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Title: Der Nachsommer
Author: Stifter, Adalbert
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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by Gerd Bouillon.



Der Nachsommer

Eine Erzählung von
Adalbert Stifter



Inhalt:

Die Häuslichkeit
Der Wanderer
Die Einkehr
Die Beherbergung
Der Abschied
Der Besuch
Die Begegnung
Die Erweiterung
Die Annäherung
Der Einblick
Das Fest
Der Bund
Die Entfaltung
Das Vertrauen
Die Mitteilung
Der Rückblick
Der Abschluß



Die Häuslichkeit

Mein Vater war ein Kaufmann. Er bewohnte einen Teil des ersten
Stockwerkes eines mäßig großen Hauses in der Stadt, in welchem er zur
Miete war. In demselben Hause hatte er auch das Verkaufsgewölbe, die
Schreibstube nebst den Warenbehältern und anderen Dingen, die er zu
dem Betriebe seines Geschäftes bedurfte. In dem ersten Stockwerke
wohnte außer uns nur noch eine Familie, die aus zwei alten Leuten
bestand, einem Manne und seiner Frau, welche alle Jahre ein oder zwei
Male bei uns speisten, und zu denen wir und die zu uns kamen, wenn
ein Fest oder ein Tag einfiel, an dem man sich Besuche zu machen oder
Glück zu wünschen pflegte. Mein Vater hatte zwei Kinder, mich, den
erstgeborenen Sohn, und eine Tochter, welche zwei Jahre jünger war als
ich. Wir hatten in der Wohnung jedes ein Zimmerchen, in welchem wir
uns unseren Geschäften, die uns schon in der Kindheit regelmäßig
aufgelegt wurden, widmen mußten, und in welchem wir schliefen. Die
Mutter sah da nach und erlaubte uns zuweilen, daß wir in ihrem
Wohnzimmer sein und uns mit Spielen ergötzen durften.

Der Vater war die meiste Zeit in dem Verkaufsgewölbe und in der
Schreibstube. Um zwölf Uhr kam er herauf, und es wurde in dem
Speisezimmer gespeiset. Die Diener des Vaters speisten an unserem
Tische mit Vater und Mutter, die zwei Mägde und der Magazinsknecht
hatten in dem Gesindezimmer einen Tisch für sich. Wir Kinder bekamen
einfache Speisen, der Vater und die Mutter hatten zuweilen einen
Braten und jedesmal ein Glas guten Weines. Die Handelsdiener bekamen
auch von dem Braten und ein Glas desselben Weines. Anfangs hatte der
Vater nur einen Buchführer und zwei Diener, später hatte er viere.

In der Wohnung war ein Zimmer, welches ziemlich groß war. In demselben
standen breite, flache Kästen von feinem Glanze und eingelegter
Arbeit. Sie hatten vorne Glastafeln, hinter den Glastafeln grünen
Seidenstoff, und waren mit Büchern angefüllt. Der Vater hatte darum
die grünen Seidenvorhänge, weil er es nicht leiden konnte, daß die
Aufschriften der Bücher, die gewöhnlich mit goldenen Buchstaben auf
dem Rücken derselben standen, hinter dem Glase von allen Leuten
gelesen werden konnten, gleichsam als wolle er mit den Büchern
prahlen, die er habe. Vor diesen Kästen stand er gerne und öfter,
wenn er sich nach Tische oder zu einer andern Zeit einen Augenblick
abkargen konnte, machte die Flügel eines Kastens auf, sah die Bücher
an, nahm eines oder das andere heraus, blickte hinein, und stellte es
wieder an seinen Platz.

An Abenden, von denen er selten einen außer Hause zubrachte, außer
wenn er in Stadtgeschäften abwesend war oder mit der Mutter ein
Schauspiel besuchte, was er zuweilen und gerne tat, saß er häufig eine
Stunde, öfter aber auch zwei oder gar darüber, an einem kunstreich
geschnitzten alten Tische, der im Bücherzimmer auf einem ebenfalls
altertümlichen Teppiche stand, und las. Da durfte man ihn nicht
stören, und niemand durfte durch das Bücherzimmer gehen. Dann kam er
heraus und sagte, jetzt könne man zum Abendessen gehen, bei dem die
Handelsdiener nicht zugegen waren, und das nur in der Mutter und in
unserer Gegenwart eingenommen wurde. Bei diesem Abendessen sprach er
sehr gerne zu uns Kindern und erzählte uns allerlei Dinge, mitunter
auch scherzhafte Geschichten und Märchen. Das Buch, in dem er gelesen
hatte, stellte er genau immer wieder in den Schrein, aus dem er es
genommen hatte, und wenn man gleich nach seinem Heraustritte in das
Bücherzimmer ging, konnte man nicht im geringsten wahrnehmen, daß eben
jemand hier gewesen sei und gelesen habe. Überhaupt durfte bei dem
Vater kein Zimmer die Spuren des unmittelbaren Gebrauches zeigen,
sondern mußte immer aufgeräumt sein, als wäre es ein Prunkzimmer. Es
sollte dafür aber aussprechen, zu was es besonders bestimmt sei. Die
gemischten Zimmer, wie er sich ausdrückte, die mehreres zugleich sein
können, Schlafzimmer, Spielzimmer und dergleichen, konnte er nicht
leiden. Jedes Ding und jeder Mensch, pflegte er zu sagen, könne
nur eines sein, dieses aber muß er ganz sein. Dieser Zug strenger
Genauigkeit prägte sich uns ein und ließ uns auf die Befehle der
Eltern achten, wenn wir sie auch nicht verstanden. So zum Beispiele
durften nicht einmal wir Kinder das Schlafzimmer der Eltern betreten.
Eine alte Magd war mit Ordnung und Aufräumung desselben betraut.

In den Zimmern hingen hie und da Bilder, und es standen in manchen
Geräte, die aus alten Zeiten stammten und an denen wunderliche
Gestalten ausgeschnitten waren, oder in welchen sich aus verschiedenen
Hölzern eingelegte Laubwerke und Kreise und Linien befanden.

Der Vater hatte auch einen Kasten, in welchem Münzen waren, von denen
er uns zuweilen einige zeigte. Da befanden sich vorzüglich schöne
Taler, auf welchen geharnischte Männer standen oder die Angesichter
mit unendlich vielen Locken zeigten, dann waren einige aus sehr alten
Zeiten mit wunderschönen Köpfen von Jünglingen oder Frauen, und eine
mit einem Manne, der Flügel an den Füßen hatte. Er besaß auch Steine,
in welche Dinge geschnitten waren. Er hielt diese Steine sehr hoch
und sagte, sie stammen aus dem kunstgeübtesten Volke alter Zeiten,
nehmlich aus dem alten Griechenlande her. Manchmal zeigte er sie
Freunden; diese standen lange an dem Kästchen derselben, hielten den
einen oder den andern in ihren Händen und sprachen darüber.

Zuweilen kamen Menschen zu uns, aber nicht oft. Manches Mal wurden
Kinder zu uns eingeladen, mit denen wir spielen durften, und öfter
gingen wir auch mit den Eltern zu Leuten, welche Kinder hatten, und
uns Spiele veranstalteten. Den Unterricht erhielten wir in dem Hause
von Lehrern, und dieser Unterricht und die sogenannten Arbeitsstunden,
in denen von uns Kindern das verrichtet werden mußte, was uns als
Geschäft aufgetragen war, bildeten den regelmäßigen Verlauf der Zeit,
von welchem nicht abgewichen werden durfte.

Die Mutter war eine freundliche Frau, die uns Kinder ungemein liebte,
und die weit eher ein Abweichen von dem angegebenen Zeitenlaufe
zugunsten einer Lust gestattet hätte, wenn sie nicht von der Furcht
vor dem Vater davon abgehalten worden wäre. Sie ging in dem Hause
emsig herum, besorgte alles, ordnete alles, ließ aus der obgenannten
Furcht keine Ausnahme zu und war uns ein ebenso ehrwürdiges Bildnis
des Guten wie der Vater, von welchem Bildnisse gar nichts abgeändert
werden konnte. Zu Hause hatte sie gewöhnlich sehr einfache Kleider an.
Nur zuweilen, wenn sie mit dem Vater irgend wohin gehen mußte, tat
sie ihre stattlichen seidenen Kleider an und nahm ihren Schmuck, daß
wir meinten, sie sei wie eine Fee, welche in unsern Bilderbüchern
abgebildet war. Dabei fiel uns auf, daß sie immer ganz einfache,
obwohl sehr glänzende Steine hatte, und daß ihr der Vater nie die
geschnittenen umhing, von denen er doch sagte, daß sie so schöne
Gestalten in sich hätten.

Da wir Kinder noch sehr jung waren, brachte die Mutter den Sommer
immer mit uns auf dem Lande zu. Der Vater konnte uns nicht
Gesellschaft leisten, weil ihn seine Geschäfte in der Stadt
festhielten; aber an jedem Sonntage und an jedem Festtage kam er,
blieb den ganzen Tag bei uns und ließ sich von uns beherbergen. Im
Laufe der Woche besuchten wir ihn einmal, bisweilen auch zweimal in
der Stadt, in welchem Falle er uns dann bewirtete und beherbergte.

Dies hörte endlich auf, anfänglich weil der Vater älter wurde und die
Mutter, die er sehr verehrte, nicht mehr leicht entbehren konnte;
später aber aus dem Grunde, weil es ihm gelungen war, in der Vorstadt
ein Haus mit einem Garten zu erwerben, wo wir freie Luft genießen, uns
bewegen und gleichsam das ganze Jahr hindurch auf dem Lande wohnen
konnten.


Die Erwerbung des Vorstadthauses war eine große Freude. Es wurde nun
von dem alten, finstern Stadthause in das freundliche und geräumige
der Vorstadt gezogen. Der Vater hatte es vorher im allgemeinen
zusammen richten lassen, und selbst, da wir schon darin wohnten,
waren noch immer in verschiedenen Räumen desselben Handwerksleute
beschäftigt. Das Haus war nur für unsere Familie bestimmt. Es wohnten
nur noch unsere Handlungsdiener in demselben und gleichsam als
Pförtner und Gärtner ein ältlicher Mann mit seiner Frau und seiner
Tochter.

In diesem Hause richtete sich der Vater ein viel größeres Zimmer
zum Bücherzimmer ein, als er in der Stadtwohnung gehabt hatte, auch
bestimmte er ein eigenes Zimmer zum Bilderzimmer; denn in der Stadt
mußten die Bilder wegen Mangels an Raum in verschiedenen Zimmern
zerstreut sein. Die Wände dieses neuen Bilderzimmers wurden mit
dunkelrotbraunen Tapeten überzogen, von denen sich die Goldrahmen
sehr schön abhoben. Der Fußboden war mit einem mattfarbigen Teppiche
belegt, damit er die Farben der Bilder nicht beirre. Der Vater hatte
sich eine Staffelei aus braunem Holze machen lassen, und diese stand
in dem Zimmer, damit man bald das eine, bald das andere Bild darauf
stellen und es genau in dem rechten Lichte betrachten konnte.

Für die alten geschnitzten und eingelegten Geräte wurde auch ein
eigenes Zimmer hergerichtet. Der Vater hatte einmal aus dem Gebirge
eine Zimmerdecke mitgebracht, welche aus Lindenholz und aus dem Holze
der Zirbelkiefer geschnitzt war. Diese Decke ließ er zusammen legen
und ließ sie mit einigen Zutaten versehen, die man nicht merkte, so
daß sie als Decke in dieses Zimmer paßte. Das freute uns Kinder sehr,
und wir saßen nun doppelt gerne in dem alten Zimmer, wenn uns an
Abenden der Vater und die Mutter dahin führten, und arbeiteten dort
etwas, und ließen uns von den Zeiten erzählen, in denen solche Sachen
gemacht worden sind.

Am Ende eines hölzernen Ganges, der in dem ersten Geschosse des Hauses
gegen den Garten hinaus lief, ließ er ein gläsernes Stübchen machen,
das heißt, ein Stübchen, dessen zwei Wände, die gegen den Garten
schauten, aus lauter Glastafeln bestanden; denn die Hinterwände waren
Holz. In dieses Stübchen tat er alte Waffen aus verschiedenen Zeiten
und mit verschiedenen Gestalten. Er ließ an den Stäben, in die das
Glas gefügt war, viel Efeu aus dem Garten herauswachsen, auch im
Innern ließ er Efeu an dem Gerippe ranken, daß derselbe um die alten
Waffen rauschte, wenn einzelne Glastafeln geöffnet wurden, und der
Wind durch dieselben herein zog. Eine große hölzerne Keule, welche in
dem Stübchen war und welche mit gräulichen Nägeln prangte, nannte er
Morgenstern, was uns Kindern gar nicht einleuchten wollte, da der
Morgenstern viel schöner war.

Noch war ein Zimmerchen, das er mit kunstreich abgenähten rotseidenen
Stoffen, die er gekauft hatte, überziehen ließ. Sonst aber wußte man
noch nicht, was in das Zimmer kommen würde.

In dem Garten war Zwergobst, es waren Gemüse- und Blumenbeete, und an
dem Ende desselben, von dem man auf die Berge sehen konnte, welche die
Stadt in einer Entfernung von einer halben Meile in einem großen Bogen
umgeben, befanden sich hohe Bäume und Grasplätze. Das alte Gewächshaus
hatte der Vater teils ausbessern, teils durch einen Zubau vergrößern
lassen.

Sonst hatte das Haus auch noch einen großen Hof, der gegen den Garten
zu offen war, in dem wir, wenn das Gartengras naß war, spielen
durften, und gegen welchen die Fenster der Küche, in der die Mutter
sich viel befand, und der Vorratskammern herab sahen.

Der Vater ging täglich morgens in die Stadt in sein Verkaufsgewölbe
und in seine Schreibstube. Die Handelsdiener mußten der Ordnung halber
mit ihm gehen. Um zwölf Uhr kam er zum Speisen so wie auch jene
Diener, welche nicht eben die Reihe traf, während der Speisestunde in
dem Verkaufsgewölbe zu wachen. Nachmittag ging er größtenteils auch
wieder in die Stadt. Die Sonntage und die Festtage brachte er mit uns
zu.

Von der Stadt wurden nun viel öfter Leute mit ihren Kindern zu uns
geladen, da wir mehr Raum hatten, und wir durften im Hofe oder in dem
Garten uns ergötzen. Die Lehrer kamen zu uns jetzt in die Vorstadt,
wie sie sonst in der Stadt zu uns gekommen waren.

Der Vater, welcher durch das viele Sitzen an dem Schreibtische sich
eine Krankheit zuzuziehen drohte, gönnte sich nur auf das Andringen
der Mutter täglich eine freie Zeit, welche er dazu verwendete,
Bewegung zu machen. In dieser Zeit ging er zuweilen in eine
Gemäldegalerie oder zu einem Freunde, bei welchem er ein Bild sehen
konnte, oder er ließ sich bei einem Fremden einführen, bei dem
Merkwürdigkeiten zu treffen waren. An schönen Sommerfesttagen fuhren
wir auch zuweilen ins Freie und brachten den Tag in einem Dorfe oder
auf einem Berge zu.

Die Mutter, welche über die Erwerbung des Vorstadthauses
außerordentlich erfreut war, widmete sich mit gesteigerter
Tätigkeit dem Hauswesen. Alle Samstage prangte das Linnen »weiß wie
Kirschenblüte« auf dem Aufhängeplatze im Garten, und Zimmer für Zimmer
mußte unter ihrer Aufsicht gereinigt werden, außer denen, in welchen
die Kostbarkeiten des Vaters waren, deren Abstäubung und Reinigung
immer unter seinen Augen vor sich gehen mußte. Das Obst, die
Blumen und die Gemüse des Gartens besorgte sie mit dem Vater
gemeinschaftlich. Sie bekam einen Ruf in der Umgebung, daß
Nachbarinnen kamen und von ihr Dienstboten verlangten, die in unserem
Hause gelernt hätten.

Als wir nach und nach heran wuchsen, wurden wir immer mehr in den
Umgang der Eltern gezogen; der Vater zeigte uns seine Bilder und
erklärte uns manches in denselben. Er sagte, daß er nur alte habe,
die einen gewissen Wert besitzen, den man immer haben könne, wenn man
einmal genötigt sein sollte, die Bilder zu verkaufen. Er zeigte uns,
wenn wir spazieren gingen, die Wirkungen von Licht und Schatten, er
nannte uns die Farben, welche sich an den Gegenständen befanden, und
erklärte uns die Linien, welche Bewegung verursachten, in welcher
Bewegung doch wieder eine Ruhe herrsche, und Ruhe in Bewegung sei die
Bedingung eines jeden Kunstwerkes. Er sprach mit uns auch von seinen
Büchern. Er erzählte uns, daß manche da seien, in welchen das
enthalten wäre, was sich mit dem menschlichen Geschlechte seit seinem
Beginne bis auf unsere Zeiten zugetragen habe, daß da die Geschichten
von Männern und Frauen erzählt werden, die einmal sehr berühmt gewesen
seien und vor langer Zeit, oft vor mehr als tausend Jahren gelebt
haben. Er sagte, daß in anderen das enthalten sei, was die Menschen in
vielen Jahren von der Welt und anderen Dingen, von ihrer Einrichtung
und Beschaffenheit in Erfahrung gebracht hätten. In manchen sei zwar
nicht enthalten, was geschehen sei, oder wie sich manches befinde,
sondern was die Menschen sich gedacht haben, was sich hätte zutragen
können, oder was sie für Meinungen über irdische und überirdische
Dinge hegen.

In dieser Zeit starb ein Großoheim von der Seite der Mutter. Die
Mutter erbte den Schmuck seiner vor ihm gestorbenen Frau, wir Kinder
aber sein übriges Vermögen. Der Vater legte es als unser natürlicher
Vormund unter mündelgemäßer Sicherheit an und tat alle Jahre die
Zinsen dazu.

Endlich waren wir so weit herangewachsen, daß der gewöhnliche
Unterricht, den wir bisher genossen hatten, nach und nach aufhören
mußte. Zuerst traten diejenigen Lehrer ab, die uns in den
Anfangsgründen der Kenntnisse unterwiesen hatten, die man heutzutage
für alle Menschen für notwendig hält, dann verminderten sich auch
die, welche uns in den Gegenständen Unterricht gegeben hatten,
die man Kindern beibringen läßt, welche zu den gebildeteren oder
ausgezeichneteren Ständen gehören sollen. Die Schwester mußte nebst
einigen Fächern, in denen sie sich noch weiter ausbilden sollte, nach
und nach in die Häuslichkeit eingeführt werden und die wichtigsten
Dinge derselben erlernen, daß sie einmal würdig in die Fußstapfen der
Mutter treten könnte. Ich trieb noch, nachdem ich die Fächer erlernt
hatte, die man in unseren Schulen als Vorkenntnisse und Vorbereitungen
zu den sogenannten Brotkenntnissen betrachtet, einzelne Zweige fort,
die schwieriger waren und in denen eine Nachhilfe nicht entbehrt
werden konnte. Endlich trat in Bezug auf mich die Frage heran, was
denn in der Zukunft mit mir zu geschehen habe, und da tat der Vater
etwas, was ihm von vielen Leuten sehr übel genommen wurde. Er
bestimmte mich nehmlich zu einem Wissenschafter im Allgemeinen. Ich
hatte bisher sehr fleißig gelernt und jeden neuen Gegenstand, der von
den Lehrern vorgenommen wurde, mit großem Eifer ergriffen, so daß,
wenn die Frage war, wie ich in einem Unterrichtszweige genügt habe,
das Urteil der Lehrer immer auf großes Lob lautete. Ich hatte den
angedeuteten Lebensberuf von dem Vater selber verlangt und er dem
Verlangten zugestimmt. Ich hatte ihn verlangt, weil mich ein gewisser
Drang meines Herzens dazu trieb. Das sah ich wohl trotz meiner Jugend
schon ein, daß ich nicht alle Wissenschaften würde erlernen können;
aber was und wie viel ich lernen würde, das war mir eben so
unbestimmt, als mein Gefühl unbestimmt war, welches mich zu diesen
Dingen trieb. Mir schwebte auch nicht ein besonderer Nutzen vor, den
ich durch mein Bestreben erreichen wollte, sondern es war mir nur, als
müßte ich so tun, als liege etwas innerlich Gültiges und Wichtiges in
der Zukunft. Was ich aber im Einzelnen beginnen und an welchem Ende
ich die Sache anfassen sollte, das wußte weder ich, noch wußten es die
Meinigen. Ich hatte nicht die geringste Vorliebe für das eine oder das
andere Fach, sondern es schienen alle anstrebenswert, und ich hatte
keinen Anhaltspunkt, aus dem ich hätte schließen können, daß ich zu
irgend einem Gegenstande eine hervorragende Fähigkeit besäße, sondern
es erschienen mir alle nicht unüberwindlich. Auch meine Angehörigen
konnten kein Merkmal finden, aus dem sie einen ausschließlichen Beruf
für eine Sache in mir hätten wahrnehmen können.

Nicht die Ungeheuerlichkeit, welche in diesem Beginnen lag, war es,
was die Leute meinem Vater übelnahmen, sondern sie sagten, er hätte
mir einen Stand, der der bürgerlichen Gesellschaft nützlich ist,
befehlen sollen, damit ich demselben meine Zeit und mein Leben widme,
und einmal mit dem Bewußtsein scheiden könne, meine Schuldigkeit getan
zu haben.

Gegen diesen Einwurf sagte mein Vater, der Mensch sei nicht zuerst der
menschlichen Gesellschaft wegen da, sondern seiner selbst willen. Und
wenn jeder seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er
es auch für die menschliche Gesellschaft. Wen Gott zum besten Maler
auf dieser Welt geschaffen hätte, der würde der Menschheit einen
schlechten Dienst tun, wenn er etwa ein Gerichtsmann werden wollte:
wenn er der größte Maler wird, so tut er auch der Welt den größten
Dienst, wozu ihn Gott erschaffen hat. Dies zeige sich immer durch
einen innern Drang an, der einen zu einem Dinge führt, und dem man
folgen soll. Wie könnte man denn sonst auch wissen, wozu man auf der
Erde bestimmt ist, ob zum Künstler, zum Feldherrn, zum Richter, wenn
nicht ein Geist da wäre, der es sagt, und der zu den Dingen führt, in
denen man sein Glück und seine Befriedigung findet.

Gott lenkt es schon so, daß die Gaben gehörig verteilt sind, so daß
jede Arbeit getan wird, die auf der Erde zu tun ist, und daß nicht
eine Zeit eintritt, in der alle Menschen Baumeister sind. In diesen
Gaben liegen dann auch schon die gesellschaftlichen, und bei großen
Künstlern, Rechtsgelehrten, Staatsmännern sei auch immer die
Billigkeit, Milde, Gerechtigkeit und Vaterlandsliebe. Und aus solchen
Männern, welche ihren innern Zug am weitesten ausgebildet, seien
auch in Zeiten der Gefahr am öftesten die Helfer und Retter ihres
Vaterlandes hervorgegangen.

Es gibt solche, die sagen, sie seien zum Wohle der Menschheit
Kaufleute, Ärzte, Staatsdiener geworden; aber in den meisten Fällen
ist es nicht wahr. Wenn nicht der innere Beruf sie dahin gezogen hat,
so verbergen sie durch ihre Aussage nur einen schlechteren Grund,
nehmlich daß sie den Stand als ein Mittel betrachteten, sich Geld und
Gut und Lebensunterhalt zu erwerben. Oft sind sie auch, ohne weiter
über eine Wahl mit sich zu Rate zu gehen, in den Stand geraten
oder durch Umstände in ihn gestoßen worden und nehmen das Wohl der
Menschheit in den Mund, das sie bezweckt hätten, um nicht ihre
Schwäche zu gestehen. Dann ist noch eine eigene Gattung, welche immer
von dem öffentlichen Wohle spricht. Das sind die, welche mit ihren
eigenen Angelegenheiten in Unordnung sind. Sie geraten stets in Nöte,
haben stets Ärger und Unannehmlichkeiten, und zwar aus ihrem eigenen
Leichtsinne; und da liegt es ihnen als Ausweg neben der Hand, den
öffentlichen Zuständen ihre Lage schuld zu geben und zu sagen, sie
wären eigentlich recht auf das Vaterland bedacht, und sie würden alles
am besten in demselben einrichten. Aber wenn wirklich die Lage kömmt,
daß das Vaterland sie beruft, so geht es dem Vaterlande, wie es früher
ihren eigenen Angelegenheiten gegangen ist. In Zeiten der Verirrung
sind diese Menschen die selbstsüchtigsten und oft auch grausamsten.
Es ist aber auch kein Zweifel. daß es solche gibt, denen Gott
den Gesellschaftstrieb und die Gesellschaftsgaben in besonderem
Maße verliehen hat. Diese widmen sich aus innerem Antriebe den
Angelegenheiten der Menschen, erlernen sie auch am sichersten, finden
Freude in den Anordnungen und opfern oft ihr Leben für ihren Beruf.
Aber in der Zeit, in der sie ihr Leben opfern, sei sie lange oder sei
sie ein Augenblick, empfinden sie Freude, und diese kömmt, weil sie
ihrem innern Andrange nachgegeben haben.

Gott hat uns auch nicht bei unseren Handlungen den Nutzen als Zweck
vorgezeichnet, weder den Nutzen für uns noch für andere, sondern
er hat der Ausübung der Tugend einen eigenen Reiz und eine eigene
Schönheit gegeben, welchen Dingen die edlen Gemüter nachstreben. Wer
Gutes tut, weil das Gegenteil dem menschlichen Geschlechte schädlich
ist, der steht auf der Leiter der sittlichen Wesen schon ziemlich
tief. Dieser müßte zur Sünde greifen, sobald sie dem menschlichen
Geschlechte oder ihm Nutzen bringt. Solche Menschen sind es auch,
denen alle Mittel gelten, und die für das Vaterland, für ihre Familie
und für sich selber das Schlechte tun. Solche hat man zu Zeiten,
wo sie im Großen wirkten, Staatsmänner geheißen, sie sind aber nur
Afterstaatsmänner, und der augenblickliche Nutzen, den sie erzielten,
ist ein Afternutzen gewesen und hat sich in den Tagen des Gerichtes
als böses Verhängnis erwiesen.

Daß bei dem Vater kein Eigennutz herrschte, beweist der Umstand, daß
er im Rate der Stadt ein öffentliches Amt unentgeltlich verwaltete,
daß er öfter die ganze Nacht in diesem Amte arbeitete, und daß er bei
öffentlichen Dingen immer mit bedeutenden Summen an der Spitze stand.

Er sagte, man solle mich nur gehen lassen, es werde sich aus dem
Unbestimmten schon entwickeln, wozu ich taugen werde, und welche Rolle
ich auf der Welt einzunehmen hätte.


Ich mußte meine körperlichen Übungen fortsetzen. Schon als sehr kleine
Kinder mußten wir so viele körperliche Bewegungen machen, als nur
möglich war. Das war einer der Hauptgründe, weshalb wir im Sommer auf
dem Lande wohnten, und der Garten, welcher bei dem Vorstadthause war,
war einer der Hauptbeweggründe, weshalb der Vater das Haus kaufte.

Man ließ uns als kleine Kinder gewöhnlich so viel gehen und laufen,
als wir selber wollten, und machte nur ein Ende, wenn wir selber aus
Müdigkeit ruhten. Es hatte in der Stadt sich eine Anstalt entwickelt,
in welcher nach einer gewissen Ordnung Leibesbewegungen vorgenommen
werden sollten, um alle Teile des Körpers nach Bedürfnis zu üben, und
ihrer naturgemäßen Entfaltung entgegen zu führen. Diese Anstalt durfte
ich besuchen, nachdem der Vater den Rat erfahrener Männer eingeholt
und sich selber durch den Augenschein von den Dingen überzeugt hatte,
die da vorgenommen wurden. Für Mädchen bestand damals eine solche
Anstalt nicht, daher ließ der Vater für die Schwester in einem Zimmer
unserer Wohnung so viele Vorrichtungen machen, als er und unser
Hausarzt, der ein Begünstiger dieser Dinge war, für notwendig
erachteten, und die Schwester mußte sich den Übungen unterziehen,
die durch die Vorrichtungen möglich waren. Durch die Erwerbung des
Vorstadthauses wurde die Sache noch mehr erleichtert. Nicht nur
hatten wir mehr Raum im Innern des Hauses, um alle Vorrichtungen zu
Körperübungen in besserem und ausgedehnterem Maße anlegen zu können.
sondern es war auch der Hofraum und der Garten da, in denen an sich
körperliche Übungen vorgenommen werden konnten und die auch weitere
Anlagen möglich machten. Daß wir diese Sachen sehr gerne taten,
begreift sich aus der Feurigkeit und Beweglichkeit der Jugend von
selber. Wir hatten schon in der Kindheit schwimmen gelernt und gingen
im Sommer fast täglich, selbst da wir in der Vorstadt wohnten, von
wo aus der Weg weiter war, in die Anstalt, in welcher man schwimmen
konnte. Selbst für Mädchen waren damals schon eigene Schwimmanstalten
errichtet. Auch außerdem machten wir gerne weite Wege, besonders
im Sommer. Wenn wir im Freien außer der Stadt waren, erlaubten die
Eltern, daß ich mit der Schwester einen besonderen Umgang halten
durfte. Wir übten uns da im Zurücklegen bedeutender Wege oder in
Besteigung eines Berges. Dann kamen wir wieder an den Ort zurück, an
welchem uns die Eltern erwarteten. Anfangs ging meistens ein Diener
mit uns, später aber, da wir erwachsen waren, ließ man uns allein
gehen. Um besser und mit mehr Bequemlichkeit für die Eltern an jede
beliebige Stelle des Landes außerhalb der Stadt gelangen zu können,
schaffte der Vater in der Folge zwei Pferde an, und der Knecht, der
bisher Gärtner und gelegentlich unser Aufseher gewesen war, wurde
jetzt auch Kutscher. In einer Reitschule, in welcher zu verschiedenen
Zeiten Knaben und Mädchen lernen konnten, hatten wir reiten gelernt
und hatten später unsere bestimmten Wochentage, an denen wir uns
zu gewissen Stunden im Reiten üben konnten. Im Garten hatte ich
Gelegenheit, nach einem Ziele zu springen, auf schmalen Planken zu
gehen, auf Vorrichtungen zu klettern und mit steinernen Scheiben
nach einem Ziele oder nach größtmöglicher Entfernung zu werfen. Die
Schwester, so sehr sie von der Umgebung als Fräulein behandelt wurde,
liebte es doch sehr, bei sogenannten gröberen häuslichen Arbeiten
zuzugreifen, um zu zeigen, daß sie diese Dinge nicht nur verstehe,
sondern an Kraft auch die noch übertreffe, welche von Kindheit an
bei diesen Arbeiten gewesen sind. Die Eltern legten ihr bei diesem
Beginnen nicht nur keine Hindernisse in den Weg, sondern billigten es
sogar. Außerdem trieb sie noch das Lesen ihrer Bücher, machte Musik,
besonders auf dem Klaviere und auf der Harfe, zu der sie auch sang,
und malte mit Wasserfarben.

Als ich den letzten Lehrer verlor, der mich in Sprachen unterrichtet
hatte, als ich in denjenigen wissenschaftlichen Zweigen, in welchen
man einen längeren Unterricht für nötig gehalten hatte, weil sie
schwieriger oder wichtiger waren, solche Fortschritte gemacht hatte,
daß man einen Lehrer nicht mehr für notwendig erachtete, entstand die
Frage, wie es in Bezug auf meine erwählte wissenschaftliche Laufbahn
zu halten sei, ob man da einen gewissen Plan entwerfen und zu dessen
Ausführung Lehrer annehmen sollte. Ich bat, man möchte mir gar keinen
Lehrer mehr nehmen, ich würde die Sachen schon selber zu betreiben
suchen. Der Vater ging auf meinen Wunsch ein, und ich war nun sehr
freudig, keinen Lehrer mehr zu haben und auf mich allein angewiesen zu
sein.

Ich fragte Männer um Rat, welche einen großen wissenschaftlichen Namen
hatten und gewöhnlich an der einen oder der andern Anstalt der Stadt
beschäftigt waren. Ich näherte mich ihnen nur, wenn es ohne Verletzung
der Bescheidenheit geschehen konnte. Da es meistens nur eine Anfrage
war, die ich in Bezug auf mein Lernen an solche Männer stellte, und da
ich mich nicht in ihren Umgang drängte, so nahmen sie meine Annäherung
nicht übel, und die Antwort war immer sehr freundlich und liebevoll.
Auch waren unter den Männern, die gelegentlich in unser Haus kamen,
manche, die in gelehrten Dingen bewandert waren. Auch an diese wandte
ich mich. Meistens betrafen die Anfragen Bücher und die Folge, in
welcher sie vorgenommen werden sollten. Ich trieb Anfangs jene Zweige
fort, in denen ich schon Unterricht erhalten hatte, weil man sie zu
jener Zeit eben als Grundlage einer allgemeinen menschlichen Bildung
betrachtete, nur suchte ich zum Teile mehr Ordnung in dieselben zu
bringen, als bisher befolgt worden war, zum Teile suchte ich mich auch
in jenem Fache auszudehnen, das mir mehr zuzusagen begann. Auf diese
Weise geschah es, daß in dem Ganzen doch noch eine ziemliche Ordnung
herrschte, da bei der Unbestimmtheit des ganzen Unternehmens die
Gefahr sehr nahe war, in die verschiedensten Dinge zersplittert und in
die kleinsten Kleinlichkeiten verschlagen zu werden. In Bezug auf die
Fächer, die ich eben angefangen hatte, besuchte ich auch Anstalten in
unserer Stadt, die ihnen förderlich werden konnten: Büchersammlungen,
Sammlungen von Werkzeugen und namentlich Orte, wo Versuche gemacht
wurden, die ich wegen meiner Unreifheit und wegen Mangels an
Gelegenheit und Werkzeugen nie hätte ausführen können. Was ich an
Büchern und überhaupt an Lehrmitteln brauchte, schaffte der Vater
bereitwillig an.


Ich war sehr eifrig und gab mich manchem einmal ergriffenen
Gegenstande mit all der entzündeten Lust hin, die der Jugend bei
Lieblingsdingen eigen zu sein pflegt. Obwohl ich bei meinen Besuchen
der öffentlichen Anstalten zu körperlicher oder geistiger Entwicklung,
ferner bei den Besuchen, welche Leute bei uns oder welche wir bei
ihnen machten, sehr viele junge Leute kennen gelernt hatte, so war ich
doch nie dahin gekommen, so ausschließlich auf bloße Vergnügungen und
noch dazu oft unbedeutende erpicht zu sein, wie ich es bei der größten
Zahl der jungen Leute gesehen hatte. Die Vergnügungen, die in unserem
Hause vorkamen, wenn wir Leute zum Besuche bei uns hatten, waren auch
immer ernsterer Art.

Ich lernte auch viele ältere Menschen kennen; aber ich achtete damals
weniger darauf, weil es bei der Jugend Sitte ist, sich mit lebhafter
Beteiligung mehr an die anzuschließen, die ihnen an Jahren näher
stehen, und das, was an älteren Leuten befindlich ist, zu übersehen.

Als ich achtzehn Jahre alt war, gab mir der Vater einen Teil meines
Eigentums aus der Erbschaft vom Großoheime zur Verwaltung. Ich hatte
bis dahin kein Geld zu regelmäßiger Gebarung gehabt, sondern wenn ich
irgend etwas brauchte, kaufte es der Vater, und zu Dingen von minderem
Belange gab mir der Vater das Geld, damit ich sie selber kaufe. Auch
zu Vergnügungen bekam ich gelegentlich kleine Beträge. Von nun an
aber, sagte der Vater, werde er mir am ersten Tage eines jeden Monats
eine bestimmte Summe auszahlen, ich solle darüber ein Buch führen, er
werde diese Auszahlungen bei der Verwaltung meines Gesammtvermögens,
welche Verwaltung ihm noch immer zustehe, in Abrechnung bringen, und
sein Buch und das meinige müßten stimmen. Er gab mir einen Zettel, auf
welchem der Kreis dessen aufgezeichnet war, was ich von nun an mit
meinen monatlichen Einkünften zu bestreiten hätte. Er werde mir
nie mehr von seinem Gelde einen Gegenstand kaufen, der in den
verzeichneten Kreis gehöre. Ich müsse pünktlich verfahren und
haushälterisch sein; denn er werde mir auch nie und nicht einmal unter
den dringendsten Bedingungen einen Vorschuß geben. Wenn ich zu seiner
Zufriedenheit eine Zeit hindurch gewirtschaftet hätte, dann werde er
meinen Kreis wieder erweitern, und er werde nach billigstem Ermessen
sehen, in welcher Zeit er mir auch vor der erreichten gesetzlichen
Mündigkeit meine Angelegenheiten ganz in die Hände werde geben können.



Der Wanderer

Ich verfuhr mit der Rente, welche mir der Vater ausgesetzt hatte, gut.
Daher wurde nach einiger Zeit mein Kreis erweitert, wie es der Vater
versprochen hatte. Ich sollte von nun an nicht bloß nur einen Teil
meiner Bedürfnisse von dem zugewiesenen Einkommen decken, sondern
alle. Deshalb wurde meine Rente vergrößert. Der Vater zahlte sie mir
von nun an auch nicht mehr monatlich, sondern vierteljährlich aus, um
mich an größere Zeitabschnitte zu gewöhnen. Sie mir halbjährlich oder
gar nach ganzen Jahren einzuhändigen wollte er nicht wagen, damit ich
doch nicht etwa in Unordnungen geriete. Er gab mir nicht die ganzen
Zinsen von der Erbschaft des Großoheims, sondern nur einen Teil, den
andern Teil legte er zu der Hauptsumme, so daß mein Eigentum wuchs,
wenn ich auch von meiner Rente nichts erübrigte. Als Beschränkung
blieb die Einrichtung, daß ich in dem Hause meiner Eltern wohnen und
an ihrem Tische speisen mußte. Es ward dafür ein Preis festgesetzt,
den ich alle Vierteljahre zu entrichten hatte. Jedes andere Bedürfnis,
Kleider, Bücher, Geräte oder was es immer war, durfte ich nach meinem
Ermessen und nach meiner Einsicht befriedigen.

Die Schwester erhielt auch Befugnisse in Hinsicht ihres Teiles
der Erbschaft des Großoheims, in so weit sie sich für ein Mädchen
schickten.

Wir waren über diese Einrichtung sehr erfreut und beschlossen, nach
dem Wunsche und dem Willen der Eltern zu verfahren, um ihnen Freude zu
machen.

Ich ging, nachdem ich in den verschiedenen Zweigen der Kenntnisse,
die ich zuletzt mit meinen Lehrern betrieben hatte und welche als
allgemein notwendige Kenntnisse für einen gebildeten Menschen gelten,
nach mehreren Richtungen gearbeitet hatte, auf die Mathematik über.
Man hatte mir immer gesagt, sie sei die schwerste und herrlichste
Wissenschaft, sie sei die Grundlage zu allen übrigen, in ihr sei alles
wahr, und was man aus ihr habe, sei ein bleibendes Besitztum für das
ganze Leben. Ich kaufte mir die Bücher, die man mir riet, um von den
Vorkenntnissen, die ich bereits hatte, ausgehen und zu dem Höheren
immer weiter streben zu können. Ich kaufte mir eine sehr große
Schiefertafel, um auf ihr meine Arbeiten ausführen zu können. So saß
ich nun in manchen Stunden, die zum Erlernen von Kenntnissen bestimmt
waren, an meinem Tische und rechnete. Ich ging den Gängen der Männer
nach, welche die Gestaltungen dieser Wissenschaft nach und nach
erfunden hatten und von diesen Gestaltungen zu immer weiteren geführt
worden waren. Ich setzte mir bestimmte Zeiträume fest, in welchen ich
vom Weitergehen abließ, um das bis dahin Errungene wiederholen und
meinem Gedächtnisse einprägen zu können, ehe ich zu ferneren Teilen
vorwärts schritt. Die Bücher, welche ich nach und nach durchnehmen
wollte, hatte ich in der Ordnung auf einem Bücherbrett aufgestellt.
Ich war nach einer verhältnismäßigen Zeit in ziemlich schwierige
Abteilungen des höheren Gebietes dieser Wissenschaft vorgerückt.


Der Vater erlaubte mir endlich, zuweilen im Sommer eine Zeit hindurch
entfernt von den Eltern auf irgend einem Punkte des Landes zu wohnen.
Zum ersten Aufenthalte dieser Art wurde das Landhaus eines Freundes
meines Vaters nicht gar ferne von der Stadt erwählt. Ich erhielt ein
Zimmerchen in dem obersten Teile des Hauses, dessen Fenster auf die
nahen Weinberge und zwischen ihren Senkungen durch auf die entfernten
Gebirge gingen. Die Frau des Hauses gab mir in sehr kurzen
Zwischenzeiten immer erneuerte schneeweiße Fenstervorhänge. Sehr oft
kamen die Eltern heraus, besuchten mich und brachten den Tag auf dem
Lande zu. Sehr oft ging ich auch zu ihnen in die Stadt und blieb
manchmal sogar über Nacht in ihrem Hause.

Der zweite Aufenthalt im nächst darauf folgenden Sommer war viel
weiter von der Stadt entfernt in dem Hause eines Landmanns. Man hat
häufig in den Häusern unserer Landleute, in welchen alle Wohnstuben
und andere Räumlichkeiten ebenerdig sind, doch noch ein Geschoß über
diesen Räumlichkeiten, in welchem sich ein oder mehrere Gemächer
befinden. Unter diesen Gemächern ist auch die sogenannte obere Stube.
Häufig ist sie bloß das einzige Gemach des ersten Geschosses. Die
obere Stube ist gewissermaßen das Prunkzimmer. In ihr stehen die
schöneren Betten des Hauses, gewöhnlich zwei, in ihr stehen die
Schreine mit den schönen Kleidern, in ihr hängen die Scheiben- und
Jagdgewehre des Mannes, wenn er dergleichen hat, so wie die Preise,
die er im Schießen etwa schon gewonnen, in ihr sind die schöneren
Geschirre der Frau, besonders wenn sie Krüge aus Zinn oder etwas aus
Porzellan hat, und in ihr sind auch die besseren Bilder des Hauses und
sonstige Zierden, zum Beispiel ein schönes Jesuskindlein aus Wachs,
welches in weißem feinem Flaume liegt. In einer solchen oberen Stube
des Hauses eines Landmanns wohnte ich. Das Haus war so weit von der
Stadt entfernt, daß ich die Eltern nur ein einziges Mal mit Benutzung
des Postwagens besuchen konnte, sie aber gar nie zu mir kamen.

Dieser Aufenthalt brachte Veränderungen in mir hervor. Weil ich mit
den Meinigen nicht zusammen kommen konnte, so lebte die Sehnsucht nach
Mitteilung viel stärker in mir, als wenn ich zu Hause gewesen wäre und
sie jeden Augenblick hätte befriedigen können. Ich schritt also zu
ausführlichen Briefen und Berichten. Ich hatte bisher immer aus
Büchern gelernt, deren ich mir bereits eine ziemliche Menge in meine
Bücherkästen von meinem Gelde gekauft hatte; aber ich hatte mich nie
geübt, etwas selber in größerem Zusammenhange zusammen zu stellen.
Jetzt mußte ich es tun, ich tat es gerne, und freute mich, nach
und nach die Gabe der Darstellung und Erzählung in mir wachsen zu
fühlen. Ich schritt zu immer zusammengesetzteren und geordneteren
Schilderungen.


Auch eine andere Veränderung trat ein.

Ich war schon als Knabe ein großer Freund der Wirklichkeit der Dinge
gewesen, wie sie sich so in der Schöpfung oder in dem geregelten
Gange des menschlichen Lebens darstellte. Dies war oft eine große
Unannehmlichkeit für meine Umgebung gewesen. Ich fragte unaufhörlich
um die Namen der Dinge, um ihr Herkommen und ihren Gebrauch und konnte
mich nicht beruhigen, wenn die Antwort eine hinausschiebende war. Auch
konnte ich es nicht leiden, wenn man einen Gegenstand zu etwas Anderem
machte, als er war. Besonders kränkte es mich, wenn er, wie ich
meinte, durch seine Veränderung schlechter wurde. Es machte mir
Kummer, als man einmal einen alten Baum des Gartens fällte und ihn in
lauter Klötze zerlegte. Die Klötze waren nun kein Baum mehr, und da
sie morsch waren, konnte man keinen Schemel, keinen Tisch, kein Kreuz,
kein Pferd daraus schnitzen. Als ich einmal das offene Land kennen
gelernt und Fichten und Tannen auf den Bergen stehen gesehen hatte,
taten mir jederzeit die Bretter leid, aus denen etwas in unserem Hause
verfertigt wurde, weil sie einmal solche Fichten und Tannen gewesen
waren. Ich fragte den Vater, wenn wir durch die Stadt gingen, wer die
große Kirche des heiligen Stephan gebaut habe, warum sie nur einen
Turm habe, warum dieser so spitzig sei, warum die Kirche so schwarz
sei, wem dieses oder jenes Haus gehöre, warum es so groß sei, weshalb
sich an einem andern Hause immer zwei Fenster neben einander befänden
und in einem weiteren Hause zwei steinerne Männer das Sims des
Haustores tragen.

Der Vater beantwortete solche Fragen je nach seinem Wissen. Bei
einigen äußerte er nur Mutmaßungen, bei anderen sagte er, er wisse
es nicht. Wenn wir auf das Land kamen, wollte ich alle Gewächse und
Steine kennen und fragte um die Namen der Landleute und der Hunde. Der
Vater pflegte zu sagen, ich müßte einmal ein Beschreiber der Dinge
werden oder ein Künstler, welcher aus Stoffen Gegenstände fertigt,
an denen er so Anteil nimmt, oder wenigstens ein Gelehrter, der die
Merkmale und Beschaffenheiten der Sachen erforscht.

Diese Eigenschaft nun führte mich, da ich auf dem Lande wohnte, in
eine besondere Richtung. Ich legte die Mathematik weg und widmete
mich der Betrachtung meiner Umgebungen. Ich fing an, bei allen
Vorkommnissen des Hauses, in dem ich wohnte, zuzusehen. Ich lernte
nach und nach alle Werkzeuge und ihre Bestimmungen kennen. Ich ging
mit den Arbeitern auf die Felder, auf die Wiesen und in die Wälder
und arbeitete gelegentlich selber mit. Ich lernte in kurzer Zeit auf
diese Weise die Behandlung und Gewinnung aller Bodenerzeugnisse des
Landstriches, auf dem ich wohnte, kennen. Auch ihre erste ländliche
Verarbeitung zu Kunsterzeugnissen suchte ich in Erfahrung zu bringen.
Ich lernte die Bereitung des Weines aus Trauben kennen, des Garnes und
der Leinwand aus Flachs, der Butter und des Käses aus der Milch, des
Mehles und Brotes aus dem Getreide. Ich merkte mir die Namen, womit
die Landleute ihre Dinge benannten, und lernte bald die Merkmale
kennen, aus denen man die Güte oder den geringeren Wert der
Bodenerzeugnisse oder ihre nächsten Umwandlungen beurteilen konnte.
Selbst in Gespräche, wie man dieses oder jenes auf eine vielleicht
zweckmäßigere Weise hervorbringen könnte, ließ ich mich ein, fand aber
da einen hartnäckigen Widerstand.

Als ich diese Hervorbringung der ersten Erzeugnisse in jenem Striche
des Landes, in welchem ich mich aufhielt, kennen gelernt hatte, ging
ich zu den Gegenständen des Gewerbfleißes über. Nicht weit von meiner
Wohnung war ein weites flaches Tal, das von einem Wasser durchströmt
war, welches sich durch seine gleichbleibende Reichhaltigkeit und
dadurch, daß es im Winter nicht leicht zufror, besonders zum Treiben
von Werken eignete. In dem Tale waren daher mehrere Fabriken
zerstreut. Sie gehörten meistens zu ansehnlichen Handelshäusern. Die
Eigentümer lebten in der Stadt und besuchten zuweilen ihre Werke, die
von einem Verwalter oder Geschäftsleiter versehen wurden.

Ich besuchte nach und nach alle diese Fabriken und unterrichtete mich
über die Erzeugnisse, welche da hervorgebracht wurden. Ich suchte
den Hergang kennen zu lernen, durch welchen der Stoff in die Fabrik
geliefert wurde, durch welchen er in die erste Umwandlung, von dieser
in die zweite und so durch alle Stufen geführt wurde, bis er als
letztes Erzeugnis der Fabrik hervorging. Ich lernte hier die Güte der
einlangenden Rohstoffe kennen und wurde auf die Merkmale aufmerksam
gemacht, aus denen auf eine vorzügliche Beschaffenheit der endlich in
der Fabrik fertig gewordenen Erzeugnisse geschlossen werden konnte.
Ich lernte auch die Mittel und Wege kennen, durch welche die
Umwandlungen, die die Stoffe nach und nach zu erleiden hatten, bewirkt
wurden.

Die Maschinen, welche hiezu größtenteils verwendet wurden, waren mir
durch meine bereits erworbenen Vorkenntnisse in ihren allgemeinen
Einrichtungen schon bekannt. Es war mir daher nicht schwer, ihre
besonderen Wirkungen zu den einzelnen Zwecken, die hier erreicht
werden sollten, einsehen zu lernen. Ich ging durch die Gefälligkeit
der dabei Angestellten alle Teile durch, bis ich das Ganze so vor mir
hatte und zusammen begreifen konnte, als hätte ich es als Zeichnung
auf dem Papier liegen, wie ich ja bisher alle Einrichtungen solcher
Art nur aus Zeichnungen kennen zu lernen Gelegenheit hatte.

In späterer Zeit begann ich, die Naturgeschichte zu betreiben. Ich
fing bei der Pflanzenkunde an. Ich suchte zuerst zu ergründen, welche
Pflanzen sich in der Gegend befänden, in welcher ich mich aufhielt. Zu
diesem Zwecke ging ich nach allen Richtungen aus und bestrebte mich,
die Standorte und die Lebensweise der verschiedenen Gewächse kennen zu
lernen und alle Gattungen zu sammeln. Welche ich mit mir tragen konnte
und welche nur einiger Maßen aufzubewahren waren, nahm ich mit in
meine Wohnung. Von solchen, die ich nicht von dem Orte bringen konnte,
wozu besonders die Bäume gehörten, machte ich mir Beschreibungen,
welche ich zu der Sammlung einlegte. Bei diesen Beschreibungen, die
ich immer nach allen sich mir darbietenden Eigenschaften der Pflanzen
machte, zeigte sich mir die Erfahrung, daß nach meiner Beschreibung
andere Pflanzen in eine Gruppe zusammen gehörten, als welche von den
Pflanzenkundigen als zusammengehörig aufgeführt wurden. Ich bemerkte,
daß von den Pflanzenlehrern die Einteilungen der Pflanzen nur nach
einem oder einigen Merkmalen, zum Beispiele nach den Samenblättern
oder nach den Blütenteilen, gemacht wurden, und daß da Pflanzen in
einer Gruppe beisammen stehen, welche in ihrer ganzen Gestalt und
in ihren meisten Eigenschaften sehr verschieden sind. Ich behielt
die herkömmlichen Einteilungen bei und hatte aber auch meine
Beschreibungen daneben. In diesen Beschreibungen standen die Pflanzen
nach sinnfälligen Linien und, wenn ich mich so ausdrücken dürfte, nach
ihrer Bauführung beisammen.

Bei den Mineralien, welche ich mir sammelte, geriet ich beinahe in
dieselbe Lage. Ich hatte mir schon seit meiner Kinderzeit manche
Stücke zu erwerben gesucht. Fast immer waren dieselben aus
anderen Sammlungen gekauft oder geschenkt worden. Sie waren schon
Sammlungsstücke, hatten meistens das Papierstückchen mit ihrem Namen
auf sich aufgeklebt.

Auch waren sie womöglich immer im Kristallzustande. Das System von
Mohs hatte einmal großes Aufsehen gemacht; ich war durch meine
mathematischen Arbeiten darauf geführt worden, hatte es kennen und
lieben gelernt. Allein da ich jetzt meine Mineralien in der Gegend
meines Aufenthaltes suchte und zusammen trug, fand ich sie weit öfter
in unkristallisirtem Zustande als in kristallisirtem, und sie zeigten
da allerlei Eigenschaften für die Sinne, die sie dort nicht haben. Das
Kristallisiren der Stoffe, welches das System von Mohs voraussetzt,
kam mir wieder wie ein Blühen vor, und die Stoffe standen nach
diesen Blüten beisammen. Ich konnte nicht lassen, auch hier neben
den Einteilungen, die gebräuchlich waren, mir ebenfalls meine
Beschreibungen zu machen.


Ungefähr eine Meile von unserer Stadt liegt gegen Sonnenuntergang hin
eine Reihe von schönen Hügeln. Diese Hügel setzen sich in Stufenfolgen
und nur hie und da von etwas größeren Ebenen unterbrochen immer weiter
nach Sonnenuntergang fort, bis sie endlich in höher gelegenes, noch
hügligeres Land, das sogenannte Oberland, übergehen. In der Nähe der
Stadt sind die Hügel mehrfach von Landhäusern besetzt und mit Gärten
und Anlagen geschmückt, in weiterer Entfernung werden sie ländlicher.
Sie tragen Weinreben oder Felder auf ihren Seiten, auch Wiesen sind
zu treffen, und die Gipfel oder auch manche Rückenstrecken sind mit
laubigen, mehr busch- als baumartigen Wäldern besetzt. Die Bäche und
sonstigen Gewässer sind nicht gar häufig, und oft traf ich im Sommer
zwischen den Hügeln, wenn mich Durst oder Zufall hinab führte, das
ausgetrocknete, mit weißen Steinen gefüllte Bett eines Baches. In
diesem Hügellande war mein Aufenthalt, und in demselben rückte ich
immer weiter gegen Sonnenuntergang vor. Ich streifte weit und breit
herum und war oft mehrere Tage von meiner Wohnung abwesend. Ich ging
die einsamen Pfade, welche zwischen den Feldern oder Weingeländen
hinliefen und sich von Dorf zu Dorf, von Ort zu Ort zogen und manche
Meilen, ja Tagereisen in sich begriffen. Ich ging auf den abgelegenen
Waldpfaden, die in Stammholz oder Gebüschen verborgen waren und
nicht selten im Laubwerk, Gras oder Gestrippe spurlos endeten.
Ich durchwanderte oft auch ohne Pfad Wiesen, Wald und sonstige
Landflächen, um die Gegenstände zu finden, welche ich suchte. Daß
wenige von unseren Stadtbewohnern auf solche Wege kommen, ist
begreiflich, da sie nur kurze Zeit zu dem Genusse des Landlebens sich
gönnen können und in derselben auf den breiten herkömmlichen Straßen
des Landvergnügens bleiben und von anderen Pfaden nichts wissen.
An der Mittagseite war das ganze Hügelland viele Meilen lang von
Hochgebirge gesäumt. Auf einer Stelle der Basteien unserer Stadt kann
man zwischen Häusern und Bäumen ein Fleckchen Blau von diesem Gebirge
sehen. Ich ging oft auf jene Bastei, sah oft dieses kleine blaue
Fleckchen und dachte nichts weiter als: das ist das Gebirge. Selbst
da ich von dem Hause meines ersten Sommeraufenthaltes einen Teil des
Hochgebirges erblickte, achtete ich nicht weiter darauf. Jetzt sah
ich zuweilen mit Vergnügen von einer Anhöhe oder von dem Gipfel eines
Hügels ganze Strecken der blauen Kette, welche in immer undeutlicheren
Gliedern ferner und ferner dahin lief. Oft, wenn ich durch wildes
Gestrippe plötzlich auf einen freien Abriß kam und mir die Abendröte
entgegen schlug, weithin das Land in Duft und roten Rauch legend, so
setzte ich mich nieder, ließ das Feuerwerk vor mir verglimmen, und es
kamen allerlei Gefühle in mein Herz.

Wenn ich wieder in das Haus der Meinigen zurückkehrte, wurde ich
recht freudig empfangen, und die Mutter gewöhnte sich an meine
Abwesenheiten, da ich stets gereifter von ihnen zurück kam. Sie und
die Schwester halfen mir nicht selten, die Sachen, die ich mitbrachte,
aus ihren Behältnissen auspacken, damit ich sie in den Räumen, die
hiezu bestimmt waren, ordnen konnte.

So war endlich die Zeit gekommen, in welcher es der Vater für geraten
fand, mir die ganze Rente der Erbschaft des Großoheims zu freier
Verfügung zu übertragen. Er sagte, ich könne mit diesem Einkommen
verfahren, wie es mir beliebe, nur müßte ich damit ausreichen. Er
werde mir auf keine Weise aus dem Seinigen etwas beitragen, noch mir
je Vorschüsse machen, da meine Jahreseinnahme so reichlich sei, daß
sie meine jetzigen Bedürfnisse, selbst wenn sie noch um Vieles größer
würden, nicht nur hinlänglich decke, sondern daß sie selbst auch
manche Vergnügungen bestreiten könne, und daß doch noch etwas übrig
bleiben dürfte. Es liege somit in meiner Hand, für die Zukunft, die
etwa größere Ausgaben bringen könnte, mir auch eine größere Einnahme
zu sichern. Meine Wohnung und meinen Tisch dürfe ich nicht mehr, wenn
ich nicht wolle, in dem Hause der Eltern nehmen, sondern wo ich immer
wollte. Das Stammvermögen selber werde er an dem Orte, an welchem
es sich bisher befand, liegen lassen. Er fügte bei, er werde mir
dasselbe, sobald ich das vierundzwanzigste Jahr erreicht habe,
einhändigen. Dann könne ich es nach meinem eigenen Ermessen verwalten.
»Ich rate dir aber«, fuhr er fort, »dann nicht nach einer größeren
Rente zu geizen, weil eine solche meistens nur mit einer größeren
Unsicherheit des Stammvermögens zu erzielen ist. Sei immer deines
Grundvermögens sicher und mache die dadurch entstehende kleinere Rente
durch Mäßigkeit größer. Solltest du den Rat deines Vaters einholen
wollen, so wird dir derselbe nie entzogen werden. Wenn ich sterbe oder
freiwillig aus den Geschäften zurück trete, so werdet ihr beide auch
noch von mir eine Vermehrung eures Eigentums erhalten. Wie groß
dieselbe sein wird, kann ich noch nicht sagen, ich bemühe mich, durch
Vorsicht und durch gut gegründete Geschäftsführung sie so groß als
möglich und auch so sicher als möglich zu machen; aber alle stehen
wir in der Hand des Herrn, und er kann durch Ereignisse, welche kein
Menschenauge vorher sehen kann, meine Vermögensumstände bedeutend
verändern. Darum sei weise und gebare mit dem Deinigen, wie du bisher
zu meiner und zur Befriedigung deiner Mutter getan hast.« Ich war
gerührt über die Handlungsweise meines Vaters und dankte ihm von
ganzem Herzen. Ich sagte, daß ich mich stets bestreben werde, seinem
Vertrauen zu entsprechen, daß ich ihn inständig um seinen Rat bitte,
und daß ich in Vermögensangelegenheiten wie in anderen nie gegen ihn
handeln, und daß ich auch nicht den kleinsten Schritt tun wolle,
ohne nach diesem Rat zu verlangen. Eine Wohnung außer dem Hause
zu beziehen, solange ich in unserer Stadt lebe, wäre mir sehr
schmerzlich, und ich bitte, in dem Hause meiner Eltern und an ihrem
Tische bleiben zu dürfen, solange Gott nicht selber durch irgend eine
Schickung eine Änderung herbei führe.

Der Vater und die Mutter waren über diese Worte erfreut. Die Mutter
sagte, daß sie mir zu meiner bisherigen Wohnung, die mir doch als
einem nunmehr selbständigen Manne besonders bei meinen jetzigen
Verhältnissen zu klein werden dürfte, noch einige Räumlichkeiten
zugeben wolle, ohne daß darum der Preis unverhältnismäßig wachse. Ich
war natürlicher Weise mit Allem einverstanden. Ich mußte gleich mit
der Mutter gehen und die mir zugedachte Vergrößerung der Wohnung
besehen. Ich dankte ihr für ihre Sorgfalt. Schon in den nächsten Tagen
richtete ich mich in der neuen Wohnung ein.

Den Winter benutzte ich zum Teile mit Vorbereitungen, um im nächsten
Sommer wieder große Wanderungen machen zu können. Ich hatte mir
vorgenommen, nun endlich einmal das Hochgebirge zu besuchen, und in
ihm so weit herum zu gehen, als es mir zusagen würde.


Als der Sommer gekommen war, fuhr ich von der Stadt auf dem kürzesten
Wege in das Gebirge. Von dem Orte meiner Ankunft aus wollte ich dann
in ihm längs seiner Richtung von Sonnenaufgang nach Sonnenuntergang zu
Fuße fort wandern. Ich begab mich sofort auf meinen Weg. Ich ging den
Tälern entlang, selbst wenn sie voll meiner Richtung abwichen und
allerlei Windungen verfolgten. Ich suchte nach solchen Abschweifungen
immer meinen Hauptweg wieder zu gewinnen. Ich stieg auch auf Bergjoche
und ging auf der entgegengesetzten Seite wieder in das Tal hinab.

Ich erklomm manchen Gipfel und suchte von ihm die Gegend zu sehen und
auch schon die Richtung zu erspähen, in welcher ich in nächster Zeit
vordringen würde. Im Ganzen hielt ich mich stets, soweit es anging,
nach dem Hauptzuge des Gebirges und wich von der Wasserscheide so
wenig als möglich ab.

In einem Tale an einem sehr klaren Wasser sah ich einmal einen toten
Hirsch. Er war gejagt worden, eine Kugel hatte seine Seite getroffen,
und er mochte das frische Wasser gesucht haben, um seinen Schmerz zu
kühlen. Er war aber an dem Wasser gestorben. Jetzt lag er an demselben
so, daß sein Haupt in den Sand gebettet war und seine Vorderfüße in
die reine Flut ragten. Ringsum war kein lebendiges Wesen zu sehen. Das
Tier gefiel mir so, daß ich seine Schönheit bewunderte und mit ihm
großes Mitleid empfand. Sein Auge war noch kaum gebrochen, es glänzte
noch in einem schmerzlichen Glanze, und dasselbe, so wie das Antlitz,
das mir fast sprechend erschien, war gleichsam ein Vorwurf gegen seine
Mörder. Ich griff den Hirsch an, er war noch nicht kalt. Als ich
eine Weile bei dem toten Tiere gestanden war, hörte ich Laute in den
Wäldern des Gebirges, die wie Jauchzen und wie Heulen von Hunden
klangen. Diese Laute kamen näher, waren deutlich zu erkennen, und
bald sprang ein Paar schöner Hunde über den Bach, denen noch einige
folgten. Sie näherten sich mir. Als sie aber den fremden Mann bei
dem Wilde sahen, blieben einige in der Entfernung stehen und bellten
heftig gegen mich, während andere heulend weite Kreise um mich
zogen, in ihnen dahin flogen und in Eilfertigkeit sich an Steinen
überschlugen und überstürzten. Nach geraumer Zeit kamen auch Männer
mit Schießgewehren. Als sich diese dem Hirsche genähert hatten und
neben mir standen, kamen auch die Hunde herzu, hatten vor mir keine
Scheu mehr, beschnupperten mich und bewegten sich und zitterten um das
Wild herum. Ich entfernte mich, nachdem die Jäger auf dem Schauplatze
erschienen waren, sehr bald von ihm.

Bisher hatte ich keine Tiere zu meinen Bestrebungen in der
Naturgeschichte aufgesucht, obwohl ich die Beschreibungen derselben
eifrig gelesen und gelernt hatte. Diese Vernachlässigung der
leiblichen wirklichen Gestalt war bei mir so weit gegangen, daß ich,
selbst da ich einen Teil des Sommers schon auf dem Lande zubrachte,
noch immer die Merkmale von Ziegen, Schafen, Kühen aus meinen
Abbildungen nicht nach den Gestalten suchte, die vor mir wandelten.

Ich schlug jetzt einen andern Weg ein. Der Hirsch, den ich gesehen
hatte, schwebte mir immer vor den Augen. Er war ein edler gefallner
Held und war ein reines Wesen. Auch die Hunde, seine Feinde,
erschienen mir berechtigt wie in ihrem Berufe. Die schlanken
springenden und gleichsam geschnellten Gestalten blieben mir ebenfalls
vor den Augen. Nur die Menschen, welche das Tier geschossen hatten,
waren mir widerwärtig, da sie daraus gleichsam ein Fest gemacht
hatten. Ich fing von der Stunde an, Tiere so aufzusuchen und zu
betrachten, wie ich bisher Steine und Pflanzen aufgesucht und
betrachtet hatte. Sowohl jetzt, da ich noch in dem Gebirge war, als
auch später zu Hause und bei meinen weiteren Wanderungen betrachtete
ich Tiere und suchte ihre wesentlichen Merkmale sowohl an ihrem Leibe
als auch an ihrer Lebensart und Bestimmung zu ergründen. Ich schrieb
das, was ich gesehen hatte, auf und verglich es mit den Beschreibungen
und Einteilungen, die ich in meinen Büchern fand. Da geschah es
wieder, daß ich mit diesen Büchern in Zwiespalt geriet, weil es meinen
Augen widerstrebte, Tiere nach Zehen oder anderen Dingen in einer
Abteilung beisammen zu sehen, die in ihrem Baue nach meiner Meinung
ganz verschieden waren. Ich stellte daher nicht wissenschaftlich, aber
zu meinem Gebrauche eine andere Einteilung zusammen.

Einen besonderen Zweck, den ich bei dem Besuche des Gebirges befolgen
wollte, hatte ich dieses erste Mal nicht, außer was sich zufällig
fand. Ich war nur im Allgemeinen in das Gebirge gegangen, um es zu
sehen. Als daher dieser erste Drang etwas gesättigt war, begab ich
mich auf dem nächsten Wege in das flache Land hinaus und fuhr auf
diesem wieder nach Hause.

Allein der kommende Sommer lockte mich abermals in das Gebirge. Hatte
ich das erste Mal nur im Allgemeinen geschaut, und waren die Eindrücke
wirkend auf mich heran gekommen, so ging ich jetzt schon mehr in das
Einzelne, ich war meiner schon mehr Herr und richtete die Betrachtung
auf besondere Dinge. Viele von ihnen drängten sich an meine Seele.
Ich saß auf einem Steine und sah die breiten Schattenflächen und die
scharfen, oft gleichsam mit einem Messer in sie geschnittenen Lichter.
Ich dachte nach, weshalb die Schatten hier so blau seien und die
Lichter so kräftig und das Grün so feurig und die Wässer so blitzend.
Mir fielen die Bilder meines Vaters ein, auf denen Berge gemalt waren,
und mir wurde es, als hätte ich sie mitnehmen sollen, um vergleichen
zu können. Ich blieb in kleinen Ortschaften zuweilen länger und
betrachtete die Menschen, ihr tägliches Gewerbe, ihr Fühlen, ihr
Reden, Denken und Singen. Ich lernte die Zither kennen, betrachtete
sie, untersuchte sie und hörte auf ihr spielen und zu ihr singen. Sie
erschien mir als ein Gegenstand, der nur allein in die Berge gehört
und mit den Bergen Eins ist. Die Wolken, ihre Bildung, ihr Anhängen
an die Bergwände, ihr Suchen der Bergspitzen so wie die Verhältnisse
des Nebels und seine Neigung zu den Bergen waren mir wunderbare
Erscheinungen.

Ich bestieg in diesem Sommer auch einige hohe Stellen, ich ließ mich
von den Führern nicht bloß auf das Eis der Gletscher geleiten, welches
mich sehr anregte und zur Betrachtung aufforderte, sondern bestieg
auch mit ihrer Hilfe die höchsten Zinnen der Berge. Ich sah die
Überreste einer alten, untergegangenen Welt in den Marmoren, die in
dem Gebirge vorkommen und die man in manchen Tälern zu schleifen
versteht. Ich suchte besondere Arten aufzufinden und sendete sie nach
Hause. Den schönen Enzian hatte ich im früheren Sommer schon der
Schwester in meinen Pflanzenbüchern gebracht, jetzt brachte ich ihr
auch Alpenrosen und Edelweiß. Von der Zirbelkiefer und dem Knieholze
nahm ich die zierlichen Früchte. So verging die Zeit, und so kam ich
bereichert nach Hause.

Ich ging von nun an jeden Sommer in das Gebirge.

Wenn ich von den Zimmern meiner Wohnung in dem Hause meiner Eltern
nach einem dort verbrachten Winter gegen den Himmel blickte und nicht
mehr so oft an demselben die grauen Wolken und den Nebel sah, sondern
öfter schon die blauen und heiteren Lüfte, wenn diese durch ihre Farbe
schon gleichsam ihre größere Weichheit ankündigten, wenn auf den
Mauern und Schornsteinen und Ziegeldächern, die ich nach vielen
Richtungen übersehen konnte, schon immer kräftigere Tafeln von
Sonnenschein lagen, kein Schnee sich mehr blicken ließ und an den
Bäumen unseres Gartens die Knospen schwollen: so mahnte es mich
bereits in das Freie. Um diesem Drange nur vorläufig zu genügen, ging
ich gerne aus der Stadt und erquickte mich an der offenen Weite der
Wiesen, der Felder, der Weinberge. Wenn aber die Bäume blühten und das
erste Laub sich entwickelte, ging ich schon dem Blau der Berge zu,
wenngleich ihre Wände noch von mannigfaltigem Schnee erglänzten. Ich
erwählte mir nach und nach verschiedene Gegenden, an denen ich mich
aufhielt, um sie genau kennen zu lernen und zu genießen.

Mein Vater hatte gegen diese Reisen nichts, auch war er mit der
Art, wie ich mit meinem Einkommen gebarte, sehr zufrieden. Es
blieb nehmlich in jedem Jahre ein Erkleckliches über, was zu dem
Grundvermögen getan werden konnte. Ich spürte desohngeachtet in meiner
Lebensweise keinen Abgang. Ich strebte nach Dingen, die meine Freude
waren und wenig kosteten, weit weniger als die Vergnügungen, denen
meine Bekannten sich hingaben. Ich hatte in Kleidern, Speise und Trank
die größte Einfachheit, weil es meiner Natur so zusagte, weil wir
zur Mäßigkeit erzogen waren und weil diese Gegenstände, wenn ich
ihnen große Aufmerksamkeit hätte schenken sollen, mich von meinen
Lieblingsbestrebungen abgelenkt hätten. So ging alles gut, Vater und
Mutter freuten sich über meine Ordnung, und ich freute mich über ihre
Freude.


Da verfiel ich eines Tages auf das Zeichnen. Ich könnte mir ja meine
Naturgegenstände, dachte ich, eben so gut zeichnen als beschreiben,
und die Zeichnung sei am Ende noch sogar besser als die Beschreibung.
Ich erstaunte, weshalb ich denn nicht sogleich auf den Gedanken
geraten sei. Ich hatte wohl früher immer gezeichnet, aber mit
mathematischen Linien, welche nach Rechnungsgesetzen entstanden,
Flächen und Körper in der Meßkunst darstellten und mit Zirkel und
Richtscheit gemacht worden waren. Ich wußte wohl recht gut, daß man
mit Linien alle möglichen Körper darstellen könne, und hatte es an den
Bildern meines Vaters vollführt gesehen: aber ich hatte nicht weiter
darüber gedacht, da ich in einer andern Richtung beschäftigt war. Es
mußte diese Vernachlässigung von einer Eigenschaft in mir herrühren,
die ich in einem hohen Grade besaß und die man mir zum Vorwurfe
machte. Wenn ich nehmlich mit einem Gegenstande eifrig beschäftigt
war, so vergaß ich darüber manchen andern, der vielleicht größere
Bedeutung hatte. Sie sagten, das sei einseitig, ja es sei sogar Mangel
an Gefühl.

Ich fing mein Zeichnen mit Pflanzen an, mit Blättern, mit Stielen,
mit Zweigen. Es war Anfangs die Ähnlichkeit nicht sehr groß, und die
Vollkommenheit der Zeichnung ließ viel zu wünschen übrig, wie ich
später erkannte. Aber es wurde immer besser, da ich eifrig war und vom
Versuchen nicht abließ. Die früher in meine Pflanzenbücher eingelegten
Pflanzen, wie sorgsam sie auch vorbereitet waren, verloren nach und
nach nicht bloß die Farbe, sondern auch die Gestalt, und erinnerten
nicht mehr entfernt an ihre ursprüngliche Beschaffenheit.

Die gezeichneten Pflanzen dagegen bewahrten wenigstens die
Gestalt, nicht zu gedenken, daß es Pflanzen gibt, die wegen ihrer
Beschaffenheit, und selbst solche, die wegen ihrer Größe in ein
Pflanzenbuch nicht gelegt werden können, wie zum Beispiele Pilze oder
Bäume. Diese konnten in einer Zeichnung sehr wohl aufbewahrt werden.
Die bloßen Zeichnungen aber genügten mir nach und nach auch nicht
mehr, weil die Farbe fehlte, die bei den Pflanzen, besonders bei den
Blüten, eine Hauptsache ist. Ich begann daher, meine Abbildungen mit
Farben zu versehen und nicht eher zu ruhen, als bis die Ähnlichkeit
mit den Urbildern erschien und immer größer zu werden versprach.

Nach den Pflanzen nahm ich auch andere Gegenstände vor, deren Farbe
etwas Auffallendes und Faßliches hatte. Ich geriet auf die Falter und
suchte mehrere nachzubilden. Die Farben von minder hervorragenden
Gegenständen, die zwar unscheinbar, aber doch bedeutsam sind, wie die
der Gesteine im unkristallischen Zustande, kamen später an die Reihe,
und ich lernte ihre Reize nach und nach würdigen.

Da ich nun einmal zeichnete und die Dinge deshalb doch viel genauer
betrachten mußte, und da das Zeichnen und meine jetzige Bestrebungen
mich doch nicht ganz ausfüllten, kam ich auch noch auf eine andere,
viel weiter gehende Richtung.

Ich habe schon gesagt, daß ich gerne auf hohe Berge stieg und von
ihnen aus die Gegenden betrachtete. Da stellten sich nun dem geübteren
Auge die bildsamen Gestalten der Erde in viel eindringlicheren
Merkmalen dar und faßten sich übersichtlicher in großen Teilen
zusammen. Da öffnete sich dem Gemüte und der Seele der Reiz des
Entstehens dieser Gebilde, ihrer Falten und ihrer Erhebungen,
ihres Dahinstreichens und Abweichens von einer Richtung, ihres
Zusammenstrebens gegen einen Hauptpunkt und ihrer Zerstreuungen in die
Fläche. Es kam ein altes Bild, das ich einmal in einem Buche gelesen
und wieder vergessen hatte, in meine Erinnerung. Wenn das Wasser in
unendlich kleinen Tröpfchen, die kaum durch ein Vergrößerungsglas
ersichtlich sind, aus dem Dunste der Luft sich auf die Tafeln unserer
Fenster absetzt, und die Kälte dazu kömmt, die nötig ist, so entsteht
die Decke von Fäden, Sternen, Wedeln, Palmen und Blumen, die wir
gefrorene Fenster heißen. Alle diese Dinge stellen sich zu einem
Ganzen zusammen, und die Strahlen, die Täler, die Rücken, die
Knoten des Eises sind durch ein Vergrößerungsglas angesehen
bewunderungswürdig. Eben so stellt sich von sehr hohen Bergen aus
gesehen die niedriger liegende Gestaltung der Erde dar. Sie muß aus
einem erstarrenden Stoffe entstanden sein und streckt ihre Fächer
und Palmen in großartigem Maßstabe aus. Der Berg selber, auf dem ich
stehe, ist der weiße, helle und sehr glänzende Punkt, den wir in
der Mitte der zarten Gewebe unserer gefrorenen Fenster sehen. Die
Palmenränder der gefrorenen Fenstertafeln werden durch Abbröcklung
wegen des Luftzuges oder durch Schmelzung wegen der Wärme lückenhaft
und unterbrochen. An den Gebirgszügen geschehen Zerstörungen durch
Verwitterung in Folge des Einflusses des Wassers, der Luft, der
Wärme und der Kälte. Nur braucht die Zerstörung der Eisnadeln an den
Fenstern kürzere Zeit als der Nadeln der Gebirge. Die Betrachtung der
unter mir liegenden Erde, der ich oft mehrere Stunden widmete, erhob
mein Herz zu höherer Bewegung, und es erschien mir als ein würdiges
Bestreben, ja als ein Bestreben, zu dem alle meine bisherigen
Bemühungen nur Vorarbeiten gewesen waren, dem Entstehen dieser
Erdoberfläche nachzuspüren und durch Sammlung vieler kleiner Tatsachen
an den verschiedensten Stellen sich in das große und erhabene Ganze
auszubreiten, das sich unsern Blicken darstellt, wenn wir von
Hochpunkt zu Hochpunkt auf unserer Erde reisen und sie endlich alle
erfüllt haben und keine Bildung dem Auge mehr zu untersuchen bleibt
als die Weite und die Wölbung des Meeres.

Ich begann, durch diese Gefühle und Betrachtungen angeregt, gleichsam
als Schlußstein oder Zusammenfassung aller meiner bisherigen Arbeiten
die Wissenschaft der Bildung der Erdoberfläche und dadurch vielleicht
der Bildung der Erde selber zu betreiben. Nebstdem, daß ich
gelegentlich von hohen Stellen aus die Gestaltung der Erdoberfläche
genau zeichnete, gleichsam als wäre sie durch einen Spiegel gesehen
worden, schaffte ich mir die vorzüglichsten Werke an, welche über
diese Wissenschaft handeln, machte mich mit den Vorrichtungen, die man
braucht, bekannt, so wie mit der Art ihrer Benützung.

Ich betrieb nun diesen Gegenstand mit fortgesetztem Eifer und mit
einer strengen Ordnung.

Dabei lernte ich auch nach und nach den Himmel kennen, die Gestaltung
seiner Erscheinungen und die Verhältnisse seines Wetters.

Meine Besuche der Berge hatten nun fast ausschließlich diesen Zweck zu
ihrem Inhalte.



Die Einkehr

Eines Tages ging ich von dem Hochgebirge gegen das Hügelland hinaus.
Ich wollte nehmlich von einem Gebirgszuge in einen andern übersiedeln
und meinen Weg dahin durch einen Teil des offenen Landes nehmen.
Jedermann kennt die Vorberge, mit welchen das Hochgebirge gleichsam
wie mit einem Übergange gegen das flachere Land ausläuft. Mit Laub-
oder Nadelwald bedeckt ziehen sie in angenehmer Färbung dahin, lassen
hie und da das blaue Haupt eines Hochberges über sich sehen, sind hie
und da von einer leuchtenden Wiese unterbrochen, führen alle Wässer,
die das Gebirge liefert und die gegen das Land hinaus gehen, zwischen
sich, zeigen manches Gebäude und manches Kirchlein und strecken sich
nach allen Richtungen, in denen das Gebirge sich abniedert, gegen die
bebauteren und bewohnteren Teile hinaus.

Als ich von dem Hange dieser Berge herab ging und eine freiere
Umsicht gewann, erblickte ich gegen Untergang hin die sanften Wolken
eines Gewitters, das sich sachte zu bilden begann und den Himmel
umschleierte. Ich schritt rüstig fort und beobachtete das Zunehmen und
Wachsen der Bewölkung. Als ich ziemlich weit hinaus gekommen war und
mich in einem Teile des Landes befand, wo sanfte Hügel mit mäßigen
Flächen wechseln, Meierhöfe zerstreut sind, der Obstbau gleichsam in
Wäldern sich durch das Land zieht, zwischen dem dunkeln Laube die
Kirchtürme schimmern, in den Talfurchen die Bäche rauschen und überall
wegen der größeren Weitung, die das Land gibt, das blaue, gezackte
Band der Hochgebirge zu erblicken ist, mußte ich auf eine Einkehr
denken; denn das Dorf, in welchem ich Rast halten wollte, war kaum
mehr zu erreichen. Das Gewitter war so weit gediehen, daß es in einer
Stunde und bei begünstigenden Umständen wohl noch früher ausbrechen
konnte.

Vor mir hatte ich das Dorf Rohrberg, dessen Kirchturm von der Sonne
scharf beschienen über Kirschen- und Weidenbäumen hervor sah. Es lag
nur ganz wenig abseits von der Straße. Näher waren zwei Meierhöfe,
deren jeder in einer mäßigen Entfernung von der Straße in Wiesen und
Feldern prangte. Auch war ein Haus auf einem Hügel, das weder ein
Bauerhaus noch irgend ein Wirtschaftsgebäude eines Bürgers zu sein
schien, sondern eher dem Landhause eines Städters glich. Ich hatte
schon früher wiederholt, wenn ich durch die Gegend kam, das Haus
betrachtet, aber ich hatte mich nie näher um dasselbe bekümmert. Jetzt
fiel es mir um so mehr auf, weil es der nächste Unterkunftsplatz von
meinem Standorte aus war und weil es mehr Bequemlichkeit als die
Meierhöfe zu geben versprach. Dazu gesellte sich ein eigentümlicher
Reiz. Es war, da schon ein großer Teil des Landes, mit Ausnahme des
Rohrberger Kirchturmes, im Schatten lag, noch hell beleuchtet und sah
mit einladendem schimmerndem Weiß in das Grau und Blau der Landschaft
hinaus.

Ich beschloß also, in diesem Hause eine Unterkunft zu suchen.

Ich forschte dem zu Folge nach einem Wege, der von der Straße auf
den Hügel des Hauses hinaufführen sollte. Nach meiner Kenntnis des
Landesgebrauches war es mir nicht schwer, den mit einem Zaune und
mit Gebüsch besäumten Weg, der von der Landstraße ab hinauf ging,
zu finden. Ich schritt auf demselben empor und kam, wie ich richtig
vermutet hatte, vor das Haus. Es war noch immer von der Sonne hell
beschienen. Allein da ich näher vor dasselbe trat, hatte ich einen
bewunderungswürdigen Anblick. Das Haus war über und über mit Rosen
bedeckt, und wie es in jenem fruchtbaren hügligen Lande ist, daß,
wenn einmal etwas blüht, gleich alles mit einander blüht, so war es
auch hier: die Rosen schienen sich das Wort gegeben zu haben, alle
zur selben Zeit aufzubrechen, um das Haus in einen Überwurf der
reizendsten Farbe und in eine Wolke der süßesten Gerüche zu hüllen.

Wenn ich sage, das Haus sei über und über mit Rosen bedeckt gewesen,
so ist das nicht so wortgetreu zu nehmen. Das Haus hatte zwei ziemlich
hohe Geschosse.

Die Wand des Erdgeschosses war bis zu den Fenstern des oberen
Geschosses mit den Rosen bedeckt. Der übrige Teil bis zu dem Dache war
frei, und er war das leuchtende weiße Band, welches in die Landschaft
hinaus geschaut und mich gewissermaßen herauf gelockt hatte. Die Rosen
waren an einem Gitterwerke, das sich vor der Wand des Hauses befand,
befestigt. Sie bestanden aus lauter Bäumchen. Es waren winzige
darunter, deren Blätter gleich über der Erde begannen, dann höhere,
deren Stämmchen über die ersten empor ragten, und so fort, bis die
letzten mit ihren Zweigen in die Fenster des oberen Geschosses hinein
sahen. Die Pflanzen waren so verteilt und gehegt, daß nirgends eine
Lücke entstand und daß die Wand des Hauses, soweit sie reichten,
vollkommen von ihnen bedeckt war.

Ich hatte eine Vorrichtung dieser Art in einem so großen Maßstabe noch
nie gesehen.

Es waren zudem fast alle Rosengattungen da, die ich kannte, und
einige, die ich noch nicht kannte. Die Farben gingen von dem reinen
Weiß der weißen Rosen durch das gelbliche und rötliche Weiß der
Übergangsrosen in das zarte Rot und in den Purpur und in das bläuliche
und schwärzliche Rot der roten Rosen über. Die Gestalten und der Bau
wechselten in eben demselben Maße. Die Pflanzen waren nicht etwa nach
Farben eingeteilt, sondern die Rücksicht der Anpflanzung schien nur
die zu sein, daß in der Rosenwand keine Unterbrechung statt finden
möge. Die Farben blühten daher in einem Gemische durch einander.

Auch das Grün der Blätter fiel mir auf. Es war sehr rein gehalten, und
kein bei Rosen öfter als bei andern Pflanzen vorkommender Übelstand
der grünen Blätter und keine der häufigen Krankheiten kam mir zu
Gesichte. Kein verdorrtes oder durch Raupen zerfressenes oder durch
ihr Spinnen verkrümmtes Blatt war zu erblicken. Selbst das bei Rosen
so gerne sich einnistende Ungeziefer fehlte. Ganz entwickelt und
in ihren verschiedenen Abstufungen des Grüns prangend standen die
Blätter hervor. Sie gaben mit den Farben der Blumen gemischt einen
wunderlichen Überzug des Hauses. Die Sonne, die noch immer gleichsam
einzig auf dieses Haus schien, gab den Rosen und den grünen Blättern
derselben gleichsam goldene und feurige Farben.


Nachdem ich eine Weile mein Vorhaben vergessend vor diesen Blumen
gestanden war, ermahnte ich mich und dachte an das Weitere. Ich sah
mich nach einem Eingange des Hauses um. Allein ich erblickte keinen.
Die ganze ziemlich lange Wand desselben hatte keine Tür und kein Tor.
Auch durch keinen Weg war der Eingang zu dem Hause bemerkbar gemacht;
denn der ganze Platz vor demselben war ein reiner, durch den Rechen
wohlgeordneter Sandplatz. Derselbe schnitt sich durch ein Rasenband
und eine Hecke von den angrenzenden, hinter meinem Rücken liegenden
Feldern ab. Zu beiden Seiten des Hauses in der Richtung seiner
Länge setzten sich Gärten fort, die durch ein hohes, eisernes, grün
angestrichenes Gitter von dem Sandplatze getrennt waren. In diesen
Gittern mußte also der Eingang sein.

Und so war es auch.

In dem Gitter, welches dem den Hügel heranführenden Wege zunächst
lag, entdeckte ich die Tür oder eigentlich zwei Flügel einer Tür, die
dem Gitter so eingefügt waren, daß sie von demselben bei dem ersten
Anblicke nicht unterschieden werden konnten. In den Türen waren die
zwei messingenen Schloßgriffe und an der Seite des einen Flügels ein
Glockengriff.

Ich sah zuerst ein wenig durch das Gitter in den Garten. Der Sandplatz
setzte sich hinter dem Gitter fort, nur war er besäumt mit blühenden
Gebüschen und unterbrochen mit hohen Obstbäumen, welche Schatten
gaben. In dem Schatten standen Tische und Stühle; es war aber kein
Mensch bei ihnen gegenwärtig. Der Garten erstreckte sich rückwärts um
das Haus herum und schien mir bedeutend weit in die Tiefe zu gehen.

Ich versuchte zuerst die Türgriffe, aber sie öffneten nicht. Dann nahm
ich meine Zuflucht zu dem Glockengriffe und läutete.

Auf den Klang der Glocke kam ein Mann hinter den Gebüschen des Gartens
gegen mich hervor. Als er an der innern Seite des Gitters vor mir
stand, sah ich, daß es ein Mann mit schneeweißen Haaren war, die er
nicht bedeckt hatte. Sonst war er unscheinbar und hatte eine Art
Hausjacke an, oder wie man das Ding nennen soll, das ihm überall
enge anlag und fast bis auf die Knie herabreichte. Er sah mich einen
Augenblick an, da er zu mir herangekommen war, und sagte dann: »Was
wollt ihr, lieber Herr?«

»Es ist ein Gewitter im Anzuge«, antwortete ich, »und es wird in
Kurzem über diese Gegend kommen. Ich bin ein Wandersmann, wie ihr an
meinem Ränzchen seht, und bitte daher, daß mir in diesem Hause so
lange ein Obdach gegeben werde, bis der Regen, oder wenigstens der
schwerere, vorüber ist.«

»Das Gewitter wird nicht zum Ausbruche kommen«, sagte der Mann.

»Es wird keine Stunde dauern, daß es kömmt«, entgegnete ich, »ich bin
mit diesen Gebirgen sehr wohl bekannt und verstehe mich auch auf die
Wolken und Gewitter derselben ein wenig.«

»Ich bin aber mit dem Platze, auf welchem wir stehen, aller
Wahrscheinlichkeit nach weit länger bekannt als ihr mit dem Gebirge,
da ich viel älter bin als ihr«, antwortete er, »ich kenne auch seine
Wolken und Gewitter und weiß, daß heute auf dieses Haus, diesen Garten
und diese Gegend kein Regen niederfallen wird.«

»Wir wollen nicht lange darüber Meinungen hegen, ob ein Gewitter
dieses Haus netzen wird oder nicht«, sagte ich; »wenn ihr Anstand
nehmet, mir dieses Gittertor zu öffnen, so habet die Güte und ruft den
Herrn des Hauses herbei.«

»Ich bin der Herr des Hauses.«

Auf dieses Wort sah ich mir den Mann etwas näher an. Sein Angesicht
zeigte zwar auch auf ein vorgerücktes Alter, aber es schien mir
jünger als die Haare und gehörte überhaupt zu jenen freundlichen,
wohlgefärbten, nicht durch das Fett der vorgerückten Jahre entstellten
Angesichtern, von denen man nie weiß, wie alt sie sind. Hierauf sagte
ich: »Nun muß ich wohl um Verzeihung bitten, daß ich so zudringlich
gewesen bin, ohne weiteres auf die Sitte des Landes zu bauen. Wenn
eure Behauptung, daß kein Gewitter kommen werde, einer Ablehnung
gleich sein soll, werde ich mich augenblicklich entfernen. Denkt
nicht, daß ich als junger Mann den Regen so scheue; es ist mir zwar
nicht so angenehm, durchnäßt zu werden als trocken zu bleiben, es ist
mir aber auch nicht so unangenehm, daß ich deshalb jemandem zur Last
fallen sollte. Ich bin oft von dem Regen getroffen worden, und es
liegt nichts daran, wenn ich auch heute getroffen werde.«

»Das sind eigentlich zwei Fragen«, antwortete der Mann, »und ich muß
auf beide etwas entgegnen. Das Erste ist, daß ihr in Naturdingen eine
Unrichtigkeit gesagt habet, was vielleicht daher kömmt, daß ihr die
Verhältnisse dieser Gegend zu wenig kennt oder auf die Vorkommnisse
der Natur nicht genug achtet. Diesen Irrtum mußte ich berichtigen;
denn in Sachen der Natur muß auf Wahrheit gesehen werden. Das Zweite
ist, daß, wenn ihr mit oder ohne Gewitter in dieses Haus kommen wollt,
und wenn ihr gesonnen seid, seine Gastfreundschaft anzunehmen, ich
sehr gerne willfahren werde. Dieses Haus hat schon manchen Gast gehabt
und manchen gerne beherbergt, und wie ich an euch sehe, wird es auch
euch gerne beherbergen und so lange verpflegen, als ihr es für nötig
erachten werdet. Darum bitte ich euch, tretet ein.«

Mit diesen Worten tat er einen Druck am Schlosse des Torflügels,
der Flügel öffnete sich, drehte sich mit einer Rolle auf einer
halbkreisartigen Eisenschiene und gab mir Raum zum Eintreten.

Ich blieb nun einen Augenblick unentschlossen.

»Wenn das Gewitter nicht kömmt«, sagte ich, »so habe ich im Grunde
keine Ursache, hier einzutreten; denn ich bin nur des anziehenden
Gewitters willen von der Landstraße abgewichen und zu diesem Hause
heraufgestiegen. Aber verzeiht mir, wenn ich noch einmal die Frage
anrege. Ich bin beinahe eine Art Naturforscher und habe mich mehrere
Jahre mit Naturdingen, mit Beobachtungen und namentlich mit diesem
Gebirge beschäftigt, und meine Erfahrungen sagen mir, daß heute über
diese Gegend und dieses Haus ein Gewitter kommen wird.«

»Nun müßt ihr eigentlich vollends herein gehen«, sagte er, »jetzt
handelt es sich darum, daß wir gemeinschaftlich abwarten, wer von uns
beiden recht hat. Ich bin zwar kein Naturforscher und kann von mir
nicht sagen, daß ich mich mit Naturwissenschaften beschäftigt habe;
aber ich habe manches über diese Gegenstände gelesen, habe während
meines Lebens mich bemüht, die Dinge zu beobachten und über das
Gelesene und Gesehene nachzudenken. In Folge dieser Bestrebungen habe
ich heute die unzweideutigen Zeichen gesehen, daß die Wolken, welche
jetzt noch gegen Sonnenuntergang stehen, welche schon einmal gedonnert
haben und von denen ihr veranlaßt worden seid, zu mir herauf zu
steigen, nicht über dieses Haus und überhaupt über keine Gegend einen
Regen bringen werden. Sie werden sich vielleicht, wenn die Sonne
tiefer kömmt, verteilen und werden zerstreut am Himmel herum stehen.
Abends werden wir etwa einen Wind spüren, und morgen wird gewiß wieder
ein schöner Tag sein. Es könnte sich zwar ereignen, daß einige schwere
Tropfen fallen oder ein kleiner Sprühregen nieder geht, aber gewiß
nicht auf diesen Hügel.«

»Da die Sache so ist«, erwiderte ich, »trete ich gerne ein und harre
mit euch gerne der Entscheidung, auf die ich begierig bin.«

Nach diesen Worten trat ich ein, er schloß das Gitter und sagte, er
wolle mein Führer sein.


Er führte mich um das Haus herum; denn in der den Rosen
entgegengesetzten Seite war die Tür. Er führte mich durch dieselbe
ein, nachdem er sie mit einem Schlüssel geöffnet hatte. Hinter der Tür
erblickte ich einen Gang, welcher mit Amonitenmarmor gepflastert war.

»Dieser Eingang«, sagte er, »ist eigentlich der Haupteingang; aber da
ich mir nicht gerne das Pflaster des Ganges verderben lasse, halte ich
ihn immer gesperrt, und die Leute gehen durch eine Tür in die Zimmer,
welche wir finden würden, wenn wir noch einmal um die Ecke des
Hauses gingen. Des Pflasters willen muß ich euch auch bitten, diese
Filzschuhe anzuziehen.«

Es standen einige Paare gelblicher Filzschuhe gleich innerhalb der
Tür. Niemand konnte mehr als ich von der Notwendigkeit überzeugt
sein, diesen so edlen und schönen Marmor zu schonen, der an sich
so vortrefflich ist und hier ganz meisterhaft geglättet war. Ich
fuhr daher mit meinen Stiefeln in ein Paar solcher Schuhe, er tat
desgleichen, und so gingen wir über den glatten Boden. Der Gang,
welcher von oben beleuchtet war, führte zu einer braunen getäfelten
Tür. Vor derselben legte er die Filzschuhe ab, verlangte von mir, daß
ich dasselbe tue, und, nachdem wir uns auf dem hölzernen Antritte der
Tür der Filzschuhe entledigt hatten, öffnete er dieselbe und führte
mich in ein Zimmer. Dem Ansehen nach war es ein Speisezimmer; denn in
der Mitte desselben stand ein Tisch, an dessen Bauart man sah, daß er
vergrößert oder verkleinert werden könne, je nachdem eine größere oder
kleinere Anzahl von Personen um ihn sitzen sollte. Außer dem Tische
befanden sich nur Stühle in dem Zimmer und ein Schrein, in welchem die
Speisegerätschaften enthalten sein konnten.

»Legt in diesem Zimmer«, sagte der Mann, »euern Hut, euern Stock und
euer Ränzlein ab, ich werde euch dann in ein anderes Gemach führen, in
welchem ihr ausruhen könnt.«

Als er dies gesagt und ich ihm Folge geleistet hatte, trat er zu einer
breiten Strohmatte und zu Fußbürsten, die sich am Ausgange des Zimmers
befanden, reinigte sich an beiden sehr sorgsam seine Fußbekleidung
und lud mich ein, dasselbe zu tun. Ich tat es, und da ich fertig war,
öffnete er die Ausgangstür, die ebenfalls braun und getäfelt war, und
führte mich durch ein Vorgemach in ein Ausruhezimmer, welches an der
Seite des Vorgemaches lag.

»Dieses Vorgemach«, sagte er, »ist der eigentliche Eingang in das
Speisezimmer, und man kömmt von der andern Tür in dasselbe.«

Das Ausruhezimmer war ein freundliches Gemach und schien recht eigens
zum Sitzen und Ruhehalten bestimmt. Es befaßte nichts als lauter
Tische und Sitze. Auf den Tischen lagen aber nicht, wie es häufig in
unsern Besuchzimmern vorkömmt, Bücher oder Zeichnungen und dergleichen
Dinge, sondern die Tafeln derselben waren unbedeckt und waren
ausnehmend gut geglättet und gereinigt. Sie waren von dunklem
Mahagoniholze, das in der Zeit noch mehr nachgedunkelt war. Ein
einziges Geräte war da, welches kein Tisch und kein Sitz war, ein
Gestelle mit mehreren Fächern, welches Bücher enthielt. An den Wänden
hingen Kupferstiche.

»Hier könnt ihr ausruhen, wenn ihr vom Gehen müde seid oder überhaupt
ruhen wollt«, sagte der Mann, »ich werde gehen und sorgen, daß man
euch etwas zu essen bereitet. Ihr müßt wohl eine Weile allein bleiben.
Auf dem Gestelle liegen Bücher, wenn ihr etwa ein wenig in dieselben
blicken wollet.«

Nach diesen Worten entfernte er sich.

Ich war in der Tat müde und setzte mich nieder.

Als ich saß, konnte ich den Grund einsehen, weshalb der Mann vor dem
Eintritte in dieses Zimmer so sehr seine Fußbekleidung gereinigt und
mir den Wunsch zu gleicher Reinigung ausgedrückt hatte. Das Zimmer
enthielt nehmlich einen schön getäfelten Fußboden, wie ich nie einen
gleichen gesehen hatte. Es war beinahe ein Teppich aus Holz. Ich
konnte das Ding nicht genug bewundern. Man hatte lauter Holzgattungen
in ihren natürlichen Farben zusammengesetzt und sie in ein Ganzes von
Zeichnungen gebracht. Da ich von den Geräten meines Vaters her an
solche Dinge gewohnt war und sie etwas zu beurteilen verstand, sah ich
ein, daß man alles nach einem in Farben ausgeführten Plane gemacht
haben mußte, welcher Plan mir selber wie ein Meisterstück erschien.
Ich dachte, da dürfe ich ja gar nicht aufstehen und auf der Sache
herum gehen, besonders wenn ich die Nägel in Anschlag brachte, mit
denen meine Gebirgsstiefel beschlagen waren. Auch hatte ich keine
Veranlassung zum Aufstehen, da mir die Ruhe nach einem ziemlich langen
Gange sehr angenehm war.

Da saß ich nun in dem weißen Hause, zu welchem ich hinauf gestiegen
war, um in ihm das Gewitter abzuwarten.

Es schien noch immer die Sonne auf das Haus, blickte durch die Fenster
dieses Zimmers schief herein und legte lichte Tafeln auf den schönen
Fußboden desselben.

Als ich eine Weile gesessen war, bemächtigte sich meiner eine seltsame
Empfindung, welche ich mir Anfangs nicht zu erklären vermochte. Es war
mir nehmlich, als sitze ich nicht in einem Zimmer, sondern im Freien,
und zwar in einem stillen Walde. Ich blickte gegen die Fenster, um mir
das Ding zu erklären; aber die Fenster erteilten die Erklärung nicht:
ich sah durch sie ein Stück Himmel, teils rein, teils etwas bewölkt,
und unter dem Himmel sah ich ein Stück Gartengrün von emporragenden
Bäumen, ein Anblick, den ich wohl schon sehr oft gehabt hatte. Ich
spürte eine reine, freie Luft mich umgeben. Die Ursache davon war,
daß die Fenster des Zimmers in ihren oberen Teilen offen waren.
Diese oberen Teile konnten nicht nach Innen geöffnet werden, wie das
gewöhnlich der Fall ist, sondern waren nur zu verschieben, und zwar
so, daß einmal Glas in dem Rahmen vorgeschoben werden konnte, ein
anderes Mal ein zarter Flor von weißgrauer Seide. Da ich in dem Zimmer
saß, war das Letztere der Fall. Die Luft konnte frei herein strömen,
Fliegen und Staub waren aber ausgeschlossen.

Wenn nun gleich die reine Luft eine Mahnung des Freien gab, sah ich
doch hierin nicht völlige Erklärung allein.

Ich bemerkte noch etwas anderes. In dem Zimmer, in welchem ich mich
befand, hörte man nicht den geringsten Laut eines bewohnten Hauses,
den man doch sonst, es mag im Hause noch so ruhig sein, mehr oder
weniger in Zwischenräumen vernimmt. Diese Art Abwesenheit häuslichen
Geräusches verbarg allerdings die Nachbarschaft bewohnter Räume,
konnte aber eben so wenig als die freie Luft die Waldempfindung geben.

Endlich glaubte ich auf den Grund gekommen zu sein. Ich hörte nehmlich
fast ununterbrochen, bald näher, bald ferner, bald leiser, bald lauter
vermischten Vogelgesang. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf diese
Wahrnehmung und erkannte bald, daß der Gesang nicht bloß von Vögeln
herrühre, die in der Nähe menschlicher Wohnungen hausen, sondern auch
von solchen, deren Stimme und Zwitschern mir nur aus den Wäldern und
abgelegenen Bebuschungen bekannt war. Dieses wenig auffallende, mir
aus meinem Gebirgsaufenthalte bekannte und von mir in der Tat nicht
gleich beachtete Getön mochte wohl die Hauptursache meiner Täuschung
gewesen sein, obwohl die Stille des Raumes und die reine Luft auch
mitgewirkt haben konnten. Da ich nun genauer auf dieses gelegentliche
Vogelzwitschern achtete, fand ich wirklich, daß Töne sehr einsamer und
immer in tiefen Wäldern wohnender Vögel vorkamen. Es nahm sich dies
wunderlich in einem bewohnten und wohleingerichteten Zimmer aus.

Da ich aber nun den Grund meiner Empfindung aufgefunden hatte
oder aufgefunden zu haben glaubte, war auch ein großer Teil ihrer
Dunkelheit und mithin Annehmlichkeit verschwunden.

Wie ich nun so fortwährend auf den Vogelgesang merkte, fiel mir
sogleich auch etwas anderes ein. Wenn ein Gewitter im Anzuge ist und
schwüle Lüfte in dem Himmelsraume stocken, schweigen gewöhnlich die
Waldvögel. Ich erinnerte mich, daß ich in solchen Augenblicken oft in
den schönsten, dichtesten, entlegensten Wäldern nicht den geringsten
Laut gehört habe, etwa ein einmaliges oder zweimaliges Hämmern des
Spechtes ausgenommen oder den kurzen Schrei jenes Geiers, den die
Landleute Gießvogel nennen. Aber selbst er schweigt, wenn das Gewitter
in unmittelbarer Annäherung ist. Nur bei den Menschen wohnende Vögel,
die das Gewitter fürchten wie er, oder solche, die im weiten Freien
hausen und vielleicht dessen majestätische Annäherung bewundern,
zeigen sein Bevorstehen an. So habe ich Schwalben vor den dicken
Wolken eines heraufsteigenden Gewitters mit ihrem weißen Bauchgefieder
kreuzen gesehen und selbst schreien gehört, und so habe ich Lerchen
singend gegen die dunkeln Gewitterwolken aufsteigen gesehen. Das
Singen der Waldvögel erschien mir nun als ein schlimmes Zeichen für
meine Voraussagung eines Gewitters. Auch fiel mir auf, daß sich noch
immer keine Merkmale des Ausbruches zeigten, welchen ich nicht für so
ferne gehalten hatte, als ich die Landstraße verließ. Die Sonne schien
noch immer auf das Haus, und ihre glänzenden Lichttafeln lagen noch
immer auf dem schönen Fußboden des Zimmers.


Mein Beherberger schien es darauf angelegt zu haben, mich lange allein
zu lassen, wahrscheinlich, um mir Raum zur Ruhe und Bequemlichkeit zu
geben; denn er kam nicht so bald zurück, als ich nach seiner Äußerung
erwartet hatte.

Als ich eine geraume Weile gesessen war und das Sitzen anfing, mir
nicht mehr jene Annehmlichkeit zu gewähren wie Anfangs, stand ich
auf und ging auf den Fußspitzen, um den Boden zu schonen, zu dem
Büchergestelle, um die Bücher anzusehen. Es waren aber bloß beinahe
lauter Dichter. Ich fand Bände von Herder, Lessing, Goethe, Schiller,
Übersetzungen Shakespeares von Schlegel und Tieck, einen griechischen
Odysseus, dann aber auch etwas aus Ritters Erdbeschreibung, aus
Johannes Müllers Geschichte der Menschheit und aus Alexander und
Wilhelm Humboldt. Ich tat die Dichter bei Seite und nahm Alexander
Humboldts Reise in die Äquinoctialländer, die ich zwar schon kannte,
in der ich aber immer gerne las. Ich begab mich mit meinem Buche
wieder zu meinem Sitze zurück.

Als ich nicht gar kurze Zeit gelesen hatte, trat mein Beherberger
herein.

Ich hatte, weil er so lange abwesend war, gedacht, er werde sich etwa
auch umgekleidet haben, weil er doch nun einmal einen Gast habe und
weil sein Anzug so gar unbedeutend war. Aber er kam in den nehmlichen
Kleidern zurück, in welchen er vor mir an dem Gittertore gestanden
war.

Er entschuldigte sein Außenbleiben nicht, sondern sagte, ich möchte,
wenn ich ausgeruht hätte und es mir genehm wäre, zu speisen, ihm in
das Speisezimmer folgen, es würde dort für mich aufgetragen werden.

Ich sagte, ausgeruht hätte ich schon, aber ich sei nur gekommen, um
Unterstand zu bitten, nicht aber auch in anderer Weise, besonders in
Hinsicht von Speise und Trank, lästig zu fallen.

»Ihr fallt nicht lästig«, antwortete der Mann, »ihr müßt etwas zu
essen bekommen, besonders da ihr so lange da bleiben müßt, bis sich
die Sache wegen des Gewitters entschieden hat. Da schon Mittag vorüber
ist, wir aber genau mit der Mittagstunde des Tages zu Mittag essen und
von da bis zu dem Abendessen nichts mehr aufgetragen wird, so muß für
euch, wenn ihr nicht bis Abends warten sollet, besonders aufgetragen
werden. Solltet ihr aber sollen zu Mittag gegessen haben und bis
Abends warten wollen, so fordert es doch die Ehre des Hauses, daß euch
etwas geboten werde, ihr möget es dann annehmen oder nicht. Folgt mir
daher in das Speisezimmer.«

Ich legte das Buch neben mich auf den Sitz und schickte mich an, zu
gehen.

Er aber nahm das Buch und legte es auf seinen Platz in dem
Büchergestelle.

»Verzeiht«, sagte er, »es ist bei uns Sitte, daß die Bücher, die auf
dem Gestelle sind, damit jemand, der in dem Zimmer wartet oder sich
sonst aufhält, bei Gelegenheit und nach Wohlgefallen etwas lesen kann,
nach dem Gebrauche wieder auf das Gestelle gelegt werden, damit das
Zimmer die ihm zugehörige Gestalt behalte.«

Hierauf öffnete er die Tür und lud mich ein, in das mir bekannte
Speisezimmer voraus zu gehen.

Als wir in demselben angelangt waren, sah ich, daß in ausgezeichnet
schönen weißen Linnen gedeckt sei, und zwar nur ein Gedecke, daß sich
eingemachte Früchte, Wein, Wasser und Brot auf dem Tische befanden und
in einem Gefäße verkleinertes Eis war, es in den Wein zu tun. Mein
Ränzlein und meinen Schwarzdornstock sah ich nicht mehr, mein Hut aber
lag noch auf seinem Platze.

Mein Begleiter tat aus einer der Taschen seines Kleides ein, wie ich
vermutete, silbernes Glöcklein hervor und läutete. Sofort erschien
eine Magd und brachte ein gebratenes Huhn und schönen rot
gesprenkelten Kopfsalat.

Mein Gastherr lud mich ein, mich zu setzen und zu essen.

Da es so freundlich geboten war, nahm ich es an. Obwohl ich wirklich
schon einmal gegessen hatte, so war das vor dem Mittag gewesen, und
ich war durch das Wandern wieder hungrig geworden. Ich genoß daher von
dem Aufgesetzten.

Mein Beherberger setzte sich zu mir, leistete mir Gesellschaft, aß und
trank aber nichts.

Da ich fertig war und die Eßgeräte hingelegt hatte, bot er mir an,
wenn ich nicht zu müde sei, mich in den Garten zu führen.

Ich nahm es an.

Er läutete wieder mit dem Glöcklein, um den Befehl zu geben, daß man
abräume, und führte mich nun nicht durch den Gang, durch welchen wir
herein gekommen waren, sondern durch einen mit gewöhnlichen Steinen
gepflasterten in den Garten. Er hatte jetzt ein kleines Häubchen von
durchbrochener Arbeit auf seinen weißen Haaren, wie man sie gerne
Kindern aufsetzt, um ihre Locken gleichsam wie in einem Netze
einzufangen.

Als wir in das Freie kamen, sah ich, daß, während ich aß, die Sonne
auf das Haus zu scheinen aufgehört hatte, sie war von der Gewitterwand
überholt worden. Auf dem Garten sowie auf der Gegend lag der warme,
trockene Schatten, wie er bei solchen Gelegenheiten immer erscheint.
Aber die Gewitterwand hatte sich während meines Aufenthaltes in dem
Hause wenig verändert und gab nicht die Aussicht auf baldigen Ausbruch
des Regens.


Ein Umblick überzeugte mich sogleich, daß der Garten hinter dem Hause
sehr groß sei. Es war aber kein Garten, wie man sie gerne hinter
und neben den Landhäusern der Städter anlegt, nehmlich, daß man
unfruchtbare oder höchstens Zierfrüchte tragende Gebüsche und Bäume
pflegt und zwischen ihnen Rasen und Sandwege oder einige Blumenhügel
oder Blumenkreise herrichtet, sondern es war ein Garten, der mich an
den meiner Eltern bei dem Vorstadthause erinnerte. Es war da eine
weitläufige Anlage von Obstbäumen, die aber hinlänglich Raum ließen,
daß fruchtbare oder auch nur zum Blühen bestimmte Gesträuche
dazwischen stehen konnten und daß Gemüse und Blumen vollständig zu
gedeihen vermochten. Die Blumen standen teils in eigenen Beeten, teils
liefen sie als Einfriedigung hin, teils befanden sie sich auf eigenen
Plätzen, wo sie sich schön darstellten. Mich empfingen von jeher
solche Gärten mit dem Gefühle der Häuslichkeit und Nützlichkeit,
während die anderen einerseits mit keiner Frucht auf das Haus denken
und andererseits wahrhaftig auch kein Wald sind. Was zur Rosenzeit
blühen konnte, blühte und duftete, und weil eben die schweren Wolken
am Himmel standen, so war aller Duft viel eindringender und stärker.
Dies deutete doch wieder auf ein Gewitter hin.

Nahe bei dem Hause befand sich ein Gewächshaus. Es zeigte uns aber
gegen den Weg, auf dem wir gingen, nicht seine Länge, sondern seine
Breite hin. Auch diese Breite, welche teilweise Gebüsche deckten, war
mit Rosen bekleidet und sah aus wie ein Rosenhäuschen im Kleinen.

Wir gingen einen geräumigen Gang, der mitten durch den Garten lief,
entlang. Er war Anfangs eben, zog sich aber dann sachte aufwärts.

Auch im Garten waren die Rosen beinahe herrschend. Entweder stand hie
und da auf einem geeigneten Platze ein einzelnes Bäumchen oder es
waren Hecken nach gewissen Richtungen angelegt, oder es zeigten sich
Abteilungen, wo sie gute Verhältnisse zum Gedeihen finden und sich dem
Auge angenehm darstellen konnten. Eine Gruppe von sehr dunkeln, fast
violetten Rosen war mit einem eigenen zierlichen Gitter umgeben, um
sie auszuzeichnen oder zu schützen. Alle Blumen waren wie die vor
dem Hause besonders rein und klar entwickelt, sogar die verblühenden
erschienen in ihren Blättern noch kraftvoll und gesund.

Ich machte in Einsicht des letzten Umstandes eine Bemerkung.

»Habt ihr denn nie eine jener alten Frauen gesehen«, sagte mein
Begleiter, »die in ihrer Jugend sehr schön gewesen waren und sich
lange kräftig erhalten haben? Sie gleichen diesen Rosen. Wenn sie
selbst schon unzählige kleine Falten in ihrem Angesichte haben, so
ist doch noch zwischen den Falten die Anmut herrschend und eine sehr
schöne, liebe Farbe.«

Ich antwortete, daß ich das noch nie beobachtet hätte, und wir gingen
weiter.

Es waren außer den Rosen noch andere Blumen im Garten. Ganze Beete von
Aurikeln standen an schattigen Orten. Sie waren wohl längst verblüht,
aber ihre starken grünen Blätter zeigten, daß sie in guter Pflege
waren. Hie und da stand eine Lilie an einer einsamen Stelle, und voll
entwickelte Nelken prangten in Töpfen auf einem eigenen Schragen, an
dem Vorrichtungen angebracht waren, die Blumen vor Sonne zu bewahren.
Sie waren noch nicht aufgeblüht, aber die Knospen waren weit
vorgerückt und ließen treffliche Blumen ahnen. Es mochten nur die
auserwählten auf dem Schragen stehen; denn ich sah die Schule dieser
Pflanzen, als wir etwas weiter kamen, in langen, weithingehenden
Beeten angelegt. Sonst waren die gewöhnlichen Gartenblumen da, teils
in Beeten, teils auf kleinen, abgesonderten Plätzen, teils als
Einfassungen. Besonders schien sich auch die Levkoje einer Vorliebe
zu erfreuen, denn sie stand in großer Anzahl und Schönheit sowie in
vielen Arten da. Ihr Duft ging wohltuend durch die Lüfte. Selbst in
Töpfen sah ich diese Blume gepflegt und an zuträgliche Orte gestellt.
Was an Zwiebelgewächsen, Hyazinthen, Tulpen und dergleichen vorhanden
gewesen sein mochte, konnte ich nicht ermessen, da die Zeit dieser
Blumen längst vorüber war.

Auch die Zeit der Blütengesträuche war vorüber, und sie standen nur
mit ihren grünen Blättern am Wege oder an ihren Stellen.

Die Gemüse nahmen die weiten und größeren Räume ein. Zwischen ihnen
und an ihren Seiten liefen Anpflanzungen von Erdbeeren. Sie schienen
besonders gehegt, waren häufig aufgebunden und hatten Blechtäfelchen
zwischen sich, auf denen die Namen standen.

Die Obstbäume waren durch den ganzen Garten verteilt, wir gingen an
vielen vorüber. Auch an ihnen, besonders aber an den zahlreichen
Zwergbäumen, sah ich weiße Täfelchen mit Namen.

An manchen Bäumen erblickte ich kleine Kästchen von Holz, bald an dem
Stamme, bald in den Zweigen. In unserem Oberlande gibt man den Staren
gerne solche Behälter, damit sie Ihr Nest in dieselben bauen. Die hier
befindlichen Behältnisse waren aber anderer Art. Ich wollte fragen,
aber in der Folge des Gespräches vergaß ich wieder darauf.

Da wir in dem Garten so fortgingen, hörte ich besonders aus seinem
bebuschten Teile wieder die Vogelstimmen, die ich in dem Wartezimmer
gehört hatte, nur hier deutlicher und heller.

Auch ein anderer Umstand fiel mir auf, da wir schon einen großen Teil
des Gartens durchwandert hatten; ich bemerkte nehmlich gar keinen
Raupenfraß. Während meines Ganges durch das Land hatte ich ihn aber
doch gesehen, obwohl er mir, da er nicht außerordentlich war und
keinen Obstmißwachs befürchten ließ, nicht besonders aufgefallen war.
Bei der Frische der Belaubung dieses Gartens fiel er mir wieder ein.
Ich sah das Laub deshalb näher an und glaubte zu bemerken, daß es
auch vollkommener sei als anderwärts, das grüne Blatt war größer und
dunkler, es war immer ganz, und die grünen Kirschen und die kleinen
Äpfelchen und Birnchen sahen recht gesund daraus hervor. Ich
betrachtete, durch diese Tatsache aufmerksam gemacht, nun auch den
Kohl genauer, der nicht weit von unserm Wege stand. An ihm zeigte
keine kahle Rippe, daß die Raupe des Weißlings genagt habe. Die
Blätter waren ganz und schön. Ich nahm mir vor, diese Beobachtung
gegen meinen Begleiter gelegentlich zur Sprache zu bringen.


Wir waren mittlerweile bis an das Ende der Pflanzungen gelangt, und
es begann Rasengrund, der steiler anstieg, Anfangs mit Bäumen besetzt
war, weiter oben aber kahl fortlief.

Wir stiegen auf ihm empor.

Da wir auf eine ziemliche Höhe gelangt waren und Bäume die Aussicht
nicht mehr hinderten, blieb ich ein wenig stehen, um den Himmel zu
betrachten. Mein Begleiter hielt ebenfalls an. Das Gewitter stand
nicht mehr gegen Sonnenuntergang allein, sondern jetzt überall. Wir
hörten auch entfernten Donner, der sich öfter wiederholte. Wir hörten
ihn bald gegen Sonnenuntergang, bald gegen Mittag, bald an Orten, die
wir nicht angeben konnten. Mein Mann mußte seiner Sache sehr sicher
sein; denn ich sah, daß in dem Garten Arbeiter sehr eifrig an den
mehreren Ziehbrunnen zogen, um das Wasser in die durch den Garten
laufenden Rinnen zu leiten und aus diesen in die Wasserbehälter.
Ich sah auch bereits Arbeiter gehen, ihre Gießkannen in den
Wasserbehältern füllen und ihren Inhalt auf die Pflanzenbeete
ausstreuen. Ich war sehr begierig auf den Verlauf der Dinge, sagte
aber gar nichts, und mein Begleiter schwieg auch.

Wir gingen nach kurzem Stillstande auf dem Rasengrunde wieder weiter
aufwärts, und zuletzt ziemlich steil.

Endlich hatten wir die höchste Stelle erreicht und mit ihr auch das
Ende des Gartens. Jenseits senkte sich der Boden wieder sanft abwärts.
Auf diesem Platze stand ein sehr großer Kirschbaum, der größte Baum
des Gartens, vielleicht der größte Obstbaum der Gegend. Um den Stamm
des Baumes lief eine Holzbank, die vier Tischchen nach den vier
Weltgegenden vor sich hatte, daß man hier ausruhen, die Gegend besehen
oder lesen und schreiben konnte. Man sah an dieser Stelle fast nach
allen Richtungen des Himmels. Ich erinnerte mich nun ganz genau, daß
ich diesen Baum wohl früher bei meinen Wanderungen von der Straße
oder von anderen Stellen aus gesehen hatte. Er war wie ein dunkler,
ausgezeichneter Punkt erschienen, der die höchste Stelle der
Gegend krönte. Man mußte an heiteren Tagen von hier aus die ganze
Gebirgskette im Süden sehen, jetzt aber war nichts davon zu erblicken;
denn alles floß in eine einzige Gewittermasse zusammen. Gegen
Mitternacht erschien ein freundlicher Höhenzug, hinter welchem nach
meiner Schätzung das Städtchen Landegg liegen mußte.

Wir setzten uns ein wenig auf das Bänklein. Es schien, daß man an
diesem Plätzchen niemals vorüber gehen konnte, ohne sich zu setzen und
eine kleine Umschau zu halten; denn das Gras war um den Baum herum
abgetreten, daß der kahle Boden hervorsah, wie wenn ein Weg um den
Baum ginge. Man mußte sich daher gerne an diesem Platze versammeln.

Als wir kaum ein Weilchen ausgeruht hatten, sah ich eine Gestalt aus
den nicht sehr entfernten Büschen und Bäumen hervortreten und gegen
uns empor gehen. Da sie etwas näher gekommen war, erkannte ich, daß
es ein Gemische von Knabe und Jüngling war. Zuweilen hätte man meinen
können, der Ankommende sei ganz ein Jüngling, und zuweilen, er sei
noch ganz ein Knabe. Er trug ein blau- und weißgestreiftes Leinenzeug
als Bekleidung, um den Hals hatte er nichts und auf dem Haupte auch
nichts als eine dichte Menge brauner Locken.

Da er herzugekommen war, sagte er: »Ich sehe, daß du mit einem fremden
Manne beschäftigt bist, ich werde dich also nicht stören und wieder in
den Garten hinab gehen.«

»Tue das«, sagte mein Begleiter.

Der Knabe machte eine schnelle und leichte Verbeugung gegen mich,
wendete sich um und ging in derselben Richtung wieder zurück, in der
er gekommen war.

Wie blieben noch sitzen.

Am Himmel änderte sich indessen wenig. Dieselbe Wolkendecke stand da,
und wir hörten denselben Donner. Nur da die Decke dunkler geworden zu
sein schien, so wurde jetzt zuweilen auch ein Blitz sichtbar.

Nach einer Zeit sagte mein Begleiter. »Eure Reise hat wohl nicht einen
Zweck, der durch den Aufenthalt von einigen Stunden oder von einem
Tage oder von einigen Tagen gestört würde.«

»Es ist so, wie ihr gesagt habt«, antwortete ich, »mein Zweck ist,
soweit meine Kräfte reichen, wissenschaftliche Bestrebungen zu
verfolgen und nebenbei, was ich auch nicht für unwichtig halte, das
Leben in der freien Natur zu genießen.«

»Dieses Letzte ist in der Tat auch nicht unwichtig«, versetzte mein
Nachbar, »und da ihr euren Reisezweck bezeichnet habt, so werdet ihr
gewiß einwilligen, wenn ich euch einlade, heute nicht mehr weiter zu
reisen, sondern die Nacht in meinem Hause zuzubringen. Wünschet ihr
dann am morgigen Tage und an mehreren darauf folgenden noch bei mir zu
verweilen, so steht es nur bei euch, so zu tun.«

»Ich wollte, wenn das Gewitter auch lange angedauert hätte, doch
heute noch nach Rohrberg gehen«, sagte ich. »Da ihr aber auf eine so
freundliche Weise gegen einen unbekannten Reisenden verfahrt, so sage
ich gerne zu, die heutige Nacht in eurem Hause zuzubringen und hin
euch dafür dankbar. Was morgen sein wird, darüber kann ich noch nicht
entscheiden, weil das Morgen noch nicht da ist.«

»So haben wir also für die kommende Nacht abgeschlossen, wie ich
gleich gedacht habe«, sagte mein Begleiter, »ihr werdet wohl bemerkt
haben, daß euer Ränzlein und euer Wanderstock nicht mehr in dem
Speisezimmer waren, als ihr zum Essen dahin kamet.«

»Ich habe es wirklich bemerkt«, antwortete ich.

»Ich habe beides in euer Zimmer bringen lassen«, sagte er, »weil
ich schon vermutete, daß ihr diese Nacht in unserm Hause zubringen
würdet.«



Die Beherbergung

Nach einer Weile sagte mein Gastfreund: »Da ihr nun meine
Nachtherberge angenommen habt, so könnten wir von diesem Baume auch
ein wenig in das Freie gehen, daß ihr die Gegend besser kennen
lernet. Wenn das Gewitter zum Ausbruche kommen sollte, so kennen wir
wohl beide die Anzeichen genug, daß wir rechtzeitig umkehren, um
ungefährdet das Haus zu erreichen.«

»So kann es geschehen«, sagte ich, und wir standen von dem Bänkchen
auf.

Einige Schritte hinter dem Kirschbaume war der Garten durch eine
starke Planke von der Umgebung getrennt. Als wir zu dieser Planke
gekommen waren, zog mein Begleiter einen Schlüssel aus der Tasche,
öffnete ein Pförtchen, wir traten hinaus und er schloß hinter uns das
Pförtchen wieder zu.

Hinter dem Garten fingen Felder an, auf denen die verschiedensten
Getreide standen. Die Getreide, welche sonst wohl bei dem geringsten
Luftzuge zu wanken beginnen mochten, standen ganz stille und
pfeilrecht empor, das feine Haar der Ähren, über welches unsere Augen
streiften, war gleichsam in einem unbeweglichen goldgrünen Schimmer.

Zwischen dem Getreide lief ein Fußpfad durch. Derselbe war breit und
ziemlich ausgetreten. Er ging den Hügel entlang, nicht steigend und
nicht sinkend, so daß er immer auf dem höchsten Teile der Anhöhe
blieb. Auf diesem Pfade gingen wir dahin.

Zu beiden Seiten des Weges stand glühroter Mohn in dem Getreide, und
auch er regte die leichten Blätter nicht.

Es war überall ein Zirpen der Grillen; aber dieses war gleichsam eine
andere Stille und erhöhte die Erwartung, die aller Orten war. Durch
die über den ganzen Himmel liegende Wolkendecke ging zuweilen ein
tiefes Donnern, und ein blasser Blitz lüftete zeitweilig ihr Dunkel.

Mein Begleiter ging ruhig neben mir und strich manchmal sachte mit der
Hand an den grünen Ähren des Getreides hin. Er hatte sein Netz von den
weißen Haaren abgenommen, hatte es in die Tasche gesteckt und trug
sein Haupt unbedeckt in der milden Luft,

Unser Weg führte uns zu einer Stelle, auf welcher kein Getreide stand.
Es war ein ziemlich großer Platz, der nur mit sehr kurzem Grase
bedeckt war. Auf diesem Platze befand sich wieder eine hölzerne Bank
und eine mittelgroße Esche.

»Ich habe diesen Fleck freigelassen, wie ich ihn von meinen Vorfahren
überkommen hatte«, sagte mein Begleiter, »obwohl er, wenn man ihn
urbar machte und den Baum ausgrübe, in einer Reihe von Jahren eine
nicht unbedeutende Menge von Getreide gäbe. Die Arbeiter halten hier
ihre Mittagsruhe und verzehren hier ihr Mittagsmahl, wenn es ihnen auf
das Feld nachgebracht wird. Ich habe die Bank machen lassen, weil ich
auch gerne da sitze, wäre es auch nur, um den Schnittern zuzuschauen
und die Feierlichkeit der Feldarbeiten zu betrachten. Alte
Gewohnheiten haben etwas Beruhigendes, sei es auch nur das des
Bestehenden und immer Gesehenen. Hier dürfte es aber mehr sein,
weshalb die Stelle unbebaut blieb und der Baum auf derselben steht.
Der Schatten dieser Esche ist wohl ein sparsamer, aber da er der
einzige dieser Gegend ist, wird er gesucht, und die Leute, obwohl sie
roh sind, achten gewiß auch auf die Aussicht, die man hier genießt.
Setzt euch nur zu mir nieder und betrachtet das Wenige, was uns heute
der verschleierte Himmel gönnt.«

Wir setzten uns auf die Bank unter der Esche, so daß wir gegen Mittag
schauten. Ich sah den Garten wie einen grünen Schoß schräg unter mir
liegen.

An seinem Ende sah ich die weiße mitternächtliche Mauer des Hauses und
über der weißen Mauer das freundliche rote Dach. Von dem Gewächshause
war nur das Dach und der Schornstein ersichtlich.

Weiter hin gegen Mittag war das Land und das Gebirge kaum zu erkennen
wegen des blauen Wolkenschattens und des blauen Wolkenduftes. Gegen
Morgen stand der weiße Turm von Rohrberg und gegen Abend war Getreide
an Getreide, zuerst auf unserm Hügel, dann jenseits desselben auf
dem nächsten Hügel und so fort, so weit die Hügel sichtbar waren.
Dazwischen zeigten sich weiße Meierhöfe und andere einzelne Häuser
oder Gruppen von Häusern. Nach der Sitte des Landes gingen Zeilen von
Obstbäumen zwischen den Getreidefeldern dahin, und in der Nähe von
Häusern oder Dörfern standen diese Bäume dichter, gleichsam wie in
Wäldchen, beisammen. Ich fragte meinen Nachbar teils nach den Häusern,
teils nach dein Besitzern der Felder.

»Die Felder von dem Kirschbaume gegen Sonnenuntergang hin bis zu der
ersten Zeile von Obstbäumen sind unser«, sagte mein Begleiter. »Die
wir von dem Kirschbaum bis hieher durchwandert haben, gehören auch
uns. Sie gehen noch bis zu jenen langen Gebäuden, die ihr da unten
seht, welche unsere Wirtschaftsgebäude sind. Gegen Mitternacht
erstrecken sie sich, wenn ihr umsehen wollt, bis zu jenen Wiesen mit
den Erlenbüschen. Die Wiesen gehören auch uns und machen dort die
Grenze unserer Besitzungen. Im Mittag gehören die Felder uns bis zur
Einfriedigung von Weißdorn, wo ihr die Straße verlassen habt. Ihr
könnt also sehen, daß ein nicht ganz geringer Teil dieses Hügels von
unserm Eigentume bedeckt ist. Wir sind von diesem Eigentume umringt
wie von einem Freunde, der nie wankt und nicht die Treue bricht.«

Mir fiel bei diesen Worten auf, daß er vom Eigentume immer die
Ausdrücke uns und unser gebrauchte. Ich dachte, er werde etwa eine
Gattin oder auch Kinder einbeziehen. Mir fiel der Knabe ein, den ich
im Heraufgehen gesehen hatte, vielleicht ist dieser ein Sohn von ihm.

»Der Rest des Hügels ist an drei Meierhöfe verteilt«, schloß er seine
Rede, »welche unsere nächsten Nachbarn sind. Von den Niederungen
an, die um den Hügel liegen, und jenseits welcher das Land wieder
aufsteigt, beginnen unsere entfernteren Nachbarn.«

»Es ist ein gesegnetes, ein von Gott beglücktes Land«, sagte ich.

»Ihr habt recht gesprochen«, erwiderte er, »Land und Halm ist eine
Wohltat Gottes. Es ist unglaublich, und der Mensch bedenkt es kaum,
welch ein unermeßlicher Wert in diesen Gräsern ist. Laßt sie einmal
von unserem Erdteile verschwinden, und wir verschmachten bei allem
unserem sonstigen Reichtume vor Hunger. Wer weiß, ob die heißen Länder
nicht so dünn bevölkert sind und das Wissen und die Kunst nicht so
tragen wie die kälteren, weil sie kein Getreide haben. Wie viel selbst
dieser kleine Hügel gibt, würdet ihr kaum glauben. Ich habe mir einmal
die Mühe genommen, die Fläche dieses Hügels, soweit sie Getreideland
ist, zu messen, um auf der Grundlage der Erträgnisse unserer
Felder und der Erträgnisfähigkeit der Felder der Nachbarn, die ich
untersuchte, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu machen, welche
Getreidemenge im Durchschnitte jedes Jahr auf diesem Hügel wächst.

Ihr würdet die Zahlen nicht glauben, und auch ich habe sie mir vorher
nicht so groß vorgestellt. Wenn es euch genehm ist, werde ich euch die
Arbeit in unserem Hause zeigen. Ich dachte mir damals, das Getreide
gehöre auch zu jenen unscheinbaren, nachhaltigen Dingen dieses Lebens
wie die Luft. Wir reden von dem Getreide und von der Luft nicht
weiter, weil von beiden so viel vorhanden ist und uns beide überall
umgeben. Die ruhige Verbrauchung und Erzeugung zieht eine unermeßliche
Kette durch die Menschheit in den Jahrhunderten und Jahrtausenden.
Überall, wo Völker mit bestimmten geschichtlichen Zeichnungen
auftreten und vernünftige Staatseinrichtungen haben, finden wir
sie schon zugleich mit dem Getreide, und wo der Hirte in lockeren
Gesellschaftsbanden, aber vereint mit seiner Herde lebt, da sind es
zwar nicht die Getreide, die ihn nähren, aber doch ihre geringeren
Verwandten, die Gräser, die sein ebenfalls geringeres Dasein erhalten.
- Aber verzeiht, daß ich da so von Gräsern und Getreiden rede, es ist
natürlich, da ich da mitten unter ihnen wohne und auf ihren Segen erst
in meinem Alter mehr achten lernte.«

»Ich habe nichts zu verzeihen«, erwiderte ich; »denn ich teile eure
Ansicht über das Getreide vollkommen, wenn ich auch ein Kind der
großen Stadt bin. Ich habe diese Gewächse viel beachtet, habe darüber
gelesen, freilich mehr von dem Standpunkte der Pflanzenkunde, und
habe, seit ich einen großen Teil des Jahres in der freien Natur
zubringe, ihre Wichtigkeit immer mehr und mehr einsehen gelernt.«

»Ihr würdet es erst recht«, sagte er, »wenn ihr Besitztümer hättet
oder auf euren Besitztümern euch mit der Pflege dieser Pflanzen
besonders abgäbet.«

»Meine Eltern sind in der Stadt«, antwortete ich, »mein Vater treibt
die Kaufmannschaft, und außer einem Garten besitzt weder er noch ich
einen liegenden Grund.«

»Das ist von großer Bedeutung«, erwiderte er, »den Wert dieser
Pflanzen kann keiner vollständig ermessen, als der sie pflegt.«


Wir schwiegen nun eine Weile.

Ich sah an seinen Wirtschaftsgebäuden Leute beschäftigt. Einige gingen
an den Toren ab und zu, in häuslichen Arbeiten begriffen, andere
mähten in einer nahen Wiese Gras und ein Teil war bedacht, das im
Laufe des Tages getrocknete Heu in hochbeladenen Wägen durch die Tore
einzufahren. Ich konnte wegen der großen Entfernung das Einzelne der
Arbeiten nicht unterscheiden, so wie ich die eigentliche Bauart und
die nähere Einrichtung der Gebäude nicht wahrnehmen konnte.

»Was ihr von den Häusern und den Besitzern der Felder gesagt habt, daß
ich sie euch nennen soll«, fuhr er nach einer Weile fort, »so hat dies
seine Schwierigkeit, besonders heute. Man kann zwar von diesem Platze
aus die größte Zahl der Nachbarn erblicken; aber heute, wo der Himmel
umschleiert ist, sehen wir nicht nur das Gebirge nicht, sondern es
entgeht uns auch mancher weiße Punkt des untern Landes, der Wohnungen
bezeichnet, von denen ich sprechen möchte. Anderen Teils sind euch die
Leute unbekannt. Ihr solltet eigentlich in der Gegend herumgewandert
sein, in ihr gelebt haben, daß sie zu eurem Geiste spräche und ihr die
Bewohner verstündet. Vielleicht kommt ihr wieder und bleibt länger bei
uns, vielleicht verlängert ihr euren jetzigen Aufenthalt. Indessen
will ich euch im Allgemeinen etwas sagen und von Besonderem
hinzufügen, was euch ansprechen dürfte. Ich besuche auch meiner
Nachbarn willen gerne diesen Platz; denn außerdem, daß hier auf der
Höhe selbst an den schönsten Tagen immer ein kühler Luftzug geht,
außerdem daß ich hier unter meinen Arbeitern bin, sehe ich von hier
aus alle, die mich umgeben, es fällt mir manches von ihnen ein,
und ich ermesse, wie ich ihnen nützen kann oder wie überhaupt das
Allgemeine gefördert werden möge. Sie sind im Ganzen ungebildete, aber
nicht ungelehrige Leute, wenn man sie nach ihrer Art nimmt und nicht
vorschnell in eine andere zwingen will. Sie sind dann meist auch
gutartig. Ich habe von ihnen manches für mein Inneres gewonnen und
ihnen manchen äußeren Vorteil verschafft. Sie ahmen nach, wenn sie
etwas durch längere Erfahrung billigen. Man muß nur nicht ermüden. Oft
haben sie mich zuerst verlacht und endlich dann doch nachgeahmt. In
Vielem verlachen sie mich noch, und ich ertrage es. Der Weg da durch
meine Felder ist ein kürzerer, und da geht Mancher vorbei, wenn ich
auf der Bank sitze, er bleibt stehen, er redet mit mir, ich erteile
ihm Rat, und ich lerne aus seinen Worten. Meine Felder sind bereits
ertragfähiger gemacht worden als die ihrigen, das sehen sie, und das
ist bei ihnen der haltbarste Grund zu mancher Betrachtung. Nur die
Wiese, welche sich hinter unserem Rücken befindet, tiefer als die
Felder liegt und von einem kleinen Bache bewässert wird, habe ich
nicht so verbessern können, wie ich wollte; sie ist noch durch die
Erlengesträuche und durch die Erlenstöcke verunstaltet, die sich
am Saume des Bächleins befinden und selbst hie und da Sumpfstellen
veranlassen; aber ich kann die Sache im Wesentlichen nicht abändern,
weil ich die Erlengesträuche und Erlenstöcke zu anderen Dingen
notwendig brauche.«

Um meine Frage nach dem Einzelnen seiner Nachbarn zu unterbrechen, die
er, wie ich jetzt einsah, nicht beantworten konnte, wenigstens nicht,
wie sie gestellt war, fragte ich ihn, ob denn zu seinem Anwesen nicht
auch Waldgrund gehöre.

»Allerdings«, antwortete er, »aber derselbe liegt nicht so nahe, als
es der Bequemlichkeit wegen wünschenswert wäre; aber er liegt auch
entfernt genug, daß die Schönheit und Anmut dieses Getreidehügels
nicht gestört wird. Wenn ihr auf dem Wege nach Rohrberg fortgegangen
wäret, statt zu unserem Hause heraufzusteigen, so würdet ihr nach
einer halben Stunde Wanderns zu eurer Rechten dicht an der Straße die
Ecke eines Buchenwaldes gefunden haben, um welche die Straße herum
geht. Diese Ecke erhebt sich rasch, erweitert sich nach rückwärts,
wohin man von der Straße nicht sehen kann, und gehört einem Walde an,
der weit in das Land hinein geht. Man kann von hier aus ein großes
Stück sehen. Dort links von dem Felde, auf welchem die junge Gerste
steht.«

»Ich kenne den Wald recht gut«, sagte ich, »er schlingt sich um eine
Höhe und berührt die Straße nur mit einem Stücke; aber wenn man ihn
betritt, lernt man seine Größe kennen. Es ist der Alizwald. Er hat
mächtige Buchen und Ahorne, die sich unter die Tannen mischen. Die
Aliz geht von ihm in die Agger. An der Aliz stehen beiderseits hohe
Felsen mit seltenen Kräutern, und von ihnen geht gegen Mittag ein
Streifen Landes mit den allerstärksten Buchen talwärts.«

»Ihr kennt den Wald«, sagte er.

»Ja«, erwiderte ich, »ich bin schon in ihm gewesen. Ich habe dort die
größte Doppelbuche gezeichnet, die ich je gesehen, ich habe Pflanzen
und Steine gesammelt und die Felsenlagen betrachtet.«

»Jener Waldstreifen, der mit den starken Buchen bestanden ist, und
noch mehreres Land jenes Waldes gehört zu diesem Anwesen«, sagte mein
Beherberger. »Es ist weiter von da gegen Mittag auch ein Bergbühel
unser, auf dem stellenweise die Birke sehr verkrüppelt vorkommt,
welche zum Brennen wenig taugt, aber Holz zu feinen Arbeiten gibt.«

»Ich kenne den Bühel auch«, sagte ich, »dort geht der Granit zu Ende,
aus dem der ganze mitternächtliche Teil unseres Landes besteht, und
es beginnt gegen Mittag zu nach und nach der Kalk, der endlich in den
höchsten Gebirgen die Landesgrenze an der Mittagseite macht.«

»Ja, der Bühel ist der südlichste Granitblock«, sagte mein Begleiter,
»er übersetzt sogar die Wässer. Wir können hier trotz des Duftes
der Wolken hie und da die Grenze sehen, in der sich der Granit
abschneidet.«

»Dort ist die Klamspitze«, sagte er, »die noch Granit hat, rechts der
Gaisbühl, dann die Asser, der Losen und zuletzt die Grumhaut, die noch
zu sehen ist.«

Ich stimmte in allem bei.


Der Abend kam indessen immer näher und näher, und der Nachmittag war
bedeutend vorgerückt.

Das Gewitter an dem Himmel war mir aber endlich besonders merkwürdig
geworden.

Ich hatte den Ausbruch desselben, als ich den Hügel zu dem weißen
Hause empor stieg, um eine Unterkunft zu suchen, in kurzer Zeit
erwartet; und nun waren Stunden vergangen und es war noch immer
nicht ausgebrochen. Über den ganzen Himmel stand es unbeweglich. Die
Wolkendecke war an manchen Stellen fast finster geworden und Blitze
zuckten aus diesen Stellen bald höher, bald tiefer hervor. Der Donner
folgte in ruhigem, schwerem Rollen auf diese Blitze; aber in der
Wolkendecke zeigte sich kein Zusammensammeln zu einem einzigen
Gewitterballen, und es war kein Anschicken zu einem Regen.

Ich sagte endlich zu meinem Nachbar, indem ich auf die Männer
zeigte, welche weiter unten in der Niederung, in welcher die
Wirtschaftsgebäude lagen, Gras machten: »Diese scheinen auch auf kein
Gewitter und auf kein gewöhnliches Nachregnen für den morgigen Tag
zu rechnen, weil sie jetzt Gras mähen, das ihnen in der Nacht ein
tüchtiger Regen durchnässen oder morgen eine kräftige Sonne zu Heu
trocknen kann.«

»Diese wissen gar nichts von dem Wetter«, sagte mein Begleiter, »und
sie mähen das Gras nur, weil ich es so angeordnet habe.«

Das waren die einzigen Worte, die er über das Wetter gesprochen hatte.
Ich veranlaßte ihn auch nicht zu mehreren.

Wir gingen von diesem Feldersitze, auf dem wir nun schon eine Weile
gesessen waren, nicht mehr weiter von dem Hause weg, sondern, nachdem
wir uns erhoben hatten, schlug mein Begleiter wieder den Rückweg ein.

Wir gingen auf demselben Wege zurück, auf dem wir gekommen waren.

Die Donner erschallten nun sogar lauter und verkündeten sich bald an
dieser Stelle des Himmels, bald an jener.

Als wir wieder in den Garten eingetreten waren, als mein Begleiter das
Pförtchen hinter sich geschlossen hatte, und als wir von dem großen
Kirschbaume bereits abwärts gingen, sagte er zu mir: »Erlaubt, daß ich
nach dem Knaben rufe und ihm etwas befehle.«

Ich stimmte sogleich zu, und er rief gegen eine Stelle des Gebüsches:
»Gustav!«

Der Knabe, den ich im Heraufgehen gesehen hatte, kam fast an der
nehmlichen Stelle des Gartens zum Vorscheine, an welcher er früher
herausgetreten war. Da er jetzt länger vor uns stehen blieb, konnte
ich ihn genauer betrachten. Sein Angesicht erschien mir sehr rosig
und schön, und besonders einnehmend zeigten sich die großen schwarzen
Augen unter den braunen Locken, die ich schon früher beobachtet hatte.

»Gustav«, sagte mein Begleiter, »wenn du noch an deinem Tische oder
sonst irgendwo in dem Garten bleiben willst, so erinnere dich an das,
was ich dir über Gewitter gesagt habe. Da die Wolken über den ganzen
Himmel stehen, so weiß man nicht, wann überhaupt ein Blitz auf die
Erde niederfährt und an welcher Stelle er sie treffen wird. Darum
verweile unter keinem höheren Baume. Sonst kannst du hier bleiben,
wie du willst. Dieser Herr bleibt heute bei uns, und du wirst zur
Abendspeisestunde in dem Speisezimmer eintreffen.«

»Ja«, sagte der Knabe, verneigte sich und ging wieder auf einem
Sandwege in die Gesträuche des Gartens zurück.

»Dieser Knabe ist mein Pflegesohn«, sagte mein Begleiter, »er ist
gewohnt, zu dieser Tageszeit einen Spaziergang mit mir zu machen,
darum kam er, da wir bei dem Kirschbaume saßen, von seinem
Arbeitstische, den er im Garten hat, zu uns empor, um mich zu suchen;
allein da er sah, daß ein Fremder da sei, ging er wieder an seine
Stelle zurück.«

Mir, der ich mich an den einfachen, folgerichtigen Ausdruck gewöhnt
hatte, fiel es jetzt abermals auf, daß mein Begleiter, der, wenn er
von seinen Feldern redete, fast immer den Ausdruck unser gebraucht
hatte, nun, da er von seinem Pflegesohne sprach, den Ausdruck mein
wählte, da er doch, wenn er etwa seine Gattin einbezog, jetzt auch das
Wort unser gebrauchen sollte.


Als wir von dem Rasengrunde hinab gekommen waren und den bepflanzten
Garten betreten hatten, gingen wir in ihm auf einem anderen Wege
zurück als auf dem wir herauf gegangen waren.

Auf diesem Wege sah ich nun, daß der Besitzer des Gartens auch
Weinreben in demselben zog, obwohl das Land der Pflege dieses
Gewächses nicht ganz günstig ist. Es waren eigene dunkle Mauern
aufgeführt, an denen die Reben mittelst Holzgittern empor geleitet
wurden. Durch andere Mauern wurden die Winde abgehalten. Gegen Mittag
allein waren die Stellen offen. So sammelte er die Hitze und gewährte
Schutz. Auch Pfirsiche zog er auf dieselbe Weise, und aus den Blättern
derselben schloß ich auf sehr edle Gattungen.

Wir gingen hier an großen Linden vorüber, und in ihrer Nähe erblickte
ich ein Bienenhaus.

Von dem Gewächshause sah ich auf dem Rückwege wohl die Längenseite,
konnte aber nichts Näheres erkennen, weil mein Begleiter den Weg zu
ihm nicht einschlug. Ich wollte ihn auch nicht eigens darum ersuchen:
ich vermutete, daß er mich zu seiner Familie führen würde.

