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Title: Um die Erde - Eine Reisebeschreibung
Author: Hirschberg, Julius
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Um die Erde - Eine Reisebeschreibung" ***

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  ####################################################################

                    Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1894 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche,
    altertümliche, sowie inkonsistente Schreibweisen, insbesondere bei
    Namen und fremdsprachigen Ausdrücken und Zitaten (z.B. ‚Cannon‘
    anstatt ‚Canyon‘; ‚Phineas Fox‘ anstatt ‚Phileas Fogg‘) bleiben
    unverändert, sofern die Verständlichkeit des Textes davon nicht
    berührt sind. Akzentuierungen wurden in fremdsprachigen Begriffen
    im Original rein willkürlich vorgenommen; der vorliegende Text
    folgt auch hier der gedruckten Vorlage. Begriffe mit ‚Genitiv-s‘
    wurden zum Teil apostrophiert; dies wurde aber inkonsequent
    durchgeführt.

    Die aufgeführten Errata im Abschnitt ‚Verbesserungen‘ wurden nicht
    in den Text eingearbeitet. Eine der dort angegebenen Korrekturen,
    bezogen auf S. 352, Z. 30 des Originals, konnte nicht eindeutig
    zugeordnet werden.

    Das Inhaltsverzeichnis wurde in einigen Fällen dem Text
    angeglichen; fehlende Überschriften und falsche Seitenzahlen wurden
    eingefügt bzw. berichtigt.

    Auf S. 372 wird eine Brückenlänge mit ‚1500 Yards = 1450 Kilometer‘
    angegeben. Beim metrischen Wert wird in diesem Text lediglich die
    Größenordnung zu ‚1450 Meter‘ der Realität angepasst, obwohl der
    genaue Wert eigentlich bei 1372 m liegen müsste; es erscheint
    ohnehin fraglich, ob der erste Zahlenwert nicht bereits eine grobe
    Schätzung darstellt.

    Kursive Passagen werden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet,
    Fettdruck wird durch =Gleichheitszeichen= hervorgehoben, gesperrter
    Text wird von +Pluszeichen+ umgeben.

  ####################################################################



                             Um die Erde.

                       +Eine Reisebeschreibung+

                                  von

                          Dr. J. Hirschberg,

                  a. o. Prof. a. d. Univ. zu Berlin.


                               Leipzig.

                      +Verlag von Georg Thieme+.

                                 1894.



                       Alle Rechte vorbehalten.


                Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.



                     Seiner lieben Frau gewidmet.



Vorrede.


Die freundliche Aufnahme, welche die Veröffentlichung einiger
Bruch-Stücke aus dem Tagebuch meiner Reise um die Erde gefunden,
ermuthigt mich, dem Wunsch meiner Freunde zu entsprechen und das Ganze
herauszugeben.

Die deutsche Literatur enthält nur wenige Bücher dieser Art. Dieselben
beschreiben die Reisen von +Hildebrandt+ aus den Jahren 1862 und 1863,
die des Freiherrn v. +Hübner+ aus dem Jahre 1871, die von Dr. H.
Meyer aus den Jahren 1881 bis 1883, die des Grafen +Lanckorónski+ aus
dem Jahre 1889, die von Dr. +Eugen Böninger+ aus dem Jahre 1890. Der
Thierforscher L. K. +Schmarda+ (1853 bis 1857) und der Volkswirth +Hugo
Zöller+ (1879 und 1880) verfolgten ihre besonderen Zwecke auf weniger
betretenen Pfaden.

Sehr lehrreich ist es, durch den Vergleich dieser Schriften
festzustellen, wie in den letzten dreissig Jahren die Schnelligkeit,
Bequemlichkeit und Sicherheit des Reisens sich fortentwickelt hat.

Was ich selber gesehen und an Ort und Stelle aufgezeichnet, werde ich
auf den folgenden Blättern mittheilen: aber +nicht+, wie gelegentlich
ein angehender Schriftsteller versichert, in der „ursprünglichen Form“,
sondern einigermassen ausgearbeitet und abgerundet, wie die im Lauf
der Jahre stets wachsende Rücksicht auf den Leser es erfordert, und
mit denjenigen Erläuterungen ausgestattet, welche zum Verständniss des
Geschilderten nothwendig sind.

    =Dr. J. Hirschberg.=



+Inhalt+.


                                                                   Seite

    Einleitung                                                         1

    I. Das atlantische Weltmeer                                        3

    II. Eine Wasser- und Land-Partie durch den amerikanischen
          Continent                                                   27

    III. Der stille Ocean                                             40

    IV. Japan                                                         58
    Yokohama                                                          69
    Tokyo                                                             73
    Ausflüge von Tokyo. -- Nikko, Miyanoshita, Kamakura               95
    Eine Theater-Vorstellung in Tokyo                                108
    Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus                            115
    Deutschland in Japan                                             124
    Nach Nagoya                                                      138
    Nach Kyoto                                                       145
    Nach Osaka, Kobe, Nagasaki                                       170
    Abschied von Japan                                               188

    V. Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong
         über Singapore nach Colombo                                 191

    VI. Ceylon                                                       243
    Colombo                                                          251
    Kandy                                                            273
    Nuwara Eliya                                                     295
    Nach Anuradhapura                                                309

    VII. Ostindien                                                   329
    Calcutta                                                         345
    Darjeeling im Himalaya                                           363
    Benares                                                          371
    Lucknow                                                          387
    Cawnpur                                                          400
    Agra                                                             405
    Delhi                                                            426
    Jaipur                                                           439
    Berg Abu                                                         459
    Ahmedabad                                                        466
    Bombay                                                           475
    Ellora                                                           505

    VIII. Heimfahrt (Aden, Suez-Kanal)                               517
    Entfernungen                                                     530

    +Verbesserungen+                                                 531



Einleitung.


+Den Alten war die Welt eine Scheibe+ von Ländern um das Mittelmeer,
wenn auch Einzelne schon wussten, dass die Erde eine Kugel sei. Nachdem
die Römer ihre +Weltherrschaft+ begründet und Ordnung in den das
Mittelmeer umgrenzenden Ländern geschaffen, wurden zur Belehrung und
zum Vergnügen +Weltreisen+ unternommen; diese führten von Rom nach
Griechenland, Klein-Asien, Aegypten, zum Besuch der sieben Schaustücke
oder +Weltwunder+. Dazu gehörten die Bildsäule des Zeus zu Olympia,
der Tempel der Artemis zu Ephesus, der Leuchtthurm zu Alexandria,
die Pyramiden zu Memphis. Von +Naturwundern+ war noch keine Rede;
die Naturempfindung war bei den Alten wohl vorhanden, aber nicht
so vollkommen entwickelt, wie seit Rousseau’s Einfluss im vorigen
Jahrhundert und in dem unsrigen.

+Heutzutage+ führt eine Weltreise +rings um die Erde+. Die bedeutende
Entwicklung der Verkehrsmittel durch Eisenbahnen und See-Dampfer hat
die Gefahren, die Kosten, die Zeitdauer verringert. Es handelt sich
für den Mittel-Europäer darum, eine Anschauung von der Natur und dem
Volksleben in Asien, Afrika, Amerika zu gewinnen und auch den Süden von
Europa mit den Resten seiner alten Gesittung und Kunst kennen zu lernen.

Dazu ist mindestens ein Jahr erforderlich. Soviel Zeit stand mir nicht
zu Gebote. Da ich aber schon vorher der italischen Halbinsel vier, der
Balkanhalbinsel zwei, Nordafrika zwei, Nordamerika eine Reise gewidmet;
so war ich +vorbereitet+ und konnte einen kurzen und bündigen Plan
entwerfen, der mich in sechs Monaten rings um die Erde führt, mir den
Zauber der Tropenwelt enthüllt, meinen Jugendtraum, Ceylon zu sehen,
verwirklicht und mich doch nicht allzulange von den Meinen und meiner
wissenschaftlichen Thätigkeit fern hält. Längeres Zuwarten ist nicht
angebracht; mit +Häckel+ sage ich im 49. Lebensjahr: Jetzt oder nie.

Die +Jahreszeit+ ist mir +vorgeschrieben+. Am 1. August beginnen die
grossen Universitätsferien, beginnt meine Reise. Die +Richtung+ der
Reise ist durch die +Jahreszeit+ bestimmt. Ich muss über Nordamerika
nach Japan und nach Indien fahren, um in den beiden letztgenannten
Ländern eine weniger heisse Zeit vorzufinden. Die canadische
Pacificbahn und Dampferlinie soll mich durch Nordamerika und über den
stillen Ocean nach Japan, dem Reich des Sonnenaufgangs, geleiten. Ich
reise +allein+, zu eigner Belehrung.



I.

Das atlantische Weltmeer.


Als ich am 1. August 1892 um 11 Uhr 56 Minuten V. am Bahnhof
Friedrichsstrasse von meinen Lieben mich losgerissen, war ich natürlich
unter dem Bann der Abschiedsempfindungen. Allmählich machten diese der
echten Reisestimmung Platz. Es ist doch ein grosses Glück, eine solche
Reise unternehmen zu können, zumal wenn man es durch eigne Arbeit
errungen. Ich halte nichts davon, im Reichthum verzärtelte Knaben und
Jünglinge um die Erde zu senden.

Ungeheuer war am Vormittag des 2. August das Gewühl an dem Sonderzug
der Eisenbahn nach Bremerhafen, den die Gesellschaft des norddeutschen
Lloyd für ihre Cajüt-Reisenden veranstaltet; höchst stimmungsvoll der
Abschied, mit Thränen und Tücherschwenken, als wir in Bremerhafen den
kleinen Dampfer bestiegen, der uns nach dem draussen „in der Weser,“ d.
h. in einem Meerbusen von höchst achtbarer Breite, vor Anker liegenden
Schnelldampfer +Spree+ hinführte, wo wir mit klingendem Spiel und
flatternden Flaggen empfangen wurden; und sogleich abfuhren, da die
Zwischendeck-Reisenden schon Tags zuvor an Bord gekommen waren.[1]

Das Schiff misst 6964 Tonnen, hat 13000 indicirte Pferdekräfte[2]
und macht 19 Seemeilen in der Stunde. Seine Länge beträgt 487′, die
Breite 52′, die Tiefe (vom Hauptdeck, d. h. dem Boden des Salon, aus
gerechnet) 38′; vom Spazier-Deck bis zum Wasserspiegel 27′. Es besitzt
zwei Schornsteine, drei Masten, Plätze für 200 Reisende erster, für 125
zweiter Cajüte und für 460 Zwischendecker; es besitzt eine einfache
Schraube, eine dreifache Expansionsmaschine und ist im Jahre 1890 auf
dem Stettiner Vulkan aus Stahl erbaut und besteht natürlich, wie alle
Schnell-Dampfer unseres norddeutschen Lloyd, aus sieben wasserdicht
gegeneinander abzuschliessenden Schotten, wodurch die Folgen von
Feuer- wie von Wassergefahr auf das möglich kleinste Maass beschränkt
werden.[3]

Der tägliche Kohlenverbrauch beträgt 240 Tonnen[4], die in
Berlin ungefähr 5000 Mark kosten würden, aber natürlich an den
Förderungsstätten nur halb so viel. Der Kohlenverbrauch steigt sofort
riesig an mit wachsender Geschwindigkeit. (Die Eider verbrauchte bei
16-17 Knoten 120 Tonnen Kohlen).

Je grösser das Schiff wird, desto mehr schwindet die Poesie der
Meeresfahrt. Wir stehen hoch über dem Wasserspiegel, wir sehen auf dem
Spazierdeck nichts von der Dampfmaschine und ihrer Arbeit, wir hören
und fühlen davon nur wenig; bis zur Spitze des Dampfers können wir
nicht vordringen, das buntbewegte Leben der Zwischendeck-Reisenden[5]
nicht beobachten.

Dies fiel mir sofort auf, wenn ich die Fahrt auf der Spree mit
derjenigen auf der Eider[6] (1887, von Bremerhafen nach New-York,)
vollends mit den Mittelmeerfahrten auf italienischen und griechischen
Nussschalen verglich.

Natürlich muss man, um dies zu würdigen, auch ganz frei sein und
bleiben von der Plage der Seekrankheit. Unser tüchtiger und beliebter
Kapitän Willigerod nebst seinen Officieren bleibt uns unsichtbar
auf der Brücke, bis wir den Kanal durchfahren und das grenzenlose
Weltmeer gewonnen. Ich machte die Bekanntschaft des Schiffsarztes,
eines ebenso liebenswürdigen wie erfahrenen Collegen, und möchte bei
dieser Gelegenheit, auf Grund hinreichender Erfahrung, denjenigen
meiner Landsleute, welche zur +Stärkung ihrer Gesundheit+ Seereisen
unternehmen, doch anrathen, mit Rücksicht auf die Tüchtigkeit der
Schiffsärzte und -- auf die Güte der Verpflegung, die deutschen (Bremer
und Hamburger) und die österreichischen Linien allen anderen, wenn es
angeht, vorzuziehen.

Das Schiff ist gut besetzt, die gedruckte Liste mit den Namen von 289
Cajüt-Reisenden ausgestattet; der festlich geschmückte Speisesaal bei
der spiegelglatten See so gefüllt, wie der eines grossen schweizer
Hotels in der besten Jahreszeit; Jeder strebt danach, einen möglichst
behaglichen Platz an der Tafel für die Reisezeit zu belegen und die
Bekanntschaft seiner Nachbarn, auf die er für eine Woche angewiesen
ist, zu machen.

Ich sitze neben dem erstem Maschinisten, der in freundlichster Weise
Belehrung spendet und mir nach einigen Tagen auch den Maschinenraum
zeigt; gegenüber einem deutsch-amerikanischen Arzte, mit dem sehr bald
eine freundschaftliche Unterhaltung sich anbahnt, und neben einigen
jungen Amerikanern, die beladen mit den tiefsinnigsten Weisheitschätzen
deutscher Universitäten nach ihrer Heimath zurückkehren und eine grosse
Freundschaft und Liebe zu ihrer geistigen Mutter bewahrt haben.

Mit diesen Herren ist ein weit angenehmerer Verkehr möglich, als mit
+einzelnen+ Deutsch-Amerikanern, welche das deutsche Vaterland mit
einer ebenso unbegründeten wie lächerlichen Missachtung verfolgen und
gebührend zurückgewiesen werden müssen.

Zur Ehre des deutschen Namens muss ich aber hervorheben, dass diese
garstige Menschenart in Abnahme begriffen zu sein scheint. Die meisten
Deutsch-Amerikaner auf +unserem+ Schiffe waren geneigt, die grossen
Fortschritte, welche das geeinte deutsche Reich in den letzten 20
Jahren gemacht, freudig anzuerkennen. Viele lassen ihre Töchter in
Deutschland erziehen, ihre Söhne bei uns studiren.

Wir fahren vorbei an den Inseln Wangeroog und Norderney und an der
holländischen Küste, welche mit zahlreichen, jetzt Abends schon
angezündeten Leuchtfeuern versehen ist.

Bei der Hauptmahlzeit (6 Uhr Nachmittags) erfreut uns eine
vortreffliche Tafelmusik. Abends, von 9 Uhr ab, spielen sie im Saal
der zweiten Cajüte, wo bei zwangloser Unterhaltung ein gutes Fassbier
verzapft wird, Vormittags auf dem Spazierdeck; und am Sonntag Morgen um
7 Uhr wecken sie die Langschläfer durch einen Choral. Die Musiker sind
gleichzeitig Aufwärter[7] der zweiten Cajüte.

So lässt es sich ganz gut leben unter der +Flagge des norddeutschen
Lloyd+, welche den Schlüssel des Bremer Wappens mit dem Anker
vereinigt, und unter dem schwarzweissrothen Banner des deutschen
Reiches. Die Dankbarkeit gebietet, mit einigen Worten unseres Wirthes
zu gedenken. 1857 wurde die Dampfschifffahrts-Actiengesellschaft des
norddeutschen Lloyd zu Bremen gegründet. Sie unterhält regelmässige
Fahrten nach England, Nord- und Südamerika, im Mittelmeer, nach
Ostasien und Australien. Ihre grossen Schnelldampfer gehören zu den
besten Schiffen, welche den Ocean durchkreuzen. Die Gesellschaft hat
grossartige Hafenanlagen und Trockendocks in Bremerhafen sowie in
Hoboken bei New-York einen eignen Landungsplatz. Seit 1885 erhält der
Lloyd eine Unterstützung von jährlich 4700000 Mark[8] vom deutschen
Reiche für die regelmässige Postdampfschiffverbindung mit Ostasien und
mit Australien. Einige +seiner grössten+ Schiffe, Spree, Havel (zu je
13000 Pferdekräften) und Kaiser Wilhelm II. sind auf deutschen Werften
(Vulcan bei Stettin) erbaut. Im Jahre 1892 hat der norddeutsche Lloyd
203498 Reisende befördert, 6302161 Mark für Proviant und 760000 Tonnen
Kohlen verbraucht. Die Flotte des norddeutschen Lloyd ist heute die
grösste der Erde, sie umfasst 242367 Register Tonnen und enthält 10
Schnelldampfer, 14 Reichspostdampfer und 56 Post- und Passagierdampfer.
Die Gesellschaft giebt Fahrkarten für die Reise um die Erde aus;
man kann alle Schifffahrten, mit Ausnahme der von S. Francisco nach
Yokohama, auf dem norddeutschen Lloyd vollenden.

Am Morgen des folgenden Tages (3. August) erblicken wir die mit
zahlreichen Schiffen belebte englische Küste: die viereckige Halbinsel
von Canterbury mit den beiden Ecken, North- und South-Foreland.
Hinter letzterem liegt Dover mit seinen berühmten drei Kreideklippen.
Dann folgt Folkstone, Hastings mit hohem Kreidefelsen und, in einiger
Entfernung, Brighton. Schliesslich erscheint die Insel Wight. Zwischen
ihrer Nordküste und dem Kriegshafen Portsmouth, der auf der Hauptinsel
von Grossbritannien liegt, fahren wir hinein in die Bucht von
+Southampton+ und werfen daselbst Anker, nachdem wir in 20,8 Stunden
393[9] Seemeilen, also 16 in der Stunde, zurückgelegt haben.

Die Insel +Wight+ ist schön bewaldet. Die Thürme vom Schloss Osborne
dürften das Vorbild für Babelsberg abgegeben haben. Daneben liegt
Norris Castle; zwischen beiden ein schöner Park mit grünen Wiesen und
herrlichem Baumwuchs. Der Hafen des Städtchens Cowes, an der Nordküste
von Wight, wimmelt von Jachten. Wir entdecken auch die des deutschen
Kaisers mit der Adlerstandarte.

Die Befestigungen von Portsmouth sehen etwas alterthümlich aus. Die
grossen Rundthürme, die in der See errichtet sind, erinnern an die von
Corfu; sie sind mit Granitplatten belegt, oben mit Kanonen versehen,
aber scheinbar von Schildwachen ganz entblösst; sie stehen weit zurück
hinter den deutschen Befestigungen der Wesermündung.

Von unserem Ankerplatz aus sehen wir nur wenig von der fernen Stadt
Southampton, hauptsächlich die hohen Thürme des Seemannskrankenhauses.

Ein kleiner Dampfer mit der Flagge des norddeutschen Lloyd legt
an unserer Breitseite an. Er bringt und holt die Post, denn unser
Dampfer hat ein deutsch-amerikanisches See-Post-Amt an Bord; holt die
Reisenden, welche nach England wollen, und bringt neue für Amerika; er
bringt auch Besucher und Händler. Sehr bemerkenswerth schien mir, dass
die Zeitungsjungen, welche im Jahre 1887 nur englisches Geld kannten
und nahmen, 1892 mit 50-Pfennig- und Markstücken vollkommen vertraut
sich zeigten.

Unser Aufenthalt dauert nur eine halbe Stunde; dann lichten wir wieder
den Anker, fahren zwischen der Hauptinsel und Wight hindurch und
erblicken bald (17 Seemeilen von Southampton) am Westende von Wight die
berühmten drei Klippen, welche den Namen der +Nadeln+[10] führen: +von
hier aus wird die Meeresfahrt gerechnet+.

Jeden Mittag um 12 Uhr wird der +Logbericht+[11] auf einer Tafel, am
Eingange zum Salon, vermerkt und auf einer kleinen Erdkarte unser
augenblicklicher Ort sowie der zurückgelegte Weg verzeichnet.

Natürlich ist dann die Treppe von Reisenden belagert. Der Wissbegierige
schreibt das Ergebniss in sein eignes Täfelchen, zum dauernden
Andenken; der Neugierige überfliegt nur die Zahl der zurückgelegten
Meilen und vergleicht sie mit der Gesammt-Entfernung von Southampton
nach New-York (3056 Seemeilen); der Spielwüthige guckt lediglich nach
der letzten Ziffer der dreistelligen Meilenzahl, um zu sehen, ob er --
neun Dollar gewonnen.

Dies ist die erste Art von +Wetten+[12], denen die müssigen Reisenden
sich ergeben: im Rauchzimmer oder auf Deck werden von einem Eifrigen
zehn Reisende zusammengebracht, die geneigt sind, einen Dollar Einsatz
zu zahlen; ihre Namen werden auf ein Blatt geschrieben und neben dem
Namen die Ziffer von 0 bis 9, die jeder erlost, indem er das gefaltete,
mit +einer+ der Ziffern beschriebene Blatt Papier aus dem als Urne
benutzten Hut zieht; gewonnen hat der, dessen Ziffer auf dem Logbericht
erscheint, z. B. 3 in 453. (Manche wetten zu Zweien auf einen
bestimmten kleinsten Werth, z. B. 450 Seemeilen.)[13]

Unser Logbericht lautet folgendermassen:

    Donnerstag, 4. August, 49° 56′ N. Breite,
                           10° 37′ W. Länge.[14]

(D. h. ungefähr auf der geraden Linie, welche die Westspitze von
Irland mit der von Portugal verbindet.) Zurückgelegte Entfernung 362
Seemeilen[15]. Gesammt-Entfernung bis heute 362 Seemeilen.

    0 Tage 19,2 Stunden.
    Freitag, den 5. August, 50° 38′ N. Br.
                            22° 23′ W. L.

(D. h. auf dem Meridian, welcher östlich von den Azoren liegt.)

    Z. E.        453 S. M.
    G. E. b. h.  815 S. M.
     1 Tag  19,2 Stunden.

    Sonnabend, den 6. August, 49° 11′ N. Br.
                              33° 38′ W. L.

(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher westlich von den Azoren liegt
und von Grönland südwärts bis nach Brasilien nicht auf eine einzige
Insel trifft.)

               Z. E.         444 S. M.
               G. E. b. h.  1259 S. M.
                 2 Tage  19,2 Stunden.

    Sonntag, den 7. August, 47°  5′ N. Br.
                            44° 25′ W. L.

(D. h. auf demjenigen Meridian, der +ungefähr+ die Mitte hält zwischen
den Azoren und Neu-Fundland.)

               Z. E.         450 S. M.
               G. E. b. h.  1709 S. M.
                 3 Tage  19,2 Stunden.

    Montag, den 8. August, 44° 13′ N. Br.
                           54° 14′ W. L.

(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher das östliche Drittel
Neu-Fundlands von dem Rest abtrennt.)

               Z. E.         450 S. M.
               G. E. b. h.  2159 S. M.
                 4 Tage  19,2 Stunden.

    Dienstag, den 9. August, 41° 43′ N. Br.
                             64°  1′ W. L.

(D. h. auf demjenigen Meridian, welchen das westliche Drittel
Neuschottlands von dem Rest abtrennt.)

    Z. E.         452 S. M.
    G. E. b. h.  2611 S. M.
      5 Tage  19,2 Stunden.
         Rest 445 S. M.

Am Mittwoch, den 10. August, wurde +Sandyhook+, an der Einfahrt in
den Hafen von New-York erreicht: bis hierher rechnet man das Ende der
+Meeresfahrt+, die 6 Tage 18 Stunden in Anspruch genommen hatte. Auf
der ganzen Fahrt hatten wir kaum eine grosse Welle.

Die Zahlen des Logberichts gewinnen erst an Bedeutung durch
+Vergleich+. Es ist nicht nöthig auf +Columbus+ zurückzugreifen,
welcher (nach Abrechnung der vier Wochen für die Ausbesserung des
beschädigten Steuerruders) 42 Tage gebrauchte, um auf einem 19 Meter
langen Segelschiff das atlantische Weltmeer bei günstigem Winde
zu durchqueren; und 59 Tage, bei zeitweise widrigen Winden, um
heimzukehren.

Die Zeit der +Segelschiffe+, welche in mehr als vier Wochen[16]
zahllose Auswanderer unter unsäglichen Beschwerden im vorigen
Jahrhundert und im Anfang des unsrigen nach dem gelobten Lande
Amerika beförderten, liegt weit hinter uns. Wir haben schon das
fünfzigjährige Jubelfest der +Dampfschiffverbindung+ zwischen der alten
und der neuen Welt gefeiert: am 4. April 1838 (also 31 Jahre, nachdem
+Fulton+ zuerst den Hudsonfluss von New-York bis Albany auf einem
Dampfschiff mit der Geschwindigkeit von fünf engl. Meilen in der Stunde
befahren,) fuhr der Rad-Dampfer Sirius von Cork in Irland aus, und
vollendete das für unmöglich gehaltene Wagniss einer ununterbrochnen
Dampfschifffahrt über das atlantische Weltmeer bis New-York binnen
17 Tagen.[17] Die von Joseph Ressel zu Triest 1819 erfundene, aber
leider von der österreichischen Polizei verbotene (!) +Schraube+,
gelangte in den Jahren von 1839 bis 1843 zur Anwendung (durch Smith in
England und Ericson in den Vereinigten Staaten) und erzielte bald eine
Geschwindigkeit von 12 bis 14 Knoten.

Doch blieb es unserer Zeit vorbehalten, durch zusammengesetzte
Dampfmaschinen und verbesserte Schrauben eine Geschwindigkeit von 19
und selbst 20 Knoten zu erzielen. Die Seereise von den Nadeln auf der
Insel Wight bis nach Sandyhook bei New-York, 3056 Seemeilen, dauert
jetzt auf den schnellen Postdampfern der deutschen und englischen
Linien sechs Tage und einige Stunden,[18] so dass täglich 450 und sogar
500 Seemeilen zurückgelegt werden. Aber das rastlose und nie zufriedene
Menschengeschlecht erstrebt jetzt eine Abkürzung der Fahrt bis auf vier
Tage.

Sehr merkwürdig ist der +Vergleich der Fahrgeschwindigkeit+ bei
einer Umkreisung der Erde: 1) Auf dem atlantischen Weltmeer täglich
450 Seemeilen. (Nordd. Lloyd). 2) Auf dem stillen Ocean 370 bis 390
Seemeilen. (Canad. G.) 3) Von Kobe nach Hongkong 280 bis 290 Seemeilen.
(Nordd. Lloyd, Nebenlinie). 4) Von Hongkong bis Colombo 274-280,
ausnahmsweise 304 Seemeilen. (Englische P. & O. Gesellsch.). 5) Von
Colombo bis Calcutta kaum 290, ausnahmsweise 300 Seemeilen. (P. & O.).
6) Von Bombay nach Triest 300 bis 336 Seemeilen, einmal gegen den Wind
im Mittelmeer nur 250. (Oestreich. Lloyd.)

Die Fahrgeschwindigkeit hängt ja wesentlich ab von der Güte des
Schiffes. Aber in den tropischen Meeren (von Hongkong bis nahe an Suez)
ist auch das zur Verdichtung des Dampfes benutzte Seewasser nicht kalt
genug, um die grösste Wirkung der Maschine zu entfalten.

Der +aufmerksame+ Reisende sucht möglichst bald über das Dampfschiff
und seine Führung durch eigne Anschauung sich zu unterrichten; doch
pflegt erst am dritten Tage der Meeresfahrt, wenn das offne, insellose
Weltmeer erreicht ist, der Capitän und der erste Maschinist Zeit und
Lust zur Unterweisung zu gewinnen.

Wie auf meiner ersten und zweiten Reise über den atlantischen Ocean,
stieg ich auch diesmal hinab in die Maschinenräume, auf eisernen
Treppen tiefer und immer tiefer, und betrachtete mit immer neuem
Staunen die riesigen Räder und Wellen, den berühmten Telegraphen
zwischen der Commandobrücke und dem Maschinenraum mit „Vorwärts,
Rückwärts, Halt“, -- von dem unser Heil abhängt. Alles greift planvoll
in einander. Eine solche in Gang gebrachte Maschine ist einem belebten
Riesen vergleichbar, die Umdrehung der Schraubenwelle dem Pulsschlag.
Zufällig erfolgt diese Umdrehung ungefähr auch einmal in der Secunde,
so dass gegen 600 000 Umdrehungen[19] nothwendig sind, um uns von
Europa nach Amerika zu befördern.

Ausser der dreifachen Expansionsmaschine, welche die Triebkraft für
die gewaltige Schraubenwelle[20] liefert, sind noch mehrere kleinere
Maschinen vorhanden, eine um die Bewegung des Steuerruders auszulösen,
eine (Dynamo) für die electrische Beleuchtung des Schiffes mit
Glühlämpchen. Diejenigen des Salons werden um 11 Uhr, diejenigen des
Rauchzimmers um 12 Uhr Nachts ausgedreht; diejenigen der Schiffsgänge,
welche durch ein mattes (mit einem Vorhang zu deckendes) Glas auch die
Cajüten erhellen, bleiben die ganze Nacht hindurch brennen, damit im
Unglücksfalle jeder Reisende sich zurechtfinden kann.[21]

Der Feuerkesselraum sieht aus wie des Hephästos Werkstätte. Sechzehn
grosse Kessel sind vorhanden, in deren ungeheure Schlünde fortwährend
Kohlen hinein geschoben werden; auf schmalen Eisenbahnen werden die
Kohlenkarren herangeschoben. Diese Arbeiten sind anstrengend; vier
Stunden beträgt die Schicht;[22] der Arbeitslohn ist beträchtlich,
und die Verpflegung gut. Nur weisse Arbeiter werden auf unseren
Lloydschiffen verwendet.

Riesengross sind die Kohlenräume, aber gewaltig bereits die Lücken
in den Vorräthen an unserem Besuchstage. Eine Hauptschwierigkeit für
die grossen Schnelldampfer besteht darin, die nöthige Kohlenmenge
aufzunehmen. In dem untersten Kohlenraum sind wir auf dem Kiel, nur 2-3
Fuss über dem Wasser. Trotzdem ist auch hier die Luft ganz gut.

Die Vorrathsräume sind überwältigend, die grössten Läden auf dem Lande
verschwinden dagegen. Mächtige Kästen enthalten in Metallbehältern
Reis, Gries, Mehl u. dgl. Schinken liegen auf hölzernen Rosten, grosse
Würste hängen herab, Rinder- und Schweins-Hälften und Viertel schmücken
die Eiskammer. In dem Weinlager ist jede einzelne Flasche sorgsam
befestigt. Mit gemischten Empfindungen bemerken wir die Lücken, die wir
schon gerissen. Wir waren, nach dem Gesetz, mit Vorrath für 30 Tage
ausgefahren.[23] Ausser den sehr beträchtlichen Süsswassermengen haben
wir mächtige Destillirapparate, um Trink- aus Seewasser zu gewinnen. Es
ist keine Gefahr zu verhungern oder zu verdursten.

Ehrfurchtsvoll und schweigend betritt mit dem Capitän der bevorzugte
Reisende die Brücke, was sonst auf das strengste verboten ist. Hier
verweilen die dienstthuenden Officiere und geben dem Steuermann am Rade
die nöthigen Befehle. Danach wird das Steuerhäuschen des Capitäns mit
den Karten und Hilfsmitteln der Schifffahrt besucht. Man befährt das
Meer hauptsächlich nach der +Karte+. Der Kurs über den atlantischen
Ocean schlägt den kürzesten Weg ein vom Ausgang des Canals nach dem
Hafen von New-York, geradewegs nach Westen, auf dem grössten Kreise der
Erdkugel zwischen den beiden genannten Punkten.[24] Dies erkennt man
leicht auf jeder Darstellung der Erdkugel, während auf den Landkarten
nach Mercator’s Grundriss der Kurs als eine nach Norden erhabene,
krumme Linie erscheint.

Benutzt werden die grossen Karten des nordamerikanischen Seeamts,
auf welchen überall die Tiefe des Meeres angegeben ist, und auch,
da allmonatlich eine neue Ausgabe erscheint, die von Norden her
grade vordringenden Eisberge und die zahlreichen Schiffs-Wracken an
denjenigen Punkten, wo sie zuletzt gesehen worden sind. Ich habe bisher
nie das Vergnügen gehabt, einem Eisberg auf hoher See zu begegnen.

Das eigentliche Werkzeug, um auf der pfadlosen Wasserwüste den Weg zu
finden, ist für den Schiffer der +Compass+.

Die alten Phönicier und Griechen waren und blieben Küstenfahrer, da sie
den Compass nicht besassen. Die Chinesen entdeckten die Nordsüdrichtung
der freischwebenden Magnetnadel, nach ihrer Angabe zur Zeit des Kaisers
Huang-ti 2364 v. Chr., nach sicheren Nachrichten[25] 121 n. Chr.;
benutzten dieselbe zuerst, um auf dem +Lande+, in ihrem ungeheuren
Reiche, sich zurecht zu finden; aber schon während der Tsin-Dynastie
(265-469 n. Chr.) auch auf Meeresfahrten. Durch die Araber kam die
Bussole (Muassola arab. = Pfeil) zu den Europäern während der Zeit der
Kreuzzüge. Flavio Gioja aus Amalfi soll um 1303 den Compass eingeführt
haben. An dem Brunnen auf dem Marktplatz zu Amalfi sah ich eine (in
Poggendorff’s ausführlichem Werk nicht erwähnte) Inschrift: Prima dedit
nautis usum Magnetis Amalfis; und die Gestalt seiner Bussole: Auf einer
Raute, aus Holz oder Rohr, die auf Wasser schwimmt, war die Magnetnadel
befestigt. Die Chinesen kannten aber schon unsere Art der Aufhängung,
wobei die Nadel mit einem Hütchen auf der Spitze eines Stiftes ruht,
und eine Windrose mit 24 Eintheilungen; während die unsrige, mit 32,
am Ende des 16. Jahrhunderts von den Holländern eingeführt ist. Aber
gewaltig hat das Instrument sich geändert, mit dem Fortschritt der
Wissenschaft! Heutzutage benutzt man auf den Seedampfern den Compass
von Prof. +Thompson+ (jetzt Lord Kelvin): acht gleichlaufende und
gleichgerichtete Magnetnadeln sind unter der Windrose an Seidenfäden
aufgehängt; die Windrose dreht sich auf einem Zapfen. Das Gehäuse ist
mit Glas gedeckt und hängt in Cardani’schen Ringen, so dass es stets in
wagerechter Richtung verbleibt, und enthält im Innern in der Höhe der
Windrose 2 Steuerstriche, die genau gleichlaufen mit der senkrechten
Ebene durch den Schiffskiel. Der Compass steht dicht vor dem Steuerrad.
Der Winkel, den die Kiellinie mit der Achse der Magnetnadel bildet,
bestimmt den Kurs des Schiffes.

Gross waren die Schwierigkeiten bei der Einführung +eiserner+ Schiffe;
um die Eisenwirkung auszugleichen, sind unmittelbar neben dem Compass
schwere Eisenkugeln angebracht. Die Seeleute sind mit Thompson’s
Bussole sehr zufrieden. Der Erfinder wird +auch+ zufrieden sein, da er
durch das Patent ein bedeutendes Einkommen gewinnt und als Besitzer
einer schönen Jacht weidlich dem Wassersport huldigen kann.

Von demselben Thompson ist ferner das neue Werkzeug zum +Lothen+, d.
h. zur Tiefenmessung. Der Loth-Körper, von 1 Meter Länge, 20 Kilogramm
Gewicht, wird vom Hinterende des Schiffes über Bord geworfen und saust
in die Tiefe, während der daran befestigte Stahldraht mit grosser
Geschwindigkeit von der Rolle sich abwickelt. Der Officier, dem der
Draht durch die Finger gleitet, fühlt deutlich, wenn das Gewicht unten
aufschlägt, und giebt Befehl, dasselbe durch Aufwickeln des Drahtes
wieder empor zu heben. Das Loth ist eigentlich ein unten offenes
Metallrohr, in diesem steckt eine Glasröhre, die oben zu und unten
offen und an der Innenwand mit löslicher Farbe (chromsaurem Silberoxyd)
roth gefärbt ist. So hoch, wie von unten her das Seewasser in die
Glasröhre eindringt, wird die Rothfärbung dadurch beseitigt. Das
Eindringen des Wassers erfolgt nach dem Mariotte’schen Gesetz von der
Zusammendrückung der Luft durch die darüber befindliche Wassersäule, d.
h. es ist allein abhängig von der absoluten Tiefe des Sinkens.

Wird die Glasröhre auf ein getheiltes Lineal gelegt, so erkennt man aus
der Lage des Grenzstriches der Rothfärbung augenblicklich, um wie viele
Faden[26] das Loth unter dem Meeresspiegel gewesen. Das Instrument
genügt bis zur Tiefe von 90 Faden oder 540 Fuss. (Bei Tiefen von mehr
als 500 Metern werden die Anzeigen sehr unsicher.)

Bei der Einfahrt in den Hafen und dicht am Landungsplatze, wo
einerseits geringere Tiefen vorkommen, andererseits der Dampfer ganz
langsam fährt, steht ein Bootsmann am Seitenbord und wirft in kurzen
Zwischenräumen einfach ein Loth an der Leine in’s Wasser.

Wir haben also gesehen, wie man den Kurs innehält und Untiefen
vermeidet. Aber wie ermittelt man den augenblicklichen +Ort+ des
Schiffes, um ihn mit solcher Sicherheit immer Mittags um 12 Uhr in dem
Logbericht zu verzeichnen?

Nahe dem Lande sind es die Leuchtthürme und Merkzeichen, die jeder
Seefahrer vollständig kennen muss, die auch in seinen fortlaufend
verbesserten Büchern ganz genau angegeben sind. Aber wie ist es auf
hoher See? Nun, wenn Ausgangspunkt und Fahrrichtung bekannt sind,
braucht man nur die +Fahrgeschwindigkeit+ während der 24 Stunden zu
wissen, um den Endpunkt zu kennen. Die Fahrgeschwindigkeit des Schiffes
wird gemessen mit dem Log.

Das alte, vor drei Jahrhunderten (1607) erfundene Log wird nur auf
kleinen Dampfern und auf Segelschiffen benutzt. Es besteht aus dem
Logbrett, der Logrolle, der Logleine und dem Logglas. Das Logbrett hat
die Gestalt eines Viertelkreises von etwa 10 Centimeter Halbmesser
und 1 Centimeter Dicke; sein Bogenrand ist so mit Blei beschwert,
dass es aufrecht im Wasser schwimmt und im Wesentlichen während der
Beobachtungsdauer seinen Platz beibehält. An dem Logbrett ist die
Logleine befestigt; der erste Theil derselben (Vorläufer) ist so lang
wie der Kiel des Schiffes; das folgende ist durch Knoten in gleiche
Abstände getheilt. Die Länge eines solchen Abschnittes (Knotens)
beträgt 25 Fuss.

25′: 6000′ (d. i. 1 Seemeile) = 15 Secunden: 3600 Secunden (d. i. 1
Stunde) = 1:240.[27]

So viele Knoten das Schiff in 15 Secunden zurücklegt, so viele
Seemeilen macht es in der Stunde. Drei Matrosen stehen am hinteren Ende
des Schiffes. Der erste hält die Logleine auf der Rolle, der zweite das
Logglas, eine Sanduhr, die in 15 Secunden abläuft, der dritte wirft das
Logbrett über Bord und ruft, so wie das bezeichnete Ende des Vorläufers
durch seine Hand läuft, dem zweiten zu, die Sanduhr umdrehen. Sowie die
Sanduhr abgelaufen, hält er die Leine fest und zählt beim Einziehen die
Zahl der Knoten. Davon kommt die uns Landratten so schwer verständliche
Bezeichnungsweise, das Schiff macht 19 Knoten.

Das +Patentlog+, welches auf den grösseren Dampfern benutzt wird, hat
Schraubenflügel, die nach Massgabe der Fahrgeschwindigkeit sich drehen;
das Zählwerk im Messinggehäuse ist am hinteren Ende des Schiffsbords
angebracht, der Zeiger giebt die zurückgelegte Meilenzahl an.

Aber der Seemann verlässt sich nicht auf eine +einzige+ Messungsart;
er bestimmt ausserdem, so oft es angeht, die +geographische Länge und
Breite+ seines augenblicklichen Standortes.

