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Title: Modernste Kriegswaffen - alte Erfindungen
Author: Feldhaus, Franz Maria
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Modernste Kriegswaffen - alte Erfindungen" ***

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  ####################################################################

                    Anmerkungen zur Transkription:

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1915 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
    und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
    korrigiert. Inkonsistente, altertümliche und ungewöhnliche
    Schreibweisen, auch bei Eigennamen, wurden nicht verändert.

    Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt.

    Gesperrt gedruckter Text im Original wird hier durch _Unterstriche_
    dargestellt, Passagen in Antiquaschrift werden durch ~Tilden~
    hervorgehoben.

  ####################################################################



                       Modernste Kriegswaffen --
                           alte Erfindungen
                                  von
                            F. M. Feldhaus
                               Ingenieur

         [Illustration: Der moderne fahrbare Schutzschild nach
                   einer Malerei aus dem Jahr 1405.]


                    Verlag Abel u. Müller ⸫ Leipzig



                  Druck von E. Haberland, Leipzig-R.



            Allen deutschen Kriegern besonders aber meinem
                     lieben Freund und Mitarbeiter

                    Grafen Carl v. Klinckowstroem,
               Hauptmann d. R. im Garde-Jäger-Bataillon

                         ins Feld geschrieben

                             vom Verfasser

                   Berlin-Friedenau, September 1915



Also hat der günstige Leser über 100. Genera von Concepten / welche dem
ersten äußerlichen Ansehen nach ungereimt / thöricht und unvermöglich
einem vorkommen solten / und dennoch in der That gut gethan / wahr
befunden / und würcklich concipirt seyn / curios und nützlich:
_darumb man nicht alle Speculanten vor Gecken und Narren halten soll
/ als welche einen Sparren zu viel haben_ / sondern man muß wissen,
daß durch solche Leute der Welt großer Nutz und Dienste gethan worden
/ und daß sie darmit ihre Mühe / Zeit und Geld verlohren / nur daß sie
dem gemeinen Wesen dienen möchten.

                         Nach J. J. Becher, Närrische Weißheit und weise
                                Narrheit, Frankfurt a. M., 1682.



                          Inhaltsverzeichnis

                                                                   Seite
      1. Ein fliegender Kriegsheld in einer Sage der
           afrikanischen Neger.                                        7
      2. Die Dichtung vom Luftkampf gegen den Schmied Wieland.         8
      3. Kriegshörner vor 3000 Jahren.                                10
      4. Wie Isaak von Abraham mit einer Reiterpistole erschossen
           werden sollte.                                             11
      5. Kannte Moses das Schießpulver, war die Bundeslade ein
           Laboratorium?                                              12
      6. Das Sprachrohr im Altertum.                                  15
      7. Der Schwimmgurt der assyrischen Krieger.                     16
      8. Der Widder vor seiner eigenen Erfindung.                     18
      9. Baumwollene Soldatenkleider im Altertum.                     21
     10. Ein Feuerrohr im Jahre 424 vor Chr.                          22
     11. Helmbezüge.                                                  22
     12. Zündete man mit der Sonne?                                   23
     13. Ein Mehrladegeschütz im Altertum.                            25
     14. Über das Rauchen in römischen Legionslagern.                 28
     15. Kriegs-Brieftauben.                                          29
     16. Die Armbrust im Römerreich.                                  32
     17. Der erste fliegende Mensch?                                  33
     18. Das Blasrohr als Waffe.                                      35
     19. Wie die Luftballone des Mittelalters entstanden.             36
     20. Fall-Petarden.                                               43
     21. „Eine Feuerwaffe des Kaisers Barbarossa“.                    44
     22. Unterseeboote in der altdeutschen Dichtung.                  49
     23. Wie ein König gedachte an den Himmel zu rühren.              55
     24. Von einem, der das Schießpulver nicht erfunden hat.          57
     25. Eine geheimnisvolle Leiter.                                  59
     26. Das erste Kriegsbuch in Deutschland.                         61
     27. Maskierungen beim Angriff auf Festungen im Mittelalter.      63
     28. Unterstände im Jahre 1405.                                   64
     29. Die „Revolver“-Kanone im Jahre 1405.                         65
     30. Sprenggeschosse von Anno 1405.                               67
     31. Bomben mit Seife und Teufelsdreck; Stinkbomben.              68
     32. Wein als Waffe.                                              69
     33. Ein Festungs-Aufzug mit Kraftbetrieb.                        70
     34. Spiegelnde Schilde.                                          72
     35. Erschröckliche Kriegsmaschinen.                              73
     36. Luftkissen im Mittelalter.                                   74
     37. Schneeschuhe.                                                75
     38. Seilschwebebahnen im Krieg.                                  77
     39. Wie man einer Wache den Teufel an die Wand malte.            79
     40. Der erste Torpedo -- Anno 1420.                              81
     41. Wie sahen die ältesten Geschütze aus?                        83
     42. Wie ich das älteste datierte Gewehr fand.                    86
     43. Ein Nitro-Sprengstoff im Mittelalter.                        88
     44. „Schnellfahrende“ Kriegsboote.                               89
     45. Ein Papst als Erfinder.                                      92
     46. Ein Taucheranzug aus dem Jahr 1430.                          94
     47. „Jäger zu Pferde“ im 15. Jahrhundert.                        95
     48. Granatierer -- Grenadiere.                                   96
     49. Die „Maus“.                                                  98
     50. Ein Unterseeboot im Jahre 1460?                             100
     51. Alte Kriegsautomobile.                                      102
     52. Brief-Schießen.                                             106
     53. Geschützbespannung von hinten.                              108
     54. Wie wir zur Zigarre kamen.                                  109
     55. Die erste Flaschenpost.                                     112
     56. Die Schnellfeuergewehre von Kaiser Maximilian I.            113
     57. Das erste Wellblech.                                        115
     58. Feuertiere.                                                 116
     59. Leonardo da Vinci.                                          117
     60. Leonardos Rebhühnermörser.                                  118
     61. Gewalzte Geschützdauben.                                    119
     62. Ein Dampfgeschütz.                                          120
     63. Abwehr von Sturmleitern.                                    121
     64. Ein listiger Rammsporn.                                     122
     65. Leonardos „Zepata“.                                         123
     66. Eine mechanische Trommel.                                   124
     67. Ein unsanfter Wecker.                                       125
     68. Wie einer im Jahre 1507 von England nach Frankreich
           fliegen wollte.                                           126
     69. Künstliche Hände in alter Zeit.                             127
     70. Feld-Uhren.                                                 130
     71. Von Mund- und Ziehharmonikas.                               132
     72. Wie der Teufel Kanonen und Schießpulver erfinden läßt.      133
     73. Geschütze aus Holz.                                         135
     74. Maschinen zum Festungsbau im Jahr 1565.                     136
     75. „Uraltes“ aus China.                                        138
     76. Eine bewegliche Scheibe im 16. Jahrhundert.                 141
     77. Kanonen-Uhren.                                              143
     78. Ein Schiffswagen.                                           145
     79. Gewehrpatronen.                                             146
     80. Die Feldküche.                                              146
     81. Der Bleistift des Reitersmannes.                            147
     82. Der Mondscheintelegraph.                                    148
     83. Das Tellereisen als Waffe.                                  149
     84. Zielfernrohre und Distanzmesser im 17. Jahrhundert.         151
     85. Ein Telegraph im Jahre 1616.                                153
     86. Eine Schwimmausrüstung.                                     155
     87. Gefährliche Beute.                                          155
     88. Eine Schießpulvermühle mit Dampfturbine, 1629.              156
     89. Ledergeschütze.                                             158
     90. Wallgucker und Opernglas.                                   160
     91. Stammt das Bajonett aus Bayonne?                            161
     92. Not macht erfinderisch.                                     162
     93. Versteckte Schießwaffen.                                    163
     94. „Lobspruch deß edlen hochberühmten Krauts Petum
           oder Taback...“                                           163
     95. Der Philosoph als Kriegstechniker.                          166
     96. Konserven für den Krieg.                                    169
     97. Fleischextrakt im Kriege.                                   170
     98. Ein Prophet des Luftkrieges vor 250 Jahren.                 171
     99. Küchen-Dragoner.                                            173
    100. Wie eine Kriegsflugmaschine im Jahre 1709 aussehen
           sollte.                                                   174
    101. Die Vorahnung des Luftballons im Jahr 1710.                 176
    102. Ein Riesenweck für die Manöver von 1730.                    177
    103. Die erste Dampffahrt eines Kriegsschiffes.                  179
    104. Geschütze aus Eis.                                          181
    105. Die Stahlfeder beim Aachener Friedensschluß.                182
    106. „Eine Verspottung der Maschinen-Erfinder“.
           (Kupferstich)                                             183
    107. Ein Flugzeug-Motor von 1751.                                184
    108. Die Erbswurst im 18. Jahrhundert.                           185
    109. Ein automobiles Geschütz um 1760.                           186
    110. Ein Luftkampf.                                              187
    111. Das Luftgewehr als Kriegswaffe.                             188
    112. Ein närrischer Luftfisch?                                   190
    113. „Heil Dir im Siegerkranze“.                                 191
    114. Luftballone zum Laufen.                                     193
    115. Der Telegraphenfächer.                                      194
    116. „Telephon oder Fernsprecher“ anno 1796.                     195
    117. Ein „Lenk“-Ballon von 1799.                                 197
    118. Die Zigarette.                                              198
    119. Die Eroberung Englands durch die Luft und unter dem
           Meere hindurch.                                           199
    120. 100 Jahre Suppentafeln.                                     202
    121. Der Anfang des Fahrrades.                                   203
    122. Das erste Eisenbahn-Frachtstück.                            206
    123. Ein Eisenbahnjubiläum.                                      207
    124. Ein Dampfluftschiff von 1842.                               208
    125. Der rettende Trompeter.                                     209
    126. „Dampfmusik“. (2 Kupferstiche)                              211
    127. Luftbomben im Jahre 1849.                                   212
    128. Von einem chloroformierten Bären.                           214
    129. Schneemäntel im Krimkrieg.                                  215
    130. Das Aero-Brot.                                              216
    131. Die Luftschiffahrt im Kriege von 1870/71.                   217
    132. Die Bilderpostkarte von 1870/71.                            219
    133. „Der Luftballon als Kinderwärter auf der
           Urlaubspromenade“. Aus dem „Schalk“, 1879.                221
    134. Knalldämpfer an Gewehren.                                   221
    135. Petroleum als Waffe.                                        223
    136. Von Hufeisen, Sätteln, Steigbügeln und Sporen.              227
    137. Von nie gewesenen Pulvermühlen.                             229
    138. Zwei Erfinder der Gußstahlgeschütze.                        231
    139. Friedens-Glocken aus Kriegsmetall.                          232
         Quellen-Nachweis.                                           239



1.

Ein fliegender Kriegsheld in einer Sage der afrikanischen Neger.


Nordwestlich des großen Viktoriasees erzählen sich die Neger: „Ein
Held von Nakivingi war der Krieger Kibago, der fliegen konnte. Wenn
der König die Wanyoro bekriegte, so schickte er Kibago in die Luft
empor, um die Stellung der Feinde auszuspähen. Nachdem sie von diesem
außergewöhnlichen Wesen aufgefunden worden waren, wurden sie von
Nakivingi in ihren Verstecken und außerdem noch von dem tätigen und
treuen Kibago angegriffen, welcher aus der Luft große Felsstücke
auf sie herabschleuderte und auf diese Weise sie in ganzen Massen
erschlug. Zufällig sah Kibago unter den Gefangenen aus Unyoro ein
schönes Frauenzimmer, welches der König zur Frau begehrte. Da aber
Nakivingi seinen Diener für dessen in ihrer Art einzigen Dienste viel
Dank schuldig war, so gab er sie an Kibago als Ehefrau, jedoch mit der
Ermahnung, ihr die Kenntnis seiner Flugkraft nicht mitzuteilen, damit
sie nicht Verrat an ihm üben möge. Sie waren schon lange verheiratet,
ohne daß die Frau etwas davon erfuhr; da es ihr aber sehr auffiel und
verdächtig erschien, daß ihr Gatte oftmals plötzlich verschwand und
ebenso unerwartet heimkehrte, so überwachte sie ihn auf das Genaueste
und war eines Morgens höchst erstaunt, als er die Hütte verließ, ihn
plötzlich mit einer an seinen Rücken angeschnürten Bürde von Steinen
in die Luft emporsteigen zu sehen. Bei diesem Anblick erinnerte sie
sich, wie die Wanyoro sich darüber beklagt hatten, daß eine größere
Zahl ihrer Leute auf irgend eine unerklärliche Weise durch Steinwürfe
aus der Luft mehr als durch die Speere Nakivingis getötet würden,
und, wie eine andere Delilah, ihre Rasse und ihr Volk mehr liebend
als ihren Gemahl, eilte sie in das Lager ihres Volkes und teilte den
darüber erstaunten Wanyoro mit, was sie an jenem Tage beobachtet hatte.
Um sich an den Kibago zu rächen, legten die Wanyoro auf den Gipfeln
aller hohen Berge Bogenschützen in den Hinterhalt und erteilten ihnen
den Befehl, sich nur auf die Beobachtung der Luft zu beschränken und
auf das Schwirren seiner Flügel zu horchen und ihre Pfeile in der
Richtung dieses Geräusches abzuschießen, möchten sie nun etwas sehen
oder nicht. Infolge dieser Kriegslist wurde Kibago eines Tages, als
Nakivingi in die Schlacht zog, durch einen Pfeil tötlich verwundet. Man
sah große Blutstropfen auf den Weg niederfallen, und als der König an
einen hohen Baum kam, entdeckte er einen in die dicken Zweige desselben
verwickelten Leichnam. Als der Baum gefällt war, sah Nikivingi zu
seinem unendlichen Leidwesen, daß es der Leichnam seines treuen,
fliegenden Kriegers Kibago war.“



2.

Die Dichtung vom Luftkampf gegen den Schmied Wieland.


Die bekannteste aller Flugsagen ist die vom Schmied Wieland, dem Sohn
eines Riesen von der Insel Schonen. Sie wird aber fast immer falsch
wiedergegeben, weil man annimmt, Wieland habe sich ein eisernes
Flügelkleid „geschmiedet“.

Wieland war in Tirol von König Nidung durch Zerschneiden der
Kniesehnen gelähmt worden, weil er des Königs Schmied Amilias im
Wettkampf mit dem Schwert Mimung besiegt hatte. Um sich zu rächen,
tötete Wieland des Königs beide Söhne und nahm sich seine Tochter, die
von ihm Mutter des berühmten Wittich wurde. Sich selbst aber suchte er
in Sicherheit zu bringen, indem er sich ein Flügelgewand verfertigte.
Nachdem dieses fertiggestellt war, wollte Wieland es erproben. Er
überredete seinen Bruder Egil, einen Versuch damit zu machen, und riet
ihm, beim Niedersteigen auf die Erde sich vor dem Winde niederzulassen.
Egil stürzte, als er diesen Rat befolgte, und Wieland, der sich nunmehr
das Federkleid selbst anlegte, sagte zu seinem Bruder: „Ich traute dir
nicht, daß du das Federkleid wiederbringen würdest, wenn du erführst,
wie gut es wäre; und das magst du wissen, daß alle Vögel sich gegen
den Wind niederlassen und ebenso emporheben. Nun aber will ich dir,
Bruder, mein Vorhaben sagen: Ich will jetzo heimfahren, zuvor aber noch
zu König Nidung, mit ihm zu reden. Und wenn ich da etwas sage, was
den König verdreußt, sodaß er dich nötigt, nach mir zu schießen, so
ziele unter meinen linken Arm; darunter habe ich eine Blase gebunden,
worin Blut von Nidungs Söhnen ist. So vermagst du wohl deinen Schuß
einzurichten, daß mir kein Schade daraus entsteht; wenn du irgend
unsere Verwandtschaft ehren willst.“ Nun flog Wieland auf den höchsten
Turm der Königsburg und rief den König heraus, mit ihm zu reden. Der
König fragte ihn: „Bist du jetzt ein Vogel, Wieland? Was willst du
und wohin willst du fliegen? Mancherlei Wunder machst du aus dir.“ Da
sagte Wieland: „Herr, jetzo bin ich ein Vogel und zugleich ein Mensch;
von hinnen gedenke ich nun, und nimmer sollst du mich wieder in deine
Gewalt kriegen, nimmer erlebst du das.“ Indem flog Wieland hoch in die
Luft empor. Da rief König Nidung: „Du, junger Egil, nimm deinen Bogen
und schieß ihn in die Brust, nimmer soll er lebens von hinnen kommen,
für die Frevel, die er hier verübt hat.“ Egil antwortete: „Nicht mag
ich das tun gegen meinen Bruder.“ Da sagte der König Nidung, daß Egil
des Todes sein sollte, wenn er nicht schösse und fügte noch hinzu,
daß er schon den Tod verdient hätte für die Übeltaten seines Bruders:
„Und dadurch allein rettest du dein Leben, daß du ihn schießest, und
durch nichts anderes.“ Egil legte nun den Pfeil auf die Sehne und schoß
Wielanden unter den Arm, sodaß das Blut auf die Erde fiel. Da sprach
der König: „Das traf gut.“ Und er, und alle die das sahen, stimmten
ein, daß Wieland diesen Schuß nicht mehr lange überleben könne. Wieland
aber flog heim nach Seeland und wohnte in seinem Eigentum, welches
Riese Wade, sein Vater besessen hatte.



3.

Kriegshörner vor 3000 Jahren.


In Skandinavien, Mecklenburg und Hannover fand man mehrere riesige
Bronzehörner, die etwa ums Jahr 1000 vor Christus entstanden sind.
Sie sind aus kleinen, äußerst dünn gegossenen Stücken sorgsam
zusammengesetzt, haben einfache Kesselmundstücke und lassen sich noch
heute, allerdings erst nach besonderer Übung, blasen. Ein solches
Horn -- Lur genannt -- gibt die ersten zwölf Naturtöne und noch zehn
chromatische Töne unterhalb des Grundtones. Ob dies allerdings
die richtigen Töne der Instrumente sind, bleibt äußerst fraglich,
weil es doch weder bewiesen ist, daß die nordischen Bläser vor 3000
Jahren denselben Ansatz hatten wie unsere Hornisten und es sogar
unwahrscheinlich ist, daß der musikalische Geschmack jener Zeit sich
mit dem unsrigen deckt.

[Illustration: Lurer, um 1000 v. Chr.]

Immerhin zeugen diese Luren von einer hochentwickelten Kultur alter
Kriegsvölker des Nordens.



4.

Wie Isaak von Abraham mit einer Reiterpistole erschossen werden sollte.


Wo der Mensch auch immer schaffte, gern hinterließ er Spuren seiner
angeborenen Schalkheit. Nicht die Religion, nicht der Tod, weder Krieg,
Seuchen noch Gebrechen, weder Sonne noch Mücke, weder reich noch arm,
sind in Dichtung, Wortspiel, in Farbe und Stein von dem willkommendsten
der verneinenden Geister, dem Schalk, übergangen worden.

Ein Maler hat z. B. die Belagerung von Jerusalem, die im Jahre 70 nach
Christus stattfand, so dargestellt, daß Kanonen und Mörser ihr Feuer
gegen die Stadt richten, und daß der Oberbefehlshaber Titus, sowie die
übrigen Feldherrn Pistolen im Gürtel tragen.

Noch lustiger ist ein Gemälde in einer Dorfkirche unweit Haarlem,
das Opfer des Isaak darstellend. Abraham schwingt als Schlachtmesser
eine fürchterliche Reiterpistole über dem Haupt seines unglücklichen
Sohnes. Ihr Hahn ist schon gespannt, um auf den Knaben, der auf einem
Holzbündel kniet, abgedrückt zu werden. Da erscheint hoch in den
Wolken ein Engel, lüftet ein wenig sein leichtes Gewand und verrichtet
gleich einem segenspendenden Regen ein kleines Geschäftchen unter
dem Himmelsröckchen hervor, gerade so, daß sich ein rettender Strahl
naßplätschernd auf die Pulverpfanne der tötlichen Pistole ergießt.



5.

Kannte Moses das Schießpulver, war die Bundeslade ein Laboratorium?


Es gibt eine Reihe von Zeitungen, die alljährlich, wenn der 1. April
kommt, in ihren Blättern eine lustige Ecke einrichten, um dort mit der
ernstesten Miene allerhand Schabernack zum besten zu geben. Oft geht’s
gut, oft fällt aber auch jemand darauf rein, der, wie andere Leute eben
nicht daran gedacht hat, daß es sich um einen Aprilscherz handelt.

So erzählte die „Deutsche Uhrmacher-Zeitung“ vor einigen Jahren, daß
die hohen Häuser in Amerika, die sogenannten Wolkenkratzer, zum größten
Schrecken der Architekten sich allmählich gegen den magnetischen
Nordpol der Erde neigten. Selbst ernste Fachblätter gingen auf den
Leim und druckten diese schauerliche Tatsache in allem Ernste nach.
Wenn ich nun hier an die Leser die Frage gerichtet habe, ob Moses
das Pulver gekannt hat, so kann ich mit gutem Gewissen betonen, daß
es sich hier nicht um ein Geschreibsel zum ersten April oder um eine
Bierzeitung, sondern um die Besprechung einer ganz ernsthaften Schrift
handelt. Der Verfasser dieser Schrift, die, wie das Titelblatt sagt,
in 5000 Exemplaren über die ahnungslose deutsche Jägerwelt ausgestreut
wurde, ist, wie wiederum die Rückseite des Titelblattes meldet, ein
Mann, der bereits über das Geld im Verkehrsleben, über Argentinien,
über die Schweizerische Nationalbank, über zinsfreie Darlehn, über Geld
und Bodenreform und über die Verwirklichung des Rechts auf den vollen
Arbeitsertrag geschrieben hat, sein Name ist Silvio Gesell.

Als ich diese Schrift gelesen hatte, stand ich da, wie der gute Zettel
im „Sommernachtstraum“, nachdem ihm seine langen Eselsohren abgenommen
worden waren, die er kurz vorher noch über seinem Kopf gefühlt hatte.
Ich griff auch immer da oben hin und zitierte seine Worte: „Mir war,
als wär’ ich, und mir war, als hätt’ ich -- aber der Mensch ist nur
ein Lump -- und Lappenhans, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir
war, als hätt’ ich’s.“ Ja, wahrlich, mir war doch, als hätte ich schon
so allerhand von der dunklen Geschichte des schwarzen Schießpulvers
gehört, das ein Schwarzkünstler namens Berthold Schwarz in seiner
dustern Seele ausgedacht hatte, aber von Moses... Kurz, nachdem ich
die Gesellsche Schrift gelesen hatte, wußte ich überhaupt nichts mehr.
Nicht einmal, wie man einen solchen haarsträubenden Unsinn schreiben,
so etwas drucken, so etwas verkaufen und gar so etwas noch lesen kann.

Weil in den Mosaischen Büchern von brennenden Büschen, von leuchtenden
Wolkensäulen und anderen Dingen die Rede ist, die mit dem Schießpulver
nur das Feuer gemeinsam haben, beglückt uns Herr Gesell mit der
Neuigkeit, daß Moses einen den heutigen Sprengmitteln ähnlichen Stoff
kannte und zu bereiten wußte, und daß er sich desselben in ausgiebiger
Weise bedient hatte. Wie der Verfasser die paar Dutzend Bibelstellen,
die er für seine Beobachtung zitiert, „beweist“, will ich durch eine
Stichprobe hier vorführen: „Zur Herstellung des Sprengpulvers braucht
man Schwefel und Salpeter. Beides aber findet man bekanntlich heute
noch in Mengen in Ägypten und Arabien. Zur künstlichen Herstellung
des Salpeters brauchte man bis in die neueste Zeit in den sogenannten
Salpeterplantagen Blut und Fett, und Moses sorgte dafür, daß ihm das
Blut und das Fett all der von einem Hirtenvolke geschlachteten Tiere
abgeliefert wurde. Wer von den Juden Fett und Blut der Tiere selbst
verbrauchte, wurde ausgerottet. Wozu brauchte Moses solche ungeheure
Mengen Blut? Er goß das Blut vor dem Altare aus. Und die Asche enthält
Kali (Pottasche), einen ebenfalls zu Sprengmitteln verwendbaren Stoff!
Es war also wohl eine Salpeteranlage, die Moses eingerichtet hatte.
Vielleicht bereitete Moses auf dem Brandopferaltar, dem ununterbrochen
ein dicker Qualm entstieg, Blutlaugensalz, ein Produkt, das auch zu
Sprengstoffen dient.“

Warum redet man eigentlich den Jägern nach, daß sie so viel Phantasie
hätten? Ist doch noch keiner von ihnen, obwohl er das Pulver täglich
gebraucht, darauf gekommen, es schon bei Moses in der Bibel zu suchen.



6.

Das Sprachrohr im Altertum.


Die Engländer schreiben sich die Erfindung des Sprachrohres, durch das
man sich noch heute auf See verständigt, unrechtmäßig zu.

[Illustration: Sprachrohr um 875 v. Chr.]

In den Trümmern von Ninive, der Hauptstadt des assyrischen Reiches,
fand man unter den vielen Darstellungen aus dem 9. Jahrhundert vor
Christus, die dort in Stein gehauen sind, auch die hier abgebildete.
Es ist eine Militärperson dargestellt, die von einem erhöhten Platz
aus durch ein Sprachrohr Befehle erteilt. Aber auch die Araber kannten
das Sprachrohr bereits um das Jahr 1550. Erst im Jahre 1671 wurde
das Sprachrohr in einer in London erschienenen Schrift unter der
Bezeichnung „Sprech-Trompete“ für Marinezwecke bekannt gemacht.



7.

Der Schwimmgurt der assyrischen Krieger.


Den Schwimmgurt wollen die Franzosen erfunden haben. Sie vergessen
bei diesem Anspruch, daß wir die Schwimmgurte schon mehr als 2000
Jahre vorher bei assyrischen Kriegern kennen. Es werden nämlich auf
einem der großen Alabasterreliefs am Königspalast zu Nimrud, nahe
der Hauptstadt Ninive, Krieger dargestellt, die, nur mit dem Helm
bekleidet, auf aufgeblasenen Tierbälgen mit der Flotte durch ein
Gewässer schwimmen. Ein Lederschlauch führt von diesem Schwimmkissen in
den Mund des Kriegers, sodaß sich die Luftfüllung regulieren läßt. Auf
diese Weise konnte der Krieger mehr oder weniger untertauchen, um sich
Nachforschungen oder den Geschossen des Feindes zu entziehen.

Die assyrische Darstellung, die diesen Schwimmgurt zeigt, stammt aus
den Jahren 885 bis 860 vor Christus.

Übrigens war auch den Römern der Schwimmgurt bekannt; denn schon im
Jahre 390 vor Christus durchschwamm ein Bote auf einem Korkgurt den
Tiber. Und im Jahre 74 vor Christus schwamm ein Soldat mit Hülfe
aufgeblasener Lederschläuche zum belagerten Kyzikos.

In den technischen Bilderhandschriften des Mittelalters werden die
Schwimmgurte immer wieder unter den Kriegsgeräten abgebildet. Leonardo
da Vinci rät gar ums Jahr 1480, daß jeder der eine Flugmaschine
über dem Wasser versuchen will, einen luftgefüllten Schlauch als
Rettungsgurt tragen müsse. Und an einer andern Stelle empfiehlt er
aufgeblasene Lederschläuche, mit deren Hülfe „dies Heer den Fluß
schwimmend übersetzen soll“.

[Illustration: Schwimmgurt, um 875 v. Chr.]

Einmal versuchte gar ein König, der spätere Kaiser Maximilian
I., mit Hülfe eines Schwimmgurtes über den Graben der Burg von
Brügge zu entkommen. Sein treuer Diener Kunz von der Rosen war mit
einem Schwimmgurt über den Graben geschwommen und hatte dem König einen
gleichen Gurt mitgebracht, um ihn aus der Gefangenschaft zu retten.
Das so glücklich begonnene Vorhaben mißlang nur, weil aufgescheuchte
Schwäne die Wache aufmerksam machten.



8.

Der Widder vor seiner eigenen Erfindung.


In der Kriegstechnik des Altertums spielte ein schwerer Balken von 15
bis 35 Meter Länge, der vorn mit einer starken bronzenen Haube versehen
war, eine große Rolle. Man gab dieser Haube häufig die Form eines
Widderkopfes. Der Balken wurde von Mannschaften, die unter Schutzdächer
standen, gegen die Mauer einer feindlichen Befestigung geschwungen, um
diese einzurennen. Die römischen Kriegsschriftsteller berichten über
die Erfindung des Widders: „Zuerst soll für die Belagerung der Widder
erfunden worden sein, und zwar auf folgende Weise. Bei Caditz nahmen
die Karthager (206 vor Chr.) einen Balken, und diesen mit den Händen
fortgesetzt schwingend und mit dem oberen Ende fortgesetzt oben gegen
die Mauer stoßend, warfen sie die Steinreihen herab. Durch dieses
angeregt, stellte ein tyrischer Techniker, namens Pephasmenos, einen
Mastbaum auf, hing daran quer einen anderen und brach mit diesem in
die Mauer von Caditz Bresche. Der Kalchedonier Geras fertigte zuerst
ein Gestell mit Räder darunter, hing an dieses den Widder und brachte
von Rindshäuten eine Schutzdecke an, damit diejenigen, die an jener
Maschine wären, gesichert sein.“

Unter Alexander dem Großen konstruierte der Ingenieur Diades einen
Widder, dessen Balken auf einer Reihe kleiner Walzen lagerte, auf
denen er mittels Flaschenzügen hin- und hergezogen wurde. Wir haben
es hier also schon im 4. Jahrhundert vor Christus mit einer der erst
in jüngster Zeit wieder so beliebten Walzenlagerungen zu tun. Die
Walzenlager sind mit den Rollen- und Kugellagern verwandt, und dienen
wie diese dazu, die Reibung an Maschinen möglichst zu verringern. Also
eine anscheinend ganz moderne technische Idee vor über 2200 Jahren!

[Illustration: Widder, um 875 v. Chr.]

Aber, der von den Römern in seiner Erfindung so eingehend geschilderte
Widder war im Orient längst bekannt. Wir sehen nämlich auf unserer
Abbildung, die von einem der Reliefs am Königspalast von Nimrud
in Assyrien stammt, einen fahrbaren Widder dargestellt, dessen in
der Höhenlage verstellbarer Balken unter einem sicheren Schutzdach
hervor die feindlichen Mauern bereits im 9. Jahrhundert vor Christus
erfolgreich berennt.

[Illustration: Feuerwidder, um 1540.]

Mit der Einführung des Wassergrabens vor den Festungsmauern verlor
der Widder seine praktische Bedeutung. Dennoch fand ich ihn in
mittelalterlichen Handschriften häufig wieder. Er hat aber dort
sein Wesen anscheinend geheimnisvoll verwandelt. Wir erkennen aus
unserer nächsten Abbildung einen solchen Widder nach einer in Berlin
aufbewahrten kriegstechnischen Handschrift von 1540. Eine schriftliche
Erklärung dieses Widders habe ich noch nicht gefunden. Zunächst fällt
es auf, daß der Widderbalken rund ist und hinten nicht aus seinem
Wagen herausragt, dann sehen wir, daß aus einem Schornstein des Wagens
geheimnisvoller Rauch quillt. Es wird also hinter dem Flechtwerk und
den das Dach schützenden Ochsenhäuten -- an denen man zur Erhöhung des
Eindrucks der Maschine die Schädel gelassen hat -- ein Feuer geschürt,
das seine große Flamme vorn zu dem metallenen Widderkopf heraussprühen
läßt. Vermutlich dient also dieser Feuerwidder weniger zum Anrennen,
als zum Anbrennen.



9.

Baumwollene Soldatenkleider im Altertum.


Es ist ein von England aus absichtlich genährter Irrtum, als sei die
Baumwolle und deren Bearbeitung von dort aus in die Welt gekommen.

Tatsächlich kannte das Altertum die Baumwollestaude aus Ostindien und
Oberägypten, und von dort her bezog man auch die baumwollenen Stoffe.
Alte indische Gesetzbücher, deren Abfassungszeit möglicherweise
Jahrhunderte vor der christlichen Zeit zurückreicht, sprechen von der
Baumwollestaude und deren Kultur.

Herodot, der weltgereiste Geschichtsschreiber berichtet schon im 5.
Jahrhundert vor Christus von der indischen Baumwollstaude: „Es tragen
dort wilde Bäume statt der Frucht eine Wolle, die an Schönheit und
Güte die Schafwolle übertrifft. Die Inder tragen Kleider von dieser
Baumwolle.“ Und die Bekleidung des Hülfskorps des Xerxes beschreibt
Herodot damals: „Sie hatten Kleider an von Baumwolle und führten Bogen
von Rohr und Pfeile von Rohr, an denen oben Eisen saß.“

Durch die asiatischen Kriege wurde die Baumwolle den Römern ums Jahr
190 vor Christus bekannt. Man fand vor mehreren Jahren in christlichen
Gräbern Ägyptens, die aus dem ersten bis vierten Jahrhundert stammen,
sogar baumwollne Kleider bei den Leichen.

Etwa mit dem Jahre 1700 beginnt die englische Baumwollindustrie.



10.

Ein Feuerrohr im Jahre 424 vor Chr.


Man kann ruhig behaupten, daß schon die alten Griechen mit
Geschützrohren, die auf einem Rädergestell lagen, in den Krieg gezogen
sind.

Man kann es sogar beweisen. Thukidides berichtet nämlich, das die
Böotier, jenes wegen seiner Plumpheit verrufene Volk im mittleren
Griechenland, im Jahre 424 vor Christus eine eigentümliche
Angriffswaffe in Stellung brachten. Sie bestand aus einem langen, aus
Holz ausgehöhlten und mit Eisenreifen umgebenen Rohr, das auf einem
Rädergestell lag. Vorn war ein durchbrochenes Gefäß mit glühenden
Kohlen angebracht. Auf die Kohlen warf man Pech und Schwefel. Hinten
erzeugten Bälge von großen Tieren ununterbrochen einen starken
Luftstrom. Infolgedessen entstand vorn am Rohr eine lange, heftige
Stichflamme, die von den Böotiern gegen die hölzernen Befestigungswerke
der Stadt Delion gerichtet wurde.

Man muß aber zu der Behauptung von einem griechischen Geschützrohr auch
die wichtige Erklärung abgeben, in wieweit es sich grundsätzlich von
unsern europäischen Schießpulvergeschützen, die nicht vor dem Jahre
1300 erfunden sein können, unterscheidet.



11.

Helmbezüge.


Die „Berliner Zeitung am Mittag“ machte jüngst darauf aufmerksam, daß
die Griechen bereits im Jahre 401 v. Chr. ihre blinkende Wehr durch
Stoffbezüge gegen den Feind abblendeten. So berichtet Xenophon in der
„Anabasis“ beim Zug der Griechen nach Kleinasien. Er erzählt, wie das
Heer am 9. März 401 v. Chr. von Sardes über Kunaxa nach dem Schwarzen
Meer marschiert. Vor der Königin findet bei Tyriaion eine Truppenschau
statt und nun wird beschrieben, wie die Griechen im Paradeanzug
erscheinen. Sie marschieren mit blanken Ausrüstungsgegenständen, Helm
und Schild usw. auf, haben also die Überzüge, die sie über diesen
trugen, abgenommen. Leider läßt sich aus keinem älteren Schriftsteller
feststellen, welche Farben diese Überzüge hatten.



12.

Zündete man mit der Sonne?


Als eines der geistvollsten Mittel im Seekrieg des Altertums galt die
Erfindung des Archimedes, die Flotte der Athener mit Hilfe großer
Brennspiegel zu zerstören.

Man wußte schon im alten Griechenland, daß man mittels der
Sonnenstrahlen, die durch ein Brennglas hindurchgeleitet waren, auf
einige Entfernung etwas in Brand stecken konnte. Der Lustspieldichter
Aristophanes will im Jahre 423 vor Christus in seiner Komödie „Die
Wolken“ einen Schuldschein dadurch aus der Welt schaffen, daß der
Schuldner sich dem Schein unvermerkt mit einem Brennglas nähert, so daß
der Zettel in Rauch aufgeht. Auch die Brennspiegel waren den Griechen
mindestens ums Jahr 300 vor Christus bekannt. Aber vom Entzünden einer
ganzen Flotte mit Hilfe großer metallener Spiegel ist im Altertum
nirgendwo die Rede.

Erst im zweiten Jahrhundert nach Christus berichtet der berühmte
griechische Arzt Galenos, daß Archimedes von Syrakus in den Jahren
213 bis 212 vor Christus die Flotte der Athener „durch künstliche
Mittel“ in Brand gesteckt habe. Welcher Art diese Mittel waren, wird
nicht gesagt. Erst im Jahre 530 nach Christus behauptet Anthemius ohne
irgend welchen Grund, hier seien Metallspiegel angewandt worden. Das
Mittelalter war ja die Zeit der Behauptungen. Schob man die Behauptung
gar noch in die Schrift irgend eines berühmten Mannes ein, so entstand,
selbst für die Gelehrten, auf diese Weise eine unantastbare Wahrheit.
Kein Mensch verlangte für eine solche Behauptung eine Nachprüfung.
Das gerade hat unsere Zeit so gewaltig groß gemacht, daß wir in
naturwissenschaftlichen und technischen Dingen alles und jedes sorgsam
prüfen. Im Mittelalter lernte man auf den Hochschulen das, und nur
das, was berühmte Männer vor Jahrhunderten ausgesprochen hatten. Und
daran zweifelte niemand. Unsere Zeit zeigt schon in den Schulen das
Experiment, und auf den Hochschulen muß jeder Student alles durch
eigene Versuche nachprüfen, was die Wissenschaft heute als richtig
anerkennt.

Im Mittelalter ein Jahrhunderte langer starrer Stillstand der Ideen,
nur unterbrochen von vereinzelten Großtaten einsichtsvoller Gelehrter.
In unserer Zeit dagegen eine ständige Bewegung und Umwertung in der
Wissenschaft, die einem tätigen und willensstarken Volk die Wege ebnet,
um Neues zu schaffen, wenn das Alte ihm durch die Mißgunst seiner
Feinde abgeschnitten wird.



13.

Ein Mehrladegeschütz im Altertum.


Wer von den Geschützen des Altertums sprechen will, muß zwei
verschiedene Konstruktionsarten scharf voneinander trennen:
Standarmbruste und Torsionsgeschütze.

Die Armbrust ist eine Verbesserung des Bogens unserer steinzeitlichen
Vorfahren, einer Waffe, die mindestens schon 25000 Jahre vor Christus
bekannt war. Die Führung des Pfeiles geschieht bei der Armbrust durch
eine besondere Bahn, und die Sehne wird von einem Mechanismus bis
zum Augenblick des Schusses gespannt erhalten. Standarmbruste sind
besonders groß gebaute Armbruste, die man auf Böcke frei aufstellen
kann.

Bei der Armbrust liegt die Kraft in den elastischen Bogenarmen. Anders
bei den Torsionsgeschützen. Diese haben nämlich statt der elastischen
Bogenarme starre Knüppel. Die Spannkraft wird dadurch erzeugt, daß
man die Knüppel in sehr starke Stränge einsetzt, die aus Tiersehnen
oder Frauenhaar geflochten sind. Diese Torsionsstränge werden so stark
gespannt, daß die darin steckenden Knüppel nur mittels Flaschenzügen
oder anderer Vorrichtungen rückwärts gezogen werden können. Läßt man
den Knüppel mittels einer Abzugsvorrichtung los, so schleudert er
-- einzeln oder paarweis -- einen Pfeil oder eine Kugel ab. Selbst
bei mittelgroßen Pfeilgeschützen beträgt der Anfangsdruck etwa 24000
Kilogramm.

Diese Torsionsgeschütze wurden etwa ums Jahr 400 vor Christus in
Syrakus, wahrscheinlich von syrischen Technikern, erfunden, und alsbald
im Festungs- und Seekrieg verwendet. Zuerst schoß man nur mit Pfeilen,
später auch mit kleineren und größeren Steinkugeln.

[Illustration: Revolvergeschütz, um 230 v. Chr.]