Da wir an dem Hause angekommen waren, geleitete er mich bei dem
gemeinschaftlichen Eingange desselben hinein, führte mich über eine
gewöhnliche Sandsteintreppe in das erste Stockwerk und ging dort mit
mir einen Gang entlang, in dem viele Türen waren. Eine derselben
öffnete er mit einem Schlüssel, den er schon in seiner Tasche in
Bereitschaft hatte, und sagte: »Das ist euer Zimmer, solange ihr in
diesem Hause bleibt. Ihr könnt jetzt in dasselbe eintreten oder es
verlassen, wie es euch gefällt. Nur müsset ihr um acht Uhr wieder da
sein, zu welcher Stunde ihr zum Abendessen werdet geholt werden. Ich
muß euch nun allein lassen. In dem Wartezimmer habt ihr heute in
Humboldts Reisen gelesen, ich habe das Buch in dieses Zimmer legen
lassen. Wünschet ihr für jetzt oder für den Abend noch irgend ein
Buch, so nennt es, daß ich sehe, ob es in meiner Büchersammlung
enthalten ist.«

Ich lehnte das Anerbieten ab und sagte, daß ich mit dem Vorhandenen
schon zufrieden sei, und wenn ich mich außer Humboldt mit noch andern
Buchstaben beschäftigen wolle, so habe ich in meinem Ränzchen schon
Vorrat, um teils etwas mit Bleifeder zu schreiben, teils früher
Geschriebenes durchzulesen und zu verbessern, welche Beschäftigung ich
auf meinen Wanderungen häufig Abends vornehme.

Er verabschiedete sich nach diesen Worten, und ich ging zur Tür
hinein.

Ich übersah mit einem Blicke das Zimmer. Es war ein gewöhnliches
Fremdenzimmer, wie man es in jedem größeren Hause auf dem Lande hat,
wo man zuweilen in die Lage kömmt, Herberge erteilen zu müssen. Die
Geräte waren weder neu, noch nach der damals herrschenden Art gemacht,
sondern aus verschiedenen Zeiten, aber nicht unangenehm ins Auge
fallend. Die Überzüge der Sessel und des Ruhebettes waren gepreßtes
Leder, was man damals schon selten mehr fand. Eine gesellige Zugabe,
die man nicht häufig in solchen Zimmern findet, war eine altertümliche
Pendeluhr in vollem Gange. Mein Ränzlein und mein Stock lagen, wie der
Mann gesagt hatte, schon in diesem Zimmer.

Ich setzte mich nieder, nahm nach einer Weile mein Ränzlein, öffnete
es und blätterte in den Papieren, die ich daraus hervor genommen
hatte, und schrieb gelegentlich in denselben.

Da endlich die Dämmerung gekommen war, stand ich auf, ging gegen eines
der beiden offenstehenden Fenster, lehnte mich hinaus und sah herum.
Es war wieder Getreide, das ich vor mir auf dem sachte hinabgehenden
Hügel erblickte. Am Morgen dieses Tages, da ich von meiner
Nachtherberge aufgebrochen war, hatte ich auch Getreide rings um mich
gesehen; aber dasselbe war in einem lustigen Wogen begriffen gewesen,
während dieses reglos und unbewegt war wie ein Heer von lockeren
Lanzen. Vor dem Hause war der Sandplatz, den ich bei meiner Ankunft
schon gesehen und betreten hatte. Meine Fenster gingen also auf der
Seite der Rosenwand heraus. Von dem Garten tönte noch schwaches
Vogelgezwitscher herüber, und der Duft von den Tausenden der Rosen
stieg wie eine Opfergabe zu mir empor.

An dem Himmel, dessen Dämmerung heute viel früher gekommen war, hatte
sich eine Veränderung eingefunden. Die Wolkendecke war geteilt, die
Wolken standen in einzelnen Stücken gleichsam wie Berge an dem Gewölbe
herum, und einzelne reine Teile blickten zwischen ihnen heraus. Die
Blitze aber waren stärker und häufiger, die Donner klangen heller und
kürzer.


Als ich eine Weile bei dem Fenster hinaus gesehen hatte, hörte ich ein
Pochen an meiner Tür, eine Magd trat herein und meldete, daß man mich
zum Abendessen erwarte. Ich legte meine Papiere auf das Tischchen, das
neben meinem Bette stand, legte den Humboldt darauf und folgte der
Magd, nachdem ich die Tür hinter mir gesperrt hatte. Sie führte mich
in das Speisezimmer.

Bei dem Eintritte sah ich drei Personen: den alten Mann, der mit mir
den Spaziergang gemacht hatte, einen andern, ebenfalls ältlichen Mann,
der durch nichts besonders auffiel als durch seine Kleidung, welche
einen Priester verriet, und den Pflegesohn des Hausbesitzers in seinem
blaugestreiften Linnengewande.

Der Herr des Hauses stellte mich dem Priester vor, indem er sagte:
»Das ist der hochwürdige Pfarrer von Rohrberg, der ein Gewitter
fürchtet und deshalb diese Nacht in unserm Hause zubringen wird«, und
dann auf mich weisend fügte er bei: »Das ist ein fremder Reisender,
der auch heute unser Dach mit uns teilen wird.«

Nach diesen Worten und nach einem kurzen stummen Gebete setzten wir
uns zu dem Tische an unsere angewiesenen Plätze. Das Abendessen war
sehr einfach. Es bestand aus Suppe, Braten und Wein, zu welchem, wie
zu dem an meinem Mittagsmahle, verkleinertes Eis gestellt wurde.
Dieselbe Magd, welche mir mein Mittagessen gebracht hatte, bediente
uns. Ein männlicher Diener kam nicht in das Zimmer. Der Pfarrer und
mein Gastfreund sprachen öfter Dinge, die die Gegend betrafen, und ich
ward gelegentlich einbezogen, wenn es sich um Allgemeineres handelte.
Der Knabe sprach gar nicht.

Die Dunkelheit des Abends wurde endlich so stark, daß die Kerzen,
welche früher mit der Dämmerung gekämpft hatten, nun vollkommen die
Herrschaft behaupteten, und die schwarzen Fenster nur zeitweise durch
die hereinleuchtenden Blitze erhellt wurden.

Da das Essen beendet war und wir uns zur Trennung anschickten, sagte
der Hauswirt, daß er den Pfarrer und mich über die nähere Treppe in
unser Zimmer führen würde. Wir nahmen jeder eine Wachskerze, die
uns angezündet von der Magd gereicht wurde, während dessen sich der
Knabe Gustav empfahl und durch die gewöhnliche Tür entfernte. Der
Hauseigentümer führte uns bei der Tür hinaus, bei der ich zuerst
herein gekommen war. Wir befanden uns draußen in dem schönen
Marmorgange, von dem eine gleiche Marmortreppe emporführte. Wir
durften die Filzschuhe nicht anziehen, weil jetzt über den Gang und
die Treppe ein Tuchstreifen lag, auf dem wir gingen. In der Mitte der
Treppe, wo sie einen Absatz machte, gleichsam einen erweiterten Platz
oder eine Stiegenhalle, stand eine Gestalt aus weißem Marmor auf einem
Gestelle. Durch ein paar Blitze, die eben jetzt fielen und das Haupt
und die Schultern der Marmorgestalt noch röter beschienen, als es
unsere Kerzen konnten, ersah ich, daß der Platz und die Treppe von
oben herab durch eine Glasbedeckung ihre Beleuchtung empfangen mußten.

Als wir an das Ende der Treppe gelangt waren, wendete sich der
Hauswirt mit uns durch eine Tür links, und wir befanden uns in jenem
Gange, in welchem mein Zimmer lag. Es war der Gang der Gastzimmer, wie
ich nun zu erkennen vermeinte. Unser Gastfreund bezeichnete eines als
das des Pfarrers und führte mich zu dem meinigen.

Als wir in dasselbe getreten waren, fragte er mich, ob ich zu meiner
Bequemlichkeit noch etwas wünsche, besonders, ob mir Bücher aus seinem
Bücherzimmer genehm wären.

Als ich sagte, daß ich keinen Wunsch habe und bis zum Schlafen schon
Beschäftigung finden würde, antwortete er: »Ihr seid in eurem Gemache
und in eurem Rechte. Schlummert denn recht wohl.«

»Ich wünsche euch auch eine gute Nacht«, erwiderte ich, »und sage euch
Dank für die Mühe, die ihr heute mit mir gehabt habet.«

»Es war keine Mühe«, antwortete er, »denn sonst hätte ich sie mir ja
ersparen können, wenn ich euch gar nicht zu Nacht geladen hätte.«

»So ist es«, antwortete ich.

»Erlaubt«, sagte er, indem er ein kleines Wachskerzchen hervorzog und
an meinem Lichte anzündete.

Nachdem er dieses Geschäft vollbracht hatte, verbeugte er sich, was
ich erwiderte, und ging auf den Gang hinaus.


Ich schloß hinter ihm die Tür, legte meinen Rock ab und lüftete mein
Halstuch, weil, obgleich es schon spät war, die ruhige Nacht noch
immer eine große Hitze und Schwüle in sich hegte. Ich ging einige
Male in dem Zimmer hin und her, trat dann an ein Fenster, lehnte mich
hinaus und betrachtete den Himmel. So viel die Dunkelheit und die
noch immer hell leuchtenden Blitze erkennen ließen, war die Gestalt
der Dinge dieselbe, wie sie am Abend vor dem Speisen gewesen war.
Wolkentrümmer standen an dem Himmel und, wie die Sterne zeigten, waren
zwischen ihnen reine Stellen. Zu Zeiten fuhr ein Blitz aus ihnen über
den Getreidehügel und die Wipfel der unbewegten Bäume, und der Donner
rollte ihm nach.

Als ich eine Weile die freie Luft genossen hatte, schloß ich mein
Fenster, schloß auch das andere und begab mich zur Ruhe.

Nachdem ich noch eine Zeit lang, wie es meine Gewohnheit war, in
dem Bette gelesen und mitunter sogar mit Bleifeder etwas in meine
Schriften geschrieben hatte, löschte ich das Licht aus und richtete
mich zum Schlafen.

Ehe der Schlummer völlig meine Sinne umfing, hörte ich noch, wie sich
draußen ein Wind erhob und die Wipfel der Bäume zu starkem Rauschen
bewegte. Ich hatte aber nicht mehr genug Kraft, mich zu ermannen,
sondern entschlief gleich darauf völlig.

Ich schlief recht ruhig und fest.

Als ich erwachte, war mein Erstes, zu sehen, ob es geregnet habe. Ich
sprang aus dem Bette und riß die Fenster auf. Die Sonne war bereits
aufgegangen, der ganze Himmel war heiter, kein Lüftchen rührte sich,
aus dem Garten tönte das Schmettern der Vögel, die Rosen dufteten und
die Erde zu meinen Füßen war vollkommen trocken. Nur der Sand war
ein wenig gegen das Grün des begrenzenden Rasens gefegt worden, und
ein Mann war beschäftigt, ihn wieder zu ebnen und in ein gehöriges
Gleichgewicht zu bringen.

Also hatte mein Gegner Recht gehabt, und ich war begierig, zu
erfahren, aus welchen Gründen er seine Gewißheit, die er so sicher
gegen mich behauptet hatte, geschöpft und wie er diese Gründe entdeckt
und erforscht habe.

Um das recht bald zu erfahren und meine Abreise nicht so lange zu
verzögern, beschloß ich, mich anzukleiden und meinen Gastherrn
ungesäumt aufzusuchen.

Als ich mit meinem Anzuge fertig, war und mich in das Speisezimmer
hinab begeben hatte, fand ich dort eine Magd mit den Vorbereitungen zu
dem Frühmahle beschäftigt und fragte nach dem Herrn.

»Er ist in dem Garten auf der Fütterungstenne«, sagte sie.

»Und wo ist die Fütterungstenne, wie du es nennst?« sprach ich.

»Gleich hinter dem Hause und nicht weit von den Glashäusern«,
erwiderte sie.

Ich ging hinaus und schlug die Richtung gegen das Gewächshaus ein.

Vor demselben fand ich meinen Gastfreund auf einem Sandplatze. Es war
derselbe Platz, von dem aus ich schon gestern das Gewächshaus mit
seiner schmalen Seite und dem kleinen Schornsteine gesehen hatte.
Diese Seite war mit Rosen bekleidet, daß das Haus wie ein zweites,
kleines Rosenhäuschen hervor sah. Mein Gastfreund war in einer
seltsamen Beschäftigung begriffen. Eine Unzahl Vögel befand sich vor
ihm auf dem Sande. Er hatte eine Art von länglichem geflochtenem
Korbdeckel in der Hand und streuete aus demselben Futter unter die
Vögel. Er schien sich daran zu ergötzen, wie sie pickten, sich
überkletterten, überstürzten und kollerten, wie die gesättigten davon
flogen und wieder neue herbei schwirrten. Ich erkannte es nun endlich,
daß außer den gewöhnlichen Gartenvögeln auch solche da waren, die mir
sonst nur von tiefen und weit abgelegenen Wäldern bekannt waren. Sie
erschienen gar nicht so scheu, als ich mit allem Rechte vermuten
mußte. Sie trauten ihm vollkommen. Er stand wieder barhäuptig da, so
daß es mir schien, daß er diese Sitte liebe, da er auch gestern auf
dem Spaziergange seine so leichte Kopfbedeckung eingesteckt hatte.
Seine Gestalt war vorgebeugt und die schlichten, aber vollen weißen
Haare hingen an seinen Schläfen herab. Sein Anzug war auch heute
wieder sonderbar. Er hatte wie gestern eine Art Jacke an, die fast bis
auf die Knie hinab reichte. Sie war weißlich, hatte jedoch über die
Brust und den Rücken hinab einen rötlichbraunen Streifen, der fast
einen halben Fuß breit war, als wäre die Jacke aus zwei Stoffen
verfertigt worden, einem weißen und einem roten. Beide Stoffe aber
zeigten ein hohes Alter; denn das Weiß war gelblichbraun und das
Rot zu Purpurbraun geworden. Unter der Jacke sah eine unscheinbare
Fußbekleidung hervor, die mit Schnallenschuhen endete.

Ich blieb hinter seinem Rücken in ziemlicher Entfernung stehen, um ihn
nicht zu stören und die Vögel nicht zu verscheuchen.

Als er aber seinen Korb geleert hatte und seine Gäste fortgeflogen
waren, trat ich näher. Er hatte sich eben umgewendet, um
zurückzugehen, und da er mich erblickte, sagte er: »Seid ihr schon
ausgegangen? Ich hoffe, daß ihr gut geschlafen habt.«

»Ja, ich habe sehr gut geschlafen«, erwiderte ich, »ich habe noch den
Wind gehört, der sich gestern Abends erhoben hat, was weiter geschehen
ist, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß heute die Erde trocken ist
und daß ihr Recht gehabt habet.«

»Ich glaube, daß nicht ein Tropfen auf diese Gegend vom Himmel
gefallen ist«, antwortete er.

»Wie das Aussehen der Erde zeigt, glaube ich es auch«, erwiderte ich;
»aber nun müßt ihr mir auch wenigstens zum Teile sagen: woher ihr
dies so gewiß wissen konntet und wie ihr euch diese Kenntnis erworben
habt; denn das müßt ihr zugestehen, daß sehr viele Zeichen gegen euch
waren.«

»Ich will euch etwas sagen«, antwortete er, »die Darlegung der Sache,
die ihr da verlangt, dürfte etwas lang werden, da ich sie euch, der
sich mit Wissenschaften beschäftigt, doch nicht oberflächlich geben
kann: verspreche mir, den heutigen Tag und die Nacht noch bei uns
zuzubringen, da kann ich euch nicht nur dieses sagen, sondern noch
vieles Andere, ihr könnt Verschiedenes anschauen, und ihr könnt mir
von eurer Wissenschaft erzählen.«

Dieses offen und freundlich gemachte Anerbieten konnte ich nicht
ausschlagen, auch erlaubte mir meine Zeit recht gut, nicht nur einen,
sondern mehrere Tage zu einer Nebenbeschäftigung zu verwenden. Ich
gebrauchte daher die gewöhnliche Redeweise von Nichtlästigfallenwollen
und sagte unter dieser Bedingung zu.

»Nun so geht mit mir zuerst zu einem Frühmahle, das ich mit euch
teilen will«, sagte er, »der Herr Pfarrer von Rohrberg hat uns schon
vor Tagesanbruch verlassen, um zu rechter Zeit in seiner Kirche zu
sein, und Gustav ist bereits zu seiner Arbeit gegangen.«

Mit diesen Worten wendeten wir uns auf den Rückweg zu dem Hause. Als
wir dort angekommen waren, gab er das, was ich Anfangs für einen
Korbdeckel gehalten hatte, was aber ein eigens geflochtenes, sehr
flaches und längliches Fütterungskörbchen war, einer Magd, daß sie es
auf seinen Platz lege, und wir gingen in das Speisezimmer.

Während des Frühmahles sagte ich: »Ihr habt selbst davon gesprochen,
daß ich hier Verschiedenes anschauen könne, wäre es denn zu
unbescheiden, wenn ich bäte, von dem Hause und dessen Umgebung Manches
näher besehen zu dürfen. Es ist eine der lieblichsten Lagen, in der
dieses Anwesen liegt, und ich habe bereits so Vieles davon gesehen,
was meine Aufmerksamkeit aufregte, daß der Wunsch natürlich ist, noch
Mehreres besehen zu dürfen.«

»Wenn es euch Vergnügen macht, unser Haus und einiges Zubehör zu
besehen«, antwortete er, »so kann das gleich nach dem Frühmahle
geschehen, es wird nicht viele Zeit in Anspruch nehmen, da das Gebäude
nicht so groß ist. Es wird sich dann auch das, was wir noch zu reden
haben, natürlicher und verständlicher ergeben.«

»Ja freilich«, sagte ich, »macht es mir Vergnügen.«

Wir schritten also nach dem Frühmahle zu diesem Geschäfte.

Er führte mich über die Treppe, auf welcher die weiße Marmorgestalt
stand, hinauf. Heute fiel statt des roten zerstreuten Lichtes der
Kerzen und der Blitze von der vergangenen Nacht das stille weiße
Tageslicht auf sie herab und machte die Schultern und das Haupt in
sanftem Glanze sich erhellen. Nicht nur die Treppe war in diesem
Stiegenhause von Marmor, sondern auch die Bekleidung der Seitenwände.
Oben schloß gewölbtes Glas, das mit feinem Drahte überspannt war, die
Räume. Als wir die Treppe erstiegen hatten, öffnete mein Gastfreund
eine Tür, die der gegenüber war, die zu dem Gange der Gastzimmer
führte. Die Tür ging in einen großen Saal. Auf der Schwelle, an der
der Tuchstreifen, welcher über die Treppe empor lag, endete, standen
wieder Filzschuhe. Da wir jeder ein Paar derselben angezogen hatten,
gingen wir in den Saal. Er war eine Sammlung von Marmor. Der Fußboden
war aus dem farbigsten Marmor zusammengestellt, der in unseren
Gebirgen zu finden ist. Die Tafeln griffen so ineinander, daß eine
Fuge kaum zu erblicken war, der Marmor war sehr fein geschliffen und
geglättet, und die Farben waren so zusammengestellt, daß der Fußboden
wie ein liebliches Bild zu betrachten war. Überdies glänzte und
schimmerte er noch in dem Lichte, das bei den Fenstern hereinströmte.
Die Seitenwände waren von einfachen, sanften Farben. Ihr Sockel war
mattgrün, die Haupttafeln hatten den lichtesten, fast weißen Marmor,
den unsere Gebirge liefern, die Flachsäulen waren schwach rot und die
Simse, womit die Wände an die Decke stießen, waren wieder aus schwach
Grünlich und Weiß zusammengestellt, durch welche ein Gelb wie schöne
Goldleisten lief. Die Decke war blaßgrau und nicht von Marmor, nur
in der Mitte derselben zeigte sich eine Zusammenstellung von roten
Amoniten, und aus derselben ging die Metallstange nieder, welche in
vier Armen die vier dunkeln, fast schwarzen Marmorlampen trug, die
bestimmt waren, in der Nacht diesen Raum beleuchten zu können. In dem
Saale war kein Bild, kein Stuhl, kein Geräte, nur in den drei Wänden
war jedesmal eine Tür aus schönem, dunklem Holze eingelegt, und in der
vierten Wand befanden sich die drei Fenster, durch welche der Saal bei
Tag beleuchtet wurde. Zwei davon standen offen, und zu dem Glanze des
Marmors war der Saal auch mit Rosenduft erfüllt.

Ich drückte mein Wohlgefallen über die Einrichtung eines solchen
Zimmers aus; den alten Mann, der mich begleitete, schien dieses
Vergnügen zu erfreuen, er sprach aber nicht weiter darüber.

Aus diesem Saale führte er mich durch eine der Türen in eine Stube,
deren Fenster in den Garten gingen.

»Das ist gewissermaßen mein Arbeitszimmer«, sagte er, »es hat außer am
frühen Morgen nicht viel Sonne, ist daher im Sommer angenehm, ich lese
gerne hier oder schreibe oder beschäftige mich sonst mit Dingen, die
Anteil einflößen.«


Ich dachte mit Lebhaftigkeit, ich könnte sagen mit einer Art Sehnsucht
auf meinen Vater, da ich diese Stube betreten hatte. In ihr war nichts
mehr von Marmor, sie war wie unsere gewöhnlichen Stuben; aber sie war
mit altertümlichen Geräten eingerichtet, wie sie mein Vater hatte und
liebte. Allein die Geräte erschienen mir so schön, daß ich glaubte,
nie etwas ihnen Ähnliches gesehen zu haben. Ich unterrichtete meinen
Gastfreund von der Eigenschaft meines Vaters und erzählte ihm in
Kurzem von den Dingen, welche derselbe besaß. Auch bat ich, die Sachen
näher betrachten zu dürfen, um meinem Vater nach meiner Zurückkunft
von ihnen erzählen und sie ihm, wenn auch nur notdürftig, beschreiben
zu können. Mein Begleiter willigte sehr gerne in mein Begehren. Es war
vor allem ein Schreibschrein, welcher meine Aufmerksamkeit erregte,
weil er nicht nur das größte, sondern wahrscheinlich auch das schönste
Stück des Zimmers war. Vier Delphine, welche sich mit dem Unterteil
ihrer Häupter auf die Erde stützten und die Leiber in gewundener
Stellung emporstreckten, trugen den Körper des Schreines auf diesen
gewundenen Leibern. Ich glaubte Anfangs, die Delphine seien aus Metall
gearbeitet, mein Begleiter sagte mir aber, daß sie aus Lindenholz
geschnitten und nach mittelalterlicher Art zu dem gelblich grünlichen
Metalle hergerichtet waren, dessen Verfertigung man jetzt nicht mehr
zuwege bringt. Der Körper des Schreines hatte eine allseitig gerundete
Arbeit mit sechs Fächern. Über ihm befand sich das Mittelstück, das in
einer guten Schwingung flach zurückging und die Klappe enthielt, die
geöffnet zum Schreiben diente. Von dem Mittelstücke erhob sich der
Aufsatz mit zwölf geschwungenen Fächern und einer Mitteltür. An den
Kanten des Aufsatzes und zu beiden Seiten der Mitteltür befanden sich
als Säulen vergoldete Gestalten. Die beiden größten zu den Seiten der
Tür waren starke Männer, die die Hauptsimse trugen. Ein Schildchen,
das sich auf ihrer Brust öffnete, legte die Schlüsselöffnungen dar.
Die zwei Gestalten an den vorderen Seitenkanten waren Meerfräulein,
die in Übereinstimmung mit den Tragfischen jedes in zwei Fischenden
ausliefen. Die zwei letzten Gestalten an den hintern Seitenkanten
waren Mädchen in faltigen Gewändern. Alle Leiber der Fische sowohl als
der Säulen erschienen mir sehr natürlich gemacht. Die Fächer hatten
vergoldete Knöpfe, an denen sie herausgezogen werden konnten. Auf
der achteckigen Fläche dieser Knöpfe waren Brustbilder geharnischter
Männer oder geputzter Frauenzimmer eingegraben. Die Holzbelegung auf
dem ganzen Schrein war durchaus eingelegte Arbeit. Ahornlaubwerk
in dunkeln Nußholzfeldern, umgeben von geschlungenen Bändern und
geflammtem Erlenholze.

Die Bänder waren wie geknitterte Seide, was daher kam, daß sie aus
kleinem, feingestreiftem, vielfarbigem Rosenholz senkrecht auf die
Achse eingelegt waren. Die eingelegte Arbeit befand sich nicht bloß,
wie es häufig bei derlei Geräten der Fall ist, auf der Daransicht,
sondern auch auf den Seitenteilen und den Friesen der Säulen.

Mein Begleiter stand neben mir, als ich diesem Geräte meine
Aufmerksamkeit widmete, und zeigte mir Manches und erklärte mir auf
meine Bitte Dinge, die ich nicht verstand.

Auch eine andere Beobachtung machte ich, da ich mich in diesem Zimmer
befand, die meine Geistestätigkeit in Anspruch nahm. Es kam mir
nehmlich vor, daß der Anzug meines Begleiters nicht mehr so seltsam
sei, als er mir gestern und als er mir heute erschienen war, da
ich ihn auf dem Fütterungsplatze gesehen hatte. Bei diesen Geräten
erschien er mir eher als zustimmend und hieher gehörig, und ich begann
die Vermutung zu hegen, daß ich vielleicht noch diesen Anzug billigen
werde und daß der alte Mann in dieser Hinsicht verständiger sein
dürfte als ich.

Außer dem Schreibschreine erregten noch zwei Tische meine
Aufmerksamkeit, die an Größe gleich waren und auch sonst gleiche
Gestalt hatten, sich aber nur darin unterschieden, daß jeder auf
seiner Platte eine andere Gestaltung trug. Sie hatten nehmlich jeder
ein Schild auf der Platte, wie es Ritter und adeliche Geschlechter
führten, nur waren die Schilde nicht gleich. Aber auf beiden Tischen
waren sie umgeben und verschlungen mit Laubwerk, Blumen- und
Pflanzenwerk, und nie habe ich die leinen Fäden der Halme, der
Pflanzenbärte und der Getreideähren zarter gesehen als hier, und doch
waren sie von Holz in Holz eingelegt. Die übrige Gerätschaft waren
hochlehnige Sessel mit Schnitzwerk, Flechtwerk und eingelegter Arbeit,
zwei geschnitzte Sitzbänke, die man im Mittelalter Gesiedel geheißen
hatte, geschnitzte Fahnen mit Bildern und endlich zwei Schirme von
gespanntem und gepreßtem Leder, auf welchem Blumen, Früchte, Tiere,
Knaben und Engel aus gemaltem Silber angebracht waren, das wie
farbiges Gold aussah. Der Fußboden des Zimmers war gleich den Geräten
aus Flächen alter eingelegter Arbeit zusammengestellt. Wir hatten
wahrscheinlich wegen der Schönheit dieses Bodens bei dem Eintritte in
diese Stube die Filzschuhe an unsern Füßen behalten.

Obwohl der alte Mann gesagt hatte, daß dieses Zimmer sein
Arbeitszimmer sei, so waren doch keine unmittelbaren Spuren von Arbeit
sichtbar. Alles schien in den Laden verschlossen oder auf seinen Platz
gestellt zu sein.

Auch hier war mein Begleiter, als ich meine Freude über dieses Zimmer
aussprach, nicht sehr wortreich, genau so wie in dem Marmorsaale;
aber gleichwohl glaubte ich das Vergnügen ihm von seinem Angesicht
herablesen zu können.

Das nächste Zimmer war wieder ein altertümliches. Es ging gleichfalls
auf den Garten. Sein Fußboden war wie in dem vorigen eingelegte
Arbeit, aber auf ihm standen drei Kleiderschreine und das Zimmer war
ein Kleiderzimmer. Die Schreine waren groß, altertümlich eingelegt und
jeder hatte zwei Flügeltüren. Sie erschienen mir zwar minder schön
als das Schreibgerüste im vorigen Zimmer, aber doch auch von großer
Schönheit, besonders der mittlere, größte, der eine vergoldete
Bekrönung trug und auf seinen Hohltüren ein sehr schönes Schild-,
Laub- und Bänderwerk zeigte. Außer den Schreinen waren nur noch Stühle
da und ein Gestelle, welches dazu bestimmt schien, gelegentlich
Kleider darauf zu hängen. Die inneren Seiten der Zimmertüren waren
ebenfalls zu den Geräten stimmend und bestanden aus Simswerk und
eingelegter Arbeit.

Als wir dieses Zimmer verließen, legten wir die Filzschuhe ab.

Das nächste Zimmer, gleichfalls auf den Garten gehend, war das
Schlafgemach. Es enthielt Geräte neuer Art, aber doch nicht ganz in
der Gestaltung, wie ich sie in der Stadt zu sehen gewohnt war. Man
schien hier vor Allem auf Zweckmäßigkeit gesehen zu haben. Das Bett
stand mitten im Zimmer und war mit dichten Vorhängen umgeben. Es war
sehr nieder und hatte nur ein Tischchen neben sich, auf dem Bücher
lagen, ein Leuchter und eine Glocke standen und sich Geräte befanden,
Licht zu machen. Sonst waren die Geräte eines Schlafzimmers da,
besonders solche, die zum Aus- und Ankleiden und zum Waschen
behilflich waren. Die Innenseiten der Türen waren hier wieder zu den
Geräten stimmend.

An das Schlafgemach stieß ein Zimmer mit wissenschaftlichen
Vorrichtungen, namentlich zu Naturwissenschaften. Ich sah Werkzeuge
der Naturlehre aus der neuesten Zeit, deren Verfertiger ich entweder
persönlich aus der Stadt kannte oder deren Namen, wenn die Geräte aus
andern Ländern stammten, mir dennoch bekannt waren. Es befanden sich
Werkzeuge zu den vorzüglichsten Teilen der Naturlehre hier.

Auch waren Sammlungen von Naturkörpern vorhanden, vorzüglich aus dem
Mineralreiche. Zwischen den Geräten und an den Wänden war Raum, mit
den vorhandenen Vorrichtungen Versuche anstellen zu können. Das Zimmer
war gleichfalls noch immer ein Gartenzimmer.

Endlich gelangten wir in das Eckzimmer des Hauses, dessen Fenster
teils auf den Hauptkörper des Gartens gingen, teils nach Nordwesten
sahen. Ich konnte aber die Bestimmung dieses Zimmers nicht erraten, so
seltsam kam es mir vor. An den Wänden standen Schreine aus geglättetem
Eichenholze mit sehr vielen kleinen Fächern. An diesen Fächern waren
Aufschriften, wie man sie in Spezereiverkaufsbuden oder Apotheken
findet. Einige dieser Aufschriften verstand ich, sie waren Namen von
Sämereien oder Pflanzennamen. Die meisten aber verstand ich nicht.
Sonst war weder ein Stuhl noch ein anderes Geräte in dem Zimmer. Vor
den Fenstern waren wagrechte Brettchen befestigt, wie man sie hat,
um Blumentöpfe darauf zu stellen; aber ich sah keine Blumentöpfe
auf ihnen, und bei näherer Betrachtung zeigte sich auch, daß sie zu
schwach seien, um Blumentöpfe tragen zu können. Auch wären gewiß
solche auf ihnen gestanden, wenn sie dazu bestimmt gewesen wären, da
ich in allen Zimmern, mit Ausnahme des Marmorsaales, an jedem nur
einiger Maßen geeigneten Platze Blumen aufgestellt gesehen hatte.

Ich fragte meinen Begleiter nicht um den Zweck des Zimmers, und er
äußerte sich auch nicht darüber.


Wir gelangten nun wieder in die Gemächer, die an der Mittagseite des
Hauses lagen und über den Sandplatz auf die Felder hinaus sahen.

Das erste nach dem Eckzimmer war ein Bücherzimmer. Es war groß und
geräumig und stand voll von Büchern. Die Schreine derselben waren
nicht so hoch, wie man sie gewöhnlich in Bücherzimmern sieht, sondern
nur so, daß man noch mit Leichtigkeit um die höchsten Bücher langen
konnte. Sie waren auch so flach, daß nur eine Reihe Bücher stehen
konnte, keine die andere deckte und alle vorhandenen Bücher ihre
Rücken zeigten. Von Geräten befand sich in dem Zimmer gar nichts als
in der Mitte desselben ein langer Tisch, um Bücher darauf legen zu
können. In seiner Lade waren die Verzeichnisse der Sammlung. Wir
gingen bei dieser allgemeinen Beschauung des Hauses nicht näher auf
den Inhalt der vorhandenen Bücher ein.

Neben dem Bücherzimmer war ein Lesegemach. Es war klein und hatte nur
ein Fenster, das zum Unterschiede aller anderen Fenster des Hauses mit
grünseidenen Vorhängen versehen war, während die anderen grauseidne
Rollzüge besaßen. An den Wänden standen mehrere Arten von Sitzen,
Tischen und Pulten, so daß für die größte Bequemlichkeit der Leser
gesorgt war. In der Mitte stand, wie im Bücherzimmer, ein großer Tisch
oder Schrein - denn er hatte mehrere Laden -, der dazu diente, daß man
Tafeln, Mappen, Landkarten und dergleichen auf ihm ausbreiten konnte.
In den Laden lagen Kupferstiche. Was mir in diesem Zimmer auffiel,
war, daß man nirgends Bücher oder etwas, das an den Zweck des Lesens
erinnerte, herumliegen sah.

Nach dem Lesegemache kam wieder ein größeres Zimmer, dessen Wände mit
Bildern bedeckt waren. Die Bilder hatten lauter Goldrahmen, waren
ausschließlich Ölgemälde und reichten nicht höher, als daß man sie
noch mit Bequemlichkeit betrachten konnte. Sonst hingen sie aber
so dicht, daß man zwischen ihnen kein Stückchen Wand zu erblicken
vermochte. Von Geräten waren nur mehrere Stühle und eine Staffelei da,
um Bilder nach Gelegenheit aufstellen und besser betrachten zu können.
Diese Einrichtung erinnerte mich an das Bilderzimmer meines Vaters.

Das Bilderzimmer führte durch die dritte Tür des Marmorsaales wieder
in denselben zurück, und so hatten wir die Runde in diesen Gemächern
vollendet.

»Das ist nun meine Wohnung«, sagte mein Begleiter, »sie ist nicht groß
und von außerordentlicher Bedeutung, aber sie ist sehr angenehm. In
dem anderen Flügel des Hauses sind die Gastzimmer, welche beinahe alle
dem gleichen, in welchem ihr heute Nacht geschlafen habt. Auch ist
Gustavs Wohnung dort, die wir aber nicht besuchen können, weil wir
ihn sonst in seinem Lernen stören würden. Durch den Saal und über die
Treppe können wir nun wieder in das Freie gelangen.«

Als wir den Saal durchschritten hatten, als wir über die Treppe
hinabgegangen und zu dem Ausgange des Hauses gekommen waren, legten
wir die Filzschuhe ab, und mein Begleiter sagte: »Ihr werdet euch
wundern, daß in meinem Hause Teile sind, in welchen man sich die
Unbequemlichkeit auflegen muß, solche Schuhe anzuziehen; aber es kann
mit Fug nicht anders sein, denn die Fußböden sind zu empfindlich,
als daß man mit gewöhnlichen Schuhen auf ihnen gehen könnte, und die
Abteilungen, welche solche Fußböden haben, sind ja auch eigentlich
nicht zum Bewohnen, sondern nur zum Besehen bestimmt, und endlich
gewinnt sogar das Besehen an Wert, wenn man es mit Beschwerlichkeit
erkaufen muß. Ich habe in diesen Zimmern gewöhnlich weiche Schuhe mit
Wollsohlen an. In mein Arbeitszimmer kann ich auch ohne allen Umweg
gelangen, da ich in dasselbe nicht durch den Saal gehen muß, wie wir
jetzt getan haben, sondern da von dem Erdgeschosse ein Gang in das
Zimmer hinaufführt, den ihr nicht gesehen haben werdet, weil seine
beiden Enden mit guten Tapetentüren geschlossen sind. Der Pfarrer von
Rohrberg leidet an der Gicht und verträgt heiße Füße nicht, daher
belege ich für ihn, wenn er anwesend ist, die Treppe oder die Zimmer
mit einem Streifen von Wollstoff, wie ihr es gestern gesehen habt.«

Ich antwortete, daß die Vorrichtung sehr zweckmäßig sei und daß sie
überall angewendet werden muß, wo kunstreiche oder sonst wertvolle
Fußböden zu schonen sind.

Da wir nun im Garten waren, sagte ich, indem ich mich umwendete und
das Haus betrachtete: »Eure Wohnung ist nicht, wie ihr sagt, von
geringer Bedeutung. Sie wird, so viel ich aus der kurzen Besichtigung
entnehmen konnte, wenige ihres Gleichen haben. Auch hatte ich nicht
gedacht, daß das Haus, wenn ich es so von der Straße aus sah, eine so
große Räumlichkeit in sich hätte.«

»So muß ich euch nun auch noch etwas anderes zeigen«, erwiderte er,
»folgt mir ein wenig durch jenes Gebüsch.«

Er ging nach diesen Worten voran, ich folgte ihm. Er schlug einen Weg
gegen dichtes Gebüsch ein. Als wir dort angekommen waren, ging er auf
einem schmalen Pfade durch dessen Verschlingung fort. Endlich kamen
sogar hohe Bäume, unter denen der Weg dahin lief. Nach einer Weile tat
sich ein anmutiger Rasenplatz vor uns auf, der wieder ein langes, aus
einem Erdgeschosse bestehendes Gebäude trug. Es hatte viele Fenster,
die gegen uns hersahen. Ich hatte es früher weder von der Straße aus
erblickt noch von den Stellen des Gartens, auf denen ich gewesen war.
Vermutlich waren die Bäume daran Schuld, die es umstanden.

Da wir uns näherten, ging ein feiner Rauch aus seinem Schornsteine
empor, obwohl, da es Sommer war, keine Einheizzeit, und da es noch so
früh am Vormittage war, keine Kochzeit die Ursache davon sein konnte.
Als wir näher kamen, hörte ich in dem Hause ein Schnarren und
Schleifen, als ob in ihm gesägt und gehobelt würde. Da wir eingetreten
waren, sah ich in der Tat eine Schreinerwerkstätte vor mir, in welcher
tätig gearbeitet wurde. An den Fenstern, durch welche reichliches
Licht hereinfiel, standen die Schreinertische und an den übrigen
Wänden, welche fensterlos waren, lehnten Teile der in Arbeit
begriffenen Gegenstände. Hier fand ich wieder eine Ähnlichkeit mit
meinem Vater. So wie er sich einen jungen Mann abgerichtet hatte, der
ihm seine altertümlichen Geräte nach seiner Angabe wieder herstellte,
so sah ich hier gleich eine ganze Werkstätte dieser Art; denn ich
erkannte aus den Teilen, die herumstanden, daß hier vorzüglich an der
Wiederherstellung altertümlicher Gerätschaften gearbeitet werde. Ob
auch Neues in dem Hause verfertigt werde, konnte ich bei dem ersten
Anblicke nicht erkennen.

Von den Arbeitern hatte jeder einen Raum an den Fenstern für sich, der
von dem Raume seines Nachbars durch gezogene Schranken abgesondert
war. Er hatte seine Geräte und seine eben notwendigen Arbeitsstücke
in diesem Raume bei sich, das Andere, was er gerade nicht brauchte,
hatte er an der Hinterwand des Hauses hinter sich, so daß eine
übersichtliche Ordnung und Einheit bestand. Es waren vier Arbeiter. In
einem großen Schreine, der einen Teil der einen Seitenwand einnahm,
befanden sich vorrätige Werkzeuge, welche für den Fall dienten, daß
irgend eines unversehens untauglich würde und zu seiner Herstellung
zu viele Zeit in Anspruch nähme. In einem andern Schreine an der
entgegengesetzten Seitenwand waren Fläschchen und Büchschen, in denen
sich die Flüssigkeiten und andere Gegenstände befanden, die zur
Erzeugung von Firnissen, Polituren oder dazu dienten, dem Holze eine
bestimmte Farbe oder das Ansehen von Alter zu geben. Abgesondert von
der Werkstube war ein Herd, auf welchem das zu Schreinerarbeiten
unentbehrliche Feuer brannte. Seine Stätte war feuerfest, um die
Werkstube und ihren Inhalt nicht zu gefährden.

»Hier werden Dinge«, sagte mein Begleiter, »welche lange vor uns, ja
oft mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeit verfertigt worden und in
Verfall geraten sind, wieder hergestellt, wenigstens soweit es die
Zeit und die Umstände nur immer erlauben. Es wohnt in den alten
Geräten beinahe wie in den alten Bildern ein Reiz des Vergangenen
und Abgeblühten, der bei dem Menschen, wenn er in die höheren Jahre
kömmt, immer stärker wird. Darum sucht er das zu erhalten, was der
Vergangenheit angehört, wie er ja auch eine Vergangenheit hat,
die nicht mehr recht zu der frischen Gegenwart der rings um ihn
Aufwachsenden paßt. Darum haben wir hier eine Anstalt für Geräte
des Altertums gegründet, die wir dem Untergange entreißen,
zusammenstellen, reinigen, glätten und wieder in die Wohnlichkeit
einzuführen suchen.«


Es wurde, da ich mich in dem Schreinerhause befand, eben an der
Platte eines Tisches gearbeitet, die, wie mein Begleiter sagte,
aus dem sechzehnten Jahrhunderte stammte. Sie war in Hölzern von
verschiedener, aber natürlicher Farbe eingelegt. Bloß wo grünes Laub
vorkam, war es von grüngebeiztem Holze. Von außen war eine Verbrämung
von in einander geschlungenen und schneckenartig gewundenen Rollen,
Laubzweigen und Obst. Die innere Fläche, welche von der Verbrämung
durch ein Bänderwerk von rotem Rosenholze abgeschnitten war, trug
auf einem Grunde von braunlich weißem Ahorne eine Sammlung von
Musikgeräten. Sie waren freilich nicht in dem Verhältnisse ihrer
Größen eingelegt. Die Geige war viel kleiner als die Mandoline, die
Trommel und der Dudelsack waren gleich groß und unter beiden zog sich
die Flöte wie ein Weberbaum dahin. Aber im Einzelnen erschienen mir
die Sachen als sehr schön, und die Mandoline war so rein und lieblich,
wie ich solche Dinge nicht schöner auf den alten Gemälden meines
Vaters gesehen hatte. Einer der Arbeiter schnitt Stücke aus Ahorn,
Buchs, Sandelholz, Ebenholz, türkisch Hasel und Rosenholz zurecht,
damit sie in ihrer kleineren Gestalt gehörig austrocknen konnten.
Ein anderer löste schadhafte Teile aus der Platte und ebnete die
Grundstellen, um die neuen Bestandteile zweckmäßig einsetzen zu
können. Der dritte schnitt und hobelte die Füße aus einem Ahornbalken
und der vierte war beschäftigt, nach einer in Farben ausgeführten
Abbildung der Tischplatte, die er vor sich hatte, und aus einer Menge
von Hölzern, die neben ihm lagen, diejenigen zu bestimmen, die den
auf der Zeichnung befindlichen Farben am meisten entsprächen. Mein
Begleiter sagte mir, daß das Gerüste und die Füße des Tisches
verlorengegangen seien und neu gemacht werden mußten.

Ich fragte, wie man das einrichte, daß das Neue zu dem Vorhandenen
passe.

Er antwortete: »Wir haben eine Zeichnung gemacht, die ungefähr
darstellte, wie die Füße und das Gerüste ausgesehen haben mögen.«

Auf meine neue Frage, wie man denn das wissen könne, antwortete
er: »Diese Dinge haben so gut wie bedeutendere Gegenstände ihre
Geschichte, und aus dieser Geschichte kann man das Aussehen und den
Bau derselben zusammen setzen. Im Verlaufe der Jahre haben sich die
Gestaltungen der Geräte immer neu abgelöset, und wenn man auf diese
Abfolge sein Augenmerk richtet, so kann man aus einem vorhandenen
Ganzen auf verlorengegangene Teile schließen und aus aufgefundenen
Teilen auf das Ganze gelangen. Wir haben mehrere Zeichnungen
entworfen, in deren jede immer die Tischplatte einbezogen war, und
haben uns auf diese Weise immer mehr der mutmaßlichen Beschaffenheit
der Sache genähert. Endlich sind wir bei einer Zeichnung geblieben,
die uns nicht zu widersprechend schien.«

Auf meine Frage, ob er denn immer Arbeit für seine Anstalt habe,
antwortete er: »Sie ist nicht gleich so entstanden, wie ihr sie hier
sehet. Anfangs zeigte sich die Lust an alten und vorelterlichen
Dingen, und wie die Lust wuchs, sammelten sich nach und nach schon die
Gegenstände an, die ihrer Wiederherstellung entgegen sahen. Zuerst
wurde die Ausbesserung bald auf diesem, bald auf jenem Wege versucht
und eingeleitet. Viele Irrwege sind betreten worden. Indessen wuchs
die Zahl der gesammelten Gegenstände immer mehr und deutete schon
auf die künftige Anstalt hin. Als man in Erfahrung brachte, daß ich
altertümliche Gegenstände kaufe, brachte man mir solche oder zeigte
mir die Orte an, wo sie zu finden wären. Auch vereinigten sich mit uns
hie und da Männer, welche auf die Dinge des Altertums ihr Augenmerk
richteten, uns darüber schrieben und wohl auch Zeichnungen einsandten.
So erweiterte sich unser Kreis immer mehr.

Ungehörige Ausbesserungen aus früheren Zeiten gaben ebenfalls Stoff
zu erneuerter Arbeit, und da wir anfangs auch an verschiedenen Orten
arbeiten ließen und häufig genötigt waren, die Orte zu wechseln, ehe
wir uns hier niederließen, so verschleppte sich manche Zeit und die
Arbeitsgegenstände mehrten sich. Endlich gerieten wir auch auf den
Gedanken, neue Gegenstände zu verfertigen. Wir gerieten auf ihn durch
die alten Dinge, die wir immer in den Händen hatten. Diese neuen
Gegenstände wurden aber nicht in der Gestalt gemacht, wie sie jetzt
gebräuchlich sind, sondern wie wir sie für schön hielten. Wir lernten
an dem Alten; aber wir ahmten es nicht nach, wie es noch zuweilen in
der Baukunst geschieht, in der man in einem Stile, zum Beispiele in
dem sogenannten gothischen, ganze Bauwerke nachbildet. Wir suchten
selbstständige Gegenstände für die jetzige Zeit zu verfertigen mit
Spuren des Lernens an vergangnen Zeiten. Haben ja selbst unsere
Vorfahrer aus ihren Vorfahrern geschöpft, diese wieder aus den ihrigen
und so fort, bis man auf unbedeutende und kindische Anfänge stößt.

Überall aber sind die eigentlichen Lehrmeister die Werke der Natur
gewesen.«

»Sind solche neugemachte Gegenstände in eurem Hause vorhanden?« fragte
ich.

»Nichts von Bedeutung«, antwortete er, »einige sind an verschiedenen
Punkten der Gegend zerstreut, einige sind in einem anderen Orte als
in diesem Hause gesammelt. Wenn ihr Lust zu solchen Dingen habt oder
sie in Zukunft fassen solltet und euer Weg euch wieder einmal hieher
führt, so wird es nicht schwer sein, euch an den Ort zu geleiten, wo
ihr mehrere unserer besten Gegenstände sehen könnt.«

»Es sind der Wege sehr verschiedene«, erwiderte ich, »die die Menschen
gehen, und wer weiß es, ob der Weg, der mich wegen eines Gewitters zu
euch heraufgeführt hat, nicht ein sehr guter Weg gewesen ist und ob
ich ihn nicht noch einmal gehe.«

»Ihr habt da ein sehr wahres Wort gesprochen«, antwortete er, »die
Wege der Menschen sind sehr verschiedene. Ihr werdet dieses Wort erst
recht einsehen, wenn ihr älter seid.«

»Und habt ihr dieses Haus eigens zu dem Zwecke der Schreinerei
erbaut?« fragte ich weiter.

»Ja«, antwortete er, »wir haben es eigens zu diesem Zwecke erbaut. Es
ist aber viel später entstanden als das Wohnhaus. Da wir einmal so
weit waren, die Sachen zu Hause machen zu lassen, so war der Schritt
ein ganz leichter, uns eine eigene Werkstätte hiefür einzurichten.
Der Bau dieses Hauses war aber bei weitem nicht das Schwerste, viel
schwerer war es, die Menschen zu finden. Ich hatte mehrere Schreiner
und mußte sie entlassen. Ich lernte nach und nach selber, und da trat
mir der Starrsinn, der Eigenwille und das Herkommen entgegen. Ich nahm
endlich solche Leute, die nicht Schreiner waren und sich erst hier
unterrichten sollten. Aber auch diese hatten wie die Frühern eine
Sünde, welche in arbeitenden Ständen und auch wohl in andern sehr
häufig ist, die Sünde der Erfolggenügsamkeit oder der Fahrlässigkeit,
die stets sagt: >es ist so auch recht<, und die jede weitere Vorsicht
für unnötig erachtet. Es ist diese Sünde in den unbedeutendsten und
wichtigsten Dingen des Lebens vorhanden, und sie ist mir in meinen
früheren Jahren oft vorgekommen. Ich glaube, daß sie die größten Übel
gestiftet hat. Manche Leben sind durch sie verloren gegangen, sehr
viele andere, wenn sie auch nicht verloren waren, sind durch sie
unglücklich oder unfruchtbar geworden. Werke, die sonst entstanden
wären, hat sie vereitelt und die Kunst und was mit derselben
zusammenhängt wäre mit ihr gar nicht möglich. Nur ganz gute Menschen
in einem Fache haben sie gar nicht, und aus denen werden die Künstler,
Dichter, Gelehrten, Staatsmänner und die großen Feldherren. Aber ich
komme von meiner Sache ab. In unserer Schreinerei machte sie bloß, daß
wir zu nichts Wesentlichem gelangten. Endlich fand ich einen Mann,
der nicht gleich aus der Arbeit ging, wenn ich ihn bekämpfte; aber
innerlich mochte er recht oft erzürnt gewesen sein und über Eigensinn
geklagt haben. Nach Bemühungen von beiden Seiten gelang es. Die Werke
gewannen Einfluß, in denen das Genaue und Zweckmäßige angestrebt war,
und sie wurden zur Richtschnur genommen. Die Einsicht in die Schönheit
der Gestalten wuchs und das Leichte und Feine wurde dem Schweren
und Groben vorgezogen. Er las Gehilfen aus und erzog sie in seinem
Sinne. Die Begabten fügten sich bald. Es wurde die Chemie und andere
Naturwissenschaften hergenommen, und im Lesen schöner Bücher wurde das
Innere des Gemütes zu bilden versucht.«


Er ging nach diesen Worten gegen den Mann, der mit dem Aussuchen der
Hölzer nach dem vor ihm liegen den Plane der Tischplatte beschäftigt
war, und sagte: »Wollt ihr nicht die Güte haben, uns einige
Zeichnungen zu zeigen, Eustach?«

Der junge Mann, an den diese Worte gerichtet waren, erhob sich von
seiner Arbeit und zeigte uns ein ruhiges, gefälliges Wesen. Er legte
die grüne Tuchschürze ab, welche er vorgebunden hatte, und ging aus
seiner Arbeitsstelle zu uns herüber. Es befand sich neben dieser
Stelle in der Wand eine Glastür, hinter welcher grüne Seide in Falten
gespannt war. Diese Tür öffnete er und führte uns in ein freundliches
Zimmer. Das Zimmer hatte einen künstlich eingelegten Fußboden und
enthielt mehrere breite, glatte Tische. Aus der Lade eines dieser
Tische nahm der Mann eine große Mappe mit Zeichnungen, öffnete sie
und tat sie auf der Tischplatte auseinander. Ich sah, daß diese
Zeichnungen für mich zum Ansehen heraus genommen worden waren und
legte daher die Blätter langsam um. Es waren lauter Zeichnungen
von Bauwerken, und zwar teils im Ganzen, teils von Bestandteilen
derselben. Sie waren sowohl, wie man sich ausdrückt, im Perspective
ausgeführt, als auch in Aufrissen, in Längen- und Querschnitten. Da
ich mich selber geraume Zeit mit Zeichnen beschäftigt hatte, wenn auch
mit Zeichnen anderer Gegenstände, so war ich bei diesen Blättern schon
mehr an meiner Stelle als bei den alten Geräten. Ich hatte immer bei
dem Zeichnen von Pflanzen und Steinen nach großer Genauigkeit gestrebt
und hatte mich bemüht, durch den Schwarzstift die Wesenheit derselben
so auszudrücken, daß man sie nach Art und Gattung erkennen sollte.
Freilich waren die vor mir liegenden Zeichnungen die von Bauwerken.
Ich hatte Bauwerke nie gezeichnet, ich hatte sie eigentlich nie recht
betrachtet. Aber andererseits waren die Linien, die hier vorkamen, die
von großen Körpern, von geschichteten Stoffen und von ausgedehnten
Flächen, wie sie bei mir auch an den Felsen und Bergen erschienen;
oder sie waren die leichten Wendungen von Zieraten, wie sie bei mir
die Pflanzen boten.

Endlich waren ja alle Bauwerke aus Naturdingen entstanden, welche die
Vorbilder gaben, etwa aus Felsenkuppen oder Felsenzacken oder selbst
aus Tannen, Fichten oder anderen Bäumen. Ich betrachtete daher die
Zeichnungen recht genau und sah sie um ihre Treue und Sachgemäßheit
an. Als ich sie schon alle durchgeblättert hatte, legte ich sie wieder
um und schaute noch einmal jedes einzelne Blatt an.

Die Zeichnungen waren sämmtlich mit dem Schwarzstifte ausgeführt. Es
war Licht und Schatten angegeben und die Linienführung war verstärkt
oder gemäßigt, um nicht bloß die Körperlichkeit der Dinge, sondern
auch das sogenannte Luftperspective darzustellen. In einigen Blättern
waren Wasserfarben angewendet, entweder, um bloß einzelne Stellen zu
bezeichnen, die eine besonders starke oder eigentümliche Farbe hatten,
wie etwa, wo das Grün der Pflanzen sich auffallend von dem Gemäuer,
aus dem es sproßte, abhob oder wo der Stoff durch Einfluß von Sonne
oder Wasser eine ungewöhnliche Farbe erhalten hatte, wie zum Beispiele
an gewissen Steinen, die durch Wasser bräunlich, ja beinahe rot
werden; oder es waren Farben angewendet, um dem Ganzen einen Ton der
Wirklichkeit und Zusammenstimmung zu geben; oder endlich es waren
einzelne sehr kleine Stellen mit Farben, gleichsam mit Farbdruckern,
wie man sich ausdrückt, bezeichnet, um Flächen oder Körper oder ganze
Abteilungen im Raume zurück zu drängen. Immer aber waren die Farben
so untergeordnet gehalten, daß die Zeichnungen nicht in Gemälde
übergingen, sondern Zeichnungen blieben, die durch die Farbe nur noch
mehr gehoben wurden. Ich kannte diese Verfahrungsweise sehr gut und
hatte sie selber oft angewendet.

Was den Wert der Zeichnungen anbelangt, so erschien mir derselbe ein
ziemlich bedeutender. Die Hand, von der sie verfertigt worden waren,
hielt ich für eine geübte, was ich daraus schloß, daß in den vielen
Zeichnungen kein Fortschritt zu bemerken war, sondern daß dieser schon
in der Zeit vor den Zeichnungen lag und hier angewendet wurde. Die
Linien waren rein und sicher gezogen, das sogenannte Linearperspective
war, so weit meine Augen urteilen konnten - denn eine mathematische
Prüfung konnte ich nicht anlegen -, richtig, der Stoff des
Schwarzstiftes war gut beherrscht, und mit seinen geringen Mitteln war
Haushaltung getroffen, darum standen die Körper klar da und lösten
sich von der Umgebung. Wo die Farbe eine Art Wirklichkeit angenommen
hatte, war sie mit Gegenständlichkeit und Maß hingesetzt, was, wie ich
aus Erfahrung wußte, so schwer zu finden ist, daß die Dinge als Dinge,
nicht als Färbungen gelten. Dies ist besonders bei Gegenständen der
Fall, die minder entschiedene Farben haben, wie Steine, Gemäuer und
dergleichen, während Dinge von deutlichen Farben leichter zu behandeln
sind, wie Blumen, Schmetterlinge, selbst manche Vögel.

Eine besondere Tatsache aber fiel mir bei Betrachtung dieser
Zeichnungen auf. Bei den Bauverzierungen, welche von Gegenständen
der Natur genommen waren, von Pflanzen oder selbst von Tieren, kamen
bedeutende Fehler vor, ja es kamen sogar Unmöglichkeiten vor, die kaum
ein Anfänger macht, sobald er nur die Pflanze gut betrachtet. Bei den
ganz gleichen Verzierungen an andern Bauwerken in andern Zeichnungen
waren diese Fehler nicht da, sondern die Verzierungen waren in
Hinsicht ihrer Urbilder in der Natur mit Richtigkeit angegeben.
Ich hatte, da ich einmal zeichnete, öfter die Bilder meines Vaters
betrachtet und in ihnen, selbst in solchen, die er für sehr gut hielt,
ähnliche Fehler gefunden. Da die Bilder meines Vaters aus alter Zeit
waren, diese Zeichnungen aber auch alte Bauwerke darstellten, so
schloß ich, daß sie vielleicht Abrisse von wirklichen Bauten seien
und daß die Fehler in den Zieraten der Zeichnungen Fehler in den
wirklichen Zieraten der Bauarten seien, und daß die Zieraten, deren
Zeichnungen fehlerlos waren, auch an den Bauwerken keinen Fehler
gehabt haben.

Es gewannen durch diesen Umstand die Zeichnungen in meinen Augen noch
mehr, da er gerade ihre große Treue bewies.

Auch ein eigentümlicher Gedanke kam mir bei der Betrachtung dieser
Zeichnungen in das Haupt. Ich hatte nie so viele Zeichnungen von
Bauwerken beisammen gesehen, so wie ich Bauwerke selber nicht zum
Gegenstande meiner Aufmerksamkeit gemacht hatte. Da ich nun alle diese
Laubwerke, diese Ranken, diese Zacken, diese Schwingungen, diese
Schnecken in großer Abfolge sah, erschienen sie mir gewissermaßen
wie Naturdinge, etwa wie eine Pflanzenwelt mit ihren zugehörigen
Tieren. Ich dachte, man könnte sie eben so zu einem Gegenstande der
Betrachtung und der Forschung machen wie die wirklichen Pflanzen
und andere Hervorbringungen der Erde, wenn sie hier auch nur eine
steinerne Welt sind. Ich hatte das nie recht beachtet, wenn ich auch
hin und wieder an einer Kirche oder an einem anderen Gebäude einen
steinernen Stengel oder eine Rose oder eine Distelspitze oder einen
Säulenschaft oder die Vergitterung einer Tür ansah. Ich nahm mir vor,
diese Gegenstände nun genauer zu beobachten.

»Diese Zeichnungen sind lauter Abbildungen von wirklichen Bauwerken,
die in unserem Lande vorhanden sind«, sagte mein Begleiter. »Wir haben
sie nach und nach zusammen gebracht. Kein einziges Bauwerk unseres
Landes, welches entweder im Ganzen schön ist oder an dem Teile
schön sind, fehlt. Es ist nehmlich auch hier im Lande wie überall
vorgekommen, daß man zu den Teilen alter Kirchen oder anderer Werke,
die nicht fertig geworden sind, neue Zubaue in ganz anderer Art
gemacht hat, so daß Bauwerke entstanden, die in verschiedenen Stilen
ausgeführt und teils schön und teils häßlich sind. Die Landkirchen,
die auf verschiedenen Stellen in unserer Zeit entstanden sind, haben
wir nicht angenommen.«

»Wer hat denn diese Zeichnungen verfertigt?« fragte ich.

»Der Zeichner steht vor euch«, antwortete mein Begleiter, indem er auf
den jungen Mann wies.

Ich sah den Mann an, und es zeigte sich ein leichtes Erröten in seinem
Angesichte.

»Der Meister hat nach und nach die Teile des Landes besucht«, fuhr
mein Gastfreund fort, »und hat die Baugegenstände gezeichnet, die ihm
gefielen. Diese Zeichnungen hat er in seinem Buche nach Hause gebracht
und sie dann auf einzelnen Blättern im Reinen ausgeführt. Außer den
Zeichnungen von Bauwerken haben wir auch die von inneren Ausstattungen
derselben. Seid so gefällig und zeigt auch diese Mappe, Eustach.«

Der junge Mann legte die Mappe, die wir eben betrachtet hatten,
zusammen und tat sie in ihre Lade. Dann nahm er aus einer anderen Lade
eine andere Mappe und legte sie mir mit den Worten vor: »Hier sind die
kirchlichen Gegenstände.«

Ich sah die Zeichnungen in der Mappe, die er mir geöffnet hatte, an,
wie ich früher die der Bauwerke angesehen hatte. Es waren Zeichnungen
von Altären, Chorstühlen, Kanzeln, Sakramentshäuschen, Taufsteinen,
Chorbrüstungen, Sesseln, einzelnen Gestalten, gemalten Fenstern
und anderen Gegenständen, die in Kirchen vorkommen. Sie waren wie
die Zeichnungen der Baugegenstände entweder ganz in Schwarzstift
ausgeführt oder teils in Schwarzstift, teils in Farben. Hatte ich mich
schon früher in diese Gegenstände vertieft, so geschah es jetzt noch
mehr. Sie waren noch mannigfaltiger und für die Augen anlockender als
die Bauwerke. Ich betrachtete jedes Blatt einzeln, und manches nahm
ich noch einmal vor, nachdem ich es schon hingelegt hatte. Als ich
mit dieser Mappe fertig war, legte mir der Meister eine neue vor und
sagte: »Hier sind die weltlichen Gegenstände.«

Die Mappe enthielt Zeichnungen von sehr verschiedenen Geräten, die in
Wohnungen, Burgen, Klöstern und dergleichen vorkommen, sie enthielt
Abbildungen von Vertäflungen, von ganzen Zimmerdecken, Fenster- und
Türeinfassungen, ja von eingelegten Fußböden. Bei den weltlichen
Geräten war viel mehr mit Farben gearbeitet als bei den kirchlichen
und bei den Bauten; denn die Wohngeräte haben sehr oft die Farbe als
einen wesentlichen Gegenstand ihrer Erscheinung, besonders wenn sie
in verschiedenfarbigen Hölzern eingelegt sind. Ich fand in dieser
Sammlung von Zeichnungen Abbildungen von Gegenständen, die ich in der
Wohnung meines Gastfreundes gesehen hatte. So war der Schreibschrein
und der große Kleiderschrein vorhanden. Auch der Tisch, an dem noch in
der Schreinerstube gearbeitet wurde, stand hier schon fertig vor uns
auf dem Papiere. Ich bemerkte hiebei, daß nur die Platte klar und
kräftig ausgeführt war, das Gerüste und die Füße minder, gleichsam
schattenhaft behandelt wurden. Ich erkannte, daß man so das Neue, was
zu Geräten hinzukommen mußte, bezeichnen wollte. Mir gefiel diese Art
sehr gut.

»Die Kirchengeräte unseres Landes dürften in dieser Sammlung ziemlich
vollständig sein«, sagte mein Gastfreund, »wenigstens wird nichts
Wesentliches fehlen. Bei den weltlichen kann man das weniger sagen,
da man nicht wissen kann, was noch hie und da in dem Lande zerstreut
ist.«


Als ich diese Mappe auch angesehen hatte, sagte mein Begleiter: »Diese
Zeichnungen sind Nachbildungen von lauter wirklichen aus älterer Zeit
auf uns gekommenen Gegenständen, wir haben aber auch Zeichnungen
selbstständig entworfen, die Geräte oder andere kleinere Gegenstände
darstellen. Zeigt uns auch diese, Meister.«

Der junge Mann legte die Mappe auf den Tisch.

Sie war viel umfassender als jede der früheren und enthielt nicht bloß
die vollständige Darstellung der ganzen Gegenstände, sondern auch ihre
Quer- und Längenschnitte und ihre Grundrisse. Es waren Abbildungen von
verschiedenen Geräten, dann von Verkleidungen, Fußböden, Zimmerdecken,
Nischen und endlich sogar von Baugegenständen, Treppenhäusern und
Seitenkapellen. Man war mit großer Zweifelsucht und Gewissenhaftigkeit
zu Werke gegangen; manche Zeichnung war vier-, ja fünfmal vorhanden
und jedes Mal verändert und verbessert. Die letzten waren stets mit
Farben angegeben und dies besonders deutlich, wenn die Gegenstände in
Holz oder Marmor auszuführen waren. Ich fragte, ob einige dieser Dinge
ausgeführt worden sind.

»Freilich«, antwortete mein Begleiter, »wozu wären denn so viele
Zeichnungen angefertigt worden? Alle Gegenstände, die ihr öfter
gezeichnet sahet und deren letzte Zeichnung in Farben angegeben ist,
sind in Wirklichkeit ausgearbeitet worden. Diese Zeichnungen sind die
Pläne und Vorlagen zu den neuen Geräten, auf deren Verfertigung, wie
ich früher sagte, wir geraten sind. Wenn ihr einmal in den Ort, von
dem ich euch gesagt habe, daß er mehrere enthält, kommen solltet, so
würdet ihr dort nicht nur viele von denen, die hier gezeichnet sind,
sehen, sondern auch solche, die zusammen gehören und ein Ganzes
bilden.«

»Wenn man diese Zeichnungen betrachtet«, sagte ich, »und wenn man die
anderen betrachtet, welche ich früher gesehen habe, so kömmt man auf
den Gedanken, daß die Bauwerke einer Zeit und die Geräte, welche
in diesen Bauwerken sein sollten, eine Einheit bilden, die nicht
zerrissen werden kann.«

»Allerdings bilden sie eine«, erwiderte er, »die Geräte sind ja die
Verwandten der Baukunst, etwa ihre Enkel oder Urenkel, und sind aus
ihr hervorgegangen. Dieses ist so wahr, daß ja auch unsere heutigen
Geräte zu unserer heutigen Baukunst gehören. Unsere Zimmer sind
fast wie hohle Würfel oder wie Kisten, und in solchen stehen die
geradlinigen und geradflächigen Geräte gut. Es ist daher nicht ohne
Begründung, wenn die viel schöneren altertümlichen Geräte in unseren
Wohnungen manchen Leuten einen unheimlichen Eindruck machen, sie
widersprechen der Wohnung; aber hierin haben die Leute Unrecht, wenn
sie die Geräte nicht schön finden, die Wohnung ist es, und diese
sollte geändert werden. Darum stehen in Schlössern und altertümlichen
Bauten derlei Geräte noch am schönsten, weil sie da eine ihnen
ähnliche Umgebung finden. Wir haben aus diesem Verhältnisse Nutzen
gezogen und aus unseren Zeichnungen der Bauwerke viel für die
Zusammenstellung unserer Geräte gelernt, die wir eben nach ihnen
eingerichtet haben.«

»Wenn man so viele dieser Dinge in so vielen Abbildungen vor sich
sieht, wie wir jetzt getan haben«, sagte ich, »so kann man nicht
umhin, einen großen Eindruck zu empfinden, den sie machen.«

»Es haben sehr tiefsinnige Menschen vor uns gelebt«, erwiderte er,
»man hat es nicht immer erkannt und fängt erst jetzt an, es wieder ein
wenig einzusehen. Ich weiß nicht, ob ich es Rührung oder Schwermut
nennen soll, was ich empfinde, wenn ich daran denke, daß unsere
Voreltern ihre größten und umfassendsten Werke nicht vollendet haben.
Sie mußten auf eine solche Ewigkeit des Schönheitsgefühles gerechnet
haben, daß sie überzeugt waren, die Nachwelt werde an dem weiter
bauen, was sie angefangen haben. Ihre unfertigen Kirchen stehen wie
Fremdlinge in unserer Zeit. Wir haben sie nicht mehr empfunden oder
haben sie durch häßliche Aftergebilde verunstaltet. Ich möchte
jung sein, wenn eine Zeit kömmt, in welcher in unserem Vaterlande
das Gefühl für diese Anfänge so groß wird, daß es die Mittel
zusammenbringt, diese Anfänge weiter zu führen. Die Mittel sind
vorhanden, nur werden sie auf etwas anderes angewendet, so wie man
diese Bauwerke nicht aus Mangel der Mittel unvollendet ließ, sondern
aus anderen Gründen.«

Ich sagte nach diesen Worten, daß ich in dem berührten Punkte weniger
unterrichtet sei; aber in einem anderen Punkte könnte ich vielleicht
etwas sagen, nehmlich in Hinsicht der Zeichnungen. »Ich habe durch
längere Zeit her Pflanzen, Steine, Tiere und andere Dinge gezeichnet,
habe mich sehr geübt und dürfte daher etwa ein Urteil wagen können.
Diese Zeichnungen erscheinen mir in Reinheit der Linien, in
Richtigkeit des Perspectives, in kluger Hinstellung jedes Körperteiles
und in passender Anwendung der Farben als ganz vortrefflich, und ich
fühle mich gedrungen, dieses zu sagen.«

Der Meister sagte zu diesem Lobe nichts, sondern er senkte den Blick
zu Boden, meinen Gastfreund aber schien mein Urteil zu freuen.

Er bedeutete den Meister, die Mappe zusammen zu binden und in die Lade
zu legen, was auch geschah.


Wir gingen von diesem Zimmer in die weiteren Räume des
Schreinerhauses. Als wir über die Schwelle schritten, dachte ich,
daß ich von altertümlichen Gegenständen trotz der Sammlungen meines
Vaters, von denen ich doch lebenslänglich umgeben gewesen war,
eigentlich bisher nicht viel verstanden habe und erst lernen müsse.

Von dem Zimmer der Zeichnungen gingen wir in das Wohnzimmer des
Meisters, welches neben den gewöhnlichen Gerätstücken ebenfalls
Zeichnungstische und Staffeleien enthielt. Es war ebenso freundlich
eingerichtet wie das Zimmer der Zeichnungen.

Auch die Zimmer der Gehilfen besuchten wir und betraten dann die
Nebenräume. Es waren dies Räume, die zu verschiedenen Gegenständen,
die eine solche Anstalt fordert, notwendig sind. Der vorzüglichste war
das Trockenhaus, welches hinter der Schreinerei angebracht war, aus
der man in die untere und obere Abteilung desselben gelangen konnte.
Es hatte den Zweck, daß in ihm alle Gattungen von Holz, die man hier
verarbeitete, jenen Zustand der Trockenheit erreichen konnten, der
in Geräten notwendig ist, daß nicht später wieder Beschädigungen
eintreten. In dem unteren Raume wurden die größeren Holzkörper
aufbewahrt, in dem oberen die kleineren und feineren. Ich konnte
sehen, wie sehr es Ernst mit der Anlegung dieses Werkhauses war;
denn ich fand in dem Trockenhause nicht nur einen sehr großen
Vorrat von Holz, sondern auch fast alle Gattungen der inländischen
und ausländischen Hölzer. Ich hatte hierin von der Zeit meiner
naturwissenschaftlichen Bestrebungen her einige Kenntnis. Außerdem
war das Holz beinahe durchgängig schon in die vorläufigen Gestalten
geschnitten, in die es verarbeitet werden sollte, damit es auf diese
Weise zu hinreichender Beruhigung austrocknen konnte. Mein Begleiter
zeigte mir die verschiedenen Behältnisse und erklärte mir im
Allgemeinen ihren Inhalt.

In dem unteren Raume sah ich Lärchenholz zu sehr großen seltsamen
Gestalten verbunden, gleichsam zu schlanken Gerüsten, Rahmen und
dergleichen, und fragte, da ich mir die Sache nicht erklären konnte,
um ihre Bedeutung.

»In unserem Lande«, antwortete mein Begleiter, »sind mehrere
geschnitzte Altäre. Sie sind alle aus Lindenholz verfertigt und einige
von bedeutender Schönheit. Sie stammen aus sehr früher Zeit, etwa
zwischen dem dreizehnten und fünfzehnten Jahrhundert, und sind
Flügelaltäre, welche mit geöffneten Flügeln die Gestalt einer
Monstranze haben. Sie sind zum Teile schon sehr beschädigt und drohen,
in kürzerer oder längerer Zeit zu Grunde zu gehen. Da haben wir nun
einen auf meine Kosten wiederhergestellt und arbeiten jetzt an einem
zweiten. Die Holzgerüste, um die ihr fragtet, sind Grundlagen, auf
denen Verzierungen befestigt werden müssen. Die Verzierungen sind noch
ziemlich erhalten, ihre Grundlagen aber sind sehr morsch geworden,
weshalb wir neue anfertigen müssen, wozu ihr hier die Entwürfe sehet.«

»Hat man euch denn erlaubt, in einer Kirche einen Altar
umzugestalten?« fragte ich.

»Man hat es uns erst nach vielen Schwierigkeiten erlaubt«, antwortete
er, »wir haben aber die Schwierigkeiten besiegt. Besonders kam uns das
Mißtrauen in unsere Kenntnisse und Fähigkeiten entgegen, und hierin
hatte man Recht. Wohin käme man denn, wenn man an vorhandenen Werken
vorschnell Veränderungen anbringen ließe? Es könnten ja da Dinge von
der größten Wichtigkeit verunstaltet oder zerstört werden. Wir mußten
angeben, was wir verändern oder hinzufügen wollten und wie die Sache
nach der Umarbeitung aussehen würde. Erst da wir dargelegt hatten, daß
wir an den bestehenden Zusammenstellungen nichts ändern würden, daß
keine Verzierung an einen andern Platz komme, daß kein Standbild an
seinem Angesichte, seinen Händen oder den Faltungen seines Gewandes
umgestaltet werde, sondern daß wir nur das Vorhandene in seiner
jetzigen Gestalt erhalten wollen, damit es nicht weiter zerfallen
könne, daß wir den Stoff, wo er gelitten hat, mit Stoff erfüllen
wollen, damit die Ganzheit desselben vorhanden sei, daß wir an Zutaten
nur die kleinsten Dinge anbringen würden, deren Gestalt vollkommen
durch die gleichartigen Stücke bekannt wäre und in gleichmäßiger
Vollkommenheit wie die alten verfertigt werden könnte, ferner als wir
eine Zeichnung in Farben angefertigt hatten, die darstellte, wie der
gereinigte und wieder hergestellte Altar aussehen würde, und endlich
als wir Schnitzereien von geringem Umfange, einzelne Standbilder und
dergleichen in unserem Sinne wieder hergestellt und zur Anschauung
gebracht hatten, ließ man uns gewähren. Von Hindernissen, die nicht
von der Obrigkeit ausgingen, von Verdächtigungen und ähnlichen
Vorkommnissen rede ich nicht, sie sind auch wenig zu meiner Kenntnis
gekommen.«

»Da habt ihr ein langwieriges und, wie ich glaube, wichtiges Werk
unternommen«, sagte ich.

»Die Arbeit hat mehrere Jahre gedauert«, erwiderte er, »und was die
Wichtigkeit anbelangt, so hat sich wohl niemand mehr den Zweifeln
hingegeben, ob wir die nötige Sachkenntnis besäßen, als wir selber.
Darum haben wir auch gar keine Veränderung in der Wesenheit der Sache
vorgenommen. Selbst dort, wo es deutlich erwiesen war, daß Teile des
Altars in der Zeit in eine andere Gruppe gestellt worden waren, als
sie ursprünglich gewesen sein konnten, ließen wir das Vorgefundene
bestehen. Wir befreiten nur die Gebilde von Schmutz und Übertünchung,
befestigten das Zerblätterte und Lediggewordene, ergänzten das
Mangelnde, wo, wie ich gesagt habe, dessen Gestalt vollkommen bekannt
war, füllten alles, was durch Holzwürmer zerstört war, mit Holz aus,
beugten durch ein erprobtes Mittel den künftigen Zerstörungen dieser
Tiere vor und überzogen endlich den ganzen Altar, da er fertig war,
mit einem sehr matten Firnisse. Es wird einmal eine Zeit kommen, in
welcher vom Staate aus vollkommen sachverständige Männer in ein Amt
werden vereinigt werden, das die Wiederherstellung alter Kunstwerke
einleiten, ihre Aufstellung in dem ursprünglichen Sinne bewirken
und ihre Verunstaltung für kommende Zeiten verhindern wird; denn so
gut man uns gewähren ließ, die ja auch eine Verunstaltung hätten
hervorbringen können, so gut wird man in Zukunft auch andere gewähren
lassen, die minder zweifelsüchtig sind oder im Eifer für das Schöne
nach ihrer Art verfahren und das Wesen des Überkommenen zerstören.«

»Und glaubt ihr, daß ein Gesetz, welches verbietet, an dem Wesen
eines vorgefundenen Kunstwerkes etwas zu ändern, dem Verfalle und der
Zerstörung desselben für alle Zeiten vorbeugen würde?« fragte ich.

»Das glaube ich nicht«, erwiderte er; »denn es können Zeiten so
geringen Kunstsinnes kommen, daß sie das Gesetz selber aufheben; aber
auf eine längere Dauer und auf eine bessere Weise wäre doch durch ein
solches Gesetz gesorgt, als wenn gar keines wäre. Den besten Schutz
für Kunstwerke der Vorzeit würde freilich eine fortschreitende und
nicht mehr erlahmende Kunstempfindung gewähren. Aber alle Mittel,
auch in ihrer größten Vollkommenheit angewendet, würden den endlichen
Untergang eines Kunstwerkes nicht aufhalten können; dies liegt in der
immerwährenden Tätigkeit und in dem Umwandlungstriebe der Menschen und
in der Vergänglichkeit des Stoffes. Alles, was ist, wie groß und gut
es sei, besteht eine Zeit, erfüllt einen Zweck und geht vorüber. Und
so wird auch einmal über alle Kunstwerke, die jetzt noch sind, ein
ewiger Schleier der Vergessenheit liegen, wie er jetzt über denen
liegt, die vor ihnen waren.«

»Ihr arbeitet an der Herstellung eines zweiten Altares«, sagte ich,
»da ihr einen schon vollendet habt; würdet ihr auch noch andere
herstellen, da ihr sagt, daß es mehrere in dem Lande gibt?«

»Wenn ich die Mittel dazu hätte, würde ich es tun«, erwiderte er, »ich
würde sogar, wenn ich reich genug wäre, angefangene mittelalterliche
Bauwerke vollenden lassen. Da steht in Grünau hart an der Grenze
unseres Landes an der Stadtpfarrkirche ein Turm, welcher der schönste
unseres Landes ist und der höchste wäre, wenn er vollendet wäre;
aber er ist nur ungefähr bis zu zwei Drittteilen seiner Höhe fertig
geworden. Dieser altdeutsche Turm wäre das Erste, welches ich
vollenden ließe. Wenn ihr wieder kommt, so führe ich euch in eine
Kirche, in welcher auf Landeskosten ein geschnitzter Flügelaltar
wieder hergestellt worden ist, der zu den bedeutendsten Kunstwerken
gehört, welche in dieser Art vorhanden sind.«


Wir traten bei diesen Worten den Rückweg aus dem Trockenhause in die
Arbeitstube an. Mein Begleiter sagte auf diesem Wege: »Da Eustach
jetzt vorzugsweise damit beschäftigt ist, die im Laufe befindlichen
Werke auszufertigen, so hat er seinen Bruder, der herangewachsen ist,
unterrichtet, und dieser versieht jetzt hauptsächlich das Geschäft des
Zeichnens. Er ist eben daran, die Verzierungen, die in unserem Lande
an Bauwerken, Holzarbeiten oder sonstwo vorkommen und die wir in
unseren Blättern von größeren Werken noch nicht haben, zu zeichnen.
Wir erwarten ihn in kurzer Zeit auf einige Tage zurück. An diesen
Dingen könnte auch die Gegenwart lernen, falls sie lernen will. Nicht
bloß aus dem Großen, wenn wir das Große betrachteten, was unsere
Voreltern gemacht haben und was die kunstsinnigsten vorchristlichen
Völker gemacht haben, könnten wir lernen, wieder in edlen Gebäuden
wohnen oder von edlen Geräten umringt sein, wenigstens wie die
Griechen in schönen Tempeln beten; sondern wir könnten uns auch im
Kleinen vervollkommnen, die Überzüge unserer Zimmer könnten schöner
sein, die gewöhnlichen Geräte, Krüge, Schalen, Lampen, Leuchter, Äxte
würden schöner werden, selbst die Zeichnungen auf den Stoffen zu
Kleidern und endlich auch der Schmuck der Frauen in schönen Steinen;
er würde die leichten Bildungen der Vergangenheit annehmen, statt daß
jetzt oft eine Barbarei von Steinen in einer Barbarei von Gold liegt.
Ihr werdet mir Recht geben, wenn ihr an die vielen Zeichnungen
von Kreuzen, Rosen, Sternen denkt, die ihr in unseren Blättern
mittelalterlicher Bauwerke gesehen habt.«

Ich bewunderte den Mann, der, da er so redete, in einem sonderbaren,
ja abgeschmackten Kleide neben mir ging.

»Wenigstens Achtung vor Leuten, die vor uns gelebt haben, könnte
man aus solchen Bestrebungen lernen«, fuhr er fort, »statt daß wir
jetzt gewohnt sind, immer von unseren Fortschritten gegenüber der
Unwissenheit unserer Voreltern reden zu hören. Das große Preisen von
Dingen erinnert zu oft an Armut von Erfahrungen.«


Wir waren bei diesen Worten wieder in die Werkstube gekommen und
verabschiedeten uns von dem Meister. Ich reichte ihm die Hand, die
er annahm, und schüttelte die seinige herzlich. Da wir aus dem Hause
getreten waren und ich umschaute, sah ich durch das Fenster, wie er
eben seine grüne Schürze herab nahm und wieder umband. Auch hörten wir
das Hobeln und Sägen wieder, das bei unserem Besuche des Werkhauses
ein wenig verstummt war.

Wir betraten den Gebüschpfad und kamen wieder in die Nähe des
Wohnhauses.

»Ihr habt nun meine ganze Behausung gesehen«, sagte mein Gastfreund.

»Ich habe ja Küche und Keller und Gesindestuben nicht gesehen«,
erwiderte ich.

»Ihr sollt sie sehen, wenn ihr wollt«, sagte er.

Ich nahm mein mehr im Scherze gesprochenes Wort nicht zurück, und wir
gingen wieder in das Haus.

Ich sah hier eine große gewölbte Küche, eine große Speisekammer, drei
Stuben für Dienstleute, eine für eine Art Hausaufseher, dann die
Waschstube, den Backofen, den Keller und die Obstkammer. Wie ich
vermutet hatte, war dies alles reinlich und zweckmäßig eingerichtet.
Ich sah Mägde beschäftigt, und wir trafen auch den Hausaufseher in
seinem Tagewerke begriffen. Das flache feine Körbchen, aus welchem
mein Beherberger die Vögel gefüttert hatte, lehnte in einer eigenen
Mauernische neben der Tür, welche sein bestimmter Platz zu sein
schien.

Wir gingen von diesen Räumen in das Gewächshaus. Es enthielt sehr
viele Pflanzen, meistens solche, welche zur Zeit gebräuchlich waren.
Auf den Gestellen standen Camellien mit gut gepflegten grünen
Blättern, Rhododendren, darunter, wie mir die Aufschrift sagte, gelbe,
die ich nie gesehen hatte, Azaleen in sehr mannigfaltigen Arten und
besonders viele neuholländische Gewächse. Von Rosen war die Teerose
in hervorragender Anzahl da, und ihre Blumen blühten eben. An das
Gewächshaus stieß ein kleines Glashaus mit Ananas. Auf dem Sandwege
vor beiden Häusern standen Citronen- und Orangenbäume in Kübeln. Der
alte Gärtner hatte noch weißere Haare als sein Herr. Er war ebenfalls
ungewöhnlich gekleidet, nur konnte ich bei ihm das Ungewöhnliche nicht
finden. Das fiel mir auf, daß er viel reines Weiß an sich hatte,
welches im Vereine mit seiner weißen Schürze mich eher an einen Koch
als an einen Gärtner erinnerte.

Daß die schmale Seite des Gewächshauses von Außen mit Rosen bekleidet
sei, wie die Südseite des Wohnhauses, fiel mir wieder auf, aber es
berührte mich nicht unangenehm.

Die alte Gattin des Gärtners, die wir in der Wohnung desselben fanden,
war ebenso weiß gekleidet wie ihr Mann. An die Gärtnerswohnung stießen
die Kammern der Gehilfen.

»Jetzt habt jetzt alles gesehen«, sagte mein Gastfreund, da wir aus
diesen Kammern traten, »außer den Gastzimmern, die ich euch zeigen
werde, wenn ihr es verlangt, und der Wohnung meines Ziehsohnes, die
wir aber jetzt nicht betreten können, weil wir ihn in seinem Lernen
stören würden.«

»Wir wollen das auf eine spätere Stunde lassen, in der ich euch daran
erinnern werde«, sagte ich, »jetzt habe ich aber ein anderes Anliegen
an eure Güte, das mir näher am Herzen ist.«

»Und dieses nähere Anliegen?« fragte er.

»Daß ihr mir endlich sagt«, antwortete ich, »wie ihr zu einer so
entschiedenen Gewißheit in Hinsicht des Wetters gekommen seid.«

»Der Wunsch ist ein sehr gerechter«, entgegnete er, »und um so
gerechter, als eure Meinung über das Gewitter der Grund gewesen ist,
weshalb ihr zu unserem Hause herauf gegangen seid, und als unser
Streit über das Gewitter der Grund gewesen ist, daß ihr länger da
geblieben seid. Gehen wir aber gegen das Bienenhaus, und setzen wir
uns auf eine Bank unter eine Linde. Ich werde euch auf dem Wege und
auf der Bank meine Sache erzählen.«


Wir schlugen einen breiten Sandpfad ein, der Anfangs von größeren
Obstbäumen und später von hohen, schattenden Linden begrenzt war.
Zwischen den Stämmen standen Ruhebänke, auf dem Sande liefen pickende
Vögel und in den Zweigen wurde heute wieder das Singen vollbracht,
welches ich gestern schon wahrgenommen hatte.

»Ihr habt die Sammlung von Werkzeugen der Naturlehre in meiner Wohnung
gesehen«, fing mein Begleiter an, als wir auf dem Sandwege dahin
gingen, »sie erklären schon einen Teil unserer Sache.«

»Ich habe sie gesehen«, antwortete ich, »besonders habe ich das
Barometer, Thermometer sowie einen Luftblau- und Feuchtigkeitsmesser
bemerkt; aber diese Dinge habe ich auch, und sie haben eher, da ich
sie vor meiner Wanderung beobachtete, auf einen Niederschlag als auf
sein Gegenteil gedeutet.«

»Das Barometer ist gefallen«, erwiderte er, »und wies auf geringeren
Luftdruck hin, mit welchem sehr oft der Eintritt von Regen verbunden
ist.«

»Wohl«, sagte ich.

»Der Zeiger des Feuchtigkeitsmessers«, fuhr er fort, »rückte mehr
gegen den Punkt der größten Feuchtigkeit.«

»Ja, so ist es gewesen«, antwortete ich.

»Aber der Electricitätsmesser«, sagte er, »verkündigte wenig
Luftelectricität, daß also eine Entladung derselben, womit in unseren
Gegenden gerne Regen verbunden ist, nicht erwartet werden konnte.«

»Ich habe wohl auch die nehmliche Beobachtung gemacht«, entgegnete
ich, »aber die electrische Spannung steht nicht so sehr im
Zusammenhange mit Wetterveränderungen und ist meistens nur ihre Folge.
Zudem hat sich gestern gegen Abend Electricität genug entwickelt, und
alle Anzeichen, von denen ihr redet, verkündeten einen Niederschlag.«

»Ja, sie verkündeten ihn und er ist erfolgt«, sagte mein Begleiter;
»denn es bildeten sich aus den unsichtbaren Wasserdünsten sichtbare
Wolken, die ja wohl sehr fein zerteiltes Wasser sind. Da ist der
Niederschlag. Auf die geringe electrische Spannung legte ich kein
Gewicht; ich wußte, daß, wenn einmal Wolken entständen, sich auch
hinlängliche Electricität einstellen würde. Die Anzeichen, von denen
wir geredet haben, beziehen sich aber nur auf den kleinen Raum, in dem
man sich eben befindet, man muß auch einen weiteren betrachten, die
Bläue der Luft und die Gestaltung der Wolken.«

»Die Luft hatte schon gestern Vormittags die tiefe und finstere
Bläue«, erwiderte ich, »welche dem Regen vorangeht, und die
Wolkenbildung begann bereits am Mittage und schritt sehr rasch
vorwärts.«

»Bis hieher habt ihr Recht«, sagte mein Begleiter, »und die Natur hat
euch auch Recht gegeben, indem sie eine ungewöhnliche Menge von Wolken
erzeugte. Aber es gibt auch noch andere Merkmale als die wir bisher
besprochen haben, welche euch entgangen sind.

Ihr werdet wissen, daß Anzeichen bestehen, welche nur einer gewissen
Gegend eigen sind und von den Eingeborenen verstanden werden, denen
sie von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden sind. Oft vermag
die Wissenschaft recht wohl den Grund der langen Erfahrung anzugeben.
Ihr wißt, daß in Gegenden ein kleines Wölklein, an einer bestimmten
Stelle des Himmels, der sonst rein ist, erscheinend und dort schweben
bleibend, ein sicherer Gewitteranzeiger für diese Gegend ist, daß ein
trüberer Ton an einer gewissen Stelle des Himmels, ein Windstoß aus
einer gewissen Gegend her Vorboten eines Landregens sind und daß der
Regen immer kömmt. Solche Anzeichen hat auch diese Gegend, und es sind
gestern keine eingetreten, die auf Regen wiesen.«

»Merkmale, die nur dieser Gegend angehören«, erwiderte ich, »konnte
ich nicht beobachten; aber ich glaube, daß diese Merkmale allein euch
doch nicht bestimmen konnten, einen so entscheidenden Ausspruch zu
tun, wie ihr getan habt.«

»Sie bestimmten mich auch nicht«, antwortete er, »ich hatte auch noch
andere Gründe.«

»Nun?«

»Alle die Vorzeichen, von denen wir bisher geredet haben, sind sehr
grobe«, sagte er, »und werden meistens von uns nur mittelst räumlicher
Veränderungen erkannt, die, wenn sie nicht eine gewisse Größe
erreichen, von uns gar nicht mehr beobachtet werden können. Der
Schauplatz, auf welchem sich die Witterungsverhältnisse gestalten, ist
sehr groß; dort, wohin wir nicht sehen und woher die Wirkungen auf
unsere wissenschaftlichen Werkzeuge nicht reichen können, mögen
vielleicht Ursachen und Gegenanzeigen sein, die, wenn sie uns bekannt
wären, unsere Vorhersage in ihr Gegenteil umstimmen würden. Die
Anzeichen können daher auch täuschen. Es sind aber noch viel feinere
Vorrichtungen vorhanden, deren Beschaffenheit uns ein Geheimnis ist,
die von Ursachen, die wir sonst gar nicht mehr messen können, noch
betroffen werden und deren Wirkung eine ganz gewisse ist.«

»Und diese Werkzeuge?«

»Sind die Nerven.«

»Also empfindet ihr durch eure Nerven, wenn Regen kommen wird?«

»Durch meine Nerven empfinde ich das nicht«, antwortete er. »Der
Mensch stört leider durch zu starke Einwirkungen, die er auf die
Nerven macht, das feine Leben derselben, und sie sprechen zu ihm nicht
mehr so deutlich, als sie sonst wohl könnten. Auch hat ihm die Natur
etwas viel Höheres zum Ersatze gegeben, den Verstand und die Vernunft,
wodurch er sich zu helfen und sich seine Stellung zu geben vermag. Ich
meine die Nerven der Tiere.«

»Es wird wohl wahr sein, was ihr sagt«, antwortete ich. »Die Tiere
hängen mit der tiefer stehenden Natur noch viel unmittelbarer zusammen
als wir. Es wird nur darauf ankommen, daß diese Beziehungen ergründet
werden und dafür ein Ausdruck gefunden wird, besonders, was das
kommende Wetter betrifft.«

»Ich habe diesen Zusammenhang nicht ergründet«, entgegnete er,
»noch weniger den Ausdruck dafür gefunden; beides dürfte in dieser
Allgemeinheit wohl sehr schwer sein; aber ich habe zufällig einige
Beobachtungen gemacht, habe sie dann absichtlich wiederholt und daraus
Erfahrungen gesammelt und Ergebnisse zusammen gestellt, die eine
Voraussage mit fast völliger Gewißheit möglich machen. Viele Tiere
sind von Regen und Sonnenschein so abhängig, ja bei einigen handelt es
sich geradezu um das Leben selber, je nachdem Sonne oder Regen ist,
daß ihnen Gott notwendig hat Werkzeuge geben müssen, diese Dinge
vorhinein empfinden zu können. Diese Empfindung als Empfindung kann
aber der Mensch nicht erkennen, er kann sie nicht betrachten, weil
sie sich den Sinnen entzieht; allein die Tiere machen in Folge dieser
Vorempfindung Anstalten für ihre Zukunft, und diese Anstalten kann der
Mensch betrachten und daraus Schlüsse ziehen. Es gibt einige, die ihre
Nahrung finden, wenn es feucht ist, andere verlieren sie in diesem
Falle. Manche müssen ihren Leib vor Regen bergen, manche ihre
Brut in Sicherheit bringen. Viele müssen ihre für den Augenblick
aufgeschlagene Wohnung verlassen oder eine andere Arbeit suchen.
Da nun die Vorempfindung gewiß sein muß, wenn die daraus folgende
Handlung zur Sicherung führen soll, da die Nerven schon berührt
werden, wenn noch alle menschlichen wissenschaftlichen Werkzeuge
schweigen, so kann eine Voraussage über das Wetter, die auf eine
genaue Betrachtung der Handlungen der Tiere gegründet ist, mehr Anhalt
gewähren als die aus allen wissenschaftlichen Werkzeugen zusammen
genommen.«

»Ihr eröffnet da eine neue Richtung.«

»Die Menschen haben darin schon Vieles erfahren. Die besten
Wetterkenner sind die Insekten und überhaupt die kleinen Tiere. Sie
sind aber viel schwerer zu beobachten, da sie, wenn man dies tun will,
nicht leicht zu finden sind und da man ihre Handlungen auch nicht
immer leicht versteht. Aber von kleineren Tieren hängen oft größere
ab, deren Speise jene sind, und die Handlungen kleinerer Tiere haben
Handlungen größerer zur Folge, welche der Mensch leichter überblickt.
Freilich steht da ein Schluß in der Mitte, der die Gefahr zu irren
größer macht, als sie bei der unmittelbaren Betrachtung und der
gleichsam redenden Tatsache ist. Warum, damit ich ein Beispiel
anführe, steigt der Laubfrosch tiefer, wenn Regen folgen soll, warum
fliegt die Schwalbe niedriger und springt der Fisch aus dem Wasser?
Die Gefahr, zu irren, wird wohl bei oftmaliger Wiederholung der
Beobachtung und bei sorglicher Vergleichung geringer; aber das
Sicherste bleiben immer die Herden der kleinen Tiere. Das habt ihr
gewiß schon gehört, daß die Spinnen Wetterverkündiger sind und daß die
Ameisen den Regen vorhersagen. Man muß das Leben dieser kleinen Dinge
betrachten, ihre häuslichen Einrichtungen anschauen, oft zu ihnen
kommen, sehen, wie sie ihre Zeit hinbringen, erforschen, welche
Grenzen ihre Gebiete haben, welche die Bedingungen ihres Glückes sind
und wie sie denselben nachkommen. Darum wissen Jäger, Holzhauer und
Menschen, welche einsam sind und zur Betrachtung dieses abgesonderten
Lebens aufgefordert werden, das Meiste von diesen Dingen und wie aus
dem Benehmen von Tieren das Wetter vorherzusagen ist. Es gehört aber
wie zu allem auch Liebe dazu.«

»Hier ist der Sitz«, unterbrach er sich, »von welchem ich früher
gesprochen habe. Hier ist die schönste Linde meines Gartens, ich habe
einen bessern Ruheplatz unter ihr anbringen lassen und gehe selten
vorüber, ohne mich eine Weile nieder zu setzen, um mich an dem Summen
in ihren Ästen zu ergötzen. Wollen wir uns setzen?«

Ich willigte ein, wir setzten uns, das Summen war wirklich über unsern
Häuptern zu hören, und ich fragte, »Habt ihr nun diese Beobachtungen
an den Tieren, wie ihr sagtet, gemacht?«

»Auf Beobachtungen bin ich eigentlich nicht ausgegangen«, antwortete
er; »aber da ich lange in diesem Hause und in diesem Garten gelebt
habe, hat sich Manches zusammengefunden; aus dem Zusammengefundenen
haben sich Schlüsse gebaut, und ich bin durch diese Schlüsse umgekehrt
wieder zu Betrachtungen veranlaßt worden. Viele Menschen, welche
gewohnt sind, sich und ihre Bestrebungen als den Mittelpunkt der Welt
zu betrachten, halten diese Dinge für klein; aber bei Gott ist es
nicht so; das ist nicht groß, an dem wir vielmal unsern Maßstab
umlegen können, und das ist nicht klein, wofür wir keinen Maßstab
mehr haben. Das sehen wir daraus, weil er alles mit gleicher Sorgfalt
behandelt. Oft habe ich gedacht, daß die Erforschung des Menschen und
seines Treibens, ja sogar seiner Geschichte, nur ein anderer Zweig der
Naturwissenschaft sei, wenn er auch für uns Menschen wichtiger ist,
als er für Tiere wäre. Ich habe zu einer Zeit Gelegenheit gehabt, in
diesem Zweige Manches zu erfahren und mir Einiges zu merken. Doch ich
will zu meinem Gegenstande zurückkehren. Von dem, was die kleinen
Tiere tun, wenn Regen oder Sonnenschein kommen soll, oder wie ich
überhaupt aus ihren Handlungen Schlüsse ziehe, kann ich jetzt nicht
reden, weil es zu umständlich sein würde, obwohl es merkwürdig ist;
aber das kann ich sagen, daß nach meinen bisherigen Erfahrungen
gestern keines der Tierchen in meinem Garten ein Zeichen von Regen
gegeben hat.

Wir mögen von den Bienen anfangen, welche in diesen Zweigen summen,
und bis zu den Ameisen gelangen, die ihre Puppen an der Planke meines
Gartens in die Sonne legen, oder zu dem Springkäfer, der sich seine
Speise trocknet. Weil mich nun diese Tiere, wenn ich zu ihnen kam, nie
getäuscht haben, so folgerte ich, daß die Wasserbildung, welche unsere
gröberen wissenschaftlichen Werkzeuge voraussagten, nicht über die
Entstehung von Wolken hinausgehen würde, da es sonst die Tiere gewußt
hätten. Was aber mit den Wolken geschehen würde, erkannte ich nicht
genau, ich schloß nur, daß durch die Abkühlung, die ihr Schatten
erzeugen müßte, und durch die Luftströmungen, denen sie selber ihr
Dasein verdankten, ein Wind entstehen könnte, der in der Nacht den
Himmel wieder rein fegen würde.«

»Und so geschah es auch«, sagte ich.

»Ich konnte es um so sicherer voraussehen«, erwiderte er, »weil es
an unserem Himmel und in unserem Garten oft schon so gewesen ist wie
gestern und stets so geworden ist wie heute in der Nacht.«

»Das ist ein weites Feld, von dem ihr da redet«, sagte ich, »und da
steht der menschlichen Erkenntnis ein nicht unwichtiger Gegenstand
gegenüber. Er beweist wieder, daß jedes Wissen Ausläufe hat, die man
oft nicht ahnt, und wie man die kleinsten Dinge nicht vernachlässigen
soll, wenn man auch noch nicht weiß, wie sie mit den größeren
zusammenhängen. So kamen wohl auch die größten Männer zu den Werken,
die wir bewundern, und so kann mit Hereinbeziehung dessen, von dem ihr
redet, die Witterungskunde einer großen Erweiterung fähig sein.«

»Diesen Glauben hege ich auch«, erwiderte er. »Euch Jüngeren wird es
in den Naturwissenschaften überhaupt leichter, als es den Älteren
geworden ist. Man schlägt jetzt mehr die Wege des Beobachtens
und der Versuche ein, statt daß man früher mehr den Vermutungen,
Lehrmeinungen, ja Einbildungen hingegeben war. Diese Wege wurden lange
nicht klar, obgleich sie Einzelne wohl zu allen Zeiten gegangen sind.
Je mehr Boden man auf die neue Weise gewinnt, desto mehr Stoff hat man
als Hilfe zu fernern Erringungen.

Man wendet sich jetzt auch mit Ernst der Pflege der einzelnen Zweige
zu, statt wie früher immer auf das Allgemeine zu gehen; und es
wird daher auch eine Zeit kommen, in der man dem Gegenstande eine
Aufmerksamkeit schenken wird, von dem wir jetzt gesprochen haben. Wenn
die Fruchtbarkeit, wie sie durch Jahrzehnte in der Naturwissenschaft
gewesen ist, durch Jahrhunderte anhält, so können wir gar nicht ahnen,
wie weit es kommen wird. Nur das eine wissen wir jetzt, daß das noch
unbebaute Feld unendlich größer ist als das bebaute.«

»Ich habe gestern einige Arbeiter bemerkt«, sagte ich, »welche, obwohl
der Himmel voll Wolken war, doch Wasser pumpten, ihre Gießkannen
füllten und die Gewächse begossen. Haben diese vielleicht auch
gewußt, daß kein Regen kommen werde, oder haben sie bloß eure Befehle
vollzogen, wie die Mäher, die an dem Meierhofe Gras abmähten?«

»Das Letztere ist der Fall«, erwiderte er. »Diese Arbeiter glauben
jedes Mal, daß ich mich irre, wenn der äußere Anschein gegen mich ist,
wie oft sie auch durch den Erfolg belehrt worden sein mögen. Und so
werden sie gewiß auch gestern geglaubt haben, daß Regen komme. Sie
begossen die Gewächse, weil ich es angeordnet habe und weil es bei
uns eingeführt ist, daß der, welcher wiederholt den Anordnungen nicht
nachkömmt, des Dienstes entlassen wird. Es sind aber endlich auch noch
andere Dinge außer den Tieren, welche das Wetter vorhersagen, nehmlich
die Pflanzen.«

»Von den Pflanzen wußte ich es schon, und zwar besser, als von den
Tieren«, erwiderte ich.

»In meinem Garten und in meinem Gewächshause sind Pflanzen«, sagte er,
»welche einen auffallenden Zusammenhang mit dem Luftkreise zeigen,
besonders gegen das Nahen der Sonne, wenn sie lange in Wolken gewesen
war. Aus dem Geruche der Blumen kann man dem kommenden Regen entgegen
sehen, ja sogar aus dem Grase riecht man ihn beinahe. Mir kommen diese
Dinge so zufällig in den Garten und in das Haus; ihr aber werdet sie
weit besser und weit gründlicher kennen lernen, wenn ihr die Wege der
neuen Wissenschaftlichkeit wandelt und die Hilfsmittel benützt, die es
jetzt gibt, besonders die Rechnung. Wenn ihr namentlich eine einzelne
Richtung einschlage, so werdet ihr in derselben ungewöhnlich große
Fortschritte machen.«

»Woher schließt ihr denn das?« fragte ich.

»Aus eurem Aussehen«, erwiderte er, »und schon aus der sehr bestimmten
Aussage, die ihr gestern in Hinsicht des Wetters gemacht habt.«

»Diese Aussage war aber falsch«, antwortete ich, »und aus ihr hättet
ihr gerade das Gegenteil schließen können.«

»Nein, das nicht«, sagte er, »eure Äußerung zeigte, weil sie so
bestimmt war, daß ihr den Gegenstand genau beobachtet habt, und weil
sie so warm war, daß ihr ihn mit Liebe und mit Eifer umfaßt; daß
eure Meinung deßohngeachtet irrig war, kam nur daher, weil ihr einen
Umstand, der auf sie Einfluß hatte, nicht kanntet und ihn auch nicht
leicht kennen konntet; sonst würdet ihr anders geurteilt haben.«

»Ja, ihr redet wahr, ich würde anders geurteilt haben«, antwortete
ich, »und ich werde nicht wieder so voreilig urteilen.«


»Ihr habt gestern gesagt, daß ihr euch mit Naturdingen beschäftiget«,
fuhr er fort, »darf ich wohl fragen, ob ihr eine bestimmte Richtung
gewählt habt und welche.«

Ich war durch die Frage ein wenig in Verwirrung gebracht und
antwortete: »Ich bin doch im Grunde nur ein gewöhnlicher Fußreisender.
Ich besitze gerade so viel Vermögen, um unabhängig leben zu können,
und gehe in der Welt herum, um sie anzusehen. Ich habe wohl vor Kurzem
alle Wissenschaften angefangen; aber davon bin ich zurückgekommen und
habe mir nur hauptsächlich die einzelne Wissenschaft der Erdbildung
zur Aufgabe gemacht. Um die Werke, welche ich hierin lese, zu
ergänzen, suche ich auf den Reisen, die ich in verschiedene
Landesteile mache, zu beobachten, schreibe meine Erfahrungen auf und
verfertige Zeichnungen. Da die Werke vorzüglich von Gebirgen handeln,
so suche ich auch vorzüglich die Gebirge auf. Sie enthalten sonst auch
Vieles, das mir lieb ist.«

»Diese Wissenschaft ist eine sehr weite«, entgegnete mein Gastfreund,
»wenn sie in der Bedeutung der Erdgeschichte genommen wird. Sie
schließt manche Wissenschaften ein und setzt manche voraus. Die Berge
sind wohl jetzt, wo diese Wissenschaft noch jung ist und wo man ihre
ersten und greifbarsten Züge sammelt, von der größten Bedeutung; aber
es wird auch die Ebene an die Reihe kommen, und ihre einfache und
schwerer zu entziffernde Frage wird gewiß nicht von geringerer
Wichtigkeit sein.«

»Sie wird gewiß wichtig sein«, antwortete ich. »Ich habe die Ebene und
ihre Sprache, die sie damals zu mir sprach, schon geliebt, ehe ich
meine jetzige Aufgabe betrieb und ehe ich die Gebirge kannte.«

»Ich glaube«, entgegnete mein Begleiter, »daß in der gegenwärtigen
Zeit der Standpunkt der Wissenschaft, von welcher wir sprechen, der
des Sammelns ist. Entfernte Zeiten werden aus dem Stoffe etwas bauen,
das wir noch nicht kennen. Das Sammeln geht der Wissenschaft immer
voraus; das ist nicht merkwürdig; denn das Sammeln muß ja vor der
Wissenschaft sein; aber das ist merkwürdig, daß der Drang des Sammelns
in die Geister kömmt, wenn eine Wissenschaft erscheinen soll, wenn sie
auch noch nicht wissen, was diese Wissenschaft enthalten wird. Es geht
gleichsam der Reiz der Ahnung in die Herzen, wozu etwas da sein könne
und wozu es Gott bestellt haben möge. Aber selbst ohne diesen Reiz
hat das Sammeln etwas sehr Einnehmendes. Ich habe meine Marmore alle
selber in den Gebirgen gesammelt und habe ihren Bruch aus den Felsen,
ihr Absägen, ihr Schleifen und ihre Einfügungen geleitet. Die Arbeit
hat mir manche Freude gebracht, und ich glaube, daß mir nur darum
diese Steine so lieb sind, weil ich sie selber gesucht habe.«

»Habt ihr alle Arten unsers Gebirges?« fragte ich.

»Ich habe nicht alle«, antwortete er, »ich hätte sie vielleicht
nach und nach erhalten können, wenn ich meine Besuche stetig hätte
fortsetzen können. Aber seit ich alt werde, wird es mir immer
schwieriger. Wenn ich jetzt zu seltnen Zeiten einmal an den Rand des
Simmeises hinaufkomme, empfinde ich, daß es nicht mehr ist wie in der
Jugend, wo man keine Grenze kennt als das Ende des Tages oder die bare
Unmöglichkeit. Weil ich nun nicht mehr so große Strecken durchreisen
kann, um etwa Marmor, der mir noch fehlt, in Blöcken aufzusuchen,
so wird die Ausbeute immer geringer; sie wird auch aus dem Grunde
geringer, weil ich bereits so viel habe und die Stellen also seltener
sind, wo ich ein noch Fehlendes finde. Da ich allen Marmor selber
gesammelt habe, so kann ich wohl auch kein Stück an meinem Hause
anbringen, das mir von fremder Hand käme.«

»Ihr habt also wahrscheinlich das Haus selber gebaut oder es sehr
umgestaltet?« fragte ich.

»Ich habe es selber gebaut«, antwortete er. »Das Wohnhaus, welches zu
den umliegenden Gründen gehört, war früher der Meierhof, an dem ihr
gestern, da wir auf dem Bänkchen der Felderrast saßen, Leute Gras
mähen gesehen habt. Ich habe ihn von dem früheren Besitzer sammt allen
Ländereien, die dazu gehören, gekauft, habe das Haus auf dem Hügel
gebaut und habe den Meierhof zum Wirtschaftsgebäude bestimmt.«

»Aber den Garten könnt ihr doch unmöglich neu angelegt haben?«

»Das ist eine eigene Entstehungsgeschichte«, erwiderte er. »Ich muß
sagen: ich habe ihn neu angelegt, und ich muß sagen: ich habe ihn
nicht neu angelegt.

Ich habe mir mein Wohnhaus für den Rest meiner Tage auf einen Platz
gebaut, der mir entsprechend schien. Der Meierhof stand in dem Tale,
wie meistens die Gebäude dieser Art, damit sie das fette Gras, das man
häufig in den Wirtschaften braucht, um das Gehöfte herum haben; ich
wollte aber mit meiner Wohnung auf die Anhöhe. Da sie nun fertig war,
sollte der Garten, der an dem Meierhofe stand und nur mit vereinzelten
Bäumen oder mit Gruppen von ihnen zu mir langte, heraufgezogen werden.
Die Linde, unter welcher wir jetzt sitzen, sowie ihre Kameraden, die
um sie herum stehen oder einen Gartenweg bilden, stehen da, wo sie
gestanden sind. Der große alte Kirschbaum auf der Anhöhe stand mitten
im Getreide. Ich zog die Anhöhe zu meinem Garten, legte einen Weg zu
dem Kirschbaume hinauf an und baute um ihn ein Bänklein herum. Und
so ging es mit vielen andern Bäumen. Manche, und darunter sehr
bedeutende, daß man es nicht glauben sollte, haben wir übersetzt. Wir
haben sie im Winter mit einem großen Erdballen ausgegraben, sie mit
Anwendung von Seilen umgelegt, hierher geführt und mit Hilfe von
Hebeln und Balken in die vorgerichteten, gut zubereiteten Gruben
gesenkt. Waren die Zweige und Äste gehörig gekürzt, so schlugen sie im
Frühlinge desto kräftiger an, gleichsam als wären die Bäume zu neuem
Leben erwacht. Die Gesträuche und das Zwergobst ist alles neu gesetzt
worden. In kürzerer Zeit, als man glauben sollte, hatten wir die
Freude, zu sehen, daß der Garten so zusammengewachsen erschien, als
wäre er nie an einem andern Platze gewesen. In der Nähe des Meierhofes
habe ich manchen Rest von Bäumen fällen lassen, wenn er dem
Getreidebau hinderlich war; denn ich legte dort Felder an, wo ich die
Bäume genommen hatte, um an Boden auf jener Seite zu gewinnen, was ich
auf dieser durch Anlegung des Gartens verloren hatte.«

»Ihr habt da einen reizenden Sitz«, bemerkte ich.

»Nicht der Sitz allein, das ganze Land ist reizend«, erwiderte er,
»und es ist gut da wohnen, wenn man von den Menschen kömmt, wo sie ein
wenig zu dicht an einander sind, und wenn man für die Kräfte seines
Wesens Tätigkeit mitbringt. Zuweilen muß man auch einen Blick in sich
selbst tun. Doch soll man nicht stetig mit sich allein auch in dem
schönsten Lande sein; man muß zu Zeiten wieder zu seiner Gesellschaft
zurückkehren, wäre es auch nur, um sich an manche glänzende
Menschentrümmer, die aus unsrer Jugend noch übrig sind, zu erquicken,
oder an manchem festen Turm von einem Menschen empor zu schauen, der
sich gerettet hat. Nach solchen Zeiten geht das Landleben wieder wie
lindes Öl in das geöffnete Gemüt. Man muß aber weit von der Stadt weg
und von ihr unberührt sein. In der Stadt kommen die Veränderungen,
welche die Künste und die Gewerbe bewirkt haben, zur Erscheinung:
auf dem Lande die, welche naheliegendes Bedürfnis oder Einwirken der
Naturgegenstände auf einander hervorgebracht haben. Beide vertragen
sich nicht, und hat man das Erste hinter sich, so erscheint das Zweite
fast wie ein Bleibendes, und dann ruht vor dem Sinne ein schönes
Bestehendes und zeigt sich dem Nachdenken ein schönes Vergangenes, das
sich in menschlichen Wandlungen und in Wandlungen von Naturdingen in
eine Unendlichkeit zurückzieht.«

Ich antwortete nichts auf diese Rede, und wir schwiegen eine Weile.

Endlich sagte er wieder: »Ihr bleibt noch heute nachmittag und in der
Nacht bei uns?«

»Nach dem, wie ich hier aufgenommen worden bin«, antwortete ich, »ist
es ein angenehmes Gefühl, noch den Tag und die Nacht hier zubringen zu
dürfen.«

»So ist es gut«, erwiderte er, »ihr müßt aber auch erlauben, daß ich
euch einen Teil des Vormittags allein lasse, weil die Stunde naht, in
der ich zu Gustav gehen und ihm in seinem Lernen beistehen muß.«

»Tut euch nur keinen Zwang an«, entgegnete ich.

»So werde ich euch verlassen«, antwortete er, »geht indessen ein wenig
in dem Garten herum, oder seht das Feld an, oder besucht das Haus.«

»Ich wünsche für den Augenblick noch eine Weile unter diesem Baume
sitzen bleiben zu dürfen«, erwiderte ich.

»Tut, wie es euch gefällt«, antwortete er, »nur erinnert euch, daß
ich gestern gesagt habe, daß in diesem Hause um zwölf Uhr zu Mittag
gegessen wird.«

»Ich erinnere mich«, sagte ich, »und werde keine Unordnung machen.«

Eine kleine Weile nach diesen Worten stand er auf, strich sich mit
seiner Hand die Tierchen und sonstigen Körperchen, die von dem Baume
auf ihn herabgefallen waren, aus den Haaren, empfahl sich und ging in
der Richtung gegen das Haus zu.



Der Abschied

Ich saß noch eine geraume Zeit unter dem Baume und legte mir zurecht,
was ich gesehen und vernommen. Die Bienen summten in dem Baume, und
die Vögel sangen in dem Garten. Das Haus, in welches der alte Mann
gegangen war, blickte mit einzelnen Teilen, sei es von der weißen
Wand, sei es von dem Ziegeldache durch das Grün der Bäume herüber,
und zu meiner Rechten ging jenseits der Gebüsche, in der Gegend, in
welcher ich das Schreinerhaus vermutete, ein dünner Rauch in die
Luft empor. Das Singen der Vögel und das Summen der Bienen war mir
beinahe eine Stille, da ich durch meine Gebirgswanderungen an solche
andauernde Laute gewohnt war. Die Stille wurde unterbrochen durch
einzelne Laute, welche von den Arbeitern im Garten herrührten,
entweder daß man das Quieken einer Pumpe hörte, mit der man Wasser
pumpte, und mittelst Rinnen in eine Tonne leitete, um es abends zum
Begießen zu verwenden, oder daß eine menschliche Rede ferner oder
näher erscholl, die einen Befehl oder eine Auskunft enthielt. Die
verschiedenen Flecke des Himmels, welche durch das Grün der Bäume
hereinsahen, waren ganz blau und zeigten, wie sehr mein Gastfreund mit
seiner Voraussage des schönen Wetters Recht gehabt hatte.

Ich riß mich endlich aus meinen Gedanken und ging in dem Garten empor.

Ich ging zu dem großen Kirschbaume. Ich suchte das Freie, weil ich in
dem Garten wegen der beschränkten Aussicht doch nicht einen genauen
Überblick in Hinsicht der Witterungsverhältnisse machen konnte. Hier
oben stand der Himmel als eine große, ausgedehnte Glocke über mir,
und in der ganzen Glocke war kein einziges Wölklein. Das Hochgebirge,
welches wir gestern nicht hatten sehen können, stand heute in seiner
ganzen Klarheit an der Länge des südlichen Himmels dahin. Vor ihm
waren die Vorlande mit manchen weißen Punkten von Kirchen und Dörfern,
näher zu mir zeigte sich mancher Turm von einer Ortschaft, die ich
kannte, und unter meinen Füßen ruhten der Garten und das Haus,
in welchem ich gestern so freundlich aufgenommen worden war. Die
Getreide, welche nicht weit von mir hinter der Planke des Gartens
standen, und die gestern ganz ruhig gewesen waren, befanden sich heute
in einem zwar schwachen, aber fröhlichen Wogen. Ich mußte denken, daß
das Wetter nicht nur jetzt so schön sei, sondern daß es noch lange so
schön bleiben werde.

Von dem großen Kirschbaume ging ich wieder in den Garten zurück und
betrachtete verschiedene Gegenstände.

Ich ging auch noch einmal in das Gewächshaus. Ich konnte nun manches
genauer ansehen, als es mir früher möglich gewesen war, da ich mit
meinem Begleiter das Haus gleichsam nur durchschritten hatte. Der
weiße Gärtner gesellte sich zu mir, erläuterte mir manches, gab mir
über Verschiedenes Auskunft und beantwortete bereitwillig alle meine
Fragen, wie weit seine Kenntnisse und seine Übersicht es zuließen.
Als ich das Gebäude verlassen wollte, sagte er mir, er wolle mir noch
etwas zeigen, was der Herr mir zu zeigen vergessen habe. Er führte
mich auf einen Platz, der mit Sand bedeckt war, der von allen Seiten
der Sonne zugänglich und doch durch Bäume und Gebüsche, die ihn in
einer gewissen Entfernung umgaben, vor heftigen Winden geschützt war.
Mitten auf dem Platze stand ein kleines gläsernes Haus, welches zum
Teile in der Erde steckte. Dieser Umstand und dann der, daß es von
Bäumen umringt war, machten, daß ich es früher nicht wahrgenommen
hatte. Als wir näher kamen, sah ich, daß es ganz von Glas sei und nur
so viel Gerippe habe, als sich zur Festigkeit der Tafeln notwendig
zeige. Es war auch mit einem starken eisernen Gitter, wahrscheinlich
des Hagels wegen, umspannt. Als wir die einigen Stufen von der Fläche
des Gartens in das Innere hinabgestiegen waren, sah ich, daß sich
Pflanzen in dem Hause befanden, und zwar nur eine einzige Gattung,
nehmlich lauter Cactus. Mehr als hundert Arten standen in Tausenden
von kleinen Töpfen da. Die niederen und runden standen frei, die
langen, welche Luftwurzeln treiben, hatten Wände von Baumrinden
neben sich, die mit Erde eingerieben waren, damit die Pflanzen die
Luftwurzeln in sie schlagen konnten. Alle Glastafeln über unseren
Häuptern waren geöffnet, daß die freie Luft den ganzen Raum
durchdringen konnte und doch die Wirkung der Sonnenstrahlen nicht
beirrt war. Die Töpfe standen in Reihen auf hölzernen Gestellen,
die Gestelle aber waren wieder unterbrochen, so daß man in allen
Richtungen herum gehen und alles betrachten konnte. Der Gärtner führte
mich herum und zeigte mir die Abteilungen und Unterabteilungen, in
welchen die Gewächse beisammenstanden.

Ich sagte, daß ich mich freue, daß mein Gastfreund auf die Familie
dieser Pflanzen eine solche Sorgfalt wende, da sie gewiß besonders und
merkwürdig wären.

»Wenn man sie länger betrachtet und länger mit ihnen umgeht, werden
sie immer merkwürdiger«, antwortete mein Nachbar. »Die Stellung
ihrer Bildungen ist so mannigfaltig, die Stacheln können zu einer
wahren Zierde und zu einer Bewaffnung dienen, und die Blüten sind
verwunderlich wie Märchen. In einem Monate würdet ihr sehr schöne
sehen, jetzt sind sie noch zu wenig entwickelt.«

Ich sagte ihm, daß ich schon Blüten gesehen habe, nicht bloß solche,
die, wie schön sie seien, doch überall wachsen, sondern auch andere,
die selten sind, und solche, die mit der Schönheit den lieblichen Duft
vereinen. Ich sagte ihm, daß ich in früheren Zeiten Pflanzenkunde
getrieben habe, zwar nicht in Bezug auf Gartenpflege, sondern zu
meiner Belehrung und Erheiterung, und daß die Cactus nicht das Letzte
gewesen wären, dem ich eine Aufmerksamkeit geschenkt habe.

»Wenn der Herr alte Sachen sammelt«, sagte er, »so wäre es wohl auch
recht, wenn er dies auch mit alten Pflanzen täte. Im Inghofe ist in
dem Gewächshause ein Cereus, der stärker als ein Mannesarm sammt
seiner Bekleidung ist. Er geht an der Wand empor, biegt sich um
und wächst an der Decke des Hauses hin, an welcher er mit Bändern
befestigt ist. Der untere Teil ist schon Holz geworden, daß man Namen
eingeschnitten hat. Ich glaube, es ist ein Cereus peruvianus. Sie
schätzen ihn nicht so hoch, und der Herr sollte den Cereus kaufen,
wenn man auch wegen seiner Länge drei Wägen aneinander binden müßte,
um ihn herüber bringen zu können. Er ist gewiß schon zweihundert Jahre
alt.«

Ich antwortete auf diese Rede nicht, um ihm seine Zeitrechnung in
Hinsicht der Cactuspflege in Europa nicht zu stören.

Ich dankte ihm, da ich endlich alles gesehen hatte, für seine Mühe und
verließ das kleine Haus. Er verabschiedete sieh sehr freundlich und
mit vielen Verbeugungen.

Ich ging nun zu dem Eingangsgitter, durch welches mein Gastfreund mich
gestern hereingelassen hatte, weil ich auch außerhalb des Gartens ein
wenig herumsehen wollte. Ein Arbeiter, welcher in der Nähe beschäftigt
war, öffnete mir die Tür, weil ich die Einrichtung des Schlosses nicht
kannte, und ich trat in das Freie. Ich ging auf der Seite des Hügels,
auf welcher ich gestern heraufgekommen war, in mehreren Richtungen
herum. Wenn ich auch die Gegend des Landes, in der ich mich befand, im
Allgemeinen sehr wohl kannte, so hatte ich mich doch nie so lange in
ihr aufgehalten, um in das Einzelne eindringen zu können. Ich sah
jetzt, daß es ein sehr fruchtbarer, schöner Teil sei, der mich
aufgenommen hatte, daß sich anmutige Stellen zwischen die Krümmungen
der Hügel hineinziehen und daß ein dichtes Bewohntsein der Gegend
etwas sehr Heiteres erteile. Der Tag wurde nach und nach immer wärmer,
ohne heiß zu sein, und es war jene Stille, die zur Zeit der Rosenblüte
weit mehr als zu einer anderen auf den Feldern ist. In dieser Zeit
sind alle Feldgewächse grün, sie sind im Wachsen begriffen, und wenn
nicht viele Wiesen in der Gegend sind, auf welchen zu jener Zeit die
Heuernte vorkömmt, so haben die Leute keine Arbeit auf den Feldern und
lassen sie allein unter der befruchtenden Sonne.

Die Stille war wie in dem Hochgebirge; aber sie war nicht so einsam,
weil man überall von der Geselligkeit der Nährpflanzen umgeben war.



Der Klang einer fernen Dorfglocke und meine Uhr, die ich herauszog,
erinnerte mich daran, daß es Mittag sei.

Ich ging dem Hause zu, das Gitter wurde mir auf einen Zug an der
Glockenstange geöffnet, und ich ging in das Speisezimmer. Dort fand
ich meinen Gastfreund und Gustav, und wir setzten uns zu Tische. Wir
drei waren allein bei dem Mahle.

Während des Essens sagte mein Gastfreund: »Ihr werdet euch wundern,
daß wir so allein unsere Speisen verzehren. Es ist in der Tat sehr zu
bedauern, daß die alte Sitte abgekommen ist, daß der Herr des Hauses
zugleich mit den Seinigen und seinem Gesinde beim Mahle sitzt. Die
Dienstleute gehören auf diese Weise zu der Familie, sie dienen oft
lebenslang in demselben Hause, der Herr lebt mit ihnen ein angenehmes
gemeinschaftliches Leben, und weil alles, was im Staate und in der
Menschlichkeit gut ist, von der Familie kömmt, so werden sie nicht
bloß gute Dienstleute, die den Dienst lieben, sondern leicht auch
gute Menschen, die in einfacher Frömmigkeit an dem Hause wie an einer
unverrückbaren Kirche hängen und denen der Herr ein zuverlässiger
Freund ist. Seit sie aber von ihm getrennt sind, für die Arbeit
bezahlt werden und abgesondert ihre Nahrung erhalten, gehören sie
nicht zu ihm, nicht zu seinem Kinde, haben andere Zwecke, widerstreben
ihm, verlassen ihn leicht und fallen, da sie familienlos und ohne
Bildung sind, leicht dem Laster anheim. Die Kluft zwischen den
sogenannten Gebildeten und Ungebildeten wird immer größer; wenn noch
erst auch der Landmann seine Speisen in seinem abgesonderten Stübchen
verzehrt, wird dort eine unnatürliche Unterscheidung, wo eine
natürliche nicht vorhanden gewesen wäre.«

»Ich habe«, fuhr er nach einer Weile fort, »diese Sitte in unserem
hiesigen Hause einführen wollen; allein die Leute waren auf eine
andere Weise herangewachsen, waren in sich selber hineingewachsen,
konnten sich an ein Fremdes nicht anschließen und hätten nur die
Freiheit ihres Wesens verloren. Es ist kein Zweifel, daß sie sich
nach und nach in das Verhältnis würden eingelebt haben, besonders die
Jüngeren, bei denen die Erziehung noch wirkt; allein ich bin so alt,
daß das Unternehmen weit über den Rest meiner Jahre hinausgeht.
Ich befreite daher meine Dienstleute von dem Zwange, und jüngere
Nachfolger mögen den Versuch wieder erneuern, wenn sie meine Meinung
teilen.«

Mir fiel bei dieser Rede mein Elternhaus ein, in welchem es wohltuend
ist, daß wenigstens die Handlungsdiener meines Vaters mit uns an dem
Mittagstische essen.

Die Zeit nach dem Mittagsessen ward dazu bestimmt, den Meierhof zu
besuchen, und Gustav durfte uns begleiten.

Wir gingen nicht den Weg, der an dem großen Kirschbaume vorüber
und auf der Höhe der Felder dahin führt. Dieser Weg, sagte mein
Gastfreund, sei mir schon bekannt; sondern wir gingen in der Nähe der
Bienenhütte durch ein Pförtchen in das Freie und gingen auf einem
Pfade über den sanften Abhang hinab, der noch mit hohen Obstbäumen,
die die besseren Arten des Landes trugen und von dem Meierhofgarten
übrig geblieben waren, bedeckt war. Die Wiesen, über die wir
wandelten, waren so gut, wie ich sie selten angetroffen habe.

Da wir zu dem Gebäude gekommen waren, sah ich, daß es ein weitläufiges
Viereck war wie die größeren Landhöfe der Gegend, daß man aber hie und
da daran gebessert und daß man es durch Zubauten erweitert hatte. Der
Hofraum war an den Gebäuden herum mit breiten Steinen gepflastert, der
übrige Teil desselben war mit grobem Quarzsande bedeckt, der öfter
umgearbeitet wurde. Die Gebäude, welche diesen Raum umgaben,
enthielten die Ställe, Scheunen, Wagengewölbe und Wohnungen. Das
Vorratshaus stand weiter entfernt in dem Garten. Wir besahen die
Tiere, welche eben zu Hause waren, von den Pferden und Rindern
angefangen bis zu den Schweinen und dem Federvieh hinunter. Für die
Rinder war hinter dem Hause ein schöner Platz eingefangen, auf welchem
sie in freie Luft gelassen werden konnten. Es strömte frisches Wasser
in einer tiefen Steinrinne durch den Platz, von welchem sie trinken
konnten. Ich hatte diese Einrichtung nie gesehen, und sie gefiel mir
sehr.

Ein ähnlicher Platz war für das Federvieh eingefangen, und nicht weit
davon war ein Anger, auf welchem sich die Füllen tummeln konnten. Wir
besuchten auch die Wohnungen der Leute. Hier fielen mir die großen,
schönen Steinrahmen auf, die an den Fenstern gesetzt waren, auch
konnte man leicht die bedeutende Vergrößerung der Fenster sehen. In
der Wagenhalle waren nicht bloß die Wägen und anderen Fahrzeuge,
sondern auch die übrigen Landwirtschaftsgeräte in Vorrate
vorhanden. Die Düngerstätte, welche auch hier wie in den meisten
Wirtschaftshäusern unseres Landes in dem Hofe gewesen war, ist auf
einen Platz hinter dem Hause verwiesen worden, den ringsum hohe
Gebüsche umfingen.

»Es ist hier noch Vieles im Entstehen und Werden begriffen«, sagte
mein Gastfreund, »aber es geht langsam vorwärts. Man muß die
Vorurteile der Leute schonen, die unter anderen Umgebungen
herangewachsen und sie gewohnt sind, damit sie nicht durch das Neue
beirrt werden und ihre Liebe zur Arbeit verlieren. Wir müssen uns
beruhigen, daß schon so Vieles geschehen ist, und auf das Weitere
hoffen.«

Die Leute, welche dieses Haus bewohnten, waren damit beschäftigt, das
Heu, welches gestern gemäht worden war, einzubringen oder, wo es not
tat, vollkommen zu trocknen. Mein Gastfreund redete mit Manchem und
fragte um Verschiedenes, das sich auf die täglichen Geschäfte bezog.

Als wir von der entgegengesetzten Seite des Hauses fortgingen, sahen
wir auch den Garten, in welchem die Gemüse und andere Dinge für den
Gebrauch des Hofes gezogen wurden.

Auf dem Rückwege schlugen wir eine andere Richtung ein, als auf
der wir gekommen waren. Hatten wir auf unserem Herwege den großen
Kirschbaum nördlich gelassen, so ließen wir ihn jetzt südlich, so daß
es schien, daß wir den ganzen Garten des Hauses umgehen würden. Wir
stiegen gegen jene Wiese hinan, von der mir mein Gastfreund gestern
gesagt hatte, daß sie die nördliche Grenze seines Besitztums sei und
daß er sie nicht nach seinem Willen habe verbessern können. Der Weg
führte sachte aufwärts, und in der Tiefe der Wiese kam uns in vielen
Windungen ein Bächlein, das mit Schilf und Gestrippe eingefaßt war,
entgegen. Als wir eine Strecke gegangen waren, sagte mein Begleiter:
»Das ist die Wiese, die ich euch gestern von dem Hügel herab gezeigt
habe und von der ich gesagt habe, daß bis dahin unser Eigentum gehe
und daß ich sie nicht habe einrichten können, wie ich gewollt hätte.
Ihr seht, daß die Stellen an dem Bache versumpft sind und saures Gras
tragen. Dem wäre leicht abzuhelfen und das mildeste Gras zu erzielen,
wenn man dem Bache einen geraden Lauf gäbe, daß er schneller abflösse,
die Wände hie und da mit Steinen ausmauerte und die Niederungen
mit trockener Erde anfüllte. Ich kann euch jetzt den Grund zeigen,
weshalb dieses nicht geschieht. Ihr seht an beiden Seiten des Baches
Erlenschößlinge wachsen. Wenn ihr näher herzutretet, so werdet ihr
sehen, daß diese Schößlinge aus dicken Blöcken, gleichsam aus Knollen
und Höckern von Holz hervorwachsen, welches Holz teils über der Erde
ist, teils in dem feuchten Boden derselben steckt.«

Wir waren bei diesen Worten zu dem Bache hinzugegangen, und ich sah,
daß es so war.

»Diese ungestalteten Anhäufungen von Holz«, fuhr er fort, »aus denen
die dünnen Ruten oder krüppelhafte Äste hervorragen, bilden sich hier
in sumpfigem Boden, sie entstehen aber auch im Sande oder in Steinen
und sind ein Aftererzeugnis des sonst recht schön emporwachsenden
Erlenbaumes. In dem vielteiligen Streben des Holzes, eine Menge
Ruten oder zwieträchtige Äste anzusetzen und sich selber dabei zu
vergrößern, entsteht ein solches Verwinden und Drehen der Fasern und
Rinden, daß, wenn man einen solchen Block auseinandersägt und die
Sägefläche glättet, sich die schönste Gestaltung von Farbe und
Zeichnung in Ringen, Flammen und allerlei Schlangenzügen darstellt,
so daß diese Gattung Erlenholz sehr gesucht für Schreinerarbeiten und
sehr kostbar ist. Als ich das Anwesen hier gekauft, die Wiese besehen
und die Erlenblöcke entdeckt hatte, ließ ich einen ausgraben,
auseinandersägen und untersuchte ihn dann. Da fand ich, der ich damals
im Erkennen des Holzes schon mehrere Übung hatte, daß diese Blöcke zu
den schönsten gehören, die bestehen, und daß die feurige Farbe und der
weiche, seidenartige Glanz des Holzes, auf welche Dinge man besonders
das Augenmerk richtet, kaum ihresgleichen haben dürften. Ich ließ
mehrere Blöcke ausgraben und Blätter aus ihnen schneiden. Ihr werdet
die Verwendung derselben in unserer Nachbarschaft sehen, wenn ihr uns
wieder besuchen wollt und uns Zeit gebt, euch dorthin zu führen, wo
sie sind. Die übrigen Blöcke ließ ich in dem Boden als einen Schatz,
der da bleiben und sich vermehren sollte. Nur wenn einer derselben
nicht mehr zu treiben, sondern vielmehr abzusterben beginnt, wird er
herausgenommen und wird zu Blättern geschnitten, welche ich dann zu
künftigen Arbeiten aufbewahre oder verkaufe. An seiner Stelle bildet
sich dann leicht ein anderer. Zu dem Entschlusse, diesen Anwuchs zu
pflegen, kam ich, nachdem ich einerseits vorher nach und nach die
Gegend um unser Haus immer näher kennen gelernt, alle Talmulden und
Bachrinnen erforscht und nirgends auch nur annähernd so brauchbares
Erlenholz gefunden hatte, und nachdem anderseits auch das, was mir auf
mein Verlangen aus mehreren Orten eingesendet worden war, sich dem
unseren als nicht gleichkommend gezeigt hatte. Ich ließ oberhalb
des Erlenwuchses einen Wasserbau aufführen, um die Pflanzung
vor Überschwemmung und Überkiesung zu sichern und das zu sehr
anschwellende Wasser in ein anderes Rinnsal zu leiten.

Meine Nachbarn sahen das Zweckdienliche der Sache ein, und zwei
derselben legten sogar in öden Gründen, die nicht zu entwässern waren,
solche Erlenpflanzungen an. Mit welchem Erfolge dies geschah, läßt
sich noch nicht ermitteln, da die Pflanzen noch zu jung sind.«

Wir betrachteten die Reihen dieser Gewächse und gingen dann weiter.

Wir gingen die Wiese entlang, streiften an einem Gehölze hin,
überschritten den Wasserbau, von dem mein Gastfreund gesprochen hatte,
und begannen nicht nur den Garten, sondern den ganzen Getreidehügel,
auf dem das Haus steht, zu umgehen.

Da die Sonne immer wärmer, wenn auch nicht gar heiß schien, wunderte
ich mich, daß keiner von meinen zwei Begleitern eine Bedeckung auf dem
Haupte trug. Sie waren ohne einer solchen von dem Hause fortgegangen.
Der alte Mann breitete dem Glanz der Sonne die Fülle seiner weißen
Haare unter, und der Zögling trug auf seinem Scheitel die dichten,
glänzenden braunen Locken. Ich wußte nicht, kamen mir die beiden ohne
Kopfbedeckung sonderbar vor oder ich neben ihnen mit meinem Reisehute
auf dem Haupte. Der Jüngling hatte wenigstens den Vorteil, daß ihm die
Sonne die Wangen noch mehr rötete und noch schöner färbte, als sie
sonst waren.

Ich betrachtete ihn überhaupt gerne. Sein leichter Gang war ein
heiterer Frühlingstag gegen den zwar auch noch kräftigen, aber
bestimmten und abgemessenen Schritt seines Begleiters, seine schlanke
Gestalt war der fröhliche Anfang, die seines Erziehers das Hinneigen
zum Ende. Was sein Benehmen anbelangt, so war er zurückgezogen und
bescheiden und mischte sich nicht in die Gespräche, außer wenn er
gefragt wurde. Ich wendete mich häufig an ihn und fragte ihn um
verschiedene Dinge, besonders um solche, die die Gegend umher betrafen
und deren Kenntnis ich bei ihm voraussetzen mußte. Er antwortete
sicher und mit einer gewissen Ehrerbietung gegen mich, obwohl ich ihm
an Jahren nicht so ferne stand als sein Erzieher. Er ging meistens,
auch wenn der Weg breit genug gewesen wäre, hinter uns.


Als wir den Hügel vollends umgangen hatten und an mehreren ländlichen
Wohnungen vorbeigekommen waren, stiegen wir auf der nehmlichen Seite
und auf dem nehmlichen Wege gegen das Haus empor, auf welchem ich
gestern gegen dasselbe hinangekommen war. Da wir es erreicht hatten,
traten uns die Rosen entgegen, wie sie mir gestern entgegengetreten
waren. Ich nahm von diesem Anblicke Gelegenheit, meinen Gastfreund der
Rosen wegen zu fragen, da ich überhaupt gesonnen war, dieser Blumen
willen einmal eine Frage zu tun. Ich bat ihn, ob wir denn zu besserer
Betrachtung nicht näher auf den großen Sandplatz treten wollten. Wir
taten es und standen vor der ganzen Wand von Blumen, die den unteren
Teil des weißen Hauses deckte.

Ich sagte, er müsse ein besonderer Freund dieser Blumen sein, da er so
viele Arten hege, und da die Pflanzen hier in einer Vollkommenheit zu
sehen seien wie sonst nirgends.

»Ich liebe diese Blume allerdings sehr«, antwortete er, »halte sie
auch für die schönste und weiß wirklich nicht mehr, welche von diesen
beiden Empfindungen aus der andern hervorgegangen ist.«

»Ich wäre auch geneigt«, sagte ich, »die Rose für die schönste Blume
zu halten. Die Camellia steht ihr nahe, dieselbe ist zart, klar und
rein, oft ist sie voll von Pracht; aber sie hat immer für uns etwas
Fremdes, sie steht immer mit einem gewissen vornehmen Anstande da: das
Weiche, ich möchte den Ausdruck gebrauchen, das Süße der Rose hat sie
nicht. Wir wollen von dem Geruche gar nicht einmal reden; denn der
gehört nicht hieher.«

»Nein«, sagte er, »der gehört nicht hieher, wenn wir von der Schönheit
sprechen; aber gehen wir über die Schönheit hinaus und sprechen wir
von dem Geruche, so dürfte keiner sein, der dem Rosengeruche an
Lieblichkeit gleichkommt.«

»Darüber könnte nach einzelner Vorliebe gestritten werden«, antwortete
ich, »aber gewiß wird die Rose weit mehr Freunde als Gegner haben. Sie
wird sowohl jetzt geehrt, als sie in der Vergangenheit geehrt wurde.
Ihr Bild ist zu Vergleichen das gebräuchlichste, mit ihrer Farbe wird
die Jugend und Schönheit geschmückt, man umringt Wohnungen mit ihr,
ihr Geruch wird für ein Kleinod gehalten und als etwas Köstliches
versendet, und es hat Völker gegeben, die die Rosenpflege besonders
schätzten, wie ja die waffenkundigen Römer sich mit Rosen kränzten.
Besonders liebenswert ist sie, wenn sie so zur Anschauung gebracht
wird wie hier, wenn sie durch eigentümliche Mannigfaltigkeit und
Zusammenstellung erhöht und ihr gleichsam geschmeichelt wird. Erstens
ist hier eine wahre Gewalt von Rosen, dann sind sie an der großen
weißen Fläche des Hauses verteilt, von der sie sich abheben; vor ihnen
ist die weiße Fläche des Sandes, und diese wird wieder durch das grüne
Rasenband und die Hecke, wie durch ein grünes Samtband und eine grüne
Verzierung, von dem Getreidefelde getrennt.«

»Ich habe auf diesen Umstand nicht eigens gedacht«, sagte er, »als ich
sie pflanzte, obwohl ich darauf sah, daß sie sich auch so schön als
möglich darstellten.«

»Aber ich begreife nicht, wie sie hier so gut gedeihen können«,
entgegnete ich. »Sie haben hier eigentlich die ungünstigsten
Bedingungen. Da ist das hölzerne Gitter, an das sie mit Zwang gebunden
sind, die weiße Wand, an der sich die brennenden Sonnenstrahlen
fangen, das Überdach, welches dem Regen, Taue und dem Einwirken des
Himmelsgewölbes hinderlich ist, und endlich hält das Haus ja selber
den freien Luftzug ab.«

»Wir haben dieses Gedeihen nur nach und nach hervorrufen können«,
antwortete er, »und es sind viele Fehlgriffe getan worden. Wir lernten
aber und griffen die Sache dann der Ordnung nach an. Es wurde die
Erde, welche die Rosen vorzüglich lieben, teils von anderen Orten
verschrieben, teils nach Angabe von Büchern, die ich hiezu anschaffte,
im Garten bereitet.

Ich bin wohl nicht ganz unerfahren hieher gekommen, ich hatte auch
vorher schon Rosen gezogen und habe hier meine Erfahrungen angewendet.
Als die Erde bereit war, wurde ein tiefer, breiter Graben vor dem
Hause gemacht und mit der Erde gefüllt. Hierauf wurde das hölzerne
Gitter, welches reichlich mit Ölfarbe bestrichen war, daß es von
Wasser nicht in Fäulnis gesetzt werden konnte, aufgerichtet, und eines
Frühlings wurden die Rosenpflanzen, die ich entweder selbst gezogen
oder von Blumenzüchtern eingesendet erhalten hatte, in die lockere
Erde gesetzt. Da sie wuchsen, wurden sie angebunden, im Laufe der
Jahre versetzt, verwechselt, beschnitten und dergleichen, bis sich die
Wand allgemach erfüllte. In dem Garten sind die Vorratsbeete angelegt
worden, gleichsam die Schule, in welcher die gezogen werden, die
einmal hieher kommen sollen. Wir haben gegen die Sonne eine Rolle
Leinwand unter dem Dache anbringen lassen, die durch einige leichte
Züge mit Schnüren in ein Dach über die Rosen verwandelt werden kann,
das nur gedämpfte Strahlen durchläßt. So werden die Pflanzen vor der
zu heißen Sommersonne und die Blumen vor derjenigen Sonne geschützt,
die ihnen schaden könnte. Die heutige ist ihnen nicht zu heiß, ihr
seht, daß sie sie fröhlich aushalten. Was ihr von Tau und Regen sagt,
so steht das Gitter nicht so nahe an dem Hause, daß die Einflüsse des
freien Himmels ganz abgehalten werden. Tau sammelt sich auf den Rosen
und selbst Regen träufelt auf sie herunter. Damit wir aber doch
nachhelfen und zu jener Zeit Wasser geben können, wo es der Himmel
versagt, haben wir eine hohle Walze unter der Dachrinne, die mit
äußerst feinen Löchern versehen ist und aus Tonnen, die unter dem
Dache stehen, mit Wasser gefüllt werden kann. Durch einen leichten
Druck werden die Löcher geöffnet, und das Wasser fällt wie Tau auf die
Rosen nieder. Es ist wirklich ein angenehmer Anblick, zu sehen, wie
in Zeiten hoher Not das Wasser von Blättern und Zweigen rieselt und
dieselben sich daran erfrischen. Und damit es endlich nicht an Luft
gebricht, wie ihr fürchtet, gibt es ein leichtes Mittel. Zuerst ist
auf diesem Hügel ein schwacher Luftzug ohnehin immer vorhanden und
streicht an der Wand des Hauses. Sollten aber die Blumen an ganz
stillen Tagen doch einer Luft bedürfen, so werden alle Fenster des
Erdgeschosses geöffnet, und zwar sowohl an dieser Wand als auch an der
entgegengesetzten. Da nun die entgegengesetzte Seite die nördliche ist
und dort die Luft durch den Schatten abgekühlt wird, so strömt sie bei
jenen Fenstern herein und bei denen der Rosen heraus. Ihr könnt da an
den windstillsten Tagen ein sanftes Fächeln der Blätter sehen.«

»Das sind bedeutende Anstalten«, erwiderte ich, »und beweisen eure
Liebe zu diesen Blumen; aber aus ihnen allein erklärt sich doch noch
nicht die besondere Vollkommenheit dieser Gewächse, die ich nirgends
gesehen habe, so daß keine unvollkommene Blume, kein dürrer Zweig,
kein unregelmäßiges Blatt vorkommt.«

»Zum Teile erklärt sich die Tatsache doch wohl aus diesen Anstalten«,
sagte er. »Luft, Sonne und Regen sind durch die südliche Lage des
Standortes und die Vorrichtungen so weit verbessert, als sie hier
verbessert werden können. Noch mehr ist an der Erde getan worden.
Da wir nicht wissen, welches denn der letzte Grund des Gedeihens
lebendiger Wesen überhaupt ist, so schloß ich, daß den Rosen am
meisten gut tun müsse, was von Rosen kömmt. Wir ließen daher seit
jeher alle Rosenabfälle sammeln, besonders die Blätter und selbst die
Zweige der wilden Rosen, welche sich in der ganzen Gegend befinden.
Diese Abfälle werden zu Hügeln in einem abgelegenen Teile unseres
Gartens zusammengetan, den Einflüssen von Luft und Regen ausgesetzt,
und so bereitet sich die Rosenerde. Wenn in einem Hügel sich keine
Spur mehr von Pflanzentum zeigt und nichts als milde Erde vor die
Augen tritt, so wird diese den Rosen gegeben. Die Pflanzen, welche
neu gesetzt werden, erhalten in ihrem Graben gleich so viel Erde, daß
sie auf mehrere Jahre versorgt sind. Ältere Rosen, welche von ihrem
Standboden längere Zeit gezehrt haben, werden mit einer Erneuerung
beteilt. Entweder wird die Erde oberhalb ihrer Wurzeln weggetan und
ihnen neue gegeben, oder sie werden ganz ausgehoben und ihr Standpunkt
durchaus mit frischer Erde erfüllt. Es ist auffällig sichtbar, wie
sich Blatt und Blume an dieser Gabe erfreuen. Aber trotz der Erde und
der Luft und der Sonne und der Feuchtigkeit würdet ihr die Rosen hier
nicht so schön sehen, als ihr sie seht, wenn nicht noch andre Sorgfalt
angewendet würde; denn immer entstehen manche Übel aus Ursachen, die
wir nicht ergründen können oder die, wenn sie auch ergründet sind,
wir nicht zu vereiteln vermögen. Endlich trifft ja die Gewächse wie
alles Lebende der natürliche Tod. Kranke Pflanzen werden nun bei uns
sogleich ausgehoben, in den Garten, gleichsam in das Rosenhospital
getan und durch andere aus der Schule ersetzt. Abgestorbene Bäumchen
kommen hier nicht leicht vor, weil sie schon in der Zeit des
Absterbens weggetan werden. Tötet aber eine Ursache eines schnell,
so wird es ohne Verzug entfernt. Eben so werden Teile, die erkranken
oder zu Grunde gehen, von dem Gitter getrennt. Die beste Zeit ist der
Frühling, wo die Zweige bloß liegen. Da werden Winkelleitern, die uns
den Zugang zu allen Teilen gestatten, angelegt, und es wird das ganze
Gitter untersucht.