Eine vollständig zuverlässige Uhr (+Chronometer+) zeigt den Augenblick,
wann es in Greenwich, dem Anfangspunkt der Meridiantheilung, Mittag
ist, d. h. die Sonne den Meridian von Greenwich passirt. Da die
Sonne scheinbar in 24 Stunden 360 Grade durchläuft, so legt sie in
einer Stunde 15 Bogengrade, in einer Zeitminute 15 Bogenminuten,
in einer Zeitsecunde 15 Bogensecunden zurück. Ein 15° westlich von
Greenwich gelegener Punkt hat Mittag, wenn die Uhr von Greenwich 1
Uhr Nachmittags zeigt. So wird die westliche (oder östliche) Länge
festgestellt. Die nördliche (oder südliche) Breite aber mittelst des
von +Newton+ erfundenen +Spiegelsextanten+, mit dem man die grösste
Erhebung der Sonne über den Gesichtskreis (um die Mittagszeit) in
Winkelgraden abmisst.

Was aber leitet den Seemann +bei Nacht und bei Nebel+, um den so
gefürchteten +Zusammenstoss zu vermeiden+?

Bei unserer abendlichen Wanderung durch das Schiff haben wir am
vorderen Ende des Dampfers uns umgewendet und die berühmten +drei
Lichter+ gesehen, die jedes Schiff auf der Fahrt bei Nacht führen muss.
Von Sonnen-Untergang bis -Aufgang sind die drei Laternen in Brand zu
halten; und zwar führen Seedampfer während der Fahrt an der Spitze des
Vormastes ein hellweisses Licht von solcher Stärke, dass es in einer
dunklen, nicht nebligen Nacht mindestens auf 5 Seemeilen sichtbar ist.
Dasselbe bestrahlt 20 Compassstriche, ist also von vorn und von den
Seiten, nicht aber von hinten zu sehen. Ferner muss an der rechten oder
Steuerbord-Seite ein grünes, an der linken oder Backbord-Seite ein
rothes Licht angebracht sein, jedes mit einem Lichtbereich von zehn
Compassstrichen und so mit Seitenschirmen versehen, dass von rechts
neben dem grünen nicht auch das rothe gesehen werden kann; und von
links neben dem rothen nicht auch noch das grüne. Diese Lichter sollen
bei dunkler, nicht nebliger Nacht auf 2 Seemeilen erkennbar sein.

+Nach rechts wird ausgewichen+, wenn man die drei Lichter eines andern
Schiffes vor sich sieht: ein merkwürdiger Anblick, den man aber auf
hoher See sehr selten erlebt.

Und bei +Nebelwetter+, gleichviel ob es Tag oder Nacht ist, hat jedes
Schiff in Fahrt alle 5 Minuten ein hörbares Zeichen zu geben, die
Dampfschiffe mit der Dampfpfeife. Schauerlich klingt das +Nebelhorn+,
wenn der weite Meereshorizont sich so eingeengt hat, dass man kaum über
die Schiffsbreite hinweg etwas erkennen kann.

Und gespenstig ertönt die Antwort aus nächster Nähe, (wir schätzen
die Entfernung auf eine Seemeile,) ohne dass wir durch den dicken
Nebel das Geringste von dem andern Schiffe zu erkennen vermögen;
aber bald verklingt der fremde Ton, wir haben uns weit von einander
entfernt. Ein einziges Mal habe ich dies erlebt. Nicht Sturm und
Unwetter bildet auf hoher See die +Hauptgefahr+ für ein gutes Schiff,
sondern Zusammenstoss. Das folgt aus der Liste der Unglücksfälle; das
begriffen wir leicht, als wir im Canal ganz dicht an dem von New-York
zurückkehrenden Schwesterschiff vorbeifuhren. Alles ist vorbereitet,
die Musikbanden spielen, alle Seeleute und Reisende sind auf Deck; aber
man hat kaum Zeit den Hut zu schwenken, und schon sind wir an einander
vorbeigefahren.

Auch die +Verzögerung+ der Fahrt hängt hauptsächlich vom Nebel ab; denn
bei dickem Nebel +darf+ das Schiff nicht mit vollem Dampf fahren.

Das Leben auf dem Schiff ist zwar gleichförmig, aber für mich nicht
langweilig. Vor Sonnenaufgang stehe ich auf, nehme mein Bad, danach
eine Tasse Thee mit Gebäck. (Der trockene Schiffszwieback der
vergangenen Zeiten hat für die Postdampfer lange aufgehört. Wir haben
eine Bäckerei an Bord und erhalten täglich frisches Weissbrod.)

Hierauf gehe ich auf Deck und beobachte Himmel und Meer, Wind und
Wellen, die Temperatur u. dgl.,[28] mache einen Morgenspaziergang
und setze mich an den Schreibtisch. Jetzt ist die bequemste Zeit
Tagebuch und Briefe zu schreiben, durch Lesen von Reisebüchern das
Weitere vorzubereiten. Allmählich füllt sich aber das Rauchzimmer, in
dem ich verweile, und das Verdeck. Man grüsst, fragt, plaudert. Auf
so vornehmen Schiffen herrscht ein guter Ton. Die Menschen sind auf
einander angewiesen und zeigen sich von ihrer besten Seite. Kaum war
mein Reiseplan Einigen bekannt geworden, so kam zu mir ein schottischer
Herr aus Vancouver, ein deutscher aus Japan, um mir unaufgefordert die
nützlichste Auskunft zu geben.

Das erste Zeichen zum ersten Frühstück wird mit der chinesischen Glocke
(Gong) gegeben. Wer es liebte, Morgens in abenteuerlicher Kleidung auf
dem Verdeck umher zu wandern, geht in seine Cajüte, um sich ordentlich
anzuziehen. Das Frühstück ist ebenso reichlich wie vorzüglich. Es
scheint im Anfang schwierig, schon des Morgens früh so viele Gerichte
zu vertilgen[29]. Manche Reisende lieben es, ihren Magen zu erweitern.

Nach dem Frühstück beginnt, bei so gutem Wetter, wie wir es stets
gehabt, das behaglichste Plauderstündchen. Die Herren zünden ihre
Cigarre an und spazieren über das Verdeck. Zum Glück hat man auf
deutschen Dampfern noch nicht die englische Unsitte angenommen, einen
Theil des Spazierdecks den Rauchern zu verbieten. Man plaudert mit
Bekannten und sucht schliesslich seinen bequemen Korbstuhl[30] auf, um
sich dem Lesen und Beobachten hinzugeben. Ein vorüberfahrendes Segel-
oder Dampfschiff ist schon ein Ereigniss. Wer es nicht erlebt hat,
weiss nicht, +wie leer das Weltmeer+, sogar das atlantische, trotz der
grossen Zahl von Dampferlinien, die von den englischen, französischen,
deutschen, holländischen Küsten alle nach dem einen New-York
zusammenstrahlen. Die Operngucker und Ferngläser werden nach dem Schiff
gerichtet, seine Nation, Flagge, Bestimmung gründlich erörtert, wobei
einige Landratten die grösste Kühnheit in unbegründeten Behauptungen
entfalten. Man betrachtet mit Neugier die Flaggenzeichen, durch welche
gelegentlich unser Dampfer mit dem Fremden spricht. Es besteht ein
Uebereinkommen (Codex) zwischen den seefahrenden Völkern. In unsrer
Zeit des ungeheuren und raschesten Verkehrs wollen alle Betheiligten
wissen, wann und wo ein bestimmter Dampfer auf hoher See gesehen
worden; sogar die Brieftauben sollen dazu benutzt werden. Gelegentlich
spricht auch ein Dampfer den andern um Hilfe an. Sie wird im Falle
der Noth auch geleistet, jedoch nicht umsonst; die Gesellschaft des
hilfesuchenden Dampfers hat tüchtig dafür zu bezahlen; aber der
Versäumniss-Verlust des helfenden Dampfers ist auch sehr beträchtlich.
Ein Schiff, das über 6 Millionen gekostet und 150 Mann Besatzung führt,
über 200 Tonnen Kohlen täglich verbraucht, hat bedeutenden Nachtheil,
wenn es einen Tag später in New-York ankommt, zumal die einträgliche
amerikanische Post immer dem schnellsten von den Postdampfern übergeben
zu werden pflegt.

Schon ein fliegender Fisch, der aus dem Meer sich emporschnellt und mit
ausgebreiteten Flossen, wie eine Schwalbe, dicht über den Wasserspiegel
weit hinschiesst, fesselt die Aufmerksamkeit; vollends ein Zug
von Delphinen,[31] die munter und anmuthig über die Wellenthäler
forthüpfen. Dagegen muss man es aufgeben, einen Walfisch zu erblicken.
Ich habe bis jetzt auf den Meeren niemals einen solchen gesehen; war
aber öfters Zeuge des Spasses, den man mit den Grünhörnern treibt,
d. h. mit denjenigen, die zum ersten Mal die Reise über das Weltmeer
ausführen. „Haben Sie noch nicht den Walfisch gesehen, der 100 Schritt
links von uns seine Springbrunnen zum Himmel sendet?“ so frägt Einer
ganz unbefangen den behaglich im besten Sessel des Rauchzimmers
sitzenden Neuling. Dieser springt auf, läuft heraus, kehrt beschämt
zurück, vom Gelächter der Andern empfangen.

Jetzt schlägt die Schiffsglocke zwölf.[32] Alle, mit Ausnahme
der eingefleischten Kartenspieler, drängen zur Logtafel, um die
zurückgelegte Meilenzahl und den Ort des Schiffes zu erfahren.
Unkundige wagen es auch, womöglich am ersten Tage der Seefahrt, einen
Officier oder den Capitän nach Tag und Stunde der Ankunft zu fragen.

Ein witziger Capitän hatte deshalb unter der Logtafel einen Anschlag
gemacht, der dies untersagt, mit der sehr richtigen Begründung, dass
Capitän und Officiere keine Herrschaft über Wind und Wellen ausüben.

Vor dem zweiten Frühstück, das bald nach Mittag eingenommen wird und
noch reichlicher ausfällt, als das erste, erfolgt ein Spaziergang auf
Deck. Das letztere ist über 200 Fuss lang, so dass man schon tüchtig
ausschreiten kann.

Am Nachmittag kommt für Viele ein Schläfchen, unter dem Einflusse des
steten Aufenthalts im Freien und der Schwüle. Der leichteste Lesestoff
wird der Bücherei des Dampfers oder dem eigenen Vorrath entnommen, --
Bücher, die man zu Hause, in gesunden Tagen, nicht in die Hand nehmen
würde.

Wer die Speisenordnung ganz gewissenhaft beobachtet, lässt den
Nachmittags-Kaffe oder Thee nicht vorübergehen. Gegen Abend ist
natürlich das Deck am meisten belebt, bis das Zeichen ertönt, zur
Hauptmahlzeit sich fein zu machen. Dies ist unerlässlich. Der Seemann
ist ritterlich gegen die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, der
Reisende ist es auch, oder folgt seinem Beispiel.

Unter fröhlicher Tafelmusik bei einem guten Glase Wein und
freundschaftlichem Geplauder vertilgen wir unbewusst bedeutende Mengen
der uns so diensteifrig vorgesetzten Speisen.

Obwohl das electrische Glühlicht Lesen und Schreiben bequem gestattet,
ist doch das eigentliche Tagewerk jetzt beendigt. Das Rauchzimmer,
wo auch die kräftigen +Getränke+ zu haben sind; später der Salon der
zweiten Cajüte, wohin uns Abendmusik und Fassbier ziehen, allenfalls
ein Spaziergang auf Deck bei Mondschein (im August und September
sind auf dem nordatlantischen Ocean wahrhaft italienische Nächte,)
erschöpfen die Zeit bis zum Schlafengehen.

So einen Tag wie den andern. Und die +Langeweile+? Ich habe sie nie
empfunden.

Die Betrachtung der in ihrer Einförmigkeit so grossartigen Natur des
Himmels und der Wellen, das erhabene und fesselnde Schauspiel der
auf- und der untergehenden Sonne, der Wolkenbildung, des gestirnten
Nachthimmels[33], des nächtlichen Meeresleuchtens, die Untersuchung
des Schiffes, die Beobachtung des anziehendsten aller Geschöpfe,
des Menschen, in seinen tausend Abstufungen und Bestrebungen, die
wissenschaftlichen Bücher abwechselnd mit leichterem Lesestoff geben
vollauf Beschäftigung.

Wer nach der Hauptmahlzeit nicht zu lange bei den Nüssen und
Knackmandeln verweilt, kann gelegentlich den uns Städte- und
Landbewohnern ganz unbekannten Anblick des in den Meeresspiegel
eintauchenden Sonnenballs geniessen. Langsam verschwindet von unten
her ein Gürtel des Feuerballes nach dem andern; bald ist nur noch eine
schmale Sichel, jetzt nur noch ein Lichtpunkt vorhanden, und plötzlich
versinkt auch dieser. Den Inseln und Küsten bewohnenden Griechen war
dies Schauspiel geläufiger. Wer von uns es öfters gesehen, versteht
die künstlerische Darstellung der in’s Meer tauchenden Sonnenrosse am
Giebel des Parthenon. Natürlich +messe+ ich die Zeitdauer vom Anfang
(_A_) bis zum Ende (_E_) des Eintauchens; und die wissensdurstige
Amerikanerin, die erst befremdet dem Deutschen zugeschaut, betheiligt
sich eifrigst an der Zeitmessung mit der Secundenuhr.

Ich mass 1887 am 10. August unter 42° N. B.

    _A_ = 7 Uhr 12 Minuten
    _B_ = 7 Uhr 15 Minuten und

sehr wenige Secunden.[34]

Das Ergebniss giebt Stoff zum Denken und Reden. Das ganze
Himmelsgewölbe dreht sich scheinbar

    um 360° in 24 Stunden,
    um  15° in 1 Stunde,
    um  15′  in 1 Minute.

Wenn wir die Sonnenbreite zu ½° oder 30′ annehmen, hätten wir für die
Zeitdauer des Eintauchens 2 Minuten zu erwarten. Die atmosphärische
Strahlenbrechung kann die Erscheinung nur verspäten, nicht verlängern:
sie beträgt für 90° Zenith-Abstand 33′; wir sehen also die Sonne noch
vollständig über dem Horizont, wenn ihr oberer Scheitel schon soeben
darunter gesunken ist. Woher aber die Dauer von mehr als 3 Minuten? Die
Aufklärung verdanke ich unserem berühmten Astronomen +Auwers+.

[Illustration]

Die Sonne geht unter senkrecht gegen den Horizont nur am Aequator und
braucht daher dort 2 Minuten zu ihrem Untergang; in jeder anderen
Breite mehr, da sie hier in ihrer täglichen Bahn +schräg+ auf den
Horizont _HH_ zugeht, unter dem mit der geographischen Breite und den
Jahreszeiten wechselnden Winkel φ. Damit der Stand der Sonne sich um
den Durchmesser _AB_ erniedrige, oder dieser durch den Horizont gehe,
muss die Sonne in ihrer Bahn den Weg _SS′_ = _BB′_ = (_AB_)/(sinφ)
zurücklegen. In Berlin braucht die Sonne zum Untergehen am 15. August 3
Minuten 40″, am 15. October 3′ 36″; unter 45° nördlicher Breite 3′ 9″
bezw. 3′ 6″.

Es ist merkwürdig, dass die volksthümlichen Darstellungen der
Astronomie diesen Gegenstand nicht berücksichtigen, -- offenbar, weil
bei uns auf dem Lande die Beobachtung nur ausnahmsweise angestellt
werden kann.

Das +Meeresleuchten+ kann Abends den aufmerksamen Beobachter
stundenlang fesseln. Im dunklen Wasser tauchen grosse rundliche,
bläulich glänzende Leuchtscheiben auf, in dem Augenblick und an dem
Ort, wo sie gerade von der weissen Welle berührt werden, die von dem
das Meer durchpflügenden Schiff ausgeht: Quallen, Medusen und andere
Seethiere sind die Ursache des Leuchtens. Oder die ganze weisse
Meeresoberfläche des Kielwassers hinter dem Schiff erglänzt in weissem
Phosphorlicht. Hierbei spielen Leucht-Bakterien die Hauptrolle.

Zum Zeitvertreib berechnet man die Ausdehnung des +Meereshorizontes+
und findet zu seinem Staunen, dass der Halbmesser nur 5-6 Seemeilen
beträgt.[35] Wie ein Kind freut sich jeder, der zum ersten Mal die
Kugelgestalt der Erde sich selbst vorbeweist, indem er zunächst den
Schornstein, und später, bei grösserer Annäherung, den Rumpf eines
fahrenden Dampfers erblickt.

Zu den +Spielkarten+ brauche ich meine Zuflucht nicht zu nehmen. Ich
verstehe keines der Kartenspiele, mit denen allerdings die meisten
Reisenden einen Theil der „unendlichen“ Zeit hinbringen. Auf der Fahrt
von Europa nach Amerika trifft man viele eingefleischte Kartenspieler,
namentlich unter Kaufleuten, die an Wettgeschäfte gewöhnt sind.
Das milde Whist- und Skat-Spiel im Rauchzimmer wird schon von dem
waghalsigen Poker verdrängt. Ja, es scheint bereits gewerbsmässige
Spieler zu geben, welche die Kosten der Fahrt nicht scheuen, in
Hoffnung auf weit grösseren Gewinn.

Unschuldigere Spiele werden auf Deck geübt. 1. +Himmel und Hölle+,
doch wird es nicht wie von unseren Knaben mit Scherben und der
Fussspitze, sondern mit Brettchen und einem Schieber gespielt. (Ich
sah ein ähnliches Spiel auf englischen Dampfern; das Brett hat seine
Eintheilung in Rechtecke mit den verschiedenen Ziffern; geworfen
wird mit rundlichen Metallplatten). 2. Auf einem festen Brett ist
senkrecht nach oben ein kurzer, spitziger Pfahl befestigt. Ringe aus
dickem Tau sind hergerichtet und werden aus der Entfernung von 10-15
Fuss auf den Pfahl geworfen. Es gehört Kunst und Uebung dazu, um nur
dreimal von 12 Würfen zu treffen. Das schöne Geschlecht betheiligt sich
lebhaft. (Gelegentlich werden die Ringe auch in einen kleinen leeren
Wassereimer, aus derselben Entfernung, hineingeworfen.)

Von +Erlebnissen+ oder gar von Abenteuern habe ich wenig zu melden.
Das Meer war fast spiegelglatt, während der ganzen Fahrt, nur kleine
weisse Wogenkämme sichtbar; der Himmel öfters blaugrau, aber doch
freundlich; Abends erglänzte der Mond auf dem Wasser. Der röthlich
schimmernde Mars erinnerte mich an die Lieben daheim, mit denen ich so
oft an dem uns so nahe getretenen Wandelstern mich erfreut hatte, so
dass selbst die kühnsten Annahmen, die einige halbgebildete Kentuckyer
über die Kunstfertigkeit der Marsbewohner vorbrachten, mir die gute
Stimmung nicht zu stören vermochten. Nachts vom 6./7. August tönte
das Nebelhorn, ebenso am Sonntag, den 7., bis nach Mitternacht. In
der Nähe der „Bänke“ von Neu-Fundland ist immer Nebel. An diesem
Tage erblickten wir einen Dampfer und zwei Segler. Montag, den 8.
August war entzückendes Wetter, blauer Himmel, Sonnenschein, tiefblaue
See, fröhliche Stimmung bei Jung und Alt. Wie Noah einstmals voller
Freuden das Oelblatt im Schnabel der Taube erblickte; so sehen wir, zum
Zeichen, dass der Wasserwüste Ende nahe ist, kleine Vögelchen über den
Wellen schweben. Wir sehen um 9 Uhr Vormittags das erste Fischerboot
auf den Bänken; ein Dreimaster fährt in nächster Nähe an uns vorüber.
Dass es auch alberne Menschen auf dem Dampfer giebt, zeigte eine
Abendunterhaltung in der zweiten Cajüte: ein junger deutscher Kaufmann,
der komische Begabung zu besitzen wähnte, ein amerikanischer Arzt,
der in Berlin ernsteren Studien obgelegen und hier eine Neger-Predigt
hielt, trugen die Kosten der Unterhaltung.

Dienstag, den 9. August, kam der +Lootse+ an Bord. Er fährt in seinem
Kutter mit mehreren Matrosen weit hinaus in die offene See und kreuzt
dort, um den Dampfer zu erlauern. Er erhält für das Lootsengeschäft
ungefähr 150 Dollar, nämlich 5 Dollar für jeden Fuss Tiefgang des
Dampfers. Natürlich sind es geprüfte Leute, die ihr Fahrwasser kennen.
Sowie der Lootse an Bord ist, übernimmt er die Leitung des Schiffes
und erleichtert dem Capitän die Verantwortung für den Rest der Fahrt.
Es ist ja ein recht dramatischer Augenblick, wenn der gewandte Mann
die Schiffsleiter emporklimmt; die Zeitungen, mit denen er die Taschen
vollgestopft hat, werden ihm schleunigst abgenommen, namentlich von den
Neulingen, welche möglichst rasch Nachrichten von dem Weltgetriebe,
dem sie für 6 Tage entrückt waren, zu erhalten streben. Aber sehr bald
legen sie enttäuscht die Blätter wieder fort; dieselben enthalten
nichts Neues; wenige Stunden nach unserer Abfahrt war der Lootse von
New-York abgesegelt.

Wie verschieden sind doch die Neigungen und Strebungen der Menschen?
Der eine will wissen, wie es zu Hause steht, ob Frieden in Europa
herrscht. Der zweite blickt nach den Kursen. Der dritte fragt nur nach
dem Ausgang der Jachtwettfahrten.

Uebrigens wird auch das Erscheinen des Lootsenbootes zu einer neuen
Wette benutzt. Es sind 24 Boote, jedes führt eine Nummer, von 1 bis 24,
auf dem Hauptsegel. Eine Partie wird gebildet mit 24 Loosen; derjenige
gewinnt, welcher die Nummer des Lootsenbootes gezogen hatte. Mein
vortreffliches Doppelfernrohr[36], das bisher edleren Zwecken gedient,
wurde mir von den eifrigen Spielern abgefordert, um schon aus weiter
Ferne die Nummer von dem Segel abzulesen. Hierbei ereignete sich ein
spassiger Auftritt. Ein Amerikaner war erstaunt und fast entrüstet,
dass mein deutsches Glas mehr zeigte, als das seinige. „Was kostet das
Glas?“ fragte er. „25 Dollar“ antwortete ich. „Meines kostet 100“,
sagte er stolz und fügte hinzu, „aber es ist auch aus Aluminium“. „Mit
dem Aluminium können Sie nicht sehen, sondern nur mit den Gläsern,“
war meine letzte Antwort. Aber der Sieg der deutschen Arbeit war doch
entschieden. Er liess sich später das Instrument aus Berlin nach Boston
kommen.

Nachmittags tönte wieder das Nebelhorn; und sogar ein zweites für kurze
Zeit, aus grosser Nähe. Wir lothen 47 Faden. Der Capitän gestattet
einigen Auserwählten, die Brücke zu betreten.

Das letzte Abendessen ist besonders fein. Grosse Baumkuchen, auf
deren Spitze Marzipan-Engel mit deutschen und amerikanischen Flaggen
stehen, zieren die Tafel. Die Musiker spielen ihre besten Weisen. Geht
doch heute das Blatt herum, auf welchem jeder Reisende seinen Beitrag
für die Musik vermerkt. Man zeichnet 10 Mark, ebenso viel giebt man
dem Aufwärter bei Tische und dem in der Cajüte; man vergisst auch
nicht den Badediener. Die gehobene Stimmung der glücklich vollendeten
Seefahrt öffnet Herzen und Hände. Auch die weiblichen Aufwärterinnen
schmunzeln, denn trotz des guten Wetters war so manche Dame erkrankt
und hilfsbedürftig genug gewesen, um sich jetzt dankbar zu zeigen.

Während der Tafel steht ein Amerikaner auf und hält in dem bei ihnen
landesüblichen Wortschwall eine längere Rede, die so ausschliesslich an
die anwesenden Amerikaner gerichtet ist, als ob sie allein da wären.
Als er fertig ist, stehe ich auf und bringe in wenigen Worten einen
deutschen Toast aus auf Capitän und Officiere.

Wir müssen durchaus in der Fremde daran erinnern, dass wir Deutschen
auch eine Nation sind und eine eigne Sprache besitzen. Der feierliche
Ball auf Deck, den ich auf den beiden früheren Fahrten mitgemacht,
fällt diesmal aus wegen des Nebels.

Auch der letzte Tag der Fahrt, Mittwoch, den 10. August, bringt uns
herrliches Wetter, sogar 23° C. Ich schwitze weidlich beim Packen.
Um 8½ Uhr Morgens erscheint +Fire-Island+[37], dann Long-Island und
+Sandyhook+, vor der Einfahrt in den Hafen von New-York. Bis hierher
rechnet man die Meeresfahrt. Sie hatte 6 Tage 18 Stunden gedauert.[38]

Alle Reisenden sind festlich geschmückt. Die Einfahrt in die Narrows
sehe ich wieder von der Brücke aus. Wir werfen Anker, mit dem Blick auf
die Bay von New-York, die Statue der Freiheit, die Riesengebäude von
New-York (Washington-, World-Building) und die berühmte Hängebrücke von
Brooklyn.

Die Gesundheitsbeamten kommen an Bord, aber nicht für uns. Wer den
Cajütenplatz bezahlt, kann unbehelligt das Reich des allmächtigen
Dollar betreten. Der Zwischendeck-Reisende aber muss sein Impf-Zeugniss
vorweisen; er ist auf der Reise vom Schiffsarzt frisch geimpft worden.
Es kommen Zollbeamte, die uns den berühmten Zolleid abnehmen. Es kommen
Freunde. Wir landen in +Hoboken+ am westlichen Ufer des Hudsonflusses
in der Riesenwerft des norddeutschen Lloyd und werden mit klingender
Musik in deutschen Weisen empfangen.[39]



II.

Eine Wasser- und Landpartie durch den amerikanischen Continent.


Einen +Erdtheil+ zu +durchqueren+, von dem einen Weltmeer zum andern,
ist für den +Einzelnen+ ebenso reizvoll und belehrend, wie die
erste Durchquerung, welche kühne Forscher unternahmen, wichtig und
epochemachend für die +Geschichte des gesammten Menschengeschlechts+
geworden.

Am bequemsten lässt sich eine derartige Reise durch den
+nordamerikanischen Continent+ machen.

Schon Südamerika ist erheblich schwieriger; das Innere von Asien,
Afrika, Australien ist dem gewöhnlichen Reisenden vollkommen
unzugänglich. In unserem geliebten Europa kann man wohl von der Nordsee
zum Mittelmeer, aber nicht vom Weltmeer zum Weltmeer reisen; seien wir
aufrichtig, unser Europa ist gar kein eigener Erdtheil, sondern nur ein
Anhängsel von Asien.

+Nordamerika+ bietet noch dazu den besonderen Vortheil, dass seine
ganze +Cultur eine neue+ ist, da die spärlichen Reste der Ureinwohner
kaum noch in Betracht kommen. Neben dem +geographischen+ Gesetz, dass
der Continent ziemlich ringsum von Rand- und Küstengebirgen umgeben,
+erst+ einen mehr oder minder breiten Gürtel +fruchtbaren+ Landes und
+dann+ in seiner Mitte einen mehr +öden+ und selbst wüsten Bezirk
enthält, tritt uns in voller Klarheit, ganz anders als in dem alt-
und dichtbesiedelten Europa, auch das +politische+ Gesetz entgegen,
dass Cultur und Bevölkerungsdichte von den fruchtbaren Niederungen
der Flüsse gegen das steinige Land ihres Oberlaufs rasch und gewaltig
abnehmen.

Wie man auf dem Pic von Teneriffa in etlichen Stunden die verschiedenen
Zonen der Pflanzengeographie durchwandern kann, so führt uns der
Eisenbahnzug, der den Fraser-Cannon in Britisch Columbia durchsaust,
im Verlaufe von wenigen Stunden aus der Einöde, in welcher nur einzelne
lachs-speerende Indianer in ihren dem Felsblock angeklebten Hütten
wohnen, bis an den reichbevölkerten, fruchtbaren Puget-Sund, wo in
der sechs Jahre alten Stadt Vancouver stolze Granitpaläste hoch in
die Lüfte emporragen, die electrische Eisenbahn durch die Strassen
jagt, 485 Fuss lange Oceandampfer der Reisenden nach Japan, China und
Ostindien harren.

+Fünf pacifische Eisenbahnen+, die ein gewaltiges Stück Culturarbeit
enthalten, führen durch Nordamerika von dem atlantischen zum stillen
Ocean: 1. Die +centrale+ von +S. Francisco+ nach Ogden in Utah und
weiter nach +Omaha+ in Nebraska. (Von hier ist Verbindung mit Chicago
und New-York.) Dies ist die +älteste+ dieser Bahnen, im Jahre 1869
vollendet. 2. Die +Atlantic- and Pacific-Bahn+ von +S. Francisco+ nach
+St. Louis+, an der Vereinigung des Missouri und Mississippi. 3. Die
+südliche+ Pacific-Bahn von +S. Francisco+ nach +New-Orleans+. 4. Die
nördliche Pacific-Bahn von +Tacoma+ in Washington nach +St. Paul+ in
+Minnesota+, (und von da weiter nach der östlichen Küste,) im Jahre
1883 vollendet.

Vor fünf Jahren habe ich die erste und die vierte befahren und die
dabei gewonnenen Eindrücke in einem kleinen +Büchlein+ (Von New-York
bis S. Francisco, Leipzig 1888) niedergelegt.

5. Jetzt habe ich auch die +canadische+ Pacificbahn[40] durchfahren,
die von Montreal bis Vancouver in einer Länge von 2906 engl. Meilen
sich erstreckt; ihr gebe ich in mehrfacher Beziehung den Vorzug vor den
anderen.

Vor Allem ist sie +malerischer+ und +reizvoller+, sodann reich an
Abwechslung. Die bequeme Verbindung der canadischen Pacificbahn mit
ihren Dampfern, welche die ungeheure Süsswasseranhäufung der grossen
Seen (Lake Huron, L. Superior) durchkreuzen, ermöglicht es uns,
den vierten Theil der ganzen Reise als angenehme und erfrischende
+Wasserpartie+ zu machen.[41] Wird noch ein kurzer Aufenthalt am
+Niagara+ und im +Felsengebirge+ eingeschoben, so gelangt man in etwa
12 Tagen bequem von dem einen Ocean zum andern. Wer Eile hat, fährt mit
dem Postzuge von Montreal nach Vancouver in sechs Tagen.

Ehe wir diese Ueberlandsreise antreten, wird es zweckmässig sein, uns
einigermassen mit der +Geschichte+ dieser gewaltigen Eisenbahn vertraut
zu machen.

Eine Eisenbahn quer durch Canada vom atlantischen zum stillen Ocean
zu bauen, war lange Zeit hindurch der +patriotische Traum+ einzelner
canadischer Männer. Es wurde eine +politische Nothwendigkeit+, nachdem
im Jahre 1867 die britischen Besitzungen in Nordamerika zum Dominion
Canada (gegen 8 Millionen Quadratkilometer mit etwa 5 Millionen
Einwohnern) sich vereinigt hatten.

Aber alles Land oberhalb des oberen Sees und jenseits des rothen
Flusses (Red river), der in den Winnipegsee fliesst, war unbekannt und
erst zu durchforschen. Im Jahre 1875 wurde das Werk von der Regierung
begonnen, aber bald durch politische Parteiungen gehemmt und 1880 an
eine +Gesellschaft+ übertragen nebst 25 Millionen Dollar, ebenso
vielen Acres Land und den schon fertig gestellten Strecken. Rasch ging
die Gesellschaft an das Werk und war im Jahre 1885 damit fertig. Es ist
die längste Eisenbahnlinie der Erde, von Quebec bis zum Stillen Ocean
3050 engl. Meilen. Dazu kommen noch zahlreiche Nebenlinien, so dass die
gesammte Ausdehnung 5766 Meilen umfasst.

Die Faust des jungen Riesen vom Nordland wurde schon fühlbar im
Welthandel, als man kaum erst eine rechte Kenntniss von seiner Existenz
gewonnen. Von Alaska bis Californien herunter und hinüber bis Japan
und China streckte er seine Hand aus. Der Eisengürtel durch Canada
gab den Feldern, Bergwerken, Fabriken einen magnetischen Antrieb; die
bescheidene Colonie von gestern ward zu der Nation von heute.[42] Dies
ist wenigstens die +Ansicht der Canadier+, während die eifersüchtigen
Bürger der Vereinigten Staaten vielfach mit Spott und Geringschätzung
auf Canada herabblicken.

Von der gewaltigen Hauptstadt +New-York+, wo der vaterländische
Dampfer gelandet, beginnen wir unsere Fahrt mit dem +Tagdampfer+[43]
stromaufwärts auf dem +Hudson-Fluss+ bis +Albany+, der Hauptstadt des
Staates New-York.

Das ungeheure dreistöckige Schiff, das viele Hunderte von Reisenden
aufnehmen kann und auch wirklich aufnimmt, zeigt uns das belebte Bild
dieses +unvergleichlichen Hafens+ von New-York und die Stadt selber mit
ihren neuen, dem Thurm von Babel ähnlichen Gebäuden (World, Madison
Square Garden, beide über 350 Fuss hoch,) und dann weiterhin das
Landschaftsbild des +majestätischen Hudsonflusses+, den man in diesem
Lande den +Rhein von Amerika+ nennt und in dem üblichen Superlativ-Stil
nicht bloss zu den grössten Sehenswürdigkeiten der Vereinigten Staaten
rechnet, sondern auch noch dazu weit über unsern Rhein zu erheben
pflegt.[44]

Die Fahrt ist wirklich lohnend. Aber so schön, wie der Rhein, ist mir
der Hudson doch nicht vorgekommen. Ihm fehlt, wenigstens für mich,
die dichterische Verklärung, der Sagenkranz, der um die Burgen und
Berggipfel am Rheinstrom gewoben ist.

Dem Hudson fehlen die Burgen ganz, der Wein fast völlig. Dazu kommt,
dass merkwürdiger Weise seine Ufer um so flacher werden, je weiter
+stromaufwärts+ man sich Albany nähert. Uebrigens liegt diese Stadt,
143 engl. Meilen nördlich von der Mündung, noch im Bereich der
+Gezeiten+.

Sowie wir das Gebiet von New-York verlassen, erscheinen uns, während
am rechten wie am linken Ufer Eisenbahnzüge[45] vorbeisausen, links
(westlich) die +Pallisaden+, säulenartig gegliederte, bis 300 Fuss
hohe, schroffe Erhebungen, oben schön bewaldet (15 Meilen lang); rechts
(östlich), +Yonkers+, eine der ältesten Ansiedelungen im Hudsonthal;
und nach der Ausweitung des lieblichen Tappansee’s +Sunnyside+, der
ehemalige Wohnsitz des Dichters +Washington Irving+, weiter das
berüchtigte Zuchthaus +Sing-Sing+, und endlich +Crotonpoint+, von wo
New-York sein Trink-Wasser bezieht.

Die malerischste Partie des Hudson-Gebietes bilden die +Highlands+,
mit Bergen bis zu 1000 Fuss Höhe. Hierselbst ist auch der Fluss mit
schönen, bewaldeten Inseln geschmückt. Jenseits der Kadettenschule zu
+Westpoint+ erblickt man in der Ferne die +Catskillberge+, und erreicht
+Albany+ (w.) am späten Nachmittag.

Nach Besichtigung der Stadt und namentlich des +Capitols+, eines
erstaunlichen Granitbaues von 300×400 Fuss bei 320 Fuss Höhe, bringt
mich der Nachtzug (der N. Y. Central) über +Buffalo+ nach +Niagara+, wo
ich natürlich einen Tag verbleibe.[46]

Sodann fahre ich nach dem nahen +Toronto+, am Nordwestufer des
Ontario-See’s, und lerne eine canadische Stadt kennen.

Es ist ja recht kindlich, dass wir seit unseren frühesten Schuljahren
mit dem Begriff des Canadiers den der +Unkenntniss von Europa’s
übertünchter Höflichkeit+ gewissermassen unbewusst und zwangsweise
verbinden. Aber, wenn auch das fortgesetzte Studium uns eine bessere
Vorstellung von dem +heutigen Canada+ beigebracht, wenn wir gelesen
haben, dass Toronto 1799 gegründet ist, 1817 nur 1200 Einwohner zählte,
1891 aber über 180000; so sind wir doch überrascht und erstaunt, mit
+eignen+ Augen diese +riesigen+, acht Stockwerke hohen Geschäftshäuser
und die ungeheure Zahl der +electrischen Strassenwagen+ in -- +Canada+
zu sehen! Die +Staats-Universität+ von Toronto ist ein gewaltiges
Gebäude in normannischem Stil.

Die Wissenschaft ist +international+. In dem biologischen Institut
der Universität treffe ich deutsche Bücher, von R. Friedländer &
Sohn (Berlin, Carlstrasse) geliefert, Sterilisirungsapparate von Dr.
Müncke (Berlin, Luisenstrasse), deutsche Mikroskope und endlich die
ausgezeichneten Museum-Schränke, die mein Freund, Hofrath A. B. Meyer
in Dresden, construirt hat.

Nach zwei angenehmen Tagen, die ich in Toronto verlebt, bringt mich
die Eisenbahn in vier Stunden über die gut bebaute Ontariohalbinsel
nach dem tiefblauen +Owen Sund+ am Huron-See. Hier nimmt uns der
Schrauben-Dampfer +Manitoba+ auf, der 2600 Tonnen fasst, 300 Fuss
lang und 300 Reisende zu befördern berechtigt ist.[47] +Die Fahrt ist
entzückend.+

Sie +vereinigt die Reize der Fluss- und der Meerfahrt+. Denn unser See
ist so spiegelglatt, wie nur irgend ein Fluss sein kann; die Ufer, die
Inseln reich bewaldet. Aber, wie wir weiter vordringen, umfängt uns der
kreisförmige Horizont des Meeres.

Eines ist aber anders. Wir begegnen einer ganz +gewaltigen Zahl
von Dampf- und Segelschiffen+, wie man sie nie auf offenem Meere
antrifft; die meisten sind Kauffahrer, mit Holz und Getreide beladen,
sehr tüchtig gebaut und gut gehalten. Ich lerne auch eine neue
Form von Schiffen kennen, „Whaleback“ genannt; sie sind aus Eisen,
wie eine riesige, verhältnissmässig dicke, beiderseits zugespitzte
Cigarre gestaltet, ohne Takelwerk, nicht schön, aber angeblich sehr
praktisch.[48]

Als wir am nächsten Vormittag an dem Engpass +Sault St. Marie+
ankommen, wo der obere See, dessen Oberfläche 191 Meter über dem
Meeresspiegel liegt, plötzlich in einer schmalen schäumenden Rinne[49]
sein Wasser in den über 5 Meter tiefer gelegenen Huronsee ergiesst,
müssen wir wegen der grossen Zahl der anwesenden Schiffe mehrere
Stunden warten, ehe wir durch die riesige Schleuse in den oberen See
emporgehoben werden.

Durch +Sault St. Marie+ soll jährlich eine grössere Tonnenzahl gehen,
als durch den Suezcanal, nämlich 10 Millionen Tonnen im letzten Jahre,
58 Schiffe in 24 Stunden, nach Angabe des Schleusenmeisters.[50]

Uebrigens wird hier von den Vereinigten Staaten ein neuer, noch
weiterer Schleusencanal gebaut, und von den Canadiern auf ihrem Gebiet
(am östlichen Ufer) ein dritter. Es herrscht ziemliche Eifersucht
zwischen beiden Staaten und sogar eine Art von +Zollkrieg+, weshalb die
Canadier ihren Handel durch einen eigenen Canal unabhängig zu machen
bestrebt sind.

Am nächsten Morgen umgiebt uns wiederum der weite Meereshorizont auf
dem +Oberen See+; aber zahlreiche kleine Vögelchen, die munter am
Takelwerk des Schiffes auf- und abklettern, verkünden die Nähe des
Landes. Ein einsamer Leuchtthurm (auf Passage-Island) kommt Vormittags
in Sicht; eine Zinnkiste voll Zeitungen wird für den Thürmer ins Wasser
geworfen.

Bald nach Mittag erblicken wir das mächtige +Donnerkap+, das 1600 Fuss
hoch ist und ganz steil in die See abfällt, kommen in die Donner-Bay
und erreichen Nachmittags +Port Arthur+.

Die Stadt ist erst vier Jahre alt und trägt noch ihr hölzernes
Kindergewand. Von hier fährt der Dampfer in die Mündung des Flusses
Kaministiquia, nach +Fort William+: dort erwartet uns der Zug der
+canadischen Pacificbahn+.

Derselbe enthält nächst der Maschine den Gepäckwagen, dann zwei
Auswandrer-Wagen, zwei sogenannte Wagen erster Klasse, in welchen man
nur kurze Strecken zurücklegen kann, und zwei Schlafwagen von der in
Amerika üblichen Einrichtung. (In jedem Wagen 12 Sectionen mit je
einem oberen und unteren Bett, Nachts durch dicke Vorhänge gegen den
Mittelgang abgeschlossen.)