Unter den verschiedenen Verbesserungen, die diese Geschütze im Laufe
der Jahrhunderte erlebten, ist diejenige am interessantesten, die ein
automatisches Laden ermöglicht. Wir erkennen in unserer Abbildung das
auf einer Säule drehbar aufgestellte Geschütz, das auch in seiner
Höhenrichtung verstellbar ist. Links, dicht vor der Säule, sehen wir
den schweren Holzrahmen, in dem die Spannstränge sitzen. Aus jedem
Spannstrang ragt ein starrer Knüppel nach hinten hinaus. Die freien
Enden dieser Knüppel sind durch die Sehne verbunden. Die Sehne wird
in der Mitte von einem Haken erfaßt und durch Drehung des rechts
sichtbaren Kreuzes mit Hilfe zweier Gelenkketten langsam gespannt, bis
sie sich in der Abzugsvorrichtung festhakt. Gleichzeitig dreht sich
bei diesem Vorgang eine Walze, die in dem oberen bügelförmigen Teil
des Geschützes lagert. Über dieser Walze ist ein Behälter für Pfeile
angebracht. Die Walze ist mit einer Nute versehen, die genau so groß
ist, daß ein Pfeil darin Platz hat. Mithin wird die Walze bei jeder
Umdrehung, bei jedem Anspannen der Sehne, in ihrer Nute oben einen
Pfeil mitnehmen, und ihn nach unten hin auf die Läuferbahn befördern.
So kann der Geschützführer also nach jedem Abzug das Geschütz sogleich
wieder spannen, ohne sich um die Ladung zu kümmern.

Die Torsionsgeschütze des Altertums wurden im Mittelalter von einfachen
Schleudergeschützen verdrängt. Diese, Bliden genannt, trugen einen
senkrecht stehenden Balken auf wagerechter Achse. Diese Achse saß nahe
dem unteren Ende des Balkens, wo ihm ein schweres Gewicht, meist ein
Kasten mit Steinen, angehängt war. Das über die Achse hinausragende
lange Ende des Balkens trug eine Lederschleuder oder einen Löffel für
die Steinkugeln. Zum Schuß zog man den langen Balken zur Erde herunter,
legte die Steinkugel ein und ließ die Sperrvorrichtung des Balkens los,
so daß die Kugel weit weggeschleudert wurde.

Wie die Torsionsgeschütze des Altertums ausgesehen hatten, war völlig
in Vergessenheit geraten. Die verschiedensten Versuche, Geschütze
wieder herzustellen, waren mißlungen. Erst den unausgesetzten
Bemühungen von Oberst Schramm und Professor Schneider gelang es, solche
Geschütze wieder entstehen zu lassen. Im Jahre 1904 wurden sie unserm
Kaiser vorgeführt. Auf der Saalburg, auf der Hohenkönigsburg, in Goslar
und im Berliner Zeughaus kann man jetzt die Geschütze des griechischen
Altertums wieder genau kennen lernen.



14.

Über das Rauchen in römischen Legionslagern.


Ein römischer Soldat an einem keltischen Grenzwall, mit Schwert, Schild
und Lanze in Feindesland auslugend, die kleine Pfeife gemütlich im Mund.

Ist das ein Kalauer? Ist’s Wahrheit?

Dies Bild ist das Ergebnis aus zahlreichen Funden, die wir in
keltischen Siedelungen und römischen Militärstationen von Deutschland,
Frankreich, England, Spanien, den Niederlanden und der Schweiz gemacht
haben. Bei den Waffen und Geräten, die aus jener Zeit stammen, fanden
sich insgesamt hunderte kleiner Pfeifen aus Ton und Metall. Besonders
die Museen der Schweiz sind reich an solchen alten Soldatenpfeifen.

Schwierig bleibt die Beantwortung der Frage, was man sich damals in die
Pfeife stopfte, da doch der Tabak erst anderthalb Jahrhunderte später
durch die Entdeckung Amerikas in Europa bekannt wurde. Man vermutet,
daß man Lawendel oder Hanf rauchte.

Man kann sich für diese Vermutung sogar auf eine Stelle des
vielgereisten Herodot stützen, der schon ums Jahr 440 vor Christus
sagt: „Die Skythen nehmen die Körner vom Hanf, kriechen unter ihre
Filzzelte und werfen Hanfkörner auf glühende Steine. Wenn die Körner
darauf fallen, qualmen sie und verbreiten einen solchen Rauch, daß
kein hellenisches Dampfbad darüber kommt. Die Skythen aber heulen
vor Freude über den Dampf.“ Sicherlich ist hier eine Erquickung am
Dampf des Hanfsamens geschildert. Herodot hat den Vorgang wohl nicht
genau beobachtet, oder man hat erst in späterer Zeit das erquickende
Einfangen des Rauches praktischer, und vor allen Dingen tragbar
gestaltet, indem man das Pfeifenrohr erfand.

Es scheint sogar, daß man auch im Mittelalter die Pfeife noch
vereinzelt kannte. Es fanden sich nämlich vor einigen Jahren in der aus
dem elften Jahrhundert stammenden Kirche von Hubeville und im Kloster
von Corcumare in Irland zwei Figuren, die Männer in Gewändern der
Karolingerzeit darstellen. Beide Figuren halten kurze Pfeifen zwischen
den Zähnen.

Und in einem Gedicht über die Eroberung von Valencia aus dem Jahre 1276
findet sich wieder eine Andeutung, daß das Rauchen schon damals von
den Soldaten geschätzt wurde: „Man sagt von dem Lawendel, daß er die
Eigenschaft besitzt, den Schlaf zu vertreiben und dem Kraft zu geben,
der ihn _raucht_, weil er die Feuchtigkeit des Gehirns austrocknet
und auf diese Weise eine große Widerstandsfähigkeit entstehen läßt.“



15.

Kriegs-Brieftauben.


Aus vielen Stellen der Bibel und aus andern hebräischen Schriften läßt
sich schließen, daß die Verwendung von Tauben zur Beförderung von
Briefen etwa 1000 Jahre vor Christus im Morgenland schon gebräuchlich
war. Die Griechen kannten die Brieftaube etwa ein halbes Jahrtausend
später; denn Anakreon, der Dichter der Liebe und des Frohsinns, läßt
die Taube damals sprechen: „Ihm muß, wie du siehst, ich jetzt die
Briefchen der Liebe tragen.“ Die Römer kannten außer Tauben auch
Schwalben als Briefboten.

[Illustration: Brieftauben, phantastischer Holzschnitt von 1488.]

Die erste militärische Taubenpost wurde im Jahre 43 vor Christus von
Brutus, dem hinterlistigen Freund des großen Cäsar, bei der Belagerung
von Mutina -- dem heutigen Modena in Italien -- eingerichtet. Der
ältere Plinius berichtet uns darüber: „Decimus Brutus schickte bei
der mutinensischen Belagerung Briefe, die er an die Füße von Tauben
gebunden hatte, in das Lager der Konsuln. Was nützte nun dem Antonius
der Wall, die Wachsamkeit des Belagerungsheers und selbst die im Fluß
ausgespannten Netze, da der Bote durch die Luft ging?“

Während des ersten Kreuzzuges wurde zwischen Rodvan und dem Herzog
von Lothringen im Jahre 1098 bei Aleppo eine militärische Taubenpost
eingerichtet. Die erste vollständig organisierte staatliche Taubenpost
richtete Nur-Eddin im Jahre 1171 in Syrien ein. Unser kleines Bild
zeigt eine Taubenpost nach einem Holzschnitt des Jahres 1488. Die
Darstellung entstand nach den Handschriften einer Reiseerzählung des
Johann von Mandeville etwa vom Jahre 1360.

Übrigens hat man in diesem Jahre vergessen, eines Ereignisses zu
gedenken, das vor hundert Jahren, am 18. Juni 1815, stattfand. Das
Bankhaus Rothschild in London hatte Brieftauben bei der englischen
Armee, und diese überbrachten ihm noch am Abend jenes Tages die
Nachricht vom Sieg über Napoleon I. Dadurch war Rothschild am nächsten
Tage auf der Londoner Börse der einzige, der um diesen für Englands
Weltmachtstellung entscheidenden Sieg wußte. Das Haus Rothschild soll
durch diese Brieftaubennachricht damals Riesensummen an der Börse
verdient haben.

Während der Belagerung von Paris erfand Dagron den
mikrophotographischen Brieftaubendienst. Man photographierte jede
einzelne Depesche mikroskopisch klein. Eine Taube konnte 18 dünne
Kollodiumhäute in einer Federpose aufnehmen. Auf diesen Häuten
waren insgesamt 50000 Depeschen zu je 15 Worten photographiert. Auf
der Empfangsstation wurden die mikroskopischen Bilder durch einen
Vergrößerungsapparat auf eine weiße Wand geworfen, so daß man sie gut
lesen konnte.



16.

Die Armbrust im Römerreich.


Die Armbrust, die wichtigste Schußwaffe im Mittelalter, ist auch schon
im Altertum bekannt gewesen. Vermutlich kam sie auf Handelswegen aus
dem chinesischen Reich in die römische Kolonie von Südfrankreich.
Wir finden sie dort in zwei verschiedenen Formen auf Grabdenkmälern
abgebildet. Meine Zeichnung gibt die Figur auf einem dieser
Grabdenkmäler wieder.

[Illustration: Armbrust des 1. Jahrhunderts.]

Den Römern war auch noch eine besonders große Art der Armbrust bekannt,
deren Sehne man nur dadurch spannen konnte, daß man sich mit dem ganzen
Gewicht des Oberkörpers auf einen besonderen Schieber der Armbrust
lehnte. Man nannte sie deshalb damals „Bauchspanner“.

Ums Jahr 1100 war die Armbrust so sehr vervollkommnet worden, daß das
zweite lateranische Konzil und dem Papst Innozens II. ihre Verwendung
im Jahre 1139 gegen Christen verbot. Nur gegen Heiden durfte diese
furchtbare Waffe damals noch verwendet werden..... Genutzt hat das
Verbot nichts.



17.

Der erste fliegende Mensch?


Es ist oft über die Frage gestritten worden, welcher Mensch zuerst
geflogen sei. Soweit wir die Geschichte bis jetzt kennen, läßt
sich schon von einem Flugversuch im Jahre 67 nach Christi Geburt
berichten. Viele altchristliche Schriftsteller erzählen uns, wie
damals unter Kaiser Nero ein Zauberer namens Simon einen Flug durch
die Luft versucht habe. Dieser Simon wird ja auch im 8. Kapitel der
Apostelgeschichte als gefährlicher Zauberer erwähnt. Die großen
Kirchenschriftsteller kommen außerordentlich oft auf die Erzählung
von dem Flug des Simon zurück. Einige berichten, daß Petrus in dem
Tun des Simon eine Verhöhnung und Nachahmung der Himmelfahrt Christi
gesehen habe, und daß der Flug durch das Gebet Petri vereitelt worden
sei. Deshalb habe Kaiser Nero den Petrus gefangen gesetzt und später
kreuzigen lassen.

Unter der christlichen Legende, die sich so allmählich herausbildete,
liegt eine geschichtliche Tatsache verborgen, die uns auch von den
heidnischen Schriftstellern der damaligen Zeit bestätigt wird. Im
Herbst des Jahres 67 versuchte Simon im großen Zirkus zu Rom in
Gegenwart des Kaisers Nero einen Schwebeflug von einem hohen Gestell
herab. Er stürzte jedoch dabei und kam so nahe beim Kaiser zu Fall, daß
dessen Gewand vom Blut des Fliegers bespritzt wurde.

Im Mittelalter finden wir Simon in der Magussage wieder fliegend. Auch
der Zauberer Faust, dessen Erzählung sich auf diese Magussage aufbaut,
wird verschiedene Male als Flieger geschildert.

So läßt denn auch Goethe seinen Faust wieder fliegen. Die betreffende
Stelle ist allgemein bekannt, jedoch ihrem Sinne nach wenig beachtet.
Erinnern wir uns, daß Goethe diese Stelle im Jahre 1783, also während
der Aufstiege der ersten Luftballone in Frankreich schrieb. Goethe
verfolgte diese Luftfahrten damals mit größtem Interesse, und bereute
sehr, daß er früher gewisse Experimente nicht weiter verfolgt habe,
weil er jetzt sah, „wie nahe ich dieser Entdeckung gewesen“. Und er
empfand „einigen Verdruß, es nicht selbst entdeckt zu haben“.

Als Goethe nun 1783 die ursprüngliche Gestalt seines Faust-Dramas
umarbeitete, schuf er -- in Erinnerung der Flugsage von Magus Simon und
unter dem Eindruck der französischen Luftfahrten -- eine neue Szene.

Kurz nachdem der Schüler das Studierzimmer verlassen hat, tritt Faust
auf und fragt den Mephisto: „Wohin soll es nun gehn?“, und später: „Wie
kommen wir denn aus dem Haus? Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?“

So spießbürgerlich denkt Faust sich die Fahrt mit dem Teufel. Dieser
aber antwortet:

    Wir breiten nur den Mantel aus,
    Der soll uns durch die Lüfte tragen.
    Ein bischen Feuerluft, die ich bereiten werde,
    Hebt uns behend von dieser Erde.

Jetzt erkennen wir, daß Goethe den Mephistopheles hier von der Hülle
des Luftballons als Mantel sprechen läßt, und daß die Feuerluft, die
darunter bereitet wird, die Warmluft oder das Gas der Luftballone sein
soll.



18.

Das Blasrohr als Waffe.


Im alten Rom verwendete man das Blasrohr, mit dem heute unsere Kinder
gern schießen, zur Vogeljagd. Als Byzanz, das heutige Konstantinopel,
die Hauptstadt des oströmischen Kaiserreiches war, und man das
gefürchtete, in seiner Zusammensetzung nicht mehr genau bekannte,
griechische Feuer gegen den Feind zu schleudern verstand, verwendete
man auch Blasrohre unter der Bezeichnung „Hand-Siphone“, um dieses
Kriegsfeuer dem Feind auf kürzere Entfernung entgegen zu schleudern.
Auch benutzte man Blasrohre im Jahre 1108, als die Byzantiner bei
der Belagerung von Durazzo gegen die Normannen kämpften. Weil die
zeitgenössischen Nachrichten nur kurz von „Rohren“ sprechen, glaubte
man früher, die Byzantiner hätten Kanonen mitgeführt. Es handelt sich
jedoch nur um Blasrohre, aus denen man Geschosse warf, die aus Harz und
Schwefel gegossen waren, und die sich an einer besonderen Vorrichtung
beim Verlassen der Blasrohre entzündeten.

In Deutschland ist das Blasrohr wohl nie im Krieg verwendet worden;
denn Albertus Magnus, der vielseitige Kölner Gelehrte, verstand ums
Jahr 1250 die Beschreibung der Blasrohre nicht, die er in einem
zeitgenössischen griechischen Schriftsteller fand. Nur beim Aufkommen
der Gewehre wurde ums Jahr 1422 einmal angeregt, ein Blasrohr mit
Schießpulverladung zu konstruieren.

Eine große Verbreitung hat das Blasrohr bei den Eingeborenen in fast
ganz Amerika. Es finden sich Exemplare bis zu 5,5 Meter Länge. Manche
dieser Waffen sind sogar mit Visier versehen. Die Schußweite beträgt
bis zu 50 Meter, und als Geschosse werden gern vergiftete Pfeile
verwendet. In Hinterindien, Sumatra, Malakka und auf Borneo verwenden
die Eingeborenen Blasrohre als Waffe. Auf Borneo ist den Blasrohren
manchmal eine Lanzenspitze als Bajonett aufgesetzt.



19.

Wie die Luftballone des Mittelalters entstanden.


Wenn einmal eine Luftschiffzeitung, wie dies andere Fachblätter schon
seit Jahren tun, eine Aprilnummer herausgeben würde, möchte sich da
ein Artikel „Wie man im alten Rom den Drachen steigen ließ“ oder „Wie
man im Mittelalter dem Aufstieg eines Luftballons zusah“ nicht gut
ausnehmen?

Gemach! Auch der scheinbar größte Widersinn wird unter der kritischen
Betrachtung des Geschichtsforschers leicht aufgeklärt. Tatsächlich
kannte man im alten Rom so etwas wie den Luftdrachen und im Mittelalter
etwas ähnliches wie den heute im Kriege wohlbekannten, wurstförmigen
Fesselballon von Parseval.

Der sagenhafte Drache galt für eine riesige Schlange. Die Römer lernten
von fremden Völkern ein „Drachen“-Feldzeichen kennen, das auf einer
Stange getragen wurde. Es hatte einen metallenen, weit aufgesperrten
Rachen und einen aus Fellen zusammengenähten, schlangenartigen Leib.
Wenn der Wind in den offenen Rachen dieses Drachenfeldzeichens blies,
wand sich der Leib so, als sei das Tier lebendig. Auf der berühmten
Trajanssäule in Rom werden diese Drachenfeldzeichen mehrere Male
deutlich abgebildet, und sie sind uns auch von einigen Schriftstellern
der Römer klar beschrieben. Auch wissen wir, daß diese Drachen später
von den Persern und gar den Indern ins Feld mitgeführt wurden.

[Illustration: Deutsche Ritter im 9. Jahrhundert auf nächtlichem
Kriegszug -- Der Spitzenreiter trägt ein Drachenfeldzeichen vorauf, das
einen Feuerbrand im Rachen hält.]

Die hier abgebildete Malerei eines Drachens stammt aus einer überaus
wertvollen Handschrift der Bibliothek in St. Gallen, und zeigt
einen deutschen Ritter, der seiner Truppe einen Drachen voraufträgt.
Auffallend ist an dieser Malerei, daß der Drache Feuer speit. Man
gab also dem Feldzeichen, um es bei Nacht sichtbar zu machen, einen
Feuerwerkskörper ins Maul.

Hierbei mußte sich die an sich einfache Tatsache zeigen, daß der
ganze Drache leichter wurde, und mit seinem hohlen Leib nach oben hin
strebte; wurde doch die Luft in dem sackförmigen Leib erwärmt, als
sei dies ein Luftballon. Wann und wo man diese Tatsache beobachtete,
ist nicht erwiesen. Außer unserer, oben wiedergegebenen Malerei, die
etwa aus dem Jahre 850 stammt, wissen wir, daß die Chinesen im Jahre
1232 einen Feuerdrachen aufsteigen ließen. Auch aus der berühmten
Mongolenschlacht von Wahlstatt bei Liegnitz, am 9. April 1241,
wissen wir durch den Chronisten, daß die Mongolen einen Feuerdrachen
benutzten, um die Christen zu erschrecken.

Diese Feuerdrachen auf Stangen wurden im Lauf der Zeit von den
Kriegstechnikern so verbessert, daß sie als Luftballone frei schwebten.
Wann und durch wen das geschah, wissen wir leider noch nicht.

Als ich meine Ansicht von den Luftballonen im Mittelalter vor etwa
zehn Jahren zum erstenmal in der Fachpresse aussprach, wurde ich
verlacht. Inzwischen konnte ich soviel Belege für das Vorkommen dieser
Luftflugzeuge beibringen, daß auch die ärgsten Zweifler verstummt sind.
Hier kann ich nur andeuten, daß sich Darstellungen und Beschreibungen
solcher Luftdrachen in der Zeit von 1405 bis 1648 an _vielen_
Stellen fanden.

Die wichtigste Stelle findet sich bei dem süddeutschen Kriegsingenieur
Konrad Kyeser von Eichstädt, von dem wir noch mehr hören und sehen
werden.

[Illustration: Zwei Seiten aus der kriegstechnischen Handschrift des
Ingenieurs Konrad Kyeser von Eichstädt aus dem Jahr 1405. Rechts
der Drachenballon am Fesselseil. Links oben die Petroleumlampe
zum Drachenballon. Unten ein Krieger, der eine Büchse mittels des
Gluteisens abschießt.]

Zu der hier wiedergegebenen, äußerst feinen Miniaturmalerei, die uns
einen Reiter zeigt, der an einer kleinen Winde einen riesigen Drachen
freischwebend lenkt, berichtet uns Kyeser genau über die Herstellung
und den Auftrieb: Der Drache soll aus Pergament, Leinen und Seide
angefertigt und bunt bemalt werden. In dem offenen Maul trage der
Drache ein kleines Glas, das mit Petroleum gefüllt und mit einem
baumwollenen Docht versehen sei.

[Illustration: Militärischer Signalballon um 1540 mit Winde und
Fesselseil.

Der Drachenballon ist mit 2 Stabilisierungsflächen und Steuerschwanz
versehen. Im Maul trägt er die -- übertrieben gezeichnete -- brennende
Lampe zur Erhitzung der Luft im Innern. Nach einer Malerei in Codex
german. fol. 94 der Königlichen Bibliothek zu Berlin.]

Die Petroleumlampe wird also die im Drachen eingeschlossene Luft
erwärmen, und den Drachen schwebend erhalten. Da er an einer Schnur
festgehalten wird, wird auch der Wind gegen seine Fläche blasen, und
ihn, gleich unsern Kinderdrachen emporheben. Die Warmluftfüllung wurde
zu den Luftballonen auch angewandt, als man diese im Jahre 1782 in
Frankreich wieder aufs neue erfand. Erst später ging man zur Gasfüllung
über.

In den verschiedenen Malereien, die ich in späteren Handschriften
von solchen Kriegsdrachen entdeckte, finden sich immer wieder neue
Verbesserungen. Besonders wichtig sind größere Flügel, die man seitlich
am Leib des Drachens anbrachte. Sie dienen dazu, das Fahrzeug in der
Luft ruhig zu erhalten, oder wie wir heute sagen, zu stabilisieren.
Dann finden sich Raketen auf dem Rücken des Drachens so angebracht, daß
ihre Gase nach hinten hin gewaltsam ausströmen, mithin den Drachen in
der Luft vorwärtsbewegen. In zwei Handschriften fand ich den Drachen so
groß dargestellt, daß sein Seil an einer in die Erde gerammten Winde
gehalten werden mußte.

Ja, es muß damals sogar schon einen Streit der Meinung über das
„unstarre“ und das „starre“ System gegeben haben; denn in einer
Handschrift vom Jahre 1453, die sich im Besitz des Großen Generalstabes
zu Berlin befindet, ist der Drache mit einem großen, walzenförmigen
Leib dargestellt, der ersichtlich durch innere Reifen aufgespreizt
wird, sodaß annähernd die Form eines „Zeppelin“ herauskommt.

Wie das meiste Wissen der Kriegstechnik, blieb auch dieses ein
Geheimnis der Kriegsingenieure. Deshalb finden wir in der gedruckten
Literatur nur verhältnismäßig spät Angaben über hohle Drachen mit
innenstehenden Lampen. Und wo man solche Bemerkungen ums Jahr 1650
gedruckt findet, läßt sich aus den dürren Worten entnehmen, daß man
die Bedeutung dieser Luftdrachen längst nicht mehr kannte.

[Illustration: Starrer Warmluftballon, 1453.

Der Zeichner, der diese rohe Darstellung ausführte, verstand nicht den
Sinn der Darstellung und ließ daher das Seil zwischen Winde und Drachen
weg. Dafür mußte er der Winde -- man vergleiche deren Form in der
voraufgehenden Abbildung -- eine riesige Abmessung geben.]

Unzweifelhaft wußten aber die Kriegsingenieure des ausgehenden
Mittelalters, daß man einen gewöhnlichen Drachen hohl gestalten und
ihn mit Hülfe der Wärme eines Lichtes leichter steigen lassen konnte.
Sie bezweckten mit diesem Drachen wohl die Durchführung von Signalen
auf weit sichtbare Entfernungen.

Beachten wir, daß auch der Parsevalsche Drachenballon durch Winddruck
und leichte Füllung zugleich steigt, daß er, wie die Ballone des
Mittelalters, einen Steuerschwanz, Stabilisierungsflächen, ein
Halteseil und eine Erdwinde benötigt.



20.

Fall-Petarden.


Ehe man die hochexplosiblen Sprengstoffe kannte, spielte die Petarde,
die man auf feindliche Schiffe fallen ließ, im Kriegswesen eine Rolle.

Da wir heute aus Luftfahrzeugen wieder den Feind „von oben her“
bekämpfen, interessiert es, etwas von jenen alten, eigenartigen
Fallgeschossen zu hören.

Anna Komnena, die gelehrte Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios
I., berichtet uns, daß die Seeschlacht vor Durazzo im Jahre 1081 durch
die Venetianer dadurch entschieden wurde, daß man einen schweren, mit
eiserner Spitze versehenen Holzblock von einer Segelstange aus in das
feindliche Führerschiff fallen ließ. Der Schiffsboden wurde von dieser
kalten Fallpetarde durchschlagen, das Schiff sank, und die übrige
Flotte von Guiscard, dem Beherrscher von Mittelitalien, hielt nicht
mehr stand.

Der erste, der das Schießpulver zu einem solchen Fallgeschoß
verwendete, war der Ingenieur Joseph Furttenbach, nachmals
Stadtbaumeister und Ratsherr von Ulm. Furttenbach zählt zu den
ersten Artilleristen Deutschlands. Er hatte in Italien, wo er mit
dem großen Galilei befreundet war, und bei den deutschen Lehrern des
Artilleriewesens Georg Hoff und Hanns Feldhaus studiert. Furttenbach
empfiehlt, daß man auf einer Segelstange des Führerschiffes einen
ausgestopften Vogel sehen lasse. Dieser soll das Zeichen sein, daß man
von den anderen Schiffen „einen Pettardo“ fallen lasse, um auf diese
Weise dem feindlichen Schiffsboden „ein übel geproportioniertes Loch,
welches nicht so leichtlich als wie die gebohrten Löcher“ zu verstopfen
sei, beizubringen.



21.

„Eine Feuerwaffe des Kaisers Barbarossa“.


Im Schloß zu Sondershausen steht seit Jahrhunderten die hier
abgebildete Bronzefigur. Ihrethalben wurde ein gewaltiger Strom
Tinte vergossen. Man nannte diese ums Jahr 1550 ausgegrabene Figur:
Pustericius, Beister, Büster, Beustard, neuerdings Püstrich. Weit
vielartiger als der Name sind die angeblichen Verwendungszwecke dieser
solange rätselhaft gebliebenen Figur. In Zeitschriftenartikeln,
gelehrten Abhandlungen und sogar in besonderen Büchern hat man alle
möglichen Erklärungen für diesen kleinen Bronzeknaben versucht. Er
sollte sein: „Ein von christlichen Geistlichen gebrauchtes Schreckbild
zur Erreichung von Gaben“ oder „Eine Gottheit der alten Deutschen“
oder „Ein Werkzeug zur kräftigen Beschützung Kaiser Friedrich I. oder
auch einiger Raubschlösser“ oder „Ein Gott der Slaven“ oder „Ein
Destillierapparat eines Brandweinbrenners“ oder „Eine Gießkanne“ oder
„Die Sockelfigur eines Taufbeckens“.

[Illustration: Der Sondershausener Püstrich.]

Uns interessiert hier besonders die Nachricht, wie man es sich
vorstellte, daß diese kleine Figur für ein gefährliches Kriegswerkzeug
gehalten werden konnte. Der Püsterich ist 57 cm hoch, wiegt etwas
über 35 kg und stellt einen Knaben in knieender Stellung dar. Bauch,
Brust und Kopf sind im Verhältnis zu den Armen und Beinen übermäßig
stark. Die Haartracht und auch die übrigen Merkmale deuten auf das 13.
Jahrhundert als Entstehungszeit hin. Die Figur ist hohl und mit zwei
kleinen Löchern versehen. Das eine Loch sitzt im Mund, das andere neben
dem Scheitel im Haar.

Weil Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, in der Nähe des
Fundortes dieses Püstriches einmal Hoflager gehalten hat, soll die
Figur ihm „als Schutzmann“ gedient haben. Sie habe hoch auf dem Berge
gestanden, „rings um sich Feuer ausgeworfen, und mit glühendem Regen
und Auswürfen die Feinde des Kaisers so abgehalten, daß keiner sich
demselben habe nähern können“. Diesen Unsinn berichtet Praetorius im
Jahre 1683. Tentzel weiß 1689 vom Püstrich zu sagen, daß dieser vor
langen Zeiten auf der Rotenburg gestanden habe, wo nicht allein die
heidnischen Pfaffen, sondern später selbst die christlichen Mönche mit
ihm das leichtgläubige Volk erschreckt und gezwungen haben sollen,
ihn mit mancherlei Gaben zu besänftigen. An diesen Unsinn glaube
er -- Tentzel -- aber nicht, sondern er halte den Püstrich für ein
Verteidigungswerkzeug des Raubschlosses Kyffhausen. Der Püstrich habe
dem Besitzer mittelst seiner Feuerauswürfe und der dadurch erfolglos
zu machenden feindlichen Anfälle sehr wohl als Verteidigungswerkzeug
dienen können.

Die beiden alten Gelehrten bekämpfen hier einen Unsinn mit dem andern.

Ich selbst habe den Püstrich niemals für etwas anderes gehalten, als
für einen Dampfbläser, für eine im Mittelalter beliebte Spielerei, die
man auf Schlössern im Kaminfeuer benutzte. Als ich meine Meinung vor
einigen Jahren öffentlich äußerte, wurde ich gerade von Sondershausen
aus maßlos spöttisch angegriffen. Nun wiegt aber bei wissenschaftlichen
Erklärungen nicht die Menge des Spottes, sondern allein das Gewicht
des Beweismaterials. In Sondershausen hat man sich nämlich neuerdings
wieder in einer Stadtgeschichte dafür festgelegt, daß der Püstrich
ehemals eine der Tragfiguren eines Taufbeckens gewesen sei. Den
Schein eines Beweises hat man nie erbracht. Jeder Kunstverständige,
der die zierlichen, fromm gebeugten Figuren großer Taufbecken kennt,
muß mitleidig lächeln, wenn jemand vier solcher Mißgeburten unter ein
Taufbecken setzen will.

Der Püstrich ist weder ein Taufbeckenträger, noch ein Kriegswerkzeug,
noch eine Gießkanne, sondern, wie ich schon sagte, ein Dampfbläser.
Albertus Magnus, der berühmte Gelehrte des 13. Jahrhunderts sagt uns
nämlich: „Man nehme ein starkes Gefäß aus Erz, das innen möglichst
gewölbt sei und oben eine kleine Öffnung, und eine andere wenig größere
im Bauch hat. Und das Gefäß habe seine Füße so, daß sein Bauch die
Erde nicht berühre. Es werde mit Wasser gefüllt und nachher durch
Holz kräftig verschlossen an jeder der beiden Öffnungen. Man setzt
es auf ein starkes Feuer, dann entsteht Dampf im Gefäß, dessen Kraft
durch eine der beiden verschlossenen Öffnungen wieder hervorbricht.
Bricht sie oben hervor, so wirft sie das Wasser weit zerstreut über
die umliegenden Stellen des Feuers. Bricht sie unten hervor, dann
spritzt die das Wasser in das Feuer und schleudert durch den Ungestüm
des Dampfes Brände und Kohlen und heiße Asche weit vom Feuer über
die Umgebung. Man nennt deshalb auch ein solches Gefäß gewöhnlich
~sufflator~ und pflegt es nach der Gestalt eines blasenden Mannes
zu formen“.

Diese von mir aufgefundene Stelle beschreibt also ganz deutlich die
Figur eines Püstrichs. Die Weltbedeutung der Schriften des Albertus
Magnus gab mir die Gewähr, daß ich solche Püstriche auch in späteren
Jahrhunderten wieder erwähnt finden würde. Und so kam es denn auch.
Ich fand die Püstriche nicht nur bei Leonardo da Vinci und in den
Handschriften mittelalterlicher Kriegsingenieure beschrieben, sondern
sogar mehrfach abgebildet. Und ich fand außer dem bronzenen Püstrich in
Sondershausen noch weitere Püstrichfiguren aus Bronze in den Museen zu
Wien, Hamburg und Venedig.

Der deutsche Kriegsingenieur Konrad Kyeser, von dem wir noch eingehend
hören werden, bildete im Jahre 1405 einen Püstrich ab, von dem er
folgendes sagt: „Dieser Kopf, der, wie du ihn hier abgebildet siehst,
in seinem Mund Schwefelstaub hat, zündet eine Kerze, so oft sie
ausgelöscht wird, immer wieder an, wenn sie seinem Mund genähert wird,
schießt der Feuerstrahl heraus.“ Und an anderer Stelle läßt Kyeser den
Püster sprechen: „Ich bin Philoneus, aus Kupfer, Silber, Erz, Ton, oder
Gold gefertigt. Ich brenne nicht, wenn ich leer bin. Doch halte mich
mit Terpentin oder feurigem Weingeist gefüllt an das Feuer, so sprühe
ich, erwärmt, feurige Funken mit denen du jede Kerze anzünden kannst.“

Statt der Wasserfüllung des Albertus Magnus kennt Kyeser hier also eine
Weingeistfüllung. Im Prinzip genau den gleichen Apparat verwenden wir
heute als Lötlampe.

Nun wird es uns auch erklärlich, wie man den Püstrich von Sondershausen
als ein Kriegsgerät des Kaisers Barbarossa bezeichnen konnte. Es war im
Volk noch das Wissen der alten Kriegsingenieure lebendig geblieben.



22.

Unterseeboote in der altdeutschen Dichtung.


Aristoteles, der Denker des Altertums, dessen Schriften ihren Einfluß
so lange und tief auf das Geistesleben des Mittelalters ausübten, wie
kein anderes Werk des heidnischen Altertums, Aristoteles ist auch
derjenige, der den Gedanken an unterseeische Arbeiten über anderthalb
Jahrtausend allein lebendig hielt. Der große Stagirite, „der Fürst
aller Philosophen“, dessen Einfluß erst im 16. Jahrhundert gebrochen
wurde, berichtet nämlich in seiner Schrift über die mechanischen
Probleme, daß die Elefanten mit Hilfe ihrer aufgerichteten Rüssel auch
noch unter Wasser atmen können. Dabei vergleicht er den Elefantenrüssel
mit den Hilfsmitteln zum Atmen unter Wasser, deren sich die
Dauertaucher bedienten.

Diese Stelle regte immer wieder spekulative Köpfe an, es mit Entwürfen
zu Unterseearbeiten zu versuchen. In der deutschen Sage ist, nach
Grimms deutscher Mythologie, die Rede von Wasserhäusern, tief unter der
Oberfläche. Goethe lehnt sich im zweiten Teil seines Faust daran an,
wenn er den Mephistopheles vor dem Kaiser von der „prächt’gen Wohnung
in der ew’gen Frische“, von einem unterseeischen, gläsernen Palast
gaukeln läßt.

In zwei mitteldeutschen Volksbüchern tritt uns alsbald die Beschreibung
von Tauchapparaten und Unterseebooten entgegen. Einmal in dem Volksbuch
von „Salman und Morolf“, das andere Mal in der „Geschichte des großen
Alexanders“. Salman und Morolf ist ein deutsches Spielmanngedicht,
das auf einem verlorenen byzantinischen Roman fußt, der wiederum
auf jüdischen Erzählungen aufbaut. Die erhabene Weisheit des Königs
Salomo wird in der Dichtung immer mit den rohen Späßen seines Gegner
beantwortet. So wird auch erzählt, wie Morolf der Königin einen wüsten
Streich spielt. Salman beschließt daraufhin, den Morolf gefangen zu
nehmen. Dieser aber hatte sich ein „schiffelin“ angefertigt, auf dem er
entwich. Der König Salman rüstete nun eine Flotte von 24 Galeeren und
verfolgte den Morolf:

    ehe Morolf es dann wurde gewahr,
    da war er mit 24 Galeeren umfahren.
    nun ist umgeben Morolf, der Degen.
    Er muß mit großer List
    fristen sein Leben.
    Da Morolf das ersah,
    daß er mit 24 Galeeren
    nun umgeben war,
    Da gab er seine List kund:
    vor ihrer Angesicht
    senkte er sich nieder auf den Grund.
    Eine Röhre in das Schifflein ging
    Damit Morolf den Atem fing.

Die Dichtung sagt weiter, daß das Schiffchen mit Leder überzogen und
mit Pech verdichtet war, und daß es seinem Erbauer gelang, sich
in diesem unterseeischen Fahrzeug volle vierzehn Tage vor seinen
Verfolgern verborgen zu halten. Wir werden nachher sehen, wie lange es
dauerte, bis der von dem Dichter erwähnte Luftschlauch in der Praxis
allgemein wurde.

[Illustration: König Alexander in der gläsernen Tauch-Tonne auf dem
Meeresgrund. Miniatur-Malerei von etwa 1320.]

In der Geschichte des großen Alexanders, die zu den meistgelesensten
Volksbüchern des deutschen Mittelalters gehört, wird gleichfalls ein
Tauchversuch beschrieben. Bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts
berichtet der wegen seines physikalischen Wissens von seinem Orden hart
bestrafte englische Franziskaner Roger Baco: „Man kann Instrumente
herstellen zum Tauchen ohne irgendwelche Gefahr, wie Alexander der
Große solche Vorrichtungen herstellen ließ.“ Baco schreibt also dem
historischen König der Mazedonier, nicht dem diesem nachgebildeten
Helden des mittelalterlichen Romans, die Kenntnis von Tauchapparaten
zu. Der Romanheld Alexander aber ist der, der alles wagt, alles
glücklich vollbringt.

So taucht er ins Meer hinab, um -- wie er sagt -- „zu messen und zu
ergründen die Tiefe des Meeres, auch darin zu sehen und zu erfahren die
wilden Meerwunder“. Dieser Gedanke ließ ihn weder ruhen noch rasten und
zwang ihn so sehr, daß er ihm nicht mochte widerstehen. Da berief er
die besten Sternseher und Geometer, die er hatte, und auch gute Meister
der Alchemie, und bat sie, eine Truhe zu machen, dadurch man sehen
könne, und die fest und stark sei und nicht leicht zerbrechen könnte.
Das taten denn auch seine getreuen Meister und machten ihm einen
starken Kasten gar gut mit Eisen gebunden und überzogen mit gesalbten
Ochsenhäuten. Darinnen waren mit köstlicher List viele Fenster gemacht,
daß kein Wasser hineindringen konnte. Der Kasten war an eine lange
eiserne Kette gehängt. Darauf verabschiedete sich der König von seinen
getreuen Rittern, ging in den Kasten, nahm etliche Speise mit und
ließ sich versenken in das Meer, das man Ozean nennt, bis zu 30000
Klafter Tiefe. Da sah er mannigfache Gestalten, gebildet nach den
Tieren der Erde, die gingen auf dem Grunde des Meeres herum. Und er sah
Meerwunder, die so wild waren und sich so grausamlich stellten, daß er
es gar nicht zu erzählen vermochte.

Soweit der wesentliche Inhalt der Stelle über diesen Tauchversuch
im Alexander-Roman. Sowohl in einer Brüsseler, als einer Berliner
Pergamenthandschrift dieses Volksbuches findet man Miniaturmalereien
des 13. Jahrhunderts über diesen merkwürdigen Vorgang. Die
altfranzösische Überschrift in unserer, dem Berliner Exemplar
entnommenen Abbildung lautet in der Übersetzung: Wie Alexander sich
versenkt in das Meer in einer Tonne aus Glas. Der Hintergrund des
Bildes ist oben von einem Teppichmuster überspannt. Davor sehen wir ein
kleines Schiff, von dem aus zwei Männer den König in seiner Glastonne
an vier Stricken ins Meer hinabgelassen haben. Zwischen Schiff
und Meeresboden wimmelt es von allerlei Fisch- und Tiergestalten.
Greulich-groß schwimmt ein Wallfisch mit bösem Blick gerade über dem
Glasfasse dahin. Der königliche Held sitzt in vollem Ornat, mit Krone
und Zepter, dicht unter dem Einsteigedeckel seines Tauchapparates auf
einer Bank und beschaut beim Schein zweier Lampen, die links und rechts
neben ihm hängen, die Wunder ringsumher. Auf dem Meeresboden gibt es
vierfüßige Tiere, grünende Bäume und fischfressende Meermenschen.