Man reinigt die Rinde, pflegt sie, verbindet ihre Wunden, knüpft die
Zweige an und schneidet das Untaugliche weg. Aber auch im Sommer
entfernen wir gleich jedes fehlerhafte Blatt und jede unvollständige
Blume. Es haben nach und nach alle im Hause eine Neigung zu den Rosen
bekommen, sehen gerne nach und zeigen es sogleich an, wenn sich etwas
Unrechtes bemerken läßt. Auch in der Umgegend hat man Wohlgefallen an
diesen Blumen gefunden, man setzt sie in Gärten und pflegt sie, ich
schenke den Leuten die Pflanzen aus meinen Vermehrungsbeeten und
unterrichte sie in der Behandlung. Zwei Wegestunden von hier ist ein
Bauer, der wie ich eine ganze Wand seines Hauses mit Rosen bepflanzt
hat.«

»Je mehr es mir wichtig erscheint, wie ihr mit euren Rosen umgeht«,
antwortete ich, »und für je wichtiger ihr sie selbst betrachtet, desto
mehr muß ich doch die Frage tun, warum ihr denn gerade vorzugsweise an
dieser Wand eures Hauses die Rosen zieht, wo ihr Standort doch nicht
so ersprießlich ist, und wo man solche Anstalten machen muß, um ihr
völliges Gedeihen zu sichern. Es ist zwar sehr schön, wie sie sich
hier ausbreiten und darstellen; aber sollte man sie denn im Garten
nicht auch in Stellungen und Gruppen bringen können, die eben so schön
oder schöner wären als diese hier, und noch den Vorteil hätten, daß
ihre Pflege viel leichter wäre?«

»Ich habe die Rosen an die Wand des Hauses gesetzt«, erwiderte er,
»weil sich eine Jugenderinnerung an diese Blume knüpft und mir die
Art, sie so zu ziehen, lieb macht. Ich glaube, daß mir einzig darum
die Rose so schön erscheint und daß ich darum die große Mühe für diese
Art ihrer Pflege verwende.«

»Ihr habt nichts von Ungeziefer gesagt«, entgegnete ich. »Nun weiß ich
aber aus Erfahrung, daß kaum eine Pflanzengattung, etwa die Pappel
ausgenommen, so gerne von Ungeziefer heimgesucht wird als die Rose,
die in verschiedenen Arten und Geschlechtern von demselben bewohnt und
entstellt wird. Hier sehe ich von dieser Plage gar nichts, als wäre
sie nicht vorhanden oder als würde die Rose von ihr durch irgendein
künstliches Mittel befreit. Ihr werdet doch nicht so wie jedes kranke
Blatt auch jeden Blattwickler, jede Spinne, jede Blattlaus abnehmen
lassen?

Dieses bringt mich sogar noch auf einen weiteren Umstand, über den ich
mir eine Frage an euch zu tun vorgenommen habe, welche ich gewiß noch
vor meiner Abreise bei einer schicklichen Gelegenheit getan hätte,
welche ich mir aber jetzt erlaube, da ihr mit solcher Güte und
Bereitwilligkeit mir die Einsicht in die Dinge dieses Landsitzes
gestattet habt. Bei meiner Wanderung durch das flache Land hatte ich
mehrfach Gelegenheit zu bemerken, daß Obstbäume häufig kahle Äste
haben oder daß überhaupt das Laub zerstört oder verunstaltet war, was
von Raupenfraß herrührte. Mir fiel die Sache nicht weiter auf, da ich
sie von Jugend an zu sehen gewohnt war und da sie sich nicht in einem
ungewöhnlichen Grade zeigte; aber das fiel mir auf, daß so wie an
diesen Rosen auch in eurem ganzen Garten nichts von dem Übel zu sehen
ist, kein dürres Reis, kein kahles Zweiglein, kein Stengel eines
abgefressenen Blattes, ja nicht einmal ein verletztes Blatt des
Kohles, dem doch sonst der Weißling so gerne Schaden tut. Im
Angesichte dieses Wohlbefindens kamen mir die Zerstörungen wieder zu
Sinne, die ich in dem Lande gesehen hatte, und ich beschloß, in dieser
Hinsicht eine Frage an euch zu tun, ob ihr denn da eigentümliche
Vorkehrungen habt; denn das Ablesen der Raupen und Insekten hat sich
ja überall als unzulänglich gezeigt.«

»Wir würden allerdings durch Ablesen des Ungeziefers weder unsere
Rosen noch die Bäume und Gesträuche im Garten vor Verunglimpfung
frei halten können«, antwortete er. »Wir haben nun in der Tat andere
Einrichtungen dagegen. Ich muß euch sagen, daß es mich freut, daß ihr
in meinem Garten die Abwesenheit des Raupenfraßes bemerkt habt, und
ich werde euch recht gerne darüber Aufklärung geben, und besonders
darum, daß es sich auch ausbreiten könne. Die Beantwortung eurer
Frage kann aber am besten in dem Garten geschehen, weil ich euch zur
Bekräftigung gleich manche Vorrichtungen zeigen und die Beweise dartun
kann. Wenn es euch genehm ist, so gehen wir in den Garten, in welchem
auch eine kleine Ruhe auf irgend einem Bänkchen nach dem Gange von dem
Meierhofe herauf nicht unangenehm sein wird.«

»Einen Augenblick laßt mich noch diese Rosen betrachten«, sagte ich.

»Tut nach eurem Gefallen«, antwortete er.

Ich trat zuerst näher an das Gitter, um Einzelnes zu betrachten. Ich
sah nun wirklich die reinliche Erde, in welcher die Stämmchen standen
und die nicht von einem einzigen Gräschen bewachsen war. Ich sah das
gutbestrichene Holzgitter, an welchem die Bäumchen angebunden und an
welchem ihre Zweige ausgebreitet waren, daß sich keine leere Stelle an
der Wand des Hauses zeigte. An jedem Stämmchen hing der Name der Blume
auf Papier geschrieben und in einer gläsernen Hülse hernieder. Diese
gläsernen Hülsen waren gegen den Regen geschützt, indem sie oben
geschlossen, unten umgestülpt und mit einer kleinen Abflußrinne
versehen waren. Nach dieser Betrachtung in der Nähe trat ich wieder
zurück und besah noch einmal die ganze Wand der Blumen durch mehrere
Augenblicke. Nachdem ich dieses getan hatte, sagte ich, daß wir jetzt
in den Garten gehen könnten.

Wir näherten uns dem Torgitter, der alte Mann tat einen Druck wie
gestern, da er mich eingelassen hatte, das Tor öffnete sich und wir
gingen in den Garten.

Dort näherten wir uns einer Bank, die in angenehmem nachmittägigem
Schatten stand. Als wir uns auf ihr niedergesetzt hatten, sagte mein
Gastfreund: »Unsere Mittel, die Bäume, Gesträuche und kleineren
Pflanzen vor Kahlheit zu bewahren, sind so einfach und in der Natur
gegründet, daß es eine Schande wäre, sie aufzuzählen, wenn es
andererseits nicht auch wahr wäre, daß sie nicht überall angewendet
werden, besonders das letzte. Was nun das Kahlwerden von Bäumen und
Ästen anlangt, so entsteht es nicht immer durch Raupen, sondern oft
auch auf andern Wegen nach und nach. Gegen ein endliches Sterben und
also Entlaubtwerden des ganzen Baumes gibt es so wenig ein Mittel als
gegen den Tod des Menschen; aber so weit darf man es bei einem Baume
im Garten nicht kommen lassen, daß er tot in demselben dasteht,
sondern wenn man ihm durch Zurückschneiden seiner Äste öfter
Verjüngungskräfte gegeben hat; wenn aber nach und nach dieses Mittel
anfängt, seine Wirkung nicht mehr zu bewähren, so tut man dem Baume
und dem Garten eine Wohltat, wenn man beide trennt. Ein solcher Baum
steht also in einem nur einiger Maßen gut besorgten Garten oder auf
anderem Grunde gar nicht. Damit aber auch nicht Teile eines Baumes
kahl dastehen, haben wir mehrere Mittel. Sie bestehen aber darin, dem
Baume zu geben, was ihm not tut, und ihm zu nehmen, was ihm schadet.
Darum gilt als Oberstes, daß man nie einen Baum an eine Stelle setze,
auf der er nicht leben kann. Auf Stellen, die Bäumen überhaupt das
Leben versagen, setzt wohl kein vernünftiger Mensch einen. Aber
es gibt auch Stellen, die nur darum nicht taugen, weil sie nicht
bearbeitet sind, oder weil ihnen etwas mangelt, was einem bestimmten
Gewächse notwendig ist. Um nun die Stelle gut zu bearbeiten, haben
wir, ehe wir einen Baum setzten, eine so tiefe Grube gegraben und mit
gelockerter Erde gefüllt, daß der Baum bedeutend alt werden konnte,
ehe er genötigt war, seine Wurzeln in unbearbeiteten Boden zu treiben.
Selbst alte Stämme, die ich hier gefunden hatte und deren Zustand mir
nicht gefiel, habe ich durch Herausnehmen, Lockern ihres Standortes
und Wiedereinsetzen zu vortrefflichem Gedeihen gebracht. Aber ehe wir
die Grube gegraben haben, ehe wir den Baum in dieselbe gesetzt haben,
haben wir auch durch Erfahrung oder Bücher herauszubringen gesucht,
was ihm auch nebst der Erde noch not tue und welchen Platz er haben
müsse. Für welchen Baum ein geeigneter Platz im Garten nicht ist, der
soll auch im Garten gar nicht sein. Welche Bäume viele Luft brauchen,
setzten wir in die Luft, die das Licht lieben, in das Licht, die
den Schatten, in den Schatten. In den Schutz der größeren oder
windwiderstandsfähigeren setzten wir diejenigen, welche des Schutzes
bedurften. Die Frost und Reif scheuen, stehen an Wänden oder warmen
Orten. Und auf diese Weise gedeihen nun alle durch ihre Lebenskraft
und natürliche Nahrung. Im Frühlinge wird jeder Stamm und seine
stärkeren Äste durch eine Bürste und gutes Seifenwasser gewaschen und
gereinigt. Durch die Bürste werden die fremden Stoffe, die dem Baume
schaden könnten, entfernt, und das Waschen ist ein nützliches Bad für
die Rinde, die wie die Haut der Tiere von dem höchsten Belange für das
Leben ist, und endlich werden die Stämme dadurch auch schön. Unsere
Bäume haben kein Moos, die Rinde ist klar und bei den Kirschbäumen
fast so fein wie graue Seide.«


Ich hatte wohl gesehen, daß alle Bäume eine sehr gesunde Rinde haben;
aber ich hatte dieses mit ihren schönen Blättern und mit ihrem guten
Gedeihen überhaupt als eine notwendige Folge in Zusammenhang gebracht.

»Wenn nun trotz aller Vorsichten doch einzelne Teile der Bäume durch
Winde, Kälte oder dergleichen kahl werden«, fuhr mein Gastfreund
fort, »so werden dieselben bei dem Beschneiden der Bäume im Frühlinge
entfernt. Der Schnitt wird mit gutem Kitte verstrichen, daß keine
Nässe in das Holz dringen und in dem noch gesunden Teile eine
Krankheit erzeugen kann. Und so würde in einem Garten nie eine
Kahlheit zu erblicken sein, wenn nicht äußere Feinde kämen, die eine
solche zu bewirken trachteten. Derlei Feinde sind Hagel, Wolkenbrüche
und ähnliche Naturerscheinungen, gegen die es keine Mittel gibt. Sie
schaden aber auch nicht so sehr. In unseren Gegenden sind sie selten,
und ihre Wirkungen können auch leicht durch schnelles Beseitigen des
Zerstörten, durch Nachwuchs und Nachpflanzungen unbemerkbar gemacht
werden. Aber gefährlichere Gegner sind die Insekten, diese können die
Güte eines Gartens zerstören, können seine Schönheit entstellen und
ihm in manchen Jahren einen wahrhaft traurigen Anblick geben. Dies ist
der Umstand, von dem ich sagte, daß ich seiner zuletzt Erwähnung tun
werde. Ihr seht, daß unser Garten von der Insektenplage, die ihr,
wie ihr sagt, auf eurer Wanderung an anderen Bäumen bemerkt habt, in
diesem Jahre frei ist.«

»Ich habe Äpfelbäume an warmen und stillen Orten fast ganz entlaubt
gesehen«, antwortete ich. »Es sind mir mehrere Fälle dieser Art
vorgekommen. Aber daß einzelne Äste entlaubt waren, daß das Laub von
ganzen Bäumen entstellt war, habe ich oft gesehen. Allein ich habe
es für kein großes Übel gehalten, und habe auf kein schlechtes Jahr
geschlossen, weil ich wußte, daß diese Zerstörungen immer vorkommen
und daß ihr Schaden, wenn sie nicht im Übermaße auftreten, nicht
erheblich ist. Ich betrachtete die Erscheinung als ein Ding, das so
sein muß.«

»Daran möchtet ihr Unrecht getan haben«, sagte mein Gastfreund, »einen
Schaden bringt diese Erscheinung immer, und wenn man ihn nach ganzen
Länderstrichen berechnete, so könnte er ein sehr beträchtlicher sein,
zu dem noch der andere kömmt, daß man den entlaubten Baum anschauen
muß. Auch ist das Ding keine Erscheinung, die so sein muß. Es gibt ein
Mittel dagegen, und zwar ein Mittel, das außer seiner Wirksamkeit auch
noch sehr schön ist und also zum Nutzen einen Genuß beschert, durch
den uns die Natur gleichsam zu seiner Anwendung leiten will. Aber
dennoch, wie ich früher sagte, wird dieses Mittel unter allen am
wenigsten gebraucht, ja man beeifert sich sogar an vielen Orten, es zu
zerstören. Ihr solltet das Mittel schon wahrgenommen haben.«

Ich sah ihn fragend an.

»Habt ihr nicht etwas in unserem Garten gehört, das euch besonders
auffallend war?« fragte er.

»Den Vogelsang«, sagte ich plötzlich.

»Ihr habt richtig bemerkt«, erwiderte er. »Die Vögel sind in diesem
Garten unser Mittel gegen Raupen und schädliches Ungeziefer. Diese
sind es, welche die Bäume, Gesträuche, die kleinen Pflanzen und
natürlich auch die Rosen weit besser reinigen, als es Menschenhände
oder was immer für Mittel zu bewerkstelligen im Stande wären. Seit
diese angenehmen Arbeiter uns Hilfe leisten, hat sich in unserm
Garten so wie im heurigen Jahre auch sonst nie mehr ein Raupenfraß
eingefunden, der nur im Geringsten bemerkbar gewesen wäre.«

»Aber Vögel sind ja an allen Orten«, entgegnete ich. »Sollten sie in
eurem Garten mehr sein, um ihn mehr schützen zu können?«

»Sie sind auch mehr in unserem Garten«, erwiderte er, »weit mehr als
an jeder Stelle dieses Landes und vielleicht auch anderer Länder.«

»Und wie ist denn diese Mehrheit hieher gebracht worden?« fragte ich.

»Es ist so, wie ich früher von den Bäumen gesagt habe, man muß ihnen
die Bedingungen ihres Gedeihens geben, wenn man sie an einem Orte
haben will; nur daß man die Tiere nicht erst an den Ort setzen muß
wie die Bäume, sie kommen selber, besonders die Vögel, denen das
Übersiedeln so leicht ist.«

»Und welche sind denn die Bedingungen ihres Gedeihens?« fragte ich.

»Hauptsächlich Schutz und Nahrung«, erwiderte er.

»Wie kann man denn einen Vogel schützen?« fragte ich.

»Ihn kann man nicht schützen«, sagte mein Gastfreund, »er schützt
sich selber; aber die Gelegenheit zum Schutze kann man ihm geben. Die
Singvögel, welche sich nicht mit Waffen verteidigen können, suchen
gegen Feinde und Wetter Höhlungen in Bäumen, Felsen, Mauern oder
dergleichen auf, die so enge sind, daß ihnen ihr meistens größerer
Feind in dieselben nicht folgen kann, und so tief, daß er auch nicht
mit einem Schnabel oder einer Tatze bis auf den Grund zu langen vermag
- einige, wie die Spechte, machen sich selber die Höhlungen in die
Bäume -, oder sie gehen in solche Dickichte, daß Raubvögel, Wiesel und
ähnliche Verfolger nicht durchzudringen vermögen. Hiebei ist es ihnen
noch mehr um den Schutz ihrer Jungen, die sie in solchen Orten haben,
als um ihren eigenen zu tun. Erst, wenn so gesicherte Stellen nicht zu
finden sind und die Zeit drängt, begnügt sich der Singvogel zum Wohnen
und Brüten mit schlechteren Plätzen. Hat eine Gegend häufige solche
Zufluchtsorte, so darf man sicher schließen, daß sie auch, wenn die
andern Bedingungen nicht fehlen, viele Vögel hat. Denkt nur an ein
altes löcheriges Turmdach, wie ist es von Dohlen und Mauerschwalben
umschwärmt. Will man Vögel in eine Gegend ziehen, so muß man solche
Zufluchtsorte schaffen, und zwar so gut als möglich. Wir können,
wie ihr seht, nicht Felsen und Baumstämme aushöhlen, aber aus Holz
gemachte Höhlungen können wir überall auf die Bäume aufhängen. Und
dies tun wir auch. Wir machen diese Höhlungen tief genug, richten das
Schlupfloch von der Wetterseite weg meistens gegen Mittag und machen
es gerade so weit, daß der Vogel, für den es bestimmt ist, ein und aus
kann.

Ihr müßt ja derlei in den Bäumen unseres Gartens gesehen haben?«

»Ich habe sie gesehen«, erwiderte ich, »habe dunkel vermutet, wozu sie
dienen könnten, habe aber die Vorstellung in Folge anderer Eindrücke
wieder aus dem Haupte verloren.«

»Wenn wir etwa noch einmal ein wenig in dem Garten herumgehn«, sagte
mein Gastfreund, »so werden wir mehrere solche Vogelbehälter sehen.
Den Heckennistern bauen wir ein so dichtes Geflechte von Dornzweigen
und Dornästen in unsere Büsche, daß man meinen sollte, es könne kaum
eine Hummel ein- und ausschlüpfen; aber der Vogel findet doch einen
Eingang und baut sich sein Nest. Solcher Nester könnt ihr mehrere
sehen, wenn ihr wollt. Sie haben das Angenehme, daß man diese
Federfamilien in ihrem Haushalte sieht, was bei den Höhlennistern
nicht angeht. Auf diese Weise schützen wir die kleineren Vögel, die
wir in unserem Garten brauchen. Die großen, welche sich mit Schnabel,
Krallen und Flügeln verteidigen können, sind bei uns eher Feinde als
Freunde und werden nicht geduldet.«

»Außer dem Schutze«, fuhr er nach einer Weile fort, »brauchen
die Vögel auch Nahrung. Sie meiden die nahrungsarmen Orte und
unterscheiden sich hierdurch von den Menschen, welche zuweilen große
Strecken weit gerade dahin wandern, wo sie ihren Unterhalt nicht
finden. Die Vögel, die für unseren Garten passen, ernähren sich
meistens von Gewürmen und Insekten; aber wenn an einem Platze, der zum
Nisten geeignet ist, die Zahl der Vögel so groß wird, daß sie ihre
Nahrung nicht mehr finden, so wandert ein Teil aus und sucht den
Unterhalt des Lebens anderswo. Will man daher an einem Orte eine so
große Zahl von Vögeln zurückhalten, daß man vollkommen sicher ist,
daß sie auch in den ungezieferreichsten Jahren hinlänglich sind,
um Schaden zu verhüten, so muß man ihnen außer ihrer von der Natur
gegebenen Nahrung auch künstliche mit den eigenen Händen spenden. Tut
man das, so kann man so viele Vögel an einem Platze erziehen, als man
will. Es kömmt nur darauf an, daß man, um seinen Zweck nicht aus den
Augen zu verlieren, nur so viel Almosen gibt, als notwendig ist,
einen Nahrungsmangel zu verhindern. Es ist wohl in dieser Hinsicht im
allgemeinen nicht zu befürchten, daß in der künstlichen Nahrung ein
Übermaß eintrete, da den Tieren ohnehin die Insekten am liebsten sind.
Nur wenn diese Nahrung gar zu reizend für sie gemacht würde, könnte
ein solches Übermaß erfolgen, was leicht an der Vermehrung des
Ungeziefers erkannt werden würde. Einige Erfahrung läßt einen schon
den rechten Weg einhalten. Im Winter, in welchem einige Arten
dableiben, und in Zeiten, wo ihre natürliche Kost ganz mangelt, muß
man sie vollständig ernähren, um sie an den Platz zu fesseln. Durch
unsere Anstalten sind Vögel, die im Frühlinge nach Plätzen suchten,
wo sie sich anbauen könnten, in unserem Garten geblieben, sie sind,
da sie die Bequemlichkeit sahen und Nahrung wußten, im nächsten
Jahre wieder gekommen oder, wenn sie Wintervögel waren, gar nicht
fortgegangen. Weil aber auch die Jungen ein Heimatsgefühl haben und
gerne an Stellen bleiben, wo sie zuerst die Welt erblickten, so
erkoren sich auch diese den Garten zu ihrem künftigen Aufenthaltsorte.
Zu den vorhandenen kamen von Zeit zu Zeit auch neue Einwanderer, und
so vermehrt sich die Zahl der Vögel in dem Garten und sogar in der
nächsten Umgebung von Jahr zu Jahr. Selbst solche Vögel, die sonst
nicht gewöhnlich in Gärten sind, sondern mehr in Wäldern und
abgelegenen Gebüschen, sind gelegentlich gekommen, und da es ihnen
gefiel, dageblieben, wenn ihnen auch manche Dinge, die sonst der Wald
und die Einsamkeit gewähren, hier abgehen mochten. Zur Nahrung rechnen
wir auch Licht, Luft und Wärme. Diese Dinge geben wir nach Bedarf
dadurch, daß wir die Bauplätze zu den Nestern an den verschiedensten
Stellen des Gartens anbringen, damit sich die Paare die wärmeren oder
kühleren, luftigeren oder sonnigeren aussuchen können. Für welche
keine taugliche Stelle möglich ist, die sind nicht hier. Es sind das
nur solche Vögel, für welche die hiesigen Landstriche überhaupt nicht
passen, und diese Vögel sind dann auch für unsere Landstriche nicht
nötig. Zu den geeigneten Zeiten besuchen uns auch Wanderer und
Durchzügler, die auf der Jahresreise begriffen sind.

Sie hätten eigentlich keinen Anspruch auf eine Gabe, allein da sie
sich unter die Einwohner mischen, so essen sie auch an ihrer Schüssel
und gehen dann weiter.«

»Auf welche Weise gebt ihr denn den Tieren die nötige Nahrung?« fragte
ich.

»Dazu haben wir verschiedene Einrichtungen«, sagte er. »Manche von den
Vögeln haben bei ihrem Speisen festen Boden unter den Füßen, wie die
Spechte, die an den Bäumen hacken, und solche, die ihre Nahrung auf
der platten Erde suchen; andere, besonders die Waldvögel, lieben das
Schwanken der Zweige, wenn sie essen, da sie ihr Mahl in eben diesen
Zweigen suchen. Für die ersten streut man das Futter auf was immer für
Plätze, sie wissen dieselben schon zu finden. Den anderen gibt man
Gitter, die an Schnüren hängen, und in denen, in kleine Tröge gefüllt
oder auf Stifte gesteckt, die Speise ist. Sie fliegen herzu und
wiegen sich essend in dem Gitter. Die Vögel werden auch nach und nach
zutraulich, nehmen es endlich nicht mehr so genau mit dem Tische, und
es tummeln sich Festfüßler und Schaukler auf der Fütterungstenne, die
neben dem Gewächshause ist, wo ihr mich heute morgen gesehen habt.«

»Ich habe das von heute morgen mehr für zufällig als absichtlich
gehalten«, sagte ich.

»Ich tue es gerne, wenn ich anwesend bin«, erwiderte er, »obwohl es
auch andere tun können. Für die ganz schüchternen, wie meistens die
neuen Ankömmlinge und die ganz und gar eingefleischten Waldvögel sind,
haben wir abgelegene Plätze, an die wir ihnen die Nahrung tun. Für die
vertraulicheren und umgänglicheren bin ich sogar auf eine sehr bequeme
und annehmliche Verfahrungsweise gekommen. Ich habe in dem Hause ein
Zimmer, vor dessen Fenster Brettchen befestigt sind, auf welche ich
das Futter gebe. Die Federgäste kommen schon herzu und speisen vor
meinen Augen. Ich habe dann auch das Zimmer gleich zur Speisekammer
eingerichtet und bewahre dort in Kästen, deren kleine Fächer mit
Aufschriften versehen sind, dasjenige Futter, das entweder in
Sämereien besteht oder dem schnellen Verderben nicht ausgesetzt ist.«

»Das ist das Eckzimmer«, sagte ich, »das ich nicht begriff, und dessen
Brettchen ich für Blumenbrettchen ansah und doch für solche nicht
zweckmäßig fand.«

»Warum habt ihr denn nicht gefragt?« erwiderte er.

»Ich nahm es mir vor und habe wieder darauf vergessen«, antwortete
ich.

»Da die meisten Sänger von lebendigen Tierchen leben«, setzte er seine
Erzählung fort, »so ist es nicht ganz leicht, die Nahrung für alle
zu bereiten. Da aber doch ein großer Teil nebst dem Ungeziefer
auch Sämereien nicht verschmäht, so sind in der Speisekammer alle
Sämereien, welche auf unseren Fluren und in unseren Wäldern reifen und
werden, wenn sie ausgehen oder veralten, durch frische ersetzt. Für
solche, welche die Körner nicht lieben, wird der Abgang durch Teile
unseres Mahles, zartes Fleisch, Obst, Eierstückchen, Gemüse und
dergleichen, ersetzt, was unter die Körner gemischt wird. Die
Kohlmeise erhält sehr gerne, wenn sie tätig ist, und besonders,
wenn sie um ihre Jungen sich gut annimmt, ein Stückchen Speck zur
Belohnung, den sie außerordentlich liebt. Auch Zucker wird zuweilen
gestreut. Für den Trank ist im Garten reichlich gesorgt. In jede
Wassertonne geht schief ein befestigter Holzsteg, an welchem sie zu
dem Wasser hinabklettern können. In den Gebüschen sind Steinnäpfe, in
die Wasser gegossen wird, und in dem Dickichte an der Abendseite des
Gartens ist ein kleines Quellchen, das wir mit steinernen Rändern
eingefaßt haben.«

»Da habt ihr ja Arbeit und Sorge in Fülle mit diesen Gartenbewohnern«.
sagte ich.

»Es übt sich leicht ein«, antwortete er, »und der Lohn dafür ist sehr
groß. Es ist kaum glaublich, zu welchen Erfahrungen man gelangt, wenn
man durch mehrere Jahre diese gefiederten Tiere hegt und gelegentlich
die Augen auf ihre Geschäftigkeit richtet. Alle Mittel, welche die
Menschen ersonnen haben, um die Gewächse vor Ungeziefer zu bewahren,
so trefflich sie auch sein mögen, so fleißig sie auch angewendet
werden, reichen nicht aus, wie es ja in der Lage der Sache gegründet
ist. Wie viele Hände von Menschen müßten tätig sein, um die
unzählbaren Stellen, an deren sich Ungeziefer erzeugt, zu entdecken
und die Mittel auf sie anzuwenden. Ja, die ganz gereinigten Stellen
geben auf die Dauer keine Sicherheit und müssen stets von neuem
untersucht worden. In den verschiedensten Zeiten und unbeachtet
entwickeln sich die Insekten auf Stengeln, Blättern, Blüten, unter der
Rinde und breiten sich unversehens und schnell aus. Wie könnte man da
die Keime entdecken und vor ihrer Entwicklung vernichten? Oft sind die
schädlichen Tierchen so klein, daß wir sie mit unseren Augen kaum zu
entdecken vermögen, oft sind sie an Orten, die uns schwer zugänglich
sind, zum Beispiele in den äußersten Spitzen der feinsten Zweige der
Bäume. Oft ist der Schaden in größter Schnelligkeit entstanden, wenn
man auch glaubt, daß man seine Augen an allen Stellen des Gartens
gehabt, daß man keine unbeachtet gelassen und daß man seine Leute
zur genauesten Untersuchung angeeifert hat. Zu dieser Arbeit ist von
Gott das Vogelgeschlecht bestimmt worden und insbesondere das der
kleinen und singenden, und zu dieser Arbeit reicht auch nur das
Vogelgeschlecht vollkommen aus. Alle Eigenschaften der Insekten,
von denen ich gesprochen habe, ihre Menge, ihre Kleinheit, ihre
Verborgenheit und endlich ihre schnelle und plötzliche Entwicklung
schützen sie gegen die Vögel nicht. Sprechen wir von der Menge. Alle
Singvögel, wenn sie auch später Sämereien fressen, nähren doch ihre
Jungen von Raupen, Insekten, Würmern, und da diese Jungen so schnell
wachsen und so zu sagen unaufhörlich essen, so bringt ein einziges
Paar in einem einzigen Tage eine erkleckliche Menge von solchen
Tierchen in das Nest, was erst hundert Paare in zehn, vierzehn,
zwanzig Tagen! So lange brauchen ungefähr die Jungen zum Flüggewerden.
Und alle Stellen, wie zahlreich sie auch sein können, werden von den
geschäftigen Eltern durchsucht. Sprechen wir von der Kleinheit der
Tierchen. Sie oder ihre Larven und Eier mögen noch so klein sein, von
den scharfen, spähenden Augen eines Vogels werden sie entdeckt. Ja
manche Vögel, wie das Goldhähnchen, der Zaunkönig, dürfen ihren Jungen
nur die kleinsten Nahrungsstückchen bringen, weil dieselben, wenn sie
dem Ei entschlüpft sind, selber kaum so groß wie eine Fliege oder
eine kleine Spinne sind. Gehen wir endlich auf die Abgelegenheit und
Unerreichbarkeit der Aufenthaltsorte der Insekten über, so sind sie
dadurch nicht vor dem Schnabel der Vögel geschützt, wenn sie für
ihre Jungen oder sich Nahrung brauchen. Was wäre einem Vogel leicht
unzugänglich? In die höchsten Zweige schwingt er sich empor, an der
Rinde hält er sich und bohrt in sie, durch die dichtesten Hecken
dringt er, auf der Erde läuft er, und selbst unter Blöcke und
Steingerölle dringt er. Ja, einmal sah ich einen Buntspecht im Winter,
da die Äste zu Stein gefroren schienen, auf einen solchen mit Gewalt
loshämmeren und sich aus dessen Innern die Nahrung holen. Die Spechte
zeigen auf diese Weise - ich sage es hier nebenbei - auch die Äste
an, die morsch und vom Gewürme ergriffen sind, und daher weggeschafft
werden müssen.

Was zuletzt den unvorhergesehenen und plötzlichen Raupenfraß anlangt,
den der Mensch zu spät entdeckt, so kann er sich nicht einstellen, da
die Vögel überall nachsehen und bei Zeiten abhelfen.«

»Wie sehr diese Tiere für das Ungeziefer geschaffen sind«, sagte er
nach einer Weile, »zeigt sich aus der Beobachtung, daß sie die Arbeit
unter sich teilen. Die Blaumeise und die Tannenmeise entdeckt die Brut
der Ringelraupe und anderer Raupengattungen an den äußersten Spitzen
der Zweige, wo sie unter der Rinde verborgen ist, indem sie, sich
an die Zweige hängend, dieselben absucht, die Kohlmeise durchsucht
fleißig das Innere der Baumkrone, die Spechtmeise klettert Stamm auf
Stamm ab und holt die versteckten Eier hervor, der Finke, der gerne in
den Nadelbäumen nistet, weshalb auch solche Bäume in dem Garten sind,
geht gleichwohl gerne von ihnen herab und läuft den Gängen der Käfer
und der gleichen nach, und ihn unterstützen oder übertreffen vielmehr
die Ammerlinge, die Grasmücken, die Rotkehlchen, die auf der Erde
unter Kohlpflanzen und in Hecken ihre Nahrung suchen und finden. Sie
beirren sich wechselseitig nicht und lassen in ihrer unglaublichen
Tätigkeit nicht nach, ja sie scheinen sich eher darin einander
anzueifern. Ich habe nicht eigens Beobachtungen angestellt; aber wenn
man mehrere Jahre unter den Tieren lebt, so gibt sich die Betrachtung
von selber.«

»Auch einen eigentümlichen Gedanken«, fuhr er fort, »hat das Walten
dieser Tiere in mir erweckt oder vielmehr bestärkt; denn ich hatte
ihn schon längst. Allen Tatsachen, die wichtig sind, hat Gott
außer unserem Bewußtsein ihres Wertes auch noch einen Reiz für uns
beigesellt, der sie annehmlich in unser Wesen gehen läßt.

Diesen Tierchen nun, die so nützlich sind, hat er, ich möchte sagen,
die goldene Stimme mitgegeben, gegen die der verhärtetste Mensch nicht
verhärtet genug ist. Ich habe in unserem Garten mehr Vergnügen gehabt
als manchmal in Sälen, in denen die kunstreichste Musik aufgeführt
wurde, die selten zu hören ist. Zwar singt ein Vogel in einem Käfige
auch; denn der Vogel ist leichtsinnig, er erschrickt zwar heftig, er
fürchtet sich; aber bald ist der Schrecken und die Furcht vergessen,
er hüpft auf einen Halt für seine Füße und trällert dort das Lied, das
er gelernt hat und das er immer wiederholt. Wenn er jung und sogar
auch alt gefangen wird, vergißt er sich und sein Leid, wird ein Hin-
und Widerhüpfer in kleinem Raume, da er sonst einen großen brauchte,
und singt seine Weise; aber dieser Gesang ist ein Gesang der
Gewohnheit, nicht der Lust. Wir haben an unserm Garten einen
ungeheueren Käfig ohne Draht, Stangen und Vogeltürchen, in welchem der
Vogel vor außerordentlicher Freude, der er sich so leicht hingibt,
singt, in welchem wir das Zusammentönen vieler Stimmen hören können,
das in einem Zimmer beisammen nur ein Geschrei wäre, und in welchem
wir endlich die häusliche Wirtschaft der Vögel und ihre Gebärden
sehen können, die so verschieden sind und oft dem tiefsten Ernste ein
Lächeln abgewinnen können. Man hat uns in diesem Hegen von Vögeln in
einem Garten nicht nachgeahmt. Die Leute sind nicht verhärtet gegen
die Schönheit des Vogels und gegen seinen Gesang, ja diese beiden
Eigenschaften sind das Unglück des Vogels. Sie wollen dieselben
genießen, sie wollen sie recht nahe genießen, und da sie keinen Käfig
mit unsichtbaren Drähten und Stangen machen können wie wir, in dem sie
das eigentliche Wesen des Vogels wahrnehmen könnten, so machen sie
einen mit sichtbaren, in welchem der Vogel eingesperrt ist und
seinem zu frühen Tode entgegen singt. Sie sind auf diese Weise nicht
unfühlsam für die Stimme des Vogels, aber sie sind unfühlsam für
sein Leiden. Dazu kommt noch, daß es der Schwäche und Eitelkeit des
Menschen, besonders der Kinder, angenehm ist, eines Vogels, der durch
seine Schwingen und seine Schnelligkeit gleichsam aus dem Bereiche
menschlicher Kraft gezogen ist, Herr zu werden und ihn durch Witz und
Geschicklichkeit in seine Gewalt zu bringen. Darum ist seit alten
Zeiten der Vogelfang ein Vergnügen gewesen, besonders für junge Leute;
aber wir müssen sagen, daß es ein sehr rohes Vergnügen ist, das man
eigentlich verachten sollte. Freilich ist es noch schlechter und
muß ohne weiteres verabscheut werden, wenn man Singvögel nicht des
Gesanges wegen fängt, sondern sie fängt und tötet, um sie zu essen.
Die unschuldigsten und mitunter schönsten Tiere, die durch ihren
einschmeichelnden Gesang und ihr liebliches Benehmen ohnehin unser
Vergnügen sind, die uns nichts anders tun als lauter Wohltaten, werden
wie Verbrecher verfolgt, werden meistens, wenn sie ihrem Triebe
der Geselligkeit folgen, erschossen, oder, wenn sie ihren nagenden
Hunger stillen wollen, erhängt. Und dies geschieht nicht, um ein
unabweisliches Bedürfnis zu erfüllen, sondern einer Lust und Laune
willen. Es wäre unglaublich, wenn man nicht wüßte, daß es aus Mangel
an Nachdenken oder aus Gewohnheit so geschieht. Aber das zeigt eben,
wie weit wir noch von wahrer Gesittung entfernt sind. Darum haben
weise Menschen bei wilden Völkern und bei solchen, die ihre Gierde
nicht zu zähmen wußten oder einen höheren Gebrauch von ihren Kräften
noch nicht machen konnten, den Aberglauben aufgeregt, um einen Vogel
seiner Schönheit oder Nützlichkeit willen zu retten. So ist die
Schwalbe ein heiliger Vogel geworden, der dem Hause Segen bringt,
das er besucht, und den zu töten Sünde ist. Und selten dürfte es ein
Vogel mehr verdienen als die Schwalbe, die so wunderschön ist und so
unberechenbaren Nutzen bringt. So ist der Storch unter göttlichen
Schutz gestellt, und den Staren hängen wir hölzerne Häuser in unsere
Bäume. Ich hoffe, daß, wenn unseren Nachbarn die Augen über den Erfolg
und den Nutzen des Hegens von Singvögeln aufgehen, sie vielleicht auch
dazu schreiten werden, uns nachzuahmen; denn für Erfolg und Nutzen
sind sie am empfänglichsten. Ich glaube aber auch, daß unsere
Obrigkeiten das Ding nicht gering achten sollten, daß ein strenges
Gesetz gegen das Fangen und Töten der Singvögel zu geben wäre und
daß das Gesetz auch mit Umsicht und Strenge aufrecht erhalten werden
sollte. Dann würde dem menschlichen Geschlechte ein heiligendes
Vergnügen aufbewahrt bleiben, wir würden durch die Länder wie durch
schöne Gärten gehen, und die wirklichen Gärten würden erquickend
dastehen, in keinem Jahre leiden und in besonders unglücklichen nicht
den Anblick der gänzlichen Kahlheit und der traurigen Verödung zeigen.
Wollt ihr nicht auch ein wenig unsere gefiederten Freunde ansehen?«

»Sehr gerne«, sagte ich.


Wir standen von dem Sitze auf und gingen mehr in die Tiefe den Gartens
zurück.

Das vielstimmige Vogelgezwitscher durch den Garten und das helle
Singen in unserer Nähe, welches mir gestern nachmittags da ich es in
das Zimmer hinein gehört hatte, seltsam gewesen war, erschien mir nun
sehr lieblich, ja ehrwürdig, und wenn ich einen Vogel durch einen Baum
huschen sah oder über einen Sandweg laufen, so erfüllte es mich mit
einer Gattung Freude. Mein Begleiter führte mich zu einer Hecke, wies
mit dem Finger hinein und sagte: »Seht!«

Ich antwortete, daß ich nichts sähe.

»Schaut nur genauer«, sagte er, indem er mit dem Finger neuerdings die
Richtung wies.

Ich sah nun unter einem äußerst dichten Dornengeflechte, welches
in die Hecke gemacht worden war, ein Nest. In dem Neste saß ein
Rotkehlchen, wenigstens dem Rücken nach zu urteilen. Es flog nicht
auf, sondern wendete nur ein wenig den Kopf gegen uns und sah mit
den schwarzen, glänzenden Augen unerschrocken und vertraulich zu uns
herauf.

»Dieses Rotkehlchen sitzt auf seinen Eiern«, sagte mein Begleiter,
»es ist eine Spätehe, wie sie öfter vorkommen. Ich besuche es schon
mehrere Tage und lege ihm die Larve des Mehlkäfers in die Nähe. Das
weiß der Schelm, darum frägt er mich schon darnach und fürchtet den
Fremden nicht, der bei mir ist.«

In der Tat, das Tierchen blieb ruhig in seinem Neste und ließ sich
durch unser Reden und durch unsere Augen nicht beirren.

»Man muß eigentlich ehrlich gegen sie sein«, sagte mein Gastfreund;
»aber ich habe keine Larve in der Hand, darum bitte ich dich, Gustav,
gehe in das Haus und hole mir eine.«

Der Jüngling wendete sich schnell um und eilte in das Haus.

Indessen führte mich mein Begleiter eine Strecke vorwärts und zeigte
mir neuerdings in einer Hecke unter Dornen ein Nest, in welchem eine
Ammer saß.

»Diese sitzt auf ihren Jungen, die noch kaum die ersten Härchen haben,
und erwärmt sie«, sagte mein Begleiter. »Sie kann nicht viel von ihnen
weg, darum bringt den meisten Teil der Nahrung der Vater herbei. Nach
einigen Tagen aber werden sie schon so stark, daß sie der Mutter
überall hervor sehen, wenn sie sich auch zeitweilig auf sie setzt.«

Auch die Ammer flog bei unserer Annäherung nicht auf, sondern sah uns
ruhig an.

So zeigte mir mein Begleiter noch ein paar Nester, in denen Junge
waren, die, wenn sie sich allein befanden, auf das Geräusch unserer
Annäherung die gelben Schnäbel aufsperrten und Nahrung erwarteten. In
zwei anderen waren Mütter, die bei unserem Herannahen nicht aufflogen.
Da wir im Vorbeigehen noch eins trafen, bei welchem die Eltern ätzten,
ließen sich diese nicht von ihrem Geschäfte abhalten, flogen herzu und
nährten in unserer Gegenwart die Kinder.

»Ich habe euch jetzt Nester gezeigt, die noch bevölkert sind«, sagte
mein Gastfreund, »die meisten sind schon leer, die Jugend flattert
bereits in dem Garten herum und übt sich zur Herbstreise. Die Nester
sind zahlreicher als man vermutet, wir besuchen nur die, die uns bei
der Hand sind.«

Indessen war Gustav mit der verlangten Larve gekommen und gab sie dem
alten Manne in die Hand. Dieser ging zu der Hecke, in welcher das Nest
des Rotkehlchens war, und legte die Larve auf den Weg daneben. Kaum
hatte er sich entfernt und war zu uns getreten, die wir in der Nähe
standen, so schlüpfte das Rotkehlchen unter den untersten Ästen der
Hecke heraus, rannte zu der Larve, nahm sie und lief wieder in die
Hecke zurück.

Ich weiß nicht, welche tiefe Rührung mich bei diesem Vorfalle überkam.
Mein Gastfreund erschien mir wie ein weiser Mann, der sich zu einem
niedreren Geschöpfe herabläßt.

Auch der Jüngling Gustav war sehr heiter und zeigte Freude, wenn er
in die Büsche blickte, in denen eine Wohnung war. Es war mir dies ein
Beweis, daß das Zerstören der Vogelnester durch Wegnahme der Eier
oder der Jungen und das Fangen der Vögel überhaupt den Kindern nicht
angeboren ist, sondern daß dieser Zerstörungstrieb, wenn er da ist,
von Eltern oder Erziehern hervorgerufen und in diese Bahn geleitet
wurde, und daß er durch eine bessere Erziehung sein Gegenteil wird.

Wir schritten weiter. In einer kleinen Fichte, die am Rande des
Gartens stand, zeigten sie mir noch eine Finkenwohnung, die an dem
Stamme in das Geflechte teils hervorgewachsener, teils künstlich
eingefugter Äste und Zweige gebaut war. An anderen Bäumen sahen wir
auch in die aufgehängten Behälter Vögel aus- und einschlüpfen. Mein
Begleiter sagte, daß, wenn ich nur länger hier wäre, mir selbst die
Sitten der Vögel verständlicher werden würden.

Ich erwiderte, daß ich schon Mehreres aus meinen Reisen im Gebirge und
aus meinen früheren Beschäftigungen in den Naturwissenschaften kenne.

»Das ist doch immer weniger«, sagte mein Gastfreund, »als was man
durch das lebendige Beisammenleben inne wird.«

Es wurden einige Behälter, die mit aus Ruten geflochtenen Seilen an
Bäumen befestigt waren und von denen man wußte, daß sie nicht mehr
bewohnt seien, herabgenommen und auseinander gelegt, damit ich ihre
Einrichtung sähe. Es war nur eine einfache Höhlung, die aus zwei
halbhohlen Stücken bestand, die man mittelst Ringen, die enger zu
schrauben waren, aneinanderpressen konnte.

»Kein Singvogel«, sagte mein Begleiter, »geht in ein fertiges Nest,
es mag nun dasselbe in einer früheren Zeit von ihm selber oder einem
anderen Vogel gebaut worden sein, sondern er verfertigt sich sein
Nest in jedem Frühlinge neu. Deshalb haben wir die Behälter aus zwei
Teilen machen lassen, daß wir sie leicht auseinander nehmen und die
veralteten Nester heraustun können. Auch zum Reinigen der Behälter ist
diese Einrichtung sehr tauglich; denn wenn sie unbewohnt sind, nimmt
allerlei Ungeziefer seine Zuflucht zu diesen Höhlungen, und der Vogel
scheut Unrat und verdorbene Luft und würde eine unreine Höhlung nicht
besuchen. Im letzten Teile des Winters, wenn der Frühling schon in
Aussicht steht, werden alle diese Behälter herabgenommen, auf das
Sorgfältigste gescheuert und in Stand gesetzt. Im Winter sind sie
darum auf den Bäumen, weil doch mancher Vogel, der nicht abreist,
Schutz in ihnen sucht. Die alten Nester werden zerfasert und gegen
den Frühling ihre Bestandteile mit neuen vermehrt in dem Garten
ausgestreut, damit die Familien Stoff für ihre Häuser finden.«

Ich sah im Vorübergehen auch die Kletterstäbchen in den Wassertonnen,
und im Gebüsche fanden wir das kleine rieselnde Wässerlein.


Als wir uns auf dem Rückwege zum Hause befanden, sagte mein Begleiter:
»Ich habe noch eine Art Gäste, die ich füttere, nicht daß sie mir
nützen, sondern daß sie mir nicht schaden. Gleich in der ersten Zeit
meines Hierseins, da ich eine sogenannte Baumschule anlegte, nehmlich
ein Gärtchen, in welchem die zur Veredlung tauglichen Stämmchen
gezogen wurden, habe ich die Bemerkung gemacht, daß mir im Winter
die Rinde an Stämmchen abgefressen wurde, und gerade die beste und
zarteste Rinde an den besten Stämmchen. Die Übeltäter wiesen sich
teils durch ihre Spuren im Schnee, teils, weil sie auch auf frischer
Tat ertappt wurden, als Hasen aus. Das Verjagen half nicht, weil sie
wieder kamen und doch nicht Tag und Nacht jemand in der Baumschule
Wache stehen konnte. Da dachte ich: die armen Diebe fressen die Rinde
nur, weil sie nichts Besseres haben, hätten sie es, so ließen sie die
Rinde stehen. Ich sammelte nun alle Abfälle von Kohl und ähnlichen
Pflanzen, die im Garten und auf den Feldern übrig blieben, bewahrte
sie im Keller auf und legte sie bei Frost und hohem Schnee teilweise
auf die Felder außerhalb des Gartens. Meine Absicht wurde belohnt:
die Hasen fraßen von den Dingen und ließen unsere Baumschule in
Ruhe. Endlich wurde die Zahl der Gäste immer mehr, da sie die
wohleingerichtete Tafel entdeckten; aber weil sie mit dem
Schlechtesten, selbst mit den dicken Strünken des Kohles, zufrieden
waren und ich mir solche von unseren Feldern und von Nachbarn leicht
erwerben konnte, so fragte ich nichts darnach und fütterte. Ich
sah ihnen oft aus dem Dachfenster mit dem Fernrohre zu. Es ist
possierlich, wenn sie von der Ferne herzulaufen, dem bequem
daliegenden Fraße mißtrauen, Männchen machen, hüpfen, dann aber sich
doch nicht helfen können, herzustürzen und von dem Zeuge hastig
fressen, das sie im Sommer nicht anschauen würden. Manche Leute legten
Schlingen, da sie wußten, daß hier Hasen zusammenkamen. Aber da wir
sehr sorgfältig nachspürten und die Schlingen wegnehmen ließen, da
ich auch verbot, über unsere Felder zu gehen, und die Betroffenen
zur Verantwortung zog, verlor sich die Sache wieder. Auch den Vögeln
legten Buben in unserer Nähe Schlingen; aber das half sehr wenig, da
die Vögel in unserem Garten sehr gute Kost hatten und nach der fremden
Lockspeise nicht ausgingen. Die Beute an Vögeln war daher nie groß,
und mit einiger Aufsicht und Wachsamkeit, die wir in den ersten Jahren
einleiteten, geschah es, daß dieser Unfug auch bald wieder aufhörte.«

Der alte Mann lud mich ein, in das Haus zu gehen und die
Fütterungskammer anzusehen.

Auf dem Wege dahin sagte er: »Unter die Feinde der Sänger gehören auch
die Katzen, Hunde, Iltisse, Wiesel, Raubvögel. Gegen letzte schützen
die Dornen und die Nestbehälter, und Hunde und Katzen werden in unserm
Hause so erzogen, daß sie nicht in den Garten gehen, oder sie werden
ganz von dem Hause entfernt.«


Wir waren indessen in das Haus gekommen und gingen in das Eckzimmer,
in welchem ich die vielen Fächer gesehen hatte. Mein Begleiter zeigte
mir die Vorräte, indem er die Fächer herauszog und mir die Sämereien
wies. Die Speisen, welche eben nicht in Sämereien bestehen, wie Eier,
Brot, Speck, werden beim Bedarfe aus der Speisekammer des Hauses
genommen.

»Meine Nachbaren äußerten schon«, sagte mein Begleiter, »daß außer der
Mühe, die das Erhalten der Singvögel macht, auch die Kosten zu ihrer
Ernährung in keinem Verhältnisse zu ihrem Nutzen stehen. Aber das ist
unrichtig. Die Mühe ist ein Vergnügen, das wird der, welcher einmal
anfängt, bald inne werden; so wie der Blumenfreund keine Mühe, sondern
nur Pflege kennt, welche zudem bei den Blumen viel mehr Tätigkeit in
Anspruch nimmt als das Ziehen der Gesangvögel im Freien; die Kosten
aber sind in der Tat nicht ganz unbedeutend; allein wenn ich die
edlen Früchte eines einzigen Pflaumenbaumes, welchen mir die Raupen
der Vögel wegen nicht abgefressen haben, verkaufe, so deckt der
Kaufschilling die Nahrungskosten der Sänger ganz und gar. Freilich ist
der Nutzen desto größer, je edler das Obst ist, welches in dem Garten
gezogen wird, und dazu, daß sie edles Obst in dieser Gegend ziehen,
sind sie schwer zu bewegen, weil sie meinen, es gehe nicht. Wir müssen
ihnen aber zeigen, daß es geht, indem wir ihnen die Früchte weisen und
zu kosten geben, und wir müssen ihnen zeigen, daß es nützt, indem wir
ihnen Briefe unserer Handelsfreunde weisen, die uns das Obst abgekauft
haben. Von den Stämmchen, die in unserer Obstschule wachsen, geben wir
ihnen ab und unterrichten sie, wie und auf welchen Platz sie gesetzt
werden sollen.«

»Wenn wieder einmal ein Jahr kommen sollte wie das, welches wir vor
fünf Jahren hatten«, fuhr er fort, »es war ein schlimmes Jahr, heiß
mit wenig Regen und ungeheurem Raupenfraß. Die Bäume in Rohrberg, in
Regau, in Landegg und Pludern standen wie Fegebesen in die Höhe, und
die grauen Fahnen der Raupennester hingen von den entwürdigten Ästen
herab. Unser Garten war unverletzt und dunkelgrün, sogar jedes Blatt
hatte seine natürliche Ränderung und Ausspitzung. Wenn noch einmal
ein solches Jahr käme, was Gott verhüte, so würden sie wieder ein
Stückchen Erfahrung machen, das sie das erste Mal nicht gemacht
haben.«

Ich sah unterdessen die Sämereien und die Anstalten an, fragte manches
und ließ mir manches erklären.

Wir verließen hierauf das Zimmer, und da wir auf dem Gange waren und
gegen Gustavs Zimmer gingen, sagte er: »Daß auch unnütze Glieder
herbeikommen, Müßiggänger, Störefriede, das begreift sich. Ein großer
Händelmacher ist der Sperling. Er geht in fremde Wohnungen, balgt
sich mit Freund und Feind, ist zudringlich zu unsern Sämereien und
Kirschen. Wenn die Gesellschaft nicht groß ist, lasse ich sie gelten
und streue ihnen sogar Getreide. Sollten sie hier aber doch zu viel
werden, so hilft die Windbüchse, und sie werden in den Meierhof
hinabgescheucht. Als einen bösen Feind zeigte sich der Rotschwanz.
Er flog zu dem Bienenhause und schnappte die Tierchen weg. Da half
nichts, als ihn ohne Gnade mit der Windbüchse zu töten. Wir ließen
beinahe in Ordnung Wache halten und die Verfolgung fortsetzen, bis
dieses Geschlecht ausblieb. Sie waren so klug, zu wissen, wo Gefahr
ist, und gingen in die Scheunen, in die Holzhütte des Meierhofes und
die Ziegelhütte, wo die großen Wespennester unter dem Dache sind. Wir
lassen auch darum im Meierhofe und anderen entfernteren Orten die
grauen Kugeln solcher Nester, die sich unter den Latten und Sparren
der Dächer oder Dachvorsprünge ansiedeln, nicht zerstören, damit sie
diese Vögel hinziehen.«


Während dieses Gespräches waren wir in dem Gange der Gastzimmer zu der
Tür gekommen, die in Gustavs Wohnung führte. Mein Gastfreund fragte,
ob ich diese Wohnung nicht jetzt besehen wollte, und wir traten ein,

Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern, einem Arbeitszimmer und einem
Schlafzimmer. Beide waren, wie es bei solchen Zimmern selten der Fall
ist, sehr in Ordnung. Sonst war ihr Geräte sehr einfach. Bücherkästen,
Schreib- und Zeichnungsgeräte, ein Tisch, Schreine für die Kleider,
Stühle und das Bett. Der Jüngling stand fast errötend da, da ein
Fremder in seiner Wohnung war. Wir entfernten uns bald, und der
Bewohner machte uns die leichte, feine Verbeugung, die ich gestern
schon an ihm bemerkt hatte, weil er uns nicht mehr begleiten, sondern
in den Zimmern zurückbleiben wollte, in welchen er noch Arbeit zu
verrichten hatte.

»Ihr könnt nun auch die Gastzimmer besuchen«, sagte mein Begleiter,
»dann habt ihr alle Räume unseres Hauses gesehen.«

Ich willigte ein. Er nahm ein kleines silbernes Glöcklein aus seiner
Tasche und läutete.

Es erschien in kurzem eine Magd, von welcher er die Schlüssel der
Zimmer verlangte. Sie holte dieselben und brachte sie an einem Ringe,
von welchem einzelne los zu lösen waren. Jeder trug die Zahl seines
Zimmers auf sich eingegraben. Nachdem mein Beberberger die Magd
verabschiedet hatte, schloß er mir die einzelnen Zimmer auf. Sie waren
einander vollkommen gleich. Sie waren gleich groß, jedes hatte zwei
Fenster, und jedes hatte ähnliche Geräte wie das meine.

»Ihr seht«, sagte er, »daß wir in unserem Hause nicht so ungesellig
sind und bei dessen Anlegung schon auf Gäste gerechnet haben. Es
können im äußersten Notfalle noch mehr untergebracht werden als die
Zimmer anzeigen, wenn wir zwei in ein Gemach tun und noch andere
Zimmer, namentlich die im Erdgeschosse, in Anspruch nehmen. Es ist
aber in der Zeit, seit welcher dieses Haus besteht, der Notfall noch
nicht eingetreten.«

Als wir an die östliche Seite des Hauses gekommen waren, an die Seite,
die seiner Wohnung gerade entgegengesetzt lag, öffnete er eine Tür,
und wir traten nicht in ein Zimmer wie bisher, sondern in drei, welche
sehr schön eingerichtet waren und zu lieblichem Wohnen einluden. Das
erste war ein Zimmer für einen Diener oder eigentlich eine Dienerin;
denn es sah ganz aus wie das Zimmer, in welchem die Mädchen meiner
Mutter wohnten. Es standen große Kleiderkästen da, mit grünem Zitz
verhängte Betten, und es lagen Dinge herum wie in dem Mädchenzimmer
meiner Mutter. Die zwei anderen Gemächer zeigten zwar nicht solche
Dinge, im Gegenteile, sie waren in der musterhaftesten Ordnung; aber
sie wiesen doch eine solche Gestalt, daß man schließen mußte, daß sie
zu Wohnungen für Frauen bestimmt sind. Die Geräte des ersten waren
von Mahagoniholz, die des zweiten von Cedern. Überall standen
weichgepolsterte Sitze und schöne Tische herum. Auf dem Fußboden lagen
weiche Teppiche, die Pfeiler hatten hohe Spiegel, außerdem stand in
jedem Zimmer noch ein beweglicher Ankleidespiegel, an den Fenstern
waren Arbeitstischchen, und in der Ecke jedes Zimmers stand, von
weißen Vorhängen dicht und undurchdringlich umgeben, ein Bett. Jedes
Gemach hatte ein Blumentischchen, und an den Wänden hingen einige
Gemälde.

Als ich diese Zimmer eine Weile betrachtet hatte, öffnete mein
Begleiter im dritten Zimmer mittelst eines Drückers eine Tapetentür,
die sich den Blicken nicht gezeigt hatte, und führte mich noch in ein
viertes, kleines Zimmer mit einem einzigen Fenster. Das Zimmerchen war
sehr schön. Es war ganz in sanft rosenfarbener Seide ausgeschlagen,
welche Zeichnungen in derselben, nur etwas dunkleren Farbe hatte. An
dieser schwach rosenroten Seide lief eine Polsterbank von lichtgrauer
Seide hin, die mit mattgrünen Bändern gerändert war. Sessel von
gleicher Art standen herum. Die Seide, grau in Grau gezeichnet, hob
sich licht und lieblich von dem Rot der Wände ab, es machte fast einen
Eindruck, wie wenn weiße Rosen neben roten sind. Die grünen Streifen
erinnerten an das grüne Laubblatt der Rosen. In einer der hinteren
Ecken des Zimmers war ein Kamin von ebenfalls grauer, nur dunklerer
Farbe mit grünen Streifen in den Simsen und sehr schmalen Goldleisten.
Vor der Polsterbank und den Sesseln stand ein Tisch, dessen Platte
grauer Marmor von derselben Farbe wie der Kamin war. Die Füße des
Tisches und der Sessel so wie die Fassungen an der Polsterbank und den
anderen Dingen waren von dem schönen veilchenblauen Amarantholze; aber
so leicht gearbeitet, daß dieses Holz nirgends herrschte. An dem mit
grauen Seidenvorhängen gesäumten Fenster, welches zwischen grünen
Baumwölbungen auf die Landschaft und das Gebirge hinaussah, stand ein
Tischchen von demselben Holze und ein reichgepolsterter Sessel und
Schemel, wie wenn hier der Platz für eine Frau zum Ruhen wäre. An
den Wänden hingen nur vier kleine, an Größe und Rahmen vollkommen
gleiche Ölgemälde. Der Fußboden war mit einem feinen grünen Teppiche
überspannt, dessen einfache Farbe sich nur ein wenig von dem Grün der
Bänder abhob. Es war gleichsam der Rasenteppich, über dem die Farben
der Rosen schwebten. Die Schürzange und die anderen Geräte an dem
Kamine hatten vergoldete Griffe, auf dem Tische stand ein goldenes
Glöcklein.

Kein Merkmal in dem Gemache zeigte an, daß es bewohnt sei. Kein Geräte
war verrückt, an dem Teppiche zeigte sich keine Falte und an den
Fenstervorhängen keine Verknitterung.

Als ich eine Zeit diese Dinge mit Staunen betrachtet hatte, öffnete
mein Begleiter wieder die Tapetentür, die man auch im Innern dieses
Zimmers nicht sehen konnte, und führte mich hinaus. Er hatte in dem
Rosenzimmerchen nicht ein Wort gesprochen, und ich auch nicht. Als
wir durch die anderen Zimmer gegangen waren und er sie hinter uns
zugeschlossen hatte, sagte er mir ebenfalls über den Zweck dieser
Wohnung nichts, und ich konnte natürlich nicht darum fragen.

Als wir auf den Gang hinausgekommen waren, sagte er: »Nun habt ihr
mein ganzes Haus gesehen; wenn ihr wieder einmal in der Zukunft
vorüberkommt oder euch gar in der Ferne desselben erinnert, so könnt
ihr euch gleich vorstellen, wie es im Inneren aussieht.«

Bei diesen Worten nestelte er den Ring mit den Schlüsseln in irgend
eine Tasche seines seltsamen Obergewandes.

»Es ist ein Bild«, erwiderte ich auf seine Rede, »das sich mir tief
eingeprägt hat und das ich nicht so bald vergessen werde.«

»Ich habe mir das beinahe gedacht«, antwortete er.

Da wir in die Nähe meines Zimmers gekommen waren, verabschiedete er
sich, indem er sagte, daß er nun einen großen Teil meiner Zeit in
Anspruch genommen habe und daß er, um mich nicht noch mehr einzuengen,
mir nichts weiter davon entziehen wolle.

Ich dankte ihm für seine Gefälligkeit und Freundlichkeit, mit welcher
er mir einen Teil des Tages gewidmet und mir seine Häuslichkeit
gezeigt habe, und wir trennten uns. Ich nahm den Schlüssel aus meiner
Tasche und öffnete mein Zimmer, um einzutreten; ihn aber hörte ich die
Treppe hinabgehen.

Ich blieb nun bis gegen Abend in meinem Gastgemache, teils weil ich
ermüdet war und wirklich einige Ruhe nötig hatte, teils weil ich
meinem Gastfreunde nicht weiter lästig sein wollte.

Am Abende ging ich wieder ein wenig auf die Felder außerhalb des
Gartens hinaus und kam erst zur Speisestunde zurück. Ich hatte bei
dieser Gelegenheit gelernt, mir selber das Gitter zu öffnen und zu
schließen.

Es war kein Gast da, und beim Abendessen wie beim Mittagessen waren
nur mein Gastfreund, Gustav und ich. Die Gespräche waren über
verschiedene gleichgültige Dinge, wir trennten uns bald, ich verfügte
mich auf mein Zimmer, las noch, schrieb, entkleidete mich endlich,
löschte das Licht und begab mich zur Ruhe.


Der nächste Morgen war wieder herrlich und heiter. Ich öffnete
die Fenster, ließ Duft und Luft hereinströmen, kleidete mich an,
erfrischte mich mit reichlichem Wasser zum Waschen, und ehe die Sonne
nur einen einzigen Tautropfen hatte aufsaugen können, stand ich
schon mit meinem Ränzlein auf dem Rücken und mit meinem Hute und dem
Schwarzdornstocke in der Hand im Speisezimmer. Der alte Mann und
Gustav warteten meiner bereits.

Nachdem das Frühmahl verzehrt worden war, wobei ich trotz der
Forderung mein Ränzlein nicht abgelegt hatte, dankte ich noch einmal
für die große Freundlichkeit und Offenheit, mit welcher ich hier
aufgenommen worden war, verabschiedete mich und begab mich auf meinen
Weg.


Der alte Mann und Gustav begleiteten mich bis zum Gittertore des
Gartens. Der Alte öffnete, um mich hinauszulassen, so wie er
vorgestern geöffnet hatte, um mir den Eingang zu gestatten. Beide
gingen mit mir durch das geöffnete Tor hinaus. Als wir auf dem
Sandplatze vor dem Hause, angeweht von dem Dufte der Rosen, standen,
sagte mein Beherberger: »Nun lebt wohl und geht glücklich eures Weges.
Wir kehren durch unser Gitter wieder in unseren Landaufenthalt und zu
unseren Beschäftigungen zurück. Wenn ihr in einer anderen Zeit wieder
in die Nähe kommt und es euch gefällt, uns zu besuchen, so werdet ihr
mit Freundlichkeit aufgenommen werden. Wenn ihr aber gar, ohne daß
euch euer Weg hier vorüberführt, freiwillig zu uns kommt, um uns zu
besuchen, so wird es uns besonders freuen. Es ist keine Redensart,
wenn ich sage, daß es uns freuen würde, ich gebrauche diese
Redensarten nicht, sondern es ist wirklich so. Wenn ihr das einmal
wollt, so lebt in diesem Hause, so lange es euch zusagt, und lebt so
ungebunden als ihr wollt, so wie auch wir so ungebunden leben werden
als wir wollen. Wenn ihr uns die Zeit vorher etwa durch einen Boten
wissen machen könntet, wäre es gut, weil wir, wenn auch nicht oft,
doch manchmal abwesend sind.«

»Ich glaube, daß ihr mich freundlich aufnehmen werdet, wenn ich wieder
komme«, antwortete ich, »weil ihr es sagt und euer Wesen mir so
erscheint, daß ihr nicht eine unwahre Höflichkeit aussprechen würdet.
Ich begreife zwar den Grund nicht, weshalb ihr mich einladet, aber da
ihr es tut, nehme ich es mit vieler Freude an und sage euch, daß ich
im nächsten Sommer, wenn mich auch mein gewöhnlicher Weg nicht hieher
führt, freiwillig in diese Gegend und in dieses Haus kommen werde, um
eine kleine Zeit da zu bleiben.«

»Tut es, und ihr werdet sehen, daß ihr nicht unwillkommen seid«, sagte
er, »wenn ihr auch die Zeit ausdehnt.«

»Ich werde vielleicht das Letztere tun«, antwortete ich, »und so lebet
wohl.«

»Lebt wohl.«

Bei diesen Worten reichte er mir die Hand und drückte sie.

Ich reichte meine Hand, da er sie losgelassen hatte, auch an den
Knaben Gustav, welcher sie annahm, aber nichts sprach, sondern mich
bloß mit seinen Augen freundlich ansah.

Hierauf schieden wir, indem sie durch das Gitter zurückgingen, ich
aber den Hut auf dem Haupte den Weg hinabwandelte, den ich vor zwei
Tagen heraufgegangen war.

Ich fragte mich nun, bei wem ich denn diesen Tag und die zwei Nächte
zugebracht habe. Er hat um meinen Namen nicht gefragt und hat mir den
seinigen nicht genannt. Ich konnte mir auf meine Frage keine Antwort
geben.


Und so ging ich denn nun weiter. Die grünen Ähren gaben jetzt in der
Morgensonne feurige Strahlen, während sie bei meinem Heraufgehen im
Schatten des herandrohenden Gewitters gestanden waren.

Ich sah mich noch einmal um, da ich zwischen den Feldern hinabging,
und sah das weiße Haus im Sonnenscheine stehen, wie ich es schon öfter
hatte stehen gesehen, ich konnte noch den Rosenschimmer unterscheiden
und glaubte, noch das Singen der zahlreichen Vögel im Garten vernehmen
zu können.

Hierauf wendete ich mich wieder um und ging abwärts, bis ich zu der
Hecke und der Einfriedigung der Felder kam, bei der ich vorgestern
von der Straße abgebogen hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, noch
einmal umzusehen. Das Haus stand jetzt nur mehr weiß da, wie ich es
öfter bei meinen Wanderungen gesehen hatte.

Ich ging nun auf der Landstraße in meiner Richtung vorwärts.

Den ersten Mann, welcher mir begegnete, fragte ich, wem das weiße Haus
auf dem Hügel gehöre und wie es hieße.

»Es ist der Aspermeier, dem es gehört«, antwortete der Mann, »ihr seid
ja gestern selber in dem Asperhofe gewesen und seid mit dem Aspermeier
herumgegangen.«

»Aber der Besitzer jenes Hauses ist doch unmöglich ein Meier?« fragte
ich; denn mir war wohlbekannt, daß man in der Gegend jeden größeren
Bauern einen Meier nannte.

»Er ist anfangs nicht der Aspermeier gewesen«, antwortete der Mann,
»aber er hat von dem alten Aspermeier den Asperhof gekauft, und das
Haus hat er gebaut, welches in dem Garten steht und zu dem Asperhof
gehört, und jetzt ist er der Aspermeier; denn der alte ist längst
gestorben.«

»Hat er denn nicht auch einen andern Namen?« fragte ich.

»Nein, wir heißen ihn den Aspermeier«, antwortete er.

Ich sah, daß der Mann nichts Weiteres von meinem Gastfreunde wisse und
sich nicht um denselben gekümmert habe, ich gab daher bei ihm jedes
weitere Forschen auf.

Es begegneten mir noch mehrere Menschen, von denen ich dieselbe
Antwort erhielt. Alle kehrten das Verhältnis um und sagten, das Haus
im Garten gehöre zu dem Asperhofe. Ich beschloß daher, vorläufig jedes
Forschen zu unterlassen, bis ich zu einem Menschen gekommen sein
würde, von dem ich berechtigt war, eine bessere Auskunft zu erwarten.

Da mir aber der Name Aspermeier und Asperhof nicht gefiel, nannte
ich das Haus, in welchem ein solcher Rosendienst getrieben wurde, in
meinem Haupte vorläufig daß Rosenhaus.

Es begegnete mir aber niemand, den ich noch einmal hätte fragen
können.

Ich ließ, da ich so meines Weges weiter wandelte, die Dinge des
letzten Tages in mir vorübergehen. Mich freute es, daß ich in dem
Hause eine so große Reinlichkeit und Ordnung getroffen hatte, wie
ich sie bisher nur in dem Hause meiner Eltern gesehen hatte. Ich
wiederholte, was der alte Mann mir gezeigt und gesagt hatte, und es
fiel mir ein, wie ich mich viel besser hätte benehmen können, wie ich
auf manche Reden bessere Antworten geben und überhaupt viel bessere
Dinge hätte sagen können.


In diesen Betrachtungen wurde ich unterbrochen. Als ich ungefähr
eine Stunde auf dem Wege gewandert war, kam ich an die Ecke des
Buchenwaldes, von dem wir vorgestern abends gesprochen hatten, der zu
den Besitzungen meines Gastfreundes gehört und in welchem ich einmal
eine Gabelbuche gezeichnet hatte. Der Weg geht an dem Walde etwas
steiler hinan und biegt um die Ecke desselben herum. Da ich bis zu
der Biegung gelangt war, kam mir ein Wagen entgegen, welcher mit
eingelegtem Radschuhe langsam die Straße herabfuhr. Er mochte darum
langsamer als gewöhnlich fahren, weil sich diejenigen, welche in ihm
saßen, Vorsicht zum Gesetze gemacht haben konnten. Es saßen nehmlich
in dem offenen und des schönen Wetters willen ganz zurückgelegten
Wagen zwei Frauengestalten, eine ältere und eine jüngere. Beide hatten
Schleier, welche von den Hüten über die Schultern niedergingen. Die
ältere hatte den Schleier über das Angesicht gezogen, welches aber
doch, da der Schleier weiß war, ein wenig gesehen werden konnte. Die
jüngere hatte den Schleier zu beiden Seiten des Angesichts zurückgetan
und zeigte dieses Angesicht der Luft. Ich sah sie beide an und
zog endlich zu einer höflichen Begrüßung meinen Hut. Sie dankten
freundlich, und der Wagen fuhr vorüber. Ich dachte mir, da der Wagen
immer tiefer über den Berg hinabging, ob denn nicht eigentlich das
menschliche Angesicht der schönste Gegenstand zum Zeichnen wäre.

Ich sah dem Wagen noch nach, bis er durch die Biegung des Weges
unsichtbar geworden war. Dann ging ich an dem Waldrande vorwärts und
aufwärts.

Nach drei Stunden kam ich auf einen Hügel, von welchem ich in die
Gegend zurücksehen konnte, aus der ich gekommen war. Ich sah mit
meinem Fernrohre, das ich aus dem Ränzlein genommen hatte, deutlich
den weißen Punkt des Hauses, in welchem ich die letzten zwei Nächte
zugebracht hatte, und hinter dem Hause sah ich die duftigen Berge. Wie
war nun der Punkt so klein in der großen Welt.

Ich kam bald in den Ort, in welchem ich, da ich bisher nirgends
angehalten hatte, mein Mittagsmahl einzunehmen gesonnen war, obwohl
die Sonne bis zum Scheitel noch einen kleinen Bogen zurückzulegen
hatte.

Ich fragte in dem Orte wieder um den Besitzer des weißen Hauses und
beschrieb dasselbe und seine Lage, so gut ich konnte. Man nannte mir
einen Mann, der einmal in hohen Staatsämtern gestanden war; man nannte
mir aber zwei Namen, den Freiherrn von Risach und einen Herrn Morgan.
Ich war nun wieder ungewiß wie vorher.

Am andern Tage morgens kam ich in den Gebirgszug, welcher das Ziel
meiner Wanderung war und in welchen ich von dem anderen Gebirgszuge
durch einen Teil des flachen Landes überzusiedeln beschlossen hatte.
Am Mittage kam ich in dem Gasthofe an, den ich mir zur Wohnung
ausgewählt hatte. Mein Koffer war bereits da, und man sagte mir,
daß man mich früher erwartet habe. Ich erzählte die Ursache meiner
verspäteten Ankunft, richtete mich in dem Zimmer, das ich mir
bestellt hatte, ein und begab mich an die Geschäfte, welche in diesem
Gebirgsteile zu betreiben ich mir vorgesetzt hatte.



Der Besuch

Ich blieb ziemlich lange in meinem neuen Aufenthaltsorte. Es
entwickelte sich aus den Arbeiten ein Weiteres und Neues und hielt
mich fest. Ich drang später noch tiefer in das Gebirgstal ein
und begann Dinge, die ich mir für diesen Sommer gar nicht einmal
vorgenommen hatte.

Im späten Herbste kehrte ich zu den Meinigen zurück. Es erging mir auf
dieser Reise, wie es mir auf jeder Heimreise ergangen war. Als ich das
Gebirge verließ, waren die Bergahornblätter und die der Birken und
Eschen nicht nur schon längst abgefallen, sondern sie hatten auch
bereits ihre schöne gelbe Farbe verloren und waren schmutzig schwarz
geworden, was nicht mehr auf die Kinder der Zweige erinnerte, die sie
im Sommer gewesen waren, sondern auf die befruchtende Erde, die sie
im Winter für den neuen Nachwuchs werden sollten; die Bewohner der
Bergtäler und der Halden, die wohl gelegentlich in jeder Jahreszeit
Feuer machen, unterhielten es schon den ganzen Tag in ihrem Ofen,
um sich zu wärmen, und an heiteren Morgen glänzte der Reif auf den
Bergwiesen und hatte bereits das Grün der Farrenkräuter in ein dürres
Rostbraun verwandelt: da ich aber in die Ebene gelangt war und die
Berge mir am Rande derselben nur mehr wie ein blauer Saum erschienen,
und da ich endlich gar auf dem breiten Strome zu unserer Hauptstadt
hinabfuhr, umfächelten mich so weiche und warme Lüfte, daß ich meinte,
ich hätte die Berge zu früh verlassen. Es war aber nur der Unterschied
der Himmelsbeschaffenheit in dem Gebirge und in den entfernten
Niederungen. Als ich das Schiff verlassen hatte und an den Toren
meiner Heimatstadt angekommen war, trugen die Akazien noch ihr Laub,
warmer Sonnenschein legte sich auf die Umfassungsmauern und auf die
Häuser, und schöngekleidete Menschen lustwandelten in den Stunden
des Nachmittages. Die liebliche rötliche und dunkelblaue Farbe
der Weintrauben, die man an dem Tore und auf dem Platze innerhalb
desselben feil bot, brachte mir manchen freundlichen und fröhlichen
Herbsttag meiner Kindheit in Erinnerung.

Ich ging die gerade Gasse entlang, ich bog in ein paar Nebenstraßen
und stand endlich vor dem wohlbekannten Vorstadthause mit dem Garten.

Da ich die Treppe hinangegangen war, da ich die Mutter und die
Schwester gefunden hatte, war die erste Frage nach Gesundheit und
Wohlbefinden aller Angehörigen. Es war alles im besten Stande, die
Mutter hatte auch meine Zimmer ordnen lassen, alles war abgestaubt,
gereinigt und an seinem Platze, als hätte man mich gerade an diesem
Tage erwartet.

Nach einem kurzen Gespräche mit der Mutter und der Schwester kleidete
ich mich, ohne meinen Koffer zu erwarten, von meinen zurückgelassenen
Kleidern auf städtische Weise an, um in die Stadt zu gehen und den
Vater zu begrüßen, der noch auf seiner Handelsstube war. Das Gewimmel
der Leute in den Gassen, das Herumgehen geputzter Menschen in den
Baumgängen des grünen Platzes zwischen der Stadt und den Vorstädten,
das Fahren der Wägen und ihr Rollen auf den mit Steinwürfeln
gepflasterten Straßen und endlich, als ich in die Stadt kam, die
schönen Warenauslagen und das Ansehnliche der Gebäude befremdeten und
beengten mich beinahe als ein Gegensatz zu meinem Landaufenthalte;
aber ich fand mich nach und nach wieder hinein, und es stellte sich
als das Langgewohnte und Allbekannte wieder dar. Ich ging nicht zu
meinen Freunden, an deren Wohnung ich vorüberkam, ich ging nicht in
die Buchhandlung, in der ich manche Stunde des Abends zuzubringen
gewohnt war und die an meinem Wege lag, sondern ich eilte zu meinem
Vater. Ich fand ihn an dem Schreibtische und grüßte ihn ehrerbietig
und wurde auch von ihm auf das Herzlichste empfangen. Nach kurzer
Unterredung über Wohlbefinden und andere allgemeine Dinge sagte er,
daß ich nach Hause gehen möchte, er habe noch Einiges zu tun, werde
aber bald nachkommen, um mit der Mutter, der Schwester und mir den
Abend zuzubringen.

Ich ging wieder gerades Weges nach Hause. Dort machte ich einen Gang
durch den Garten, sprach einige liebkosende Worte zu dem Hofhunde, der
mich mit Heulen und Freudensprüngen begrüßte, und brachte dann noch
eine Weile bei der Mutter und der Schwester zu. Hierauf ging ich in
alle Zimmer unserer Wohnung, besonders in die mit den alten Geräten,
den Büchern und Bildern. Sie kamen mir beinahe unscheinbar vor.


Nach einiger Zeit kam auch der Vater. Es war heute in dem Stübchen, in
welchem die alten Waffen hingen und um welches der Epheu rankte, zum
Abendessen aufgedeckt worden. Man hatte sogar bis gegen Abend die
Fenster offen lassen können. Da während meines Ganges in die Stadt
mein Koffer und meine Kisten von dem Schiffe gekommen waren, konnte
ich die Geschenke, welche ich von der Reise mitgebracht hatte, in das
Stübchen schaffen lassen: für die Mutter einige seltsame Töpfe und
Geschirre, für den Vater ein Amonshorn von besonderer Größe und
Schönheit, andere Marmorstücke und eine Uhr aus dem siebenzehnten
Jahrhunderte, und für die Schwester das gewöhnliche Edelweiß,
getrockneten Enzian, ein seidenes Bauertüchlein und silberne
Brustkettlein, wie man sie in einigen Teilen des Gebirges trägt. Auch
was man mir als Geschenke vorbereitet hatte, kam in das Stüblein:
von der Mutter und Schwester verfertigte Arbeiten, darunter eine
Reisetasche von besonderer Schönheit, dann sämtliche Arten guter
Bleifedern, nach den Abstufungen der Härte in einem Fache geordnet,
besonders treffliche Federkiele, glattes Papier, und von dem Vater ein
Gebirgsatlas, dessen ich schon einige Male Erwähnung getan und den
er für mich gekauft hatte. Nachdem alles mit Freuden gegeben und
empfangen worden war, setzte man sich zu dem Tische, an dem wir
heute Abend nur allein waren, wie es nach und nach bei jeder meiner
Zurückkünfte nach einer längeren Abwesenheit der Gebrauch geworden
war. Es wurden die Speisen aufgetragen, von denen die Mutter
vermutete, daß sie mir die liebsten sein könnten. Die Vertraulichkeit
und die Liebe ohne Falsch, wie man sie in jeder wohlgeordneten Familie
findet, tat mir nach der längeren Vereinsamung außerordentlich wohl.


Als die ersten Besprechungen über alles, was zunächst die Angehörigen
betraf und was man in der jüngsten Zeit erlebt hatte, vorüber waren,
als man mir den ganzen Gang des Hauswesens während meiner Abwesenheit
auseinandergesetzt hatte, mußte ich auch von meiner Reise erzählen.
Ich erklärte ihren Zweck und sagte, wo ich gewesen sei und was ich
getan habe, ihn zu erreichen. Ich erwähnte auch des alten Mannes und
erzählte, wie ich zu ihm gekommen sei, wie gut ich von ihm aufgenommen
worden sei und was ich dort gesehen habe. Ich sprach die Vermutung
aus, daß er, seiner Sprache nach zu urteilen, aus unserer Stadt sein
könnte. Mein Vater ging seine Erinnerungen durch, konnte aber auf
keinen Mann kommen, der dem von mir beschriebenen ähnlich wäre. Die
Stadt ist groß, meinte er, es könnten da viele Leute gelebt haben,
ohne daß er sie hätte kennen lernen können. Die Schwester meinte,
vielleicht hätte ich ihn auch der Umgebung zufolge, in welcher ich ihn
gefunden habe, schon in einem anderen und besonderen Lichte gesehen
und in solchem dargestellt, woraus er schwerer zu erkennen sei. Ich
entgegnete, daß ich gar nichts gesagt habe, als was ich gesehen hätte
und was so deutlich sei, daß ich es, wenn ich mit Farben besser
umzugehen wüßte, sogar malen könnte. Man meinte, die Zeit werde die
Sache wohl aufklären, da er mich auf einen zweiten Besuch eingeladen
habe und ich gewiß nicht anstehen werde, denselben abzustatten. Daß
ich ihn nicht geradezu um seinen Namen gefragt habe, billigten alle
meine Angehörigen, da er weit mehr getan, nehmlich mich aufgenommen
und beherbergt habe, ohne um meinen Namen oder um meine Herkunft zu
forschen.

Der Vater erkundigte sich im Laufe des Gespräches genauer nach manchen
Gegenständen in dem Hause des alten Mannes, deren ich Erwähnung getan
hatte, besonders fragte er nach den Marmoren, nach den alten Geräten,
nach den Schnitzarbeiten, nach den Bildsäulen, nach den Gemälden und
den Büchern.

Die Marmore konnte ich ihm fast ganz genau beschreiben, die alten
Geräte beinahe auch. Der Vater geriet über die Beschreibung in
Bewunderung und sagte, es würde für ihn eine große Freude sein, einmal
solche Dinge mit eigenen Augen sehen zu können. Über Schnitzarbeiten
konnte ich schon weniger sagen, über die Bücher auch nicht viel, und
das wenigste, beinahe gar nichts, über Bildsäulen und Gemälde. Der
Vater drang auch nicht darauf und verweilte nicht lange bei diesen
letzteren Gegenständen - die Mutter meinte, es wäre recht schön, wenn
er sich einmal aufmachte, eine Reise in das Oberland unternähme und
die Sachen bei dem alten Manne selber ansähe. Er sitze jetzt immer
wieder zu viel in seiner Schreibstube, er gehe in letzter Zeit auch
alle Nachmittage dahin und bleibe oft bis in die Nacht dort. Eine
Reise würde sein Leben recht erfrischen, und der alte Mann, der
den Sohn so freundlich aufgenommen habe, würde ihn gewiß herzlich
empfangen und ihm als einem Kenner seine Sammlungen noch viel lieber
zeigen als einem andern. Wer weiß, ob er nicht gar auf dieser Reise
das eine oder andere Stück für seine Altertumszimmer erwerben könnte.
Wenn er immer warte, bis die dringendsten Geschäfte vorüber wären
und bis er sich mehr auf die jüngeren Leute in seiner Arbeitsstube
verlassen könne, so werde er gar nie reisen; denn die Geschäfte seien
immer dringend, und sein Mißtrauen in die Kräfte der jüngeren Leute
wachse immer mehr, je älter er werde und je mehr er selber alle Sachen
allein verrichten wolle.

Der Vater antwortete, er werde nicht nur schon einmal reisen,
sondern sogar eines Tages sich in den Ruhestand setzen und keine
Handelsgeschäfte weiter vornehmen.

Die Mutter erwiderte, daß dies sehr gut sein und daß ihr dieser Tag
wie ein zweiter Brauttag erscheinen werde.

Ich mußte dem Vater nun auch die einzelnen Holzgattungen angeben, aus
denen die verschiedenen Geräte in dem Rosenhause eingelegt seien,
aus denen die Fußböden bestanden, und endlich aus welchen geschnitzt
würde. Ich tat es so ziemlich gut, denn ich hatte bei der Betrachtung
dieser Dinge an meinen Vater gedacht und hatte, mir mehr gemerkt, als
sonst der Fall gewesen sein würde. Ich mußte ihm auch beschreiben, in
welcher Ordnung diese Hölzer zusammengestellt seien, welche Gestalten
sie bildeten und ob in der Zusammenstellung der Linien und Farben
ein schöner Reiz liege. Ebenso mußte ich ihm auch noch mehr von den
Marmorarten erzählen, die in dem Gange und in dem Saale wären, und
mußte darstellen, wie sie verbunden wären, welche Gattungen an
einander grenzten und wie sie sich dadurch abhöben. Ich nahm häufig
ein Stück Papier und die Bleifeder zur Hand, um zu versinnlichen,
was ich gesehen hätte. Er tat auch weitere Fragen, und durch ihre
zweckmäßige Aufeinanderfolge konnte ich mehr beantworten, als ich mir
gemerkt zu haben glaubte.

Als es schon spät geworden war, mahnte die Mutter zur Ruhe, wir
trennten uns von dem Waffenhäuschen und begaben uns zu Bette.

Am anderen Tage begann ich meine Wohnung für den Winter einzurichten.
Ich packte nach und nach die Sachen, welche ich von meiner Reise
mitgebracht hatte, aus, stellte sie nach gewohnter Art und Weise auf
und suchte sie in die vorhandenen einzureihen. Diese Beschäftigung
nahm mehrere Tage in Anspruch.


Am ersten Sonntage nach meiner Ankunft war ein Bewillkommungsmahl.
Alle Leute von dem Handelsgeschäfte meines Vaters waren besonders
eingeladen worden, und es wurden bessere Speisen und besserer Wein
auf den Tisch gesetzt. Auch die zwei alten Leute, die in dem dunkeln
Stadthause unsere Wohnungsnachbarn gewesen waren, sind zu diesem Mahle
geladen worden, weil sie mich sehr lieb hatten und weil die Frau
gesagt hatte, daß aus mir einmal große Dinge worden würden. Diese
Mahle waren schon seit ein paar Jahren Sitte, und die alten Leute
waren jedesmal Gäste dabei.

Als ich mit dem Hauptsächlichsten in der Anordnung meiner Zimmer
fertig war, besuchte ich auch meine Freunde in der Stadt und brachte
wieder manche Abenddämmerung in der Buchhandlung zu, welche mir ein
lieber Aufenthalt geworden war. Wenn ich durch die Gassen der Stadt
ging, war es mir, als hätte ich das, was ich von dem alten Manne
wußte, in einem Märchenbuche gelesen; wenn ich aber wieder nach Hause
kam und in die Zimmer mit den altertümlichen Gegenständen und mit
den Bildern ging, so war er wieder wirklich und paßte hieher als
Vergleichsgegenstand.

Die Spuren, welche mit einer Ankunft nach einer längeren Reise in
einer Wohnung immer unzertrennlich verbunden sind, namentlich wenn man
von dieser Reise viele Gegenstände mitgebracht hat, welche geordnet
werden müssen, waren endlich aus meinem Zimmer gewichen, meine Bücher
standen und lagen zum Gebrauche bereit, und meine Werkzeuge und
Zeichnungsgerätschaften waren in der Ordnung, wie ich sie für den
Winter bedurfte. Dieser Winter war aber auch schon ziemlich nahe. Die
letzten schönen Spätherbsttage, die unserer Stadt so gerne zu Teil
werden, waren vorüber, und die neblige, nasse und kalte Zeit hatte
sich eingestellt.

In unserem Hause war während meiner Abwesenheit eine Veränderung
eingetreten. Meine Schwester Klotilde, welche bisher immer ein Kind
gewesen war, war in diesem Sommer plötzlich ein erwachsenes Mädchen
geworden. Ich selber hatte mich bei meiner Rückkehr sehr darüber
verwundert, und sie kam mir beinahe ein wenig fremd vor.

Diese Veränderung brachte für den kommenden Winter auch eine
Veränderung in unser Haus. Unser Leben war für die Hauptstadt eines
großen Reiches bisher ein sehr einfaches und beinah ländliches
gewesen. Der Kreis der Familien, mit denen wir verkehrten, hatte keine
große Ausdehnung gehabt, und auch da hatten sich die Zusammenkünfte
mehr auf gelegentliche Besuche oder auf Spiele der Kinder im Garten
beschränkt. Jetzt wurde es anders. Zu Klotilden kamen Freundinnen,
mit deren Eltern wir in Verbindung gewesen waren, diese hatten wieder
Verwandte und Bekannte, mit denen wir nach und nach in Beziehungen
gerieten. Es kamen Leute zu uns, es wurde Musik gemacht, vorgelesen,
wir kamen auch zu anderen Leuten, wo man sich ebenfalls mit Musik und
ähnlichen Dingen unterhielt. Diese Verhältnisse übten aber auf unser
Haus keinen so wesentlichen Einfluß aus, daß sie dasselbe umgestaltet
hätten. Ich lernte außer den Freunden, die ich schon hatte und an
deren Art und Weise ich gewöhnt war, noch neue kennen. Sie hatten
meistens ganz andere Bestrebungen als ich und schienen mir in den
meisten Dingen überlegen zu sein. Sie hielten mich auch für besonders,
und zwar zuerst darum, weil die Art der Erziehung in unserem Hause
eine andere gewesen war als in anderen Häusern, und dann, weil ich
mich mit anderen Dingen beschäftigte als auf die sie ihre Wünsche
und Begierden richteten. Ich vermutete, daß sie mich wegen meiner
Sonderlichkeit geringer achteten als sich unter einander selbst.

Sie erwiesen meiner Schwester große Aufmerksamkeiten und suchten ihr
zu gefallen. Die jungen Leute, welche in unser Haus kommen durften,
waren nur lauter solche, deren Eltern zu uns eingeladen waren, die wir
auch besuchten und an deren Sitten sich kein Bedenken erhob. Meine
Schwester wußte nicht, daß ihr die Männer gefallen sollten, und sie
achtete nicht darauf. Ich aber kam in jenen Tagen, wenn mir einfiel,
daß meine Schwester einmal einen Gatten haben werde, immer auf den
nehmlichen Gedanken, daß dies kein anderer Mann sein könne als der so
wäre wie der Vater.

Auch mich zogen diese jungen Männer und andere, die nicht eben der
Schwester willen in das Haus kamen, öfter in ihre Gespräche; sie
erzählten mir von ihren Ansichten, Bestrebungen, Unterhaltungen und
manche vertrauten mir Dinge, welche sie in ihrem geheimen Inneren
dachten. So sagte mir einmal einer namens Preborn, welcher der Sohn
eines alten Mannes war, der ein hohes Amt am Hofe bekleidete und öfter
in unser Haus kam, die junge Tarona sei die größte Schönheit der
Stadt, sie habe einen Wuchs, wie ihn niemand von der halben Million
der Einwohner der Stadt habe, wie ihn nie irgend jemand gehabt habe,
und wie ihn keine Künstler alter und neuer Zeit darstellen könnten.
Augen habe sie, welche Kiesel in Wachs verwandeln und Diamanten
schmelzen könnten. Er liebe sie mit solcher Heftigkeit, daß er manche
Nacht ohne Schlaf auf seinem Lager liege oder in seiner Stube herum
wandle. Sie lebe nicht hier, komme aber öfter in die Stadt, er werde
sie mir zeigen, und ich müsse ihm als Freund in seiner Lage beistehen.

Ich dachte, daß vieles in diesen Worten nicht Ernst sein könne. Wenn
er das Mädchen so sehr liebe, so hätte er es mir oder einem andern gar
nicht sagen sollen, auch wenn wir Freunde gewesen wären. Freunde waren
wir aber nicht, wenn man das Wort in der eigentlichen Bedeutung nimmt,
wir waren es nur, wie man es in der Stadt mit einer Redeweise von
Leuten nennt, die einander sehr bekannt sind und mit einander öfter
umgehen. Und endlich konnte er ja keinen Beistand von mir erwarten,
der ich in der Art mit Menschen umzugehen nicht sehr bewandert war und
in dieser Hinsicht weit unter ihm selber stand.

Ich besuchte zuweilen auch den einen oder den anderen dieser jungen
Leute außer der Zeit, in der wir in Begleitung unserer Eltern
zusammenkamen, und da war ebenfalls öfter von Mädchen die Rede. Sie
sagten, wie sie diese oder jene lieben, sich vergeblich nach ihr
sehnen oder von ihr Zeichen der Gegenneigung erhalten hätten. Ich
dachte, das sollten sie nicht sagen; und wenn sie eine mutwillige
Bemerkung über die Gestalt oder das Benehmen eines Mädchens
ausdrückten, so errötete ich, und es war mir, als wäre meine Schwester
beleidigt worden.

Ich ging nun öfter in die Stadt und betrachtete aufmerksamer den alten
Bau unseres Erzdomes. Seit ich die Zeichnungen von Bauwerken in dem
Rosenhause so genau und in solcher Menge angesehen hatte, waren mir
die Bauwerke nicht mehr so fremd wie früher. Ich sah sie gerne an, ob
sie irgend etwas Ähnliches mit den Gegenständen hätten, die ich in den
Zeichnungen gesehen hatte. Auf meiner Reise von dem Rosenhause in das
Gebirgstal, in welchem ich mich später aufgehalten hatte, und von
diesem Gebirgstale bis zu dem Schiffe, das mich zur Heimreise
aufnehmen sollte, war mir nichts besonders Betrachtenswertes
vorgekommen. Nur einige Wegsäulen sehr alter Art erinnerten an die
reinen und anspruchlosen Gestalten, wie ich sie bei dem Meister auf
dem reinen Papier mit reinen Linien gesehen hatte. Aber in der Nische
der einen Wegsäule war statt des Standbildes, das einst darinnen
gewesen war und auf welches der Sockel noch hinwies, ein neues Gemälde
mit bunten Farben getan worden, in der anderen fehlte jede Gestalt.
Auf meiner Stromesfahrt kam ich wohl an Kirchen und Burgen vorüber,
die der Beachtung wert sein mochten, aber mein Zweck führte mich in
dem Schiffe weiter. An dem Erzdome sah ich beinahe alle Gestalten von
Verzierungen, Simsen, Bögen, Säulen und größeren Teilwerken, wie ich
sie auf dem Papier im Rosenhause gesehen hatte. Es ergötzte mich, in
meiner Erinnerung diese Gestalten mit den gesehenen zu vergleichen und
sie gegenseitig abzuschätzen.


Auch in Beziehung der Edelsteine fiel mir das ein, was der alte Mann
in dem Rosenhause über die Fassung derselben gesagt hatte. Es gab
Gelegenheit genug, gefaßte Edelsteine zu sehen. In unzähligen
Schaufenstern der Stadt liegen Schmuckwerke zur Ansicht und zur
Verlockung zum Kaufe aus. Ich betrachtete sie überall, wo sie mir auf
meinem Wege aufstießen, und ich mußte denken, daß der alte Mann recht
habe. Wenn ich mir die Zeichnungen von Kreuzen, Rosen, Sternen,
Nischen und dergleichen Dingen an mittelalterlichen Baugegenständen,
wie ich sie im Rosenhause gesehen hatte, vergegenwärtigte, so waren
sie viel leichter, zarter und, ich möchte den Ausdruck gebrauchen,
inniger als diese Sachen hier, und waren doch nur Teile von Bauwerken,
während diese Schmuck sein sollten. Mir kam wirklich vor, daß sie, wie
er gesagt hatte, unbeholfen in Gold und unbeholfen in den Edelsteinen
seien. Nur bei einigen Vorkaufsorten, die als die vorzüglichsten
galten, fand ich eine Ausnahme. Ich sah, daß dort die Fassungen sehr
einfach waren, ja daß man, wenn die Edelsteine einmal eine größere
Gestalt und einen höheren Wert annahmen, schier gar keine Fassung
mehr machte, sondern nur so viel von Gold oder kleinen Diamanten
anwendete, als unumgänglich nötig schien, die Dinge nehmen und an dem
menschlichen Körper befestigen zu können. Mir schien dieses schon
besser, weil hier die Edelsteine allein den Wert und die Schönheit
darstellen sollten. Ich dachte aber in meinem Herzen, daß die
Edelsteine, wie schön sie auch seien, doch nur Stoffe wären, und daß
es viel vorzüglicher sein müßte, wenn man sie, ohne daß ihre Schönheit
einen Eintrag erhielte, doch auch mit einer Gestalt umgäbe, welche
außer der Lieblichkeit des Stoffes auch den Geist des Menschen sehen
ließe, der hier tätig war und an dem man Freude haben könnte. Ich nahm
mir vor, wenn ich wieder zu meinem alten Gastfreunde käme, mit ihm
über die Sache zu reden. Ich sah, daß ich in dem Rosenhause etwas
Ersprießliches gelernt hatte.

Ich wurde bei jener Gelegenheit zufällig mit dem Sohne eines
Schmuckhändlers bekannt, welcher als der vorzüglichste in der Stadt
galt. Er zeigte mir öfter die wertvolleren Gegenstände, die sie in dem
Verkaufsgewölbe hatten, die aber nie in einem Schaufenster lagen, er
erklärte mir dieselben und machte mich auf die Merkmale aufmerksam, an
denen man die Schönheit der Edelsteine erkennen könne. Ich getraute
mir nie, meine Ansichten über die Fassung derselben darzulegen. Er
versprach mir, mich näher in die Kenntnis der Edelsteine einführen,
und ich nahm es recht gerne an.

Weil ich durch meine Gebirgswanderungen an viele Bewegung gewöhnt war,
so ging ich alle Tage entweder durch Teile der Stadt herum, oder ich
machte einen Weg in den Umgebungen derselben. Das Zuträgliche der
starken Gebirgsluft ersetzte nur hier die Herbstluft, die immer rauher
wurde, und ich ging ihr sehr gerne entgegen, wenn sie mit Nebeln
gefüllt oder hart von den Bergen her wehte, die gegen Westen die
Umgebungen unserer Stadt säumten.

Ich fing auch in jener Zeit an, das Theater zuweilen zu besuchen.
Der Vater hatte, so lange wir Kinder waren, nie erlaubt, daß wir
ein Schauspiel zu sehen bekämen. Er sagte, es würde dadurch die
Einbildungskraft der Kinder überreizt und überstürzt, sie behingen
sich mit allerlei willkürlichen Gefühlen und gerieten dann in
Begierden oder gar Leidenschaften. Da wir mehr herangewachsen waren,
was bei mir schon seit längerer Zeit, bei der Schwester aber kaum
seit einem Jahre der Fall war, durften wir zu seltenen Zeiten das
Hoftheater besuchen. Der Vater wählte zu diesen Besuchen jene Stücke
aus, von denen er glaubte, daß sie uns angemessen wären und unser
Wesen förderten. In die Oper oder gar in das Ballet durften wir
nie gehen, eben so wenig durften wir ein Vorstadttheater besuchen.
Wir sahen auch die Aufführung eines Schauspiels nie anders als in
Gesellschaft unserer Eltern. Seit ich selbstständig gestellt war,
hatte ich auch die Freiheit, nach eigener Wahl die Schauspielhäuser
zu besuchen. Da ich mich aber mit wissenschaftlichen Arbeiten
beschäftigte, hatte ich nach dieser Richtung hin keinen mächtigen Zug.
Aus Gewohnheit ging ich manchmal in eines von den nehmlichen Stücken,
die ich schon mit den Eltern gesehen hatte. In diesem Herbste wurde es
anders. Ich wählte zuweilen selber ein Stück aus, dessen Aufführung im
Hoftheater ich sehen wollte.

Es lebte damals an der Hofbühne ein Künstler, von dem der Ruf sagte,
daß er in der Darstellung des Königs Lear von Shakespeare das Höchste
leiste, was ein Mensch in diesem Kunstzweige zu leisten im Stande
sei. Die Hofbühne stand auch in dem Rufe der Musteranstalt für ganz
Deutschland. Es wurde daher behauptet, daß es in deutscher Sprache auf
keiner deutschen Bühne etwas gäbe, was jener Darstellung gleich käme,
und ein großer Kenner von Schauspieldarstellungen sagte in seinem
Buche über diese Dinge von dem Darsteller des Königs Lear auf unserer
Hofbühne, daß es unmöglich wäre, daß er diese Handlung so darstellen
könnte, wie er sie darstellte, wenn nicht ein Strahl jenes wunderbaren
Lichtes in ihm lebte, wodurch dieses Meisterwerk erschaffen und mit
unübertrefflicher Weisheit ausgestattet worden ist.

Ich beschloß daher, da ich diese Umstände erfahren hatte, der nächsten
Vorstellung des König Lear auf unserer Hofbühne beizuwohnen.


Eines Tages war in den Zeitungen, die täglich zu dem Frühmahle
des Vaters kamen, für die Hofbühne die Aufführung des König Lear
angekündigt und als Darsteller des Lear der Mann genannt, von dem ich
gesprochen habe und der jetzt schon dem Greisenalter entgegen geht.
Die Jahreszeit war bereits in den Winter hinein vorgerückt. Ich
richtete meine Geschäfte so ein, daß ich in der Abendzeit den Weg
zu dem Hoftheater einschlagen konnte. Da ich gerne das Treiben der
Stadt ansehen wollte, wie ich auf meinen Reisen die Dinge im Gebirge
untersuchte, ging ich früher fort, um langsam den Weg zwischen der
Vorstadt und der Stadt zurück zu legen. Ich hatte einen einfachen
Anzug angelegt, wie ich ihn gerne auf Spaziergängen hatte, und eine
Kappe genommen, die ich bei meinen Reisen trug. Es fiel ein feiner
Regen nieder, obwohl es in der unteren Luft ziemlich kalt war. Der
Regen war mir nicht unangenehm, sondern eher willkommen, wenn er mir
auch auf meinen Anzug fiel, an dem nicht viel zu verderben war. Ich
schritt seinem Rieseln mit Gemessenheit entgegen. Der Weg zwischen den
Bäumen auf dem freien Raume vor der Stadt war durch das Eis, welches
sich bildete, gleichsam mit Glas überzogen, und die Leute, welche vor
und neben mir gingen, glitten häufig aus. Ich war an schwierige Wege
gewöhnt und ging auf der Mitte der Eisbahn ohne Beschwerde fort.
Die Zweige der Bäume glänzten in der Nachbarschaft der brennenden
Laternen, sonst war es überall finstere Nacht, und der ganze Raum und
die Mauern der Stadt waren in ihrer Dunkelheit verborgen. Als ich von
dem Gehwege in die Fahrstraße einbog, rasselten viele Wägen an mir
vorüber, und die Pferde zerstampften und die Räder zerschnitten die
sich bildende Eisdecke. Die meisten von ihnen, wenn auch nicht alle,
fuhren in das Theater. Mir kam es beinahe sonderbar vor, daß sie und
ich selber in diesem unfreundlichen Wetter einem Raume zustrebten, in
welchem eine erlogene Geschichte vorgespiegelt wird. So kam ich in die
erleuchtete Überwölbung, in der die Wägen hielten, ich wendete mich
von ihr in den Eingang, kaufte meine Karte, steckte meine Kappe in die
Tasche meines Überrocks, gab diesen in das Kleiderzimmer und trat in
den hellen ebenerdigen Raum des Darstellungssaales. - Ich hatte von
meinem Vater die Gewohnheit angenommen, nie von oben herab oder
von großer Entfernung die Darstellung eines Schauspieles zu sehen,
weil man den Menschen, welche die Handlung darstellen, in ihrer
gewöhnlichen Stellung nicht auf die obere Fläche ihres Kopfes oder
ihrer Schultern sehen soll und weil man ihre Mienen und Geberden
soll betrachten können. Ich blieb daher ungefähr am Ende des ersten
Drittteiles der Länge des Raumes stehen und wartete, bis sich der Saal
füllen würde und die Glocke zum Beginne des Stückes tönte.

Sowohl die gewöhnlichen Sitze als auch die Logen füllten sich sehr
stark mit geputzten Leuten, wie es Sitte war, und wahrscheinlich von
dem Rufe des Stückes und des Schauspielers angezogen strömte heute
eine weit größere und gemischtere Menge, wie man bei dem ersten Blicke
erkennen konnte, in diese Räume. Männer, die neben mir standen,
sprachen dieses aus, und in der Tat war in der Versammlung manche
Gestalt zu sehen, die von den entferntesten Teilen der Vorstädte
gekommen sein mußte. Die meisten, da endlich gleichsam Haupt an Haupt
war, blickten neugierig nach dem Vorhange der Bühne.

Es war damals nicht meine Gewohnheit, und ist es jetzt auch noch
nicht, in überfüllten Räumen die Menge der Menschen, die Kleider, den
Putz, die Lichter, die Angesichter und dergleichen zu betrachten.
Ich stand also ruhig, bis die Musik begann und endete, bis sich der
Vorhang hob und das Stück den Anfang nahm.

Der König trat ein und war, wie er später von sich sagte, jeder Zoll
ein König. Aber er war auch ein übereilender und bedaurungswürdiger
Tor. Regan, Goneril und Cordelia redeten, wie sie nach ihrem Gemüte
reden mußten, auch Kent redete so, wie er nicht anders konnte. Der
König empfing die Reden, wie er nach seinem heftigen, leichtsinnigen
und doch liebenswürdigen Gemüte ebenfalls mußte. Er verbannte die
einfache Cordelia, die ihre Antwort nicht schmücken konnte, der er
desto heftiger zürnte, da sie früher sein Liebling gewesen war, und
gab sein Reich den beiden anderen Töchtern, Regan und Goneril, die
ihm auf seine Frage, wer ihn am meisten liebe, mit übertriebenen
Ausdrücken schmeichelten und ihm dadurch, wenn er der Betrachtung
fähig gewesen wäre, schon die Unechtheit ihrer Liebe dartaten, was
auch die edle Cordelia mit solchem Abscheu erfüllte, daß sie auf die
Frage, wie _sie_ den Vater liebe, weniger zu antworten wußte, als sie
vielleicht zu einer anderen Zeit, wo das Herz sich freiwillig öffnete,
gesagt hätte. Gegen Kent, der Cordelia verteidigen wollte, wütete er
und verbannte ihn ebenfalls, und so sieht man bei dieser heftigen und
kindischen Gemütsart des Königs üblen Dingen entgegen.

Ich kannte dieses Schauspiel nicht und war bald von dem Gange der
Handlung eingenommen.

Der König wohnt nun mit seinen hundert Rittern im ersten Monate bei
der einen Tochter, um im zweiten dann bei der anderen zu sein und
so abwechselnd fortzufahren, wie es bedungen war. Die Folgen dieser
schwachen Maßregel zeigten sich auch im Lande. In dem hohen Hause
Glosters empört sich ein unehelicher Sohn gegen den Vater und den
rechtmäßigen Bruder und ruft unnatürliche Dinge in die Welt, da auch
in des Königs Hause unnatürliche und unzweckmäßige Dinge geschahen. In
dem Hofhalte der Tochter und in der in diesen Hofhalt eingepflanzten
zweiten Hofhaltung des Königs und seiner hundert Ritter entstehen
Anstände und Widrigkeiten, und die Entgegnungen der Tochter gegen das
Tun des Königs und seines Gefolges sind sehr begreiflich, aber fast
unheimlich. Beinahe herzzerreißend ist nun die treuherzige, fast blöde
Zuversicht des Königs, womit er die eine Tochter, die mit schnöden
Worten seinen Handlungen entgegen getreten war, verläßt, um zu der
anderen, sanfteren zu gehen, die ihn mit noch härterem Urteile
abweist. Sein Diener ist hier in den Stock geschlagen, er selber
findet keine Aufnahme, weil man nicht vorbereitet ist, weil man die
andere Schwester erwartet, die man aufnehmen muß, man rät dem König,
zu der verlassenen Tochter zurückzukehren und sich ihren Maßregeln zu
fügen. Bei dem Könige war vorher blindes Vertrauen in die Töchter,
Übereilung im Urteile gegen Cordelia, Leichtsinn in Vergebung der
Würden: jetzt entsteht Reue, Scham, Wut und Raserei. Er will nicht
zu der Tochter zurückkehren, eher geht er in den Sturm und in das
Ungewitter auf die Haide hinaus, die gegen ihn wüten dürfen, denen er
ja nichts geschenkt hat. Er tritt in die Wüste bei Nacht, Sturm und
Ungewitter, der Greis gibt die weißen Haare den Winden preis, da
er auf der Haide vorschreitet, von niemandem begleitet als von dem
Narren, er wirft den Mantel in die Luft, und da er sich in Ausdrücken
erschöpft hat, weiß er nichts mehr als die Worte - Lear! Lear! Lear!
aber in diesem einzigen Worte liegt seine ganze vergangene Geschichte
und liegen seine ganzen gegenwärtigen Gefühle. Er wirft sich später
dem Narren an die Brust und ruft mit Angst: Narr, Narr! ich werde
rasend - ich möchte nicht rasend werden - nur nicht toll! Da er die
drei letzten Worte milder sagte, gleichsam bittend, so flossen mir
die Tränen über die Wangen herab, ich vergaß die Menschen herum und
glaubte die Handlung als eben geschehend. Ich stand und sah unverwandt
auf die Bühne. Der König wird nun wirklich toll, er kränzt sich in den
Tagen nach jener Sturmnacht mit Blumen, schwärmt auf den Hügeln und
Haiden und hält mit Bettlern einen hohen Gerichtshof. Es ist indessen
schon Botschaft an seine Tochter Cordelia getan worden, daß Regan
und Goneril den Vater schnöd behandeln. Diese war mit Heeresmacht
gekommen, um ihn zu retten. Man hatte ihn auf der Haide gefunden, und
er liegt nun im Zelte Cordelias und schläft. Während der letzten Zeit
ist er in sich zusammengesunken, er ist, während wir ihn so vor uns
sahen, immer älter, ja gleichsam kleiner geworden. Er hatte lange
geschlafen, der Arzt glaubt, daß der Zustand der Geisteszerrüttung nur
in der übermannenden Heftigkeit der Gefühle gelegen war und daß sich
sein Geist durch die lange Ruhe und den erquickenden Schlaf wieder
stimmen werde. Der König erwacht endlich, blickt die Frau an, hat
nicht den Mut, die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen,
und sagt im Mißtrauen auf seinen Geist mit Verschämtheit, er halte
diese fremde Frau für sein Kind Cordelia. Da man ihn sanft von der
Wahrheit seiner Vorstellung überzeugt, gleitet er ohne Worte von dem
Bette herab und bittet knieend und händefaltend sein eigenes Kind
stumm um Vergebung. Mein Herz war in dem Augenblicke gleichsam
zermalmt, ich wußte mich vor Schmerz kaum mehr zu fassen. Das hatte
ich nicht geahnt, von einem Schauspiele war schon längst keine Rede
mehr, das war die wirklichste Wirklichkeit vor mir. Der günstige
Ausgang, welchen man den Aufführungen dieses Stückes in jener Zeit
gab, um die fürchterlichen Gefühle, die diese Begebenheit erregt, zu
mildern, tat auf mich keine Wirkung mehr, mein Herz sagte, daß das
nicht möglich sei, und ich wußte beinahe nicht mehr, was vor mir und
um mich vorging. Als ich mich ein wenig erholt hatte, tat ich fast
scheu einen Blick auf meine Umgebung, gleichsam um mich zu überzeugen,
ob man mich beobachtet habe. Ich sah, daß alle Angesichter auf die
Bühne blickten und daß sie in starker Erregung gleichsam auf den
Schauplatz hingeheftet seien. Nur in einer ebenerdigen Loge sehr nahe
bei mir saß ein Mädchen, welches nicht auf die Darstellung merkte,
sie war schneebleich, und die Ihrigen waren um sie beschäftigt. Sie
kam mir unbeschreiblich schön vor. Das Angesicht war von Tränen
übergossen, und ich richtete meinen Blick unverwandt auf sie. Da die
bei ihr Anwesenden sich um und vor sie stellten, gleichsam um sie vor
der Betrachtung zu decken, empfand ich mein Unrecht und wendete die
Augen weg.

Das Stück war indessen aus geworden, und um mich entstand die Unruhe,
die immer mit dem Fortgehen aus einem Schauspielhause verbunden ist.
Ich nahm mein Taschentuch heraus, wischte mir die Stirne und die Augen
ab und richtete mich zum Fortgehen. Ich ging in das Kleiderzimmer,
holte mir meinen Überrock und zog ihn an. Als ich in den Vorsaal kam,
war dort ein sehr starres Gedränge, und da er mehrere Ausgänge hatte,
wogten die Menschen vielfach hin und her. Ich gab mich einem größeren
Zuge hin, der langsam bei dem Hauptausgange ausmündete. Plötzlich war
es mir, als ob sich meinen Blicken, die auf den Ausgang gerichtet
waren, ganz nahe etwas zur Betrachtung aufdrängte. Ich zog sie zurück,
und in der Tat hatte ich zwei große, schöne Augen den meinigen
gegenüber, und das Angesicht des Mädchens aus der ebenerdigen Loge war
ganz nahe an dem meinigen. Ich blickte sie fest an, und es war mir,
als ob sie mich freundlich ansähe und mir lieblich zulächelte. Aber in
dem Augenblicke war sie vorüber. Sie war mit einem Menschenstrome aus
dem Logengange gekommen, dieser Strom hatte unseren Zug gekreuzt und
strebte bei einem Seitenausgange hinaus. Ich sah sie nur noch von
rückwärts und sah, daß sie in einen schwarzseidenen Mantel gehüllt
war. Ich war endlich auch bei dem Hauptausgange hinaus, kommen. Dort
zog ich erst meine Kappe aus der Tasche des Überrockes, setzte sie auf
und blieb noch einen Augenblick stehen und sah den abfahrenden Wägen
nach, die ihre roten Laternenlichter in die trübe Nacht hinaustrugen.
Es regnete noch viel dichter als bei meinem Hereingehen. Ich schlug
den Weg nach Hause ein. Ich gelangte aus den fahrenden Wägen,
ich gelangte aus dem größeren Strome der Menschen und bog in den
vereinsamteren Weg ein, der im Freien durch die Reihen der Bäume der
Vorstadt zuführte. Ich schritt neben den düsteren Laternen vorbei, kam
wieder in die Gassen der Vorstadt, durchging sie und war endlich in
dem Hause meiner Eltern.

Es war beinahe Mitternacht geworden. Die Mutter, welche es sich bei
solchen Gelegenheiten nicht nehmen läßt, besonders auf die Gesundheit
der Ihrigen bedacht zu sein, war noch angekleidet und wartete meiner
im Speisezimmer. Die Magd, welche mir die Wohnung geöffnet hatte,
sagte mir dieses und wies mich dahin. Die Mutter hatte noch ein
Abendessen für mich in Bereitschaft und wollte, daß ich es einnehme.
Ich sagte ihr aber, daß ich noch zu sehr mit dem Schauspiele
beschäftigt sei und nichts essen könne. Sie wurde besorgt und sprach
von Arznei. Ich erwiderte ihr, daß ich sehr wohl sei und daß mir gar
nichts als Ruhe not tue.

»Nun, wenn dir Ruhe not tut, so ruhe«, sagte sie, »ich will dich nicht
zwingen, ich habe es gut gemeint.«

»Gut gemeint wie immer, teure Mutter«, antwortete ich, »darum danke
ich auch.«

Ich ergriff ihre Hand und küßte sie. Wir wünschten uns gegenseitig
eine gute Nacht, nahmen Lichter und begaben uns auf unsere Zimmer.

Ich entkleidete mich, legte mich auf mein Bett, löschte die Lichter
aus und ließ mein heftiges Herz nach und nach in Ruhe kommen. Es war
schon beinahe gegen Morgen, als ich einschlief.

Das erste, was ich am andern Tage tat, war, daß ich den Vater um die
Werke Shakespeares aus seiner Büchersammlung bat und sie, da ich sie
hatte, in meinem Zimmer zur Lesung für diesen Winter zurecht legte.
Ich übte mich wieder im Englischen, damit ich sie nicht in einer
Übersetzung lesen müsse.

Als ich im vergangenen Sommer von meinem alten Gastfreunde Abschied
genommen hatte und an dem Saume seines Waldes auf der Landstraße dahin
ging, waren mir zwei in einem Wagen fahrende Frauen begegnet. Damals
hatte ich gedacht, daß das menschliche Angesicht der beste Gegenstand
für das Zeichnen sein dürfte. Dieser Gedanke fiel mir wieder ein, und
ich suchte mir Kenntnisse über das menschliche Antlitz zu verschaffen.
Ich ging in die kaiserliche Bildersammlung und betrachtete dort alle
schönen Mädchenköpfe, welche ich abgemalt fand. Ich ging öfter hin und
betrachtete die Köpfe. Aber auch von lebenden Mädchen, mit denen ich
zusammentraf, sah ich die Angesichter an, ja ich ging an trockenen
Wintertagen auf öffentliche Spaziergänge und sah die Angesichter der
Mädchen an, die ich traf. Aber unter allen Köpfen, sowohl den gemalten
als auch den wirklichen, war kein einziger, der ein Angesicht
gehabt hätte, welches sich an Schönheit nur entfernt mit dem hätte
vergleichen können, welches ich an dem Mädchen in der Loge gesehen
hatte. Dieses eine wußte ich, obwohl ich mir das Angesicht eigentlich
gar nicht mehr vorstellen konnte und obwohl ich es, wenn ich es
wieder gesehen hätte, nicht erkannt hätte. Ich hatte es in einer
Ausnahmsstellung gesehen, und im ruhigen Leben mußte es gewiß ganz
anders sein.

Mein Vater hatte ein Bild, auf welchem ein lesendes Kind gemalt war.
Es hatte eine so einfache Miene, nichts war in derselben als die
Aufmerksamkeit des Lesens, man sah auch nur die eine Seite des
Angesichtes, und doch war alles so hold. Ich versuchte das Angesicht
zu zeichnen; allein ich vermochte durchaus nicht die einfachen Züge,
von denen noch dazu das Auge nicht zu sehen war, sondern durch das Lid
beschattet wurde, auch nur entfernt mit Linien wieder zu geben. Ich
durfte mir das Bild herabnehmen, ich durfte ihm eine Stellung geben,
wie ich wollte, um die Nachahmung zu versuchen; sie gelang nicht,
wenn ich auch alle meine Fertigkeit, die ich im Zeichnen anderer
Gegenstände bereits hatte, darauf anwendete.

Der Vater sagte mir endlich, daß die Wirkung dieses Bildes vorzüglich
in der Zartheit der Farbe liege, und daß es daher nicht möglich sei,
dieselbe in schwarzen Linien nachzuahmen. Er machte mich überhaupt,
da er meine Bestrebungen sah, mehr mit den Eigenschaften der Farben
bekannt, und ich suchte mich auch in diesen Dingen zu unterrichten und
zu üben.

Sonderbar war es, daß ich nie auf den Gedanken kam, meine Schwester
zu betrachten, ob ihre Züge zum Nachzeichnen geeignet wären, oder den
Wunsch hegte, ihr Angesicht zu zeichnen, obgleich es in meinen Augen
nach dem des Mädchens in der Loge das schönste auf der Welt war. Ich
hatte nie den Mut dazu. Oft kam mir auch jetzt noch der Gedanke, so
schön und rein wie Klotilde könne doch nichts mehr auf der Erde sein;
aber da fielen mir die Züge des weinenden Mädchens ein, das die
Ihrigen zu beruhigen gestrebt hatten und von dem ich mir einbildete,
daß es mich im Vorsaale des Theaters freundlich angeblickt habe, und
ich mußte sie vorziehen. Ich konnte sie mir zwar nicht vorstellen;
aber es schwebte mir ein unbestimmtes, dunkles Bild von Schönheit vor
der Seele. Die Freundinnen meiner Schwester oder andere Mädchen, mit
denen ich gelegentlich zusammen kam, hatten manche liebe, angenehme
Eigenschaften in ihrem Angesichte, ich betrachtete sie und dachte mir,
wie dieses oder jenes zu zeichnen wäre; aber ich mochte sie ebenfalls
nie ersuchen, und so kam ich nicht dazu, ein lebendes, vor mir
befindliches Angesicht zu zeichnen. Ich wiederholte also die Züge in
der Erinnerung oder zeichnete nach Gemälden. Man machte mich endlich
auch darauf aufmerksam, daß ich immer Mädchenköpfe entwerfe. Ich war
beschämt und begann später Männer, Greise, Frauen, ja auch andere
Teile des Körpers zu zeichnen, so weit ich sie in Vorlagen oder
Gipsabgüssen bekommen konnte.

Trotz dieser Bestrebungen, welchen nach dem Grundsatze unseres Hauses
kein Hindernis in den Weg gelegt wurde, vernachlässigte ich meine
Hauptbeschäftigung doch nicht. Es tat mir sehr wohl, zu Hause unter
meinen Sammlungen herum zu gehen, ich dachte oft an die Worte des
alten Mannes in dem Rosenhause, und im Gegensatze zu den Festen,
zu denen ich geladen war, oder selbst zu Spaziergängen und
Geschäftsbesuchen war mir meine Wohnung wie eine holde,
bedeutungsvolle Einsamkeit, die mir noch lieber wurde, weil ihre
Fenster auf Gärten und wenig geräuschvolle Gegenden hinausgingen.


Die Heiterkeiten wurden in der Stadt immer größer, je näher der Winter
seinem Ende zuging, und ich hatte in dieser Hinsicht und oft auch in
anderer mehr Ursache und Pflicht, zu dieser oder jener Familie einen
Gang zu tun.

Bei einer solchen Gelegenheit ereignete sich mit mir ein Vorfall, der
mich nach dem Beiwohnen bei der Aufführung des Lear in jenem Winter am
meisten beschäftigte.

Wir waren seit Jahren mit einer Familie sehr befreundet, welche in
der Hofburg wohnte. Es war die Wittwe und Tochter eines berühmten
Mannes, der einmal in großem Ansehen gestanden war. Da der Vater ein
bedeutendes Hofamt bekleidet hatte, wurde die Tochter nach seinem
Tode auch ein Hoffräulein, weshalb sie mit der Mutter in der Burg
wohnte. Von den Söhnen war einer in der Armee, der andere bei einer
Gesandtschaft. Wenn das Fräulein nicht eben im Dienste war, wurde
zuweilen abends ein kleiner Kreis zur Mutter geladen, in welchem etwas
vorgelesen, gesprochen oder Musik gemacht wurde. Da die Mutter etwas
älter wurde, spielte man sogar zuweilen Karten. Wir waren öfter an
solchen Abenden bei dieser Familie. In jenem Winter hatte ich ein
Buch, welches mir von der Mutter des Hoffräuleins war geliehen worden,
länger behalten, als es eigentlich die Höflichkeit erlaubte. Deshalb
ging ich eines Mittags hin, um das Buch persönlich zu überbringen und
mich zu entschuldigen. Als ich von dem äußeren Burgplatze durch das
hohe Gewölbe des Gehweges in den inneren gekommen war, fuhren eben
aus dem Hofe zu meiner Rechten mehrere Wägen heraus, die meinen Weg
kreuzten und mich zwangen, eine Weile stehen zu bleiben. Es standen
noch mehrere Menschen neben mir, und ich fragte, was diese Wägen
bedeuteten.

»Es sind Glückwünsche, welche dem Kaiser nach seiner Wiedergenesung
von großen Herren abgestattet worden sind und welche er eben
angenommen hatte«, sagte ein Mann neben mir.

Der letzte der Wägen war mit zwei Rappen bespannt, und in ihm saß ein
einzelner Mann. Er hatte den Hut neben sich liegen und trug die weißen
Haare frei in der winterlichen Luft. Der Überrock war ein wenig offen,
und unter ihm waren Ordenssterne sichtbar. Als der Wagen bei mir
vorüberfuhr, sah ich deutlich, daß mein alter Gastfreund, der mich in
dem Rosenhause so wohlwollend aufgenommen hatte, in demselben sitze.
Er fuhr schnell vorbei, wie es bei Wägen dieser Art Sitte ist, und
schlug die Richtung nach der Stadt ein. Er fuhr bei dem Tore aus der
Burg, an welchem die zwei Riesen als Simsträger angebracht sind. Ich
wollte jemand von meinen Nachbaren fragen, wer der Mann sei; aber da
von den Wägen, welche die Fußgänger aufgehalten hatten, der seinige
der letzte gewesen und der Weg sodann frei war, so waren alle
Nachbaren bereits ihrer Wege gegangen, und diejenigen, welche jetzt
neben mir waren, hatten die Wägen nicht in der Nähe gesehen.

Ich ging daher über den Hof und stieg, über die sogenannte
Reichskanzleitreppe empor.

Ich traf die alte Frau allein, übergab ihr das Buch und sagte meine
Entschuldigungen.

Im Verlaufe des Gespräches erwähnte ich des Mannes, den ich in dem
Wagen gesehen hatte und fragte, ob sie nicht wisse, wer er sei. Sie
wußte von gar nichts.

»Ich habe nicht bei den Fenstern hinabgeschaut«, sagte sie, »es geht
Vieles auf dem großen Hofe vor, ich achte nicht darauf. Ich habe gar
nicht gewußt, daß bei dem Kaiser eine Vorfahrt gewesen ist, er war
vorgestern noch nicht ganz gesund. Da mein Mann noch lebte, haben wir
immer die Aussicht auf den großen Platz der Hofburg gehabt, und wie
bedeutende Dinge da auch vorgehen, so wiederholen sich doch immer die
nehmlichen, wenn man viele Jahre zuschaut; und endlich schaut man gar
nicht mehr zu und hat herinnen ein Buch oder sein Strickzeug, wenn
draußen in das Gewehr gerufen wird, oder Reiter zu hören sind, oder
Wagen rollen.«

»Wer ist denn von denen, die in der Aufwartung bei dem Kaiser
wegfuhren, in dem letzten Wagen gesessen, Henriette?« fragte sie ihre
eben eintretende Tochter, das Hoffräulein.

»Das ist der alte Risach gewesen«, antwortete diese, »er ist eigens
hereingekommen, um sich Seiner Majestät vorzustellen und seine Freude
über dessen Wiedergenesung auszudrücken.«


Ich hatte in meiner Jugend öfter den Namen Risach nennen gehört,
allein ich hatte damals so wenig darauf geachtet, was ein Mann, dessen
Namen ich hörte, tue, daß ich jetzt gar nicht wußte, wer dieser Risach
sei, Ich fragte daher mit jener Rücksicht, die man bei solchen Fragen
immer beobachtet, und erfuhr, daß der Freiherr von Risach zwar nicht
die höchsten Staatswürden bekleidet habe, daß er aber in der wichtigen
und schmerzlichen Zeit des nunmehr auch alternden Kaisers in den
belangreichsten Dingen tätig gewesen sei, daß er mit den Männern,
welche die Angelegenheiten Europas leiteten, an der Schlichtung
dieser Angelegenheiten gearbeitet habe, daß er von fremden Herrschern
geschätzt worden sei, daß man gemeint habe, er werde einmal an die
Spitze gelangen, daß er aber dann ausgetreten sei. Er lebe meistens
auf dem Lande, komme aber öfter herein und besuche diesen oder jenen
seiner Freunde. Der Kaiser achte ihn sehr, und es dürfte noch jetzt
vorkommen, daß hie und da nach seinem Rate gefragt werde. Er soll
reich geheiratet, aber seine Frau wieder verloren haben. Überhaupt
wisse man diese Verhältnisse nicht genau.

Alles dieses hatte mir das Hoffräulein gesagt.

»Siehst du, meine liebe Henriette«, sprach die alte Frau, »wie sich
die Dinge in der Welt verändern. Du weißt es noch nicht, weil du noch
jung bist und weil du nichts erfahren hast. Das Niedrige wird hoch,
das Hohe wird niedrig, Eines wird so, das Andere wird anders, und ein
Drittes bleibt bestehen. Dieser Risach ist sehr oft in unser Haus
gekommen. Da uns der Vater noch zuweilen in dem alten Doktorwagen, den
er hatte, und der dunkelgrün und schwarz angestrichen war, spazieren
fahren ließ, ist er nicht einmal, sondern oft auf dem Kutschbocke
gesessen, oder er ist gar, wenn wir im Freien fuhren und uns die Leute
nicht sehen konnten, hinten aufgestanden wie ein Leibdiener, denn der
Wagen des Vaters hat ein Dienerbrett gehabt. Wir waren kaum anders
als Kinder, er war ein junger Student, der wenig Bekanntschaft hatte,
dessen Herkunft man nicht wußte und um den man auch nicht fragte. Wenn
wir in dem Garten auf dem Landhause waren, sprang er mit den Brüdern
auf den hölzernen Esel, oder sie jagten die Runde in das Wasser oder
setzten unsere Schaukel in Bewegung. Er brachte deinen Vater zu meinen
Brüdern als Kameraden in das Haus. Man wußte damals kaum, wer schöner
gewesen sei, Risach oder dein Vater. Aber nach einer Zeit wurde Risach
weniger gesehen, ich weiß nicht warum, es vergingen manche Jahre, und
ich trat mit deinem Vater in den heiligen Stand der Ehe. Die Brüder
waren als Staatsdiener zerstreut, die Eltern waren endlich tot, von
Risach wurde oft gesprochen, aber wir kamen wenig zusammen. Der Vater
begann seine Tätigkeit hauptsächlich erst dann, als Risach schon
ausgetreten war. Da sitze ich jetzt nun wieder, aber in einem anderen
Teile der Burg, dein Vater hat die Erde verlassen müssen, du bist
nicht einmal mehr ein Kind, dienst deiner hohen, gütigen Herrin, und
da von Risach die Rede war, meinte ich, es seien kaum einige Jahre
vergangen, seit er die Schaukel in unserem Garten bewegt hat.«

Ich fragte, ob nicht Risach eine Besitzung im Oberlande habe.

Man sagte mir, daß er dort eine habe.

Ich wollte nicht weiter fragen, um nicht die ganze Darlegung meiner
Einkehr in diesem Sommer machen zu müssen.

Als ich aber nach Hause gekommen war, erzählte ich die heutige
Begegnung meinen Angehörigen bei dem Mittagessen. Der Vater kannte den
Freiherrn von Risach sehr gut. Er war in früherer Zeit mehrere Male
mit ihm zusammengekommen, hatte ihn aber jetzt schon lange nicht
gesehen. Als Anhaltspunkte, daß mein Beherberger in dem Rosenhause der
Freiherr von Risach gewesen sei, dienten, daß ich ihn, wenn mich nicht
in der Schnelligkeit des Fahrens eine Ähnlichkeit getäuscht hat,
selber gesehen habe, daß er im Oberlande eine Besitzung hat, daß er
wohlhabend sei, was mein Beherberger sein müsse, und daß er hohe
Geistesgaben besitze, die mein Beherberger auch zu haben scheine.
Man beschloß, in dieser Sache nicht weiter zu forschen, da mein
Beherberger mir seinen Namen nicht freiwillig genannt habe, und die
Dinge so zu belassen, wie sie seien.

Außer diesen zwei Begebenheiten, die wenigstens für mich von Bedeutung
waren, ereignete sich nichts in jenem Winter, was meine Aufmerksamkeit
besonders in Anspruch genommen hätte. Ich war viel beschäftigt, mußte
oft Stunden der Nacht zu Hilfe nehmen, und so ging mir der Winter weit
schneller vorüber, als es in früheren Jahren der Fall gewesen war. Im
allgemeinen aber befriedigten mich besonders die Hilfsmittel, die eine
große Stadt zur Ausbildung gibt und die man sonst nicht leicht findet.

Als die Tage schon länger wurden, als die eigentliche Stadtlust schon
aufgehört hatte und die stillen Wochen der Fastenzeit liefen, fragte
ich eines Tages Preborn, weshalb er mir denn die Gräfin Tarona nicht
gezeigt habe, die er so liebe, die so schön sein soll, und zu deren
Gewinnung er meinen Beistand angerufen habe.

»Erstens ist sie keine Gräfin«, antwortete er mir, »ich weiß nicht
genau ihren Stand, ihr Vater ist tot, und sie lebt in der Gesellschaft
einer reichen Mutter; aber das weiß ich, daß sie nicht von Adel ist,
was mir sehr zusagt, da ich es auch nicht bin - und zweitens ist sie
und ihre Mutter in diesem Winter nicht in die Stadt gekommen. Das
ist die Ursache, daß ich sie dir nicht zeigen konnte und daß du
Gelegenheit fandest, einen Spott gegen mich zu richten. Du mußt sie
aber vorerst sehen. Alle, denen heuer Schönheiten gesagt worden sind,
alle, die man gerühmt hat, alle, die geblendet haben, sind nichts, ja
sie sind noch weniger als nichts gegen sie.«

Ich antwortete ihm, daß ich nicht spotten, sondern die Sache einfach
habe sagen wollen.


Wie sich der Frühling immer mehr näherte, rüstete ich mich zu meiner
Reise. Ich wollte heuer früher reisen, weil ich mir vorgenommen hatte,
ehe ich in die Berge ginge, einen Besuch in dem Rosenhause zu machen.
Mit jedem Jahre wurden meine Zurüstungen weitläufiger, weil ich
in jedem Jahre mehr Erfahrungen hatte und meine Entwürfe weiter
hinaus gingen. Heuer hatte ich auch beschlossen, umfassendere
Zeichnungswerkzeuge und sogar Farben mitzunehmen. Wie es mit jeder
Gewohnheit ist, war es auch bei mir. Wenn ich mich in jedem Herbste
nach der Häuslichkeit zurück sehnte, war es mir in jedem Frühlinge wie
einem Zugvogel, der in jene Gegenden zurückkehren muß, die er in dem
Herbste verlassen hatte.

Als sich im März in der Stadt schon recht liebliche Tage einstellten,
welche die Menschen in das Freie und auf die Wälle lockten, war ich
mit meinen Vorbereitungen fertig, und nachdem ich von den Meinigen den
gewöhnlichen herzlichen Abschied genommen hatte, reisete ich eines
Morgens ab.

Mir war damals, so wie jetzt noch, jedes Fortfahren von den
Angehörigen in der Nacht sowie das Antreten irgend einer Reise in der
Nacht sehr zuwider. Die Post ging aber damals in das Oberland erst
abends ab, darum fuhr ich lieber in einem Mietwagen. Die Landhäuser
außer der Stadt, welche reichen Bewohnern derselben gehörten, waren
noch im Winterschlafe. Sie waren teilweise in ihren Umhüllungen mit
Stroh oder mit Brettern befangen, was einen großen Gegensatz zu dem
heiteren Himmel und zu den Lerchen machte, welche schon überall
sangen. Ich fuhr nur durch die Ebene. Da ich in den Bereich der Hügel
gelangte, verließ ich den Wagen und setzte meinen Weg nach meiner
gewöhnlichen Art in kurzen Fußreisen fort.

Ich betrachtete wieder überall die Bauwerke, wo sie mir als
betrachtenswert aufstießen. Ich habe einmal irgendwo gelesen, daß der
Mensch leichter und klarer zur Kenntnis und zur Liebe der Gegenstände
gelangt, wenn er Zeichnungen und Gemälde von ihnen sieht, als wenn er
sie selber betrachtet, weil ihm die Beschränktheit der Zeichnung alles
kleiner und vereinzelter zusammen faßt, was er in der Wirklichkeit
groß und mit Genossen vereint erblickt. Bei mir schien sich dieser
Ausspruch zu bestätigen. Seit ich die Bauzeichnungen in dem Rosenhause
gesehen hatte, faßte ich Bauwerke leichter auf, beurteilte sie
leichter, und ich begriff nicht, warum ich früher auf sie nicht so
aufmerksam gewesen war.

Im Oberlande war es noch viel rauher, als ich es in der Stadt
verlassen hatte. Als ich eines Morgens an der Ecke des Buchenwaldes
meines Gastfreundes ankam, in welchem der Alizbach in die Agger fällt,
war noch manches Wässerchen mit einer Eisrinde bedeckt. Da ich das
Rosenhaus erblickte, machte es einen ganz anderen Eindruck als damals,
da ich es als weiße Stelle in dem gesättigten und dunkeln Grün der
Felder und Bäume unter einem schwülen und heißen Himmel gesehen
hatte. Die Felder hatten noch, mit Ausnahme der grünen Streifen der
Wintersaat, die braunen Schollen der nackten Erde, die Bäume hatten
noch kein Knöspchen, und das Weiß des Hauses sah zu mir herüber, als
sähe ich es auf einem schwach veilchenblauen Grunde.

Ich ging auf der Straße in der Nähe von Rohrberg vorüber und kam
endlich zu der Stelle, wo der Feldweg von ihr über den Hügel zu dem
Rosenhause hinaufführt. Ich ging zwischen den Zäunen und nackten
Hecken dahin, ich ging auf der Höhe zwischen den Feldern und stand
dann vor dem Gitter des Hauses. Wie anders war es jetzt. Die Bäume
ragten mit dem schwarzen oder braunlichen Gezweige nackt in die
dunkelblaue Luft. Das einzige Grün waren die Gartengitter. Über die
Rosenbäumchen an dem Hause war eine schöngearbeitete Decke von Stroh
herabgelassen. Ich zog den Glockengriff, ein Mann erschien, der mich
kannte und einließ, und ich wurde zu dem Herrn geführt, der sich eben
in dem Garten befand.

Ich traf ihn in einer Kleidung wie im Sommer, nur daß sie von wärmerem
Stoffe gemacht war. Die weißen Haare hatte er wieder wie gewöhnlich
unbedeckt.

Er schien mir wieder so sehr ein Ganzes mit seiner Umgebung, wie er es
mir im vorigen Sommer geschienen hatte.

Man war damit beschäftigt, die Stämme der Obstbäume mit Wasser und
Seife zu reinigen. Auch sah ich, wie hie und da Arbeiter auf Leitern
neben den Bäumen waren, um die abgestorbenen und überflüssigen Äste
abzuschneiden. Als ich im vorigen Sommer fort gegangen war, hatte
mein Gastfreund gesagt, daß ich meine Wiederkunft vorher durch eine
Botschaft anzeigen möge, damit ich ihn zu Hause treffe. Er hatte
aber wahrscheinlich nicht bedacht, daß dieses Schwierigkeiten habe,
indem ich in der Regel selber nicht wissen kann, wie sich durch
Witterungsverhältnisse oder andere Umstände meine Vorhaben zu ändern
gezwungen sein dürften. Ich habe ihm also eine Botschaft nicht
geschickt und ihn auf meine Gefahr hin überrascht. Er aber nahm mich
so freundlich auf, da er mich auf sich zuschreiten sah, wie er mich
bei dem vorigjährigen Aufenthalte in seinem Hause freundlich behandelt
hat.

Ich sagte, er möge es sich selber zuschreiben, daß ich ihn schon so
früh im Jahre in seinem Hause überfalle; er habe mich so wohlwollend
eingeladen, und ich habe mir es nicht versagen können, hieher zu
kommen, ehe die Täler und die Fußwege in dem Gebirge so frei wären,
daß ich meine Beschäftigungen in ihnen anfangen könnte.

»Wir haben eine ganze Reihe von Gastzimmern, wie ihr wißt«, sagte er,
»wir sehen Gäste sehr gerne, und ihr seid gewiß kein unlieber unter
ihnen, wie ich euch schon im vergangenen Sommer gesagt habe.«

Er wollte mich in das Haus geleiten, ich sagte aber, daß ich heute
erst drei Stunden gegangen sei, daß meine Kräfte sich noch in sehr
gutem Zustande befänden und daß er erlauben möge, daß ich hier bei ihm
in dem Garten bleibe. Ich bitte ihn nur um das einzige, daß er mein
Ränzlein und meinen Stock in mein Zimmer tragen lasse.

Er nahm das silberne Glöcklein, das er bei sich trug, aus der Tasche
und läutete. Der Klang war selbst im Freien sehr durchdringend, und
es erschien auf ihn eine Magd aus dem Hause, welcher er auftrug, mein
Ränzlein, das ich mittlerweile abgenommen hatte, und meinen Stock, den
ich ihr darreichte, in mein Zimmer zu tragen. Er gab ihr noch ferner
einige Weisungen, was in dem Zimmer zu geschehen habe.


Ich fragte nach Gustav, ich fragte nach dem Zeichner in dem
Schreinerhause, und ich fragte sogar nach dem weißen alten Gärtner
und seiner Frau. Gustav sei gesund, erhielt ich zur Antwort, er
vervollkommne sich an Geist und Körper. Er sei eben in seiner
Arbeitsstube beschäftigt, er werde sich gewiß sehr freuen, mich zu
sehen. Der Zeichner lebe fort wie früher und sei sehr eifrig, und
was die Gärtnersleute anbelange, so verändern sich diese schon seit
mehreren Jahren gar nicht mehr und seien heuer wie ich sie im vorigen
Sommer gesehen habe. Ich fragte endlich auch noch nach dem Gesinde,
den Gartenarbeitern und den Meierhofleuten. Sie seien alle ganz
wohl, wurde geantwortet, es sei seit meinem vorjährigen Besuche kein
Krankheitsfall vorgekommen, und es habe auch keines der Leute eine
gründliche Ursache zur Unzufriedenheit gegeben.

Nach mehreren gleichgültigen Gesprächen namentlich über die
Beschaffenheit der Wege, auf denen ich hieher gekommen war, und über
das Vorrücken der Wintersaaten auf den Feldern wendete er sich wieder
mehr der Arbeit, die vor ihm geschah, zu, und auch ich richtete meine
Aufmerksamkeit auf dieselbe. Ich hatte mir einmal, da er mir erzählte,
daß er die Baumstämme waschen lasse, die Sache sehr umständlich
gedacht. Ich sah aber jetzt, daß sie mittelst Doppelleitern und
Brettern sehr einfach vor sich gehe. Mit den langstieligen Bürsten
konnte man in die höchsten Zweige emporfahren, und da die Leute
von der Zweckmäßigkeit der Maßregel fest überzeugt waren und emsig
arbeiteten, so schritt das Werk mit einer von mir nicht geahnten
Schnelligkeit vor. In der Tat, wenn man einen gewaschenen und
gebürsteten Stamm ansah, wie er rein und glatt in der Luft stand,
während sein Nachbar noch rauh und schmutzig war, so meinte man, daß
dem einen sehr wohl sein müsse und daß der andere verdrossen aussehe.
Mir fiel die stolze Äußerung ein, die mein Gastfreund im vergangenen
Sommer zu mir getan hatte, daß ich mir den Stamm jenes Kirschbaumes
ansehen solle, ob seine Rinde nicht aussähe wie feine graue Seide. Sie
war wirklich wie Seide und mußte es gerade immer mehr werden, da sie
in jedem Jahre aufs Neue gepflegt wurde.

