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Title: Briefe an Ludwig Tieck (3/4) - Dritter Band
Author: Various
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Briefe an Ludwig Tieck (3/4) - Dritter Band" ***

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project.)



  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1864 erschienenen Buchausgabe
möglichst originalgetreu wiedergegeben. Die Zeichensetzung wurde
stillschweigend korrigiert. Aufgrund der Vielfalt der persönlichern
Schreibstile der verschiedenen Autoren wurden ungewöhnliche und
inkonsistente Schreibweisen aber beibehalten.

Der Schmutztitel sowie die Buchwerbung vor der Titelseite wurden
hier nicht wieder mit aufgenommen. Das Inhaltsverzeichnis wurde der
Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Textes verschoben.

Die folgenden offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert oder
bedürfen des Kommentars:

    Inhaltsverzeichnis: ‚Raumer, Karl von‘: Seitennummer ‚80‘ → ‚90‘
    S. 2: ‚mit Ihren‘ → ‚mit Ihrem‘
    S. 3: ‚Signe og Haybarth‘ → ‚Signe og Hagbarth‘
    S. 4: ‚einen reissendem Abgang‘ → ‚einen reissenden Abgang‘
    S. 35: ‚Herotempel zu Agrigent‘ → ‚Heratempel zu Agrigent‘
    S. 45: ‚7. Okt. 1797‘ → ‚7. Okt. 1794‘
    S. 53: ‚rührendn‘ → ‚rührenden‘
    S. 78: ‚mit großem Rechte‘ → ‚Mit großem Rechte‘
    S. 104: ‚Vergnügen‘: erstes ‚n‘ steht im Original auf dem Kopf
    S. 111: ‚Ifflland‘ → ‚Iffland‘
    S. 172: ‚dreißig Jahre‘ sollte eigentlich heißen: ‚zwanzig
      Jahre‘; ‚dreißigjährigen‘ müsste dann entsprechend heißen:
      ‚zwanzigjährigen‘; beides wurde aber der historischen Anspielung
      wegen so belassen
    S. 188: ‚das ist ist‘: doppeltes ‚ist‘; eines entfernt
    S. 200: ‚Wohlgegeboren‘ → ‚Wohlgeboren‘
    S. 202: ‚Humblot‘ → ‚Humbolt‘
    S. 218: ‚bethätigen zu können‘ → ‚besthätigen zu können‘
    S. 226: ‚voll von allerliebster‘ → ‚voll von allerliebsten‘
    S. 274: ‚äusterst betrübt‘ → ‚äußerst betrübt‘
    S. 293: ‚Lazarillo de Formes‘ → ‚Lazarillo de Tormes‘
    S. 332: ‚uns was hast Du‘ → ‚und was hast Du‘
    S. 375: ‚antike‘ → ‚Antike‘

Der Text in der Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt; dies
wird hier durch normale Schrift dargestellt; _Unterstriche_ stehen für
gesperrten Text, ~Tilden~ für Antiquaschrift. Fettgedruckte Passagen
werden durch =Gleichheitszeichen= hervorgehoben.

  ####################################################################



                                Briefe

                                  an

                             Ludwig Tieck.


                     Ausgewählt und herausgegeben

                                  von

                           Karl von Holtei.


                             Dritter Band.


       Der Verleger behält sich das Recht der Uebersetzung vor.


              Breslau, Verlag von Eduard Trewendt. 1864.



                      Inhalt des dritten Bandes.


                                                                  Seite.

    Molbech, Christian                                                 1

    Mosen, Julius                                                     14

    Müller, Friedrich von                                             24

    Müller, Karl Ottfried                                             26

    Müller, Wilhelm                                                   45

    Münch-Bellinghausen, Eligeus Franz Joseph, Freiherr von
      (Friedrich Halm)                                                49

    N....., Wilhelm                                                   55

    Nicolai, Christoph Friedrich                                      58

    Oehlenschläger, Adam Gottlob                                      64

    Paalzow, Henriette, geb. Wach                                     70

    Pauli, L.                                                         72

    Pichler, Caroline von, geb. Greiner                               73

    Prutz, Robert                                                     76

    Quandt, Johann Gottlieb von                                       81

    Rahbek, Knud Lyne                                                 85

    Rake                                                              87

    Raßmann, Christian Friedrich                                      88

    Raumer, Karl von                                                  90

    Recke, Elisa von der                                              94

    Regis, Johann Gottlob                                             96

    Rehberg, August Wilhelm von                                       98

    Reichardt, Johann Friedrich                                      103

    Reichardt, Louise                                                113

    Reinbold, Adelheid                                               123

    Rellstab, Ludwig                                                 130

    Rettich, Julie, geb. Gley                                        132

    Ribbeck, August Ferdinand                                        134

    Richter, Jean Paul Friedrich                                     137

    Robert, Ludwig                                                   140

    Rochlitz, Friedrich                                              172

    Rückert, Friedrich                                               176

    Rühs, Christian Friedrich                                        178

    Rumohr, Karl Friedrich Ludwig Felix von                          181

    Sallet, Friedrich von                                            197

    Schack, Adolph Friedrich von                                     201

    Schall, Karl                                                     205

    Schenk, Eduard von                                               215

    Schlegel, August Wilhelm                                         223

    Schlegel, Friedrich                                              311

    Schlegel, Dorothea, geb. Mendelssohn                             345

    Schleiermacher, Friedrich Ernst Daniel                           351

    Schlosser, Johann Heinrich Friedrich                             353

    Schmidt, Friedrich Ludwig                                        358

    Schmidt, Heinrich                                                360

    Schmidt, Friedrich Wilhelm Valentin                              363

    Schnaase, Karl                                                   370

    Schöll, Adolf                                                    374



Molbech, Christian.


    Geboren 1783 zu Soröe, einer der bedeutsamsten dänischen
    Philologen, Historiker und Kritiker. Er bereisete in den Jahren
    1819 und 1830 sowohl Deutschland, als Frankreich und Italien; wurde
    schon 1823 Professor der Litteraturgeschichte an der Universität;
    war von 1831 bis 1842 Dramaturg des Kopenhagener Nationaltheaters.

    Sein „Dansk Ordbog,“ 2 Bde., sowie seine „Geschichte der dänischen
    Sprache“ (1846), haben ihm eine hohe Stelle in der gelehrten
    Welt gesichert, weil sie ganz neue Bahnen brachen. Vielfache
    Monographieen aus der dän. Historie, zahlreiche kritische
    Aufsätze und Anthologieen vaterländischer Poesie geben Zeugniß
    unausgesetzter Thätigkeit. Daß er ein eben so liebenswerther
    Charakter ist, wie er für einen achtungswerthen Gelehrten gilt, das
    lesen wir aus diesen Briefen.


                                  I.

    _Kopenhagen_, 17. October 1820.

    _Lieber, verehrter Freund!_

Ihr freundliches, mir aus unserm Holberg mitgegebenes Geleite hat
mich, wie Sie sehen, wirklich nach Seeland gebracht. Schon in 4 Wochen
bin ich zurück im heimischen Kreise; und schon oft sind während
dieser Zeit meine Gedanken bei Ihnen gewesen, mit dem Wunsche, daß
weniger Land und gar kein Wasser uns trennte. Unvergeßlich ist mir
Ihre liebreiche, freundliche Güte. Wie gern geselle ich jetzt Ihre
persönliche Erinnerung Ihren Worten, Ihren Dichtungen bei, die mir so
oft erfreut und ergötzt, so oft ans Herz geredet haben; und wie werden
mir diese jetzt doppelt lebend und anschaulich! Ich hatte noch das
Vergnügen mit _Ihnen_, nemlich mit Ihrem Octavianus, von Berlin
nach Hamburg zu reisen; und der gute jugendliche Geselle hat mich
oft auf der schleichenden Sandfarth und in den elenden Wirthshäusern
aufgemuntert und getröstet. Auch den William Lowel habe ich mir aus
Berlin mitgebracht. Dies Buch habe ich vor mehreren Jahren einmal
auf dem Lande in der Weihnachtszeit gelesen, und es machte damals
einen sonderbaren, schauerlichen Eindruck auf mich. Ich konnte es
nicht recht lieb gewinnen, obgleich es mich häufig sehr interessirte.
Ich werde es jetzt einmal wieder lesen, und Ihnen sagen, wie ich es
damals und jetzt fand. -- Uebrigens, wenn ich Ihren Octavianus, ein
Paar Reisebeschreibungen und ein Paar Bände prosaischer Erzählungen
von Ingemann (der, wie ich glaube, Ihnen geschrieben hat) ausnehme,
habe ich fast nichts gelesen seit meiner Rückkunft; so viele Arbeiten,
Zerstreuungen und Hindernisse haben sich meiner Ruhe und Ordnung
entgegengestellt. Es muß doch einmal, hoffe ich, anders werden.

Ein Bruder meines lieben und vertrauten Freundes, Hrn. J. Deichmann,
Besitzer der Gyldendalschen Buchhandlung, reist nach Berlin und
andern Städten, um seine Fertigkeit und Kenntniße als Buchdrucker
zu erweitern. Mit ihm schicke ich dieses nach Berlin, und lasse die
Comedie von Heiberg (der noch in Paris ist), und eine durch sie
veranlaßte kleine Schrift mitfolgen. Ein kleines Paket mit einem
Brief aus Leipzig hoffe ich, daß Sie erhalten haben. Ich hatte es dem
Buchhändler Vogel in Leipzig empfohlen.

Es ist meine Absicht gewesen, Ihnen einen ~Commentarius perpetuus~
über das Heibergsche Lustspiel zu geben; und Sie werden finden, daß
es mancherlei Erläuterungen bedarf. Es ist nemlich äußerst _national_
und _local_, und spielt ganz in der jetzigen Zeit. -- Es gebricht mir
aber jetzt ganz und gar an Zeit, um dieses mit einiger Vollständigkeit
zu thun. Vieles wird Ihnen auch ohne alle Aufklärung verständlich
sein. -- Die _Blanca_ von _Ingemann_ kennen Sie doch wohl? Diese,
und der Dichter überhaupt, wird scharf, aber lustig mitgenommen.
Die Hauptpersonen dieser Tragoedie, Enrico und Blanca, finden Sie
hier metamorphosirt und travestirt wieder. Der „Kammerjunker mit
einer Harfe“ ist ein gewisser Kammerjunker Lewetzau, der die Blanca
deutsch übersetzt hat. Um den Dialog ~pag. 28-30~ zu verstehen, ist
es nothwendig zu wissen, daß der Professor ~Theologiae~ J. Möller
vor einigen Jahren als ästhetischer Recensent in der dänischen
Litteraturzeitung das Scepter führen wollte, obschon er diesem Buch
gar nicht gewachsen ist. Den Ingemann hatte er besonders in Protection
genommen, und lobte ihn immer auf eine so hyperbolische Art, daß
die Blanca (bei Heiberg ~p. 30~) wohl mit Recht sagen kann: „_Wir_
haben uns nicht zu beklagen!“ -- Die Scene ~p. 59~ u. f. ist ganz
_Kopenhagensch_; doch kennt man ja wohl auch die faden Pfänderspiele
in Deutschland. -- ~Pag. 83~ „Mithridates,“ „Turnus,“ „Warners
Wanderung,“ „Procne,“ -- alles Titel einiger der Ingemannschen Werke.
„Die schwarzen Ritter“ ein großes episch-romantisches Gedicht, was
den großen Fehler hat, weder episch, noch romantisch zu sein. --
~P. 115~ „Die Locke aus Signes blondes Haar“ -- Anspielung auf die
Tragoedie _Signe og Hagbarth_ von Oehlenschläger, wo der gefangene
Hagbarth die Fessel zerreißt, aber sich durch eine Haar-Locke seiner
Geliebten binden läßt -- eine Scene die viel Glück auf der Scene
gemacht hat. Im Stück ist von _blonden_ Haaren die Rede. Die Actrice,
welche Signe gab, hat aber _braunes_ Haar. -- ~P. 186~ _Bogen_ --
hiedurch wird ein bekannter Schriftsteller Hóegh-Guldberg bezeichnet
-- ein eben so schlechter, als arroganter Dichter und Schriftsteller,
und ein äußerst verschrobener Stilist und pedantischer Grammatiker.
-- ~P. 195~ _Mundkurven_. Man hatte in Kopenhagen vor einigen
Jahren die Polizei-Verordnung, daß alle Hunde im Sommer _Maulkörbe_
tragen sollten, um das Beissen der tollgewordnen Hunde zu verhüten.
-- ~P. 163. 164~ -- alle diese Anfangslinien der Prologe, die
Harlekin recitiren will, und die das Publikum so schlecht aufnimmt,
sind Anfänge der verschiedenen Ingemannschen Prologe. -- ~P. 229~
_Reisers Gespenst_. -- Um diese Scene, und die ganze poetische Anrede
des Gespenstes zu verstehen, müßten Sie ein Buch kennen, was ein
alter teutscher Chirurgus, Nahmens Reiser, der als Kind die große
Feuersbrunst in Kopenhagen 1728 erlebt hatte, beinahe 60 Jahre
später, in den 80ger Jahren, dänisch herausgab. Es ist dies eins der
am meisten _komischen_ Bücher, das in dänischer Sprache existirt.
Der Verf. konnte weder schreiben noch buchstabiren, und glaubte
doch ganz kindlich und unbefangen, ein recht gutes und brauchbares
Buch geliefert zu haben. Spötter bestärkten ihn in diesem Glauben.
Eben durch die naive und komische Art, womit der Verfasser sich dem
Gelächter Preis giebt, machte das kleine Buch ein großes Glück und
hatte einen reissenden Abgang. Es erschien bald eine zweite Auflage,
mit dem treuen, carricaturmäßigen Bildniß des einige und 70 Jahre
alten Verfassers; in einen Schwalle von Spottschriften (ich besitze
das Ganze in 2 ziemlichen Octavbänden) wurde er mitgenommen; er aber
blieb sich selber gleich, und gab auch sein _Leben_ heraus, das
freilich nicht ganz so komisch ist, wie die _Feuergeschichte_, aber
doch lustig genug zu lesen. -- Das Glück womit Heiberg den bei uns
jetzt ziemlich vergessenen, und doch in einer gewissen Art klassischen
_Reiser_ am Schlusse seiner Comoedie wieder aufgeführt hat, und ihn
den Schriftstellern und dem Publikum herbe Sachen sagen läßt: werden
Sie selbst erkennen. Ich bemerke nur, wegen einigen Ausdrücken in
der Reiserschen Anrede (die Scene ist der noch stehende Thurm der
1795 abgebrannten S. Nicolai-Kirche), daß er in seinen lächerlichen
Producten mitunter viele Religiosität durchblicken läßt; und daß viele
in den ersten Strofen vorkommenden Ausdrücke _seine eigene_ Worte
sind; so wie auch die mit latein. Lettern gedruckte Worte sich bei
ihm so finden. Die Idee, daß Reiser jede Nacht zur Pforte der Hölle
hinabsteigt, und durch dem Gitterthore kuckt, um alte Erinnerungen
aufzufrischen, und aus einer gewissen _Feuerslust_: werden Sie gewiß
recht komisch finden. -- Nehmen Sie, lieber Freund, mit diesen wenigen
vorlieb; und schreiben Sie mir doch einmal, wie Ihnen die Comoedie
gefallen hat. -- Ueber Heiberg werde ich Ihnen mehr ein ander mal
sagen. -- Auf der _Bibliothek_ ist leider! nichts für Ihr Altengl.
Theater zu gewinnen. Unsre große Sammlung von engl. Comedien in 6
dicken Quartanten sind Alle neuere Sachen (nemlich später als Carl I.).
Ich habe nur eine _einzige_ ältere gefunden, die wir separat haben, und
wenn ich nicht irre in den Zeiten Jakobs I. gedruckt ist. Den Titel
habe ich jetzt nicht bei der Hand. -- Empfehlen Sie freundlichst meinen
Andenken Ihrer liebenswürdigen Familie, und der _Unbekannten_, und
sagen Sie ihnen 1) daß _Hamburg_ mir jetzt etwas besser, wie voriges
Jahr gefallen hat, und daß ich einen ganzen Tag, von Morgens 7 bis zur
Comedien-Zeit die Stadt in allen Richtungen durchstrichen habe, auch
die _sehr schöne_ Promenade auf dem Walle nicht vergessen habe. 2º.)
Daß ich in einigen Tagen (den 23sten Oct.) heirathen werde, obschon die
Sachen sehr in ~ecclesia pressa~ stehn; meine Gesundheit nemlich sich
wieder sehr verschlimmert hat, und man meinen höchst eingeschränkten
Gehalt gar nicht erhöhen will. -- Meine Braut, die Sie besonders von
dem Sternbald her, lieb hat, läßt sich Ihnen auch empfehlen; und ich
schicke Ihnen mit Achtung und Liebe einen herzlichen Gruß von

    Ihrem
    ergebensten Freunde und Diener

    _C. Molbech_.

~P. S.~ _Berlin_ hat mir wenig gefallen. Mit _Hoffmann_
konnte ich nicht, wie mit Ihnen, zu Recht kommen.


                                  II.

    _Kopenhagen_, 25. Septbr. 1821.

Ihr gütiger und liebevoller Brief vom 2. Jun., den ich Anfangs Jul.
durch meinen Freund Rosenvinge empfing, hat mir eine wahre Freude
gegeben, und mir Ihre Erinnerung, mein theurer und hochverehrter
Freund! auf die lebhafteste und angenehmste Weise vergegenwärtiget.
-- Wie oft denke ich an Sie und an Ihre liebenswürdige Familie, an
Ihre freundliche Güte, womit Sie den Fremdling für immer fesselten, an
Ihre geistvollen Unterhaltungen, die Jeden bezauberten! -- Durch Sie
allein würde mir das schöne einnehmende Dresden ewig unvergeßlich. Es
lebt auch beständig der Wunsch und die Sehnsucht bey mir, Sie und die
freundliche Elbstadt noch einmal zu besuchen. Möge das Schicksal mir
doch nicht ganz die Aussicht auf diese Freude berauben!

Ich bin so frei diesen wenigen Zeilen, die ich in größter Eile
schreiben muß, da der Professor Froriep aus Weimar, der sie
mitnimmt, Morgen ganz frühe mit dem Dampfschiffe abreist, weit mehr
_gedruckte_, nemlich den 1sten Theil meiner Reise, beizulegen.
Wie wird es mich freuen, wenn Sie dies Buch, wenn auch nicht lesen,
doch als ein kleines Andenken eines Sie hoch schätzenden und innig
liebenden Freundes, aufheben wollen. Die folgenden Theile, wovon der
2te noch am Ende des Jahres erscheinen sollte, werde ich Ihnen auch
zukommen lassen; wenn so viele dänische Bücher Sie nicht belästigen.

Mit großem Vergnügen habe ich eben gestern den 1sten Theil
Ihrer gesammelten Gedichte in einer hübschen Ausgabe für meine
Lese-Einrichtung erhalten. Aber wie wird es mit der sehnlich erwarteten
Fortsetzung des Franz Sternbald?

Sie werden bemerkt haben, daß man ehestens eine deutsche Uebersetzung
von Holbergs Komedien durch Oehlenschläger erwarten kann. Es ist dies
jetzt seine wichtigste Arbeit. Ich bin in gespannter Erwartung, wie
sie ausfallen wird, und besonders wie sie Ihnen gefallen wird. -- Das
letzte Trauerspiel von Oehlenschl. _Erich und Abel_, aus der
dänischen Geschichte des 13. Jahrhunderts, hat auf dem Theater Glück
gemacht. Ich liebe es eben nicht. Es ist hin und wieder zu modern
sentimental, öfters manierirt; die Geschichte und geschichtliche
Charaktere sind stark und willkührlich verändert; und eben deswegen
manches Ueberflüssige hereingebracht, was dem Drama und der
Charakterschilderung mehr hindert, als nutzt. -- In unserer Litteratur
ist es überhaupt im jetzigen Zeitpunkt ziemlich stille und öde. Der
Geldmangel drückt die Bücher, die Verfasser und die Leser. Gute
Bücher nehmen ab, oder können wegen der Menge elender und nutzloser
Tageblätter nicht aufkommen. (!)

Meine Frau, die Sie durch Ihre Grüsse nicht wenig erfreut haben,
läßt sich mit ihrem 9 Wochen alten _Sohne_, Ihrer freundlichen
Erinnerung empfehlen. Ich war eben, am Schlusse des Julius, auf einer
kleinen Reise in Holstein abwesend, als der eilig-ungeduldige Knabe ein
Paar Wochen wenigstens früher, als man ihn erwartete, ganz plötzlich
sich einfand. Er ist recht gesund und einigermaßen freundlich und
guter Laune, wenn er immer vollauf zu trinken und zu essen hat. Meine
Frau hat wieder dann und wann etwas gelitten; ist aber doch jetzt
ziemlich wohl.

Nehmen Sie, mit Ihrer mir gewogenen Familie und die Gräfin v.
Finkenstein meinen herzlichsten und aufrichtigsten Gruß, und bleiben
Sie ferner freundlich gewogen

    Ihrem
    dankbaren und ergebensten Freunde

    _C. Molbech_.

Ich wünschte gar sehr zu wissen, ob man nicht Ihr Bildniß bald in einem
guten Kupferstiche erwarten kann? In einem Kalender glaube ich, wird es
erscheinen. Dies aber genügt nicht.


                                 III.

    _(Ohne Datum.)_

    _Theurer, hochgeschätzter Freund!_

Ein Däne und Freund von mir, der Canzleyrath Thomsen, Secretair der
hiesigen Königl. antiquarischen Commission, ein trefflicher und
gelehrter Kunstkenner, eifriger Sammler von Gemälden und Kupferstichen
und Besitzer eines der schönsten Münz-Cabinette in Dänemark, wird Ihnen
diese Zeilen, nebst einem innigsten Gruß, und beifolgenden 3ten und
letzten Theil meiner Reise überbringen. Zürnen Sie nicht, daß ich dort
auch mit wenigen Worten, und oft schon bereuete ich es, _alzu_
kurz, gesagt habe, wie theuer und unvergeßlich Dresden mir durch Ihre
Freundschaft ward. Mich hat die Menge des Stoffes in diesem Buche alzu
sehr gedrängt; und öfters bin ich sehr kurz gewesen, oder habe ganz
geschwiegen, da wo meine liebsten Erinnerungen weilen. Und wo sind sie
lieber und schöner, als in dem lieblichen, geistvollen Kreise, den Ihre
Güte mir so freundlich öffnete?

Sagen Sie mir doch nur mit zwei Worten wie _Sie_ leben, und wie
Ihre theure Familie, deren Andenken ich mich durch Ihre Fürsprache
empfehle. Ich sehne mich herzlich nach einer Nachricht, sey es auch
bloß eine mündliche, von Ihnen. Sagen Sie mir doch auch, wie Ihnen
Oehlenschlägers Holberg gefällt? Darnach bin ich etwas neugierig. Ich
gestehe, die Uebersetzung kann vielleicht trefflich seyn. Mir aber, und
vielleicht den unbefangenen _Dänen_ überhaupt gefällt sie nicht
eben alzusehr; und die Vorrede im 4ten Theile hat hier noch weniger
Glück gemacht.

Ihre beiden Novellen, der Geheimnißvolle und die Verlobten, sind
schon im Dänischen übersetzt; und besonders die letzte gefällt hier
besonders. So auch mir in hohem Grade. Ich bewundere Sie hier,
wie immer; denn in jeglichem Tone sind Sie der unnachahmliche
Darsteller der innern Menschheit, weil Sie den Menschen so kennen und
durchschauen, wie wenige Dichter; und wie das Jugendlich-Lustige, so
wird das Verständig-Ernste in Ihrer Dichtung ein Spiegel des hellsten
Leben.

Verzeihen Sie die wenige Sorgfalt, das vielleicht gänzliche Mißlingen
meines Ausdrucks in diesen Zeilen. Kaum 24 Stunden sind verflossen,
seit eine äußerst traurige Familien-Nachricht meine Stimmung ganz
getrübt und abgespannt hat. -- Ich werde daher auch schließen mit dem
Wunsche aus meinem Herzen: Leben Sie glücklich, gesund und zufrieden!

Ihr treuer und dankbarer Freund

    _C. Molbech_.


                                  IV.

    _Kopenhagen_, 7. April 1826.

Indem ich heute an meinen Freund den Hrn. Bibliothekar Ebert in
Dresden schreibe, fühle ich das Bedürfniß, auch _Ihnen_, mein
hochverehrter Freund! durch einige Zeilen die Erinnerung eines Ihrer
treuesten Verehrer und ausländischen Freunde hervorzurufen. Leider bin
ich noch weniger, als sonst, geschickt, meinem Briefe an sich einiges
Interesse mitzutheilen. Eine Krankheit oder Schwäche des rechten
Kniegelenkes (dem die Aerzte den beliebten Namen der Gicht zulegen)
fesselt mich, den sonst so rüstigen Fußgänger und Treppenläufer, seit 5
Wochen, und wer weiß wie lange noch, auf meinem Zimmer im 4ten Stocke
-- sonst meine Freude; denn ich habe immer gern hoch gewohnt, und so
auch hier, dem freien Raume des umlaubten Todtenackers gegenüber;
jetzt eine Fessel mehr für den geschwächten Gefangenen. Daß ich in
dieser totalen Verwandelung meiner ganzen Lebensweise nicht wie sonst
existire, denke und fühle (nur ein Mal in meinem Leben habe ich in
3 Wochen das Zimmer gehütet) können Sie sich leicht vorstellen. Wie
vieles erscheint mir jetzt in einem andern und trüberen Lichte! Wie
tief fühle ich die Entbehrung meiner in mehr als 20 Jahren getriebener
Bibliotheksgeschäfte! -- scheint es mir doch, ich hätte die theuerste
Geliebte verlassen müssen, um sie der Pflege anderer, vielleicht
weniger sorgfältiger und liebender Hände zu überlassen!

Indem aber, daß eben jetzt meine Seele mehr und öfters, als sonst, den
Blick dem Innern des Lebens zuwendet, wird mir auch manche schöne Blume
und edle Frucht meines Daseyns recht lebhaft gegenwärtig. So auch die
kurzen, aber unvergeßlichen Stunden, die ich mit Ihnen zu verleben
das Glück hatte. Jahre sind schon seitdem verronnen, und mehr und
mehr gestaltet sich die liebliche Erinnerung wie ein schöner Traum --
aber doch immer ein lebhafter, ein tief in der Seele ruhender Traum,
besser und kräftiger als Vieles, was uns einen Schein der Wirklichkeit
besitzt, weil wir es _gegenwärtig_ nennen. Sey es denn auch, daß
dieser Traum nie wieder ins Leben zurückkehrte -- daß mir nie wieder
der überglückliche Genuß zu Theil würde, den Lieblingsdichter meiner
Jugend, den Gegenstand meiner steigenden Verehrung und Bewunderung im
reiferen Alter, und einer unvergleichlichen Neigung meines Herzens,
seit jenen Tagen in Dresden, persönlich wiederzusehen: so fühle ich
es doch in meiner Seele: daß jenes Bild Ihres Wesens, was dort mir
aufging, nie aufhören kann mein Eigenthum zu sein. Wie oft habe ich
mich an diesem Bild erquickt! Wie oft, wenn ich seitdem eines Ihrer
Werke laß, wenn ich mit einem Freund darüber sprach, habe ich gesagt:
ich weiß es nicht bloß, wie er dichtet und schreibt -- ich weiß
auch, wie er ist und lebt, wie warm und gemüthlich sein Herz, wie
überströmend reich und gediegen seine Rede!

Auch durch die Gaben Ihres Geistes haben Sie mich seitdem vielfach
erfreut. Es ist wohl unnöthig Ihnen zu sagen, daß Ihre späteren
Novellen und Erzählungen hier ein sehr theilnehmendes Publikum gefunden
haben; daß sie längst schon alle übersetzt sind. Mir insbesondere haben
diese Werke eine fast neue Seite Ihres reichen, tiefen und gediegenen
Geistes offenbart. Wer würde jetzt zweifeln, daß Sie den Geist und
die Erscheinungen des Lebens nicht allein mit der Phantasie, sondern
auch mit dem gleich genialen Verstande erfaßt haben? -- Welch ein
tiefes Studium bieten diese Erzählungen dem Menschen-Forscher dar!
-- Nun Ihre letzten dramaturgischen Blätter -- welchen Sinn, welchen
scharfen Blick in die Tiefen der Kunst, und wie anziehend das Gewand!
-- Ich gehe fast nie in Schauspiele, und lese noch weniger die hohle,
hölzerne, plappernde Theaterkritik des Tages. Mit Ihnen aber konnte ich
auf den Bühnen Teutschlands zu Hause werden; statt daß ich auf unserer
eigenen ein Fremdling bin. -- Glauben Sie doch darum nicht, daß manche
vorzügliche und gute, mehrere leidliche Schauspieler hier fehlen; oder
daß ich die heitere Luft der Bühne gar nicht liebe. Mir fehlt es aber
theils an Zeit, theils am Gelde; auch gilt es hier, wie überall, meist
den _Ohren_. Meine sind wohl nicht taub, aber höchst ungelehrt,
obgleich Mozart mein Liebling ist; ich liebe mehr das Sehen, und will
lieber Lachen, als Weinen. Hier aber steht das wahre Komische zurück;
die Musik, die Tragödie, die Posse wird gepflegt; denn so wollen es die
Leute, die abonniren und Billets kaufen. -- Neulich haben wir hier eine
Erscheinung gehabt. Ein genialischer Verfasser, der ~Dr.~ Heiberg,
auch als Komiker durch sein originelles Werk: Weihnachtscherz und
Neujahrspossen (1818) bekannt, und der überhaupt fast Alles schreiben
kann was er will, und nichts schlechtes, hat den Einfall bekommen: eine
Vaudeville zu schreiben.

Er gab uns nun im Januar d. J. die (!) erste dänische Vaudeville
(~Kong Salomon og Jörgen Hattemager.~ Nach dem dänischen
Sprüchworte: Es ist ein Unterschied zwischen König Salomon und Jürgen
der Hutmacher.) im Ganzen eine leichte Waare, wenig Witz, kein Tiefres
Komisches, auch vom Derben nicht viel; aber dagegen ein nationaler
Charakter, leichte Arien auf Lieblingsmelodieen, Carricaturen und
fratzenhafte Kleidungen, Spießbürger -- und endlich ein _Jude_,
den man in einer dänischen Kleinstadt wegen Nahmensähnlichkeit für den
geldschweren Rotschild annimmt (er mußte aber in Goldkalb umgetauft
werden) und tüchtig fêtirt. Dies alles machte nun bei unserm Publicum
ein ungeheures Glück. Anstatt der gewöhnlichen 6-8 Vorstellungen von
beliebten Neuigkeiten wurde diese Vaudeville über 20 Mal gegeben, und
das Publicum doch nicht gesättigt. Für Billette zu 1 Thlr. bezahlte
man im Anfange den Aufkäufern 3-4 bis 5 Thaler. -- 3 Auflagen von dem
gedruckten Stücke gingen reißend ab; und doch ist es kaum leidlich zu
lesen. -- Der Beifall und Gewinn reizte den Verfasser. Er schrieb eine
neue Vaudeville, mit Anspielung auf den Geburtstag des Königs, die
Anfangs Febr. gegeben wurde; aber _ganz ohne_ Glück; obgleich sie
sich fast besser liest, wie die erste. Jetzt erwartet man die dritte.
Uebrigens geht es mit den Tragoedien wie gewöhnlich. Die tragischen
Schreiber sind häufig und fruchtbar. 3-4 neue Tragoedien jeden Winter
ist nichts ungewöhnliches. _Shakspeare_, ein kleines romantisches
Schauspiel von Boije, ist eine recht anziehende Behandlung der Sage von
des Dichters Jugend, und ist mit Beifall aufgenommen. -- Die Feder hat
abgelaufen. -- Empfangen Sie, hochverehrter Freund! meinen innigsten
Gruß! Rufen Sie mich in das Gedächtniß Ihrer theuren Familie und
Haußgenossin zurück, und denken Sie freundlich an

    Ihren
    hochachtungsvoll ergebenen

    _C. Molbech_.

Haben Sie einmal einige Augenblicke und ein Paar Zeilen für mich, wird
Unser Gesandte in Dresden diese ohne Zweifel in Empfang nehmen. Ich
hoffe Sie haben vor einigen Jahren meine Briefe und 3 Theile meiner
dänischen Reisebeschreibung bekommen.


                                  V.

    _Lund_, 27. Jun. 1835.

Erlauben Sie, verehrtester Hr. Hofrath! daß ich diesmahl, wie so oft
einen Landsmann, einen _schwedischen_ Freund und Amtsgenossen, den
Herrn ~Dr. theol.~ und Professor Reutterdahl, Bibliothekar der
Universitäts-Bibliothek zu Lund in Schonen, Ihrer Güte zu empfehlen
wage. Dieser, nicht bloß in seinem Fache gelehrter, sondern überhaupt
wissenschaftlich gebildeter und geistvoller Mann, wird nächstens eine
hauptsächlich _bibliothekarische_ Reise nach Deutschland antreten,
und auf dieser, wie natürlich, auch Dresden berühren. Leider kann
ich Ihn hier nicht mehr meinem verewigten -- Gott! wie früh und wie
traurig uns entrissnen _Ebert_ empfehlen. Obgleich ich nun --
und zuerst aus eigener, unvergeßlicher Erfahrung, es wissen kann,
wie freundlich Sie jeden Nordländer, ja einen jeden Geistes- oder
Kunst-Verwandten, der so glücklich ist sich Ihnen nähern zu können,
empfangen, und mit herzlichem Wohlwollen entgegenkommen: kann ich
doch nicht die Gelegenheit vorbeigehen lassen, Ihnen, verehrter und
unvergeßlicher Freund! meinen hochachtungsvollen und herzlichsten Gruß
zu senden. Ich schreibe diese Zeilen in großer Eile, eben auf einer
kleinen Reise in Schonen begriffen, um meine, diesen Frühling sehr
geschwächte Gesundheit ein wenig aufzuhelfen. Verzeihen Sie daher auch
die Spuren dieser Eile, in der Ihnen gewiß nicht fremden Situation,
wenn der Reisewagen vor der Thür hält, und man, unter der Ungeduld, die
Andre mit uns theilen, noch schreiben will. -- Möchte ich durch Hrn.
~Dr.~ Reutterdahl im Herbst die frohe Bothschaft empfangen, daß
er Sie vollkommen gesund und ebenso leibeskräftig, wie geisteskräftig,
angetroffen habe! -- Mit treuer Ergebenheit, Freundschaft und
Hochachtung

    der Ihrige

    _C. Molbech_.

Erneuern Sie, wo möglich, mein Andenken bei Ihrer werthen und theuren
Familie!



Mosen, Julius.


    Geb. am 8. Juli 1803 in Marieneg in sächsischen Voigtlande.

    Lied vom Ritter Wahn (1831.) -- Ahasver (1838.) -- Gedichte (1836.)
    -- Novellen (1837.) -- Congreß von Verona, Roman, 2 Bde. (1842.) --
    Theater (1842.) enthält: Kaiser Otto III. -- die Bräute von
    Florenz -- Cola Rienzi -- Wendelin und Helene. -- Bilder im Moose,
    2 Bde. (1846.) -- Spätere Dramen: Bernhard von Weimar -- der Sohn
    des Fürsten -- Johann von Oesterreich -- u. s. w.

    Seine Briefe an T. stammen aus jener Zeit, wo er als Rechtsanwalt
    in Dresden gelebt. Im Jahre 1844 wurde er, mit dem Titel
    eines Hofrathes belehnt, zum dramaturgischen Direktor des
    Großherzoglichen Theaters in Oldenburg berufen, dessen Intendant,
    der biedere und wahrhaft redliche Graf Bochholtz (gest. d. 18.
    Nov. 1863) ihm fördernd zur Seite stand. Vor einem kleinen, aber
    hochgebildeten Publikum durfte dieses Hoftheater, innerhalb seiner
    Grenzen, ein dauerndes Bestreben nach künstlerischem Zusammenspiel
    verfolgen, weil der würdige Großherzog, das k. k. Hofburgtheater
    Wiens als Vorbild betrachtend, lediglich recitirendes Schauspiel
    verlangte, und jede Störung durch Oper oder Ballet ausgeschlossen
    hielt. Durch solche Verhältnisse begünstiget, und durch Adolf
    Stahr’s begeisterte Aufsätze in der Bremer Zeitung ermuntert
    und aufgefrischt, konnte der _Dichter_ sich an seiner
    Theaterdirektion (ausnahmsweise) dauernd erfreuen; und er wäre
    glücklich zu preisen gewesen, hätten nicht schwere körperliche
    Leiden ihn daniedergeworfen und seine Thätigkeit -- wenn nicht
    gelähmt, doch häufig beeinträchtigt. Welche _geistige_ Kraft
    in diesem vieljährigen Dulder _leiblichen_ Schmerzen entgegen
    wirkt, läßt sich aus zwei Zeilen ersehen, die er für ein in Bremen
    erscheinendes Album lithographisch nachgebildeter Handschriften
    gab; die da heißen (wir citiren aus dem Gedächtniß und können
    wörtliche Treue nicht verbürgen, wenn auch den Sinn):

    „Der Schwache mag zum Altar treten,
    Der Starke wird durch Thaten beten!“

    Aus der Feder des körperlich Paralysirten ein mächtiges Wort wider
    den krassen Materialismus dieser Tage!


                                  I.

    _Leipzig_, d. 2. Jul. 1827.

    _Hochwohlgeborner,
    Höchstzuverehrender Herr Hofrath!_

Auf mein Glück vertrauend, das mich verwichene Michaelis zu Ihnen,
höchstzuverehrender Herr! und in den Kreis der Ihrigen führte, und mit
heiterer Zuversicht, daß Sie Sich meiner, wenigstens wünsche ich es von
ganzer Seele, noch einigermaßen erinnern möchten, wage ich jetzt diese
Zeilen zu schreiben, und Ihnen sammt einer großen Bitte beiliegendes
Manuscript zu übersenden. Wie ich aber zu dieser Kühnheit kommen
konnte, das würde ich am allerbesten entwickeln können, wenn Eure
Hochwohlgeboren mir vergönnen würden, einige Worte über die Geschichte
des Manuscripts zu erzählen. Die Sache war so:

Wie ich mit meinem Freunde D. Kluge von Perugia nach Arezzo reiste,
lockte uns die Wiß- und Neubegierde von Cummoccia hinauf nach Cortona.
Dort war eben Jahrmarkt, und Alles ging bunt durcheinander. Als wir
über den Marktplatz gingen, sahen wir, wie es in Italien so häufig
geschieht, eine Menge Menschen um einen Mandolinenspieler herumstehen.
Wir hörten ihm zu, und etliche Strophen gefielen mir so, daß ich die
ganze Mähr gern gewußt hätte. Ich nahm mir den Mann mit in den Gasthof,
und ließ mir die ~ottave rime~ in die Feder diktiren. Ich ward
von dieser Volkssage so innerlich bewegt, daß der Gedanke mir keine
Ruhe mehr ließ, diesen schönen Stoff zu benützen und auszuarbeiten.
Das that ich denn bald mit Lust und Liebe. Schon in Florenz wurden die
ersten vier Abentheuer beendigt, und wie ich weiter nach Oberitalien
und der Heimath zureiste, so gedieh auch mein Lied vom Ritter Wahn
immermehr seinem Ende entgegen, bis ich es endlich in meiner Heimath
ganz vollendete.

Ich hatte den Plan in Italien gefaßt, dieses Heldenlied dem edlen
Ludwig, Könige von Baiern, zu verehren. Allein aus den Zeitungen erfuhr
ich zu meinem Leidwesen, daß er von lauter schönen Sachen so bedrängt
wird, daß etwas, von keinem berühmten Meister, und ohne allen weitern
Anspruch Gefertigtes, wohl kaum dort Einlaß finden würde.

Allein doch möchte ich auch gar so gerne ein gewichtiges Urtheil über
dieses Lied hören, das ich mit so großer Vorliebe ausgearbeitet habe.
So wie nun in den alten schönen Zeiten der Jünger sich gerne einem
Meister anschloß, und ihn um Rath fragte, und liebreich berathen ward,
also komme auch ich noch nach diesem alten Brauche zu Ihnen mit der
Bitte:

Daß Eure Hochwohlgeboren gelegentlich das Heft durchlesen und mir mit
dem Ihnen eigenen Wohlwollen Ihre Meinung kund thun möchten. In dieser
frohen Hoffnung verbleibe ich

    Eur. Hochwohlgeboren
    ganz ergebenster Verehrer

    _Julius Mosen_,

    d. Zeit wohnhaft in Leipzig, in
    der Petersstraße No. 60.


                                  II.

    _Leipzig_, am 29sten Fbr. 1828.

    _Eure Wohlgeboren,
    Höchstzuverehrender Herr Hofrath!_

Da ich in einigen Wochen Leipzig verlassen werde, so sehe ich mich
genöthigt, Ihnen diese Veränderung meines Wohnortes zu melden. Ich
werde nach Marktneukirchen, ein Städtchen im Voigtländischen Kreise
gehen. Wollten Eure Wohlgeboren noch so gütig seyn, mir Etwas über
das Lied vom Ritter Wahn zu schreiben, so würde mich zunächst eine
so erwünschte Nachricht dort treffen. Fast an jedem Posttage fragte
ich bei dem Buchhändler in der letztern Zeit, oder um die Wahrheit
einzugestehen, in jedem Monate in diesem Halbjahr an. Allein ich
hoffte, immer vergebens. Dieses aber betrübte mich um so mehr, da
ich jetzt bei Weiten schwieriger hier in Leipzig einen Buchhändler
ausmachen kann, der mir das Gedicht abnimmt, wenn Sie mir endlich das
Manuscript zurückschicken sollten. Sollten Sie, Herr Hofrath, Sich
noch nicht entschlossen haben, dieses Gedicht durchzulesen, so bitte
ich Sie nochmals recht herzlich darum. Sie werden gewiß finden, daß
-- mag auch meine Bearbeitung der Sage sehr nichtsnutzig seyn -- der
Stoff wenigstens vor Allem großartig und herrlich ist, so wie fast alle
Volksdichtungen, die durch Jahrhunderte sich gerungen haben. Möchten
Sie meiner und meines Wunsches in einer Stunde der Erholung gütig
gedenken! --

Mit dem aufrichtigen Wunsche, daß Ihnen Gott dauerhafte, freudige
Gesundheit verleihen möchte, damit Sie unbehindert den blühenden Garten
Ihrer Dichtkunst pflegen mögen, verbleibt

    Eurer Wohlgeboren
    beständiger Verehrer

    _Julius Mosen_.


                                 III.

    Dr., am 31. May 1836.

    _Hochverehrtester Herr Hofrath!_

Sie feiern heute Ihren Geburtstag, wie ich vernommen habe. Mit
aufrichtigster Gesinnung nahe ich mich Ihnen mit Glückwünschen und
geringen Gaben. Wenn Sie dieselben eben so wohlwollend annehmen, als
sie fröhlich huldigend gereicht werden, so ist mein bester Wunsch
erfüllt. Möchten Ihnen noch recht viele, gesunde und glückliche
Jahre und in ihnen die eine Hälfte der Tage zu Gedeihen herrlicher
Schöpfungen, die andere zu heiterem Lebensgenusse geschenkt sein! Das
und Anderes würde ich Ihnen mündlich aussprechen, wenn der Zufall
nicht immer wollte, an Ihre Thüre gerade dann klopfen zu müssen, wenn
nur Ihre vertrauteren Freunde kommen dürfen, was heute zwiefach der
Fall sein wird. Deshalb kann ich nur Wunsch und Gruß dem Papiere
anvertrauen, welches doch nie Blick und Sprache und warmen Handschlag
ersetzt. Gedenken Sie meiner freundlich und schenken Sie mir Ihre
Wohlgewogenheit.

Mit vollkommenster Hochachtung verharrend

    Eur. Hochwohlgeboren
    ganz ergebenster

    _Julius Mosen_.


                                  IV.

    Dr., am 10ten Juli 1836.

    _Hochverehrtester Herr Hofrath!_

Wenn von den sieben Bitten nur eine auf jeden Tag der Woche käme, so
wäre es genug; ich wage jedoch zwei Bitten auf einmal vorzutragen,
zuerst: daß Sie mir erlaubten, Sie heute Abend besuchen, und dann:
meinen jüngeren Bruder, designirter Pfarrvicar in Pegau, welcher Sie
seit langer Zeit verehrt und liebt, mitbringen zu dürfen? Mit dem
Wunsche, daß das heutige Sciroccowetter nur über Ihr Dach, nicht aber
auch durch Sie Selbst, wie es bei mir der Fall ist, hinüberziehe,
verharre ich hochachtungsvoll und wie immer als

    Ihr
    Verehrer

    _J. Mosen_.


                                  V.

    _Hier_, am 7ten Octbr. 1836.

    _Hochverehrtester Herr Hofrath,
    Gönner und Freund!_

Seitdem es mir vergönnt war, in den Zauberwald der deutschen Poesie
einzutreten, ist mir Ihre Musa vor Allen und am freundlichsten
entgegengekommen; was soll ich es läugnen, daß Sie und Novalis erst das
Buch der Natur mir aufgeschlagen haben, in welchem ich seitdem treu
und ehrlich studirt habe! Deshalb blicke ich so gern in Ihre klaren
Augen, die nie vergessen können, daß sie das große Geheimnis gesehen
haben! Wie könnte es Ihr Herz? Und wie könnte ich Sie lieben, wenn
dieses mitten aus dem harten Leben heraus nicht die Liebe erwiedern
könnte? Deshalb bin ich getrost und vertraue getrost dieses mein
neustes Gedicht dieser Liebe an! Sie können ihm das Leben, mir aber das
Bewußtsein schenken, nicht vergebens gestrebt zu haben. Auch will ich
nicht verbergen, daß ich dadurch für meinen jüngsten Bruder, den ich
nach meines Vaters Tode aus eigenen, schwachen Mitteln erziehen lasse,
eine Beihilfe mir verschaffen möchte. Unterdessen behalten Sie mich
lieb, der ich mit aller Verehrung verharre

    Eur. Hochwohlgeboren
    treu ergebner

    _Julius Mosen_.


                                  VI.

    am 20. Octbr. 1836.

    _Hochverehrtester Herr Hofrath und Doctor!_

Ihre Andeutungen über das vielbesprochene Stück haben mich, irre ich
sonst nicht, ganz und gar zur Klarheit damit gebracht. Zudem ich
Rienzi in Wechselwirkung mit seinem Weibe bringe, welche mit ihrem
Charakter die Stelle der Livia und die von ihr ausgefüllten Scenen
geeignet überkommt, wird das Stück auch in dieser Parthie rund werden.
Ich habe die verwichene Nacht hindurch die erstere Exposition des
damaligen römischen Zustandes im 1ten Acte und das andere Nöthige
aus- und umgearbeitet. Wenn Sie mir das Manuscript auf einige Tage
wieder zustellen lassen wollen, so glaube ich Ihren Ansichten das
Werk näher rücken zu können. Könnte ich, wenn auch nicht Ihren ganzen
Beifall, doch Ihre Zufriedenheit mit mir erringen, so hoffe ich auch,
daß Sie dem Stücke das Leben auf der Bühne schenken werden. Ich möchte
nicht gern wieder etwas drucken lassen, ohne sagen zu dürfen: es ist
vorgestellt worden; ja außerdem würde das Buch auch Niemand sich
anschaffen. Noch habe ich eine historische Notiz gefunden, die mir lieb
ist. R....’s Vater soll der natürliche Sohn Heinr. IV. gewesen sein.
Oft erklärt sich aus solchen Zufälligkeiten das ganze Schicksal eines
Menschen. Wenn R....’s Weib, bei deren Einführung in das Stück und
gehoffter Aufführung desselben ich an Fräulein Bauer gedacht habe, von
dieser Künstlerin, Montorale von unserem Weymar und R...i von Devrient
gegeben würde, so glaube ich, daß es schon seinen Theaterabend gut
genug ausfüllen wird. Doch das Alles lege ich in Ihre gütige Hand.
Auf Ihr Wohl habe ich gestern noch mit Hr. G. R. v. Ungarsternberg
in dessen Behausung eine Flasche Wein getrunken; -- er wie ich waren
von Ihrer Vorlesung des Homburg über das ganze Herz hinüber warm und
begeistert. Nicht nur Ihren Mund, auch Ihre Seele hat die schöne Muse
geküßt! Ich sehe Sie bald wieder! Wie immer mit aller Verehrung

    Ihr
    ergebenster

    _Julius Mosen_.


                                 VII.

    am 25. Octbr. 1836.

    _Hochverehrtester Herr Hofrath!_

So darf ich denn beifolgendes Stück wiederum in Ihre Hände zurückgeben,
indem ich nicht nur das Eingreifende Ihrer Andeutungen als
entscheidend eingesehen, sondern auch nach Kräften befolgt habe. Es
geht nun, wie es mir vorkommt, besser zusammen, indem die Farben selbst
gesättigter sind. Ein Verdienst wird es haben, daß es fast zuerst den
Standpunct der Kirche zu den italischen Staaten im Mittelalter würdigt.
Lästern ist ja leichter, als anerkennnen. Finden Sie im Manuscripte
noch einen Ausdruck, welcher unlauteren Gemüthern anstößig sein
sollte, so bitte ich einen solchen kürzlich zu verwischen. Da ich als
Geschäftsmann hier meinen Namen öffentlich nicht preisgeben mag, so
habe ich den Verfasser in: Louis Morgenländer umgetauft. Es war der
erste Namen, der mir einfiel, deshalb habe ich ihn auch gewählt. Daß
Sie, hochverehrtester Gönner, mit der mir so oft erwiesenen Liebe und
Güte meines Rienzi Sich annehmen werden, bin ich überzeugt. Dieser
empfehle ich mich und ihn und verharre mit jeglicher Verehrung

    Eur. Hochwohlgeboren
    ganz ergebener

    _Julius Mosen_.


                                 VIII.

    April 1837.

    _Hochverehrtester Herr Hofrath!_

Einer meiner Jugendfreunde, ein Advocat aus dem Voigtlande ist eben auf
Besuch bei mir, dem ich den Rienzi vorlesen möchte. Wollten Sie wol so
gut sein, und mir die Reinschrift, welche Sie haben, durch den Bringer
Dieses, meinen kleinen Schreiber, verabfolgen lassen? Ihre Vorrede zu
Lenz, und ihn dazu, bitte ich mir noch einige Tage zu überlassen, da
ich nunmehr in diesem Buche gerne blättere, nachdem ich es in aller
Andacht gelesen. Von Ihrem Wohlbefinden bin ich unterrichtet; möchten
Sie in den neuen Frühling eben so munter hinüber gehen! In diesen
Tagen hoffe ich, Ihnen meine persönliche Aufwartung wieder machen zu
können, nachdem mich der Nachwinter in harte Buße genommen hat. Wie
immer mit aller und alter Verehrung

    Eur. Wohlgeboren
    ergebenster

    _J. Mosen_.


                                  IX.

    am 13. Januar 1840.

    _Hochverehrtester Herr Hofrath!_

Schon seit mehren Tagen, denn ich bin erst von einer mehrwöchentlichen
Reise zurückgekommen, wollte ich Sie besuchen, aber immer kam etwas
Unabweisbares dazwischen. Da fällt mir ein, daß dasjenige, was ich zu
schicklicher Zeit Ihnen mitsagen wollte, schriftlich am besten abgethan
ist. Man hat mir von verschiedenen Seiten her weiß machen wollen, als
wenn Sie mir nicht gewogen wären, das habe ich nicht geglaubt, ich
bin aber erst dann ruhig, wenn Sie bei ähnlichen Gelegenheiten ebenso
urtheilen sollten. Warum soll man das kurze, so traumähnliche Leben
sich noch verbittern lassen durch unbedeutende Menschen, welche sich
gern eine Folie geben möchten? -- Werden Sie aber nicht am Ende diese
Zeilen übel aufnehmen? Ich glaube nicht, da Ihre Seele das Höchste und
Schönste, was je die Menschheit gottähnlich macht, gefühlt hat, und die
Stätte, wo die Gottheit wandelt, bleibt immer heilig. Ich war in Jena,
wo Sie an dem Kirchenrathe Schwarz einen eifrigen Verehrer haben; in
Weimar sprach ich Riemer, der sich lebendig noch der Zeit erinnerte,
wo er mit Ihnen bei der Schopenhauer zusammengewesen wäre. Professor
Brockhaus, bei dem ich eigentlich auf Besuch war, läßt Sie durch mich
mit aller Verehrung grüßen. Das ist Alles, was ich für Sie von der
Reise mitgebracht habe, nächstens aber komme ich selbst und hoffe wie
immer ein freundliches Willkommen zu erhalten. Wenn das, was ich oben
im Eingange erwähnt habe, Ihnen gemäß ist, so vergessen Sie es; denn
dann war es überflüssig. Wie immer mit ausgezeichnetster Hochachtung
und Verehrung

    Eur. Hochwohlgeboren
    ganz ergebenster

    _Julius Mosen_.



Müller, Friedr. von.


    Die Handschriften Goethe’s, deren Sendung der intime Freund
    des Hauses, der Weimarische Kanzelar und General-Vermittler
    Weimarischer Angelegenheiten, Herr ~Dr.~ Friedrich von Müller
    mit nachfolgendem Schreiben vermittelt, haben sich in Tieck’s
    Briefsammlung, wie sie in unsere Hände gelangte, _nicht_
    mehr vorgefunden, obgleich dieselbe doch sehr viele, eben auch
    nicht an ihn gerichtete, sondern nur als Reliquien aufbewahrte
    Blätter enthielt. Da die von uns mitgetheilten Briefe Goethe’s
    dem Sekretair diktiret worden sind, so befand sich _außer den
    Namensunterschriften_, auch nicht eine Zeile Goethe’s in den
    dickleibigen Bänden. --

    Nicht nur Autographensammler, auch Solche, die ohne Sammler zu
    seyn, Verehrer Goethe’s sind, werden, gleich uns, aus Herrn von
    Müllers Worten mit Freuden ersehen, daß Ludwig Tieck den _Wunsch
    ausgesprochen_ hatte, „etwas von G.’s eigener Handschrift zu
    besitzen.“


    _Weimar_, 19. Sept. 32.

Sie haben, hochgeehrter Freund und Gönner! eine Reliquie aus Göthe’s
Nachlaß, und zwar etwas von seiner eignen Handschrift gewünscht; nach
langer Auswahl will es mir scheinen, daß beiliegendes eigenhändig
aufgesetztes Schema zu einem Hefte von Kunst und Alterthum von
besonderm Interesse für Sie seyn würde. Frau von Göthe fügt zwey
Zeichnungen des Verewigten hinzu, wovon eine für Fr. Gräfin
Finkenstein, mit den allerangelegentlichsten Empfehlungen an Euer
Wohlgeboren und all’ die werthen Ihrigen; sie hat dabey in der That
Ihnen zu Liebe ihren festen Vorsatz gebrochen, keine Handzeichnung des
Verewigten jemals wegzugeben. Mögen Sie, mein Theurer! diese zweyfachen
Handzüge unseres edlen Abgeschiedenen stets mit der Ueberzeugung
von der aufrichtigen Achtung, die er Ihnen und Ihrem, dem seinigen
wahlverwandten Streben und Wirken widmete, betrachten!

Zugleich erlauben Sie mir Ihnen meine anliegende Denkschrift auf
Göthe zu übereignen, die wenigstens ihren Titel: _Beitrag zur
Characteristik_ &c. rechtfertigen dürfte. Denn recht absichtlich
wählte ich die Darstellung nur _einer_ Seite aus dem reichsten
Leben, aber einer solchen, die meines Wissens nach nicht hervorgehoben
und näher beleuchtet worden ist.

Ich darf Sie wohl bitten, unserm gemeinschaftl. Freunde, dem Hrn.
Grafen Baudissin, die weitern Anfuge Göthescher Handschriften zu
übergeben?

Haben Sie denn in einem Feuilleton der allerneusten Stücke des Journals
des Debats die Anzeige und Analyse Ihres Phantasus gelesen? Sie ist
im Ganzen gut und wohlmeinend geschrieben, nur vermögen die Franzosen
durchaus nicht, sich in eine deutsche Dichterseele rein hineinzudenken
und fügen daher unwillkührlich immer noch einen Schnörkel daran.
Inzwischen ist es schon merkwürdig genug, daß ihnen das Verständniß
genialer Leistungen des Auslandes zu dämmern beginnt.

Ich erlaube mir Sie auf das Schlußheft von Kunst und Alterthum, welches
in dieser Michaelis-Messe erscheint, aufmerksam zu machen, da ein
Aufsatz von Göthe: „Für junge Dichter“ und zwey seiner Briefe über den
Abschluß des Faust Sie gewiß sehr interessiren werden.

Faust selbst, der 2te Theil nämlich, erscheint in der ersten Lieferung
nachgelassener Werke unfehlbar zu Weihnachten und ich bin äußerst
begierig, welchen Eindruck diese wahrhaft wundersame Composition auf
Sie machen wird.

Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung

    Euer Wohlgeboren
    gehorsamster Diener

    _F. von Müller_.



Müller, Karl Ottfried.


    Geb. am 28. August 1797 zu Brieg in Schlesien, gestorben am 1. Aug.
    1840 zu Athen.

    Von den vielen und bedeutenden Werken und Schriften dieses
    im eigentlichsten Sinne genialen, hochbegeisterten Gelehrten
    und Alterthumsforschers heißen die bekanntesten: Geschichte
    hellenischer Stämme und Staaten, 3 Bde. (1820-24). -- Handbuch
    der Archäologie der Kunst (1830). -- Die Etrusker, 2 Bde. (1828).
    -- Geschichte der griechischen Litteratur bis auf das Zeitalter
    Alexanders, 2 Bde. (1841) u. s. w.

    Galt es dem kurzen, aber ruhmgekrönten Leben und Streben des
    herrlichen Mannes für ein vielsagendes Vorzeichen, daß er an
    Goethe’s Geburtstage geboren ward, so haben wir auch wohl ein
    Anrecht, mit ernster tiefer Rührung darauf hinzuweisen, daß
    _Er_ -- Ottfried Müller -- in Griechenland, in seiner
    eigentlichen Heimath gestorben ist; daß, da der Tod ihn dort
    ereilte, noch nicht alle Hoffnungen zerstört waren, die sein
    warmschlagendes Herz für die Auferstehung jenes Volkes hegte. --

    Und möchten die Mißklänge barbarischer Zwietracht, welche sich
    neuerdings in und um Athen erhoben, den Frieden des Haines
    nicht stören, welchen einst Sophokles gepriesen; in dessen aus
    Lorbeer, Weinstock, Oel- und Feigenbaum gewobenem Dickicht heute
    wie damals Nachtigallen singen; des Haines, den die vom Kephissos
    herabrieselnden Wasserquellen immer frisch und grün erhalten. --
    Wo er sich nach der Höhe hinauf zieht, steht eine Säule von weißem
    Marmor. Sie bezeichnet Ottfried Müllers Grab.


                                  I.

    5. Dec. 19.

    _Verehrtester Herr Doktor_.

Wenn zwei zuvorkommende Herrn, Hofrath Reuß und mein Freund Max, beide
gleich bemüht Ihnen zu dienen, mir alle Gelegenheit abgeschnitten
haben, mich durch eine Gefälligkeit oder kleine Gabe bei Ihnen beliebt
zu machen, so rechnen Sie mir das gewiß nicht an, sondern nehmen nach
Ihrer Güte den guten Willen für die That. Wie danke ich dieser Güte
alle Annehmlichkeiten meines Aufenthalts in Dresden, und wie selten
kann ich an die zwei Monate denken, ohne Sie zugleich im Herzen preisen
zu müssen.

_Die_ Zeit ist nun leider vorbei, und auf die saumseelig
hingetändelten Tage und Wochen sind nun andre recht schlimme gefolgt,
wo es scharf hergeht und alle Kräfte erbarmungslos mitgenommen werden.
Doch hält mich das Interesse der Wissenschaft aufrecht, in der mir so
Vieles noch sehr neu ist, wie ich überhaupt merke, daß jetzt erst das
Lernen recht angeht, und ich nach dem akademischen Triennium, wo ich
blos gegessen, nun ein andres Triennium brauche, um einigermaßen zu
verdauen, eh’ es ordentlich in’s Blut gehn kann.

Zu diesem stillen Insichhineinarbeiten ist Göttingen ein ganz
trefflicher Ort, ganz geeignet, um was an andern Orten excentrisch und
polarisch hervortritt, ruhig zu verarbeiten und hübsch ins Gleiche
zu bringen. Ein ähnlicher Ton herrscht in den Gesellschaften, ohne
Liebe und Haß, ohne sonderliches Anziehn und Abstoßen, dabei aber doch
ein allgemeines Wohlwollen, und eine freundliche Schonung fremder
Schwächen. Besonders wohl fühle ich mich in Heerens Familie, wo noch
Heyne’scher Geist weht, auch die Frau Hofräthin, eine treffliche Frau,
hat mich in ihren besondern Schutz und unter ihre Aufsicht genommen.
-- Auch mein nächster Kollege, Dissen, ist ein trefflicher Mann, so
gelehrt wie anspruchslos, und mit seinem richtigen und durchdringenden
Urtheil, der Bestimmtheit und Sicherheit seines Wissens, und dem
unfehlbaren Treffen auf den Punkt in allem, was er thut, grade der, an
dem ich mich heranbilden muß. Aber ein Mann von eigentlich ergreifender
Kraft der Seele und des Worts, der ein wirkliches Schauen an die Stelle
aller Schulbegriffe und Distinktionen setzte, fehlt hier ganz. Wie
würde sich Steffens Genius hier ausnehmen.

Aber wie bin ich nach Göttingen gekommen, ich werde nie ohne Schaudern
an diesen Weg denken. Ich fuhr über Merseburg; wäre ich nur auf
der Chaussee über Erfurt gefahren. Ich hatte von Leipzig nur einen
halbbedeckten Wagen mit einem Pferde genommen, aber auf den grundlosen
Wegen, die bald steil bergan gingen, bald sich in den tiefsten
Hohlwegen verloren, brauchte ich oft Vorspann und kam kaum von der
Stelle. Dazu beständiger Regen, der in der Nähe des Gebirgs halb zu
Schnee wurde, eine Mischung, die ganz vorzüglich geeignet ist bis
auf die Haut zu durchnässen und zu erkälten, und mit der man selbst
griechisches Feuer auslöschen könnte. Daß ich nicht eben wohl verwahrt
war, denken Sie gewiß, ohne daß ich es sage. Ich kroch alle Abende
zitternd und starr vor Kälte unter Dach, und es kostete Stunden mich
zu erwärmen. In einem Dorfwirthshaus, wo ich einmal, nachdem ich
mich mit dem Wege gänzlich verrechnet hatte, bei einbrechender Nacht
einkehren mußte, traf ich zu meinem Vergnügen die Wirthin, die Sie
in der Novelle so schön gezeichnet haben, freilich nicht so veredelt
wieder. Es war Hessenrode hinter Nordhausen, und unglücklicher Weise
daselbst Kirchmeß, so daß ich mich mitten unter dem lustigen Bauer- und
Soldatenvolk vor Aerger kaum zu lassen wußte: aber die Wirthin entzückte
mich. Indem sie mich auf Hochdeutsch begütigte und meine Forderungen
freundlich herabzustimmen suchte, warf sie zugleich auf plattdeutsch
einen Schnapsbruder, der wild geworden und von aller Welt verlangte,
sie sollte mit ihm: O du lieber Augustin, singen, zur Thüre hinaus,
fuhr einige misvergnügte Musketiere mit vieler Herzhaftigkeit an, und
stiftete überall Ruhe und Friede, so daß alle sonst Zwistigen doch in
ihrem Lobe übereinstimmten. -- Für Geschichtsschreiber der Menschheit
ist eine solche Nacht ein wahres Studium, besonders für solche, die
sich vorher das Bier immer haben in den Wagen bringen lassen.

Bei solchen Fährlichkeiten mußte nun das Andenken an Dresden vorhalten,
um mich einigermaßen munter und heiter zu erhalten. Göttingen sah’
ich zuerst vom Heimberge, über den ich mußte, und indem die Sonne
aus dem trüben Himmel auf ein paar Minuten hervorbrach, und auf den
dicken Nebel des Kessels herunterleuchtete, kam mir wieder zuerst etwas
Hoffnung für die Zukunft.

Darf ich Sie erst bitten, mich der Frau Gräfin von Finkenstein, Ihrer
Frau Gemahlin und allen den Ihrigen zu Gunsten wohl zu empfehlen. Ich
würde unendlich glücklich sein, wenn in Ihrem Kreise auch nur einmal
meiner mit einem Wörtchen gedacht würde; so sehr verehrt Sie

    Ihr
    gehorsamster

    _Karl O. Müller_.


                                  II.

    _Göttingen_, 17. Jul.
    Nach Ausweis des Poststempels 1820.

Schon lange hatte ich vor, verehrtester Herr, mich durch einen Brief
wieder in Ihr gütiges Andenken zurückzurufen: aber ich kann so
selten einen ruhigen Augenblick gewinnen, wo ich mit einer gewissen
Behaglichkeit vorwärts und rückwärts blicken und mich einem Manne vor
Augen stellen möchte, dem ich gern nicht in gelehrter Zerstreuung und
Zerfaserung, sondern in einer gesammelten Existenz erscheinen möchte.
Aber wirklich kann ich’s nicht bergen, daß ich von einem Taumel und
Strudel ergriffen selten eigentlich Selbst bin, sondern immer nur
das, wozu mich momentanes Studium macht, daß ich mit krampfhafter
Lebhaftigkeit in mich hineinreiße, was mir in den Weg kommt, und
am allerwenigsten darüber nachdenke, was ich eigentlich will. Wenn
ich diesen Herbst einige Wochen in Dresden zubringen könnte, möchte
ich wieder etwas zu Ruhe und Besinnung kommen, aber leider ist es
darauf angelegt, daß ich mit Couriergeschwindigkeit nach Hause und
wieder zurück reise, und sobald wie möglich wieder in den Irrsal und
Zauberkreis der hiesigen Bibliotheks-Studien zurückkehre.

Mein Freund Max hat mich durch Nachrichten und Grüsse von Ihnen
höchlich erfreut, wie er mich überhaupt durch seinen Besuch recht
beglückt hat. Wenn er nur nicht den dritten Tag wieder fortgefahren
wäre. Wir brachten einen der schönsten Nachmittage auf der Plesse zu,
die mich immer entzückt, so oft ich sie besuche. Ich hatte sie schon
im Vorfrühling lieb gewonnen, als man sich vor dem starken Sturm
noch hinter dem alten Thurm bergen mußte, und die sanften Umrisse
der schwarzbraunen Hügel einen mehr düstern als anmuthigen Eindruck
machten. Mit Max strich ich einen halben Tag bis zur sinkenden Nacht
an den Abhängen des waldigen Grundes umher, und war, ohne auf einzelne
Schönheiten sonderlich zu merken oder aufmerksam zu machen, durch den
gesammten Eindruck fast bacchisch begeistert. Weil ich aber immer meine
Spaziergänge auf den einen Punkt richte, habe ich von der übrigen
Umgegend noch so gut wie gar nichts gesehen. Nur das Weserthal bin ich
bei Anbruch des Frühjahrs bis Pyrmont hinuntergewandert, aber doch
noch zu früh im Jahre. Auch in Cassel war ich einmal kurze Zeit. Die
schöngebaute Stadt, in der man nichts als schulternde Musketiere sieht
und hört, macht einen traurigen Eindruck. Auch die Gallerie beklagt
empfindlich den Verlust einiger schöner Claude-Lorrain’s, die Kaiser
Alexander in Paris ihren unrechtmäßigen Besitzern abgekauft hat. Das
Antiken-Museum ist zwar nicht zahlreich, enthält aber interessante
Stücke, eine Pallas, die mit der Dresdner im vierten Saal genau
übereinkommt und auf ein erhabnes Original zurückweist, und einen
männlich vierschrötigen Apollo mit einem ganz äginetischen Gesicht, in
welchem ich den Milesischen Apoll des Canachus zu erkennen glaube u. s.
w.

Bei dieser Spazierfahrt begleiteten mich einige junge Freunde, zwei
Griechen und ein Amerikaner. Wie interessant ist der Gegensatz dieser
beiden Nationen. Die Griechen achte ich aufs höchste, und wenn es auch
nur um der ehrfurchtsvollen Demuth wäre, mit der sie dem Born deutscher
Wissenschaft sich nähern. Es ist wahr, sie haben wenig Talent für
mechanische Spracherlernung, am allerwenigsten für den gewöhnlichen
Schick, so daß sie sich in vielen Fällen sehr ungeschickt ausnehmen.
Aber sie haben einen tiefen Sinn, der sich Alles recht nah zu bringen
und innerlich anzueignen sucht; sie begnügen sich nie mit der bloßen
Notiz; sie haben eine bewundernswürdige Ausdauer. Ich habe nie einen
von ihnen im Collegium gähnen gesehen, was ich von den Amerikanern
täglich sehn muß: dagegen hören sie auch dem Halbverständlichen mit
gespannter Aufmerksamkeit hin, die mir oft wirklich rührend ist. Ja man
bemerkt selbst für das bei ihnen Empfänglichkeit, was andre Ausländer
so schwer begreifen wollen, romantische Poesie, Naturphilosophie,
Construktion der Geschichte. So ist besonders ein Greiß aus Macedonien
hier, den ich für einen der ausgezeichnetsten Studenten der Universität
achte.

Dagegen die Amerikaner mit ihrem praktisch-mechanischen Talent nur
immer berechnen, wie viel sie wohl von hier mitnehmen können, und
daher immer nach allgemeinen Notizen streben. Ich kann nur nach denen
urtheilen, die eben hier sind: aber es giebt keine oberflächlichere
Art des Studiums, als diese treiben. Dabei wollen sie von den
Lehrern immer prompt und solid bedient sein, und besonders muß man
es kurz machen. Aber am ärgerlichsten sind sie mir, wenn sie ihre
trockne Verstandesansicht noch durch verdrüßlichen Puritanismus zu
adeln suchen, und sich überall bei Altem und Neuem gegen sogenannte
Unmoralität und Unanständigkeit kehren, und sich selbst mit einer
Arroganz, die mich vollends erboßt, für das freiste, frömmste,
rechtschaffenste und moralisch’ste Volk auf Gottes Erdboden ausgeben.

In den Vorlesungen ist man recht übel daran mit dem Gemisch von
Nationen, denen man kaum verständlich werden, geschweige für Aller
Bedürfnisse sorgen kann. So hören in einem Collegium Heerens Leute
aus allen Nationen zwischen Havannah und Kleinasien incl. In meiner
Kunstgeschichte habe ich schon ganz darauf resignirt, für die Zuhörer
zu lesen. Ich betrachte die Vorlesung als einen Versuch, die Masse des
Stoffs zu begränzen und wie es gehn will, zu unterwerfen. Doch lese ich
sie in heitrer Stimmung und oft mit Freudigkeit, wozu das Lokal der
Bibliothek und die neidlose Menge von Hilfsmitteln beiträgt. Wenn wir
nun bald Gipsabgüsse von den sogenannten Elginschen Erwerbungen hätten.
Was ich in Dresden in der Antiken-Gallerie sowohl als im Mengsischen
Museum gesehn habe, wird mir immer merkwürdiger, und ich sinne oft in
Gedanken darüber. So sehne ich mich sehr den Menelaos und Patroklos
wiederzusehn, eine Gruppe, die doch besonders gegen Winckelmanns
schnödes Urtheil ans Licht gesetzt zu werden verdiente.

Aber noch viel mehr freue ich mich darauf, Sie und die verehrten
Ihrigen, wenn auch nur auf kurze Zeit wiederzusehn, und mich in der
Gewogenheit glücklich zu fühlen, die ich mir einbilde einigermaßen zu
besitzen.

Der gute Lipsius könnte jetzt selbst in dem Columbarium beigesetzt
werden, dessen Ursprung aus dem vertraulichen Familiengespräch der
Livia er so gemüthlich zu erzählen wußte.

    Ganz und gar
    der Ihrige

    _K. O. Müller_.


                                 III.

    _Göttingen_, 12. April 21.

Als ich im vorigen Herbste von Ihnen, verehrter Freund, und dem lieben
Dresden schied, dachte ich noch über Weimar und Gotha zu gehn, und war
noch voll von Reiseplänen, von denen ich hernach nichts ausgeführt
habe. Denn am Ende war ich über dem Abschiede so weichmüthig geworden,
und die ganze Reise kam mir nun auf einmal so nichtig und zwecklos vor,
da ich Dresden so eilig verlassen hatte, daß ich von Leipzig aus gradem
Wege in möglichster Schnelle nach Göttingen zurückfuhr, und mir doch
noch jede Poststation eine Ewigkeit dünkte. Jetzt kam mir meine lange
Unthätigkeit und der Schlendrian des Lebens, dem man sich auf Reisen
ergiebt, ordentlich wie ein Verbrechen vor, und ich stürzte mich mit
doppeltem Eifer wieder in meine Studien. Nun ist wieder ein halbes Jahr
vorbei, und ich schaue hinaus, und denke sehr lebhaft an Sie. Mehrere
Freunde ziehen von hier fort, unter andern der Sanskritkenner _Fr.
Bopp_, mit dem ich diesen Winter und besonders in der letzten Zeit
viel zusammen gewesen bin. Wir hatten einen kleinen Cirkel, in welchem
mancher Abend darauf verwandt wurde, Ihren _Phantasus_ zu lesen;
oft konnten wir bis tief in die Nacht hinein nicht aufhören, besonders
über dem köstlichen Fortunat. Ich mußte dem Vorleser machen, wozu ich
wenig taugte, wenn mich nicht manche Erinnerungen von Ihnen bisweilen
aufrecht gehalten hätten. Bopp kommt in sechs Wochen etwa nach Dresden
und wird sich die Freiheit nehmen Sie zu besuchen. Nur Schade, daß man
ihn erst nach einigen Wochen recht kennen und schätzen lernt; zuerst
hat er etwas sehr Unscheinbares. In diesen Ostertagen will ich mit
meinem Bruder -- um nicht als Bodensatz in Göttingen zurück zu bleiben
-- eine kleine Reise durch den Thüringerwald machen, leider wieder mit
der Eile, die mich mein ganzes Leben hindurch vor sich hertreibt. Die
Ferien greifen diesmal ziemlich mit in das Frühjahr hinein, und ich
möchte das erste frische Grünen und Blühen des Waldes in diesen Bergen
genießen, die ich mir sehr anmuthig verschlungen und verzweigt denke.
-- In diesen Tagen sind alle _Griechen_ von hier abgegangen, um
dem Kriegschauplatz näher zu sein. Meine Betrübniß darüber wird durch
die Hoffnung überwunden, daß das oft versuchte Befreiungswerk nun
endlich von Statten gehn wird, so sehr auch die Klugen, die stets wenig
auf höhere Motive rechnen, zweifeln und fürchten mögen. Mir scheint
es, als entscheide diese letzte und äußerste Kraftanstrengung über die
Zukunft Europa’s, da das Leben, im Fall es glückt, eine ganz andere
Richtung bekommen und sich wieder nahe an die Vorzeit und Ostwelt
anlehnen wird, während es sich jetzt einseitig in eine selbstgemachte
Cultur verliert. Den Göttingern scheint es ein wichtiges Ereigniß, daß
der König gegen Ende Augusts nach Göttingen kommen wird, ich glaube
der Prorektor sinnt jetzt schon auf passende Empfangsfeierlichkeiten,
die doch am Ende lächerlich ausfallen. Da ich einmal darauf verfallen
bin, Ihnen von allerlei verschiedenartigen Dingen, die gerade im
Götting’schen Gesichtskreis liegen, Relation zu machen: so muß ich
auch etwas von meinen litterarischen Plänen referiren. Ich habe zum
Gegenstand des zweiten Bandes die _Dorier_ gewählt, freilich ein
weit größeres Thema als die Minyer; auch weiß ich noch nicht, wie ich
es bezwingen werde. Religion, Staat, Kunst und gemeines Leben sind
bei diesem Volksstamm so eigenthümlich, daß man wohl sagen kann: es
habe nie eine schärfer ausgeprägte Form menschlichen Seins und Thuns
gegeben. Die Entwickelung des Dorischen Charakters aus den tiefsten
Gründen, zu welchen Fr. Schlegel und Schleiermacher manche Andeutung
gegeben haben, überlasse ich freilich Andern; ich will mich mehr in
den mittlern historischen Gegenden halten, wo man sich begnügt, die
Nationalität als gottgegebne Bestimmung unerklärt stehen zu lassen.
Ueber sehr Vieles möchte ich gern Ihre Stimme vernehmen, und vielleicht
giebt sich Gelegenheit dazu. Ist Ihr Werk über Shakespeare schon dem
Drucke nah? Ich komme noch manchmal auf das Griechische _Theater_
zurück, und es interessirte mich neulich, bei Thiersch Einleitung
zu Pindar S. 112 zu lesen, daß Fr. Gärtner, dessen Werk wir noch
nicht haben, vor dem Heratempel zu Agrigent sich steinerne Sitze
amphitheatralisch erheben sah. So war auch in Athen der Tempelhof des
Lenäons das älteste Theater. Der große Brandopferaltar vor dem Tempel,
zu dem man gewöhnlich auf vielen Stufen hinaufstieg, war dann die
älteste Thymele; rings umher tanzt der kyklische oder dithyrambische
Chor, und die Stufen des Tempels bildeten wohl die älteste Scene, daher
noch später die Säulenverzierungen an der Scenenwand. Etwa so, wenn es
erlaubt ist --

[Illustration]

Für das tragische Costüm würde man viel aus den Mosaiken des
~Pio-Clementinum~ lernen, die ~Millin~ (~Description d’une
Mosaique antique Paris 1819~) herausgegeben, wenn sie nicht gar zu
grob und ungeschlacht wären. Wenigstens sieht man daraus, daß die Alten
so gut wie keine Variation des Costüms kannten und am weitsten von der
historischen Pedanterei unsrer Zeit entfernt waren; und die Kothurne
erscheinen dort wirklich als eine Art von Stelzen.

Doch ich muß den Brief schließen, weil ich sonst ganz ins Citiren u.
dgl. hineinkomme. Ich rechne überall auf Ihre gütige Nachsicht. Mein
Bruder empfiehlt sich Ihnen; der angenehme Tag in Dresden liegt ihm
wie ein Traum in der Seele; der mannigfaltige und flüchtige Kunstgenuß
ist ihm wie ein Taumel vorübergegangen. Er wird jetzt nach 2 Jahren
juristischer Studien noch zum Theologen; alle Remonstrationen waren
vergebens; es ist bei ihm entschiedne Neigung.

Max’n haben Sie gewiß schon durch die versprochnen Mährchen erfreut.

Ich empfehle mich dem geneigten Andenken der Ihrigen und der Frau
Gräfin. Möchten Sie mich bald, auch nur mit wenigen Zeilen erfreun.

    Ihr
    treu ergebner

    _K. Otfr. Müller_.


                                  IV.

    _Göttingen_, 26. Nov. 1821.

Obgleich es nichts Besonderes und Einzelnes ist, was ich Ihnen zu
schreiben hätte, verehrter Freund: so ist es mir doch jetzt schon
Bedürfniß geworden, mich von Zeit zu Zeit mit Gedanken und Gefühlen
an Sie zu wenden. Mein Leben fließt ohne tiefe Bewegungen so leicht
und heiter dahin, daß ich in dem beständigen Fluß der Dinge den
Wechsel doch gar nicht merke; indeß kann ich doch von Zeit zu Zeit
zurückschauen, und den zurückgelegten Weg überschauen. Eigentlich
liebe ich nicht zu reflektiren, was ich gethan und was ich thun soll,
sondern überlasse mich dem innern Triebe, den ich für den Leiter meines
Daseins halte. Bei dieser sorglosen und harmlosen Art zu existiren
bin ich nun freilich gar nicht geeignet, mein Streben und Leben so zu
concentriren und zusammenzufassen, wie ich es gern möchte, daß es vor
Ihnen erschiene; daher ich für die Unbedeutendheit meiner Briefe ein
für allemal um Verzeihung bitte.

Von Ihnen dringt nach unserm so ganz unpoetischen Göttingen nur
bisweilen eine schwache Kunde, die ich stets mit Begierde auffasse.
Waren Sie nicht kürzlich mit Ihrer lieben Familie in Stuttgardt?
Um so mehr muß ich mich an Ihre Schriften halten, die jetzt wieder
reichlicher zu fließen anfangen. Die 2 Bände Gedichte haben wir; den
3ten, den neuen Fr. Sternbald, die Novellen, das Werk über Shakespeare
erwarten wir. Wie haben mich die tiefen, langen Töne der Sonnette an
Alma bewegt. Aber über wen haben Sie die großen Worte gesprochen in dem
Sonnett an einen jüngern Dichter? Ich frage jetzt alle Leute, welche
etwas vom Zustande der Poesie wissen, was wir für Hoffnungen hegen
dürfen für die Zukunft, und welches die neuen anwachsenden Dichter
sind. Ich kenne nur ein Paar. Das biedre, warme Gemüth Uhlands liebe
ich, und von der kühnen Kraft Rückerts erwarte ich noch etwas Großes.
Aber ich bitte, führen Sie mich zu den mir unbekannten Schätzen. Sehr
erfreut hat mich das Sonnett an A. W. Schlegel. Es ist doch empörend,
wie undankbar Viele jetzt diesem so umfassenden Geiste begegnen, und
wie wenig die Gegenwart seine unermüdete Thätigkeit lohnt. Unser
Bouterweck hat aus Wuth gegen Schlegel einen Haß auf die gesammten
Indier geworfen. -- Ich schrieb einmal, daß der ~Sanscritamicus~
Fr. Bopp Sie in Dresden kennen zu lernen wünschte; er ist aber in
seiner Reise stecken geblieben, da man ihn in Berlin zum Professor
gemacht hat.

Auch den von Ihnen herausgegebenen Nachlaß von Heinr. v. Kleist
haben wir mit Eifer gelesen und die Libation dunkler Wehmuth wie
Blutstropfen, auf sein Grab gesprengt. Daß sich nicht wenigstens ein
Plan seines Guiscard erhalten hat! --

Nächster Sommer ist mir zu einer Reise nach England und Frankreich
verwilligt worden, die mir für den Augenblick wichtiger ist als die
noch verschobne nach Italien. Es wird mich sehr freuen, wenn Sie mir
irgend einen Auftrag geben wollen. Ich bleibe 3-4 Monate in London,
gehe auch nach Oxford und Cambridge, dann über Paris und vielleicht
durch Süddeutschland, was aber nur ein verschwiegner Wunsch ist.

Mein Buch über die Dorier wird erst hernach erscheinen. Es ist
etwas ins Große angelegt, und hält mich stets in der gespanntesten
Thätigkeit. Ein Hauptcapitel ist darin Apollon. Ich habe den Gedanken
durchgeführt, daß Apoll ursprünglich ein dualistischer Gott sei, ein
reiner, starker, zorniger und zugleich helfender Gott, daher Todesgott
bei Homer, wo der Tod eine ethische Bedeutung hat, und zugleich
das reine Licht, was Spätere verleitete an die Sonne zu denken, der
unsichtbar treffende Bogengott und der milde Heiler Päan, der Verderber
und Retter, welcher straft und sühnt, daher die Mordsühne unter seiner
Obhut steht. Daran knüpft sich dann eine alte Ethik, die die Ruhe und
Festigkeit des Gemüthes im Gegensatz jeder trübenden und verwirrenden
Leidenschaft als Ziel setzt, die einfache, strenge Harmonie. Diese zu
bewirken und herzustellen hat eigentlich die alte apollinische Musik
zum Zweck; auch die alten Orakel sind eigentlich nur Götterordnungen,
θέμιστες, aussagend, was geschehen muß; diese verkündet
Apollon den Menschenwillen zu beugen u. s. w. Denn viel lieber, und
mit viel größerem Gewinn für mich spräche ich darüber mit Ihnen,
und das möcht’ ich vor der Herausgabe auf jeden Fall. Auch bin ich
durch meine Beschäftigungen sehr angeregt, Ihnen von der wunderbaren
Vortrefflichkeit der alten Lyrik zu reden, die man erst jetzt recht
erkennt.

Noch muß ich wohl über mein äußeres Fortkommen in der Welt etwas
sagen. Die Göttinger Regel mit dem allmäligen Zuwachs der Zuhörerzahl
trifft an mir ein; ich habe jetzt in einer Stunde 50, in der anderen
40, was mir immer lieb ist, da man hier den Werth eines Professors,
wie in Statistiken, nach diesen Zahlen bestimmt. Der Jurist Eichhorn
wiegt 250-300 Centner; aber es sind auch unter den 1400 Studenten hier
die Hälfte Juristen. -- Meine auswärtigen Verhältnisse stehn gut;
insonderheit hat Creuzer einen mir sehr ehrenvollen Waffenstillstand
mit mir geschlossen, wozu wohl besonders der wüthende Angriff des alten
Voß mitgewirkt hat, des Fanatikers für die Nüchternheit.

Ich denke doch, daß dieser Brief Sie zu Dresden, und hoffe, daß er Sie
in gutem Wohlsein trifft. Ich empfehle mich wie immer Ihrer werthen
Familie, deren Andenken ich mit treuer Anhänglichkeit pflege. Auch
meinen Bruder darf ich Ihnen empfehlen.

Mit inniger Ergebenheit

    der Ihrige

    _K. Otfried Müller_.


                                  V.

    _Göttingen_, den 10. Juli 23.

    _Mein verehrtester Freund!_

Ich denke eben mit sehr freudiger Erinnerung an die Zeit, da Sie meinen
damals noch sehr geringen Autoren-Muth durch den gütigen Antheil
belebten, mit dem Sie die einzelnen Bogen meines Buches, die Sie sich
geben ließen, gelesen zu haben versicherten. Meine damalige Empfindung
ist mir jetzt sehr gegenwärtig, wo ich Ihnen wieder ein Mittelding
zwischen Buch und Manuskript, eine Anzahl Bogen ohne Titel, Vorrede u.
s. w. zusende, die erst dazu kommen sollen, wenn ich in diesem Herbste
den dazugehörigen zweiten Theil vollendet haben werde. Doch bilden sie
so schon ein Ganzes, wenigstens ein Halbes, und namentlich ist das
zweite Buch darin für sich abgeschlossen; und am Ende war, was Sie
damals lasen, ja noch vielmehr ein bloßer Anfang oder auch das nicht
einmal. Ich eile aber so es Ihnen zu schicken, weil ich mich sehr sehne
zu erfahren, ob die Richtung meiner Arbeiten, die damals noch mir
selbst sehr dunkel und fast unbewußt war, jetzt mit einiger Schärfe und
Präcision ausgesprochen Ihnen auch noch zusagt. -- Doch ich muß Ihnen
wenigstens den fehlenden Titel auch schreiben. Es ist eine Fortsetzung
der sogenannten Geschichten Hellenischer Stämme, und hat den Volksstamm
der Dorier zum Gegenstande, wovon das vor Ihnen liegende die erste
Abtheilung ist, die die äußere Geschichte bis zum Peloponnesischen
Kriege, und dann Religion und Mythus in sich begreift; die zweite
behandelt den Staat, und das Privat-Leben, die Bildung und Kunst des
Volkes.

Diese denke ich Ihnen mitzubringen, wenn ich auf den Spätherbst wieder
-- wonach meine ganze Seele verlangt, -- nach Dresden komme, denn wenn
ich auch bis in den Oktober hinein durch den Druck meines Buches, den
ich abwarten muß, hier festgehalten werden sollte: so will ich doch
auch dann noch an 14 Tage in der lieben Stadt zubringen, wenn Sie da
sind. Diese 14 Tage leuchten mir wie ein Stern vor den Augen, wenn ich
über der Strapaze meines mühseeligen Buches schier ermatten möchte. Sie
glauben nicht wie ich mich darauf freue.

Die Geißel der Dramatiker, die Sie in der Abendzeitung schwingen, ist
mir eine recht erfreuliche Erscheinung gewesen. Ich lechze recht nach
ordentlicher, gediegner Critik in jedem Fache, und sie ist jetzt recht
selten. In meinem wollte ich lieber einen Terrorismus haben als diese
wüste Anarchie; ich wollte mich mit Freuden unterordnen und leiten
lassen, wenn Einer geboren zu leiten und zu herrschen aufstände. Jetzt
ist man frei wie der Vogel im Walde, aber auch vogelfrei für den Anfall
jedes Unverständigen.

Ich hoffe zum Himmel, daß dieser Brief Sie wohl trifft, mein innigst
verehrter Freund. Vielleicht sind Sie schon nach Töpliz abgereist,
wovon mir Max geschrieben. Ihrer lieben Familie und der Frau Gräfin
empfehle ich mich mit herzlicher Anhänglichkeit.

    Ihr
    treuer

    _C. O. Müller_.


                                  VI.

    _Göttingen_, 20.(?) März 1824.

    _Verehrtester Freund!_

Ich habe Ihnen dreierlei mitzutheilen; daß ich es ganz ohne Umschweif
und auf eine etwas lakonische Weise thue, werden Sie der Lage, in
der ich bin, verzeihen, die viel Sünden gegen Freunde und Beschützer
entschuldigen muß. Erstens die Nachricht von meiner Verlobung mit der
Tochter von Hugo. Beiläufig gesagt; als Ihre gütige Einladung nach
Berlin an mich gelangte, hatte diese Leidenschaft grade von allen
meinen Gedanken Beschlag genommen, und Sie mögen sich daraus eine
gewisse Indifferenz erklären, mit der ich unter andern Umständen einen
so höchst annehmlichen Antrag schwerlich aufgenommen haben würde. Ich
hatte nur einen Entscheidungsgrund; was mich sichrer zur Verbindung
mit Paulinen führen würde; und dies war, bei des Vaters überaus großer
Liebe zu seiner Tochter, das Hierbleiben. Das Zweite sind meine Dorier,
die ich Ihnen als ein kleines Zeichen meiner Erkenntlichkeit und
Anhänglichkeit sende. Das Dritte -- die Zusage, die Sie wohl auch schon
durch Thorbecke erhalten haben -- daß ich geneigt und bereit bin, aus
den besagten Sammlungen den erforderlichen Aufsatz zu concinniren:
was mir um so leichter werden wird, da ich Solgers Mythologie gehört
habe und mit seinen Ansichten vertraut bin; ja ich habe immer, bei den
Creuzer-Hermannschen und andern Streitigkeiten, daran gedacht, daß es
wohl lohne, das Publicum mit Solgers geistreicher Behandlungsweise der
Mythologie bekannt zu machen. Erhalte ich die Sammlungen bald, so sende
ich Ihnen den Aufsatz binnen 2-3 Monaten; schneller werden Sie ihn wohl
nicht verlangen.

Mit Verehrung und Ergebenheit

    Ihr

    _C. O. Müller_.


                                 VII.

    30. März 1824.

Ich hätte Ihnen vielerlei zu schreiben, mein innigst verehrter Freund,
aber ich kann in der That von dem Vielen zu nichts Einzelnem kommen.
Die Hauptsache werden Sie schon durch eine Karte erfahren haben, die
Ihnen hoffentlich vor einigen Wochen abgegeben worden ist; andre
Neuigkeiten von unserm Göttinger Leben erhalten Sie unendlich besser
durch unsern besonnenen und ruhigen Freund Thorbecke, als durch einen
leidenschaftlich Verliebten. Meine Pauline bittet mich, sie Ihnen zu
empfehlen; ich freue mich darauf, sie bei einer Reise, die wir wohl
einmal nach Schlesien machen werden, Ihnen und Ihrer liebenswürdigen
Familie vorstellen zu können.

    Ihr
    treuergebner

    _K. O. Müller_.


                                 VIII.

    18. April 1827.

Herr _Ampère_ aus Paris, der Ihnen, mein hochverehrter Freund,
diese Zeilen als eine Empfehlung überbringt, ist ein enthusiastischer
Freund Deutscher Litteratur, und ein großer Verehrer von Ihnen, der
es vielleicht auch unternehmen wird, wie er mir sagt, Theile Ihres
Phantasus der Französischen Welt durch Uebersetzung bekannt zu machen,
dabei eine aufrichtige und offne Seele, ein heitres und liebenswürdiges
Gemüth, dessen lebendige Aeußerungen Sie gewiß ergötzen werden. Was ich
sonst zu schreiben hätte, spare ich lieber auf mündliche Mittheilung
auf, da ich schon wieder eine Reise nach Schlesien projektire und also
die Hoffnung habe, Sie und die Ihrigen in diesem Herbst wiederzusehn,
worauf ich mich sehr freue.

Mit der wärmsten Anhänglichkeit

    Ihr

    _C. O. Müller_.


                                  IX.

_Göttingen_, 17. Julius 1833.

Meine Frau, welche den noch übrigen Theil des Sommers bei den Meinigen
in Schlesien zubringen will, überreicht Ihnen, hochverehrter Herr, dies
Briefchen, und zugleich ein Exemplar meiner Eumeniden-Uebersetzung,
welche eher vor Ihre Augen getreten wäre, wenn ich nicht auf diese
Gelegenheit mit der Zusendung gewartet hätte.

Vielleicht geben die beigefügten Abhandlungen, die freilich keineswegs
sich über das Ganze des alten Theaterwesens erstrecken, Ihnen wieder
einen kleinen Antrieb und Reiz, Ihre so lange gepflegten Forschungen
über die alte Bühne und Dramatik wieder vorzunehmen, und dem Publicum
Manches davon mitzutheilen. Dann könnte sich noch aus dem formlosen
Aggregat vielartiger Untersuchungen, das ich dem Publicum darbiete,
etwas wahrhaft Schönes und der Bildung unsrer Zeitgenossen Förderliches
entwickeln.

Von unserm Leben hier wird meine Frau, für die es bei ihrem kühnen
Reiseunternehmen ein rechter Trost ist, wenigstens in der Mitte ihrer
Tour bei Ihnen und den Ihrigen Rath und Hülfe finden zu können, gern
bereit sein, Ihnen, so viel Sie davon erfahren mögen, zu erzählen; sie
wird Ihnen aber schwerlich die treue und warme Anhänglichkeit schildern
können, womit ich in Erinnerung alter schöner Zeiten mit aller
Jugendlichkeit des Gemüthes an Ihnen festhalte.

    _K. O. Müller_.



=Müller, Wilhelm.=


    Geb. am 7. Okt. 1794 in Dessau, gest. daselbst am 30. Sept. 1827.

    Er machte als freiwilliger Jäger die Feldzüge mit, durchreisete
    einige Jahre später Italien, wurde im Jahre 1819 Gymnasiallehrer
    in seiner Vaterstadt, wo er sich mit einer schönen, klugen,
    liebenswerthen Frau (geb. Basedow) vermählte, und als herzoglicher
    Bibliothekar, in der Blüthe seines blüthenreichen Lebens und
    Wirkens starb.

    Hat jemals ein Dichter den Namen „_deutscher Sänger_“
    verdient, so war’s Wilhelm Müller. Wander-Lieder --
    Waldhornisten-Lieder -- Wein-Lieder -- Griechen-Lieder --
    Müller-Lieder! Ach, die _Müllerlieder_! Und da sandte der
    Himmel seinen Franz Schubert, daß er diese Dichtungen in Tönen
    verkläre... Wer die Müller-Lieder von Schubert und Müller in ihrer
    ganzen Schönheit vernahm; wer sie von Stockhausen singen hörte...
    nun, der mag sich freuen, ein Deutscher zu sein; der mag dankbar
    erkennen, was Schubert Großes gethan, was Stockhausen (wenn man so
    sprechen darf), als dritter Dichter daran thut; -- aber vor Allem
    soll er nicht vergessen, ihres _ersten_ Dichters und Schöpfers
    mit voller Liebe zu gedenken; unseres lieben, treuen, deutschen
    _Wilhelm Müller_!


                                  I.

_Dessau_, 17ten Oktober 1826.

Bei dem neuen Abdruck meiner ersten Gedichtsammlung erinnerte ich mich
lebhaft des schönen Nachmittags in Kalckreuths Sommerwohnung an der
Elbe, wo ich Ihnen, kurz nach unsrer Bekanntschaft, meine Müllerlieder
vorlas und, von Ihrem Urtheil aufgemuntert, den Entschluß faßte, damit
in die Welt zu treten. Von diesem Tage an, wie viel verdanke ich Ihnen,
mein verehrter Freund! Darum nehmen Sie meine Dedikation, die einfach
ist, wie ich selbst, nicht für eine formelle Redensart, sondern für den
wahren Ausdruck meiner Dankbarkeit.

Ich habe von Raumer aus mündlicher Mittheilung erfahren, wie es Ihnen
geht und was Sie treiben. Das muß mich denn dieses Jahr schadlos
halten für den aufgegebenen Besuch in Dresden. Ich habe dafür das alte
schöne Nürnberg kennen gelernt und Göthe _gesehn_, und noch dazu
ihm Glück gewünscht zu seinem 77ten Geburtstage. Das ist auch etwas,
das ~quondam meminisse juvabit~. Der alte Herr war wohl auf, gut
gelaunt, mit mir sehr höflich und freundlich, aber das ist auch Alles,
und was ich aus seinem Munde gehört, das kann mir jeder gebildete
Minister sagen. Doch auch gut so, und viel besser, als wenn er mir z.
B. über Shakspeare’s Romeo und Julie das gesagt hätte, was im neuesten
Hefte seiner Zeitschrift steht. Das ist auf Sie gemünzt.

Ich bin in diesen Tagen in meine neue große und ich darf sagen schöne
Dienstwohnung eingezogen. Möchte mir doch das Glück werden, Sie
einmal darin zu beherbergen! Und nun kann ich die Frage nicht mehr
zurückhalten: Bleiben Sie in Dresden? Ich fühle meinen Egoismus in dem
ängstlichen Eifer, mit dem ich diese Frage thue, und doch kann ich
nicht anders.

Mich beschäftigt jetzt die Encyklopädie -- und diese ist gleich wieder
ein Stichwort zu der Frage: Liefern Sie mir aus besonderer Freundschaft
für den Gegenstand und auch für mich den Artikel Hardenberg? Er ist
jetzt bald an der Reihe. Sonst habe ich ein Paar Hundert Epigramme oder
Reimsprüche gemacht, wovon 100 in der Eleganten Zeitung abgedruckt
zu lesen sind, worüber ich wohl Ihr Urtheil hören möchte. Sie stehn
in den Nr. gegen 100 -- 98 bis etwa 102 --. Auch in Eger habe ich Verse
gemacht, die Loebelln sehr gefielen und in demselben Blatte zu lesen
sind. Diesen Winter will ich wieder Shakspeare vorlesen, nicht
für Geld, sondern für gute Freunde. In dem Zimmer, wo ich lese,
steht Ihre Büste[1] mir gegenüber, die soll mich vor gar zu argen
Mißgriffen bewahren. Denn durch Sie ist mir der Sinn für Shakspeare
zuerst aufgegangen, und wenn ich Ihnen auch weiter nichts schuldig
wäre, welche Unendlichkeit der Schuld! Meine Wünsche arbeiten mit
Ihnen an der Vollendung des Heinrich VIII., des Macbeth, des
Wintermährchens und des mir fast unvollendbar erscheinenden ~Loves
Labours Lost~, das ich neulich wieder einmal, und ich darf wohl
sagen, mit mehr Genuß, als jemals, gelesen habe.