Der Tauchversuch aus dem Alexander-Roman wurde um die Mitte des 14.
Jahrhunderts in der Weltchronik des Rudolph von Ems noch in einer weit
originelleren Weise in drei Malereien dargestellt, und natürlich dort
auch wieder dem historischen Alexander zugeschrieben. Als Tauchgefäß
dient eine große, gläserne Kugel, die an einer Kette befestigt
ist. Im ersten Bild wird die Kette von der Königin in einem Schiff
gehalten, und der König hat sich sogar seine Haustiere mit in die Tiefe
hinabgenommen. In dem zweiten Bilde, wo der König auf dem Meeresboden
Rast macht, wird sein Fahrzeug von häßlich gestalteten Meerwundern mit
Tier- und Menschenköpfen bedroht. Im letzten Bild entsteigt der König
seinem unterseeischen Fahrzeug. Diese Darstellung hat sich der Maler
besonders leicht gemacht, indem er nur einen schmalen Spalt an der
Kugel geöffnet erscheinen läßt.

Während der König noch den linken Fuß aus der Spalte herauszieht,
erzählt er bereits seinen Getreuen von dem, was er unten auf dem
Meeresboden gesehen.

Später ging die Darstellung des Tauchversuches auch in die
Druckausgaben des Alexander-Romans über; so findet man z. B.
die Abbildung in der Straßburger Ausgabe von 1488. Die schönen
Glasgefäße der Handschriften sind zu häßlichen nüchternen Kästen
zusammengezezichnet worden.

Daß der im Volk durch die Dichtungen lebendig gebliebene Glaube
an die Möglichkeit unterseeischer Arbeiten nicht nutzlos verloren
gegangen war, erkennen wir aus einer Reihe von Darstellungen in Werken
alter Kriegstechniker. Es sind Göttinger, Dresdener und Münchener
Handschriften aus der Zeit von 1405 bis 1460, die uns verschiedentlich
die praktische Anwendung der in den Volksdichtungen gegebenen
Anregungen zu Tauchversuchen zeigen.

Leider ist seit einer Reihe von Jahren die einzige, in Stuttgart
aufbewahrte Handschrift von Salman und Morolf, worin, wie wir hörten,
vom Luftschlauch die Rede ist, mehrerer ihrer Malereien beraubt worden.
Unter diesen befindet sich ersichtlich auch die Malerei über das
Unterseeboot Morolfs.



23.

Wie ein König gedachte an den Himmel zu rühren.


Im Alexanderroman wird auch erzählt, wie der König eine Luftfahrt
unternahm.

Als ich die künstlerische Darstellung dieser Luftfahrt vor Jahren
in der Berliner Handschrift des Alexanderromanes sah, hätte ich sie
beinahe nicht beachtet, weil doch von einer Luftfahrt oder von irgend
einem andern technischen Problem auf den ersten Blick nichts zu sehen
ist. Ich sah nur einen König auf seinem Thron sitzend, und das erschien
mir nicht besonders erachtenswert. Erst die altfranzösische Überschrift
des Bildes machte mich neugierig. Es heißt dort nämlich: „Wie Alexander
sich läßt tragen in die Luft von Vögeln, die man Greife nennt.“

Der ganze Hintergrund ist wiederum durch einen großen Vorhang
abgedeckt, vor dem sich folgendes ereignet. Zwei Gruppen von würdigen
Hofleuten schauen empor und deuten durch die Sprache ihrer Hände an,
daß sie etwas verwunderliches sehen. Ihre Blicke sind auf einen Thron
gerichtet, auf dem der König Alexander wieder im Königsornat sitzt.
An dem Thron bemerken wir lange, seitlich herausragende Stangen, und
an die Stangen sind geflügelte Tiere mit den Beinen festgebunden. Die
Blicke aller dieser Tiere sind mit gierigen Augen auf die große Lanze
gerichtet, die der König zum durchbrochenen Dach seines Luftsitzes
hinausgesteckt hat.

[Illustration: Eine königliche Luftfahrt nach einer Miniaturmalerei von
etwa 1320.]

Der Text zu dieser Malerei erzählt uns folgendes Erlebnis des Königs:
„Da gedacht ich, wie ich an den Himmel rühren möchte und ließ mir
bereiten eine starke Sänfte, die gut mit Eisen beschlagen war. Daran
hieß ich Stangen machen, und band daran gezähmte Greife. Und ich hatte
eine lange Stange, daran war den Greifen ihr Essen gemacht. Diese
Stange konnte ich zu den Greifen und von ihnen wegrücken. Ich ließ die
Greife von ihrer Speise kosten. Darnach reckte ich die Stange in die
Höhe; weil aber die Greife meinten, sie könnten ihre Speise erlangen,
schwangen sie ihr Gefieder: da erhoben sie sich mit der Sänfte von der
Erde. Ich aber reckte die Stange mit der Speise empor, „die greiffen
flugen nach und fürten mich so hoch in die lufft, das ich weder wasser
noch erden gesehen mocht.““

Nun erzählt Alexander weiter, wie er in den Lüften schwebt und unter
sich blickte. Er war so hoch, daß ihm die Erde wie eine kleine Kugel
erschien! Köstlich ist es zu lesen, wie der König wieder abwärts flog.
Er neigte einfach die Stange „unter sich“, und die Greife „sanckten
sich zu tal“. Als seine Getreuen ihn wieder in der Luft sahen, eilten
sie auf Dromedaren in schnellem Lauf herbei. Sie mußten aber zehn
Tagereisen bis in eine wilde Wüste zurücklegen, ehe sie ihren König
erreichten. Von dort aus führten sie ihn getreulich, fröhlich und wohl
gesund wieder zu seinem getreuen Volk. Da erhob sich große Freude und
Wonne, denn das ganze Volk hatte große Angst und großes Leid um den
König gelitten; denn sie meinten und besorgten fast, daß er nimmer
wieder zu ihnen kommen würde. So wurde denn diese Sorge und Angst in
große Freude und Wonne verkehrt.



24.

Von einem, der das Schießpulver nicht erfunden hat.


Je nach Laune behauptet und bestreitet man, daß der Franziskaner-Mönch
Berthold Schwarz, dessen Familienname vor dem Eintritt ins Kloster
Konstantin Ancklitzen gelautet habe, der Erfinder des Schießpulvers ums
Jahr 1354 gewesen sei.

Als ich die vorstehende Behauptung, die jeder wohl schon einmal,
wenigstens bruchstückweise, gehört hat, vor Jahren kritisch
untersuchte, blieb an ihr auch nicht ein wahres Wort. Ich sagte mir,
daß die Kriegstechniker des Mittelalters diesen Mann am besten gekannt
haben müssen, diesen Mann der durch seine Taten die ganze Kriegstechnik
in neue Bahnen zu weisen vermochte. Und so fand ich denn in einer Reihe
von Handschriften, deren älteste etwa bis zum Jahre 1420 zurückreichen,
einen gewissen Bertholdus auch stets erwähnt. Ich kann deshalb
folgendes über diesen Mann auf Grund jener alten Schriften sagen:

[Illustration: Der schwarze Berthold, nach einem Kupferstich von 1584.]

Ein deutscher Mönch im Kloster der Bernhardiner hieß Berthold der
Schwarze. Er hatte studiert und sich mit der Alchemie beschäftigt.
Bei einem seiner Experimente benutzte er die damals schon bekannte
Schießpulvermischung. Es erfolgte zufällig eine gewaltige Explosion,
und so kam Berthold zu einer Verbesserung der Mischung, deren Wesen
von ihm bei weiteren Untersuchungen „ganz erneut gesucht und gefunden
wurde.“ In Verbindung hiermit verbesserte er auch die Kunst aus
Büchsen zu schießen. Das geschah im Jahre 1380. Der Berthold aber ist,
„vonn wegen der kunst die er erfunden und erdacht hat, gerichtet worden
vom leben zum todt im 1388. Jar.“

Diese Angaben lassen sich mit den übrigen geschichtlichen Tatsachen
ganz gut in Einklang bringen. Eine so weltumgestaltende Erfindung,
wie Geschütz und Schießpulver, konnte nicht von einem einzigen Manne
ausgehen. Die einzelnen Erfinder sind überhaupt sehr rar, wenn man
ihre Leistungen kritisch betrachtet. Fast immer stehen sie auf den
breiten Schultern voraufgehender Männer. So auch dieser Bertholdus.
Er faßte wohl die Technik des Schießpulvergeschützes auf Grund
wissenschaftlicher Untersuchungen einheitlich zusammen, trat für diese
Erfindung ein, machte sie in weiten Kreisen bekannt, wurde von seinen
Gegnern der Zauberei angeklagt, verfolgt und hingerichtet. So wurde aus
dem Märtyrer einer Idee im Volksmund ein Erfinder.

Daß der Bertholdus aus Freiburg im Breisgau stammt, wird erst im Jahre
1599 ganz zufällig und ohne Angabe irgend eines Grundes angenommen.
Dort setzte man ihm ein Denkmal.



25.

Eine geheimnisvolle Leiter.


Als ich an einem trüben Herbsttag mit der elektrischen Taschenlampe
die äußersten Winkel des alten Klosters absuchte, in dem das berühmte
Germanische Nationalmuseum in Nürnberg untergebracht ist, entdeckte ich
in einem Kreuzgang unter der Decke eine zusammengerollte Strickleiter,
die mir verdächtig schien. Mir geht es wie dem Kriminalschutzmann:
alles was mir auf meinem Gebiet begegnet, ist mir verdächtig. Ich muß
die kleinsten Einzelheiten mißtrauisch betrachten.

An jener verstaubten Leiter fielen mir blaue Quasten auf, die am
Ende der Sprossen angebracht waren. Eine Leiter ist schließlich kein
Sofakissen, an dem man als Zierrat Quasten anbringen mag. Ich holte
die Leiter herunter und fand, daß die Quasten nur an einer Seite der
Leiter angebracht waren, und daß sie dort scheinbar Löcher zu verbergen
hatten, die in die Sprossen gebohrt waren.

Nach einiger Betrachtung fand ich, daß in diese Löcher starke Stifte
paßten, die an der anderen Seite der Leiter an jeder Sprosse saßen.

[Illustration: Strickleiter, die man zum Hinaufsteigen verwenden kann.

Zeichnung von etwa 1480]

Betrachten wir zunächst das nebenstehende Bild, das uns die
Konstruktion schneller klar macht. Wir sehen eine Strickleiter mit
starren Sprossen. Links trägt jede Sprosse eine Bohrung; rechts je
einen Stift. Die Stricke zwischen zwei Sprossen sind so lang, daß
man den Stift der zweiten Sprosse in die Bohrung der ersten stecken
kann. Steckt man dann die dritte Sprosse auf den Stift der zweiten,
und fährt so fort, so erhält man eine lange Stange. Auf diese Stange
steckt man zuletzt den großen Haken (in der Zeichnung sind die zu
diesem Haken führenden Seile zu kurz gezeichnet). Man kann also den auf
der Stange sitzenden Haken auf eine Mauer auflegen. Zieht man alsdann
an der untersten Sprosse, so werden die Stifte aus den Bohrungen
herausrutschen und es kommt eine Leiter zustande.

Es ist dies also eine Strickleiter, die auch zum Aufsteigen benutzt
werden kann, während die gewöhnliche Strickleiter nur zum Absteigen
verwendbar ist.

Jüngst fand ich eine solche Steckstrickleiter schon in einer im Wiener
Hofmuseum befindlichen Handschrift vom Jahre 1435 abgebildet. Ums Jahr
1620 findet sich diese Leiter mit einer Vorrichtung dargestellt, durch
die man den Haken wieder von der Mauer entfernen kann, wenn man an
einem dritten Strick zieht. Man brauchte also die Leiter dem Feinde
nicht zu überlassen, wenn der Aufstieg mißlungen war.



26.

Das erste Kriegsbuch in Deutschland.


Am 28. August des Jahres 1405 vollendete der aus Franken stammende
Ingenieur Konrad Kyeser von Eichstädt ein Prachtwerk, in dem er alles
zusammentrug, was zur technischen Kriegsführung seiner Zeit geeignet
war. Über drei Jahre lang wurde an der kostbaren, auf Pergament
geschriebenen und mit mehreren hundert Malereien gezierten Reinschrift
gearbeitet. Diese Reinschrift war für Kaiser Rupprecht von der Pfalz
bestimmt; sie wird heute auf der Universitätsbibliothek in Göttingen
aufbewahrt.

Kyeser gibt seinem Werk den lateinischen Titel Bellifortis, womit er
andeuten will, daß der Besitzer dieses Buches zum Krieg besonders
gestärkt sei. Zu Anfang seiner umfangreichen Einleitung betet Kyeser:
„O höchste Weisheit, verleihe mir Klugheit, bis ich die scharfsinnigen
Pläne zu Ende geführt habe, durch die der ganze Erdkreis mit wilder
Tapferkeit bezwungen wird.“

Soll man nicht glauben, diese Worte wären ein halbes Jahrtausend später
für uns geschrieben? Doch hören wir noch weiter, was Kyeser in seiner
lateinischen Widmung des Werkes zu sagen weiß.

Soll das Buch zunächst dem Kaiser gehören, so vergißt Kyeser doch
nicht, es auch den berühmten Herzögen, den äußerst kriegstüchtigen
Landgrafen, den glänzenden Rittern, den hochherzigen Heerführern,
den kühnen Hauptleuten, den kraftvollen Kapitänen, den ausdauernden
Soldaten und andern Ständen zuzueignen.

Seine deutsche Heimat liebt Kyeser über alles: „Rühmt sich Indien
seiner Edelsteine, Arabien seines Goldes, Ungarn seiner schnellen
Pferde, Italien seiner List (!), England seines Reichtums, Frankreich
seiner Vornehmheit und Freundlichkeit (?): so ist Deutschland
wahrlich berühmt durch seinen entschlossenen, starken und tapferen
Soldatenstand. Wie der Himmel sich mit Sternen schmückt, so leuchtet
Deutschland hervor durch seine freien Künste, wird geehrt wegen seiner
mechanischen Kenntnisse und zeichnet sich aus durch vielerlei Gewerbe,
deren wir uns billig rühmen. Im übrigen ist unser Heer über die ganze
Erde berühmt geworden; _denn als die Erhebung vieler Nationen die
Augen auf sich zog, die_ gesetzliche Ordnung störte, und die Wage
des Rechts aus dem Gleichgewicht brachte; _da handeln wir Deutschen
nicht also_; wir sind nicht von Sinnen, und leiden nicht an jener
geistigen Schwäche, daß wir uns nicht lieber von der Wahrheit leiten,
als von der Falschheit betrügen ließen, und nicht dem Kaiserthron, der
uns von höchsten Wesen für ewige Zeiten übertragen und bestimmt war,
lieber durch Gerechtigkeit schützen, als durch Ungerechtigkeit wanken
machen.“

Als Kyeser dies niederschrieb lebte er als Verbannter in den böhmischen
Wäldern. Weshalb er verbannt war, was er sich im Wechsel des Krieges
hatte zuschulden kommen lassen, wissen wir nicht. Nachdem er sein Buch
vollendet hatte, bleibt er für uns verschollen.

Aus dem vielseitigen Inhalt seines Werkes sei in den folgenden
Abschnitten einiges herausgenommen.



27.

Maskierungen beim Angriff auf Festungen im Mittelalter.


Eine Malerei in der Kyeserschen Handschrift zeigt den Angriff auf
eine Burg. Rechts erkennt man, wie die aufgeklappte Zugbrücke mittels
eines besonderen langen Hakens gefaßt wird, um sie dann an Stricken
herabzuziehen. Währenddem die Belagerten so vom Feinde beschäftigt
werden, nähern sich der Burg Krieger von der anderen Seite zu einem
„Angriff mittelst Körben, die bis zu den Lenden herabreichen und
gleichmäßig aus grünem Holz hergestellt sind.“

[Illustration: Maskierungen, 1405.]


28.

Unterstände im Jahre 1405.

„Hier kannst du einen Zugang kennen lernen, der aus schief ineinander
greifendem Flechtwerk hergestellt wird und in den Graben herausragt. Er
schützt die darin Verborgenen und bewahrt sie vor den Fährlichkeiten
des Krieges. Darunter treten die Greise, die Führer und die
Unerfahrenen.“

[Illustration: Unterstände in einem Graben.

Malerei aus der Kyeserschen Handschrift vom Jahr 1405.]



29.

Die „Revolver“-Kanone im Jahre 1405.


Die Umständlichkeit, mit der man die ersten Geschütze laden mußte,
hatte eine äußerst geringe Feuergeschwindigkeit zur Folge. Unter einer
Viertelstunde konnte man selbst ein kleines Geschütz nicht laden,
und bei größeren dauerte es über eine Stunde und mehr. Deshalb lag
der Gedanke nahe, mehrere Rohre im geladenen Zustande so auf einer
Drehscheibe oder um eine Walze anzuordnen, daß man eines nach dem
anderen schnell abschießen konnte.

Kyeser zeichnet verschiedene derartige schnellfeuernde Geschütze. Am
interessantesten ist die kleine Malerei, die ein „~revolvendus~“
schießendes Drehgeschütz zeigt. Wir erkennen eine starke hölzerne
Walze, die auf einer Achse drehbar lagert. Seitlich ragt aus dem
Holzklotz ein Hebel heraus, sodaß man die Walze bequem drehen kann.
Kyeser sagt: „Dieser große mit sechs Büchsen versehene Block ist in
besonderer Art drehbar. Nach dem ersten Schuß dreht er sich, es folgt
der zweite, und so fort. Dadurch werden die Feinde getäuscht, die nach
dem ersten Schuß keinen weiteren erwarten.“

[Illustration: „Revolver“-Geschütz, 1405.]



30.

Sprenggeschosse von Anno 1405.


Kyeser zeichnet uns hier Sprenggeschosse. Sie sind mit Schießpulver
gefüllt und entweder mit starkem Leder umnäht (oben rechts), oder fest
umschnürt (Mitte): „Fülle diese Sprenggeschosse mit Schießpulver; ein
Feuerstrahl wird aus ihnen hervorstürzen, alles zerstören, was er
erreicht: so richtet man großen Schaden an.“

[Illustration: Kyesers Sprenggeschosse, 1405.]

Wir hören von Kyeser auch, wie der Aberglaube der Zeit noch in der
Praxis steckt. Es soll nämlich nach der Kyeserschen Vorschrift
Salpeter in eine Eierschale geladen, und diese ins Feuer gelegt
werden. Pulverisiert man dann die Eierschale, „und mischt sie mäßig
dem Pulver bei, und ladet damit ein Sprenggeschoß, so wird das Geschoß
zerspringen.“



31.

Bomben mit Seife und Teufelsdreck; Stinkbomben.


Auf einem Blatt bildet Kyeser fünf Fässer ab, und neben jedes dieser
Fässer schreibt er die Verwendungsmöglichkeit:

„Im Seekrieg schleudere mit Kalkstaub gefüllte Wurfgeschosse, durch die
du die Augen der Feinde blendest und diese so leicht besiegst.“

„Mit flüßiger Seife gefüllte Fäßchen schleudere auf Schiffe oder
Brücken. Dadurch werden diese schlüpferig, die Feinde stürzen, und du
siegst so durch List.“

„Oder du kannst Fäßchen mit Pech, Schwefel, Teufelsdreck, Öl, Kampfer,
Vernisium oder gutem Petroleum füllen, diese anzünden und auf Schiffe
oder Brücken schlendern, und diese werden verbrannt.“

„Oder du kannst sie mit altem übel riechendem Kot füllen und
schleudern, wohin du willst, so werden die Leute ohnmächtig und der
Boden wird schlüpfrig“ -- also Stinkbomben!

„Einzelne Gräben kannst du einebnen: werfe listigerweise mit Sand,
Erde oder Schotter gefüllte Fäßchen in den Wassergraben, dann stürmst
du trockenen Fußes und unter dem Schutz von Sturmdächern die Mauern,
besteigst sie im Kampf und besiegst den Feind.“



32.

Wein als Waffe.


Betrachten wir dieses Bild aus der Kyeserschen Handschrift:

[Illustration: Wein-Angriff, 1405.]

Im Hintergrund ein Faß auf einem Handwagen. Zwei gerüstete Krieger
daneben mit fröhlichen Mienen beim Wein.

Im Vordergrund links eine Quelle, in die sich ein Krieger eine
Feldflasche mit Wein zur Kühlung gestellt hat. Im hohen Gras versucht
der -- in der Perspektive damals selbstverständlich noch unerfahrene
-- Zeichner drei weinselige Krieger in schlafender Stellung
unterzubringen. Doch jeder von ihnen wird von einem nur schwach
gerüsteten Bauern unsanft geweckt und mit dem Knüttel erschlagen.

Kyeser gibt zu dieser sonderbaren Darstellung die Erklärung, daß man
Wurzeln gewisser Bäume einkochen und dem Wein beimischen soll: „So
kannst du mit einem Faß, daß man noch auf einem Lastwagen zu führen
imstande ist, eine große Legion vernichten. Es ist dies ein großes
Geheimnis der Weisen, des Wirkung du sehen wirst, wie es dir beliebt.
Ist kein Essig vorhanden, dann gibt es kein anderes Gegengift; denn
dieses Betäubungsmittel lähmt in kurzer Zeit. Bringst du einem einen
besonderen Samen durch dieses Getränk bei, so fassen sich die Trinker
an den Kopf und bekommen lahme Füße. Dies oben Geschriebene merke dir.“



33.

Ein Festungs-Aufzug mit Kraftbetrieb.


Als auch selbst die kleinen Städte im Mittelalter ihre eigene
Herrschaft führten, waren Überfälle aus der Nachbarschaft täglich zu
erwarten. Die Ingenieure trachteten deshalb danach, die wehrhaften
Bürger möglichst schnell auf die Verteidigungstürme der Festung hinauf
zu bringen. Das beste Mittel hierzu blieb der Aufzug.

Wir wissen heute, daß man schon im alten Rom den Aufzug kannte, und
dazu benutzte, um ohne lange Zwischenpausen die Kämpfer und die wilden
Tiere im großen Zirkus in die Arena fahren zu lassen.

[Illustration: Aufzug mit Windradbetrieb, 1405.]

Kyeser zeichnet hier einen Aufzug, und wenn wir von der etwas
wunderlichen Zeichnungsart absehen, ist die Darstellung ohne weiteres
verständlich. Wir erkennen die senkrecht stehenden Fahrschienen,
zwischen denen der Fahrkorb auf- und abgleitet. Nun ist aber noch
eine Maschinerie vorhanden, bestehend aus zwei ein wenig rückwärts
gelagerten Achsen, die an jedem Ende ein großes Windrad tragen. Um die
Achsen schlingt sich das Förderseil, und zieht, vorausgesetzt, daß
Wind geht, den Fahrkorb in die Höhe. Die Einzelheiten der Maschinerie,
besonders die Ausrückvorrichtung, die Bremse usw. läßt Kyeser in
seiner Skizze weg. Erklärend sagt er: „Die durch Wind arbeitende
hölzerne Maschine wird auf diese Weise gebaut: in dem in der Mitte
befindlichen Kasten sitzt der Mann, der sich durch Straffziehen des
Seiles emporhebt, durch Nachlassen herabläßt. Manche bringen unten noch
zwei Windräder an, dann ist der Gang sicherer, kräftiger und schneller.“



34.

Spiegelnde Schilde.


[Illustration: Der Spiegel als Waffe, 1405.]

Spaßig wirkt die Kyesersche Erklärung zu einer Malerei, die zwei
geharnischte Ritter im Dolchkampf zeigt. Oben links scheint die
Sonne in glühender Fülle: „Wenn der Kämpfende seinen Schild nach der
Sonne richtet, verrichtet er mit Hülfe der Sonne Mannes-Taten; denn
flimmernde Strahlen entsendet die Leuchte des Himmels und blendet das
Auge des anderen Mannes, der so besiegt werden muß. Denn der Schild
spiegelt das Bild der Sonne wieder.“



35.

Erschröckliche Kriegsmaschinen.


[Illustration: Das „Martiale“, 1405.]

Erinnern wir uns, daß Kyeser in der Zeit lebte, da Geschütze und
Gewehre noch neu waren, und die Kriegsweise des Altertums noch nicht
verdrängt hatten. So wundert es uns nicht, in seinem Werk eine Reihe
von Kriegsmaschinen zu finden, denen auch er keine Bedeutung mehr
beimessen konnte, die er aber erwähnen mußte, um zu zeigen, daß er das
durch die Länge der Zeit Geheiligte kannte und anscheinend schätzte.

Da sehen wir denn z. B. wie zwei Krieger einen riesigen eisernen Kopf
auf einem Rädergestell einen Hügel hinanschieben: „Dieses bewaffnete
Haupt, das auf zwei Rädern geschoben wird, und beiderseits mit den
Ohren schneidet, tötet, was es mit seiner Zunge und dem Horn sticht,
und wird Martiale genannt. Innen von Holz, ist es von außen mit
starkem Eisen gerüstet, damit es nicht mit zweischneidigen Hämmern
oder anderen Werkzeugen zerstört werden kann. Der indische König Porus
führte dieses Kriegsgerät, durch das er die Feinde besiegte, indem er
viele damit tötete.“

Es ist also einer der in der Kriegsführung des Altertums beliebten
Sichelwagen, zu seiner Wirkung jedoch auch auf das Grauenerregen
berechnet.



36.

Luftkissen im Mittelalter.


[Illustration: Luftkissen mit Blasebalg, 1405.]

Hier zeichnet uns Kyeser ein aus Leder zusammengenähtes Luftkissen.
Rechts oben erkennen wir einen kleinen Blasbalg, durch den man es
füllen kann. Mit den beiden Riemen bindet man die Füllöffnung fest zu:
„Das aufblähbare Ruhekissen wird auf allen vier Seiten mit starker Naht
versehen, sodann ein Blasbalg in dasselbe eingeführt, dadurch mit Luft
gefüllt und dann mit Schnüren unterbunden.“



37.

Schneeschuhe.


[Illustration: Schneeschuh, Holzschnitt von 1645.]

Daß Schneeschuhe, Schlittschuhe und andere meist nur zu lustigem Sport
dienende Geräte in einem Feldzug eine hohe Bedeutung haben, hat der
vergangene Winter uns gelehrt. Der heute so beliebte Schneeschuh,
auf dem man schnell über losen Schnee dahingleiten kann, hat seinen
Vorläufer in dem Schneeschuh, der nur das tiefe Einsinken in den Schnee
zu verhindern hat, in dem sogenannten Schneereifen. Schon Xenophon
berichtet uns ums Jahr 350 vor Chr., daß die Armenier zur Winterzeit
ihren Pferden Säcke um die Füße binden, um die Sohlenfläche des Tieres
zu vergrößern und so das Einbrechen zu verhindern. Fast 400 Jahre
später erzählt Strabon, das man im Kaukasus ungegerbte Ochsenfelle
unter die Füße befestigte, um im Schnee nicht einzubrechen. In Norwegen
war der Schneeschuh im 10. Jahrhundert schon bekannt. Die altnordische
Mythologie hat eine besondere Schneeschuhgöttin. Das Schiff wird dort
auch „Schneeschuh des Meeres“ genannt, woraus man schließen kann, daß
der Schneeschuh im Norden älter ist, als die Seeschiffahrt. Das um das
Jahr 1265 verfaßte Buch „Konungs skuggsjá“, d. h. Königsspiegel, eine
zusammenfassende Beschreibung von Grönland sagt: „Die Vögel im Fluge
oder die schnellsten Windhunde oder Rennntiere überholt der Läufer mit
Schneeschuhen an den Füßen.“

[Illustration: Schneereifen, 1405.]

Kyeser sagt, man soll sich aus Stroh Ringe flechten und diese mit
Strohbändern unter die Füße der Menschen und Pferde binden; dann werde
man nicht im Schnee versinken. Jetzt besteht der Schneereif aus einem
hölzernen Ring, der mit Seilen durchflochten ist. Auf diesen liegt ein
Stück Leder, das man unter den Fuß bindet.



38.

Seilschwebebahnen im Krieg.


[Illustration: Seilschwebebahn, Malerei von 1411.]

Die niedliche Malerei einer Seilschwebebahn, die wir hier sehen, stammt
aus einer technischen Handschrift, die sich in der Hofbibliothek in
Wien befindet. Die Zeichnung ist in ihren Einzelheiten zwar nicht sehr
genau, doch erkennen wir deutlich, wie der Mann einen Korb zu der
Burg hinüberkurbelt. Seit jener Zeit findet man in kriegstechnischen
Handschriften Seilschwebebahnen häufig dargestellt, um Geschütze oder
Menschen über Flüsse oder Täler zu befördern. Auch zum Festungsbau wird
die Seilschwebebahn schon im Jahre 1592 verwendet, um die Erde auf
größere Entfernungen wegzuschaffen.

Die erste Seilschwebebahn, von deren Ausführung wir wissen, wurde
im Jahre 1644 in Danzig erbaut, als man innerhalb der Festung eine
Bastei anlegte. Die nötige Erdmasse mußte vom außerhalb der Festung
liegenden Bischhofsberg herangeschafft werden. Um die Anlage einer
guten Fahrstraße und einer starken Brücke über den Festungsgraben zu
ersparen, baute der leitende Ingenieur eine Seilbahn, die bei den
Zeitgenossen großes Aufsehen erregte. Ein langes Seil „mit etlich
hundert angehängten kleinen Eymerlein“ wurde auf Pfosten von der Bastei
zum Bischofsberg hin- und hergeleitet. An den beiden Enden ging das
Seil über große Scheiben, die von Pferden getrieben wurden. „Wie nun
drei Männer bestellt waren, welche die Erdschollen auf dem Berge nach
und nach in die Eimer füllten, so waren auch etliche andere in der
Stadt, die solche im Laufe umstürzten und ausleerten, und so wurde der
Berg oder dessen Erde ohne Wunderwerk versetzt.“ Man verkaufte damals
in Danzig sogar einen großen Kupferstich, der diese Anlage in allen
Einzelheiten zeigte. In der Danziger Stadtbibliothek wird noch heute
ein langes Lobgedicht auf diese Bahn aufbewahrt.

Die Erfindung von _Drahtseil_-Schwebebahnen gebührt dem
Bergassessor von Dücker. Die erste große Ausführung wurde dadurch wenig
bekannt, daß sie im Auftrag des Staates nach dem deutsch-französischen
Krieg zu den Festungsbauten bei Metz erbaut wurde. Erst vor einigen
Jahren konnte ich die Erfindung aus den Akten der Fortifikation zu Metz
veröffentlichen.



39.

Wie man einer Wache den Teufel an die Wand malte.


[Illustration: Der Projektionsapparat im Krieg, um 1420.]

Die Münchner Hof- und Staatsbibliothek besitzt unter ihren reichen
Schätzen an Handschriften auch ein überaus merkwürdiges Geheimbuch
eines Kriegsingenieurs, namens Joannes Fontana, das ums Jahr 1420
verfaßt sein mag. Nach einer neueren Forschung war dieser Fontana
in den Jahren 1418 bis 1419 Rektor der artistischen Fakultät der
Universität Padua.

Um seine Geheimnisse nicht zu verraten, schreibt Fontana sämtliche
Aufzeichnungen in einer Geheimschrift. Wir erkennen diese in den
letzten drei Zeilen auf unserm Bild. Weit später hat jemand diese
Geheimschrift entziffert und den lateinischen Text in lesbarer Schrift
über die Geheimschrift geschrieben.

In dieser Handschrift werden alle möglichen geheimen Mitteln angegeben,
deren man sich besonders im Kriege bedienen soll. Eines unter ihnen
ist eine Zauberlaterne um bei Nacht den Feind zu erschrecken. Wir
sehen in der linken unteren Ecke des Bildes einen orientalisch
gekleideten Menschen, der eine runde Laterne in der Hand hält. Auf
der gewölbten Scheibe der Laterne ist, wie man deutlich zu erkennen
vermag, ein grausiger Teufel mit Flügeln, Hörnern und Krallen
gemalt, der einen gefährlichen Spieß schwingt. Wir bemerken auch den
kegelförmig aufgerollten Wachsstock auf dem Boden der Laterne, der
dieses Teufelsbild von innen her beleuchtet. Den übrigen Teil der
Laternenscheibe müssen wir uns durch Blech, oder durch schwarze Farbe
abgeblendet denken. Nähert man sich mit einer solchen Laterne einer
weißen Wand, so wird dort die Teufelsfigur vergrößert -- natürlich aber
auch verschwommen -- sichtbar werden. So zeigt denn Fontanas Zeichnung
auch, wie der Teufel recht groß und greulich auf der Wand erscheinen
soll.

Über zweihundert Jahre später findet sich die Zauberlaterne wieder,
nachdem man sie mit geschliffenen Gläsern der inzwischen erfundenen
Fernrohre versehen hatte. Heute feiert diese Laterne magica im
Kinematographen ihre höchsten Triumphe.



40.

Der erste Torpedo -- Anno 1420.


Fontana ist auch der erste, der uns die heute so gefürchtete
Torpedowaffe im Bilde zeigt. Wir erkennen ein kleines, spitziges
Fahrzeug, ringsherum geschlossen und mit zwei, nach hinten
hinausragenden Seitensteuern versehen. Zwischen diesen sitzt eine Öse,
an die ein Seil mit einem nachschwimmenden Mittelsteuer geknüpft wird.
Das Fahrzeug ist vorn mit einem langen, spitzen Widerhaken versehen,
und in seinem Innern mit Schießpulver gefüllt.

[Illustration: Selbstfahrender Torpedo, 1420.

Oben: von oben gesehen. Unten: von der Seite gesehen.]

Um es bei seiner geheimnisvollen Annäherung dem überraschten Feind
möglichst gefährlich erscheinen zu lassen, sind ihm zwei Augen so
aufgemalt, daß es -- aus dem angegriffenen Schiff von oben her gesehen
-- wie der Kopf eines heranschwimmenden Ungeheuers aussieht.

Seinen Antrieb erhält dieser Torpedo durch zwei aus seinem Deckel
nach hinten hinausragenden Raketen. Ihre Brandsätze werden vor dem
Abfahren angezündet. Sie sind in ihrer Brenndauer so berechnet, daß der
Torpedo sein Ziel erreicht hat, ehe die Raketen ausgebrannt sind. Ihre
Endladung wird also, sobald sich die gefährliche Waffe mit ihrer Spitze
in die Holzwand des feindlichen Schiffes eingebohrt hat, die ganze
Pulvermasse im Torpedo entzünden, sodaß das getroffene Schiff durch die
gewaltige Explosion ein Leck bekommt.

Der Fontanasche Torpedo geht in seiner Konstruktion auf kleinere
Fahrzeuge zurück, die den Arabern schon ums Jahr 1258 bekannt waren.

In den späteren Jahrhunderten hört man nichts mehr vom selbstfahrenden
Torpedo. Man beschränkte sich darauf, den Torpedo entweder durch
schwimmende Mannschaft heimlich an den Feind zu bringen, oder ihn beim
Nahkampf mittels Stangen von Schiff zu Schiff zu lanzieren. Man hatte
nämlich erkannt, daß das Schießen unter Wasser keine einfache Sache ist.

Erst seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt man sich
mit Torpedokonstruktionen. Damals erhielt die Waffe auch den heutigen
Namen, und zwar nach dem „Torpedo“, einem Fisch, der aus besonderen
Organen gefährliche elektrische Schläge auszuteilen vermag.



41.

Wie sahen die ältesten Geschütze aus?


Über das Vorkommen und Aussehen der Schießpulverwaffen herrscht noch
in den weitesten Kreisen Unklarheit, sodaß es sich wohl lohnt, einmal
einen kurzen Überblick über die Geschichte des Schießpulvers, der
Gewehre und der Geschütze zu geben.

Höchstwahrscheinlich sind die Chinesen ums Jahr 1175 im Besitz einer
Mischung von Salpeter, Schwefel und Kohle gewesen, die sie als
_Spreng_-Mittel in eisernen Bomben verwendeten. Die Sprengwirkung
eines solchen Schießpulvers beschreibt in Europa im Jahre 1242 der
von der Kirche wegen seiner naturwissenschaftlichen Forschungen
später heftig verfolgte Roger Baco. Wenige Jahre hernach berichtet
ein Grieche, namens Marchos, über dieses sprengsame Schießpulver und
im Jahre 1265 macht der vielgelesene Albertus Magnus weitere Kreise
hierauf aufmerksam.

Wer dieses Schießpulver in seinem Mischungsverhältnis so verändert, daß
es in einem eisernen Rohr _treibend_ wirken konnte, ist gänzlich
unbekannt. Den Vater der bedeutsamsten Erfindung aller Zeiten kennen
wir nicht!

Wir wissen nur, daß zwischen 1325 und 1350 Schießpulver und Geschütze
in verschiedenen Urkunden erwähnt, bezw. primitiv abgebildet werden.
Die älteste Darstellung eines solchen Geschützes findet sich als
dekorative Zugabe in einer Randleiste eines in Oxford aufbewahrten
lateinischen Manuskriptes „Über das Amt der Könige“. Die Malerei
verrät, daß der Künstler ein Geschütz nur von Hörensagen kannte.
Auf einer viel zu schwach gezeichneten Holzbank liegt ein an der
Pulverkammer übertrieben verstärktes Rohr. Aus seiner Mündung schießt
ein Kugelpfeil gegen das Tor eines Turmes, weil ein hinter dem Geschütz
stehender Ritter im Augenblick ein glühendes Eisen an die kleine
Pulverpfanne hält.

Die Ungeschicklichkeit des Malers kann gerade uns heute nicht wundern.
Erleben wir es doch, daß niemand von uns etwas sicheres über die
neuen Waffen der Gegenwart weiß, obwohl wir mehrere Male am Tage
aus den Berichten unserer Zeitungen die erstaunlichsten Leistungen
dieser neuen Waffen erfahren. Wie anders erst vor 600 Jahren, wo die
Geheimniskrämerei, verbunden mit einer starken Dosis Aberglauben, und
unterstützt durch die langsame Berichterstattung, fast in jedem Beruf
zu finden ist. Im Beruf der Kriegstechniker ist das Geheimnis noch
Jahrhunderte lang möglichst in allen Dingen gepflegt worden. Ihre
Handschriften, deren wir trotz aller Kriegswirren vergangener Zeiten
noch einige hundert Stück besitzen, sind entweder ganz ohne Text,
oder in Geheimschrift, oder in einer unverständlichen, phantastischen
Sprache geschrieben, und immer wieder begegnet man, wenn der Verfasser
kaum begonnen hat, eine Neuerung zu erklären, den eiligen Schlußworten
„so fortfahrend kannst du dies machen, wenn du die Kunst kannst“.

Weil wir in der Technik überall zuerst das Grobe, und erst später als
Verbesserung das Feine finden, können wir annehmen, daß das schwere
Geschütz älter ist, als die Handfeuerwaffe. Die Urkunden bieten zwar
wenig Anhalt für diese Annahme, weil eine feststehende Bezeichnung
in keiner Sprache zu finden ist. Die Franzosen nennen ihre ersten
Geschütze Eisenköpfe, wir bezeichnen große und kleine Rohre zunächst
als Büchsen. Chronisten, die später ältere Urkunden abschrieben
oder übersetzten, haben viele Verwirrung angerichtet, weil sie nach
Gutdünken solch unklare Ausdrücke präzisierten. So entstanden denn
dort, wo höchstens eine Wurfmaschine oder ein Rohr zum Schleudern
einfacher Brandsätze erwähnt wird, willkürlich eine „Kanone“ oder
ein „Gewehr“. Das ist z. B. in vielen spanischen und orientalischen
Urkunden der Fall. Ebenso in einer Genter Urkunde von 1313 bezw. 1393
und einer Metzer Urkunde von 1324. Ließt man die Urtexte, so steht vom
Schießpulvergeschütz nicht das geringste darin.

