des Fuersten von Pantikapaeon
gehoerten zwar die griechischen Ansiedlungen von Theudosia auf der Halbinsel
selbst und Phanagoria (Taman) auf der gegenueberliegenden asiatischen Kueste,
aber Chersonesos nicht ^68 oder nur etwa wie Athen zum Sprengel des Statthalters
von Achaia. Die Stadt hatte von den Roemern die Autonomie erhalten und sah in
dem Fuersten den naechsten Beschuetzer, nicht den Landesherrn; sie hat auch in
der Kaiserzeit als freie Stadt niemals weder mit Koenigs- noch mit
Kaiserstempeln gepraegt. Auf dem Kontinent stand nicht einmal die Stadt, welche
die Griechen Tanais nennen, ein lebhaftes Emporium an der Muendung des Don, aber
schwerlich eine griechische Gruendung, dauernd unter der Botmaessigkeit der
roemischen Lehnsfuersten ^69. Von den mehr oder minder barbarischen Staemmen auf
der Halbinsel selbst und an der europaeischen und asiatischen Kueste suedlich
vom Tanais befanden sich wohl nur die naechsten in festem
Abhaengigkeitsverhaeltnis ^70.
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^66 Die letzte bosporanische Muenze ist vom Jahre 631 der
Archaemenidenaera, 335 n. Chr.; sicher haengt dies zusammen mit der eben in
dieses Jahr fallenden Einsetzung des Neffen Konstantins L, Hanniballianus, zum
"Koenig", obwohl dies Koenigtum hauptsaechlich das oestliche Kleinasien umfasste
und zur Residenz Caesa rea in Kappadokien hatte. Nachdem in der blutigen
Katastrophe nach Konstantins Tode dieser Koenig und sein Koenigtum zugrunde
gegangen war, steht der Bosporus unmittelbar unter Konstantinopel.
^67 Noch im Jahre 366 war der Bosporus in roemischem Besitz (Amm. 26, 10,
6); bald nachher muessen die Griechen am Nordufer des Schwarzen Meeres sich
selbst ueberlassen worden sein, bis dann Justinian die Halbinsel wieder besetzte
(Prok. Goth. 4, 5). In der Zwischenzeit ging Pantikapaeon in den Hunnenstuermen
zugrunde.
^68 Die Muenzen der Stadt Chersonesos aus der Kaiserzeit haben die
Aufschrift CHerson/e/soy eleytheras, einmal sogar basileyo?s/e/s, und weder
Koenigs- noch Kaisernamen oder Kopf (A. v. Sauet in Zeitschrift fuer Numismatik
1, 1874, S. 27; 4, 1877, S. 273). Die Unabhaengigkeit der Stadt dokumentiert
sich auch darin, dass sie nicht minder als die Koenige des Bosporus in Gold
muenzt. Da die Aera der Stadt richtig auf das Jahr 36 v. Chr. bestimmt scheint
(CIG 8621), in welchem ihr, vermutlich von Antonius, die Freiheit verliehen
ward, so ist die vom Jahre 109 datierte Goldmuenze der "regierenden Stadt" im
Jahre 75 n. Chr. geschlagen.
^69 Nach Strabons Darstellung (11, 2, 11, p. 495) stehen die Herren von
Tanais selbstaendig neben denen von Pantikapaeon und haengen die Staemme
suedlich vom Don bald von diesen, bald von jenen ab; wenn er hinzufuegt, dass
manche der pantikapaeischen Fuersten bis zum Tanais geboten, und namentlich die
letzten, Pharnakes, Asandros, Polemon, so scheint dies mehr Ausnahme als Regel.
In der Anm. 70 angefuehrten Inschrift stehen die Tanaiten unter den
untertaenigen Staemmen und eine Reihe von tanaitischen Inschriften bestaetigen
dies fuer die Zeit von Marcus bis Gordian; aber die Ell/e/nes kai Tanaeitai
neben den archantes Tanaeit/o/n und den oefter genannten Ell/e/narchai
bestaetigen, dass die Stadt auch damals eine nicht griechische blieb.
^70 In der einzigen lebendigen Erzaehlung aus der bosporanischen
Geschichte, die wir besitzen, der des Tacitus (arm. 12, 15-21) von den beiden
rivalisierenden Bruedern Mithradates und Kotys, stehen die benachbarten Staemme,
die Dandariden Shaker, Aorser unter eigenen, von dem roemischen Fuersten von
Pantikapaeon nicht rechtlich abhaengigen Herren.
In der Titulatur pflegen die aelteren pantikapaeischen Fuersten sich
Archonten des Bosporus, das heisst von Pantikapaeon, und von Theudosia und
Koenige der Sinder und saemtlicher Maiter und anderer nicht griechischer
Voelkerschaften zu nennen. Ebenso nennt die meines Wissens unter den
Koenigsinschriften der roemischen Epoche aelteste den Aspurgos, Sohn des
Asandrochos (Stephani, Comptes rendus de la commission pour 1866, S. 128)
basile?onta pantos Bosporoy. THeodosi/e/s kai Sind/o/n kai Mait/o/n kai
Toret/o/n PS/e/s/o/n te kai Tanaeit/o/n. TH/e/ostasanta Sk?thas kai Tayro?s. Auf
den Umfang des Gebietes wird aus der vereinfachten Titulatur kein Schluss
gezogen werden duerfen.
In den Inschriften der spaeteren Zeit findet sich einmal unter Traian die
wohl adulatorische Titulatur basile?s basile/o/n megas to? pantos Bosporoy(CIG
2123). Die Muenzen kennen ueberhaupt von Asandros an keinen Titel als basile?s,
waehrend doch Pharnakes sich basile?s basile/o/n megas nennt. Ohne Zweifel ist
dies Einwirkung der roemischen Suzeraenitaet, mit der sich ein ueber andere
Fuersten gesetzter Lehnsfuerst nicht recht vertrug.
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Das Gebiet von Pantikapaeon war zu ausgedehnt und besonders fuer den
kaufmaennischen Verkehr zu wichtig, um, wie Olbia und Tyra, der Verwaltung
wechselnder Gemeindebeamten und eines weit entfernten Statthalters ueberlassen
zu werden; deshalb wurde es erblichen Fuersten anvertraut, was weiter sich
dadurch empfahl, dass es nicht geraten scheinen mochte, die mit dieser
Landschaft verknuepften Verhaeltnisse zu den Umwohnern unmittelbar auf das Reich
zu uebertragen. Als Griechenfuersten haben die des bosporanischen Hauses, trotz
ihres achaemenidischen Stammbaumes und ihrer achaemenidischen Jahreszaehlung,
sich durchaus empfunden und ihren Ursprung, nach gut hellenischer Art, auf
Herakles und die Eumolpiden zurueckgefuehrt. Die Abhaengigkeit dieser Griechen
von Rom, der koeniglichen in Pantikapaeon wie der republikanischen in
Chersonesos, war durch die Natur der Dinge gegeben, und nie haben sie daran
gedacht, gegen den schuetzenden Arm des Reiches sich aufzulehnen; wenn einmal
unter Kaiser Claudius die roemischen Truppen gegen einen unbotmaessigen Fuersten
des Bosporus marschieren mussten ^71, so hat dagegen diese Landschaft selbst in
der entsetzlichen Verwirrung in der Mitte des 3. Jahrhunderts, welche
vorzugsweise sie traf, von dem Reich, auch von dem zerfallenden, niemals
gelassen ^72. Die wohlhabenden Kaufstaedte, inmitten eines barbarischen
Voelkergewoges militaerischen Schutzes dauernd beduerftig, hielten an Rom wie
die Vorposten an dem Hauptheer. Die Besatzung ist wohl hauptsaechlich in dem
Lande selbst aufgestellt worden, und sie zu schaffen und zu fuehren, war ohne
Zweifel die Hauptaufgabe des Koenigs des Bosporus. Die Muenzen, welche wegen der
Investitur eines solchen geschlagen wurden, zeigen wohl den kurulischen Sessel
und die sonstigen bei solcher Belehnung ueblichen Ehrengeschenke, aber daneben
auch Schild, Helm, Degen, Streitaxt und das Schlachtross; es war kein
Friedensamt, das dieser Fuerst ueberkam. Auch blieb der erste derselben, den
Augustus bestellte, im Kampf mit den Barbaren, und von seinen Nachfolgern stritt
zum Beispiel Koenig Sauromates, des Rhoemetalkes Sohn, in den ersten Jahren des
Severus mit den Sirakern und den Skythen - vielleicht nicht ganz ohne Grund hat
er seine Muenzen mit den Taten des Herakles bezeichnet. Auch zur See hatte er
taetig zu sein, vor allem das auf dem Schwarzen Meer nie aufhoerende
Piratenwesen niederzuhalten: jenem Sauromates wird gleichfalls nachgeruehmt,
dass er die Taurier zur Ordnung gebracht und die Piraterie gebaendigt habe.
Indes lagen auf der Halbinsel auch roemische Truppen, vielleicht eine Abteilung
der pontischen Flotte, sicher ein Detachement der moesischen Armee; bei geringer
Zahl zeigte doch ihre Anwesenheit den Barbaren, dass der gefuerchtete Legionaer
auch hinter diesen Griechen stand. Noch in anderer Weise schuetzte sie das
Reich; wenigstens in spaeterer Zeit sind den Fuersten des Bosporus regelmaessig
Geldsummen aus der Reichskasse gezahlt worden, deren sie auch insofern
bedurften, als das Abkaufen der feindlichen Einfaelle durch stehende Jahrgelder
hier, in dem nicht unmittelbaren Reichslande, wahrscheinlich noch frueher
stehend geworden ist als anderswo ^73.
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^71 Es war dies der im Jahre 41 von Claudius eingesetzte Koenig
Mithradates, welcher einige Jahre spaeter abgesetzt und durch seinen Bruder
Kotys ersetzt ward; er lebte nachher in Rom und kam in den Wirren des
Vierkaiserjahres um (Plut. Galba 13 u. 15). Indes wird weder aus den Andeutungen
bei Tacitus (ann. 12, 15; vgl. Plin. nat. 6, 5, 17) noch aus dem (durch
Verwechslung der beiden Mithradates von Bosporus und von Iberien verwirrten)
Bericht bei Petrus Patricius (fr. 3) der Sachverhalt deutlich. Die
chersonesitischen Maerchen bei dem spaeten Constantinus Porphyrogenitus (de adm.
imp. c. 53) kommen natuerlich nicht in Betracht. Der boese bosporanische Koenig
Sauromates Kriskonoroy (nicht R/e/skoporoy) yios der mit den Sarmaten gegen
Kaiser Diocletianus und Constantius sowie gegen das reichstreue Cherson Krieg
fuehrt, ist offenbar hervorgegangen aus einer Verwirrung des bosporanischen
Koenigs- und des Volksnamens und geradeso historisch wie die Variation auf die
Geschichte von David und Goliath, die Erlegung des gewaltigen Koenigs der
Bosporaner Sauromates durch den kleinen Chersonesiten Pharnakos. Die
Koenigsnamen allein, zum Beispiel ausser den genannten der nach dem Erloeschen
des Geschlechts der Sauromaten eintretende Asandros, genuegen. Die staedtischen
Privilegien und die Oertlichkeiten der Stadt, zu deren Erklaerung diese
Mirabilien erfunden sind, verdienen allerdings Beachtung.
^72 Es gibt keine bosporanischen Gold- oder Pseudogoldmuenzen ohne den
roemischen Kaiserkopf, und es ist dies immer der des vom roemischen Senat
anerkannten Herrschers. Dass in den Jahren 263 und 265, wo im Reiche sonst nach
Valerians Gefangennehmung Gallienus offiziell als Alleinherrscher galt, hier
zwei Koepfe auf den Muenzen erscheinen, ist vielleicht nur Unkunde; doch mag der
Bosporus damals unter den vielen Praetendenten eine andere Wahl getroffen haben.
Die Namen werden in dieser Zeit nicht beigesetzt und die Bildnisse sind nicht
sicher zu unterscheiden.
^73 Dies wird man dem Skythen Toxaris in dem unter den lukianischen
stehenden Dialog (c. 44) glauben duerfen; im uebrigen erzaehlt er nicht bloss
m?thois omoia, sondern eben einen Mythos, dessen Koenige Leukanor und Eubiotos
die Muenzen begreiflicherweise nicht kennen.
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Dass die Zentralisierung des Regiments auch diesem Fuersten gegenueber zur
Anwendung kam und er nicht viel anders zu dem roemischen Caesar stand wie der
Buergermeister von Athen, tritt vielfach hervor; Erwaehnung verdient, dass
Koenig Asandros und die Koenigin Dynamis Goldmuenzen mit ihrem Namen und ihrem
Bildnis schlugen, dagegen dem Koenig Polemon und seinen naechsten Nachfolgern
wohl die Goldpraegung blieb, da dieses Gebiet sowie die anwohnenden Barbaren
seit langem ausschliesslich an Goldcourant gewoehnt waren, aber sie veranlasst
wurden, ihre Goldstuecke mit dem Namen und dem Bilde des regierenden Kaisers zu
versehen. Ebenfalls seit Polemon ist der Fuerst dieses Landes zugleich der
Oberpriester auf Lebenszeit des Kaisers und des kaiserlichen Hauses. Im uebrigen
behielten die Verwaltung und das Hofwesen die unter Mithradates eingefuehrten
Formen nach dem Muster des persischen Grosskoenigtums, obwohl der
Geheimschreiber (archigrammate?s) und der Oberkammerdiener
(archikoit/o/neit/e/s) des Hofes von Pantikapaeon zu den vornehmen Hofbeamten
der Grosskoenige sich verhielten wie der Roemerfeind Mithradates Eupator zu
seinem Nachkommen Tiberius Iulius Eupator, der wegen seines Anrechts an die
bosporanische Krone in Rom vor Kaiser Pius Recht nahm.
Wertvoll blieb dieses nordische Griechenland fuer das Reich wegen der
Handelsbeziehungen. Wenn auch dieselben in dieser Epoche wohl weniger bedeuteten
als in aelterer Zeit ^74, so ist doch der Kaufmannsverkehr sehr rege geblieben.
In der augustischen Zeit brachten die Staemme der Steppe Sklaven ^75 und Felle,
die Kaufleute der Zivilisation Bekleidungsstuecke, Wein und andere Luxusartikel
nach Tanais; in noch hoeherem Masse war Phanagoria die Niederlage fuer den
Export der Einheimischen, Pantikapaeon fuer den Import der Griechen. Jene Wirren
im Bosporus in der claudischen Zeit waren fuer die Kaufleute von Byzanz ein
schwerer Schlag. Dass die Goten ihre Piratenfahrten im dritten Jahrhundert damit
begannen, die bosporanischen Reeder zu unfreiwilliger Hilfeleistung zu pressen,
wurde schon erwaehnt. Wohl infolge dieses, den barbarischen Nachbarn selbst
unentbehrlichen Verkehrs haben die Buerger von Chersonesos noch nach dem
Wegziehen der roemischen Besatzungen sich behauptet und konnten spaeterhin, als
in justinianischer Zeit die Macht des Reiches sich auch nach dieser Richtung hin
noch einmal geltend machte, als Griechen in das griechische Reich zuruecktreten.
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^74 In Betreff der Getreideausfuhr verdient die Notiz in dem Bericht des
Plautius Beachtung.
^75 Auch aus dem Erbieten, einer von den roemischen Truppen bedraengten
Ortschaft der Siraker (am Asowschen Meer) 10000 Sklaven zu liefern (Tac. ann.
12, 17), wird auf einen lebhaften Sklavenimport aus diesen Gegenden geschlossen
werden duerfen.
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8. Kapitel
Kleinasien
Die grosse Halbinsel, welche die drei Meere, das Schwarze, das Aegaeische
und Mittellaendische, an drei Seiten bespuelen, und die gegen Osten mit dem
eigentlichen asiatischen Kontinent zusammenhaengt, wird, insoweit sie zum
Grenzgebiet des Reiches gehoert, in dem naechsten, das Euphratgebiet und die
roemisch-parthischen Beziehungen behandelnden Abschnitt betrachtet werden. Hier
sollen die Friedensverhaeltnisse namentlich der westlichen Landschaften unter
dem Kaiserregiment dargelegt werden.
Die urspruengliche oder doch vorgriechische Bevoelkerung dieser weiten
Strecke hat sich vielerorts in bedeutendem Umfang bis in die Kaiserzeit hinein
behauptet. Dem frueher eroerterten thrakischen Stamme hat sicher der groesste
Teil von Bithynien gehoert; Phrygien, Lydien, Kilikien, Kappadokien zeigen sehr
mannigfaltige und schwer zu loesende Ueberreste aelterer Sprachepochen, die
vielfach in die roemische Zeit hinabreichen; fremdartige Goetter-, Menschen- und
Ortsnamen begegnen ueberall. Aber so weit unser Blick reicht, dem freilich das
tiefere Eindringen hier selten gewaehrt ist, erscheinen diese Elemente nur
weichend und schwindend, wesentlich als Negation der Zivilisation oder, was hier
damit uns wenigstens zusammenzufallen duenkt, der Hellenisierung. Es wird am
geeigneten Platz auf einzelne Gruppen dieser Kategorie zurueckzukommen sein;
fuer die geschichtliche Entwicklung Kleinasiens in der Kaiserzeit gibt es
daselbst nur zwei aktive Nationalitaeten, die beiden zuletzt eingewanderten, in
den Anfaengen der geschichtlichen Zeit die Hellenen und waehrend der Wirren der
Diadochenzeit die Kelten.
Die Geschichte der kleinasiatischen Hellenen, soweit sie ein Teil der
roemischen ist, ist frueher dargelegt worden. In der fernen Zeit, wo die Kuesten
des Mittelmeers zuerst befahren und besiedelt wurden und die Welt anfing unter
die vorgeschrittenen Nationen auf Kosten der zurueckgebliebenen aufgeteilt zu
werden, hatte die Hochflut der hellenischen Auswanderung sich zwar ueber alle
Ufer des Mittellaendischen Meeres, aber doch nirgend hin, selbst nicht nach
Italien und Sizilien in so breitem Strom ergossen wie ueber das Inselreiche
Aegaeische Meer und die nahe, hafenreiche, liebliche Kueste Vorderasiens. Die
vorderasiatischen Griechen hatten dann selbst vor allen uebrigen sich taetig an
der weiteren Welteroberung beteiligt, von Miletos aus die Kuesten des Schwarzen
Meeres, von Phokaea und Knidos aus die der Westsee besiedeln helfen. In Asien
ergriff die hellenische Zivilisation wohl die Bewohner des Binnenlandes, die
Myser, Lydier, Karer, Lykier, und selbst die persische Grossmacht blieb von ihr
nicht unberuehrt. Aber die Hellenen selber besassen nichts als den Kuestensaum,
hoechstens mit Einschluss des unteren Laufs der groesseren Fluesse, und die
Inseln. Kontinentale Eroberung und eigene Landmacht vermochten sie hier
gegenueber den maechtigen einheimischen Fuersten nicht zu gewinnen; auch lud das
hochgelegene und grossenteils wenig kulturfaehige Binnenland Kleinasiens nicht
so wie die Kuesten zur Ansiedelung ein, und die Verbindungen dieser mit dem
Innern sind schwierig. Wesentlich in Folge dessen brachten es die asiatischen
Hellenen noch weniger als die europaeischen zur inneren Einigung und zur eigenen
Grossmacht und lernten frueh die Fuegsamkeit gegenueber den Herren des
Kontinents. Der national hellenische Gedanke kam ihnen erst von Athen; sie
wurden dessen Bundesgenossen nur nach dem Siege und blieben es nicht in der
Stunde der Gefahr. Was Athen diesen Schutzbefohlenen der Nation hatte leisten
wollen und nicht hatte leisten koennen, das vollbrachte Alexander; Hellas musste
er besiegen, Kleinasien sah in dem Eroberer nur den Befreier. Alexanders Sieg
sicherte in der Tat nicht bloss das asiatische Hellenentum, sondern oeffnete ihm
eine weite, fast ungemessene Zukunft; die Besiedelung des Kontinents, welche im
Gegensatz der bloss litoralen dieses zweite Stadium der hellenischen
Welteroberung bezeichnet, ergriff auch Kleinasien in bedeutendem Umfang. Doch
von den Knotenpunkten der neuen Staatenbildung kam keiner nach den alten
Griechenstaedten der Kueste ^1. Die neue Zeit forderte wie ueberhaupt neue
Gestaltung, so vor allem auch neue Staedte, zugleich griechische
Koenigsresidenzen und Mittelpunkte bisher ungriechischer und dem Griechentum
zuzufuehrender Bevoelkerungen. Die grosse staatliche Entwicklung bewegt sich um
die Staedte koeniglicher Gruendung und koeniglichen Namens, Thessalonike,
Antiocheia, Alexandreia. Mit ihren Herren hatten die Roemer zu ringen; den
Besitz Kleinasiens gewannen sie fast durchaus, wie man von Verwandten oder
Freunden ein Landgut erwirbt, durch Vermaechtnis im Testament; und wie schwer
auf den also gewonnenen Landschaften zeitweise das roemische Regiment gelastet
hat, der Stachel der Fremdherrschaft trat hier nicht hinzu. Eine nationale
Opposition hat wohl der Achaemenide Mithradates den Roemern in Kleinasien
entgegengestellt und das roemische Missregiment die Hellenen in seine Arme
getrieben; aber diese selbst haben nie etwas Aehnliches unternommen. Darum ist
von diesem grossen, reichen, wichtigen Besitz in politischer Hinsicht wenig zu
berichten; um so weniger, als in betreff der nationalen Beziehungen der Hellenen
ueberhaupt zu den Roemern das in dem vorhergehenden Abschnitt Bemerkte
wesentlich auch fuer die kleinasiatischen Geltung hat.
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^1 Haette der Staat des Lysimachos Bestand gehabt, so waere es wohl anders
gekommen. Seine Gruendungen Alexandreia in der Troas und Lysimacheia, Ephesos-
Arsinoe, verstaerkt durch die Uebersiedelung der Bewohner von Kolophon und
Lebedos, liegen in der bezeichneten Richtung.
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Die roemische Verwaltung Kleinasiens wurde nie in systematischer Weise
geordnet, sondern die einzelnen Gebiete so, wie sie zum Reich kamen, ohne
wesentliche Veraenderung der Grenzen als roemische Verwaltungsbezirke
eingerichtet. Die Staaten, welche Koenig Attalos III. von Pergamon den Roemern
vermacht hatte, bilden die Provinz Asia; die ebenfalls durch Erbgang ihnen
zugefallenen des Koenigs Nikomedes die Provinz Bithynien; das dem Mithradates
Eupator abgenommene Gebiet die mit Bithynien vereinigte Provinz Pontus. Kreta
wurde bei Gelegenheit des grossen Piratenkrieges von den Roemern besetzt;
Kyrene, das gleich hier mit erwaehnt werden mag, nach dem letzten Willen seines
Herrschers von ihnen uebernommen. Derselbe Rechtstitel gab der Republik die
Insel Kypros; hinzu kam hier die notwendige Unterdrueckung der Piraterie. Diese
hatte auch zu der Bildung der Statthalterschaft Kilikien den Grund gelegt;
vollstaendig kam das Land an Rom durch Pompeius mit Syrien zugleich, und beide
sind waehrend des ersten Jahrhunderts gemeinschaftlich verwaltet worden. All
dieser Laenderbesitz war bereits von der Republik erworben. In der Kaiserzeit
traten eine Anzahl Gebiete hinzu, welche frueher nur mittelbar zum Reich gehoert
hatten: im Jahre 729 (25) das Koenigreich Galatien, mit welchem ein Teil
Phrygiens, Lykaonien, Pisidien, Pamphylien vereinigt worden war; im Jahre 747
(7) die Herrschaft des Koenigs Deiotarus, Kastors Sohn, welche Gangra in
Paphlagonien und wahrscheinlich auch Amaseia und andere benachbarte Orte
umfasste; im Jahre 17 n. Chr. das Koenigreich Kappadokien; im Jahre 43 das
Gebiet der Konfoederation der lykischen Staedte; im Jahre 63 das nordoestliche
Kleinasien vom Tal des Iris bis zur armenischen Grenze; Klein-Armenien und
einige kleinere Fuerstentuemer in Kilikien wahrscheinlich durch Vespasian. Damit
war die unmittelbare Reichsverwaltung in ganz Kleinasien durchgefuehrt.
Lehnsfuerstentuemer blieben nur der taurische Bosporus, von. dem schon die Rede
war, und Gross-Armenien, von dem der naechste Abschnitt handeln wird.
Als bei dem Eintreten des Kaiserregiments die administrative Scheidung
zwischen ihm und dem des Reichsrats getroffen ward, kam das gesamte
kleinasiatische Gebiet, so weit es damals unmittelbar unter dem Reiche stand, an
den letzteren; die Insel Kypros, die anfangs unter kaiserliche Verwaltung
gelangt war, ging ebenfalls wenige Jahre spaeter an den Senat ueber. So
entstanden hier die vier senatorischen Statthalterschaften Asia, Bithynia und
Pontus, Kypros, Kreta und Kyrene. Unter kaiserlicher Verwaltung stand anfangs
nur Kilikien als Teil der syrischen Provinz. Aber die spaeter in unmittelbare
Reichsverwaltung gelangten Gebiete wurden hier wie im ganzen Reich unter
kaiserliche Statthalter gelegt; so ward noch unter Augustus aus den
binnenlaendischen Landschaften des Galatischen Reiches die Provinz Galatien
gebildet und die Kuestenlandschaft Pamphylien einem anderen Statthalter
ueberwiesen, welchem letzteren unter Claudius weiter Lykien unterstellt ward.
Ferner ward Kappadokien kaiserliche Statthalterschaft unter Tiberius. Auch blieb
natuerlich Kilikien, als es eigene Statthalter erhielt, unter kaiserlicher
Verwaltung. Abgesehen davon, dass Hadrian die wichtige Provinz Bithynien und
Pontus gegen die unbedeutende lykisch-pamphylische eintauschte, blieb diese
Ordnung in Kraft, bis gegen das Ende des 3. Jahrhunderts die senatorische
Mitverwaltung ueberhaupt bis auf geringe Ueberreste beseitigt ward. Die Grenze
ward in der ersten Kaiserzeit durchaus durch die Lehnsfuerstentuemer gebildet;
nach deren Einziehung beruehrte die Reichsgrenze, von Kyrene abgesehen, unter
allen diesen Verwaltungsbezirken nur der kappadokische, insofern diesem damals
auch die nordoestliche Grenzlandschaft bis hinauf nach Trapezunt zugeteilt war
^2; und auch diese Statthalterschaft grenzte nicht mit dem eigentlichen Ausland,
sondern im Norden mit den abhaengigen Voelkerschaften am Phasis, weiterhin mit
dem von Rechts wegen und einigermassen auch tatsaechlich zum Reiche gehoerigen
Lehnskoenigtum Armenien.
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^2 Nirgends haben die Grenzen der Lehnstaaten und selbst der Provinzen mehr
gewechselt als im nordoestlichen Kleinasien. Die unmittelbare Reichsverwaltung
trat hier fuer die Landschaften des Koenigs Polemon, wozu Zela, Neocaesarea,
Trapezus gehoerten, im Jahre 63 ein, fuer Klein-Armenien, wir wissen nicht genau
wann, wahrscheinlich im Anfang der Regierung Vespasians. Der letzte Lehnskoenig
von Klein-Armenien, dessen gedacht wird, ist der Herodeer Aristobulos (Tac. ann.
13, 7; 14, 26; Ios. ant. Iud. 20, 8, 4), der es noch im Jahre 60 besass; im
Jahre 75 war die Landschaft roemisch (CIL III, 306), und wahrscheinlich hat die
eine der seit Vespasian in Kappadokien garnisonierenden Legionen von Anfang an
in dem klein-armenischen Satala gestanden. Vespasian hat die genannten
Landschaften so wie Galatien und Kappadokien zu einer grossen Statthalterschaft
vereinigt. Am Ende der Domitianischen Regierung finden wir Galatien und
Kappadokien getrennt und die nordoestlichen Provinzen zu Galatien gelegt. Unter
Traian ist zuerst wiederum der ganze Bezirk in einer Hand, spaeterhin (Eph.
epigr. V, n. 1345) in der Weise geteilt, dass die nordoestliche Kueste zu
Kappadokien gehoert. Dabei ist es wenigstens insoweit geblieben, dass Trapezunt,
und also auch Klein-Armenien, fortan bestaendig unter diesem Statthalter
gestanden hat. Also hatte, von einer kurzen Unterbrechung unter Domitian
abgesehen, der Legat von Galatien nichts mit der Grenzverteidigung zu tun und
ist diese, wie es auch in der Sache liegt, stets mit dem Kommando Kappadokiens
und seiner Legionen vereinigt gewesen.
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Um von den Zustaenden und der Entwicklung Kleinasiens in den drei ersten
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine Vorstellung zu gewinnen, soweit dies bei
einem aus unserer unmittelbaren geschichtlichen Ueberlieferung gaenzlich
ausfallenden Lande moeglich ist, wird bei dem konservativen Charakter des
roemischen Provinzialregiments an die aelteren Gebietsteilungen und die
Vorgeschichte der einzelnen Landschaften anzuknuepfen sein.
Die Provinz Asia ist das alte Reich der Attaliden, Vorderasien bis
noerdlich zur bithynischen, suedlich zur lykischen Grenze; die anfangs davon
abgetrennten oestlichen Striche, das grosse Phrygien, waren schon in
republikanischer Zeit wieder dazu geschlagen worden, und die Provinz reichte
seitdem bis an die Landschaft der Galater und die pisidischen Gebirge. Auch
Rhodus und die uebrigen kleineren Inseln des Aegaeischen Meeres gehoerten zu
diesem Sprengel. Die urspruengliche hellenische Ansiedlung hatte ausser den
Inseln und der eigentlichen Kueste auch die unteren Taeler der groesseren
Fluesse besetzt; Magnesia am Sipylos im Hermostal, das andere Magnesia und
Tralleis im Tal des Maeandros waren schon vor Alexander als griechische Staedte
gegruendet oder doch griechische Staedte geworden; die Karer, Lyder, Myser
wurden frueh wenigstens zu Halbhellenen. Die eintretende Griechenherrschaft fand
in den Kuestenlandschaften nicht viel zu tun; Smyrna, das vor Jahrhunderten von
den Barbaren des Binnenlandes zerstoert worden war, erhob sich damals aus seinen
Truemmern, um rasch wieder einer der ersten Sterne des glaenzenden
kleinasiatischen Staedteringes zu werden; und wenn der Wiederaufbau von Ilion an
dem Grabhuegel Hektors mehr ein Werk der Pietaet als der Politik war, so war die
Anlage von Alexandreia an der Kueste der Troas von bleibender Bedeutung.
Pergamon im Tal des Ka‹kos bluehte auf als Residenz der Attaliden.
In dem grossen Werk der Hellenisierung des Binnenlandes dieser Provinz
wetteiferten, Alexanders Intentionen entsprechend, alle hellenischen
Regierungen, Lysimachos, die Seleukiden, die Attaliden. Die einzelnen
Gruendungen sind aus unserer Ueberlieferung noch mehr verschwunden als die
Kriegslaeufte der gleichen Epoche; wir sind hauptsaechlich angewiesen auf die
Namen und die Beinamen der Staedte; aber auch diese genuegen, um die allgemeinen
Umrisse dieser Jahrhunderte hindurch sich fortsetzenden und dennoch homogenen
und zielbewussten Taetigkeit zu erkennen. Eine Reihe binnenlaendischer
Ortschaften, Stratonikeia in Karien, Peltae, Blaundos, Dokimeion, Kadoi in
Phrygien, die Mysomakedonier im Bezirk von Ephesos, Thyateira, Hyrkania, Nakrasa
im Hermosgebiet, die Askylaken im Bezirk von Adramytion werden in Urkunden oder
sonstigen glaubwuerdigen Zeugnissen als Makedonierstaedte bezeichnet; und diese
Erwaehnungen sind so zufaelliger Art und die Ortschaften teilweise so
unbedeutend, dass die gleiche Bezeichnung sicher auf eine grosse Anzahl anderer
Niederlassungen in dieser Gegend sich erstreckt hat und wir schliessen duerfen
auf eine ausgedehnte, wahrscheinlich mit dem Schutz Vorderasiens gegen die
Galater und Pisidier zusammenhaengende Ansiedlung griechischer Soldaten in den
bezeichneten Gegenden. Wenn ferner die Muenzen der ansehnlichen phrygischen
Stadt Synnada mit ihrem Stadtnamen den der Ioner und der Dorer sowie den des
gemeinen Zeus (Ze?s pand/e/mos) verbinden, so muss einer der Alexandriden die
Griechen insgemein aufgefordert haben, hier sich niederzulassen; und auch dies
beschraenkte sich gewiss nicht auf diese einzelne Stadt. Die zahlreichen Staedte
hauptsaechlich des Binnenlandes, deren Namen auf die Koenigshaeuser der
Seleukiden oder der Attaliden zurueckgehen oder die sonst griechisch benannt
sind, sollen hier nicht aufgefuehrt werden; es befinden sich namentlich unter
den sicher von den Seleukiden gegruendeten oder reorganisierten Staedten mehrere
der in spaeterer Zeit bluehendsten und gesittetsten des Binnenlandes, zum
Beispiel im suedlichen Phrygien Laodikeia und vor allem Apameia, das alte
Kelaenae an der grossen Heerstrasse von der Westkueste Kleinasiens zum mittleren
Euphrat, schon in persischer Zeit das Entrepot fuer diesen Verkehr und unter
Augustus nach Ephesos die bedeutendste Stadt der Provinz Asia. Wenn auch nicht
jede Beilegung eines griechischen Namens mit Ansiedlung griechischer Kolonisten
verbunden gewesen sein wird, so werden wir doch einen betraechtlichen Teil
dieser Ortschaften den griechischen Pflanzstaedten beizaehlen duerfen. Aber auch
die staedtischen Ansiedlungen nichtgriechischen Ursprungs, die die Alexandriden
vorfanden, lenkten von selber in die Bahnen der Hellenisierung ein, wie denn die
Residenz des persischen Statthalters, Sardes, noch von Alexander selbst als
griechisches Gemeinwesen geordnet ward.
Diese staedtische Entwicklung war vollzogen, als die Roemer die Herrschaft
ueber Vorderasien antraten; sie selber haben sie nicht in intensiver Weise
gefoerdert. Dass eine grosse Anzahl der Stadtgemeinden in der oestlichen Haelfte
der Provinz ihre Jahre von dem der Stadt 670 (84) zaehlen, kommt daher, dass
damals nach Beendigung des Mithradatischen Krieges diese Bezirke durch Sulla
unter unmittelbar roemische Verwaltung kamen; Stadtrecht haben diese Ortschaften
nicht erst damals erhalten. Augustus hat die Stadt Parium am Hellespont und die
schon erwaehnte Alexandreia in Troas mit Veteranen seiner Armee besetzt und
beiden die Rechte der roemischen Buergergemeinden beigelegt; letztere ist
seitdem in dem griechischen Asien eine italische Insel gewesen wie Korinth in
Griechenland und Berylos in Syrien. Aber dies war nichts als Soldatenversorgung;
von eigentlicher Staedtegruendung in der roemischen Provinz Asien unter den
Kaisern ist wenig die Rede. Unter den nicht zahlreichen nach Kaisern benannten
Staedten daselbst ist vielleicht nur von Sebaste und Tiberiopolis, beide in
Phrygien, und von Hadrianoi an der bithynischen Grenze kein aelterer Stadtname
nachzuweisen. Hier, in der Berglandschaft zwischen dem Ida und dem Olymp, hauste
Kleon in der Triumviralzeit, ein gewisser Tilliboros unter Hadrian, beide halb
Raeuberhauptleute, halb Volksfuersten, von denen jener selbst in der Politik
eine Rolle gespielt hat; in dieser Freistatt der Verbrecher war die Gruendung
einer geordneten Stadtgemeinde durch Hadrian allerdings eine Wohltat. Sonst
blieb in dieser Provinz, mit ihren fuenfhundert Stadtgemeinden der
staedtereichsten des ganzen Staates, in dieser Hinsicht wohl nicht mehr viel zu
stiften uebrig, hoechstens etwa zu teilen, das heisst die faktisch zu einer
Stadtgemeinde sich entwickelnden Flecken aus dem frueheren Gemeindeverbande zu
loesen und selbstaendig zu machen, wie wir einen Fall der Art in Phrygien unter
Konstantin I. nachweisen koennen. Aber von der eigentlichen Hellenisierung waren
die abgelegenen Gebiete noch weit entfernt, als das roemische Regiment begann;
insbesondere in Phrygien behauptete sich die vielleicht der armenischen
gleichartige Landessprache. Wenn aus dem Fehlen griechischer Muenzen und
griechischer Inschriften nicht mit Sicherheit auf das Fehlen der Hellenisierung
geschlossen werden darf ^3, so weist doch die Tatsache, dass die phrygischen
Muenzen fast durchaus der roemischen Kaiserzeit, die phrygischen Inschriften der
grossen Mehrzahl nach der spaeteren Kaiserzeit angehoeren, darauf hin, dass in
die entlegenen und der Zivilisation schwer zugaenglichen Gegenden der Provinz
Asia die hellenische Gesittung soweit ueberhaupt, ueberwiegend erst unter den
Kaisern den Weg fand. Zu unmittelbarem Eingreifen der Reichsverwaltung bot
dieser im Stillen sich vollziehende Prozess wenig Gelegenheit und Spuren solchen
Eingreifens vermoegen wir nicht nachzuweisen. Freilich war Asia eine
senatorische Provinz, und dass dem Senatsregiment jede Initiative abging, mag
auch hier in Betracht kommen.
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^3 Die staedtische Muenzpraegung und die Inschriftsetzung stehen unter so
vielfachen Bedingungen, dass das Fehlen oder auch die Fuelle der einen wie der
andern nicht ohne weiteres zu Rueckschluessen auf die Abwesenheit oder die
Intensitaet einer bestimmten Zivilisationsphase berechtigen. Fuer Kleinasien
insbesondere ist zu beachten, dass es das gelobte Land der munizipalen Eitelkeit
ist und unsere Denkmaeler, auch die Muenzen, zum weitaus groessten Teil dadurch
hervorgerufen sind, dass die Regierung der roemischen Kaiser dieser freien Lauf
liess.
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Syrien und mehr noch Aegypten gehen auf in ihren Metropolen; die Provinz
Asien und Kleinasien ueberhaupt hat keine einzelne Stadt aufzuweisen gleich
Antiocheia und Alexandreia, sondern sein Gedeihen ruht auf den zahlreichen
Mittelstaedten. Die Einteilung der Staedte in drei Klassen, welche sich
unterscheiden im Stimmrecht auf dem Landtag, in der Repartition der von der
ganzen Provinz aufzubringenden Leistungen, selbst in der Zahl der anzustellenden
Stadtaerzte und staedtischen Lehrer ^4, ist vorzugsweise diesen Landschaften
eigen. Auch die staedtischen Rivalitaeten, die in Kleinasien so energisch und
zum Teil so kindisch, gelegentlich auch so gehaessig hervortreten, wie zum
Beispiel der Krieg zwischen Severus und Niger in Bithynien eigentlich ein Krieg
der beiden rivalisierenden Kapitalen Nikomedeia und Nikaea war, gehoeren zum
Wesen zwar der hellenischen Politien ueberhaupt, insbesondere aber der
kleinasiatischen. Des Wetteifers um die Kaisertempel werden wir weiterhin
gedenken; in aehnlicher Weise war die Rangfolge der staedtischen Deputationen
bei den gemeinschaftlichen Festen in Kleinasien eine Lebensfrage - Magnesia am
Maeander nennt sich auf den Muenzen die "siebente Stadt von Asia" - und vor
allem der erste Platz war ein so begehrter, dass die Regierung schliesslich sich
dazu verstand, mehrere erste Staedte zuzulassen. Aehnlich ging es mit der
Metropolenbezeichnung. Die eigentliche Metropole der Provinz war Pergamon, die
Residenz der Attaliden und der Sitz des Landtags. Aber Ephesos, die faktische
Hauptstadt der Provinz, wo der Statthalter verpflichtet war, sein Amt
anzutreten, und das auch dieses "Landungsrechts" auf seinen Muenzen sich
beruehmt, Smyrna, mit dem ephesischen Nachbar in steter Rivalitaet und dem
legitimen Erstenrecht der Ephesier zum Trotz auf den Muenzen sich nennend "die
erste an Groesse und Schoenheit", das uralte Sardeis, Kyzikos und andere mehr
strebten nach dem gleichen Ehrenrechte. Mit diesen ihren Quengeleien, wegen
deren regelmaessig der Senat und der Kaiser angegangen wurden, den "griechischen
Dummheiten", wie man in Rom zu sagen pflegte, waren die Kleinasiaten der
stehende Verdruss und das stehende Gespoett der vornehmen Roemer ^5.