Meine Häuslichkeit ist in erwünschtem Zustande, Frau und Kinder gesund
und fröhlich, wie ich selbst, dem der Egerbrunn fast so wohl gethan
hat, als hätte ich ihn sehr nöthig gebraucht. Empfehlen Sie mich dem
freundlichen Andenken der Frau Gräfin, Ihrer Gattin und Töchter.
Eben darum bittet meine Frau, die mir oft Vorwürfe macht, daß ich,
statt nach Eger allein, nicht mit ihr nach Dresden gereist bin. Ich
verspreche keinen Besuch wieder, weil ich Ostern habe mein Wort brechen
müssen. In jeder Entfernung ist ja doch mein bester Theil viel und oft
bei Ihnen.

Mit unveränderlicher Hochachtung und Liebe

    Ihr
    treu ergebener Freund

    _W. Müller_.


                                  II.

    _Dessau_, den 11ten Juli 1827.

    _Verehrtester Freund!_

Ich könnte ein wenig empfindlich gegen Sie sein und sollte vielleicht
so thun, aber ich will doch lieber wahr sein und Ihnen sagen, daß Ihr
Schweigen auf meine Briefe und Dedikationen mir eine Zeit lang nur das
unangenehme Gefühl des Wartens, nachher aber die Ueberzeugung gebracht
hat, daß Sie aus keinem andern Grunde nicht an mich geschrieben haben,
als weil Sie nun einmal ungern schreiben, zumal, wenn Sie es erst lange
aufgeschoben haben. _Göthe’n_ nähm’ ich ein solches Schweigen
übel, einem _Könige_ noch mehr.

Diesen Brief überbringt Ihnen der Fürst zu Lynar, welcher sich nach
Ihrer Bekanntschaft sehnt und als Mann von Geist und Eifer für das
Schöne, dabei selbst mit Talent für die Poesie ausgestattet, seinen
Aufenthalt in Töplitz und Dresden benutzen wird, vorzüglich um Ihnen
näher zu kommen und sich Ihrer Mittheilung auch zu eigener Belehrung
und Ermunterung zu erfreuen. Ich bin überzeugt, daß auch Ihnen die
Bekanntschaft dieses liebenswürdigen Fürsten und seiner Gemahlin, deren
lyrische Versuche ausgezeichnet sind, genußreiche Stunden verschaffen
wird und freue mich daher, die Erinnerung an mich mit diesem
Verhältnisse verknüpfen zu dürfen.

Ich leide seit einiger Zeit an dem Uebel, welches mit dem weiten und
schwankenden Namen der Hypochondrie bezeichnet wird. Jedoch geht es
jetzt wieder so gut, daß ich den 31ten nach dem Rhein abzureisen
gedenke, wo ich wohl ein paar Monat zubringen werde.

Wenn Ihr Versprechen, mir den Artikel Hardenberg zu liefern, Sie drückt
und vielleicht gar Schuld ist an Ihrem Schweigen gegen mich, so theile
ich Ihnen die Nachricht mit, daß ich, ohne Ihre Absage abzuwarten, den
Artikel bereits anderwärts untergebracht habe.

Meine Frau, die mich nach dem Rheine begleitet, empfiehlt sich Ihnen
und den Ihrigen bestens und so thue ich als

    Ihr treu ergebener Freund und Diener

    _W. Müller_.



=Münch-Bellinghausen, Eligeus Franz Joseph, Freiherr von.=


    Geb. zu Krakau am 21. April 1806. Gegenwärtig k. k. wirkl. Hofrath
    und Direktor der k. Hofbibliothek in Wien.

    Sein Dichtername ist _Friedrich Halm_.

    Griseldis (1834.) -- der Adept (1836.) -- König und Bauer, freie
    Bearb. nach Lope de Vega -- Camoëns (1837.) -- I. Lambertazzi
    (1838) -- der Sohn der Wildniß (1842.) -- Sampiero (1844) -- Maria
    de Molina (1847.) -- der Fechter von Ravenna (1854.) -- u. a. m. --
    Gedichte (1850.).

    Diese zwei Briefe sind unschätzbar für Jeden, der eingestehen
    will, daß berufene Dichter edleren Schlages, wenn sie mit Ernst
    und Weihe an’s Werk gehen, gewöhnlich schon in sich selbst Alles
    durchgearbeitet und Für und Wider dabei abgewogen haben, was ihnen
    dann verneinende Kritik als Mangel und Fehler vorzuwerfen gleich
    bei der Hand ist. Wo bliebe die Negation, wäre ihr nicht erst ein
    Positives dargeboten, woran sie ihren Scharfsinn übt?

    Es läßt sich kaum bescheidener und zugleich fester eine eigene
    Sache vertreten, als es Halm, den Schluß der Griseldis betreffend,
    hier gethan.


                                  I.

    _Wien_, den 1ten Dezbr. 1836.

    _Ew. Wohlgeboren!
    Verehrtester Herr Hofrath!_

Der Hofschauspieler Löwe hat mir die gütigen Bemerkungen mitgetheilt,
welche Sie gegen ihn während seines Aufenthaltes zu Dresden im Laufe
dieses Sommers über die „Griseldis“ äußerten. Trotz dem Gefühle der
Bewunderung und innigsten Verehrung, welche ich mit ganz Deutschland
für Sie hege, fehlt es mir an Worten, um die erschütternde Freude zu
schildern, die mir die Anerkennung meines geringen Talentes von Seite
des Altmeisters deutscher Poesie verursachte. Hinsichtlich Ihrer
Einwendungen wider den _Schluß_ der Griseldis erlaube ich mir,
mit aller Ehrfurcht, die dem Schüler gegenüber des Meisters ziemt, zu
bemerken, daß niemand tiefer fühlen und erkennen kann als ich, wie
mißlich für die dramatische Bearbeitung in der Regel das Abweichen
von den Grundzügen des gewählten Stoffes ausfallen muß; zumal wenn
dieser so vortrefflich ist, als die Griseldis Boccacio’s. Indeß
schienen mir die Motive, die den Markgrafen Saluzzo zur Prüfung seines
Weibes bestimmen, durchaus zu wenig theatralisch, ja selbst zu wenig
dramatisch, um sie beibehalten zu können; ich suchte und fand neue in
der gereizten Eitelkeit und in der krassen Selbstsucht Percival’s,
welche aber, nach meiner sich gern eines Bessern bescheidenden Meinung,
keinen andern versöhnenden Ausgang des Stückes zulassen, als den, der
in Erhebung des weiblichen Gemüthes über die Täuschungen der Liebe, in
der Rettung seiner menschlichen Würde -- auf Kosten seines geträumten
Glückes liegt. Zudem hatte ich bei meiner innigen Ueberzeugung, daß der
dramatische Dichter, wenn er seinem höhern Berufe nachkommen will,
nothwendig die Interessen seiner Zeit ergreifen, erwägend und versöhnend
in der Brust tragen und in seinen Werken abspiegeln müsse, das ganze
Stück hindurch den ewig unentschiedenen Streit zwischen Aristokratie
und Demokratie als Grundton angeschlagen, und mein Gefühl sagte mir,
nur eine Dissonanz könne seine Modulirungen schließen.

Nicht ohne Zagen habe ich die Ehre, Ew. Wohlgeboren in der Anlage
meinen zweiten dramatischen Versuch, das Trauerspiel „der Adept“
zu übergeben. An ein zweites Werk werden billig höhere Forderungen
gestellt, und wenn sie nicht befriediget werden, so geht nur
allzuleicht, wie die Erfahrung lehrt, aller Credit des Anfängers mit
seiner eigenen Zuversicht zu Grunde. Wie dem auch sey, der Schritt
ist gethan, und kann nicht zurückgenommen werden. Meine Absicht
war, im Adepten die höhere tragische Region zu betreten und meine
Flügel zu prüfen. Trotz seiner im Voraus zu berechnenden minderen
Wirksamkeit, und allzuhochgespannter Erwartungen der Menge auf ein
lange angekündigtes Werk fand der Adept beim Publikum eine glänzendere
Aufnahme, als ich gedacht, aber dagegen bei den Kunstrichtern ein
strengeres Urtheil, als ich erwartete.

Einige finden im Adepten zu wenig ansprechende, rührende, verklärte
Charaktere; Andere sprechen dem Stück alles Tragische ab, weil es in
der Hauptperson nicht hervortritt, ihr Charakter nicht würdig genug
gehalten sey, und keine stufenweise Entwickelung desselben vorliege.
Was nun die erstere Ansicht betrifft, so beruht die Wirkung der
Tragödie nach meiner Meinung nicht in der Entfaltung exceptioneller,
himmlisch verklärter Charaktere, sondern in der richtigen Entwickelung
der tragischen Idee in ihrer ganzen zermalmenden Größe und Bedeutung,
die schon darum die Versöhnung in sich tragen muß, weil sie nicht ohne
Hinweisung auf eine moralische Weltregierung stattfinden kann. Das
Rührende, das Gemüth Ansprechende wird in der Tragödie nur immer vom
Stoffe bedingt, also zufällig vorhanden seyn können, wie es in Lear,
Othello u. a. Tragödien erscheint. Hamlet, Macbeth, Julius Cäsar setzen
außer allen Zweifel, daß die Aufgabe der Tragödie Erhebung, nicht
weichliche Rührung sey. Den Anhängern der letzteren Meinung gebe ich
gerne zu, daß im Adepten die Hauptperson kein sogenannter tragischer
Held, sondern nur der Hauptträger der Handlung, der Mittelpunkt sey,
um welchen sich die übrigen Figuren gruppiren. Nicht auf einer Person,
auf der Totalität des Gemäldes beruht im Adepten die Entwickelung der
tragischen Idee, und um diese, nicht um einen Helden handelt sich’s in
der Tragödie. Shakspeares Heinrich 6. kann nicht als tragischer Held
angesehen werden, aber um ihn versammeln sich alle Erscheinungen, an
ihn knüpfen sich alle Fäden des blutigen Gewirrs des Bürgerkrieges,
und die Gesammtheit dieser Züge wird in jedem geweihten Gemüthe die
tragische Empfindung hervorrufen.

Nach dem vorleuchtenden Beispiele dieses Vaters der Tragödie wagte
ich im heiligen Eifer gegen die Runkelrüben-, Dampfwagen- und
Eisenbahn-Richtung unserer Zeit im Adepten alle jene einzelnen Züge der
Züggellosigkeit menschlichen Verlangens, alle Phasen der Verirrungen
menschlichen Begehrungsvermögens anzuhäufen, und ich glaubte die
tragische Wirkung zu erreichen, wenn am Ende derjenige, der vor allen
Anderen Alles, das Unermeßliche errungen, der vermessen an Gottes
Weltregierung zu bessern sich vorgesetzt hatte, durch das errungene
Uebermaaß untergehend, sein Haupt anerkennend vor dem ewigen Gesetz der
Beschränkung zu beugen gezwungen ist.

Entscheiden Ew. Wohlgeboren, in wie fern ich mein Ziel erreicht, und ob
der Adept zur Darstellung auf der Dresdener Hofbühne, der ich schon für
die vollendete Darstellung der Griseldis so vielfach verpflichtet bin,
geeignet ist oder nicht.

Erlauben Sie mir mit der Bitte um die Fortdauer Ihres Wohlwollens die
Versicherung der unbegränzten Verehrung zu verbinden, mit der ich die
Ehre habe zu seyn

    Ew. Wohlgeboren
    gehorsamster Diener

    _Freiherr von Münch_.


                                  II.

    _Wien_, den 12ten April 1837.

    _Euer Wohlgeboren!_
    _Verehrtester Herr!_

Ich habe mit übergroßer Freude aus einem von dem Schauspieler Kriete
an Herrn Lembert gerichteten Brief entnommen, daß der Adept Gnade vor
Ihren Augen gefunden hat, und dieß reicht vollkommen hin, mich über die
kühlere Aufnahme des Stückes auf einigen Bühnen zu trösten. Auf der
hiesigen ist es unlängst zum zwölftenmale bei übervollem Hause gegeben
worden.

In der Anlage wage ich, Ihrer Einsicht und Beurtheilung mein
dramatisches Gedicht Camoëns zu übergeben.

Wenn ich schon einmal bei Gelegenheit der Griseldis vor Ihrer Bemerkung
über diese Novelle des Boccacio in den dramaturgischen Blättern zu
zittern und zu beben hatte, so scheint dieß jetzt noch mehr der
Fall seyn zu müssen, da meine schwache Schülerhand einen Camoëns zu
schaffen wagte, nachdem bereits ein so großer unerreichter Meister ein
unsterbliches Gemälde jener Zeit und jenes Mannes hingestellt.

Man würde indeß Unrecht thun, wenn man mir das Erscheinen des Camoëns
in dieser Beziehung als Anmaßung anzurechnen versucht wäre, indem
dieß Stück schon seit zehn Jahren in meinem Pulte liegt, und den
Grundzügen nach bereits fertig gewesen ist, ehe Sie vielleicht noch
an Ihren Camoëns gedacht hatten. Uebrigens glaube ich, muß auch die
Verschiedenheit der Form bei jedem Billigdenkenden meinen Camoëns
vor dem Wahnsinn einer Vergleichung mit dem Ihrigen schützen. Wenn
Sie den Stoff in reicher epischer Fülle entfalten, uns ein bis in
die kleinsten Züge vollendetes Gemälde jenes Zeitalters, jenes
Volkes, seiner Gesinnungen und seiner Sitten aufrollen, uns in einem
rührenden Stilleben die Heroengestalt des vaterländischsten aller
Dichter mit würdevoller Erhebung, mit allen zerstörten Hoffnungen
seines sturmbewegten Lebens abschließend vor die Seele führen konnten;
wenn Sie mit einem Worte: uns der Gegenwart entrücken, und in eine
frischere, lebenskräftigere Vergangenheit versetzen durften; -- so
war es meine Aufgabe, die Gegenwart nie vergessend, sie vielmehr nur
in den Gestalten der Vergangenheit abzuspiegeln. Das Drama, dessen
Natur Kampf und Versöhnung ist, zwang mich der Sage zu folgen, und
den Zuschauer an das Sterbebett Camoën’s im Hospitale zu führen. Sie
gaben mit dem Sehergeiste des Dichters Camoëns, wie er war; ich mußte
mich bemühen, ihn zu geben, wie er damals sein konnte, und wie er
unter gleichen Verhältnissen heute gewesen seyn würde. Ich mußte, um
den Interessen der Gegenwart getreu, meine Ideen über Dichterberuf,
Dichterpflicht und Dichterlohn in einer Zeit entwickeln zu können, die
so oft und in so vielen Beziehungen an den Tag gelegt hat, wie sehr
sie die Wesenheit der Dichternatur mißversteht,.... ich mußte alle
zuckenden Fibern des zerrissenen Dichtergemüthes aufdecken, in alle
offnen Wunden der Dichterbrust meine Finger legen, und die Versöhnung
von Oben herabholen, wo Sie nur die Narben der Wunden zu zeigen, und
die Verklärung schon vorausgesetzt und gegeben im Stoffe zu entwickeln
brauchten.

Doch genug von der Verschiedenheit zweier Werke, die schon der Name
ihrer Verfasser hinlänglich begründet.

Was den Umfang meines Camoëns betrifft, so verkenne ich nicht, daß sein
Leben einer andern vollständigeren, dramatischen Bearbeitung fähig ist,
und daß sich einer solchen mit Vortheil Ihre Novelle zu Grunde legen
ließe. Die Idee meines Werkes aber wies mich ausschließend an sein
Ende, und ich glaube, es fehle ihm trotz des Mangels an Begebenheiten
nicht an dramatischem Leben. Mir wenigstens scheint die durch das
Gespräch mit dem Kaufmann immer steigende Zerfallenheit Camoëns’ mit
seiner Laufbahn, die als tragische Verwickelung in der Zusammenkunft
mit Perez ihren versöhnenden und erhebenden Abschluß findet, den
Erfordernissen des Drama’s -- wenn auch vielleicht nicht des Theaters
-- hinreichend zu entsprechen.

Der Erfolg auf hiesiger Hofbühne war ein sehr günstiger.

Somit überlasse ich vertrauensvoll und mit bescheidener Ergebung in
Ihre bessere Einsicht mein Werk Ihrer Beurtheilung, sowohl hinsichtlich
seines inneren Werthes, als seiner Eignung zur Aufführung auf der
Dresdner Hofbühne, und schließe diese Zeilen mit dem Ausdruck der
unbegränzten Hochachtung, die seit der ersten Lesung des Phantasus in
meinem zwölften Jahre, für Sie und Ihre Werke in stäter Steigerung
erfüllt

    Ew. Wohlgeboren
    ergebensten Diener

    _Münch_.



=N..... Wilh.=


    Ueber den Schreiber nachstehender zwei Briefchen (dessen
    Familienname wie billig nur durch Punkte angedeutet wird), wissen
    wir nichts Näheres, als was sich in dem Briefe eines Herrn M. S.
    aus Winterthur angegeben findet, worin es heißt: „Hr. Prof. E.
    sagte mir, N. ist nun zerknirscht; und dieß ist das Gute, was sein
    Austritt in die Welt bewirkt hat. Er wähnte, daß ihm dort Alles
    offen stände, und hat jetzt gesehn, wie viel ihm fehlt.“ --

    Diese offenbar erbetene Nachricht, so wie eine Stelle in Wolfgang
    Menzel’s erstem Briefe zeigen deutlich, daß Tieck trotz seines
    Zürnens, doch nicht aufgehört hat, an dem jungen Menschen, der ihn
    vielfach betrogen, Theil zu nehmen und sich nach ihm zu erkundigen.

    Jedenfalls sind diese beiden Blättchen geeignet, sowohl
    psychologische Betrachtungen über ihren Absender als auch
    Mitleid für Tieck zu erregen, der während seines vieljährigen
    Aufenthaltes in Dresden unglaublich oft vom Andrange ähnlicher
    Gesellen zu dulden hatte, und dennoch jeder neuen Täuschung, mit
    ewig-jugendlicher Hingebung, zugänglich blieb.

    Ueberraschend wird dem Leser die Kunde aus Amerika sein, welche
    David Strauß in einem seiner Briefe an T. über diesen N. ertheilt.


                                  I.

    _Dresden_, den 5. Oct. 1827.

Wenn Sie es anmaaßend nennen, verehrter Meister im Leben, wie in der
Kunst, daß ich Junge Ihr Schweigen ehrend nicht im Vorsaal bescheiden
warte, bis Sie meinen Namen rufen, sondern in Ihr innerstes Gemach
dringend Ihre höhere Beschäftigungen mit meinem kleinen Leben stören
will, so kann ich zu meiner Entschuldigung Nichts erwiedern, als daß,
da mir das Wasser bis an die Seele gestiegen, ich meine Rechnung mit
dem Leben schließe. Hören Sie mich an, wie ich dieß meine. Ich habe
von der Welt, die Sie um sich in urkräftigem Behagen geschaffen,
Alles genossen, ich habe den Pulsschlag gehört, der Alles bewegte,
und die feinsten Fibern an den äußersten Spizen des geistigen Körpers
mitgefühlt. Ja ich glaubte schon im Traume den geheimen, heiligen Ort
betreten zu haben, den Sie allein gefunden haben, wo Lachen und Weinen
die lieblichste Melodie bildet, von dem aus in richtiger Perspektive
alle Straßen und alle Gäßchen des menschlichen Lebens sich dem Auge
darstellen, den, so offen er mitten auf dem Markte liegt, doch Niemand
beschreiben kann. Wenn Sie darüber lachen und mich einen betrogenen
Thoren schelten, so wag’ ich kühn einen Streit. Betrogen bin ich,
aber -- nur als Betrüger. Auch in Ihrer Schöpfung, das weiß ich wohl,
gilt das herbe Wort: Mit Schweiß mußt Du Dir Dein Brod gewinnen! Daß
ich aber darum den Meister betrügen konnte, ist mir eben das einzige,
unaufgelöste Räthsel. Daß ich kein Faust bin, sag ich mit demselben
Gefühl, das Hamlet lachen macht, wenn er sich dem Herkules vergleicht.
Wohl aber kann ich mich wörtlich einen Don Juan nennen. Auch mit
derselben Frechheit bin ich hieher gekommen und habe Ihren Geist
gerufen und rufe Ihn wieder. Ja, ich flehe Sie an, treten Sie mir,
nur eine Minute treten Sie mir, wenn ich so sagen darf, unkörperlich
entgegen, so ist ja Alles entschieden. Entweder kann ich dann Ihren
Anblick ertragen und -- ich bin erlöst, die göttliche Gnade hat an dem
Sünder Wohlgefallen und wem viel vergeben ist, der liebt viel, ich kann
in Nichts ungöttliches mehr zurückfallen, oder ich kann Ihren Anblick
nicht ertragen, verdammt sink ich nieder, Alles war Schein und Lug und
Trug, und eine ewige Oede, eine unermeßliche Leere steht vor mir.

Ich habe, was ich geschrieben, wieder durchgelesen, aber mit Schrecken,
wenn das Gefühl, von dessen Instinkt geleitet ich schrieb, nicht in
dem Augenblick noch als mein eigenstes Leben pulsierte, ich verstände
mich nicht aus diesen Worten, ach darum nur bin ich so unglückseelig,
so verlassen u. einsam, wie keiner, weil Alles, was ich gebäre, todt
zur Welt kommt -- ja wenn ich mir denke, diese Worte vollends von einem
Andern zu lesen, wie verächtlich würd’ ich darüber lachen, es schienen
mir hochtönende Phrasen, leerer Schellenklang, die Unverjohrenheit, die
man alltäglich sieht, und doch wag’ ich, gerade eine solche Sprache mit
Ihnen, die _mir_ schon zu niedrig ist? Ja! von Ihnen kann ich am
wenigsten fürchten. Wie Ihnen Etwas erscheint, also ist es auch in der
Wahrheit, sind es Ihnen Worte, so sind es auch wahrhaftig nichts, als
Worte. Ich aber bin -- ein dummer Teufel

    _Wilh. N....._


                                  II.

    _Sonntag Abend_.

    _Theuerster Mann!_

Arg hat mich mein eigen Gewissen ob der Grobheit, mit der ich Ihnen
genaht bin, gefoltert. Ich bitte Sie unter heißen Thränen, vergeben
Sie dieß einem Knaben, den freilich der albernste Uebermuth zu Ihnen
geführt hat, der aber dadurch hart genug gestraft ist, daß er Heimath,
Verwandte und Freunde, ach Alles, worin er ganz lebte, verloren hat
und nun einsam in der kalten Fremde da steht. Ich bin wieder demüthig
geworden und habe Gott gebeten, er möchte mich nur irgend Etwas
brauchbares noch werden lassen; wie ichs aber angreifen soll, um den
Faden wieder aufzunehmen, nachdem die Jugend verloren ist, weiß ich
nicht, ich habe Niemand, der mir rathen könnte, als Sie. Und wahrhaftig
-- Sie wären gewiß nicht so böse auf den letzten Brief geworden, wenn
Sie gewußt hätten, wie schwer mirs auf dem Herzen lag, daß Sie mich
für einen ganz andern ansahen. Den angenommenen Doktorrock wollt ich
abwerfen und als armer Junge Ihnen zu Füßen fallen. Gebe Gott, daß Sie
mir ins Herz sehen!

    Voll der innigsten Verehrung

    _Wilhelm N....._



=Nicolai, Christoph Friedrich.=


    Geb. am 18. März 1733 zu Berlin, gest. daselbst am 8. Jan. 1811.

    Buchhändler und Schriftsteller, Freund großer Männer, obgleich
    prosaischer Widersacher der eigentlichen Poesie; bei alle dem eine
    kräftige Natur, vielfach unterrichtet und nicht ohne produktives
    Talent. -- Leben und Meinungen des Magisters Sebaldus Nothanker (4.
    Auflage 1799) bleibt ein wichtiges Buch aus jener Litteratur-Epoche.

    Und mag die von ihm begründete, in 106 Bänden von 1765-1792
    fortgeführte: „Allgemeine deutsche Bibliothek“ aus höherem
    Standpunkte noch so heftig angegriffen worden sein, sie enthält
    doch auch sehr viel Schätzbares und der Mann, der sie länger als
    ein Vierteljahrhundert zu halten verstand, verdient Achtung.

    Nachfolgende zwei Briefe, denen wenigstens Niemand ihren
    praktischen Werth, noch ihre redliche Aufrichtigkeit absprechen
    kann, fanden sich schon durch Tieck für den Druck abschriftlich
    vorbereitet.


                                  I.

    _Berlin_ 19 Dec. 1797.

Von dem Manuscripte, welches Ew. Wohlgeboren mir heute zugeschickt
haben, habe ich das erste Schauspiel und das Tagebuch heute an den
Buchdrucker geschickt. Ew. Wohlgeboren aber werden verzeihen, daß
ich das andere Schauspiel anbei zurückschicke. Ich thue es ungern,
aber Euer Wohlgeboren werden mir verzeihen, daß ich offenherzig meine
Meinung sage.

    (Ich hatte bis hierher dictirt, und nehme nun selbst die Feder,
    ohnerachtet das eigenhändige Schreiben mir etwas sauer wird.)

Die Sammlung ist zu Erzählungen nicht zu theatralischen Stücken
gewidmet. Sie haben im vorigen Theile schon eine Ausnahme gemacht.
Ich will allenfalls in diesem Bande auch noch das eine Stück gehen
lassen, aber zwei ist fast zu viel. Sie sind außerdem in einer gewissen
excentrischen Laune geschrieben -- Es läßt sich über solche Sachen
nicht streiten -- Aber der vorzüglichste Theil der Leser kann derselben
schon in Ihren Volksmährchen keinen Geschmack abgewinnen. Ich bekenne,
ich selbst halte es mehr für Witzelei, als für Witz: ~Rondi~,
~Menuett~, ~Variatione~ u. dgl. m. Ich mag Unrecht haben,
aber darin habe ich gewiß Recht, daß dieser Ton von dem _Ton im
Musäus_ allzusehr abweicht, und daß man also wenigstens nicht den
größten Theil eines Bandes der Strausfedern damit anfüllen sollte. Dies
haben verschiedene Recensenten des VII Bandes schon bemerkt,
welche ausdrücklich sagen, er scheine gar nicht von eben dem Verfasser
zu sein &c.

Erlauben Sie mir noch zu bemerken, daß der Schriftsteller doch auf
seinen Leser, nicht blos auf sich zu sehen hat. Die _Kunst der
Darstellung_ ist eigentlich die Kunst des Schriftstellers, die
Wirkung einer Schrift ist die, welche sie auf den Leser macht, und
machen kann. Es scheint aus einigen Ihrer letzten Schriften, es macht
Ihnen Vergnügen, sich Sprüngen Ihrer Einbildungskraft ohne Plan und
Zusammenhang zu überlassen. Das mag Sie vielleicht amüsiren, ich
zweifle aber, ob es Ihre Leser amüsiren werde, die wahrlich nicht
wissen, aus welchem Standpunkte sie ansehen sollen, was sie lesen.
Erlauben Sie mir zu bemerken, wenn Sie z. B. im gestiefelten Kater
auf hiesige Theateranecdoten anspielen, so ist’s vielleicht schon für
hiesige Leser, welche unbedeutende Theater- und Parterre-Anecdoten für
armselig halten, nicht interessant; was sollen denn auswärtige Leser
dabei denken, welche gar nicht wissen, was sie lesen? Der Autor, der
sich die Miene giebt, als wolle er seine Leser zum Besten haben, nimmt
die Leser nicht für sich ein, selbst, wenn er die Miene annimmt, als
lache er über sich selbst. Und das unangenehmste ist -- wenigstens für
mich als Verleger, und als einen Verleger, dem man oft die Ehre anthut,
zu glauben, was er verlege, sei gewissermaßen von ihm gebilligt --
daß, weil nun die Leser nicht wissen, was sie lesen, -- so legen sie
vielleicht die dunkeln Anspielungen ganz falsch aus. Sie haben in dem
anbei zurückgehenden Stücke auf _Gewissenszwang_, _Königthum_
u. dgl. angespielt. Dies ist, meines Erachtens, jetziger Zeit, da wir
Hoffnung haben, einige Preßfreiheit zu erhalten, und es doch noch sehr
ungewiß ist, ob wir sie erhalten, gar nicht passend; wenigstens halte
ich es für _mich_ nicht passend!

Ich bitte also, von dem anbei zurückgehenden Schauspiele irgend
einen Gebrauch außer meinem Verlage zu machen, und das was noch zum
Manuscripte zu dem letzten Bande der Strausfedern fehlt, mit irgend
kleinen Romanen beliebigst auszufüllen, und sie mir bald zu senden.

Ich nehme mir übrigens nicht heraus, Ihren Genius zu leiten. Wollen
Sie aber einem Manne, der unsere Litteratur und unsere Schriftsteller
und Leser seit 40 Jahren kennt, in etwas glauben, so werden Sie von
dem excentrischen Wege etwas ablassen. Er mag Sie vergnügen, aber
Sie werden sich auf diesem Wege nie ausbilden. Das Excentrische ist
im Grunde leichte Arbeit! Ich wüßte nicht, wie viel ich alle Tage
schreiben könnte, wenn ich alles hinschreiben wollte, was mir in den
Kopf käme! Aber sich mehr als oberflächliche Kenntniß menschlicher
Charaktere und Situationen zu erwerben, unter diesen auswählen, die
Wirkung voraussehen, die sie machen können, das uninteressante vom
interessanten scheiden, und ersteres ausstreichen, wenn man es auch
schon niedergeschrieben hat: dies ist der einzige Weg, auf welchem ein
junger Mann sein Talent ausbilden kann. Ich schätze die Anlagen, welche
Sie haben, so hoch, daß ich mir diese kleine Herzensergießung darüber
erlaube, und Sie bemerken lasse, daß Anlagen ohne Ausbildung des
Talents bald verloren gehen. Zur Ausbildung geht freilich ein steiler
und dornichter Weg, der Selbstentäußerung erfordert. Das Reich der
excentrischen Imagination ist einförmiger, als es dem Faulen scheint,
der gern selbstgefällig darin herumspatzirt; das Reich der Natur ist
höchst mannichfaltig, aber es ist nicht so leicht zu erforschen, wer es
aber zu erforschen und interessant darzustellen weiß, findet Wahrheit
und Leben, da jener blos Träume findet, die vergehen, sobald das
Morgenlicht strahlt.

Shakspear ist nicht excentrisch, sondern wahre, menschliche Natur
meisterhaft dargestellt; darum leben seine Stücke auch Jahrhunderte,
und das was eigentlich etwa nach dem Geschmack seiner Zeit bloß wild
ist, stirbt jetzt schon sogar in England, wo man seine Stücke ändern
muß, wenn sie sollen aufgeführt werden. Unsere Ritterstücke und
Ritterromane, welche blos wild und excentrisch sind, ohne hohe Natur
getreu und lebhaft dargestellt, sterben, indem sie geboren werden. Dies
ist das Loos aller Werke von gleicher Art.

Bin ich zu offenherzig gewesen, so denken Sie, ein alter
~Radoteur~ hat es geschrieben, der es gut meint, und nicht
versteht. Und wenn Sie dies nach zehn Jahren noch denken, so habe ich
gewiß Unrecht.

    _Fr. Nicolai_.


                                  II.

    _Berlin_ d. 5 Oct. 1803.

Ich habe, mein werther Herr und Freund, Ihr Schreiben vom 19 Aug.
zu seiner Zeit richtig erhalten. Dieser Brief fand mich, der
ich zeitlebens beinahe nur krank gewesen bin, in dem heftigsten
Katarrhalfieber, wobei ich Tag und Nacht hustete, und an Kräften so
herunterkam, daß ich vom 3ten bis zum 6ten Sept. nicht glaubte wieder
zu genesen. Während dieser schweren Krankheit verlor ich den 1ten
Sept. meine älteste verheirathete Tochter durch den Tod, nachdem ich
schon seit 2 Monaten dieselbe hatte sinken sehen, und diesen traurigen
Erfolg vorhersah. Meine Philosophie und Resignation ist überhaupt seit
voriger Ostermesse sehr geprüft worden. Jetzt habe ich mein Fieber
verloren, und es ist nur noch ein unbedeutender Husten übrig geblieben.
Was aber eine schlimmere Folge der Krankheit ist, ist, ich kann auf
meinem rechten Auge beinahe nichts sehen. Seit 3-4 Wochen, seit dieses
gemerkt worden, sind alle Mittel vergeblich. Indeß hoffen doch die
Aerzte einstimmig, es werde diese Blindheit gehoben werden, welches ich
mehr wünsche, als zu hoffen mir getraue. Ich bin in der unangenehmen
Lage, nicht ½ Stunde hinter einander lesen oder schreiben zu dürfen,
das sehende Auge bei Licht gar nicht brauchen zu dürfen, und ein
Ueberbleibsel von Husten hindert mich auch am langen fortgesetzten
Diktiren. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich nur ganz kurz schreibe.
Es haben sich überdies während meiner Krankheit die Geschäfte sehr
aufgesammelt, und ich muß nach und nach doch alle nachholen.

Es ist mir sehr angenehm, daß Sie meine Offenherzigkeit in der bewußten
Sache so aufnahmen, wie ich dieselbe gemeint hatte. Meine Absicht
war, Ihnen zu zeigen, daß wenn auch an den Nachrichten, die man Ihnen
gegeben hatte, etwas sein sollte, dennoch die Hauptsache sich nicht
ganz so verhielt, wie man Ihnen geschrieben hatte, und daß man hier
diese Sache officiel noch aus andern Gesichtspunkten betrachtete,
und betrachten mußte, wie Sie in ihrem Briefe selbst einigermaßen
zugestehen. Es ist freilich sehr unangenehm, daß durch eine Menge
dazwischen gekommener Umstände diese Sache nicht so ging, als sie hätte
gehen sollen, und als sie vielleicht würde gegangen sein, wäre sie
anders eingeleitet worden. Wenn ich bis zur künftigen O. M. lebe, läßt
sich vielleicht mündlich darüber etwas sagen.

Das Hr. Bellermann an Hr. Gedikens Stelle ist an’s Gymnasium berufen
worden, und daß er den Ruf angenommen hat, wissen Sie vermuthlich
schon. Jakobs war vorher berufen worden, nahm aber die Stelle nicht an.

Was die Sache mit der Verpflanzung der Lit. Zeit. nach Halle und
zugleich mit Ihrem Bleiben in Jena betrifft, so fallen einem dabei
mancherlei Gedanken ein, die besser mündlich als schriftlich
mitgetheilt werden. Wie es mit diesen beiden Zeitungen künftig gehn
wird, muß man erwarten, und des läßt sich so wenig darüber sagen, als
über alle ~futura contingentia~. Aus der öffentlichen Anzeigung
habe ich gesehn, daß Sie bei der alten Kirche bleiben. So viel kann
ich sagen, daß des Hrn. von Kotzebue höchst unüberlegte Aeußerung über
diese Sache bei allen gesetzten Leuten Mißvergnügen erregt hat, und
auch in Potsdam ist sehr gemißbilligt worden. Es gehört überhaupt zu
den ~piis desideriis~, daß die vielen Indiscretionen möchten aus
unsrer neuesten Literatur verbannt werden.

Es ist eben nicht wahrscheinlich, daß der Freimüthige unter Merkels
Direction sich hierin bessern werde. Indessen ist es auch wahr, daß
vernünftige Leute und wahre Gelehrte an dergleichen Klatschereien
keinen Gefallen haben, und keinen Werth darauf legen. Alle solche Dinge
währen eine Weile, und nach einiger Zeit hört man nichts mehr von den
Leuten, die heute oder übermorgen so viel Lärm machen.

Ich bin unverändert

    der Ihrige

    _F. Nicolai_.



=Oehlenschläger, Adam Gottlob.=


    Geb. den 14. November 1779 zu Kopenhagen, als Konferenzrath &c.
    daselbst gestorben am 20. Januar 1850.

    Er hatte sich verletzt gefühlt durch einige Urtheile Tiecks
    über seine Schriften; hauptsächlich wohl mag es die Uebersetzung
    Holberg’s gewesen sein, die Jener vielleicht zu streng tadelte, und
    welche die alten Freunde auseinander brachte. Schön ist, was O. im
    ersten Schreiben (nach Goethe’s Tode) von der Versöhnung mit T.
    sagt.

    Oehlenschläger ist ein dänischer Dichter gewesen; seine „Gedichte“
    (1803.) -- die poetischen Schriften, 2 Bde. (1805.) verkünden ihn
    als solchen.

    Aber er war auch ein _deutscher_ Dichter. Er gab uns
    die besten seiner Dramen auch in deutscher Sprache, mit
    bewundernswerthem Eingehen in ihren Genius; und wo er fehlte,
    fehlte er poetisch; so daß Goethe mit vollem Rechte aussprechen
    durfte: „Man schreibt eigentlich nicht so, doch man könnte (ja man
    sollte) so schreiben.“

    Palnatoke -- Axel und Walburg -- Hakon Jarl und andere seiner Werke
    werden bleiben -- wenn freilich so entschiedene Irrthümer wie
    „Hamlet“ und dergleichen, kaum geboren schon ihr Ende fanden.

    _Correggio_, diese in Deutschland bekannteste seiner
    Dichtungen, hat strenge Beurtheiler gefunden, hat doch aber auch
    viele begeisterte Freunde sich erworben. Es giebt Scenen darin,
    deren Pracht mit nichts zu vergleichen ist. Chamisso schloß
    einstmals eine lange Diskussion für und gegen dieses Gedicht mit
    der Aeußerung: „Meine lieben Freunde, ich denke, wir streiten um
    des Kaisers Bart; wer eine Tragödie in fünf Akten, in solchen
    Versen machen kann, und seinen Helden mit _einem Worte_[2]
    tödtet.... der ist doch wohl ein Dichter!“


                                  I.

    _Kopenhagen_ d. 7. Juli 1832.

    _Mein geliebter Tieck!_

Nie habe ich stärker die Macht einer übeln Gewohnheit empfunden, als
wenn ich an dich denke, und dann wieder denke: aber warum in aller Welt
(oder in Teufels Namen) -- (oder um Gottes Willen) -- schreibst du
nicht dem edeln Freunde, an den du so oft _denkst_, und jedesmal
wenn du etwas gedichtet hast bei dir wünschest, um seine Meinung zu
hören und vielleicht die große Lust seines Beifalls zu gewinnen?

Leider, mein theurer Bruder! hast du den selben Fehler. Man sagt sonst
„~les beaux esprits se rencontrent~,“ aber auf die Art könnten
wir uns nicht leicht ~rencontriren~. Ich schrieb dir einen langen
Brief im vorigen Sommer. Du antwortetest nicht darauf -- aber glaube ja
nicht daß ich deshalb schwieg. Du hattest mir in Dresden gar zu viele
und rührende Beweise deiner Freundschaft gegeben -- es wäre schlecht
von mir gewesen deshalb Verdacht gegen deine freundliche Gesinnung
zu schöpfen. Aber da muß ich doch zu meiner Entschuldigung sagen: da
war noch ein andrer Grund, warum ich lange schwieg. Es ist so betrübt
seinen Freunden etwas Unangenehmes mitzutheilen, und es begegnete mir,
nach meiner Zurückkunft, viel Unangenehmes. _Lottchen_ hatte sich
nehmlich mit einem Schauspieler bei dem hiesigen Theater heimlich
versprochen, und obschon ich keine von den dummen Vorurtheilen gegen
den Schauspielerstand theile, so war doch das ein Schwiegersohn, den
ich auf keine Weise anerkennen wollte, denn obschon nichts Schlechtes
von ihm zu sagen ist, so ist er sehr leichtsinnig und wird nie im
Stande seyn, Lottchen eine sorgenfreie Existenz zu verschaffen. Das hat
sie nun zuletzt eingesehen, und sie hat sich wieder von ihm getrennt.

Diese Verstimmung mag einigermaßen zu meiner Entschuldigung dienen,
daß ich dir so lange nichts geschrieben habe. Auch könnte ich eine
Menge Philisterursachen anführen, das _Rectorat_ hat mir viel Zeit
gekostet, ich mußte zwei lateinische Reden theils verfertigen, theils
verfertigen _lassen_. In der letzten Rede sprach ich eine ganze
Viertelstunde davon, wie dumm es ist lateinisch zu reden. Ich hoffe wir
werden jetzt bei unserer Universität auch dänische Reden in der Zukunft
halten. Ich sprach auch viel von _Goethe_!

Ihn haben wir denn auch verloren! --

Wie schön war es, lieber Tieck! daß du eben noch vor seinem Tode in
deiner schönen Novelle sein unsterbliches Verdienst als lyrischer
Sänger mit so vielem Geiste und Tiefe darstelltest. --

Wir zwei sahen uns wieder und versöhnten uns noch vor seinem Tode. Das
war auch schön! O lasse uns dieses herrliche Verhältniß pflegen und
hegen; uns einander öfter schreiben; wenigstens zwei mal im Jahre.

Aber kommst du nicht einmal nach Dänemark? O komme, komm! Du sollst bei
mir wohnen und bleiben so lange du Lust hast, und ich werde es als ein
außerordentliches Glück betrachten.

Um doch recht viel mit dir zu leben, habe ich seit meiner Zurückkunft
sehr vieles von dir wieder gelesen, die Novellen (den Aufruhr in den
Cevennen mußt du absolut fertig machen). Auch Octavian und mehrere von
den alten Sachen.

Ich habe auch Vorlesungen gehalten und mehrere ästhetische Abhandlungen
ausgearbeitet. Im künftigen Herbst gebe ich eine dänische Monatsschrift
„_Prometheus_“ heraus, die Aesthetik, Kritik und Poesie enthalten
wird.

Ich habe ein kleines romantisches Schauspiel in gereimten Versen
_Rübezahl_ geschrieben -- es wurde gespielt, aber -- das war
„Caviar für den großen Haufen,“ es gefiel nur den Poetischen,
Gebildeten.

Mein Singspiel „_das Bild und die Büste_“ (in der deutschen
Sammlung übersetzt,) ist von einem jungen geistreichen Musiker
„_Berggreen_“ sehr gut componirt, und hat auch gefallen. Was sagst
du dazu dieses Stück mit Berggreens Musik in Dresden aufführen zu
lassen?

Hast du daran gedacht einige von meinen Stücken in Dresden sonst
aufzuführen? Robinson in England? Erich und Abel?

Ich wünsche sehr einige gute Nachrichten von deiner Gesundheit zu
hören. Und wie befindet sich deine gute Frau und deine lieben Töchter,
und die treffliche Gräfin Finkenstein? -- Zu Brockhaus’ Urania habe ich
eine Novelle geschrieben: „_der bleiche Ritter_.“ Sage mir deine
aufrichtige Meinung darüber, wenn du sie gelesen hast. Ich freue mich
dazu wieder eine Novelle von dir in Urania zu finden.

„~Quid novi ex Africa~“ kann ich sonst fragen; denn das poetische
Deutschland fängt jetzt so ziemlich an eine africanische Sandwüste zu
werden. -- Aber so ist es überall -- und so war es zu Theil überall.
Der Fluß des Lebens fließt über Sand, und der Sand enthält immer nur
wenige Diamanten. Lebe wohl!

    Dein treuer Bruder

    _A. Oehlenschläger_.


                                  II.

    _Coppenhagen_ d. 4 Mai 1834.

    _Liebster Tieck!_

Der junge Müller, ein talentvoller Maler, der gewiß etwas Gutes
in seiner Kunst leisten wird, bittet mich ihm einen Brief an Dich
mitzugeben. Eigentlich sollte ich Dir nicht mehr schreiben, denn zwei
(?) lange Briefe habe ich Dir geschrieben, und Du hast mir keine Zeile
geantwortet. Doch -- ich weiß daß Du mir treu bist und bleibst, und das
ist ja die Hauptsache. Vielleicht waren meine Briefe auch damals zu
traurig, was meine Familie betraf, und du wußtest mir keinen rechten
Trost zu geben. Jetzt geht alles Gott Lob recht gut. Der junge Müller,
ein Sohn meines Hauswirthes, des Bischoffs wird dir alles erzählen
können.

Ich bin seit wir uns sahen ziemlich fleißig gewesen. Jetzt werde
ich wieder etwas Deutsches schreiben. Ich werde meine Tragödien
„Tordenskiold,“ „die Königinn Margareta“ und „die italienischen Räuber“
übertragen. Lese sie, wenn sie herausgekommen sind und sage mir Deine
aufrichtige Meinung! Ich habe mit großem Vergnügen Deine Sommerreise
gelesen. Adieu, bester Freund! Grüße Deine liebenswürdige Familie und
die edle Gräfin Finkenstein vielmals von Deinem treuen Freunde

    _A. Oehlenschläger_.


                                 III.

    _Kopenhagen_ d. 20 Septbr. 1837.

    _Liebster Tieck!_

Ich bitte dich die Güte zu haben meine Tragödie „_Sokrates_,“
welche dir ~Dr.~ Hammerich von mir brachte, meinem Freunde Dahl
wieder zu geben; er wird mir das Manuscript nach Kopenhagen schicken.

Ich habe mehre Sachen von mir deutsch übertragen, und will nun sehen
einen Verleger für das Ganze zu finden. Einzelne Sachen können in
diesem Gewimmel von Büchern, die heraus kommen, sich gar nicht
bemerklich machen.

Ich danke dir, daß du in deinen Schriften gelegentlich mit Liebe von
mir gesprochen hast. Ich will das als Antwort auf meine Briefe an dich
betrachten. Ich bin auch ein fauler Briefschreiber, doch du übertriffst
mich hierin wie in vielen andern Eigenschaften. -- Ich hoffe immer dich
wieder zu besuchen. Willst du nicht eine kleine Tour nach Kopenhagen
machen? Du sollst bei mir wohnen und es so gut wie ich haben.

Lebe wohl, alter Freund!

    Dein treuer

    _A. Oehlenschläger_.


                                  IV.

    _Kopenhagen_ d. 7 Nov 1843.

    _Mein alter Freund!_

Ein junger Gelehrter, ~Cand. Theol.~ Brasch, der eine Reise
macht, wünscht deine persönliche Bekanntschaft zu machen, und bittet
mich einige Zeilen zu dir mit zu geben. Dieses habe ich dem jungen
hoffnungsvollen Manne, der mehrere Jahre beim Finanzminister Moltke
Hauslehrer war, nicht abschlagen wollen; und ergreife zugleich diese
Gelegenheit meine Erinnerung in deinem freundlichen Gedächtnisse ein
wenig aufzufrischen. Es freut mich zu hören daß du den Einfluß und die
Liebe deines Königs erworben, die du verdienst. Ich höre, Ihr spielt
jetzt in Berlin Stücke im Geschmack der Alt-Griechen und Alt-Engländer
-- das ist hübsch von Euch. -- Vielleicht kommt die Reihe auch an
einen armen Mitlebenden. Schiller sagt: „Wir wir leben, unsre sind die
Stunden“ -- das ist aber nicht immer wahr. Mitunter kommen erst die
Stunden, wenn die letzte Stunde der Lebensuhr geschlagen hat.

Ich habe neulich eine Tragödie gemacht „Dina,“ die in Kopenhagen viel
Glück machte. Ich werde ein Exemplar meiner deutschen Uebersetzung
nach Berlin und eins nach Wien schicken. Bei dieser Gelegenheit hoffe
ich auf deinen Einfluß, wenn das Stück das Glück haben sollte deinen
Beifall zu gewinnen.

Gott segne Dich!

    Dein
    treuer Freund

    _A. Oehlenschläger_.



=Paalzow, Henriette,= geb. Wach.


    Geb. zu Berlin 1788, gestorben daselbst am 30. Oktob. 1847.

    Godwie Castle, 3 Bde. (1836.) -- Saint-Roche, 3 Bde. (1839.)
    -- Thomas Thyrnau, 3 Bde. (1843.) -- Jakob van der Nees, 3
    Bde. (1847.) -- Daß es hauptsächlich der vielbelobte „blühende
    Styl“ gewesen, welcher diesem weiblichen Autor so rasch die
    schwärmerische Vorliebe jugendlicher Leserinnen erwarb, wird
    Niemand befremden, der Periodenbau wie nachstehenden zu würdigenden
    weiß: „Wenn sie in jungfräulicher Einsamkeit _ihn_ aus der
    Tiefe ihres Herzens heraufbeschwor, so öffneten sich die Pforten
    desselben von seliger Fülle gesprengt, und ihr ganzes Wesen blieb
    lauschend stehen, und horchte der Wunder, die einen magischen Kreis
    sanft betäubend um sie her zogen!“


                                  I.

    Den 14. November 1841.

Sie sind nun hier, und Ihr Königlicher Freund verreist! Sie glauben
nicht was mir da Alles einfällt!

Gestern Abend war mein hübsches grünes Wohnzimmer so schön beleuchtet,
es war mir als hätte es was vor, wollte mir was erzählen -- ich horchte:

„Bin ich denn nicht hübsch genug um ihn aufzunehmen? Soll ich denn
nicht aus seinem Munde hören, wie er den großen Meister, dem er
huldigt, zu Ehren hilft mit dem Zauber seiner Rede? Wie würde es ihn so
gut kleiden, wenn er hier in dem bequemen Lehnstuhl säße -- vor sich
das Tischchen mit den Lichtern -- die Geister die er herauf beschwört,
sie hätten hier Raum und die Besten die Du kennst, die müßtest Du
sammeln!“

Denken Sie einmal, wie mich solche Phantasien treiben müssen! ich
erzähle es Ihnen und hoffe auf Ihr liebes versöhnliches Lächeln!

Die nächste Woche ist so lang -- aber die letzte -- den 28: erwartet
man den zurück, der dann die königliche Hand unerwartet nach Ihnen
ausstrecken kann!

Jeder Tag also in dieser, den Sie wählen könnten -- und dann! soll das
ein Fest werden!

Ihnen wir Beide recht wahrhaft ergeben

    _Henriette Paalzow_
    geb. Wach.


                                  II.

    Den 28. Novbr. 1843.

    _Hochverehrter Herr und Meister!_

Wenn das beifolgende Blatt Sie etwas ungeduldig macht, so denken Sie
nur, daß ich dies fürchtend lange anstand es Ihnen zu senden.

Nun ich es heute doch thue, habe ich mir allerlei Gründe ausgedacht,
warum ich es thun dürfte, und Sie in gewohnter Weise still halten
müßten.

Und vielleicht ist es doch nur ein Grund -- einer aber für Alle --
„daß Sie da sind! Daß wir Sie haben!“ -- Und daraus entsteht dann
_mein_ Grund: ich möchte gern, daß Sie mein Gewissen würden -- daß
Sie Ihr Auge auf mich richteten und theilnehmend zusähen, wie ich mich
aus innerer unbezwinglicher Nothwendigkeit gestalte -- ich habe ein
Gefühl, als müßte mir das Seegen bringen!

Lassen Sie gütigst sagen, ob man Sie schon besuchen darf, und wie es
mit dem Befinden der Frau Gräfin geht!

Voll inniger Verehrung Ihnen ergeben!

    _Henriette Paalzow_
    geb. Wach.



=Pauli, L.=


    Herr P. war ein vorzügliches Mitglied des Dresdener Hoftheaters,
    und besonders als Intriguant in bürgerlichem Schauspiel
    ausgezeichnet. Sein Wurm in „Kabale und Liebe“ durfte
    _vollkommen_ genannt werden. Ob für hochtragische Charaktere
    ihm die erhebende Kraft einwohnte, wagen wir nicht zu entscheiden.
    Jedenfalls ist diese seine Sturm- und Drang-Petition geeignet, ihm
    Achtung zu erwerben, und wir bedauern, nicht berichten zu können,
    welchen Erfolg sie gehabt.


    V. H., den 25. July 1831.

    _Wohlgeborner
    Hochzuverehrender Herr Hofrath!_

Wenn es nicht ganz gegen Ihren Willen ist, daß ich auf der hiesigen
oder Leipziger Bühne einen Versuch mit der Darstellung Richard
III. mache, so bitte ich noch einmal dringend, halten Sie es der
Mühe werth, mit mir über den Charakter dieses Meisterwerks, so wie über
die scenische Einrichtung des ganzen Stücks berathend zu sprechen. Es
wird mir nicht leicht, den Gedanken an die Möglichkeit des Gelingens
aufzugeben und hierzu trägt die Ueberzeugung bei, daß viele von den
Darstellern dieser Rolle bei andern Bühnen nicht mehr geistiges und
physisches Vermögen besitzen, als ich und doch Ruhm und Ehre erworben
haben. Ich muß mich vor diesen schämen, da ich nicht vollwichtige
Gründe aufstellen kann, die mich zwangen, die Darstellung unversucht
zu lassen. Haben Sie die Güte, Hochverehrter Herr, und kräftigen Sie
entweder meinen Vorsatz, diese Rolle zu meinem ernstesten Studium zu
machen, oder bestimmen Sie mich, nicht mehr daran zu denken.

Sie würden nicht so wiederholt durch meine Bitten belästigt werden,
wenn mir seit November vor. Jahres auch nur die geringste Gelegenheit
gegeben wäre, auf der hies. Bühne etwas zu leisten, was mein Daseyn
bezeugte. Es ist eine Schande, welches unthätige Leben ich führe. Ich
bin das nicht gewohnt. In der Arbeit lebe ich nur; darum helfen Sie,
daß ich mir selbst welche schaffe, da Eine Allerhöchst verordnete
General-Direction von meiner Existenz als Mitglied des hies. Theaters
keine Notiz mehr zu nehmen scheint.

In Erwartung, daß Sie mir gütigst einen Tag und die Stunde angeben
werden, wo Sie, ohne dadurch belästigt zu werden, meiner Bitte
willfahren wollen, habe ich die Ehre, mich mit hochachtungsvoller
Verehrung zu nennen

    Ew. Wohlgeboren
    ganz ergebener

    _L. Pauli_.



=Pichler, Caroline von,= geb. Greiner.


    Geb. zu Wien am 7. Sept. 1769, gestorben daselbst am 9. Juli 1843.
    Fruchtbare und vielgelesene Schriftstellerin.

    Gleichnisse (1800). -- Idyllen (1803). -- Lenore, 2 Bde. (1804). --
    Ruth (1805). -- Olivier (1812). -- Agathokles. -- Die Nebenbuhler,
    2 Bde. (1821). -- Die Belagerung Wiens, 3 Bde. (1824). -- Die
    Schweden vor Prag (1827). -- Die Wiedereroberung von Ofen, 2 Bde.
    (1829). -- Friedrich der Streitbare, 4 Bde. (1831). -- Zeitbilder,
    2 Bde. (1840). -- Sämmtliche Werke, 60 Bde. (1820 bis 1845).

    Es erscheint bemerkenswerth, daß die beiden hier mitgetheilten
    Briefchen dieser Dame, obgleich zwei volle Jahre zwischen dem
    zweiten und ersten liegen, bis auf die Verschiedenheit des
    Ausdrucks, einen und denselben Inhalt haben. Man sieht, wie mächtig
    die von ihr geschilderte Wirkung gewesen sein muß, daß sie so
    unverändert blieb.


                                  I.

_Wien_, 10t. May 1828.

Sie gedenken meiner freundlich, und zuweilen bringt ein Reisender mir
ein Zeichen dieser Erinnerung. So auch Prf. Ranke im vorigen Herbst.
Gern hätte ich gleich geantwortet, aber ich ehre Ihre Muße zu sehr,
an welche ganz Deutschland hoffnungsvolle Ansprüche macht. Wenn aber
ein Freund durch Dresden geht, und Sie ohnedieß aufsucht, so gebe ich
ihm ein Blättchen mit, das mich in Ihr Gedächtniß ruft. Baron Maltiz,
ein junger Mann von seltnem Talent, und noch seltenerer gediegener
classischer Bildung bringt Ihnen dieß, und wird Ihnen mündlich mehr von
uns allen hier in Wien sagen.

Einen köstlichen Genuß hat mir Ihre Erzählung: _Der Gelehrte_
gewährt -- dieß Leben, diese Wahrheit, diese höhere Natur des guten
Professors, welche alle seine Pedanterie nicht verstecken kann, und
die es begreiflich macht, daß man sich in ihn verlieben kann! Nehmen
Sie meinen wärmsten Dank und mit ihm den Dank des Freundekreises, der
sich nebst mir daran erfreut. Was haben wir aber von dem _Aufruhr
in den Cevennen zu erwarten_? Wie Tantalus steht die lesende und
bewundernde Welt vor dem reichen Quell, der vor ihren Augen sich in die
Erde verliert, ohne zu wissen ob und wo er wieder hervorbrechen wird?
Vielleicht bringt Maltiz uns Hoffnungen, die Sie ihm geben.

Mit der ausgezeichnetsten Achtung

    Ihre

    _Pichler_.


                                  II.

    _Wien_, 21. Junius 1830.

Frau v. Schlegel, meine sehr theure Freundin, kommt nach Dresden,
sie wird Sie sehen, und ich kann es mir nicht versagen, Ihnen durch
sie ein Paar Zeilen zu senden. Sie sollen Ihnen sagen, wie sehr mich
jedesmahl Ihre gütige Erinnerung, Ihre freundliche Theilnahme erfreut
hat, wenn mir ein Gruß, eine ehrenvolle Meinung von Ihnen wurde, und
sie sollen Ihnen für so manche schöne Stunden danken, die Ihre neuesten
Arbeiten mir gewährt. Leider sind wir alle durch die Eine derselben
-- gerade die wichtigste (den Cevennenkrieg) tantalisirt werden --
und kaum wage ich zu hoffen, daß unsre Erwartungen je erfüllt werden!
Für eine kleine Erzählung aber, die ich schon oft und jedesmahl mit
neuem Antheil gelesen habe, nehmen Sie ganz besonders meinen Dank, für
_den Gelehrten_. -- Wenige Gedichte haben mich in so beschränkter
Form, bey so einfachem Gange, mit so natürlichen Verhältnissen und
Characteren, wobei Jeder glaubt, sie kennen und unter seinen Bekannten
nachweisen zu müssen -- so lebhaft und tief zugleich angesprochen. Mir
ist, ich wäre zu Hause unter diesen Menschen, und gar so erfreulich und
erhebend blickt durch die ängstliche pedantische Hülle des Professors
der höhere edle Geist durch, der in einer andern Entfaltung etwas recht
Glänzendes und Großes hätte werden können. -- Doch ich sage Ihnen
Dinge, die Sie selbst wissen, die Andre Ihnen hundertmahl gesagt haben;
Dinge die vielleicht auch nur in meiner Ansicht liegen -- denn das
wird Ihnen wohl auch schon begegnet seyn, daß die Leser Ansichten und
Begriffe in Ihre Dichtungen hinein bringen, von denen Sie selbst nichts
wußten, die Sie nicht hineingelegt -- das ist wohl ein allgemeines Loos.

Leben Sie nun recht wohl, und empfangen Sie die Versicherung der
höchsten Achtung von

    Ihrer
    ergebensten

    _C. Pichler_.



=Prutz, Robert.=


    Geb. den 30. Mai 1816 zu Stettin, wo er jetzt wieder seinen
    bleibenden Aufenthalt genommen, nachdem er mehrere Jahre hindurch
    eine Professur in Halle bekleidet hatte.

    An wissenschaftlichen Werken lieferte er u. A.: Der Göttinger
    Dichterbund (1841). -- Geschichte des deutschen Journalismus, 2
    Bde. (1845). -- Vorlesungen über die Geschichte des deutschen
    Theaters (1847.) -- Litterarhistorisches Taschenbuch, 6 Bde.
    (1843-48). -- Die deutsche Litteratur der Gegenwart, 2 Bde. (1860).

    Seine „Gedichte“ erschienen zuerst 1841. -- Dann: Neue Gedichte
    (1843). -- Aus der Heimath (1858).

    Von dramatischen Werken sind zu nennen: Nach Leiden Lust, Lustsp.
    -- Karl von Bourbon. -- Moriz von Sachsen. -- Erich XIV.,
    Trauerspiele.

    Von Romanen: Das Engelchen, 3 Bde. (1851). -- Felix, 2 Bde. (1851).
    -- Der Musikantenthurm, 3 Bde. (1855) u. a. m.

    Die von ihm gestiftete und redigirte Zeitschrift „Museum“ bewahrt
    dauernd ihre bedeutende Geltung.


                                  I.

    _Berlin_, 21ten Mai (ohne Jahreszahl).

Mit dem unbedingten Vertrauen, welches der Name eines so hochgefeierten
Mannes in jeder jugendlichen Brust erregt, zugleich mit der Offenheit,
die wol das beste Zeugniß eines bewegten und ernsten Gemüthes ist,
wendet sich an Sie, hochgeehrtester Herr! ein junger Mann, der von
Ihrem Urtheil, Ihrem Rathe sein fernerweitiges Leben abhängig machen
will. Welcher Art dies Gesuch ist, werden Ihnen die eingelegten Papiere
andeuten, und schon tadeln Sie vielleicht die Zudringlichkeit dieser
halbreifen Poeten, die Sie mit ihren Verseleien verfolgen; -- dennoch
erlauben Sie mir, Ihnen Ausführlicheres mitzutheilen. --

Unter eigenthümlich aufregenden Verhältnissen erzogen, und von der
Natur mit einer mindestens lebhaften Seele begabt, ward es mir
sehr früh zum Bedürfniß, dies rastlose innere Treiben in oft sehr
unvollkommener poetischer Form zu äußern. So bin ich -- zum Dichter
freilich nicht; denn dies eben ist es, was mich beunruhigt, und was
ich so gern wissen möchte! -- zum Versemacher geworden, ohne selbst
recht zu wissen, wie; von älteren Freunden aufgemuntert, überließ ich
mich gern diesem unverstandenen Drange, dessen Befriedigung mir ein
so süßes Spiel war. Jetzt aber, da jene Jugendzeit entschwunden ist
und ich mich ganz einer ernsten und ein Menschenleben in Anspruch
nehmenden Wissenschaft (dem Studium der Sprachen) seit Längerem
gewidmet habe; -- jetzt erregt mir dies Spiel mancherlei Zweifel
und Bangigkeit. Es will ja Alles heut zu Tage dichten, Alles will
mit immensen Talenten, mit großen Hoffnungen prunken -- und bei den
Meisten ist es nur ein Spielwerk. Bin nun auch ich nicht zu Ernsterem
fähig (denn der Trieb zum Dichten ist nicht immer Beruf dazu!) so
ist es jetzt Zeit, dem Spiele zu entsagen, gewaltsam jenen Trieb zu
unterdrücken und mich mit ungetheilter Kraft dem ernsten Studium zu
weihen. Darum thut eine Entscheidung in dieser fraglichen Sache so
noth; aber nur der Dichter kann über Dichtertalent und Dichterwerke
urtheilen, und darum, geehrtester Herr! wende ich mich an Sie! --
In der inneren Befangenheit, da ich jetzt bin, da jener Verse und
Gedichte, alle die poetischen Bilder und Gedanken wie ein Ballast auf
meiner Seele ruhen, kann ich mich nicht anders davon befreien, als
indem ich durch Herausgabe meiner Lieder mich des alten Wustes ganz
entäußere, und Raum gewinne in meinem Herzen zu neuen, vielleicht ganz
anderen Eindrücken. Aber ich möchte durch mein Buch nicht gern die
lange Reihe elender Machwerke vermehren; darum, bitte ich, lesen Sie
gütigst die beigefügten Bruchstücke meiner Gedichte: freilich sind es
eben nur Einzelheiten, Bruchstücke; allein sie werden Ihnen genügen,
daraus zu erkennen, weß Geistes Kind der sein mag, der diese Gedichte
empfand und schrieb. Ihrem Urtheile will ich mich gern fügen; denn
gewiß werden Sie ebenso richtig urtheilen, als Ihr Urtheil, welcher Art
es sein mag, unumwunden aussprechen. Vielleicht, wenn meine Versuche
nichts Eigenthümliches beurkunden, wird es mir schwer fallen, alle
ferneren Ergüsse meiner Seele zu hemmen; das Eine aber gelobe ich
Ihnen feierlichst, daß ich nie gegen Ihren Rath an Veröffentlichung
meiner Machwerke denken werde. Verdienten sie jedoch, dem Publikum
übergeben zu werden, so würde ich ihnen einen wohlberufenen Verleger
zu verschaffen suchen; denn auch hierin bin ich ängstlich. Mit
großem Rechte giebt man bei der heutigen Büchersündfluth fast mehr
auf den Namen des Verlegers, als auf die Titel des Verfassers. Dann,
geehrtester Herr! würde ich zu so vielen Bitten noch ein neues
Gesuch hinzufügen: erlauben Sie mir, Ihnen, dem gefeierten und
von mir geliebtesten Dichter, dem Einzigen unter den Mitlebenden,
dessen Namen noch an jene für ewig hingeschwundene glänzendere Zeit
unserer Literatur erinnert -- Ihnen, dem Manne, der sich auch meiner
freundlich annehmen wird, als ein öffentliches, wenn auch vielleicht
nur allzuvergängliches Denkmal unvergänglicher Achtung und Liebe jenes
Bändchen Gedichte zu widmen. -- Doch freilich sind das Träume, deren
Verwirklichung sehr fraglich, denen sich hinzugeben, sehr gefährlich
ist. --

Indem ich jetzt diesen Brief wieder durchlese, tritt es mir recht
lebhaft vor die Seele, wie sehr Sie erstaunen mögen über dies
zudringliche, vielleicht langweilige Geschwätz; ja, Sie mögen unwillig
werden, wenn ich Ihnen eine recht -- recht baldige Beantwortung meines
Briefes mit gehorsamster Bitte recht dringend an’s Herz lege; aber
sehen Sie -- darum bitte ich: -- in allen diesen Außergewöhnlichkeiten,
sogar in diesen Verstößen gegen Sitte und Bescheidenheit nur Merkmale
der unbegrenzten Hochachtung, Verehrung und Liebe, mit welcher ich
Ihrer gütigen Theilnahme mich empfehle.

    _R. E. Prutz_.


                                  II.

    _Dresden_, d. 13. Aug. 34.

Auf einem kleinen Ausfluge in’s sächsische und böhmische Gebirge
auch Ihr liebliches Dresden berührend, war mein erster Gang in Ihre
Behausung; denn obwohl Sie, verehrtester Herr! mich auf mein freilich
sehr andringliches und seltsames Ansuchen noch mit keiner Antwort
erfreut hatten, hoffte ich dennoch, Ihr freundliches Wohlwollen werde
mir die Gunst längst ersehnter persönlicher Nähe nicht versagen.
Leider will der Zufall, daß ich Sie hier nicht finde, und meine Zeit
gestattet mir keinen längeren Aufenthalt: sehr schnell und sehr ungern
muß ich diesem kleinen Paradies mein Lebenwohl! sagen. Dennoch kann ich
nicht umhin, mich mindestens schriftlich neuerdings Ihrer Theilnahme,
Ihrer freundlichen Geneigtheit zu empfehlen: wohl mögen Sie den Kopf
schütteln, und ich erröthe ja auch selbst über dies ungeschickte und
Ihnen wol gar verhaßte Ansuchen; aber gar zu lieblich hatte ich’s
mir geträumt, die alten Zeiten neu zu machen, und wie jene wackern
mittelalterlichen Sänger von dem Meister und wo möglich vor dem Meister
selbst zu lernen. Jene Zeiten sind dahin, und wie so unsäglich vieles
Schöne auch dies mit ihnen; aber ich weiß nicht, welche Stimme mir
zuflüstert, daß sie für mich noch wiederkehren, daß Sie, Geehrtester!
meinem herzlichen Gesuche um Rath, Theilnahme und Belehrung sich nicht
entziehen werden. Und so hoffe ich denn bald, _recht bald_ (denn
Sie mögen denken, wie froh und zaghaft ich seit Monaten harre!) einige
Zeilen von Ihnen zu empfangen. In dieser freundlichen Hoffnung und mit
der wiederholten Bitte, meinem Anliegen nicht ganz abhold zu sein,
empfehle ich mich Ihrer gütigen Theilnahme

    ergebenst

    _R. E. Prutz_.


                                 III.

    _Halle_, 13. April 1840.

    _Hochwohlgeborner Herr,
    Hochgeehrtester Herr Hofrath!_

Nicht ohne einige Besorgniß, durch die lange Benutzung der beifolgenden
Bücher die außerordentliche Güte, mit welcher Sie mir dieselben
verstattet, gemißbraucht zu haben, sende ich endlich diese Bücher,
nämlich:

    Oehlenschlägers Holberg, 4 Bde.
    Holbergs Schr. v. Rahbek, 6 Bde.
    Gherardi’s ~Theâtre Italien~, 6 Bde.

mit meinem ebenso aufrichtigen, als ergebenen Danke sowohl für das
unschätzbare Vertrauen, welches Sie mir theilnehmend bewiesen, als für
die mannigfache Belehrung und Förderung, die mir aus diesen Büchern
erwachsen ist, zurück.

Erlauben Sie mir, Hochgeehrtester Herr Hofrath, diesem Danke zugleich
die aufrichtigsten und innigsten Wünsche für Ihr uns Allen so werthes
Wohlergehen, sowie die Versicherung der dankbarsten Ergebenheit
beizufügen, mit welcher ich mich empfehle als

    Ew. Hochwohlgeboren
    ergebenster

    ~Dr.~ _R. E. Prutz_.



=Quandt, Johann Gottlieb von.=


    Geb. den 9. April 1787 zu Leipzig.

    Als Kunstkenner und kunsthistorischer Schriftsteller hochgeachtet.
    -- Streifereien im Gebiete der Kunst, 3 Th. (1819.) -- Entwurf zu
    einer Geschichte der Kupferstechkunst (1826.) -- Vorträge über
    Aesthetik für bildende Künstler (1844.) -- Leitfaden zur Geschichte
    der Kunst (1852.) -- u. a. m.


                                  I.

    _Leipzig_, 12ten Okt. 1829.

    _Verehrter Herr Hofrath_.

Hätte nicht schon die innigste Verehrung und Freundschaft mich zu Ihnen
hingezogen, so würde die Pflicht der Dankbarkeit es von mir unerläßlich
gefordert haben, nach meiner Rückkehr von Teplitz Sie zu besuchen. Auch
befand ich mich bereits an Ihrer Thür, erfuhr aber, daß Sie ausgegangen
waren. Bis ich von Leipzig zurückkomme, kann ich es nicht verzögern
Ihnen zu sagen, welche große, fast an Beschämung grenzende Freude, Sie
mir durch Zueignung des dritten Bandes Ihrer Werke verursacht haben.

Kann wohl etwas wünschenswerther seyn, als daß wir nicht, wie ein
Schiff auf dem Meere, hinter welchem die Wellen zusammenschlagen
und die Furche des Kiels verwischen, spurlos vorübergehn? -- Durch
dieses öffentliche Zeugniß Ihres Wohlwollens haben Sie die Mitwelt mir
befreundet und mein Andenken für die Nachwelt aufbewahrt und mich ohne
Mühe und Verdienst, zum berühmten Manne gemacht; also für mich gethan,
was ich nicht zu erreichen vermocht hätte.

Dies und noch vieles habe ich Ihnen zu sagen und zu danken. So auch die
Abschrift des Prologs zum Faust und die Aufführung des Fausts selbst.
Doch hievon mündlich ein Mehreres und für jetzt nur so viel; daß der
Prolog als ein Wort zur rechten Zeit und am rechten Orte, nicht nur
auf die große und schwerfällige Masse des Volks die rechte Wirkung
belehrend hervorbrachte, sondern auch dem mit Göthe vertrauten und
begeisterten Verehrer ward das Innigste und Tiefste dieses gewaltigen
Dichters, mit seiner kräftigen und sonnigen äußern Erscheinung, in
einer umfassenden Anschauung, vor die Seele geführt. Als ich die Rede
vernahm, war mir zumuthe, wie es einem großen plastischen Künstler seyn
muß, denn in mir gestaltete sich Göthes Bild zu einer colosalen Statue.

Bey einigen Mängeln im Einzelnen, war die Aufführung doch sehr
gelungen, denn die Hand, welche alle Figuren lenkte und führte, hielt
das Ganze kräftig zusammen und hielt es empor. Sowohl die Folgsamkeit
mehrerer Talente als auch der Zuschauer, muß Sie sehr erfreut und für
große Anstrengungen belohnt haben. Nur der Teufel[3] schien Ihnen nicht
gefolgt zu haben und trug seinen Pferdefuß zu sehr zur Schau und obwohl
dieser Geist mich bisweilen störte, so ergriff mich doch das Ganze
allmächtig und eine solche Wirkung von der Bühne habe ich fast noch nie
erfahren.

Immer hat sonst der Faust beym Lesen eine tiefe Schwermuth
zurückgelassen; so war es aber nicht, nachdem ich die Darstellung
gesehn hatte.

Der Mensch ringt und quält sich nur so lange, als ihm noch
eine Hoffnung bleibt und fügt sich klaglos, ernst und fest der
Nothwendigkeit. Nun wurde mir es bey der Darstellung recht klar, daß
Gretchen in Fausts Armen unabänderlich zermalmt, daß sie in diesem
Riesenkampfe eines Geistes, wie Faust ringt, untergehen muß und darum
trat auch die Fassung über ihr Schicksal ein. Auch ist es, als wenn
durch die ungeheuren Leiden, Liebe, Reue, Wahnsinn, in der letzten
Scene alle Schuld abgebüßt und durch den letzten Schmerzensschrey:
Heinrich! Heinrich! die Seele alle Qualen ausstieße, und sich von ihnen
und dem Leben befreyt und gerettet losrisse, wodurch eine Versöhnung
eintritt, die allen Schmerz hinter sich liegen und keinen übrig läßt.

Der Faust selbst aber führt eine solche Kraft in und mit sich, daß
diese auf den Zuschauer überströmt und ihn aufrecht erhält.

Ueber alles dieses bedarf ich von Ihnen Aufklärung und Belehrung und
freue mich Sie recht bald zu sprechen. Empfehlen Sie mich unterdeß der
Frau Gräfin und Ihrer verehrungswürdigen Familie, der ich mit größter
Hochachtung und Dankbarkeit verbleibe

    Ew. Wohlgeboren

    ganz ergebenster Diener

    _Quandt_.

Mein guter Wagner, der eben bey mir war und Ihrer mit wahrer Verehrung
gedenkt, läßt sich Ihnen freundschaftlich empfehlen.


                                  II.

    _Dresden_, 10ten April 1843.

Da nur die Briefe, welche eine Antwort erfordern, Ihnen unwillkommen
sind, so darf sich dieser wohl einer gütigen Aufnahme erfreun, weil ich
damit nichts weiter will, als daß Sie, verehrter Herr Geheimer Rath,
nur einen Augenblick an mich denken mögen. Auch verlange ich nicht,
daß Sie das beifolgende Buch lesen. Ich halte als ein eingerosteter
Legitimer so sehr auf alte, gute Gebräuche, daß ich Ihnen dieses Buch
aus verjährter Gewohnheit übersende, ohne mir einzubilden, meine
Schriften könnten Ihnen eine Unterhaltung gewähren. Es ist mir die
größte Freude, als Zeichen und Tribut wahrster Verehrung Ihnen zu
überreichen, was ich in den einsamen Winterabenden gesponnen habe.
Die Recensenten, welche es nun auf die Bleiche bringen und mit Wasser
begießen, werden nicht fein damit umgehn, zumal mit Stellen, wie die
Vorrede und ~pag.~ 36-41, 89-93 und 290-291. Wer dem Volke nicht
schmeichelt, ist jetzt der wahre Freimüthige.

Da jedermann an Ihnen den lebhaftesten Antheil nimmt, so bin ich über
Alles unterrichtet und habe mich über das Gute und besonders die
Wiederherstellung Ihrer Gesundheit herzlich erfreut.

Mein Leben geht in seiner, ich möchte sagen, bunten Einförmigkeit, halb
auf dem Lande, halb in der Stadt, so fort, wie Sie es kennen. Bei der
Academie und den Museen hat sich nichts verschlimmert. Ich wüßte Ihnen
also nichts Neues zu erzählen.

Meine Frau und ich empfehlen uns der Gräfin von Finkenstein bestens
und insbesondere wünscht meine Frau Ihrem Andenken freundschaftlichst
empfohlen zu seyn, so wie ich mit größter Verehrung verharre

    Ihr
    allerergebenster Diener

    _v. Quandt_.



=Rahbek, Knud Lyne.=


    Geb. zu Kopenhagen am 18. December 1760, gest. im Jahre 1830.

    Ein fruchtbarer Schriftsteller, der vielerlei litterarische,
    dramatische und andere poetische Werke herausgab -- z. B.
    ~Poetiske Forsoeg~ (Versuche), 2 Bde. (1794-1802) -- obwohl
    ihn seine Landsleute nicht zu Dänemarks _ersten_ Dichtern
    zählen.

    Er docirte in verschiedenen Epochen von 1798 bis 1825 Aesthetik und
    Geschichte, als Professor an der Kopenhagener Universität und am
    Christians-Institut. Dazwischen durchreiste er mehrfach Deutschland
    und Frankreich, mit besonderer Berücksichtigung litterarischer
    und theatralischer Zustände, sammelte vielseitige Erfahrungen,
    und wurde nach seiner Heimkehr Mitglied der Theater-Commission,
    so wie auch Vorstand einer durch ihn ins Leben gerufenen, von der
    Regierung gegründeten Theaterschule, die er zehn Jahre hindurch
    geleitet hat.


    _Hamburg_, am 2ten Jan. 1823.

Ich ergreife die Gelegenheit, da mein Freund und Collega, der Herr
Prof. Bang -- Freund und Verwandter unseres Freundes Steffens --
nach Dresden geht, um eine alte Schuld abzutragen, und Ihnen meinen
innigen Dank abzustatten, für die liberale Herzlichkeit, womit Sie
sich von Zeit zu Zeit so vieler meiner theuren hingeschiedenen
Zeitgenossen und Freunde annehmen, gegen die.. (_unlesbar_) des
jetzigen Zeitgeistes. Wahr ist es, wir mögen uns zu unserer Zeit
wohl ein Bischen übergeschätzt, wenigstens übergelobt (sagt man so,
_könnte_ man doch so sagen! würde mein Schwager Oehlenschläger
hinzufügen) haben; wie es denn nun wohl überhaupt eine etwas
überhöfliche Zeit war. Daß man aber in späteren Zeiten manchmal das
Kind mit dem Bade verschüttet, das haben Sie jetzt bei so mancher
Veranlassung, besonders in der Abendzeitung, so deutlich bewiesen,
daß mir, dem das Andenken seiner Hingeschiedenen über Alles werth
und theuer ist, das Herz dabei aufgegangen, und daß ich mich seit
Monaten mit dem Gedanken herumgetragen haben, Ihnen schriftlich Dank
auszusprechen im Namen meiner Schröder, Fleck, Iffland, Jünger und so
vieler der Meinigen; besonders da der freundliche Gruß, den Professor
Rosenvinge mir vor zwei Jahren von Ihnen brachte, mir die Freude
gewährt, daß Sie meiner mit Güte gedenken.

Ich werde Ihnen meinen Freund Bang nicht empfehlen, denn die
Empfehlung, die er in seinem gebildeten und feinen Geiste, in seinem
hellen Kopfe, in seinen mannigfaltigen Kenntnissen, und in seinem
liebenswerthen Charakter allenthalben mitbringt, macht ihm jede andere
Empfehlung überflüssig.

Eine andere Neuigkeit, die Sie als einen gerechten Schätzer unseres
trefflichen Holberg interessiren wird, kann ich mir nicht versagen
Ihnen zu melden: daß ich, durch eine Notiz in einem sehr gut gewählten,
in Copenhagen erschienenen Handbuch der deutschen poet. Litteratur
(von dem dasigen Professor F. C. Meyer) bewogen, Ihren alten Gryphius
durchgegangen bin, und mich -- gegen meine vorhergehegte Meinung --
überzeugt habe, daß Holberg nicht bloß manche Idee seines „Bramarbas,“
sondern auch die ~prima stamina~ mehrerer Stücke und Scenen dem
~Horribili scribifax~ verdanke. Ich habe in einem Aufsatze meines
Journales Hesperus diese Entdeckung dem dänischen Publiko mitgetheilt.
Wenn es Sie interessiren sollte diesen Aufsatz, so wie auch eine
eigene Schrift, die ich über Holberg im Geschmack der „~Etudes sur
Molière~“ geschrieben, zu kennen, bitte ich Sie es mir durch
meinen Freund B. wissen zu lassen, und ich werde die erste Gelegenheit
ergreifen, die sich darbietet sie zu übersenden.

Genehmigen Sie die Versicherung meiner innigsten Hochachtung, und
entschuldigen Sie wenn dieser Brief gar zu viele Spuren einer
undeutschen Feder an sich tragen sollte.

    Erkenntlichst und ergebenst

    _K. L. Rahbek_.



=Rake.=


    Professor an der Universität zu Breslau; ein schlichter,
    anspruchsloser Gelehrter, von dessen Leben und wissenschaftlichem
    Wirken wir nichts Näheres beizubringen vermögen. Sein Schreiben
    soll nur als historisches Dokument hier stehen, und findet sich
    noch eine Beziehung darauf in einem der Steffens’schen Briefe.


    _Breslau_, d. 13ten Februar 1816.

    _Wohlgeborner
    Hochgelehrter Herr Doctor,
    Hochzuehrender Herr!_

Ew. Wohlgeboren habe ich das Vergnügen bekannt zu machen, daß die
philosophische Facultät der Universität zu Breslau bey Gelegenheit der
Feier des Friedensfestes Ihnen die philosophische Doctor-Würde ertheilt
hat. Es ist mir eine sehr angenehme Pflicht, bey diesem ehrenvollen
Geschäfte das Organ der Facultät zu seyn. Indem ich Ew. Wohlgeboren
hiermit das Doctor-Diplom übersende, bitte ich Sie, dasselbe als einen
Beweis der Hochachtung anzusehen, welche die philosophische Facultät
einem Manne von so ausgezeichneten litterarischen Verdiensten mit dem
größten Vergnügen öffentlich zu erkennen giebt.

Genehmigen Sie die Versicherung der vollkommensten Hochachtung, mit
welcher ich die Ehre habe zu seyn

    Ew. Wohlgeboren
    ergebenster Diener

    _Rake_

    z. Z. Decan
    der philosophischen Facultät
    der Universität zu Breslau.



=Raßmann, Christian Friedrich.=


    Geb. den 3. Mai 1772, gestorben den 9. April 1831.

    Die von ihm verfaßten Schriften sind sehr zahlreich. Meistentheils
    sind es Sammelwerke verschiedenartigsten Inhaltes, die Umsicht,
    Kenntniß und gewissenhaften Fleiß an den Tag legen.

    Handwörterbuch verstorbener deutscher Dichter von 1137 bis 1824
    -- Kurzgefaßtes Lexikon deutscher pseudonymer Schriftsteller --
    Sonette der Deutschen -- Triolette -- Pantheon der Tonkünstler --
    und viele andere. -- Auch Mancherlei eigene Poesieen. --

    Er war gewissermaßen ein Vorläufer solcher hochverdienter Männer
    wie z. B. _Gödeke_; und wenn seine vielfach beschränkten und
    mangelhaften Bestrebungen auch nicht im Entferntesten hinanreichen
    an dessen immense Leistungen, so muß man ihm doch, seine Zeit und
    hauptsächlich seine gedrückten Verhältnisse im Auge, zugestehen,
    daß er tüchtig, redlich, unverdrossen gearbeitet hat, während er
    leider oft mit dem Hunger kämpfte. Er war der Sohn des gräflichen
    Stollberg’schen Bibliothekars in Wernigerode, wurde nach
    zurückgelegten Universitätsjahren Lehrer an der Marienschule zu
    Halberstadt, und gab diese, allerdings dürftige Stellung auf, um in
    seiner Vaterstadt von der _Schriftstellerei_ zu leben, -- die
    ihm dann, wie ach! so vielen ihrer Jünger, das Nöthigste versagte.
    Er kam aus Noth und Mangel nicht heraus. Uns sind Fälle bekannt,
    wo er ihm unentbehrliche schriftliche Zusendungen uneröffnet
    zurückgeben lassen mußte, weil er -- die paar Groschen Postgeld
    nicht aufzutreiben vermochte.

    Leidend und niedergebeugt wehrte er sich, so weit er konnte, durch
    rege Thätigkeit bis an’s Ende, und verfiel niemals -- wie so
    mancher seiner Mitbrüder -- auf das verächtliche Auskunftsmittel,
    seine Feder in Gift zu tauchen, damit Furcht, Eitelkeit oder
    Bosheit sie erkaufen möchten.

    Deshalb bleibe das Andenken des armen Mannes in Ehren!


Sestine.

    Wer säumt, die herbe Schlehe hinzugeben,
    Wird ihm die süße Traube dargeboten?
    So tauschen heißt fürwahr, ein Fest begehen. --
    Auch mir ist solch ein schönes Loos gefallen:
    Drum laß’ ich jetzt die Lust, die nektarreiche,
    Durch der Sestine Echopforten ziehen.

    Wohl manches Jahr sah ich vorüberziehen,
    Seit ich antiker Dichtung mich ergeben!
    Nur Hellas Rhythmus konnte mir gefallen,
    Der Mythen Sprache, ha! die bilderreiche;
    Mit Sprea’s Schwan, der mir den Gruß geboten,
    Mocht’ ich so gern im Tempel mich ergehen.

    Doch endlich sollte diese Nacht vergehen,
    Herauf ein helles Morgenroth mir ziehen,
    Vom Auge sollten mir die Schuppen fallen,
    Des argen Wahnes sollt’ ich mich begeben,
    Daß Poesie die höchste Stuf’ erreiche,
    Wenn Griechheit drin die Kräfte aufgeboten.

    Dich sah ich, Tieck, den leichtbeschwingten Boten
    Aus Südens Zone, der Romantik Reiche,
    Im blüthenvollen Frühlingswalde gehen:
    Da lag mir das _Antike_ schnell zerfallen!
    Mit Dir, mit Dir mußt’ ich den Wald durchziehen,
    Und Deines Liedes Zauber mich ergeben.

    O, könnt’ ich halb den Ton nur wiedergeben,
    Den Ton, geschaffen, tief ins Herz zu gehen,
    Den Du im „Octavianus“ ließest fallen!
    Der Märchenwelt, der herrisch Du geboten,
    O könnt’ ich meine Muse ihr erziehen,
    Aufschließen Wunder in dem Wunderreiche!

    Umsonst! ich bin nicht mehr der Jugendreiche,
    Dem Irrlicht hab’ ich meinen Lenz gegeben!
    Die Furche naht, die Stirn mir zu beziehen,
    Die Locke will zur Bleichung übergehen.
    Dir nachzujagen ist mir drum verboten;
    Mein Schloß der Phantasie steht fast verfallen.

    So oft des Lenzes Boten aber ziehen,
    Und Blüthen fallen, will zum Wald’ ich gehen,
    Und Deine reiche Dichtung neu mir geben.

    _Friedrich Raßmann_.



=Raumer, Karl v.=


    Geb. am 9. April 1783 zu Wörlitz; zur Zeit der bekannten
    Turnstreitigkeiten Professor in Breslau; seit 1827 an der
    Universität in Erlangen; gelehrter und berühmter Verfasser
    zahlreicher geognostischer und geographischer Werke; auch einer
    Geschichte der Pädagogik, 3 Bde. (2 Aufl. 1846-52.)

    Da wir leider keinen Brief seines Bruders _Friedrich_ mehr
    vorfanden, weil diesem vertrautesten Freunde Tiecks sämmtliche
    Blätter von seiner Handschrift geziert zu eigner Verwendung
    zurückgestellt wurden, so wären an und für sich diese beiden
    Schreiben des Herrn Prof. _Karl_ von Raumer schon höchst
    willkommen gewesen, damit solch’ hochgeachteter Name in der
    Sammlung nicht fehle. Doppelter Gewinn ist es nun, daß die
    Zuschrift von 1832 durch ihren tiefen Gehalt unschätzbaren Werth
    besitzt, und zu einem der anziehendsten Stücke im bunten Gemisch so
    verschiedenartiger Expektorationen wird.

    Für diejenigen, welche den Familienverhältnissen fremd blieben, sei
    noch erwähnt, daß Frau von Raumer, eine Tochter Reichardt’s, die
    Schwester der verstorbenen Johanna Steffens, und daß Ludwig Tiecks
    Gemahlin ihrer Mutter Schwester war.


                                  I.

    _Erlangen_ d. 26ten Obr. 1832.

Liebster T., was mußt Du und die gute Tante von mir denken, daß ich
schon mehrere Wochen zu Hause bin, ohne ein freundliches Wort über
Eure so überaus freundliche Aufnahme zu schreiben. Doch denke ich, Ihr
müßt mirs angemerkt haben, wie mir bei Euch so wohl war, da ich, nach
dem überaus unruhigen Leben in Berlin, wieder allmählig still wurde. --
Ja danke Dir, liebster T., daß Du mir so viel Zeit schenktest; mögen
wir auch über manches verschieden denken, ich fühlte doch, daß ich
mit Dir getrost und friedlich auch über die Differenzpunkte sprechen
könnte. Ja ich fühle eine Sehnsucht, den Gedankenstrich auszufüllen,
den wir am ernsten Schluß eines Abendgesprächs machten -- und welcher
Schluß ist denn wohl ganz geschlossen? welcher ist nicht der Prolog
eines spätern Stücks! -- Ich schreibe nun freilich so spät, weil ich
hier viele Geschäfte vorfand, weil eine vortreffliche Frau aus unserer
Bekanntschaft starb -- doch der wahre Grund ist, daß ich immer damit
umgieng, durch einen langen Brief jenen Gedankenstrich zu ersetzen,
dazu kam ich aber nicht und komme ich auch jetzt nicht.

Ich kenne Dich und Deine Werke nun schon seit 30 Jahren, und darf
sagen: ich kenne Dich nicht wie ein kühler Leser, sondern ich habe Dich
innig lieb gewonnen. Deine Dichtungen haben in mein Leben eingegriffen
und mich selbst auf die einsamsten Gebirgsreisen begleitet. Deine
Vorlesung des Alten vom Berge war recht geeignet Alles zur Sprache zu
bringen, was ich zu besprechen auf dem Herzen hatte: den Zauber der
Natur, die Gewalt der Sünde, den Scheideweg zur Verzweiflung oder zur
Gnade. Du hast so tief in den schauderhaften Abgrund des menschlichen
Daseyns geblickt.

    Wohl dem den tief die heilgen Schmerzen trafen,
    Die tief im Weltall schlafen.

Der Schmerz über das verlorene Paradies erweckt die Sehnsucht nach
dem neuen, nach dem Erlöser. -- Immer muß ich Dich wieder fragen,
warum müssen kraft _Deiner_ Prädestination so viele Kinder Deines
Geistes verloren gehn -- Tannhäuser, Ekbert, Walter, Christian, der
Alte vom Berge &c. Warum hast Du nicht -- Gott ähnlich -- _keinen_
Gefallen am Tode des Sünders, sondern willst daß er lebe? Ich kann
der Berufung auf die innere Nothwendigkeit des Individuums nicht
beipflichten. Kannst Du mit Gewißheit von einem lebenden Menschen
sagen: er falle der Hölle anheim!? Wer ergründet die Kraft der Gnade,
die sich (scheinbar inconsequent) des Schächers am Kreuze erbarmte,
wer begreift die Intensität der Sterbestunde, welche viele lange matte
Jahre aufwiegt. Ja die Gnade, welche blutrothe Sünde schneeweiß macht,
spottet alles poetischen Calculs der Consequenz, auch der Dichter
kann von seinen Menschen nicht sagen: sie seyen verdammt. Winchester
auf dem Sterbebette ist eine furchtbare Ausnahme -- das Tragischste,
was ich kenne, denn da spielt das Stück über den 5ten Act hinüber
in die Ewigkeit. Hiernach dürfte nach christlichen Principien der
Aesthetik entschieden werden, was Tragödie und tragisch sey. (~Divina
Comedia~ dagegen.)

Ich vergas auch mit Dir über Deine „Verlobten“ zu sprechen, oder
verschob es auch mit, besorgt Du möchtest mich selbst zu den Pietisten
rechnen. Ich meine die _falschen_ Pietisten kommen bei Dir viel zu
gut weg, die aufrichtigen Christen aber schon dadurch schlimm, daß sie
vom Publicum (wie ichs erfahren) mit jenen falschen Deiner Verlobten in
eine Klasse gestellt werden. Gegen eine solche Interpretation diente
eine getreue Charakterschilderung eines ehrlichen Christenmenschen als
die beste Widerlegung. --

Das Wichtigste worüber ich mit Dir sprechen möchte, bleibt der
Gegensatz von Natur zu Gnade, Geburt und Wiedergeburt. (Joh. 3.
Nikodemus.) Der Teufel macht uns weiß, daß mit dem Absterben des alten
Menschen die schönsten Gottesgaben verloren giengen -- als wenn Sonne
und Mond und Sterne für den verloren giengen, der sich von Anbetung
derselben zur Anbetung Gottes wendet. Im Gegentheil wird durch Christus
die Naturgabe verklärt, geheiligt ja unsterblich -- während auch die
größte Gabe, ohne solche Wiedergeburt, wie eine Blume des Feldes blüht
und verwelkt. Geister wie Seb. Bach, Kepler, Eyk &c. trösten am besten
und zeigen den Weg. --

Doch genug mein liebster T., nimm dies als eine flüchtige Andeutung
dessen, worüber ich eben gern gesprochen hätte. Du bist zu tief, als
daß Du Dich selbst mit dem Trost des oberflächlichen Volks beruhigen
und befriedigen könntest -- auch helfen die Scherze, wie die gegen das
Ende des Alten vom Berge nicht. Als die alte Schütz im Sarge lag, kam
die Hendel Schütz zum Alten, und sagte ihm: er solle doch die Leiche
noch einmal sehen. Sie hatte das Todtengesicht geschminkt! Der Alte
sagte: der Anblick versetze ihn in seine Jugend zurück. Bald darauf
meldete der Todtengräber: er könne es vor Gestank der ins Gewölbe
beigesetzten Leiche nicht aushalten, und die Alte mußte nachträglich
unter die Erde wandern. --

Soll ich mit der scheuslichen Geschichte schließen? -- lieber ganz
getrost mit 1 Corinther 15. -- Die herzlichsten Grüße der lieben Tante,
der Dor., der verehrten Gräfin. Auch an St. der mir so freundlich
entgegenkam viele Grüße. Den besten Dank noch für den trefflichen Wein,
welcher mich Nachts besonders erquickte.

    Leb recht wohl.

    Dein _K. Raumer_.


                                  II.

    _Erlangen_ d. 27ten Aug. 1840.

    _Liebster Tieck_,

Herr Durand ~Stud. Theol.~ aus Lausanne reist von hier über Wien
nach Dresden und wünscht sehr Dich kennen zu lernen. Er ist ein
lieber Mensch, der unter A. mit französischem Feuer die Volkslieder
seines Vaterlandes zur Guitarre singt. Auch soll er improvisiren; ein
deutscher Freund in Lausanne empfahl ihn mir als einen Troubadour, was
ich nicht wiederhole, um durch die Empfehlung nicht zu schaden. -- Wir
hören so gar nichts mehr von Dir und Deinem Hause. Mein Bruder ist
auch so schreibfaul, daß ich wohl seit ½ Jahre keinen Brief erhielt
und wir ganz abgeschnitten von unsrer Familie sind. -- Sonst geht
es uns gut, nur leidet Rikchen etwas an den Augen. Mein Rudolph ist
Privatdocent und liest nächstes Semester Nibelungen, im jetzigen hat
er eine Geschichte der deutschen Gramm. vorangeschickt. Hans studirt
(im letzten Jahre). Dorothee will ich morgen besuchen, sie ist wohl wie
meine übrigen 3 Mädchen.

Reisest Du gar nicht mehr? Kommst Du mit den lieben Cousinen nicht noch
einmal nach Er., Deinen alten Lehrer Mehmel findest Du nicht mehr, er
starb im 80sten Jahre an demselben Tage mit dem Könige von Preußen.

Vielleicht besuche ich Dich im künftigen Jahre, ich sehne mich recht
darnach.

Rikchen grüßt mit mir Euch aufs Herzlichste.

    Dein _Raumer_.



=Recke, Elisa von der.=


    Geboren zu Schönburg in Kurland am 20. Mai 1754, gestorben zu
    Dresden am 13. April 1833.

    Der entlarvte Cagliostro (1787.) -- Reise nach Italien, 4 Bde.
    (1815.) -- Gebete und Lieder (1783.) -- Gedichte (1806.) --

    Dies Briefchen ist zwar an Gräfin Henriette F. gerichtet, doch
    aber nur für Tieck bestimmt, gehört also hierher, und mußte schon
    deshalb eingereiht werden, weil der gleichzeitige Aufenthalt
    _Tieck’s_ und _Tiedge’s_ (bei seiner Freundin Elisa
    lebend) in Dresden, zu manch’ ergötzlichen ~Qui pro quo~’s
    Veranlassung gab, deren vorzüglich reisende Engländer und
    Engländerinnen, denen es nur um die obligate Quittung über
    glücklich absolvierte Celebritäten und Merkwürdigkeiten für ihre
    Notizbücher zu thun ist, die ergötzlichsten lieferten.


    _Dresden_ d. 22. Ap. 1821.

An Sie, Theure Freundin, wende ich mich, um von Ihnen zu erfahren, ob
unser Freund Tieck, den nächsten Donnerstag, das ist, d. 26 dieses
Monathes, die Stunden von 12 bis 5 Uhr freyhat; und ob unser Freund
mir dann den Genuß geben könnte, in den Mittagsstunden von ihm
das Trauerspiel seines Freundes Kleist lesen zu hören. Nur in den
Mittagsstunden bin ich eines solchen Genusses fähig: wenn die sechste
Abendstunde herannaht, dann drückt mich eine Schläfrigkeit, die mich
jedes geistigen Genusses unfähig macht. Noch bitte ich auf diesen Fall
einige wenige Freunde, die unsern Tieck noch nicht lesen gehört haben,
diesen Genuß zu verschaffen. Es werden nur wenige seyn, denn immer noch
werden meine Kopfnerven schmerzhaft gereitzt, wenn ich viele Persohnen
um mich sehe; Sie Theure Gräfin müssen mir aber die Freude machen,
unsern Tieck herzubegleiten, denn es ist mir ein doppelter Genuß, wenn
ich bey jeder schönen Stelle auf Ihrem Gesichte die edlen Empfindungen
Ihrer Seele lesen kann. -- Können Sie beyderseits mir Donnerstag Ihre
Gegenwart schenken, so wird mein Wagen Sie vor der 12ten Mittagsstunde
abholen, und nach beendigter Lektüre genießen wir dann in kleinem
Kreise, ein frugales Mittagsmahl.

Im Geiste freue ich mich heute schon dieser schönen Aussicht; denn
ich bin dessen fest überzeugt, daß wenn Ihre beyderseitige Gesundheit
es gestattet, meine Bitte erfüllt werden wird. -- Mit herzinniger
Hochachtung

    Ihre
    Ihren Werth fühlende

    _Elisa von der Recke_.



=Regis, Johann Gottlob.=


    Geboren zu Leipzig 1791 an Shakspeare´s Geburtstage; gestorben 1854
    zu Breslau einen Tag nach Goethe´s Geburtstage.