Als wir nach einer Weile weiter in den Garten zurückgingen, sah ich
auch noch andere Arbeiten. Die Hecken wurden gebunden und geordnet,
das Dornenreisig zu den Nestern der Vögel unter ihnen hergerichtet,
die Wege von den Schäden des Winters ausgebessert, unter den
Zwergbäumen, die schon beschnitten waren, die Erde gelockert und
bei den schwächeren, welche Stäbe hatten, nachgesehen, ob diese
festhielten und nicht etwa in der Erde abgefault wären. Es wurden
losgegangene Bänder wieder geknüpft, im Gemüsegarten umgegraben,
Fenster an Winterbeeten gelüftet oder zugedeckt, die Pumpen
ausgebessert, mancher Nagel eingeschlagen und endlich hie und da ein
Behältnis für die Vögel gereinigt und befestigt.

Ich verabschiedete mich von meinem Gastfreunde, da er sehr mit der
Leitung der Arbeiten beschäftigt war, und ging allein in dem Garten
herum, in Teilen, in die ich wollte. Die Vögel waren schon zahlreich
da, sie schlüpften durch die laublosen Zweige der Bäume, und es begann
schon hie und da ein Laut oder ein Zwitschern. Besonders lieblich und
hell schallte der Gesang der aufsteigenden Lerchen von den den Garten
umgebenden Feldern herein. Die Vorrichtungen zur Ernährung und
Tränkung der Vögel waren wegen der Blattlosigkeit der Bäume und
Gesträuche mehr sichtbar, auch schaute ich mehr nach ihnen aus als bei
meiner ersten Ankunft, da ich jetzt bereits von ihnen wußte. Ich sah
mehrere zum Aufstecken von Kernen dienende Gitter, von denen mir mein
Gastfreund erzählt hatte.

Ich betrachtete auch die Zweige. Die Knospen der Blätter und der
Blüten waren schon sehr geschwollen und harrten der Zeit, in welcher
sie aufbrechen würden.

Ich stieg bis zu dem großen Kirschbaume empor und sah über den Garten,
über das Haus und auf die Berge. Eine ganz heitere dunkelblaue Luft
war über alles ausgegossen. Dieser schöne Tag, deren es in der
frühen Jahreszeit noch ziemlich wenige gibt, war es auch, der meinen
Gastfreund bewog, so viele Arbeiten in dem Garten zu veranlassen.
Unter der heiteren Luft lag die Erde noch in bedeutender Öde.
Ich wollte auch zu der Felderrast hinüber gehen; allein der Weg,
der am Morgen gefroren gewesen sein mochte, war jetzt weich und
tief durchfeuchtet, daß das Gehen auf ihm sehr unangenehm und
verunreinigend gewesen wäre. Ich sah die dunkeln Wintersaaten und die
nackten Schollen der neben ihnen liegenden Felder eine Weile an und
ging dann wieder hinab.

Ich ging zu den Gärtnerleuten. Mir kam es nicht vor, wie mein
Gastfreund gesagt hatte, daß sie sich nicht verändert hätten. Der Mann
schien mir noch weißer geworden zu sein. Seine Haare unterschieden
sich nicht mehr von der Leinwand. Die Frau aber war unverändert. Sie
mußte von einer sehr reinlichkeitliebenden Familie stammen, weil sie
das Häuschen so nett hielt und den alten Mann so fleckenlos und knapp
heraus kleidete. Er machte mir ganz genau wieder den nehmlichen
Eindruck wie im vergangenen Jahre, als ob er einer ganz anderen
Beschäftigung angehörte.

Da ich von dem Gewächshause gegen die Fütterungstenne ging, begegnete
mir Gustav. Er lief mit einem Rufe auf mich zu und grüßte mich.

Der Knabe hatte sich in kurzer Zeit sehr geändert. Er stand sehr schön
neben mir da, und gegen die rauhe Art der Natur, die noch kein Laub,
kein Gras, keinen Stengel, keine Blume getrieben hatte, sondern der
Jahreszeit gemäß nur die braunen Schollen, die braunen Stämme und die
nackten Zweige zeigte, war er noch schöner; wie ich oft beim Zeichnen
bemerkt hatte, daß zum Beispiele Augen der Tiere in struppigen Köpfen
noch glänzender erschienen und daß feine Kinderangesichtchen, wenn sie
von Pelzwerk umgeben sind, noch feiner aussehen. Ein sanftes Rot war
auf seinen Wangen, braune Haarfülle um die Stirne, und die großen
schwarzen Augen waren wie bei einem Mädchen. Es war, obwohl er sehr
heiter war, fast etwas Trauerndes in ihnen.

Wir gingen dem Platze zu, auf welchem sein Ziehvater beschäftigt war.
Ich erzählte ihm auf dem Wege von meinen Angehörigen; von meiner
Mutter, von meinem Vater und von meiner lieblichen Schwester. Auch
erzählte ich ihm von der Stadt, wie man dort lebe, was sie für
Vergnügungen biete, was sie für Unannehmlichkeiten habe und wie ich in
ihr meine Zeit hinbringe.

Er sagte mir, daß er jetzt schon in die Naturlehre eingerückt sei, daß
ihm der Vater Versuche zeige und daß ihn die Sache sehr freue.

Wir blieben eine Weile bei dem Ziehvater. Gustav zeigte mir allerlei
und machte mich bald auf diese, bald auf jene Veränderung aufmerksam,
welche sich seit meiner früheren Anwesenheit ergeben habe.

Der Mittag vereinigte uns in dem Hause.

Da ich so, da die Speisen erschienen, meinem alten Gastfreunde
gegenüber saß, fiel mir plötzlich auf, was der Mann für schöne Zähne
habe. Sehr dicht, weiß, klein und mit einem feinen Schmelze überzogen
saßen sie in dem Munde, und kein einziger fehlte. Seine Wangen hatten
durch den vielen Aufenthalt in der freien Luft ein gutes und gesundes
Rot, nur seine Haare schienen mir wie bei dem Gärtner noch weißer
geworden zu sein.

Nach dem Essen begab ich mich ein wenig in mein Zimmer. Es war
sehr freundlich hergerichtet worden, und in dem Ofen brannte ein
erwärmendes Feuer.

Nachmittags gingen wir in das Schreinerhaus. Eustach begrüßte mich aus
seiner Stelle tretend sehr heiter, und ich erwiderte seinen Gruß auf
das herzlichste. Auch die andern Arbeiter gaben zu erkennen, daß sie
mich noch kannten. Ich besah zuerst die Dinge nur flüchtig und im
allgemeinen. Der schöne Tisch war sehr weit vorgerückt; aber er war
noch lange nicht fertig. Es waren wieder ein paar neue Erwerbungen
gemacht worden. Man zeigte sie mir und machte mich darauf aufmerksam,
was aus ihnen werden könne. Auch Plane zu selbstständigen Arbeiten
waren wieder gemacht worden, und man legte mir in kurzem die
Grundansichten auseinander. Ich bat Eustach, daß er erlaube, daß ich
ihn während meiner Anwesenheit ein paar Male besuche. Er gestand es
sehr gerne zu.

Nach diesem Besuche machten wir trotz der sehr schlechten Wege einen
weiten Spaziergang. Da ich davon sprach, daß ich schon die Vögel in
dem Garten bemerkt habe, sagte mein Gastfreund: »Wenn ihr länger bei
uns wäret, so würdet ihr jetzt eine ganze Lebensgeschichte dieser
Tiere erfahren. Die Zurückgebliebenen fangen schon an, sich zu
erheitern, die fortgezogen sind, treffen bereits allmählich ein und
werden mit Geschrei empfangen. Sie drängen sich sehr an die Tafel und
sputen sich, bis die in der Fremde erfahrnen Nahrungssorgen verwunden
sind; denn dort werden sie schwerlich einen Brotvater finden, der
ihnen gibt. Von da an werden sie immer inniger und singen täglich
schöner. Dann wird ein Gekose in den Zweigen, und sie jagen sich.
Hieran schließt sich die Häuslichkeit. Sie sorgen für die Zukunft und
schleppen sich mit närrischen Lappen zu dem Nesterbau. Ich lasse ihnen
dann allerlei Fäden zupfen, sie nehmen sie aber nicht immer, sondern
ich sehe manchmal einen, wie er an einem kotigen Halme zerrt. Nun
kömmt die Zeit der Arbeit wie bei uns in den Männerjahren. Da werden
die leichtsinnigen Vögel ernsthaft, sie sind rastlos beschäftigt,
ihre Nachkommen zu füttern, sie zu erziehen und zu unterrichten, daß
sie zu etwas Tüchtigem tauglich werden, namentlich zu der großen
bevorstehenden Reise. Gegen den Herbst kömmt wieder eine freiere Zeit.
Da haben sie gleichsam einen Nachsommer und spielen eine Weile, ehe
sie fort gehen.«

Als wir von dem Spaziergange zurückgekehrt waren und es Abend wurde,
versammelten wir uns an dem Kamine des Speisezimmers, in welchem ein
lustiges Feuer brannte. Auch Eustach wurde herüber geholt, und der
weiße Gärtner mußte kommen und sagen, welche Fortschritte die Pflanzen
in den Winterbeeten und in den Gewächshäusern gemacht hatten. Die
Haushälterin Katharina setzte hie und da ein warmes Getränke auf ein
Tischchen.


Am andern Tage morgens ging ich zu meinem Gastfreunde in das
Fütterungszimmer, um zuzusehen. Er suchte sich alle Gattungen Nahrung
aus den Fächern zurecht, öffnete dann die Fenster und tat das Futter
auf die Brettchen. Er blieb an dem Fenster stehen und ich bei ihm.
Trotzdem kamen die Vögel in Bögen oder geraden Linien herbei geflogen.
Ihn fürchteten sie nicht, weil sie ihn als den Nährvater kannten,
und mich nicht, weil ich bei ihm stand. Sie drängten sich, pickten,
zwitscherten und balgten sich sogar mitunter.

»Ich gebe im späteren Frühlinge und Sommer den Weibchen sehr gerne
noch eine leckere Draufgabe«, sagte er, »weil manches Mal eine
bedrängte Mutter unter ihnen sein kann. Die so hastig und zugleich so
erschreckt fressen, sind Fremde. Sie würden um keinen Preis zu einem
Menschen herzu gehen, wenn sie nicht der bitterste Hunger nötigte. Ich
habe in harten Wintern schon die seltensten Vögel auf diesen Brettern
gesehen.«

Als alles vorüber war und sich keine Gäste mehr einfanden, schloß er
die Fenster.

Ich stieg von da auf den Dachboden des Hauses empor, weil er gesagt
hatte, daß jetzt auch den Hasen außerhalb des Gartens Futter gestreut
würde und daß man sie von da sehen könnte. Sie haben noch nichts als
die karge Wintersaat und Nadelreiser, weshalb man noch nachhelfen
müsse. Da die Magd die Blätter ausgestreut und sich entfernt hatte,
kamen schon Hasen herzu. Ich schraubte ein Fernrohr an einen Balken,
und es war lächerlich anzusehen, worauf mich Gustav aufmerksam machte,
wenn ein riesiger Hase in dem Fernrohre saß, mit schreckhaften Augen
auf das verdächtige Mahl sah und schnell die Lippen bewegte, als fräße
er schon. Da ich auch dies gesehen hatte, stieg ich wieder herunter
und ging mit Gustav in das Zimmer, in welchem die Geräte zur
Naturlehre standen.

Es sollte nun erst das Frühmahl eingenommen werden. Dasselbe wurde
zur Winterszeit immer in dem Zimmer der naturwissenschaftlichen
Gerätschaften genommen, weil man, da man einen Teil des Vormittages
in seinen Zimmern zubrachte, nicht eigens dazu in das Speisezimmer
hinabsteigen wollte und weil in derselben Zeit in den andern
Wohngemächern des alten Mannes, im Arbeitszimmer und Schlafzimmer,
eben aufgeräumt und gelüftet wurde.

Mein Gastfreund erwartete mich und Gustav schon, denn er war nicht mit
uns auf den Dachboden hinauf gestiegen. Das Gemach war sanft erwärmt,
und in der Nähe des Ofens stand ein Tisch, der gedeckt und mit
allen Geräten versehen war, ein angenehmes Frühmahl zu bereiten. Er
stand auf einem freien Raume, um den herum sich die Werkzeuge der
Wissenschaft befanden.

Da wir nach dem Frühmahle nun so saßen, da eine anmutige Wärme das
Zimmer erfüllte, da von dem Widerscheine der ganz schief die Fenster
treffenden Morgensonne das Messing, das Glas und das Holz der
verschiedenartigen Werkzeuge erglänzte, sagte ich zu meinem alten
Gastfreunde: »Es ist seltsam, da ich von eurer Besitzung in die Stadt
und ihre Bestrebungen kam, lag mir euer Wesen hier wie ein Märchen in
der Erinnerung, und nun, da ich hier bin und das Ruhige vor mir sehe,
ist mir dieses Wesen wieder wirklich und das Stadtleben ein Märchen.
Großes ist mir klein, Kleines ist mir groß.«

»Es gehört wohl Beides und Alles zu dem Ganzen, daß sich das Leben
erfülle und beglücke«, antwortete er. »Weil die Menschen nur ein
Einziges wollen und preisen, weil sie, um sich zu sättigen, sich in
das Einseitige stürzen, machen sie sich unglücklich. Wenn wir nur in
uns selber in Ordnung wären, dann würden wir viel mehr Freude an den
Dingen dieser Erde haben. Aber wenn ein Übermaß von Wünschen und
Begehrungen in uns ist, so hören wir nur diese immer an und vermögen
nicht die Unschuld der Dinge außer uns zu fassen. Leider heißen wir
sie wichtig, wenn sie Gegenstände unserer Leidenschaften sind, und
unwichtig, wenn sie zu diesen in keinen Beziehungen stehen, während es
doch oft umgekehrt sein kann.«

Ich verstand dieses Wort damals noch nicht so ganz genau, ich war noch
zu jung und hörte selber oft nur mein eigenes Innere reden, nicht die
Dinge um mich.


Gegen Mittag kam derjenige meiner Koffer, den ich in das Rosenhaus
bestellt hatte. Ich packte ihn aus und zeigte Gustav, der mich
besuchte, manche Bücher, Zeichnungen und andere Dinge, die er
enthielt, und richtete mich in meinem Zimmer häuslich ein.

So gingen nun mehrere Tage dahin.

In diesem Hause war jeder unabhängig und konnte seinem Ziele
zustreben. Nur durch die gemeinsame Hausordnung war man gewissermaßen
zu einem Bande verbunden. Selbst Gustav erschien völlig frei. Das
Gesetz, welches seine Arbeiten regelte, war nur einmal gegeben, es
war sehr einfach, der Jüngling hatte es zu dem seinigen gemacht, er
hatte es dazu machen müssen, weil er verständig war, und so lebte er
darnach.

Gustav bat mich sehr, ich möchte einmal seinem Unterrichte in der
Naturlehre beiwohnen. Ich sagte es meinem Gastfreunde, und dieser
hatte nichts dawider. So war ich dann nicht einmal, sondern mehrere
Male bei diesem Unterrichte zugegen. Mein alter Gastfreund saß in
einem Lehnsessel und erzählte. Er beschrieb eine Erscheinung, er
machte die Erscheinung recht deutlich, zeigte sie, wenn es möglich
war, mit den Vorrichtungen seiner Sammlung oder, wo dies nicht
möglich war, suchte er sie durch Zeichnung oder Versinnbildlichung
darzustellen. Dann erzählte er, auf welchem Wege die Menschen zur
Kenntnis dieser Erscheinung gekommen waren. Wenn er dieses vollendet
hatte, tat er das gleiche mit einer zweiten, verwandten Erscheinung.
Und wenn er nun einen Kreis von zusammengehörigen Erscheinungen, der
ihm hinlänglich schien, ausgeführt hatte, dann hob er dasjenige,
was allen Erscheinungen gleichartig ist, hervor und stellte die
Grunderscheinung oder das Gesetz dar.

Bei diesem Unterrichte, wurde nicht ein gewisses Buch zu Grunde
gelegt, sondern Gustav schrieb später das, was ihm erzählt worden war,
aus dem Gedächtnisse auf, der alte Mann besserte es dann in seiner
Gegenwart aus, und so erhielt der Knabe nicht nur ein Handbuch der
Naturwissenschaft, sondern lernte den Stoff selber schon durch das
Aufschreiben und Ausbessern. Was sich Gustav angeeignet hatte, wurde
zu Zeiten gleichsam in freundlichen Gesprächen durchgenommen. Die
Sprache des Unterrichtes war stets so einfach und klar, daß ich
meinte, ein Kind müsse diese Dinge verstehen können. Mir fiel es
jetzt erst recht auf, wie ungehörig manche Lehrer in der Stadt in
dieser Wissenschaft verfahren, welche sie gewissermaßen in eine
wissenschaftliche Necksprache kleiden, die ein Schüler nicht versteht
und mit welcher sie die Mathematik so in eins verflechten, daß beide
beides nicht sind und ein Ganzes auch nicht darstellen. Ich sah, daß
Gustav auch die Rechnung auf die Naturlehre anwandte, aber wo er es
tat, erkannte ich, daß er es stets mit Sachkenntnis und Klarheit tat,
und daß er immer die Rechnung nicht als Hauptsache, sondern hier
als Dienerin der Natur betrachtete. Ich urteilte aus meinen eigenen
früheren Arbeiten, daß er auch in diesem Fache einen gründlichen
Unterricht erhalten haben mußte. Ich fragte ihn einmal darnach und
erfuhr, daß auch hierin sein Ziehvater sein Lehrer gewesen sei.

Ich besuchte später auch den Unterricht in der Länderkunde. Hier fiel
mir auf, daß gezeichnete Karten gebraucht wurden, welche alle den
nehmlichen Maßstab hatten, so daß Rußland in einer außerordentlich
großen, die Schweiz in einer sehr kleinen Karte dargestellt war.
Mir leuchtete der Zweck dieser Maßregel ein, damit nehmlich
bei der lebhaften jugendlichen Einbildungskraft ein Bild der
Größenverhältnisse dauernd eingeprägt werde. Ich erinnerte mich bei
dieser Gelegenheit einer Wette, die wir Kinder um eine Kleinigkeit
über die Frage abgeschlossen hatten, ob Philadelphia nicht beinahe so
südlich wie Rom liege, was die meisten mit Lachen verneinten. Eine
herbeigebrachte Karte zeigte, daß es südlicher als Neapel liege.

Allgemein sagten damals auch die großen Leute, die zugegen waren,
daß bei Kindern dieser Irrtum, durch die Raumverhältnisse, in denen
unsere gewöhnlichen Karten gezeichnet seien, veranlaßt werden mußte.
Die Karten, welche Gustav gebrauchte, waren von dem Zeichner im
Schreinerhause nach Karten unserer sogenannten Atlasse verfertigt
worden.

Ich fragte meinen Gastfreund, ob Gustav auch Geschichte lerne, worauf
er erwiderte: »Man nimmt sehr häufig mit jungen Schülern gleich
zur Erdbeschreibung auch Geschichte vor; ich glaube aber, daß man
hierin Unrecht tut. Wenn man in der Erdbeschreibung nicht bloß die
geschichtliche Einteilung der Erde und Länder vor Augen hat, was ich
auch für einen Fehler halte, sondern wenn man auf die bleibenden
Gestaltungen der Erde sieht, auf denen sich eben durch ihren Einfluß
verschiedenartige Völker gebildet haben, so ist die Erde ein
Naturgegenstand und Erdbeschreibung zum großen Teile ein Bestandteil
der Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaften sind uns aber viel
greifbarer als die Wissenschaften der Menschen, wenn ich ja Natur und
Menschen gegenüber stellen soll, weil man die Gegenstände der Natur
außer sich hinstellen und betrachten kann, die Gegenstände der
Menschheit aber uns durch uns selber verhüllt sind.

Man sollte meinen, daß das Gegenteil statthaben solle, daß man sich
selber besser als Fremdes kennen solle, viele glauben es auch; aber
es ist nicht so. Tatsachen der Menschheit, ja Tatsachen unseres
eigenen Innern werden uns, wie ich schon einmal gesagt habe, durch
Leidenschaft und Eigensucht verborgen gehalten oder mindestens
getrübt. Glaubt nicht der größte Teil, daß der Mensch die Krone der
Schöpfung, daß er besser als Alles, selbst das Unerforschte sei? Und
meinen die, welche aus ihrem Ich nicht heraus zu schreiten vermögen,
nicht, daß das All nur der Schauplatz dieses Ichs sei, selbst die
unzähligen Welten des ewigen Raumes dazu gerechnet? Und dennoch dürfte
es ganz anders sein. Ich glaube daher, daß Gustav erst nach Erlernung
der Naturwissenschaften zu den Wissenschaften des Menschen übergehen
soll und daß er da ungefähr die Reihe beobachten soll: Körperlehre,
Seelenlehre, Denklehre, Sittenlehre, Rechtslehre, Geschichte. Hierauf
mag er etwas von den Büchern der sogenannten Weltweisheit lesen, dann
aber muß er in das Leben selber hinaus kommen.«

Zum Unterrichte für Gustav waren gewisse Stunden festgesetzt, welche
der alte Mann nie versäumte, andere Stunden waren für die Selbstarbeit
bestimmt, welche Gustav wieder gewissenhaft hielt. Die übrige Zeit war
zu freier Beschäftigung überlassen.

In solchen Zeiten waren wir manches Mal in dem Lesezimmer. Mein
Gastfreund kam auch öfter und gelegentlich auch Eustach oder der eine
und der andere Arbeiter. Für Gustav waren nach der Wahl seines Lehrers
die Bücher, die er lesen durfte, bestimmt. Er benutzte sie fleißig,
ich sah aber nie, daß er nach einem anderen langte. Eustach und die
anderen Leute hatten freie Auswahl, und natürlich ich auch. Da ich
das erste Mal in diesem Hause war, hatte ich es getadelt, daß das
Bücherzimmer von dem Lesezimmer abgesondert sei, es erschien mir
dieses als ein Umweg und eine Weitschweifigkeit. Da ich aber jetzt
länger bei meinem Gastfreunde war, erkannte ich meine Meinung als
einen Irrtum. Dadurch, daß in dem Bücherzimmer nichts geschah, als
daß dort nur die Bücher waren, wurde es gewissermaßen eingeweiht; die
Bücher bekamen eine Wichtigkeit und Würde, das Zimmer ist ihr Tempel,
und in einem Tempel wird nicht gearbeitet. Diese Einrichtung ist auch
eine Huldigung für den Geist, der so mannigfaltig in diesen gedruckten
und beschriebenen Papieren und Pergamentblättern enthalten ist. In dem
Lesezimmer aber wird dann der wirkliche und der freundliche Gebrauch
dieses Geistes vermittelt, und seine Erhabenheit wird in unser
unmittelbares und irdisches Bedürfnis gezogen. Das Zimmer ist auch
recht lieblich zum Lesen. Da scheint die freundliche Sonne herein,
da sind die grünen Vorhänge, da sind die einladenden Sitze und
Vorrichtungen zum Lesen und Schreiben. Selbst daß man jedes Buch nach
dem zeitlichen Gebrauche wieder in das Bücherzimmer an seinem Platz
tragen muß, erschien mir jetzt gut; es vermittelt den Geist der
Ordnung und Reinheit und ist gerade bei Büchern wie der Körper
der Wissenschaft das System. Wenn ich mich jetzt an Bücherzimmer
erinnerte, die ich schon sah, in welchen Leitern, Tische, Sessel,
Bänke waren, auf denen allen etwas lag, seien es Bücher, Papiere,
Schreibzeuge oder gar Geräte zum Abfegen, so erschienen mir solche
Büchersäle wie Kirchen, in denen man mit Trödel wirtschaftet.

Ich ging auch öfter zu Eustach in das Schreinerhaus. An einem der
ersten sehr heiteren Tage nahm ich alle Zeichnungen mit seiner
Erlaubnis heraus und sah sie noch einmal mit großer Muße und
Genauigkeit an. Ich konnte es fast kaum glauben, wie sehr mich meine
Zeichnungsübungen während des vergangenen Winters gefördert hatten.
Ich verstand jetzt Vieles, was ich da vorfand, besser als im Sommer,
und es gefielen mir die meisten Dinge auch mehr. Ich teilte ihm
manches von meinen Zeichnungen mit, namentlich von Zeichnungen von
Pflanzen, deren ich dieses Mal eine größere Anzahl in meinem Koffer
mitgebracht hatte.

Bei meiner ersten Anwesenheit hatte ich in dem Ränzchen nur einige
Schriften, ein Fernrohr und andere Sachen getragen, die in ein so
kleines Behältnis gehen, Zeichnungen aber nicht. Er hatte eine
Freude an diesen Dingen; aber sonderbar war es anzusehen, wie er die
Pflanzenzeichnungen nicht als Pflanzenfreund und Kenner anblickte,
sondern als Baumeister, der ihre Gestalt verwenden kann. Er versuchte
später selber auch Zeichnungen nach lebenden Pflanzen; aber hier trat
der Unterschied von einem Pflanzenfreunde noch mehr hervor: die Bilder
wurden ihm allgemach durch unmerkliche Zusätze aus Gewächsen schöne
Verzierungen. Er suchte sich auch in der Regel solche Vorbilder aus,
die zu seinem Berufe in näherer Beziehung standen oder in eine solche
gebracht werden konnten. In Bezug auf die anderen Dinge, die in dem
Schreinerhause gearbeitet wurden, zeigte er mir Alles und erklärte mir
Manches, wenn ich nach Erklärung verlangte. Auch hierin glaubte ich
seit dem vorigen Sommer Fortschritte gemacht zu haben, namentlich da
ich die Gegenstände, die mein Vater besaß, wohl genau betrachtet und
mir eingeprägt hatte, um ihre Bilder hieher übertragen und mit dem,
was sich hier befand, vergleichen zu können.

Die Gestalten gingen jetzt leichter in mein Wesen ein, mir gefiel
Vieles mehr als im vorigen Sommer, und ich wurde auf Manches
aufmerksam, was ich damals nicht beachtet hatte. Wir saßen zuweilen in
dem freundlichen Zimmer Eustachs, wenn die Vormittagssonne durch die
geschlossenen Vorhänge sanft hereinblickte, und redeten von allerlei
Dingen.

An Nachmittagen, besonders wenn trübes Wetter war und die Geschäfte im
Freien nicht eine große Ausdehnung hatten, versammelte man sich in dem
Arbeitszimmer meines Gastfreundes. Dieses Zimmer war an Nachmittagen,
wo es sehr zusammengeräumt und wo mehr Muße war, der Vereinigungspunkt
der kleinen Gesellschaft, wenn sie sich überhaupt vereinigte. Mein
alter Gastfreund hatte sich dieses Gemach sehr wohnlich, wenn auch
für Einsamkeit geeignet, herrichten lassen, wie er überhaupt, wenn er
nicht eigens Menschen um sich versammelte, die Einsamkeit liebte. Er
hatte neben seinem Sessel einen Glockenzug, der durch den Fußboden in
die Gesindezimmer hinab ging, um schnell einen Diener rufen zu können.
In dem Schlafzimmer war etwas Ähnliches. Dort befanden sich außer
dem gewöhnlichen Glockenzuge an den Seitenbrettern des Bettes zwei
Platten, die durch das leiseste Auflegen einer Hand eine laut und
lange tönende Glocke in Bewegung setzten, damit man, wenn dem alten
Manne etwas zustieße, schnell zu Hilfe eilen könnte. Zwei Diener
hatten immer die Schlüssel zu seinen Gemächern, um auch in der Nacht
von außen aufsperren zu können. Diese Vorrichtungen waren eine
Erfindung Eustachs, weil der alte Mann jede Einschränkung durch
Dienerschaft, ja die Nähe derselben nicht wollte, um nicht gestört zu
werden. Er ließ auch nicht zu, daß Gustav in einem Zimmer neben ihm
schlafe, um sich nicht an ihn zu gewöhnen und ihn dann zu vermissen,
da der Jüngling doch einmal fort müsse. Wenn man in dem Arbeitszimmer
meines Gastfreundes versammelt war, besprach man gewöhnlich
Angelegenheiten des Besitztums, Veränderungen, die notwendig sind,
Arbeiten, die man vornehmen müsse, und Gegenstände der Kunst. Hieher
wurden die Pläne und Entwürfe von Dingen gebracht, die man entweder in
Holz ausführen wollte oder die Anlagen in dem Garten oder Umänderungen
an Gebäuden betrafen. Es war gut, diese Entwürfe gerade in dieses
Zimmer zu bringen, weil sie da eine sehr schöne und ausgezeichnete
Umgebung antrafen, und sich daher jeder Fehler und jede
Unzulänglichkeit, wenn derlei in dem Entwurfe waren, sogleich
aufzeigte und verbessert werden konnte. An dem Tage, wo mehrere
Menschen in das Arbeitszimmer des alten Mannes kamen, war immer ein
Teppich über den auserlesenen Fußboden desselben gebreitet, damit er
keine Beschädigung erleide.


Wenn trockene Wege waren, gingen wir öfter in den Meierhof. Dort
wurden die Arbeiten, welche der erste Frühling bringt, rüstig
betrieben. Das Ganze war seit meiner vorjährigen Anwesenheit in
Ordnung und Fülle sehr vorgeschritten. Man mußte bis spät in den
Herbst hinein und selbst im Winter, soweit es tunlich war, fleißig
gearbeitet haben. Im Innern des Hofes war nicht mehr bloß die schöne
Pflasterung an den Gebäuden herum und der reinliche Sand über den
ganzen Hofraum, sondern es war in der Mitte desselben ein kleiner
Springquell, der mit drei Strahlen in ein Becken fiel und eine
Blumenanlage um sich hatte.

Auf das alles sahen die hellen Fenster des Hofes ringsum heraus. So
sah dieser Teil des Gebäudes, obwohl zwei Seiten des Hofes Ställe und
Scheunen waren, wie ein Edelsitz aus. Ich fragte meinen Gastfreund,
ob er neues Mauerwerk habe aufführen lassen, da ich den Meierhof viel
vollkommener sehe als im vergangenen Jahre, und da er auch schöner
sei, als sie hier im Lande gebaut würden.

»Ich habe keine Mauern aufführen lassen«, antwortete er, »nur die
letzten äußeren Verschönerungen habe ich angebracht, und die Fenster
habe ich vergrößert, der Grund war schon da. Die Meierhöfe und
größeren Bauerhöfe unserer Gegend sind nicht so häßlich gebaut, als
ihr meint. Nur sind sie stets bis auf ein gewisses Maß fertig, weiter
nicht; die letzte Vollendung, gleichsam die Feile, fehlt, weil sie in
dem Herzen der Bewohner fehlt. Ich habe bloß dieses Letzte gegeben.
Wenn man mehrere Beispiele aufstellte, so würden sich im Lande die
Ansichten über das notwendige Aussehen und die Wohnbarkeit der Häuser
ändern. Dieses Haus soll so ein Beispiel sein.«

Die Wege um den Hof und dessen Wiesen und Felder waren auch nicht mehr
so, wie sie größtenteils in dem vorigen Sommer gewesen waren. Sie
waren fest, mit weißem Quarze belegt und scharf und wohl abgegrenzt.

An schönen Mittagen, die bereits auch immer wärmer wurden, saß ich
gerne auf dem Bänkchen, das um den großen Kirschbaum lief, und sah auf
die unbelaubten Bäume, auf die frisch geeggten Felder, auf die grünen
Tafeln der Wintersaat, die schon sprossenden Wiesen und durch den
Duft, der in dem ersten Frühlinge gerne aus Gründen quillt, auf die
Hochgebirge, die mit dem Glanze des noch in ungeheurer Menge auf
ihnen liegenden Schnees spielten. Gustav schloß sich an mich viel an,
wahrscheinlich weil ich unter allen Bewohnern des Hauses ihm an Alter
am nächsten war. Er saß deshalb gerne bei mir auf dem Bänkchen. Wir
gingen manches Mal auf die Felderrast hinüber, und er zeigte mir einen
Strauch, auf dem bald Blüten hervor kommen würden, oder eine sonnige
Stelle, auf der das erste Grün erschien, oder Steine, um die schon
verfrühte Tierchen spielten.

Eines Tages entdeckte ich in den Schreinen der Natursammlung eine
Zusammenstellung aller inländischen Hölzer. Sie waren in lauter
Würfeln aufgestellt, von denen zwei Flächen quer gegen die Fasern,
die übrigen vier nach den Fasern geschnitten waren. Von diesen vier
Flächen war eine rauh, die zweite glatt, die dritte poliert und die
vierte hatte die Rinde. Im Innern der Würfel, welche hohl waren und
geöffnet werden konnten, befanden sich die getrockneten Blüten, die
Fruchtteile, die Blätter und andere merkwürdige Zugehöre der Pflanze,
zum Beispiel gar die Moose, die auf gewissen Orten gewöhnlich wachsen.
Eustach sagte mir, der alte Herr - so nannten alle Bewohner des Hauses
meinen Gastfreund, nur Gustav nannte ihn Ziehvater - habe diese
Sammlung angelegt und die Anordnung so ausgedacht. Sie soll nach dem
Willen des alten Herrn noch einmal gemacht und der Gewerbschule zum
Geschenke gegeben werden.

Seine seltsame Kleidung und seine Gewohnheit, immer barhäuptig zu
gehen, welch beides mir Anfangs sehr aufgefallen war, beirrte mich
endlich gar nicht mehr, ja es stimmte eigentlich zu der Umgebung
sowohl seiner Zimmer als der um ihn herum wohnenden Bevölkerung, von
der er sich nicht als etwas Vornehmes abhob, der er vielmehr gleich
war und von der er sich doch wieder als etwas Selbstständiges
unterschied. Mir fiel im Gegenteile ein, daß manches nicht
geschmackvoll sei, was wir so heißen, am wenigstens der Stadtrock und
der Stadthut der Männer.

In die Zimmer, welche nach Frauenart eingerichtet waren, wurde
ich einmal auf meine Bitte geführt. Sie gefielen mir wieder sehr,
besonders das letzte, kleine, welchem ich jetzt den Namen »die Rose«
gab. Man konnte in ihm sitzen, sinnen und durch das liebliche Fenster
auf die Landschaft blicken. Daß ich nicht um den Gebrauch dieser
Zimmer fragte, begreift sich.

Ich erzählte meinem Gastfreunde oft von meinem Vater, von der Mutter
und von der Schwester. Ich erzählte ihm von allen unsern häuslichen
Verhältnissen und beschrieb ihm mehrfach, so genau ich es konnte, die
Dinge, die mein Vater in seinen Zimmern hatte und auf welche er einen
Wert legte. Meinen Namen nannte ich hiebei nicht, und er fragte auch
nicht darnach.

Ebenso wußte ich, obwohl ich nun länger in seinem Hause gewesen war,
noch immer seinen Namen nicht. Zufällig ist er nicht genannt worden,
und da er ihn nicht selber sagte, so wollte ich aus Grundsatz
niemanden darum fragen. Von Gustav oder Eustach wäre er am leichtesten
zu erfahren gewesen; aber diese zwei mochte ich am wenigsten fragen,
am allerwenigsten Gustav, wenn er unzählige Male unbefangen den
Namen Ziehvater aussprach. Der Mann war sehr gut, sehr lieb und sehr
freundlich gegen mich, er nannte seinen Namen nicht, ich konnte auch
nicht mit Gewißheit voraussetzen, daß er meine, ich kenne denselben;
daher beschloß ich, gar nicht, selbst nicht in der größten Entfernung
von diesem Orte, um den Namen des Besitzers des Rosenhauses zu fragen.


Nach und nach änderte sich die Zeit immer mehr und immer gewaltiger.
Die Tage waren viel länger geworden, die Sonne schien schon sehr warm,
die Fristen, in denen der Himmel sich klar und wolkenlos zeigte,
wurden bereits länger als die, in denen er umwölkt oder neblich war;
die Erde sproßte, die Bäume knospten, an den Rosenbäumchen vor dem
Hause wurde sehr fleißig gearbeitet, alles war heiter, und der
Frühling war in seine ganze Fülle eingetreten. Diese Zeit war schon
lange als diejenige bestimmt gewesen, in welcher ich abreisen würde.
Ich sagte dieses noch einmal meinem Gastfreunde, und da ich Anstalten
getroffen hatte, meinen Koffer fort zu senden, wurde der Tag der
Abreise festgesetzt.

Wir hatten früher noch die Verabredung getroffen, daß ich meine
Arbeiten so einrichten wolle, daß ich zur Zeit der Rosenblüte
wiederkommen und wieder längere Zeit in dem Hause verbleiben könne. Da
ich sah, daß ich gerne aufgenommen werde und daß ich in Hinsicht der
äußeren Mittel keine Last in dem Hause sei, und da mein Gemüt sich
auch diesem Orte zugeneigt fühlte, so war mir diese Verabredung ganz
nach meinem Sinne. Nur, meinte mein Gastfreund, müßte ich dann in den
Gebirgstälern schon zur Herreise aufbrechen, wenn dort kaum die Rosen
völlige Knospen hätten, weil sie hier der bessern Erde und der bessern
Pflege willen früher blühten als an allen Teilen des Landes. Ich sagte
es zu, und so war alles in Ordnung.

Am Tage vor meiner Abreise kam Eustachs Bruder zurück. Er mochte
zwanzig und einige Jahre alt sein, war schön gewachsen, hatte braune
Wangen und dunkle Locken und ein klein wenig aufgeworfene Lippen.
Mir war, als wäre ich dem Manne schon einige Male auf meinen Reisen
begegnet. Er brachte in seinem Buche viele und darunter schöne
Zeichnungen mit, welche mit Anteil betrachtet wurden. Sie sollten nun
auf größerem Papiere und in künstlerischer Richtung ausgeführt werden.

Als ich am Abende vor der Abreise noch im Meierhofe gewesen war, als
ich am Morgen derselben zu Eustach und den Gärtnersleuten gegangen
war, als ich den Hausbewohnern Lebewohl gesagt und von meinem
Gastfreunde und von Gustav vor dem Hause Abschied genommen hatte, ging
ich den Hügel hinunter, und ich hörte schon von dem Garten und von den
Hecken und aus den Saaten den kräftigen Frühlingsgesang der Vögel.



Die Begegnung

Auf der Reise nach dem Orte meiner Bestimmung zeichnete ich ein
schönes Standbild, welches ich in der Nische einer Mauertrümmer fand.
Ich hatte dazu mein Zeichnungsbuch aus dem Ränzlein genommen, in
welchem ich es jetzt immer trug. Dies war die einzige Unterbrechung
und der einzige Aufenthalt auf dieser Reise gewesen.

Als ich an meinem Bestimmungsorte angelangt war, war das erste, was
ich tat, daß ich meine Zeit besser zu Rate hielt als früher. Ich
mußte mir bekennen, daß die Art, wie in dem Rosenhause das Tagewerk
betrieben wurde, auf mich von großem Einflusse sein solle. Da dort der
Wert der Zeit sehr hoch angeschlagen und dieses Gut sehr sorgfältig
angewendet wurde, so fing ich, wenn ich mir auch bisher einen großen
Vorwurf nicht hatte machen können, dennoch an, mit viel mehr Ordnung
als bisher nach einem einzigen Ziele während einer bestimmten Zeit
hinzuarbeiten, während ich früher, durch augenblickliche Eindrücke
bestimmt, mit den Zielen öfter wechselte und, obwohl ich eifrig
strebte, doch eine dem Streben entsprechende Wirkung nicht jederzeit
erreichte. Ich machte mir nun zur Aufgabe, eine bestimmte Strecke zu
durchforschen und im Verlaufe überhaupt nichts liegen zu lassen, was
von Wesenheit wäre, aber auch nichts auf eine gelegenere Zukunft zu
verschieben, so daß, sollte ich bis zur Rosenzeit mit der vorgesetzten
Strecke nicht fertig werden, wenigstens der Teil, den ich vollendete,
wirklich fertig wäre und ich auf genau umschriebene Ergebnisse zu
deuten im Stande wäre. Das sah ich nach dem Beginne der Arbeiten sehr
bald, daß ich mir den Raum zu groß ausgesteckt hatte; aber auch das
sah ich sehr bald, daß der kleinere Raum, den ich überwinden würde,
mir mehr an Erfolg sicherte, als wenn ich wie in meiner Vergangenheit
durch geraume Zeit den Blick so ziemlich auf Alles gespannt hätte.
Hiezu kam auch eine gewisse Zufriedenheit, die ich fühlte, wenn ich
sah, daß sich Glied an Glied zu einer Ordnung aneinander reihte,
während früher mehr ein ansprechender Stoff durcheinander lag, als daß
eine aus dem Stoffe hervorgehende Gestaltung sich entwickelt hätte.

Meine Kisten füllten sich und stellten sich an einander.

Meine Führer und meine Träger gewannen auch einen Halt in der neuen
Ordnung und es wuchs ihnen ein Zutrauen zu mir. Ich bekam eine Neigung
zu ihnen, die sie erwiderten, so daß sich ein fröhliches Zusammenleben
immer mehr gestaltete und die Arbeit heiter und darum auch zweckmäßig
wurde. Oft, wenn wir abends in der Wirtsstube um den großen
viereckigen Ahorntisch oder, da die Tage endlich heißer wurden, statt
an den toten Brettern des Tisches draußen unter den lebenden und
rauschenden Ahornen saßen, um welche ein fichtener Tisch zusammen
gezimmert war und auf welche das vielfenstrige Gasthaus heraus sah,
rechneten sie sich vor, was heute, was seit vierzehn Tagen geschehen
sei, wie viel wir, wie sie sich ausdrückten, abgetan haben, und wie
viel Gebirge zusammen gestellt worden sei. Sie fingen auch bald an,
die Sache nach ihrer Art zu begreifen, über Vorkommnisse in den
Gebirgszügen zu reden und zu streiten und mir zuzumuten, daß, wenn ich
mir merken könnte, woher alle die gesammelten Stücke seien, und wenn
ich die Höhe und die Mächtigkeit der Gebirge zu messen im Stande
wäre, ich das Gebirge im Kleinen auf einer Wiese oder auf einem Felde
aufstellen könnte. Ich sagte ihnen, daß das ein Teil meines Zweckes
sei, und wenn gleich das Gebirge nicht auf einer Wiese oder auf
einem Felde zusammengestellt werde, so werde es doch auf dem Papiere
gezeichnet und werde mit solchen Farben bemalt, daß jeder, der sich
auf diese Dinge verstände, das Gebirge mit allem, woraus es bestehe,
vor Augen habe. Deshalb merke ich mir nicht nur, woher die Stücke
seien und unter welchen Verhältnissen sie in den Bergen bestehen,
sondern schreibe es auch auf, damit es nicht vergessen werde, und
beklebe auch die Stücke mit Zetteln, auf denen alles Notwendige stehe.
Diese Stücke, in ihrer Ordnung aufgestellt, seien dann der Beweis
dessen, was auf dem Papiere oder der Karte, wie man das Ding nenne,
aufgemalt sei. Sie meinten, daß dieses sehr klug getan sei, um, wenn
einer einen Stein oder sonst etwas zu einem Baue oder dergleichen
bedürfe, gleich aus der Karte heraus lesen zu können, wo er zu finden
sei. Ich sagte ihnen, daß ein anderer Zweck auch darin bestehe, aus
dem, was man in den Gebirgen finde, schließen zu können, wie sie
entstanden seien.

Die Gebirge seien gar nicht entstanden, meinte einer, sondern seien
seit Erschaffung der Welt schon dagewesen.

»Sie wachsen auch«, sagte ein anderer, »jeder Stein wächst, jeder
Berg wächst wie die anderen Geschöpfe. Nur«, setzte er hinzu, weil er
gerne ein wenig schalkhaft war, »wachsen sie nicht so schnell wie die
Schwämme.«

So stritten sie länger und öfter über diesen Gegenstand, und so
besprachen wir uns über unsere Arbeiten. Sie lernten durch den bloßen
Umgang mit den Dingen des Gebirges und durch das öftere Anschauen
derselben nach und nach ein Weiteres und Richtigeres, und lächelten
oft über eine irrige Ansicht und Meinung, die sie früher gehabt
hatten.

Mein Tagebuch der Aufzeichnungen zur Festhaltung der Ordnung dehnte
sich aus, die Blätter mehrten sich und gaben Aussicht zu einer
umfassenden und regelmäßigen Zusammenstellung des Stoffes, wenn die
Wintertage oder sonst Tage der Muße gekommen sein würden.

An Sonntagen oder zu anderen Zeiten, wo die Arbeit minder drängte, gab
es noch Gelegenheit zu manchen angenehmen Freuden und zu stärkender
Erholung.

Eines Tages fanden wir ein Stück Marmor, von dem ich dachte, daß ihn
mein Gastfreund in seinem Rosenhause noch gar nicht habe. Er war von
dem reinsten Weiß, Rosenrot und Strohgelb in kleiner und lieblicher
Mischung. Seine Art ist eine der seltensten, und hier war sie in einem
so großen Stücke vorhanden, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich
beschloß, diesen Marmor meinem Gastfreunde zum Geschenke zu machen.
Ich versuchte, mir ein Eigentumsrecht darüber zu erwerben, und als
mir dieses gelungen war, ging ich daran, das Stück, soweit seine
Festigkeit ununterbrochen war, heraus nehmen und in eine Gestalt
schneiden zu lassen, deren es fähig war. Es zeigte sich, daß eine
schöne Tischplatte aus diesem Stoffe zu verfertigen wäre. Von den
losen Schuttstücken nahm ich mehrere der besseren mit, um allerlei
Dinge der Erinnerung daraus machen zu lassen. Eines ließ ich zu
einer Tafel schleifen und dieselbe glätten, daß mein Gastfreund die
Zeichnung und die Farbe des Marmors auf das beste sehen könne.


So war eine Strecke abgetan, als in den Tälern sich die kleinen
Knospen der Rosen zu zeigen anfingen und selbst an dem Hagedorn, der
in Feldgehegen oder an Gebirgssteinen wuchs, die Bällchen zu der
schönen, aber einfachen Blume sich entwickelten, die die Ahnfrau
unserer Rosen ist. Ich beschloß daher, meine Reise in das Rosenhaus
anzutreten. Ich habe mich kaum mit größerem Vergnügen nach einem
langen Sommer zur Heimreise vorbereitet, als ich mich jetzt nach einer
wohlgeordneten Arbeit zu dem Besuche im Rosenhause anschickte, um dort
eine Weile einen angenehmen Landaufenthalt zu genießen.

Eines Nachmittages stieg ich zu dem Hause empor und fand die Rosen
zwar nicht blühend, aber so überfüllt mit Knospen, daß in nicht mehr
fernen Tagen eine reiche Blüte zu erwarten war.

»Wie hat sich alles verändert«, sagte ich zu dem Besitzer, nachdem ich
ihn begrüßt hatte, »da ich im Frühlinge von hier fortging, war noch
alles öde, und nun blättert, blüht und duftet alles hier beinahe in
solcher Fülle wie im vorigen Jahre zu der Zeit, da ich zum ersten Male
in dieses Haus heraufkam.«

»Ja«, erwiderte er, »wir sind wie der reiche Mann, der seine Schätze
nicht zählen kann. Im Frühlinge kennt man jedes Gräschen persönlich,
das sich unter den ersten aus dem Boden hervor wagt, und beachtet
sorgsam sein Gedeihen, bis ihrer so viele sind, daß man nicht mehr
nach ihnen sieht, daß man nicht mehr daran denkt, wie mühevoll sie
hervor gekommen sind, ja daß man Heu aus ihnen macht und gar nicht
darauf achtet, daß sie in diesem Jahre erst geworden sind, sondern
tut, als ständen sie von jeher auf dem Platze.«

Man hatte mir eine eigene Wohnung machen lassen und führte mich
in dieselbe ein. Es waren zwei Zimmer am Anfange des Ganges der
Gastzimmer, welche man durch eine neugebrochene Tür zu einer einzigen
Wohnung gemacht hatte. Das eine war bedeutend groß und hatte
ursprünglich die Bestimmung gehabt, mehrere Personen zugleich zu
beherbergen. Es war jetzt ausgeleert, an seinen Wänden standen Tische
und Gestelle herum, sowie in seiner Mitte ein langer Tisch angebracht
war, damit ich meine Sachen, die ich etwa von dem Gebirge brächte,
ausbreiten könnte. Das zweite Zimmer war kleiner und war zu meinem
Schlaf- und Wohngemache hergerichtet. Der alte Mann reichte mir die
Schlüssel zu dieser Wohnung. Auch zeigte man mir in der leichten
gemauerten Hütte, die nicht weit hinter der Schreinerei an der
westlichen Grenze des Gartens lag und in früheren Zeiten zu den
Steinarbeiten benutzt worden war, einen Raum, den man ausgeleert hatte
und in welchen ich Gegenstände, die ich gesammelt hätte, bis auf
weitere Verfügung niederlegen könnte. Sollte ich mehr brauchen, so
könne noch mehr geräumt werden, da jetzt die Arbeiten mit den Steinen
fast beendigt seien und selten etwas gesägt, geschliffen oder
geglättet werde. Ich war über diese Aufmerksamkeiten so gerührt, daß
ich fast keinen Dank dafür zu sagen vermochte. Ich begriff nicht, was
ich mir denn für Verdienste um den Mann oder seine Umgebung erworben
habe, daß man solche Anstalten mache. Das Eine gereichte zu meiner
Beruhigung, daß ich aus diesen Vorrichtungen sah, daß ich in dem Hause
nicht unwillkommen sei, denn sonst wäre man nicht auf den Gedanken
derselben geraten. Dieses Bewußtsein versprach meinen Bewegungen in
den hiesigen Verhältnissen viel mehr Freiheit zu geben. Ich stattete
endlich doch meinen Dank ab und man nahm ihn mit Vergnügen auf.


Da ich in meiner Wohnung meine Wandersachen abgelegt hatte und
die ersten allgemeinen Gespräche vorüber waren, wollte ich einen
übersichtlichen Gang durch den Garten machen. Ich ging bei der
Seitentür des Hauses hinaus, und da ich auf den kleinen Raum kam, der
hier eingefaßt ist, kam der große Hofhund auf mich zu und wedelte.
Als ich sah, daß der alte Hilan mich erkenne und begrüße, war ich so
kindisch, mich darüber zu freuen, weil es mir war, als sei ich kein
Fremder, sondern gehöre gewissermaßen zur Familie.

Am nächsten Tage nach meiner Ankunft erschien der Wagen mit meinem
Gepäcke und mit der Marmorplatte. Ich ließ abladen und übergab die
Platte meinem Gastfreunde mit dem Bedeuten, daß ich ihm in derselben
eine Erinnerung aus dem Gebirge bringe. Zugleich händigte ich ihm
das kleinere geschliffene Stück zur genaueren Einsicht in die Natur
des Marmors ein. Er besah das Stück und dann auch die Platte sehr
sorgfältig. Hierauf sagte er: »Dieser Marmor ist außerordentlich
schön, ich habe ihn noch gar nicht in meiner Sammlung, auch scheint
die Platte dicht und ohne Unterbrechung zu sein, so daß ein reiner
Schliff auf ihr möglich sein wird, ich bin sehr erfreut, in dem
Besitze dieses Stückes zu sein und danke euch sehr dafür. Allein in
meinem Hause kann er als Bestandteil desselben nicht verwendet werden,
weil dort nur solche Stücke angebracht sind, welche ich selber
gesammelt habe, und weil ich an dieser Art der Sammlung und an der
Verbuchung darüber eine solche Freude habe, daß ich auch in der
Zukunft nicht von diesem Grundsatze abgehe. Es wird aber ganz gewiß
aus diesem Marmor etwas gemacht werden, das seiner nicht unwert ist,
ich hege die Hoffnung, daß es euch gefallen wird, und ich wünsche, daß
die Gelegenheit seiner Verwendung euch und mir zur Freude gereiche.«

Ich hatte ohnehin ungefähr so etwas erwartet und war beruhigt.

Der Marmor wurde in die Steinhütte gebracht, um dort zu liegen, bis
man über ihn verfügen würde. Meine übrigen Dinge aber ließ ich in
meine Wohnung bringen.

Ich ging im Sommer immer sehr leicht gekleidet, entweder in
ungebleichtem oder gestreiftem Linnen. Den Kopf bedeckte meistens ein
leichter Strohhut. Um nun hier nicht aufzufallen und um weniger von
der einfachen Kleidung der Hausbewohner abzustechen, nahm ich ein paar
solcher Anzüge sammt einem Strohhute aus dem Koffer, kleidete mich in
einen und legte dafür meinen Reiseanzug für eine künftige Wanderung
zurück,

Mein Gastfreund hatte auf seiner Besitzung eine etwas eigentümliche
Tracht teils eingeführt, teils nahmen sie die Leute selber an. Die
Dienerinnen des Hauses waren in die Landestracht gekleidet, nur dort,
wo diese, wie namentlich in unserem Gebirge, ungefällig war oder in
das Häßliche ging, wurde sie durch den Einfluß des Hausbesitzers
gemildert und mit kleinen Zutaten versehen, die mir schön erschienen.
Diese Zutaten fanden im Anfange Widerstand, aber da sie von dem alten
Herrn geschenkt wurden und man ihn nicht kränken wollte, wurden sie
angenommen und später von den Umwohnerinnen nicht nur beneidet,
sondern auch nachgeahmt. Die Männer, welche in dem Hause dienten oder
in dem Meierhofe arbeiteten oder in dem Garten beschäftigt waren,
trugen gefärbtes Linnen, nur war dasselbe nicht so dunkel, als es
bei uns im Gebirge gebräuchlich ist. Eine Jacke oder eine andere Art
Überrock hatten sie im Sommer nicht, sondern sie gingen in lediglichen
Hemdärmeln, und um den Hals hatten sie ein loses Tuch geschlungen. Auf
dem Haupte trugen einige wie der Hausherr nichts, andere hatten den
gewöhnlichen Strohhut. Eustach schien in seiner Kleidung niemanden
nachzuahmen, sondern sie selbst zu wählen. Er ging auch in gestreiftem
Linnen, meistens rostbraun mit grau oder weiß; aber die Streifen waren
fast handbreit, oder es hatte der ganze Stoff nur zwei Farben, die
Hälfte des Längenblattes braun, die Hälfte weiß. Oft hatte er einen
Strohhut, oft gar nichts auf dem Haupte. Seine Arbeiter hatten
ähnliche Anzüge, auf denen selten ein Schmutzfleck zu sehen war; denn
bei der Arbeit hatten sie große grüne Schürzen um. Unter allen diesen
Leuten hoben sich der Gärtner und die Gärtnerin heraus, welche bloß
schneeweiß gingen.

Ich zeigte meinem Gastfreunde und Eustach die Zeichnung, welche ich
von dem Standbilde in der Mauernische gemacht hatte. Sie freuten sich,
daß ich auf derlei Dinge aufmerksam sei, und sagten, daß sie dasselbe
Bild auch unter ihren Zeichnungen hätten, nur daß es jetzt mit
mehreren anderen Blättern außer Hause sei.

Ich betrachtete nun alles, was mir in dem Garten und auf dem Felde
im vorigen Jahre in derselben Jahreszeit merkwürdig gewesen war.
Die Blätter der Bäume, die Blätter des Kohles und die von anderen
Gewächsen waren vom Raupenfraße frei, und nicht nur die im Garten,
sondern auch die in der nächsten und in der in ziemliche Ferne
reichenden Umgebung. Ich hatte bei meiner Herreise eigens auf diesen
Umstand mein Augenmerk gerichtet. Dennoch entbehrte der Garten nicht
des schönen Schmuckes der Faltern; denn einerseits konnten die Vögel
doch nicht alle und jede Raupen verzehren und andererseits wehte
der Wind diese schönen lebendigen Blumen in unsern Garten oder sie
kamen auf ihren Wanderungen, die sie manchmal in große Entfernungen
antreten, selber hieher. Der Gesang der Vögel war mir wieder wie im
vorigen Jahre eigentümlich, und er war mir wieder ganz besonders
schmelzend.

Dadurch, daß sie in verschiedenen Fernen sind, die Laute also
mit ungleicher Stärke an das Ohr schlagen, dadurch, daß sie sich
gelegenheitlich unterbrechen, da sie inzwischen allerlei zu tun haben,
eine Speise zu haschen, auf ein Junges zu merken, wird ein reizender
Schmelz veranlaßt wie in einem Walde, während die besten Singvögel in
vielen Käfigen nahe bei einander nur ein Geschrei machen, und dadurch,
daß sie in dem Garten sich doch wieder näher sind als im Walde, wird
der Schmelz kräftiger, während er im Walde zuweilen dünn und einsam
ist. Ich sah die Nester, besuchte sie und lernte die Gebräuche dieser
Tiere kennen.

In meinen Zimmern richtete ich mich ein, ich tat die Bücher und
Papiere, die ich mitgebracht hatte, heraus, um zu lesen, einzuzeichnen
und zu ordnen. Ich legte auch auf den großen Tisch und auf die
Gestelle an den Wänden kleinere Gegenstände, die ich mitgebracht
hatte, besonders Versteinerungen oder andere deutlichere Überreste, um
sie zu benutzen.

Gustav kam häufig zu mir, er nahm Anteil an diesen Dingen, ich
erklärte ihm manches, und mein Gastfreund sah es nicht ungern, wenn
ich mit ihm, entweder ein Buch in der Hand unter den schattigen Linden
des Gartens oder ohne Buch auf großen Spaziergängen - denn der alte
Mann liebte die Bewegung noch sehr - von meiner Wissenschaft sprach.
Er erzählte mir dagegen von der seinigen, und ich hörte ihm freundlich
zu, wenn er auch Dinge brachte, die mir schon besser bekannt waren.
Zeiten, in denen ich ohne Beschäftigung und allein war, brachte ich
auf Gängen in den Feldern oder auf einem Besuche in dem Schreinerhause
oder in dem Gewächshause oder bei den Cactus zu.

Die wogenden Felder, die ich im vorigen Jahre um dieses Anwesen
getroffen hatte, waren auch heuer wogende und wurden mit jedem Tage
schöner, dichter und segensreicher, der Garten hüllte sich in die
Menge seiner Blätter und der nach und nach schwellenden Früchte, der
Gesang der Vögel wurde mir immer noch lieblicher und schien die Zweige
immer mehr zu erfüllen, die scheuen Tiere lernten mich kennen, nahmen
von mir Futter und fürchteten mich nicht mehr. Ich lernte nach und
nach alle Dienstleute kennen und nennen, sie waren freundlich mit
mir, und ich glaube, sie wurden mir gut, weil sie den Herrn mich mit
Wohlwollen behandeln sahen. Die Rosen gediehen sehr, Tausende harrten
des Augenblicks, in dem sie aufbrechen würden. Ich half oft an den
Beschäftigungen, die diesen Blumen gewidmet wurden, und war dabei,
wenn die Rosenarbeiten besichtigt wurden und ausgemittelt ward, ob
alles an ihnen in gutem Stande sei. Ebenso ging ich gerne zum Besehen
anderer Dinge mit, wenn auf Wiesen oder im Walde gearbeitet wurde, in
welch letzterem man jetzt daran war, das im Winter geschlagene Holz zu
verkleinern oder zum Baue oder zu Schreinerarbeiten herzurichten. Ich
trug oft meinen Strohhut, wenn der alte Mann und Gustav neben mir
barhäuptig gingen, in der Hand, und ich mußte bekennen, daß die Luft
viel angenehmer durch die Haare strich, als wenn sie durch einen Hut
auf dem Haupte zurück gehalten wurde, und daß die Hitze durch die
Locken so gut wie durch einen Hut von dem bloßen Haupte abgehalten
wurde.


Eines Tages, da ich in meinem Zimmer saß, hörte ich einen Wagen zu dem
Hause herzufahren. Ich weiß nicht, weshalb ich hinabging, den Wagen
ankommen zu sehen. Da ich an das Gitter gelangte, stand er schon
außerhalb desselben. Er war von zwei braunen Pferden herbeigezogen
worden, der Kutscher saß noch auf dem Bocke und mußte eben angehalten
haben. Vor der Wagentür, mit dem Rücken gegen mich gekehrt, stand
mein Gastfreund, neben ihm Gustav und neben diesem Katharina und zwei
Mägde. Der Wagen war noch gar nicht geöffnet, er war ein geschlossener
Gläserwagen und hatte an der innern Seite seiner Fenster grüne
zugezogene Seidenvorhänge. Einen Augenblick nach meiner Ankunft
öffnete mein Gastfreund die Wagentür. Er geleitete an seiner Hand eine
Frauengestalt aus dem Wagen. Sie hatte einen Schleier auf dem Hute,
hatte aber den Schleier zurückgeschlagen und zeigte uns ihr Angesicht.
Sie war eine alte Frau.

Augenblicklich, da ich sie sah, fiel mir das Bild ein, welches mein
Gastfreund einmal über manche alternde Frauen von verblühenden Rosen
hergenommen hatte. »Sie gleichen diesen verwelkenden Rosen. Wenn sie
schon Falten in ihrem Angesichte haben, so ist doch noch zwischen den
Falten eine sehr schöne, liebe Farbe«, hatte er gesagt, und so war es
bei dieser Frau. Über die vielen feinen Fältchen war ein so sanftes
und zartes Rot, daß man sie lieben mußte und daß sie wie eine Rose
dieses Hauses war, die im Verblühen noch schöner sind als andere Rosen
in ihrer vollen Blüte. Sie hatte unter der Stirne zwei sehr große
schwarze Augen, unter dem Hute sahen zwei sehr schmale Silberstreifen
des Haares hervor, und der Mund war sehr lieb und schön. Sie stieg von
dem Wagentritte herab und sagte die Worte: »Gott grüße dich, Gustav!«

Hiebei neigte sich der alte Mann gegen sie, sie neigte ihr
Angesicht gegen ihn und die beiderseitigen Lippen küßten sich zum
Willkommensgruße.

Nach dieser Frau kam eine zweite Frauengestalt aus dem Wagen.
Sie hatte auch einen Schleier um den Hut und hatte ihn auch
zurückgeschlagen. Unter dem Hute sahen braune Locken hervor, das
Antlitz war glatt und fein, sie war noch ein Mädchen. Unter der
Stirne waren gleichfalls große schwarze Augen, der Mund war hold und
unsäglich gütig, sie schien mir unermeßlich schön. Mehr konnte ich
nicht denken; denn mir fiel plötzlich ein, daß es gegen die Sitte
sei, daß ich hinter dem Gitter stehe und die Aussteigenden anschaue,
während die, die sie empfangen, mir den Rücken zuwenden und von meiner
Anwesenheit nichts wissen. Ich ging um die Ecke des Hauses zurück und
begab mich wieder in mein Wohnzimmer.

Dort hörte ich nach einiger Zeit an Tritten und Gesprächen, daß die
ganze Gesellschaft an meinem Zimmer vorbei den ganzen Gang entlang
wahrscheinlich in die schönen Gemächer an der östlichen Seite des
Hauses gehe.

Was weiter an dem Wagen geschehen sei, ob noch eine oder zwei Personen
aus demselben gestiegen seien, konnte ich nicht wissen; denn auch
nicht einmal beim Fenster wollte ich nun hinabsehen. Daß aber
Gegenstände von demselben abgepackt und in das Haus gebracht wurden,
konnte ich an dem Reden und Rufen der Leute erkennen. Auch den Wagen
hörte ich endlich fortfahren, wahrscheinlich wurde er in den Meierhof
gebracht.

Ich blieb immer in der Tiefe des Zimmers sitzen. Ich ging weder zu dem
Fenster, noch ging ich in den Garten, noch verließ ich überhaupt das
Zimmer, obwohl eine ziemlich lange Zeit ruhig und still verfloß. Ich
wollte lesen oder schreiben und tat es dann doch wieder nicht.


Endlich, da vielleicht ein paar Stunden vergangen waren, kam Katharina
und sagte, der alte Herr lasse mich recht schön bitten, daß ich in das
Speisezimmer kommen möge, man erwarte mich dort.

Ich ging hinab.

Als ich eingetreten war, sah ich, daß mein Gastfreund in einem
Lehnsessel an dem Tische saß, neben ihm saß Gustav. An der
entgegengesetzten Seite saß die Frau. Ihr Sessel war aber ein wenig
von dem Tische abgewendet und der Tür, durch welche ich eintrat,
zugekehrt. Hinter ihr und um eine Sesselhälfte seitwärts saß das
Mädchen.

Sie waren nun ganz anders gekleidet, als da ich sie aus dem Wagen
steigen gesehen hatte. Statt des städtischen Hutes, den sie da
getragen hatten, deckte jetzt ein Strohhut mit nicht gar breiten
Flügeln, so daß sie eben genug Schatten gaben, das Haupt, die übrigen
Kleider bestanden aus einem einfachen, lichten, mattfärbigen Stoffe
und waren ohne alle besonderen Verzierungen verfertigt, so wie der
Schnitt nichts Auffälliges hatte, weder eine zur Schau getragene
Ländlichkeit noch ein zu strenge festgehaltenes städtisches Wesen.

Es standen mehrere Diener herum, so wie Katharina, die mich geholt
hatte, auch wieder hinter mir in das Zimmer gegangen war und sich zu
den dastehenden Mägden gesellt hatte. Selbst der Gärtner Simon war
zugegen.

Als ich in die Nähe des Tisches gekommen war, stand mein Gastfreund
auf, umging den Tisch, führte mich vor die Frau und sagte: »Erlaube,
daß ich dir den jungen Mann vorstelle, von dem ich dir erzählt habe.«
Hierauf wandte er sich gegen mich und sagte: »Diese Frau ist Gustavs
Mutter, Mathildis.«

Die Frau sagte in dem ersten Augenblicke nichts, sondern richtete ein
Weilchen die dunkeln Augen auf mich.

Dann wies er mit der Hand auf das Mädchen und sagte: »Diese ist
Gustavs Schwester Natalie.«

Ich wußte nicht, waren die Wangen des Mädchens überhaupt so rot oder
war es errötet. Ich war sehr befangen und konnte kein Wort hervor
bringen. Es war mir äußerst auffallend, daß er jetzt, wo er den Namen
beinahe mit Notwendigkeit brauchte, weder um den meinigen gefragt noch
den der Frauen genannt hatte. Ehe ich recht mit mir zu Rate gehen
konnte, ob zu der Verbeugung, welche ich gemacht hatte, etwas gesagt
werden solle oder nicht, fuhr er in seiner Rede fort und sagte: »Er
ist ein freundlicher Hausgenosse von uns geworden und schenkt uns
einige Zeit in unserer ländlichen Einsamkeit. Er strebt die Berge
und das Land zu erforschen und zur Kenntnis des Bestehenden und zur
Herstellung der Geschichte des Gewordenen etwas beizutragen. Wenn auch
die Taten und die Förderung der Welt mehr das Geschäft des Mannes
und des Greises sind, so ziert ein ernstes Wollen auch den Jüngling,
selbst wo es nicht so klar und so bestimmt ist wie hier.«

»Mein Freund hat mir von euch erzählt«, sagte die Frau zu mir, indem
sie mich wieder mit den dunkeln glänzenden Augen ansah, »er hat mir
gesagt, daß ihr im vergangenen Jahre bei ihm waret, daß ihr ihn im
Frühlinge besucht habt und daß ihr versprochen habt, zur Zeit der
Rosenblüte wieder eine Weile in diesem Hause zuzubringen. Mein Sohn
hat auch sehr oft von euch gesprochen.«

»Er scheint nicht ganz ungerne hier zu sein«, sagte mein Gastfreund;
»denn sein Angesicht wenigstens hat noch nicht, bei dem früheren so
wie bei dein jetzigen Besuche, die Heiterkeit verloren.«

Ich hatte mich während dieser Reden gesammelt und sagte: »Wenn ich
auch aus der großen Stadt komme, so bin ich doch wenig mit fremden
Menschen in Verkehr getreten und weiß daher nicht, wie mit ihnen um
zugehen ist. In diesem Hause bin ich, da ich irrtümlich ein Gewitter
fürchtete und um einen Unterstand herauf ging, sehr freundlich
aufgenommen worden, ich bin wohlwollend eingeladen worden, wieder zu
kommen und habe es getan. Es ist mir hier in Kurzem so lieb geworden
wie bei meinen teuren Eltern, bei welchen auch eine Regelmäßigkeit
und Ordnung herrscht wie hier. Wenn ich nicht ungelegen bin und die
Umgebung mir nicht abgeneigt ist, so sage ich gerne, wenn ich auch
nicht weiß, ob man es sagen darf, daß ich immer mit Freuden kommen
werde, wenn man mich einladet.«

»Ihr seid eingeladen«, erwiderte mein Gastfreund, »und ihr müßt aus
unsern Handlungen erkennen, daß ihr uns sehr willkommen seid. Nun
werden auch Gustavs Mutter und Schwester eine Weile in diesem Hause
zubringen, und wir werden erwarten, wie sich unser Leben entwickeln
wird. Wollt ihr euch nicht ein wenig zu mir setzen und abwarten, bis
der Willkommensgruß von allen, die da stehen, vorüber ist?«

Er ging wieder um den Tisch herum zurück, und ich folgte ihm. Gustav
machte mir Platz neben seinem Ziehvater und sah mich mit der Freude
an, welche ein Sohn empfindet, der in der Fremde den Besuch der Mutter
empfängt.

Natalie hatte kein Wort gesprochen.

Ich konnte jetzt, da ich ein wenig gegen die Frauen hin zu blicken
vermochte, recht deutlich sehen, daß hier Gustavs Mutter und Schwester
zugegen seien; denn beide hatten dieselben großen schwarzen Augen wie
Gustav, beide dieselben Züge des Angesichtes, und Natalie hatte auch
die braunen Locken Gustavs, während die der Mutter die Silberfarbe des
Alters trugen. Sie gingen nun, recht schön geordnet, in einem viel
breiteren Bande an beiden Seiten der Stirne herab, als sie es unter
dem Reisestrohhute getan hatten.

Vor Mathilde war, während wir unsere Sitze eingenommen hatten, die
Haushälterin Katharina getreten.

Die Frau sagte: »Sei mir vielmal gegrüßt, Katharina, ich danke dir, du
hast deinen Herrn und meinen Sohn in deiner besonderen Obhut und übst
viele Sorgfalt an ihnen aus. Ich danke dir sehr. Ich habe dir etwas
gebracht, nur als eine kleine Erinnerung, ich werde es dir schon
geben.«

Als Katharina zurück getreten war, als sich die anderen insgesammt
näherten, sich verbeugten und mehrere Mädchen der Frau die Hand
küßten, sägte sie: »Seid mir alle von Herzen gegrüßt, ihr sorgt alle
für den Herrn und seinen Ziehsohn. Sei gegrüßt, Simon, sei gegrüßt,
Klara, ich danke euch allen und habe allen etwas gebracht, damit ihr
seht, daß ich keines in meiner Zuneigung vergessen habe; denn sonst
ist es freilich nur eine Kleinigkeit.«

Die Leute wiederholten ihre Verbeugung, manche auch den Handkuß, und
entfernten sich. Sie hatten sich auch vor Natalie geneigt, welche den
Gruß recht freundlich erwiderte.

Als alle fort waren, sagte die Frau zu Gustav: »Ich habe auch dir
etwas gebracht, das dir Freude machen soll, ich sage noch nicht was;
allein ich habe es nur vorläufig gebracht, und wir müssen erst den
Ziehvater fragen, ob du es schon ganz oder nur teilweise oder noch gar
nicht gebrauchen darfst.«

»Ich danke dir, Mutter«, erwiderte der Sohn, »du bist recht gut,
liebe Mutter, ich weiß jetzt schon, was es ist, und wie der Ziehvater
ausspricht, werde ich genau tun.«

»So wird es gut sein«, antwortete sie.

Nach dieser Rede waren alle aufgestanden.

»Du bist heuer zu sehr guter Zeit gekommen, Mathilde«, sagte mein
Gastfreund, »keine einzige der Rosen ist noch aufgebrochen; aber alle
sind bereit dazu.«

Wir hatten uns während dieser Rede der Tür genähert, und mein
Gastfreund hatte mich gebeten, bei der Gesellschaft zu bleiben.

Wir gingen bei dem grünen Gitter hinaus und gingen auf den Sandplatz
vor dem Hause. Die Leute mußten von diesem Vorgange schon unterrichtet
sein; denn ihrer zwei brachten einen geräumigen Lehnsessel und
stellten ihn in einer gewissen Entfernung mit seiner Vorderseite gegen
die Rosen.

Die Frau setzte sich in den Sessel, legte die Hände in den Schoß und
betrachtete die Rosen.

Wir standen um sie. Natalie stand zu ihrer Linken, neben dieser
Gustav, mein Gastfreund stand hinter dem Stuhle und ich stellte mich,
um nicht zu nahe an Natalie zu sein, an die rechte Seite und etwas
weiter zurück.

Nachdem die Frau eine ziemliche Zeit gesessen war, stand sie
schweigend auf, und wir verließen den Platz. Wir gingen nun in das
Schreinerhaus. Eustach war nicht bei der allgemeinen Bewillkommnung im
Speisezimmer gewesen. Er mußte wohl als Künstler betrachtet worden,
dem man einen Besuch zudenke. Ich erkannte aus dem ganzen Benehmen,
daß das Verhältnis in der Tat so sei und als das richtigste empfunden
werde. Eustach mußte das gewußt haben; denn er stand mit seinen Leuten
ohne die grünen Schürzen vor der Tür, um die Angekommenen zu begrüßen.
Die Frau dankte freundlich für den Gruß aller, redete Eustach herzlich
an, fragte ihn um sein und seiner Leute Wohlbefinden, um ihre Arbeiten
und Bestrebungen, und sprach von vergangenen Leistungen, was ich, da
mir diese fremd waren, nicht ganz verstand. Hierauf gingen wir in die
Werkstätte, wo die Frau jede der einzelnen Arbeiterstellen besah. In
dem Zimmer Eustachs sprach sie die Bitte aus, daß er ihr bei ihrem
längeren Aufenthalte manches Einzelne zeigen und näher erklären möge.

Von dem Schreinerhause gingen wir in die Gärtnerwohnung, wo die Frau
ein Weilchen mit den alten Gärtnerleuten sprach.

Hierauf begaben wir uns in das Gewächshaus, zu den Ananas, zu den
Cacteen und in den Garten.

Die Frau schien alle Stellen genau zu kennen; sie blickte mit
Neugierde auf die Plätze, auf denen sie gewisse Blumen zu finden
hoffte, sie suchte bekannte Vorrichtungen auf und blickte sogar in
Büsche, in denen etwa noch das Nest eines Vogels zu erwarten war. Wo
sich etwas seit früher verändert hatte, bemerkte sie es und fragte um
die Ursache. So waren wir durch den ganzen Garten bis zu dem großen
Kirschbaume und zu der Felderrast gekommen. Dort sprach sie noch etwas
mit meinem Gastfreunde über die Ernte und über die Verhältnisse der
Nachbarn.

Natalie sprach äußerst wenig.

Als wir in das Haus zurück gekommen waren, begaben wir uns, da das
Mittagsmahl nahe war, auf unsere Zimmer. Mein Gastfreund sagte mir
noch vorher, ich möge mich zum Mittagessen nicht umkleiden; es sei
dieses in seinem Hause selbst bei Besuchen von Fremden nicht Sitte,
und ich würde nur auffallen.

Ich dankte ihm für die Erinnerung.

Als ich, da die Hausglocke zwölf Uhr geschlagen hatte, in das
Speisezimmer hinunter gegangen war, fand ich in der Tat die
Gesellschaft nicht umgekleidet. Mein Gastfreund war in den Kleidern,
wie er sie alle Tage hatte, und die Frauen trugen die nehmlichen
Gewänder, in denen sie den Spaziergang gemacht hatten. Gustav und ich
waren wie gewöhnlich.

Am oberen Ende des Tisches stand ein etwas größerer Stuhl und vor ihm
auf dem Tische ein Stoß von Tellern. Mein Gastfreund führte, da ein
stummes Gebet verrichtet worden war, die Frau zu diesem Stuhle, den
sie sofort einnahm. Links von ihr saß mein Gastfreund, rechts ich,
neben meinem Gastfreunde Natalie und neben ihr Gustav. Mir fiel es
auf, daß er die Frau als ersten Gast zu dem Platze mit den Tellern
geführt hatte, den in meiner Eltern Hause meine Mutter einnahm und
von dem aus sie vorlegte. Es mußte aber hier so eingeführt sein; denn
wirklich begann die Frau sofort die Teller der Reihe nach mit Suppe zu
füllen, die ein junges Aufwartemädchen an die Plätze trug.

Mich erfüllte das mit großer Behaglichkeit. Es war mir, als wenn das
immer bisher gefehlt hätte. Es war nun etwas wie eine Familie in
dieses Haus gekommen, welcher Umstand mir die Wohnung meiner Eltern
immer so lieb und angenehm gemacht hatte.

Das Essen war so einfach, wie es in allen Tagen gewesen war, die ich
in dem Rosenhause zugebracht hatte.

Die Gespräche waren klar und ernst, und mein Gastfreund führte sie mit
einer offenen Heiterkeit und Ruhe.

Nach dem Essen kam ein großer Korb, welchen Arabella, das
Dienstmädchen Mathildens, welches mit den Frauen gekommen war, welches
ich aber nicht mehr hatte aussteigen gesehen, herein gebracht hatte.
Außer dem Korbe wurde auch ein Pack in grauem Papiere und mit schönen
Schnüren zugeschnürt gebracht und auf zwei Sessel gelegt, die an
der Wand standen. In dem Korbe befanden sich die Geschenke, welche
Mathilde den Leuten mitgebracht hatte und welche jetzt ausgepackt
waren. Ich sah, daß diese Geschenkausteilung gebräuchlich war und
öfter vorkommen mußte. Das Gesinde kam herein, und jede der Personen
erhielt etwas Geeignetes, sei es ein schwarzes seidnes Tuch für ein
Mädchen oder eine Schürze oder ein Stoff auf ein Kleid, oder sei
es für einen Mann eine Reihe Silberknöpfe auf eine Weste oder eine
glänzende Schnalle auf das Hutband oder eine zierliche Geldtasche. Der
Gärtner empfing etwas, das in sehr feine Metallblätter gewickelt war.
Ich vermutete, daß es eine besondere Art von Schnupftabak sein müsse.


Als schon alles ausgeteilt war, als sich schon alle auf das beste
bedankt und aus dem Zimmer entfernt hatten, wies Mathilde auf den
Pack, der noch immer auf den Sesseln lag, und sagte: »Gustav, komme
her zu mir.«

Der Jüngling stand auf und ging um den Tisch herum zu ihr. Sie nahm
ihn freundlich bei der Hand und sagte: »Was noch da liegt, gehört dir.
Du hast mich schon lange darum gebeten, und ich habe es dir lange
versagen müssen, weil es noch nicht für dich war. Es sind Goethes
Werke. Sie sind dein Eigentum. Vieles ist für das reifere Alter, ja
für das reifste. Du kannst die Wahl nicht treffen, nach welcher du
diese Bücher zur Hand nehmen oder auf spätere Tage aufsparen sollst.
Dein Ziehvater wird zu den vielen Wohltaten, die er dir erwies, auch
noch die fügen, daß er für dich wählt, und du wirst ihm in diesen
Dingen ebenso folgen, wie du ihm bisher gefolgt hast.«

»Gewiß, liebe Mutter, werde ich es tun, gewiß«, sagte Gustav.

»Die Bücher sind nicht neue und schön eingebundene, wie du vielleicht
erwartest«, fuhr sie fort. »Es sind dieselben Bücher Goethes, in
welchen ich in so mancher Nachtstunde und in so mancher Tagesstunde
mit Freude und mit Schmerzen gelesen habe und die mir oft Trost und
Ruhe zuzuführen geeignet waren. Es sind meine Bücher Goethes, die ich
dir gebe. Ich dachte, sie könnten dir lieber sein, wenn du außer dem
Inhalte die Hand deiner Mutter daran fändest, als etwa nur die des
Buchbinders und Druckers.«

»O lieber, viel lieber, teure Mutter, sind sie mir«, antwortete
Gustav, »ich kenne ja die Bücher, die mit dem feinen braunen Leder
gebunden sind, die feine Goldverzierung auf dem Rücken haben und in
der Goldverzierung die niedlichen Buchstaben tragen, die Bücher, in
denen ich dich so oft habe lesen gesehen, weshalb es auch kam, daß ich
dich schon wiederholt um solche Bücher gebeten habe.«

»Ich dachte es, daß sie dir lieber sind«, sagte die Frau, »und darum
habe ich sie dir gegeben. Da ich aber auch wohl noch gerne für
den Überrest meines Lebens ein Wort von diesem merkwürdigen Manne
vernehmen möchte, werde ich mir die Bücher neu kaufen, für mich haben
die neuen die Bedeutung wie die alten. Du aber nimm die deinigen in
Empfang und bringe sie an den Ort, der dir dafür eingeräumt ist.«

Gustav küßte ihr die Hand und legte seinen Arm wie in unbeholfener
Zärtlichkeit auf die Schulter ihres Gewandes. Er sprach aber kein
Wort, sondern ging zu den Büchern und begann, ihre Schnur zu lösen.

Als ihm dies gelungen war, als er die Bücher aus den Umschlagpapieren
gelöst und in mehreren geblättert hatte, kam er plötzlich mit einem
in der Hand zu uns und sagte: »Aber siehst du, Mutter, da sind manche
Zeilen mit einem feinen Bleistifte unterstrichen und mit demselben
feingespitzten Stifte sind Worte an den Rand geschrieben, die von
deiner Hand sind. Diese Dinge sind dein Eigentum, sie sind in den
neugekauften Büchern nicht enthalten, und ich darf dir dein Eigentum
nicht entziehen.«

»Ich gebe es dir aber«, antwortete sie, »ich gebe es dir am liebsten,
der du jetzt schon von mir entfernt bist und in Zukunft wahrscheinlich
noch viel weiter von mir entfernt leben wirst. Wenn du in den Büchern
liesest, so liesest du das Herz des Dichters und das Herz deiner
Mutter, welches, wenn es auch an Werte tief unter dem des Dichters
steht, für dich den unvergleichlichen Vorzug hat, daß es dein
Mutterherz ist. Wenn ich an Stellen lesen werde, die ich unterstrichen
habe, werde ich denken, hier erinnert er sich an seine Mutter,
und wenn meine Augen über Blätter gehen werden, auf welche ich
Randbemerkungen niedergeschrieben habe, wird mir dein Auge
vorschweben, welches hier von dem Gedruckten zu dem Geschriebenen
sehen und die Schriftzüge von Einer vor sich haben wird, die deine
beste Freundin auf der Erde ist. So werden die Bücher immer ein Band
zwischen uns sein, wo wir uns auch befinden. Deine Schwester Natalie
ist bei mir, sie hört öfter als du meine Worte, und ich höre auch oft
ihre liebe Stimme und sehe ihr freundliches Angesicht.«

»Nein, nein, Mutter«, sagte Gustav, »ich kann die Bücher nicht nehmen,
ich beraube dich und Natalie.«

»Natalie wird schon etwas anderes bekommen«, antwortete die Mutter.
»Daß du mich nicht beraubst, habe ich dir schon erklärt, und es war
seit längerer Zeit mein wohldurchdachter Wille, daß ich dir diese
Bücher geben werde.«

Gustav machte keine Einwendungen mehr. Er nahm ihre Rechte in seine
beiden Hände, drückte sie, küßte sie und ging dann wieder zu den
Büchern.

Als er alle ausgepackt hatte, holte er einen Diener und ließ sie durch
ihn in seine Wohnung tragen.


Nach dem Essen war es im Plane, daß wir uns zerstreuen sollten und
jeder sich nach seinem Sinne beschäftige.

Ich hatte es während des Vorganges mit den Büchern nicht vermocht, auf
das Angesicht Nataliens zu schauen, was etwa in ihr vorgehen möge und
was sich in den Zügen spiegle. Ich mußte mir nur denken, sie werde
von dem höchsten Beifalle über die Handlung ihrer Mutter durchdrungen
sein. Als wir uns aber von dem Tische erhoben, als wir das stumme
Gebet gesprochen und uns wechselweise verneigt hatten, wobei ich meine
Augen immer nur auf meinen alten Gastfreund und auf die Frau gerichtet
hatte, und als wir uns jetzt anschickten, das Zimmer zu verlassen, und
Natalie den Arm Gustavs nahm und beide Geschwister sich umkehrten, um
der Tür zuzugehen, wagte ich es, den Blick zu dem Spiegel zu erheben,
in dem ich sie sehen mußte. Ich sah aber fast nichts mehr als die vier
ganz gleichen schwarzen Augen sich in dem Spiegel umwenden.

Wir traten alle in das Freie.

Mein Gastfreund und die Frau begaben sich in eine Wirtschaftstube.

Natalie und Gustav gingen in den Garten, er zeigte ihr Verschiedenes,
das ihm etwa an dem Herzen lag oder worüber er sich freute, und sie
nahm gewiß den Anteil, den die Schwester an den Bestrebungen des
Bruders hat, den sie liebt, auch wenn sie die Bestrebungen nicht ganz
verstehen sollte und sie, wenn es auf sie allein ankäme, nicht zu den
ihrigen machen würde. So tut es ja auch Klotilde mit mir in meiner
Eltern Hause.

Ich stand an dem Eingange des Hauses und sah den beiden Geschwistern
nach, so lange ich sie sehen konnte. Einmal erblickte ich sie, wie sie
vorsichtig in ein Gebüsch schauten. Ich dachte mir, er werde ihr ein
Vogelnest gezeigt haben und sie sehe mit Teilnahme auf die winzige
befiederte Familie. Ein anderes Mal standen sie bei Blumen und
schauten sie an. Endlich sah ich nichts mehr. Das lichte Gewand der
Schwester war unter den Bäumen und Gesträuchen verschwunden, manche
schimmernde Stellen wurden zuweilen noch sichtbar und dann nichts
mehr. Ich ging hierauf in meine Zimmer.

Mir war, als müsse ich dieses Mädchen schon irgendwo gesehen haben;
aber da ich mich bisher viel mehr mit leblosen Gegenständen oder
mit Pflanzen beschäftigt hatte als mit Menschen, so hatte ich
keine Geschicklichkeit, Menschen zu beurteilen, ich konnte mir die
Gesichtszüge derselben nicht zurecht legen, sie mir nicht einprägen
und sie nicht vergleichen; daher konnte ich auch nicht ergründen, wo
ich Natalie schon einmal gesehen haben könnte.

Ich blieb den ganzen Nachmittag in meiner Wohnung.

Als die Hitze des Tages, welcher ganz heiter war, sich ein wenig
gemildert hatte, wurde ich aufgefordert, einen Spaziergang mit zu
machen. An demselben nahmen mein Gastfreund, Mathilde, Natalie,
Gustav und ich Teil. Wir gingen durch eine Strecke des Gartens. Mein
Gastfreund, Mathilde und ich bildeten eine Gruppe, da sie mich in
ihr Gespräch gezogen hatten, und wir gingen, wo es die Breite des
Sandweges zuließ, neben einander. Die andere Gruppe bildeten Natalie
und Gustav, und sie gingen eine ziemliche Anzahl Schritte vor uns.
Unser Gespräch betraf den Garten und seine verschiedenen Bestandteile,
die sich zu einem angenehmen Aufenthalte wohltuend ablösten, es betraf
das Haus und manche Verzierungen darin, es erweiterte sich auf die
Fluren, auf denen wieder der Segen stand, der den Menschen abermals
um ein Jahr weiter helfen sollte, und es ging auf das Land über,
auf manche gute Verhältnisse desselben und auf anderes, was der
Verbesserung bedürfte. Ich sah den zwei holen Gestalten nach, die
vor uns gingen. Gustav ist mir heute plötzlich als völlig erwachsen
erschienen. Ich sah ihn neben der Schwester gehen und sah, daß er
größer sei als sie. Dieser Gedanke drängte sich mir mehrere Male auf.
War er aber auch größer, so war ihre Gestalt feiner und ihre Haltung
anmutiger. Gustav hatte wie sein Ziehvater nichts auf dem Haupte als
die Fülle seiner dichten braunen Locken, und als Natalie den sanft
schattenden Strohhut, den sie wie ihre Mutter auf hatte, abgenommen
und an den Arm gehängt hatte, so zeigten ihre Locken genau die Farbe
wie die Gustavs, und wenn die Geschwister, die sich sehr zu lieben
schienen, sehr nahe an einander gingen, so war es von ferne, als sähe
man eine einzige braune, glänzende Haarfülle und als teilen sich nur
unten die Gestalten.

Wir gingen bei der Pforte hinaus, die gegen den Meierhof führt, gingen
aber nicht in den Meierhof, sondern machten einen großen Bogen durch
die Felder und kamen dann schief über den südlichen Abhang des Hügels
wieder zu dem Hause hinauf.

Da die Tage sehr lang waren, so leuchtete noch die Abendröte, wenn
wir von unserem Abendessen, das pünktlich immer zur gleichen Zeit
sein mußte, aufstanden. Wir gingen daher heute auch noch nach dem
Abendessen in den Garten. Wir gingen zu dem großen Kirschbaume empor.
Dort setzten wir uns auf das Bänklein. Mein Gastfreund und Mathilde
saßen in der Mitte, so daß ihre Angesichter gegen den Garten hinab
gerichtet waren. Links von meinem Gastfreunde saß ich, rechts von der
Mutter saßen Natalie und Gustav. Die Lüfte dunkelten immer mehr, ein
blasser Schein war über die Wipfel des Gartens, der jetzt schwieg, und
über das Dach des Hauses gebreitet. Das Gespräch war heiter und ruhig,
und die Kinder wendeten oft ihr Angesicht herüber, um an dem Gespräche
Anteil zu nehmen und gelegentlich selber ein Wort zu reden.

Da sich der eine und der andere Stern an dem Himmel entzündete und
in den Tiefen der Gartengesträuche schon die völlige Dunkelheit
herrschte, gingen wir in das Haus und in unsere Zimmer.

Ich war sehr traurig. Ich legte meinen Strohhut auf den Tisch, legte
meinen Rock ab und sah bei einem der offenen Fenster hinaus. Es war
heute nicht wie damals, da ich zum ersten Male in diesem Hause über
dem Rosengitter aus dem offenen Fenster in die Nacht hinausgeschaut
hatte. Es standen nicht die Wolken am Himmel, die ihn nach Richtungen
durchzogen und ihm Gestaltung gaben, sondern es brannte bereits über
dem ganzen Gewölbe der einfache und ruhige Sternenhimmel. Es ging kein
Duft der Rosen zu meiner Nachtherberge herauf, da sie noch in den
Knospen waren, sondern es zog die einsame Luft kaum fühlbar durch die
Fenster herein, ich war nicht von dem Verlangen belebt wie damals, das
Wesen und die Art meines Gastfreundes zu erforschen, dies lag entweder
aufgelöst vor mir oder war nicht zu lösen. Das einzige war, daß wieder
Getreide außerhalb des Sandplatzes vor den Rosen ruhig und unbewegt
stand; aber es war eine andere Gattung und es war nicht zu erwarten,
daß es in der Nacht im Winde sich bewegen und am Morgen, wenn ich die
geklärten Augen über die Gegend wendete, vor mir wogen würde.

Als die Nacht schon sehr weit vorgerückt war, ging ich von dem Fenster
und obwohl ich jeden Abend gewohnt war, ehe ich mich zur Ruhe begab,
zu meinem Schöpfer zu beten, so kniete ich doch jetzt vor dem
einfachen Tischlein hin und tat ein heißes, inbrünstiges Gebet zu
Gott, dem ich alles und jedes, besonders mein Sein und mein Schicksal
und das Schicksal der Meinigen, anheim stellte.

Dann entkleidete ich mich, schloß die Schlösser meiner Zimmer ab und
begab mich zur Ruhe.

Als ich schon zum Entschlummern war, kam mir der Gedanke, ich wolle
nach Mathilden und ihren Verhältnissen eben so wenig eine Frage tun,
als ich sie nach meinem Gastfreunde getan habe.

Ich erwachte sehr zeitig; aber nach der Natur jener Jahreszeit war es
schon ganz licht, ein blauer, wolkenloser Himmel wölbte sich über die
Hügel, das Getreide unter meinen Füßen wogte wirklich nicht, sondern
es stand unbewegt, mit starkem Taue wie mit feurigen Funken angetan,
in der aufgehenden Sonne da.

Ich kleidete mich an, richtete meine Gedanken zu Gott und setzte mich
zu meiner Arbeit.

Nach geraumer Zeit hörte ich durch meine Fenster, welche ich bei
weiter fortschreitendem Morgen geöffnet hatte, daß auch am äußersten
Ende des Hauses gegen Osten Fenster erklangen, welche geöffnet wurden.
In jener Gegend wohnten die Frauen in den schönen, nach weiblicher Art
eingerichteten Gemächern. Ich ging zu meinem Fenster, schaute hinaus
und sah wirklich, daß alle Fensterflügel an jenem Teile des Hauses
offen standen. Nach einer Zeit, da es bereits zur Stunde des
Frühmahles ging, hörte ich weibliche Schritte an meiner Tür vorüber
der Marmortreppe zugehen, welche mit einem weichen Teppiche belegt
war. Ich hatte auch, obwohl sie gedämpft war, wahrscheinlich, um mich
nicht zu stören, Gustavs Stimme erkannt.

Ich ging nach einer kleinen Weile auch über die Marmortreppe an dem
Marmorbilde der Muse vorüber in das Speisezimmer hinunter.

Der Tag verging ungefähr wie der vorige, und so verflossen nach und
nach mehrere.

Die Ordnung des Hauses war durch die Ankunft der Frauen fast gar
nicht gestört worden, nur daß solche Vorrichtungen vorgenommen werden
mußten, welche die Aufmerksamkeit für die Frauen verlangte. Die
Unterrichts- und Lernstunden Gustavs wurden eingehalten wie früher,
und ebenso ging die Beschäftigung meines Gastfreundes ihren Gang.
Mathilde beteiligte sich nach Frauenart an dem Hauswesen. Sie sah auf
das, was ihren Sohn betraf, und auf alles, was das häusliche Wohl des
alten Mannes anging. Sie wurde gar nicht selten in der Küche gesehen,
wie sie mitten unter den Mägden stand und an den Arbeiten Teil nahm,
die da vorfielen. Sie begab sich auch gerne in die Speisekammer, in
den Keller oder an andere Orte, die wichtig waren. Sie sorgte für die
Dinge, welche den Dienstleuten gehörten, insoferne sie sich auf ihre
Nahrung bezogen oder auf ihre Wohnung oder auf ihre Kleider und
Schlafstellen. Sie legte das Linnen, die Kleider und anderes Eigentum
des alten Herrn und ihres Sohnes zurecht und bewirkte, daß, wo
Verbesserungen notwendig waren, dieselben eintreten könnten. Unter
diesen Dingen ging sie manches Mal des Tages auf den Sandplatz vor dem
Hause und betrachtete gleichsam wehmütig die Rosen, die an der Wand
des Hauses empor wuchsen. Natalie brachte viele Zeit mit Gustav zu.
Die Geschwister mußten sich außerordentlich lieben. Er zeigte ihr alle
seine Bücher, namentlich die neu zu den alten hinzu gekommen waren,
er erklärte ihr, was er jetzt lerne, und suchte sie in dasselbe
einzuweihen, wenn sie es auch schon wußte und früher die nehmlichen
Weg gegangen war. Wenn es die Umstände mit sich brachten, schweiften
sie in dein Garten herum und freuten sich all des Lebens, was in
demselben war, und freuten sich des gegenseitigen Lebens, das sich
an einander schmiegte und dessen sie sich kaum als eines gesonderten
bewußt wurden. Die Zeit, welche alle frei hatten, brachten wir häufig
gemeinschaftlich mit einander zu. Wir gingen in den Garten oder saßen
unter einem schattigen Baume oder machten einen Spaziergang oder waren
in dem Meierhofe. Ich vermochte nicht in die Gespräche so einzugehen,
wie ich es mit meinem Gastfreunde allein tat, und wenn auch Mathilde
recht freundlich mit mir sprach, so wurde ich fast immer noch stummer.


Die Rosen fingen an, sich stets mehr zu entwickeln, sehr viele waren
bereits aufgeblüht und stündlich öffneten andere den sanften Kelch.
Wir gingen sehr oft hinaus und betrachteten die Zierde, und es
mußte manchmal eine Leiter herbei, um irgend etwas Störendes oder
Unvollkommenes zu entfernen.

Die Mittage waren lieb und angenehm. Auch das, daß Mathilde und
Natalie so fein und passend, wenn auch einfach angezogen waren, wie
ich es von meiner Mutter und Schwester gewohnt war, gab dem Mahle
einen gewissen Glanz, den ich früher vermißt hatte. Die Vorhänge waren
gegen die unmittelbare Sonne jederzeit zu, und es war eine gebrochene
und sanfte Helle in dem Zimmer.

Die Abende nach dem Abendessen brachten wir immer im Freien zu, da
noch lauter schöne Tage gewesen waren. Meistens saßen wir bei dem
großen Kirschbaume oben, welches bei weitem der schönste Platz zu
einem Abendsitze war, obgleich er auch zu jeder andern Zeit, wenn die
Hitze nicht zu groß war, mit der größten Annehmlichkeit erfüllte.
Mein Gastfreund führte die Gespräche klar und warm, und Mathilde
konnte ihm entsprechend antworten. Sie wurden mit einer Milde und
Einsicht geführt, daß sie immer an sich zogen, daß ich gerne meine
Aufmerksamkeit hin richtete und, wenn sie auch Gewöhnliches betrafen,
etwas Neues und Eindringendes zu hören glaubte. Der alte Mann führte
dann die Frau im Sternenscheine oder bei dem schwachen Lichte der
schmalen Mondessichel, die jetzt immer deutlicher in dem Abendrote
schwamm, über den Hügel in das Haus hinab, und die schlanken Gestalten
der Kinder gingen an den dunkeln Büschen dahin.

Das war alles so einfach, klar und natürlich, daß es mir immer war,
die zwei Leute seien Eheleute und Besitzer dieses Anwesens, Gustav
und Natalie seien ihre Kinder, und ich sei ein Freund, der sie hier
in diesem abgeschiedenen Winkel der Welt besucht habe, wo sie den
stilleren Rest ihres Daseins in Unscheinbarkeit und Ruhe hinbringen
wollten.

Eines Tages wurde eine feierliche Mahlzeit in dem Speisezimmer
gehalten. Es war Eustach, dann der Hausaufseher, der alte Gärtner
mit seiner Frau, der Verwalter des Meierhofes und die Haushälterin
Katharina geladen worden. Statt Katharinen mußte ein anderes die
Herrschaft in der Küche führen. Es mußte, wie ich aus allem entnahm,
jedes Mal bei der Anwesenheit Mathildens die Sitte sein, ein solches
Gastmahl abzuhalten; die Leute fanden sich auf eine natürliche Art
in die Sache, und die Gespräche gingen mit einer Gemäßheit vor sich,
welche auf Übung deutete. Mathilde konnte sie veranlassen, etwas zu
sagen, was paßte und was daher dem Sprechenden ein Selbstgefühl gab,
das ihm den Aufenthalt in der Umgebung angenehm machte. Eustach
allein erhielt die Auszeichnung, daß man das bei ihm nicht für nötig
erachtete, er sprach daher auch weniger und nur in allgemeinen
Ausdrücken über allgemeine Dinge. Er empfand, daß er der höheren
Gesellschaft zugezählt werde, wie ich es auch, da ich ihn näher kennen
gelernt hatte, ganz natürlich fand, während die anderen nicht merkten,
daß man sie empor hebe. Der Gärtner und seine Frau waren in ihrem
weißen, reinlichen Anzuge ein sehr liebes greises Paar, welches auch
die anderen mit einer gewissen Auszeichnung behandelten. An Speisen
war eine etwas reichlichere Auswahl als gewöhnlich, die Männer bekamen
einen guten Gebirgswein zum Getränke, für die Frauen wurde ein süßer
neben die Backwerke gestellt.

Da die Rosen immer mehr der Entfaltung entgegen gingen, wurden einmal
Sessel und Stühle in einem Halbkreise auf dem Sandplatze vor dem Hause
aufgestellt, so daß die Öffnung des Kreises gegen das Haus sah, und
ein langer Tisch wurde in die Mitte gestellt. Wir setzten uns auf die
Sessel, der Gärtner Simon war gerufen worden, Eustach kam, und von den
Leuten und Gartenarbeitern konnte kommen, wer da wollte. Sie machten
auch Gebrauch davon.

Die Rosen wurden einer sehr genauen Beurteilung unterzogen. Man fragte
sich, welche die schönsten seien oder welche dem einen oder dem
anderen mehr gefielen. Die Aussprüche erfolgten verschieden und jedes
suchte seine Meinung zu begründen. Es lagen Druckwerke und Abbildungen
auf dem Tische, zu denen man dann seine Zuflucht nahm, ohne eben jedes
Mal ihrem Ausspruche beizupflichten. Man tat die Frage, ob man nicht
Bäumchen versetzen solle, um eine schönere Mischung der Farben zu
erzielen. Der allgemeine Ausspruch ging dahin, daß man es nicht tun
solle, es täte den Bäumchen wehe, und wenn sie groß wären, könnten sie
sogar eingehen; eine zu ängstliche Zusammenstellung der Farben verrate
die Absicht und störe die Wirkung; eine reizende Zufälligkeit sei
doch das Angenehmste. Es wurde also beschlossen, die Bäume stehen zu
lassen, wie sie standen. Man sprach sich nun über die Eigenschaften
der verschiedenen Bäumchen aus, man beurteilte ihre Trefflichkeit
an sich, ohne auf die Blumen Rücksicht zu nehmen, und oft wurde der
Gärtner um Auskunft angerufen. Über die Gesundheit der Pflanzen und
ihre Pflege konnte kein Tadel ausgesprochen werden, sie waren heuer so
vortrefflich, wie sie alle Jahre vortrefflich gewesen waren. Auf den
Tisch wurden nun Erfrischungen gestellt und alle jene Vorrichtungen
ausgebreitet, die zu einem Vesperbrote notwendig sind. Aus den Reden
Mathildens sah ich, daß sie mit allen hier befindlichen Rosenpflanzen
sehr vertraut sei und daß sie selbst kleine Veränderungen bemerkte,
welche seit einem Jahre vorgegangen sind. Sie mußte wohl Lieblinge
unter den Blumen haben, aber man erkannte, daß sie allen ihre Neigung
in einem hohen Maße zugewendet habe. Ich schloß aus diesem Vorgange
wieder, welche Wichtigkeit diese Blumen für dieses Haus haben.


Gegen Abend desselben Tages kam ein Besuch in das Rosenhaus. Es war
ein Mann, welcher in der Nähe eine bedeutende Besitzung hatte, die er
selber bewirtschaftete, obwohl er sich im Winter eine geraume Zeit
in der Stadt aufhielt. Er war von seiner Gattin und zwei Töchtern
begleitet, Sie waren auf der Rückfahrt von einem Besuche begriffen,
den sie in einem entfernteren Teile der Gegend gemacht hatten, und
waren wie sie sagten, zu dem Hause herauf gefahren, um zu sehen, ob
die Rosen schon blühten und um die gewöhnliche Pracht zu bewundern.
Sie hatten im Sinne, am Abende wieder fort zu fahren, allein da die
Zeit schon so weit vorgerückt war, drang mein Gastfreund in sie,
die Nacht in seinem Hause zuzubringen, in welches Begehren sie
auch einwilligten. Die Pferde und der Wagen wurden in den Meierhof
gebracht, den Reisenden wurden Zimmer angewiesen.

Sie gingen aus denselben aber wieder sehr bald hervor, man begab sich
auf den Sandplatz vor dem Hause, und die Rosenschau wurde aufs neue
vorgenommen. Es waren zum Teile noch die Stühle vorhanden, die man
heute herausgetragen hatte, obwohl der Tisch schon weggeräumt war. Die
Mutter setzte sich auf einen derselben und nötigte Mathilden, neben
ihr Platz zu nehmen. Die Mädchen gingen neben den Rosen hin, und man
redete viel von den Blumen und bewunderte sie.

Vor dem Abendessen wurde noch ein Gang durch den Garten und einen Teil
der Felder gemacht, dann begab sich alles auf seine Zimmer.

Da die Stunde zu dem Abendmahle geschlagen hatte, versammelte man sich
wieder in dem Speisesaale. Der Fremde und seine Begleiterinnen hatten
sich umgekleidet, der Mann erschien sogar im schwarzen Fracke,
die Frauen hatten einen Anzug, wie man ihn in der Stadt bei nicht
festlichen, aber freundschaftlichen Besuchen hat. Wir waren in unseren
gewöhnlichen Kleidern. Aber gerade durch den Anzug der Fremden, an dem
sachgemäß nichts zu tadeln war, was ich recht gut beurteilen konnte,
weil ich solche Gewänder an meiner Mutter und Schwester oft sah
und auch oft Urteile darüber hörte, wurden unsere Kleider nicht in
den Schatten gestellt, sondern sie taten eher denen der Fremden,
wenigstens in meinen Augen, Abbruch. Der geputzte Anzug erschien mir
auffallend und unnatürlich, während der andere einfach und zweckmäßig
war. Es gewann den Anschein, als ob Mathilde, Natalie, mein alter
Gastfreund und selbst Gustav bedeutende Menschen wären, indes jene
einige aus der großen Menge darstellten, wie sie sich überall
befinden.

Ich betrachtete während der Zeit des Essens und nachher, da wir
uns noch eine Weile in dem Speisezimmer aufhielten, sogar auch die
Schönheit der Mädchen. Die ältere von den beiden Töchtern der Fremden
- wenigstens mir erschien sie als die ältere - hieß Julie. Sie hatte
braune Haare wie Natalie. Dieselben waren reich und waren schön um die
Stirne geordnet. Die Augen waren braun, groß und blickten mild. Die
Wangen waren fein und ebenmäßig, und der Mund war äußerst sanft und
wohlwollend. Ihre Gestalt hatte sich neben den Rosen und auf dem
Spaziergange als schlank und edel, und ihre Bewegungen hatten sich als
natürliche und würdevolle gezeigt. Es lag ein großer hinziehender Reiz
in ihrem Wesen. Die jüngere, welche Appolonia hieß, hatte gleichfalls
braune, aber lichtere Haare als die Schwester. Sie waren ebenso
reich und wo möglich noch schöner geordnet. Die Stirne trat klar und
deutlich von ihnen ab, und unter derselben blickten zwei blaue Augen
nicht so groß wie die braunen der Schwester, aber noch einfacher,
gütevoller und treuer hervor. Diese Augen schienen von dem Vater zu
kommen, der sie auch blau hatte, während die der Mutter braun waren.
Die Wangen und der Mund erschienen noch feiner als bei der Schwester
und die Gestalt fast unmerkbar kleiner. War ihr Benehmen minder
anmutig als das der Schwester, so war es treuherziger und lieblicher.
Meine Freunde in der Stadt würden gesagt haben, es seien zwei
hinreißende Wesen, und sie waren es auch. Natalie - ich weiß nicht,
war ihre Schönheit unendlich größer oder war es ein anderes Wesen
in ihr, welches wirkte -, ich hatte aber dieses Wesen noch in einem
geringen Maße zu ergründen vermocht, da sie sehr wenig zu mir
gesprochen hatte, ich hatte ihren Gang und ihre Bewegungen nicht
beurteilen können, da ich mir nicht den Mut nahm, sie zu beobachten,
wie man eine Zeichnung beobachtet - aber sie war neben diesen zwei
Mädchen weit höher, wahr, klar und schön, daß jeder Vergleich
aufhörte. Wenn es wahr ist, daß Mädchen bezaubernd wirken können, so
konnten die zwei Schwestern bezaubern; aber um Natalie war etwas wie
ein tiefes Glück verbreitet.

Mathilde und mein Gastfreund schienen diese Familie sehr zu lieben und
zu achten, das zeigte das Benehmen gegen sie.

Die Mutter der zwei Mädchen schien ungefähr vierzig Jahre alt zu sein.
Sie hatte noch alle Frische und Gesundheit einer schönen Frau, deren
Gestalt nur etwas zu voll war, als daß sie zu einem Gegenstande der
Zeichnung hätte dienen können, wie man wenigstens in Zeichnungen gerne
schöne Frauen vorstellt. Ihr Gespräch und ihr Benehmen zeigte, daß sie
in der Welt zu dem sogenannten vorzüglicheren Umgang gehöre. Der Vater
schien ein kenntnisvoller Mann zu sein, der mit dem Benehmen der
feineren Stände der Stadt die Einfachheit der Erfahrung und die Güte
eines Landwirtes verband, auf den die Natur einen sanften Einfluß
übte. Ich hörte seiner Rede gerne zu. Mathilde erschien bedeutend
älter als die Mutter der zwei Mädchen, sie schien einstens wie Natalie
gewesen zu sein, war aber jetzt ein Bild der Ruhe und, ich möchte
sagen, der Vergebung. Ich weiß nicht, warum mir in den Tagen dieser
Ausdruck schon mehrere Male einfiel. Sie sprach von den Gegenständen,
welche von den Besuchenden vorgebracht wurden, brachte aber nie ihre
eigenen Gegenstände zum Gespräche. Sie sprach mit Einfachheit, ohne
von den Gegenständen beherrscht zu werden und ohne die Gegenstände
ausschließlich beherrschen zu wollen. Mein Gastfreund ging in die
Ansichten seines Gutsnachbars ein und redete in der ihm eigentümlichen
klaren Weise, wobei er aber auch die Höflichkeit beging, den Gast die
Gegenstände des Gespräches wählen zu lassen.

So saßen diese zwei Abteilungen von Menschen an demselben Tische und
bewegten sich in demselben Zimmer, wirklich zwei Abteilungen von
Menschen.

Daraus, daß sie gerade zur Rosenblüte herauf gefahren waren, erkannte
ich, daß die Nachbarn meines Gastfreundes nicht bloß um seine Vorliebe
für diese Blumen wußten, sondern daß sie etwa auch Anteil daran
nahmen.

Es wurde nach dem Essen nicht mehr ein Spaziergang gemacht, wie in
diesen Tagen, sondern man blieb in Gesprächen bei einander und ging
später, als es sonst in diesem Hause gebräuchlich war, zur Ruhe.

Am anderen Morgen wurde das Frühmahl in dem Garten eingenommen, und
nachdem man sich noch eine Weile in dem Gewächshause aufgehalten
hatte, fuhren die Gäste mit der wiederholt vorgebrachten Bitte fort,
sie doch auch recht bald auf ihrem Gute zu besuchen, was zugesagt
wurde.

Nach dieser Unterbrechung gingen die Tage auf dem Rosenhause dahin,
wie sie seit der Ankunft der Frauen dahin gegangen waren. Die Zeit,
welche jedes frei hatte, brachten wir wieder öfter gemeinschaftlich
zu. Ich wurde nicht selten in diesen Zeiten ausdrücklich zur
Gesellschaft geladen. Natalie hatte auch ihre Lernstunden, welche sie
gewissenhaft hielt. Gustav sagte mir, daß sie jetzt Spanisch lerne und
spanische Bücher mit hieher gebracht habe. Ich hatte doch den Raum,
welchen man mir in dem sogenannten Steinhause eingeräumt hatte,
benutzt und hatte mehrere meiner Gegenstände dort hingebracht. Gustav
las bereits in den Büchern von Goethe. Sein Ziehvater hatte ihm
Hermann und Dorothea ausgewählt und ihm gesagt, er solle das Werk so
genau und sorgfältig lesen, daß er jeden Vers völlig verstehe, und wo
ihm etwas dunkel sei, dort solle er fragen. Mir war es rührend, daß
die Bücher alle in Gustavs Zimmer aufgestellt waren und daß man das
Zutrauen hatte, daß er kein anderes lesen werde, als welches ihm von
dem Ziehvater bezeichnet worden sei. Ich kam oft zu ihm, und wenn ich
nach der Kenntnis, die ich bereits von seinem Wesen gewonnen hatte,
nicht gewußt hätte, daß er sein Versprechen halten werde, so hätte ich
mich durch meine Besuche von dieser Tatsache überzeugt. Mathilde und
Natalie standen oft dabei, wenn mein Gastfreund für seine gefiederten
Gäste auf der Fütterungstenne Körner streute, und nicht selten, wenn
ich des Morgens von einem Gange durch den Garten zurückkam, sah
ich, daß bei der Fütterung in dem Eckzimmer, an dessen Fenstern die
Fütterungsbrettchen angebracht waren, eine schöne Hand tätig sei, die
ich für Nataliens erkannte. Wir besuchten manchmal die Nester, in
welchen noch gebrütet wurde oder sich Junge befanden. Die meisten
aber waren schon leer, und die Nachkommenschaft wohnte bereits in
den Zweigen der Bäume. Oft befanden wir uns in dem Schreinerhause,
sprachen mit den Leuten, betrachteten die Fortschritte der Arbeit und
redeten darüber.

Wir besuchten sogar auch Nachbarn und sahen uns in ihrer
Wirtschaftlichkeit um. Wenn wir in dem Hause waren, befanden wir uns
in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes, es wurde etwas gelesen, oder
es wurde ein geistansprechender Versuch in dem Zimmer der Naturlehre
gemacht, oder wir waren in dem Bilderzimmer oder in dem Marmorsaale.
Mein Gastfreund mußte oft seine Kunst ausüben und das Wetter
voraussagen. Immer, wenn er eine bestimmte Aussage machte, traf sie
ein. Oft verweigerte er aber diese Aussage, weil, wie er erklärte, die
Anzeigen nicht deutlich und verständlich genug für ihn seien.

Zuweilen waren wir auch in den Zimmern der Frauen. Wir kamen dahin,
wenn wir dazu geladen waren. Das kleine letzte Zimmerchen mit der
Tapetentür gehörte insbesondere Mathilden. Ich hatte es Rosenzimmer
genannt, und es wurde scherzweise der Name beibehalten. Mir war es
ein anmutiger Eindruck, daß ich sah, wie liebend und wie hold dieses
Zimmer für die alte Frau eingerichtet worden war. Es herrschte eine
zusammenstimmende Ruhe in diesem Zimmer mit den sanften Farben
Blaßrot, Weißgrau, Grün, Mattveilchenblau und Gold. In all das sah die
Landschaft mit den lieblichen Gestalten der Hochgebirge herein.

Mathilde saß gerne auf dem eigentümlichen Sessel am Fenster und sah
mit ihrem schönen Angesichte hinaus, dessen Art mein Gastfreund einmal
mit einer welkenden Rose verglichen hatte.

In den Zimmern las zuweilen Natalie etwas vor, wenn mein Gastfreund es
verlangte. Sonst wurde gesprochen. Ich sah auf ihrem Tische Papiere in
schöner Ordnung und neben ihnen Bücher liegen. Ich konnte es nie über
mich bringen, auch nur auf die Aufschrift dieser Bücher zu sehen, viel
weniger gar eines zu nehmen und hinein zu schauen. Es taten dies auch
andere nie. An dem Fenster stand ein verhüllter Rahmen, an dem sie
vielleicht etwas arbeitete; aber sie zeigte nichts davon. Gustav,
wahrscheinlich aus Neigung zu mir, um mich mit den schönen Dingen zu
erfreuen, die seine Schwester verfertigte, ging sie wiederholt darum
an. Sie lehnte es aber jedes Mal auf eine einfache Art ab. Ich hatte
einmal in einer Nacht, da meine Fenster offen waren, Zithertöne
vernommen. Ich kannte dieses Musikgerät des Gebirges sehr gut, ich
hatte es bei meinen Wanderungen sehr oft und von den verschiedensten
Händen spielen gehört, und hatte mein Ohr für seine Klänge und
Unterschiede zu bilden gesucht. Ich ging an das Fenster und hörte zu.
Es waren zwei Zithern, die im östlichen Flügel des Hauses abwechselnd
gegen einander und mit einander spielten. Wer Übung im Hören dieser
Klänge hat, merkt es gleich, ob auf derselben Zither oder auf
verschiedenen, und von denselben Händen oder verschiedenen gespielt
wird. In den Gemächern der Frauen sah ich später die zwei Zithern
liegen. Es wurde aber in unserer Gegenwart nie darauf gespielt. Mein
Gastfreund verlangte es nicht, ich ohnehin nicht, und in dieser
Angelegenheit beobachtete auch Gustav eine feste Enthaltung.


Indessen war nach und nach die Zeit herangerückt, in welcher die Rosen
in der allerschönsten Blüte standen. Das Wetter war sehr günstig
gewesen. Einige leichte Regen, welche mein Gastfreund vorausgesagt
hatte, waren dem Gedeihen bei weitem förderlicher gewesen, als es
fortdauernd schönes Wetter hätte tun können. Sie kühlten die Luft von
zu großer Hitze zu angenehmer Milde herab und wuschen Blatt, Blume und
Stengel viel reiner von dem Staube, der selbst in weit von der Straße
entfernten und mitten in Feldern gelegenen Orten doch nach lange
andauerndem schönem Wetter sich auf Dächern, Mauern, Zäunen, Blättern
und Halmen sammelt, als es die Sprühregen, die mein Gastfreund ein
paar Male durch seine Vorrichtung unter dem Dache auf die Rosen hatte
ergehen lassen, zu tun im Stande gewesen waren. Unter dem klarsten,
schönsten und tiefsten Blau des Himmels standen nun eines Tages
Tausende von den Blumen offen, es schien, daß keine einzige Knospe im
Rückstande geblieben und nicht aufgegangen ist. In ihrer Farbe von dem
reinsten Weiß in gelbliches Weiß, in Gelb, in blasses Rot, in feuriges
Rosenrot, in Purpur, in Veilchenrot, in Schwarzrot zogen sie an der
Fläche dahin, daß man bei lebendiger Anschauung versucht wurde, jenen
alten Völkern Recht zu geben, die die Rosen fast göttlich verehrten
und bei ihren Freuden und Festen sich mit diesen Blumen bekränzten.
Man war täglich, teils einzeln, teils zusammen, zu dem Rosengitter
gekommen, um die Fortschritte zu betrachten, man hatte gelegentlich
auch andere Rosenteile und Rosenanlagen in dem Garten besucht;
allein an diesem Tage erklärte man einmütig, jetzt sei die Blüte am
schönsten, schöner vermöge sie nicht mehr zu werden und von jetzt an
müsse sie abzunehmen beginnen. Dies hatte man zwar auch schon einige
Tage früher gesagt; jetzt aber glaubte man sich nicht mehr zu irren,
jetzt glaubte man auf dem Gipfel angelangt zu sein.

So weit ich mich auf das vergangene Jahr zu erinnern vermochte, in
welchem ich auch diese Blumen in ihrer Blüte angetroffen hatte, waren
sie jetzt schöner als damals.

Es kamen wiederholt Besuche an, die Rosen zu sehen. Die Liebe zu
diesen Blumen, welche in dem Rosenhause herrschte, und die zweckmäßige
Pflege, welche sie da erhielten, war in der Nachbarschaft bekannt
geworden, und da kamen manche, welche sich wirklich an dem
ungewöhnlichen Ergebnisse dieser Zucht ergötzen wollten, und andere,
die dem Besitzer etwas Angenehmes erzeigen wollten, und wieder
andere, die nichts Besseres zu tun wußten, als nachzuahmen, was
ihre Umgebung tat. Alle diese Arten waren nicht schwer von einander
zu unterscheiden. Die Behandlung derselben war von Seite meines
Gastfreundes so fein, daß ich es nicht von ihm vermutet hatte und daß
ich diese Eigenschaft an ihm erst jetzt, wo ich ihn unter Menschen
beobachten konnte, entdeckte.

Auch Bauern kamen zu verschiedenen Zeiten und baten, daß sie die Rosen
anschauen dürfen. Nicht nur die Rosen wurden ihnen gezeigt, sondern
auch alles andere im Hause und Garten, was sie zu sehen wünschten,
besonders aber der Meierhof, insoferne sie ihn nicht kannten oder
ihnen die letzten Veränderungen in demselben neu waren.

Eines Tages kam auch der Pfarrer von Rohrberg, den ich bei meinem
vorjährigen Besuche in dem Rosenhause getroffen hatte. Er zeichnete
sich einige Rosen in ein Buch, das er mitgebracht hatte, und wendete
sogar Wasserfarben an, um die Farben der Blumen so getreu, als nur
immer möglich ist, nachzuahmen. Die Zeichnung aber sollte keine
Kunstabbildung von Blumen sein, sondern er wollte sich nur solche
Blumen anmerken und von ihnen den Eindruck aufbewahren, deren Art er
in seinen Garten zu verpflanzen wünschte. Es bestand nehmlich schon
seit lange her zwischen meinem Gastfreunde und dem Pfarrer das
Verhältnis, daß mein Gastfreund dem Pfarrer Pflanzen gab, womit
dieser seinen Garten zieren wollte, den er teils neu um das Pfarrhaus
angelegt, teils erweitert hatte.

Unter allen aber schien Mathilde die Rosen am meisten zu lieben. Sie
mußte überhaupt die Blumen sehr lieben; denn auf den Blumentischen in
ihren Zimmern standen stets die schönsten und frischesten des Gartens,
auch wurde gerne auf dem Tische, an welchem wir speisten, eine Gruppe
von Gartentöpfen mit ihren Blumen zusammengestellt. Abgebrochen oder
abgeschnitten und in Gläser mit Wasser gestellt durften in diesem
Hause keine Blumen werden, außer sie waren welk, so daß man sie
entfernen mußte. Den Rosen aber wendete sie ihr meistes Augenmerk zu.
Nicht nur ging sie zu denen, welche im Garten in Sträuchen, Bäumchen
und Gruppen standen, und bekümmerte sich um ihre Hegung und Pflege,
sondern sie besuchte auch ganz allein, wie ich schon früher bemerkt
hatte, die, welche an der Wand des Hauses blühten. Oft stand sie lange
davor und betrachtete sie. Zuweilen holte sie sich einen Schemel,
stieg auf ihn und ordnete in den Zweigen. Sie nahm entweder ein welkes
Laubblatt ab, das den Blicken der andern entgangen war, oder bog eine
Blume heraus, die am vollkommenen Aufblühen gehindert war, oder las
ein Käferchen ab oder lüftete die Zweige, wo sie sich zu dicht und zu
buschig gedrängt hatten. Zuweilen blieb sie auf dem Schemel stehen,
ließ die Hand sinken und betrachtete wie im Sinnen die vor ihr
ausgebreiteten Gewächse.

Wirklich war der Tag, den man als den schönsten der Rosenblüte
bezeichnet hatte, auch der schönste gewesen. Von ihm an begann sie
abzunehmen, und die Blumen fingen an zu welken, so daß man öfter die
Leiter und die Schere zur Hand nehmen mußte, um Verunzierungen zu
beseitigen.

Auch zwei fremde Reisende waren in das Rosenhaus gekommen, welche
sich eine Nacht und einen Teil des darauf folgenden Vormittages in
demselben aufgehalten hatten. Sie hatten den Garten, die Felder und
den Meierhof besehen. In seine Zimmer und in die Schreinerei hatte sie
mein Gastfreund nicht geführt, woraus ich die mir angenehme Bemerkung
zog, daß er mir bei meiner ersten Ankunft in seinem Hause eine
Bevorzugung gab, die nicht jedem zu Teil wurde, daß ich also eine Art
Zuneigung bei ihm gefunden haben mußte.

Gegen das Ende der Rosenblüte kam Eustachs Bruder Roland in das Haus.
Da er sich mehrere Tage in demselben aufhielt, fand ich Gelegenheit,
ihn genauer zu beobachten. Er hatte noch nicht die Bildung seines
Bruders, auch nicht dessen Biegsamkeit; aber er schien mehr Kraft zu
besitzen, die seinen Beschäftigungen einen wirksamen Erfolg versprach.
Was mir auffiel, war, daß er mehrere Male seine dunkeln Augen länger
auf Natalien heftete, als mir schicklich erscheinen wollte. Er hatte
eine Reihe von Zeichnungen gebracht und wollte noch einen entfernteren
Teil des Landes besuchen, ehe er wiederkehrte, um den Stoff vollkommen
zu ordnen.


Ehe Mathilde und Natalie das Rosenhaus verließen, mußte noch der
versprochene Besuch auf dem Gute des Nachbars, welches Ingheim hieß
und von dem Volke nicht selten der Inghof genannt wurde, gemacht
werden. Es wurde hingeschickt und ein Tag genannt, an dem man kommen
wollte, welcher auch angenommen wurde. Am Morgen dieses Tages wurden
die braunen Pferde, mit denen Mathilde gekommen war und die sie die
Zeit über in dem Meierhofe gelassen hatte, vor den Wagen gespannt,
der die Frauen gebracht hatte, und Mathilde und Natalie setzten sich
hinein. Mein Gastfreund, Gustav und ich, der ich eigens in die Bitte
des Gegenbesuchs eingeschlossen worden war, stiegen in einen anderen
Wagen, der mit zwei sehr schönen Grauschimmeln meines Gastfreundes
bespannt war. Eine rasche Fahrt von einer Stunde brachte uns an den
Ort unserer Bestimmung. Ingheim ist ein Schloß, oder eigentlich sind
zwei Schlösser da, welche noch von mehreren anderen Gebäuden umgeben
sind. Das alte Schloß war einmal befestigt. Die grauen, aus großen
viereckigen Steinen erbauten runden Türme stehen noch, ebenso die
graue aus gleichen Steinen erbaute Mauer zwischen den Türmen.
Beide Teile beginnen aber oben zu verfallen. Hinter den Türmen und
Mauern steht das alte, unbewohnte, ebenfalls graue Haus, scheinbar
unversehrt; aber von den mit Brettern verschlagenen Fenstern schaut
die Unbewohntheit und Ungastlichkeit herab. Vor diesen Werken des
Altertums steht das neue weiße Haus, welches mit seinen grünen
Fensterläden und dem roten Ziegeldache sehr einladend aussieht. Wenn
man von der Ferne kömmt, meint man, es sei unmittelbar an das alte
Schloß angebaut, welches hinter ihm emporragt. Wenn man aber in dem
Hause selber ist und hinter dasselbe geht, so sieht man, daß das alte
Gemäuer noch ziemlich weit zurück ist, daß es auf einem Felsen steht
und daß es durch einen breiten, mit einem Obstbaumwald bedeckten
Graben von dem neuen Hause getrennt ist. Auch kann man in der Ferne
wegen der ungewöhnlichen Größe des alten Schlosses die Geräumigkeit
des neuen Hauses nicht ermessen. Sobald man sich aber in demselben
befindet, so erkennt man, daß es eine bedeutende Räumlichkeit habe und
nicht bloß für das Unterkommen der Familie gesorgt ist, sondern auch
eine ziemliche Zahl von Gästen noch keine Ungelegenheit bereitet. Ich
hatte wohl den Namen des Schlosses öfter gehört, dasselbe aber nie
gesehen. Es liegt so abseits von den gewöhnlichen Wegen und ist durch
einen großen Hügel so gedeckt, daß es von Reisenden, welche durch
diese Gegend gewöhnlich den Gebirgen zugehen, nicht gesehen werden
kann. Als wir uns näherten, entwickelten sich die mehreren Bauwerke.
Zuerst kamen wir zu den Wirtschaftsgebäuden oder der sogenannten
Meierei. Dieselben standen, wie es bei vielen Besitzungen in unserem
Lande der Brauch ist, ziemlich weit entfernt von dem Wohnhause und
bildeten eine eigene Abteilung. Von da führte der Weg durch eine Allee
uralter großer Linden eine Strecke gegen das neue Haus. Die Allee ist
ein Bruchstück von derjenigen, die einmal gegen die Zugbrücke des
alten Schlosses hinauf geführt hatte; sie brach daher ab, und wir
fuhren die übrige Strecke durch schönen grünen Rasen, der mit
einzelnen Blumenhügeln geschmückt war, dem Hause zu. Dasselbe war von
weißlich grauer Farbe und hatte säulenartige Streifen und Friese. Alle
Fenster, soweit die geöffneten Läden eine Einsicht zuließen, zeigten
von Innen schwere Vorhänge. Als der Wagen der Frauen unter dem
Überdache der Vorfahrt hielt, stand schon der Herr von Ingheim
sammt seiner Gattin und seinen Töchtern am Ende der Treppe zur
Bewillkommnung. Sie waren alle mit Geschmack gekleidet, sowie die
Dienerschaft, die hinter ihnen stand, in Festkleidern war. Der
Herr half den Frauen aus dem Wagen, und da wir mittlerweile auch
ausgestiegen und herzugekommen waren, wurden wir von der ganzen
Familie begrüßt und die Treppe hinauf geleitet.

Man führte uns in ein großes Empfangszimmer und wies uns Plätze an.
Mathilde und Natalie hatten zwar festlichere Kleider an, als sie im
Rosenhause trugen, aber dieselben, so edel der Stoff war, zeigten doch
keine übermäßige Verzierung oder gar Überladung. Mein Gastfreund,
Gustav und ich waren gekleidet, wie man es zu ländlichen Besuchen zu
sein pflegt. So ließen wir uns in die prachtvollen Polster, die hier
überall ausgelegt waren, nieder. Auf einem Tische, über den ein
schöner Teppich gebreitet war, standen Erfrischungen verschiedener
Art. Andere Tische, die noch in dem Zimmer standen, waren unbedeckt.
Die Geräte waren von Mahagoniholz und schienen aus der ersten
Werkstätte der Stadt zu stammen. Ebenso waren die Spiegel, die
Kronleuchter und andere Dinge des Zimmers. Eine Ecke an einem Fenster
nahm ein sehr schönes Clavier ein. Die ersten Gespräche betrafen die
gewöhnlichen Dinge über Wohlbefinden, über Wetter, über Gedeihen
der Feld- und Gartengewächse. Die Männer nannten sich wechselweise
Nachbar, die Frauen benannten sich gar nicht.

Als man etwas Weniges von den dastehenden Speisen genommen hatte,
erhob man sich, und wir gingen durch die Zimmer. Es war eine Reihe,
deren Fenster größtenteils gegen Mittag auf die Landschaft hinaus
gingen. Alle waren sehr schön nach neuer Art eingerichtet, besonders
reich waren die Palisandergeräte im Empfangszimmer der Frau, in
welchem, so wie in dem Arbeitszimmer der Mädchen, wieder Claviere
standen. Der Herr des Hauses führte besonders mich in den Räumen
herum, dem sie noch fremd waren. Die übrige Gesellschaft folgte uns
gelegentlich in das eine oder andere Gemach.

Aus den Zimmern ging man in den Garten. Derselbe war wie viele
wohlgehaltene und schöne Gärten in der Nähe der Stadt. Schöne
Sandgänge, grüne ausgeschnittene Rasenplätze mit Blumenstücken,
Gruppen von Zier- und Waldgebüschen, ein Gewächshaus mit
Camellien, Rhododendren, Azaleen, Eriken, Calceolarien und vielen
neuholländischen Pflanzen, endlich Ruhebänke und Tische an geeigneten
schattigen Stellen. Der Obstgarten als Nützlichkeitsstück war nicht
bei dem Wohnhause, sondern hinter dem Meierhofe.

Von dem Garten gingen wir, wie es bei ländlichen Besuchen zu geschehen
pflegt, in die Meierei. Wir gingen durch die Reihen der glatten
Rinder, die meistens weiß gestirnt waren, wir besahen die Schafe, die
Pferde, das Geflügel, die Milchkammer, die Käsebereitung, die Brauerei
und ähnliche Dinge. Hinter den Scheuern trafen wir den Gemüsegarten
und den sehr weitläufigen Obstgarten an. Von diesen gingen wir in die
wohlbestellten Felder und in die Wiesen. Der Wald, welcher zu der
Besitzung gehört, wurde mir in der Ferne gezeigt.

Nachdem wir unsern ziemlich bedeutenden Spaziergang beendigt hatten,
wurden wir in eine ebenerdige große Speisehalle geführt, in welcher
der Mittagtisch gedeckt war. Ein einfaches, aber ausgesuchtes Mahl
wurde aufgetragen, wobei die Dienerschaft hinter unseren Stühlen
stehend bediente. Hatte sich die Familie Ingheim schon bei dem Besuche
auf dem Rosenhause als unter die gebildeten gehörig gezeigt, so war
dies bei unserem Empfange in ihrem eigenen Hause wieder der Fall.
Sowohl bei Vater und Mutter als auch bei den Mädchen war Einfachheit,
Ruhe und Bescheidenheit. Die Gespräche bewegten sich um mehrere
Gegenstände, sie rissen sich nicht einseitig nach einer gewissen
Richtung hin, sondern schmiegten sich mit Maß der Gesellschaft an.
Einen Teil der Zeit nach dem Mittagessen brachten wir in den Zimmern
des ersten Stockwerkes zu. Es wurde Musik gemacht, und zwar Clavier
und Gesang. Zuerst spielte die Mutter etwas, dann beide Mädchen
allein, dann zusammen. Jedes der Mädchen sang auch ein Lied. Natalie
saß in den seidenen Polstern und hörte aufmerksam zu. Als man sie aber
aufforderte, auch zu spielen, verweigerte sie es.

Gegen Abend fuhren wir wieder in das Rosenhaus zurück.

Als Gustav aus unserem Wagen gesprungen war, als mein Gastfreund und
ich denselben verlassen hatten, und ich die edle, schlanke Gestalt
Nataliens gegen die Marmortreppe hinzu gehen sah, blieb ich ein
Weilchen stehen und begab mich dann auch in meine Zimmer, wo ich bis
zum Abendessen blieb.

Dieses war wie gewöhnlich, man machte aber nach demselben an diesem
Tage keinen Spaziergang mehr.

Ich ging in mein Schlafzimmer, öffnete die Fenster, die man trotz des
warmen Tages, weil ich abwesend gewesen war, geschlossen gehalten
hatte, und lehnte mich hinaus. Die Sterne begannen sachte zu glänzen,
die Luft war mild und ruhig und die Rosendüfte zogen zu mir herauf.
Ich geriet in tiefes Sinnen. Es war mir wie im Traume, die Stille der
Nacht und die Düfte der Rosen mahnten an Vergangenes; aber es war doch
heute ganz anders.

Nach diesem Besuche auf dem Inghofe folgten mehrere Regentage, und
als diese beendigt waren und wieder dem Sonnenscheine Platz machten,
war auch die Zeit heran genaht, in welcher Mathilde und Natalie das
Rosenhaus verlassen sollten. Es war schon Mehreres gepackt worden, und
darunter sah ich auch die beiden Zithern, die man in sammtene Fächer
tat, welche ihrerseits wieder in lederne Behältnisse gesteckt wurden.

Endlich war der Tag der Abreise festgesetzt worden.

Am Abende vorher war schon das Hauptsächlichste, was mitgenommen
werden sollte, in den Wagen geschafft, und die Frauen hatten
am Nachmittage in mehreren Stellen Abschied genommen: bei den
Gärtnerleuten, in der Schreinerei und im Meierhofe.

Am andern Morgen erschienen sie bei dem Frühmahle in Reisekleidern,
während noch Arabella, das Dienstmädchen Mathildens, diejenigen
Sachen, die bis zu dem letzten Augenblicke im Gebrauch gewesen waren,
in den Wagen packte.

Nach dem Frühmahle, als die Frauen schon die Reisehüte aufhalten,
sagte Mathilde zu meinem Gastfreunde:

»Ich danke dir, Gustav, lebe wohl, und komme bald in den Sternenhof.«

»Lebe wohl, Mathilde«, sagte mein Gastfreund.

Die zwei alten Leute küßten sich wieder auf die Lippen, wie sie es bei
der Ankunft Mathildens getan hatten.

»Lebe wohl, Natalie«, sagte er dann zu dem Mädchen.

Dasselbe erwiderte nur leise die Worte: »Dank für alle Güte.«

Mathilde sagte zu dem Knaben: »Sei folgsam und nimm dir deinen
Ziehvater zum Vorbilde.«

Der Knabe küßte ihr die Hand.

Dann, zu mir gewendet, sprach sie: »Habet Dank für die freundlichen
Stunden, die ihr uns in diesem Hause gewidmet habt. Der Besitzer wird
euch für euren Besuch wohl schon danken. Bleibt meinem Knaben gut, wie
ihr es bisher gewesen seid, und laßt euch seine Anhänglichkeit nicht
leid tun. Wenn es eure schöne Wissenschaft zuläßt, so seid unter
denen, die von diesem Hause aus den Sternenhof besuchen werden. Eure
Ankunft wird dort sehr willkommen sein.«

»Den Dank muß wohl ich zurückgeben für alle die Güte, welche mir
von euch und von dem Besitzer dieses Hauses zu Teil geworden ist«,
erwiderte ich. »Wenn Gustav einige Zuneigung zu mir hat, so ist
wohl die Güte seines Herzens die Ursache, und wenn ihr mich von
dem Sternenhofe nicht zurück weiset, so werde ich gewiß unter den
Besuchenden sein.«

Ich empfand, daß ich mich auch von Natalien verabschieden sollte; ich
vermochte aber nicht, etwas zu sagen, und verbeugte mich nur stumm.
Sie erwiderte diese Verbeugung ebenfalls stumm.

Hierauf verließ man das Haus und ging auf den Sandplatz hinaus.
Die braunen Pferde standen mit dem Wagen schon vor dem Gitter. Die
Hausdienerschaft war herbei gekommen, Eustach mit seinen Arbeitern
stand da, der Gärtner mit seinen Leuten und seiner Frau und der Meier
mit dem Großknechte aus dem Meierhofe waren ebenfalls gekommen.

»Ich danke euch recht schön, lieben Leute«, sagte Mathilde, »ich danke
euch für eure Freundschaft und Güte, seid für euren Herrn treu und
gut. Du, Katharina, sehe auf ihn und Gustav, daß keinem ein Ungemach
zustößt.«

»Ich weiß, ich weiß« fuhr sie fort, als sie sah, daß Katharina reden
wollte, »du tust Alles, was in deinen Kräften ist, und noch mehr, als
in deinen Kräften ist; aber es liegt schon so in dem Menschen, daß er
um Erfüllung seiner Herzenswünsche bittet, wenn er auch weiß, daß sie
ohnehin erfüllt werden, ja daß sie schon erfüllt worden sind.«

»Kommt recht gut nach Hause«, sagte Katharina, indem sie Mathilden die
Hand küßte und sich mit dem Zipfel ihrer Schürze die Augen trocknete.

Alle drängten sich herzu und nahmen Abschied. Mathilde hatte für
ein jedes liebe Worte. Auch von Natalien beurlaubte man sich, die
gleichfalls freundlich dankte.

»Eustach, vergeßt den Sternenhof nicht ganz«, sagte Mathilde zu diesem
gewendet, »besucht uns mit den anderen. Ich will nicht sagen, daß euch
auch die Dinge dort notwendig haben könnten, ihr sollt unsertwegen
kommen.«

»Ich werde kommen, hochverehrte Frau«, erwiderte Eustach.

Nun sprach sie noch einige Worte zu dem Gärtner und seiner Frau und zu
dem Meier, worauf die Leute ein wenig zurück traten.

»Sei gut, mein Kind«, sagte sie zu Gustav, indem sie ihm ein Kreuz
mit Daumen und Zeigefinger auf die Stirne machte und ihn auf dieselbe
küßte. Der Knabe hielt ihre Hand fest umschlungen und küßte sie. Ich
sah in seinen großen schwarzen Augen, die in Tränen schwammen, daß er
sich gerne an ihren Hals würfe; aber die Scham, die einen Bestandteil
seines Wesens machte, mochte ihn zurück halten.

»Bleibe lieb, Natalie«, sagte mein Gastfreund.

Das Mädchen hätte bald die dargereichte Hand geküßt, wenn er es
zugelassen hätte.

»Teurer Gustav, habe noch einmal Dank«, sagte Mathilde zu meinem
Gastfreunde. Sie hatte noch mehr sagen wollen; aber es brachen Tränen
aus ihren Augen. Sie nahm ein feines, weißes Tuch und drückte es fest
gegen diese Augen, aus denen sie heftig weinte.

Mein Gastfreund stand da und hielt die Augen ruhig; aber es fielen
Tränen aus denselben herab.

»Reise recht glücklich, Mathilde«, sagte er endlich, »und wenn bei
deinem Aufenthalte bei uns etwas gefehlt hat, so rechne es nicht
unserer Schuld an.«

Sie tat das Tuch von den Augen, die noch fortweinten, deutete auf
Gustav und sagte: »Meine größte Schuld steht da, eine Schuld, welche
ich wohl nie werde tilgen können.«

»Sie ist nicht auf Tilgung entstanden«, erwiderte mein Gastfreund.
»Rede nicht davon, Mathilde, wenn etwas Gutes geschieht, so geschieht
es recht gerne.«

Sie hielten sich noch einen Augenblick bei den Händen, während ein
leichtes Morgenlüftchen einige Blätter der abgeblühten Rosen zu ihren
Füßen wehte.

Dann führte er sie zu dem Wagen, sie stieg ein, und Natalie folgte
ihr.

Es war nach den mehreren Regentagen ein sehr klarer, nicht zu warmer
Tag gefolgt. Der Wagen war offen und zurück gelegt. Mathilde ließ den
Schleier von dem nehmlichen Hute, den sie bei ihrer Herfahrt gehabt
hatte, über ihr Angesicht herabfallen; Natalie aber legte den ihrigen
zurück und gab ihre Augen den Morgenlüften. Nachdem auch noch Arabella
in den Wagen gestiegen war, zogen die Pferde an, die Räder furchten
den Sand und der Wagen ging auf dem Wege hinab der Hauptstraße zu.

Wir begaben uns wieder in das Haus zurück.

Jeder ging in sein Zimmer und zu seinen Geschäften.


Nachdem ich eine Weile in meiner Wohnung gewesen war, suchte ich den
Garten auf. Ich ging zu mehreren Blumen, die in einer für Blumen schon
so weit vorgerückten Jahreszeit noch blühten, ich ging zu den Gemüsen,
zu dem Zwergobste und endlich zu dem großen Kirschbaume hinauf. Von
demselben ging ich in das Gewächshaus. Ich traf dort den Gärtner,
welcher an seinen Pflanzen arbeitete. Als er mich eintreten sah,
kam er mir entgegen und sagte: »Es ist gut, daß ich allein mit euch
sprechen kann, habt ihr ihn gesehen?«

»Wen?« fragte ich.

»Nun, ihr waret ja auf dem Inghofe«, antwortete er, »da werdet ihr
wohl den Cereus peruvianus angeschaut haben.«

»Nein, den habe ich nicht angeschaut«, erwiderte ich, indem ich mich
wohl des Gespräches erinnerte, in welchem er mir erzählt hatte, daß
sich eine so große Pflanze dieser Art in dem Inghofe finde, »ich habe
auf ihn vergessen.«

»Nun, wenn ihr ihn vergessen habt, so wird ihn wohl der Herr
angeschaut haben«, sagte er.

»Ich glaube, daß uns niemand auf diese Pflanze aufmerksam gemacht hat,
als wir in dem Gewächshause waren«, erwiderte ich; »denn wenn jemand
anderer sich eigens zu dieser Pflanze gestellt hätte, so hätte ich es
gewiß bemerkt und hätte sie auch angesehen.«

»Das ist sehr sonderbar und sehr merkwürdig«, sagte er; »nun, wenn ihr
vergessen habt, den Cereus peruvianus anzusehen, so müßt ihr einmal
mit mir hinübergehen; wir brauchen nicht zwei Stunden, und es ist ein
angenehmer Weg. So etwas seht ihr nicht leicht anders wo. Sie bringen
ihn nie zur Blüte. Wenn ich ihn hier hätte, so würde er bald so weiß
wie meine Haare blühen, natürlich viel weißer. Die unseren sind noch
viel zu klein zum Blühen.«

Ich sagte ihm zu, daß ich einmal mit ihm in den Inghof hinübergehen
werde, ja sogar, wenn es nicht eine Unschicklichkeit sei und nicht zu
große Hindernisse im Wege stehen, daß ich auch versuchen werde, dahin
zu wirken, daß diese Pflanze zu ihm herüberkomme.

Er war sehr erfreut darüber und sagte, die Hindernisse seien gar
nicht groß, sie achten den Cereus nicht, sonst hätten sie ja die
Gesellschaft zu ihm hingeführt, und der Herr wolle sich vielleicht
keine Verbindlichkeit gegen den Nachbar auflegen. Wenn ich aber eine
Fürsprache mache, so würde der Cereus gewiß herüber kommen.

Wie doch der Mensch überall seine eigenen Angelegenheiten mit sich
herum führt, dachte ich, und wie er sie in die ganze übrige Welt
hineinträgt. Dieser Mann beschäftigt sich mit seinen Pflanzen und
meint, alle Leute müßten ihnen ihre Aufmerksamkeit schenken, während
ich doch ganz andere Gedanken in dem Haupte habe, während mein
Gastfreund seine eigenen Bestrebungen hat und Gustav seiner Ausbildung
obliegt. Das eine Gute hatte aber die Ansprache des Gärtners für mich,
daß sie mich von meinen wehmütigen und schmerzlichen Gefühlen ein
wenig abzog und mir die Überzeugung brachte, wie wenig Berechtigung
sie haben und wie wenig sie sich für das Einzige und Wichtigste in der
Welt halten dürfen.

Ich blieb noch länger in dem Gewächshause und ließ mir Mehreres von
dem Gärtner zeigen und erklären. Dann ging ich wieder in meine Wohnung
und setzte mich zu meiner Arbeit.

Wir kamen bei dem Mittagessen zusammen, wir machten am Nachmittage
einen Spaziergang, und die Gespräche waren wie gewöhnlich.


Die Zeit auf dem Rosenhause floß nach dem Besuche der Frauen wieder so
hin, wie sie vor demselben hingeflossen war.