Die ersten Geschütze wurden bald aus Eisen, bald aus Bronze
angefertigt. Sie hatten eine Rohrlänge von sechs Kalibern, d. h.
das Rohr war sechs Mal so lang als die dazu gehörige Kugel. Kugeln
waren bald aus Eisen, bald aus Stein gefertigt. Bemerkenswert bei
den ältesten Rohren ist die innere Konstruktion. Fast alle Rohre
haben nämlich, wenn man etwa bis zu ⅝ in ihre Rohrlänge eingedrungen
ist eine scharfe Verengung. Hinter diese Verengung schüttet man das
Schießpulver, dann trieb man einen Holzklotz in das Rohr, der sich
gegen die Verengung stemmen mußte und alsdann lud man die Kugel vor
den Holzklotz und befestigte sie durch kleine Holzteile. Zwischen dem
Schießpulver und dem Holzklotz blieb ein Luftraum, sodaß ein allzu
starkes Eintreiben des Klotzes das Schießpulver nicht zur Entzündung
bringen konnte. Zum Schießpulver führt eine Bohrung, die mit Pulver
gefüllt und mit dem glühenden Geschützhaken (Abb. Seite 39) erst später
mit der Lunte, entzündet wurde. Neben einem jeden Geschütz brannte ein
kleines Feuer, oder ein kleiner Ofen, um den eisernen Geschützhaken an
der Spitze glühend zu machen. Das Geschützrohr hatte keinerlei Zapfen.
Es wurde auf eine Balkenunterlage gelegt und dort stark verkeilt.
Infolgedessen hatte das Geschütz nur eine einzige Schußrichtung. Das
Laden und Abfeuern eines Geschützes nahm eine viertel bis eine volle
Stunde Zeit in Anspruch. Was wir heute als Geschützlafette bezeichnen,
ist uns aus dem ersten Jahrhundert der Geschütze so unbekannt, daß
noch keine Zeughausverwaltung bis heute für ihre ältesten Rohre
eine glaubwürdige Lafette konstruieren konnte. Noch zur Zeit Kaiser
Maximilians finden wir zu Anfang des 16. Jahrhunderts schwere
Geschützrohre in den einfachsten unbeweglichen Balkenbettungen liegen.



42.

Wie ich das älteste datierte Gewehr fand.


Die ältesten Gewehre waren sogenannte „Stangenbüchsen“, das heißt
einfache Schießrohre, die auf einer Stange von etwa anderthalb bis zwei
Meter Länge saßen. Man lud sie vorn mit Pulver, Pfropfen und Kugel, und
feuerte sie gegen den Feind ab, indem man einen glühenden Haken oder
eine brennende Lunte an die Pulverpfanne hielt. Die Pulverpfanne war
manchmal durch einen Deckel gegen Wind und Wetter geschützt.

Diese Gewehre waren also verkleinerte Kanonen auf Stangen, sodaß sie
sich bequem tragen ließen. Wann und wo die Handfeuerwaffen aufkamen,
weiß kein Mensch; um’s Jahr 1340 finden sie sich plötzlich an
verschiedenen Orten.

Das älteste mit einer Jahreszahl versehene Gewehr entdeckte ich vor
einigen Jahren auf sonderbare Weise im Museum für Völkerkunde in
Berlin. Es lag dort in einem Schrank der chinesischen Abteilung und war
als „Wallpistole“ bezeichnet. Das aus Bronze gegossene Rohr mißt 35 cm
in der Länge und trägt in chinesischen Zeichen die Aufschrift „Kaiser
Yunglo, im 19. Jahr, 7. Monat“. Außerdem sind noch Inventarnummern
auf dem Rohr zu lesen. Das 19. Jahr der Regierung jenes chinesischen
Kaisers war unser Jahr 1421.

[Illustration: Das älteste datierte Gewehr, 1421.]

Als ich mir diese chinesische Inschrift hatte erklären lassen, war
ich nicht wenig erstaunt, eine Wallpistole in der Hand zu halten, die
120 Jahre älter sein mußte, als die früheste Nachricht von Pistolen
überhaupt. Gewiß, die Form der Waffe sprach für eine Pistole: in der
Mitte den wulstigen Teil mit einer länglichen Zündpfanne, die ehemals
durch einen Deckel geschlossen werden konnte, als Handgriff der lange
Schaft, und als Pistolenrohr der kurze Teil. Betrachten wir unsere
Abbildung, so wäre der Handgriff nach oben hin, das Pistolenrohr nach
unten hin gerichtet (der im Pistolenrohr versteckte Holzschaft fehlte).

Als ich diesen seltenen Fund zweifelnd in der Hand hielt, kam mir der
erleuchtende Gedanke zur rechten Zeit: blase in den Lauf hinein, dann
kommt die Luft zum Zündloch hinaus. Schlau, nicht wahr?

Und ich blies. Es kam aber keine Luft.

Und ich blies schließlich in den langen, wohl zur Gewichtserleichterung
hohl gegossenen Handgriff der Pistole, da zischte die Luft zum
Zündloch hinein. Zunächst allgemeines Staunen. Dann lieh ich mir einen
Besenstiel, steckte die angebliche Wallpistole mit ihrem kurzen „Lauf“
darauf auf und konnte so den erstaunten Sinologen die Verwendung ihrer
Waffe klar machen. Es ist gar keine Wallpistole, sondern die älteste
bisher bekannt gewordene, datierte Stangenbüchse, zugleich das älteste
datierte Gewehr überhaupt. Aus unserer Abbildung erkennen wir, wie das
Bronzerohr auf dem Holzschaft steckt. Bei näherer Untersuchung fanden
sich in der unteren, kurzen Bohrung noch die Reste eiserner Stifte, die
Rohr und Holzschaft ehemals zusammenhielten.



43.

Ein Nitro-Sprengstoff im Mittelalter.


In den beiden deutschen Reichspatenten Nr. 12122 und 39511 aus
den Jahren 1880 und 1886 werden Verfahren zur Herstellung eines
Explosivstoffes angegeben, wie sie schon 4½ Jahrhunderte vorher bei
den deutschen Kriegsfeuerwerkern bekannt waren. Es handelt sich um
einen wirksamen Sprengstoff, wie wir ihn jetzt im Dynamit verwenden.

Wer diesen Sprengstoff im Mittelalter erfand, wissen wir nicht.
Vielleicht war es ein Büchsenmeister namens Abraham, der im Jahre 1422
zu Herzog IV. von Österreich in den Dienst trat. Das alte Rezept
ist in dem sogenannten „Feuerwerksbuch“ jener Zeit niedergeschrieben.
Dieses Buch war damals einem jeden Artilleristen bekannt.

Es ist überaus auffallend, daß die Vorschrift zur Herstellung dieser
mittelalterlichen Dynamitart sogar wortgetreu in andere Werke überging,
daß aber niemand soviel Einsicht hatte, um die ungeheure Wirkung
dieses Nitrosprengstoffes zu erkennen. Wäre die Erfindung damals, als
selbst die Schießpulverbereitung noch in primitivster Form betrieben
wurde, verfolgt worden, dann hätten sich daraus für die Menschheit
Umwälzungen ergeben müssen, denen gegenüber die Umwälzungen, die uns
das Schießpulver brachte, verschwindend klein erscheinen müssen.

So aber ruhte dieses gewaltige Rezept, verborgen in alten
Handschriften, bis auf unsere Tage.

Erst Sobrero entdeckte 1846 ein ähnliches Produkt, das Nitroglyzerin.
Zwanzig Jahre nachher tränkte Alfred Nobel Infusorienerde mit diesem
Sprengstoff und erhielt somit das Dynamit.



44.

„Schnellfahrende“ Kriegsboote.


In fast allen kriegstechnischen Handschriften des Mittelalters werden
Schiffe beschrieben, die durch einen geheimen Mechanismus betrieben
werden. Sie sind durch Bohlen völlig überdeckt, sodaß der Feind den
Mechanismus nicht erkennen, und durch Schüsse beschädigen kann. Unsere
Malerei zeigt ein solches Boot nach einer Handschrift im Besitz
des Fürsten von Fürstenberg. Sie ist etwa ums Jahr 1425 entstanden.
Wahrscheinlich sind diese Boote aber schon tausend Jahre älter. Der
Maler hat hier die Bohlen weggelassen, um den Mechanismus des Antriebs
zu zeigen. Die Perspektive ist schlecht geraten. So steckt z. B. die
Antriebsachse diagonal in dem Balkengerüst, und der Fahrer müßte sich
gründlich verrenken, wollte er die Kurbel von seinem Sitz aus drehen.
Solche zeichnerischen Fehler kommen aber im Mittelalter ganz allgemein
vor.

[Illustration: Kriegsboot mit Schaufelrad-Antrieb, um 1425.]

In einer in Weimar aufbewahrten Ingenieurhandschrift wird das folgende
Schiff abgebildet, das auf stillen Wassern gehen sollte. Wir erkennen
die Schießscharten und sehen auch vorn ein drohendes Geschützrohr
herausragen. Der Text sagt: „Dies ist ein Schiff, das geht auf
stillem Wasser und hat vier Fittichräder, und da gehören vier Mann
zu, die sie drehen, zwei hinten, zwei vorn. Und es mag wohl zwanzig
Gewappnete tragen, außer den vier Mann, die das Schiff treiben. Und
die Fittiche gehen in dem Wasser um und inwendig hat jeder Fittich
eine Kurbel, die man umdreht. So mag man fahren auf dem Wasser auf und
abwärts. Und das Schiff ist verdeckt und heißt ein Streitschiff, und
damit sind die Katalonier allen andern Schiffen überlegen.“

[Illustration: Kriegsboot der Katalonier. Zeichnung von etwa 1430.]



45.

Ein Papst als Erfinder.


In den Zeitschriften mittelalterlicher Kriegsingenieure begegnet uns
immer die Konstruktion der Mühle; denn die Verpflegung der Truppe mußte
bei den schlechten Wegeverhältnissen des Mittelalters, die so schlecht
waren, daß wir uns heute vielleicht nur in Polen wieder einen Begriff
davon machen konnten, meist vom Halm aus erfolgen. Überall mußte der
Reibstein oder die Mühle zur Zerkleinerung der Halmfrüchte mitgeführt
werden. Je größer aber die Heermassen wurden, um so schwieriger war die
Brotbereitung auf kleinen Mühlen. Die Mühlen des Feindes fand man stets
zerstört. Zum Bau von Wasser- und Windmühlen fehlte die Zeit; denn die
Herstellung von Zahnrädern, Achsen usw. erforderte große Vorbereitung.

Nach einer Handschrift aus der Zeit der Hussitenkriege kam der Papst
auf den Gedanken, eine einfache Mühle mit einem Wasserrad zu verbinden.
Alle Zahnräder und Getriebe fallen weg, wenn man das Wasserrad und
den Läuferstein auf dieselbe Achse setzt. Man leitet das Bachwasser
dann seitwärts auf die Schaufeln des Rades und läßt es durch Stoßkraft
wirken.

[Illustration: Mühle mit Turbine gekuppelt, um 1430.]

Wer dieser Papst sein mag, konnte ich trotz weitgehender
Nachforschungen nicht feststellen. Dieser Erfinder auf dem Stuhl Petri
in Rom wies uns den Weg zur Konstruktion der wirksamen Turbinenräder,
durch die wir heute, besonders in Gebirgsgegenden Millionen von
Pferdekräften für die Industrie nutzbar machen.



46.

Ein Taucheranzug aus dem Jahr 1430.


[Illustration: Taucheranzug, um 1430.]

In der gleichen Handschrift der Zeit der Hussitenkriege sehen wir hier
einen Taucher auf dem Meeresgrund dargestellt. Seine Ausrüstung ist so
vollständig, daß wir uns über das hohe Alter dieser Malerei nicht genug
verwundern können. Der Mann trägt einen Anzug aus Leder, Schuhe mit
Bleisohlen und einen großen, kugelförmigen Taucherhelm. Vor den Augen
sitzen große Gläser. Um die Lenden schlingt sich ein Strick, an dem der
Taucher hinabgelassen und hinaufgezogen wird. Ein Luftschlauch geht
bis über den Spiegel des Wassers. Seine Mündung schwimmt dort, von
Korkkugeln getragen. So ausgerüstet kann der Taucher versunkene Ballen
und Fässer an besondere Seile befestigen, damit sie emporgezogen werden.

Wie so manche Aufzeichnung in den Handschriften mittelalterlicher
Ingenieure, sind auch Zeichnungen von Taucheranzügen Jahrhunderte
lang nur denen bekannt geworden, die sich beruflich mit dem Inhalt
kriegstechnischer Werke zu beschäftigen hatten.



47.

„Jäger zu Pferde“ im 15. Jahrhundert.


Die neu geschaffene und alsbald neu vermehrte Reitertruppe der „Jäger
zu Pferde“ hat im Mittelalter ihren Vorläufer in dem „~eques
scoppetarius~“ gehabt, den wir ums Jahr 1450 in verschiedenen
Handschriften des Ingenieurs Mariano dargestellt finden.

[Illustration: Reiter mit Feuerrohr, Zeichnung um 1450.]

Roß und Reiter sind schwer gepanzert. Der Reiter trägt eine
langgeschäftete Hakenbüchse von großem Kaliber als Waffe. Beim
Schuß legt er den Haken in eine Gabel, deren unteres Ende am Sattel
befestigt ist. Den Schaft der Waffe stützt er gegen den Brustpanzer.
Das Gewehr wird mit der linken Hand gerichtet, während die rechte die
brennende Lunte bereit hält. Die Munition trägt der Reiter in einem
besonderen Sack, der hinter den Sattel gelegt wird. Aus dem Text ist
zu entnehmen, daß diese Jäger zu Pferde -- wörtlich Stutzbüchsenreiter
-- noch ihr Schwert zum Angriff oder zur Verteidigung gebrauchen, wenn
ihnen in der Schlacht das Pulver oder die Kugeln ausgehen. „Die Jäger
zu Pferde sind geeignet zum ersten Angriff auf den Feind, auch erregen
sie großen Schrecken und Pein und sind die Ursachen für den Sieg.“



48.

Granatierer -- Grenadiere.


[Illustration: Granatenwerfer, Holzschnitt von 1561.]

Handgranaten waren bereits im 15. Jahrhundert, wie eine im Hofmuseum
zu Wien befindliche Handschrift berichtet, den deutschen Heeren
bekannt. Sie bestanden aus zwei hölzernen Halbkugeln, die mit Pulver
und „Schifferstein“ angefüllt waren. Irdene Handgranaten beschrieb
1559 der berühmte Kriegstechniker Reinhard v. Solms, und zwei Jahre
später zeigte Brechtel in einem Holzschnitt, wie man die Granaten mit
der Hand werfen mußte. Daß die Sprödigkeit der Granatenhülle für die
Wirkung der Handgeschosse von besonderem Werte sei, berichtet zuerst
Boillot im Jahre 1598; er wußte allerdings kein anderes Material als
sprödes Glockenmetall zu empfehlen. Ums Jahr 1600 bildete Sebastian
Hälle Handgranaten mit Fallzündern ab. Graf Johann v. Nassau beschrieb
im Jahre 1610 die Herstellung der Handgranaten zum ersten Male
eingehend. Er erzählt, daß die am meisten angewandte Art die Größe
eines Granatapfels habe, und daß man deshalb den Geschossen ihren Namen
gegeben habe. Das Gewicht seiner Handgranaten schwankte zwischen 1,5
und 3 Pfund. Als Material kamen bei ihm Eisen, Bronze oder Glas zur
Verwendung. Vor dem Wurf wurde die Brandröhre entzündet und krepierte,
wenn der Zündsatz verbrannt war. Eine zweite Art, die Johann v.
Nassau beschrieb, entzündete sich beim Aufschlagen auf die Erde. Die
Granatenwerfer, ehemals „Granatierer“ genannt, waren meist freiwillige
Musketiere. Sie trugen im Tornister zehn Handgranaten und eine Lunte.
Als Waffe trugen sie eine Pistole. „Oft werden die Granatierer von
ihren eigenen Granaten gesprengt, und an diesem gemeinen Unheil
und miserablen Verstümmelungen der Menschen“ seien meistens die
Feuerwerker schuld, so berichtet Michael Mieth, einer der bedeutendsten
Artilleristen des 17. Jahrhunderts. Mieth war wohl der erste, der das
Werfen der Handgranaten aus kleinen, tragbaren Mörsern empfahl. Am 22.
Oktober 1711 zeigte der berühmte Mechaniker Gärtner aus Dresden Peter
dem Großen auf der Durchreise nach Karlsbad einen Granatenwerfer, der
auf eine Entfernung von 1300 Schritt Granaten schleuderte. Der Vorteil
dieser Maschine war der, daß man sie „als eine Flinte“ auf der Schulter
tragen konnte. In Preußen schieden die letzten Handgranaten 1885 aus;
der russisch-japanische Krieg brachte der alten Waffe wieder neue
Anerkennung.



49.

Die „Maus“.


Wer heute eine Maschine konstruieren will, muß die vielen Einzelteile
genau kennen, deren man sich zur Erreichung eines gewissen Zweckes zu
bedienen vermag. Da gibt es Nieten, Schrauben, Keilarten, Hebel, Lager,
Gestänge und eine Unzahl von eigentümlichen Bewegungsmechanismen.

Es ist höchst erstaunlich, daß manche dieser Einzelheiten in gewissen
Zeitabständen wieder als Neuheiten aufgetaucht sind. Die Kurbel ist
doch wahrlich eine Erfindung, die ein Alter von Jahrtausenden hat und
doch wurde sie zur Dampfmaschine im Jahre 1780 neu erfunden und sogar
patentiert. Infolgedessen konnte der berühmte James Watt sie damals zu
seiner Dampfmaschine nicht verwenden!

[Illustration: Minierende Maus, Malerei um 1450.]

Ich freue mich nun immer, wenn es mir gelingt, bei den pfiffigen
Ingenieuren des Mittelalters Maschinenteile zu finden, die erst nach
Jahrhunderten in der Technik öffentlich vorkommen. Das schönste
Beispiel für das Alter mancher Maschinenteile ist die hier abgebildete
„Maus“. Diese Maschine soll gleich einer Maus ein Loch unter der
Stadtmauer hindurchgraben. Ich stelle mir den wohl mit Eisenplatten
beschlagenen Kasten recht groß vor. Der Erfinder dachte sich wohl
diese Maschine in einen Minengang zu bringen und ihn dort vorwärts zu
schieben. Wenn die hinten sichtbare Kurbel gedreht wird, setzt sich
eine in dem Kasten liegende Förderschnecke in Bewegung, um das Erdreich
nach hinten zu schaffen, das von den Messern gelöst wird, die an den
Achsen der Laufräder sitzen.

Ich halte die Ingenieure des Mittelalters nicht für so blöd, daß sie
diese Maschine genau so gebaut haben, wie die Zeichnung es angibt. In
allen ihren Handschriften versuchen sie ihre Geheimnisse zu bewahren.
Nur der Mann vom Fach sollte ihre Aufschriften verstehen. So wohl auch
hier. Hier soll es doch nur darauf ankommen, zu zeigen, wie man beim
Untergraben der Mauer die Erde mit Hülfe einer Förderschnecke rückwärts
schaffen kann, und wie man mit walzenförmig gestellten Messern die Erde
wegzuschneiden vermag. Die Ausführung müßte eine wesentlich andere
sein. Dieser anscheinend närrische Gedanke birgt die Konstruktion der
ums Jahr 1800 aufgekommenen, heute als Transportvorrichtung überaus
wichtigen „Schnecke“ und ebenso die Idee des rotierenden Spiralmessers,
das erst seit dem Jahre 1812 an Tuchschermaschinen aufkam.



50.

Ein Unterseeboot im Jahre 1460?


Die Königliche Bibliothek in Dresden besitzt eine sehr schön gemalte
Handschrift des Ingenieurs Valturio aus der Zeit von 1460. Im Jahre
1472 erschien der Inhalt dieser Handschrift als erstes technisches
Buch im Druck.

[Illustration: Unterseeboot? Malerei von etwa 1460.]

Sowohl in der Handschrift als auch in den Druckausgaben findet man ein
ringsum geschlossenes Boot in zwei Ansichten dargestellt. In der oberen
Darstellung sind die beiden Spitzen des Bootes abgenommen. Es soll also
wohl gezeigt werden, auf welche Weise man das Boot zu besteigen hat.
In der unteren Darstellung ist das Boot ganz geschlossen. Außen an dem
Fahrzeug erkennt man kleine Schaufelräder. Auf ihren Achsen sitzen
Kurbeln, um die Räder zu drehen. Der Zeichner hat sich die Darstellung
wieder einmal recht bequem gemacht, indem er auch die Kurbeln so
zeichnet, als ob sie außen säßen. In Wirklichkeit müssen die Achsen
natürlich in das Innere des Bootes führen, damit die Insassen von dort
aus die Schaufelräder in Bewegung setzen können.

Dieses sonderbare Boot wird allgemein für das erste Tauchboot gehalten.
Mir sind in dieser Beziehung neuerdings Bedenken aufgestiegen und
ich möchte die Zeichnung nur auf ein Boot beziehen, das teilweise
unter Wasser geht. Es soll dann soweit eintauchen, daß die Achsen der
Schaufelräder noch ein wenig über dem Wasser liegen.

Das erste Tauchboot, von dem wir sichere Nachricht haben, wurde im
Jahre 1623 auf der Themse versucht. 1663 versuchte man ein solches
Fahrzeug in Rotterdamm und 1692 ein ähnliches in Deutschland auf der
Fulda. Seitdem haben sich viele Erfinder mit der Konstruktion von
Unterseebooten beschäftigt.



51.

Alte Kriegsautomobile.


Der genannte Valturio zeigt uns auch zum ersten Male, wie man sich
einen _Kriegs_kraftwagen bauen kann.

[Illustration: Gedecktes Automobil mit Schießscharten für Gewehr und
Geschütz, Malerei von 1558.]

Bereits im Jahre 1257 sagt der Gelehrte Roger Baco, „es können Wagen
hergestellt werden, die von keinem Tier gezogen werden und mit
unglaublicher Gewalt daherfahren.“ Der Ingenieur Fontana, dessen
Teufelslaterne und Torpedo wir schon kennen lernten, zeichnete im
Jahre 1420 einen Kraftwagen, der mittelst eines Seilantriebes von dem
bewegt wurde, der darin fahren wollte. Im Jahre 1421 führte man bei der
Belagerung von Zateo an der Eger einen Sturmschild vor, der von den
darunter stehenden hundert Mann mittelst eines besonderen Mechanismus
fortbewegt wurde. Die Memminger Chronik berichtet, daß am 2. Januar
1447 ein Wagen ankam, der „ohn Roß, Rindter und Leutt“ fuhr. Er wurde
von dem Meister bewegt, der in dem Wagen saß. Auf welche Weise dies
geschah, habe ich nicht sehen können, weil der Wagen „wol verdeckht“
gewesen sei. Und die Chronik von Pirna weiß zu erzählen, daß im Jahre
1504 ein Wagen „mit rädern und schraubengezeug“ von seinem Erfinder
nach Dresden gefahren werden sollte. Die Straße war aber zu schlecht,
sodaß der Meister wieder umkehren mußte. Ähnliche Nachrichten finden
sich später noch häufig.

[Illustration: Durch Windräder getriebener Kriegswagen, Holzschnitt von
1472.]

[Illustration: Durch Segel getriebener Kriegswagen des Prinzen Moritz
von Nassau-Oranien, 1599.]

Valturio will zum erstenmal eine Naturkraft, den Wind, zur Fortbewegung
des Wagens verwenden, und er hofft ihn so für den Krieg brauchbar
zu gestalten. Bei Betrachtung des Bildes müssen wir uns an die
ungewöhnliche, im Mittelalter sehr beliebte Darstellungsart, einen
Gegenstand von mehreren Seiten zugleich zu zeigen, gewöhnen. Wir sehen
nämlich den Wagen nicht nur von vorn, sondern auch von beiden Seiten.
Das Wagengestell ist sehr hoch und es soll mit starken Bohlen gegen
feindliche Geschosse verschalt werden. Die vier Laufräder weisen
zwischen den Laufkränzen Zahntriebe auf, in die große Zahnräder
eingreifen. Diese Räder werden durch kleine Zahngetriebe bewegt, an
denen je ein Windrad sitzt. In der Zeichnung sind die Räder viel zu
klein geraten. Wie der Wagen gelenkt werden soll, ist nicht gezeigt.
Als diese Abbildung wenige Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung in
einem deutschen Buch erschien, verstand man sie so wenig, daß man das
ganze Bild auf dem Kopf stehend abdruckte.

Zur praktischen Verwendung kamen die durch Windkraft bewegten Wagen
im 16. Jahrhundert. Besonders gerühmt wird das Fahrzeug, in dem Prinz
Moritz von Nassau-Oranien -- bekanntlich einer der Ahnen des deutschen
Kaisers -- nach der Schlacht von Nieuport (2. Juli 1600) mit dem
gefangenen Admiral Don Francisco de Mendoza „an den holländischen
Ufern, wo es eben war, zur ~recreation~ angefahren“. Es gibt von
diesem Wagen verschiedene Darstellungen, die einen flach gebauten,
langen Wagen zeigen, der von zwei großen Segeln fortbewegt wird. Es
erschien damals aber auch ein prächtiger Kupferstich, der den Wagen in
übertriebener Form zeigt. Ich bilde ihn hier nach einer Photographie
ab und verweise auf die Geschützrohre und auf den Mann unter dem
Großsegel, der das Herannahen des Wagens durch Hornsignale ankündigt.



52.

Brief-Schießen.


Wäre ich nicht in Neuß auf die Welt gekommen, so hätte ich seine
Chronik wohl nie gelesen, und könnte nicht von der sonderbaren
Begebenheit erzählen, die sich zutrug, als diese Stadt, die am
Niederrhein bei Düsseldorf liegt, im Jahre 1475 von Karl dem Kühnen
und dem Bischof von Köln belagert wurde. Die Stadt war eng vom Feinde
umschlossen, und so der Besatzung und den Einwohnern jede Verbindung
nach außen hin abgeschnitten. Die Kölner Bürger waren mit ihrem
Bischof nicht einig, und sie beschlossen denn den Neußern Schießpulver
und Lebensmittel zuzuführen. Doch ihre Versuche scheiterten an der
Wachsamkeit der Belagerer. So verfielen sie denn auf eine List.
Sie schossen am 21. April 1475 drei Kanonenkugeln, in denen Briefe
enthalten waren in die Stadt Neuß hinein. Die Neußer, zunächst bestürzt
über die Beschießung, schöpften aus der Hülfe, die die Kölner ihnen in
ihrer Kugelpost versprachen, neue Hoffnung. Einen ganzen Monat lang
ging diese Kugelpost zwischen Neuß und dem Lager der Kölner Bürger über
die Köpfe der Belagerer hinweg. Bald schossen die Neußer einen Brief,
bald antworteten die Kölner auf gleiche Weise. Das Stadtarchiv in Köln
besitzt noch heute die aus Neuß herausgeschossenen Originalbriefe. Die
Neußer Chronik berichtet über diese sonderbare Postverbindung in einem
Kapitel „wie uyssz (aus) dem coelschen heir (Heer) troestlich brieve
binnen Nuyß geschossen wurden“.

Die Erfindung der Kölner besingt der Neußer Chronist:

    Köln! Dich mag Gott bewahren!
    In Dir sind viele wohl erfahren
    Und tapfere Mannen eingesessen,
    Und Weisheit groß und ungemessen.
    Alwo die Kunst man hat erfunden,
    Des Briefe-Schießens zu diesen Stunden
    Ich will glauben, das dergleich
    Nicht mehr gesehen ist auf Erdenreich!

Im Jahre 1789 machte jemand der Pariser Regierung den Vorschlag, eine
schnelle Verbindung der Armeen der Republik mit Paris auf folgende
Weise zustande zu bringen. Es sollten in Schußweite um die Hauptstadt
nach allen Richtungen hin besondere Stationen für die Kugelpost erbaut
werden. Die von Paris abgeschossenen Kugeln sollten hohl und ihre
Hälften durch Scharniere verbunden sein. Die zu befördernde Nachricht
hätte in der hohlen Kugel Platz gefunden. Die Geschütze dieser Post
wären fest eingemauert, sodaß die Schußrichtung bei gutem Wetter
stets gegeben wäre. Die Kugeln würden auf den Stationen in einem
besonderen Kugelfang aufgelesen, sogleich wieder in das Geschütz der
Station geladen und zur nächsten Station abgeschossen. Auf diese Weise
wäre eine schnelle Beförderung von Nachrichten durch ganz Frankreich
möglich. Der Erfinder dieser Kanonenpost ging sogar soweit, daß er
einen ausführlichen Plan der notwendigen Gebäude zeichnete und diesen
seinem Manuskript beilegte. Das Manuskript befindet sich jetzt in
Besitz des Grafen von Klinckowstroem in München.

Im Jahre 1831 schlug Ingenieur Alexander Gordon der englischen
Militärverwaltung vor, lange hohle Geschosse zur Beförderung von
Depeschen und Briefen auf drei Meilen Entfernung zu verwenden.



53.

Geschützbespannung von hinten.


In einer in Heidelberg aufbewahrten, von Philip Mönch verfaßten
Bilderhandschrift des Jahres 1496 fand ich eine Malerei, die ich
hier in Umrissen wiedergebe. Es wird gezeigt wie man ein schweres,
mit Schutzschild versehenes Geschütz bis in die Feuerstellung
schieben kann. Anscheinend soll das Geschütz sogar während der Fahrt
abgeschossen werden, denn der im Vordergrund stehende Krieger nähert
den Luntenstock dem Zündloch. Diese Idee, das Geschütz vorwärts
schieben zu lassen, findet sich in späterer Zeit noch mehrfach.

[Illustration: Geschütz, das von der Bespannung in die Feuerstellung
geschoben wird. Nach einer Malerei von 1496.]



54.

Wie wir zur Zigarre kamen.


Das schon die römischen Soldaten ein Pfeifchen zu schätzen wußten,
haben wir in einem früheren Artikel gehört. Sie mußten sich mit
Lawendel, Hanf oder ähnlichem begnügen. Den Tabak lernten wir erst nach
der Entdeckung Amerikas im Jahre 1497 kennen.

Die Amerikaner rauchten ehemals den Tabak aus Pfeifen, deren Rohre in
zwei Spitzen ausliefen. Diese steckte man in die Nase, um so den Rauch
einzusaugen. Daß man aber auch die Zigarre schon vor der Entdeckung
Amerikas kannte, zeigt der hier abgebildete Außenpfeiler an der
ehemaligen Stadt Palenque in Mexiko. Man sieht einen Gott oder einen
Priester des Maya-Volkes in den Stein gehauen, der eine gewaltige
Zigarre im Mund hält, und ihr große Dampfwolken entströmen läßt. Noch
heute findet man auf den Philippinen die riesige Familienzigarre, an
der alle, vom kleinen Kinde bis zur Urgroßmutter des Hauses, saugen.
Auch jedem eintretenden Gast wird die Familienzigarre ohne weitere
Förmlichkeiten in den Mund gesteckt.

In Europa wurde die Zigarre erst ziemlich spät bekannt, und zwar
durch die Holländer. Wohl die früheste Nachricht findet sich in
einem Wörterbuch vom Jahr 1735: „Seegars sind Tabaksblätter, die
so zusammengerollt werden, daß sie sowohl zur Pfeife als auch
allein brauchbar sind.“ Fünfzig Jahre später wurde das öffentliche
Zigarrenrauchen in einzelnen Städten von Amerika bereits bestraft.
So heißt es in der Polizeiverordnung von Newburyport: „Jede Person,
die Pfeife oder Sergars rauchend auf den Straßen und Plätzen, Alleen,
Werften befunden wird, verfällt einer Strafe von zwei Schilling für
jeden einzelnen Fall.“

[Illustration: Mexikanische Darstellung der Zigarre, vor 1490.]

In Deutschland versuchte Hans Heinrich Schlottmann in Hamburg die
Zigarrenfabrikation, die er in Spanien kennen gelernt hatte, im Jahre
1788. Damals wurden von Hamburger Seeleuten vereinzelt Zigarren in
Hamburg geraucht. Das Schlottmannsche Unternehmen ging so schlecht,
daß er sein Fabrikat verschenken mußte, um es bekannt zu machen. Erst
als mehrere Schiffe Zigarren aus Amerika brachten und Abnehmer dafür
fanden, ging es mit Schlottmanns Unternehmen besser. Es dauerte aber
noch bis zum Jahre 1796, ehe die Zigarre ein Bedürfnis des Hamburger
Rauchers geworden war. Wie wenig bekannt die Zigarre vor hundert Jahren
im übrigen Deutschland noch war, sieht man aus den ersten Auflagen
des Brockhaus’schen Konversations-Lexikons: „Cigarros sind Blätter,
welche man zu fingerdicken hohlen Cylindern zusammenrollt, und dann
an einem Ende anzündet, mit dem andern in den Mund genommen und so
geraucht werden. Ob aber dadurch den Rauchern der Geschmack veredelt
oder verbessert werde, ist wohl nicht gut zu bestimmen, eben weil es --
Sache des Geschmackes ist.“

       *       *       *       *       *

Kürzlich mußte die Postbehörde vor der Versendung von Zigarren mit
Selbstzündern warnen, weil diese neue Art feuergefährlich ist, und die
Feldpost gefährdet. Diese Selbstanzünder tragen an der Spitze eine
Zündmasse. Reibt man diese auf einer rauhen Fläche, so setzt sich die
Zigarre in Brand.

Wie neu diese Selbstzünder sind, kann man in Zeitschriftenartikel des
Jahres 1835 nachlesen, wo sie damals beschrieben werden.



55.

Die erste Flaschenpost.


Ist ein Schiff auf See in Gefahr, dann wirft man eine gutverschlossene
Blechbüchse oder Flasche, in der sich die Nachricht von den letzten
Schicksalen der Besatzung befindet, ins Meer. Auch in diesem
gegenwärtigen Weltkriege haben einzelne solcher Flaschenposten uns
Nachrichten von untergegangenen Schiffen gebracht. Manches Mal
dauert es Jahre, ehe eine Flaschenpost angetrieben oder aufgefunden
wird. Bisher nahm man stets an, die Erfindung dieses eigenartigen
Verkehrsmittels sei jüngeren Datums.

Doch schon in den Tagebüchern des Kolumbus, des Entdeckers von Amerika,
finden wir hierüber eine Nachricht. Als der große Seefahrer auf der
Rückreise von seiner glücklichen Entdeckung in der Nacht vom 14. zum
15. Februar 1493 einen schweren Sturm zu bestehen hatte, glaubte er,
die letzte Stunde seines kleinen Schiffes sei gekommen. Er verschloß
deshalb eine kurze aber genaue Nachricht des Entdeckungsweges in ein
kleines Faß, verpichte es und warf es über Bord. Diese erste Seepost
kam nie an, wohl aber der kühne Seefahrer. Wären beide verschollen
geblieben, wer weiß, ob so bald einer wieder den Wagemut besessen
hätte, die kühne Fahrt zu unternehmen.

Fast 300 Jahre dachte niemand mehr an eine solche Seepost. Da schlug
man im Jahre 1784 schwimmende Flaschen vor, um die Meeresströmungen
kennen zu lernen. Und am 17. August 1786 wurde die erste genau
bezeichnete Flasche im Golf von Biscaya in Spanien ausgeworfen; sie
landete am 9. Mai 1787 an der Küste der Normandie in Frankreich.



56.

Die Schnellfeuergewehre von Kaiser Maximilian I.


Kaiser Maximilian I., der den Ehrennamen „der letzte Ritter“
führt, kann auch den Titel „der erste Artillerist“ für sich in Anspruch
nehmen. Von seinen Bemühungen um die Ausgestaltung des Artilleriewesens
zeugen noch heute die überaus prächtigen, in seinem Auftrag gemalten
Inventare der Zeughäuser seiner Lande. Die Feuerwaffen, sowohl
die großen Geschütze, wie die kleinen Gewehre, bekamen durch die
Bemühungen des Kaisers erst den ihnen gebührenden Platz im Heer.

Besonders bemühte sich der Kaiser um die Einführung mehrläufiger
Geschütze und Gewehre. Bei den Geschützen dieser Art lagen drei bis
sechs Rohre gleich Orgelpfeifen nebeneinander. Man nannte sie deshalb
Totenorgeln. Auch kommt ein Geschütz in den Zeughausbüchern vor, bei
dem fünf Lagen von je acht Rohren übereinander liegen. Die Zündlöcher
einer jeden Lage waren durch einen gemeinsamen Kanal miteinander
verbunden, sodaß dieses Schnellfeuergeschütz fünf Salven von je acht
Schuß hintereinander abgeben konnte.

[Illustration: Unten: Abschießen eines Schnellfeuergewehres mittels der
Lunte. Oben: Zwei solche Schnellfeuergewehre.]

Sonderbar ist der Gedanke des Kaisers, vier Gewehrrohre auf einem
Schaft zu vereinigen. Er nannte diese, oben abgebildete Gewehrart
„Schaufelpüchsen“. Wir erkennen, wie ein Krieger die Schaufelbüchse
unter dem rechten Arm hält, während er sie mit der linken Hand
richtet. Ein Kriegsknecht zündet den einen Lauf der Schaufelbüchse
mittelst einer Lunte. War auch der nebenliegende Lauf auf diese Weise
abgeschossen, so wendete der Schütze das Gewehr, und es konnten alsdann
das dritte und das vierte Rohr der Schaufel abgeschossen werden. Ein
etwas umständliches Verfahren.

Die Abbildung zeigt über den beiden Schützen zwei Schaufelbüchsen in
deutlicherer Darstellung.



57.

Das erste Wellblech.


Die große Bedeutung des gewellten Bleches ist im gegenwärtigen Kriege
beim Bau von Unterständen wieder erkannt worden. Soviel man bisher
wußte kam das Wellblech zuerst im Jahre 1837 als Zinkplatten von
16 Zoll Länge und Breite auf, und wurde damals zu einem der Dächer
des Botanischen Gartens in Paris verwendet. Man stellte es zunächst
mittelst eines Fallwerkes her, versuchte seit 1854 in Amerika aber auch
die Herstellung auf dem Walzwerk.

Der Zweck des Wellbleches ist, die Tragfähigkeit des Bleches wesentlich
zu erhöhen. Und seine Erfindung wurde ursprünglich auf Grund der
Erfahrungen in der Schlacht gemacht. Als nämlich gegen Ende des
15. Jahrhunderts die Formen der eisernen Leibpanzer immer breiter
wurden, erfuhr man, daß ein solcher Panzer nicht mehr die genügende
Widerstandskraft gegen Hieb und Stoß hatte. Deshalb wellte man unter
Kaiser Maximilian zuerst den Brustteil und alsbald auch die übrigen
Teile der Rüstung vom Helm bis zu den Fersen. Auf diese Weise erhielt
man selbst bei Verwendung dünner Bleche eine große Widerstandsfähigkeit
der Rüstung. Genau wie bei unserm Wellblech.



58.

Feuertiere.


[Illustration: Büffel mit Feuertrog, Zeichnung um 1450.]

Wie man schon im Altertum Elefanten verwendete, um die Reihen der
Feinde zu durchbrechen, so versuchte man im ausgehenden Mittelalter
durch Tiere Feuerbrände in die Reihen der Feinde zu schaffen. Wir sehen
hier die Zeichnung eines Büffels, der auf einem besonderen Sattel den
an einer langen Stange hängenden Feuertrog vor sich trägt. Durch einen
Schutzschild ist das Tier vor den Flammen geschützt. Meistens aber
waren die Feuerbrände Hunden oder Katzen an die Schwänze gebunden,
sodaß die Tiere in ihrer Todesangst vor dem Feuerbrand mit wilder Wut
in die feindlichen Reihen stürzten.



59.

Leonardo da Vinci.


[Illustration: Verladen eines Riesengeschützes, Skizze von Leonardo um
1500.]

Es ist wenig bekannt, daß der große Maler und Bildhauer Leonardo da
Vinci in seinem Hauptberuf Ingenieur, zuletzt „General-Ingenieur“ für
die oberitalienischen Festungen war. Wir besitzen noch heute mehrere
tausend technische Handzeichnungen dieses vielseitigen Mannes, der
sicherlich auch ein großer Erfinder war. Am meisten beschäftigte ihn
die Konstruktion von Flugmaschinen, Fallschirmen, Werkzeugmaschinen,
Hebezeugen und Maschinen für die Weberei und für die Tuchmacherei.
Seine Geschütze sind meistens Hinterlader, und zu den Gewehren erfand
er wahrscheinlich das Radschloß.



60.

Leonardos Rebhühnermörser.


[Illustration: Rebhühnermörser, Malerei um 1500.]

Eine sehr große Malerei von Leonardo zeigt uns, wie man zwei Mörser mit
vielen Kugeln laden kann, deren Zwischenräume durch besonders geformte
Geschosse ausgefüllt sind. Unter die Geschosse ladet man ein starkes
Brett, den sogenannten Spiegel. In der Abbildung sieht man die beiden
Bretter kurz vor der Mündung der Mörser herausfliegend. Sobald die
einzelnen Geschosse am Ziel aufschlagen, soll aus besonderen Bohrungen
ein neuer Geschoßregen herausdringen.