    Aus dem Englischen, aus dem Italienischen, aus dem älteren
    Französischen, gab dieser sehr gelehrte, tief in den Geist
    der Zeit wie der Sprache eindringende Forscher Uebersetzungen,
    die vielleicht nur _den_ Fehler haben mögen, daß sie dem
    _un_gelehrten Leser zu hoch stehen. Sowohl Shakspeares
    _Sonette_ -- (geläufiger scheint uns sein Timon von Athen)
    -- als den _Bojardo_, vorzüglich aber den _Rabelais_
    muß der Deutsche aus Regis Verdeutschung sich gewissermaßen noch
    einmal übersetzen. Und deshalb dürften den ganzen unschätzbaren
    Werth dieser Riesenarbeit nur diejenigen vollkommen anzuerkennen
    fähig sein, die seine gewissenhaften Uebersetzungen als Schlüssel
    betrachten, der ihnen den Zugang zum Verständniß der Originale
    eröffnet und erleichtert.

    Regis, seit 1825 in Breslau einheimisch bis zum Tode, war selbst
    was man „ein Original“ zu nennen beliebt, wobei sich denn freilich
    ein Jeder denkt, was ihm einfällt, und womit nicht viel gesagt ist.
    Er was menschenscheu, zurückhaltend, mißtrauisch gegen Fremde, auch
    möglicherweise ein Bischen cynisch, was herkömmliche Ausstaffirung
    des Studierzimmers und der eigenen Person betrifft, doch weit
    entfernt, ein Menschenfeind zu sein, wofür ihn oberflächliche
    Schwätzer ausschreien wollten. Was Wunder, wenn er dem Verkehre mit
    solchen, den Verkehr mit seinen Büchern vorzog! Seine Bedürfnisse
    sind gering gewesen, doch auch für diese geringen Ansprüche reichte
    der Ertrag so streng abgeschlossenen philologischen Wirkens nicht
    aus. Deshalb suchten und fanden Gönner den Weg zum Herzen des
    Königs Friedrich Wilhelm IV., welches dergleichen Bitten
    stets offen, dem bescheidenen Gelehrten ein Jahrgehalt von 300
    Thl. zuwendete. Als die näheren Freunde gewahrten, daß er auch
    damit nicht hauszuhalten verstehe, schossen sie unter sich eine
    gleiche Summe zusammen, die sie ihm (um sein Zartgefühl zu schonen)
    alljährlich bis an seinen Tod auszahlen ließen, als ob sie Gott
    weiß aus welcher ebenfalls Königlichen oder andern Chatoulle flöße.
    Er hat den großmüthigen Betrug niemals entdeckt.

    Schon zum Tode krank, sein nahbevorstehendes Ende ahnend, arbeitete
    er, zuletzt mit fast schwindendem Bewußtsein, ängstlich an einer
    Reinschrift der „Epigramme der griechischen Anthologie,“ welche,
    „in den Versmaßen der Urschrift verdeutscht,“ im Jahre 1856 von
    seinem getreuesten Freunde Professor ~Dr.~ Haase herausgegeben
    worden ist.


    Sr. Hochwohlgeboren, dem Herrn Hofrath _Ludwig Tieck_.

    _Breslau_, d. 2. Februar 1833.

    _Hochverehrter Freund und Gönner_.

Unbesorgt um Ihre gewogene Aufnahme meines endlich ans Licht dringenden
Rabelais, wage ich Ihnen denselben zu senden. Denn Sie selbst waren
es ja, der schon vor Jahren so gütig an ihm Theil nahm, und ihn
herausgefördert hätte, wenn es an Ihnen gelegen hätte. Er tritt nun
in aller seiner Sünden Maienblüthe vor Sie, „~calzadas las espuelas
para ir á besar las manos á V. E.~“ und bittet um ein ganz offenes
Gericht -- denn leider weiß ich wie wunderlich seine Sprache im
Deutschen lauten muß -- die ich mir immer noch nicht ganz zu Dank
habe bilden, aber auch, nach 20jährigen Versuchen, bei Anspruch auf
_Treue_, (das bin ich mir bewußt) nicht besser habe machen
_können_.

Nehmen Sie daher vorlieb mit dem Mäslein meiner Kräfte und seyn Sie
versichert, daß jede Zurechtweisung, deren Sie mich würdigen wollten,
dem Buche selbst in der Folge, wenn ich dazu Gelegenheit finde, zu
gute kommen soll. Den Commentar, eine mühsame, aber nun doch auch
schon, Gott sey Dank! größtentheils beendigte Arbeit, nehme ich mir die
Freiheit, zu seiner Zeit Ihnen nachzuliefern.

Eine Freude hat mir die Zeit vereitelt; denn ich hatte schon mehr als
ein Briefconzept geschrieben, womit ich es Göthen noch senden wollte!

Haben Sie noch innigen Dank für Ihre Worte zu _dessen_ Gedächtniß,
wobei Sie auch meiner gedenken wollten! Denn Carus, als er zu meinem
Geburtstag sie mir schickte, schrieb daß _Sie sie mir selbst
bestimmt_.

Durch diesen bin ich seit so manchem Jahr meiner Entfernung von
Dresden, doch nie ganz von Ihnen geschieden gewesen. Denn wie könnten
die Briefe eines mit Ihnen verbundenen Mannes von Ihnen leer seyn. Aber
so manche herzliche Freude, die ich in einsamen Stunden auch diese Zeit
her, Ihrer Muse wieder verdankte, ging doch zunächst von Ihnen aus.
Seyn Sie für alles auf immer gesegnet!

Gienge es mir nach, so müßte Sie nie etwas Uebles treffen. Noch immer
denke ich mit unauslöschlichem Dank Ihres unverdienten Wohlwollens,
das Sie mir, hochverehrter Mann, selbst mit eigner Zeit-Aufopferung
in Dresden bewiesen, und ich klage mich wegen letzterer noch oft im
Stillen an, weil ich weiß, was die Arbeitsstunden werth sind, in denen
ich störend bisweilen zu _Ihnen_ hereintrat, ohne auch nur den
mindesten Ersatz dafür mitzubringen. Diese Abbitte an Sie liegt mir
fürwahr noch auf dem Herzen. Behalten Sie mir die Sünde nicht!

Möge dieser Sommer, wo Sie ihn auch verleben, Ihnen heilsam seyn! sowie
alle folgende Jahreszeiten. Ein Wunsch, den gewiß selbst die nächsten
Ihrigen nicht ehrlicher für Sie meinen können als

    Ew. Hochwohlgeboren
    treu verpflichteter
    Freund und Diener

    _Gottlob Regis_.



=Rehberg, August Wilhelm von.=


    Geb. in Hannover am 15. Januar 1757, gestorben in Göttingen am 9.
    August 1836.

    Wurde 1815 in Hannover zum Kabinetsrath ernannt. Lebte von 1820 ab
    Jahre lang in Dresden. --

    Ueber den deutschen Adel (1803). -- Constitutionelle Phantasieen
    (1832). -- Sämmtliche Werke, 3 Bde. (1828-31).

    Wir legen ein offenes Bekenntniß ab: Von den zahlreich-vorhandenen
    Briefschaften dieses vorzüglichen, unserm Tieck so innig ergebenen
    Mannes, haben wir -- weniger mit sicherer Auswahl, als durch
    Zufall geleitet -- nur diese drei Blätter entnommen.

    Wir wollen unsere Schuld nicht beschönigen, aber wir hoffen auf
    Nachsicht, wenn wir eingestehen, daß es uns unmöglich geworden,
    den ganzen Vorrath aufmerksam prüfend durchzulesen. Es hat in der
    großen, dickbändigen Hinterlassenschaft keineswegs an schlimmen
    Handschriften gefehlt. _Diese_ jedoch steht einzig da, und
    trotz mehrfach wiederholter Anläufe kündigten die matten Augen
    immer wieder den Dienst auf.


                                  I.

    _Dresden_, 24. Jan. 28.

Ich weiß nicht für welche literarische Sünde, die vielleicht alt ist
und nach vielen Jahren von der unerbittlichen Nemesis gestraft wird,
ich so vielen Vergnügens entbehren muß, das doch nicht blos unschuldig,
sondern noch etwas mehr wäre.

Ich soll weder Eduard den 3ten, noch Cromwell, noch die Jugendscherze
Shakspears hören. Nun soll ich auch nicht einmal mich mit Ihnen
unterhalten dürfen. Denn das bloße Reden erhitzt meinen Catarrh, der
gar nicht nachlaßen will, und ich möchte Ihnen nicht einmal zumuthen,
mit einer chinesischen Pagode zu reden, die nur mit Nicken und
Kopfschütteln erwiederte, wenn ich es auch über mich vermöchte still
zu schweigen, wenn ich mich über die intereßantesten Bemerkungen oder
lehrreichsten historischen und literarischen mir neuen Thatsachen freue.

Sollten Sie eine Sammlung von Lessings Schriften haben, worin seine
Briefe vom Jahre 1773 stehn, so bitte ich sie mir einstweilen zu
schicken, bis ich Erlaubniß erhalte, Sie an das Versprechen zu
erinnern, mir ein Stück von Ben Johnson zu erklären. Auch möchte ich
die Herzens-Ergießungen eines Closterbruders einsehen.

Endlich aber die Hauptsache. Ist der Anfang des 2ten Theils des
Dichterlebens in England wirklich zu Papiere gebracht? Ich soll es ja
stückweise lesen.

    Ganz der Ihrige.

    _Rehberg_.


                                  II.

    _Dresden_, 17. September 1830.

    _Theuerster Herr Hofrath_.

Das Schicksal, welches in alle menschliche Entwürfe seine
disharmonischen Querzüge einzeichnet, hat mir nicht vergönnt, so wie
ich es wünschte, die Erinnerungen eines zweyjährigen glücklichen Lebens
in Italien mit einer Erneuerung der so erfreulichen Unterhaltungen mit
Ihnen über die Gegenstände zu verbinden, die ich in jenem reizenden
Lande fast aus den Augen verlohren. Bey Ihrer unerwarteten Abwesenheit
von Dresden ist es mir ein Trost, daß Sie die Zeit, die ich hier
zugebracht habe, in vollkommenster Abspannung und Ruhe (soweit die
Bewegungen der Welt es verstatteten) meine, durch die Unendlichkeit
ansprechender Gegenstände, durch zu viele Seebäder und eine ermüdende
Reise überreizten Nerven zu beruhigen, -- benutzt haben, sich durch den
Anblick der großen Naturscene in mir bekannten Gegenden zu erheitern.
Vielleicht kann das günstigere Schicksal uns noch einmal in derselben
Region zusammenführen. Wenigstens ist die Aussicht zu einer Reise nach
Baden nicht so außerhalb des Wahrscheinlichen, als mein Wunsch Rom und
Neapel nochmals zu besuchen. Ich habe die lebhafteste Freude empfunden,
als ich von den Ihrigen hörte, daß Sie in Bern bey gutem Wetter gewesen
sind. Wären Sie statt dessen am alten Markte gewesen, so hätte ich den
Verdruß gehabt, die drey Schritte bis zu Ihnen nicht einmal machen zu
dürfen, um einen Abend mit Shakespear, einen andern mit Merlin und den
dritten mit Andalosia zuzubringen. Ich danke Ihnen von Herzen für die
Zueignung des letzten. Ich kenne die Gräfin zu gut, um die Fortdauer
ihrer mir gewogenen Gesinnungen zu erbitten. Ich rechne drauf. Die
schöne Reise wird ihr auch wohl gethan haben.

    Ganz der Ihrige.

    _Rehberg_.


                                 III.

    _Göttingen_, 13. May 1835.

Da endlich der Frühling sich eingestellt hat, und ich eine erwartete
Nachricht von der glücklichen Entbindung meiner Tochter, vor der
ich nicht daran denken konnte, mich von hier zu entfernen, heute
eingetroffen ist, so ist es Zeit, die Anfrage, die ich Ihnen vor
mehreren Monaten angekündigt habe, im Ernste zu machen. Ich frage
Sie also, Theuerster, ob wir Uns in diesem Sommer auf eine weniger
beengte Weise sehn können. Es wäre Uns allen so erfreulich gewesen,
mit Ihnen in dem Baden, das mit allem Widerwärtigen des vorigen
Sommers doch so viele Reize hat, einige ruhige Tage zu verleben, statt
dessen wir Sie wegfliegen sehn mußten, und drey Wochen lang Ihnen
nachsahen. Reisen Sie dieses Jahr? und wohin? Ich werde, wenn nicht
sehr unangenehme Störungen meiner Entwürfe eintreten, wieder in die
Gegend, aber nicht bis nach Baden gehen. Haben Sie etwas vor, damit
ich meine Anlegungen combiniren könnte, so würde ich diese danach
einrichten. Nach Böhmen ist mir zu entfernt. Aber was zwischen dem Mayn
und Rhein liegt, ist zu erreichen. Ich hätte einen doppelten Grund zu
wünschen, mit Ihnen einige Zeit zuzubringen, da ich endlich mit der
Politik schmolle, und mich in ganz andre Regionen der Beschäftigung
des Geistes zurückgezogen habe: welche Uns einen für mich um so mehr
erfreulichen Stoff zur Unterhaltung geben würden. Meine erste Frage
würde seyn, ob Sie nicht den dritten Theil Ihrer dramaturgischen
Blätter herausgeben? Wäre es auch nur um die vortreffliche Beurtheilung
von des Oehlenschlägers Correggio davor zu retten, daß sie nicht in
dem Wuste einer Zeitschrift, der sie beygegeben ist, vergraben bleibe.
Sie wißen, daß ich das Theater und das Raisonniren darüber, -- ich
könnte sagen, wie Goethe sich so oft ausdrückt, _mehr als billig_
liebe. Nun sehe ich nie Schauspiele, und zweifle gar sehr, ob ich je
noch ein Haus betreten werde. Aber das Interesse an der Dramaturgie
ist in mir so lebhaft, daß ich mich nicht zurückzuhalten vermag, wenn
nur etwas genannt wird, das Anlaß zu Betrachtungen über Dramen geben
kann. Ferner habe ich meinen lange gehegten Wunsch den ~divino
Lope~ näher kennen zu lernen, immer vereitelt gesehn, und doch
noch nicht aufgegeben. Viel spazieren zu gehn, ist mir eben so wenig
gelegen, als Ihnen. Aber in einer schönen grünen Umgebung über Alles
dieses mit Ihnen zu reden, wäre besser als Alles, was ich in der weiten
Welt suchen mag. Geben Sie mir das Mittel dazu an. Ich höre mit der
lebhaftesten Theilnahme, daß Ihre häuslichen Umstände sich so gestaltet
haben, daß Sie Dresden verlaßen können, ohne die Sorgen mitzunehmen,
die Ihnen den Aufenthalt in Baden trübten.

=Nachschrift der Frau von Rehberg.=

Ich kann nur unterschreiben, was Ihnen R. gesagt hat, theurer Freund.
Wir Alle freuen uns herzlich der ernstlichen Besserung Ihrer lieben
Frau, und denken nun wieder ruhiger und heiterer an unser verlornes
Paradies am Alt-Markte zurück. Wir sollen dorthin kommen, sagen Sie
-- und was hindert uns daran, da kein Engel mit dem Schwerdte als
Schildwache davor steht? Aber wir hätten Sie da nicht allein, und
müßten Sie mit Allen denen theilen, die an dem Europäischen Theetische
ab- und zuströmen. In einer einsamen grünen Gegend gehörten Sie unser.

Sie sollen uns aber nicht selbst antworten -- es wäre Ihren Freunden
peinlich, wenn Ihre vom Schreiben müde Hand sich auch noch zu einem
Briefe in Bewegung setzte. Die Gräfin oder die gute Solger sind wohl so
gütig, uns in einigen Worten über Ihre Sommer-Plane Nachricht zu geben.

Vor wenigen Tagen hat meine Tochter Marianne ein zweytes Mägdlein
bekommen -- ich theile dies den gütigen theilnehmenden Freunden in
Dresden mit, auch meiner lieben stummen Adelheid Reinbold.

Herzliches Lebewohl!

    _v. Rehberg_.



=Reichardt, Johann Friedrich.=


    Geb. zu Königsberg 1751, gest. zu Halle den 27. Juni 1814.

    Wenn er zu seiner Zeit als Komponist größerer wie kleinerer Opern,
    Operetten und Liederspiele einen hohen Rang einnahm; wenn er als
    Redakteur der musikalischen Zeitung, ja auch als politisirender
    Schriftsteller vielseitigen Einfluß übte, und für eine geistige
    Macht gelten durfte, die man bisweilen beargwöhnte, daß sie sich
    zu überheben suche; wenn all’ diese seine verschiedenartigen
    Produktionen, die den Mitlebenden imponirten, jetzt mit ihnen
    begraben sind.... in Einem wird er doch unvergeßlich bleiben,
    und auch heutzutage bei gänzlicher Geschmacksveränderung jeden
    Unbefangenen entzücken, der ihn darin kennen lernen will: in seiner
    Art und Weise, Liedern unserer größten Dichter entsprechende
    Melodieen zu finden. Reichardt verdient vollkommen den Namen
    _Tondichter_, denn keiner hat tieferes Verständniß dabei an
    den Tag gelegt. Es war eine offenbare Ungerechtigkeit, daß Goethe
    wie Schiller sich von diesen wahrhaft klassischen Kompositionen
    abgewendet haben, um Zelter’n zu huldigen. Eine Ungerechtigkeit,
    die sich wohl nur erklären läßt durch oft anmaßendes Betragen, und
    durch manche kleine Charakterzüge, die ihn perfid _erscheinen_
    ließen, wo er doch in gutem Rechte zu sein glaubte. Gewiß hat
    dieser bedeutende Mensch Alles gethan, um sich Feinde zu machen.
    Auch seine Stellung bei Hofe verdarb er sich durch unüberlegte
    Witzworte, die er schonungslos wie Geißelhiebe austheilte. Als z.
    B. der vielbeliebte Kapellmeister _Himmel_ die von Kotzebue
    aus Paris mitgebrachte Operette „Fanchon, das Leiermädchen“ in
    Musik setzte, und die darin enthaltenen unzähligen kleinen,
    coupletartigen Liedchen mit leichten Melodieen begleitete,
    äußerte Reichardt, erbittert über den beispiellosen Succeß solch´
    oberflächlicher Leistung ganz laut: „In dieser Oper sieht man den
    Himmel für einen Dudelsack an!“ was zwiefach boshaft klang, weil
    dieser Ausdruck volksthümlich auf Betrunkene angewendet wird, und
    weil Himmel im Rufe stand, oft betrunken zu sein.

    Von den Briefen R.’s an Tieck haben wir nur _einen_
    wegzulassen gewagt, -- obgleich sehr ungern -- aus Rücksichten
    für Lebende wie Todte. Dafür bringen wir als Zugabe ein Schreiben
    Tieck’s an _ihn_, womit diese Reihe _eröffnet_ wird,
    und als Anhang zwei Briefe seiner Tochter _Louise_, die dem
    Freunde und Kenner _deutschen_ Liedes werth bleiben müßte,
    wenn sie gleich nichts anderes gesungen hätte, als die herrliche
    Melodie zu Novalis unsterblicher Klage:

    „Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,
    Zerreißt in Dornen sein Gewand &c.“


Ludwig Tieck an Reichardt.

                                  I.

    _Dresden_ .... 1801[4].

Ich schicke Dir hier nach meinem Versprechen das Liederspiel zurück,
das ich mit großem Vergnügen gelesen habe; da Du aber ein ganz
aufrichtiges Urtheil von mir verlangst, so wär’ es sehr Unrecht von
mir, wenn ich es Dir nicht ganz so mittheilte, wie es mir beim Lesen
und beim nachherigen Ueberlegen vorgekommen ist. Du weißt, was mir
in Deinen beiden ersten Stücken so sehr gefiel, war ein gewisses
künstliches Gegenüberstehn der Personen und Gesangesmassen, wie ich
es nennen möchte, wodurch in den Liedern selbst eine fortschreitende
Handlung war, und wodurch alles korrespondirte und sich gegenseitig
trug und erhielt. Dies scheint mir in diesem Stücke zu fehlen, wodurch
es ein wildes verworrenes Ansehn erhält, und doch monoton wird, alle
Töchter drücken einen Gedanken aus, ebenso die Künstler, Mann und Frau
stehn fast ganz müssig, die Handlung erregt eine falsche Erwartung, die
nachher nicht befriedigt wird. Wozu lässest Du das Theater verwandeln?
Ich sollte meinen, bei einem solchen Tableau müßte wirklich die
Unveränderlichkeit der Bühne ein Gesetz sein; denn durch die bloße
Verwechselung der Scene entsteht schon ein viel größerer Anspruch,
eine Ausbreitung, die dem kleinen Detail Schaden thut; wenn ich das
Final abrechne, so hat Göthe wohl in Jery und Bâtely die Aufgabe sehr
schön gelöst. Ich fürchte auch, was das Aeußere anbetrifft, die erste
Scene mit dem Herunterklettern muß sich auf jedem Theater kleinlich
machen, und was noch schlimmer ist, Du hast dadurch das Pikante
vorangestellt; denn nachher ist es mit dem Vorfall schon vorüber, es
steht nur still und erhält eine Auflösung, die ängstlich klar und
deutlich ist, und die man eigentlich gar nicht erwartet. Wozu sind
überhaupt die handelnden Personen Künstler? Es thut nichts zur Sache,
als daß es eine gewisse Heftigkeit in dem jungen Menschen zeigt, die
mir wenigstens nicht hat gefallen wollen; es geht aber mit der Liebe
ein wenig zu schnell, was sich mit der großen Innigkeit besonders der
andächtigen Lieder nicht vereinigen läßt. Von diesen Liedern muß ich
Dir überhaupt sagen, daß sie mir in diesem Stücke keine angenehme
Empfindung erregt haben, sie sind fast alle die heiligsten, die Göthe
je gedichtet und Du gesungen hast, sie sind wie Kernsprüche aus der
Bibel, die eine unendliche Anwendung zulassen, die aber schon für sich
tausend mannichfaltige Geschichten und Empfindungsspiele enthalten;
will man sie nun, wie hier geschehn, in die Welt einführen, so
verlieren sie durchaus ihren Charakter von Allgemeinheit und Größe, sie
erläutern einen geringfügigen Umstand, wodurch sie fast zur Parodie
werden, wie es besonders mit dem göttlichen: _Trocknet nicht, Thränen
der heiligen Liebe_ geschehn ist. Eben so unerwartet kam mir das
Lied aus dem Meister: _Kennst Du das Land_, was hier nothwendig
seinen (_Lücken_) -- -- -- -- -- schöninnigen und geheimnißvollen
kindischen Charakter verlieren muß. Am meisten hat mich fast der
Klopstock überrascht und gestört, der doch mit seiner hohen Anmaßung
noch überdies schwerfällig und unverständlich ist, so daß er gewiß mit
dieser Ode nicht populär sein kann. Ich glaube überdies, diese Sachen
von Göthe müssen niemals populär werden, sie können es auch nicht; auf
dem Theater werden sie eben entheiligt, welcher Comödiant soll es sich
unterstehn, das: _Die ihr Felsen und Bäume bewohnt_, herzusingen?
Es ist ja dieses ähnlich als im Göthe selbst der innerste Göthe, er hat
dergleichen in keines seiner musikalischen Stücke aufgenommen, weil es
die Andenken seiner glänzendsten Lebensmomente sind. Mir wenigstens
thut es weh, diese Töne auf irgend eine Weise verknüpft wieder zu
finden. Du kannst es nicht vermeiden, daß es sich nicht selbst
parodirt. Warum willst Du nicht überhaupt bei kleinen Liedern stehn
bleiben, die eben im Zusammenhange ergreifen, weil sie so klein und
verständlich sind? Hier im Schweizerkostüm hätt’ ich mir: „Wenn ich ein
Vögli wär’,“ und „Ich hab’ einmal ein Schätzel g’habt,“ erwartet und
gewünscht. Es konnte eine Familie sein, die von den Unruhen vertrieben,
sich hier niedergelassen, ein desperater Sohn will fort, in den Krieg,
seinen Freund aufsuchen, der sich seitdem verloren; die Schwestern
können ihn nicht zurückhalten, er klettert heimlich den Fels hinauf,
indeß zeigt sich von oben der Freund und Geliebte, die gegenseitige
Erkennung, die Liebe, die Nachricht vom Frieden und dergleichen, recht
alte Schweizerleute in Mann und Frau hätten wohl etwas Schönes machen
können, dazwischen einmal der Kuhreigen u. dgl. -- Verzeih mir meine
umständliche Kritik, die vielleicht zu strenge sein mag. -- Wir sind
hier alle wohl, nächster Post wird Mama schreiben, die außerordentlich
munter ist. Ich danke Dir noch einmal für Deine freundliche Aufnahme,
und denke noch mit Sehnsucht an Euren schönen Aufenthalt.

Grüß alle herzlich von mir.

    Dein

    _L. Tieck_.


Reichardt an Tieck.

                                  II.

    _Halle_, den 1ten März 1812.

Schon längst wollt’ ich Dir, mein Lieber, schreiben, um Dich wieder
einmal an unsre Sacontala zu mahnen. Im Herbste hatte das Vorlesen
dieses herrlichen Stückes mich schon zu einer Ouvertüre begeistert,
die den in sich geschlossenen heiligen Kreis jener lieblich göttlichen
Natur gar glücklich darstellt. Könnt’ ich Dir diese, von allen
vorhandenen Ouvertüren gänzlich abweichende, nur einmal ordentlich
hören lassen! Du würdest wohl dadurch zur Thätigkeit ermuntert werden.
Aber so leben wir Beide Jeder in einem armseelig unmusikalischem
Winkel, und das zwischen uns liegende große Berlin wird für Alles, was
Kunst und Genie verheißt und erzeugt, immer kleiner und armseeliger,
daß auch da kaum mehr eines bedeutenden Zusammentreffens zu gedenken
ist. Doch rechne ich etwas darauf, wenn ich Dich, mein Lieber, bei
meiner schlesischen Reise sehen kann. Entweder mach’ ich sie hin- oder
zurück über Berlin, und also auch über Ziebingen. Wenn Du Dich doch
bis dahin mit dem herrlichen Gegenstande wenigstens im Geiste etwas
mehr beschäftigen wolltest, damit wir dann um so fruchtbarer darüber
conferiren könnten! Ein musikalisches Scenarium hab’ ich bereits dazu
entworfen, dieses könnten wir dabei zum Grunde legen. Ließet Ihr Lieben
Eure schlesische Reise bis zum Herbst, so könnten wir uns wohl auch in
Breslau treffen, und ich könnte Dir da vielleicht meine Ouvertüre hören
lassen. Eher als im October komm’ ich selbst aber nicht hin. Bis dahin
will ich mein liebes Giebichenstein in schöner Einsamkeit, und in einem
guten Stück Arbeit, nach welchem mich lange schon recht eigentlich
dürstet, wozu es mir aber immer an völliger Ruhe gebrach, so recht in
vollen Zügen genießen. Dabei auch meinen lieben Garten recht ordentlich
pflegen und benützen.

So lange haben wir nun nichts von Dir gehört und gelesen. Du bist doch
wohl nicht so ganz faul gewesen? Das Beenden und die Besorgniß der
Herausgabe wird Dir wohl so recht eigentlich nur lästig? Könntest Du
Dir dazu nicht einen geschickten Handlanger zulegen? Daß ich selbst für
mich nicht früher an einen solchen gedacht, gereut mich jetzt sehr oft.
Wenn ich jetzt -- oft mit herzlichem Lachen -- von grünschnäbelichen
Recensenten lesen muß, wo sie ein Lied von mir (absichtlich) doppelt
komponirt finden, „ich könne nun einmal nichts von meinen Arbeiten
ungedruckt lassen“ -- seh’ ich doch nicht ganz ohne Bedauern auf mehr
als zwei Drittheile meiner besten Kompositionen zurück, dir gar nicht
bekannt wurden.

Wird in Deinem nächsten Kreise auch wohl der edle Gesang recht eifrig
getrieben? Habt Ihr auch wohl meinen Göthe und Schiller, in denen so
mancher gute Chorgesang steht? Mit den letzten Heften von beiden könnt’
ich noch dienen; die ersten besitz’ ich aber nicht mehr. -- Grüße
Alle, besonders Burgsdorf recht sehr von mir. Mit diesem hab’ ich immer
gehofft, mich einmal in Dresden zu treffen; es hat aber nicht gelingen
wollen. Wenn Du mir eine rechte Freude machen willst, so schreib mir
bald, und sag’ mir auch, daß Du auch unserer Sacontala so recht ~con
amore~ gedenkst.

    Dein

    _Reichardt_.


                                 III.

    _Halle_, den 17ten März 1812.

Deine schnelle herzliche Beantwortung meines Briefes hat recht
erquickt, mein Lieber. Ich eile Dir mein musikalisches Scenarium zur
Sacontala zu schicken. Du wirst finden, daß sich recht viele und
mannigfaltige Veranlassung zum Gesange darbietet, und die dazwischen
fallenden Recitative eben nicht ermüdend lang werden dürfen. Denn ich
nehme ein völlig gesungenes Singspiel an, aus dem allein ein Ganzes,
ein vollendetes Kunstwerk werden kann. An die gewöhnlichen Formen der
Arien und Ensemblestücke denk’ ich kehren wir uns gar nicht. Sind die
Verse nur rhytmisch bedeutend und symmetrisch unter sich, findet sich
die bessere und beste musikalische Form in der Begeisterung der Arbeit
selbst. An unser Theaterpersonale und Publikum müssen wir gar nicht
weiter denken, als daß wir nur nicht unnöthige Schwierigkeiten für
die Aufführung häufen. Was der beste Decorateur und Maschinist, der
von Natur begabte Sänger, und ein empfängliches Publikum darstellen,
geben und empfangen muß unsere einzige Richtschnur seyn. Stellen wir
so ein wirklich neues, in sich abgeschlossenes Kunstwerk dar, so wird
sich ja auch wohl einmal ein Fürst und Theaterdirektor finden, mit dem
wir eigentlich hätten leben sollen, der aber ohne unser Werk nicht zu
seiner gehörigen Höhe gehoben werden konnte. Ich bin mit Dir völlig
überzeugt, daß wir kein Singspiel haben, wie es seyn sollte; und auf
dem Wege, den man gleich bei Erfindung der ital. Oper betrat -- zur
Wiederherstellung der griechischen Tragödie -- konnten wir auch keines
erhalten. Alles was die Alten hatten: Vaterland, Verfassung, Sprache,
Poesie, Volk, hinderte sie an der Erfindung der Musik (als eigentl.
Kunst) und des wahren Singspiels. Alles was die Neueren aber durch
Religionseifer und weichliche Empfindsamkeit erlangten und erfanden,
ward ihnen wieder unnütz durch den Rückschritt zur alten Tragödie.
Kunstgenie’s haben sich immer und überall gegen die Magister gesträubt;
jene haben fest gehalten; und so sind tausend Zwitter und Ungeheuer
entstanden, an denen sich die Tonkunst ausgebildet und fast vollendet
hat. Daß Mozart das Höchste darin leisten konnte, hat er wirklich dem
Schikaneder und Consorten zu danken. Ohne die Zauberflöte und Don Juan
hätten wir keinen ganzen Mozart!

An meinem Scenarium wirst Du leicht bemerken, daß ich mich wohl zu
sehr an das indische Stück gehalten habe. Aber selbst dann, wenn
Dein poetischer Genius Dir eine ganz andere Folge für das Singspiel
eingiebt, wirst Du doch immer die Gesangspunkte als Fingerzeige
bezeichnet finden, und benützen können. Sonst bild’ ich mir wahrlich
nicht ein, Dich durch das Scenarium binden zu wollen. Es wird indeß
immer dazu dienen, und über Anlage und Ausführung zu verständigen,
und daß dieses durch fortgesetzten Briefwechsel geschehe, wünsche
ich von Herzen, da unsere Zusammenkunft sich bis gegen Winter
verspäten möchte. Danke Burgsdorf recht sehr in meinem Namen für seine
freundliche Einladung, und sag’ ihm, daß ich gerne nach Möglichkeit
davon Gebrauch machen werde. Dießmal wird es auf keinen Fall solche
Eile mit mir haben, als damals nach dem verwünschten Kriege und
preußischen Aufenthalt, der den innersten Kern meines Lebens zum ersten
Male anzugreifen drohte. Wie gern ladete ich Dich für den Sommer zu
uns ein! In dem lieben Giebichenstein, das Dir von jeher so lieb war,
würden wir erst ganz mit unserm Genius leben und weben können. Aber ich
werde diesen Sommer da draussen ganz einsam seyn, und weiß selbst noch
nicht recht, wie ich’s mit meiner eigenen Oekonomie für meine Person
einrichten soll. Doch das ist meine geringste Sorge. Ich bin leicht
bedient, wenn mir Freiheit und Ruhe vergönnt ist. Auf diesen häßlichen
Stadtwinter soll mir auch die einsamste Einsamkeit höchst wohlthätig in
Mitte der lieblichen Natur da draussen seyn. Nun weiß ich doch auch,
wie es den Schwalben zu Muthe ist, die sich über Winter im Morast
verbergen, und freue mich auf mein Schwalbenerwachen für die nächste
Woche wie ein Kind. Wenn uns nur das Wetter, das jetzt schlackrich und
schneeich ist, einigermaßen darin begünstiget.

Von der Sacontala muß ich noch bemerken, daß Du viel Chöre absichtlich
angegeben finden wirst; oft auch „hinter der Scene.“ Mir scheint
dieses dem feierlich heiligen Charakter des Stücks, das so viel im
Walde spielt, angemessen. Auch bearbeite ich die feierlichen Chöre
so gern. Dann auch noch: Du wirst den Namen „Duschmante“ für den
Gesang nothwendig wohlklingender machen müssen; vielleicht „Damante,“
das für unser an italienischen Gesang gewöhntes Ohr eine angenehme
Nebenbedeutung hat.

Auf Deine Riesen- und Feen-Oper nach Calderon bin ich recht begierig.
Wie heißt das spanische Stück? Könnten wir dieses nicht für die
_Zeit_ fertigen, indem wir jenes so recht absichtlich für die
_Ewigkeit_ bebrüten? Iffland wollte schon für diesen Winter
eine neue Oper von mir haben. Bei der neuen Einrichtung des Berliner
Theaters, nach welcher er auf seine Kasse Righini und den Rest des
alten Königlichen Orchesters übernehmen mußte, machte er für diesen
Winter aber Schwierigkeit, mir eine große Oper so wie bisher bezahlen
zu können -- (und dergleichen thu’ ich nur für’s Geld!) -- da verlangte
er unterdessen ein kleines Stück, Operette oder Liederspiel, für
welches er mit ein paar hundert Thalern sich abfinden könnte. Doch
weder für dieses, noch für die große Oper war ein Gedicht zu finden,
das uns beiden recht dünkte. Er schlug mir unseelige Kotzebuejaden
vor, die mich anekelten; ich ihm das blaue Ungeheuer, das ich nach
Gozzi bearbeitet habe, worin ihm aber die Maskenrollen zuwider waren.
Nun ist die Rede wieder für den Herbst so etwas zu besorgen. Könnten
wir die Riesen und Feen bis dahin fördern, so sollt’ er auch wohl
für das Gedicht mit Hundert Thalern oder dergleichen herausrücken.
Ueberlege Dir’s doch und gieb mir bald Antwort darauf. Ich bin mit ihm
in fortwährendem Briefwechsel darüber. Deine andere Frage über ein
„_Ungeheuer_“[5] versteh’ ich nicht. Hast Du ein solches Gedicht
drucken lassen? Einzeln.. oder wo?

Ich bringe Dir im Herbst auch so Mancherlei, das ich in den letzten
Jahren für’s Theater entwarf und zum Theil ausführte, um Deine Meinung
und leitendes Urtheil darüber zu vernehmen. Schon darum muß ich mehrere
Tage mit Dir leben, wenn mein Wunsch, für den Du hier in Giebichenstein
zu kurz bliebst, erfüllt werden soll.

Du endest Deinen lieben erfreulichen Brief mit so guten Wünschen für
mein Wohl, daß ich Dir mit Worten nicht genug danken kann. Wenn es mir
nur ferner gelingt, mir mein Giebichenstein zu erhalten, will ich sehr
froh leben und sterben. Von ihm mich trennen fühl’ ich als eine wahre
Unmöglichkeit. Der Garten ist zu einem Theil meines Lebens mächtig
herangewachsen. Könntest Du ihn doch wieder bald einmal in seiner
ganzen Frühlingspracht sehen! Er muß dieses Jahr unendlich schön blühen
und prangen: unzählige Rosen- und Blumen-Gesträuche aller Art hab’
ich verwichenen Herbst wieder hineingepflanzt, und jede Partie wächst
so frei und voll ihrer Pracht entgegen. Es kostet mir viel Mühe und
Kunst die Pension von 800 Thalern, welche mir der König von Preußen
voriges Jahr zugestand, hierher (_in’s damals Westphälische!_) zu
erhalten, und eigentlich lüg’ ich mich nur so damit durch. Doch hoff’
ich auf Inkonsequenz und Veraltung. Wie es indeß auch immer werden mag,
lieber leb’ ich am Ende ganz allein in dem lieben Giebichenstein von
Milch und Früchten, als irgend wo anders in Ueppigkeit!

Amalie und Alles was unserer in Liebe gedenkt ist herzlich gegrüßt.
Meine Frau hofft noch sehr auf eine Zusammenkunft mit ihr in Schlesien.
Mitte Mai wird sie sich wohl mit Raumers in Schmiedeberg zusammenfinden
und da bis gegen den Herbst, mit Waldenburg abwechselnd, bleiben. Dann
gehen sie zusammen nach Breslau, was Euch wohl fast näher liegt. Wir
haben immer die besten Nachrichten von dort her, und müssen es in jeder
Rücksicht für ein Glück halten, daß die Lieben nach Breslau und nicht
nach Berlin gekommen sind.

Nun mein Lieber sey herzlich umarmt, laß bald wieder von Dir hören.
Laß uns nicht ermüden, bis wir zusammen was Rechtes zu Stande gebracht
haben. Immer und ewig der Deine

    _Reichardt_.


                                  IV.

    _Giebichenstein_, d. 27. Jul. 1812.

Malchen[6] hat mir im besten Wohlseyn Deinen lieben Brief gebracht,
mein geliebter Freund und Bruder. Sie hat sichs mit den lieben Kindern
Freitag Mittag und Sonnabend Abend hier draußen gefallen lassen, und
der Garten schien ihnen allen wieder viel Freude zu machen. Er ist auch
wirklich in einem sehr lieblichen Zustande und ich habe es hundertmahl
bedauert, daß Du nicht mitten unter uns warst. Es ist mir sehr schwer
geworden mit dem Antrage zurückzuhalten, daß Du doch die Zeit der
Abwesenheit von M. hier bei mir in schöner Einsamkeit zubringen
möchtest. Aber Du sollst ein verzärtelter delicater Gast seyn, und
dazu fühlt ich in mir und in meinem Hause eben nicht die Mittel und
Fähigkeit zu so völliger Befriedigung, als ich sie Dir gern gewährte.
Wie hätten wir nicht auch mit gemeinsamer Liebe und Zärtlichkeit
über unsre Sacontala brüten und singen wollen! Was Du mir in Deinem
Briefe darüber sagst, zeigt mir daß Du das Ganze tiefer beherzigst und
ich will die einzelnen Fragen nach Möglichkeit beantworten. 5 Akte
sind gewis zu viel. Auch ist nach meinem Plan sicher zu viel Gesang
darinnen, wiewohl ich auf den luxuriösen üppigen ganz ausgesponnenen
Gesang der neuesten Zeit dafür gerne Verzicht thäte, so leicht es mir
auch wird ihn den besten italienischen Mustern nachzubilden. Das Ganze
glücklich in 2 Theile zu theilen, wäre gewis von großem Gewinn; wenn
auch der Abschnitt, dächt’ ich, nicht so scharf wäre, daß ein zweites
Stück nicht nothwendig geahndet und verlangt werden dürfte. Die Geister
denk’ ich mir auch zum Theil sichtbar und besonders Tänze bildend.
Freilich, denken wir dabey an unser Theater, bin ich, ganz Deiner
Art, Angst und Bange. Was Jämmerlicheres als unser modernes deutsches
Theater hat es nie in der Welt gegeben. Ich kann mich auch gar nicht
mehr entschließen es zu sehen, weder hier, wo die Weimarsche Truppe
spielt, noch in Berlin. Die Hauptcharactere der beiden Theile unsrer
Sacontala hast Du sehr bestimmt und richtig angegeben, jedes könnte
so für sich ein schönes herrliches Ganze werden, und doch durch das
Hauptganze erst der ganze hohe Eindruck eines ächt lyrisch dramatischen
Werks hervorgehen. Nächstens werd’ ich Dir einzelne musikalische Sätze
dazu schicken; damit Du Dein Heil daran versuchen mögest. Was sich Dir
nicht gleich willig zu poetischer Bearbeitung darbietet das lege nur
gleich bei Seite. Mir werden dergleichen Sätze auch in großer Menge gar
leicht.

Ich danke Dir in diesen fatalen Tagen, die wieder mit mancher
körperlicher Plage für mich verbunden waren, noch andern reichen
Genuß. Carl[7] ist so brav gewesen mir Dein altenglisches Theater
herzuschicken, das ich noch nicht kannte, und worin mir der Flurschütze
und Perikles sehr großes Vergnügen gewährt. Gegen den Johann bin ich
nun erst begierig den späteren zu halten und den Lear kenn’ ich noch
nicht. Auch hat mir C. ein paar inhaltreiche Briefe mitgetheilt, die
Du ihm aus M. über Göthe geschrieben, und in denen mein eigen Urtheil
rein ausgesprochen ist. Ja ich möchte noch hinzu behaupten, daß G. weit
mehr ein gebohrner Denker, Beobachter und Redner als Dichter ist. Als
dramatischer Dichter fehlt ihm gewis das, was eben auf der Bühne allein
den sicheren Effeckt gewährt. Er ist auch da immer mehr Menschenkenner
und Redner, als Schöpfer und Dichter; am wenigsten Schauspieler.

Das Buch des Grafen bring’ ich dir nach B. mit: denn ich rechne sehr
darauf, Dich Ende Sept. oder Anfangs Oct. dort zu umarmen und mit Dir
dann nach Ziebingen und so weiter zu meinen Lieben zu gehen. Laß uns
bis dahin einander fleißig schreiben und schick’ mir ja gleich die
ersten Verse zur Sacontala. Von Herzen der Deine

    _R._


                                  V.

    _Berlin_ d. 13ten Oct. 12.

Seit dem 7t. bin ich hier, mein Lieber, und hoffe täglich etwas
von Dir und Deiner Herüberkunft zu hören, aber leider bis heute
vergeblich. Ladet Dich nicht der schöne Herbst? C. und M. wünschen
auch sehr Dich hier zu sehen, wenn sie gleich bedauern, Dich während
meines Hierseyns nicht logiren zu können. Auch für mich haben sie
sich erst von ihrer franz. Einquartirung, die sie 4 Monathe hatten,
befreien müssen. Malchen meynte aber, Du würdest wohl bei Reimers
wohnen können, und so wäre ja denn auch weiter kein Hindernis im Wege.
Komme ja bald und richte Dich so ein, daß wir um die Mitte Novemb.
zusammen nach Ziebingen reisen können. Burgsdorf ist ja nun auch wohl
wieder zu Hause? Kommt er nicht her? Bis auf wie weit könnt’ ich von
Ziebingen wohl ein gutes Fuhrwerk nach Breslau hin haben? ich möchte
auf Liegnitz, oder vielmehr auf Kaltwasser, nah bei Liegnitz gehn,
welches zwei Brüder von meinem Raumer gepachtet haben. Doch davon, wie
von allem andern, besser mündlich. Hier ist alles wohl, mir geht es
auch leidlich; in A.’s Hause sehr wohl, nur zu viel in Gesellschaft.
Aus Bresl. und auch von Wilh. aus Burgos vom 15t. Aug. haben wir gute
Nachricht. Gieb solche auch bald von Dir und Deinen Lieben, m. l.
Freund, und empfiel mich allen aufs beste.

C. und M. grüßen Dich und M. herzl.

    Dein

    _Reichardt_.


                                  VI.

    _Breslau_ d. 31. Oct. 12.

Seit dem 27t. Abends bin ich recht wohl behalten hier. Bis auf
ein gebrochen Rad, am Wagen des Crossner Gastwirths, eine Stunde
Fußwandrung und eine Nacht in einer kleinen Dorfschenke, ging alles
nach Wunsch und Willen. Hier fand ich alle sehr wohl und heiter. Rike
ganz hergestellt und etwas stärker als vor der Ehe, ihre kleine Dor.
ein gar liebes ruhiges Kind von freundlichem Ernst, dem Vater ganz
gleich. H. und S.[8] und Clärchen auch etwas stärker geworden und
alle, auch meine Frau, sehr wohlaussehend. Diese freut sich Eurer
freundlichen Einladung für den Rückweg, und wird mit Vergnügen einige
Tage bei Euch hausen: aber acht Tage scheinen ihr in der Nähe ihrer
Töchter, die sie so lange nicht sah, doch auch zu viel. Vor Neujahr
geschieht es indes auf keinen Fall. Wir sind hier auch gar gut
aufgehoben. Die Kinder wohnen gar erwünscht, in einem schönen Hause,
daß mich oft an die besten Lombardischen Paläste erinnert und daß auf
Königl. Kosten mit aller möglichen Bequemlichkeit für sie und für die
unter ihnen befindliche Bank versehen ist. Schildwachen, Hauscastellan,
große Hausuhr auf dem Giebel des Hauses, doppelte Laternen, Diener
für die Mineralsamml., der auch zugleich für R. und St. ein guter
Aufwärter ist; man kann gar nicht bequemer geräumiger und zugleich
ansehnlicher wohnen. Auch sind sie alle sehr mit der Wohnung zufrieden;
auch ist die Vertheilung sehr passend ausgefallen, für St. die untere
durch Höhe und Wölbung der prächtigen Zimmer noch ansehnlichere, für
R. die gemüthlichere noch bequemere Wohnung. Auch von der Stadt und
ihren freundlichen gastfreien Bewohnern bin ich sehr gut empfangen,
Einladungen zu Diners und Soupers kommen vom ersten Tage an, viel
häufiger als ichs wünschte: mehrere sind auch schon abgelehnt. Die
Reise hat mich doch wieder etwas von neuem angegriffen, und ich fühle
wohl, daß ich Ruhe und Mässigkeit bedarf. Das Wetter hat mich sehr
begünstigt, erst als ich hier schon in Sicherheit war, stellte sich
der Regen ein, der die alte würdige Stadt schon gar weidlich mit Koth
überzogen hat. Neues von der Armee erfährt man hier eben so wenig als
in B., obgleich man ihnen hier doch schon näher ist, und manches auch
über Wien her erschallt. Das fatale Friedensgerücht scheint sich indes
doch von keiner Seite zu bestätigen.

Nun wünsche ich recht herzlich, mein Lieber, bald einmal etwas von
Dir über all das Geschreibsel, das ich Dir zurückließ, zu erfahren.
Was Du der weitern Ausführung am würdigsten findest, und worüber Du
wohl bei Deinem Aufenthalt in Berlin am liebsten ein Wort zu meinen
Gunsten an Reimers sagen möchtest, das könntest Du mir wohl auch
wieder herschicken. Ich bin so ganz ohne Beschäftigung hier, daß
ich sonst etwas Neues beginnen müßte. Ich denke mich zwar mit dem
hiesigen Theater zu beschäftigen, wozu die Direction auch schon die
Artigkeit gehabt, mir ein für alle Plätze gültiges Billet zuzuschicken,
aber ich weiß doch noch nicht, ob mich das auch zu einer ruhigen
Stubenbeschäftigung führen wird, deren ich immer bedarf. Wenn ich mit
Deinem Phantasus zu Ende bin, schreib ich Dir auch, nach Deinem Willen
den Eindruck, den die verschiedenen Märchen auf mich gemacht. Auf dem
Wege kam ich weniger zum Lesen, als ich vermuthete, hier noch fast gar
nicht. Es soll indes nicht so gar lange mehr währen, daß Waagen das
Exemplar erhält. Hergekommen ist er doch nicht, aber wohl wieder von
Schmiedeberg nach Waldenburg zurückgegangen: Du schickst mir auch wohl
d. 2t. B. zu weiterer Beförderung.

Nimm heute mit diesem flüchtigen Blatte vorlieb, mein Lieber, wohl
zehnmal ward ich dabey unterbrochen. Könnt’ ich Dich doch herzaubern,
um mündlich so manches zu verhandeln, das sich in den paar Tagen dort
in Ziebingen eben nicht einstellte. Am meisten hab ich Dich gestern
Abend spät hergewünscht, als mir Rieke und Soph. mehrere meiner
Göthe-Sachen mit einer sehr verschönten und vergrösserten Stimme, und
gar edlem gehaltnen Vortrage sangen. Alle grüßen Dich und M. und D. und
den kleinen C. XII aufs herzlichste. Laß ja recht bald etwas von
Dir hören und empfiel mich auch dein ganzen Hause bestens. Nochmals
tausend Dank für freundl. Aufnahme.

    _R._



=Louise Reichardt,=


    des Vorigen Tochter, als Komponistin schöner Lieder bekannt, die
    sich durch Tiefe des Gefühls und einfach natürliche Declamation
    auszeichnen.


                                 VII.

    _Hamb._ d. 20t. Nov. (ohne Jahrzahl).

Lange habe ich solch eine Freude nicht gehabt wie über Deinen Brief,
lieber Tieck, und Du brauchtest zu v. Bielefelds Empfehlung nichts
weiter zu sagen, als daß er Dein Freund ist. Die Familien, deren
Bekantschaft Dir für ihn lieb wäre, sind noch alle auf dem Lande,
aber die nächste Woche pflegt so der letzte Termin zu seyn und dann
werd ich ihn mit Vergnügen bey Mad. Sillem einführen; die weiteren
haben Runge und der junge Sieveking übernommen, mit denen ich ihn
bereits bekannt gemacht habt, und die dazu weit geschickter sind als
ich, da ich schon seit mehreren Jahren aus allen Gesellschaften mich
herausgezogen habe, weil ich es mit meinem Geschäft nicht vereinbar
fand, und auch meine Gesundheit, die mich seit der letzten Reise nach
Berlin oft Monathe hindurch im Zimmer hält und ausser aller Thätigkeit
setzt, es ohnmöglich machte. -- Von Deiner Gicht hörte ich oft mit
herzlicher Theilnahme und freute mich, wenn man mir zugleich erzählte,
daß Du dabey Deine Heiterkeit nicht verlohren. -- Daß Deine Töchter
musicalisch sind, ist eine schöne Zugabe, meine Lieder sind mir so
fremd geworden, seit ich in Hamb. bin, daß Dein Wunsch, sie zu haben,
mich ordentlich einen Augenblick wehmüthig machte, weil es mich an die
alte gute Zeit erinnerte. Ich habe durchaus nichts davon, aber ich weiß
hie und da noch jemand, von dem ich sie glaube erhalten zu können, und
so soll Dein Freund, der Weihnachten zu Euch kommt, Dir wenigstens
die Deinen, und was ich sonst der Mühe werth halte, mitbringen. Mein
einziger Wunsch ist, bevor ich sterbe, noch etwas für die Kirche zu
schreiben, ich habe diesen Sommer mit einzelnen Sprüchen aus der Bibel,
die ich für meine Schülerinnen 3 und 4 stimmig gesetzt habe, angefangen
und denke hauptsächlich in dieser Absicht eine Einladung nach England
anzunehmen, weil ich dort in 2 Tagen mehr verdienen kann, als hier die
ganze Woche und dann alle übrige Zeit eine Stunde von London in einer
schönen Gegend ganz auf dem Lande zubringen würde, in einem deutschen
Hause, welches mir alle Vortheile, deren ich mich in der Sillemschen
Familie erfreue, anbiethet, dafür daß ich zwey lieben Mädchen, die
schon hier meine Schülerinnen waren, Singstunden gebe.

Ob ich mich um Fritz verdient gemacht habe, daß wird sich erst zeigen,
ich habe nach meiner Ueberzeugung gehandelt und es mir viel kosten
lassen, aber er entspricht meinen Erwartungen bis jetzt leider nicht.
Laß dies unter uns bleiben. -- mein seeliger Vater schrieb mir, als
er ihn mir schickte: „Suche seinen Verstand auszubilden, so wird es
vielleicht möglich, von dieser Seite auf sein Gefühl zu wirken; aber
was mich und Dich beglücken kann, das wird er nie haben,“ und ich
fürchte, er hat nur zu wahr gesagt. Er hat der Mutter ihren Egoismus
und den eisernen Eigenwillen von Carl Alberti. Gott möge sich sein
erbarmen! --

Deine Arbeiten erhalte ich immer ganz frisch von Perthes; und Runge,
der sehr viel davon hält, liest sie mir vor. Ich muß bey Erwähnung
Deiner Arbeiten noch sagen, daß mir mehreres, besonders der Phantasus
so werth ist, daß ich viel daraus ganz auswendig weiß. Diese beyden
Männer gehören zu den wenigen Menschen meines vertrauten Umgangs,
und daß sie Dich achten und lieben, macht sie mir besonders werth.
Voriges Jahr hofften wir so sicher, Dich hier zu sehn, kannst Du es
nicht einmahl noch machen, wie würden wir uns freuen! Deine Frau grüße
tausendmahl; beykommende graue Erbsen lege ich Dir zu Füssen und
schicke nicht mehr, weil die großen, die aber jetzt sehr theuer sind,
erst in 14 Tagen kommen, wie mir der Mann, von dem wir alles nehmen,
hat sagen lassen; willst Du nun davon noch mehr haben, so soll er Dir
sie gleich mit der Rechnung schicken, ich hoffe Du sollst aber auch
mit diesen, wovon Mad. Sillem, die Dich freundlich grüßt, eine Probe
hat kochen lassen, wohl zufrieden seyn. Die gute Sillem ist heute
in Trauer, da gestern Abend plötzlich ihre einzige Schwester Mad.
Goddefroy gestorben, der Mann ist schon seit dem Frühling todt, und
die fromme Frau, die schon lange kränkelte, sehnte sich mit ihm wieder
vereint zu seyn.

Entschuldige mein Geschmier und bleibe freundlich Deiner Dir innig
ergebenen

    _L. Reichardt_.


                                 VIII.

    _Hamb._ d. 24st. Oct. (ohne Jahrzahl[9]).

Dein freundliches Andenken, Bester Tieck, macht mich so glücklich, daß
ich nicht zu sagen wüßte, ob ich mich mehr über Deinen Brief oder über
Webers Bekanntschaft, der ich viel schöne Stunden verdanke, gefreut
habe. Es gehört zu den wenigen Wünschen, die ich für diese Welt noch
habe, Dir einmahl wieder näher zu kommen und Deine Kinder, von denen
ich so viel Liebes höre, kennen zu lernen. Webers werden Dir sagen,
daß ich immer noch in derselben glücklichen Lage im Sillemschen Hause
lebe. England ist mir eine sehr schöne Erinnerung, hauptsächlich weil
ich dort den Grund zu einer bessern Gesundheit gelegt habe. Um dort
zu bleiben, war grade nicht der rechte Augenbl., indem grade in jenem
Sommer all’ die guten Häuser, denen ich empfohlen war, fallierten und
zum Theil England verliessen; jetzt sieht es nun gar so bunt aus, daß
meine dortigen Freunde sich herzlich freuen, mich nicht gefesselt zu
haben. -- Welche Freude wäre es gewesen, wenn wir uns dort getroffen
hätten, ich weiß, wie ich mich schon an den wenigen Menschen dort,
die Dich gesehen hatten, gefreut habe. Daß auch Deine Gesundheit sich
bessert, ist gar herrlich! -- ich denke im Frühling nach Giebichenst.
zu reisen, wo jetzt wieder so viele von den Meinigen beysammen sind,
und hätte große Lust einen kleinen Abstecher nach Dresden, was mir in
so vieler Hinsicht bedeutend ist, zu machen. Aber du müßtest freylich
noch dort sein, wozu ja auch Weber mir Hoffnung giebt. Deine Frau
und Kinder sind auf’s Herzlichste von mir gegrüßt. Die Meinigen
schreiben mir so wenig, daß ich gar nicht wußte, daß Ihr in Dresden
lebet, auch der Fritz hat ganz aufgehört mir zu schreiben, und kommt
Ende dieses Monaths ganz zu Raumer ins Haus, was mich sehr glücklich
macht, und ich beabsichtige die Reise hauptsächlich, um ihm nicht
ganz fremd zu werden. -- Herzlich habe ich mich gefreut, auch einmahl
wieder etwas von Möllers zu hören, die ich recht sehr werth halte.
Dein kirschbrauner Freund v. Bielefeld ist auch wieder hier, ich habe
ihn aber noch immer verfehlt. Bey Deinen hiesigen Freunden bist Du in
sehr gutem Andenken; Mad. Sillem, die jetzt viel kränkelt, trägt mir
herzliche Grüße auf. Die grauen Erbsen, davon Weber nur einige Pf. in
seinem Wagen lassen kann, kommen mit der fahrenden Post. -- Seegne Dich
Gott für Deine Güte und erhalte mir Deine Freundschaft.

_L. Reichardt_.



=Reinbold, Adelheid.=


    Obgleich wir diese Zierde Tieckscher Geselligkeit oft zu sehen
    und uns an ihr zu erfreuen so glücklich waren, wollen wir doch
    gern, was wir von ihr zu sagen vermöchten, unterdrücken, und
    schwärmerisch-begeisterten Klageworten über ihren Tod (siehe den
    Brief des Baron Maltitz) einen zusammengedrängten Abriß ihres
    Lebens folgen lassen, wie derselbe auszugsweise, doch wörtlich
    _Rudolf Köpke’s_ herrlicher Schilderung entnommen ist.

    „Unter den zahlreichen deutschen Schriftstellerinnen ist Adelheid
    R. eine der begabtesten, und doch ist kaum eine weniger anerkannt
    worden. Was sie besaß und vermochte, selbst ihre Dichtungen,
    hatte sie dem Leben in hartem Kampfe abgerungen. Schon als junges
    Mädchen war sie auf sich selbst, auf ihre eigene Kraft angewiesen.
    Sie stammte aus einer hannoverischen Beamtenfamilie. Früh machte
    sie manches verborgene Leiden durch. Dennoch erwarb sie reiche
    Kenntnisse in Sprache und Wissenschaft, und suchte sich dadurch
    eine selbstständige Stellung zu verschaffen. Zuerst hatte sie
    in _Rehberg’s_ Familie eine freundschaftliche und für ihre
    Ausbildung folgenreiche Ausbildung gefunden; dann ging sie
    nach Wien, wo sie als Erzieherin lebte, in die Welt der großen
    Gesellschaft eingeführt, und nach Lösung ihrer Aufgabe mit einer
    Pension entlassen wurde. Sie ging nach Dresden, und lernte Tieck
    kennen.

    Fern von Weichheit und Sentimentalität, besaß sie eine
    männliche[10] Kraft des Talentes. Zu weiterer Fortbildung, zu
    eigenen Schöpfungen fühlte sie sich hingedrängt; sie wollte
    aussprechen, was sie in sich unter schweren Verhältnissen erlebt
    hatte. Die Trauerspiele „Saul“ und „Semiramis“ entstanden. In
    der Novelle versuchte sie sich mit bestem Erfolg. -- Zu ihrer
    Familie heimgekehrt, führte sie ein Dasein häuslichen Kummers.
    Dennoch schrieb sie für öffentliche Blätter und trat, unter dem
    Autornamen _Franz Berthold_, als Erzählerin im Morgenblatte
    auf. Im Jahre 1831 ging sie nach München, wo sie eine Zeit lang
    in Schellings Hause lebte. Später nahm sie abermals eine Stelle
    als Erzieherin bei fürstlichen Kindern in Sachsen an. Doch weil
    sie in solcher Existenz die Selbstständigkeit ihres produktiven
    Talentes gehemmt glaubte, machte sie sich wieder los, und wagte
    es, sich eine unabhängige literarische Stellung zu schaffen. Seit
    1834 lebte sie in Dresden, wo sie einen ihrer jüngeren Brüder auf
    der Militairanstalt untergebracht. Mit voller Selbstverleugnung und
    Aufopferung verwandte sie ihren literarischen Erwerb darauf, die
    Ihrigen zu unterstützen. In der Familie eines einfachen Handwerkers
    hatte sie sich eingemiethet, deren kleines häusliches Leben sie
    theilte. In ihrem Zimmer schrieb sie Dramen, Novellen, Kritiken. In
    der Gesellschaft erschien sie als Weltdame. Sie war eine glänzende
    Erscheinung, schön, lebhaft, geistreich, von seltener Schnellkraft
    und Thätigkeit. In Tieck’s Hause zu Hause, ihm selbst fast
    leidenschaftlich ergeben, war sie heiter, witzig, sprühend, ein
    Gegenbild zur ernsten, frommen, gelehrten und einfachen Dorothea.
    Sie beherrschte das Gespräch vollkommen, mochte ihr der Diplomat
    oder Philosoph, der Engländer, Franzose, oder der deutsche Dichter
    gegenüber stehen.“ -- Wie theuer sie ihrem verehrten Meister
    gewesen, läßt sich schon daraus entnehmen, daß Dichtungen, der
    aufregenden Zeit von 1830 entsprossen: „Der Prinz von Massa“ --
    „Masaniello“ -- trotz revolutionairer Färbung nicht vermochten,
    sein Herz ihr zu entfremden. Sie blieb der Liebling des ganzen
    Tieck’schen Kreises, nicht minder geachtet als geliebt.


                                  I.

    _Göttingen_, den 19. Juny 1829.

Wollen Sie mir vergönnen, theurer unvergeßlicher Freund, nach so langer
Zeit einmal wieder vor Sie zu treten? Aber Sie standen mir so nah in
diesen Tagen, wo ich Ihr herrliches Dichterleben las, daß ich mir es
nicht versagen kann, Ihnen wieder einmal ein Wörtchen zu sagen; mir
war, als hörte ich alle die schönen inhaltschweren Worte von Ihren
Lippen fließen, wie sonst, Sie waren es so ganz selbst; dieses Werk muß
vor allen andern, die ich von Ihnen kenne, so recht aus Ihrem Innersten
geflossen seyn, denn so nah, so sichtbar möchte ich sagen, hat Sie noch
keines vor meinen Geist gestellt. Wie herrlich zeichnen Sie den Kampf
der wilden chaotischen Kraft mit dem menschlichen, den Kampf der Götter
mit den Titanen, wie lernen wir Ihren Dichter lieben und bewundern,
wie trifft er so wahr und so entschieden immer das Rechte, und doch
können wir dabey auch dem Titanen Marlowe unsre Liebe und Bewundrung
nicht versagen, ja er reißt sie gewissermaaßen noch mehr an sich, als
Shakespear, den Sie mehr als die ruhige Critik auftreten lassen, er
erobert unsre Zuneigung wie der Handelnde es immer thut, während der
andre sie von Rechtswegen gewinnt. Ich finde in dieser Novelle den
Stoff zu einem Trauerspiele, welches Sie Marlowe nennen könnten, und
über welches ich Göthe’s Motto schreiben möchte: „Auch ohne Parz’ und
Fatum spricht mein Mund, ging Agamemnon, ging Achill zu Grund,“ und dem
es nur noch an Handlung fehlte, denn den ganzen innern Gehalt eines
Trauerspiels, die Gedanken, welche sich unter einander verklagen und
nicht aufs Reine kommen können, ja es ihrer Grundanlage nach vielleicht
nie können, hat Ihre Novelle schon. Es ist eine Göttergestalt dieser
Marlowe, der an nichts als an sich selbst hätte zu Grunde zu gehen
können. Und wie schön ist nun wieder der Contrast des sanften weichen
Green, der eben in der süßen Milde seines Gemüths uns doch wieder auf
dem Sterbebette die poetische Beruhigung zeigt, die sein Leichtsinn ihm
auf immer zu entreißen droht. Nun sollten Sie uns aber auch, theurer
Freund, Ihren eigentlichen Helden und Liebling einmal im Kampfe mit
sich selbst zeigen, und wie er in _sich_ das Ungeheure und die
nach allen Seiten überströmende Kraft, durch das Menschliche, und in
diesem Sinn Göttliche, bändigt; denn glauben Sie, daß in Shakespeare
selbst diese vollendete Harmonie aller Kräfte nicht erst nach manchem
geheimen Kampf hervorgetreten ist, der nur nicht laut ward, weil seine
Verhältnisse so bescheiden waren? Wer so unendlich tief empfand, daß
er so in jede Menschenbrust zu tauchen verstand, wie er, sollte der
nicht selbst alles Menschliche empfunden haben, und den Begriff des
noch fehlenden nur durch das schon Erfahrene ersetzen, und sollte es
nicht eben sein innerer Werth, der Gott in ihm seyn, der ihn diesen
Einklang finden ließ? denn wenn es ihm ~tout bonnement~ angebohren
wäre, so stände er uns zu unbegreiflich fern, als daß wir uns für
ihn interessiren könnten, das können Sie also nicht gemeynt haben.
Wie herrlich wäre es, wenn wir durch Sie, denn kein andrer würde ihn
so begreifen, einen Blick in den Kampf der innern Kräfte mit sich
selbst und der Außenwelt, in die Seele Ihres Shakespeare thun könnten,
obgleich wir Ihnen gewiß alle zugeben müssen, daß Ihre Darstellung
in diesem Moment seines Lebens vollkommen richtig ist; denn um sein
herrliches Trauerspiel zu schreiben, welches ich Jugend benennen
möchte, mußte er diesen innern Einklang, diese Geistesfreyheit errungen
haben, aber er stand noch auf der Gränze des neueroberten Reiches, und
blickte mit wehmüthig süßem Schmerz hinab in die Thäler der Erinnerung,
überwundner Freuden und Leiden. -- Und nun den heitern kindlich
lieblichen Prolog mit seinen schlummernden Gefühlen und Blüthenknospen
dabey; ich sah mich wieder, uns alle im Cabinetchen um Ihren Stuhl, und
die ahndungsvolle Stille, die das Geräusch der geschäftigen Hausfrau
und die schwatzenden Mädchen im Nebenzimmer so oft unterbrach, und die
Thränen kamen mir in die Augen. Doch Sie wissen das wohl alles so nicht
mehr. Und die Wiederholung dieses schönen Tages dieses Jahr habe ich
nicht mit erlebt! Mit Betrübniß sehe ich mein bescheidnes Blättchen,
welches Sie vielleicht in Töplitz, oder wer weiß wo, weswegen wir es
auch nicht zu schwer beladen wollen, aufsuchen muß, zu Ende gehen;
wie viel möchte ich Ihnen noch über die einzelnen großen Worte Ihrer
Dichter sagen, aber ich ermüde Ihre Geduld, und habe vielleicht schon
manches gesagt, was Sie für dummes Zeug erklären müssen; gemeynt habe
ich bey allem etwas, aber es vielleicht schlecht ausgedrückt, die
Männer _wissen_ die Sachen, wir _fühlen_ sie, und wenn wir
unser Gefühl undeutlich ausdrücken, weiß kein Mensch, was wir gewollt
haben. Leben Sie wohl, Verehrter, Theurer, grüßen Sie Ihr ganzes liebes
Haus und die gute Solger, und denken Sie in verlornen Augenblicken auch
einmal mit Nachsicht und Güte an

    _Adelaide Reinbold_.


                                  II.

    _Waldeck_, den letzten May 1831.

Recht sehr verlangt es mich, Ihnen einmal wieder ein paar Worte zu
sagen, theurer Freund, obgleich ich nicht hoffen darf, dafür etwas von
Ihnen zu hören. Haben Sie Semiramis gelesen, und was sagen Sie dazu?
Ich weiß recht gut, daß ich dabey etwas gemeynt habe, werde ich es
denn aber recht ausdrücken können? Ich habe zeigen, oder besser, sagen
wollen, daß die Moral im höhern Sinne das organische Gesetz unsrer
Menschheit ist, welches eben dadurch, daß es aus der chaotischen Masse
geistiger Kräfte die Legislation eines Ganzen schuf, etwas höheres
producirte, als selbst das ist, welches Geister ohne solches Gesetz
aufzuweisen haben, und ich habe zeigen wollen, wie diese Humanität
selbst die übermäßigen anarchischen Kräfte eines halb göttlichen
Wesens durch ihre moralische Geordnetheit, wenn ich so sagen darf,
bezwingt, und dadurch höher steht, als wir uns die Geister, Engel oder
wie wir andre geistige Wesen nun einmal nennen wollen, im Allgemeinen
denken, obgleich ich überzeugt bin, daß auch sie ein, nur uns natürlich
entgehendes, Gesetz ihrer Natur haben.

Eine Composition der Art konnte, wegen ihres luftigen Terrains, nur
Skizze und Fragment seyn; wer vermag dieser alten Fabelwelt einen
festen Boden zu geben? Uebrigens schließt sich Semiramis selbst, trotz
ihres fingirten halb göttlichen Ursprungs, eben durch diese Kräfte
ihres Innern an jede höhere menschliche Natur, sie sey weiblich oder
männlich, an, welche gewaltige Kräfte über das Gesetz hinaustragen,
bis die Erfahrung, seine heilsame Beschränkung fühlend, sie wieder
zurückführt.

Meine paar Novellchen (ziemliche Jämmerlichkeiten, welche durch die
Schürzengunst und Critik der Schelling und Cotta (~entre nous
soit dit~) sich den Weg ins Morgenblatt bahnen mußten) sind im
Morgenbl. gedruckt; sie heißen die Kette und Emilie de Vergy. Letztere
überraschte mich gedruckt in Leipzig, aber ich fühlte keine Wonne eines
zum ersten mal gedruckten Menschen, sondern eine tiefe Beschämung über
die Erbärmlichkeit des Products, welche mir da erst recht in die Augen
fiel. Aber es war ein Machwerk, ~à commande~ geschrieben, fast
mit vorgeschriebener Seitenzahl, aus dem das Beste noch weggestrichen
wurde. Von hier aus habe ich ihnen auf Verlangen zwey andre
Kleinigkeiten nachfolgen lassen, die mehr mein eigen sind. Sie heißen
die Gesellschaft auf dem Lande mit Fortsetzung.

Uebrigens bin ich sehr fleißig, ob es hilft, müssen wir erst sehen.
Raumer hat mir in den ~Memoires du Comte de Modène~ ein
vortreffliches Buch geschickt, welches alles enthält, was ich wünschen
kann. Ich habe hier keine _Seele_ als mich selbst, der Spaß dauert
auch nicht länger als sechs Monate, ich habe schon das Meinige in allem
Guten dazu gethan, ihm seine Gränzen zu stecken. Finden Sie das nicht
zu voreilig expeditiv; ich mußte! --

Darf ich Ihnen ein schönes, schönes Schwesterchen zuschicken, welches
ich in Dresden seit acht Tagen bey der Canzlerin Könneritz habe? Ein
gar gutes, liebes, solides Kind mit einem wahren Madonnakopf; empfehlen
Sie sie Ihren Damen, und bitten Sie sie in meinem Namen um die
Erlaubniß sie besuchen zu dürfen. Ich fürchte, sie wird mich bey Ihnen
ganz ausstechen, bey Agneschen und Dorothea gewiß.

Der Gräfin bin ich noch sehr dankbar für ihren letzten Brief, den ich
höchst ungern, aber auf ihr Gebot gewissenhaft vernichtet habe. Mit
der Zeit schreibe ich einmal mehr von hier, bis dahin bitte ich mich
all den Ihrigen zu empfehlen. Darf ich denn diesen schlechten Wisch
abschicken? Sie sehen aus seiner Eile den -- wollte Gott Früchte
bringenden -- Fleiß und das Vertrauen

    Ihrer

    _Adelaide R_.



=Rellstab, Ludwig.=


    Geb. den 13. April 1799 in Berlin, gestorben am 28. Novbr. 1860
    ebendaselbst.

    Sein Vater, Inhaber einer bekannten Buch- und Musikalien-Handlung
    in Berlin, erzog die Kinder entschieden für Musik. Ludwig’s ältere
    Schwester wurde als Sängerin beim Breslauer Theater angestellt,
    und gewann, obgleich Anfängerin auf den Brettern, durch liebliche
    Stimme, ausgebildete Schule und weibliche Bescheidenheit
    allgemeinen Beifall. Leider starb sie, einem dortigen
    Regierungsbeamten verlobt, in der Blüthe ihrer Jahre, da ihr Bruder
    noch ein Knabe war. Als sechszehnjähriger Jüngling griff dieser,
    den der Vater auch zum „Musiker von Métier“ bestimmt hatte, nach
    dessen Tode (1815) zu den Waffen, machte die Feldzüge mit, wurde
    Offizier in der Artillerie, Lehrer an der Brigade-Schule, und nahm
    1821 seinen Abschied. Dann hielt er sich abwechselnd in Frankfurt
    a. O., Dresden, Heidelberg, Bonn u. s. w. auf, ein „freies
    Dichterleben“ führend. Mannichfach enttäuscht durch die nicht in
    Erfüllung gehenden Hoffnungen, wie sie ein junger Poet in seine
    ersten Tragödien setzt, kehrte er nach Berlin zurück und warf sich,
    gleich manchem andern, im ersehnten Erfolge gehemmtem Autor, auf
    die Kritik, worin er besonders für musikalische Besprechungen eine
    gefürchtete Autorität wurde, und den Anmaßungen des Ritter Spontini
    fest entgegen trat. Doch hörte er daneben nicht zu produciren auf
    und schrieb Gedichte, Abhandlungen, Dramen, Novellen, Romane &c.,
    die als „Gesammelte Schriften“ (von 1843 bis 1860) mehr als dreißig
    voluminöse Theile bilden.

    Wenn er hier und da sich hatte verführen lassen, die spitzige
    Feder in einigermaßen vergiftete Tinte zu tauchen, und Schriften
    in die Welt zu senden, die vielleicht besser ungeschrieben
    geblieben werden (z. B. „die schöne Henriette“), oder wenn er
    in der kritischen Polemik zu einseitig, manche Gegnerschaft
    hervorrief, so war und blieb er doch ein redlicher, wohlmeinender,
    ja weichherziger Mensch, der mit kalter Absicht Niemanden
    verletzten wollte. Für seinen ehrenhaften Charakter spricht wohl
    am deutlichsten sein Verfahren beim Konkurse der von ihm, mit
    einem ehemaligen Kameraden unternommenen Buchhandlung, wo er, --
    nachdem Jener „schlechte Geschäfte gemacht,“ -- mit _seinem_
    väterlichen Erbtheil das Defizit deckte, ohne als ungenannter
    und nicht in Anspruch zu nehmender Kompagnon verpflichtet zu
    sein. -- Vierunddreißig Jahre hindurch ist er unermüdet thätiger
    Mitredakteur der Vossischen Zeitung gewesen.


    _Weimar_ am 21sten September 1821.

    _Geehrter Herr Professor!_

Die Dreistigkeit, Ihnen zu schreiben, kann ich nur damit entschuldigen,
daß ich sowohl die Verpflichtung fühle, Ihnen noch einmal meinen Dank
für Ihre so freundliche, mir unvergeßliche Aufnahme abzustatten:
als auch Ihnen anzuzeigen, daß ich meinen Aufenthalt in Heidelberg
verschiedner Umstände wegen um ein halbes Jahr verschoben habe. Die
mir von Ihnen für diesen Ort gütigst mitgegebnen Briefe habe ich daher
couvertirt und mit einigen entschuldigenden Worten nach Heidelberg
gesandt in der Hoffnung, daß meine Verspätung mich nicht des Glückes
berauben werde, mich persönlich vorstellen zu dürfen. Den Brief an J.
P. F. Richter habe ich übergeben und dadurch große Freude gemacht.
Höchst wahrscheinlich befindet sich J. P. jetzt in Heidelberg, wohin
er gleich nach meiner Abreise von Bayreuth (am 30ten August) zu reisen
gedachte. Er prophezeihete das beste Wetter, allein es ist so übles
eingetroffen, (wenn dort und hier sich gleichen), daß er vielleicht
deshalb die Reise gar unterlassen haben mag, indem er um eine solche
mit Vergnügen machen zu können das heiterste Wetter fordert.

Noch einmal sage ich Ihnen besten und herzlichsten Dank für das
Freundliche, das Sie dem ganz unbekannten und unbedeutenden erwiesen,
und hege nur den Wunsch, daß ich (wenn auch nicht es erwiedern, denn
dazu ist schwerlich Hoffnung) doch zeigen können möchte, daß Sie Ihre
Güte nicht an einen ganz Unwürdigen verschwendet haben.

    Mit größester Hochachtung
    Ihr
    ergebenster
    _L. Rellstab_.



=Rettich, Julie,= geb. Gley.


    Julie _Gley_! Ein Name, reich an Erinnerungen für alte
    Theaterfreunde. Juliens Eltern waren treffliche Künstler aus
    früherer Schule. Die Mutter, eine gute Sängerin für die sogen.
    „Spieloper,“ deren „Marianne“ in den „drei Sultaninnen“ uns
    jugendliche Zuhörer sehr entzückte. Der Vater, ein ausgebildeter,
    gewiegter Schauspieler, im Helden- und Charakter-Fache, der auch in
    Liederspielen mit klangvoller Stimme hübsch zu singen vermochte.
    Man wußte damals, und wahrlich nicht zum Nachtheile dramatischer
    Darstellung, Beides zu vereinen, weil wildes Geschrei noch nicht
    unumgänglich nothwendig erschien, um „Effekte“ hervorzubrüllen.

    Als Gley in Breslau (vor _länger_ denn einem halben
    Jahrhundert) den Karl Moor gab, setzte er uns in bewunderndes
    Erstaunen durch den Vortrag der im Original enthaltenen
    _Gesänge_, die er mit der Laute begleitete. Unseres Erinnerns
    hat sich niemals ein anderer Räuber Moor daran gewagt, „keine Welt
    für Deinen Brutus mehr“ ertönen zu lassen.

    Die _Tochter_... nun, wer kennt _Julie Rettich_ nicht?
    Da sie nachstehendes Brieflein schrieb, hieß sie noch Gley; war
    noch nicht die beglückende Gattin des sie beglückenden Mannes, der
    mit ihr im Vereine das Vorbild einer künstlerischen Häuslichkeit
    in’s Leben rief; einer Häuslichkeit, wo Geist und Gemüth walten; wo
    Jeder gern gesehen und gütig empfangen ist, der dahin paßt.

    Der Künstlerin Herz redet vernehmlich aus diesen Zeilen. Was sie
    über Schreyvogels Absetzung sagt, haben viele edle Herzen mit ihr
    empfunden, und derjenige dem es gelang, Jenen „_bis auf den
    Tod_ zu verwunden,“ hat als sein Nachfolger wenig gethan, am
    Burgtheater gut zu machen, was er am Hingeopferten verschuldet.


    _Wien_, d. 31ten Mai 18..?

    _Lieber, verehrter Herr Hofrath!_

Henkel, der heute Abend nach Dresden abreist, wünscht, daß ich ihm
einige Zeilen an Sie mitgebe, und ich benutze diese Gelegenheit mit
großer Freude, denn es ist grade die rechte Zeit, zu Ihrem Geburtstag
zu gratuliren, und wenn Sie die innigen Wünsche auch nachträglich
erhalten, so werden Sie sie ihrer Innigkeit wegen, doch nicht
unfreundlich aufnehmen, wie ich gewiß weiß. Ich wünsche Ihnen all’ das
Gute und Schöne, was Sie für den Mondsüchtigen verdienen, und eine
ganze Stube voll der herrlichsten Tulpen und Rosen -- das ist genug
für einen Sterblichen, wenn es selbst ein ganz aparter ist. -- Einen
so ausgezeichneten Glückwunsch können Sie aber nicht umsonst erwarten,
und ich erbitte mir dafür von Ihnen etwas, was mir sehr am Herzen
liegt. Ich habe lange nicht an Agnes und Dorothea geschrieben, ich war
in dieser Zeit viel, und vielfach bewegt, ich konnte nicht die Ruhe
finden, konnte, wollte auch vielleicht nicht; vielleicht bin ich auch
Schuld, wenigstens theilweise, und jetzt fürchte ich mich. Sie sollen
mich nun vertreten, lieber Herr Hofrath, und Sie können das immer thun,
um mir zu beweisen, daß Sie sich nicht gegen mich geändert haben --
auch nicht ein bischen -- was mir manchmal bewiesen werden soll, was
ich aber nicht glaube, und nie glauben werde. Ihre Güte gegen mich,
ist mir die liebste Erinnerung, der geistigste Duft meines Lebens, Sie
dürfen Ihre herzlichste Verehrerin nicht vergessen, die es doch besser
meint, wie alle die gepriesenen vornehmen Leute, die Sie anbeten, um
sich interessant zu machen.

Von dem Wichtigsten, was bei unserm Theater in letzter Zeit vorgefallen
ist, vom Göthefest, und von Schreyvogels Pensionirung, kann Ihnen
Henkel viel, und weitläuftig erzählen, da er persönlicher Zeuge war.
Faust in Wien, ist gewiß merkwürdig, und hat mir viel Freude gemacht,
die Entfernung Schreyvogels ist dafür um so trauriger, wenigstens
für mich. Man beklagt sich über ihn auf vielfache Weise -- aber über
welchen Theaterdirector beklagt man sich nicht? mir hat er nur Gutes
und Freundliches erwiesen, gegen mich ist er immer wahr, immer derselbe
geblieben, ich kann seinen Abgang also nur bedauern. Wäre dies aber
auch nicht der Fall, so könnte ich doch einer so tiefen Kränkung nicht
ohne Theilnahme zusehen, die ein Mann erfährt, der dem Theater 19 Jahr
mit glühender Leidenschaft vorgestanden hat, der alt und kränklich,
dabei ehrgeizig ist, und den diese Beseitigung gewiß bis auf den Tod
verwundet. Ich bin wüthend auf die, die sich darüber freuen, denn ich
dächte, bei solchen Umständen, könnte man auch seinem Feinde Mitleid
nicht versagen. --

Henkel ist ein freundlicher, gefälliger, und wie ich allgemein höre,
sehr achtungswerther Mann, er ist gegenwärtig ohne Engagement, und
wünscht sehr, Ihnen empfohlen zu seyn. -- Der Frau Hofräthin, der
Gräfin, Agnes und Dorothea meine besten, herzlichsten Grüße, und
noch einmal die Bitte um Verzeihung. Mir hat neulich Jemand gesagt:
„Dorothea Tieck, hat Sie lieber, wie Agnes.“ Fragen Sie doch einmal,
ob das wahr ist? -- Kommt Vogel viel zu Ihnen? Verzeihen Sie meine
Schmiererey, es ist aber die höchste Zeit, ich muß eilen. Leben Sie
wohl, liebster, bester, einziger Herr Hofrath, und bleiben Sie, was Sie
waren, für Ihre

    _Julie Gley_.



=Ribbeck, August Ferdinand.=


    Geb. zu Magdeburg am 13. Novbr. 1790, gestorben am 14. Januar 1847
    zu Venedig.

    Er war der Sohn des einst in Berlin hochgeachteten Probstes
    Ribbeck, der jüngere Bruder des vor einigen Jahren verstorbenen
    ehemaligen schlesischen Generalsuperintendenten. Seit 1813 wirkte
    er als Lehrer an Berliner Lehr-Anstalten; seit 1828 als Direktor
    des Friedrich-Werderschen Gymnasiums -- (dessen Schüler auch Tieck
    gewesen;) seit 1838 in gleicher Stellung am „Grauen Kloster.“ In
    Folge eines deutlich hervortretenden Brustübels wurde er 1846 nach
    dem Süden geschickt, und liegt auf der Insel St. Christoforo im
    protest. Friedhofe begraben.

    Er war ein Mann, reich an Geist, Witz, scharfem Verstande,
    unfassender Gelehrsamkeit; bei seinem bedeutenden Formtalente und
    bei der Tiefe seines inneren Gehaltes, wäre er vor vielen Andern
    berufen gewesen, durch selbstständige Produktionen Aufsehen zu
    machen, hätte er nicht die seltene Eigenschaft besessen, schärfere
    Kritik gegen sich selbst zu üben, als gegen Andere.

    Wie Herr Prof. Köpke uns belehrte, sind im Jahre 1848 erschienen:
    „Mittheilungen aus Ribbeck’s Nachlaß,“ die wir leider nicht
    zur Hand haben, und die wohl zunächst für den engsten Kreis
    seiner Verehrer bestimmt gewesen. Möglicherweise könnte auch
    dieses Scherzgedicht darin enthalten sein? Doch darf uns solche
    Möglichkeit nicht hindern, es hier mitzutheilen. Die letzten
    sechs Verse desselben sprechen ein herrliches Wort über Tiecks
    Erscheinung aus.


    _Berlin_, 19. August 1841.

      „Gesellige“ streiten bei Schwiebūs --
    Wie Dir es, Hochverehter Mann,
    Beiliegend Schreiben zeigen kann --
    Gar eifrig, ob es Cārolus
    Oder Carōlus heißen muß,
    Ob Nōvalis recht, ob Novālis,
    Und was der Ziegenwolle mehr.

      Dabei nun thun sie mir die Ehr,
    (Wie wohl im Grund nur meiner Stelle,
    Als ob die ~instar Tribunalis~)
    Zu fordern, daß ich Urtheil fälle.
    Was ist zu thun? Zwar liegt es nah,
    Derlei ~ad Acta~ still zu werfen,
    Und giebt man eine Antwort ja,
    Sie scherzend etwas spitz zu schärfen.
    Indessen muß ein Schulmonarch,
    So schwer es hält in manchen Fällen,
    Gelassen doch zur Welt sich stellen,
    Und, treiben sie’s nicht gar zu arg,
    Sich hüten, kleinen oder großen
    Homunkeln vor den Kopf zu stoßen.
    Kaum werd’ ich denn auch hier der Pflicht
    Entgehen, den Schwiebuser Brüdern
    Ganz ehrbar trocken zu erwiedern:
      So muß man sprechen -- und so nicht.
      Nur Schade, daß der _Novalis_
    Anlangend seine Quantität
    Mir selber nicht so recht gewiß.
    Zwar hab’ ich ruhig, früh und spät,
    ~Luisae Brachmann~ nachscandirend,
    Bis ~dato~ Nōvalis gesagt,
    Und wenn darob auch protestirend
    ~Grammatica latina~ grollte,
    Novālis einzig dulden wollte,
    Nach solchem Groll nicht viel gefragt,
    Weil eines myst’schen Namens Leben
    Wohl darf auf freierm Fittich schweben,
    Und stets mit geistig feinerm Klang
    Mir Nōvalis zu Ohre drang.

      Doch scrupulöser werd’ ich nun,
    Da mich die zwistigen Gesellen,
    Definitiven Spruch zu thun
    Auf den Orakel-Dreifuß stellen;
    Da gilts zu gründlichem Bescheid
    Erforschung aus den echtsten Quellen.

      Die sind denn -- glücklich! -- jetzt nicht weit;
    Du bist uns nah, der einst die Weihe
    Von dem Verklärten selbst empfing,
    Als „Kind voll Demuth und voll Treue“
    Geliebt, an seinem Busen hing;
    Dir tönt gewiß der echte Klang
    Des theuern Namens noch im Ohr;
    Und wenn es freilich fast Entweihung,
    Dich danach fragend zu behelligen,
    Sagst Du vielleicht doch -- aus Humor --
    Mit freundlich lächelnder Verzeihung
    Durch mich den streitenden Geselligen
    Ob kurz das A war, oder lang.

      Noch einmal bitt’ ich: zürne nicht
    Wenn der Dir völlig Unbekannte
    In Sachen von -- so viel Gewicht
    Zu dreist vielleicht sich an Dich wandte.

      Vermuthlich hätt’ ich’s lassen bleiben,
    Sah ich nicht jüngst (zum ersten Male
    Ward mir das lang gewünschte Glück)
    Dein Angesicht im Festes-Saale;
    Das seh’ ich noch -- und dieser Blick
    Gab mir den Muth, an Dich zu schreiben.

    _F. Ribbeck_,
    Director.



=Richter, Jean Paul Friedrich.=


    Geboren den 21. März 1763 zu Wunsiedel, gestorben am 14. Nov. 1825
    in Baireuth. --

    Zwischen ihm und Tieck lag eine Welt voll trennender Elemente;
    verschiednere Naturen kann es nicht geben, und wo Einer vom
    Andern zu reden kam, blitzte diese -- Gegnerschaft läßt sich’s
    nicht nennen -- diese innerlichste Verschiedenheit sichtbar aus
    jeder Silbe hervor. Die überschwängliche Sentimentalität Jean
    Paul’s, wodurch er bei seinem Auftreten gerade die Frauen wie
    mit Blumenbanden an sich gezogen, forderte Tieck’s spöttische
    Neckereien heraus; die „Clotilden und Lianen“ mußten’s entgelten.
    Auch gegen gewisse cynische Ausmalungen wehrten sich Tieck’s
    fein-fühlende Sinne, und er schalt den „Katzenberger“ ekelhaft.
    Jean Paul war sonst der Mann eben nicht, dergleichen Aeußerungen
    stillschweigend hinzunehmen. Weshalb hat er sich gegen Tieck
    immer so sanft gezeigt, und immer, auch tadelnd, mit Liebe
    seiner gedacht? Zunächst wohl aus wirklich empfundener Achtung.
    Dann aber auch, weil er’s im Herzen trug, und bis zum Tode treu
    darin bewahrte, daß Tieck im ersten Abschnitt des Phantasus
    ihm eine Huldigung dargebracht, wie nur wenigen Auserwählten
    zu Theil ward. Wenn in jenem Buche die Freunde und Freundinnen
    nach langem, geistvollen, Erd’ und Himmel umfassenden Gespräche
    noch einmal das Glas heben, um Derer mit Ehrfurcht zu gedenken,
    welchen _ihnen_ als die Höchsten, die Edelsten gelten; wenn
    Shakspeare, Göthe, Schiller, Jacobi, Friedrich und August Wilhelm
    Schlegel, Novalis begrüßt werden, da ruft Manfred auch:

    „Feiert hoch das Andenken unseres phantasievollen, witzigen, ja
    wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst Du ihn vergessen,
    Du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm für seine Irrgärten und
    wundervollen Erfindungen! Möchte er in diesem Augenblicke
    freundlich an uns denken, wie wir uns mit Rührung der Zeit
    erinnern, als er gern und mit schöner Herzlichkeit an unserm Kreise
    Theil nahm!“

    Solch’ ein Trinkspruch verhallt nimmermehr im Herzen Desjenigen,
    dem er galt.


                                  I.

    _Weimar_, d. 19. März 1800.

    _Mein lieber Tieck!_

Zuerst meine Bitte, welche die eines Andern ist. Ein Anderer wünschte
die größere Büste Bounapartes, die man in Berlin verkauft und welche
die H. Schlegel haben sollen. Er bittet also durch mich Sie und durch
Sie diese, ob Sie ihm die ihrige, die sie doch nur die Transportkosten
nach Berlin zum zweitenmale kosten würde, nicht überlassen wolten. --

Neulich wollt’ ich Sie besuchen; da ich aber alles leichter finde als
Wege und Häuser: so fand ich Sie nicht. Ich wolte Ihnen danken für Ihre
Phantasien über die Kunst, die selber Sprößlinge der Kunst sind. So
viele Stellen darin wie überhaupt Ihre Prosa scheinen mir poetischer
als Ihre andere Poesie, und jene hat statt jedes fehlenden ~pes~
einen Flügel. Ich lies mir sie, wie die Alten die Gesetze, unter
Musik promulgieren; ich meine, ich spielte sie im eigentlichen Sinne
auf meinem Klaviere vom Blatte. Die Musik -- besonders die unbestimmte
-- ist ein Sensorium für alles Schöne; ja unter Tönen fass’ ich sogar
Gemälde leichter. --

Leben Sie gesund! Diesen nöthigen Wunsch thu’ ich aus innigster Seele!

    _J. P. F. Richter_.


                                  II.

    _Bayreuth_, d. 5. Okt. 1805.

Nur die Ungewißheit Ihres wechselnden Aufenthaltes verzögerte so lange
mein Schreiben, dessen Wunsch am stärksten nach der Lesung Ihres
Oktavianus war. Es wäre wol in dieser lauten und doch tauben und nichts
sagenden Zeit -- wo sogar ein erbärmlicher Krieg seinen erbärmlichen
Frieden ausspricht und roth genug unterstreicht -- der Mühe werth, daß
Leute sich sprächen, die sich lieben, wozu ich nicht nur mich rechne,
sondern auch Sie. Wie froh wär’ ich gewesen, seit ich aus der lauten
Stadt in die stumme gezogen, mit Ihnen sogar zu -- zanken, wenn nichts
weiter möglich gewesen wäre als ich der Alte und Sie der Alte; --
was wol bei uns zweien, wenigstens bei mir nicht ist. Meine Aesthetik
sollte Ihnen, dächt’ ich, mehr gefallen als ich sonst; und ich wünschte
herzlich Ihre Worte darüber, und über 1000 andere Sachen und über den
3ten und 4ten Titan und über was Sie wollen. Der Himmel gebe, daß Sie
uns bald Ihre Jocosa geben, von denen ich gehört; oder wenigstens
_mir_ etwas davon, unfrankirt.

Ich wollte, wir kämen gegeneinander recht in Wort- und Briefwechsel.
Ich lebe in einem Kunst-öden Lande und bedarf wie ein Rhein-Ertrunkener
zuweilen des fremden Athems, um den eignen zu holen. Antworten Sie mir
bald, lieber Tieck. Ich grüße Sie und Ihre Gattin.

    _Jean Paul Fr. Richter_.

    _Auf der Adresse_:

    An
    _L. Tieck_
    in
    Raum und Zeit.



=Robert, Ludwig.=


    Geb. am 16. Dezember 1778 zu Berlin, gestorben am 5. Juli 1832 zu
    Baden-Baden.

    Kämpfe der Zeit (1817). -- Die Macht der Verhältnisse, bürgerl.
    Trauerspiel. -- Die Tochter Jephta’s, Tragödie. -- Cassius und
    Phantasus, eine dramatische Satyre. -- Die Nichtigen. -- Die
    Ueberbildeten. -- Die Wachsfiguren in Krähwinkel und manche andere
    Bühnenscherze. -- Der Waldfrevel, eine dramatisirte Dorfgeschichte.
    -- Ein Schicksalstag in Spanien, phantastisch-romantisches
    Lustspiel -- u. s. w.

    Durch sein ganzes Leben und Streben zog sich eine verbitterte
    und verbitternde Stimmung, die zuletzt doch nur aus verletzter
    Eitelkeit hervorging, und seine angeborene Herzensgüte überbietend
    ihn oft ungerecht machte. Durchdringender Verstand, künstlerischer
    Fleiß, redliches Wollen, entschiedenes Talent berechtigten ihn
    gewiß Ansprüche zu hegen, deren Erfüllung ein eigenthümliches
    Mißgeschick niemals recht gestatten wollte. Seine Briefe
    sprechen das in jeder Zeile aus. Wir haben den größeren Theil
    der vorhandenen unbenützt zurücklegen müssen, aus gebieterischen
    Rücksichten auf den Umfang dieser Sammlung. Doch schon die
    aufgenommenen genügen, ihn darzustellen wie er war. Schwankend
    in Groll und Liebe, in Zutrauen und Argwohn, in Lob und Tadel;
    von jedem Windhauche abhängig in seiner Meinung. Man betrachte
    nur seine Urtheile über das Königstädter Theater (dem er später
    leidenschaftlich anhing), über München (wofür er später schwärmte!)
    und ähnliche, aus momentaner Verstimmung hervorgehende Aeußerungen.
    Dabei aber doch blieb er edel, redlich, aufopfernder Freundschaft
    fähig und dankbar jedem Beweise wohlwollenden Antheils. Im
    persönlichen Verkehr gefällig, mittheilsam, unterhaltend und
    _witzig_ wie -- nein, doch nicht _so_ witzig wie sein
    Bruder Moriz. Wir haben auch einige Zeilen der schönen Frau
    Friederike eingeschoben, deren Bild Jedem lebendig bleiben wird,
    welchem es jemals vor Augen getreten ist.

    Sie entflohen aus dem Kreise ihrer Berliner Freunde, aus Besorgniß
    vor der Cholera, um beide in Friederikens Heimath dem damals dort
    epidemischen Typhus zu unterliegen.

    Daß Ludwig der Bruder Rahel’s Varnhagen von Ense war, ist bekannt.


                                  I.

    _Berlin_, am 30t. Merz 1816.