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^4 "Die Verordnung", sagt der Jurist Modestinus, der sie referiert (dig.
27, 1, 6, 3), "interessiert alle Provinzen, obwohl sie an die Asiaten gerichtet
ist." Auch passt sie in der Tat nur da, wo es Staedteklassen gibt, und der
Jurist fuegt eine Anweisung hinzu, wie sie auf anders geordnete Provinzen
anzuwenden sei. Was der Biograph des Pius (c. 11) ueber die von Pius den
Rhetoren gewaehrten Auszeichnungen und Gehalte berichtet, hat mit dieser
Verfuegung nichts zu schaffen.
^5 Vortrefflich setzt Dion von Prusa in seinen Ansprachen an die Buerger
von Nikomedeia und von Tarsos auseinander, dass kein gebildeter Mann fuer sich
solche leere Bezeichnungen haben moechte und die Titelsucht fuer die Staedte
geradezu unbegreiflich sei; wie es das Zeichen der richtigen Kleinstaedterei
sei, sich solche Rangbescheinigungen ausstellen zu lassen; wie der schlechte
Statthalter durch diesen Staedtehader sich immer decke, da Nikaea und Nikomedeia
nie unter sich zusammenhielten. "Die Roemer gehen mit euch um wie mit Kindern,
denen man geringes Spielzeug schenkt; Misshandlungen nehmt ihr hin, um Namen zu
bekommen; sie nennen eure Stadt die erste, um sie als die letzte zu behandeln.
Den Roemern seid ihr damit zum Gelaechter geworden und sie nennen das
'griechische Dummheiten' (Ell/e/nika amart/e/mata)."
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Nicht auf der gleichen Hoehe wie das Attalidenreich befand sich Bithynien.
Die aeltere griechische Kolonisierung hatte sich hier lediglich auf die Kueste
beschraenkt. In der hellenistischen Epoche hatten anfangs die makedonischen
Herrscher, spaeter die voellig deren Wege wandelnde einheimische Dynastie neben
der im Ganzen wohl auf Umnennung hinauslaufenden Einrichtung der Kuestenorte
einigermassen auch das Binnenland erschlossen, namentlich durch die beiden
gluecklich gediehenen Anlagen von Nikaea (Isnik) und Prusa am Olymp (Brussa);
von der ersteren wird hervorgehoben, dass die ersten Ansiedler von guter
makedonischer und hellenischer Herkunft gewesen seien. Aber in der Intensitaet
der Hellenisierung stand das Reich des Nikomedes weit zurueck hinter dem des
Buergerfuersten von Pergamon; insonderheit das oestliche Binnenland kann vor
Augustus nur wenig besiedelt gewesen sein. Dies ward in der Kaiserzeit anders.
In augustischer Zeit baute ein gluecklicher Raeuberhauptmann, der sich zur
Ordnung bekehrte, an der galatischen Grenze die gaenzlich herabgekommene
Ortschaft Gordiu Kome unter dem Namen Iuliopolis wieder auf; in derselben Gegend
sind die Staedte Bithynion-Claudiopolis und Krateia-Flaviopolis wahrscheinlich
im Laufe des ersten Jahrhunderts zu griechischem Stadtrecht gelangt. Ueberhaupt
hat in Bithynien der Hellenismus unter der Kaiserzeit einen maechtigen
Aufschwung genommen, und der derbe thrakische Schlag der Eingeborenen gab ihm
eine gute Grundlage. Dass unter den in grosser Anzahl bekannten Schriftsteinen
dieser Provinz nicht mehr als vier der vorroemischen Zeit angehoeren, wird nicht
allein daraus erklaert werden koennen, dass die staedtische Ambition erst unter
den Kaisern grossgezogen worden ist. In der Literatur der Kaiserzeit gehoeren
eine Anzahl der besten und von der wuchernden Rhetorik am wenigsten erfassten
Schriftsteller, wie der Philosoph Dion von Prusa, die Historiker Memnon von
Herakleia, Arrhianos aus Nikomedeia, Cassius Dion von Nikaea, nach Bithynien.
Die oestliche Haelfte der Suedkueste des Schwarzen Meeres, die roemische
Provinz Pontus, hat zur Grundlage denjenigen Teil des Reiches Mithradats, den
Pompeius sofort nach dem Siege in unmittelbaren Besitz nahm. Die zahlreichen
kleinen Fuerstentuemer, welche im paphlagonischen Binnenland und oestlich davon
bis zur armenischen Grenze Pompeius gleichzeitig vergab, wurden nach kuerzerem
oder laengerem Bestand bei ihrer Einziehung teils derselben Provinz zugelegt,
teils zu Galatien oder Kappadokien geschlagen. Das ehemalige Reich des
Mithradates war sowohl von dem aelteren wie von dem juengeren Hellenismus bei
weitem weniger als die westlichen Landschaften beruehrt worden. Als die Roemer
dieses Gebiet mittelbar oder unmittelbar in Besitz nahmen, gab es griechisch
geordnete Staedte dort strenggenommen nicht; Amaseia, die alte Residenz der
pontischen Achaemeniden und immer ihre Grabstadt, war dies nicht; die beiden
alten griechischen Kuestenstaedte Amisos und das einst ueber das Schwarze Meer
gebietende Sinope waren koenigliche Residenzen geworden, und auch den wenigen
von Mithradates angelegten Ortschaften, zum Beispiel Eupatoria, wird schwerlich
griechische Politie gegeben worden sein. Hier aber war, wie schon frueher
ausgefuehrt ward, die roemische Eroberung zugleich die Hellenisierung; Pompeius
organisierte die Provinz in der Weise, dass er die elf Hauptortschaften
derselben zu Staedten machte und unter sie das Gebiet verteilte. Allerdings
aehnelten diese kuenstlich geschaffenen Staedte mit ihren ungeheuren Bezirken -
der von Sinope hatte an der Kueste eine Ausdehnung von sechzehn deutschen Meilen
und grenzte am Halys mit dem amisenischen - mehr den keltischen Gauen als den
eigentlich hellenischen und italischen Stadtgemeinden. Aber es wurden doch
damals Sinope und Amisos in ihre alte Stellung wieder eingesetzt und andere
Staedte im Binnenland, wie Pompeiopolis, Nikopolis, Megalopolis, das spaetere
Sebasteia, ins Leben gerufen. Sinope erhielt durch den Diktator Caesar das Recht
der roemischen Kolonie und ohne Zweifel auch italische Ansiedler. Wichtiger fuer
die roemische Verwaltung ward Trapezus, eine alte Kolonie von Sinope; die Stadt,
die im Jahre 63 zur Provinz Kappadokien geschlagen ward, war wie der Standort
der roemischen Pontusflotte so auch gewissermassen die Operationsbasis fuer das
Truppenkorps dieser Provinz, das einzige in ganz Kleinasien.
Das binnenlaendische Kappadokien war seit der Einrichtung der Provinzen
Pontus und Syrien in roemischer Gewalt; ueber die Einziehung desselben im Anfang
der Regierung des Tiberius, welche zunaechst veranlasst ward durch den Versuch
Armeniens, sich der roemischen Lehnsherrschaft zu entwinden, wird in dem
folgenden Abschnitt zu berichten sein. Der Hof und was unmittelbar damit
zusammenhing, hatte sich hellenisiert, etwa so, wie die deutschen Hoefe des 18.
Jahrhunderts sich dem franzoesischen Wesen zuwandten. Die Hauptstadt Caesarea,
das alte Mazaka, gleich dem phrygischen Apameia eine Zwischenstelle des grossen
Verkehrs zwischen den Haefen der Westkueste und den Euphratlaendern und in
roemischer Zeit wie noch heute eine der bluehendsten Handelsstaedte Kleinasiens,
war auf Pompeius' Veranlassung nach dem Mithradatischen Kriege nicht bloss
wieder aufgebaut, sondern wahrscheinlich damals auch mit Stadtrecht nach
griechischer Art ausgestattet worden. Kappadokien selbst war im Anfang der
Kaiserzeit schwerlich mehr griechisch als Brandenburg und Pommern unter
Friedrich dem Grossen franzoesisch. Als das Land roemisch ward, zerfiel es nach
den Angaben des gleichzeitigen Strabon nicht in Stadtbezirke, sondern in zehn
Aemter, von denen nur zwei Staedte hatten, die schon genannte Hauptstadt und
Tyana; und diese Ordnung ist hier im Grossen und Ganzen so wenig veraendert
worden wie in Aegypten, wenn auch einzelne Ortschaften spaeterhin griechisches
Stadtrecht empfingen, zum Beispiel Kaiser Marcus aus dem kappadokischen Dorf, in
dem seine Gemahlin gestorben war, die Stadt Faustinopolis machte. Griechisch
freilich sprachen die Kappadokier jetzt; aber die Studierenden aus Kappadokien
hatten auswaerts viel zu leiden wegen ihres groben Akzents und ihrer Fehler in
Aussprache und Betonung, und wenn sie attisch reden lernten, fanden die
Landsleute ihre Sprache affektiert ^6. Erst in der christlichen Zeit gaben die
Studiengenossen des Kaisers Julian, Gregorios von Nazianzos und Basilios von
Caesarea, dem kappadokischen Namen einen besseren Klang.
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^6 Pausanias aus Caesarea rueckt bei Philostratos (vit. soph. 2, 13) dem
Herodes Attikos seine Fehler vor: pacheia t/e/ gl/o/tt/e/ ka'i /o/s Kappadokais
x?n/e/thes, xygkro?/o/n men ta s?mph/o/na i/o/n stoichei/o/n, systell/o/n de ta
m/e/kynomena kai m/e/k?n/o/n ta brachea. Vita Apoll. 1, 7: /e/ gl/o/tta
Attik/o/s eichen, oyd' ap/e/chth/e/ t/e/n ph/o/n/e/n ypo to? ethnoys.
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Die lykischen Staedte in ihrem abgeschlossenen Berglande oeffneten ihre
Kueste der griechischen Ansiedlung nicht, aber schlossen sich darum doch nicht
gegen den hellenischen Einfluss ab. Lykien ist die einzige kleinasiatische
Landschaft, in welcher die fruehe Zivilisierung die Landessprache nicht
beseitigt hat, und welche, fast wie die Roemer, in griechisches Wesen einging,
ohne sich aeusserlich zu hellenisieren. Es bezeichnet ihre Stellung, dass die
lykische Konfoederation als solche dem attischen Seebund sich angeschlossen und
an die athenische Vormacht ihren Tribut entrichtet hat. Die Lykier haben nicht
bloss ihre Kunst nach hellenischen Mustern geuebt, sondern wohl auch ihre
politische Ordnung frueh in gleicher Weise geregelt. Die Umwandlung des einst
Rhodos untertaenigen, aber nach dem Dritten Makedonischen Krieg unabhaengig
gewordenen Staedtebundes in eine roemische Provinz, welche wegen des endlosen
Haders unter den Verbuendeten von Kaiser Claudius verfuegt ward, wird das
Vordringen des Hellenismus gefoerdert haben; im Verlauf der Kaiserzeit sind dann
die Lykier vollstaendig zu Griechen geworden.
Die pamphylischen Kuestenstaedte, wie Aspendos und Perge, griechische
Gruendungen der aeltesten Zeit, spaeter sich selbst ueberlassen und unter
guenstigen Verhaeltnissen gedeihlich entwickelt, hatten das aelteste Hellenentum
in einer Weise sei es konserviert, sei es aus sich heraus eigenartig gestaltet,
dass die Pamphylier nicht viel weniger als die benachbarten Lykier in Sprache
und Schrift als selbstaendige Nation gelten konnten. Als dann Asien den Hellenen
gewonnen ward, fanden sie allmaehlich den Rueckweg wie in die gemeine
griechische Zivilisation so auch in die allgemeine politische Ordnung. Die
Herren in dieser Gegend wie an der benachbarten kilikischen Kueste waren in
hellenistischer Zeit teils die Aegypter, deren Koenigshaus verschiedenen
Ortschaften in Pamphylien und Kilikien den Namen gegeben hat, teils die
Seleukiden, nach denen die bedeutendste Stadt Westkilikiens Seleukeia am
Kalykadnos heisst, teils die Pergamener, von deren Herrschaft Attaleia (Adalia)
in Pamphylien zeugt. Dagegen hatten die Voelkerschaften in den Gebirgen
Pisidiens, Isauriens und Westkilikiens bis auf den Beginn der Kaiserzeit ihre
Unabhaengigkeit der Sache nach behauptet. Hier ruhten die Fehden nie. Nicht
bloss zu Lande hatten die zivilisierten Regierungen stets mit den Pisidiern und
ihren Genossen zu schaffen, sondern es betrieben dieselben namentlich von dem
westlichen Kilikien aus, wo die Gebirge unmittelbar an das Meer treten, noch
eifriger als den Landraub das Gewerbe der Piraterie. Als bei dem Verfall der
aegyptischen Seemacht die Suedkueste Kleinasiens voellig zur Freistatt der
Seeraeuber ward, traten die Roemer ein und richteten die Provinz Kilikien,
welche die pamphylische Kueste mit umfasste oder doch umfassen sollte, der
Unterdrueckung des Seeraubs wegen ein. Aber was sie taten, zeigte mehr, was
haette geschehen sollen, als dass wirklich etwas erreicht ward; die Intervention
erfolgte zu spaet und zu unstetig. Wenn auch einmal ein Schlag gegen die
Korsaren gefuehrt ward und roemische Truppen selbst in die isaurischen Gebirge
eindrangen und tief im Binnenland die Piratenburgen brachen, zu rechter
dauernder Festsetzung in diesen von ihr widerwillig annektierten Distrikten kam
die roemische Republik nicht. Hier blieb dem Kaisertum noch alles zu tun uebrig.
Antonius, wie er den Orient uebernahm, beauftragte einen tuechtigen galatischen
Offizier, den Amyntas, mit der Unterwerfung der widerspenstigen pisidischen
Landschaft ^7, und als dieser sich bewaehrte ^8, machte er denselben zum Koenig
von Galatien, der militaerisch bestgeordneten und schlagfertigsten Landschaft
Kleinasiens, und erstreckte zugleich sein Regiment von da bis zur Suedkueste,
also auf Lykaonien, Pisidien, Isaurien, Pamphylien und Westkilikien, waehrend
die zivilisierte Osthaelfte Kilikiens bei Syrien blieb. Auch als Augustus nach
der Aktischen Schlacht die Herrschaft im Orient antrat, liess er den keltischen
Fuersten in seiner Stellung. Derselbe machte auch wesentliche Fortschritte
sowohl in der Unterdrueckung der schlimmen, in den Schlupfwinkeln des westlichen
Kilikiens hausenden Korsaren wie auch in der Ausrottung der Landraeuber, toetete
einen der schlimmsten dieser Raubherren, den Herrn von Derbe und Laranda im
suedlichen Lykaonien, Antipatros, baute in Isauria sich seine Residenz und
schlug die Pisidier nicht bloss hinaus aus dem angrenzenden phrygischen Gebiet,
sondern fiel in ihr eigenes Land ein und nahm im Herzen desselben Kremna. Aber
nach einigen Jahren (729 25) verlor er das Leben auf einem Zug gegen einen der
westkilikischen Staemme, die Homonadenser; nachdem er die meisten Ortschaften
genommen hatte und ihr Fuerst gefallen war, kam er um durch einen von dessen
Gattin gegen ihn gerichteten Anschlag. Nach dieser Katastrophe uebernahm
Augustus selbst das schwere Geschaeft der Pazifikation des inneren Kleinasiens.
Wenn er dabei, wie schon bemerkt ward, das kleine pamphylische Kuestenland einem
eigenen Statthalter zuwies und es von Galatien trennte, so ist dies offenbar
deswegen geschehen, weil das zwischen der Kueste und der galatisch-lykaonischen
Steppe liegende Gebirgsland so wenig botmaessig war, dass die Verwaltung des
Kuestengebiets nicht fueglich von Galatien aus gefuehrt werden konnte. Roemische
Truppen wurden nach Galatien nicht gelegt; doch wird das Aufgebot der
kriegerischen Galater mehr zu bedeuten gehabt haben als bei den meisten
Provinzialen. Auch hatten, da das westliche Kilikien damals unter Kappadokien
gelegt ward, die Truppen dieses Lehnsfuersten sich an der Arbeit zu beteiligen.
Die Zuechtigung zunaechst der Homonadenser fuehrte die syrische Armee aus; der
Statthalter Publius Sulpicius Quirinius rueckte einige Jahre spaeter in ihr
Gebiet, schnitt ihnen die Zufuhr ab und zwang sie, sich in Masse zu unterwerfen,
worauf sie in die umliegenden Ortschaften verteilt und ihr ehemaliges Gebiet
wuest gelegt wurde. Aehnliche Zuechtigungen erfuhren in den Jahren 36 und 52 die
Kliten, ein anderer, in dem westlichen Kilikien naeher an der Kueste sitzender
Stamm; da sie dem von Rom ihnen gesetzten Lehnsfuersten den Gehorsam
verweigerten und das Land wie die See brandschatzten, und da die sogenannten
Landesherren mit ihnen nicht fertig werden konnten, kamen beide Male die
Reichstruppen aus Syrien herbei, um sie zu unterwerfen. Diese Nachrichten haben
sich zufaellig erhalten; sicher sind zahlreiche aehnliche Vorgaenge verschollen.
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^7 Amyntas wurde noch im Jahre 715, bevor Antonius nach Asien zurueckging
ueber die Pisidier gesetzt (App. civ. 5, 75), ohne Zweifel weil diese wieder
einmal einen ihrer Raubzuege unternommen hatten. Daraus, dass er dort zuerst
herrschte, erklaert es sich auch, dass er sich in Isaura seine Residenz baute
(Strab. 12, 6, 3, p. 569). Galatien kam zunaechst an die Erben des Deiotarus
(Dio 48, 33). Erst im Jahre 718 erhielt Amyntas Galatien, Lykaonien und
Pamphylien (Dio 49, 32).
^8 Dass dies die Ursache war, weshalb diese Gegenden nicht unter roemische
Statthalter gelegt wurden, sagt Strabon (14, 5, 5 p. 671), der nach Zeit und Ort
diesen Verhaeltnissen nahestand, ausdruecklich: edokei pros apan to toio?to
(fuer die Unterdrueckung der Raeuber und der Piraten) basileyesthai mallon to?s
topoys /e/ thpo tois R/o/maiois /e/gemosin einai tois epi tas kriseis
pempomenois, oi m/e/t' aei pareinai emellon (wegen der Bereisung der conventus)
m/e/te meth' oplon (die allerdings dem spaeteren Legaten von Galatien fehlten).
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Aber auch im Wege der Besiedelung griff Augustus die Pazifikation dieser
Landschaft an. Die hellenistischen Regierungen hatten dieselbe sozusagen
isoliert, nicht bloss an der Kueste ueberall Fuss behalten oder gefasst, sondern
auch im Nordwesten eine Reihe von Staedten gegruendet, an der phrygischen Grenze
Apollonia angeblich von Alexander selbst angelegt, Seleukeia Siderus und
Antiocheia, beide aus der Seleukidenzeit, ferner in Lykaonien Laodikeia
Katakekaumene und die wohl auch in der gleichen Zeit entstandene Hauptstadt
dieser Landschaft Ikonion. Aber in dem eigentlichen Bergland findet sich keine
Spur hellenistischer Niederlassung; und noch weniger hat der roemische Senat
sich an diese schwierige Aufgabe gemacht. Augustus tat es; hier, und nur hier im
ganzen griechischen Osten, begegnet eine Reihe von Kolonien roemischer
Veteranen, offenbar bestimmt, dieses Gebiet der friedlichen Ansiedlung zu
erobern. Von den eben genannten aelteren Ansiedlungen wurde Antiocheia mit
Veteranen belegt und roemisch reorganisiert, neu angelegt in Lykaonien Parlais
und Lystra, in Pisidien selbst das schon genannte Kremna so wie weiter suedlich
Olbasa und Komama. Die spaeteren Regierungen setzten die begonnene Arbeit nicht
mit gleicher Energie fort; doch wurde unter Claudius das eiserne Seleukeia
Pisidiens zum claudischen gemacht, ferner im westkilikischen Binnenland
Claudiopolis und nicht weit davon, vielleicht gleichzeitig, Germanicopolis ins
Leben gerufen, auch Ikonion, in Augustus' Zeit ein kleiner Ort, zu bedeutender
Entwicklung gebracht. Die neu gegruendeten Staedte blieben freilich unbedeutend,
schraenkten aber doch den Spielraum der freien Gebirgsbewohner in namhafter
Weise ein, und der Landfriede muss endlich auch hier seinen Einzug gehalten
haben. Sowohl die Ebene und die Bergterrassen Pamphyliens wie die Bergstaedte
Pisidiens selbst, zum Beispiel Selge und Sagalassos, waren waehrend der
Kaiserzeit gut bevoelkert und das Gebiet sorgfaeltig angebaut; die Reste
maechtiger Wasserleitungen und auffallend grosser Theater, saemtlich Anlagen aus
der roemischen Kaiserzeit, zeigen zwar nur handwerksmaessige Technik, aber
Spuren eines reich entwickelten friedlichen Gedeihens. Ganz freilich ward die
Regierung des Raubwesens in diesen Landschaften niemals Herr, und wenn in der
frueheren Kaiserzeit die Heimsuchungen sich in maessigen Grenzen hielten, traten
die Banden hier in den Wirren des dritten Jahrhunderts abermals als
kriegfuehrende Macht auf. Sie gehen jetzt unter dem Namen der Isaurer und haben
ihren hauptsaechlichen Sitz in den Gebirgen Kilikiens, von wo aus sie Land und
Meer brandschatzen. Erwaehnt werden sie zuerst unter Severus Alexander. Dass sie
unter Gallienus ihren Raeuberhauptmann zum Kaiser ausgerufen haben, wird eine
Fabel sein; aber allerdings wurde unter Kaiser Probus ein solcher namens Lydios,
der lange Zeit Lykien und Pamphylien gepluendert hatte, in der roemischen
Kolonie Kremna, die er besetzt hatte, nach langer hartnaeckiger Belagerung durch
eine roemische Armee bezwungen. In spaeterer Zeit finden wir um ihr Gebiet einen
Militaerkordon gezogen und einen eigenen kommandierenden General fuer die
Isaurer bestellt. Ihre wilde Tapferkeit hat sogar denen von ihnen, welche bei
dem byzantinischen Hof Dienste nehmen mochten, eine Zeitlang eine Stellung
daselbst verschafft, wie die Makedonier sie am Hofe der Ptolemaeer besessen
hatten; ja einer aus ihrer Mitte, Zenon, ist als Kaiser von Byzanz gestorben ^9.
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^9 In der grossen unbenannten Ruinenstaette von Saradschik im oberen
Limyrostal im oestlichen Lykien (vgl. C. Ritter, Erdkunde. Bd. 19, Berlin 1859,
S. 1172) steht ein bedeutender tempelfoermiger Grabbau, sicher nicht aelter als
das 3. Jahrhundert n. Chr., an welchem in Relief zerstueckelte Menschenteile,
Koepfe, Arme, Beine als Embleme angebracht sind; man moechte meinen, als Wappen
eines zivilisierten Raeuberhauptmanns (Mitteilung von Benndorf).
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Die Landschaft Galatien endlich, in ferner Zeit die Hauptstaette der
orientalischen Herrschaft ueber Vorderasien und in den beruehmten Felsskulpturen
des heutigen Boghazkoei, einst der Koenigstadt Pteria, die Erinnerungen einer
fast verschollenen Herrlichkeit bewahrend, war im Lauf der Jahrhunderte in
Sprache und Sitte eine keltische Insel inmitten der Fluten der Ostvoelker
geworden und ist dies in der inneren Organisation auch in der Kaiserzeit
geblieben. Die drei keltischen Voelkerschaften, welche bei der grossen Wanderung
der Nation um die Zeit des Krieges zwischen Pyrrhos und den Roemern in das
innere Kleinasien gelangt waren und hier, wie im Mittelalter die Franken im
Orient, zu einem festgegliederten Soldatenstaat sich zusammengeschlossen und
nach laengerem Schweifen dies- und jenseits des Halys ihre definitiven Sitze
genommen hatten, hatten laengst die Zeiten hinter sich, wo sie von dort aus
Kleinasien brandschatzten und mit den Koenigen von Asia und Pergamon im Kampfe
lagen, falls sie nicht als Soeldner ihnen dienten; auch sie waren an der
Uebermacht der Roemer zerschellt und ihnen in Asien nicht minder botmaessig
geworden wie ihre Landsleute im Potal und an der Rhone und Seine. Aber trotz
ihres mehrhundertjaehrigen Verweilens in Kleinasien trennte immer noch eine
tiefe Kluft diese Okzidentalen von den Asiaten. Es war nicht bloss, dass sie
ihre Landessprache und ihre Volksart festhielten, dass immer noch die drei Gaue
jeder von seinen vier Erbfuersten regiert wurden und die von allen
gemeinschaftlich beschickte Bundesversammlung in dem heiligen Eichenhain als
hoechste Behoerde dem galatischen Lande vorstand, auch nicht, dass die
ungebaendigte Roheit wie die kriegerische Tuechtigkeit sie von den Nachbarn zum
Nachteil wie zum Vorteil unterschied; dergleichen Gegensaetze zwischen Kultur
und Barbarei gab es in Kleinasien auch sonst, und die oberflaechliche und
aeusserliche Hellenisierung, wie die Nachbarschaft, die Handelsbeziehungen, der
von den Einwanderern uebernommene phrygische Kultus, das Soeldnertum sie im
Gefolge hatten, wird in Galatien nicht viel spaeter eingetreten sein als zum
Beispiel in dem benachbarten Kappadokien. Der Gegensatz ist anderer Art: die
keltische und die hellenische Invasion haben in Kleinasien konkurriert, und zu
dem nationalen Gegensatz ist der Stachel der rivalisierenden Eroberung
hinzugetreten. Scharf trat dies zutage in der Mithradatischen Krise: dem
Mordbefehl des Mithradates gegen die Italiker ging zur Seite die Niedermetzelung
des gesamten galatischen Adels und dementsprechend haben in den Kriegen gegen
den orientalischen Befreier der Hellenen die Roemer keinen treueren
Bundesgenossen gehabt als die Galater Kleinasiens. Darum war der Erfolg der
Roemer auch der ihrige und gab der Sieg ihnen in den Angelegenheiten Kleinasiens
eine Zeitlang eine fuehrende Stellung. Das alte Vierfuerstentum wurde, es
scheint durch Pompeius, abgeschafft. Einer der neuen Gaufuersten, der in den
Mithradatischen Kriegen sich am meisten bewaehrt hatte, Deiotarus, brachte
ausser seinem eigenen Gebiete Klein-Armenien und andere Stuecke des ehemaligen
Mithradatischen Reiches an sich und ward auch den uebrigen galatischen Fuersten
ein unbequemer Nachbar und der maechtigste unter den kleinasiatischen Dynasten.
Nach dem Siege Caesars, dem er feindlich gegenuebergestanden hatte und den er
auch durch die gegen Pharnakes geleistete Hilfe nicht fuer sich zu gewinnen
vermochte, wurden ihm die mit oder ohne Einwilligung der roemischen Regierung
gewonnenen Besitzungen groesstenteils wieder entzogen; der Caesarianer
Mithradates von Pergamon, welcher von muetterlicher Seite dem galatischen
Koenigshaus entsprossen war, erhielt das meiste von dem, was Deiotarus verlor
und wurde ihm sogar in Galatien selbst an die Seite gestellt. Aber nachdem
dieser kurz darauf im Taurischen Chersones sein Ende gefunden hatte und auch
Caesar selbst nicht lange nachher ermordet worden war, setzte Deiotarus sich
ungeheissen wieder in den Besitz des Verlorenen, und da er der jedesmal im
Orient vorherrschenden roemischen Partei sich ebenso zu fuegen verstand, wie sie
rechtzeitig zu wechseln, starb er hochbejahrt im Jahre 714 (40) als Herr von
ganz Galatien. Seine Nachkommen wurden mit einer kleinen Herrschaft in
Paphlagonien abgefunden; sein Reich, noch erweitert gegen Sueden hin durch
Lykaonien und alles Land bis zur pamphylischen Kueste, kam, wie schon gesagt
ward, im Jahre 718 (36) durch Antonius an Amyntas, welcher schon in Deiotarus'
letzten Jahren als dessen Sekretaer und Feldherr das Regiment gefuehrt zu haben
scheint und als solcher vor der Schlacht von Philippi den Uebergang von den
republikanischen Feldherrn zu den Triumvirn bewirkt hatte. Seine weiteren
Schicksale sind schon erzaehlt. An Klugheit und Tapferkeit seinem Vorgaenger
ebenbuertig, diente er erst dem Antonius, dann dem Augustus als hauptsaechliches
Werkzeug fuer die Pazifikation des noch nicht untertaenigen kleinasiatischen
Gebiets, bis er hier im Jahre 729 (25) seinen Tod fand. Mit ihm endigte das
galatische Koenigtum und verwandelte sich dasselbe in die roemische Provinz
Galatien.
Gallograeker heissen die Bewohner desselben bei den Roemern schon in der
letzten Zeit der Republik; sie sind, fuegt Livius hinzu, ein Mischvolk, wie sie
heissen, und aus der Art geschlagen. Auch musste ein guter Teil derselben von
den aelteren phrygischen Bewohnern dieser Landschaften abstammen. Mehr noch
faellt ins Gewicht, dass die eifrige Goetterverehrung in Galatien und das
dortige Priestertum mit den sakralen Institutionen der europaeischen Kelten
nichts gemein hat; nicht bloss die Grosse Mutter, deren heiliges Symbol die
Roemer der hannibalischen Zeit von den Tolistobogern erbaten und empfingen, ist
phrygischer Art, sondern auch deren Priester gehoerten zum Teil wenigstens dem
galatischen Adel an. Dennoch war noch in der roemischen Provinz in Galatien die
innere Ordnung ueberwiegend die keltische. Dass noch unter Pius in Galatien die
dem hellenischen Recht fremde strenge vaeterliche Gewalt bestand, ist ein Beweis
dafuer aus dem Kreise des Privatrechts. Auch in den oeffentlichen Verhaeltnissen
gab es in dieser Landschaft immer noch nur die drei alten Gemeinden der
Tektosagen, der Tolistoboger, der Trokmer, die wohl ihren Namen die der drei
Hauptoerter Ankyra, Pessinus und Tauion beisetzen, aber wesentlich doch nichts
sind als die wohlbekannten gallischen Gaue, die des Hauptorts ja auch nicht
entbehren. Wenn bei den Kelten Asiens die Auffassung der Gemeinde als Stadt
frueher als bei den europaeischen das Uebergewicht gewinnt ^10 und der Name
Ankyra rascher den der Tektosagen verdraengt als in Europa der Name Burdigala
den der Bituriger, dort Ankyra sogar als Vorort der gesamten Landschaft sich die
"Mutterstadt" (m/e/tropolis) nennt, so zeigt dies allerdings, wie das ja auch
nicht anders sein konnte, die Einwirkung der griechischen Nachbarschaft und den
beginnenden Assimilationsprozess, dessen einzelne Phasen zu verfolgen die uns
gebliebene oberflaechliche Kunde nicht gestattet. Die keltischen Namen halten
sich bis in die Zeit des Tiberius, nachher erscheinen sie nur vereinzelt in den
vornehmen Haeusern. Dass die Roemer seit Einrichtung der Provinz wie in Gallien
nur die lateinische, so in Galatien neben dieser nur die griechische Sprache im
Geschaeftsverkehr zuliessen, versteht sich von selbst. Wie es frueher damit
gehalten ward, wissen wir nicht, da vorroemische Schriftmaeler in dieser
Landschaft ueberhaupt nicht begegnen. Als Umgangssprache hat die keltische sich
auch in Asien mit Zaehigkeit behauptet ^11; doch gewann allmaehlich das
Griechische die Oberhand. Im vierten Jahrhundert war Ankyra eines der
Hauptzentren der griechischen Bildung; "die kleinen Staedte in dem griechischen
Galatien", sagt der bei Vortraegen fuer das gebildete Publikum grau gewordene
Literat Themistios, "koennen sich ja freilich mit Antiocheia nicht messen; aber
die Leute eignen die Bildung sich eifriger an als die richtigen Hellenen, und wo
sich der Philosophenmantel zeigt, haengen sie an ihm wie das Eisen am Magnet."
Dennoch mag bis in eben diese Zeit, namentlich jenseits des Halys bei den
offenbar viel spaeter hellenisierten Trokmern ^12, sich in den niederen Kreisen
die Volkssprache gehalten haben. Es ist schon erwaehnt worden, dass nach dem
Zeugnis des vielgewanderten Kirchenvaters Hieronymus noch am Ende des 4.
Jahrhunderts der asiatische Galater die gleiche, wenn auch verdorbene Sprache
redete, welche damals in Trier gesprochen ward. Dass als Soldaten die Galater,
wenn sie auch mit den Okzidentalen keinen Vergleich aushielten, doch weit
brauchbarer waren als die griechischen Asiaten, dafuer zeugt sowohl die Legion,
welche Koenig Deiotarus aus seinen Untertanen nach roemischem Muster aufgestellt
hatte und die Augustus mit dem Reiche uebernahm und in die roemische Armee unter
dem bisherigen Namen einreihte, wie auch dass bei der orientalischen
Rekrutierung der Kaiserzeit die Galater ebenso vorzugsweise herangezogen wurden
wie im Okzident die Bataver ^13.
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^10 Das beruehmte Verzeichnis der der Gemeinde Ankyra gemachten Leistungen
aus Tiberius' Zeit (CIG 4039) bezeichnet die galatischen Gemeinden gewoehnlich
mit ethnos, zuweilen mit polis. Spaeter verschwindet jene Benennung; aber in der
vollen Titulatur, zum Beispiel der Inschrift CIG 4011 aus dem zweiten
Jahrhundert, fuehrt Ankyra immer noch den Volksnamen: /e/ m/e/tropolis t/e/s
Galatias Sebast/e/ Tekt/o/sag/o/n Agkyra.
^11 Nach Pausanias (10, 36, 1) heisst bei den Galatai yper PHrygias
ph/o/n/e/ t/e/ epich/o/ri/o/ spisin die Scharlachbeere ?s; und Lukian (Alex. 51)
berichtet von den Verlegenheiten des wahrsagenden Paphlagoniers, wenn ihm
Syristi /e/ Keltisti Fragen vorgelegt wurden und nicht gleich dieser Sprache
kundige Leute zur Hand waren.
^12 Wenn in dem Anm. 10 erwaehnten Verzeichnis aus Tiberius' Zeit die
Spenden nur selten drei Voelkern, meist zwei Voelkern oder zwei Staedten gegeben
werden, so sind, wie G. Perrot (Exploration archeologique de la Galane et de la
Bithynie. Paris 1862, S. 83) richtig bemerkt, die letzteren Ankyra und Pessinus
und steht bei den Spenden hinter ihnen Tauion der Trokmer zurueck. Vielleicht
gab es damals bei diesen noch keine Ortschaft, die als Stadt gelten konnte.
^13 Auch Cicero (Att. 6, S, 3) schreibt von seiner Armee in Kilikien:
exercitum infirmum habebam, auxilia sane bona, sed ea Galatarum, Pisidarum,
Lyciorum: haec enim sunt nostra robora.
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Den aussereuropaeischen Hellenen gehoeren ferner noch die beiden grossen
Eilande des oestlichen Mittelmeers Kreta und Kypros an sowie die zahlreichen des
Inselmeers zwischen Griechenland und Kleinasien; auch die kyrenaeische
Pentapolis an der gegenueberliegenden afrikanischen Kueste ist durch die
umliegende Wueste von dem Binnenlande so geschieden, dass sie jenen griechischen
Inseln einigermassen gleichgestellt werden kann. Indes der allgemeinen
geschichtlichen Auffassung fuegen diese Elemente der ungeheuren, unter dem
Szepter der Kaiser vereinigten Laendermasse wesentlich neue Zuege nicht hinzu.
Die kleineren Inseln, frueher und vollstaendiger hellenisiert als der Kontinent,
gehoeren ihrem Wesen nach mehr zum europaeischen Griechenland als zum
kleinasiatischen Kolonialgebiet; wie denn des hellenischen Musterstaats Rhodos
bei jenem schon mehrfach gedacht worden ist. In dieser Epoche werden die Inseln
hauptsaechlich genannt, insofern es in der Kaiserzeit ueblich ward, Maenner aus
den besseren Staenden zur Strafe nach denselben zu verbannen. Man waehlte, wo
der Fall besonders schwer war, die Klippen wie Gyaros und Donussa; aber auch
Andros, Kythnos, Amorgos, einst bluehende Zentren griechischer Kultur, waren
jetzt Strafplaetze, waehrend in Lesbos und Samos nicht selten vornehme Roemer
und selbst Glieder des kaiserlichen Hauses freiwillig laengeren Aufenthalt
nahmen. Kreta und Kypros, deren alter Hellenismus unter der persischen
Herrschaft oder auch in voelliger Isolierung die Fuehlung mit der Heimat
verloren hatte, ordneten sich, Kypros als Dependenz Aegyptens, die kretischen
Staedte autonom, in der hellenistischen und spaeter in der roemischen Epoche
nach den allgemeinen Formen der griechischen Politie. In den kyrenaeischen
Staedten ueberwog das System der Lagiden; wir finden in ihnen nicht bloss, wie
in den eigentlich griechischen, die hellenischen Buerger und Metoeken, sondern
es stehen neben beiden, wie in Alexandreia die Aegypter, die "Bauern", das
heisst die eingeborenen Afrikaner, und unter den Metoeken bilden, wie ebenfalls
in Alexandreia, die Juden eine zahlreiche und privilegierte Klasse.
Den Griechen insgemein hat auch das roemische Kaiserregiment niemals eine
Vertretung gewaehrt. Die augustische Amphiktyonie beschraenkte sich, wie wir
sahen, auf die Hellenen in Achaia, Epirus und Makedonien. Wenn die hadrianischen
Panhellenen in Athen sich als die Vertretung der saemtlichen Hellenen gerierten,
so haben sie doch in die uebrigen griechischen Provinzen nur insofern
uebergegriffen, als sie einzelnen Staedten in Asia sozusagen das Ehren-
Hellenentum dekretierten; und dass sie dies taten, zeigt erst recht, dass die
auswaertigen Griechengemeinden in jene Panhellenen keineswegs einbegriffen sind.
Wenn in Kleinasien von Vertretung oder Vertretern der Hellenen die Rede ist, so
ist damit in den vollstaendig hellenisch geordneten Provinzen Asia und Bithynia
der Landtag und der Landtagsvorsteher dieser Provinzen gemeint, insofern diese
aus den Deputierten der zu einer jeden derselben gehoerigen Staedte hervorgehen
und diese saemtlich griechische Politien sind ^14; oder es werden in der
nichtgriechischen Provinz Galatien die neben dem galatischen Landtag stehenden
Vertreter der in Galatien verweilenden Griechen als Griechenvorsteher bezeichnet
^15.