61.

Gewalzte Geschützdauben.


[Illustration: Walzwerk für Geschützdauben angetrieben von einer
Turbine, um 1500.]

Leonardo zeichnete unter seinen vielen Maschinen ein Walzwerk,
das er durch die im Vordergrund sichtbare Wasserturbine antreiben
läßt. Das rechts vorn sichtbare Zahnrad bewegt die lange rechte
Schraubenspindel, an der das zu ziehende, glühende Eisen angehängt
ist. Dieses Eisen soll eine solche verjüngte Form bekommen, daß sich
etwa zwölf dieser Eisen zu einem Geschützrohr zusammenschweißen lassen.
Die endgültigen Querschnitte eines Eisens erkennen wir in den beiden
rechts sichtbaren kleinen Skizzen. Die allmähliche Verjüngung des
Eisenstabes wird in der Maschine dadurch bewirkt, daß eine oben links
allein gezeichnete stählerne Spirale das glühende Eisen immer mehr
zusammenpreßt. Die Wirkung der Maschine läßt sich in der deutlichen
Skizze ohne weiteres verfolgen.



62.

Ein Dampfgeschütz.


[Illustration: Leonardos Skizzen zum Dampfgeschütz, um 1500.]

Leonardo berichtet uns, daß er einmal ein Dampfgeschütz versucht
habe. Es habe eine Kugel, die ein Talent wog, sechs Stadien weit
geworfen. Man kann dem großen Meister diese Behauptung wohl glauben,
wissen wir doch, daß er sich auch sonst eingehend mit Untersuchungen
über die Dampfkraft beschäftigt hat. In der Skizze erkennen wir das
Dampfgeschütz unten fertig zusammengestellt; oben sehen wir in drei
Skizzen die Einzelheiten. Ein Kohlenfeuer erhitzt das im hinteren Ende
des Laufes eingeschlossene Wasser. Sobald man das oben sichtbare Ventil
öffnet, wird die Kugel herausgeschleudert. Kohlen und Wasser werden
in besonderen Kästen am Lafettenschwanz mitgeführt. Noch in späteren
Jahrhunderten versuchte man häufig Dampfgeschütze, doch stets ohne
Erfolg.

[Illustration: Abwehr von Sturmleitern, um 1500.]



63.

Abwehr von Sturmleitern.


Recht findig ist eine Idee von Leonardo, um den stürmenden Feind
von der Mauer herabzuwerfen. Wir erkennen in der Leonardoschen
Handzeichnung, wie die von außen her an die Festungsmauern angelegten
Leitern von einem in der Mauer verborgen liegenden Balken in dem
Augenblick umgeworfen werden können, da die Feinde die Leitern
erstiegen haben. Wie das Umwerfen geschieht, ist aus der Skizze
deutlich zu ersehen. Leonardo vermerkt zu der Skizze: „Das Holz, wo
sich die Leitern aufstützen, muß in der Mauer verborgen liegen, damit
die Feinde nicht die Leitern tiefer anlegen und dieses Holz mit Äxten
zerhauen.“

[Illustration: Rammen eines Schiffes, um 1500.]



64.

Ein listiger Rammsporn.


Ein eigene „Art und Weise, ein Schiff in den Grund zu bohren“
beschreibt Leonardo also: „Es ist vor allem nötig, daß die einander
feindlichen Schiffe ineinander verschränkt seien, das heißt, derart
ineinanderverhakt, daß du von deines Schiffes Spitze aus nach deinem
Belieben loshaken kannst, damit, wenn das (feindliche) Fahrzeug
auf Grund geht, es das deinige nicht mit sich ziehe. Und es wird
folgendermaßen gemacht: ziehe ein Gewicht in die Höhe und darauf laß
es los, und im Fallen wird dasselbe einen derartigen Schlag ausüben,
wie dies bei einem Pfahle seitens eines Rammblocks geschieht. Und beim
Fallen zieht sich der Kopf eines Balkens, der in einem Zapfen lagert
(beweglich) aufgerichtet ist, nach rückwärts. Und wenn der obere Kopf
des Balkens herankommt, so geht der untere (Kopf hinweg) und bringt das
Schiff zum Sinken. Aber mache, daß das Holz schneidend sei, damit, wenn
es zum Stoß heraneilt, das Wasser ihm keinen Widerstand bereite. Und
vor allem mache, daß die Fesseln, welche die Fahrzeuge aneinandergehakt
halten, sich nach deinen Belieben von deiner Seite aus zerschneiden
lassen, damit das gegnerische Fahrzeug beim Untersinken dich nicht mit
sich ziehe.“



65.

Leonardos „Zepata“.


[Illustration: Sprengschiff um 1500.]

Mit dem geheimnisvollen Namen Zepata bezeichnet Leonardo das hier
abgebildete Fahrzeug, das die blockierende Flotte durchbrechen soll.
Dies ist der erste Entwurf zu einem Sprengschiff. Sobald dieses
Fahrzeug, von gutem Wind getrieben, gegen die Hafensperre stößt, werden
eine Reihe von Zünddrähten in Schießpulverpfannen gesenkt. Die unten im
Schiff aufgespeicherte Pulverladung explodiert und wirft die darüber
aufgeschichteten Balken umher.



66.

Eine mechanische Trommel.


Wie man eine große Trommel beim Heerzug selbsttätig schlagen lassen
kann, zeigt die hier wiedergegebene Skizze Leonardos. Von den beiden
Laufrädern des kleinen Wagens aus werden zwei Stiftwalzen durch
Zahnräder in Bewegung gesetzt. Von den Stiften werden die Trommelstöcke
auf beiden Kalbfellen bewegt.

[Illustration: Mechanische Trommel, um 1500.]



67.

Ein unsanfter Wecker.


In unserem Bildchen, einer flüchtigen Handskizze von Leonardo, wird
jeder vergebens nach einer Weckuhr suchen; und doch ist sie da.

Leonardo vermerkt zu seiner Skizze: „Dies ist eine Uhr für solche
anwendbar, die in der Verwendung ihrer Zeit geizig sind. Und sie wirkt
so: wenn der Wassertrichter so viel Wasser in das Gefäß ~e~
fließen ließ, wie in der anderen Wagschale ist, gießt diese, indem sie
sich hebt, ihr Wasser in das erstgenannte Gefäß. Dieses hebt, indem es
sein Gewicht (dadurch) verdoppelt, mit Gewalt die Füße des Schlafenden,
dieser richtet sich auf und geht seinen Geschäften nach.“

Der erwähnte Buchstabe „~e~“ ist in der sehr vergilbten Zeichnung
schwer zu erkennen. Rechts sehen wir einen Menschen im Bett liegend.
Einige Schritte vom Fußende des Bettes entfernt, steht ein hohes
hölzernes Gestell, das ein Wassergefäß trägt. Aus diesem läuft über
Nacht das Wasser ganz langsam in die darunter befindliche Schale
~e~. Diese Schale sitzt an einem röhrenförmigen Hebel, der seinen
Drehpunkt an dem hohen Gestell hat. Nahe an dem Fußende des Bettes
erweitert sich der rohrförmige Hebel zu einem flachen Wassergefäß.
Über diesem und dem Wassergefäß auf dem hohen Gestell, sowie auch über
dem runden Wassergefäß am andern Ende des Hebels, liest man jedesmal
das Wort „Wasser“, von Leonardos Hand geschrieben. Sobald das runde
Wassergefäß sein Übergewicht bekommt, senkt es sich. Dadurch hebt
sich das flache Wassergefäß ein wenig, und es schüttet seinen Inhalt
schnell durch den rohrförmigen Hebel in das runde Wassergefäß. Wer sich
mit dieser Weckvorrichtung zu Bett begibt, muß seine Füße abends in
eine Schlinge legen, die an dem Hebel befestigt ist. Durch den Ruck,
den das plötzlich ausstürzende Wasser erzeugt, wird der Schläfer wohl
wach werden.

[Illustration: Weck-Maschine, um 1500.]

Diese Weckvorrichtung ist mehr originell als praktisch. Vom technischen
Standpunkte aus ist sie aber sehr interessant, weil sie uns wohl zum
ersten Male den Grundgedanken verrät, auf dem unsere sogenannten
„mechanischen Relais“ oder „Krafteinschalter“ beruhen. Es sind dies
Mechanismen, bei denen durch geringe Kraft eine leicht bewegliche
Steuerung so umgeschaltet wird, daß jetzt eine große Kraft hinzukommt,
die die eigentliche Bewegung ausführt.



68.

Wie einer im Jahre 1507 von England nach Frankreich fliegen wollte.


Am 21. September des Jahres 1507 versuchte John Damian im Flug
schneller über den Kanal zu kommen, als eine Gesandtschaft, die
an diesem Tage von England nach Frankreich abreiste. Die Chronik
berichtet darüber: „Zu diesem Zweck ließ er sich ein Paar Schwingen aus
Federn herstellen, die er fest auf seinen Körper band, und flog von der
Mauer des Stirling-Schlosses auf, stürzte aber sogleich zur Erde und
brach sich ein Bein.“

Aber was bedeutet ein solches Mißgeschick, wenn man die richtige
Entschuldigung dafür zu finden weiß. Der Chronist berichtet: „Die
Ursache hierfür schrieb Damian dem Umstand zu, daß sich in den
Schwingen einige Federn von Hennen befunden hätten. Diese strebten
immer zum Miste, nicht aber zum Himmel hinauf.“



69.

Künstliche Hände in alter Zeit.


In dem herrlichen, urdeutschen Schauspiel von Goethe „Götz von
Berlichingen“ ist eine der schönsten Szenen die, da Bruder Martin --
unter dem Goethe sich den jungen Luther vorstellt -- den Ritter erkennt.

Am Abend trifft Bruder Martin den Ritter vor einer Herberge; wie gern
möchte er diesem Ritter gleichen, der so mannhaft spricht! Wenigstens
seinen Namen möchte er wissen, aber Götz darf sich nicht zu erkennen
geben, und er reicht dem frommen Bruder die Linke zum Abschied.

„Bin ich die ritterliche Rechte nicht wert?“

„Und wenn ihr der Kaiser wärt, Ihr müßtet mit dieser vorlieb nehmen.
Meine Rechte, obgleich im Kriege nicht unbrauchbar, ist gegen den Druck
der Liebe unempfindlich: sie ist eins mit ihrem Handschuh; Ihr seht, er
ist von Eisen.“

„So seid ihr Götz von Berlichingen! Ich danke dir, Gott, daß du mich
hast ihn sehen lassen, diesen Mann, den die Fürsten hassen, und zu
dem die Bedrängten sich wenden! (er nimmt die rechte Hand). Laßt mir
diese Hand, laßt mich sie küßen!........ Laßt mich! Du, mehr wert
als Reliquienhand, durch die das heiligste Blut geflossen ist, totes
Werkzeug, belebt durch des edelsten Geistes Vertrauen auf Gott.....
Es war ein Mensch bei uns vor Jahr und Tag, der Euch besuchte, wie
sie Euch abgeschossen ward vor Landshut. Wie er uns erzählte, was ihr
littet, und wie sehr es Euch schmerzte, zu Eurem Beruf verstümmelt zu
sein, und wie Euch einfiel, von einem gehört zu haben, der auch nur
eine Hand hatte, und als tapferer Reitersmann doch noch lange diente --
ich werde das nicht vergessen.“.......

Berlichingen hatte seine rechte Hand im Jahre 1504 vor Landshut durch
einen Schuß aus einem Nürnbergischen Geschütz dadurch verloren, daß die
Kugel den Schwertgriff entzweischlug, und ihm die Hälfte davon zwischen
Hand und Arm eindrang. Viele Monate lag der Ritter in Landshut, gequält
von dem Gedanken, daß er nun zum Kriegshandwerk dauernd untauglich
sei. Da erinnerte er sich, von seinem Vater gehört zu haben, daß ein
Kriegsknecht, namens Köchle, eine künstliche Hand getragen habe.

Vom Dorfschmied, der nahe der Burg des Ritters wohnte, ließ er sich
eine Eisenhand anfertigen, die sich noch heute im Besitz seiner Familie
befindet. Sie ist roh gearbeitet. Die vier Finger sind nur gemeinsam
in ihrer gekrümmten Stellung nach innen hin beweglich, und während man
sie bewegt, nähert sich ihnen der gekrümmte Daumen. So konnte Götz
zwischen Daumen und Finger die Schwertscheide, die Zügel, oder sonst
etwas einklemmen. Drückt man auf einen Knopf oben auf dem Handrücken,
dann springen Finger und Daumen wieder auseinander. In späteren Jahren
ließ Götz sich eine sorgfältig gearbeitete Eisenhand anfertigen, die
gleichfalls noch erhalten ist. An ihr ist jedes einzelne Fingerglied
verstellbar, und drei verschiedene Druckknöpfe lassen das Handgelenk,
die Gelenke des Daumen und die Gelenke sämtlicher Finger wieder in
Streckstellung springen.

[Illustration: Eiserne Hand, um 1450. Die eisernen, gekrümmt stehenden
Finger sind nur paarweis, der Daumen ist allein beweglich. (Im Besitz
des Gymnasium zu Neu-Ruppin.)]

Sind die Eisenhände des Götz die bekanntesten, die ältesten sind sie
bei weitem nicht.

Bereits der Urgroßvater des berüchtigten römischen Staatsmannes
Catilina, der im zweiten punischen Krieg um 210 vor Christus die rechte
Hand verloren hatte, ließ sich dafür eine eiserne anfertigen.

Die älteste wohlerhaltene Eisenhand habe ich hier abgebildet. Man fand
sie im Jahre 1836 beim Brückenbau in Alt-Ruppin. Sie mag 50 bis 100
Jahre älter sein, als die Eisenhände des Götz.

In späteren Jahrhunderten wurden künstliche Hände für Kriegsbeschädigte
häufig angefertigt. Auch mehrere fürstliche Personen, die im Kriege
eine Hand verloren hatten, ließen sich mechanische Eisenhände
anfertigen.

Als der berühmte österreichische Waffenschmied Girardoni im Jahre 1779
bei der Probe eines von ihm konstruierten Magazingewehres die Linke
verloren hatte, fertigte er sich selbst eine so künstliche Eisenhand,
mit der er an der Werkbank arbeiten konnte. Diese unglückliche
Explosion veranlaßte ihn aber auch, das gefährliche Pulvermagazin
aufzugeben, und ein Luftmagazin anzuwenden. So wurde er, wie wir noch
hören werden, zum Erfinder der Kriegs-Windbüchse.



70.

Feld-Uhren.


In früheren Zeiten muß man einer richtig gehenden Uhr im Kriege keine
Bedeutung beigelegt haben; denn in der Kriegsliteratur ist nur sehr
selten von Uhren die Rede, und nur ein einziges Mal fand ich eine Uhr
für das Feld abgebildet.

Ums Jahr 360 vor Christus sagt der griechische Kriegsschriftsteller
Ainaias, man verwende einfache Wassergefäße mit einer kleinen
Ausflußöffnung, um im Felde die Zeit zu messen. Je nach der Jahreszeit
verstopfte man die Öffnung mehr oder weniger durch Wachs, um bei
kürzeren oder längeren Nächten eine gleichmäßige Einteilung der
Nachtwachen zu erhalten. Die erwähnte Abbildung einer Wasseruhr für
den Krieg fand ich in dem Buch von Valle aus dem Jahre 1521.

[Illustration: Wasseruhr fürs Feld, Holzschnitt von 1521.]

Ein Wassereimer hängt an einem Seil, an dessen anderem Ende 24 Gewichte
übereinander angebracht sind. Je mehr Wasser aus dem Eimer abläuft, um
so leichter wird er. Mithin würde er immer schneller nach oben steigen.
Nun legt sich aber in jeder Stunde eines der Gewichte auf den Fußboden,
und gleicht dadurch den Gewichtsverlust an Wasser aus. Mithin bewegt
sich der Zeiger am Eimer gleichmäßig über die 24 Stundenzahlen. -- Ob
mit genügender Genauigkeit?



71.

Von Mund- und Ziehharmonikas.


Mund- und Ziehharmonikas, im Felde heute die beliebtesten
Musikinstrumente, sind Berliner Erfindungen. Sie wurden von Christian
Friedrich Ludwig Buschmann erfunden, und zwar in den Jahren 1821
und 1822. Sie hießen damals Mund-Aeoline und Hand-Aeoline. Die
Mundharmonika, auch Aura genannt, geht auf die deutschen Brummeisen
des ausgehenden Mittelalters zurück. Das Brummeisen bestand aus einem
eisernen Bügel, in dem eine Zunge schwingend angeordnet war. Blies
man gegen diese Zunge, so entstand ein brummender Ton. Wie man den
Geschützen im Mittelalter Namen gab, die man von ihrem Aussehen,
oder ihrem Ton herleitete, so nannte man einzelne Geschütze auch
Trummel, Maultrommel oder Brummerin. Diese Benennung leitet sich von
den Brummeisen oder Maultrommeln her. Im Berliner Zeughaus liegt noch
heute ein französisches Prachtgeschütz vom Jahre 1535, auf dem man
ein solches Brummeisen bildlich dargestellt sieht. Ein ganz ähnliches
Geschütz ist in das Arsenal von Woolwich gekommen, und dort noch
vorhanden. In der Literatur erwähnt wird die Maultrommel wohl zuerst
im Jahre 1658 von dem berühmten Pädagogen Comenius in seinem „~Orbis
pictus~“. Es ist also nicht richtig, daß man den Jesuiten Kircher
als den Erfinder der Maultrommel bezeichnet. Er beschrieb sie nur im
Jahre 1673.

Die Ziehharmonika von Buschmann war noch äußerst primitiv. Eine weite
Verbreitung erlangten solche Instrumente seit 1829 durch den Wiener
Klaviermacher Demian unter der Bezeichnung „Acordion“. Ursprünglich
hatten die Instrumente fünf Tasten, die je einen Akkord zum Ansprechen
brachten. Knöpfe an Stelle der Tasten führten Bichler und Klein
1834 ein. 1843 erfand Band in Krefeld die komplizierte Form der
Ziehharmonika, das Bandonion.



72.

Wie der Teufel Kanonen und Schießpulver erfinden läßt.


Der Holzschnitt, den unsere Abbildung nach einem Original vom Jahr
1544 wiedergibt, knüpft an den Bericht alter Kriegsbaumeister, daß
ein deutscher Mönch, genannt Berthold der Schwarze, der Erfinder
der Schießpulvergeschütze sei, an. Neuere Forschungen haben ja
auch ergeben, daß der schwarze Berthold ums Jahr 1380 irgendwo in
Deutschland als wissenschaftlicher Reformator auf dem Gebiete der
Artillerie tätig war. Aber noch Jahrhunderte lang waren die Chronisten
und die Dichter dem Manne gram, der das „graußamn vnd erschröcklich
püxengeschütz erfundten“ hatte. Man erklärte seine Erfindung als eine
Einflüsterung des Teufels und fluchte ihr noch lange. Wir sehen deshalb
auf dem Bildchen auch den Teufel als den Urheber der Erfindung, den
Mönch nur als sein willenloses Werkzeug. Das Bildchen zeigt zwei
getrennte Vorgänge nebeneinander: rechts den Teufel und den Mönch
beim Pulvermachen, links die beiden an einer Kanone beschäftigt. Beim
Pulvermachen führt ein häßlicher, fliegender Teufel den Stössel mit
seinem Maul. Am Geschütz umarmt ein Teufel liebevoll den Mönch, der
beim Laden ist. Im Vordergrunde sitzt ein häßliches Tier, wie ein
Dudelsack anzusehen, das mit seinem Rüssel Schießpulver aus einer
Schüssel frißt. Es soll auf die unheimlichen Töne hindeuten, die das
anscheinend harmlose Pulver zu geben vermag.

[Illustration: Wie der Teufel dem Mönch das Geschütz und das
Schießpulver erfinden hilft, Holzschnitt von 1544.]



73.

Geschütze aus Holz.


In einem dem Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen ums
Jahr 1620 gewidmeten Manuskript wird ein dreiläufiges, aus Holz
anzufertigendes Geschütz dargestellt. Es sei „ein sonderbahren hultzern
Hagell Geschütz, Welches denn Hagell sehr weit von sich wirfft undt
solches eine geraume Zeit treibt, wirdt in Sturmes nöthen sehr
nützlichen von den Defensoren gebraucht“.

[Illustration: Holzgeschütz, Malerei von 1620.]

Ob hölzerne Geschütze wirklich, wenn man solche auch in der höchsten
Not der Belagerung angefertigt hatte, einen praktischen Wert hatten,
bleibt zweifelhaft. Eine starke Pulverladung durfte man ihnen nicht
zumuten. Angeblich wurden schon im Jahre 1544 hölzerne Geschütze von
den Engländern bei der Belagerung von Boulogne gebraucht. Wenigstens
zeigte man solche Geschützrohre in London, bis sie dort im Jahre 1841
beim Brand des Towers vernichtet wurden.



74.

Maschinen zum Festungsbau im Jahr 1565.


[Illustration: Festungsbau, Kupferstich um 1565.]

Bei der Anlage von Befestigungswerken bediente man sich schon längst
nach Möglichkeit der Maschinen. Ja, wenn der Maschinenbau von irgend
einer Seite her ständig befruchtet wurde, so geschah es aus den
Bedürfnissen des Krieges. Wenn es gilt, Haus und Hof zu schützen, die
Selbständigkeit einer Stadt, eines Volkes zu wahren, dann kommt es
weder auf die Kosten noch auf die Innehaltung althergebrachter Regeln
an. Und die Kostenfrage, noch weit mehr aber die aus dem Innungs- und
Zunftwesen herausgewachsenen Regelungen der Technik, wirkten stets
hemmend. Für Erfinder war es ehemals schwer, ein Feld der freien
Entfaltung zu finden.

[Illustration: Die vorige Abbildung „chinesisch“, 1726.]

War aber die Heimat bedroht, galt es den Feind niederzuringen, dann
fragte man nicht nach Innungswesen und Zunftregeln. Dann durfte der
Rotschmied auch einmal gehämmertes Messing verarbeiten, während er
sonst nur gegossene Ware behandeln und verkaufen konnte, und der
Messingschlager durfte seine gehämmerte Ware sogleich blank schaben,
ohne vom Nachbarn, dem Meister Messingschaber, sogleich beim Rat
verklagt zu werden.

Eine sehr interessante Maschine -- eine der zahllosen, die beim
Festungsbau zur Entwässerung, Gründung, Erdanschüttung in Gebrauch
waren -- zeigt uns der Ingenieur Besson in einem ums Jahr 1565
geschriebenen, häufig herausgegebenen und auch (wie die meisten
ähnlichen Werke jener Jahrhunderte) in deutscher Sprache erschienenen
Buch.

Wir sehen von Künstlerhand gestochen, einen Festungsbau. Es ist
mit Sicherheit anzunehmen, daß man diese Maschine damals praktisch
anwendete, sonst hätte man nicht einen namhaften Künstler der damaligen
Zeit herangezogen, um sie zu verewigen. Es soll der Zwischenraum im
Mauerwerk einer Festung mit Erde ausgefüllt werden. Nach außen hin die
starke Mauer, nach innen hin eine schwache Mauer, dazwischen Erdreich.
Mittelst einer Eimerkette wird die Erde nach oben befördert. Man läßt
diesen Eimerkettenbagger aber noch nicht selbst schöpfen, sondern füllt
die Eimer unten mittelst Schaufeln. Der Antrieb erfolgt durch ein
Schneckenrad.

Die Eimerkettenbagger wurden im Jahre 1753 wieder erfunden, aber erst
im Jahre 1859 kamen sie in die Praxis.



75.

„Uraltes“ aus China.


Vergleichen wir einmal die beiden voraufgehenden Bilder. Beide zwei
Kettenbagger mit Eimern. Beide Maschinen beim Festungsbau, die
Menschen an beiden Baggern in gleicher Zahl und Stellung, und auch die
technischen Einzelheiten fast völlig übereinstimmend. Es fällt uns
zunächst nur auf, daß auf dem zweiten Bild Chinesen und chinesische
Schriftzeichen zu sehen sind.

Nun hat wohl jeder schon einmal von dem „uralten chinesischen Lexikon“
gehört, das, aus vielen hundert Bänden bestehend, eine unausschöpfliche
Quelle menschlicher Weisheit sein soll. Man weiß auch, daß chinesische
Kaiser und Weisen schon vor Jahrtausenden alle möglichen wichtigen
Erfindungen, so etwa den Pflug, das Papier, den Kompaß und ähnliches
erfunden haben sollen.

In dem großen chinesischen Wörterbuch, das auch in mehreren Exemplaren
in Deutschland vorhanden ist und aus über 1600 Bänden besteht, findet
sich die hier abgebildete Baggermaschine und noch eine Menge anderer
geistreicher Apparate abgebildet und beschrieben.

Man kann also wohl daraus schließen: die Chinesen sind die Erfinder
aller dieser Maschinen. Man hat diesen Schluß auch genügend oft und
genügend laut getan. Es gibt ja bei uns immer noch Leute, die alles,
was „von fremd her“ kommt, bis über die Puppen loben.

Und die Wahrheit: fast alle Maschinen in dem großen chinesischen
Wörterbuch sind aus europäischen Werken abgezeichnet, zum größten
Teil sogar falsch nachgezeichnet und -- das ist am wichtigsten -- das
riesige chinesische Wörterbuch ist erst im Jahre 1726 gedruckt!

Nix uralt!

Die Erklärung ist ziemlich einfach. Europäische Missionare brachten
unter anderen Wissenschaften auch die Bücher über Maschinenbau mit
nach China, dort wurden sie ins chinesische übersetzt, und diese
chinesischen Bücher alsdann zur Bearbeitung des großen Wörterbuches
mitbenutzt. Fast alle europäischen Schriftsteller über Maschinenbau,
die vor dem Jahre 1700 arbeiteten, sind in dem chinesischen Riesenwerk
wiederzufinden.

An technischen Einzelheiten verraten die Chinesen übrigens ihre
Unkenntnis. So kann man an der Baggerkette leicht verfolgen, daß
mehrere Einzelheiten sinnlos verzeichnet sind. Es fehlen z. B. oben und
unten die Walzen, über die die Baggerkette geht. Es fehlt insbesondere
das Schraubenrad, durch das ein einzelner Mann imstande ist, die
schwere Last von acht bis 12 gefüllten Eimern zu heben. Besonders
spaßhaft ist es zu sehen, was man aus dem unten links stehenden Manne
machte, der die Hacke schwingt, um das Erdreich zu lockern. Er wird
in China zu einem Kerl, der mittelst eines Hakens gewaltig an der
Baggerkette zieht.

Das eine Beispiel mag hier genügen. Es ließen sich hunderte von andern
und ähnlichen Maschinen beibringen. Wären die Maschinen in China uralt,
so müßten sie sich auch in älteren chinesischen Werken finden. Das
ist aber nicht der Fall; denn in dem großen chinesischen Lexikon vom
Jahre 1629 ist keine Spur von ihnen zu finden, obwohl auch dort einige
primitive Maschinen beschrieben und abgebildet werden. In jener Zeit
waren die europäischen Missionen in China noch nicht bei Hofe seßhaft.



76.

Eine bewegliche Scheibe im 16. Jahrhundert.


    Verachtet mir _die Meister_ nicht!
    Und ehrt mir ihre Kunst!
    Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
    Fiel reichlich euch zur Gunst,

läßt Wagner seinen Hans Sachs in den „Meistersingern“ strengverweisend
sprechen, als der junge Stolzing den Wert des Alten, wenn auch
Veralterten, nicht anerkennen will.

Suchen wir unter der Oberfläche der Geschichte, so findet sich gar
manches, was uns in Staunen setzt, weil es eine entwickelte Technik
„alter“ Zeiten in kleinen Einzelheiten hervorlugen läßt.

Ist da im Münchner Kupferstichkabinett ein kleines Bild von etwa 1579,
wie wir es hier sehen. Vor dem abgesperrten Platz stehen links die
Zuschauer, innerhalb des Zaunes hohe Herren als Schützen. Zwischen
zwei kleinen Häusern, die die Gewehre enthalten, steht der überdeckte
Schützenstand. Man schießt gegen eine Reiterscheibe, die auf einer
Schiene hin- und herläuft. Vermutlich wird die Scheibe mittels eines
Seiles, das in einem Graben liegt, bewegt. An der Schutzmauer hinter
der Scheibe sieht man die Spuren der fehlgegangenen Schüsse. Rechts im
Hintergrund spielt die Musik und von dem dort stehenden Anzeigestand
aus läuft eine „gloggen schnur“ nach dem Stand der Schützen, um
mittels einer Glocke Zeichen geben zu können.

[Illustration: Bewegliche Scheibe, Kupferstich von etwa 1579.]

Also: ein Schießstand mit beweglicher Scheibe und tele„phonischer“
Verbindung vor 300 Jahren.



77.

Kanonen-Uhren.


In Parkanlagen sieht man öfters inmitten eines freien Rasenplatzes
eine kleine Kanone, auf einer Säule stehen, die jeden Mittag 12 Uhr --
astronomischer Zeit -- selbsttätig einen Schuß abgibt. Zufällig stieß
ich auf eine Stelle, die das hohe Alter dieses seltsamen Zeitsignals
erkennen läßt.

Samuel Zimmermann, ein Augsburger Kriegsbaumeister, schrieb ein Buch
mit dem Titel: „Dialogus oder Gespräch zweier Personen, nämlich eines
Büchsenmeisters mit einem Feuerwerkkünstler.“ Die Handschrift ist
vom Jahre 1573 datiert und in mehreren zeitgenössischen Abschriften
verbreitet. Eine dieser Abschriften, datiert 1577, besitzt das Berliner
Zeughaus. Nachdem der Verfasser von der Anlage der Sonnenuhren
gesprochen hat, sagt er: „Also auf diese Weise kann man auch wohl ein
Büchsengeschoß legen, daß wie gemelt (= gemeldet), durch der Sonne
Schein und Wiederschein auff eine gewisse Stunde vnd Zeit ab und los
ginge, dardurch also leichtlich und balt erschossen...“

Der Büchsenmeister, der in diesem Dialog immer Fragen an den
Feuerwerker stellt, fragt hier: „Welche Stunden im Tage oder Zeit soll
ich erwehlen, darin die Sonne zum allerkräfftigsten und stercksten
scheint?“ Darauf antwortet der Feuerwerker: „Alle Wege umb den Mittag
auff 12 Uhr oder zwischen 12 vnd 1 Vhr ist der Sonnen Hitze vnd Schein
am kräftigsten, bis Mittag nimbt die Sonne zu von Stundt zu Stundt,
Nachmittag aber nimbt sie ab an Hitze vnd Schein mit Wiederschein,
von Stundt zu Stundt, biß zu ihrem Untergang. Die Zeit aber im Jahre
zu erwehlen, seindt 3 Monat, nemblichen Junius, Julius, Augustus, in
welchen dreyen Monden der Sonnen Hitze vnd Schein am krefftigsten ist.“

[Illustration: Kanonen-Uhr, um 1830.]

Zimmermann verwendet „ein metallisch oder cristallischen Spiegell“, um
die Sonnenstrahlen auf die Pulverpfanne der kleinen Kanone zu lenken.
Wann derartige Kanonenuhren in der Gartenbaukunst Eingang fanden,
konnte ich nicht ermitteln. Es erscheint mir sehr auffallend, daß dies
hübsche Schaustück schon über 300 Jahre alt ist.

Denn bekannt gemacht wurden diese Kanonenuhren erst ums Jahr 1798,
und in unseren Museen sind sie überaus selten. Die hier abgebildete
Uhr soll aus Moskau stammen, ist wohl aber deutschen Ursprungs. Sie
befindet sich im Mathematisch-physikalischen Salon zu Dresden.



78.

Ein Schiffswagen.


[Illustration: Schiffswagen, Kupferstich von 1588.]

Vor wenigen Jahren erregte die Konstruktion eines Automobils großes
Aufsehen, mit dem man ohne weiteres vom Land in einen Fluß oder einen
See hineinfahren konnte, um am gegengesetzten Ufer mit dem Wagen
wieder auf dem Trockenen weiterzufahren. Die Idee zu einem solchen
amphibischen Fahrzeug ist schon über dreihundert Jahre alt. Wir sehen
hier den Entwurf des Ingenieurs Ramelli, der seine Wagen, die zu
Lande allerdings von Pferden gezogen wurden, im Wasser mittels großer
Schaufelräder weiterbewegt. Solche Fahrzeuge dienen, wie wir sehen, zum
Angriff gegen Festungen.



79.

Gewehrpatronen.


Ganz vereinzelt kommen Patronen schon vor über 300 Jahren vor. In den
Dresdner Sammlungen haben sich Patronen erhalten, die von der Leibwache
des Kurfürsten Christian I. stammen. Im dreißigjährigen Kriege
hatten die Soldaten von Gustav Adolf stets einige Gewehrpatronen für
den Notfall bei sich. Allgemeiner wurde die Patrone erst in späterer
Zeit mit der Einführung der Hinterladegewehre.

[Illustration: Sächsische Gewehrpatrone, um 1589.]



80.

Die Feldküche.


Jüngst sind alle mögliche Leute aufgetreten, von denen jeder „der
allein echte“ Erfinder der transportablen Feldküche sein wollte. Daß
man tragbare Feldküchen schon vor Jahrhunderten kannte, zeigt unser
Bild. Das Tragtier sollte auf jeder Seite eine Holzkiste tragen, in die
ein metallener Kasten eingesetzt war. Auf einem Rost kochten in dem
Kasten die Speisen während des Marsches. Der Holzkasten schützte vor
Wärmeverlusten.

[Illustration: Feldküche. Ausschnitt aus einem Kupferstich von etwa
1595.]

Im Jahre 1798 wurde eine auf Rädern mitgeführte Feldküche bekannt
gemacht, die das Essen für 1200 Mann während des Marsches kochte. In
Bayern führte man 1806 fahrbare Feldküchen für 1000 Mann versuchsweise
ein, und im Jahre 1869 bemühte sich ein Breslauer Erfinder, eine
gleiche Feldküche an den Staat zu verkaufen.



81.

Der Bleistift des Reitersmannes.


Der Krieg versteht es immer sich die neuesten Neuheiten zu Nutzen zu
machen, und ihnen so eine Verbreitung zu verschaffen, die sie bei der
Gleichgültigkeit des Volkes sonst vielleicht nie, oder erst recht spät
erreichen würde.

Zum Beispiel: Als die Gelehrten vor genau 250 Jahren dünn gesägte
Graphitstäbe beschrieben, die man in eine gedrechselte Holzhülse
einfaßte, so wie wir es in unserer Abbildung sehen, blieben diese
Schreibstifte ein Kuriosum.

[Illustration: Bleistift in Holzfassung, nach Gesner, 1565.]

Als aber im Jahre 1595 Graf Johann der Jüngere von Nassau seine
Vorschriften für die Ausrüstung der Reiter niederschrieb, empfahl er,
diese „Federn von spanischem Blei“ nicht zu vergessen, weil sie dem
Reiter zum Aufschreiben von Nachrichten weit dienlicher wären, als
Tinte und Federkiel.



82.

Der Mondscheintelegraph.


Im Gebirgskrieg, zumal im Kolonialkrieg, wenn die Sonne heiß und
dauernd aus wolkenlosem Himmel niederstrahlt, spielt der Heliograph
eine Rolle. Man fängt die Sonnenstrahlen in einem kleinen Spiegel auf,
um sie so auf weite Entfernungen zum befreundeten Posten zu lenken. Der
Spiegel ist beweglich, sodaß man mittels solcher Strahlenbündel längere
und kürzere Zeichen geben kann, die sich zu einem telegraphischen
Alphabeth vereinigen. Ehe diese Sonnentelegraphen aufkamen, hören
wir aus der Geschichte, daß man mittels der Mondstrahlen einmal auf
gleiche Weise telegraphiert habe. In einem Bericht über die Eroberung
der ungarischen Festung Raab am 26. März 1598 heißt es, daß Kaiser
Rudolph über diesen Erfolg schon genau unterrichtet war, als der
Oberbefehlshaber ihm den Sieg durch einen Kurier mitteilen ließ. Der
Kurier war hierüber sehr bestürzt, da „hat ihm Ihr Majest. vermelt, sie
wissens durch eine Kunst.... mit zwei Spiegeln... damit man von vil
Meil einander in Monschein zaichen geben kan.“ Der eine dieser Spiegel
sei beim Oberkommando, der andere im kaiserlichen Lager gewesen.

Was an dieser Geschichte wahres ist, läßt sich nicht mehr nachprüfen.
Die Idee der Telegraphie mit Himmelslicht ist zweifellos hier
ausgesprochen.



83.

Das Tellereisen als Waffe.


[Illustration: Das Fuchseisen als Waffe, 1598.]

Vor mehr als dreihundert Jahren kam jemand auf die sonderbare Idee,
das Tellereisen nicht nur auf der Jagd, sondern auch im Kriege zum
Menschenfangen zu verwenden. Es hatte sich damals in Festungskriegen
eine besondere Art von Geschossen, die sogenannte Petarde, bewährt.
Diese Petarden bestanden aus starken, eisernen Gefäßen, die man mittels
eines Ringes an ein Festungstor hing, um dieses aufzusprengen. Die
Erfindung geschah um 1575 in Frankreich, und ihre erste Anwendung
versuchte man zur Breschierung des Tores von Ambert im Jahre 1577.
Deutschland lernte die Petarde am 23. Dezember 1587 am Rheintor von
Bonn kennen. Hatte sich ein Soldat mit einer Petarde bei Nacht und
Nebel an eines der Stadttore geschlichen, so gab es für das Tor kaum
noch eine Rettung. Nach wenigen Minuten war die Zündschnur abgebrannt,
und die Pulverladung der Petarde hatte in das Holz des Tores Bresche
gelegt. -- Boillot sagt 1598 zu dem obenstehenden Kupferstich, diese
Erfindung könne an vielen Orten dienlich sein, um die „Petardierer und
andere vorhaben zu verhindern auch solche, die dergleichen understünden
umzubringen oder zu beschedigen“. Man soll das Instrument vor einem
Tor aufrichten, anhängen oder flach niederlegen. Wer es in der Mitte
berühre, werde „beschädiget, auch der gestalt gefesselt und angehalten
werden, daß jhme unmüglich, sich darvon zu entledigen“. Aus der nun
folgenden Beschreibung möchte man entnehmen, daß die Tellereisen damals
noch nicht allgemein bekannt waren, denn der Verfasser beschreibt das
Instrument in allen seinen Teilen äußerst umständlich. -- Vielleicht
regen diese Zeilen dazu an, dem Ursprung des Tellereisens weiter
nachzugehen.



84.

Zielfernrohre und Distanzmesser im 17. Jahrhundert.


An Geschützen und Gewehren ist das Zielfernrohr heute eine alltägliche
Zugabe geworden. Es wird deshalb interessieren, etwas über das hohe
Alter der Instrumente zu erfahren. Vor der Erfindung der Fernrohre
-- sie sind wahrscheinlich nicht in Holland im Jahre 1608, sondern
in Italien vor dem Jahre 1590 erfunden worden -- benutzte man zum
Distanzmessen zwei im Winkel zu einander bewegliche Maßstäbe mit
zwischengeschobenem Sinusmaßstab. Man maß die Entfernung also nach den
Regeln der Trigonometrie, indem man sich zwischen Geschütz und Ziel ein
rechtwinkliges Dreieck konstruierte. Die Verbindungslinie zwischen Ziel
und Geschütz, also die gesuchte Entfernung, war die eine Kathete des
Dreiecks, zugleich dessen Höhe. Der rechte Winkel lag beim Geschütz.
Die Basis des Dreiecks war der eine Maßstab. Die Hypotenuse wurde von
der Basis aus durch den zweiten Maßstab auf das Ziel hin visiert und
nun durch den Sinusmaßstab dieser Basiswinkel gemessen. Da man jetzt
die Länge der Basis und die beiden Winkel an der Basis kannte, mußte
die an dem Sinusmaßstab abgelesene Entfernung der Länge der zweiten
Kathete, d. h. der Zielentfernung entsprechen.