Sie können nicht glauben, mein verehrtester Freund und Meister, wie
viel Freude mir Ihr in jeder Hinsicht werthes Schreiben gemacht hat,
und daß mein Vorschlag Eingang bei Ihnen gefunden, und daß Sie die
Sache so ernst nehmen und selbst herkommen und den Proben mit beiwohnen
wollen; denn Sie in unmittelbarer Verbindung mit unsrer Bühne zu
setzen, dahin gieng mein eigentlichstes Bestreben. In meiner Freude
lief ich zum Graf Brühl, und theilte ihm _das_ aus Ihrem Schreiben
mit, was ich sollte. Er will zu Allem hilfreich die Hände biethen; und
erwartet die von Ihnen versprochene nähere Auseinandersetzung Ihres
Planes; von dem er freilich bis jetzt wohl noch weniger verstanden
hat, als ich, der ich in Prag wenigstens die Hauptideen angeben hörte,
die Sie uns damals von den Shaksp. Brettern mittheilten. -- Ich halte
es bei dieser Gelegenheit für nöthig, Ihnen den Gr. Brühl ein wenig
zu beschreiben, damit Sie sein Anerbieten: _die Hände zu Allem
willig zu biethen_, weder zu hoch, noch zu niedrig anschlagen.
Redlicher Wille und eine Ahnung des Bessern -- und eine fast gänzliche
Urtheilslosigkeit und gutmüthige Charakterschwäche, stehen sich in
ihm, nicht sowohl einander gegenüber, als sie sich vielmehr durchaus
in einander verliehren und verwischen. Er kann nichts abschlagen und
selbst, wann er Nein schon gesagt hat, sagt er noch hinterher: Ja. Aber
auch dies lezte Ja wird auf die lange Bank geschoben und vergessen,
und von dem weit Unwichtigerem verdrängt. Die Gegenwart ist seine
Göttin und so ist das Nächste für ihn das unvermeidlich Nothwendige,
und hat der Letzte, der mit ihm spricht recht; und so ist überhaupt
mit der Rede bei ihm schneller und sicherer etwas durchzusetzen, als
mit der Schrift; und doch imponirt ihm wieder ein wohlgedachtes und
wohlgeschriebnes. -- Seine zu ängstliche Beschäftigung mit dem Detail
des Theaters raubt ihm sowohl den freien Ueber- und Herrscherblick über
das Ganze, als auch die Zeit und die Kraft es zu führen und zu leiten.
Dabei hat er das beste Wollen (freilich ohne Willen) und ist durchaus
frei von Lieblingsvorurtheilen, oder eigensinniger Beschränktheit oder
sonst dergleichen ärgerlichen Grundsätzen, worauf sich die Flachheit
in der Regel so viel zu Gute thut. -- Sie werden leicht einsehen,
daß mit einem solchen Manne Alles zu machen ist, wenn man ihn nur
gehörig bearbeitet und dazu gehört weiter nichts, als daß man ihn
oft und öfter sehn und sprechen muß, denn selbst die Begeistrung für
irgend ein Unternehmen kann man ihm ein- und ansprechen, und hat er
nur mal angefangen wirklich Hand an ein Ding zu legen, so setzt er es
auch mit Eifer durch. -- Er ist jetzt in den Händen eines zwar etwas
modischen, aber doch argen Philisters, in denen seines ehemaligen
Präzeptors Herrn Professor Lewezow -- dieser Erz-Schulmeister mag
vielleicht wissen, wie die Griechen ihre Schuhe gebunden und wie die
Römischen Consularen ihren ~Praetexta~ gesäumt haben; aber weder
von jener Alten eigentlichstem Leben, noch von unserm heutigen, weder
von Welt noch von Bühne, weiß er ein Wort. -- Seine Haupttendenz
geht dahin, unsre Bühne strikt und sklavisch nach der Weimarischen
zu bilden, und das deucht mir ist der eigentliche Tod unterm Eise,
und viel gefährlicher, als die Ifflandsche Wassergefahr. Franz Horn
unterstützt ihn redlich darin, doch ist der Letztre wohl weniger
gefährlich, obgleich vielleicht noch langweiliger; ja dieser wäre sogar
zum Guten zu gebrauchen, wenn ihm gebothen würde, was er zu thun und
zu lassen habe. Eine einzige Unterredung, ein Hauch von Ihnen würde
den Einfluß dieser Leute vernichten, oder -- was leicht möglich wäre
-- sie würden sich geschmeichelt fühlen, mit ihnen verbunden für die
bessere Erscheinung der Shaksp. Stücke wirken zu dürfen, oder auch
nur ihr weiches und aprobirendes Ja hören zu lassen. Denn Shaksp. ist
glücklicherweise eine Autorität und auch Ihr Nahme ist von keinem
übeln Klange in Deutschland und Klang und Autorität ist ja Alles bei
Leuten, die unfähig sind in das Wesen einzudringen, unfähig sich einem
Kunstwerke, ohne vorgefasste Meinung, ganz und gar hinzugeben. -- Darum
freut es mich so, daß Sie herkommen wollen; denn sind Sie einmal hier
und haben den Grafen Brühl und den genialen Schinkel, und allenfalls
jene beiden Leute gesprochen, so wird sich Alles leicht und willig
fügen und ich würde mir dann mit Stolz sagen, daß ich (wenn auch nur
mittelbar) mehr für die deutsche Bühne gethan habe, als wenn ich zehn
mittelmäßige Stücke geschrieben hätte. -- Lassen Sie mir also sobald
als möglich die versprochene Ausarbeitung zukommen, daß ich sie dem Gr.
Br. vorlege und er sich in Korrespondenz mit Ihnen setze, welche dann
Ihr Hieherkommen unfehlbar zur Folge haben wird. -- Die Abhandlung, die
das Publikum auf den richtigen Standpunkt stellen soll, ist ein ganz
vortrefflicher Gedanke und unendlich nützlicher und heilbringender,
als die hinterdreinkommenden Kritiken, die dennoch den ersten Eindruck
nie zerstören. Möchte nur Ihr Gesundheitszustand in alle diese schönen
Hoffnungen keine Störung bringen. Die unberufne Feder, die sich in den
Zeitungen über Dekorationen hat vernehmen lassen ist die des konfusen
aberwitzigen, aber witzigen Brentanos, der mir als Schriftsteller
und Dichter höchst zuwider, als litterarischer Hanswurst und lustiger
Rath am Hofe des Apolls aber doch gar nicht übel ist. Wahrhaft
schmeichelhaft (ich meine damit: wohlthätig und beruhigend für mich)
ist der Antheil, den Sie an meinen Bemühungen in der Kunst nehmen, und
daß Sie sich noch des bürgerlichen Trauerspiels entsinnen, das ich in
Prag Ihnen vorlas. -- Mit der Wirkung, die es hier machte, kann ich
vollkommen zufrieden seyn; es herrschte eine Stille im Theater, wie
man sie hier nur im Ballette kennt, und diese Stille errang sich das
Stück nach und nach; da im ersten Akt -- auf öffentlich an den Ecken
angeschlagne Aufforderungen: eine Sudelei von einem Juden, die man
Abends im Theater geben würde, auszupochen -- mannigfach gehustet,
geschnaubt und gescharrt wurde. -- Man gratulirte mir folgenden Tages
wegen meines doppelten Triumphs; ich hatte aber bei dem letzteren ein
Gefühl, als ob ich mit goldenen Ketten vor dem Wagen des Vespasians
einhergieng, als er nach der Zerstörung Jerusalems triumphirte. Ich
hätte mich über diese Gemeinheit, die von ein Paar Buben herrühren
konnte, trösten können; wenn die Schmach und die Kränkung nicht
durch eine Rezension in den hier herauskommenden dramaturgischen
Blättern erneuert worden wäre, worin wieder auf den Juden zwar etwas
versteckter, aber noch viel beleidigender angespielt wurde. Dieser
wahrhafte Rückschritt in wahrhafter Bildung treibt mich von hier fort;
ich will als ein fremder in der Fremde leben, da mein Vaterland doch
nicht von dieser Welt seyn kann. -- Ich gedenke im Laufe des nächsten
Mais an den Rhein zu reisen, dort einige Zeit zu weilen, um mich zu
einer Reise nach Italien vorzubereiten. Zuvor aber muß ich hier ein
größeres Gedicht vollenden, das ich begonnen habe, und wovon ich Ihnen
den Plan, da Sie es mir erlauben, mittheilen will. --

    (Schluß d. Br. ist verloren.)


                                  II.

    (Ohne Datum.)

Sie können nicht glauben, mein verehrtester Freund, mit wie viel Freude
ich Ihren lieben Brief empfangen und gelesen habe; und mit wie vieler
Freude ich mich jetzt hinsetze ihn zu beantworten; obgleich ich nicht
ein Sterbenswort weiß von dem, was ich auf diese leere Seiten noch
hinschreiben werde; und darum wird es wohl auch kein Geschriebenes,
sondern ein Gesprochenes, ein eigentlicher Brief, ein Freundesbrief
werden, und dazu berechtigt mich die Güte, die freundschaftliche
Theilnahme an mir, die aus jeder Ihrer Zeilen schaut und spricht und
mich ergreift. Und doch muß ich fort von Berl. und werde, wenn Sie
nicht vor dem Juni hieherkommen, Sie nicht mehr erwarten können; denn
hier bringe ich nun einmal nichts hervor und -- sey es auch meine
Schuld -- ich fühle und weiß es nur allzu deutlich. Sie haben in allem
dem vollkommen Recht, was Sie vom Süden sagen, besonders von Oesterreich
und Baiern; aber in den Nicht-Katholischen Ländern des Südl. Deutschl.
ist es doch anders und ganz besonders in Wirtembergschen. Diese
Schwaben scheinen mir die größte Anlage zu haben, die vollendetesten
Deutschen zu werden, weil sich in Ihnen eine harmonisch-glückliche
Mischung von Hingebung und Reflexion vorfindet. Daß ichs dort nicht
positiv, und nach allen Richtungen hin, besser als hier finden werde,
weiß ich nur zu gut; aber erstlich einmal kennt man ein fremdes
Land nicht so genau als das eigene, man wird nicht so intim mit
demselben; und dann wird man auch von seinen Mangelhaftigkeiten und
Verwirrungen nicht so tief und schmerzlich ergriffen, als von denen
des Geburtslandes. Vorzüglich aber mag ich das dortige Volk lieber,
als das Unsre; es steht der Natur näher, es ist unschuldiger, es
ist freundlicher und originaler, und nicht so höflich und nicht so
grob, als hier. Und mehr als schöne Natur und ein gutes Volk bedarf
ich, um daß meine Lust zum produziren erweckt werde, nicht. Was den
Ideenaustausch betrifft, so kann ich erstlich nicht einräumen, daß es
nicht auch dort bedeutende, und _lebendig_-bedeutende Männer gäbe;
dann aber giebt es ja auch Bücher und Briefwechsel. -- Daß uns ein
fremder, und sey es der Beste, bei einem vorhabenden Werke Geburtshilfe
leisten könne, das werden Sie selbst aus eigener Erfahrung wohl für
unthunlich halten. Es sollte wohl nie ein Dritter zwischen den Dichter
und die heimlich innere Stimme seiner Muse treten; aber ein Baum beim
Sonnenuntergang, das Wort eines Dorfschulzen, oder eines frommen
sechszehnjährigen Mädchens kommt Einem oft so unerwartet zu statten
und schließt uns so neue Regionen, bei so fern von ihnen liegenden
Bemühungen, auf; daß man sich selbst bei solchen Gelegenheiten über
die Association der Gedanken keine Rechenschaft zu geben vermag;
und so giebt es auch gewisse schlechte Bücher, aus denen man mehr
lernt, als aus den guten. Ist aber ein Werk vollendet, oder seiner
Vollendung nahe, dann soll man es dem Künstler und dem kritischen
Freunde, ja selbst der Alles-wissenden Naseweisheit vorlegen, nicht
etwa um zu bessern und zu feilen; aber um für eine künftige Arbeit
etwas zu lernen. So habe ich es immer gehalten, und wenn ich auch noch
nichts bedeutendes hervorgebracht habe, so darf ich doch zu meiner
Rechtfertigung und zu meinem Troste sagen, daß ein Fortschreiten
zum Ziele sich in der Reihe meiner Bemühungen darthut. Ueberdies hat
Würtemberg noch den Reitz für mich, daß sich dort ein politisches Leben
entzündet, und die vergangne große Zeit doch dort noch nachhallt. Daß
ich nun, als Dichter, dergleichen Anforderungen an die Gegenwart mache,
möchte wohl eben nicht dichterisch seyn; es ist vermuthlich der Reflex
jenes politischen Gedichts, was ich unter Händen habe, das meinem
Gemüth dieses Kolorit von Mißmuth giebt, der aber wirklich nur Schein
ist, denn eigentlich bin ich doch im Innern heiter und der besten
Hoffnung, ja überzeugt von dem Eintritt einer neuen bessern Zeit, wenn
_wir_ sie auch nicht erleben sollten und worauf doch auch im
Grunde nichts ankommt. -- Solger habe ich vor mehreren Jahren einige
Male gesehen; aber auch nur gesehen; ich weiß gar nichts von ihm.
Aber ich fürchte mich vor ihm. Nicht etwa, weil ich nicht griechisch
weiß, und die alten Tragiker nur aus den Uebersetzungen und also nur
oberflächlich kenne; aber weil ich überhaupt, bey allem meinen Respekt
vor ihnen, den Antiquaren gern aus dem Wege gehe. Ihr Studium, das
ein ganzes Menschenleben erfordert, bringt es mit sich, daß sie in
den Ruinen einer untergegangenen Zeit ein abgeschlossenes, jene Welt
beschauendes Einsiedlerleben führen und nicht nur von der heutigen
nichts lebendiges wissen, sondern sie auch zurückführen möchten zu
jener alten Herrlichkeit, die so schön sie gewesen seyn mag, doch
nun einmal verlohren ist und verlohren seyn soll, weil wir uns eine
neue Herrlichkeit anerschaffen sollen. Sobald sie also praktisch und
faktisch einwirken wollen, so ist ihr Bestreben gewöhnlich ein falsches
und todtes, und selbst ihr kritisches Auftreten ein Verkennen der
Zeit und ein vornehmes und ärgerliches Entgegentreten gegen dieselbe.
Ihre unumgängliche Nothwendigkeit verkenne ich desshalb nicht. Sie
sollen den Grund bewahren und schützen und ausbessern, auf dem weiter
fortgebaut werden soll; und sie sind das in der Republik der Kunst, was
die Kammer der Pairs oder der Grundeigenthümer im Staate ist, welche
das hergebrachte und bestehende festhalten soll, damit nicht, wie zur
Zeit der Revolution in Frankreich, ins Blaue und aufs Blaue sogenannte
Konstitutionen gebaut werden. _Ich_ aber werde im Staate immer
zu der Opposition gehören[11], und um der Zukunft willen gegen
Vergangenheit und Gegenwart auftreten -- und eben so fühle ich mich
in der Kunst gegen das Antique gestimmt, sobald man es buchstäblich
wieder zurückführen will. Machte die Menschheit nur einen mechanischen
Kreislauf und wieder einen und noch einen, so wäre es nicht werth, daß
man lebte; oder vielmehr man lebte wirklich nicht, so wenig wenigstens
als des Müllers Gaul. -- Dennoch weiß ich es, daß mir in der Kunst
jener feste Boden, jene Kenntnisse des Antiquen fehlen, weil ich sie
öfter vermisse; aber, wie überhaupt meine Natur nicht die kräftigste
ist, so habe ich die Kraft nicht, sie mir noch im Spätsommer des Lebens
anzuarbeiten, welches, wenn ich es thäte, vielleicht noch die geringe
Kraft, die ich besitze, zersplittern möchte. Ich muß mich also schon so
verbrauchen, wie ich bin; und es mir gefallen lassen, daß der Antiquar,
in seiner Konsequenz, es sich ~a priori~ beweist, daß ich kein
Künstler seyn kann. Uebrigens bezieht sich Alles, was ich hier von dem
Antiquar sagte, durchaus nicht auf Solger, den ich, ich wiederhole
es, nicht kenne; ich sprach nur im Allgemeinen, und hatte ich ja in
unbestimmten Umrissen irgend ein schwankendes Bild vor der Seele, so
war es das des Geh. R. Wolff, nehmlich, wie ich ihm mir als einseitigen
philologischen Papst des Heidenthums denke. Solger, als Philosoph,
kenne ich noch weniger als den Philologen; indem ich doch wenigstens
seine Uebersetzungen des Sophokles gelesen habe; Philosophisches aber
durchaus nicht. Eine seiner Aeußerungen in dieser Hinsicht, die mir
wieder erzählt wurde, ist meiner Ueberzeugung zuwider. Er soll nehmlich
gesagt haben, daß er Fichten in seine Prämissen beistimme; aber aus
denselben anders folgere. Das soll er wohl bleiben lassen! Denn sonst
wäre Fichte Inkonsequenz nachzuweisen, und dieser hat sich nie ein
Denker weniger zu Schulden kommen lassen, als dieser tugendhafte
Erforscher der Wahrheit. Griffe er die Prämissen an, so möchte er
eben von einer andern Anschauung, wenn auch von einer falschen
ausgehen, und dann müßte er auch konsequenterweise auf ganz andre
Resultate kommen. Aber die Grundbedingungen, ja selbst das Postulat
stehen lassen, und dann andre Wege einschlagen und hier zugeben und
dort nicht, ein solches Verfahren möchte, bei Kant wie bei Fichte,
wohl einen Mißverstand dieser Herren der Denkkunst zum Grunde haben.
Man erwartet über diesen Gegenstand ein Buch von ihm und ich werde
mich bemühen, es mit Unbefangenheit und Fleiß zu lesen -- Sie würden
mich erfreuen, mir ein Wort über den Mann selbst zu sagen, der mir in
seinem persönlichen Auftreten, so viel ich mich entsinne, liebenswürdig
erschien. -- _So_ arg ist es mit meinem Mißmuthe nicht, daß ich
von der Kunst ablassen solle; das hieße von meinem Leben ablassen;
und so mir Gott Gesundheit und Kraft und das Glück unabhängiger Muße
läßt, will ich schon treu bleiben. Daß ich nun den rechten und höchsten
Standpunkt der Kunst nicht ergriffen habe, mag wohl seinen Grund in
meiner Individualität haben. Es ist, wenn ich so sagen darf, ein
französisches Element in mir, nehmlich: die Furcht und der Abscheu vor
Geschmacklosigkeit in der wirklich plebejen Bedeutung des Worts. Bei
fremden Werken erfordert es bei mir einen Schluß und ein Versetzen
in die Eigenthümlichkeit des Dichters, um bei dergleichen mich des
unangenehmen Gefühls zu erwehren oder mich gar daran zu erfreuen;
bei eignen Hervorbringungen wird es mir aber unmöglich eine solche
Geschmacklosigkeit zu dulden; und so werde ich mich z. B. an Kleists
Thuschen wohl erfreuen können, dabei aber immer das Gefühl haben;
_du_ hättest es nicht hingeschrieben. Mit _Käthchen_ ist es
ganz ein ander Ding. Käthchen ist eben Käthchen; es liegt so etwas
identisches in Rahmen und Person, eine solche innere Nothwendigkeit,
daß beide nicht mehr von einander zu trennen sind, und Katharine wäre
ein ganz anderes und fremdes Wesen in diesem Stücke. Thusnelda aber
ist eine uns bekannte geschichtliche Frau, und obgleich ein Dichter,
der das deutsche Familienleben durch sein Werk will durchklingen
lassen, mehr Recht hat seine Thusnelda Thuschen zu nennen, als es
Schiller gehabt hätte seine Maria, Rikchen, oder seine Elisabeth,
Betty rufen zu lassen, so schlägt das Thuschen dennoch nicht recht
mit dem Bilde zusammen, das uns die Geschichte (_freilich eben nur
die Römische und nicht die Deutsche_) von der Thusnelda giebt. --
Ueberdies aber spielt mir, schon vor einer solchen kritischen Reflexion,
mein ~bon gout~ den Streich, daß mir _Käthchen_ lieblicher
klingt als _Thuschen_. -- Denke ich mir nun aber wieder den lieben
Kleist in seiner Eigenthümlichkeit, so ist Alles wieder gut, und ich
bin überzeugt, daß ich selbst von dem jungen Bären ein so intimer
Freund werde, daß ich ihn mit eiferndem Zorn gegen alle Philisterei,
selbst gegen meine eigne vertheidige. So bin ich zum Beispiel ein
leidenschaftlicher Verehrer von dem: hetz! hetz! in der Kleistischen
Penthesilea, in welchem Bruchstück mir überhaupt die derbe Auffassung
des Antiquen unendlich gefällt. Meine zweite Philisterei ist eine
abgöttische Anbetung der Form sowohl _der_, die auf der Oberfläche
eines Dichterwerkes, als _der_, die sich in seiner innern
Konstruktion offenbahrt. -- Die Form des Worts und die Form des Plans.
Ich lasse mir nicht gern bei der erstern die Feile, und bei der zweiten
die Einigkeit einer sich darthuenden Grundidee nehmen. Fehlt eines
oder das andere bei _fremden_ Werken, so ist es mir zuwider; oder
kann ich es bei Werken anerkannter Meister nicht auffinden, so glaube
ich sie nicht zu verstehen -- und dies möchte mir bei Shakespeare wohl
hin und wieder begegnen. -- Desswegen aber bin ich kein Widersacher
rein-phantastischer Dichtungen, nur will ich, daß alsdann eben das
rein-phantastische, das gesetzlose, als Grundgedanken sich darthun und
so wieder Einheit erstrebt werden soll; nur soll diese Ungebundenheit,
dieses Dunkel nicht das Prinzip der Kunst, nicht die Kunst selbst
seyn, denn das führt schnurstraks, wie wir es gesehen haben, zu dem mit
Recht verschrieenen Geklingel des Nichts; zu der sogenannten poetischen
Poesie. Das ist, meinem besten Wissen nach, mein aufrichtiges
Glaubensbekenntniß über die Kunst, obgleich ich mich bescheide (und
wahrlich ohne Stolz, und ohne die Bescheidenheit der Lumpen!), daß es
eine noch höhere Ansicht gewiß giebt; und die ich denn doch auch zu
erreichen hoffe. Doch würde sich auch auf einem höheren Standpunkt
meine Individualität nur mehr ausbilden, aber nicht verwandeln,
nicht eine andre werden; und, um Ihnen zu zeigen, daß ich mich mit
Aufrichtigkeit untersuche und bemüht bin mich kennen zu lernen, um mir
Rechenschaft von mir zu geben, so will ich Ihnen mit zwei Worten sagen,
worein ich diese meine Eigenthümlichkeit in Hinsicht auf Kunst setze.
Wenn das Geheimniß, das schaffende Prinzip eines großen Künstlers
nehmlich in der harmonisch-sich-belebenden Mischung von dämonischer
Begeisterung und kritischer Reflexion liegt, so daß er zu gleicher
Zeit über seinem Stoffe schwebt und zu gleicher Zeit sein Stoff selbst
_ist_; wenn nur aus einer solchen harmonischen Individualität ein
wahrhaftiges Kunstwerk hervorgehen kann, so klage ich mich an, daß
ich mehr reflektire, als begeistert bin; daß ich mehr _über_,
als _in_ meinem Stoffe lebe; daß ich also mehr Talent als Genie
habe und, streng genommen, eigentlich mehr Virtuose als Künstler bin.
Darüber müßte und sollte ich nun untröstlich seyn und die Kunst längst
an den Nagel gehängt haben, wenn ich nicht glaubte, daß, obgleich
jedes Jahrhundert (neue Zeitepoche) nur Einen Dichter haben kann, es
dennoch auch der Virtuosen bedürfe, so wie ein Baum nicht nur Wurzel
und Stamm seyn, sondern auch seine Wipfel in die Breite ausstrecken
und Blätter und Blüthen und Früchte tragen soll, des Schattens und des
Farbenwechsels und der würzigen Frühlingsdüfte halber. -- Was Sie über
das Käthchen von Kleist sagen, und die Erfindung des neuen Schlußes,
ist vortrefflich! _So_ aufgefasst und ausgeführt, würde es zu
den vorzüglichsten Dramen gehören. -- Es ist unendlich traurig wenn
man denkt, was mit diesem gewaltigen Menschen Schönes und Großes für
die deutsche Kunst untergegangen ist, was er hervorgebracht, wenn er
jenen Moment der schönen Erhebung erlebt hätte. Und kein Mensch gedenkt
seiner; und alle Welt spricht von dem untergeordneten Körner, weil er
der Glückliche war. Ich lasse diesem edlen und faktisch-begeisterten
Menschen, den sich zur That erhob, und so, als Held, über dem Dichter
stehet, ich lasse ihm gewiß Gerechtigkeit wiederfahren; ich will
ihn selbst loben und preisen und besingen, weil er nun einmal der
Repräsentant jener gebildeten Jugend geworden ist, die den Hörsal und
die Museen, Kunst und Wissenschaft verließ, um in den Krieg zu ziehen
und das Vaterland mit Blut und Leben zu vertheidigen. Aber ist er darum
ein Dichter? Eben so gut könnte man die Liedeswerthe That, für das Lied
selbst halten! Und wahrlich das thun die Gutmüthig-beschränkten, die,
weil sie das Schwert, in Körners Rechten, _blutig_ sehn, nun auch
die Lyra in seiner Linken _klingen_ und _singen_ hören. --
Herr von Burgsdorff, den ich gestern gesprochen habe, will so gütig
seyn, diesen Brief mitzunehmen. Er hat Ihnen den Vorschlag gemacht,
auf einige Tage mit hieher zu kommen; das wäre vortrefflich gewesen;
Sie hätten Devrient noch getroffen, der nun für zwei Monath verreist
ist. Ich bitte Sie dringend, mich in den Stand zu setzen, dieweil ich
noch hier bin, jene wichtige Angelegenheit des gesammten deutschen
Theaters in thätigen Geschäftsgang zu bringen. Ich bleibe wie gesagt
bis zu Anfang Junis hier -- hier haben Sie die ersten zehn Gedichte
meines kleinen politischen Werks. Den Plan zu den beiden letztern
habe ich Ihnen in meinem vorigen Briefe bereits mitgetheilt. Nur von
der Form des Schlußgedichts noch ein Wort: Es wird die Formen aller
übrigen in sich aufnehmen, und im freien Schwunge von der einen in
die andre übergehen, und diese Form leuchtet mir so klar ein, daß ich
sie für nothwendig halten muß. Sagen Sie mir doch, ob Sie es für recht
halten, daß jedes Gedicht seinen Denkspruch hat, oder, ob Sie darin
eine Affektation finden? -- Ich fürchte, daß Ihnen das didaktische
Element, das hin und wieder aus dem Gedicht hervorschaut, zuwider
seyn möchte, doch hoffe ich, daß es wenigstens eine _deutsche_
Didaktik und weder eine römische noch französische ist. -- Nicht wahr,
wenn Sie diese Blätter acht Tage besitzen, so genügt diese Zeit wohl?
Ich besitze _nur dieses Eine_ reinliche Abschrift. Leben Sie
glücklich! und bewahren Sie mir Ihre freundschaftliche Gesinnung.

    Mit Achtung und Liebe
    Ihr
    ergebenster

    _Ludwig Robert_.


                                 III.

    _Berlin_, den 20t. Jenner 1822.

Endlich, mein verehrtester Freund, endlich will es, nicht die
Schicklichkeit, denn die hat es schon längst gewollt, sondern die
Menschlichkeit will es, daß ich Ihnen einen schriftlichen Gruß als
Lebenszeichen hinüber sende. Wie oft ich es schon in Gedanken that,
brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, da Sie es wissen _müssen_,
wie eingenommen ich von Ihnen und wie stolz ich darauf bin, daß
Sie mich beachtet haben. Aber das Schreiben wird mir jetzt, wo ich
leider Briefe für Geld schreiben muß, mehr als je sauer. Apropos
dieser Briefe, so habe ich vorgestern eine Abhandlung über den Pr.
v. Homburg dem Morgenbl. geschickt, die achtzehn, eng wie diese,
geschriebene Seiten zählt. Das hiesige Theater ist darin tüchtig
mitgenommen, daß man das Stück hier nicht giebt, und die dummen
Ungründe dagegen zu Schanden gemacht; auch der Kabale in Dresden
erwähnt das Ganze, aber in dem?-Artikel; so daß Dresden nicht genannt
wird, wohl aber Berlin. -- An den Kohlhas denke ich ernstlich; auch
hat mir Raumer schon eine Quelle angezeigt; ich werde das Buch heute
von der Bibliothek erhalten und es heißt: _Schöttgen und Kreisig
diplomatische Nachlese zur Geschichte v. Obersachsen_. Kennen Sie
es? -- Im Morgenbl. Mth. ~Xbr.~ Nr. 295 und 303 stehen zwei
Briefe von mir über das zu errichtende Volkstheater in Berlin. Diese
Abhandlung scheint Aufmerksamkeit erregt zu haben; denn erstlich hat
sie das Wiener Theater-Journal wörtlich abgedruckt und zweitens sind
die Unternehmer dieses Theaters hier so aufmerksam drauf geworden,
daß sie mich zu einer Konferenz geladen und die Grundsätze, die in
jenem Schreiben ausgesprochen sind, als Basis ihrer artistischen
Tendenz niedergelegt haben. Außer diesem aber ist noch folgendes
Resultat -- das Sie, mein verehrtester Freund betrifft -- aus dieser
Konferenz hervorgegangen. -- Ich bin nehmlich ermächtigt, Ihnen im
Nahmen der Unternehmer folgende Fragen zu stellen: ob Sie -- versteht
sich für eine bestimmte, angemessene und jährl. Gratifikation -- die
Mühe eines korrespondirenden[12] Mitglieds der Direktion übernehmen
und der Kunstanstalt fortwährend mit Rath und Vorschlägen an die
Hand gehen wollen? -- Ob Sie es zu übernehmen wünschen, ein Programm
anzufertigen, in welchem die Direktion sowohl ihre ganze Einrichtung
als die Tendenz ihres Strebens darlegt, deutlich macht und das Publ.
zur Mitwirkung einladet? Endlich ob Sie -- versteht sich unter
besonderer Honorarbedingung -- sich entschließen würden, ein Stück zur
Eröffnung dieser Bühne (vermuthlich im Frühjahr 1824) zu schreiben?
Ich finde es rathsam -- da ich von Karlsruhe wider Erwarten auch nicht
eine Sylbe Antwort bekomme -- auf diese einträglichen Vorschläge
Rücksicht zu nehmen. Ein Mann, wie Sie, kann, meines Erachtens, von
dieser neuen Bühne aus, so vortheilhaft auf die Kunst einwirken, daß
ich es fast für Ihre Pflicht halte, diesen Vorschlag nicht ganz von
der Hand zu weisen und sich je eher je lieber in direkte Korrespondenz
mit den Unternehmern, unter denen zwei geistreiche Leute, der
Justitzrath Kunowsky und der Banquier Herr Mendelssohn der Aeltere
sich befinden, die zu allem Guten und Neuen freudig und thätig die
Hand -- die volle -- biethen. Man ist gesonnen, für die ersten Stücke
Preise auszusetzen und überhaupt den Autoren, wie in Frankreich eine
Tantième der Einnahme zu bewilligen. Schreiben Sie mir also, ob Sie
es erlauben, daß sich die Direktion direkt an Sie wende. -- Das Stück
zur Eröffnung könnten wir ja zusammen anfertigen, wenn Sie dies für
möglich und mich dieser Ehre werth halten. -- Immermann hat eine kleine
Broschüre: _Brief über die falschen Wanderjahre geschrieben_.
Treu und wahr, kunstverständig und evident-klar. Sie dürfen sich die
kleine Schrift nicht entgehen lassen; sie wird Ihnen Freude machen.
Ich habe sie sogleich im Morgenbl. lobpreisend angezeigt; dann da die
Miserabeln das Miserable ausschreien, so müssen auch die Guten das Gute
ausrufen. -- In dem obenerwähnten Buche steht über Kohlhaas nichts,
was Sie mir nicht schon gesagt hätten; es ist die wörtliche Abschrift
aus Petri Hafflitii geschriebene Märkische Chronik. -- Nur die Art wie
er zu Luther kommt ist dramatisch, ja sogar theatralisch. -- _Die
Verlobten_ machen hier viel Aufsehen und gefallen -- bis auf jene,
die sich getroffen fühlen -- allgemein. _Die Reisenden_ werden
weniger verstanden und ich habe schon oft sagen müssen: Leset es nur
noch ein Mal! -- Ich werde demnächst ein Wort darüber schreiben. --
Sie haben ja über _Gehe’s_ Stück und noch dazu ins Abendblatt
etwas einrücken lassen. Noch bin ich nicht dazu gekommen; aber ich bin
sehr begierig es zu lesen. -- Varnhagens grüßen Sie herzlich. Empfehlen
Sie mich angelegentlichst und freundlichst dem verehrten Kreise Ihrer
liebenswerthen Hausgenossen und nehmen Sie meinen wahrhaften Dank für
alle erzeugte Ehre und Güte und Liebe. In Hoffnung eines freundlichen
Wortes

    Ihr
    mit Liebe und Achtung
    ergebener

    _L. Robert_.

    _Adresse_:
    Herrn M. Th. _Robert_
    für Ludw. Robert
    in
    _Berlin_.
    ~T.S.V.P.~

Ich kann diesen Brief nicht an Sie, verehrtester Freund! abgehen
lassen, ohne meine herzlichen Wünsche für Ihr Allerseitiges Wohl und
die freundlichsten Grüße selbst beizufügen, an Sie und die ganze theure
Familie, die mich mit so viel Liebe und Wohlwollen aufnahm. Die Zeit
drängt mich so, daß Sie über meinen Styl lachen werden; deßhalb behalte
ich mir vor, meine Ehre bald durch ein anderes Schreiben zu retten. Ich
empfehle mich in Ihre fortdauernde Freundschaft und bin

    Ihre
    ergebenste

    _Friderike Robert_.

Varnhagens lassen beide vielmals grüßen. Sie ist oft unwohl.


                                  IV.

    _Dresden_, 29/8. 1821.

Dürfte ich Sie wohl um den Prinzen von Homburg bitten; ich bedarf ihn,
um einige Worte öffentlich darüber zu sagen und schon Morgen sollen Sie
ihn wieder zurück erhalten.

Meine undiplomatische Aufführung von gestern Abend thut mir leid, man
soll nie in Gesellschaft ein wahrhaftes und tiefes Gefühl äußern, weil
eine solche Aeußerung, ihrer Natur gemäß, laut werden muß, welches
die Andern, Kalten still macht; und weil heiliger Eifer imponirt,
das heißt stumm macht. Stumm-Machen aber ist noch unverzeihlicher
als Still-Machen. Kurz ich habe sehr unrecht gehabt ein Gespräch vor
fremden Herrn zu führen, das sich höchstens in Ihrer Studierstube
geziemt hätte; aber auch Sie haben mich etwas dazu verführt und deßhalb
reicht Hohenzollern dem Churfürsten diese Bittschrift ein.

    Ihr

    _L. Robert_.


                                  V.

    _Berlin_, 6ten April 1823.

    _Hochverehrter Freund!_

Daß ich meine Antwort auf Ihr liebevolles Schreiben so lange
aufgeschoben habe, daran ist die stets arbeitende und zu nichts
kommende Direction des neuen Theaters Schuld. Uebermorgen aber gewiß
sende ich den ausführlichen Geschäftsbrief an Sie ab.

Diese Zeilen sollen in den edeln Kreis Ihrer Häuslichkeit ein Talent
für die Bühne -- Demoiselle Pfeifer[13] aus München -- einführen, das
ich für ein höchst eminentes halte. Dabei eine südliche lebhafte, für
die Kunst begeisterte, unterrichtete und sehr angenehme Persönlichkeit.
Möge sie Ihnen so _sehr_ gefallen, daß sie Ermunterndes von
Ihnen hört und dadurch auf der Bahn weiter gefördert wird, die sie
eingeschlagen hat. Dies mein Wunsch und die Absicht dieses Schreibens.
Bald mehr von Ihrem Sie liebenden

    _Lud. Robert_.


                                  VI.

    _Berlin_, 8t. April 1823.

    _Hochverehrter Freund!_

Gestern ist eine Mamsel Pfeifer aus München, ein sehr bedeutendes,
tragisches Talent, nach Dresden gereist und ich konnte weder ihr noch
mir die Genugthuung versagen, sie Ihnen zu empfehlen. Und nun zu unserm
Geschäft mit dem Nebentheater: Seit der Zeit, daß ich Ihnen nicht
schrieb, habe ich tiefer dort hineingesehen und zu meinem Schrecken
eine ganz andere Ansicht von den Leuten und _deren_ Unternehmen
bekommen. Das Resultat dieser Ansicht heißt: _Es wird eher Alles aus
diesem Unternehmen, als eine Kunstanstalt_. Der Justizkomissarius
Kunowsky ist der einzige der Unternehmer, der noch eines Gedankens
fähig ist; aber nicht eines eignen, sondern fremder und ich darf
sagen, Alles was er weiß, weiß er von mir. Dabei ist er zersplittert,
treibt Astronomie als Steckenpferd, hat hundert Dinge im Kopf, kommt
vom Hundertsten ins Tausendste und kann sich keiner Sache einzig und
begeistert hingeben, wärend ihm für diesen einzelnen Fall, nicht nur
Brettererfahrung, sondern auch die gewöhnlichsten litterarischen
Hilfskenntnisse fehlen. Daher ist ihm Bethmann eine Authorität und
wie es mit _dessen_ Kunstsinn und Urtheil steht wissen Sie. Ohne
Gesinnung und Tendenz, ohne Ahnung von Kunst, ja ohne alle praktische
Erfahrung, glaubt er ein Bühnenverwaltungsheros zu seyn, weil er
abgekuckt hat, wie Iffland sich räusperte; ist aber dabei so weltklug,
daß es ihm eigentlich um nichts zu thun ist, als um Geld zu gewinnen,
noch mehr aber, um sich am Grafen Brühl zu rächen, der ihm das
~consilium~ gegeben hat. Letzteres aber dürfte ihm nicht gelingen,
da Brühl schon jetzt mit allen ihm zu Gebothe stehenden Kräften gegen
die entstehende Anstalt anwirkt, neue Lustspieler überall werben läßt
und schon jetzt für ein neues komisches Repertoir sorgt, woran jene
noch nicht denken würden, wenn ich sie nicht dazu aufgefordert und
gedrängt hätte. Der Rest der Unternehmer sind Kaufleute, die jene
Anstalt, je nach ihren verschiedenen Temperamenten, aus drei Absichten
gründen: Die Einen um Geld zu erwerben; die andern aus allgemeiner
Eitelkeit und der besondern dem König zu schmeicheln; endlich aber um
sich in den Kulissen umher zu treiben und zu ihrem Privatvergnügen
sich von den jungen Schauspielerinnen einen Harem zu bilden: _ein
Hauptmotiv so bedeutende Summen zu wagen_!! An eine Idee, an Kunst,
an Volksbildung, ja an Lust zu der Sache selbst ist nicht zu denken;
dabei will Jeder kommandiren, Niemand versteht etwas, sie kontrekariren
sich aus Privatinteressen und ich habe keiner Versammlung beigewohnt,
wo ich es hätte dahin bringen können, daß nur 5 Minuten lang von der
Tendenz, von dem Repertoir, von den zu engagirenden Personen, kurz von
der Sache selbst gesprochen worden wäre. Immer kam man vom Hundertsten
ins Tausendste und Nebensachen interessirten am meisten, und die Oper,
die sie verbannen sollten und Maschinen und Melodrams und französische
~veaudevilles~ sind das gelobte Land, wohin man steuert. Alles
dieses dringt ins Publikum, das schon jetzt über die Sache spottet
und vom Judentheater spricht: ein Nahme, der (in Berlin) schon ganz
allein die Sache muß fallen lassen -- deßwegen habe ich mich auch
sachte zurückgezogen und den Herrn gesagt, sie mögten sich in direkte
Korrespondenz mit Ihnen setzen. Deßhalb rathe ich Ihnen nun vorsichtig
mit diesen Kaufleuten zu seyn. -- Ob Sie Sich überhaupt mit denselben
einlassen wollen, darüber will ich Ihrem Urtheil nicht vorgreifen;
aber das rathe ich Ihnen: lassen Sie Sich ~praenumerando~ und gut
zahlen. Dafür daß Sie Ihren berühmten Nahmen auf das verlangte Program
setzen, müssen Sie Ihnen wenigstens 20 Louisd’or zahlen und für ein
Eröffnungsstück, von dem _ich_ aber, trotz der großen Ehre die
Sie mir erweisen (Verzeihen Sie mir!) meine Hand abziehe: wenigstens
fünfzig Louisd’or. Sie können um so mehr darauf bestehen, als Sie
dieses Gelegenheitsstück keiner andern Bühne verkaufen können. -- Ich
bitte Sie in diesem Fall jede Schonung, jede Delikatesse diesen reichen
Ignoranten gegenüber, außer Augen zu setzen. Wenn Sie fest darauf
bestehen, so zahlen sie. ~Crede Rupperto experto!~ -- Hätte ich
nicht eine unbegränzte Liebe zum Theater und hoffte ich nicht, daß
doch vielleicht die Authorität Ihres Nahmen diesen Menschen imponiren
dürfte, so würde ich sagen: Weisen Sie Alles von der Hand! Das sage ich
aber nicht. --

Von dem hiesigen Theater könnte ich Ihnen nur wiederholen, was ich
im Morgenblatt darüber vielfältig gesagt habe. Sollten Sie Zeit und
Lust haben es zu lesen? Mit Wolff’s Spiel habe ich mich in so fern
ausgesöhnt, als er ein ganz anderes Subjekt ist, wie der Goethesche
Meisterschüler, der uns vor sieben Jahren von Weimar überkam. Auch dies
habe ich ausführlich im Morgenblatte auseinander gesetzt. Meine Frau
empfielt sich Ihrem und der Ihrigen Andenken und ich küsse der Gräfin
Finkenstein die Hand wie Ihrer Frau Gemahlin und den Fräuleins. Gott
segne Sie mit Gesundheit und Kraft!

    Ihr
    Sie verehrender

    _Ludw. Robert_.

~P.S.~ Soeben war Herr Teichmann, Theatersekretair, von Paris
zurückkommend, bei mir. In seinem Auftrage schreibe ich, daß er Goethen
die Verlobten, die dieser noch nicht kannte, hat zukommen lassen; daß
der alte Herr sehr erfreut darüber und Sie den _guten Tieck_
nannte.

Sie wollen über Preciosa schreiben. Das ist wichtig! _Ihr_
unbedingtes Lob dieses Stückes kann zu Saamen sehr schlechter Stücke
werden. Ich wage daher zu sagen: Sprechen Sie über das Stück nicht,
wenn Sie Ihre Liebe zu dem Autor nicht beseitigen können.


                                 VII.

    _Berlin_, 12t. April 23.

    _Verehrtester Freund!_

Hier ein Schreiben der neuen Theaterdirection, das _ich_ Ihnen
zusenden soll und worauf ich erwiedert habe, daß Sie direct antworten
werden, weil mir die Leute zu konfus scheinen, um mich mit ihnen
einzulassen.

Ihnen aber rathe ich, und wäre ich Ihr Geschäftsführer, so würde ich es
mir ausbitten, daß Sie keinen Zug thun, bevor Sie Sich nicht über das
Honorar _jedes Briefes_, den Sie schreiben, geeinigt haben.

Höchst indelikat finde ich die Nicht-Frei-Machung des unmäßig dicken,
auf grobes Papier geschriebenen Briefes und feig-geitzig, daß man bei
Ihnen nicht wegen des Honorars bestimmt anfrägt.

Was den ästhetischen Inhalt des Briefes betrifft, so werden Sie diesen
besser als ich zu beurtheilen wissen.

    Mit Liebe
    Ihr

    _L. Robert_.


                                 VIII.

    _Berlin_, d. 10. Juni 23.

Sehr recht haben Sie, mein verehrtester Freund: Nicht allein, daß man
nicht immer kann, was man will, man will auch meist nicht, was man
kann, ja, was man _soll_. Das erste ist Schicksal, das zweite
negative und das dritte positive Nichtigkeit; man nennt es auch Sünde.
Ich will mich nicht ganz freisprechen; aber größtentheils tragen die
Umstände die Schuld, daß ich nicht früher nach Dresden kam und noch
ein paar glückliche und unterrichtende und befruchtende Monathe mit
Ihnen verlebte. Einrichtungen, die meine Vermögensumstände betreffen,
mußten und konnten nicht _eher_ genommen werden, als bis sich
der politische Himmel wenigstens momentan wieder aufgeklärt hatte. So
lange ich unverheirathet war, ließ ich unbesorgt Alles so hingehen, wie
es eben wollte, in dem sichern Bewußtseyn, daß mirs für meine Person
nie fehlen würde. Jetzt muß für die Zukunft der Besitz fest bestimmt
und möglichst gesichert seyn, d. h. flüssig erhalten werden. Das ist
nun jetzt -- wenn auch mit einigen Opfern -- geschehen. Dadurch aber
hat mein Reiseplan sich sehr geändert. Wollte ich doch schon jetzt in
meinem paradiesischen Baden-Baden zurück seyn und irgend eine liebe
Arbeit begonnen haben. Nun aber geht mir der Sommer verlohren und ich
muß für Zeitschriften -- um die Reisekosten zu erschwingen -- Kräfte
aufwenden und Zeit, die ich wahrlich zu etwas Besserem gebrauchen
könnte. Nach Wien _muß_ ich und da der Sommer dort todt ist, so
will ich den September dort und den October in München zubringen.
In allen Fällen aber gedenke ich, Sie noch ein Weilchen zu sehen,
entweder in Dresden oder in Teplitz. -- Und auch, wenn ich dann von
Ihnen Abschied nehme, wollen wir das schlimme Wort: „Niewiedersehen“
nicht aussprechen; denn mein Weg führt mich ja doch von Zeit zu
Zeit zu meiner Vaterstadt und meinen Verwandten und Freunden. Großes
Herzeleid aber macht es mir, daß ich die Hoffnung aufgeben muß, Sie
in unserm freundlichen und unschuldigen Carlsruhe zu sehen. Ich bin
überzeugt, daß Sie Sich in jener milden Luft, wo man vom Winter nicht
viel weiß und Sommers in dem erquicklichen Baden lebt, vortrefflich
befinden würden; wärend Dresden mit seiner gichterzeugenden Brücke
Ihre Krankheit, die ich übrigens für quälend zwar, aber nicht für
gefährlich halte, nährt und steigert. Wie gut und wie wohlfeil würden
Sie dort, wie freundlich und produzirend würden wir da zusammenleben!
Was haben Sie denn in Dresden von Dresden? Die Fremden? Die kommen auch
zu uns und ich denke sogar vielseitigere, wahrhaftere _Fremde_,
statt deren in Dresden nur nordisch-barbarische Brunnengäste, oder
Gallerie-Beseher mit längst bekannter Bildung, oder gar Liederkreusler
erscheinen. Glauben Sie mir, es ist eine wahre Geistes- und Seelenkur,
eine Gemüthsstärkung, eine Herzerfrischung, den in der Unnatur der
Kritik und Theorie versunkenen Norden für einige Zeit total zu
vergessen; diesen so sehr theoretisch-kritischen Norden, daß er jetzt,
auf dem Kulminationspunkt seiner kritischen Theorie, es herausgerechnet
hat, daß es weder Theorie noch Kritik gebe und nun, auch von allem
wahrhaft Praktischen und Kräftigen entblößt, sich im reinen Nichts
umhertreibt. Ist es denn gar nicht möglich, daß Sie Sich zu dieser
Ortsverändrung entschlössen; daß wir, wenn ich zurück bin, darüber
korrespondirten? Auch in pekuniärer Hinsicht würden Sie Vortheil,
nehmlich Verleger finden, die Sie besser bezahlten. Cotta z. B. der vor
einiger Zeit hier in Berlin war, hat mir in dieser Hinsicht viel von
Ihnen gesprochen und mir aufgetragen, Sie zu bitten, für ihn und für
seine Zeitschriften zu arbeiten. Er biethet sich an Sie vorzugsweise
gut zu honoriren und frühere Verhältnisse in eine neue Verabredung
nicht gleich und unmittelbar einfließen zu lassen. Ich schreibe Ihnen
dieses in seinem Auftrag und wahrlich, er ist der Mann -- was man
auch von ihm sagen möge! -- etwas Erhebliches und Fruchtbringendes
für Sie zu thun. -- Ich setze beiläufig -- von größeren Arbeiten und
Unternehmungen abstrahirend -- hinzu: So sehr mich Ihre Kritiken im
Abendblatt erfreut, so sehr sie allgemeine Theilnahme erregt haben,
so ist man doch nicht mit dem Organ, das Sie wählen, zufrieden und
ich meines Theils glaube sogar das Hemmende heraus zu fühlen, was
dieses Süßblatt Ihnen entgegenstellt. Bei dieser Gelegenheit eine
Bitte und eine inständige! Sie haben in jener Rezension, wo Sie dem
Gehe nur zu viel Ehre anthaten, der Müllnerschen Schuld gedacht und
sie kurzweg unter die Mißgeburthen der Zeit gestellt. Seitdem ward
Müllner sehr höflich gegen Sie, nannte Sie Meister &c. Ich wußte
gleich, daß er seinen Grimm nur verberge; und richtig! jüngst im
Litt. Blatt des Morgenblattes sagt er in einer Anmerkung, von seinem
beliebten heidnischen Fatum sprechend: es wäre sehr natürlich, daß die
dramatischen Schulknaben sich gegen dasselbe erhöhen, aber das wäre zu
verwundern, daß ein Ludwig Tieck diesen darin Vorschub leiste und mit
in diesen Chor einstimme. Dieses Wort nun zwar nicht -- denn Müllners
Worte bleiben jetzt ohne Eindruck -- aber das allgemeine Aufsehen,
welches die Schuld erregt hat, gebiethet, daß Sie die Nichtigkeit
dieses Meteors ausführlich und gründlich darthun, besonders weil Sie
schon ein Mal wegwerfend, aber zu kurz für eine Erscheinung, die so
allgemein geblendet hat, gesprochen haben. Ich fordre Sie im Nahmen der
dramatischen Kunst dazu auf, denn ich halte es für nöthig. Ich selbst
würde es thun, wenn ich es so eindringlich vermögte als Sie, der ja
noch überdies das litterarische Reichssiegel seines Nahmens darunter
drücken kann. Auch der Firniß des undramatischen ja oft ungeschickten
Verses muß von dieser Lackirarbeit mit beitzend-kritischem Spiritus
weggewischt werden. Lassen Sie Sich weder die Mühe, noch die Fehde
davon abhalten; es ist Ihre kritische Pflicht. -- Ihren Brief an die
Direktion des 2. Theaters habe ich eben abgeschickt. Ich bin ganz
Ihrer Meinung; doch könnte Ihnen ja wohl die Lust kommen, einmal etwas
recht Drolliges und Populäres für eine solche Bühne zu schreiben, und
nicht wollte ich, daß Sie dieses ganz und gar aufgäben. Außer meinen
(fleißigen und gewissenhaften) Arbeiten für Zeitschriften und ein paar
geringen flüchtigen Musengeschenken habe ich hier nichts gemacht,
als eine Modernisirung meiner ersten dramatischen Arbeit: _die
Ueberbildeten_ nach ~Molière’s précienses ridicules~, die ich
mit nach Wien nehmen will; denn hier ist französische Drehkunst und
Spontinischer Janitscharenlärm das Einzige was kostumirt, dekorirt
und illuminirt wird; in den Zwischentagen giebt man französische
~vaudevilles~ und aus alter Schaam selten ein altes gutes aber
schlecht ja skandalos besetztes Stück. Nun, ich will meiner Frau noch
ein Plätzchen zum Schreiben lassen. Gott stärke Ihre Gesundheit!!!!!!
Viele Grüße und herzliche den lieben Hausgenossen. In jedem Falle sehe
ich Sie noch im Laufe dieses Sommers.

    Mit Achtung und Liebe
    Ihr

    _Ludwig Robert_.

Es ist mir recht lieb, verehrtester Freund! daß Sie mit Rob. über sein
Wegeilen von Dresden zanken. Diesen Winter war ich sehr oft nahe dran,
das Heimweh nach Ihnen und Ihren lieben Haußgenossen zu bekommen,
doch jetzt wo der häßliche Winter sich entfernt und das Frühjahr sich
einstellt -- befinde ich mich ziemlich angenehm hier und will ich
einmal wieder die Wintervergnügungen der deßhalb berühmten Stadt
mitmachen so komme ich im Sommer, wo im Thierjarten dieselben Thees
getrunken und dieselben belustigenden Gespräche geführt werden, die
den Winter erwärmen sollen. Lassen Sie sich doch meines Mannes Zureden
wegen Karlsruhe und Baden zu Herzen gehen; ich hoffe Sie bei unserm
Wiedersehen nicht ganz abgeneigt zu finden, vielleicht nächsten Sommer
unsern Zaubergarten Baden zu bewohnen. Eine Harfenspielerin-schlägerin
macht mich mit ihrem ewigen tik tak tak so confus, daß ich nichts mehr
beifügen kann als meinen herzlichsten innigsten Wunsch, Sie Alle recht
bald gesund und vergnügt zu sehen.

    Ihre
    ergebenste

    _Frid. Robert_.


                                  IX.

    B. d. 20t. Dec. 1823.

Ein rundes Jahr habe ich mir vorgenommen, Ihnen zu schreiben und da es
nun endlich einmal dazu kömmt, bin ich so schüchtern, daß ich nicht
weiß, wie ich anfangen soll. Wären Sie kein so berühmter Mann, so
hätten Sie, wenn es Ihnen Spaß machte, ein Dutzend Briefe von mir in
dieser Zeit erhalten, aber so -- was kann ich Ihnen schreiben, das
interessant genug wäre, Ihnen einige Minuten Ihrer kostbaren Zeit zu
rauben? Glauben Sie ja nicht, daß das Komplimente sind, die ich als
Einleitung oder Lückenbüßer einschiebe, nein es ist mein wahrer Ernst,
und ich würde vielleicht noch immer geschwiegen haben, wenn ich nicht
vor einiger Zeit ein Gedichtchen von Ihnen (in Musik gesetzt von Fanny
Mendelsohn) gehört hätte, was mir so wohl gefiel, daß ich mir vornahm,
es Ihnen zu schicken. Mit nächster fahrender Post wird es folgen, und
ich lasse, damit Sie auch die Componistin kennen lernen, das Billet von
ihr dabei. Sie hat noch mehrere Gedichte aus Ihrem Reiche componirt,
doch kann ich nichts darüber sagen, da ich sie nicht gut habe vortragen
hören, dieses aber ist hier schon oft mit Beifall gesungen worden, und
es wäre zu wünschen, daß Mdme. Devrient, die hier so sehr gefiel, es
Ihnen zuerst vorsänge.

Wie oft ich mich schon nach Dresden zu Ihnen zurückwünschte, kann ich
nicht sagen, an den gastfreundlichen runden Tisch, Niemand daran als
Sie, Ihre theuren Haußgenossen und wir, erzählend und bis ins Innerste
vergnügt. So war es hier noch nie. Die Erinnerung hat etwas rührendes,
und ich weiß nicht, ob ich weine oder lache. Ich soll Platz lassen
zum Siegeln, sagt mein Schicksal, das heißt mein lieber Mann, und ich
gehorche

    Ihre
    ergebenste _Friderike Robert_.


                                  X.

    _Carlsruhe_ d. 15. Obr. 1824.

    _Verehrtester Freund_.

Ihre Besorglichkeit war ungegründet. Ich habe mich in dem
ungesellschaftlichen München nicht länger aufgehalten, als eben
nöthig war, es kennen zu lernen. Um eine alte Krummstadt herum,
und in sie hinein entsteht eben eine neu’st-modige, griechisirende
und romantisirende, und giebt so ein Bild der _geistigen_
Baulichkeiten: der Bildung. Man steht mit dem Einen Fuße tief unten
im Wust und Schlamm noch nicht weggeschafter Barbarei, und hat den
andern über viele Mittelstufen hinweg, so plötzlich und so hoch
erhoben, daß man gar nicht begreifen kann, wo man die Kraft zu einem
solchen Sieben-Meilen-Schritt hernehmen soll. Auch macht man diesen
Schritt nicht; man spreitzt sich eben nur und wähnt unter Anderm
z. B. Preußen weit überflügelt zu haben. Reinlichkeit der Straßen
und unelegante finstere Kaufläden; Gewühl von Menschen, Pferden,
Soldaten und Güter- und Bier-Wagen, und keine Equipagen, außer denen
des Hofes und zweier Gesandten; Napoleonische Polizei und andre
Einrichtungen, bei altfränkischen ärgerlichen unnützen Formen;
Soldaten-putz und wissenschaftlich-militärisches Treiben, bei höchstem
Spießbürgersinn des Volkes; eleganter Pariser Damenputz im Theater, und
Fraubasen-Gespräche mit breiter unangenehmer Mundart; ächt deutsche
und höchst rührende Liebe zu dem angebohrenen Herrscher, und doch im
Ganzen ein höchst undeutsches, ungemüthliches, egoistisches Wesen, das
auf den sarmatischen Ursprung des Stammes hindeutet -- und so könnt ich
noch hundert Gegensätze anführen, die man hier dicht neben einander
findet und die Einen bald unangenehm berühren, bald wieder mit Hoffnung
für die Zukunft erfüllen, dabei ein rauhes unangenehmes Klima bei ganz
unfruchtbarem Kiesboden. Man sieht den Schnee auf den Alpen liegen,
der Südwind bringt Eiskälte und in gewöhnlichen Jahren schneit es noch
in Juni -- Gott sey also gedankt, daß ich wieder in meinem milden,
einsamen und freundlichen Carlsruhe bin. -- Und nun zur Hauptsache,
zu Ihren Geschäften. Ich habe mit Cotta gesprochen und gegen Ihren
Forderung von 10,000 Rthlr. für Ihre sämmtlichen Werke hat er, nachdem
ich ihm das Geschäft anschaulich machte, Nichts einzuwenden gefunden;
dagegen verlangt er hauptsächlich, daß Sie ihn sicher stellen, daß
Ihre früheren Verleger nichts gegen diese neue Auflage einwenden und
er nicht mit Jenen in Streit komme; dann rechnet er auf die Vor- oder
Einleitungsreden, von welchen ich ihm, Ihrem Auftrage gemäß, gesprochen
habe; auch wünschte er die Zahl der Bände zu wissen, die ich ihm nicht
angeben konnte, aber ungefähr auf einige und zwanzig anschlug; endlich
fordert er die baldigst schnelle Erscheinung des Werks und will sich
vor dem Beginne des Drucks zu keinem Vorschusse verstehen. -- Dies ist,
mit kurzen Worten, das Resultat eines langen Gesprächs. Sie mögen ihm
nun schreiben, sich auf diese Punkte beziehen und sich mit ihm einigen,
welches ich Ihnen um so mehr rathe, da mir seine Forderungen billig
scheinen und mit ihm, hinsichtlich der prompten Baarzahlungen durchaus
nichts zu befürchten ist, welches bei minder reichen Buchhändlern
doch mehr oder weniger der Fall seyn dürfte. -- Was die Beiträge zum
Morgenbl. betrifft, so scheinen sie ihm sehr angenehm zu seyn. So wie
ich den Mann kenne, so werden Sie Sich auch hierüber mit ihm einigen,
wenn Sie damit beginnen, ihm sogleich einen gewichtigen Beitrag
einzusenden. Versäumen Sie aber ja nicht, diese Angelegenheiten zu
betreiben!!! Und schmieden Sie das Eisen, dieweil es glüht!!!!! Es ist
schon nicht vortheilhaft, daß Sie ihm nicht, wie Sie mir versprachen,
bereits geschrieben hatten; ich kam dadurch in einige Verlegenheit.
-- So weit die Geschäfte! Nun will ich als Unterhändler aber auch ein
Douceur haben; und das soll darin bestehen, daß Sie über meinen jetzt
herausgekommenen Paradiesvogel ein öffentliches Wort irgendwo sagen.
Daß ich kein unbedingtes Lob erwarte, brauche ich Ihnen, der Sie mich
kennen, nicht zu sagen; aber -- da Sie doch einigen Antheil an meinen
Arbeiten nehmen, warum sollte ich nicht begehrlich hoffen, daß mir
auch die Ehre werde, daß Sie ein Wort darüber drucken lassen? -- Aber
nun kommt etwas, das ich fast für eine Pflicht, die Ihnen obliegt,
halte. Nehmlich eine Beurtheilung jener Novelle zu geben, die in den
diesjährigen Rheinblüten vom Mahler Müller in Rom abgedruckt ist. Sie
haben Sich früher für dieses Talent interessirt, sie waren Herausgeber
desselben, er hat eine lange Reihe von Jahren geschwiegen und erscheint
nun endlich wieder auf dem Felde der deutschen Literatur. Ich glaube,
daß _Sie_ dieses nicht ignoriren dürfen und gut wäre es, wenn
man den derben Tüchtigen, wenn auch ein wenig Unmodischen, neben
die süßlichen Zierbengel unserer Almanache zu Nutzen und Frommen
des nervenschwachen Publikums hinstellte. Die moralische Kraft in
seinen obscönen Schilderungen, die nicht nur nicht lüstern machen,
sondern Abscheu erregen und dennoch Produkte der Kunst bleiben, ist
bewundernswürdig, ist kunstreich, künstlich und sogar ein Kunststück.
Wäre das Ende der Erzählung minder breit, so wäre, ich wenigstens,
vollkommen mit ihr zufrieden. Ich bin begierig, was Sie darüber sagen
werden; aber thun Sie es ja! Es kostet Sie ja nur ein Stündchen. Aber
thun Sie es bald, denn dadurch würden Sie den Debit des Taschenbuchs
und also meines Schwagers Nutzen vermehren. Sie dürfen ihm wohl diesen
Gefallen erzeigen. Ueber die ihm zum neuen Jahre versprochene Novelle
wird er Ihnen selbst schreiben, und ich füge meine Bitte hinzu, diese
Angelegenheit nicht zu verschieben, dagegen verpflichte ich mich, Ihnen
auch sogleich nach der Einsendung des Mspts. für die rasche Einsendung
des Honorars zu sorgen. Schreiben Sie mir doch ein Wörtchen. Grüßen Sie
Ihre mir höchst verehrten Hausgenossen freundlichst

    von
    Ihrem

    _L. Robert_.

So wenig Platz und so viele Gefühle und Einfälle! Gedanken kann ich
nicht sagen, denn dazu kömmt es noch lange nicht, denn jetzt habe
ich zu viel mit der Poesie, Begeisterung, zu thun; ich richte meine
Haushaltung ein, damit Sie nächsten Sommer eine „schöne“ Tasse Thee bei
mir trinken können und kaufe Tischchen, einen Lehnstuhl und Leuchter
zum Vorlesen! Ueber München bin ich mit Rob. ganz einverstanden, und
so wie ich Zeit habe, schreibe ich ausführlicher, für Ihre und Ihres
verehrten Hauses Gastfreundschaft zu danken, die ich in München nach
ihrem ganzen Werthe hätte können schätzen lernen, wenn mein Herz nicht
schon ganz davon überzeugt wäre und überflöße. Mich best. empfehlend

    Ihre

    _Frid. Rob._


                                  XI.

    _Berlin_ 29t. Jan. 29.

    _Verehrtester Herr und Freund_.

Vor einigen Wochen nahm ich mir endlich das Herz, Ihnen, durch meinen
Bruder, eine dramatische Arbeit zu überreichen, die, wenn auch nicht
viel Gewicht auf sie zu legen ist, doch so gut, wie so vieles Andere
der Darstellung auf der Dresdner Bühne werth wäre. Ich dachte, durch
Ihre Vermittelung, die Lebendigmachung des Werks und ein übliches
Honorar zu erreichen, um so mehr, als ich es nicht versäumte, die für
Ihre sämmtlichen Werke von Cotta geforderte Summe bei demselben zu
erzielen, die Reise nach Stuttgart, einzig dieser Verhandlung wegen,
nicht scheuete, und, als Sie denselben gänzlich ohne Antwort ließen,
Reimer aber den Verlag der Werke ankündigte, über die Unannehmlichkeit
schwieg, mich kompromittirt zu sehen.

Wohl weiß ich es, mein verehrter Meister, daß Sie Gewichtigeres zu
thun haben, als mir Ihr Urtheil über das, was ich zu leisten vermag,
aufzuschreiben, oder wohl gar dessen in Ihren öffentlichen Kritiken
zu erwähnen. Aber offen will ich es gestehen, daß ich, bei Ihrer
Stellung zu dem Dresdner Hoftheater, schon früher erwartete, daß Sie
einige meiner Stücke zur Aufführung bringen würden; und ich also um so
schmerzlicher berührt bin, da Sie, nachdem ich Ihnen ein Werk, das
wenigstens die Eigenschaft der Darstellbarkeit hat, übersendet habe,
mich auch nicht einer Zeile Antwort würdigen.

Dieses Ihnen unumwunden zu sagen, gebiethet mir meine redliche
Offenherzigkeit, zu welcher mich überdies Ihre frühere günstige Meinung
über mich berechtigt. Sollte die dortige Bühne von dem übersendeten
Stücke keinen Gebrauch machen, oder Sie es derselben nicht vorschlagen
können, so erbitte ich mir das Manuscript durch die fahrende Post
zurück, und ersuche Sie diese Zeilen sowohl, als daß ich Ihnen
überhaupt lästig fiel zu verzeihen.

    Mit
    vollkommen anerkennender Hochachtung
    Ihr
    ganz ergebenster

    _Ludwig Robert_.

    Leipzigerstraße Nr. 3.



=Rochlitz, Friedrich.=

    Geboren den 12. Februar 1769 zu Leipzig, gestorben daselbst am 16.
    December 1842.

    Durch dreißig Jahre führte er (von 1798 bis 1818) die Redaktion
    der Allgemeinen musikalischen Zeitung mit Einsicht, Kenntniß,
    Geschmack und Gerechtigkeit; Eigenschaften, ohne welche er den
    dreißigjährigen Krieg wider so vielerlei feindselige Mächte
    unmöglich so lange siegreich bestanden hätte.

    Als poetischer Schriftsteller lieferte er:

    Denkmale glücklicher Stunden, 2 Bde. (1810, 11.) -- Kleine Romane
    und Erzählungen, 3 Bde. (1807.) -- Neue Erzählungen, 2 Bde. (1816.)
    u. a. m.


                                  I.

    _Leipzig_ d. 23ten Dec. 1801.

Sie haben in dem Buche, Phantasieen über die Kunst &c. so tief und
schön über Musik geschrieben, daß ich mit immer neuem Genuß, und
immer herzlicherem Dank gegen Sie, zu seiner Lektüre zurückkehre.
Schon längst würde ich Ihnen deshalb geschrieben haben, was ich jetzt
schreibe, wenn ich, wie jetzt, den bestimmten Auftrag dazu gehabt
hätte. Ich ersuche Sie nehmlich im Namen der Redaktion der musikal.
Zeitung, wenn Sie etwas über Musik geschrieben haben oder schreiben,
es ihr für ihr Institut gefälligst mitzutheilen. Es bleibt Ihnen der
weitere Gebrauch solcher Aufsätze; nur würden Sie dieselben nicht zum
Schaden der Zeitung allzuzeitig -- wenigstens nicht unter einem Jahre
nach dem ersten Abdruck -- nochmals herausgeben. Die Redaktion bietet
Ihnen für den Bogen des gewöhnlichen Drucks der Zeitung zehn Thaler
Honorar, und würde gern mehr bieten, wenn das, denn doch nur ein
beschränktes Publikum interessirende Institut irgend einem Mitarbeiter
mehr geben könnte.

Der Buchhändler Herr Härtel (Breitkopf und Härtel) hat die Auszahlung.
Verstattet es die Sache selbst, so werden Sie wie wir Alle, die wir
an diesem Institut Theil nehmen, bei der Form Ihrer zu hoffenden
Beiträge daran denken, daß bei weitem der größte Theil der Musiker
und Musikliebhaber wohl Menschen von Geist und Sinn seyn mögen, aber
nicht Menschen von tiefer, wissenschaftlicher Bildung; auch daran, daß
ein seiner Länge wegen in mehrere Stücke zu theilender Aufsatz, durch
solches Zerstückeln verlieren muß.

Ich sage Ihnen das alles so gerade hin, weil ich jedem Manne, den ich
nicht kenne, mit Offenheit und Vertrauen entgegen gehe; wie viel mehr
Ihnen, von dem ich so viel Vortreffliches weiß.

Lassen Sie mich noch diese Gelegenheit benutzen, Sie von meiner
aufrichtigen Hochachtung zu versichern, und Ihnen für die wahre
Herzensfreude zu danken, die Sie auch mir durch Ihre Arbeiten, --
auch kürzlich erst durch verschiedene Ihrer Gedichte im Musenalmanach
bei Cotta, -- gemacht haben, und noch gar oft machen werden. Kann
ich Ihnen auch nichts seyn, als ein Punkt in der langen, leider
schwankenden Linie, die man das Publikum nennt, so besteht doch eine
Linie aus Punkten.

    _Friedr. Rochlitz_.


                                  II.

    _Leipzig_, den 16ten März 1821.

    _Verehrter Herr und Freund!_

Ich wünschte, Sie könnten sich meine Freude über den schönen Beweis der
Fortdauer Ihres wohlwollenden Antheils an mir recht lebhaft vorstellen,
und damit sie gewissermassen theilen. Aber dazu müßten Sie vollständig
wissen, wie so etwas eben auf mich wirkt. Da das nun nicht seyn kann,
so sage ich hier gar nichts, als ein einfaches: Ich danke -- für Brief
und Geschenk! Daß ich die Genovefa nun aus Ihren Händen besitze, wird
allerdings dem erneuerten Genuß an ihr noch einen besondern, und gewiß
nicht störenden Reiz zusetzen. Dieses Genusses nach allen meinen
Fähigkeiten theilhaftig zu werden, spare ich ihn mir für die schönsten
und ungestörtesten Frühlingstage auf; und daß ich dann laut lese, wenn
auch mir selbst nur, brauche ich wohl nicht erst zu versichern.

Zur Ostermesse Sie hier zu sehen, und endlich von Angesicht zu
Angesicht kennen zu lernen: darauf freue ich mich sehr. Ja, vielleicht
finde ich im Laufe des Sommers Gelegenheit, Ihnen, -- wenn Sie es
nehmlich nicht ungern sehen, -- noch näher zu treten, als es in jenen
Tagen der Unruhe und des vielfältigen Treibens möglich ist: ich werde
den Monat Julius im Schandauer Bade zubringen, und hoffe dann den
August in Dresden zu verleben.

Erwarten Sie von mir, außer der innigen Hochachtung und Erkenntlichkeit
gegen den Dichter, wie sie mir seit meinen Jünglingsjahren (und das ist
lange her) unverändert innewohnt, nur noch eine freudige Hinneigung zu
jedem bedeutenden und edlen Menschen: von anderm aber, was dem Umgange
Gewicht oder Reiz giebt, gar nichts; -- dann werden Sie sich über mich
nicht irren. Hiermit lassen Sie mich

    Ihnen
    in freundschaftlicher Ergebenheit
    empfohlen seyn

    _Rochlitz_.


                                 III.

    _Dresden_, d. 11ten Jun. 27.

Ich bin gestern ohne Dank, ja ohne Alles, von Ihnen gegangen. Dichtung
und Vortrag hatten mich so ergriffen, so an- und ausgefüllt, daß
ich’s so machen mußte. Auch wollte ich den Eindruck gar zu gern ganz
ungestört mit nach Hause nehmen. Da hab’ ich denn bis lange nach
Mitternacht still dagesessen; so gut ich konnte, jedes Einzelne wieder
an mir vorübergehen, nun Alles sich wieder vereinigen, vereinigt auf
mich wirken, und so die ganze Musik endlich nach und nach in mir
ausklingen lassen.

Auch heute will ich nur das sagen: Jener köstliche _Heinrich_
war mir freilich von A bis Z bekannt und auch erinnerlich; aber wenn
nun Alles und Jedes in ihm, scharf umrissen und vollendet ausgemalt,
vor mir und in mir _lebt_, so verdanke ich das Ihnen. Und wenn
ich nun weiß, wie sich das Vorlesen überhaupt, hoch, bis zu einer
selbstständigen Kunst steigern läßt, so verdanke ich das Ihnen auch.

Wie könnte ich da anders, als meine Bitte wiederholen: Lassen Sie mich
wissen, wenn Sie wieder vorlesen. Für mich, wie ich nun eben bin,
enthält Dresden nichts Genußreicheres, und für Sie macht ein Zuhörer
keinen Unterschied. Dankbar

    Ihr

    _Rochlitz_.


                                  IV.

    v. H. d. 17ten Octob. 28.

Niemand weiß besser als ich, daß man einem verehrten Manne kaum einen
geringeren Erweis seiner dankbaren Gesinnung und treuen Anhänglichkeit
darbringen kann, als wenn man ihm ein selbstverfaßtes Buch giebt.
Kaum einen geringeren; und doch auch kaum einen gültigeren. Jedes
Andere unerwähnt: ist doch ein mit Liebe und Fleiß geschriebenes Buch
das Beste, was ein Autor hat, und gewissermaßen, was er ist. Thut
er doch mit der Zusendung seine Ueberzeugung dar, der Andere werde
Eindringlichkeit, Nachsicht, freundliches Wohlwollen an dem Buche üben,
und eben weil er diese daran geübt hat, ihm geneigt seyn, -- und dem
Autor auch. Darum und dazu nehmen Sie, bitt’ ich, dieses mein Buch hin;
zumal da es, wenigstens in dieser Gattung, zuverlässig mein letztes
bleiben soll. Sollte es aber auch blos Sie zuweilen wieder an mich
erinnern, so bin ich schon zufrieden.

Hiermit empfehle ich mich Ihnen, so gut ich kann.

    Ihr

    _Rochlitz_.



=Rückert, Friedrich.=


    Geb. am 16. Mai 1789 zu Schweinfurt. -- Lebt seitdem er (1849)
    seine Stellung in Berlin aufgegeben, auf seinem Gute Neuseß in der
    Nähe von Coburg.

    Als _Freimund Reimar_ hat er zuerst seine ersten Kampf-,
    Zorn- und Spottlieder gegen Deutschlands Erbfeind erschallen
    lassen, und hat sich seit fünfzig Jahren mit einer noch nie und
    nirgend erlebten Fülle poetischer Gaben und Schätze; mit einer
    unübertroffenen Herrschaft in Form und Sprache; mit einem ganzen
    Frühling und Sommer voll Blüthen so tief in dieses Deutschlands
    Leben und Weben hineingesungen, daß deutsche Dichtung und Friedrich
    Rückert für ewig unzertrennlich bleiben. Das hat Friedrich Wilhelm
    der IVte erkannt, und hat ihn nach Berlin berufen, den
    großen Poeten, der auch für dieses Königs Mutter, für Königin
    Luise, den Kranz von immer blühenden weißen Rosen wand, der in
    den „Geharnischten Sonetten“ den Ahnherrn, den alten Fritz,
    heraufbeschwor!

    Daß Rückert in Berlin nicht heimisch werden könne, war
    vorauszusehen. Nach 1848 wurd’ es unmöglich. Und daß der
    verstorbene König diese _Unmöglichkeit_ begriff, macht seinem
    Verstande, daß er dem Dichter die _Möglichkeit_ gönnte, sich
    in den Frieden ländlicher Stille aus dem Geräusch der großen
    aufgeregten Stadt zu flüchten, macht seinem Herzen Ehre.

    Deshalb auch begegnen wie den innigen Worten, die in nachstehenden
    Zeilen dem königlichen Gönner gelten, mit aufrichtiger Freude.


    _Berlin_ d. 11. Okt. 41.

    _Hochverehrter Meister!_

Hier stellt sich mein armenischer König vor Ihren Richterstuhl. Sehen
Sie die Arbeit so an, wie ich mündlich sie Ihnen zu zeigen versuchte,
als eine erste Einübung der mir neuen Kunstform, und zwar als ersten
rapiden Hinwurf ohne Durchsicht und Feile. Ich sagte Ihnen schon,
daß noch einige dergl. Uebungstücke folgen sollen, eh ich an meinen
eigentlichen Vorsatz, vaterländische Stücke (aus der brandenburgischen
Geschichte) gehen werde. Wäre das Stück nicht zu unvollendet und nicht
zu lang, so könnt’ ich ihm nichts besseres wünschen, als es durch Sie
selbst unsrem König vorgeführt, von dessen Begeisterung in mir es die
erste Eingebung ist. Wenigstens möcht’ ich Sie bitten, Ihm bei guten
Gelegenheiten von meinen Intentionen zu sagen, was ich selbst mündlich
thun möchte, aber er hat mich bis jetzt noch nicht zu sehen verlangt,
da ich ihn zu sehen nicht verlange, sondern brenne. Der gnädigen Gräfin
empfehl’ ich mich unterthänig. In vollster Hochachtung

    der Ihrige
    _Rückert_.

Ueber den Zauber Ihrer Vorlesung möcht ich noch einmal mich mündlich
gegen Sie aussprechen. Ganz besonders hat mich Malvoglio befriedigt,
der beim Lesen immer als ungebührlich mishandelt mir wehe that. Aber
Ihre Stimme macht ihn so dick und derb, daß man kein Mitleid mehr mit
ihm fühlt.



=Rühs, Christian Friedrich.=


    Geb. in Greifswalde 1779, gestorben 1820 in Florenz.

    Er wurde 1801 Privatdocent in Göttingen, 1802 in Greifswalde, 1808
    Professor der Philosophie, 1810 Professor der Geschichte in Berlin,
    1817 königl. preuß. Historiograph und Bibliothekar.

    Versuch einer Geschichte der Religion &c. der alten Skandinavier
    (1801.) -- Unterhaltungen für Freunde altdeutscher und
    altnordischer Litteratur (1803.) -- Pommersche Denkwürdigkeiten
    (1803.) -- Finnland und seine Bewohner (1804.) -- Entwurf einer
    Propädeutik des historischen Studiums (1811.) -- Die Edda
    (1812.) -- Zeitschrift für die neueste Geschichte, Staaten- und
    Völkerkunde, 4 Bde. (1814-15.) -- Historische Entwickelung des
    Einflusses Frankreichs &c. (1815.) -- Handbuch der Geschichte des
    Mittelalters (1817.) -- und noch viel Anderes.

    Dürfen wir von der Handschrift dieses Briefes auf jene in den
    Manuskripten seiner zahlreichen Werke schließen, dann mögen die
    Setzer bei ihrer Arbeit manchen Seufzer ausgestoßen, vielleicht
    auch manchen Fluch losgelassen haben. An ersteren wenigstens haben
    wir es nicht fehlen lassen.


    _Berlin_, d. 14. Jul. 16.

    _Mein hochgeschätzter und verehrter Freund!_

Den Babingtonschen Catalog hab’ ich Ihnen nicht gesandt, auch Reimer
nicht, aber mit Vergnügen hab’ ich Ihre Aufträge an Hrn. Spiker
befördert, der bis zum October in London bleibt. Sein Aufenthalt ist
für die Königl. Bibliothek sehr vortheilhaft gewesen: schon haben wir 3
große Kisten mit englischen und einigen spanischen und portugiesischen
Büchern erhalten. Wir haben bereits alle alten Hauptchroniken von
England und von Schottland bekommen: ferner in der schönen Literatur
jetzt 2 Ausgaben der ~old plays~ und die sämmtlichen neuen
Commentatoren über Shakespear, auch Hawkins, Massinger ~Works~ u.
dgl. Sobald alle diese Sachen, die mehrere hundert Volumina ausmachen,
geordnet sind, zweifle ich nicht, daß Sie dieselben zu Ihrem Gebrauch
werden bekommen können. Besonders wünschte ich, daß Sie einige Zeit
hier bleiben könnten, um genauer mit diesen Schätzen bekannt zu werden.
Nun bitte ich Sie, wenn Sie noch einige ältere für die Geschichte der
Sprache und Literatur wichtige Werke wissen, die eine Bibliothek, die
die Ehre haben will, die erste eines großen Staats zu seyn, haben
muß, mich darauf aufmerksam zu machen: ich werde dann sorgen, daß sie
angeschafft werden. Ich hoffe, daß die Bereicherungen, die unmittelbar
durch meinen Betrieb der Bibliothek zugewachsen sind, noch in der Folge
schöne Früchte tragen werden. Ich habe den ganzen Vorrath selbst nur
erst flüchtig durchgesehn. Zwei Kisten kommen noch. Das Parlament hat
uns ein Geschenk mit allen den Sachen gemacht, die auf Veranstaltung
desselben gedruckt sind und darunter sind wichtig der Catalog der
Bodleyanischen und Coltonianischen Handschriften: diese Sachen sind
aber noch nicht hier: wir erwarten sie aber noch mit der ersten
Gelegenheit. Unsre Bibliothek ist durch diese Erwerbungen wirklich
sehr bereichert und wir brauchen nun nicht mehr so sehnsüchtig nach
den Fleischtöpfen Aegyptens, der Göttinger Büchersammlung auszuschauen.
Hr. Reuß verlangt nun die Bücher zurück, die Sie haben, und ich muß
Sie bitten sie ihm wiederzuschicken. Hawkins ist hier und Sie können
ihn wieder bekommen, vermuthlich auch was Sie sonst haben: melden Sie
es mir nur bald, ich will dann schon suchen, Ihnen die Bücher zu
schaffen. Es ist natürlich von hier aus leichter als aus Göttingen
Sendungen zu machen. Kennen Sie schon das neue angelsächsische Gedicht,
das Thorkelin herausgegeben hat? Es ist gewiß sehr merkwürdig, aber
über die Maßen schwer zu verstehn, ich kann gar nicht damit aus der
Stelle kommen. Schon früher hat die Bibliothek auch viele recht
interessante Bücher zur spanischen Literatur erhalten: nicht nur alte
Chroniken, auch poetische Werke, alte Schauspiele u. s. w., sie sind
theils aus der Graf Palmschen Auction in Regensburg, theils aus Hamburg
gekommen.

Wie sehr wünschte ich, daß Sie etwas näher wären: um Ihnen auch manches
nordische mitzutheilen. Ich habe mir jetzt alle Werke von Bellmann
verschaft, auch die alten schwedischen Volkslieder mit Melodien,
worüber ich gar zu gern Ihr Urtheil hören möchte. Ich bin in sehr
nüchternen Arbeiten begriffen: ich lese 3 Collegia, das ist völlig so
gut als Holz hacken: ein neues über die Politik, das mir viele Zeit
kostet, weil ich selbst noch nicht recht viel davon wußte, ich habe
es aber gethan, um dem Schlendrian und den gemeinen Ansichten, die
gerade hier wieder recht die Tagesordnung werden sollen, die Stirn zu
bieten. Mein Mittelalter ist noch immer nicht fertig, obgleich schon
43 Bogen gedruckt sind. Man denkt jetzt ernsthaft an die Ordnung der
hiesigen Kunstsammlungen, wozu eine eigne Comißion ernannt ist: mir ist
auch mein Theil nemlich die Menge des Mittelalters angewiesen. Es hat
sich bei dieser Gelegenheit das ganze herrliche Stoschsche Cabinett
von geschnittenen Steinen wiedergefunden, das selbst nach gedruckten
Nachrichten ganz zerstreut seyn sollte.

Herr Garlieb Merkel hat sich wieder eingefunden, um den _alten
Freimüthigen_ herauszugeben: mich erinnert seine Ankündigung an den
Gastwirth in Hamburg, der anfangs sein Schild vertauscht hatte und da
nun ein andrer sich seines alten bediente, unter sein neues (es hieß
zum Prinzen von Hessen) setzen ließ: das ist der rechte goldne Esel.
Reimer hatte den boshaften Einfall, gleich nach Merkel’s Ankunft,
in alle hiesigen Zeitungen einrücken zu lassen: es wären jetzt von
der Schrift ~Testimonia autorum de Merkelio~ wieder Exemplare
vorräthig. --

Leben Sie wohl, mein verehrtester Freund! und vergessen Sie nicht Ihres

    ergebensten

    _Fr. Rühs_.



=Rumohr, Karl Friedrich Ludwig Felix von.=


    Geb. am 6. Januar 1785, gestorben zu Dresden am 25. Juli 1843.

    Italienische Forschungen, 3 Bde. (1827-31.) -- Drei Reisen nach
    Italien (1832.) -- Deutsche Denkwürdigkeiten, 4 Bde. (1832.) --
    Der Freiherr und sein Neffe (?) -- Novellen, 2 Bde. (1833-35.) --
    Schule der Höflichkeit, 2 Bde. (1834-35.). -- Im Jahre 1828 edirte
    er einen, unter dem Namen seines Küchenmeister’s „König“ verfaßten:
    Geist der Kochkunst, dessen Lehren eine Zeitlang manche Befolger
    und Nachahmer fanden.

    Aus den von ihm an Tieck gerichteten Briefen hätte sich noch
    Mancherlei mittheilen lassen, wenn nicht diese Blätter gerade
    theils zerrissen, theils mit verloschener Tinte beschrieben, fast
    unlesbar geworden wären. Auch für einen korrekten Abdruck der fünf
    nachfolgenden vermögen wir nicht zu bürgen.


                                  I.

    _Hamburg_, den 14. Julii 1807.

Welches Vergnügen Sie mir gemacht haben, mich endlich statt ein
Paar längst ersehnter Zeilen einen langen, freundlichen, gütigen
Brief empfangen zu lassen, könnten Sie sich nur vorstellen, wenn
Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe. Durch die Gemüthskrankheit der
pr. Posten sind Sie bei mir völlig entschuldigt, und ich bitte um
Verzeihung der halben Aeußerung wegen, die Sie gekränkt hat. Wie sehr
erfreuet mich sonst noch Ihr gütiger Antheil an allem Verdruß und
Schmerz den ich erlitten. Die gute Mutter starb an den Folgen eines
tiefen Schmerzes über das, was sie für unerhört hielt, und wovon Sie
sich nicht eingestehn wollte, daß die nächste Welt vor uns durch
Indifferenz so vieles verschuldet hat. Die besten Menschen unsrer
Tage können so oft die Betrachtung des Schmerzlichen nicht ertragen,
die doch durchgeführt noch immer die Freiheit des Staates und der
Religion erretten mögte. Was mich betrifft, so wahr ich nichts Besseres
erwartet, als geschehn, so wenig kann ich die besten Hoffnungen auf das
Leben darum aufgeben, weil meiner Freunde und meine bürgerliche Lage
ins Schwanken gerathen ist. Ich studiere jetzt fleißig die Geschichten
alter Zeiten, und da ein Buch Anlaß giebt mehrere nachzuschlagen, und
ich mit Ernst angefangen über antique Kunstkenntniß zu sammeln, hat
sich’s gefügt, daß ich mich mit manchen Dingen näher bekannt gemacht
und Lust zur geschichtlichen Forschung und Quellenkenntniß, mehr als
jemals, erhalten. Zugleich macht mir die Verwaltung oder vielmehr
Wiedereinrichtung meiner bürgerlichen Lage um so mehr zu schaffen,
da ich eigentlich anfange zum Haupt eines Theiles unsrer weiblichen
Familie zu gedeihn. So viel erlaubt mir der Ort von meiner zeitlichen
Beschäftigung zu melden. Mehreres, wenn wir uns wieder sehn, was
hoffentlich bald sich ereignet. Berlin wäre kein ungeschickter Ort
zum Zusammentreffen, wenn Geschäfte oder Umstände uns nicht erlauben
sollten, die ganze Reise zu Ihnen, oder zu mir zurückzulegen. Jetzt
habe ich den einzigen offnen Augenblick ergriffen, um auf etwa vier
Wochen ins Reich zu gehn, wozu ich mannigfaltige Veranlassungen habe.
Bei meiner Rückkehr treffe ich Steffens mit seiner schönen Frau in
meinem Hause, die ein früher gethanes Versprechen jetzt bald erfüllen
wollen. Steffens hat mich schon ein Mahl besucht, und wir haben uns
einander herzlich lieb gewonnen. Es ist ein edler, herrlicher Mensch;
seiner Wissenschaft liegt eine religiöse Innbrunst zum Grunde, die mir
sehr das Rechte scheint. Ueber Vieles verstehn wir uns recht genau,
was mir zur großen Erquickung gereicht. Ich fange überall auf meine
rechten Freunde zu rechnen an, und mache andere Forderungen wie sonst.
Leeres Nachschwatzen und Anhängerei wird mich nicht wieder veranlassen,
Gesinnung zu suchen, wo deren nicht ist. Auf der andern Seite habe ich
das Glück gehabt, indem ich verschiedne Menschen kennen gelernt, die
sich von den öffentlichen Blättern abhängig gemacht, und von Vielem
gewiß recht schiefe Ansichten gefaßt hatten, durch geduldiges Ertragen
dieser Mängel allmählig dieselben zu erschüttern, und auf der andern
Seite ein reiches, herrliches Pfund von gutem edlem Muthe, Notiz und
Schulkenntniß auszugraben, das mir in diesen Handelsstädten, von deren
Verkrüppelung Sie keine Vorstellung haben, da Sie nur das tüchtige
Hamburg kennen, recht guten und lehrreichen Umgang zubereitet. -- Wir
warten schon so lange auf das Lied der Niebelungen; allerhand Jungen
machen sich daran und schreien es ins Publicum, und verkünden Ausgaben,
die nichts taugen werden. Sie sind es Ihren Freunden, Ihrem Volke
schuldig, Ihre kritische Arbeit darüber, noch früher als die Geschichte
der Poesie herauszugeben, auf die ich jedoch nicht weniger sehnlich
warte. Ich bitte um Abschrift der Gedichte von der Musik. Sie haben sie
den R. gegeben, so werden Sie mir dieselben nicht abschlagen. Sie haben
keinen größeren Fehler als daß Sie dieser Welt des Privatinteresses
zu edel, zu fromm, zu bürgerlich sind; das entzieht, fürchte ich, dem
Volke die schönen Veranlassungen des Besten durch ihren Genius. Sonst
erwiedre ich alle die gütigen Grüße und Wünsche Burgsdorfs und Ihrer
verehrten Gattin, und wünsche Ihnen Allen Muth, Trost, Hoffnung und
alle Güter, die in diesen Tagen die dauerhaftesten und besten sind.

    Ihr ganz treu ergebener

    _C. F. Rumohr_.


                                  II.

    ? den 26ten Septemb. 1807.

Sehr werther und hochgeschäzter Freund; Sie verzeihn mir die verspätete
Uebersendung Ihrer Sachen; ich glaube mich schon deshalb entschuldigt
zu haben. So eben kehre ich von einer Reise zurück, die ich wünschte
zum Theil mit Ihnen zurückgelegt zu haben. Mancherlei Veranlassungen
reizten mich zu meiner letzten Ausflucht, und ich kann mein Geschick
nur loben, das mich hinaustrieb, denn ich war in einer neuen Gefahr,
der ich glaube entgangen zu sein. Ich bin, seit wir uns gesehn, mein
Herr geworden, ein Gutsbesitzer, in Wohlhabenheit, in einem bequemen
und luxuriösen Lande, welches Alles nichts zu sagen hätte, wäre ich
nicht auf der einen Seite ziemlich empfänglich für das Vergnügen, und
hätte ich nicht auf der andern einen angebornen Beruf, der sich immer
wieder besinnt und laut wird, und mir Aergerniß macht, wenn ich ihn ein
Mahl lange nicht vernehmen wollen. Endlich tödtet auch ein Leben, das
von jeglicher Kunst entfremdet ist, wo die Gebildetsten nur manchmal
mit einer halben Entzückung vom Faust, einer Sonate oder Oper zu reden
wissen, in mir alle Lust allmählich ab. Um mir eine Gegend zu machen,
hatte ich angefangen, mir einen englischen Garten anzulegen, gegen
meine soliden Grundsätze, von denen wir uns bisweilen unterhalten
haben. Um die Leere in mir auszufüllen, zugleich meine tiefe,
verzehrende Betrübniß -- in sofern ich äußerlich und zeitlich bin
-- zu betäuben, ergriff ich durch Veranlassung jener Brockenkenntniß
und allgemeinen Vorstellungen, die oft der Gegenstand Ihres gütigen
Spottes gewesen, von neuem das historische Studium. Daß ich bis jetzt
noch nichts habe thun können, als mir eine Uebersicht der weitläuftigen
und verworrenen Quellen und Quell-Sammlungen zu verschaffen, die
z. B. blos die Geschichten der german. Völker, ihrer innern und
äußern Verhältnisse betreffen, verstehn Sie so wohl, als die geringe
Vorbereitung, mit der ich dies wichtige Geschäft angetreten. Daß ich
die Kunst überall ansehe, und bestimmt weiß und bald bestimmter wissen
werde, wie sie historisch eins ist, und eigentlich das wichtigste
Document sowohl der meisten bedeutenden Thatsachen, als vorzüglich der
Bedeutung der Völker in dem (nach meiner Ueberzeugung) ganz organischen
Leben des Menschengeschlechts: wird mir eine Bahn brechen, auf der
ich nach dem Willen Gottes und meinem besten Vermögen wandeln werde.
Ins Griechische suche ich mich diesen Winter zu arbeiten, und mit der
Zeit werde ich suchen, mir die Bahn zu den orientalischen, in unsrer
Geschichte so bedeutenden Sprachen zu öffnen.

Ich suche seit ein Paar Monaten einige geschickte Zeichner für ein
Unternehmen zu gewinnen, das vorzüglich beabsichtigt, die bisher noch
unbeleuchteten (also fast alle) Werke der Baukunst in Deutschland
ohne Aufwand, aber genau, abzubilden, und sie mit einer historischen
Untersuchung, oder vielmehr einem schlichten Bericht dessen, was sich
mit Sicherheit über die Entstehung und das Alter der einzelnen Theile,
wie des Ganzen sagen läßt, zu begleiten. Was den Gang der sogen. Goth.
Architectur in dem westl. Theile von Europa betrifft, haben die Engl.
bereits sehr gründliche Beiträge geliefert. Würde über Deutschland, den
scandin. Norden, einen Theil von Frankreich und Italien (auch Polen,
Ungarn und Rußland) eben so gründlich oder noch besser gearbeitet: so
würde man den Gang dieser großen Richtung genauer bestimmen können. Aus
den Abbildungen in Duchardins Reisen in Persien nimmt man wahr, wie
sehr viel weniger Engländer und Spanier das orientalische (ich möchte
sagen muhammedanische, denn welch ein Unterschied zwischen den wenigen
aus Indien überkommnen Daten und dem was zwischen Ispahan und Sevilla
nach Muhammed geschehn!) -- das orient. Motiv mystificirt haben, als
Erwin. Dieser seltne Mann hat auf das letzte und noch übrige in der
Kunst gedeutet, welches nicht lange mehr kann mißverstanden werden.
(Ich denke mir ihn nämlich identisch mit dem ganzen Bestreben, das nur
in ihm verständlich wird.) -- Der unerträgliche Gedanke, der sich in
Rom so oft aufdrängt, als wenn Malerei und Plastik die Trümmer einer
auf ewig untergegangenen Welt seien, und der doch recht sein mag,
insofern sie sich schon zu sehr verstanden haben, um mit gleicher
Unbesonnenheit ohne Gefährten wieder allein in eine widersprechende,
ihnen ungleichartige Welt zu gehn: löset sich in die herrlichste
Hoffnung auf, wenn man selbst das Münster Erwins als eine angedeutete
Bestrebung ansieht, die Baukunst als den Griff in den Accord -- Form,
Farbe und Ton zu setzen. -- Denken Sie daran, daß die Alten nur in
der Erfindung der Principien der Baukunst so merkwürdig sind, und ihr
Studium darum so gründlich macht, weil ihre Werke recht eigentlich nur
ihre Grundsätze aussprechen; daß die besten Werke antiker Plastik übel
angebracht waren -- wie der Jupiter Olymp.; -- daß die göttlichsten
Werke der Maler an ganz schlechten Gebäuden haften, -- wie vorzüglich
Correggios Werke in Parma, dann selbst Michael Angelo und Raphael im
Vatican, gar in der ~Chiesa della Pace~ -- welches alles man
freilich in der Betrachtung der Maler nicht wahrnimmt, aber doch
im Ansehn ihrer Werke schmerzlich empfindet. Wie merkwürdig ist es
endlich, daß die einzigen eigentlich plastischen Versuche neuer Zeit
mit der Architectur schon eins werden wollten, wie Seebalds Monument
von Fischer, die Thüren des Ghiberti, die für ihre Zeit merkwürdigen
Reliefs an König Heinrich II. Kirche zu Bamberg. -- Helfen Sie
mir, es ist mir jetzt Ernst. Muntern Sie unter andern Schwarz und
Moller auf, an meiner nächsten Unternehmung Theil zu nehmen.

Nach meiner letzten Reise bin ich entschlossen, mehrere Jahre in
München zuzubringen. Es was Anfangs sogar meine Absicht, dort eine Art
von Anstellung zu haben. Ich habe mich indessen eines Bessern besonnen,
da ich immer auch als Privatmann dort sein und arbeiten kann. Nach dem
was ich bereits aufgeschrieben, brauche ich Ihnen keine Gründe mehr
zu sagen, da Sie wissen, wie viel München gelegner sowohl für liter.
Studien, als auch für die Herausgabe jener ~monum. ined.~ ist.
Die Nähe so liebenswürdiger und gegen mich gütig gesinnter Männer,
als Baader und Schelling, veranlaßt mich auch meinen Plan schnell
auszuführen, und vor Ostern nächsten Jahres meine Abreise zu bestimmen.
Schellings, die mich viel bei sich gelitten haben, und mit denen ich
seit lange die schönsten Tage gelebt, da wir beständig von Kunst
gesprochen und viel mit einander gesehn -- haben mit Leid erwähnt,
daß so viele sonst befreundete Menschen nicht mehr zusammenleben.
Sie arbeiten an Steffens Berufung nach München; wolle Gott, daß es
gelingen möge, damit er aus seiner Spannung kommt, die nun durch das
Schicksal der Dänen entsetzlich geworden ist. Ich hoffe, wenn er einmal
dort festen Fuß gefaßt hat, wird er sich durch geognostische Reisen
und Entdeckungen der Regierung wichtig machen. Wenn nur möglich wäre,
diesem edlen, geistvollen Menschen nur Ruhe zu bringen, damit er sich
nicht in Zeitlichkeiten verzehrt. Schließlich frage ich noch an, ob Sie
Lust haben, mich in München zu besuchen oder gar mit mir dahinzugehn,
da Sie in der That viel Ursach in Ihrem vorliegenden Studium haben.
Ich werde dort mäßig und wie ein Gelehrter leben, um endlich einmal
etwas ganz zu sein.

In Heidelberg bin ich gewesen, aber das Nest war ausgeflogen. Das
hätte mich geschmerzt, hätte ich nicht grade frisch vorher Feuer
gefangen. Bettine, die mit mir sehr liebenswürdig gewesen, hat mit
mir correspondiren wollen und mir einen schönen Brief geschrieben,
auf den ich recht wahnhaft geantwortet, weil ich nicht anders konnte.
Ich bin ihr gut, und bewundre ihre Gabe und Leichtigkeit. Aber ihre
Schwester liebe ich mehr. Aber verrückt verliebt und unglücklich, das
ist einmal mein Schicksal. Es muß doch so recht sein, weil es mir immer
wiederkommt. Leben Sie wohl.

    _C. F. Rumohr_.

Grüßen Sie Burgsdorf, empfehlen Sie mich Ihrer Gattin und den
Gräfinnen. Ist Genelli noch da, so fragen Sie ihn, ob er in eine
Verbindung von Alterthumsforschern in weitläuftigerm Sinne eingehn
wolle.


                                 III.

Antworten Sie mir ja bald, wenn auch nur in wenigen Zeilen.

    _Krempeldorf_, d. 12ten Jänner 1808.

Mein geliebter und verehrter Freund, wie gern höre ich Sie in
dem väterlichen Tone zu mir reden, der durch Ihren lieben Brief
mir wiederklingt. Freilich habe ich diesen selben Ton in manchen
Augenblicken mißverstanden, in denen sich ein Fremder und Aeußerer
in unsre Bekanntschaft drängte; aber vielleicht mußte ich durch so
bittere Täuschungen geläutert werden, um auch nur auf den Standpunkt
eines zuversichtlichen Muthes zu gelangen, aus welchem ich mit Ruhe
meine Zukunft überschaue. Wohl verdiene ich Ihre Strafe, Ihnen meine
Reise nicht angezeigt zu haben. Aber Sie wissen wie ungelehrt ich
bin, mich lange auf Reisen zu besinnen, und Alles in Erwägung zu
ziehn, was sich damit in Verbindung setzen ließe. Was mich forttrieb,
weiß ich so eigentlich nicht, ich glaube selbst, es war ein Anflug
von Heirathslustigkeit. Jedoch ist diese ganze Hitze verflogen oder
vielleicht verwintert. Sorgen Sie nicht für mich. Wenn ich liebe, werde
ich so bis zur Verzückung ergriffen, daß ich grader gehe, wie es die
Mädchen lieben; und meinem Stern kann ich nicht entfliehen. Wenn ich
in ruhigen Augenblicken den Abgrund von bürgerlicher Besorglichkeit
betrachte, der die Familien zerdrückt, und das Elend, das aus dem
kleinsten Geschäfte über mich kommt, so wünsche ich mich in das nächste
Land, wo ich keine Familie und keinen Besitz habe, und wahrlich, da
mir die Jugend fast ohne die freie, frische Vegetation vergangen ist,
auf welche ich wohl die Ansprüche machen könnte, will ich mir eine
andre Jugend selbst machen und bilden. Ich glaube nun auch mein letztes
Fegefeuer überstanden zu haben, nämlich den Besitz, worin vielleicht
der ärgste aller Teufel steckt! Wenn ich erst von hier weg bin, und
die Franzosen lassen mir einigen Genuß davon, daß mir die Freiheit
bleibt, und ich ein Herr mehrerer Städte und Länder werde, wie ich mir
vorgenommen, so ist es möglich, daß mir das Haben nicht so gräulich
mehr erscheint, wie in diesem Augenblicke. Es ist wohl wahr, was Sie
sagen; eigentlich hat einen das Geld, und man heckt auf dem Schatz
wie ein verdammter Geist, und streitet mit dem Satan, der ihn rauben
will, und wimmert ihm nach, wenn er der Stärkere ist. So geht es hier
uns nördlichen Kornjuden, denen man bald mehr nimmt, als sie in guten
Wucherjahren zu erschwingen im Stande sind. Diesen vom Fette erstickten
nördl. Deutschen schadet der Aderlaß nicht: im Gegentheile werden sie
sichtlich gehoben. Ein großes Unglück vernichtet nicht; ein schwerer
Druck ist oft die Erscheinung einer großen Geburt.