Die Eisenbahngesellschaft entwirft in ihren Druckschriften glühende
Schilderungen von der +Pracht+ und +Bequemlichkeit+ dieser Wagen.
+Vieles ist richtig+; aber wenn der Wagen mit 24 Personen, dazu mit
etlichen schreienden Kindern, ferner mit dem für eine mehrtägige Reise
nothwendigen oder auch nicht nothwendigen Reisegepäck und endlich mit
Jagd- und Fischerei-Geräthen ganz vollgestopft ist; so geht ein gut
Theil der Bequemlichkeit wieder verloren.

Die Amerikaner sind sehr stolz auf ihr Eisenbahnsystem. Die
Gerechtigkeit erfordert, ihnen unsere Anerkennung nicht zu
versagen. +In der That ist ihre Art für so lange Reisen mit
unbedeutenden Haltepunkten ganz zweckmässig und namentlich der freien
Bewegung förderlich.+ Aber nachdem ich über 15000 Kilometer auf
nordamerikanischen Eisenbahnen zurückgelegt und eine erhebliche Strecke
auf europäischen, muss ich doch gestehen, dass ich für meinen Theil
eine gute Schlafwagencabine in Deutschland, Oesterreich, Frankreich
oder im Eilzug nach Konstantinopel vorziehe.

Eine +viertägige Eisenbahnfahrt+ steht uns bevor; oder, wenn wir
in dem Felsengebirge Halt machen wollen, eine dreitägige. Die
Fahrgeschwindigkeit ist mässig. (500 englische Meilen in 24 Stunden; 21
Meilen = 33 Kilometer in der Stunde.)

Der +erste Morgen+ bietet uns ein reizvolles Bild, +Rat Portage+ am
hauptsächlichsten Ausfluss des +Lake of the Wood+, des grössten Sees,
welchen die Bahn zwischen dem Oberen See und dem Stillen Ocean berührt:
Wald, Fluss, Wasserfälle, kleine Felsdurchbrüche, kleine Häuser,
riesige Mühlen.

Um 8 Uhr Morgens wird der Speisewagen in den Zug eingeschoben und --
gestürmt. Drei starke Mahlzeiten an jedem Tag harren der Reisenden und
werden von den meisten anstandslos bewältigt.

Mittags erreichen wir in der flachen, mit Gras, Blumen und niedrigem
Busch bedeckten Haide, welche als +ebene Prairie+ bezeichnet wird, die
Hauptstadt der Provinz Manitoba, +Winipeg+. Hier war ein alter Sitz
der Hudsonbay-Gesellschaft, jener friedlichen und tüchtigen Kaufleute,
welche Pelze von den Indianern erhandelten und die Pioniere des
amerikanischen Nord-Westens geworden sind. 1871 hatte der Ort (früher
Fort Garry genannt) nur 100, jetzt zählt er 29000 Einwohner. Die Stadt
liegt am Zusammenfluss des Red- und des Assiniboia-River, die für
Dampfer schiffbar sind, sowie von fünf Seitenlinien der Eisenbahn.

Hier ist das +Land-Amt+ der Eisenbahnen und das der Regierung.
Anschläge in allen Sprachen (englisch, deutsch, skandinavisch,
polnisch) richten sich an die Einwanderer. Dolmetscher der Regierung
harren auch am Bahnhof.

Der Zug hält einige Stunden, zur Betrachtung der Stadt. In der
Hauptstrasse sind zunächst noch die alten Holzhütten zu sehen,
weiterhin kommen prächtige Geschäftshäuser und wahre Paläste. Ein
idyllisches Bild, sehr geeignet für den Pinsel eines +Knaus+, war,
behaglich vor seinem Häuschen sitzend, der Handelsmann T., ein
russischer Jude. Vor 10 Jahren seinem Stiefvaterland entronnen, kam er
in diese Gegend ohne einen Cent; „und jetzt ist der ganze Häuser-Block
mein,“ sagte er mit einer bedeutsamen Handbewegung, -- wie einst
Polykrates auf das beherrschte Samos hinzeigte.

Da bald hinter Winipeg, von Poplar Point gegen Portage la Prairie, der
+Glanz von Manitoba+ beginnt, +eine+ Ansiedelung der anderen folgt, und
so bis weit nach Norden hin; so wäre es vielleicht zweckmässig, ein
paar Worte über die +Auswanderung nach Canada+ zu sagen.

Natürlich ist das für einen Nichtfachmann, der bloss durchreist, ein
schwieriger Gegenstand. Ich will zunächst aus dem officiellen Werk
„+Manitoba+“ (by John +Macoun+, M. A., Dominion Governments-Explorer of
the North-West, London 1883, S. 637) das Folgende anführen:

„Landgüter können zu jedem Preis gekauft werden, von 1 Dollar für den
Acre aufwärts; und 160 Acres +freien+ Landes kann man als +Heimstätte+
belegen gegen eine Gebühr von 10 Dollar.“[51] Die Auslagen für das
erste Jahr berechnet der Verfasser auf 600 Dollar, den Besitz nach fünf
Jahren fleissiger Arbeit auf 3000 Dollar.

+Weniger verlässlich+ sind die Schriften der Eisenbahngesellschaft,
welche in dem Landgürtel von 25 Meilen Breite, beiderseits von der
Bahn, zwischen Winipeg und dem Felsengebirge in jedem Bezirk Land
besitzt und -- an den Mann bringen will. Sie bietet Land an zum Preise
von 2,5 Dollar für den Acre und verlangt ein Zehntel baar, das Uebrige
stundet sie bis zu neun Jahren bei 6 Procent Zinsen. Aus ihrer Schrift
+„Successful Farming in Manitoba+ (1891)“ ist zu ersehen, dass einzelne
Farmer ein Kapital von 1000 bis 5000 Dollars mitbrachten, -- andere
+gar nichts+, „und gut vorwärts kamen, namentlich wenn sie zunächst als
+Arbeiter+ einige Ersparnisse gemacht.“[52] (Vergl. auch „Farming and
Ranching in Western Canada.“) Obwohl die Heimstätte weder verpfändbar
noch verkäuflich ist, und der Besitztitel erst nach Ablauf von fünf
Jahren regelmässiger Bearbeitung erworben wird; so giebt es doch
Banken, welche, mit Erlaubniss der Regierung, den Ansiedlern von vorn
herein mit Vorschüssen aufhelfen.

+Auswanderung ist ein nothwendiges Uebel+ für Europa im Allgemeinen und
für Deutschland im Besonderen. Der Hauptstrom unserer Auswanderer geht
nach den Vereinigten Staaten. Ob es nicht für Viele besser wäre, nach
Canada auszuwandern, ist eine wichtige Frage. Deutsche Ansiedler sind
in Nordwest-Canada beliebt und kommen auch sehr gut fort.

Wir nehmen unsere Reise wieder auf und kommen Nachts in die +wellige+
und dann in die +ansteigende+ Prairie, die auch noch gut bebaut ist.
Hier liegt Bell’s berühmte +Riesenfarm+ von 100 Quadratmeilen, die mit
militärischer Ordnung bewirthschaftet wird; man pflügt in Brigaden und
erntet in Divisionen.

Am Morgen des zweiten Tages erreicht der Zug die Stadt +Regina+ in
der Provinz Assiniboia. (1875 Fuss hoch über dem Meeresspiegel, mit
2000 Einwohnern). Hier liegt die erste (östlichste) Musterfarm der
canadischen Ackerbaugesellschaft; hier ist der Sitz der Regierung des
Nordwestens; hier stehen die Baracken der vortrefflichen, berittenen,
rothjäckigen Polizeisoldaten (1000 Mann), welche die +musterhafte
Ordnung+ des Nordwestens gewährleisten. Sie überwachen auch die
+Indianer+.

Die Letzteren machen einen ungünstigen Eindruck. Sie kommen auf die
Stationen, um Büffelhörner und allerlei Kram zu verkaufen. Ehemalige
Krieger aus der wilden Bande des Sitting Bull, welche die Abtheilung
des Generals Custer 1876 in Montana (U. S.) vollständig aufgerieben,
singen heute ihre Kriegsgesänge für ein paar kleine Münzen. Viele
sind mit Narben und Geschwüren behaftet. Ja, die so berühmte Schärfe
des Auges ist ihnen abhanden gekommen. Die Frauen leiden vielfach und
die Männer nicht selten an eingewurzelten Entzündungen der Augen und
Flecken auf der Hornhaut. Es ist zwar verboten, ihnen „Feuerwasser“ zu
verkaufen, bei Strafe von 50 Dollar oder zwei Monat Gefängniss; aber es
geschieht doch, wie die Verurtheilungen beweisen.

Eine Indianer-Reservation, wo sie auf einem bestimmten, ihnen
zugewiesenen Gebiet mit Unterstützung der Regierung nach ihrer Art
leben, habe ich nicht besucht; wohl aber ein Dorf am Puget-Sund, die
katholische Mission gegenüber von Vancouver. Die Holzkirche und die
weissen Holzhäuser sahen recht gut aus, auch die Boote, die sie aus den
dicken soliden Stämmen herausschnitzen; aber die Menschen entsprachen
nicht dem idealen Bilde der Indianergeschichten, die unser Knabenalter
begeisterten. Auch hier fand ich eine grosse Zahl von Leuten mit
schweren, zum Theil wohl tuberculösen Geschwüren und deren Folgen;
aber auch einzelne hellfarbige Mischlinge, die man nur mit Mühe von
Europäern unterscheiden kann.

Von Regina aus westwärts erstreckt sich 200 Meilen weit eine +Ebene+,
+die keinen Baum enthält+. Bis zum Horizont reicht die einsame, öde
Grassteppe, die bald den Charakter der amerikanischen Wüste annimmt;
der Boden wird zerklüftet, Bündelgras und Sadebusch bilden die ganze
Flora; einzelne Alkali-Seen (Old wife’s-Lakes) kommen in Sicht. Nur
selten wird die Einsamkeit durch eine Wasserstation, ein Haus, einen
Kuhhirten unterbrochen.

Die Gegend soll zur Viehzucht sehr geeignet sein. Bei +Medicine Hat+
(2150 Fuss hoch, mit 1000 Einwohnern), wo immerbrennende Fackeln des
natürlichen Gases die Bahnstrecke erleuchten, gelangen wir in die +hohe
Prairie+.

Am +dritten Morgen+, bei Tagesgrauen, sehen wir uns inmitten der
Felsengebirge. Wir sind 4000 Fuss über dem Meeresspiegel, die
scharfkantigen Gipfel der Berge,[53] auf denen nur hier und da ein
kleines Plätzchen für Schneeablagerung bleibt, steigen bis zu 10000
Fuss in die Höhe. Wasserrinnsale und Föhren beleben das Bild.

Um 6 Uhr Morgens erreichen wir +Banff+, das 4500 Fuss hoch, 2346
Meilen von Montreal, 560 Meilen von Vancouver liegt. Hier hat die
Eisenbahngesellschaft ein grosses Gasthaus mit 180 Zimmern erbaut.
Behaglich prasselt in der riesigen Halle das Feuer und wird durch drei
Fuss lange Baumstämme unterhalten.

Von der Höhe des +Tunnelberges+, 1000 Fuss über dem Thal, hat man einen
Blick, ähnlich wie in St. Moritz. Man erblickt unten eine seeartige
Ausweitung des grünen Flusses,[54] das kleine Dorf Banff, das 200 Fuss
höher gelegene Gasthaus: Alles umgeben von starrenden Felsen, die
amphitheatralisch ansteigen; einige, gerade jenseits des Gasthauses,
sind mit Schnee und Gletschern bedeckt.

800 Fuss über dem Thal entspringt eine +warme Schwefelquelle+.[55]
Viele Leidende suchen hier Hilfe. An der Holztreppe zu dem Gasthaus[56]
sind Krücken angenagelt mit +ruhmrednerischen Heilberichten+,
-- ebenso, nur nicht so schön abgefasst und geschrieben, wie im
Asklepieion von Epidaurus vor 2000 Jahren, oder wie an manchen
Wallfahrts-Orten unserer Tage.

Eine andere, weniger warme Schwefelquelle in einer +Höhle+ des
Thales ist durchaus einem Geiser ähnlich: ein weites Becken mit
grünlichem, lauem Schwefelwasser angefüllt, worin einige kleine Quellen
aufsprudeln; darüber ein domähnliches Steindach mit Lichtöffnung.

In einer guten Stunde fährt man, vorbei am Fusse von Cascade Mountain,
der einer ungeheuren Riesenburg ähnlich sieht und ganz steil in’s Thal
abfällt, nach dem Teufels-See[57] und befährt diesen auf einem ganz
kleinen Dampfer. Es ist ein langer Hochgebirgssee, rings umgeben von
den nackten Steinungeheuern der Felsengebirge, die trotzig emporragen,
nur unten am Ufer mit grünem Nadelholz bewachsen.

Indem ich die Eisenbahnfahrt nach dem Westen fortsetze, merke ich zum
ersten Male seit New-York, dass es anfängt, leerer zu werden: ein
+Schlafwagen wird abgehängt+.

+Die Gebirgsfahrt ist entzückend schön.+ (Im Eisenbahnbuch steht: 1.
„Sie ist sonder gleichen.“ 2. „Der Gletscher bei dem Gletscherhause
soll grösser sein als alle Gletscher der Schweiz zusammen.“ -- Das ist
so die +Geschäftssprache der neuen Welt+.)

Zunächst kommen wir in ein waldiges Thal und verfolgen den Lauf des
Bow-Flusses nach aufwärts. Castle Mountain, der 5000 Fuss über die
Ebene der Bahn emporragt, trägt seinen Namen mit Recht; die Zinnen der
gewaltigen Burg sind mit frischgefallenem Schnee bedeckt.

Nach zwei Stunden erreicht man die grosse Wasserscheide.[58] Zwei
kleine Bäche beginnen hier von einem gemeinschaftlichen Ausgangspunkte.
Der eine geht ostwärts in den Saskatchewan-Fluss, also in die Hudsonbay
und den atlantischen Ocean; der andere westwärts in den Columbia-Fluss,
bezw. in den pacifischen Ocean.

Nach dem ersten Präsidenten der C. P. R. heisst +Stephen+ sowohl die
Gipfelstation (5296 Fuss) als auch der höchste Berg in diesem Theil
der Felsengebirge. Wir gelangen in den Wapta- oder Kicking-Horse-Pass,
wo der gleichnamige Fluss 1000 Fuss unter uns in der Tiefe schäumt,
umkreisen die Grundfläche des Riesen Mount Stephen, der 8000 Fuss
über die Bahnebene emporsteigt und in gewaltiger Höhe über uns
einen Gletscher trägt. Ziemlich weit oben gewahren wir auch die
Zickzacktreppen, die einem Silberbergwerk angehören.

Dem Fluss folgend, gelangt man in den unteren Kicking-Horse-Cannon,
wo das brausende Wasser und die Bahn sich den Raum der engen Schlucht
streitig machen. Nur eine einsame Sägemühle unterbricht die Wildniss.
Tunnel sind nur sparsam und kurz.

Wir fallen rasch in drei Stunden 600 Meter, und tauchen bei +Golden+
aus der Schlucht in’s Freie. Sofort erblicken wir vor uns den
Columbiafluss und die schöne Kette des +Selkirk+-Gebirges, die
annähernd parallel ist mit der des Felsengebirges.

Bei Donald (2500 Fuss hoch) erreicht man die pacifische Abtheilung der
Bahn, kreuzt den Columbiafluss und dringt in die Selkirks ein durch die
enge Schlucht des Beaverflusses. Wir steigen wieder empor, den Fluss
1000 Fuss unter uns, durch dichte Föhrenwälder; über luftige Brücken,
250 Fuss über dem Bach; und erreichen die +Passhöhe der Selkirks+
(Roger-Pass, 4275 Fuss hoch), inmitten hoher +Gletscherberge+:
Cheops, Illiciwäet, Ross Peak, Donald. (Hier liegt das freundliche
+Gletscherhaus+.) Diesseits und jenseits der Passhöhe sind mächtige
Schneetunnel, z. Th. mit offenen Nebengeleisen für den Sommer.

Rasch fallen wir wieder und dringen in den Albert Cannon ein. Der Zug
hält. Wir sehen von einem Holzbalkon aus 300 Fuss tief unter uns den
schäumenden Fluss auf 20 Fuss Breite zusammengepresst.

Dann treffen wir, nach fünf Stunden Eisenbahnfahrt, wieder den
Columbiafluss, welcher einen weiten Bogen nach Norden um die Selkirks
gemacht, um 1000 Fuss gefallen und zu einem +mächtigen+, +schiffbaren+
Strom angewachsen ist.

Am +letzten Morgen+ ist ein Glanzpunkt der Reise die Fahrt durch
den +Fraser-Cannon+ (40 Meilen). Der Fraser ist der Hauptfluss in
Britisch-Columbien und geht in den Puget-Sund. Interessant ist die alte
Regierungs-Fahrstrasse durch diesen Cannon, die gelegentlich 1000 Fuss
über den Fluss emporsteigt und scheinbar nur durch dünne Stäbchen über
den Schluchten gestützt ist.

Der Cannon wird bald weiter, bald enger. Indianerhütten tauchen auf,
entweder gegen das Felsufer, oder auf einem inselartigen Steinblock
befestigt. Man sieht die +Indianer+ ihren Lachs fischen oder dörren.
Dann erscheinen Häuschen von +Chinesen+, die Gold waschen. Dazwischen
einzelne Zelte von +Abenteurern kaukasischer Rasse+.

Von North-Bend bis Yale, 23 Meilen lang, ist der mächtige Fluss
zwischen senkrechte Wälle von dunklen Felsen eingeengt. Bei der letzten
Wendung des Flusses dringen wir in einen Tunnel ein und, wieder
auftauchend, sehen wir ein breites Flussthal vor uns mit fruchtbarem
Boden und kräftigem Baumwuchs; Viehheerden, Felder, Sägemühlen. Die
Vegetation wird um so üppiger, je näher wir der Küste des stillen
Oceans kommen. Der grosse Raum zwischen Schienen und Einzäunung ist mit
breitblättrigen Farn und Sträuchern dicht bewachsen.

Wir erreichen den Puget-Sund (Burrard Inlet) und +Vancouver+, das
+Ende+ der Canadischen Pacificbahn. Diese merkwürdige Stadt ist
sechs Jahre alt und zählt heute 20 000 Einwohner, hat grossartige
Hotels, sehr bedeutende Geschäftshäuser, zwei Banken, und mehrere
Dampf-Sägemühlen, welche die 1-2 Meter dicken Föhrenstämme von
gewaltiger Länge spielend bemeistern und die Balken und Bretter
unmittelbar vom Holzplatz aus einerseits auf der Eisenbahn nach der
holzarmen Prairie, andererseits zu Schiff um Cap Horn herum nach
Montreal und nach Europa versenden.

Electrische Eisenbahnwagen durchsausen die Strassen, durchsausen den
+Urwald+[59] auf schmaler, ausgebrannter Bahn nach dem 12 Meilen
entfernten +New-Westminster+.

Ein schöner Naturpark auf einer Halbinsel enthält einen acht Meilen
langen, gutgepflegten Fahrweg mit entzückenden Aussichtspunkten. Und in
dem herrlichen Hafen, dicht neben der grossen Bahnstation und der Werft
unmittelbar anliegend, ist ein 485 Fuss langer Oceandampfer „Empress of
Japan“ verankert, dessen Wimpel westwärts flattern, +westwärts nach dem
fernen Osten+.



III.

Der stille Ocean.


Schon der +Name des stillen Oceans+ macht auf den Landbewohner von
Mitteleuropa einen +überwältigenden+ Eindruck; der Begriff der
ungeheuren +Grösse+,[60] welche ja die der sämmtlichen fünf Erdtheile
übertrifft, fügt sich zu dem der gewaltigen +Entfernung+ von der
Heimath, die ungefähr ein Drittel des Erdumfangs ausmacht. Als ich, im
Herbst 1887, bei dem Klippenhaus von San Francisco, zum ersten Mal das
Glück hatte, dieses Weltmeer aus der Nähe zu betrachten, konnte ich
nicht umhin, obwohl sonst symbolischen Handlungen abhold, meine Stirn
mit dem Salzwasser zu benetzen und meinen Geist in jene merkwürdige
Zeit zu versetzen, wo +Vasco Nunnez de Balboa+ (am 25. September
1513) von einem Berg der Meeresenge zu Panama zuerst „+das Südmeer+“
erblickte, -- um vier Jahre später von dem neidischen Gouverneur
Pedrarias Davila widerrechtlich enthauptet zu werden; und +Fernão de
Magalhães, der erste Weltumsegler+, nach stürmischer Fahrt auf dem
atlantischen Ocean um die Südecke von Patagonien herumsegelnd (Nov.
1520) einen ausnahmsweise ruhigen Wasserspiegel vorfand und dadurch zur
+Benennung des stillen Oceans+ veranlasst wurde.

Jetzt hatte ich diese gewaltige +Wasserwüste+ zu durchkreuzen, in
nahezu zweiwöchentlicher Fahrt, auf der ich weder eine Insel, noch
auch, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein einziges Schiff zu Gesicht
bekommen würde. Gegenüber den zahlreichen Dampferlinien zwischen Europa
und Nordamerika bestehen nur zwei zwischen Nordamerika und Ostasien.

Die erste (ältere) führt von S. Franzisco nach Yokohama (4750 Seemeilen
= 8787 Kilometer). Vor zehn Jahren war Dr. H. Meyer befriedigt durch
die Leistung der +ost-westlichen Dampfschiffgesellschaft+[61], die
Strecke mit einem Dampfer von 3000 Tonnen und 650 Pferdekräften bei
einer mittleren Tagesgeschwindigkeit von 250 Seemeilen binnen 19 oder
20 Tagen zurückzulegen.

Heutzutage ist man so wenig damit zufrieden, dass das Schiff dieser
Linie, welches unmittelbar vor uns in Yokohama landete, sage einen
einzigen Cajütreisenden brachte, unser eigenes Schiff aber mehr als
80. Der Wettbewerb wirkt Wunder. Die +canadische Pacific-Bahn+[62] hat
ganz neuerdings drei mächtige Seedampfer erbaut, welche die stolzen
Namen „Kaiserin von Japan“, „Kaiserin von China“, „Kaiserin von Indien“
führen und die Strecke von Vancouver bis Yokohama (4340 Seemeilen =
8029 Kilometer) bei einer mittleren Tagesleistung von 350 Seemeilen in
13 bis 14 Tagen zurücklegen und zwei Mal im Monat +die Post von London
nach Yokohama+ in 28 +Tagen+ hinschaffen, während der Weg durch den
Suezkanal gegen 40 Tage beansprucht.

Fünfzig Jahre sind verstrichen, seitdem der erste Dampfer
das pacifische Gewässer durchpflügte, der „Biber“[63] der
Hudsonbay-Gesellschaft, dessen Wrack seit 1889 unter den Klippen von
Burrard’s Einlass[64] hilflos seine Mastbaumspitzen aus dem Wasser
emporstreckt. Und jetzt haben wir Stahlschiffe von 485 Fuss Länge und
51 Fuss Breite, schneeweiss gestrichen, um in der heissen Zeit die
Cajüten kühler zu halten: für eine Fahrgeschwindigkeit von 19 Knoten
gebaut und ungefähr 16 wirklich zurücklegend, mit Doppelschraube,
dreifacher Expansionsmaschine, die 150 Tonnen Kohlen täglich
verbraucht, mit wasserdichten Schotten und electrischer Beleuchtung.

+Der Vergleich der atlantischen und pacifischen Dampfer+ drängt sich
dem Reisenden von selber auf. Schönheit und Pracht hier wie dort;
Bequemlichkeit im Osten noch grösser. Da die Ueberfüllung nicht so
bedeutend ist, kann der Einzelreisende leichter eine eigne Cajüte
erhalten, ohne den zweiten Platz zu bezahlen.[65] Es ist doch eine
grosse Annehmlichkeit, für eine zweiwöchentliche Reise sich häuslich
in seiner Cajüte einrichten und seine Sachen auspacken zu können. Es
ist sogar ein Kleiderspind vorhanden. Die Bedienung in der Cajüte wie
an der Tafel wird von +Chinesen+ geleistet. Der Asiate ist von Natur
ein besserer Diener,[66] als der Europäer, -- wenn man nicht zu viel
von ihm verlangt. Die electrische Klingel ist unnöthig. Ein leises
Händeklatschen, wie überall in Ostasien, bewirkt das augenblickliche
Erscheinen des Cajütendieners. Vom zweiten Tage an weiss er, dass ich
mit Sonnenaufgang bade und danach in der Cajüte eine Tasse Thee nehme.

Bei Tisch nahen geräuschlos, auf ihren Filzsohlen, die bezopften, in
blauseidne Röcke mit schneeweissen Aermeln gekleideten Aufwärter, über
dem gelben, schlitzäugigen Antlitz das schwarze, beknopfte Käppchen,
unter dem der lange schwarze Zopf herabhängt, und bringen dem Reisenden
die Speisekarte. Freilich, ihr Englisch ist mangelhaft und lesen
können sie nur ihre eigene Schrift. Deshalb gewöhnt man sich bald, von
Vancouver bis Bombay, nicht das Gericht, sondern die Nummer[67] zu
fordern. Immerhin ist das Auftreten der Ostasiaten als Aufwärter und
Schiffsleute sehr geeignet, die Empfindung des fernen Ostens bei dem
Reisenden hervorzurufen. Freilich, die +herrschende Stellung hat der
Kaukasier sich vorbehalten+, -- gradeso wie in dem Gasthaus von Wawona
bei Yosemite in Californien, wo der Koch Chinese, der Kellner Neger,
der Kutscher Halbblut, der Fischer Indianer, nur der Wirth ein weisser
Mann war!

Auch die +Reisegesellschaft+ war auf dem atlantischen Weltmeer ganz
anders zusammengesetzt, als jetzt auf dem pacifischen.

Auf dem Zwischendeck der englischen Dampfer, von Liverpool nach
New-York, herrscht der +Irländer+ vor, der zu Hause in die frische Luft
gesetzt worden, da man ihm, wegen Nichtbezahlung des Pachtzinses, das
Dach der Hütte abgedeckt; und der nun schon unterwegs von Tammany-Ring
und von einer Herrscherrolle in Staat und Gemeinde träumt.

Auf dem Zwischendeck des norddeutschen Lloyd von Bremerhafen nach
New-York bilden +deutsche Bauern+ mit ihren Familien und +Handwerker+
die Mehrzahl, danach Slaven (Polen, Mähren) und Skandinavier. Bei gutem
Wetter herrscht grosse Fröhlichkeit, „das deutsche Lied“ wird gesungen,
auch „die Wacht am Rhein“, und „Deutschland, Deutschland über Alles“.
Liederbücher und Abschriften einzelner Lieder wandern von Hand zu
Hand. Es tönt die Fiedel und die Ziehharmonica, es tanzen Germanen und
Slaven. Deutsche Werkmeister, die in den Vereinigten Staaten eine gute
Stellung gefunden, kehren von ihrer Urlaubsreise heim. Natürlich fehlt
nicht das Wandervolk Israel, namentlich aus dem „heiligen“ Russland;
für sie stellt Amerika eine gute, wiewohl harte Schule dar: da kürzt
sich Haar und Bart, der Kaftan wird zur Joppe, das schlaffe Wesen zu
thatkräftigem Handeln; ihre freigeborenen Kinder zeigen keine Spur mehr
von der russischen Sklaverei. Auf diesen Schiffen erinnern wir uns an
die moderne friedliche Völkerwanderung über den atlantischen Ocean,
welche weit beträchtlicher ist, als die alte der Germanen, die das
römische Reich zerstört hat.

Auf dem pacifischen Ocean werden wir an die hunnischen und mongolischen
Horden erinnert; wiewohl auch hier im 19. Jahrhundert Alles friedlich
zugeht. Das Zwischendeck gehört nämlich den +Chinesen+, die von der
pacifischen Küste Amerika’s, wo sie als Wäscher und Bügler, als
Schneider und Schuster, als Köche und Aufwärter gewirkt und einige
Ersparnisse gesammelt, in ihre Heimath, nach den Südprovinzen des
grossen Reiches der Mitte, zurückkehren.

Der Unterschied zwischen atlantischer und pacifischer Seefahrt
erstreckt sich sogar auf die Cajütreisenden, obwohl doch bei den
sogenannten höheren Classen der Gesellschaft die allgemeine Cultur mehr
und mehr alle Besonderheiten abschleift.

Auf dem Lloydschiff nach New-York herrscht der +Deutsch-Amerikaner+
vor, der seine Einkäufe, hauptsächlich von Bekleidungsgegenständen und
Metallwaaren, in Deutschland gemacht; seine Badereise nach Carlsbad
oder Kissingen hinter sich hat, wo er dem durch das hastige Essen
und die ungeheuren Mengen von Eiswasser geschwächten Magen zu neuer
Ausdauer verholfen; seine Verwandten in Alldeutschland besucht, seine
Kinder dorthin gebracht hat; -- und nun wieder seiner Thätigkeit
in den Vereinigten Staaten zustrebt: der Bierbrauerei, die dort so
manchen deutschen Mann nicht bloss nährt, sondern reich macht, der
Maschinenfabrik, der Korn- und Fleischgewinnung, dem Tabaks-, Oel-,
Baumwollen-, Zuckergrosshandel, der Technik und Kunst, der Heilkunde.

Dazu kommen unternehmende Sendlinge deutscher Fabriken und
Grosshandlungen, welche versuchen wollen, in den Vereinigten Staaten,
trotz der hohen Zölle ihre Erzeugnisse abzusetzen, und ganz vereinzelte
Vergnügungsreisende. Ferner trifft man auch noch neuerdings,
seitdem die Bremer und Hamburger Linien so beliebt geworden, +echte
Amerikaner+: solche, welche Europa „gemacht“ haben und noch einen
Theil des angrenzenden Asien und Afrika dazu und mit Weib und Kind
und mindestens 54 verschiedenen -- Theelöffeln (aus den europäischen
Hauptstädten sowie aus Tunis, Caïro, Jerusalem, Tiflis) heimkehren,
um sie, nebst unbestimmten Reiseeindrücken, am ersten Nachmittag den
erstaunten Nachbarn in St. Louis oder Cincinnati vorzulegen; nicht
wenige Badereisende und Magenkranke; einige von Allen angestaunte
sogenannte Millionäre, wenige Gelehrte und Staatsmänner.

Dazu kommen schliesslich noch einzelne Engländer, gerade genug, um bei
den unvermeidlichen politischen Gesprächen einige Mannigfaltigkeit[68]
herbeizuführen; von den übrigen Völkern gelegentlich ein einsamer
Vertreter.

Ganz anders ist die Cajüt-Gesellschaft auf der „+Kaiserin von
Japan+“ zusammengesetzt. Alldeutschland ist nur in bescheidener Zahl
vertreten, durch 3 unter 84. Da ist zunächst ein wissensdurstiger und
unternehmender Officier, der Urlaub auf ein Jahr bekommen und Asien
studiren will; wie mir scheint, der fleissigste und gründlichste aller
Reisenden des Schiffes. Da ist ein junger Kaufmann mit tadellosem
Englisch und Benehmen, der durch vorsichtige Wahl seines Vaters schon
in jungen Jahren zu dem Vergnügen einer Weltumseglung gelangt ist. Da
bin ich selber. Aber die Mehrzahl aller Cajütreisenden (34 von 84) sind
+Missionäre+ aller Arten, aller Secten, -- Amerikaner und Engländer:
alte, im Dienst ergraute Prediger, die auch in der gewöhnlichen
Unterhaltung den gehobenen Ton anschlagen; jüngere mit Weib und Kind;
„grosse Frauen“, von deren Beredtsamkeit und Vorzügen die Tagesblätter
von Vancouver überströmten, und junge, lächelnde Fräulein, die
hoffnungsfreudig an die schwierige, unbekannte Aufgabe gehen, den
altcivilisirten Ostasiaten eine neue Botschaft zu verkünden.

Asiaten selber, sogenannte Heiden, sind in der Cajüte nur sparsam
vertreten, durch zwei würdevolle Japaner und eine Parsi-Familie
aus Bombay. Weit zahlreicher waren die +Muss-Asiaten+ aus Europa,
Engländer, die in Japan als Kaufleute, in China[69] als Zollbeamte so
lange leben, bis die Ersparnisse zu einem behaglichen Dasein in der
Heimath ausreichen.

Hierzu kann auch noch ein „ehrenwerthes Parlamentsmitglied“ und ein
Consulatsbeamter mit Gattin gerechnet werden.

Dann kommen die Vergnügungsreisenden, deren Zahl keineswegs so
gross ist, wie man annehmen sollte, nämlich etwa zwei Dutzend, die
eine Hälfte für Japan bestimmt, die andere wirkliche Erdumwanderer
(+Globetrotter+), eine Menschengattung, auf die ich noch bei
Gelegenheit zurückkommen werde.

Was nun unseren +Kurs+ anlangt, so geht derselbe, sowie wir die offene
See gewonnen, schnurstracks nach Westen, von der Insel Vancouver nach
der Bucht von Yokohama, auf dem kürzesten Weg, der aber wieder auf
Karten nach Kremer’s Grundriss[70] eine nach Norden erhabene Linie
darstellt und mittwegs ganz dicht unter den Alëuten vorbeistreicht.

Trotz der hohen Verehrung, die ich den Büchern und Karten des deutschen
Reichspostamtes zolle, muss ich bekennen, dass auf der grossen
Uebersichtskarte des Weltpostverkehrs (Berlin 1892) der Kurs nicht ganz
richtig bezeichnet ist, während auf der Karte des neuesten Bradshaw
zwar die Zeichnung richtig, aber die Benennung falsch ist.[71]

Ein Blick auf meine +eigne Karte+ und auf den folgenden +Logbericht+
wird das Gesagte erläutern.

 ========+=========+==========+===========+=============+===============
         |  Datum  |  Breite  |  Länge    | Entfernung  |  Bemerkungen
 ========+=========+===+======+===========+=============+===============
 Mittw.  |31. Aug. |   |      |           |             |Ab Vanc.
         |         |   |      |           |             | 4^h 35′ Nchm.,
         |         |   |      |           |             | an Victor.
         |         |   |      |           |             | 9^h 45′ N.
 Donn.   | 1. Sept.|48°|20′ N.|123°|55′ W.|111 Seemeilen|Ab Vict. 6^h
         |         |   |      |           |             | 30′ Vorm.
 Freitag | 2. Sept.|50°|      |133°|40′ W.|395 Seemeilen|
 Sonnab. | 3. Sept.|50°|58′ N.|143°|45′ W.|390 Seemeilen|
 Sonntag | 4. Sept.|51°| 0′ N.|154°|10′ W.|393 Seemeilen|
 Montag  | 5. Sept.|51°| 0′ N.|164°|25′ W.|387 Seemeilen|
 Dienst. | 6. Sept.|50°|26′ N.|174°|18′ W.|377 Seemeilen|     Orkan.
 Mittw.  | 7. Sept.|   |      |    |      |             |   Ausgelassen.
 Donn.   | 8. Sept.|49°|19′ N.|176°| 8′ Ö.|376 Seemeilen|
 Freitag | 9. Sept.|47°|53′ N.|166°|44′ Ö.|383 Seemeilen|
 Sonnab. |10. Sept.|45°|47′ N.|157°|48′ Ö.|387 Seemeilen|
 Sonnt.  |11. Sept.|42°|47′ N.|149°|37′ Ö.|393 Seemeilen|
 Montag  |12. Sept.|39°| 4′ N.|142°| 4′ Ö.|367 Seemeilen|
 Dienst. |13. Sept |   |      |    |      |              Um 12^h Mittags
         |         |   |      |    |      |             |  auf der Rhede
         |         |   |      |    |      |             |  von Yokohama.

Jetzt komme ich zur Beschreibung der Fahrt und meiner geringen
Erlebnisse auf derselben.

Der Hafen von +Vancouver+ ist prachtvoll und tief; das grosse Schiff
liegt unmittelbar am Ufer, so dass wir zu Fuss über die Brücke an
Bord gehen; und wenige Schritte entfernt von dem Schienenstrang der
Eisenbahn, welche den nordamerikanischen Continent bis Halifax in
Neu-Schottland durchquert. Alles, was der Dampfer zur Ausrüstung
braucht, ist aus der nächsten Umgebung zu beschaffen, Kohlen aus
Nanaimo auf der Insel Vancouver. Der deutsche Reisende wünscht von
Herzen, dass wir auch einen solchen Hafen an der Weser besässen.

Entzückend ist die Ausfahrt um 4½ Uhr Nachmittags, aus +Burrard’s+
Einlass, des von hohen, dicht bewaldeten Bergen umgebenen Meerbusens,
an welchem die Stadt Vancouver liegt; durch den schmalen, mit
Leuchtthürmchen wohl versehenen Engpass in die schönumwaldete
+englische Bay+ und dann in den eigentlichen +Puget-Sund+ südwestlich,
zwischen flachen Inseln, nach der Strasse San Juan di Fuca, welche
die zum Dominion Canada gehörige +Insel Vancouver+ von dem Festlande
von Washington trennt, das erst vor Kurzem die Kinderschuhe des
Territoriums ausgezogen hat und zu einem Staat in dem Bunde der
Vereinigten Staaten Nordamerikas befördert ist. +Victoria+, auf der
Insel Vancouver, die Hauptstadt von Britisch Columbia (mit 20000
Einwohnern), erreichen wir erst spät Abends 9½ Uhr und bleiben daselbst
vor Anker bis zum nächsten Morgen um 6½ Uhr.

Meiner Gewohnheit getreu, bin ich des Morgens der Erste auf Deck und
erblicke zur Rechten die lang gestreckte, dicht bewaldete, aber bisher
noch wenig besiedelte Insel Vancouver, zur Linken die vorspringende
Halbinsel des Festlandes, die den Vereinigten Staaten gehört. Zunächst
ist das Wetter sehr schön, die Sonne bestrahlt das Schiff und die
Wellen. Bald aber erhebt sich Nebel und umgiebt uns immer dichter. Es
ist ein sehr merkwürdiger Anblick, wie im Nebel der Horizont näher und
immer näher an uns heranrückt, dann plötzlich weiter wird, um rasch
wieder sich zu verengen.

Die Sonne sieht aus wie weisses Silber, ganz ähnlich, wie ich sie in
Aegypten zur Zeit des Sandsturmes gesehen.

Das Nebelhorn ertönt. Das Schiff fährt so langsam, dass wir die
Fortbewegung kaum bemerken. Nachmittags um 3 Uhr sind wir noch nicht
hinaus über die langgestreckte Insel Vancouver.

Der dritte Tag der Seefahrt beginnt wieder mit schönem Wetter. Trotz
einiger Wolken bestrahlt die Sonne das Meer, das so spiegelglatt ist,
wie in jenen Tagen, wo es den Namen des friedlichen erworben, und
zeichnet eine breite, goldige Furche hinter dem westwärts eilenden
Schiff.

Mittags wird das Wetter rauher, das Schiff mehr bewegt, so dass etliche
Fälle von Seekrankheit vorkommen. Es fängt an zu regnen und regnet bis
zur Nacht.

Inzwischen hatte ich einen vortrefflichen Zeitvertreib ausfindig
gemacht. Im Rauchzimmer fand ich einen munteren Kreis gleich mir
seetüchtiger Männer, Engländer und Amerikaner, Kaufleute und
Beamte aus Ostasien, sowie einige Vergnügungsreisende, Juristen
und Gross-Kaufleute, die studirt hatten, zum Theil sogar in
Deutschland. Schnell wurde ein Club gegründet und munter verhandelt.
Hauptgegenstände der Erörterung waren der Unterschied von Amerika
und Europa, sowie Freihandel und Schutzzoll. Es giebt doch auch sehr
gebildete Amerikaner, die James Bryce’s klassisches Werk „the American
commonwealth“ nicht bloss selber kannten, sondern auch mir seine
Bekanntschaft vermittelten: ich nenne sie die Boston-Leute, obwohl sie
nicht alle aus Boston stammen; nur sind sie selten unter der grossen
Zahl der mit Hilfe der erworbenen Dollar allenthalben umherreisenden
Amerikaner.

Da hörte ich sehr richtige Ansichten über die Grösse und über die
Schwächen des mächtigen Reiches der Vereinigten Staaten. Ungeheuer
waren die materiellen Schwierigkeiten, die man zu überwinden hatte,
um Urwälder auszurotten, Prairien in Weizenfelder zu verwandeln, den
eisernen Schienengürtel durch Wüsteneien, Hunderte und Tausende von
Meilen lang, von dem einen Weltmeer zum andern zu befestigen. In diesen
Kämpfen erstarkte die Thatkraft und der Erfindungsgeist. Auf diesen
Gebieten ist Amerika gross. Was ihm noch fehlt, ist die theoretische
Wissenschaft, die Verfeinerung in Kunst und Geschmack. Hier haben
sie von andern Völkern zu lernen und, wie die Einsichtigen richtig
zugestehen, auch von Deutschland, das seit 50 Jahren eine so bedeutende
Stellung in der Wissenschaft einnimmt.