Im Jahre 1608 erschien von Leonhard Zubler, einem Züricher
Büchsenmeister, eine damals hochgeschätzte Schrift, welche die
Verwendung eines solchen Distanzmessers erläuterte. Der Titel der
Schrift lautet: „Newe Geometrische Büchsenmeisterey, d. i. Grundlicher
Bericht, wie man durch ein new Geometrisch Instrument mit sonderer
Behendigkeit jedes Geschütz nit allein richten, sondern zugleich auch
desselben Höhe und Weite messen soll.“ Tatsächlich sind mit dieser
Ankündigung die Aufgaben, welche Zubler seinem Instrument stellt,
noch keineswegs erschöpft. Es soll nämlich nicht nur zum Richten
und Justieren des Geschützes, sondern auch zum Distanzmessen, zum
Höhenmessen und Terrainaufnehmen dienen. Von den Gewohnheiten der
Büchsenmeister, all ihr Wissen geheimnisvoll zu gestalten, konnte
sich Zubler auch noch nicht frei machen, deshalb bleibt vieles in
seiner Schrift dunkel. Vielleicht kam es aber auch dem Mann darauf an,
durch seine Schrift die Fachgenossen aufzufordern, seine persönliche
Unterweisung zu suchen, um das Nähere über die Verwendung des
Instrumentes zu erfahren.

Der erste, der von der Anwendung eines Fernrohres zum Distanzmesser
spricht, ist der um die Kriegswissenschaften hochverdiente Philosoph
Leibniz. Er sagt im Jahre 1670 in einem an Spinoza gerichteten
Brief, er habe eine neue Form der Linse eines Fernrohres erdacht,
welche zugleich als Distanzmesser dienen könne. Leider gibt er die
Konstruktion nicht an.



85.

Ein Telegraph im Jahre 1616.


[Illustration: Optischer Telegraph, Kupferstich von 1616.]

Der Italiener Porta hatte 1589 in seinem weit verbreiteten Buch über
natürliche Magie Anregungen zur optischen Telegraphie gegeben. Der
aus Wetzlar stammende Maler Franz Keßler unternahm daraufhin Versuche
und legte deren Ergebnis in einer heute außerordentlich seltenen
Schrift „Secreta, Oder Verborgene geheime Künste“ nieder, die 1616 in
Oppenheim erschien. Wir sehen aus dem Bilde, daß eine telegraphische
Verbindung zwischen Napfort und Eckhausen geplant ist, um „durch die
freie Luft hindurch, über Wasser und Land von sichtbaren zu sichtbaren
Orten, alle Heimlichkeiten zu offenbaren und in kurzer Zeit zu
erkennen“. Auf beiden Stationen befinden sich brennende Feuertonnen.
Sobald der Beamte Hans auf der Station Napfort an einem Strick zieht,
wird sein Feuer dem Beamten Peter in Eckhausen sichtbar. Aus der Anzahl
der auf diese Weise zustande gekommenen Signalblitze läßt sich das
telegraphierte Wort von einer neben der Feuertonne liegenden Tafel
ablesen.



86.

Eine Schwimmausrüstung.


[Illustration: Schwimmausrüstung eines Jägers, Kupferstich von 1616.]

Keßler zeigt in seinem Buch auch, wie sich ein Jäger durch aufgeblasene
Schwimmhosen über Wasser erhalten und durch Klappruder an den Füßen im
Wasser fortbewegen soll. Bleischuhe verhindern das Umschlagen im Wasser.



87.

Gefährliche Beute.


[Illustration: Der Koffer als Höllenmaschine, Kupferstich von 1620.]

Boillot gibt im Jahre 1598 an, wie man dem Feind mit List Koffer,
Fässer oder Körbe mit Eiern auf den Weg stellen soll. Wer an
diesen Beutestücken die Stricke löst, oder den Kranz aus den Eiern
herauszieht, löst dadurch Radschlösser aus, die eine verborgene
Pulverladung zur Explosion bringen. Wir sehen, daß unter den Eiern
scharfe Eisenstücke verborgen liegen, die den Feind schwer beschädigen
müssen.

[Illustration: Die Eier-Kiepe als Höllenmaschine, Kupferstich von 1620.]



88.

Eine Schießpulvermühle mit Dampfturbine, 1629.


Dem gesuchten, und in Kriegszeiten geplagten Pulvermacher, der sein
gefährliches Gewerbe je nach Bedarf und Bezahlung bald in dieser
Stadt, bald bei jenem Landesherrn ausübte, seine Arbeit zu erleichtern,
trachtete der Urheber unseres kleinen Bildes.

[Illustration: Schießpulvermühle mit Dampfturbine, Holzschnitt von
1629.]

Es war ein kenntnisreicher Ingenieur, namens Branca, der im Jahre 1629
ein Buch über vielerlei neuartige Maschinen herausgab. Hier plant er,
das Stampfwerk eines Pulvermachers durch Dampfkraft zu betreiben.

In einer üblichen Perspektive wird gezeigt, wie mehrere Zahnräder die
Bewegung eines großen Dampfrades immer mehr verlangsamen und endlich
eine Walze drehen, an der zwei Stifte die Stampfer emporheben. Gegen
die Zellen des Dampfrades bläst ein Strahl aus einem lächerlich klein
gezeichneten Dampfkessel. Um dies Blasen dem Laien verständlich zu
machen, hat der Dampfdom die Gestalt eines blasenden menschlichen
Kopfes. Oben auf dem Schädel sehen wir die Verschraubung zum Einfüllen
des Wassers. Der Dampfkessel ruht etwas primitiv auf einer dreibeinigen
Pfanne, aus der die Flammen an den Kesselwandungen emporzüngeln.

Welch langer und mühseliger Weg, zwischen diesem Dampfrad und unsern
heutigen, ähnlichen Dampfturbinen, die uns unsere Kriegsschiffe treiben!



89.

Ledergeschütze.


Damit die Geschütze „erstlich nicht so viel kosten, zum andern,
daß solche leicht fortzubringen“ erfand der kaiserliche Oberst von
Wurmbrand im Jahre 1625 leichte Kartätschengeschütze aus dünnen
Kupferrohren, die mit Tauen umwickelt und mit Leder umhüllt waren. Da
Wurmbrand später zu den Schweden überging wurden diese ledernen Kanonen
Gustav Adolph bekannt und durch ihn während des dreißigjährigen Kriegs
berühmt. „Sie sind aber durch die Hern schweden selbst bald verworffen,
weil sie in wenig Schüssen zersprungen und zunichte worden.“ Die
Abschaffung geschah bei den Schweden bereits im Jahre 1631, und zwar
hauptsächlich deshalb, weil das dünne Kupferrohr sich stark erhitzte
und dadurch leicht eine Selbstentzündung der Ladung herbeiführte.

In Preußen wurden im Jahre 1627 vorübergehend Ledergeschütze benutzt.
Zwei Jahre später erfand der Leutnant Wolff Müller in Chemnitz ein
Ledergeschütz, von der der Kurfürst von Sachsen zwei Stück anfertigen
ließ. Nach einer Aufzeichnung des Dresdener Zeughauses müssen die damit
angestellten Versuche aber ungünstig verlaufen sein.

Im nächsten Jahre, 1630, „hat ein Geistlicher in Antorf ein
einpfündiges Geschütz aus einer Kupferröhre gefertigt, die mit eisernen
Platten belegt, durch Ringe zusammengehalten und mit Hanf umwickelt“
wurde und einen Anstrich von Tischlerleim erhielt.

Das Berliner Zeughaus besitzt gegenwärtig fünf Ledergeschütze aus
der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Eins stammt aus Stettin, ein
anderes aus Stralsund; die Herkunft der übrigen läßt sich nicht mehr
feststellen. Die Länge der Rohre schwankt zwischen 121 und 216 cm, das
Kaliber zwischen 3,5 und 6,1 cm. Zwei dieser Geschütze haben statt der
kupfernen Innenrohre sogar Lederkernrohre. Eins ist sogar ohne jedes
Metall gebaut, und vollständig elastisch. Was man mit einer solchen
biegsamen Kanone bezweckt hat, läßt sich nicht erkennen. Es ist nur
anzunehmen, daß in den Wirren des dreißigjährigen Krieges manches Mal
Geschütze aus dem ersten Material gebaut wurden, was zur Hand war. Not
kennt kein Gebot.



90.

Wallgucker und Opernglas.


Im heutigen Stellungskrieg spielt der alte Wallgucker wieder eine große
Rolle als -- neue Erfindung.

Der berühmte Danziger Astronom Hevelius gab im Jahre 1637 ein
Instrument an, das er „Polemoskop“ oder Wallgucker nannte. Es bestand,
wie heute, aus einer Röhre, an der oben und unten je ein Spiegel saß.
Hob man die Röhre mit ihrem einen Ende über den Rand des Walles, so
konnte man, ohne den Kopf herausstecken zu müssen, im Spiegel am untern
Ende alles sehen, was vor dem Wall geschah.

Aber nicht nur, daß dieses heute wieder so beliebte Instrument schon
Jahrhunderte alt ist, interessiert uns als Kuriosität, noch mehr, daß
aus diesem ehemals das „Opernglas“ hervorging.

Im Jahre 1755 beschrieb nämlich der Mathematiker Kästner den alten
Wallgucker unter der Bezeichnung „Operngucker“. Man sollte sich des
Instrumentes im Theater bedienen, um von seinem Platze aus, ohne sich
zu regen, rings Umschau halten zu können. Das Rohr war sehr kurz
gebaut. Man hielt das Ganze in der Hand verborgen vor ein Auge und
konnte nun, indem man das Rohr langsam drehte, unter sich, nach links,
nach oben und nach rechts in die Logen schauen. Kein Mensch wußte,
wohin man sah, weil es den Anschein hatte, als sehe man geradeaus auf
die Bühne; bei den Damen waren diese Gläser damals bald beliebt.

Unser heutiges Opernglas -- aus dem später der Feldstecher hervorging,
entstand aus der Vereinigung zweier Fernrohre. Man versuchte solche
Instrumente schon im Jahre 1609 zu bauen, doch führten sie sich erst
1823 unter dem Namen „Doppel-Theater-Perspektive“ ein.



91.

Stammt das Bajonett aus Bayonne?


Wir hörten schon, daß die Eingeborenen der Insel Borneo auf ihren
Blasrohren Lanzenspitzen als Bajonette anbringen. Seit wann sie dies
tun, wissen wir nicht. Es ist aber anzunehmen, daß sie einmal das
europäische Bajonett kennen lernten und es nachahmten.

[Illustration: Deutsches Bajonett, um 1640.]

Wir wissen auch nicht, wo das Bajonett bei uns aufgekommen ist. Daß
seine Einführung oder gar Erfindung ums Jahr 1643 in der französischen
Stadt Bayonne geschah, läßt sich durch nichts beweisen. Die ältesten
erhaltenen Bajonette besitzt das Zeughaus der Burg Schwarzburg an der
Schwarza. Die Länge der Messer schwankt zwischen 22 und 32 cm. Ein
eiserner Ring hält die oben abgebildete Waffe über dem Gewehrlauf fest.
Diese Bajonette stammen mindestens aus der Zeit, in der sie in Bayonne
erfunden sein sollen.

Sicher bekannt ist nur, daß die Franzosen das Bajonett bei ihren
Kämpfen in den Niederlanden im Jahre 1647 benutzten und dadurch die
Waffe bekannt wurde.



92.

Not macht erfinderisch.


Als der Hohentwiel, die herrliche Burg im Hegau, 1641 lange belagert
wurde, kamen die Belagerten auf den Einfall, sich eine Maschine zu
erbauen, die bei jedem Wind gehen mußte. Wir erkennen deutlich rechts
neben der Windmühle das riesige, dicht auf einem Turm liegende Rad
dieser Windturbine, deren Kraft den Belagerten das Wasser pumpen und
Getreide mahlen konnte.

[Illustration: Windmühle und große Windturbine auf dem Hohentwiel, um
1641.]



93.

Versteckte Schießwaffen.


Das Gewehr galt sowohl im Kampf, als auf der Jagd in der ersten
Zeit nicht als eine Herrenwaffe. Nur langsam gab der Ritter Lanze,
Streitaxt und Schwert als erste Angriffswaffe auf. Als die Gewehre zu
treffsicheren, gefährlichen Waffen geworden waren, versteckten findige
Waffenschmiede sie gern in Prunkwaffen für hohe Herrn. So sehen wir
hier einen Barten von sorgsamer Metallarbeit, der in seinem Schaft ein
Feuerrohr birgt. Der Mechanismus des Feuersteinschlosses ist in einem
Wulst untergebracht.

[Illustration: Radschloßgewehr in einem Streithammer versteckt, 16.
Jahrhundert.]



94.

Lobspruch deß edlen / hochberühmten Krauts Petum oder Taback / von
dessen Ankunfft / vnd gar löblichen Gebrauch bey manchen teutschen
Helden / sampt desselben waaren Krafft vnd Wirckung.


Der Tabak wurde in Mitteleuropa durch den dreißigjährigen Krieg erst
allgemeiner verbreitert. Kein Wunder, daß man diese „Unsitte“ nach
dem Krieg auszurotten versuchte. Aus einem in ABC-Form verfaßten
Flugblatt gegen den Tabak, das im Jahre 1652, also vier Jahre nach
jenem verhängnisvoll langen Krieg erschien, sei hier einiges mitsamt
den Bildern mitgeteilt. Zunächst wird das Kraut schlecht gemacht, „weil
es von wilden Leuten kömmt“; denn es „pflegt toll und voll und wilde
Leut zu machen“. Dann wird bei jedem Buchstaben etwas gegen den Tabak
vorgebracht.

Bei C heißt es zu unserm ersten Bild:

    Der Teutsche lobt die neue Trunkenheit /
    die sich gar wol zu der Bierkanne schikket.
    er tuht jetzt auch ein Maul voll Rauchs bescheid
    dem es allzeit im Sauffen sonst geglücket.
    Schad ists / daß / die so viel erfunden haben /
    die Teutschen nicht erdacht auch diese Gaben.

    Der Veix / der kaum geschmeckt vor die Tür /
    kömmt wieder / raucht und schmaucht im Haus herümme /
    und denkt / er sey dadurch ein brav Monsieur;
    zum Sauffen hat er gar eine gute Stimme.
    Die Mutter murrt / die Schwester / ob den Buben /
    sein Rauch beist sie fast alle aus der Stuben

[Illustration]

Beim Buchstaben D lesen wir:

    Manch armer Tropf offt kaum in Kleidern stak:
    noch steckt diß Kraut in seiner leeren Taschen.
    hat er sonst nichts / so hat er doch Taback;
    das truckne Maul plegt er damit zu waschen.
    diß Kräutlein ist nit Stolz / ist voll Erbarmen:
    man find es / wie bey Reichen / auch bey Armen.
    Viel denken dann: der Kerle dörft je nicht
    deß Praches; ließ er dafür die Hosen flicken.
    Ja / Momus / hör zuvor / was ihn anficht:
    er muß sich so in sein Verhängnis schikken,
    Tabak fürn Hunger hilft: es ist gar Zucker
    bey ihm das Brod / drüm schmäucht der arme Schlucker.

[Illustration]

Beim E heißt es:

    So ist ein Kraut gewachsen für den Tod:
    diß Kräutlein hier läßt niemand hungers sterben.
    Do leiden jo die Weiber Hungersnoth /
    Taback läßt sie die Nachtspeiß nit erwerbe.
    er rückt das Fleisch offt ihnen aus den Zähnen /
    macht Faste-nächt. Sie pflegens zu erwähnen.
    Die eine klagt der andern: Ach mein Mann
    der pflegt soviel des Plunders einzusauffen /
    daß er hernach / du weist wol was / nit kann.
    er schläft bey Nacht / und kan sonst nichts als Schnauffen.
    Küßt er mich dann, so pflegt sein Mund zu stinken.
    wie ein Schornstein. Der Teufel hol diß Trinken.

Und beim F steht:

    Sie wünschen offt / daß der ersoffen wär
    und straks erstickt / der erstlich Rauch gesoffen /
    und der dies Kraut geholet über Meer.
    Der Landsknecht wolt nicht / daß es eingetroffen:
    Taback kürzt ihm im Feld die langen Stunden /
    die Asche dient zu seines Pferdes Wunden.
    Was führt der Krieg nit in die Länder ein?
    der Bauer / daß ihn zwar sein Äcker kostet /
    hat so gelernt Französisch / Welsch / Latein:
    das Teutsche ist in seinem Maul verrostet.
    Hat ihm sonst nichts genutz das Einquartieren /
    so lehrt es ihn doch Rauch im Munde führen.



95.

Der Philosoph als Kriegstechniker.


Der große Philosoph und Staatsmann Leibniz hat sich viel mit der
Technik befaßt. Wir besitzen von ihm z. B. in Hannover noch eine
großartige Rechenmaschine, die ihren Verfertiger fast ein ganzes
Vermögen gekostet hat. Leibniz war auch an der Erfindung der
Dampfmaschine beteiligt, und besonders rührt die selbsttätige Öffnung
und Schließung der Ventilhähne von ihm her. Auch die Heißluftmaschine
ist seine Erfindung. Ferner sprach er zuerst die Idee des
Aneroidbarometers aus.

1714 weist er auf die Vorteile leichter Metallpontons an Stelle der
schweren hölzernen Kähne zum Brückenbau hin. Gleichfalls konstruierte
er einen Distanzmesser.

Im Jahre 1670 suchte Leibniz geschichtlich nachzuweisen, daß Alexander
der Große, Hannibal und Gustav Adolf ihre Erfolge im wesentlichen dem
Waffenwesen zu verdanken gehabt hätten. Von den Bomben sagt er damals:
„Wenn der erste Erfinder die Sache einem einzigen Fürsten mitgeteilt,
und dieser sein Geheimnis so wohl gewahrt hätte, wie die Chinesen
das ihrige beim Porzellan, so hätte er leichtlich Herr der ganzen
Welt werden können.“ An Stelle des Söldnerwesens wies Leibniz bereits
energisch auf die Notwendigkeit eines stehenden deutschen Heeres hin,
an dessen Seite außerdem noch eine Art Landwehr zu bilden sei. An
Stelle der Piken, von deren Unbrauchbarkeit er überzeugt war, sollte
das Bajonett treten.

Besonderen Wert legte Leibniz auf eine sichere Schußwaffe. Es seien
deshalb vor allen Dingen die Luntenschloßgewehre abzuschaffen und an
deren Stelle die Batterieschloßgewehre einzuführen, damit die Truppe
stets feuerbereit sei. Vom Radschloß hält er nicht viel, und er regte
darum den Gedanken an, auf irgend eine andere Art ein „lebendiges
Feuer“ im Gewehr zu verbergen, damit man daraus jederzeit zünden könne.

[Illustration: Verschluß eines Hinterladegewehrs von 1658.

Links der Lauf, rechts der Kolbenteil mit dem Schloß und der Kammer.
Der Lauf wird mit einer halben Drehung auf das unterbrochene Gewinde
aufgesetzt.]

Besonders auffallend ist folgende Stellung aus den Leibnizschen
„Gedanken der teutschen Kriegsverfassung“ (1670), wo der Philosoph
von Hinterlade- und Reptiergewehren spricht: „Neue Art sehr guter,
beständiger und in allem mehr vorteilhafter Feuerrohre, als die man
bisher gebraucht; nämlich man soll die Rohre von hinten laden, ~par
la culasse~, dergestalt, daß man nicht anders vonnöthen habe, als
hinten ein Gewerbe (-Wirbel, der sich in einem Gelenk dreht) aufzuthun,
die Kammer hineinzuschieben und dann vermittelst einer Feder wieder
zuschnappen lassen; welches mit großer Geschwindigkeit geschieht. Der
Schuß ist unvergleichlich schärfer und gerader, die Ladung (Ladeweise)
auch geschwinder als auf die gemeine Weise, und hat man dann keine
Stopfens und Pfropfens vonnöthen, aus dessen Ermangelung sonst doch
oft der Schuß ganz matt ist. -- Solches Gewehr würde zwar noch eins
soviel als das gemeine kosten, hingegen gut und beständig sein und wohl
zehnmal soviel Nutzen bringen.

Gewehr, daraus man oft ohne neue Ladung mit Pulver schießen kann, ist
zum gemeinen Gebrauch nicht bequem, dieweil alles darin gar zu nett
auf einander passen muß, sonst ist Gefahr dabei. Man könnte aber an
dessen Statt mit Wind ohne neue Ladung zum öfteren schießen; und weil
die Windbüchsen nicht leicht zu laden, solche hernach mit einem Schuß
Pulver wieder spannen.“

Ferner hebt Leibniz den großen Nutzen tüchtiger Waffenschmiede hervor.
Auch mit der Stückgießerei und mit gegossenen eisernen Geschützen
befaßt er sich. Endlich macht er Vorschläge zu Brandsätzen und
Höllenmaschinen und gibt einige Regeln der Ballistik und des Wurffeuers.



96.

Konserven für den Krieg.


Leibniz ist auch der erste, der daran dachte, die Truppen während
langer Märsche oder anderer großer Anstrengungen durch Verpflegung mit
Konserven dauernd bei ausreichenden Kräften zu erhalten. Die besten
Mittel hierzu beschreibt Leibniz in einer in Hannover aufbewahrten
Handschrift, die als „Utrechter Denkschriften“ bezeichnet ist. Seine
Konserven nennt er „Kraft-Compositiones“.

Aber schon in früheren Jahren, um 1680, hatte Leibniz mit dem Erfinder
der Dampfmaschine, dem Marburger Professor Papin, über das Einkochen
der Konserven korrespondiert. Papin hatte sich seit der Erfindung
seines verschließbaren Dampfkochtopfes mit dem Einkochen von Fleisch
und Gemüse beschäftigt. Auf Grund dieser Erfahrungen konnte er Leibniz
mitteilen, daß er die zum Einmachen verwendeten Gefäße mit schwefeliger
Säure behandele, das Einlegen der Konserven im luftleeren Raume
vornehme und den Deckel mit Kitt abdichte.

Leider wurden diese Vorschläge damals nicht berücksichtigt. Erst im
Jahre 1807 machte die französische Marine Versuche mit konservierter
Fleischbrühe, konserviertem Fleisch und Gemüsekonserven.



97.

Fleischextrakt im Kriege.


Ein „Extract aus Fleisch, dessen Composition mir bekannt ist“ wird
gleichfalls von Leibniz ums Jahr 1714 in den Utrechter Denkschriften
erwähnt. Auch hierüber hatte Leibniz mit Papin korrespondiert.
Allerdings kommt damals die Bezeichnung Fleischextrakt noch nicht vor,
sondern es ist nur von der Bereitung eines höchst nahrhaften Gelées die
Rede, das die geistigen und flüchtigen Bestandteile des Fleisches, die
man beim üblichen Einsalzen verliere, festhalte.

Niemand beachtete diese Anregung. Erst Napoleon I. ließ 100
Jahre später den Verwundeten in Ägypten Fleischextrakt zur Stärkung
geben. Eine Bedeutung erlangte der Fleischextrakt erst, als der
Hamburger Ingenieur Giebert im Jahre 1863 das Liebigsche Verfahren zur
Bereitung des Fleischextraktes in riesigem Maßstab in den viehreichen
Gegenden von Südamerika zur Durchführung brachte.



98.

Ein Prophet des Luftkrieges vor 250 Jahren.


Vor 250 Jahren arbeitete der Jesuit Lana eifrig an einem umfangreichen
Werk „um die inneren Prinzipien der Naturwissenschaft nach genauer
Methode von Versuchen und Erfindungen aufzudecken“. In diesem, dem
Kaiser Leopold I. gewidmeten Buch werden eine Reihe von Erfindungen,
z. B. die Chiffreschrift, die Blindenschrift, Apparate für die
Wetterkunde, Säemaschinen, Fernrohre usw. behandelt. Besonders
eingehend beschäftigt Lana sich mit seinem eigenen Plan zur Herstellung
eines Luftfahrzeuges. Die Natur der Gase war damals noch wenig bekannt,
wohl aber wußte man durch die Versuche des geistvollen Magdeburger
Bürgermeisters Otto v. Guericke, daß ein luftleeres Gefäß wesentlich
leichter ist, als ein mit Luft gefülltes. Auf diese Tatsache stützte
Lana seinen Plan. Er wollte vier dünnwandige Kugeln aus Kupfer oder
Glas anfertigen, die Kugel luftleer pumpen, und sie über einer Gondel
befestigen. Er schloß richtig, daß er mit diesem Fahrzeug in die Luft
steigen könne. Theoretisch hat Lana vollständig recht, und die Idee
des Vakuumluftschiffes ist bis auf unsere Tage immer wieder verfolgt
worden. Praktisch ist die Idee undurchführbar, weil der Luftdruck die
dünnwandigen Ballongefäße eindrücken würde.

In Lanas Plan, der im Jahre 1670 im Druck erschien, interessiert uns
heute die folgende Stelle „... sonst sehe ich keine Schwierigkeiten,
die man vorbringen könnte, außer einer, die mir größer erscheint als
alle andern: Gott wird niemals zugeben, daß eine solche Maschine
wirklich zustande kommt, um die vielen Folgen zu verhindern, die die
bürgerliche und politische Ordnung der Menschheit stören würden. Denn
wer sieht nicht, _daß keine Stadt vor Überfällen sicher wäre_, da ja
das Schiff zu jeder Stunde über dem Platz derselben erscheinen und die
Mannschaft sich herablassen und aussteigen könnte. Dasselbe geschehe
in den Höfen der Privathäuser _und bei den Schiffen_, die das Meer
durcheilen. Ja, wenn das Schiff nur aus hoher Luft bis zu dem Segelwerk
der Meerschiffe herabstiege, könnte es die Taue kappen, und auch ohne
herabzusteigen, könnte es _mit Eisenstücken_, die man aus dem Schiff
nach unten werfen könnte, die Fahrzeuge zum kentern bringen, die
Mannschaft töten und die Schiffe mit künstlichem Feuer, _mit Kugeln und
Bomben in Brand stecken_. Und nicht nur Schiffe, sondern auch Häuser,
Schlösser und Städte mit völliger Gefahrlosigkeit für diejenigen, die
aus ungemessener Höhe solche Sachen herabwürfen.“

Professor Lohmeier aus Rinteln ließ sechs Jahre später durch einen
seiner Schüler die Lanasche Arbeit in weitgehendem Maße zu einer
Doktorarbeit benutzen, und antwortete darin: „Hat Gott die Erfindung
der Säbel, Flinten, der Kanonen und des Pulvers, womit einige
Jahrhunderte her soviel Blut vergossen worden ist, nicht verhindert,
warum sollte er diese Kunst verhindern? Der Staat wird, wenn es einmal
dahin kommen sollte, schon Gegenmittel finden und, gleich wie wir
Flinten gegen Flinten und Kanonen gegen Kanonen gesetzt haben, _so
würden wir auch Luftschiff gegen Luftschiff vorrücken lassen und
förmliche Luft-Bataillen_ liefern.“



99.

Küchen-Dragoner.


Was heute ein Küchendragoner ist, das brauche ich doch nicht zu sagen.

Aber, wie wir zu dieser Bezeichnung kamen, ist interessant zu lesen.

Es gab in den Jahren 1689 bis 1704 drei Dragonerregimenter, die die
dienstliche Bezeichnung „Hofstaats- und Küchendragoner“ führten,
und zwar deshalb, weil sie damals den Dienst am Hofe und besonders
in der Hofküche versehen mußten. Als der „alte Dessauer“ -- Fürst
Leopold von Anhalt-Dessau -- im Jahre 1729 die Stammliste der
preußischen Regimenter aufstellte, schrieb er über das Reiterregiment
von Blanckensee Nr. 4, es sei „anno 1674 von denen Hofstaats- oder
Küchendragonern“ gebildet und zum Leibregiment ernannt worden. Daß
gerade dieses Regiment zu den Küchendragonern gehörte, ist nicht
nachgewiesen worden. Es scheint also, daß der alte Dessauer sich hierin
irrte. Die heutige scherzhafte Bezeichnung „Küchendragoner“ geht aber
doch auf diese ehemalige dienstliche Bezeichnung zurück.



100.

Wie eine Kriegsflugmaschine im Jahre 1709 aussehen sollte.


Ein Kurier, der mit allerlei neuen Nachrichten anfang Juni 1709 nach
Wien kam, berichtete auch über eine Flugmaschine, die am 24. Juni in
Portugal erprobt werden sollte. Man veröffentlichte damals in Wien
sogleich diese Neuigkeit mit dem nebenstehenden Bild in der Zeitung:
„... eine Kunst zu fliegen, vermittelst welcher man in 24 Stunden durch
die Lufft 200 Meyl machen, denen Kriegs-Heeren in denen weit entlegenen
Ländern die Ordre, auch zu jenen neben denen Brieffen, Volck, Lebens-
Kriegs- und Geld-Mitteln überschicken“ könne.

Nicht weniger könne man „die belagerten Plätze mit allen
Nothwendigkeiten versehen“. Diese Erfindung sei von einem Brasilianer
gemacht und dem König von Portugal angeboten worden.

Kein Wunder, daß die Nachricht von diesem Kriegsluftfahrzeug schnell
durch Sonderdrucke und Flugblätter verbreitet wurde. Ein findiger
Buchdrucker erweiterte die Nachricht sogar und erzählte sogleich von
einer geschehenen Luftreise von Portugal nach Wien. Die Reise sei sehr
gefährlich gewesen und der Luftschiffer habe mit Adlern, Störchen und
auf der Erde unbekannten Vögeln kämpfen müssen. Auf dem Mond sei ein
großer Tumult entstanden, als das Luftschiff gesichtet worden sei,
und der Luftfahrer habe die Mondbewohner deutlich erkennen können.
Leider sei die Landung in Wien mißlungen; denn das Fahrzeug sei gegen
die Spitze des Stephansturmes gefahren und dort hängen geblieben,
so daß man den Luftfahrer nur mit Mühe habe retten können. Zunächst
habe man den kühnen Mann in Wien gastlich aufgenommen, hernach aber
doch eingesehen, daß er ein Hexenmeister sei, sodaß man ihn verhaften
mußte. Er „dürffe nebst seinem Pegaso erster Tage verbrandt werden;
vielleicht; damit diese Kunst, welche, wenn sie gemein werden sollte,
große Unruhe in der Welt verursachen könnte, unbekannt bleiben möge“.

[Illustration: Phantasie einer Luftfahrt von Portugal nach Wien, 1709.]

Von der „großen Unruhe“, die die Luftschiffahrt zu bringen vermag, kann
jetzt manche Stadt, zumal London etwas erzählen.



101.

Die Vorahnung des Luftballons im Jahr 1710.


[Illustration: Mondfahrt mit einem Luftballon, der mit Rauch gefüllt
werden soll, 1710.]

Wir hörten, daß der mit warmer Luft gefüllte Ballon zwar im Mittelalter
bekannt gewesen ist, daß die Kenntnisse zu seiner Herstellung mit der
Zeit aber verloren gingen. Erst im Jahre 1782 füllte man in Frankreich
wieder einen großen Ballon mit warmer Luft, und im folgenden Jahr
begann dann die Zeit der gasgefüllten Ballone.

Und doch sehen wir hier einen Luftballon gen Himmel steigen, wenn auch
der Künstler den Ballon selbst ein wenig zu klein, oder die Gondel zu
groß gezeichnet hat. Wir haben das Titelblatt eines vielgelesenen
Romanes „Reise nach dem Mond“ vor uns. Dort wird erzählt, wie man
mittelst einer mit Rauch gefüllten Kugel in die Luft emporsteigen kann.

So haben also ein Dichter und ein Maler fast dreiviertel Jahrhundert
früher die Darstellung eines Luftballons gegeben, ohne daß jemand hier
den so überaus fruchtbaren Gedanken fand.



102.

Ein Riesenweck für die Manöver von 1730.


Eine Liebesgabe von gewaltiger Abmessung sandte man im Juni des Jahres
1730 den Kgl. polnischen und Kurfürstlich sächsischen Truppen ins
Hauptquartier.

Wir sehen links auf dem Bilde einen schwebenden Engel, der die
Zeichnungen des Grundrisses und des Ofenprofiles, sowie die Darstellung
des zehn Ellen langen Messers, das zum Zerschneiden der Liebesgabe
diente, hält. Der Ofen selbst ist im freien Felde aufgemauert. Der
Dresdner Bäckermeister Zacharias leitete das gewaltige Unternehmen.
Er rührte einen Teig aus 18 Scheffeln Mehl, 1½ Tonne Hefe, 326
Kannen Milch, 3600 Eiern und drei Pfund Muskatblüten. Auf einer
Bretterunterlage brachte man den Teig mit Hülfe der vor dem Ofen
aufgestellten Maschine mittelst Stricken in den Ofen, und zog ihn
hernach wieder so heraus. Der „Strietz oder Kuchen“ maß 18 Ellen in der
Länge, acht Ellen in der Breite und 1½ Schuh in der Höhe.

[Illustration: Die größte Liebesgabe, 1730.]

Im Vordergrund des Bildes sehen wir den Kuchen auf einem besonders
zu diesem Zweck erbauten Wagen, von acht Pferden gezogen und unter
militärischer Bedeckung in das Königliche Hauptquartier bei Radewitz
geführt.



103.

Die erste Dampffahrt eines Kriegsschiffes.


Die Engländer verstanden es von jeher, sich alle Erfindungen zu Nutzen
zu machen, die der Schiffahrt und dem Seekrieg dienen konnten.

Von besonderer Wichtigkeit mußte der englischen Flotte eine Erfindung
sein, mit deren Hülfe sie ihre Kriegsschiffe bei windstillem Wetter
aus oder in den Hafen bringen konnte. Auf hoher See findet sich schon
ein wenig Wind, wenn es am Lande auch noch so still ist. Der Engländer
Jonathan Hulls ließ sich am 21. Dezember 1736 ein Schiff patentieren,
in dem ein Dampfkessel mit Dampfmaschine untergebracht waren. Die
Dampfmaschine trieb ein großes an Heck liegendes Schaufelrad. Wir sehen
auf unserm Bild deutlich das Rad und die dazugehörige Seiltransmission.

Ein solches Dampfschiff nahm die Fregatte ins Schlepptau. Es wird
berichtet, daß die englische Admiralität mit dieser Erfindung sogleich
einen Versuch anstellen ließ. Näheres ist nicht bekannt geworden, weil
der Versuch, wenn er überhaupt stattgefunden hat, wahrscheinlich geheim
gehalten wurde.

[Illustration: Schleppdampfer für Kriegsschiffe, 1736.

Nach der Patentschrift von Hulls.]

Als im vergangenen Jahr unsere „Emden“ den kühnen und erfolgreichen
Vorstoß gegen den Feind machte, wobei sie sich mit einem vierten
Schornstein maskiert hatte, waren genau hundert Jahre verflossen,
daß das erste durch eigne Dampfeskraft bewegte Kriegsschiff von Stapel
gelaufen.



104.

Geschütze aus Eis.


Die Deutsche Tageszeitung berichtete kürzlich über Eisgeschütze
folgendes: „Die ersten Eiskanonen scheinen in dem strengen Winter 1740
in St. Petersburg hergestellt worden zu sein. Es handelt sich um sechs
Kanonen und zwei Mörser, die in ihren Größenverhältnissen völlig den
üblichen Metallgeschützen entsprachen. Die Ladung bestand aus ¼ Pfund
Pulver, als Geschoß dienten „Werck-Ballen“ oder auch eiserne Kugeln.
Anläßlich eines Probeschießens, das in der Gegenwart des gesamten
Hofstaates stattfand, wurde auf 60 Schritt Entfernung ein Brett von
zwei Zoll Dicke durchlöchert. Einen ähnlichen Versuch unternahm in
dem kalten Winter 1795 der Professor und kurfürstliche Rat Weber zu
Landshut in Bayern. Er ließ „aus einigen der reinsten und dicksten
Eisstücke aus der Donau“ Kanonen und Mörser drehen, wobei das Eis die
Form der Geschütze vollständig annahm. Die Eisgeschütze wurden auf
Lafetten gelegt und mit Pulver und Kugeln, welch letztere ebenfalls
aus Eis bestanden, geladen. Dabei gelang es, eine 36 Lot schwere
Eiskugel aus dem senkrecht gestellten Mörser zu einer solchen Höhe
emporzutreiben, daß sie erst nach fast zwei Minuten wieder die Erde
erreichte. Selbst als Tauwetter eingetreten war, glückte der Versuch
noch, nachdem man das geschmolzene Eis herausgewischt und den Mörser
mit Löschpapier ausgetrocknet hatte. Das Geschütz erlitt durch das
Abfeuern nicht die geringste Beschädigung.“



105.

Die Stahlfeder beim Aachener Friedensschluß.


Den zerbrechlichen Gänsekiel hatte man schon in früheren Jahrhunderten
durch bronzene oder eiserne Röhrchen ersetzt, die vorn zugespitzt und
gesplissen waren. Unsere Stahlfeder wurde erst während des zweiten
Aachener Friedenskongresses im Jahre 1748 erfunden. Darüber erzählt
uns der damalige Aachener Bürgermeistereidiener Johannes Janßen:
„Eben umb den Congres Versammlung hab ich auch allhier ohn mich zu
rühmen neuwe Federn erfunden. Es konnte vielleicht sein, daß mir
der liebe Gott diese Erfindung nicht ohngefähr hätte lassen in den
Sinn kommen mit diese meine stahlene Federn zu machen, deweil alle
und jede allhier versammelte H. Hr. Gesandten davon die Erste und
Mehreste gekauft haben, hoffentlich den zukünftigen Frieden damit zu
beschreiben, und dauerhaft wird sein wie diese meine stahlenen Federn,
daß der liebe Gott will geben, dan der verderbliche Krieg hatt lang
genug gewährt; weilen aber jetzo alles wohl zum Frieden aussieht,
hatt man auch Hoffnung, daß er lang dauern soll, eben wie der harte
Stahl, damit er beschrieben wird. Dergleiche Federn hatt Niemand nie
gesehen noch von gehört, wie diese meine Erfindung ist, allein man muß
sie rein und sauber von Rost und Dinten halten, so bleiben sie viel
Jahr zum Schreiben gut, ja wenn man auch 20 Reis Papier damit würde
beschreiben, mit einer Feder, so wäre die letzte Linie beschrieben
wie die erste, sonder was an die Feder zu verandern, sogar sie seindt
in allen Ecken der Welt hineingeschickt worden als eine rare Sach,
als nach Spanien, Frankreich, Engeland, Holland, ganz Teutschland. Es
werden deren von anderen gewiß nachgemacht werden, allein ich bin doch
derjenige, der sie am ersten erfunden und gemacht hat, auch eine große
Menge verkauft außer und binnen Lands, das Stück for 9 M. aix oder ein
Schilling specie und was ich hier hab kunnen machen ist mir abgeholt
worden.“



106.


[Illustration: Eine Verspottung der Maschinen-Erfinder. Kupferstich von
1754. Die „Bartroßmühle“, eine Maschine, die über ein Dutzend Männer
zugleich rasiert. Man hält das eingeseifte Gesicht nur in eines der
runden Fenster, hinter dem die von dem Pferd bewegten Rasiermesser
kreisen.]



107.

Ein Flugzeug-Motor von 1751.


[Illustration: Wie man sich um 1750 den Antrieb einer Flugmaschine
dachte.]

In einer der vielen Robinsongeschichten, die dem echten weltbekannten
Roman vom Seefahrer Robinson Crusoe folgten, wird eine köstliche
Darstellung einer Flugmaschine gegeben. Der Held der Erzählung
erreicht, nachdem sein Gefährte schon ermattet zusammengebrochen ist,
mit seiner Flugmaschine ein gesegnetes Eiland. Viel Platz haben die
beiden auf ihrem Eindecker nicht gehabt. Ununterbrochen mußten sie, als
ständen sie an einer Feuerspritze, „den Schwengel drehen“.



108.

Die Erbswurst im 18. Jahrhundert.