Die Gewalt der Unbedeutendheit habe ich, wie die Nation, in mir selbst
erlebt, und sehe mit Dankbarkeit in die qualvollen Mißverständnisse
ganzer Jahre zurück, deren fast unerträgliche Schmerzen mein Dasein
gehärtet haben. Mit großer Ruhe, und ohne mich den Fantasmen zu
überlassen, denen ich sehr geneigt bin, sehe ich der weiteren Zukunft
entgegen, ohne in die übersprudelnde nahe Hoffnung mancher eingehn
zu können, die sich in Ungeduld und Verzweiflung zu endigen pflegt.
Bestimmt weiß ich, daß es ein kühner und sichrer Schritt ist, von der
Begebenheit wie unberührt, sein ursprüngliches Bestreben durchzuführen.
So ist dem Einen beschieden die Trümmer auszugraben, sie dem Volke
kenntlich zu machen, die Vergangenheit der Zukunft anzuknüpfen, dem
Andern auf seichtem Grunde den unverwüstlichen Bau zu begründen; wie
jener Erwin, der seinen Felsenwald zu gründen, den Moder überwand. Ja
wohl hätte ich so vieles mit Ihnen zu besprechen, und schöner wäre
es, wenn wir gleich zusammen reisen könnten. Aber ich gehe sobald
als möglich, vielleicht in einigen Monaten. Sind Sie schon dann im
Stande zu reisen? Fürchten Sie nicht den Winter? Zum Theil sind es
ökonomische Gründe, das theure, genußlose Leben dieses Landes, die mich
forttreiben; zum Theil das dringende Gefühl der höchsten Nothwendigkeit
einer ganz anhaltenden und unausgesetzten Arbeit, die bei meinem
Bestreben nicht ohne die Hülfe einer großen Bibliothek bestehen kann.
Ich habe mich diesen Winter hindurch beholfen, und das getrieben, was
ich grade treiben konnte; allein das bringt nicht genug fort. Die
Poesie liegt sehr bei mir darnieder, meine sämmtlichen Werke in der
Asche, und zu einigen Dingen, die ich schreiben möchte, fehlt mir Ihr
Rath. Können Sie mich lassen, so hätte ich Lust, auf einige Wochen zu
Ihnen zu kommen, wenn Sie etwa durchaus nicht so früh reisen können,
als ich. Denn ohne Scheu denke ich nicht an eine neue Unterbrechung,
wie jener Besuch bei Ihnen, die Menge der bedeutenden Gestalten, und
Ihre Schönheit endlich in mir veranlassen würden. Nach Würzburg gehe
ich gern; Friedr. Schlegel grade wünschte ich zu sprechen; er wird
mir vieles aufschließen können, da er so lebendig in einem Theile
dessen ist, was ich mir als Lebensarbeit vorgesetzt habe. Kürzlich
ist Aug. W. Schl. in München gewesen. In München haben wir nun auch
so viel mehr Anknüpfungspunkte. Gelingt es Schelling gar Steffens
nach München fördern, und dazu ist einige Aussicht, so wird sich
dort ein Kreis runden, wie er jetzt nur in wenigen deutschen Städten
sein mag. Der Jacobi ist der lächerlichste Präsident und Philos.,
der je seidne Strümpfe zu tragen pflegte. Aber grade das macht den
Aufenthalt in M. um so schöner und mannigfaltiger. Diese Art von Maske,
abgelegte Gelehrtenwürde, fehlte dem guten M. bisher ganz. Im Sommer
ist ein Lipperl zu M., der zu den besten Schauspielern gehört, die
mir vorgekommen. Das Volk hat doch einen recht ordentlichen Sinn, und
sich wahrlich durchaus nicht verändert. Die liebenswürdige Frömmigkeit
desselben hat eher noch in dem Verluste eines leisen Anstriches
von Bigotterie gewonnen, da nunmehr die eigenthümliche Liebe mehr
hervorgetreten ist. Von Steffens schreibe ich Ihnen nichts, da er Ihnen
selbst schreibt. Wir haben einander zärtlich lieb. Er hat viel Kummer
und ich viel Verdruß; so kommt es bisweilen, daß wir gegen einander zu
streiten scheinen, aber wir gehn von einander als Freunde, wenn wir
den Irrthum erkannt haben. Er hat einen schönen Aufsatz geschrieben.
Auch Runge ist mir näher getreten. Ich kann doch auf einen schönen
Kreis geliebter, herrlicher Menschen sehn, und mir einbilden, sie
wären alle für mich allein da. Um so mehr kommt mir der Lermen in Rom
nichtswürdig und verächtlich vor. Ich bin entschlossen, von demselben
keine weitere Notiz zu nehmen, und schrieb schon vor einiger Zeit Ihrem
Bruder, wie wenig das unmittelbare Leben in der Geschichte, mein will’s
Gott rechtliches Bestreben, mit dem beschämenden Andenken an meine
Unbesonnenheiten verträglich sein will. Im Falle die Angelegenheit
vor Humb. gerichtlich könnte geworden sein, wie ich fast aus Ihres
Hrn. Bruders Briefe schließen mußte, schrieb ich an Humboldt, und
verlangte einen kurzen Bericht des Vorganges. Ich habe die Antwort von
ihm, worin er bestimmt läugnet, denselben erstatten zu können, als
von einem Dinge, was er weder Zeit noch Lust gehabt zu erforschen und
worin er nur Vermittler habe sein wollen. Ein Geklätsch über Schick,
das ich als Beispiel Ihrem Bruder geschrieben, um ihn wegen des unter
uns vorgefallenen zu beruhigen, und das er die Unvorsichtigkeit gehabt,
Hrn. v. Humb. vorzulesen, ist das Einzige, was mich in der That, wo
meine gute Meinung nicht verstanden werden kann, in ein übles Licht
als Klätscher setzen muß. Aber auch dies weitläufiger zu belegen,
verschmähe ich gänzlich; vorzüglich um gegen die R. nicht rachsüchtig
zu erscheinen. Ich sehe sie in der That als in mein Schicksal
verflochten an, und kann sie wohl verachten, aber nicht hassen, nachdem
sich mein erster Unwillen gelegt.

    Der Ihrige.

    _C. F. Rumohr_.


                                  IV.

    _Rothenhaus_, d. 17ten Sept. 1827.

Wie sehr bedauere ich, werther und hochgeehrter Freund, daß Ihr
Unwohlsein mir so spät das lebhafte Vergnügen vergönnt hat, Ihre mir
so erfreuliche Antwort auf mein letztes zu empfangen und zu lesen. Wie
leicht hätte es seyn können, daß Ihr Brief zu spät gekommen wäre;
denn ich rüste mich zu einer nahen, obwohl noch nicht so ganz fest
bestimmten Abreise. Nun bin ich noch im Stande, Ihnen die 12 verlangten
Bände span. Poesieen zu senden, welche in meiner Abwesenheit keine
Seele aufgefunden hätte; wahrscheinlich werden Sie diese Zeilen um
einige Tage früher empfangen, als die Bücher selbst. Mir ist es besser
ergangen, das Packet kam zugleich mit dem Briefe und wohlbehalten
an und machte mir um so mehr Freude, als ich dessen Inhalt meiner
Schwester überliefern konnte, welche Ihre Schriften besonders liebt und
deren Besitz längst wünschte. Ich danke Ihnen auch für die Auswahl;
sie ist auf lauter hier nicht vorhandene Werke getroffen, wie ich denn
überhaupt an der Literatur sehr arm bin. Ihr altenglisches Theater habe
ich noch nicht durchaus gelesen und habe mir diesen Boccone so recht
behaglich zurecht gelegt. Ich halte mich für sehr angenehm entschädigt.
Wollen Sie mir indeß den Pony zurecht legen, so werde ichs mit Dank als
ein ~agio~ annehmen. Baudissins können ihn gelegentlich mit in
unsre Gegend hinübernehmen. Vielleicht werde ich ihn doch nie benutzen
können, denn, will’s Gott, komme ich nie wieder in die Alpen zurück.

Mein Reiseplan ist zunächst auf Berlin, wo ich noch zu thun habe,
(Amsterdam habe ich der späten Jahreszeit willen aufgegeben), und, von
dort, dachte ich allerdings darauf, nach Dresden zu gehn. Ich möchte
wohl von Ihnen erfahren: ob von Berlin nach Dresden eine anständige
Eilpost gehe, ferner ob man zu Dresden wohl Gelegenheit finde,
einen guten, wenn auch gebrauchten Wiener Wagen zu billigen Preisen
zu bekommen. Ich habe meine Wagen theils zerfahren, theils meiner
Schwester verkauft und denke mich unterweges von Neuem zu montiren.
Doch fragt es sich, ob Sie der Mann sind, mir über so erhebliche Dinge
Auskunft zu geben. Zudem finde ich es bedenklich, in einem Augenblicke
nach Dresden zu gehn, wo alle auf Kunst und Alterthum geruht habende
ihre Federkiele spitzen, um mich auf irgend eine grausame Weise aus
der Welt zu schaffen. Ein Dienstfertiger (irgend ein Tieckischer
Charakter) hat mir vier Blätter der Literaturzeitung, welche ich
sonst nicht lese, zugesandt, worin _Quandt_ (ob unser lieber,
guter, viel rauchschmauchender Quandt zu Dresden?) mir nicht ein
Quäntchen Verdienst läßt. Die Absicht, mich mißzuverstehen, hat darin
der Unfähigkeit, mich zu verstehen, so treulich die Hand geboten, daß
wirklich Harmonie darin ist. Zu den unwillkührlichen Mißverständnissen,
welche sich bis auf das Motto ausdehnen, kommt eine gute Zahl von ganz
willkührlichen; die Verfälschungen schließen sogar den Buchstaben der
Worte nicht aus, welche als von mir gesagt angeführt werden. Ich habe
mich ganz entwöhnt, deutsche Recensionen zu lesen; sagen Sie, ist es
in Deutschland dabey durchhin üblich, zu behaupten oder zu erzählen:
Auctor sagt, meint, behauptet, verwechselt, dieß und das, ohne dabey
ins Buch zu gucken? Den philos. Theil halte ich nicht für des braven
Mannes Arbeit, wohl aber den hist. kritischen, welcher höchst lüderlich
ist und bey großer Anmaßung viel Unkunde verräth.

Uebrigens ist meine eigene Arbeit im ersten Bande, dessen Sie mit
so viel Nachsicht erwähnen, leider ebenfalls sehr lüderlich. Meine
beiden Freunde, zu denen auch Waagen gehört, haben das Ms. mit zu
vieler Nachsicht durchgesehn, und ich mich zu viel darauf verlassen.
Ich erschrak nicht wenig, als ich mich 6 Monate später im Nachthemde
auf offener Gasse wiederfand. Nicht etwa aus Auctorstolz; in dieser
Beziehung bin ich schaamlos, sondern aus Liebe zur guten Sache hätte
ich gewünscht, viel Uebelstehendes auszumerzen, viel Unbestimmtes besser
zu bestimmen. Hätte mein ~Dr.~ Rec. nur ins Buch sehn wollen,
so hätte er wohl mehr und richtiger zu tadeln gefunden, als so, wie
er’s macht, die Dinge aus der Luft greifend und mit seinen eigenen
Einbildungen hadernd. -- Grüßen Sie mir Baudissins und die Ihrigen.

    Ihr
    ergebener

    _Rumohr_.

In Bezug auf Göttingen haben Sie mich vielleicht mißverstanden. Ich
selbst besitze dort _nichts_. Aber die Kön. Bibl. ist nicht arm an
spanischen Büchern, worüber man Ihnen sicher willig Auskunft ertheilen
dürfte.

Der Adelung ist leider für immer verloren. Wenn ich ihn vielleicht
unter den Sachen gehabt hätte, so wäre er doch schon deßhalb längst
fort, weil ich 1808 ganz rein Haus gemacht habe und alle Mobilien,
Bücher &c., welche ich besitze, seit 1812 ganz neu wiedergekauft. Indeß
weiß ich bestimmt, daß er mir früher nie in die Augen gefallen ist,
und daß ich auf Ihre Anfrage zu Krempeldorf, meinem damaligen Sitze,
vergebens danach gesucht habe.


                                  V.

    _München_, den 11ten März 28.

Endlich ist es mir gelungen, verehrter Freund, den König einmal
privatim zu sprechen. Er hat sich Ihrer mit Güte erinnert, auch glaube
ich bemerkt zu haben, daß Ihre Antwort, welche er selbst gelesen, keine
Bitterkeit in ihm hervorgerufen oder nachgelassen hat. Uebrigens glaube
ich wahrzunehmen, daß er an dem Theaterwesen weniger Freude hat, als
wir lebhaften Theaterfreunde wohl wünschen könnten, was seine Gründe
hat. Hier ist die Bühne sehr gesunken, Eßlair so fertig, daß ich mir
Ihr strenges Urtheil sehr wohl erklären kann. Hie und da scheint
einmal eine Erinnerung alter Zeit in ihm aufzusteigen, im ganzen
spricht er (der alles Gedächtniß verloren haben soll) gedankenlos
nach dem Soufleur. -- Urban hat ein schönes Organ, stößt aber hie
und da beym 4-6ten Wort, offenbar in der Meinung, den ungeheurn Raum
auszufüllen. Uebrigens sehen die Schauspieler in Tracht und Bewegung
minder dürftig und hölzern aus, als auf den meisten Bühnen, wohl eine
Wirkung der hier durchaus prädominirenden malerischen Geister. -- In
diesem Augenblick haben wir hier bey stillem Wetter italienisches
Clima. Vor vier Tagen Schnee und Frost bei Südwestwind. Thauwetter
an der einen, Frost an der Windseite der Häuser! -- Ich glaube doch,
Sie haben wohlgethan, den Ruf an hiesige Universität abzulehnen;
wie _ich_, wie alle Freunde Münchens wünschen mögen, daß Sie
hieher gekommen wären, wo Ihre vielseitig billige Denkungsweise
vielleicht manche Widersprüche ausgeglichen hätte, deren Vereinigung
und Ausgleichung schwer genug seyn mag, und vielleicht unmöglich
ist. -- Sie würden München nicht wiederkennen, so ist es erneut, der
Pracht und Gediegenheitssinn des Königes giebt vielen Unternehmungen
einen stattlichen Charakter. Bisweilen könnte die Anlage besser seyn.
Doch bin ich mit der Gallerie zufrieden und habe in der Glyptothek,
wo ein Saal gemalt, drey mit Statuen verziert sind, und welchen!!
köstliche Stunden verlebt. -- München wäre in mancher Beziehung ein
sehr lebbarer Ort. Ich wollte ich wäre nie hinausgewichen. Doch würde
es mir gegenwärtig Mühe kosten, mich wiederum darin einzuwohnen. Auch
zieht mein junger Freund mich vorwärts. Er hat ein sehr hübsches
Blatt radirt. Ich möchte, er machte eine ganze Folge, was vielleicht
geschieht, ehe ich abreise.

Empfangen Sie noch meinen Dank, Sie und Ihre Freunde, für die schönen
Stunden, welche Sie mich in Ihrer Gesellschaft haben verleben lassen.
Es waren doch behagliche Tage in Dresden, Morgens Beschäftigung mit
Kunstsachen, Nachmittags Umgang mit geistvollen Leuten. Was kann man
mehr und besseres begehren. Ich wäre bey Ihnen hängen geblieben, hätte
mich nicht Wort und Wunsch an das Schicksal meines Zöglings geknüpft,
welcher vielleicht nicht so viel Liebe verdient, als ich ihm schenke,
hingegen, wie ich glaube, der Künstlerwelt ein nützliches Beyspiel
früher Entwickelung geben wird, was denn am Ende die Hauptsache ist.

Leben Sie wohl und empfehlen mich den Ihrigen. Wenn Neues vorfällt,
erhalten Sie noch ein Schreiben von

    Ihrem
    ergebenen

    _Rumohr_.



=Sallet, Friedrich von.=


    Geboren am 20. April 1812 zu Neisse, gestorben am 20. Febr. 1843 zu
    Reichau bei Nimptsch in Schlesien.

    Gedichte (1835.) -- Funken (1838.) -- Schön Irla (1838.) --
    Laienevangelium (1840.) -- Gesammelte Gedichte (1841.) -- Die
    Atheisten und Gottlosen unserer Zeit (1844.) -- Sämmtliche
    Schriften, 5 Bde. (1845.)

    Unfehlbar haben die letzteren seiner Schriften vorbereitend gewirkt
    und viel beigetragen zu der antikirchlichen Bewegung, welche
    bald, nachdem jene erschienen waren, von Schlesien, von Breslau,
    ja gewissermaßen von dem Comptoir des Buchhändlers ausging, der
    Sallets Werke und andere geringere Schriften verlegte, und dafür
    begeistert war. Unfehlbar aber auch würde der Dichter, hätte ihn
    der Tod nicht in Jugendblüthe weggerafft, mehr geistiges Leben,
    mehr poetischen Sinn, mehr göttliche Bedeutung in eine Richtung zu
    legen verstanden haben, die theilweise die seinige genannt werden
    darf.

    Sallet war ein liebenswerther talentvoller Mensch. Mag er Gläubigen
    großen Anstoß gegeben haben durch Lied und Wort,... er war auch
    ein Gläubiger auf seine Weise; und der bitterste Gegner muß ihm
    nachrühmen, daß er wahr und ehrlich geblieben bis an’s Ende!


I.

    _Breslau_, d. 25ten Juli 1838.

    _Verehrtester Herr!_

Zur Entschuldigung einer vielleicht belästigenden Zusendung von Seiten
eines persönlich Ihnen ganz Unbekannten diene Folgendes:

Es bietet sich mir auf einer zu Anfang des nächsten Monats
anzutretenden Reise von Breslau nach Trier, meinem Aufenthaltsorte, die
erwünschte Gelegenheit, mich wenige Tage in Dresden aufzuhalten. Hieran
knüpfte sich bei mir unmittelbar der lebhafte Wunsch, wenn auch nur
flüchtig, einen Mann kennen zu lernen, dem alle Gebildeten Deutschlands
Dank und Verehrung schuldig sind. Da mir aber wohl bewußt ist, daß
Männer von bedeutendem Ruf nur zu sehr von unberufnen Zudringlingen
belästigt sind, so würde ich meinen Wunsch gewiß unterdrückt haben,
wenn ich seine Erfüllung nicht irgend einer Berechtigung verdanken
dürfte. Durch meine bisherigen, in der Masse verschwindenden,
literarischen Bestrebungen kann ich kaum hoffen, Ihnen, auch nur dem
Namen nach, bekannt zu sein. Ich erlaube mir daher, Ihnen beiliegend
ein Werkchen zuzusenden, das bis jetzt meine bedeutendste Arbeit ist,
und in dem Sie, sollten Sie es übrigens auch als einen mißlungenen Wurf
beurtheilen müssen, wenigstens den sittlichen und künstlerischen Ernst
nicht verkennen werden. Aus diesem Geist des Ernstes werden Sie auch
ersehn, daß ich wenigstens nicht zu jener Zahl literarischer Vagabonden
gehöre, die berühmte Männer aufsuchen, um aus ihren Gesprächen, im
Nothfall aus dem Schnitt ihres Rockes, Journalartikel zu fabriziren.
Meine Absicht ist einzig und allein die, einen Mann zu sehn, der ein
ganzes, ruhmvolles Leben, rastlos thätig, bald anregend, bald selbst
schaffend, dem gewidmet hat, dem ich selbst das Streben eines Jüngers
von ganzer Seele weihe -- der Poesie.

In der Hoffnung, daß diese Zuschrift nicht belästigen und schon ein
persönlicher Besuch mir gestattet sein möge, bin ich mit Hochachtung,
verehrtester Herr

    Ihr
    Ergebenster _F. v. Sallet_,
    Königl. Preuß. Lieutenant.


II.

    _Breslau_, d. 16/2. 39.

    _Verehrtester Herr Hofrath!_

Als ich die Ehre hatte, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, waren
Sie so gütig, mir eine spätere briefliche Mittheilung über mein Leben
und Treiben zu erlauben. Ich fühle wohl, daß ich von diesem Rechte
eigentlich nur dann Gebrauch machen sollte, wenn ich von errungenen
Resultaten zu berichten hätte. Dennoch erlaube ich mir, auf Ihre Güte
vertrauend, mich grade im entgegengesetzten Falle an Sie zu wenden, wo
ich nehmlich daran gehe, mich in ein Unternehmen einzulassen, dessen
Gelingen höchst zweifelhaft ist.

Ich habe nehmlich, wie ich schon längst beabsichtigte, meine Entlassung
aus einem meinen Neigungen durchaus widersprechenden Dienstverhältniß
nachgesucht und erhalten und mich vorläufig in Breslau festgesetzt,
um mich literarischen Studien und Bestrebungen ungetheilt zu widmen.
Hier wurde mir, ganz unerwartet und ungesucht, der Vorschlag gemacht,
die Redaction eines schöngeistigen Journals zu übernehmen, das, unter
dem Namen: Silesia von Ostern an in Breslau erscheinen soll. Obgleich
ich nun keineswegs das ephemere journalistische Treiben als ernste und
ächte Lebensbestimmung ansehen kann, so glaube ich doch, mich einer
Arbeit nicht entziehen zu dürfen, die wenigstens dazu dienen kann,
meine Kräfte zu üben, meinen Namen einigermaaßen zu verbreiten, so daß
ich später auch für selbstständigere Leistungen auf mehr Antheil beim
Publicum rechnen kann, und endlich vielleicht auch für den Augenblick
dem Publicum Besseres zu geben, als es in den Spalten eines Journals zu
finden wünscht und gewohnt ist. Ich habe wirklich die, vielleicht etwas
nach einer Donquixoterie schmeckende, kecke Idee gefaßt, zu versuchen,
ob es nicht möglich wäre, eine Zeitschrift _vorherrschend_ aus
_künstlerisch gediegnen_ Elementen zu bilden, und, was das
Schwierigste ist, das Publicum an solche Kost zu gewöhnen. Auf ein
Gelingen kann ich natürlich nur hoffen, wenn die Tüchtigsten im
Vaterlande es nicht verschmähen, sich mir anzuschließen.

Diese meine Absicht und der Umstand, daß Ew. Wohlgeboren meine
Ansichten über literarische Dinge bekannt sind, mögen es entschuldigen,
daß ich mich auch an Sie mit der Bitte um Beiträge zu wenden wage. Es
ist einem längst erprobten Meister wohl eigentlich nicht zuzumuthen,
sich in das verworrene Gewühl der Tagesliteratur zu mischen. Doch darf
ich meinerseits nichts unterlassen, für mein Unternehmen wo möglich die
tüchtigsten Kräfte zu gewinnen und so wage ich auch bei Ew. Wohlgeboren
den Versuch, da ich in meiner Bitte wenigstens nichts Unschickliches
sehen kann.

Sollten Sie sich dazu entschließen können, meine Bitte zu gewähren,
so würden mir Gedichte, kürzere Novellen oder Mährchen, hauptsächlich
aber auch kritische Uebersichten über Erscheinungen und Richtungen der
neueren und neuesten Literatur hochwillkommen sein. Etwanige Beiträge
bitte ich an die _Friedländersche Buchhandlung in Breslau_ zu
adressiren.

Was das Honorar anbetrifft, so kann ich Ew. Wohlgeboren freilich nicht
für mehr, als zwei Louisdor für den Druckbogen zu 16 Spalten bürgen.

Sollte ich auch eine Fehlbitte gethan haben, so darf ich hoffentlich
doch darauf rechnen, daß Ew. Wohlgeboren mein Vertrauen nicht
übeldeuten werden.

Mit ausgezeichneter Hochachtung

    Ew. Wohlgeboren
    Ergebenster

    _Friedrich v. Sallet_,

    Lieutenant außer Dienst.



=Schack, Adolph Friedrich von.=


    Geb. am 2. Aug. 1815 zu Brüsewitz bei Schwerin.

    Mecklenburgischer Geheimer Legationsrath; lebt gegenwärtig in
    München (?) und gilt sowohl für einen gründlichen Kenner spanischer
    Litteratur, für einen vortrefflichen, dichterisch reproducirenden
    Uebersetzer, als auch für einen gediegenen Philologen im Gebiete
    orientalischer Sprachen. Dafür zeugen schon die Werke:

    Geschichte der dramatischen Litteratur und Kunst in Spanien, 3 Bde.
    (1845-46.) -- Spanisches Theater, 2 Bde. (1845.) -- Uebersetzung des
    Firdusi -- u. a. m.

    Auch _seine_ Briefe sind uns ein höchst willkommener Beitrag
    zur Widerlegung verleumderisch erfundener Mährchen von Tieck’s
    Abgeschlossenheit und ungefälliger Zurückhaltung gegen jüngere
    Gelehrte.


                                  I.

    _Frankfurt a. M._, den 29st. Dec. 1844.

    _Hochwohlgeborner Herr!_

    _Hochgeehrter Herr Geheimerath!_

Indem ich mir die Freiheit nehme, Ihnen, hochgeehrter Herr, ein
Exemplar meines „Spanischen Theaters“ zu übersenden, erlaube ich mir
zugleich, eine ganz gehorsamste Bitte an Sie zu richten, zu welcher
mich Ihre frühere, mir so vielfach bewiesene, Güte ermuthigt. Es
ist mir zur Vervollständigung meiner „Geschichte der dramatischen
Literatur und Kunst in Spanien“ (welche nächstens bei Duncker und
Humbolt erscheinen wird und schon im Druck begriffen ist) überaus
wünschenswerth, auf kurze Zeit einige Bände der Comödien des Lope
de Vega zum Gebrauche zu erhalten. Die Theile, welche ich besonders
wünsche, sind Band 3, 5, 9, 10, 14, 17 und 19. Wollten Sie nun, Herr
Geheimerath, die große Gefälligkeit haben, mir diese Bände auf drei
Wochen zu leihen, so würden Sie mich zum innigsten Danke verpflichten
und sich ein bleibendes Verdienst um meine literarische Arbeit
erwerben. Sollten Sie Bedenken tragen, mir diese kostbaren Bände
ohne Weiteres anzuvertrauen, so ist die hiesige Königl. Preußische
Bundestags-Gesandtschaft bereit, die Bürgschaft dafür zu übernehmen, so
wie ich auch selbst gern jede Art von Caution stellen will; willigen
Sie dagegen sofort in mein Gesuch ein, so bitte ich, die bezeichneten
Bände dem Herren Professor Röstell in Berlin zu übergeben, welcher
mir dieselben zusenden wird. Nach Ablauf von drei Wochen erhalten Sie
dieselben unversehrt zurück.

Genehmigen Sie, Herr Geheimerath, daß ich mich unterzeichne als Ihr

    ganz gehorsamster

    _A. v. Schack_,

    Großherzogl. Mecklenburgischer
    Legations-Rath.

~P. S.~ Sollten Ew. Hochwohlgeboren einzelne von den bezeichneten
Bänden von Lope’s Comödien nicht besitzen, so würde ich statt derselben
ganz gehorsamst um Band 8, 11, 21 oder 23 bitten.

Das „spanische Theater“ folgt mit der Fahrpost nach.


                                  II.

    _Frankfurt a. M._, den 6ten August 1845.

    _Hochwohlgeborener Herr!_

    _Hochverehrter Herr Geheimer Rath!_

Schon vor nunmehr fast zwei Monaten, gleich nachdem meine „Geschichte
der dramatischen Literatur und Kunst in Spanien“ im Druck vollendet
war, übergab ich einem hier durchreisenden Freunde ein für Ew.
Wohlgeboren bestimmtes Exemplar derselben, welches er in Berlin
abzugeben versprach. Ich begleitete diese Sendung mit einem Schreiben,
in welchem ich Ew. Hochwohlgeboren meinen verbindlichsten Dank für die
mir mit so großer Gefälligkeit geliehenen Bände von Lope sagte. So
eben erfahre ich nun zu meinem größten Schrecken, daß mein Freund auf
der Durchreise in Cöln von einer schweren Krankheit befallen worden
ist, an welcher er bisher darnieder gelegen hat, und daß durch diesen
unglücklichen Zwischenfall die Beförderung des Briefes und der Bücher
an Ew. Hochwohlgeboren unterblieben ist. Mögen Sie daher, hochgeehrter
Herr Geheimer Rath, die Verspätung, mit welcher mein Buch in Ihre Hände
kommt, entschuldigen, und dasjenige, was ganz ohne mein Verschulden
durch eine unglückliche Fügung der Umstände herbeigeführt worden ist,
nicht einer Versäumniß meiner Pflicht zuschreiben. Wenn ich glaubte
hoffen zu dürfen, daß die beifolgenden Bände so wie der innige Ausdruck
meines Dankes noch jetzt von Ihnen mit Wohlwollen aufgenommen würden,
so würde mir dies eine große Beruhigung sein.

Was das übersendete Werk anbetrifft, so wage ich freilich damit nur
zaghaft aufzutreten, indem ich weiß, daß ich es dem größten Kenner
dieses Faches vorlege, indessen ermuthigt mich wieder der Gedanke,
daß gerade die tiefste Kenntniß zur Nachsicht stimmt, indem sie die
unsäglichen mit der Aufgabe verbundenen Schwierigkeiten in Anschlag
bringt, und an den Anfänger nicht gleich die höchsten Forderungen
stellt.

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Geheimer Rath, die Versicherung der
ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

    Ew. Hochwohlgeboren
    ganz gehorsamster

    _A. v. Schack_,

    Großherzoglich Mecklenburgischer
    Legations-Rath.


                                 III.

    _Frankfurt_ am Main, d. 17t. Nov. 1846.

    _Hochgeehrter Herr Geheimer Rath!_

Eine mehrmonatliche Abwesenheit im Süden (in Catalonien und Valencia),
während welcher mir wegen vielfach wechselnden Aufenthaltes keine
Briefe nachgeschickt werden konnten, hat gemacht, daß mir Ihr
hocherfreuliches Schreiben erst jetzt nach meiner Rückkunft zugekommen
ist. Empfangen Sie nun, wenn auch verspätet, meinen innigsten Dank
für die wohlwollend-nachsichtige Aufnahme, welche Sie meiner Arbeit
angedeihen ließen, so wie für die vielen, mir gemachten, lehrreichen
Mitteilungen. Ich verfehle nicht, Ihnen beifolgend das gewünschte
Exemplar des dritten Bandes zu übersenden, indem ich die Hoffnung zu
hegen wage, daß es für den Zweck, für welchen es bestimmt, nicht zu
spät eintreffen werde. Sollte mich diese Hoffnung täuschen, so wird
der angeführte Umstand meiner Entfernung von Frankfurt zu meiner
Entschuldigung gereichen.

Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr Geheimer Rath, die Versicherung der
innigsten Verehrung und Hochachtung, mit welcher ich verharre

    Ihr
    ganz gehorsamster

    _A. F. v. Schack_.



=Schall, Karl.=


    Geb. am 24. Februar 1780 zu Breslau, gestorben ebendaselbst am 18.
    August 1833.

    Schall mag wohl nicht der einzige Poet sein, dessen eigentliche
    That- und Schöpfungs-Kraft durch liebenswürdige Gesellschaftsgaben
    und vielseitigen Verkehr im Kleinen gleichsam zersplittert worden
    sind. Er wußte viel, er erlernte täglich mehr, er konnte mit den
    Gelehrten verschiedenster Fächer wissenschaftliche Gespräche
    durchfechten, machte geistreiche, zierliche Gedichte, schrieb
    unzählige witzige pikante Billetchen, war und blieb ein Orakel
    für Schriftsteller, Schauspieler und Studenten, die sich um ihn
    schaarten, galt bei Männern aus allen Ständen für eine bedeutende
    Autorität, und brachte es dabei doch nur zu wenigen Lustspielen,
    von denen _drei_ allerdings zu ihrer Zeit, wirklich Epoche
    machten:

    Kuß und Ohrfeige -- Trau schau wem -- die unterbrochene
    Whistpartie. -- Ein viertes: -- Mehr Glück als Verstand -- hat
    weniger gefallen. Und seine größte Arbeit -- _Theatersucht_
    -- ist auf dem Berliner Hoftheater (in Breslau machte sie Glück)
    ausgepfiffen worden, als sie neu war (1815); wohl hauptsächlich
    weil sie die Narrheiten der Dilettanten-Theater verspottet, und
    weil die zahlreichen Mitglieder derselben Anstalten sich gegen
    solchen Spott auflehnten. So ging das vorzüglichste seiner
    Lustspiele halb und halb verloren und dieses Mißgeschick hemmte
    die frischbegonnene Thätigkeit. Er ließ sich einschüchtern und
    wurde verzagt. Durch eine im Jahre 1827 versuchte Wiederaufnahme
    der Theatersucht, welche im königstädter Theater glücklich von
    Statten ging, ließ er sich neu anregen. Doch was er fürder mühsam
    schuf, ist breit, schleppend, ohne rechtes theatralisches Leben.
    Wenn man Stücke betrachtet wie: Das Kinderspiel -- Eigne Wahl --
    der Knopf am Flausrock -- Schwert und Spindel u. s. w. kann man
    nur bedauern, daß solche Fülle von Geist, Witz, Gemüth und Wissen
    zu einem wirkungslosen Hin- und Herreden verschwendet worden.
    Für „Schwert und Spindel“ waren zehnjährige Studien gemacht und
    ganze Stöße von Excerpten zusammen getragen worden, um einige --
    auf der Bühne langweilige -- Scenen damit auszustaffieren! Und
    dies von einem berufenen Kenner dramatischer und dramaturgischer
    Zustände; von einem in’s Detail gehenden Theaterkritiker! -- Es
    ist lehrreich, und fordert zu ernsten Betrachtungen auf, daß
    ähnliche Selbsttäuschungen fortwähren konnten bis zum Tode. (Siehe
    den vorletzten, ein Jahr vor seinem Ende geschriebenen Brief.)
    -- Eines kleinen Gelegenheitsstückes haben wir noch zu gedenken,
    welches Schall für die Bühne seiner Vaterstadt schrieb, und in
    welchem Ludwig Devrient, damals in vollster Blüthe des Genie’s,
    die Hauptrolle gab. Es hieß: _das Heiligthum_, und galt dem
    Jahresfeste der Königin Luise von Preußen. Es war ein Meisterwerk
    dieser Gattung; es war zugleich ein kühnes Wagstück: umgeben von
    Spionen, unter französischem Drucke, treue Preußenherzen zu solcher
    Huldigung aufzurufen. -- Nur Wenige der Jetztlebenden werden noch
    eine Erinnerung an jenen festlichen Abend in ihrer Seele bewahren;
    aber bei diesen wird sie auch erst mit dem Leben erlöschen.


                                  I.

    _Breslau_, d. 16t. Febr. 1820.

    _Verehrtester!_

Mit einer etwas verspäteten Erwiederung Ihres Schreibens vom 22ten
Junius vorigen Jahres, welches mir durch Karl von Raumer zugekommen
war, sandte ich Ihnen die beiden Schauspiele: ~Fair Em~ und ~Arden
of Feversham~, denen ich einige selbst verfaßte Lustspiel-Makulatur
beigelegt hatte. Da ich nicht wußte, daß Sie zur Zeit der Absendung,
von Ziebingen bereits ab und nach Dresden gereist waren, hatte ich
das Paket nach dem ersteren Ort adressirt und abgeschickt. Es kam
nicht zurück und ich setzte demnach voraus, es sey Ihnen nachgesandt
worden. Von dieser Voraussetzung unterrichtete ich Sie durch einige
nach Dresden geschriebene Zeilen. Da Sie, böser Mann, mir nun auf meine
beiden Epistelchen nicht ein einziges kleines Sylblein geantwortet
und mir den Empfang des Uebersandten keineswegs bestätigt haben; so
kann ich es nun nicht länger anstehen lassen, und muß Ihnen hiermit
noch einmal schriftlich zu Leibe gehen und Sie bey Shakspeare’s
Schatten beschwören, mich recht bald wissen zu lassen: ob die ~dramata
questionis~ in Ihren Händen sind; ob Sie selbige noch länger zu
behalten wünschen; ob sie Lust haben sie zu übersetzen -- nemlich die
Englischen in’s Deutsche, nicht etwa meine Chosen in’s Englische; --
was Sie davon halten u. s. w.

Ich bin seit dem 1. Januar ~anni currentis~ ein Zeitungsschreiber
geworden und gebe hierselbst vom Fürsten Staatskanzler berechtigt
und begünstigt eine politisch-szientivisch-artistische mit einem
sogenannten Intelligenzblatt versehene Zeitung unter dem Titel _Neue
Breslauer Zeitung_ im Vereine mit einem sehr tüchtigen Mitarbeiter,
meinem Freunde dem Doktor _Löbell_, einem Ihrer größten Verehrer,
heraus. Meine hiesigen Freunde, _Steffens_, der sich sehr
freundlich und lebhaft für mein Unternehmen interessirt, _Hagen_,
_Büsching_, _Menzel_ u. a. nehmen thätigen Antheil an meinem
Blatt, mit dessen Erfolg ich für den Anfang alle Ursache habe zufrieden
zu seyn. Auch _Raumer_ hat mir schon einige Mittheilungen von
Berlin aus gemacht, mit denen sich etwas sehr Spaßhaftes zugetragen
hat, indem er jetzt selbst als Mitgleid der Ober-Censur-Commission über
ein Paar Aufsätze zu richten hat, die er mir anonym geschickt hatte
und denen von der hiesigen Censur das ~imprimatur~ verweigert
wurde. Sie haben doch Nachrichten von ihm? Sein Aufenthalt in Berlin
ist ihm durch Manches verleidet, besonders durch _Solgers_
Tod, der auch Ihnen höchst schmerzlich gewesen seyn muß. Solgers
trefflicher Schwanengesang, die Beurtheilung der dramaturgischen
Vorlesungen Schlegel’s, ist mir im höchsten Grade erfreulich und
belehrend gewesen. Könnten Sie nicht einen besonderen Abdruck dieses
Aufsatzes veranlassen? mir scheint ein solcher sehr wünschenswerth und
ersprießlich. In den geistreichen, tiefen, und zum Theil ganz neuen
Ansichten sowohl Shakspeares als auch Calderons ist Ihre Mitwirkung
unverkennbar. Warum lassen Sie Einen denn so ungebührlich lange
schmachten und zappeln nach Ihrem Werke über Meister William, ach und
nach so vielem, vielem Anderem!!??

Vielleicht ist es Ihnen nicht uninteressant zu erfahren, daß auf meine
Anregung unser Theater sich kürzlich an eine Aufführung von Romeo und
Julie, nach Schlegels Uebersetzung und _sehr mäßig_ gestrichen,
gewagt und zwar mit sehr glücklichem Erfolge gewagt hat. Ich habe mich
in meiner Zeitung über dieses Wagstück des Breiteren vernehmen lassen.
Der jetzige Dramaturg unserer Bühne, ein Regierungsrath Heinke, mit
dem ich in gutem Vernehmen stehe, der sehr auf mich hört und achtet
und Sinn für das Bessere und Beste hat, will im Laufe dieses Jahres
noch mehrere Shakspeariana möglichst unbeschnitten auf unser hiesiges
kleines o bringen[14].

Doch genug, vielleicht schon zu viel des Gekritzels! Ehe ich aber die
Ehre habe zu seyn &c. wage ich doch noch eine Bitte an Sie. Sie sollen
sich nemlich zur Strafe, daß Sie mir noch nicht geschrieben haben,
nicht nur die Verpflichtung auflegen: mir wirklich bald zu schreiben,
sondern sich als Extra-Pönitenz noch zu irgend einigen Notizen
verpflichten, die Sie mit Hochdero Namensunterschrift dem Herausgeber
der Neuen Breslauer Zeitung als eine höchst erfreuliche Gabe zukommen
lassen. Bitte, bitte, bitte!

    ~Vale et fave~
    ~Tuo Tuissimo~

    _K. Schall_.


II.

    _Breslau_, am 28t. Oktober 1826.

    _Verehrtester Freund!_

Ueberbringerin dieser Zeilen ist _Madame Brunner_, die bei dem
hiesigen Theater ein paar Jahre hindurch das Fach einer Bravoursängerin
mit vielem und anhaltendem Beifall ausgefüllt hat. Es ist ihr Wunsch,
wo möglich in Dresden zu einigen Gastrollen zu gelangen und daß Sie
die Güte haben, für dieses Wunsches Erfüllung, so viel Sie vermögen,
beizutragen, ist der Zweck dieser ~lettera~ -- oder vielmehr
~letterinellina~ -- ~di raccommandazione~, um welche die
Künstlerin, die auch eine Virtuosin auf der Geige ist, mich ersucht
hat. Doch bedarf ich’s leider! wohl eigentlich selbst Ihnen empfohlen
zu sein!

Mit unveränderlicher inniger und ausnehmender Verehrung

    Ihr

    treuergebenster

    _Karl Schall_.


III.

    _Breslau_, am 17t. März 1827.

Lassen Sie, mein Höchstverehrter, sich den Ueberbringer dieser Zeilen,
Herrn Heinrich Romberg, Sohn des trefflichen verstorbenen Andreas
auf das angelegentlichste empfehlen. Der sehr ausgezeichnete junge
Künstler, der sich durch sein sehr gründlich ausgebildetes und höchst
graziöses Violinspiel hier, wie in Berlin, verdienten großen Beifall
ergeigt hat, ist Allen, die ihn näher kennen lernten, auch durch sein
ganzes anmuthiges und feines Wesen lieb und werth geworden, und so
empfiehlt sich dieser Empfohlene freilich selbst besser, als man ihn
durch ein Rekommandationsschreiben zu empfehlen vermag. Sein Sie ihm
räthlich und thätlich in dem, was er in Dresden bezweckt, nach Vermögen
behülflich. Die Musen werden’s Ihnen lohnen!

Für wie so Vieles aus Ihrem reichen Geistesschatz der Lesewelt
Gegönnte, hab’ ich Ihnen wieder zu danken!! Das soll und muß
ausführlich geschehen, noch ehe der März uns in den April schickt. Bis
dahin und immer, mit dem Toast Tieck ~for ever~!

    Ihr

    treuergebenster und Sie

    höchstverehrender

    ~admirer friend and servant

    _Charles Sound_~.


IV.

    _Breslau_, am 22. August. (Ohne Jahreszahl.)

Mit der am 19. dieses von hier abgegangenen Fahrpost hab’ ich, unter
der Adresse der „Intendanz des Königlichen Hoftheaters zu Dresden,“
eine ~contradictio in adjecto, i. e.~ ein _Druckmanuskript_
abgesandt, das ich _Ihrer_ Aufmerksamkeit und Güte, mein
Hochverehrter, zu empfehlen wage, obgleich ich einiges Bedenken tragen
sollte dies zu thun, wenn ich nämlich bedenke, wie ganz unbeachtet
von Ihnen mein vor mehreren Jahren an Sie abgesandtes Lustspiel
„Eigene Wahl“ geblieben ist. Nun, es geht mir diesmal wohl glücklicher
mit dem Manne, an dessen günstigem Urtheil mir so sehr, sehr viel
gelegen ist und den ich so innig verehre wie wenige Lebende, welche
Casualzweideutigkeit im doppelten Sinne gilt. Mit der nächsten, am
26., von hier abgehenden Fahrpost, send’ ich Ihnen ein Exemplar des
fraglichen Lustspiels zum _Privatgebrauch_; (möchten Sie es eines
_vorlesenden_ werth finden!) Dann schreib’ ich Ihnen mehr als
heute und mancherlei von

    Ihrem
    Ihnen höchst und tiefst ergebnen

    _Karl Schall_,

    Eigenthümer und Redakteur
    der Breslauer Zeitung.


                                  V.

    _Breslau_, am 26. August 1832.

Ich weiß nicht ob Sie, Verehrtester, zufällig wissen, daß ich eine
ziemlich lange Zeit, (von Anfang _April_ 1830 bis Anfang
_Juli_ dieses Jahres), in Berlin gelebt und geliebt habe, wo es
mir bei sehr lieben freundschaftlichen Verbindungen sehr wohl und
durch arge, ganz ungewöhnlich andauernde Leiden, mit denen ein gar
böser Krankheitsdämon, ein chronisches Asthma von der schlimmsten
Gattung, mich geplagt, sehr schlecht ergangen ist. Nachdem diese
Leiden durch eine höchst glückliche Pillenerfindung meines dortigen,
mir sehr befreundeten, Arztes, des Medicinalrath _Casper_,
sich bedeutend verringert, hab’ ich die poetische Feder in starke,
fleißige Bewegung gesetzt. Da ist denn mancherlei zu Papiere gebracht
worden, darunter das schon neulich erwähnte Lustspiel „Schwert und
Spindel,“ wovon Sie nun beiliegend ein Exemplar, ein Ihnen gewidmetes,
erhalten. Ein zweites Druckmanuskript, auch ein Lustspiel, wird
übermorgen sendungsfertig und soll dann in zwei Exemplaren alsbald
nach _Dresden_ an die Direktion Ihrer Bühne und an Sie abgehen.
Den _Oktober_ und im _Dezember_ versend’ ich dann noch zwei
größere, einen Theaterabend füllende, Lustspiele und ein Roman von mir
„_die Leute_“ wird auch noch im Laufe dieses Jahres der Lesewelt
und der Kritik geboten.

Möchte mir für diese Produktionen die Freude _Ihres_ Beifalls zu
Theil werden! Es ist keine Schmeichelredensart, sondern die reinste,
ehrlichste Wahrheit, wenn ich Sie versichere, daß mir an dem Beifall
keines auf Erden lebenden Menschen -- ich darf sagen nur halb so viel
-- gelegen ist, als an dem Ihrigen; doch sollen Sie mir, wenn Sie
mir ihn versagen, oder wie Sie ihn bedingen und beschränken müssen,
das unumwunden und ehrlich sagen, d. h. schreiben. Nächsten Mittwoch
geht das oben erwähnte zweite Lustspiel an Sie ab und wenn Sie es
erhalten und gelesen, schreiben Sie mir wohl baldmöglichst -- ich bitte
schönstens darum -- über die beiden Stücke.

Es hat mich freilich, wie ich schon neulich berührte, recht sehr
stutzig und unmuthig gemacht, daß Sie, als ich Ihnen vor mehreren
Jahren das Lustspiel „_Eigene Wahl_“ sandte, diese Sendung gar
nicht beantworteten und das Stück nicht zur Aufführung brachten. Wenn
ich da so las und bedachte, was doch so für Stücke mitunter auf Ihre
Bühne gekommen sind, -- -- doch ~passons là dessus~ und lassen Sie
mich Ihnen in dieser Beziehung nur noch sagen, daß ich doch mindestens
gar zu gern gewußt hätte, warum Sie jenes Lustspiel, auf das ich zwar
keinen besonderen, aber doch einigen, Werth lege, so ganz ignorirt
haben.

Für wie Schönes, Herrliches haben Ihnen im vorigen Jahr alle diejenigen
zu danken gehabt, die den ganzen Werth und die mannichfache gediegene
Trefflichkeit Ihrer Werke zu fühlen und zu erkennen vermögen!
Ich glaube mich zu diesen zählen zu dürfen und habe durch die
_Mondscheinnovelle_ und den _Novellenkranz_ Feierstunden des
poetischen Genusses gehabt und mir wiederholt, wie man sie, wenn von
lebenden Dichtern die Rede ist, nur noch durch Sie erleben kann.

Aber Sie wissen doch, daß nicht nur _Robert_, mit dem ich, ehe
ihn Cholerafurcht und Verletzungen seines Selbstgefühls, des sehr
reizbaren, im vorigen Jahre von _Berlin_ nach _Baden_ trieben, sehr
viel zusammengelebt, ein _todter_ Dichter ist, sondern auch seine
schöne, liebe Frau eine todte Dichterin. Für mich ein paar schwer zu
verschmerzende Verluste!

Warum soll ich nicht hier und gegen Sie erwähnen, was Sie vielleicht
schon von _Friedr. v. Raumer_ selbst wissen, daß ich nämlich in
_Berlin_ mit ihm ganz auseinander gekommen bin.[15] -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Das
verletzte mich ungemein, und ich mied von da ab den Verletzer. Das
war Unrecht von mir, da mir Gelegenheit, mich mit ihm ausgleichend zu
besprechen, wiederholt geboten war. Gern hätt’ ich mich vor meiner
Abreise von _Berlin_ mit ihm erklärt und versöhnt, das wollt’ ich
aber nicht, weil ich eben _Schwert und Spindel_ dem dramaturgischen
~comité~ eingereicht, dessen Mitglied, wie Sie wissen, _Raumer_, ich
weiß nicht, soll ich sagen _war_ oder _ist_. Er sollte nicht glauben,
ich wolle seine Zustimmung gewinnen. Das Stück wurde angenommen kurz
vor meiner Abreise. Auch das andere, Ihnen mit der nächsten Fahrpost zu
sendende, ist nun angenommen, aber der Bericht, der mir das anzeigt,
läßt einen ~comité~ ganz unerwähnt, und ist von Baron _Arnim_, dem
Schwager _Bettinens_ und sogenanntem _Pitt-Arnim_, unterzeichnet, der
in Graf _Rederns_ Abwesenheit interimistischer Intendant ist und wohl
perpetuirlicher werden wird. Der ~comitè~ ist oder war eine höchst
verkehrte Einrichtung und es hat mich erboßt, daß _Raumer_ sich dazu
hergegeben. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ich kann seinen sich
meist sehr vornehm anstellenden dramaturgischen Urtheilen selten ganz
beistimmen und finde sie oft, wo er nicht mit Ihren Kälbern pflügt --
und auch da durch falsche Anwendung zuweilen -- recht verkehrt und
persönlich-partheiisch.

Gern möcht’ ich Ihnen einmal über die Berliner Theaterverhältnisse,
und über wie vieles Andere und Wichtigere, mein Herz und meinen Geist
ausschatten, aber mündlich. Als ich nach _Berlin_ ging (nämlich
bei meiner letzten Hinreise) wollt’ ich im Herbst 1830 oder Frühling
1831 einen Abstecher nach _Dresden_ machen, aber diesen festen
Vorsatz ließ mein Kranksein nicht zur Ausführung gelangen. Nun,
~il vaut mieux tard que jamais~ und ~deo favente~ soll das
Jahr 1833 nicht vorübergehen, ohne daß mir einer meiner liebsten
Erdenwünsche in Erfüllung geht, der nämlich, eine Zeitlang Ihres
persönlichen Umgangs, Ihrer Belehrung, Ihres Wohlwollens, das ich
mir gegönnt hoffe, mich recht gründlich und innerlich und förderlich
zu erfreuen. Nur leidliche Gesundheit, wie ich sie jetzt -- Gott sei
dafür gepriesen! -- genieße. Sie fehle Ihnen, mein innigst Verehrter,
nicht und befähige Sie Ihr schönes, helles, magisches Licht noch lange
leuchten zu lassen. ~Ainsi soit-il!~

Mit der aufrichtigsten und herzlichsten Verehrung

    Ihr

    _Karl Schall_,

    Eigenthümer der Breslauer Zeitung.


                                  VI.

    _Breslau_, d. 17. Sept. 1832.

Erlauben Sie mir Ihnen, höchstverehrter Freund, in dem Ueberbringer
dieses unverwelklichen grünen Blättchens, Herrn Geheimen Regierungsrath
und General-Landschafts-Repräsentanten _von Kracker_, einen meiner
ältesten Freunde angelegentlichst zu empfehlen. Er wünscht bei seinem
Aufenthalt in _Dresden_ Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen
und Sie werden in ihm einen ausgezeichnet wackeren und vielseitig
gebildeten und unterrichteten Mann kennen lernen.

Möcht’ ich, wenn Sie diese Zeilen erhalten, schon freundliche Nachricht
durch einen Brief von Ihnen bekommen haben!

    Treuergebenst

    _K. Schall_.



=Schenk, Eduard von.=


    Geboren zu Düsseldorf am 10. Oktober 1788, gestorben daselbst am
    26. April 1841.

    Ein (seit 1831) _Staatsminister_, der die deutsche Bühne,
    ohne gerade ein Dichter zu sein wie Kollege Göthe, mit poetischen,
    wirksamen, überall gern gesehenen Dramen beschenkt hat. -- Belisar
    -- die Krone von Cypern -- machten ihren Weg über alle größeren
    Theater, und gaben Künstlern und Künstlerinnen ersten Ranges
    erwünschte Gelegenheit, die Macht ihrer Darstellungsmittel würdig
    zu entfalten.

    Eine Gesammtausgabe dramatischer Werke erschien von 1829-35 in drei
    Bänden.

    Schenk’s Briefe an Tieck zeigen uns den früheren königl.
    bayrischen Rath und Studiendirektor, späteren Minister, als einen
    wahrhaft humanen, ehrenwerthen Menschen. Was in dem Schreiben vom
    siebenten Julius 1826 über den Einfluß eines Mannes wie Tieck
    auf akademisch-geistiges Leben, was darin über die Stellung
    des Dichters gesagt ist, der wenn er gleich keine Brodt- und
    Fach-Kollegia halten, doch schon durch seine Persönlichkeit
    segensreich wirken könnte.... das sollte man recht vielen
    Curatoren und hohen Senaten deutscher Universitäten zu geneigter
    Beherzigung empfehlen, wofern sich Mittel und Wege finden ließen,
    es ihnen zu insinuiren! -- Doch wer dringt durch schußfeste, von
    dicken Büchern ringsum aufgebaute Mauern?


                                  I.

    _München_, den 7. Julius 1826.

Unvergeßlich sind mir die Stunden, verehrungswürdigster Herr Hofrath,
die ich während Ihres lezten, nur zu kurzen Aufenthaltes zu München in
Ihrer Gesellschaft zubrachte. Sie gestatteten dem Manne, der vor 16
Jahren als Jüngling den gefeyerten Dichter nur schüchtern schweigend
aus ehrerbietiger Entfernung bewundert hatte, Ihnen zu nahen, sich
mit Ihnen über die anziehendsten Gegenstände der Literatur und Kunst
wie über die heiligsten Angelegenheiten der Menschheit traulich zu
besprechen, und Sie selbst schienen sich mit Wohlwollen zu ihm herab zu
neigen. Diese schöne Erinnerung geht mir jezt lebhafter als je durch
die Seele; sie erhöht das freudige Gefühl, welches die Veranlassung
meines Schreibens an Sie in mir erregen mußte. -- Doch zur Sache!

Es ist Ihnen ohne Zweifel aus öffentlichen Blättern bekannt, daß der
König, mein allergnädigster Herr, die Versezung der Universität von
Landshut nach München beschloßen hat, daß diese Versezung schon im
nächsten Wintersemester stattfinden wird und daß in den Kreis der
würdigen Männer des Inlandes, die zu Mitgliedern der neuen Universität
bereits bestimmt sind, auch einige ausgezeichnete Gelehrte des
Auslandes oder vielmehr des übrigen Deutschlands eingeladen werden
sollen. In die Zahl dieser Männer hat nun des Königs Majestät auch
Sie, verehrtester Herr Hofrath, eingeschlossen und mir den äußerst
angenehmen Auftrag ertheilt, Ihnen diese Einladung mit der Bitte zu
eröffnen, mir vorläufig gefälligst die Bedingungen mittheilen zu
wollen, unter welchen Sie diesen Ruf, -- im Falle Sie überhaupt Ihre
gegenwärtigen Verhältniße in Dresden zu verlaßen geneigt sind, --
annehmen würden.

Die Gegenstände, über welche Sie an der hiesigen Universität
Vorlesungen halten würden, sind ganz Ihrer eigenen Wahl überlaßen. Weit
entfernt, Ihre akademische Wirksamkeit auf den engen, systematisch
gezogenen Kreis gewöhnlicher Collegien beschränken zu wollen, lebt
vielmehr der König der Ueberzeugung, daß ein Mann, wie Ludwig Tieck,
durch seine Persönlichkeit, durch seine freyesten Vorträge und
Gespräche, selbst durch die Würde und Anmuth seines geselligen Umganges
mehr wirken und anregen könne, als Andere durch die ausführlichsten
und ausholendsten Vorlesungen über Aesthetik, Literatur-Geschichte u.
s. w. Wählen Sie aus dem umfaßenden Gebiete Ihrer Forschungen einzelne
Theile, lesen Sie über Shakespear, Dante, Calderon oder lesen Sie
einzelne Werke dieser großen Dichter nur vor und es wird sich ein
liebevoller Kreis jugendlicher Zuhörer begierig um Sie sammeln und er
wird durch diese ewigen Muster -- _so_ vorgetragen und _so_
erläutert, -- wahre Kunst und wahre Schönheit kennen lernen.

Ich brauche Ihnen nicht erst anzuführen, mit welcher begeisterten Liebe
Sie von Ihren hiesigen Freunden werden aufgenommen werden, -- aber das
muß ich beyfügen, daß außer Ihnen auch noch einige andere treffliche
Männer, und unter diesen Ihr Freund Raumer in Berlin zu der hiesigen
Universität eingeladen sind. Es würden sich also in München Ihre in
Deutschland zerstreuten Freunde um Sie sammeln.

Wegen des Gehaltes bitte ich Sie, mir Ihre Wünsche gefälligst zu
eröffnen. Auch wird es Ihnen hier an Muße nicht fehlen, uns fortwährend
durch neue Hervorbringungen Ihres Genius zu erfreuen. --

Indem ich schließe, wage ich die Bitte, mich dem Herrn von Lüttichau,
Ihrem verehrten Freunde, vielmal zu empfehlen und ihm vorläufig zu
melden, daß ich ihm das Manuscript des Belisar, welches er zur Einsicht
verlangt hat, demnächst übersenden werde.

Mit innigster Verehrung

    Ew. Wohlgebohrn
    gehorsamster

    _E. Schenk_,

    Ministerial-Rath und Vorstand
    der Kirchen- und Studien-Sektion.


                                  II.

    _München_, den 6. Jänner 1828.

Ihren Brief vom 12. November v. J., -- mein hochverehrter Freund,
-- hat mir Baron von Freyberg überbracht und wenn ich Ihnen meine
Freude darüber, meinen Dank dafür nicht sogleich schriftlich
ausdrückte, so bitte ich Sie, die Schuld dieser Säumniß nur meinen,
während der gegenwärtigen Versammlung unserer Stände noch vermehrten
Berufs-Geschäften zuzurechnen. -- Von meinen Empfindungen für Sie
sind Sie gewiß überzeugt; die Gefühle der höchsten Verehrung, ich
darf sagen, der innigsten Liebe für Sie sind durch das mir zu Theil
gewordene Glück Ihrer persönlichen Bekanntschaft wohl erhöht,
aber nicht erst hervorgerufen worden; schon vor zwanzig Jahren
entstanden sie in der Brust des 18jährigen Jünglings und innig hatte
ich mich darauf gefreut, Ihnen jene Gefühle in München als einem
der herrlichsten Mitglieder unserer wissenschaftlichen Anstalten
besthätigen zu können.

Diese Hoffnung ist nun verschwunden und was mich am meisten betrübt
ist das Hinderniß selbst, welches sich Ihrer Uebersiedelung nach
München entgegenstellte, -- nämlich der schwankende Zustand Ihrer
Gesundheit. Möge sich diese dauernd stärken und Ihnen vielleicht
später die Erfüllung unseres lebhaften Wunsches, Sie hier zu besitzen,
möglich machen. In jedem Falle aber, -- Sie mögen Sachsen oder Bayern
angehören, -- bitte ich Sie um die Fortdauer Ihres Wohlwollens und um
die Erlaubniß, mich mit Ihnen zuweilen schriftlich unterhalten, Sie um
Rath und Belehrung ersuchen zu dürfen. --

Daß ich Sie um diesen Rath in Beziehung auf Belisar nicht vor dem
Hervortreten dieses Stückes auf die deutschen Bühnen gebeten, geschah
aus einer vielleicht grundlosen Schüchternheit, aus vielleicht zu
weit getriebener Bescheidenheit; ich legte auf das Werk, obgleich
ich mir meines ernsten, aufrichtigen Wollens und Strebens bewußt
war, in objektiver Hinsicht keinen bedeutenden Werth, ich wollte nur
sehen, ob jenes Streben bey meinen Mitbürgern Anerkennung finde und
wagte, aufgemuntert von einigen Freunden und von unserm Könige, die
Darstellung des Stücks auf der hiesigen Bühne. Der glückliche Erfolg
täuschte oder verblendete mich nicht, denn ich sah weit geringere
Produkte mit demselben Beyfall belohnt. Noch weniger Eindruck machten
auf mich die darüber laut gewordenen Stimmen der öffentlichen Blätter,
denn weder Lob noch Tadel traf den rechten Punkt und hielt das rechte
Maaß. Dazu kam der Drang der Berufs-Geschäfte, die meine Gedanken von
diesem Gegenstand ganz ablenkten, so daß ich selbst die Briefe der
verschiedenen Theaterdirektionen, die das Stück zu besitzen wünschten,
nur spät beantwortete.

Um so mehr haben die wenigen Bemerkungen, die Sie, mein verehrtester
Freund, mir über Belisar mitzutheilen die Güte hatten, mich erfreuen,
ja mich begeistern müssen. Ein Wort der Anerkennung meines Strebens aus
Ihrem Munde gilt mir mehr als alles Lob aller deutschen Tageblätter
zusammengenommen und Ihr Tadel erhebt mich, weil er mich belehrt und
weiter bringt. Ihre Bemerkung, daß die Handlung in den lezten Akten
vernachläßigt sey, trifft den Nagel auf den Kopf; ich wußte lange
Zeit nicht, was ich aus dem lezten Akt, -- in dem mir gleich Anfangs
blos die lezte Scene, der Tod Belisars, klar vor der Seele stand,
machen sollte und habe denselben zweymal umarbeiten müssen. Es ist
unvermeidlich, daß man diese Verlegenheit dem Stücke ansehe. Die
Scene der Antonina in diesem lezten Akt ist eine offenbare Nachahmung
jener herrlichen Scene der Kaiserin Mutter in Ihrem Octavian, den
ich während der Universitäts-Jahre beynahe auswendig gelernt hatte.
Auch fürchte ich, daß man der Diktion die ängstliche Feile zu sehr
ansieht; die Regellosigkeit der Trochäen unserer beyden berühmtesten
Schicksals-Tragödien, Schuld und Ahnfrau, vermeidend und die geregelte
Form der spanischen Redondillen und Assonanzen streng durchführend,
fiel ich in den entgegengesetzten Fehler.

Ihr Wunsch, das Stück in Dresden erst dann geben zu lassen, wenn
es dort gut gegeben werden könne, -- ein Wunsch, in dem ich den
theilnehmenden, wohlwollenden Freund erkenne, ist ohne mein Zuthun
und gegen meine, Ihrem trefflichen Pauli ausgedrückte Bitte leider
unerfüllt geblieben. Man hat dort den Belisar aufgeführt, ohne einen
Belisar zu haben. Doch will ich dieses unangenehme Ereigniß gerne
verschmerzen, wenn Sie, mein verehrter Freund, mich nur nicht für
mitschuldig an demselben halten. --

Was ich seitdem gedichtet, ist ziemlich unbedeutend. Ein vor Belisar
gedichtetes, allein erst später aufgeführtes Trauerspiel „Henriette
von England,“ über dessen Werth oder Unwerth ich sehr zweifelhaft bin,
werde ich Ihnen nächstens mit der Bitte um Ihr aufrichtiges Urtheil
zusenden. Die Uebersetzung des Dante schreitet nur langsam vorwärts.

Darf auch ich eine Frage an Sie wagen, mein geliebter Freund? Seit zwey
Jahren sehnen wir uns nach der Ausgabe Ihrer Werke, vorzüglich nach der
Vollendung Ihres herrlichen Sternbald, -- dann nach Ihrer Uebersetzung
des Shakespear und hoffen noch immer vergebens. Ihre Cevennen haben uns
nach jenen lang erwarteten Schätzen nur noch lüsterner gemacht. Ihre
Meisterschaft scheint mit jedem Werke zuzunehmen, obgleich mir Genoveva
und Octavian, vielleicht weil es dramatische Werke sind und sich bey
mir in die schönsten Erinnerungen meiner Jugend verweben, doch immer
die liebsten von Ihren Schöpfungen sind. --

Schelling hat hier ein neues Leben begonnen, reich an Wirksamkeit und
Segen. Seine philosophischen Vorlesungen sind von dem glücklichsten
Einfluß auf den Geist unserer Hochschule; sie versammeln einen Kreis
von 3-400 Zuhörern aus allen Ständen. Uebrigens hat sein philosophisches
System erst jezt seine wahre Begründung durch das Christenthum und zwar
nicht im rationalistischen, sondern im althergebrachten, buchstäblichen
Sinne, genommen.

Mit innigster Verehrung und Liebe

    der Ihrige

    _Eduard Schenk_.


III.

    _Regensburg_, den 6. May 1835.

Erlauben Sie mir, hochverehrter Herr und Freund, daß ich mich durch
diese Zeilen in Ihr wohlwollendes Andenken zurückrufe. Der Ueberbringer
derselben ist Herr Appellations-Gerichts-Accessist Halenke aus
Regensburg, der im verflossenen Jahre eine Reise durch Italien gemacht
hat und nun auch den Norden Deutschlands und England kennen zu lernen
wünscht. Er hat mich bey dieser Veranlassung um ein Wort der Empfehlung
gebeten, das ihn bey dem größten, -- vielmehr dem einzigen großen unter
den lebenden Dichtern Deutschlands einführen soll. Er ist ein sehr
wackerer, gebildeter junger Mann und ich wage daher zu bitten, daß Sie
ihm einige Minuten vergönnen wollen.

Seit ich zum leztenmal das Glück hatte, Sie zu sehen, verehrtester
Freund, hat sich in meinen äußern Lebensverhältnissen Vieles
umgestaltet; doch fühle ich mich in meiner gegenwärtigen Stellung und
Umgebung weit glücklicher und zufriedener als in München, dessen reiche
wissenschaftliche und Kunstschätze ich zwar hier entbehre, doch auch
dort unter der fast erdrückenden Last der Berufs-Geschäfte nur wenig
genießen konnte. --

Ich hoffe, daß auch Ihre Gesundheit keine neue Erschütterung mehr zu
erleiden gehabt hat. Die Kraft und überschwängliche Fülle Ihres Geistes
hat zwar zu keiner Zeit durch Ihre körperlichen Leiden gehemmt oder
gedrückt werden können, indessen quillt gerade seit den letzten Jahren
der Strom Ihrer Dichtungen so reich, so tief, lebendig und heiter, daß
er auch auf ein ununterbrochenes äußeres Wohlseyn schließen läßt.

Daß unser edler König Ihrem herrlichen Genius dieselbe anerkennende
Huldigung dargebracht hat, die er einst Göthe’n gezollt, hat mich auch
um Seinetwillen innig gefreut; es war mir ein neuer Grund, auf meinen
König stolz zu seyn.

Und nun noch das Geständniß einer Kühnheit nebst der Bitte um deren
Verzeihung! Ich habe in dem, jetzt erscheinenden dritten Bande meiner
Schauspiele mein neuestes dramatisches Werk: „Die Griechen in Nürnberg“
ohne Ihre vorgängige Zustimmung Ihnen, verehrtester Freund, gewidmet.
Ich werde Ihnen das Buch, sobald der Druck vollendet, zu übersenden die
Ehre haben, fühle aber jetzt schon, daß die Kühnheit, ein so geringes
Werk einem solchen Manne, -- und noch dazu hinter Seinem Rücken, -- zu
dedicieren, nur durch das Vertrauen auf Ihr mir so vielfach bewiesenes
Wohlwollen und durch die Wärme innigster Freundschaft und unbegränzter
Verehrung entschuldigt werden kann, mit welcher ich unwandelbar beharre

    der Ihrige

    _E. Schenk_.


    Den 17. Juny 1835.

Der junge Mann, der Ihnen dieses Schreiben überbringen sollte, ist in
Amberg erkrankt und hat, hiedurch an seiner Weiterreise verhindert,
mir dasselbe zurückgesendet. Da jedoch meine Zeilen mehr ein
Empfehlungsbrief für _mich_ selbst als für _ihn_ seyn sollen,
so bin ich so frey, sie Ihnen unverändert durch die Post zu übersenden.

    _Schenk_.



=Schlegel, August Wilhelm.=


    Geboren zu Hannover 8. September 1767, gestorben zu Bonn am 12. Mai
    1845.

    Gedichte (1800) -- Ion, Tragödie (1803) -- Vorlesungen über
    dramatische Kunst und Litteratur, 3 Bde. (1809-11) -- Poetische
    Werke, 2 Bde. (1811-15) -- Indische Bibliothek, 2 Bde. (1820-26) --
    Kritische Schriften &c. &c.

    All’ diese Büchertitel, mögen sich auch an einige derselben unsere
    jugendlich-begeisterten Erinnerungen knüpfen, sind doch keinesweges
    genügend die umfassenden Verdienste des Mannes einigermaßen zu
    bezeichnen. Wohin wir blicken, ist er von Jugend auf Vorgänger,
    Führer, Lehrmeister gewesen auf dem Wege zur Erkenntniß des Großen
    und Schönen in der Poesie aller Völker. Er ist’s gewesen, der
    mit genialem Fleiße Calderons geheimnißvolle Tiefen deutschem
    Verständniß näher gerückt; _Er_ hat uns zuerst durch große
    kühne _That_ dargethan, daß Shakspeare auch _uns_ gehört;
    die siebzehn Dramen, die Schlegel (und wann? und _ohne_
    Vorbild; ohne jegliche Beihilfe!) _verdeutschte_, sind so
    recht unser Eigenthum geworden.

    Leider kam eine Zeit, wo man sich die Miene gab, vergessen zu
    wollen, was wir ihm verdanken. Es ist ihm schändliches Unrecht
    widerfahren. Aber es läßt sich nicht leugnen: das größte Unrecht
    hat er sich selbst gethan durch thöricht-kindische Eitelkeit,
    die er leider unbefangen zur Schau trug. Wer ihn nach diesem
    äußerlichen Scheine beurtheilte, hatte freilich leichtes Spiel, um
    ihn lächerlich zu finden, wohl gar lächerlich zu machen. Wer jedoch
    Pietät genug besaß, in’s Innere zu dringen und den _Kern_ des
    Mannes zu durchforschen, der verkannte gewiß nicht, daß er sich
    treu geblieben trotz mancher scheinbarer Geckereien.

    Das sollen nun auch diese Briefe darthun, die ein halbes
    Jahrhundert umfassen, und aus deren letzten noch uns derselbe
    August Wilhelm entgegentritt, den wir um seiner humoristisch-derben
    redlichen Aufrichtigkeit willen, schon in den ersteren lieben
    lernten.

    Gewöhnlich wollen auch Diejenigen, die ihn im Ganzen zu würdigen
    wissen, den Kritiker, den Sprachkünstler, den Uebersetzer allein
    gelten lassen, während sie den _Dichter_ kaum anerkennen.

    Erstens vergessen sie, daß um _so_ zu _übersetzen_, wie
    Er’s den größten Dichtern gethan, der Uebersetzer selbst ein großer
    Dichter sein muß. Zweitens aber scheinen sie (Schlegels polemischer
    Poesieen, welche unerreichbare Meisterstücke bleiben, nicht zu
    gedenken), Dichtungen unter den seinigen vergessen zu haben, deren
    Tiefe und Gedankenreichthum der höchstmöglichen Formvollendung ganz
    entspricht. Unser _Bürger_ wußte schon, weshalb er „dem jungen
    Aar, dessen Flug die Wolken überwinden“ würde, prophetisch zurief:

    „Dich zum Dienst des Sonnengott’s zu krönen,
    Hielt ich nicht den eignen Kranz zu werth, --
    Doch Dir ist ein besserer bescheert!“


                                  I.

    (Ohne Datum, ohne Auf- und Unterschrift.)[16]

Freylich kann jeder über mich denken, sagen und schreiben was er will;
so lange ich es nicht erfahre und keine nachtheilige Wirkungen davon
auf mich zurückfallen, gehts mich nichts an. Wenn aber jemand ein
ungünstiges Urtheil über mich gefällt und mitgetheilt hat, wovon ich
Wirkungen erfahre, so sehe ich nicht, daß es ein Eingriff in seine
Rechte wäre, ihn darüber zu fragen, da er ja immer die Freyheit hat,
mir eine Antwort zu verweigern, wenn er die Frage für ungebührlich
hält. Selbst die Absicht, mit welcher ein solches Urtheil mitgetheilt
seyn möchte, würde den Fall nicht verändern, wie mich däucht -- wenn
jemand mein Zutrauen mit freundschaftlicher Theilnahme aufnimmt, so
bin ich ihm vielen Dank dafür schuldig, aber die Verbindlichkeit, die
er mir dadurch auflegt, giebt ihm kein Recht zu richterlichem Ansehen
über mich. -- Ich habe mich in der Vermuthung, die zu meiner Frage
Veranlassung gab, geirrt, und bitte in dieser Rücksicht um Verzeihung.
-- Was den Ton, die Manier, den Ausdruck betrifft, womit ich etwas
sage, so bin ich eben nicht gewohnt, mich darüber zur Rechenschaft
ziehn zu lassen. Es thut mir leid, wenn Sie damit unzufrieden sind,
aber ich habe keine Antwort darauf. -- Wenn ein Mann von Ehre sich von
mir beleidigt hält, und ich kein Unrecht von meiner Seite anerkenne, so
muß ich ihn den Weg zur Ausgleichung selbst wählen lassen. --


                                  II.

    _Jena_, den 11ten Dec.
    (Ohne Jahreszahl.)

Es ist schön, daß unsre Briefe einander auf halbem Wege entgegen
gekommen sind. Die Correspondenz ist also nun förmlich eingerichtet,
bis zur persönlichen Bekanntschaft, auf die ich mich lebhaft freue.

Haben Sie Dank für die übersandten Volksmährchen, sie haben mir eine
sehr angenehme Lectüre gewährt, es verdrießt mich nun noch mehr, daß
sie ein Andrer, wie mir däucht, nicht mit sonderlicher Einsicht,
beurtheilt hat, und ich sinne darauf, wie diese Versäumniß wieder
gut zu machen wäre. Ihr Don Quixote soll mir gewiß nicht entgehen;
ich bin überzeugt, daß es Ihnen damit sehr gelingen wird, da Sie die
darstellende Prosa so in Ihrer Gewalt haben. Der Don Quixote ist
vielleicht unter allen Romanen _vor_ W. Meister derjenige, der am
meisten von dem epischen Numerus hat, worüber ich in der Beurtheilung
von Hermann und Dorothea einiges gesagt. Die vielen spanischen
Participien werden Ihnen einige Noth machen; ich denke, sie müssen in
den meisten Fällen in direkte Sätze aufgelöst werden, so daß ungefähr
eine so leichte Wortfolge und Structur, wie im W. M., bei gleicher
Fülle, heraus käme.

Ihr Prolog unter den Volksmährchen ist ein allerliebster Einfall, und
voll von allerliebsten Einfällen. In dem blonden Ekbert fand ich ganz
die Erzählungsweise Göthes in seinem Mährchen, im W. M. u. s. w. Sie
haben sich diesen reizenden Ueberfluß bei gleicher Klarheit und Mäßigung
auf eine Art angeeignet, die nicht bloß ein tiefes und glückliches
Studium, sondern ursprüngliche Verwandtschaft der Geister verräth.
So auch mit den Liedern. Man hätte mich mit einigen davon täuschen
können, sie wären von Göthe. Seltner glaubte ich darin einen von den
zerstreuten Zauberklängen in Shaksp.’s Liedern zu hören. Ueberhaupt
würde man, wie mir däucht, Ihre innige Vertrautheit mit diesem
Dichter weniger vermuthen. Vielleicht kommt es nur daher, weil Sie
noch nichts in Sh.s Form dramatisirt haben. Ein romantisch komisches
Schauspiel, der ernsthafte Theil in fünffüßigen Jamben, auch wohl mit
untermischten Reimen, nur der komische Dialog in Prosa, das müßte
Ihnen herrlich gelingen. Ich glaube, Sie müssen bei Ihren nächsten
Dichtungen hauptsächlich darauf achten, Ihre Kraft zu einer recht
entschiedenen Wirkung zu konzentriren, und vielleicht ist selbst die
äußere Schwierigkeit hierzu ein Mittel.

Den Lovell lese ich mit großem Interesse, doch scheint mir von ihm bis
zu einigen der Volksmährchen noch ein großer Schritt zu sein.

Im _Berneck_ und der _schönen Magelone_ finde ich noch
einige Erinnerungen an die frühere Manier. Jener hat mich überhaupt
am wenigsten befriedigt. In der Magelone wurde mir die Schwierigkeit
sichtbar, schwärmerische Regungen der Liebe in einem alten Kostüm ohne
moderne Einmischungen darzustellen. Doch sind die Lieder allerliebst,
und auch einige Stellen der Erzählung, z. B. den Traum S. 185, 186
könnte Göthe eben so geschrieben haben. Sie verzeihen, theuerster
Freund, daß ich Ihnen mein Urtheil so unbefangen sage, als ob wir schon
Jahre lang mit einander umgegangen wären. Lassen Sie mich doch auch
einmal Ihre Meinung über meine Gedichte im Almanach erfahren, wenn es
Ihnen nicht mühselig ist, und Sie es in der Kürze können.

Auf Ihre Briefe über Shakespeare bin ich sehr begierig. Wie sind Sie
mit meinem Aufsatze über Romeo zufrieden gewesen? Ich hoffe, Sie werden
in Ihrer Schrift unter anderm beweisen, Sh. sei kein Engländer gewesen.
Wie kam er nur unter die frostigen, stupiden Seelen auf dieser brutalen
Insel? Freilich müssen sie damals noch mehr menschliches Gefühl und
Dichtersinn gehabt haben, als jetzt. Ihre beiden Conjecturen im
_Sturm_ leuchten mir sehr ein, doch weiß ich nicht, ob ich sie in
die Uebersetzung aufnehmen darf -- es würde eine Note fordern, und ich
mache keine Noten. -- Die Englischen Kritiker verstehen sich gar nicht
auf Sh. -- ich will Ihnen ein Beispiel einer schlechten Conjectur von
Malone geben, der doch sonst für den besten _gilt_, und auch, wo
es bloß auf das diplomatische Vergleichen und Auftreiben veralteter
Redensarten ankommt, wirklich ist. Die Stelle ist in ~What you
will~, in meiner Uebersetzung S. 197.

~She took the ring of me: I’ll none of it.~ Hier will Malone
nach ~me~ ein Fragezeichen setzen: Sie sollte den Ring von mir
genommen haben? Der dumme Mensch kann nämlich nicht begreifen, daß
Viola Gegenwart des Geistes genug hat, um in Olivias Erfindung hinein
zu gehen, und sie nicht gegen den Malvolio Lügen zu strafen. -- So
ist im Romeo eine Stelle, über die sich Johnson den Kopf zerbricht,
obgleich nichts leichter zu verstehen ist. Es wäre rühmlich für unsre
Nation, wenn wir einmal eine _kritische Ausgabe_ des Engl. Sh.’s
bekämen, welche den in England erschienenen vorzuziehen wäre. Nicht
selten wünschte ich Sie über einzelne Stellen Sh-s befragen zu können,
ob Sie sie eben so wie ich verstehen?

Leben Sie recht wohl.

    Ihr ergebenster

    _A. W. Schlegel_.


III.

    _Jena_, den 30. Nov. 98.

    _Liebster Tieck!_

Sie haben mich durch Ihren freundschaftlichen Brief und durch Ihr
Urtheil über meine letzten Gedichte sehr erfreut. Das letzte kann ich
Ihnen in Ansehung des Sternbalds noch nicht erwiedern, -- ich las den
2ten Band nicht gründlich genug, und muß ihn im Zusammenhang mit dem
ersten noch ruhiger erwägen, ein Genuß, den ich jetzt eben bei ein
Paar ziemlich freien Tagen vor mir habe. Schicken Sie mir nur den 2ten
Theil für Göthe, ich werde ihn bestens besorgen, und Ihnen auch, wenn
Sie es wollen, Goethe’s Urtheil mittheilen. Wegen des Shaksp. kann ich
nicht unterlassen, Sie ohne Aufhören und ohne alle Gnade zu tribuliren,
bis Sie die Recension geliefert haben -- mir liegt erstaunlich viel
daran. Da Sie die Sache so sehr in Ihrer Gewalt haben, so kann die
Verlegenheit bei dem kritischen Geschäft bloß von dem Mangel an Uebung
herrühren, und Sie werden es selbst noch in der Folge sehr bequem
finden, wenn Sie sich in diese hinein geschrieben haben, und nun nach
Belieben mit den Autoren umspringen können. Am Ende rechne ich es Ihnen
noch gar als eine Gefälligkeit von mir an, daß ich Ihnen Gelegenheit zu
einer Recensirübung gebe? Also die Recension, mein lieber Tieck! Den
Maulthierszaum! meinen Maulthierszaum! An Ihrem Zerbino wird jetzt hier
gedruckt; ich mache mein Unrecht gegen ihn wieder gut, daß ich ihn in
Berlin nicht einmal konnte vorlesen hören, und habe, da die Setzer und
Frommann selbst mit Ihrer Hand nicht zum Besten fortkommen können, die
letzte Correctur übernommen. Zwei Bogen habe ich schon gehabt, es geht
rasch mit dem Druck, und man erwartet wieder Manuscript von Ihnen. Ich
habe mich an diesem Anfange schon sehr ergötzt. Ich weiß nicht, ob ich
Ihnen schon einmal den Vorschlag that, einen Spaß-Almanach, aber nur
ein einziges Mal, herauszugeben? Wenn Sie Lust dazu haben, wollen wir
uns näher verabreden -- wir beiden müßten die Hauptsache dabei thun --
mein Bruder lieferte uns eine Anzahl witziger Fragmente, -- Bernhardi
einen Aufsatz -- übrigens müßten wir uns an keine Form ausschließend
binden -- Prosa, Verse, Räsonnement, Erzählung, Parodie, kleine Dramen
in Hans Sachsischer Manier, Epigramme in Distichen u. s. w. -- Mir sind
eigentlich schon von einem Buchhändler Vorschläge geschehen, bei dem
ich wieder anfragen könnte.

Sollte er nicht wollen, so schlügen wir es etwa Unger vor, der ja
mancherlei Kalender herausgiebt.

Falk’s Taschenbuch vom nächsten Jahr ist noch nicht da -- ich glaube
doch nicht, daß es sich lange mehr halten kann.

Von wem sind denn die _Schattenspiele_, die in B. herauskommen?

Was macht Ihr Don Quixote? Vergessen Sie ihn ja nicht.

Meine Frau läßt sich für den alten Phantasus schönstens bedanken, der
ihr unendlich viel Vergnügen gemacht hat, -- überhaupt für die vielen
reizenden Liederchen.

Grüßen Sie Ihre liebe Frau von mir und Bernhardi.

    Ganz Ihr

    _A. W. Schlegel_.


                                  IV.

    _Jena_, d. 16. Aug. 99.

Es hat uns gefreut, ein Zeichen des Lebens von Dir selbst zu erhalten;
von Deiner Ankunft in Giebichenstein hatte uns Hardenberg schon
benachrichtigt.

Ich will Dir nur gestehen, daß ich über Dein Schweigen schon ein wenig
ergrimmt gewesen, und daß Du etwas sehr schönes dadurch versäumt hast.
Nämlich gleich nach Deiner Abreise verfiel ich auf’s Dichten, und habe
eine Anzahl Sonette und eine Canzonetten zu Stande gebracht. Dies
wollte ich Dir zuerst schicken, um sie dann an Friedrich zu übermachen;
nun habe ich die Abschrift in meinem Zorn an diesen gesandt, und Du
bekommst sie nicht eher zu sehn, als bis Du mir die in Fischartschen
Ausdrücken angekündigte Rezension schickst, d. h. auf Skt. Nimmerstag.

Gut, daß nur endlich der erste Band der Dichtungen fertig ist, und
Zerbino seine Reise nach dem schlechten Geschmack, ich meine: unter
das Publikum, bald antreten kann. Es ist eben gut, daß er zugleich
mit dem neuesten Athenäum kommt, das ich nun endlich auch habe, und
in der That sehr ergötzlich finde. Wie Friedrich meldet, hat der lit.
Reichsanzeiger in B. große Sensation gemacht, und von den beleidigten
Parteien sich schon viel Zetermordio dagegen erhoben.

Caroline hat eine solche Angst vor den Folgen, daß sie noch nicht
gewagt hat, hinein zu gucken, und überall wo sie es nur von ferne
liegen sieht, die Hände über den Kopf zusammen schlägt. Man muß
sehen, ob man vermittelst dieses Motivs noch am Ende durchdringt und
die Fortsetzung des Athenäums möglich macht. Frölich hat sich die
Sache auch nicht zweimal sagen lassen, und gleich die Fortsetzung der
anstößigen Rubriken gemeldet. Es wäre artig, wenn am Ende unsre schönen
ernsthaften Sachen auf Unkosten der Teufeleien leben müßten. Da ich
diesmal fast alles gemacht habe, so kann ich für’s erste auf meinen
Lorbeern ruhn, und Alles von Euch erwarten.

Bernhardi hat sich zu Verschiednem angeboten, und Du wirst Dich
hoffentlich auch nicht lumpen lassen, wenn Du bedenkst, daß Teufeleien
die zärtlichste Art sind, mir Liebe zu beweisen, ja noch zärtlicher,
als durch Rezensionen. Thu aber bald dazu -- ich wünschte sehr, daß
das nächste Stück noch auf Michaelis erschiene, und wenn Du etwas
ausheckst, so schick’ es mir zuvörderst zu.

Ich wäre etwa in der Stimmung, noch mancherlei zu dichten, wenn ich
nicht an den verwünschten Richard den II. müßte, in den ich gar
nicht hinein kommen kann, weil ich durch die vielen Zerstreuungen ganz
verwildert bin. Die Sonette gehören, unter uns, zu dem besten, was ich
noch je gemacht habe. Ich bin nun sehr begierig auf Deine Genoveva.
Bleibe ja bei dem Entschlusse, erst wenn sie fertig, den Druck anfangen
zu lassen.

Goethe ist immer noch in W. --

Meine Verwandten, die hinüber gereist sind, haben ihn in sehr guter
Laune getroffen und gesprochen. Was er zum Athenäum sagt, weiß ich noch
nicht, -- ich habe es ihm erst heute geschickt.

Lebe wohl -- viele herzliche Grüße von allen an Dich und Deine liebe
Frau.

Höre, ich werde mir ein Sonett von Dir zum Geschenk ausbitten. Ich habe
in dem alten auf die Cleopatra die Terzinen zurecht gerückt, das auf
die Leda aus meinem eignen Italiänischen übersetzt, und möchte nun noch
einen Pendant auf die Io von Correggio dazu haben, die Du wohl aus dem
englischen Kupferstiche kennen wirst.

Du mußt dies aber ein wenig _strenge_ arbeiten, damit man es
wirklich für _mein_ Werk halten kann. -- Vielleicht schicke
ich von diesen beiden eine Abschrift noch mit -- es sind die beiden
einzigen, die ich Friedrich noch nicht mitgeschickt!

Lebe nochmals wohl.

    Dein

    _A. W. S._

Wenn Du eine Gelegenheit weißt, Schellings Schrift früher nach B. an
Friedrich ohne Kosten zu befördern, als Du selbst hingehst, so thu es
doch. Er verlangt sehr danach.


                                  V.

    _Bamberg_, d. 14. Sept. 1800.

Habe Dank für Deinen innigen freundschaftlichen Brief, der mir
wohlthätige Thränen entlockt hat. Freilich bin ich jetzt leichter
zu rühren, als je: es ist, als hätte ich alle meine Thränen hierauf
gespart, und manchmal habe ich ein Gefühl gehabt, als sollte ich
ganz in Thränen aufgelöst werden. Wenn die geliebten Wesen in unsern
Gesinnungen leben, wie Du sagst, so hätte Auguste nie mehr gelebt,
als jetzt; ich wußte zwar, daß ich sie sehr liebte, aber ihr Tod hat
alle noch verborgene Liebe ans Licht gerufen. Um das schmerzlich
süße Andenken zu nähren, ist noch ein Bild von ihr vorhanden, zwar
vor beinah zwei Jahren gemalt, aber doch ähnlich. Vor Kurzem haben
wir für’s erste eine Zeichnung darnach bekommen; mit einem leisen
Heiligenschein umgeben, steht sie auf meinem Zimmer, und wird stündlich
von mir betrachtet und angebetet.

Caroline dankt herzlich für Eure Theilnahme. Sie hatte vor ein paar
Wochen eine Unpäßlichkeit, die ihre Kräfte gleich wieder völlig
erschöpfte, jetzt ist es besser, doch wird sie schwerlich ihre volle
Gesundheit wieder bekommen. Wie ist es möglich bei diesem Gram, der sie
oft halbe Nächte wach und weinend erhält.

Du hast mich sehr dadurch verbunden, daß Du gleich an Deinen Bruder
geschrieben. Zwar muß ich beinah die Hoffnung aufgeben, daß er nach
Deutschland kommen und die Arbeit des Monuments über sich nehmen wird.
Denn nicht lange, nachdem ich den Brief an Dich abgeschickt, erhielt
ich über Jena einen von ihm, als Antwort auf den, vorigen Winter, bei
Dir eingelegten, worin er äußert, daß er auf den Winter schon nach
Italien zu gehen hofft. Indessen, wer weiß, ob er sich nicht bei der
ungewissen Aussicht auf den Frieden und den unruhigen Zeiten, noch
entschließt, seinen Plan zu verändern, und Gesellschaft mit Humboldts
macht, um den Winter mit Dir und andern Freunden in B. zuzubringen? Es
wäre herrlich.

Auf jeden Fall kann es nicht schaden, daß Du ihm geschrieben, denn
es ist sein Auftrag an mich, Dich zu mahnen. Wenn er nun auch den
Vorschlag wegen des Sarkophags nicht eingehen kann, so hat er doch bei
Gelegenheit einige Nachricht von Deinem Thun und Treiben bekommen. Ich
selbst habe ihm noch nicht antworten können, weil er mir seine Addresse
nicht meldet, die Du nicht vergessen wirst, Deinem nächsten Briefe
beizufügen.

Auf den Fall, daß Dein Bruder nicht zurück kommt, habe ich bei Schadow
vorläufig anfragen lassen. Will oder kann dieser nicht, oder ist zu
übertrieben in seinem Preise, so werde ich Goethe erst zu Rathe ziehn,
an wen ich mich am beßten wenden könnte. Vielleicht an Dannecker in
Stuttgart? Freilich wäre ich gern gegenwärtig bei dem Entwurfe. -- Ob
es mir erlaubt wird, das Denkmal in den Brunnenspatziergang an die
schöne Stelle, die ich ausgewählt, zu setzen, darüber habe ich bei den
unruhigen Kriegszeiten noch keine Entscheidung erhalten können. Die
Sache liegt mir sehr am Herzen, und die Kosten werden wir nicht dabei
sparen -- eine beträchtliche Summe ist schon dafür bestimmt. Nun von
unsern literarischen Beschäftigungen und Planen. Cotta schreibt mir:
ich möchte wegen des poetischen Taschenbuchs das Grundhonorar selbst
bestimmen, er wollte darnach die Anzahl des hierzu erforderlichen
Absatzes reguliren; welches mir ganz billig scheint. Ich werde nun 60
Lsd. vorschlagen, so kommt doch, wenn wir 12 Bogen 12º à 24
~pag.~ (also 288-300 S.) rechnen, auf den Bogen 5 Lsd. -- Freilich
werden wir alle Beiträge honoriren müssen, da wir schwerlich andre
aufnehmen, als von Friedrich, Hardenberg und Schelling. Alle drei haben
mir die besten Besprechungen gemacht. Spare von nun an doch alle Deine
Gedichte, die nicht in größere Compositionen gehören, dafür auf. Es hat
mich schon geängstigt, als ich hörte, daß Du an Friedrich 20 Sonette
für das poetische Journal geschickt. Gesehen habe ich dieses noch
nicht, wie wohl mir schon vor einiger Zeit geschrieben ward, es sei
fertig gedruckt. Ich erwarte es posttäglich mit der größten Begierde.

Ich für mein Theil bestimme alles, was ich von jetzt an dichte, für
das Taschenbuch, und habe mancherlei Ideen und Plane. -- Ueber den
Gegenstand meiner Trauer ist erst ein Lied und ein Sonett entstanden,
ich habe nicht Ruhe und Muße gehabt, es wird aber eine ganze Reihe
werden. Auch andre ernsthafte Sachen habe ich vor, vielleicht vom
Legendenwesen.

Ich weiß nicht, ob ich Dir schon geschrieben, daß ich nach Deiner
Abreise von Jena eine Burleske, oder vielmehr eine Composition und
Sammlung von Burlesken angefangen, auf Kotzebue’s Siberische Verhaftung
und Reise. Ich habe es seitdem hingelegt, weil ich natürlich keine
Stimmung dazu hatte.

Das Ding muß grade herauskommen, wenn er nach Deutschland zurückkehrt.
Nun heißt es in der neuesten Allgem. Zeitung, er sei immer noch
gefangen in Schlüsselburg.

Sollte sich also seine Freilassung so lange verzögern, so könnte ich
mich wohl entschließen, die Sachen, versteht sich, unter der besondern
Rubrik: „Ehrenpforte und Triumphbogen für den Theaterpräsidenten von
Kotzebue bei seiner Rückkehr in das Vaterland der Plattheit,“ in
das Taschenbuch zu geben, welches dadurch unstreitig großen ~éclat~
machen würde. Fertig sind 6 Sonette, einige Epigramme in Distichen,
ein componibles Lied und eine Romanze. Nun sollten noch Sonette und
Epigramme, eine epistolarische Reisebeschreibung in Terzinen, und ein
ganz kleines Dramolet hinzukommen. -- Es muß, versteht sich, vorher
nichts davon verlauten.

Schelling giebt uns gewiß manches, für’s Erste die letzten Worte des
Pfarrers &c. und dann vermuthlich einige Lieder. Er würde wohl mehr
dichten, wenn er jetzt nicht viel Zeit durch Kränklichheit verlöre. Er
hat letzthin einen Gesang aus Dante’s Paradies ganz durch in Terzinen
übersetzt, den er erst noch durchbessern, und Dir dann für das Journal
anbieten wollte. Ich könnte allenfalls eine Anmerkung über den Dante
und die Weise ihn zu übersetzen, dazu geben. --

So viel vom Taschenbuch. Mit dem andern Project, dem kritischen
Institut, ist es auch in Richtigkeit. -- Cotta nimmt es in Verlag, und
zahlt 3 Lsd. für den Bogen. Mit Anfang 1801 soll es erscheinen. Es wäre
schon eine vorläufige Ankündigung gedruckt worden, wenn wir nicht noch
mit Fichte in allerlei Unterhandlungen wären, und auf seinen Entschluß
warteten, ob er die Redaction gemeinschaftlich mit mir übernehmen will.

Dir den ganzen Verlauf zu erzählen, wäre zu weitläuftig, Du kannst
Dich in Berlin gleich von Schleiermacher davon unterrichten lassen.
Der Letzte wird Dir auch den schriftlichen Entwurf der Jahrbücher
mittheilen. Ich hoffte, er sollte Dich noch in Berlin treffen, da
Du aber nicht mehr da warst, so hielt ich es nicht für nöthig, ihn
Dir besonders zu schicken, da ich schon mündlich alles mit Dir
durchgesprochen hatte. Denke nun ja mit rechtem Eifer und bald auf
Beiträge. Erwarte dabei nicht meine Vorschläge, sondern besinne
Dich selbst auf die im Guten oder Ueblen merkwürdigen Erscheinungen,
besonders im dramatischen und Romanenfache, die Du übernehmen
möchtest, und gieb sie mir an. In der Form, weißt Du, bist Du durchaus
nicht gebunden. Ich trage jetzt Schillern die Selbstanzeige seines
Wallenstein an, läßt er sich nicht darauf ein, so gebe ich ihn in Deine
Hände. Ich werde es Dir baldigst melden, und wünsche sehr, es noch für
den ersten Band zu bekommen.

In der Sammlung von Schillers Gedichten sind auch wieder schöne
Fehlgriffe, -- doch man muß ihm nicht alles auf einmal vorrücken.

Eine Anzeige Deiner romantischen Dichtungen von Dir selbst würde mir
und auch gewiß Frommann sehr erwünscht sein. Du klagst mit Recht
über die verwünschte Nothwendigkeit, für Geld arbeiten zu müssen.
Indessen werden doch die Zeiten allmälig wieder besser, und wenn
sich die Jahrbücher und das Taschenbuch im Gange erhalten, wie ich
zu Gott hoffe, und wozu wir das unsrige thun wollen, so ist Dir da
sowohl für kleinere Gedichte, als kritische Arbeiten ein besseres
Honorar gesichert, als Du bisher bekamst. Mit den größern Werken ist
mein Rath, sie lieber länger zurück zu halten, als unter ihrem Preis
wegzugeben. -- Mit den Novellen soll es, wie ich hoffe, auch noch
gehen, wenigstens denke ich den Soltau so zugerichtet zu haben, daß
er noch vor Ende des Don Quixote völlig den Hals brechen muß. Ich bin
hier, besonders in der letzten Zeit recht fleißig gewesen. Heinrich
V. ist mir sehr sauer geworden, auch habe ich, so sehr ich das
Stück liebe, mit Abneigung daran gearbeitet. Endlich habe ich diesen
Stein vom Herzen und Heinrich VI. entschädigt mich durch die
Leichtigkeit und Schnelle, womit er von Statten geht. In sechs Tagen
sind 2 Acte fertig geworden, und ich denke noch das Ganze von hieraus
zu expediren. Alsdann begleite ich Carolinen nach Braunschweig, gehe
auch nach Hannover auf einige Tage und so nach Jena zurück. Hier werde
ich nun die Arbeiten für die Jahrbücher sogleich vornehmen, und dann
vermuthlich in der letzten Hälfte des Winters nach Berlin kommen, wo
wir recht viel zusammen leben wollen. Ich sehne mich recht nach unsern
Gesprächen und Vorlesungen. Du wirst mich vielleicht in manchen Stücken
verändert finden, -- es muß natürlich den Sinn mehr von der äußern Welt
abziehen, wenn man vor allem mit einem abgeschiedenen Wesen lebt. --
Die Flecke auf der ersten Seite sind Spuren von Thränen, -- ich erwähne
es nicht als eine Seltenheit, -- denn diese Libationen auf das Grab des
geliebten Mädchens werden sich immer erneuern, diesen Tod werde ich
nie aufhören, zu beweinen. Auf die erste Nachricht habe ich geglaubt,
wahnsinnig zu werden, -- dieser wüthende und empörte Schmerz stellte
sich auch bei dem Besuche in (unlesbar) wieder ein. In der mildesten
und heitersten Stimmung liegt mir doch die Wehmuth beständig nahe.
Lebe recht wohl, mein geliebter Freund, ich grüße Deine Amalie aufs
herzlichste und küsse die allerliebste kleine Dorothea. Wenn Du mir von
Hamburg aus noch antwortest, so addressire nach Braunschweig _beim
Professor Wiedemann_, sonst nach Jena. Nochmals Adieu.

    Dein

    _A. W. S._

Denke Dir, vor einigen Tagen lasen wir ganz zufällig in einer
französischen Zeitung, daß der gute Eschen, auf einer Alpenreise, in
eine Eisspalte gestürzt und kläglich umgekommen ist. Es hat mich recht
gejammert. Er hat mir noch seinen Horaz geschickt mit einem Briefe, den
ich erst bekam, wie er schon todt war.