Ich hatte die Muße, welche ich mir von meinen Arbeiten im Gebirge
zu einem Aufenthalte bei meinem Gastfreunde abgedungen hatte,
beinahe schon erschöpft. Das, was ich mir in dem Rosenhause als
Ergänzungsarbeit zu tun auferlegt hatte, rückte auch seiner Vollendung
entgegen. Ich ließ mir aber deßohngeachtet einen Aufschub gefallen,
weil man verabredet hatte, einen Besuch auf dem Sternenhofe zu machen,
was, wie ich einsah, Mathildens Wohnsitz war, und weil ich bei diesem
Besuche zugegen sein wollte. Auch war es im Plane, daß wir eine Kirche
besuchen wollten, die in dem Hochlande lag und in welcher sich ein
sehr schöner Altar aus dem Mittelalter befand. Ich nahm mir vor,
das, was mir an Zeit entginge, durch ein länger in den Herbst hinein
fortgesetztes Verweilen im Gebirge wieder einzubringen.

Mein Gastfreund hatte in dem Meierhofe wieder Bauarbeiten beginnen
lassen und beschäftigte dort mehrere Leute. Er ging alle Tage hin, um
bei den Arbeiten nachzusehen. Wir begleiteten ihn sehr oft. Es war
eben die letzte Einfuhr des Heues aus den höheren, in dem Alizwalde
gelegenen Wiesen, deren Ertrag später als in der Ebene gemäht wurde,
im Gange. Wir erfreuten uns an dieser duftenden, würzigen Nahrung der
Tiere, welche aus den Waldwiesen viel besser war als aus den fetten
Wiesen der Täler; denn auf den Bergwiesen wachsen sehr mannigfaltige
Kräuter, die aus den sehr verschiedenartigen Gesteingrundlagen die
Stoffe ihres Gedeihens ziehen, während die gleichartigere Gartenerde
der tiefen Gründe wenigere, wenngleich wasserreichere Arten hervor
bringt. Mein Gastfreund widmete diesem Zweige eine sehr große
Aufmerksamkeit, weil er die erste Bedingung des Gedeihens der
Haustiere, dieser geselligen Mitarbeiter der Menschen ist. Alles,
was die Würze, den Wohlgeruch und, wie er sich ausdrückte, die
Nahrungslieblichkeit beeinträchtigen konnte, mußte strenge
hintan gehalten werden, und wo durch Versehen oder Ungunst der
Zeitverhältnisse doch dergleichen eintrat, mußte das minder Taugliche
ganz beseitigt oder zu andern Wirtschaftszwecken verwendet werden.
Darum konnte man aber auch keine schöneres, glatteren, glänzenderen
und fröhlicheren Tiere sehen als auf dem Asperhofe. Der
Wirtschaftsvorteil lag außerdem noch als Zugabe bei; denn da das
Schlechtere gar nicht verwendet werden durfte, wurde bei der
Behandlung und Einbringung die größte Sorgfalt von den Leuten
beobachtet, abgesehen davon, daß mein Gastfreund bei seiner Kenntnis
der Witterungsverhältnisse weniger Schaden durch Regen oder
dergleichen erlitt als die meisten Landwirte, die sich um diese
Kenntnis gar nicht bekümmerten. Und der Nachteil der Nichtanwendung
des Schlechteren wurde weit durch den Vorteil des besseren Gedeihens
der Tiere aufgewogen. In dem Asperhofe konnte man immer mit einer
geringeren Anzahl Tiere größere Arbeiten ausführen als in anderen
Gehöften. Hiezu kam noch eine gewisse Fröhlichkeit und Heiterkeit
der untergeordneten Leute, die bei jeder sachgemäßen Führung eines
Geschäftes, bei dem sie beteiligt sind, und bei einer wenn auch
strengen, doch stets freundlichen Behandlung nicht ausbleibt. Ich
hörte bei meiner jetzigen Anwesenheit öfter von benachbarten Leuten
die Äußerung, das hätte man dem alten Asperhofe nicht angesehen, daß
das noch heraus kommen könnte.

Es wurde, da wieder mehrere Gewitter niedergegangen waren, die Luft
sich gereinigt hatte und einige schöne Tage erwartet werden konnten,
die Reise zu der Kirche mit dem sehenswürdigen Altare festgesetzt.

Im Norden unseres herrlichen Stromes, welcher das Land in einen
nördlichen und südlichen Teil teilt, erhebt sich ein Hochland, welches
viele Meilen die nördlichen Ufer des Stromes begleitet. In seinem
Süden ist eine acht bis zehn Meilen breite, verhältnismäßig ebene
Gegend von großer Fruchtbarkeit, die endlich von dem Zuge der Alpen
begrenzt ist. Ich war bisher nur vorzugsweise in die Alpen gegangen,
die nördlichen Hochlande hatte ich bloß ein einziges Mal betreten und
nur eine kleine Ecke derselben durchwandert. Jetzt sollte ich mit
meinem Gastfreunde eine Fahrt in das Innere derselben machen; denn die
Kirche, welche das Ziel unserer Reise war, steht weit näher an der
nördlichen als an der südlichen Grenze des Hochlandes. Wir fuhren
in der Begleitung Eustachs von dem Stromesufer die staffelartigen
Erhebungen empor und fuhren dann in dem hohen vielgehügelten Lande
dahin. Wir fuhren oft mit unseren Gespann langsam bis auf die höchste
Spitze eines Berges empor, dann auf der Höhe fort, oder wir senkten
uns wieder in ein Tal, umfuhren oft in Windungen abwärts die Dachung
des Berges, legten eine enge Schlucht zurück, stiegen wieder empor,
veränderten recht oft unsere Richtung und sahen die Hügel, die Gehöfte
und andere Bildungen von verschiedenen Seiten. Wir erblickten oft von
einer Spitze das ganze flache gegen Mittag gelegene Land mit seiner
erhabenen Hochgebirgskette, und waren dann wieder in einem Talkessel,
in welchem wir keine Gegenstände neben unserem Wagen hatten als eine
dunkle, weitästige Fichte und eine Mühle. Oft, wenn wir uns einem
Gegenstande gleichsam auf einer Ebene nähern zu können schienen, war
plötzlich eine tiefe Schlucht in die Ebene geschnitten, und wir mußten
dieselbe in Schlangenwindungen umfahren.

Ich hatte bei meinem ersten Besuche dieses Hochlandes die Bemerkung
gemacht, daß es mir da stiller und schweigsamer vorkomme, als wenn ich
durch andere, ebenfalls stille und schweigende Landschaften zog. Ich
dachte nicht weiter darüber nach. Jetzt kam mir dieselbe Empfindung
wieder. In diesem Lande liegen die wenigen größeren Ortschaften sehr
weit von einander entfernt, die Gehöfte der Bauern stehen einzeln auf
Hügeln oder in einer tiefen Schlucht oder an einem nicht geahnten
Abhange. Herum sind Wiesen, Felder, Wäldchen und Gestein. Die Bäche
gehen still in den Schluchten, und wo sie rauschen, hört man ihr
Rauschen nicht, weil die Wege sehr oft auf den Höhen dahin führen.
Einen großen Fluß hat das Land nicht, und wenn man die ausgedehnte
südliche Ebene und das Hochgebirge sieht, so ist es nur ein sehr
großer, aber stiller Gesichtseindruck. In den Alpen geht der
Straßenzug meistens nur in den Talrinnen, an den Flüssen oder
Wildbächen dahin, er kann sich wenig verzweigen, der Verkehr ist auf
ihn zusammengedrängt, und es regt sich auf ihm, und es wehet und
rauscht an ihm.

In diesem Lande sind noch viele wertvolle Altertümer zerstreut und
aufbewahrt, es haben einmal reiche Geschlechter in ihm gewohnt, und
die Krieges- und Völkerstürme sind nicht durch das Land gegangen.

Wir kamen in den kleinen Ort Kerberg. Er liegt in einem sehr
abgeschiedenen Winkel und ist von keinerlei Bedeutung. Nicht einmal
eine Straße von nur etwas lebhaftem Verkehre führt durch, sondern
nur einer jener Landwege, wie sie zum Austausche der Erzeugnisse der
Bevölkerung dienen und von dem guten Sand- und Steinstoffe des Landes
sehr gut gebaut sind. Nur die Lage ist schön, da hier die Bildungen
etwas größer sind und, mit dämmerigem Walde teilweise bekleidet,
anmutig zusammentreten. Und doch steht in diesem Orte die Kirche,
zu welcher wir auf der Reise waren. Hinter dem Orte, ungefähr nach
Mitternacht, liegt ein weitläufiges Schloß auf einem Berge, welches
große Garten- und Waldanlagen um sich hat. Auf diesem Schlosse hat
einmal ein reiches und mächtiges Geschlecht gewohnt. Einer von ihnen
hatte in dem kleinen Orte die Kirche bauen und auszieren lassen. Er
hat die Kirche im altdeutschen Stile gebaut, Spitzbogen schließen
sie, schlanke Säulen aus Stein teilen sie in drei Schiffe, und hohe
Fenster mit Steinrosen in ihren Bögen und mit den kleinen vieleckigen
Täfelchen geben ihr Licht. Der Hochaltar ist aus Lindenholz
geschnitzt, steht wie eine Monstranze auf dem Priesterplatze und ist
von fünf Fenstern umgeben. Viele Zeiten sind vorübergegangen. Der
Gründer ist gestorben, man zeigt sein Bild aus rotem Marmor in
Halbarbeit auf einer Platte in der Kirche. Andere Menschen sind
gekommen, man machte Zutaten in der Kirche, man bemalte und bestrich
die steinernen Säulen und die aus gehauenen Steinen gebauten Wände,
man ersetzte die zwei Seitenaltäre, von deren Gestalt man jetzt nichts
mehr weiß, durch neue, und es geht die Sage, daß schöne Glasgemälde
die Monstranze umstanden haben, daß sie fortgekommen seien und daß
gemeine viereckige Tafeln in die fünf Fenster gesetzt wurden. Sie
verunzieren in der Tat noch jetzt die Kirche. Die neuen Besitzer des
Schlosses waren nicht mehr so reich und mächtig, andere Zeiten hatten
andere Gedanken bekommen, und so war der geschnitzte Hochaltar von
Vögeln, Fliegen und Ungeziefer beschmutzt worden, die Sonne, die
ungehindert durch die viereckigen Tafeln hereinschien, hatte ihn
ausgedörrt, Teile fielen herab und wurden willkürlich wieder hinauf
getan und durcheinander gestellt, und in Arme, Angesichter und
Gewänder bohrte sich der Wurm.

Darum haben die Behörden des Landes den Altar wieder hergestellt, und
zu diesem gingen wir.


Eustach geleitete uns in die Kirche, es war ein sonniger Vormittag,
kein Mensch war zugegen, und wir traten vor das Schnitzwerk. Eustach
konnte vieles aus den Regeln der alten Kunst und aus der Geschichte
derselben erklären. Er sprach über das Mittelfeld, in welchem drei
ganze, überlebensgroße Gestalten auf reich verzierten Gestellen unter
reichen Überdächern standen. Es waren die Gestalten des heiligen
Petrus, des heiligen Wolfgang - beide in Bischofsgewändern - und des
heiligen Christophorus, wie er das Jesuskindlein auf der Schulter
trägt, und wie dasselbe nach der Legende dem riesenhaft starken Manne
schwer wie ein Weltball wird und seine Kräfte erschöpft, welche
Erschöpfung in der Gestalt ausgedrückt ist. Sehr viele kleine
Gestalten waren noch nach der Sitte unserer Vorältern in dem Raume
zerstreut. An dem Mittelfelde waren in gezierten Rahmen zwei Flügel,
auf welchen Bilder in halberhabener Arbeit sich befanden: die
Verkündigung des Engels, die Geburt des Heilandes, die Opferung der
drei Könige und der Tod Marias. Oberhalb des Mittelstückes war ein
Giebel mit der emporstrebenden durchbrochenen Arbeit, die man, wie
Eustach meint, fälschlich die gothische nennt, da sie vielmehr
mittelalterlich deutsch sei. In diese durchbrochene Arbeit waren
mehrere Gestalten eingestreut. Zu beiden Seiten hinter den Flügeln
standen die Gestalten des heiligen Florian und des heiligen Georg in
mittelalterlicher Ritterrüstung empor.

Der heilige Florian hatte das Sinnbild des brennenden Hauses und der
heilige Georg das des Drachen zu seinen Füßen. Eustach behauptete,
daß sich nur aus der Ansicht eines Sinnbildes die Kleinheit solcher
Beigaben zu altertümlichen Gestalten erkläre, da unsere kunstsinnigen
Altvordern gewiß nicht den großen Fehler der Unverhältnismäßigkeit der
Körper der Gegenstände gemacht haben würden. Mein Gastfreund sagte,
ohne die Meinung Eustachs verwerfen zu wollen, daß man die Sache auch
etwa so auslegen könne, daß man durch die über alles Maß hinausgehende
Größe der Gestalten, gegen welche ein Haus oder ein Drache klein sei,
ihre Übernatürlichkeit habe ausdrücken wollen.

Mein Gastfreund sagte, es müßten einmal nicht nur viel kunstsinnigere
Zeiten gewesen sein als heute, sondern es müßte die Kunst auch ein
allgemeineres Verständnis bis in das unterste Volk hinab gefunden
haben; denn wie wären sonst Kunstwerke in so abgelegene Orte wie
Kerberg gekommen, oder wie befänden sich solche in noch kleineren
Kirchen und Kapellen des Hochlandes, die oft einsam auf einem Hügel
stehen oder mit ihren Mauern aus einem Waldberge hervor ragen, oder
wie wären kleine Kirchlein, Feldkapellen, Wegsäulen, Denksteine
alter Zeit mit solcher Kunst gearbeitet: so wie heut zu Tage der
Kunstverfall bis in die höheren Stände hinauf rage, weil man nicht nur
in die Kirchen, Gräber und heiligen Orte abscheuliche Gestalten, die
eher die Andacht zerstören als befördern, von dem Volke stellen läßt,
sondern auch bis zu sich hinauf in das herrschaftliche Schloß so oft
die leeren und geistesarmen Arbeiten einer ohnmächtigen Zeit zieht.
Meines Gastfreundes und Eustachs bemächtigte sich bei diesen
Betrachtungen eine Traurigkeit, welche ich nicht ganz begriff.

Wir betrachteten nach dem Altare auch noch die Kirche, betrachteten
das Steinbild des Mannes, der sie hatte erbauen lassen. und
betrachteten noch andere alte Grabdenkmale und Inschriften. Es zeigte
sich hier, daß die fünf Fenster des Priesterplatzes nicht wie die
Fenster des Kirchenschiffes in ihren Spitzbogen Steinrosen hatten, was
als neuer Beweis galt, daß das Glas aus diesen Fenstern einmal heraus
genommen worden war, und daß man zu besserer Gewinnung der Gemälde
in den Spitzbogen oder gar zu bequemerer Einsetzung der viereckigen
Tafeln die steinernen Fassungen weggeräumt habe.

Ich ging mit manchem Gedanken bereichert neben meinen zwei Begleitern
aus der Kirche.

Auf der Rückfahrt schlugen wir einen anderen Weg ein, damit ich auch
noch andere Teile des Landes zu sehen bekäme. Wir besuchten noch ein
paar Kirchen und kleinere Bauwerke, und Eustach versprach mir, daß
er mir, wenn wir nach Hause gekommen wären, die Zeichnungen von den
Dingen zeigen würde, welche wir gesehen hatten. Die Männer sprachen
auf der Rückreise auch von der mutmaßlichen Zeit, in welcher die
Kirche, die das Ziel unserer Reise gewesen war, entstanden sein
könnte. Sie schlossen auf diese Zeit aus der Art und Weise des Baues
und aus manchen Verzierungen. Sie bedauerten nur, daß man Näheres
darüber aus Urkunden nicht erfahren könne, da das Schriftgewölbe des
alten Schlosses unzugänglich gehalten werde.

Wir fuhren am Mittage des nächsten Tages wieder die staffelartigen
Erhebungen hinab und gelangten in später Nacht in das Rosenhaus.

Ich mahnte in ein paar Tagen darauf den Gärtner an unsern verabredeten
Gang nach Ingheim. Er freute sich über meine Achtsamkeit, wie er es
nannte, und an einem freundlichen Nachmittage gingen wir in das Schloß
hinüber. Wir sagten die Ursache unseres Besuches und wurden mit
Zuvorkommenheit empfangen.

Wir gingen sogleich in das Gewächshaus, und es war in Wirklichkeit
eine sehr schöne und zu ansehnlicher Größe ausgebildete Pflanze, zu
der mich der Gärtner Simon geführt hatte. Ich kannte nicht genau, wie
weit sich diese Pflanzen überhaupt entwickeln und welche Größe sie zu
erreichen vermögen; aber eine größere habe ich nirgends gesehen. Daß
man sie in Ingheim nicht viel achte, erkannte ich ebenfalls; denn der
Winkel des Gewächshauses, in welchem sie in freiem Boden stand, war
der vernachlässigteste, es lagen Blumenstäbe, Bastbänder, welke
Blätter und dergleichen dort, und man hatte ihn mit Gestellen, auf
welchen andere Pflanzen standen, verstellt, daß sein Anblick den Augen
entzogen werde. Man konnte den grünen Arm dieser Pflanze wohl an der
Decke des Hauses hingehen sehen, ich hatte aber dort hinauf bei meiner
ersten Anwesenheit nicht geschaut. Mein Begleiter erkannte jetzt, daß
es ein Cereus peruvianus sei und erklärte mir seine Merkmale. Sonst
aber konnten wir keine Cactus in Ingheim entdecken. Nach mancher
Aufmerksamkeit, die uns in dem Schlosse noch zu Teil wurde, begaben
wir uns gegen Abend wieder auf den Rückweg, und ich tröstete meinen
alten Begleiter mit den Worten, daß ich glaube, daß es nicht schwer
sein werde, diese Pflanze in das Rosenhaus zu bringen. Dort würde sie
die Sammlung ergänzen und zieren, während sie in Ingheim allein ist.
Auch wird man wohl einem Wunsche meines Gastfreundes willfährig sein,
und ich werde die Sache schon zu fördern trachten.


Nach kurzer Zeit traten wir unsere Weg zum Besuche in dem Sternenhofe
an. Dieses Mal fuhr außer Eustach auch Gustav mit. Die Grauschimmel
wurden vor einen größeren Wagen gespannt, als wir in den Hochlanden
gehabt hatten, und wir fuhren mit ihnen über den Hügel hinab. Es war
sehr früh am Morgen, noch lange vor Sonnenaufgang. Wir fuhren auf der
Hauptstraße gegen Rohrberg zu und fuhren endlich auf der Anhöhe an dem
Alizwalde empor. Da die Pferde langsam den Weg hinan gingen, sagte
mein Gastfreund: »Es ist möglich, daß ihr im vorigen Jahre an dieser
Stelle Mathilden und Natalien gesehen habt. Sie erzählten mir, als sie
zu Besuche der Rosenblüte zu mir kamen, und ich ihnen von euch, von
eurer Anwesenheit bei mir und von eurer an dem Morgen ihrer Ankunft
erfolgten Abreise sagte, daß sie einem Fußreisenden auf der Alizhöhe
begegnet seien, der dem ungefähr gleich gesehen habe, den ich ihnen
beschrieben.«

Plötzlich war es mir ganz klar, daß wirklich Mathilde und Natalie
die zwei Frauen gewesen waren, welchen ich an jenem Morgen an dieser
Stelle begegnet bin. Mir waren jetzt deutlich dieselben Reisehüte vor
Augen, die sie auch dieses Mal aufgehabt hatten, ich sah die Züge
Nataliens wieder, und auch der Wagen und die braunen Pferde kamen
mir in die Erinnerung. Darum also war mir Natalie immer als schon
einmal gesehen vorgeschwebt. Ich hatte ja sogar damals gedacht,
daß das menschliche Angesicht etwa der edelste Gegenstand für die
Zeichnungskunst sein dürfte, und hatte sie als unbeholfener Mensch,
der im Zurechtlegen aller Eindrücke geschickter ist als in dem der
menschlichen, doch wieder aus meiner Vorstellungskraft verloren. Ich
sagte zu meinem Gastfreunde, daß er durch seine Bemerkung meinem
Gedächtnisse zu Hilfe gekommen sei, daß ich jetzt alles klar wisse und
daß mir auf dieser Anhöhe Mathilde und Natalie begegnet seien, und daß
ich ihnen, da der Wagen langsam den Berg hinab fuhr, nachgesehen habe.

»Ich habe mir es gleich so gedacht«, erwiderte er.

Aber auch etwas anderes fiel mir ein und machte, daß mein Angesicht
errötete. Also hatte mein Gastfreund von mir mit den Frauen
gesprochen, und mich sogar beschrieben. Er hatte also einen Anteil an
mir genommen. Das freute mich von diesem Manne sehr.

Als wir auf der Höhe des Berges angekommen waren, ließ mein Gastfreund
an einer Stelle, wo das Seitengebüsch des Weges eine Durchsicht
erlaubte, halten, stand im Wagen auf und bat mich, das gleiche zu tun.
Er sagte, daß man an dieser Stelle das Stück des Alizwaldes, das zu
dem Asperhofe gehöre, übersehen könne. Er wies mir mit dem Zeigefinger
an den Farbunterschieden des Waldes, die durch die Mischung der
Buchen und Tannen, durch Licht und Schatten und durch andere Merkmale
hervorgebracht wurden, die Grenzen dieses Besitztumes nach. Als ich
dies genugsam verstanden und ihm auch mit dem Finger ungefähr die
Stellen des Waldes gezeigt hatte, an denen ich schon gewesen war,
setzten wir uns wieder nieder und fuhren weiter.

Es war bei dieser Gelegenheit das erste Mal gewesen, daß ich aus
seinem Munde den Namen Asperhof gehört habe, mit dem er sein Besitztum
bezeichnete.

Nach kurzer Fahrt trennten wir uns von der nach Osten gehenden
Hauptstraße und schlugen einen gewöhnlichen Verbindungsweg nach Süden
ein. Wir fuhren also dem Hochgebirge näher. Am Mittage blieben wir
eine ziemlich lange Zeit zur Erquickung und zum Ausruhen der Pferde,
auf deren Pflege mein Gastfreund sehr sah, in einem einzeln stehenden
Gasthofe, und es war schon am Abende in tiefer Dämmerung, als mir mein
Gastfreund die Umrisse des Sternenhofes zeigte. Ich war schon zweimal
in der Gegend gewesen, erinnerte mich sogar im allgemeinen auf das
Gebäude und wußte genau, daß am Fuße des Hügels, auf welchem es stand,
sehr schöne Ahorne wuchsen. Ich hatte aber nie Ursache gehabt, mich
weiter um diese Gegenstände zu kümmern.

Wir kamen bei Sternenscheine zu den mir bekannten Ahornen, fuhren
einen Hügel empor, legten einen Torweg zurück und hielten in einem
Hofe. In demselben standen vier große Bäume, an deren eigentümlichen,
gegen den dunkeln Nachthimmel gehaltenen Bildungen ich erkannte, daß
es Ahorne seien. In ihrer Mitte plätscherte ein Brunnen. Auf das
Rollen des Wagens unter dem hallenden Torwege kamen Diener mit
Lichtern herbei, uns aus dem Wagen zu helfen. Gleich darauf erschien
auch Mathilde und Natalie in dem Hofe, um uns zu begrüßen. Sie
geleiteten uns die Treppe hinan in einen Vorsaal, in welchem die
Begrüßungen im allgemeinen wiederholt wurden und von wo aus man uns
unsere Zimmer anwies.

Das meinige war ein großes freundliches Gemach, in welchem bereits
auf dem Tische zwei Kerzen brannten. Ich legte, da der Diener die
Tür hinter sich geschlossen hatte, meinen Hut auf den Tisch, und das
Nächste, was ich tat, war, daß ich mehrere Male schnell in dem Zimmer
auf und nieder ging, um die durch das Fahren ersteiften Glieder wieder
ein wenig einzurichten. Als dieses ziemlich gelungen war, trat ich an
eines der offenen Fenster, um herum zu schauen. Es war aber nicht viel
zu sehen. Die Nacht war schon zu weit vorgerückt und die Lichter im
Zimmer machten die Luft draußen noch finsterer. Ich sah nur so viel,
daß meine Fenster ins Freie gingen. Nach und nach begrenzten sich
vor meinen Augen die dunkeln Gestalten der am Fuße des Hügels
stehenden Ahorne, dann kamen Flecken von dunkler und fahler Farbe,
wahrscheinlich Abwechslung von Feld und Wald, weiter war nichts zu
unterscheiden als der glänzende Himmel darüber, der von unzähligen
Sternen, aber nicht von dem geringsten Stückchen Mond beleuchtet war.

Nach einer Zeit kam Gustav und holte mich zu dem Abendessen ab. Er
hatte eine große Freude, daß ich in dem Sternenhofe sei. Ich ordnete
aus meinem Reisesacke, der heraufgeschafft worden war, ein wenig meine
Kleider und folgte dann Gustav in das Speisezimmer. Dasselbe war fast
wie das in dem Rosenhause. Mathilde saß wie dort in einem Ehrenstuhle
oben an, ihr zur Rechten mein Gastfreund und Natalie, ihr zur Linken
ich, Eustach und Gustav. Auch hier besorgte eine Haushälterin und eine
Magd den Tisch. Der Hergang bei dem Speisen war der nehmliche wie an
jenen Abenden bei meinem Gastfreunde, an denen wir alle beisammen
gewesen waren.

Um von der Reise ausruhen zu können, trennte man sich bald und suchte
seine Zimmer.

Ich entschlief unter Unruhe, sank aber nach und nach in festeren
Schlummer und erwachte, da die Sonne schon aufgegangen war.

Jetzt war es Zeit, herum zu schauen.

Ich kleidete mich so schnell und so sorgfältig an, als ich konnte,
ging an ein Fenster, öffnete es und sah hinaus. Ein ganz gleicher,
sehr schön grüner Rasen, der durch keine Blumengebüsche oder
dergleichen unterbrochen war, sondern nur den weißen Sandweg enthielt,
breitete sich über die gedehnte Dachung des Hügels, auf der das
Gebäude stand, hinab. Auf dem Sandwege aber gingen Natalie und Gustav
herauf. Ich sah in die schönen jugendlichen Angesichter, sie aber
konnten mich nicht sehen, weil sie ihre Augen nicht erhoben. Sie
schienen in traulichem Gespräche begriffen zu sein, und bei ihrer
Annäherung - an dem Gange, an der Haltung, an den großen dunklen
Augen, an den Zügen der Angesichter - sah ich wieder recht deutlich,
daß sie Geschwister seien. Ich sah auf sie, so lange ich sie erblicken
konnte, bis sie endlich der dunkle Torweg aufgenommen hatte.

Jetzt war die Gegend sehr leer.

Ich blickte kaum auf sie.

Allgemach entwickelten sich aber wieder freundlich Felder, Wäldchen
und Wiesen im Gemisch, ich erblickte Meierhöfe rings herumgestreut,
hie und da erglänzte ein weißer Kirchturm in der Ferne und die Straße
zog einen lichten Streifen durch das Grün. Den Schluß machte das
Hochgebirge, so klar, daß man an dem untern Teile seiner Wand die
Talwindungen, an dem obern die Gestaltung der Kanten und Flächen und
die Schneetafeln wahrnehmen konnte.

Sehr groß und schön waren die Ahorne, die unten am Hügel standen,
deshalb mochten sie schon früher bei meinen Reisen durch diese Gegend
meine Aufmerksamkeit erregt haben. Von ihnen zogen sich Erlenreihen
fort, die den Lauf der Bäche anzeigten.

Das Haus mußte weitläufig sein; denn die Wand, in der sich meine
Fenster befanden und die ich, hinausgebeugt, übersehen konnte, war
sehr groß. Sie war glatt mit vorspringenden steinernen Fenstersimsen
und hatte eine grauweißliche Farbe, mit der sie offenbar erst in
neuerer Zeit übertüncht worden war.

Hinter dem Hause mußte vielleicht ein Garten oder ein Wäldchen sein,
weil ich Vogelgesang herüber hörte. Auch war es mir zuweilen, als
vernähme ich das Rauschen des Hofbrunnens.

Der Tag war heiter.

Ich harrte nun der Dinge, die kommen sollten.


Ein Diener rief mich zu dem Frühmahle. Es war zu derselben Zeit wie
im Rosenhause. Als ich in das Speisezimmer getreten war, sagte mir
Mathilde, daß es sehr lieb von mir sei, daß ich ihre Freunde und ihren
Sohn in den Sternenhof begleitet habe, sie werde sich bemühen, daß es
mir in demselben gefalle, wozu ihr ihr Freund, der mir den Asperhof
anziehend mache, beistehen müsse.

Ich antwortete, daß ich mich auf die Reise in den Sternenhof sehr
gefreut habe und daß ich mich freue, in demselben zu sein. Von einer
Bedeutung sei es nicht, daß mir eine Rücksicht zu Teil werde, ich
bitte nur, daß man, wenn ich etwas fehle, es nachsehe.

Nach mir trat Eustach ein. Mathilde begrüßte auch ihn noch einmal.

Gustav, der schon zugegen war, gesellte sich zu mir.

Die Frauen waren häuslich und schön, aber minder einfach als in dem
Rosenhause gekleidet. Meinen Gastfreund sah ich zum ersten Male in
ganz anderen Kleidern als auf seiner Besitzung und auf dem Besuche zu
Ingheim. Er war schwarz, mit einem Fracke, der einen etwas weiteren
und bequemeren Schnitt hatte als gewöhnlich, und sogar einen leichten
Biberhut trug er in der Hand.

Nach dem Frühmahle sagte Mathilde, sie wolle mir ihre Wohnung zeigen.
Die andern gingen mit. Wir traten aus dem Speisezimmer in einen
Vorsaal. Am Ende desselben wurden zwei Flügeltüren aufgetan, und ich
sah in eine Reihe von Zimmern, welche nach der ganzen Länge des Hauses
hinlaufen mußte. Als wir eingetreten waren, sah ich, daß in den
Zimmern alles mit der größten Reinheit, Schönheit und Zusammenstimmung
geordnet war. Die Türen standen offen, so daß man durch alle
Zimmer sehen konnte. Die Geräte waren passend, die Wände waren mit
zahlreichen Gemälden geziert, es standen Glaskästen mit Büchern, es
waren musikalische Geräte da, und auf Gestellen, die an den rechten
Orten angebracht waren, befanden sich Blumen. Durch die Fenster sah
die nähere Landschaft und die ferneren Gebirge herein.

Es zeigte sich, daß diese Zimmer ein schöner Spaziergang seien, der
unter dem Dache und zwischen den Wänden hinführte. Man konnte sie
entlang schreiten, von angenehmen Gegenständen umgeben sein und die
Kälte oder das Ungestüm des Wetters oder Winters nicht empfinden,
während man doch Feld und Wald und Berg erblickte. Selbst im Sommer
konnte es Vergnügen gewähren, hier bei offenen Fenstern gleichsam halb
im Freien und halb in der Kunst zu wandeln. Da ich meinen Blick mehr
auf das Einzelne richtete, fielen mir die Geräte besonders auf. Die
waren neu und nach sehr schönen Gedanken gebildet. Sie schickten sich
so in ihre Plätze, daß sie gewissermaßen nicht von Außen gekommen,
sondern zugleich mit diesen Räumen entstanden zu sein schienen. Es
waren an ihnen sehr viele Holzarten vermischt, das erkannte ich sehr
bald, es waren Holzarten, die man sonst nicht gerne zu Geräten nimmt,
aber sie schienen mir so zu stimmen, wie in der Natur die sehr
verschiedenen Geschöpfe stimmen.

Ich machte in dieser Hinsicht eine Bemerkung gegen meinen Gastfreund,
und er antwortete: »Ihr habt einmal gefragt, ob Gegenstände, die wir
in unserem Schreinerhause neu gemacht haben, in meinem Hause vorhanden
seien, worauf ich geantwortet habe, daß nichts von Bedeutung in
demselben sei, daß sich aber einige gesammelt in einem anderen Orte
befinden, in den ich euch, wenn ihr Lust zu solchen Dingen hättet,
geleiten würde. Diese Zimmer hier sind der andere Ort, und ihr seht
die neuen Geräte, die in unserem Schreinerhause verfertigt worden
sind.«

»Es ist aber zu bewundern, wie sehr sie in ihren Abwechslungen und
Gestalten hieher passen«, sagte ich.

»Als wir einmal den Plan gefaßt hatten, die Zimmer Mathildens nach
und nach mit neuen Geräten zu bestellen«, erwiderte er, »so wurde die
ganze Reihe dieser Zimmer im Grund- und Aufrisse aufgenommen, die
Farben bestimmt, welche die Wände der einzelnen Zimmer haben sollten,
und diese Farben gleich in die Zeichnungen getragen. Hierauf wurde zur
Bestimmung der Größe, der Gestalt und der Farbe, mithin der Hölzer der
einzelnen Geräte geschritten. Die Farbezeichnungen derselben wurden
verfertigt und mit den Zeichnungen der Zimmer verglichen. Die
Gestalten der Geräte sind nach der Art entworfen worden, die wir vom
Altertume lernten, wie ich euch einmal sagte, aber so, daß wir nicht
das Altertum geradezu nachahmten, sondern selbstständige Gegenstände
für die jetzige Zeit verfertigten mit Spuren des Lernens an
vergangenen Zeiten. Wir sind nach und nach zu dieser Ansicht gekommen,
da wir sahen, daß die neuen Geräte nicht schön sind und daß die alten
in neue Räume zu wohnlicher Zusammenstimmung nicht paßten. Wir haben
uns selber gewundert, als die Sachen nach vielerlei Versuchen,
Zeichnungen und Entwürfen fertig waren, wie schön sie seien. In der
Kunst, wenn man bei so kleinen Dingen von Kunst reden kann, ist eben
so wenig ein Sprung möglich als in der Natur. Wer plötzlich etwas so
Neues erfinden wollte, daß weder den Teilen noch der Gestaltung nach
ein Ähnliches da gewesen ist, der würde so töricht sein wie der,
der fordern würde, daß aus den vorhandenen Tieren und Pflanzen sich
plötzlich neue, nicht dagewesene entwickeln. Nur daß in der Schöpfung
die Allmählichkeit immer rein und weise ist; in der Kunst aber, die
der Freiheit des Menschen anheim gegeben ist, oft Zerrissenheit, oft
Stillstand, oft Rückschritt erscheint. Was die Hölzer anbelangt, so
sind da fast alle und die schönsten Blätter verwendet worden, die wir
aus den Knollen der Erlen geschnitten haben, die in unserer Sumpfwiese
gewachsen sind. Ihr könnt sie dann betrachten. Wir haben uns aber auch
bemüht, Hölzer aus unserer ganzen Gegend zu sammeln, die uns schön
schienen, und haben nach und nach mehr zusammengebracht, als wir
anfänglich glaubten. Da ist der schneeige, glatte Bergahorn, der
Ringelahorn, die Blätter der Knollen von dunkelm Ahorn - alles aus den
Alizgründen -, dann die Birke von den Wänden und Klippen der Aliz,
der Wachholder von der dürren, schiefen Haidefläche, die Esche, die
Eberesche, die Eibe, die Ulme, selbst Knorren von der Tanne, der
Haselstrauch, der Kreuzdorn, die Schlehe und viele andere Gesträuche,
die an Festigkeit und Zartheit wetteifern, dann aus unseren Gärten
der Wallnußbaum, die Pflaume, der Pfirsich, der Birnbaum, die Rose.
Eustach hat die Blätter der Hölzer alle gemalt und zur Vorgleichung
zusammengestellt, er kann euch die Zeichnung einmal im Asperhofe
zeigen und die vielen Arten noch angeben, die ich hier nicht genannt
habe. In der Holzsammlung müssen sie ja auch vorhanden sein.«

Ich betrachtete die Sachen genauer. Die Erlenblätter, von denen mir
mein Gastfreund im vorigen Jahre gesagt hatte, daß sie an einem
anderen Orte verwendet worden seien, waren in der Tat außerordentlich,
so feurig und fast erhaben, auch ungemein groß; alles andere Holz,
wie zart, wie schön in der Zusammenstellung, daß man gar nicht ahnen
sollte, daß dies in unseren Wäldern ist. Und die Gestalten der Geräte,
wie leicht, wie fein, wie anschmiegend, sie waren ganz anders als
die jetzt verfertigt werden, und waren doch neu und für unsere Zeit
passend. Ich erkannte, welch ein Wert in den Zeichnungen liege, die
Eustach habe. Ich dachte an meinen Vater, der solche Dinge so liebt.
Ach, wenn er nur hier wäre, daß er sie sehen könnte! Mir war, als
gingen mir neue Kenntnisse auf. Ich wagte einen Blick auf Natalie, ich
wendete ihn aber schnell wieder weg; sie stand so in Gedanken, daß ich
glaube, daß sie errötete, als ich sie anblickte.

Mathilde sagte zu Eustach: »Es ist im Verlaufe der Zeit, ohne daß eine
absichtliche Störung vorgekommen wäre, manches hier anders geworden
und nicht mehr so schön als anfangs. Wir werden es einmal, wenn ihr
Zeit habt und herüber kommen wollt, ansehen, ihr könnt die Fehler
erkennen und Mittel zur Abhilfe an die Hand geben.«

Wir gingen nun weiter. Durch eine geöffnete Tür gelangten wir in
Zimmer, welche in einer anderen Richtung des Hauses lagen. Die
durchwanderten hatten nach Süd gesehen, diese sahen nach West. Es
waren ein großer Saal und zwei Seitengemächer. Waren die früheren
Zimmer lieb und wohnlich gewesen, so waren diese wahrhaft prachtvoll.
Der Saal war mit Marmor gepflastert, die Zimmer hatten altertümliche
Wandbekleidung, altertümliche Fenstervorhänge und altertümliche
Geräte, der Fußboden des Saales enthielt die schönsten, seltensten und
zahlreichsten Gattungen unsers Marmors, nach einer Zeichnung eingelegt
und so geglättet, daß er alle Dinge spiegelte. Es war der ernsteste
und feurigste Teppich. Wir mußten hier auch Filzschuhe anlegen. Auf
diesem Spiegelboden standen die schönsten und wohlerhaltensten alten
Schreine und andere Einrichtungsstücke. Es waren hier die größten
versammelt. In den zwei anstoßenden Gemächern standen auf feurig
farbigen Holzteppichen die kleineren, zarteren und feineren. Waren
gleich die altertümlichen Geräte nicht schöner als die bei meinem
Gastfreunde - ich glaube, schönere wird es kaum geben -, so zeigte
sich hier eine Zusammenstimmung, als müßten die, welche diese Dinge
ursprünglich hatten herrichten lassen, in ihren einstigen Trachten
bei den Türen hereingehen. Es ergriff einen ein Gefühl eines
Bedeutungsvollen.

»Die Marmore«, sagte mein Gastfreund, »sind aller Orten erworben,
geschliffen, geglättet und nach einer altertümlichen Zeichnung vieler
Kirchenfenster eingesetzt worden.«

»Aber daß ihr die Geräte so zusammen gefunden habt, daß sie wie ein
Einziges stimmen, ist zu verwundern«, sagte ich.

»Also empfindet ihr, daß sie stimmen?« erwiderte er. »Seht, das ist
mir lieb, daß ihr das sagt. Ihr seid ein Beobachter, der nicht von der
Sucht nach Altem befangen ist, wie uns unsere Gegner vorwerfen. Ihr
empfangt also das Gefühl von den Gegenständen und tragt es nicht in
dieselben hinein, wie auch unsere Gegner von uns sagen. Die Sache aber
ist nur so: als man die Nichtigkeit und Leere der letztvergangenen
Zeiten erkannte und wieder auf das Alte zurück wies und es nicht
mehr als Plunder und Trödel ansah, sondern Schönes darin suchte: da
geschahen freilich törichte Dinge. Man sammelte wieder Altes und nur
Altes. Statt der neuen Mode mit neuen Gegenständen kam die neueste
mit alten Gegenständen. Man raffte Schreine, Betschemel, Tische und
dergleichen zusammen, weil sie alt waren, nicht weil sie schön waren,
und stellte sie auf. Da standen nun Dinge beisammen, die in ihren
Zeiten weit von einander ablagen, es konnte nicht fehlen, daß ein
Widerwärtiges herauskam und daß die Feinde des Alten, wenn sie Gefühl
hatten, sich abwenden mußten. Nichts aber kann so wenig passen, als
alte Dinge von sehr verschiedenen Zeiten. Die Vorältern legten so sehr
einen eigentümlichen Geist in ihre Dinge - es war der Geist ihres
Gemütes und ihres allgemeinen Gefühlslebens -, daß sie diesem Geiste
sogar den Zweck opferten. Man bringt Linnen, Kleider und dergleichen
in neue Geräte zweckmäßiger unter als in alte. Man kann daher alte
Geräte von ziemlich gleicher Zeit, aber verschiedenem Zwecke ohne
große Störung des Geistes der Traulichkeit und Innigkeit, der in ihnen
wohnt, zusammenstellen, während von unseren Geräten, die keinen Geist,
aber einen Zweck haben, sogleich ein Widersinniges ausgeht, wenn man
Dinge verschiedenen Gebrauches in dasselbe Zimmer tut, wie etwa den
Schreibtisch, den Waschtisch, den Bücherschrein und das Bett. Die
größte Wirkung erzielt man freilich, wenn man alte Geräte aus
derselben und guten Zeit, die also denselben Geist haben, und auch
Geräte des nehmlichen Zweckes, in ein Zimmer bringt. Da spricht nun in
der Wirklichkeit etwas ganz anderes als bei unseren neuen Dingen.«

»Und das scheint mir hier der Fall zu sein«, sagte ich.

»Es ist nicht Alles alt«, erwiderte er. »Viele Dinge sind so
unwiederbringlich verloren gegangen, daß es fast unmöglich ist, eine
ganze Wohnung mit Gegenständen aus der selben Zeit einzurichten, daß
kein notwendiges Stück fehlt. Wir haben daher lieber solche Stücke im
alten Sinn neu gemacht, als alte Stücke von einer ganz anderen Zeit
zugemischt. Damit aber Niemand irre geführt werde, ist an jedem
solchen altneuen Stücke ein Silberplättchen eingefügt, auf welchem die
Tatsache in Buchstaben eingegraben ist.«

Er zeigte mir nun jene Gegenstände, welche in dem Schreinerhause als
Ergänzung hinzugemacht worden sind.

Trotzdem war bei mir der Eindruck immer derselbe, und ich hatte
beständig und beständig den Gedanken an meinen Vater in dem Haupte.
Man führte mich auch zu den alten, schweren, mit Gold und Silber
durchwirkten Fenstervorhängen und zeigte mir dieselben als echt, so
auch die ledernen, mit Farben und Metallverzierungen versehenen Belege
der Zimmerwände. Nur hat man da in dem Leder nachhelfen und ihm
Nahrung geben müssen.

Als ich diese ernsten und feierlichen Gemächer genugsam betrachtet
hatte, öffnete Mathilde das schwere Schloß der Ausgangstür, und wir
kamen in mehrere unbedeutende Räume, die nach Norden sahen, worunter
auch der allgemeine Eintrittssaal und das Speisezimmer waren. Von da
gelangten wir in den Flügel, dessen Fenster die Morgensonne hatten.
Hier waren die Wohnzimmer Mathildens und Nataliens. Jede hatte ein
größeres und ein kleineres Gemach. Sie waren einfach mit neuen Geräten
eingerichtet und drückten durch Dinge unmittelbaren Gebrauches die
Bewohntheit aus, ohne daß ich die vielen Spielereien sah, mit denen
gerne, zwar nicht bei meinen Eltern, aber an anderen Orten unserer
Stadt, die Zimmer der Frauen angefüllt sind. In jeder der zwei
Wohnungen sah ich eine der Zithern, die in dem Rosenhause gewesen
waren. Bei Natalien herrschten besonders Blumen vor. Es standen
Gestelle herum, auf welche sie von dem Garten herauf gebracht worden
waren, um hier zu verblühen. Auch standen größere Pflanzen, namentlich
solche, welche schöne Blätter oder einen schönen Bau hatten, in einem
Halbkreise und in Gruppen auf dem Fußboden.

In einem Vorsaale, der den Eintritt zu diesen Wohnungen bildete,
befand sich ein Clavier.

Die Zimmer im zweiten Stockwerke des Hauses waren geblieben, wie sie
früher gewesen waren. Sie sahen so aus, wie sie gerne in weitläufigen
alten Schlössern auszusehen pflegen. Sie waren mit Geräten vieler
Zeiten, die meistens ohne Geschmack waren, mit Spielereien vergangener
Geschlechter, mit einigen Waffen und mit Bildern, namentlich
Bildnissen, die nach der Laune des Tages gemacht waren, angefüllt.
Namentlich waren an den Wänden der Gänge Abbildungen aufgehängt
von großen Fischen, die man einmal gefangen, nebst beigefügter
Beschreibung, von Hirschen, die man geschossen, von Federwild, von
Wildschweinen und dergleichen. Auch Lieblingshunde fehlten nicht. In
diesem Stockwerke waren nach Süden die Gastzimmer, und der Flügel
derselben war geordnet worden. Hier befand sich auch mein Zimmer nebst
dem Gustavs.

Nach der Besichtigung der Zimmer gingen wir in das Freie. Die breite
Haupttreppe aus rotem Marmor führte in den Hof hinab. Derselbe zeigte,
wie groß das Gebäude sei. Er war von vier ganz gleichen, langen
Flügeln umschlossen. In seiner Mitte war ein Becken von grauem Marmor,
in welches sich aus einer Verschlingung von Wassergöttinnen vier
Strahlen ergossen. Um das Becken standen vier Ahorne, welche gewiß
nicht kleiner waren als die, welche den Schloßhügel säumten. Auf
dem Sandplatze unter den Ahornen waren Ruhebänke, ebenfalls aus
grauem Marmor. Von diesem Sandplatze liefen Sandwege wie Strahlen
auseinander. Der übrige Raum war gleichförmiges Rasen, nur daß an den
Mauern des Hauses eine Pflasterung von glatten Steinen herum führte.

Von dem Hofe gingen wir bei dem großen Tore hinaus. Ich wendete mich,
da wir draußen waren, unwillkürlich um, um das Gebäude zu betrachten.
Über dem Tore war ein ziemlich umfangreiches steinernes Schild
mit sieben Sternen. Sonst sah ich nichts, als was ich bei meinem
Morgenausblicke aus dem Fenster schon gesehen hatte. Wir gingen auf
einem Sandwege des grünen Rasens, wir umgingen das Haus und gelangten
hinter demselben in den Garten. Hier sah ich, was ich mir schon
früher gedacht hatte, daß das Gebäude, welches man wohl ein Schloß
nennen mußte, nur aus den vier großen Flügeln bestehe, welche ein
vollkommenes Viereck bildeten. Die Wirtschaftsgebäude standen ziemlich
weit entfernt in dem Tale.

Der Garten begann mit Blumen, Obst und Gemüse, zeigte aber, daß er in
der Entfernung mit etwas endigen müsse, das wie ein Laubwald aussah.
Alles war rein und schön gehalten. Der Garten war auch hier mit
gefiederten Bewohnern bevölkert, und man hatte ähnliche Vorrichtungen
wie im Asperhofe. Die Bäume standen daher auch vortrefflich und
gesund. Rosen zeigten sich ebenfalls viele, nur nicht in so besonderen
Gruppierungen wie bei meinem Gastfreunde. Die Gewächshäuser des
Gartens waren ausgedehnt und weit größer und sorgfältiger gepflegt
als auf dem Asperhofe. Der Gärtner, ein junger und, wie es schien,
unterrichteter Mann, empfing uns mit Höflichkeit und Ehrfurcht am
Eingange derselben. Er zeigte mir mit mehr Genauigkeit seine Schätze,
als ich mit der Rücksicht auf meine Begleiter, denen nichts neu
war, für vereinbarlich hielt. Es waren viele Pflanzen aus fremden
Weltteilen da, sowohl im warmen als im kalten Hause. Besonders erfreut
war er über seine reiche Sammlung von Ananas, die einen eigenen Platz
in einem Gewächshause einnahmen.

Nicht weit hinter dem Gewächshause stand eine Gruppe von Linden,
welche beinahe so schön und so groß waren wie die in dem Garten des
Asperhofes. Auch war der Sand unter ihrem Schattendache so rein
gefegt, und um die Ähnlichkeit zu vollenden, liefen auf demselben
Finken, Ammern, Schwarzkehlchen und andere Vögel so traulich hin, wie
auf dem Sande des Rosenhauses. Daß Bänke unter den Linden standen, ist
natürlich. Die Linde ist der Baum der Wohnlichkeit. Wo wäre eine Linde
in deutschen Landen - und gewiß ist es in andern auch so - unter der
nicht eine Bank stände oder auf der nicht ein Bild hinge oder neben
welcher sich nicht eine Kapelle befände. Die Schönheit ihres Baues,
das Überdach ihres Schattens und das gesellige Summen des Lebens in
ihren Zweigen ladet dazu ein. Wir gingen in den Schatten der Linden.

»Das ist eigentlich der schönste Platz in dem Sternenhofe«, sagte
Mathilde, »und jeder, der den Garten besucht, muß hier ein wenig
ruhen, daher sollt ihr auch so tun.«

Mit diesen Worten wies sie auf die Bänke, die fast in einem Bogen
unter den Stämmen der Linden standen und hinter denen sich eine Wand
grünen Gebüsches aufbaute. Wir setzten uns nieder. Das Summen, wie es
jedes Mal in diesen Bäumen ist, war gleichmäßig über unserm Haupte,
das stumme Laufen der Vögel über den reinen Sand war vor unsern Augen
und ihr gelegentlicher Aufflug in die Bäume tönte leicht in unsere
Ohren.

Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß auch mit Unterbrechungen ein
leises Rauschen hörbar sei, gleichsam als würde es jetzt von einem
leichten Lüftchen hergetragen, jetzt nicht. Ich äußerte mich darüber.

»Ihr habt recht gehört«, sagte Mathilde, »wir werden die Sache gleich
sehen.«

Wir erhoben uns und gingen auf einem schmalen Sandpfade durch die
Gebüsche, die sich in geringer Entfernung hinter den Linden befanden.
Als wir etwa vierzig oder fünfzig Schritte gegangen waren, öffnete
sich das Dickicht und ein freier Platz empfing uns, der rückwärts mit
dichtem Grün geschlossen war. Das Grün bestand aus Epheu, welcher
eine Mauer von großen Steinen bekleidete, die an ihren beiden Enden
riesenhafte Eichen hatte. In der Mitte der Mauer war eine große
Öffnung, oben mit einem Bogen begrenzt, gleichsam wie eine große
Nische oder wie eine Tempelwölbung. Im Innern dieser Wölbung,
die gleichfalls mit Eppich überzogen war, ruhte eine Gestalt von
schneeweißem Marmor - ich habe nie ein so schimmerndes und fast
durchsichtiges Weiß des Marmors gesehen, das noch besonders merkwürdig
wurde durch das umgebende Grün. Die Gestalt war die eines Mädchens,
aber weit über die gewöhnliche Lebensgröße, was aber in der Epheuwand
und neben den großen Eichen nicht auffiel. Sie stützte das Haupt mit
der einen Hand, den anderen Arm hatte sie um ein Gefäß geschlungen,
aus welchem Wasser in ein vor ihr befindliches Becken rann. Aus dem
Becken fiel das Wasser in eine in den Sand gemauerte Vertiefung, von
welcher es als kleines Bächlein in das Gebüsch lief.

Wir standen eine Weile, betrachteten die Gestalt und redeten über sie.
Eustach und ich kosteten auch mittelst einer alabasternen Schale, die
in einer Vertiefung des Epheus stand, von dem frischen Wasser, welches
sich aus dem Gefäße ergoß.


Hierauf gingen wir hinter der Eppichwand über eine Steintreppe empor
und erstiegen einen kleinen Hügel, auf welchem sich wieder Sitze
befanden, die von verschiedenen Gebüschen beschattet waren. Gegen das
Haus zu aber gewährten sie die Aussicht. Wir mußten uns hier wieder
ein wenig setzen. Zwischen den Eichen, gleichsam wie in einem grünen,
knorrigen Rahmen erschien das Haus. Mit seinem hohen, steilen Dache
von altertümlichen Ziegeln und mit seinen breiten und hochgeführten
Rauchfängen glich es einer Burg, zwar nicht einer Burg aus den
Ritterzeiten, aber doch aus den Jahren, in denen man noch den Harnisch
trug, aber schon die weichen Locken der Perücke auf ihn herabfallen
ließ. Die Schwere einer solchen Erscheinung sprach sich auch in dem
ganzen Bauwerke aus. Zu beiden Seiten des Schlosses sah man die
Landschaft und hinten das liebliche Blau der Gebirge. Die dunkeln
Gestalten der Linden, unter denen wir gesessen waren, befanden sich
weiter links und störten die Aussicht nicht.

»Man hat sehr mit Unrecht in neuerer Zeit die Mauern dieses Schlosses
mit der weißgrauen Tünche überzogen«, sagte mein Gastfreund,
»wahrscheinlich um es freundlicher zu machen, welche Absicht man sehr
gerne zu Ende des vorigen Jahrhunderts an den Tag legte. Wenn man
die großen Steine, aus denen die Hauptmauern errichtet sind, nicht
bestrichen hätte, so würde das natürliche Grau derselben mit
dem Rostbraun des Daches und dem Grün der Bäume einen sehr
zusammenstimmenden Eindruck gemacht haben. Jetzt aber steht das Schloß
da wie eine alte Frau, die weiß gekleidet ist. Ich würde den Versuch
machen, wenn das Schloß mein Eigentum wäre, ob man nicht mit Wasser
und Bürsten und zuletzt auf trockenem Wege mit einem feinen Meißel
die Tünche beseitigen könnte. Alle Jahre eine mäßige Summe darauf
verwendet, würde jährlich die Aussicht, des widrigen Anblickes
erledigt zu werden, angenehm vermehren.«

»Wir können ja den Versuch nahe an der Erde machen und aus der Arbeit
einen ungefähren Kostenanschlag verfertigen«, sagte Mathilde; »denn
ich gestehe gerne zu, daß mich auch der Anblick dieser Farbe nicht
erfreut, besonders, da die Außenseite der Mauern ganz von Steinen ist,
die mit feinen Fugen an einander stoßen, und man also bei Erbauung des
Hauses auf keine andere Farbe als die der Steine gerechnet hat. Jetzt
ist das Schloß von Innen viel natürlicher und, wenn auch nicht an eine
Kunstzeit erinnernd, doch in seiner Art zusammenstimmender als von
Außen.«

»Das Grau der Mauer mit den grauen Steinsimsen der Fenster, die nicht
ungeschickt gegliedert sind, mit der Höhe und Breite der Fenster,
deren Verhältnis zu den festen Zwischenräumen ein richtiges ist,
würde, glaube ich, dem Hause ein schöneres Ansehen geben, als man
jetzt ahnt«, sagte Eustach.

Mir fielen bei dieser Äußerung die Worte ein, welche mein Gastfreund
einmal zu mir gesagt hatte, daß alte Geräte in neuen Häusern nicht
gut stehen. Ich erinnerte mich, daß in dem Saale und in den alt
eingerichteten Gemächern dieses Schlosses die hohen Fenster, die
breiten Räume zwischen ihnen und die eigentümlich gestalteten
Zimmerdecken den Geräten sehr zum Vorteile gereichten, was in Zimmern
der neuen Art gewiß nicht der Fall gewesen wäre.


Als wir so sprachen, kamen Natalie und Gustav, die bei der Nymphe des
Brunnens zurückgeblieben waren, die Steintreppe zu uns empor. Die
Angesichter waren sanft gerötet, die dunkeln Augen blickten heiter in
das Freie, und die beiden jugendlichen Gestalten stellten sich mit
einer anmutigen Bewegung hinter uns.

Von diesem Hügel der Eichenaussicht gingen wir weiter in den Garten
zurück und gelangten endlich in das Gemisch von Ahornen, Buchen,
Eichen, Tannen und anderen Bäumen, welches wie ein Wäldchen den Garten
schloß. Wir gingen in den Schatten ein, und die Freudenäußerungen
und das Geschmetter der Vögel war kaum irgendwo größer als hier. Wir
besuchten Stellen, wo man der Natur nachgeholfen hatte, um diese
Abteilung noch angenehmer zu machen, und Gustav zeigte mir Bänke,
Tischchen und andere Plätze, wo er mit Natalien gesessen war, wo
sie gelernt, wo sie als Kinder gespielt hatten. Wir gingen an den
wunderbar von Licht und Schatten gesprenkelten Stämmen dahin, wir
gingen über die dunkeln und die leuchtenden Stellen der Sandwege, wir
gingen an reichen grünenden Büschen, an Ruhebänken und sogar an einer
Quelle vorbei und kamen durch Wendungen, die ich nicht bemerkt hatte,
an einer Stelle wieder in den freien Garten zurück, die an der
entgegengesetzten Seite von der lag, bei welcher wir das Wäldchen
betreten hatten.

Wir ließen jetzt die zwei großen Eichen links, ebenso die Linden und
gingen auf einem anderen Wege in das Schloß zurück.

Das Mittagessen wurde an dem äußerst schönen Grün des Hügels
unmittelbar vor dem Hause unter einem Dache von Linnen eingenommen.

Am Nachmittage besprachen sich Mathilde und Eustach vorläufig über
das, was in Hinsicht der Beschädigungen geschehen könnte, welche die
neuen Geräte in den Südzimmern sowie die Fußböden und zum Teile auch
die alten Geräte in den Westzimmern in der Zeit erlitten hatten. Gegen
Abend wurden der Meierhof und die Wirtschaftsgebäude besucht.

So wie Mathilde in dem Rosenhause um den weiblichen Anteil des
Hauswesens sich bekümmert, alles, was dahin einschlug, besehen und
Anleitungen zu Verbesserungen gegeben hatte: so tat es mein Gastfreund
in dem Sternenhofe mit allem, was auf die äußere Verwaltung des
Besitzes Bezug hatte, worin er mehr Erfahrung zu haben schien als
Mathilde. Er ging in alle Räume, besah die Tiere und ihre Verpflegung
und besah die Anstalten zur Bewahrung oder Umgestaltung der
Wirtschaftserzeugnisse. War mir dieses Verhältnis schon in dem
Rosenhause ersichtlich gewesen, so war es hier noch mehr der Fall. In
den Handlungen meines Gastfreundes und in dem kleinen Teile, den ich
von seinen Gesprächen mit Mathilde über häusliche Dinge hörte, zeigte
er sich als ein Mann, der mit der Bewirtschaftung eines großen
Besitzes vertraut ist und die Pflichten, die ihm in dieser Hinsicht
zufallen, mit Eifer, mit Umsicht und mit einem Blicke über das Ganze
erfüllt, ohne eben deshalb die Grenzen zu berühren, innerhalb welcher
die Geschäfte einer Frau liegen. Das geschah so natürlich, als müßte
es so sein und als wäre es nicht anders möglich.

Von dem Meierhofe gingen wir in die Wiesen und auf die Felder, welche
zu der Besitzung gehörten. Wir gingen endlich über die Grenzen des
Besitztumes hinaus, gingen über den Boden anderer Menschen, die wir
zum Teile arbeitend auf den Feldern trafen und mit denen wir redeten.
Wir gelangten endlich auf eine Anhöhe, die eine große Umsicht
gewährte. Wir blieben hier stehen. Das erste, auf das wir blickten,
war das Schloß mit seinem grünen Hügel und im Schoße seiner
umgürtenden Ahorne und des begrenzenden Gartenwaldes. Dann gingen wir
auf andere Punkte über.

Man zeigte und nannte mir die einzelnen Häuser, die zerstreut in der
Landschaft lagen und durch die Linien von Obstbäumen, die hier überall
durch das Land gingen, wie durch grüne Ketten zusammenhingen. Dann kam
man auf die entfernteren Ortschaften, deren Türme hier zu erblicken
waren. In diesem Stoffe konnte ich schon mehr mitreden, da mir die
meisten Orte bekannt waren. Als wir aber mit unsern Augen in die
Gebirge gelangten, war ich fast der Bewandertste. Ich geriet nach und
nach in das Reden, da man mich um verschiedene Punkte fragte, und sah,
daß ich Antwort zu geben wußte. Ich nannte die Berge, deren Spitzen
erkennbar hervortraten, ich nannte auch Teile von ihnen, ich
bezeichnete die Täler, deren Windungen zu verfolgen waren, zeigte die
Schneefelder, bemerkte die Einsattlungen, durch welche Berge oder
ganze Gebirgszüge zusammenhingen oder getrennt waren, und suchte die
Richtungen zu verdeutlichen, in denen bekannte Gebirgsortschaften
lagen oder bekannte Menschenstämme wohnten. Natalie stand neben mir,
hörte sehr aufmerksam zu und fragte sogar um Einiges.

Als die Sonne untergegangen war und die sanfte Glut von den Gipfeln
der Hochgebirge sich verlor, gingen wir in das Schloß zurück.

Das Abendessen wurde in dem Speisezimmer eingenommen.

So brachten wir mehrere Tage in freundlichem Umgange und in heiteren,
mitunter belehrenden Gesprächen hin.

Endlich rüsteten wir uns zur Abreise. Am frühesten Morgen war der
Wagen bespannt. Mathilde und Natalie waren aufgestanden, um uns
Lebewohl zu sagen. Mein Gastfreund nahm Abschied von Mathilde und
Natalie, Eustach und Gustav verabschiedeten sich, und ich glaubte auch
einige Worte des Dankes für die gütige Aufnahme an Mathilde richten zu
müssen. Sie gab eine freundliche Antwort und lud mich ein, bald wieder
zu kommen. Selbst zu Natalie sagte ich ein Wort des Abschiedes, das
sie leise erwiderte.

Wie sie so vor mir stand, begriff ich wieder, wie ich bei ihrem ersten
Anblicke auf den Gedanken gekommen war, daß der Mensch doch der
höchste Gegenstand für die Zeichnungskunst sei, so süß gehen ihre
reinen Augen und so lieb und hold gehen ihre Züge in die Seele des
Betrachters.

Wir stiegen in den Wagen, fuhren den grünen Rasenhügel hinab, wendeten
unsern Weg gegen Norden und kamen spät in der Nacht im Rosenhause an.

Mein Bleiben war nun in diesem Hause nicht mehr lange; denn ich hatte
keine Zeit mehr zu verlieren. Ich packte meine Sachen ein, bezeichnete
die Kisten und Koffer, welchen Weg sie zu nehmen hätten, besuchte
alle, von denen ich glaubte, Abschied nehmen zu müssen, dankte
meinem Gastfreunde für alle Güte und Freundlichkeit, leistete das
Versprechen, wieder zu kommen, und wanderte eines Tages über den
Rosenhügel hinunter. Da es zu einer Zeit geschah, in welcher Gustav
frei war, begleiteten er und Eustach mich eine Stunde Weges.



Die Erweiterung

Ich ging an den Ort, wo ich meine Arbeiten abgebrochen hatte. Die
Leute, welche von meiner Absicht, wieder zu kommen, unterrichtet
waren, hatten mich schon lange erwartet. Der alte Kaspar, welcher mein
treuester Begleiter auf meinen Gebirgswanderungen war und meistens in
einem Ledersacke die wenigen Lebensmittel trug, welche wir für einen
Tag brauchten, hatte schon mehrere Male in dem Ahornwirtshause um mich
gefragt und war gewöhnlich, wie mir die Wirtin sagte, ehe er eintrat,
ein wenig auf der Gasse stehen geblieben und hatte auf die vielen
Fenster, welche von der hölzernen Zimmerung des Hauses auf die Ahorne
hinausschauten, empor geblickt, um zu sehen, ob nicht aus einem
derselben mein Haupt hervorrage. Jetzt saß er wieder bei mir an dem
langen Eichtentische unter den grünen Bäumen, und die andern, denen er
Botschaft getan hatte, fanden sich ein. Ich war sehr erfreut und es
rührte mein Herz, als ich sah, daß diese Leute mit Vergnügen mein
Wiederkommen ansahen und sich schon auf die Fortsetzung der Arbeit
freuten.

Ich ging sehr rüstig daran, gleichsam als ob mich mein Gewissen
drängte, das, was ich durch die längere Abwesenheit versäumt hatte,
einzubringen. Ich arbeitete fleißiger und tätiger als in allen
früheren Zeiten, wir durchforschten die Bergwände längs ihrer
Einlagerungen in die Talsohlen und in ihren verschiedenen Höhepunkten,
die uns zugänglich waren oder die wir uns durch unsere Hämmer und
Meißel zugänglich machten. Wir gingen die Täler entlang und spähten
nach Spuren ihrer Zusammensetzungen, und wir begleiteten die Wasser,
die in den Tiefen gingen, und untersuchten die Gebilde, welche von
ihnen aus entlegenen Stellen hergetragen und immer weiter und weiter
geschoben wurden. Der Hauptsammelplatz für uns blieb das Ahornhaus,
und wenn wir auch oft länger von demselben abwesend waren und in
anderen Gebirgswirtshäusern oder bei Holzknechten oder auf einer Alpe
oder gar im Freien übernachteten, so kamen wir in Zwischenräumen
doch immer wieder in das Ahornhaus zurück, wir wurden dort als
Eingebürgerte betrachtet, meine Leute fanden ihre Schlafstellen im
Heu, ich hatte mein beständiges wohleingerichtetes Zimmer und hatte
ein Gelaß, in welches ich meine gesammelten Gegenstände konnte bringen
lassen.

Oft, wenn ich von dem Arbeiten ermüdet war oder wenn ich glaubte,
in dem Einsammeln meiner Gegenstände genug getan zu haben, saß
ich auf der Spitze eines Felsens und schaute sehnsüchtig in die
Landschaftsgebilde, welche mich umgaben, oder blickte in einen der
Seen nieder, wie sie unser Gebirge mehrere hat, oder betrachtete die
dunkle Tiefe einer Schlucht, oder suchte mir in den Moränen eines
Gletschers einen Steinblock aus und saß in der Einsamkeit und schaute
auf die blau oder grüne oder schillernde Farbe des Eises. Wenn
ich wieder talwärts kam und unter meinen Leuten war, die sich
zusammenfanden, war es mir, als sei mir alles wieder klarer und
natürlicher.

Von einem Jägersmanne, welcher aber mehr ein Herumstreicher war, als
daß er an einem Platze durch lange Zeit als ein mit dem Bezirke und
mit dem Wildstande vertrauter Jäger gedient hätte, ließ ich mir eine
Zither über die Gebirge herüber bringen. Er kannte, eben weil er
nirgends lange blieb und an allen Orten schon gedient hatte, das ganze
Gebirge genau und wußte, wo die besten und schönsten Zithern gemacht
würden. Er konnte dies darum auch am besten beurteilen, weil er
der fertigste und berühmteste Zitherspieler war, den es im Gebirge
gab. Er brachte mir eine sehr schöne Zither, deren Griffbrett von
rabenschwarzem Holze war, in welchem sich aus Perlenmutter und
Elfenbein eingelegte Verzierungen befanden, und auf welchem die Stege
von reinem glänzenden Silber gemacht waren. Die Bretter, sagte mein
Bote, könnten von keiner singreicheren Tanne sein; sie ist von dem
Meister gesucht und in guten Zeichen und Jahren eingebracht worden.
Die Füßlein der Zither waren elfenbeinerne Kugeln. Und in der Tat,
wenn der Jägersmann auf ihr spielte, so meinte ich, nie einen süßeren
Ton auf einem menschlichen Geräte gehört zu haben. Selbst was Mathilde
und Natalie in dem Rosenhause gespielt hatten, war nicht so gewesen;
ich hatte weit und breit nichts gehört, was an die Handhabung der
Zither durch diesen Jägersmann erinnerte. Ich ließ ihn gerne in meiner
Gegenwart auf meiner Zither spielen, weil ihm keine so klang wie diese
und weil er sagte, sie müsse eingespielt werden.

Er wurde mein Lehrer im Zitherspiele, und ich nahm mir vor, da ich
sah, daß er meine Zither allen anderen vorzog, ihm, wenn ich Ursache
hätte, mit unseren Lehrstunden zufrieden zu sein, eine gleiche zu
kaufen.

Er hatte nehmlich erzählt, daß der Meister mehrere aus dem gleichen
Holze wie die meinige und in gleicher Art gefertigt habe. Da sie
nun ziemlich teuer gewesen war, so schloß ich, daß der Meister die
gleichen nicht so schnell werde verkaufen können und daß noch eine
werde übrig sein, wenn ich meinem Lehrer zu dem gewöhnlichen Lohne,
den ich ihm in Geld zugedacht habe, noch dieses Geschenk würde
hinzufügen wollen.


Ich begann in demselben Sommer auch, mir eine Sammlung von Marmoren
anzulegen. Die Stücke, die ich gelegentlich fand oder die ich mir
erwarb, wurden zu kleinen Körpern geschliffen, gleichsam dicken
Tafeln, die auf ihren Flächen die Art des Marmors zeigten. Wenn ich
größere Stücke fand, so bestimmte ich sie außer dem, daß ich die
gleiche Art in Tafeln in die Sammlung tat, zu allerlei Gegenständen,
zu kleinen Dingen des Gebrauches auf Schreibtischen, Schreinen,
Waschtischen oder zu Teilen von Geräten oder zu Geräten selbst. Ich
hoffte, meinem Vater und meiner Mutter eine große Freude zu machen,
wenn ich nach und nach als Nebengewinn meiner Arbeiten eine Zierde in
ihr Haus oder gar in den Garten brächte; denn ich sann auch darauf,
aus einem Blocke, wenn ich einen fände, der groß genug wäre, ein
Wasserbecken machen zu lassen.

Im Lauterthale fand ich einmal Roland, den Bruder Eustachs. Er hatte
in einer alten Kirche gezeichnet und war jetzt damit beschäftigt, im
Gasthause des Lauterthales diese Zeichnungen und einige andere, welche
er in der Nähe entworfen hatte, mehr in das Reine zu bringen. Es
befand sich nehmlich nicht weit von Lauterthal ein einsamer Hof
oder eigentlich mehr ein festes, steinernes, schloßartiges Haus,
welches einmal einer Familie gehört hatte, die durch Handel mit
Gebirgserzeugnissen und durch immer ausgedehnteren Verkehr in viele
Gegenden der Erde wohlhabend und durch Entartung ihrer Nachkommen,
durch den Leichtsinn derselben und durch Verschwendung wieder arm
geworden war. Einer dieses Geschlechtes hatte das große steinerne Haus
gebaut. Er gehörte jetzt einem fremden Herrn aus der Stadt, welcher
es seiner Lage und seiner Seltenheiten willen gekauft hatte und
es zuweilen besuchte. In dem Hause waren schöne Bauwerke, schöne
Steinarbeiten und schöne Arbeiten aus Holz, teils in Zimmerdecken,
Türen und Fußböden, teils in Geräten. Die Holzarbeit mußte einmal im
Gebirge viel blühender gewesen sein als jetzt. Von diesen Gegenständen
durfte nichts aus dem Hause gebracht werden, auch wurde von ihnen
nichts verkauft. Roland hatte die Erlaubnis erhalten, zu zeichnen, was
ihm als zeichnungswürdig erscheinen würde. Dieses Zweckes halber hielt
er sich im Lanterthalwirtshause auf. Ich besuchte mit ihm öfter das
Haus, und wir gerieten in mannigfache Gespräche, namentlich, wenn
wir abends, nachdem wir beide unser Tagewerk getan hatten, an dem
Wirtstische in der großen Stube zusammen kamen. Ich fand in ihm einen
sehr feurigen Mann von starken Entschlüssen und von heftigem Begehren,
sei es, daß ein Gegenstand der Kunst sein Herz erfüllte oder daß er
sonst etwas in den Bereich seines Wesens zu ziehen strebte. Er verließ
diese Stätte früher als ich.

Ehe mich meine Geschäfte aus der Gegend führten, fand ich noch etwas,
das mich meines Vaters willen sehr freute. Kaspar hatte öfters meinen
und Rolands Gesprächen zugehört und mitunter sogar in die Zeichnungen
geblickt. Einmal sagte er mir, daß, wenn ich an alten Dingen so ein
Vergnügen hätte, er mir etwas zeigen könne, das sehr alt und sehr
merkwürdig wäre.

Es gehöre einem Holzknechte, der ein Haus, einen Garten und
ein kleines Feldwesen habe, das von seinem Weibe und seinen
heranwachsenden Kindern besorgt werde. Wir gingen einmal auf meine
Anregung in das Haus hinauf, das jenseits eines Waldarmes mitten in
einer trockenen Wiese nicht weit von kleinen Feldern und hart an einem
großen, vereinzelten Steinblocke lag, wie sie sich losgerissen oft im
Innern von fruchtbaren Gründen befinden. Das alte Werk, welches ich
hier traf, war die Vertäfelung von zwei Fensterpfeilern, ungefähr
halbmanneshoch. Es war offenbar der Rest einer viel größeren
Vertäfelung, welche in der angegebenen Höhe auf dem Fußboden längs der
ganzen Wände eines Zimmers herum gelaufen war. Hier bestanden nur mehr
die Verkleidungen von zwei Fensterpfeilern; aber sie waren vollkommen
ganz. Halberhabne Gestalten von Engeln und Knaben, mit Laubwerk
umgeben, standen auf einem Sockel und trugen zarte Simse. Der Besitzer
des Häuschens hatte die zwei Verkleidungen in seiner Prunkstube so
aufgestellt, daß sie mit der unverzierten Höhlung gegen die Stube
schauten. In diese Höhlung hatte er geschnitzte und bemalte
Heiligenbilder aus neuerer Zeit gestellt. Vermutlich war das Werk
einmal in dem steinernen Hause gewesen und war dort weggekommen, da
etwa Nachfolger Veränderungen machten und Gegenstände verschleuderten.
Der Besitzer des Wiesenhauses sagte uns, daß sein Großvater die
Dinge in einer Versteigerung der Hagermühle gekauft habe, die wegen
Verschwendung des Müllers war eingeleitet worden. Meine Nachfragen um
die Ergänzungen zu diesen Verkleidungen waren vergeblich, und durch
Vermittlung Kaspars erkaufte ich von dem Besitzer die übergebliebenen
Reste. Ich ließ Kisten machen, legte die gefugten Teile auseinander,
packte sie selber ein und sendete sie unterdessen in das Ahornhaus zu
meinen anderen Dingen.


Ich blieb wirklich in jenem Herbste sehr lange im Gebirge. Es lag
nicht nur der Schnee schon auf den Bergen, sondern er deckte auch
bereits das ganze Land, und man fuhr schon in Schlitten statt in
Wägen, als ich von dem Ahornhause Abschied nahm. Ich hatte alle meine
Sachen gepackt und hatte sie voraus gesendet, weil ich im künftigen
Jahre nicht mehr in diesem freundlichen Hause, sondern irgend wo
anders meinen Aufenthalt würde aufschlagen müssen. Ich sagte allen
meinen Leuten Lebewohl und ging auf der glattgefrorenen Bahn neben dem
rauschenden Flusse, der schon Stücke Ufereis ansetzte, in die ebneren
Länder hinaus. Mein Weg führte mich in seinem Verlaufe auf Anhöhen
dahin, von welchen ich im Norden die Gegend des Rosenhauses und im
Süden die des Sternenhofes erblicken konnte. In dem weißen Gewande,
welches sich über die Gefilde breitete und welches von den
dunkeln Bändern der Wälder geschnitten war, konnte ich kaum die
Hügelgestaltungen erkennen, innerhalb welcher das Haus meines Freundes
liegen mußte, noch weniger konnte ich die Umgebungen des Sternenhofes
unterscheiden, da ich nie im Winter in dieser Gegend gewesen war. Das
aber wußte ich mit Gewißheit, in welcher Richtung das Haus liegen
müsse, an dem im vergangenen Sommer so viele Rosen geblüht haben und
in welcher das Schloß, hinter dem die alten Linden standen und die
Quelle floß, an der die weibliche Gestalt aus weißem Marmor Wache
hielt. Die wohltuenden Fäden, die mich nach beiden Richtungen zogen,
wurden von dem stärkeren Bande aufgehoben, das mich zu den lieben,
teuren Meinigen führte.

Als ich das flache Land erreicht hatte und an dem Orte eingetroffen
war, in welchem mich meine Kisten erwarten sollten, übergab ich
dieselben, die ich unverletzt vorfand, meinem Frächter zur Beförderung
an den Strom und empfahl sie ihm, besonders die mit den Altertümern,
auf das Angelegentlichste. Am anderen Tage reiste ich in einem Wagen
nach. Am Strome ließ ich die Kisten sorgfältig in ein Schiff bringen
und fuhr am nächsten Morgen mit dem nehmlichen Schiffe meiner
Vaterstadt zu.

Ich langte glücklich dort an, ließ meine Habseligkeiten in unser Haus
schaffen, packte zuerst die Kiste mit den Altertümern aus und war
beruhigt, als die Holzschnitzereien unversehrt daraus hervor gingen.
Die Freude meines Vaters war außerordentlich, die Mutter freute sich
des Vaters willen, und die Schwester, deren glänzende Augen bald auf
mich, bald auf den Vater schauten, zeigte, daß sie mit mir zufrieden
sei. Dieses ließ mir manches vergessen, das beinahe wie eine Sorge in
meinem Herzen war. Ich befand mich wieder bei meinen Angehörigen, die
mit allen Kräften ihrer Seele an meinem Wohle Anteil nahmen, und dies
erfüllte mich mit Ruhe und einer süßen Empfindung, die mir in der
letzten Zeit beinahe fremd geworden war.

Ich sah am anderen Tage, als ich in das Speisezimmer ging, den Vater,
wie er vor den Verkleidungen stand und sie betrachtete. Bald neigte er
sich näher zu ihnen, bald kniete er nieder und befühlte manches mit
der Hand oder untersuchte es genauer mit den Augen.

Mir klopfte das Herz vor Freude, und die weißen Haare, welche unter
den dunkeln immer häufiger auf seinem Haupte zum Vorschein kamen,
erschienen mir doppelt ehrwürdig, und die leichte Falte der Sorge
auf seiner Stirne, die in der Arbeit für uns auf diesem Sitze seiner
Gedanken entstanden war, während ich meiner Freude nachgehen und die
Welt und die Menschen genießen konnte, und während meine Schwester wie
eine prachtvolle Rose erblühen durfte, erfüllte mich beinahe mit einer
Andacht. Die Mutter kam dazu, er zeigte ihr manches, er erklärte ihr
die Stellungen der Gestalten, die Führung und die Schwingung der
Stengel und der Blätter und die Einteilung des Ganzen. Die Mutter
verstand diese Dinge durch die langjährige Übung viel besser als ich,
und ich sah jetzt, daß ich dem Vater etwas weit Schöneres gebracht
habe, als ich wußte. Ich nahm mir vor, im nächsten Frühlinge viel
genauer nach den zu diesen Verkleidungen noch gehörenden Teilen zu
forschen; ich hatte früher nur im allgemeinen gefragt, jetzt wollte
ich aber auf das Sorgfältigste in der ganzen Gegend suchen. Nachdem
wir noch eine Weile über das Werk geredet hatten, führte mich die
Mutter durch alle meine Zimmer und zeigte mir, was man während meiner
Abwesenheit getan habe, um mir den Winteraufenthalt recht angenehm zu
machen. Die Schwester kam dazu, und da die Mutter fortgegangen war,
schlang sie beide Arme um meinen Hals, küßte mich und sagte, daß ich
so gut sei und daß sie mich nach Vater und Mutter unter allen Dingen,
die auf der Welt sein können, am meisten und am außerordentlichsten
liebe. Mir wären bei dieser Rede bald die Tränen in die Augen
getreten.

Als ich später in meinem Zimmer allein auf und ab ging, wollte mir
mein Herz immer sagen: »Jetzt ist alles gut, jetzt ist alles gut.«

Ich kaufte mir am andern Tage eine spanische Sprachlehre, welche mir
ein Freund, der sich seit mehreren Jahren mit diesen Dingen abgegeben
hatte, anriet. Ich begann neben meinen anderen Arbeiten vorerst für
mich in diesem Buche zu lernen, mir vorbehaltend, später, wenn ich es
für nötig halten sollte, auch einen Lehrer im Spanischen zu nehmen.
Auch fuhr ich nicht nur fort, in den Schauspielen Shakespeares zu
lesen, sondern ich wendete die Zeit, die mir von meinen Arbeiten übrig
blieb, auch der Lesung anderer dichterischer Werke zu. Ich suchte die
Schriften der alten Griechen und Römer wieder hervor, von denen ich
schon Bruchstücke während meiner Studienjahre als Pflichterfüllung
hatte lesen müssen. Damals waren mir die Gestaltungen dieser Völker,
die ich mit ruhigen und kühlen Kräften hatte erfassen können, sehr
angenehm gewesen, deshalb nahm ich jetzt die Bücher dieser Art wieder
vor.

Meine Zither gereichte der Schwester zur Freude. Ich spielte ihr die
Dinge vor, die ich bereits auf diesen Saiten hervorzubringen im Stande
war, ich zeigte ihr die Anfangsgründe, und als für uns beide in dieser
Übung auch ein Meister aus der Stadt in das Haus kam, lieh ich ihr die
Zither und versprach ihr, eine eben so schöne und gute oder eine noch
schönere und bessere für sie aus dem Gebirge zu schicken, wenn sie zu
bekommen wäre. Ich erzählte ihr, daß der Mann, der mir in dem Gebirge
Unterricht im Zitherspiele gebe, bei weitem schöner, wenn auch nicht
so gekünstelt spiele als der Meister in der Stadt. Ich sagte, ich
wolle in dem Gebirge sehr fleißig lernen und ihr, wenn ich wieder
komme, Unterricht in dem erteilen, was ich unterdessen in mein
Eigentum verwandelt hätte.

Unter diesen Beschäftigungen und unter andern Dingen, welche schon
frühere Winter eingeleitet hatten, ging die kältere Jahreszeit dahin.
Als die Frühlingslüfte wehten und die Erde abzutrocknen begann, trat
ich meine Sommerwanderung wieder an. Ich wählte doch abermals das
Ahornhaus zu meinem Aufenthalte, wenn ich auch wußte, daß ich oft weit
von ihm weggehen und lange von ihm würde entfernt bleiben müssen.
Es war nur schon zur Gewohnheit geworden, und es war mir lieb und
angenehm in ihm.

Das erste, was ich vernahm, war, daß ich Botschaft nach meinem
Zitherspieljägersmanne aussandte. Da er überall zu finden ist,
kam er sehr bald, und wir verabredeten, wie wir unsere Übungen
im Zitherspiele fortsetzen würden. Gleichzeitig begann ich die
Forschungen nach jenen Teilen der Wandverkleidungen, welche zu den
meinem Vater überbrachten Pfeilerverkleidungen als Ergänzung gehörten.
Ich forschte in dem Hause nach, in welchem Roland im vergangenen
Sommer gezeichnet hatte, ich forschte bei dem Holzknechte, von welchem
mir die Pfeilerverkleidungen waren verkauft worden, ich dehnte meine
Forschungen in alle Teile der umliegenden Gegend aus, gab besonders
Männern Aufträge, welche oft in die abgelegensten Winkel von Häusern
und anderen Gebäuden kommen, wie zum Beispiele Zimmerleuten, Maurern,
daß sie mir sogleich Nachricht gäben, wenn sie etwas aus Holz
Geschnitztes entdeckten, ich reiste selber an manche Stellen, um
nachzusehen: allein es fand sich nichts mehr vor. Als beinahe
nicht zu bezweifeln stellte sich heraus, daß die von mir gekauften
Verkleidungen einmal zu dem steinernen Hause der ausgestorbenen
Gebirgskaufherren gehört haben, in welchem sie die Unterwand eines
ganzen Saales umgeben haben mochten. Bei einer einmal vorgenommenen
sogenannten Verschönerung späterer, verschwenderisch gewordener
Nachkommen hat man sie wahrscheinlich weg getan und sie fremden Händen
überlassen, die sie in abwechselnden Besitz brachten.

Die Pfeilerverkleidungen, welche gleichsam Nischen bildeten, in die
man Heiligenbilder tun konnte, sind übrig geblieben, die anderen
geraden Teile sind verkommen oder sogar mutwillig zerschlagen oder
verbrannt worden.

Gleich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes ging ich auch mit
meinem Jägersmanne von dem Ahornhause über das Echergebirge in das
Echertal, wo der Meister wohnte, von dem der Jäger die Zither für mich
gekauft hatte und von dem ich auch eine für meine Schwester kaufen
wollte. Dieser Mann verfertigte Zithern für das ganze umliegende
Gebirge und zur Versendung. Er hatte noch zwei mit der meinigen ganz
gleiche. Ich wählte eine davon, da in der Arbeit und in dem Tone gar
keine Verschiedenheit wahrgenommen werden konnte. Der Meister sagte,
er habe lange keine so guten Zithern gemacht und werde lange keine
solchen mehr machen. Sie seien alle drei von gleichem Holze, er habe
es mit vieler Mühe gesucht und mit vielen Schwierigkeiten gefunden. Er
werde vielleicht auch nie mehr ein solches finden. Auch werde er kaum
mehr so kostbare Zithern machen, da seine entfernten Abnehmer nur
oberflächliche Ware verlangten und auch die Gebirgsleute, die wohl die
Güte verstehen, doch nicht gerne teure Zithern kauften.

Von dem Zitherspiele, welches mein Jäger mit mir übte, schrieb ich mir
so viel auf, als ich konnte, um es der Schwester zum Einlernen und zum
Spielen zu bringen.


Gegen die Zeit der Rosenblüte ging ich in den Asperhof und fand die
zwei Zimmer schon für mich hergerichtet, welche ich im vorigen Sommer
bewohnt hatte.

Am ersten Tage erzählte mir schon der Gärtner Simon, der von seinem
Gewächshause zu mir herüber gekommen war, daß der Cereus peruvianus in
dem Asperhofe sei. Der Herr habe ihn von dem Inghofe gekauft, und da
ich gewiß Ursache dieser Erwerbung sei, so müsse er mir seinen Dank
dafür abstatten. Ich hatte allerdings mit meinem Gastfreunde über den
Cereus geredet, wie ich es dem Gärtner versprochen hatte; aber ich
wußte nicht, wie viel Anteil ich an dem Kaufe hätte, und sagte daher,
daß ich den Dank nur mit Zurückhaltung annehmen könne. Ich mußte dem
Gärtner in das Cactushaus folgen, um den Cereus anzusehen. Die Pflanze
war in freien Grund gestellt, man hatte für sie einen eigenen Aufbau,
gleichsam ein Türmchen von doppeltem Glas, auf dem Cactushause
errichtet und hatte durch Stützen oder durch Lenkung der
Sonnenstrahlen auf gewisse Stellen des Gewächses Anstalten getroffen,
daß der Cereus, der sich an der Decke des Gewächshauses im Inghofe
hatte krümmen müssen, wieder gerade wachsen könne. Ich hätte nicht
gedacht, daß diese Pflanze so groß sei und daß sie sich so schön
darstellen würde.

Weil mein Vater an altertümlichen Dingen eine so große Freude hatte,
weil ihn die Verkleidungen so sehr erfreut hatten, welche ich ihm im
vergangenen Herbste gebracht hatte, so tat ich an meinen Gastfreund,
da ich eine Weile in seinem Hause gewesen war, eine Bitte. Ich hatte
die Bitte schon länger auf dem Herzen gehabt, tat sie aber erst jetzt,
da man gar so gut und freundlich mit mir in dem Rosenhause war. Ich
ersuchte nehmlich meinen Gastfreund, daß er erlaube, daß ich einige
seiner alten Geräte zeichnen und malen dürfe, um meinem Vater die
Abbilder zu bringen, die ihm eine deutlichere Vorstellung geben
würden, als es meine Beschreibungen zu tun im Stande wären.

Er gab die Einwilligung sehr gerne und sagte: »Wenn ihr eurem Vater
ein Vergnügen bereiten wollet, so zeichnet und malet, wie ihr wollt,
ich habe nicht nur nichts dagegen, sondern werde auch Sorge tragen,
daß in den Zimmern, die ihr benützen wollt, gleich alles zu eurer
Bequemlichkeit hergerichtet werde. Sollte euch Eustach an die Hand
gehen können, so wird er es gewiß sehr gerne tun.«

Am folgenden Tage war in dem Zimmer, in welchem sich der große
Kleiderschrein befand. mit dem ich anfangen wollte, eine Staffelei
aufgestellt und neben ihr ein Zeichnungstisch, ob ich mich des einen
oder des andern bedienen wollte. Der Schrein war von seiner Stelle weg
in ein besseres Licht gerückt, und alle Fenster bis auf eines waren
mit ihren Vorhängen bedeckt, damit eine einheitliche Beleuchtung auf
den Gegenstand geleitet wurde, der gezeichnet werden sollte. Eustach
hatte alle seine Farbstoffe zu meiner Verfügung gestellt, wenn etwa
die von mir mitgebrachten irgendwo eine Lücke haben sollten. Das
zeigte sich sogleich klar, daß die Zeichnungen jedenfalls mit Farben
gemacht werden müßten, weil sonst gar keine Vorstellung von den
Gegenständen hätte erzeugt werden können, die aus verschiedenfarbigem
Holze zusammengestellt waren.

Ich ging sogleich an die Arbeit. Mein Gastfreund hatte auch für meine
Ruhe gesorgt. So oft ich zeichnete, durfte niemand in das Zimmer
kommen, in dem ich war, und so lange sich überhaupt meine
Gerätschaften in demselben befanden, durfte es zu keinem andern
Gebrauche verwendet werden. Um desto mehr glaubte ich meine Arbeit
beschleunigen zu müssen.


Es waren indessen Mathilde und Natalie in dem Asperhofe angekommen,
und sie lebten dort, wie sie im vorigen Jahre gelebt hatten.

Ich zeichnete fleißig fort. Niemand stellte das Verlangen, meine
Arbeit zu sehen. Eustach hatte ich gebeten, daß ich ihn zuweilen um
Rat fragen dürfe, was er bereitwillig zugestanden hatte. Ich führte
ihn daher zu Zeiten in das Zimmer, und er gab mir mit vieler
Sachkenntnis an, was hie und da zu verbessern wäre. Nur Gustav ließ
Neugierde nach der Zeichnung blicken; nicht daß ihm geradezu eine
Äußerung in dieser Hinsicht entfallen wäre; aber da er sich so an mich
angeschlossen hatte und da sein Wesen sehr offen und klar war, so
erschien es nicht schwer, den Wunsch, den er hegte, zu erkennen. Ich
lud ihn daher ein, mich in dem Zimmer zu besuchen, wenn ich zeichnete,
und ich richtete es so ein, daß meine Zeichnungszeit in seine freien
Stunden fiel. Er kam fleißig, sah mir zu, fragte um allerlei und
geriet endlich darauf, auch ein solches Gemälde versuchen zu wollen.
Da mein Gastfreund nichts dawider hatte, so überließ ich ihm meine
Farben zur Benützung, und er begann auf einem Tische neben mir sein
Geschäft, indem er den nehmlichen Schrein abbildete wie ich. Im
Zeichnen war er sehr unterrichtet, Eustach war sein Lehrmeister;
dieser hatte aber bisher noch immer nicht zugegeben, daß sein Zögling
den Gebrauch der Farben anfange, weil er von dem Grundsatze ausging,
daß zuvor eine sehr sichere und behende Zeichnung vorhanden sein
müsse. Die Spielerei aber mit dem Schreine - denn es war nichts weiter
als eine Spielerei - ließ er als eine Ausnahme geschehen.

Ich wurde in Kurzem mit der ersten Arbeit fertig. Das Bild sah in den
genau und gewissenhaft nachgeahmten Farben fast noch lieblicher und
reizender aus als der Gegenstand selber, da alles ins Kleinere und
Feinere zusammengerückt war.

Da ich die Zeichnung vollendet hatte, legte ich sie meinem Gastfreunde
und Mathilde vor. Sie billigten dieselbe und schlugen einige kleine
Änderungen vor. Da ich die Notwendigkeit derselben einsah, nahm ich
sie sogleich vor. Hierauf wurde von ihnen so wie von Eustach die
Abbildung für fertig erklärt.

Nach dem Kleiderschreine nahm ich den Schreibtisch mit den Delphinen
vor.

Weil ich durch die erste Zeichnung schon einige Fertigkeit erlangt
hatte, so ging es bei der zweiten schneller, und alles geriet mit mehr
Leichtigkeit und Schwung. Ich war fertig geworden und legte auch diese
Abbildung Mathilden, meinem Gastfreunde und Eustach vor. Gustav hatte
in der Zeit auch seine Zeichnung des großen Schreines vollendet und
brachte sie herbei. Er wurde ein wenig ausgelacht, und andererseits
wurden ihm auch Dinge angegeben, die er noch zu verändern und hinein
zu machen hätte. Auch bei mir wurden Verbesserungen vorgeschlagen. Als
wir beide mit unsern Ausfeilungen fertig waren, wurden in dem Zimmer,
in welchem wir gezeichnet hatten, die Geräte wieder an den Platz
gerückt, und die Staffelei und unsere Malergerätschaften wurden daraus
entfernt. Ich hatte mir in diesem Zimmer nur die zwei Gegenstände
abzubilden vorgenommen.

Hierauf versuchte ich noch einige kleinere Gegenstände.

Unterdessen waren manche Leute zum Besuche in das Rosenhaus gekommen,
wir selber hatten auch einige Nachbarn aufgesucht, hatten Spaziergänge
gemacht, und an mehreren Abenden saßen wir im Garten oder vor den
Rosen oder unter dem großen Kirschbaume und es wurde von verschiedenen
Dingen gesprochen.


Eustach sagte mir einmal, da ich von den Geräten in dem Sternenhofe
redete und die Äußerung machte, daß meinen Vater Abbildungen von ihnen
sehr freuen würden, es könne keinen Schwierigkeiten unterliegen, daß
ich in dem Sternenhofe ebenso zeichnen dürfe wie in dem Asperhause.
Ich ging auf die Sache nicht ein, da ich nicht den Mut hatte, mit
Mathilde darüber zu sprechen. Am andern Tage zeigte mir Eustach die
Einwilligung an, und Mathilde lud mich auf das Freundlichste ein und
sagte, daß mir in ihrem Hause jede Bequemlichkeit zu Gebote stehen
würde. Ich dankte sehr freundlich für die Güte, und nach mehreren
Tagen fuhr ich mit den Pferden meines Gastfreundes in den Sternenhof,
während Mathilde und Natalie noch in dem Rosenhause blieben.

Im Sternenhofe fand ich zu meiner Überraschung schon alles zu meinem
Empfange vorbereitet. Da Bilder in dem Schlosse waren, hatte man auch
mehrere Staffeleien, welche man mir zur Auswahl in das große Zimmer
gestellt hatte, in welchem die altertümlichen Geräte standen. Auch ein
Zeichnungstisch mit allem Erforderlichen war in das Zimmer geschafft
worden. Ich wählte unter den Staffeleien eine und ließ die übrigen
wieder an ihre gewöhnlichen Orte bringen. Den Zeichnungstisch behielt
ich zur Bequemlichkeit neben der Staffelei bei mir. Es war nun zum
Malen beinahe alles so eingerichtet wie im Asperhofe. Auch durfte ich
mir die Geräte, die ich zu zeichnen vorhatte, in das Licht rücken
lassen wie ich wollte. Zum Wohnen und Schlafen hatte man mir das
nehmliche Zimmer hergerichtet, in welchem ich bei meinem ersten
Besuche gewesen war. Zum Speisen wurde mir der Saal, in dem ich
arbeitete, oder mein Wohnzimmer frei gestellt. Ich wählte das Letzte.

Ich betrachtete mir vorerst die Geräte und wählte diejenigen aus, die
ich abbilden wollte. Hierauf ging ich an die Arbeit. Ich malte sehr
fleißig, um die Unordnung, welche meine Arbeiten notwendig in dem
Hause machen mußten, so kurz als möglich dauern zu lassen. Ich blieb
daher den ganzen Tag in dem Saale, nur des Abends, wenn es dämmerte,
oder Morgens, ehe die Sonne aufging, begab ich mich in das Freie oder
in den Garten, um einen Gang in der erquickenden Luft zu machen oder
gelegentlich auch, stille stehend oder auf einer Ruhebank sitzend, die
weite Gegend um mich herum zu betrachten. Oft, wenn ich die Pinsel
gereinigt und all das unter Tags gebrauchte Malergeräte geordnet und
an seinen Platz gelegt hatte, saß ich unter den alten hohen Linden
im Garten und dachte nach, bis das späte Abendrot durch die Blätter
derselben herein fiel und die Schatten auf dem Sandboden so tief
geworden waren, daß man die kleinen Gegenstände, die auf diesem Boden
lagen, nicht mehr sehen konnte. Noch öfter aber war ich auf dem Platze
hinter der Epheuwand, von welchem aus das Schloß in die großen Eichen
eingerahmt zu erblicken war und neben und hinter dem Schlosse sich die
Gegend und die Berge zeigten. Es war die Stille des Landes, wenn der
heitere Späthimmel sich über das Schloß hinzog, wenn die Spitzen von
dessen Dachfähnchen glänzten, sich in Ruhe das Grün herum lagerte und
das Blau der Berge immer sanfter wurde.

Zuweilen, in besonders heißen Tagen, ging ich auch in die Grotte, in
welcher die Marmornymphe war, freute mich der Kühle, die da herrschte,
sah das gleiche Rinnen des Wassers und sah den gleichen Marmor, auf
dem nur zuweilen ein Lichtchen zuckte, wenn sich ein später Strahl in
dem Wasser fing und auf die Gestalt geworfen wurde.

In dem Schlosse war es sehr einsam, die Diener waren in ihren
abgelegenen Zimmern, ganze Reihen von Fenstern waren durch
herabgelassene Vorhänge bedeckt, und zu dem Hofbrunnen ging selten
eine Gestalt, um Wasser zu holen, daher er zwischen den großen Ahornen
eintönig fortrauschte. Diese Stille machte, daß ich desto mehr der
Bewohnerinnen dachte, die jetzt abwesend waren, daß ich meinte, ihre
Spuren entdecken zu können, und daß ich dachte, ihren Gestalten
irgendwo begegnen zu müssen. Besser war es, wenn ich in die Landschaft
hinausging. Dort lebten die Klänge der Arbeit, dort sah ich heitere
Menschen, die sich beschäftigten, und regsame Tiere, die ihnen halfen.

Es war eine Art von Verwalter in dem Schlosse, der den Auftrag haben
mußte, für mich zu sorgen, wenigstens tat er alles, was er zu meiner
Bequemlichkeit für nötig erachtete. Er fragte oft nach meinen
Wünschen, ließ mehr Speisen und Getränke auf meinen Tisch stellen als
nötig war, sorgte stets für frisches Wasser, Kerzen und andere Dinge,
ließ eine Menge Bücher, die er aus der Büchersammlung des Schlosses
genommen haben mochte, in mein Zimmer bringen und meinte zuweilen, daß
es die Höflichkeit erfordere, daß er mehrere Minuten mit mir spreche.
Ich machte so wenig als möglich Gebrauch von allen für mich in diesem
Schlosse eingeleiteten Anstalten und ging nicht einmal in die Meierei,
in welcher es sehr lebhaft war, um durch meine Gegenwart oder durch
mein Zuschauen nicht jemanden in seiner Arbeit zu beirren.

Als ich mit den ausgewählten Gegenständen fertig war, hörte ich nicht
auf; denn aus ihnen entwickelten sich wieder andere Arbeiten, was
seinen Grund darin hatte, daß ein Gegenstand den andern verlangte,
was wieder daher rührte, daß die Geräte dieses Zimmers und der
Nebengemächer ein Ganzes bildeten, welches man nicht zerstückt denken
konnte. Was mir aber zu statten kam, war die große Übung, die ich nach
und nach erlangte, so daß ich endlich in einem Tage mehr vor mich
brachte als sonst in dreien.

Eustach kam einmal herüber, mich zu besuchen. Ich sah darin ein
Zeichen, daß man mir Gelegenheit geben wollte, mich seines Rates zu
bedienen. Ich tat dieses auch, freute mich der Worte, die er sprach,
und folgte den Ansichten, die er entwickelte. Er erzählte mir auch,
daß Mathilde und Natalie noch lange in dem Asperhofe zu bleiben
gedächten. Da, wie ich wußte, ihr Besuch in dem vorigen Sommer im
Rosenhause viel kürzer gewesen war, so verfiel ich auf den Gedanken,
ob sie nicht etwa gerade darum heuer länger in demselben verweilten,
um mir Muße zu meinen Arbeiten in dem Sternenhofe zu geben. Ob es nun
so sei oder nicht, wußte ich nicht, es konnte aber so sein, und darum
beschloß ich, mein Malen abzukürzen. Endlich mußte ich doch einmal
schließen, da ich doch nicht alle Gegenstände abbilden konnte. Ich
sagte Eustach die Zeit, in der ich fertig sein würde. Er blieb zwei
Tage in dem Schlosse, vermaß Manches, untersuchte Einiges in manchen
Zimmern und kehrte dann wieder in das Rosenhaus zurück.

Ehe ich ganz fertig war, kamen alle vom Asperhofe herüber und blieben
einige Tage. Auch Eustach kam wieder mit. Ich legte vor, was ich
gemacht hatte, und es geschah das Nehmliche, was in dem Rosenhause
geschehen war. Man billigte im Allgemeinen die Arbeit und stellte
hie und da etwas aus, was zu verbessern wäre. Ich hatte schon zu der
Abbildung der Geräte im Asperhofe Ölfarben angewendet, weil ich in
Behandlung derselben nach und nach eine größere Fertigkeit erlangt
hatte als in der der Wasserfarben und weil die Wirkung eine viel
größere war. Die Geräte des Sternenhofes hatte ich nun auch mit
Ölfarben abgebildet, und diese Abbildungen waren viel gelungener als
die im Rosenhause. Ich erkannte die Vorschläge, welche mir gemacht
worden waren, an und bemerkte mir sie zur Ausführung.

Eustach ging von dem Sternenhofe wieder in das Rosenhaus zurück; mein
Gastfreund, Mathilde, Natalie und Gustav machten eine kleine Reise.

Auch mein Bleiben war nicht mehr lange in dem Schlosse. Ich machte
noch fertig, was fertig zu machen war, ich verbesserte, was zu
verbessern vorgeschlagen worden war und was mir selber noch in der
Zeit als verbeßrungswürdig einfiel und wartete dann ab, bis alles gut
getrocknet wäre, um es einpacken und für den Vater in Bereitschaft
halten zu können. Da dies geschehen war, dankte ich dem Verwalter sehr
verbindlich für alle seine Aufmerksamkeit, gab den Mädchen, die für
mich zu tun gehabt hatten, Geschenke, welche ich mir zu diesem Zwecke
schon früher angeschafft hatte, und bestieg den Wagen, den mir der
Verwalter zu meiner Zurückfahrt in das Rosenhaus zur Verfügung
gestellt hatte.

Als ich in dem Rosenhause ankam, traf ich meinen Gastfreund und seine
Gesellschaft von der Reise schon zurückgekehrt an. Ich blieb noch
mehrere Tage bei ihnen, nahm dann Abschied und begab mich in das
Ahornhaus zu meinen Arbeiten zurück.


Ich suchte diese Arbeiten rasch zu betreiben; aber alles war jetzt
anders und nahm eine andere Färbung in meinem Herzen an.

Als ich in dem Frühling die Hauptstadt verlassen hatte und dem langsam
über einen Berg empor fahrenden Wagen folgte, war ich einmal bei einem
Haufen von Geschiebe stehen geblieben, das man aus einem Flußbette
genommen und an der Straße aufgeschüttet hatte, und hatte das Ding
gleichsam mit Ehrfurcht betrachtet. Ich erkannte in den roten, weißen,
grauen, schwarzgelben und gesprenkelten Steinen, welche lauter
plattgerundete Gestalten hatten, die Boten von unserem Gebirge, ich
erkannte jeden aus seiner Felsenstadt, von der er sich losgetrennt
hatte und von der er ausgesendet worden war. Hier lag er unter
Kameraden, deren Geburtsstätte oft viele Meilen von der seinigen
entfernt ist, alle waren sie an Gestalt gleich geworden, und alle
harrten, daß sie zerschlagen und zu der Straße verwendet würden.

Besonders kamen mir die Gedanken, wozu dann alles da sei, wie es
entstanden sei, wie es zusammenhänge, und wie es zu unserem Herzen
spreche.

Einmal gelangte ich zu dem See hinunter und betrachtete an dem
sonnigen Nachmittage die Tatsache, daß die Schönheit der absteigenden
Berge meistens gegen einen Seespiegel am größten ist. Kömmt das aus
Zufall, haben die abstürzenden, dem See zueilenden Wässer die Berge
so schön gefurcht, gehöhlt, geschnitten, geklüftet, oder entspringt
unsere Empfindung von dem Gegensatze des Wassers und der Berge, wie
nehmlich das erste eine weiche, glatte, feine Fläche bildet, die durch
die rauhen absteigenden Riffe, Rinnen und Streifen geschnitten wird,
während unterhalb nichts zu sehen ist und so das Rätsel vermehrt wird?
Ich dachte bei dieser Gelegenheit: wenn das Wasser durchsichtiger
wäre, zwar nicht so durchsichtig wie die Luft, doch beinahe so, dann
müßte man das ganze innere Becken sehen, nicht so klar wie in der
Luft, sondern in einem grünlichen, feuchten Schleier. Das müßte sehr
schön sein. Ich blieb in Folge dieses Gedankens länger an dem See,
mietete mich in einem Gasthofe ein und machte mehrere Messungen der
Tiefe des Wassers an verschiedenen Stellen, deren Entfernung vom Ufer
ich mittelst einer Meßschnur bezeichnete. Ich dachte, auf diese Weise
könnte man annähernd die Gestalt des Seebeckens ergründen, könnte
es zeichnen und könnte das innere Becken von dem äußeren durch eine
sanftere, grünlichere Farbe unterscheiden. Ich beschloß, bei einer
ferneren Gelegenheit die Messungen fortzusetzen.

Diese Bestrebungen brachten mich auf die Betrachtung der Seltsamkeiten
unserer Erdgestaltungen. In dem Seegrunde sah ich ein Tal, in
dessen Sohle, die sich bei andern Tälern mit dem vieltausendfachen
Pflanzenreichtume und den niedergestürzten Gebirgsteilen füllt und
so einen schönen Wechsel von Pflanzen und Gestein darstellt, kein
Pflanzengrund sich entwickelt, sondern das Gerölle sich sachte mehrt,
der Boden sich hebt und die ursprünglichen Klüftungen ausfüllt.
Dazu kommen die Stücke, die unmittelbar von den Wänden in den See
stürzen, dazu kommen die Hügel, die außer der gewöhnlichen Ordnung
von bedeutenden Hochwassern in den See geschoben und von dem
nachträglichen Wellenschlage wieder abgeflacht werden. In
Jahrtausenden und Jahrtausenden füllt sich das Becken immer mehr, bis
einmal, mögen hundert oder noch mehr Jahrtausende vergangen sein,
kein See mehr ist, auf der ungeheuren Dicke der Geröllschichten der
menschliche Fuß wandelt, Pflanzen grünen und selbst Bäume stehen. So
kannte ich manche Stellen, die einst Seegrund gewesen waren.

Der Fluß, der Vater des Sees, hatte sich in seinem Weiterlaufe tiefer
gewühlt, er hatte den Seespiegel niederer gelegt, der Seegrund hatte
sich gehoben, bis nichts mehr war als ein Tal, an dem jetzt die Ufer
als grüne Wälle in langen Strecken stehen, mit kräftigen Kräutern,
blühenden Büschen und mancher lachenden Wohnung von Menschen prangen,
während das, was einmal ein mächtiges Wasser gebildet hatte, jetzt
als ein schmales Bändlein in glänzenden Schlangenlinien durch die
Landschaft geht.

Ich betrachtete vom See aus die Schichtungen der Felsen. Was bei
Kristallen der Blätterdurchgang ist, das zeigt sich hier in großen
Zügen. An manchen Stellen ist die Neigung diese, an manchen ist sie
eine andere. Sind diese ungeheuren Blätter einst gestürzt worden,
sind sie erhoben worden, werden sie noch immer erhoben? Ich zeichnete
manche Lagerungen in ihren schönen Verhältnissen und in ihren
Neigungen gegen die wagrechte Fläche. Wenn ich so die Blätter
durchging und die Gestaltungen ansah, war es mir wie eine unbekannte
Geschichte, die ich nicht enträtseln konnte und zu der es doch
Anhaltspunkte geben mußte, um die Ahnungen in Nahrung zu setzen.

Wenn ich die Stücke unbelebter Körper, die ich für meine Schreine
sammelte, ansah, so fiel mir auf, daß hier diese Körper liegen, dort
andere, daß ungeheure Mengen desselben Stoffes zu großen Gebirgen
aufgetürmt sind und daß wieder in kleinen Abständen kleine Lagerungen
mit einander wechseln. Woher sind sie gekommen, wie haben sie sich
gehäuft? Liegen sie nach einem Gesetze, und wie ist dieses geworden?
Oft sind Teile eines größeren Körpers in Menge oder einzeln an
Stellen, wo der Körper selber nicht ist, wo sie nicht sein sollen,
wo sie Fremdlinge sind. Wie sind sie an den Platz gekommen? Wie ist
überhaupt an einer Stelle gerade dieser Stoff entstanden und nicht ein
anderer? Woher ist die Berggestalt im Großen gekommen? Ist sie noch in
ihrer Reinheit da oder hat sie Veränderungen erlitten, und erleidet
sie dieselben noch immer? Wie ist die Gestalt der Erde selber
geworden, wie hat sich ihr Antlitz gefurcht, sind die Lücken groß,
sind sie klein?

Wenn ich auf meinen Marmor kam - wie bewunderungswürdig ist der
Marmor! Wo sind denn die Tiere hin, deren Spuren wir ahnungsvoll in
diesen Gebilden sehen? Seit welcher Zeit sind die Riesenschnecken
verschwunden, deren Andenken uns hier überliefert wird? Ein Andenken,
das in ferne Zeiten zurück geht, die niemand gemessen hat, die
vielleicht niemand gesehen hat und die länger gedauert haben als der
Ruhm irgend eines Sterblichen.


Eine Tatsache fiel mir auf. Ich fand tote Wälder, gleichsam
Gebeinhäuser von Wäldern, nur daß die Gebeine hier nicht in eine Halle
gesammelt waren, sondern noch aufrecht auf ihrem Boden standen. Weiße,
abgeschälte, tote Bäume in großer Zahl, so daß vermutet werden mußte,
daß an dieser Stelle ein Wald gestanden sei. Die Bäume waren Fichten
oder Lärchen oder Tannen. Jetzt konnte an der Stelle ein Baum gar
nicht mehr wachsen, es sind nur Kriechhölzer um die abgestorbenen
Stämme, und auch diese selten. Meistens bedeckt Gerölle den Boden oder
größere, mit gelbem Moose überdeckte Steine. Ist diese Tatsache eine
vereinzelte, nur durch vereinzelte Ortsursachen hervorgebracht? Hängt
sie mit der großen Weltbildung zusammen? Sind die Berge gestiegen, und
haben sie ihren Wälderschmuck in höhere, todbringende Lüfte gehoben?
Oder hat sich der Boden geändert, oder waren die Gletscherverhältnisse
andere? Das Eis aber reichte einst tiefer: wie ist das alles geworden?

Wird sich vieles, wird sich alles noch einmal ganz ändern? In welch
schneller Folge geht es? Wenn durch das Wirken des Himmels und seiner
Gewässer das Gebirge beständig zerbröckelt wird, wenn die Trümmer
herabfallen, wenn sie weiter zerklüftet werden und der Strom sie
endlich als Sand und Geschiebe in die Niederungen hinausführt, wie
weit wird das kommen? Hat es schon lange gedauert? Unermeßliche
Schichten von Geschieben in ebenen Ländern bejahen es. Wird es noch
lange dauern? So lange Luft, Licht, Wärme und Wasser dieselben
bleiben, so lange es Höhen gibt, so lange wird es dauern. Werden
die Gebirge also einstens verschwunden sein? Werden nur flache,
unbedeutende Höhen und Hügel die Ebenen unterbrechen, und werden
spähst diese auseinander gewaschen werden? Wird dann die Wärme in den
feuchten Niederungen oder in tiefen, heißen Schluchten verschwinden,
so wie die kalte Luft in Höhen auf die Erde ohne Einfluß sein wird,
so daß alle Glieder in unsern Ländern von demselben lauen Stoffe
umflossen sind und sich die Verhältnisse aller Gewächse ändern? Oder
dauert die Tätigkeit, durch welche die Berge gehoben wurden, noch
heute fort, daß sie durch innere Kraft an Höhe ersetzen oder
übertreffen, was sie von Außen her verlieren? Hört die Hebungskraft
einmal auf? Ist nach Jahrmillionen die Erde weiter abgekühlt, ist ihre
Rinde dicker, so daß der heiße Fluß in ihrem Innern seine Kristalle
nicht mehr durch sie empor zu treiben vermag? Oder legt er langsam und
unmerklich stets die Ränder dieser Rinde auseinander, wenn er durch
sie seine Geschiebe hinan hebt? Wenn die Erde Wärme ausstrahlt
und immer mehr erkaltet, wird sie nicht kleiner? Sind dann die
Umdrehungsgeschwindigkeiten ihrer Kreise nicht geringer? Ändert das
nicht die Passate? Werden Winde, Wolken, Regen nicht anders? Wie viele
Millionen Jahre müssen verfließen, bis ein menschliches Werkzeug die
Änderung messen kann?

Solche Fragen stimmten mich ernst und feierlich, und es war, als wäre
in mein Wesen ein inhaltreicheres Leben gekommen. Wenn ich gleich
weniger sammelte und zusammentrug als früher, so war es doch,
als würde ich in meinem Innern bei weitem mehr gefördert als in
vergangenen Zeiten.

Wenn eine Geschichte des Nachdenkens und Forschens wert ist, so ist
es die Geschichte der Erde, die ahnungsreichste, die reizendste,
die es gibt, eine Geschichte, in welcher die der Menschen nur ein
Einschiebsel ist und wer weiß es, welch ein kleines, da sie von
anderen Geschichten vielleicht höherer Wesen abgelöset werden kann.
Die Quellen zu der Geschichte der Erde bewahrt sie selber wie in einem
Schriftengewölbe in ihrem Inneren auf, Quellen, die vielleicht in
Millionen Urkunden niedergelegt sind und bei denen es nur darauf
ankömmt, daß wir sie lesen lernen und sie durch Eifer und Rechthaberei
nicht verfälschen. Wer wird diese Geschichte einmal klar vor Augen
haben? Wird eine solche Zeit kommen oder wird sie nur der immer ganz
wissen, der sie von Ewigkeit her gewußt hat?


Von solchen Fragen flüchtete ich zu den Dichtern. Wenn ich von langen
Wanderungen in das Ahornhaus zurück kam oder wenn ich ferne von dem
Ahornhause in irgend einem Stübchen eines Alpengebäudes wohnte, so
las ich in den Werken eines Mannes, der nicht Fragen löste, sondern
Gedanken und Gefühle gab, die wie eine Lösung in holder Umhüllung
waren und wie ein Glück aussahen. Ich hatte mannigfaltige solcher
Männer. Unter den Büchern waren auch solche, in denen Schwulst
enthalten war. Sie gaben die Natur in und außer dem Menschen nicht so
wie sie ist, sondern sie suchten sie schöner zu machen und suchten
besondere Wirkungen hervorzubringen. Ich wendete mich von ihnen ab.
Wem das nicht heilig ist was ist, wie wird der Besseres erschaffen
können als was Gott erschaffen hat? In der Naturwissenschaft war ich
gewohnt geworden, auf die Merkmale der Dinge zu achten, diese Merkmale
zu lieben und die Wesenheit der Dinge zu verehren. Bei den Dichtern
des Schwulstes fand ich gar keine Merkmale, und es erschien mir
endlich lächerlich, wenn einer schaffen wollte, der nichts gelernt
hat.

Die Männer gefielen mir, welche die Dinge und die Begebenheiten mit
klaren Augen angeschaut hatten und sie in einem sicheren Maße in dem
Rahmen ihrer eigenen inneren Größe vorführten. Andere gaben Gefühle in
schöner Sittenkraft, die tief auf mich wirkten. Es ist unglaublich,
welche Gewalt Worte üben können; ich liebte die Worte und liebte
die Männer und sehnte mich oft nach einer unbestimmten, unbekannten
glücklichen Zukunft hinaus.

Die Alten, die ich einst zu verstehen geglaubt hatte, kamen mir doch
jetzt anders vor als früher. Es schien mir, als wären sie natürlicher,
wahrer, einfacher und größer als die Männer der neuen Zeit und als
lasse sie der Ernst ihres Wesens und die Achtung vor sich selbst nicht
zu den Überschreitungen gelangen, welche spätere Zeiten für schön
hielten. Ich trug Homeros, Äschylos, Sophokles, Thukydides fast
auf allen Wanderungen mit mir. Um sie zu verstehen, nahm ich alle
griechischen Sprachwerke, die mir empfohlen waren, vor und lernte
in ihnen. Am förderlichsten im Verstehen war aber das Lesen selber.
Bei den Alten nahm ich Geschichtschreiber gerne unter Dichter, sie
schienen mir dort einander näher zu stehen als bei den Neuen.

Da geriet auch ich auf das Malen. Die Gebirge standen im Reize und im
Ganzen vor mir, wie ich sie früher nie gesehen hatte. Sie waren meinen
Forschungen stets Teile gewesen. Sie waren jetzt Bilder, so wie früher
bloß Gegenstände. In die Bilder konnte man sich versenken, weil sie
eine Tiefe hatten, die Gegenstände lagen stets ausgebreitet zur
Betrachtung da. So wie ich früher Gegenstände der Natur für
wissenschaftliche Zwecke gezeichnet hatte, wie ich bei diesen
Zeichnungen zur Anwendung von Farben gekommen war, wie ich ja vor
Kurzem erst Geräte gezeichnet und gemalt hatte: so versuchte ich jetzt
auch, den ganzen Blick, in dem ein Hintereinanderstehendes, im Dufte
Schwebendes, vom Himmel sich Abhebendes enthalten war, auf Papier oder
Leinwand zu zeichnen und mit Ölfarben zu malen. Das sah ich sogleich,
daß es weit schwerer war als meine früheren Bestrebungen, weil es
sich hier darum handelte, ein Räumliches, das sich nicht in gegebenen
Abmessungen und mit seinen Naturfarben, sondern gleichsam als die
Seele eines Ganzen darstellte, zu erfassen, während ich früher nur
einen Gegenstand mit bekannten Linienverhältnissen und seiner ihm
eigentümlichen Farbe in die Mappe zu übertragen hatte. Die ersten
Versuche mißlangen gänzlich. Dieses schreckte mich aber nicht ab,
sondern eiferte mich vielmehr noch immer stärker an. Ich versuchte
wieder und immer wieder. Endlich vertilgte ich die Versuche
nicht mehr, wie ich früher getan hatte, sondern bewahrte sie zur
Vergleichung auf. Diese Vergleichung zeigte mir nach und nach, daß
sich die Versuche besserten und die Zeichnung leichter und natürlicher
wurde. Es war ein gewaltiger Reiz für das Herz, das Unnennbare, was
in den Dingen vor mir lag, zu ergreifen, und je mehr ich nach dem
Ergreifen strebte, desto schöner wurde auch dieses Unnennbare vor mir
selbst.

Ich blieb so lange in dem Gebirge, als es nur möglich wurde und als
die zunehmende Kälte einen Aufenthalt im Freien nicht ganz und gar
verbot.

Im spätesten Herbste ging ich noch einmal zu meinem Gastfreunde in
das Rosenhaus. Es war zur Zeit, da in dem Gebirge schon mannigfaltige
Schneelasten auf den Höhen lagen und das flache Land sich schon jedes
Schmuckes entäußert hatte. Der Garten meines Freundes war kahl,
die Bienenhütte war in Stroh eingehüllt, in den laublosen Zweigen
schrillte mir noch manche vereinzelte Kohlmeise oder ein Wintervogel,
und über ihnen zogen in dem grauen Himmel die grauen Dreiecke der
Gänse nach dem Süden. Wir saßen in den langen Abenden bei dem Feuer
des Kamins, arbeiteten unter Tags an der Einhüllung und Einwinterung
der Gegenstände, die es bedurften, oder machten an manchem Nachmittage
einen Spaziergang, wenn der regsame Nebel die Hügel und die Täler und
die Ebenen umwandelte.

Ich zeigte meinem Gastfreunde meine Versuche im landschaftlichen
Malen, weil ich es gewissermaßen für eine Falschheit gehalten hätte,
ihm nichts von der Veränderung zu sagen, die in mir vorgegangen war.
Ich scheute mich sehr, die Versuche vorzulegen, ich tat es aber doch,
und zwar zu einer Zeit, da auch Eustach zugegen war. Als Einleitung
erklärte ich, wie ich nach und nach dazu gekommen wäre, diese Dinge zu
machen.

»Es geht allen so, welche die Gebirge öfter besuchen und welche
Einbildungskraft und einiges Geschick in den Händen haben«, sagte mein
Gastfreund, »ihr braucht euch deshalb nicht beinahe zu entschuldigen,
es war zu erwarten, daß ihr nicht bloß bei eurem Sammeln von Steinen
und Versteinerungen bleiben werdet, es ist so in der Natur, und es ist
so gut.«

Die Entwürfe wurden mit viel mehr Ernst und Genauigkeit durchgenommen,
als sie verdienten. Da sowohl mein Gastfreund als auch Eustach
jedes Blatt öfter betrachtet hatten, sprachen sie mit mir
darüber. Ihr Urteil ging einstimmig darauf hinaus, daß mir das
Naturwissenschaftliche viel besser gelungen sei als das Künstlerische.
Die Steine, die sich in den Vordergründen befänden, die Pflanzen, die
um sie herum wuchsen, ein Stück alten Holzes, das da läge, Teile von
Gerölle, die gegen vorwärts säßen, selbst die Gewässer, die sich
unmittelbar unter dem Blicke befänden, hätte ich mit Treue und mit den
ihnen eigentümlichen Merkmalen ausgedrückt. Die Fernen, die großen
Flächen der Schatten und der Lichter an ganzen Bergkörpern und das
Zurückgehen und Hinausweichen des Himmelsgewölbes seien mir nicht
gelungen. Man zeigte mir, daß ich nicht nur in den Farben viel zu
bestimmt gewesen wäre, daß ich gemalt hätte, was nur mein Bewußtsein
an entfernten Stellen gesagt, nicht mein Auge, sondern daß ich auch
die Hintergründe zu groß gezeichnet hätte, sie wären meinen Augen
groß erschienen, und das hätte ich durch das Hinaufrücken der Linien
angeben wollen. Aber durch Beides, durch Deutlichkeit der Malerei
und durch die Vergrößerung der Fernen hätte ich die letzteren näher
gerückt und ihnen das Großartige benommen, das sie in der Wirklichkeit
besäßen. Eustach riet mir, eine Glastafel mit Canadabalsam zu
überziehen, wodurch sie etwas rauher würde, so daß Farben auf ihr
haften, ohne daß sie die Durchsichtigkeit verlöre und durch diese
Tafel Fernen mit den an sie grenzenden näheren Gegenständen mittelst
eines Pinsels zu zeichnen, und ich würde sehen, wie klein sich die
größten und ausgedehntesten entfernten Berge darstellen und wie groß
das zunächstliegende Kleine würde. Dieses Verfahren aber empfehle
er nur, damit man zur Überzeugung der Verhältnisse komme und einen
Maßstab gewinne, nicht aber, daß man dadurch künstlerische Aufnahmen
von Landschaften mache, weil durch einen solchen Vorgang die
künstlerische Freiheit und Leichtigkeit verloren würde, welche in
Bezug auf Darstellung das Wesen und das Herz der Kunst sei. Das Auge
soll nur geübt und unterrichtet werden, die Seele müsse schaffen, das
Auge soll ihr dienen. In Hinsicht der Farbgebung der Fernen riet er
mir, dort, wo ich einen Zweifel hätte, ob ich etwas sähe oder nur
wisse, es lieber nicht anzugeben und überhaupt in der Farbe lieber
unbestimmter als bestimmter zu sein, weil dadurch die Gegenstände an
Großartigkeit gewinnen. Sie worden durch die Unbestimmtheit ferner
und durch dieses allein größer. Durch Linien des Zeichnenstiftes auf
dem kleinen Papiere oder der kleinen Leinwand könne man nichts groß
machen. Durch Verdeutlichung werden die Körper näher gerückt und
verkleinert. Wenn überhaupt ein Fehler gegen die Genauigkeit gemacht
werden müsse - und kein Mensch könne Dinge, namentlich Landschaften,
in ihrer völligen Wesenheit geben -, so sei es besser, die Gegenstände
großartiger und übersichtlicher zu geben als in zu viele einzelne
Merkmale zerstreut. Das erste sei das Künstlerischere und Wirksamere.

Ich sah sehr gut ein, was sie sagten, und wußte auch, woher die Fehler
kämen, von denen sie redeten. Ich hatte bisher alle Gegenstände in
Hinblick auf meine Wissenschaft gezeichnet, und in dieser waren
Merkmale die Hauptsache. Diese mußten in der Zeichnung ausgedrückt
sein und gerade die am schärfsten, durch welche sich die Gegenstände
von verwandten unterschieden. Selbst bei meinem Zeichnen von
Angesichtern hatte ich deren Linien, ihr Körperliches, ihre Licht- und
Schattenverteilung unmittelbar vor mir.

Daher war mein Auge geübt, selbst bei fernen Gegenständen das, was sie
wirklich an sich hatten, zu sehen, wenn es auch noch so undeutlich
war, und dafür auf das, was ihnen durch Luft, Licht und Dünste
gegeben wurde, weniger zu achten, ja diese Dinge als Hindernisse der
Beobachtung eher weg zu denken als zum Gegenstande der Aufmerksamkeit
zu machen. Durch das Urteil meiner Freunde wurde mir der Verstand
plötzlich geöffnet, daß ich das, was mir bisher immer als wesenlos
erschienen war, betrachten und kennen lernen müsse. Durch Luft,
Licht, Dünste, Wolken, durch nahe stehende andere Körper gewinnen die
Gegenstände ein anderes Aussehen, dieses müsse ich ergründen, und die
veranlassenden Dinge müsse ich, wenn es mir möglich wäre, so sehr zum
Gegenstande meiner Wissenschaft machen, wie ich früher die unmittelbar
in die Augen springenden Merkmale gemacht hatte. Auf diese Weise
dürfte es zu erreichen sein, daß die Darstellung von Körpern gelänge,
die in einem Mittel und in einer Umgebung von anderen Körpern
schwimmen. Ich sagte das meinen Freunden, und sie billigten meinen
Entschluß. Wenn der Nebel oder überhaupt die trübe Jahreszeit einen
Blick in die Ferne gestattete, wurde das, was mit Worten gesagt wurde,
auch an wirklichen Beispielen erörtert, und wir sprachen über die Art
und Weise, wie sich die entfernten Gebirge oder Teile von ihnen oder
näher gehende von der Hauptkette sich ablösende Gründe darstellten.
Es ist unglaublich, wie sehr ich in jenem kurzen Herbstaufenthalte
unterrichtet wurde.


Ich sprach mit meinem Gastfreunde auch von den Dichtern, welche ich
las, und erzählte ihm von dem großen Eindrucke, welchen ihre Worte auf
mich machten. Wir gingen bei Gelegenheit einmal in sein Bücherzimmer,
er führte mich vor die Schreine, in welchen die Dichter standen, und
zeigte mir, was er in dieser Hinsicht besaß. Er sagte auch, ich möchte
während des Aufenthaltes in seinem Hause von den Büchern Gebrauch
machen, wie ich wollte; ich könnte sie im Lesezimmer benützen oder
auch in meine Wohnung mit hinübernehmen. Es waren Werke in den
ältesten Sprachen da, von Indien bis nach Griechenland und Italien,
es waren Werke der neueren Zeiten da und auch der neuesten. Am
zahlreichsten waren natürlich die der Deutschen.

»Ich habe diese Bücher gesammelt«, sagte er, »nicht als ob ich sie
alle verstände; denn von manchen ist mir die Sprache vollkommen fremd;
aber ich habe im Verlaufe meines Lebens gelernt, daß die Dichter, wenn
sie es im rechten Sinne sind, zu den größten Wohltätern der Menschheit
zu rechnen sind. Sie sind die Priester des Schönen und vermitteln
als solche bei dem steten Wechsel der Ansichten über Welt, über
Menschenbestimmung, über Menschenschicksal und selbst über göttliche
Dinge das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglückende. Sie geben
es uns im Gewande des Reizes, der nicht altert, der sich einfach
hinstellt und nicht richten und verurteilen will. Und wenn auch alle
Künste dieses Göttliche in der holden Gestalt bringen, so sind sie
an einen Stoff gebunden, der diese Gestalt vermitteln muß: die Musik
an den Ton und Klang, die Malerei an die Linien und die Farbe, die
Bildnerkunst an den Stein, das Metall und dergleichen, die Baukunst an
die großen Massen irdischer Bestandteile, sie müssen mehr oder minder
mit diesem Stoffe ringen; nur die Dichtkunst hat beinahe gar keinen
Stoff mehr, ihr Stoff ist der Gedanke in seiner weitesten Bedeutung,
das Wort ist nicht der Stoff, es ist nur der Träger des Gedankens, wie
etwa die Luft den Klang an unser Ohr führt. Die Dichtkunst ist daher
die reinste und höchste unter den Künsten. Da ich nun meine, daß
es so ist, wie ich sage, so habe ich die Männer, welche die Stimme
der Zeiten als große in der Kunst des Dichtens bezeichnete, hier
zusammengestellt. Ich habe Dichter in fremden Sprachen, die ich nicht
verstand, dazu getan, wenn ich nur wußte, daß sie in der Geschichte
ihres Volkes vorzüglich genannt werden, und wenn ich von einem
Fachmanne das Zeugnis hatte, daß ich in dem Buche den Dichter besitze,
den ich meine. Sie mögen unverstanden hier stehen oder es man wohl
einer oder der andere in diesen Saal kommen, der manchen versteht
und liest. Ich habe wohl auch solche Bücher hieher gestellt, die
mir gefallen, das Urteil der Zeit mag anders lauten oder erst
festzustellen sein. In diesen Büchern habe ich viel Glück gefunden und
in dem Alter fast noch mehr als in der Jugend. Wenn auch die Jugend
die Worte aus einem goldenen Munde mit einem Sturme und mit Entzücken
aufnimmt, wenn sie auch dieselben mit einer Art Schwärmerei und mit
Sehnsucht in dem Busen trägt, so ist es doch fast stets mehr die
Wärme des eigenen Gefühles, die sie empfindet, als daß sie die fremde
Weisheit und Größe in ein besonnenes, betrachtendes, abwägendes Herz
aufnehmen könnte. Ihr seid selber jung, und die Tiefe und Innigkeit
der Dichtung mag euch fördern und euer Herz jedem künftigen Großen
öffnen, wie die reine Dichtkunst das immer an der Jugend tut; aber
ihr werdet selber einmal sehen, um wie viel milder und klarer die
verglühende Sonne des Alters in die Größe eines fremden Geistes
leuchtet als die feurige Morgensonne der Jugend, die alles mit ihrem
Glanze färbt, so wie es eine Tatsache ist, daß die innige, wahre und
treue Liebe der alternden Gattin fester und dauernder beglückt als
die lodernde Leidenschaft der jungen, schönen, schimmernden Braut.
Die Jugend sieht in der Dichtung die eigene Unbegrenztheit und
Unendlichkeit der Zukunft, diese verhüllt die Mängel und ersetzt das
Abgängige. Sie dichtet in das Kunstwerk, was im eignen Herzen lebt.
Daher kömmt die Erscheinung, daß Werke von bedeutend verschiedener
Geltung die Jugend auf gleiche Art entzücken können, und daß
Erzeugnisse höchster Größe, wenn sie keine Wiederspieglung der
Jugendblüte sind, nicht erfaßt werden können. In dem Alter werden
selbst solche Glanzstellen der Jugend, die schon sehr ferne liegen,
wie etwa die Sehnsucht der ersten Liebe mit ihrer Dunkelheit und
Grenzenlosigkeit, oder wie die holde und berauschende Seligkeit der
Gegenliebe, oder die Träume künftiger Taten und künftiger Größe, der
Blick in ein unendliches, erst kommendes Leben, oder wie das erste
Stammeln in irgend einer Kunst, von dem Greise in dem sanften Spiegel
seiner Erinnerung beglückender aufgefaßt als von dem Jünglinge, der
sie in dem Brausen seines Lebens überhört, und an der grauen Wimper
mag manche beseligendere und mitunter schmerzlichere Träne hängen als
der feurige Funke, der in überwältigender Empfindung aus dem Auge des
Jünglings springt und keine Spur hinterläßt. Ich lese jetzt selten
mehr die größten Geister im Zusammenhange - mit kleineren tue ich es
wohl, weil sie in einzelnen Stellen minder bedeutend sind -, aber
ich lese immer in ihnen und werde wohl bis zu meinem Lebensende in
ihnen lesen. Sie begleiten mich mit ihren Gedanken wie mit großen
Erquickungen durch den Rest meines Lebens und werden mir wohl, wie ich
ahne, an der dunkeln Pforte Kränze aufhängen, als wären sie von meinen
eigenen Rosen geflochten. Deshalb gebe ich auch kein Buch aus dem
Hause, weil ich nicht weiß, ob ich es nicht in nächster Zeit selber
brauchen werde. Im Hause stehen sie jedem, der davon Gebrauch machen
will, zu Gebote. Nur für Gustav wird eine Auswahl getroffen, weil er
noch zu jung ist und nicht alles sondern kann. Er würde hier zwar
nichts gänzlich Schlechtes finden; aber nicht alles Gute würde er
verstehen, und dann wäre die daran gewendete Zeit verloren; oder er
könnte es mißverstehen, und dann wäre der Erfolg ein unrichtiger. Das
Schlechte, das sich Dichtkunst nennt, ist der Jugend sehr gefährlich.
In der Wissenschaft zeigt es sich viel leichter auf. In der Mathematik
liegt es in der Darstellung, da solche Werke wohl kaum vorkommen
dürften, in denen sogar der Stoff fehlerhaft wäre, in der
Naturwissenschaft liegt es in der Darstellung wie im Stoffe, in welch
letzterem es sich in der Gestalt gewagter Behauptungen ausspricht; nur
in der sogenannten Weisheitslehre kann es verborgener sein gleichwie
in der Dichtkunst, weil manche Weisheitslehre wie Dichtkunst zusammen
gestellt ist und wirkt: aber in den Werken der eigentlichen Dichtkunst
versteckt es sieh vor dem blühenden Gemüte des Jünglings, dieser
breitet seine Blüten und seine Begierden darüber und saugt das Gift in
sich. Ein klarer Verstand, der sich von Kindheit an eben zur Klarheit
hingeübt hat, und ein gutes, reines Herz sind Schutzwehren vor
Schlechtigkeit und Sittenlosigkeit von Dichtungen, weil der klare
Verstand den hohlen Schwulst von sich abweist und das reine Herz
die Unsittlichkeit ablehnt. Aber Beides geschieht nur gegen die
Entschiedenheit des Schlechten. Wo es in Reize verhüllt ist und mit
Reinem gemischt, dort ist es am bedenklichsten, und da müssen Ratgeber
und väterliche Freunde zu Hilfe stehen, daß sie teils aufklären,
teils von vornherein die Annäherung des Übels aufhalten. Gegen die
Schlechtigkeit in der Darstellung oder gegen die lange Weile braucht
man kein Mittel als sie selber. Ihr seid zwar noch jung; aber ihr
seid nicht so jung zu dem Lesen von Dichtern gekommen wie die meisten
unserer Jünglinge, und ihr habt so viel in Wissenschaften gelernt, daß
ich glaube, daß man euch alle Dichter in die Hände geben kann, ohne
Gefahr zu befürchten, selbst bei solchen, die in ihrem Amte sehr
zweifelhaft sind. Euer Geist wird sich wohl heraus finden und gerade
dadurch noch mehr klären. Da ich von der Weisheitslehre sprach, welche
man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem
griechischen Worte Philosophie bezeichnet, muß ich euch sagen, was ihr
wohl vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben mögt,
daß ich nicht gar sehr viel auf sie halte, wenn sie in ihrem eigenen
und eigentümlichen Gewande auftritt. Ich habe alte und neue Werke
derselben mit gutem Willen durchgenommen; aber ich habe mich zu viel
mit der Natur abgegeben, als daß ich auf ledigliche Abhandlungen ohne
gegebener Grundlage viel Gewicht legen könnte, ja sie sind mir sogar
widerwärtig. Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem
Gegenstande. Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe, so habe ich sie
nicht aus den eigentlichsten Weisheitsbüchern, am wenigsten aus den
neuen - jetzt lese ich gar keine mehr - gelernt, sondern ich habe sie
aus Dichtern genommen oder aus der Geschichte, die mir am Ende wie die
gegenständlichste Dichtung vorkömmt.«


Als ich meinen Gastfreund so reden hörte, erinnerte ich mich, daß ich
ihn in der Tat viel lesen gesehen habe. Oft war er mit einem Buche
unter einem schattigen Baume gesessen oder in rauherer Jahreszeit auf
einer sonnigen Bank, oft hatte er sich mit einem auf einen Spaziergang
begeben, er ist sehr häufig in dem Lesezimmer gewesen, und er trug
Bücher in seine Arbeitsstube. Als wir die letzte Fahrt in den
Sternenhof gemacht hatten, hatte er Bücher mitgenommen, und ich glaube
von Gustav gehört zu haben, daß er auf jede Reise Bücher einpacke.

Ich ging bei meinem jetzigen Aufenthalte in dem Rosenhause sehr oft in
das Bücherzimmer, und wie ich früher vor den Schränken gestanden war,
die die Werke der Naturwissenschaften enthielten, und wie ich damals
manches Buch in das Lesezimmer mitgenommen hatte, so stand ich jetzt
vor den Schreinen mit den Dichtern, sah viele einzelne der vorhandenen
Bücher an, trug manches in das Lesezimmer oder mit Bewilligung meines
Gastfreundes in meine Stube und schrieb mir die Aufschrift von manchem
in mein Gedenkbuch, um es mir, wenn ich nach Hause gekommen wäre, zu
kaufen.

Gegen das Ende meines Aufenthaltes, da noch einige sonnige Tage kamen,
zeichnete und malte ich auch mehrere Stücke der schönen getäfelten
Fußböden, die in diesem Hause anzutreffen waren. Ich tat dies, um
dem Vater von allen Dingen, welche ich gesehen hatte, einiger Maßen
Abbildungen bringen zu können.

Als es schon bald zu meiner Abreise kam, sagte mein Gastfreund, er
hätte noch etwas mit mir zu reden, und er sprach: »Weil euch euere
Natur selber zum Teile aus dem Kreise herausgezogen hat, den ihr um
euch gesteckt habt, weil ihr zu euren früheren Bestrebungen noch
den Einblick in die Dichtungen gesellt habt, so wie ja schon das
Landschaftsmalen als ein Übergang in das Kunstfach ein Schritt aus
eurem Kreise war, so erlaubet mir, daß ich als Freund, der euch wohl
will, ein Wort zu euch rede. Ihr solltet zu eurem Wesen eine breitere
Grundlage legen. Wenn die Kräfte des allgemeinen Lebens zugleich in
allen oder vielen Richtungen tätig sind, so wird der Mensch, eben weil
alle Kräfte wirksam sind, weit eher befriedigt und erfüllt, als wenn
eine Kraft nach einer einzigen Richtung hinzielt. Das Wesen wird
dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet. Das Streben in
einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an, verhindert ihn, das
Nebenliegende zu sehen und führt ihn in das Abenteuerliche. Später,
wenn der Grund gelegt ist, muß der Mann sich wieder dem Einzigen
zuwenden, wenn er irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll. Er wird
dann nicht mehr in das Einseitige verfallen. In der Jugend muß man
sich allseitig üben, um als Mann gerade dann für das Einzelne tauglich
zu sein. Ich sage nicht, daß man sich in das Tiefste des Lebens
in allen Richtungen versenken müsse, wie zum Beispiele in allen
Wissenschaften, wie ihr ja selber einmal angefangen habt, das wäre
überwältigend oder tötend, ohne dabei möglich zu sein; sondern daß
man das Leben, wie es uns überall umgibt, aufsuche, daß man seine
Erscheinungen auf sich wirken lasse, damit sie Spuren einprägen,
unmerklich und unbewußt, ohne daß man diese Erscheinungen der
Wissenschaft unterwerfe. Darin, meine ich, besteht das natürliche
Wissen des Geistes, zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege
desselben. Er wird nach und nach gerecht für die Vorkommnisse des
Lebens. Ihr habt, scheint es mir, zu jung einen einzelnen Zug erfaßt,
unterbrecht ihn ein wenig, ihr werdet ihn dann freier und großartiger
wieder aufnehmen. Schaut auch die unbedeutenden, ja nichtigen
Erscheinungen des Lebens an. Geht in die Stadt, sucht euch deren
Vorkommnisse zurecht zu legen, kommt dann zu uns auf das Land,
lebt einmal eine Weile müßig bei uns, das heißt tut, was euch der
Augenblick und die Neigung eingibt, wir wollen dieses Haus und den
Garten genießen, wollen den Nachbar Ingheim besuchen, wollen auch
zu anderen entfernteren Nachbarn gehen und die Dinge an uns vorüber
fließen lassen, wie sie fließen.«

Ich dankte ihm für seine Bemerkungen, sagte, daß ich selber so etwas
Ähnliches in mir empfinde, daß ich wohl etwas unbeholfen gegen das
Leben sei, daß meine Eltern und wohlmeinenden Freunde wohl Nachsicht
mit mir haben müssen und daß ich für jeden Wink dankbar sei. Besonders
freue mich die Einladung in sein Haus, und ich werde ihr mit vieler
Freude Folge leisten.

Als die Zeit meiner Abreise herangekommen war, packte ich die
Zeichnungen und alles, was ich in dem Rosenhause hatte, ein, nahm den
herzlichsten Abschied von dem alten Manne, Gustav, Eustach, Roland,
der gekommen war, verabschiedete mich von allen Bewohnern des Hauses,
Gartens und Meierhofes und reisete zu meinen Angehörigen in die
Hauptstadt zurück.

Das Erste, was ich dort nach dem innigsten und aufrichtigsten
Bewillkommen sah, war, daß mein Vater das teils gläserne, teils
hölzerne Häuschen, in welchem die alten Waffen hingen, um welches
sich der Epheu rankte und welches im Grunde den äußersten Ansatz oder
gleichsam einen Erker des rechten Flügels des Hauses gegen den Garten
bildete, in dem vergangenen Sommer hatte umbauen lassen. Er hatte es
bedeutend vergrößert, aber die Leisten, Spangen und Rahmen, in denen
das Glas befestigt war, hatte er in der früheren Art gelassen, nur
waren sie dem Stoffe nach neu gemacht und mit schönen Verzierungen
und Schnitzereien versehen. Die Simse des Daches waren nach
mittelalterlicher Weise verfertigt, schön geschnitzt und verziert.
Der Epheu war wieder an Leisten empor geleitet worden und blickte an
manchen Stellen durch das Glas herein. Die Fenster waren nicht mehr
nach Außen und Innen zu öffnen wie früher, sondern zum Verschieben.
Die größte Veränderung aber war die, daß der Vater zwei Säulen hatte
aufführen lassen, während früher die beiden Wände, welche nach Außen
geschaut hatten, aus Glas verfertigt gewesen waren. Diese zwei Pfeiler
hatten genau die Abmessungen, daß die zwei Verkleidungen, welche ich
ihm in dem vorigen Herbste gebracht hatte, auf dieselben paßten. Die
Verkleidungen waren aber noch nicht auf ihnen, weil das Mauerwerk
zuerst austrocknen mußte, daß das Holz an demselben keinen Schaden
nehmen konnte. Der Vater hatte mir nur den ganzen Plan und die
Vorrichtungen zu seiner Ausführung gesagt. So wie es mich einerseits
freute, daß der Vater das Holzkunstwerk so schätzte, daß er eigens zu
dem Zwecke, es anbringen zu können, das Häuschen hatte umbauen lassen,
so war es mir andererseits erst recht schmerzlich, daß ich die
Ergänzungen zu den Verkleidungen nicht aufzufinden im Stande gewesen
war. Ich sagte dem Vater von meinen Bemühungen und von meinem
Leidwesen wegen des schlechten Erfolges. Er und die Mutter trösteten
mich und sagten, es sei alles auch in der vorhandenen Gestalt recht
schön, was verschwunden ist und nicht mehr erlangt werden kann,
müsse man nicht eigensinnig anstreben, sondern sich an dem, was eine
gute Gunst uns noch erhalten habe, freuen. Das Häuschen werde eine
Erinnerung sein, und so oft man sich in demselben, wenn es vollkommen
in den Stand gesetzt sein werde, befinden werde, werde einem die Zeit
vorschweben, in welcher das Holzwerk gemacht worden sei, und die,
in welcher ein lieber Sohn es zur Freude des Vaters ans dem Gebirge
gebracht habe.

Ich mußte mich wohl, obgleich ungern, beruhigen. Es erschien mir
jetzt erst recht schön, wenn die Verkleidungen am ganzen Innern des
Häuschens herum liefen und über ihnen einerseits die Pfeiler und
andererseits die Fenster schimmerten.