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^14 Beschluesse der epi t/e/s Asias Ell/e/nes CIA 3487, 3957; ein Lykier
geehrt ypo to? koino? t/o/n epi t/e/s Asias Ell/e/n/o/n kai ypo t/o/n en
Pamphylia pole/o/n O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884. Bd. 1,
S. 122; Schreiben an die Hellenen in Asia CIG 3832, 3833; /o/ andres Ell/e/nes,
in der Anrede an den Landtag von Pergamon (Aristeid. or. p. 517). Ein arxas to?
koino? t/o/n en Bithynia Ell/e/n/o/n Perrot, Exploration, S. 32; Schreiben des
Kaisers Alexander an dasselbe (dig. 49, 1, 25). Dio 51, 20: tois xenois,
Ell/e/nas sphas epikalesas, eayt/o/ tina, tois men Asianois en Pergam/o/, tois
de Bithynois en Nikomedeia temenisai epetrepse.
^15 Ausser den Galatarchen (Marquardt, Staatsverwaltung. Bd. 1, S. 515)
begegnen uns in Galatien noch unter Hadrian Helladarchen (BCH 7, 1883, S. 18),
welche hier nur gefasst werden koennen wie die Hellenarchen in Tanais.
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Der staedtischen Konfoederation hatte die roemische Regierung in Kleinasien
keine Veranlassung, besondere Hindernisse entgegenzustellen. In roemischer wie
in vorroemischer Zeit haben neun Staedte der Troas gemeinschaftlich religioese
Verrichtungen vollzogen und gemeinschaftliche Feste gefeiert ^16. Die Landtage
der verschiedenen kleinasiatischen Provinzen, welche hier wie in dem gesamten
Reich als feste Einrichtung von Augustus ins Leben gerufen sein werden, sind von
denen der uebrigen Provinzen an sich nicht verschieden. Doch hat diese
Institution sich hier in eigenartiger Weise entwickelt oder vielmehr
denaturiert. Mit dem naechsten Zweck dieser Jahresversammlungen der staedtischen
Deputierten einer jeden Provinz ^17, die Wuensche derselben dem Statthalter oder
der Regierung zur Kenntnis zu bringen und ueberhaupt als Organ dieser Provinz zu
dienen, verband sich hier zuerst die jaehrliche Festfeier fuer den regierenden
Kaiser und das Kaisertum ueberhaupt: Augustus gestattete im Jahre 725 (29) den
Landtagen von Asia und Bithynien an ihren Versammlungsorten Pergamon und
Nikomedeia, ihm Tempel zu errichten und goettliche Ehre zu erweisen. Diese neue
Einrichtung dehnte sich bald auf das ganze Reich aus, und die Verschmelzung der
sakralen Institution mit der administrativen wurde ein leitender Gedanke der
provinzialen Organisation der Kaiserzeit. Aber in Priester- und Festpomp und
staedtischen Rivalitaeten hat diese Einrichtung doch nirgends sich so entwickelt
wie in der Provinz Asia und analog in den uebrigen kleinasiatischen Provinzen
und nirgends also neben und ueber die munizipale sich eine provinziale Ambition
mehr noch der Staedte als der Individuen gestellt, wie sie in Kleinasien das
gesamte oeffentliche Leben beherrscht. Der von Jahr zu Jahr in der Provinz
bestellte Hohepriester (archiere?s) des neuen Tempels ist nicht bloss der
vornehmste Wuerdentraeger der Provinz, sondern es wird auch in der ganzen
Provinz das Jahr nach ihm bezeichnet ^18. Das Fest- und Spielwesen nach dem
Muster der olympischen Feier, welches bei den Hellenen allen, wie wir sahen,
mehr und mehr um sich griff, knuepfte in Kleinasien ueberwiegend an die Feste
und Spiele des provinzialen Kaiserkultus an. Die Leitung derselben fiel dem
Landtagspraesidenten, in Asia dem Asiarchen, in Bithynien dem Bithyniarchen und
so weiter zu, und nicht minder trug er hauptsaechlich die Kosten des Jahrfestes,
obwohl ein Teil derselben, wie die uebrigen dieses so glaenzenden wie loyalen
Gottesdienstes, durch freiwillige Gaben und Stiftungen gedeckt oder auch auf die
einzelnen Staedte repartiert wurden. Daher waren diese Praesidenturen nur
reichen Leuten zugaenglich; die Wohlhabenheit der Stadt Tralleis wird dadurch
bezeichnet, dass an Asiarchen - der Titel blieb auch nach Ablauf des Amtsjahrs -
es nie daselbst fehle, die Geltung des Apostels Paulus in Ephesos durch seine
Verbindung mit verschiedenen dortigen Asiarchen. Trotz der Kosten war dies eine
viel umworbene Ehrenstellung, nicht wegen der daran geknuepften Privilegien, zum
Beispiel der Befreiung von der Vormundschaft, sondern wegen ihres aeusseren
Glanzes; der festliche Einzug in die Stadt, im Purpurgewand und den Kranz auf
dem Haupt, unter Vortritt der das Rauchfass schwingenden Prozessionsknaben, war
im Horizont der Kleinasiaten, was bei den Hellenen der Oelzweig von Olympia.
Mehrfach ruehmt sich dieser oder jener vornehme Asiate, nicht bloss selber
Asiarch gewesen zu sein, sondern auch von Asiarchen abzustammen. Wenn sich
dieser Kultus anfaenglich auf die Provinzialhauptstaedte beschraenkte, so
sprengte die munizipale Ambition, die namentlich in der Provinz Asia
unglaubliche Verhaeltnisse annahm, sehr bald diese Schranken. Hier wurde schon
im Jahre 23 dem damals regierenden Kaiser Tiberius sowie seiner Mutter und dem
Senat ein zweiter Tempel von der Provinz dekretiert und nach langem Hader der
Staedte durch Beschluss des Senats in Smyrna errichtet. Die anderen groesseren
Staedte folgten bei spaeteren Gelegenheiten nach ^19. Hatte bis dahin die
Provinz wie nur einen Tempel, so auch nur einen Vorsteher und einen Oberpriester
gehabt, so mussten jetzt nicht bloss so viele Oberpriester bestellt werden, als
es Provinzialtempel gab, sondern es wurden auch, da die Leitung des Tempelfestes
und die Ausrichtung der Spiele nicht dem Oberpriester, sondern dem
Landesvorsteher zustand und es den rivalisierenden Grossstaedten hauptsaechlich
um die Feste und Spiele zu tun war, saemtlichen Oberpriestern zugleich der Titel
und das Recht der Vorsteherschaft gegeben, so dass wenigstens in Asia die
Asiarchie und das Oberpriestertum der Provinzialtempel zusammenfielen ^20. Damit
traten der Landtag und die buergerlichen Geschaefte, von welchen die Institution
ihren Ausgang genommen hatte, in den Hintergrund; der Asiarch war bald nichts
mehr als der Ausrichter eines an die goettliche Verehrung der gewesenen und des
gegenwaertigen Kaisers angeknuepften Volksfestes, weshalb dann auch die Gemahlin
desselben, die Asiarchin, sich an der Feier beteiligen durfte und eifrig
beteiligte.
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^16 Das synedrion t/o/n ennea d/e/m/o/n (H. Schliemann, Troja. Leipzig
1883, S. 256) nennt sich anderswo Ilieis kai poleis ai koinono?sai t/e/s thysias
kai toi ag/o/nos kai t/e/s paneg?re/o/s (daselbst, S. 254). Ein anderes Dokument
desselben Bundes aus der Zeit des Antigonos bei J. G. Droysen, Geschichte des
Hellenismus. 2. Aufl. Gotha 1877. Bd. 2, S. 382ff. Ebenso werden andere koina zu
fassen sein, die auf einen engeren Kreis als die Provinz sich beziehen, wie das
alte der dreizehn ionischen Staedte, das der Lesbier (Marquardt,
Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 516), das der Phrygier auf den Muenzen von Apameia.
Ihre magistratischen Praesidenten haben auch diese gehabt, wie denn kuerzlich
sich ein Lesbiarch gefunden hat (Marquardt, a. a.O.) und ebenso die moesischen
Hellenen unter einem Pontarchen standen. Doch ist es nicht unwahrscheinlich,
dass, wo der Archontat genannt wird, der Bund mehr ist als eine blosse
Festgenossenschaft; die Lesbier sowohl wie die moesischen Fuenfstaedte moegen
einen besonderen Landtag gehabt haben, dem diese Beamten vorstanden. Dagegen ist
das koinon to? Yrgaleoy pedioy (W. M. Ramsay, Cities and bishoprics of Phrygia.
Oxford 1895, S. 10), das neben mehreren d/e/moi steht, eine des Stadtrechts
entbehrende Quasi-Gemeinde.
^17 Am deutlichsten tritt die Zusammensetzung der kleinasiatischen Landtage
hervor in Strabons (14, 3, 3 p. 664) Bericht ueber die Lykiarchie und bei
Aristeides' (or. 26 p. 344) Erzaehlung seiner Wahl zu einem der asiatischen
Provinzialpriestertuemer.
^18 Beispiele fuer Asia: CIG 3487; fuer Lykien: Benndorf, Reisen, Bd. 1, S.
71. Die lykische Bundesversammlung aber bezeichnet die Jahre nicht nach dem
Archiereus, sondern nach dem Lykiarchen.
^19 Tac. ann. 4, 15 u. 55. Die Stadt, welche einen von dem Landtag der
Provinz (dem koinon t/e/s Asias usw.) gewidmeten Tempel besitzt, fahrt deswegen
das Ehrenpraedikat der den (Kaiser-) Tempel huetenden" (ne/o/koros); und wenn
eine deren mehrere aufzuweisen hat, wird die Zahl beigesetzt. Man kann an diesem
Institut deutlich erkennen, wie der Kaiserkultus seine volle Ausbildung in
Kleinasien erhalten hat. Der Sache nach ist das Neokorat allgemein, auf jede
Gottheit und jede Stadt anwendbar; titular, als Ehrenbeiname der Stadt, begegnet
es mit verschwindenden Ausnahmen allein in dem kleinasiatischen Kaiserkultus -
nur einige griechische Staedte der Nachbarprovinzen, wie Tripolis in Syrien,
Thessalonike in Makedonien haben darin mitgemacht.
^20 So wenig die urspruengliche Verschiedenheit der Landtagspraesidentur
und des provinzialen Oberpriestertums fuer den Kaiserkultus in Zweifel gezogen
werden kann, so tritt doch nicht bloss bei jener der in Hellas, von wo die
Organisation der koina ueberhaupt ausgeht, noch deutlich erkennbare
magistratische Charakter des Vorstehers in Kleinasien voellig zurueck, sondern
es scheint hier in der Tat da, wo das koinon mehrere sakrale Mittelpunkte hat,
der Asiarch/e/s und der archiere?s t/e/s Asias sich verschmolzen zu haben. Die
das buergerliche Amt scharf akzentuierende Titulatur strat/e/gos fuehrt der
Praesident des koinon in Kleinasien nie, auch arxas to? koino? (Anm. 14) oder
to? ethnoys (CIG 4380 k4 p. 1168) ist selten; die Komposita Asiarch/e/s,
Lykiarch/e/s, analog dem Elladarch/e/s von Achaia, sind schon zu Strabons Zeit
die gebraeuchliche Bezeichnung. Dass in den kleineren Provinzen, wie Galatien
und Lykien der Archon und der Archiereus der Provinz getrennt geblieben sind,
ist gewiss. Aber in Asien ist das Vorhandensein von Asiarchen fuer Ephesos und
Smyrna inschriftlich festgestellt (Marquardt, Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 514),
waehrend es doch nach dem Wesen der Institution nur einen Asiarchen fuer die
ganze Provinz geben konnte. Auch ist hier die Agonothesie des Archiereus
beglaubigt (Galenus zum Hippokrates, usu. part. 18, 2 p. 567 Kuehn: par' /e/min
en Pergam/o/ t/o/n archiere/o/n tas kaloymenas monomachias epitelo?nt/o/n),
waehrend eben sie das Wesen des Asiarchats ist. Allem Anschein nach haben die
Rivalitaeten der Staedte hier dahin gefuehrt, dass, nachdem es mehrere von der
Provinz gewidmete Kaisertempel in verschiedenen Staedten gab, die Agonothesie
dem effektiven Landtagspraesidenten genommen und dafuer dem Oberpriester jedes
Tempels der titulare Asiarchat und die Agonothesie uebertragen ward. Dann
erklaert sich auf den Muenzen der dreizehn ionischen Staedte (Mionnet, Bd. 3,
61, 1) der Asiarch/e/s kai archiere?s ig' pole/o/n und kann auf ephesischen
Inschriften derselbe Ti. Iulius Reginus bald Asiarch/e/s b' na/o/n t/o/n en
Ephes/o/ (Wood, Inscriptions from the great theatre, n. 18), bald archiere?s b'
na/o/n t/o/n en Ephes/o/ (daselbst, n. 8, 14, aehnlich 9) genannt werden. Nur
auf diese Weise sind auch die Institutionen des vierten Jahrhunderts zu
begreifen. Hier erscheint in jeder Provinz ein Oberpriester, in Asia mit dem
Titel des Asiarchen, in Syrien mit dem des Syriarchen und so weiter. Wenn die
Verschmelzung des Archon und des Archiereus in der Provinz Asia schon frueher
begonnen hatte, so lag nichts naeher, als sie jetzt bei der Verkleinerung der
Provinzen aeberall in dieser Weise zu kombinieren.
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Auch eine praktische und in Kleinasien durch das hohe Ansehen dieser
Institution gesteigerte Bedeutung mag das provinziale Oberpriestertum fuer den
Kaiserkultus gehabt haben durch die damit verknuepfte religioese Oberaufsicht.
Nachdem der Landtag den Kaiserkultus einmal beschlossen und die Regierung
eingewilligt hatte, folgten selbstverstaendlich die staedtischen Vertretungen
nach; in Asia hatten bereits unter Augustus wenigstens alle Vororte der
Gerichtssprengel ihr Caesareum und ihr Kaiserfest ^21. Recht und Pflicht des
Oberpriesters war es, in seinem Sprengel die Ausfuehrung dieser provinzialen und
munizipalen Dekrete und die Uebung des Kultus zu ueberwachen; was dies zu
bedeuten hatte, erlaeutert die Tatsache, dass der freien Stadt Kyzikos in Asia
unter Tiberius die Autonomie unter anderem auch darum aberkannt ward, weil sie
den dekretierten Bau des Tempels des Gottes Augustus hatte liegenlassen -
vielleicht eben, weil sie als freie Stadt nicht unter dem Landtag stand.
Wahrscheinlich hat sogar diese Oberaufsicht, obwohl sie zunaechst dem
Kaiserkultus galt, sich auf die Religionsangelegenheiten ueberhaupt erstreckt
^22. Als dann der alte und der neue Glaube im Reiche um die Herrschaft zu ringen
begannen, ist deren Gegensatz wohl zunaechst durch das provinziale
Oberpriestertum zum Konflikt geworden. Diese aus den vornehmen Provinzialen von
dem Landtag der Provinz bestellten Priester waren durch ihre Traditionen wie
durch ihre Amtspflichten weit mehr als die Reichsbeamten berufen und geneigt,
auf Vernachlaessigung des anerkannten Gottesdienstes zu achten und, wo Abmahnung
nicht half, da sie selber eine Strafgewalt nicht hatten, die nach buergerlichem
Recht strafbare Handlung bei den Orts- oder den Reichsbehoerden zur Anzeige zu
bringen und den weltlichen Arm zu Hilfe zu rufen, vor allem den Christen
gegenueber die Forderungen des Kaiserkultus geltend zu machen. In der spaeteren
Zeit schreiben die altglaeubigen Regenten diesen Oberpriestern sogar
ausdruecklich vor, selbst und durch die ihnen unterstellten staedtischen
Priester die Kontraventionen gegen die bestehende Glaubensordnung zu ahnden und
weisen denselben genau die Rolle zu, welche unter den Kaisern des neuen Glaubens
der Metropolit und seine staedtischen Bischoefe einnehmen ^23. Wahrscheinlich
hat hier nicht die heidnische Ordnung die christlichen Institutionen kopiert,
sondern umgekehrt die siegende christliche Kirche ihr hierarchisches Ruestzeug
dem feindlichen Arsenal entnommen. Alles dies galt, wie bemerkt, fuer das ganze
Reich; aber die sehr praktischen Konsequenzen der provinzialen Regulierung des
Kaiserkultus, die religioese Aufsichtfuehrung und die Verfolgung der
Andersglaeubigen, sind vorzugsweise in Kleinasien gezogen worden.
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^21 CIG 3902b.
^22 Dion von Prusa (or. 35 p. 66 R.) nennt die Asiarchen und die analogen
Archonten (ihre Agonothesie bezeichnet er deutlich, und auf sie fuehren auch die
verdorbenen Worte to?s epon?moys t/o/n d?o /e/peir/o/n t/e/s esperas ol/e/s,
wofuer wohl zu schreiben ist t/e/s eteras ol/e/s) to?s apant/o/n archontas t/o/n
iere/o/n. Es fehlt bekanntlich bei der Bezeichnung der Provinzialpriester fast
stehend die ausdrueckliche Beziehung auf den Kaiserkult; wenn sie in ihren
Sprengeln die Rolle spielen sollten wie der Pontifex maximus in Rom, so hatte
das seinen guten Grund.
^23 Maximinus stellte zu diesem Zweck dem Oberpriester der einzelnen
Provinz militaerische Hilfe zur Verfuegung (Eus. hist. eccl. 8, 14, 9); und der
beruehmte Brief Julians (epist. 49; vgl. epist. 63) an den damaligen Galatarchen
gibt ein deutliches Bild der Obliegenheiten desselben. Er soll das ganze
Religionswesen der Provinz beaufsichtigen; dem Statthalter gegenueber seine
Selbstaendigkeit wahren, nicht bei ihm antichambrieren, ihm nicht gestatten mit
militaerischer Eskorte im Tempel aufzutreten, ihn nicht vor, sondern in dem
Tempel empfangen, innerhalb dessen er der Herr und der Statthalter Privatmann
ist; von den Unterstuetzungen, die die Regierung fuer die Provinz ausgeworfen
hat (30000 Scheffel Getreide und 60000 Sextarien Wein) den fuenften Teil an die
in die Klientel der heidnischen Priester tretenden Armen spenden, das Uebrige
sonst zu mildtaetigen Zwecken verwenden; in jeder Stadt der Provinz womoeglich
mit Beihilfe der Privaten Verpflegungshaeuser (xenodocheia) nicht bloss fuer
Heiden, sondern fuer jedermann ins Leben rufen und den Christen nicht ferner das
Monopol der guten Werke gestatten; die saemtlichen Priester der Provinz durch
Beispiel und Ermahnung ueberhaupt zum gottesfuerchtigen Wandel und zur
Vermeidung des Besuchs der Theater und der Schenken anhalten und insbesondere
zum fleissigen Besuch der Tempel mit ihrer Familie und ihrem Gesinde oder, wenn
sie nicht zu bessern sind, sie absetzen. Es ist ein Hirtenbrief in bester Form,
nur mit veraenderter Adresse und mit Zitaten aus Homer statt aus der Bibel. So
deutlich diese Anordnungen den Stempel des bereits zusammenbrechenden Heidentums
an sich tragen und so gewiss sie in dieser Ausdehnung der frueheren Epoche fremd
sind, so erscheint doch das Fundament, die allgemeine Oberaufsicht des
Oberpriesters der Provinz ueber das Kultwesen, keineswegs als eine neue
Einrichtung.
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Neben dem Kaiserkultus fand auch die eigentliche Gottesverehrung in
Kleinasien in bevorzugter Weise ihre Statt und namentlich alle ihre Auswuechse
eine Freistatt. Das Unwesen der Asyle und der Wunderkuren hatte ganz besonders
hier seinen Sitz. Unter Tiberius wurde die Beschraenkung der ersteren vom
roemischen Senat angeordnet; der Heilgott Asklepios tat nirgends mehr und
groessere Wunder als in seiner vielgeliebten Stadt Pergamon, die ihn geradezu
als Zeus Asklepios verehrte und ihre Bluete in der Kaiserzeit zum guten Teil ihm
verdankte. Die wirksamsten Wundertaeter der Kaiserzeit, der spaeter kanonisierte
Kappadokier Apollonios von Tyana, sowie der paphlagonische Drachenmann
Alexandros von Abonuteichos sind Kleinasiaten. Wenn das allgemeine Verbot der
Assoziationen, wie wir sehen werden, in Kleinasien mit besonderer Strenge
durchgefuehrt ward, so wird die Ursache wohl hauptsaechlich in den religioesen
Verhaeltnissen zu suchen sein, die den Missbrauch solcher Vereinigungen dort
besonders nahelegten.
Die oeffentliche Sicherheit ruhte im wesentlichen auf dem Lande selbst. In
der frueheren Kaiserzeit stand, abgesehen von dem das oestliche Kilikien
einschliessenden syrischen Kommando, in ganz Kleinasien nur ein Detachement von
5000 Mann Auxiliartruppen, die in der Provinz Galatien garnisonierten ^24, nebst
einer Flotte von 40 Schiffen; es war dies Kommando bestimmt, teils die unruhigen
Pisidier niederzuhalten, teils die nordoestliche Reichsgrenze zu decken und die
Kueste des Schwarzen Meeres bis zur Krim unter Aufsicht zu halten. Vespasian
brachte diese Truppe auf den Stand eines Armeekorps von zwei Legionen und legte
deren Staebe in die Provinz Kappadokien an den oberen Euphrat. Ausser diesen
fuer die Grenzhut bestimmten Mannschaften gab es damals namhafte Garnisonen in
Vorderasien nicht; in der kaiserlichen Provinz Lykien und Pamphylien zum
Beispiel stand eine einzige Kohorte von 500 Mann, in den senatorischen Provinzen
hoechstens einzelne aus der kaiserlichen Garde oder aus den benachbarten
Kaiserprovinzen zu speziellen Zwecken abkommandierte Soldaten ^25. Wenn dies
einerseits fuer den inneren Frieden dieser Provinzen auf das nachdruecklichste
zeugt und den ungeheuren Abstand der kleinasiatischen Buergerschaften von den
ewig unruhigen Hauptstaedten Syriens und Aegyptens deutlich vor Augen fuehrt, so
erklaert es andererseits die schon in anderer Verbindung hervorgehobene
Stabilitaet des Raeuberwesens in dem durchaus gebirgigen und im Innern zum Teil
oeden Lande, namentlich an der mysisch-bithynischen Grenze und in den
Bergtaelern Pisidiens und Isauriens. Eigentliche Buergerwehren gab es in
Kleinasien nicht. Trotz des Florierens der Turnanstalten fuer Knaben, Juenglinge
und Maenner blieben die Hellenen dieser Zeit in Asia so unkriegerisch wie in
Europa ^26. Man beschraenkte sich darauf, fuer die Aufrechterhaltung der
oeffentlichen Sicherheit staedtische Eirenarchen, Friedensmeister, zu kreieren
und ihnen eine Anzahl zum Teil berittener staedtischer Gendarmen zur Verfuegung
zu stellen, gedungene Mannschaften von geringem Ansehen, welche aber doch
brauchbar gewesen sein muessen, da Kaiser Marcus es nicht verschmaehte, bei dem
bitteren Mangel an gedienten Leuten waehrend des Markomannenkrieges diese
kleinasiatischen Stadtsoldaten in die Reichstruppen einzureihen ^27.
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^24 Diese Truppe kann nach der Stellung bei Josephus (bel. Iud. 2,16, 4)
zwischen den nicht mit Garnison belegten Provinzen Asia und Kappadokien nur auf
Galatien bezogen werden. Natuerlich gab sie auch die Detachements, welche in den
abhaengigen Gebieten am Kaukasus standen, damals -unter Nero- wie es scheint,
auch die auf dem Bosporus selbst stehenden, wobei freilich auch das moesische
Korps beteiligt war.
^25 Praetorianer stationaribus Ephesi: Eph. epigr. IV, n. 70. Ein Soldat in
statione Nicomedensi: Plin. ep. ad Trai. 74. Ein Legionarcenturio in Byzantium:
daselbst 77, 78.
^26 In dem kleinasiatischen Munizipalwesen kommt alles vor, nur nicht das
Waffenwesen. Der smyrnaeische strat/e/gos epi t/o/n opl/o/n ist natuerlich eine
Reminiszenz so gut wie der Kultus des Herakles oploph?lax (CIG 3162).
^27 Der Eirenarch von Smyrna sendet, um den Polykarpos zu verhaften, diese
Gendarmen aus: ex/e/lth/o/n diogmitai kai ippeis meta t/o/n syn/e/th/o/n aytois
opl/o/n, /o/s epi l/e/st/e/n trechontes (Acta mart., S. 39). Dass sie nicht die
eigentliche soldatische Ruestung hatten, wird auch sonst bemerkt (Amm. 27, 9, 6:
adbibitis semiermibus quibusdam - gegen die Isaurer - quos diogmitas appellaut).
Von ihrer Verwendung im Markomannenkrieg berichtet der Biograph des Marcus c.
26: armavit et diogmitas und die Inschrift von Aezani in Phrygien CIG 3031 a 8 =
Lebas-Waddington 992: parasch/o/n t/o/ kyr/o/ Kaisari s?mmachon di/o/gmeit/e/n
par' eayto?.
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Die Justizpflege sowohl der staedtischen Behoerden wie der Statthalter
liess auch in dieser Epoche vieles zu wuenschen uebrig; doch bezeichnet das
Eintreten der Kaiserherrschaft darin eine Wendung zum Besseren. Das Eingreifen
der Reichsgewalt hatte unter der Republik sich auf die strafrechtliche Kontrolle
der Reichsbeamten beschraenkt und diese besonders in spaeterer Zeit schwaechlich
und parteiisch geuebt oder vielmehr nicht geuebt. Jetzt wurden nicht bloss in
Rom die Zuegel schaerfer angezogen, indem die strenge Beaufsichtigung der
eigenen Beamten von dem einheitlichen Militaerregiment unzertrennlich war und
auch der Reichssenat zu schaerferer Ueberwachung der Amtspflege seiner Mandatare
veranlasst wurde, sondern es wurde jetzt moeglich, die Missgriffe der
Provinzialgerichte im Wege der neu eingefuehrten Appellation zu beseitigen oder
auch, wo unparteiisches Gericht in der Provinz nicht erwartet werden konnte, den
Prozess nach Rom vor das Kaisergericht zu ziehen ^28. Beides kam auch den
senatorischen Provinzen zugute und ist allem Anschein nach ueberwiegend als
Wohltat empfunden worden.
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^28 In Knidos (BCH 7, 1883, S. 62) hatten im Jahre 741/42 (13/12) einige,
wie es scheint, angesehene Buerger das Haus eines ihnen persoenlich Verfeindeten
drei Naechte hindurch gestuermt; bei der Abwehr hatte einer der Sklaven des
belagerten Hauses durch ein aus dem Fenster geworfenes Gefaess den einen der
Angreifer getoetet. Die Besitzer des belagerten Hauses wurden darauf des
Totschlags angeklagt, perhorreszierten aber, da sie die oeffentliche Meinung
gegen sich hatten, das staedtische Gericht und verlangten die Entscheidung durch
den Spruch des Kaisers Augustus. Dieser liess die Sache durch einen Kommissar
untersuchen und sprach die Angeklagten frei, wovon er die Behoerde in Knidos in
Kenntnis setzte mit der Bemerkung, dass sie die Angelegenheit nicht unparteiisch
behandelt haetten, und sie anwies, sich nach seinem Spruche zu verhalten. Das
ist allerdings, da Knidos eine freie Stadt war, ein Eingreifen in deren
souveraene Rechte, wie auch in Athen Appellation an den Kaiser und sogar an den
Prokonsul in hadrianischer Zeit statthaft war. Aber wer die Justizverhaeltnisse
einer Griechenstadt dieser Epoche und dieser Stellung erwaegt, wird nicht
zweifeln, dass durch derartiges Eingreifen wohl mancher ungerechte Spruch
veranlasst, aber viel haeufiger ein solcher verhindert ward.
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Wie bei den Hellenen Europas, so ist in Kleinasien die roemische Provinz
wesentlich ein Komplex staedtischer Gemeinden. Wie in Hellas werden auch hier
die ueberkommenen Formen der demokratischen Politie im allgemeinen festgehalten,
die Beamten zum Beispiel auch ferner von den Buergerschaften gewaehlt, ueberall
aber der bestimmende Einfluss in die Haende der Begueterten gelegt und dem
Belieben der Menge so wie dem ernstlichen politischen Ehrgeiz kein Spielraum
gestattet. Unter den Beschraenkungen der munizipalen Autonomie ist den
kleinasiatischen Staedten eigentuemlich, dass den schon erwaehnten Eirenarchen,
den staedtischen Polizeimeister, spaeterhin der Statthalter aus einer von dem
Rat der Stadt aufgestellten Liste von zehn Personen ernannte. Die
Regierungskuratel der staedtischen Finanzverwaltung, die kaiserliche Bestellung
eines nicht der Stadt selbst angehoerigen Vermoegenspflegers (curator rei
publicae, logist/e/s), dessen Konsens die staedtischen Behoerden bei wichtigeren
Vermoegenshandlungen einzuholen haben, ist niemals allgemein, sondern nach
Beduerfnis fuer diese oder jene Stadt angeordnet worden, in Kleinasien aber
entsprechend der Bedeutung seiner staedtischen Entwicklung besonders frueh, das
heisst seit dem Anfang des 2. Jahrhunderts, und besonders umfassend eingetreten.
Wenigstens im 3. Jahrhundert mussten auch hier wie anderswo sonstige wichtige
Beschluesse der Gemeindeverwaltung dem Statthalter zur Bestaetigung unterbreitet
werden. Uniformierung der Gemeindeverfassung hat die roemische Regierung
nirgends und am wenigsten in den hellenischen Landschaften durchgefuehrt; auch
in Kleinasien herrschte darin grosse Mannigfaltigkeit und vermutlich vielfach
das Belieben der einzelnen Buergerschaften, obwohl fuer die derselben Provinz
angehoerigen Gemeinden das eine jede Provinz organisierende Gesetz allgemeine
Normen vorschrieb. Was der Art von Institutionen als in Kleinasien verbreitet
und vorherrschend diesem Landesteil eigentuemlich angesehen werden kann, traegt
keinen politischen Charakter, sondern ist nur etwa fuer die sozialen
Verhaeltnisse bezeichnend, wie die ueber ganz Kleinasien verbreiteten Verbaende
teils der aelteren, teils der juengeren Buerger, die Gerusia und die Neoi,
Ressourcen fuer die beiden Altersklassen mit entsprechenden Turnplaetzen und
Festen ^29. Autonome Gemeinden gab es in Kleinasien von Haus aus bei weitem
weniger als in dem eigentlichen Hellas, und namentlich die bedeutendsten
kleinasiatischen Staedte haben diese zweifelhafte Auszeichnung niemals gehabt
oder doch frueh verloren, wie Kyzikos unter Tiberius, Samos durch Vespasian.
Kleinasien war eben altes Untertanengebiet und unter den persischen wie unter
den hellenischen Herrschern an monarchische Ordnung gewoehnt; weniger als in
Hellas fuehrte hier unnuetzes Erinnern und unklares Hoffen hinaus ueber den
beschraenkten munizipalen Horizont der Gegenwart, und nicht vieles der Art
stoerte den friedlichen Genuss des unter den bestehenden Verhaeltnissen
moeglichen Lebensglueckes.
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^29 Die in kleinasiatischen Inschriften oft erwaehnte Gerusia hat mit der
von Lysimachos in Ephesos getroffenen gleichnamigen politischen Einrichtung
(Strab. 14, 1, 21 p. 640; Wood, Ephesus. Inscriptions from the temple of Diana,
n. 19) nichts weiter gemein; den Charakter derselben in roemischer Zeit
bezeichnet teils Vitruvius (2, 8, 10): Croesi (damum) Sardiani civibus ad
requiescendum aetatis otio seniorum collegio gerusiam dedicaverunt, teils die in
der lykischen Stadt Sidyma kuerzlich gefundene Inschrift (Benndorf, Reisen, Bd.
1, S. 71), wonach Rat und Volk beschliessen, wie das Gesetz es fordert, eine
Gerusia einzurichten und in diese 50 Buleuten und 50 andere Buerger
einzuwaehlen, welche dann einen Gymnasiarchen der neuen Gerusia bestellen.
Dieser auch sonst begegnende Gymnasiarch sowie der Hymnode der Gerusia
(Menadier, Qua condicione Ephesii usi sint, p. 51) sind unter den uns bekannten
Aemtern dieser Koerperschaft die einzigen fuer ihre Beschaffenheit
charakteristischen. Analog, aber weniger angesehen, sind die Kollegien der neoi
die auch ihre eigenen Gymnasiarchen haben. Zu den beiden Aufsehern der
Turnplaetze fuer die erwachsenen Buerger machen den Gegensatz die Gymnasiarchen
der Epheben (Menadier, p. 91). Gemeinschaftliche Mahlzeiten und Feste (auf die
der Hymnode sich bezieht) fehlten natuerlich namentlich bei der Gerusia nicht.
Sie ist keine Armenversorgung, aber auch kein der munizipalen Aristokratie
reserviertes Kollegium charakteristisch fuer die Weise des buergerlichen
Verkehrs der Griechen, bei welchen der Turnplatz etwa ist, was in unseren
kleinen Staedten die Buergercasinos.
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Solchen Lebensglueckes gab es in Kleinasien unter dem roemischen
Kaiserregiment die Fuelle. "Keine Provinz von allen", sagt ein in Smyrna unter
den Antoninen lebender Schriftsteller, "hat so viele Staedte aufzuweisen wie die
unsrige und keine solche wie unsere groessten. Ihr kommen zugute die reizende
Gegend, die Gunst des Klimas, die mannigfaltigen Produkte, die Lage im
Mittelpunkt des Reiches, ein Kranz ringsum befriedeter Voelker, die gute
Ordnung, die Seltenheit der Verbrechen, die milde Behandlung der Sklaven, die
Ruecksicht und das Wohlwollen der Herrscher." Asia hiess, wie schon gesagt ward,
die Provinz der fuenfhundert Staedte, und wenn das wasserlose, zum Teil nur zur
Weide geeignete Binnenland Phrygiens, Lykaoniens, Galatiens, Kappadokiens auch
in jener Zeit nur duenn bevoelkert war, stand die uebrige Kueste hinter Asia
nicht weit zurueck. Die dauernde Bluete der kulturfaehigen Landschaften
Kleinasiens erstreckt sich nicht bloss auf die Staedte glaenzenden Namens, wie
Ephesos, Smyrna, Laodikeia, Apameia; wo immer ein von der Verwuestung der
anderthalb Jahrtausende, die uns von jener Zeit trennen, vergessener Winkel des
Landes sich der Forschung erschliesst, da ist das erste und das maechtigste
Gefuehl das Entsetzen, fast moechte man sagen die Scham ueber den Kontrast der
elenden und jammervollen Gegenwart mit dem Glueck und dem Glanz der vergangenen
Roemerzeit. Auf einer abgelegenen Bergspitze unweit der lykischen Kueste, da, wo
nach der griechischen Fabel die Chimaera hauste, lag das alte Kragos,
wahrscheinlich nur aus Balken und Lehmziegeln gebaut und darum spurlos
verschwunden bis auf die zyklopische Festungsmauer am Fuss des Huegels. Unter
der Kuppe breitet ein anmutiges fruchtbares Tal sich aus, mit frischer Alpenluft
und suedlicher Vegetation, umgeben von Wald- und wildreichen Bergen. Als unter
Kaiser Claudius Lykien Provinz ward, verlegte die roemische Regierung die
Bergstadt, das "gruene Kragos" des Horaz, in diese Ebene; auf dem Marktplatz der
neuen Stadt Sidyma stehen noch die Reste des viersaeuligen, dem Kaiser damals
gewidmeten Tempels und einer stattlichen Saeulenhalle, welche ein von dort
gebuertiger, als Arzt zu Vermoegen gelangter Buerger in seiner Vaterstadt baute.
Statuen der Kaiser und verdienter Mitbuerger schmueckten den Markt; es gab in
der Stadt einen Tempel ihrer Schutzgoetter, der Artetuis und des Apollon,
Baeder, Turnanstalten (gymnasia) fuer die aeltere wie fuer die juengere
Buergerschaft; von den Toren zogen sich an der Hauptstrasse, die steil am
Gebirge hinab nach dem Hafen Kalabatia fuehrte, zu beiden Seiten Reihen hin von
steinernen Grabmonumenten, stattlicher und kostbarer als die Pompeiis und
grossenteils noch aufrecht, waehrend die vermutlich wie die der Altstadt aus
vergaenglichem Material gebauten Haeuser verschwunden sind. Auf den Stand und
die Art der einstmaligen Bewohner gestattet einen Schluss ein kuerzlich dort
aufgefundener, wahrscheinlich unter Commodus gefasster Gemeindebeschluss ueber
die Konstituierung der Ressource fuer die aelteren Buerger; dieselbe wurde
zusammengesetzt aus hundert zur Haelfte dem Stadtrat, zur Haelfte der uebrigen
Buergerschaft entnommenen Mitgliedern, darunter nicht mehr als drei
Freigelassene und ein Bastardkind, alle uebrigen in rechter Ehe erzeugt und zum
Teil nachweislich alten und wohlhabenden Buergerhaeusern angehoerig. Einzelne
dieser Familien sind zum roemischen Buergerrecht gelangt, eine sogar in den
Reichssenat. Aber auch im Ausland blieb dieses senatorische Haus sowohl wie
verschiedene aus Sidyma gebuertige auswaerts und selbst am kaiserlichen Hof
beschaeftigte Aerzte der Heimat eingedenk, und mehrere derselben haben ihr Leben
daselbst beschlossen; einer dieser angesehenen Stadtbuerger hat in einem nicht
gerade vortrefflichen, aber sehr gelehrten und sehr patriotischen Elaborat die
Legenden der Stadt und die sie betreffenden Weissagungen zusammengefasst und
diese Memorabilien oeffentlich aufstellen lassen. Dies Kragos-Sidyma stimmte auf
dem Landtag der kleinen lykischen Provinz nicht unter den Staedten erster
Klasse, war ohne Theater, ohne Ehrentitel und ohne jene allgemeinen Feste, die
in der damaligen Welt die Grossstadt bezeichnen, auch nach der Auffassung der
Alten eine kleine Provinzialstadt und durchaus eine Schoepfung der roemischen
Kaiserzeit. Aber im ganzen Vilajet Aidin ist heute kein Binnenort, der fuer
zivilisierte Existenz auch nur entfernt diesem Bergstaedtchen, wie es war, an
die Seite gestellt werden koennte. Was in diesem abgeschiedenen Fleck noch heute
leben dig vor Augen steht, das ist in einer ungezaehlten Menge anderer Staedte
unter der verwuestenden Menschenhand bis auf geringe Reste oder auch spurlos
verschwunden. Einen gewissen Ueberblick dieser Fuelle gewaehrt die den Staedten
in Kupfer freigegebene Muenzpraegung der Kaiserzeit: keine Provinz kann in der
Zahl der Muenzstaetten und der Mannigfaltigkeit der Darstellungen sich auch nur
von weitem mit Asia messen.
Freilich fehlt diesem Aufgehen aller Interessen in der heimatlichen
Kleinstadt die Kehrseite so wenig in Kleinasien wie bei den europaeischen
Griechen. Was ueber deren Gemeindeverwaltung gesagt ist, gilt in der Hauptsache
auch hier. Der staedtischen Finanzwirtschaft, die sich ohne rechte Kontrolle
weiss, fehlt Stetigkeit und Sparsamkeit und oft selbst die Ehrlichkeit; bei den
Bauten werden bald die Kraefte der Stadt ueberschritten, bald auch das Noetigste
unterlassen; die kleineren Buerger gewoehnen sich an die Spenden der Stadtkasse
oder der vermoegenden Leute, an das freie Oel in den Baedern, an
Buergerschmaeuse und Volksbelustigungen aus fremder Tasche, die guten Haeuser an
die Klientel der Menge mit ihren demuetigen Huldigungen, ihren Bettelintrigen,
ihren Spaltungen; Rivalitaeten bestehen wie zwischen Stadt und Stadt, so in
jeder Stadt zwischen den einzelnen Kreisen und den einzelnen Haeusern; die
Bildung von Armenvereinen und von freiwilligen Feuerwehren, wie sie im Okzident
ueberall bestanden, wagt die Regierung in Kleinasien nicht einzufuehren, weil
das Faktionswesen hier sich jeder Assoziation sofort bemaechtigt. Der stille See
wird leicht zum Sumpf, und das Fehlen des grossen Wellenschlags der allgemeinen
Interessen ist auch in Kleinasien deutlich zu spueren.