VI.

    _Braunschweig_, d. 23. Nov. 1800.

Verzeih, liebster Freund, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe,
Reisen, Zerstreuungen und Beschäftigungen haben mich abgehalten. Nun
hoffe ich bald Dich wieder zu sehn und eine Zeitlang mit Dir zu lieben.
Also nur das Nothwendige von Geschäften.

Du weißt, daß Cotta im Ganzen auf unsre Forderungen eingegangen
ist, nur mit der Einschränkung, daß ein Theil von den 100 Lsd. als
Grundhonorar festgesetzt, und das übrige erst, wenn der Erfolg der
Erwartung entspräche, nachgezahlt werden sollte. Er schlug mir vor,
die Summe des Grundhonorars zu bestimmen, dann wolle er die Zahl von
Exemplaren bestimmen, nach deren Absatz er das übrige nachzahlen könne.
Ich nannte nun, mit Voraussetzung Deiner Genehmigung, 60 Lsd. als das
Grundhonorar; Cotta ist es zufrieden, und verspricht nach Absatz von
1000 Ex. das übrige nachzuzahlen. Dieses scheint mir billig, er muß von
einem solchen Taschenbuch wohl 1500 absetzen, wenn er beträchtlichen
Vortheil haben soll. Von Schillers Almanach, den er freylich auch wohl
noch stärker bezahlt, sind immer 21-2200 Ex. gedruckt und, ich glaube,
auch ziemlich vollständig abgesetzt worden.

Ich betrachte nun also die Sache als völlig in Richtigkeit gebracht.
Mit dem Honorar, denke ich, machen wir nun folgende Einrichtung.
Das Taschenbuch muß etwa 300 S. also 13-14 Duodezbogen à 24 Seiten
enthalten. Wir honorirten also etwa unsre und der Freunde Beyträge
mit 4 Lsd. ~per~ Bogen. Die 40 Lsd. die nachgezahlt werden, wenn es
gelingt, theilen wir nachher unter uns. Hat das Taschenbuch gleich
einen guten Erfolg, so entschließt er sich nachher wohl, die gesammten
100 Lsd. künftig sogleich zu zahlen, und dann können wir die Beyträge
vielleicht noch etwas höher honoriren. Denn auf unhonorirte Beyträge
müssen wir schlechthin nicht speculiren, um nicht in das gewöhnliche
Musenalmanachswesen zu verfallen. Es muß schlechthin nichts aufgenommen
werden, was von einem zweydeutigen halben Talent zeugt, und wir
müssen uns die Grobheit nicht verdrießen lassen, wenn man uns so
etwas aufdrängen wollte. Wir beyden, dann Hardenberg, Friedrich und
Schelling (der sich aber vermuthlich nicht wird nennen wollen) können
das Büchlein schon hinreichend anfüllen. Ritter hat sich auch mit
poetischem Studium abgegeben, und ich habe Friedrich ermahnt, ihn
väterlich anzuleiten: aber da wird wohl für’s erste noch nichts zu
Stande kommen.

Was das beste ist, so schreibt mir Cotta, Goethen und Schillern würde
er gern bey Arbeiten für das Taschenbuch ihre eignen Bedingungen
zugestehn. Du weißt vielleicht, daß dießmal kein Schillerscher
Musenalmanach erscheint; sollte er nun auch in Zukunft unterbleiben,
wie ich vermuthe, (da Schiller sich wahrscheinlich ganz dem Theater
widmen will), so werden uns die beyden, was sie an kleinen Sachen
hervorbringen, gewiß nicht verweigern und so kann unser Taschenbuch
leicht der Musenalmanach ~par excellence~ werden. Ich schreibe
nächstens an Goethe darüber.

Zum einzigen Kupfer dabey wünschte ich für dießmal Goethe’s Porträt.
Ich werde mich bemühen, nach Burys Bilde, das jetzt in Hannover steht,
eine Zeichnung zu bekommen.

Nun ist also nur übrig, daß wir eifrig für das Taschenbuch sammeln.
Noch habe ich zwar nicht vieles ausgeführt, aber eine Menge Gedanken
zu Gedichten. Deine Sonette im Journal sind göttlich, ich habe sie
oft mit großer Erquickung meines innersten Gemüths gelesen, und
finde immer neue Tiefen darin. Fast hat es mir Leid gethan, daß sie
nicht für das Taschenbuch aufgehoben worden. Indessen, Du lobst
die andern Theilnehmer darin, und das würde denn freylich für eine
Unschicklichkeit gelten. Ich baue auch auf Deine Fruchtbarkeit. Nur
bitte ich Dich inständigst, jetzt von Deinen einzelnen Poesien ja
nichts zu verzetteln, sondern alles beysammen zu halten und aufzusparen.

Friedrich wird uns mit Lyrischen Stücken in Spanischen und
Italienischen Formen versorgen, (ich habe schon eine göttliche kleine
Canzone von ihm) Hardenb. mit einheimischem Liedergesange; von Dir
wünschte ich ganz besonders auch einige Romanzen. Versteht sich die
freyen Lieder, Fantasieen, oder die mehr geordneten Lieder, Sonette und
was es ist, wird auch willkommen seyn. -- Ich werde wohl der einzige
seyn, der Gedichte in antiken Formen unter die modernen mischt: den
Plan zu einer zweyten lehrenden Elegie über die Gestirne hatte ich,
wie Du weißt, lange. Jetzt gehe ich mit einer Idylle in deutschem
lokalen Kostüm um. -- Meine lyrischen Sachen werden meist alle zu einem
Todtenopfer bestimmt seyn. --

Von Schelling (der von Deinen Sonetten ebenfalls sehr bezaubert ist)
haben wir den _Pfarrer_[17], an dem er noch einiges verändert hat.
Er schreibt mir: „Das poet. Taschenbuch wird nun ohne Zweifel bald
ganz entschieden seyn. Wie froh wäre ich, mich mit würdigen Beyträgen
anschließen zu können. Allein ich befinde mich hier jetzt in einer
solchen prosaischen Lage, daß ich schwerlich so bald etwas neues zu
Stande bringe. -- Ein Lied jedoch kann ich Ihnen anbieten.“ -- Bis zum
Sommer wird ohne Zweifel noch manches hinzukommen.

Von Hardenberg habe ich noch das Lied an Dich über Jakob Böhme; sonst
habe ich lange nichts von ihm vernommen.

Das sind so ungefähr die Aussichten. Laß mich vorläufig Bibliothekar
und Registrator des Taschenbuchs seyn. Nach Neujahr hoffe ich nach
Berlin zu kommen, und da wird unser Beysammenseyn noch manches
hervorlocken.

Alsdann wollen wir auch überlegen, ob es besser ist, ganz friedlich mit
reiner Poesie anzufangen, oder gemeinschaftlich eine große Teufeley
auszubrüten. Die Abgeschmacktheit und Niederträchtigkeit ist groß, wie
Du aus Falk’s Taschenbuch und den Rez. davon und von Deinem Zerbin in
der A. L. Z. ersehen haben wirst. Die Frage ist nur, ob der Kampf grade
an dieser Stelle fortgeführt werden soll, oder ob wir lieber ganz in
unsrer Welt daheim bleiben sollen.

Ich habe auf meine eigne Hand einmal einen Streich ausgeführt, nämlich
mit der Kotzebueschen Posse, die jetzt gedruckt wird und die Du
nächstens erhalten wirst. Ich bin sehr begierig, wie sie Dir gefallen
mag. Für das Taschenbuch wäre der Spaß viel zu weitläuftig gewesen,
denn es werden an die sechs Bogen; auch dürfte es nicht veralten, da K.
nun schon eine Weile her wieder im Glück ist.

Noch eins; Cotta überläßt es uns, den Druck des Taschenbuchs selbst zu
wählen. Lateinische Lettern wirst Du nicht wollen; es bleibt also nur
die Wahl zwischen gewöhnlichen Deutschen und Ungerschen. Ich bin für
die letzten. Wie hübsch nehmen sich Goethe’s neuste Gedichte aus!

Dein 4ter B. ~D. Q.~ ist ja nun auch wohl fertig. Soltau’s Angriff
auf mich in der A. L. Z. wirst Du wohl gelesen haben. Ob er mit der
Beschuldigung gegen Dich, den ~alano~ betreffend, Recht hat, weiß
ich nicht, da ich das Original nicht in Händen habe.

Das Verdrießliche ist, daß er uns mit den Novellen wirklich
zuvorgekommen. Die ersten Bogen habe ich in Händen, sie werden hier bey
Vieweg gedruckt, und sind vielleicht um ein weniges besser, wie sein
~D. Q.~ Er ist doch, wie es scheint, ein wenig in sich gegangen.
-- Es wird für uns schwer halten einen Verleger zu finden, und wir
werden unsern Plan mit dem ganzen Cerv. vielleicht erst in Jahren
ausführen können.

Mich verlangt sehr, von dem Fortgang Deiner eignen Arbeiten, Sternbald
und Gartenwochen etwas zu hören.

Ich habe mich herzlich gefreut über den Preis, den Dein Bruder
gewonnen, und es thut mir nun doppelt leid, daß er nicht nach
Deutschland kommt, um das Monument ausführen zu können. Melde mir
seine Addresse, ich wollte gern einen schon vor langer Zeit von ihm
empfangenen Brief beantworten.

    (Ohne Schluß.)


                                 VII.

    _Braunschweig_, den 1. Dec. 1800.

    _Liebster Freund!_

Cotta wünscht, wie Du wissen wirst, ein Titelkupfer zu dem poet.
Taschenbuch. Ich habe ihm dazu Goethe’s Bildniß vorgeschlagen, in der
Hoffnung, nach Bury’s großem Oelgemälde eine Zeichnung des Kopfes
erhalten zu können. Das Gemälde hatte Bury von Berlin nach Hannover
geschickt, es war eben dort angekommen, als ich abreiste. In der
Vermuthung, daß er nun schon nachgekommen wäre, schrieb ich an einen
Freund in Hannover, die Sache zu betreiben, der mir aber meldet, B.
sei bis jetzt nicht angekommen und müsse ohne Zweifel noch in Berlin
sein. Ich wollte ihm erst schreiben, aber Du wirst es mündlich besser
ausrichten können, da Du ihn schon persönlich kennst. Zuvörderst
müßtest Du anfragen, ob er es überhaupt zugeben will, daß der Kopf
aus seinem Bilde Goethe’s in Kupfer gestochen werde; dann, ob er eine
Zeichnung davon, im Format der Schillerschen Almanache etwa selbst
übernehmen will und kann, und wann er sie liefern würde? Es versteht
sich, daß sie Cotta gehörig bezahlen muß, dieser wünscht sie aber bald
einem Kupferstecher übergeben zu können. Du könntest B. auch fragen,
welchem er sie am liebsten anvertrauen würde? versteht sich, unter
denen, die man zu einer so schnell zu fertigenden Arbeit haben kann.
Endlich, wenn es noch zu lange währt, ehe B. nach Hannover kommt, oder
er die Zeichnung überhaupt nicht übernehmen will, ob er zugiebt, daß
_Huck_ den Auftrag dazu bekäme?

Beweise Dich zum erstenmal als Redacteur des Taschenbuches, liebster
Freund, indem Du diesen Auftrag schleunigst besorgst, und mir sogleich
Nachricht von dem Erfolge ertheilst. Ich habe auf jeden Fall noch eine
Profilzeichnung von Goethe in Petto, welche uns dienen könnte, allein
dieses majestätische ~en face~ im Styl der alten Tragödie würde
unsern Eingang doch glorreicher machen.

Gehab Dich wohl und schreibe recht bald. Grüße an die Deinigen.

    _A. W. S._

Melde die Addresse Deines Bruders.


                                 VIII.

    B., d. 23. Apr. 1801.

Liebster Freund, ich danke Dir sehr für die Nachricht von meiner
Schwester Gesundheit, und bitte Dich, ihr und den Ihrigen meine
herzlichste Freude und Glückwünsche auszudrücken. Daß Du nicht nach
Jena gehst, ist sehr traurig. Alle werden sehr in ihrer Erwartung
getäuscht sein, Carol. die jetzt wieder dort ist, Schelling und
Friedrich. Schelling schreibt, er hoffe viel mit Dir zu verkehren,
und habe Dir manches mitzutheilen, worüber er Deine Meinung zu hören
wünsche. Noch übler ist es, daß Deine Gesundheit der Grund Deines
aufgegebenen Planes ist. Ich beschwöre Dich, pflege sie ja recht. Ich
glaube, laue Bäder würden Dir vor allem wohl thun, in Dresden ist dazu
sehr reinliche und wohlfeile Anstalt.

Der Streit wegen des Logirens fällt jetzt von selbst weg; indessen,
wenn Du im Herbste hinkommst, dann werde ich ja vermuthlich dort sein,
und dann wäre es doch wohl natürlicher, daß Du bei _mir_ wohntest.
Indessen will ich es Deinem Gefühl überlassen, man kann niemand mit
Gewalt einladen.

Höre, das Parteinehmen ist gar nicht meine Sache, -- ich bin für den
allgemeinen Frieden, und suche ihn auf alle Weise zu bewerkstelligen.
Schwerlich möchtest Du aber die rechte Partei ergreifen, wenn Du die
von Fr. gegen C. nimmst. Glaube mir, er hat sich in diese Sache auf
eine auch mir zu nahe tretende Art indiscret eingemischt, und das zwar
aus bloßer Empfindlichkeit, da er leider von diesen Kleinlichkeiten
nicht frei ist. Was von der V. zu sagen ist, weißt Du selbst so gut wie
ich. Wenn ich nach Jena komme, muß von derlei Parteiwesen nicht weiter
die Rede sein, oder ich würde dann selbst gegen Fr. Partei nehmen.

Nun von Geschäften wegen des Almanach. Ueber den Druck rede ausführlich
mit Cotta; ich habe schriftlich bei ihm angefragt, wo und wann ich die
60 Lsd’or Grundhonorar in Empfang nehmen könnte, um die Beiträge der
Freunde baldmöglichst zu honoriren; denn ich habe vorausgesetzt, daß Du
mir mit dem Archivariat auch dieses Geschäft übertragen, da Du nicht
für dergleichen Besorgungen bist. Es versteht sich, daß wir den Betrag
für die Beiträge, die nicht honorirt werden, unter uns theilen, so wie
auch die 40 Lsd’or, wenn wir sie nachgezahlt erhalten.

Von Deiner großen Romanze habe ich eigenhändig eine saubre Abschrift
gemacht, und das Original an Bernhardi gegeben, um es für Dich
abschreiben zu lassen oder Dir zu schicken. Die paar Lesearten habe ich
nach Deiner Vorschrift verändert. Nur mit dem _Wuste wußte_ ich
nicht, wie Du es haben wolltest. Die Zeilen heißen so: „Alles Glück der
ganzen Erde lag umher versteckt im Wuste.“

Von Fr. habe ich eine Abschrift von Hard. Gedicht an Dich und eine
Anzahl meist kleiner Sachen von ihm selbst erhalten, die zum Theil
neu sind, außer denen uns schon vorher bestimmten. Fichte hat mir ein
kleines Gedicht gezeigt, das er uns geben will, und giebt vielleicht
noch mehreres andre, doch vermuthlich ohne seinen Namen. -- Röschlaub
hat an Schelling einige Distichen auf Reinhold geschickt, wovon er
erlaubt, mit seinem Namen Gebrauch zu machen, welches schon der
Merkwürdigkeit wegen etwas werth ist. Ich soll sie bald erhalten.
Schelling hat sich für seine Sachen die Chiffer ~Venturus~ (?)
gewählt, hat für jetzt noch nichts weiter zu geben. Ich habe ein Sonett
auf Buri’s Bild der Tolstoi gemacht, und eine Romanze im Sinne. Sobald
Du von Leipzig zurück bist, will ich eine große Sendung an Dich von
allem hinzugekommenen besorgen. Ich bringe das Archiv in die schönste
Ordnung.

Schick nun auch in des Teufels Namen die geistlichen Lieder von Hard.
und den Camaldulenser. Ferner bitte ich Dich, an Carl Hardenb. über
seine Gedichte zu schreiben, die Du in Händen haben mußt.

Das Bamb. Gesangbuch wird sich wohl bei Bernh. finden. Ich habe von Dir
1) Shakesp. Fol., 2) Shakesp. Johns. einen Band, 3) die Sprachlehre
von Bernh., die aus Versehn hiergeblieben, 4) den Tobias von Meyer. --
In Jena ist noch Dein Weckherlin. Wenn Du von Leipzig zurückkommst,
so nimm Dich nur gleich recht zusammen, und mach fertig, was Du geben
willst, damit der Druck zeitig anfangen kann. Lebe recht wohl, und
grüße Deine liebe Frau. Schreibe auch bald wieder

    Deinem

    _A. W. v. Schl._

Meinen Handel mit Unger wirst Du schon wissen, oder kannst ihn von
Cotta oder Sander genau erfahren.


                                  IX.

    _Berlin_, d. 7. Mai 1801.

    _Liebster Freund!_

Was zwischen mir und Unger wegen des Shakespeare vorgefallen ist,
wirst Du zur Genüge durch andre Buchhändler wissen. Sander that mir
hier Vorschläge, und wollte sich auf der Messe nur erst genauer nach
dem Absatz erkundigen. Er schreibt mir jetzt: das Resultat sei so
ausgefallen, daß ein reicher Mann recht gut dabei bestehen könne, für
ihn sei aber bei seinem mittelmäßigen Vermögen die Unternehmung zu
groß. Sag ihm, er würde mir einen wahren Freundschaftsdienst erzeigt
haben, wenn er mir die eingeholten Erkundigungen genau mitgetheilt
hätte. Laß Dir alles von ihm sagen und zeichne es auf, damit Du Data
hast, die Du den übrigen Buchhändlern vorlegen kannst. Sprich alsdann
mit Cotta, dem ich schon eher geschrieben hatte, als Sander mit mir
sprach. Frag ihn, ob er meinen Brief richtig erhalten; noch habe
ich keine Antwort von ihm. Hat er keine Lust, so sprich weiter mit
andern Buchhändlern, dem Lübecker Bohn, Nicolovius, Wilmanns &c. was
ordentliche Leute sind, auf die man Vertrauen haben kann. Frölich hat
mir schon halb und halb Anträge gethan, ich glaube aber nicht an sein
promptes Bezahlen.

Der Vertrag müßte auf die sämmtlichen 13 Bände (die es nach dem 8ten
[mit den ~Spurions plays~] noch werden, und die in 5-6 Jahren
fertig sein können) sogleich eingegangen werden. Eine Auflage, wie sie
Unger zuletzt gemacht, nämlich 200 Velin 1300 Schreibpapier; ein paar
hundert ganz schlechte gegen den Nachdruck gehen noch in den Kauf.
Will einer für den Band 60 Lsd’or oder à Bogen 3 Lsd’or geben,
so kannst Du es beinahe richtig machen; denn mehr bekomme ich wohl
schwerlich; will Einer eben so viel geben, wie U. bisher, so laß es
in ~Suspenso~, und melde es mir gleich. Will einer aber weniger
bieten, so laß Dich gar nicht ein.

Ich kann aus mancherlei Gründen nicht jetzt noch auf die Messe reisen,
und werde Deine Freundschaft an dem Eifer erkennen, womit Du diese
Sache betreibst, die ich gerne baldigst wieder im Gang hätte. Kann ich
mit keinem Buchhändler einig werden, so werde ich es selbst übernehmen
und den Lesern auf Pränumeration anbieten: und wollen mich die werthen
Landsleute nicht gehörig unterstützen, so lasse ich es liegen, und sie
können mich -- -- --!

Ich verlasse mich darauf, daß Du mit Cotta wegen des Almanachs alles
recht gründlich absprichst. Ein Druck wie der des letzten Vossischen
Almanachs: etwa bei Sommer, wäre sehr gut. Es kommt hauptsächlich
darauf an, daß Sonette und dergleichen nicht mit gebrochenen Zeilen
gedruckt werden müssen, sollte auch allenfalls kleinere Schrift
dazu genommen werden. Dein Bruder hat eine Zeichnung zur Vignette
vorgenommen; das wird zu spät sein, sie noch zu stechen. Ich bin sehr
für den Namen _Musenalmanach_. Wann muß der Druck anfangen? --

Meine neue Romanze und Sonett an Buri bekommst Du von Jena aus. Sachen
von Friedrich schicke ich Dir nach Dresden, sobald Du zurück bist, und
erwarte demnächst neue von Dir.

Schreib doch an Karl Hardenberg. Adieu, Adieu!

    _A. W. v. Schl._

Die Gedichte in Ofterdingen habe ich genau durchgelesen und gefunden,
daß sich zwei: _Bergmannsleben_ und _Lob des Weines_, als für
sich am verständlichsten, am besten ausheben lassen.


X.

    _Berlin_, d. 28. Mai 1801.

Es ist ganz und gar nicht fein von Dir, Freund Tieck, daß Du mir nicht
schreibst. Meinen Brief mit den Aufträgen hast Du gewiß noch in Leipzig
erhalten, und wenn Du in Ansehung derselben nichts hast thun können,
so hättest Du mir wenigstens dies melden sollen, damit ich weitere
Schritte thun konnte. Diese Unterlassung würde in der That so aussehn,
als ob Du Dich um das Schicksal meines Shakspeare wenig kümmertest,
wenn ich Dich nicht besser kennte. Ich will Dich indessen von allem
Schreiben hierüber für jetzt lossprechen, -- ich bin auf einem andern
Wege so gut von der Lage der Sachen unterrichtet, wie ich es durch
einen Brief von Dir nur immer sein könnte. Ferner verweist mich
Cotta wegen der Verabredungen über den Druck des Almanachs an Dich.
Wahrhaftig an den rechten! Worauf, zum Henker, wartest Du denn noch,
mir dergleichen Nachrichten zu ertheilen? Was ist noch für Zeit zu
versäumen? Wenn der Almanach zeitig auf Michaelis erscheinen soll, so
muß der Druck doch gewiß mit dem Julius seinen Anfang nehmen. Da ich so
manche Mühe bei der Herausgabe freiwillig übernommen habe, sollte Dir
es doch nicht zu beschwerlich dünken, ein paar Zeilen zu schreiben.

Endlich habe ich Dich schon vor der Reise nach Leipzig gebeten, mir die
geistlichen Lieder von Hardenberg, und den Camaldulenser von Schütze zu
schicken. Es ist nothwendig, daß ich das Vorräthige beisammen habe, um
zu übersehen und zu ordnen. In des Teufels Namen, schick, oder Du wirst
mich sehr böse machen. -- Caroline wird Dir eine neue Romance und ein
Sonett von mir geschickt haben. Ich bin in diesen Tagen mit ~Henry
VI. P. 3~ fertig geworden, und mache nun noch verschiednes für den
Almanach. Von Dir erwarte ich recht sehr bald etwas neues. Vor allen
Dingen den Moses, den Du ja an der Spitze zu sehen wünschtest. Soll er
da wirklich hinkommen, so mußt Du Hand an’s Werk legen; gewartet kann
auf ihn nicht werden.

Von Fr. ist unterdeß noch nichts weiter eingelaufen, als wovon ich
neulich schrieb. Ueber die Sachen, die er überhaupt zu geben gedenkt,
wirst Du ihn selbst gesprochen haben. Mnioch hat ein vortreffliches
Gedicht (_Hellenik und Romantik_) für den Almanach eingeschickt.
-- Von Deiner Schwester habe ich ein Gedicht in Stanzen bekommen, das
ich nun abschreibe, um einige Kleinigkeiten zu ändern. Die Epigramme
von Röschlaub auf Reinhold habe ich; es fragt sich, ob ihretwegen von
der Maxime, nichts Litterarisches aufzunehmen, abgewichen werden soll?
Gries hat sich erkundigt, ob wir Beiträge annähmen. Fr. hat es aber
höflich abgelehnt.

Vermehren soll mit seinem Almanach in einiger Noth sein. Er hat
Beckern in Dr. eine Parthie eigner Fabricate gegen andre auszutauschen
angeboten. Dem Becker mußt Du um des Himmelswillen nichts für sein
Taschenbuch geben. Er wird Dich vermuthlich sehr darum angehen.

Ich habe bei den Gedichten, die ich Dir zusenden muß, noch die Mühe
des Abschreibens, da sie sonst verloren gehen könnten. Indessen sollen
sie sogleich erfolgen, wenn ich die Sachen von Hardenberg und Schütze
habe. Schickst Du diese aber nicht _mit umgehender Post_, so werde
ich Dich von neuem mahnen, und zwar, da Du einmal weißt, was ich will,
durch ein bloßes Couvert ohne Brief darin, welches ich posttäglich so
lange wiederholen werde, bis ich sie habe.

Lebe übrigens recht wohl, und grüß Deine liebe Frau.

    _A. W. S._

Noch eins: sind Dir die beiden Lieder aus dem Heinrich von Ofterdingen:
_Lob des Weines_ und _Bergmannsleben_ erinnerlich, und billigst Du die
Wahl?

Noch eins: Schreib an K. _von Hardenberg_ über seine eingesandten
Gedichte, oder schicke sie mir zurück, damit ich es thun kann. Besser
wäre es aber, Du thätest es, da ich mich auf Jakob Böhme noch gar nicht
verstehe.

Und thue auch das bald, _bald_, =bald!=

Deine Schwester hat uns mit ihrem Befinden manchmal recht in Sorge
gesetzt. Wenn sie nur erst ihre Wochen überstanden hat, denke ich, soll
es besser gehen.


                                  XI.

    B., d. 13. Jun. 1801.

    _Liebster Freund!_

Da Du auf meinen Brief sogleich mit dem nächsten Posttage geantwortet,
und die nöthigen Sachen geschickt, so hat er seinen Zweck erreicht, und
ich bin mit allem übrigen gern zufrieden. Denn ich denke, wie jener
alte Feldherr: Schimpf, aber schreib nur.

Hier sind nun alle die vorräthigen Gedichte, die Du noch nicht kennst.
Ob die _kleinen Gedichte_ von meinem Bruder, des Anstoßes wegen
gänzlich auszuschließen sind, oder bloß Nr. 6 und weil er es in diesem
Falle verlangt hat, auch das sentimentale Nr. 5, will ich Dir anheim
geben. Nöthig scheint es mir nicht -- denn solche Sachen, wie in den
übrigen, kommen doch in Schützens Tänzern, und in andern Stücken auch
vor, es läßt sich fast nicht vermeiden, und die Leser sind das auch
schon gewohnt.

Fichte hat mir das kleine Gedicht, das er mir einmal vorgelesen und für
den Almanach bestimmt, noch nicht in Abschrift gegeben, deswegen steht
es nicht in der Liste. Sobald ich es bekomme, schicke ich es.

Hier erfolgen auch Röschlaubs Epigramme. Der Einfall in dem 3ten
Distichon ist sehr gut, aber der Spaß mit der _All_gemeinen und
_gemein_en L. Z. schon etwas abgenutzt, und überdies wegen des
_Strickstrumpfs_ eine Note erforderlich, wenn man nicht ein eigenes
Epigramm darüber hinzufügen wollte. Mir däucht also, man machte wegen
dieser Epigramme keine Ausnahme von der Maxime, nichts Literarisches
aufzunehmen.

Von Mnioch’s Gedicht schicke ich Dir die Original Abschrift. In
der, die ich habe nehmen lassen, ist das: _Fragmentarische
Andeutungen_ und alles Unterstreichen und doppelt Unterstreichen
weggeblieben. Auf einige Fehler der Hexameter habe ich ihn aufmerksam
gemacht, wenn er aber keine Correctur schickt, so ist es wohl am
besten, man läßt sie so.

Wie es unheilig sein soll, ein paar Lieder aus dem Ofterdingen
aufzunehmen, sehe ich nicht ein. Was davon vorhanden, ist ja überhaupt
nur ein Fragment, diese Lieder sind vollendete Gedichte, die für sich
ganz verständlich sind. Du wirst sehn, daß ich darnach gewählt habe.
Der Druck des Buchs ist noch Schwierigkeiten unterworfen, warum soll
man also nicht im Voraus eine Menge Leser dafür interessiren?

Deine neuen Gedichte haben mich sehr gefreut; die Sonette sind
göttlich, in der _Einsamkeit_ ist mir besonders die Anspielung
auf die Niobe merkwürdig gewesen. Erlaube mir ein paar Kleinigkeiten
zu bemerken. Du gebrauchst zweimal _neigen_ intransitiv ohne
_sich_; ich weiß nicht, ob das geht. Warum nicht in der ersten
Zeile der 6ten St.: _Mit ihnen seh’ ich, die sich abwärts neigen_.
In der 7ten scheint mir das _Wird sichtbarlich_ nicht grammatisch
richtig und deswegen dunkel. Die Endsylbe macht es zum Adverbium, wozu
nun noch ein Adjectiv erwartet wird.

In dem _Zornigen_ vergaß ich letzthin zu bemerken, daß Du die
Assonanz doch gar zu lax genommen, indem Du _eu_ und _ei_
wechseln läßt.

Ueber den Fortunat und Deine voriges Mal geschickten Gedichte wollen wir
uns nicht weiter entzweien. Du wünschest die Freunde kennen zu lernen,
denen jener so sehr gefallen hat. Gut, es sind Schelling, Schütze,
Bernhardi, Genelli, meine Frau und Deine Schwester. Auch Friedrich hat
ihn eigentlich gar nicht getadelt, und die Angemessenheit der Form
anerkannt.

Bei Gelegenheit des _Zornigen_ und der _Sanftmuth_ haben wir
einige Gedichte aus dem Lovel wieder gelesen, die ganz zu derselben
Gattung gehören, und uns alle entzückt haben.

Ich habe nichts gegen die Einrückung des Sonetts von Bernhardi; -- ich
habe ihn nur sehr ermahnt, noch etwas anderes zu machen, und nicht mit
einem Gänsebraten allein zuerst als Dichter aufzutreten. Ich denke
auch, daß er uns noch etwas recht gutes geben wird.

K. Hardenberg’s Chiffre ist mir jetzt in der That nicht erinnerlich.

Was Du mir bei der Anordnung anbefiehlst, werde ich beobachten. Ich
glaube, man muß, außer da, wo eine oder mehrere Reihen von Stücken
zusammen gehören und ein Ganzes machen, die möglichste Abwechselung
suchen. Ich werde also auch die Romanzen trennen. Von Friedrich habe
ich die übrigen Sachen, die er uns versprochen, immer noch nicht
erhalten, ungeachtet meines dringenden Mahnens.

Deine Sonette an Hardenberg können allerdings sehr gut auf die Canzone
an ihn folgen, der ich aber noch ein Sonett nachzuschicken denke, so
wie überhaupt die Gedichte, die ich unter dem Namen _Todtenopfer_
zusammen fasse, noch mit einigen vermehrt werden sollen. Die Lieder
aus dem Ofterdingen schick mir sogleich wieder, mit den übrigen ist es
nicht nöthig, bis ich sie etwa fordre, weil ich Abschriften habe nehmen
lassen.

Du sagst, Du habest mir das mit Cotta über den Druck des Almanachs
Verabredete sogleich geschrieben -- dieser Brief muß aber verloren
gegangen sein, oder Du irrst Dich; denn jetzt erfahre ich das erste
Wort. Ich schreibe nun gleich heute an Frommann, und schicke auch
den Anfang des Manuscriptes nach Jena. Wenn Cotta mit Fr. schon
gesprochen, so wird dieser auch wissen, wie stark Cotta die Auflage
überhaupt, und wie viel auf Velin gedruckt haben will &c. worüber ich
bei eigenmächtiger Abrede mit einem Drucker sehr verlegen sein würde.
Auf alle Fälle ist Fr. mit Cotta liirt, daß er, falls er selbst seine
Druckerei zu stark besetzt haben sollte, für ihn bei einem andern
Drucker Anstalten treffen kann. Lateinische Lettern werden nun wohl
das beste sein, da Fr. keine recht eleganten kleinern haben möchte. In
einigen Wochen werde ich in Jena zurück sein, und die Correctur selbst
besorgen können, bis dahin kann sie ohne Bedenken Frommanns Leuten
anbefohlen werden, da die Abschriften meistens deutlich sind.

Werde nicht böse, daß ich den Ofterdingen noch nicht mitschicke. Da ihn
der Zufall meiner Bewahrung anvertraut hat, so halte ich es für meine
Pflicht, ihn auf das sorgfältigste in Acht zu nehmen; denn ich weiß
ja nicht einmal, ob der Brouillon, wovon diese Copie genommen, noch
vollständig vorhanden ist, und bei so bewandten Sachen halte ich es für
zu gefährlich, das Manuscript in der Welt herum reisen zu lassen.

Wozu kannst Du ihn nur so nöthig brauchen? Ueberdies denke ich mich der
Erscheinung im Druck mit Eifer anzunehmen; durch meine Vermittelung
ist die erste Uebereinkunft mit Unger geschlossen, und ich weiß, daß es
Hardenberg besonders darauf ankam, das Buch ganz in der Gestalt des W.
M. gedruckt zu sehen. Ich werde bei U. noch einmal anfragen, und dann
es mit andern Buchhändlern versuchen, wobei ich solch Format und Druck
zur ausdrücklichen Bedingung machen werde. Findet sich auf Michaelis
keiner, so müßte man es etwa bei Sander in Commission geben, und die
Freunde müßten die Kosten des Drucks durch eine Subscription unter sich
zusammen bringen. Ist der Ofterdingen erst gedruckt, so können alsdann
die übrigen bisher gedruckten oder ungedruckten Aufsätze und Gedichte
von Hardenberg in einem zweiten Bändchen als Anhang folgen.

Du siehst, zu jener Besorgung des Drucks muß ich das Manuscript in
Händen haben, und Du müßtest mir also erst Dein Ehrenwort geben, daß
ich es auf die erste Mahnung wieder haben solle.

Immer bleibt es also bedenklich, es so herumreisen zu lassen.

Lebe recht wohl. Bernhardi’s grüßen und schreiben nächstens.

    _A. W. Schlegel_.

Ich höre, daß Göthe und Schiller einen Preis für das beste
Intriguenstück ausgesetzt haben. Oeffentlich bekannt gemacht ist es
vermutlich noch nicht. Hast Du nicht Lust, diesen Preis zu gewinnen?
Es wäre hauptsächlich nur, um einmal etwas mit ~éclat~ aufs
Theater zu bringen. Das Elend mit den Nachahmern wird nun erst noch
recht angehn. In Kochens Archiv, das in der A. Z. angekündigt wird,
ist nichts als Religion und Sonette. Mit dem Memnon ist es auch eine
schlechte Freude. Ich hoffe, daß Du diesen Winter vollkommen gesund
bist, und nichts von der verwünschten Gicht verspürst. Ich bin es
vermittelst einer guten Diät, wozu ich starkes Bier, Wein und Liqueur
rechne, was ich Dir auch bestens anrathe. -- Caroline kränkelt immer
fort, jeder kleine Zufall bringt ihre ganze Schwäche zum Vorschein. Sie
grüßt mit mir Dich und Deine liebe Frau von Herzen. Dorotheechen küße
in meinem Namen.

An Bernhardi viel Empfehlungen. Ich bin auf seine Sprachlehre sehr
begierig. Lebe recht wohl.

    Dein

    _A. W. Schlegel_.

Du wirst schon durch Schleiermacher wissen, daß die _Jahrbücher_
für’s erste noch nicht zur Ausführung kommen, und auch die Ursachen,
die sich jetzt in den Weg stellen. Es dauert mich nur um der guten
Sache willen, nicht für meine Person, denn ich habe alle Hände voll
von lieberen Arbeiten als den kritischen. Das bleiben doch immer nur
_Arbeiten_, man muß _Werke_ ausführen.

Melde mir Deine Addresse genau!


                                 XIIa.

    (Ohne Datum.)

Liebster Freund, ich höre, daß Du etwas gegen Merkel und Falk schreiben
willst -- es sollte mir leid thun, denn die Lumpenhunde sind es doch
wahrhaftig nicht werth. Sie haben in der (unlesbar) seitwärts etwas
bekommen, und mit dem kleinen Merkel will ich mir noch einen kleinen
Spaß machen, er muß allmälig ganz aus Berlin herausgelacht werden.
Nur um Gotteswillen vertheidige Dich nicht etwa im Ernst. Du wirst
doch um eines so erbärmlichen Ausfalles willen, der jeden nur leidlich
verständigen Leser mit Ekel erfüllt, nicht von der imposanten Manier
abgehen, immerfort anzugreifen, seine eignen Sachen aber Preis zu
geben, insofern etwas gegen sie auszurichten ist? Allenfalls kann man
das Vertheidigen guten Freunden überlassen. Bernhardi hat über die
Merkelschen Briefe, dünkt mich, schon genug gesagt.

Melde mir Dein Urtheil über diese Possen, auch gieb mir Nachrichten von
dem, was Du arbeitest und Deinem sonstigen Lebenswandel. Wirst Du oder
Bernhardi nicht um den Preis des Intriguenstücks werben? Denke fleißig
an das Taschenbuch. Ich habe schon verschiedenes dafür gedichtet, auch
an Göthe wegen seiner und der Schillerschen Beiträge geschrieben.
Ich will Archivar sein, und was fertig ist, werde ich mich bemühen,
allmälig zusammen zu bringen.

Schreibe baldigst, so trifft es mich noch hier, sonst bin ich, schon
fort nach Jena, bald bin ich bei Euch. Herzliche Grüße an Deine liebe
Frau und Dorotheen. Melde die Addresse Deines Bruders. Adieu!

    _A. W. S._

    Es ist schwer zu bestimmen, ob dieses und das nächstfolgende Blatt
    hierher gehören? Wir ordneten sie nach der wiederholten Anfrage,
    wegen des Preis-Intriguenstückes.


                                 XIIb.

    (Ohne Datum.)

Wie geht es denn mit dem poetischen Journal; ich habe nur noch
nichts, was mir gut genug dazu scheint, sonst hätte ich es Dir längst
geschickt. Fröhlich ist doch ein rechter Esel, daß er Bernhardi noch
nicht angefangen hat zu drucken, am Ende werden sich beide noch darüber
zanken müssen. Richter ist hier, bis dato hat er sich aber nicht in
mich verliebt, ja was noch schlimmer ist, er hat mich noch nicht einmal
besucht. Sein beständiger Umgang und theuerster Freund ist ein blonder
fader Hr. v. Ahlfeldt, auf den Du Dich auch vielleicht besinnst und
seine Geliebte Madam Bernhard, geborne Gad, die über Iffland in den
Denkwürdigkeiten nichts Denkwürdiges schrieb, und die sich billig mit
dem Theater-(unlesbar) verheirathen sollte. Nächst diesen Personen
liebt er Bernhardi, der ihn einigemal besucht und Deinen Brief abgeholt
hat, am meisten. Ich habe ihn bei der Vegelin gesehn, aber nicht
drei Worte mit ihm gesprochen, denn er trieb ein beständiges auf und
ablaufen in dem Garten, und die Damen waren so bemüht um ihn, daß ich,
da ich jetzt nicht so behende auf den Füßen bin, gar keinen Antheil an
der Unterhaltung nehmen konnte.

Die Herz hatte neulich eine ganze Gesellschaft auf diesen großen Mann
gebeten, ich wollte ihn doch gern sprechen hören und war auch von der
Parthie, aber denke Dir die Kränkung, die die Herz erdulden mußte: er
geht mit der Bernhard vor ihrem Fenster vorüber, ohne zu ihr herauf zu
kommen und sein Versprechen zu erfüllen.

Die Herz aber verlor beinah die Fassung, mir war es verdrießlich, den
vergeblichen Weg gemacht zu haben, aber ich gab mich bald zufrieden;
Du weißt, daß ich mir aus solchem kennen lernen überhaupt nicht viel
mache. -- --

Ein Gedicht von der Veit habe ich gesehen bei Gelegenheit eines
Puterbratens, wo Du und die übrigen Personen spaßhafterweise darin
angebracht seid. Findest Du es denn auch witzig?


                                 XIII.

    _Berlin_, d. 10. Jul. 1801.

Es ist in der That sehr befremdlich, daß Du mir alle die Umstände,
die mich hätten bestimmen können, Dir den Ofterdingen ohne Aufschub
zu schicken, jetzt erst hinterdrein als so viel Vorwürfe mit heftigen
Wendungen an den Kopf wirfst, statt sie mir gleich anfangs ruhig und
auf die gehörige Weise zu melden. Mit drei Zeilen hättest Du mir
eine weitläuftige Auseinandersetzung und Dir den Aerger (weil Du doch
schreibst, daß Du Dich geärgert hast) erspart. Noch in Deinen letzten
Briefen gestehst Du ein, daß Du Dich nicht zu Geschäften passest: wie
kann ich errathen, daß Du Dich plötzlich dem Geschäft dieser Herausgabe
unterzogen hast?

Du schreibst wiederholt: „Du kannst ja nicht wissen“ &c. &c. Freilich
konnte ich nicht wissen, und deswegen brauchte ich mich auch ganz und
gar nicht darnach zu richten. Das Manuscript war zufällig in Deine
Hände gekommen, Unger hatte es Dir gegeben, um es Deinen Freunden
vorzulesen; wäre ich gerade in Berlin gewesen, so hätte er es eben so
gut mir abliefern können. Wir sind Beide Hardenbergs Freunde, er hat
mit uns beiden mündliche Mittheilungen über seinen Roman gehabt. Mich
hat er unter andern über den Krieg zu Wartburg zu Rathe gezogen, und
hat durch mich die Behandlung desselben in den Minnesängern kennen
gelernt. Ich habe in seinem Namen den Vertrag mit dem Verleger zu
seiner Zufriedenheit zu Stande gebracht. Die allgemeinen Ansprüche
auf die Herausgabe wären also wenigstens gleich; dem Bruder des
Verstorbenen steht allerdings das Recht zu, eine nähere Vollmacht zu
ertheilen, allein, wenn ich ihr Folge leisten sollte, so mußte ich
davon wissen. Weit entfernt, daß Du Ursache hättest, böse zu sein, daß
ich Deinem königlichen ~car tel est notre plaisir~ nicht gehorcht,
hast Du gegen mich erst durch das Verschweigen Deines Vorhabens mit
einer Sache, die mich eben so nahe interessirt wie Dich, dann durch
Dein imperativisches Benehmen, alles aus den Augen gesetzt, ich will
nicht sagen, was Freunde einander schuldig sind, sondern was die
gewöhnliche Anständigkeit mit sich bringt, was man so ~procedés~
nennt.

Ich muß hinzufügen, daß ich mich auch jetzt der Strenge nach nicht
verpflichtet halte, Dir das Manuscript zu schicken. Ich dürfte nur an
Karl Hardenberg schreiben, ich wolle es ihm und nur ihm überantworten.
Glaube auch nicht etwa, daß Dein heftiges Trotzen mich in Schrecken
setzte: es kommt mir bloß lächerlich vor. Du versicherst, ich habe
versprochen, Dir das Manuscript auf die erste Forderung wieder
abzuliefern, und ich muß es Dir wohl auf Dein Wort glauben; ich
kann Dir aber eben so redlich versichern, daß ich mich dessen nicht
erinnerte und noch jetzt nicht erinnere. Aber es empört mich innerlich,
daß über den heiligen Nachlaß eines von mir innigst geliebten und
betrauerten Freundes ein gemeines Gezänk entstehen soll, wie Du es zu
erheben anfängst: darum will ich der Sache so kurz wie möglich ein
Ende machen.

Da Ihr mir von allem in Leipzig verhandelten keine Nachricht gegeben
habt, so überlasse ich es nun Dir auch, bei Unger anzufragen: ob er
auf den Verlag des Buches, der ihm vermöge des Vertrages zukommt,
noch Ansprüche macht? was ich sonst leicht durch ein Billet hätte
thun können. Du wirst einsehen, daß die rechtliche Form den jetzigen
Herausgeber hierzu verpflichtet, wenn er auch fast gewiß voraus weiß,
daß Unger den Verlag nicht mehr will.

Ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst: „Daß es gerade wie der
W. Meister gedruckt werden soll, scheint mir jetzt ganz unwesentlich,
_da das Buch jetzt eine andre Absicht hat_!“ Welche andre Absicht
hat denn das Buch jetzt, als die der Verfasser selbst damit hatte?
Gehört das auch zu den mir unbekannten Leipziger Verhandlungen? Ich,
der ich den Vertrag für Hardenberg geschlossen, kann Dir sagen, daß
er auf diese Bedingung sehr viel Nachdruck legte, daß es seine erste
Bedingung war, daß er deswegen Unger am liebsten zum Verleger wollte.
Es schien ihm nicht eine bloße Aeußerlichkeit zu sein, sondern auf
den Eindruck des Werks Einfluß zu haben, indem er grade diese Art
von geräumiger Sauberkeit in Format und Druck mit dem Geiste seiner
Darstellung übereinstimmend fand. Auch wollte er, daß das Buch sich auf
diese Art an den W. Meister, den Sternbald, den Klosterbruder und die
Fantasieen anschließen sollte. -- Ein allgemeines Gefühl hat es von je
her den Menschen zum Gesetz gemacht, den Willen und die Anordnungen
der Verstorbenen über das, was ihnen zusteht, auch in Kleinigkeiten
pünktlich zu befolgen. Wenn du dieses für Aberglauben hältst, so
wünsche ich Dir zu dieser aufgeklärten Gesinnung Glück. Allerdings hat
die entgegengesetzte Maxime auch einen guten Grund für sich, nämlich
den, daß die Todten nicht wieder kommen.

Hardenbergs Vorschrift über diesen Grund habe ich Dir nun dargelegt,
und gebe sie nebst allem Uebrigen Deiner Verantwortlichkeit anheim. Wenn
man auf keinen sonstigen Forderungen von Honorar besteht, (und warum
sollte man das?) so wird diese Bedingung nicht so schwer zu erlangen
sein: die Ungerschen Lettern sind ja schon in einer Menge Offizinen
vorhanden, der Verleger kann es auch bei Unger drucken lassen.

Mit der Aeußerung: „wenn ich nun glaubte, daß es Dir bei der Herausgabe
dieses Buchs um Ehre oder Vortheil zu thun sei, so würdest Du Dich
nur von neuem ärgern,“ trittst Du Dir selbst sehr zu nahe, und
mich wundert, daß Dir dabei das bekannte Sprichwort vom voreiligen
Entschuldigen nicht eingefallen ist. Wenn mir überhaupt ein solcher
Gedanke so nahe läge, so müßte ihn freilich das Verschweigen Deines
Vorhabens, die jetzige gewaltsame Art, das Manuscript zu fordern und
besonders diese Aeußerung veranlassen.

Es ist aber auch wohl meine Art, _Dir_ Vortheil oder Ehre zu
mißgönnen? Wofern die Herausgabe nur sonst gehörig und Hardenbergs
Anordnungen gemäß besorgt wird, so soll es mir lieb sein, wenn sie Dir
noch so viel Vortheil einträgt; wenn Du aber eigenmächtig und auf die
entgegengesetzte Art damit verfährst, so wird sie Dir wenigstens bei
den Freunden des Verstorbenen keine Ehre eintragen.

Warum sollte es denn so gar ungeziemlich sein, im Fall sich kein
Verleger fände, die Kosten des Druckes vorzuschießen? Gesetzt auch,
ein unvollendeter Roman, in diesem für so Wenige noch faßlichen Geiste
geschrieben, hätte jetzt kein so zahlreiches Publicum zu erwarten, daß
ein Verleger seine Rechnung dabei fände, sind wir darum berechtigt
anzunehmen, daß es außer unserm Zirkel gar keine Menschen gebe, für
die Hardenberg sich freuen könnte, geschrieben zu haben? Sind wir
berechtigt, dies Bruchstück eines göttlichen Werkes der Folgezeit
vorzuenthalten, und dadurch den Verstorbenen um den ihm gebührenden
Zoll der Liebe und Verehrung von verwandten Geistern zu bringen? Nach
Deiner transcendent-idealistischen Ansicht soll für die Freunde nicht
einmal etwas daran gelegen sein, wenn das Manuscript verloren ginge,
„weil H.’s Umgang in ihnen Wurzel geschlagen haben muß.“ Siehst Du
nicht, daß Du mir hierdurch Waffen gegen Dich selbst in die Hände
giebst? Ich hätte ganz treffend in Deinem Sinne antworten können: Du
brauchst den Ofterdingen als Studium zum J. Böhme? Studire Deinen
Eindruck davon. Du willst ihn herausgeben? Gieb die Vorstellung von
diesem Eindruck heraus, und ergötze damit Deine Leser. Vielleicht wird
die Poesie überhaupt so sublimirt, daß man nicht mehr Gedichte, sondern
bloße Einbildungen von Gedichten liefern wird! Uns Realisten aber, die
wir uns nicht so behelfen können, laß einstweilen das Manuscript.

Ich komme auf den Almanach. Nachdem Du zwei Monate lang auf die
heilloseste Art von der Welt sogar das kleine Geschäft versäumt
hast, mir über den Druck Nachweisung zu geben, scheinst Du darüber
empfindlich, daß ich mich der Sache mit Eifer annehme. Wir haben die
gemeinschaftliche Herausgabe in der Hoffnung unternommen, daß wir uns
auch bei abweichenden Meinungen als Freunde und vernünftige Menschen
würden verständigen können, denn freilich ist auf _den_ Fall
nichts ausgemacht, daß der eine absolut Nein, der andre absolut Ja
sagt. Eine seltsame Verstimmung oder wenigstens Veränderung gegen
mich, die seit Deiner Abreise in Dir vorgegangen ist, scheint diese
Hoffnung beinah zu vereiteln, und Du hast mir schon so vielen Verdruß
gemacht, daß ich zehntausendmal wünsche, ich hätte es nicht auf diese
Art unternommen. Du krittelst über alles ohne irgend etwas zu fördern,
und aus Empfindlichkeit darüber, daß ich, wie Du behauptest, Dir keine
Stimme lasse, (da ich Dir doch alles und jedes vorlege) ob Du gleich
auch einen Herausgeber _vorstellen sollest_ (der Himmel weiß, daß
es nicht meine Schuld ist, wenn Du es nicht wirklich bist), setzest Du
mit Fleiß Abweichungen voraus, wo gar keine sind. --

Ueber die Epigramme von Röschlaub habe ich eben so gedacht wie Du:
ich schickte sie Dir bloß der Vollständigkeit wegen, und weil Du
sie fordertest. Das Gedicht von Mnioch findest Du viel geringer,
als den Vermählungshymnus, ich viel vortrefflicher; das ist ja aber
für unsern Zweck gleichgültig. Wir sind doch beide der Meinung, daß
es eingerückt werden soll. Dein Urtheil über das Gedicht Deiner
Schwester muß ich ebenfalls als eine Billigung des Einrückens
ansehen. Ueber die _kleinen Gedichte_ von Friedrich habe ich Dir
bloß einige unmaßgebliche Vorstellungen gemacht; sie mögen immerhin
ganz wegbleiben, ich habe nichts dagegen. Die beiden Lieder aus dem
Ofterdingen habe ich so gewählt, weil ich fand, daß diese am besten
außer dem Zusammenhange für sich bestehen und ganz gefühlt werden
können. Ich befürchte, daß das arme Weinlied meine Wahl entgelten
muß, denn mir scheint es zu dem zartesten, gefälligsten, kühnsten
und fröhlichsten zu gehören, was Hardenberg je gedichtet hat, und
ich glaube, daß ich nicht allein dieser Meinung bin. Besonders ist
das von der Gährung des Weines, was den größten Theil des Gedichtes
einnimmt, recht charakteristisch, und grade von der Art, wie es nur
allein Hardenberg machen konnte. Indessen, wenn Du einmal dagegen
bist, so suche nur ein andres aus, und schicke es mir baldigst. Oder
ich lasse es mir auch gefallen, daß die Lieder aus dem Ofterdingen
ganz wegbleiben; melde mir nur Deine Entscheidung baldigst. Ich will
sie so lange zurückbehalten. Nur erwäge noch dies: daß es uns gar sehr
an fröhlichen, geselligen Liedern fehlt, die uns weit mehr Leser
gewinnen, als die mystischen, und daß es eine gute Gelegenheit wäre, in
der Inhaltsanzeige auf die Erscheinung des Ofterdingen aufmerksam zu
machen.

Friedrich hat geschickt: 1) _Die Abendröthe_, 2) _Romanze vom
Licht_, 3) _Hymnen_. Wenn ich mich nicht sehr irre, so kennst
Du schon alles, außer die 3te unter den Hymnen, das Sonett auf die
Isis. Ich habe indessen Nr. 2 und 3 abschreiben lassen, und schicke es
Dir mit. Die Abendröthe ist lang, ich glaubte nicht, daß es wegen der
Veränderungen, die Fr. etwa darin vorgenommen, nöthig wäre, Dir eine
Abschrift vorzulegen.

Ferner wird uns beiliegendes Gedicht in Stanzen angeboten. Wenn es Dir
gefällt, so könnte es neben dem Schwank vom neuen Jahrhundert am Ende
zu stehen kommen. -- --

Wenn Du gründliche und wichtige Studien machst, mein Freund, so ist
es mir sehr erfreulich, nur ist Deine Art, sie mir in dem Postscript
vorzurechnen, eben nicht geeignet, mich davon zu überzeugen. Ich hatte
Dich dazu angemahnt, weil ich nach der Beobachtung Deiner hiesigen
Lebensart, nach Deinem eignen Bericht von verlornen Wochen in Dr....
glauben mußte, daß Du Dich darin vernachlässigtest! Wenn ich mich
irrte, so hattest Du am wenigsten Ursache, es übel zu nehmen, Du
durftest es mir nur schreiben, so war die Beschämung auf meiner Seite.
Soll man sich immerfort Complimente machen, sollen sich Freunde über
ihr Thun und Treiben nicht gegenseitig ihre Meinung offen sagen dürfen,
so ist die Freundschaft überhaupt nur ein unbedeutender Name. Ich bin
weit entfernt, mir über meine Freunde eine Vormundschaft oder Aufsicht
anmaßen zu wollen; allein eben so wenig will ich mich von ihnen
tyrannisiren und mir unwürdig begegnen lassen.

Ich bin ein freier Mensch, der am Ende keiner Freunde bedarf; ich bin
es mehr, als mancher Andre, weil ich meine eigne Thätigkeit mehr
beherrsche. Dir habe ich meine Freundschaft zuerst entgegen gebracht,
ich bin mir bewußt, mit dem uneigennützigsten Wohlwollen, mit reinem
Wohlgefallen an Deinem Geist und Deinen Talenten, auch da, wo ich Deine
Ueberlegenheit am meisten anerkennen mußte, und mir nicht schmeichelte,
Dich je zu erreichen.

Meinem Ehrgeiz konnte Deine Unthätigkeit willkommen sein; wenn ich
mit Eifer dagegen gesprochen habe, so ist es doch wahrlich nicht
meinetwegen geschehn. Und nun muß ich eine solche Erwiderung von Dir
erfahren! --

Ich beschwöre Dich, setze diesen Ton und dieses Benehmen nicht fort;
ich könnte nichts weiter darauf thun, als schweigen, und beklagen, daß
ich mich in Dir geirrt. Laß es dahin nicht kommen. Dieser Mißklang
gehört nicht in Dein Wesen, er gehört sich nicht zwischen uns. Mit
freundschaftlichen Gesinnungen unveränderlich der Deinige.

    _A. W. Schlegel_.

Die erste Nachricht von der glücklichen Niederkunft Deiner Schwester
wirst Du durch Deine Verwandten erfahren haben. Sie ist auch heute
recht wohl, und hofft Dir nächstens schreiben zu können. Bernhardi wird
Deine Aufträge ausrichten und schreibt mit nächster Post. Viele Grüße
an Deine Frau.

Den _Traum_ schicke sogleich wieder mit zurück.


                                 XIV.

    B., d. 8. Aug. 1801.

    _Liebster Tieck!_

Du erhältst hier das kleine Gedicht von Fichte in Abschrift.

Ferner hat Mnioch mir eine ~per~ Johann Ballhorn verbesserte
Abschrift seiner Hellenik und Romantik zugeschickt. Zugleich
entdeckten wir, daß er sie in eine Sammlung, betitelt: _Analekten
über Kunst und Religion_, wofür Schütze einen Verleger suchen soll,
mit aufgenommen hat. (Auch die Dir zugeschickten Reimspiele stehen
darin.)

Da dies nun keine Manier ist, so hat ihm Schütze in meinem Namen
geschrieben, wenn wir das Stück in den Almanach nehmen sollten, so
müßten wir sicher sein, daß es wenigstens in einem Jahre noch nicht
anderswo abgedruckt erschiene. Ferner wären wir in jedem Fall für die
erste Edition.

Die Verbesserung ~per~ Johann Ballhorn besteht in zwei ungeheuer
langen zugesetzten Partien: „Bilder des Lebens;“ in schlecht
erzählten und eigentlich abgeschmackten Geschichten. Ich hätte Dir
die neue Abschrift zugeschickt: allein es finden sich darin in den
ursprünglichen Partieen veränderte Lesearten, die in den Text wohl
allerdings aufzunehmen sind, und ich hatte keine Zeit und fand es zu
weitläuftig, alles kopiren zu lassen.

Ich habe Dir eine Menge Sachen, den Almanach betreffend, anheim
gestellt, da Du aber gar keine Antwort von Dir hören läßt, so werde ich
so frei sein, Deine Genehmigung meiner Vorschläge zu fingiren, da nun
keine Zeitversäumniß mehr gilt.

Du hast wichtige Gedichte über die Religionen versprochen, und ich weiß
nicht, was sonst noch alles, und lieferst nun gar nichts. Schreibe und
schicke, aber nach Jena, da ich in diesem Augenblicke dahin abgehe. Leb
wohl, viele Grüße.

    Dein

    _A. W. Schlegel_.

Schreib und schick baldigst, sonst hilft es nichts, der Druck ist in
vollem Gange.


                                  XV.

    _Jena_, d. 17. Sept. 1801.

    _Liebster Freund!_

Es ist mir sehr angenehm, daß Du einmal wieder ein Zeichen des Lebens
giebst. Dein Bruder ist vor beinahe 14 Tagen in Weimar angekommen.
Am Dienstage vor acht Tagen fuhr er mit Catel (der in Weimar am
Schlosse Arbeit hat, und bei dem er wohnt) nach Jena herüber, ich war
aber gerade denselben Tag nach W. geritten, um ihn aufzusuchen, und
verfehlte ihn also dort. Das schlechte Wetter hielt mich ab, den Abend
noch wieder zurück zu reiten, ich brachte also den Tag bei Goethe zu,
und kam am andern Morgen nach Jena zurück. Glücklicher Weise hatte mich
Dein Bruder abgewartet, und blieb nun ein paar Tage bei uns. Ich habe
ihn gleich sehr lieb gewonnen, wir sind wie alte Bekannte.

Dein eingeschloßnes Blatt an ihn habe ich gleich mit der ersten Post
nach W. geschickt, er wird es nun aber doch noch nicht erhalten haben,
denn ich erhielt gleich Morgens darauf ein Billet von ihm hier aus dem
Wirthshause, er sei mit Catel wieder hier durchgekommen, aber ohne
sich aufzuhalten; sie gingen nach Schwarzburg, und würden den 18ten
oder 19ten wieder hier eintreffen. Da werde ich ihm alsdann den Inhalt
Deines Blattes mündlich sagen. Er verläßt W. noch nicht sogleich, weil
er Goethes Büste machen wird, wozu dieser ihm 8 Tage sitzen muß; doch
er wird Dir das nächstens genauer schreiben.

Hier sind wiederum Aushängebogen vom Almanach. Es wird rasch
fortgedruckt, in 14 Tagen ist alles fertig. Du versprichst noch
Beiträge: sie müßten sehr bald ankommen, um noch mit hinein geordnet
zu werden. Deine Schwester meldet mir von einem Gedichte für den
Almanach, das sie an Dich geschickt; ich hoffe, Du wirst es nicht
aufgehalten haben, es würde noch sehr willkommen sein.

Liebster Freund, die Correcturen kosten mir sehr viel Zeit und Mühe;
ich bin dafür bekannt, ein genauer Abschreiber und Corrector zu sein,
wenn Du aber Deine Gedichte ganz fehlerfrei gedruckt haben willst, mußt
Du für bessere Handschriften sorgen. Ich hätte Dich die Romanze nur
sollen abschreiben lassen, sagst Du; als wenn ich Dir nicht täglich
darum angelegen hätte, so lange Du in Berlin warst, ich predigte aber
tauben Ohren. Nachher reistest Du weg und vergaßest sie; man fand das
Manuscript unter weggeworfenen Papieren, so daß es überhaupt nur durch
einen Zufall gerettet ist. Ich fand es mißlich, Dir es zu überschicken,
ohne vorher eine Abschrift zu nehmen; es konnte verloren gehen, und
wer war im Stande zu weissagen, wann Du einmal die Abschrift schicken
würdest? Ich nahm also die Mühe über mich, ich bin doch sonst ziemlich
geübt, Deine Hand zu lesen, diesmal überstieg ihre Schlechtigkeit aber
allen Begriff, und wenn bei der Enträthselung dieser seltsamen Chiffern
nicht mehr Versehen vorgefallen sind, so ist es immer ein Glück.

Das eine, was Du anders wünschest, ist eine völlig veränderte Leseart,
die Du erst jetzt bestimmt angiebst; was Du mir darüber nach Berlin
schriebst, war so, daß ich nichts daraus zu nehmen wußte. Daß die
ausgelassene Strophe wirklich im Manuscripte steht, davon kann ich mich
kaum überzeugen.

Was die andern Fehler betrifft, so habe ich die Aushängebogen nicht
hier, um nachzusehen: ich habe sie Goethe’n gelassen. Die eine Stelle
habe ich so konstruirt: „Wir sind Sünder, daß (damit) wir in den Tod
die Lilienblume lieben.“

Wie Du die Lilienblume construiren willst, wenn Du _leben_
schreibst, kann ich mir aus dem Gedächtnisse gar nicht vorstellen.

Kurz, Du wirst künftig wohl mehr Sorge anwenden müssen. Es ist keine
Billigkeit darin, daß Du selbst Deine Produkte so straußenähnlich
verwahrlosest und dann willst, daß dies andre nachholen sollen.

Durch die Art, wie Du unsre bisherigen Mißverständnisse erwähnst, ist
natürlich alles beseitigt. Es ist aber doch besser, wenn man Ursachen
der Unzufriedenheit zu haben glaubt, daß man sie an den Tag legt,
so ist nachher alles weggeräumt. Ich habe immer noch über Deinen
Laconismus zu klagen.

Wie es nun eigentlich mit der Herausgabe von Hardenbergs Nachlaß
steht, darüber schreibst Du nicht eine Sylbe. So habe ich es auch
erst von Friedrich erfahren müssen, daß eine große Anzahl von
geistlichen Liedern von ihm vorhanden ist. In der That, dies sieht
nicht freundschaftlich aus. -- Da in dem Inhaltsverzeichnisse bei dem
Namen Novalis etwas von seinem Tode erwähnt werden muß, so gebe ich Dir
anheim, dies aufzusetzen, und dabei die zu erwartende Herausgabe des
Nachlasses anzukündigen. Du müßtest es aber unverzüglich mit der ersten
Post schicken, sonst ist es zu spät.

Schütze hat mir keine Vollmacht gegeben, seinen Namen auszudrucken,
sondern die Abkürzung verlangt. Viele Grüße an Deine Frau.

    Dein

    _A. W. S._


                                 XVI.

    _Jena_, d. 10. Oct. 1801.

Aus dem beigelegten Billet von Frommann wirst Du sehen, daß es mit ihm
nichts ist. Da mir die Hauptsache war, ob er es nähme oder nicht, so
weiß ich in der That seine Gründe nicht recht mehr. Ich glaube aber, es
war, daß er schon etwas andres zu ähnliches von Dir auf Ostern verlege.
Ich bin auf Vieweg gefallen, weil dieser völlige Censurfreiheit hat;
wie er sonst ist, weißt Du. Frommann nannte Cotta, der mir aber eben
schreibt, er sei schon überhäuft.

Mit andern hiesigen Buchhändlern ist schwerlich etwas zu machen. Für
den Moment konnte ich also nichts weiter thun, da ich vermuthlich erst
nach gänzlichem Ende der Messe nach Leipzig komme. Ich habe daher
geglaubt, Deinen Absichten gemäß zu handeln, wenn ich Frommann das
Manuscript mit nach Leipzig anvertraute, damit es dort ist, wenn Du
etwa sogleich während der Messe Aufträge giebst. Kannst Du dergleichen
nicht durch Frommann selbst besorgen lassen, oder durch Mahlmann?

Mit vielem Ergötzen habe ich den Anti-Faust von neuem gelesen.
Friedrich hat nach diesem Anfange große Erwartungen vom Folgenden, und
meint, es werde etwas gänzlich Verschiednes vom Zerbino werden, und die
Aehnlichkeit läge bloß in Aeußerlichkeiten. Die classischen Grobheiten
im Aristophanes haben ihm besonders gefallen. Ich bin im ganzen mit ihm
einig. Die einzelnen Einfälle, das göttliche Böttiger Lied u. s. w. das
versteht sich von selbst.

So sehr ich indessen Deine Darstellungen des prosaischen Zeitgeistes
in mancherlei komödischen Allegorien bewundere, könnte ich doch wohl
wünschen, Dich mit der Komödie im Felde des nackten und baaren Lebens
erscheinen zu sehen. Hast Du noch keine Anmuthungen dieser Art gehabt?

Daß man sich mit solchen Gesellen wie Böttiger und Falk einlassen muß,
ist ein nothwendiges Uebel, oder auch nicht, denn sie werden durch ihre
Erbärmlichkeit wieder klassisch und symbolisch.

Lebe recht wohl, ich bin die Zeit her fleißig gewesen, und werde
hoffentlich bald mit der letzthin erwähnten Arbeit fertig sein.
Fr. ebenfalls: er hat einen höchst wunderbaren zweiten Akt eines
Schauspiels, welches nicht mehre haben soll, beendigt.

Den Tristan und die letzten Bogen vom Almanach wirst Du hoffentlich
richtig erhalten haben. Das Geld von Cotta habe ich noch nicht, sonst
hätte ich natürlich sogleich Deinen Antheil übersandt.

Leb nochmals wohl.

    Dein

    _A. W. S._


                                 XVII.

    _Jena_, d. 2. Nov. 1801.

Endlich ist das Geld von Cotta gekommen, und ich versäume keine Post,
um Dir Deinen Antheil zu schicken. Ich lege die Berechnung bey. Das aus
Nürnberg geschickte Geld war nur bis Coburg frankirt und hat mir noch
1 Thl. 12 Gr. Unkosten gemacht. Die Hälfte hievon abgezogen von Deinen
101 Thlr. bleiben: 100 Thl. 6 Gr. Ich habe das Geld in Laubthalern
erhalten, an welchen Du dort beträchtlich verlieren würdest, das
vortheilhafteste für Dich war, sie hier in Lsdr. umzusetzen, welches
ich denn auch gethan habe. Allein wenn man Lsd’or braucht, so bekömmt
man sie nicht so niedrig, als wenn man sie ausgiebt. Ich habe 5 Thl.
16 Gr. 6 Pf. in hiesigem Gelde für das Stück bezahlen müssen, also 6
Pf. mehr, als Cotta sie uns verrechnet. Darauf gehen die 6 Gr. und noch
einige Groschen mehr, die ich Dir nicht in Anschlag bringe, und so
erhältst Du Netto: 20 _Lsd’or_.

Der Himmel gebe nun, daß über Tausend Exemplare abgesetzt werden, so
hat jeder von uns noch 20 Lsd. zu erwarten.

Da ich morgen nach Berlin reise, so will ich, um Dir möglichst das
Postgeld zu sparen, das Packet erst in Leipzig auf die Post geben.

Du erhältst zugleich Bücher mit. In Friedrichs und meinem Namen, _die
Charakteristiken_, von mir _Fichte’s Nicolai_, der schon
lange auf eine Gelegenheit wartete, und 3 Exempl. des Almanachs auf
Schreibpapier. Ein viertes habe ich an den Conducteur Heine adressirt
für den Ungenannten, von dem das Sonett herrührt. Sey so gut und
schicke es hin.

Die Velin-Exemplare sind immer noch nicht fertig, und es wird wohl
noch 14 Tage damit dauern. Ich werde Auftrag zurücklassen, Dir 2
davon zu schicken. So viel bleiben jedem von uns, nach Abzug derer
an die Hauptmitarbeiter und an Goethe und Schiller, denen wir doch
gemeinschaftlich geben. Wenn Du eins von denen auf Schreibpapier übrig
hast meiner Schwester zu geben, so wirst Du ihr gewiß eine Freude damit
machen. Deinem Bruder habe ich in Deinem Namen ein Exemplar gegeben.

Das Mspt. vom _Antifaust_ nehme ich mit nach Berlin, um Deine
Schwester und Bernhardi damit zu ergötzen. Da ich nicht auf die Messe
gekommen bin, so habe ich nichts thun können, um es gut an einen
Verleger zu bringen. Du könntest es immerhin mit Cotta noch versuchen.
Er läßt sich Dir empfehlen und klagt, daß Du gar nichts von Dir hören
ließest. Von Vieweg schrieb ich schon einmal, wie ich glaube. Thu recht
mit Eifer dazu, damit es auf Ostern noch das Licht der Welt erblickt.
Schick auch die Abschrift der folgenden Akte wo möglich nach Berlin.

Meine Sendung mit dem Tristan hast Du gewiß richtig erhalten. Wenn
der Druck von Hardenbergs Nachlaß in Berlin anfängt (wovon ich durch
Friedrich jetzt das erste Wort erfahre) so erbiete ich mich zur
Correctur, und Du kannst dieß an Unger bei Uebersendung des Mspts.
schreiben. Meine (weggerissen, wahrscheinlich: Begegnung) mit ihm
steht dabey gar nicht im Wege, ich habe seitdem schon viel in seiner
Druckerey corrigirt.

Den 8ten Band des Shakspeare erhältst Du von Berlin aus, er ist fertig,
aber ich habe ihn nicht hieher bekommen.

Schreib doch von dem Fortschritt Deiner sonstigen Arbeiten, ich erwarte
mit Sehnsucht wieder etwas von Dir. Was ich nunmehr fertig gemacht,
verspare ich auf unser nächstes Wiedersehen, welches uns ja hoffentlich
bald erfreuen wird. Ich denke den Winter auch sehr fleißig zu seyn.

Dein Bruder ist seit beynah einer Woche wieder bey mir, er benutzt die
Zeit hier allerley zu arbeiten, während in Weimar die Form zu seinem
Goethe verfertigt wird.

Lebe recht wohl und gesund. Ich grüße aufs herzlichste Deine liebe
Frau, und meine Schwester und ihren Mann. Schreibe bald nach Berlin und
addressire bey Bernhardi, Du wirst auch nächstens wieder von mir hören.


                                XVIII.

    _Berlin_, d. 1. März 1802.

Diese Zeilen hat Deine Schwester Dir selbst schreiben wollen, wiewohl
ich sie sehr bat, das traurige Geschäft dieser Nachricht Deinem Bruder
oder mir zu überlassen. Der Kleine ist am Zahnen gestorben, das Uebel
nahm sehr plötzlich überhand, die Zähne wollten alle auf einmal
durchbrechen.

Es war ein schönes, munteres, starkes Kind mit herrlichen großen Augen,
wir hatten ihn alle sehr lieb, und sind voller Jammer über seinen Tod.

Ich hoffe, Du sollst Dich über die Gesundheit Deiner Schwester nicht zu
beunruhigen haben, wiewohl sie jetzt sehr angegriffen ist. Nächstens
erhältst Du wieder Nachricht. Bernhardi ist sehr erschüttert und Dein
Bruder äußerst betrübt. Lebe recht wohl, grüße Deine liebe Frau, ich
kann heute unmöglich mehr schreiben.

    Dein

    _A. W. Schlegel_.


                                 XIX.

    _Berlin_, d. 20. Sept. 1802.

    _Liebster Freund!_

Ich habe mich sehr gefreut, einmal Nachricht von Dir zu erhalten, auch
über die Sendung vom Manuscript. Den wiedergefundenen Aufsatz von
Hardenberg haben wir alle mit großem Entzücken gelesen, es ist ein
herrliches und vielleicht sein eigenthümlichstes Werk.

Versäume nun nur nicht, das übrige zu rechter Zeit zu schicken, damit
der Druck nachher nicht wieder still stehen muß. Die Correctur werde
ich mit allem Fleiß besorgen.

Ich dachte es gleich, daß es mit dem Span. Theater bei Nicolovius
nichts wäre: er liebt die kleinen Honorare, außer wo er einmal den
Glauben hat, wie bei Voß. Mahlmann ist vollends ein knauseriger Patron.
-- Ich habe daher hier mit Reimer gesprochen, dieser hat es auch
angenommen, eine Auflage von 1000 Ex., für den Bogen im Format meines
Shaksp. d. h. à 27 Zeilen die Seite, gleich nach dem Druck
2½ Lsd. und nach Absatz der Auflage noch ½ Lsd. Letzthin sagte
er mir aber, er habe sich verrechnet, und komme bei solchem Format
und Honorar bei dem Preise, den er für den Band setzen könne, nicht
heraus. Er schlug deswegen vor, kleineres Format zu nehmen, etwa
23 statt 27 Zeilen, und dann das Honorar nach diesem Verhältniß zu
berechnen, wobei der Uebersetzer dann nichts verlieren würde. Auf diese
Art ließen sich aber wohl nur 2 Stücke in einen Band bringen; kleines
Format ist übrigens ganz schicklich, da die meisten Verse so kurz sind.
Bis der Erfolg gesichert ist, hat er sich freilich nur auf eine Probe
eingelassen: auf 1 Th. von 3 oder 2 Bänden, jeden zu 2 Stücken.

Der Titel Spanisches Theater hat ihm für das große Lesepublikum
vortheilhafter geschienen. Da es mir aber gar zu disperat vorkommt,
die Stücke von Calderon mit denen der übrigen zu vermischen, gerade
als wenn man in meinem Englischen Theater Shakespeare mit Ben Jonson
und Fletscher u. s. w. zusammenstellen wollte, so wird die Einrichtung
getroffen, noch einen 2ten Titel voran zu schicken. _Schauspiele
von Don Pedro Calderon de la Barca._ 1 Th., so daß diese besonders
gesammelt werden können, und wir die Schauspiele von andern: Cervantes,
Lope, Moreto &c. immer in eigne Bände zusammenbringen.

_Die Andacht zum Kreuze_ habe ich seit kurzem fertig und von Ulyß
und Circe, ~El mayor encanto amor~ den Anfang übersetzt. Jetzt
gehe ich wieder mit Eifer an dies letzte, und hoffe Dir bald beides
zusammen mittheilen zu können.

Es wäre der Mannichfaltigkeit wegen schön, wenn Du Lust hättest, zuerst
~Las blancas manos no ofenden~ vorzunehmen, damit wir auch ein
eigentliches Intriguenstück mit modernen Sitten haben.

Was die Assonanz betrifft, so hat mich ihre Behandlung in dem bisher
übersetzten noch mehr überzeugt, daß vollkommener Gleichlaut in den
Vocalen erforderlich ist, daß sie nur durch völlige Gleichartigkeit in
einer bedeutenden Masse wirken kann.

Ich halte daher =e= und =ö= (e und ä sind völlig gleich, und eins muß
häufig die Stelle des andern vertreten; _leben_ und _wählen_ macht
vollkommene Assonanz mit _Seele_ u. s. w.) ferner =i= und =ü= auch
=ei= und =eu= auseinander. Ich habe lange Stücke mit bloßem =i--e=
und bloßem =ei--e= gemacht, oben eins mit =ü--e=, welches sich sehr
gut ausnimmt, und einen ganz anderen Charakter hat, wie das =i=. Wir
gewinnen dadurch auch mehr Mannichfaltigkeit, da wir zum zweiten Vokal
immer nur =e= haben und die Spanier mit =~o~=, =~a~=, =~e~= variiren.
Calderon bringt nicht leicht in demselben Stück ganz dieselbe Assonanz
wieder. Mein Grundsatz ist, wenn er eine einsylbige hat, sie ebenfalls
einsylbig und in demselben Vocal zu nehmen; bei den zweisylbigen
so viel möglich das analogste heraus zu fühlen. Seine häufigsten
Assonanzen sind =~e--o~=, =~e--a~=, =~e--e~=. Wollen wir uns bei
diesen immer nach dem accentuirten Vocal richten, so bekommen wir ganz
übermäßig viel =e=, welches zwar bequem, aber nicht schön ist. Ich habe
in der ~Devocion de la Cruz~ einmal =~e--e~= durch =i--e= gegeben, in
dem 2ten S. =~e--o~= durch =ü--e=, welches sich vortrefflich macht.

=~i--o~= denke ich, kann man in der Regel am besten durch =ei--e=,
vielleicht auch durch =eu--e= (wo denn auch =äu= mit hingehört) geben.
=~a--e~= habe ich einmal durch =au--e= gegeben, welches aber eine von
den schwierigsten Assonanzen.

Daß ich sie immer eben so lange behalte wie C. versteht sich.

Wie ich es überhaupt mit dem Uebersetzen des Calderon nehme, wirst Du
am besten sehn, wenn ich Dir die beiden Stücke schicke; wo Du Dir dann
wohl die Mühe nicht verdrießen läßt, sie im Einzelnen mit dem Original
zu vergleichen, und mir Dein Urtheil zu sagen. Ich habe diesen Sommer
noch viel Calderon gelesen und studirt, doch ist noch viel zurück, und
es kann nicht leicht genug geschehn.

Mit den Amazonen bin ich noch nicht weiter. Wir haben letzthin einmal
einige Glossen gemacht, und da haben wir folgende Verse von Dir:

    Liebe denkt in süßen Tönen,
    Denn Gedanken stehn zu fern,
    Nur in Tönen mag sie gern
    Alles, was sie will, verschönen.

die in den Fantasieen stehen, und die Friedrich schon einmal als
schicklich dazu ausgefunden hatte, glossirt. Deine Schwester und ich,
jeder 2 mal, Schütze hat auch eine Glosse darauf gemacht. Es wird
mir lieb sein, wenn Du mir den Tristan zurückschickst. Die beiden
katholischen Gesangbücher bringst Du mir wohl mit, wenn Du herkommst.
Das _Lied der Nibelungen_ kann ich vielleicht hier auf der Bibliothek
haben, dann magst Du es immer noch behalten. Ich will doch Reimer
wieder treiben, daß er Dir noch die Müllerschen Sachen zu schaffen
sucht. -- Auf den Winter möchte ich von Dir wohl zum Gebrauch bei
meinen Vorlesungen wieder einiges haben: Deinen _Ben Jonson_, die ~_Six
old plays_~ und den _Dodsley_. Wenn du von Dresden weggehst, so nimmst
Du sie vielleicht mit nach Ziebingen, und bringst sie mir von da mit,
oder schickst sie. Die ~Spurious plays~ von Shakspeare werde ich auch
Noth haben, hier zu kriegen.

Was Du über den Tristan schreibst, ist mir sehr interessant, aber über
meinen Plan muß ich mich nicht recht deutlich gemacht haben, denn wie
Du es meinst, das würde ich allerdings für höchst fehlerhaft halten.

Man muß, däucht mir, diese Geschichte als eine Mythologie betrachten,
wo man wohl modificiren, erweitern, flüchtige Winke glänzend benutzen,
aber nicht rein heraus erfinden darf. Das ist schon in den ältesten
Bearbeitungen des Tristan, daß er an den Hof des Artus kommt. Diese
Indication hat schon der Verfasser des ~Nouveau Tristan~ (freilich
eines ziemlich schlechten Buchs); Du wirst es in Dresden finden, es
ist klein Folio, aus dem 16ten Jahrhundert; Tressan hat nichts anders
gekannt, als gerade dieses, und es auf seine Weise zu benutzen gesucht.
Ich glaube, schon in der Minnesänger-Behandlung wird die Bekanntschaft
mit _Lancelot_ ausdrücklich erwähnt. Hier wollte ich nun einen
Theil von der Geschichte des letzten, wie sie in dem großen in Dresden
befindlichen Ritterbuche befindlich, erzählen lassen, überhaupt eine
Aussicht auf die Herrlichkeit von Artus Hof öffnen, wo das Graal dann,
als ein noch unaufgelöstes Abentheuer prachtvoll im Hintergrunde stehen
sollte. Lancelot sowohl als Tristan reiten _nicht_ nach dem Graal,
sie wissen wohl, daß sie sich entsetzlich prostituiren würden, wenn sie
es thäten, weil ein jungfräulicher Ritter dazu erfordert wird.

Aber das ist gerade ihre Wehmuth und ihre Reue, daß sie, sonst in
allem die ersten, hier ausgeschlossen sind. Weiter steht nichts in der
Ankündigung in meinem 1 sten Gesange, und sollte diese dennoch an dem
Misverständnisse Schuld sein, so kann sie nachher verändert werden,
wenn ich mit dem Gedichte fertig bin. Darüber kann ich nicht mit Dir
einig sein, daß das religiöse im alten Tristan spöttisch zu nehmen sei:
es scheint mir rechter Ernst, daß Gott der schuldigen Isolde bei der
Feuerprobe durchhilft. Dieses Gemisch von Sündlichkeit und Unschuld,
von Leichtfertigkeit und Frömmigkeit scheint mir eben der eigenste
Geist des Gedichts und Tristan besonders wird als ein wahrer Heiliger
und Märtyrer der Treue aufgestellt.

Ueber das Alter des Romans möchte es schwer sein, etwas auszumitteln,
ohne in der französischen National-Bibliothek alle die alten
Manuscripte vor sich zu haben und zu vergleichen. Lies doch auch die
Bearbeitung im Buch der Liebe.

Viele Grüße an Deine liebe Frau. Deine Schwester mußt Du
entschuldigen, das Schreiben fällt ihr jetzt gar zu schwer, sonst ist
ihr Befinden leidlich. -- Bernhardi ist mit seiner Grammatik fertig.

    Dein

    _A. W. S._


                                  XX.

    B., d. 24. Dec. 1802.

    _Liebster Freund_.

Eben sehe ich, daß die Post nach Frankfurt heute Vormittag abgeht, und
kann also nur wenige Zeilen schreiben, um sie nicht zu versäumen.

Das Manuscript vom Ion nimm mit nach Dresden, wenn Du nämlich bald
dahin gehst und händige es meiner Schwester ein. Bleibst Du noch lange
in Ziebingen, so schicke es nach gemachtem Gebrauch mit der Post an sie.

Empfiehl mich bey dieser Gelegenheit dem Grafen von Finkenstein, und
entschuldige mich, daß ich mein Versprechen, ihm den Ion mitzutheilen,
nicht eher halten können.

Die Andacht zum Kreuze hätte ich Dir früher geschickt, wenn ich
sie nicht erst eben wieder zurück erhalten. Es findet sich wohl
Gelegenheit, sie mir mit den beyden Bänden der Müllerschen Altdeutschen
Sachen nach Berlin zurückzubesorgen. Ich wollte diese Abschrift bey dem
bald anzufangenden Druck gebrauchen.

Reimer hat für Dich aus einer Auction das Lied der Nibelungen, den
Tristan und einige andre Stücke der Müllerschen Sammlung erstanden, Du
wirst also mein Exemplar entbehren können. Es fehlt hauptsächlich nur
der Parcival.

Einen Ariost für Dich habe ich nun hier, mag Dir aber kein Porto dafür
verursachen, Du erhältst ihn mit Gelegenheit.

Schütze hat mir gesagt, der Graf v. Finkenstein habe einiges aus
dem Petrarca übersetzt. Kannst Du mir die Privatmittheilung davon
verschaffen, so wäre es mir sehr angenehm. Ich habe letzthin auch eine
Anzahl Sonette und ein paar Canzonen übersetzt, und werde noch mehrere
hinzufügen, daher interessirt es mich, da Schütze sie als sehr gelungen
beschreibt. Meine lasse ich eben abschreiben und schicke sie Dir mit
nächster Post, sowie die Glossen.

Deine Schwester befindet sich jetzt wieder ziemlich gut und die Bäder
und stärkende Mittel werden ihr bald auch ihre Kräfte wiedergeben. Die
Kinder sind frisch und gesund. Dein Bruder in Weimar arbeitet viel und
ist wohl.

Lebe recht wohl, grüße Deine liebe Frau und theile bald etwas mit

    Deinem
    _A. W. S._


XXI.

    _Berlin_, d. 15. Febr. 1803.

    _Liebster Freund!_

Vor ein paar Posttagen bekam ich einliegenden Brief von Frommann. Um
sein Verlangen zu erfüllen, ist es das beste, denke ich, Dir den Brief
selbst zu schicken. Was die Airs betrifft, so muß man es mit Frommann
so genau nicht nehmen, sonst spricht aber die Sache für sich selbst.
Zu seinen Buchhändler-Argumenten möchte ich nun eine Menge poetische
hinzufügen, Du wirst Dir das alles aber schon selbst sagen. Es wäre
wirklich jetzt an der Zeit, daß Du einmal wieder ein großes Kunstwerk
aufstelltest, und je länger Du es aufschiebst, je schwerer wird Dir
die Vollendung werden. Wenn Du einen Theil des Manuscripts um die
Mitte März, und das übrige Ende März hinschickst, so kann es gewiß noch
auf die Messe fertig werden. Welchen Triumph alle Deine Freunde haben
würden, brauche ich nicht erst zu sagen.

Ich habe immer gehofft, Du würdest mir mein Manuscript von _der
Andacht zum Kreuz_ mit einer Gelegenheit zukommen lassen. Mein
Brouillon wird in der Druckerei gebraucht, zum Vorlesen im Collegium
muß ich jenes nothwendig haben, ich bitte Dich also, es mir nicht
länger vorzuenthalten. Mit meinem Exemplar der Nibelungen und dem
Moreto hat es weniger Eil, diese können auf eine Gelegenheit warten,
und ich hoffe, Du bringst sie mir noch selbst mit. Den Ion wirst Du
wohl schon an meine Schwester geschickt haben, sonst thu’ es doch
unverzüglich.

Ich habe immer noch Deine Velin-Exemplare vom 2ten Band Novalis in
Verwahrung. Reimer hat mir nachher ein eignes Velin-Exemplar vom 2ten
Band für mich geschenkt, welches ich allerdings durch mein fleißiges
Corrigiren redlich verdient habe. Indessen fehlt mir der 1te, wenn Du
davon noch ein Exemplar übrig hättest, könnten wir Deiner Schwester
damit ein Geschenk machen. Hast Du das aber durchaus nicht, und ergänzt
Dir dieser 2te Band ein Exemplar, so bin ich bereit, einen Tausch
einzugehn. --

Mein Bruder hat mir umständlich geschrieben. Er ist entzückt über
Deine musikalischen Gedichte und ladet Dich dringend zur Theilnahme
an der Europa ein, wovon wir bald das 1ste Stück erhalten sollen.
Besonders die Fortsetzung Deiner Briefe über Shakspeare wünscht er sich
außerordentlich.

Ich möchte Dir gern vieles aus seinem Briefe mittheilen, habe aber
heute unmöglich Zeit. Nur so viel, daß er sehr fleißig ist, schon
Persisch gelernt hat, und Indisch bald anfangen wird.

Ich habe unterdessen mancherlei Proben mit Uebersetzungen aus den
Griechen gemacht, die Dir interessant sein würden.

Gegen ehemals spüre ich große Fortschritte in dieser Kunst, die ich
ebensowohl wie die Nachbildung der Romantischen Dichter bis auf den
höchsten Punkt zu cultiviren gesonnen bin.

Deine Schwester läßt Dich auf’s zärtlichste grüßen. Diese ganze Zeit
her hat sie gewünscht, Dir recht umständlich zu antworten, allein
theils ist sie nicht allein gewesen, theils hat sie sich so befunden,
daß ihr das Schreiben sehr beschwerlich fällt. Sie rechnet gewiß
darauf, Dich, wie Schütze[18] uns gesagt, im März noch hier zu sehen,
und ladet Dich auf’s herzlichste dazu ein. Wegen ihrer Gesundheit
darfst Du nicht in Sorgen sein, ich hoffe, es ist auf dem guten Wege
damit, sie gebraucht die Mittel anhaltend, und besonders erwarte ich
viel Frucht vom Baden, welches sie theils wegen der Kälte, theils wegen
eintretender Zufälle noch wenig hat thun können. Die Kinder sind sehr
gesund.

Das dramatische Mährchen (noch hat es weiter keinen Namen) habe ich
jetzt endlich in’s Reine geschrieben, Dir eine Abschrift zu besorgen
war nicht möglich. Komme nur her, so wollen wir es zusammen lesen. --
Deine Schwester hat ein neues angefangen und es auch schon ziemlich
weit geführt, bis sie durch ihr Befinden abgehalten wurde, fortzufahren.

Lebe recht wohl, es ist mir unmöglich, mehr zu schreiben, ich stecke
tief in Arbeiten. Der Himmel weiß, wie ich noch alles bestreiten werde,
was ich vorhabe.

Wenn Du den Octavian fertig schreibst, so bittet Friedrich recht sehr
um eine Selbstanzeige davon für die Europa.

Leb nochmals wohl, grüße Deine liebe Frau und Burgsdorff.

    Dein
    _A. W. S._


XXII.

    _Berlin_, d. 15. März 1803.

    _Liebster Freund!_

Am Sonnabend Mittag ist Dein Brief angekommen, und ich habe noch gleich
an demselben Tage den Octavian, Deinem Auftrage gemäß, an Frommann mit
einem Briefe abgeschickt. Es freut mich außerordentlich, daß er nun
noch auf Ostern erscheint; ich bin begierig zu wissen, ob allein, oder
als dritter Band der _Romantischen Dichtungen_. Melde doch, was Du
jetzt vorhast, und ob die zweite Hälfte des Octavian bald nachfolgen
wird.

Deine Schwester hatte sich schon vorigen Posttag und wiederum heute
vorgenommen, Dir zu schreiben, allein nicht Kräfte genug gehabt; es
würde sie zu sehr ergreifen. Sie ist leider die ganze Zeit unpäßlich
gewesen, jedoch hoffe ich, daß Du Dich deswegen nicht zu beunruhigen
brauchst. Ihre Uebel rühren wohl hauptsächlich aus allzu großer Schwäche
und Reizbarkeit her. Wir waren heute Vormittag spatzieren, und
wollen auch jetzt eben in’s Schauspiel. Es ist heute das Benefiz der
Unzelmann, eine neue französische Operette.

Ich bin beschämt, daß ich Dir in Erwiederung des Octavian immer noch
nicht den Ion habe senden können. Meinen Brouillon mag ich nicht gern
hergeben, und die erste Abschrift, die ich selbst hier habe nehmen
lassen, hat mein Abschreiber noch in Händen, um die zweite danach zu
verfertigen. Ich hoffe allernächstens eine große Sendung nach Dresden
zu veranstalten, wo der letzte Band vom Shakspeare für Dich, die fertig
gedruckten Mährchen Deiner Schwester, worin verschiedenes, was Du noch
nicht kennst, der D. O. 4 Th., die Abschrift vom Ion, und die Exemplare
vom Alarcos zugleich ankommen sollen. Sage doch Friedrichen, er möchte
mir wegen der Zahl derselben, die er selbst oder ich in seinem Namen
von Unger begehren möchte, und wegen der Vertheilung und Versendung
Aufträge ertheilen. Da ich mir vorläufig einige von Unger ausgebeten,
hat er mir 6 auf Velin geschickt, wobei der Medusenkopf sich
beträchtlich besser ausnimmt, und mir dazu sagen lassen, die übrigen
wären beim Buchbinder und würden brochirt. Da sie ungeheftet sind, habe
ich sie sogleich zum Buchbinder geschickt.

Die Aushängebogen, sage an Friedrich, hätte ich Humboldten und
Brinkmann auf ihr dringendes Bitten geliehen. Den letzten sprach ich
noch nicht darüber; Humboldt ist eigends zu mir gekommen und hat sich
mit vielem Respect geäußert. Dein Bruder ist sehr fleißig, und hat, da
er nicht mehr lange wird hier bleiben können, viel zu arbeiten. Die
Büste der Tochter des Ministers Haugwitz, Gräfin Kalkreuth, ist eben
fertig geworden, die der Frau von Berg wird auch bald so weit sein,
und jetzt modellirt er die Gräfin Voß. Er hat fast gewisse Aussichten,
das Portrait der Königin ebenfalls zu machen, wenn es nicht etwa durch
Schadow, dessen Schwester Kammerfrau bei ihr ist, hintertrieben wird.
Man muß also nicht davon reden. Indessen hat die Königin es selbst
verschiedentlich gesagt, und hinzugefügt: sie wünsche den Bildhauer
Tieck besonders auch deswegen kennen zu lernen, um mit ihm von seinem
Bruder zu sprechen, den sie als Dichter so sehr habe rühmen hören.
-- Es scheint, daß wir jetzt unter den Prinzen bei Hofe und sonst
verschiedne Freunde haben; es wäre drollig, wenn einmal die verrufene
Parthei die protegirte würde.

Noch habe ich jetzt keine neue Arbeit angefangen, ich kann nicht wohl
eher, bis das Collegium zu Ende ist, welches mich wöchentlich zweimal
stört; dann wird es aber mit großem Eifer geschehen.

Deine Schwester will Dir mit nächster Post das nähere über ihre Reise
nach Dresden schreiben. Gehab Dich unterdessen wohl, grüße Deine liebe
Frau und Friedrich.

    _A. W. S._


                                XXIII.

    _Berlin_, d. 28. Mai 1803.

Zu Deiner Beruhigung, liebster Freund, melde ich Dir, daß ich von
Wilmans Deine Gedichte vor dem Abdruck zurück erhalten. Suche nun
Friedrichen die getäuschte Hoffnung (die Du denn doch wirklich erregt
hast, ob Du es schon nicht eingestehen willst) auf andre Weise zu
ersetzen. Das 2te Stück der Europa wird in ein paar Wochen fertig sein,
und eben erhalte ich einen Brief von Friedrich, worin er verspricht,
die Fortsetzung sehr rasch zu liefern, mir aber zugleich aufträgt, die
Freunde zu Mitarbeiten zu ermahnen. Schick mir also nur bald etwas
für das 3te Stück. Gleich nach Deiner Abreise habe ich angefangen,
Deine Bearbeitung der Minnelieder mit den Originalen zu vergleichen.
Ich wollte sie alle auf diese Weise durchgehen, allein eine
Privat-Vorlesung, die ich noch zu meinen andern Arbeiten übernommen,
hat mich nicht dazu kommen lassen. Ich schicke Dir also hier meine
Bemerkungen über die ersten 26 Nrn. Achte sie Deiner Prüfung werth,
und schreib mir unverzüglich, ob Du einige, und welche von meinen
Vorschlägen Du annimmst. Willst Du mir nach dieser Probe Vollmacht
ertheilen, bei der Correctur nach Vergleichung mit den Originalen,
Kleinigkeiten (versteht sich nur solche, über die ich gewiß bin) zu
berichtigen, so will ich sie mit aller Vorsicht ausüben. Du siehst
leicht ein, daß ich keine andere Triebfeder hierbei habe, als Interesse
an der Sache selbst. Ich kann mirs auch gefallen lassen, ein bloß
passiver Corrector zu sein. Der Druck soll nach Reimers Aeußerung bald
anfangen.

Deine Schwester läßt Dich herzlich grüßen. Es hat uns sehr leid gethan,
von Genelli zu erfahren, daß wir für jetzt die Hoffnung aufgeben
müssen, Dich wieder hier zu sehen. Hufelands Kur schlägt sehr gut an,
sie hat sich innerhalb 14 Tagen ganz bedeutend erholt. Der Kleine ist
auch glücklich entwöhnt worden, und sehr gesund. Nun sinnt sie nur
darauf, die Reise nach Dresden, welche Hufeland sehr anräth, noch vor
Ende des nächsten Monats zu bewerkstelligen.

Melde doch etwas von der Zeit Deiner Ankunft in Dresden, wovon uns
Genelli nichts zu sagen wußte. Es ist wichtig, daß Deine Schwester noch
im Juni reist, weil sie sich nach ihren Gesundheitsumständen richten
muß, und sonst zuweit in den Juli herein würde warten müssen.

Dein Bruder befindet sich wohl, ist nur mit Arbeiten überhäuft, die
ihm, wie es scheint, außerordentlich gelingen.

Wenn unter Humboldts oder Burgsdorfs Spanischen Büchern sich alte
Cancionero’s oder Romancero’s oder alte Canciones und Romances in
andern Sammlungen finden, so laßt sie mir zukommen, und bald, für mein
Taschenbuch. Ihr wißt, daß es gut bei mir aufgehoben ist.

Du mußt noch den 3ten Theil der Müllerschen Sammlung, so wie den
ersten, auch das von Casperso (?) von mir haben. Ich finde es angemerkt
und bin in dergleichen Dingen sehr genau.

Lebe recht wohl, grüße Deine Lieben und Burgsdorf, und empfiehl mich
der Finkensteinschen Familie. Ich muß eilig schließen.

    Dein

    _A. W. S._


                                 XXIV.

    B., d. 2. Juni 1803.

Aus Deiner Antwort sehe ich, liebster Freund, daß wir über die
Minnelieder uns schwerlich in unsern Meinungen vereinigen werden; wir
wollen uns nicht darum entzweien, es behalte jeder seine Ueberzeugung
und wisse sie in Zukunft so gut als möglich zu vertheidigen. Verzeih
meine Offenheit und schick mir die Blätter mit den Bemerkungen wieder.

Ich habe übernommen, eine Correctur oder vielmehr Revision zu machen,
dieß nehme ich auch noch nicht zurück, jedoch muß ich eine Bedingung
ausdrücklich hinzufügen; es ist die, daß ich ganz und gar keine
Verantwortlichkeit haben will. Denn zuvörderst ist es eine Sache,
wobei die Setzer sehr leicht Versehen machen können, zweitens traue
ich mir selbst nicht die Geduld zu, Dein Manuscript in allen Pünktchen
mit den gedruckten Bogen zu vergleichen, drittens ist Deine Hand
nicht so leserlich, daß ich nicht, so sehr ich an sie gewohnt bin,
zuweilen über die Leseart zweifelhaft sein sollte, und endlich habe
ich nach unsern gegenseitigen Erklärungen gar kein Kriterium mehr für
das, was ein offenbarer Schreibfehler ist, und muß also auch stehen
lassen, was ich dafür halte. _Trauren_-=Schwenderin= schien
mir einer, Du nahmst es aber bei Deinem Hiersein in Schutz, führst es
auch jetzt nicht unter denen an, die Du verbessert zu sehen wünschest.
_Sehnden_ in _sehnenden_ zu verwandeln verdirbt an manchen
Stellen nach den vorgenommenen Veränderungen den Vers, wie gleich vorn
in dem Liede von Veldeck, wo jetzt _Gedanken_ für _Denken_
steht u. s. w. Ich werde die Correctur, wenn auch der Druck anfängt,
nicht eher machen, bis ich Deine förmliche und unverklausulirte
Lossprechung von aller Verantwortlichkeit habe; Du kannst dagegen
gewiß sein, daß ich meinen Ueberzeugungen nicht ein Tüttelchen Deiner
Handschrift aufopfern werden.