Nach einigen Tagen, in welchen die ersten Besprechungen geführt
wurden, die nach einer Reise eines Familiengliedes im Schoße
einer Familie immer vorfallen, wenn auch die Reise eine jährlich
wiederkommende ist, legte ich dem Vater, da unterdessen auch meine
Koffer und Kisten angekommen waren, die Abbildungen vor, welche ich
von den Geräten und Fußböden im Rosenhause und im Sternenhofe gemacht
hatte. Ich war auf die Wirkung sehr neugierig. Ich hatte einen Sonntag
abgewartet, an welchem er Zeit hatte und an welchem er gerne nach dem
Mittagessen eine geraume Weile in dem Kreise seiner Familie zubrachte.
Ich legte die Blätter vor ihm auf einem Tische auseinander. Er schien
mir bei ihrem Anblick - ich kann sagen - betroffen. Er sah die Blätter
genau au, nahm jedes mehrere Male in die Hand und sagte längere Zeit
kein Wort. Endlich ging seine Empfindung in eine unverhohlene Freude
über. Er sagte, ich wisse gar nicht, was ich gemacht hätte, ich wisse
gar nicht, welchen Wert diese Dinge hätten, ich hätte in früherer Zeit
die Schönheit und Zusammenstimmigkeit dieser Dinge mit Worten gar
nicht so in das rechte Licht gestellt, wie es sich jetzt in Farbe und
Zeichnung, wenn auch beides mangelhaft wäre, beurkunde. Im ersten
Augenblicke hielt der Vater die Geräte, welche ich in dem Sternenhofe
abgebildet hatte, für wirklich alte; als ich ihn aber auf die
tatsächlichen Verhältnisse derselben aufmerksam machte, sagte er, das
müsse ein außerordentlicher Mensch sein, der diese Entwürfe gemacht
habe, er müsse nicht nur mit der alten Bauart und Zusammenstellung der
Geräte sehr vertraut sein, sondern er müsse auch ein ungewöhnliches
Schönheitsgefühl haben, um aus der Menge der überlieferten Gestalten
das zu wählen, was er gewählt habe. Und die Zusammenreihung der Geräte
sei so aus einem Gusse, als wären sie einstens zu einem Zweck und
in einer Zeit verfertigt worden. Auch die wirklich alten Geräte im
Rosenhause seien von einer Schönheit, wie er sie nie gesehen habe,
obgleich ihm die vorzüglichsten und berühmtesten Sammlungen der Stadt
und mancher Schlösser bekannt wären. Zwei so auserlesene Stücke wie
den großen Kleiderschrein und den Schreibschrein mit den Delphinen
dürfte man kaum irgendwo finden. Sie wären wert, in einem kaiserlichen
Gemache zu stehen.


Ich erzählte ihm, um den Mann, der die Entwürfe für den Sternenhof
gemacht hatte, näher zu bezeichnen, daß ich viele Bauzeichnungen und
Zeichnungen von anderen Dingen in dem Rosenhause gesehen habe, welche
weit höhere Gegenstände darstellen und auch mit einer ungleich
größeren Vollendung ausgeführt seien, als ich bei meinen Abbildungen
anzubringen im Stande gewesen wäre. Diese Arbeiten seien bei dem Manne
Vorbildungen gewesen, damit er die Entwürfe hätte machen können, die
er gemacht habe.

Er schien auf meine Worte nicht zu achten, sondern legte irgend ein
Blatt hin, nahm ein anderes auf und betrachtete es.

»So weit ich aus den Abbildungen urteilen kann«, sagte er, »sind die
altertümlichen Gegenstände, welche du mir da veranschaulicht hast,
nicht nur an sich sehr vortrefflich, sondern sie sind auch höchst
wahrscheinlich, wie Farbe und Zeichnung dartut, sehr zweckmäßig wieder
hergestellt. Meine Habseligkeiten sinken dagegen zu Unbedeutenheiten
herab, und ich sehe aus diesen Blättern, wie man die Sache anfassen
muß, wenn man die Zeit, die Kenntnisse und die Mittel dazu hat.«

Mich freute es jetzt recht sehr, daß ich auf den Gedanken gekommen
war, dem Vater diese Dinge nachzubilden, um ihm eine Vorstellung von
ihnen zu geben; mich freute sein Anteil, den er an ihnen nahm, und die
Freude, die er darüber hatte.

»Es sind nun zwei Wege, die zu gehen sind«, meinte die Mutter,
»entweder kannst du dir nach diesen Gemälden die Dinge, die sie
darstellen, machen lassen, um dich immerwährend daran zu ergötzen,
oder du kannst in den Asperhof und Sternenhof reisen und sie in
Wirklichkeit sehen, um eine Freude zu haben, so lange du sie siehst,
und in der Erinnerung dich zu laben, wenn du wieder weggereist bist.«

Der Vater antwortete: »Die Geräte, die hier gezeichnet sind,
nachmachen zu lassen, ist eine Unzukömmlichkeit; denn erstens müßte
hiezu die Einwilligung des Eigentümers erlangt werden, und wenn sie
auch erlangt worden wäre, so hätten zweitens die nachgebildeten
Gegenstände in meinen Augen nicht den Wert, den sie haben sollten,
weil sie doch nur, wie die Maler sagen, Copien wären. Es böte sich
auch noch der Gedanke, mit Einwilligung des Eigentümers nach diesen
Abbildungen neue Zusammenstellungen entwerfen und in Wirklichkeit
ausführen zu lassen; allein das verlangt eine so große
Geschicklichkeit, welche ich nicht nur mir nicht zutraue, sondern
welche ich auch an den Arbeitern in ähnlichen Dingen, die ich in
unserer Stadt kenne, nicht aufzufinden hoffe. Und zuletzt wären die
verfertigten Gegenstände doch noch immer nichts mehr als halbe Copien.
Das Verfertigen geht also nicht. Was deinen zweiten Weg anbelangt,
Mutter, so werde ich ihn gewiß gehen. Ich habe mir schon früher bei
den Erzählungen von diesen Dingen vorgenommen, die Reise zu ihnen zu
machen; jetzt aber, da ich die Abbildungen sehe, werde ich die Reise
nicht nur um so gewisser, sondern auch in viel näherer Zeit machen,
als es wohl sonst hätte geschehen können.«

»Das wird recht schön sein«, riefen wir fast alle aus einem Munde.

Die Mutter sagte: »Du solltest gleich die Zeit bestimmen und solltest
gleich mit deinem Sohne verabreden, daß er dich in derselben zu dem
alten Manne in das Rosenhaus führe, welcher dich schon auch in den
Sternenhof geleiten würde.«

»Nun, so dränget nur nicht«, erwiderte er, »es wird geschehen, das
ist genug; binden, wißt ihr, kann sich ein Mann nicht, der von seinem
Geschäfte abhängt und nicht wissen kann, welche Umstände einzutreten
vermögen, die von ihm Zeit und Handlungen fordern.«

Die Mutter kannte ihn zu gut, um weiter in ihn zu dringen, er würde
bei seinem ausgesprochenen Satze geblieben sein. Sie beruhigte sich
mit dem Erlangten.

Sowohl sie als die Schwester dankten mir, daß ich dem Vater die Bilder
gebracht hatte, die ihm ein solches Vergnügen bereiteten.

»Die Fußböden müssen auch vortrefflich sein«, rief er aus.

»Sie sind viel schöner als die ungefähre Malerei andeuten kann«,
erwiderte ich, »mein Pinsel kann noch immer nicht den Glanz und die
Zartheit und das Seidenartige der Holzfasern ausdrücken, was man alles
dort so liebt, daß nur mit Filzschuhen auf diesen Böden gegangen
werden darf.«

»Das kann ich mir denken«, antwortete er, »das kann ich mir denken.«

Hierauf mußte ich ihm alle Hölzer nennen, die hier mit Farben
angegeben waren und aus denen die abgebildeten Gegenstände bestanden.
Die meisten kannte er ohnehin, was mich freute, weil es der Beweis
war, daß ich die Farben nicht unsachgemäß angewendet habe. Die er
nicht kannte, nannte ich ihm. Ich wußte sie fast alle ganz genau
anzugeben.

Er verwunderte sich wieder und immer aufs Neue und suchte sich die
Gegenstände recht lebhaft vorzustellen.

Die Mutter und Schwester fragten mich, ob ich recht lange zu dieser
Arbeit gebraucht hätte und ob ich nicht dabei beklommen gewesen wäre.

Ich antwortete, daß ich des Zweckes willen sehr fleißig gewesen sei,
daß es anfänglich langsam gegangen sei, daß ich aber nach und nach
Übung erlangt hätte und daß ich dann weit schneller vorwärtsgekommen
sei, als ich selber geahnt habe. Und was die Beklemmung anbelangt, so
hätte ich sie freilich im Anfange gehabt; aber da die Dinge einmal auf
mich gewirkt hätten, da ich in Eifer geraten wäre, da sich hie und
da ein Gelingen eingestellt hätte, namentlich da mir durch die
Entschiedenheit der Erscheinung mancher Holzgattung die Farbe
gleichsam von selber in die Hand gegeben worden wäre, so hätte sich
bald die Unbefangenheit eingefunden und nach und nach sich die Lust
hinzu gesellt.

Nach diesen Worten zeigte mir der Vater auch manchen Fehler, den ich
in den Arbeiten gemacht hätte, und setzte mir auseinander, wie ich
selbe, falls ich wieder ähnliche Dinge entwerfen sollte, vermeiden
könnte. Da er Gemälde hatte, da er sich seit Jahren mit denselben
beschäftigt hatte, so durfte ihm wohl ein Urteil in dieser Hinsicht
zugewachsen sein, und ich erkannte das, was er sagte, als vollkommen
richtig an und glaubte mich aber auch befähigt zu fühlen, es in
Zukunft besser zu machen.

Nach den Fehlern ging der Vater auch auf die Vorzüge der Arbeit über
und sagte, daß er nach den Zeichnungen von Köpfen, die ich vor einiger
Zeit gemacht hätte, zu schließen, von mir nicht erwartet hätte, daß
ich etwas so Sachgemäßes in Ölfarben würde ausführen können.

Dieser Sonntagsnachmittag war eine sehr liebe, angenehme Zeit.

Die Freundlichkeit der Schwester, die sie besonders an diesem
Nachmittage an den Tag legte, war mir ein schönerer Lohn, als wenn ein
Kenner gesagt hätte, daß meine Blätter ausgezeichnet seien, das Lob
der Mutter, daß ich auf den Vater und das väterliche Haus gedacht habe
und aus Liebe zu beiden, um Freude zu bereiten, eine beschwerliche
Arbeit unternommen habe, erregte mir die angenehmsten Gefühle, und da
auch der Vater mit einigen gewählten Worten seinen Dank aussprach und
sagte, daß er dieses Zartgefühl nicht vergessen werde, konnte ich nur
mit großer Gewalt die Tränen bemeistern.

Ich gab ihm alle Blätter als Eigentum, und er reihte sie seiner
Sammlung von Merkwürdigkeiten ein.

Am nächsten Tage packte ich die Zithern aus, legte beide der Schwester
vor und ließ ihr die Wahl, ob sie die meinige oder die neuangekaufte
als für sie gehörig annehmen wolle. Sie wählte die neue und freute
sich darüber sehr. Ich zeigte ihr auch die Stücke, welche ich mir nach
dem Spiele meines Gebirgslehrmeisters geschrieben hatte, und ließ sie
ihr in ihrem Zimmer, daß sie sie abschreiben lassen könne und daß sie
ihre Übungen darnach begönne. Ich versprach ihr, in diesem Winter ihr
Lehrer in dieser Kunst zu sein.

Nach einiger Zeit brachte ich auch meine Malereien von
Gebirgslandschaften zum Vorscheine. Ich hatte bis dahin immer nicht
den Mut dazu gehabt; aber endlich machte mir mein Gewissen zu bittere
Vorwürfe, daß ich gegen meine Angehörigen Heimlichkeiten habe. Ich
zeigte meinem Vater die Blätter auch an einem Sonntagsnachmittage. Ich
blickte ihm erstaunt in das Angesicht, als er dieselben gesehen hatte
und das Nehmliche sagte, was mein Gastfreund im Rosenhause und was
Eustach gesagt hatten. Bei diesen letzten beiden hatte es mich nicht
gewundert, da ich sie für Kenner hielt und da sie Gebirgsbewohner
waren. Der Vater aber, der zwar Bilder besaß, war ein Kaufherr und
war nie lange in dem Gebirge gewesen. Es erhöhte dies meine Ehrfurcht
gegen ihn noch mehr. Er zeigte mir, wo ich unwahr gewesen war,
und setzte mir auseinander, wie es hätte sein sollen, was ich
augenblicklich begriff. Das was er lobte und richtig fand, gefiel mir
selber nachher doppelt so wohl.

Klotilden mußte ich die Blätter noch einmal und allein in ihrem Zimmer
zeigen. Sie verlangte, daß ich ihr beinahe alles erkläre. Sie war nie
in höherem oder im Urgebirge gewesen, sie wollte sehen, wie diese
Dinge beschaffen seien, und sie reizten ihre Aufmerksamkeit sehr.
Obgleich meine Malereien keine Kunstwerke waren, wie ich jetzt immer
mehr einsah, so hatten sie doch einen Vorzug, den ich erst später
recht erkannte und der darin bestand, daß ich nicht wie ein Künstler
nach Abrundung noch zusammenstimmender Wirkung oder Anwendung von
Schulregeln rang, sondern mich ohne vorgefaßter Einübung den Dingen
hingab und sie so darzustellen suchte, wie ich sie sah. Dadurch
gewannen sie, was sie auch an Schmelz und Einheit verloren, an
Naturwahrheit in einzelnen Stücken und gaben dem Nichtkenner und dem,
der nie die Gebirge gesehen hatte, eine bessere Vorstellung als schöne
und künstlerisch vollendete Gemälde, wenn sie nicht die vollendetsten
waren, die dann freilich auch die Wahrheit im höchsten Maße trugen.
Aus diesem Grunde sagte mir Klotilde durch eine Art unbewußter Ahnung,
sie wisse jetzt, wie die Berge aussehen, was sie aus vielen und guten
Bildern nicht gewußt hätte. Sie äußerte auch den Wunsch, einmal die
hohen Berge selber sehen zu können, und meinte, wenn der Vater die
Reise in das Rosenhaus und in den Sternenhof mache und bei dieser
Gelegenheit auch die Gebirge besuche, werde sie ihn bitten, sie
mitreisen zu lassen. Ich erzählte ihr nun recht viel von den Bergen,
beschrieb ihr ihre Herrlichkeit und Größe, machte sie mit manchen
Eigentümlichkeiten derselben bekannt und setzte ihr meine
verschiedenen Reisen in denselben und meine Bestrebungen ausführlicher
als sonst auseinander. Ich hatte nie so viel von den Gebirgen mit
ihr geredet. Nach diesen Worten verlangte sie auch, daß ich sie
unterrichte, ebensolche Abbildungen verfertigen zu können, wie sie
hier vor ihr liegen. Sie wolle sich Farben und alle andere dazu
notwendigen Gerätschaften verschaffen. Da sie ohnehin ziemlich gut
zeichnen konnte, so war die Sache nicht so schwierig als sie beim
ersten Anscheine ausgesehen hatte. Ich versprach ihr meinen Beistand,
wenn die Eltern einwilligen würden.

Wir fragten nach einiger Zeit die Eltern. Sie hatten im Ganzen
nichts dagegen, nur die Mutter verlangte ausdrücklich, daß diese
Arbeiten nur Nebendinge sein sollen, Dinge zum Vergnügen, nicht
Hauptbeschäftigungen; denn die Hauptpflicht des Weibes sei ihr Haus,
diese Dinge können zwar auch recht wohl in das Haus gehören; aber
einseitig oder gar mit Leidenschaft betrieben, untergraben sie eher
das Haus, als sie es bauen helfen. Klotilde aber sei schon so alt, daß
sie sich ihrem künftigen Berufe zuwenden müsse.

Wir begriffen das alles und versprachen, nichts ins Übermaß gehen
lassen zu wollen.

Es wurden alle Erfordernisse angeschafft, und wir begannen in
gegönnten Zeiten die Arbeit.

Auch spanisch wollte die Schwester von mir lernen. Ich betrieb es
fort, und da ich ihr voraus war, wurde ich auch hierin ihr Lehrer,
was die Mutter mit derselben Einschränkung wie das Landschaftsmalen
gelten ließ. Es waren also in unserem Hause für dieses Jahr mehr
Beschäftigungen für mich vorhanden als in anderen Zeiten.

Es war mir in jenem Herbste besonders wunderbar, daß weder Vater noch
Mutter genauer nach meinem Gastfreunde fragten. Sie mußten entweder
nach meinen Erzählungen ein entschiedenes Vertrauen in ihn setzen
oder sie wollten durch zu vieles Einmischen die Unbefangenheit meiner
Handlungen nicht stören.


Bei allen häuslichen Bestrebungen fing ich bei dem herannahenden
Winter doch ein etwas anderes Leben an, als ich es bisher geführt
hatte, und zwar ein etwas mannigfaltigeres. Ich hatte in vergangener
Zeit nur solche Stadtkreise besucht, in welche meine Eltern geladen
worden waren oder in welche ich durch Freunde, die ich gewann, gezogen
wurde. Diese Kreise bestanden größtenteils aus Leuten von ähnlichem
Stande mit dem meines Vaters. Ich spürte Neigung in mir, nun auch
Sitten und Gebräuche so wie Ansichten und Meinungen solcher Menschen
kennen zu lernen, die sich auf glänzenderen Lebenswegen befanden. Der
Zufall gab bald hier, bald da Gelegenheit dazu, und teils suchte ich
auch Gelegenheiten. Es geschah, daß ich Bekanntschaften machte und
mitunter auch fortsetzen konnte. Ich lernte Leute von höherem Adel
kennen, lernte sehen, wie sie sich bewegen, wie sie sich gegenseitig
behandeln und wie sie sich gegen solche, die nicht ihres Standes sind,
benehmen.

Es lebte eine alte, edle, verwittwete Fürstin in unserer Stadt, deren
zu früh verstorbener Gemahl den Oberbefehl in den letzten großen
Kriegen geführt hatte. Sie war häufig mit ihm im Felde gewesen und
hatte da die Verhältnisse von Kriegsheeren und ihren Bewegungen kennen
gelernt, sie war in den größten Städten Europas gewesen und hatte
die Bekanntschaft von Menschen gemacht, in deren Händen die ganzen
Zustände des Weltteiles lagen, sie hatte das gelesen, was die
hervorragendsten Männer und Frauen in Dichtungen, in betrachtenden
Werken und zum Teile in Wissenschaften, die ihr zugänglich waren,
geschrieben haben, und sie hatte alles Schöne genossen, was die Künste
hervorbringen. Einstens war sie in den höheren Kreisen eine der
außerordentlichsten Schönheiten gewesen, und noch jetzt konnte man
sich kaum etwas Lieblicheres denken als die freundlichen, klugen und
innigen Züge dieses Angesichtes. Ein Mann, der sich viel mit Gemälden
und ihrer Beurteilung abgab und oft in die Nähe der Fürstin kam, sagte
einmal, daß nur Rembrandt im Stande gewesen wäre, die feinen Töne und
die kunstgemäßen Übergänge ihres Angesichtes zu malen. Sie hatte jetzt
eine Wohnung an der Ostgrenze der innern Stadt, damit die Morgensonne
ihre Zimmer füllte und damit sie den freien Blick über das frische
Grün und auf die entfernten Vorstädte hätte. Blühende Söhne in hohen
kriegerischen Würden besuchten die alte, ehrwürdige Mutter hier, so
oft ihr Dienst ihre Anwesenheit in der Stadt gestattete und so oft
während dieser Anwesenheit ein Augenblick es erlaubte. Schöne Enkel
und Enkelinnen gingen bei ihr aus und ein, und eine zahlreiche
Verwandtschaft wurde bald in diesen, bald in jenen Mitgliedern in
ihren Zimmern gesehen. Aber geistige Erholung oder Anstrengung -
wie man den Ausdruck nehmen will - war ihr ein Bedürfnis geblieben.
Sie wollte nicht bloß das wissen, was jetzt noch auf den geistigen
Gebieten hervor gebracht wurde, und in dieser Beziehung, wenn irgend
ein Werk Ruhm erlangte und Aufsehen machte, suchte sie auch an dessen
Pforte zu klopfen und zu sehen, ob sie eintreten könnte; sondern sie
nahm oft auch ein Buch von solchen Personen in die Hand, die in ihre
Jugendzeit gefallen und dort bedeutsam gewesen waren, sie ging das
Werk durch und forschte, ob sie auch jetzt noch die zahlreichen, mit
Rotstift gemachten Zeichen und Anmerkungen wieder in derselben Art
machen oder ob sie andere an ihre Stelle setzen würde; ja sie nahm
Werke der ältesten Vergangenheit vor, die jetzt die Leute, außer sie
wären Gelehrte, nur in dem Munde führen, nicht lesen; sie wollte doch
sehen, was sie enthielten, und wenn sie ihr gefielen, wurden sie
nach manchen Zwischenzeiten wieder hervorgeholt. Von dem, was in den
Verhältnissen der Staaten und Völker vorging, wollte sie beständig
unterrichtet sein. Sie empfing daher von manchen ihrer Verwandten und
Bekannten Briefe, und die vorzüglichsten Zeitungsblätter mußten auf
ihren Tisch kommen. Weil aber, obwohl ihre Augen noch nicht so schwach
waren, das viele Lesen, das sie sich hatte auflegen müssen, bei
ihrem Alter doch hätte beschwerlich werden können, hatte sie eine
Vorleserin, welche einen Teil, und zwar den größten, des Lesestoffes
auf sich nahm und ihr vortrug. Diese Vorleserin war aber keine bloße
Vorleserin, sondern vielmehr eine Gesellschafterin der Fürstin, die
mit ihr über das Gelesene sprach und die eine solche Bildung besaß,
daß sie dem Geiste der alten Frau Nahrung zu geben vermochte, so
wie sie von diesem Geiste auch Nahrung empfing. Nach dem Urteile
von Männern, die über solche Dinge sprechen können, war die
Gesellschafterin von außerordentlicher Begabung, sie war im Stande,
jedes Große in sich aufzunehmen und wiederzugeben, so wie ihre eigenen
Hervorbringungen, zu denen sie sich zuweilen verleiten ließ, zu den
beachtenswertesten der Zeit gehörten. Sie blieb immer um die Fürstin,
auch wenn diese im Sommer auf ein Landgut, das in einem entfernten
Teile des Reiches lag und ihr Lieblingsaufenthalt war, ging, oder wenn
sie sich auf Reisen befand oder eine Zeit an einer schönen Stelle
unsers Gebirges weilte, wie sie gerne tat. An manchen Abenden zu der
Zeit, da sie in der Stadt war, sammelte die Fürstin einen kleinen
Kreis um sich, in welchem entweder etwas vorgelesen wurde oder in
welchem man über wissenschaftliche oder gesellige oder Staatsdinge
oder Dinge der Kunst sprach. Die Kreise waren regelmäßig an gleichen
Tagen der Woche, sie waren in der Stadt bekannt, wurden sehr hoch
geachtet oder verspottet, wie eben der Beurteilende war, wurden
gesucht und bestanden zuweilen aus sehr bedeutenden Personen. In diese
Kreise hatte ich Zutritt erlangt. Die Fürstin hatte mich einige Male
getroffen, es war einmal von meiner Wissenschaft die Rede gewesen, sie
war sehr neugierig, was man denn von der Geschichte der Erdbildung
wisse und aus welchen Umständen man seine Schlüsse ziehe, und sie
hatte mich in ihre Nähe gezogen. Ich hörte aufmerksam zu, wenn ich an
den bestimmten Abenden in ihrem Gesellschaftszimmer war, sprach selber
wenig und meistens nur, wenn ich dazu aufgefordert wurde. Die Fürstin
saß in schwarzem oder aschgrauem Seidenkleide - lichtere trug sie nie
- in ihrem Polsterstuhle und hatte einen Schemel unter ihren Füßen.
Die Lampe trug gegen ihre Seite hin einen grünen Schirm und goß ihr
Licht in die Gegend der Vorleserin oder des Vorlesers, wenn eben
gelesen wurde. Die Andern saßen nach ihrer Bequemlichkeit herum.
Meistens bildete sich von selber eine Art Kreis. Man hörte in tiefer
Stille dem Vorlesen zu und nahm an den Gesprächen, die nach dem Lesen
folgten oder die, wenn gar keine Vorlesung war, den ganzen Abend
erfüllten, den eifrigsten Anteil. Die Fürstin konnte ihnen den
lebhaftesten und tiefsten Fortgang geben. Es schien, daß das, was die
vorzüglichsten Männer in ihrer Gegenwart sprachen, von ihr angeregt
wurde und daß ihre größte Gabe darin bestand, das, was in Anderen war,
hervor zu rufen. Sie saß dabei mit ihrer äußerst zierlichen Gestalt
auf die anmutigste Weise in ihrem Stuhle und bewegte noch als
hochbetagte Frau die Gesellschaft mit ihrer herrlichen Schönheit.
Zuweilen, wenn sich ihr Inneres erregte, stand sie auf, hielt sich
an ihrem Stuhle und erklärte und sprach zu den Anwesenden mit ihrer
klaren, zarten, wohllautenden Stimme.

Ich lernte verschiedene Menschen in den Zimmern der Fürstin
kennen. Zuweilen war es ein hervorragender Künstler, den man dort
sprechen hörte, zuweilen ein Staatsmann, der mit den wichtigsten
Angelegenheiten unseres Landes betraut war, oder es war sonst eine
bedeutende Persönlichkeit der Gesellschaft, oder es waren die Säulen
und die Führer unseres tapferen Heeres. Ich hörte bei der Fürstin
Aussprüche, die ich mir merken wollte, die ich mir aufschrieb und die
mir ein unveräußerliches Eigentum bleiben sollten. Ich gestehe es,
daß ich nie ohne eine gewisse Beklemmung in das Zimmer mit den
blaubemalten Wänden und den dunkelblauen Geräten und den einigen
Bildern, worunter mich besonders das anzog, welches ihren Landsitz
darstellte, trat, und ich gestehe es, daß ich nie das Zimmer ohne Ruhe
und Befriedigung verließ. Ich empfand, daß jene Abende für mich von
großer Bedeutung, daß sie eine Zukunft seien.

Außer den besonders hervorragenden Menschen lernte ich bei der Fürstin
auch noch andere Personen, des höheren Adels unseres Reiches, kennen,
kam manches Mal mit den Kreisen desselben in Berührung und sah seine
Art, seine Lebensweise und seine Sitten.


Neben diesen Abteilungen der menschlichen Gesellschaft kam ich auch
mit anderen zusammen. Es war in der Stadt ein öffentlicher Ort,
welcher hauptsächlich von Künstlern aller Art besucht wurde, welche
sich dort besprachen, Erfrischungen zu sich nahmen, Zeitungen lasen
oder sich mit körperlichen Spielen ergötzten. Diesen Ort besuchte ich
gerne. Da war der eine oder der andere Schauspieler von der Hofbühne
oder von der Oper, da war ein Maler, dessen Namen damals hoch
gepriesen wurde, da waren Tonkünstler, sowohl ausübende als dichtende,
da waren Bildhauer und Baumeister, vorzüglich aber waren es
Schriftsteller und Dichter, und es befanden sich darunter auch
Vorstände und Mitarbeiter an Zeitungsanstalten.

Von anderen Personen waren höhere Staatsdiener, Bürger, Kaufleute und
überhaupt solche vorhanden, die einen Anteil an Kunst und Wissenschaft
und an einem dahin abzielenden Umgange nahmen. Wenn auch eigentlich
nur eine ungezwungene Heiterkeit herrschte, wenn auch nur Spiele zu
körperlicher Bewegung und daneben das Schachspiel vorzuherrschen
schienen, so waren doch auch Gespräche und, wie es bei solchen Männern
zu erwarten war, Gespräche sehr lebhafter Natur im Gange, und waren
doch im Grunde die Hauptsache. Da konnte man in leichten Worten den
tiefen Geist des Einen sehen oder den ruhigen, der alles zersetzt
und in seine Bestandteile auflöst, oder den lebhaften, der darüber
weggeht, oder den leichtfertigen, der alles verlacht, oder den, dessen
Sitten selbst ein wenig bedenklich waren. Oft war es nur ein Wort, ein
Witz, der den Grund geben konnte, um Schlüsse zu bauen. Trotz meiner
Schüchternheit, die mich ferne hielt, geriet ich doch in Gespräche
und lernte den einen und andern Mann von denen kennen, die sich hier
einfanden. Selbst das äußere Benehmen und Gebaren von Männern, die
sonst solche Geltung haben, schien mir nicht gleichgiltig.

Ich besuchte in jenem Winter auch gerne Orte, an welchen sich
viele Menschen zu ihren Vergnügungen versammeln, um die Art ihrer
Erscheinung, ihr Wesen und ihr Verhalten als eines Ganzen sehen zu
können. Vorzüglich ging ich dahin, wo das eigentliche Volk, wie man es
jetzt häufig zum Gegensatze der sogenannten Gebildeten nennt, zusammen
kömmt. Die man gebildet nennt, sind fast überall gleich; das Volk
aber ist ursprünglich, wie ich es bei meinen Wanderungen schon kennen
lernte, und hat seine zugearteten Bräuche und Sitten.

Ich ging in die guten Darstellungen von Musikstücken, ich fuhr im
Besuche des Hoftheaters fort, ging jetzt auch in die Oper und besuchte
manche öffentliche wissenschaftliche Vorträge, dann Kunst- und
Büchersammlungen, hauptsächlich aber zur Vervollkommnung meiner
eigenen künftigen Arbeiten die Sammlungen von Gemälden.

Den Umgang mit meinem neuen Freunde, dem Sohne des Juwelenhändlers,
setzte ich fort. Wir begannen endlich in der Tat einen eigenen
Unterrichtsgang über Edelsteine und Perlen. Zwei Tage in der Woche
waren festgesetzt, an denen ich zu einer bestimmten, für ihn
verfügbaren Stunde kam und so lange blieb, als es eben seine Zeit
gestattete. Er führte mich zuerst in die Kenntnis aller jener
Mineralien ein, welche man Edelsteine nennt und vorzüglich zu Schmuck
benützt. Ebenso zeigte er mir alle Gattungen von Perlen. Hierauf
unterrichtete er mich in dem Verfahren, die Juwelen zu erkennen und
von falschen zu unterscheiden. Später erst ging er auf die Merkmale
der schönen und der minder schönen über. Bei diesem Unterrichte kamen
mir meine Kenntnisse in den Naturwissenschaften sehr zu statten, ja
ich war sogar im Stande, durch Angaben aus meinem Fache die Kenntnisse
meines Freundes zu erweitern, besonders was das Verhalten der
Edelsteine zum Lichtdurchgang, zur doppelten Brechung und zu der
sogenannten Polarisation des Lichtes anbelangt. Ich hatte aber noch
immer nicht den Mut, über die gebräuchliche Fassung der Edelsteine mit
ihm zu sprechen und meine Gedanken hierüber ihm mitzuteilen.

Unter diesen Dingen ging neben meinen eigentlichen Arbeiten der
Unterricht, den ich meiner Schwester gab, regelmäßig fort. In der
Malerei hatte sie noch viel größere Schwierigkeiten als ich, weil sie
einesteils weniger geübt war und weil sie andernteils die Urbilder
nicht gesehen, sondern nur fehlerhafte Abbilder vor sich hatte. Im
Zitherspiel ging es weit besser. Ich wurde heuer ein wirksamerer
Lehrer, als ich es in dem vergangenen Jahre gewesen war, und konnte
nach dem, was ich gelernt hatte, überhaupt ein besserer Lehrer für
sie sein, als einer in der Stadt zu finden gewesen wäre, obwohl diese
Schwierigkeiten überwanden, deren Besiegung mir und Klotilden eine
Unmöglichkeit gewesen wäre. Nach meinen Ansichten, die ich in den
Bergen gelernt hatte, kam es aber darauf nicht an. Wir lernten
endlich wechselweise von einander und brachten manche freudige und
empfindungsreiche Stunde an der Zither zu.

Ich mußte zuletzt Klotilden auch im Spanischen unterrichten. Da ich
immer einige Schritte von ihr voraus war, so konnte ich allerdings
einen Lehrer für sie wenigstens in den Anfangsgründen vorstellen. Wie
es im weiteren Verlaufe zu machen wäre, würde sich zeigen. Wir lebten
uns in ein wechselseitiges Tätigkeitsleben hinein.

So verging der Winter, und ich blieb damals bis ziemlich tief in das
Frühjahr hinein bei den Meinigen in der Stadt.



Die Annäherung

Obwohl fast den ganzen Winter hindurch davon die Rede gewesen war,
daß mich der Vater in dem nächsten Frühlinge in das Gebirge begleiten
werde und daß er bei dieser Gelegenheit den Mann im Rosenhause
besuchen wolle, um dessen Seltenheiten und Kostbarkeiten zu sehen, so
hatte er doch, als der Frühling gekommen war, nicht Zeit, sich von
seinen Geschäften zu trennen, und ich mußte wie in allen früheren
Jahren meine Reise allein antreten.

Als ich zu meinem Gastfreunde gekommen war, war das Erste, daß ich
ihm von den Wandverkleidungen erzählte. Ich hatte früher ihrer nicht
erwähnt, weil ich sie doch nicht für so wichtig gehalten hatte. Ich
erzählte ihm, daß ich sie in dem Lauterthale gefunden und gekauft
habe und daß sie aus Schnitzarbeit von Gestalten und Verzierungen
bestanden. Der Vater, dem ich sie gebracht, habe eine große Freude
darüber gehabt, habe sie nicht nur mit großem Vergnügen empfangen,
sondern habe auch einen Teil eines Nebenbaues unseres Hauses umgebaut,
um die Verkleidungen geschickt anbringen zu können. Dieses letztere
habe mir erst gezeigt, wie wert der Vater diese Dinge halte, und
dies habe mich bestimmt, noch genauer nachzuforschen, ob ich denn
die Ergänzungen zu dem Getäfel nicht aufzufinden vermöge; denn
das, was der Vater habe, seien nur Bruchstücke, und zwar zwei
Pfeilerverkleidungen, das übrige fehle. Ich habe wohl schon
Nachforschungen in der besten Art, wie ich glaube, angestellt; aber
ich wolle sie doch noch fortsetzen und versuchen, ob ich nicht noch
neue Mittel und Wege auffinden könne, zu meinem Ziele, wenn es noch
vorhanden sei, zu gelangen oder die größtmögliche Gewißheit zu
erhalten, daß das Gesuchte nicht mehr bestehe.

Ich beschrieb meinem Gastfreunde, so gut ich es aus der Erinnerung
konnte, die Vertäflungen und machte ihn mit dem Fundorte und den
Nebenumständen bekannt. Ich verhehlte ihm nicht, daß ich das darum
tue, daß er mir einen Rat geben möge, wie ich etwa weiter vorzugehen
habe. Es handle sich um einen Gegenstand, der meinem Vater nahe gehe.
Nicht vorzüglich, weil diese Dinge schön seien, obwohl dies auch ein
Antrieb für sich sein könnte, sondern hauptsächlich darum suche ich
darnach zu forschen, weil sie dem Vater Freude machen. Je älter er
werde, desto mehr schließe er sich in einem engen Raume ab, sein
Geschäftszimmer und sein Haus werden nach und nach seine ganze Welt,
und da seien es vorzüglich Werke der bildenden Kunst und die Bücher,
mit denen er sich beschäftige und die Wirkung, welche diese Dinge auf
ihn machen, wachse mit den Jahren. Er habe sich von dem Schnitzwerke
in den ersten Tagen kaum trennen können, er habe es in allen Teilen
genau betrachtet und sei zuletzt so mit demselben bekannt geworden,
als wäre er bei dessen Verfertigung zugegen gewesen. Darum wolle ich
so vorgehen, daß ich mich nicht in die Lage setze, mir einen Vorwurf
machen zu müssen, daß ich in meinen Nachforschungen etwas versäumt
habe. Bisher seien sie freilich fruchtlos gewesen.

Mein Gastfreund fragte mich noch um einige Teile des Werkes und seines
Auffindens, die ich ihm nicht dargestellt hatte oder die ihm dunkel
geblieben waren, und ließ sich die Örtlichkeiten des Auffindens noch
einmal auf das Umständlichste beschreiben. Hierauf sagte er mir, ich
möge an meinen Vater ungesäumt einen Brief senden und ihn bitten, die
genauen Ausmaße des Schnitzwerkes nach Außen und nach Innen zu nehmen
und mir zu schicken. Ich begriff augenblicklich die Zweckmäßigkeit der
Maßregel und schämte mich, daß sie mir selber nicht früher eingefallen
war. Er selber wolle vorläufig an Roland schreiben und ihm dann,
wenn sie eingelangt wären, die Ausmaße schicken. Auch wolle er seine
Geschäftsführer in jener Gegend beauftragen, sich um die Sache zu
bemühen. Wenn das Gesuchte zu finden ist, so dürfte Roland der
geeignetste Mithelfer sein, und die anderen Männer, die er noch
auffordern werde, hätten sich schon in den verschiedensten
Gelegenheiten sehr erprobt.

Ich dankte meinem Gastfreunde auf das Verbindlichste für seine
Gefälligkeit und versprach, in nichts säumig zu sein.

Am nächsten Morgen trug ein Bote meinen Brief an den Vater und die
Briefe meines Gastfreundes an Roland und andere Männer auf die nächste
Post. Mein Gastfreund mußte bis in die tiefe Nacht geschrieben haben,
denn es war ein ganzes Päckchen von Briefen. Mich rührte diese Güte
außerordentlich, denn ich wußte nicht, wie ich sie verdient hatte.


Daß ich in der ersten Zeit meines Aufenthaltes in dem Rosenhause
gleich an alle Orte ging, die mir lieb waren, begreift sich.

In dem Zeichnungszimmer Eustachs fand ich den Musiktisch fertig. Es
war seit seiner Vollendung erst eine kurze Zeit verflossen, deshalb
stand er noch an dieser Stelle. Ich hatte nicht geahnt, daß das Werk,
das ich bei Beginn seiner Wiederherstellung gesehen hatte, sich so
darstellen würde, wenn es fertig wäre. Ich hatte Bilder, Bauwerke,
Zeichnungen und dergleichen in jüngster Zeit in großer Menge gesehen
und selber ähnliche Dinge verfertigt, ich konnte mir daher in solchen
Sachen ein kleines Urteil zutrauen; aber, wenn ich nicht gewußt hätte,
daß der Rahmen und das Gestelle des Tisches neu gemacht worden sei, so
hätte ich es nie erkannt, so sehr paßte beides im Baue, in der ganzen
Art und selbst in der Farbe des Holzes zu der Platte. Das ganze
Werk stand rein, glänzend und klar vor den Augen. Die Farbe der
verschiedenen Hölzer an den Verzierungen, am Laubwerke, am Obste und
an den Geräten trat unter der Macht des Harzes kräftig und scharf
hervor. Selbst die Mißverhältnisse der Größen in den verschiedenen
eingelegten Geräten, zum Beispiele zwischen der Flöte, der Geige, der
Trommel, welche mir bei meinem ersten Besuche in dem Schreinerhause
Anstoß gegeben hatten, erschienen mir jetzt als naiv und hatten etwas
Anziehendes für mich, welches mir die Tischplatte lieber machte als
wenn sie ganz fehlerfrei oder etwa nach neuen Kunstbegriffen gemacht
gewesen wäre. Ich fragte Eustach, wohin der Tisch zu stehen kommen
würde. Er konnte es mir nicht sagen. Es sei darüber nichts eröffnet
worden, ob er in dem Hause bleiben oder ob er irgend wohin versendet
werden würde. Jetzt bleibe er hier stehen, damit alle Nachtrocknungen
in jener allmählichen Stufenfolge vor sich gehen können, wie sie bei
jedem neuverfertigten Geräte eintreten müssen, daß es nicht Schaden
leide. Die meisten der neuverfertigten oder wiederhergestellten Werke
seien zu diesem Zwecke in dem Zeichnungszimmer stehen geblieben, wenn
sie anders dort Platz hatten. Ich betrachtete den Tisch noch eine
Weile und ging dann zu andern Gegenständen über.

Auch die Gärtnerleute besuchte ich, die Leute des Meierhofes, die
Gartenarbeiter, die Dienstleute des Hauses und einige Nachbaren, zu
denen wir früher öfter gekommen waren und die ich näher kennen gelernt
hatte.

Obwohl ich nach dem Rate und der Einladung meines Gastfreundes
entschlossen war heuer meine Berufsarbeit, wenigstens jenes Berufes,
den ich mir selber aufgelegt hatte, ruhen zu lassen, sondern einen
Teil des Sommers in dem Rosenhause zu verleben und mich meiner Laune
und dem Augenblicke hinzugeben: hatte ich doch nicht den Willen, gar
nichts zu tun, was mir die größte Qual gewesen wäre, sondern mich bei
meinen Handlungen von meinem Vergnügen und der Gelegenheit leiten
zu lassen. Mein Gastfreund hatte mir die nehmlichen zwei Zimmer
eingeräumt, welche ich bisher stets inne gehabt hatte, und freute
sich, daß ich seinen Rat befolgen und einmal auch anderswohin sehen
wolle als immer einseitig auf meine Arbeiten, und daß ich einmal
zu einem allgemeineren Bewußtsein kommen wolle, als zu dem ich
mich bisher gebannt hätte. Ich hatte viele Bücher und Schriften
mitgebracht, hatte alle Werkzeuge zur Ölmalerei bei mir und hatte doch
aus Vorsicht auch einige Vorrichtungen zu Vermessungen und dergleichen
eingepackt.

Wenn man von dem Rosenhause über den Hügel, auf dem der große
Kirschbaum steht, nordwärts geht, so kömmt man in die Wiese, durch
welche der Bach fließt, an dem mein Gastfreund jene Erlengewächse
zieht, welche ihm das schöne Holz liefern, das er neben anderen
Hölzern zu seinen Schreinerarbeiten verwendet. Wir waren öfter zu
diesem Bache gekommen und seinen Ufern entlang gegangen. Er floß aus
einem Gehölze hervor, in welchem mein Gastfreund einige Wasserwerke
hatte aufführen lassen, um die Wiese vor Überschwemmungen zu sichern
und die Verwilderung des Baches zu verhindern. Im Innern des Gehölzes
befindet sich ein ziemlich großer Teich, eigentlich ein kleiner See,
da er nicht mit Kunst angelegt, sondern größtenteils von selber
entstanden war. Nur Geringes hatte man hinzu gefügt, um nicht
Versumpfungen an seinen Rändern und Überflutungen bei seinem Ausflusse
entstehen zu lassen. Das Wasser dieses Waldbeckens ist so klar, daß
man in ziemlicher Tiefe noch alle die bunten Steine sehen kann, welche
auf dem Grunde liegen. Nur schienen sie grünlich blau gefärbt, wie es
bei allen Wässern der Fall ist, die aus unsern Kalkalpen oder in deren
Nähe fließen. Rings um dieses Wasser ist das Gezweige so dicht, daß
man keinen Stein und kaum einen Uferrand sehen kann, sondern die
Zweige aus dem Wasser zu ragen scheinen. Die Bäume, die da stehen,
sind eines Teils Nadelholz, das mit seinem Ernste sich in die
Heiterkeit mischt, die auf den Ästen, Blättern und Wipfeln der
Laubbäume ruht, die den vorherrschenden Teil bilden. Vorzugsweise ist
die Erle, der Ahorn, die Buche, die Birke und die Esche vorhanden.
Zwischen den Stämmen ist reichliches Wuchergestrippe. Der Bach in der
Erlenwiese meines Gastfreundes verdankt dem See sein Dasein; aber
da dieser aus Quellzuflüssen lebt, so ist der ausfließende Bach
oft so trocken, daß man, ohne sich die Sohle zu netzen, über seine
hervorragenden Steine gehen kann. Wo er aus dem See geht, ist eine
kleine Hütte erbaut, die den Hauptzweck hat, daß die, welche in dem
See sich baden wollen, in ihr sich entkleiden können. Der Seegrund
geht mit seinen schönen Kieseln so sachte in die Tiefe, daß man
ziemlich weit vorwärts gehen und das wallende Wasser genießen kann
ohne den Grund zu verlieren. Auch zum Lernen des Schwimmens ist dieser
Teil sehr geeignet, weil man an allen Stellen Grund findet und sich
unbefangener den Übungen hingeben kann. Weiter draußen beginnt das
Gebiet derer, die ihrer Arme und ihrer Bewegungen schon vollständig
Herr sind. Gustav ging an Sommertagen fast jeden zweiten Tag mit
Eustach oder mit jemand anderm oder zuweilen auch mit meinem
Gastfreunde zu dem See hinaus, um in demselben zu schwimmen. Diese
Tätigkeit, so wie die andern Körperbewegungen und Übungen, die für
ihn in dem Rosenhause angeordnet waren, schienen ihm viele Freude zu
machen. Mein Gastfreund hielt auf körperliche Übungen sehr viel, da
sie zur Entwicklung und Gesundheit unumgänglich notwendig seien. Er
lobte diese Übungen sehr an den Griechen und Römern, welche beiden
Völker er auf eine hervorragende Weise ehrte. Das liege auf der Hand,
pflegte er zu sagen, daß, so wie die Krankheit des Körpers den Geist
zu etwas anderem mache, als er in der Gesundheit des Körpers ist, ein
kräftiger und in hohem Maße entwickelter Körper die Grundlage zu allem
dem abgebe, was tüchtig und herzhaft heißt. Bei den alten Römern ist
ein großer Teil ihrer Erfolge in der Geschichte und ihres früheren
Glückes in der Pflege und Entwicklung ihres Körpers zu suchen. Ihr
Glück dauerte auch nur so lange, als die vernünftige Pflege ihrer
Leibesübungen dauerte. In neuen Schulen vernachlässige man diese
Pflege zu sehr, die bei uns um so notwendiger wäre, als sich durch
das Zusammengehäuftsein in dunstigen und heißen Stuben ohnehin Übel
erzeugen, die dem Aufenthalte in freier Luft fremd sind. Darum werden
auch die Geisteskräfte von Schülern der neuen Zeit nicht entwickelt
wie sie sollten und wie sie es bei Kindern, die in Wald und Feldern
schweifen, freilich auf Kosten ihres höheren Wesens, wirklich sind.
Daher stamme ein Teil der Schalheit und Trägheit unserer Zeiten. Ich
ging mit Gustav jetzt, da ich viele Muße hatte, sehr fleißig zu dem
Wäldchen, und da ich in der Kunst des Schwimmens eine große Fertigkeit
hatte, so sah er an mir ein Vorbild, dem er nachstreben konnte, und
lernte Gelenkigkeit und Ausdauer mehr, als er es ohne mich gekonnt
hätte.

Überhaupt gewann Gustav eine immer größere Neigung zu mir. Es mochte,
wie ich mir schon früher gedacht hatte, zuerst der Umstand eingewirkt
haben, daß ich ihm an Alter nicht so sehr ferne stand. Dazu mochte
sich gesellt haben, daß ich, der ich eigentlich sehr einsam und
abgeschlossen erzogen worden war, viel tiefer in spätere Jahre hinein
die Merkmale der Kindheit bewahrt haben mochte als andere Leute,
die gleichen Alters mit mir waren, und zuletzt konnte jetzt
auch das wirken, daß ich bei meiner Geschäftlosigkeit viel
mehr Berührungspunkte mit ihm fand, als es bei meinen früheren
Anwesenheiten in dem Rosenhause der Fall gewesen war.

Ich schrieb nun auf dem Asperhofe mehr Briefe als sonst, ich las in
Dichtern, betrachtete alles um mich herum, schweifte oft weit in die
Gegend hinaus; aber diese Lebensweise wurde mir bald beschwerlich, und
ich suchte etwas hervor, was mich tiefer beschäftigte. Die Dichter als
das Edelste, was mir jetzt begegnete, riefen wieder das Malen hervor.
Ich richtete meine Zeichnungsgeräte und meine Vorrichtungen zur
Malerei in den Stand und begann wieder meine Übungen im Malen der
Landschaft. Ich malte je nach der Laune bald ein Stück Himmel, bald
eine Wolke, bald einen Baum oder Gruppen von Bäumen, entfernte Berge,
Getreidehügel und dergleichen. Auch schloß ich menschliche Gestalten
nicht aus und versuchte Teile derselben. Ich versuchte das Antlitz
des Gärtners Simon und das seiner Gattin auf die Leinwand zu bringen.
Die beiden Leute hatten eine große Freude über das Ding, und ich gab
ihnen die Bilder in ihre Stube, nachdem ich vorher nette Rahmen dazu
bestellt und in der Zeit, bis sie eintrafen, mir Abbilder von den
Köpfen für meine eigene Mappe gemacht hatte. Ich malte die Hände oder
Büsten verschiedener Leute, die sich in dem Rosenhause oder in dem
Meierhofe befanden. Meinen Gastfreund oder Eustach oder Gustav zu
bitten, daß sie mir als Gegenstand meiner Kunstbestrebungen dienen
sollten, hatte ich nicht den Mut, weil die Erfolge noch gar zu
unbedeutend waren.


Gustav nahm unter allen den größten Anteil an diesen Dingen. So wie er
im vorigen Jahre Geräte mit mir gemalt hatte, versuchte er es heuer
auch mit den Landschaften. Sein Ziehvater und sein Zeichnungslehrer
hatten nichts dagegen, da nur freie Stunden zu diesen Beschäftigungen
verwendet wurden, da seine Körperübungen nicht darunter zu leiden
hatten und da sich dadurch das Band zwischen mir und ihm noch mehr
befestigte, was mein Gastfreund nicht ungern zu sehen schien, da
doch zuletzt der Jüngling niemanden hatte, an wen er das Gefühl der
Freundschaft leiten sollte, das in seinen Jahren so gerne erwacht und
das sich in sanftem Zuge an einen Gegenstand richtet. Da unter seiner
Hand ein Baum, ein Stein, ein Berg, ein Wässerchen in lieblichen
Farben hervorging, hatte er eine unaussprechliche Freude. Bei Eustach
hatte er nur größtenteils Bau- und Gerätezeichnungen gesehen, und
Roland hatte auch nur Ähnliches von seinen Reisen zurück gebracht. Was
von Landschaften in der Gemäldesammlung seines Ziehvaters hing, auf
denen er wohl grüne Bäume, weiße Wolken, blaue Berge beobachten
konnte, hatte er nie um seine Entstehung angeschaut, sondern die Dinge
waren da, wie auch andere Dinge da sind, das Haus, der Getreidehügel,
der Berg, der ferne Kirchturm, und er hatte nicht daran gedacht, daß
auch er solche Gegenstände hervorzubringen vermochte. Er redete auf
Spaziergängen davon, wie dieser Baum sich baue, wie jener Berg sich
runde, und er erzählte mir, daß ihm oft von dem Zeichnen lebhaft
träume.

Man ließ den Jüngling auch auf größere Entfernungen von dem Rosenhause
mit mir gehen. Seine Arbeiten wurden dabei so eingerichtet, daß,
wenn sie auch unterbrochen werden mußten, ein wesentlicher Schaden
sich nicht einstellen konnte. Dafür gewann er an Gesundheit und
körperlicher Abhärtung bedeutend. Wir waren nicht selten mehrere Tage
abwesend, und Gustav vergnügte es sehr, wenn wir Abends nach unserem
leichten Mahle in einem Gasthause in unser Zimmer gingen, wenn er
durch die Fenster auf eine fremde Landschaft hinausschauen konnte,
wenn er sein Ränzlein und seine Reisesachen auf dem Tische zurecht
richten und dann die ermüdeten Glieder auf dem Gastbette ausstrecken
durfte. Wir bestiegen hohe Berge, wir gingen an Felswänden hin, wir
begleiteten den Lauf rauschender Bäche und schifften über Seen.

Er wurde stark, und das zeigte sich sichtbar, wenn wir von einer
Gebirgswanderung - denn fast immer gingen wir in das Gebirge -
zurückkehrten, wenn seine Wangen gebräunt waren, als wollten
sie beinahe schwarz werden, wenn seine Locken die dunkle Stirne
beschatteten und die großen Augen lebhaft aus dem Angesichte hervor
leuchteten. Ich weiß nicht, welcher innere Zug von Neigung mich zu dem
Jünglinge hinwendete, der in seinem Geiste zuletzt doch nur ein Knabe
war, den ich über die einfachsten Dinge täglicher Erfahrung belehren
mußte, namentlich, wenn es Wanderungsangelegenheiten waren, und der
mir in seiner Seele nichts bieten konnte, wodurch ich erweitert und
gehoben werden mußte, es müßte nur das Bild der vollkommensten Güte
und Reinheit gewesen sein, das ich täglich mehr an ihm sehen, lieben
und verehren konnte.

Ich ging auch einige Male zu dem Lautersee. Ich hatte im vorigen Jahre
angefangen, seine Tiefe an verschiedenen Stellen zu messen, um ein
Bild darzustellen, in welchem sich die Berge, die den See umstanden,
sichtbar auch unter der Wasserfläche fortsetzten und nur durch einen
tieferen Ton gedämpft waren. Der Reiz, den diese Aufnahme herbei
geführt hatte, stellte sich wieder ein, und ich setzte die Messungen
nach einem Plane fort, um die Talsohle des Sees immer richtiger zu
ergründen und das Bild einer größeren Sicherstellung entgegen zu
führen. Gustav begleitete mich mehrere Male und arbeitete mit den
Männern, die ich gedungen hatte, das Schiff zu lenken, die Schnüre
auszuwerfen, die Kloben zu richten, an denen sich die Senkgewichte
abwickelten, oder andere Dinge zu tun, die sich als notwendig
erwiesen.

Besondere Freude machte es mir, daß ich nach und nach die Feinheiten
des menschlichen Angesichtes immer besser behandeln lernte, besonders,
was mir früher so schwer war, wenn der leichte Duft der Farbe über die
Wangen schöner Mädchen ging, die sich sanft rundeten, schier keine
Abwechslung zeigten und doch so mannigfaltig waren. Mir waren die
Versuche am angenehmsten, das Liebliche, Sittige, Schelmische, das
sich an manchen jungen Land- oder Gebirgsmädchen darstellte, auf der
Leinwand nachzuahmen.


Eines Abends, da Blitze fast um den ganzen Gesichtskreis leuchteten
und ich von dem Garten gegen das Haus ging, fand ich die Tür, welche
zu dem Gange des Amonitenmarmors, zu der breiten Marmortreppe und zu
dem Marmorsaale führte, offen stehen. Ein Arbeiter, der in der Nähe
war, sagte mir, daß wahrscheinlich der Herr durch die Tür hinein
gegangen sei, daß er sich vermutlich in dem steinernen Saale befinden
werde, in welchen er gerne gehe, wenn Gewitter am Himmel ständen, und
daß die Tür vielleicht offen geblieben sei, damit Gustav, wenn er
käme, auch hinaufgehen könnte. Ich blickte in den Marmorgang, sah
hinter der Schwelle mehrere Paare von Filzschuhen stehen und beschloß,
auch in den steinernen Saal hinauf zu gehen, um meinen Gastfreund
aufzusuchen. Ich legte ein Paar von passenden Filzschuhen an und ging
den Gang des Amonitenmarmors entlang. Ich kam zu der Marmortreppe
und stieg langsam auf ihr empor. Es war heute kein Tuchstreifen über
sie gelegt, sie stand in ihrem ganzen feinen Glanze da und erhellte
sich noch mehr, wenn ein Blitz durch den Himmel ging und von der
Glasbedachung, die über der Treppe war, hereingeleitet wurde. So
gelangte ich bis in die Mitte der Treppe, wo in einer Unterbrechung
und Erweiterung, gleichsam wie in einer Halle, nicht weit von der
Wand die Bildsäule von weißem Marmor steht. Es war noch so licht, daß
man alle Gegenstände in klaren Linien und deutlichen Schatten sehen
konnte. Ich blickte auf die Bildsäule, und sie kam mir heute ganz
anders vor. Die Mädchengestalt stand in so schöner Bildung, wie sie
ein Künstler ersinnen, wie sie sich eine Einbildungskraft vorstellen
oder wie sie ein sehr tiefes Herz ahnen kann, auf dem niedern Sockel
vor mir, welcher eher eine Stufe schien, auf die sie gestiegen war, um
herumblicken zu können. ich vermochte nun nicht weiter zu gehen und
richtete meine Augen genauer auf die Gestalt. Sie schien mir von
heidnischer Bildung zu sein. Das Haupt stand auf dem Nacken, als
blühete es auf demselben. Dieser war ein wenig, aber kaum merklich
vorwärts gebogen, und auf ihm lag das eigentümliche Licht, das nur der
Marmor hat und das das dicke Glas des Treppendaches hereinsendete. Der
Bau der Haare, welcher leicht geordnet gegen den Nacken niederging,
schnitt diesen mit einem flüchtigen Schatten, der das Licht noch
lieblicher machte. Die Stirne war rein, und es ist begreiflich, daß
man nur aus Marmor so etwas machen kann. Ich habe nicht gewußt, daß
eine menschliche Stirne so schön ist. Sie schien mir unschuldvoll zu
sein und doch der Sitz von erhabenen Gedanken. Unter diesem Throne war
die klare Wange ruhig und ernst, dann der Mund, so feingebildet, als
sollte er verständige Worte sagen oder schöne Lieder singen, und
als sollte er doch so gütig sein. Das Ganze schloß das Kinn wie ein
ruhiges Maß. Daß sich die Gestalt nicht regte, schien bloß in dem
strengen, bedeutungsvollen Himmel zu liegen, der mit den fernen
stehenden Gewittern über das Glasdach gespannt war und zur Betrachtung
einlud. Edle Schatten wie schöne Hauche hoben den sanften Glanz der
Brust, und dann waren Gewänder bis an die Knöchel hinunter. Ich dachte
es sei Nausikae, wie sie an der Pforte des goldenen Saales stand und
zu Odysseus die Worte sagte: »Fremdling, wenn du in dein Land kömmst,
so gedenke meiner.« Der eine Arm war gesenkt und hielt in den Fingern
ein kleines Stäbchen, der andere war in der Gewandung zum Teile
verhüllt, die er ein wenig emporhob. Das Kleid war eher eine schön
geschlungene Hülle als ein nach einem gebräuchlichen Schnitte
verfertigtes. Es erzählte von der reinen, geschlossenen Gestalt und
war so stofflich treu, daß man meinte, man könne es falten und in
einen Schrein verpacken. Die einfache Wand des grauen Amonitenmarmors
hob die weiße Gestalt noch schärfer ab und stellte sie freier. Wenn
ein Blitz geschah, floß ein rosenrotes Licht an ihr hernieder, und
dann war wieder die frühere Farbe da. Mir dünkte es gut, daß man diese
Gestalt nicht in ein Zimmer gestellt hatte, in welchem Fenster sind,
durch die alltägliche Gegenstände herein schauen und durch die
verworrene Lichter einströmen, sondern daß man sie in einen Raum getan
hat, der ihr allein gehört, der sein Licht von oben bekömmt und sie
mit einer dämmerigen Halle wie mit einem Tempel umfängt. Auch durfte
der Raum nicht einer des täglichen Gebrauchs sein, und es war sehr
geeignet, daß die Wände rings herum mit einem kostbaren Steine
bekleidet sind. Ich hatte eine Empfindung, als ob ich bei einem
lebenden schweigenden Wesen stände, und hatte fast einen Schauer, als
ob sich das Mädchen in jedem Augenblicke regen würde. Ich blickte die
Gestalt an und sah mehrere Male die rötlichen Blitze und die graulich
weiße Farbe auf ihr wechseln. Da ich lange geschaut hatte, ging
ich weiter. Wenn es möglich wäre, mit Filzschuhen noch leichter
aufzutreten als es ohnehin stets geschehen muß, so hätte ich es getan.
Ich ging mit dem lautlosen Tritte langsam über die glänzenden Stufen
des Marmors bis zu dem steinernen Saale hinan. Seine Tür war halb
geöffnet. Ich trat hinein.

Mein Gastfreund war wirklich in demselben. Er ging in leichten Schuhen
mit Sohlen, die noch weicher als Filz waren, auf dem geglätteten
Pflaster auf und nieder.

Da er mich kommen sah, ging er auf mich zu und blieb vor mir stehen.

»Ich habe die Tür zu dem Marmorgange offen gesehen«, sagte ich, »man
hat mir berichtet, daß ihr hier oben sein könntet, und da bin ich
herauf gegangen, euch zu suchen.«

»Daran habt ihr recht getan«, erwiderte er.

»Warum habt ihr mir denn nicht gesagt«, sprach ich weiter, »daß die
Bildsäule, welche auf eurer Marmortreppe steht, so schön ist?«

»Wer hat es euch denn jetzt gesagt?« fragte er.

»Ich habe es selber gesehen«, antwortete ich.

»Nun dann werdet ihr es um so sicherer wissen und mit desto größerer
Festigkeit glauben«, erwiderte er, »als wenn euch jemand eine
Behauptung darüber gesagt hätte.«

»Ich habe nehmlich den Glauben, daß das Bildwerk sehr schön sei«,
antwortete ich, mich verbessernd.

»Ich teile mit euch den Glauben, daß das Werk von großer Bedeutung
sei«, sagte er.

»Und warum habt ihr denn nie zu mir darüber gesprochen?« fragte ich.

»Weil ich dachte, daß ihr es nach einer bestimmten Zeit selber
betrachten und für schön erachten werdet«, antwortete er.

»Wenn ihr mir es früher gesagt hättet, so hätte ich es früher gewußt«,
erwiderte ich.

»Jemandem sagen, daß etwas schön sei«, antwortete er, »heißt nicht
immer, jemandem den Besitz der Schönheit geben. Er kann in vielen
Fällen bloß glauben. Gewiß aber verkümmert man dadurch demjenigen das
Besitzen des Schönen, der ohnehin aus eigenem Antriebe darauf gekommen
wäre. Dies setzte ich bei euch voraus, und darum wartete ich sehr
gerne auf euch.«

»Aber was müßt ihr denn die Zeit her über mich gedacht haben, daß ich
diese Bildsäule sehen konnte und über sie geschwiegen habe?« fragte
ich.

»Ich habe gedacht, daß ihr wahrhaftig seid«, sagte er, »und ich habe
euch höher geachtet als die, welche ohne Überzeugung von dem Werke
reden, oder als die, welche es darum loben, weil sie hören, daß es von
Andern gelobt wird.«

»Und wo habt ihr denn das herrliche Bildwerk hergenommen?« fragte ich.

»Es stammt aus dem alten Griechenlande«, antwortete er, »und seine
Geschichte ist sonderbar. Es stand viele Jahre in einer Bretterbude
bei Cumä in Italien. Sein unterer Teil war mit Holz verbaut, weil man
den Platz, an dem es stand, und der teils offen, teils gedeckt war, zu
häufigem Ballschlagen verwendete, und die Bälle nicht selten in die
Bude der Gestalt flogen. Deshalb legte man von der Brust abwärts einen
dachartigen Schutz an, der die Bälle geschickt herab rollen machte und
über den sich die Gestalt wie eine Büste darstellte. Es waren in dem
Raume, teils an den Bretterbuden, teils an Mauerstücken, aus denen
er bestand, noch andere Gestalten angebracht, ein kleiner Herkules,
mehrere Köpfe und ein altertümlicher Stier von etwa drei Fuß Höhe;
denn der Platz wurde auch zu Tänzen benutzt und war an den Stellen,
die keine Wand hatten, mit Schlinggewächsen und Trauben begrenzt, an
andern war er offen und blickte über Myrten, Lorbeer, Eichen auf die
blauen Berge und den heiteren Himmel dieses Landes hinaus. Gedeckt
waren nur Teile des Raumes, besonders dort, wo die Gestalten standen.
Diese hatten Dächer über sich wie die niedlichen Täfelchen, welche
italienische Mädchen auf dem Kopfe tragen. Im Übrigen war die
Bedeckung das Gezelt des Himmels. Mich brachte ein günstiger Zufall
nach Cumä, und zu diesem Ballplatze, auf dem sich eben junges Volk
belustigte. Gegen Abend, da sie nach Hause gegangen waren, besichtigte
ich das Mauerwerk, welches aus Resten alter Kunstbauten bestand, und
die Gestalten, welche sämmtlich aus Gips waren, wie sie in Italien
so häufig alten edlen Kunstwerken nachgebildet werden. Den Herkules
kannte ich insbesondere sehr gut, nur war er hier viel kleiner
gebildet. Die Büste des Mädchens - für eine solche hielt ich die
Gestalt - war mir unbekannt; allein sie gefiel mir sehr. Da ich
mich über die reizende Lage dieses Plätzchens aussprach, sagte die
Besitzerin, eine wahrhaftige altrömische Sibylle, es werde hier in
Kurzem noch viel schöner werden. Ihr Sohn, der sich durch Handel Geld
erworben, werde den Platz in einen Saal mit Säulen verwandeln, es
werden Tische herum stehen, und es werden vornehme Fremde kommen, sich
hier zu ergötzen. Die Gestalten müssen weg, weil sie ungleich seien
und weil Menschen und Tiere unter einander stehen, ihr Sohn habe schon
die schönsten Gipsarbeiten bestellt, die alle gleich groß wären.
Sie führte mich zu dem Mädchen und zeigte mir durch eine Spalte der
Bretter, daß dasselbe in ganzer Gestalt da stehe und also die andern
Dinge weit überrage. Man habe darum an dem oberen Rande der Balken,
mit denen die Gestalt umbaut ist, einen hölzernen, bemalten Sockel
angebracht, von dem der Oberleib wie eine Büste herab schaue. Dadurch
sei die Sache wieder zu den anderen gestimmt worden. Ich fragte, wann
ihr Sohn hieherkomme und wann das Umbauen beginnen würde. Da sie mir
das gesagt hatte, entfernte ich mich. Zur Zeit des mir von der Alten
angegebenen Beginnes des Umbaues fand ich mich auf dem Platze wieder
ein. Ich traf den Sohn der Wittwe - eine solche war sie - hier an, und
der Bau hatte schon begonnen. Die alten reizenden Mauerstücke waren
zum Teile abgetragen, und ihre Stoffe waren geschichtet, um zu dem
neuen Baue verwendet zu werden. Die Schlinggewächse und Reben waren
ausgerottet, die Gesträuche vor dem Platze vernichtet, und man ebnete
ihre Stelle, um dort Rosen anzulegen. Auf der Südseite baute man schon
die Sockelmauern, auf welche die Säulen von Ziegeln zu stehen kommen
sollten. Die Gestalt des Mädchens, von der man die Balkenverhüllung
weggenommen hatte, lag in einer Hütte, welche größtenteils Baugeräte
enthielt. Neben ihr lagen der Herkules, der Stier und die Köpfe,
die, wie ich jetzt sah, alte Römer darstellten. Mir gefiel nun auch
die früher nicht gesehene übrige Gestalt des Mädchens, die nicht
wesentlich verletzt war, außerordentlich, und ich erhandelte sie, da
die Dinge zum Zwecke des Verkaufes in der Bretterhütte lagen. Aber
der Verkäufer sagte, er gebe von der Sammlung nichts einzeln weg,
und ich mußte den Stier, den Herkules und die Köpfe mit kaufen. Der
Kaufschilling war nicht geringe, da mein Gegenmann die Schönheit der
Gestalt recht gut kannte und sie geltend machte; aber ich fügte mich.
Ich ließ Kisten machen, um die Dinge fortzuschaffen. Den Stier, den
Herkules und die Köpfe verkaufte ich in Italien um ein Geringes, die
Mädchengestalt sendete ich wohlverpackt, daß der Gips nicht leide, an
meinen damaligen Aufenthaltsort; ich kann euch den Namen jetzt nicht
nennen, es war ein kleines Städtchen an dem Gebirge. Mir fiel schon
damals auf, daß das Fahrgeld für die Gestalt sehr hoch sei und daß
man sich über ihr Gewicht beklagt habe; allein ich hielt es für
italienische List, um von mir, dem Fremden, etwas mehr heraus zu
pressen. Als ich aber nach Deutschland zurückgekehrt war und als eines
Tages die Gipsgestalt, für deren gute Verpackung und Überbringung ich
durch mir wohlbekannte Versendungsvermittler gesorgt hatte, in dem
Asperhofe ankam, überzeugte ich mich selber von dem ungemeinen
Gewichte der Last. Da der Bretterverschlag, in welchem sich die
Gestalt befand, nicht so schwer sein konnte, so entstand in mir und
Eustach, der damals schon in dem Asperhofe war, der Gedanke, die
Gestalt möchte etwa naß geworden sein und durch die Nässe gelitten
haben. Wir ließen das Standbild in die hölzerne Hütte schaffen, welche
ich teils zu seinem Empfange, teils zur Reinigung von den vielen
Schmutzflecken, die es an seinem früheren Standorte erhalten hatte,
vor dem Eingange in den Garten hatte aufbauen lassen. Da es dort von
den Brettern und von allen seinen andern Hüllen befreit worden war,
sahen wir, daß sich unsere Furcht nicht bestätigte. Die Gestalt war so
trocken, wie Gips nur überhaupt zu sein vermag. Wir setzten nach und
nach die Vorrichtungen in Gebrauch, durch die wir die Gestalt in die
Nähe der Glaswand der Hütte auf eine drehbare Scheibe stellen konnten,
um sie nach Bequemlichkeit betrachten und reinigen zu können. Da sie
auf der Scheibe stand und wir uns von der Sicherheit ihres Standes
überzeugt hatten, gingen wir zu ihrer Betrachtung über. Eustach war
über ihre Schönheit entzückt und machte mich auf Manches aufmerksam,
was mir auf dem Tanz- und Ballplatze bei Cumä und später in der
Bauhütte entgangen war. Freilich stand die Gestalt jetzt viel
vorteilhafter, da durch die reinen Scheiben der Glaswand das klare
Licht auf sie fiel und alle Schwingungen und Schwellungen der
Gestaltung deutlich machte. Da wir die Überzeugung gewonnen hatten,
daß ein edles Werk in das Haus gekommen sei, beschlossen wir, sofort
zu dessen Reinigung zu schreiten. Wir nahmen uns vor, dort, wo der
Schmutz nur locker auf der Oberfläche liege und dem reinen Wasser und
dem Pinsel weiche, auch nur Wasser und den Pinsel anzuwenden. Leichtes
Übertünchen und sanftes Glätten würde die letzte Nachhülfe geben. Für
tiefer gehende Verunreinigung wurde die Anwendung des Messers und der
Feile beschlossen; nur sollte die äußerste Vorsicht beobachtet und
lieber eine kleine Verunreinigung gelassen werden, als daß eine
sichtbare Umgestaltung des Stoffes vorgenommen würde. Eustach machte
in meiner Gegenwart Versuche, und ich billigte sein Verfahren. Es
wurde nun sogleich ans Werk geschritten und die Arbeit in der nächsten
Zeit fortgesetzt. Eines Tages kam Eustach zu mir herauf und sagte, er
müsse mich auf einen sonderbaren Umstand aufmerksam machen. Er sei auf
dem Schulterblatte mit dem feinen Messer auf einen Stoff gestoßen, der
nicht das Taube des Gipses habe, sondern das Messer gleiten mache und
etwas wie die Ahnung eines Klanges merken lasse. Wenn die Sache nicht
so unwahrscheinlich wäre, würde er sagen, daß der Stoff Marmor sei.
Ich ging mit ihm in die Bretterhütte hinab. Er zeigte mir die Stelle.
Es war ein Platz, mit dem die Gestalt häufig, wenn sie gelegt wurde,
auf den Boden kam und der daher durch diesen Umstand und zum Teile
durch Versendungen, denen die Gestalt ausgesetzt gewesen sein mochte,
mehr abgenutzt war als andere. Ich ließ das Messer auf dieser Stelle
gleiten, ich ließ es an ihr erklingen, und auch ich hatte das Gefühl,
daß es Marmor sei, was ich eben behandle. Weil der Platz, an dem die
Versuche gemacht wurden, doch zu augenfällig war, um weiter gehen
zu können und ihn etwa zu verunstalten, so beschlossen wir an einem
unscheinbareren einen neuen Versuch zu machen. In der Ferse des
linken Fußes fehlte ein kleines Stückchen, dort mußte jedenfalls Gips
eingesetzt werden, dort beschlossen wir zu forschen. Wir drehten die
Gestalt mit ihrer Scheibe in eine Lage, in welcher das helle Licht auf
die Lücke an der Ferse fiel. Es zeigte sich, daß neben der kleinen
Vertiefung noch ein Stückchen Gips ledig sei und bei der leisesten
Berührung herab fallen müsse. Wir setzten das Messer an, das Stück
sprang weg, und es zeigte sich auf dem Grunde, der bloß wurde, ein
Stoff, der nicht Gips war. Das Auge sagte, es sei Marmor. Ich holte
ein Vergrößerungsglas, wir leiteten durch Spiegel ein schimmerndes
Licht auf die Stelle, ich schaute durch das Glas auf sie, und mir
funkelten die feinen Kristalle des weißen Marmors entgegen. Eustach
sah ebenfalls durch die Linse, wir versuchten an dem Platze noch
andere Mittel, und es stellte sich fest, daß die untersuchte
Fläche Marmor sei. Nun begannen wir, um das Unglaubliche völlig zu
beweisen oder unsere Meinung zu widerlegen, auch an andern Stellen
Untersuchungen. Wir fingen an Stellen an, welche ohnehin ein wenig
schadhaft waren und gingen nach und nach zu anderen über. Wir
beobachteten zuletzt gar nicht mehr so genau die Vorsichten, die wir
uns am Anfange auferlegt hatten, und kamen zu dem Ergebnisse, daß an
zahlreichen Stellen unter dem Gipse der Gestalt weißer Marmor sei.
Der Schluß war nun erklärlich, daß an allen Stellen, auch den nicht
untersuchten, der Gips über Marmor liege. Das große Gewicht der
Gestalt war nicht der letzte Grund unserer Vermutung. Durch welchen
Zufall oder durch welch seltsames Beginnen die Marmorgestalt
mit Gips könne überzogen worden sein, war uns unerklärlich. Am
wahrscheinlichsten däuchte uns, daß es einmal irgend ein Besitzer
getan habe, damit ein fremder Feind, der etwa seine Wohnstadt und ihre
Kunstwerke bedrohte, die Gestalt, als aus wertlosem Stoffe bestehend,
nicht mit sich fort nehme. Weil nun doch der Feind die Gestalt
genommen habe oder weil ein anderer hindernder Umstand eingetreten
sei, habe die Decke nicht mehr weggenommen werden können, und der
edle Kern habe undenkbar lange Jahre in der schlechten Hülle stecken
müssen. Wir fingen nun auf dem Wirbel des Hauptes an, den Gips nach
und nach zu beseitigen. Teils, und zwar im Roheren, geschah es mit
dem Messer, teils, und zwar gegen das Ende, wurden Pinsel und das
auflösende Mittel des Wassers angewendet. Wir rückten so von dem
Haupte über die Gestalt hinunter, und alles und jedes war Marmor.
Durch den Gips war der Marmor vor den Unbilden folgender Zeiten
geschützt worden, daß er nicht das trübe Wasser der Erde oder sonstige
Unreinigkeiten einsaugen mußte, und er war reiner als ich je Marmor
aus der alten Zeit gesehen habe, ja er war so weiß, als sei die
Gestalt vor nicht gar langer Zeit erst gemacht worden. Da aller Gips
beseitigt war, wurde die Oberfläche, welche doch durch die feinsten
zurückgebliebenen Teile des Überzuges rauh war, durch weiche, wollene
Tücher so lange geglättet, bis sich der glänzende Marmor zeigte und
durch Licht und Schatten die feinste und zartest empfundene Schwingung
sichtbar wurde. Jetzt war die Gestalt erst noch viel schöner als
sie sich in Gips dargestellt hatte, und Eustach und ich waren von
Bewunderung ergriffen. Daß sie nicht aus neuer Zeit stamme, sondern
dem alten Volke der Griechen angehöre, erkannten wir bald. Ich hatte
so viele und darunter die als die schönsten gepriesenen Bildwerke der
alten Heidenzeit gesehen und vermochte daher zwischen ihren und den
Arbeiten des Mittelalters oder der neuen Zeit zu vergleichen. Ich
hatte alle Abbildungen, welche von den Bildwerken der alten Zeit
zu bekommen waren, in den Asperhof gebracht, so daß ich neuerdings
Vergleichungen anstellen konnte, und daß auch Eustach, welcher
nicht so viel in Wirklichkeit gesehen hatte, ein Urteil zu gewinnen
vermochte. Nur nach sehr langen und sehr genauen Untersuchungen gaben
wir uns mit Festigkeit dem Gedanken hin, daß das Standbild aus der
alten Griechenzeit herrühre. Wir lernten bei diesen Untersuchungen,
zu deren größerer Sicherstellung wir sogar Reisen unternahmen, die
Merkmale der alten und neuen Bildwerke so weit kennen, daß wir die
Überzeugung gewannen, die besten Werke beider Zeiten gleich bei der
ersten Betrachtung von einander unterscheiden zu können. Das Schlechte
ist freilich schwerer in Hinsicht seiner Zeit zu ermitteln. Merkwürdig
ist es, daß völlig Wertloses aus der alten Zeit gar nicht auf
uns gekommen ist. Entweder ist es nicht entstanden oder eine
kunstbegeisterte Zeit hat es sogleich beseitigt. Wir haben in jener
Untersuchungszeit viel über alte Kunst gelernt. Von wem und aus
welchem Zeitabschnitte aber unser Standbild herrühre, konnten wir
nicht ermitteln. Das war jedoch gewiß, daß es nicht der strengen Zeit
angehöre und von der späteren, weicheren stamme. Ehe ich aber das
Bild aus der Hütte, in welcher es stand, entfernte, ja ehe ich an den
Platz dachte, auf welchen ich es stellen wollte, mußte etwas anderes
geschehen. Ich reiste nach Italien und suchte bei Cumä den Verkäufer
meines Standbildes auf. Er war mit den Umänderungen seines Platzes
beinahe fertig. Dieser war jetzt eine Halle neuer Art, in welcher
einige Menschen süßen roten Wein tranken, in welcher neue Gipsbilder
standen, um welche grüner Rasen war und aus welcher man eine schöne
Aussicht hatte. Ich erzählte ihm von der Entdeckung, welche ich
gemacht hatte und sagte, er möge nun nach derselben den Preis des
Bildes bestimmen. Er könnte es zu diesem Zwecke selber in Deutschland
besehen oder es besehen lassen. Er fand Beides nicht für nötig,
sondern forderte sogleich eine ansehnliche Summe, die den Wert eines
solchen Gegenstandes, deren Preise in den verschiedenen Zeiten sehr
wechseln, darstellen mochte. Ich war damals schon in den Besitz meiner
größeren Habe gekommen, die mir durch eine Erbschaft zugefallen war,
und zeigte mich bereit, die Summe zu erlegen, nur möchte ich mich über
das Herkommen des Standbildes noch näher unterrichten und mir die
Gewißheit über das Recht verschaffen, das mein Vormann bei so
veränderter Sachlage über das Bild habe. Meine Forschungen führten zu
nichts weiter, als daß das Bild seit vielen Menschenaltern schon in
dem Besitze der Familie sei, von welcher ich es habe, daß einmal
Überreste eines alten Gebäudes hier gewesen wären, daß man das Gebäude
nach und nach abgebrochen habe, daß man aus Wasserbecken, niederen
Säulengittern und andern Dingen von weißem Steine Kalk gebrannt, und
daß man aus den Resten des Gebäudes und mit dem Kalke Häuser in den
Umgebungen gebaut habe. Es seien mehrere Standbilder bei den Trümmern
gewesen und seien verkauft worden. Für das weiße Mädchen mit dem Stabe
in der Hand habe man einmal einen Mantel aus Holz gemacht, darüber ist
ein Streit in Hinsicht der Zahlung entstanden, und die Schrift, welche
den Großvater des jetzigen Besitzers zur Zahlung verurteilte, ist mir
in dem Amte zur Einsicht und beglaubigten Abschrift gewiesen worden.
Nachdem ich mir noch einen Kaufvertrag über das Marmorbild von einem
Notar hatte verfassen lassen und mich mit einer gefertigten Abschrift
versehen hatte, erlegte ich die geforderte Summe und reiste wieder
nach Hause. Hier wurde beraten, wohin das nun mit allem Rechte mein
genannte Standbild kommen sollte. Es war nicht schwer, die Stelle
auszufinden. Ich hatte auf der Marmortreppe schon einen Absatz
errichtet, der einerseits die Treppe unterbrechen und ihr dadurch
Zierlichkeit verleihen und andrerseits dazu dienen sollte, daß einmal
ein Standbild auf ihm stehe und der Treppe den größten Schmuck
verleihe. Nachdem wir uns durch Messungen überzeugt hatten, daß die
Gestalt für den Platz nicht zu hoch sei, wurde der kleine Sockel
verfertigt, auf dem sie jetzt steht, es wurde eine Vorrichtung gebaut.
sie auf den Platz zu bringen, und sie wurde auf ihn gebracht. Wir
standen nun oft vor der Gestalt und betrachteten sie. Die Wirkung
wurde statt schwächer immer größer und nachhaltiger, und unter allen
Kunstgegenständen, die ich habe, ist mir dieser der liebste. Das ist
der hohe Wert der Kunstdenkmale der alten, heitern Griechenwelt, nicht
bloß der Denkmale der bildenden Kunst, die wir noch haben, sondern
auch der der Dichtung, daß sie in ihrer Einfachheit und Reinheit das
Gemüt erfüllen und es, wenn die Lebensjahre des Menschen nach und nach
fließen, nicht verlassen, sondern es mit Ruhe und Größe noch mehr
erweitern und mit Unscheinbarkeit und Gesetzmäßigkeit zu immer
größerer Bewunderung hinreißen. Dagegen ist in der Neuzeit oft ein
unruhiges Ringen nach Wirkung, das die Seele nicht gefangen nimmt,
sondern als ein Unwahres von sich stößt. Es sind manche Männer
gekommen, das Standbild zu betrachten, manche Freunde und Kenner der
alten Kunst, und der Erfolg ist fast immer derselbe gewesen, ein
Ernst der Anerkennung und der Würdigung. Wir, Eustach und ich, sind
in den Dingen der alten Kunst sehr hiedurch vorgeschritten, und
beide sind wir von der alten Kunst erst recht zur Erkenntnis der
mittelalterlichen gekommen. Wenn wir die unnachahmliche Reinheit,
Klarheit, Mannigfaltigkeit und Durchbildung der alten Gestaltungen
betrachtet hatten und zu denen des Mittelalters gingen, bei welchen
große Fehler in diesen Beziehungen walten, so sahen wir hier ein
Inneres, ein Gemüt voll Ungeziertheit, voll Glauben und voll
Innigkeit, das uns fast im Stammeln so rührt wie uns jenes dort im
vollendeten Ausdrucke erhobt. Über die Zeit der Entstehung unseres
Standbildes können wir auch jetzt noch nichts Festes behaupten, auch
nicht, ob es mit anderen aus dem Volke von Standbildern, das in Hellas
stand, nach Rom gekommen ist, oder ob es unter den Römern von einem
Griechen gefertigt worden ist, wie man es in jener Römerzeit, da
griechische Kunst mit nicht hinlänglichem Verständnisse über Italien
ausgebreitet wurde, in den Sitz eines Römers gebracht hat und wie es
auf ein ganz anderes, entferntes Geschlecht übergegangen ist.«

Er schwieg nach diesen Worten, und ich sah den Mann an. Wir waren,
während er sprach, in dem Saale auf und nieder gegangen. Ich begriff,
warum er diesen Saal bei Abendgewittern aufsucht. Durch die hellen
Fenster schaut der ganze südliche Himmel herein, und auch Teile des
westlichen und des östlichen sind zu erblicken. Die ganze Kette der
hiesigen Alpen kann am Rande des Gesichtskreises gesehen werden. Wenn
nun ein Gewitter in jenem Raume entsteht - und am schönsten sind
Gewitterwände oder Gewitterberge, wenn sie sich über fernhinziehende
Gebirge lagern oder längs des Kammes derselben dahin gehen -, so kann
er dasselbe frei betrachten, und es breitet sich vor ihm aus. Zu dem
Ernste der Wolkenwände gesellt sich der Ernst der Wände von Marmor,
und daß in dem Saale gar keine Geräte sind, vermehrt noch die
Einsamkeit und Größe. Wenn nun vollends schon eine schwache
Abenddämmerung eingetreten ist, so zeigt die Oberfläche des Marmors
den Widerschein der Blitze, und während wir so auf und nieder gingen,
war einige Male der reine, kalte Marmor wie in eine Glut getaucht, und
nur die hölzernen Türen standen dunkel in dem Feuer oder zeigten ihre
düstere Fügung.

Ich fragte meinen Gastfreund, ob er das Marmorstandbild schon lange
besitze.

»Die Zahl der Jahre ist nicht sehr groß«, antwortete er, »ich kann
sie euch aber nicht genau angeben, weil ich sie nicht in meinem
Gedächtnisse behalten habe. Ich werde in meinen Büchern nachsehen und
werde euch morgen sagen, wie lange das Bild in meinem Hause steht.«

»Ihr werdet wohl erlauben«, sagte ich, »daß ich die Gestalt öfter
ansehen darf und daß ich mir nach und nach einpräge und immer klarer
mache, warum sie denn so schön ist und welches die Merkmale sind, die
auf uns eine solche Wirkung machen.«


»Ihr dürft sie besehen, so oft ihr wollt«, antwortete er, »den
Schlüssel zu der Tür des Marmorganges gebe ich euch sehr gerne, oder
ihr könnt auch von dem Gange der Gastzimmer über die Marmortreppe
hinabgehen, nur müßt ihr sorgen, daß ihr immer Filzschuhe in
Bereitschaft habt, sie anzuziehen. Ich freue mich jetzt, daß ich den
Marmorgang und die Treppe so habe machen lassen, wie sie gemacht sind.
Ich habe damals schon immer daran gedacht, daß auf die Treppe ein Bild
von weißem Marmor wird gestellt werden, daß dann am besten das Licht
von oben darauf herabfällt und daß die umgebenden Wände so wie der
Boden eine dunklere, sanfte Farbe haben müssen. Das reine Weiß - in
der lichten Dämmerung der Treppe erscheint es fast als ganz rein -
steht sehr deutlich von der umgebenden tieferen Farbe ab. Was aber
die Merkmale anbelangt, an denen ihr die Schönheit erkennen wollt, so
werdet ihr keine finden. Das ist eben das Wesen der besten Werke der
alten Kunst, und ich glaube, das ist das Wesen der höchsten Kunst
überhaupt, daß man keine einzelnen Teile oder einzelne Absichten
findet, von denen man sagen kann, das ist das Schönste, sondern das
Ganze ist schön, von dem Ganzen möchte man sagen, es ist das Schönste;
die Teile sind bloß natürlich. Darin liegt auch die große Gewalt, die
solche Kunstwerke auf den ebenmäßig gebildeten Geist ausüben, eine
Gewalt, die in ihrer Wirkung bei einem Menschen, wenn er altert,
nicht abnimmt, sondern wächst, und darum ist es für den in der Kunst
Gebildeten so wie für den völlig Unbefangenen, wenn sein Gemüt nur
überhaupt dem Reize zugänglich ist, so leicht, solche Kunstwerke
zu erkennen. Ich erinnere mich eines Beispieles für diese meine
Behauptung, welches sehr merkwürdig ist. Ich war einmal in einem
Saale von alten Standbildern, in welchem sich ein aus weißem Marmor
verfertigter, auf seinem Sitze zurückgesunkener und schlafender
Jüngling befand. Es kamen Landleute in den Saal, deren Tracht
schließen ließ, daß sie in einem sehr entfernten Teile des Landes
wohnten. Sie hatten lange Röcke, und auf ihren Schnallenschuhen lag
der Staub einer vielleicht erst heute Morgen vollbrachten Wanderung.
Als sie in die Nähe des Jünglings kamen, gingen sie behutsam auf den
Spitzen ihrer Schuhe vollends hinzu. Eine so unmittelbare und tiefe
Anerkennung ist wohl selten einem Meister zu Teil geworden. Wer aber
in einer bestimmten Richtung befangen ist und nur die Schönheit, die
in ihr liegt, zu fassen und zu genießen versteht, oder wer sich in
einzelne Reize, die die neuen Werke bringen, hineingelebt hat, für
den ist es sehr schwer, solche Werke des Altertums zu verstehen, sie
erscheinen ihm meistens leer und langweilig. Ihr waret eigentlich auch
in diesem Falle. Wenngleich nicht von der neuen, nur bestimmte Seiten
gebenden Kunst gefangen, habt ihr doch Abbildungen von gewissen
Gegenständen, besonders denen eurer wissenschaftlichen Bestrebungen,
zu sehr und zu lange in einer Richtung gemacht, als daß euer Auge sich
nicht daran gewöhnt, euer Gemüt sich nicht dazu hingeneigt hätte und
ungefüger geworden wäre, etwas anderes mit gleicher Liebe aufzunehmen,
das in einer anderen Richtung lag, oder vielmehr, das sich in keiner
oder in allen Richtungen befand. Ich habe gar nie gezweifelt, daß ihr
zu dieser Allgemeinheit gelangen werdet, weil schöne Kräfte in euch
sind, die noch auf keinen Afterweg geleitet sind und nach Erfüllung
streben; aber ich habe nicht gedacht, daß dies so bald geschehen
werde, da ihr noch zu kraftvoll in dem auf seiner Stufe höchst
lobenswerten Streben nach dem Einzelnen begriffen waret. Ich habe
geglaubt, irgend ein großes, allgemeines menschliches Gefühl, das euch
ergreifen würde, würde euch auf den Standpunkt führen, auf dem ich
euch jetzt sehe.«

Ich konnte eine geraume Zeit auf diese letzte Rede meines Gastfreundes
nichts antworten. Wir gingen schweigend in dem Saale auf und nieder,
und es war um so stiller, als unsere mit weichen Sohlen bekleideten
Füße nicht das geringste Geräusch auf dem glänzenden Fußboden machten.
Blitze zuckten zuweilen in den Spiegelflächen um und unter uns, der
Donner rollte gleichsam bei den offenen Fenstern herein und die
Wolken bauten sich in Gebirgen oder in Trümmern oder in luftigen
Länderstrecken durch den weiten Raum auf, den die Fenster des Saales
beherrschten.

Ich sagte endlich, daß ich mich jetzt erinnere, wie mein Vater oft
geäußert habe, daß in schönen Kunstwerken Ruhe in Bewegung sein müsse.

»Es ist ein gewöhnlicher Kunstausdruck«, entgegnete mein Gastfreund,
»allein es täte es auch ohne ihn. Man versteht gewöhnlich unter
Bewegung Bewegbarkeit. Bewegung kann die bildende Kunst, von der wir
hier eigentlich reden, gar nicht darstellen. Da die Kunst in der Regel
lebende Wesen, Menschen, Tiere, Pflanzen - und selbst die Landschaft
trotz der starrenden Berge ist mit ihren beweglichen Wolken und ihrem
Pflanzenschmucke dem Künstler ein Atmendes; denn sonst wird sie
ihm ein Erstarrendes - darstellt, so muß sie diese Gegenstände so
darstellen, daß es dem Beschauer erscheint, sie könnten sich im
nächsten Augenblicke bewegen. Ich will hier wieder aus dem Altertume
ein Beispiel anführen. Alle Stoffe, mit welchen Menschen sich
bekleiden, nehmen nach der Art der Bewegungen, denen sich verschiedene
Menschen gerne hingeben, verschiedene Gestaltungen an. Ein Freund von
mir erkannte einen alten wohlbekannten und trefflichen Schauspieler
einmal bei einer Gelegenheit, bei welcher er nur ein Stück des Rockes
des Schauspielers sehen konnte. Wenn nun die Gestaltungen der Stoffe,
die sich meistens in Falten kund geben, nach der Wirklichkeit
nachgebildet werden, nicht nach willkürlichen Zurechtlegungen, die man
nach herkömmlichen Schönheitsgesetzen an der Gliederpuppe macht, so
liegt in diesen nachgebildeten Gestaltungen zuerst eine bestimmte
Eigentümlichkeit und Einzelheit, die den Gegenstand sinnlich
hinstellt, und dann drückt die Gestaltung nicht bloß den Zustand aus,
in dem sie gegenwärtig ist, sondern sie weist auch auf den zurück,
der unmittelbar vorher war und von dem sich die Gebilde noch leise
vorfinden, und sie läßt zugleich den nächstkünftigen ahnen, zu dem die
Bildungen neigen. Dies ist es, was bei Gewandungen ganz vorzüglich
für das beschauende Auge den Begriff der Bewegung gibt und mithin
der Lebendigkeit. Dies ist es, da die Alten so gerne nach der Natur
arbeiteten, was sie dort, wo sie Gewänder anbringen, so meisterhaft
handhaben, daß der Spruch entstanden ist, sie stellten nicht nur dar,
was ist, sondern auch, was zunächst war und sein wird. Darum bilden
sie in der Gewandung nicht bloß die Hauptteile, sondern auch die
entsprechenden Unterabteilungen, und dies mit einer solchen Zartheit
und Genauigkeit, daß man auf den Stoff des Werkes vergißt und nur den
Stoff der Gewandung sieht und ihn zusammenlegen und in der Hand ballen
zu können vermeint. Solcher Bildung gegenüber legen manche Neuen
sogenannte edle Falten zurecht, bilden sie im Erze oder Marmor nach,
vermeiden hiebei in sorglichem Maße zu große Einzelheiten, um nicht
unruhig zu werden, und erzielen hiebei, daß man allerdings große,
edle Massen von Faltungen sieht, daß aber in der Falte der Stoff des
Werkes, nicht des Gewandes herrscht, daß man die marmorne, die erzene
Falte sieht, daß das Gemüt erkältet wird und daß man meint, der Mann,
der damit angetan ist, könne nicht gehen, weil ihn die erzene Falte
hindere. Wie es mit dem Gewande ist, ist es auch mit dem Leibe,
der das Gewand der Seele ist, und die Seele allein kann ja nur der
Gegenstand sein, welchen der Künstler durch das Bild und Gleichnis
des Leibes darstellt. Hier auch ließen sich die Alten von der
Natur leiten, und wenn sie Sünden begingen, die das Auge des
naturforschenden Zergliederers, strenge genommen, tadeln müßte, so
begingen sie keine, die das nicht so stofflich blickende Auge der
Kunst zu verdammen gezwungen wäre. Dafür zeigt die Schwingung der
Gliederflächen in ihren Teilen und Unterabteilungen eine solche
Ausbildung und Durchführung, daß die Zustände von jetzt und von
unmittelbar vorher und nachher sichtbar werden, daß die Glieder, wie
ich vorher von der Gewandung sagte, die Vorstellung der Beweglichkeit
geben und daß sie leben. Wie bei den Gewändern bilden manche Neue auch
die Glieder ins Größere, Allgemeinere, weniger Ausgeführte, um nicht
krampfig zu werden, und dann geraten die Muskeln gerne wie glatte,
spröde, unbiegsame Glaskörper, und die Gestalt kann sich nicht rühren.
Das Gesagte mag ungefähr den Begriff von dem geben, was man in der
Kunst unter Bewegung versteht. Was man unter Ruhe begreift, das mag
wohl zuerst darin bestehen, daß jeder Gegenstand, den die bildende
Kunst darstellt, genau betrachtet, in Ruhe ist. Der laufende Wagen,
das rennende Pferd, der stürzende Wasserfall, die jagende Wolke,
selbst der zuckende Blitz sind in der Abbildung ein Starres,
Bleibendes, und der Künstler kann nur durch die früher von mir
angedeuteten Mittel die Bewegung als Bewegbarkeit, als Täuschung des
Auges darstellen, wodurch er zugleich seinen Gegenstand über die
Grenzen des unmittelbar Dargestellten hinaushebt und ihm eine ungleich
größere Bedeutung gibt. Aber die dargestellte Bewegung darf nicht zu
gewaltsam sein, sonst helfen die Mittel nicht, der Künstler scheitert
und wird lächerlich. Zum Beispiele Pferde, die von einem Felsen durch
die Luft hinabstürzen, dürfen nicht in der Luft fallend gemalt werden
- wenigstens dürfte dies leichter eine den Verstand befriedigende
Zeichnung als ein das ganze Kunstvermögen entzückendes Bild werden.
Darum darf der in seinen Gestalten sich stets erneuende Wasserfall mit
weit geringerer Gefahr dargestellt werden als eine Flüssigkeit, die
aus einem Gefäße gegossen wird, wobei die Einbildungskraft sich mit
dem Gedanken quält, daß das Gefäß nicht leer wird. Der in hohen Lüften
auf seinen Schwingen ruhende Geier ist im Bilde erhaben, der dicht
vor unsern Augen auf seine Beute stürzende kann sehr mißlich werden.
Der an Bergen emporsteigende Nebel ist lieblich, der von einer
abgefeuerten Kanone aufsteigende Rauch verletzt uns durch sein
immerwährendes Bleiben. Es ist begreiflich, daß die Grenzen zwischen
dem Darstellbaren in der Bewegung nicht fest zu bestimmen sind und
daß größere Begabungen viel weiter hierin gehen dürfen als kleinere.
So sah ich schon sehr oft gemalte fahrende Wägen. Die Pferde sind
gewöhnlich ihrer Fußstellung nach im schönsten Laufe begriffen,
während die Speichen der Wagenräder klar und sichtbar in völliger
Ruhe starren. Der größere Künstler wird uns den Nebel der sausenden
Speichen darstellen und manches Andere zutun und zusammenstellen, daß
wir den Wagen wirklich fahren sehen. Außer dem hier gegebenen Begriffe
von stofflicher Ruhe mag wohl unter Ruhe weit öfter die künstlerische
zu verstehen sein, die ein Kunstwerk, sei es Bild, Dichtung oder
Musik, nie entbehren kann, ohne aufzuhören, ein Kunstwerk zu sein.
Es ist diese Ruhe jene allseitige Übereinstimmung aller Teile zu
einem Ganzen, erzeugt durch jene Besonnenheit, die in höchster
kunstliebender Begeisterung nie fehlen darf, durch jenes Schweben
über dem Kunstwerke und das ordnende Überschauen desselben, wie stark
auch Empfindungen oder Taten in demselben stürmen mögen, die das
Kunstschaffen des Menschen dem Schaffen Gottes ähnlich macht und Maß
und Ordnung blicken läßt, die uns so entzücken. Bewegung regt an,
Ruhe erfüllt, und so entsteht jener Abschluß in der Seele, den wir
Schönheit nennen. Es ist nicht zu zweifeln, daß sich Andere vielleicht
Anderes bei diesen Worten denken, daß dieses Andere gut oder besser
als das Meinige sein kann - gewöhnlich geht es mit solchen Gangwörtern
so, daß jeder seinen eigenen Sinn hinein legt. Das Beste ist, daß die
schaffende Kraft in der Regel nicht nach solchen aufgestellten Sätzen
wirkt, sondern das Rechte trifft, weil sie die Kraft ist, und es
desto sicherer trifft, je mehr sie sich auf ihrem eigentümlichen Wege
naturgemäß ausbildet. Für das Verständnis der Kunst, für solche,
welche ihre Werke beschauen und sich darüber besprechen, sind
Auslegungen derselben Einkleidung ihres Wesens in Worte eine sehr
nützliche Sache, nur muß man die Worte nicht zum Hauptgegenstande
machen und auf einen Sinn, den man ihnen beilegt, nicht so bestehen,
daß man alles verdammt, was nicht nach diesem Sinne ist. Sonst müßte
man ja den größten und einzigen Künstler am meisten tadeln, Gott, der
so unzählige Gestaltungen erschaffen hat und dessen Werke ja wirklich
von Menschen untergeordneten Geistes getadelt werden, die meinen, sie
hätten es anders gemacht.«


Bei diesen Worten kam Gustav in den Saal. Die Dämmerung hatte schon
stark zugenommen, es regnete aber noch immer nicht.

»Dieser steht noch auf demselben Stande, auf welchem ihr früher
gestanden seid«, sagte mein Gastfreund auf Gustav weisend, der auf ihn
zuging.

»Wie meinst du das, Vater?« fragte der Knabe.

»Wir redeten von Kunst«, antwortete mein Gastfreund, »und da behaupte
ich, daß du noch nicht in der Lage bist, Kunstwerke so erkennen und
beurteilen zu können wie unser Gast hier.«

»Wohl, das behaupte ich selber«, sagte Gustav, »er ist darum auch
teilweise mein Lehrer, und wenn er in der Erkenntnis der Kunst dir
und Eustach und der Mutter nachstrebt, so werde ich meines Teils ihm
wieder nachstreben.«

»Das ist gut«, sagte mein Gastfreund, »aber das ist es nicht so ganz,
wovon wir sprachen, allein es tut nichts zur Sache und gehört auch
nicht zur Wesenheit.«

Mit diesen Worten, gleichsam um ferneren Fragen vorzubeugen, trat er
an ein Fenster und wir mit ihm.

Wir betrachteten eine Weile die Erscheinung vor uns, die über dem
immer dunkler werdenden Gefilde immer großartiger wurde, und gingen
dann, da der Abend beinahe in Finsternis übergehen wollte und die
Stunde des Abendessens gekommen war, über die Marmortreppe in das
Speisezimmer hinunter.

Das Gewitter war in der Nacht ausgebrochen, hatte einen Teil derselben
mit Donnern und einen Teil mit bloßem Regen erfüllt und machte dann
einem sehr schönen und heiteren Morgen Platz.

Das Erste, was ich an diesem Tage tat, war, daß ich zu dem marmornen
Standbilde ging. Ich hatte es gestern, da wir über die Treppe
hinabstiegen, nicht mehr deutlich und nur von einem Blitze
oberflächlich beleuchtet gesehen. Die Finsternis war auf der Treppe
schon zu groß gewesen. Heute stand es in der ruhigen und klaren Helle
des Tages, welche das Glasdach auf die Treppe sendete, schmucklos und
einfach da. Ich hatte nicht gedacht, daß das Bild so groß sei. Ich
stellte mich ihm gegenüber und betrachtete es lange.

Mein Gastfreund hatte Recht, ich konnte keine eigentliche einzelne
Schönheit entdecken, was wir im neuen Sinne Schönheit heißen, und ich
erinnerte mich auf der Treppe sogar, daß ich oft von einem Buche oder
von einem Schauspiele, ja von einem Bilde sagen gehört hatte, es sei
voller Schönheiten, und dem Standbilde gegenüber fiel mir ein, wie
unrecht entweder ein solcher Spruch sei oder, wenn er berechtigt ist,
wie arm ein Werk sei, das nur Schönheiten hat, selbst dann, wenn es
voll von ihnen ist und das nicht selber eine Schönheit ist; denn ein
großes Werk, das sah ich jetzt ein, hat keine Schönheiten und um so
weniger, je einheitlicher und einziger es ist. Ich geriet sogar auf
den Gedanken und auf die Erfahrung, die ich mir nie klar gemacht
hatte, daß, wenn man sagt, dieser Mann, diese Frau habe eine schöne
Stimme, schöne Augen, einen schönen Mund, eben damit zuleich gesagt
ist, das andere sei nicht so schön; denn sonst würde man nicht
Einzelnes herausheben. Was bei einem lebenden Menschen gilt, dachte
ich, gilt bei einem Kunstwerke nicht, bei welchem alle Teile gleich
schön sein müssen, so daß keiner auffällt, sonst ist es eben als
Kunstwerk nicht rein und ist im strengsten Sinne genommen keines.
Dessenohngeachtet, daß ich, oder vielmehr eben darum, weil ich keine
einzelnen Schönheiten an dem Standbilde zu entdecken vermochte,
machte es, wie ich mir jetzt ganz klar bewußt war, wieder einen
außerordentlichen Eindruck auf mich. Der Eindruck war aber nicht
einer, wie ich ihn öfter vor schönen Sachen hatte, ja selbst vor
Dichtungen, sondern er war, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf,
allgemeiner, geheimer, unenträtselbarer, er wirkte eindringlicher und
gewaltiger; aber seine Ursache lag auch in höheren Fernen, und mir
wurde begreiflich, ein welch hohes Ding die Schönheit sei, wie
schwerer sie zu erfassen und zu bringen sei als einzelne Dinge, die
die Menschen erfreuen und wie sie in dem großen Gemüte liege und
von da auf die Mitmenschen hinausgehe, um Großes zu stiften und zu
erzeugen. Ich empfand, daß ich in diesen Tagen in mir um Vieles weiter
gerückt werde.

In der nächsten Zeit sprach ich auch mit Eustach über das Standbild.
Er war sehr erfreut darüber, daß ich es als so schön erkannte, und
sagte, daß er sich schon lange darnach gesehnt habe, mit mir über
dieses Werk zu sprechen; allein es sei unmöglich gewesen, da
ich selber nie davon geredet habe und eine Zwiesprache nur dann
ersprießlich werde, wenn man beiderseitig von einem Gegenstande
durchdrungen sei. Wir betrachteten nun miteinander das Bildwerk und
machten uns wechselseitig auf Dinge aufmerksam, die wir an demselben
zu erkennen glaubten. Besonders war es Eustach, der über das
Marmorbild, so sehr es sich in seiner Einfachheit und seiner täglich
sich vor mir immer staunenswerter entwickelnden Natürlichkeit jeder
Einzelverhandlung zu entziehen schien, doch über sein Entstehen, über
die Art seiner Verhältnisse, über seine Gesetzmäßigkeit und über das
Geheimnis seiner Wirkung sachkundig zu sprechen wußte. Ich hörte
begierig zu und empfand, daß es wahr sei, was er sprach, obgleich ich
ihn nicht immer so genau verstand wie meinen Gastfreund, da er nicht
so klar und einfach zu sprechen wußte wie dieser. Ich schritt in der
Erkenntnis des Bildes vor, und es war mir, als ob es nach seinen
Worten immer näher an mich heran gerückt würde.

Er suchte viele Zeichnungen hervor, auf denen sich Abbildungen
von Standbildern oder andern geschnitzten oder auf anderem Wege
hervorgebrachten Gestalten des Mittelalters befanden. Wir verglichen
diese Gestalten mit der aus dem Griechentume stammenden.

Auch wirkliche Gestaltungen von kleinen Engeln, Heiligen oder anderen
Personen, die sich in dem Rosenhause oder in der Nähe befanden, suchte
er zur Vergleichung herbei zu bringen. Es zeigte sich hier für meine
Augen, daß das wahr sei, was mein Gastfreund über griechische und
mittelalterliche Kunst gesagt hatte. Es war mir wie ein jugendlicher
und doch männlich gereifter Sinn voll Maß und Besonnenheit sowie voll
herrlicher Sinnfälligkeit, der aus dem Griechenwerke sprach. In den
mittelalterlichen Gebilden war es mir ein liebes, einfaches, argloses
Gemüt, das gläubig und innig nach Mitteln griff, sich auszusprechen,
der Mittel nicht völlig Herr wurde, dies nicht wußte und doch
Wirkungen hervorbrachte, die noch jetzt ihre Macht auf uns äußern und
uns mit Staunen erfüllen. Eis ist die Seele, die da spricht und in
ihrer Reinheit und in ihrem Ernste uns mit Bewunderung erfüllt,
während spätere Zeiten, von denen Eustach zahlreiche Abbildungen von
Bildwerken vorlegte, trotz ihrer Einsicht, ihrer Aufgeklärtheit und
ihrer Kenntnis der Kunstmittel nur frostige Gestalten in unwahren
Flattergewändern und übertriebenen Gebärden hervorbrachten, die keine
Glut und keine Innigkeit haben, weil sie der Künstler nicht hatte, und
die nicht einmal irgend eine Seele zeigen, weil der Künstler nicht mit
der Seele arbeitete, sondern mit irgend einer Überlegung nach eben
herrschenden Gestaltungsansichten, weshalb er das, was ihm an Gefühl
abging, durch Unruhe und Heftigkeit des Werkes zu ersetzen suchte. Was
die Sinnfälligkeit anlangt, so schien mir das Mittelalter nicht nach
Vollendung in derselben gestrebt zu haben. Neben einem Haupte, das in
seiner Einfachheit und Gegenständlichkeit trefflich und tadellos war,
befinden sich wieder Bildungen und Gliederungen, die beinahe unmöglich
sind. Der Künstler sah dies nicht; denn er fand den Zustand seines
Gemütes in dem Ausdrucke seines Werkes, mehr hatte er nicht
beabsichtigt, und nach Verschmelzung des Sinnentumes strebte er nicht,
weil es ihm, wenigstens in seiner Kunsttätigkeit ferne lag und er
einen Mangel nicht empfand. Darum stellt sich auch bei uns die Wirkung
der Innerlichkeit ein, obgleich wir, unähnlich dem schaffenden
Künstler des Mittelalters, die sinnlichen Mängel des Werkes empfinden.
Dies spricht um so mehr für die Trefflichkeit der damaligen Arbeiten.

Es waren recht schöne Tage, die ich mit Eustach in diesen
Vergleichungen und diesen Bestrebungen hinbrachte.

Ich wurde auch wieder auf die Gemälde alter und längstvergangener
Zeiten zurückgeführt. Ich hatte in meiner frühesten Jugend eine
Abneigung vor alten Gemälden gehabt. Ich glaubte, daß in ihnen eine
Dunkelheit und Düsterheit herrsche, die dem fröhlichen Reize der
Farben, wie er in den neuen Bildern sich vorstellt und wie ich ihn
auch in der Natur zu sehen meinte, entgegen und weit untergeordnet
sei. Diese Meinung hatte ich zwar fahren gelassen, als ich selber zu
malen begonnen und nach und nach gesehen hatte, daß die Dinge der
Natur und selber das menschliche Angesicht die heftigen Farben nicht
haben, die sich in dem Farbekasten befinden, daß aber dafür die Natur
eine Kraft des Lichtes und des Schattens besitze, die wenigstens ich
durch alle meine Farben nicht darzustellen vermochte. Deßohngeachtet
war mir die Erkenntnis dessen, was die Malerkunst in früheren Zeiten
hervorgebracht hatte, nicht in dem Maße aufgegangen, als es der
Sache nach notwendig gewesen wäre. Wenn ich gleich im Einzelnen
vorgesehritten war und Manches in alten Bildern als sehr schön erkannt
hatte, so war ich doch fort und fort zu sehr in meinen Bestrebungen
auf dem Gebiete der Natur befangen, als daß ich auf andere Gebilde
als die der Natur mit kräftiger Innerlichkeit geachtet hätte. Darum
erschienen mir Pflanzen, Faltern, Bäume, Steine, Wässer, selbst das
menschliche Angesicht als Gegenstände, die würdig wären, von der
Malerkunst nachgebildet zu werden; aber alte Bilder erschienen
mir nicht als Nachbildungen, sondern gewissermaßen als kostbare
Gegenstände, die da sind und auf denen sich Dinge befinden, die man
gewohnt ist als auf Gemälden befindliche zu sehen. Diese Richtung
hatte für mich den Nutzen, daß ich bei meinen Versuchen, Gegenstände
der Natur zu malen, nicht in die Nachahmung irgend eines Meisters
verfiel, sondern daß meine Arbeiten mit all ihrer Fehlerhaftigkeit
etwas sehr Gegenständliches und Naturwahres hatten; aber es erwuchs
mir auch der Nachteil daraus, daß ich nie aus alten Meistern lernte,
wie dieser oder jener die Farben und Linien behandelt habe und daß
ich mir alles selber mühevoll erfinden mußte und in Vielem gar
zu einem Ziele nicht gelangte. Obwohl ich später der Betrachtung
mittelalterlicher Gemälde mich mehr zuwandte und sogar im Winter viele
Zeit in Gemäldesammlungen unserer Stadt zubrachte, so war doch ein
früherer Zustand noch mehr oder weniger unbewußt vorherrschend und die
Kunst des Pinsels fand von mir nicht die Hingabe, die sie verdient
hätte. Als ich jetzt mit Eustach die Zeichnungen mittelalterlicher
bildender Kunst durchging, als ich mit ihm ein mir wie ein neues
Wunder aufgegangenes Werk des alten Griechentums betrachtete, als ich
dieses Werk mit den minder alten unserer Vorfahren verglich und die
Unterschiede und Beziehungen einsehen lernte: da fing ich auch an, die
Gemälde meines Gastfreundes anders zu betrachten, als ich bisher sie
und andere Gemälde betrachtet hatte. Ich ging nicht nur oft in sein
Bilderzimmer und verweilte lange Zeit in demselben, sondern ich ließ
mir auch das Verzeichnis der Bilder geben, um nach und nach die
Meister kennen zu lernen, die er versammelt hatte, ich bat, daß
mir erlaubt werde, mir das eine oder andere Bild, wie ich es eben
wünschte, auf die Staffelei stellen zu dürfen, um es so kennen zu
lernen, wie mich ein innerer Drang trieb, und ich brachte oft mehrere
Tage in Untersuchung eines einzigen Bildes zu. Welch ein neues Reich
öffnete sich vor meinen Blicken! Wie die Dichter mir eine Welt der
Seele aufschlossen, so lag hier wieder eine Welt, es war wieder eine
Welt der Seele, wieder dieselbe Welt der hochgehenden Seele der
Dichtkunst; aber mit wie ganz anderen Mitteln war sie hier erstrebt
und erreicht. Welche Kraft, welche Anmut, welche Fülle, welche
Zartheit, und wie war dem Schöpfer eine ähnliche, eine gleiche, aber
menschliche Schöpfung nachgeschaffen. Ich lernte die Beziehungen der
alten Malerei - mein Freund hatte fast lauter alte Bilder - zu der
Natur kennen. Ich lernte einsehen, daß die alten Meister die Natur
getreuer und liebevoller nachahmten als die neuen, ja daß sie im
Erlernen der Züge der Natur eine unsägliche Ausdauer und Geduld
hatten, vielleicht mehr, als ich empfand, daß ich selber hätte, und
vielleicht mehr, als mancher Kunstjünger der Gegenwart haben mag. Ich
konnte nicht aburteilen, da ich zu wenige Werke der Gegenwart kannte
und so betrachtet hatte, als ich jetzt ältere Bilder betrachtete;
aber es schien mir ein größeres Eingehen in das Wesen der Natur kaum
möglich. Ich begriff nicht, wie ich das so lange nicht in dem Maße
hatte sehen können, als ich es hätte sehen sollen. Wenn aber auch
die Alten, wie ich hier mit ihnen umging, sich der Wirklichkeit sehr
beflissen und sich ihr sehr hingaben, so ging das doch nicht so weit,
als ich bei der Abbildung meiner naturwissenschaftlichen Gegenstände
geschritten war, von denen ich alle Einzelheiten, so weit es nur
immer möglich gewesen war, zu geben gesucht hatte. Dies wäre, wie
ich einsah, der Kunst hinderlich gewesen, und statt einen ruhigen
Gesammteindruck zu erzielen, wäre sie in lauter Einzelheiten
zerfallen. Die Meister, welche mein Gastfreund in seiner Sammlung
besaß, verstanden es, das Einzelne der Natur in großen Zügen zu fassen
und mit einfachen Mitteln - oft mit einem einzigen Pinselstriche -
darzustellen, so daß man die kleinsten Merkmale zu erblicken wähnte,
bei näherer Betrachtung aber sah, daß sie nur der Erfolg einer großen
und allgemeinen Behandlung waren. Diese große Behandlung sicherte
ihnen aber auch Wirkungen im Großen, die dem entgehen, welcher die
kleinsten Gliederungen in ihren kleinsten Teilen bildet. Ich sah erst
jetzt, welche schöne Gestalten aus dem menschlichen Geschlechte auf
der Malerleinwand lebten, wie edel ihre Glieder sind, wie mannigfaltig
- strahlend, kräftig, geistvoll, milde - ihr Antlitz, wie adelig
ihre Gewänder, und wäre es eine Bettlerjacke, und wie treffend die
Umgebung. Ich sah, daß die Farbe der Angesichter und anderer Teile das
leuchtende Licht menschlicher Gestaltungen ist, nicht der Farbestoff,
mit dem der Unkundige seinen Gebilden ein widriges Rot und Weiß gibt,
daß die Schatten so tief gehen, wie sie die Natur zeigt, und daß die
Umgebung eine noch größere Tiefe hat, wodurch jene Kraft erzielt
wird, die sich der nähert, welche die Schöpfung durch wirklichen
Sonnenschein gibt, den niemand malen kann, weil man den Pinsel nicht
in Licht zu tauchen vermag, eine Kraft, die ich jetzt an den alten
Bildern so bewunderte. Von der außermenschlichen Natur sah ich
leuchtende Wolken, klare Himmelsgebilde, ragende, reiche Bäume,
gedehnte Ebenen, starrende Felsen, ferne Berge, helle, dahinfließende
Bäche, spiegelnde Seen und grüne Weiden, ich sah ernste Bauwerke und
ich sah das sogenannte stille Leben in Pflanzen, Blumen, Früchten, in
Tieren und Tierchen. Ich bewunderte das Geschick und den Geist, womit
alles zurechtgelegt und hervorgebracht ist. Ich erkannte, wie unsere
Vorfahren Landschaften und Tiere malten. Ich erstaunte über den
zarten Schmelz, womit einer mittelst Überfarben seinen Gebilden
eine Durchsichtigkeit gab, oder über die Stärke, womit ein anderer
undurchsichtige Farben hinstellte, daß sie einen Berg bildeten, der
das Licht fängt und spiegelt und es so zwingt, das Bild mit zu malen,
zu dem ein Licht in dem Farbenkasten nicht war. Ich erkannte, wie der
eine in durchsichtigen Farben untermalte und auf diese seine festen,
körperigen Farben aufsetzte, oder wie ein anderer Farbe auf Farbe mit
breitem Pinsel hinstellt und mit ihm die Übergänge vermittelt und mit
ihm die Zeichnung umreißt. Daß alte Bilder düsterer sind, erschien mir
einleuchtend, da das Öl die Farben nachdunkeln macht und der Firniß
eine dunkle bräunliche Farbe erhält. Beides haben umsichtige Meister
mehr als voreilige zu vermeiden gewußt, und mein Gastfreund hatte
Bilder, die in schöner Pracht und Farbenherrlichkeit leuchteten,
obwohl auch bei ihnen die Würde bewahrt blieb, daß sie mehr die Kraft
des Tones als auffallende oder etwa gar unwahre Farben brachten. Da
ich schon viel mit Farben beschäftigt gewesen war, so verweilte ich
oft lange bei einem Bilde, um zu ergründen, wie es gemalt ist und auf
welche Weise die Stoffe behandelt worden sind. In dem Rosenzimmerchen
Mathildens, wohin mich mein Gastfreund führte, um auch dort die Bilder
zu sehen, hingen vier kleine Gemälde, davon zwei von Tizian waren,
eines von Dominichino und eines von Guido Reni. Sie waren an Größe
fast gleich und hatten gleiche Rahmen. Sie waren die schönsten,
die mein Gastfreund besaß. Je mehr man sie betrachtete, desto
mehr fesselten sie die Seele. Ich bat ihn fast zu oft, mir diese
vier Bildchen zu zeigen, und er ermüdete nicht, mir immer die
Frauengemächer aufzuschließen, mich in das Zimmerchen zu führen, mich
die Bilder betrachten zu lassen und mit mir darüber zu sprechen. Er
nahm sie öfter herab und stellte sie auf dem Tische oder auf einem
Sessel so auf, daß sie in dem besten Lichte standen. Ich brachte
merkwürdige Tage in jener Zeit in dem Rosenhause meines Freundes
zu. Mein Wesen war in einer hohen, in einer edlen und veredelnden
Stimmung.

Ich fragte ihn einmal, woher er denn die Bilder erhalten habe.

»Sie sind recht nach und nach in das Haus gekommen, wie es der
Sammelfleiß und mitunter auch der Zufall gefügt hat«, antwortete er.
»Ich habe von einem Oheime mehrere geerbt; sie waren aber nicht die
besten, wie ich sie jetzt habe, ich verkaufte einen Teil davon, um
mir andere, wenn auch wenigere, aber bessere zu kaufen. Ich habe euch
schon einmal gesagt, daß ich in Italien gewesen bin. Ich habe drei
Reisen in dieses Land gemacht. Da hat sich Manches gefunden. Ich habe
stets nach Bildern gesucht, habe Manches gekauft, Manches wieder
verkauft, Neues gekauft, und so war ein fortlaufender Wechsel, bis
es so wurde, wie es jetzt ist. Nun aber verkaufe oder vertausche ich
nichts mehr, selbst wenn mir etwas Außerordentliches vorkäme, das ich
nicht ohne Weggabe eines Früheren erkaufen könnte. Mit dem Alter wird
man so anhänglich an das Gewohnte, daß man es nicht missen kann, wenn
es auch verbraucht zu werden beginnt und verschossen und verschollen
ist. Ich lege alte Kleider nicht gerne ab, und wenn ich eines der
Bilder, die mich nun so lange umgeben, aus dem Hause lassen müßte, so
würde ich einem großen Schmerze nicht entgehen. Sie mögen nun bleiben,
wie sie sind und wo sie sind, bis ich scheide. Selbst der Gedanke, daß
ein Nachfolger die Bilder so lasse und sie ehre, wie sie hier sind,
hat für mich etwas sehr Angenehmes, obwohl er töricht ist und ich ihm
aus dem Wege gehe; denn darin besteht das Leben der Welt, daß ein
Streben und Erringen und darum ein Wandel ist, welcher Wandel auch
hier eintreten wird. Ich habe auch längere Zeit schon nichts mehr
gekauft, außer einer recht lieben kleinen Landschaft von Ruysdael, die
neben der Tür im Bilderzimmer hängt und die ihr so gerne anschaut. Ich
würde nur etwas sehr Wertvolles kaufen, in so ferne es meine Kräfte
zuließen. Ich habe oft Jahre lang auf ein Bild warten müssen, das mir
sehr gefiel und das ich zu haben wünschte, entweder, weil der Besitzer
eigensinnig war und, obwohl er das Bild weggeben wollte, doch
Bedingungen an die Hingabe knüpfte, die nicht zu erfüllen waren,
oder weil er sich von dem Bilde nicht trennen wollte, obgleich er es
mißhandelte und zu Grunde gehen ließ. Zuweilen mußte ich schlechtere
Bilder kaufen, die durch Farbenreiz oder andere Eigenschaften das Auge
ansprachen, um einen Vorrat zum Tausche zu haben. Es gibt nehmlich
Leute, welche Freude an Bildern haben, welche ältere bedeutende Bilder
nicht weggeben, wenn sie solche besitzen, sie aber doch nicht erkennen
und sie durch schlechte Behandlung Schaden leiden lassen. Sie ziehen
ein Gemälde vor, welches sie besser verstehen, welches ihnen mehr
gefällt, wenn es auch im Werte minder ist, und sind zu einem Tausche
bereit. Dieser macht ihnen Freude, und wenn ich ihnen darlegte, daß
ihr Gemälde einen höheren Wert habe als das meinige, und wenn ich
diesen Wert nach genauer Schätzung durch Geld ausglich, so war das
Vergnügen noch größer; denn sie zweifelten doch immer, ob ich Recht
habe und das alte Bild nicht aus Vorliebe überschätze, da ihnen ja
ihre Augen sagten, daß der Unterschied nicht so groß sei. Auf diese
Weise bekam ich manches Angenehme, ohne meinem Billigkeitsgefühle nahe
treten zu müssen, was bei Bildergeschäften so leicht der Fall wird.
Die heilige Maria mit dem Kinde, welche euch so wohl gefällt und
welche ich beinahe eine Zierde meiner Sammlung nennen möchte, hat
mir Roland auf dem Dachboden eines Hauses gefunden. Er war dorthin
mit dem Eigentümer gestiegen, um altes Eisenwerk, darunter sich
mittelalterliche Sporen und eine Klinge befanden, zu kaufen. Das Bild
war ohne Blindrahmen und war nicht etwa zusammengerollt, sondern wie
ein Tuch zusammengelegt und lag im Staube. Roland konnte nicht genau
erkennen, ob es einen Wert habe, und kaufte es dem Manne um ein
Geringes ab. Ein Soldat hatte es einmal aus Italien geschickt. Er
hatte es als bloße Packleinwand benützt und hatte Wäsche und alte
Kleider in dasselbe getan, die ihm zu Hause ausgebessert werden
sollten. Darum hatte das Bild Brüche, wo nehmlich die Leinwand
zusammengelegt gewesen war, an welchen Brüchen sich keine Farbe
zeigte, da sie durch die Gewalt des Umbiegens weggesprungen war. Auch
hatte man, da wahrscheinlich die Fläche zum Zwecke einer Umhüllung
zu groß gewesen war, Streifen von ihr weggeschnitten. Man sah die
Schnitte noch ganz deutlich, während die anderen Ränder sehr alt waren
und noch die Spuren von den Nägeln zeigten, mit denen sie einst an den
Blindrahmen befestigt gewesen waren. Auch war, durch die Mißhandlungen
der Zeiten herbeigeführt, an andern Stellen als an denen der Brüche
die Farbe verschwunden, so daß man nicht nur den Grund des Gemäldes,
sondern hie und da auch die lediglichen nackten Faden der alten
Leinwand sehen konnte. So kam das Bild auf dem Asperhofe an. Wir
breiteten es zuerst auseinander, wuschen es mit reinem Wasser und
mußten dann, um es als Fläche zu erhalten und es betrachten zu können,
Gewichte auf seine vier Ecken legen. So lag es auf dem Fußboden des
Zimmers vor uns. Wir erkannten, daß es das Werk eines italienischen
Malers sei, wir erkannten auch, daß es aus älterer Zeit stamme; aber
von welchem Künstler es herrühre oder auch nur aus welcher Zeit es
sei, war nach dem Zustande, in welchem die Malerei sich befand,
durchaus nicht zu bestimmen. Teile, welche ganz waren, ließen indessen
ahnen, daß das Gemälde einen nicht zu geringen Wert haben dürfte.
Wir gingen nun daran, ein Brett zu verfertigen, auf welches das Bild
geklebt werden könnte. Wir bereiten solche Bretter gewöhnlich aus
Eichenholz, das aus zwei übereinander liegenden Stücken, deren Fasern
auf einander senkrecht sind, und einem Roste besteht, damit dem
sogenannten Werfen oder Verbiegen des Holzes vorgebeugt werde. Als das
Brett fertig und die Verkittung an demselben vollkommen ausgetrocknet
war, wurde das Gemälde auf dasselbe aufgezogen. Wir hatten dort, wo
die Ränder des Bildes weggeschnitten waren, die Holzfläche größer
gemacht und die neu entstandenen Stellen mit passender Leinwand gut
ausgeklebt, um dem Gemälde annähernd wieder eine Gestalt geben zu
können, die es ursprünglich gehabt haben mochte und in der es sich
den Augen wohlgefällig zeigte. Hierauf wurde daran gegangen, das Bild
von dem alten, hie und da noch vorfindlichen Firnisse und von dem
Schmutze, den es hatte, zu reinigen. Der Firniß war durch die
gewöhnlichen Mittel leicht wegzubringen, nicht so leicht aber der
durch Jahrhunderte veraltete Schmutz, ohne daß man in Gefahr kam, auch
die Farben zu beschädigen. Das gereinigte, auf der Staffelei stehende
Gemälde wies uns nun eine viel größere Schönheit, als es uns nach der
ersten oberflächlichen Waschung gezeigt hatte; aber es war durch die
vielen Sprünge, Risse und nackten Stellen noch so verunstaltet, daß
eine genaue Würdigung auch jetzt nicht möglich war, selbst wenn wir
bedeutend größere Erfahrungen gehabt hätten als wir hatten. Roland und
Eustach schritten zur Ausbesserung. Kein Ding kann schwieriger sein,
und durch keins sind Gemälde so sehr entstellt und entwertet worden.
Ich glaube, wir haben einen nicht unrichtigen Weg eingeschlagen.
Eine ursprüngliche Farbe durfte gar nicht bedeckt werden. Zum Glücke
hatte das Bild gar nie eine Ausbesserung oder sogenannte Übermalung
erhalten, so daß entweder nur die ursprüngliche Farbe vorhanden war
oder gar keine. In die farbentblößten Stellen wurde die Farbe, welche
die umgrenzenden Ränder zeigten, gleichsam wie ein Stift eingesetzt,
bis die Grube erfüllt war. Wir nahmen die Farben so trocken als
möglich und so dicht gerieben, als es der Laufer auf dem Steine, ohne
stecken zu bleiben zuwege bringen konnte. Wenn sich aber doch wieder
nach dem Trocknen eine Vertiefung zeigte, wurde dieselbe neuerdings
mit der nehmlichen Farbe ausgefüllt und so fortgefahren, bis eine
Höhlung nicht mehr entstand. Erhöhungen, die blieben, wurden mit einem
feinen Messer gleichgeschliffen. Auch über unausrottbaren Schmutz
wurde die Farbe seiner Umgebung gelegt. Wenn die Farbe nach längerer
Zeit durch das Öl, das sie enthielt, und durch andere Ursachen, die
vielleicht noch mitwirken, nachgedunkelt war und sich in dem Gemälde
als Fleck zeigte, wurde mit äußerst trockener Farbe und mit der Spitze
eines feinen Pinsels die Stelle so lange gleichsam ausgepunktet, bis
sie sich von der Umgebung durchaus nicht mehr unterschied. Dieses
Verfahren wurde zuweilen mehrere Male wiederholt. Zuletzt konnte man
mit freien Augen die Plätze, an welchen sich neue Farben befanden,
gar nicht mehr erkennen. Nur das Vergrößerungsglas zeigte noch die
Ausbesserungen. Wir brachten Jahre mit diesem Verfahren zu, besonders
da Zwischenzeiten waren, die mit andern Arbeiten ausgefüllt werden
mußten und da unser Vorgehen selber Zwischenzeiten bedingte, in denen
die Farben auszutrocknen hatten oder in denen man ihnen Zeit geben
mußte, die Veränderungen zu zeigen, die notwendig bei ihnen eintreten
müssen. Dafür aber war an dem vollendeten Gemälde nicht zu merken, daß
es nicht in allen Teilen ein altes sei, es hatte die feinen Sprünge
alter Bilder und hatte alle die Reinheit und Klarheit des Pinsels,
der es ursprünglich geschaffen hatte. Wenn man alte Bilder bei
Ausbesserungen übermalt und dadurch stimmt, so ist nicht selten
ein Überzug über die feinen Linien, welche die Zeit in alte Bilder
sprengt, und dieser Überzug zeigt nicht nur, daß das Bild ausgebessert
worden ist, sondern er stellt auch einen feinen Schleier dar, der über
die Farben gebreitet ist und sie trüb und undurchsichtig macht. Solche
Bilder geben oft einen düstern, unerfreulichen und schwerlastenden
Eindruck. Es werden Viele unser Tun in Herstellung alter Bilder
unbedeutend und unerheblich nennen, besonders da es so viele Zeit und
so viele Anstalten erforderte; uns aber machte es eine große und eine
innige Freude. Ihr werdet es gewiß nicht tadeln, da ihr einen so
großen Anteil an den Hervorbringungen der Kunst zu nehmen beginnt.
Wenn nach und nach die Gestalt eines alten Meisters vor uns aufstand,
so war es nicht bloß das Gefühl eines Erschaffens, das uns beseelte,
sondern das noch viel höhere eines Wiederbelebens eines Dinges, das
sonst verloren gewesen wäre und das wir selber nicht hätten erschaffen
können. Als schon bereits einige Teile des Bildes fertig waren, zeigte
es sich, daß die Farben reiner und glänzender seien, als wir gedacht
hatten, und daß das Bild einen vorzüglicheren Wert habe, als Anfangs
unsere Vermutung war. So lange die vielen Sprünge und farblosen
Stellen und so lange die unreinen Flecke, die wir nicht hatten
beseitigen können, auf dem Gemälde waren, übten sie auch auf das
Nichtzerstörte und sogar auf das sehr wohl Erhaltene einen Einfluß aus
und ließen es im Ganzen mißfärbiger erscheinen, als es war. Nachdem
aber in einer ziemlich großen Fläche die widerstreitenden Stellen mit
den entsprechenden Farben zugedeckt waren und die neue Farbe die alte,
statt ihr zu widersprechen, unterstützte, so kam eine Reinheit, ein
Schmelz, eine Durchsichtigkeit und sogar ein Feuer zu Stande, daß wir
in Erstaunen gerieten; denn bei starkbeschädigten Bildern kann man die
Folgerichtigkeit der Übergänge nicht beurteilen, bis man sie nicht
vollendet vor sich hat. Freilich mochte der besondere Farbenfluß sich
noch höher darstellen, da er von den unverbesserten und widerwärtigen
Stellen umgeben und gehoben wurde; aber das war schon vorauszusehen,
daß, wenn das ganze Bild fertig sein würde, seine Stimmung einen
entschieden künstlerischen Eindruck machen müsse. Ich hatte während
der Arbeit viele Mühe darauf verwendet, die ganze Geschichte und
die Herkunft des Bildes zu erforschen; allein ich kam zu keinem
Ergebnisse. Der Soldat, der die Leinwand aus Italien geschickt hatte,
war längst gestorben, und es lebte überhaupt niemand mehr, der in
näherer Beziehung zu dem Ereignisse gestanden wäre; denn dasselbe
hatte sich weit früher zugetragen, als ich gedacht hatte. Der
Großvater des letzten Besitzers des Bildes hatte öfter erzählt, daß
er sagen gehört habe, daß ein aus dem Hause gebürtiger Soldat einmal
seine Strümpfe und Hemden in ein Muttergottesbild eingewickelt aus
Welschland nach Hause geschickt habe. Die Wahrheit der Erzählung
bestätigte sich dadurch, daß man noch das alte zerstörte Marienbild
auf dem Dachboden des Hauses fand. Ich konnte auch nicht ergründen,
welche Gelegenheit es gewesen sei, die jenen deutschen Soldaten nach
Welschland geführt hatte. Von dem, herauszufinden, aus welcher Gegend
Italiens das Bild gekommen sei, konnte nun vollends gar keine Rede
mehr sein. Als nach langer Zeit, nach vieler Mühe und mancher
Unterbrechung das Gemälde in einem schönen, altertümlich gearbeiteten
Goldrahmen fertig vor uns stand, war es eine Art Fest für uns. Roland
war herbei gerufen worden, da er gegen den Schluß des Werkes eine
Reise angetreten und die Vollendung seinem Bruder überlassen hatte.
Mehrere Nachbaren waren geladen worden, ja ein Freund und Kenner alter
Kunst, dem ich die Sache gemeldet hatte, war sogar von ziemlich weiter
Entfernung herzugekommen, um die Wiederherstellung zu sehen, und
Andere, wenn sie auch nicht geladen waren, hatten sich eingefunden,
da sie durch Zufall Kenntnis von der Begebenheit erhalten hatten, und
wußten, daß sie auf dem Asperhofe nicht unwillkommen sein würden. Es
ist nicht wahr, was man öfter sagt, daß eine schöne Frau ohne Schmuck
schöner sei als in demselben; und eben so ist es nicht wahr, daß
ein Gemälde zu seiner Geltung nicht des Rahmens bedürfe. Ich
hatte zu unserem Marienbilde einen Rahmen nach Zeichnungen aus
mittelalterlichen Gegenständen bestellt und hatte dessen Ausführung
gelegentlich, wenn mich ein Geschäft oder mein Wille in die Stadt
brachte, überwacht. Er war weit eher auf dem Asperhofe angekommen, als
das Bild fertig war, und mußte die Zeit über in seiner Kiste verpackt
harren. Wir versuchten auch nicht ein einziges Mal das Bild in ihn
zu fügen, ehe es fertig war, um den Eindruck nicht zu schwächen.
Bei neuen Bildern zeigt freilich der Rahmen erst, daß noch Manches
hinzuzufügen und zu ändern ist, und Vieles muß an solchen Bildern erst
gemacht werden, wenn man sie bereits in einem Rahmen gesehen hat.
Bei alten Bildern, die wiederhergestellt werden, ist das anders,
besonders, wenn sie auf unsere Weise hergestellt worden. Da gibt das
Vorhandene den Weg der Herstellung an, man kann nicht anders malen,
als man malt, und die Tiefe, das Feuer und der Glanz der Farben ist
daher durch das bereits auf der Leinwand Befindliche bedingt. Wie dann
das Bild in einem Rahmen aussehen werde, liegt nicht in der Willkür
des Wiederherstellers, und wenn es in dem Rahmen trefflich oder minder
gut steht, so ist das Sache des ursprünglichen Meisters, dessen Werk
man nicht ändern darf. Als unsere Maria, welche noch nicht einmal
einen Firniß erhalten hatte, aus den altertümlichen Gestalten des
Rahmens, die sehr paßten, heraussah, so war es ein wunderbarer
Anblick, und erst jetzt sahen wir, welche Lieblichkeit und Kraft
der alte Meister in seinem Bilde dargelegt hatte. Obwohl der Rahmen
erhabene Arbeit in Blumen, Verzierungen und sogar in Teilen der
menschlichen Gestalt enthielt und auf demselben Glanzlichter von
starker Wirkung angebracht waren, so erschien das Bild doch nicht
unruhig, ja es beherrschte den Rahmen und machte seinen Reichtum zu
einer anmutigen Mannigfaltigkeit, während es selber durch seine Gewalt
sich geltend machte und in den erhebenden Farben von würdigem Schmucke
umgeben thronte. Ein leiser Ruf entschlüpfte den Lippen aller
Anwesenden, und ich freute mich, daß ich mich nicht getäuscht hatte,
als ich auf die Macht des Bildes rechnend einen so reichen Rahmen für
dasselbe bestellt hatte. Wir standen lange davor und betrachteten die
Schönheit der Farbengebung an den entblößten Teilen so wie die der
Gewandung und der Gründe, was im Vereine mit der Einfachheit und
Hoheit der Linienführung und mit der maßvollen Anordnung der Flächen
ein so würdevolles und heiliges Ganzes bildete, daß man sich eines
tiefen Ernstes nicht erwehren konnte, der wie wahrhaftige Andacht war.
Erst später fingen wir zu sprechen an, beredeten dieses und jenes und
kamen, wie es natürlich war, dahin, Vermutungen über den Meister zu
wagen. Es wurde Guido Reni genannt, es wurde Tizian genannt, es wurde
die Rafaelische Schule genannt. Für alles hatte man Gründe, und der
Schluß war, wie er es auch noch heute ist, daß man nicht wußte, von
wem das Bild sei. Roland war außerordentlich vergnügt, daß er die
Sache in ihrer Entstehung schon geahnt und durch den Kauf eine
so zweckmäßige Handlung ausgeführt habe. Damals war er noch
außerordentlich jung, er war bei Weitem nicht so eingeübt wie jetzt
und war daher seiner Handlung nicht ganz sicher. Eustach sah man es
an, daß ihm, wie der Volksausdruck sagt, das Herz vor Freude lache.
Eine freundliche Bewirtung meiner Gäste war damals das Ende des Tages.
Wir suchten in der folgenden Zeit eine Stelle, an welcher das Bild
am vorteilhaftesten aufgehängt werden könnte. Roland erhielt eine
Belohnung in einem Werke, das er sich schon lange gewünscht hatte, und
Eustach, das sah ich wohl, fand seine schönste Befriedigung darin, daß
er näher in unsere Kunstkreise gezogen wurde. Dem Manne, von welchem
das Bild in seinem verstümmelten Zustande gekauft worden war, gab ich
noch eine Summe, mit welcher er weit über seine Erwartung abgefunden
war; denn das Bild hätte er doch nie herstellen lassen können, er
wäre auch auf den Gedanken nicht gekommen, und ohne Roland wäre das
Bild nicht verkauft worden, bis es immer mehr verfallen und einmal
vernichtet worden wäre. Oft stand ich in späteren Zeiten noch davor
und hatte manche Freude in Betrachtung des Werkes. Ich sah das
Angesicht und die Hände der Mutter an und sah das teils nackte, teils
durch schöne Tücher schicklich verhüllte Kind. Ein dem Lande Italien
so häufig zukommendes Zeichen ist es, daß das Kind nicht in den Armen
der Mutter gehalten wird, sondern daß es mit schönem Hinneigen zu
derselben und von ihr leicht und sanft umfaßt auf einem erhöhten
Gegenstande vor ihr steht. Der Künstler hat dadurch nicht nur
Gelegenheit gefunden, den Körper des Kindes in einer weit schöneren
Stellung zu malen, als wenn er von der Mutter an ihren Busen gehalten
gewesen wäre, sondern er hat noch den weit höheren Vorteil erreicht,
das göttliche Kind in seiner Kraft und in seiner Freiheit zu zeigen,
was die Wirkung hat, als ehrten wir gleichsam schon die Macht, mit
welcher es einstens handeln wird. Daß südliche Völker den Heiland als
Kind in so großer sinnlicher Schönheit malen, hat mich immer entzückt,
und wenn auf meinem Bilde das heilige Kind eher wie ein kräftiger,
wunderschöner Leib des Südens aussieht, so beirrt mich das nicht,
sehen doch die Jesuskinder und die Johanneskinder des herrlichen
Rafael auch so aus, und die Wirkung ist doch eine so gewaltige. Daß
die Mutter, deren Mund so schön ist, die Augen gegen Himmel wendet,
sagt mir nicht ganz zu. Die Wirkung, scheint mir, ist hierin ein
wenig überboten, und der Künstler legt in eine Handlung, die er seine
Gestalt vor uns vornehmen läßt, eine Bedeutung, von der er nicht
machen kann, daß wir sie in der bloßen Gestalt sehen. Wer durch
einfachere Mittel wirkt, wirkt besser. Wenn er die Heiligkeit und
Hoheit statt in die erhobenen Augen in die bloße Gestalt hätte legen
können, wobei die Augen einfach vor sich hinblickten, so hätte er
besser getan. Rafael läßt seine Madonnen ruhig und ernst blicken, und
sie werden Himmelsköniginnen, während so manche andere nur betende
Mädchen sind. Aus diesem möchte ich auch schließen, daß das Bild nicht
aus der Rafaelschen Schule ist, so sehr die herrliche Gestalt des
Kindes daran erinnert. Das Bild hängt nicht mehr dort, wo es Anfangs
war. Wir haben alle Bilder mehrere Male umgehängt, und es gewährt eine
eigene Freude, zu versuchen, ob in einer andern Anordnung die Wirkung
des Ganzen nicht eine bessere sei. Auch darüber haben wir ernste
Beratungen und vielerlei Versuche angestellt, welche Farbe wir den
Wänden geben sollen, daß sich die Bilder am besten von ihnen abheben.
Wir blieben dann bei dem rötlichen Braun stehen, das ihr jetzt noch
in dem Gemäldezimmer findet. Ich lasse nun nichts mehr ändern. Die
jetzige Lage der Bilder ist mir zu einer Gewohnheit und ist mir lieb
geworden, und ich möchte ohne übeln Eindruck die Sache nicht anders
sehen. Sie ist mir eine Freude und eine Blume meines Alters geworden.
Die Erwerbung der Bilder, die, wie ihr schon aus meinen früheren
Worten schließen könnt, nicht immer so leicht war wie die der heiligen
Maria, stellt eine eigene Linie in dem Gange meines Lebens dar, und
diese Linie ist mit Vielem versehen, was mir teils einen freudigen,
teils einen trüben Rückblick gewährt. Wir sind in manche Verhältnisse
geraten, haben manche Menschen kennen gelernt und haben manche Zeit
mit Wiederherstellung der Bilder, mit Verwindung von Täuschungen,
mit Hineinleben in Schönheiten zugebracht, wir haben auch manche zu
Zeichnungen und Entwürfen von Rahmen verwendet; denn alle Gemälde
haben wir nach und nach in neue, von uns entworfene Rahmen getan,
und so stehen nun die Werke um mich wie alte, hochverehrungswürdige
Freunde, die es täglich mehr werden und die eine Annehmlichkeit und
eine Wonne für meine noch übrigen Tage sind.«

Daß ich durch die Erzählung meines Gastfreundes der Sammlung seiner
Bilder noch mehr zugewendet wurde, begreift sich.

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit nun auch auf die Kupferstiche meines
Gastfreundes. Da dieselben nicht unter Glas und Rahmen waren, sondern
sich in großen Laden des Tisches im Lesezimmer befanden, so konnte man
sie weit bequemer betrachten als die Gemälde. Ich nahm mir zuerst die
Mappen nach einander heraus und sah alle Kupferstiche der Reihe nach
an. Dann aber ging ich an eine mehr geordnete Betrachtung. So wie mein
Gastfreund nicht Bücher aus dem Hause gab, wohl aber einem Gaste in
sein Zimmer die verlangten bringen ließ, so tat er es auch mit den
Kupferstichen, nur gab er immer gleich eine ganze Mappe in ein Zimmer,
nicht aber leicht einzelne Blätter. Er tat dies der Erhaltung und
Schonung willen. Weil ich nun nicht viele Stunden im Lesezimmer
ununterbrochen mit Ansehen von Kupferstichen zubringen mochte, so
ließ mir mein Gastfreund die einzelnen Mappen nach und nach in meine
Wohnung bringen, und ich konnte die in ihnen enthaltenen Werke mit
Muße betrachten, konnte diese Beschäftigung auch durch Anderes
unterbrechen und konnte, wenn ich die Mappe durch eine beliebige Zeit
in meiner Wohnung gehabt hatte, dieselbe durch eine andere ersetzen.
Später, da ich alle Mappen genau durchsucht hatte, wobei ich mir
diejenigen Werke aufzeichnete, die mir ganz besonders gefielen oder
die von meinem Gastfreunde und Eustach als vorzüglich bezeichnet
waren, schlug ich mir bei Gelegenheit nur die eine oder andere auf, um
das eine oder andere mir sehr liebe Werk des Grabstichels zu besehen.
Ich merkte mir in meinem Gedenkbuche auch diejenigen an, welche ich
mir gleichfalls kaufen wollte, wenn es solche waren, die man noch im
Handel bekommen konnte. Ich lernte bei diesen Untersuchungen die Art
und Weise des Vortrags verschiedener Meister und verschiedener Zeiten
kennen und endlich auch würdigen, und ich fand wieder, wie es bei den
Gemälden der Fall ist, daß mit geringen Ausnahmen auch diese Kunst
eine schönere Vergangenheit gehabt habe, als sie eine Gegenwart habe,
ja bei den Kupferstichen konnte ich dies noch genauer kennen lernen
als bei Gemälden, da mein Freund alte und neue Kupferstiche hatte,
während in seinem Bilderzimmer nur sehr wenige neue Bilder hingen, die
Vergleichung also schwieriger war, und ich mich auf die neuen Bilder
weniger erinnerte, welche ich in der Stadt gesehen hatte und welche
ich auch mit anderen Augen mochte angeschaut haben. Ich lernte
die Feinheiten, die Großartigkeit, die Schönheit, die Ruhe in der
Behandlung immer mehr kennen und würdigen und beschloß, da mir
Kupferstiche weit leichter zu erwerben waren als Gemälde, vorläufig
damit zu beginnen, mir Blätter, die ich für trefflich hielt, zu kaufen
und eine Sammlung anzubahnen. Es war eine ziemliche Zeit hingegangen,
die ich mit Betrachtung und Einprägung der Kupferstiche und Gemälde
verbrachte. Eustach war häufig bei mir, wir sprachen über die Dinge,
und ich lernte täglich höher von diesem Manne denken.