Der Direktor der Kgl. Hofapotheke zu Berlin, Herr Johann Heinrich Pott,
erfand im Jahre 1756 ein „Pulver wider den Hunger“. In den bekanntesten
Tagebüchern des Generalmajors von Scheelen wird über diese Erfindung
folgendermaßen berichtet: „Der Regiments-Felscher Schmuckert von der
Garde hatte ein Pulver erfunden, davon man ohne Brot und ander Essen
14 Tage leben kann, und es dem König gemeldet, der König machte also
die Probe. Den 5. mußte von der Garde der Lieutnant Raoul mit drei Mann
vor die langen Brücke nach der Maulbeerplantage vom Waisenhause gehen
und daselbsten acht Tage in einem Hause sich einquartieren und alle
Tage stark arbeiten und manchmal des Tages zwei Meilen marschieren.
Es waren drei verschiedene Kerls. Der erste war ein gesunder starker
Kerl, der für zwei Mann essen konnte. Der zweite war ein ordinairer
Esser, aber ein starker Trinker, etwas liederlich. Der dritte ein sehr
ordentlicher Mensch im Essen und Trinken. Der Lieutnant Raoul hingegen,
war der schwächlichste von ihnen allen. Ein jeder bekam des Tages zwölf
Loth Pulver, des Morgens zwei Loth, alsdann vier Stunden gearbeitet,
zu Mittag sechs Loth, wieder vier Stunden gearbeitet, als Wasser zu
trinken. Der liederliche konnte Tabak rauchen und täglich vor ein
Dreier Branntwein trinken, des Abends vier Loth. Man tat das Pulver
in kochend Wasser und ließ es zwei Minuten kochen, so war es gut und
wie ein Brei zu essen, es quoll auf, die Leute bekamen sonst nichts
anderes zu essen, der Lieutnant mußte davon repondieren. Sie bekamen
auch nichts. Die ersten Tage sättigte das Pulver die Leute sehr gut,
ohne daß ihre Kräfte abnahmen. Der Lieutnant rapportierte alle Morgen
schriftlich davon General Retzwo, Major Diericke. Des Nachts schliefen
die Leute auch draußen. Das neuerfundene Pulver wider den Hunger ist
in Frankreich erst vorm Jahr erfunden worden, man hält es dorten sehr
geheim. Der Herzog von Nivernois hat unserm König was davon gegeben,
dieser hat es in Berlin durch den Professor Pott auflösen lassen.
Das Rezept hat Balbi und General Retzwo an den Regiments-Felscher
Schmuckert gegeben, der hat das Pulver nachgemacht und gibt es vor
seine Erfindung aus.“

So ist auch die Erbswurst, die der Berliner Koch Grüneberg im Jahre
1867 aufbrachte, an sich nichts neues gewesen.



109.

Ein automobiles Geschütz um 1760.


Der Kupferstecher Bodenehr zeichnete das hier als Titelbild
dargestellte Geschütz, das wohl damals von irgend einem Erfinder
ausgedacht wurde. Der riesige Wagen soll mit der ganzen Bedienung von
dem hinten sitzenden Soldaten anscheinend bequem und schnell gekurbelt
werden.



110.

Ein Luftkampf.


In dem Roman „Die fliegenden Menschen“ wird erzählt wie ein Reisender
zu einem Volk kommt, das die Fähigkeit hat mittelst eines Flügelkleides
zu fliegen und sich in der Luft so zu bewegen, als sei es auf fester
Erde. Dieser Roman erlebte mehrere Auflagen und wurde in verschiedenen
Sprachen herausgegeben.

[Illustration: Der Reisende ist Zuschauer bei einem Luftkampf von
„Nasgig“ und dem „General von Harlokin“, Kupferstich von 1763.

Man beachte links und rechts oben die in der Luft still-schwebenden
Flieger.]



111.

Das Luftgewehr als Kriegswaffe.


Der österreichische Gewehrtechniker G. C. Girardoni, ein äußerst
fruchtbarer und genialer Erfinder, hatte 1780 eine Reptierkonstruktion
an einem 15 mm Jägerstutzen versucht. Dabei zerschmetterte eine
Magazinexplosion ihm den linken Arm. Mit einer eisernen Hand an dem
zerstörten Arme vervollkommnete Girardoni seine Erfindung dennoch
weiter. Nur verwandte er statt der gefährlichen Pulverkammer eine
Kammer mit komprimierter Luft. „So entstand“, sagt Dolleczek nach
einem Privatbrief der Urenkel Girardonis, „die Windbüchse, welche als
Reptierwaffe mit rauch- und nahezu knallosem Schusse über 35 Jahre in
der österreichischen Armee eingeführt war.“

Diese Girardonische Windbüchse führte, wie jedes andere Armeegewehr,
eine dienstliche Bezeichnung „Reptier-Windbüchse M. 1780“. Sie hatte
13 mm Kaliber, einen mit zwölf Zügen versehenen Lauf mit ⁵⁄₄ Drall, an
den sich hinten ein messingnes Ventilgehäuse, dann der in den kleinen
mit Leder überzogenen Kolben eingekleidete Rezipient anschloß. Dieser
Kolben, Flasche genannt, wurde vor dem Schießen abgeschraubt mit
gepreßter Luft gefüllt und dann wieder luftdicht angeschraubt. Die
Luftfüllung reichte für 40 Schuß. Jeder Schütze führte 24 gefüllte
„Flaschen“ mit ins Gefecht. Jeder Kompagnie führte man auf Wagen
Reserveflaschen und zwei Luftpumpen nach.

Anfänglich wurden vier Mann in jeder Kompagnie mit Luftgewehren
ausgerüstet; 1790 schon schritt man zur Bildung eines eigenen Korps,
1313 Mann stark, das vom Hauptmann des General-Quartiermeister-Stabes
Freiherrn von Mach instruiert wurde. Diese Schützen schossen nur
je 20 Schuß aus einer „Flasche“, da dann infolge geringeren Drucks
Treffsicherheit und Schußweite abnahmen. Auf der rechten Seite des
Laufes befand sich das Kugelmagazin, aus dem durch einen leichten
Druck auf einen Querriegel eine Kugel in den Lauf vor das Luftventil
gelangte. Durch einen anderen Druck wurde der Hahn und mithin die
Feder gespannt, die beim Abdrücken das Ventil öffnete. Die Handhabung
war also sehr einfach, sodaß der Schütze in der Minute 20 Schuß
abgeben konnte. Die Schußweite habe 150 bis 400 Schritte betragen.
Im Kleinkrieg war die Windbüchse eine fast unbezahlbare Waffe.
Napoleon I. ließ in den Kriegen gegen Österreich jeden sogleich
erschießen oder aufhängen, der eine Windbüchse besaß. Hätte das Gewehr
nichts geleistet, dann wäre der Korse wohl nicht zu dieser Maßregel
veranlaßt worden. Die Herstellung der Windbüchse wahrte Österreich als
strenges Geheimnis. Girardoni erhielt eigene Werkstätten und beeidete
Arbeiter.

Daß sich diese merkwürdige Waffe nicht erhalten hat, und nach dem Jahre
1815 als disponibler Vorrat der Festung Olmütz überwiesen wurde, liegt,
abgesehen von den veränderten taktischen Ansichten, hauptsächlich
an dem Umstande, daß für die Behandlung der feinen Schloß- und
Ventilbestandteile ausgebildete Büchsenmacher nicht vorhanden
waren, und daher „der in den Relationen ersichtliche Prozentsatz
der unbrauchbar gewordenen Windbüchsen ein so erschreckend großer
ist“. 1848 und 49 sind aus den Beständen des Olmützer Zeughauses
die brauchbarsten jener Windbüchsen von Girardoni nochmals zur
vorübergehenden Verwendung gekommen.



112.

Ein närrischer Luftfisch?


Daß die Fischform für ein schnellfahrendes, dickbauchiges Luftschiff
die beste sein muß, erkannte man schon in einer Zeit, da die
Verwirklichung dieser herrlichen Idee noch unmöglich war.

[Illustration: Der Fischballon, Kupferstich von 1784.]

Beachten wir dies, so erscheint uns das Bild des Luftfisches nicht
mehr so närrisch, wie zuvor. Ein Schweizer meinte im Jahre 1784, also
im zweiten Jahre der Gasballone, daß ein solch fischförmiges Fahrzeug
gewiß sich im Luftozean ebenso schnell fortbewegen müsse, wie der
Körper eines Fisches im Wasser am besten zu schwimmen vermöge. Ein
riesiger Schwanz sollte als Steuer dienen und große Flossen -- aus dem
Innern gleich Ruder bewegt -- das Vorwärtskommen des Untieres bewirken.
Es scheint gar so, als sollte dieser Luftfisch ein kriegerisches Ziel
verfolgen; denn aus dem vordersten Fenster der Gondel schießt doch wohl
jemand auf die Erde hinab?

Denken wir an den spitzen Kopf unserer Luftschiffe, an deren
Schwanzsteuer, und deren Stabilisierungsflossen, an deren verschlossene
Gondel, wenn wir dies alte Bild betrachten!



113.

„Heil Dir im Siegerkranze“.


Es ist bekannt, daß unser Lied „Heil Dir im Siegerkranz“ von Balthasar
Gerhard Schumacher am 17. Dezember 1793 als „Berliner Volksgesang“
in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen
bekannt gemacht wurde. Schumacher bezeichnete seinen Gesang als eine
Umarbeitung des „Liedes für den dänischen Unterthan an seines Königs
Geburtstag zu singen in der Melodie des englischen Volksliedes“.

Mit der heute so oft gesungenen Melodie unserer Hymne wurden wir
Deutsche -- darauf sei hier wohl zum erstenmal hingewiesen -- im
Februar des Jahres 1793 durch das in jener Zeit angesehene, heute recht
selten gewordene „Journal des Luxus und der Moden“ (S. 73) bekannt.
Vermutlich lernte auch Schumacher die Melodie aus dieser Quelle kennen.

Daß die Hymne bereits 1796 in Berlin vor dem König gesungen wurde,
konnte ich vor einigen Jahren an anderer Stelle nachweisen. In einem
Bericht über ein physikalisches Theater, der unter dem 20. Juni 1796
an das Journal des Luxus eingesandt wurde, und dort im Augustheft
zum Abdruck kam, fand ich die Nachricht, daß man „Heil Dir im
Siegerkranze“ am 24. Juni 1796 in Berlin sang. Es war nämlich ein aus
Stuttgart stammender Mechaniker namens Enslen wiederum -- wie bereits
1791 -- nach Berlin zur Vorstellung gekommen. Er zeigt zunächst
drei automatische Figuren, nämlich einen Flöte spielenden Spanier,
eine Harmonika spielende Frau und einen Trompeter. Alsdann kam ein
Bühnenkunststück mit einem Luftballon, der die Form von einem Reiter
zu Pferde hatte. Darnach kam ein turnender Automat an die Reihe. Im
zweiten Teil der Enslenschen Vorstellung wurden optische Kunststücke
vorgeführt. So erschienen Petrarca und Laura, Heloise und Abelard.
Das nächste Bild wird also beschrieben: „Dann zeigt sich in der Ferne
ein heller Stern, erweitert sich, und aus ihm entwickelt sich das
sehr ähnliche Bild Friedrichs des zweyten, in seiner gewöhnlichen
Kleidung und Haltung, also nicht als Geist. Das Bild wird immer größer,
kommt immer näher, bis es dicht vor dem Orchester in Lebensgröße zu
stehen scheint. Der Eindruck, den diese Erscheinung in dem Parterre
und den Logen machte, war auffallend. Das Klatschen und Jauchzen war
unaufhörlich. Da Friedrich sich zu seinem Stern zurückzuziehen anfing,
riefen Viele: O bleibe bey uns! Er ging in seinen Stern zurück, aber
auf das laute Ancorarufen mußte er noch zweimal wiederkommen.“

Alsdann wird berichtet, daß am 24. Juni der König selbst -- also
Friedrich Wilhelm II. -- mit den Prinzen und Prinzessinnen
das Enslensche Theater besucht habe. Es wurde diesmal anstatt der
Erscheinung Friedrichs II. ein transparentes Bild des Königs
vorgestellt. Das Orchester spielte das Lied: „Heil Dir im Siegerkranze“
und das ganze Parterre sang es laut.

Die Vorstellungen von Enslen fanden im Pinettischen Theater in der
„Bärenstraße“ statt. Es trug seinen Namen nach einem Künstler, der
sich Chevalier Pinetti de Merci nannte und dem der König das ehemalige
Döbblinische Haus in der Behrenstraße geschenkt hatte.



114.

Luftballone zum Laufen.


Eine der merkwürdigsten Verwendungen der Luftballone hat am Ende des
18. Jahrhunderts ein Franzose vorgeschlagen. Er machte sich einen
Ballon von etwa 3 Meter Durchmesser, füllte ihn mit Gas, band ihn
zu und befestigte das kleine Luftfahrzeug mittelst Riemen an einen
Brustgurt über seinem Kopf schwebend. Ein solcher Ballon vermag etwa
50 Pfund zu tragen und sein Erfinder wollte ihn zu Fußreisen benutzen,
damit er an seinem eigenen sterblichen Gewicht einen ½ Zentner
weniger zu tragen habe. Statt des Spazierstockes nahm der Erfinder
ein großes Doppelruder aus Taffet, mit dem er, als wäre er im Wasser,
Bewegungen ausführte. Was aus dieser Erfindung geworden, weiß man
nicht. Sie scheint vergessen worden zu sein, weil es jenen Leuten mit
hochfliegenden Plänen zu niedrig war, den Ballon des freien Äthers im
Staube zu benutzen.



115.

Der Telegraphenfächer.


Als der optische Telegraph bei seinem Auftreten in Frankreich
(1793) durch die fabelhaft schnelle Übermittlung der Nachrichten
vom Kriegsschauplatz populär geworden war, ersann ein findiger Kopf
eine unterhaltende Spielerei für die Pariser Gesellschaft: den
Telegraphenfächer.

In der damals recht leichtlebigen Pariser Gesellschaft spielte der
Fächer bei den Damen eine große Rolle. Hinter ihm konnten sie sich
beliebig verstecken und unbeobachtet nach einer Richtung hin ihre Augen
spielen lassen. Der Fächer war damals noch der ständige Begleiter einer
jeden Dame.

So eignete er sich besonders gut, an ihm einen Telegraphen anzubringen.
Am oberen Rande des Fächers waren halbkreisförmig die einzelnen Zeichen
des optisch-telegraphischen Alphabets so aufgezeichnet, daß die Dame,
die hinter dem Fächer kokettierte, die Zeichen ablesen konnte. Aus dem
letzten Stab des Fächers oder aus einer der beiden Deckplatten konnte
man ein zierlich aus Silber gearbeitetes Stäbchen herausziehen. Am Ende
dieses Stäbchens drehte sich ein kleiner Querbalken, der an seinen
beiden Enden wiederum zwei bewegliche Ärmchen besaß. Dieser winzige
Apparat glich vollständig den großen optischen Telegraphenapparaten.
Die Trägerin des Fächers konnte die einzelnen Buchstaben eines Wortes
an dem kleinen Telegraphen einstellen, nachdem sie von ihrem Fächerrand
die Stellung des Telegraphen für jeden Buchstaben abgelesen hatte. In
Deutschland wurden die Telegraphenfächer 1796 bekannt. Nach England
kamen sie im folgenden Jahre. Ein Italiener Badini verbesserte den
Telegraphenfächer, sodaß man die kleinen Signalflügel schneller
einstellen konnte.



116.

„Telephon oder Fernsprecher“ anno 1796.


In Berlin erschien 1796 eine Abhandlung über einige akustische
Instrumente, mit Zusätzen versehen von Gottfried Huth. Der Verfasser
nennt sich: Doktor der Weisheit und öffentlicher, ordentlicher Lehrer
der Mathematik und Physik auf der Universität zu Frankfurt a. O.,
sowie Mitglied einiger Gelehrtengesellschaften. In dem dritten Zusatz
zu diesem Buch hören wir des Verfassers Ansicht „Über die Anwendung
der Sprach-Röhre zur Telegraphie“. Es wird ziemlich umständlich
auseinandergesetzt, wie man an Stelle des optischen Telegraphen mit
Hilfe gewöhnlicher Sprachrohre, wie sie auf See verwendet werden, eine
Verständigung auf weite Entfernung herbeiführen könne. Es sollen in
gewissen Abständen Stationen errichtet werden, die die Nachrichten
in einer Geheimsprache mittels Sprachrohren über Land rufen. Der
Verfasser kehrt also im wesentlichen wieder zu den Rufpostenketten der
alten Perser zurück. Was uns an seiner Abhandlung allein interessiert,
ist die von ihm gewählte Benennung des Apparates. Er meint, da sein
Apparat ganz anders sei als der eines Telegraphen, so verdiene er
auch einen andern Namen, und er sagt: „Welcher würde sich hier nun
schicklicher empfehlen als der gleichfalls aus dem Griechischen
entlehnte: Telephon oder Fernsprecher. Es sey mir also erlaubt, in der
Folge dieser Abhandlung mich dieses Wortes der Kürze wegen für die
hier vorgeschlagene Anstalt zu bedienen, und so den Telephon von dem
Telegraphen, ob sie gleich einen und ebendenselben Zweck haben, da sie
ihn durch ganz verschiedene Mittel erreichen, zu unterscheiden.“

Richtig übersetzt hat Huth das Wort Telephon nicht: denn sonst
hätte er statt Fernsprecher, Ferntöner sagen müssen. Es ist nun
aber sehr merkwürdig, daß eine richtige Übersetzung bereits seit
kurzer Zeit vorlag. Christian Heinrich Wolke, ehemaliger Mitstifter
und Direktor des philanthropischen Erziehungsinstituts in Dessau
hatte nämlich kurz vorher eine bereits seit mehreren Jahren von ihm
erdachte „Pasiephrasie“ erfunden, d. h. ein für alle kultivierten
Völker brauchbares Universalwörterbuch. Dieses höchst umständliche
System einer Universalsprache nannte er auch „Telephrasie oder
Fernsprechkunst“.

Auch noch später läßt sich mehreremal ein unserm Wort Telephon
ähnlicher Ausdruck nachweisen. So hieß ein Musiktelegraph von Sudre
vom Jahre 1828 „Telephonium“, und der Physiker Wheatstone bezeichnete
drei Jahre später die Fähigkeit hölzerner Stangen, den Schall auf
mechanischem Wege fortzuleiten, mit dem Ausdruck „Telephon“. Die
gleiche Benennung wandte Romershausen 1838 auf ein Schallröhrensystem
an. Der erste aber, der von einer elektrischen Telephonie sprach, war
der Unterinspektor der Französischen Telegraphie, Charles Bourseul, der
am 26. August 1854 einen Artikel über „~Téléphonie électrique~“
in der „~L’Illustration de Paris~“ veröffentlichte. Unser
Philipp Reis begann nach eigenen Angaben seine Arbeiten erst 1852. Am
26. Oktober 1861 machte er sein Telephon zuerst bekannt. Vor genau
55 Jahren, also 1860 soll auf seinen Apparaten zuerst folgendes
kleine Zwiegespräch im Garnierschen Institut in Friedrichsdorf bei
Homburg v. d. Höhe geführt worden sein: (Reis) „Die Pferde fressen
keinen Gurkensalat.“ -- (sein Freund) „Das weiß ich längst, Sie alter
Schafskopf.“



117.

Ein „Lenk“-Ballon von 1799.


[Illustration: „Lenk“-Ballon von 1799.]

Im Jahre 1799 legte der in Wien lebende Jakob Kaiserer im Archiv
der Universität eine Schrift nieder: „Über meine Erfindung, einen
Luftballon durch Adler zu regieren.“ Diesem merkwürdigen Vorschlag
wurde die Ehre zuteil, vor mehreren Jahren wiederum gedruckt zu
werden. Kaiserer geht von der Beobachtung aus, daß Adler Lämmer rauben
können und daß ein Pferd, das kaum einige Zentner tragen kann, 100
Zentner gegen den Strom zu ziehen vermag, mithin müsse ein Adler auch
zehnmal soviel ziehen als tragen können. Da man Raubvögel zur Falknerei
züchten könne, würde er seine Adler auf Ruf und Peitschenknall
abrichten. Solch ein Paar gezähmter Adler wollte Kaiserer mittelst
eines Joches von Fischbein und Leder vor die Mitte des Ballons spannen
und sie gleich Pferden lenken.



118.

Die Zigarette.


Da ich vom Ursprung des Tabaks und der Zigarren schon erzählt habe,
will ich auch vom Alter der Zigarette berichten. Gehören die drei Dinge
im Krieg doch zum „Unentbehrlichen“.

Ein Hamburger, namens Nemnich, erzählt im Jahr 1808 in einer deutschen
Zeitschrift, dem „Journal für Fabrik“, daß man auch „Papier-Cigarren“
habe, die besonders in Sevilla unter dem Namen „Pitillos“ hergestellt
würden. In Havanna und im übrigen spanischen Amerika nenne man sie
„Cigarritos“.

Das Brockhaussche Konversationslexikon, das seit der ersten Auflage
von den „Cigarros“ spricht, weiß von den heute so beliebten Zigaretten
erst in der zehnten Auflage im Jahre 1852 zu berichten: „Cigarrettas
oder Cigarritos heißen die spanischen Papierzigarren, welche aus
einem Röllchen feinem Papiers oder Reisstrohs bestehen, das mit
feingeschnittenem Tabak gefüllt ist; sie werden auch in Deutschland
verfertigt, wo sie aber wenig beliebt sind.“ Diese Angaben widerlegen
die allgemein verbreitete Ansicht, wir hätten die Zigarette erst im
Jahre 1862 aus Rußland kennen gelernt.



119.

Die Eroberung Englands durch die Luft und unter dem Meere hindurch.


Ob die Engländer jetzt nicht mit einem unbehaglichen Gefühl der
Spottbilder gedenken, die im Jahre 1804 erschienen, als Napoleon
I. England mit allen Mitteln zu bekämpfen suchte? Damals schlug
jemand vor, eine französische Armee auf riesigen Luftballonen über den
Kanal nach England zu senden. Napoleon wies den Plan als unausführbar
ab.

Er trachtete damals eine Flotte von 2000 Fahrzeugen zusammenzubringen.
Im Juni 1805 war alles zur Landung bereit. Gegen 132000 Mann, 15000
Pferde und 450 Geschütze konnten in zwei Stunden eingeschifft werden
und sollten zehn Stunden später auf englischem Boden stehen. Nur
der englischen Kriegsflotte konnte Napoleon mit seinen Fahrzeugen
nicht Herr werden. Eine beabsichtigte Täuschung der Engländer
war zwar gelungen, doch eines ihrer schnellen Schiffe konnte die
Heimatsflotte noch rechtzeitig warnen. Der französische Admiral
verzagt, und Napoleons genialer Plan, der die Welt von der drückenden
Willkür Englands befreien sollte, hatte so die geeignete Zeit der
Verwirklichung verpaßt.

Von wem der Plan, England im Luftballon zu erreichen ehemals ausging,
ist nicht bekannt geworden. Selbstverständlich war das Vorhaben für die
damalige Zeit gänzlich undurchführbar.

Ein wohl satyrisches Blatt zeigt links den Hafen von Boulogne, rechts
-- reichlich nahe -- die englische Küste. Der Zeichner benutzte als
Vorlage ein Blatt, das im Jahre 1785 veröffentlicht worden war, als
zwei Franzosen eine, allerdings mißlungene, Fahrt im Luftballon über
den Kanal angetreten hatten.

In großen Warmluftballonen sind die napoleonischen Heere verladen.
Wir sehen Soldaten, Pferde, Fahnen, Kanonen und Fahrzeuge in den
Riesengondeln. Unter einem jeden Luftballon hängt eine große Öllampe,
deren Flamme durch einen Glaszylinder geschützt ist. Diese Lampe hat
den Zweck, die sich an den Ballonwandungen allmählich abkühlende Luft
während der Fahrt wieder aufzuwärmen.

Außer diesem satyrischen Blatt muß in Frankreich damals eine Serie mit
Projekten zur Eroberung Englands erschienen sein; denn unser großes
Bild ist als zweites Blatt „Verschiedener Projekte zum Abziehen nach
England“ bezeichnet. Links haben wir wieder die französische, rechts
die englische Küste. Der Tunnel unter dem Kanal, von dem vor zwei
Jahren wieder so viel die Rede war, ist fertig und niemand denkt daran,
den Franzosen ihren Durchzug mit Roß und Geschütz zu hindern!

[Illustration: Angriff auf England durch die Luft und unter Wasser,
1801.]

An der französischen Küste ist es lebendig. Wir sehen große
Zeltlager und den Aufstieg von truppenbesetzten Luftballonen.
Optische Telegraphen auf dem Berg und an der Küste sprechen mit der
übersetzenden Flotte. In den vordersten Schiffen erkennen wir
Geschütze, die die englische Küste beschießen. Man hat die einfachsten
und billigsten Transportschiffe gewählt, während die Engländer ihre
hochmastige Flotte zur Verteidigung gegen den Angriff zur See längs
ihrer Küste aufgestellt haben.

Sobald die französischen Lufballone in den Bereich der englischen
Küste kommen, werden sie heftig beschossen. Die Scharfschützen
baumeln an den Schwänzen riesiger Luftdrachen, deren Halteseile vom
englischen Festland aus dirigiert werden. Aber dennoch nähern sich die
französischen Kriegsballone immer mehr der Küste, und der erste Ballon,
der sich über den englischen Schiffen befindet, wirft schon eine
mächtige Brandbombe aus seiner Gondel herab....

Englands Sonderstellung muß gebrochen werden. So war es damals, so ist
es heute; denn

    Seine Handelsflotten streckt der Brite
    Gierig wie Polypenarme aus,
    Und das Reich der freien Amphitrite
    Will er schließen wie sein eigen Haus!

                                       (Schiller).



120.

100 Jahre Suppentafeln.


Es ist jetzt 100 Jahre her, daß Johann Friedrich Westrumb die ersten
Suppentafeln anfertigte. Alsbald ward die Herstellung solcher
Tafeln, in die viel Fleisch eingepreßt war von einer Gesellschaft in
Buenos-Ayres im Großen unternommen. 1849 wurden der Pariser Akademie
gepreßte Gemüse vorgelegt, die nach dem Aufweichen den früheren
Geschmack zeigten und sich deshalb auf das Beste für Kriegsschiffe
eigneten. Earl Borden jun. in Galveston (Texas) stellte im Jahre 1850
Fleischzwieback her, indem er eine bis zur Sirupkonsistenz verdampfte
Fleischbrühe mit Weizenmehl mischte und den Teig bei mäßiger Wärme
im Ofen backte. Diese Zwiebacke erregten großes Aufsehen; wie man
allerdings erst viel später sah, enthalten sie nicht die Nährstoffe
des Fleisches, sondern nur dessen Extraktivstoffe. Der französische
Fabrikant Etienne Masson konservierte im gleichen Jahr Gemüse, indem
er sie getrocknet einer starken Pressung unterwarf, und sie zu kleinen
viereckigen Tafeln formte. Die „Aktiengesellschaft für Fabrikation
comprimierter Gemüse“ zu Frankfurt am Main erhielt am 23. August 1855
ein frankfurtisches Patent (für die Zeit vom 31. Januar bis 30. Januar
1864) auf die Fabrikation konservierter Vegetabilien.



121.

Der Anfang des Fahrrades.


Der in Mannheim lebende Forstmeister Freiherr Drais von Sauerbronn
hatte sich im Jahre 1813 ein kleines Fahrzeug mit drei Rädern gebaut,
auf dem er zum nicht geringen Erstaunen seiner Landsleute in den
Straßen herumfuhr. Als der Kaiser von Rußland damals nach Mannheim kam,
ließ er sich das sonderbare Fuhrwerk vorführen, „fand Wohlgefallen
daran und sandte dem Erfinder einen brillantenen Ring für das
Vergnügen, welches ihm damit gemacht worden sei“.

Diese Ehrung stieg dem phantastisch veranlagten Freiherrn zu Kopf, er
verließ den Forstdienst und wurde Erfinder. Eine ganze Menge von Ideen
brachte er im Laufe seiner immer mehr abwärts neigenden Lebensbahn zu
Tage. Nur wenige vermochte er zu verwirklichen. Einige seiner Pläne
kamen erst lange nach seinem Tode zur Durchführung, darunter das
Fahrrad, die Schreibmaschine und die Spiegel, mit denen man Tageslicht
in dunkle Zimmer wirft.

Das Draissche Fahrrad, wie es hier in seiner ältesten bekannten Form
abgebildet ist, hatte keinerlei Tretmechanismus. Man setzte sich auf
den Sattel, legte die Unterarme bequem auf die Lenkstütze und stieß
sich mit den Füßen vom Fußboden ab. Um die Schuhspitzen nicht so sehr
abzunutzen, schraubte man sich Eisenkappen unter. Am 12. Juli 1817
machte Drais auf seiner Laufmaschine die erste Fahrt von Mannheim nach
Schwetzingen und zurück. Dieser Weg, der vier Poststunden lang war,
wurde von ihm auf dem Rad in weniger als einer Stunde zurückgelegt.
Drais verstand es meisterlich, für seine Erfindungen Reklame zu machen,
und so lesen wir denn auch bald in fast allen größeren Zeitungen und
Zeitschriften von dieser seiner erfundenen Laufmaschine. Besonders
empfahl er das Fahrrad dort zu benutzen, wo man sonst einen Eilreiter,
die Stafette, nötig hatte. Im Jahre 1818 erhielt Drais auf seine
Erfindung ein badisches Patent, und man ernannte ihn zum Professor der
Mechanik. Es ist der einzige mir bisher bekannt gewordene Fall, daß
jemand wegen einer Erfindung kurzerhand zum Professor ernannt wurde.

Nach allen Weltgegenden wurden die Draisschen Fahrräder, die man
damals Velocipedes oder Draisiennen nannte, verschickt. Besonders die
Fürstlichkeiten interessierten sich für dieses neue Verkehrsmittel. In
England gab man der Maschine sogleich einen Antrieb durch Handhebel.
Die miserablen Wegeverhältnisse der damaligen Zeit verhinderten jedoch
damals eine dauernde Verwendung dieser „Knochenschüttler“.

[Illustration: Das Fahrrad im Jahr 1817, Farbenkupferstich.]

Erst nach dem Tode des verarmten Erfinders (1851) begann man
mit Versuchen, die Laufmaschine mit Tretkurbeln zu versehen. Im
deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wurden solche Fahrräder von den
Franzosen bereits in bescheidenem Umfange angewandt.



122.

Das erste Eisenbahn-Frachtstück.


Daß heute Tag und Nacht Unmengen von Gütern aller Art zu unseren
Truppen an die Front rollen, erscheint selbstverständlich.

Als die Eisenbahnen etwas neues waren, galt es als Besonderheit, einen
leblosen Gegenstand mit der Dampfbahn zu befördern.

Man hatte zwar bei der ersten deutschen Eisenbahn, die im Jahre 1835
zwischen Nürnberg und dem benachbarten Fürth in Betrieb gekommen war,
vorgesehen, neben dem Personentransport auch Güter zur Besorgung zu
übernehmen, doch ging man wieder bald von dem Gedanken ab, weil die
Schwierigkeiten zu groß erschienen.

Am 17. Mai 1836 stellte Andreas Jacob Hartmann den Antrag auf Benützung
der Ludwigsbahn zum Waren- und Gütertransport. Das Direktorium ging
jedoch nicht darauf ein. Es erwiderte dem Antragsteller am 10. Juli
1836: „Erst wenn die erforderliche Anzahl von Personenwagen vorhanden
sind, möchte die Möglichkeit gegeben sein, Warentransporte von größeren
Quantitäten versuchsweise anzustellen, obschon fast im voraus zu
entnehmen ist, daß dieselben bei den niedrigen Frachtpreisen und bei
den Auslagen, welche der Transport der Waren zur Bahn und von dieser
nach dem Hause des Empfängers verursacht, wofür die Boten 3 Kr. per
Zentner im ganzen erhalten, kein befriedigendes Resultat geben werden.
Der Transport von Pakets, Schachteln und Briefen aber bleibt auch für
die Zukunft eine unausführbare Idee, da der Verwirklichung derselben
einmal die Post- und Botenordnung entgegensteht, und die dadurch
bedingte Vermehrung des Dienstpersonals und die Ausgaben für passende
Lokalitäten in Nürnberg und Fürth selbst bei dem stärksten Betrieb
in keinen Verhältnissen zu den Einnahmen steht, abgesehen davon, daß
abermals eine große Anzahl von Familien, namentlich in Fürth, dadurch
brotlos gemacht werden dürfte. Der Antrag des Hartmann ist weder zeit-
noch zweckmäßig.“ Die Abweisung des Hartmannschen Antrages, die ihren
hauptsächlichsten Grund in dem Mangel an Transportwagen hatte, hinderte
indes nicht, bald darauf einen Versuch mit dem Gütertransport zu
machen, allerdings in einem sehr bescheidenen Umfang. Dem Bierbrauer
Lederer wurde nämlich am 11. Juli 1836 gestattet, mit den ersten nach
Fürth gehenden Wagen zwei Fäßchen Bier an den Wirt zur Eisenbahn gegen
Vergütung von je 6 Kreuzern Transportlohn unter der Bedingung zu
senden, daß die Fäßchen von dem Wirt bei Ankunft des Wagens sogleich
abgeholt werden. Direktorial-Kommissär Dr. Löhner sollte Sorge
tragen, daß dieser kleine Anfang des Gütertransportes in gehöriger
Ordnung vor sich gehe, „um solchen vielleicht späterhin ins Große
ausdehnen zu können,“ wie die Direktorial-Ordre hinzufügt.



123.

Ein Eisenbahnjubiläum.


Als im vergangenen Jahr unsere Eisenbahnen die Riesenmassen der Heere
mit einer Ruhe und einer Gleichmäßigkeit beförderten, als seien sie
Uhrwerke, haben wir im Ernst der Zeit ganz vergessen, daß wir das
Jubiläum der Truppentransporte in Preußen begehen könnten.

Wir lesen nämlich in der Geschichte der Unteroffizierschule in Potsdam
folgendes beim Jahre 1839: „An den Herbstübungen des Gardekorps,
welches in zwei Zeltlagern in der Umgegend von Potsdam zusammengezogen
war, nahmen auch das Lehr-Infanterie-Bataillon und in dessen Reihen die
kräftigsten Zöglinge des dritten Jahrgangs der Schulabteilung teil.
Das Infanterielager befand sich am Fahrländer See, das der Kavallerie
vor dem Brandenburger Tor, zwischen Schafgraben und Pirschheide. Nach
beendigtem Manöver kehrte die Berliner Infanterie per Eisenbahn in
ihre Garnison zurück. Von der Plattform des Bahnhofsgebäudes aus sah
Seine Majestät der König der Verladung und der Abfahrt der Truppen zu,
damals insofern ein interessanter Anblick, als es das erste Mal war, wo
dergleichen Truppenbeförderungen auf der Eisenbahn stattfanden.“



124.

Ein Dampfluftschiff von 1842.


Als man 1835 in Paris eine Europäische Luftschiffahrtsgesellschaft
gegründet und mit dem Bau eines großen Luftschiffes begonnen hatte, das
den Verkehr zwischen Paris und London aufnehmen sollte, regten sich
überall die Erfinder. In Deutschland zog der Nürnberger Mechaniker
Leinberger vergebens mit dem Modell seines Dampfluftschiffes herum, um
die Mittel zum Bau eines großen Dampfluftschiffs zu erlangen. Wie naiv
man damals an die gewaltige Aufgabe der Luftschiffahrt ging, beweist
die Anordnung des Schornsteins der Dampfmaschine, der mitten durch die
Ballonhülle hindurchführt.

[Illustration: Leinbergers Modell, 1842.]



125.

Der rettende Trompeter.


Die blutige Fackel des Bürgerkrieges hatte bereits dreimal über
Wien aufgelodert, als der verhängnisvolle 6. Oktober 1848 über die
Hauptstadt hereinbrach.

Damals lebten in Wien die aus Regensburg gebürtigen Mechaniker Johann
Nepomuk und Leonhard Mälzel. Der Jüngere von ihnen, Leonhard, war ein
großes musikalisches Genie und der Kaiser von Österreich hatte ihn
schon im Jahre 1827 wegen seiner vielen auf das beste ausgeführten
mechanischen Musikwerke zum „musikalischen Kammermaschinisten“
ernannt. Die Brüder Mälzel lebten in guten Verhältnissen und manches
wertvolle Stück war in ihrer Wohnung zu finden. Was Wunder, daß
unlautere Elemente der Revolution sich an ihrem Eigentum vergreifen
wollten, gehörte doch der eine der Brüder, wie gesagt, zum kaiserlichen
Hofstaat. Gruppenweis sammelten sich Leute an jenem verhängnisvollen
Tage vor den Fenstern des Mälzelschen Hauses und immer lauter wurden
die Drohungen gegen den Mann, der wegen seiner Anhänglichkeit an
den Kaiser unbeliebt war. Zwar hatten die kaiserlichen Truppen
schon die ganze Gegend eingeschlossen und Leonhard Mälzel hätte
auf jeden Fall für seine Person Schutz gefunden, doch er fürchtete
die Zerstörung seiner wertvollen Musikapparate. Immer mehr Volk
sammelte sich, immer drohender wurde das Geschrei der Menge. Einige
pochen an die Tür, andere wollen zu den Fenstern hereinklettern, da
erscheint hinter den Gardinen die mächtige Gestalt eines kaiserlichen
Trompeters in Paradeuniform und schmettert seine Fanfare über die
vor Schreck gelähmte Menge. Alles stob auseinander und im Augenblick
war die Umgebung des Mälzelschen Hauses wie ausgestorben. Denn wo
ein kaiserlicher Trompeter war, mußte mindestens auch eine Eskadron
Kürassiere zum Schutz des kaiserlich-musikalischen Kammermaschinisten
untergebracht sein. Mälzel und seine großen Kunstwerke waren gerettet,
gerettet durch einen künstlichen Trompeter, den Mälzel kurz vorher
vollendet hatte. Dieser Trompeter ist heute im Münchener Museum
zu sehen. Mittelst einer Kurbel werden starke Federn aufgezogen.
Vor Beginn des Spieles hebt der Trompeter den rechten Arm, der das
Instrument hält, in die Höhe, und 2 Blasbälge zwischen den Schultern
sitzend, erzeugen, vom Laufwerk getrieben, den Wind.

Noch heute ist dieser mechanische Trompeter betriebsfähig und kann
seine militärischen Signale, die einst ihm und seinem Meister das
Dasein retteten, erklingen lassen. Es ist einer der wenigen, noch
erhaltenen Automaten aus vergangener Zeit.



126.


[Illustration: Man beachte oben das Musikgeschütz auf der Bühne, die in
der Luft herumwirbelnden Noten und „Kugeln“, die verstohlen zündende
Hand in der unteren rechten Ecke der Bühne und die „lauschenden“ Ohren
in den Logen.]

[Illustration: „Dampfmusik“, Spottbilder auf die laute musikalische
Instrumentation von Berlioz, 1842.]



127.

Luftbomben im Jahre 1849.


Unter dieser Überschrift ging Anfang Juni eine Nachricht durch die
Presse, die folgenden Wortlaut hatte:

Über eine frühere Beschießung Venedigs aus Luftfahrzeugen befinden
sich in den Sammlungen des Wiener Kriegsarchivs Aufzeichnungen von
hohem Gegenwartsinteresse, die die Neue Freie Presse mitteilt. Der
österreichische Linienhauptmann und Doktor der Philosophie und der
freien Künste, Heinrich Hauschka, erzählt in seiner Schrift „Die
Belagerung von Malghera und Venedig“ folgendes aus dem Jahre 1849:

Im Monat Juli wurden Versuche angestellt, mittelst Luftballons Bomben
aufsteigen zu lassen. Bei Erreichung des Scheitelpunktes der belagerten
Stadt sollte sich die Bombe von ihrem Ballon trennen, herabfallen und
mittelst Perkussion explodieren. Die Zufälligkeiten des Windes, welcher
in den oberen Luftschichten eine andere Richtung als in den unteren
hatte, ließen diese Versuche, sowohl vom Lande als von der See aus auf
dem Dampfer „Vulkan“, nicht recht glücken, denn die meisten Bomben
fielen ins Wasser. Der Kapitän der englischen Brigg „Frolio“, sowie
der eines griechischen Fahrzeuges, welche zur selben Zeit in Venedig
waren, schilderten die Angst der Einwohner und Schiffe, überhaupt
den moralischen Effekt als sehr groß. Diese sinnreiche Idee ging vom
damaligen Artillerieoberleutnant Franz Uchatius aus. Dadurch dürfte
es feststehen, daß es mit dieser Art Ballons möglich ist, Bomben und
andere Feuerwerkskörper bis auf 5000 Klafter Distanz sowohl vom Lande
als auch von der See aus zu werfen, sobald die Grundbedingung, eine
günstige Windrichtung, vorhanden ist, und daß hierdurch viele der
größeren Städte, welche bisher durch ihre umliegenden Werke vor einem
Bombardement gesichert waren, es jetzt nicht mehr sind.