Kleinasien, insbesondere Vorderasien, war eines der reichsten Gebiete des
grossen Roemerstaats. Wohl hatte das Missregiment der Republik, die dadurch
hervorgerufenen Katastrophen der mithradatischen Zeit, dann das Piratenunwesen,
endlich die vieljaehrigen Buergerkriege, welche finanziell wenige Provinzen so
schwer betroffen hatten wie diese, die Vermoegensverhaeltnisse der Gemeinden und
der Einzelnen daselbst so vollstaendig zerruettet, dass Augustus zu dem
aeussersten Mittel der Niederschlagung aller Schuldforderungen griff; auch
machten mit Ausnahme der Rhodier alle Asiaten von diesem gefaehrlichen
Heilmittel Gebrauch. Aber das wiedereintretende Friedensregiment glich vieles
aus. Nicht ueberall - die Inseln des Aegaeischen Meers zum Beispiel haben sich
nie seitdem wieder erholt -, aber in den meisten Orten waren, schon als Augustus
starb, die Wunden wie die Heilmittel vergessen, und in diesem Zustand blieb das
Land drei Jahrhunderte bis auf die Epoche der Gotenkriege. Die Summen, zu
welchen die Staedte Kleinasiens angesetzt waren und die sie selbst, allerdings
unter Kontrolle des Statthalters, zu repartieren und aufzubringen hatten,
bildeten eine der bedeutendsten Einnahmequellen der Reichskasse. Wie die
Steuerlast sich zu der Leistungsfaehigkeit der Besteuerten verhielt, vermoegen
wir nicht zu konstatieren; eigentliche dauernde Ueberbuerdung aber vertraegt
sich nicht mit den Zustaenden, in denen wir das Land bis gegen die Mitte des 3.
Jahrhunderts finden. Mehr vielleicht noch die Schlaffheit des Regiments als
absichtliche Schonung mag die fiskalische Beschraenkung des Verkehrs und die
nicht bloss fuer den Besteuerten unbequeme Anziehung der Steuerschraube in
Schranken gehalten haben. Bei grossen Kalamitaeten, namentlich bei den Erdbeben,
welche unter Tiberius zwoelf bluehende Staedte Asias, vor allem Sardes, unter
Pius eine Anzahl karischer und lykischer und die Inseln Kos und Rhodos
entsetzlich heimsuchten, trat die Privat- und vor allem die Reichshilfe mit
grossartiger Freigebigkeit ein und spendete den Kleinasiaten den vollen Segen
des Grossstaats, die Samtverbuergung aller fuer alle. Der Wegebau, den die
Roemer bei der ersten Einrichtung der Provinz Asia durch Manius Aquillius in
Angriff genommen hatten, ist in der Kaiserzeit in Kleinasien nur da ernstlich
gefoerdert worden, wo groessere Besatzungen standen, namentlich in Kappadokien
und dem benachbarten Galatien, seit Vespasian am mittleren Euphrat Legionslager
eingerichtet hatte ^30. In den uebrigen Provinzen ist dafuer nicht viel
geschehen, zum Teil ohne Zweifel in Folge der Schlaffheit des senatorischen
Regiments; wo immer hier Wege von Staatswegen gebaut wurden, geschah es auf
kaiserliche Anordnung ^31.
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^30 Die Meilensteine beginnen hier mit Vespasian (CIL III, 306) und sind
seitdem zahlreich namentlich von Domitian bis auf Hadrian.
^31 Am deutlichsten zeigen dies die in der Senatsprovinz Bithynien unter
Nero und Vespasian durch den kaiserlichen Prokurator ausgefuehrten Wegebauten
(CIL III, 346; Eph. epigr. V, n. 96). Aber auch bei den Wegebauten in den
senatorischen Provinzen Asia und Kypros wird der Senat nie genannt, und es wird
dafuer dasselbe angenommen werden duerfen. Im dritten Jahrhundert ist hier wie
ueberall der Bau auch der Reichsstrassen auf die Kommunen uebergegangen (Smyrna:
CIL III, 471; Thyateira: BCH 1, 1877, S. 101; Paphos: CIL III, 218).
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Diese Bluete Kleinasiens ist nicht das Werk einer Regierung von
ueberlegener Einsicht und energischer Tatkraft. Die politischen Einrichtungen,
die gewerblichen und kommerziellen Anregungen, die literarische und
kuenstlerische Initiative gehoeren in Kleinasien durchaus den alten Freistaedten
oder den Attaliden. Was die roemische Regierung dem Lande gegeben hat, war
wesentlich der dauernde Friedensstand und die Duldung des Wohlstandes im Innern,
die Abwesenheit derjenigen Regierungsweisheit, die jedes gesunde Paar Arme und
jedes ersparte Geldstueck betrachtet als ihren unmittelbaren Zwecken von Rechts
wegen verfallen - negative Tugenden keineswegs hervorragender Persoenlichkeiten,
aber oftmals dem gemeinen Gedeihen erspriesslicher als die Grosstaten der
selbstgesetzten Vormuender der Menschheit.
Der Wohlstand Kleinasiens beruhte in schoenem Gleichgewicht ebenso auf der
Bodenkultur wie auf der Industrie und dem Handel. Die Gunst der Natur ist
insbesondere den Kuestenlandschaften in reichstem Masse zuteil geworden, und
vielfach zeigt es sich, mit wie emsigem Fleiss auch unter schwierigeren
Verhaeltnis sen, zum Beispiel in dem felsigen Tal des Eurymedon in Pamphylien
von den Buergern von Selge, jedes irgend brauchbare Bodenstueck ausgenutzt ward.
Die Erzeugnisse der kleinasiatischen Industrie sind zu zahlreich und zu
mannigfaltig, um bei den einzelnen zu verweilen ^32; erwaehnt mag werden, dass
die ungeheuren Triften des Binnenlandes mit ihren Schaf- und Ziegenherden
Kleinasien zum Hauptland der Wollindustrie und der Weberei ueberhaupt gemacht
haben - es genuegt zu erinnern an die milesische und die galatische, das ist die
Angorawolle, die attalischen Goldstickereien, die nach nervischer, das heisst
flandrischer Art in den Fabriken des phrygischen Laodikeia gefertigten Tuche.
Dass in Ephesos fast ein Aufstand ausgebrochen waere, weil die Goldschmiede von
dem neuen Christenglauben Beschaedigung ihres Absatzes von Heiligenbildern
befuerchteten, ist bekannt. In Philadelpheia, einer bedeutenden Stadt Lydiens,
kennen wir von den sieben Quartieren die Namen zweier: es sind die der
Wollenweber und der Schuster. Wahrscheinlich tritt hier zu Tage, was bei den
uebrigen Staedten unter aelteren und vornehmeren Namen sich versteckt, dass die
bedeutenderen Staedte Asias durchgaengig nicht bloss eine Menge Handwerker,
sondern auch eine zahlreiche Fabrikbevoelkerung in sich schlossen. Der Geld- und
Handelsverkehr ruhte in Kleinasien hauptsaechlich auf der eigenen Produktion.
Der grosse auslaendische Import und Export Syriens und Aegyptens war hier in der
Hauptsache ausgeschlossen, wenn auch aus den oestlichen Laendern mancherlei
Artikel, zum Beispiel durch die galatischen Haendler eine betraechtliche Zahl
von Sklaven nach Kleinasien eingefuehrt wurden ^33. Aber wenn die roemischen
Kaufleute hier, wie es scheint, in jeder grossen und kleinen Stadt, selbst in
Orten wie Ilion und Assos in Mysien, Prymnessos und Traianopolis in Phrygien, in
solcher Zahl zu finden waren, dass ihre Vereine neben der Stadtbuergerschaft bei
oeffentlichen Akten sich zu beteiligen pflegen; wenn in Hierapolis im
phrygischen Binnenland ein Fabrikant (ergast/e/s) auf sein Grab schreiben liess,
dass er zweiundsiebzigmal in seinem Leben um Kap Malea nach Italien gefahren
sei, und ein roemischer Dichter den Kaufmann der Hauptstadt schildert, welcher
nach dem Hafen eilt, um den Geschaeftsfreund aus dem nicht weit von Hierapolis
entfernten Kibyra nicht in die Haende von Konkurrenten fallen zu lassen, so
oeffnet sich damit ein Einblick in ein reges gewerbliches und kaufmaennisches
Treiben nicht bloss in den Hoefen. Von dem stetigen Verkehr mit Italien zeugt
auch die Sprache; unter den in Kleinasien gangbar gewordenen lateinischen
Woertern ruehren nicht wenige aus solchem Verkehr her, wie denn in Ephesos sogar
die Gilde der Wollenweber sich lateinisch benennt ^34. Lehrer aller Art und
Aerzte kamen nach Italien und den uebrigen Laendern lateinischer Zunge
vorzugsweise von hier und gewannen nicht bloss oftmals bedeutendes Vermoegen,
sondern brachten dies auch in ihre Heimat zurueck; unter denen, welchen die
Staedte Kleinasiens Bauwerke oder Stiftungen verdanken, nehmen die reich
gewordenen Aerzte ^35 und Literaten einen hervorragenden Platz ein. Endlich die
Auswanderung der grossen Familien nach Italien hat Kleinasien weniger und
spaeter betroffen als den Okzident; aus Vienna und Narbo siedelte man leichter
nach der Hauptstadt des Reiches ueber als aus den griechischen Staedten, und
auch die Regierung war in frueherer Zeit nicht eben geneigt, die vornehmen
Munizipalen Kleinasiens an den Hof zu ziehen und sie in die roemische
Aristokratie einzufuehren.
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^32 Die Christen des Kuestenstaedtchens Korykos im Rauhen Kilikien
pflegten, gegen den allgemeinen Gebrauch, ihren Grabschriften regelmaessig den
Stand beizusetzen. Auf den dort von Langlois und neuerdings von Duchesne (BCH
7,1883, S. 230f.) aufgenommenen Grabschriften finden sich ein Schreiber
(notarios), ein Weinhaendler (oinemporos) zwei PHlhaendler (eleop/o/l/e/s) ein
Gemuesehaendler (lachanop/o/l/e/s), ein Fruchthaendler (op/o/rop/o/l/e/s), zwei
Kraemer (kap/e/los), fuenf Goldschmiede (ayrarios dreimal, chrysochoos zweimal),
wovon einer auch Presbyter ist, vier Kupferschmiede (chalkotypos einmal,
chalke?s dreimal), zwei Instrumentenmacher (armenoraphos), fuenf Toepfer
(kerame?s), von denen einer als Arbeitgeber (ergodot/e/s) bezeichnet wird, ein
anderer zugleich Presbyter ist ein Kleiderhaendler (imatiop/o/l/e/s) zwei
Leinwandhaendler (linop/o/l/e/s)drei Weber (othoniakos), ein Wollarbeiter
(ereoyrgos), zwei Schuster (kaligarios, kaltarios), ein Kuerschner (inioraphos,
wohl fuer /e/nioraphos, pellio), ein Schiffer (na?kl/e/ros), eine Hebamme
(iatrin/e/); ferner ein Gesamtgrab der hochansehnlichen Geldwechsler (s?sstema
t/o/n eygenestat/o/n trapezit/o/n). So sah es daselbst im 5. und 6. Jahrhundert
aus.
^33 Dieser fuer das 4. Jahrhundert bezeugte Verkehr (Amm. 22, 7 8;
Claudianus in Eutr. 1, 59) ist ohne Zweifel aelter. Anderer Art ist es, dass,
wie Philostratos (Vita Apoll. 8, 7, 12) angibt, die nicht griechischen Bewohner
von Phrygien ihre Kinder an die Sklavenhaendler verkauften.
^34 Synergasia t/o/n lanari/o/n (Wood, Ephesus. City, n. 4). Auch auf den
Inschriften von Korykos (Anm. 32) sind lateinische Handwerkerbenennungen
haeufig. Die Stufe heisst grados den phrygischen Inschriften CIG 3900, 39021.
^35 Einer von diesen ist Xenophon, des Herakleitos Sohn, von Kos, bekannt
aus Tacitus (ann. 12, 61. 67) und Plinius (nat. 29,1, 7) und einer Reihe von
Denkmaelern seiner Heimat (BCH 5, 1881, S. 468). Als Leibarzt (archiatros,
welcher Titel hier zuerst begegnet) des Kaisers Claudius gewann er solchen
Einfluss, dass er mit seiner aerztlichen Taetigkeit die einflussreiche Stellung
des kaiserlichen Kabinettssekretaer fuer die griechische Korrespondenz verband
(epi t/o/n Ell/e/nikan apokrimat/o/n vgl. Suidas unter Dion?sios Alexandreys)
und nicht bloss fuer seinen Bruder und Oheim das roemische Buergerrecht und
Offiziersteilen von Ritterrang und fuer sich ausser dem Ritterpferd und dem
Offiziersrang noch die Dekoration des Goldkranzes und des Speers bei dem
britannischen Triumph erwirkte, sondern auch fuer seine Heimat die
Steuerfreiheit. Sein Grabmal steht auf der Insel, und seine dankbaren Landsleute
setzten ihm und den Seinigen Statuen und schlugen zu seinem Gedaechtnis Muenzen
mit seinem Bildnis. Er ist es, der den todkranken Claudius durch weitere
Vergiftung umgebracht haben soll und demgemaess, als ihm wie seinem Nachfolger
gleich wert, auf seinen Denkmaelern nicht bloss wie ueblich "Kaiserfreund"
(philosebastos) heisst, sondern speziell Freund des Claudius (philokla?dios) und
des Nero (philoner/o/n, dies nach sicherer Restitution). Sein Bruder, dem er in
dieser Stellung folgte, bezog ein Gehalt von 500000 Sesterzen (100000 Mark),
versicherte aber dem Kaiser, dass er nur ihm zuliebe die Stellung angenommen
haette, da seine Stadtpraxis ihm 100000 Sesterzen mehr eingetragen habe. Trotz
der enormen Summen, die die Brueder ausser fuer Kos namentlich fuer Neapel
aufgewendet hatten, hinterliessen sie ein Vermoegen von 30 Mill. Sesterzen (6«
Mill. Mark).
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Wenn wir absehen von der wunderbaren Fruehbluete, in welcher das ionische
Epos und die aeolische Lyrik, die Anfaenge der Geschichtschreibung und der
Philosophie, der Plastik und der Malerei an diesen Gestaden keimten, so war in
der Wissenschaft wie in der Kunstuebung die grosse Zeit Kleinasiens die der
Attaliden, welche die Erinnerung jener noch groesseren Epoche treulich pflegte.
Wenn Smyrna seinem Buerger Homeros goettliche Verehrung erwies, auch Muenzen auf
ihn schlug und nach ihm nannte, so drueckt sich darin die Empfindung aus, die
ganz Ionien und ganz Kleinasien beherrschte, dass die goettliche Kunst
ueberhaupt in Hellas und im Besonderen in Ionien auf die Erde niedergestiegen
sei. Wie frueh und in welchem Umfang fuer den Elementarunterricht in diesen
Gegenden oeffentlich gesorgt worden ist, veranschaulicht ein denselben
betreffender Beschluss der Stadt Teos ^36 in Lydien. Danach soll, nachdem die
Kapitalschenkung eines reichen Buergers die Stadt dazu instand gesetzt hat, in
Zukunft neben dem Turninspektor (gymnasiarch/e/s) weiter das Ehrenamt eines
Schulinspektors (paidonomos) eingerichtet werden. Ferner sollen mit Besoldung
angestellt werden drei Schreiblehrer mit Gehalten, je nach den drei Klassen, von
600, 550 und 500 Drachmen, damit im Schreiben saemtliche freie Knaben und
Maedchen unterwiesen werden koennen; ebenfalls zwei Turnmeister mit je 500
Drachmen Gehalt, ein Musiklehrer mit Gehalt von 700 Drachmen, welcher die Knaben
der beiden letzten Schuljahre und die aus der Schule entlassenen Juenglinge im
Lautenschlagen und Zitherspielen unterweist, ein Fechtlehrer mit 300 und ein
Lehrer fuer Bogenschiessen und Speerwerfen mit 250 Drachmen Besoldung. Die
Schreib- und der Musiklehrer sollen jaehrlich im Rathaus ein oeffentliches
Examen der Schueler abhalten. Das ist das Kleinasien der Attalidenzeit; aber die
roemische Republik hat deren Arbeit nicht fortgesetzt. Sie liess ihre Siege
ueber die Galater nicht durch den Meissel verewigen, und die pergamenische
Bibliothek kam kurz vor der Aktfischen Schlacht nach Alexandreia; viele der
besten Keime sind in der Verwuestung der Mithradatischen und der Buergerkriege
zugrunde gegangen. Erst in der Kaiserzeit regenerierte sich mit dem Wohlstande
Kleinasiens wenigstens aeusserlich die Pflege der Kunst und vor allem der
Literatur. Einen eigentlichen Primat, wie ihn als Universitaetsstadt Athen
besass, im Kreise der wissenschaftlichen Forschung Alexandreia, fuer Schauspiel
und Ballett die leichtfertige Hauptstadt Syriens, kann keine der zahlreichen
Staedte Kleinasiens nach irgendeiner Richtung hin in Anspruch nehmen; aber die
allgemeine Bildung ist wahrscheinlich nirgends weiter verbreitet und
eingreifender gewesen. Den Lehrern und den Aerzten Befreiung von den mit Kosten
verbundenen staedtischen Aemtern und Auftraegen zu gewaehren, muss in Asia frueh
ueblich geworden sein; an diese Provinz ist der Erlass des Kaisers Pius
gerichtet, welcher, um der fuer die staedtischen Finanzen offenbar sehr
beschwerlichen Exemtion Schranken zu setzen, Maximalzahlen dafuer vorschreibt,
zum Beispiel den Staedten erster Klasse gestattet, bis zu zehn Aerzten, fuenf
Lehrmeistern der Rhetorik und fuenf der Grammatik diese Immunitaet zu gewaehren.
Dass in dem Literatentum der Kaiserzeit Kleinasien in erster Reihe steht, beruht
auf dem Rhetoren- oder, nach dem spaeterhin ueblichen Ausdruck, dem
Sophistenwesen der Epoche, das wir Neueren uns nicht leicht vergegenwaertigen.
An die Stelle der Schriftstellerei, die ziemlich aufgehoert hat, etwas zu
bedeuten, ist der oeffentliche Vortrag getreten, von der Art etwa unserer
heutigen Universitaets- und akademischen Reden, ewig sich neu erzeugend und nur
ausnahmsweise gelagert, einmal gehoert und beklatscht und dann auf immer
vergessen. Den Inhalt gibt haeufig die Gelegenheit, der Geburtstag des Kaisers,
die Ankunft des Statthalters, jedes oeffentliche oder private analoge Ereignis;
noch haeufiger wird ohne jede Veranlassung ins Blaue hinein ueber alles geredet,
was nicht praktisch und nicht lehrhaft ist. Politische Rede gibt es fuer diese
Zeit ueberhaupt nicht, nicht einmal im roemischen Senat. Die Gerichtsrede ist
den Griechen nicht mehr der Zielpunkt der Redekunst, sondern steht neben der
Rede um der Rede willen als vernachlaessigte und plebejische Schwester, zu der
sich ein Meister jener gelegentlich einmal herablaesst. Der Poesie, der
Philosophie, der Geschichte wird entnommen, was sich gemeinplaetzig behandeln
laesst, waehrend sie alle selbst ueberhaupt wenig und am wenigsten in Kleinasien
gepflegt und noch weniger geachtet neben der reinen Wortkunst und von ihr
durchseucht verkuemmern. Die grosse Vergangenheit der Nation betrachten diese
Redner sozusagen als ihr Sondergut; sie verehren und behandeln den Homer
einigermassen wie die Rabbiner die Buecher Moses, und auch in der Religion
befleissigen sie sich eifrigster Orthodoxie. Getragen werden diese Vortraege
durch alle erlaubten und unerlaubten Hilfsmittel des Theaters, die Kunst der
Gestikulation und der Modulation der Stimme, die Pracht des Rednerkostuems, die
Kunstgriffe des Virtuosentums, das Faktionswesen, die Konkurrenz, die Claque.
Dem grenzenlosen Selbstgefuehl dieser Wortkuenstler entspricht die lebhafte
Teilnahme des Publikums, welche derjenigen fuer die Rennpferde nur wenig
nachsteht, und der voellig nach Theaterart dieser Teilnahme gegebene Ausdruck;
und die Stetigkeit, womit dergleichen Exhibitionen in den groesseren Orten den
Gebildeten vorgefuehrt werden, fuegt sie, ebenfalls wie das Theater, ueberall in
die staedtischen Lebensgewohnheiten ein. Wenn vielleicht an den Eindruck,
welchen in unseren bewegtesten Grossstaedten die obligaten Reden ihrer gelehrten
Koerperschaften hervorrufen, sich dies untergegangene Phaenomen fuer unser
Verstaendnis einigermassen anknuepfen laesst, so fehlt doch in den heutigen
Verhaeltnissen ganz, was in der alten Welt weit die Hauptsache war: das
didaktische Moment und die Verknuepfung des zwecklosen oeffentlichen Vortrags
mit dem hoeheren Jugendunterricht. Wenn dieser heute, wie man sagt, den Knaben
der gebildeten Klasse zum Professor der Philologie erzieht, so erzog er ihn
damals zum Professor der Eloquenz, und zwar dieser Eloquenz. Denn die Schulung
lief mehr und mehr darauf hinaus, dem Knaben die Fertigkeit beizubringen,
ebensolche Vortraege, wie sie eben geschildert wurden, selber, womoeglich in
beiden Sprachen, zu halten, und wer mit Nutzen den Kursus absolviert hatte,
beklatschte in den analogen Leistungen die Erinnerung an die eigene Schulzeit.
Diese Produktion umspannt zwar den Orient wie den Okzident; aber Kleinasien
steht voran und gibt den Ton an. Als in der augustischen Zeit die Schulrhetorik
in dem lateinischen Jugendunterricht der Hauptstadt Fuss fasste, waren die
Haupttraeger neben Italienern und Spaniern zwei Kleinasiaten, Arellius Fuscus
und Cestius Pius. Ebendaselbst, wo die ernsthafte Gerichtsrede sich in der
besseren Kaiserzeit neben diesem Parasiten behauptete, weist ein geistvoller
Advokat der flavischen Zeit auf die ungeheure Kluft hin, welche den Niketes von
Smyrna und die andern in Ephesos und Mytilene beklatschten Redeschulmeister von
Aeschines und Demosthenes trennt. Bei weitem die meisten und namhaftesten der
gefeierten Rhetoren dieser Art sind von der Kueste Vorderasiens. Wie sehr fuer
die Finanzen der kleinasiatischen Staedte die Schulmeisterlieferung fuer das
ganze Reich ins Gewicht fiel, ist schon bemerkt worden. Im Laufe der Kaiserzeit
steigt die Zahl und die Geltung dieser Sophisten bestaendig, und mehr und mehr
gewinnen sie Boden auch im Okzident. Die Ursache davon liegt zum Teil wohl in
der veraenderten Haltung der Regierung, die im zweiten Jahrhundert, insbesondere
seit der nicht so sehr hellenisierenden als uebel kosmopolitisierenden
hadrianischen Epoche, sich weniger ablehnend gegen das griechische und das
orientalische Wesen verhielt als im ersten; hauptsaechlich aber in der immer
zunehmenden Verallgemeinerung der hoeheren Bildung und der rasch sich
vermehrenden Zahl der Anstalten fuer den hoeheren Jugendunterricht. Es gehoert
also die Sophistik allerdings besonders nach Kleinasien und besonders in das
Kleinasien des zweiten und dritten Jahrhunderts; nur darf in diesem
Literatenprimat keine spezielle Eigentuemlichkeit dieser Griechen und dieser
Epoche oder gar eine nationale Besonderheit gefunden werden. Die Sophistik sieht
sich ueberall gleich, in Smyrna und Athen wie in Rom und Karthago; die
Eloquenzmeister wurden verschickt wie die Lampenformen und das Fabrikat ueberall
in gleicher Weise, nach Verlangen griechisch oder lateinisch, hergestellt, die
Fabrikation dem Bedarf entsprechend gesteigert. Aber freilich lieferten
diejenigen griechischen Landschaften, die an Wohlstand und Bildung voranstanden,
diesen Exportartikel in bester Qualitaet und in groesster Quantitaet; von
Kleinasien gilt dies fuer die Zeiten Sullas und Ciceros nicht minder wie fuer
die Hadrians und der Antonine.
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^36 Die Urkunde steht bei Dittenberger, SIG n. 349. Attalos II. machte eine
aehnliche Stiftung in Delphi (BCH 5, 1881, S. 157).
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Indes ist auch hier nicht alles Schatten. Eben diese Landschaften besitzen
zwar nicht unter den professionellen Sophisten, aber doch unter den Literaten
anderer Richtung, die auch noch dort verhaeltnismaessig zahlreich sich finden,
die besten Vertreter des Hellenismus, welche diese Epoche ueberhaupt aufweist,
den Lehrer der Philosophie, Dion von Prusa, in Bithynien unter Vespasian und
Traian und den Mediziner Galenos aus Pergamon, kaiserlicher Leibarzt am Hofe des
Marcus und des Severus. Bei Galenos erfreut namentlich die feine Weise des Welt-
und des Hofmanns in Verbindung mit einer allgemeinen literarischen und
philosophischen Bildung, wie sie bei den Aerzten dieser Zeit ueberhaupt haeufig
hervortritt ^37. An Reinheit der Gesinnung und Klarheit ueber die Lage der Dinge
gibt der Bithyner Dion dem Gelehrten von Chaeroneia nichts nach, an
Gestaltungskraft, an Feinheit und Schlagfertigkeit der Rede, an ernstem Sinn bei
leichter Form, an praktischer Energie ist er ihm ueberlegen. Die besten seiner
Schriften, die Phantasien von dem idealen Hellenen vor der Erfindung der Stadt
und des Geldes, die Ansprache an die Rhodier, die einzigen uebriggebliebenen
Vertreter des echten Hellenismus, die Schilderung der Hellenen seiner Zeit in
der Verlassenheit von Olbia wie in der Ueppigkeit von Nikomedeia und von Tarsos,
die Mahnungen an den Einzelnen zu ernster Lebensfuehrung und an alle zu
eintraechtigem Zusammenhalten sind das beste Zeugnis dafuer, dass auch von dem
kleinasiatischen Hellenismus der Kaiserzeit das Wort des Dichters gilt:
untergehend sogar ist's immer dieselbige Sonne.
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^37 Ein Arzt aus Smyrna, Hermogenes, des Charidemos Sohn (CIG 3311),
schrieb nicht bloss 77 Baende medizinischen Inhalts, sondern daneben, wie sein
Grabstein berichtet, historische Schriften: ueber Smyrna, ueber Homers
Vaterland, ueber Homers Weisheit, ueber die Staedtegruendungen in Asia, in
Europa, auf den Inseln, Itinerarien von Asien und von Europa, ueber
Kriegslisten, chronologische Tabellen ueber die Geschichte Roms und Smyrnas. Ein
kaiserlicher Leibarzt Menekrates (CIG 6607), dessen Herkunft nicht angegeben
wird, begruendete, wie seine roemischen Verehrer ihm bescheinigen, die neue
logische und zugleich empirische Medizin (idias logik/e/s enargo?s iatrik/e/s
ktist/e/s) in seinen auf 156 Baende sich belaufenden Schriften.
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9. Kapitel
Die Euphratgrenze und die Parther
Der einzige Grossstaat, mit welchem das Roemische Reich grenzte, war das
Reich von Iran ^1, ruhend auf derjenigen Nationalitaet, die im Altertum wie
heutzutage am bekanntesten ist unter dem Namen der Perser, staatlich
zusammengefasst durch das altpersische Koenigsgeschlecht der Achaemeniden und
seinen ersten Grosskoenig Kyros, religioes geeinigt durch den Glauben des Ahura
Mazda und des Mithra. Keines der alten Kulturvoelker hat das Problem der
nationalen Einigung gleich frueh und gleich vollstaendig geloest. Suedlich
reichten die iranischen Staemme bis an den Indischen Ozean, noerdlich bis zum
Kaspischen Meer; nordoestlich war die innerasiatische Steppe der stete
Kampfplatz der sesshaften Perser und der nomadischen Staemme Turans. Oestlich
schieden maechtige Grenzgebirge sie von den Indern. Im westlichen Asien trafen
frueh drei grosse Nationen jede ihrerseits vordraengend auf einander: die von
Europa aus auf die kleinasiatische Kueste uebergreifenden Hellenen, die von
Arabien und Syrien aus in noerdlicher und nordoestlicher Richtung
vorschreitenden und das Euphrattal wesentlich ausfuellenden aramaeischen
Voelkerschaften, endlich die nicht bloss bis zum Tigris wohnenden, sondern
selbst nach Armenien und Kappadokien vorgedrungenen Staemme von Iran, waehrend
andersartige Urbewohner dieser weitgedehnten Landschaften unter diesen
Vormaechten erlagen und verschwanden. Ueber dieses weite Stammgebiet ging in der
Epoche der Achaemeniden, dem Hoehepunkt der Herrlichkeit Irans, die iranische
Herrschaft nach allen Seiten, insbesondere aber nach Westen weit hinaus.
Abgesehen von den Zeiten, wo Turan ueber Iran die Oberhand gewann und die
Seldschuken und Mongolen den Persern geboten, ist eigentliche Fremdherrschaft
ueber den Kern der iranischen Staemme nur zweimal gekommen, durch den grossen
Alexander und seine naechsten Nachfolger und durch die arabischen Kalifen, und
beide Male nur auf verhaeltnismaessig kurze Zeit; die oestlichen Landschaften,
in jenem Fall die Parther, in diesem die Bewohner des alten Baktrien warfen
nicht bloss bald das Joch des Auslaenders wieder ab, sondern verdraengten ihn
auch aus dem stammverwandten Westen.
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^1 Die Vorstellung, dass das Roemer- und das Partherreich zwei
nebeneinander stehende Grossstaaten sind und zwar die einzigen, die es gibt,
beherrscht den ganzen roemischen Orient, namentlich die Grenzprovinzen. Greifbar
tritt sie uns in der Johanneischen Apokalypse entgegen, in dem
Nebeneinanderstellen wie des Reiters auf dem weissen Ross mit dem Bogen und des
auf dem roten mit dem Schwert (6 2 3), so der Megistanen und der Chiliarchen (6,
15 vgl. 18, 23; 19, 18). Auch die Schlusskatastrophe ist gedacht als
Ueberwaeltigung der Roemer durch die den Kaiser Nero zurueckfuehrenden Parther
(c. 9,14;16,12) und Armageddon, was immer damit gemeint sein mag, als der
Sammelplatz der Orientalen zu dem Gesamtangriff auf den Okzident. Allerdings
deutet der im Roemischen Reich schreibende Verfasser diese wenig patriotischen
Hoffnungen mehr an, als er sie ausspricht.
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Das durch die Parther regenerierte Perserreich fanden die Roemer vor, als
sie in der letzten Zeit der Republik in Folge der Besetzung Syriens in
unmittelbare Beruehrung mit Iran traten. Wir haben dieses Staats schon mehrfach
frueherhin zu gedenken gehabt; hier ist der Ort, das Wenige zusammenzufassen,
was ueber die Eigentuemlichkeit des auch fuer die Geschicke des Nachbarstaats so
vielfach ausschlaggebenden Reiches sich erkennen laesst. Allerdings hat auf die
meisten Fragen, die der Geschichtsforscher hier zu stellen hat, die
Ueberlieferung keine Antwort. Die Okzidentalen geben ueber die inneren
Verhaeltnisse ihrer parthischen Nachbarn und Feinde nur gelegentliche, in der
Vereinzelung leicht irrefuehrende Notizen; und wenn die Orientalen es ueberhaupt
kaum verstanden haben, die geschichtliche Ueberlieferung zu fixieren und zu
bewahren, so gilt dies doppelt von der Arsakidenzeit, da diese den spaeteren
Iranern mit der vorhergehenden Fremdherrschaft der Seleukiden zusammen als
unberechtigte Usurpation zwischen der alt- und der neupersischen
Herrschaftsperiode, den Achaemeniden und den Sassaniden gegolten hat; dies halbe
Jahrtausend wird sozusagen aus der Geschichte Irans herauskorrigiert ^2 und ist
wie nicht vorhanden.
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^2 Dies gilt sogar einigermassen fuer die Chronologie. Die offizielle
Historiographie der Sassaniden reduziert den Zeitraum zwischen dem letzten
Dareios und dem ersten Sassaniden von 558 auf 266 Jahre (Tabari, Geschichte der
Perser und Araber. Hrsg. v. Th. Noeldeke. Leiden 1879, S. 1).
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Der Standpunkt, den die Hofhistoriographen der Sassanidendynastie damit
einnahmen, ist mehr der legitimistisch-dynastische des persischen Adels als
derjenige der iranischen Nationalitaet. Freilich bezeichnen die Schriftsteller
der ersten Kaiserzeit die Sprache der Parther, deren Heimat etwa dem heutigen
Chorasan entspricht, als mitten inne stehend zwischen der medischen und der
skythischen, das heisst als einen unreinen iranischen Dialekt; dem entsprechend
galten sie als Einwanderer aus dem Land der Skythen und in diesem Sinne wird ihr
Name auf fluechtige Leute gedeutet und der Gruender der Dynastie Arsakes zwar
von einigen fuer einen Baktrer, von andern dagegen fuer einen Skythen von der
Maeotis erklaert. Dass ihre Fuersten nicht in Seleukeia am Tigris ihre Residenz
nahmen, sondern in der unmittelbaren Naehe bei Ktesiphon ihr Winterlager
aufschlugen, wird darauf zurueckgefuehrt, dass sie die reiche Kaufstadt nicht
mit skythischen Truppen haetten belegen wollen. Vieles in der Weise und den
Ordnungen der Parther entfernt sich von der iranischen Sitte und erinnert an
nomadische Lebensgewohnheiten: zu Pferde handeln und essen sie, und nie geht der
freie Mann zu Fuss. Es laesst sich wohl nicht bezweifeln, dass die Parther,
deren Namen allein von allen Staemmen dieser Gegend die heiligen Buecher der
Perser nicht nennen, dem eigentlichen Iran fern stehen, in welchem die
Achaemeniden und die Magier zu Hause sind. Der Gegensatz dieses Iran gegen das
aus einem unzivilisierten und halb fremdartigen Distrikt herstammende
Herrschergeschlecht und dessen naechstes Gefolge, dieser Gegensatz, den die
roemischen Schriftsteller nicht ungern von den persischen Nachbarn uebernahmen,
hat allerdings die ganze Arsakidenherrschaft hindurch bestanden und gegaert, bis
er schliesslich ihren Sturz herbeifuehrte. Darum aber darf die Herrschaft der
Arsakiden noch nicht als Fremdherrschaft gefasst werden. Dem parthischen Stamm
und der parthischen Landschaft wurden keine Vorrechte eingeraeumt. Als Residenz
der Arsakiden wird zwar auch die parthische Stadt Hekatompylos genannt; aber
hauptsaechlich verweilten sie im Sommer in Ekbatana (Ramadan) oder auch in
Rhagae gleich den Achaemeniden, im Winter, wie bemerkt, in der Lagerstadt
Ktesiphon oder auch in Babylon an der aeussersten westlichen Grenze des Reiches.
Das Erbbegraebnis in der Partherstadt Nisaea blieb; aber spaeter diente dafuer
haeufiger Arbela in Assyrien. Die arme und ferne parthische Heimatlandschaft war
fuer die ueppige Hofhaltung und die wichtigen Beziehungen zu dem Westen,
besonders der spaeteren Arsakiden, in keiner Weise geeignet. Das Hauptland blieb
auch jetzt Medien, eben wie unter den Achaemeniden. Mochten immer die Arsakiden
skythischer Herkunft sein, mehr als auf das, was sie waren, kam darauf an, was
sie sein wollten; und sie selber betrachteten und gaben sich durchaus als die
Nachfolger des Kyros und des Dareios. Wie die sieben persischen Stammfuersten
den falschen Achaemeniden beseitigt und durch die Erhebung des Dareios die
legitime Herrschaft wiederhergestellt hatten, so mussten andere sieben die
makedonische Fremdherrschaft gestuerzt und den Koenig Arsakes auf den Thron
gesetzt haben. Mit dieser patriotischen Fiktion wird weiter zusammenhaengen,
dass dem ersten Arsakes statt der skythischen die baktrische Heimat beigelegt
ward. Die Tracht und die Etikette am Hof der Arsakiden war die des persischen;
nachdem Koenig Mithradates I. seine Herrschaft bis zum Indus und Tigris
ausgedehnt hatte, vertauschte die Dynastie den einfachen Koenigstitel mit dem
des Koenigs der Koenige, wie ihn die Achaemeniden gefuehrt hatten, und die
spitze skythische Kappe mit der hohen perlengeschmueckten Tiara; auf den Muenzen
fuehrt der Koenig den Bogen wie Dareios. Auch die mit den Arsakiden in das Land
gekommene, ohne Zweifel vielfach mit der alteinheimischen gemischte Aristokratie
nahm persische Sitte und Tracht, meistens auch persische Namen an; von dem
Partherheer, das mit Crassus stritt, heisst es, dass die Soldaten noch das
struppige Haar nach skythischer Weise trugen, der Feldherr aber nach medischer
Art mit in der Mitte gescheiteltem Haar und geschminktem Gesicht erschien.
Die staatliche Ordnung, wie sie durch den ersten Mithradates festgestellt
wurde, ist dementsprechend wesentlich diejenige der Achaemeniden. Das Geschlecht
des Begruenders der Dynastie ist mit allem Glanz und mit aller Weihe
angestammter und goettlich verordneter Herrschaft umkleidet: sein Name
uebertraegt sich von Rechts wegen auf jeden seiner Nachfolger, und es wird ihm
goettliche Ehre erwiesen; seine Nachfolger heissen darum auch Gottessoehne ^3
und ausserdem "Brueder des Sonnengottes und der Mondgoettin", wie noch heute der
Schah von Persien die Sonne im Titel fuehrt; das Blut eines Gliedes des
Koenigsgeschlechts auch nur durch Zufall zu vergiessen, ist ein Sakrilegium -
alles Ordnungen, die mit wenigen Abminderungen bei den roemischen Caesaren
wiederkehren und vielleicht zum Teil von diesen der aelteren Grossherrschaft
entlehnt sind.
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^3 Die Unterkoenige der Persis heissen in der Titulatur stehend "Zag
Alohin" (wenigstens sollen die aramaeischen Zeichen diesen vermutlich in der
Aussprache persisch ausgedrueckten Worten entsprechen), Gottes Sohn (Mordtmann,
Zeitschrift fuer Numismatik 4, 1877, S. 155 f.), und dem entspricht auf den
griechischen Muenzen der Grosskoenige die Titulatur theopat/o/r. Auch die
Bezeichnung "Gott" findet sich, wie bei den Seleukiden und den Sassaniden. Warum
den Arsakiden ein Doppeldiadem beigelegt wird (Herodian 6, 2, 1), ist nicht
aufgeklaert.
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Obwohl die koenigliche Wuerde also fest an das Geschlecht geknuepft ist,
besteht dennoch eine gewisse Koenigswahl. Da der neue Herrscher sowohl dem
Kollegium der "Verwandten des koeniglichen Hauses" wie dem Priesterrat
angehoeren muss, um den Thron besteigen zu koennen, so wird ein Akt
stattgefunden haben, wodurch vermutlich eben diese Kollegien selbst den neuen
Herrscher anerkannten ^4. Unter den "Verwandten" sind wohl nicht bloss die
Arsakiden selbst zu verstehen, sondern die "sieben Haeuser" der
Achaemenidenordnung, Fuerstengeschlechter, welchen nach dieser die
Ebenbuertigkeit und der freie Eintritt bei dem Grosskoenig zukommt und die auch
unter den Arsakiden aehnliche Privilegien gehabt haben werden ^5. Diese
Geschlechter waren zugleich Inhaber von erblichen Kronaemtern ^6; die Suren zum
Beispiel - der Name ist wie der Name Arsakes zugleich Personen- und
Amtbezeichnung -, das zweite Geschlecht nach dem Koenigshaus, setzten als
Kronmeister jedesmal dem neuen Arsakes die Tiara aufs Haupt. Aber wie die
Arsakiden selbst der parthischen Provinz angehoerten, so waren die Suren in
Sakastane (Sedjistan) zu Hause und vielleicht Saker, also Skythen; ebenso
stammten die Karen aus dem westlichen Medien, waehrend die hoechste Aristokratie
unter den Achaemeniden rein persisch war.