Ich kam während dieser Zeit auch öfter in das Schreinerhaus und andere
Werkstätten und sah zu, was da verfertiget werde.

Bei diesen Veranlassungen fiel es mir auf, daß mein Gastfreund noch
nicht begonnen hatte, aus dem in Wahrheit gewiß außerordentlich
schönen Marmor, den ich ihm gebracht hatte, dessen Schönheit ich ganz
gewiß zu beurteilen verstand und der ihm selber viele Freude gemacht
zu haben schien, etwas verfertigen zu lassen. Ich konnte auch
den Marmor in dem Rosenhause gar nicht auffinden. Er war in dem
Vorratshause gelegen, wo sich auch öfter Steine von mir befunden
hatten. Jetzt war er nicht mehr dort. War er, um nicht Verletzungen zu
erfahren, in einen anderen, sichereren Ort gebracht worden oder hatte
man ihn doch irgendwohin gesendet, wo an ihm gearbeitet wurde? Das
Letzte war nicht denkbar, da mein Gastfreund alle Dinge aus Holz
und Stein in seinem Hause arbeiten ließ, wozu auch nicht nur die
Vorrichtungen und Werkzeuge vorhanden waren, sondern wohin auch zu
jeder Zeit die etwa noch mangelnden Arbeitskräfte gezogen werden
können.


Ich machte eines Tages eine Reise in das Lauterthal und hielt mich
einige Zeit in demselben auf. Es war nicht, um meine gewöhnliche
Beschäftigung dort vorzunehmen, sondern um nach den Arbeiten mit
meinem Marmor zu sehen. In der Nähe des Ahorngasthauses - etwa zwei
Wegestunden von demselben entfernt - befand sich die Anstalt, in
welcher Marmor gesägt und geschliffen wurde und in welcher man
verschiedene Dinge aus Marmor verfertigte. Der Ort hieß das Rothmoor,
weshalb, konnte ich nicht ergründen; denn es war überall Gestein und
rauschendes Wasser, und von einem Moore war auf Meilen in der Länge
und Breite nichts zu finden; aber der Ort hieß so. Es befanden sich
dort mehrere Stücke Marmor von mir, damit aus denselben etwas für den
Vater gemacht würde. Das größte Stück war fast rosenrot, und es sollte
daraus ein Wasserbecken für den Garten werden. Das Becken aber hatte
ich selber entworfen. Aus großer Vorliebe für Gewächse hatte ich seine
Gestalt aus dem Gewächsreiche genommen. Es war ein Blatt, welches dem
der Einbeere sehr ähnlich war, in welchem die glänzende dunkelschwarze
Kugel liegt. Ich hatte das Blatt nach einem wirklichen aus Wachs
gebildet, nur die Auszackung machte ich geringer und die Tiefe größer.
Das Wachsblatt wurde von einem Arbeiter, der des Gestaltens sehr
kundig war, in Gips bedeutend größer nachgebildet, und nach dem
Gipsblatte sollte das Marmorbecken gearbeitet werden. In der Tiefe
desselben sollte wie bei dem Einbeerenblatte die Kugel liegen, und aus
einem Stiele, der sich über das Blatt erhebt, soll das Wasser in einem
feinen Strahle in das Blatt springen. Das Blatt selber sollte von
Rosenmarmor, der Stamm und Stengel von einem anderen, dunkleren
sein. Ich bestrebte mich in dem Rothmoore nachzusehen, wie weit die
Arbeit gediehen sei, und versuchte durch Besprechungen für größere
Leichtigkeit und Reinheit einzuwirken. Aus anderem Marmor sollten
andere Dinge verfertigt werden. Zuerst das Pflaster um die Einbeere
herum. Das Blatt sollte sein Wasser auf dieses Pflaster hinabgießen,
dasselbe sollte auf seiner Ebene eine sanfte Rinne bilden, um
das Wasser weiter zu leiten. Die Farbe des Pflasters sollte blaß
gelblich sein. Ich hatte eine erkleckliche Anzahl Stücke hiezu
zusammengebracht. Für eine Laube in dem Garten hatte ich die Platte
eines Tischchens beabsichtigt. Sonst waren noch kleine Tragsteine, ein
paar Simse und Briefbeschwerer im Werke. Die Sachen waren in Arbeit.
Als Daraufgabe war ein Nest, in welchem zwei Eier lagen, deren Marmor
fast täuschend die Farbe von Kibitzeiern hatte.

Ich war mit den Arbeiten, so weit sie jetzt gediehen waren, sehr
zufrieden. Der Stein zu dem Becken war nicht nur in seine allgemeine
Gestalt geschnitten worden, sondern das Blatt war in rohen Umrissen
fertig, so daß zur feineren Ausfeilung und zur Glättung geschritten
werden konnte. Es arbeiteten zwei Menschen ausschließlich an diesem
Gegenstande. Mit dem Gipsvorbilde ließ ich noch einige Veränderungen
vornehmen. Es war mir nicht leicht genug und zeigte mir nicht
hinlänglich das Weiche des Pflanzenlebens.

Ich ging in die Berge, suchte Pflanzen der Einbeere und brachte sie
sammt ihrer Erde in Töpfen zurück, damit sie nicht zu schnell welkten
und uns länger als Muster dienen könnten. An diesen Pflanzen suchte
ich zu zeigen, was an dem Vorbilde noch fehle. Ich erklärte, wo ein
Blatteil sich sanfter legen, ein Rand sich weicher krümmen müsse,
damit endlich das Steinbild, wenn es fertig wäre, nicht den Eindruck
hervorbringe, als ob es gemacht worden, sondern den, als ob es
gewachsen wäre. Da ich mich bemühte, die Sache ohne Verletzung des
Mannes, welcher das Gipsvorbild verfertiget hatte, darzulegen und sie
eher in das Gewand einer Beratung einzukleiden, so ging man auf meine
Ansichten sehr gerne ein, und da die ersten Versuche gelangen und das
Becken durch die größere Ähnlichkeit, die es mit dem Blatte erlangte,
auch sichtbar an Schönheit gewann, so ging man mit Eifer an die
Fortsetzung, suchte sich den Pflanzenmerkmalen immer mehr zu nähern
und erlebte die Freude, daß endlich das Werk in ungemein edlerer
Vollendung dastand als früher. Selbst für künftige Arbeiten hatte man
durch dieses Verfahren einen Anhaltspunkt gewonnen, und Hoffnungen
geschöpft, sich in schönere und heiterere Kreise zu schwingen.
Der Werkmeister sprach unverhohlen mit mir über die Sache. Früher
hatte man nach hergebrachten Gestalten und Zeichnungen Gegenstände
verfertigt, dieselben versandt und Preise dafür erhalten, die solchen
Waren gewöhnlich zukommen, so daß die Anstalt bestehen konnte, aber
einer gehäbigen und wohlhabenden Blüte doch nicht teilhaftig war.
Daß man sich an Pflanzen als Vorbilder wenden könne, war ihnen nicht
eingefallen.

Jetzt richtete man den Blick auf sie und fand, daß alle Berge voll
von Dingen ständen, die ihnen Fingerzeige geben könnten, wie sie ihre
Werke zu verfertigen und zu veredeln hätten.

Ich blieb so lange da, bis das Gipsblatt vollkommen fertig war, und
bis ich mich darüber beruhigt hatte, welche Werkzeuge zum Messen
angewendet würden, damit die Gestalt des Vorbildes mit allen ihren
Verhältnissen in die Nachbildung übergehen könnte.

Nachdem ich noch die Bitte um Beschleunigung der Arbeit angebracht
hatte, damit ich sie so bald als möglich in den Garten des Vaters
bringen könnte, und nachdem ich versprochen hatte, in diesem Sommer
noch einen Besuch in der Anstalt zu machen, trat ich den Rückweg in
das Rosenhaus wieder an.

Ich bestieg auf meiner Wanderung, die ich in den Bergen zu Fuße
machte, das Eiskar, setzte mich auf einen Steinblock und sah beinahe
den ganzen Nachmittag in tiefem Sinnen auf die Landschaften, die vor
mir ausgebreitet waren, hinaus.


In dem Rosenhause beschäftigte ich mich wieder mit Betrachtung der
Bilder. Ich nahm sogar ein Vergrößerungsglas und sah die Gemälde an,
wie denn die verschiedenen alten Meister gemalt haben, ob der eine
einen stumpfen, starren Pinsel genommen habe, der andere einen langen,
weichen, ob sie mit breitem oder spitzigem gearbeitet, ob sie viel
untermalt haben oder gleich mit den schweren, undurchsichtigen Farben
darauf gegangen seien, ob sie in kleinen Flächen fertig gemacht oder
das Große vorerst angelegt und es in allen Teilen nach und nach der
Vollendung zugeführt hätten.

Mein Gastfreund war in diesen Dingen sehr erfahren und stand mir bei.

Von den Dichtern nahm ich jetzt Calderon vor. Ich konnte ihn bereits
in dem Spanischen lesen und vertiefte mich mit großem Eifer in seinen
Geist.

Wir besuchten mehrere Male den Inghof. Es wurde dort Musik gemacht, es
wurde gespielt, wir besuchten die schönsten Teile der Umgebung oder
besahen, was der Garten oder der Meierhof oder das Haus Vorzügliches
aufzuweisen hatte.

Zur Zeit der Rosenblüte kamen Mathilde und Natalie auf den Asperhof.
Wir wußten den Tag der Ankunft und erwarteten sie. Als sie
ausgestiegen waren, als Mathilde und mein Gastfreund sich begrüßt
hatten, als einige Worte von den Lippen der Mutter zu Gustav
gesprochen worden waren, wendete sie sich zu mir und sprach mit den
freundlichsten Mienen und mit dem liebevollsten Blick ihrer Augen
die Freude aus, mich hier zu finden, zu wissen, daß ich mich schon
ziemlich lange bei ihrem Freunde und ihrem Sohne aufgehalten habe,
und zu hoffen, daß ich die ganze schöne Jahreszeit auf dem Asperhofe
zubringen werde.

Ich erwiderte, daß ich heuer beschlossen habe, den ganzen Sommer über
bloß für mein Vergnügen zu leben und daß ich es mit großem Danke
anerkennen müsse, daß mir erlaubt sei, auf diesem Sitze verweilen zu
dürfen, der das Herz, den Verstand und das ganze Wesen eines jungen
Mannes so zu bilden geeignet sei.

Natalie stand vor mir, da dieses gesprochen worden war. Sie erschien
mir in diesem Jahre vollkommener geworden und war so außerordentlich
schön, wie ich nie in meinem ganzen Leben ein weibliches Wesen gesehen
habe.

Sie sagte kein Wort zu mir, sondern sah mich nur an. Ich war nicht
im Stande, etwas aufzufinden, was ich zur Bewillkommnung hätte sagen
können. Ich verbeugte mich stumm, und sie erwiderte diese Verbeugung
durch eine gleiche.

Hierauf gingen wir in das Haus.

Die Tage verflossen wie die in den vergangenen Jahren. Nur eine
einzige Ausnahme trat ein. Man begann nach und nach von den Bildern
zu sprechen, man sprach von der Marmorgestalt, welche auf der schönen
Treppe des Hauses stand, man ging öfter in das Bilderzimmer und besah
Verschiedenes, und man verweilte manche Augenblicke in der dämmerigen
Helle der Treppe, auf welche von oben die sanfte Flut des Lichtes
hernieder sank, und vergnügte sich an der Herrlichkeit der dort
befindlichen Gestalt und der Pracht ihrer Gliederung. Ich erkannte,
daß Mathilde in der Beurteilung der Kunst erfahren sei und daß sie
dieselbe mit warmem Herzen liebe. Auch an Natalien sah ich, daß sie in
Kunstdingen nicht fremd sei und daß sie in ihrer Neigung etwas gelten.
Ich machte also jetzt die Erfahrung, daß man in früherer Zeit, da
ich mein Augenmerk noch weniger auf Gemälde und ähnliche Kunstwerke
gerichtet hatte und dieselben einen tiefen Platz in meinem Innern noch
nicht einnahmen, mich geschont habe, daß man nicht eingegangen sei,
in meiner Gegenwart von den in dem Hause befindlichen Kunstwerken
zu sprechen, um mich nicht in einen Kreis zu nötigen, der in jenem
Augenblicke noch beinahe außerhalb meiner Seelenkräfte lag. Mir kam
jetzt auch zu Sinne, daß in gleicher Weise mein Vater nie zu mir auf
eigenen Antrieb von seinen Bildern gesprochen habe und daß er sich nur
insoweit über dieselben eingelassen, als ich selber darauf zu sprechen
kam und um dieses oder jenes fragte. Sie haben also sämmtlich einen
Gegenstand vermieden, der in mir noch nicht geläufig war und von dem
sie erwarteten, daß ich vielleicht mein Gemüt zu ihm hinwenden würde.
Mich erfüllte diese Betrachtung einigermaßen mit Scham, und ich
erschien mir gegenüber all den Personen, die nun durch meine
Vorstellung gingen, als ungefüg und unbehilflich; aber da sie immer so
gut und liebreich gegen mich gewesen waren, so schloß ich aus diesem
Umstande, daß sie nicht nachteilig über mich geurteilt und daß
sie meinen Anteil an dem, was ihnen bereits teuer war, als sicher
bevorstehend betrachtet haben. Dieser Gedanke beruhigte mich eines
Teiles wieder. Besonders aber gereichte es mir zur Genugtuung, daß sie
mit einer Art von Freude in die Gespräche eingingen, die sich jetzt
über bildende Kunst entspannen, daß also das nicht unsachgemäß sein
mußte, was ich in dieser Richtung jetzt äußerte, und daß es ihnen
angenehm war, mit mir auf einer Lebensrichtung zusammen zu treffen,
welche für sie Wichtigkeit hatte.

Eines Tages, da die Blüte der Rosen schon beinahe zu Ende war, wurde
ich unfreiwillig der Zeuge einiger Worte, welche Mathilde an meinen
Gastfreund richtete und welche offenbar nur für diesen allein
bestimmt waren. Ich zeichnete in einer Stube des Erdgeschosses
ein Fenstergitter. Das Erdgeschoß des Hauses hatte lauter eiserne
Fenstergitter. Diese waren aber nicht jene großstäbigen Gitter, wie
man sie an vielen Häusern und auch an Gefängnissen anbringt, sondern
sie waren sanft geschweift und hatten oben und unten eine flache
Wölbung, die mitten, gleichsam wie in einen Schlußstein, in eine
schöne Rose zusammenlief. Diese Rose war von vorzüglich leichter
Arbeit und war ihrem Vorbilde treuer, als ich irgendwo in Eisen
gesehen hatte. Außerdem war das ganze Gitter in zierlicher Art
zusammengestellt, und die Stäbe hatten nebst der Schlußrose noch
manche andere bedeutsam Verzierungen. Es war fast gegen Abend, als ich
mich in einer Stube des Erdgeschosses, deren Fenster auf die Rosen
hinausgingen, befand, um mir vorläufig die ganze Gestalt des Gitters,
die außen zu sehr von den Rosen verdeckt war, zu entwerfen. Die
einzelnen Verzierungen, deren Hauptentwicklung nach außen ging, wollte
ich mir später einmal von dorther zeichnen. Da ich in meine Arbeit
vertieft war, dunkelte es vor dem Fenster, wie wenn die Laubblätter
vor demselben von einem Schatten bedeckt würden. Da ich genauer
hinsah, erkannte ich, daß jemand vor dem Fenster stehe, den ich aber
der dichten Ranken willen nicht erkennen konnte. In diesem Augenblicke
ertönte durch das geöffnete Fenster klar und deutlich Mathildens
Stimme, die sagte: »Wie diese Rosen abgeblüht sind, so ist unser Glück
abgeblüht.«

Ihr antwortete die Stimme meines Gastfreundes, welcher sagte: »Es ist
nicht abgeblüht, es hat nur eine andere Gestalt.«

Ich stand auf, entfernte mich von dem Fenster und ging in die Mitte
des Zimmers, um von dem weiteren Verlaufe des Gespräches nicht mehr zu
vernehmen. Da ich ferner überlegt hatte, daß es nicht geziemend sei,
wenn mein Gastfreund und Mathilde später erführen, daß ich zu der
Zeit, als sie ein Gespräch vor dem Fenster geführt hatten, in der
Stube gewesen sei, der jenes Fenster angehörte, so entfernte ich mich
auch aus derselben und ging in den Garten. Da ich nach einer Zeit
meinen Gastfreund, Mathilden, Natalie und Gustav gegen den großen
Kirschbaum zugehen sah, begab ich mich wieder in die Stube und holte
mir meine Zeichnungsgeräte, die ich dort liegen gelassen hatte;
denn der Abend war mittlerweile so dunkel geworden, daß ich zum
Weiterzeichnen nicht mehr sehen konnte.

Als die Rosenblüte gänzlich vorüber war, beschlossen wir, uns auch
eine Zeit in dem Sternenhofe aufzuhalten. Da wir den Hügel zu ihm
hinan fuhren, sah ich, daß Gerüste an dem Mauerwerke aufgeschlagen
waren, und als wir uns genähert hatten, erkannte ich, daß die
Arbeiter, die sich auf den Gerüsten befanden, damit beschäftigt waren,
die Tünche von den breiten Steinen, welche an die Oberfläche der
Mauern gingen, abzunehmen und die Steine zu reinigen. Man hatte vorher
an einem abgelegenen Teile des Hauses einen Versuch gemacht, welcher
sich bewährte und welcher dartat, daß das Haus ohne Tünche viel
schöner aussehen werde.

In dem Sternenhofe wurde ich so freundlich behandelt, wie in der
früheren Zeit, ja wenn ich meinem Gefühle trauen durfte und wenn man
so feine Unterscheidungen machen darf, noch freundlicher als früher.
Mathilde zeigte mir selber alles, von dem sie glaubte, daß es mir von
einigem Werte sein könnte, und erklärte mir bei diesem Vorgange alles,
von dem sie glaubte, daß es einer Erklärung bedürfen könnte. Während
dieses meines Aufenthaltes erfuhr ich auch, daß Mathilde das Schloß
von einem vornehmen Manne gekauft hatte, der selten auf demselben
gewesen war und es ziemlich vernachlässigt hatte. Vor ihm war es im
Besitze einer Verwandten gewesen, deren Großvater es gekauft hatte. In
der Zeit vorher war ein häufiger Wechsel der Eigentümer gewesen, und
das Gut war sehr herab gekommen. Mathilde fing damit an, daß sie die
zum Schlosse gehörigen Untertanen, welche Zehnte und Gaben in dasselbe
zu entrichten hatten, gegen ein vereinbartes Entgelt für alle Zeiten
von ihren Pflichten entband und sie zu unbeschränkten Eigentümern auf
ihrem Grunde machte. Das zweite, was sie tat, bestand darin, daß sie
die Liegenschaften des Schlosses selber zu bewirtschaften begann,
daß sie einen geschlossenen Hausstand von Gesinde und ihrer eigenen
Familie begründete und mit diesem Hausstande lebte. Sie richtete den
Meierhof zurecht und brachte mit Hilfe tätiger Leute, die sie aufnahm,
die Felder, die Wiesen und Wälder in einen besseren Stand.

Die schönen Zeilen von Obstbäumen, welche durch die Fluren liefen und
die mir bei meinem ersten Aufenthalte schon so sehr gefallen hatten,
waren von ihr selber gepflanzt, und wenn sie gute, selbst ziemlich
erwachsene Obstbäume irgendwo erhalten konnte, so scheute sie nicht
die Zeit und den Aufwand, sie bringen und auf ihren Grund setzen zu
lassen. Da die Nachbarn dieses Verfahren allmählich nachahmten, so
erhielt die Gegend das eigentümliche und wohlgefällige Ansehen, das
sie von den umliegenden Ländereien unterschied.

Die Gemälde, welche sich in den Wohnzimmern Mathildens und Nataliens
befanden, hatten nach meiner Meinung im Ganzen genommen zwar nicht den
Wert wie die im Asperhofe, aber es waren manche darunter, welche mir
nach meinen jetzigen Ansichten mit der größten Meisterschaft gemacht
schienen. Ich sagte die Sache meinem Gastfreunde, er bestätigte sie
und zeigte mir Gemälde von Tizian, Guido Reni, Paul Veronese, Van Dyck
und Holbein. Unbedeutende oder gar schlechte Bilder, wie ich sie, so
weit mir jetzt dieses meine Rückerinnerung plötzlich und wiederholt
vor Augen brachte, in manchen Sammlungen, die mir in früheren Jahren
zugänglich gewesen waren, gesehen hatte, befanden sich weder in der
Wohnung Mathildens noch in dem Asperhofe. Wir sprachen auch hier
so wie in dem Rosenhause von den Gemälden, und es gehörte zu den
schönsten Augenblicken, wenn ein Bild auf die Staffelei getan worden
war, wenn man die Fenster, die ein störendes Licht hätten senden
können, verhüllt hatte, wenn das Bild in die rechte Helle gerückt
worden war, und wenn wir uns nun davor befanden. Mathilde und
mein Gastfreund saßen gewöhnlich, Eustach und ich standen, neben
uns Natalie und nicht selten auch Gustav, welcher bei solchen
Gelegenheiten sehr bescheiden und aufmerksam war. Öfter sprach
hauptsächlich mein Gastfreund von dem Bilde, öfter aber auch Eustach,
wozu Mathilde ihre Worte oder einfachen Meinungen gesellte. Man
wiederholte vielleicht oft gesagte Worte, man zeigte sich Manches, das
man schon oft gesehen hatte, und machte sich auf Dinge aufmerksam, die
man ohnehin kannte. So wiederholte man den Genuß und verlebte sich in
das Kunstwerk. Ich sprach sehr selten mit, höchstens fragte ich und
ließ mir etwas erklären. Natalie stand daneben und redete niemals ein
Wort.


Zur Nymphe des Brunnens, die unter der Eppichwand im Garten war, ging
ich auch öfter. Früher hatte ich den wunderschönen Marmor bewundert,
desgleichen mir nicht vorgekommen war; jetzt erschien mir auch die
Gestalt als ein sehr schönes Gebilde. Ich verglich sie mit der auf
der Treppe im Hause meines Gastfreundes stehenden. Wenn auch jenes an
Hoheit, Würde und Ernst weit den Vorzug in meinen Augen hatte, so war
dieses doch auch für mich sehr anmutig, weich und klar, es hatte eine
beschwichtigende Ruhe, wie die Göttin eines Quells sollte, und hatte
doch wieder jenes Reine und, ich möchte sagen, Fremde, das ein Gemälde
nicht hat, das aber der Marmor so gerne zeigt. Ich wurde mir dieser
Empfindung des Fremden jetzt klarer bewußt, und ich erfuhr auch,
daß sie mich schon in früherer Zeit ergriffen hatte, wenn ich mich
Marmorbildwerken gegenüber befand. Es wirkte bei dieser Gestalt noch
ein Besonderes mit, was in meiner Beschäftigung der Erdforschung
seinen Grund hat, nehmlich, daß der Marmor gar so schön und fast
fleckenlos war. Er gehörte zu jener Gattung, die an den Rändern
durchscheinend ist, deren Weiße beinahe funkelt und uns verleitet,
zu meinen, man sähe die zarten Kristalle wie Eisnadeln oder wie
Zuckerkörner schimmern. Diese Reinheit hatte für mich an der Gestalt
etwas Erhabenes. Nur dort, wo das Wasser aus dem Kruge floß, den die
Gestalt umschlungen hielt, war ein grünlicher Schein in dem Marmor,
und der Staffel, auf dem der am tiefsten herabgehende Fuß ruhte, war
ebenfalls grün und von unten durch die herauf dringende Feuchtigkeit
ein wenig verunreinigt. Der Marmor an dem Bilde meines Freundes war
wohl trefflich, es mochte wahrscheinlich parischer sein; aber er hatte
schon einigermaßen die Farbe alten Marmors, während die Nymphe wie neu
war, als wäre der Marmor aus Carrara. Ich dachte mir wohl auch, und
meine Freunde bestätigten es, daß das Bildwerk neueren Ursprunges sei;
aber wie bei dem meines Gastfreundes wußte man auch hier den Meister
nicht. Ich saß sehr gerne in der Grotte bei dem Bildwerke. Es war da
ein Sitz von weißem Marmor in einer Vertiefung, die sich seitwärts von
der Nymphe in das Bauwerk zurück zog und von der aus man die Gestalt
sehr gut betrachten konnte. Es war ein sanftes Dämmern auf dem Marmor,
und im Dämmern war es wieder, als leuchtete der Marmor. Man konnte
hier auch das leise Rinnen des Wassers aus dem Kruge, das Kräuseln
desselben in dem Becken, das Hinabträufeln auf den Boden und das
gelegentliche Blitzen auf demselben sehen.

Zur Wohnung hatte man mir dieselbe Räumlichkeit gegeben, die ich in
den ersten zwei Malen inne hatte, da ich in diesem Schlosse war. Man
hatte sie mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet, auf die man nur
immer denken konnte und deren ich zum größten Teile nicht bedurfte;
denn ich war in meinem Reiseleben gewohnt geworden, in den äußeren
Dingen auf das Einfachste vorzugehen.

Da wir von dem Sternenhofe Abschied nahmen, sagte mir Mathilde auf die
liebe, freundliche Weise Lebewohl, mit der sie mich empfangen hatte.

Wir besuchten auf unserer Rückreise mehrere Landwirte, welche in der
Gegend einen großen Ruf genossen, und besahen, was sie auf ihren
Gütern eingeführt hatten und was sie zum Wohle des Landes auszubreiten
wünschten. Mein Gastfreund nahm Rebstecklinge, Abteilungen von Samen
und Abbildungen von neuen Vorrichtungen mit nach Hause.

Ehe ich die Rückreise zu den Meinigen antrat, ging ich noch einmal in
das Rothmoor, um zu sehen, wie weit die Arbeiten aus meinem Marmor
gediehen wären. Von den kleineren Dingen waren manche fertig. Das
Wasserbecken und die größeren Arbeiten mußten in das nächste Jahr
hinüber genommen werden. Ich billigte diese Anordnung; denn es war mir
lieber, daß die Sache gut gemacht würde, als daß sie bald fertig wäre.

Das Vollendete packte ich ein, um es mit nach Hause zu nehmen.

In dem Rosenhause fand ich bei meiner Zurückkunft einen Brief
von Roland, der über die Ergebnisse der Nachforschungen nach den
Ergänzungen zu den Pfeilerverkleidungen meines Vaters sprach. Es war
keine Hoffnung vorhanden, die Ergänzungen zu finden. Im ganzen Gebirge
war nichts, was mit den beschriebenen Verkleidungen Ähnlichkeit hatte,
überhaupt sind da keine Verkleidungen und Vertäflungen vorhanden
gewesen, wohin Roland seit Jahren seine Wanderungen angestellt hatte,
sie müßten denn sehr verborgen sein, wornach man ein Auffinden so dem
Zufalle anheim geben müsse, wie das durch Zufall entdeckt worden sei,
was ich meinem Vater gebracht hätte. In Hinsicht der Vertäflungen
aber, um welche es sich hier handle, sei beinahe Gewiß vorhanden, daß
sie zerstört worden seien. Die Ausmaße, welche ihm über die in den
Händen meines Vaters befindlichen Werke zugesendet worden seien,
passen genau auf ein Gemach im Steinhause des Lauterthales, woher
gleich Anfangs der Ursprung der Dinge vermutet worden sei und welches
Gemach jetzt öde steht. Es habe zwei Pfeiler, an denen die noch
vorhandenen Verkleidungen gewesen sein müssen. Die Zwischenarbeiten
sind eben so zerstört worden wie Vieles, was sich in jenem steinernen
Schlößchen befunden habe; denn sonst mußten sie sich entweder in
dem Gebäude oder in der Gegend vorfinden, was beides nicht der Fall
ist, oder sie müßten sehr im Verborgenen sein, da doch sonst die
Nachforschungen, welche nun schon durch zwei Jahre angestellt und
bekannt geworden seien, die Leute veranlaßt haben dürften, die Sachen
zum Verkaufe um einen guten Kaufschilling zu bringen. Man müsse also
seine Gedanken dahin richten, daß nichts zu finden sei, und wenn doch
noch etwas gefunden würde, so müsse man es als eine unverhoffte Gunst
ansehen. Mein Gastfreund und ich sagten, daß wir ungefähr auf dieses
Ergebnis gefaßt gewesen seien.


Als der Herbst ziemlich vorgesehritten war, begab ich mich auf die
Rückreise in meine Heimat. Es war ein sehr heiterer Sonntagsmorgen,
den ich zu meiner Ankunft auserwählt hatte, weil ich wußte, daß an
diesem Tage der Vater zu Hause sein würde und ich daher den Nachmittag
in dem vollen Kreise der Meinigen zubringen konnte. Ich war nicht
wie gewöhnlich auf einem Schiffe gekommen, sondern ich hatte meine
Wanderung längs des ganzen Gebirges gegen Sonnenaufgang unternommen
und war dann mitternachtwärts mit einem Wagen in unsere Stadt
gefahren. Den Vater traf ich sehr heiter an, er schien gleichsam um
mehrere Jahre jünger geworden zu sein. Die Augen glänzten in seinem
Angesichte, als wäre ihm eine sehr große Freude widerfahren. Auch die
anderen sahen sehr vergnügt und fröhlich aus.

Nach dem Mittagessen führte er mich in das gläserne Häuschen und
zeigte mir, daß sich die Verkleidungen bereits auf den Pfeilern
befänden. Es war ein bewunderungswürdiger Anblick, ich hätte nie
gedacht, daß sich die Schnitzerei so gut darstellen würde. Sie war
vollkommen gereinigt und schwach mit Firniß überzogen worden.

»Siehst du«, sagte der Vater, »wie sich alles schön gestaltet hat.
Die Holzverkleidung fügt sich, als wäre sie für diese Pfeiler gemacht
worden. Es ist fast auch so der Fall; wenn nicht die Holzverkleidung
für die Pfeiler gemacht worden ist, so sind doch die Pfeiler für die
Holzverkleidung gemacht worden. Was aber von weit größerer Bedeutung
ist, besteht darin, daß das Holzkunstwerk in das ganze Häuschen so
paßt, als wäre sie ursprünglich für dasselbe bestimmt gewesen - und
dies freut mich am meisten. Ich kann mich daher auch nicht so betrüben
wie du, daß die anderen Teile der Verkleidungen nicht aufzufinden
gewesen sind. Ich müßte das ganze Häuschen wieder umbauen, wenn die
Ergänzungen zum Vorscheine gekommen wären; denn schwerlich würden sie
hieher passen, und zu verstümmeln oder zu vergrößern würden sie ihrer
Natur nach nicht sein. Wir wollen daher das Vorhandene genießen, und
kömmt durch ein Wunder die Ergänzung zum Vorscheine, so wird sich
schon zeigen, was zu tun sei. Du siehst, wir haben uns viele Mühe
gegeben, die Lücken auszufüllen und alles in einen natürlichen
Zusammenhang zu bringen.«

So war es auch. Über den Verkleidungen befanden sich an den Pfeilern
Spiegel eingesetzt, deren Rahmen die Verzierungen der Verkleidung
fortsetzten und zu den Verzierungen der Fensterstäbe und Fensterkreuze
hinüber leiteten. Unter den Fenstern waren Simse und Vertäflungen so
angebracht, daß sie eine ruhigere Fläche zwischen den Schnitzwerken
abgaben. Ich sprach gegen meinen Vater meine Bewunderung aus, daß man
der Sache eine solche Gestalt zu geben gewußt habe.

»Es ist uns aber auch ein sehr tüchtiger Lehrmeister beigestanden«,
erwiderte er, »und wir waren in der Lage, nach seinem Rate noch
Manches in unserem begonnenen Werke abzuändern; denn sonst wäre es
nicht so geworden, wie es geworden ist. Setze dich zu uns, daß ich es
dir erzähle.«

Er saß mit der Mutter auf einer Bank, die aus feinen Rohrstäben
geflochten war, die Schwester und ich nahmen ihnen gegenüber auf
Sesseln Platz.

»Dein Gastfreund«, fing er an, »hat uns ausgefunden und hat, als du
zwei Wochen fort warest, seine Bauzeichnungen und die Zeichnungen
vieler anderer Gegenstände hieher gesendet, daß ich sie ansehe. Er
hat mir auch den Antrag gemacht, daß ich manche, die mir besonders
gefielen, zu meinem Gebrauche nachzeichnen lassen dürfe, nur möchte
ich ihm die Blätter vorher alle senden und die bezeichnen, deren
Nachbildung ich wünschte, er würde sie mir dann gelegentlich zu diesem
Gebrauche zustellen. Ich lehnte diese Erlaubnis ab, nur Einzelnes von
Verzierungen oder Stäben ließ ich flüchtig heraus zeichnen, in so
fern ich erkannte, daß es mir bei meinen nächsten Anordnungen würde
dienlich sein. Den größten Nutzen aber schöpften wir - mein Arbeiter
und ich - aus der Anschauung des Ganzen überhaupt. Wir lernten hier
neue Dinge kennen, wir sahen, daß es Schöneres gibt, als wir selber
haben, so daß wir den Plan und die Ausführung zu den Arbeiten in dem
Häuschen hier viel besser machten, als wir sonst beides gemacht haben
würden.

Die Zeichnungen von den Bauwerken, Geräten und anderen Dingen, welche
mir dein Gastfreund gesandt hat, sind so schön, daß es vielleicht
wenige gleiche gibt. Ich habe wohl in jüngeren Jahren bei meinen
Reisen und Wanderungen sehr schöne und hie und da schönere Bauwerke
gesehen; aber Zeichnungen von Bauwerken habe ich nie so vollendet klar
und rein gesehen. Ich hatte eine große Freude bei dem Anschauen dieser
Dinge, und wer in dem Besitze einer so trefflichen Sammlung der
schönsten, zahlreichen und dabei so mannigfaltigen Gegenstände ist,
der kann niemals mehr bei seinen Anordnungen in das Unbedeutende,
Leere und Nichtige verfallen, ja er muß bei gehöriger Benützung, und
wenn sein Geist die Dinge in sich aufzunehmen versteht, nur das Hohe
und Reine hervorbringen. Das ist eine seltne Gunst des Schicksales,
wenn ein Mann die Muße, Mittel und Mitarbeiter hat, solche Werke
anlegen zu können. Es gehörte zu meinen schönsten Augenblicken, in
diesen Sammlungen blättern zu dürfen und mich in die Anschauung
dessen, was mich besonders ansprach, zu vertiefen. Vielleicht gönnt es
doch noch einmal eine spätere Gunst, von dem Anerbieten dieses Mannes
Gebrauch machen zu können und hie und da etwas zu Stande zu bringen,
was nicht ganz ein unwerter Zuwachs zu meinen letzten Tagen ist.

Also gefällt dir das, was wir zu unseren Verkleidungen hatten hinzu
machen lassen?«

»Vater, sehr«, erwiderte ich; »aber ich habe jetzt andere Dinge zu
reden; ich kann mich von meinem Erstaunen nicht erholen, daß mein
Gastfreund seine Zeichnungen hieher gesendet hat, die er so liebt,
die er gewiß nicht weniger liebt als seine Bücher, von denen er doch
keines aus seinem Hause gibt. Ich habe eine so große Freude über
dieses Ereignis, daß ich nicht Worte finde, sie nur halb auszudrücken.
Vater, mein Gefühl hat in jüngster Zeit einen solchen Aufschwung
genommen, daß ich die Sache selber nicht begreife, ich muß mit dir
darüber reden, ich habe sehr viele Dinge mit dir zu reden.

Meinem Gastfreunde muß ich auf das Wärmste und Heißeste danken, sobald
ich ihn sehe, er hat mir durch die Sendung der Zeichnungen an dich die
höchste Gunst erzeigt, die er mir nur zu erzeigen im Stande war.«

»Dann muß ich dich bitten, mit mir zu gehen und noch etwas
anzuschauen«, sagte mein Vater.

Er führte mich in sein Altertumszimmer. Die Mutter und die Schwester
gingen mit.


An einem Pfeiler, der mit einem langen, altertümlich gefaßten Spiegel
geschmückt war, stand der Tisch mit den Musikgeräten, den ich im
Rosenhause in der Wiederherstellung befindlich und zu Anfang dieses
Sommers bereits vollendet gesehen hatte.

Ich konnte vor Verwunderung kein Wort sagen.

Der Vater, der mein Gefühl verstand, sagte. »Der Tisch ist mein
Eigentum. Er ist mir in diesem Sommer gesendet worden, und es war
die Bitte beigefügt, ich möge ihn unter meinen andern Dingen als
Erinnerung an einen Mann aufstellen, dessen größte Freude es wäre,
einem Andern, der seine Neigung gleichen Dingen zuwende wie er, ein
Vergnügen zu machen.«

»Da muß ich nun augenblicklich zu meinem Freunde reisen«, rief ich.

»Den Dank habe ich ihm wohl schon ausgedrückt«, sagte der Vater; »aber
wenn du hingehen und es mit dem eigenen Munde tun willst, so freut es
mich um desto mehr.«

Die Schwester hüpfte oder sprang beinahe in dem Zimmer herum und rief:
»Ich habe es mir gedacht, daß er so handeln wird, ich habe es mir
gedacht. O der Freude, o der Freude! Wirst du bald abreisen?«

»Morgen mit dem frühesten Tagesanbruch«, erwiderte ich, »heute müssen
noch Pferde bestellt werden.«

»Es ist eine späte Jahreszeit und du bist kaum gekommen, mein Sohn«,
sagte die Mutter; »aber ich halte dich nicht ab. Der Tisch und noch
mehr die Gesinnung des Mannes, der ihn sendete, haben auf deinen Vater
wie ein Glück gewirkt. Das müssen vortreffliche Menschen sein.«

»Sie haben ihres Gleichen nicht auf Erden«, rief ich. Ohne zu säumen
schickte ich den Knecht auf die Post, um mir auf den nächsten Morgen
um vier Uhr zwei Pferde zu bestellen. Dann sprachen wir noch von dem
Tische. Der Vater breitete sich über seine Eigenschaften aus, er
erklärte uns dieses und jenes und setzte mir dann in einer längeren
Beweisführung auseinander, warum er gerade auf diesem Platze stehen
müsse, auf dem er stehe. Ohne von den Gemälden des Vaters etwas zu
sagen, auf welche ich mich sehr gefreut hatte und von denen ich
mit dem Vater hatte reden wollen, und ohne auf meinen diesjährigen
Sommeraufenthalt näher einzugehen, ließ ich den Rest des Tages
verfließen und erwartete mit Ungeduld den Morgen. Nur gelegentliche
Fragen des Vaters beantwortete ich und hörte zu, wenn er wieder von
dem sprach, was in diesem Sommer ein Ereignis für ihn gewesen war. Vor
dem Schlafengehen nahmen wir Abschied, und ich begab mich auf meine
Zimmer.

Um drei Uhr des Morgens war ein leichter Lederkoffer gepackt, und
eine halbe Stunde später stand ich in guten Reisekleidern da. In dem
Speisezimmer, in welchem noch ein Frühstück für mich bereit stand,
erwarteten mich die Mutter und die Schwester. Der Vater, sagten sie,
schlummre noch sehr sanft. Das Frühmahl war eingenommen, die Pferde
standen vor dem Haustore, die Mutter verabschiedete sich von mir,
die Schwester begleitete mich zu dem Wagen, küßte mich dort auf das
Innigste und Freudigste, ich stieg ein und der Wagen fuhr in der noch
überall dicht herrschenden Finsternis davon.

Ich war nie mit eigenen Postpferden gefahren, weil ich die Auslage für
Verschwendung hielt. Jetzt tat ich es, mir ging die Reise noch immer
nicht schnell genug, und auf jeder Post, wo ich neue Pferde und einen
neuen Wagen erhielt, däuchte mir der Aufenthalt zu lange.

Ich hatte den Vater um den Brief nicht gefragt, der mit den
Zeichnungen oder mit dem Tische gekommen war, auch hatte ich mich
nicht um die Art erkundigt, wie diese Dinge eingelangt seien. Der
Vater hatte ebenfalls nichts davon erwähnt. Ich beschloß, meinem
Vorhaben treu zu bleiben und hierüber eine Frage nicht zu stellen.


Nach einer nur durch das notwendige Essen von mir unterbrochenen Fahrt
bei Tag und Nacht kam ich gegen den Mittag des zweiten Tages in dem
Rosenhause an. Ich hielt vor dem Gitter, gab einem Knechte, der gar
nicht erstaunt war, weil er an mein Gehen und Kommen in diesem Hause
gewohnt sein mochte, meinen Koffer, sendete Wagen und Pferde auf die
letzte Post, in die sie gehörten, zurück, ging in das Haus und fragte
nach meinem Freunde.

Er sei in seinem Arbeitszimmer, sagte man mir.

Ich ließ mich melden und wurde hinaufgewiesen.

Er kam mir lächelnd entgegen, als ich eintrat. Ich sagte, er scheine
zu wissen, weshalb ich komme.

»Ich glaube es mir denken zu können«, antwortete er.

»Dann werdet ihr euch nicht wundern«, sagte ich, »daß ich in diesem
Jahre, für welches ich schon Abschied genommen habe, mittelst einer
sehr eiligen Reise noch einmal in euer Haus komme. Ihr habt meinem
Vater eine doppelte Freude erwiesen, ihr habt zu mir nichts gesagt,
mein Vater hat mir auch nichts geschrieben, wahrscheinlich, um den
Eindruck, wenn ich die Sache selber sähe, größer zu machen: ich müßte
ein sehr unrechtlicher Mensch sein, wenn ich nicht käme und für den
Jubel, der in mein Herz kam, nicht dankte. Ich weiß nicht, wodurch ich
es denn verdient habe, daß ihr das getan habt, was ihr tatet; ich weiß
nicht, wie ihr denn mit meinem Vater zusammenhänget, daß ihr ihm ein
so kostbares Geschenk macht und daß ihr mit den Zeichnungen so in
Liebe an ihn dachtet.

Ich danke euch tausendmal und auf das herzlichste dafür. Ich habe euch
für alles Freundliche, was mir in eurem Hause zu Teil geworden ist, in
meinem Herzen gedankt, ich habe euch auch mit Worten gedankt. Dieses
aber ist das Liebste, was mir von euch gekommen ist, und ich biete
euch den heißesten Dank dafür an, der sich am besten aussprechen
würde, wenn es mir nur auch einmal gegönnt wäre, für euch etwas tun zu
können.«

»Das dürfte sich vielleicht auch einmal fügen«, antwortete er, »das
Beste aber, was der Mensch für einen andern tun kann, ist doch immer
das, was er für ihn ist. Das Angenehmste an der Sache ist mir, daß ich
mich nicht getäuscht habe und daß euer Vater an den Sendungen Freude
hatte und daß die Freude des Vaters auch euch Freude machte. Im
übrigen ist ja alles sehr einfach und natürlich. Ihr habt mir von den
altertümlichen Dingen erzählt, welche euer Vater besitzt und welche
ihm Vergnügen machen, ihr habt von seinen Bildern gesprochen, ihr habt
ihm Schnitzwerke gebracht, für welche er eigens einen kleinen Erker
seines Hauses umbauen ließ, ihr habt euch große Mühe gegeben, die
Ergänzungen zu den Schnitzereien zu finden, habt sogar meinen Rat
hiebei eingeholt, und es war euch unangenehm, befürchten zu müssen,
daß ihr das Gesuchte trotz alles Strebens nicht finden würdet. Da
dachte ich, daß ich vielleicht mit einem meiner Gegenstände eurem
Vater ein Vergnügen machen könnte, besprach mich mit Eustach und
sandte den Tisch. Das Übersenden der Zeichnungen war auch ganz
folgerichtig. Ihr habt im vorigen Jahre mit vieler Mühe hier und im
Sternenhofe Abbildungen von Geräten gemacht, um eurem Vater nur im
Allgemeinen eine Vorstellung von dem zu geben, was hier ist. Wie nahe
lag es also, ihm Zeichnungen zu schicken, in denen noch weit mehr,
weit Umfassenderes und weit Edleres enthalten ist, obgleich sie
nur die Sammlung eines einzelnen Menschen sind und weit hinter dem
zurückstehen, was an Prachtwerken hie und da besteht. Wir haben
vielerlei an alten Geräten hier, wir können etwas entbehren, haben
schon Manches weggegeben, und geben gerne etwas einem Manne, der damit
Freude hat und der es zu pflegen und zu achten versteht.«

»Es wurde mir sehr viel Schmerz machen«, sagte ich, »wenn ihr nur im
Entferntesten denken könntet, daß ich mit meinen Handlungen auf ein
solches Ergebnis habe hinzielen können.«

»Das habe ich nie geglaubt, mein junger Freund«, antwortete er, »sonst
hätte ich die Sachen gar nicht geschickt. Aber es ist die zwölfte
Stunde nahe. Gehet mit mir in das Speisezimmer. Wir wußten zwar von
eurer Ankunft nichts; aber es wird sich schon etwas vorfinden, daß
ihr nicht Hunger leiden müsset und daß auch wir nicht einen Abbruch
leiden.«

Mit diesen Worten gingen wir in das Speisezimmer.

Nach dem Essen wurde ich von Gustav in meine Wohnung geleitet, die
immer in reinlichem Stande gehalten wurde und die jetzt von einem
schwachen Feuer wohltätig erwärmt war. Mir tat eine Ruhe etwas not,
und die mäßige Wärme erquickte meine Glieder.

Im Laufe des Nachmittages sagte mein Gastfreund zu mir. »Es ist nie
ein so schöner Spätherbst gewesen als heuer, meine Witterungsbücher
weisen keinen solchen seit meinem Hiersein aus, und es sind alle
Anzeichen vorhanden, daß dieser Zustand noch mehrere Tage dauern wird.
Nirgends aber sind solche klare Spätherbsttage schöner als in unseren
nördlichen Hochlanden. Während nicht selten in der Tiefe Morgennebel
liegen, ja der Strom täglich in seinem Tale Morgens den Nebelstreifen
führt, schaut auf die Häupter des Hochlandes der wolkenlose Himmel
herab und geht über sie eine reine Sonne auf, die sie auch den ganzen
Tag hindurch nicht verläßt. Darum ist es auch in dieser Jahreszeit in
dem Hochlande verhältnismäßig warm, und während die rauhen Nebel in
der Tiefgegend schon die Blätter von den Obstbäumen gestreift haben,
prangt oben noch mancher Birkenwald, mancher Schlehenstrauch, manches
Buchengehege mit seinem goldenen und roten Schmucke. Nachmittags ist
dann gewöhnlich auch die Aussicht über das ganze Tiefland deutlicher
als je zu irgend einer Zeit im Sommer. Wir haben daher beschlossen,
heuer noch eine Reise in das Hochland zu machen, wie ich es in
früherer Zeit schon in manchen Jahren getan habe. Die Entfernungen
sind dort nicht so groß, und sollten sich die Vorboten melden, daß
das Wetter sich zur Änderung anschicken so können wir jederzeit den
Heimweg antreten und ohne viel Ungemach den Asperhof wieder erreichen.
Morgen wird Mathilde und Natalie eintreffen, sie fahren mit uns, auch
Eustach begleitet uns. Wolltet ihr nicht auch den Weg mit uns machen
und einige Tage der lieblichen Spätzeit mit uns genießen? Kömmt dann
Schnee oder Regen, wenn wir wieder in meinem Hause angelangt sind, so
werdet ihr wohl auf dem Postwagen eure Heimreise machen können und das
Wetter wird euch nicht viel anhaben.«

»Es kann mir nie viel anhaben«, entgegnete ich, »weil ich gegen seine
Einflüsse abgehärtet bin, auch könnte mir in dem Gefühle, welches ich
gegen euch habe, keine größere Annehmlichkeit begegnen, als einige
Zeit in eurer Gesellschaft zu reisen; aber zu Hause wissen sie nichts
davon und erwarten mich wahrscheinlich schon bald.«

»Ihr könntet sie ja in einem Briefe verständigen«, sagte er.

»Das kann ich tun«, erwiderte ich. »Wenn ich auch gleich nach
meiner Ankunft nach einer viele Monate dauernden Abwesenheit wieder
fortgereist bin, wenn sie mich auch schon in den nächsten Tagen
erwarten, so werden sie doch einsehen, daß ein längerer Aufenthalt in
der Gesellschaft eines Mannes, zu welchem ich in einer Angelegenheit
wie die zwischen uns vorgefallene gereist bin, nur in der Natur der
Sache gegründet ist. Sie würden es weit übler nehmen, wenn ich unter
den bestehenden Verhältnissen nach Hause käme, als wenn ich noch eine
Weile bei euch bleibe.«

»Ich habe euch meine Frage und mein Anerbieten gestellt«, antwortete
mein Gastfreund, »handelt nach eurem besten Ermessen. Was ihr tut,
wird wohl das Rechte sein.«

»Ich schreibe sogleich den Brief.«

»Gut, und ich werde ihn sofort auf die Post senden.«


Ich ging in meine Zimmer und schrieb einen Brief an den Vater. Es war
wohl das Rechte, was ich tat. Wie schwer würden es mir Vater, Mutter
und Schwester verziehen haben, wenn ich mich nicht mit Freude an einen
Mann zu einer kurzen Reise angeschlossen hätte, der so an unserm Hause
gehandelt hat.

Als ich mit dem Briefe fertig war, trug ich ihn hinab, und der Knecht,
der gewöhnlich zu allen Botengängen verwendet wurde, wartete schon auf
ihn, um nebst anderen Aufträgen ihn an den Ort zu bringen, in welchem
er auf die Post kommen sollte.


Am anderen Tage, schon im Verlaufe des Vormittages, kamen Mathilde und
Natalie. Es schien, daß allen die Ursache, weshalb ich, nachdem ich
schon Abschied genommen hatte, wieder in das Rosenhaus gekommen war,
Freude machte. Sie sahen mich freundlicher an. Selbst Natalie, die
mich so gemieden hatte, war anders. Ich glaubte einige Male, wenn ich
abgewendet war, ihren Blick auf mich gerichtet zu wissen, den sie aber
sogleich, wenn ich hinsah, weg wendete. Gustav schloß sich mit ganzem
Herzen an mich an und hatte darüber kein Hehl. Ich wußte schon, daß
er mir immer seine Neigung in großem Maße zugewendet habe, und ich
erwiderte sie aus dem Grunde meiner Seele.

Nachmittags wurden die Vorbereitungen zur Reise gemacht, und am
anderen Morgen noch vor Aufgang der Sonne fuhren wir ab. Mit Mathilde
fuhren Natalie und ein Dienstmädchen, mit meinem Gastfreunde fuhren
Eustach, Gustav und ich. Mit Roland sollten wir irgend wo im Lande
zusammen treffen, er sollte eine Strecke mit uns reisen, und für
diesen Fall war es dann bestimmt, daß Gustav in dem Wagen der Mutter
untergebracht werden mußte. Die eigentümliche Art des Hochlandes
erzeugte einen eigentümlichen Plan des Reisens. Wir hatten nehmlich
beschlossen, über manchen steilen und länger dauernden Berg hinan zu
gehen, ebenso über manchen hinab. Dies sollte die ganze Gesellschaft
zuweilen zusammen bringen, zuweilen trennen. Man konnte auf diese Art
Manches gemeinschaftlich genießen, Manches vereinzelt, sich aber in
Kürze davon Mitteilungen machen.

Ehe noch die Sonne den höchsten Punkt ihres Bogens erklommen hatte,
waren wir bereits die Dachung empor gekommen, welche das niedrere
Land von dem Hochlande trennt, und fuhren nun in das eigentliche Ziel
unserer Reise hinein.

Mein Gastfreund hatte Recht. In dem milden, sanften Schimmer der
Nachmittagsonne, die hier fast wärmer schien als in den Ebenen und
Tälern des Tieflandes, fuhren wir einem lieblichen Schauplatze
entgegen. Selbst untergeordnete Umstände vereinigten sich, die Reise
angenehm zu machen. Die sandigen Straßen des Oberlandes, welche auch
sehr gut gebaut waren, zeigten sich, ohne staubig zu sein, sehr
trocken, was von den Wegen in der Tiefe nicht gesagt werden konnte,
die teils durch die täglichen Morgennebel getränkt, teils ihres
schweren Bodens halber schon in langen Strecken feucht, kühl und
schmutzig waren. So rollten wir bequem dahin, alles war klar,
durchsichtig und ruhig. Nataliens gelber Reisestrohhut tauchte vor uns
auf oder verschwand, so wie ihr Wagen einen leichten Wall hinan ging
oder jenseits desselben hinab fuhr.

Die Sonne stand an dem wolkenlosen Himmel, aber schon tief gegen
Süden, gleichsam als wollte sie für dieses Jahr Abschied nehmen. Die
letzte Kraft ihrer Strahlen glänzte noch um manches Gestein und um
die bunten Farben des Gestrippes an dem Gesteine. Die Felder waren
abgeerntet und umgepflügt, sie lagen kahl den Hügeln und Hängen
entlang, nur die grünen Tafeln der Wintersaaten leuchteten hervor.
Die Haustiere, des Sommerzwanges entledigt, der sie auf einen kleinen
Weidefleck gebannt hatte, gingen auf den Wiesen, um das nachsprossende
Gras zu genießen, oder gar auf den Saatfeldern umher. Die Wäldchen,
die die unzähligen Hügel krönten, glänzten noch in dieser späten Zeit
des Jahres entweder goldgelb in dem unverlorenen Schmuck des Laubes
oder rötlich oder es zogen sich bunte Streifen durch das dunkle,
bergan klimmende Grün der Föhren empor. Und über allem dem war doch
ein blasser, sanfter Hauch, der es milderte und ihm einen lieben
Reiz gab. Besonders gegen die Talrinnen oder Tiefen zu war die blaue
Farbe zart und schön. Aus diesem Dufte heraus leuchteten hie und
da entfernte Kirchtürme oder schimmerten einzelne weiße Punkte von
Häusern. Das Tiefland war von den Morgennebeln befreit, es lag sammt
dem Hochgebirge, das es gegen Süden begrenzte, überall sichtbar da
und säumte weithinstreichend das abgeschlossene Hügelgelände, auf
dem wir fuhren, wie eine entfernte, duftige, schweigende Fabel. Von
Menschentreiben darin war kaum etwas zu sehen, nicht die Begrenzungen
der Felder, geschweige eine Wohnung, nur das blitzende Band des
Stromes war hie und da durch das Blau gezogen. Es war unsäglich, wie
mir alles gefiel, es gefiel mir bei weitem mehr als früher, da ich
das erste Mal dieses Land mit meinem Gastfreunde genauer besah.
Ich tauchte meine ganze Seele in den holden Spätduft, der alles
umschleierte, ich senkte sie in die tiefen Einschnitte, an denen
wir gelegentlich hin fuhren, und übergab sie mit tiefem, innerem
Abschlusse der Ruhe und Stille, die um uns wartete.

Als wir einmal einen langen Berg empor klommen, dessen Weg einerseits
an kleinen Felsstücken, Gestrippe und Wiesen dahinging, andererseits
aber den Blick in eine Schlucht und jenseits derselben auf Berge,
Wiesen, Felder und entfernte Waldbänder gewährte, als die Wägen voran
gingen und die ganze Gesellschaft langsam folgte, vielfach stehen
bleibend und sich besprechend, geriet ich neben Natalien, die mich,
nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, fragte, ob ich noch das
Spanische betreibe.

Ich antwortete ihr, daß ich es erst seit Kurzem zu lernen begonnen
habe, daß ich aber seit der Zeit immer darin fortgefahren sei und daß
ich zuletzt mich an Calderon gewagt habe.

Sie sagte, von ihrer Mutter sei ihr das Spanische empfohlen worden.
Es gefalle ihr, sie werde nicht davon ablassen, so weit nehmlich ihre
Kräfte darin ausreichen, und sie finde in dem Inhalte der spanischen
Schriften, besonders in der Einsamkeit der Romanzen, in den Pfaden der
Maultiertreiber und in den Schluchten und Bergen eine Ähnlichkeit mit
dem Lande, in dem wir reisen. Darum gefalle ihr das Spanische, weil
ihr dieses Land hier so gefalle. Sie würde am liebsten, wenn es auf
sie ankäme, in diesen Bergen wohnen.

»Mir gefällt auch dieses Land«, erwiderte ich, »es gefällt mir mehr,
als ich je gedacht hätte. Da ich zum ersten Male hier war, übte es auf
mich schier keinen Reiz aus, ja mit seinem raschen Wechsel und doch
mit der großen Ähnlichkeit aller Gründe stieß es mich eher ab, als
es mich anzog. Da ich mit unserem Gastfreunde später einmal einen
größeren Teil bereiste, war es ganz anders, ich fand mich zu dieser
Weitsicht und Beschränktheit, zu dieser Enge und Großartigkeit, zu
dieser Einfachheit und Mannigfaltigkeit hingeneigt. Ich fühlte mich
bewegt, obwohl ich an ganz andere Gestalten gewohnt war und sie
liebte, nehmlich an die des Hochgebirges. Heute aber gefällt mir
alles, was uns umgibt, es gefällt mir so, daß ich es kaum zu sagen im
Stande bin.«

»Seht, das geht immer so«, erwiderte sie. »Als ich mit meinem Vater
zum ersten Male hier war, freilich befand ich mich noch in den
Kinderjahren, war mir das unaufhörliche Auf- und Abfahren so
unangenehm, daß ich mich auf das Äußerste wieder in unsere Stadt und
in deren Ebenen zurück sehnte. Nach langer Zeit fuhr ich mit der
Mutter durch diese Gegenden und später wiederholt in derselben
Gesellschaft wie heute, außer euch, und jedes Mal wurde mir das Land
und seine Gestaltungen, ja selbst seine Bewohner lieber. Auch das ist
eigentümlich und angenehm, daß man Wagenreisen und Fußreisen verbinden
kann. Wenn man, wie wir jetzt tun, die Wägen verläßt und einen langen
Berg hinan geht oder ihn hinab geht, wird einem das Land bekannter,
als wenn man immer in dem Wagen bleibt. Es tritt näher an uns. Die
Gesträuche an dem Wege, die Steinmauern, die sie hier so gerne um die
Felder legen, ein Birkenwäldchen mit den kleinsten Dingen, die unter
seinen Stämmen wachsen, die Wiesen, die sich in eine Schlucht hinab
ziehen, und die Baumwipfel, welche aus der Schlucht herauf sehen, hat
man unmittelbar vor Augen. In Ebenen eilt man schnell vorbei. Hier ist
gerade so eine Schlucht, wie ich sprach.«

Wir blieben ein Weilchen stehen und sahen in die Schlucht hinab. Beide
sprachen wir gar nichts. Endlich fragte ich sie, woher sie denn wisse,
daß ich die spanische Sprache lerne.

»Unser Gastfreund hat es uns gesagt«, erwiderte sie, »er hat uns auch
gesagt, daß ihr Calderon leset.«

Nach diesen Worten gingen wir weiter. Die andere Gesellschaft, welche
vor uns gewesen war, blieb im Gespräche stehen, und wir erreichten
sie. Die Gespräche wurden allgemeiner und betrafen meistens die
Gegenstände, welche man eben, entweder in nächster Nähe oder in großer
Entfernung, sah.

Weil nach Untergang der Sonne gleich große Kühle eintrat und unsere
Reise nicht den Zweck hatte, große Strecken zurück zu legen, sondern
das zu genießen, was die Zeit und der Weg boten, so wurde, als
die Sonne hinter den Waldsäumen hinab sank, Halt gemacht und die
Nachtherberge bezogen. Die Einteilung war schon so gemacht worden, daß
wir zu dieser Zeit in einem größeren Orte eintrafen. Wir gingen noch
ins Freie. Wie schnell war in Kurzem der Schauplatz geändert! Die
belebende und färbende Sonne war verschwunden, alles stand einfarbiger
da, die Kühle der Luft ließ sich empfinden, in der Tiefe der
Wiesengründe zogen sich sehr bald Nebelfäden hin, das ferne
Hochgebirge stand scharf in der klaren Luft, während das Tiefland
verschwamm und Schleier wurde. Der Westhimmel war über den dunkeln
Wäldern hellgelb, manche Rauchsäule stieg aus einer Wohnung gegen
ihn auf, und bald auch glänzte hie und da ein Stern, die feine
Mondessichel wurde über den Zacken des westlichen Waldes sichtbar, um
in sie zu sinken.

Wir gingen nun in ein Zimmer, das für uns geheizt worden war,
verzehrten dort unser Abendessen, blieben noch eine Zeit in Gesprächen
sitzen und begaben uns dann in unsere Schlafgemächer.

Am andere Tage war ein klarer Reif über Wiesen und Felder. Die
Nebelfäden unserer Umgebung waren verschwunden, alles lag scharf
und funkelnd da, nur das Tiefland war ein einziger wogender Nebel,
jenseits dessen das Hochgebirge deutlich mit seinen frischen und
sonnigen Schneefeldern dastand.

Kurz nach Aufgang der Sonne fuhren wir fort, und bald waren ihre
milden Strahlen zu spüren. Wir empfanden sie, der Reif schmolz weg und
in Kurzem zeigte sich uns die Gegend wieder wie gestern.

Wir besuchten eine Kirche, in welcher mein Gastfreund Ausbesserungen
an alten Schnitzereien machen ließ. Es war aber gerade jetzt nicht
viel zu sehen. Ein Teil der Gegenstände war in das Rosenhaus
abgegangen, ein anderer war abgebrochen und lag zum Einpacken bereit.
Die Kirche war klein und sehr alt. Sie war in den ersten Anfängen
der gothischen Kunst gebaut. Ihre Abbildung befand sich unter den
Bauzeichnungen Eustachs. Als wir alles besehen hatten, fuhren wir
wieder weiter.

Nachmittags gesellte sich Roland zu uns. Er hatte uns in einem
Gasthause erwartet, in welchem unsere Pferde Futter bekamen.

Ich konnte, da wir uns eine Weile in dem Hause aufhielten, und später
bei einer andern Gelegenheit, da wir eine Strecke zu Fuß gingen,
wieder bemerken, daß seine Blicke zuweilen auf Natalien hafteten.

Er hatte Zeichnungen in einem Buche, das er bei sich trug, und er
hatte Bemerkungen und Vorschläge in sein Gedenkbuch geschrieben. Er
teilte von beiden Einiges mit, soweit es die Reise gestattete, und
versprach, Abends, wenn wir in der Herberge angelangt sein würden,
noch Mehreres vorzulegen.

Am nächsten Tage Nachmittags kamen wir nach Kerberg und besahen die
Kirche und den schönen geschnitzten Hochaltar. Mir gefiel er jetzt
viel besser, als da ich ihn in Gesellschaft meines Gastfreundes und
Eustachs zum ersten Male gesehen hatte. Ich begriff nicht, wie ich
damals mit so wenig Anteil vor diesem außerordentlichen Werke hatte
stehen können; denn außerordentlich erschien es mir trotz seiner
Fehler, die, wie ich wohl sah, in jedem Werke altdeutscher Kunst zu
finden sein würden, die ich aber in dem Bildnerwerke, das auf der
Treppe meines Freundes stand, nicht fand. Wir blieben lange in der
Kirche, und ich wäre gerne noch länger geblieben. Vor der Ruhe,
dem Ernste, der Würde und der Kindlichkeit dieses Werkes kam eine
Ehrfurcht, ja fast ein Schauer in mein Herz, und die Einfachheit der
Anlage bei dem großen Reichtume des Einzelnen beruhigte das Auge und
das Gemüt. Wir sprachen über das Werk, und aus dem Gespräche erkannte
ich jetzt recht deutlich, daß früher auch vor diesem Werke die zwei
Männer auf meine Unkenntnis Rücksicht genommen hatten, und ich dankte
es ihnen in meinem Herzen. Ich nahm mir vor, einmal von dieser
Schnitzarbeit ein genaues Abbild zu machen und es meinem Vater zu
bringen.

Ich äußerte mich, wie schön, wie groß einmal die Kunst gewirkt habe
und wie dies jetzt anders geworden scheine.

»Es sind in der Kunst viele Anfänge gemacht worden«, sagte mein
Gastfreund. »Wenn man die Werke betrachtet, die uns aus sehr alten
Zeiten überliefert worden sind, aus den Zeiten der ägyptischen
Reiche, des assyrischen, medischen, persischen, der Reiche Indiens,
Kleinasiens, Griechenlands, Roms - Vieles wird noch erst in unsern
Zeiten aus der Erde zu Tage gefördert, Vieles harrt noch der
zukünftigen Enthüllung, wer weiß, ob nicht sogar auch Amerika
Schätzenswertes verbirgt -, wenn man diese Werke betrachtet und wenn
man die besten Schriften liest, die über die Entwicklung der Kunst
geschrieben worden sind: so sieht man, daß die Menschen in der
Erschaffung einer Schöpfung, die der des göttlichen Schöpfers ähnlich
sein soll - und das ist ja die Kunst, sie nimmt Teile, größere oder
kleinere, der Schöpfung und ahmt sie nach -, immer in Anfängen
geblieben sind, sie sind gewissermaßen Kinder, die nachäffen. Wer hat
noch erst nur einen Grashalm so treu gemacht, wie sie auf der Wiese
zu Millionen wachsen, wer hat einen Stein, eine Wolke, ein Wasser,
ein Gebirge, die gelenkige Schönheit der Tiere, die Pracht der
menschlichen Glieder nachgebildet, daß sie nicht hinter den Urbildern
wie schattenhafte Wesen stehen, und wer hat erst die Unendlichkeit des
Geistes darzustellen gewußt, die schon in der Endlichkeit einzelner
Dinge liegt, in einem Sturme, im Gewitter, in der Fruchtbarkeit der
Erde mit ihren Winden, Wolkenzügen, in dem Erdballe selber und dann in
der Unendlichkeit des Alls? Oder wer hat nur diesen Geist zu fassen
gewußt? Einige Völker sind sinniger und inniger geworden, andere haben
ins Größere und Weitere gearbeitet, wieder andere haben den Umriß mit
keuscher und reiner Seele aufgenommen und andere sind schlicht und
einfältig gewesen. Nicht ein Einzelnes von diesen ist die Kunst, alles
zusammen ist die Kunst, was da gewesen ist und was noch kommen wird.
Wir gleichen den Kindern auch darin, daß, wenn sie ein Haus, eine
Kirche, einen Berg aus Erde nur entfernt ähnlich ausgeführt haben,
sie eine größere Freude darüber empfinden, als wenn sie das um
Unvergleichliches schönere Haus, die schönere Kirche oder den
schöneren Berg selbst ansehen. Wir haben ein innigeres und süßeres
Gefühl in unserem Wesen, wenn wir eine durch Kunst gebildete
Landschaft, Blumen oder einen Menschen sehen, als wenn diese
Gegenstände in Wirklichkeit vor uns sind. Was die Kinder bewundern,
ist der Geist eines Kindes, der doch so viel in der Nachahmung
hervorgebracht hat, und was wir in der Kunst bewundern, ist, daß der
Geist eines Menschen, uns gleichsam sinnlich greifbar, ein Gegenstand
unserer Liebe und Verehrung, wenn auch fehlerhaft, doch dem etwas
nachgeschaffen hat, den wir in unserer Vernunft zu fassen streben, den
wir nicht in den beschränkten Kreis unserer Liebe ziehen können und
vor dem die Schauer der Anbetung und Demütigung in Anbetracht seiner
Majestät immer größer werden, je näher wir ihn erkennen. Darum ist die
Kunst ein Zweig der Religion, und darum hat sie ihre schönsten Tage
bei allen Völkern im Dienste der Religion zugebracht. Wie weit sie
es in dem Nachschaffen bringen kann, vermag niemand zu wissen. Wenn
schöne Anfänge da gewesen sind, wie zum Beispiele im Griechentume,
wenn sie wieder zurück gesunken sind, so kann man nicht sagen, die
Kunst sei zu Grunde gegangen; andere Anfänge werden wieder kommen, sie
werden ganz Anderes bilden, wenn ihnen gleich allen das Nehmliche zu
Grunde liegt und liegen wird, das Göttliche; und niemand kann sagen,
was in zehntausend, in hunderttausend Jahren, in Millionen von Jahren
oder in Hunderten von Billionen von Jahren sein wird, da niemand den
Plan des Schöpfers mit dem menschlichen Geschlechte auf der Erde
kennt. Darum ist auch in der Kunst nichts ganz unschön, so lange es
noch ein Kunstwerk ist, das heißt, so lange es das Göttliche nicht
verneint, sondern es auszudrücken strebt, und darum ist auch nichts in
ihr ohne Möglichkeit der Übertreffung schön, weil es dann schon das
Göttliche selber wäre, nicht ein Versuch des menschlichen Ausdruckes
desselben. Aus dem nehmlichen Grunde sind nicht alle Werke aus den
schönsten Zeiten gleich schön und nicht alle aus den verkommensten
oder rohesten gleich häßlich. Was wäre denn die Kunst, wenn die
Erhebung zu dem Göttlichen so leicht wäre, wie groß oder klein auch
die Stufe der Erhebung sei, daß sie Vielen, ohne innere Größe und
ohne Sammlung dieser Größe bis zum sichtlichen Zeichen, gelänge? Das
Göttliche mußte nicht so groß sein, und die Kunst würde uns nicht so
entzücken. Darum ist auch die Kunst so groß, weil es noch unzählige
Erhebungen zum Göttlichen gibt, ohne daß sie den Kunstausdruck finden,
Ergebung, Pflichttreue, das Gebet, Reinheit des Wandels, woran wir uns
auch erfreuen, ja woran die Freude den höchsten Gipfel erreichen kann,
ohne daß sie doch Kunstgefühl wird. Sie kann etwas Höheres sein, sie
wird als Höchstes dem Unendlichen gegenüber sogar Anbetung und ist
daher ernster und strenger als das Kunstgefühl, hat aber nicht das
Holde des Reizes desselben. Daher ist die Kunst nur möglich in einer
gewissen Beschränkung, in der die Annäherung zu dem Göttlichen von dem
Banne der Sinne umringt ist und gerade ihren Ausdruck in den Sinnen
findet. Darum hat nur der Mensch allein die Kunst, und wird sie haben,
so lange er ist, wie sehr die Äußerungen derselben auch wechseln
mögen. Es wäre des höchsten Wunsches würdig, wenn nach Abschluß
des Menschlichen ein Geist die gesammte Kunst des menschlichen
Geschlechtes von ihrem Entstehen bis zu ihrem Vergehen zusammenfassen
und überschauen dürfte.«

Mathilde antwortete hierauf mit Lächeln: »Das wäre ja im Großen, was
du jetzt im Kleinen tust, und es dürfte hiezu eine ewige Zeit und ein
unendlicher Raum nötig sein.«

»Wer weiß, wie es mit diesen Dingen ist«, erwiderte mein Gastfreund,
»und es wird hier wie überall gut sein: Ergebung, Vertrauen, Warten.«


Eustach öffnete die Mappe, in welcher er die Zeichnung des Altares und
die Zeichnungen von Teilen der Kirche, von der Kirche selber und von
Gegenständen hatte, die sich in der Kirche befanden.

Wir verglichen die Zeichnung mit dem Altare, es wurde Manches bemerkt,
Manches gelobt, Manches zur Verbesserung der Zeichnung vorgeschlagen.

Wir betrachteten auch die Kirche, wir betrachteten Teile derselben,
wir besahen Grabmäler und unter ihnen auch den großen roten Stein, auf
welchem der Mann mit der hohen, schönen Stirne abgebildet ist, der die
Kirche und den Altar gegründet hatte.

Wie blieben an diesem Tage in Kerberg. Wir stiegen auf den Berg, auf
welchem das alte Schloß lag, und sahen das Schloß und den in dem
tiefsten herbstlichen Zustande stehenden Garten an. Wir gingen auf den
Stellen, auf welchen die alten mächtigen und reichen Leute gegangen
waren, die einst hier gewohnt hatten, und auch der Mann, als dessen
Tat die Kirche in dem Tale steht.

»Was alle diese Menschen getan haben«, sagte mein Gastfreund, »wäre
zum Teile in den Papieren und Pergamenten enthalten, die in den
Schlössern und Häusern dieses Landes und mitunter auch in entfernten
Städten liegen. Einige wissen einen Teil dieser Taten, die meisten
sind damit völlig unbekannt, und diejenigen, welche auf den Spuren
herum gehen, die ihre Vorfahren getreten haben, wissen oft nicht, wer
diese gewesen sind. Es wäre nicht unziemlich, wenn durch Öffnung der
Briefgewölbe in allen Ländern auch Einzelgeschichten von Familien und
Gegenden verfaßt würden, die unser Herz oft näher berühren und uns
greiflicher sind als die großen Geschichten der großen Reiche. Man
betritt wohl diesen Weg, aber vielleicht nicht ausreichend und nicht
in der rechten Art.«

Von Kerberg aus wendeten wir uns am folgenden Tage den höher gelegenen
Teilen des Landes zu, das dichter und ausgebreiteter bewaldet war
als die bisher befahrenen Gegenden und von dem uns durch das Dämmer
des Vormittages die breiten und weithinziehenden Bergesrücken mit
Nadeldunkel und Buchenrot entgegen sahen.

Mein Gastfreund hatte Recht gehabt. Ein Tag wurde immer schöner als
der andere. Nicht der geringste Nebel war auf der Erde, auf welcher
wir reiseten, nicht das geringste Wölkchen am Himmel, der sich über
uns spannte. Die Sonne begleitete uns freundlich an jedem Tage,
und wenn sie schied, schien sie zu versprechen, morgen wieder so
freundlich zu erscheinen.

Roland blieb drei Tage bei uns, dann verließ er uns, nachdem er vorher
noch Zeichnungen und andere Papiere in den Wagen meines Gastfreundes
gepackt hatte. Er wollte noch bis zum Eintritte des schlechten Wetters
in dem Lande bleiben und dann in das Rosenhaus zurückkehren.

Alles war recht lieb und freundlich auf dieser Reise, die Gespräche
waren traulich und angenehm, und jedes Ding, eine kleine alte Kirche,
in der einst Gläubige gebetet, eine Mauertrümmer auf einem Berge, wo
einst mächtige und gebietende Menschen gehaust hatten, ein Baum auf
einer Anhöhe, der allein stand, ein Häuschen an dem Wege, auf das die
Sonne schien, alles gewann einen eigentümlichen sanften Reiz und eine
Bedeutung.

Am achten Tage wandten wir unsere Wägen wieder gegen Süden, und am
neunten Abend trafen wir in dem Asperhofe ein.

Ehe ich mich zu meiner Heimreise rüstete, sah ich noch einmal
Manches der herrlichen Bilder meines Gastfreundes, drückte manches
Außerordentliche der Bücher in meine Seele, sah die geliebten
Angesichter der Menschen, die mich umgaben, und sah manchen Blick der
Landschaft, die sich zu tiefem Ersterben rüstete.

Mein Herz war gehoben und geschwellt, und es war, als breitete sich
in meinem Geiste die Frage aus, ob nun ein solches Vorgehen, ob
die Kunst, die Dichtung, die Wissenschaft das Leben umschreibe und
vollende, oder ob es noch ein Ferneres gäbe, das es umschließe und es
mit weit größerem Glück erfülle.



Der Einblick

Ich fuhr bei sehr schlechtem Wetter, welches mit Wind, Regen und
Schnee nach den hellen und sonnigen Tagen, die wir in dem Hochlande
zugebracht hatten, gefolgt war, von dem Rosenhause ab. Die Pferde
meines Gastfreundes brachten mich auf die erste Post, wo schon ein
Platz für mich in dem in der Richtung nach meiner Heimat gehenden
Postwagen bestellt war. Mathilde und Natalie waren zwei Tage vor mir
abgereist, da sich schon die Zeichen an dem Himmel zeigten, daß die
milden Tage für dieses Jahr zu Ende gehen würden. Roland war von
seiner Wanderung in dem Asperhofe eingetroffen. Alles hatte auf
stürmische Änderung in dem Luftraume hingedeutet. Ich weiß nicht,
warum ich so lange geblieben war. Es erschien mir auch einerlei, ob
das Wetter übel sei oder nicht. Ich war von meinen Wanderungen her
an jedes Wetter gewohnt, um so mehr konnte mir dasselbe gleichgültig
sein, wenn ich in einem vollkommen geschützten Wagen saß und auf einer
wohlgebauten Hauptstraße dahin rollte.

Am dritten Tage Mittags nach meiner Abreise von dem Rosenhause traf
ich bei den Meinigen ein. Die zweite Ankunft in diesem Jahre.

Sie hatten aus meinem Briefe die Verspätung meiner Ankunft entnommen,
den Grund vollständig gebilligt und wären, wie ich ganz richtig
vorausgesehen hatte, unwillig auf mich geworden, wenn ich anders
gehandelt hätte. Ich erzählte nun alles, was sich nach meiner
schnellen Abreise von Hause begeben hatte. Da bei meiner ersten
Ankunft gleich die eine Ursache zur Wiederabreise vorgekommen war,
so konnte ich auch jetzt erst nach und nach erzählen, was sich im
vergangenen Sommer mit mir zugetragen habe. Der Vater kam sehr
häufig auf die Zeichnungen zurück, die ihm mein Gastfreund gesendet
hatte, und aus seinen Reden war zu entnehmen, wie sehr er die
Geschicklichkeit des Mannes anerkannte, der die Zeichnungen gemacht
hatte, und wie hoch in seiner Achtung der stehe, auf dessen
Veranlassung sie entstanden waren. Er führte mich neuerdings zu dem
Musikgerättische, zeigte mir noch einmal, warum er ihn gerade an
diesen Platz gestellt habe, und fragte mich wieder, ob ich mit der
Wahl des Ortes einverstanden sei. Mich wunderte Anfangs die Frage, da
er sonst nicht gewohnt war, mich in solchen Dingen zu Rate zu ziehen.
Nach meiner Ansicht war der Tisch in dem Altertumszimmer an dem
Fensterpfeiler in passender Umgebung sehr gut gestellt und zeigte
seine Eigenschaften in dem besten Lichte. Ich wiederholte daher meine
vollkommene Billigung des Platzes, die ich schon vor meiner Abreise
ausgesprochen hatte. Später aber sah ich wohl recht deutlich, daß es
nur die Freude an diesem Stücke war, was den Vater zur Wiederholung
der Frage über die Zweckmäßigkeit des Platzes und zum wiederholten
Zurückkommen zu dem Tische veranlaßt hatte. Das freudige Wesen,
welches ich bei meiner ersten Ankunft in seiner ganzen Gestalt
ausgedrückt gesehen zu haben glaubte, erschien mir jetzt auch noch
über ihn verbreitet. Selbst die Mutter und die Schwester schienen mir
vergnügter zu sein als in andern Zeiten - ja mir war es, als liebten
mich alle mehr als sonst, so gut, so freundlich, so hingebend waren
sie. Wie sehr dieses Gefühl, von den Seinen geliebt zu sein, das Herz
beseligt, ist mit Worten nicht auszusprechen.

Ich erzählte meinem Vater von dem Marmorbilde, welches auf der Treppe
im Hause meines Gastfreundes steht, und suchte ihm eine Beschreibung
von diesem Kunstwerke zu machen. Er sah mich sehr aufmerksam an, ja
mir war es einige Male, als sähe er mich gewissermaßen betroffen
an. Er fragte um Manches und veranlaßte mich neuerdings von dem
Bilderwerke zu sprechen. Es schien ihn sehr angelegentlich zu
berühren.

Ich erzählte ihm dann auch von der Brunnengestalt in dem Sternenhofe,
verglich sie mit der Treppengestalt im Rosenhause, suchte den
Unterschied hervorzuheben, und suchte für die Treppengestalt weit den
Vorzug zu gewinnen, obgleich sie der älteren Zeit angehöre und die
andere etwa erst im vergangenen Jahrhunderte verfertigt worden sei,
und obgleich diese fast blendend reinen Marmor habe, die andere aber
einen, dem man das hohe Alter schon ansehe. Er fragte auch hier noch
um Vergleichungspunkte, und ich sah, daß er die Sache ergriff und
Einsicht von ihr hatte. Ich erzählte ihm dann auch von den Gemälden
meines Gastfreundes, ich nannte ihm die Meister, von denen Werke
vorhanden wären, und bemühte mich, Beschreibungen von den Bildern zu
geben, welche mich am meisten in Anspruch genommen hätten. Er tat auch
in dieser Hinsicht zahlreiche Fragen und machte, daß ich mich über
den Gegenstand weiter ausbreitete, als ich wohl ursprünglich im Sinne
hatte.

Am zweiten Tage nach meiner Ankunft, da wir wieder von diesen Dingen
gesprochen hatten, nahm er mich bei der Hand und führte mich in
sein Bilderzimmer. Ich war absichtlich seit meiner Ankunft nicht in
demselben gewesen und hatte mir dessen Besuch auf eine ruhigere Zeit
aufgehoben. Ich hatte die zwei Tage in Gesprächen mit meinen Eltern
hingebracht, zum Teile hatte ich sie auch benützt, die Dinge, welche
ich ihnen und der Schwester gebracht hatte, zu übergeben. Darunter
waren auch die kleineren Marmorgegenstände, welche im Rothmoore fertig
geworden waren. Der Rest der Zeit war mit Auspacken, Einräumen und
mit einigen Ankunftsbesuchen ausgefüllt worden. Da wir in das Zimmer
getreten waren und die Mitte desselben erreicht hatten, ließ er meine
Hand fahren, sagte aber nichts. Ich war im größten Erstaunen. Die
Bilder, welche vorhanden waren und deren Zahl geringe war, weit
geringer als bei meinem Gastfreunde, ja selbst im Sternenhofe,
erschienen mir als außerordentlich schön, als ganz vollendete,
zusammenstimmende Meisterwerke, wie sie, wenn ich dem ersten Eindrucke
trauen durfte, bei meinem Gastfreunde in dieser gleich hohen und
zusammengehörigen Schönheit nicht vorhanden waren. Es befand sich, wie
ich bald entdeckte, kein Bild der neueren oder neusten Zeit darunter,
sämmtlich gehörten sie der älteren Zeit an, wenigstens, wie ich
wahrzunehmen glaubte, dem sechzehnten Jahrhunderte. Ein ganz tiefes,
eigentümliches Gefühl kam in meine Seele. Das ist die große und nicht
zu beschreibende Liebe des Vaters. Diese kostbaren Dinge besaß er, an
diesen Dingen hing sein Herz, sein Sohn war vorüber gegangen, ohne sie
zu beachten, und der Vater entzog dem Sohne doch kein Teilchen der
Zuneigung, er opferte sich ihm, er opferte ihm fast sein Leben, er
sorgte für ihn und suchte ihm nicht einmal zu beweisen, wie schön die
Sachen wären. Ich erfuhr, wie sehr ich auch hier geschont worden war.

»Das sind ja herrliche Bilder«, rief ich in Rührung aus.

»Ich glaube, daß sie nicht unbedeutend sind«, erwiderte er mit einer
durch Bewegung ergriffenen Stimme.

Dann gingen wir näher, um sie zu betrachten. Es waren in der Tat
lauter alte Gemälde, keines von besonders großen Abmessungen, keines
von kunstwidriger Kleinheit. Ich tat die Bemerkung, daß er keine neuen
Bilder habe.

»Es hat sich so gefügt«, sagte er, »ich habe schon einige der hier
befindlichen Stücke von deinem Großvater, der auch ein Freund von
solchen Dingen war, geerbt, und anderes habe ich gelegentlich
erworben.

Die mittelalterliche Kunst steht wohl höher als die neue. In ihr ist
ein größerer Reichtum schöner Werke vorhanden als in der neuen, es ist
daher leichter möglich, ein fehlerfreies altes Bild zu erwerben als
ein neues. Wer Bilder unserer Zeiten liebt, gibt solche, die an
Schönheit keinen Tadel verdienen, nicht zum Kaufe, sie sind daher
nicht leicht zu erhalten. Bilder, die von Anfängern oder von solchen
herrühren, die schwach in der Kunst sind, stehen leicht und an vielen
Orten, teils von den Künstlern, teils von Händlern, wie es auch in
früheren Zeiten gewesen sein wird, zum Kaufen. Zu diesen konnte ich
nie eine Neigung fassen, daher ist es gekommen, daß ich lauter alte
Bilder besitze. Es war ein kräftiges und gewaltiges Geschlecht, das
damals wirkte. Dann kam eine schwächliche und entartetere Zeit.
Sie meinte es besser zu machen, wenn sie die Gestalten reicher und
verblasener bildete, wenn sie heftiger in der Farbe und weniger tief
im Schatten würde. Sie lernte das Alte nach und nach mißachten, daher
ließ sie dasselbe verfallen, ja die mit der Unkenntnis eintretende
Rohheit zerstörte Manches, besonders wenn wilde und verworrene
Zeitläufe eintraten. Man wendete dann wieder um und achtete
allgemeiner wieder das Alte - von allen Seiten mißachtet war es
niemals. - Man suchte sogar nachzuahmen, nicht bloß in der Malerkunst,
sondern auch, und zwar noch mehr in der Baukunst; man konnte aber das
Vorbild weder in der Grundeinheit noch in der Ausführung erreichen, so
gut und treu die neuen Einzelnheiten auch gewesen sein mochten. Es ist
langsam besser geworden, was sich eben in dem Zeichen kund tat, daß
man alte Bauwerke wieder schätzte - ich selber weiß noch eine Zeit,
in welcher Reisende und Schriftsteller, die man für gelehrt und
spruchberechtigt achtete, die gothische Bauweise für barbarisch und
veraltet erklärten -, daß man alte Bilder hervor zog, ja alte Geräte
sammelte und in dem Schnitte der Kleider alte Gebilde und Wendungen
teilweise einführte. Möge man auf diesem Wege zum Besseren fortfahren
und nicht bloß das Alte wieder zu einer Mode machen, die den Geist
nicht kennt, sondern nur die Veränderung liebt. Du kannst es noch
erleben, wenn wieder eine Höhe eintritt; denn ein Schwellen von Tiefe
in Höhe und ein Sinken aus der Höhe in die Tiefe war immer vorhanden.
Wenn die Erkenntnis des Altertums, nicht bloß des unsern, sondern
des noch schönern des Griechentums, wie es sich jetzt auszusprechen
scheint, immer fortschreitet und nicht ermattet, so werden wir auch
dahin kommen, daß wir eigene Werke werden ersinnen können, in denen
die ernste Schönheitsmuse steht, nicht Leidenschaft oder Absicht oder
ein äußerlicher Reiz oder ledigliche planlose Heftigkeit, Werke, die
nicht nachgeahmt sind oder in denen nur ein älterer Stil ausgedrückt
ist. Wenn wir dahin gekommen sind, dann dürften wir wohl auch
gesellschaftlich auf einer Stufe stehen, daß nicht bloß Teile unseres
Volkes nach Außen mächtig sind, sondern das ganze Volk, und daß es
dann mit seinem Leben gelassen kräftig auf das Leben anderer Völker
wirkt. Ich denke immer, die sind glücklich, die die Lerchen dieses
Frühlings singen hören; aber diese werden den Zustand nicht so
empfinden wie der, der andere gesehen hat, so wie der Unschuldige
seine Unschuld nicht empfindet, der rechtliche Mann seine
Rechtschaffenheit nicht hoch anschlägt und verdorbene Zeiten ihre
Verdorbenheit nicht kennen.«

Ich dachte, da mein Vater so sprach, an meinen Gastfreund, der ähnlich
fühlt und sich ähnlich ausspricht. Aber es ist ja kein Wunder, daß
Männer, die ein ähnliches Streben haben, also auch ähnlichen Geist
besitzen, auf ähnliche Gedanken kommen, besonders, wenn sie an Alter
nicht zu verschieden sind.

Wie betrachteten nun das Einzelne.

Mein Vater hatte Bilder von Tizian, Guido Reni, Paul Veronese,
Annibale Carracci, Dominichino, Salvator Rosa, Nikolaus Poussin,
Claude Lorrain, Albrecht Dürer, den beiden Holbein, Lucas Cranach, Van
Dyck, Rembrandt, Ostade, Potter, van der Neer, Wouvermann und Jakob
Ruisdael. Wir gingen von dem einen zu dem andern, betrachteten ein
jedes, taten manches Bild auf die Staffelei und redeten über ein
jedes. Mein Herz war voll Freude. Es erschien mir jetzt immer
deutlicher, was ich beim ersten Anblicke nur vermutet hatte, daß die
Bilder in dem Gemäldezimmer meines Vaters lauter vorzügliche seien,
und daß sie noch dazu an Wert so sehr zusammen stimmten, daß das Ganze
eben den Eindruck eines Außerordentlichen machte. Ich hatte schon so
viel Urteil gewonnen, daß ich dachte, nicht gar zu weit mehr in die
Irre geraten zu können. Ich äußerte mich in dieser Beziehung gegen
meinen Vater, und er versicherte in der Tat, daß er glaube, daß er
nicht nur gute Meister besitze, sondern auch von diesen Meistern
nach seiner Erfahrung, die er sich in vielen Jahren, in vielen
Gemäldesammlungen und im Lesen vieler Werke über Kunst erworben habe,
bessere von ihren Arbeiten. Ich gab mich den Bildern immer inniger
hin und konnte mich von manchem kaum trennen. Das Köpfchen von einem
jungen Mädchen, das ich mir einmal zu einem Zeichnungsmuster genommen
hatte, stammte von Hans Holbein dem Jüngern her. Es war so zart, so
lieb, daß es jetzt auch wieder einen Zauber auf mich ausübte, wie es
wohl auch damals ausgeübt haben mußte; denn sonst hätte ich es ja
nicht zum Vorbilde genommen. Kaum waren hier Mittel zu entdecken, mit
denen der Künstler gewirkt hatte. Eine so einfache, so natürliche
Färbung mit wenig Glanz und Vortreten der Farben, so gering scheinende
harmlose Linien und doch eine solche Lieblichkeit, Reinheit,
Bescheidenheit, daß man kaum weggehen konnte. Die blonden Haare, die
sich von der Stirn gegen hinten zogen, waren fast mit keinem Aufwande
gemacht, und doch konnte es kaum etwas Schöneres geben als diese
blonden Locken. Der Vater erlaubte, daß ich mir das Bild zweimal auf
die Staffelei stellen durfte.

Als wir mit dem Anschauen der Bilder fertig waren, zog der Vater eine
flache Lade aus einem Kasten in dem Altertumszimmer, stellte die Lade
auf einen Tisch in der Nähe des Fensters und lud mich ein, hinzu zu
gehen und seine geschnittenen Steine anzusehen.

Ich tat es.

Hier war meine Verwunderung fast noch größer als bei den Bildern. Ich
fand auf den Steinen die Gestalten wieder, wie die eine war, welche
auf der Treppe des Hauses meines Gastfreundes stand.

»Das sind lauter antike Bildungen«, sagte mein Vater.

Es waren verschiedene Steine von verschiedenem Werte und verschiedener
Größe. Edelsteine, die durch ihren Stoff einen hohen Wort nach unsern
heutigen Begriffen haben, wie Saphire, Rubine, waren nicht dabei;
doch aber mindere, die wohl als Schmuck getragen werden können, und,
wie ich mich jetzt deutlich erinnerte, von unserer Mutter auch bei
Gelegenheiten getragen wurden. Es war ein Onyx da, auf welchem eine
Gruppe in der gewöhnlichen halb erhabenen Arbeit geschnitten war.
Ein Mann saß in einem altertümlichen Stuhle. Er hatte nur geringe
Bekleidung. Seine Arme ruhten sehr schlicht an seiner Seite und sein
feines Angesicht war nur ein wenig gehoben. Er war noch ein sehr
junger Mann. Frauen, Mädchen, Jünglinge standen seitwärts in
leichterer Arbeit und weniger kräftig hervorgehoben, eine Göttin hielt
einen Kranz oberhalb des Hauptes des sitzenden Mannes. Mein Vater
sagte, das sei sein bester wie größter Stein und der sitzende Mann
dürfte Augustus sein. Wenigstens stimme sein Halbangesicht, wie es auf
dem Steine sei, mit jenen Halbangesichtern Augustus' zusammen, die man
auf den gut erhaltenen Münzen dieses Mannes sehe. Die Gestalt, die
Gliederung, die Haltung dieses Mannes, die Gestalten der Mädchen,
Frauen und Jünglinge, ihre Bekleidung, ihre Stellungen in Ruhe und
Einfachheit, die deutliche und naturgemäße Ausführung der kleinen
Teile in den Gliedern und Gewändern machten auf mich wieder jene
ernste, tiefe, fremde, zauberartige Wirkung, welche die Gestalt auf
der Treppe in dem Hause meines Gastfreundes in mir hervorgebracht
hatte, da ich im vergangenen Sommer während des Gewitters zu ihr empor
gestiegen war. Auf den andern Steinen befanden sich Männer in Helmen,
entweder schöne junge Angesichter oder alte mit ehrwürdigen Bärten.
Solche, die in mittleren Mannesjahren standen, waren gar nicht
vorhanden. Auch Frauenköpfe waren auf einigen Steinen zu sehen. Auf
mehreren zeigten sich ganze Gestalten, ein Hermes mit den Flügeln an
den Füßen, ein schreitender Jüngling oder einer, der mit dem Arme zum
Wurfe mit einem Steine ausholt. Diese Gestalten waren so genau und
richtig, daß sie das Vergrößerungsglas ertrugen. Steine mit andern
Dingen als menschliche Gestalten hatte mein Vater gar nicht. Ich
erinnerte mich, daß ich irgendwo - des Ortes, konnte ich mich nicht
mehr entsinnen - Käfer auf Steine geschnitten gesehen hatte.

»Ich habe die Steine mit menschlichen Gestalten vorgezogen«, sagte
mein Vater, als ich in dieser Hinsicht eine Bemerkung machte, »weil
sie mir doch dasjenige schienen, was zu dem Menschen in der nächsten
Beziehung steht. Ich bin nicht reich genug, eine große Sammlung von
geschnittenen Steinen anlegen zu können, in welcher alle Gattungen
enthalten sind, so fern man überhaupt Gelegenheit hat, sie zu kaufen,
und weil ich das nicht konnte, so habe ich mich lediglich auf
menschliche Gestalten beschränkt und unter diesen wieder auf jene,
deren Erwerb mir ohne Einfluß auf mein Hauswesen möglich war; denn
es gibt da Kunstwerke in diesem Fache, welche ein ganzes Vermögen
in Anspruch nehmen, von dessen Rente manche kleine Familie, deren
Ansprüche nicht zu bedeutend sind, leben könnte.«

Die Männer in den Helmen trugen diese Kopfbedeckung in der
gewöhnlichen Art, wie man sie auf den alten Münzen sieht und wie ich
sie schon auf Abbildungen von Kunstwerken in halberhabener Arbeit
gesehen habe, die sich auf griechischen oder römischen Bauten
befanden. Die einfache Art, den Helm zu tragen, wenn er auch eine noch
so kostbare Arbeit ist, habe ich an Abbildungen aus späteren Zeiten,
namentlich aus dem Mittelalter, nicht mehr gefunden. Die Angesichter
hatten Züge, die etwas Fremdes wiesen, das jetzt nicht mehr vorkömmt
und auf eine entlegene Zeit zurückdeutet. Die Züge waren meistens
einfach, ja sogar oft unbegreiflich einfach, und doch waren sie schön,
schöner und menschlich richtiger - so schien es mir wenigstens -
als sie jetzt vorkommen. Die Stirnen, die Nasen, die Lippen waren
strenger, ungekünstelter und schienen der Ursprünglichkeit der
menschlichen Gestalt näher. Dies war selbst bei den Abbildungen der
Greise der Fall und sogar da, wo man vermuten durfte, das abgebildete
Haupt sei das Bildnis eines Menschen, der wirklich gelebt hat. Es
konnte diese Gestaltung nicht Eingebung des Künstlers sein, da
offenbar die Steine verschiedenen Zeiten und verschiedenen Meistern
angehörten; sie mußte also Eigentum jener Vergangenheit gewesen sein.
Die Köpfe der Frauen waren auch schön, oft überraschend schön; sie
hatten aber auch etwas Eigentümliches, das sich von unsern gewohnten
Vorstellungen entfernte, sei es in der Art, das Haupthaar aufzustecken
und es zu tragen, sei es, wie sich Stirne und Nase zeigten, sei es im
Nacken, im Halse, im Beginne der Brust oder der Arme, wenn diese Teile
noch auf dem Bilde waren, sei es in dem uns fernliegenden Ganzen.
Allgemein aber waren diese Köpfe kräftiger und erinnerten mehr an die
Männlichkeit als die unserer heutigen Frauen. Sie erschienen dadurch
reizender und ehrfurchterweckender. Die Ausführung dieser Abbildungen
zeigte sich so rein, so entwickelt und folgerichtig, daß man nirgends,
auch nicht im Kleinsten, versucht wurde, zu denken, daß etwas fehle,
ja daß man im Gegenteile die Gebilde wie Naturnotwendigkeiten ansah
und daß einem in der Erinnerung an spätere Werke war, diese seien
kindliche Anfänge und Versuche. Die Künstler haben also große und
einfache Schönheitsbegriffe gehabt, sie haben sich diese aus der
Schönheit ihrer Umgebung genommen und diese Schönheit der Umgebung
durch ihre Schönheitsbegriffe wieder verschönert. So sehr mir die
Bilder des Vaters gefielen, so sehr mir die Bilder meines Gastfreundes
gefallen hatten, so sehr wurde ich, wie ich durch die Marmorgestalt
meines Gastfreundes ernster und höher gestimmt worden war als durch
seine Bilder, auch durch die geschnittenen Steine meines Vaters
ernster und höher gestimmt als durch seine Bilder. Er mußte das
fühlen. Er sagte nach einer Weile, da wir die Steine angeschaut
hatten, da ich mich in dieselben vertieft und manchen mehrere Male in
meine Hände genommen hatte: »Das, was die Griechen in der Bildnerei
geschaffen haben, ist das Schönste, welches auf der Welt besteht,
nichts kann ihm in andern Künsten und in späteren Zeiten an
Einfachheit, Größe und Richtigkeit an die Seite gesetzt werden, es
wäre denn in der Musik, in der wir in der Tat einzelne Satzstücke und
vielleicht ganze Werke haben, die der antiken Schlichtheit und Größe
verglichen werden können. Das haben aber Menschen hervorgebracht,
deren Lebensbildung auch einfach und antik gewesen ist, ich will nur
Bach, Händel, Haydn, Mozart nennen. Es ist sehr schade, daß von der
griechischen Malerei nichts übrig geblieben ist als Teile von dem, was
in dieser Kunst immer als ein untergeordneter Zweig betrachtet worden
ist, von der Wandmalerei und Gebäudeverzierung. Da die griechische
Dichtkunst das Höchste ist, was in dieser Kunstabteilung besteht,
da ihre Baukunst als Muster einfacher Schönheit, besonders für die
Gestaltung ihres Landes, gilt, da ihre Geschichtschreiber und Redner
kaum ihresgleichen haben, so ist anzunehmen, daß ihre Malerei auch
diesen Dingen gleichgeartet gewesen sein müsse. Sie sprechen in
Schriften, die bis auf unsere Tage gekommen sind, von ihren Bauwerken,
von ihrer Weltweisheit, Geschichtschreibung, Dichtkunst und
Bildnerkunst nicht höher als von ihrer Malerei, ja nicht selten
scheint es, als zögen sie diese noch vor, also muß auch sie vom
höchsten Belange gewesen sein; denn es ist nicht anzunehmen, daß
Schriftsteller, die doch endlich der Ausdruck, wenn auch der gehobenen
ihrer Zeit und ihres Volkes sind, so feine Kenntnisse und so feines
Gefühl in andern Künsten gehabt haben und für Fehler der Malerei blind
gewesen wären. Wahrscheinlich würden wir uns an Strenge und Rundung
in ihrer Malerei ergötzen und sie bewundern, wie wir es mit ihren
Bildsäulen tun. Ob wir an ihnen für unsere Malerei etwas lernen
könnten, weiß ich nicht, so wie ich nicht weiß, wie viel es ist, was
wir an ihrer Bildhauerei gelernt haben.

Diese Steine sind durch viele Jahre mein Vergnügen gewesen. Oft in
trüben Stunden, wenn Sorgen und Zweifel das Leben seines Duftes
beraubten und es dürr vor mich hinzubreiten schienen, bin ich zu
dieser Sammlung gegangen, habe diese Gestalten angeschaut, bin in
eine andere Zeit und in eine andere Welt versetzt worden und bin ein
anderer Mensch geworden.«


Ich sah meinen Vater an. Hatte ich früher schon oft Gelegenheit
gehabt, ihn hoch zu achten, und hatte ich zu verschiedenen Zeiten
entdeckt, daß er bedeutendere Eigenschaften besitze, als ich geahnt
hatte, so war ich doch nie in der Lage, ihn beurteilen zu können, wie
ich ihn jetzt beurteilte. In Geschäfte der eintönigsten Art gezwungen
oder vielleicht selber und freiwillig in diese Geschäfte gegangen -
denn er führte sie mit einer Ordnung, mit einer Rechtlichkeit, mit
einer Ausdauer, mit einer Anhänglichkeit an sie, daß man staunen
mußte -, hatte er, der unscheinbar seinen bürgerlichen Obliegenheiten
nachkam und von dem Viele nur glauben mochten, daß er in seinem Hause
einige Spielereien von alten Geräten, Bildern und Büchern habe,
vielleicht einen tieferen und einsameren Kreis um sich gezogen, als
ich jetzt noch erkennen konnte, und hatte ohne Anspruch an diesem
Kreise fort gebaut. Ich empfand Ehrfurcht vor ihm und fragte ihn, ob
er die Schriftsteller, von denen er spreche, griechisch gelesen habe.

»Wie könnte ich sie denn anders gelesen haben und noch lesen, wenn ich
sie lieben soll«, antwortete er, »die alte vorchristliche Welt hat so
ganz andere Vorstellungen als die unsere, die Völkerwanderung hat so
sehr einen Abschnitt in der Geschichte gemacht, daß die Werke der
vorher gewesenen Völker gar nicht übersetzt werden können, weil
unsere Sprachen in ihrem Körper und in ihrem Geiste auf die alten
Vorstellungen nicht passen. Im Lesen in ihrer Sprache und in ihren
Dichtungen und Geschichten wird man nach und nach einer von ihnen und
lernt ihre Art beurteilen, was man sonst nie mehr kann. In unsern
Schulen lernen wir ja römisch und griechisch, und wenn man in der
Zeit nach der Schule noch etwas nachhilft und fleißig in den alten
Schriften liest, so fügt sich die Sache ohne Mühe und gelingt
leichter, als man etwa das Französische, Italienische oder Englische
lernt, wie es ja jetzt die meisten Leute tun.«

»Du hast ja aber auch diese Sprachen gelernt«, sagte ich.

»Wie sie auch andere lernen«, antwortete er, »und wie es mein Stand
forderte.«

»Ich habe es bis heute nicht gewußt, daß du in den alten Sprachen
Bücher liesest«, sagte ich, »und was noch mehr ist, daß du dich in
die Dichtkunst, in die Geschichte und Weltweisheit der Völker, deren
Schriften du liesest, vertiefest. Du weißt, daß wir uns nie anmaßten,
die Bücher zu untersuchen, in denen du liesest.«

»Es war keine Ursache vorhanden, dir zu erzählen, was ich lese«,
antwortete er, »ich dachte, es wird sich schon geben. Deine Mutter
wußte es wohl.«

Die Hochachtung für den Vater, der ohne Aufheben mehr war, als der
Sohn geahnt hatte, und der geduldig auf den Sohn gewartet hatte, ob
er auf dem Wege zu ihm stoßen werde, war nicht die einzige Frucht
dieses Tages. Ich empfand recht wohl, daß der Vater auch mich höher
achtete und daß er eine große Freude habe, daß der Sohn nun auch in
Kunstdingen sich ihm nähere. Daß wir in einigen wissenschaftlichen
Sachen zusammen trafen, wußte ich wohl, da wir über Gegenstände der
Geschichte, der Dichtungen und über andere in jüngster Zeit manchmal
gesprochen hatten.

Ich wußte aber nie, in wie ferne und auf welchen Wegen der Vater zu
diesen Dingen gekommen war. Heute hatte ich einen großem Einblick
getan, und ich wußte nun auch gar nicht, welch eine geregelte
wissenschaftliche Bildung der Vater aus seinen früheren Jahren hinter
sich habe und ob es nicht etwa gar aus dieser wissenschaftlichen
Bildung herzuschreiben sei, daß er mich gerade meinen Weg habe gehen
lassen, der mir selber zuweilen abenteuerlich vorgekommen war. Ich
mußte jetzt doppelt wünschen, daß mein Vater einmal mit meinem
Gastfreunde zusammen käme, um mit ihm über ähnliche Gegenstände zu
sprechen, wie er heute zu mir gesprochen hatte. Ich konnte doch nicht
hinreichend eingehen und wußte auch nicht, in wie ferne er in seinen
Urteilen über altgriechische Bildnerkunst, Dichtkunst, Malerei und
über die neuere Musik Recht habe. Allein der Vater arbeitete so
ruhig in seinem Berufsgeschäfte weiter, er war in alle Einzelheiten
desselben so vertieft und sorgte für den regelmäßigen Fortgang
desselben, daß es nicht leicht zu erwarten war, daß er sich zu einer
Reise entschließen würde.

Gegen das Ende unseres Gespräches kam auch die Mutter und Klotilde
herein. Das Angesicht der Mutter wurde sehr heiter, als sie uns bei
den Steinen stehen sah, als sie sah, daß der Vater sie mir zeigte
und erklärte, und als sie auch erkennen mochte, daß in dem Wesen des
Vaters eine Freude sei, und daß die Annäherung, die sie geahnt habe,
wirklich eingetreten sei.

Wir gingen noch einige Male bald in das Bilderzimmer, bald in das
Altertumszimmer, in welchem noch immer die Lade mit den Steinen auf
dem Tische stand, und redeten über Verschiedenes.

»Diese Kunstwerke«, sagte der Vater, da er die Steine wieder
verschlossen hatte und da wir uns aus diesem Zimmer entfernten,
»könnt ihr in euren Besitz bringen. Wenn ihr Sinn und tiefe Liebe für
dieselben habet, so werdet ihr sie nach unserem Tode in einer von mir
gemachten und, wie ich glaube, gerechten Teilung empfangen. Sterbe
ich vor eurer Mutter, so bleiben sie als Denkmal unseres friedlichen
Hauses in der Lage, in der sie jetzt sind, und sie werden euch erst
eingehändigt, wenn mir auch die Mutter gefolgt ist. Will Klotilde dir
ihren Anteil abtreten, so ist die Summe schon bestimmt, welche du ihr
dafür geben mußt, und so auch umgekehrt. Ist bei beiden nach unserm
Absterben eine solche Liebe zu diesen Bildern und Steinen nicht
vorhanden, daß ihr sie unzersplittert bewahret, so ist schon bestimmt,
daß auf eure hierin eingeholte Erklärung dieselben gegen ein Entgelt,
das nicht unbillig ist, an einen Ort übergehen, an welchem sie
beisammen bleiben. Ich glaube aber wohl, daß diese Neigung in unserm
Hause fortdauern werde.«

Wir antworteten auf diese Rede nichts, weil sie einen Gegenstand
berührte, der, wie entfernt wir ihn uns auch denken mußten, doch
schmerzlich auf uns einwirkte.

Ich verlegte mich nach dieser gemachten Erfahrung mit noch größerem
Eifer auf die Kenntnis der Werke der bildenden Kunst. Ich lernte mich
in die Bilder des Vaters bis in die kleinsten Einzelheiten hinein und
war zu diesem Zwecke sehr oft und zuweilen lange in dem Bilderzimmer,
ich besuchte alle größeren zugänglichen Sammlungen und suchte deren
Bilder zu ergründen, ich besah alle Bildnerwerke, die in unserer
Stadt einen Ruf hatten, und strebte nach einer genauen Kenntnis ihrer
Beschaffenheiten, ich las endlich namhafte Werke über die Kunst und
verglich meine Gedanken und Gefühle mit den in den Büchern gefundenen.
Ich sprach viel mit meinem Vater über diese Gegenstände, wir näherten
uns immer mehr, meine Empfindungen wurden stets inniger, und ich
versenkte meine Seele in sie. Unsern Erzdom bewunderte ich jetzt in
einem höheren Maße als in allen früheren Zeiten, und ich stand manche
Stunde vor seinem ungeheuren Baue. Selbst die Gebilde der Mathematik,
wenn ich wieder zu Zeiten etwas in ihr zu tun hatte, erschienen
mir zuweilen schön und zierlich, was mir namentlich bei einigen
französischen Mathematikern geschah. Das Malen schöner Köpfe setzte
ich fort und eben so wurde das Zeichnen und Malen von Landschaften,
welches ich im vorigen Jahre mit der Schwester begonnen hatte, nicht
bei Seite gesetzt. Ich nahm mit ihr die Zeichnungen vor, welche sie im
vergangenen Sommer während meiner Abwesenheit gemacht hatte, und so
wie ich von meinem Gastfreunde, von Eustach und von dem Vater über die
Fehler belehrt worden war, die sich in meinen Landschaftsversuchen
befanden, so belehrte ich Klotilden wieder über die ihrigen.

Seit ich Mathilden kannte, besonders aber jetzt, nachdem ich öfter in
ihrer Gesellschaft gewesen war und im Spätherbste die Reise mir ihr
und den andern in das Hochland gemacht hatte, war ich auch auf die
Angesichter ältlicher und alter Frauen aufmerksam geworden. Man tut
sehr Unrecht, und ich bin mir bewußt, daß ich es auch getan habe, und
gewiß handeln andere Leute in ihrer Jugend ebenfalls so, wenn man die
Angesichter von Frauen und Mädchen, sobald sie ein gewisses Alter
erreicht haben, sofort beseitigt und sie für etwas hält, das die
Betrachtung nicht mehr lohnt. Ich fing jetzt zu denken an, daß es
anders sei. Die große Schönheit und Jugend reißt unsere Aufmerksamkeit
hin und erregt ein tiefstes Gefallen; warum sollten wir aber mit
dem Geiste nicht auch ein Angesicht betrachten, über welches Jahre
hingegangen sind? Liegt nicht eine Geschichte darin, oft eine
unbekannte voll Schmerzen oder Schönheit, die ihren Widerschein auf
die Züge gießt, daß wir sie mit Rührung lesen oder ahnen? Die Jugend
weist auf die Zukunft hin, das Alter erzählt von einer Vergangenheit.
Hat diese kein Recht auf unsern Anteil? Als ich Mathilden das erste
Mal sah, fiel mir das Bild der verblühenden Rose ein, welches mein
Gastfreund von ihr gebraucht hatte, es fiel mir ein, weil ich es
so treffend fand; und später oft, wenn ich Mathilden betrachtete,
gesellte sich das Bild wieder zu meinen Gedanken, es erregten sich
neue und es erzeugte sich eine ganze Folge davon. Ich hatte mir einmal
gedacht, daß Mathilde aussehe wie ein Bild der Vergebung, und später
dachte ich es mir öfter. Ihr Angesicht mußte sehr schön gewesen sein,
vielleicht gar so schön wie jetzt Nataliens, nun ist es ganz anders;
aber es spricht leise von einer Vergangenheit, daß wir meinen, wir
müßten sie vernehmen können, und wir vernähmen sie auch gerne, weil
sie uns so anziehend scheint. Sie muß manche Neigungen gehabt haben,
sie muß manche Freuden erlebt und manches Gut verloren haben, sie hat
Schmerzen und Kummer ertragen; aber sie hat alles Gott geopfert und
hat gesucht, mit sich in das Gleiche zu kommen, sie ist mit den
Menschen gut gewesen, und jetzt ist sie in tiefem Glücke, mit manchem
unerfüllten Wunsche und mit mancher kleinern und größern Sorge, die
sie sinnen macht. Als ich einen Mann sagen gehört hatte, daß die
Fürstin, in deren Abendgesellschaften ich zuweilen sein durfte, so
schöne Töne in dem Angesichte habe, daß sie nur Rembrandt zu malen
im Stande wäre, wurde ich nicht bloß auf die Fürstin noch mehr
aufmerksam, die in ihrem hohen Alter noch so schön war, sondern ich
betrachtete auch Mathilden wieder genauer und lernte die Schönheit,
wenn schon manche Jahre über sie gegangen sind, besser kennen.
Ich fing nun an, Männer und Frauen, die in höherem Alter sind, zu
betrachten und sie um die Bedeutung ihrer Züge zu erforschen. Dabei
fielen mir die Greisenköpfe auf den Steinen meines Vaters ein. Ich
betrachtete die Steine öfter, da mir der Zugang zu denselben erlaubt
war, und verglich die Köpfe, die sich auf ihnen befanden, mit
denjenigen, die mir in dem jetzt lebenden Geschlechte aufstießen.
Beide Arten waren wirklich nicht mit einander vergleichbar und es
zeigten sich in ihnen die Verschiedenheiten menschlicher Geschlechter.
Das Antlitz der Fürstin erschien mir nun um vieles schöner als in der
früheren Zeit, daß ich aber nicht auf den Wunsch geriet, es malen zu
wollen, also noch weniger dem Wunsche einen Ausdruck gab, begreift
sich. In den Angesichtern der Manchen, welche ich jetzt eifriger
betrachtete, fand ich freilich oft etwas, das mir nicht gefiel, sei
es Neid, sei es irgend eine Begierlichkeit, sei es bloße Abgelebtheit
oder Geistlosigkeit, sei es etwas Anderes, ich stellte bei solchen
Gelegenheiten meine Betrachtung bald ein und hegte nicht den Wunsch,
das Gesehene zu malen. Seit ich Gustav besser kennen gelernt hatte und
näher mit ihm befreundet worden war, betrachtete ich auch gerne Köpfe
von Jünglingen, ob sie nicht Gegenstände zum Malen abgäben. Wenn
gleich sein Angesicht ebenfalls nicht jenen schönen und einfachen
Angesichtern auf den Steinen meines Vaters glich, die besonders edel
und merkwürdig aus den Helmen heraus sahen, so war es ihnen doch näher
als alle andern, welche ich jetzt zu erblicken Gelegenheit hatte, und
war überhaupt so schön, wie es selten einen Kopf eines Knaben geben
wird, der eben in das Jünglingsalter übertritt.

Wenn der Ausdruck der Mienen der Jünglinge unserer Stadt oft darauf
hinwies, daß ihr Geist verzogen worden sein mag, wenn sie etwas
Weichliches oder etwas zu sehr Herausforderndes oder etwas hatten, das
schon über ihre Jahre hinausging, ohne doch Kraft zu zeigen, so war
Gustavs Antlitz so kräftig, daß es vor Gesundheit zu schwellen schien,
es war so einfach, daß es gleichsam keinen Wunsch, keine Sorge, kein
Leiden, keine Bewegung aussprach, und doch war es wieder so weich und
gütig, daß man, wenn der feurige Blick nicht gewesen wäre, in das
Angesicht eines Mädchens zu blicken geglaubt haben würde.

Ich zeichnete und malte meine Köpfe jetzt anders als noch kurz vorher.
Wenn ich früher, vorzüglich bei Beginne dieser meiner Beschäftigung,
nur auf Richtigkeit der äußeren Linien sah, so weit ich dieselbe
darzustellen vermochte, und wenn ich nur die Farben annäherungsweise
zu erringen im Stande war, so glaubte ich, mein Ziel erreicht zu
haben: jetzt sah ich aber auf den Ausdruck, gleichsam, wenn ich das
Wort gebrauchen darf, auf die Seele, welche durch die Linien und die
Farben dargestellt wird. Seit ich die Marmorgestalt in dem Hause
meines Gastfreundes so lieben gelernt hatte und in die Bilder mich
vertiefte, welche ich in dem Rosenhause getroffen hatte und in dem
Hause meines Vaters vorfand, war alles anders als früher, ich suchte
und haschte nach irgend einem Innern, nach irgend etwas, das weit
außer dem Bereiche von Linien und Farben lag, das größer war als diese
Dinge und doch durch sie darzustellen sein mußte. Einen Kopf so zu
zeichnen oder gar zu malen, wie ich jetzt wollte, war viel schwerer
als wie ich früher anstrebte, es war, ohne einen Vergleich zuzulassen,
schwerer; aber es war nicht zu umgehen, wenn man überhaupt die Sache
machen wollte, es war dichten, wenn ein Dichtungswerk geliefert sein
sollte. Ich stellte meine Aufgabe kleiner, ich suchte die Züge auf
einem bescheidenen Raume zu entwerfen und begnügte mich mit den
Andeutungen in Zeichnung und Farben, wenn nur ein Inneres zu sprechen
begann, ohne daß ich darauf beharrte, daß aus dem Begonnenen ein
ausgeführtes Bild werden sollte, was nicht selten, wenn ich es
versuchte, das Innere wieder vertilgte und das Gemälde seelenlos
machte. Mein Vater wurde der Richter und war jetzt ein strenger,
während er früher alles einfach hatte gelten lassen, was ich
unternahm. Er pflegte zu sagen, das, was ich jetzt vor Augen habe, sei
das Künstlerische, mein Früheres sei ein Vergnügen gewesen. Ich nahm
häufig, wenn ich nicht in das Reine kommen konnte, zu den Bildern
meine Zuflucht und suchte zu ergründen, wie es dieser und jener
gemacht habe, um zu dem Ausdrucke zu gelangen, den er darstellte. Mein
Vater sagte, das sei der geschichtliche Weg der Kunst, man könne ihn
verfolgen, wenn man große Bildersammlungen besuche und wenn die Werke
ohne große Lücken da sind, um sie vergleichen zu können. Das sei auch
außer der genauesten Betrachtung der Natur und der Liebe zu ihr der
Weg, auf dem die Kunst wachse und auf dem sie bei den verschiedenen
Anfängen, die sie in verschiedenen Zeiten und Räumen gehabt habe,
gewachsen ist, bis sie wieder versank oder zerstört wurde, um wieder
zu beginnen und zu versuchen, ob sie steigen könne. Wo der bare
Hochmut auftritt, der alles Gewesene verwirft und aus sich schaffen
will, dort ist es mit der Kunst wie auch mit andern Dingen in dieser
Welt aus, und man wirft sich in das bloße Leere.

Außer dem Zeichnungsunterrichte setzte ich mit der Schwester auch die
Übungen in der spanischen Sprache und im Zitherspiele fort. Sie war
ohnehin von Kindheit an geneigt gewesen, alles, was ich tat, ein
wenig nachzuahmen, und ich hatte immer die Lust gehabt, ihr Führer zu
werden. Dies blieb jetzt zum Teile auch so fort.


Der Unterricht, welchen mir mein Freund, der Sohn des Juwelenhändlers,
in der Edelsteinkunde gegeben hatte, wurde wieder aufgenommen
und fortgesetzt. Da wir auch außerdem in manchen Stunden einen
freundlichen Umgang mit einander pflegten, so nahm ich mir eines
Tages, obwohl es mir stets schwer wird, jemandem über seinen ihm
eigentümlichen Beruf etwas zu sagen, doch den Mut, ihn meine Gedanken
über die Fassung der Edelsteine wissen zu lassen, wie ich nehmlich
glaube, daß es nicht richtig sei, wenn die Edelsteine von der Fassung
erdrückt würden; daß ich es aber auch für nicht richtig halte, wenn
sie keine andere Fassung hätten, als die sie brauchten, um an dem
Kleidungsstücke mit dem Halt, den sie benötigen, befestigt worden zu
können; und daß daher der Mittelweg sich darbiete, daß die Schönheit
des Steines durch die Schönheit der Gestaltgebung vergrößert werde,
wodurch es sich möglich mache, daß der an sich so kostbare Stoff das
Kostbarste würde, nehmlich ein Kunstwerk. Ich wies hiebei auf die
Gestaltungen hin, welche die Kunst des Mittelalters hege und aus denen
geschöpft und weiter fortgeschritten werden könne. »Du hast im Grunde
vollkommen Recht«, erwiderte mein Freund, »wir fühlen das alle
mehr oder minder klar, außer denen, welchen alles gleichgültig und
unwesentlich ist, was nicht unmittelbar zum Erwerbe führt; darum sind
auch allerlei Versuche gemacht worden und werden noch gemacht, die
Fassung zu vergeistigen. Sie gelingen insoferne mehr oder weniger, je
nachdem es größere oder kleinere Künstler sind, welche die Entwürfe
machen. Hierin liegt aber eine mehrfache Schwierigkeit. Zuerst sind
die, welche in Juwelen und Perlen arbeiten, sehr selten Künstler, sie
können es nicht leicht werden, weil die Vorbereitung dazu zu viel Zeit
und Kräfte in Anspruch nehmen würde; werden sie es aber, so bleiben
sie gleich Künstler, verfertigen Kunstwerke und arbeiten nicht in
Edelsteinen, was ihrem Geiste und ihrem Einkommen abträglich wäre.
Müssen nun Künstler um Entwürfe angegangen werden, so bietet sich
zweitens der Übelstand, daß der Künstler die Juwelen zu wenig kennt
und die Fassung daher zu wenig auf ihre Natur berechnen kann, wozu
sich noch gesellt, daß die großen Künstler schwer zugänglich sind,
Entwürfe für Edelsteinfassungen auszuarbeiten, es müßte denn dies eine
besondere Liebhaberei sein; und wenn sie es tun, so kömmt die Fassung
sehr teuer. Deshalb muß man zu geringeren Künstlern seine Zuflucht
nehmen, welche dann auch wieder geringere Entwürfe liefern. Wir haben
die Sache in unserer Handelsstube ganz im Klaren. Wir versuchen auch
von Zeit zu Zeit ein wirkliches Kunstwerk in Perlen und edlen Steinen
darzustellen und warten, ob ein Kenner komme und es übernehme; denn
der Leute, welche Edelsteine brauchen, sind viel mehr als welche
Kunstdinge suchen. Solche Werke in großer Zahl ausführen zu lassen,
hindert uns der Mangel an zahlreichen trefflichen Entwürfen und der
Mangel an Käufern, da der Juwelenverkauf doch endlich unser Erwerb
ist. Da unsere gewöhnlichen Kunden aber doch so viel Geschmack haben,
daß sie eine unedle Fassung beleidigen würde, so wählen wir den
natürlichsten Weg, die Fassung im Stoffe edel und in der Gestalt auf
das Einfachste zu machen, so daß die Schönheit der Steine oder der
Perlen allein es ist, was herrscht, und der Anker, an dem es haftet,
sich verbirgt. Was deinen Gedanken von mittelalterlichen Gestaltungen
anbelangt, so ist er nicht neu; man hat schon solche versucht, und der
Freiherr von Risach hat bei uns nach beigebrachten Zeichnungen Dinge
ähnlicher Art verfertigen lassen.« Mir leuchtete die Sache sehr ein,
und ich konnte sie nicht weiter bereden. Ich betrachtete von nun an
mit noch größerer Sorgfalt und Genauigkeit die Arbeiten, welche mein
Freund in den verschiedenen Werkstätten der Stadt machen ließ. Sie
waren meistens sehr schön, ja ich glaube, schöner, als man sie
irgendwo zu sehen gewohnt ist. Desungeachtet mußte ich behaupten, daß
wenn nur überhaupt ein edlerer und höherer Sinn für Kunst vorhanden
wäre, diejenigen Leute, welche große Summen für Schmuck ausgeben,
dieselben Summen oder vielleicht noch größere dahin verwenden würden,
daß sie gleich wirkliche Kunstwerke in Juwelen bestellten. Dagegen
erwiderte mein Freund, daß, wie hoch der Kunstsinn auch stehe und
wie weit er sich verbreite, doch die Zahl derer immer größer bleiben
würde, welche bloß Schmuck als Schmucksachen kaufe, als derer, welche
Kunstwerke in Kleinodien entwerfen und ausführen lassen, was er
allerdings als die höchste Spitze seines Berufes ansehen würde. Dazu
komme noch, daß mancher, der Kunstsinn habe, von der Schönheit der
Steine sich gefangen nehmen lasse und zuletzt nichts begehre als
diese einzige Schönheit. In dem letzten Grunde hatte mein Freund ganz
besonders Recht; denn je mehr ich selber die Steine betrachtete, je
mehr ich mit ihnen umging, eine desto größere Macht übten sie auf
mich, daß ich begriff, daß es Menschen gibt, welche bloß eine
Edelsteinsammlung ohne Fassung anlegen und sich daran ergötzen. Es
liegt etwas Zauberhaftes in dem feinen sammtartigen Glanze der Farbe
der Edelsteine. Ich zog die farbigen vor, und so sehr die Diamanten
funkelten, so ergriff mich doch mehr das einfache, reiche, tiefe
Glühen der farbigen.

Meinen Beruf, den ich im Sommer bei Seite gesetzt hatte, nahm ich
wieder auf. Ich machte mir gleichsam Vorwürfe, daß ich ihn so
verlassen und mich einem planlosen Leben hatte hingeben können. Ich
tat das, wozu der Winter gewöhnlich ausersehen war, und setzte die
Arbeiten der vorigen Zeiten fort. Das Regelmäßige der Beschäftigung
übte bald seine sanfte Wirkung auf mich; denn was ich trotz der
freudigen Stimmung, in welcher ich aus meinen Erringungen in der Kunst
und in der Wissenschaft war, doch Schmerzliches in mir hatte, das
wich zurück und mußte erblassen vor der festen, ernsten, strengen
Beschäftigung, die der Tag forderte und die ihn in seine Zeiten
zerlegte.

Ich besuchte auch, wie im vergangenen Winter, meine Kreise, dann
Musik- und Kunstanstalten.

Daß das alles vereinigt werden konnte, mußte eine genaue
Zeiteinteilung gemacht werden, und ich mußte die Zeit richtig
verwenden. Dazu war ich wohl von Kindheit an gewöhnt worden, ich stand
sehr früh auf und hatte Manches für den Tag schon an der Lampe fertig
gemacht, wenn die allgemeine Frühstunde in unserm Hause heran rückte
und man sich zu dem Frühmahle versammelte. Dazu brauchte ich nicht
viel Schlaf und konnte manche Stunde von der beginnenden Nacht nehmen.
Die Tätigkeit stärkte, und wenn ein Schwung und eine Erhebung in
meinem Wesen war, so wurde der Schwung und die Erhebung durch die
Tätigkeit noch klarer und fester.

Einer meiner ersten Gänge war nach meiner Zurückkunft zu der Fürstin,
um mich ihr vorzustellen.

Sie war selber erst vor wenigen Tagen von ihrem Lieblingslandsitze
in die Stadt zurückgekehrt und noch nicht recht heimisch. Sie
empfing mich sehr freundlich wie immer und fragte mich um meine
Beschäftigungen während des Sommers. Ich konnte ihr nicht viel sagen
und erzählte ihr außer den Messungen, die ich am Lautersee vorgenommen
hatte, von meinen Kunstbestrebungen, meiner Kunstneigung und meiner
Liebe zu den Dichtungen. Von den besonderen Verhältnissen zu meinem
Gastfreunde erwähnte ich nur das Allgemeine, weil ich es für anmaßend
gehalten hätte, einer alten, würdigen Frau, deren Beziehungen
ausgebreitet und inhaltsreich waren, unaufgefordert Einzelheiten von
meinem Leben mitzuteilen. Sie ging auch nicht näher darauf ein, dafür
verweilte sie desto eifriger bei der Kunst und bei den Dichtern. Sie
fragte mich, was ich gelesen hätte, wie ich es aufgefaßt hätte und
was ich darüber dächte. Sie zeigte sich hierbei mit allen den Werken
bekannt, welche ich ihr nannte, nur hatte sie das Griechische, von
dem ich ihr erzählte, bloß in der Übersetzung gelesen. Sie ging
im Allgemeinen auf die Gegenstände ein und verweilte bei manchem
Einzelnen ganz besonders. Unsere Ansichten trafen oft zusammen, oft
gingen sie auch auseinander, und sie suchte ihre Meinung zu begründen,
was mir zum mindesten immer manche neue Gesichtspunkte gab. In Bezug
auf die Kunst verlangte sie, daß ich ihr einige Zeichnungen und
Malereien zeigen möchte, deren Wahl ich selber vornehmen könne, wenn
ich schon nicht alle vor ihre Augen bringen wollte.

Ich sagte, daß alle wohl zu viel wären, namentlich, da ich in erster
Zeit so viele bloß naturwissenschaftliche Zeichnungen gemacht
habe, und daß ich selber die Grenze nicht angeben könne, wo die
naturwissenschaftlichen Zeichnungen in die künstlerisch angelegten
übergingen. Ich würde aus allen Zeitabschnitten etwas auswählen und es
ihr bringen. Es wurde ein Tag bestimmt, an welchem ich zur Mittagszeit
zu ihr kommen sollte.

Ich kam an dem Tage, es war niemand als die Vorleserin zugegen, und es
wurde der Befehl gegeben, niemanden vorzulassen; denn ihr allein hätte
ich ja die Zeichnungen gebracht, nicht jedem fremden Auge, das dazu
käme. Sie sah alle Blätter an und billigte alle, besonders erregten
naturwissenschaftliche Pflanzenzeichnungen ihre Aufmerksamkeit,
weil sie sich viel mit Pflanzenkunde beschäftigt hatte, noch jetzt
Anteil an dieser Wissenschaft nahm und sie besonders bei ihren
Landaufenthalten pflegte. Sie freute sich an der Genauigkeit der
Abbildungen und sagte mir ganz richtig, welche den Urbildern am
meisten entsprächen. Nach diesen Pflanzenzeichnungen sagten ihr am
meisten die der Köpfe zu. An den landschaftlichen Versuchen mochte
ihr die Einseitigkeit aufgefallen sein, da sie gewiß eine Kennerin
landschaftlicher Bildungen war, weil sie sehr gerne im Sommer einige
Wochen an irgend einer der schönsten Stellen unseres Landes verweilte.
Sie äußerte sich aber in dieser Richtung nicht. Von den Köpfen sagte
sie, daß man auf diese Weise eine ganze Sammlung merkwürdiger Menschen
anlegen könnte. Ich erwiderte, darauf sei ich nicht ausgegangen, ich
könnte auch nicht so leicht beurteilen, wer ein merkwürdiger Mensch
sei. Es habe mir nur, da ich lange Zeit Gegenstände der Natur
gezeichnet hatte, eingeleuchtet, daß das menschliche Antlitz der
würdigste Gegenstand für Zeichnungen sei, und da habe ich die Versuche
begonnen, es in solchen auszudrücken. Ich habe anfangs dabei unwissend
fast immer die Richtung von Naturzeichnungen verfolgt, bis sich mir
etwas Höheres zeigte, dessen Darstellung darüber hinausgeht, das
uns erst die Züge und Mienen recht menschlich macht und dessen
Vergegenwärtigung ich nun anstrebe, in Ungewißheit, ob es gelingen
werde oder nicht.

Sie fragte auch nach denjenigen von meinen wissenschaftlichen
Bestrebungen, die ich im Zusammenhange aufgeschrieben habe, und
ließ den Wunsch blicken, etwas Zusammengehöriges zu erfahren. Die
Geschichte, wie unsere Erde entstanden sei und wie sie sich bis auf
die heutigen Tage entwickelt habe, mußte den größten Anteil erwecken.
Ich entgegnete, daß wir nicht so weit seien und daß ich am wenigsten
zu denen gehöre, welche einen ergiebigen Stoff zu neuen Schlüssen
geliefert haben, so sehr ich mich auch bestrebe, für mich, und wenn
es angeht, auch für Andere so viel zu fördern, als mir nur immer
möglich ist. Wenn sie davon und auch von dem, was Andere getan haben,
Mitteilungen zu empfangen wünsche, ohne sich eben in die vorhandenen
wissenschaftlichen Werke vertiefen und den Gegenstand als eigenen
Zweck vornehmen zu wollen, so werde sich wohl Zeit und Gelegenheit
finden. Sie zeigte sich zufrieden und entließ mich mit jener Güte und
Anmut, die ihr so eigen war.

Seit dieser Zeit verwandelte sich mein Verhältnis zu ihr in ein
anderes. Da ich nun einmal unter Tags in ihrer Wohnung gewesen
war, geschah dies öfter, entweder, wenn wir Werke oder Abbildungen
anzuschauen hatten, wozu das Licht der abendlichen Lampen nicht
ausreichend gewesen wäre, oder wenn sie mich zu Gesprächen einladen
ließ, die dann gewöhnlich zwischen ihr, ihrer Gesellschafterin und
mir vorfielen - selten geschah es, daß einer ihrer Söhne gelegentlich
anwesend war oder eine Enkelin oder jemand von ihren näheren
Anverwandten - und bei denen meistens die Geschichte der Erde oder
etwas in die Naturlehre Einschlägiges der Gegenstand war. Öfter machte
ich auch selber einen kurzen Besuch, um mich um den Zustand ihrer
Gesundheit zu erkundigen. Auch die Abende kamen in Bezug auf mich in
eine andere Gestalt. Da wir einmal von Dichtungen geredet hatten, mit
denen ich mich in der letzten Zeit beschäftigte und da gerade diese
Dichtungen aus einer vergangenen Zeit stammten, die nichts mit den
Tageserzeugnissen gemein hatte, da die Fürstin sich in ihren jetzigen
Jahren mit diesen Dingen nicht beschäftigte und die Zeit schon
ziemlich weit hinter ihr lag, in der sie Kenntnis von solchen Werken
genommen hatte, so wurde beschlossen, wieder das eine oder das andere
vorzunehmen und es gemeinschaftlich zu genießen. Das geschah an
Abenden, und ich mußte oft die Pflicht des Vorlesers übernehmen,
besonders wenn die Gesellschaft nicht zahlreich war, was sich gerne an
Abenden ereignete, in denen Dichtungen vorgenommen wurden. In diese
Pflicht geriet ich bei Gelegenheit der Vornahme einiger spanischen
Romanzen. Die Fürstin, die Gesellschafterin, ich und noch ein
Mann, welcher zugegen war, verstanden schlecht spanisch; doch war
beschlossen worden, die Romanzen in spanischer Sprache zu lesen. Das
Vorlesen wurde mir aufgetragen, und wie schlecht oder gut es ging, wir
verstanden doch mit eingemischten Erklärungen und mit gelegentlichen
Gesprächen in unserer Muttersprache zuletzt die Romanzen. Nach diesem
Vorgange mußte ich nun auch öfter in deutscher Sprache vorlesen, und
es geschah nicht selten, daß ich um meine Meinung über Teile des
Gelesenen befragt wurde und daß man eine Erklärung verlangte. Dies
wurde um so mehr der Fall, als wir uns auch über Abteilungen aus
Cervantes und Calderon wagten. In andern Sprachen, besonders im
Italienischen des Dante und Tasso, las sehr gerne die Gesellschafterin
der Fürstin. Das Alte aus dem Griechischen - es wurde nur die Ilias
und Odysseus, dann einiges aus Äschylos vorgenommen - mußte ich ganz
allein in deutscher Übersetzung vorlesen. Es wurde da auch sehr viel
über das uralte gesellschaftliche Leben der Griechen, über ihre
häuslichen Einrichtungen, über ihren Staat, ihre Kunst und über die
Gestalt und Beschaffenheit ihres Landes und ihrer Meere gesprochen.
Ich wurde zu diesen Beschäftigungen in diesem Winter weit öfter zu der
Fürstin eingeladen, als es früher der Fall gewesen war. Der Frühling
und die Zeit, in welcher man wieder den Landaufenthalt zu suchen
pflegt, kam uns zu früh, wir verabredeten noch, was wir in dem
nächsten Winter vorzunehmen gedächten, und die Fürstin beurlaubte mich
mit vieler und sehr gewinnender Freundlichkeit.


Die Beschäftigungen im Kreise unserer Familie bestanden jetzt in sehr
häufigen Gesprächen zwischen dem Vater und mir über die Kunst und über
Bücher. Er erzählte mir, wie er dazu gekommen wäre, Bilder lieb zu
gewinnen und sich Bilder zu sammeln. Er kam hiebei auf seine Jugend,
und da er in einer freudigeren und erregteren Stimmung war, als sonst,
so erzählte er mir ausführlich, wie er dieselbe verlebt habe. Er
stellte mir dar, wie er sich die Mittel, um etwas lernen zu können,
selber habe verschaffen müssen, und wie ihm sein älterer Bruder, der
ein sehr begabter Mensch gewesen wäre, hierin zwar ein wenig, aber in
der Tat sehr wenig habe beistehen können, weil er sich selbst alles
habe herbei schaffen müssen und nur um wenige Jahre älter gewesen sei.
Nach Anweisung vernünftiger Menschen habe er zu lesen begonnen, und
manchen freien Tag in seiner Lehrzeit habe er in seiner Kammer bei den
Büchern zugebracht. Er habe, da er frei wurde und teils in unserer
Stadt, teils in den ersten Handelsplätzen Europas Dienste tat, die
Bekanntschaft von Künstlern gemacht, habe sie in ihren Arbeitsstuben
besucht, habe über die Art zu malen sich Kenntnisse gesammelt und
sei mit diesen Kenntnissen in die berühmtesten Bildersammlungen der
größten Städte gegangen. Hiebei sei es ihm widerfahren, daß er zweimal
im Lernen habe von vorne anfangen müssen. So sei es ihm in Rom, wohin
er sich von Triest aus begeben hatte, um dort ein halbes Jahr für
sich selber zu leben, klar geworden, daß er gar nichts wisse. Er habe
wieder unverdrossen angefangen, und von Rom schreibe sich seine Liebe
für alte Bilder her. Sein Bruder habe den Weg durch die Staatsschulen
gemacht, und da er ihn sehr liebte, habe er von ihm auch die Liebe zu
den alten Sprachen angenommen. In seinen Diensten habe er mehr freie
Zeit gehabt als da er noch lernte, und diese Zeit habe er zu seinen
Lieblingsneigungen angewendet. Mit einem alten Abte, der die
Verwaltung seines Klosters abgegeben hatte und seine würdevolle Muße,
wie er sich ausdrückte, im Winter in unserer Stadt genoß, habe er alte
Dichter und Geschichtschreiber gelesen. Der Abt sei ein großer Freund
der alten Schriften gewesen, habe bei ihm Neigung zu diesen Dingen
entdeckt und sei ihm mit seinen Kenntnissen beigestanden. Er habe sehr
oft im Zimmer des Abtes laut aus den sogenannten Classikern lesen
müssen. Die Bekanntschaft desselben habe er bei seinem Dienstherrn
in unserer Stadt gemacht, in dessen Hause dem Abte, der einst Lehrer
dieses Dienstherrn gewesen sei, jährlich ein oder zwei Male ein Fest
gegeben wurde. Der Dienstherr, der letzte, bei dem sich mein Vater
befunden, sei ein Ehrenmann gewesen, der seinen Leuten nicht nur
Gelegenheit verschafft habe, etwas lernen zu können, indem er sie zu
den vorkommenden Reisen benützte, auf denen sie Geschäftsfreunde,
Handelsverbindungen, Verkehrswege und dergleichen kennen lernten,
sondern der ihnen auch Zeit gönnte, selber, wenn sie nicht die Mittel
zu großen Geschäftsanlagen besaßen, mit kleinen Anfängen zu größeren
Unternehmungen und zu endlicher Selbstständigkeit schreiten zu können.
So habe auch der Vater mit kleinen Ersparnissen begonnen, habe sich
ausgedehnt und sei endlich, da die Anfänge unter den Flügeln seines
Herrn geschehen seien, mit dessen Unterstützung ein selbstständiger
Kaufmann geworden. Was er zu Vergnügungen hätte verwenden können, habe
er bei Seite gelegt und habe sich entweder ein Buch oder ein Kunstwerk
gekauft oder habe eine Reise zu seiner Belehrung gemacht. Da sich
seine Verbindungen mehrten und stets ergiebiger zu werden versprachen,
habe er meine Mutter kennen gelernt und ihre Hand gewonnen. Sie habe
eine nicht unbeträchtliche Mitgift in das Haus gebracht, und so sei
gemeinschaftlich der Grund gelegt worden, daß wir Kinder nun nicht nur
frei und unabhängig bei unsern Eltern in ihrem eigenen Hause leben
können, sondern auch für die Zukunft einen Notpfennig zu erwarten
hätten, und daß er selber sich mit Manchem habe umringen können, was
ihm die sanfte Neigung seines Herzens geboten habe und was ihm als
Erheiterung und nach der Liebe seiner Gattin und der Wohlgeratenheit
seiner Kinder auch als Lohn seines Alters dienen werde. Der betagte
Abt habe ihn als seinen letzten Schüler noch getraut und sei bald
darauf gestorben. Mit der jungen Frau habe er dreimal seine alten
Eltern, welche ferne in einem waldigen Lande von einer wenig
ergiebigen Feldwirtschaft lebten, besucht, sie seien dann kurz darauf
eins nach dem andern gestorben.

Sein Dienstherr habe uns noch aus der Taufe gehoben, sei dann von den
Geschäften zurück getreten, habe bei seinem einzigen Kinde, einer
Tochter, die an einen angesehenen Güterbesitzer verheiratet war,
gelebt und sei bei ihr auch endlich gestorben. So haben sich alle
Verhältnisse geändert. Das heimatliche Waldhaus mit der geringen
Feldwirtschaft haben er und sein Bruder einer Schwester geschenkt,
diese sei ohne Kinder gestorben, und da weder er noch der Bruder das
Haus bewirtschaften konnten, so haben sie eingewilligt, daß es an
einen entfernten Verwandten falle. Der Bruder sei während unserer
Unmündigkeit gestorben, eben so die Großeltern von mütterlicher Seite
und endlich ein Großoheim von eben dieser Seite, der uns Kinder zu
Erben eingesetzt, und da die Mutter keine Geschwister gehabt habe,
so seien wir nun allein und so sei keine Verwandtschaft weder von
väterlicher noch von mütterlicher Seite übrig. Er habe die Liebe,
welche ihm durch den Tod seiner Angehörigen, denen er, besonders dem
Bruder, eine treue Erinnerung weihe, anheimgefallen sei, an die Mutter
und uns übertragen, sein Haus sei nun sein Alles, und wir zwei, die
Schwester und ich, sollten verbunden bleiben und sollten in Neigung
nicht von einander lassen, besonders wenn auch wir allein sein und er
und die Mutter im Kirchhofe schlummern würden.

Diese Ermahnung zur Liebe war nicht nötig; denn daß wir, die Schwester
und ich, uns mehr lieben könnten, als wir taten, schien uns nicht
möglich, nur die Eltern liebten wir beide noch mehr, und wenn eine
Anspielung darauf gemacht wurde, daß sie uns einst verlassen sollten,
so betrübte uns das außerordentlich, und wohin wir die Liebe, die uns
dann zurückfallen sollte, wenden würden, wußten wir sehr wohl, wir
würden sie an gar nichts wenden, sie würde von selber über die
Grabhügel hinaus gegen die verstorbenen Eltern bis an unser Lebensende
fortdauern.