Da merkte ich bald, dass in den Vereinigten Staaten noch andere Leute
leben, als jener Möbelfabrikant von dem Dampfer des norddeutschen
Lloyd, der sein Vaterland mit einer chinesischen Mauer umgeben wollte,
um alle fremden Erzeugnisse auszuschliessen, weil ja die 60 Millionen
der eignen Bürger ein genügendes Absatzgebiet sicherten, und alle
Naturschätze für das menschliche Bedürfniss im eignen Lande zu haben
wären. Hier gab es unter Fabrikanten und Kaufleuten verschiedene,
die diese Fragen gründlich und praktisch studirt hatten und die
Ueberzeugung aussprachen, dass die Abschaffung der Schutzzölle ihrem
Vaterlande zum Segen gereichen würde. Ich lernte auch Manches über
die Einrichtungen +unseres+ Vaterlandes; denn das ist der grosse
Vortheil des Reisens, dass man die Urtheile der ferner Stehenden
vernimmt. An unserer socialen Gesetzgebung hatten sie Manches
auszusetzen. Die Regierung mache sich dem Bürger zu sehr fühlbar.
Die Arbeiterschutzgesetze in ihrer jetzigen Form ziehen künstlich
Entschädigungsansprüche gross und fördern die Heuchelei.

Etwas Wahres ist daran; das hatte ich selber in ärztlichen
Begutachtungen von Unfällen zu oft erfahren müssen.

Freimüthige Urtheile über die heimischen Zustände nimmt der Reisende,
wenn er nicht beschränkt ist, gern entgegen; Angriffe wehrt er muthig
ab: und mit Erfolg, selbst wenn er unter Fremden allein steht.

Der gewöhnliche Yankee ist vielfach in dem Wahn befangen, dass Europa
und besonders Deutschland Ketten rassele. Hier hatte ich leichtes
Spiel, ich konnte nachweisen, dass in dem „freien“ Amerika weit mehr
arretirt wird, als bei uns; dass Ketten rasselnde Sträflinge nicht bei
uns, wohl aber noch vor wenigen Jahren in Portland auf den Strassen zu
sehen waren.

Noch am vierten Tag begleiteten uns grosse dunkle Seemöven; mit
gewaltiger Flügelspannung schweben sie prachtvoll und lieben es,
gelegentlich die Flügelspitze an dem Wellenbug zu netzen; sie fliegen
schneller, als wir fahren, denn trotz der grossen Bögen, die sie
seitwärts beschreiben, kommen sie doch mit. Am folgenden Tag sind
sie fort. Wir sind allein auf der gewaltigen Wasserwüste des stillen
Oceans, dessen Breite bewirkt hat, dass +Cipangu+, nach dem Columbus
ausgesegelt, doch noch zwei Menschenalter länger in seiner weltfernen
Einsamkeit ungestört verblieben ist, als das derzeit unbekannte und
ungeahnte Amerika.

Am sechsten Tag der Seefahrt (Montag, den 5. September) sind wir nahe
der Ostgrenze der Alëuten, das Wetter wird schlechter. Am folgenden
(Dienstag, 6. September) haben wir den +Sturm+, und zwar aus Osten,
so dass wir 15 Knoten durch die Maschine machen und zwei dazu durch
den Wind. Der Himmel ist dunkelgrau, das Schiff ächzt und knackt.
Die haushohe, schaumbedeckte Woge klatscht gegen das wohlverwahrte
Sturmfenster des Oberdecks. Sowie ich das Verdeck betrete, werde ich
gegen die Brüstung geschleudert. Aber es geht mir besser, als dem
ersten Officier, der sofort das Schlüsselbein bricht. Ich gewinne einen
sicheren Sitz und Halt auf einer angeschraubten Bank des Verdecks und
geniesse das erhabene Naturschauspiel, dem Weniges gleichzustellen
ist, höchstens ein Gewitter in den Tropen. Sowie das Schiff seitwärts
sich bewegt, sieht es aus, als ob die haushohe Wassermauer über uns
zusammenstürzen müsste, um uns im Schaum zu begraben; aber sofort
hebt sich das muntere Schiff wieder empor und tanzt auf dem Wellenberg
weiter. Wir sind unter der Mitte der Alëuten. Die meisten Reisenden
waren krank, da der Sturm den ganzen Tag hindurch wüthete.

Nur wenige erschienen zum Mittagsmahl. Aber die Mitglieder unseres
philosophischen Clubs behaupteten ihre Stellung im Rauchzimmer;
freilich mussten wir oft den Fuss gegen den angeschraubten Tisch
stemmen, um nicht vom Stuhl herunter zu Boden geschleudert zu werden.

Endlich um 10½ Uhr Abends ging der Mond auf und besänftigte die Wuth
der Wogen. Die Sterne erglänzten mit mildem Schein. Es war wieder
möglich, auf dem Verdeck zu spazieren. In der Cajüte fand ich alles
durcheinander geworfen, das obere zu unterst gekehrt.

Als wir am andern Morgen erwachten, am achten Tage der Seefahrt,
schrieben wir nicht Mittwoch, den 7. September, sondern Donnerstag, den
8. September.

Heutzutage ist die Sache Jedem bekannt, wenn nicht aus der Schule, so
doch aus dem Theater. Aber Jules Verne hat in seiner „Reise um die Erde
in 80 Tagen“ (die Jedem, der die Reise wirklich gemacht, doppelt dumm
vorkommt,) das Motiv nicht erfunden. Bereits 350 Jahre früher waren
Magalhães’ Reisegefährten, welche zum ersten Mal die ganze Erde in
westlicher Richtung umkreist hatten, in das grösste Erstaunen gerathen,
als sie, nach Spanien zurückgekehrt, in ihrem Schiffskalender um einen
Tag zurück waren; sie glaubten zunächst, dass sie unterwegs vergessen
hätten, einen Tag zu verzeichnen.

Ein jeder Ort wechselt den Monatstag in dem Augenblick, wo der
Mitternachtsmeridian über ihn weggeht. In demselben Zeitpunkt, wo in
Greenwich Mittag des 7. September gezählt wird, ist 180° westwärts
davon Mitternacht, der Beginn des 8. September.

Fährt ein Schiff immer westwärts von Greenwich, in gleicher Richtung
mit der scheinbaren Bewegung der Sonne; so hat es jedes Mal zwischen
zwei Mittagen eine längere Zeit, als 24 Stunden. Die Verlängerung des
Tages beträgt für jeden Grad westlicher Abweichung 4 Minuten;[72] also
in Wirklichkeit 40 Minuten, wenn das Schiff täglich etwa 10 Längengrade
zurücklegt. Hat das Schiff in gleicher Richtung mit der scheinbaren
Bewegung der Sonne den ganzen Erdball umkreist, so ist ihm auf dieser
Reise die Sonne ein Mal weniger durch seinen Meridian gegangen,
als daheim; das Schiffsbuch ist, bei der Landung zu Hause, um einen
Tag zurück. Deshalb pflegt der Capitän, wenn er den 180° Längengrad
westlich von Greenwich passirt, einen Wochentag und ein Datum zu
überschlagen. So kann der geplagte Seemann, wenn er besonderes -- Glück
hat, sogar um seinen Geburtstag kommen!

Fährt dagegen das Schiff ostwärts um die Erde, der scheinbaren Bewegung
der Sonne entgegen; so legt es die Zeit von einem Mittagsstand der
Sonne bis zum nächsten in weniger als 24 Stunden zurück, nämlich um
10×4 = 40 Minuten weniger, wenn es in nahezu 24 Stunden 10 Längengrade
überschreitet. Die Sonne ist ihm ein Mal mehr durch den Meridian
gegangen, als daheim. Das Schiffsbuch ist bei der Landung zu Hause um
einen Tag weiter.

Herr Phineas Fox hat seine verrückte Wette gewonnen, obwohl er es
selber nicht ahnte. Aber nach dem Logbericht kann der so pünktliche
Mann nicht gesehen haben; sonst würde er bei Ueberschreitung des 180°
Meridians östlicher Länge, zwischen Asien und Amerika, gemerkt haben,
dass das Schiffsbuch denselben Wochentag und dasselbe Datum an zwei
aufeinander folgenden Tagen ansetzte.

Das Wetter ist weit besser geworden, aber ein leises Nachgrollen
des Sturmes noch merklich. Das Schiff tanzt auf den Wogen, die
Doppelschwingung von rechts nach links dauert etwa 5 Secunden. (Später
auf dem indischen Ocean mass ich 10 Secunden und 12 von vorn nach
hinten.) Aber kein Rollen, kein Stampfen. Die Sonne ist klar, die Welt
ist heiter.

Am folgenden Tag (dem neunten der Seereise, Freitag, den 9. September)
ist das Meer wieder spiegelglatt, aber am 10. September ertönte von
Neuem das Nebelhorn. Auf dem stillen Ocean ist mehr Nebel als auf dem
atlantischen; die Alëuten bilden zwar eine Barre gegen die Eisberge,
aber kaltes Wasser strömt herab vom Behringsmeer und bewirkt weiter
südlich die Nebel.

Die Musse der letzten Tage benutzte ich, um mehrere Bücher über Japan
zu lesen und um


Zwei ernste Reisegeschichten

zu schreiben, welche den einen Vorzug besitzen, eigene Erlebnisse zu
schildern.


1. Der russische Weber im Felsengebirge.

Der Postzug der canadischen Eisenbahn hat soeben die Passhöhe der
Felsengebirge überschritten; um die Grundfläche des ungeheuren
Stephen-Berges herum, tief unter seinem Gletscher und hoch über dem
schäumenden Wapta-Fluss, braust er durch die enge Schlucht und hält bei
+Golden+.

Es ist ein prachtvoller August-Nachmittag. Der Reisende, dem nicht
bloss ein wundervolles Schauspiel, sondern auch, im Speisewagen, ein
vortreffliches Mittagsessen zu Theil geworden, geht in behaglichster
Stimmung vor dem kleinen Bahnhofsgebäude auf und nieder. Da schlägt an
sein Ohr die Stimme der Heimath, die Muttersprache, deren freundlichen
Laut er auf der langen Fahrt so selten vernommen. „Ja, wenn man nur
wüsste, was es kostet, und ob sie etwas ordentliches für unser bischen
Geld geben.“ So sprach in sorgenvollem Ton eine ärmlich gekleidete Frau
zu ihrem langaufgeschossenen Gatten, dessen nicht sehr klug aussehendes
Antlitz von wirrem Haupt- und Barthaar umrahmt wurde, während sie ein
kleines, nicht sonderlich reingehaltenes Bübchen an der Hand hielt.

In zwei Minuten weiss ich Alles. Es sind rührend kindliche Leute,
lutherische Weber deutscher Abkunft aus Südrussland. Dort ging es ihnen
recht herzlich schlecht. Ihr Bruder ist vor einigen Jahren ausgewandert
und lebt zu Albany im Staat Oregon, nicht weit von der Küste des
stillen Oceans, als einfacher Arbeiter, doch in einem menschenwürdigen
Dasein. Er hat ihnen Muth gemacht, das Gleiche zu versuchen; er hat
ihnen die Fahrkarten gesendet. Nun haben sie sich aufgemacht, sie,
die kaum Mittel und Kenntnisse besitzen, um von ihrem Heimathsdorf
die nächste Stadt zu erreichen! Sie haben Müh’ und Noth genug auf der
langen Fahrt erduldet, -- allerdings, wie ich höre, ganz andere als die
Argonauten der griechischen Zeit und die der californischen, die auch
nach dem goldenen Vliess auszogen.

Das Zwischendeck des Hamburger Dampfers machte ihnen wenig Beschwerden.
An Mühsal und Entbehrung gewöhnt, fanden sie +diesen+ Theil der Reise
noch einigermassen behaglich; sie konnten doch reden, klagen, bitten;
man verstand ihre Sprache und half ihnen ein wenig.

Aber +jetzt+ haben sie den Boden des ersehnten Wunderlandes Amerika
betreten. Gleichgiltig und steinhart tritt Jeder den Fremden entgegen.

+Elf Tage+ sind sie im Auswandrerwagen unterwegs von New-York bis
hierher. Drei Tage und Nächte sind sie vergeblich gefahren und wieder
an den Ausgangspunkt zurück gebracht worden. Das Schiff, das sie über
die grossen Landseen befördern sollte, war nicht zur Stelle. Kein
Mensch hat sich um sie bekümmert;[73] nur Einer, eben so arm wie sie,
hat ihnen ein Telegramm aufgesetzt, das sie absenden sollen, damit ihr
Schwager, ihr einziger Halt in dem betäubenden Gewirr der neuen Welt,
sie an dem Endpunkt der Fahrt, Portland in Oregon, erwarten könne.

Krampfhaft hält die Frau in der Rechten das Blatt Papier, dessen
Schriftzüge ihr unbekannt sind und dessen Inhalt noch dazu -- ganz
unbrauchbar ist, und fragt bekümmert, ob die Leute das auch für 25
Kopeken (sie meint Cents) befördern werden. Zwei derartige Geldstücke
besitzt sie; das eine ist für diesen Zweck ihr unantastbarer
Kriegsschatz, das zweite möchte sie gern opfern, um ihrem Bübchen
ein warmes Gericht zu kaufen. Denn seit New-York haben sie nur
trocknes Brod genossen, das sie mitgebracht, und Wasser, welches die
Eisenbahngesellschaft frei liefert. Die Aermste, sie kannte nicht den
Gebührensatz des canadischen Telegraphen-Amtes, ebensowenig wie den der
sogenannten Erfrischungsräume. Aber voll Muth und Vertrauen strebte sie
vorwärts, während die stärkere, aber nicht klügere Hälfte in stummer
Verzweiflung sich nachschleppen liess.

Schon öfters habe ich Gelegenheit gehabt, eine gewisse +Hartherzigkeit
gegen Bettler+ bei Amerikanern und auch bei Engländern zu beobachten.
Aber +dieses+ Mal war der Ertrag einer für die armen Leute
veranstalteten Sammlung so reichlich, dass sie förmlich verdutzt
dreinschauten.

Die Depesche wurde mit Hilfe des Kursbuches und kundiger Leute des
Landes richtig gestellt und abgesendet; bei der Speisestation fütterten
wir unsere hilflosen Vögelchen. Am andern Morgen stellten wir sie
an das richtige Geleise für ihren Zug. „Ich möchte Ihnen doch gern
schreiben, wenn es uns gut geht,“ sagte die Frau beim Abschied.


2. Hung-tse-sing auf dem stillen Ocean.

Vorüber war der Sturm, der den ganzen Tag mit ununterbrochner
Heftigkeit gewüthet, aber unsrem guten Dampfschiff, der „Kaiserin von
Japan“, nichts hatte anthun können, -- mehr den Insassen und unsrem
Gepäck. Als ich gegen Abend die Cabine betrat, sah es aus wie eine
Plünderung, Alles war durcheinander geschleudert. Behaglich sassen wir
nachher in der Ecke des Rauchzimmers.

Am Tage hatten wir in dem dicken Grau des Himmels von der Sonne
nicht das Geringste zu sehen vermocht. Jetzt ging der Mond auf und
überstrahlte die noch hochgehenden Wogen. Angelockt von dem herrlichen
Schauspiel traten wir hinaus auf das Verdeck. Da drang aus dem dunklen
Hintergrund ein Choral an unser Ohr, eine wehmüthige Weise, gesungen
von den Männern, Frauen und Mädchen, die im Dienste der Mission von
England und Amerika nach Japan und nach China gehen, über ein Drittel
der Reisenden auf unserem Schiff.

Wem gilt der Trauergesang? Soeben ist Einer im Zwischendeck gestorben,
sie beten für ihn.

Aber wer ist es? Hung-tse-sing, der fleissige Chinese aus Vancouver am
Puget-Sund, der unermüdlich in seinem winzigen Holzhäuschen, das nur
+ein+ Stockwerk, +ein+ Fenster, +einen+ Wohnraum besitzt, vom Morgen
bis Abend wusch und bügelte, der Brustschmerzen und des quälenden
Hustens nicht achtete, alle Unannehmlichkeiten, die den bezopften
Sohn des Reiches der Mitte in den Ländern der „rothharigen Barbaren“
verfolgen, mit der philosophischen Ruhe und Ueberlegenheit seiner
uralten Cultur hinnahm. Galt es doch, ein grosses Ziel zu erreichen.
Nur noch wenige Goldstücke fehlten ihm, dann hatte er genug, um in
seiner gebildeten Welt und geliebten Heimath seiner Frau und seinem
drolligen Büblein, die er in der Provinz Canton zurückgelassen, und
sich selber ein sorgenfreies behagliches Leben zu sichern. Jeden Abend
zählte er seinen kleinen Schatz, verglich seine Papiere und rechnete
die Monate und Tage von Neuem durch, die er noch in der Verbannung
zuzubringen hatte, -- obwohl er ja schon lange mit zierlicher Schrift
über den Arbeitstisch den Tag seiner Abreise gemalt und den Dampfer,
der ihn in das gelobte Land befördern sollte. Da kam der 30. August,
ein heisser Tag, der ihm viel Arbeit brachte. Am folgenden Tag segelt
ja der grosse Dampfer, die „Kaiserin von Japan“, nach dem märchenhaften
Lande des Ostens. Alle Hotels sind überfüllt; alle Cajütenpassagiere
haben ihre Wäsche für morgen bestellt. Er schafft unverdrossen, die
Arbeit verheisst reiche Ernte; einen Monat früher, als er geträumt und
gehofft, wird er die Heimath schauen. Kräftig presst er das heisse
Bügeleisen gegen das schneeige Weiss, als wäre es das Steuerruder des
Schiffes, das ihn heimwärts geleitet.

Da krampft es schmerzhaft in seiner Brust, ein heisser Strom steigt
empor und will ihn ersticken, -- ein Strom von Blut; und mit einem
Angstschrei sinkt er zu Boden.

Niemand hört ihn. Er ist allein mit seinem Leiden. Nicht der Tod an
sich ist es, den er fürchtet, so gern er auch sein Heimathland, seine
Lieben noch einmal schauen möchte: es ist der Tod im Lande der Barbaren.

Allmählich erholt er sich, mühsam erreicht er die Thür und schleppt
sich über die Strasse zu seinem nächsten Landsmann; dort sinkt er
erschöpft zu Boden mit dem Angstruf; „Auf’s Schiff, bringt mich auf’s
Schiff; ich will nach Hause.“

Sie verstehen ihn, die ernsten, klugen Gesichter. So ward er auf unser
Schiff getragen; so lag er im Zwischendeck, ruhig und ergeben, ein
Weiser. So fand ihn am siebenten Tage der Seefahrt der Sturm und im
Sturm der Tod.

Der Tod auf hoher See, aber nicht ein Seemanns-Begräbniss. Durch
Vertrag haben die Chinesen das Recht erworben, dass ihre Gebeine nach
ihrer Heimath gebracht werden; sie zahlen viel dafür, nicht bloss
fünfundzwanzig der so heissgeliebten Thaler, -- und war der Verstorbene
mittellos, so zahlen es sofort seine Landsleute und Gefährten, --
sondern dazu noch das Opfer ihrer Empfindung: obwohl es ihnen ein
Greuel ist, dulden sie, für den höheren Zweck, dass zur Einbalsamirung
ihr Leib aufgeschnitten wird, -- von jenem barbarischen Doctor, dessen
Hilfe sie bei ihren +Lebzeiten+ unter keinen Umständen in Anspruch
nehmen.

Ich stieg hinab in das Zwischendeck. Da lag der Todte aufgebahrt,
kein Zeichen von Schmerz in dem blassgelben, abgemagerten Angesicht.
Unwirsch sahen mich die Zopfträger an; einer aber, mit dem ich schon
öfters gesprochen, sagte mir, indem er nach der Richtung hinwies, von
wo der Gesang herkam: „Unsere Hölle ist ihm lieber als Euer Himmel.“

       *       *       *       *       *

Uebrigens wurden auch von der Schiffsgesellschaft mehrere Versuche
unternommen, die Zeit zu verkürzen und die Langeweile zu vertreiben.

Am Abend des 9. September hielt eine Frau im Salon einen Vortrag über
die Ziele der Frauen-Temperenzgesellschaft, natürlich für diejenigen
englischen und amerikanischen Männer, die es nöthig hatten, nicht für
die Mitglieder unseres Clubs, die nach einstimmigem Beschluss fern
bleiben.

Aber es war nicht so schwer, Nachrichten über den Verlauf dieser
Sitzung zu erhalten. Ein Vorsitzender (chairman) stellte die Rednerin
vor und pries ihre Tugenden und Verdienste; das dauerte 20 Minuten.
Dann erhob sich die Rednerin und pries das grosse Werk, das sie
vollendet habe, vollende und vollenden werde.

Am Abend des 12. September war gesellige Unterhaltung, Clavierspiel,
Gesang, Declamation, Schnellmalerei, Vortrag, 16 Nummern. Die Musik
liess viel zu wünschen übrig für denjenigen, der an die bessren
Leistungen unserer Damen gewöhnt ist. Die Gesänge mehrerer Matrosen
mussten sogar als Geheul bezeichnet werden. Der italienische
Caricaturenmaler erzielte wenig Aehnlichkeit, wohl aber den strafenden
Blick des „Ehrenwerthen“, als er sich an dessen erhabenes, wiewohl
jugendlich bartloses Antlitz und Modeanzug heranwagte; nun, er geht
nach Japan und wird dort hoffentlich besser zeichnen lernen. Der
„Ehrenwerthe“ selber hielt einen längeren Vortrag über „politische
Phasen“, in welchen er nicht ohne Geist, aber mit zu viel Behagen und
aufdringlichem Selbstbewusstsein die Geschichte seiner zwei Erwählungen
zum Parlament auseinandersetzte, die ältesten Wahlwitze auskramte und
der Einsicht seiner Wähler ein nicht sehr schmeichelhaftes Zeugniss
ausstellte.

Wirkungsvoll war allerdings der Vers, den in seinem hauptsächlich von
Bergwerksarbeitern bewohnten „verrotteten Burgflecken“ am Wahltage die
Schaar der festlich gekleideten Schulkinder der „Radicalen“ im Zug
durch den Ort gesungen haben:

    Jonny[74] is a Gentleman,
    But Willy[74] is a fool,
    Before he goes to Parliament,
    He best returns to school.

Als die Missionäre an die Reihe kamen, zogen wir uns in unsere
Burg des Rauchzimmers zurück, wo ein lustiger Herr aus Chicago mit
seinem „Codack“, ohne den kein Amerikaner eine Vergnügungsreise
unternimmt,[75] ein Augenblicks-Blitz-Bild verfertigte. Ich habe auch
später den Abzug des Bildes erhalten.

Nachdem wir schon am Abend des 12. September eifrigst nach Land
gespäht, ich selber aber Alles, was andere dafür gehalten, mit Hilfe
meines vorzüglichen Berliner Doppelfernrohres als Wolkenbildungen dicht
über dem Horizont erkannt hatte; konnte am Morgen des 13. September ein
Zweifel nicht länger bestehen bleiben. Deutlich erblickten wir die
+bergige Küste+ der Hauptinsel des japanischen Reiches, die wir, nach
unseren Schulerinnerungen, +Nippon+, die Japaner aber Hondo nennen.
Freilich von dem schönen Himmel Japans und von der herrlichen Form
des Vulcan Fuji war nichts zu sehen, wegen der trüben Luft. An den
mit modernsten Kanonen gespickten Inselfestungen vorbei fahren wir
in die Bucht von Yokohama und werfen Anker um 12 Uhr Mittags auf der
Rhede, während das schlechte Wetter sich zum Sturm gesteigert hatte. Es
war ungemein schwierig, den Dampfer an den Bojen zu befestigen; noch
schwieriger, das grosse Frachtboot an seine Breitseite zu bringen.
Da war die Kraft und Kunst der japanischen Hafenleute zu bewundern.
Gelbbraune, nicht sehr grosse, aber muskelstarke Männer, nur mit Schurz
bekleidet, das Haupt mit einem schmalen Tuch umwunden, springen kühn in
die aufgeregten Wogen, schwimmen zum Tau des Dampfers und befestigen
zunächst ihren eignen Strick daran, mit dessen Hilfe sie das Tau an
die Boje bringen. Natürlich geht das nicht ab ohne ermunternden und
ordnenden Zuruf. Aber Alles verläuft nach der festgesetzten Ordnung,
wie ein gut vorbereitetes Lustspiel.

Dazu kommt die grosse Zahl von Schiffern und Packern, die auf dem
Rücken des blauen Rockes wie in einem zierlichen Wappen das Zeichen
ihrer Beschäftigung und ihrer Nummer tragen. Alles dies macht einen
sehr vertrauenerweckenden Eindruck.

Wenn nur die Wellen nicht so hoch gingen! Der +Portugiese+[76] des
grossen Hotels zu Yokohama hat den Kopf verloren. Sonst holt er mit
seinem winzigen Dampfer (Steam launch) Reisende und Gepäck ab, um sie
in dem Gasthaus abzuliefern. Heute will er Gepäck gar nicht übernehmen;
vielleicht Nachmittags, wenn das Wetter besser geworden. Da tritt der
Wettbewerb ein. Der +Japaner+ vom Clubhotel, das auch gerühmt wird,
übernimmt Alles. Natürlich geht es auch mit ihm nicht sehr rasch. Wir
nehmen noch ruhig unser Frühstück. Dann schreiten wir vorsichtig die
schwanke Schiffstreppe hinab und gelangen in den Knirpsdampfer, der
uns, zwar etwas durchnässt aber ohne Schaden, bei dem Zollhaus von
Yokohama landet.[77] Ein Mannskraftwagen (Jinrikisha), gezogen von
einem muskelstarken Japaner, befördert mich zu dem am Meeresufer
schön gelegenen Clubhotel, wo mir für den Abend ein Zimmer zugesichert
wird. Ich habe festen Boden unter meinen Füssen und die längste,
ununterbrochene Seereise hinter mir.



IV.

Japan.


Wer eine +derartige+ Reise unternommen (nicht in der Absicht, silberne
Theelöffel aus den fremden Städten, sondern +Belehrung+ heimzubringen,)
wird immer gut thun, sich einigermassen +vorzubereiten+,[78] damit in
dem schnellen Wechsel der vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche
seinem Blick entgehe. +Manches+ meinen wir ja zu +wissen+; wir glauben
z. B. das +Aussehen+ der Japaner zu +kennen+. Jeder von uns hat eine
ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die
weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung
würdevoll einherschreiten. Aber wie +oberflächlich+ unsere Kenntniss
der Japaner bleibt, lernt man erst in +ihrem+ Lande kennen.

Die +Japaner+ selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse. Die
europäischen Forscher erklären sie für eine +mongolische+ Bevölkerung,
welche aus der Tatarei über +Korea+[79] auf die Inseln vorgedrungen
sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den mongoloïden Aïno’s,
sich vermischt habe, +vielleicht+ auch mit einigen vom Süden her
eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu der (agglutinirenden)
turanischen oder tatarischen Sprachfamilie.

Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch
eigne dazu erfunden.

Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar,
sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase
und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist
etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter);
die japanische Frau entsprechend kleiner.

Sie ist in +Wirklichkeit+ schöner, als das sattsam bekannte +Ideal+
der japanischen +Maler+ mit dem ovalen Gesicht, den übertrieben schräg
liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem ganz kleinen
Rosenmündchen.

Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet
der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen,
getuschten Lichtbildes[80] einer jungen Japanerin, das ich in +Kobe+
gekauft habe.

Ich bemerke, dass die Schönheit der +jungen Mädchen+ von den Japanern
mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern. Der
Europäer muss, wie man sagt, 12 +Monate+ im Lande verweilen, bis er
vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat. Aber
+hässlich+ wird +Niemand+ sie finden.[81] Die zierliche Gestalt, die
kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren, lustigen Augen,
das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt wird, das reiche
rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte Anordnung[82]
ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft gefärbte
schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel
(obi), -- alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen,
das auf den Beschauer einen +gefälligen+ Eindruck macht, trotz der
hölzernen Stöckelschuhe. (+Geta+, aus einem Brettchen mit zwei unteren
Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von Japan,
bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht durch die
europäische zu verdrängen.

[Illustration]

Und die japanischen +Männer+ sehen in dem weiten und weitärmeligen,
etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem Seidenstoff mit
dem von irgend einer Blume oder einem anderen Pflanzentheil entlehnten
Familienwappen,[83] den sehr weiten Hosen (Hakawa), welche +über+
dem Kimono mit einem Gürtel befestigt werden und dem gleichfalls
wappengeschmückten seidnen Obergewand (kamischimo oder rei-fuku),
auch wenn sie Holzsandalen an den (mit blendend weissen Strümpfen
gezierten) Füssen tragen, weit staatlicher aus, als in unserem Frack
mit Klapphut und mit weisser Halsbinde. Die folgende Figur ist die
Wiedergabe eines Lichtbildes, welches der zu meinem Empfang gewählte
Ausschuss der Augenärzte zu Tokio für mich anfertigen liess. Es ist
weit besser gelungen, als +Rein’s+ Bild japanischer Typen (I, 454) und
stellt jedenfalls die +neueste+ Mode der Hauptstadt dar. Die Herren
hatten in richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht,
gehört dazu keine Kopfbedeckung.[84] In der +Provinz+ hatten die Aerzte
bei ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, +europäische+ Kleidung
angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen.

Von der +Geschichte der Japaner+ weiss der gebildete Europäer
gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns
eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten
Geschichtsforschern, wie von +Ranke+, nicht dazu gerechnet wird. Das
ist eine +Thatsache+. Die +Redensarten+, dass wir Japans Geschichte
nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst haben,
dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche organische
Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben -- Redensarten.

Wenn das +Bestreben+ des Gebildeten dahin geht, +alles Geschehene zu
begreifen+; so können wir ein grosses Volk Asiens, das an Kunst und
guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa übertrifft,
nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen wir das
kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind wir ganz ebenso
einseitig wie +Plato+ es zu seinem Bedauern gewesen, da er die kleine
Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben.

[Illustration]

Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können
uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer
Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir vielleicht
noch Manches von +ihnen+ lernen, die jetzt -- unsere wissensdurstigsten
Schüler darstellen.

Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine
Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie +von
der Gabelentz+; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von
Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan
vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in
der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen
Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu
einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte
vorher +gar keine Entwicklung+ gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge zu
leugnen, weil wir sie nicht kennen.

Die +japanische Geschichte+ reicht nicht zurück über das 6. Jahrhundert
unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan die Schrift;
das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage gekommen,
eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der älteste
Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr.

+Alles Frühere ist Mythe.+ Wir übergehen die japanischen Sagen von der
+Weltschöpfung+ und von dem +göttlichen Zeitalter+, in dem Götter über
Japan herrschten.

Der erste menschliche Kaiser (+Mikado+),[85] +Jim-mu-Tenno+, ein
Abkömmling der Sonnengöttin (+Amaterasu+) soll 600 v. Chr. gelebt
haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die
Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden;
dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der
Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der
Kaiserin Jingō erobert sein.

1. Sicher ist, dass der +Buddhismus+ um die Mitte des 6. Jahrhunderts
n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach chinesische Schrift
und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich verehrte Mikado,
der Schützer des alten Ahnendienstes (+Shinto+), lebte, dem Volke
unsichtbar, zu Kyoto.

2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n.
Chr. +Yoritomo+ zum Hausmeier (+Shogun+)[86] oder weltlichen Herrscher
ernannt. 1274-1281 wurden die Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen,
ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die Portugiesen, 1587
begann ihre Austreibung.

3. 1603 kam die kraftvolle +Tokugawa+-Familie, die den Buddhismus
förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher
waren +Jeyasu+, der grösste Mann der japanischen Geschichte, † 1616;
Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. +Von 1614 bis 1854 war Japan den
Fremden verschlossen.+ (Nur die +Holländer+ durften in Nagasaki eine
Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen in hoher Blüthe.
Es herrschte eine +Feudalverfassung+ mit Fürsten (+Daimio+)[87] und
Rittern (+Samurai+)[88]. Zum gewöhnlichen Volk (+heimin+) gehörten
alle, ausser Fürstendienern und Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2.
Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber und Todtengräber galten als Unreine,
+Eta+.)

4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen Commodore
Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und europäischen
Staaten kam es zu einer +Revolution+, aus welcher der +Mikado+ 1868
siegreich hervorging.

Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter verboten,
neue Gesetze eingeführt und 1889 eine +Verfassung+ mit Volksvertretung,
nach preussischem Muster, gegeben.

Es besteht vollkommene +Religionsfreiheit+, doch wird neuerdings Shinto
wieder mehr begünstigt.

Und wie steht es mit der +Religion+? Das wird sofort so mancher
+Europäer+ fragen. Aber der +gebildete Japaner+ wird lächelnd
erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von
Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. -- Geh’ aufs Land. Der
Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem
Tode vom Buddha-Priester bestattet.“

Und die europäischen Kenner[89] stimmen vollkommen bei. Shinto hat
keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller
unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen
Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen
und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel
besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten.

+Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.+

In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr.,
hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere
Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen
Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu
dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi)
thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott:
aber sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des
Mikado waltete im heiligen Hain zu +Ise+ über den Spiegel, das Schwert
und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der
Sonnengöttin +Amaterasu+, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen, die
eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen.

Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts
n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug,
die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer Buddha’s,
in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den Namen +Shin-to+.
(+Shin+, Geist und +dô+, Lehre -- chinesisch. Auf japanisch heisst der
Geist +Kami+, daher der Name +Kami-Lehre+.) Die buddhistischen Priester
verwalteten auch die meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado
Saga-Tennô (810-823 n. Chr.) die +Mischreligion Riyobu-Shinto+, d. h.
beiderlei Götterlehre.

Die +Neugestaltung+, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700 n. Chr.
und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des Shinto-Hort’s,
zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen und Gedichte
wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und Confucius
wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren Tagen
die „+Reinigung+“ der Shintotempel von buddhistischen Götterbildern,
wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen Bilderzerbrechern
und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk für immer vernichtet
wurde. Die Buddhapriester, so duldsam sie auch im Allgemeinen sind,
haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen, das Heiligthum durch
Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den Shinto-Priestern zu
übergeben.

Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen
Menge, die meisten Buddhatempel aber leer.

Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet
durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken,
von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts
gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter
Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes
(Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde
desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos
und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt
ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen
einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)[90]
+angeblich+ Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch
ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami;
endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera
japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du
thronest im hohen Himmelsfelde.

Der +Buddhismus+ beherrscht den Osten von Asien, wie der
Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner,
d. i. +ein Drittel der Erdbevölkerung+.

Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn +Siddhârta+
seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar, südlich von Patna,
in der Gangesebene; verliess sein Weib und Kind, und zog in die
Einsamkeit. Unter dem heiligen +Bo+ oder Bohi-Baum (Ficus religiosa)
widerstand er dem Teufel (Mara) und wurde +Buddha+ (ein Heiliger),
+Çakyamuni+[91] +Gautama Buddha+. Im gelben Gewand, geschorenen
Hauptes, seinen Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und
verkündet seine neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach +Eitel+ und
+Rein+): 1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die
Lehre von der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3.
Erlösung durch eigne Kraft und Uebergang in +Nirwana+, wo die Seele das
Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet
in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“

Nach den fünf +Hauptgeboten+ darf der Buddhist nicht tödten ein
lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen,
kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der
Seelenwanderung zu immer höheren Stufen.

+Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist allmählich
zu einem groben Götzendienst entartet.+ Neben den sieben Glücksgöttern
(der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf einem Reis-Sack,
ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch dargestellt,) und
den sechs Nothhelfern sowie dem „+Dorfarzt+“ Binzuru, dessen sitzende
Holzbildsäule der Leidende an der Stelle reibt, wo er selber Schmerz
empfindet, ist besonders beliebt die Göttin der Gnade (+Kannón+) und
die +Buddha’s+, die in Milde und Seelenruhe auf den Blättern einer
ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des Sinnbildes der aus dem Schlamm
sich emporringenden Reinheit.

Hochberühmt sind die +grossen Buddha’s+ (Dai-buts) von Kamakura bei
Yokohama, von Nara und Kyoto.

Der Buddhatempel in Japan (+tera+) liegt gewöhnlich in einem Hain.
Verschiedene Thore (+mon+), von fratzenhaften Wächtern („Königen“) und
Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen, Steinlaternen,
Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das prachtvoll
geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und farbigem
Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem Altar. Mit
den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes +Skimmi+ (Stern-Anis,
Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst ist manchem
europäischen nicht unähnlich.

Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida
Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In +einem+ Punkt sind Shinto- und
Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine
Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.[92]

Der weise +Koshi+[93] (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr. in
China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die
Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das
Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue,
Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen
(Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener, Mann und Frau,
zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des
+Koshi+ in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der Samurai
sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte der aus
der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado +Asada
Shokaku+ den folgenden Grundsatz auf: +„Koshi bildet den Charakter,
Shokanron[94] erhält das Leben.“+

Ueber die +Geographie+ genügen wenige Worte[95]. Japan ist das
östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br.
und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und
erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es
mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer
ein 450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres
gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise
rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen
91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner
zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent
jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.)

Die Hauptinsel heisst +Hondo+, bei uns +Nippon+, die beiden südlichen
Inseln +Kiushiu+ (Neunland) und +Shikoku+ (Vierland). Die nördliche
Insel +Yezo+ ist sehr schwach bevölkert (3 auf 1 qkm) und wird von
Vergnügungsreisenden nur sehr selten besucht. Dazu kommen noch die
Kurilen und die Riu-kiu Inseln.

Als +Marco Polo+ den staunenden Europäern von der goldreichen Insel
+Zipangu+ im fernen Osten erzählte -- die zu erreichen, zu plündern,
zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, -- hat er die chinesische
Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo, Sonnen-Aufgang-Land.
Die +Japaner+ nannten ihr Land zuerst +Yamato+, nach einer mittleren
Provinz der Hauptinsel, oder das grosse glückliche Land u. dgl.; erst
seit 670 n. Chr. +Nihon+ oder +Nippon+, von Nitsu, Sonne, und hon,
Aufgang. Daraus haben die Portugiesen und Holländer die verdorbene
Benennung Japón, Japán abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch
+früher+, als sie von den andern Ländern noch keine ordentliche
Kenntniss hatten, +Dai-Nippon+, das grosse Nippon; doch haben sie,
klüger als andere Völker, das Beiwort wieder aufgegeben.

So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche
„den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“[96] -- aber ich fand
Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land
und Leuten auf das freudigste überrascht.

Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr,
befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung
ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht
miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die
Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs
am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in
Japan.

Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen
ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst
des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden
beschieden ist.

Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach
der Hauptstadt Tokyo streben.

+Yokohama+ („Querstrand“) war ein unbedeutendes +Fischerdorf+, als
Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf und den Handelsvertrag von
der japanischen Regierung erzwang. Der erste Vertragshafen, welcher den
Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen Kanagawa, etwa 2 km nördlich
von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen an dem Tokaīdo lag, der
östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im Feudalzustand befindlichen
Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten und Ritter zu leicht
Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen konnten; so verlegte
man 1858 den Vertragshafen nach +Yokohama+: 1860 wurde hierselbst
die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer Feuersbrunst wieder neu
aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff) mit Landhäusern
besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen, 1887 die
Quellwasserleitung eröffnet.

Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel) lehnte
sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen breiten Canal
an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die Einwohnerzahl
schon 120000.[97] Yokohama ist der wichtigste von den vier
+Vertragshäfen+[98] (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und hat 1881-1885
an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr geleistet; dieser
Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den grössten Theil
des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im Jahre 1887 war
der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen Yen (1 Yen
= 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen[99], woran die
+Deutschen mit 15 Procent+ betheiligt waren. Die japanische Regierung
hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst: eine grossartige
Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze, Zoll- und
Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten[100] erbaut und brauchbare
Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die Hindu’s im
britischen Ostindien.

In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. &
O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen
Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach
Vancouver und nach Frisco.

Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse (Bund)[101]
vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren
gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die
Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch
die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und
Wagenziehern.

Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des +norddeutschen+ Lloyd,
das Consulat des +deutschen+ Reiches, den +deutschen+ Club. In
letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft
von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen
Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich
besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo,
Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in
dem englischen Führer (Bradshaw) die +ärgerliche+ Bestätigung: „There
are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die
Hälfte des Handels in deutschen Händen. +Deutschland ist eine Macht in
Ostasien+. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich; nehmen
wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr Rücksicht, als
unser Recht und unser Vortheil es zulassen.

Im deutschen +Club+ gab es gutes Essen und gutes Bier, aber auch eine
Probe +ostasiatischer Sitten+. Ich erhielt bei Tisch einen Brief
von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo, ehemaligen
Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht und nun
fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr ich
von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club
eingeführt werden könne.

Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der
jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber
die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung
empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz
sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging
zu meinen östlichen Freunden.

Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst +bebte die
Erde+,[102] aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn ich,
der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu
Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der
Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser
Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen.

Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich
schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein
Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte
er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm
antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ +Er+ hatte +mich+ wohl nicht
verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges
gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser.

Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von
chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung
beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten
beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen
Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und
farbenprächtig schmücken liessen;[103] aber seit 1868 von der Regierung
als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen
von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird von
Hori[104] Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt -- sogar unter Anwendung
des schmerzstillenden Cocaïns!

Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der
Eisenbahn von Yokohama +nach Tokyo+ (18 englische Meilen = 32,4 km.) in
50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die +älteste Eisenbahn+
in Japan,[105] sie wurde 1872 eröffnet.

Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz;
aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper
wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den
Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der
Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am
Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt
dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen
erster Classe; aber das angebotene +Trinkgeld+ weist er kurz und würdig
zurück.

Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit
dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft
geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper
der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden
Halteplatz.

+Eilzüge giebt es nicht.+ Die Eisenbahn hält an jedem grösseren Dorf;
sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden, welche
die Zeit als ein kostbares Gut betrachten.

Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten +Kanagawa+, in dessen
seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen, erblickt
man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen)
Feuer-Berg +Fuji+, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle
spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen.

Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des +Tokaïdo+, mit
ihrer doppelten Pinienreihe.

Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche,
kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen,
sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch die
nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die +Hauptstadt+ erreicht, der
Zug rollt in den grossen +Shimbashi-Bahnhof+, der nahe der Mitte der
Uferlinie von Tokyo gelegen ist.

Hier harrte meiner die angenehmste +Ueberraschung+. Der ganze
Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal
werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich
werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen
Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die
kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen)
Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder
Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit
zwei Mann hinter einander bespannt war. Das +Imperial-Hotel+ ist
schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das +beste+, welches ich
wenigstens in +Asien+ gefunden: ein sehr stattliches Gebäude mit
prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut
ausgestatteten Zimmern und Bädern,[106] electrischer Beleuchtung, guter
Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von
Japanern geleitet, die Preise sind mässig:[107] das Hotel hat einen
Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der
Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können.

Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier
zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie
konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner
frisch gebackenen Weisheit, die „+Odawara-Sitzung+“[108] beendete und
ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und
Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die
sie inzwischen genügend vorbereiten könnten.

Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht
reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch
hatten sie mir einen +Führer+ gemiethet, was in den Reisebüchern
dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig scheint, da man
auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht
zu erlernen vermag.

Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner,
pockennarbiger Herr, der das +Gymnasium+ durchgemacht hat, mehreren
von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2 +Yen+
Tageslohn,[109] die er zu empfangen hat.

Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir,
dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht
besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein
Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch,
sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache.
Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten
seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das -- +englische+ Reisebuch
in der Hand halten, +deutsch+ denken, +französisch+ fragen, die
französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem englischen Buch
vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der zweite Führer, den
ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine amerikanische Partei
von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich ½ Yen mehr zu zahlen
hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita nicht, wie ich gewollt,
in das vom Reisebuch an erster Stelle empfohlene, gut besuchte Hotel,
sondern in ein anderes, wo ausser mir hauptsächlich nur Ratten hausten.
Da gab ich die Führer auf und reiste allein durch das Land, übrigens
mit voller Sicherheit und vollstem Vertrauen: es giebt kein Land der
Erde, wo der Fremde sichrer reist, als in Japan; das liegt in der
+Gutartigkeit+ des Volkes und der +mustergiltigen Polizei+.[110]

Allerdings einen +Pass+ muss der Reisende haben, sowie er die sieben
offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki, Hakodate,
Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von 10 ri
= 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt. Die
Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer[111] erhält ohne
japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein Nachtlager. Der
Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere Zeit bewilligt.
Der Reisende macht bei der Gesandtschaft seines Reiches eine Eingabe,
worin er Plan und Dauer der Reise andeutet; gewöhnlich verlangt
man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den Tempeln von Nikko
(nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für drei Monate: die
Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt des Mikado.

Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer
Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten
mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr
gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich
ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass
zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man
nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist -- etwa wie mancher
türkische Zaptieh -- nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines
Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre.
Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten
Vertragshafen befördert.

Unser Landsmann Dr. +Scriba+, Professor der Chirurgie an der
Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende
Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische
Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden
war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort
mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren.
„Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen
Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja
mit dem Mikado,“ erwiederte jener. -- „Das nützt mir nichts,“ sagte
unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des
Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen
Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu
jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber
jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben.

Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung
+japanisches Geld+. Goldstücke[112] sieht man nur in den Museen, d. h.
solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka eine
Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet worden, der
+Silber-Yen+, der genau so gross und so schwer ist wie der mexicanische
Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;[113] aber eine
bedeutend schönere Prägung aufweist.

Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben
offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige
Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen.
Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam
verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift
und „+one Yen+“ in lateinischen Buchstaben.

Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld sind
Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die +Kupfermünzen+[114]
kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in den Tempeln sah ich noch
gelegentlich auf dem Boden die von den Armen geopferten +alten+
Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen, die ein viereckiges Loch
besitzen, so dass man sie rollenweise auf einen Faden ziehen kann;
träge kehrt der Priester mit dem Besen die Münzen zusammen, von denen
ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen. +Papiergeld+ kannte Ostasien
schon lange vor Europa, die Japaner schon seit dem 14. Jahrhundert.
Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5, 10 Yen, mit dem Gott des Reichthums
und europäischen Zahlen, also sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen
dem +Dondorf+’schen Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist
gleichwerthig mit Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach
Ueberwindung der Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.[115]
Mit dem japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern
aus, da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder
übervortheilt wird.

Hat man Pass und Geld, so braucht man +Verkehrsmittel+. Diese sind
leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff.
Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die
+Jin-riki-sha+, d. h. Mann-Kraft-Wagen.[116] Es sind dies ganz
leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach,
in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen
mit den Händen ergreift und munter forttrabt.

Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch
bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und
China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt
herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong
und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine gute
Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen. Sowie
der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich und seine
Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als mancher
aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch Fleisch, des
Morgens drei rohe Eier. Aber seine +Leistung+ ist +staunenswerth+;
kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt hat, kommt ihm
gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei Stunden, ohne
Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf guten Wegen
den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km für ein
gutes Tagewerk.[117] Früher trabte der Wagenmann noch bequemer, da er
bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder einen
Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug; während
neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische Nacktheit
„entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane Regierung
Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die Einfuhr der
Erzeugnisse von Manchester zu heben.

Prof. Bälz hat durch Versuche erwiesen, dass der nackte Körper beim
Lauf sich weniger erhitzt, als der bekleidete. Die Wadenmuskulatur
solcher Läufer ist so entwickelt, dass sie einem Bildhauer zum Muster
dienen und selbst dem farnesischen Hercules die so oft angezweifelte
Naturwahrheit wiedergeben könnte.

Unverdrossen patscht der Wagenmann mit seinen nackten Füssen in die
Pfützen der ungepflasterten Strassen von Tokyo und dankt höflich
nach langer Fahrt für jede 10 oder 20 Sen und für das kleinste
Trinkgeld. (Fahrgeld ist 7-15 Sen für das ri = 2½ englische Meilen,
etwa 60 Sen für einen halben Tag, 1-1½ Yen für den ganzen Tag.) Aber
bewunderungswürdig wird das redende Pferdchen +Gullivan’s+ auf dem
Lande, in den Bergen, wo die Strassen so schlecht sind, dass kein Ponny
den Wagen befördern könnte. Der Europäer steigt aus, um die Kräfte der
Männer zu schonen; aber ihr Ehrgefühl duldet dies nicht lange; mit
freundlicher Gebärde laden sie uns bald ein, wieder aufzusteigen.[118]

Kein Reisender trägt Bedenken, Abends spät durch die theilweise ganz
dunkle und auf grosse Strecken unbebaute Stadt Tokyo mit dem ersten
besten Wagenmann zu fahren; -- in manchen Gegenden von Italien und
Constantinopel[119] würde er sich wohl hüten oder es übel bereuen.
Uebrigens ist die polizeiliche Ueberwachung sehr gründlich. Jeder
Wagen hat seine Nummer und Bezeichnung, jeder Wagenmann trägt Abends
die brennende Papierlaterne in der Hand. Oft genug bei Tage wird der
Wagen von Polizisten genau gemustert. Die Rüstung des Wagenmanns,
Rock, Hosen, Sonnenhut, Laterne, kostet 4 Yen; den Wagen kann er auch
gegen Zinszahlung miethen; geht etwas daran entzwei, so bringt er
selber es in Ordnung. Unser Hotel hatte eine förmliche Leibwache von
Wagenmännern, die der Reihe nach herankamen, auf dem grossen Sonnenhut
den Namen des Gasthauses mit Stolz trugen und am Eingang des Hofes in
einem kleinen Hause wohnten, offenbar auch Nachts den Wächterdienst
versahen. Schon nach kurzer Zeit hat sich zwischen dem Reisenden,
wenn er nicht knickrig ist, und dem Wagenmann ein freundschaftliches
Verhältniss herausgebildet. Allerdings, +englisch+ können diese Leute
nicht sprechen, auch wenn sie es glauben und versichern. Aber sowie
man im Hotel durch den Wirth ihnen die Punkte mittheilt, die besucht
werden sollen; so geht es ganz ausgezeichnet, ohne lästigen Führer oder
Dolmetscher.

Zu Fuss in dem riesigen Tokyo seinen Weg zu finden, wird der
vernünftige Reisende gar nicht erst versuchen; die Stadt ist zu
ausgedehnt, zu unregelmässig, die Häuser und Strassen zu gleichartig.

Die Stadt +Yedo+ ist 1450 n. Chr. gegründet. Der Name bedeutet
+Wasser-Thor+. Die Bucht, in welche der Fluss Sumida-gawa sich
ergiesst, ging damals viel weiter ins Land hinein. 1590 wurde Yedo
durch +Jeyasu+ zur militärischen +Hauptstadt+ von Japan umgestaltet.
In der alten Feudalzeit musste jeder Daimio alljährlich seine
Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun unternehmen; ja, seit 1642,
einen Theil des Jahres dort wohnen. Noch bestehen die doppelten
+Festungsgräben+, ein Theil der riesigen +Umfassungsmauern+ und der 27
Thore, die Jeyasu geschaffen.

Burg (+Shiro+) heisst noch heute beim Volke der mittlere Bezirk der
Stadt. Hier liegen Regierungsgebäude, Gesandtschaftshäuser und, durch
einen breiten Graben abgeschlossen, die romantisch-einsamen Gärten mit
dem (nach dem Brand vom Jahre 1873) erst 1889 neu erbauten +Palast des
Mikado+[120], zu dem eine prächtige Brücke (Niju) führt.

Den Umkreis der Burg (+Sotoshiro+) bildet die Handels- und
Gewerbe-Stadt von Tokyo. Daran schliessen sich im weiteren Umkreis die
Vorstädte. Die Stadt gehört zu den ausgedehntesten der Erde, sie deckt
über 200 qkm, schliesst grosse Gärten und Parks, selbst Felder ein; und
zählt 310000, meist kleine, hölzerne Häuser sowie (mit Einrechnung der
Vororte) 1300000 Einwohner.

Die +Geschichte Tokyo’s+ zeigt uns eine Kette von
+Feuersbrünsten+[121], Erdbeben, Seuchen. 1601 wurde die ganze Stadt
ein Raub der Flammen; 1651 wurden 500 Daimio-Paläste, 350 Tempel und
1200 Strassen zerstört, wobei 100000 Menschen das Leben einbüssten,
wenn dies nicht eine arge Uebertreibung ist. Aber noch 1875 wüthete ein
starkes Feuer, bei dem mehrere Hundert Menschen das Leben verloren.
Jeder Tag bringt noch jetzt zwei Schadenfeuer, noch heute sieht man
ganze Bezirke öde und ausgebrannt, der neuen Bebauung harrend. Jährlich
verbrennen jetzt in Tokyo 5000 Häuser (im Durchschnittswerth von je 300
Yen) oder 1:60. Man +sagte+ mir, dass ein Haus nur 5-7 Jahre stehe, bis
es abbrenne. Doch muss dies übertrieben sein, nach der eben angeführten
Brand-Statistik.

Die Feuerwehr ist eine alte und gute Einrichtung. An den Strassenecken
sieht man hohe senkrechte Leitern, mit einer Lärm-Glocke oben; der
Wachtmann hält fleissig Umschau. Brennt das Haus nieder, so geht der
Japaner unverzagt mit seinem Bündelchen zu einem guten Freunde, der ihn
aufnimmt und beim Aufbau eines neuen Holzhäuschens unterstützt.

Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und
eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch
scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein.

1650-1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868
der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,[122] umgewandelt.
1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den
Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in
demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn
in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890
Telephon eingeführt.

Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es
liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche
Wasserläufe durchziehen die Stadt.

Die +Strassen+ der Millionstadt Tokyo[123] zeigen zwar dem aufmerksamen
Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber nirgends bedeutsame
Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen glaubt man auf
einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich zu befinden.

Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten
Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben.
Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen
versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der
fremden Gesandten befinden sich in +einem+ Stadttheil, und zum
Theil hinter Mauern und Gärten.

Das +japanische Haus+[124] ist von überraschender Einfachheit und
Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau,
ohne Fundament.

Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken
des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren
Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so dass eine
umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2-3 Fuss über
den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der
Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke
Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast,
den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische,
Sofa’s gleichzeitig vertreten.

Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von
2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der
Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in
jedem Augenblick zu vergrössern[125] oder zu verkleinern. Die Höhe der
Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen
dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder
geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama)
ausgefüllt.

Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein
rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem
+Papier+[126] überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches
diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar
für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.[127] Den Tag über und bei
gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des
Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine
fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt
es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite,
mit Ausblick auf den winzigen Garten, -- wie in Pompeji. Hier ist an
der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei
Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das
Schlafzeug[128], auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden.

Nachts wird durch Bretter, welche in Falzen laufen, das Haus
geschlossen und das Schlussbrett durch einen Riegel versperrt. Der
Reisende, welcher in einem japanischen Gasthaus abgestiegen, hört
missvergnügt das lang dauernde Gepolter. Tags über stehen die Bretter
in einer Lade, dem „Brettsack.“

Das japanische Haus (auch der Palast des Mikado zu Kyoto!) +entbehrt
der Dauerhaftigkeit+, da es nur aus Holz und Papier besteht, und
der +Behaglichkeit+, da ihm Möbel und Schutz gegen Kälte und Rauch
fehlen. Ausserdem giebt es in Japan keine Canalisation; die kostbaren
Dungstoffe für die Felder werden wie Schätze gehütet. Rein hat
diese Schattenseiten sehr richtig hervorgehoben und der Amerikaner
+Morse+, welcher eine Sonderschrift über das Haus der Japaner[129]
veröffentlicht hat, kämpft mit Scheingründen und Deutschenhass[130]
vergeblich dagegen an.

+Zwei Vortheile+ hat das japanische Haus, es ist sehr billig und
widersteht dem Erdbeben. Ersteres erkennt man aus +Rein’s+ Angabe,
dass der Herstellungswerth 150-1000 Mark beträgt. Letzteres sah ich
zu Nagoya, wo alle Steinhäuser die bedenklichsten Risse von dem vor
Jahresfrist beobachteten Erdbeben zeigten, die Holzhäuser unversehrt
geblieben. Die Holzhäuser auf ein Mal durch Steinbauten für 40
Millionen Menschen zu ersetzen, wäre auch unmöglich, da das Geld dazu
nicht vorhanden ist.

Jeder, selbst der Aermste, bewohnt ein Haus für sich, wenn gleich
nur zur Miethe. Auf das japanische Haus kommen durchschnittlich vier
Einwohner. Oefters wird nur die Zahl der Häuser eines Ortes, nicht die
der Einwohner angegeben.

In kurzen Abständen sieht man zu Tokyo (und in den andern Städten
Japan’s) schmale +feuerfeste+ Gebäude (Kura), worin Nachts und bei
Feuersgefahr der Kaufmann seine Kostbarkeiten birgt. Sie bestehen
aus doppelten Wänden von Backsteinen, deren Zwischenraum, ähnlich
wie bei den vielleicht erst 1000 Jahre später in Europa erfundenen
Geldschränken, mit einem Gemenge von Holzasche und Sand ausgefüllt
ist; ihre kleinen Fenster können durch doppelte Fensterläden aus Eisen
nahezu luftdicht verschlossen werden. Die Flure sind mit Fliesen
bedeckt, das Dach feuersicher. Es giebt öffentliche Kura, welche
werthvolle Gegenstände gegen eine Gebühr aufbewahren. Niemand behält
Kostbarkeiten über Nacht in einem japanischen Haus aus Holz und Papier.

Das +Volksleben+ ist unbeschreiblich anmuthig wegen der Höflichkeit und
Geschicklichkeit der Japaner. Trotz regen Verkehrs giebt es weder Lärm
noch Gedränge.

Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie geschickt jeder Krämer in der
mit lebhaften Schildereien behängten Bude seine Waare einwickelt, und
der Käufer sie davon trägt.

Von dem Bahnhof Shimbashi nordwärts nach Nihonbashi, einer ziemlich
in der Mitte der Stadt gelegenen Canalbrücke, von der aus alle
Entfernungen in Japan gerechnet werden, führt die breite Hauptstrasse,
welche Bazars, Curiositätenhandlungen, auch mehrere europäische Läden
und sogar eine Pferdebahn enthält, die trotz der überaus billigen
Preise der Jinrikisha’s gut besetzt ist.

Zu den +Hauptsehenswürdigkeiten+ von Tokyo gehört der Park von Shiba
und der von Ueno.

+Shiba+, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels von
Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von
+Jeyasu+ dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln[131] (ihai) der
Tokugawa-Familie aufzunehmen.

Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der
zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi † 1866).

Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den
Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit
kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der
göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt.

Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten
Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges,
schön geschnitztes +Holzthor+, das der beiden Dewa-Könige oder
Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen
Hof, der in einer +ganz eigenthümlichen+, echt japanischen Weise
geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den
Ehrengaben der Daimio. Jede +Laterne+ besteht aus vier Theilen, nämlich
aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch gestaltet ist,
aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus dem viereckigen
ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen Lampenbehälter und aus
einem phantastischen Pagodendach.

Ein +zweites Thor+, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings um die
Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel genannt, weil
es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand des Pabst-Mikado
geschrieben, enthält, bringt uns nach dem +zweiten Hof+, der noch
schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen +Bronze-Laternen+
geziert ist.

Das +dritte Thor+ finden wir noch prachtvoller, als das zweite; es ist
von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten und bemalten
Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs mit dem Bilde eines
Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier führt eine kurze,
bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen +Todten-Tempel+, dessen
Dach mit den Pfeilern durch zwei geschnitzte Balken verbunden ist, die
mit Recht als auf- und absteigender Drache bezeichnet werden.

Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger
Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend
verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht
aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem
schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter
Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen,
betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem Gang,
die Samurai in der Vorhalle, -- ganz ähnlich wie in den Tempeln der
alten Aegypter.

Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt.
Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei
Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich -- denn die Thüren
werden nie geöffnet! -- das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun,
der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu
beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann
das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der
Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï
Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz
(Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das
buddhistische Sinnbild der Reinheit.

Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude
besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „+Symphonie
von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit+“ darstellt, fragt
kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder -- der Verfasser
des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel
nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika,
sondern für den +japanischen+ Geschmack errichtet ist; und ferner den
Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und
prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wiederholten Besuchen, zu
der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges
Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack
befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist
ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes
Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig
sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und
ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt
allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische
Kunstschöpfung +über+ die europäische zu erheben.

Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die
Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von +Nikko+
Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann.

Durch ein mit den fabelhaften Einhörnern (kirin) geziertes Thor und
durch einen Hof, der wieder mit Bronze-Laternen geschmückt ist,
gelangen wir über eine Steintreppe empor in die +tiefe Einsamkeit+, wo,
von ernsten Fichten umgeben, die ganz einfachen Steinpagoden stehen,
unter denen in einer Tiefe von 20 Fuss die +sterblichen Reste+ der
verehrten Shogune ruhen, -- geschützt gegen Zerfall durch eine dicke
Lage von Zinnober und Kohle.

Der Uebergang zu immer grösserer Pracht und die schliessliche
Einfachheit des Grabes predigt laut von der Vergänglichkeit des
Irdischen.

Ganz ähnlich sind die Todtentempel des sechsten, zwölften und
vierzehnten Shogun und auch der Gattin des letzten, einer Tante des
jetzigen Mikado.

Von hier führt der Weg zu dem +Kloster+ von Zojoji und zu dem neuen,
noch nicht ganz fertigen, sehr geräumigen Haupttempel mit der Bildsäule
von Amida. Im Innern dieses Tempels könnte Einer wohl vergessen, dass
er in Ostasien weilt.

Ein Kleinod dahinter ist das Tempelchen +Gokoku-den+, welches in einem
goldnen Schrein den „schwarzen Amida“ bergen soll, den Jeyasu stets
als Schutzgeist mit sich führte. Kühne Bilder von Falken an den Wänden
erinnern an des Fürsten Vorliebe für die Beize.

Ausserhalb des Tempels steht unbedeckt ein Bronzebild von Shaka, -- ein
„nasser Heiliger“ (nure botoke), -- vom Jahre 1761.

Es ist noch viel zu sehen, die Grabstätten der Shogun-Gattinnen, der
Todtentempel des zweiten Shogun, wo zwei mächtige vergoldete Pfeiler
das reich verzierte Dach tragen, und mitten im Gehölz die berühmte
achteckige Halle (Hakakku-do), welche das Leergrab des Herrschers
enthält: auf einer steinernen Lotusblume ruht der Schrein, das grösste
Werk der Erde in Goldlack, unten geschmückt mit dem Löwen, dem Könige
der Thiere, und der Päonie, der Königin des Pflanzenreichs; oben mit
den acht schönen Landschaften von China und denen des Biwa-See’s in
Japan. Der Schrein enthält nur ein Bildniss des Shogun und seine
Todtentafel; der Körper ist tief unter dem Fussboden begraben: ganz
ähnlich, wie in den +Turbe’s+ der Sultane zu Stambul.

In der Nähe ist ein Shintotempel (Ankokuden), wo +Jeyasu+ auch
als +Shintogottheit+ verehrt wird, und ferner +Kōyō-kwan+, das
Ahorn-Clubhaus, das ich sehr bald von der besten Seite kennen lernen
sollte.

Unsere Jinrikisha-Männer hatten inzwischen eine mehrstündige Ruhe
genossen. Einer war mit uns gegangen bis an die Tempelpforten, theils
um sein Auge zu erfreuen, theils um die Sonnenschirme zu halten; --
denn die ausgezogenen Schuhe zu bewachen, ist unnöthig. Als sie jetzt
den Befehl vernahmen, „nach den 47 Ronin“; stürmten sie stolz und
freudig mit uns vorwärts. Denn sie lieben ihr Vaterland und seine
Helden. Obwohl die Geschichte dieser Ronin durch +Mitford’s tales of
old Japan+ in Europa genügend bekannt geworden, möchte ich sie doch,
der Vollständigkeit halber und für diejenigen Leser, die sie nicht
kennen und -- im Conversationslexicon nicht finden würden, hier in
Kürze anschliessen.

+Ronin+ heisst Wogenmann und bedeutet einen herrenlosen Vasall; in
dem Lied chiushingura, „Lehnsmanns Treue“, und in den Schauspielen der
beiden berühmten Dramen-Dichter Japans wird der Heldenmuth der 47 noch
heute gefeiert.

Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den
jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken,
auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die
Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine
Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel
und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen
Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi
wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert
einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen
Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber
zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.[132] Seine
Dienstmannen, jetzt Ronin, zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi
Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod
ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die
46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu
Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und
trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur
Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich
Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die
Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten.
In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten
alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren
Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei
ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre
gesetzt, niedergehauen, -- aber dieser selber nicht zu finden, bis er
endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich
vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner
sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen
Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens
anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus
Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben
Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den
Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus,
um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in
blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der
Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie
anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine
Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess
sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und
legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss
des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri;
und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt.

Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende
Weihrauchkerzen.

Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das
Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den
Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte
ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die
hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient
es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben
unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder
deines Herren.“[133]

Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark
gelegenen +Bazar+ (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die
niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse
japanischer Kunstfertigkeit. +Alles+ ist hier zu haben, was der Japaner
braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme, Haarschmuck,
Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke, Porzellan- und
Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut behördlicher
Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste verneigt
sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die Papier-Yen
mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches Gelächter
erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die geforderte
Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen allerdings
nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil seines Gewerbes
handzüglich vorwies.

Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel
+Atago-yama+. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist steiler, der
„weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist nicht so sehr
merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen von Dörfern, da
die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse russische Kirche,
offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich etwas aufdringlich
geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist sehr schön. Der Blick
schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und andrerseits über die Bay
von Tokyo, zu dem Berg Kanozan.

Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke
der Stadt belegenen +Ueno+-Park, der +Nachmittags+ sich besser
darstellt. +Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich.+ Ueno-Park,
ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625 vom Shogun
+Jemitsu+ übernommen; er wollte hier eine Reihe von +Buddha-Tempeln+
gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen sollten.

Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier
musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen,
so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der
Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit
dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem
Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach
Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser
Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den
Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner
Stelle steht jetzt das +Museum+. Der ganze Ueno-Park ist seit einigen
Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben.

Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht
auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber -- nicht
belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man
Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner
Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch
von den andern rasch besänftigt.

Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes
+Denkmal+ ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado
gefallenen Soldaten gewidmet.

Der berühmte +Kirschbaumweg+, im Frühling zur Zeit der Blüthe das
Entzücken der Japaner[134], war auch jetzt, im Herbst, recht schön,
wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See, auf
einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der
Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich
gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park
widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n.
Chr., ist unschön.

Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen
zeigt, tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit
einer langen Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des
+Gongen-Sama+ (Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die
Bilder der „33 Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9.
und 10. Jahrhundert. Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass
der +Mensch ein Dreieck+ sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber
ein Japaner, der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist
thatsächlich ein solches Dreieck. Das +Ueno-Museum+, ein grosses
Gebäude in europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten
japanischen Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist
sehr gering, die Räume sind gut besucht von +Einheimischen+.[135] Die
Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden
hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils
nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen.
Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe für
+unsre+ Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer Werkstätten
in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die zoologische
und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu fesseln, wie die
wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir Staats-Wagen (für
Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das Schiff des Shogun.
Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen aus Agat, die,
zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen wurden; Speer-
und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter kleine,
+irdene Figuren von Mann und Ross+, die (seit dem Gesetz des elften
Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem todten
Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen und Rosse,
mit ins Grab gegeben wurden.[136] Sodann buddhistische Alterthümer,
besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato, und aus
Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus der
portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners Hashikura,
der 1614-1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt hatte, sein
Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der katholischen
Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und -- im Gegensatz dazu
-- die +Trampelbretter+ (fumi-ita), Metalltafeln mit Reliefdarstellung
des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau, auf welche, nach
Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der christlichen
Religion, diejenigen Japaner, welche man für heimliche Anhänger dieser
Lehre hielt, +trampeln+[137] mussten, um sich von dem Verdacht zu
reinigen.

Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für
schweres Geld geliefert haben.

Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in
der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten,
der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die
japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises.

Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die +Shogun-Gräber+ (Go
Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680), der
fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858) liegen
hier begraben.

Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen,
im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem
Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt
wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7
Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter.

Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich.

Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige
+Verkaufs-Ausstellung+, die auch hier sich befindet, und bewundern
wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren.
Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen
Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des
Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige.

Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der
gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind
die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der
Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell
mit starkem Papier verklebt; auf +unseren+ Reisen würde derselbe
beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für
Buddha’s Bildsäule sind alle nach +einem+ Muster, innen vergoldet.
Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen
kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein
genug vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem
Hauptort für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem
zum Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten +Zwergpflanzen+[138]
ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in einem tellergrossen Blumentopf.
In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen
jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren
Cigarre[139] über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann.

Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von +Asakusa+.

Zuerst fällt auf +Higashi Hongwanji+[140], der Haupttempel von Tokyo,
im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar einfach,
aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst 140
Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von
Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten
Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher
Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein
ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge,
welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten!

Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende
Buddhisten-Tempel +Asakusa Kwannon+. Das eigentliche Cultbild der
Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst
von einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit
einem Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt.
Ein grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem
Volk gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von
Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte.

Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in
japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk
für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck,
Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer,
Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf
den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die
Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt.
Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem
kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung.

Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu Jerusalem,
als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie
in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr
auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester
und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht.

Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich
durch das zweistöckige Thor (an dem rechts +Riesen-Sandalen+ hängen,
Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein mit
einer +Gebetmühle+ sich befindet,) hinein in die grosse Halle und sehe
das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche Weihrauchkerzen,
Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem Geplapper von den
Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze in den Opferstock
werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen aufmerksam zu machen
und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche die Holzbildsäule
des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, -- an der Stelle, wo es ihnen
weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk von Jikaku Daishi;
jetzt ist es mürbe und abgerieben, -- wie bei uns ein lebendiger,
vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem Altar oder
Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet. Die Bilder der
Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber gegen Krankheit,
als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden Wahrsagekarten
verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht, ob das Kind in
Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.[141]

Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als
Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen
und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen
Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische
Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo,
den seine Rosa weckt“; -- endlich Engel, die letzteren in den höchsten
Regionen, nämlich am Dach, -- das sind die Gegenstände der wichtigeren
Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann.

Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein
freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu,
verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits
bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der
Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier Gebete für Kranke
abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum,
dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von
Augenleidenden herrühren.

Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von
(verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der
Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf
dem Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen
Sage gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura)
erreicht man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches
Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch +einen+
kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die
buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner
sie nicht alle durchlesen. Aber ein +annähernd gleiches+ Verdienst
erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. -- Ein
chinesischer Priester +Fu Daishi+ im 6. Jahrhundert n. Chr. soll diese
Dreh-Bücherei[142] erfunden haben.

Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen
Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch
electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war.

Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der
östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer
entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt
es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt.
Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich
geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben
vor den Tempeln, um Gäste anzulocken.

Auf einem Holzgestell inmitten eines freien Platzes ist eine
Stegreifbühne aufgestellt. Unter unendlichem Jubel des Volkes wird der
japanische Polichinell geprügelt.

Eigenartig ist der japanische +Geschäfts-Garten+. Die Pflanzen stehen
ausserordentlich dicht an einander, offenbar ist der Boden kostbar. Die
Gänge sind schmal und gefüllt mit Bewundrern. Aber mehr als die Nase
wird das Auge geweidet.

Allerdings der bekannte Satz, dass „in Japan die Blumen keinen
Duft, die Vögel keinen Sang, die Früchte keinen Wohlgeschmack“
haben, ist nichts weniger als genau, sondern nur eine jener
Reisebuch-Behauptungen. Die Japaner haben ihre Nachtigall (Unguisu) und
ihren Blüthenduft.

So heisst es in einer von Dr. R. Lange übersetzten Liedersammlung:

    „Fällst Du Blüthe der Pflaume auch ab, so lass mir den Duft doch.
    Trag’ ich Verlangen nach Dir, wird er mich mahnen an Dich.“

Dafür ist die Augenweide der Japaner an blühenden Gewächsen ganz
allgemein und seit mehr als 1000 Jahren vielleicht mehr entwickelt, als
bei irgend einem andern Volke.

Ich sah in diesem Garten ein kleines Kind von 2-3 Jahren, auf dem
Rücken der Mutter durch ein Kreuzband befestigt; so wie es eine
Blumenhecke erblickt, klatscht das Würmchen, das noch nicht reden kann,
vergnügt in die Hände. Wenn der Jinrikisha-Mann, der von 30 Sen den Tag
leben kann, 40 verdient hat; so kauft er Abends nebst Esswaaren für
einige Pfennige Blumen und trägt sie wohlgefällig in sein bescheidenes
Heim. Für die Arbeiter ist in London Abends Nahrungsmittel-Markt bei
Gasbeleuchtung; in Tokyo Blumenmarkt (Hana-ichi) bei Laternenlicht.

Die Japaner lieben den blühenden Zweig, nicht den Strauss. Von den
Pflanzen haben sie das Meiste und Wichtigste ihrer Kunstgestaltungen
entlehnt, ihre Wappen sind Pflanzen; eine schöne Blume dem Freunde zu
senden, ist verbreitete Sitte und Höflichkeit.

Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil
seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der
Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine
kleine Silbermünze.


Ausflüge von Tokyo. -- Nikko, Miyanoshita, Kamakura.

Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk
von +Nikko+[143], 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der
Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte H.
+Meyer+ 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie Kochofen
und Diener mitnehmen.

Nikko kekko, Nikko ist entzückend, -- dies hört man so häufig in Japan,
wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.

Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle,
Maulbeerbäume, Gemüsefelder, -- Alles wechselt in bunter Reihe mit
kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar unter
Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland kommen 47
Ar auf den Einwohner, in Japan +genügen elf+. Die Felder sind selten
grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter gross. Die
Wirthschaften sind klein, 1-1½ ha. Grossgüter giebt es nicht. 40
Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.

40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent
betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen
kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe,
wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird
wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird der
menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. Künstliche
Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem Tretrad wird
das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch sieht man
zahlreiche Ziehbrunnen. +Reisfelder+ müssen ganz unter Wasser gesetzt
werden. 100 Millionen Scheffel[144] werden jährlich geerntet oder
2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des japanischen
Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.

Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der
Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf
Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen.
„Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches
Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird,
das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung
herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin)
stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und
der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das
Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten
wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z.
B. eine Papierfabrik, unterbrochen.

Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die
Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach
Nikko.

Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene
Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune
hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite
(Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die
Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen
Jeyasu brachte. Die +Fichten+ (Cryptomerien) Japan’s sind nicht so
gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien[145],
nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige,
wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2-3 Meter Umfang. Mit
grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der
Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko
schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.

Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem
Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang.
In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die
Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des
heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,[146]
ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile
von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s,
sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller
Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer
Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.

Im +Nikko-Hotel+, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, finde
ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von den
Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.

Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er
ward aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel
wurde 767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem
die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen,
z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss
bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte
Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus
der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater +Jeyasu+. Im
folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit dorthin
gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn des
Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. (Der
letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz Kita
Shirakawa.)

Auch der dritte Shogun (+Jemitsu+) hat in Nikko sein Grabdenkmal.

Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in
vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil schwieriger, ist
die +Begründung+ der Gefühlsschwärmerei durch genaue +Beschreibung+.

Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel
eintritt, ist +zunächst enttäuscht+, -- namentlich, wenn er durch
unser klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen
Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel,
Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte
durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck.
Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das
Erhabene und das Schöne.

Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile.
Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung
anzuwenden.

Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den
Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner
voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als
gelungen und vollkommen angesehen werden.

Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des
Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den +Gedanken
des Göttlichen im Tempelbau+ auszudrücken versucht! Da ich weder
Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das
beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.

So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der
+altägyptischen+ Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, als
sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, umgeben
von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige Thorthürme
(Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren Götterbildern und
Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten Masten und zahllosen
Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes Leben nur diese
Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder aus Stein, die in
majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die „Memnons-Säulen“
zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der römischen
Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, obwohl sie
nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. Jedenfalls
konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, gewaltigen,
säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach innen zu,
eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden Seiten des
Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt war. Nun folgte
eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von unbeschreiblicher
Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern und die dunkelsten
Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und zahllosen (allerdings
+unserem+ Geschmack nicht entsprechenden) Götterbildern geschmückt,
endlich das +Allerheiligste+, ein ganz dunkles Gemach, aus einem
ungeheuren Steinblock gehauen, worin das eigentliche Götterbild, der
Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.

In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes
folgende niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der
gradlinigen Flucht +erscheint+ nicht bloss dem Beschauer auf dem
Hofe perspectivisch verkleinert, sondern +ist+ thatsächlich kleiner,
als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck
einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das
empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht
werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür
des Allerheiligsten hervorschimmerten.

Die alten +Hebräer+ waren original in ihren religiösen Schriften, aber
nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht ägyptischen
Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s Wunderwerk
errichtet.

Die Entwicklung[147] des +altgriechischen+ Tempels zu schildern,
übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten
Zeit den +Parthenon+ auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des Stoffs
und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht überladener
Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige Haus,
welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der glänzenden,
berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.

Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an
der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der
gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin
und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.

Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus
Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt
den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die
Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu
dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.

So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten
Gebäude, die jemals errichtet worden, -- er diente wohl der Betrachtung
und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche +Verehrung+ hatte
draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar +vor+ dem Tempel wurden
die Opfer verbrannt.

Die +Römer+, gross als Staatenbildner, in der Kunst und Wissenschaft
waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den Etruskern
verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend war sicher der
Einfluss der Griechen von Unteritalien oder Grossgriechenland.
Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien fast ebenso aus,
wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die Vorhalle ist
grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im Hintergrund des
Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.

Trotzdem +diese+ Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen Kirche
des Römerreiches, der +Basilica+, auftritt, scheint die letztere nicht
aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern aus der
römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte Dach und
theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, der
prächtig geschmückte Altar und in der nach +Osten+ gerichteten Nische
das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde ist San
Paolo fuori le mura im ewigen Rom.

Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den +centralen
Kuppelbau+, für den im heidnischen Pantheon zu Rom ein Vorbild gegeben
war, und den +gothischen Dom+. Den ersteren bewundern wir in der
heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren in unserem +Köln+.

Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des +Himmelsgewölbes+, während
die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die Spitzbogen
den Blick gewissermassen in eine +unergründliche+ Höhe emporlenken.

Die +Mohammedaner+ haben in der ersten Zeit sicher die Basilica
nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7.
Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.

Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie
einfach in eine Moschee +umgewandelt+: die prachtvollen Mosaiken
übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine
Gebetnische (Michrab) nach +Südosten+,[148] in der Richtung auf das
Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf dem
Fussboden +schräg+ gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; sodann
eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und +vor+ dem Tempel ihre
schlanken Spitzthürme (+Minaret+) erbaut, von deren Höhe der Muezzin
mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.

Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen
erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia.
Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die +Kuppel-Bauten der
Grossmogul zu Agra und Delhi+, die dem Parthenon ebenbürtig zur Seite
stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich
unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.

Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten
vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich
am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.

Ob die Japaner +Religion+ besitzen, darüber lass’ ich die Gelehrten
streiten. +Tempel+ haben sie; ihre schönsten in Nikko,[149] die
Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. +Sie weichen wesentlich
ab+ von den vorher geschilderten der andern Völker. Aber +Natur und
Kunst+ haben die Japaner hier geschmackvoll vereinigt, um den +Eindruck
des Feierlichen+ hervorzurufen.

Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte
+Zugangsstrasse+ wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und auf
das Kommende vorbereitet.

Am oberen Ende des Dorfes liegt +Mihashi+, eine lebhaft roth lackirte
Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss breiten Fluss
(Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an das Wunder mit
Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie zu beiden Seiten durch Gitter
für +gewöhnliche Sterbliche+ stets verschlossen ist. Hundert Fuss
flussabwärts findet man die +gangbare+ Brücke und kommt über dieselbe
in die +heilige Strasse+. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so
dass die Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes
liegen, durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit
und, weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte
Cypressenhain von Skutari.

Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit dem
Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum +Mausoleum des Jeyasu+.

Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf
zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss Dicke
der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein höchst
anmuthiger fünfstöckiger Thurm (+Pagode+),[150] der in lebhaften Farben
prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss Seitenlänge hat. Rings um
den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, bemalte Holzschnitzbilder der
chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des Thierkreises.

Ein gepflasterter Weg führt zum +ersten Thor, Ni-o-mon+, d. h. Thor
der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren Nischen
entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle
Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen
Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut
ausgeführte Tiger.

Jetzt folgt der +erste Hof+ mit drei lebhaft gefärbten, hübschen
+Schatzhäusern+, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen Jeyasu
aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten mit
falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war gewiss
eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, innerhalb eines
Steingitters, eine stattliche +Fichte+, dieselbe, welche Jeyasu, als
sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich zu führen pflegte.
Daneben befindet sich der (ehemalige) +Stall+ für die heiligen weissen
Pferde, welche die Wagen der Götter an den Festtagen zu ziehen hatten.
Ueber dem Thor sind drei bemalte Holzschnitzereien, +Affen+, welche mit
ihren Händen den Mund, andere, welche die Ohren, noch andere, welche
die Augen zuschliessen.

Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien)
genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen,
Verläumdungen, Begehrlichkeiten.

Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient als
+Weihwasser-Becken+ und ein Gebäude daneben enthält eine achteckige
Dreh-+Bücherei+ mit der vollständigen Sammlung der buddhistischen
Schriften.

Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem +Vorhof+.
Hier stehen +Huldigungsgaben+ der Lehns-Staaten: ein Bronzecandelaber
vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse Glocke vom König von
Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den Holländern ein etwas
schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, zum Theil von grosser
Schönheit, haben die Daimio gestiftet.

Eine weitere Treppe führt empor zu dem +zweiten Thor+ (Yomei-mon).
Dieses ist von wunderbarer Schönheit -- „und doch bloss ein Thor.“
Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die
letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des
Thores, -- +nach unten+, um den Neid des Himmels abzuwenden. In den
äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in den
inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit Putten
und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige Formen.

Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren
Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln,
Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- und
Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame Priester
geschaffen. +Ich+ sah aber hier einen +japanischen Maler+ eingerichtet,
der in vollkommen richtiger Perspective und sehr naturgetreu
+Oelbilder+ dieser klassischen Stätte für die Weltausstellung in
+Chicago+ anfertigte. Auf Befragen gab er an, dass er nie einen
europäischen Lehrmeister gehabt.

Der +zweite Hof+, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten ein
Gebäude zum +Verbrennen+ des duftenden, heiligen Cedernholzes und eines
für den +heiligen+ Tanz. Ich sah den letzteren und merkte es nicht:
eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich neigend und beugend,
auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links ist ein Gebäude mit
den +heiligen Wagen+, die im Festzug am 1. Juli umhergeführt werden,
wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen von Jeyasu, Hideyoshi und
Yoritomo darin verweilen.

Geradeaus kommt man an den eigentlichen +Tempelbezirk+, der von einem
niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. Hinein
führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.

Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als
Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem
Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen
Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen
von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf
Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige
Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben
eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen --
verschliesst.

Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten
Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der
Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die
Farben auf das anmuthigste.

Wunderbar ist der +Zugang zu dem Grabmal+. Erst kommt man an ein Thor,
mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen Schnitzwerk
einer schlafenden +Katze+ (von +Hidari Jingorō+) und steigt empor
über eine feierliche Steintreppe, 240 Stufen, von Moos bewachsen und
überschattet von geradezu herrlichen Cryptomerien. Das +Grabmal+ selbst
ist eine kleine Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer
Schildkröte) ein Bronzekranich[151] mit einem Leuchter im Schnabel und
ein Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter.

Etwas weiter liegt das +Grabmal+ des +Jemitsu+, des dritten Shogun aus
der Tokugawa-Familie († 1651).

Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren
Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch[152]
und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken.

Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches
Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle
und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal
ähnlich.

Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist +bequem+. Man ersteht eine
Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten
Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein +heiliges Paar+
Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere
der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder
nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem
Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. --

Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach
dem +Urami-ga-taki+ oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei dem
Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen
Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht
der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches
Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die
Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen
und feuern sich gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer
aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so
leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde
zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten
das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein
Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern.

Auf dem Rückweg besuchen wir +Kamman-ga-fuchi+, wo über den
Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein
Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, -- +angeblich+ durch den
heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am
Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die +angeblich+ kein Mensch
richtig zählen könne.

Der Aberglauben ist etwas +einförmig+, auch -- in Japan. Doch +lächeln+
die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen Kulis.

Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, -- die Priester
schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, -- fuhr ich
nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den +zweiten Ausflug+,
nach +Miyanoshita+.

Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht
weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche
Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz
kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach
Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1
Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke
sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk
zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch
zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit.

+Odowara+ war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde ihre
Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem festen
Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen oder auf
Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das Schloss
und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern die
+Odowarasitzung+ sprichwörtlich geworden.

Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische
Schlucht bergaufwärts nach +Miyanoshita+. Das beste Gasthaus ist
+Fuji-ya+.

Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach +Nara-ya+. Das Haus war
auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein
nervenkranker Engländer da, und -- zahlreiche +Ratten+, die man Nachts
über der Decke nur allzu deutlich hörte.

Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen
kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses
Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan
nicht -- zu +Fuss+ gehen soll.

An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine
Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit
gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa
schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte
ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich
anhob.

Der dritte Ausflug ist der nach +Kamakura+ und +Enoshima+. Kamakura,
südwärts von Yokohama,[153] an der Sagami-Bucht gelegen, ist jetzt ein
Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; einst war es
die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.

+Yoritomo+ (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der
Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der
Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan,
die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des
Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben.
Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.

Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist +Dai-butsu+, der grosse Buddha.
Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von 49
Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,[154] seit dem Jahre 1252 n. Chr.
und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber
1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth
zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am
reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus
Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.

Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die +ich+ zu sehen
bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der Mitte
der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.

In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform
Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch dort keine
kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel
bedeutend länger.

Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei
wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für uns
gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls sind solche
Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man nur zu +betrachten+
braucht, um sie zu verstehen und zu +bewundern+.[155]

Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der
Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum
halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas
schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen
halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss
Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto
schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade
und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische
Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche
Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten
gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.

Die liebliche, immergrüne Insel +Enoshima+, seit alter Zeit der +Göttin
der Liebe+ (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne mit dem
Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo Haus
bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum
Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie
künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man
ein +japanisches Santa Lucia+ vor sich zu sehen. Ich raste oben auf
der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten,
dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden
Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch
zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und
Duldsamkeit.


Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.

Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund
ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung
für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt
worden, -- einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter
erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.

„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und
rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei
hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter
dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich
zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.

Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus,
meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen
Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein
kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser
Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen
oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend,
uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner,
bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in dem
+Theehause+ des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den Verkauf
der Einlasskarten verwaltet.[156] Aber wir verweilen hier nicht lange.
Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und kleinen
Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen des
grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände
hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber
(und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben
oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu
erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen,
hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie,
das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei
uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen
Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht
und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und
vielerlei Süssigkeiten.

Wir befinden uns in dem +Haupttheater+ zu +Tokyo+, der Residenz des
Mikado.

Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei
Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische --
Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über die Köpfe
der Sperrsitz-Gäste hinweg +umsonst+ zusehen; und ausser ihnen Jeder,
der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist schachbrettartig in
kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern ihrer vier Personen auf
den Matten. Man sieht hie und da eine ganze Familie, die mit Reisnapf,
Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich häuslich niedergelassen hat.
Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren Plätzen zu gelangen, müssen
sie auf den Zwischenbalustraden, die man -- Blumenpfade nennt, entlang
turnen. Das thun auch die Damen und zwar ganz geschickt. Alle Welt
ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle Welt, einschliesslich der
Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen japanischen Pfeife und
ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll geputzt in den buntesten
Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das wie lackirt aussieht, ist
in der phantastischen Schmetterlings-Frisur geordnet. Die heitere
Abwechslung, welche durch die Anwesenheit der Damen auf allen Plätzen
hervorgerufen wird, die ungezwungene Unterhaltung während der
Zwischenakte (und zum Theil auch während des Spiels) unterscheidet ganz
wesentlich das japanische Theater von dem verwandten chinesischen.[157]

Das Stück beginnt. Den +Namen+[158] zu erfahren war schon recht
schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des
Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die
wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene
Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel
Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt
hat und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen
scheint. Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan
eigen ist. In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben,
aber für die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist,
bezeichnet es den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro[159]
spielt, einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der
in einem Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in
einen Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für
unsere Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die
Fabel des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber +wir+ sind hier
nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der
Europäer.

Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai,
von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in
der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus
und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen[160] bearbeitet.
Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes
Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird
er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht
lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.

Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer
Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten
Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und
leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, wie
einst die alten Aegypter; sie schreiben +Alles+ auf, auch Hamlet’sche
Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“

Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar
„auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten
Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen
hindurch geleiteter Holzsteg.

Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen
That kommt, ergreift er -- nicht das Schwert, sondern zunächst den
Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der
Nachwelt zu überliefern.

Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar
nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus
einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei
bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende
Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber
werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während
gleichzeitig aus einem Verschlag +links+ von der Bühne ein Sänger
der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in
etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken,
Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine
eignen Rathschläge hinzufügt.

Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von
Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes
einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!

Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine
„Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert,
das scharfe, und setzt es -- nicht gegen die Brust, das ist nicht fein
in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt
der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen
Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln
den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.

Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre
Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht
ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus
und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn
ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von
Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt
ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger.
Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die
Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit
ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei
der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des
Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er
zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in
den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.

Der Vorhang -- er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen
befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von
der Seite her vorgeschoben.[161] Er zeigte Riesenblumen im Wasser,
nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander
übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu
kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.

Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns
in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen
ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner
ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.

Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus.
Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in
Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.

Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass
die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er
verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt
einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der
Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein
Schwert.

Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen
Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem
Zapfen sich dreht.[162] Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der
Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei)
erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert
ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt
den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen
Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht
bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach
dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst,
da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen
halten,[163] folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden
in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in
der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten
Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule
ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten,
sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus
erfolgreiche Studien angestellt hat.

Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die
+Polizei+. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder
+darf+ nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die ganze
Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen Flussufer
in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er rudert
kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein
Geschick.

Die ganze Scene ist sprachlos.

+Harakiri+ nennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert in
den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief
dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie
man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine
linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen
Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger.

Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie
ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu
sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne
und höre, dass es wirklich vorbei ist.

Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin
eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen;
es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden.

Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie
das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde
sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese
Frage.[164]

Ein +gewisser+ Einfluss des +griechischen+ Drama’s auf das +indische+
ist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nach +Klein+,[165] gegen
+Weber+] nicht überschätzt werden. Sendlinge der Buddha-Lehre sind
dann als Culturträger von Indien nach China, von China nach Japan
vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des auch uns bekannten indischen
Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr.; über 400 Jahre
später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des chinesischen Drama’s.
Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in Peru ein einheimisches
geschichtliches Schauspiel vor, das +offenbar an Ort und Stelle+
entstanden war.

Jedenfalls hat +das japanische Drama[166] einen nationalen+ Ursprung
in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet wurden.
Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den kunstliebenden
Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben dem Chor traten zwei
Schauspieler auf, die mehr in dramatischer Weise Theile der Dichtung
vorführten und vortrugen. Diese Aufführung heisst +No+. Sie ist
geschichtlich oder halbreligiös und in gewisser Beziehung dem ältesten
Drama der Griechen nicht unähnlich. Scenerie ist nicht vorhanden, aber
die Anzüge sind prachtvoll und von geschichtlicher Treue. Darum ist es
ein kostspieliges Vergnügen der Grossen. Der letzte Mikado, der vor der
Revolution in Kyoto Hof hielt und mit der Regierung des Landes nichts
zu thun hatte, soll einen grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel
verwendet haben.

In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung
veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen
bekommt.

Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin,
-- alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem
Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der
kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden
Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der
Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die
Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten
wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen,
die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll
nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen
(Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche.

Es wird gewiss auch +inhaltreichere+ Stücke der Art geben; aber ich
habe andere nicht gesehen.

Das +Volkstheater+ (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. Chr.
seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe von
6-7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, -- gerade wie die alten
Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.

Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.

Die beiden grössten Schauspieldichter[167] der Japaner lebten im 18.
Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten
die „Rache der 47 Knappen“[168] auf die Bühne. Im Volkstheater
liebt man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene
Scenen unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater
ist der einzige Platz, wo das +alte Schopf-Japan+ noch naturgetreu
vorgeführt wird, und gleichzeitig das +heutige+ Leben des Völkchens,
an den +Zuschauern+, studirt werden kann. Dass das japanische Theater
sittenloser wäre als das unsrige, ist die vorschnelle Behauptung einer
Unmöglichkeit.

Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des
Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.


Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.

Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner
Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein +Festmahl+. Die
+Speisekarte+, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem
schön bemalten +Fächer+, der sinnbildlich den Namen des Gastes und
des Wirthes (Sikayama = +Hirschberg+, Inouye = Ueber dem +Brunnen+),
vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer langen Tafel; auch
die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische Sprache verstand,
aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr Glas gegen das unsrige
erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten Fisch, Lotos- und
Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, Polypen, Reis und
noch vieles Andere.

Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders
aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen
oder vielmehr +ganz niedrigen+ Tischchen (Zen) angeordnet. Ein
volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (+Tischen+), und jeder
Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich
aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können
wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine
Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern
Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt es
nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist so
zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte es zum
Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der +rohe Fisch+, ganz
fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige Tunke getaucht,
schmeckte mir besser, als -- eine lebendige Auster. Natürlich,
in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade +dieses
Fisch-Gericht+ nicht so vortrefflich sein und alle die Verwünschungen
verdienen, mit welchen es von europäischen und amerikanischen Reisenden
überhäuft worden ist.

Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es
zahlreiche Arten giebt.

Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die
+Uebersetzung der Speisekarte+ beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo,
Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen,
für mich anzufertigen die Güte hatte.

    A. Der erste Tisch.

    1) +Suimono+: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz).

    2) +Kuchitori+, dessen Materialien:
          a) Wildes Geflügel,
          b) Krebse,
          c) Eier,
          d) Essbare Kastanien,
          e) Süsse Citrone.

    3) +Sashimi+, dessen Materialien:
          a) Suzuki-Fisch,
          b) Aralia edulis,
          c) Junge Gurken.
               Gewürz: Meerrettig.

    4) +Hachizakana+, dessen Material: Karei-Fisch, mit Gewürz,
               frischem Ingwer.

    5) +Donburi+, dessen Material: Anago-Fisch.

    6) +Mizubachi+, dessen Materialien:
          a) Namami-Fisch,
          b) Nori (Meerpflanze).
               Gewürz: Frischer Ingwer.

    7) +Chawanmushi+, dessen Materialien:
          a) Geflügel,
          b) Krebse,
          c) Essbare Kastanien.
               Das Verbindungsmittel bilden Eier.

    B. Der zweite Tisch.

    8) +Namasu+, dessen Materialien:
          a) Akagai-Muscheln,
          b) Melonen,
          c) Iwatake-Pilz.

    9) +Shiru+ (Suppe).

    10) +Komono+, dessen Bestandtheile:
          a) Narazuke, Wurzel und Früchte,
          b) Misozuke, Wurzel und Früchte,
          c) Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise).

    11) +Hira+, dessen Bestandtheile:
          a) Grosse Krebse (eine Art von Hummern),
          b) Shiitake-Pilz,
          c) Gemüse.
               Gewürz: Süsse Citronen.

    12) +Choko+, dessen Material: Awabi-Muscheln.

    13) +Tsubo+, dessen Materialien:
          a) Tai-Fisch,
          b) Essbare Kastanien,
          c) Eier.

    14) +Hikimono+, dessen Bestandtheile:
          a) Tai-Fisch,
          b) Hummer,
          c) Hamaguri-Muscheln.

    =Getränke:=

    1) +Kamenotoshi+,   }
    2) +Shisoshu+,      }
    3) +Umeshu+,        }
    4) +Awamori+,       }  japanisch.
    5) +Mirin+,         }
    6) +Jōrōshu+,       }
    7) +Irozakari+,     }
    8) +Hōmeishu+,      }
    9) +Champagner+,       europäisch.

Der Uebersetzer bemerkt: +Alle+ vierzehn Teller stellen verschiedene
Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu erklären oder zu
übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen verschiedener Fische zu
übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten feinster Fische, b) zwei
Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei Arten feinster Muscheln, d)
zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten feinster Pilze, g) essbare
Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken, k) Aralia edulis, l) Nori
(Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und Früchte, n) Gewürze, süsse
Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig etc. Ich möchte darauf aufmerksam
machen, dass das Fleisch irgend eines vierfüssigen Thieres (sei es
Kalb, sei es Rind, sei es Hammel, sei es Reh,) vollständig fehlt.
Der Grund ist der, dass es bei uns nicht als feines Fleisch gilt. Es
darf auf einem feinen Diner nicht vorgesetzt werden, es sei denn ein
europäisches. Auch die in Europa ausserordentlich hoch geschätzten
Austern und Lachse gelten bei uns nicht als sehr fein, obgleich sie
manchmal auf den Tisch der vornehmen Leute gebracht werden. Uebrigens
sind die Austern bei uns (insbesondere in den südlichen Provinzen) sehr
billig und werden auch von den armen Leuten gegessen. --

Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz. +Musik+
ist nach +Montesquieu+ ein +angenehmes+ Geräusch; ein +unangenehmes+
aber wird es für den Europäer, wenn es von Einwohnern der andern
Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“ in Tunis oder Aegypten, oder
Türken in Constantinopel oder Smyrna, oder Hindu, Singalesen, Chinesen,
Japaner; seien es zum Tanz singende Rothhäute in den Vereinigten
Staaten oder in Canada.

Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige
mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen
Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie
von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die
Guitarre (+Samisen+), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von dem
spanischen Manila.

Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik.
Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner
fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) -- wie „fünf
Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter.

Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt,
erklärte mir, dass er die Musik von +Richard Wagner+ für sehr schön
halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische Musik
seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung, gerade so wie
ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die europäischen.

Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern
des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von
5-10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern
bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener
und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen
konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den
aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln
und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen.

Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden,
dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde.
Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen,
die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen
bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird
im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und
Freunde, der +kunstgemässe+ Tanz von den Töchtern vorgeführt.

Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches
vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen.

Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als
+Gastgeschenk+ einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet und
höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine Languste,
die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden.

Natürlich bekommt der +gewöhnliche+ Japaner nicht ein solches
Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage,
Morgens, Mittags, Abends. +Reis+ ist die Hauptsache. Deshalb heissen
die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-+Reis+, wie bei uns Morgen-,
Mittag-, Abend-+Brod+.

Dazu kommen +Bohnen+ und andere Hülsenfrüchte[169], Hirse, Fisch[170],
und +Früchte+. Unter letzteren sind besonders beliebt Rettig und
Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie Birnen, die sehr
gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt geschält werden, aber
schlecht schmecken. +Brod+, +Butter+, +Käse+, +Milch+ fehlen; Eier
werden genossen.

Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen
vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die
festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind,
mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand
hält und geschickt wie eine Zange anwendet.

Die drei +Genussmittel+ der Japaner sind 1. +cha+ (Thee), ein leichter
Aufguss, grün, lau, bitter; 2. +sake+ (Reisschnaps), dünn, nicht sehr
berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der Japaner ist im
Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer brachte 1889/90
an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres bewirkte einen
Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen Gallonen, 1887:
128 Millionen.) 3. +tabako+, der im Anfang des 17. Jahrhunderts von den
Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus Pfeifchen mit einem
fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und Alt, Mann und -- Weib.

Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt
das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt.

Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an
Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut
zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind
kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht
hinreichend Bewegung haben.

In der +Ernährung der japanischen+ (und chinesischen) +Arbeiter+
spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht nach +Scheube+
etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird von der arbeitenden
Classe zu 750-1050 g, nach Wernich zuweilen sogar bis zu 1400 g
täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste, Sojabohnen, Rüben, Rettig,
Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen etwas Rindfleisch) genossen.
Diese Kost bietet nach +Scheube+, +Kellner+ und Y. +Mori+ und, nach
den neuesten Bestimmungen von R. +Mori+, +Oi+ und +Jhisima+[171] an
der Truppenreiskost, 78-100 g Eiweiss, 10-17 g Fett und 335-620 g
Kohlehydrat[172]. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine,
meistens nur 42-58 kg schwere Leute sind!

Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der
japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich.
+Scheube+ will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass er
unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit einen
grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach
einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel
schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht
verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis
(7-8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen
das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen
Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen
Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt
nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.[173]

Dies Hauptnahrungsmittel, der +Reis+, wird in China seit 5000 Jahren
angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China kam er nach
Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den Griechen.[174]
(Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus machten die
Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen Benennungen zu
Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach dem Nildelta
und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier auch in Italien
eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina, Florida). Das
Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750 Millionen Menschen
leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40 Millionen Japaner: bis
70 Millionen hl. werden jährlich in Japan geerntet, 2 Millionen (in
guten Erntejahren) ausgeführt. --

Am 24. September 1892 war das +Festessen+, welches die +Aerzte+
von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses werde ich
Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in ihrer
volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser
Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt,
einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen
Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass
sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den
andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler[175] macht seine
Sache ausgezeichnet.

Danach besuchen wir den Shinto-Tempel +Shokonsha+,[176] der zum
Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen
Soldaten 1868 errichtet ist.

Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein
gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem
Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein
Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine
Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch,
ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen
den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung
versetzen.

Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz
entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen
Schilden zusammengedrängt ist.

Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen
Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen
brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine
Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume
und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren
Gestalten gezwungen werden.

Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume,
wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien,
Azaleen, Lotos, +Chrysanthemum+. (+Kiku+, von dieser Blume stammt das
Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.)

Der +Versammlungsort+ ist Kojo-kan, das Haus des rothen Ahornblattes.
Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, allenthalben, sowohl
an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch auf der zierlichen Tracht
der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste Stockwerk des Hauses, von
dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf den Hafen und die umgebenden
Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist durch Fortnahme der hölzernen
Zwischenwände in +einen+ ungeheuren Saal mit rings herumlaufender,
offener Halle umgewandelt und mit +deutschen+ und +japanischen Fahnen+
(der rothen Sonne in weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein
ungeheures Gewühl. Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten
des Landes. Zuerst kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen.
Der Japaner liebt es hierbei, seine +Besuchskarte+ zu überreichen
und die des Gastes entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald
erschöpft. Um nicht unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen
meiner Zuhörer neue anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in
japanischer Sprache, und dieselbe später den Theilnehmern des Festes
übersenden.

Die +Festordnung+ war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt ein
+Schnellmaler+. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier von etwa
1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt mit wenigen
Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist ein Gruss für
mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann einen Fuss, den
Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber sehr gut fertig.
Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. Hierauf einen
Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so naturgetreu, wie wir
ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar fehlt dem Künstler die
Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen in Japan’s Wäldern nicht
vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten gehalten wird. Dann folgt, was
unerlässlich ist, eine Landschaft mit dem Berge Fuji. Endlich malt er
mich selbst. Er hat wohl noch nie einen Europäer in Frack und weisser
Binde, mit Klapphut in der Hand, gelben Lederpantofffeln an den Füssen,
gemalt; trotzdem entledigt er sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick,
nur konnte ich das Gesicht nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens
stempelte er jedes Stück. Wie ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr
berühmter Maler (+Kuboto Beisen+). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke
von seiner Hand.

Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen
hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau.
Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe-
und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden +mit
Perspective+ und +Oel+malerei, entzieht sich heute noch unserer
Beurtheilung.

Hierauf folgte das +Festessen+. Die Japaner nahmen in der
landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich
selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.

Die +Speisekarte+ für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, worauf,
unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der Berg Fuji
erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste reichlich
in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen Schälchen
voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; letztrer nimmt
dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll Wasser, das vor
Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, die es aus einem
kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde waren zufrieden, wenn
ich nur daran nippte; nicht aber, wie es eigentlich der Brauch heischt,
austrank.

Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.

Die +Festreden+ behandelten den Dank der japanischen Aerzte an die
deutschen Lehrer der Heilkunde. Die +Musik+ war die übliche. Die
+Tänzerinnen+ in prachtvoller Gewandung führten einen eigens für diesen
Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne hatte eine deutsche
und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in den Händen; ferner einen
echtjapanischen Fächertanz; endlich einen Tanz der Wäscherinnen, mit
sehr kunstvoller Verschlingung von langen Leinwandtüchern.

Der +Taschenspieler+ war höchst geschickt und unterhaltend. Sein
Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor,
gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume
geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus
gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er
die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch; aber wunderbar fand ich
die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen,
gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete
und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus
einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein
Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst
er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn
brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende
grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und das
Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit der
freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern
Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit
überlegen.

Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten
Einladungen erhalten.


Deutschland in Japan.

Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über
den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen
Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein
+liebliches Märchenland+, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber
in seiner Eigenart doch höchst +anmuthig+ und gefällig erscheint.
Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der
Laut der +Heimathsprache+ klingt, die er auf der Fahrt über den
nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten
vernommen. +Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.+

Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen
Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer
Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil
noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren
japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem
Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird
von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland
seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der
Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen
Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im
Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.

Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der
Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die
japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa
ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine
Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir
die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen
von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren,
doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat.
Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste
Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise
nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein
Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich
empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die
heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen,
als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.

Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen
Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. +Miyashita+,
eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner
eigenen Handschrift, mittheilen möchte.

    „Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!

    Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein
    ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich
    soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn
    Prof. +Hirschberg+, der uns heute durch seine Anwesenheit beehrt
    hat, begrüssen und willkommen heissen.

    Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der
    freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in
    kurzen Worten schildere.

    Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem
    Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten
    Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich
    rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das
    Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu
    dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse
    Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der
    chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem
    tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in
    die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei
    Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan
    sich an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland
    und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen
    Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.

    Mit dem bekannten Kriege von 1870-1871, den Deutschland glorreich
    erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt
    geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher,
    es waren +Müller+ und +Hoffmann+.[177] Nachdem diese Herren
    glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in der
    Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene andere
    Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische Facultät
    der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster reorganisirt.
    Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr aus Jahr ein
    nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in jenem Fache
    ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige Universität
    in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war. Ueberall, wo
    wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Wie
    viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen in das Japanische
    übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! Genug, das
    Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so inniges, wie
    es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben Deutschland
    sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ --

Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen
Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. +Inouye+. Der
letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise durch Europa gemacht
und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen.

Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich
vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die
allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt,
und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte
erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede,
verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen +über Wundbehandlung in der
Augenheilkunde+, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und nach Wahl
der japanischen Collegen gehalten. +Mein Vortrag ist so fehlerfrei zu
Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder Paris nicht hätte
erzielen können.+

Die +Universitätskliniken+ besuchte ich unter freundlicher Führung
des Herrn Collegen +Scriba+. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser fiel
mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der in
eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise
des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu
verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht
vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener
sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz
eigenartige Gestalt annehmen.

Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der
Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe
der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung
besitzen.

Die innere Klinik wird von Prof. +Baelz+ verwaltet, der zur Zeit gerade
nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische
Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst
von unserem Berliner Collegen +Wernich+ begründet, steht unter einem
Japaner. Ebenso die Augenklinik.

Die +Körnerkrankheit+ (Trachoma, aegyptische Augenentzündung) ist
ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum
vorgedrungen; und +sicher nicht erst von den Europäern ins Land
gebracht+. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich
mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche
die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu
Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den
chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der
Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt:
nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo
ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und
Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so
grossen Hitze und Feuchtigkeit.

Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer,
namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante.

Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität,
in einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden
300 Betten. Sie wird von Prof. +Hasime Sakaki+ verwaltet, der ein
Schüler meines Freundes +Mendel+ war und bei mir in gutem Andenken
steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von
Augenspiegelbildern.

Die Kranken werden mit +ausgesuchter Höflichkeit+ behandelt und
benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die
Zellen für Tobsüchtige fand ich leer.

Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die
+Fuchskrankheit+ oder Fuchsbesessenheit.[178] Nach einem alten, von
China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben kann
der Fuchs in einen Menschen fahren.[179]

Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige,
stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten,
immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der
Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor,
wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am
tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte.

An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die
+Universität zu Tokyo+ anschliessen.

Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der
Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92.

Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft,
Literatur.[180] Der Grundstock für die drei letzten war eine alte
Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der
Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser
neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die
ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat
entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer
Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister
unterstellt.

Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan
geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im
Einzelnen verfolgen.

Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern
Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre,
bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann.

Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen
Gebäuden[181] innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen
eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den
Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel
Zeit und Mühe verwendet. +Dem Professor bleibt wenig Musse für die
Privatpraxis.+ Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im Frühling
eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen statt. Der
japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, gehorsam,
fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort geschickt
zusprechen, +wird ausserordentlich strenge+ gehalten. Auf seinem Zimmer
darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak rauchen, und muss
an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber in Japan steht man
auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt seine Sprechstunden
um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist oft mittelmässig und
zum Studium weniger geeignet; allerdings in den grösseren Städten des
Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, sogar in alten Klöstern
von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, wie Manche in Europa.

Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu
wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger
Entwicklung der Muskulatur.

Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig
unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.

Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht
schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten
die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen
überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai)
waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der
Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine
oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne
Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen
eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster
dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige
Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn
in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige
Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen
hauptsächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist
der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.

22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, darunter
zwei deutsche, Dr. +Bälz+ für innere Krankheiten, Dr. +Scriba+ für
Chirurgie.

Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.

Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster
eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im
letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch
Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine
Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.

Ein Band von +Mittheilungen aus der medicinischen Facultät zu
Tokyo+ und einer von den +Arbeiten der Kaiserlich militärärztlichen
Lehranstalt+ ist 1892 zu Tokyo in deutscher Sprache erschienen.[182]

Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität
nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist
ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu
300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in
einem einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z.
B. die Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht,
hinter der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar
keine, in der Heil+wissenschaft+ gelehrt wird. Dabei sind die Türken,
Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern.
+Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern
zusammengestellt zu werden.+

Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt
Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.

+Das Lazaret des rothen Kreuzes+, welches unter dem in der deutschen
Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen Staatsrath,
Professor und Generalarzt +Hashimoto+[183] steht, ist ausserordentlich
reinlich und gut eingerichtet;[184] es gehört zu den besten, welche
ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner Ansicht den
englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden überlegen, was
ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei uns so grossen
Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.

[Illustration: Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo.]

Im Leichenhaus war gerade +Cursus der Stabsärzte+, nach deutschem
Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und
vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen
verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von
Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften
mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.

Auch das +Charitékrankenhaus+ (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr
günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen
Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast[185], den Fussboden
vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische
gleichzeitig vertreten,[186] (weshalb man ja auch seine Schuhe stets
am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige
Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden
blitzt nur vor Sauberkeit.

Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die +Leprösen+. Die
Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier
Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn
ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn
unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte
verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan
Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei;
aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation[187] giebt er zu, dass
Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche
andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der
Pubertät.

[Illustration: Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo. Hauptgebäude.]

Nur durch grosse +Zähigkeit+, wie vielfach bei anderen Gelegenheiten
auf Reisen, setzte ich es durch, in +diesem+ Krankenhaus wirklich etwas
zu +sehen+. Die Fälle, die mir schliesslich gezeigt wurden, waren fast
alle, so zu sagen, erträglich. Sie sollten die Vorzüglichkeit einer
specifischen Behandlung mit einem +Eucalyptus-+Präparat darthun. Ein
Mann wurde mir gezeigt, dessen faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz
rasch geschrumpft und vernarbt waren.

Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten,
mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn,
nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der
+älteren chinesisch-japanischen+ und der neueren europäischen Heilkunde
darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht ausgestorben,
ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen Nationalgefühls
erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom Abgeordnetenhaus, dass
Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen werden sollen.

Dass wir Deutsche ein vorzügliches +Seemannskrankenhaus+ in Yokohama
besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.

Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs
Medicinschulen, von denen ich die +vier wichtigsten+ besucht habe.

Ich reiste von Yokohama zunächst nach +Nagoya+.

Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.[188] Ein
solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In
dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren
Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt.
Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.

In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches
Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des +Dr. Kítagawa+,
der seine Studien in Berlin unter +Virchow+, +Langenbeck+, +Schröder+
gemacht, auch bei mir zwei Semester gehört hat. Derselbe entfernte in
meiner Gegenwart eine Geschwulst aus der Bauchhöhle mit vollendeter
Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen 20 Minuten. +Wir blicken mit
Stolz auf diese Schüler der deutschen Heilkunde.+

Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten +Kyoto+, sah
ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie in
der volkreichen Handelsstadt +Osaka+. Die Unterrichtsmittel sind
hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem neuen
+Operationssaal+ waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne Todesfall
ausgeführt worden.

Recht interessant ist das +Privatkrankenhaus+ zu Suma bei Kobe,
an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen,
fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die
Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für
Europäer und Japaner.

Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach
+Nagasaki+ auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind hier
etwas älteren Ursprungs, da unser v. +Siebold+[189] im ersten Drittel
unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber
gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.

Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen Japan’s
in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von +Müller+, +Hoffmann+,
+Schultz+, +Wernich+, +Dönitz+, +Langgaard+, +Bälz+, +Scriba+ war
nicht vergeblich; die Erwartungen, welche +Hoffmann+ und +Wernich+
aussprachen, sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte
bietet Bürgschaft für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der
+Universitätslehrer in Deutschland+, zu denen so viele junge Japaner
pilgerten, hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um
die +geistige Eroberung+ eines der einsichtigsten und thatkräftigsten
Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie
auf manche seiner Waffenthaten.

       *       *       *       *       *

Die +Geschichte der japanischen Heilkunde+[190] kann zwanglos in +vier
Zeitabschnitte+ eingetheilt werden:

I. Die +älteste, altjapanische+ (mythische) Zeit vom unbekannten
Uranfang bis etwa 200 v. Chr.

II. Die +alte, chinesische+ Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des 16.
Jahrhunderts n. Chr.

III. Die +neue+ Zeit, in welcher +europäischer+ Einfluss gegen den
+chinesischen+ ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des 16.
Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts.

IV. Die +neueste, europäische+ Zeit, etwa von der Mitte unseres
Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen
Tage.

Die +vereinzelten europäischen Aerzte+, welche von der Mitte des 16.
bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils lehrend,
längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten den
chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig zu
ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die
Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten.

Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen,
welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan
thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten
Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im
fernen Weltmeer übermittelt haben.

Ein sehr merkwürdiger Mann war +Engelbrecht Kämpfer+, der nach seinen
eigenen Aufzeichnungen[191] einige Japaner in der Anatomie und
Heilkunde unterrichtet hat.

Wenn +Marco Polo+ die erste Kunde von der Existenz Japan’s den
Europäern überliefert, +Mendez Pinto+ als erster Europäer seine
Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. +Kämpfer+ als der erste
wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre 1651
zu Lemgo,[192] einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er während
und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, Holland,
Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften und Heilkunde; ging
mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Russland und die Tatarei
nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch-ostindischen
Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Siam und Japan. Zwei
Jahre (1690-1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki
und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungsreise nach
Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken +Amoenit. exot.+
und +Geschichte von Japan+ hat er zum ersten Mal über Geographie,
Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merkwürdigen Landes
und Volkes berichtet.

Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger
gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre[193] nach +Kämpfer+ kommt
wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der
holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.

Es war Ph. F. v. +Siebold+ (1797-1866), der Verfasser des
ausgezeichneten Werkes +Nippon+, Archiv zur Beschreibung von Japan.
Von 1823-1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm gelang
es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt 1826, auf
der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als einziger
Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen Reiches zu
verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das Land und Volk
zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine Karte des
japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum Selbstmord
(Harakiri) gezwungen und +Siebold+ für immer des Landes verwiesen[194].

Drei +japanische Specialitäten+ sind zu beachten: 1. +das
Nadelstechen+, 2. +das Brennen+, 3. +das Kneten+.

1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur
1/48 Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder
Stahl, mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen
Figuren, ½-¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven
nahe an die Oberfläche treten, -- gegen Krampf, Schmerz und sonstige
Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die
Regeln für das Nadelstechen enthalten.

Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der
japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in
Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun
Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden +Sugiyama Waichi+.[195]

2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder
(von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich
Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle
abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss
zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte
+bezeichnen+ die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und
zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist
nicht sonderlich schmerzhaft.

+Kämpfer+ hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem
chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten
abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I,
3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei
schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am
linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.

3. Das Kneten (amma)[196] wird geübt, und zwar von oben nach unten,
nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung
des Körpers; hauptsächlich von den Blinden[197] (mojin), welche Abends
die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So
ernähren sie ihre Familien,[198] statt wie bei uns der Gemeinde zur
Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld
verleihen.[199] Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für
deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar
(Yen) zu leisten war!

Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche
mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der
oberflächlichen Muskel.

Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht
und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und
Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und +nach+ der Entbindung,
um die Brüste weich zu machen.

Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. --

Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete,
wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien.
Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die
Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht,
wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir
aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt.

+Aberglauben+ auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, in
Japan wie in Deutschland.[200]

Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten
Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im Jahre
1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden +Atsumori+ besuchte, fand
ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem 27jährigen
Sohne; und da ich fragte, +weshalb+ sie die Pilgerfahrt unternommen,
hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen Leinwandrock des
Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung, eine grosse
Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass gerade +diese+
Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern von dem Arzt in Kobe
geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige Miene.

Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren
Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die
Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen
Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden
sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte.

In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen oder
Heilgottes (+Binzuru+, eines der 16 Rakan oder Sendboten des Buddha,
-- +ausserhalb+ der Kanzel, weil er die Schönheit eines Weibes bemerkt
hatte). +Die Gläubigen reiben die Bildsäule an dem Theile, der ihnen
selber weh thut+; und danach ihre eigne schmerzhafte Körperstelle. In
Folge dessen sind die Bildsäulen stark abgerieben, die Augen z. B. kaum
noch zu erkennen.

Schon +Kämpfer+ berichtet von einem frommen oder schlauen
Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“
erhalten hatte.


Nach Nagoya.

Am Morgen des 27. September verlasse ich Tokyo, um mit der Eisenbahn
südwestlich zu fahren. Meine Freunde verabschieden sich am Bahnhof.
Der Gouverneur von Nagasaki, der denselben Zug benutzt, wird von dem
Gewühl angelockt und tauscht mit mir die Karte; aber die Höflichkeit
der Japaner ist doch nicht bloss oberflächlich: als ich in dem Hafen
von Nagasaki angelangt war, sandte er seinen Diener an Bord, um mich zu
einem frommen Volksfest einzuladen und mir einen guten Platz auf seiner
eignen Zuschauerbühne anzubieten.

Ein hervorragender Arzt Tokyo’s bringt mir ein Blatt Papier, auf dem
er die Namen und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von
mir zu durchreisenden Provinzen deutsch und japanisch verzeichnet hat,
damit ich mich an den nächsten wende, wenn „Gefahr“ droht. Es ist dies
ebenso liebenswürdig, wie überflüssig. +Japan ist das sicherste Land
der Erde+, sogar mit Einschluss der Schweiz und Norwegens. Niemals
ist ein Angriff auf das Eigenthum oder das Leben eines Reisenden[201]
gemacht worden, seitdem das Land eröffnet und von Europäern und
Amerikanern besucht wurde. Das kann nicht allein an der Güte der
Polizei liegen, sondern muss in der Gutartigkeit der Bewohner mit
begründet sein.

Ich reise, der Führer überdrüssig, ganz allein,[202] mit vollem
Vertrauen und voller Sicherheit, und schlafe sogar Abends ganz sanft
und ganz allein im Eisenbahnwagen, was in einigen europäischen Ländern
sehr unvorsichtig sein würde.

Ich befahre also die +Tokaïdo-Eisenbahn+. Tokaïdo heisst
Ost-See-Strasse. Dieser alte Name bezeichnete die wichtige, 125
ri lange Heeresstrasse, die von Kyoto, der alten Hauptstadt des
Mikado, +längs der östlichen Seeküste+[203] nach Yedo (Tokyo), der
Hauptstadt des Shogun, führte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an
mussten die Fürsten des Landes (Daimio) zweimal jährlich mit ihrer
gewaltigen Gefolgschaft diesen Weg entlang ziehen, um dem Shogun ihre
Unterwürfigkeit zu bezeugen. Die Strasse ist jetzt verödet. Aber welch’
ritterliches Gewühl hat früher in der Glanzzeit des Shogunats dieselbe
belebt! Die prachtvollen Pinien, mit denen sie eingesäumt war, sieht
man vom Eisenbahnzug aus noch heute an verschiedenen Stellen. Die
+Eisenbahn+ (von Tokyo bis Kyoto 329 engl. Meilen, bis Kobe 376 Meilen)
ist 1872 begonnen und 1889 beendigt.

Wir kommen nach Fujisawa, den Abgangspunkt für Enoshima: dann nach
Kozu, dem für Hakone; hierauf mit Hilfe des Vorspanns einer zweiten
Maschine über Brücken und durch Tunnel nach +Gotembo+ (1500 Fuss hoch),
in die breite und fruchtbare Ebene am Fuji; endlich in der Dunkelheit
nach +Nagoya+, einer Stadt von 162000 Einwohnern, dem früheren Sitz der
Owari, einer der drei erlauchten Familien, die der Tokugawa-Familie
verwandt und deshalb berechtigt gewesen, einen Nachfolger auf den Thron
des Shogun zu liefern, wenn ein unmittelbarer Erbe nicht vorhanden war.

Die Aussicht vom Wagen aus ist sehr freundlich: kleine,
verschiedenartige Felder, das Land hüglig und mannigfaltig,
allenthalben künstliche Bewässerung. Die Firsten an den Strohdächern
der Bauernhäuser sind vielfach mit Grün bepflanzt, gelegentlich auch
das ganze Dach mit Blumen.