Tatsächlich gelang es im Verlaufe der Belagerung mehrmals Bomben
in der Richtung gegen Murano zu bringen und sie über feindliche
Schiffe zu dirigieren. Auch der französische Dampfer „Panama“ wurde
durch einen solchen Ballon bedroht. In dem offiziellen Kriegsbericht
wurde gemeldet, daß am 25. Juli 1849 zwei mit Schrapnells versehene
Ballons vom Dampfer „Vulcano“ aufstiegen und am Lido über dem
Giardino Pubblico in 1500 Meter Höhe und 6300 Meter Entfernung sich
entladen haben. Die Panik, die durch die Ballonbomben verursacht
wurde, wird übereinstimmend als sehr groß geschildert, und die heute
in Venedig bestehende Fliegerfurcht mag dem damaligen Stande der
Luftschiffahrt entsprechend der Wirkung gleich gewesen sein, welche die
Uchatius-Flieger hervorgerufen haben.



128.

Von einem chloroformierten Bären.


Es war im Jahre 1852. Professor Schönlein war bei König Friedrich
Wilhelm IV. um die Erlaubnis eingekommen, die Wirkungen des damals
neuen Chloroforms an einem lebenden Wesen, das operiert werden sollte,
zu versuchen. Einen Menschen wollte man nicht dazu opfern, aber der
König erteilte die Erlaubnis, daß ein großer Bär des zoologischen
Gartens, dem, weil er erblindet war, der Star gestochen werden mußte,
für das Experiment herhalten durfte. Die Operation gelang. Doch --
leider -- der Patient wachte nicht mehr auf. Die Berliner ulkten
natürlich über dieses Mißgeschick der Ärzte und der König war nicht
einer der letzten Lacher. Der Bildhauer Wolf modellierte daraufhin
eine kleine Gruppe, die dem König so sehr gefiel, daß er sie im
Guß verlangte. Man sieht in einem Sessel den Bär im Schlafrock und
Schlafmütze regungslos zusammengekauert. Um ihn herum stehen ratlos die
Ärzte, denen der Bildhauer die Physiognomie von Tieren gegeben hatte.
Dem König gefiel der Guß so sehr, daß er die Erklärung dazu in einem
Vers verlangte. Der Dichter, dem dies am besten gelänge, bekäme zur
Belohnung einen weiteren Abguß von der Gruppe. Da studierte auf der
Berliner Universität der Sohn des Berliner Professors Karl Heyse, der
spätere Dichter Paul Heyse, damals 22 Jahre alt; der schickte folgenden
Vers ein:

    Der Bär ist jetzt ein toter Mann,
    Das Chloroform ist schuld daran,
    Ein ärztliches Kollegium
    Ging mit dem Vieh zu menschlich um,
    Das Füchslein grinst, das Bärlein flennt,
    Der Wolf setzt’ ihm dies Monument.



129.

Schneemäntel im Krimkrieg.


Man könnte sagen: als es andersherum war, als heute, war es ebenso wie
jetzt. Nämlich so:

Als die Engländer und Franzosen anno 1855 mit den Türken gegen die
Russen verbündet waren, belagerte man diese in der Feste Sebastopol.
Und die Russen machten damals häufig Ausfälle aus der Festung, wobei
sie -- wie im jetzigen Krieg wieder -- in weiße Mäntel gehüllt waren.

[Illustration: Schneemäntel im Jahr 1855.]

Über diese sonderbaren Schneemäntel berichtete damals die „Times“ ihren
Lesern. Der Berliner Kladderadatsch griff diese Nachricht auf und
erläuterte sie durch unser eigenartiges Bildchen: „Die Russen machen
jetzt häufig Ausfälle aus Sebastopol, bei welchen sie ganz in weiße
Mäntel gehüllt, auf der blendenden Schneedecke nicht zu bemerken sind,
da dieselben aber keine Schlemihls sind, so werfen sie notgedrungen
einen Schatten, und erkennen so die Belagerer die nahende Gefahr.“

Daß Peter Schlemihl ein Mann des Märchens ist, der keinen Schatten
besaß, und darüber sehr unglücklich war, das hat uns ja Adalbert von
Chamisso einst erzählt.



130.

Das Aero-Brot.


[Illustration: Nach dem Brotgenuß.]

Wie „leicht“ es einmal den Menschen gemacht würde, sich in die Luft zu
erheben, ahnte ein Witzbold der Zeitschrift „Punch“ der Zeit voraus im
Jahr 1860; da ißt, wer zu einer kleinen Luftreise aufgelegt ist, zum
Frühstück mit der ganzen Familie etwas gashaltiges „Aero-Brot“ und die
aeronautische Reise beginnt sogleich. Wer länger reisen will, fastet
lange genug vorher und stillt seinen Heißhunger durch eine besonders
große Brotmenge.

Sieht es nicht so aus, als ob die Familie, die hier in die Höhe
gestiegen ist, sich im Brot vergriffen hätte? Ich glaube, die wollten
allesamt nur ihr einfaches Frühstück einnehmen, um zur Arbeit gehen zu
können. Nun müssen sie „steigen“ und machen lange Gesichter.



131.

Die Luftschiffahrt im Kriege von 1870/71.


Als die Deutschen im Winter 1870 bis 1871 Paris eingeschlossen hatten,
konnte man durch Brieftauben zwar Nachrichten aus der Festung hinaus
schicken, doch die Verbindung zur Festung mittelst Brieftauben wurde
den Franzosen zu unsicher. So versuchten sie denn den Nachrichten- und
Personenverkehr durch Luftfahrzeuge zu erreichen, und sie kamen dabei
sogar -- was wenig bekannt ist -- bis zum Bau eines militärischen
Luftschiffes.

Von Paris aus stiegen insgesamt 64 Luftballons während der Belagerung
auf. Außer den 64 Führern beförderten sie 91 Personen, darunter
am 7. Oktober den Diktator Gambetta, um die Regierung in Tours zu
übernehmen. Außerdem wurden 363 Brieftauben auf diese Weise aus der
Festung ins Land befördert, so daß die Tauben mit Nachrichten in
die Festung zurückfliegen konnten. Endlich wurden noch über 9000
Kilogramm Depeschen und eine besondere Zeitung „Ballon-Poste“, die
die Neuigkeiten der Hauptstadt in die Provinz tragen sollte, von den
Ballonen mitgenommen.

Zwei dieser Ballone gingen verloren, davon einer im atlantischen Ozean.
Fünf Lufballone fielen in die Hände der Belagerer. Krupp hatte in
aller Eile ein Ballongeschütz konstruiert; es bestand aus einem sehr
großen Gewehr, das in einem Gestell drehbar auf einem vierrädrigen
Wagen stand. Zwei Exemplare dieses ersten Kruppschen Ballongeschützes
befinden sich im Berliner Zeughaus, andere Exemplare in den
Waffensammlungen zu Dresden und München.

Außer diesen Freiballonen verwendeten die Franzosen in Paris
Fesselballone, um unsere Stellungen zu erkunden. Sie verfielen dabei
auf den originellen Gedanken, die Drahtseile, an denen die Ballone
gehalten wurden, an einer Lokomotive zu befestigen, so daß sie den
Ballon in der Luft hin- und herfahren lassen konnten.

Ihre Versuche, mittelst Luftballonen bei günstigem Wind von
verschiedenen Städten des Landes aus nach Paris zu gelangen, schlugen
gänzlich fehl.

Als die Not im belagerten Paris immer größer wurde, von den Armeen
und der Regierung im Lande aber keine Hilfe kam, erinnerte man sich
der Versuche, die der Ingenieur Giffard in den Jahren 1852 und 1855
mit einem Luftschiff gemacht hatte. Das Kriegsministerium beauftragte
einen tüchtigen, doch mit lufttechnischen Dingen nicht vertrauten,
Marineingenieur, namens Dupuy de Lôme, ein lenkbares Fahrzeug zu
bauen, das über die Köpfe der Belagerer hinweg bei Nacht den Verkehr
zwischen Paris und dem Lande unternehmen sollte. Mit allem Eifer
ging man sogleich an den Bau. Da es nicht möglich war, in Paris eine
geeignete Betriebsmaschine für das Luftschiff zu finden, begnügte der
Erbauer sich mit dem Antrieb der Luftschraube durch Menschenkraft: acht
Soldaten mußten in der Gondel mittelst Kurbeln die Luftschraube drehen.
Das Luftschiff hatte eine Länge von 36,2 Metern und einen Durchmesser
von 14,84 Meter.

Doch ehe das Luftschiff fertig war, hatten wir Paris genommen. Erst
am 2. Februar 1872 konnte dieses Luftschiff seine einzige Probefahrt
machen. Es hatte eine zu geringe Geschwindigkeit und wurde deshalb
sogleich auf Abbruch verkauft.

Unsere günstige Lage im deutsch-französischen Krieg stellte an uns
keine lufttechnischen Aufgaben. Dennoch wurden Anfang September 1870
in Köln zwei Luftschifferabteilungen mobil gemacht, die bei der
Belagerung von Straßburg zu Erkundigungen aufstiegen. Als sie nach
dem Fall von Straßburg nach Paris geschickt wurden, konnte unsere
Einschließungsarmee die Ballone nicht verwenden, weil es dort an Gas
zur Füllung fehlte.



132.

Die Bilderpostkarte von 1870/71.


Auch die heutige Ansichtspostkarte wurde aus dem Krieg geboren.

Die Postkarte selbst war erst am 25. Juni 1870 zum erstenmal zur
Ausgabe gelangt. Bald nachher kam der Krieg. Da druckte, es war am
16. Juli, der Buchhändler August Schwartz in Oldenburg, auf eine
gewöhnliche Postkarte ein in seiner Druckerei vorhandenes Bildchen ab,
das einen Artilleristen an seinem Geschütz zeigt. Seine Schwiegereltern
waren nämlich in Marienbad, und hatten große Not, sich durch den
Truppenaufmarsch bei der Mobilmachung bis Oldenburg durchzuschlagen.
Bis Magdeburg waren sie gekommen, mußten dort aber Aufenthalt nehmen.
So begrüßte der Schwiegersohn sie dort in der Hoffnung auf baldiges
Wiedersehen mit der oben abgebildeten Karte, deren Bildchen ein Hinweis
auf den Kriegszustand sein sollte.

[Illustration: Die erste Bilderpostkarte.]

Im Oktober 1875 erschien diese artilleristische Bilderkarte mit 24
ähnlichen Karten, die teils humoristische, teils ernste Bilder trugen,
bei Schwartz im Handel.

Alsbald nahmen Gasthäuser und Vergnügungsorte die Idee der
Bilderpostkarte zu Reklamezwecken auf.



133.


[Illustration: Der Luftballon als Kinderwärter auf der
Urlaubspromenade. Aus dem „Schalk“, 1879.]



134.

Knalldämpfer an Gewehren.


Johann Joachim Becher, der Sohn eines Pfarrers aus Speyer, ein im
17. Jahrhundert vielgelesener Schriftsteller, kam später in Verruf,
weil die Eigenart und die Menge der von ihm geäußerten Ideen so
garnicht in den ruhigen Gedankengang des bezopften Gelehrtentums des
18. Jahrhunderts passen wollte. Erst den neueren Bestrebungen zur
Erforschung der Geschichte der Naturwissenschaften, besonders der
Geschichte der Chemie, ist es zu danken, daß man sich die Werke von
Becher näher ansah. Wir lernten in ihm einen zwar unruhigen aber
äußerst vielseitigen und fruchtbaren Geist kennen. So berichtet er
z. B. schon von der Brauchbarkeit des Gases zur Beleuchtung, von der
Nutzbarkeit des Torfes, von der Spritfabrikation aus Kartoffeln und von
vielen andern erst weit später verwirklichten Ideen.

In Bechers Buch „Närrische Weißheit Und Weise Narrheit Oder Hundert
/ so Politische alß Physicalische / Mechanische und Mercantilische
Concepten und Propositionen / Deren etliche gut gethan / etliche zu
nichte worden / Samt den Ursachen / Umbständen und Beschreibungen
derselben“ (Frankfurt 1682) wird unter anderen Ideen auch von einem
Knalldämpfer für Gewehre berichtet. Es heißt nämlich im ersten Teile
des Buches -- wo diejenigen Erfindungen aufgeführt werden, „welche
dem euserlichen Ansehen nach närrisch, irraisonnable und ohnmöglich
geschienen, dennoch in praxi wohl succedirt, und mit Nutzen reussiret“
-- und zwar im 21. Kapitel: „Dousons Kunst-Rohr, welches da schießet
mit gemeinem Pulver und Bley, als ein ander Rohr, und doch keinen Knall
tut, und besteht die Kunst allein in Bereitung des Rohrs.

Diese Invention schickt sich zu den vorigen zweyen (diese beiden
Erfindungen behandeln das Süßwasserbereiten aus Meerwasser auf kaltem
Wege), denn ob sie wohl mechanisch ist, so thut sie doch einen
wunderlichen Physikalischen Effect: Man hat zwar vor diesem viel vom
stillen Pulver gesagt, es ist aber gedachtes Pulver still geblieben,
und nie vor den Tag kommen, so viel mir allzeit wissend, und so fleißig
ich nach demselben gefraget. Dieses Dousons Rohr aber hat gantz eine
andere Bewandtniß, denn er nimmt gemein Pulver und gemein Bley in der
ordinari-Ladung und thut weiter nichts darzu, schießet so stark als
ordinari, und wird doch kein Knall gehöret, und bestehet die Kunst
allein in dem Rohr, dessen Structur den Knall supprimirt. Ich habe
zwar selbst den Effect dieses Rohres nicht gesehen, aber Se. Hoheit,
der Prinz Ruprecht haben mir etliche mahl gesagt, daß sie dergleichen
Rohr haben, und die Probe darmit gethan, wie es mir dann auch Douson
selbsten bekräfftiget.“

Becher lebte in den letzten Jahren seines Lebens in England. Auch
Ruprecht von der Pfalz hielt sich von 1673 bis zu seinem Tode in
Windsor auf. Ruprechts physikalische und mathematische Sammlungen sind
zum Teil heute noch in England erhalten. Es wäre also nicht unmöglich,
daß ein in seinem Besitz gewesenes Rohr, „dessen Structur den Knall
supprimirt“, sich noch jetzt in England vorfände.

Der von Becher genannte „Douson“ hieß richtig d’Esson. Er war 1604 zu
Reims geboren und machte sich als Kupferstecher und Mechaniker einen
Namen. Er wird bei allerlei Erfindungen damaliger Zeit genannt, doch
ist sein Name meist verstümmelt, z. B. als: du Son, Tousson, Deson,
Lisson, d’Egmond, d’Aigmond usw.



135.

Petroleum als Waffe.


Das heute im Lande so begehrte Petroleum ist nicht von Amerika
aus bei uns bekannt geworden, sondern schon das Altertum kannte
Erdölquellen und verwendete deren Produkt als Waffe. Der bedeutendste
Kriegsschriftsteller des römischen Kaisertums, Flavius Vegetius, der um
die Völkerwanderungen schrieb, berichtet nämlich, daß man in besonders
konstruierten Brandpfeilen Harz, Schwefel, Erdpech oder Erdöl brennend
eingoß und so gegen den Feind schoß. Die Brandpfeile trugen hinter
der Spitze eine spindelförmige, durchlöcherte Hülse, die mit Werg
vollgestopft und mit den erwähnten brennbaren Stoffen getränkt war. Ein
solcher Feuerpfeil durfte aber nur von einem mäßig gespannten Bogen
abgeschossen werden. Er hatte also keine große Kraft und reichte nicht
weit. Auch wußte der Feind, daß man diese Feuerpfeile durch Aufwerfen
von Erde ersticken könne.

Man trachtete deshalb früh nach der Erfindung von Feuerwerkssätzen,
die nicht leicht ausgelöscht werden könnten. Als eine der ersten
Errungenschaften der Kriegsfeuerwerkerei ist wohl allen aus dem
Geschichtsunterricht noch das sogenannte griechische Feuer in
Erinnerung. Richtig heißt es „Byzantinisches Kriegsfeuer“, denn es
wurde unter den byzantinischen Kaisern erfunden, und dieser Zeit galt
das Wort Grieche als ein schlimmes Schimpfwort. In diesem Kriegsfeuer
war nur das Erdöl enthalten; sicherlich, weil es schon bei etwa 40
Grad sehr leicht entzündliche und in Vermischung mit Luft explosive
Dämpfe entwickelt. Die Erfindung des byzantinischen Feuers wird
auf Kallinikos, einen Kriegsbaumeister aus Heliopolis in Syrien,
zurückgeführt. Das Erfindungsjahr soll das Jahr 671 sein. Schon 678
zerstörten die Byzantiner mit diesem Feuer eine Belagerungsflotte
der Araber vor Kyzikos. Im Jahre 716 wurde die Hauptstadt Byzanz
zum ersten Male durch griechisches Feuer verteidigt. Den größten
Triumph erlangte die Erfindung im Jahre 941, als Kaiser Konstantinos
VII. mit seiner aus 15 Fahrzeugen bestehenden Flotte durch
griechisches Feuer die aus mehr als 1000 Schiffen bestehende Flotte der
Russen vor Byzanz vertrieb und zum Teil zerstörte. Der Kaiser erkannte
die Wichtigkeit dieser Erfindung, und sagte deshalb in seinen Schriften
über die Staatsverwaltung darüber: „Ein Engel, das sage jedem, der
dich darüber fragt, ein Engel brachte diese Wundergabe dem ersten
christlichen Kaiser Konstantin, und trug ihm auf, dies flüssige Feuer,
das aus Röhren Verderben auf die Feinde speit, einzig für die Christen
und nur in der christlichen Kaiserstadt Konstantinopel zu bereiten.
Niemand, so wollte es der große Kaiser, sollte dessen Zubereitung
kennen lernen; kein anderes Volk, wer es immer sei.... Deshalb ließ
er selber im Hause des Herrn eine Tafel aufhängen, auf der mit großen
Buchstaben eingegraben stand, daß, wer dieses wichtige Geheimnis einem
fremden Volke verrate, als ehrlos und des christlichen Namens für
verlustig erklärt wurde; ihn, den niederträchtigen Verräter, treffe
die härteste und grausamste Strafe.... Als dennoch ein Großer des
Reichs dies Geheimnis verriet, traf ihn die Strafe des Himmels: eine
Flamme kam, als er in das Gotteshaus eintrat, vom Himmel herab, ergriff
ihn und enthob ihn den Blicken der von großem Schrecken ergriffenen
Sterblichen.“

Der Kaiser umgab also die Erfindung absichtlich mit einem großen
Geheimnis und führte ihre Entstehung sogar auf Kaiser Konstantin den
Großen zurück. Erst vor wenigen Jahren hat v. Romocki in seiner
Geschichte der Explosivstoffe (1895, Bd. 1) auf Grund sehr schwieriger
Textuntersuchungen festgestellt, was dieses griechische Feuer
eigentlich war. Er zeigte vor allem dabei, welch wichtige Rolle der
Zusatz von Erdöl bei der Wirkung dieses so gefürchteten Kriegsfeuers
spielt. Romocki konnte nämlich nachweisen, daß sich die Rezepte des
byzantinischen Feuers, allerdings in entstellter Form, in spätere
Schriften von Kriegstechnikern eingeschlichen hatten. Dort wird nun
berichtet, daß die aus Schwefel, Harz, Erdöl, Salz und gebranntem Kalk
bestehende Mischung aus Druckspritzen gegen den Feind geschleudert
wurde. Da sich gebrannter Kalk in feuchter Luft -- oder in einer
Seeschlacht bei Berührung mit dem Wasser -- bis auf 150 Grad erhitzt,
so mußte er in dem beigemischten Erdöl leicht entzündliche Dämpfe
entwickeln.

Brachte man eine größere Menge eines aus Erdöl und ungelöschtem Kalk
bestehenden Feuerwerkssatzes dadurch mit vielem Wasser in Berührung,
daß man das Gemisch von einem Schiffe aus durch Spritzen auf der
Wasseroberfläche sich ausbreiten ließ, so entzündete sich das Erdöl
nicht ruhig, sondern die starke Erhitzung des Kalkes rief aus dem Erdöl
eine plötzliche heftige Entwicklung von Dämpfen hervor, die, mit Luft
gemischt, stark explosiv wirkten. Natürlich konnte man ein solches
Gemisch auch an der Mündung der Druckspritzen bereits entzünden.

Die alten Kriegstechniker waren bei der Bereitung ihrer erdölhaltigen
Feuerwerke auch auf die Destillation des Petroleums gekommen, d. h.
sie verstanden es schon, die am leichtesten flüchtigen und wegen
ihres hohen Gehaltes an brennbarem Wasserstoff mit der höchsten
Wärmeentwicklung brennenden Teile des Erdöls auszuscheiden. Schon
in vorchristlicher Zeit kannte man die Harzdestillation und betrieb
sie besonders in der Stadt Kolophon. Deshalb nennt man noch heute
die bei der Verflüchtigung des Terpentinöls zurückbleibende Masse
„Kolophonium“. Wie einfach die Destillation vor sich ging, berichtet
uns Plinius der Ältere ums Jahr 65 n. Chr. (Buch 1, Kap. 7); man kocht
das Produkt und spannt währenddem über dem Kessel Felle aus. Diese
Felle, in deren Wolle sich die flüchtigen Teile verdichtet hatten,
wurden alsdann ausgedrückt. Das 4. Jahrhundert n. Chr. kannte aber
bereits Destillierapparate mit Vorlagen. In byzantinischer Zeit wird
dann verschiedentlich vom Destillieren des Petroleums gesprochen, wenn
Rezepte für unauslöschbare Feuersätze gegeben werden.



136.

Von Hufeisen, Sätteln, Steigbügeln und Sporen.


Das Pferd braucht, solange es in der Freiheit lebt, keine Hufeisen.
Wenn es aber Lasten ziehen, oder Menschen tragen muß, oder wenn es
gar auf steiniger Straße geht, nützen sich seine Hufe schnell ab. Im
Altertum schützte man deshalb die Pferdehufe durch untergebundene
Sohlen oder Schuhe aus Bast, Ginster, Filz oder Leder. Besonders
schwache Hufe schützte man in der Römerzeit durch eine eiserne Sohle,
die mit Riemen am Huf befestigt wurde.

Wann und wo die untergenagelten Hufeisen aufkamen, wissen wir
nicht genau. Diesseits der Alpen verwendeten die Römer bestimmt
untergenagelte Hufeisen für Pferde. Besonders auf der Saalburg, jenem
großen Römerkastell nahe Frankfurt a. M., fanden sich zahlreiche
Hufeisen aus der Römerzeit.

Erst seit dem 9. Jahrhundert begann man, die Kriegspferde allgemein zu
beschlagen.

Der Sattel wurde im Altertum zunächst nur bei größeren Tieren,
besonders bei Kamelen verwendet, um ihnen Lasten bequem aufladen zu
können. Erst in römischer Zeit sieht man einzelne Reitpferde von
Offizieren auf Grabdenkmälern gesattelt dargestellt. Seit dem 4.
Jahrhundert wird der Reitsattel für Krieger allgemein. Bis dahin saß
man auf einer dem Pferd übergeschnallten Decke.

Im Altertum bestieg man das Pferd entweder mit einem Sprung, oder mit
Hülfe eines an den Heerstraßen in gewissen Abständen aufgestellten
großen Steines. Die Soldaten hatten an den Schäften ihrer Lanzen eine
starke Lederschleife, in die sie mit dem einen Fuß hineinstiegen, um
sich bequemer auf das Pferd schwingen zu können. Erst im 6. Jahrhundert
kommt vereinzelt der Steigbügel vor. Es war aber stets an jedem Pferd
zunächst nur ein Bügel angebracht, da man ihn nur zum Aufsteigen, nicht
zum Festhalten beim Reiten gebrauchte.

Erst unter Kaiser Otto I., im 10. Jahrhundert, wurde die Benutzung von
zwei Steigbügeln allgemein gebräuchlich.

Sporen finden sich bei den Einwohnern von Mitteleuropa schon im 3.
Jahrhundert v. Chr. und zwar bestehen sie aus einem kurzen eisernen
Bügel, an dessen Mitte eine kleine Spitze sitzt. Man befestigt den
Bügel mittels Riemen am Fuß. Die Römer aber kannten bereits die
Rädchensporen. Sie bogen jedoch den Rädchenhalter so stark nach
auswärts, daß man auch bei einer schrägen Haltung des Fußes das Pferd
nicht zufällig mit dem Rädchen treffen konnte.



137.

Von nie gewesenen Pulvermühlen.


Man liest allgemein im Jahre 1340 habe Augsburg, 1344 Spandau und 1348
Liegnitz je eine Pulvermühle besessen. Schon nach Lage des damaligen
Büchsenmeister- und Feuerwerksberufs erschienen mir diese Angaben als
unwahrscheinlich. Was hätte man mit dem Quantum Schießpulver anfangen
wollen, das eine Mühle täglich zu produzieren imstande ist? Sicherlich
hat im 14. Jahrhundert der Handmörser in den meisten Fällen genügt, um
das von Fall zu Fall notwendige Schießpulver zu bereiten. Ich wandte
mich jedoch auch an die drei genannten Städte und erfuhr von dort, daß
nichts von Pulvermühlen in so früher Zeit bekannt sei.

Das Stadtarchiv in Augsburg schrieb: Es ist mir keine urkundliche
Nachricht bekannt, die auf ihre Anfrage Auskunft gäbe.

Spandau besitzt eine große handschriftliche Chronik von D. F. Schulze,
die von Oberpfarrer Recke neu bearbeitet wurde. Letzterer teilte mir
mit, daß irgend eine Angabe über Schießpulver oder Geschütze so früh in
der Chronik nicht enthalten sei. Die gedruckte Geschichte der Stadt von
Kuntzemüller sagt, daß die erste Pulvermühle dort 1578 angelegt sei.

Über die angebliche Pulvermühle in Liegnitz stellte das dortige
Rathäusliche Archiv auf meine Bitte eingehende Nachforschungen an.
Zunächst wurde festgestellt, daß in den Urkunden des Stadtarchivs bis
zum Ende des Mittelalters, in den Stadtbüchern auch bis zu diesem
Zeitpunkte und in den Schöppenbüchern bis zum Jahre 1424 keine
Nachricht über eine Pulvermühle zu finden sei. Die Petro-Paulinische
Kirchenchronik, eine Handschrift vom Ende des 17. Jahrhunderts, erwähnt
die erste Pulvermühle im Jahre 1624: „Anno 1624 d. 19. Juli geht die
Pulvermühle im Rauch auf: erstlich die Offizin, da bleibet Meister und
Junge; hernach die Stube, worinnen in die 16 Zentner Pulver gelegen,
mit erschrecklichem Krachen, Beben und Schaden der ganzen Stadt. Die
Meisterin springet in die Bach und wird salviret. Anno 1685, den 6.
Dezember, zwischen 7 und 8 Uhr des morgends (ist die neue Pulvermühle)
abermals in die Luft geflogen, darinnen damahls in der 40 Pfund
gewesen, und die Mühle stille gestanden, da gleich der Geselle darin
gewesen, so sehr beschädigt worden.“

Nach dem Vorstehenden muß man also die bisherige Annahme, es hätten
in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu Augsburg, Spandau und
Liegnitz Pulvermühlen bestanden, fallen lassen.

Die erste sichere Nachricht von der Bereitung des Schießpulvers
haben wir aus dem Jahre 1360 aus Lübeck. Dort verbrennt „durch die
Unvorsichtigkeit derer, die das Schießpulver für die Geschütze
bereiten“ das Rathaus.



138.

Zwei Erfinder der Gußstahlgeschütze.


Als Napoleon I. zur Besiegung seines Todfeindes England das
europäische Festland absperrte, war es nicht mehr möglich, den
in England damals in bester Qualität hergestellten Gußstahl, der
besonders zu Werkzeugen und Waffen verwendet wurde, zu erlangen.
Deshalb beschäftigten sich viele Techniker mit dem Geheimnis der
Gußstahlbereitung. Auch Kaufleute versprachen sich von der Herstellung
dieses wichtigen Materials große Vorteile. So der Essener Kaffeehändler
Friedrich Krupp. Der später berühmt gewordene Sohn von diesem, Alfred
Krupp, erklärte später: „Sagen Sie nur, daß mein Etablissement im Jahre
1810 infolge einer Preisaufgabe Napoleons I. gegründet wurde,
welcher den Fabrikanten von Gußstahl gleich dem englischen 1 Million
Franks verhieß.“ Da Essen damals zu Frankreich gehörte, hatte Krupp
Hoffnungen, die von der französischen Regierung ausgesetzten Preise auf
die Herstellung von Gußstahl und Stahldraht zu erringen. Als der Erfolg
aber erzielt war, war die Franzosenherrschaft in Essen längst zu Ende.

Alfred Krupp, der spätere Kanonenkönig, versuchte seit dem Jahre 1844,
Geschützrohre aus Gußstahl herzustellen. Da es nicht möglich war,
schwerere Blöcke als 300 Pfund zu gießen, machte die Verwendung zu
Geschützen Schwierigkeiten. Krupp mußte sich deshalb damit begnügen,
nur die Seele des Geschützes aus Gußstahl zu machen, während die
Ummantelung, der Boden und die Zapfen des Geschützes aus Gußeisen
bestanden.

Es ist nun auffallend, daß sich neben Krupp zu gleicher Zeit
in der Nachbarschaft eine andere Fabrik mit der Erfindung der
Gußstahlgeschütze beschäftigte. Es war die Firma Mayer & Kühne, jetzt
als Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation bekannt. Zu
Ende des Winters 1846 wandten Mayer & Kühne sich nach Berlin, um
dort ein Patent auf ihre Gußstahlgeschütze zu erhalten. Auch sie
wollten, vielmehr konnten, nur ein Kernrohr aus Gußstahl in eine
gußeiserne Ummantelung eingießen. Da sie ihr Patentgesuch nicht auf die
Konstruktion, sondern lediglich auf das Material gestützt hatten, wurde
ihnen das Patent in Berlin versagt.

Alfred Krupp reichte sein Patentgesuch in Berlin im Jahre 1847 ein.
Die noch erhaltene Originalzeichnung zu seinem Gußstahlgeschütz trägt
das Datum vom 31. Juli 1847. Krupp legte in seinem Patentgesuch den
Hauptwert auf die Verbindung des Kernrohres aus Gußstahl mit dem
Mantel aus Gußeisen. Und so wurde ihm denn das Gußstahlgeschütz am 27.
September 1849 für Preußen patentiert.



139.

Friedens-Glocken aus Kriegsmetall.


Solche Geschichten könnte ich aus alten Büchern gar noch viele
erzählen. Aber allerlei mahnt zum Schluß. Das Buch würde sonst zu dick,
zu schwer für die Feldpost, zu teuer und auch zu spät fertig. Also
Schluß.

Auch beim Bücherschreiben sind drei Dinge schwerer als die übrige ganze
Arbeit: 1. ein guter Titel, 2. ein verständiger Anfang und 3. ein
„schöner“ Schluß.

Sicherlich säße ich bei diesen drei Dingen kauend an meinem
Federhalter, wenn ich nicht alles auf der Schreibmaschine geschrieben
hätte und diese sich doch nur schwer anknabbern läßt.

Aber halt. Ein Schluß!

Von Glocken will ich erzählen. Von den Glocken aus alten Geschützen,
den herrlichen Verkündern eines langdauernden Friedens.

Ich hatte vor einigen Jahren eine genußreiche Nacht im Hause jenes
Glockengießers in Apolda, bei dem Schiller seine Studien zum „Lied
von der Glocke“ machte. Am Abend vor dem Guß wurden 50 bis 60 Zentner
alte bronzene Geschützrohre und Metallbarren in den großen Schmelzofen
gebracht, der im wesentlichen einem Backofen ähnelt. Nur die große
Tür des Ofens liegt etwas höher als bei einem Backofen; denn sonst
würde das schmelzende Metall zur Tür herauslaufen. An der linken Seite
hat der Ofen das nach der Gießgrube hinführende Ausflußloch für das
glühende Metall. An der rechten Seite ist ein hoher Schacht neben dem
Ofen aufgemauert. Der Schacht hat unten einen Rost, und die Flamme,
die hier durch ununterbrochenes Nachheizen von Fichtenholz erzeugt
wird, schlägt in den Schacht empor. Da aber der Schacht jedes Mal
wieder geschlossen wird, sobald ein Scheit Holz in das Feuer geworfen
wird, muß die gewaltige Flamme ihren Weg in den nebenstehenden Ofen
nehmen. Die viele Meter langen Stichflammen umzüngeln die im Ofen
aufgeschichteten Geschützrohre und Metallblöcke und entweichen an
der andern Seite des Ofens durch einen hohen Schornstein. Von sechs
nachmittags, bis über den nächsten Mittag hinaus, sitzt der Meister
dem Ofen gegenüber in einem Sessel. Die Flammengarbe preßt sich
andauernd in einem breiten Fächer zwischen Ofenwand und Ofentür hervor,
und sobald diese dunkelrot und stark qualmenden Feuerzungen nachlassen,
ertönt des Meisters Ruf: „Auf“. Dann öffnet ein Mann den Schieber des
Feuerschachtes und wirft Holz auf. Stunde um Stunde verrinnt, nur
unterbrochen von dem eintönigen Kommandoruf, von dessen richtiger
Abgabe doch so vieles abhängt. Denn wird zu wenig geheizt, dann würde
sich die Vorbereitung zum Guß endlos lange hinziehen; würde aber zu
stark geheizt, dann würde das Metall, und besonders das Zinn der
Legierung verbrennen und ein anderes Gemisch aus dem Ofen herauskommen,
als in den Ofen hineingeschickt wurde.

Auch muß der Meister das Kommando geben, um in großen Zwischenräumen
weiteres Metall in den Ofen zu bringen. Zu diesem Zweck werden kleine
Metallstücke vor der Ofentür aufgebaut, damit sie sich anwärmen. Dann
wird die Tür aufgezogen und Metall in die flüssige Glut hineingestoßen.
Gegen Ende der Schmelzzeit werden mit langen Eisenhaken die auf dem
glühenden Metall schwimmenden, fast schneeweiß anzusehenden Schlacken
abgezogen. Schiller erklärt uns in seinem „Lied von der Glocke“, man
tauchte ein Stäbchen ein, um die Güte des Metalls zu prüfen. Heute
wendet man dieses Verfahren nicht mehr an, sondern man achtet auf
das Verhalten des Metalls und der Schlacke. Wenn der „Brei“ noch
nicht gut ist, weicht die Schlackenmasse zurück, und der bloßgelegte
flüssige Metallspiegel im Ofen erscheint schwarz. Ist aber die
richtige Temperatur erreicht, dann sieht sich die Oberfläche der
glühenden Masse an wie ein glänzender Spiegel. Nach der Zeit kann
sich der Glockengießer nicht richten, denn manches Mal muß der Ofen
vier oder fünf Stunden länger oder kürzer brennen, bis die richtige
Temperatur erreicht ist. Vier Fuhren Fichtenholz und für etwa 56000
Mark Rohmaterial waren seit sechs Uhr abend in dem Ofen verschwunden.
16 Glocken standen in der Gießgrube dicht vor dem Ofen und 16 andere
Glocken in einer benachbarten Grube. Vom Abflußloch des Ofens aus waren
die einzelnen Glocken durch einen fausttiefen, aus Lehm geformten Kanal
miteinander verbunden. Damit aber das Metall nach und nach von Glocke
zu Glocke laufen mußte, waren die Kanäle vor jeder Glocke durch eine
senkrecht stehende Dachschindel verschlossen.

[Illustration: Rohmaterial zum Glockenguß. (Im Hintergrund
Glockenklöppel).]

Alle Mann, von der nur durch zeitweisen Schlaf unterbrochenen
dreißigstündigen Arbeitszeit ermüdet, warten auf das Kommando:
„Fertig“. Die Gesellen treten zwischen die Glockenformen und halten
dort die Gießöffnungen der dem Ofen am nächsten stehenden Glocken durch
eiserne Stangen verschlossen, damit das Metall nicht in mehrere Glocken
zugleich gelangen kann. Alle stehen in sichtlicher innerer Erregung
vor den letzten entscheidenden Augenblicken ihrer mehrwöchigen Arbeit.
„Hut ab“ ruft der Meister; alles entblößt den Kopf. „Und der Herr unser
Gott sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände.“ So betet
Meister Schilling, während er eine lange Eisenstange mit riesigen, über
die ganzen Arme hinaufreichenden Handschuhen gegen die Öffnung des
Ofens hält. Noch einen Augenblick Stille; dann: „Achtung“ -- „Stoßt
auf“, mit einem gewaltigen Ruck hat der Meister den eisernen Zapfen
mittels der Eisenstange in das Innere des Ofens hineingestoßen. Die
flüssige Bronze fließt in einem nur zwei bis drei Finger dicken Strahl
ruhig aus dem Ofen und nimmt ihren Weg in die Öffnung der zunächst
stehenden Glockenform. Aus zwei „Pfeifen“ entweicht die im Innern der
Glockenform befindliche Luft. Ein klein wenig Dampf und ein gurgelnder
Ton ist alles, was man während der kurzen Dauer des Gusses äußerlich
an der Form wahrnehmen kann. Wenn sich die Form mit flüssigem Metall
gefüllt hat, wird die Glut in den beiden Pfeifen sichtbar und brodelt
wohl auch ein wenig aus ihnen heraus. In diesem Augenblick wird die
Schindel zerschlagen, die dem Glockenmetall den Zugang zur nächsten
Form sperrte. So werden nach und nach alle Formen mit Metall gefüllt.
Die 16 ersten Glocken zu gießen forderte etwa acht Minuten Zeit.
Dann wurde der noch glühende Ofen von neuem mit einigen Geschützen
und fertig abgewogenen Metallblöcken beschickt und zum Guß für die
übrigen 16 Glocken geheizt. Die in dem Mauerwerk aufgespeicherte Glut
beförderte das Schmelzen so sehr, daß dieser Guß schon nach wenigen
Stunden erfolgen konnte.

Nach zwei bis drei Stunden wird die Erde aus der Grube
herausgeschaufelt und die Glocke vom Kran emporgezogen. Das Reinigen
und Abfeilen und das Nacharbeiten der Inschriften und Verzierungen mit
dem Meißel vollendet die Glocke.

Meister Schilling hat während seiner langen Tätigkeit 6728 Glocken
gegossen. Nun wartet er auf den Frieden, der ihm wieder sein edles
Metall freigibt.



Quellen-Nachweis.


Der knappe Raum gestattet es nicht, zu jedem einzelnen Artikel die
benutzten Werke anzuführen. Es sei deshalb hier auf die Stellen
verwiesen, die in den meisten Fällen genügend Auskunft geben können:

    F. M. Feldhaus. _Die Technik der Vorzeit, der geschichtlichen
    Zeit und der Naturvölker_. Ein Handbuch für Archäologen und
    Historiker, Museen und Sammler, Kunsthändler und Antiquare. Leipzig
    1914. 1400 Spalten Text mit 873 Abbildungen.

    F. M. Feldhaus. _Ruhmesblätter der Technik von den Urerfindungen
    bis zur Gegenwart_. Leipzig 1910. 631 Seiten mit 231 Abbildungen.

    F. M. Feldhaus. _Leonardo da Vinci, der Techniker und
    Erfinder_. Jena 1913. 166 Seiten mit 9 Tafeln und 131
    Abbildungen.

    _Geschichtsblätter für Technik, Industrie und Gewerbe,
    illustrierte Monatsschrift_. Herausgegeben von Graf v.
    Klinckowstroem und F. M. Feldhaus. Berlin, seit 1914. Monatlich ein
    Heft.





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