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^4 T/o/n Parthyai/o/n synedrion ph/e/sin (Poseid/o/nios) einai, sagt
Strabon (11, 9, 3 p. 515), ditton, to men syggen/o/n, to de soph/o/n kai
mag/o/n, ex /o/n amphoin to?s basileis kathistasthai (kathist/e/sin die
Handschrift). Iust. 42, 4,1: Mithridates rex Parthorum . . . propter
crudelitatem a senatu Parthico regno pellitur.
^5 In Aegypten, dessen Hofzeremoniell, wie wohl das der saemtlichen Staaten
der Diadochen auf das von Alexander angeordnete und insofern auf das des
Persischen Reiches zurueckgeht, scheint der gleiche Titel auch persoenlich
verliehen worden zu sein (Franz, CIG III S. 270). Dass bei den Arsakiden das
gleiche vorkam ist moeglich. Bei den griechisch redenden Untertanen des
Arsakidenstaats scheint die Benennung megistanes, in dem urspruenglichen
strengeren Gebrauch die Glieder der sieben Haeuser zu bezeichnen; es ist
beachtenswert, dass megistanes und satrapae zusammengestellt werden (Sen. epist.
21; Ios. ant. Iud. 11, 3, 2; 20, 2, 3). Dass bei Hoftrauer der Perserkoenig die
Megistanen nicht zur Tafel zieht (Suet. Gai. 5), legt die Vermutung nahe, dass
sie das Vorrecht hatten, mit ihm zu speisen. Auch der Titel t/o/n pr/o/t/o/n
phil/o/n findet sich bei den Arsakiden aehnlich wie am aegyptischen und am
pontischen Hofe (BCH 7, 1883, S. 349).
^6 Ein koeniglicher Mundschenk der zugleich Feldherr ist, wird genannt bei
Josephus (ant. Iud. 14, 13, 7 = bel. Iud. 1, 13, 1). Aehnliche Hofaemter kommen
in den Diadochenstaaten haeufig vor.
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Die Verwaltung liegt in den Haenden der Unterkoenige oder der Satrapen;
nach den roemischen Geographen der vespasianischen Zeit besteht der Staat der
Parther aus achtzehn "Koenigreichen". Einige dieser Satrapien sind
Sekundogenituren des Herrscherhauses; insbesondere scheinen die beiden
nordwestlichen Provinzen, das atropatenische Medien (Aserbeidschan) und, sofern
es in der Gewalt der Parther stand, Armenien, den dem zeitigen Herrscher
naechststehenden Prinzen zur Verwaltung uebertragen worden zu sein ^7. Im
uebrigen ragen unter den Satrapen hervor der Koenig der Landschaft Elymais oder
von Susa, dem eine besondere Macht- und Ausnahmestellung eingeraeumt war,
demnaechst derjenige der Persis, des Stammlandes der Achaemeniden. Die wenn
nicht ausschliessliche, so doch ueberwiegende und den Titel bedingende
Verwaltungsform war im Partherreich, anders als in dem der Caesaren, das
Lehnskoenigtum, so dass die Satrapen nach Erbrecht eintraten, aber der
grossherrlichen Bestaetigung unterlagen ^8. Allem Anschein nach hat sich dies
nach unten hin fortgesetzt, so dass kleinere Dynasten und Stammhaeupter zu dem
Unterkoenig in demselben Verhaeltnis standen, wie dieser zu dem Grosskoenig ^9.
Somit war das Grosskoenigtum der Parther aeusserst beschraenkt zu Gunsten der
hohen Aristokratie durch die ihm anhaftende Gliederung der erblichen
Landesverwaltung. Dazu passt recht wohl, dass die Masse der Bevoelkerung aus
halb oder ganz unfreien Leuten bestand ^10 und Freilassung nicht statthaft war.
In dem Heer, das gegen Antonius focht, sollen unter 50000 nur 400 Freie gewesen
sein. Der vornehmste unter den Vasallen des Orodes, welcher als Feldherr
desselben den Crassus schlug, zog ins Feld mit einem Harem von 200 Weibern und
einer von 1000 Lastkamelen getragenen Bagage; er selber stellte 10000 Reiter zum
Heer aus seinen Klienten und Sklaven. Ein stehendes Heer haben die Parther
niemals gehabt, sondern zu allen Zeiten blieb hier die Kriegfuehrung angewiesen
auf das Aufgebot der Lehnsfuersten und der ihnen untergeordneten Lehnstraeger
sowie der grossen Masse der Unfreien, ueber welche diese geboten.
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^7 Tac. ann. 15, 2 u. 31. Wenn nach der Vorrede des Agathangelos (p. 109
Langlois) zur Zeit der Arsakiden der aelteste und tuechtigste Prinz die
Landesherrschaft fuehrte, die drei ihm naechststehenden aber Koenige der
Armenier, der Inder und der Massageten waren, so liegt hier vielleicht dieselbe
Ordnung zu Grunde. Dass das parthisch-indische Reich, wenn es mit dem Hauptland
verbunden war, ebenfalls als Sekundogenitur galt, ist sehr wahrscheinlich.
^8 Diese meint wohl Justinus (41, 2, 2): proximus maiestati regum
praepositorum ordo est; ex hoc duces in bello, ex hoc in pace rectores habent.
Den einheimischen Namen bewahrt die Glosse bei Hesychios: bistax o basile?s para
Persais. Wenn bei Amm. 23, 6,14 die Vorsteher der persischen regiones vitaxae
(schr. vistaxae), id est magistri equitum et reges et satrapae heissen, so hat
er ungeschickt Persisches auf ganz Innerasien bezogen (vgl. Hermes 16, 1881, S.
613); uebrigens kann die Bezeichnung "Reiterfuehrer" fuer diese Unterkoenige
darauf gehen, dass sie, wie die roemischen Statthalter, die hoechste Zivil- und
die hoechste Militaergewalt in sich vereinigten und die Armee der Parther
ueberwiegend aus Reiterei bestand.
^9 Das lehrt die einem Gotarzes in der Inschrift von Kermanschahaen in
Kurdistan (CIG 4674) beigelegte Titulatur satrap/e/s t/o/n satrap/o/n. Dem
Arsakidenkoenig dieses Namens kann sie als solchem nicht beigelegt werden; wohl
aber mag, wie Olshausen (Monatsbericht der Berliner Akademie 1878, S. 179)
vermutet, damit diejenige Stellung bezeichnet werden, die ihm nach seinem
Verzicht auf das Grosskoenigtum (Tac. ann. 11, 9) zukam.
^10 Noch spaeter heisst eine Reitertruppe im parthischen Heer die "der
Freien" Ios. ant. Iud. 14, 13, 5 = bel. Iud. 1, 13, 3).
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Allerdings fehlte das staedtische Element in der politischen Ordnung des
Partherreichs nicht ganz. Zwar die aus der eigenen Entwicklung des Ostens
hervorgegangenen groesseren Ortschaften sind keine staedtischen Gemeinwesen, wie
denn selbst die parthische Residenz Ktesiphon im Gegensatz zu der benachbarten
griechischen Gruendung Seleukeia ein Flecken genannt wird; sie hatten keine
eigenen Vorsteher und keinen Gemeinderat, und die Verwaltung lag hier wie in den
Landbezirken ausschliesslich bei den koeniglichen Beamten. Aber von den
Gruendungen der griechischen Herrscher war ein freilich verhaeltnismaessig
geringer Teil unter parthische Herrschaft gekommen. In den ihrer Nationalitaet
nach aramaeischen Provinzen Mesopotamien und Babylonien hatte das griechische
Staedtewesen unter Alexander und seinen Nachfolgern festen Fuss gefasst.
Mesopotamien war mit griechischen Gemeinwesen bedeckt, und in Babylonien war die
Nachfolgerin des alten Babylon, die Vorlaeuferin Bagdads, eine Zeit lang die
Residenz der griechischen Koenige Asiens, Seleukeia am Tigris, durch ihre
guenstige Handelslage und ihre Fabriken emporgeblueht zu der ersten Kaufstadt
ausserhalb der roemischen Grenzen, angeblich von mehr als einer halben Million
Einwohner. Ihre freie hellenische Ordnung, auf der ohne Zweifel ihr Gedeihen vor
allem beruhte, wurde im eigenen Interesse auch von den parthischen Herrschern
nicht angetastet, und die Stadt bewahrte sich nicht bloss ihren Stadtrat von 300
erwaehlten Mitgliedern, sondern auch griechische Sprache und griechische Sitte
mitten im ungriechischen Osten. Freilich bildeten in diesen Staedten die
Hellenen nur das herrschende Element; neben ihnen lebten zahlreiche Syrer, und
als dritter Bestandteil gesellten sich dazu die nicht viel weniger zahlreichen
Juden, so dass die Bevoelkerung dieser Griechenstaedte des Partherreichs,
aehnlich wie die von Alexandreia, sich aus drei gesondert nebeneinander
stehenden Nationalitaeten zusammensetzte. Zwischen diesen kam es, eben wie in
Alexandreia, nicht selten zu Konflikten, wie zum Beispiel zur Zeit der Regierung
des Gaius unter den Augen der parthischen Regierung die drei Nationen
miteinander handgemein und schliesslich die Juden aus den groesseren Staedten
ausgetrieben wurden.
Insofern ist das Parthische Reich zu dem Roemischen das rechte Gegenstueck.
Wie in diesem das orientalische Unterkoenigtum ausnahmsweise vorkommt, so in
jenem die griechische Stadt; dem allgemeinen orientalisch-aristokratischen
Charakter des Partherregiments tun die griechischen Kaufstaedte an der
Westgrenze so wenig Eintrag wie die Lehnskoenigtuemer Kappadokien und Armenien
dem staedtisch gegliederten Roemerstaat. Waehrend in dem Staat der Caesaren das
roemisch-griechische staedtische Gemeinwesen weiter und weiter um sich greift
und allmaehlich zur allgemeinen Verwaltungsform wird, so reisst die
Staedtegruendung, das rechte Merkzeichen der hellenisch-roemischen Zivilisation,
welche die griechischen Kaufstaedte und die Militaerkolonien Roms ebenso
umspannt wie die grossartigen Ansiedlungen Alexanders und der Alexandriden, mit
dem Eintreten des Partherregiments im Osten ploetzlich ab, und auch die
bestehenden Griechenstaedte des Partherreichs verkuemmern im weiteren Lauf der
Entwicklung. Dort wie hier draengt die Regel mehr und mehr die Ausnahmen
zurueck.
Irans Religion, mit ihrer dem Monotheismus sich naehernden Verehrung des
"hoechsten der Goetter, der Himmel und Erde und die Menschen und fuer diese
alles Gute geschaffen hat", mit ihrer Bildlosigkeit und Geistigkeit, mit ihrer
strengen Sittlichkeit und Wahrhaftigkeit, ihrer Hinwirkung auf praktische
Taetigkeit und energische Lebensfuehrung, hat die Gemueter ihrer Bekenner in
ganz anderer und tieferer Weise gepackt, als die Religionen des Okzidents es je
vermochten, und wenn vor der entwickelten Zivilisation weder Zeus noch Jupiter
standgehalten haben, ist der Glaube bei den Parsen ewig jung geblieben, bis er
einem anderen Evangelium, dem der Bekenner des Mohammed erlag oder doch vor ihm
nach Indien entwich. Wie sich der alte Mazda-Glaube, zu dem die Achaemeniden
sich bekannten und dessen Entstehung in die vorgeschichtliche Zeit faellt, zu
demjenigen verhielt, den als Lehre des weisen Zarathustra die wahrscheinlich
unter den spaeteren Achaemeniden entstandenen heiligen Buecher der Perser, das
Awesta, verkuenden, ist nicht unsere Aufgabe darzustellen; fuer die Epoche, wo
der Okzident mit dem Orient in Beruehrung steht, kommt nur die spaetere
Religionsform in Betracht, wie sie, entstanden vielleicht im Osten Irans, in
Baktrien, insbesondere vom Westen her, von Medien aus dem Okzident
gegenuebertrat und in ihn eindrang. Enger aber als selbst bei den Kelten sind in
Iran die nationale Religion und der nationale Staat miteinander verwachsen. Es
ist schon hervorgehoben worden, dass das legitime Koenigtum im Iran zugleich
eine religioese Institution, der oberste Herrscher des Landes als durch die
oberste Landesgottheit besonders zum Regiment berufen und selbst gewissermassen
goettlich gedacht wird. Auf den Muenzen nationalen Gepraeges erscheint
regelmaessig der grosse Feueraltar und ueber ihm schwebend der gefluegelte Gott
Ahura Mazda, neben ihm in kleinerer Gestalt und in betender Stellung der Koenig
und dem Koenig gegenueber das Reichsbanner. Dem entsprechend geht auch die
Uebermacht des Adels im Partherreich Hand in Hand mit der privilegierten
Stellung des Klerus. Die Priester dieser Religion, die Magier, erscheinen schon
in den Urkunden der Achaemeniden und in den Erzaehlungen Herodots und haben,
wahrscheinlich mit Recht, den Okzidentalen immer als national persische
Institution gegolten. Das Priestertum ist erblich und wenigstens in Medien,
vermutlich auch in anderen Landschaften, galt die Gesamtheit der Priester, etwa
wie die Leviten in dem spaeteren Israel, als ein besonderer Volksteil. Auch
unter der Herrschaft der Griechen haben die alte Religion des Staates und das
nationale Priestertum ihren Platz behauptet. Als der erste Seleukos die neue
Hauptstadt seines Reiches, das schon erwaehnte Seleukeia gruenden wollte, liess
er die Magier Tag und Stunde dafuer bestimmen, und erst nachdem diese Perser,
nicht gern, das verlangte Horoskop gestellt hatten, vollzogen ihrer Anweisung
gemaess der Koenig und sein Heer die feierliche Grundsteinlegung der neuen
Griechenstadt. Also auch ihm standen beratend die Priester des Ahura Mazda zur
Seite und sie, nicht die des hellenischen Olymp, wurden bei den oeffentlichen
Angelegenheiten insoweit befragt, als diese goettliche Dinge betrafen.
Selbstverstaendlich gilt dies um so mehr von den Arsakiden. Dass bei der
Koenigswahl neben dem Adelsrat der der Priester mitwirkte, wurde schon bemerkt.
Koenig Tiridates von Armenien, aus dem Haus der Arsakiden, kam nach Rom unter
Geleit eines Gefolges von Magiern, und nach deren Vorschrift reiste und speiste
er, auch in Gemeinschaft mit dem Kaiser Nero, der gern sich von den fremden
Weisen ihre Lehre verkuenden und die Geister beschwoeren liess. Daraus folgt
allerdings noch nicht, dass der Priesterstand als solcher auf die Fuehrung des
Staats wesentlich bestimmend eingewirkt hat; aber keineswegs ist der Mazda-
Glaube erst durch die Sassaniden wiederhergestellt worden; vielmehr ist bei
allem Wechsel der Dynastien und bei aller eigenen Entwicklung die Landesreligion
im Iran in ihren Grundzuegen die gleiche geblieben.
Die Landessprache im Partherreich ist die einheimische Irans. Keine Spur
fuehrt darauf, dass unter den Arsakiden jemals eine Fremdsprache in
oeffentlichem Gebrauch gewesen ist. Vielmehr ist es der iranische Landesdialekt
Babyloniens und die diesem eigentuemliche Schrift, wie beide vor und in der
Arsakidenzeit unter dem Einfluss von Sprache und Schrift der aramaeischen
Nachbarn sich entwickelten, welche mit der Benennung Pahlavi, das heisst
Parthava, belegt und damit bezeichnet werden als die des Reiches der Parther.
Auch das Griechische ist in demselben nicht Reichssprache geworden. Keiner der
Herrscher fuehrt auch nur als zweiten Namen einen griechischen; und haetten die
Arsakiden diese Sprache zu der ihrigen gemacht, so wuerden uns griechische
Inschriften in ihrem Reiche nicht fehlen. Allerdings zeigen ihre Muenzen bis auf
die Zeit des Claudius ausschliesslich ^11 und auch spaeter ueberwiegend
griechische Aufschrift, wie sie auch keine Spur der Landesreligion aufweisen und
im Fuss sich der oertlichen Praegung der roemischen Ostprovinzen anschliessen,
ebenso die Jahrteilung so wie die Jahrzaehlung so beibehalten haben, wie sie
unter den Seleukiden geregelt worden waren. Aber es wird dies vielmehr dahin
aufzufassen sein, dass die Grosskoenige selber ueberhaupt nicht praegten ^12 und
diese Muenzen, die ja wesentlich fuer den Verkehr mit den westlichen Nachbarn
dienten, von den griechischen Staedten des Reiches auf den Namen des Landesherrn
geschlagen worden sind. Die Bezeichnung des Koenigs auf diesen Muenzen als
"Griechenfreund" (philell/e/n), die schon frueh begegnet ^13 und seit
Mithradates I., das heisst seit der Ausdehnung des Staates bis an den Tigris,
stehend wird, hat einen Sinn nur, wenn auf diesen Muenzen die parthische
Griechenstadt redet. Vermutlich war der griechischen Sprache im Partherreich
neben der persischen eine aehnliche sekundaere Stellung im oeffentlichen
Gebrauch eingeraeumt, wie sie sie im Roemerstaat neben der lateinischen besass.
Das allmaehliche Schwinden des Griechentums unter der parthischen Herrschaft
laesst sich auf diesen staedtischen Muenzen deutlich verfolgen, sowohl in dem
Auftreten der einheimischen Sprache neben und statt der griechischen wie auch in
der mehr und mehr hervortretenden Sprachzerruettung ^14.
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^11 Die aelteste bekannte Muenze mit Pahlavischrift ist zu Claudius' Zeit
unter Volagasos I. geschlagen; sie ist zweisprachig und gibt dem Koenig
griechisch den vollen Titel, aber nur den Namen Arsakes, iranisch bloss den
einheimischen Individualnamen abgekuerzt (Vol.).
^12 Gewoehnlich beschraenkt man dies auf die Grosssilbermuenze und
betrachtet das Kleinsilber und das meiste Kupfer als koenigliche Praegung. Indes
damit wird dem Grosskoenig eine seltsame sekundaere Rolle in der Praegung
zugeteilt. Richtiger wird wohl jene Praegung aufgefasst als ueberwiegend fuer
das Ausland, diese als ueberwiegend fuer den inneren Verkehr bestimmt; die
zwischen beiden Gattungen bestehenden Verschiedenheiten erklaeren sich auf diese
Weise auch.
^13 Der erste Herrscher, der sie fuehrt, ist Phraapates um 188 v. Chr. (P.
Gardner, Parthian coinage, S. 27).
^14 So steht auf den Muenzen des Gotarzes (unter Claudius): G/o/terz/e/s
basile?s basile/o/n yos kekaloymenos Artabanoy. Auf den spaeteren ist die
griechische Aufschrift oft ganz unverstaendlich.
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Dem Umfang nach stand das Reich der Arsakiden weit zurueck nicht bloss
hinter dem Weltstaat der Achaemeniden, sondern auch hinter dem ihrer
unmittelbaren Vorgaenger, dem Seleukidenstaat. Von dessen urspruenglichem Gebiet
besassen sie nur die groessere oestliche Haelfte; nach der Schlacht, in welcher
Koenig Antiochos Sidetes, ein Zeitgenosse der Gracchen, gegen die Parther fiel,
haben die syrischen Koenige nicht wieder ernstlich versucht, ihre Herrschaft
jenseits des Euphrat geltend zu machen; aber das Land diesseits des Euphrat
blieb den Okzidentalen.
Von dem Persischen Meerbusen waren beide Kuesten, auch die arabische, im
Besitz der Parther, die Schiffahrt auf demselben also vollstaendig in ihrer
Gewalt; die uebrige arabische Halbinsel gehorchte weder den Parthern noch den
ueber Aegypten gebietenden Roemern.
Das Ringen der Nationen um den Besitz des Industals und der westlich und
oestlich angrenzenden Landschaften zu schildern, soweit die gaenzlich zerrissene
Ueberlieferung ueberhaupt eine Schilderung zulaesst, ist die Aufgabe unserer
Darstellung nicht; aber die Hauptzuege dieses Kampfes, welcher dem um das
Euphrattal gefuehrten stetig zur Seite geht, duerfen auch in diesem Zusammenhang
um so weniger fehlen, als unsere Ueberlieferung uns nicht gestattet, die
Verhaeltnisse Irans nach Osten in ihrem Eingreifen in die westlichen Beziehungen
im einzelnen zu verfolgen und es daher notwendig erscheint, wenigstens die
Grundlinien derselben uns zu vergegenwaertigen. Bald nach dem Tode des grossen
Alexander wurde durch das Abkommen seines Marschalls und Teilerben Seleukos mit
dem Gruender des Inderreiches, Tschandragupta oder griechisch Sandrakottos, die
Grenze zwischen Iran und Indien gezogen. Danach herrschte der letztere nicht
bloss ueber das Gangestal in seiner ganzen Ausdehnung und das gesamte noerdliche
Vorderindien, sondern im Gebiet des Indus wenigstens ueber einen Teil des
Hochtals des heutigen Kabul, ferner ueber Arachosien oder Afghanistan,
vermutlich auch ueber das wueste und wasserarme Gedrosien, das heutige
Belutschistan, sowie ueber das Delta und die Muendungen des Indus; die in Stein
gehauenen Urkunden, durch welche Tschandraguptas Enkel, der glaeubige
Buddhaverehrer Asoka, das allgemeine Sittengesetz seinen Untertanen
einschaerfte, sind wie in diesem ganzen weit ausgedehnten Gebiet, so namentlich
noch in der Gegend von Peschawar gefunden worden ^15. Der Hindukusch, der
Parapanisos der Alten, und dessen Fortsetzung nach Osten und Westen schieden
also mit ihrer gewaltigen, nur von wenigen Paessen durchsetzten Kette Iran und
Indien. Aber langen Bestand hat dies Abkommen nicht gehabt.
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^15 Waehrend das Reich des Dareios, seinen Inschriften zufolge, die Gadara
(die Gandara der Inder, Gandarai der Griechen, am Kabulfluss) und die Hindu (die
Indusanwohner) in sich schliesst, werden die ersteren in einer der Inschriften
des Asoka unter seinen Untertanen aufgefuehrt, und ein Exemplar seines grossen
Edikts hat sich in Kapurdi Giri oder vielmehr in Schahbaz Garhi (Yusufzai-
Distrikt) gefunden, nahezu sechs deutsche Meilen nordwestlich von der Muendung
des Kabulflusses in den Indus bei Atak. Der Sitz der Regierung dieser
nordwestlichen Provinzen von Asokas Reich war (nach der Inschrift CI Indicar. I
p. 91) Takkhasi-la, Taxila der Griechen, etwa neun deutsche Meilen OSO von Atak,
der Regierungssitz fuer die suedwestlichen Landschaften Udjdjeni (Ox/e/n/e/).
Der oestliche Teil des Kabultals gehoerte also auf jeden Fall zu Asokas Reich.
Dass der Khaiberpass die Grenze gebildet habe, ist nicht geradezu unmoeglich;
wahrscheinlich aber gehoerte das ganze Kabultal zu Indien und machte die Grenze
suedlich von Kabul die scharfe Linie der Sulaiman-Kette und weiter suedwestlich
der Bolanpass. Von dem spaeteren indoskythischen Koenig Huvischka (Ooerke der
Muenzen), der an der Yamuna in Mathura residiert zu haben scheint, hat sich eine
Inschrift bei Wardak, nicht weit noerdlich von Kabul, gefunden (nach
Mitteilungen Oldenbergs).
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In der frueheren Diadochenzeit brachten die griechischen Herrscher des
Reiches von Baktra, das von dem Seleukidenstaat geloest einen maechtigen
Aufschwung nahm, das Grenzgebirge ueberschreitend einen grossen Teil des
Industals in ihre Gewalt und setzten vielleicht noch weiter hinein in
Vorderindien sich fest, so dass das Schwergewicht dieses Reiches sich aus dem
westlichen Iran nach dem oestlichen Indien verschob und der Hellenismus dem
Indertum wich. Die Koenige dieses Reiches heissen indische und fuehren
spaeterhin ungriechische Namen; auf den Muenzen erscheint neben und statt der
griechischen die einheimisch indische Sprache und Schrift, aehnlich wie in der
parthisch-persischen Praegung neben dem Griechischen das Pahlavi emporkommt.
Es trat dann eine Nation mehr in den Kampf ein: die Skythen oder, wie sie
in Iran und in Indien heissen, die Saker brachen aus ihren Stammsitzen am
Jaxartes ueber das Gebirge nach Sueden vor. Die baktrische Landschaft kam
wenigstens grossenteils in ihre Gewalt, und etwa im letzten Jahrhundert der
roemischen Republik muessen sie sich in dem heutigen Afghanistan und
Belutschistan festgesetzt haben. Darum heisst in der fruehen Kaiserzeit die
Kueste zu beiden Seiten der Indusmuendung um Minnagara Skythien und fuehrt im
Binnenlande die westlich von Kandahar gelegene Landschaft der Dranger spaeter
den Namen "Sakerland", Sakastane, das heutige Sedjistan. Diese Einwanderung der
Skythen in die Landschaften des baktro-indischen Reiches hat dasselbe wohl
eingeschraenkt und geschaedigt, etwa wie die ersten Wanderungen der Germanen das
roemische, aber es nicht zerstoert; noch unter Vespasian hat ein wahrscheinlich
selbstaendiger baktrischer Staat bestanden ^16.
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^16 Der Anm. 18 genannte aegyptische Kaufmann gedenkt c. 47 "des
streitbaren Volks der Baktrianer, die ihren eigenen Koenig haben". Damals also
war Baktrien von dem unter parthischen Fuersten stehenden Indusreich getrennt.
Auch Strabon (11, 11, 1 p. 516) behandelt das baktrisch-indische Reich als der
Vergangenheit angehoerig.
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Unter den Juliern und den Claudiern scheinen dann an der Indusmuendung die
Parther die Vormacht gewesen zu sein. Ein zuverlaessiger Berichterstatter aus
augustischer Zeit fuehrt eben jenes Sakastane unter den parthischen Provinzen
auf und nennt den Koenig der Saker-Skythen einen Unterkoenig der Arsakiden; als
letzte parthische Provinz gegen Osten bezeichnet er Arachosien mit der
Hauptstadt Alexandropolis, wahrscheinlich Kandahar. Ja, bald darauf, in
vespasianischer Zeit, herrschen in Minnagara parthische Fuersten. Indes war dies
fuer das Reich am Indusstrom mehr ein Wechsel der Dynastie als eine eigentliche
Annexion an den Staat von Ktesiphon. Der Partherfuerst Gondopharos, den die
christliche Legende mit dem Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen
Thomas, verknuepft ^17, hat allerdings von Minnagara aus bis nach Peschawar und
Kabul hinauf geherrscht; aber diese Herrscher gebrauchen, wie ihre Vorherrscher
im indischen Reich, neben der griechischen die indische Sprache und nennen sich
Grosskoenige wie diejenigen von Ktesiphon; sie scheinen mit den Arsakiden darum
nicht weniger rivalisiert zu haben, weil sie demselben Fuerstengeschlecht
angehoerten ^18.
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^17 Wahrscheinlich ist er der Kaspar - in aelterer Tradition Gathaspar -,
der unter den heiligen drei Koenigen aus dem Morgenland auftritt (Gutschmid,
Rheinisches Museum N. F. 19, 1861, S. 162).
^18 Das bestimmteste Zeugnis der Partherherrschaft in diesen Gegenden
findet sich in der unter Vespasian von einem aegyptischen Kaufmann aufgesetzten
Kuestenbeschreibung des Roten Meeres c. 38: "Hinter der Indusmuendung im
Binnenland liegt die Hauptstadt von Skythien Minnagara; beherrscht aber wird
diese von den Parthern, die bestaendig einander verjagen (ypo Parth/o/n
synech/o/s all/e/loys endi/o/kont/o/n). Dasselbe wird in etwas verwirrter Weise
c. 41 wiederholt; es kann hier scheinen, als laege Minnagara in Indien selbst
oberhalb Barygaza, und schon Ptolemaeos ist dadurch irregefuehrt worden; aber
gewisshat der Schreiber, der ueber das Binnenland nur von Hoerensagen spricht,
nur sagen wollen, dass eine grosse Stadt Minnagara im Binnenland nicht fern von
Barygaza liege und von da viel Baumwolle nach Barygaza gefuehrt werde. Auch
koennen die nach demselben Gewaehrsmann in Minnagara zahlreich begegnenden
Spuren Alexanders nur am Indus, nicht in Gudjarat sich gefunden haben. Die Lage
Minnagaras am unteren Indus, unweit Haiderabad, und die Existenz einer
parthischen Herrschaft daselbst unter Vespasian erscheint hierdurch gesichert.
Damit werden verbunden werden duerfen die Muenzen des Koenigs Gondopharos
oder Hyndopherres, welcher in einer sehr alten christlichen Legende von dem
Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen Thomas, zum Christentum bekehrt
wird und in der Tat der ersten roemischen Kaiserzeit anzugehoeren scheint
(Sallet, Zeitschrift fuer Numismatik 6, 1879, S. 355; Gutschmid, Rheinisches
Museum N. F. 19, 1861, S. 162); seines Brudersohns Abdagases (Sauet, a. a. O.,
S. 365), welcher mit dem parthischen Fuersten dieses Namens bei Tacitus (ann. 6,
36) identisch sein kann, auf jeden Fall einen parthischen Namen traegt, endlich
des Koenigs Sanabaros, der kurz nach Hyndopherres regiert haben muss, vielleicht
sein Nachfolger gewesen ist. Dazu gehoeren noch eine Anzahl anderer mit
parthischen Namen, Arsakes, Pakoros, Vonones, bezeichneten Muenzen. Diese
Praegung stellt sich entschieden zu der der Arsakiden (Sallet, a. a. O., S.
277); die Silberstuecke des Gondopharos und des Sanabaros - von den uebrigen
gibt es fast nur Kupfer -entsprechen genau den Arsakidendrachmen. Allem Anschein
nach gehoeren diese den Partherfuersten von Minnagara; dass neben der
griechischen hier indische Aufschrift erscheint, wie bei den spaeten Arsakiden
Pahlavischrift, passt dazu. Aber es sind dies nicht Muenzen von Satrapen,
sondern, wie dies auch der Aegypter andeutet, mit den ktesiphontischen
rivalisierender Grosskoenige; Hyndopherres nennt sich in sehr verdorbenem
Griechisch basile?s basile/o/n megas aytokr und in gutem Indisch "Maharadja
Radjadi Radja". Wenn, wie dies nicht unwahrscheinlich ist, in dem Mambaros oder
Akabaros, den der Periplus c. 41. 52 als Herrscher der Kueste von Barygaza
nennt, der Sanabaros der Muenzen steckt, so gehoert dieser in die Zeit Neros
oder Vespasians und herrschte nicht bloss an der Indusmuendung, sondern auch
ueber Gudjarat. Wenn ferner eine unweit Peschawar gefundene Inschrift mit Recht
auf den Koenig Gondopharos bezogen wird, so muss dessen Herrschaft bis dort
hinauf, wahrscheinlich bis nach Kabul hin sich erstreckt haben.
Dass Corbulo im Jahre 60 die Gesandtschaft der von den Parthern
abgefallenen Hyrkaner, damit sie von jenen nicht aufgegriffen wuerden, an die
Kueste des Roten Meeres schickte, von wo sie, ohne parthisches Gebiet zu
betreten, die Heimat erreichen konnten (Tac. 15, 25), spricht dafuer, dass das
Industal damals dem Herrscher von Ktesiphon nicht botmaessig war.
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Auf diese parthische Dynastie folgt dann in dem indischen Reich nach kurzer
Zwischenzeit die in der indischen Ueberlieferung als die der Saker oder die des
Koenigs Kanerku oder Kanischka bezeichnete, welche mit dem Jahre 78 n. Chr.
beginnt und wenigstens bis in das dritte Jahrhundert bestanden hat ^19. Sie
gehoeren zu den Skythen, deren Einwanderung frueher erwaehnt ward, und auf ihren
Muenzen tritt an die Stelle der indischen die skythische Sprache ^20. So haben
im Indusgebiet nach den Indern und den Hellenen in den ersten drei Jahrhunderten
unserer Zeitrechnung Parther und Skythen das Regiment gefuehrt. Aber auch unter
den auslaendischen Dynastien hat dort dennoch eine national-indische
Staatenbildung sich vollzogen und behauptet und der parthisch-persischen
Machtentwicklung im Osten eine nicht minder dauernde Schranke entgegengestellt
wie der Roemerstaat im Westen.
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^19 Dass das Grosskoenigtum der Arsakiden von Minnagara nicht viel ueber
die neronische Zeit hinaus bestanden hat, ist nach den Muenzen wahrscheinlich.
Was fuer Herrscher auf sie gefolgt sind, ist fraglich. Die baktrisch-indischen
Herrscher griechischen Namens gehoeren ueberwiegend, vielleicht saemtlich der
voraugustischen Epoche an; auch manche einheimischen Namens, zum Beispiel Maues
und Azes, fallen nach Sprache und Schrift (zum Beispiel der Form des m S2) vor
diese Zeit. Dagegen sind die Muenzen der Koenige Kozulokadphises und
Ooemokadphises und diejenigen der Sakerkoenige, des Kanerku und seiner
Nachfolger, welche alle namentlich durch den bis dahin in der indischen Praegung
nicht begegnenden Goldstater vom Gewicht des roemischen Aureus sich deutlich als
einheitliche Praegung charakterisieren, allem Anschein nach spaeter als
Gondopharos und Sanabaros. Sie zeigen, wie der Staat des Industals sich in immer
steigendem Mass im Gegensatz gegen die Hellenen wie gegen die Iranier national-
indisch gestaltet hat. Die Regierung dieser Kadphises wird also zwischen die
indo-parthischen Herrscher und die Dynastie der Saker fallen welche letztere mit
dem Jahre 78 n. Chr. beginnt (Oldenberg in Sallets Zeitschrift fuer Numismatik
8, 1881, S. 292). In dem Schatz von Peschawar gefundene Muenzen dieser
Sakerkoenige nennen merkwuerdigerweise griechische Goetter in verstuemmelter
Form /E/rakilo, Sarapo, neben dem nationalen Boydo. Die spaetesten ihrer Muenzen
zeigen den Einfluss der aeltesten Sassanidenpraegung und duerften der zweiten
Haelfte des dritten Jahrhunderts angehoeren (Sallet, Zeitschrift fuer Numismatik
6, 1879, S. 225).
^20 Die indo-griechischen und die indo-parthischen Herrscher, ebenso die
Kadphises bedienen sich auf ihren Muenzen in grossem Umfang neben der
griechischen der einheimischen indischen Sprache und Schrift; die Sakerkoenige
dagegen haben niemals indische Sprache und indisches Alphabet gebraucht, sondern
verwenden ausschliesslich die griechischen Buchstaben, und die nicht
griechischen Aufschriften ihrer Muenzen sind ohne Zweifel skythisch. So steht
auf Kanerkus Goldstuecken bald basile?s basile/o/n Kan/e/rkoy, bald rao nanorao
kan/e/rki korano wo die ersten beiden Woerter eine skythisierte Form des
indischen Rbdjbdi Rbdja sein werden, die beiden folgenden den Eigen- und den
Stammnamen (Guschana) des Koenigs enthalten (Oldenberg, a. a. O., S. 294). Also
waren diese Saker in anderem Sinne Fremdherrscher in Indien als die baktrischen
Hellenen und die Parther. Doch sind die unter ihnen in Indien gesetzten
Inschriften nicht skythisch, sondern indisch.
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Gegen Norden und Nordosten grenzte Iran mit Turan. Wie das westliche und
suedliche Ufer des Kaspischen Meeres und die oberen Taeler des Oxos und Jaxartes
der Zivilisation eine geeignete Staette bieten, so gehoert die Steppe um den
Aralsee und das dahinter sich ausbreitende weite Flachland von Rechts wegen den
schweifenden Leuten. Es sind unter diesen Nomaden wohl einzelne den Iraniern
verwandte Voelkerschaften gewesen; aber auch diese haben keinen Teil an der
iranischen Zivilisation, und es ist das bestimmende Moment fuer die
geschichtliche Stellung Irans, dass es die Vormauer der Kulturvoelker bildet
gegen diejenigen Horden, die als Skythen, Saken, Hunnen, Mongolen, Tuerken keine
andere weltgeschichtliche Bestimmung zu haben scheinen als die der
Kulturvernichtung. Baktra, das grosse Bollwerk Irans gegen Turan, hat in der
nachalexandrischen Epoche unter seinen griechischen Herrschern laengere Zeit
dieser Abwehr genuegt; aber es ist schon erwaehnt worden, dass es spaeterhin
zwar nicht unterging, aber das Vordringen der Skythen nach Sueden nicht laenger
zu hindern vermochte. Mit dem Rueckgang der baktrischen Macht ging die gleiche
Aufgabe ueber auf die Arsakiden. Wie weit dieselben ihr entsprochen haben, ist
schwierig zu sagen. In der ersten Kaiserzeit scheinen die Grosskoenige von
Ktesiphon, wie suedlich vom Hindukusch so auch in den noerdlichen Landschaften,
die Skythen zurueckgedraengt oder sich botmaessig gemacht zu haben; einen Teil
des baktrischen Gebiets haben sie ihnen wieder entrissen. Aber welche und ob
ueberhaupt dauernde Grenzen hier sich feststellten, ist zweifelhaft. Der Kriege
der Parther und der Skythen wird oft gedacht. Die letzteren, hier zunaechst die
Umwohner des Aralsees, die Vorfahren der heutigen Turkmenen, sind regelmaessig
die Angreifenden, indem sie teils zu Wasser ueber das Kaspische Meer in die
Taeler des Kyros und des Araxes einfallen, teils von ihrer Steppe aus die
reichen Fluren Hyrkaniens und die fruchtbare Oase der Margiana (Merw) ausrauben.
Die Grenzgebiete verstanden sich dazu, die willkuerliche Brandschatzung mit
Tributen abzukaufen, welche regelmaessig in festen Terminen eingefordert wurden,
wie heute die Beduinen Syriens von den Bauern daselbst die Kubba erheben. Das
parthische Regiment also vermochte wenigstens in der frueheren Kaiserzeit so
wenig wie das heutige tuerkische, hier dem friedlichen Untertan die Fruechte
seiner Arbeit zu sichern und einen dauernden Friedensstand an der Grenze
herzustellen. Auch fuer die Reichsgewalt selbst blieben diese Grenzwirren eine
offene Wunde; oftmals haben sie in die Sukzessionskriege der Arsakiden so wie in
ihre Streitigkeiten mit Rom eingegriffen.