Deine Schwester läßt herzlich grüßen, sie hat wieder einige schlimme
Tage gehabt, es fehlt viel, daß das Uebel schon aus dem Grunde gehoben
wäre. Indessen wird sie alles thun, um die Reise nach Dresden
baldmöglichst zu bewerkstelligen.

Reimer hatte Dir schon geschrieben, wie ich gestern zu ihm kam.

Lebe recht wohl, grüße Deine liebe Frau.

    Dein

    _A. W. S._


                                 XXV.

    _Berlin_, d. 8. Febr. 1804.

    _Liebster Freund!_

Verzeih, daß ich auf Deine öftern freilich kurzen Briefe so lange
geschwiegen; ich stecke sehr in Arbeiten und dann wollte ich sogleich
das Buch der Liebe mitschicken, was ich nicht eher als jetzt konnte.
Es fällt mir schwer, mich davon zu trennen, und ich bitte Dich zu
glauben, daß ich Dir etwas anvertraue, was mir sehr viel werth ist,
und woran ein Schade mir nicht leicht würde ersetzt werden können. Ich
rechne darauf, daß Du es bei Deiner Hieherkunft wohl eingepackt wieder
mitbringen wirst.

Wegen der beiden nordischen Bücher haben wir sogleich auf die Königl.
Bibl. geschickt, aber zur Antwort erhalten, daß sie nicht da sind. Das
Kjämpa Wisar ist mir unmittelbar aus Herders Volksliedern bekannt,
wo einige vortreffliche Romanzen daraus sich finden. Melde mir doch,
was sonst noch außer diesen und der Heimskringla Saga das wichtigste
zum Studium der nordischen Mythologie und Geschichte für uns ist, so
wollte ich versuchen, alles mit einemmal zu bekommen. Der dänische
Gesandte Graf Baudissin ist nämlich mein sehr eifriger Zuhörer, und
würde gewiß auf meine Bitte gern in Dänemark Auftrag ertheilen, auch
solche Bücher, die nicht im Buchladen zu haben sind, für mich zu
kaufen. Mit Steffens ist in diesem Punkte nicht viel zu machen.

Die Trutz-Nachtigall von Spee haben wir ebenfalls unterdessen entdeckt,
und Deine Schwester besitzt sie jetzt sogar eigen. Ich weiß nun, wo
sich so manche Lieder herschreiben, die ich in meinen katholischen
Gesangbüchern lange geliebt und bewundert habe. Es sind mir auch die
Lebensumstände des Verfassers bekannt.

Das lateinische Gedicht von Walther von Aquitanien, worauf ich Dich
aufmerksam machen ließ, ist allerdings dasselbe, welches Du, wie ich
sehe, schon kennst. Wenn es Dir nicht so wichtig vorkommt wie mir, so
ist unsre Ansicht eben verschieden. Daß es schlecht Latein und zum
Theil in schlechten Hexametern geschrieben, hat mir am wenigsten dabei
Anstoß gegeben.

Das Althertum des latein. Textes wird sich an gewissen Kennzeichen,
wenigstens auf ein Jahrhundert nach, bestimmen lassen, und ich
glaube einige dergleichen schon gefunden zu haben, denen zufolge es
zwar nicht so alt sein würde, als der Herausgeber will, aber immer
noch viel älter, als unser heutiger _Text_ der Niebelungen.
Was aber mir das Wichtige dabei scheint, ist die über allen Zweifel
einleuchtende Gewißheit, daß der latein. Verfasser nach einem deutschen
Gedicht im Styl und aus dem Zeitalter der Niebelungen gearbeitet,
und solches bloß mit Virgil. Phrasen zugestutzt. Es finden sich zwar
über manches abweichende Angaben in beiden, die aber zur Bestätigung
der Aechtheit dienen, gerade wie die mythischen Widersprüche in der
Ilias und Odyssee. Die Uebereinstimmung, besonders bis in das tiefste
und feinste der Charakterdarstellung hierin ist desto merkwürdiger.
Uebrigens hat Fischer auch den Schluß des Gedichts aus einem andern
Codex herausgegeben. Das Stück, welches ich in meinen Vorlesungen aus
den Niebelungen bloß in etwas erneuter Sprache mitgetheilt, Dir zu
schicken, wäre in der That nicht der Mühe werth. Du kannst Dir denken,
daß eine Arbeit, die schnell nur für den Augenblick hingeworfen wurde,
nicht mit aller nöthigen Sorgfalt und reiflichen Ueberlegung ausgebildet
werden konnte. Ich hab mir zum Gesetz gemacht, nichts grammatisch
durchaus veraltetes stehen zu lassen, und mußte daher oft auch die
Reime ändern.

Deiner lieben Frau sage, sobald ich den ~Lazarillo de Tormes~
besäße, würde ich ihn ihr gewiß mittheilen, ich zweifle aber, ob es ihr
so viel Vergnügen machen wird, wie mir, indem ich einen ganz besondern
Sinn und eine angeborne Freude am Bettelhaften und Lustigen habe.

Du hast Glück mit altdeutschen Seltenheiten, der Tyturell ist gewiß
eine große. Da die alte Bearbeitung schon in Strophen und kurzen Versen
war, so ist es vermuthlich weniger alterirt, als das Heldenbuch.

Deine Schwester läßt auch herzlich grüßen, und bitten, die Herkunft
möglichst zu beschleunigen, und ihr den _deutschen Amadis_
mitzubringen. Dies vergiß ja nicht. Sie war diese Zeit her etwas
wohler, hat aber seit einigen Tagen viel Krämpfe gehabt. Dein Bruder
ist wohl und fleißig. Grüße an Burgsdorf!

    Dein

    _A. W. Schlegel_.


XXVI.

    _Berlin_, d. 13. März 1804.

Verzeih, geliebter Freund, daß ich mit der Antwort so lange im
Rückstande geblieben bin, ich bin sehr mit Arbeiten geplagt, und habe
außerdem noch vielerlei Störungen. Das Geschenk an die Schwester habe
ich gehörig besorgt, sie läßt Malchen herzlich dafür danken, es hat
ihr eine große Freude gemacht. Ihr müßt sie entschuldigen, daß sie
euch nicht schriftlich selbst ihren Dank gesagt hat, das Schreiben
wird ihr bei ihrem jetzigen Befinden schwer. Die letzten drei Wochen
ist es gar nicht so gewesen, wie ich gewünscht hätte. Wenige Tage vor
ihrem Geburtstage hatte sie einen schlimmen Krampfzufall, wir bemühten
uns um so mehr, ihr auch etwas hübsches zu schenken, und diesen Tag
heiter zu feiern. -- Hufeland, mit dem ich neulich am dritten Orte über
ihren Zustand sprach, giebt alle Hoffnung, er rechnet besonders auf
den Frühling, auf ihre Reise, und die mit verändertem Aufenthalt und
Verhältnissen verbundne Beruhigung und Aufheiterung. Er bediente sich
noch gegen mich des Ausdrucks, sie müsse sich nothwendig herausreißen.
Wenn Du kommst, und die Aufwallung der Freude sie etwa wohler aussehen
macht, so bittet sie Dich, Dir ja darüber nichts merken zu lassen, weil
Bernhardi die Wichtigkeit ihrer Uebel niemals eingestehen will.

Die Materie von den Niebelungen ist zu weitläuftig, um darüber zu
schreiben, ich verspare alles auf das mündliche. Mit Johannes Müller,
der seit einigen Wochen hier ist und nun auch hier bleibt, da ihn der
König in Dienste genommen, habe ich ein ausführliches Gespräch darüber
gehabt, und verschiedenes, was ich noch nicht wußte, über manche
historische Punkte erfahren.

Wenn Du nicht bald kommst, so schick mir noch vorher das Verzeichniß
der zu unsern nordischen Studien nothwendigen Bücher, ich wollte es dem
Grafen Baudissin gerne noch vor meiner Abreise von hier einhändigen.
Ich werde wohl auf die Messe nach Leipzig gehen, und nachher eine
Zeitlang in Nennhausen zubringen. -- Daß Du das Buch der Liebe wieder
mitbringst, darauf verlasse ich mich, mein Herz hängt daran.

Knorring läßt Dich und Burgsdorff schönstens grüßen, und den letztern
bitten, die Commission wegen der Pferde nicht zu vergessen, da jetzt,
wo ich nicht irre, der bewußte Pferdemarkt ist. Es liegt viel daran, er
wird sich vielen Dank erwerben, wenn er die Sache sich will empfohlen
sein lassen.

Die dramatischen Fantasieen Deiner Schwester werden in diesen Tagen
fertig gedruckt sein, sobald ein gutes Exemplar zu haben ist, sollst Du
es bekommen.

Ich werde das Vergnügen haben, Dir eine kleine Sammlung _dramatischer
Spiele_ von einem jungen Freunde, der sich Pellegrin genannt hat,
als Herausgeber einzuhändigen. Das meinem Bruder bestimmte Exemplar
von den Minneliedern solltest Du hier jemand in Verwahrung geben, um
eine Gelegenheit nach Paris zu benutzen; von Ziebingen aus wird sich
schwerlich eine finden. Friedrich ist übel daran, wenn er die neuen
Sachen so spät erhält.

Ich weiß nicht, was mir den Verdacht zugezogen haben kann, gegen Dich
erkaltet zu sein, als daß ich in Aeußerung meiner Urtheile über Deine
kritischen Arbeiten und Plane zurückhaltender geworden bin, weil Dir
meine offenherzigen Bemerkungen über die Minnelieder misfallen haben,
und Du sie zurückgewiesen hast. Da Du aber meine Meinung über die
metrische Form der Niebelungen wissen willst, so will ich sie gern
sagen. Der längere Vers am Schluß der 4ten Zeile scheint mir durchaus
wesentlich. Mit der Assonanz, das finde ich problematisch. Hier und
da sehe ich Spuren des ehemaligen vollkommnen Reims in der Mitte,
an den meisten Stellen so wenig assonirendes, daß ich mir gar nicht
denken kann, wie der alte Text sollte gewesen sein. Und doch glaube ich
Spuren zu sehen, daß er sehr geschont ist, und nur das nothwendigste
verändert worden. Bedenke auch, daß in den Zeilen des Urtextes die
weiblichen Endsylben noch nicht durch das durchgängige e gleichgemacht
waren, sondern mit a, o, i, u wechselten und also die Beobachtung der
weiblichen Assonanz doppelt künstlich gewesen wäre. Ueberhaupt würde ich
für die wenigst möglichen Veränderungen des Textes stimmen, so daß nur
das undeutlich gewordne und störend Veraltete weggenommen würde. Doch
jeder hat hierbei seine eigne Weise.

Den Codex von St. Gallen wird man zum Collationiren nicht habhaft
werden können, die ganze Bibliothek ist versprengt, und steckt in
einzelnen Kisten und Verschlägen in Tyrol und da herum, wie mir Joh.
Müller gesagt.

Wie kommst Du auf Wolfram von Eschilbach als Bearbeiter des jetzigen
Textes vom Heldenbuch, des gedruckten nämlich? Dieses ist ja viel
später. Wie Du aus Adelungs Nachrichten sehen kannst, sind die
wichtigsten Handschriften vom Heldenbuch in Rom.

Doch ich muß abbrechen. Dein Bruder in Weimar ist wohl und sehr
fleißig. -- Mit dem 2ten B. Span. Theater bin ich leider immer noch in
der Arbeit, das zweite Stück ist immer noch nicht ganz fertig und das
3te nicht angefangen. Seit einigen Tagen ist meine Schwester mit den
ihrigen aus Dresden hier.

Grüße Malchen schönstens, ihr Eifer für das Spanische freut mich sehr,
meine hiesigen Schüler haben, Schierstädt ausgenommen, seit meinen
im vorigen Winter gegebenen Stunden nicht viel darin gethan. Den
~Lazarillo de Tormes~ habe ich leider immer noch nicht habhaft
werden können. Wer weiß, ob er ihr so viel Vergnügen macht, denn ich
bin von diesem Fache des Bettlerischen und Lausigen nämlich, ein ganz
besondrer Liebhaber.

Leb recht wohl.

    Dein

    _A. W. S._


                                XXVII.

    _Genf_, d. 4ten April 1809.

Dein Brief, geliebter Freund, war mir ein sehr werthes Lebens- und
Liebeszeichen, und ich begreife kaum, wie ich ihn so lange habe
unbeantwortet lassen können. Indessen wird es Dir durch Friedrich
und Deine Schwester nicht an Nachrichten von mir gefehlt haben.
Was ich diesen Winter von Deiner Gesundheit gehört habe, bekümmert
mich; der Winter in Jena wo Du zur Aufheiterung der Andern so viel
beytrugest, wiewohl Du selbst so viel littest, ist mir noch lebhaft
im Gedächtnisse. Wie mancherley ist seitdem mit uns und in der Welt
vorgegangen! Wir sollten uns wirklich einmal wieder irgendwo zusammen
finden, um aus dem Herzen darüber zu sprechen.

Solltest Du nach der Schweiz kommen, so wirst Du auf dem Schlosse
meiner Freundin bestens aufgenommen seyn. Sie trägt mir auf, Dich zu
grüßen. Schon seit langer Zeit hat sie lebhaft gewünscht, Dich kennen
zu lernen, wenn es nur irgend eine Sprache giebt, worin ihr euch
verständigen könnt. Sie hat fast alles von Dir gelesen, den Sternbald
liebt sie am meisten.

Ich danke Dir für die ~desengaños~ über unsre ehemaligen Bekannten
in Berlin. Deine Berichte scheinen mir nur allzu glaubhaft, auch von
andern Seiten ist mir dergleichen zu Ohren gekommen. Es kann mir
wohl sehr gleichgültig seyn, was jene in ihrer armseligen und dunkeln
Existenz über mich ausbrüten. Nur bedauert man seine verlohrne Auslage
an redlichen Gesinnungen. Schütz ist nach seinen Tragödien zu urtheilen
ein großer Fratz geworden, die wahnwitzige Eitelkeit richtet solche
Menschen zu Grunde. Ueber Fichte bist Du nun selbst besser aufgeklärt,
sein Betragen in der Sache Deiner Schwester scheint unverantwortlich
zu seyn. Von seinen Schriften will ich nichts sagen, es ist aus mit
ihm. Was ist lächerlicher ja lästerlicher als seine Einbildung, das
Christenthum wieder herstellen zu wollen, und seit dem Evangelisten
Johannes der erste zu seyn, der es versteht? Man ist versucht, ihm
seine Reden an die Deutschen des Muthes wegen anzurechnen; allein es
ist eine solche Mischung von Zaghaftigkeit, Unwissenheit der Geschichte
und Unvernunft darin, daß man sich darüber noch am bittersten betrüben
möchte, daß wir keine besseren Propheten haben. -- Schleiermacher,
der Friedrichen und mir doch manches verdankt, soll sich ebenfalls
feindselig betragen. Der einzige dankbare Schüler, den ich gehabt, ist
Fouqué.

Auf Deine Uebersetzung von ~Love’s labours lost~ bin ich sehr
begierig. Du solltest sie doch ja fertig machen und in demselben
Format wie die meinige drucken lassen. Ich habe die Uebung in
Wortspielen ganz verlohren, und würde sehr verlegen seyn, wie ich dieß
Stück übersetzen sollte. Ueberhaupt geht es mir seltsam mit diesem
gebenedeyten Shakspeare: ich kann ihn weder aufgeben, noch zum Ende
fördern. Indessen hoffe ich diesen Sommer einen großen Ruck zu thun.
Richard III. ist fertig, und Heinrich VIII. angefangen. Es ist leicht
möglich, daß mir Mad. Unger Deine Arbeit am Shakspeare in einem etwas
veränderten Lichte vorgestellt hat, damit es mir ein Antrieb zur Eile
werden möchte. Uebrigens klagte sie vor einiger Zeit über Mangel an
Nachrichten von Dir, und daß sie von manchem, was Du ihr versprochen,
nichts weiter höre. Du hast freylich nicht nur ihr, sondern der Welt
überhaupt vieles versprochen. Was wird aus allen Deinen dichterischen
Planen? Auch über Shakspeare, über die altdeutschen Gedichte wolltest
Du schreiben. Ich gestehe, ich bestellte mir von Dir lieber _etwas_ als
_über etwas_.

Melde mir baldigst, wohin ich Dir den zweyten Band des Spanischen
Theaters und den ersten meiner Vorlesungen, die jetzt eben, auf die
Messe, erscheinen, schicken lassen soll?

Lebe tausendmal wohl, und behalte mich in gutem Andenken. Dein Bruder
wird Dir manches von mir erzählen können.

    Unveränderlich Dein
    treuer Freund

    _A. W. S._


                                XXVIII.

    _Bonn_, d. 30sten März 1828.

Nach so langen Jahren der Entfernung muß ich Dich, theurer Freund, doch
endlich einmal wieder brüderlich begrüßen. Es war mir sehr Ernst, Dich
vorigen Sommer von Berlin aus zu besuchen: ich forderte Deinen Bruder
dazu auf; er konnte sich nicht los machen; und so unterblieb es, da
mich ohnehin Familien-Verhältnisse ganz den entgegengesetzten Weg nach
Hamburg und Hannover hinzogen. Dein Bruder hat herrliche Werke an’s
Licht gefördert, und ist immer der alte getreue. Deine Novellen habe
ich mit unendlichem Ergötzen gelesen -- besonders die Zopfgeschichte --
so etwas ist seit dem Don Quixote gar nicht wieder geschrieben.

Das Dichterleben ist hinreißend, es sollte in’s Englische übersetzt
werden -- ~farebbe furore~! In meinen jetzt gesammelten
kritischen Schriften ist von Dir die Rede, zwar kurz, aber ich hoffe,
Du wirst zufrieden sein. Meine „Berichtigung einiger Mißdeutungen“
wird Dir nun auch wohl schon vorgekommen sein. Ich habe mich schwer
dazu entschlossen, aber das Verhältniß zu Friedrich nöthigte mir
diese Erklärung ab. Ich bin mit seinen neueren schriftstellerischen
Offenbarungen im höchsten Grade unzufrieden. War’s nicht ein Jammer,
daß ein solcher Geist so zu Grunde gegangen ist? Vor allen Dingen
ermahne ich Dich, bitte Dich, beschwöre Dich, Deine _Cevennen_[19]
zu vollenden. Es ist nicht nur ein hinreißendes Werk, sondern auch in
den jetzigen Zeitläufen eine männliche Handlung.

Komm doch einmal an den Rhein, laß Dich von Deinem Bruder mitbringen.
Du solltest herzlich willkommen sein, und würdest mich ganz artig
eingerichtet finden.

Meine Gesundheit hatte sehr gelitten, hat sich aber wieder befestigt.
Fast täglich durchfliege ich die schöne Umgegend auf edlen und muthigen
Rossen. Ich bin heiterer, wie je, die alte Neigung zum Scherze ist auch
immer da.

Lebe tausendmal wohl und behalte mich in freundschaftlichem Andenken.

    Ewig Dein

    _A. W. v. Schlegel_.


                                 XXIX.

    _Bonn_, d. 7ten October 1829.

    _Geliebtester Freund!_

Ich empfehle angelegentlich Deiner wohlwollenden Aufnahme Herrn
Bildhauer Cauer, einen geistreichen und talentvollen Künstler, der sich
einige Jahre bei uns aufgehalten hat. Wir, nämlich Welcker und D’Alton
mit mir, hätten ihn gern als Zeichenlehrer hier behalten; allein wir
haben es nicht durchsetzen können: und so ist es natürlich, daß er
einen Ort verläßt, wo wenig Aufmunterungen und Hülfsmittel für die
Kunst vorhanden sind. Ich bin Hrn. Cauer noch besonders verpflichtet
wegen der Gefälligkeit, womit er einem armen Knaben, den ich zum
Künstler zu erziehen unternommen, sehr schätzbaren Unterricht ertheilt
hat.

Lebe mit den Deinigen recht wohl, und behalte mich in
freundschaftlichem Andenken.

    Ewig der Deinige.

    _A. W. v. Schlegel_.


                                 XXX.

    _Bonn_, den 15ten Januar 1830.

    _Theuerster Freund!_

Hier sende ich Dir einige Späße, welche ich Dich bitte mit aller
möglichen Discretion anonym in eins der gelesensten Tageblätter
zu bringen, deren ja eine Menge in Deiner Nähe erscheint. Hast Du
diese erst fein säuberlich angebracht, dann will ich Dir noch einige
esoterische, bloß zu Deinem Ergötzen mittheilen.

Den Briefwechsel habe ich erst jetzt gelesen: Du kannst denken,
welchen Eindruck er auf mich gemacht hat. Oft habe ich gelacht, oft
großes Erbarmen mit beiden gehabt, besonders aber mit dem kranken Uhu
Schiller. Daß er nicht bloß auf Friedrich, sondern auch auf mich einen
so unversöhnlichen Haß geworfen hatte, war mir doch einigermaßen neu.
Mir ist es recht lieb, er ist nun vogelfrei für mich, da mir bisher
die Rücksicht auf ein ehemaliges Verhältniß immer noch Zwang anthat.
Mit Goethe hatte ich in jener Zeit keine Ursache unzufrieden zu seyn,
er benahm sich ganz loyal gegen mich, auch war er viel zu klug, um
sich, wie Schiller, zu überreden, wir jungen Leute wären gar nicht
da, und würden nie etwas in der Welt bedeuten. Auf Goethe bin ich
eigentlich nur deswegen böse, weil er durch Bekanntmachung solcher
Erbärmlichkeiten sich und seinen Freund so arg prostituirt. Eine der
lustigsten Partien ist die von dem Kunstbavian und die enthusiastische
Bewunderung der beiden großen Männer für ihn. Das arme abgeschabte
Thier wird nun hier auf den Jahrmarkt gebracht, um genärrt zu werden,
nachdem offenkundig geworden, daß es weder zeichnen noch malen, weder
sprechen noch schreiben, weder denken noch imaginiren kann. Ich habe
etwa 20 Briefe von Schiller und 30 von Goethe. Was meynst Du, soll
ich diese nun bei dieser Gelegenheit drucken lassen, und eine kurze
Erzählung meiner persönlichen Verhältnisse mit beiden beifügen?
Wäre es nicht vielleicht auch gut, die Aufsätze von Friedrich,
welche den großen Haß entzündet haben, wieder abdrucken zu lassen?
Ich erinnere mich unter andern, daß seine Anzeige der Xenien ein
Meisterstück von Witz war. Ich habe deßhalb schon Reichardts Journal
„Deutschland“ verschrieben; aber die Frage ist, ob sich noch Exemplare
finden? Vielleicht hast Du es selbst, oder findest es in einer
Familien-Bibliothek? Laß mich doch wissen.

Was meynst Du überhaupt zu einem neuen Abdruck von Friedrichs
jugendlichen Schriften? Was er ausdrücklich verdammt hat z. B. die
Lucinde, einige anstößige und wirklich tolle Fragmente &c. muß freilich
ungedruckt bleiben: aber es sind so viel andre schöne Sachen, um die es
wahrlich Schade wäre. Aus der Sammlung seiner Schriften, wie sie jetzt
ist, wird niemand errathen, daß er unendlich viel gesellschaftlichen
Witz besaß. Ich habe auch eine Unzahl von Briefen, noch habe ich
die Packete nicht geöffnet. Es ließen sich daraus vielleicht sehr
interessante Auszüge machen. Kurz, ich hätte Lust, dem früheren
Friedrich gegen den spätern ein Denkmal zu setzen.

Schreibe mir bald, und empfiehl mich angelegentlich Deiner lieben
Frau, Deinen Töchtern und der edlen und liebenswürdigen Gräfin
von Finkenstein. Entschuldige so gut Du kannst, mein sündhaftes
Nichtschreiben. Es ist ein Laster, wogegen alle guten Vorsätze nichts
helfen. Deine Frau hat mir durch Zusendung Deines Porträts, gezeichnet
von Auguste Buttlar, eine große Freude gemacht. Alle Freunde finden es
meisterlich getroffen. Ich habe an meine Nichte nach Wien geschrieben,
aber seit geraumer Zeit kein Lebenszeichen von ihr empfangen. Ich weiß
nicht einmal ihre Adresse in der großen Hauptstadt. Warum verweilt
sie immer dort, und wendet sich nicht nach Berlin, überhaupt nach dem
Norden von Deutschland? Für Holland und die Niederlande könnte ich ihr
sehr nachdrückliche Empfehlungen an die Königin schaffen und geben.

Ich halte jetzt wieder meine Wintervorlesungen für die Damen, die
stärker besucht sind als je. Da würdest Du die schönsten Frauen und
Mädchen von Bonn beisammen sehen.

Vor einiger Zeit, da ich in einer schlaflosen Nacht Deinen Fortunat
las, habe ich, wie ich fürchte, durch mein Lachen alle Nachbarn
aufgeweckt. Unser berühmter Arzt, v. Walther, bewundert besonders die
Consultation der Aerzte. Bloß wegen der Hörner-Scenen muß ich Dich für
einen Wohlthäter der Menschheit erklären.

Ich hecke immer allerlei Späße aus, die in meinem Portefeuille bleiben.
Gedruckt sind nur ein paar kritische Vorreden in lateinischer Sprache.
Im vorigen Jahre sind zwei starke Bände Indischer Text erschienen, bald
ist wieder einer fertig. Du würdest diese Dinge wohl bewundern, wenn
sie Dir in einer verständlichen Sprache zugebracht würden, welches
denn auch geschehen soll. So eben habe ich Briefe aus Indien. Ich
bin zum Mitgliede der literarischen Gesellschaft in Bombay ernannt.
Zugleich kündigt mir der Gouverneur, General Malcolm eine Sendung von
Manuscripten und andern Asiatischen Antiquitäten an, die auch bereits
in London angekommen ist.

Nun lebe recht wohl, grüße Alle, schreibe mir bald und behalte mich
lieb. Wenn Du wieder nach Bonn kommst, soll besser für Logis gesorgt
seyn, denn ich habe das obere Stockwerk einrichten lassen. Die edlen
Rosse stolzieren noch immer vor meinem Wagen.

Mit tausend herzlichen Wünschen

    Ganz der Deinige

    _A. W. v. Schl._


XXXI.

    _Bonn_, d. 27. Mai 36.

    _Geliebtester Freund und Bruder!_

Gestern brachte mir Herr Löbell zu meiner großen Freude Deinen Brief.
Wir gingen sogleich auf meine Bibliothek, um den fraglichen Theil
der Schauspiele des Lope de Vega zu suchen; aber, o Jammer! es fand
sich, daß es derselbe sei, den du schon doppelt hast. ~Barcelona
1630. 4 Parte veynte. La discreta vengança. Locierto per lo dudoso.
Pobreza no es vileza. Aranco domado etc. etc.~ Aus Verdruß, Dir
nichts angenehmes schicken zu können, möchte ich Dir nun dieses dritte
Exemplar zu Deinen zweien persönlich an den Kopf werfen, wozu Du mir
hoffentlich Gelegenheit schaffen wirst.

Mit den Blumensträußen ist es leider eben so. Ich habe nur ein einziges
Exemplar auf Velin, nicht einmal ein gewöhnliches, zum Behuf des
Setzers, bei einem etwanigen neuen Druck. Ich begreife es aber nicht
recht. Reimer lamentirte ja immer so, es habe wenig Absatz gefunden.
Hat er etwa alles zu Maculatur gemacht? Unser gemeinschaftlicher
Musenalmanach ist eine große Seltenheit geworden: mein wieder
ergattertes Exemplar halt ich unter Schloß und Riegel. Das Athenäum ist
vergriffen, die Charakteristiken und Kritiken vergriffen, mein Calderon
vergriffen. Auch meine französische Schrift über die Phädra des Racine
ist, wie mich ein von Paris kommender Italiener versichert, dort nicht
aufzutreiben.

Wenn du die Kur in Baden gebrauchst, so führe doch ja Deinen Vorsatz
aus, hierher zu kommen. Durch die erweiterte Dampfschifffahrt ist ja
alles näher gerückt, man kommt den Rhein mit Blitzesschnelle hinunter.
Von Mainz ist man zeitig den Nachmittag hier. Komm nur ja. Ich kann der
Gräfin Finkenstein, Dir und Deiner Tochter recht hübsch eingerichtete
Zimmer einräumen, da ich jetzt ganz allein mein Haus bewohne. Aber nur
drei Tage, mein Freund, das wäre in der That nicht vernünftig. Richte
Dich gleich wenigstens auf acht Tage ein. Den Rückweg kannst Du dann
auf dem Rhein bis Mainz und über Frankfurt nehmen, oder auch nur bis
Coblenz und dann quer über nach Cassel. Es ist wahrlich kein großer
Umweg. Melde mir nur recht bald, ob Deine Reise nach Baden stattfindet,
und von dort aus, wann ich Euren Besuch zu erwarten habe. Zu allem, was
das Haus vermag, sollt Ihr bestens willkommen sein.

Ich bin sehr erfreut, daß die Nachrichten von Deiner Gesundheit
einigermaßen günstig lauten. Oft habe ich Deine Geduld, Deine gute
Laune und heitre Thätigkeit bei so vielen körperlichen Beschwerden
bewundert. Wenn es nur mit Deiner lieben Frau besser stände! Grüße sie
herzlich von mir, so wie Deine Töchter und die edle Gräfin. Löbell
will dieses einschließen: um seine Antwort nicht zu verzögern,
verspare ich alles übrige auf einen zweiten Brief. Mit unveränderlicher
Liebe

    Dein

    _A. W. Schlegel_.


XXXII.

    _Bonn_, d. 2. Jun. 36.

    _Geliebtester Freund!_

Ich gab an Löbell eine kleine Einlage, um meine Antwort ja nicht
zu verzögern. Jetzt versichre ich Dich von neuem, daß mir dein
Besuch unendlich willkommen sein, und daß Dein und Deiner beiden
Reisegefährtinnen Empfang mir nicht die mindeste Unbequemlichkeit
verursachen wird.

Löbell hat die artig eingerichteten Zimmer im obern Stock gesehn.
Deine Schlafzimmer kennst Du; der Keller ist ziemlich gut besetzt, die
Kalesche ist auch noch da. ~Es casa vuestra, Sennor.~

Du sagst, ich halte mich tapfer. Ich bestrebe mich freilich. Diesen
Frühling reite ich sogar wieder. Abends bei hellem Kerzenlicht, sauber
geputzt und mit meinen Orden=~pompons~ angethan, in der neuesten,
noch nicht fuchsig gewordenen Perücke bringe ich noch eine leidliche
Decoration heraus. Schöne Damen sagen mir, ich müsse wohl ein Geheimniß
besitzen, um mich immerfort zu verjüngen. Aber die Pflege des Leibes
nimmt Zeit weg. Dazu bedarf ich viel Schlaf und zu ungelegenen Stunden.
Dies artet zuweilen in das Murmelthierische aus. Sei aber nur nicht
bange vor meiner Schlafmützigkeit. Wenn ich wach bin, so bin ich es
recht, besonders wenn eine geistige Anregung hinzukommt, und an guten
Späßen soll es nicht fehlen.

Du hast Recht: ich hätte längst Dich in Dresden besuchen sollen,
wiewohl sich an diesen Ort traurige Erinnerungen für mich geknüpft
haben. Ich war auch oft darauf bedacht, aber zur Ausführung aller
Reiseplane gehört Zeit und Geld. Die eben erwähnte körperliche
Verfassung ist Ursache, daß ich mit meinen gelehrten Arbeiten gar nicht
so vorrücke, wie ich wollte und sollte, was mich zuweilen recht muthlos
macht.

Was das zweite betrifft, so habe ich leider die Kunst verlernt,
wohlfeil zu reisen. Ich brauche einen Bedienten, einen eignen Wagen,
Postpferde und gute Gasthöfe. In Paris bin ich durch die Gastfreiheit
meiner Freunde geborgen; doch giebt es in einer Hauptstadt immer noch
manche Ausgaben.

Mein Londoner Triumphzug, ein Aufenthalt von nur sechs Wochen, hat
entsetzlich viel gekostet. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß mir der
Göthesche Aufwasch und Auskehricht eben so zuwider ist, wie Dir. Ich
lese das Zeug nicht. Der Alte muß nun durch dieses Fegefeuer gehen. Die
Zeit wird die Schlacken wegläutern. Es muß zu einer Auswahl kommen:
Werke des lebendigen Goethe.

Hier hast Du ein Wortspiel auf den Zelterschen Briefwechsel. -- Dein
Tischlermeister, den ich mit vielem Ergötzen gelesen, hat mich an ein
~ineditum~ erinnert, das ich seit undenklichen Zeiten, und zwar
aus authentischer Quelle, dem autographen Original, besitze. Du kannst
damit nach Belieben schalten. Melde mir doch die Adresse meiner Nichte
Auguste Buttlar. Ich habe allzulange versäumt ihr zu schreiben. Wenn
Du sie siehst, so grüße sie und entschuldige mich. -- Gieb mir auch
Nachricht von Deinem Neffen und Knorring. Von Deinem Bruder hatte ich
letzthin einen Brief, der aber darüber nichts enthält. Nun merke wohl:
bis Anfang September triffst Du mich sicher hier. Lebe unterdessen
recht wohl, geliebter Freund. Herzliche Grüße an die Deinigen.

    Dein treuer

    _A. W. Schlegel_.


XXXIII.

    _Bonn_, den 12ten Aug. 36.

    _Geliebtester Freund!_

Höchst bestürzt über den Zeitungs-Artikel von Deinem Unfalle, lief ich
sogleich zu Löbell, in der vergeblichen Hoffnung, etwas beruhigendes zu
erfahren. Erst gestern konnte er mir Deinen Brief mittheilen, der mich
mit dem herzlichsten Bedauern erfüllt hat. Ich schreibe sogleich. Du
mußt Dich nun nach beendigter Kur ausruhen und stärken, und das kann
am beßten in meinem Hause geschehen, wo Du auf alle Weise gehegt und
gepflegt werden sollst. Der Umweg hierher führt keine Ermüdung herbei,
da Du ihn ganz zu Wasser machen kannst. Nämlich so: in Leopoldshafen
schiffst Du Dich sammt Deinem Wagen ein; so hinunter bis Mainz. Da
giebst Du Deinen Wagen einem Gastwirthe in Verwahrung, und fliegst
mit dem Dampfschiffe in Einem Tage bis hierher hinunter. Hinauf geht
es von hier in zwei Tagen. Von Mainz an nimmst Du dann den Wagen über
Frankfurt, Gotha, Leipzig, Dresden.

Wenn Du keinen andern Grund hast, so nach Hause zu eilen, als die
Besorgniß vor der schlimmen Jahreszeit und den verdorbenen Wegen,
so ist beides noch weit entfernt, und läßt Dir alle Muße, bei mir
zu verweilen. Die Folgen des Unfalls haben unerwartete Ausgaben
verursacht; wie viel? Ein funfzig Thaler etwa? Ei nun, zur Ausfüllung
der Lücke läßt sich ja wohl Rath schaffen. Ich pumpe Dir, und wenn
ich es nicht in der Casse hätte, so pumpt mir der Banquier. Wie
gesagt, überlege es wohl. Du wirst mich sehr erfreuen, wenn Du Dich
zu einem ruhigen Aufenthalte von wenigstens acht Tagen entschließest.
Mein Haus kennst Du, meine Küche kennst Du, meinen Keller kennst Du
(nur nicht den himmlischen 34er Asmannshäuser; Champagner und alter
Rheinwein ist auch da), meine bequeme Calesche kennst Du; unsre
gemeinschaftlichen Zimmer kennst Du (diesmal will ich Dir aber das
breiteste Bett einräumen); die neu aufgeputzten Damenzimmer im oberen
Stock kennst Du noch nicht; das Badezimmer im Hintergebäude kennst Du
in der neuen hübschen und sehr bequemen Einrichtung auch noch nicht.
Freilich müßtest Du Dich mit natürlichen Bädern oder künstlichen
Mineralbädern begnügen. Meine Späße kennst Du, meine gute Laune kennst
Du, meine Schwatzhaftigkeit kennst Du, meine Passion für Dich kennst Du
vielleicht nicht ganz.

Ich bleibe unverrückt hier, und werde um die Zeit, wo Du eintreffen
kannst, meine ganze Zeit frei haben. Im Falle Deiner Weigerung würde
ich mich nicht lange besinnen und Dich in Baden aufsuchen, aber vor dem
Anfange der Ferien, besonders gegen Ende des Semesters müßte ich erst
um Urlaub nachsuchen.

Nun laß mich bald etwas erfreuliches von Deiner Gesundheit und
Deiner Ankunft vernehmen. Der gnädigen Gräfin meine ehrerbietigsten
Empfehlungen. Lebe tausendmal wohl, geliebter Freund.

    Dein

    _A. W. Schlegel_.


XXXIV.

    _Bonn_, d. 11ten Jul. 37.

    _Geliebter Freund und Bruder!_

Diese Zeilen überbringt Dir ein junger Geistlicher aus Genf, Herr
Vernet, Enkel des berühmten Physikers Pictet, und Bruder der Baronin
von Staël, der Wittwe meines verewigten Freundes. Aber seine
Persönlichkeit empfielt ihn genugsam, auch ohne die Erwähnung einer so
ausgezeichneten Verwandtschaft.

Er macht eine gelehrte und litterarische Reise durch Deutschland, und
würde glauben, es nur unvollständig gesehen zu haben, wenn er nicht
Dresden besucht und Deine Rede vernommen hätte. Gewähre ihm eine
freundliche Aufnahme, ich werde es als einen Beweis Deiner Freundschaft
betrachten. Er legt sich mit Eifer auf die deutsche Sprache durch Lesen
und Hören. Ich habe mich, wie natürlich, immer auf Französisch mit
ihm unterhalten; aber ich zweifle nicht, er wird im Stande sein, ein
deutsches Gespräch zu führen, und Du wirst ihm Gelegenheit geben, die
Anmuth zu bewundern, welche unsre Sprache in Deinem Munde hat. Durch
ihn hoffe ich erwünschte Nachricht von Deinem Befinden zu erhalten.

Lebe recht wohl, geliebter Freund! Mit unveränderlicher Treue und Liebe

    Dein alter

    _A. W. v. Schlegel_.


XXXV.

    _Bonn_, d. 3ten Sept. 37.

    _Geliebtester Freund!_

Vor einigen Tagen habe ich Dir durch Prof. Löbell die Briefe von
Schiller und Goethe, nach der Zeit geordnet, in einer genauen und
leserlichen Abschrift zugeschickt. Verfahre nun damit nach eignem
Gutdünken. Wenn sie Dir nicht anziehend genug scheinen, so mögen sie
immerhin ungedruckt bleiben. Aber getrennt oder zerstückelt dürfen sie
nicht werden, weil sie sich gegenseitig erklären. Anmerkungen habe ich
beigefügt, zum Theil für den Druck, zum Theil zu Deiner Notiz. Die
Briefe von Schiller werden ziemlich vollständig seyn, von Goethe’s
Briefen sind mir einige auf Reisen verloren gegangen.

Du möchtest wohl meine Beiträge in den ersten anderthalb Jahrgängen der
Horen nachsehen, und die Auszüge aus dem Dante loben. Freilich würde
ich es jetzt anders angreifen, und habe es theilweise schon anders
angegriffen. (~Revue des deux mondes, Tome VII. Quatrième série. 15.
Août 1836.~) Aber damals war es in der That eine neue Offenbarung.
Kein Mensch wußte ja in Deutschland vom Dante, noch wollte davon
wissen. Auch hat es mächtig nachgewirkt, wie alles was ich in ähnlicher
Art gethan.

Aus dem Aufsatze: _Etwas über W. Shakespeare_ &c. erhellet
aufs klarste, daß damals noch niemand in Deutschland, auch Goethe
und Schiller nicht, an einen versificirten Shakspeare dachte. Meine
Uebersetzung hat das Deutsche Theater umgestaltet. Vergleiche nur
Schillers Jamben im Wallenstein mit denen im Don Karlos, um zu sehen,
wie sehr er in meine Schule gegangen.

In dem Aufsatze über Sprache und Sylbenmaaß war ich noch von der
Einbildung angesteckt, man könne aus den Sitten halbwilder Völker
die Anlagen der menschlichen Natur erforschen. Deswegen habe ich den
Aufsatz nicht in meine Kritischen Schriften aufgenommen, wiewohl er
sonst manches gute enthält.

Neuerdings ist doch hier und da einiges von mir im Druck erschienen,
zum Theil in Französischer Sprache, was Dir wohl nicht zu Gesichte
gekommen ist. Am meisten würde Dich das über die Ritterromane
interessiren:

    Schluß fehlt.


XXXVI.

    _Bonn_, den 11. Jul. 1838.

    _Theuerster Freund!_

Diese Zeilen überbringt Dir Herr Dubois, General-Inspector der
Universität von Paris und Mitglied der Deputirten-Kammer. Er ist mir
angelegentlich vom Herzoge von Broglie empfohlen worden, und ich
empfehle ihn eben so angelegentlich Deiner wohlwollenden Aufnahme.
Mache ihn mit der dortigen Kunstwelt bekannt, besonders auch mit
Deinen eignen Werken. Auf die Frontons am Theater machte ich ihn schon
aufmerksam, als auf das Beßte, was die neuere Zeit in diesem Fache
hervorgebracht. Lebe recht wohl, und gieb mir bald gute Nachrichten von
Dir.

    Dein treuer Freund und Bruder

    _A. W. v. Schlegel_.


XXXVII.

    _Bonn_, d. 9ten März 39.

    _Theuerster Freund!_

Meine liebenswürdige und geistreiche Freundin, Frau Naumann, will die
Güte haben, die beiliegenden Blätter an Dich zu besorgen. Ich bin
mit Amtsgeschäften überhäuft und war seit mehreren Tagen unwohl; es
fiel mir daher unmöglich, die Sendung mit einem Briefe zu begleiten.
Doch bedarf es dessen wohl nicht. Ob ich jemals wieder über meinen
Shakspeare sprechen würde, schien sehr zweifelhaft, weil mir die
Sache unsäglich zuwider geworden war; daß ich aber, wenn ich spräche,
meine Meinung frei heraus und ohne Rücksicht sagen würde, das war
vorauszusehen. Lebe recht wohl.

    Dein treuer Freund

    _A. W. v. Schlegel_.


XXXVIII.

    _Berlin_, Hôtel de Russie, d. 7ten Aug. 41.

    _Theuerster Freund!_

Gestern Abend fand ich die Einladung in einem Billet des kauderwelschen
Skandinaviers Steffens vor, habe sie aber huldreich abgelehnt.

Um jeder Irrung bei dem mir versprochenen Besuche vorzubeugen, melde
ich Dir nun schriftlich, daß das ~Hôtel de Russie~, wo ich
in dem Zimmer Nr. 9 wohne, bei der Schloßbrücke liegt, nur wenige
Schritte rechts, wenn man vom Brandenburger Thor hereinkommt. Ich
werde bis 3 Uhr zu Hause bleiben. Du kannst bei mir ein zweites
Frühstück einnehmen. Solltest Du, was ich kaum glaube, die Nacht in
Berlin bleiben, so könntest Du auch Zimmer im Hause finden. Jagor, der
Sudelkoch, wohnt nicht weit von mir. Hr. von Olfers ebenfalls, und wenn
Du zu ihm fährst, um im Triumph eingeführt zu werden, so werde ich Dir
einen guten Stadtwagen besorgen. Es dauert gewiß bis 8 Uhr Abends:

    Das war ein Toben, war ein Wüthen;
    Ein jeder schien ein andres Thier.

Gewissermaßen ist es vorsichtig von mir gehandelt, daß ich mich nicht
einstelle, denn ich hätte mich nicht enthalten können, Dich als den
Preußischen National-Gott Potrimpos oder Pikallos, nach Deiner eignen
Wahl, auszurufen.

Grüße Deine edle Freundin und liebenswürdige Tochter, und sage Ihnen,
wenn ich ein Landgut bei Potsdam hätte, würde ich Ihnen die Speisen aus
meiner Hofküche senden. Nächstens kommt ein Küchenzettel.

    Dein in Dich vernarrter und überhaupt
    närrischer Freund und Bruder

    _Wilhelm Martell_.



=Schlegel, Friedrich.=


    Geb. am 10. März 1772 zu Hannover, gestorben am 12. Januar 1829 zu
    Dresden.

    Lucinde, Roman (1799.) -- Alarkos, Trauerspiel (1802.) --
    Florentin. -- Gedichte (1809.) -- Ueber die Sprache und Weisheit der
    Inder (1808.) -- Geschichte der alten und neuen Litteratur, 2 Bde.
    (1815.) -- U. a. m. -- Sämmtl. Werke, 12 Bde. (1822 und später).

    Wie zwei Brüder nach gemeinsam begonnenem, weltstürmendem
    Auftreten in Wissenschaft und Poesie, Beide in die Mysterien
    altindischer Weisheit sich vertiefend, und darin wandelnd, an
    ganz entgegengesetzten Ausgängen anlangend, einander fremd
    werden konnten -- ja mußten, das wird aus diesen, an einen
    gemeinschaftlichen Vertrauten ihrer schönen Jugend gerichteten
    Briefe recht klar. Der ältere August Wilhelm, den Friedrich einen
    „Pedanten“ schilt, klagt über Friedrichs Verirrung, wie er es
    nennt, in religiösen und philosophischen Dingen, und daß der Bruder
    ihm völlig unverständlich geworden sei.

    Tieck stand zwischen ihnen. In der durch den Lauf der Jahre oftmals
    entschlummerten, niemals erstorbenen Anhänglichkeit für diesen
    Zeugen erster schäumender Jugendkraft, finden sie sich denn wohl
    wieder, gleichsam auf neutralem Boden. Der Jüngere schied zuerst. --

    Wir lassen seinen Briefen zwei Zuschriften der ihn überlebenden
    Gattin folgen; die zweite, so mild-versöhnliche, als schönstes
    Denkmal für den Verstorbenen, und für die ihn Ueberlebende!


                                  I.

    (Ohne Datum.)

Ich sehe mit Ungeduld den _Briefen über Shak._ entgegen. Wenn es
mir möglich ist, so frage ich heute noch selbst danach bey Ihnen vor.
-- Haben Sie Reichardt schon gesehen, der hier ist? -- Ich habe ihm
schon gesagt, daß Sie uns einen Beytrag versprochen haben, welches ihm
natürlich sehr angenehm war. Wenn Sie ihn indessen sehn sollten: so
wäre es recht gut, wenn Sie ihm als Herausgeber des Lyc. noch ein paar
Worte darüber sagten.

Wenn Sie doch Ihren Beytrag _selbst_ bringen könnten! Des Morgens
bin ich immer zu Haus. Den weiten Weg zu Ihnen scheue ich gar nicht.
Aber bey mir bleibt man viel sichrer _allein_, und so sehe ich Sie
doch wenigstens jetzt am liebsten, ungeachtet ich auch Ihren häuslichen
Cirkel, in dem ich Sie mich immer vorläufig einzuschreiben bitte,
wenn ich auch jetzt nicht so oft da seyn kann, als ich wünschte, sehr
liebenswürdig finde. Mein Interesse an Ihnen oder an der Poesie ist zu
ernst. So etwas zerstreut sich gleich, wenn mehrere da sind. Ich bin in
solchen Angelegenheiten sehr für die Zweysprach.

Ich lese jetzt Ihren Lovell zum zweytenmahl. -- Mein Bruder läßt Sie
herzlich grüßen, und hat große Freude an Ihren Werken und an den
Nachrichten, die ich ihm von Ihnen habe geben können.

Empfehlen Sie mich Ihrer Schwester.

    Ihr

    _Fr. Schlegel_.

Das unterhaltende Büchelchen erfolgt mit vielem Danke zurück.

Wollen Sie wohl die Güte haben mir _Richters Dornenstücke_ zu
leihen, und mir _Wackenroders Logis_ aufzuschreiben?


                                  II.

    _Dresden_, den 27. Jul. 98.

Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben, liebster Freund, bis ich Ihnen
einigen Bericht über eine spanische Lectüre hier geben könnte. Bis
jetzt ist aber noch nichts geschehn, weil ich dumm genug gewesen bin,
mich in die Dummheit der Engländer recht sehr vertiefen zu lassen. Ich
habe die Arbeiten des Malone &c. über die Aechtheit und Chronologie
der Sh.schen Dramen durchgearbeitet, und wenigstens gelernt, wie
wenig daraus zu lernen ist. Desto mehr finde ich in Sh.’s erotischen
Gedichten (die ich in der Andersonschen Sammlung Engl. Dichter
recht nett gedruckt beysammen fand) und in den sogenannten unächten
Schauspielen zu lernen. Durch beyde ist mir ein ganz neues Licht über
Sh. aufgegangen; und beyde haben mich auch beyläufig[20] entzückt. Die
ersten mehr auf eine subjektive Weise; d. h. ich bin dadurch gleichsam
verliebt in Sh. geworden, und ich weiß mir fast nichts, was ich so
ganz nach meinem innersten Gemüth _liebenswürdig_ finde als
Adonis und die Sonnette. Das Interesse an den Dramen ist objektiver,
sie mögen nun von S. seyn oder nicht. Ich habe eine große Vorliebe
für den Aeschylus jeder Art, sollte sie auch noch so Gothisch und
Barbarisch seyn. In dieser Hinsicht hat Locrin sehr großen Reiz für
mich, wegen des _Kothurns_, und die grelle Lustigkeit dazwischen
ist sehr grandios. -- Ich halte es indessen für im höchsten Grade
wahrscheinlich, daß sie alle von Sh. sind, die meisten noch älter
als die erotischen Gedichte. -- Ich habe denn doch die Engl. Bestien
excerpirt, da ich sie einmal gelesen hatte, und wenn Sie die Reedsche
Ausgabe von 93 und Malone’s Essais über die Chron. noch nicht gelesen
oder gehabt haben, kann ich Ihnen einige interessante Fakta mittheilen,
wenn ich zurückkomme.

Wenn Sie nur vorher mit Ihrem Aufsatze über den Cervantes fertig
würden! Sie glauben nicht, wie sehr ich es wünsche, Sie auch einmal
über die Poesie poetisiren zu hören, und im Athenäum nicht bloß über
Sie, sondern auch Sie selbst zu lesen. Ich setze Ihnen das Ende des
August als letzten Termin. Sind Sie dann nicht fertig, so schreibe ich
Ihnen _druckend_ einen Brief über die spanischen Angelegenheiten,
an die ich nun unverzüglich gehn will. Glauben Sie aber, daß Ihrem
Geiste jede kritische Geburth nur durch die Zange entrissen werden
kann, so geben Sie mir nur einen Wink, und Sie sollen unverzüglich eine
~epistola critica de novellis hisp.~ von mir erhalten und wir
können dann nach Belieben mit der Correspondenz fortfahren. --

Geben Sie nur bald Nachricht von sich und empfehlen Sie mich den
Ihrigen. Ihre Schwester Alberti sah ich zweymal; zuerst vor Empfang des
Briefs, wo sie, jedoch in aller Zärtlichkeit etwas ungeduldig war; dann
nachher als die Sonne wieder schien.

Ich umarme Sie herzlich. Ganz der

    Ihrige

    _Friedrich Schlegel_.

Das muß ich Ihnen doch noch sagen, daß Sie von wegen der Volksmährchen
zwey Freunde haben, die Sie nicht kennen: _Novalis_ und der
Philosoph und Physiker _Schelling_, von dem ich Ihnen sagte.

Das Stück von Lope auf das Sujet von Romeo hat _nicht_
diesen Titel. Welchen es hat, sagen die Canaillen nicht. -- Die
_Puritanerin_ wollte mir im Anfang weniger zusagen, sie ist etwas
schwer. Nun gefällt sie mir ganz vorzüglich. --


III.

    _Jena_, den 22ten Aug. 1800.

Es kommt sehr erwünscht, daß ich grade zu gelegener Zeit Deine Adresse
erhalte, da ich eben einen Brief von Deinem Bruder für Dich habe, der
an Wilhelm eingeschlossen war.

Dein Brief und Deine Sammlung hat mir große Freude gemacht. Die Sonette
habe ich sogleich einigemal gelesen; sie gefallen mir sehr, auch bin
ich zufrieden damit, daß das an mich sich durch die Dunkelheit und
Sonderbarkeit so auszeichnet, in welcher Rücksicht mir nur noch das auf
Sophie einen ähnlichen Eindruck gemacht hat.

Die Correctur werde ich gut und treulich besorgen; so auch das Exemplar
an Hardenberg, der jetzt nicht in Berlin sein wird.

Ich habe noch manche Gedichte gemacht, aber fertig ist der 2te Theil
noch nicht. Uebrigens habe ich mich nun auch zum Doctor machen lassen
und lese den Winter Idealismus, wozu sich schon 60 gemeldet haben.
Vielleicht kommt Schelling und was ihm anhängt, auch zurück, und so
würde es Idealismus und Realismus genug geben, welches uns doch weiter
nicht sehr kümmert, außer daß ich wünsche, Wilhelm wäre endlich ganz
rein von diesen Händeln.

Du siehst ihn gewiß den Winter in Berlin; jetzt aber wird er noch
einige Zeit wegbleiben.

Auch der junge Angebranntene ist da gewesen, um sich als Abgebrannten
darzustellen. Er fiel mit einem unendlichen und unleidlichen Zutrauen
über uns her, wurde aber dadurch der Veit und bald auch mir so fatal,
daß ich ihn anfing mit einer gelinden Dosis Wahrheit zu behandeln,
worauf er sich schleunig entfernte.

Daß ihm Deine Züchtigung richtig zu Händen gekommen, habe ich alle
Sorge getragen, weil ich gerne aus der ersten Hand zusehen wollte, wie
er es nähme. Er hat es so genommen, daß ich hätte wünschen können,
die Medicin wäre noch kräftiger gewesen: über die Sache selbst zwar
hat er sich mit der gemeinen Lebensart geäußert, kurz darauf aber war
seine Meinung von Dir sehr geändert, er findet nun vieles an Dir
auszusetzen, und unter anderm auch, daß der Zerbino langweilig sei.

Ritter ist fast der einzige, mit dem wir umgehn. Wir sehn ihn jetzt
fast täglich, er hat sich für den Umgang seit Kurzem zum Erstaunen
entwickelt, und sein Umgang macht mir so viel Freude, als der Umgang
mit einem Sterblichen nur immer kann.

Lebe wohl und dichte fleißig. Grüße Deine Frau und Tochter. -- Den
Winter komme ich nicht nach Berlin, aber Ostern sehn wir uns ja wohl
auf irgend eine Weise.

    _Friedrich S._

Noch eins, und zwar etwas wichtiges. _Ideler_ läßt den D. Q. von
mir wieder fordern. Ich habe geglaubt, Du hättest ihm denselben etwa in
Berlin wieder gegeben, oder doch ein Wort mit ihm deswegen gesprochen.
Ich bitte Dich daher, wenn Du den D. Q. an Ideler gegeben, sogleich
eine Zeile desfalls zu schreiben.

Die Oper muß fertig gedruckt sein, doch habe ich den Titel noch nicht
zur Correctur gehabt. Ganz rein von Fehlern mag sie wohl nicht sein.
Bei dem Journal will ich mir aber alle Mühe geben. Wenn du Jacobi
siehst, so sage ihm in Gedanken von mir: -- Der mag mich -- --!


IV.

    _Jena_, den 5ten Novemb. 1801.

    _Geliebter Freund!_

Du mußt mir verzeihn, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe. Ich
war sehr beschäftigt und oft auch gestört durch die Kränklichkeit der
Veit, die mich oft sehr unmuthig gemacht hat. Dennoch freue ich mich
sehr in der Hoffnung, Dich bald zu sehn. Wir haben viel mit einander
zu sprechen, und wollen dann recht viel zusammen sein.

Heute nur das Nöthigste von Geschäften. Die Geschichte der Gothischen
Könige kann (Lücke) nicht finden, wie er Dir wohl wird geschrieben
haben. Die Charakteristiken hast Du nun. Sowohl den ~Aeschylus~
als die ~guerres civiles~ kannst Du leicht in Dresden haben, daher
halte ich’s für besser, sie lieber selbst mitzubringen.

In diesen Tagen war Karl Hardenberg bei mir auf der Durchreise nach
Meiningen, wo er etwa 4 Wochen bleiben wird. Er war nur eine Stunde
bei mir, indessen habe ich doch gleich die Zeit benutzt, um über die
Herausgabe von Novalis Schriften das Nöthige mit ihm zu reden. Er war
alles sehr zufrieden, wie Du es eingerichtet hast, und wie ich es ihm
vorschlug. Die Biographie, die er zu machen Lust hat, soll für sich
bestehn, und also darfst Du darauf nicht warten. Ich wünschte nun
herzlich, daß Du den Druck gleich anfangen ließest, da eben keine große
Vorrede nöthig ist, und diese immer noch nachher gedruckt werden kann:
denn es ist doch am besten, wir machen sie, wenn wir zusammen sind,
gemeinschaftlich.

Ich dächte nun, Du nähmest in den ersten Theil, was fertig ist vom
Ofterdingen, auch das Fragment zum 2ten Theil, ferner einen Bericht von
dem, was er Dir mündlich über die Fortsetzung gesagt, und wenn so viel
Raum ist, etwa noch den Lehrling zu Sais.

Den zweiten Theil können dann die _Hymnen an die Nacht_, die
_geistlichen Lieder_, und die Fragmente, die ich aus seinen
Papieren wählen werde ausfüllen. Zu diesen denke ich das Beste
und Wichtigste aus den _Blühenstaub, Glauben und Liebe_ und
_Europa_ zu nehmen. Da alle diese drei Aufsätze in ihrer Ganzheit
und individuellen Beziehung nur irre leiten würden über den Charakter
des Schriftstellers; da die Hymnen über die Nacht hingegen am
schönsten und leichtesten im Ganzen erklären, so halte ich auch ihren
unveränderten Abdruck für nothwendig.

Karl geht sehr ein in diese Idee, auch hat Novalis selbst noch in
der letzten Zeit immer einen ganz besondern Werth in die Vollendung
dieser Arbeit gelegt. Der Papiere sind so viele, daß Karl sie mir nicht
schicken kann; ich werde also diesen Winter auf 8-14 Tage hingehen, um
an Ort und Stelle zu sehen, wie viel und auf welche Weise sich daraus
nehmen läßt. Was Du mir in Rücksicht der Bedingungen von Unger &c.
schreibst, ist gut. 25 Exemplare müßten wir dem Bruder wohl wenigstens
geben.

Hast Du nicht ausdrücklich so viele bei U. bedungen, so müßten die
übrigen von uns nachgekauft werden. Ueber die Anerbietung, die Du mir
in dieser Rücksicht machst, bin ich etwas erstaunt, besonders über die
Veranlassung derselben.

Ich habe Wilhelm gelegentlich zu verstehn gegeben, wie weit entfernt
Du in dieser Angelegenheit von aller eigennützigen Absicht seist. Er
behauptet aber, nie ein Mißtrauen der Art und gegen Dich gehabt noch
geäußert zu haben. Freilich weiß er immer nicht recht, was er sagt,
oder schreibt, wenn er einmal in Hitze ist. Was die Sache selbst
betrifft, so kann ich Dein Anerbieten keineswegs unbedingt annehmen,
sondern höchstens nur in Rücksicht der Zeit und Reisen, die es mir wohl
diesen Winter kosten wird, eingehen, daß wir zu gleichen Theilen gehn;
worüber Du denn Ungern Deine Disposition geben magst. Ob er mir es
giebt oder abrechnet, ist mir im Grunde ziemlich eins, und mag von ihm
selber abhängen.

Vielleicht geh ich in diesen Tagen auf ein paar Wochen nach Berlin
und dann könnte ich die Correctur selbst besorgen; sonst dächte ich,
übertrügst Du sie Wilhelmen, weil er sie doch gewiß sehr genau besorgen
wird.

Ich freue mich, daß gerade wir das Unternehmen gemeinschaftlich
besorgen und sehe es als einen guten Anfang an für künftige Projecte.
Es freut mich von Herzen, daß Du Lust hast, etwas in Gemeinschaft mit
mir zu unternehmen; alles nähere darüber mündlich; ich habe alles schon
ausgedacht.

Wilhelm ist in diesen Tagen wieder nach Berlin gegangen. Ich habe ihn
ziemlich oft gesehn, einigemal recht interessant mit ihm gesprochen,
doch nimmt seine Pedanterie sehr zu, und er wird immer breiter und
härter. Wir berührten die Familienverhältnisse nicht, aber er hat wohl
dafür gesorgt, daß ich sie ein paarmal empfunden habe. Unter anderm hat
W. mich einmal auf eine solche Weise beleidigt, die es mir unmöglich
macht, ferner an dem Almanach Antheil zu nehmen, so leid es mir der
Sache selbst und auch Deinetwegen ist.

Du erinnerst Dich vielleicht, daß ich vorigen Winter ein Gedicht, der
_welke Kranz_ gemacht habe, und wer mich und meine Verhältnisse
kennt, der wird allenfalls errathen können, daß es sich auf Auguste
bezieht und an eine Freundin von mir gerichtet ist (welches aber
das Gedicht selbst nichts angeht). Damals hat er nicht nur zwei
Seiten voll Lobes über Sylbenmaß und Stil des Gedichtes an mich
darüber geschrieben, sondern auch in den stärksten Ausdrücken davon
geschrieben, wie es ihn _rühre_, und wie es ihm lieb und werth
sei. -- Viermal wenigstens habe ichs ihm in einer umständlichen
Specification von allem, was ich zum Almanach geben wolle, ausdrücklich
mit genannt, und jedesmal hat er es mit den größten Beifallsbezeugungen
auf’s lebhafteste acceptirt, bis er mir’s jetzt vor Kurzem, da
der Almanach fast fertig war, zurückgeschickt mit einem albernen,
verächtlichen Geschwätz von Persönlichkeit, innerer Religion, und daß
ich nicht würde mit einem zerrissenen Herzen rechten wollen. Du kennst
mich genug, um zu wissen, ob mir viel daran gelegen sein kann, ein
solches Gedicht von mir gedruckt zu sehn oder nicht; aber Du mußt auch
fühlen, welche unausstehliche _persönliche_ Beleidigung grade
bei _diesem Gedicht_ in der Zurückgabe liegt. Ich war lange in
Verlegenheit, was ich thun sollte; endlich beschloß ich, gar nicht
zu antworten, denn thät ich es einmal, so hätte es schwerlich anders
geschehen können, als auf eine Weise, die völlig jedes Verhältniß
zwischen uns unmöglich gemacht hätte. Um aber nicht ähnliche Gefahr zu
laufen (-- vor der ich bei der größten Behutsamkeit nicht sicher sein
würde, da die Gedichte, die man zu einem Almanach geben kann, mehr oder
weniger ins Subjective spielen, und da Karoline alles dazu zu machen
weiß, was auch noch so wenig dahin gehört) -- und auch weil jenes
Betragen W.’s so unwürdig, und besonders seiner gewohnten Pünktlichkeit
als Herausgeber so entgegengesetzt ist, daß ich berechtigt bin,
vorauszusetzen, Karoline sei die Urheberin jener Beleidigung; und ich
nun unmöglich an einem Werke Theil nehmen kann, dessen unsichtbare
Herausgeberin eine Person ist, die sich in jeder Rücksicht infam gegen
mich betragen hat; so muß es bei jenem Entschluß bleiben, und ich
wünsche nur, daß -- was doch früher oder später geschehen muß -- ich
darüber mit W. nicht auf eine Art zur Sprache kommen mag, die jede
fernere Gemeinschaft zwischen uns unmöglich macht. Schreibst Du ihm
also darüber, so thu es auf die gelindeste Art.

Dein Bruder ist seit einiger Zeit in Weimar, und auch dann und wann
hier, wo ich ihn einigemal gesehn, wenn gleich nicht viel, weil er bei
W.’s logirt und da sehr fest gehalten wird.

Die Art, wie er über seine Kunst spricht, mißfällt mir nicht; doch
scheint mir’s, daß ihm ein Umgang mit Dir auf längere Zeit sehr nöthig
wäre. Er ist sich im Wesentlichen gar nicht klar, und leidet im weniger
Wesentlichen (was doch auf das Wesentliche bald wesentlichen Einfluß
hat) sehr an Halbheit, Unkenntniß und falschen Vorstellungen. Er muß
aber recht lange mit Dir beisammen sein und Du mußt es gelinde angehn
lassen. Uebrigens weiß ich freilich nicht viel von ihm; vor einigen
Wochen kam er einmal sehr freundschaftlich und wollte mich auch für
Dich zeichnen; seit er aber jetzt wieder hier ist, ist nicht weiter die
Rede davon gewesen, und ich weiß weiter nichts, als daß er Schelling
statt dessen zeichnet.

Ja überhaupt, muß ich Dir sagen, ist sein Benehmen dieses letztemal so
gegen mich, daß es mich in Verlegenheit setzt, und wenn Dein Bruder
unhöflich gegen mich ist, so nehme ichs ihm nicht übel, weil ichs
schon voraussetze; aber ich darf auch wohl voraussetzen, daß eine neue
Klätscherei aus der alten wohlbekannten Kutte daran Schuld ist.

Herzliche Grüße von der Veit an Dich, und von uns beiden an Deine Frau.
Es soll uns recht freuen, Euch in Dresden vergnügt und gut eingerichtet
zu sehn. Auf die kleine Dorothea freue ich mich sehr, sowie auf die
kleine Auguste.

Ich wollte Dir heute noch weit mehr schreiben, über den göttlichen H.
Dümmling u. s. w.

Aber die Veit ist eben gar nicht wohl. Lebe also recht wohl.

    _Friedrich_.

Die Romanze rechne ich zu den göttlichsten und vollendetsten Werken,
die Du gemacht hast. Die andern Gedichte im Almanach -- der Zornige,
Sanftmüthige, Einsamkeit -- sind nur Anklänge aus einer _neuen_
Region Deiner Poesie, von der ich bald größere Studien zu sehn wünsche.
Grüße meine Schwester herzlich, wenn Du sie siehst, und sag’ ihr, daß
ich sehnlich auf Nachricht von ihr warte.


V.

    _Leipzig_, Sonnabends den 22ten Mai 1802.

Wir haben noch oft mit herzlicher Liebe an Dich gedacht, und Dir in
Gedanken ein herzliches Lebewohl und baldiges Wiedersehn zugesandt.
Ich werde Dir weitläuftig schreiben, sobald ich einen Augenblick Ruhe
finde; das wird aber vielleicht erst in Mainz sein.

Heute nur einige Worte über alles, was Du zu wissen verlangst. Du
erhältst hier ~D. Mongez~ (?) und 12 Louisd. und die deutschen Bücher
wirst Du auch sogleich erhalten durch _Reimer_. Der _Meister_ und
_Sternbald_ der dabei sein wird, ist für Charlotte; schicke ihn ja
sogleich nach Pillniz.

Nicolovius war nicht hier. Cotta konnte ich lange nicht finden, und da
ich ihn fand, war es auch eben kein großer Fund. Ich sah in der ersten
Viertelstunde, daß es _absolut nichts_ mit ihm sei für unsere
Zwecke; er hat die Tramontane völlig dadurch verloren, daß ein paar
hundert Exemplare vom Almanach remittirt worden sind. Das ist auch
gewiß der einzige Grund seines abgeschmackten Betragens gegen Dich
seither. Ich habe mit Wilmanns etwas ganz leidlich gemacht, nämlich
die _Europa_ bei ihm angebracht; aber so lange ich noch auf andre
rechnen konnte, glaubte ich ihn für Dich nicht wählen zu müssen, weil
die Operette so enorm schlecht gegangen, daß man ihn gewiß sehr übel
disponirt fände.

Reimer habe ich Deine Idee gesagt, er ist bereit, die Könige des Graals
zu übernehmen, zu den bewußten Bedingungen; aber Vorschuß würde er erst
zu Michaelis geben können.

Ueberlege Dirs, ich hielte es für sehr gut, Du nähmest es an. Es ist
der honetteste Mann unter dem ganzen Volke. Ich setze nämlich alsdann
voraus, daß Du auf einem andern Wege zu Gelde kommst. Könnten Dir die
Verwandten Deiner Frau nicht helfen?

Ich habe gethan, was ich konnte, aber länger darf ich selbst nun
durchaus nicht hierbleiben. -- _Mahlmann_ schien in so fern in
der günstigsten Disposition, weil er zu fühlen scheint, daß er bei dem
Handel vorigen Winter etwas versehen hat, und es sehr gern wieder gut
machen möchte; er hat unstreitig große Lust, mit Dir in Verbindung zu
stehn. Ich dachte ihn eigentlich dahin zu bringen, daß er Dir geradezu
40 Louisd. schickte, als die schönste Art, die Verbindung mit Dir
anzuknüpfen -- aber dazu hat er wohl nicht Genie genug. In drei Wochen
kommt er nach Dresden, wo nicht, so schreibt er Dir gewiß, und ich
zweifle auch gar nicht, daß Du ihn wirst brauchen können.

_Wilhelm_ ist da, bleibt 4-6 Tage und kommt dann zu Dir; ich habe
daher ihm alle Deine Interessen mitgetheilt, und er wird gewiß, wenn
sich ihm noch eine Gelegenheit zeigen sollte, sie auf’s beste nützen.
Am Ende geht es auch mit Wilmans; gestern suchte ich ihn vergeblich.

Noch will ich Dir wenigstens melden, daß Frommann, der Dir, wie ich
höre, nicht so viel Geld geschickt, als Du wolltest, Steffens bestimmt
versprochen hat, Dir mehr zu schicken. Reimer harrt nun sehnlichst auf
den 2ten Theil des Novalis. -- Karl H. war hier, der Lehrling ist noch
nicht gefunden.

Steffens ist in großer Eil abgereist, weil einige Freiberger nach
ihm gefragt haben. Er erwartet mich in Weißenfels. Meine eignen
Angelegenheiten sind recht gut gegangen, auch die buchhändlerischen
leidlich. Die Margarethe und was ich sonst etwa zu Paris übersetzen
lassen, hat Mahlmann genommen. Zu so etwas hat das Volk freilich Lust.
Herzliche Grüße an Deine Frau, an Marie und den Bildhauer, auch an
Buri, alle Freunde. --

Der Bildhauer soll mir eine Addresse an David schicken. Er kann sie,
wenn er es gleich thut, an die Gebrüder _Mappes_ zu _Mainz_
durch Ernst schicken; aber später an Wilmanns zu Frankfurt am Main.
Treibe ihn, daß er es thut.

Wie leid thut es mir, daß Du nicht mehr Geld mit diesem Briefe erhältst!

    _Friedrich Schlegel_.


VI.

    _Paris_, den 13ten Septemb. 1802.

Herzlich geliebter Freund, wie viele Briefe würdest Du schon von uns
erhalten haben, wenn wir Dir jedesmal geschrieben hätten, da wir mit
Liebe und Sehnsucht an Euch dachten. Ich fühle es recht tief, wie
Du mir fehlst, fühle es unter den Zerstreuungen, Beschäftigungen,
Sorgen und Neuigkeiten immer gleich. Es hat aber mehr die Wirkung daß
ich täglich mit dem gleichen Ernste darauf sinne, wie wir eine Lage
gewinnen könnten, daß wir uns nachher nie zu trennen brauchten, als daß
es mir möglich wäre, Klagen zu führen, die bei einer so bestimmten und
deutlichen Sehnsucht keinen Trost gewähren.

Ich werde Dir daher auch heute nur recht trocken Nachricht von mir
geben; ich wollte Dir schon vorlängst einen Brief über die Gemählde
schreiben. Aber Du findest das alles aufs ausführlichste in der
_Europa_; Du wirst das erste Stück davon zu Neujahr gewiß in
Händen haben; es ist fast ganz an Dich gerichtet wenigstens in
Gedanken. Die Kataloge sollst Du mit Gelegenheit haben, und in meinem
nächsten Briefe auch Nachricht von den altdeutschen und provenzalischen
Manuscripten.

Lieber Freund, es sind ungeheure Quellen und Hülfsmittel hier; ein
Reichthum von orientalischen Manuscripten, über den selbst die
erstaunen, die von Benares kommen. 1800 Persische Manuscripte und fast
eben so viel Sanskrit. Ich habe große Lust beides zu lernen -- aber
freilich müßte man eigentlich eine Regierung dafür interessiren können.
Ich will sehen was ich vermag. Ich fühle mich unglaublich nach dem
Orientalischen gezogen. Was machen Deine Nordischen Studien? -- Ich
überzeuge mich immer mehr, daß der _Norden_ und der _Orient_
in jeder Weise, in moralischer und historischer Rücksicht die guten
Elemente der Erde sind -- daß einst alles Orient und Norden werden
muß; und ich hoffe unsre Bestrebungen sollen sich von diesen beiden
Seiten her begegnen und ergänzen; so daß auch in unsrem Thun und Werden
dieselbe Einheit und Freundschaft ist wie in unseren Herzen.

An Sorge und Verdruß hat es uns bis jetzt auch hier nicht gefehlt. Den
letzten haben uns die Verwandten meiner Frau und besonders Henriette in
reichlichem Maaße gewährt, die sich ganz ohne Rückhalt öffentlich als
unsre Feindin beträgt.

Meine Aussichten und Absichten sind folgende. Für das nächste macht
man mir Hoffnung zu einer Stelle, die mich durchaus nicht hindern
würde. Mein hauptsächlicher Wunsch ist, die Regierung zu bewegen, daß
Sie _hier_ eine Deutsche Akademie, ein Deutsches Nat.-Institut
errichte; es wird dazu wohl gut sein, daß ich ein philosophisches Werk
französisch schreibe. Ich habe schon einen kleinen Versuch gemacht und
führe es vielleicht noch diesen Winter aus. Vielleicht kann mir auch
das Persische und Indische ein Mittel an die Hand geben, eine Zeitlang
zu subsistiren und die Regierung zu etwas ordentlichem zu bringen.
-- Es wird schon gehn vor der Hand, wenn gleich nicht ohne Noth; und
ich habe doch mehr als eine Hoffnung, daß wir bald werden ungetrennt
zusammen leben können. Alles dieß darf _niemand_ von den deutschen
Freunden wissen, außer Charlotte. Grüße Sie herzlich. Theile ihr aus
diesem Briefe mit, und frage Sie ob Sie _zwei_ Briefe von mir
erhalten hat?

Mahlmann hat meine alte Idee, Lessings philosophische Schriften zu
ediren, angenommen. Es macht mir eigentlich große Freude, dem Volke
diese Possen spielen zu können: Ich bitte Dich aber, es ja nicht weiter
auszubreiten, sonst möchte die alte Verlagshandlung versuchen uns
zuvorzukommen.

Meine Frau grüßt Dich herzlich. Es ist ein Brief von ihr an Malchen
unterwegs, der aber wohl später ankommen wird als dieser. Wir grüßen
Marien herzlich. Was macht Dorothea?

    _Friedr. Schl._

Wärest Du hier, wir hätten uns schon todt gelacht über die Franzosen.
An sich ist aber der Unterschied wahrlich gar nicht so groß, als man
ihn denkt. David ist der greulichste Schmierer, den man denken kann. --

Freund ich mahne nicht wegen des Novalis. Aber Du weißt mit welcher
Sehnsucht ich ihm entgegen sehen muß. Ist der Oktavian fertig? Bücher
schickst Du an Wilmans in Frankfurt am Mayn.

_Noch eins_ -- woran mir _sehr_ liegt. Gieb mir etwas
zur Europa; etwas in Prosa _über den Norden_ und das
_Altdeutsche_, oder die _Romanzen_, wenn Du sie gemacht hast
oder was Du willst.

(_Verkehrt unter dem Datum_): Daß Du mir etwas zur Europa gebest,
daran liegt mir sehr viel. Du schickst es dann bloß an Wilmans.


                                 VII.

    _Paris_, den 10ten Novemb. 1802.

    _Vortrefflicher Freund!_

Hier schickt Dir meine Frau die Kataloge der Gemälde, die Du gewünscht
hast. Das was Du nun hier liesest, war im ganzen Sommer 1802 zu sehen,
und _diese_ Kataloge findest Du bei der ausführlichen Beschreibung
im 1sten Stück der Europa zum Grunde gelegt. Von dem, was wir nun in
der Folge noch Neues sehen, sollst Du stets ausführliche Nachricht
haben. Gestern habe ich die Nachricht erhalten, daß der 2te Theil des
Novalis wirklich da ist und habe eine unbeschreibliche Freude darüber.
Ich rechne es Dir als ein großes Verdienst an, daß Du Dich die übrigen
vielen Geschäfte nicht hast von der Erfüllung dieser Pflicht abhalten
lassen. Sehr begierig bin ich nun zu sehen, wie Du die Fragmente wirst
gewählt und geordnet haben.

Könntest Du mir nicht einmal ohne zu großen Zeitverlust etwas für
die Europa geben? Etwas über die Dresdner Gallerie, oder wenn Du die
Nordischen Romanzen gedichtet hättest, und Ihr nicht etwa wieder einen
Almanach gebt; vielleicht auch etwas über die Nordische Mythologie.

Lieber Freund, ich glaube, Du solltest auf gelinde Nebenarbeiten
denken, da Dir Deine großen jetzt so viel schwieriger werden; das
möchte Dich im Fluß erhalten, wenn Du z. B. ein oder ein paar von
Shakspeares Stücken der ersten Epoche übersetztest -- besonders den
_Perikles_ und etwa den Vicar von Wakefield. Ja ich glaube, es
könnte Dir selbst auch in sofern vortheilhaft sein, daß Du auch in
Deinem dramatischen Styl noch etwas altdeutscher würdest.

Wir denken und dichten immer an und mit Dir. Herzliche Grüße an die
Deinigen. Uns geht es leidlich. Im Persischen bin ich schon ziemlich
weit, und ganz erstaunt, daß es in dem Grade nicht dem Deutschen
ähnlich, sondern wirklich durchaus das Deutsche selbst ist, beides
wirklich nur eine Sprache, aber jene eben so arabisirt, als unsere
_latinisirt_ und dadurch von einander getrennt. Die großen
mythischen Dichter fange ich nun bald an, vielleicht finde ich’s
da eben so, als in der Sprache. Deutsche Manuscripte sind auf der
National-Bibliothek nicht, außer der Manessischen Sammlung; vom Vatikan
haben sie keine dergleichen mitgenommen. -- Auf den andern Bibliotheken
konnte ich noch nicht nachsehen. Bist Du bei Burgsdorf, so grüße ihn
von mir. Daß Du mir gar nicht schreibst, ist sehr traurig. Ich denke
immer noch, es soll mir hier oder wenigstens durch hier gelingen und
gut gehen; jetzt ist das nicht der Fall, weil ich von Dir getrennt bin.
Ich fühle es immer einsamer.

Die besten Grüße an Marien. Wäre sie doch hier.

    _Friedrich_.

So eben hör’ ich, daß Reichardt hier ist, wir haben ihn aber nicht
gesehn.

Diesen Brief erhältst Du durch _Werner_, das ist einer der
trefflichsten Männer, die es giebt.


                                 VIII.

    _Paris_, den 15ten Sept. 1803.

Den Wunsch, einen Brief von Dir zu lesen, geliebter Freund, muß ich,
wie es scheint, wohl aufgeben, indessen kann ich doch der Gewohnheit
nicht widerstehen, wieder einmal an Dich zu schreiben, und Dir
Nachricht von mir zu geben. Mir geht es gut; doch ist damit mehr das
Nützliche als das Angenehme gemeint. So frohe Tage leben wir hier
nicht, wie in Dresden; aber gelernt habe ich in dem Jahre so viel, daß
ich’s zeitlebens nicht bereuen könnte, hier gewesen zu sein. Anfangs
hat mich die Kunst und die Persische Sprache am meisten beschäftigt.
Allein jetzt ist alles dies vom Sanskrit verdrängt. Hier ist eigentlich
die Quelle aller Sprachen, aller Gedanken und Gedichte des menschlichen
Geistes; _alles_, alles stammt aus Indien ohne Ausnahme. Ich habe
über vieles eine ganz andre Ansicht und Einsicht bekommen, seit ich aus
dieser Quelle schöpfen kann. Was wir Poesie nennen ist verhältnißmäßig
späteren Ursprungs, und ganz bestimmt die Poesie der Helden und
Fürsten, der zweiten Indischen Kaste; die einfachere und tiefere Poesie
der Braminen ist nie nach Europa gekommen. Aelter aber als die Poesie
ist die Religion und die Oekonomie, wenn man es so nennen darf; Ackerbau
und Ehe, beide aber ganz als gottesdienstliche, durchaus unnütze und
bloß symbolische Handlungen, die früheste Art der noch körperlichen
Gebete.

Das Persische ist dem Deutschen so verwandt, daß man beides fast
für eine Sprache ansehn kann; nur ist die eine so arabisirt, als
die andre latinisirt. Sogar der Gang der Poesie und Litteratur bei
beiden Nationen ist zum Erstaunen ähnlich; in der ältesten Epoche eine
Masse von alten mythischen Nationalgedichten; auch in der Sprache
ganz einheimisch; und dann eine romantische Zeit, wo das Arabische
so durchaus angenommen aber auch mehr geformt wird, wie in unsrer
Schwäbisch oder Französisch. Ich denke, Du wirst von beiden bald viel
von mir zu lesen bekommen; zum Theil auch in der Europa. Um so mehr
möchte ich Dich von neuem auffordern, an derselben Antheil zu nehmen.
Am liebsten hätte ich die Fortsetzung Deiner Briefe über Shakespear.
Oder, wenn Du daraus durchaus ein besonderes Werk machen willst,
so wär’ es wohl gut, wenn Du einmal etwas über Deine Nordischen
und altdeutschen Studien gäbest, zur Vorbereitung des Heldenbuchs
Percival, Titurel und was Du sonst vorhast. Wie steht es mit Deinem
Plan hierüber, auch mit dem über das Nibelungenlied? Ich habe mich
mit dem letzten hier von neuem sehr beschäftigt (wie denn für das
Altdeutsche und Isländische hier weit mehr Hülfsmittel sind, als ich
irgendwo in Deutschland beisammen gefunden), und möchte ich Dich
fragen, ob ein von mir besorgter Abdruck desselben Deine Bearbeitung,
die Du vor hast, stören könnte? Meine Absicht ist, es gar nicht
zu verändern, gar nicht umzubilden; sondern nur grade so viel zu
retouchiren, daß es verständlich ist. -- Wenn Du es _ergänzen_
willst, wie Deine Absicht war, so dürfte das dahin führen, alle die
zerstreuten Glieder der Nordischen Dichtung wieder zu verbinden, was
Du so bald nicht vollenden wirst, und dann wirst Du sehr abweichen
müssen von dem Nibelungenliede, so wie es jetzt ist. Mir däucht aber,
dieses Gedicht muß so ganz Grundlage und Eckstein unsrer Poesie werden,
daß außer Deiner Bearbeitung und meinem bloß retouchirten Abdruck
auch wohl noch eine ganz kritische Edition existiren sollte in der
ältern Orthographie, mit Berichtigung der Lesart und Erklärung der
unveränderten alten Sprache allein bestätigt (?).

Laß mich über diesen Punkt bald Antwort wissen, und wenn es möglich,
erfülle meinen Wunsch in Rücksicht der Europa. Daß Du Deine Gedichte
in derselben nicht abdrucken lassen wollen, begreife ich nicht recht,
besonders unlieb war mir’s auch deswegen, weil ich keine Abschrift
derselben genommen. Was hast Du sonst gemacht? Ich weiß nichts mehr
von Dir. Meine Frau ist beschäftigt mit einem Auszug oder vielmehr
Uebersetzung des alten Romans vom Zauberer Merlin. Dieser ist eine wahre
Fundgrube von Erfindung und Witz. Ueberhaupt leben wir gut, was an uns
liegt, die Sorge und den Verdruß abgerechnet; worunter die größte
Bekümmerniß die ist, daß meine Freunde mich so bald vergessen und
verlassen haben.

Lebe wohl und grüße die Deinigen.

    Dein

    _Fr. Schlegel_.

Ich habe seit langer Zeit die Geschichte des _Josaphat_ spanisch
für Dich, auch den Fortunatus französisch. Ist Dir damit gedient?


                                  IX.

    _Paris_, den 25ten Sept.

Ich nutze die Gelegenheit, daß _Werner_ aus Freiberg nun ein
Packet für uns mitnehmen wird, um Dir noch einmal zu schreiben, oder
vielmehr nur einige Worte zu meinem vorigen Briefe vom 15ten Sept.
hinzuzufügen.

Ich möchte Dich recht bestimmt bitten um einen Beitrag zu meinem
Journal, der gewissermaßen meine Nachricht von den hiesigen Gemälden
ergänzen würde und das wäre ein Aufsatz über die Dresdner Gallerie.
Könntest Du Dich dazu wohl entschließen? -- Ich würde ihn dann zum
2ten Stück wünschen d. h. das Manuscript im Januar zu liefern. Hast Du
nordische Romanzen gemacht, und gebet Ihr keinen Almanach, so erbitte
ich mir diese gleichfalls. Ich sehe dem Octavianus, dem 2ten Theil des
Novalis, vor allem aber einem Briefe von Dir mit herzlichster Sehnsucht
entgegen. Was macht Ihr und wie geht es Euch Allen? Ist Schütz wieder
in Dresden gewesen?

Daß Du mit Mahlmann eins geworden, ist mir sehr lieb. Nimm Dich nur
in Acht, Deine Poesie nicht zu sehr zu zersplittern durch solche
Unternehmung wie das Marionettentheater.

Wir lesen hier Deine Gedichte recht andächtig. Ich bin immer noch der
Meinung, daß der Zerbino mit einigen andern Deiner witzigen Dramen
verbunden werde, die sich viel mehr verschlingen sollten.

Einige von Deinen frühern oder weniger ausgeführten Gedichten müßtest
Du vielleicht nun noch einmal neu machen, so daß sich das neue zu
dem alten verhielt, wie Dein Octavian zu den alten Legenden, versteht
sich so _ungefähr_. Ich rechne dahin besonders das (unleserlich)
Mährchen und Karl von Berneck, in dem gewiß ein sehr guter Fond ist.
Die alten Geschichten und romantischen Dichtungen, welche Du nicht
so entfalten kannst oder willst, wie Genoveva und Octavian, würden
sich gegenseitig heben, wenn sie in einem Dekameron, Gartenwochen
oder dergleichen zu einem Kranz geordnet wären. Darüber wollen wir
das nächstemal recht viel mit einander reden. Ich umarme Dich von
Herzensgrund.

    _Friedrich_.


X.

    _Köln_, den 26ten August 1807.

Herzlich geliebter Freund, schon lange sehne ich mich danach, einmal
Nachrichten von Dir zu hören. Du schriebst mir zwar vor einem Jahre, da
Du an uns vorbei reistest, einige Zeilen; aber es war gar zu wenig. Dir
zu antworten, hinderte mich die weite Entfernung, da ich bald darauf
wieder in Frankreich war. Auch würde ich nichts andres haben schreiben
können, als Klagen darüber, daß Du so nah an mir vorbei reisen
konntest, ohne mich zu sehen.

Was treibst Du, und was hast Du fertig gearbeitet von Deinen ehemaligen
Arbeiten? Es hat sich nun ein Andrer über das _Nibelungen-Lied_
gemacht; wie ist seine Arbeit beschaffen? Man darf sich wohl nicht viel
Gutes davon versprechen. -- Hat Italien denn gar keine Frucht in Deinem
Geiste zur Reife gebracht, Dich gar nicht angeregt, und wirst Du nicht
auf irgend eine Weise uns etwas davon mittheilen? Dieses möchte ich
vor allen wissen, sodann aber auch wie Rom Dir selbst gefallen, wie
es auf Deine Denkart gewirkt, endlich ob der katholische Gottesdienst
dort Dich befriedigt, und wie das Künstler- und gesellige Leben in Rom
beschaffen ist. -- Später oder früher werde ich doch auch einmal hin
wandern müssen, und so wäre es mir nützlich, davon zu hören. --

Von mir wirst Du bald wenigstens ein kleines Werk über Indien lesen.
Manches andre ist theils ganz theils halb fertig; denn ich war im
Grunde immer fleißig. Aber wann es erscheinen wird, weiß ich nicht,
da die Zeiten so ungünstig sind. -- Die Niobe von Schütz habe ich
gelesen; wie ist es aber möglich, daß dieser sonst so lebensvolle
und jugendliche Geist sich auch in diese zwerghafte Frostsprache hat
einklemmen lassen, die ich dem Hrn. Heinrich Voß allein vom Himmel
bescheert glaubte! Es ist recht traurig, daß so einer nach dem andern
zu Grabe geht. Man hört fast keinen männlich-fröhlichen deutschen Ton
mehr.

Einige Lieder von mir im Dichter-Garten wirst Du gelesen haben; ich
empfehle Dir besonders _Gebet_ und _Friede_. Nöthiger wäre es
aber, daß wir uns wieder sähen. Wir gedenken Deiner sehr oft, öfters
wohl als Du an uns. --

Meine Frau ist so, wie ich ziemlich wohl; nur leid ist es uns oft,
wie es die Umstände so mit sich gebracht haben, daß der Philipp
nicht mehr bei uns ist. Siehst Du ihn zufälligerweise in Berlin, so
erinnere Dich unser. Er kann Dir mehr von uns erzählen, als ich Dir zu
schreiben vermöchte. -- Ist Dir _Lotharu_.? zu Gesichte gekommen?
Es hat viel Freunde gefunden, es ist so lieblich und kindlich, daß
es wohl nicht anders konnte; aber doch ist man auch dagegen, so wie
gegen alles, was ich je gethan und gemacht, sehr undankbar. Es ist
freilich nicht unser Werk, sondern ganz nur das alte; desto freier
kann ichs rühmen, und ich lese es in der That mit mehr Vergnügen als
10 oder 12 der neuesten Spanischen oder Griechischen Drämchen. Der
frische jugendliche Geist der Poesie, der Dich zuerst einst so schön
berührte, hat uns zu schnell wieder verlassen. Doch ich hoffe, er soll
wiederkehren!

Hieher kannst Du mir immer schreiben, ohne weitere Addresse als meinen
Nahmen; auch wenn ich nicht hier bin, ist doch immer jemand hier, der
sich der Briefe annimmt. Bist Du bei Burgsdorf oder siehst Du ihn,
so empfiehl mich ihm. Ich habe immer eine sehr gute Meinung von ihm
gehabt. --

Was macht Dorotheechen? Ist sie sehr groß geworden? --

    Dein Freund

    _Friedrich Schlegel_.

Viele Grüße von uns an Deine liebe Frau hätte ich bald vergessen, so
wie an alle, die sich meiner noch im Guten erinnern.

Der Herr Schleiermacher giebt in allerlei Darstellungen einen kleinen
Messias nach dem andern von sich. Aber man sieht dem vernünftigen
Püppchen das Professorkind gar zu sehr an der Nase an. Es herrscht in
seinen Schriften was man hier zu Lande ein calvinisches Feuer nennt,
nehmlich ein solches, das nicht recht brennen will.


XI.

    _Dresden_, den 30ten Mai 1808.

    _Geliebter Freund!_

Seit einiger Zeit schon bin ich hier, wo wir uns vor sechs Jahren so
oft sahen und uns wohl nicht auf so lange zu trennen glaubten! Ich
erwarte jeden Tag Wilhelmen, der mit der Staël von Wien hier durch
kommt. Die Freude des Wiedersehens würde für mich vollkommen sein,
wenn ich auch Dich hier gefunden hätte, oder noch fände. Ist es Dir
möglich, so komme noch hieher. Ich bleibe noch einige Wochen gewiß
hier, und wenn Du es mir gleich meldest, so würde ich auch die Abreise
gern noch so weit es möglich wäre auf die Hoffnung Deiner Ankunft
verschieben. Ich bitte Dich also darum, als den erwünschtesten Beweiß
der Freundschaft, den Du mir jetzt geben kannst. Denn ich kann für
dießmal wenigstens nach Berlin und Deiner Gegend hin meinen Weg nicht
nehmen.

Vieles hat sich seit diesen sechs Jahren um uns und in uns verändert.
Nur meine Liebe zu Dir ist dieselbe geblieben. So wirst Du es
wenigstens finden, wenn Du selbst kommen willst, wovon Du Dich durch
nichts solltest abhalten oder stören lassen. Meine Frau hegt die
gleiche Gesinnung für Dich und unsre treuen Wünsche haben Dich stets
begleitet. Laß mich bald von Dir hören, oder besser noch Dich selbst
sehen.

    Dein

    treuer Freund
    _Friedrich Schlegel_.

Du wirst in den Zeitungen von mir gelesen haben, was eben so gut oder
vielmehr weit besser vor einigen Jahren darin hätte stehen können. Die
angegebene Zeit ist ganz falsch; meine Gesinnung kennst Du ja von lange.


XII.

    _Wien_, den 12ten May 1813.

    _Geliebter Freund_.

Ich benutze die Abreise des Grafen Finkenstein, um Dir wenigstens mit
einigen Worten für Deinen Brief und alles Uebersandte zu danken. Es
sind jetzt eben die Tage der bangen Erwartung, zum Theil auch schon
der ängstlichen Sorge; man wird so hin und hergerissen von Furcht und
Hoffnung, von widerstreitenden Nachrichten, daß man kaum zu sich
selber kommt. Recht sammeln kann ich mich nicht; erwarte daher nicht
mehr als meinen herzlichen Gruß und Dank. Diesen statte ich Dir ab
für alles Eigne und auch für Deine gütige Bemühung und Fürsprache
wegen des Heldenbuchs, wofür ich auch der Familie sehr verbunden bin.
-- Das Minnebuch habe ich mir noch zurückgelegt, für ruhigere und
frohere Zeiten. An dem Phantasus aber hatte ich mich schon vielfältig
erfreut, sowohl an dem alten als an dem neuen, schon ehe ich das
von Dir gesandte Exemplar erhielt, welches erst vor Kurzem in meine
Hände gelangte. Ueber Deine neu belebte Thätigkeit habe ich eine große
Freude gehabt, und für Deine freundschaftliche Erwähnung Unsrer sage
ich Dir herzlichen Dank. Gewiß wird sich auch Wilhelm sehr darüber
freuen, sobald er es erfährt. Ich hatte es ihm zwar geschrieben, ob
er aber meine Briefe erhalten hat, weiß ich immer noch nicht. Höchst
wahrscheinlich kommt er mit den Schweden nach Deutschland; das wirst Du
vielleicht früher erfahren als ich.

Mein nächster Wunsch geht nun darauf, daß ich Beyträge von Dir zum
Museum erhalten möchte, und zwar je eher je lieber. Nimm nicht übel,
daß Du dieß Jahr kein Exemplar erhalten hast. Der Buchhändler hat mich
sehr darin beschränkt, ist überhaupt filzig, freilich ist auch die
Zeit sehr ungünstig für den Absatz in Deutschland, und auf das hiesige
Publikum allein war das Ganze nun einmal nicht berechnet. -- Ich hoffe,
Du wirst die Hefte von diesem Jahrgange doch gesehn haben, und lege
indessen eine Ankündigung bey. -- Im Ganzen ist diese Zeitschrift mehr
für Prosa als für Poesie bestimmt. Indessen darf ich Dir nicht erst
sagen, daß mir von Dir alles willkommen ist. Am liebsten wäre mir
der Aufsatz über das Mittelalter. Da Du diesen aber nicht sogleich
senden kannst, so gieb indessen eins oder das andre von dem was Du
über Shakespeare fertig hast. Dieß hindert ja den Abdruck des ganzen
Werkes über Shakespeare nicht, falls dieses für das Museum zu lang ist;
es kann dann als Probe und Ankündigung des ganzen Werks dienen. Ich
sehe es besonders bey dem hiesigen Publikum deutlich, daß der eigentl.
gründliche Unterricht in der Poesie, die erste Erweckung des Sinns
dafür durchaus mit dem Shakespeare anfangen muß. Ich erwarte mir daher
auch sehr viele gute Wirkung von Deinem Werke.

Warum hast Du denn die Melusine nicht in den Phantasus aufgenommen,
oder soll dieß noch in der Folge geschehen? -- Daß Fouqué zu
viel dichtet, eben darum einiges auch sehr flüchtig, daß er sich
wiederhohlt, will ich Dir gerne zugeben, wenn Du das manierirt nennst;
aber wenn dieß mit _solcher_ Poesie verbunden seyn kann, wer ist
denn wohl ganz frey von Manier? Ich liebe F. sehr und meine Freude an
ihm mag freylich auch durch den vorhergehenden Abscheu an Arnim und all
den andern Fratzen noch sehr erhöht worden seyn.

Von Deinem Bruder hab’ ich noch diesen Winter einmal einen recht
freundlichen Brief erhalten, nebst ein paar antiquarischen Blättern,
die Du im 3ten Heft des Museums wirst gefunden haben.

Daß Du ohne Nachricht von Deiner Schwester bist und außer Verbindung
mit ihr, hat mich sehr befremdet. Ich habe seit undenklicher Zeit
nichts von ihr gehört. Sie hat gewiß herrliche Geistesanlagen; aber
Leidenschaftlichkeit und Ehrgeiz haben, wie es mir scheint, ihre Seele
sehr zerrüttet.

Czerni hat sich sehr darüber gefreut, daß Du Dich seiner erinnert hast.
Seinen Brief wirst Du erhalten haben.

Daß Philipp auch zur Armee gegangen ist und beym Lützowschen Corps
steht, ist Dir wohl schon gemeldet worden. Er liebt Dich, wie von
seiner Kindheit an, so auch noch jetzt ganz besonders. Meine Frau
nimmt den herzlichsten Antheil an Dir. Empfiehl uns den Deinigen; wie
würde ich mich freuen, die erwachsene Dorothee wieder zu sehn und die
schönen Erinnerungen unsrer Jugend zu erneuen!

Ich habe noch nie eine so lebhafte Sehnsucht empfunden, meine Freunde
im nördlichen Deutschland und vor allen Dich wieder zu sehen, als
eben jetzt. Freylich sieht es noch trübe aus, auch ist meine eigne
Bestimmung noch ganz unentschieden, ob ich wieder für die allgemeine
Sache werde thätig sein können, oder was mir sonst vorbehalten ist.
Indessen wer weiß was noch geschieht; eine Reise zu Euch ist wenigstens
jetzt möglicher und wahrscheinlicher, als sie es in den vorigen Jahren
war. Auf den Fall, daß dieser Wunsch sollte erfüllt werden können,
melde mich nur bey Burgsdorf an und frage ihn, ob er in diesem Falle
mich auf ein acht Tage aufnehmen kann, die ich denn bei Euch zubringen
und genießen möchte.

    Dein Freund

    _Friedrich Schlegel_.


                                 XIII.

    _Wien_, den 19ten Juni 1821.