Die andern Vorkommnisse, die zwar auch in unserer Familie, aber nicht
in ihr allein, sondern zugleich in Gesellschaft von geladenen Menschen
vorfielen, waren mir nicht so angenehm als in früheren Zeiten, ja sie
waren mir eher widerwärtig und dünkten mir Zeitverlust. Sie bestanden
beinahe gleichmäßig wie in früheren Jahren aus abendlichen Kreisen, in
denen gesprochen wurde, oder aus Gesellschaften, in denen etwas Musik
oder gar Tanz vorkam. An dem letzteren nahm ich gar keinen Teil, und
die Schwester, welche, wie ich schon seit länger wahrnahm, schier alle
meine Neigungen teilte, tat es sehr wenig und flüchtete an solchen
Abenden sehr gerne zu mir. Ich hatte die Leute, darunter aber
vorzüglich die jungen, welche bei solchen Gelegenheiten zu uns kamen,
schon genau kennen gelernt, und wenn ich in früherer Zeit eine Scheu,
ja sogar eine gewisse Gattung von Ehrfurcht vor ihnen gehabt hatte,
so war dies jetzt nicht mehr der Fall; ich hatte durch Nachdenken und
durch Erfahrungen im Umgange mit andern Menschen einsehen gelernt, daß
das, wovor ich besonders eine Scheu hatte, nehmlich ihre Sicherheit
und Vornehmheit, nur ein Ding ist welches man lernt, wenn man sehr
viel in solchen Gesellschaften ist, wie sie bei uns waren, und wenn
man in diesen Gesellschaften viel spricht und in den Vordergrund
tritt. Und daß dieses Ding nicht schwer zu erlernen ist, sah ich
daraus, daß es solche inne hatten, deren Geisteskräfte hoch zu achten
ich nicht veranlaßt war. Meine Erfahrungen an Menschen hatte ich aber
nicht bloß in hohen Ständen gemacht, sondern auch in niedern, und
in diesen zwar nicht in der Stadt, sondern bei Gebirgsbewohnern und
Landbebauern. In hohen Ständen sah ich junge Leute, namentlich bei
der Fürstin war das der Fall, welche jenes Benehmen, das mir sonst so
hoch über mir schien, nicht hatten, sondern sich einfach und wenig
vortretend gaben, höflich und nicht linkisch waren, und an das Wort,
das ich öfter in meiner Jugend gehört, aber falsch verstanden hatte,
»ein junger Mann von guter Erziehung« erinnerten. In den untern
Ständen habe ich manchen Mann kennen gelernt, der, wenn er vor solchen
stand, die er für höher erachtete als sich selbst, nicht die Mühe
übernahm, auch höher in seinem Benehmen sein zu wollen, sondern
der ruhig so sprach, wie er die Sache verstand, und ruhig die Rede
anhörte, die ihm ein Anderer erwiderte. Dieser Mann schien mir auch
von höherer Erziehung als die, welche viele Arten des Benehmens wissen
und ersichtlich machen. Ein gültiges Beispiel gab mein Gastfreund, der
noch einfacher war als jene Männer, von denen ich sagte, daß ich sie
bei der Fürstin gesehen habe, und dessen Rede und Tun so klare Achtung
erzeugten. Selbst sein Anzug, der Anfangs auffiel, stimmte zu Allem.
Auch Eustach, Gustav aber ganz gewiß, standen im entschiedenen Vorzuge
vor meinen Gesellschaftsleuten. Weil ich nun diese Menschen sehr gut
kannte und weil sie mir keine hohe Rücksichtnahme mehr einflößten, war
es mir unersprießlich, mit ihnen zu sein, und es erschien mir, daß ich
die Zeit besser würde benützen können. Aber auch die Erfahrungen in
dieser Hinsicht mochte mein Vater für nützlich gehalten haben. Ich
machte sie nur an jungen Männern. Über Mädchen konnte ich ein Urteil
gar nicht sagen, weil ich sehr wenig mit ihnen sprach und weil mich
natürlich keine in meiner Zurückgezogenheit aufsuchen konnte. Wie
älteren Leuten, Männern wie Frauen, kam mir oft jemand entgegen, dem
ich Achtung zollen mußte; aber auch zu alten Leuten wie zu Mädchen
konnte ich mich nicht drängen. Unter denen, welchen ich mehr zugetan
war, stand der Sohn des Juwelenhändlers oben an, ich war ihm wirklich
in der eigentlichen Bedeutung ein Freund. Wir brachten außer unseren
Kleinodienlehrstunden manche Zeit mit einander zu, wir besprachen
verschiedene Dinge und lasen auch mitunter kleine Abschnitte von
Schriften mit einander, die wir gemeinschaftlich achteten. Seine
Eltern waren sehr liebenswürdig und fein. Der junge Preborn war mir
auch nicht unangenehm. Er sprach noch öfter von der schönen Tarona
und bedauerte sehr, daß sie auf weite Reisen gegangen und daher gar
nicht in die Stadt gekommen sei, weswegen er mir sie nie habe zeigen
können. An den eigentlichen Vergnügungen, die junge Männer unter sich
anstellten, nahm ich nur ungemein selten Teil. Daß ich aber auch
überhaupt viel weniger mit Männern meines Alters umging und nicht, wie
es bei vielen jungen Leuten in unserer Stadt der Gebrauch ist, Tage
mit ihnen zubrachte und dies öfter wiederholte, rührte daher, daß ich
viele Beschäftigungen hatte und daß mir daher zu wenig Zeit übrig
blieb, sie auf Anderes zu verwenden. Am liebsten war es mir, wenn ich
mit meinen Angehörigen allein war.


Ich ging nach dem Winter ziemlich spät im Frühlinge auf das Land. So
erfreulich der letzte Sommer für mich gewesen war, so sehr er mein
Herz gehoben hatte, so war doch etwas Unliebes in dem Grunde meines
Innern zurück geblieben, was nichts anders schien als das Bewußtsein,
daß ich in meinem Berufe nicht weiter gearbeitet habe und einer
planlosen Beschäftigung anheim gegeben gewesen sei. Ich wollte das
nun einbringen und den größten Teil des Sommers einer festen und
angestrengten Tätigkeit weihen. Ich nahm alle Geräte und Werke mit,
welche ich zur Fortsetzung meiner Arbeiten brauchte. Freie Stunden,
die nach genauer Zeiteinteilung übrig blieben, wollte ich dann meinen
Lieblingsdingen widmen.

Ich kam in das Ahornwirtshaus und bestellte mir da hin auch die Leute,
die ich verwenden wollte, wenn sie sich nehmlich bereit erklärten, mir
in entferntere Teile der Gebirge zu folgen, wohin mich heuer meine
Arbeiten führen würden. Der alte Kaspar wollte mitgehen, zwei andere
auch, und so hatte ich genug. Ich erkundigte mich nach meinem
Zitherspiellehrer, er war fort und so gut wie verschollen. Kein Mensch
wußte etwas von ihm. Ich ging in das Rothmoor, um nachzusehen, wie
weit die Marmorarbeiten gediehen waren. Sie wurden heuer fertig, und
ich konnte sie im Herbste nach Hause bringen lassen. Da das geschehen
war, verließ ich für diesen Sommer das Ahornwirtshaus, in welchem ich
nun so lange gewohnt hatte, um mich in die Bergabteilung zu begeben,
die ich durchforschen wollte. Ich ging mit einem wehmütigen Gefühle
von dem Hause fort.

An einer Stelle, wo das Gebirge weit verzweigt und wild verflochten,
aber deßohngeachtet bei Weitem nicht so schön war wie das, welches
ich verlassen hatte, setzte ich mich wie in einem Mittelpunkte meiner
Bestrebungen fest. Ich vermißte das heitere, fensterschimmernde
Ahornhaus, ich vermißte das ganze Tal, in dem ich beinahe heimisch
geworden war. In einem Hause, das an der Öffnung dreier Täler lag
und mir daher den geeignetsten Platz abgab, mietete ich mich ein.
Schwarzer Tannenwald sah auf meine Fenster, schritt an den Bächen,
welche aus den drei Tälern kamen, neben feuchten Wiesen und andern
offenen Stellen in die Talgründe hinein und zog sich auf die Berge.
Die höheren Kuppen oder gar die Schneeberge konnte man wegen der
Enge des Tales über den finstern Tannen nicht sehen. Das mochte auch
die Ursache sein, daß das Haus und die mehreren in den Waldlehnen
zerstreuten und an den Bächen hingehenden Hütten die Tann hießen.
Mauern, mit grünem Moose bewachsen, bildeten mein Haus und grenzten
an ein zerfallenes Gärtchen, in welchem wenig mehr als Schnittlauch
wuchs. Auf der Gasse war der Boden schwarz, und dieselbe Schwärze zog
sich in das Gras hinein; denn das Einzige, welches häufig an diesem
Wirtshause ankam und da hielt, damit sich Menschen und Tiere
erquickten, waren Kohlenfuhren. In dem ganzen, bei näherer
Besichtigung sich als ungeheuer zeigenden Waldgebiete waren die
Kohlenbrennereien zerstreut, und ganze Züge von den schwarzen
Fuhrwerken und den schwarzen Fuhrmännern zogen die düstere Straße
hinaus, um die Kohlen gegen die Ebenen zu bringen, von wo sie sogar
bis in unsere Stadt befördert wurden. Nur ein einziges Zimmer mit
kleinen Fenstern und eisernen Kreuzen daran konnte ich haben. In
demselben war ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett und eine bemalte Truhe,
in die ich Kleider und andere Dinge legen konnte. Für meine größeren
Kisten wurde mir ein Verschlag in einem Schuppen eingeräumt. Kaspar
und die andern schliefen, wenn wir uns in dem Hause befanden, in der
Scheuer im Heu. Ich ließ mein Gepäcke größtenteils in meinen Koffern,
hing nur das Nötige an Nägel, die in dem Zimmer waren, legte meine
Schreibgeräte, meine wissenschaftlichen Bücher und meine Dichter auf
den Tisch, füllte das Bettgestelle mit meinen von Hause mitgebrachten
Bettstücken, stellte meine Bergstöcke in eine Ecke und war
eingerichtet. Die Sonne, welche am späten Vormittage bei einem Fenster
meines Zimmers hereinkam, streifte am Nachmittage das andere, um bald
die Spitzen der Tannen zu vergolden und zu verschwinden. Ich war in
manchen ähnlichen Herbergen schon gewesen, war daran gewöhnt, fügte
mich und wurde mit dem Wirte, der Wirtin und einer rührigen Tochter,
einfachen, gutmütigen Leuten, die einen kleinen Gedankenkreis hatten,
bald bekannt. Sonst kam noch manches Mal ein Gebirgsjäger, ein
seltener Wandersmann oder ein Hausierer in das Tannwirtshaus. Die
größte Zahl der Gäste bestand außer den Kohlenführern in Holzknechten,
welche in den großen Wäldern zerstreut waren und welche gerne an
Samstagen oder an Tagen vor großen Festen heraus kamen, um zu den
Ihrigen zu gehen. Da verweilten sie denn nun nicht selten gerne
ein wenig in dem Tannwirtshause, um sich ein Gutes zu tun. Die
Hauptbeschäftigung aller Bewohner der Tann war die Holzarbeit und ihr
Hauptreichtum waren Kühe und Ziegen, welche täglich in die Wälder
gingen und von welchen die jüngeren den ganzen Sommer hindurch auf der
Höhe der Waldungen und der Holzschläge blieben.

Von diesem Hause aus fingen wir nun an, unsere Beschäftigungen zu
betreiben. Durch die langen und weithingestreckten Waldungen ging
unser Hammer, und die Leute trugen die Zeugen der verschiedenen
Bodenbeschaffenheiten, auf denen die ausgedehnten Waldbestände
wuchsen, in der Gestalt der mannigfaltigen Gesteine in die Tann. Wenn
auch von unserem Gasthause aus die Felsenberge oder gar das Eis nicht
zu erblicken waren, so waren sie darum nicht weniger vorhanden. Weil
hier Alles großartiger war.

Da wir uns tiefer im Gebirge und näher seinem Urstocke befanden, so
dehnten sich auch die Wälder in mächtigeren Anschwellungen aus, und
wenn man durch eine Reihe von Stunden in dem dunkeln Schatten der
feuchten Tannen und Fichten gegangen war, so wurden endlich ihre
Reihen lichter, ihr Bestand minderte sich, erstorbene Stämme oder
solche, die durch Unfälle zerstört worden waren, wurden häufiger, das
trockene Gestein mehrte sich, und wenn nun freie Plätze mit kurzem
Grase oder Sandgrieß oder Knieholz folgten, so sah man dämmerige
Wände in riesigen Abmessungen vor den Augen stehen, und blitzende
Schneefelder waren in ihnen, oder zwischen auseinanderschreitenden
Felsen schaute ein ganz in Weiß gehüllter Berg hervor. Die Gesteinwelt
folgte nun in noch größeren Ausdehnungen auf die Waldwelt. Uns führte
unsere Absicht oft aus der Umschließung der Wälder in das Freie
der Berge hinaus. Wenn die Bestandteile eines ganzen Gesteinzuges
ergründet waren, wenn alle Wässer, die der Gesteinzug in die Täler
sendet, untersucht waren, um jedes Geschiebe, das der Bach führt, zu
betrachten und zu verzeichnen, wenn nun nichts Neues nach mehrfacher
und genauer Untersuchung sich mehr ergab, so wurde versucht, sich des
Zuges selbst zu bemächtigen und seine Glieder, so weit es die Macht
und Gewalt der Natur zuließ, zu begehen. In die wildesten und
abgelegensten Gründe führte uns so unser Plan, auf die schroffsten
Grate kamen wir, wo ein scheuer Geier oder irgend ein unbekanntes
Ding vor uns aufflog und ein einsamer Holzarm hervor wuchs, den in
Jahrhunderten kein menschliches Auge gesehen hatte; auf lichte Höhen
gelangten wir, welche die ungeheure Wucht der Wälder, in denen unser
Wirtshaus lag, und die angebauteren Gefilde draußen, in denen die
Menschen wohnten, wie ein kleines Bild zu unsern Füßen legten. Meine
Leute wurden immer eifriger. Wie überhaupt der Mensch einen Trieb hat,
die Natur zu besiegen und sich zu ihrem Herrn zu machen, was schon die
Kinder durch kleines Bauen und Zusammenfügen, noch mehr aber durch
Zerstören zeigen und was die Erwachsenen dadurch dartun, daß sie die
Erde nicht nur zur nahrungsprossenden machen, wie der Dichter des
Achilleus so oft sagt, sondern sie auch vielfach zu ihrem Vergnügen
umgestalten, so sucht auch der Bergbewohner seine Berge, die er lieb
hat, zu zähmen, er sucht sie zu besteigen, zu überwinden und sucht
selbst dort hinan zu klettern, wohin ihn ein weiterer, wichtigerer
Zweck gar nicht treibt. Die Erzählung solcher bestandener Züge bildet
einen Teil der Würze des Lebens der Bergbewohner. Meine Leute waren
in einer gesteigerten Freude und Empfindung, wenn wir mit dem Hammer
und Meißel teils Stufen in die glatten Wände schlugen, teils Löcher
machten, unsere vorrätigen Eisen eintrieben, auf solche Weise Leitern
verfertigten und auf einen Standort gelangten, auf den zu gelangen
eine Unmöglichkeit schien.

Wir kamen oft eine Reihe von Tagen nicht in unser Tannwirtshaus hinab.

Ich suchte auch gerne auf die Gipfel hoher Berge zu gelangen, wenn
mich selbst eben meine Beschäftigung nicht dahin führte. Ich stand auf
dem Felsen, der das Eis und den Schnee überragte, an dessen Fuß sich
der Firnschrund befand, den man hatte überspringen müssen oder zu
dessen Überwindung wir nicht selten Leitern verfertigten und über das
Eis trugen, ich stand auf der zuweilen ganz kleinen Fläche des letzten
Steines, oberhalb dessen keiner mehr war, und sah auf das Gewimmel der
Berge um mich und unter mir, die entweder noch höher mit den weißen
Hörnern in den Himmel ragten und mich besiegten oder die meinen Stand
in anderen Luftebenen fortsetzten oder die einschrumpften und hinab
sanken und kleine Zeichnungen zeigten, ich sah die Täler wie rauchige
Falten durch die Gebilde ziehen und manchen See wie ein kleines
Täfelchen unten stehen, ich sah die Länder wie eine schwache Mappe vor
mir liegen, ich sah in die Gegend, wo gleichsam wie in einen staubigen
Nebel getaucht die Stadt sein mußte, in der alle lebten, die mir
teuer waren, Vater, Mutter und Schwester, ich sah nach den Höhen, die
von hier aus wie blauliche Lämmerwolken erschienen, auf denen das
Asperhaus sein mußte und der Sternenhof, wo mein lieber Gastfreund
hauste, wo die gute, klare Mathilde wohnte, wo Eustach war, wo der
fröhliche, feurige Gustav sich befand und wo Nataliens Augen blickten.

Alles schwieg unter mir, als wäre die Welt ausgestorben, als wäre das,
daß sich Alles von Leben rege und rühre, ein Traum gewesen. Nicht
einmal ein Rauch war auf die Höhe hinauf zu sehen, und da wir zu
solchen Besteigungen stets schöne Tage wählten, so war auch meistens
der Himmel heiter und in der dunkelblauen Finsternis hin eine
endlosere Wüste, als er in der Tiefe und in den mit kleinen
Gegenständen angefüllten Ländern erscheint. Wenn wir hinab stiegen,
wenn Kaspar hinter uns die Eisen aus den Steinen zog und in den Sack
tat, den er an einem Stricke um die Schultern hängen hatte, wenn wir
nun die Leiter über den Firnschrund zurückzogen oder im Falle, daß
wir keine Leiter gebraucht hatten, über den Spalt gesprungen waren,
so zeigte sich in dem Ernste von Kaspars harten Zügen oder in
den Angesichtern der Andern, die uns begleiteten, eine gewisse
Veränderung, so daß ich schloß, daß der Stand, auf dem wir gestanden
waren, einen Eindruck auf sie gemacht haben mußte.

Die Stunden oder Tage, die ich mir von meiner Arbeit abdingen konnte,
weil ich Ruhe brauchte oder das Wetter mich hinderte, wendete ich zur
Entwerfung leichter Landschaftsgebilde an, und die Tiefe der Nacht
wurde, ehe sich die Augen schlossen, durch die großen Worte eines, der
schon längst gestorben war und der sie uns in einem Buche hinterlassen
hatte, erhellt, und wenn die Kerze ausgelöscht war, wurden die Worte
in jenes Reich mit hinüber genommen, das uns so rätselhaft ist und das
einen Zustand vorbildet, der uns noch unergründlicher erscheint.

Wie in der jüngstvergangenen Zeit konnte ich auch jetzt nicht mehr mit
der bloßen Sammlung des Stoffes meiner Wissenschaft mich begnügen,
ich konnte nicht mehr das Vorgefundene bloß einzeichnen, daß ein Bild
entstehe, wie Alles über einander und neben einander gelagert ist -
ich tat dieses zwar jetzt auch sehr genau -, sondern ich mußte mich
stets um die Ursache fragen, warum etwas sei, um die Art, wie es
seinen Anfang genommen habe. Ich baute in diesen Gedanken fort und
schrieb, was durch meine Seele ging, auf. Vielleicht wird einmal in
irgend einer Zukunft etwas daraus.


Zur Zeit der Rosenblüte machte ich einen Abschnitt in meinem Beginnen,
ich wollte mir eine Unterbrechung gönnen und den Asperhof besuchen.

Ich lohnte meine Leute ab, gab ihnen das Versprechen, daß ich sie in
Zukunft wieder verwenden werde, legte zu ihrem Lohne noch ein kleines
Heimreisegeld und entließ sie. In dem Tannhause verpackte ich Alles
wohl, was mein Eigentum war, berichtigte das, was ich schuldig
geworden, sagte, daß ich wiederkommen werde, daß man mir das
Dagelassene unterdessen gut bewahren möge und fuhr in einem
einspännigen Gebirgswäglein durch den tiefen Weg, der von dem
rauschenden Bache des Tannwirtshauses waldaufwärts führt, davon. Als
ich die Heerstraße erreicht hatte, sendete ich meinen Fuhrmann zurück
und wählte für die weitere Fahrt einen Platz im Postwagen. Die Strecke
von der letzten Post zu meinem Freunde legte ich zu Fuße zurück. Für
Nachsendung meines Gepäckes trug ich Sorge.

Ich war später gekommen, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. In der
tiefen Abgeschiedenheit und in der hohen kühlen Lage der Tann hatte
ich mich über das, was draußen geschah, getäuscht. In dem freieren
Lande war ein warmer Frühling und ein sehr warmer Frühsommer gewesen,
was ich in den Bergen nicht so genau hatte ermessen können. Darum
blühten schon die Rosen mit freudiger Fülle in allen Gärten, an denen
ich vorüber kam. In schöner Vollkommenheit schauten die untadeligen
Laubkronen meines Gastfreundes über das dunkle Dach des Hauses und
standen an den beiden Flügeln des Gartengitters, als ich den Hügel
hinan stieg. Die Fenstervorhänge, welche teils ein wenig geöffnet,
teils der Hitze willen geschlossen waren, luden mich gastlich ein, und
der Schmelz des Gesanges der Vögel und mancher lautere vereinzelte Ruf
grüßte mich wie einen, der hier schon lange bekannt ist.

Da ich die Einrichtung des Gittertores kannte, drückte ich an der
Vorrichtung, der Flügel öffnete sich und ich trat in den Garten.

Mein Gastfreund war bei den Bienen. Ich erfuhr das von dem Gärtner,
welcher der erste war, den ich zu sehen bekam. Er ordnete etwas an
einem Geranienbeete in der Nähe des Einganges. Ich schlug den Weg zu
den Bienen ein. Mein Gastfreund stand vor der Hütte und erwartete das
Erscheinen einer jungen Familie, die schwärmen wollte. Er sagte mir
dieses, als ich hinzutrat, ihn zu begrüßen. Der Empfang war beinahe
bewegt, wie zwischen einem Vater und einem Sohne, so sehr war meine
Liebe zu ihm schon gewachsen, und eben so mochte auch er schon eine
Zuneigung zu mir gewonnen haben.

Da er doch wohl von seinem Vorhaben nicht weggehen konnte, sagte ich,
ich wolle die andern auch begrüßen, und er billigte es. Er hatte mir
erzählt, daß Mathilde und Natalie in dem Asperhofe seien.

Ich ging gegen das Haus. Gustav hatte es schon erfahren, daß ich da
sei, er flog die Treppe herunter und auf mich zu. Gruß, Gegengruß,
Fragen, Antworten, Vorwürfe, daß ich so spät gekommen sei und daß
ich in dem Frühlinge doch nicht einige Tage benützt habe, um in den
Asperhof zu gehen. Er sagte, daß er mir sehr viel zu erzählen habe,
daß er mir alles erzählen wolle und daß ich recht lange, lange da
bleiben müsse.

Er führte mich nun zu seiner Mutter. Diese saß an einem Tische im
Gebüsche und las. Sie stand auf, da sie mich nahen sah, und ging mir
entgegen. Sie reichte mir die Hand, die ich, wie es in unserer Stadt
Sitte war, küssen wollte. Sie ließ es nicht zu. Ich hatte wohl schon
früher bemerkt, daß sie nicht zugab, daß ihr die Hand geküßt werde;
aber ich hatte in dem Augenblicke nicht daran gedacht. Sie sagte, daß
ich ihr sehr willkommen sei, daß sie mich schon früher erwartet habe
und daß ich nun eine nicht zu kurze Zeit meinen hiesigen Freunden
schenken müsse. Wir gingen unter diesen Worten wieder zu dem Tische
zurück, auf den sie ihr Buch gelegt hatte, und sie hieß mich an ihm
Platz nehmen. Ich setzte mich auf einen der dastehenden Stühle. Gustav
blieb neben uns stehen. Ihr Angesicht war so heiter und freundlich,
daß ich meinte, es nie so gesehen zu haben. Oder es war wohl immer so,
nur in meiner Erinnerung war es ein wenig zurück getreten. Wirklich,
so oft ich Mathilden nach längerer Trennung sah, erschien sie mir,
obwohl sie eine alternde Frau war, immer lieblicher und immer
anmutiger. Zwischen den Fältchen des Alters und auf den Zügen, welche
auf eine Reihe von Jahren wiesen, wohnte eine Schönheit, welche rührte
und Zutrauen erweckte. Und mehr als diese Schönheit war es, wie ich
wohl jetzt erkannte, da ich so viele Angesichter so genau betrachtet
hatte, um sie nachzubilden, die Seele, welche gütig und abgeschlossen
sich darstellte und auf die Menschen, die ihr naheten, wirkte. Um die
reine Stirne zog sich das Weiß der Haubenkrause, und ähnliche weiße
Streifen waren um die feinen Hände.

Auf dem Tische stand ein Blumentopf mit einer dunkeln, fast
veilchenblauen Rose. Sie lehnte sich in dem Rohrstuhle, auf dem sie
saß, zurück, faltete die Hände auf ihrem Schooße und sagte: »Wir
werden in dem Sternenhofe ein kleines Fest feiern. Ihr wißt, daß wir
begonnen haben, die Tünche, womit die großen Steinflächen, die die
Mauern unsers Hauses bekleiden, in früheren Jahren überstrichen worden
sind, wegzunehmen, weil unser Freund meinte, daß dieselbe das Haus
entstelle und daß es sich weit schöner zeigen würde, wenn sie
weggenommen und der bloße Stein sichtbar wäre. Heuer ist nun die ganze
vordere Fläche des Hauses fertig geworden, die Gerüste werden eben
abgebrochen, und da werden, wenn die Spuren auch auf dem Boden vor
dem Hause vertilgt sind, wenn der Sand geebnet ist, wenn der Rasen
gereinigt und gewaschen ist, daß er keine Kalkflecke, sondern das
reine Grün zeigt, wir alle hinausfahren, um die Sache zu betrachten
und ein Urteil abzugeben, ob das Haus den Gewinn gemacht habe, der
sich uns versprochen hat.

Es werden auch andere Menschen kommen, es werden wahrscheinlich sich
einige Nachbarn einfinden, und da ihr zu unsern Freunden aus dem
Asperhofe gehört, und da wir alle euer Urteil in Anschlag bringen
möchten, so seid ihr gebeten, auch dabei zu sein und die Gesellschaft
zu vermehren.«

»Mein Urteil ist wohl sehr geringe«, antwortete ich, »und wenn es
nicht ganz verwerflich ist, und wenn ich mir einige Kenntnisse und
eine bestimmte Empfindung des Schönen erworben habe, so danke ich
Alles dem Besitzer dieses Hauses, der mich so gütig aufgenommen und
Manches in mir hervor gezogen hat, das wohl sonst nie zu irgend einer
Bedeutung gekommen wäre. Ich werde also kaum zur Feststellung der
Sache auf dem Sternenhofe etwas beitragen können, und meine Ansicht
wird gewiß die meines Gastfreundes und Eustachs sein; aber da ihr mich
so freundlich einladet und da es mir eine Freude macht, in eurem Hause
sein zu können, so nehme ich die Einladung gerne an, vorausgesetzt,
daß die Zeit nicht zu spät bestimmt ist, da ich doch wohl noch in
diesem Sommer in den Ort meiner jetzigen Tätigkeit zurückkehren und
Einiges vor mich bringen möchte.«

»Die Zeit ist sehr nahe«, erwiderte sie, »es ist ohnehin schon seit
länger her gebräuchlich, daß nach der Rosenblüte, zu welcher ich immer
in diesem Hause eingeladen bin, unsere hiesigen Freunde auf eine Weile
in den Sternenhof hinüber fahren. Das wird auch heuer so sein.

Während hier die feinen Blätter dieser Blumen sich vollkommen
entwickeln und endlich welken und abfallen, wird unser Hausverwalter
in dem Sternenhofe Alles in Ordnung bringen, daß keine Verwirrung mehr
zu sehr sichtbar ist, er wird uns hierüber einen Brief schreiben und
wir werden den Tag der Zusammenkunft bestimmen. Von dem Urteile, wenn
irgend eines mit einem überwiegenden Gewichte zu Stande kömmt, wird
es abhängen, ob auch die Kosten zu der Reinigung der andern Teile des
Hauses verwendet werden oder ob der jetzige Zustand, daß eine Seite
von der Tünche befreit ist, die übrigen aber damit behaftet sind, der
gewiß weniger schön ist, als wenn Alles übertüncht geblieben wäre,
fortbestehen oder ob gar das Befreite wieder übertüncht werden solle.
Daß ihr übrigens eure Ansichten geringe achtet, daran tut ihr Unrecht.
Wenn in der Nähe unsers Freundes Einiges an euch früher zur Blüte kam,
so ist dies wohl sehr natürlich; es ist ja Alles an uns Menschen so,
daß es wieder von andern Menschen groß gezogen wird, und es ist das
glückliche Vorrecht bedeutender Menschen, daß sie in andern auch das
Bedeutende, das wohl sonst später zum Vorscheine gekommen wäre, früher
entwickeln. Wie sicher in euch die Anlage zu dem Höheren und Größeren
vorhanden war, zeigt schon die Wahl, mit der ihr aus eigenem Antriebe
auf eine wissenschaftliche Beschäftigung gekommen seid, die sonst
unsere jungen Leute in den Jahren, in denen ihr euch entschieden habt,
nicht zu ergreifen pflegen, und daß euer Herz dem Schönen zugewendet
war, geht daraus hervor, daß ihr schon bald begannet, die Gegenstände
eurer Wissenschaft abzubilden, worauf der, dem der bildende Sinn
mangelt, nicht so leicht verfällt, er macht sich eher schriftliche
Verzeichnisse, und endlich habt ihr ja in Kurzem die Abbildung anderer
Dinge, menschlicher Köpfe, Landschaften, versucht und habt euch auf
die Dichter gewendet. Daß es aber auch nicht ein unglücklicher Tag
war, an welchem ihr über diesen Hügel herauf ginget, zeigt sich in
einer Tatsache: ihr liebt den Besitzer dieses Hauses, und einen
Menschen lieben können ist für den, der das Gefühl hat, ein großer
Gewinn.«

Gustav hatte während dieser Rede die Mutter stets freundlich
angesehen.

Ich aber sagte: »Er ist ein ungewöhnlicher, ein ganz außerordentlicher
Mensch.«

Sie erwiderte auf diese Worte nichts, sondern schwieg eine Weile.
Später fing sie wieder an: »Ich habe mir diese Rosenpflanze auf den
Tisch gestellt, gewissermaßen als die Gesellschafterin meines Lesens -
gefällt euch die Blume?«

»Sie gefällt mir sehr«, antwortete ich, »wie mir überhaupt alle Rosen
gefallen, die in diesem Hause gezogen werden.«

»Sie ist eine neue Art«, sagte sie, »ich habe aus England einen Brief
bekommen, in welchem eine Freundin mit Auszeichnung von einer Rose
sprach, die sie in Kew gesehen habe und deren Namen sie hinzu fügte.
Da ich in dem Verzeichnisse unserer Rosen den Namen nicht fand, dachte
ich, daß dies eine Art sein dürfte, welche unser Freund nicht hat.
Ich schrieb an die Freundin, ob sie mir eine solche Rosenpflanze
verschaffen könne. Mit Hilfe eines Mannes, der uns beide kennt,
erhielt sie die Pflanze, und in diesem Frühlinge wurde sie mir in
einem Topfe, sehr wohl und sinnreich verpackt, aus England geschickt.
Ich pflegte sie, und da die Blumen sich entwickeln wollten, brachte
ich sie unserm Freunde. Die Rosen öffneten sich hier vollends, und
wir sahen - besonders er, der alle Merkmale genau kennt -, daß diese
Blume sich in der Sammlung dieses Hauses noch nicht befindet. Eustach
bildete sie ab, daß wir sie festhalten und ob die, welche in Zukunft
kommen werden, ihr gleichen. Mein Freund schrieb nach England um
Pfropfreiser für den nächsten Frühling, diese Pflanze bleibt indessen
in dem Topfe und wird hier besorgt werden.«

Während sie so sprach, regten sich die Zweige neben einem schmalen
Pfade, der aus dem Gebüsche auf den Platz führte, und Natalie trat auf
dem Pfade hervor. Sie war erhitzt und trug einen Strauß von Feldblumen
in der Hand. Sie mußte nicht gewußt haben, daß ein Fremder bei der
Mutter sei; denn sie erschrak sehr, und mir schien, als ginge durch
das Rot des erwärmten Angesichtes eine Blässe, die wieder mit einem
noch stärkeren Rot wechselte. Ich war ebenfalls beinahe erschrocken
und stand auf.

Sie war an der Ecke des Gebüsches stehen geblieben, und ich sagte die
Worte: »Mich freut es sehr, mein Fräulein, euch so wohl zu sehen.«

»Mich freut es auch, daß ihr wohl seid«, erwiderte sie.

»Mein Kind, du bist sehr erhitzt«, sagte die Mutter, »du mußt weit
gewesen sein, es kömmt schon die Mittagsstunde, und in derselben
solltest du nicht so weit gehen. Setze dich ein wenig auf einen dieser
Sessel, aber setze dich in die Sonne, damit du nicht zu schnell
abkühlest.«

Natalie blieb noch ein ganz kleines Weilchen stehen, dann rückte sie
folgsam einen von den herumstehenden Sesseln so, daß er ganz von der
Sonne beschienen wurde, und setzte sich auf ihn. Sie hatte den runden
Hut mit dem nicht gar großen Schirme, wie ihn Mathilde und sie
sehr gerne auf Spaziergängen in der Nähe des Rosenhauses und des
Sternenhofes trugen, als sie aus dem Gebüsche getreten war, in der
Hand gehabt, jetzt, da die Sonne auf ihren Scheitel schien, setzte sie
ihn auf. Sie legte den Strauß von Feldblumen, den sie gebracht hatte,
auf den Tisch und fing an, die einzelnen Gewächse heraus zu suchen und
gleichsam zu einem neuen Strauße zu ordnen.

»Wo bist du denn gewesen?« fragte die Mutter.

»Ich bin zu mehreren Rosenstellen in dem Garten gegangen«, antwortete
Natalie, »ich bin zwischen den Gebüschen neben den Zwergobstbäumen und
unter den großen Bäumen, dann zu dem Kirschbaume empor und von da in
das Freie hinaus gegangen. Dort standen die Saaten und es blühten
Blumen zwischen den Halmen und in dem Grase. Ich ging auf dem schmalen
Wege zwischen den Getreiden fort, ich kam zur Felderrast, saß dort ein
wenig, ging dann auf dem Getreidehügel auf mehreren Rainen ohne Weg
zwischen den Feldern herum, pflückte diese Blumen und ging dann wieder
in den Garten zurück.«

»Und hast du dich denn lange auf dem Berge aufgehalten, und hast du
alle Zeit zu dem Aufsuchen und Pflücken dieser Blumen verwendet?«
fragte Mathilde.

»Ich weiß nicht, wie lange ich mich auf dem Berge aufgehalten habe;
aber ich meine, es wird nicht lange gewesen sein«, antwortete Natalie,
»ich habe nicht bloß diese Blumen gepflückt, sondern auch auf die
Gebirge geschaut, ich habe auf den Himmel gesehen und auf die Gegend,
auf diesen Garten und auf dieses Haus geblickt.«

»Mein Kind«, sagte Mathilde, »es ist kein Übel, wenn du in den
Umgebungen dieses Hauses herum gehst; aber es ist nicht gut, wenn du
in der heißen Sonne, die gegen Mittag zwar nicht am heißesten ist,
aber immerhin schon heiß genug, auf dem Hügel herum gehst, welcher ihr
ganz ausgesetzt ist, welcher keinen Baum - außer bei der Felderrast -
und keinen Strauch hat, der Schatten bieten könnte. Und du weißt auch
nicht, wie lange du in der Hitze verweilest, wenn du dich in das
Herumsehen vertiefest oder wenn du Blumen pflückest und in dieser
Beschäftigung die Zeit nicht beachtest.«

»Ich habe mich in das Blumenpflücken nicht vertieft«, erwiderte
Natalie, »ich habe die Blumen nur so gelegentlich gelesen, wie sie mir
in meinem Dahingehen aufstießen. Die Sonne tut mir nicht so weh, liebe
Mutter, wie du meinst, ich empfinde mich in ihr sehr wohl und sehr
frei, ich werde nicht müde, und die Wärme des Körpers stärkt mich
eher, als daß sie mich drückt.«

»Du hast auch dein Hut an dem Arme getragen«, sagte die Mutter.

»Ja, das habe ich getan«, antwortete Natalie, »aber du weißt, daß ich
dichte Haare habe, auf dieselben legt sich die Sonnenwärme wohltätig,
wohltätiger als wenn ich den Hut auf dem Haupte trage, der so heiß
macht, und die freie Luft geht angenehm, wenn man das Haupt entblößt
hat, an der Stirne und an den Haaren dahin.«

Ich betrachtete Natalie, da sie so sprach. Ich erkannte erst jetzt,
warum sie mir immer so merkwürdig gewesen ist, ich erkannte es, seit
ich die geschnittenen Steine meines Vaters gesehen hatte. Mir erschien
es, Natalie sehe einem der Angesichter ähnlich, welche ich auf
den Steinen erblickt hatte, oder vielmehr in ihren Zügen war das
Nehmliche, was in den Zügen auf den Angesichtern der geschnittenen
Steine ist. Die Stirne, die Nase, der Mund, die Augen, die Wangen
hatten genau etwas, was die Frauen dieser Steine hatten, das Freie,
das Hohe, das Einfache, das Zarte und doch das Kräftige, welches auf
einen vollständig gebildeten Körper hinweist, aber auch auf einen
eigentümlichen Willen und eine eigentümliche Seele. Ich blickte auf
Gustav, der noch immer neben dem Tische stand, ob ich auch an ihm
etwas Ähnliches entdecken könnte. Er war noch nicht so entwickelt, daß
sich an ihm schon das Wesen der Gestalt aussprechen konnte, die Züge
waren noch zu rund und zu weich; aber es däuchte mir, daß er in
wenigen Jahren so aussehen würde, wie die Jünglingsangesichter unter
den Helmen auf den Steinen aussehen, und daß er dann Natalien noch
mehr gleichen würde. Ich blickte auch Mathilden an; aber ihre Züge
waren wieder in das Sanftere des Alters übergegangen; ich glaubte
deßohngeachtet, vor nicht langer Zeit müßte auch sie ausgesehen haben,
wie die älteren Frauen auf den Steinen aussehen. Natalie stammte also
gleichsam aus einem Geschlechte, das vergangen war und das anders und
selbständiger war als das jetzige. Ich sah lange auf die Gestalt,
welche beim Sprechen bald die Augen zu uns aufschlug, bald sie wieder
auf ihre Blumen nieder senkte. Daß ihr Haupt so antik erschien,
wie der Vater mit einem altrömischen Beiworte von seinen Steinen
sagte, mochte zum Teile auch daher kommen - wenigstens gewann ihre
Erscheinung dadurch -, daß es mit einem richtig gebildeten Halse
aus einem ganz einfachen, schmucklosen Kleide hervor sah. Keine
überflüssige Zutat von Stoffen und keine Kette oder sonst ein Schmuck
umgab den Hals - dieses macht nur die bloß anmutigen Angesichter noch
anmutiger -, sondern das Kleid mit einer nicht auffallenden Farbe und
mit einem nicht auffallenden Schnitte schloß den reinen Hals und ging
an der übrigen Gestalt hernieder.

Die Mutter sah Natalien freundlich an, da sie sprach, und sagte dann:
»Der Jugend ist alles gut, der Jugend schlägt alles zum Gedeihen
aus, sie wird wohl auch empfinden, was ihr not tut, wie das Alter
empfindet, was es bedarf - Ruhe und Stille -, und unser Freund sagt ja
auch, man soll der Natur ihr Wort reden lassen; darum magst du gehen,
wie du fühlest, daß du es bedarfst, Natalie, du wirst kein Unrecht
begehen, wie du es ja nie tust, du wirst keine Maßregel außer Acht
lassen, die wir dir gesagt haben, und du wirst dich in deine Gedanken
nicht so vertiefen, daß du deinen Körper vergäßest.«

»Das werde ich nicht tun, Mutter«, entgegnete Natalie, »aber lasse
mich gehen, es ist ein Wunsch in mir, so zu verfahren. Ich werde ihn
mäßigen, wie ich kann; ich tue es um deinetwillen, Mutter, daß du dich
nicht beunruhigest. Ich möchte auf dem Felderhügel herum gehen, dann
auch in dem Tale und in dem Walde, ich möchte auch in dem Lande gehen
und Alles darin beschauen und betrachten. Und die Ruhe schließt dann
so schön das Gemüt und den Willen ab.«

Daß Natalie doch durch das Wandeln in der heißen Sonne unmittelbar
vor der Mittagszeit sich erhitzt habe, zeigte ihr Angesicht. Dasselbe
behielt die Röte, welche es nach dem ersten Erblassen erhalten hatte,
und verlor sie nur in geringem Maße, während sie an dem Tische saß,
was doch eine geraume Zeit dauerte. Es blühte dieses Rot wie ein
sanftes Licht auf ihren Wangen und verschönerte sie gleichsam wie ein
klarer Schimmer.

Sie fuhr in ihrem Geschäfte mit den Blumen fort, sie legte eine nach
der andern von dem größeren Strauße zu dem kleineren, bis der kleinere
Strauß der größere wurde, der größere aber sich immer verkleinerte.
Sie schied keine einzige Blume aus, sie warf nicht einmal einen
Grashalm weg, der sich eingefunden hatte; es erschien also, daß sie
weniger eine Auslese der Blumen machen, als dem alten Strauße eine
neue, schönere Gestalt geben wollte. So war es auch, denn der alte
Strauß war endlich verschwunden und der neue lag allein auf dem
Tische.

Mathilde hatte ihr Buch immer vor sich auf dem Tische liegen und sah
nicht wieder hinein. Sie frug mich um meinen letzten Aufenthalt und um
meine letzten Arbeiten. Ich setzte ihr beides auseinander.

Gustav hatte sich indessen auch auf einen Sessel, ganz nahe an mir,
gesetzt, und hörte aufmerksam zu.

Als die Sonne im Mittage angekommen war und nachgerade unsern ganzen
Tisch erfüllt hatte, erschien Arabella, um uns zum Mittagessen zu
rufen.

Ein Mann, der in dem Garten arbeitete, mußte den Blumentopf in das
Haus tragen. Mathilde nahm das Buch und ein Arbeitskörbchen, das neben
ihr auf dem Tische gestanden war, Natalie nahm ihren Blumenstrauß,
hing ihren Hut wieder an ihren Arm, und so gingen wir in das Haus. Die
Frauen wandelten vor uns, Gustav und ich gingen hinter ihnen.


Daß ich mich gegen meinen Gastfreund, gegen Eustach, gegen Gustav und
selbst gegen die Leute des Hauses verteidigen mußte, weil ich heuer so
spät gekommen sei, nahm mich nicht Wunder, da ich immer so freundlich
hier aufgenommen worden war, und da man sich beinahe daran gewöhnt
hatte, daß ich alle Sommer in das Rosenhaus komme, wie ja auch mir
diese Besuche zur Gewohnheit geworden waren.

Mein Gastfreund und ich sprachen von den Dingen, welche ich im Laufe
des heurigen Sommers unternommen hatte, so wie er mir auch in den
ersten Tagen alles zeigte, was in dem Rosenhause geschah und was sich
in meiner Abwesenheit verändert hatte.

Ich sah, daß die Zeit der Rosenblüte nicht so lange dauern werde,
weil ich ja auch nicht zu ihrem ersten Anfange, sondern etwas später
gekommen war.

Die Bilder gaben mir wieder eine süße Empfindung, und die hohe Gestalt
auf der Treppe trat mir immer näher, seit ich die geschnittenen Steine
gesehen hatte und seit ich wußte, daß etwas unter den Lebenden wandle,
das ähnlich sei. Ich ging mit Gustav oder allein öfter in der Gegend
herum.

Eines Nachmittages waren wir in dem Rosenzimmer. Mathilde sprach
recht freundlich von verschiedenen Gegenständen des Lebens, von den
Erscheinungen desselben, wie man sie aufnehmen müsse und wie sie in
dem Laufe der Jahre sich ablösen. Mein Gastfreund antwortete ihr. Bei
dieser Gelegenheit sah ich erst, wie zart und schön für das Zimmer
gesorgt worden war; denn die vier an Größe wie an Rahmen gleichen
Gemälde, die in demselben hingen, waren trotz ihrer Kleinheit bei
Weitem das Herrlichste und Außerordentlichste, was es an Gemälden im
Rosenhause gab. Ich hatte mein Urteil doch schon so weit gebildet, um
bei dem großen Unterschiede, der da waltete, das einsehen zu können.
Doch leitete ich auch meinen Gastfreund auf den Gegenstand, und er
gab meine Wahrnehmung, freilich in sehr bescheidenen Ausdrücken, weil
Mathilde zugegen war, zu. Wir besahen, nachdem das Gespräch eine
Wendung genommen hatte, die Bilder und machten uns auf das Zarte,
Liebliche und Hohe derselben aufmerksam.

Besuche, wie gewöhnlich zur Rosenzeit, kamen auch heuer; aber ich
mischte mich weniger als etwa in früheren Jahren unter die Leute.

Natalie ging wirklich, wie ich jetzt selber wahrnahm, in diesem Sommer
mehr als in vergangenen im Garten und in der Gegend herum, sie ging
viel weiter und ging auch öfter allein. Sie ging nicht bloß bei dem
großen Kirschbaume öfter in das Freie und ging dort zwischen den
Saaten herum, sondern sie ging auch geradewegs über den Hügel hinab zu
der Straße, oder sie ging in den Meierhof oder längs der Hügel dahin,
oder sie ging ein Stück auf dem Wege nach dem Inghofe. Wenn sie
zurückgekehrt war, saß sie in ihrem Lehnstuhle und blickte auf das,
was vor ihr oder in ihrer Umgebung geschah.

Eines Tages, da ich selber einen weiten Weg gemacht hatte und gegen
Abend in das Rosenhaus zurück kehrte, sah ich, da ich von dem
Erlenbache hinauf eine kürzere Richtung eingeschlagen hatte, auf
bloßem Rasen zwischen den Feldern gegangen, auf der Höhe angekommen
war und nun gegen die Felderrast zuging, auf dem Bänklein, das unter
der Esche derselben steht, eine Gestalt sitzen. Ich kümmerte mich
nicht viel um sie und ging meines Weges, welcher gerade auf den Baum
zuführte, weiter. Ich konnte, wie nahe ich auch kam, die Gestalt nicht
erkennen; denn sie hatte nicht nur den Rücken gegen mich gekehrt,
sondern war auch durch den größten Teil des Baumstammes gedeckt. Ihr
Angesicht blickte nach Süden. Sie regte sich nicht und wendete sich
nicht. So kam ich fast dicht gegen sie heran. Sie mußte nun meinen
Tritt im Grase oder mein Anstreifen an das Getreide gehört haben; denn
sie erhob sich plötzlich, wendete sich um, damit sie mich sähe, und
ich stand vor Natalien. Kaum zwei Schritte waren wir von einander
entfernt. Das Bänklein stand zwischen uns. Der Baumstamm war jetzt
etwas seitwärts. Wir erschraken beide. Ich hatte nehmlich nicht - auch
nicht im Entferntesten - daran gedacht, daß Natalie auf dem Bänklein
sitzen könne, und sie mußte erschrocken sein, weil sie plötzlich
Schritte hinter sich gehört hatte, wo doch kein Weg ging, und weil
sie, da sie sich umwendete, einen Mann vor sich stehen gesehen hatte.
Ich mußte annehmen, daß sie nicht gleich erkannt habe, daß ich es sei.

Ein Weilchen standen wir stumm gegenüber, dann sagte ich: »Seid
ihr es, Fräulein, ich hatte nicht gedacht, daß ich euch unter dem
Eschenbaume sitzend finden würde.«

»Ich war ermüdet«, antwortete sie, »und setzte mich auf die Bank, um
zu ruhen. Auch dürfte es wohl an der Zeit später geworden sein, als
man gewohnt ist, mich nach Hause kommen zu sehen.«

»Wenn ihr ermüdet seid«, sagte ich, »so will ich nicht Ursache sein,
daß ihr steht, ich bitte, setzet euch, ich will, so schnell ich kann,
durch die Felder und den Garten eilen und euch Gustav herauf senden,
daß er euch nach Hause begleite.«

»Das wird nicht nötig sein«, erwiderte sie, »es ist ja noch nicht
Abend, und selbst wenn es Abend wäre, so droht wohl nirgends
ringsherum eine Gefahr. Ich bin schon viel weiter allein gegangen, ich
bin allein nach Hause zurückgekehrt, meine Mutter und unser Gastfreund
haben deshalb keine Besorgnisse gehabt. Heute bin ich bis auf dem
Raitbühel bei dem roten Kreuze gewesen und bin von dort zu der Bank
hieher zurück gegangen.«

»Das ist ja fast über eine Stunde Weges«, sagte ich.

»Ich weiß nicht, wie lange ich gegangen bin«, antwortete sie, »ich
ging zwischen den Feldern hin, auf denen die ungeheure Menge des
Getreides steht, ich ging an manchem Strauche hin, den der Rain
enthält, ich ging an manchem Baume vorbei, der in dem Getreide steht,
und kam zu dem roten Kreuze, das aus den Saaten empor ragt.«

»Wenn ich sehr gut gehe«, sagte ich, »so brauche ich von hier bis zu
dem roten Kreuze eine Stunde.«

»Ich habe, wie ich sagte, die Zeit nicht gezählt«, entgegnete sie,
»ich bin von hier zu dem Kreuze gegangen, und bin von dem Kreuze
wieder hieher zurück gekehrt.«

Während dieser Worte war ich aus der ungefügen Stellung im Grase
hinter dem Bänklein auf den freien Raum herüber getreten, der sich vor
dem Baume ausbreitet, Natalie hatte eine leichte Bewegung gemacht und
sich wieder auf das Bänkchen gesetzt.

»Nach einem solchen Gange bedürft ihr freilich der Ruhe«, sprach ich.

»Es ist auch nicht gerade deswillen«, antwortete sie, »weshalb ich
diese Bank suchte. So ermüdet ich bin, so könnte ich wohl noch recht
gut den Weg durch die Felder und den Garten nach Hause, ja noch einen
viel weiteren machen; aber es gesellte sich zu dem körperlichen
Wunsche noch ein anderer.«

»Nun?«

»Auf diesem Platze ist es schön, das Auge kann sich ergehen, ich bin
bei meinen Gedanken, ich brauche diese Gedanken nicht zu unterbrechen,
was ich doch tun muß, wenn ich zu den Meinigen zurück kehre.«

»Und darum ruhet ihr hier?«

»Darum ruhe ich hier.«

»Seid ihr von eurer Kindheit an gerne allein in den Feldern gegangen?«

»Ich erinnere mich des Wunsches nicht«, antwortete sie, »wie es denn
überhaupt einige Zeitabschnitte in meiner Kindheit gibt, an welche
ich mich nicht genau erinnern kann, und da der Wunsch in meinem
Gedächtnisse nicht gegenwärtig ist, so wird auch die Tatsache nicht
gewesen sein, obwohl es wahr ist, daß ich als Kind lebhafte Bewegungen
sehr geliebt habe.«

»Und jetzt führt euch eure Neigung öfter in das Freie?« fragte ich.

»Ich gehe gerne herum, wo ich nicht beengt bin«, antwortete sie, »ich
gehe zwischen den Feldern und den wallenden Saaten, ich steige auf die
sanften Hügel empor, ich wandere an den blätterreichen Bäumen vorüber
und gehe so fort, bis mich eine fremde Gegend ansieht, der Himmel über
derselben gleichsam ein anderer ist und andere Wolken hegt. Im Gehen
sinne und denke ich dann. Der Himmel, die Wolken darin, das Getreide,
die Bäume, die Gesträuche, das Gras, die Blumen stören mich nicht.
Wenn ich recht ermüdet bin und auf einem Bänklein wie hier oder auf
einem Sessel in unserem Garten oder selbst auf einem Sitze in unserem
Zimmer ausruhen kann, so denke ich, ich werde nun nicht wieder so weit
gehen. - Und wo seid denn ihr gewesen?« fragte sie, nachdem sie sich
unterbrochen und ein Weilchen geschwiegen hatte.

»Ich bin nach dein Essen von dem Erlenbache zu dem Teiche hinauf
gegangen«, antwortete ich, »dann durch das Gehölze auf den Balkhügel
empor, von dem man die Gegend von Landegg sieht und den Turm seiner
Pfarrkirche erblicken kann. Von dem Balkhügel bin ich dann noch auf
den Höhen fortgegangen, bis ich zu den Rohrhäusern gekommen bin. Da
ich dort schon zwei starke Wegstunden von dem Asperhofe entfernt
war, schlug ich den Rückweg ein. Ich hatte im Hingehen viele Zeit
verbraucht, weil ich häufig stehen geblieben war und verschiedene
Dinge angesehen hatte, deshalb wählte ich nun einen kürzeren Rückgang.
Ich ging auf Feldpfaden und mannigfaltigen Kirchenwegen durch die
Felder, bis ich zwischen Dernhof und Ambach wieder zu dem Seewalde und
zu dem Erlenbache herabkam. Von dort aus waren mir Raine bekannt, die
am kürzesten auf die Felderrast herüber führten. Obwohl auf ihnen kein
Weg führt, ging ich doch auf ihrem Grase fort und kam so gegen euch
herzu.«

»Da müßt ihr ja recht müde sein«, sagte sie und machte eine Bewegung
auf dem Bänklein, um mir Platz neben sich zu verschaffen.

Ich wußte nicht recht, wie ich tun sollte, setzte mich aber doch an
ihrer Seite nieder.

»Habt ihr etwa ein Buch mit euch genommen, um auf dieser Bank zu
lesen«, fragte ich, »oder habt ihr nicht Blumen gepflückt?«

»Ich habe kein Buch mitgenommen und habe keine Blumen gepflückt«,
antwortete sie, »ich kann nicht lesen, wenn ich gehe, und kann auch
nicht lesen, wenn ich im freien Felde auf einer Bank oder auf einem
Steine sitze.«

Wirklich sah ich auch gar nichts neben ihr, sie hatte kein Körbchen
oder sonst irgend etwas, das Frauen gerne mit sich zu tragen pflegen,
um Gegenstände hinein legen zu können; sie saß müßig auf dem Bänklein,
und ihr Strohhut, den sie von dem Haupte genommen hatte, lag neben ihr
in dem Grase.

»Die Blumen pflücke ich«, fuhr sie nach einem Weilchen fort, »wenn sie
bei Gelegenheit an dem Wege stehen. Hier herum ist meistens der Mohn,
der aber wenig zu Sträußen paßt, weil er gerne die Blätter fallen
läßt, dann sind die Kornblumen, die Wegnelken, die Glocken und andere.
Oft pflücke ich auch keine Blumen, wenn sie noch so reichlich vor mir
stehen.«

Mir war es seltsam, daß ich mit Natalien allein unter der Esche der
Felderrast sitze. Ihre Fußspitzen ragten in den Staub der vor uns
befindlichen offenen Stelle hinaus, und der Saum ihrer Kleider
berührte denselben Staub. In der Krone der Esche rührte sich kein
Blättchen; denn die Luft war still. Weit vor uns hinabgehend und weit
zu unserer Rechten und Linken hin sowie rückwärts war das grüne, der
Reife entgegen harrende Getreide. Aus dem Saume desselben, der uns am
nächsten war, sahen uns der rote Mohn und die blauen Kornblumen an.
Die Sonne ging dem Untergange zu und der Himmel glänzte an der Stelle,
gegen die sie ging, fast weißglühend über die Saatfelder herüber,
keine Wolke war und das Hochgebirge stand rein und scharf geschnitten
an dem südlichen Himmel.

»Und habt ihr bei dem roten Kreuze auch ein wenig geruht?« fragte ich
nach einer Weile.

»Bei dem roten Kreuze habe ich nicht geruht«, antwortete sie,
»man kann dort nicht ruhen, es steht fast unter lauter Halmen des
Getreides, ich lehnte mich mit einem Arme an seinen Stamm und sah
auf die Gegend hinaus, auf die Felder, auf die Obstbäume und auf die
Häuser der Menschen, dann wendete ich mich wieder um und schlug den
Rückweg zu diesem Bänklein ein.«

»Wenn heiterer Himmel ist und die Sonne scheint, dann ist es in der
Weite schön«, sagte ich.

»Es ist wohl schön«, erwiderte sie, »die Berge gehen wie eine Kette
mit silbernen Spitzen dahin, die Wälder sind ausgebreitet, die Felder
tragen den Segen für die Menschen, und unter all den Dingen liegt das
Haus, in welchem die Mutter und der Bruder und der väterliche Freund
sind; aber ich gehe auch an bewölkten Tagen auf den Hügel oder an
solchen, an denen man nichts deutlich sehen kann. Als Bestes bringt
der Gang, daß man allein ist, ganz allein, sich selber hingegeben. Tut
ihr bei euren Wanderungen nicht auch so, und wie erscheint denn euch
die Welt, die ihr zu erforschen trachtet?«

»Es war zu verschiedenen Zeiten verschieden«, antwortete ich; »einmal
war die Welt so klar als schön, ich suchte Manches zu erkennen,
zeichnete Manches und schrieb mir Manches auf. Dann wurden alle Dinge
schwieriger, die wissenschaftlichen Aufgaben waren nicht so leicht zu
lösen, sie verwickelten sich und wiesen immer wieder auf neue Fragen
ein. Dann kam eine andre Zeit; es war mir, als sei die Wissenschaft
nicht mehr das Letzte, es liege nichts daran, ob man ein Einzelnes
wisse oder nicht, die Welt erglänzte wie von einer innern Schönheit,
die man auf ein Mal fassen soll, nicht zerstückt, ich bewunderte sie,
ich liebte sie, ich suchte sie an mich zu ziehen und sehnte mich nach
etwas Unbekanntem und Großem, das da sein müsse.«


Sie sagte nach diesen Worten eine Zeit hindurch nichts; dann aber
fragte sie: »Und ihr werdet in diesem Sommer noch einmal in euren
Aufenthaltsort zurück kehren, den ihr euch jetzt zu eurer Arbeit
auserkoren habt?«

»Ich werde in denselben zurück kehren«, antwortete ich.

»Und den Winter bringt ihr bei euren lieben Angehörigen zu?« fragte
sie weiter.

»Ich werde ihn wie alle bisherigen in dem Hause meiner Eltern
verleben«, sagte ich.

»Und seid ihr in dem Winter im Sternenhofe?« fragte ich nach einiger
Zeit.

»Wir haben ihn früher zuweilen in der Stadt zugebracht«, antwortete
sie, »jetzt sind wir schon einige Male in dem Sternenhofe geblieben,
und zwei Mal haben wir eine Reise gemacht.«

»Habt ihr außer Klotilden keine andere Schwester?« fragte sie, nachdem
wir wieder ein Weilchen geschwiegen hatten.

»Ich habe keine andere«, erwiderte ich, »wir sind nur zwei Kinder, und
das Glück, einen Bruder zu besitzen, habe ich gar nie kennen gelernt.«

»Und mir ist wieder das Glück, eine Schwester zu haben, nie zu Teil
geworden«, antwortete sie.

Die Sonne war schon untergegangen, die Dämmerung trat ein, und wir
waren immer sitzen geblieben. Endlich stand sie auf und langte nach
ihrem Hute, der in dem Grase lag. Ich hob denselben auf und reichte
ihn ihr dar. Sie setzte ihn auf und schickte sich zum Fortgehen an.
Ich bot ihr meinen Arm. Sie legte ihren Arm in den meinigen, aber
so leicht, daß ich ihn kaum empfand. Wir schlugen nicht den Weg auf
den Anhöhen hin zu dem Gartenpförtchen ein, das in der Nähe des
Kirschbaumes ist, sondern wir gingen auf dem Pfade, der von der
Felderrast zwischen dem Getreide abwärts läuft, gegen den Meierhof
hinab. Wir sprachen nun gar nicht mehr. Ihr Kleid fühlte ich sich
neben mir regen, ihren Tritt fühlte ich im Gehen. Ein Wässerlein,
das unter Tags nicht zu vernehmen war, hörte man rauschen, und der
Abendhimmel, der immer goldener wurde, flammte über uns und über den
Hügeln der Getreide und um manchen Baum, der beinahe schwarz da stand.
Wir gingen bis zu dem Meierhofe. Von demselben gingen wir über die
Wiese, die zu dem Hause meines Gastfreundes führt, und schlugen den
Pfad zu dem Gartenpförtchen ein, das in jener Richtung in der Gegend
der Bienenhütte angebracht ist. Wir gingen durch das Pförtchen in den
Garten, gingen an der Bienenhütte hin, gingen zwischen Blumen, die da
standen, zwischen Gesträuch, das den Weg säumte, und endlich unter
Bäumen dahin und kamen in das Haus. Wir gingen in den Speisesaal, in
welchem die Andern schon versammelt waren. Natalie zog hier ihren Arm
aus dem meinigen. Man fragte uns nicht, woher wir gekommen wären und
wie wir uns getroffen hätten. Man ging bald zu dem Abendessen, da die
Zeit desselben schon heran gekommen war.

Während des Essens sprachen Natalie und ich fast nichts.

Als wir uns im Speisesaale getrennt hatten und als jedes in sein
Zimmer gegangen war, löschte ich die Lichter in dem meinigen sogleich
aus, setzte mich in einen der gepolsterten Lehnstühle und sah auf
die Lichttafeln, welche der inzwischen heraufgekommene Mond auf die
Fußböden meiner Zimmer legte. Ich ging sehr spät schlafen, las aber
nicht mehr, wie ich es sonst in jeder Nacht gewohnt war, sondern blieb
auf meinem Lager liegen und konnte sehr lange den Schlummer nicht
finden.

In den Tagen, die auf jenen Abend folgten, schien es mir, als weiche
mir Natalie aus. Die Zithern hörte ich wieder in ein paar Nächten, sie
wurden sehr gut gespielt, was ich jetzt mehr empfinden und beurteilen
konnte als früher. Ich sprach aber nichts darüber, und noch weniger
sagte ich etwas davon, daß ich selber in diesem Spiele nicht mehr
so unerfahren sei. Meine Zither hatte ich nie in das Rosenhaus
mitgenommen.

Endlich nahte die Zeit, in welcher man in den Sternenhof gehen sollte.
Mathilde und Natalie reisten in Begleitung ihrer Dienerin früher
dahin, um Vorkehrungen zu treffen und die Gäste zu empfangen. Wir
sollten später folgen.

In der Zeit zwischen der Abreise Mathildens und der unsrigen tat mein
Gastfreund eine Bitte an mich. Sie bestand darin, daß ich ihm in dem
kommenden Winter eine genaue Zeichnung von den Vertäflungen anfertigen
möchte, welche ich meinem Vater aus dem Lauterthale gebracht hatte
und welche von ihm in die Pfeiler des Glashäuschens eingesetzt
worden waren. Die Zeichnung möchte ich ihm dann im nächsten Sommer
mitbringen. Ich fühlte mich sehr vergnügt darüber, daß ich dem Manne,
zu welchem mich eine solche Neigung zog und dem ich so viel verdankte,
einen Dienst erweisen konnte und versprach, daß ich die Zeichnung so
genau und so gut machen werde, als es meine Kräfte gestatten.

An einem der folgenden Tage fuhren mein Gastfreund, Eustach, Roland,
Gustav und ich in den Sternenhof ab.



Das Fest

Ein Fest in dem Sinne, wie man das Wort gewöhnlich nimmt, war es
nicht, was in dem Sternenhofe vorkommen sollte, sondern es waren
mehrere Menschen zu einem gemeinschaftlichen Besuche eingeladen
worden, und diese Einladungen hatte man auch nicht eigens und
feierlich, sondern nur gelegentlich gemacht. Übrigens stand es in
Hinsicht des Sternenhofes so wie des Asperhofes jedem Freunde und
jedem Bekannten frei, zu was immer für einer Zeit einen Besuch machen
und eine Weile zu bleiben.

Als wir am zweiten Tage nach unserer Abreise von dem Asperhofe - wir
hatten einen kleinen Umweg gemacht - in dem Sternenhofe eintrafen,
waren schon mehrere Menschen versammelt. Fremde Diener, zuweilen
seltsam gekleidet, gingen, wie sich das allemal findet, wenn mehrere
Familien zusammen kommen, in der Nähe des Schlosses herum oder auf dem
Wege zwischen dem Meierhofe und dem Schlosse hin und her. Man hatte
einen Teil der Wägen und Pferde in dem Meierhofe untergebracht. Wir
fuhren bei dem Tore hinein, und unser Wagen hielt im Hofe. Ich hatte
schon, da wir den Hügel hinan fuhren und uns dem Schlosse näherten,
einen Blick auf dessen vorderste Mauer geworfen, an der jetzt die
bloßen Steine ohne Tünche sichtbar waren, und hatte mein Urteil
schnell gefaßt. Mir gefiel die neue Gestalt um Außerordentliches
besser als die frühere, an welche ich jetzt kaum zurück denken mochte.
Meine Begleiter äußerten sich während des Hinzufahrens nicht, ich
sagte natürlich auch nichts. Im Hofe näherten sich Diener, welche
unser Gepäcke in Empfang nehmen und Wagen und Pferde unterbringen
sollten. Der Hausverwalter führte uns die große Treppe hinan und
geleitete uns in das Gesellschaftszimmer. Dasselbe war eines von jenen
Zimmern, die in einer Reihe fortlaufen und mit den neuen, im Asperhofe
verfertigten Geräten versehen sind. Die Türen aller dieser Zimmer
standen offen. Mathilde saß an einem Tische und eine ältliche Frau
neben ihr. Mehrere andere Frauen und Mädchen so wie ältere und jüngere
Männer saßen an verschiedenen Stellen umher. Auf dem unscheinbarsten
Platze saß Natalie. Mathilde so wie Natalie waren gekleidet, wie
die Frauen und Mädchen von den besseren Ständen gekleidet zu sein
pflegten; aber ich konnte doch nicht umhin, zu bemerken, daß ihre
Kleider weit einfacher gemacht und verziert waren als die der anderen
Frauen, daß sie aber viel besser zusammen stimmten und ein edleres
Gepräge trugen, als man dies sonst findet. Mir war, als sähe ich den
Geist meines Gastfreundes daraus hervorblicken, und wenn ich an höhere
Kreise unserer Stadt, zu denen ich Zutritt hatte, dachte, so schien es
mir auch, daß gerade dieser Anzug derjenige vornehme sei, nach welchem
die Andern strebten. Mathilde stand auf und verbeugte sich freundlich
gegen uns. Das taten die Andern auch, und wir taten es gegen Mathilde
und gegen die Andern. Hierauf setzte man sich wieder, und der
Hausverwalter und zwei Diener sorgten, daß wir Sitze bekamen. Ich
setzte mich an eine Stelle, welche sehr wenig auffällig war. Die Sitte
des gegenseitigen Vorstellens der Personen, wie sie fast überall
vorkömmt, scheint in dem Rosenhause und in dem Sternenhofe nicht
strenge gebräuchlich sein; denn ich wußte schon mehrere Fälle, in
denen es unterblieben war; besonders wenn sich mehrere Menschen
zusammen gefunden hatten. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit unterblieb
es auch. Man überließ es eher den Bemühungen des Einzelnen, sich die
Kenntnis über eine Person zu verschaffen, an der ihm gelegen war, oder
man überließ es eher dem Zufalle, miteinander bekannt zu werden, als
daß man bei jedem neuen Ankömmlinge das Verzeichnis der Anwesenden
gegen ihn wiederholt hätte. Zudem schienen sich hier die meisten
Personen zu kennen. Mich wollte man wahrscheinlich aus dem Spiele
lassen, weil ich nie, wenn fremde Menschen in den Asperhof gekommen
waren, gefragt hatte, wer sie seien. Gustav benahm sich hier auch
beinahe wie ein Fremder. Nachdem er sich gegen seine Mutter sehr artig
verbeugt, in die allgemeine Verbeugung gegen die Andern eingestimmt
und Natalien zugelächelt hatte, setzte er sich bescheiden auf einen
abgelegenen Platz und hörte aufmerksam zu. Mein Gastfreund und Eustach
so wie auch Roland waren in den gebräuchlichen Besuchkleidern, ich
ebenfalls. Mir kamen diese Männer in ihren schwarzen Kleidern fremder
und fast geringer vor als in ihrem gewöhnlichen Hausanzuge.

Mein Gastfreund war bald mit verschiedenen Anwesenden im Gespräche.
Allgemein wurde von allgemeinen und gewöhnlichen Dingen geredet, und
das Gespräch ging bald zwischen einzelnen, bald zwischen mehreren
Personen hin und wider. Ich sprach wenig und fast ausschließlich nur,
wenn ich angeredet und gefragt wurde. Ich sah auf die Versammlung vor
mir oder auf manchen Einzelnen oder auf Natalien. Roland rückte einmal
seinen Stuhl zu mir und knüpfte ein Gespräch über Dinge an, die uns
beiden nahe lagen. Wahrscheinlich tat er es, weil er sich ebenso
vereinsamt unter den Menschen empfand wie ich.

Nachdem man den Nachmittagstee, bei dem man eigentlich versammelt war,
verzehrt und sich schon zum größten Teile erhoben hatte und in Gruppen
zusammen getreten war, wurde der Vorschlag gemacht, sich in den Garten
zu begeben und dort einen Spaziergang zu machen. Der Vorschlag fand
Beifall. Mathilde erhob sich und mit ihr die älteren Frauen. Die
jüngeren waren ohnehin schon gestanden. Ein schöner alter Herr,
wahrscheinlich der Gatte der ältlichen Frau, welche neben Mathilden
gesessen war, bot der Hausfrau den Arm, um sie über die Treppe hinab
zu geleiten, dasselbe tat mein Gastfreund mit der ältlichen Frau.
Einige Paare entstanden noch auf diese Weise, das Andere ging
gemischt. Ich blieb stehen und ließ die Leute an mir vorüber gehen, um
mich nicht vorzudrängen. Natalie ging mit einem schönen Mädchen an mir
vorüber und sprach mit demselben, als sie an mir vorbei ging. Ich war,
mit Roland und Gustav, der letzte, welcher über die Treppe hinab ging.
Im Garten war es so, wie es bei einer größeren Anzahl von Gästen
in ähnlichen Fällen immer zu sein pflegt. Man bewegte sich langsam
vorwärts, man blieb bald hier, bald da stehen, betrachtete dieses oder
jenes, besprach sich, ging wieder weiter, löste sich in Teile und
vereinigte sich wieder. Ich achtete auf alles, was gesprochen wurde,
gar nicht. Natalie sah ich mit demselben Mädchen gehen, mit dem sie an
mir in dem Gesellschaftszimmer vorüber gegangen war, dann gesellten
sich noch ein paar hinzu. Ich sah sie mit ihrem lichtbraunen
Seidenkleide zwischen andere hervorschimmern, dann sah ich sie wieder
nicht, dann sah ich sie abermals wieder. Gebüsche deckten sie dann
ganz. Die jungen Männer, welche ich in der Gesellschaft getroffen
hatte, gingen bald mit dem älteren Teile, bald mit dem jüngeren.
Roland und Gustav gesellten sich zu mir, und wenn Gustav fragte, wie
es dort aussehe, wo ich jetzt gearbeitet habe, ob hohe Berge sind,
weite Täler, und ob es so freundlich ist wie am Lautersee, und ob ich
noch weiter vordringen wolle, und in welche Berge ich dann komme: so
sprach Roland wieder von den Anwesenden und nannte mir manchen und
erzählte mir von ihren Verhältnissen. Durch seine Reisen in dem Lande,
durch seinen Aufenthalt in Kirchen, Kapellen, verfallenen Schlössern
und allen bedeutenderen Orten erfuhr er mehr, als irgend ein Anderer
erfahren konnte, und durch sein lebhaftes Wesen und sein gutes
Gedächtnis wurde er zur Erforschung angeleitet und war im Stande, das
Erforschte zu bewahren. Die ältliche Frau, welche wir bei unserem
Eintritte in das Gesellschaftszimmer neben Mathilden sitzen gesehen
hatten, war die Besitzerin einem großen Anwesens, etwa eine halbe
Tagereise von dem Sternenhofe entfernt. Ihr Name war Tillburg, wie
auch ihr Schloß hieß. Sie hatte sich mit allen Annehmlichkeiten und
mit allem, was prächtig war, umringt. Ihre Gewächshäuser waren die
schönsten im Lande, ihr Garten enthielt alles, was in der Zeit
als vorzüglich auftauchte und wurde von zwei Gärtnern und einem
Obergärtner nebst vielen Gehilfen besorgt, ihre Zimmer wiesen Geräte
und Stoffe von allen Hauptstädten der Welt auf, und ihre Wägen waren
das Bequemste und Zierlichste, was man in dieser Art hatte. Gemälde,
Bücher, Zeitschriften, kleine Spielereien waren in ihren Wohnzimmern
zerstreut. Sie machte Besuche in der Umgegend und empfing auch solche
gerne. Im Winter ist sie selten in ihrem Schlosse und immer nur auf
kurze Zeit, sie macht gerne Reisen und hält sich besonders oft in
südlichen Gegenden auf, von denen sie Merkwürdigkeiten zurückbringt.
Sie war die einzige Tochter und Erbin ihrer Eltern, ein Bruder, den
sie hatte, war in der zartesten Jugend gestorben. Der Mann mit dem
freundlichen Angesichte, welcher Mathilden aus dem Saale geführt
hatte, war ihr Gatte. Er war ebenfalls das einzige Kind reicher
Eltern, die Verbindung hatte sich ergeben, und so waren zwei große
Vermögen in eins zusammen gekommen. Er teilte nicht gerade die
Liebhabereien seiner Gattin, war ihnen aber auch nicht entgegen. Er
hatte keine Leidenschaften, war einfach, machte seiner Gattin, die er
sehr liebte, gerne eine Freude und fand in den Reisen derselben, auf
denen er sie begleitete, halb sein eigenes Vergnügen, halb eines, weil
er das ihrige teilte. Er verwaltete aber von jeher die Besitzungen
sehr einsichtig. Die Tillburg stammt von ihm. Einer von den jungen
Männern, die im Gesellschaftszimmer waren, der schlanke Mann mit den
lebhaften dunkeln Augen ist der Sohn, und zwar das einzige Kind dieser
Eheleute, er ist gut erzogen worden, und man kann nicht wissen, ob von
Tillburg her nicht zartere Beziehungen zu dem Sternenhofe gewünscht
werden.

Gustav machte bei diesen Worten eine leichte Seitenbewegung gegen
Roland, sah ihn an, sagte aber nichts.

Ich erinnerte mich der Tillburg, die ich sehr gut kannte, aber nie
betreten hatte. Ich war öfter in ihrer Nähe vorüber gekommen und hatte
die vier runden Türme an ihren vier Ecken, denen man in der neueren
Zeit eine lichte Farbe gegeben hatte, eine Tünche, wie man sie gerade
jetzt von dem Sternenhofe wieder weg haben will, nicht angenehm
empfunden, wie sie sich so scharf von dem Grün der nahen Bäume und dem
Blau der fernen Berge und des Himmels abhoben, welchen letzteren sie
beinahe finster machten.

»Der kleinere Mann mit den weißen Haaren, der in der Nähe des
mittleren Fensters gesessen und öfter aufgestanden war«, fuhr Roland
fort, »ist der Besitzer von Haßberg. Sein Vater hatte die Besitzung
erst gekauft und sie ursprünglich für einen jüngeren Sohn bestimmt, da
der ältere das Stammgut Weißbach erben sollte; allein der jüngere Sohn
und der Vater starben, und so hatte der ältere Weißbach und Haßberg.
Er übergab nach einiger Zeit seinem Sohne das Stammgut und zog sich
nach Haßberg zurück. Er ist einer jener Männer, die immer erfinden und
bauen müssen. In Weißbach hat er schon mehrere Bauten aufgeführt.

In Haßberg richtete er eine Musterwirtschaft ein, er verbesserte
die Felder und Wiesen und friedigte sie mit schönen Hecken ein, er
errichtete einen auserlesenen Viehstand und führte in geschützten
Lagen den Hopfenbau ein, der sich unter seine Nachbarn verbreitete
und eine Quelle des Wohlstandes eröffnete. Er dämmte dem Ritflusse
Wiesen ab, er mauerte die Ufer des Mühlbaches heraus, er baute eine
Flachsröstanstalt, baute neue Ställe, Scheuern. Trockenhäuser,
Brücken, Stege, Gartenhäuser, und ändert im Innern des Schlosses
beständig um. Er ist im Laufe des ganzen Tages mit Nachschauen und
Anordnen beschäftigt, zeichnet und entwirft in der Nacht, und wenn
irgendwo im Lande über Führung einer Straße oder Anlegung eines
Bewirtschaftungsplanes oder Errichtung eines Gebäudes Rat gepflogen
wird, so wird er gerufen, und er macht bereitwillig die Reisen auf
seine eigenen Kosten. Selbst bei der Regierung des Landes ist sein
Wort nicht ohne Bedeutung. Die Frau mit dem aschgrauen Kleide ist
seine Gattin, und die zwei Mädchen, welche vor Kurzem mit Natalie
gegen die Eichen zugingen, sind seine Töchter. Frau und Töchter reden
ihm zu, er solle sich mehr Ruhe gönnen, da er schon alt wird, er sagt
immer: >Das ist das Letzte, was ich baue<; allein ich glaube, den
letzten Plan zu einem Baue wird er auf seinem Totenbette machen. Unser
Freund hält in diesen Dingen große Stücke auf ihn.«

Da wir um die Ecke eines Gebüsches bogen und gegen die Eichen,
welche an der Eppichwand stehen, zugingen, sahen wir wieder eine
Menschengruppe vor uns. Roland, der einmal im Zuge war, sagte: »Der
Mann in dem feinen schwarzen Anzuge, vor dem seine Gattin in dem
nelkenbraunen Seidenkleide geht, ist der Freiherr von Wachten, dessen
Sohn hier ebenfalls zugegen ist, ein Mann von mittelgroßer Gestalt,
der im Gesellschaftszimmer so lange am Eckfenster gestanden war, ein
junger Mann von vielen angenehmen Eigenschaften, der aber zu oft in
den Sternenhof kömmt, als daß es sich durch bloßen Zufall erklären
ließe.

Der Freiherr verwaltet seine Besitzungen gut, er hat keine besondere
Vorliebe, hält alles und jedes in der ihm zugehörigen Ordnung und wird
immer reicher. Da er nur den einzigen Sohn und keine Tochter hat, so
wird die künftige Gattin seines Sohnes eine sehr ansehnliche und sehr
reiche Frau. Die Familie lebt im Winter häufig in der Stadt. Die Güter
liegen etwas zerstreut. Thondorf mit den schönen Wiesen und dem großen
Waldgarten müßt ihr ja kennen.«

»Ich kenne es«, antwortete ich.

»Auf dem Randek hat er ein zerfallendes Schloß«, fuhr Roland fort,
»in welchem wunderschöne Türen sind, die aus dem sechzehnten
Jahrhunderte stammen dürften. Der Verwalter rät ihm, die Türen nicht
herzugeben, und so zerfallen sie nach und nach. Sie sind in unsern
Zeichnungsbüchern enthalten und würden Gemächer, im Stile jener Zeit
gebaut und eingerichtet, sehr zieren. Sogar zu Tischen oder anderen
Dingen, falls man sie als Türen nicht verwenden könnte, würden sie
sehr brauchbar sein. Ich habe auch in der sehr zerfallenen Kapelle von
Randek außerordentlich schöne Tragsteine gezeichnet. Meistens wohnt
der Freiherr im Sommer in Wahlstein, schon ziemlich tief in den
Bergen, wo die Elm hervorströmt.«

»Ich kenne den Sitz«, antwortete ich, »und kenne auch die Familie im
Allgemeinen.«

»Der Mann mit den schneeweißen Haaren«, sprach Roland weiter, »heißt
Sandung, er veredelt die Schafzucht, und der eine von den zwei neben
ihm gehenden Männern ist der Besitzer des sogenannten Berghofes, ein
allgemein geachteter Mann, und der andere ist der Oberamtmann von
Landegg. Es fehlen noch die vom Inghof, dann sind mehrere Vertreter
der hier herum wohnenden Leute vorhanden. Ich teile sie, wenn ich in
meiner Liebhaberei im Lande herum reise, nach ihren Liebhabereien
in Gruppen ein, und man könnte eine Landmappe so nach diesen
Liebhabereien mit Farben zeichnen, wie ihr die Gebirge mit Farben
zeichnet, um das Vorkommen der verschiedenen Gesteine anzuzeigen.«

Da wir wieder eine Wendung machten, ganz nahe an der rechten Seite
der Eppichwand, ging Mathilde mit der Frau von Tillburg auf einem
Nebenwege gegen uns hervor. Sie blieb vor uns stehen und sagte zu mir:
»Ihr habt meiner Brunnennymphe nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt
als ihr solltet; ihr zieht die Gestalt auf der Treppe unsers Freundes
zu sehr vor. Sie verdient es wohl; allein ihr müßt doch die hiesige
auch ein wenig genauer ansehen und sie mir ein wenig schön heißen.«

»Ich habe sie schön geheißen«, erwiderte ich, »und wenn meine ganz
unbedeutende Meinung etwas gilt, so soll ihr die Anerkennung gewiß
nicht entgehen.«

»Wir besuchen nun ohnehin alle die Grotte«, entgegnete sie.

Nach diesen Worten ging sie mit ihrer Begleiterin auf dem Hauptwege
gegen die Eppichwand vor, wir folgten. Die Anderen kamen in
verschiedenen Richtungen herzu, und man ging zu der Marmorgestalt in
der Brunnenhalle.

Einige gingen hinein, Andere blieben mehr am Eingange stehen, und man
redete über die Gestalt. Diese ruhte indessen in ihrer Lage, und die
Quelle rann sanft und stetig fort. Es waren nur allgemeine Dinge,
welche über das Bildwerk gesprochen wurden. Mir kam es fremd vor, die
geputzten Menschen in den verschiedenfarbigen Kleidern vor dem reinen,
weißen, weichen Marmor stehen zu sehen. Roland und ich sprachen
nichts.

Man entfernte sich wieder von dem Marmor, ging langsam an der
Eppichwand hin und stieg die Stufen zu der Aussicht empor. Auf dieser
verteilte man eine Zeit und ging dann gegen die Linden zurück. Nach
Betrachtung der Linden und des schönen Platzes unter ihnen begab
sich der Zug wieder auf den Rückweg in das Schloß. Eustach hatte ich
beinahe die ganze Zeit nicht gesehen.

Zugleich mit uns kamen im Schlosse Wägen an, in denen die von Ingheim
und noch einige Gäste saßen. Nachdem man sich bewillkommt hatte und
nachdem die Angekommenen sich von den überflüssigen Reisekleidern
befreit hatten, teilte sich, wie es bei ähnlichen Gelegenheiten stets
vorkömmt, die Gesellschaft in Gruppen, von denen einige vor dem Hause
standen und plauderten, andere auf den Sandwegen im Rasen herumgingen,
wieder andere gegen den Meierhof wandelten. Als die Abendröte hinter
den Bäumen erschien, die in schönen Zeilen im Westen des Schlosses die
Felder säumten, und als ihr Glühen immer blässer wurde und dem Gelb
des Spätabends Platz machte, sammelten sich die Leute wieder. Die
einen kehrten von ihrem Spaziergange, die anderen von ihrem Gespräche,
die dritten von ihrer Betrachtung verschiedener Gegenstände zurück,
und man begab sich in das Speisezimmer. In demselben begann nun
ein Abend, wie sie auf dem Lande, wo man von dem Umgange mit
Seinesgleichen viel ausgeschlossener ist, zu den vergnügtesten
gehören. Ich habe diese Betrachtung, da ich im Sommer immer ferne von
der Stadt war, öfter machen können. Da man Menschen, mit denen man
gleiche Gesinnungen und gleiche Meinungen hat, auf dem Lande viel
seltener sieht als in der Stadt, da man mit dem Raume nicht so kargen
muß wie in der Stadt, wo jede Familie nur das mit vielen Kosten
erschwingt, was sie für sich und nächste Angehörige braucht, da die
Lebensmittel auf dem Lande gewöhnlich aus der ersten und unmittelbaren
Quelle bei der Hand sind, auch strenge Anforderungen hierin nicht
gemacht werden: so ist man auf dem Lande viel gastfreundlicher als in
der Stadt, und Gelegenheiten, wo man sich in einem Zimmer und um einen
Tisch versammelt, werden da viel fröhlicher, ungezwungener und auch
herzliches begangen, weil man sich freut, sich wieder zu sehen, weil
man um alles fragen will, was sich an den verschiedenen Stellen, woher
die Ankömmlinge gekommen sind, zugetragen hat, weil man die eigenen
Erlebnisse mitteilen und weil man seine Ansichten austauschen will.

Der Tisch war schon gedeckt, der Hausverwalter wies allen ihre Plätze
an, die zur Vermeidung von dennoch möglichen Verwirrungen noch
überdies durch von seiner Hand geschriebene Zettel bezeichnet waren,
und man setzte sich. Der Mann hatte gesorgt, daß solche, die sich gut
kannten, nahe zusammen kamen.

Deßohngeachtet schritt man mit der Freimütigkeit des Landes und alter
Bekannter dazu, die Zettel noch zu verwechseln und sich gegen die
Anordnungen des Mannes zusammen zu setzen. Von der Decke des Zimmers
hing eine sanft brennende Lampe hernieder, und außer ihr wurde die
Tafel noch durch verteilte strahlende Kerzen erhellt. Mathilde nahm
den Mittelsitz ein und richtete ihre Freundlichkeit und ihr ruhiges
Wesen gegen alle, die in ihrem Bereiche waren, und selbst gegen die
entferntesten Plätze suchte sie ihre Aufmerksamkeit zu erstrecken.
Die bekannteren und älteren Gäste saßen ihr zunächst, die jüngeren
entfernter. Julie, die Tochter Ingheims mit den heiteren braunen
Augen, saß mir fast gegenüber, ihre Schwester, die blauäugige
Apollonia, etwas weiter unten. Sie hatten sehr geschmackvolle Kleider
an, das Geschmeide, das sie trugen, hätte, wie ich meinte, etwas
weniger sein sollen. Neben beiden saßen die jungen Männer Tillburg und
Wachten. Natalie saß zwischen Eustach und Roland. Ob es so angeordnet,
ob es ihre eigene Wahl war, wußte ich nicht. Man trug ein einfaches
Mahl auf, und fröhliche Gespräche belebten es. Man sprach von den
Begebnissen der Gegend, man neckte sich mit kleinen Erlebnissen, man
teilte sich Erfahrungen mit, die man in seinem Kreise gemacht hatte,
man sprach von Büchern, die in der Gegend neu waren, und beurteilte
sie, man erzählte, was man im Bereiche seiner Liebhaberei Neues
erworben, was man für Reisen gemacht und was man für fernere vorhabe.
Auch auf die Geschichte des Landes kam es, auf seine Verwaltung,
auf Verbesserungen, die zu machen wären, und auf Schätze, die
noch ungehoben liegen. Selbst Wissenschaft und Kunst war nicht
ausgeschlossen. Mancher Scherz erheiterte die Anwesenden, und man
schien sehr vergnügt, sich so in einen Kreis versammelt zu haben, wo
sich Neues ergab und wo man Altes wieder beleben konnte.

Nach ein paar schnell vergangenen Stunden stand man auf, die Lichter
zu dem Gange in die verschiedenen Schlafgemächer wurden angezündet,
und man begab sich allmählich zur Ruhe.


Am andern Morgen nach dem Frühmahle, da die höher gestiegene Sonne die
Gräser bereits getrocknet hatte, begab man sich in das Freie, um das
Urteil über die Arbeiten an der Vorderseite des Hauses zu fällen. Alle
gingen mit. Selbst Dienerschaft stand seitwärts in der Nähe, als ob
sie wüßte, was geschehe - und sie wußte es wohl auch - und als ob sie
sich dabei beteiligen sollte. Man ging einige hundert Schritte von
der Vorderseite des Hauses weg, wendete sich dann um, blieb im Grase
stehen und betrachtete die von der Tünche befreite Wand. Hierauf
umging man in einem weiten Bogen eine Ecke des Hauses, um auch eine
Wand zu sehen, auf welcher sich noch die Tünche befand. Nachdem man
Beides wohl angeschaut hatte, nahm man einen Stand ein, der beide
Ansichten gestattete.

Nach und nach wurden Meinungen laut. Man fragte zuerst die älteren und
ansehnlicheren Gäste. Diese gaben fast alle ihr Urteil unbestimmt und
mit Vorsicht ab. Beide Einrichtungen hätten ihr Gutes, an beiden wird
etwas auszustellen sein, und es komme auf Geschmack und Vorliebe an.
Da das Gespräch allgemeiner wurde, traten schon manche Meinungen
abgeschlossener hervor. Einige sagten, es sei etwas Besonderes und
nicht überall Vorkommendes, die nackten Steine aus einer Wand stehen
zu lassen. Wenn die Kosten nicht zu scheuen sind, möge man es an dem
ganzen Schlosse so machen, und man habe dann etwas sehr Eigenes.
Andere meinten, es sei doch überall Sitte, die Wände selbst gegen
Außen mit einer Tünche zu bekleiden, ein licht getünchtes Haus sei
sehr freundlich, darum hätten auch die Vorbesitzer des Hauses so
getan, um sein Ansehen dem neuen Geschmacke näher zu bringen. Darauf
sagten wieder Andere, die Gedanken der Menschen seien wechselvoll,
einmal habe man die großen viereckigen Steine, aus denen das Äußere
dieser Wände bestehe, nackt hervor sehen lassen, später habe man sie
überstrichen, jetzt sei eine Zeit gekommen, wo man wieder auf das
Alte zurück gehe und es verehre, man könne also die Steine wieder
nacktlegen.

Mein Gastfreund vernahm die Meinungen, und antwortete in unbestimmten
und nicht auf eine einzelne Ansicht gestellten Worten, da alles, was
gesagt wurde, sich ungefähr in demselben Kreise bewegte. Mathilde
sprach nur Unbedeutendes, und Eustach und Roland schwiegen ganz. Von
der feurigen Natur des letzten wunderte es mich am meisten. Ich schloß
aus dieser Tatsache, daß meine Freunde ihre Meinung entweder schon
gefaßt hatten oder daß sie dieselbe erst für sich fassen wollten.
Diese eben abgehaltene Beschau erschien mir also etwas Allgemeines,
Unwesentliches, als eine nachbarliche Artigkeit, als eine Gelegenheit,
zusammen zu kommen, um sich gemeinschaftlich zu sehen und zu sprechen,
wie man es bei andern Anlässen auch tut.

Mir erschien die Bloßlegung der Steine unbedingt als das Natürlichste.
Wie ich wohl schon erkennen gelernt hatte, ist bei Denkmälern - und je
größer und würdiger sie sein sollen, um desto mehr ist dies der Fall
- der Stoff nicht gleichgültig, und dann darf er aber nicht mit
Fremdartigem vermengt werden. Ein Siegesbogen, selbst wenn er unter
Dach steht, darf von Marmor sein, weniger schon von Ziegeln oder Holz,
ganz und gar nicht von gegossenem Eisen oder festgeklebtem Papier.
Eine Bildsäule kann von Marmor, Metall oder Holz sein, weniger von
groben Steinen, ganz und gar nicht von allerlei zusammengefügten
Bestandteilen. Unsere neuen Häuser, die nur bestimmt sind, Menschen
aufzunehmen, um ihnen Obdach zu geben, haben nichts Denkmalartiges,
sei es ein Denkmal für den Glanz einer Familie, sei es ein Denkmal
der abgeschlossenen und wohlgenossenen Wohnlichkeit für irgend ein
Geschlecht. Darum werden sie fachartig aus Ziegeln gebaut und mit
einer Schicht überstrichen, wie man auch lackiertes Geräte macht oder
künstliches Gestein malt. Schon die aus bloßem Holze zur Wohnung eines
Geschlechtes in unseren Gebirgsländern (nicht zur Spielerei in Gärten)
erbauten Häuser haben Denkmalartiges, noch mehr die Schlösser, die aus
festen Steinen gefügt sind, die Torbogen, die Pfeiler, die Brücken
und noch mehr die aus Stein gebauten Kirchen. Daraus ergab sich mir
von selber, daß diejenigen, die dieses Schloß so bauten, daß die
Außenseiten der Wände fest gefügte viereckige, unbestrichene Steine
sind, Recht gehabt haben, und daß die, welche die Steine bestrichen,
im Unrechte waren, und daß die, welche sie wieder bloß legen, abermals
im Rechte sind. Ich sah, daß man an sämtlichen Steinen, weil sonst
die Kalktünche nicht zu vertilgen gewesen wäre, die Oberfläche mit
scharfen Hämmern erneuert hatte. Dies gab wohl den Steinen etwas, das
ein lichteres Grau ist, als die alten Simse und Tragsteine hatten, die
nicht getüncht waren; allein durch Zeit und Wetter werden sich auch
die erneuerten Steinoberflächen wieder dunkler färben.


Man ging, da man eine Weile gesprochen hatte, obwohl ein eigentliches
Urteil nicht gefällt worden war, wieder in das Haus zurück, und auch
die Dienerschaft, welche zugeschaut hatte, ging auseinander, gleichsam
als ob die Sache jetzt aus wäre.

In dem Hause zerstreuten sich die Gäste, manche begaben sich in
Zimmer, manche gingen in das Freie. Ich nahm in meinem Schlafgemache,
wozu mir das nehmliche Zimmer, welches ich früher bewohnt hatte,
angewiesen worden war, einen leichteren Hut und einen bequemeren
Rock und ging dann auch in den Garten. Ich ging ganz allein in einem
dunkeln Gange zwischen Gebüschen hin, und es war mir wohl, daß ich
allein war. Ich schlug die abgelegenen, wenig gangbaren und auch
weniger im Stande gehaltenen Wege ein, damit ich niemanden begegne und
damit sich niemand zu mir geselle. Es war auch wirklich kein Mensch in
den Gängen, und ich sah nur kleine Vögel, welche ungescheut in ihnen
liefen und Futter von der Erde pickten. Ich umging den Lindenplatz
und kam hinter ihm aus dem Gebüsche heraus. Von da ging ich in einem
großen Umwege der Eppichwand zu und hatte vor, in die Nymphengrotte zu
treten, wenn niemand in ihr wäre. Als ich schon nahe an der Grotte war
und schief in dieselbe blicken konnte, sah ich, daß Natalie auf dem
Marmorbänklein sitze, welches sich seitwärts von der Nymphengestalt
befand. Sie saß an dem innersten Ende des Bänkleins. Ihr blaßgraues
Seidenkleid schimmerte aus der dunkeln Höhlung heraus. Einen Arm ließ
sie an ihrer Gestalt ruhen, den andern hatte sie auf die Lehne des
Bänkleins gestützt und barg die Stirn in ihrer Hand. Ich blieb stehen
und wußte nicht, was ich tun sollte. Daß ich nicht in die Grotte gehen
wolle, war mir klar; allein die kleinste Wendung, die ich machte,
konnte ein Geräusch erregen und sie stören. Aber ohne daß ich ein
Geräusch machte, sah sie auf und sah mich stehen. Sie erhob sich, ging
aus der Grotte, ging mit beeilten Schritten an der Eppichwand hin und
entfernte sich in das Gebüsch. In Kurzem sah ich den Schimmer ihres
Kleides verschwinden. Eine ganz kleine Zeit blieb ich stehen,
dann ging ich in die Grotte hinein. Ich setzte mich auf dieselbe
Marmorbank, auf der sie gesessen war und sah in das Rinnen des
Wassers, sah auf die einsame Alabasterschale, die neben dem Becken
stand, und sah auf den ruhigen, glänzenden Marmor. Ich saß sehr lange.
Da sich Stimmen näherten und da ich vermuten mußte, daß man die
Brunnengestalt besuchen würde, stand ich auf, ging aus der Grotte,
ging in das Gebüsch und begab mich auf denselben Wegen, auf denen ich
gekommen war, in das Schloß zurück.

Der Mittag vereinigte noch einmal alle Gäste bei dem Mahle. Mehrere
von ihnen hatten beschlossen, gleich nach demselben fort zu fahren,
um noch vor der Nacht ihre Heimat zu erreichen. Man brachte einen
fröhlichen Trinkspruch aus auf die schöne Gestaltung des Schlosses und
einen Dank für die herzliche Bewirtung. Der Spruch wurde mit einem
Wunsche für das Wohl der Gesellschaft und für baldiges Wiedersehen
erwidert. Die heitere Sommersonne verklärte das Zimmer, und die Blumen
des Gartens schmückten es.

Nach dem Mahle fuhren mehrere der Gäste fort, und im Laufe des
Nachmittages entfernten sich alle.

Wir, die nach dem Asperhofe mußten, hatten beschlossen, morgen früh
abzufahren.

Bei dem Abendessen kam das Gespräch auf das Unternehmen an dem Hause.
Ich sah, daß die Übriggebliebenen schon einig waren. Es sprach nun
mein Gastfreund, es sprachen Eustach und Roland. Sie hatten alle meine
Ansicht. Ich wurde aufgefordert, auch meine Meinung zu sagen. Ich
sprach sie nach meiner innern Empfindung aus. Alle mochten sie wohl
so erwartet haben. Über den Aufwand zur Deckung der künftigen Kosten
sprach mein Gastfreund mit Mathilden besonders. Durch das Abschlagen
der Steine mit scharfen Hämmern hatten sich die Auslagen größer
gezeigt, als man Anfangs vermuten konnte. Mein Gastfreund riet daher,
daß man die Arbeit auf längere Fristen ausdehnen solle, wodurch die
Kosten weniger empfindlich würden und, da doch das Schaffen des
Schönen das Vergnügen bilde, dieses Vergnügen sich verlängere. Man
billigte den Vorschlag und freute sich auf das Wachsen des Edleren
und freute sich auf den Augenblick, wenn das Haus in einem würdigen
Gewande da stehen würde und man die Beruhigung hätte, es so dem
künftigen Besitzer übergeben zu können.

Mit dem Anbruche des nächsten Tages fuhren mein Gastfreund, Eustach,
Roland, Gustav und ich auf dem Wege nach dem Rosenhause dahin.

Als ich in Hinsicht der eben zugebrachten Tage etwas über das
Landleben sagte und die Annehmlichkeiten desselben berührte, und als
wir eine Zeit über diesen Gegenstand gesprochen hatten, sagte mein
Gastfreund: »Das gesellschaftliche Leben in den Städten, wenn man es
in dem Sinne nimmt, daß man immer mit fremden Personen zusammen ist,
bei denen man entweder mit andern zum Besuche ist, oder die mit andern
bei uns sind, ist nicht ersprießlich. Es ist das nehmliche Einerlei
wie das Leben in Orten, die den großen Städten nahe sind. Man sehnt
sich, ein anderes Einerlei aufzusuchen; denn wohl ist jedes Leben
und jede Äußerung einer Gegend ein Einerlei, und es gewährt einen
Abschluß, von dem einen Einerlei in ein anderes über zu gehen. Aber es
gibt auch ein Einerlei, welches so erhaben ist, daß es als Fülle die
ganze Seele ergreift und als Einfachheit das All umschließt. Es sind
erwählte Menschen, die zu diesem kommen und es zur Fassung ihres
Lebens machen können.«

»In der Weltgeschichte kömmt wohl Ähnliches vor«, sagte ich.

»In der Weltgeschichte kömmt es vor«, antwortete er, »wo ein Mensch
durch eine große Tat, die sein Leben erfüllt, diesem Leben eine
einfache Gestalt geben kann, abgelöst von allem Kleinlichen - in der
Wissenschaft, wo ein großartiges Feld höchsten Erringens vor dem
Menschen liegt - oder in der Klarheit und Ruhe der Lebensanschauungen,
die endlich Alles auf einige ausgedehnte, aber einfältige Grundlinien
zurück führt. Jedoch sind auch hier Maße und Abstufungen wie in allen
andern Dingen des Lebens.«

»Von den zwei Hauptzeiträumen, welche das menschliche Geschlecht
betroffen haben«, erwiderte ich, »von dem sogenannten antiken und
dem heutigen, dürfte wohl der griechisch-römische das Meiste von dem
Gesagten aufzuweisen haben.«

»Wir wissen zuletzt gar nicht, welche Zeiträume es in der Geschichte
gegeben hat«, antwortete er. »Die Griechen und Römer sind unserer Zeit
am nächsten, wir sind aus ihnen hervor gegangen und wissen von ihnen
auch das Meiste. Wer weiß, wie viele Völkerabschnitte es gegeben hat
und wie viele unbekannte Geschichtsquellen noch verborgen sind. Wenn
einmal ganze Reihen solcher Völkerzustände wie Griechen- und Römertum
vorliegen, dann läßt sich eher über unsere Frage etwas sagen. Oder
sind etwa solche Reihen nur dagewesen und vergessen worden, und werden
überhaupt die hintersten Stücke der Weltgeschichte vergessen, wenn
sich vorne neue ansetzen und ihrer Entwicklung entgegen eilen? Wer
wird dann nach zehntausend Jahren noch von Hellenen oder von uns
reden? Ganz andere Vorstellungen werden kommen, die Menschen werden
ganz andere Worte haben, mit ihnen in ganz anderen Sätzen reden, und
wir würden sie gar nicht verstehen, wie wir nicht verstehen würden,
wenn etwas zehntausend Jahre vor uns gesagt worden wäre und uns
vorläge, selbst wenn wir der Sprache mächtig wären. Was ist dann jeder
Ruhm? Aber kehren wir zu unserem Gegenstande zurück und sehen wir von
Ägyptern, Assyrern, Indern, Medern, Hebräern, Persern, von denen Kunde
zu uns herüber gekommen ist, ab und vergleichen wir uns nur allein mit
der griechisch-römischen Welt, so dürfte in ihr wirklich mehr einfache
Lebensgröße gelegen sein als in der unsern liegt. Ich verwundere mich
oft, wenn ich in der Lage bin, zu entscheiden, welchen von beiden ich
den Preis geben soll, Cäsars Taten oder Cäsars Schriften, wie sehr ich
im Schwanken begriffen bin und wie wenig ich es weiß. Beides ist so
klar, so stark, so unbeirrt, daß wir wenig desgleichen haben dürften.«

»Jene alten Verhältnisse des Handelns und Denkens waren aber, wie ich
glaube, auch weniger verwickelt als die unsrigen«, sagte ich.

»Sie hatten einen nicht so ausgedehnten Schauplatz wie wir«, erwiderte
er, »obwohl auch der Platz der Taten zu Cäsars Zeit - Britannien,
Gallien, Italien, Asien, Afrika -, oder zu Alexanders Zeit -
Griechenland und Orient - nicht ganz klein war. Ihre Verhältnisse nach
Außen gestalteten sich daher leichter; aber im Innern dürften sie bei
der großen Zahl der mithandelnden Personen, von denen die meisten
Stimme und Gewalt in Staatsdingen hatten, nicht so leicht gewesen
sein, und die Macht, diese Gemüter durch Wort, Erscheinung und
Handlung zu gewinnen und zu leiten, dürfte schwierig zu erwerben
gewesen sein und dürfte eben dem Wesen eines Mannes die feste Gestalt
aufgedrückt haben, die wir so oft an ihm bewundern. Unsere Zeit ist
eine ganz verschiedene. Sie ist auf den Zusammensturz jener gefolgt
und erscheint mir als eine Übergangszeit, nach welcher eine kommen
wird, von der das griechische und römische Altertum weit wird
übertroffen werden. Wir arbeiten an einem besondern Gewichte der
Weltuhr, das den Alten, deren Sinn vorzüglich auf Staatsdinge, auf das
Recht und mitunter auf die Kunst ging, noch ziemlich unbekannt war,
an den Naturwissenschaften. Wir können jetzt noch nicht ahnen, was
die Pflege dieses Gewichtes für einen Einfluß haben wird auf die
Umgestaltung der Welt und des Lebens. Wir haben zum Teile die Sätze
dieser Wissenschaften noch als totes Eigentum in den Büchern oder
Lehrzimmern, zum Teile haben wir sie erst auf die Gewerbe, auf den
Handel, auf den Bau von Straßen und ähnlichen Dingen verwendet, wir
stehen noch zu sehr in dem Brausen dieses Anfanges, um die Ergebnisse
beurteilen zu können, ja wir stehen erst ganz am Anfange des Anfanges.
Wie wird es sein, wenn wir mit der Schnelligkeit des Blitzes
Nachrichten über die ganze Erde werden verbreiten können, wenn
wir selber mit großer Geschwindigkeit und in kurzer Zeit an die
verschiedensten Stellen der Erde werden gelangen, und wenn wir mit
gleicher Schnelligkeit große Lasten werden befördern können? Werden
die Güter der Erde da nicht durch die Möglichkeit des leichten
Austauschens gemeinsam werden, daß Allen Alles zugänglich ist? Jetzt
kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem, was sie
hat, was sie ist und was sie weiß, absperren: bald wird es aber nicht
mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden.
Dann wird, um der Allberührung genügen zu können, das, was der
Geringste wissen und können muß, um Vieles größer sein als jetzt. Die
Staaten, die durch Entwicklung des Verstandes und durch Bildung sich
dieses Wissen zuerst erwerben, werden an Reichtum, an Macht und Glanz
vorausschreiten und die andern sogar in Frage stellen können. Welche
Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen
erlangen? Diese Wirkung ist bei Weitem die wichtigste. Der Kampf in
dieser Richtung wird sich fortkämpfen, er ist entstanden, weil neue
menschliche Verhältnisse eintraten, das Brausen, von welchem ich
sprach, wird noch stärker werden, wie lange es dauern wird, welche
Übel entstehen werden, vermag ich nicht zu sagen; aber es wird eine
Abklärung folgen, die Übermacht des Stoffes wird vor dem Geiste, der
endlich doch siegen wird, eine bloße Macht werden, die er gebraucht,
und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat, wird eine
Zeit der Größe kommen, die in der Geschichte noch nicht dagewesen
ist. Ich glaube, daß so Stufen nach Stufen in Jahrtausenden erstiegen
werden. Wie weit das geht, wie es werden, wie es enden wird, vermag
ein irdischer Verstand nicht zu ergründen. Nur das scheint mir sicher,
andere Zeiten und andere Fassungen des Lebens werden kommen, wie sehr
auch das, was dem Geiste und Körper des Menschen als letzter Grund
inne wohnt, beharren mag.«

Wir gingen nun in manches Einzelne dieses Stoffes ein, behandelten
es im Fahren und suchten die möglichen Folgen anzugeben. Besonders
wurden Zweige der Naturwissenschaften genannt, welche vorzugsweise
vorgeschritten waren und Einfluß zu gewinnen schienen, wie die Chemie
und andere. Roland war entschieden für Neuerung, wenn sie auch Alles
umstürzte, mein Gastfreund und Eustach hegten den Wunsch, daß jenes
Neue, welches bleiben soll, weil es gut ist - denn wie vieles Neue ist
nicht gut -, nur allgemach Platz finden und ohne zu große Störung sich
einbürgern möchte. So ist der Übergang ein längerer, aber er ist ein
ruhigerer und seine Folgen sind dauernder.

Nach dem Mittagsessen kam das Gespräch auf die Brunnennymphe im
Sternenhofe, und mein Gastfreund erzählte mir, wie sie erworben worden
war. Ein Mann, der entfernt mit Mathilden verwandt war, hatte zu
seinem großen Vermögen noch Erbschaften gemacht. Er verlegte sich
auf Sammlungen. Er hatte Münzen, er hatte Siegel, er hatte keltische
und römische Altertümer, Musikgeräte, Tulpen und Georginen, Bücher,
Gemälde und Bildsäulen. Er baute in seinem Garten an sein Haus,
welches etwas erhöht stand, eine große Fläche, die er mit Steinen
pflasterte und von welcher künstliche steinerne Stufen in mehreren
Richtungen nach dem Garten hinab gingen. Auf die Brüstungen dieser
Fläche und auf die Einfassungen der Treppen wurden Bildsäulen gesetzt.
Es gehörte zu den größten Vergnügungen des Mannes, auf der Fläche hin
und her zu gehen. Das tat er auch oft, wenn die heißeste Sonne am
Himmel stand und das Pflaster in die Sohlen brannte. Außerdem hatte er
auch noch Bildsäulen auf den Treppen des Hauses und in den Zimmern.
Die Nymphe, welche jetzt Mathilde besitzt, hatte er in einem
Brunnentempel im Garten. Er hatte sie von seinem Großoheime geerbt.
Sie soll zu den Jugendzeiten desselben von einem italienischen
Bildhauer für einen Fürsten verfertigt worden sein, dessen schneller
Todfall das Übergehen an ihre Bestimmung vereitelte. So kam sie
nach mehreren Zufällen an den Großoheim, der Verbindungen mit dem
Künstler hatte. Man sagt, diese Bildsäule sei der Anfang zu der
Bildsäulenliebhaberei des Vetters Mathildens gewesen. Als dieser
Mann starb, fand sich ein letzter Wille geschrieben vor, daß alle
Kunstwerke an Kunstkenner oder Kunstliebhaber, nicht aber an Händler
verkauft werden und daß das Geld dafür und die anderen Dinge, die er
hinterlassen, und zwar letztere nach einem Schätzungswerte, unter
seine entfernten Verwandten verteilt werden sollten; denn Kinder
oder nähere Verwandte hatte er nicht. Da nun die Nymphe weitaus
das schönste Kunstwerk war, welches er besaß, da Mathilde es immer
bewundert hatte, da sie schon im Besitze des Sternenhofes war und in
demselben schon schöne Gemälde untergebracht hatte: so war es ihr
nicht schwer, sich als eine Kunstliebhaberin auszuweisen und das
Bildwerk anzukaufen. Man gönnte es ihr mehr als einem Fremden, weil
auf diese Weise das Kunstwerk gewissermaßen in der Familie blieb und
sie überdies auch mehr in die gemeinschaftliche Erbschaft zahlte, als
ein Fremder getan haben würde.

Sie brachte das ihr so liebe Werk in den Sternenhof und stellte es
dort in einem Saale auf. Erst lange darnach wurde durch Eustachs und
meines Gastfreundes Bemühungen zwischen den Eichen, die schon standen,
die Eppichwand und die Quellengrotte gebaut und so der Gestalt ein
würdiger und wirkungsvollerer Aufenthaltsort gegeben, da sie für den
Saal doch immer zu groß und ihre Stellung und ihre Beschäftigung
unpassend gewesen war. Den Krug, aus welchem das Wasser rann, hatte
sie schon, das Becken und die Bank sind neu gemacht worden, die
Alabasterschale hat Mathilde aus ihrem Besitztume dazu gegeben.

Wir kamen am Abende im Rosenhause an. Am andern Tage bat ich meinen
Gastfreund, er möge erlauben, daß ich eine Nachzeichnung von der
Zeichnung des Kerberger Altares, die er besitze, mache, und diese
Zeichnung meinem Vater zum Geschenke bringe. Er erlaubte es sehr
gerne. Die Zeichnung war nach dem Vorschlage, welcher auf der Reise in
das Hochland gemacht worden war, von Roland verbessert worden, und so
wurde sie mir übergeben.

Ich schloß mich in mein Zimmer ein und arbeitete mehrere Tage fleißig
von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, bis ich mit der Zeichnung
fertig war. Ich verpackte sie nun sehr wohl und gab meinem Gastfreunde
die Urzeichnung zurück.


Nun hielt ich mich nicht mehr länger in dem Asperhofe auf und eilte in
die Tann.

Ich stieg dort auf Berge, ich arbeitete sehr angestrengt, ich spielte
sehr viel auf meiner Zither und las in meinen Büchern.

Eines Tages gegen den Spätsommer hin hörte ich mit Allem auf. Ich
packte meine Kisten, tat die Werkzeuge und die Schriften, die sich auf
meine Arbeiten bezogen, in ihre Fächer und Koffer, entließ fast alle
Leute, versah die Kisten mit Aufschriften, verordnete ihre Versendung
und ging dann in das Lauterthal. Dort nahm ich nur den alten Kaspar
und von den jungen Männern einen, der mir besonders lieb geworden war,
und beschloß, die Messung des Lautersees zu Ende zu bringen.

Ich mietete mich in dem Seewirtshause ein, richtete alle Geräte,
welche mir zu meinem Vorhaben nötig waren, zurecht, ließ diejenigen
neu verfertigen, welche ich nicht hatte, und ging ans Werk. Ich
arbeitete recht fleißig. So lange das Licht des Tages leuchtete, waren
wir auf dem Wasser. Nachts - außer einigen Stunden Schlafes - war ich
an dem Papiere teils mit Rechnungen, teils mit Schreiben, teils sogar
mit Zeichnen beschäftigt. Ich wiederholte einige Messungen, welche ich
in früheren Zeiten vorgenommen hatte, um mich von der Beständigkeit
oder Wandelbarkeit des Wasserstandes oder des Seegrundes zu
überzeugen. Da ein durchaus gleicher Wasserstand nicht zu denken ist,
so bezog ich meine Messungen auf einen mittleren Stand und stellte
immer die Frage, wie tief unter diesem Stande die bestimmten Stellen
des Seegrundes liegen. Dieser mittlere Stand, der nach demjenigen
genommen wurde, welcher in der meisten Zeit des Jahres herrscht, war
in meiner Abbildung auch der Wasserspiegel. Ihn nahm ich bei den
Nachmessungen zur Richtschnur. In größeren Entfernungen von dem Ufer
hatte sich der Seegrund seit dem Beginne meiner Messungen nicht
geändert, oder wenn er sich geändert hatte, war es so wenig, daß es
durch unsere Meßwerkzeuge nicht wahrzunehmen war. An jenen Ufern oder
in der Nähe derselben, wo große Tiefen herrschten und steile, ruhige
Wände standen, an denen bei Regengüssen höchstens schmale Bänder oder
seichte Wasserflächen niederrieseln, war ebenfalls keine Veränderung.
Aber an seichten Stellen bei flacheren Ufern, wo der Regen Gerölle und
andere Dinge einführt, fanden sich schon Veränderungen vor. Am meisten
aber waren die Wandlungen und am größten, wo eine Schlucht sich gegen
das Wasser öffnete, aus welcher ein Bergbach hervorströmte, der, je
nachdem er weiter her floß oder bei Güssen heftiger anschwoll, auch
größere Berge von Gerölle in den See schob und dort liegen ließ.

Nach der Wiederholung dieser alten Messungen wurde zu neuen
geschritten, die zur Vollendung der mir zum Ziele gesetzten Kenntnisse
notwendig waren. Ebenso wurden die Zeichnungen der Gebilde, welche
sich außerhalb des Wassers als Ufer befanden, fleißig fortgesetzt.

Zweimal wurde die Arbeit unterbrochen. Ich ging in das Rothmoor, um
nachzusehen, wie weit die Dinge, die aus meinen Marmoren verfertigt
werden sollten, gediehen wären und wie gut sie ausgeführt würden.
Die Fortschritte waren zu loben. Man sagte - und ich selber sah die
Möglichkeit ein -, daß in diesem Sommer noch alles fertig worden
würde. Aber in Hinsicht der Güte hatte ich Ausstellungen zu machen.
Ich ordnete mit Bitten, Vorstellungen und Versprechen an, daß man das,
was ich angab, so genau und so rein mache, wie ich es wollte.

Wenn Regenzeit war, so daß die Wolken an den Bergen herum hingen und
weder diese noch die Gestalt des Sees richtig zu überblicken waren,
so blieb ich zu Hause und zeichnete und malte dasjenige in mein
Hauptblatt, was ich im Freien auf viele Nebenblätter aufgenommen
hatte. So rückte das Unternehmen der Vollendung immer näher.

Endlich waren die Arbeiten im Freien beendigt, und es erübrigte nur
noch, die vielen Angaben, welche in meinen Papieren zerstreut waren
und welche ich bisher nicht hatte bewältigen können, in die Zeichnung
einzutragen und die Gestalten, welche ich auf einzelnen Blättern
hatte, teils mit der Hauptzeichnung wegen der Richtigkeit zu
vergleichen, teils diese, wo es nottat, zu ergänzen. Auch Farben
mußten auf verschiedene Stellen aufgetragen werden.

Nach langer Arbeit und nach vielen Schwierigkeiten, die ich zur
Erzielung einer großen Genauigkeit zu überwinden hatte, war das
Werk eines Tages fertig, und der ganze Entwurf lag in schwermütiger
Düsterheit und in einer Schönheit vor meinen Augen, die ich selber
nicht erwartet hatte. Ich betrachtete allein die Abbildung eine Weile,
da niemand war, der das Anschauen mit mir geteilt hätte, rollte dann
das Blatt auf eine Walze, verpackte es sehr gut in einen Koffer, nahm
von dem See und von allen Bewohnern des Seewirtshauses Abschied und
begab mich auf den Weg in das Ahornhaus des Lauterthales.

Dort siedelte ich mich an. Ich ging nun täglich in das Rothmoor,
blieb den ganzen Tag dort und kehrte Abends zurück, so daß ich in der
Dämmerung im Ahornhause ankam. Ich sah im Rothmoore den Arbeiten an
meinen Marmoren zu, dem Schneiden, Feilen, Reiben, Schleifen und
Glätten. Ich gab auch an, wie Manches zu behandeln sei und wie es
einer größeren Vollendung, namentlich aber einer größern Genauigkeit
entgegen geführt werden könnte.


Das Wasserbecken meines Vaters wurde nach und nach fertig und die
kleineren Dinge, welche gemacht werden sollten, waren ebenfalls
vollendet. Die Sonne schien in die Bauhütte, und das Becken erglänzte
recht rein und schön in derselben. Ich ließ von starken Balken
Behältnisse zimmern. In diese wurden die Teile des Beckens mit Winden,
Hebeln und Stricken gepackt und zur Versendung bereitet. Die Wägen
mußten eigens vorgerichtet werden, damit die Behältnisse an den Strom
gebracht werden könnten. Diese Vorrichtung war endlich fertig. Das
Aufladen wurde bewerkstelligt, und die Wägen gingen ab. Ich ging
mit ihnen bis an den Strom und verließ sie keinen Augenblick, um wo
möglich jeden Unfall zu verhüten. Am Strome wurden die Behältnisse auf
ein Schiff verladen und weiter befördert. Von dem Landungsplatze vor
unserer Stadt wurden sie endlich wieder durch starke Wägen in unsern
Garten gebracht.

Es wurde nun daran geschritten, das Wasserwerk in diesem Herbste noch
fertig zu machen. Der Vater hatte auf Briefe von mir und auf gesendete
Maße den Dingen bereits vorarbeiten lassen. Es wurden nun noch mehrere
Arbeiter gedungen und ein Wasserbaukundiger genommen, welcher die
Arbeiten zu leiten hatte. Ich war den ganzen Tag bei dem Werke zugegen
und half mit. Der Vater kargte sich ebenfalls alle mögliche Zeit ab,
um zugegen sein und zuschauen zu können. Die Röhren wurden gelegt,
die Steigröhre verzapft, der Stengel über sie gebaut, mit den nötigen
Eisen gestärkt und verlötet, und an demselben wurde das Blatt
befestigt. Der Pfropfen, welcher den in das Blatt mündenden Stengel
geschlossen gehalten hatte, wurde gelüftet, und der reine Strahl
fiel auf die im Blatte liegende Einbeere hinunter, füllte das Becken
und glitt von demselben, als es gefüllt war, auf den sanften gelb
marmornen Fußboden nieder und rieselte in dessen Rinne weiter. Die
Farben stimmten sehr gut zusammen, das Dunkel des Stengels hob sich
von dem Rosenrot des Blattes ab, und das Gelb des Fußbodens gab dem
Rosenrot eine schönere Farbe und einen feineren Glanz. Es waren
mehrere Gäste zur Eröffnung des Werkes geladen worden, und diese sowie
Vater, Mutter und Schwester freuten sich des Gelingens.

Der Vater reichte mir als Gegengeschenk, sehr schön gebunden und auf
den Deckeln mit halberhabener Arbeit versehen, das Nibelungenlied. Ich
dankte ihm sehr dafür.

Es wurde beschlossen, für den Winter ein Bretterhäuschen über das
Wasserwerk machen zu lassen und dasselbe gut zu verwahren, daß keine
Kälte eindringen könne. Für den Frühling wurden Pläne entworfen, wie
man die Gartenumgebungen des Beckens einrichten solle, daß der ganze
Anblick ein desto würdigerer und schönerer sei. Man hoffte, bis zum
Eintritte der besseren Jahreszeit mit den Entwürfen im Reinen zu sein
und beginnen zu können.

Ich übergab außer dem Becken auch die andern Marmorgegenstände, welche
in dem Rothmoore waren verfertiget worden. Darunter befanden sich
Säulen und Simse, welche an einer Stelle verwendet werden sollten,
die am Ende des Gartens lag, eine Aussicht auf die Berge und auf die
Umgebung bot und auf welcher der Vater etwas zu errichten vorhatte,
das der Aussicht würdig wäre und sie besser genießen lasse. Ich
meinte, es dürfte eine schöne Fassung anzulegen sein, die den Platz
begrenzt, die breite Flächen hat, daß man sich auf dieselben lehnen
und Dinge auf sie legen könne und an der sich Sitze befänden, auf
welchen man ausruhen könne. Wenn in der Nähe dieser Fassung ein
Tisch wäre, würde es noch besser sein. Außerdem hatte ich Schalen
zu beliebigem Gebrauche gebracht, Ringe, die einen Vorhang fassen,
Tischplatten, Pfeilerverzierungen, Steine von verschiedener Farbe, die
im Vierecke geschliffen waren und die man der Reihe nach auf Papier
oder Ähnliches legen konnte, und noch mehrere Dinge dieser Art. Dem
Vater zeigte ich die Zeichnung von dem Kerberger Altare und sagte, daß
ich sie eigens für ihn gemacht habe und sie ihm hiemit übergebe. Er
war sehr erfreut darüber und dankte mir dafür. Der Altar war ihm zwar
nicht neu, er hatte ihn in früherer Zeit, ehe er wieder hergestellt
worden war, gesehen, und die Zeichnung des wiederhergestellten Altares
war unter den von meinem Gastfreunde dem Vater im vorigen Jahre
gesendeten Zeichnungen gewesen. Deßohngeachtet war es ihm sehr
angenehm, die Zeichnung zu besitzen und sie öfter und nach Muße
betrachten zu können. Er machte mich auf mehrere Dinge aufmerksam, die
er nach wiederholter Betrachtung entdeckt hatte. Zuerst sah er, daß
der Altar viel reicher und mannigfaltiger sei, als da er ihn in noch
unverbessertem Zustande vor vielen Jahren in Wirklichkeit gesehen
hatte; dann machte er mich darauf aufmerksam, daß dieses Werk schon
die Rundlinie habe, daß die Türmchen durch gewundene Stäbe in
Gestalten von Pyramiden gebildet und daß die menschlichen Gestalten
schon sehr durchgearbeitet seien, was alles darauf hindeuten daß das
Werk nicht mehr der Zeit der strengen gothischen Bauart angehöre,
sondern derjenigen, wo diese Art sich schon zu verwandeln begonnen
hatte. Auch zeigte er mir, daß Teile der Verzierungen im Laufe der
Zeiten an andere Orte gestellt worden seien als an die sie gehören,
daß die Büsten sich nicht an dem rechten Platze befinden und daß
menschliche Gestalten verloren gegangen sein müssen. Er holte Bücher
aus seinem Bücherschreine herbei, in denen Abbildungen waren und aus
denen er mir die Wahrheit dessen bewies, was er behauptete. Ich sagte
ihm, daß mein Gastfreund und Eustach der nehmlichen Meinung sind, daß
aber die Wiederherstellungen, welche man an dem Altare gemacht hat,
im strengen Wortverstande nicht Wiederherstellungen gewesen seien,
sondern daß man sich zuerst nur zum Zwecke gesetzt habe, den Stoff
zu erhalten und weitere Umänderungen oder größere Ergänzungen einer
ferneren Zeit aufzubewahren, wenn sich überhaupt die Mittel und Wege
dazu fänden. Nur solche Ergänzungen sind gemacht worden, bei denen die
Gestalt des Gegenstandes unzweifelhaft gegeben war.

Die Bücher des Vaters machten mich auf die Sache, die sie behandelten,
mehr aufmerksam, ich bat ihn, daß er sie mir in meine Wohnung leihe,
und begann sie durchzugehen. Sie führten mich dahin, daß ich die
Baukunst und ihre Geschichte vom Anfange an genauer kennen zu lernen
wünschte und mir alle Bücher, die hiezu nötig wagen, nach dem Rate
meines Vaters und Anderer ankaufte.



Der Bund

Der Winter verging wie gewöhnlich. Ich richtete meine mitgebrachten
Dinge in Ordnung und holte an Schreibgeschäften nach, was im Sommer
wegen der Tätigkeit im Freien und der anderweitig verlorenen Zeit im
Rückstande geblieben war. Der Umgang mit den Meinigen in dem engsten
Kreise des Hauses war mir das Liebste, er war mein größtes Vergnügen,
er war meine höchste Freude. Der Vater bezeigte mir von Tag zu Tag
mehr Achtung. Liebe konnte er mir nicht in größerem Maße bezeigen,
denn diese hatte er mir immer höchstmöglich bewiesen; aber so wie
er früher bei der zärtlichsten Sorgfalt für mein Wohl und bei der
Herbeischaffung alles dessen, was zu meinem Unterhalte und meiner
Ausbildung notwendig gewesen ist, mich meine Wege gehen ließ, immer
freundlich und liebevoll war und nicht begehrte, daß ich mich in
andere Richtungen begebe, die ihm etwa bequemer sein mochten: so war
er zwar dies jetzt alles auch; aber er fragte mich doch häufiger
um meine Bestrebungen und ließ sich die Dinge, welche darauf Bezug
hatten, auseinandersetzen, er holte meinen Rat und meine Meinung
in Angelegenheiten seiner Sammlungen oder in denen des Hauses
ein und handelte darnach, er sprach über Werke der Dichter, der
Geschichtschreiber, der Kunst mit mir, und tat dies öfter, als
es in früheren Zeiten der Fall gewesen war. Er brachte in meiner
Gesellschaft manche Zeit bei seinen Bildern, bei seinen Büchern
und bei seinen andern Dingen zu und versammelte uns gerne in dem
Glashäuschen, das eine erwärmte Luft durchwehte, die sich traulich um
die alten Waffen, die alten Schnitzwerke und die Pfeilerverkleidungen
ergoß. Er sprach von verschiedenen Dingen und schien sich wohl zu
fühlen, den Abend in dem engsten Kreise seiner Familie zubringen zu
können. Mir schien es, daß er zu der jetzigen Zeit nicht nur früher
aus seiner Schreibstube nach Hause komme als sonst, sondern daß er
sich auch mehr innerhalb der Mauern desselben aufhalte als in früheren
Jahren. Die Mutter war sehr freudig über die Heiterkeit dem Vaters,
sie ging gerne in seine Pläne ein und beförderte alles, was sie in
ihrem Kreise zu der Erfüllung derselben tun konnte. Sie schien uns
Kinder mehr zu lieben als in jeder vergangenen Zeit. Klotilde wendete
sich immer mehr und mehr zu mir, sie war gleichsam mein Bruder, ich
war ihr Freund, ihr Ratgeber, ihr Gesellschafter. Sie schien gar keine
andere Empfindung als für unser Haus zu haben. Wir setzten unsere
Übungen im Spanischen, im Zitherspielen, im Zeichnen und Malen fort.

Trotz dieser Dinge war sie auch im Hauswesen eifrig, um der Mutter
Folge zu leisten und ihren Beifall zu gewinnen. Wenn etwas in dieser
Art, das eine größere Sorgfalt und Geschicklichkeit erheischte,
besonders gelang und dies erkannt wurde, so war ihre Befriedigung
größer, als wenn sie bei einer ernsten und wichtigen Bewerbung vor
einer ansehnlichen Versammlung den Preis davon getragen hätte.

In den Gesellschaften, die in kleineren oder größeren Kreisen, nur
seltener als in früheren Jahren, in unserem Hause statt fanden, wurden
jetzt auch mehr Gespräche geführt als da wir auch jünger waren. Es
wurden ernsthafte Dinge in Untersuchung gezogen, Angelegenheiten des
Staates, allgemeine öffentliche Unternehmungen oder Erscheinungen, die
von sich reden machten. Man sprach auch von seinen Beschäftigungen,
von seinen Liebhabereien oder von dem gewöhnlichen Tagesstoffe, wie
etwa das Theater ist oder wie Begebenheiten sind, die sich in den
nächsten Umgebungen zutragen. Im Übrigen wurde auch zu den bekannten
Vergnügungen gegriffen, Musik, Tanz, Liedersingen. Manche jüngere
Leute lernten sich da neu kennen, ältere setzten die früher bestandene
Bekanntschaft fort.

Ich besuchte meine Freunde. besprach mich mit ihnen und erzählte ihnen
im Allgemeinen, womit ich mich eben beschäftige. Sie teilten mir
aus dem Kreise ihrer Erlebnisse mit und machten mich auf manche
Persönlichkeiten aufmerksam.

Ich setzte meine Malerei fort, ich betrieb die Edelsteinkunde und
besuchte manches Theater. Das Lesen der Bücher über Baukunst vergnügte
mich sehr, und es eröffnete sich mir da ein neues Feld, das manches
Ersprießliche und manche Förderung versprach.

Die Abende bei der Fürstin erschienen mir immer wichtiger. Es hatte
sich nach und nach eine Gesellschaft zusammen gefunden, deren
Mitglieder sich häufig und gerne in dem Zimmer der Fürstin
versammelten. Es wurden die anziehendsten Stoffe verhandelt, und
man schrak nicht zurück, wenn jemand die Fragen der allerneuesten
Weltweisheit auf die Bahn brachte. Man legte sich die Dinge zurecht,
wie man konnte, man kleidete die eigentümliche Redeweise der
sogenannten Fachmänner in die gewöhnliche Sprache und wendete den
gewöhnlichen Verstand darauf an. Was durch diese Mittel und durch die
der Gesellschaft herausgebracht werden konnte, das besaß man, und wenn
es von der Gesellschaft als ein Gewinn betrachtet wurde, so behielt
man es als einen Gewinn. Wenn aber nur Worte da zu sein schienen, von
denen man eine greifbare Bedeutung nicht ermitteln konnte, so ließ man
die Sache dahin gestellt sein, ohne ihr eine Folge zu geben und ohne
über sie aburteilen zu wollen. Die Dichter und das Spanische wurden
lebhaft fortgesetzt.

Wenn sehr klare Tage waren und eine heitere Sonne ein erhellendes
Licht in den Zimmern vermittelte, so war ich in dem Glashäuschen und
arbeitete an den Abbildungen der Pfeilerverkleidungen für meinen
Gastfreund. Ich wollte sie so gut machen, als es mir nur möglich wäre,
um dem Manne, dem ich so viel verdankte und den ich so hoch achtete,
Zufriedenheit abzugewinnen oder ihm gar etwa ein Vergnügen zu
bereiten. Ich wollte zuerst Zeichnungen von den Verkleidungen
entwerfen und nach ihnen Bilder in Ölfarben ausführen. Ich machte die
Zeichnungen auf lichtbraunes Papier, tiefte die Schatten in Schwarz
ab, erhöhte die Lichter in einem helleren Braun und setzte die
höchsten Glanzstellen mit Weiß auf. Als ich die Zeichnungen in dieser
Art fertig hatte und durch vielfache Vergleichungen und Abmessungen
überzeugt war, daß sie in allen Verhältnissen richtig seien, setzte
ich noch den Maßstab hinzu, nach dem sie ausgeführt waren. Ich schritt
nun zur Verfertigung der Bilder.

Sie wurden etwas kleiner als die Entwürfe gemacht, aber im genauen
Verhältnisse zu denselben. Ich benutzte zum Malen immer die nehmlichen
Vormittagsstunden, um die Glanzpunkte, die Lichter und die Schatten in
ihrer vollen Richtigkeit zu erfassen und auch der Farbe im Allgemeinen
ihre Treue geben zu können. Es zeigte sich mir da eine Erfahrung in
den Farben wieder bestätigt, die ich schon früher gemacht hatte. Auf
die mit schwachem Firnisse überzogenen Holzschnitzwerke nahmen die
umgebenden Gegenstände einen solchen Einfluß, daß sich Schwerter,
Morgensterne, dunkelrotes Faltenwerk, die Führung der Wände, des
Fußbodens, die Fenstervorhänge und die Zimmerdecke in unbestimmten
Ausdehnungen und unklaren Umrissen in ihnen spiegelten. Ich merkte
bald, daß, wenn alle diese Dinge in die Farbe der Abbildungen
aufgenommen werden sollten, die dargestellten Gegenstände wohl an
Reichtum und Reiz gewinnen, aber an Verständlichkeit verlieren würden,
so lange man nicht das Zimmer mit allem, was es enthält, mit malt, und
dadurch die Begründung aufzeigt. Da ich dies nicht konnte und mein
Zweck es auch nicht erheischte, so entfernte ich alles Zufällige und
stark Einwirkende aus dem Zimmer und malte dann die Schnitzereien,
wie sie sich sammt den übergebliebenen Einwirkungen mir zeigten, um
einerseits wahr zu sein und um andererseits, wenn ich jede Einwirkung
der Umgebung weg ließe, nicht etwas geradezu Unmögliches an ihre
Stelle zu setzen und den Gegenstand seines Lebens zu berauben, weil er
dadurch aus jeder Umgebung gerückt würde, keinen Platz seines Daseins
und also überhaupt kein Dasein hätte. Was die wirkliche Ortsfarbe der
Schnitzereien sei, würde sich aus dem Ganzen schon ergeben und müßte
aus ihm erkannt worden. Ich wendete bei der Arbeit sehr viele Mühe auf
und suchte sie so genau, als es meiner Kraft und meinen Kenntnissen
möglich war, zu verrichten. Ich erhöhte und vertiefte die Farben so
lange und suchte nach dem richtigen Tone und dem erforderlichen Feuer
so lange, bis das Bild, neben die Gegenstände gestellt, aus der Ferne
von ihnen nicht zu unterscheiden war. Die Zeichnung des Bildes mußte
richtig sein, weil sie vollkommen genau nach dem ursprünglichen
Entwurfe gemacht worden war, den ich nach mathematischen Weisungen
zusammen gestellt hatte. Als die Sache nach meiner Meinung fertig war,
zeigte ich sie dem Vater, welcher sie auch mit Ausnahme von kleinen
Anständen, die er erhob, billigte. Die Anstände beseitigte ich zu
seiner Zufriedenheit. Hierauf wurde alles in taugliche Fächer gebracht
und zur Vorführung bereit gehalten.


Es waren fast die Tage des Vorfrühlings herangekommen, ehe ich mit
diesem Werke fertig war. Dies hatte seinen Grund auch vorzüglich
darin, daß ich die späteren hellen Wintertage mehr als die früheren
trüben hatte benützen können.

Im Frühlinge trat ich meine Reise wieder an.

Ich machte zuerst einen Besuch bei meinem Gastfreunde, brachte ihm die
Fächer, in denen die Abbildungen der Pfeilerverkleidungen enthalten
waren, und händigte ihm sowohl den Entwurf als auch das Farbenbild der
Schnitzereien ein. Er berief Eustach in seine Stube, in welcher die
Dinge ausgepackt wurden, herüber. Beide sprachen sich sehr günstig
über die Arbeit aus, und zwar günstiger als über jede frühere, die ich
ihnen vorgelegt hatte. Ich war darüber sehr erfreut. Eustach sagte,
daß man sehr gut die Ortsfarben und die, welche durch fremde
Einwirkungen entstanden waren, unterscheiden könne, und daß man aus
den letzten die Beschaffenheit der Umgebungen zu ahnen vermöge. Sie
stellten das Bild in die nötige Entfernung und betrachteten es mit
Gefallen. Besonders anerkennend sprach Eustach über die Richtigkeit
und Brauchbarkeit des unfarbigen Entwurfes.

Ich reiste nach dem kurzen Besuche in dem Rosenhause in die Gegend der
Tann, blieb auch dort nur kurz und drang tiefer in das Gebirge ein,
um eine Mittelstelle zu finden, von der aus ich meine neuen Arbeiten
unternehmen könnte. Als ich eine solche gefunden hatte, ging ich in
das Lauterthal und dort in das Ahornwirtshaus, um meinen Kaspar und
die Andern, welche mir im vorigen Jahre geholfen hatten, auch für
das heutige zu dingen. Als dies, wie ich glaube zu gegenseitiger
Zufriedenheit, abgetan war, blieb ich noch einige Tage in dem
Ahornhause, teils damit sich meine Leute zu der Abreise rüsten
konnten, teils um das mir liebgewordene Haus, das liebgewordene Tal
und die Umgebung wieder ein wenig zu genießen. Ich ging bei dieser
Gelegenheit mehrere Male in das Rothmoor, um dort nachzusehen, was man
eben für Gegenstände aus Marmor mache. Mir schien es, als wäre die
Anstalt seit einem Jahre sehr gediehen. Ich besprach mich auch dort
über Arbeiten, die für mich auszuführen wären, falls ich den hiezu
nötigen Marmor fände. Erkundigungen, um auf Spuren der Ergänzungen der
Pfeilerverkleidungen meines Vaters, die ich in dieser Gegend gekauft
hatte, zu kommen, waren auch heuer wie in früherer Zeit fruchtlos.

Ein Ereignis trat in dem Lauterthale ein, das mich sehr erheiterte.
Mein Zitherspiellehrer, der einige Zeit gleichsam verschollen war, war
wieder da. Er zeigte viele Freude, mich zu sehen, und sagte, er wolle
mir in das Kargrat folgen, welches jetzt der Mittelpunkt meiner
Arbeiten war, ein Dörfchen auf grasigen, baum- und buschlosen Anhöhen,
ganz nahe dem ewigen Eise, mit armen Bewohnern und einem vielleicht
noch ärmeren, genügsamen Pfarrer. Er sagte, er wolle diejenigen
Arbeiten, die ich ihm auftragen werde, gegen Lohn verrichten, und in
freier Zeit wollen wir auf der Zither spielen. Er habe noch keinen
Schüler gehabt, mit dem ihm die Übungen auf der Zither so viele Freude
gemacht hätten. Ich beschloß, einen Versuch zu wagen, und wir wurden
über die gegenseitigem Bedingungen einig.

Als alles in Bereitschaft war, gingen wir aus dem Ahornhause in das
Kargrat ab. Ich ging mit den Leuten auf abgelegenen und schneller zum
Ziele führenden Gebirgspfaden. Nur einmal hatten wir eine Strecke
gebahnter Straße, auf welcher ich zwei leichte Wägen mietete. Im
Kargrat fand ich ein kleines Zimmerchen. Für meine Leute wurde eine
Scheune zurecht gerichtet, und zur Aufbewahrung meiner Gegenstände
wurde aus Brettern ein ganz kleines Häuschen eigens erbaut. Wir waren
nun in der Nähe der höchsten Höhen. In mein winziges Fenster sahen die
drei Schneehäupter der Leiterköpfe, hinter denen die steile, ziemlich
schlanke, blendend weiße Nadel der Karspitze hervorragte, und neben
denen die edelsteinglänzenden Bänke der Stimmen oder des Simmieises
sich dehnten. Um den sehr spitzen Kirchturm des Dörfchens wehte die
scharfe, fast harte Gebirgsluft und senkte sich auf unsere Häupter und
Angesichter nieder. Weit ab gegen die Tiefe zu lagen die anderen Berge
und die dichter bewohnten und bevölkerten Länder.

Über das Zitherspiel meines wiedergefundenen Lehrers war ich wirklich
sehr erfreut. Ich hatte in der Zeit, während welcher ich ihn nicht
gesehen hatte, schon beinahe vergessen, wie vortrefflich er spiele.
Alles, was ich seit dem gehört hatte, erblaßte zur Unbedeutenheit
gegen sein Spiel, von dem ich den Ausdruck »höchste Herrlichkeit«
gebrauchen muß. Er scheint von diesem seinem Musikgeräte auch
ergriffen und beherrscht zu sein; wenn er spielt, ist er ein anderer
Mensch und greift in seine und in die Tiefen anderer Menschen, und
zwar in gute. Auf diesen Berghöhen war das schöne Spiel fast noch
schöner, noch rührender und einsamer.

Wie uns im vorigen Jahre Wälder und Wände eingeschlossen hatten und
nur wenige Stellen uns freien Umblick verschafften, so waren wir heuer
fast immer auf freien Höhen, und nur ausnahmsweise umschlossen uns
Wände oder Wälder. Der häufigste Begleiter unserer Bestrebungen war
das Eis.

Als die Kalendertage sagten, daß die Rosenblüte schon beinahe vorüber
sein müsse, beschloß ich, meine Freunde zu besuchen. Ich ordnete im
Kargrat alles für meine Abwesenheit und Wiederkunft an und begab mich
auf den Weg.

Als ich in dem Asperhofe ankam, sagten mir der Gärtner und die
Dienstleute, daß Mathilde, Natalie, mein Gastfreund, Eustach, Roland
und Gustav in den Sternenhof fort seien. Die Rosen waren schon
verblüht, und man hatte mich nicht mehr erwartet. Mein Gastfreund
hatte gesagt, daß ich, weil ich ihm im Frühlinge mitgeteilt hatte, daß
ich heuer ganz nahe an dem Simmieise wohnen werde, wahrscheinlich im
Sommer von dorther den weiten Weg nicht werde haben machen wollen, und
daß zu vermuten sei, daß ich im Herbst meine Arbeit abkürzen und auf
eine Zeit bei meinen Freunden einsprechen werde. Sollte ich aber
dennoch kommen, so hatten die Leute den Auftrag, zu sagen, daß man
mich bitte, in den Sternenhof nachzukommen.

Ich mietete also des andern Tages auf der Post einen leichten Wagen
und schlug die Richtung nach dem Sternenhofe ein.

Als ich in der Umgebung desselben angekommen war, sah ich an Zäunen
und in Gärten noch manche Rose frisch blühen, obwohl im Asperhofe
weder auf dem Gitter noch im Garten eine zu erblicken gewesen war,
außer mancher welken und gerunzelten Blume, die man abzunehmen
vergessen hatte. Auch auf der Anhöhe, die zu dem Schlosse empor
leitete, waren an Rosenbüschen, die gelegentlich den Rasen säumten,
weil man im Sternenhofe die Rosen nicht eigens pflegte, sondern sie
nur wie gewöhnlich als schönen Gartenschmuck zog, noch Knospen, die
ihres Aufbrechens harrten. Diese Tatsache mag daher kommen, weil der
Sternenhof näher an den Gebirgen und höher liegt als das Rosenhaus
meines Freundes.

In dem Hofe des Hauses nahmen die Leute mein Gepäck und die Pferde in
Empfang und wiesen mich die große Treppe hinan. Da ich gemeldet worden
war, wurde ich in Mathildens Zimmer geführt und fand sie in demselben
allein. Sie ging mir fast bis zu der Tür entgegen und empfing mich
mit derselben offenen Herzlichkeit und Freundlichkeit, die ihr immer
eigen war. Sie führte mich zu dem Tische, der an einem mit Blumen
geschmückten Fenster stand, wo sie gerne saß, und wies mir ihr
gegenüber einen Stuhl an dem Tische an. Als wir uns gesetzt hatten,
sagte sie: »Es freut mich sehr, daß ihr noch gekommen seid, wir haben
geglaubt, daß ihr heuer den weiten Weg nicht machen würdet.«

»Wo man mich so freundlich aufnimmt«, antwortete ich, »und wo man
mich so gütig behandelt, dahin mache ich gerne einen Weg, ich mache
ihn jedes Jahr, wenn er auch weit ist, und wenn ich auch meine
Beschäftigung unterbrechen muß.«

»Und jetzt findet ihr mich und Natalien nur allein in diesem Hause«,
erwiderte sie, »die Männer, da sie sahen, daß ihr nach dem Abblühen
der Rosen noch nicht gekommen waret, meinten, ihr würdet im Sommer nun
gar nicht mehr kommen, und haben eine kleine Reise angetreten, die
auch Gustav mitmacht, weil er das Reisen so liebt. Sie besuchen eine
kleine Kirche in einem abgelegenen Gebirgstale, deren Zeichnung Roland
gebracht hat. Die Kirche wurde in der Zeichnung sehr schön befunden,
und zu ihr sind sie nun unter Rolands Führung auf dem Wege. Wo sie
nach der Besichtigung derselben hinfahren werden, weiß ich nicht; aber
das weiß ich, daß sie nur einige Tage ausbleiben und in den Sternenhof
zurückkehren werden. Ihr müßt sie hier erwarten, sie werden eine
Freude haben, euch zu sehen, und ich werde mich bemühen, alles
Erforderliche einzuleiten, daß ihr indessen hier die beste
Bequemlichkeit haben könnet.«

»Der Bequemlichkeit«, erwiderte ich, »bin ich weder gewohnt, noch
schlage ich sie hoch an. Ich möchte nur nicht eine Störung in euer
jetziges einsames Hauswesen bringen. Das Höchste, was mir zu Teil
werden kann, habe ich empfangen, eine freundliche Aufnahme.«

»Wenn auch gewiß eine freundliche Aufnahme das Höchste ist, und wenn
ihr auch eine Bequemlichkeit nicht begehret«, antwortete sie, »so ist
die Freundlichkeit in den Mienen bei der Aufnahme eines Gastes nicht
das Einzige, so schätzenswert sie dort ist, sondern sie muß sich auch
in der Tat äußern, und es muß uns erlaubt sein, unsere Pflicht, die
uns lieb ist, zu erfüllen, und dem Gaste eine so gute Wohnlichkeit zu
bereiten, als es die Umstände erlauben, er mag sie nun benutzen oder
nicht.«

»Was ihr für eine Pflicht haltet, will ich nicht bestreiten«,
antwortete ich, »ich will es nicht beirren, nur wünschen muß ich, daß
es mit so wenig eigener Aufopferung als möglich verbunden ist.«

»Diese wird nicht groß sein«, sagte sie, »auf einige Aufmerksamkeit
in Hinsicht der Genauigkeit und Willigkeit der Leute kömmt es an, und
diese müsset ihr mir schon erlauben.«

Sie zog mit diesen Worten an einer Glockenschnur und bedeutete den
hereinkommenden Diener, daß er ihr den Hausverwalter rufe.

Da dieser erschienen war, sagte sie ihm mit sehr einfachen und kurzen
Worten, daß für einen längeren Aufenthalt für mich in dem Hause auf
das Beste gesorgt werden möge. Als er sich entfernen wollte, trug sie
ihm noch auf, vorerst dem Fräulein zu sagen, wer gekommen sei, sie
würde es später auch selber melden, und zum Abendessen würden wir in
dem Speisezimmer zusammen kommen.

Der Hausverwalter entfernte sich, und Mathilde sagte, jetzt wäre das
Hauptsächlichste getan, und es erübrige später nur noch, sich einen
Bericht über die Mittel und die Art der Ausführung geben zu lassen.

Wir gingen nun auf andere Gespräche über. Mathilde fragte mich um mein
Befinden und um das Allgemeine meiner Beschäftigungen, denen ich mich
in diesem Sommer hingegeben habe.

Ich antwortete ihr, daß mein körperliches Befinden immer gleich wohl
geblieben sei. Man habe mich von Kindheit an zu einem einfachen Leben
angeleitet, und dieses, verbunden mit viel Aufenthalt im Freien, habe
mir eine dauernde und heitere Gesundheit gegeben. Me