Wie das Verhaeltnis der Parther zu den Roemern sich gestaltet und die
Grenzen der beiden Grossmaechte sich festgestellt hatten, ist seinerzeit
dargelegt worden. Waehrend die Armenier mit den Parthern rivalisiert hatten und
das Koenigtum am Araxes sich anschickte, in Vorderasien die Grosskoenigsrolle zu
spielen, hatten die Parther im allgemeinen freundliche Beziehungen zu den
Roemern unterhalten als den Feinden ihrer Feinde. Aber nach der Niederwerfung
des Mithradates und des Tigranes hatten die Roemer, namentlich durch die von
Pompeius getroffenen Organisationen, eine Stellung genommen, die mit ernstlichem
und dauerndem Frieden zwischen den beiden Staaten sich schwer vertrug. Im Sueden
stand Syrien jetzt unter unmittelbarer roemischer Herrschaft, und die roemischen
Legionen hielten Wacht an dem Saume der grossen Wueste, die das Kuestenland vom
Euphrattal scheidet. Im Norden waren Kappadokien und Armenien roemische
Lehnsfuerstentuemer. Die nordwaerts an Armenien grenzenden Voelkerschaften, die
Kolcher, Iberer, Albaner, waren damit notwendig dem parthischen Einfluss
entzogen und, wenigstens nach roemischer Auffassung, ebenfalls roemische
Lehnsstaaten. Das suedoestlich an Armenien angrenzende, durch den Araxes von ihm
getrennte Klein-Medien oder Atropatene (Aserbeidschan) hatte schon den
Seleukiden gegenueber unter seiner alteinheimischen Dynastie seine Nationalitaet
behauptet und sogar sich selbstaendig gemacht; unter den Arsakiden erscheint der
Koenig dieser Landschaft je nach Umstaenden als Lehnstraeger der Parther oder
als unabhaengig von diesen durch Anlehnung an die Roemer. Somit reichte der
bestimmende Einfluss Roms bis zum Kaukasus und zum westlichen Ufer des
Kaspischen Meeres. Es lag hierin ein Uebergreifen ueber die durch die nationalen
Verhaeltnisse angezeigten Grenzen. Das hellenische Volkstum hatte wohl an der
Suedkueste des Schwarzen Meeres und im Binnenland in Kappadokien und Kommagene
so weit Fuss gefasst, dass hier die roemische Vormacht an ihm einen Rueckhalt
fand; aber Armenien ist auch unter der langjaehrigen roemischen Herrschaft immer
ein ungriechisches Land geblieben, durch die Gemeinschaft der Sprache und des
Glaubens, die zahlreichen Zwischenheiraten der Vornehmen, die gleiche Kleidung
und gleiche Bewaffnung ^21 an den Partherstaat mit unzerreissbaren Banden
geknuepft. Die roemische Aushebung und die roemische Besteuerung sind nie auf
Armenien erstreckt worden; hoechstens bestritt das Land die Aufstellung und die
Unterhaltung der eigenen Truppen und die Verpflegung der daselbst liegenden
roemischen. Die armenischen Kaufleute vermittelten den Warentausch ueber den
Kaukasus mit Skythien, ueber das Kaspische Meer mit Ostasien und China, den
Tigris hinab mit Babylonien und Indien, nach Westen hin mit Kappadokien; nichts
haette naeher gelegen, als das politisch abhaengige Land in das roemische
Steuer- und Zollgebiet einzuschliessen; dennoch ist nie dazu geschritten worden.
Die Inkongruenz der nationalen und der politischen Zugehoerigkeit Armeniens
bildet ein wesentliches Moment in dem durch die ganze Kaiserzeit sich
hinziehenden Konflikt mit dem oestlichen Nachbarn. Man erkannte es wohl auf
roemischer Seite, dass die Annektierung jenseits des Euphrat ein Uebergriff in
das Stammgebiet der orientalischen Nationalitaet und fuer Rom kein eigentlicher
Machtzuwachs war. Der Grund aber oder wenn man will die Entschuldigung dafuer,
dass diese Uebergriffe dennoch sich fortsetzten, liegt darin, dass das
Nebeneinanderstehen gleichberechtigter Grossstaaten mit dem Wesen der
roemischen, man darf vielleicht sagen mit der Politik des Altertums ueberhaupt
unvereinbar ist. Das roemische Reich kennt als Grenze genaugenommen nur das Meer
oder das wehrlose Landgebiet. Dem schwaecheren, aber doch wehrhaften Staatswesen
der Parther goennten die Roemer die Machtstellung nicht und nahmen ihm, worauf
diese wieder nicht verzichten konnten; und darum ist das Verhaeltnis zwischen
Rom und Iran durch die ganze Kaiserzeit eine nur durch Waffenstillstaende
unterbrochene ewige Fehde um das linke Ufer des Euphrat.
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^21 Arrian, der als Statthalter von Kappadokien selbst ueber die Armenier
das Kommando gefuehrt hatte (Alan. 29), nennt in der Taktik Armenier und Parther
immer zusammen (4, 3; 44, 1 wegen der schweren Reiterei, der gepanzerten
kontophoroi und der leichten Reiterei, der akrobolistai oder ippotoxotai; 35, 7
wegen der Pluderhosen), und wo er von Hadrians Einfuehrung der barbarischen
Kavallerie in das roemische Heer spricht, fuehrt er die berittenen Schuetzen
zurueck auf das Muster "der Parther oder Armenier" (44, 1).
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In den von Lucullus und Pompeius mit den Parthern abgeschlossenen
Vertraegen war die Euphratgrenze anerkannt, also Mesopotamien ihnen zugestanden
worden. Aber dies hinderte die Roemer nicht, die Herrscher von Edessa in ihre
Klientel aufzunehmen und, wie es scheint durch Erstreckung der Grenzen Armeniens
gegen Sueden, einen grossen Teil des noerdlichen Mesopotamien wenigstens fuer
ihre mittelbare Herrschaft in Anspruch zu nehmen. Deswegen hatte nach einigem
Zaudern die parthische Regierung den Krieg gegen die Roemer in der Form
begonnen, dass sie ihn den Armeniern erklaerte. Die Antwort darauf war der
Feldzug des Crassus und nach der Niederlage bei Karrhae die Zurueckfuehrung
Armeniens unter parthische Gewalt; man kann hinzusetzen: die Wiederaufnahme der
Ansprueche auf die westliche Haelfte des Seleukidenstaats, deren Durchfuehrung
freilich damals misslang. Waehrend des ganzen zwanzigjaehrigen Buergerkriegs, in
dem die roemische Republik zugrunde ging und schliesslich der Prinzipat sich
feststellte, dauerte der Kriegsstand zwischen Roemern und Parthern, und nicht
selten griffen beide Kaempfe ineinander ein. Pompeius hatte vor der
Entscheidungsschlacht versucht, den Koenig Orodes als Verbuendeten zu gewinnen;
aber als dieser die Abtretung Syriens forderte, vermochte er es nicht ueber
sich, die durch ihn selbst roemisch gewordene Provinz auszuliefern. Nach der
Katastrophe hatte er dennoch sich dazu entschlossen; aber Zufaelligkeiten
lenkten seine Flucht statt nach Syrien vielmehr nach Aegypten, wo er dann sein
Ende fand. Die Parther schienen im Begriff, abermals in Syrien einzubrechen; und
die spaeteren Fuehrer der Republikaner verschmaehten den Beistand der
Landesfeinde nicht. Noch bei Caesars Lebzeiten hatte Caecilius Bassus, als er
die Fahne des Aufstands in Syrien erhob, sofort die Parther herbeigerufen. Sie
waren diesem Ruf auch gefolgt; des Orodes Sohn Pakoros hatte den Statthalter
Caesars geschlagen und die von ihm in Apameia belagerte Truppe des Bassus
befreit (709 45). Sowohl aus diesem Grunde, wie um fuer Karrhae Revanche zu
nehmen, hatte Caesar beschlossen, im naechsten Fruehling persoenlich nach Syrien
und ueber den Euphrat zu gehen; aber die Ausfuehrung dieses Planes verhinderte
sein Tod. Als dann Cassius in Syrien ruestete, knuepfte er auch mit dem
Partherkoenig an, und in der Entscheidungsschlacht bei Philippi (712 42) haben
parthische berittene Schuetzen mit fuer die Freiheit Roms gestritten. Da die
Republikaner unterlagen, verhielt der Grosskoenig zunaechst sich ruhig, und auch
Antonius hatte wohl die Absicht, des Diktators Plaene auszufuehren, aber
zunaechst mit der Ordnung des Orients genug zu tun. Der Zusammenstoss konnte
nicht ausbleiben; der Angreifende war diesmal der Partherkoenig. Als im Jahre
713 (41) Caesar der Sohn in Italien mit den Feldherren und der Gemahlin des
Antonius schlug und dieser in Aegypten bei der Koenigin Kleopatra untaetig
verweilte, entsprach Orodes dem Draengen eines bei ihm im Exil lebenden Roemers,
des Quintus Labienus, und sandte diesen, einen Sohn des erbitterten Gegners des
Diktators Titus Labienus und ehemaligen Offizier im Heere des Brutus, sowie (713
41) seinen Sohn Pakoros mit einer starken Armee ueber die Grenze. Der
Statthalter Syriens, Decidius Saxa, unterlag dem unvermuteten Angriff; die
roemischen Besatzungen, grossenteils gebildet aus alten Soldaten der
republikanischen Armee, stellten sich unter den Befehl ihres frueheren
Offiziers; Apameia und Antiocheia, ueberhaupt alle Staedte Syriens mit Ausnahme
der ohne Flotte nicht zu bezwingenden Inselstadt Tyros, unterwarfen sich; auf
der Flucht nach Kilikien gab sich Saxa, um nicht gefangen zu werden, selber den
Tod. Nach der Einnahme Syriens wandte sich Pakoros gegen Palaestina, Labienus
nach der Provinz Asia; auch hier unterwarfen sich weithin die Staedte oder
wurden mit Gewalt bezwungen, mit Ausnahme des karischen Stratonikeia. Antonius,
durch die italischen Verwicklungen in Anspruch genommen, sandte seinen
Statthaltern keinen Sukkurs, und fast zwei Jahre (Ende 713 bis Fruehjahr 715 41-
39) geboten in Syrien und einem grossen Teil Kleinasiens die parthischen
Feldherren und der republikanische Imperator Labienus -der Parthiker, wie er mit
schamloser Ironie sich nannte, nicht der Roemer, der die Parther, sondern der
Roemer, der mit den Parthern die Seinigen ueberwand. Erst nachdem der drohende
Bruch zwischen den beiden Machthabern abgewandt war, sandte Antonius ein neues
Heer unter Fuehrung des Publius Ventidius Bassus, dem er das Kommando in den
Provinzen Asia und Syrien uebergab. Der tuechtige Feldherr traf in Asia den
Labienus allein mit seinen roemischen Truppen und schlug ihn rasch aus der
Provinz hinaus. An der Scheide von Asia und Kilikien, in den Paessen des Taurus,
wollte eine Abteilung der Parther die fliehenden Verbuendeten aufnehmen; aber
auch sie wurden geschlagen, bevor sie sich mit Labienus vereinigen konnten, und
darauf dieser auf der Flucht in Kilikien aufgegriffen und getoetet. Mit gleichem
Glueck erstritt Ventidius die Paesse des Amanos an der Grenze von Kilikien und
Syrien; hier fiel Pharnapates, der beste der parthischen Generale (715 39).
Damit war Syrien vom Feinde befreit. Allerdings ueberschritt im Jahre darauf
Pakoros noch einmal den Euphrat, aber nur um in einem entscheidenden Treffen bei
Gindaros nordoestlich von Antiocheia (9. Juni 716 38) mit dem groessten Teil
seines Heeres den Untergang zu finden. Es war ein Sieg, der den Tag bei Karrhae
einigermassen aufwog und von dauernder Wirkung: auf lange hinaus haben die
Parther nicht wieder ihre Truppen am roemischen Ufer des Euphrat gezeigt.
Wenn es im Interesse Roms lag, die Eroberungen gegen Osten auszudehnen und
die Erbschaft des grossen Alexander hier in ihrem vollen Umfang anzutreten, so
lagen dafuer die Verhaeltnisse nie guenstiger als im Jahre 716 (38). Die
Beziehungen der Zweiherrscher zueinander hatten zur rechten Zeit dafuer sich neu
befestigt, und auch Caesar wuenschte damals wahrscheinlich aufrichtig eine
ernstliche und glueckliche Kriegfuehrung seines Herrschaftsgenossen und neuen
Schwagers. Die Katastrophe von Gindaros hatte bei den Parthern eine schwere
dynastische Krise hervorgerufen. Koenig Orodes legte, tief erschuettert durch
den Tod seines aeltesten und tuechtigsten Sohnes, das Regiment zu Gunsten seines
zweitgeborenen, Phraates, nieder. Dieser fuehrte, um sich den Thron besser zu
sichern, ein Regiment des Schreckens, dem seine zahlreichen Brueder und der alte
Vater selbst so wie eine Anzahl der hohen Adligen des Reiches zum Opfer fielen;
andere derselben traten aus und suchten Schutz bei den Roemern, unter ihnen der
maechtige und angesehene Monaeses. Nie hat Rom im Orient ein Heer von gleicher
Zahl und Tuechtigkeit gehabt wie in dieser Zeit: Antonius vermochte nicht
weniger als sechzehn Legionen, gegen 70000 Mann roemischer Infanterie, gegen
40000 der Hilfsvoelker, 10000 spanische und gallische, 6000 armenische Reiter
ueber den Euphrat zu fuehren; wenigstens die Haelfte derselben waren
altgediente, aus dem Westen herangefuehrte Truppen, alle bereit, ihrem geliebten
und verehrten Fuehrer, dem Sieger von Philippi, wo immer hin zu folgen und die
glaenzenden Siege, die nicht durch, aber fuer ihn ueber die Parther bereits
erfochten waren, unter seiner eigenen Fuehrung mit noch groesseren Erfolgen zu
kroenen.
In der Tat fasste Antonius die Aufrichtung eines asiatischen
Grosskoenigtums nach dem Muster Alexanders ins Auge. Wie Crassus vor seinem
Einruecken verkuendigt hatte, dass er die roemische Herrschaft bis nach Baktrien
und Indien ausdehnen werde, so nannte Antonius den ersten Sohn, den die
aegyptische Koenigin ihm gebar, mit dem Namen Alexanders. Er scheint geradezu
beabsichtigt zu haben, einerseits mit Ausschluss der vollstaendig hellenisierten
Provinzen Bithynien und Asia das gesamte Reichsgebiet im Osten, so weit es nicht
schon unter abhaengigen Kleinfuersten stand, in diese Form zu bringen,
andererseits alle einstmals von den Okzidentalen besetzten Landschaften des
Ostens in Form von Satrapien sich untertaenig zu machen. Von dem oestlichen
Kleinasien wurde der groesste Teil und der militaerische Primat dem
streitbarsten der dortigen Fuersten, dem Galater Amyntas, zugewiesen. Neben dem
galatischen standen die Fuersten von Paphlagonien, die von Galatien verdraengten
Nachkommen des Delotarus; Polemon, der neue Fuerst im Pontos und der Gemahl der
Enkelin des Antonius Pythodoris; ferner wie bisher die Koenige von Kappadokien
und Kommagene. Einen grossen Teil Kilikiens und Syriens sowie Kypros und Kyrene
vereinigte Antonius mit dem aegyptischen Staat, dem er also fast die Grenzen
wiedergab, wie sie unter den Ptolemaeern gewesen waren, und wie er die Buhle
Caesars, die Koenigin Kleopatra, zu der seinigen oder vielmehr zu seiner Gattin
gemacht hatte, so erhielt ihr Bastard von Caesar, Caesarion, schon frueher
anerkannt als Mitherrscher in Aegypten ^22, die Anwartschaft auf das alte
Ptolemaeerreich, die auf Syrien ihr Bastard von Antonius, Ptolemaeos
Philadelphos. Einem anderen Sohn, den sie dem Antonius geboren hatte, dem schon
erwaehnten Alexander, ward fuer jetzt Armenien zugeteilt als Abschlagzahlung auf
die ihm weiter zugedachte Herrschaft des Ostens. Mit diesem nach orientalischer
Art geordneten Grosskoenigtum ^23 dachte er den Prinzipat ueber den Okzident zu
vereinigen. Er selbst hat nicht den Koenigsnamen angenommen, vielmehr seinen
Landsleuten und den Soldaten gegenueber nur diejenigen Titel gefuehrt, die auch
Caesar zukamen. Aber auf Reichsmuenzen mit lateinischer Aufschrift heisst
Kleopatra Koenigin der Koenige, ihre Soehne von Antonius wenigstens Koenige; den
Kopf seines aeltesten Sohnes zeigen die Muenzen neben dem des Vaters, als
verstaende die Erblichkeit sich von selbst; die Ehe und die Erbfolge der echten
und der Bastardkinder wird von ihm behandelt, wie es bei den Grosskoenigen des
Ostens Gebrauch ist oder, wie er selbst sagte, mit der goettlichen Freiheit
seines Ahnherrn Herakles ^24; jenen Alexander und dessen Zwillingsschwester
Kleopatra nannte er den ersteren Helios, die letztere Selene nach dem Muster
eben dieser Grosskoenige, und wie einst der Perserkoenig dem fluechtigen
Themistokles eine Anzahl asiatischer Staedte, so schenkte er dem zu ihm
uebergetretenen Parther Monaeses drei Staedte Syriens. Auch in Alexander gingen
der Koenig der Makedonier und der Koenig der Koenige des Ostens einigermassen
nebeneinander her, und auch ihm war fuer das Lagerzelt von Gaugamela das
Brautbett in Susa der Lohn; aber seine roemische Kopie zeigt in ihrer
Genauigkeit ein starkes Element der Karikatur.
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^22 Als Mitherrscher Aegyptens ist der Bastard Caesars Ptolemaios o kai
Kaisar theos philopat/o/r philom/e/t/o/r, wie seine Koenigsbenennung lautet (CIG
4717), eingetreten in dem aegyptischen Jahr 29. Aug. 711/12, wie die
Jahresrechnung ausweist (Westher Bullettino dell' Instituto 1866, S. 199; Krall,
Wiener Studien 5, S. 313). Da er an den Platz des Gatten und Bruders seiner
Mutter Ptolemaeos des Juengeren tritt, so wird dessen Beseitigung durch
Kleopatra, deren naehere Umstaende nicht bekannt sind, eben damals erfolgt sein
und den Anlass gegeben haben, ihn als Koenig von Aegypten zu proklamieren. Auch
Dio (47, 31) setzt seine Ernennung in den Sommer des Jahres 712 vor die Schlacht
von Philippi. Dieselbe ist also nicht Antonius' Werk, sondern von den beiden
Herrschern gemeinschaftlich genehmigt zu einer Zeit, wo ihnen daran gelegen sein
musste, der Koenigin von Aegypten, die allerdings von Anfang an auf ihrer Seite
gestanden hatte, entgegenzukommen.
^23 Das meint Augustus, wenn er sagt, dass er die grossenteils unter
Koenige verteilten Provinzen des Orients wieder zum Reiche gebracht habe (Mop.
Ancyr. 5, 41: provincias omnis, quae trans Hadrianum mare vergunt ad orientem,
Cyrenasque, iam ex parte magna regibus eas possidentibus . . . reciperavi).
^24 Die Dezenz, die fuer Augustus ebenso charakteristisch ist wie fuer
seinen Kollegen das Gegenteil, verleugnet sich auch hier nicht. Nicht bloss
wurde in Betreff Caesarions die Vaterschaft, die der Diktator selbst so gut wie
anerkannt hatte, spaeterhin offiziell verleugnet; auch die Kinder des Antonius
von der Kleopatra, wo freilich nichts zu verleugnen war, sind wohl als Glieder
des kaiserlichen Hauses betrachtet, aber nie foermlich als Kinder des Antonius
anerkannt worden. Im Gegenteil heisst der Sohn der Tochter des Antonius von
Kleopatra, der spaetere Koenig von Mauretanien Ptolemaeos in der athenischen
Inschrift CIA III, 555 Enkel des Ptolemaeos; denn Ptolemaioy ekgonos kann in
diesem Zusammenhang nicht wohl anders gefasst werden. Man erfand in Rom diesen
muetterlichen Grossvater, um den wirklichen offiziell verschweigen zu koennen.
Wer es vorzieht, was O. Hirschfeld vorschlaegt, ekgonos als Urenkel zu nehmen
und auf den muetterlichen Urgrossvater zu beziehen, kommt zu demselben Resultat;
denn dann ist der Grossvater uebergangen, weil die Mutter im Rechtssinne
vaterlos war.
Ob die Fiktion, die mir wahrscheinlicher ist, so weit ging, einen
bestimmten Ptolemaeos zu bezeichnen, etwa dem im Jahre 712 gestorbenen letzten
Lagiden das Leben zu verlaengern, oder ob man sich begnuegte, im allgemeinen den
Vater zu fingieren, ist nicht zu entscheiden. Aber auch darin hielt man die
Fiktion fest, dass der Sohn der Tochter des Antonius den Namen des fiktiven
Grossvaters erhielt. Dass dabei der Herkunft von den Lagiden vor derjenigen von
Massinissa der Vorzug gegeben ward, mag wohl mehr durch die Ruecksicht auf das
kaiserliche Haus herbeigefuehrt sein, welches das Bastardkind als zugehoerig
behandelte, als durch die hellenischen Neigungen des Vaters.
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Ob Antonius gleich bei der Uebernahme des Regiments im Osten seine Stellung
in dieser Weise aufgefasst, ist nicht zu entscheiden; vermutlich ist die
Schaffung eines neuen orientalischen Grosskoenigtums in Verbindung mit dem
okzidentalischen Prinzipat allmaehlich in ihm gereift und der Gedanke erst
voellig zu Ende gedacht worden, nachdem er im Jahre 717 (37) bei seiner
Rueckkehr aus Italien nach Asien abermals das Verhaeltnis mit der letzten
Koenigin des Lagidenhauses angeknuepft hatte, um es nicht wieder zu zerreissen.
Aber sein Naturell war solchem Unterfangen nicht gewachsen. Eine jener
militaerischen Kapazitaeten, die dem Feind gegenueber und besonders in
schwieriger Lage besonnen und kuehn zu schlagen wissen, fehlte ihm der
staatsmaennische Wille, das sichere Erfassen und entschlossene Verfolgen des
politischen Ziels. Haette der Diktator Caesar ihm die Unterwerfung des Ostens
zur Aufgabe gestellt, so wuerde er sie wohl geloest haben; zum Herrscher taugte
der Marschall nicht. Nach der Vertreibung der Parther aus Syrien verstrichen
fast zwei Jahre (Sommer 716 bis Sommer 718 38-36), ohne dass irgendein Schritt
zum Ziele getan ward. Antonius selbst, auch darin untergeordnet, dass er seinen
Generalen bedeutende Erfolge ungern goennte, hatte den Besieger des Labienus und
des Pakoros, den tuechtigen Ventidius sofort nach diesem letzten Erfolg entfernt
und selbst den Oberbefehl uebernommen, um die armselige Ehre der Einnahme
Samosatas, der Hauptstadt des kleinen syrischen Dependenzstaats Kommagene, zu
verfolgen und zu verfehlen; aergerlich darueber verliess er den Osten, um in
Italien mit seinem Schwager ueber die kuenftige Ordnung zu verhandeln oder mit
seiner jungen Gattin Octavia sich des Lebens zu freuen. Seine Statthalter im
Osten waren nicht untaetig. Publius Canidius Crassus ging von Armenien aus gegen
den Kaukasus vor und unterwarf daselbst den Koenig der Iberer, Pharnabazos, und
den der Albaner, Zober. Gaius Sossius nahm in Syrien die letzte noch zu den
Parthern haltende Stadt Arados; er stellte ferner in Judaea die Herrschaft des
Herodes wieder her und liess den von den Parthern eingesetzten
Thronpraetendenten, den Hasmonaeer Antigonos, hinrichten. Die Konsequenzen des
Sieges auf roemischem Gebiet wurden also gezogen und bis zum Kaspischen Meer und
der syrischen Wueste die roemische Herrschaft zur Anerkennung gebracht. Aber die
Kriegfuehrung gegen die Parther zu beginnen, hatte sich Antonius selbst
vorbehalten, und er kam nicht.
Als er endlich im Jahre 718 (36) sich nicht Octavias, sondern Kleopatras
Armen entwand und die Heersaeulen in Marsch setzte, war bereits ein guter Teil
der geeigneten Jahreszeit verstrichen. Noch viel auffallender als die Saeumnis
ist die Richtung, welche Antonius waehlte. Frueher und spaeter haben alle
Angriffskriege der Roemer gegen die Parther den Weg auf Ktesiphon eingeschlagen,
die Hauptstadt des Reiches und zugleich an dessen Westgrenze gelegen, also fuer
die am Euphrat oder am Tigris hinabmarschierenden Heere das natuerliche und
naechste Operationsziel. Auch Antonius konnte, nachdem er durch das noerdliche
Mesopotamien ungefaehr auf dem Wege, den Alexander beschritten hatte, an den
Tigris gelangt war, am Fluss hinab auf Ktesiphon und Seleukeia vorruecken. Aber
statt dessen ging er vielmehr in noerdlicher Richtung zunaechst nach Armenien
und von da, wo er seine gesamten Streitkraefte vereinigte und namentlich durch
die armenische Reiterei sich verstaerkte, in die Hochebene von Media Atropatene
(Aserbeidschan). Der verbuendete Koenig von Armenien mag diesen Feldzugsplan
wohl empfohlen haben, da die armenischen Herrscher zu allen Zeiten nach dem
Besitz dieses Nachbarlandes strebten und Koenig Artavazdes von Armenien hoffen
mochte, den gleichnamigen Satrapen von Atropatene jetzt zu bewaeltigen und
dessen Gebiet zu dem seinigen zu fuegen. Aber Antonius selbst ist durch solche
Ruecksichten unmoeglich bestimmt worden. Eher mochte er meinen, von Atropatene
aus in das Herz des feindlichen Landes vordringen zu koennen und die alten
persischen Residenzen Ekbatana und Rhagae als Marschziel betrachten. Aber wenn
er dies plante, handelte er ohne Kenntnis des schwierigen Terrains und
unterschaetzte durchaus die Widerstandskraft des Gegners, wobei die kurze fuer
Operationen in diesem Gebirgsland verfuegbare Zeit und der spaete Beginn des
Feldzugs schwer in die Waagschale fielen. Da ein geschickter und erfahrener
Offizier, wie Antonius war, sich darueber schwerlich hat taeuschen koennen, so
haben wahrscheinlich besondere politische Erwaegungen hier eingewirkt. Phraates'
Herrschaft wankte, wie gesagt ward; Monaeses, von dessen Treue Antonius sich
versichert hielt und den er vielleicht an Phraates' Stelle zu setzen hoffte, war
dem Wunsche des Partherkoenigs gemaess in sein Vaterland zurueckgekehrt ^25;
Antonius scheint auf eine Schilderhebung desselben gegen Phraates gezaehlt und
in Erwartung dieses Buergerkrieges seine Armee in die inneren parthischen
Provinzen gefuehrt zu haben. Es waere wohl moeglich gewesen, in dem befreundeten
Armenien den Erfolg dieses Anschlags abzuwarten, und wenn danach weitere
Operationen erforderlich waren, im folgenden Jahre wenigstens ueber die volle
Sommerzeit zu verfuegen; aber dies Zuwarten missfiel dem hastigen Feldherrn. In
Atropatene traf er nicht bloss auf den hartnaeckigen Widerstand des maechtigen
und halb unabhaengigen Unterkoenigs, der in seiner Hauptstadt Praaspa oder
Phraarta (suedlich vom Urmia-See, vermutlich am oberen Lauf des Djaghatu)
entschlossen die Belagerung aushielt, sondern der feindliche Angriff brachte
auch den Parthern, wie es scheint, den inneren Frieden. Phraates fuehrte ein
stattliches Heer zum Entsatz der angegriffenen Stadt heran. Antonius hatte einen
grossen Belagerungspark mitgefuehrt, aber ungeduldig vorwaerts eilend diesen in
der Obhut von zwei Legionen unter dem Legaten Oppius Stauanus zurueckgelassen.
So kam er seinerseits mit der Belagerung nicht vorwaerts; Koenig Phraates aber
sandte unter eben jenem Monaeses seine Reitermassen in den Ruecken der Feinde
gegen das muehsam nachrueckende Korps des Stauanus. Die Parther hieben die
Deckungsmannschaft nieder, darunter den Feldherrn selbst, nahmen den Rest
gefangen und vernichteten den gesamten Park von 300 Wagen. Damit war der Feldzug
verloren. Der Armenier, an dem Erfolge des Feldzugs verzweifelnd, nahm seine
Leute zusammen und ging heim. Antonius gab nicht sofort die Belagerung auf und
schlug sogar das koenigliche Heer in offener Feldschlacht, aber die flinken
Reiter entrannen ohne wesentlichen Verlust und es war ein Sieg ohne Wirkung. Ein
Versuch, von dem Koenig wenigstens die Rueckgabe der alten und der neu
verlorenen Adler zu erlangen und also wenn nicht mit Vorteil, doch mit Ehren
Frieden zu schliessen, schlug fehl; so leichten Kaufs gab der Parther den
sicheren Erfolg nicht aus der Hand. Er versicherte nur den Abgesandten des
Antonius, dass, wenn die Roemer die Belagerung aufheben wuerden, er sie auf der
Heimkehr nicht belaestigen werde. Diese weder ehrenvolle noch zuverlaessige
feindliche Zusage wird Antonius schwerlich zum Aufbruch bestimmt haben. Es lag
nahe, in Feindesland Winterquartier zu nehmen, zumal da die parthischen Truppen
dauernden Kriegsdienst nicht kannten und voraussichtlich beim Einbrechen des
Winters die meisten Mannschaften heimgegangen sein wuerden. Aber es fehlte ein
fester Stuetzpunkt, und die Zufuhr in dem ausgesogenen Land war nicht gesichert,
vor allen Dingen Antonius selbst einer solchen zaehen Kriegfuehrung nicht
faehig. Also gab er die Maschinen preis, die die Belagerten sofort verbrannten
und trat den schweren Rueckweg an, entweder zu frueh oder zu spaet. Fuenfzehn
Tagemaersche (300 roemische Meilen) durch feindliches Land trennten das Heer von
dem Araxes, dem Grenzfluss Armeniens, wohin trotz der zweideutigen Haltung des
Herrschers allein der Rueckzug gerichtet werden konnte. Ein feindliches Heer von
40000 Berittenen gab trotz der gegebenen Zusage den Abziehenden das Geleit, und
mit dem Abmarsch der Armenier hatten die Roemer den besten Teil ihrer Reiterei
verloren. Die Lebensmittel und die Zugtiere waren knapp, die Jahreszeit weit
vorgerueckt. Aber Antonius fand in der gefaehrlichen Lage seine Kraft und seine
Kriegskunst wieder, einigermassen auch sein Kriegsglueck; er hatte gewaehlt, und
der Feldherr wie die Truppen loesten die Aufgabe in ruehmlicher Weise. Haetten
sie nicht einen ehemaligen Soldaten des Crassus bei sich gehabt, der, zum
Parther geworden, Weg und Steg auf das genaueste kannte und sie statt durch die
Ebene, auf der sie gekommen waren, auf Gebirgswegen zurueckfuehrte, die den
Reiterangriffen weniger ausgesetzt waren - wie es scheint ueber die Berge um
Tabriz -, so wuerde das Heer schwerlich an das Ziel gelangt sein; und haette
nicht Monaeses, in seiner Art dem Antonius die Dankesschuld abtragend, ihn
rechtzeitig von den falschen Zusicherungen und den hinterlistigen Anschlaegen
seiner Landsleute in Kenntnis gesetzt, so waeren die Roemer wohl in einen der
Hinterhalte gefallen, die ihnen mehrfach gelegt wurden. Antonius' Soldatennatur
trat in diesen schweren Tagen oftmals glaenzend hervor, in seiner geschickten
Benutzung jedes guenstigen Moments, in seiner Strenge gegen die Feigen, in
seiner Macht ueber die Soldatengemueter, in seiner treuen Fuersorge fuer die
Verwundeten und die Kranken. Dennoch war die Rettung fast ein Wunder; schon
hatte Antonius einen treuen Leibdiener angewiesen, im aeussersten Fall ihn nicht
lebend in die Haende der Feinde fallen zu lassen. Unter stetigen Angriffen des
tueckischen Feindes, in winterlich kalter Witterung, bald ohne genuegende
Nahrung und oft ohne Wasser erreichten sie in siebenundzwanzig Tagen die
schuetzende Grenze, wo der Feind von ihnen abliess. Der Verlust war ungeheuer;
man rechnete auf jene siebenundzwanzig Tage achtzehn groessere Treffen, und in
einem einzigen derselben zaehlten die Roemer 3000 Tote und 5000 Verwundete. Es
waren eben die Besten und Bravsten, die die stetigen Nachhuts- und
Flankengefechte hinrafften. Das ganze Gepaeck, ein Drittel des Trosses, ein
Viertel der Armee, 20000 Fusssoldaten und 4000 Reiter waren auf diesem medischen
Feldzug zugrunde gegangen, zum grossen Teil nicht durch das Schwert, sondern
durch Hunger und Seuchen. Auch am Araxes waren die Leiden der ungluecklichen
Truppen noch nicht zu Ende. Artavazdes nahm sie als Freund auf und hatte auch
keine andere Wahl; es waere wohl moeglich gewesen, hier zu ueberwintern. Aber
die Ungeduld des Antonius litt dies nicht; der Marsch ging weiter, und bei der
immer rauher werdenden Jahreszeit und dem Gesundheitszustand der Soldaten
kostete dieser letzte Abschnitt der Expedition vom Araxes bis nach Antiocheia,
obwohl kein Feind ihn behinderte, noch weitere 8000 Mann. Wohl ist dieser
Feldzug ein letztes Aufleuchten dessen, was in Antonius' Charakter brav und
tuechtig war, aber politisch seine Katastrophe, um so mehr, als gleichzeitig
Caesar durch die glueckliche Beendigung des sizilischen Krieges die Herrschaft
im Okzident und das Vertrauen Italiens fuer jetzt und alle Zukunft gewann.
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^25 Es ist an sich glaublich dass Antonius dem Phraates so lange wie
moeglich die bevorstehende Invasion verbarg und darum bei Ruecksendung des
Monaeses sich bereit erklaerte, auf Grund der Rueckgabe der verlorenen
Feldzeichen Frieden zu schliessen (Plut. Ant. 37; Dio 49, 24; Florus 2, 20 [4,
101). Aber er wusste vermutlich, dass dies Anerbieten nicht wuerde angenommen
werden, und ernst kann es ihm mit diesen Antraegen auf keinen Fall gewesen sein;
ohne Zweifel wollte er den Krieg und den Sturz des Phraates.
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Die Verantwortung fuer den Misserfolg, den zu verleugnen er vergeblich
versuchte, warf Antonius auf die abhaengigen Koenige von Kappadokien und
Armenien, auf den letzteren insofern mit Recht, als dessen vorzeitiger Abmarsch
von Praaspa die Gefahren und die Verluste des Rueckzugs wesentlich gesteigert
hatte. Aber fuer den Feldzugsplan trug nicht er die Verantwortung, sondern
Antonius ^26; und das Fehlschlagen der auf Monaeses gesetzten Hoffnungen, die
Katastrophe des Stauanus, das Scheitern der Belagerung von Praaspa sind nicht
durch den Armenier herbeigefuehrt worden. Die Unterwerfung des Ostens gab
Antonius nicht auf, sondern brach im naechsten Jahre (719 35) abermals aus
Aegypten auf. Die Verhaeltnisse lagen auch jetzt noch verhaeltnismaessig
guenstig. Mit dem medischen Koenig Artavazdes wurde ein Freundschaftsbuendnis
angeknuepft; derselbe war nicht bloss mit dem parthischen Oberherrn in Streit
geraten, sondern grollte auch vor allem dem armenischen Nachbarn und durfte bei
der wohlbekannten Erbitterung des Antonius gegen diesen darauf rechnen, an dem
Feind seines Feindes eine Stuetze zu finden. Alles kam an auf das feste
Einvernehmen der beiden Machthaber, des sieggekroenten Herrn des Westens und des
geschlagenen Herrschers im Osten; und auf die Kunde hin, dass Antonius die
Fortfuehrung des Krieges beabsichtige, begab sich seine rechtmaessige Gattin,
die Schwester Caesars, von Italien nach dem Osten, um ihm neue Mannschaften
zuzufuehren und das Verhaeltnis zu ihr und zu dem Bruder neu zu befestigen. Wenn
Octavia gross genug dachte, trotz des Verhaeltnisses mit der aegyptischen
Koenigin dem Gatten die Hand zur Versoehnung zu bieten, so muss auch Caesar, wie
dies weiter die eben jetzt erfolgende Eroeffnung des Krieges an der italischen
Nordostgrenze bestaetigt, damals noch bereit gewesen sein, das bestehende
Verhaeltnis aufrechtzuerhalten. Beide Geschwister ordneten ihre persoenlichen
Interessen denen des Gemeinwesens in hochherziger Weise unter. Aber wie laut das
Interesse wie die Ehre dafuer sprachen, die hingereichte Hand anzunehmen,
Antonius konnte es nicht ueber sich gewinnen, das Verhaeltnis zu der Aegypterin
zu loesen; er wies die Gattin zurueck, und dies war zugleich der Bruch mit deren
Bruder, und, wie man hinzusetzen kann, der Verzicht auf die Fortfuehrung des
Krieges gegen die Parther. Nun musste, ehe daran gedacht werden konnte, die
Herrschaftsfrage zwischen Antonius und Caesar erledigt werden. Antonius ging
denn auch sofort aus Syrien nach Aegypten zurueck und unternahm in den folgenden
Jahren nichts weiteres zur Ausfuehrung seiner orientalischen Eroberungsplaene;
nur strafte er die, denen er die Schuld des Misserfolgs beimass. Den Koenig von
Kappadokien, Ariarathes, liess er hinrichten ^27 und gab das Koenigreich einem
illegitimen Verwandten desselben, dem Archelaos. Das gleiche Schicksal war dem
Armenier zugedacht. Wenn Antonius, wie er sagte, zur Fortfuehrung des Krieges im
Jahre 720 (34) in Armenien erschien, so hatte dies nur den Zweck, die Person des
Koenigs, der sich geweigert hatte, nach Aegypten zu gehen, in die Gewalt zu
bekommen: Dieser Akt der Rache wurde auf nichtswuerdige Weise im Wege der
Ueberlistung ausgefuehrt und in nicht minder nichtswuerdiger Weise durch eine in
Alexandreia aufgefuehrte Karikatur des kapitolinischen Triumphs gefeiert. Damals
wurde der zum Herrn des Ostens bestimmte Sohn des Antonius, wie frueher
angegeben ward, als Koenig von Armenien eingesetzt und mit der Tochter des neuen
Bundesgenossen, des Koenigs von Medien, vermaehlt, waehrend der aelteste Sohn
des gefangenen und einige Zeit spaeter auf Geheiss der Kleopatra hingerichteten
Koenigs von Armenien, Artaxes, den die Armenier anstatt des Vaters zum Koenig
ausgerufen hatten, landfluechtig zu den Parthern ging. Armenia und Media
Atropatene waren hiermit in Antonius' Gewalt oder ihm verbuendet; die
Fortfuehrung des parthischen Krieges wurde wohl angekuendigt, blieb aber
verschoben bis nach der Ueberwindung des westlichen Rivalen. Phraates
seinerseits ging gegen Medien vor, anfangs ohne Erfolg, da die in Armenien
stehenden roemischen Truppen den Medern Beistand leisteten; aber als im Verlauf
der Ruestungen gegen Caesar Antonius seine Mannschaften von dort abrief,
gewannen die Parther die Oberhand, ueberwanden die Meder und setzten in Medien
so wie auch in Armenien den Koenig Artaxes ein, der, um die Hinrichtung des
Vaters zu vergelten, saemtliche im Lande zerstreute Roemer greifen und toeten
liess. Dass Phraates die grosse Fehde zwischen Antonius und Caesar, waehrend sie
vorbereitet und ausgefochten ward, nicht voller ausnutzte, wurde wahrscheinlich
wieder einmal durch die im eigenen Lande ausbrechenden Unruhen verhindert. Diese
endigten damit, dass er ausgetrieben ward und zu den Skythen des Ostens ging; an
seiner Stelle wurde Tiridates als Grosskoenig ausgerufen. Als die entscheidende
Seeschlacht an der Kueste von Epirus geschlagen ward und dann in Aegypten die
Katastrophe des Antonius sich vollzog, sass in Ktesiphon dieser neue Grosskoenig
auf dem schwankenden Thron und schickten an der entgegengesetzten Reichsgrenze
die Scharen Turans sich an, den frueheren Herrscher wieder an seine Stelle zu
setzen, was ihnen bald darauf auch gelang.