    _Geliebter Freund!_

Eine gute Bekannte und Freundin von meiner Frau, Franzisca Caspers,
die sehr lebhaft Deine Bekanntschaft wünscht, giebt mir die erwünschte
Veranlassung, Dir mein Andenken freundschaftlich in Erinnerung zu
bringen. Wohl habe ich mich gefreut, von manchen Seiten von Dir zu
hören, daß Du angenehm und heiter in Dresden lebst. Ich wünsche Dir
Glück dazu; mir selbst ist der Muth zu etwas entfernteren Reisen noch
nicht wieder gewachsen. So wie ich höre, bist Du auch thätig und im
Geiste immerfort mit den alten Kunst-Ideen und Gegenständen Deiner
ersten Liebe beschäftigt. Dies hat mich sehr gefreut; fahre nur so
fort damit, was Du auch immer davon zu Tage förderst, es ist immer
ein reicher Gewinn für die Welt und eine besondre Erquickung für uns,
in glücklicher Erinnerung fröhlicher alter Zeiten. Laß mich ja immer
recht bald und wo möglich zuerst wissen, was Dir die guten Tage neues
bringen. Ich bin jetzt fast ausschließend und sehr ernstlich mit der
Herausgabe meiner sämmtlichen Werke beschäftigt, und habe schon viel
dazu gearbeitet, besonders zuerst bedeutende Zusätze zu der Geschichte
der Litteratur. Ich denke mich in 1 bis 1½ Jahren durch das Ganze
durchzuarbeiten, und dann werde ich den Rest des Lebens ganz der
Philosophie widmen, und einigen Gedichten, die ich noch im Sinne habe.
-- Da ich weiß, daß Du immer freundlichen Antheil an uns zu nehmen
gewohnt bist, so füge ich nun noch einige Nachrichten von uns selbst
hinzu. Meine Frau ist nun bald seit einem Jahre aus Rom hier zurück
gekommen; sie war, da sie kam, sehr übel und krank. Im Wesentlichen
wurde sie bald hergestellt, doch hat sie den Winter einige Monate das
Zimmer nicht verlassen dürfen, was freilich eben nicht zu wundern ist
bei dem Abstande eines Römischen Winters von dem hiesigen.

So habe ich den Winter ziemlich melancholisch verlebt, und bin darüber
auch außer Correspondenz mit Aug. W. gerathen, von dem ich daher keine
Nachricht habe. Unser Philipp hat eine Judith in Oel gemalt, die sehr
gerühmt wird, wie auch einige gute Porträte. Seine große Frescoarbeit
aus Dantes Paradiese ist angefangen, aber noch nicht vollendet. --
Den ältesten Johannes freuen wir uns sehr gegen den Winter hier zu
sehen; denn meine Hoffnung, vielleicht selbst im Herbst einen Besuch in
Dresden machen zu können, ist nur sehr schwach.

Grüße meine Schwester, Nichte und das ganze Haus, wenn Du sie siehst;
desgl. auch den Freund Schütz. Dieser hat unsre Hoffnung, ihn hier zu
sehen, leider bis jetzt nicht erfüllt. Ich interessire mich immer sehr
für alle seine Arbeiten, doch bei weitem noch mehr für ihn selbst;
in der Philosophie sind wir noch sehr weit aus einander; er lebt so
ganz in dem Gewebe von Abstractionen, die mir nichtig scheinen, und
in die ich mich nur noch mit Mühe finden kann, da ich sie schon so
lange verlassen habe. Dieses war auch der Eindruck, den mir ein großer
philosophischer Aufsatz von ihm machte, den mir Collin mitgetheilt hat.
Sage ihm das gelegentlich, da mir bis jetzt noch unmöglich war, ihm
selbst zu schreiben. Grüße die Deinigen, und behalte mich und meine
Frau in freundschaftlichem Andenken.

    Dein Freund

    _Fried. v. Schlegel_.


                                 XIV.

    _Wien_, den 17ten Juni 1823.

    _Theuerster Freund!_

Ich habe Dir den I.-III. Theil der neuen Ausgabe meiner Werke durch
_Maria Weber_ geschickt; die Theile IV., V., VI. wirst Du durch die
_Familie Krause_ hoffentlich richtig erhalten. Die Bände VII. und VIII.
ist jetzt die Gräfin L., Schwester des Oesterreichischen Gesandten in
Berlin so gütig, für Dich mitzunehmen. Wenn Dich diese Zeilen, wie ich
hoffe, in Dresden treffen, so wird sich diese geistreiche Dame sehr
freuen, Deine ihr lange erwünschte persönliche Bekanntschaft zu machen.
Da sie unsre genaue Freundin und eigentlich unser bester Umgang hier
ist, so kann sie Dir, wenn sie Gelegenheit findet, Dich zu sprechen,
mehr von mir und von uns und unserm hiesigen Leben erzählen, als ich
irgend in einem Briefe im Stande wäre, Dir mitzutheilen.

Du hast mich, geliebter Freund! auf die poetischen Arbeiten von Schütz
und einiges andere in Deiner letzten Erinnerung an mich aufmerksam
gemacht. Ich muß Dir aber wohl gestehen, daß mir eigentlich das
Einzelne solcher Kunstversuche, jetzt etwas fern liegt und mich so sehr
noch nicht berührt, bis ich nicht etwas Bedeutendes daraus erfolgen
sehe. Sollte aber unsre deutsche tragische Kunst noch zu einer festen
Form gelangen und eine wirkliche Kraft werden, so vermuthe ich, daß
dieses eher auf dem lyrischen Wege geschehen wird, als auf dem von Euch
empfohlenen Shakspearschen historischen, der mir doch nur ein Surrogat
des Epischen zu sein scheint, in verunglückter Form. (!) Doch davon ein
andermal mehr, wenn ich vielleicht auch noch einmal einen Versuch in
einer oder der andern Art mache.

Ich empfehle das wichtige und mühevolle Unternehmen meiner Werke Deiner
freundschaftlichen Theilnahme und Mitwirkung. Wie ich meine frühern
Schnitzer umgearbeitet habe, das wird wohl nur von wenigen nach seinem
ganzen Umfange und vielleicht erst später anerkannt werden.

Sehr freuen aber würde es mich, wenn dazu von Dir einstweilen eine
Stimme vernommen und der Ton angegeben würde; in einer Form, wie sie
grade Dir angemessen ist, als _leichter_, freundschaftlicher _Brief_,
der etwa im _Morgenblatt_oder in einer andern solchen Zeitschrift
stehen könnte. Die Theile III.-VI. werden vor der Hand vielleicht am
meisten Interesse für Dich haben. Mich würde es doppelt erfreuen, wie
mich alles erfreut, was ich irgend von Dir lese; und auch als Zeichen
der Erinnerung und Denkmal Deiner unveränderten Freundschaft.

Was Schütz betrifft, so liebe ich ihn persönlich sehr, und ich glaube,
es liegt eben auch nur in dem Mangel oder _Nicht-Ergreifen_ des
entscheidenden Mittelpunkts, daß er bei solcher Erkenntniß aller Ideen
nicht zur lichten Klarheit weder im Wissen noch in der Kunst gelangen
kann.

Das ist nun eben der Punkt, wo es so vielen fehlt, und über welchen
hinüber zu kommen, nur ein Gott den rechten Muth geben kann.

Laß mich bald einmal wieder etwas von Dir hören, und laß Dir die
Erfüllung meines geäußerten Wunsches nochmals empfohlen sein. Von
ganzem Herzen

    Dein Freund

    _Friedrich Schlegel_.


XV.

    _Wien_, den 30ten April 1824.

Ich sende Dir hier, theuerster Freund! durch die Güte des Hrn. v.
_Krause_, den 9ten Band meiner Werke; am 10ten fehlen noch einige
Bogen zum Schluß, und somit muß ich dafür noch eine andre Gelegenheit
erwarten.

Das Neue in diesem Bande von Gedichten, so wie das Beste unter dem
Neuen und Alten wirst Du wohl selbst herausfinden. Und nun wünschte
ich wohl endlich auch einmal von Dir ein Lebenszeichen zu erhalten; da
ich doch hoffe, daß Dir die früheren acht Bände alle richtig werden
zugekommen seyn. Denn daß Du auch in dem gleichen bleyernen Todesschlaf
mit befangen wärest, der sich in dem übrigen Deutschland so weit umher
erstreckt und alles mehr und mehr mit seinem schweren Flügel deckt;
dieß kann ich und will ich nicht glauben, bis Du mir nicht selbst die
Nachricht davon mittheilst.

Ich hoffe, daß es Dir und den Deinigen wohl geht. Möllers, die wohl
sind, sehen wir zuweilen, so oft es die weite Entfernung der Wohnungen
gestattet. Sollte Schütz noch in Dresden seyn, so bitte ich mich ihm
bestens zu empfehlen. Ich werde ihm nächstens selbst schreiben, so wie
auch meiner Schwester, wenn Du diese etwa sehen solltest.

Philipp denkt uns diesen Sommer mit den Seinigen aus Rom zu besuchen;
ich wünschte wohl im Herbst einen kleinen Abstecher mit ihm nach
Dresden machen zu können, und werde es gern thun, wenn es irgend
ausführbar ist, da ich schon lange sehnlich gewünscht habe, meine
Schwester zu besuchen und das geliebte Dresden einmal wieder zu sehen.

Behalte mich indessen in gutem Andenken und laß einmal wieder etwas von
Dir hören. Meine Frau empfiehlt sich Dir und den Deinigen mit mir zum
freundschaftlichen Andenken. Von ganzem Herzen

    Dein Freund

    _Friedr. Schlegel_.

Du hast vielleicht mehrere Bände jetzt erwartet, als Du erhältst.
Allein so ganz schnell und leicht als bloße Buchhändler-Spekulation
kann ich diese große Arbeit nicht von der Hand schlagen; _zehn
Bände_ sind doch übrigens schon eine ganz hübsche Anzahl, um auch
für die Nachfolge der andern hinreichend Gewähr zu leisten. Nach dieser
kurzen Pause, welche mir jetzt ein Bedürfniß war, soll es nachher desto
rascher wieder fortgehen. -- Ich schreibe Dir dieß übrigens mehr wegen
_andrer_, wo Du vielleicht Gelegenheit findest, in dem rechten
Sinne davon zu sprechen, als für Dich selbst; da ich wohl weiß, daß
Dein Interesse und Dein Maaßstab für dieses _Werk_ meiner Werke
ohnehin ein andres ist, als die merkantilische Eil der schnell sich
folgenden Bände.


XVI.

    _Wien_, den 29ten Oktober 1828.

    _Geliebter Freund!_

Jedes Wort der freundschaftlichen Erinnerung, wie ich deren von Zeit
zu Zeit mehrere erhielt, hat mich jedesmal herzlich erfreut. Mit
besonderm Interesse habe ich auch Deine jetzige schöne Reise in diesem
Sommer in Gedanken verfolgt und begleitet und mich besonders gefreut,
daß Du längere Zeit in Bonn und so freundschaftlich mit dem Bruder A.
W. zusammen lebtest. Vielleicht wirst Du mir, nach Deiner freieren
Art, die Dinge zu nehmen, am besten erklären können, wie er eigentlich
in diesen seltsamen Zustand, in Beziehung auf mich, gerathen ist, und
mir darin als alter Freund Aufschluß geben können. -- Ich freue mich
außerordentlich darauf, Dich bald wieder zu sehen und mich in Deinem
Umgang und Gespräch mannichfach erfrischen und beleben zu können.

Ich stehe im Begriff, mit meiner Nichte Buttlar -- aber nur mit ihr
ganz allein, da wir uns so eng als möglich einrichten wollen --
morgen nach Dresden abzugehen, wie es ihre Angelegenheiten immer
wünschenswerth machten, und jetzt fast unumgänglich nothwendig gemacht
haben, da so manches durch die persönliche Gegenwart viel besser und
leichter abgemacht werden kann.

Für unsre kleine Einrichtung auf einige Wochen oder anderthalb Monathe
-- ~en chambre garnie~ oder wie es sonst am besten seyn wird --
zähle ich auf den freundschaftlichen Rath und Beystand Deiner lieben
Frau und der trefflichen Dorothea, die ich herzlich zu grüßen, und mich
auch der Gräfin F. auf das angelegentlichste zu empfehlen bitte.

Was Du von meinen neuen Vorlesungen etwa noch nicht kennst oder nicht
selbst hast, bringe ich alles für Dich mit.

Bis zum 4ten oder 5ten denke ich wohl gewiß in Dresden zu seyn, da wir
uns in Prag nicht aufhalten. Meine Frau, die in so später Jahreszeit
freylich nicht mehr so weit reisen kann, empfiehlt sich bestens und
erinnert sich oft freundschaftlichst der alten Zeiten und Deiner.

In Hinsicht auf meine Familie ist freylich in Dresden vieles
verändert, und in diesem ersten Aufenthalte meines Jugendlebens Alles
ausgestorben[21] und leer. Um so mehr ist es mir werth und köstlich, an
Dir und den Deinigen dort alte Freunde zu treffen.

Von ganzem Herzen

    Der Deinige

    _Friedrich v. Schlegel_.


XVII.

=Dorothea Schlegel, geb. Mendelssohn.=

    _Jena_, den 17ten December 1801.

Werther Freund! ich bin so frey gewesen in dieser Sache etwas
eigenmächtig zu handeln, worüber ich Sie zuvörderst um Verzeihung
bitten muß. Die Sache erschien mir auf einmal, durch Ihre Zustimmung,
als ein wirkliches Geschäft, die ich erst als einen bloßen Einfall
behandelte. Da nun ein Geschäft etwas ehrwürdiges ist, so konnte ich
es unmöglich in B.’s (Brentano’s?) Hände geben, sondern ich habe
Frommann zu Rathe gezogen, der sich auch der Sache ernstlich und
treulich angenommen hat. Ihren Brief an die Direktion hat er an einen
seiner Correspondenten nach Frankfurt geschickt, der zum Glück ein
angesehener Mann, und einer der Theater-Direktoren ist, auch B. kennt
ihn als solchen. Dadurch gewinnt es in den Augen der Frankfurter mehr
Solidität, als wenn blos B. sich dafür interessirte; B. hat aber zu
gleicher Zeit und wie von selber an seine guten Freunde schreiben
müssen: „wie er gehört, Herr Tieck wolle das Amt annehmen, und wie er
ihnen Glück dazu wünsche und“ -- ~enfin~ mehr dergleichen, daß es Ihnen
vielleicht helfen, aber gewiß nicht schaden kann; denn wer weis in
welchem Ruf B. in seiner Vaterstadt stehet? Ihren Brief habe ich ihm
auch nicht gegeben, sondern schicke ihn Ihnen hiemit zurück, denn
erstlich machen Sie ihn darin zum Direktor des Geschäftes, welches er
nicht seyn soll, und nicht seyn darf, zweytens hätte er sich durch
diesen Brief nach seiner Art berechtiget gefunden, grade zu Goethe
zu gehen, um mit diesem sich ein ~air~ zu geben, das wäre gar nicht
zu wünschen gewesen, sondern es hätte Goethe nur aufgebracht, und
verdrüßlich gemacht, denn B. ist jetzt fataler als jemals. Frommann war
gestern bey Goethe und er hat ihm gesagt (Goethe nemlich zu F.), daß er
Ihnen schon alles selbst geschrieben habe. Einen Brief an die Direktion
hat er an Frommann nicht gegeben, welches ich eben nicht artig finde.
Doch vielleicht erreichen Sie Ihren Zweck auch ohne diesen. Auf Ihren
Brief an die Direktion habe ich noch Ihre vollständige Adresse gesetzt;
Sie werden nun also von ihr direct Antwort erhalten, oder auch durch
Frommann, an B. schreiben Sie nur einen kurzen freundlichen Dankbrief
für sein Andenken; ich habe ihn schon von Ihnen gegrüßt, und Sie
entschuldigt, daß Sie ihm noch nicht geschrieben; also brauchen Sie ihn
in weiter nichts zu meliren. Das ist weit besser.

Von Friedrich habe ich meistens nur verdrüßliche Briefe, nemlich
Briefe in denen er verdrüßlich ist; er hat viele häßliche Geschäfte,
und was noch schlimmer ist, er konnte sie noch gar nicht besorgen,
weil er seinen Koffer nicht hatte, der auf der Post zu Halle stehen
geblieben. Nun hat er ihn aber wohl; und nun erwarte ich mit jeden
Posttag ängstlich meine Bestimmung von ihm zu erfahren, wenn ich nach
Dresden reisen soll? Es kömmt ganz auf Friedrich an, lieber Freund,
ich bin ganz reisefertig, und sehne mich sehr von hier fort, wo es mir
eben nicht gut geht, besonders seit Friedrich verreist ist; ich wäre so
gern bey Ihnen in Dresden! Grüßen Sie doch die _Ernst_ recht sehr
von mir und übernehmen Sie meine Entschuldigung wenn sie wegen meiner
Zögerung ungeduldig wird. Ich möchte Ihnen gern alles sagen können,
welche innige Freude Sie mir mit dem Octavian gemacht, Frommann hat ihn
mir vorgelesen. Ich danke Ihnen tausendmal dafür. Nie habe ich wieder
Ihre ganze Liebenswürdigkeit, die Tiefe und die Glorie Ihrer Kunst und
Ihrer Liebe so gefühlt! nehmen Sie meine Worte so an, ich möchte wohl,
ich könnte es Ihnen besser sagen! Die Lebens-Elemente lese ich auch
fleißig und sie öffnen meinen Blick in die Natur, und machen mich für
jede Ansicht empfänglich. Ich habe schon so viel Neues daraus gelernt,
mehr als ich sagen kann; ich lese sie alle Tage fast, und weiß sie fast
auswendig. Das Wasser lese ich immer mit einer recht frohen frommen
Empfindung, auch das Licht, es sind rechte Offenbarungen.

Lachen Sie mich nicht damit aus, lieber Tieck, Sie mögen sonst so viel
über mich lachen, als Sie wollen.

Was meynen Sie zu den Gedichten, die Friedrich in Vermehrens Almanach
hat? ist das nicht entzückend und rührend aus den Minnesängern?

Leben Sie recht wohl, seyn Sie recht glücklich und mögen Ihnen doch
Ihre Vorsätze und Wünsche alle erfüllt werden.

    Ihre ergebene

    _D. Veit_.

Viele freundschaftliche Grüße an Ihre liebe Amalia, und die kleine
Dorothea küße ich.


XVIII.

    _Wien_, 16ten März 1829.

Ich war einige Zeit unwohl, besonders an den Augen leidend, dies ist
die Ursache warum ich Ihr liebes Blatt durch die Nichte Buttlar noch
nicht beantworten konnte. Theurer werther Freund, wie sehr hat Ihr
freundliches gefühlvolles Schreiben mich erfreut, mir in der Seele
wohlgethan! Ich weiß nicht, wie man sagen kann, daß die theilnehmenden
Worte eines Freundes im Schmerze nicht trösten können? ich habe das
Gegentheil erfahren, und erst recht gelernt, wie wichtig und heilig
das Wort des Menschen ist. -- Nehmen Sie meinen innigsten Dank, und
auch dafür, daß Sie sich einer schönen frühern Zeit erinnerten, und sie
auch mir ins Gedächtniß zurückriefen. Wenn auch ganze Stücke von Zeit,
durch das verworrne Leben, uns wie untergehen, so bleiben doch einzelne
Punkte lebendig blühend in der Seele schwebend zurück, und überleben
alle Zeiten, bleiben in Ewigkeit lebend. -- Alles was über die
Herausgabe der Schriften des seeligen, und den Druck der Vorlesungen
Ihnen mitzutheilen ist, hat unser vortrefflicher Freund Buchholz zu
thun übernommen. Ein Wort von Ihnen zur Einleitung derselben, wäre
höchst wichtig und tausendmal willkommen! Die einzige Schwierigkeit
ist nur wegen des Manuscripts, welches wir wohl gern zuerst hier haben
möchten. Verschiedne Verhältnisse machen es wohl wünschenswerth, dieses
Manuscript baldmöglichst, auf eine kleine Zeit hier zu haben, und da
ohnehin Friedrichs Handschrift, besonders in solchen ersten Entwürfen
schwierig zu lesen zu seyn pflegt, und ich schon eine ziemliche Uebung
darin habe, weil ich jedesmal seine Arbeiten copirt habe, so will ich
mit großem Vergnügen zu Ihrem Gebrauch eine solche Abschrift machen,
und sie Ihnen mit der fahrenden Post zurücksenden; auf eben diese
Weise würden Sie gütigst das Manuscript unter der Adresse des Herrn
von Bucholz herzuschicken die Güte haben. Sollten Sie aber dennoch
es vorziehen, das Manuscript sogleich selbst durchzulesen, so würde
dies freilich in kurzer Zeit geschehen müssen, und darüber wird
Freund Bucholz Ihnen das nähere bestimmen; derselbe wird hoffentlich
Ihnen auch ein Exemplar seines schönen Aufsatzes aus dem Archiv für
Geschichte, Staatenkunde &c. zuschicken, den er zur Erinnerung an
unsern theuern Verstorbenen darin hat drucken lassen. -- Glauben Sie
nicht auch, lieber Tieck, daß eine genaue ausführliche Biographie
nicht passen würde für Friedrichs Leben, dessen verschiedene Zeiten
und Stufen mehr in einem innern Gang, in einer inneren Entwicklung,
als aus äußerlichen Thaten und Schicksalen bestanden? sind alle seine
Werke nur Bruchstücke zu nennen, wie vielmehr sein ganzes Leben, in
welchem es ihm fast nie vergönnt war, ein vollständiges Gelingen seiner
Bestrebungen zu erreichen, und so war auch seine ganze Wirksamkeit
immer mehr eine unsichtbare, innerlich fortlebende zu nennen, als daß
nach außen hin viel davon gesagt werden könnte, dünkt mich. So wie
Sie Novalis Leben in kurzen Umrissen darstellten, das scheint mir das
Einzig schickliche; und nur Sie vermögen es mit solcher Zartheit und
Leichtigkeit auszuführen; nur besorge ich, daß dies nicht leicht seyn
möchte, da noch so gar manche fremde Persönlichkeit dabey verschont
bleiben muß; ist es nicht überhaupt jetzt noch zu früh damit? Ihre
Ansicht, daß manches in seinen spätesten Meynungen besser gar nicht
erörtert werde, theile ich ganz vollkommen, aber nicht so wohl um
der Gegner willen -- denn diese darf man ja wohl nicht scheuen, wenn
von der Wahrheit die Rede ist; -- sondern weil eben noch so viel
schwankendes, man möchte sagen, unfertiges unklares, in diesen seinen
ersten Wahrnehmungen herrscht, so daß man sie in das Reich der Wahrheit
noch nicht vollkommen aufgenommen denken muß. Es sind mehr Ahndungen
und Träume zu nennen, und diese mögen verschleyert ruhen, da ihm
selbst nicht vergönnt ward, und wohl niemand in diesem Erden-Leben,
-- das Räthsel vollkommen zu lösen. -- Was ich von Novalis Schriften
gefunden habe, wird Bucholz Ihnen zusenden, eben so einige Ihrer
Briefe, die sich vorgefunden haben. -- Die Nichte Buttlar sagt mir, daß
es Ihnen angenehm wäre die Büste von A. W. Schlegel, von Ihrem Bruder
verfertigt, zu besitzen; es macht mir ein besonderes Vergnügen Ihnen
die Unsrige überlassen zu dürfen, da ich ohnehin wohl Wien in Kurzem
verlassen werde. Wenn es Ihnen also recht ist, so will ich diese Büste
von einem Sachverständigen einpacken lassen und Ihnen dieselbe durch
Fracht-Gelegenheit zusenden. Nun erbitte ich mir aber ein Gegengeschenk
von Ihnen, theurer Freund! nämlich ich höre, daß man das Gesicht nach
dem Tode abgeformt habe, und die Nichte sagte, es wäre sehr ähnlich
ausgefallen. Würden Sie es wohl übernehmen, den Künstler zu bewegen,
daß er einen Gyps-Abguß von dieser Form macht, und mir dieselbe dann
mit fahrender Post zusenden, oder durch irgend einen gefälligen
Reisenden? Wenn etwas dafür zu zahlen wäre, so will ich es sehr gern
wieder erstatten. Ich wünsche sein Bildniß vor den Vorlesungen in
Kupfer stechen zu lassen, und da könnte dieser Gypsabguß wohl mit dazu
benutzt werden.

Sollten Sie mich noch einmal durch einen Brief erfreuen, so schreiben
Sie doch auch, welche Plane Sie für den künftigen Sommer haben? ich muß
nothwendig recht bald etwas zur Befestigung meiner jetzt sehr wankenden
Gesundheit unternehmen, und da wäre es ja vielleicht thunlich, daß ich
Ihnen in irgend einem Sommer-Aufenthalt oder Badeort begegnete, was
ich sehnlichst wünschen würde; ja, sehr, sehr gern möchte ich Sie noch
wiedersehen!

Leben Sie wohl, und bleiben Sie mein Freund.

    Die Ihrige

    _Dorothea Schlegel_.

Den Catalog der Büchersammlung werde ich drucken lassen und Ihnen dann
gleich einen senden.

Amalien recht herzliche Grüße und meine ganze Theilnahme an dem Verlust
ihres Bruders. Welch eine Zeit der zerreißenden Trauer ist uns mit
diesem Jahre! Ihren Töchtern alles Liebe.


    =Schleiermacher, Friedr. Ernst Daniel.=

    Geboren zu Breslau am 21. Nov. 1768, gestorben in Berlin am 12.
    Febr. 1834.

    Reden über die Religion (1799.) -- Monologe (1800.) -- Predigten,
    sieben Sammlungen (1801 bis 1833.) -- Grundlinien einer Kritik der
    bisherigen Sittenlehre (1803.) -- Der christliche Glaube nach den
    Grundsätzen der evangelischen Kirche, 2 Bde. (1821-22.) --

    Die drei kurzen Briefchen geben in ihrer lakonischen Gedrungenheit,
    welche eben nur ausspricht, was sie sagen will, dieses dann
    bestimmt und klar, ein Bild des außerordentlichen Mannes, wie er
    sich im geselligen Umgange zeigte. Daß diese seine Kürze nicht
    immer ohne Schärfe blieb, und daß er mit wenig Worten zu treffen
    pflege, verhehlten auch die wärmsten Freunde nicht, wenngleich sie
    andrerseits die Milde seines Gemüthes nicht innig genug rühmen
    konnten. Er war fast eben so gefürchtet als geliebt. Wie denn wohl
    auch in seinen sublimen Kanzelreden philosophirende Dialektik
    bisweilen von sanft-herrnhuterischer Mystik durchweht wurde. Und
    gerade dieser Dualismus machte ihn zum Lieblingsprediger wahrhaft
    gebildeter, denkender und fühlender Hörer.

    Daß aber auch Er, dem es an Skepsis -- namentlich Tieck gegenüber!
    -- durchaus nicht mangelte, sieben volle Jahre brauchte, um den
    frommen Glauben an Vollendung der „Cevennen“ aufzugeben, ist fast
    rührend.


I.

    Von der Insel _Rügen_, 2/9. 24.

_Lieber Freund!_ in der Ungewißheit über den Postenlauf von
dieser entlegenen Gegend aus und auch über die Modificationen,
die Schedens[22] Plan mag erlitten haben, wende ich mich wegen der
Einlage an Sie mit der Bitte um gütige Abgabe, wenn Schedens noch in
Dresden sind, oder noch dahin zurückkehren. Im entgegengesetzten Fall
übernehmen Sie wol die Mühe, Berlin darauf zu setzen und den Brief
dorthin zu senden.

Gute Gesundheit und viel Freude. Vor allen Dingen aber _machen Sie
die Cevennen fertig._

    _Schleiermacher_.


II.

    _Berlin_, 14ten Jul. 30.

Ich kann dem Ueberbringer dieses, meinem Sohn Ehrenfried v. Willich
nichts angenehmeres wünschen als daß er Sie noch in Dresden finde,
und Sie werden es der väterlichen Liebe verzeihen, wenn ich ihn Ihnen
zusende. Meinen Dank bin ich Ihnen noch schuldig für die Bekanntschaft
Ihres medicinischen Freundes. Leider war nur während der kurzen Zeit
seines Hierseins ein solcher baulicher Unfug in unserer Wohnung, daß
wir gar keine Fremde bei uns sehn konnten.

Ueber unsere Freunde und besonders den Verstorbenen[23] spräch ich gern
mit Ihnen. Aus andern Aeußerungen war es mir so erschienen, als habe er
sich in der letzten Zeit vom Katholizismus wieder mehr abgewendet und
zu der indischen Weisheit hin, die er in seinem Buche so wenig günstig
behandelt hatte. Es gehört zum consequenten Philosophiren auch eine
gewisse Stärke des Charakters und diese mag ihm wohl am meisten gefehlt
haben. Wenn ich in diesem Jahr noch eine Reise machen kann, so denke
ich auf ein Paar Wochen nach Paris zu gehen, und das führt mich leider
nicht zu Ihnen.

Meine besten Grüße an die Ihrigen und an unsere Freundin Alberti, wenn
sie noch bei Ihnen ist.

    _Schleiermacher_.


III.

    _Berlin_, d. 9ten Mai 1831.

Diesmal lieber Freund ist es ein Amerikaner, den ich Ihnen zusende
Mr. Walter-Haven; aber ich weiß wirklich nicht mehr aus welchem
Staat. Er hat sich hier schon sehr degourdirt, und Sie werden gewiß
auch Ihren Beitrag dazu geben, dies gute Werk an ihm zu fördern. Wenn
nur Jeder, den ich Ihnen schicke, zugleich ein Executor wäre für die
_Cevennen!_ aber leider habe ich nun alle Hoffnung aufgegeben.

Mir ist die Reise, auf der wir uns zuletzt sahen, nicht sonderlich
bekommen. Ich fand noch in Basel die Brechruhr, und habe mich mit
der lezten Hälfte davon den ganzen Winter gequält. Jetzt endlich bin
ich ganz frei von allen Nachwehn. Mögen Sie besseres rühmen können.
Empfehlen Sie mich allen Ihrigen auf das beste.

    _Schleiermacher_.


=Schlosser, Johann Heinr. Friedrich.=

    Geb. 1780 in Frankfurt a./M., gestorben daselbst am 22. Jan. 1851.

    Er war der Neffe von Johann Georg (Goethe’s Schwager), studirte
    Jurisprudenz, wurde Advocat, späterhin Stadtgerichtsrath in seiner
    Vaterstadt, und lebte, nachdem er sein Amt niedergelegt hatte,
    theils auf seinem Landgute im Neckarthale, theils in Frankfurt.

    Die morgenländische orthodoxe Kirche (1845.) -- die Kirche in ihren
    Liedern (1851.) &c. --


I.

    _Frankfurt_, 21. Jul. 1822.

Wenn ich seit den schönen Tagen, die ich in Dresden verlebte, und
deren Genuß durch Ihre Güte, Hochverehrtester Herr und Freund, und
durch die Güte der theuren Ihrigen, mir und meiner Frau so ungemein
erhöht worden ist, Ihnen kein Wort dankbarer Erinnerung und kein
Lebenszeichen zugesendet habe, so bitte ich Sie, dies nicht einem
Mangel an herzlichem Vorsatze, sondern so manchen Abhaltungen und
Hindernissen, wie der Tag sie auf den Tag fortzupflanzen pflegt,
zuschreiben zu wollen. Wir waren, nachdem wir Sie verlassen, und
nach heiterm Verweilen bei Freunden in andern Gegenden Sachsens,
kaum nach der Heimath zurückgekehrt, als uns die Nachricht, daß mein
Bruder seine treffliche und uns Allen theure und geliebte Frau, nach
einer unglücklichen ersten Entbindung, verloren habe, ungeahndet, wie
ein Blitz aus heiterm Himmel, zu Boden schreckte, und die von einer
genußreichen Reise mitgebrachten heitern Bilder und Erinnerungen
gewaltsam in den Hintergrund drängte. Nachdem die erste Bewegung
heftigen Schmerzes über diesen manche schöne Pläne für’s Leben auch
für mich und meine Frau zerstörenden Verlust vorüber war, und die
freundlichen von Ihnen mitgebrachten Erinnerungen wieder ihr Recht
zu behaupten anfiengen, war es oft mein Vorhaben, Ihnen ein Wort der
Verehrung und des Dankes zuzusenden, aber es fiel mir, ohne bestimmtern
äußern Anlaß schwer, den Faden aufzufassen, und so verstrichen über
anderthalb Jahre, ohne daß mein Vorsatz zur Ausführung gedieh. Um
so rascher ergreife ich die Einladung eines gütigen Freundes, des
Herrn Grafen von Beust, ihm etwas nach Dresden, wohin er, auf einer
weitern Reise gelangen werde, mitzugeben, um Ihnen endlich zu sagen,
wie dankbar wir Ihrer und Ihres theuern Kreises, und der vielen Güte
gedenken, die wir von Ihnen erfahren haben. Mögen wir hoffen dürfen,
daß diese Zeilen Sie und die theuren Ihrigen bei erwünschtem Wohlseyn
treffen. Ich, mit meiner Frau, befinde mich Gottlob im Ganzen wohl,
und vor wenigen Wochen ist mir auch die Freude zu Theil geworden,
meinen Bruder, den ich seit dem Winter 1819 und seit jenem seinem
schmerzlichen Verluste, nicht gesehen hatte, und der diese ganze Zeit
hindurch in Frankreich geblieben war, wieder hier bei uns zu sehen,
und mich wenigstens von seinem Wohlbefinden, das lange für uns ein
Gegenstand schwerer Sorge gewesen war, zu überzeugen. Ich hoffe ihn,
der jetzt sich auf kurze Zeit von uns entfernt hat, vor seiner Rückkehr
nach Frankreich, wo er wenigstens ein Jahr noch zu verweilen gedenkt,
noch einmal hier zu sehen, und dann bis in die Gegend von Strasburg
zu begleiten, um den spätern Sommer dann mit meiner Frau in dem
paradisischen Baden zu verleben.

Noch muß ich meinen und meiner Frau, die sich Ihnen und den theuern
Ihrigen mit mir herzlich empfiehlt, wärmsten Dank für die schönen Worte
ausdrücken, die Sie in das von der Gräfin Eglofstein für uns bestimmte
Buch eingezeichnet haben. Diese liebenswürdige Freundin hier zu sehen,
hegen wir seit kurzem einige, obwohl bis jetzt nur sehr schwache
Hoffnung. Sollte sie sich erfüllen, so wird dies unser Verlangen nach
Dresden, wo wir zuerst ihre Bekanntschaft machten, erhöhen, und auch
den von uns herzlich gehegten Wunsch, Sie, theuerster Freund und die
theuern Ihrigen, am Rheine oder an der Elbe, einmal wieder zu sehen,
noch in uns mehren. Erhalten Sie sämmtl. uns indessen Ihr gütiges
Wohlwollen. Sollte Ihr Herr Schwager Möller und dessen Gemahlin bei
Ihnen seyn, so bitte ich auch diesen uns herzlich zu empfehlen.

Mit verehrungsvollster Ergebenheit

    Ganz der Ihrige

    _F. Schlosser_.


II.

    _Frankfurt_, 7. April 1830.

    _Verehrtester Freund!_

Mit Freude benutze ich den Anlaß, den mir anliegender vor wenigen
Wochen vollendeter Abdruck meiner Uebersetzung des Manzoni’schen Adalgis
giebt, mich, nach längerm Schweigen, in Ihr freundschaftliches Andenken
zurückzurufen. Mögen Sie meinem Versuche, wie in den mir unvergeßlichen
Tagen, in welchen wir Ihres lieben Besuches am schönen Neckarufer uns
erfreuten, so auch jetzt, gütigen und nachsichtigen Antheil schenken,
auf welchen, wenn auch nicht der Werth der Arbeit, doch der gute Wille,
mit welchem sie unternommen und ausgeführt worden, einigen Anspruch
verleiht, und für welchen Ihre freundschaftliche Gesinnung mir bürgt.

Noch steht das Bild der schönen Tage des 1820r Sommers, die Sie uns
verschönten, in unserer eben so lebhaften als dankbaren Erinnerung.
Seit jenen schönen Tagen hat sich Manches bei uns verändert, und
mancher schmerzliche Verlust hat tief in unser Leben eingegriffen.
Hoffentlich haben Sie, und die lieben Ihrigen den traurigen Sommer und
Herbst des verflossnen Jahres, und diesen harten Winter, gesund und
ohne dauernd nachtheilige Einwirkung auf Ihr Befinden, überstanden,
wie ich dies Gottlob von uns sagen kann; der Frühling, welcher bereits
kräftig sich einzustellen beginnt, wird hoffentlich bald alle noch
vorhandene Spuren winterlicher Beschwerden tilgen, und gebe Gott,
daß uns in diesem Jahre ein besserer Sommer zu Theil werden möge.
In etwa vierzehn Tagen gedenken wir, wenn keine ungeahndete Hemmung
dazwischentritt, unsern ländlichen Wohnsitz wieder zu beziehen.

Ungemein würde es mich erfreuen von Ihnen und den lieben Ihrigen
glückliche und beruhigende Nachrichten zu erhalten, vorzüglich
erfreulich aber würde uns seyn, wenn freundliche Sommerplane Sie
einmal wieder aus den reizenden Elbegegenden an den Rhein und Neckar
führen, und uns den Genuß des Wiedersehens bereiten würden.

Meine Frau empfiehlt sich auf’s herzlichste, und wir beide bitten
Sie uns dem freundlichen Andenken der lieben Ihrigen auf’s wärmste
empfehlen zu wollen.

Mit herzlichster Verehrung und Ergebenheit

    Ganz der Ihrige

    _F. Schlosser_.


III.

    _Frankfurt_ a/M., 6. Jun. 1842.

    _Hochverehrtester Freund!_

Hierher zurückkehrend von einer vierwöchentlichen kleinen Rheinreise,
fand ich vor wenigen Tagen die mir durch Ihre Güte zu Theil gewordene
Anzeige der Verlobung Ihrer Fräulein Tochter vor. Mit innigem Antheil
vernahmen wir, ich und meine Frau, diese Nachricht, und herzlich
vereinigen wir uns in dem Wunsche, daß die Verbindung, deren Kunde wir
Ihrer Güte und Freundschaft verdanken, für die Verbundenen und für Sie,
in jedem Sinne recht glücklich und erfreulich seyn, und sich reicher
ungetrübter Segen daran knüpfen möge. Haben Sie die Güte Ihrer theuern
Fräul. Tochter und dem Verlobten derselben diesen unsern herzlichen
Antheil und unsre herzlichsten Glücks- und Segenswünsche auszusprechen,
und mögen Sie selbst uns immer Ihre uns unschätzbare Freundschaft
erhalten.

Wir sind im Begriff, nächstens, so Gott will, nicht später als
gewöhnlich, uns ins liebliche Neckarthal zu übersiedeln. Sollten
freundliche Sterne Sie dort in unsre Mitte führen, so würde es für
uns ungemein erfreulich seyn. Meine Frau, die sich Ihnen herzlichst
empfiehlt, bittet mit mir, uns auch dem gütigen Andenken der Frau
Gräfin v. Finkenstein empfehlen zu wollen.

Mit inniger Verehrung und Ergebenheit

    Ganz der Ihrige

    _F. Schlosser_.


=Schmidt, Friedr. Ludwig.=

    Geboren zu Hannover 1772, gestorben in Hamburg 1840.

    Er begann seine Schauspielerlaufbahn in Braunschweig, kam dann
    zu Döbelin, wurde Regisseur der Magdeburger Bühne, ging von da
    nach Hamburg, und übernahm 1806 aus _Schröders_ Händen die
    Direktion des dortigen Stadttheaters, die er erst mit Herzfeldt,
    dann mit Lebrün u. A. vierunddreißig Jahre hindurch geführt.
    So lange das Schrödersche Haus „am Gänsemarkte“ der Schauplatz
    blieb, blieben auch die wohlthätigen Grenzen gesteckt, welche
    äußerlichen Tand und Prunk ausschließend, dem _inneren_
    künstlerischen Zusammenwirken eine Schutzmauer gegen andringende
    Neuerungen waren. Mit dem Bau des großen Hauses löseten sich
    diese schönen Verhältnisse; steigende Ansprüche des Publikums
    nach „Ausstattung“ steigerten den Etat; das Ensemble zerfiel im
    weiten Raume; Gastspiele jagten und hetzten sich; aus dem ernsten
    Schüler Schröders wurde nach und nach ein moderner Unternehmer; man
    speculirte in Decorationen, Pomp und Ballet; man durfte auch in
    Hamburg sprechen: ~c’est chez nous comme partout~! Gleichwohl
    hielt Schmidt noch immer fest an ihm heiligen Traditionen; er blieb
    mitten im Geräusch und Tumult der Gegenwart immer noch der eifrige
    Repräsentant theatralischer Zucht und Ordnung; der gewissenhafte
    Vertreter des Zunftwesens aus einer Zeit, wo es Lehrlinge, Gesellen
    und Meister gegeben; der „alte deutsche Komödiant“ im üblen --
    dagegen auch im edelsten Sinne des Wortes. Er bewahrte bis in
    den Tod, (welcher im _ersten_ Jahre nach seinem goldenen
    Schauspieler-Jubiläum erfolgte) feurige Begeisterung für die Sache,
    der er mit allen Kräften gedient. Er konnte wüthen, wenn jüngere
    Leute neben ihm all zu leicht nahmen, was ihm so wichtig war. Dann
    lachte er höhnisch: „Herrliche Fortschritte! _Meister_ wohin
    man spuckt; aber brauchbare Lehrlinge sind mit der Laterne zu
    suchen!“

    Wir hatten Gelegenheit, ihn in Tiecks Abendkreise (in Dresden)
    zu beobachten, als bei vierundzwanzig Grad Réaumür, und bei fest
    geschlossenen Fenstern, einer schier verschmachtenden Gesellschaft
    „Romeo und Julia,“ ohne Weglassung einer Silbe, vorgelesen wurde.
    Wir Alle standen förmlich ab, wie Fische in warmem Wasser. Der
    alte Schmidt hielt sich munter. Er lauschte Tiecks beredeten Lippen
    eben so andächtig die Schlußworte des Fürsten ab, wie er andächtig
    in der ersten Scene gelauscht. Der Kunstenthusiasmus des Greises
    überbot den manches Jünglings.

    Was er als Bühnenschriftsteller geleistet, gewann sich überall
    Geltung: Der leichtsinnige Lügner. -- Die ungleichen Brüder. --
    Berg und Thal. -- Die Theilung der Erde. -- Gleiche Schuld, gleiche
    Strafe. -- Mehrfache Bearbeitungen &c.

    Seine _dramaturgischen Schriften_ zeichnen sich durch
    praktische Nutzbarkeit vor vielen theoretischen Salbadereien
    vortheilhaft aus. Vorzüglich die dramaturgischen Aphorismen (1820.)

    Er faßte gern, was die Zeit eben bewegte, in Epigramme, die er
    jedoch nur näheren Bekannten vertraulich mittheilte, wobei er
    zu äußern pflegte: „da sind mir wieder einige politische Würmer
    abgegangen!“

    In seinem Hause gastfrei, unterhaltend, belehrend; in öffentlichen
    Verhältnissen hochgeehrt; als Schauspieler (wenn auch nicht frei
    von Manier) sehr bedeutend;... so geleitete ihn die allgemeine
    Achtung seiner Mitbürger zu Grabe.


    _Hamburg_, d. 24ten April 1824.

    _Wohlgeborner
    Hochgeehrtester Herr Doctor!_

Es war schon lange mein innigster Wunsch, mich dem Manne einmal
brieflich zu nähern, dessen geistreichen Schriften ich so viel
verdanke. Ich wähle dazu einen Augenblick, wo ein Bändchen meiner
Lustspiele erschienen ist und würde mich geehrt fühlen, wenn Sie
dasselbe einer critischen Beleuchtung werth achteten.

Ich weiß nicht, ob meine Kürzungen des _zerbrochenen Krugs_ Ihre
Billigung erhalten werden; doch ich darf sagen, daß ich um jede Strophe
einen Kampf gekämpft habe, ehe ich mich daran vergriff; aber meine
Vorliebe für den herrlichen Dichter mußte ich verläugnen, wenn es mir
einigermassen gelingen sollte, die Dichtung bühnengerecht zu machen.
Traurig genug, daß man so herrliches Gut gleichsam einschmuggeln muß!
Es gehört dies zu der Tirannei, der man sich, wie Sie kürzlich so
treffend bemerkten, leider zu fügen hat.

Verleiht Ihnen jedoch der Himmel noch recht lange Lust und Humor für
die Critik der Bühne: so dürfte doch über kurz oder lang eine bessere
Aera anbrechen. Wie erfreut mich Ihre öftere Erinnerung an Schröder! Ich
war so glücklich in den letzten 15 Jahren seines Lebens sein täglicher
Hausgenoß zu seyn und darf mich seines wahren Vertrauens rühmen. Einen
Schatz von Bemerkungen hab’ ich aus jenen Zeiten aufbewahrt, aber
eingezwängt in das Directoratsjoch, bleibt mir nur zu wenig Zeit, mich
in dem Rosengarten der Erinnerung zu ergehen.

Herzlichen Dank für den 1ten Band Ihrer Shakespeareschen Vorschule! Wer
durch _Sie_ diesen poetischen Löwen nicht kennen lernt, gebe die
Hoffnung auf, ihn je kennen zu lernen.

Leben Sie wohl, mein Hochverehrter! Möchte es Ihnen gefallen, noch
einmal einen kleinen Ausflug zu _unserm_ Elbgestade zu machen.
Wir Hamburger würden uns bemühen Ihren Aufenthalt in so viel Festtage
zu verwandeln. Bis dahin lassen Sie sich einiger Zeilen Antwort nicht
gereuen, womit Sie gar hoch erfreuen würden

    Ihren höchsten Verehrer

    _F. L. Schmidt_.

P. S. Die Einlage, bitt’ ich gütigst, abreichen zu lassen.


=Schmidt, Heinrich.=

    „Erinnerungen eines weimarischen Veteranen,“ heißt das Buch,
    welches Herr Heinrich Schmidt -- ebenfalls ein Theaterdirektor,
    wie der vorhergehende F. L. -- als sehr bejahrter Mann und von
    Geschäften zurückgezogen in Wien lebend -- erscheinen ließ. Aus
    diesem Buche erfahren wir, daß er bei Goethe, Herder, Schiller
    u. s. w. aus- und einging; daß diese Männer ihm Berather waren,
    da er „zum Theater laufen wollte;“ daß er längere Zeit hindurch
    die Fürstl. Esterhazysche Bühne in Eisenstadt geleitet; daß
    er nach mannigfachen Versuchen und Hindernissen zuletzt die
    Theaterdirektion in Mährens Hauptstadt übernommen.

    Worüber in jenem Buche nichts geschrieben steht, wovon man jedoch
    in der Theaterwelt unterrichtet war, ist der günstige Erfolg, den
    auch _dieser_ Schmidt errungen, was seine Kasse betrifft.
    Der _Brünner_ wie der _Hamburger_ Schmidt wurden
    _wohlhabende_ Unternehmer; mithin beachtenswerthe Ausnahmen
    von der Regel; und jedenfalls auch achtenswerthe. Denn wer bei’m
    Theater reich wird, muß seine Sache verstehen; mag er’s nun so,
    oder so angreifen; er muß nothwendigerweise _rechtlich_
    handeln. Ob höheren künstlerischen Interessen folgend?... das steht
    auf einem anderen Blatte.

    Heinrich Schmidt, in ökonomischer Verwaltung seiner „Entreprise“
    die trockene Prosa, liebte und pflegte als Mensch die Poesie, und
    erholte sich gern vom _Rechnen_ durch _Dichten_. Er hat
    viele Dramen geschrieben, deren jedoch nur wenige den Weg auf die
    Bretter fanden. Fast alle trugen das Gebrechen, welches er an den
    ihm eingesendeten Arbeiten Anderer unerbittlich rügte: sie waren zu
    _poetisch_ und nicht bühnengerecht.


    _Brünn_, 27ten Aug. 1830.

    _Ew. Wohlgebohren_.

Kaum darf ich hoffen, daß Ew. Wohlgeb. sich meiner noch erinnern
werden, wiewohl es kaum 18 Monate sind, daß ich Ihrer Güte das Glück
verdanke, an zwey der interessantesten Abenden meiner damaligen Reise
Ihren Vorlesungen in Dresden beywohnen zu können. Doch Sie breiten
mit wahrhaft dichterischer Munifizenz diese schöne Gottesgabe über so
viele Reisende aus, daß sich der Einzelne kaum schmeicheln darf mit
der Hoffnung, in Ihrem Andenken eine kleine Spur zurückzulassen. Und
doch wag’ ich es, dem Ueberbringer diese Zeilen mitzugeben? -- Eben
dieß Wohlwollen nicht allein, das ich aus eigener Erfahrung kennen
gelernt, sondern auch die Ueberzeugung, die ich gewonnen habe, daß
Ueberbringer, Herr von Wekherlin, Sohn des verstorbenen Finanz-Ministers
in Stuttgard, ein gebildeter Mann, der im Auftrag des Staats eine
wissenschaftliche Reise unternimmt, ein eben so großer und inniger
Verehrer von Ihnen ist, wie ich selbst, haben mich dazu ermuthigt. --
Herr von Wekherlin hat keinen weitern und innigern Wunsch für seinen
Aufenthalt in Dresden, als des Glückes Ihrer Bekanntschaft theilhaftig
zu werden. -- Sollte Sie dieß nicht diesem Wunsch geneigt machen? --
O gewiß! Der Dichter des Oktavians, des Fortunats, der Genofeva --
deren Lektüre ich jetzt eben wieder einen so herrlichen Genuß verdanke
-- einen Genuß, den ich dem Dichter selbst als beßten Lohn für diese
reiche Spenden seiner Muse gönnte -- ist nicht bloß in seinen Werken
so überschwenglich theilhaftig für seine Mitwelt! -- Diese Werke
liegen eben um mich her. -- Besonders merkwürdig ist mir Genofeva.
An sie knüpfen sich die lebendigsten und tiefsten Erinnerungen aus
meiner Jugend, als ich noch in Jena studirte. -- Wie wir da, einige
20 Bursche, unter Vorsitz eines gewissen Burkhardt, der bey Professor
Mereau wohnte -- dieses treffliche Gedicht -- das wohl damals gerade
erschienen war -- in den Mitternachtsstunden zusammen andächtig
lasen, welche Freuden, welcher Jubel! -- An die Rolle des Golo mit
seinen wiederkehrenden Erinnerungen an das stille -- dann ernste --
Thal schloß ich mich innig an; ich betrachtete sie als die schönste
Aufgabe für den jugendlichen Schauspieler. -- Wie viel Ehrfurcht
hegten wir für die nicht unempfindliche und doch heilige Genofeva! --
Und wie trat alles dieß mahnend auf mich zu, als ich auf jener Reise
in Weimar das Skandal erlebte, die Raupachische aufführen zu sehn --
eine preußisch protestantisch _leichtfertige_ -- der zu Liebe
und zum Triumpf des Unsinns doch auch Wunder über Wunder geschehn,
die selbst Golo -- wiewohl er gleich in voller Leidenschaft auftritt
-- von der Begleitung Siegfrieds abhalten &c. Doch ich fürchte ins
Schwatzen zu kommen, worein der Glückliche so gern fällt und der Genuß,
den mir Ihre Dichtungen jetzt wieder verschafft haben, hat mich ganz
glücklich gemacht. -- Empfangen Sie demnach zugleich meinen innigsten
Dank dafür. -- Es ist der reinste für die schönsten Freuden dieses
sublunarischen curiosen Lebens.

Mit tiefster innigster Verehrung

    Ew. Wohlgeboren

    Ergebenster Diener

    _Heinrich Schmidt_, Direktor,
    in Brünn No. 64 in eigenem Hause.


=Schmidt, Friedr. Wilh. Valentin.=

    Geb. zu Berlin am 16. Sept. 1787, gestorb. daselbst am 15. Oktober
    1831.

    Seit 1813 Professor am Cölnischen Gymnasium, 1821 außerordentlicher
    Professor der Litteratur an der Universität, von 1829 Custos an
    der königl. Bibliothek, fand er bei letzterer keinen sichern Halt,
    trotz seiner Verdienste als gelehrter Forscher, die sich vorzüglich
    in dem Werke: Beiträge zur Geschichte der romantischen Poesie
    (1818) documentiren. Was er in seinen Schriften über Bojardo,
    _Calderon_ &c. geleistet, ist bekannt und anerkannt. Das
    völlige sich Versenken und Aufgehn in des Letzteren ächt-spanischen
    Katholizismus, hatte auch den unbedingten Verehrer dieses
    großen Poeten katholisch gemacht. Doch weil in jener Epoche
    solche Richtung von Oben höchst übel vermerkt wurde, hatte
    ihm sein Minister kund gethan, daß er als Convertit den Platz
    an der Bibliothek verscherzen würde. Schmidt war ein sanfter,
    ängstlicher, bald verzagender Mensch. Energische Opposition lag ihm
    fern. Er fügte sich schüchtern der Drohung (die doch schwerlich
    in Erfüllung gegangen wäre), und stellte sich zufrieden mit
    _innerem_ Uebertritt. Der damalige katholische Pfarrer Fischer,
    ein ehrwürdiger, milder, verständiger Priester (in Frankenstein
    i. Schles. als Stadtpfarrer gestorben, und heute noch lebend im
    treuen Andenken _aller_ Konfessionen) tröstete ihn, und
    versprach ihm: er solle dennoch in geweiheter Erde ruhen. An dieser
    Zuversicht labte sich des treuen Valentin’s gläubige Seele. Da
    brach die Cholera aus; er fiel, eines der ersten, gewaltsamsten
    Opfer. Und im wilden Drange jener unruhigen Tage konnte das ihm
    gegebene Versprechen nicht erfüllt werden. Er liegt auf dem
    allgemeinen Cholera-Friedhofe und ist als Protestant begraben
    worden.

    Seine Freunde haben wohl darüber gelächelt, doch mit Thränen im
    Auge.


I.

    _Berlin_, 20. Julius 18.

Da die Hoffnung Sie, Hochverehrter Gönner und Freund, in Berlin zu
sehen bis jetzt leider nicht erfüllt ist, so ergreife ich diese
Gelegenheit, Ihnen durch meinen Collegen, den Prof. Giesebrecht, ein
Exemplar der Beiträge zu übersenden. Mögen sie Ihrer Beachtung nicht
ganz unwürdig erscheinen!

Könnte ich nicht durch Ihre gütige Vermittlung ein Exemplar der
Nächte des Stroparola erhalten von einer Ausgabe _vor_ 1604? Die
französische Uebersetzung hat mir Brentano gegeben.

Indem ich mich aufs neue Ihrer Gewogenheit und Ihrem Andenken empfehle,
verbleibe ich

    Ihr gehorsamster

    _F. W. V. Schmidt_
    Professor[24].


II.

    _Berlin_, 19. Nov. 18.

Hiebei erhalten Sie, hochgeehrter Gönner und Freund, ein Exemplar des
Fortunatus. Mögen Sie es mit Geneigtheit empfangen, und mit Nachsicht
beurtheilen! Wie ganz anders sollte einzelnes ausgefallen sein, wenn
ich so glücklich wäre bei schwierigen, mir dunkeln oder verdorbenen
Stellen einen Kenner, wie Sie, in der Nähe zu haben, mit dem ich mich
hätte besprechen, von dem ich Rath und Hülfe hätte erhalten können. So
weit man sein eigenes Werk beurtheilen kann, so glaube ich den Geist,
welcher hinter den Zeilen lebt, verstanden und vielleicht wieder
gegeben zu haben. Und das scheint mir das erste Erforderniß einer
Uebersetzung, welche nicht für die gelehrten Kenner des Originals,
sondern für deutsche Leser bestimmt ist. Aber freilich ist es bei
weitem nicht das einzige; namentlich sind die kurzen gewichtigen Worte
des englischen von Decker so wunderbar zusammen gepreßt, daß gar
manches in den ernsthaften Theilen hat ausfallen müssen, weil unsere
schleppenden Endungen auf e leider im Verse immer mit zählen. Das ist
bei dem überreichen Ausdruck des jungen englischen Dichters vielleicht
für uns Deutsche kein Nachtheil, aber freilich giebt die Uebersetzung
dann immer kein ganz getreues Abbild des Originals. Bei den Wortspielen
muß man sich so helfen, wie man kann, und leichte Ungezwungenheit,
welche allein komische Wirkung machen kann, scheint mir hier die
Hauptsache. --

Was meine Arbeit über Calderon betrifft, so haben Sie mir davon ein
so hohes Ideal in Ihrem Brief aufgestellt, daß ich davor erschrocken
bin, indem ich meine Kräfte gegen die Aufgabe maß. Wenn ich Ihnen den
Titel des Buches schreibe, glaube ich ungefähr anzugeben, was ich
glaube mit Gründlichkeit und Sicherheit leisten zu können. „Geist aus
200 (oder wie viel ich auftreiben kann) Schauspielen des Calderon
d. L. B. mit Untersuchungen über Zeitfolge, Quellen, Nachahmungen,
das Geschichtliche, Lesearten, Anspielungen u. d.“ In drei bis vier
Bändchen möchte ich nun zuerst die Deutschen mit dem ganzen Reichthum
des Spaniers, (der durch seine rührende Anhänglichkeit an das Haus
Oestreich und die Deutschen sich so gern selbst uns anschließt)
bekannt machen. Und dies Werk soll so wenig eine Uebersetzung des
ganzen überflüssig machen, daß vielmehr dadurch das Bedürfniß
derselben hoffentlich recht fühlbar wird. Denn ich gestehe Ihnen
offen, daß mir scheint, wir werden die besten Stücke Calderons, aus
seinem Mannesalter, wo Form und Stoff sich innig durchdrungen haben,
nimmermehr so vollendet als es möglich in unserer Sprache lesen,
wenn wir von den bogenlangen Assonanzen und steilen Reimen bei der
Uebersetzung nicht abstehen. Der Deutsche hat nun einmal immer nur
Einen Reim, wo der Spanier zehn hat. Das kann kein Gott ändern.
Die ewig wieder kehrenden Endungen auf _eben_, _oben_, und _ieben_
verglichen mit der Fülle, Glätte und Anspruchslosigkeit des spanischen
bilden in der That einen größern Abstand, als wenn jemand diese
unnatürliche Fessel abwerfend, nunmehr die Mittel hat sich genau in
allen wesentlichen Stücken dem Original anzuschließen, oder lieber
dies aus sich heraus zu gebären. Mir scheinen die bewundernswürdigen
Stücke von Schlegel und Gries vielmehr Kunststücke als Kunstwerke. Eine
Freundin von mir (von welcher Ostern der Bojardo in hundert Bildern
bearbeitet erscheint) wird einige der besten Dramen zugleich mit meiner
Schrift, so wieder gegeben, drucken lassen, doch dies beiläufig. Mein
erster Band soll die eigentlichen Intriguen-Stücke enthalten, der
zweite die sogenannten heroischen, worunter die geschichtlichen, der
dritte die mythologischen Festspiele, der vierte und stärkste die
geistlichen, nebst den wichtigsten Autos. Und das nach der Zeitfolge,
so weit ich sie herausbringen kann. Für 36 Stücke hat die Ausgabe des
Vera-Tassis (Apontes hat eine wunderliche Verwirrung angerichtet,
und sich wahrscheinlich nur nach dem augenblicklichen Bedürfniß des
Buchhändlers bestimmt) das Datum der ersten Erscheinung. Für etwa eben
so viel der andern sind geschichtliche Andeutungen, oder Anspielungen
auf frühere Stücke (was Cald. sehr liebt) vorhanden, welche durch
eine gesunde combinatorische Kritik ungezwungen die Folge angeben.
Dann tragen die Dramen des späteren Alters unverkennbare Spuren von
Mattigkeit, Unlust an dergl. Arbeiten und Manier, wobei als Brennpunkt
~Fieras afemina amor~ angenommen werden muß, in welchem Tag und Jahr
der Abfassung selbst angegeben ist. -- Zuerst wird bei jedem Drama
der Inhalt angegeben, oder, wenn Sie mir den Ausdruck erlauben, die
Lebenspunkte. Und das in einem Styl, welcher dem jedesmaligen Ton
des Drama angemessen ist. Dies ist theils für die nothwendig und
erfreulich, welche das so seltene Original nicht haben, theils aber
wird es auch für andere nicht unangenehm sein, einen Faden zu haben,
sich durch die labyrinthischen Gänge durchzufinden. Außerdem sieht und
weist vielleicht auch der, welcher sich ~ex professo~ lange mit dem
Dichter beschäftigt hat, auf manches hin, was der gewöhnliche Leser
übersieht, oder gering achtet, und sich dadurch Kenntniß und Genuß
verkümmert. Ohne das würde auch schwerlich ein Buchhändler in Europa
sich zu dem Verlag unter irgend einer Bedingung verstehen, selbst
wenn ich auch lateinisch oder französisch es abfassen wollte. Dann
folgen hinter jedem Stück die Bemerkungen. In einem Anhang das Leben
des Calderon nach Vera Tassis, in einem zweiten die Vergleichung der
Ausgaben, in einem dritten Conjecturen und Lesearten, und Druckfehler
(die letzteren im Apontes verbessert aus Vera-Tassis) in der
einfachen Form wie die ~Castigationes~ zu griechischen und römischen
Schriftstellern sonst gemacht und gedruckt wurden (namentlich die von
Falkenburg zum Homerus).

Die drei Bände, welche Sie mir übersandt haben, sind mir äußerst
willkommen gewesen, und ich kann Ihnen mit keinen Worten ausdrücken,
wie verpflichtet ich mich Ihnen hierfür, für das Verzeichniß, und für
Ihr gütiges Anerbieten fühle. Den Katalog habe ich sogleich durch den
hiesigen Bibliothekar und wunderlichen Spanier Liaño nach Spanien
befördert, und gebeten die Stücke welche dort etwa einzeln zum Verkauf
zu haben wären mir zu übersenden. Wenn Sie aber nach Wien oder München
schreiben, würden Sie die Verpflichtungen, welche ich Ihnen habe, noch
vermehren, wenn Sie wegen dieser Dramen nachfragten. Durch eine der
hiesigen Buchhandlungen läßt sich der Transport vielleicht besorgen.
Denn ich traue Liaños Commissionarien in Spanien nicht Neigung und
Kenntniß genug zu, um sich lebhaft dort für die Sache zu bekümmern.
(Wir glauben eine nun folgende, lange Stelle dieses Briefes, die ein
Verzeichniß von wichtigen Büchertiteln enthält, und nur dem Gelehrten
vom Fache Interesse gewähren könnte, unterdrücken zu sollen.)

Wie lieb wäre es mir, wenn ich öfter Ihrer belehrenden und ermunternden
Unterhaltung genießen könnte. Erhalten Sie mir Ihre Gewogenheit und
Liebe.

    Der Ihrige
    _F. W. V. Schmidt_
    Fischerstraße 22.

Auf die Anzeige in der Literatur-Zeitung habe ich mir sogleich
angeschafft: ~De poeseos dramaticae genere hispanico, praesertim de
Petro Calderone de la Barca. Scr. Heiberg. Hafniae 1817.~ Es hat
mir Leid gethan, daß der so viele Liebe für den span. Dichter zeigt,
ein ganz unbrauchbares Buch darüber geschrieben hat. Denn für den
_Kenner_ ist es _ganz_ überflüssig, er lernt auch nicht Ein
Wort daraus. Für den Nicht-Kenner unverständlich.


III.

    _Berlin_, 22. Febr. 19.

Abermals, mein hochgeehrter Gönner und Freund, muß ich mit Beschämung
an Sie schreiben, denn noch immer bleibe ich tief in Ihrer Schuld.
Schieben Sie dies aber ja nicht auf die einigen Gelehrten eigene
Fahrläßigkeit bei Benutzung von fremden Büchern; ich habe in der That
in den letzten zwei Monaten so viel unerwartete Geschäfte bekommen,
daß ich kaum weiß, wenn ich darauf zurück sehe, wie ich bei meinen
drückenden Amtsgeschäften habe durchkommen können. Ich habe nämlich
auf höhere Aufmunterung gestützt mich bei der hiesigen Universität
als Docent für die neuere Literatur, Geschichte der Poesie und dergl.
gemeldet, und neben unzähligen Gängen und Weitläuftigkeiten (welche mir
indeß durch Solgers, Wilkens und Böckhs gütiges Benehmen erleichtert
sind) zwei lange Abhandlungen anfertigen, und Reden halten müssen, die
Eine lateinisch ~de Petri Alfonsi libro inedito, qui inscriptus est
Disciplina Clericalis~, die andere deutsch, über Calderon, worin
ich mir erlaubt habe Ihrer zu erwähnen. Diese letztere wird jetzt
gedruckt, und ich werde sie Ihnen in wenig Wochen zugleich mit Ihren 3
Theilen Calderon übersenden, mit einem längeren Brief. Möge Ihnen dies
als Grund der Verzögerung genügen. Es liegt mir doch so am Herzen, die
Stücke durchzuarbeiten, und Sie erhalten sie auf jeden Fall vor Ostern
wieder.

Hiebei erhalten Sie mit Dank Ihren _Indice general_ zurück. Ich
habe einen Auszug der zweifelhaften Stücke des Calderon gemacht, und
lege Ihnen hier eine Abschrift davon bei. Wenn Sie nun sich deshalb
nach Wien meinetwegen und des Calderon wegen wenden wollten, so würde
vielleicht kein Zeitpunkt günstiger sein, als der jetzige. Denn es wird
jetzt in Wien durch die Gnade des Ministers Altenstein eine Abschrift
des griechischen Codex der sieben weisen Meister auf der dortigen
Bibliothek für mich gemacht (Aus Paris habe ich schon den Anfang
der griechischen 7 Meister und der ~Disciplina clericalis~ vom
Ministerium erhalten); es würden also die dortigen Bibliothekare so
weniger Bedenken tragen einem Mann dergleichen anzuvertrauen, der Ihr
Vorwort und das Zutrauen des Ministeriums besitzt. Vielleicht ließe
sich der Transport dann auch auf gesandtschaftlichem Wege (denn so
werden mir die Abschriften übermacht) besorgen.

Aber auch den Dunlop kann ich Ihnen leider in diesem Augenblick nicht
schicken. Ich will nämlich (~N. B.~ wenn ich Zuhörer gewinnen
kann) Ostern Geschichte der neueren Litteratur auf der Universität
lesen, nach eignen Diktaten. Ich muß die Collegia dazu vorher ziemlich
ausarbeiten, da ich Anfänger im Collegium-Lesen bin, und da ist der
Dunlop ein unentbehrliches Noth- und Hülfsbuch. Indeß hoffe ich
doch recht bald Ihnen damit dienen zu können, denn ich habe auf der
hiesigen Königl. Bibliothek um dessen Anschaffung dringend gebeten,
und hoffe mit Erfolg. Sobald er nun hier angelangt ist, erhalten Sie
mein Exemplar zum Gebrauch, denn alsdann bin ich zu dem Exemplar der
Bibliothek der nächste.

Vielleicht kennen Sie die neue Uebersetzung der 1001 Nacht von Scott
noch nicht, deren 6ter Theil von Galland, Cardonne und dem letzten
Franzosen (der Name fällt mir nicht ein) nicht gekannte Stücke enthält.
In dieser Voraussetzung übersende ich Ihnen diesen, um doch nicht ganz
leer zu erscheinen. Bald meine Vorlesung über Calderon und Ihre 3
Bände zurück. Werden Sie nächstens ganz gesund, und erhalten mir Ihre
Zuneigung und Freundschaft, die mir so werth ist.

    _In großer Eil._

    Ihr
    _F. W. V. Schmidt_,
    Fischerstraße 22.

Viele Empfehlungen an Ihre werthen Angehörigen.


=Schnaase, Karl.=

    Geb. am 7. Dec. 1798 zu Danzig.

    Dieser bedeutende Kunsthistoriker -- sein Hauptwerk: Geschichte
    der bildenden Künste war 1861 noch nicht vollendet -- lebte
    längere Zeit in Düsseldorf, wo er zum schönen Vereine gehörte,
    den Immermann, Schadow, Uechtritz und Andere bildeten. Dies
    Zusammenleben ist Allen förderlich gewesen, hat zu gegenseitiger
    Belebung und Erhebung gewirkt, und schöne Wissenschaften wie Kunst
    haben dadurch gewonnen. Solche Bündnisse sind hienieden selten und
    leider in der Regel auch nicht dauernd; Tod wie Leben lockern und
    lösen was so fest schien.

    Herr Obertribunalrath Schnaase lebt jetzt in Berlin.


    _Düsseldorf_, d. 1. December 1840.

    _Theurer, verehrter Herr Hofrath!_

Sie waren bei meiner Abreise von Dresden so freundlich, mich
aufzufordern, Ihnen von Berlin aus zu schreiben. So gern ich Ihnen
den Dank für die überaus gütige Aufnahme, die Sie mir gewährt,
wiederholt und den tiefen und wohlthätigen Eindruck, den ich davon
trug, geschildert hätte, so hielt mich eine Scheu davon ab, Ihnen
gleich wieder mit meiner unbedeutenden Person vor die Augen zu
treten. Vielleicht mit Unrecht, aber es liegt einmal so in meinem
Wesen. Gestern theilte mir unsre Freundin Immermann Ihren Brief mit,
dessen Inhalt uns höchst erfreute und wieder so innig und freundlich
war, daß ich nun nicht länger zögern kann. Es ist überaus schön und
gütig, daß Sie Hand daran legen wollen, den Grundriß des unausgebaut
gebliebenen Theiles in dem Gedicht unsres Freundes auszuzeichnen.
Ihrer Meisterschaft wird es vortrefflich gelingen, das Unfertige mit
leichten, kräftigen Zügen so zu malen, daß es wie in perspektivischer
Verkürzung und Entfernung an das Vollendete und Nahe sich anschließt
und der Phantasie ein Ganzes wird. Niemand versteht es ja so gut
wie Sie, was der innere Einheits- und Lebenspunkt eines Gedichtes
ist. -- Frau Immermann bittet, damit ich diesen Punkt sogleich ganz
bespreche, daß Sie das Manuscript, welches sie Ihnen geschickt, da
behalten mögen. Es ist eine Abschrift von der hier zurückbehaltenen,
nach welcher auch der Druck bereits begonnen hat. Bei dem reichen Stoff
zu eigenen Arbeiten, der Ihnen gewiß auch jetzt wieder vorliegt, darf
man Ihre Güte nicht mißbrauchen, darum mache ich nur im Vorbeigehn
darauf aufmerksam, daß wie gesagt, der Druck schon angefangen hat. Daß
Sie bei dieser Gelegenheit auch ein Wort über Immermanns dichterische
Gestalt überhaupt sprechen wollen, ist unschätzbar; ich hatte es im
Stillen gehofft. Das würde dann füglich dem Bande, welcher den Tristan
enthält, auch beigegeben werden. Meinen Nekrolog beabsichtigen
wir (etwas erweitert) in einem spätern Bande, wo nachgelassene und
gesammelte Schriften erscheinen können, beizugeben. Des Nachgelassenen
ist eigentlich nicht viel da, hauptsächlich nur ein Tagebuch, aus
dem man noch dazu die besten Stellen (zum Theil) wegen persönlicher
Beziehungen fortlassen muß, aus der Theaterperiode. Dagegen kann
manches Vereinzelte (Gismonde, der Aufsatz über Grabbe, die in der
Pandora abgedruckten Düsseldorfer Anfänge) gesammelt, vielleicht auch
Vergriffenes wieder abgedruckt werden.

Ihre Vittoria habe ich mit der größten Freude und Bewunderung, mit
dem ausdauerndsten Interesse gelesen. Es ist ein _historischer_
Roman, im besten Sinne des Worts, mehr als irgend einer. Ich kann den
Eindruck, den er mir macht, am Meisten mit dem der Hauptwerke einer
älteren Periode vergleichen, aus denen mir der Geist, das Leben jener
Zeit so concentrirt, thatkräftig, mehr die Wurzel der Entwickelung,
als die Breite der Zustände entgegentritt. Dies warme, innige Gefühl
eines frühern Zeitgeistes, einer andern Gestaltung des Menschengeistes
in einem Momente, wie in lebendigem Athem mitgetheilt zu erhalten,
ist mir ein großer Genuß, und ebenso empfinde ich ungefähr bei
Ihrer Vittoria. Jenes Geschichtsgefühl (wenn ich es so abstract und
barbarisch nennen darf) fesselt mich auch oft bei Kunstwerken einer
Zeit, welche an sich für diese Kunstgattung nicht geeignet war, und
die daher in ästhetischer Würdigung nicht sehr hoch zu stehn kämen,
und das macht dann wieder den Vergleich hinkend, weil in Ihrem Gedicht
dieser Kontrast nicht vorhanden ist. Aber dennoch bleibt etwas
Aehnliches, weil Zeit und Volk, die Sie für die empfängliche Phantasie
so überaus treu und wahr schildern, in der moralischen Würdigung
der Zeiten auch nicht die erste Stufe einnehmen. Auch darin ist der
Eindruck ein historischer, weil man fühlt, wie nicht blos der große
Haufe, dem die Selbstständigkeit fehlt, und die Heroen und Leiter
der öffentlichen Dinge, die sich damit identificiren, sondern auch
die ausgezeichnetesten, edelsten Gestalten der mittlern Region, des
weiblichen und häuslichen Lebens, ganz von dem geschichtlichen Leben
ihrer Zeit durchdrungen, mit demselben verwachsen sind. Dieser Eindruck
ist, wie billig, ein tragischer, -- herbe, weil so seltene, edelste
Gestalten, wie Vittoria, wie Bracciano, dem Schicksale erliegen, nicht
bloß kämpfend, sondern eben weil sie von der verderblichen Richtung
selbst durchdrungen sind -- erhebend, weil auch in entarteter,
verfallender Zeit die Verderbniß selbst ein Stoff wird, in dem sich
die großen Naturen bilden und entwickeln. Vortrefflich tritt es in
Ihrem Werke ans Licht, wie in der Auflösung einer edlen, mildernden
Sittlichkeit alles das Maaß überschreitet, im sinnlich Reichen und
Weichlichen, wie im Herkulisch oder athletisch Angespannten. -- Mit
Einzelnem will ich Sie nicht behelligen, und es ist vielleicht schon
sehr keck, daß ich Ihnen meine Auffassung des Ganzen vortrage. Denn
soviel vermuthe ich selbst, daß dieser Gedanke es nicht war, von dem
Sie ausgingen, daß Sie vielmehr die Ahndung einer Gestalt, wie Sie sie
nachher in der Vittoria wirklich gezeichnet haben, begeisterte und Sie
die Schönheit derselben (die freilich jene historischen Umgebungen
hervorrief) als eine ganz reine, an und für sich werthvolle empfanden.
Aber diese Differenz ist vielleicht nur eine nothwendige, und wenn
auch nicht, so werden Sie mir meine Auffassung gönnen und verzeihen,
da es bekannt ist, daß der Dichter sich gefallen lassen muß, in
verschiedenen Lesern Verschiedenes hervorzurufen. Uebrigens habe ich
bei diesem Gedichte wieder die Erfahrung gemacht, wie jedes Werk mit
seinem Meister zusammenhängt. Ich glaube Ihre Dichtungen noch besser zu
verstehn, seit ich Sie persönlich kennen gelernt habe. Das Zeitalter
der Rhapsoden war darin glücklich, wo das ganze Volk das Gedicht von
den Lippen des Sängers selbst empfing. Ich glaube Ihre Stimme, Ihren
Vortrag durchzuhören, und der Sinn, die geistige Harmonie eröffnet sich
mir dadurch mehr.

Von Berlin erzähle ich Ihnen nichts. Sie sind dort besser bekannt, wie
ich, wenn auch nicht mehr unmittelbar, so durch Ihre Freunde. Eine
große Stadt hat etwas Ruhiges, Instinktartiges, was vortheilhaft und
nachtheilig wirkt, und dies Mal wohl that. Unsres Königs schöne Gestalt
war dabei ein würdiger Augenpunkt. Leider verlautet noch nichts, was
seine Huld für Immermann’s Wittwe thun wird. --

Meine Frau empfiehlt sich in dankbarster Erinnerung der schönen Tage,
die wir bei Ihnen verlebten, wir beide bitten uns der Frau Gräfin
und Ihren lieben Fräulein Töchtern bestens zu empfehlen. Mit inniger
Verehrung

    Ihr ergebenster

    _Schnaase_.


=Schöll, Adolf.=

    Geboren 1805 zu Brünn, aus einer daselbst in hoher Achtung
    stehenden Familie. Er lebte längere Zeit in Berlin, befreundet
    mit den besten jener Gelehrten, Dichter und Künstler, welche
    während der dreißiger Jahre gesellig wie geistig vereint, fest
    zusammenhielten.

    Seit 1843 befindet er sich in Weimar, als Direktor Großherzoglicher
    Kunstinstitute. Er ist Verfasser mehrerer anerkannter Schriften
    über tragische Poesie der Griechen, über Sophokles &c. und
    Herausgeber werthvoller Beiträge zur Goethelitteratur.


    _Berlin_, d. 7t. März 1839.

    _Hochverehrter Herr Hofrath!_

Seit der Ausflug nach Dresden und Besuch bei Eduard Bendemann, den
ich mit einigen Freunden auf den Dezember vorigen Jahrs festgesetzt
hatte, durch die damalige Krankheit der jungen Bendemann vereitelt
ward, war es immer meine Absicht, Ihnen, verehrter Herr Hofrath,
wenigstens schriftlich einen Besuch zu machen. Nur großer Mangel an
Muße ist schuld, daß dies erst jetzt geschieht. Die schönen Tage im
Oktober, an welchen ich Sie sehen und hören durfte, haben mich in
innige Bewegung gesetzt, die Erinnerung mich auf der ganzen Reise
und hierher zurückbegleitet. Wär’ ich einige Jahre jünger: ich hätte
einen Entschluß ausgeführt, der sich seitdem als Wunsch mir immer
vorstellte, hätte mein Zelt in Dresden aufgeschlagen, um die neuere
Literatur gehörig zu studiren, und dabei Rath und Licht von Ihnen mir
zu erbitten. Nun seh’ ich ein, daß ich meine Studien auf die Antike
beschränken muß, da ich nur für diese einige Mittel erworben und
vollauf zu thun habe, um sie mir im Zusammenhang vorzustellen und
endlich eine menschlichklare Geschichte der griechischen Poesie zu
schreiben. Nicht als ob ich glaubte, dies sei möglich ohne Kenntniß
der wahren Größen und Entwicklungen moderner Poesie; ich stärke an
Genuß und Betrachtung der letzteren mich und mein Verständniß so oft
und so viel mir möglich; nur muß ich mich an das Bedeutendste und
unmittelbar Zugängliche halten, nach dem Maße der Zeit, die mir das
Fach, worin ich einmal gerathen bin, übrig läßt. Ich lese immerfort
mit meinen Freunden in Shakspeare und in unsern Deutschen. Das Erste,
was ich nach meiner Zurückkunft las, war Liebes Leid und Lust. Wie
sehr hätt’ ich gewünscht, es von Ihnen zu hören! Daß ein solches
Spiel nur Shakspears Witz hervorbringen konnte, ist keine Frage,
und wer es ohne Ergötzen lesen kann, hat dies gewiß seinem eigenen
Temperament zuzuschreiben. Nur scheint mir, um ganz genossen zu werden,
fordert es mehr Vertrautheit als irgend ein anderes Shakspear’sches
Lustspiel. Schon bei der ersten Lectüre hatt’ ich das erfahren, daß
ich hier nicht so schnell, wie in den andern, die Mimik der Sprecher,
die gegenseitigen Blicke, die persönlichen Accente mitempfand. Es
kommt wohl daher, weil das Ganze ein Witz über den Witz ist und die
Handelnden selbst nicht sowohl für bestimmte Handlungen als für die
Form des Handelns interessirt sind. In den andern Lustspielen, wo
Lagen, Affekte, Zwecke sichtbarer und handgreiflicher sind, versteht
man natürlich leichter die damit bedingten persönlichen Farben und
Stimmungen. Hier, wo die Helden damit anfangen sich einen Charakter
geben zu wollen und dann zu dem Spiele verführt werden, wo stets
gleichartige Waffen so rasch wechseln, ist der ganze Boden mehr ideal
und es wird schwerer, in dem so reichen und beweglichen Dialog gleich
die physiognomischen Unterschiede stets bestimmt mitzufühlen und
festzuhalten. Um so mehr fühlte ich, wie viel lebendiger, von Ihnen
vorgelesen, mir alles werden, wie sehr der Genuß sich verfeinern würde.
Kommt doch beim Kunstgenuß, zumal im Lustspiel, alles darauf an, daß
im Moment selbst die Bestimmtheit, in der ungehemmten Flüchtigkeit der
Folge das Licht enthalten sei, welches kein zerlegendes Verständniß
ersetzen kann, und welches schon verliert, wenn es nur langsamer als
nach dem natürlichen Puls des Gedankens einleuchtet. -- Hernach lasen
wir das Wintermährchen, „Was Ihr wollt,“ „Troilus und Cressida.“ Um
nicht Schwelger zu werden, wollten wir etwas von der leichteren Kost
aus Göthe’s Werken wählen. Unglücklicherweise ergriff ich die „Wette,“
die mir noch unbekannt war. Wir wußten wirklich nicht, ob wir über
dieses Nichts lachen oder weinen sollen. Tags darauf bracht ich den
Fortunat, den wir in wenigen Vorlesungen vollendet und uns von unserem
Kleinmuth trefflich erholt haben. Nach diesem köstlichen Gedicht lasen
wir auch den Zerbino, wobei wir uns recht heimlich und behaglich
fühlten. Welch ein Contrast zwischen dieser Dichtung und der modernen
Poesie der Beschwerden und Beschwerlichkeiten von Byron bis Bulwer.
Nachdem es dahin gekommen ist, daß man glauben muß, der Mensch habe
sich die Poesie erfunden, um sich mit Herzzersplitterungen oder mit
psychologisch-criminalisch-publicistischen Aufgaben zu quälen, ist es
ein wahrer Trost und Erholung, sich in einer so klaren Landschaft zu
bewegen mit einem so harmlos geistreichen Witz, der frei von diesem
~expressement~ ist und von dieser philisterhaften Ernsthaftigkeit,
die vielmehr in seiner Welt selbst gemüthlich und bequem wird. Dieser
eigenthümliche milde Lebensgenuß, das in seiner Selbstironie so
liebenswürdige Kindische, wie es nicht nur im alten König sich geradezu
ausspricht, sondern gleichsam in einem feinen Aether die ganze Dichtung
durchlüftet und leise wärmt, dies ist der süße Hauch poetischer
Ingenuität, der auch die lächerlichen und abgeschmackten Personen mit
einer freundlichen Humanität überkleidet und das rein Poetische so
natürlich wiegt, wie die Luft den Kelch einer Blume. Dies wird jetzt
nicht mehr gefunden, wo der Dichter gleich in sich mit der Angst
anfängt, vielleicht nicht bedeutend oder nicht frappant genug zu sein.
Die Leute haben keine Zeit mehr, um sich auf den Genius zu verlassen.
Darum schwatzen sich die Einen halbtodt darüber, daß sie erst eine Zeit
machen wollen, die Andern suchen den Genius herabzusetzen, wie alle
Lumpe durch Schimpfen die Gleichheit herzustellen suchen. Auch Ihre
jüngste Novelle in der Urania hat mich durch diese reine Heiterkeit,
diese seelige Erhebung über die Materialität entzückt und belustigt.
Es ist ein köstlicher Muthwille, dieser geheime Staatsstreich, daß die
Treppe so allmählig die Treppe herauf geschafft wird, fast wie ein in
sich selbst zurückgehender Hegel’scher Begriff. Und mich dünkt, mit
großer, sicherer Feinheit sind Personen, Bedingnisse und die ganze
kleine Welt in einem und demselben idealen Humor gehalten. Nach dem
Zerbino haben wir Göthe’s Tasso gelesen. Bei Göthe finde ich etwas,
das genau mit seiner großen Bedeutung als Dichter zusammenhängt, und
wodurch er mir doch manchmal etwas beengend, manchmal sogar lächerlich
werden will -- ich weiß nicht, ob ich es recht bezeichne, wenn ich es
den Aberglauben an die Form als solche nenne. So scheint mir, daß in
seinen späteren Gedichten zum Theil ganz verschiedene Charaktere etwas
von ihm selbst haben, etwas leise Pedantisches, indem sie besondern
Fleiß auf etwas Unbedeutendes, Kleinliches zu legen scheinen. In
seinem Tasso, den ich immer sehr bewundert habe, gemahnt es mich auch
darnach; nur paßt es eben hier ganz, um dem glänzenden Boden diejenige
Unheimlichkeit zu geben, die fast an die Stelle des Tragischen tritt.
Bei alledem vermiss’ ich eine tragische Erschöpfung, in der man sich
ausleiden und auf ein Letztes kommen könnte. Die Selbstgeständnisse
der Prinzessin sind für mich das Höchste, rein tragisch und hinnehmend
schön. Tasso scheint mir doch etwas zu schwach, man empfindet seine
Verirrung nicht immer als eine menschlich-nothwendige, sondern
zuweilen, mein’ ich, erscheint er als ein speziell kranker Mensch,
ein psychologisches Phänomen, das man vor sich hat und mit dem man
nicht genug sympathisirt, um in seinen Untergang hineingezogen zu
werden. Hernach bin ich wieder versucht, seinen Wahnsinn selbst, den
er doch am Schluß in sehr wohlgesetzten Worten referirt, für mehr
gemalt als entwickelt zu halten. In Antonio find’ ich mich auch nicht
ganz zurecht. Am Ende soll er doch ein nobler Mann sein; ein paar
mal aber spricht er wahre Gemeinheit mit großer Naivetät aus. Wäre
es nicht vortheilhaft gewesen, ihn etwas einseitiger und zugleich
mit einer bestimmteren Mannesart zu charakterisiren? zumal er zu
seiner Empfehlung für das Gefühl des Zuschauers ohnehin das voraus
hat, daß er der Einzige ist, der sich gegenüber allen Mithandelnden
ganz geben kann, wie er ist. Dieses Letztere, daß die Leute, ohne
in irgend einer kräftigen Spannung gegen einander zu stehen, doch
immer so vorsichtsvoll auftreten müssen, macht allerdings auf mich
eine große, mit Göthe zu sprechen, dämonische Wirkung. Man athmet
immerfort das Bewußtsein, wie schwach der Mensch, wie überaus zart die
Blume geselliger Anmuth sei, ja, als ob das Schönste, was das Leben
in sich faßt, nicht zur Sonne reifen dürfte, ohne zum Häßlichsten zu
werden. Ich halte es aber für ein bloßes Surrogat des Tragischen,
und das zeigt sich mir auch darin, daß der endliche Ausbruch, der
diese ängstliche Schönheit der Verhältnisse zerreißt, mehr eine
Unanständigkeit und Häßlichkeit, als etwas wahrhaft Furchtbares,
durch tiefen Widerspruch Vernichtendes ist. Eine eigene Stärke in
diesem Element des Unheimlichen, Beengenden, in der stillen Qual der
Unfreiheit find’ ich auch parthieenweise in andern Dichtungen von
Göthe. Es ist die Welt der Meinung, nicht die Natur selbst, worin die
Kämpfe geschehen, und darin ist Göthe unendlich modern, ob er schon
für einen Griechen gelten soll, und sich selbst gehalten haben mag.
-- Mit den griechischen Tragikern hab’ ich wieder viel zu thun gehabt
(denn die Lesegenüsse sind nur auf die Stunde nach Tisch beschränkt,
Morgens und Abends bin ich philologischen Dienstgeschäften unterthan).
Das Schlimmste ist hier, daß wir uns häufig die Schaugerüste erst
herstellen oder bauen müssen, um in diese Theater zu sehen, und bei
diesem Bänkeschlagen hält man sich leicht so lange auf, daß es darüber
nicht zur Vorstellung selbst kommt, ja Viele halten diese Knechtsarbeit
für die Sache selbst. Ich habe die beiden Oedipus und Antigone mehrmals
durchgelesen und das Verhältniß der drei Stücke hin und her überlegt.
Wäre nicht der Oedipus in Kolonos: so würd’ ich mir nicht getrauen,
hier eine Trilogie zu sehen. Denn der Oedipus König kann ohne Nachtheil
als Tragödie für sich betrachtet werden, und von der Antigone läßt sich
nicht nur dasselbe behaupten, sondern es ist, bei Voraussetzung der
Trilogie, auffallend, daß nirgends die so entgegenkommenden Motive des
„Oedipus in Kolonos“ ausdrücklich aufgenommen werden. Wie natürlich
wäre es, daß Antigone sagte, der Bruder habe selbst ihr die Sorge für
seine Reste vermacht; wie dies wirklich im Oedipus Kolonos geschieht?
Ebenso möchte man erwarten, daß es der Dichter in dem letzten Stück
bestimmt hervortreten ließe, wie Oedipus in dem harten Fluche, den er
über den Sohn aussprach, auch den Segen zu nichte gemacht hat, den er
doch für die Tochter vorbehalten wollte. Auf ähnliche Weise sollte das
Schicksal Kreons als Erfüllung der Verwünschung erscheinen, die er sich
von Oedipus in der vorhergehenden Handlung zuzog. -- Kehrt man aber die
Sache um und sieht auf den „Oedipus in Kol.,“ so bereitet dieses Drama
in jeder Hinsicht die Handlung der „Antigone“ vor, und entspricht in
seinen Voraussetzungen eben so genau dem Ausgang des „König Oedipus.“
Schon dies ist insofern von Gewicht als die Oedipus-Fabel in Mythen
und Dramen sonst sehr verschiedenartig gestaltet wurde, und Sophokles
schwerlich zu dieser zusammenpassenden Form der besondern Fabelstücke
gekommen wäre, hätte er nicht den Zusammenhang beabsichtigt. Dazu kommt
meine feste Ueberzeugung, daß der „Oedipus in Kol.“ für sich allein
keine Befriedigung gewähren konnte, da er, isolirt betrachtet, wahrlich
nicht die milde Verklärung und Vergötterung ist, die man in ihm hat
sehen wollen, sondern von einem schauerlich harten Geist durchweht, von
dem düstern Geist der Erinnyen, in deren Hain Oedipus seinen Gastsitz
nimmt und gleich Anfangs tiefer in diesen Bezirk hineingeräth als die
Eingebornen für zuläßig halten. In der Art, wie Oedipus selbst mit
Kreon, noch mehr, wie er mit seinem Sohne verfährt, kann ich nur den
alten überstrengen, zornmüthigen Oedipus sehen, keine Rechtfertigung
desselben, sondern seine Schuld noch an der Schwelle des Todes, die
seiner ursprünglichen genau verwandt ist. Ursprünglich, als er den
unbekannten Vater erschlug, glaubte er, nur gerechte Rache zu üben
und eröffnete mit diesem Jähzorn unbewußt eine Reihe von Gräueln. Bei
Entdeckung dieser irrte sein Zorn hin und her, bis er gegen sich selbst
sich kehrte. Jetzt in der Verbannung kehrt er sich wieder gegen die,
welche ihn verlassen haben, was nicht so einfach und ausschließlich
ihre Schuld ist, wie er es darstellt. Er verflucht sie wild und roh
-- kein Grieche hielt dies für recht -- und indem er wieder nur
gerechte Rache zu nehmen glaubt, stiftet er den bittern Untergang
auch der treuen Tochter, die er so innig geliebt, so ganz seines
Segens würdig erkannt, so herzlich gesegnet hat. -- So fordert, meiner
Ansicht nach, dieses Stück „die Antigone,“ die erst das Gleichgewicht
herstellt, und in der Heldin das Verderben des ganzen Hauses zu einer
sittlichen Verklärung bringt. Da nun aber in der Antigone, wie sie
uns vorliegt, die Rückbeziehung auf Oedipus nicht in so bestimmtem
Sinne hervorgehoben ist, als man unter diesem Gesichtspunkt erwarten
sollte: so glaube ich, daß sie nicht für den Oedipus Kol., dieser aber
für sie gedichtet worden. Es ist Ueberlieferung, daß die Antigone
441 v. Ch. gegeben worden, der Oedipus Kol. aber kurz vor Sophokles
Tode (35 Jahre später) gedichtet sei. So denk’ ich, die Antigone
gehörte ursprünglich zu einer andern Tetralogie; gegen Ende seines
Lebens wollte sie Sophokles einer andern Gruppe anschließen. Für diese
neue Composition dichtete er den Oed. Kol., fing an, die Antigone
umzuarbeiten, starb aber darüber. Diese Vermuthung einer beabsichtigten
Umarbeitung der Antigone wird theils dadurch unterstützt, daß am
Ende dieses Drama Lücken bemerklich sind (Stellen, glaub’ ich, die,
weil speziell bezüglich auf die ältere Composition, getilgt sind),
theils durch die Ueberlieferung, daß Sophokles an einem langen Satze
der Antigone mitten im Lesen gestorben sei. -- Es wäre mir sehr viel
werth, zu wissen, ob Sie, verehrter Herr Hofrath, mir darin Recht
geben, daß die Antigone nicht deutlich genug auf den Oedipus Kol.
zurückbezogen sei. Als ich den letzteren las, war ich entflammt, so
durchaus Alles auf die folgende Handlung (Antigone) gerichtet und
berechnet zu sehen. In dieser selbst aber war ich erstaunt, fast gar
keinen Ausdruck des Zusammenhangs, als die Worte des Eingangs und
einige wenige Rückblicke mehr allgemeiner Art anzutreffen, immer nicht
so, um dem Zweifler schlagende Beweise des wirklichen Zusammenhangs
zu geben. Zur Fortsetzung meines Buchs hab’ ich verschiedenes Neue
gearbeitet. Am ersten Bande hat mich’s unglücklich gemacht, daß er
außer den Schreibfehlern, auch so viele Druckfehler hat. Die letzten
fünf Bögen, und die umgedruckten ersten zwei, hab’ ich nicht selbst
corrigirt; so hat ein guter Freund, dem ich die Correctur aufbürdete,
viele fatale Druckfehler zugelassen. Als ich bei meiner Rückkunft das
Buch in diesem Zustande fand, war mir sehr leid, daß es Ihnen schon in
derselben Gestalt überschickt war; um alles gern hätt’ ich vorher die
sinnentstellenden Fehler in Ihrem Exemplar corrigirt. Und ich kann auch
jetzt mich nicht enthalten, diesen Zeilen ein Druckfehler-Verzeichniß
beizulegen, wornach Sie vielleicht von einem Abschreiber den Text
emendiren lassen.

Nun darf ich aber nicht länger Ihre Geduld, hochverehrter Herr Hofrath,
ermüden! Ihr Herr Bruder befindet sich so wohl und munter, wie immer,
er will Ihnen nächstens ausführlich schreiben, sobald er das Gewünschte
besorgt haben wird, wie er sich angelegen sein läßt.

Gott erhalte Sie gesund, mein innigst verehrter Herr Hofrath! und in
der Frische, die ich, so oft ich Sie sah, bewundert habe! Ich wünschte
sehr, Ihnen und den verehrten Ihrigen freundlich empfohlen zu sein, und
bleibe

    Ihr

    dankbarer Anhänger
    _A. Schöll_.

Lössel, der dramatische Dichter ~in spe et metu~, brachte mir, als
er hörte, daß ich Ihnen schreibe, beigeschlossenen Brief.


    =Ende des dritten Bandes.=



    Druck von Robert Rischkowsky in Breslau.



Fußnoten:


[Fußnote 1: Meine Frau will ausdrücklich bemerkt wissen, daß sie
mir diese Büste zu meinem 32ten Geburtstage, den 7t. Oktober 1826,
geschenkt hat.]

[Fußnote 2: Das Wort „Pfuscher,“ welches Michel Angelo in der
Heftigkeit gegen Antonio Allegri ausstößt.]

[Fußnote 3: Sollte dieser, „den Pferdefuß allzusehr zur Schau
tragende“ Teufel nicht derselbe Künstler gewesen seyn, dem wir auf
umstehenden Blättern als Expektanten des K. Richard III. begegneten?]

[Fußnote 4: Ohne Bezeichnung des Tages. Ort und Jahreszahl von Tieck’s
Handschrift auf der für den Druck vorbereiteten Kopie.]

[Fußnote 5: Sollte dies nicht das nämliche „Ungeheuer“ sein,
auf welches Iffland’s erstes Briefchen deutet, und durch dessen
Zurückweisung der Bruch zwischen ihm und Tieck unheilbar wurde?]

[Fußnote 6: Tiecks Gattin, Reichardts Schwägerin.]

[Fußnote 7: Carl von Raumer, Reichardts Eidam.]

[Fußnote 8: H. und S. sind „Hanne“ (Reichardts Tochter) und Steffens.
-- Rike ist Frau von Raumer (Carl).]

[Fußnote 9: Dieser Brief ist schon nach Dresden adressirt; also
wahrscheinlich kurz nach T.’s Uebersiedelung von Ziebingen dahin
geschrieben, worauf auch die auf Weber bezügliche Stelle hindeutet.]

[Fußnote 10: Dennoch war ihr Wesen echt weiblich.]

[Fußnote 11: Im Jahre 1830 erklärte R. entschieden das Gegentheil.]

[Fußnote 12: Das war ein verwünschter Gedanke, lieber Robert: Ludwig
Tieck _korrespondirendes_ (!) Mitglied der _Königstädter_
Theaterdirektion! -- Oh...]

[Fußnote 13: Charlotte Birch-Pfeifer.]

[Fußnote 14: Die Worte „unser kleines o“ beziehen sich auf jene Stelle
Heinrich des Fünften, wo es im Prologe heißt:

          diese Hahnengrube
    Faßt sie die Ebnen Frankreichs? stopft man wohl
    In dieses o von Holz die Helme nur,
    Wovor bei Agincourt die Luft erbebt?

]

[Fußnote 15: Nicht um Herrn von Raumer’s Willen, der dazu lachen
würde, sondern aus Rücksicht für Schall’s Angedenken haben wir einige
Zeilen in diesem Briefe unterdrückt, die dem Schreiber momentaner
Unmuth und krankhafte Reizbarkeit nur wider sein besseres Wissen und
Wollen entlockt haben dürften.]

[Fußnote 16: Ob diese Zeilen an Tieck? oder an wen sie sonst etwa
gerichtet waren? läßt sich nicht errathen. Das Blatt worauf sie
geschrieben, beginnt die Reihe der A. W. Schlegel’schen Briefe in T.’s
Sammlung. Wir hielten sie ihres Inhaltes wegen für interessant und
nehmen sie unbedenklich auf, ohne zu fragen, auf wen, und auf was sie
sich beziehen?]

[Fußnote 17: Die letzten Worte des Pfarrers von Drontheim, unter dem
Dichternamen: Bonaventura.]

[Fußnote 18: Mit diesem „Schütze“ ist wohl hier wie früher Wilhelm von
Schütz gemeint.]

[Fußnote 19: Was würde wohl die Summe sein, wollte man alle in dieser
Sammlung zerstreute Ermahnungen, die „Cevennen“ betreffend, addiren! --
In _der That_ blieb das Facit leider -- Null.]

[Fußnote 20: Es dürfte angemessen sein, österreichische Leser daran
zu erinnern, daß „beiläufig“ hier nicht in dem von ihnen gebrauchten
Sinne, sondern in norddeutscher Bedeutung für: „nebenbei“ zu verstehen
ist.]

[Fußnote 21: Um selbst zu sterben, kam er nach Dresden.]

[Fußnote 22: Schede, ein höherer Beamteter, der mit den bedeutendsten
Männern aus Tiecks und Schleiermachers Berliner Jugendzeit in
genauem geistigen Verkehre stand, und bis zu seinem Lebens-Ende
die wissenschaftlichen und poetischen Interessen verfolgte. Er war
ein getreues Mitglied der Gesellschaften für in- und ausländische
Litteratur.]

[Fußnote 23: Friedrich Schlegel.]

[Fußnote 24: Wunderlicher Weise hat Tieck auf die Rückseite
_dieses_ Briefblattes folgende Worte (kaum leserlich) geschrieben:
„Theuerster Freund, ich bin sehr böse über Dein ewiges Hofmeistern und
sinne schon längst auf eine Strafe für Dich. Mehr Respekt, weniger
Dreistigkeit!“ -- Wem mag das gelten?]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Briefe an Ludwig Tieck (3/4) - Dritter Band" ***

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