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^26 Was darueber Strabon (11, 13, 4 p. 524) offenbar nach der von Antonius'
Waffengefaehrten Dellius und vermutlich auf dessen Geheiss aufgesetzten
Darstellung dieses Krieges (vgl. das. 11, 13 3; Dio 49, 39) berichtet, ist ein
recht klaeglicher Rechtfertigungsversuch des geschlagenen Generals. Wenn
Antonius nicht den naechsten Weg nach Ktesiphon einschlug, so kann dafuer der
Koenig Artavasdes nicht als falscher Wegweiser in Anspruch genommen werden; es
war eine militaerische und wohl mehr noch eine politische Verrechnung des
obersten Feldherrn.
^27 Die Tatsache der Absetzung und der Hinrichtung und die Zeit bezeugen
Dio (49, 32) und Valerius Maximus (9, 15 ext. 2); die Ursache oder der Vorwand
wird mit dem Armenischen Krieg zusammenhaengen.
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Der kluge und klare Mann, dem die Liquidation der Unternehmungen des
Antonius und die Feststellung des Verhaeltnisses der beiden Reichsteile zufiel,
bedurfte ebensosehr der Maessigung wie der Energie. Es wuerde der schwerste
Fehler gewesen sein, in Antonius' Gedanken eingehend den Orient oder auch nur im
Orient weiter zu erobern. Augustus erkannte dies; seine militaerischen Ordnungen
zeigen deutlich, dass er zwar den Besitz der syrischen Kueste wie den der
aegyptischen als ein unentbehrliches Komplement fuer das Reich des Mittelmeers
betrachtete, aber auf binnenlaendischen Besitz daselbst keinen Wert legte. Indes
Armenien war nun einmal seit einem Menschenalter roemisch und konnte, nach Lage
der Verhaeltnisse, nur roemisch oder parthisch sein; die Landschaft war durch
ihre Lage militaerisch fuer jede der Grossmaechte ein Ausfallstor in das Gebiet
der anderen. Augustus dachte auch nicht daran, auf Armenien zu verzichten und es
den Parthern zu ueberlassen; und wie die Dinge lagen, durfte er schwerlich daran
denken. Wenn aber Armenien festgehalten ward, konnte man dabei nicht
stehenbleiben; die oertlichen Verhaeltnisse noetigten die Roemer, weiter das
Stromgebiet des Kyros, die Landschaften der Iberer an seinem oberen, der Albaner
an seinem unteren Lauf, das heisst, die als Reiter wie zu Fuss kampftuechtigen
Bewohner des heutigen Georgien und Schirwan, unter ihren massgebenden Einfluss
zu bringen, das parthische Machtgebiet nicht noerdlich vom Araxes ueber
Atropatene hinaus sich erstrecken zu lassen. Schon die Expedition des Pompeius
hatte gezeigt, dass die Festsetzung in Armenien die Roemer notwendig einerseits
bis an den Kaukasus, andrerseits bis an das Westufer des Kaspischen Meeres
fuehrte. Die Ansaetze waren ueberall da. Antonius' Legaten hatten mit den
Iberern und den Albanern gefochten. Polemon, von Augustus in seiner Stellung
bestaetigt, herrschte nicht bloss ueber die Kueste von Pharnakeia bis Trapezunt,
sondern auch ueber das Gebiet der Kolcher an der Phasismuendung. Zu dieser
allgemeinen Sachlage kamen die besonderen Verhaeltnisse des Augenblicks, welche
es dem neuen Alleinherrscher Roms in dringendster Weise nahelegten, das Schwert
den Orientalen gegenueber nicht bloss zu zeigen, sondern auch zu ziehen. Dass
Koenig Artaxes, wie einst Mithradates, saemtliche Roemer innerhalb seiner
Grenzen umzubringen befohlen hatte, konnte nicht unvergolten bleiben. Auch der
landfluechtige Koenig von Medien hatte Hilfe jetzt bei Augustus gesucht, wie er
sie sonst bei Antonius gesucht haben wuerde. Der Buerger- und Praetendentenkrieg
im Parthischen Reiche erleichterte nicht bloss den Angriff, sondern der
vertriebene Herrscher Tiridates suchte gleichfalls Schutz bei Augustus und
erklaerte sich bereit, als roemischer Vasall das Reich von Augustus zu Lehen zu
nehmen. Die Rueckgabe der bei den Niederlagen des Crassus und der Antonianer in
die Gewalt der Parther geratenen Roemer und der verlorenen Adler mochte an sich
dem Herrscher der Kriegfuehrung nicht wert erscheinen; fallen lassen konnte der
Wiederhersteller des roemischen Staates diese militaerische und politische
Ehrenfrage nicht. Mit diesen Tatsachen musste der roemische Staatsmann rechnen;
bei der Stellung, die Augustus im Orient nahm, war die Politik der Aktion
ueberhaupt und durch die vorhergegangenen Misserfolge doppelt geboten. Ohne
Zweifel war es wuenschenswert, die Ordnung der Dinge in Rom bald vorzunehmen;
aber eine zwingende Noetigung, dies sofort zu tun, bestand fuer den
unbestrittenen Alleinherrscher nicht. Er befand sich nach den entscheidenden
Schlaegen von Aktion und Alexandreia an Ort und Stelle und an der Spitze eines
starken und siegreichen Heeres; was einmal geschehen musste, geschah am besten
gleich. Ein Herrscher vom Schlage Caesars waere schwerlich nach Rom
zurueckgegangen, ohne in Armenien die Schutzherrschaft hergestellt, die
roemische Suprematie bis zum Kaukasus und zum Kaspischen Meere zur Anerkennung
gebracht und mit dem Parther abgerechnet zu haben. Ein Herrscher von Umsicht und
Tatkraft haette die Grenzverteidigung im Osten gleich jetzt geordnet, wie die
Verhaeltnisse es erforderten; es war von vornherein klar, dass die vier
syrischen Legionen von zusammen 40000 Mann nicht genuegten, um die Interessen
Roms zugleich am Euphrat, am Araxes und am Kyros zu wahren und dass die Milizen
der abhaengigen Koenigreiche den Mangel der Reichstruppen nur verdeckten, nicht
deckten. Armenien hielt durch politische und nationale Sympathie mehr zu den
Parthern als zu den Roemern; die Koenige von Kommagene, Kappadokien, Galatien,
Pontus neigten wohl umgekehrt mehr nach der roemischen Seite, aber sie waren
unzuverlaessig und schwach. Auch die masshaltende Politik bedurfte zu ihrer
Begruendung eines energischen Schwertschlags, zu ihrer Aufrechthaltung des nahen
Arms einer ueberlegenen roemischen Militaermacht.
Augustus hat weder geschlagen noch geschirmt; gewiss nicht, weil er ueber
die Sachlage sich taeuschte, sondern weil es in seiner Art lag, das als
notwendig Erkannte zoegernd und schwaechlich durchzufuehren und die Ruecksichten
der inneren Politik auf das Verhaeltnis zum Ausland mehr als billig einwirken zu
lassen. Das Unzulaengliche des Grenzschutzes durch die kleinasiatischen
Klientelstaaten hat er wohl eingesehen; es gehoert in diesen Zusammenhang, dass
er schon im Jahre 729 (25), nach dem Tode des Koenigs Amyntas, des Herrn im
ganzen innern Kleinasien, diesem keinen Nachfolger gab, sondern das Land einem
kaiserlichen Legaten unterstellte. Vermutlich sollten auch die benachbarten
bedeutenderen Klientelstaaten, namentlich Kappadokien, in gleicher Weise nach
dem Ableben der derzeitigen Inhaber in kaiserliche Statthalterschaften
verwandelt werden. Dies war ein Fortschritt, insofern die Milizen dieser
Landschaften damit der Reichsarmee inkorporiert und unter roemische Offiziere
gestellt wurden; einen ernstlichen Druck auf die unsicheren Grenzlandschaften
oder gar auf den benachbarten Grossstaat konnten diese Truppen nicht ausueben,
wenn sie auch jetzt zu denen des Reiches zaehlten. Aber alle diese Erwaegungen
wurden ueberwogen durch die Ruecksicht auf die Herabdrueckung der Ziffer des
stehenden Heeres und der Ausgabe fuer das Heerwesen auf das moeglichst niedrige
Mass.
Ebenso ungenuegend waren den augenblicklichen Verhaeltnissen gegenueber die
auf der Heimkehr von Alexandreia von Augustus getroffenen Massregeln. Er gab dem
vertriebenen Koenig der Meder die Herrschaft von Klein-Armenien und dem
parthischen Praetendenten Tiridates ein Asyl in Syrien, um durch jenen den in
offener Feindseligkeit gegen Rom verharrenden Koenig Artaxes in Schach zu
halten, durch diesen auf den Koenig Phraates zu druecken. Die mit diesem wegen
der Rueckgabe der parthischen Siegestrophaeen angeknuepften Verhandlungen zogen
sich ergebnislos hin, obwohl Phraates im Jahre 731 (23), um die Entlassung eines
zufaellig in die Gewalt der Roemer geratenen Sohnes zu erlangen, die Rueckgabe
zugesichert hatte.
Erst als Augustus im Jahre 734 (20) sich persoenlich nach Syrien begab und
Ernst zeigte, fuegten sich die Orientalen. In Armenien, wo eine maechtige Partei
sich gegen den Koenig Artaxes erhoben hatte, warfen sich die Insurgenten den
Roemern in die Arme und erbaten fuer des Artaxes juengeren, am kaiserlichen Hof
erzogenen und in Rom lebenden Bruder Tigranes die kaiserliche Belehnung. Als des
Kaisers Stiefsohn Tiberius Claudius Nero, damals ein 22jaehriger Juengling, mit
Heeresmacht in Armenien einrueckte, wurde Koenig Artaxes von seinen eigenen
Verwandten ermordet, und Tigranes empfing die koenigliche Tiara aus der Hand des
kaiserlichen Vertreters, wie sie fuenfzig Jahre frueher sein gleichnamiger
Grossvater von Pompeius empfangen hatte. Atropatene wurde wieder von Armenien
getrennt und kam unter die Herrschaft eines ebenfalls in Rom erzogenen
Herrschers, des Ariobarzanes, Sohnes des frueher erwaehnten Artavazdes; doch
scheint dieser das Land nicht als roemisches, sondern als parthisches Lehnsreich
erhalten zu haben. Ueber die Ordnung der Dinge in den Fuerstentuemern am
Kaukasus erfahren wir nichts; aber da sie spaeter unter die roemischen
Klientelstaaten gerechnet werden, so hat wahrscheinlich damals auch hier der
roemische Einfluss obgesiegt. Selbst Koenig Phraates, jetzt vor die Wahl
gestellt, sein Wort einzuloesen oder zu schlagen, entschloss sich schweren
Herzens zu der die nationalen Gefuehle der Seinen empfindlich verletzenden
Herausgabe der wenigen noch lebenden roemischen Kriegsgefangenen und der
gewonnenen Feldzeichen.
Unendlicher Jubel begruesste diesen, von dem Fuersten des Friedens
errungenen unblutigen Sieg. Auch bestand nach demselben mit dem Partherkoenig
laengere Zeit ein freundschaftliches Verhaeltnis, wie denn die unmittelbaren
Interessen der beiden Grossstaaten sich wenig stiessen. In Armenien dagegen
hatte die roemische Lehnsherrschaft, die nur auf sich selbst ruhte, der
nationalen Opposition gegenueber einen schweren Stand. Nach dem fruehen Tode des
Koenigs Tigranes schlugen dessen Kinder oder die unter ihrem Namen regierenden
Staatsleiter sich selber zu dieser. Gegen sie wurde von den Roemerfreunden ein
anderer Herrscher, Artavazdes, aufgestellt; aber er vermochte nicht gegen die
staerkere Gegenpartei durchzudringen. Diese armenischen Wirren stoerten auch das
Verhaeltnis zu den Parthern; es lag in der Sache, dass die antiroemisch
gesinnten Armenier sich auf diese zu stuetzen suchten, und auch die Arsakiden
konnten nicht vergessen, dass Armenien frueher eine parthische Sekundogenitur
gewesen war. Unblutige Siege sind oft schwaechliche und gefaehrliche. Es kam so
weit, dass die roemische Regierung im Jahre 748 (6) demselben Tiberius, der
vierzehn Jahre zuvor den Tigranes als Lehnskoenig von Armenien eingesetzt hatte,
den Auftrag erteilte, abermals mit Heeresmacht dort einzuruecken und die
Verhaeltnisse noetigenfalls mit Waffengewalt zu ordnen. Aber das Zerwuerfnis in
der kaiserlichen Familie, welches die Unterwerfung der Germanen unterbrochen
hatte, griff auch hier ein und hatte die gleiche ueble Wirkung. Tiberius lehnte
den Auftrag des Stiefvaters ab, und in Ermangelung eines geeigneten prinzlichen
Feldherrn sah die roemische Regierung einige Jahre hindurch wohl oder uebel dem
Schalten der antiroemischen Partei in Armenien unter Parthisches Schutz untaetig
zu. Endlich im Jahre 753 (1) wurde dem aelteren Adoptivsohn des Kaisers, dem
zwanzigjaehrigen Gaius Caesar, nicht bloss derselbe Auftrag erteilt, sondern es
sollte, wie der Vater hoffte, die Unterwerfung Armeniens der Anfang groesserer
Dinge sein, der Orientfeldzug des zwanzigjaehrigen Kronprinzen man moechte fast
sagen die Alexanderfahrt fortsetzen. Vom Kaiser beauftragte oder dem Hofe
nahestehende Literaten, der Geograph Isidoros, selber an der Euphratmuendung zu
Hause, und der Vertreter der griechischen Gelehrsamkeit unter den
Fuerstlichkeiten des Augustischen Kreises, Koenig Juba von Mauretanien,
widmeten, jener seine im Orient selbst eingezogenen Erkundigungen, dieser
literarische Kollektaneen ueber Arabien, dem jungen Prinzen, der vor Begierde zu
brennen schien, mit der Eroberung Arabiens, ueber welche Alexander weggestorben
war, einen vor laengerer Zeit dort eingetretenen Misserfolg des Augustfischen
Regiments glaenzend zu begleichen. Zunaechst fuer Armenien war diese Sendung
ebenso von Erfolg wie die des Tiberius. Der roemische Kronprinz und der
parthische Grosskoenig Phraatakes trafen persoenlich auf einer Insel des Euphrat
zusammen; die Parther gaben wieder einmal Armenien auf und die nahegerueckte
Gefahr eines parthischen Krieges ward abgewandt, das gestoerte Einvernehmen
wenigstens aeusserlich wiederhergestellt. Den Armeniern setzte Gaius den
Ariobarzanes, einen Prinzen aus dem medischen Fuerstenhause, zum Koenig, und die
Oberherrschaft Roms wurde abermals befestigt. Indes fuegten die antiroemisch
gesinnten Armenier sich nicht ohne Widerstand; es kam nicht bloss zum Einruecken
der Legionen, sondern auch zum Schlagen. Vor den Mauern des armenischen Kastells
Artageira empfing der junge Kronprinz von einem parthischen Offizier durch
tueckische List die Wunde (2 n. Chr.), an der er nach monatelangem Siechen
hinstarb. Die Verschlingung der Reichs- und der dynastischen Politik bestrafte
sich aufs neue. Der Tod eines jungen Mannes aenderte den Gang der grossen
Politik; die so zuversichtlich dem Publikum angekuendigte arabische Expedition
fiel weg, nachdem ihr Gelingen dem Sohn des Kaisers nicht mehr den Weg zur
Nachfolge ebnen konnte. Auch an weitere Unternehmungen am Euphrat wurde nicht
mehr gedacht; das Naechste, die Besetzung Armeniens und die Wiederherstellung
der Beziehungen zu den Parthern war erreicht, wie truebe Schatten auch durch den
Tod des Kronprinzen auf diesen Erfolg fielen.
Bestand hatte derselbe so wenig wie der der glaenzenderen Expedition des
Jahres 734 (20). Die von Rom eingesetzten Herrscher Armeniens wurden bald von
denen der Gegenpartei unter versteckter oder offener Beteiligung der Parther
bedraengt oder verdraengt. Als der in Rom erzogene parthische Prinz Vonones auf
den erledigten parthischen Thron berufen ward, hofften die Roemer an ihm eine
Stuetze zu finden; allein eben deswegen musste er bald ihn raeumen, und an seine
Stelle kam Koenig Artabanos von Medien, ein muetterlicherseits den Arsakiden
entsprossener, aber dem skythischen Volke der Daker angehoeriger und in
einheimischer Sitte aufgewachsener tatkraeftiger Mann (um 10 n. Chr.). Vonones
ward damals von den Armeniern als Herrscher aufgenommen und damit diese unter
roemischem Einfluss gehalten. Aber um so weniger konnte Artabanos seinen
verdraengten Nebenbuhler als Nachbarfuersten dulden; die roemische Regierung
haette, um den fuer seine Stellung in jeder Hinsicht ungeeigneten Mann zu
halten, Waffengewalt gegen die Parther wie gegen seine eigenen Untertanen
anwenden muessen. Tiberius, der inzwischen zur Regierung gekommen war, liess
nicht sofort einruecken, und fuer den Augenblick siegte in Armenien die
antiroemische Partei; aber es war nicht seine Absicht, auf das wichtige
Grenzland zu verzichten. Im Gegenteil wurde die wahrscheinlich laengst
beschlossene Einziehung des Koenigreichs Kappadokien im Jahre 17 zur Ausfuehrung
gebracht: der alte Archelaos, der dort seit dem Jahre 718 (36) den Thron
einnahm, ward nach Rom berufen und ihm hier angekuendigt, dass er aufgehoert
habe zu regieren. Ebenso kam das kleine, aber wegen der Euphratuebergaenge
wichtige Koenigreich Kommagene damals unter unmittelbare kaiserliche Verwaltung.
Damit war die unmittelbare Reichsgrenze bis an den mittleren Euphrat
vorgeschoben. Zugleich ging der Kronprinz Germanicus, der soeben am Rhein mit
grosser Auszeichnung kommandiert hatte, mit ausgedehnter Machtvollkommenheit
nach dem Osten, um die neue Provinz Kappadokien zu ordnen und das gesunkene
Ansehen der Reichsgewalt wiederherzustellen. Auch diese Sendung kam bald und
leicht zum Ziel. Germanicus, obwohl von dem Statthalter Syriens, Gnaeus Piso,
nicht mit derjenigen Truppenmacht unterstuetzt, die er fordern durfte und
gefordert hatte, ging nichtsdestoweniger nach Armenien und brachte durch das
blosse Gewicht seiner Persoenlichkeit und seiner Stellung das Land zum Gehorsam
zurueck. Den unfaehigen Vonones liess er fallen und setzte den Armeniern, den
Wuenschen der roemisch gesinnten Vornehmen entsprechend, zum Herrscher einen
Sohn jenes Polemon, den Antonius zum Koenig im Pontus gemacht hatte, den Zenon
oder, wie er als Koenig von Armenien heisst, Artaxias; dieser war einerseits dem
kaiserlichen Hause verbunden durch seine Mutter, die Koenigin Pythodoris, eine
Enkelin des Triumvirn Antonius, andererseits nach Landesart erzogen, ein
tuechtiger Waidmann und bei dem Gelag ein tapferer Zecher. Auch der Grosskoenig
Artabanos kam dem roemischen Prinzen in freundschaftlicher Weise entgegen und
bat nur um Entfernung seines Vorgaengers Vonones aus Syrien, um den zwischen
diesem und den unzufriedenen Parthern sich anspinnenden Zettelungen zu steuern.
Da Germanicus dieser Bitte entsprach und den unbequemen Fluechtling nach
Kilikien schickte, wo er bald darauf bei einem Fluchtversuch umkam, stellten
zwischen den beiden Grossstaaten die besten Beziehungen sich her. Artabanos
wuenschte sogar, mit Germanicus am Euphrat persoenlich zusammenzukommen, wie
dies auch Phraatakes und Gaius getan hatten; dies aber lehnte Germanicus ab,
wohl mit Ruecksicht auf Tiberius' leicht erregten Argwohn. Freilich fiel auf
diese orientalische Expedition derselbe truebe Schatten wie auf die
letztvorhergehende; auch von dieser kam der Kronprinz des Roemischen Reiches
nicht lebend heim.
Eine Zeitlang taten die getroffenen Einrichtungen ihren Dienst. So lange
Tiberius mit sicherer Hand die Herrschaft fuehrte und so lange Koenig Artaxias
von Armenien lebte, blieb im Orient Ruhe; aber in den letzten Jahren des alten
Kaisers, als derselbe von seiner einsamen Insel aus die Dinge gehen liess und
vor jedem Eingreifen zurueckscheute, und insbesondere nach dem Tode des Artaxias
(um 34) begann das alte Spiel abermals. Koenig Artabanos, gehoben durch sein
langes und glueckliches Regiment und durch vielfache, gegen die Grenzvoelker
Irans erstrittene Erfolge und ueberzeugt, dass der alte Kaiser keine Neigung
haben werde, einen schweren Krieg im Orient zu beginnen, bewog die Armenier,
seinen eigenen aeltesten Sohn, den Arsakes, zum Herrscher auszurufen, das heisst
die roemische Oberherrlichkeit mit der parthischen zu vertauschen. Ja er schien
es geradezu auf den Krieg mit Rom anzulegen; er forderte die Verlassenschaft
seines in Kilikien umgekommenen Vorgaengers und Rivalen Vonones von der
roemischen Regierung, und seine Schreiben an diese sprachen ebenso unverhuellt
aus, dass der Orient den Orientalen gehoere, wie sie die Greuel am kaiserlichen
Hofe, die man in Rom sich nur im vertrautesten Kreise zuzufluestern wagte, bei
ihrem rechten Namen nannten. Er soll sogar einen Versuch gemacht haben, sich in
Besitz von Kappadokien zu setzen. Aber indem alten Loewen hatte er sich
verrechnet. Tiberius war auch auf Capreae nicht bloss den Hofleuten furchtbar
und nicht der Mann, sich und in sich Rom ungestraft verhoehnen zu lassen. Er
sandte den Lucius Vitellius, den Vater des spaetem Kaisers, einen entschlossenen
Offizier und geschickten Diplomaten, nach dem Orient mit aehnlicher
Machtvollkommenheit, wie sie frueher Gaius Caesar und Germanicus gehabt hatten,
und mit dem Auftrag, noetigenfalls die syrischen Legionen ueber den Euphrat zu
fuehren. Zugleich wandte er das oft erprobte Mittel an, den Herrschern des
Ostens durch Insurrektionen und Praetendenten in ihrem eigenen Lande zu schaffen
zu machen. Dem Partherprinzen, den die armenischen Nationalen zum Herrscher
ausgerufen hatten, stellte er einen Fuersten aus dem Koenigshaus der Iberer
entgegen, den Mithradates, des Ibererkoenigs Pharasmanes Bruder, und wies diesen
sowie den Fuersten der Albaner an, den roemischen Praetendenten fuer Armenien
mit Heeresmacht zu unterstuetzen. Von den streitbaren und fuer jeden Werber
leicht zugaenglichen transkaukasischen Sarmaten wurden grosse Scharen mit
roemischem Golde fuer den Einfall in Armenien gedungen. Es gelang auch dem
roemischen Praetendenten, seinen Nebenbuhler durch bestochene Hofleute zu
vergiften und sich des Landes und der Hauptstadt Artaxata zu bemaechtigen.
Artabanos sandte an des Ermordeten Stelle einen anderen Sohn, Orodes, nach
Armenien und versuchte auch seinerseits transkaukasische Hilfstruppen zu
beschaffen; aber nur wenige kamen nach Armenien durch, und die parthischen
Reiterscharen waren der guten Infanterie der Kaukasusvoelker und den
gefuerchteten sarmatischen berittenen Schuetzen nicht gewachsen. Orodes wurde in
harter Feldschlacht ueberwunden und selbst im Zweikampf mit seinem Rivalen
schwer verwundet. Da brach Artabanos selber nach Armenien auf. Nun aber setzte
auch Vitellius die syrischen Legionen in Bewegung, um den Euphrat zu
ueberschreiten und in Mesopotamien einzufallen; und dies brachte die lange
gaerende Insurrektion im Partherreiche zum Ausbruch. Das energische und mit den
Erfolgen selbst immer schroffere Auftreten des skythischen Herrschers hatte
viele Personen und Interessen verletzt, insbesondere die mesopotamischen
Griechen und die maechtige Stadtgemeinde von Seleukeia, welcher er ihre nach
griechischer Art demokratische Gemeindeverfassung genommen hatte, ihm abwendig
gemacht. Das roemische Gold naehrte die sich vorbereitende Bewegung.
Unzufriedene Adlige hatten schon frueher sich mit der roemischen Regierung in
Verbindung gesetzt und einen echten Arsakiden von dieser erbeten. Tiberius hatte
des Phraates einzigen ueberlebenden, dem Vater gleichnamigen Sohn und, nachdem
der alte roemisch gewoehnte Mann den Anstrengungen noch in Syrien erlegen war,
an dessen Stelle einen ebenfalls in Rom lebenden Enkel des Phraates namens
Tiridates geschickt. Der parthische Fuerst Sinnakes, der Fuehrer dieser
Zettelungen, kuendigte jetzt dem Skythen den Gehorsam und pflanzte das Banner
der Arsakiden auf. Vitellius ueberschritt mit den Legionen den Euphrat und in
seinem Gefolge der neue Grosskoenig von roemischen Gnaden. Der parthische
Statthalter von Mesopotamien, Ornospades, der einst als Verbannter unter
Tiberius den pannonischen Krieg mitgemacht hatte, stellte sich und seine Truppen
sofort dem neuen Herrn zur Verfuegung des Sinnakes Vater Abdagaeses lieferte den
Reichsschatz aus; in kuerzester Zeit sah sich Artabanos von dem ganzen Lande
verlassen und gezwungen, in seine skythische Heimat zu fluechten, wo er als
unsteter Mann in den Waeldern herumirrte und mit seinem Bogen sich das Leben
fristete, waehrend dem Tiridates von den nach parthischer Staatsordnung zur
Kroenung des Herrschers berufenen Fuersten in Ktesiphon feierlich die Tiara aufs
Haupt gesetzt ward. Indes die Herrschaft des von dem Reichsfeind geschickten
neuen Grosskoenigs waehrte nicht lange. Das Regiment, welches weniger er
fuehrte, ein junger unerfahrener und untuechtiger Mann, als die ihn zum Koenig
gemacht hatten, vornehmlich Abdagaeses, rief bald Opposition hervor. Einige der
vornehmsten Satrapen waren schon bei der Kroenungsfeier ausgeblieben und zogen
den vertriebenen Herrscher wieder aus der Verbannung hervor; mit ihrem Beistand
und den von seinen skythischen Landsleuten gestellten Mannschaften kehrte
Artabanos zurueck, und schon im folgenden Jahre (36) war das ganze Reich mit
Ausnahme von Seleukeia wieder in seiner Gewalt, Tiridates ein fluechtiger Mann
und genoetigt, bei seinen roemischen Beschuetzern die Zuflucht zu heischen, die
ihm nicht versagt werden konnte. Vitellius fuehrte die Legionen abermals an den
Euphrat; aber da der Grosskoenig persoenlich erschien und sich zu allem
Verlangten bereit erklaerte, falls die roemische Regierung von Tiridates
abstehe, war der Friede bald geschlossen. Artabanos erkannte nicht bloss den
Mithradates als Koenig von Armenien an, sondern brachte auch dem Bildnis des
roemischen Kaisers die Huldigung dar, die von den Lehnsmannen gefordert zu
werden pflegte, und stellte seinen Sohn Dareios den Roemern als Geisel. Darueber
war der alte Kaiser gestorben; aber diesen so unblutigen wie vollstaendigen Sieg
seiner Politik ueber die Auflehnung des Orients hat er noch erlebt.
Was die Klugheit des Greises erreicht hatte, verdarb sofort der Unverstand
des Nachfolgers. Abgesehen davon, dass er verstaendige Einrichtungen des
Tiberius rueckgaengig machte, zum Beispiel das eingezogene Koenigreich Kommagene
wiederherstellte, goennte sein toerichter Neid dem toten Kaiser den erreichten
Erfolg nicht; den tuechtigen Statthalter von Syrien wie den neuen Koenig von
Armenien lud er zur Verantwortung nach Rom vor, setzte den letzteren ab und
schickte ihn, nachdem er ihn eine Zeitlang gefangen gehalten hatte, ins Exil.
Selbstverstaendlich griff die parthische Regierung zu und nahm das herrenlose
Armenien wiederum in Besitz ^28. Claudius hatte, als er im Jahre 41 zur
Regierung kam, die getane Arbeit von neuem zu beginnen. Er verfuhr nach dem
Beispiel des Tiberius. Mithradates, aus dem Exil zurueckgerufen, wurde wieder
eingesetzt und angewiesen, mit Hilfe seines Bruders sich Armeniens zu
bemaechtigen. Der damals zwischen den drei Soehnen des Koenigs Artabanos III.
gefuehrte Bruderkrieg im Partherreich ebnete den Roemern den Weg. Nach der
Ermordung des aeltesten Sohnes stritten Jahre lang Gotarzes und Vardanes um den
Thron; Seleukeia, das schon dem Vater den Gehorsam aufgekuendigt hatte, trotzte
sieben Jahre hindurch ihm und nachher den Soehnen; die Voelker Turans griffen
wie immer auch in diesen Hader der Fuersten Irans ein. Mithradates vermochte mit
Hilfe der Truppen seines Bruders und der Garnisonen der benachbarten roemischen
Provinzen die parthisch Gesinnten in Armenien zu ueberwaeltigen und sich wieder
zum Herrn daselbst zu machen ^29; das Land erhielt roemische Besatzung. Nachdem
Vardanes sich mit dem Bruder verglichen und endlich Seleukeia wieder eingenommen
hatte, machte er Miene, in Armenien einzuruecken; aber die drohende Haltung des
roemischen Legaten von Syrien hielt ihn ab und sehr bald brach der Bruder den
Vergleich und begann der Buergerkrieg aufs neue. Nicht einmal die Ermordung des
tapferen und im Kampf mit den Voelkern Turans siegreichen Vardanes setzte
demselben ein Ziel; die Gegenpartei wendete sich nun nach Rom und erbat sich von
der dortigen Regierung den dort lebenden Sohn des Vonones, den Prinzen
Meherdates, welcher dann auch vom Kaiser Claudius vor dem versammelten Senat den
Seinigen zur Verfuegung gestellt und nach Syrien entlassen ward mit der
Ermahnung, sein neues Reich gut und gerecht zu verwalten und der roemischen
Schutzfreundschaft eingedenk zu bleiben (Jahr 49). Er kam nicht in die Lage, von
diesen Ermahnungen Anwendung zu machen. Die roemischen Legionen, die ihm bis zum
Euphrat das Geleit gaben, uebergaben ihn dort denen, die ihn gerufen hatten, dem
Haupt des maechtigen Fuerstengeschlechts der Karen und den Koenigen Abgaros von
Edessa und Izates von Adiabene. Der unerfahrene und unkriegerische Juengling war
der Aufgabe so wenig gewachsen wie alle anderen von den Roemern aufgestellten
parthischen Herrscher; eine Anzahl seiner namhaftesten Anhaenger verliessen ihn,
so wie sie ihn kennenlernten und gingen zu Gotarzes; in der entscheidenden
Schlacht gab der Fall des tapferen Karen den Ausschlag. Meherdates wurde
gefangen und nicht einmal hingerichtet, sondern nur nach orientalischer Sitte
durch Verstuemmelung der Ohren regierungsunfaehig gemacht.
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^28 Der Bericht ueber die Besitzergreifung Armeniens fehlt, aber die
Tatsache geht aus Tac. ann. 11, 9 deutlich hervor. Wahrscheinlich gehoert
hierher, was Josephus (bel. Iud. 20 3, 3) von der Absicht des Nachfolgers des
Artabanos erzaehlt, gegen die Roemer Krieg zu fuehren wovon der Satrap von
Adiabene, Izates, ihn vergebens abmahnt. Josephus nennt diesen Nachfolger wohl
irrig Bardanes. Artabanos' III. unmittelbarer Nachfolger war nach Tac. ann. 11,
8 sein gleichnamiger Sohn, den nebst seinem Sohn dann Gotarzes aus dem Wege
raeumte; und dieser Artabanos IV. wird hier gemeint sein.
^29 Die Meldung des Petrus Patricius (fr. 3 Muell.), dass der Koenig
Mithradates von Iberien den Abfall von Rom geplant, aber, um den Schein der
Treue zu wahren, seinen Bruder Kotys an Claudius gesandt habe und dann, da
dieser dem Kaiser von jenen Umtrieben Anzeige gemacht, abgesetzt und durch den
Bruder ersetzt worden sei vertraegt sich nicht mit der gesicherten Tatsache,
dass in Iberien wenigstens vom Jahr 35 (Tac. ann. 6, 32) bis zum Jahr 60 (Tac.
ann. 14, 26) Pharasmanes, im Jahre 75 dessen Sohn Mithradates (CIL III, 6052)
geherrscht hat. Ohne Zweifel hat Petrus den Mithradates von Iberien und den
gleichnamigen Koenig des Bosporus zusammengeworfen und liegt hier die Erzaehlung
zu Grunde, welche Tacitus (ann. 12, 18) voraussetzt.
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Trotz dieser Niederlage der roemischen Politik im Partherreich blieb
Armenien den Roemern, solange der schwache Gotarzes ueber die Parther herrschte.
Aber sowie eine kraeftigere Hand die Zuegel der Herrschaft fasste und die
inneren Kaempfe ruhten, ward auch der Kampf um jenes Land wieder aufgenommen.
Koenig Vologasos, der nach dem Tode des Gotarzes und dem kurzen Regiment
Vonones' II, diesem seinem Vater im Jahre 51 sukzedierte ^30, bestieg den Thron
ausnahmsweise in vollem Einverstaendnis mit seinen beiden Bruedern Pakoros und
Tiridates. Er war ein faehiger und umsichtiger Regent - auch als Staedtegruender
finden wir ihn und mit Erfolg bemueht, den Handel von Palmyra nach seiner Stadt
Vologasias am unteren Euphrat zu lenken -, raschen und extremen Entschluessen
abgeneigt und bemueht, mit dem maechtigen Nachbarn womoeglich Frieden zu halten.
Aber die Rueckgewinnung Armeniens war der leitende politische Gedanke der
Dynastie und auch er bereit, jede Gelegenheit zu seiner Verwirklichung zu
benutzen. Diese Gelegenheit schien jetzt sich zu bieten. Der armenische Hof war
der Schauplatz einer der entsetzlichsten Familientragoedien geworden, die die
Geschichte verzeichnet. Der alte Koenig der Iberer, Pharasmanes, unternahm es,
seinen Bruder, den Koenig von Armenien Mithradates, vom Thron zu stossen und
seinen eigenen Sohn Rhadamistos an dessen Stelle zu setzen. Unter dem Vorwande
eines Zerwuerfnisses mit dem Vater erschien Rhadamistos bei seinem Oheim und
Schwiegervater und knuepfte mit angesehenen Armeniern Verhandlungen in jenem
Sinne an. Nachdem er sich eines Anhangs versichert hatte, ueberzog Pharasmanes
im Jahre 52 unter nichtigen Vorwaenden den Bruder mit Krieg und brachte auch das
Land in seine oder vielmehr seines Sohnes Gewalt. Mithradates stellte sich unter
den Schutz der roemischen Besatzung des Kastells Gorneae ^31. Diese anzugreifen
wagte Rhadamistos nicht; aber der Kommandant Caelius Pollio war als
nichtswuerdig und feil bekannt. Der unter ihm den Befehl fuehrende Centurio
begab sich zu Pharasmanes, um ihn zur Zurueckrufung seiner Truppen zu bestimmen,
was dieser wohl versprach, aber nicht hielt. Waehrend der Abwesenheit des
Zweitkommandierenden noetigte Pollio den Koenig, der wohl ahnte, was ihm
bevorstand, durch die Drohung, ihn im Stiche zu lassen, sich dem Rhadamistos in
die Haende zu liefern. Von diesem wurde er umgebracht, mit ihm seine Gattin, des
Rhadamistos' Schwester und die Kinder derselben, weil sie im Anblick der Leichen
ihrer Eltern in Jammergeschrei ausbrachen. Auf diese Weise gelangte Rhadamistos
zur Herrschaft von Armenien. Die roemische Regierung durfte weder solchen, von
ihren Offizieren mitverschuldeten Greueln zusehen noch dulden, dass einer ihrer
Lehnstraeger den andern mit Krieg ueberzog. Nichtsdestoweniger erkannte der
Statthalter von Kappadokien, Iulius Paelignus, den neuen Koenig von Armenien an.
Auch im Rat des Statthalters von Syrien, Ummidius Quadratus, ueberwog die
Meinung, dass es den Roemern gleichgueltig sein koenne, ob der Oheim oder der
Neffe ueber Armenien herrsche; der nach Armenien mit einer Legion gesendete
Legat erhielt nur den Auftrag, den Status quo bis auf weiteres aufrecht zu
halten. Da hielt der Partherkoenig, in der Voraussetzung, dass die roemische
Regierung sich nicht beeifern werde, fuer den Koenig Rhadamistos einzutreten,
den Moment fuer geeignet, seine alten Ansprueche auf Armenien wieder
aufzunehmen. Er belehnte mit Armenien seinen Bruder Tiridates, und die
einrueckenden parthischen Truppen bemaechtigten sich fast ohne Schwertstreich
der beiden Hauptstaedte Tigranokerta und Artaxata und des ganzen Landes. Als
Rhadamistos einen Versuch machte, den Preis seiner Bluttaten festzuhalten,
schlugen die Armenier selbst ihn zum Lande hinaus. Die roemische Besatzung
scheint nach der Uebergabe von Gorneae Armenien verlassen zu haben; die aus
Syrien in Marsch gesetzte Legion zog der Statthalter zurueck, um nicht mit den
Parthern in Konflikt zu geraten.
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^30 Wenn die Muenzen, die freilich meistens nur nach der
Bildnisaehnlichkeit sich scheiden lassen, richtig attributiert sind, so reichen
die des Gotarzes bis Sel. 362 Daesius = n. Chr. 51, Juni und beginnen die des
Volagasos (von Vonones II. kennen wir keine) mit Sel. 362 Gorpiaeus = n. Chr.
51, September (Gardner, Parthian coinage, S. 50, 51), was mit Tacitus (ann. 12,
14, 44) uebereinstimmt.
^31 Gorneae, bei den Armeniern Garhni, wie die Ruine (nahe, oestlich von
Eriwan) noch jetzt genannt wird. Kiepert.
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Als diese Kunde nach Rom kam (Ende 54), war Kaiser Claudius eben gestorben
und regierten fuer den jungen siebzehnjaehrigen Nachfolger tatsaechlich die
Minister Burrus und Seneca. Das Vorgehen des Vologasos konnte nur mit der
Kriegserklaerung beantwortet werden. In der Tat sandte die roemische Regierung
nach Kappadokien, das sonst Statthalterschaft zweiten Ranges und nicht mit
Legionen belegt war, ausnahmsweise den konsularischen Legaten Gnaeus Domitius
Corbulo. Er war als Schwager des Kaisers Gaius rasch vorwaerts gekommen, dann
unter Claudius im Jahre 47 Legat von Untergermanien gewesen und galt seitdem als
einer der damals nicht zahlreichen tuechtigen, die vielfach verfallene Disziplin
energisch handhabenden Heerfuehrer, selbst eine herkulische Gestalt, jeder
Strapaze gewachsen und nicht bloss dem Feind, sondern auch seinen eigenen
Soldaten gegenueber von ruecksichtslosem Mut. Es schien ein Zeichen des
Besserwerdens der Dinge, dass die Neronische Regierung das erste von ihr zu
besetzende wichtige Kommando an ihn vergab. Der unfaehige syrische Legat von
Syrien, Quadratus, wurde nicht abgerufen, aber angewiesen, zwei von seinen vier
Legionen dem Statthalter der Nachbarprovinz zur Verfuegung zu stellen. Die
Legionen alle wurden an den Euphrat herangezogen und die sofortige Schlagung der
Bruecken ueber den Fluss angeordnet. Die beiden westlich zunaechst an Armenien
grenzenden Landschaften Klein-Armenien und Sophene wurden zwei zuverlaessigen
syrischen Fuersten, dem Aristobulos aus einem Seitenzweig des herodischen Hauses
und dem Sohaemos aus der Herrscherfamilie von Hemesa zugeteilt und beide unter
Corbulos Befehle gestellt. Der Koenig des damals noch uebrigen Restes des
Judenstaats Agrippa und der Koenig von Kommagene Antiochos erhielten ebenfalls
Marschbefehl. Indes zunaechst kam es nicht zum Schlagen. Die Ursache lag zum
Teil in dem Zustand der syrischen Legionen; es war ein schlimmes Armutszeugnis
fuer die bisherige Verwaltung, dass Corbulo die ihm ueberwiesenen Truppen
geradezu als unbrauchbar bezeichnen musste. Die in den griechischen Provinzen
ausgehobenen und garnisonierenden Legionen waren immer geringer gewesen als die
okzidentalischen; jetzt hatte die entnervende Gewalt des Orients bei dem langen
Friedensstand und der schlaffen Heereszucht dieselben voellig demoralisiert. Die
Soldaten hielten mehr in den Staedten sich auf als in den Lagern; nicht wenige
derselben waren des Waffentragens entwoehnt und wussten nichts von Lagerschlagen
und Wachdienst; die Regimenter waren lange nicht ergaenzt und enthielten
zahlreiche alte unbrauchbare Leute; Corbulo hatte zunaechst eine grosse Anzahl
von Soldaten zu entlassen und in noch viel groesserer Zahl Rekruten auszuheben
und auszubilden. Der Wechsel der bequemen Winterquartiere am Orontes mit denen
in den rauben armenischen Bergen, die ploetzliche Einfuehrung unerbittlich
strenger Lagerzucht fuehrte vielfach Erkrankungen herbei und veranlasste
zahlreiche Desertionen. Trotz allem dem sah sich der Feldherr, als es Ernst
ward, genoetigt, um Zusendung einer der besseren Legionen des Okzidents zu
bitten. Unter diesen Umstaenden beeilte er sich nicht, seine Soldaten an den
Feind zu bringen; indes waren doch dabei ueberwiegend politische Ruecksichten
massgebend.
Waere es die Absicht der roemischen Regierung gewesen, den parthischen
Herrscher sofort aus Armenien zu vertreiben, und zwar nicht den Rhadamistos, mit
dessen Blutschuld die Roemer keine Veranlassung hatten, sich zu beflecken, aber
irgendeinen anderen Fuersten ihrer Wahl an dessen Stelle zu setzen, so haetten
dazu die Streitkraefte Corbulos wohl sofort ausgereicht, da Koenig Vologasos,
wieder einmal durch innere Unruhen abgezogen, seine Truppen aus Armenien
weggefuehrt hatte. Aber dies lag nicht im Plane der Roemer; man wollte dort
vielmehr das Regiment des Tiridates sich gefallen lassen und ihn nur zur
Anerkennung der roemischen Oberherrlichkeit bestimmen und noetigenfalls zwingen;
nur zu diesem Zweck sollten aeussersten Falls die Legionen marschieren. Es kam
dies der Sache nach der Abtretung Armeniens an die Parther sehr nahe. Was fuer
diese sprach und was sie verhinderte, ist frueher entwickelt worden. Wurde jetzt
Armenien als parthische Sekundogenitur geordnet, so war die Anerkennung des
roemischen Lehnsrechts wenig mehr als eine Formalitaet, genau genommen nichts
als eine Deckung der militaerischen und politischen Ehre. Also hat die Regierung
der frueheren neronischen Zeit, der notorisch an Einsicht und Energie wenige
gleich kamen, beabsichtigt, sich Armeniens in schicklicher Weise zu entledigen;
und es kann das nicht verwundern. Man schoepfte hier in der Tat in das Sieb. Der
Besitz Armeniens war wohl im Jahre 20 v. Chr. durch Tiberius, dann durch Gaius
im Jahre 2, durch Germanicus im Jahre 18, durch Vitellius im Jahre 36 im Lande
selbst wie bei den Parthern zur Geltung und Anerkennung gebracht worden. Aber
eben diese regelmaessig sich wiederholenden und regelmaessig von Erfolg
gekroenten und doch niemals zu dauernder Wirkung gelangenden ausserordentlichen
Expeditionen gaben den Parthern recht, wenn sie in den Verhandlungen unter Nero
behaupteten, dass die roemische Oberherrschaft ueber Armenien ein leerer Name,
das Land nun einmal parthisch sei und sein wolle. Zur Geltendmachung der
roemischen Obergewalt bedurfte es immer wenn nicht der Kriegfuehrung, doch der
Kriegdrohung, und die dadurch bedingte stetige Reibung machte den dauernden
Friedensstand zwischen den beiden benachbarten Grossmaechten unmoeglich. Die
Roemer hatten, wenn sie folgerichtig verfuhren, nur die Wahl, Armenien und das
linke Euphratufer ueberhaupt entweder durch Beseitigung der bloss mittelbaren
Herrschaft effektiv in ihre Gewalt zu bringen oder es soweit den Parthern zu
ueberlassen, als dies mit dem obersten Grundsatz des roemischen Regiments, keine
gleichberechtigte Grenzmacht anzuerkennen, sich vertrug. Augustus und die
bisherigen Regenten hatten die erstere Alternative entschieden abgelehnt, und
sie haetten also den zweiten Weg einschlagen sollen; aber auch diesen
abzulehnen, hatten sie wenigstens versucht und das parthische Koenigshaus von
der Herrschaft ueber Armenien ausschliessen wollen, ohne es zu koennen. Dies
muessen die leitenden Staatsmaenner der frueheren neronischen Zeit als einen
Fehler betrachtet haben, da sie Armenien den Arsakiden ueberliessen und sich auf
das denkbar geringste Mass von Rechten daran beschraenkten. Wenn die Gefahren
und die Nachteile, welche das Festhalten dieser nur aeusserlich dem Reich
anhaftenden Landschaft dem Staate brachte, gegen diejenigen abgewogen wurden,
welche die Partherherrschaft ueber Armenien fuer die Roemer nach sich zog, so
konnte, zumal bei der geringen Offensivkraft des Parthischen Reiches, die
Entscheidung wohl in dem letzteren Sinne gefunden werden: Unter allen Umstaenden
aber war diese Politik konsequent und suchte das auch von Augustus verfolgte
Ziel in klarerer und verstaendigerer Weise zu erreichen.
Von diesem Standpunkt aus versteht man, weshalb Corbulo und Quadratus,
statt den Euphrat zu ueberschreiten, mit Vologasos Verhandlungen anknuepften und
nicht minder, dass dieser, ohne Zweifel von den wirklichen Absichten der Roemer
unterrichtet, sich dazu verstand, in aehnlicher Weise wie sein Vorgaenger den
Roemern sich zu beugen und ihnen als Friedenspfand eine Anzahl dem koeniglichen
Hause nahestehender Geiseln zu ueberliefern. Die stillschweigend vereinbarte
Gegenleistung dafuer war die Duldung der Herrschaft des Tiridates ueber Armenien
und die Nichtaufstellung eines roemischen Praetendenten. So gingen einige Jahre
in faktischem Friedensstand hin. Aber da Vologasos und Tiridates sich nicht dazu
verstanden, um die Belehnung des letzteren mit Armenien bei der roemischen
Regierung einzukommen ^32, ergriff Corbulo im Jahre 58 gegen Tiridates die
Offensive. Eben die Politik des Zurueckweichens und Nachgehens bedurfte, wenn
sie bei Freund und Feind nicht als Schwaeche erscheinen sollte, der Folie, also
entweder der foermlichen und feierlichen Anerkennung der roemischen Obergewalt
oder besser noch des mit den Waffen gewonnenen Sieges.
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^32 Noch nach dem Angriff beschwerte Tiridates sich, cur datis nuper
obsidibus redintegrataque amicitia . . . vetere Armeniae possessione
depelleretur, und Corbulo stellte ihm, falls er sich bittweise an den Kaiser
wende, ein regnum stabile in Aussicht (Tac. ann. 12 37). Auch anderswo wird als
der eigentliche Kriegsgrund die Weigerung des Lehnseides bezeichnet (Tac. ann.
12, 34).
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Im Sommer des Jahres 58 fuehrte Corbulo eine leidlich schlagfaehige Armee
von mindestens 30000 Mann ueber den Euphrat. Die Reorganisation und die
Abhaertung der Truppen wurde durch die Kampagne selbst vollendet und das erste
Winterquartier auf armenischem Boden genommen. Im Fruehjahr 59 ^33 begann er den
Vormarsch in der Richtung auf Artaxata. Zugleich brachen in Armenien von Norden
her die Iberer ein, deren Koenig Pharasmanes, um seine eigenen Frevel zu
bedecken, seinen Sohn Rhadamistos hatte hinrichten lassen und nun weiter bemueht
war, durch gute Dienste seine Verschuldung in Vergessenheit zu bringen; nicht
minder ihre nordwestlichen Nachbarn, die tapferen Moscher, von Sueden Koenig
Antiochos von Kommagene. Koenig Vologasos war durch den Aufstand der Hyrkaner an
der entgegengesetzten Seite des Reiches festgehalten und konnte oder wollte in
den Kampf nicht unmittelbar eingreifen. Tiridates leistete mutigen Widerstand;
aber er vermochte nichts gegen die erdrueckende Uebermacht. Vergeblich versuchte
er sich auf die Verbindungslinien der Roemer zu werfen, die ihre Beduerfnisse
ueber das Schwarze Meer und den Hafen von Trapezus bezogen. Die Burgen Armeniens
fielen unter den Angriffen der stuermenden Roemer, und die Besatzungen wurden
bis auf den letzten Mann niedergemacht. In einer Feldschlacht unter den Mauern
von Artaxata geschlagen, gab Tiridates den ungleichen Kampf auf und ging zu den
Parthern. Artaxata ergab sich und hier, im Herzen von Armenien, ueberwinterte
das roemische Heer. Im Fruehjahr 60 brach Corbulo von dort auf, nachdem er die
Stadt niedergebrannt hatte, und marschierte quer durch das Land auf dessen
zweite Hauptstadt Tigranokerta oberhalb Nisibis im Tigrisgebiet. Der Schrecken
ueber die Zerstoerung Artaxatas ging ihm voraus; ernstlicher Widerstand wurde
nirgends geleistet; auch Tigranokerta oeffnete dem Sieger freiwillig die Tore,
der hier in wohlberechneter Weise die Gnade walten liess. Tiridates machte noch
einen Versuch, zurueckzukehren und den Kampf wieder aufzunehmen, wurde aber ohne
besondere Anstrengung abgewiesen. Am Ausgang des Sommers 60 war ganz Armenien
unterworfen und stand zur Verfuegung der roemischen Regierung.
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^33 Der Bericht bei Tacitus (ann. 13, 34-41) umfasst ohne Zweifel die
Kampagnen der Jahre 58 und 59, da Tacitus unter dem Jahr 59 von dem armenischen
Feldzug schweigt, unter dem Jahr 60 aber (ann. 14, 23) unmittelbar an 13, 41
anknuepft und offenbar nur einen einzigen Feldzug schildert, ueberhaupt, wo er
in dieser Weise zusammenfasst, in der Regel antizipiert. Dass der Krieg nicht
erst 59 angefangen haben kann, bestaetigt weiter die Tatsache, dass Corbulo die
Sonnenfinsternis vom 30. April 59 auf armenischem Boden beobachtete (Plin. nat.
2, 70, 180); waere er erst 59 eingerueckt, so konnte er so frueh im Jahre kaum
die feindliche Grenze ueberschritten haben. Einen Jahreinschnitt zeigt die
Erzaehlung des Tacitus (ann. 13, 34-41) an sich nicht, wohl aber laesst sie bei
seiner Art zu berichten die Moeglichkeit zu dass das erste Jahr mit dem
Ueberschreiten des Euphrat und der Festsetzung in Armenien verging, also der c.
35 erwaehnte Winter der des Jahres 58/59 ist, zumal da bei der Beschaffenheit
des Heeres eine derartige Kriegseinleitung wohl am Platze und bei dem kurzen
armenischen Sommer es militaerisch zweckmaessig war, den Einmarsch und die
eigentliche Kriegfuehrung also zu trennen.
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Es ist begreiflich, dass man in Rom jetzt von Tiridates absah. Der Prinz
Tigranes, ein Urenkel von vaeterlicher Seite Herodes' des Grossen, von
muetterlicher des Koenigs Archelaos von Kappadokien, auch dem alten armenischen
Koenigshause von weiblicher Seite verwandt und ein Neffe eines der ephemeren
Herrscher Armeniens aus den letzten Jahren des Augustus, in Rom erzogen und
durchaus ein Werkzeug der roemischen Regierung, wurde jetzt (60) von Nero mit
dem Koenigreich Armenien belehnt und auf des Kaisers Befehl von Corbulo in die
Herrschaft eingesetzt. Im Lande blieb roemische Besatzung, 1000 Legionarier und
drei- bis viertausend Reiter und Infanterie der Auxilien. Ein Teil der
Grenzlandschaften ward von Armenien abgetrennt und verteilt unter die
benachbarten Koenige Polemon von Pontus und Trapezus, Aristobulos von Klein-
Armenien, Pharasmanes von Iberien und Antiochos von Kommagene. Dagegen rueckte
der neue Herr von Armenien, natuerlich mit Einwilligung der Roemer, in die
angrenzende parthische Provinz Adiabene ein, schlug den dortigen Statthalter
Monobazos und schien auch diese Landschaft vom parthischen Staat abreissen zu
wollen.
Diese Wendung der Dinge noetigte die parthische Regierung, aus ihrer
Passivitaet herauszutreten; es handelte sich nun nicht mehr um die
Wiedergewinnung Armeniens, sondern um die Integritaet des Parthischen Reiches.
Die lange drohende Kollision zwischen den beiden Grossstaaten schien
unvermeidlich. Vologasos bestaetigte in einer Versammlung der Grossen des
Reiches den Tiridates wiederholt als Koenig von Armenien und sandte mit ihm den
Feldherrn Monaeses gegen den roemischen Usurpator des Landes, der in
Tigranokerta, welches die roemischen Truppen besetzt hielten, von den Parthern
belagert ward. Vologasos selbst zog die parthische Hauptmacht in Mesopotamien
zusammen und bedrohte (Anfang 61) Syrien. Corbulo, der nach Quadratus' Tode zur
Zeit in Kappadokien wie in Syrien das Kommando fuehrte, aber von der Regierung
die Ernennung eines anderen Statthalters fuer Kappadokien und Armenien erbeten
hatte, sandte vorlaeufig zwei Legionen nach Armenien, um Tigranes Beistand zu
leisten, waehrend er selbst an den Euphrat rueckte, um den Partherkoenig zu
empfangen. Indes es kam wieder nicht zum Schlagen, sondern zum Vertrag.
Vologasos, wohl wissend, wie gefaehrlich das beginnende Spiel sei, erklaerte
sich jetzt bereit, auf die vor dem Ausbruch des armenischen Krieges von den
Roemern vergeblich angebotenen Bedingungen einzugehen und die Belehnung des
Bruders durch den roemischen Kaiser zu gestatten. Corbulo ging auf den Vorschlag
ein. Er liess den Tigranes fallen, zog die roemischen Truppen aus Armenien
zurueck und liess es geschehen, dass Tiridates daselbst sich festsetzte,
waehrend die parthischen Hilfstruppen ebenfalls abzogen; dagegen schickte
Vologasos eine Gesandtschaft an die roemische Regierung und erklaerte die
Bereitwilligkeit seines Bruders, das Land von Rom zu Lehen zu nehmen.
Diese Massnahmen Corbulos waren bedenklicher Art ^34 und fuehrten zu einer
ueblen Verwicklung. Der roemische Feldherr mag wohl mehr noch als die
Staatsmaenner in Rom von der Nutzlosigkeit des Festhaltens von Armenien
durchdrungen gewesen sein; aber nachdem die roemische Regierung den Tigranes als
Koenig von Armenien eingesetzt hatte, durfte er nicht von sich aus auf die
frueher gestellten Bedingungen zurueckgreifen, am wenigsten seine eigenen
Eroberungen preisgeben und die roemischen Truppen aus Armenien zurueckziehen. Er
war dazu um so weniger berechtigt, als er Kappadokien und Armenien nur
interimistisch verwaltete und selbst der Regierung erklaert hatte, dass er nicht
imstande sei, zugleich dort und in Syrien das Kommando zu fuehren; woraufhin der
Konsular Lucius Caesennius Paetus zum Statthalter von Kappadokien ernannt und
auch dorthin bereits unterwegs war. Der Verdacht ist kaum abzuweisen, dass
Corbulo diesem die Ehre der schliesslichen Unterwerfung Armeniens nicht goennte
und durch den faktischen Friedensschluss mit den Parthern vor seinem Eintreffen
ein Definitivum herzustellen wuenschte. Die roemische Regierung lehnte denn auch
die Antraege des Vologasos ab und bestand auf der Festhaltung Armeniens, das,
wie der neue, im Laufe des Sommers 61 in Kappadokien eingetroffene Statthalter
erklaerte, sogar in unmittelbare roemische Verwaltung genommen werden sollte. Ob
die roemische Regierung in der Tat sich entschlossen hatte, so weit zu gehen,
ist nicht auszumachen; aber es lag dies allerdings in der Konsequenz ihrer
Politik. Die Einsetzung eines von Rom abhaengigen Koenigs war nur die
Verlaengerung des bisherigen unhaltbaren Zustandes; wer die Abtretung Armeniens
an die Parther nicht wollte, musste die Umwandlung des Koenigreichs in eine
roemische Provinz ins Auge fassen. Der Krieg hatte also seinen Fortgang; es
wurde darum auch eine der moesischen Legionen dem kappadokischen Heer zugesandt.
Als Paetus eintraf, lagerten die beiden von Corbulo ihm zugewiesenen Legionen
diesseits des Euphrat in Kappadokien; Armenien war geraeumt und musste wieder
erobert werden. Paetus ging sofort an das Werk, ueberschritt bei Melitene
(Malatia) den Euphrat, rueckte in Armenien ein und bezwang die naechsten Burgen
an der Grenze. Indes die vorgerueckte Jahreszeit noetigte ihn bald, die
Operationen einzustellen und auf die beabsichtigte Wiederbesetzung Tigranokertas
fuer dies Jahr zu verzichten; doch nahm er, um im naechsten Fruehjahr den Marsch
sogleich wieder aufzunehmen, nach Corbulos Beispiel die Winterquartiere in
Feindesland bei Rhandeia, an einem Nebenfluss des Euphrat, dem Arsanias, unweit
des heutigen Charput, waehrend der Tross und die Weiber und Kinder unweit davon
in dem festen Kastell Arsamosata untergebracht wurden. Aber er hatte die
Schwierigkeit des Unternehmens unterschaetzt. Die eine und die beste seiner
Legionen, die moesische, war noch auf dem Marsch und ueberwinterte diesseits des
Euphrat im pontischen Gebiet; die beiden anderen waren nicht diejenigen, welche
Corbulo kriegen und siegen gelehrt hatte, sondern die frueheren syrischen des
Quadratus, unvollzaehlig und ohne durchgreifende Reorganisation kaum brauchbar.
Dabei stand er nicht wie Corbulo den Armeniern allein, sondern der Hauptmasse
der Parther gegenueber; Vologasos hatte, als es mit dem Kriege Ernst ward, den
Kern seiner Truppen aus Mesopotamien nach Armenien gefuehrt und den
strategischen Vorteil, dass er die inneren und kuerzeren Linien beherrschte,
verstaendig zur Geltung gebracht. Corbulo haette, zumal da er den Euphrat
ueberbrueckt und am anderen Ufer Brueckenkoepfe angelegt hatte, diesen Abmarsch
durch einen rechtzeitigen Einfall in Mesopotamien wenigstens erschweren oder
doch wettmachen koennen; aber er ruehrte sich nicht aus seinen Stellungen und
ueberliess es Paetus, sich der Gesamtmacht der Feinde zu erwehren, wie er
konnte. Dieser war weder selber Militaer noch bereit, militaerischen Rat
anzunehmen und zu befolgen, nicht einmal ein Mann von entschlossenem Charakter,
uebermuetig und ruhmredig im Anlauf, verzagt und kleinmuetig gegenueber dem
Misserfolg. Also kam, was kommen musste. Im Fruehling 62 griff nicht Paetus an,
sondern Vologasos; die vorgeschobenen Truppen, welche den Parthern den Weg
verlegen sollten, wurden von der Uebermacht erdrueckt; der Angriff verwandelte
sich rasch in eine Belagerung der roemischen weit auseinandergezogenen
Stellungen in dem Winterlager und dem Kastell. Die Legionen konnten weder
vorwaerts noch zurueck; die Soldaten desertierten massenweise; die einzige
Hoffnung ruhte auf Corbulos fern im noerdlichen Syrien, ohne Zweifel bei Zeugma,
untaetig lagernden Legionen. In die Schuld der Katastrophe teilten sich beide
Generale, Corbulo wegen des verspaeteten Aufbruchs zur Hilfe ^35, obwohl er
dann, als er den ganzen Umfang der Gefahr erkannte, den Marsch nach Moeglichkeit
beschleunigte, Paetus, weil er den kuehnen Entschluss, lieber unterzugehen als
zu kapitulieren, nicht zu fassen vermochte und damit die nahe Rettung
verscherzte; noch drei Tage laenger und die 5000 Mann, welche Corbulo
heranfuehrte, haetten die ersehnte Hilfe gebracht. Die Bedingungen der
Kapitulation waren freier Abzug fuer die Roemer und Raeumung Armeniens unter
Auslieferung aller von ihnen besetzten Kastelle und aller in ihren Haenden
befindlichen Vorraete, deren die Parther dringend benoetigt waren. Dagegen
erklaerte Vologasos sich bereit, trotz dieses militaerischen Erfolges Armenien
als roemisches Lehen fuer den Bruder von der kaiserlichen Regierung zu erbitten
und deswegen Gesandte an Nero zu senden ^36. Die Maessigung des Siegers kann
darauf beruhen, dass er von Corbulos Annaehern bessere Kunde hatte als die
eingeschlossene Armee; aber wahrscheinlicher lag dem vorsichtigen Mann gar
nichts daran, die Katastrophe des Crassus zu erneuern und wiederum roemische
Adler nach Ktesiphon zu bringen. Die Niederlage einer roemischen Armee, das
wusste er, war nicht die Ueberwaeltigung Roms und die reale Konzession, welche
in der Anerkennung des Tiridates lag, ward durch die Nachgiebigkeit in der Form
nicht allzu teuer erkauft.
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^34 Aus der Darstellung des Tacitus (ann. 15, 6) sieht die Parteilichkeit
und die Verlegenheit deutlich heraus. Die Auslieferung Armeniens an Tiridates
auszusprechen, wagt er nicht und laesst sie den Leser nur schliessen.
^35 Das sagt Tacitus selbst (arm. 15, 10): nec a Corbulone properatum, quo
gliscentibus periculis etiam subsidii laus augeretur, in naiver Unbefangenheit
ueber den schweren Tadel, den dieses Lob in sich traegt. Wie parteiisch der
ganze, auf Corbulos Depeschen beruhende Bericht gehalten ist, beweist unter
anderem, dass dem Paetus in einem Atem die ungenuegende Verproviantierung des
Lagers (15, 8) und die Uebergabe desselben trotz reichlicher Vorraete (15 16)
zum Vorwurf gemacht und die letztere Tatsache daraus geschlossen wird, dass die
abziehenden Roemer die nach der Kapitulation den Parthern auszuliefernden
Vorraete lieber zerstoerten. Wie die Erbitterung gegen Tiberius in der
Schoenfaerberei des Germanicus, so hat die gegen Nero in der des Corbulo ihren
Ausdruck gefunden.
^36 Corbulos Angabe, dass Paetus in Gegenwart seiner Soldaten und der
parthischen Abgesandten sich eidlich verpflichtet habe, bis zum Eintreffen der
Antwort Neros keine Truppen nach Armenien zu schicken, erklaert Tacitus (ann.
15, 16) fuer unglaubwuerdig; der Sachlage entspricht sie, und es ist auch nicht
dagegen gehandelt worden.
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Die roemische Regierung lehnte das Anerbieten des Partherkoenigs abermals
ab und befahl die Fortsetzung des Krieges. Sie konnte nicht wohl anders; war die
Anerkennung des Tiridates vor dem Wiederbeginn des Krieges bedenklich und nach
der parthischen Kriegserklaerung kaum annehmbar, so erschien sie jetzt, als
Konsequenz der Kapitulation von Rhandeia, geradezu als deren Ratifikation. Von
Rom aus wurde die Wiederaufnahme des Kampfes gegen die Parther in energischer
Weise betrieben. Paetus wurde abberufen; Corbulo, in dem die durch die
schimpfliche Kapitulation erregte oeffentliche Meinung nur den Besieger
Armeniens sah und den auch die, welche die Sachlage genau kannten und scharf
beurteilten, nicht umhin konnten, als den faehigsten und fuer diesen Krieg
einzig geeigneten Feldherrn zu bezeichnen, uebernahm wieder die
Statthalterschaft von Kappadokien, aber zugleich das Kommando ueber saemtliche
fuer diesen Feldzug verwendbare Truppen, welche noch weiter durch eine siebente,
aus Pannonien herbeigerufene Legion verstaerkt wurden; demnach wurde alle
Statthalter und Fuersten des Orients angewiesen, in militaerischen
Angelegenheiten seinen Anordnungen Folge zu leisten, so dass seine Amtsgewalt
derjenigen, welche den Kronprinzen Gaius und Germanicus fuer ihre Sendungen in
den Orient beigelegt worden war, ziemlich gleichkam. Wenn diese Massregeln eine
ernste Reparation der roemischen Waffenehre herbeifuehren sollten, so verfehlten
sie ihren Zweck. Wie Corbulo die Sachlage ansah, zeigte schon das Abkommen, das
er nicht lange nach der Katastrophe von Rhandeia mit dem Partherkoenig traf:
dieser zog die parthischen Besatzungen aus Armenien zurueck, die Roemer raeumten
die auf mesopotamischem Gebiet zum Schutz der Bruecken angelegten Kastelle. Fuer
die roemische Offensive waren die parthischen Besatzungen in Armenien ebenso
gleichgueltig wie die Euphratbruecken wichtig; sollte dagegen Tiridates als
roemischer Lehnskoenig in Armenien anerkannt werden, so waren allerdings die
letzteren ueberfluessig und parthische Besatzungen in Armenien unmoeglich. Im
naechsten Fruehjahr 63 schritt Corbulo allerdings zu der ihm anbefohlenen
Offensive und fuehrte die vier besten seiner Legionen bei Melitene ueber den
Euphrat gegen die in der Gegend von Arsamosata stehende parthisch-armenische
Hauptmacht. Aber aus dem Schlagen ward nicht viel; nur einige Schloesser
armenischer, antiroemisch gesinnter Adliger wurden zerstoert. Dagegen fuehrte
auch diese Begegnung zum Vertragen. Corbulo nahm die frueher von seiner
Regierung zurueckgewiesenen parthischen Antraege an und zwar, wie der weitere
Verlauf der Dinge zeigte, in dem Sinne, dass Armenien ein fuer allemal eine
parthische Sekundogenitur ward und die roemische Regierung, wenigstens nach dem
Geiste des Abkommens, darauf einging, diese Krone in Zukunft nur an einen
Arsakiden zu verleihen. Hinzugefuegt wurde nur, dass Tiridates sich verpflichten
solle, in Rhandeia, eben da, wo die Kapitulation geschlossen worden war,
oeffentlich unter den Augen der beiden Armeen das koenigliche Diadem vom Haupte
zu nehmen und es vor dem Bildnis des Kaisers niederzulegen, gelobend, es nicht
wieder aufzusetzen, bevor er es aus seiner Hand und zwar in Rom selbst empfangen
haben werde. So geschah es (63). Durch diese Demuetigung wurde daran nichts
geaendert, dass der roemische Feldherr, statt den ihm aufgetragenen Krieg zu
fuehren, auf die von seiner Regierung verworfenen Bedingungen Frieden schloss
^37. Aber die frueher leitenden Staatsmaenner waren inzwischen gestorben oder
zurueckgetreten und das persoenliche Regiment des Kaisers dafuer installiert,
und auf das Publikum und vor allem auf den Kaiser persoenlich verfehlte der
feierliche Akt in Rhandeia und das in Aussicht gestellte Schaugepraenge der
Belehnung des parthischen Fuersten mit der Krone von Armenien in der
Reichshauptstadt seine Wirkung nicht. Der Friede wurde ratifiziert und erfuellt.
Im Jahre 66 erschien der parthische Fuerst versprochenermassen in Rom, geleitet
von 3000 parthischen Reitern, als Geiseln die Kinder der drei Brueder so wie die
des Monobazos von Adiabene heranfuehrend. Er begruesste kniefaellig seinen auf
dem Markte der Hauptstadt auf dem Kaiserstuhl sitzenden Lehnsherrn und hier
knuepfte dieser ihm vor allem Volke die koenigliche Binde um die Stirn.
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^37 Da nach Tacitus (ann. 15, 25; vgl. Dio 62, 22) Nero die Gesandten des
Vologasos wohlwollend entliess und die Moeglichkeit einer Verstaendigung, wenn
Tiridates persoenlich erscheine, durchblicken liess, so kann Corbulo in diesem
Fall nach seinen Instruktionen gehandelt haben; aber eher moechte dies zu den im
Interesse Corbulos hinzugesetzten Wendungen gehoeren. Dass bei dem Prozess, der
diesem einige Jahre nachher gemacht ward, diese Vorgaenge zur Sprache gekommen
sind, ist wahrscheinlich nach der Notiz, dass einer der Offiziere von der
armenischen Kampagne sein Anklaeger wurde. Die Identitaet des Kohortenpraefekten
Arrius Varus bei Tacitus (ann. 13, 9) und des Primipilen (hist. 3, 6) ist mit
Unrecht bestritten worden; vgl. zu CIL V, 867.
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Die von beiden Seiten zurueckhaltende, man moechte sagen friedliche
Fuehrung des letzten, nominell zehnjaehrigen Krieges und der entsprechende
Abschluss desselben durch den faktischen Uebergang Armeniens an die Parther
unter Schonung der Suszeptibilitaeten des maechtigeren Westreiches trug gute
Frucht. Armenien war unter der nationalen von den Roemern anerkannten Dynastie
mehr von ihnen abhaengig als frueher unter den dem Lande aufgedrungenen
Herrschern. Wenigstens in der zunaechst an den Euphrat grenzenden Landschaft
Sophene blieb roemische Besatzung ^38. Fuer die Wiederherstellung von Artaxata
wurde die Erlaubnis des Kaisers erbeten und gewaehrt, und der Bau von Kaiser
Nero mit Geld und Arbeitern gefoerdert. Zwischen den beiden maechtigen Staaten,
die der Euphrat voneinander schied, hat zu keiner Zeit ein gleich gutes
Verhaeltnis bestanden wie nach dem Abschluss des Vertrages von Rhandeia in den
letzten Jahren Neros und weiter unter den drei Herrschern des Flavischen Hauses.
Noch andere Umstaende trugen dazu bei. Die transkaukasischen Voelkermassen,
vielleicht gelockt durch ihre Beteiligung an den letzten Kriegen, waehrend
welcher sie als Soeldner teils der Iberer, teils der Parther den Weg nach
Armenien gefunden hatten, fingen damals an, vor allem die westlichen parthischen
Provinzen, aber zugleich die oestlichen des Roemischen Reiches zu bedrohen.
Wahrscheinlich um ihnen zu wehren, wurde unmittelbar nach dem Armenischen Kriege
im Jahre 63 die Einziehung des sogenannten Pontischen Koenigreichs verfuegt, das
heisst der Suedostecke der Kueste des Schwarzen Meeres mit der Stadt Trapezus
und dem Phasisgebiet. Die grosse orientalische Expedition, welche Kaiser Nero
eben anzutreten im Begriff war, als ihn die Katastrophe ereilte (68), und fuer
welche er bereits die Kerntruppen des Westens teils nach Aegypten, teils an die
Donau in Marsch gesetzt hatte, sollte freilich auch nach anderen Seiten hin die
Reichsgrenze vorschieben ^39; aber der eigentliche Zielpunkt waren die
Kaukasuspaesse oberhalb Tiflis und die am Nordabhang ansaessigen skythischen
Staemme, zunaechst die Alanen ^40. Eben diese berannten einerseits Armenien,
andererseits Medien. Jene Neronische Expedition richtete sich so wenig gegen die
Parther, dass sie vielmehr aufgefasst werden konnte als diesen zur Hilfe
unternommen; den wilden Horden des Nordens gegenueber war fuer die beiden
Kulturstaaten des Westens und des Ostens gemeinsame Abwehr allerdings angezeigt.
Vologasos lehnte freilich die freundschaftliche Aufforderung seines roemischen
Kollegen, ihn ebenso wie der Bruder in Rom zu besuchen, in gleicher
Freundschaftlichkeit ab, da ihn keineswegs geluestete, auch seinerseits als
Lehnstraeger des roemischen Herrschers auf dem roemischen Markt zu figurieren;
aber er erklaerte sich bereit, dem Kaiser sich vorzustellen, wenn dieser im
Orient eintreffen werde, und nicht die Roemer, aber wohl die Orientalen haben
Nero aufrichtig betrauert. Koenig Vologasos richtete an den Senat offiziell das
Ersuchen, Neros Gedaechtnis in Ehren zu halten, und als spaeterhin ein Pseudo-
Nero auftrat, fand er vor allem im Partherstaat Sympathien.
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^38 In Ziata (Charput) haben sich zwei Inschriften eines Kastells gefunden,
welches eine der von Corbulo ueber den Euphrat gefuehrten Legionen, die 3.
Gallica, dort auf Corbulos Geheiss im Jahre 64 anlegte (Eph. epigr. V, p. 25).
^39 Nero beabsichtigte inter reliqua bella auch einen aethiopischen (Plin.
nat. 6, 29, 182, vgl. 184). Darauf beziehen sich die Truppensendungen nach
Alexandreia (Tac. hist. 1, 31, 70).
^40 Als Zielpunkt der Expedition bezeichnen sowohl Tacitus (hist. 1, 6) wie
Sueton (Nero 19) die kaspischen Tore, d. h. den Kaukasuspass zwischen Tiflis und
Wladi-Kawkas bei Darial, welchen nach der Sage Alexander mit eisernen Pforten
schloss (Plin. nat. 6, 11, 30; Ios. bel. Iud. 7, 7, 4; Prok. Pers. 1, 10).
Sowohl nach dieser Lokalitaet wie nach der ganzen Anlage der Expedition kann
dieselbe unmoeglich gegen die Albaner am westlichen Ufer des Kaspischen Meeres
sich gerichtet haben; hier sowohl wie an einer anderen Stelle (arm. 2, 68: ad
Armenios, inde Albanos Heniochosque) koennen nur die Alanen gemeint sein, die
bei Josephus a. a. O. und sonst eben an dieser Stelle erscheinen und oefter mit
den kaukasischen Albanern verwechselt worden sind. Verwirrt ist freilich auch
der Bericht des Josephus. Wenn hier die Alanen mit Genehmigung des Koenigs der
Hyrkaner durch die kaspischen Tore in Medien und dann in Armenien einfallen, so
hat der Schreiber an das andere kaspische Tor oestlich von Rhagae gedacht; aber
dies wird sein Versehen sein, da der letztere im Herzen des Parthischen Reichs
gelegene Pass unmoeglich das Ziel der Neronischen Expedition gewesen sein kann
und die Alanen nicht am oestlichen Ufer des Kaspischen Meeres, sondern
nordwaerts vom Kaukasus sassen. Dieser Expedition wegen wurde die beste der
roemischen Legionen, die 14., aus Britannien abgerufen, die freilich nur bis
Pannonien kam (Tac. hist. 2, 11, vgl. 27. 66), und eine neue Legion, die 1.
italische, von Nero gebildet (Suet. Nero 19). Man sieht daraus, in welchem
Rahmen sie entworfen war.
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Indes war es dem Parther nicht so sehr um die Freundschaft Neros zu tun als
um die des roemischen Staates. Nicht bloss enthielt er sich waehrend der Krisen
des Vierkaiserjahres jedes Uebergriffes ^41, sondern er bot Vespasian, den
wahrscheinlichen Ausgang des schwebenden Entscheidungskampfes richtig
schaetzend, noch in Alexandreia 40000 berittene Schuetzen zum Kampfe gegen
Vitellius an, was natuerlich dankend abgelehnt ward. Vor allem aber fuegte er
sich ohne weiteres den Anordnungen, welche die neue Regierung fuer den Schutz
der Ostgrenze traf. Vespasian hatte selbst als Statthalter von Judaea die
Unzulaenglichkeit der dort staendig verwendeten Streitkraefte kennengelernt; und
als er diese Statthalterschaft mit der Kaisergewalt vertauschte, wurde nicht nur
Kommagene wieder nach dem Vorgang des Tiberius aus einem Koenigreich eine
Provinz, sondern es ward auch die Zahl der staendigen Legionen im roemischen
Asien von vier auf sieben erhoeht, auf welche Zahl sie voruebergehend fuer den
Parthischen und wieder fuer den Juedischen Krieg gebracht worden waren. Waehrend
ferner es bis dahin in Asien nur ein einziges groesseres Militaerkommando, das
des Statthalters von Syrien, gegeben hatte, wurden jetzt drei derartige
Oberbefehlshaberstellen daselbst eingerichtet. Syrien, zu dem Kommagene
hinzutrat, behielt wie bisher vier Legionen; die beiden bisher nur mit Truppen
zweiter Ordnung besetzten Provinzen Palaestina und Kappadokien wurden die erste
mit einer, die zweite mit zwei Legionen belegt ^42, Armenien blieb roemisches
Lehnsfuerstentum im Besitz der Arsakiden; aber unter Vespasian stand roemische
Besatzung jenseits der armenischen Grenze in dem iberischen Kastell Harmozika
bei Tiflis ^43, und danach muss in dieser Zeit auch Armenien militaerisch in
roemischer Gewalt gewesen sein. Alle diese Massregeln, so wenig sie auch nur
eine Kriegsdrohung enthielten, richteten die Spitze gegen den oestlichen
Nachbarn. Dennoch war Vologasos nach dem Fall Jerusalems der erste, der dem
roemischen Kronprinzen seinen Glueckwunsch zu der Befestigung der roemischen
Herrschaft in Syrien darbrachte, und die Einrichtung der Legionslager in
Kommagene, Kappadokien und Klein-Armenien nahm er ohne Widerrede hin. Ja er
regte sogar bei Vespasian jene transkaukasische Expedition wieder an und erbat
die Sendung einer roemischen Armee gegen die Alanen unter Fuehrung eines der
kaiserlichen Prinzen; obwohl Vespasian auf diesen weitaussehenden Plan nicht
einging, so kann doch jene roemische Truppe in der Gegend von Tiflis kaum zu
anderem Zweck hingeschickt worden sein als zur Sperrung des Kaukasuspasses und
vertrat insofern dort auch die Interessen der Parther. Trotz der Verstaerkung
der militaerischen Stellung Roms am Euphrat oder auch vielleicht infolge
derselben - denn dem Nachbarn Respekt einzufloessen, ist auch ein Mittel, den
Frieden zu erhalten - blieb der Friedensstand waehrend der gesamten Herrschaft
der Flavier wesentlich ungestoert. Wenn, wie das zumal bei dem steten Wechsel
der parthischen Dynasten nicht befremden kann, ab und zu Kollisionen eintraten
und selbst Kriegswolken sich zeigten, so verschwanden sie wieder ebenso rasch
^44. Das Auftreten eines falschen Nero in den letzten Jahren Vespasians - es ist
derjenige, der zu der Offenbarung Johannis den Anstoss gegeben hat - haette fast
zu einer solchen Kollision gefuehrt. Der Praetendent, in Wirklichkeit ein
gewisser Terentius Maximus aus Kleinasien, aber in Antlitz und Stimme und
Kuensten dem Saengerkaiser taeuschend aehnlich, fand nicht bloss Zulauf in dem
roemischen Gebiet am Euphrat, sondern auch Unterstuetzung bei den Parthern. Bei
diesen sche