Der gebirgige Theil der Bahn ist höchst malerisch, aber dabei immer
freundlich und anmuthig. Die wenigen, offenbar vornehmen Japaner, mit
denen ich für einen Theil der Fahrt den Wagen erster Classe theilte,
waren ausserordentlich zuvorkommend, auch die reich und geschmackvoll
gekleideten Damen gar nicht so scheu, wie in Westasien; sie boten
mir von ihren Vorräthen an und betrachteten mein Reisebesteck mit
unverhohlener Wissbegier. Ich hatte mein Mittagsessen mitgenommen.
Uebrigens gab es auf den Halteplätzen fliegende Händler, die das
in Japan so rasch eingebürgerte Bier, ferner Früchte, sehr saubere
Holzkistchen voll gekochten Reis, auch mit zubereiteten Fischen,
endlich Thee sammt Kännchen und Tasse feil boten, die einheimischen
Dinge zu lächerlich billigen Preisen von 3-4 Cts. Jedenfalls ist in
Japan für den Eisenbahnreisenden besser gesorgt, als in Sicilien.

Der Empfang in Nagoya war grossartig. Ich wohne in dem europäischen
Anbau eines japanischen Hotels.

+Der folgende Tag+ übertraf alle meine Erwartungen. Nagoya ist ein
Kunst-Mittelpunkt zwischen Tokyo und Kyoto, wie Dresden zwischen Berlin
und München. Die Theilung des Reiches in zahlreiche, mehr oder minder
unabhängige Herrschaften mit besondern Fürstensitzen hat in Japan,
wie in Deutschland und in Italien, die Kunstübung verallgemeinert und
gefördert, während in Frankreich die frühzeitige Centralisation das
geistige Leben der Provinzen, wenn auch nicht ganz unterdrückte, so
doch nach der Hauptstadt zusammenzog.

Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer
rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes
die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der
offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt
werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder
Unglück anrichte.

Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von
dem in Tokyo.

Wir besuchen zuerst eine grosse +Porzellan-Handlung+. Es mag sein, dass
mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch nicht genügend
entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und fand den Gang
durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden weit lohnender.
Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt sind, d. h. nicht mehr
von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel Reis im Jahre
beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr zu finden.
Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach als Handwerker
für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn aus Liebe zur Kunst.
Heutzutage macht man einfachere Sachen für den gewöhnlichen Gebrauch
und schlechte, billige für die Ausfuhr nach den Ländern der westlichen
und östlichen Fremden, die es so haben wollen, natürlich auch +einiges+
Gute. Der Werth der Ausfuhr von Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000
Yen. Die Porzellanmacherei ist in Japan nicht sehr viel älter, als
in Europa; sie wurde um 1600 n. Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea
eingeführt und erreichte ihre Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte
„alte“ Satsuma stammt aus den Jahren 1800-1850. In der Provinz Hizen,
in Kaga, Owari, Kyoto sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter
Stadt ganze Strassen voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden
wir die thönernen Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren,
und geradezu erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses
kinderliebe Volk gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse,
ganze Gärten mit Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt,
feilgehalten und verkauft.

Sodann fuhren wir zu einem Künstler in +Zellenschmelz+ (Email
cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter
Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall,
Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz
bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume
werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten
Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in
Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf
unsere Tage geübt worden sein.

Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine
rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber
die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind
die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast
unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von
Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die
der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen
kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1-2 Yen täglich!
Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr
warten, bis sie fertig wird.

Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser +Buddhatempel+
aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (+Higoshi Hongwanji+), natürlich
aus Holz, aber in schönen Verhältnissen und mit reichem Schmuck. Das
zweistöckige Thor mit drei Eingängen zeigt geschmackvolles Schnitzwerk
von Blumen und Arabesken sowie ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann
folgt ein geräumiger Hof und darauf der eigentliche Tempel, der
scheinbar zweistöckig ist, indem das Dach der vorderen Säulenhalle eine
geringere Höhe besitzt, als das des Hauptgebäudes. Das letztere ist
120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von vorn nach hinten in drei Theile
getheilt. Der hinterste enthält die Kanzel mit einer 4 Fuss hohen
Bildsäule von Amida in einem vergoldeten Schrein sowie Schnitzwerk von
Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen höchst feierlichen Eindruck.
+Der Europäer vergisst hier, dass er in Ostasien weilt.+

Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der +Bezirksregierung+, das in
dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut ist. Hier
werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess natürlich
nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das Gebäude hat
stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben sind Risse
im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der Schreibstuben
und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der Provinz, auch
die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig aufbewahrt und
geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal der Provinz
(Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig.

Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der +Tempel der+ 500 +Rakan+
oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2 Fuss hoch und
grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle von einander
verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem Sprichwort hier
Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann.

Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das +Schloss+ (O-shiro), 1610
von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für Jeyasu’s
Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem äusseren
und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern der
Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung.
Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige
Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus
unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses
ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung
das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu
spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der
Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten
Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen
und die Rammas von Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung
durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der Künstler
ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich, Fasan,
Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten ist der
fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem unsrigen,
aber doch recht gefällig. +Zwei Spitzdächer, eines+, ein +kleines,
keines+, das ist das Gesetz des Emporsteigens der fünf Stockwerke.
Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die Stadt fort die beiden
goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des berühmten Kato Kiyomasa
verfertigt wurden, desselben, der auch den Thurm errichten liess. Einer
der beiden „drachenköpfigen Fische“, die einander gegenüber an den
beiden Ecken des Dachfirstes mit emporgerichtetem Körper und Schwanz
angebracht sind, wurde 1873 nach Wien zur Weltausstellung gesendet,
versank auf der Heimfahrt mit dem französischen Dampfer Nil, wurde aber
glücklich wieder vom Meeresgrunde emporgebracht und unter dem Jubel
der Bevölkerung wieder an seinem alten Platze aufgestellt. Die Höhe
der Thiere beträgt gegen 9 Fuss, der Goldwerth beider wird auf 180000
Dollar beziffert. Einige Schuppen wurden jüngst gestohlen, aber von
dem Käufer, einem Goldschmied, wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf
einem riesigen Papierdrachen emporgestiegen sein. Das möchte ich für
eine Fabel halten.

Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und
erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die
unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des
heiligen Ise.

Nachdem ich drei Krankenhäuser und die Medizinschule besucht, daselbst
auch zusammen mit den japanischen Fachgenossen photographirt worden
war, begab ich mich nach dem Theehaus zum +Festessen+, zu dem 80 Aerzte
sich versammelt hatten. Ich würde über dieses kein Wort verlieren,
mit Rücksicht auf die Beschreibung des vorigen, wenn nicht die +Kunst
Nagoya’s+, wenigstens nach meinem Empfinden, in mancher Beziehung die
von Tokyo und Kyoto weit überragte. Zuerst wurde ich in das mit den
üblichen Zwergbäumen und Steinlaternen besetzte Gärtchen des Theehauses
geführt und über die Brücke des unvermeidlichen Teiches auf ein kleines
Inselchen und in das Gartenhaus desselben geleitet. Hier erhielt ich
eine Tasse Thee zur Begrüssung. Um gleichzeitig mein Auge zu erfreuen,
hatten sie mir einen schönen Theestrauch in einem grossen Blumentopf
aufgestellt. An den Wänden des Saales, den sie mit Papierlaternen,
sowohl rothen, als auch prachtvoll bemalten aus Gifu, geschmückt,
waren alte und neue Gemälde aufgehängt, soviel sie deren in der Stadt
auftreiben konnten: das thaten meine Freunde jedes Mal, nachdem sie
gehört hatten, dass ich japanische Malereien mit Vergnügen betrachte.

Während des japanischen Essens und nach demselben hörte ich
einheimische Musik, namentlich einen berühmten Flötenspieler,
welcher den Kranich nachahmte, und sah einheimische Tänze, die von
Saiteninstrumenten und Gesang begleitet wurden.

Zuerst kam ein schöner und feierlicher +Nationaltanz+, der die
Buddhapilger darstellte, von würdevoller und getragener Musik
begleitet. Dann folgte der (Reis-) +Erntetanz+, ein höchst anmuthiger,
heiterer, ja schalkhafter Gebärdentanz, von den 16 kleinen, prachtvoll
bekleideten Künstlerinnen durch ihren eignen lebhaften Gesang
begleitet. Ich muss gestehen, dass dieser Tanz mit seiner Musik mir
lieber ist, als zehn Stücke, wie Sullivan’s Mikado; dass ich mir
diesen Tanz wiederholen liess und der anwesenden Tanz-Meisterin durch
einen dolmetschenden Arzt meine grösste Zufriedenheit ausdrückte. Da
offenbarte sich aber die japanische Harmlosigkeit. Die Frau hatte
vielleicht noch nie von einem Europäer solches Lob vernommen; sofort
entwickelte sie mir in fliessender Rede, Japan wäre ein armes Land, wo
sie mit den 16 Mädchen, wegen der Seltenheit solcher Festaufführungen,
nur kümmerlich sich durchschlüge; dass aber Europa gewiss sehr reich
sei, und ich am besten thäte, sie sammt ihrem Balletcorps nach Europa
mitzunehmen und dort auf die Bühne zu bringen. Ich blieb vollkommen
ernst und erwiederte, dass ich zu meinem grössten Bedauern diesen Plan
nicht auszuführen vermöchte, da ich leider noch vielfach umherreisen
müsste, ehe ich nach Europa zurückkehren könnte; hingegen nicht
verfehlen würde, in Europa des Ballets von Nagoya rühmend zu erwähnen.
Und damit war sie vollkommen +zufrieden+, und ich habe ja mein Wort
gehalten. Von allem dem, was zwischen Tunis und Tokyo, in Aegypten,
Indien, Japan als Tanz von Weibern dem Reisenden vorgeführt wird, -- zu
Luksor in Oberägypten schrieb ich im Hause des amerikanischen Consuls,
nachdem ich den berühmten Leuchter-Tanz gesehen, in mein Tagebuch:
„Schön ist bei uns anders“, -- hat der Tanz zu Nagoya mein Kunstgefühl
am meisten befriedigt. Meine japanischen Freunde, denen ich dies
mittheilte, meinten, dass die dort übliche Musik munterer sei, als im
übrigen Japan.

Hierauf folgte noch ein Schattenspiel; der Künstler brachte
mit den Fingern seiner von hinten beleuchteten Hand auf einem
Seidenpapierschirm die Gestalt von Katze und Maus und dergleichen
auf das täuschendste hervor. Danach kamen zwei (von Männern
dargestellte) keifende alte Weiber in aristophanischer Beweglichkeit
und Komik und zum Schluss in dem dunklen Garten unter dem Jubel der
zahllosen Zaungäste ein Feuerwerk, worin natürlich Sikayama und
Berg Fuji erschien, sowie eine +deutsche Unterschrift ohne jeglichen
Fehler+, obwohl doch der Künstler zweifellos keinen Buchstaben einer
europäischen Schrift verstand.

Ich muss gestehen, dass erst an diesem Tage mir der rechte Geschmack
für einige japanische Kunstübungen zum Bewusstsein gekommen ist.


Nach Kyoto.

Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts
durch eine liebliche Gegend, -- Reisfelder, von fernen blauen Bergen
im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen
Kisogawafluss -- nach +Gifu+. Dieses Städtchen ist berühmt erstlich
durch die grossen Mengen roher +Seide+, die hier gewonnen werden,
zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll aus
Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenen
+Laternen+ und drittens durch die +Kormoran-Fischerei+. Der zu der
Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran (Phalacrocorax
carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird gefangen und
zur Fischjagd abgerichtet, in Japan[204] jedenfalls seit mehr als
1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des Kojiki, der
altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt wird. Nachts
werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt, die Vögel
schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im Boote hält
bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der einen
Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen. Die
Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine
Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein
Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings
müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten,
wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist
ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund
auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der
äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne
Wirkung erzielt.

Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes
und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in
Nagoya bewundert, zum Geschenk.

Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen
Ebene, die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint
ein stattlicher, oben nackter Berg, +Ibuki-yama+ (4300 Fuss hoch),
einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischen
+Arzneimittellehre+ wegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der That
sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse Bündel
frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt der
Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner
Südseite, bei +Baba-Otsu+, zu Gesicht bekommen, dann durch einen
Tunnel; sofort erscheinen die +fichtenbekränzten Hügel+, welche die
alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben.

Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen
Reiches, darunter +Yamato+, wo seit uralter Zeit das Hoflager des
Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher
gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz
für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr.
bis 783 zu Nara; von 793 an zu +Miyako+ oder +Kyoto+. Das erste Wort
ist der japanische, das zweite der chinesische Name für +Hauptstadt+.
Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½ Kilometer breit von Ost
nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach Süd. 1/15 der Fläche, in der
Mitte der Nordseite, wurde für den Palast des Herrschers (+Heianjo+ =
Friedensschloss) eingeräumt; von hier zog eine Strasse von 240 Fuss
Breite senkrecht nach Süden.

Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit
angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse
u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die
Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und einfach,
wie +derzeit+ nirgends in Europa, ja wie wir sie auch +heutzutage+
nur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf das Bestehende
so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem neuen und in
dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu Kyoto lebten
im Kreise des +Hofadels+ (Kuge), dem Volk verborgen, die göttlichen
Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n. Ch.) waren sie in
der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose Puppen, die oft
genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend, zurücktraten,
um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen Gartenhaus zu führen,
ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603 bis 1868) zur Zeit der
Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachte in seinem weitläufigen
Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels hin. Der jetzige Mikado
+Mutsu Hito+ hat, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, nachdem er
die +weltliche+ Herrschaft wieder erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo
verlegt, von wo aus Japan während der Blüthezeit des Reiches kraftvoll
regiert worden war.

So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten
Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform
Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch die +erste+ Stadt Japan’s im
+Kunstgewerbe+, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der Strassen;
und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner. (Im Mittelalter
vielleicht das Doppelte.[205]) Noch werden Kunst und Wissenschaft
gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und die Ausfuhr an
sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen Reisenden die
+interessanteste+ Stadt Japan’s, welche in Palästen und Tempeln[206]
die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem längeren Aufenthalt
einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem japanischen Führer
durcheilenden Globetrotter gewidmet wird.

Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht.
(Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der
Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig die +heilige Stadt der
Buddhisten+ geworden und geblieben: das spricht für einen Grad von
Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch unbekannt
geblieben.

Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und
der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster
und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters
anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in
die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen,
die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte.

Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich guten
+Kyoto-Hotel+,[207] 20 Jinrikisha hinter einander, mit den schnellsten
Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des Europäers
erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der Einheimischen,
die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen, Festessen und die
dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und erweckte den Neid
eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den stillen Ocean
gekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so gut gekleideter
Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer hat mir davon
nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch haben, und noch
dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen halten, die
den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen Californier,
welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt, ob er nicht
Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte) „wenigstens Delphoi.“

Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten
Tempel der Stadt gewidmet, nach +Sanjusangendo+. Das Wort bedeutet
„33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der
Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die
Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit
hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die
Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen
dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen
Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald
von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise
aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur
1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder
an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu
rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon,
darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen
von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen
Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten)
neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna.

Folglich hat +Kämpfer+ (1690-1692) die +jetzige+ Gestalt des Tempels
gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine merkwürdige Sitte
der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten sich, von einem
Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das Gebäude hat die
achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite. Heutzutage sieht
man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl grosser und kleiner
Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere Bettler sind, als
ich sonst irgendwo in Japan gefunden.

Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem
Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm
ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren
Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem
Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von
dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopfschmerz! Als der Fürst
erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen
und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt.
Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung
des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren
Aristophanes so ergötzlich beschrieben.

In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (+Daibutsu+) aus
Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801
durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo
einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen
Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden
Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem
umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und -- zu Kupfermünzen
eingeschmolzen worden.

Neben dem Daibutsu hängt eine der beiden +grössten Glocken+ Japan’s, 14
Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,[208] 63000 kg schwer,
gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken sind Hohlcylinder
mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der unsrigen. Sie werden
angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken, den man +einmal+
mit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist sehr schön, das
Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden die Japaner
heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren Glocken
Europas.

Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener
Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner
Aussicht und zu dem Tempel +Kiyomizu-dera+, der geburtshelfenden
Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von
Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man
vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher
Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der
Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30
Jahre einmal geöffnet.

Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem
Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus Canton,
die +Theaterstrasse+ von Kyoto, die dicht bei unserm Hotel liegt. Das
ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater, Bogenschiessstand,
Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen Laternen auf das
festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von der fröhlichen
Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten sich erfreuend.
Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich gewöhnlich war,
und wir das Stück trotz der Erläuterungen des mitgenommenen Führers
nicht verstanden.

Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht
bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt
mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen
Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden.

Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs
Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein
dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab;
das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein
Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in
Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird.

Der folgende Tag war den +Palästen+ gewidmet.

Der des Mikado (+Gosho+ genannt), 798 n. Chr. erbaut, wiederholentlich
durch Feuer zerstört[209] und neu erbaut, das letzte Mal 1854 im
alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr bewohnt, bedeckt
26 Acres[210] (= 10 ha) und ist von einem niedrigen geglätteten
Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten, welche die
Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts verspürt.
Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird in ein
kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet seinen
Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein höherer
Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht, den
Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über die
grosse Fläche zerstreut sind.

Zuerst nach +Seiryōden+, das heisst die kühle Halle. Das Gebäude (63×36
Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki, chamaecyparis),
aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht mit seinen
rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach (aus der Rinde
desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck. Ursprünglich war
es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur zu Festlichkeiten
benutzt. In einer Ecke besteht der Fussboden aus Cement, worauf jeden
Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der Fürst, ohne das Haus zu
verlassen, seinen Vorfahren auf +erdigem+ Grunde die vorgeschriebenen
Opfer darbringen konnte.

Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz
eine Matte.

Durch grosse, leere Höfe werden wir weiter geführt nach +Shi-shin-den+,
d. h. erhabene Purpur-Halle. Hier ist auf einer Erhöhung der wirkliche
Thron mit Seidenvorhängen und einem Sessel. Die Vornehmsten (Prinzen)
sassen in dem Saal, die weniger Vornehmen standen, entsprechend den 18
Rangklassen, -- auf den 18 Treppenstufen, die in den Hof hinabführten.
Dort standen oder lagen die letzten, Ji-ge genannt, d. h. +nieder in
den Staub+.

Von hier kamen wir nach des Mikado’s +Studirzimmer+, wo ihm Vorlesungen
gehalten, und Musik und Dichtkunst gepflegt wurden, in der Nähe auch
das No-Spiel. Hier sind prachtvolle +Schränke+ und bemalte Gleit-Wände.
Die Figur giebt eine Skizze der Flächenansicht.

[Illustration]

1, 2, 3 ist der Tisch; 4, 5, 6, 7 der Schrank in der Nische des
japanischen Studirzimmers. 4, 5, 6, 7 sind schön bemalte Schiebethüren,
5 und 6 vor 4 und 7 hervorstehend; alle nicht durch hervorragende
Knöpfe, sondern durch metallisch eingelegte Vertiefungen, in welche der
Finger eingesetzt wird, nach der Seite zu schieben.

Die Anwendung der gleitenden Wände ist auf der folgenden Figur in einem
wagerechten Durchschnitt dargestellt.

[Illustration]

1 und 2 sind viereckige, schwarz lackirte Pfeiler; 3 und 4 die
Planken, die in den vorderen Rillen laufen; 5 und 6 die der hinteren.
Die Anordnung der Rillen wird klar aus dem senkrechten Durchschnitt
nebenstehender Figur.

Bewegt werden diese Thüren durch höchst geschmackvolle Schnurschlingen.

[Illustration]

Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften,
Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne
sogar recht wild aussehen.

Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den
Behausungen des Gefolges.

Der +Palast des Shogun+, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier
gegründet, hiess auf japanisch +Nijo-no-Shiro+, d. h. +Nijo-Burg+. In
der That, prachtvoll im Innern, sieht er von aussen wie eine Festung
aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige Mikado, in seine vollen Rechte
wieder eingesetzt, in Gegenwart des Staatsraths einen feierlichen Eid
abgelegt, dass er in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung
und der zu erwählenden Volksvertretung regieren werde. Hierauf wurde
der Palast als Regierungsgebäude des Bezirks von Kyoto benutzt, und,
nachdem etliche von den herrlichen Kunstwerken unersetzliche Schädigung
erlitten hatten, 1883 wieder als Sommerpalast des Mikado übernommen und
1885/86 ausgebessert. Damals wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die
drei Haselwurz-Blätter) an allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des
Mikado, die 16blättrige Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider
sind die neuen Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten!

Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das
mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt
verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen
eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten
ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch
einträgt.

Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern
geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern,
Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil
(Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari
Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden.
Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle
Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, der +nasse
Reiher+, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese
Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben
lassen!

In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände
nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier,
bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist,
vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur
Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig, ja
überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach
der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten.

Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung,
um erstlich +Porzellan-+ und +Seiden-Fabriken+,[211] zweitens +Klöster+
und +Kirchen+ zu besichtigen.

+Kurodani+, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13.
Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt
reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische
Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in
einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus dem
feindlichen Clan, +Atsumori+, überwältigt; reisst ihm den Helm ab, um
ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz tief ergriffen,
-- wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen mit Lionel, --
überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der heldenmüthig, ohne
zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber Naozone findet fürder
keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in dem Tempel von Kurodani und
widmet den Rest seines Lebens dem Gebet für +Atsumori+. Die Begebenheit
bildet den Gegenstand eines geschichtlichen Schauspiels der Japaner.

Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der
einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren,
an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet.
Die Japaner treiben eine wahre +Orthopaedie der Bäume+.

Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die
Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem
Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so
beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer
auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine
ist ein Gemälde und stellt +Mandara+ dar, das Paradies der Buddhisten
mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere ist eine
Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt Buddha’s in
Nirwana (+Nehanzō+). Buddha liegt ausgestreckt auf einem niedrigen
Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und bezeugen ihm
anbetende Bewunderung.

Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer
und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des Gründers,
in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein
lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida
Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von
Naozone.

Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit
zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten +Kirchhof+
gelangen wir zu dem grossen Tempel +Shinnyo-do+.

Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen +Kobo
Daishi+ (774-834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher das
japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich dem
römischen: mitunter schläft auch Homer.

+Ginkakuji+, das +silberne Gartenhaus+, liegt jenseits der
Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.

Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde
des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er
philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich
an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher
aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung.
Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da
Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier
wurden die berühmten +Thee-Ceremonien+ erfunden. Der Priester, welcher
als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, die man
aber ohne Ceremonien nehmen darf.

Nachdem wir noch das +Nanzenji-Kloster+ besucht, mit seinem Riesenthor,
und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, deren Namen
wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein weltliches
Schaustück, +der Canal+ des +Biwa-See+.

+Biwa+ heisst Guitarre. Der +Biwa-See+, nach japanischer Ueberlieferung
im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich entstanden, während
gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, ist etwa 36
englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie der Genfer
See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem Meer, hat
eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, und
einzelne kleine Felseninseln. +Seine acht Schönheiten+ werden von der
Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein natürlicher
Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, erst als
Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, bei
Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.

Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von
der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst. Zu diesem
natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von
einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch
unter seiner Leitung 1885-1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, von
denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei
Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche
Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer
lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss.
Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto
ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst
einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen
Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem
offenen Canal mit einer Schleuse.

Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches
Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher
Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In
Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich
von Europäern hergestellt.

Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des
Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte,
dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten
bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man
in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und
mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang
ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar
nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche
Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des
Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.

Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das
hauptsächlichste der buddhistischen +Jodo-Secte+, +Chion-in+, auf einem
Hügel wie eine Festung belegen.

Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und
grundgelehrten +Honen Shonin+, der eine besondere Lehre begründet,
von der Erlösung oder dem Wege zu dem +reinen Land+. (Japan. Jodo, im
Sanscrit +Sukhavâti+, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist das
Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen
Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).

Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in
dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und
seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche Aussicht über
die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und
auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet
ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, ich
sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, Fichte. Die
1633 n. Chr. gegossene +grosse Glocke+ (10,8 Fuss hoch, 9 Fuss weit,
74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer Maschine bedient,
welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. Der Haupttempel,
167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in Kyoto. Der Altar ist
dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische Lotuspflanzen von 21
Fuss Höhe in Bronzegefässen.

In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind
berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer
anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die
Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet
wurde.

Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem +Ausflug+ gewidmet
und zwar nach den +Wasserfällen des Katsura-gawa+.

Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten
vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei
jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer,
der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den
Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.

Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht
anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als
riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten
Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich
dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach
dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle
beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen
ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz
und Kohlen.

Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken
biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das
letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben.
Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter
fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen,
oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere
Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur
Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden und wird mittelst Seilen
getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts
fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen +Stromschnellen+, die trotz ihrer
hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich
oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, -- gerade so wie die
an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen
Theehaus zu +Arashiyama+ ruhen wir aus[212] und erfreuen uns des
mitgebrachten Frühstücks.

Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes
kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie
in Rom.

Wir besuchten zunächst +Kitano Tenjin+. Dieser Tempel ist dem +Tenjin
Sama+ geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der 901 n. Chr. in
Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel Kiushiu verbannt,
daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem auch als Gott der
Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu reiten liebte,
findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf dem Tempel-Grund.
Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen Dach zahlreiche,
hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben schienen von
verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu sein. Manche
sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen ein Stück
Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, ist der
Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.

Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo
Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum
Verweilen einladen.

Weit vornehmer ist +Kinkakuji+, ein Kloster der +buddhistischen+
Zen-Secte. +Kinkaku+ heisst +goldenes Gartenhaus+. Das war das Vorbild
für das silberne (+Ginkaku+), von dem ich schon gesprochen. Im Jahre
1397 n. Chr. zog sich +Yoshimitsu+ hierher zurück, nachdem er drei
Jahre zuvor die Würde des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor
sein Haupt, zog die Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte
in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Theilnahme an den
Staatsgeschäften: genau so, wie sein unbewusster Nachahmer Karl der
Fünfte (1556-1558) zu San Yuste in Estremadura, und wie der grosse
Jeyasu.

Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus,
33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und Amida’s
im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken
Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen
Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See,
dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser
uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen,
sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den
Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in
den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B.
Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen,
in der Art wie +Murillo+ -- in Japan sie gemalt haben könnte; mit
Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder
mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.

Die Fahrt über den +Biwa See+ (am 3. October) war darum besonders
genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich
zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen
fuhr ich nach +Otsu+, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und
der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es,
wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers
begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken
gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm
hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu
schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!

Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel,
den +Rein+ rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig bewölkt
war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem Südende
von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt von
Vulkanen besitzen.

Wir fahren fort, -- erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter
der +alten Brücke von Seta+, die den Fluss Setagawa da überspannt, wo
er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, am
+Nakasendo+, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo (aus dem
achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. Die jetzige
ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine Doppelbrücke,
da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + 576 Fuss
Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt in Sage
und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf Abenteuer
ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und zum Lohn
von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der nie leer
wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.

Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit
so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.

Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem
berühmten Kloster +Ishiyama-dera+. Der Name heisst wörtlich
Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten
schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes
hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur
Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet
ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17.
Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten
Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss
Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung,
eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen
Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen,
und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält
12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse
und drückt: dann springt +ein+ Stab hervor, gerade so wie aus den
niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein
„Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es
ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai
geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai,
sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener
wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen.
Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag,
sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses
„Gottesdienstes.“

Ein Punkt, welcher auf japanisch als +Baum der Vollmondbetrachtung+
bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne Aussicht auf den Fluss,
die lange Brücke, den See und die Uferberge. Wenn ich auch in meinen
ersten japanischen Tagen den Unverstand der gewerbsmässigen Führer zu
tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon hatten, was den europäischen
Reisenden am meisten reizt und fesselt; so muss ich doch den gebildeten
Japanern, meinen Collegen, selbst denen, die keine europäische Sprache
verstehen, nachrühmen, dass sie für die Natur- und Kunstbedürfnisse des
Reisenden ein volles Verständniss an den Tag legten.

Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei, nach
+Karasaki+[213] am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japan +berühmte
Fichte+ steht. Dieser seit uralter Zeit für heilig gehaltene Baum hat
die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss Umfang des Stammes; aber
seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig von hölzernen und sogar
von steinernen Stützen getragenen Zweige (380 an der Zahl) bedecken und
beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss. Alle Löcher im Stamm sind auf
das gründlichste ausgekittet,[214] ein kleines Regendach schützt sogar
die Spitze, die man für besonders zart und schutzbedürftig ansieht.

Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man
allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in
Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes
verwendet.

Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht
mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung
eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch
steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im
Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22
Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei
Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der
Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die
bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei
Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war.

Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen
Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles
herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der
Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der
Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses
sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte von +Karasaki+ und
den noch heiligeren +Bo-Baum+ zu Anuradhapura auf Ceylon, der von allen
Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die zu seiner Pflege
bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren ununterbrochen
seine Schicksale verzeichnet haben.

Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte
Tempel von +Mi-i-dera+, im Norden der Stadt, besucht. Der Name
bedeutet +Drei-Quellen-Tempel+. Das Heiligthum ist der Göttin der
Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu
verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690.

In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihre +Kunstschätze+ aus,
die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner
Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen
bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem -- +Hausarzt+
des Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlich +hängende Bilder+
(Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden
Kindern. Sodann +Rollbilder+ (Makimono) von bedeutender Länge, 10
Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem
(natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter
langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden. Der
Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher, sondern eine
+zusammengehörige Reihe+, wie bei manchem unserer Romanschriftsteller.

Ein Bild stellt die +sieben Nöthe+ dar. Zuerst kommt das Erdbeben,
dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den
Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der
Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der
ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange,
welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen
Künstler +Okyo+ vor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst die
+sieben Freuden+ und behandelt die Reisernte, das Gastmahl und dergl.
Grässlich erscheint uns das Bild von den +Räubern+ und +Mördern+, sowie
das Gegenstück, welches ihre Bestrafung (durch Zersägen, Kreuzigen,
Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig fand ich ein im Anfang unsers
Jahrhunderts, also noch zur Zeit der Absperrung von Japan, gemaltes
+allegorisches Weltbild+, da diese Welt nur drei Reiche umfasst: Japan,
dargestellt durch Amaterasu, die Sonnengöttin; China, vertreten durch
Confutse; Indien, durch Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen
Baum. (+San-Koku+, die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene
Gestalten, welche die Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch
einige Fremdlinge von der Grenze der Erde. Denn damals glaubten die
Japaner, dass an Tenjiku, die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder
Portugal und Holland, und andere, von denen sie vernommen, unmittelbar
sich anschliessen.

Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der
Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein
heiliges hielt, -- aber nach drei Tagen +hatte+ ich mein Abbild.

Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller
Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht
ein wunderliches Denkmal, -- ein +Obelisk+ aus Granit, zum Gedächtniss
an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen die Empörung
von Satsuma (1877) gefallen sind.

Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt,
so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte
+Sammelbüchse+, welche in englischer Sprache +Beiträge+ zur Erhaltung
der umgebenden Gartenanlage fordert.

Hier war es auch, wo +der Angriff auf den russischen Thronfolger+
am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den
Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der
engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der
Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem
Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem
japanischen Prinzen und Anderen.

Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten
Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher,
aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des
Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten
gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den
Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein
schien.

Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen
ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die
Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch
die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib
rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des
Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber
wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers
bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie
einen Sklaven missachte; und -- getödtet werden müsse.

Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer.
Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer
Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer
schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn
von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische
Prinz, der griechische Prinz, -- als sie den Lärm vernahmen, eilten sie
zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da sie an
eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann aber
hatte +augenblicklich+, ehe der Polizeisoldat zum zweiten, vielleicht
verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich niedergeworfen, den
Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu Boden geschleudert.
Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und Entwaffnung. Jetzt
kam auch der griechische Prinz zurück und griff thätig ein. Die
Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, sie wurde von
dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein Kriegsschiff
gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren tief betrübt
und beantragten bei der Regierung, dass der durch die schnöde That
verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. Der Polizist,
dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf Lebenszeit
eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche Retter des
Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein Jahresgehalt
von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen konnte, vom
Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, wodurch er
bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.

Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das
religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt
hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That
eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende
hat nichts in Japan zu befürchten. --

Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem
Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der
Eisenbahn zurück nach Kyoto.

Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den +Tempeln+
gewidmet.

Zunächst kamen wir nach +Nishi Hon-gwan-ji+.
(+West-Haupt-Gebet-Tempel+.) Hier ist das Haupt-Quartier der
buddhistischen +Shin+ (Geist-) oder +Monto+ (Thorfolger)-Secte, die von
Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber erst seit dem 15. Jahrhundert
die jetzige Gestaltung angenommen, und 13718 Tempel in Japan besitzt.
Man nennt sie[215] die Protestanten des japanischen Buddhismus. Sie
verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, die Enthaltsamkeit von
gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, lehren den Glauben an
Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. Ihr eigentlicher
Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die Volks-Sprache und
-Schrift in den Gottesdienst ein.

Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der
Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes
Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf
dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe Mauer,
damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere
versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude --
vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine
Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich
nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie
solchem Aberglauben huldigen.

Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff ist
einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der
Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss,
worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde)
aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50
Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht
man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig
sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss);
geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.

Der Oberpriester, der uns geleitet, +Akamzu Rensio+, gleichzeitig
Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht
und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon
drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort
gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach
+Eduard von Hartmann+ gefragt und grosse Freude geäussert, als ich ihm
Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und lebhaftes
Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen habe, während
er +Schopenhauer+ aus der Uebersetzung ganz gut kenne. Aber bei der
Verabschiedung setzte er mich völlig in Erstaunen. Der Ausgang führt
durch +Chokushi Mon+, das Gitter des kaiserlichen Gesandten, woselbst
die ausserordentlich naturgetreuen Holzschnitzereien, namentlich eines
Bauern mit seiner Kuh, von Hidari Jingoro, meine Bewunderung erregten.

„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass +Dir+ dieses so gefällt
(und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein Baumeister
aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass derselbe
Gegenstand +unser+ Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch hat seine eigne
Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und den geistigen.
Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, duldsam gegen
einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr Europäer seid es
viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“

Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in
der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ostasien viel
lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.

Die +japanische Bildhauerei+ ist hauptsächlich Holzschnitzerei und
kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara
stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen
von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert.
Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration
und in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der +japanische Phidias+,
Hidari[216] Jingoro (1594-1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die
schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm
wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der
Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.

Der zweite Tempel, den die Shin oder +Hongwanji+-Secte in Kyoto (wie
in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst +Higashi Hon-gwan-ji+
(Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 gegründet, 1864
in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, aber noch
nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre in Japan
noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, sondern
vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass die
Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge von
260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, tief
herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern
gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, und
ferner -- ein +Riesenseil aus Menschenhaar.+ 38000 Frauen haben ihren
blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum Aufwinden
heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der Nachbarschaft
haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern haben
persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll errichtet
werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. Noch
wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie nach
der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten
benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz
krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V.
Dynastie) bei Sakkara kennen.

+Toji+, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. Jahrhunderts
n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado dem +Kobo Daishi+
übergeben, dem Gründer der buddhistischen +Shingon+[217]-Secte, die
heutzutage 15503 Tempel in Japan besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten
sind aus dem Jahre 1640, aber leider in Verfall. Hier steht noch der
Thurm (Pagode), der sich zum Einsturz neigte, jedoch der Sage nach,
durch das +Gebet+ von Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,)
wieder grade gerichtet wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo
der Sage nach ein kühner Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier
empfängt uns ein freundlicher Oberpriester und geleitet uns durch
die Empfangsgemächer, deren neue Gemälde gewaltig hinter den alten
zurückstehen, und deren Ausstattung mit +elektrischen Glühlampen+
beweist, dass in Japan auch die Priester dem Fortschritt huldigen. In
einem grossen Gemach sah man noch die Spuren eines Festessens, das
Tags zuvor hier stattgefunden. Die Priester sind gastfrei gegen die
Gläubigen und Verehrer; doch hörte ich, dass in Japan, wie anderswo,
bei solchen Gelegenheiten ganz artige Summen für die Zwecke der Kirche
-- freiwillig gezeichnet werden.

Meine Freunde führten mich dann in den +Haus-Garten eines wohlhabenden
Japaners+, um mir das +Fussballspiel+ zu zeigen. Die Theilnehmer waren
prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite blauseidne Hosen und
ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht mit der Hand berührt
werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird er mit dem Fussrücken
geschickt emporgeschleudert und von dem einen Spieler dem andern
zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich lebhaft und geschickt.
Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es von Chinesen, aber
weniger gewandt, ausgeführt wurde.

Nachmittags besuchte ich +Krankenhaus+ und +Medizinschule+. Abends
hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden
und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes
+geschichtliches Bilderbuch+ mit Kleinmalerei, ein grosses Rollgemälde,
den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder von
Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in
einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten
Schränken, eine alte +Goldlackbüchse+[218] im Werthe von 1500 Yen. Ein
ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche Verbrennen von
+Weihrauch+. Es wurde viel geredet und getrunken. Wir waren alle recht
heiter.

+Uji+ war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von Kyoto.

In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. Hier
liegt +Tofukuji+, eines der Hauptklöster der buddhistischen Zen-Secte,
die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet ist und in Japan
nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. +Zen+ bedeutet etwa +ernste
Gedanken+. +Tofukuji+ ist schon im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine
wundervolle Lage. +Ahornbäume+, die grade schon ihr rothes Herbstgewand
anlegen, säumen von beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche
die überdachte „+Himmelsbrücke+“ gespannt ist. Der grösste Schatz
des Klosters ist ein riesiges +Rollbild+ (Kakemono), 48 Fuss lang,
24 Fuss breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt
um das im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo,
+Cho Densu+, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im
Jahre wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt
und dem anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende
Priester lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu
sehen. Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher
Bitte, dem +Oberpriester+ übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs
dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke
der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks
erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem
Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste
aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe
Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im
Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel,
Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.[219]

Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu
sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen
vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen
können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle.
Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen
nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte
des japanischen Papiers.

Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den
Erdboden gelegt wurde. Es stellt den +Himmel+ dar und ist von einem
chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber durch
Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil bilden
konnte.

In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche
+Shinto-Tempel+ von +Inari+, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. begründet,
als der Buddhist +Kobo Daishi+ hier einen Mann mit einem Reis-Sack traf
und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin erkannte. Dieselbe half
dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten Schwerter schmieden, mit dem
er den Fels spaltete, -- wie Siegfried mit Nothung den Ambos. Diese
japanische Sage ist auch Inhalt eines No-Schauspiels.

Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.

Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften
des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem
allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai
zurückbefördert.[220]

+Füchse+ sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und grosse,
werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse aus Stein,
einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter aufgestellt.
Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber mit kleinen Vögeln
im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in Freiheit zu setzen.
Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- (Gurken-)Scheiben und
legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: sofort zieht das oben
sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen Flaschenzugs empor, um
sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen unter Musikbegleitung den
heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, aber die rothen Holzpfeiler
vor den weissen Wänden nehmen sich ganz hübsch aus, während die
vergoldeten blau-mähnigen Ungeheuer an den Enden der Vorhalle unsrem
Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der sechs kleinen Innengemächer
ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll Durchmesser aufgehängt.
Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad der Berg-Höhlen“, mit
zahlreichen Fuchslöchern.

Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl.
Meilen entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen
Oertchen +Uji+, das rings von +Theepflanzungen+ umgeben ist. Thee
ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach
Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von
den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu
verscheuchen.[221] In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts
angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der
Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein
Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen
der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.

Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee
aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren
eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten
(Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; das ist
ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst Seide der
wichtigste +Ausfuhrgegenstand+ Japan’s. (Jährlich 40 Millionen Pfund
im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach Nordamerika.
Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji wegen der
schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des Abends
umherfliegen.[222]

Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster +Byōdō-in+ der
buddhistischen +Tendai+ (Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und
in Japan 6391 Tempel besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n.
Chr. Hier war es, wo nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige
Held +Yorisama+, um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann
gegen 20000 Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das
gewollte durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.

Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die +Phoenix+-Halle
(Hōō-dō), eine der +ältesten Holzbauten+ Japan’s. Der zweistöckige
Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die rechtwinklig davon zu
beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die Flügel, und die von
der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. Auf dem Dach stehen
zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im Innern ist in kleine
Vierecke eingetheilt und mit +Perlmutter+ eingelegt. Rings um den
Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 Heiligen (Bosatsu), darunter
auch Frauen, die meinen Begleitern besonders merkwürdig schienen.
Der Altar war ursprünglich mit Goldlack bedeckt und mit Perlmutter
eingelegt. Aber der frühere Glanz ist zerfallen, und der jetzige
Haupttempel sieht ärmlich aus.

In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser
mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind
schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das
Ausziehen der Schuhe zu ersparen.

Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und
Briefschreiben.


Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.

Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die
Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist
feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um
mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner
beharrlichsten Zuhörer, Dr. +Ogata+, dessen Vater bereits vor 40
Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches
Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die
bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen
des +Nachtlagers+. Die blühende Handelsstadt +Osaka+,[223] die an der
Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, 400 Jahre alt
ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein +einziges Gasthaus+,
das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur eine kleine europäische
Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen in Kobe ansässigen
Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte also beschlossen,
in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde zu erreichenden und
mit einer europäischen Ansiedlung versehenen Vertragshafen Kobe zu
übernachten.[224] Aber meine Freunde führen mich im Triumph nach dem
Gasthaus und zeigen mir nicht blos das frisch gescheuerte Zimmer und
den schneeweissen Bettüberzug,[225] -- Reinlichkeit wird in Japan
nicht vermisst, -- sondern auch die europäischen Geräthe, die sie
besorgt, den demüthigst sich verneigenden und Alles versprechenden
Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar versicherte, englisch
zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte ganz gut in dem Zimmer
geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.

Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem +Schlosse+;
die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. 1583 n. Chr.
beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko +Hideyoshi+, der Bauernsohn,
welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer und schliesslich
zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich emporgeschwungen, an Stelle
des früheren befestigten Buddha-Klosters zu Osaka, das von seinem
Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit der Bonzen, zerstört
worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu seinem Fürstensitz
zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei Jahren. Arbeiter
wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar unterworfen
waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen ungeheure Steine
herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s errichtet.

+Will Adams+, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte von
fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru nach
Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und als
Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis zu
seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten,
hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke
geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600
auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken
so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und
stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen
beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten
und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die
Mauern 6-7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die
Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.

In der That war der Graben 80-120 Fuss breit und 12-24 Fuss tief.
Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des
Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen.

1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die
fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb
der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des
Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört.
Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein.
Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka.

Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer,
und nicht so leicht.

Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet.
Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die
Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger
Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst
kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau
entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und
Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach
oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die
im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von
Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es
ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen.
Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine
Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht
ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3
Fuss.[226]

Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und
genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt
steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittagsstunde
anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt,
das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu
tränken.

Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche
kaiserlich japanische +Waffenfabrik+. Zunächst wurden wir wieder in
das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit Lichtbildern
unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen auf
Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf
diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter
von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit,
welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und
gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise
nach +unseren+[227] Gegenden zu unternehmen.

Die Waffenfabrik ist mit den unsrigen nicht zu vergleichen, auch nicht
mit Navy-yard zu Washington, das ich gerade sechs Wochen zuvor besucht
hatte; aber doch schon recht ansehnlich. 2000 Arbeiter werden hier
beschäftigt und Alles, von Riesenkanonen bis zu den Flinten und Säbeln
und zur Munition, fertig gestellt. Eines bedauern sie, Gussstahl nicht
in genügender Masse zu besitzen; deshalb sind bisher hauptsächlich
Bronze-Kanonen angefertigt worden. Natürlich giebt es schon eigne, in
Japan erfundene Hinterlader, Repetiergewehre und rauchloses Pulver.
Die Armee ist nach preussischem Muster eingerichtet und beruht auf
allgemeiner Wehrpflicht. Sie zählt 200000 Mann, doch dürften nur etwa
56000 unter Waffen stehen.

Die Flotte zählt 33 Schiffe mit 44000 Tonnen, 156 Kanonen, 5600 Mann,
ist kriegstüchtig und offenbar der chinesischen überlegen.

Die +Münze+, wo die schönen Yen- und Sen-Stücke geschlagen werden,
konnte ich leider nicht sehen.

Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und
der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt,
Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man
mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien.

Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen
Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen
durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig
machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man
nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfeste im
Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und
die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit
bedingen und verbreiten.

Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden
und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel
(in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In
der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums
für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse
ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe). Der
Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon
eingeführt.

Das +Festessen+ ist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen
Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im
Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen
Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal.

Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt.
Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse
Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und
vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosse +Asaki+-Brauerei, die
von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische
Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern,
man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht
sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so
viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur
13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr
deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen
im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr
und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein
No-Drama aufgeführt, und ein +Gedicht+ mir überreicht.

Um den +chinesischen+ Stil des letzteren zu kennzeichnen, füge ich die
Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir diese
Mittheilung nicht -- als Eitelkeit auslegen werde.

„Abschiedsgruss an Herrn Professor +Hirschberg+.

(Altchinesisch.)

    Professor +Hirschberg+ ist nach Japan gekommen und hat sich um
    die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine
    Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne
    und den Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der
    unaufhörlich dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so
    erkennt er genau den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte
    verschreibt, dann sind dieselben nie falsch. In Behandlung der
    Augenkrankheiten ist er besonders hervorragend. Da er ein so
    vorzüglicher Gelehrter ist, verehrt ihn ein Jeder. Ein altes
    Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender Mann erscheint, bildet sich
    seine ganze Umgebung nach seiner Art. -- Solch’ einem Manne gleicht
    Herr Professor +Hirschberg+. Im Namen der Wissenschaft spreche ich
    ihm den grössten Dank aus.

Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.

    +Nahamye Syisakka+, Arzt in Osaka.“

Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders
hoch gepriesen wird, verfasst von +Jeizo Jshii+, Vorsitzendem des
medizinischen Vereins zu +Nagoya+, lautet folgendermaassen: „Ein Wort
zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll
entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen
schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist Professor +Hirschberg+ nach
Japan gekommen.

Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo
gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser
gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan
berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland,
wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen
Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche
Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ -- --
-- -- --

Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nach +Nara+, der mir
heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll vorkommt.
+Nara+ war in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr. Herrschersitz
des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als Osaka und war
früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten Theil der
früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt reizend am
Fusse der Berge, in der Provinz +Yamato+, 25 engl. Meilen östlich von
Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden. Die Erzeugnisse
seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer, kleine
Holzspielsachen. (Nara ningyō).

Dr. +Ogata+ und zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der
Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge
in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächst
+Horuji+. Hier liegt das +älteste Kloster+ von Japan, 607 n. Chr.
vollendet und berühmt -- durch seine Berühmtheiten. Ich muss gestehen,
dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth sind, als
die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung keinen
sonderlichen Eindruck machen.

Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade
gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben
des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im
Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (+Kondo+), der älteste Holzbau
Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha,
Amida u. A., und +wirkliche Fresco-Gemälde an den Wänden, in alter
Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt und
nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind
überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit.

Die +Geschichte der japanischen Malerei+[228] ist für den +Europäer
kurz+ zu beschreiben. Die Malerei kam aus China über Korea mit den
buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische Schule
(Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet. Vernachlässigung
der Perspective und echter Humor herrschten damals, wie heute. Im 13.
Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und mehr „klassisch“.
Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance unter chinesischem
Einfluss. Der buddhistische Priester +Cho Densu+ malte heilige
Gegenstände, +Josetsu+ Landschaften, Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen
folgten die klassischen Meister der Tosa-Schule +Mitsunobu+, +Sesshu+,
+Kano+. Im 18. Jahrhundert kamen die +realistischen+ Schulen:
+Hishigawa+, der volksthümliche Bücher illustrirte, +Okyo+, der Vögel
und Fische genau nach der Natur zeichnete, und +Hokusai+ (1760-1849),
der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des
Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches
Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt
und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im
Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht
allzuwörtlich nehmen.

Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit, +Yakushi+,
geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein
Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind
ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind
Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der Spiegel Geist
des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit;
Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte,
dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein
Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka.

In +Nara+ übernahmen die dortigen +Aerzte+ sofort die Führung. Der
+Park+, den wir durchschreiten, ist wie ein Märchenwald. Der Wind
rauscht in den Wipfeln der prachtvollen Fichtenbäume. Rudelweise kommen
die kleinen gefleckten Hirsche, die Männchen mit dem stattlichen
Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie blicken so klug und
freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie müssten anfangen zu
sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin, die hinten am Ende
des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen Steinlaternen besetzten
Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt.

Aber -- der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe
ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n.
Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien
heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen
schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein.
Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die
Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des
ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben.

Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit
zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den
Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden
Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für
kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider
unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche
Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen
nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth
seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit
beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod.

Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen
des +Tempels Wakamiya+ die Priester auf jeden Fremdling oder auch
begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten
heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam
gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen
tragen.

Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse
Shinto-Tempel +Tamuke-yama no Hachiman+. Denn auf ihn bezieht sich ein
altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder Japaner, wie
es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls ohne Ausnahme.
Die Worte lauten ungefähr folgendermassen:

    „Leer ist die Hand, doch voll mein Herz,
    Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz.
    Statt rothen Goldes bring’ ich heut
    Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“

In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem
Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen
Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner.

Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch
Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200
n. Chr. gelebt haben soll.

An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in
kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das
Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut.

Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-Tempel +Nigwatsu-do+,
welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet
und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig
gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist.
Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er
sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder.
Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte
an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das
(weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein
rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen
Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes
Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe
mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und
Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am Einkauf
zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesem +Jahrmarkt+
mit ihren Kindern erschienen.

Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein
Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen
empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst.
Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen,
wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem
Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine
Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige
Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am 3. Februar jedes Jahres wird hier
auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll
ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt
zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt.

Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf
einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler
und Berge.

Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk von +Todaiji+, zuerst die
+grosse Glocke+, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9 Fuss weit
ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann den ungeheuren
(750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten) Tempel von 290
Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher den +Daibutsu+
unter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist 53 Fuss hoch,
also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche Bild ist aus
dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine Feuersbrunst
abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert.

Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist
hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger.
Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des
Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt.

Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das
Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um
die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der
Ausstellung von +Alterthümern+, die in einem Nebenraume des Tempels
aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe, Schwerter,
Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u. dgl.
m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem
chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben
wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon)
mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o),
die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse
Rolle spielen.

Den Schluss der Betrachtung macht +Kobukuji+, einst ein grosser Tempel,
707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist nur noch
eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger Fichtenbaum, den
angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes Opfer für den Gott der
Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen Blumenspenden.

Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute
Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab.

Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen
Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert.
Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter
schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir
selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich
seine Vorhalle zur Aussicht anbot.

Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt
wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber
zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus
Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht
liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im
Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier
über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein
leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem
Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn
die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen,
bis -- ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben
Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters
vertilgt.[229]

Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach
dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der
bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter
seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen.

In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein
altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war
geschmückt mit einem Holzschnitt des -- +Hippocrates+, den der Besitzer
des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig gehaltenen
Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die sechsjährige
Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich leerte ein Glas
auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch gefällig, that
sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen. Sie verstand, wie
auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber ein freundliches
und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den Eindruck, dass die
Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten werden. Uebrigens
schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche Frauen auf dem
Lande, nach der Verheiratung, es machen.

Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als
zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte
die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen
schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt
seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht
so leicht.

Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus
Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,[230]
der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr
Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr
wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber
auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam
das +Kata-kana+[231] auf, eine japanische Silbenschrift, welche 47
chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele
Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen
werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln
und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu
umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu
Tokyo.

+Hiragana+ (von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus dem
8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form
wiedergiebt, -- wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine
hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen
Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana
geschrieben, keines in Kata-kana allein.

Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen
zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So
zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt
schneller nach Dictat, als der Europäer, -- natürlich wenn letzterer
nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die
japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben,
hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen.

Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie
auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf
die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte
sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich
etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn
begleiteten.

Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater
führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz
ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum,
und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter
Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann.
Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“

Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen
gegen die Eltern kommen gar nicht vor.

Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn
die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nach +Kobe+,[232] an der
Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt einen
vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868 dem
auswärtigen Handel geöffnet ist, eine +Fremden-Siedelung+, längs
der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die Meereswogen
geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien, +Bund+[233]
genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den Fluss Minatogawa von
ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt Hiogo.[232]

Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft
aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil
der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es
Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen
Yen.

Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein:

    134 fremde Dampfer mit 220000 Tonnen Gehalt,
      9 japanische „    „    6400   „      „   ,

und liefen aus nach dem Ausland:

    159 fremde Dampfer mit 260000 Tonnen Gehalt,
      2 japanische „    „    1341   „      „   .

Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel
Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu
sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die
Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigen Anforderungen.
Dicht dabei ist die +Agentur unseres norddeutschen Lloyd+, die
mir erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine
Fahrkarte ausstellt für ihren Dampfer +Nürnberg+, der am 9. October
von Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische
Reichsdampferlinie.

Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus
zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt
braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte
mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig
gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch
englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes
begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr
als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste
bis zu dem Denkmal des Helden +Atsumori+; und dann in dem von einem
Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in Japan
noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.

Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an
Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal
mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen
photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und
fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine
schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet.

Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10.
October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine
werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte.
Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun
hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa
befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. & O. Gesellschaft und den
norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat.

Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord
unseres guten Dampfers +Nürnberg+ vom norddeutschen Lloyd: Capitän
Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist
Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet.

Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit
dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.[234]
Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischen
Dampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. & O., die franz.
Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus nur
+kleinere+ Dampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe, Yokohama
vermitteln.

Unser +Nürnberg+ hat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss
Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die
chinesisch-japanischen Gewässer befahren.

Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch die +Inland-See+,
welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon)
und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji)
sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von
Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20
Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste
8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren
Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee
liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. Der +Seemann+ hat
fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die
übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten
werden.

Der +Reisende+ ist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die tausend
kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein höchst
malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern.

Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche
die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die
kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke.

Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden
Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen
Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl
kleineren mit 1-3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln
und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit
Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern
belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner
haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier
Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.);
ihre Dichter sprechen nicht davon.

Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff.
Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breite Strasse von
Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm
verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein
französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich
vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte
von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem
amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte.

Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen,
rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir winden
uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden Ufern
mächtige +Kohlenlager+; dann müssen wir weit hinaus in’s japanische
Meer, um nach Süden umbiegend Abends +Nagasaki+ an der Westküste der
Insel Kiushiu zu erreichen.

Logbericht Kobe-Nagasaki:

    1. Tag (10. Okt. bis Mittag)  23 Meilen  2 Std. 1 Min.
    2.  „  (11. Okt. bis Mittag) 287   „    24  „
    3.  „  (11. Okt. Nachmittag)  81   „     8  „
    ------------------------------------------------------
      Reisedauer (reducirt) 1 Tag 8 Stunden 49 Minuten.

In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker,
angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute
nicht mehr besuchen.

An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter,
australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe
verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner
ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin
gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen
schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von
Wladiwostok.

Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt
sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische
Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter
den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei
Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen
Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼ Meile
breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht die Zahl
der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von Yokohama und
Kobe weit überflügelt worden.[235]

Dabei hat dieser +westlichste Punkt+ des japanischen Inselreiches die
längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden.

Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu
grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16.
Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals
bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen
und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen
Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo
(Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre
ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde
Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen
zugewiesen.

Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten
Halbinsel Deshima[236] über 200 Jahre lang in unrühmlicher
Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,[237] um des schnöden Gewinnstes
willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass
die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt
1690-1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines
Fell.“ Während die Holländer 1611-1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher
im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90-95 Procent Gewinn ausgeführt
hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf
40-45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die
hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts
hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst.
Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von
Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten
wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen
aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen.

1888 liefen ein:

    427 fremde Dampfer mit 436000 Tonnen Gehalt,
    171 japanische „    „  183000   „      „ ;

und liefen aus:

    488 fremde Dampfer mit 523000 Tonnen Gehalt,
    161 japanische „    „  178000   „      „ .

Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die
fremden Dampfer mit +Kohlen+ sich versorgen. 1888 wurde hier für 3
Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer)
zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen[238] Japans; sie findet sich
hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu.
Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und
englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche.

Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene
Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll
Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben
ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt.
Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen
schaffen; sie bekommen 10-15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann
hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen
Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen
die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die
ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche
Verfahren.

Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher,
Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den
Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren.

Nagasaki,[239] schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von
Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung,
als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000
Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten.

Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten,
besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte
Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste
zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie
zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten,
sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich
der aufgehenden Sonne eingezogen ist.

Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich
Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse
Shinto-Tempel +O-Suwa+ ist mit einem Bronze-Pferd geschmückt; seine
Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben
luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen Festzug +Kunichi+,
der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur der Stadt,
meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen Boten
auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner
Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der
Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur
Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art
darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung
des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten,
sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese
japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien.

Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen
Reiches, Herr Dr. +Lenze+. Wir leerten mehr als ein Glas auf das Wohl
der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem Wetter,
das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war die
ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine
Cajütenfenster.


Abschied von Japan.

      Schön ist das Reich, vom Meer umgeben;
    Die Landschaft lieblich, voller Leben,
    Die Felder zierlich, die Häuser nett,
    Das Volk manierlich, fein, adrett;
    Das Leben köstlich und amüsant
    In diesem östlich geleg’nen Wunderland.

Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde,
ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie
der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts)
das japanische Volk als das +Entzücken seiner Seele+ bezeichnete.
Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen Inseln
verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die +Schattenseiten+
zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen Lesern vielleicht mit
Befremden vermissen.

Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich,
reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel,
geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien,
konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu
tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher,
als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der
reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der
Philosophie, -- das zu entscheiden will ich Andern überlassen.

Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren,
gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die
gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den
Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit
das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten.
Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.

In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende
Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme.
Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber
nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie
zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel
anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos
Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die
drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin
gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.

Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung
verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit[240] herrsche. Wer nur in
schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.

Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich
befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen aus
der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten sie mich
fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine Heirath
zwischen Edelmann und Tänzerin noch +niemals+ in Europa vorgekommen
sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen in Europa
sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.

Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen;
das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als
das unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich
eine Sirene ehelicht, so ist er sicher +nicht+, wie oft bei uns, ein
Substrat der lex Heinze.

Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends
einen unordentlichen Menschen, sei es Mann[241] oder Weib gesehen;
überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der
zimperlichsten Dame beleidigen könnte.

Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht
sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in
Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in
Europa.

Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich
zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund
freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und
floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit
artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen
fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen,
Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen
zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches
„Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der
Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan
scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen
Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe
gilt seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.

Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für
den Reisenden natürlich das Urtheil über die +Zukunft+. Japan befindet
sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was wird
das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als
vollberechtigtes Glied eintreten?

Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die
Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls
das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe,
wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende
Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller
für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich
scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage
zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des
deutschen Einflusses.



V.

Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über Singapore
nach Colombo.


Wer die ostasiatischen Gewässer zu befahren Gelegenheit hat,
namentlich bei schlechtem Wetter, fühlt die unabweisbare Pflicht, in
seinem Gehirn die Begriffe +Taifun+ und +Monsun+ ordentlich verpackt
unterzubringen.[242]

In der Gegend des Aequators steigt die stark erhitzte Luft empor und
fliesst +oben+ nach den beiden Polen ab, +unten+ strömt von den Polen
kältere Luft zu. Aber indem die letztere dem Aequator sich nähert,
gelangt sie mit geringerer Drehgeschwindigkeit in Gegenden, welche
(gewissermassen unter ihr fort) +schneller+ um die Erdachse von
Westen nach Osten gedreht werden, sodass die südwärts bewegte Luft,
gleichzeitig nach Westen zu gehen scheint. Diese beiden Bewegungen
setzen sich auf der nördlichen Halbkugel zum Nordost-, auf der
südlichen zum Südost-Passatwinde zusammen. Zwischen den beiden Passaten
liegt die Gegend der Windstillen.

Im indischen Ocean ist die Regelmässigkeit der Passatwinde durch
die umgebenden Ländermassen, namentlich durch den asiatischen
Continent, gestört. Im nördlichen Theil des indischen Oceans, oberhalb
des Aequators, weht Nordost-Monsun[243] vom September bis April,
Südwest-Monsun vom April bis September.

Im Winter wird eben der Nordost-Passat nicht gestört, im Sommer aber
erwärmt sich der asiatische Continent sehr stark und veranlasst eine
Luftströmung nach Norden, welche durch die Drehung der Erde in einen
Südwestwind verwandelt wird.

+Tai-fun+[244] sind Wirbelstürme in den chinesischen und japanischen
Gewässern, welche zur Zeit des Wechsels der Monsune vom Juli bis
November, am häufigsten im September und +October+, vorkommen. Ihre
Mittelpunkte bewegen sich von O. nach W. oder von OSO. nach WNW.,
während die Drehrichtung wie bei allen Stürmen auf der nördlichen
Halbkugel entgegengesetzt der des Uhrzeigers ist. Sie sind für die
Schiffe äusserst gefährlich, weil sie erstlich ohne Vorboten auftreten,
und weil sie ferner nur eine geringe Breite einnehmen, innerhalb derer
die Windrichtungen ganz ungewöhnlich rasch wechseln.

Aber meine Beschäftigung mit dem Taifun blieb rein wissenschaftlich.
Schon am Morgen des folgenden Tages (13. October) war das Wetter besser.

Ich lese +Byron’s Harold+, den ich glücklicher Weise in der Bücherei
des Dampfers fand. Byron ist der Dichter des Reisens in vollkommenster
Gestalt. Im Zusatz zur Vorrede vom Ritter Harold nennt er die
Schönheiten der Natur und die Lust zu reisen ausser dem Ehrgeiz
vielleicht die mächtigsten Anreizungen. Noch mehr hat er es durch
seine Werke bewiesen. Wer die von ihm geschilderten Gegenden, vor
allem Griechenland, zu sehen und zu betrachten Gelegenheit hatte,
wird niemals müde werden, ihn zu verehren. Um so merkwürdiger
scheint es mir, dass er selbst den gebildeten Engländern, trotz
ihrer anerkennenswerthen Reiselust, weder genügend bekannt noch
seelenverwandt zu sein scheint. Ich habe kaum einen Engländer gefunden,
der den Anfang des dritten Gesangs vom +Corsaren+ kannte, -- jene
wundervolle Schilderung des Sonnenuntergangs am saronischen Meerbusen,
den ich selber so oft vom Nike-Tempel der Akropolis mit staunender
Bewunderung geschaut. Weit besser kennen wir Deutschen das +Hohelied
vom Reisen+, das unser +Goethe+ gedichtet:

    Doch ist es jedem eingeboren,
    Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
    Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
    Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,
    Wenn über schroffen Fichtenhöhen
    Der Adler ausgebreitet schwebt,
    Und über Flächen, über Seen,
    Der Kranich nach der Heimath strebt.

Auf dem vaterländischen Schiffe,[245] das vorzüglich eingerichtet ist,
werde ich wie ein Kind des Hauses behandelt, vom Capitän und von allen
Officieren. Der erste Maschinist erklärt mir die Schiffsmaschinen,
zeigt mir seine wundervolle Schmetterlings-Sammlung, die er durch
20jährigen Fleiss in Ostasien zusammengebracht, misst mit mir die
Zeitdauer des Sonnenuntergangs, betrachtet mit mir das Meeresleuchten,
-- wie riesige Leuchtkäfer tanzen die glimmenden Quallen auf der von
dem Schiff durchpflügten Wasserfläche, -- guckt mit mir nach den
Sternen.

Da sehen wir unsern lieben Bekannten, den +grossen Bären+, aber zur
Hälfte in das Weltmeer getaucht, während Homer von ihm singt, dass er
allein des Bades im Ocean nicht theilhaftig werde.[246] Die jonischen
Schiffer waren nicht so weit südlich vorgedrungen. Mehr als zwei Monate
dauerte es, bis ich ihn wieder vollständig erblickte.

Das gute Wetter blieb andauernd. Sonnabend, den 15. October sahen
wir zuerst die kleinen Inseln von der steilen chinesischen Küste,
gegenüber von Formosa. Das Meer war prachtvoll grün. Nachmittags kam
eine chinesische Fischerboot-Flotte in Sicht. Ich zählte gleichzeitig
innerhalb unsres Horizontes 114 Fahrzeuge. Zwei Boote fahren immer
zusammen und schleppen das dazwischen ausgespannte Netz. Am folgenden
Tage, Sonntag, den 16. October, gelangten wir nach +Hongkong+. Wir
haben also die nahezu 1000 Seemeilen von Nagasaki nach Hongkong[247] in
vier Tagen vollendet.

Die steile chinesische Küste mit ihren rothen Felsriffen sticht
prachtvoll ab von dem grünen Meer. Die Einfahrt sehe ich von der Brücke
aus.

+Hongkong ist viel schöner, als ich geglaubt.+ Die Stadt liegt auf
der Nordseite der Insel und klimmt an dem Felsen empor, wie +Neapel+.
Unten ist der mächtige Quai und die zahllosen Schiffe und Boote in dem
prachtvollen Hafen, der wie ein geschlossener Binnensee aussieht, die
stattliche Häuserreihe der Ufer-Strasse, darunter das fünfstöckige
Hotel und der Glockenthurm; weiter oben die loggien-geschmückten
Wohnhäuser der Wohlhabenden; dazwischen prachtvolle Gärten und auf der
Höhe die neuen Gasthäuser.

Wir ankern gegenüber an der Werft der Festlands-Halbinsel Cowloon,[248]
die auch den Engländern gehört, dicht neben dem Reichspostdampfer
„Neckar“ vom Bremer Lloyd,[249] und werden in dem winzigen Dampfer des
Hongkong-Hotel hinübergeschafft.

Der Quai und Landungsplatz waren +weiss von Menschengewimmel+;
denn hier innerhalb der Tropen trägt auch der Kaukasier nicht
schwarze Kleidung. „Habt Ihr nichts von der Bokhara gesehen?“ war
die allgemeine Frage. Das Postschiff +Bokhara+, von Shangai nach
Hongkong, war seit sieben Tagen fällig, aber vermisst. Da wir nichts
melden konnten, stiegen die Befürchtungen aufs höchste, zumal eine
fröhliche Cricket-Partie einen Ausflug auf dem Schiffe unternommen.
Sogleich wurde ein Kanonenboot der Regierung und ein Dampfer der
P. & O.-Gesellschaft zur Nachforschung ausgesendet. Sie kehrten
nach mehreren Tagen mit der Trauernachricht heim, dass die Bokhara
gänzlich zu Grunde gegangen. Während des Taifun war Wasser durch die
Schornsteine in die Maschine gedrungen und hatte die Feuer ausgelöscht,
der Sturm trieb das hilflose Schiff gegen die Küste von Formosa.
Nur zwei Europäer retteten sich und etwa zwanzig von den indischen
Matrosen (Laskaren). Einer der überlebenden Engländer schleuderte
in den Zeitungen heftige Beschuldigungen gegen die Laskaren; sie
hätten die Rettung der Andern nicht nur nicht befördert, sondern in
übertriebener Selbstsucht eher gehindert. Die Angegriffenen blieben
die Antwort nicht schuldig. Es scheint nicht ganz so schlimm gewesen
zu sein. Allerdings besteht +diese Gefahr+ auf den ostindischen
Gewässern, dass im Falle eines Unglücks die asiatischen Matrosen die
Befehle der Officiere vielleicht mangelhaft verstehen, wahrscheinlich
mangelhaft ausführen, eher den Kopf verlieren, mitunter sogar mehr
auf Plünderung, als auf Rettung der Reisenden bedacht sind. Mir haben
Schiffsofficiere mitgetheilt, dass sie im Falle des Schiffbruchs
zuerst nach Revolver und Bowie-Messer greifen, um jedenfalls nicht
wehrlos zu sein. Ueber jeden Zweifel erhaben war das Benehmen der armen
+chinesischen Fischer+ auf Formosa und des ihnen vorgesetzten Mandarin.
Sie thaten Alles für die Rettung der Schiffbrüchigen von der Bokhara
und von dem gleichzeitig gescheiterten norwegischen Dampfer Normannia,
-- es waren dies die beiden einzigen Schiffe, die unmittelbar vor uns
unsere Strasse befahren. Wenn Meister Hildebrandt noch vor 30 Jahren
fürchtete, beim Scheitern des Schiffes (allerdings an der +Ostküste+
der Insel Formosa) von den Eingeborenen verspeist zu werden, so dürfte
er aus Unkenntniss übertriebene Besorgniss gehegt haben.

Sehr beruhigend ist die Wirkung der telegraphischen +Kabel+. Ich hatte
sofort nach der Landung in Hongkong eine Meldung meiner glücklichen
Ankunft nach Hause gesendet. (Das Wort von höchstens zehn Buchstaben
kostet allerdings noch 2 Dollar Silber). Nach 24 Stunden war ich im
Besitz der Rückantwort. Erst vier Tage später wurde in Europa das
Scheitern der Bokhara bekannt.

Nachdem ich mich über den Hafen und die Hauptgebäude der Stadt
einigermassen unterrichtet, bekam ich im grossen Hongkong-Hotel
ein befriedigendes Mittagsmahl. Hier lernte ich zuerst die +Punka+
genauer kennen. Es ist dies ein grosser, rechteckiger, mit dünnem
Zeug überspannter Holzrahmen, der in einiger Höhe über der Tafel in
Angeln aufgehängt ist, während an den oberen Ecken Stricke befestigt
sind, vermöge deren der Riesenfächer hin- und hergeschwungen wird.
Es sieht lächerlich aus, ist aber sehr erfrischend und von Hongkong
bis gegen Suez üblich. Auf Schiffen wird die Punka öfters von einer
Maschine bewegt, in den Gasthäusern besorgt es der draussen stehende
„Punka-Knabe“, der, wie man sagt, auch im Schlaf seine Arbeit
verrichtet. Nach dem Mahl suche ich mein Schlafzimmer auf. Das Hotel
ist ein fünfstöckiges, riesiges, aber unordentliches Haus. Jedes
Schlafzimmer hat Ventilations-Einrichtungen und einen steinernen
Balcon. Trotzdem erwachte ich um 2 Uhr Nachts von der Hitze, und
merkte, dass +Hongkong weit heisser+ ist, als ich es mir vorgestellt.
Das Thermometer zeigte 23° C.

Ich zog Pantoffeln, Strümpfe und Handschuhe an gegen Moskitos und
setzte mich im Hemd auf den Balcon, zündete eine Cigarre an und
lauschte dem nächtlichen Lärm der Matrosen, den die Engländer in ihren
asiatischen Hafenstädten so gleichgültig dulden.

Die Felseninsel Hongkong[250] liegt unter 22° nördl. Breite, dicht
unter dem nördlichen Wendekreis, also südlicher als der erste Cataract
des Nil; der südlichste Punkt, den ich vorher erreicht, unter 114°
östl. Länge von Greenwich. Die Insel liegt an der Mündung des
Perlflusses (Canton River), vor der Küste der chinesischen Südprovinz
Kwantung, hat eine Länge von 20, eine Breite von 3,6 bis 7,2 km und
misst 83 qkm.[251] Die höchste Erhebung beträgt 539 Meter. Hongkong
gehört zur Gruppe der von den Portugiesen sogenannten +Ladrones+.

Blicken wir auf diesen Hafen an der Nordseite der Insel mit Dutzenden
von stattlichen Dampfern, sowohl friedlichen als auch kriegerischen,
zahlreichen Seglern und zahllosen Kähnen (Sampan der Chinesen, die
darin mit Weib und Kind wohnen, an 20000,) auf die mächtigen Werften,
das steinbedämmte Ufer, das dem Meere unter ungeheuren Kosten Raum
abgewinnt, die stattliche Praya oder Uferstrasse mit den hohen,
steinernen Geschäftshäusern, die schöne Stadt (+Victoria+), welche
an dem grünen Hügel emporklimmt und durch eine Drahtseildampfbahn,
die einzige in Asien, mit den prachtvollen Wohn- und den mächtigen
Gast-Häusern hoch oben auf der Spitze des Felsens (dem +Pik+)
verbunden ist; so können wir uns kaum vorstellen, dass vor 40 Jahren
Hongkong eine ganz öde Insel war, die nur von wenigen chinesischen
Steinschlägern und Fischern, die gelegentlich auch Seeraub trieben,
bewohnt wurde. Jetzt ist es der grösste Handelshafen an der ganzen,
ungeheuren chinesischen Küste und die erste Etappe der Engländer auf
der wichtigen Meeresstrasse zwischen ihrem Dominion Canada und ihrem
Kaiserreich Indien; gleichzeitig ein wichtiger Wachtposten an der
Pforte von Südchina.

Seit 1837 ist Hongkong Ankerplatz von Handelsschiffen für Canton und
Macao. Nach dem ersten Kriege gegen China wurde es 1841 an England
abgetreten, nach dem zweiten Kriege seit 1843 besiedelt, nach dem
dritten Kriege (1857) wurde 1860 auch die Halbinsel Cawloon[252] auf
dem chinesischen Festland an die Engländer abgetreten. Eine mächtige
chinesische Stadt ist hier entstanden, da der Handel Verdienst
versprach. Die Zahl der Einwohner der Colonie betrug 1881 150000,[253]
darunter waren nur 8000 Europäer.

Die Engländer halten hier eine kleine Kriegsflotte und eine Besatzung
von etwa 1500 bis 2000 Mann, die theils aus Europäern, theils aus
indischen Soldaten besteht, hauptsächlich aus hochgewachsenen,
rothbeturbanten Sikhs in der bequemen gelblichen Leinwand-Uniform. Die
ausgezeichneten, nach unseren Begriffen sogar üppigen Baracken der
Soldaten liegen am Westende der Stadt und auf den Hügeln von Cawloon.
Natürlich wohnt in Hongkong ein englischer Gouverneur, ein Admiral
(Commodore), ein General.

Die Polizisten sind theils Sikhs, theils Chinesen; nur die oberen
Stellen werden mit Engländern besetzt. Sicherheit und Ordnung sind
befriedigend, obwohl die Insel, wegen ihrer günstigen Lage, den
Zufluchtsort der aus Südchina fliehenden Verbrecher darstellt. Der
Handel ist bedeutend, da Victoria einen +Freihafen+ besitzt, jedoch
nicht mehr so allein herrschend, seitdem verschiedene Vertragshäfen
an der chinesischen Küste den Europäern eröffnet sind. Aber immerhin
handeln die meisten chinesischen Häfen nicht unmittelbar mit Europa,
sondern durch Vermittlung von Hongkong. Ein grosser Theil des Handels
liegt in den Händen der +Deutschen+, die in bester Lage der Stadt
ein grossartiges Clubhaus in gothischem Stil, aus grauröthlichem
Hongkong-Granit errichtet haben, eines der +schönsten Gebäude+ in
Ostasien.

Durch englische, deutsche, österreichische, französische und andere
Dampferlinien steht Hongkong einerseits mit Europa, namentlich seit
Eröffnung des Suezkanals, ferner mit Indien, China, Japan, endlich mit
Amerika und Australien in reger Verbindung.

1884 liefen ein;

                 26763 Schiffe  mit 5000000 Tonnen,
    darunter      2976 Dampfer   „  3259000   „   ,
                   314 Segler    „   290000   „   ,
                 23473 Dschunken „  1687000   „   .

2397 Schiffe waren britisch, 474 +deutsch+. 1890 verkehrten im Hafen
von Hongkong 27626 Schiffe mit 6688000 Tonnen. Die Einfuhr beläuft sich
auf jährlich 130 Millionen Mark für Opium, 32 für Baumwollenstoffe,
ebenso viel für Rohbaumwolle und 20 Millionen für Reis. Die Ausfuhr
besteht in Thee, Seide, Zucker, Reis. Der Werth der Einfuhr betrug 381
Millionen Mark im Jahre 1890, der der Ausfuhr 174 Millionen Mark.

Hongkong ist ein sprechendes Beispiel des grossen Geschicks der
Engländer in der Colonisation.

Aber die Geschichte Hongkongs erzählt auch von mannigfachen
Unglücksfällen. Anfangs litten Truppen und Colonisten an tödtlichen
Fiebern, bis es gelang, Häuser und Baracken besser zu bauen. Im Jahre
1856 entstanden auch Aufstände unter den Chinesen und im Jahre 1857,
als Canton zum dritten Mal von den Engländern beschossen wurde,
versuchte ein chinesischer Bäcker zu Hongkong, A Lum, die Fremden durch
arsen-vergiftetes Brod auszutilgen. Aber er hatte die Gabe zu niedrig
gegriffen, der Anschlag wurde entdeckt, ehe viel Schaden angerichtet
war. Während 1860-1866 grosser Wohlstand herrschte, (1864 wurde die
Gasbeleuchtung, 1866 die Münze eingerichtet,) so folgte darnach
eine schwere Geschäfts-Bedrängniss, ebenso 1873, als der Kuli-Handel
endgiltig verboten wurde, nachdem die unglücklichen Halbsklaven mehr
als einmal auf hoher See das Frachtschiff verbrannt hatten.

1874 enterten chinesische Seeräuber den Dampfer Spark, der zwischen
Hongkong und Macao fuhr, und ermordeten den grössten Theil der
Matrosen. 1862, 1865, 1867, 1874 und 1875 wurde Leben und Eigenthum
durch Taifune vernichtet. Wenn man den Wirbelsturm vorher merkt, so
warnt ein Kanonenschuss die Schiffer und Strandbewohner. Eiligst suchen
die Sampan Cawloon oder den Strand von Hongkong zu gewinnen; und doch
musste man 1874 nach dem Sturm Tausende von Leichen aus dem Hafen
fischen. 1862, 1867, 1878 wütheten grosse Feuersbrünste. Jetzt sind
auch die Chinesen gezwungen, die Häuser aus Stein und einigermassen
feuersicher anzulegen.

Die Stadt Victoria folgt der Nordküste der Insel für 5½ Kilometer und
ist ganz von Hügeln eingeschlossen. In der Mitte liegt die europäische
Stadt, die riesigen Geschäftshäuser ganz nahe der Küste, massiv aus
Granit gebaut, um dem Taifun zu widerstehen. Die Wohnhäuser der
Wohlhabenden liegen auf den Hügeln und ziehen sich staffelförmig
mehrere hundert Fuss weit empor. Breite Strassen, mit prachtvollen
Bäumen bepflanzt, winden sich von einer Terrasse zur andern empor und
führen zu Gärten mit den herrlichsten Tropengewächsen. Der granitne
Hafendamm säumt die Uferstrasse (Praya) ein und ist über 3½ Kilometer
lang. In der Mitte der Stadt, dicht neben der Werft, erhebt sich der
Glockenthurm, das Wahrzeichen von Victoria. In der Nähe ist Post- und
Telegraphen-Amt, sowie der höchste Gerichtshof, Hongkong-Hotel, die
hauptsächlichsten Clubs, und in einem schönen Garten das Haus des
Gouverneurs.

Im Osten der Stadt liegt City hall mit Theater, Ballsälen und einem
Museum. Die Vorderseite des stattlichen Gebäudes trägt noch den
Schmuck der 50jährigen Jubelfeier der Königin-Kaiserin Victoria,
ihr Bild und darunter die Zeichen: V. R. 1837, 1887. Davor steht
ein monumentaler Brunnen mit Triton oben, Karyatiden unten, 4
Löwen-Kätzchen rings herum. Dass er schön sei, möchte ich nicht
glauben; dass er an diesen Ort passe, wird Niemand behaupten. Dann
folgen Parade- und Cricket-Gefilde sowie Baracken. Die öffentlichen
Gärten sind bewunderungswürdig. Am Westende der Stadt (West Point) ist
das Hauptquartier der Chinesen mit ihren Theatern, Gasthäusern, Hotels,
Speise- und Theewirthschaften, sowie sonstigen Vergnügungsorten.

Am nächsten Morgen, (Montag, 17. October) fuhr ich zunächst von dem
Landungsplatz auf dem kleinen Omnibus-Dampfer nach Cawloon und holte
Dr. Dannemann von der „Nürnberg“ ab. Wir fuhren zurück nach Victoria
und in Jinrikisha, die hier von kräftigen Chinesen gezogen wird, nach
dem +glückseligen Thal+ (Happy valley) am Ostende der Stadt.

Umgeben von bewaldeten Hügeln, durchzogen von wasserreichen Flüsschen,
prangt das Thal in immerwährendem, herrlichstem Grün. Die Mitte wird
von dem Platz für das Wettrennen der Pferde eingenommen, für das ich
nicht das warme Herz habe, wie die Engländer, welche tief beklagen,
dass wegen des Daniederliegens von Handel und Verkehr nicht mehr
europäische Rassepferde, sondern mongolische Ponnys sich tummeln. Desto
mehr fesselten mich die Friedhöfe, welche das Thal umsäumen und gegen
die Hügel sich lehnen. Der englische Friedhof enthält ein gut Stück
Colonialgeschichte. Da ruht manch’ tapferer Soldat und Seemann fern von
Altengland in der Erde, der man bei + 24° C. mittlerer Jahrestemperatur
nicht einmal das übliche Beiwort der kühlen ertheilen kann. Da hat auch
der preussische Capitän zur See, Kupfer, aus Berlin seine Ruhestätte
gefunden; und preussische Adler aus Stein breiten ihre Fittiche über
seine Grabessäule. Die herrlichsten Palmen und Blüthensträucher mildern
den traurigen Eindruck der Todtenstätten. Der römisch-katholische
Friedhof birgt die Gebeine der Irländer und der Portugiesen; die
Leichensteine beider Völkerschaften sind durch lange und schwungvolle
Inschriften ausgezeichnet. Kleiner sind die Kirchhöfe der Mohammedaner
und der Parsi. Die letzteren scheinen hier hauptsächlich nur
Leichensteine zur Erinnerung, keine Gräber zu haben. Hier ist kein
Thurm des Schweigens, wie zu Bombay. Man betritt die offene und leere,
aus Granit gebaute Halle, wo die Angehörigen zu weihevollem Gebete sich
sammeln.

Noch etwas weiter östlich liegt Bay-View, ein Gasthaus am Strande, wo
ein würdevoller Negergreis aus den Vereinigten Staaten wirthschaftet,
ein ehemaliger Schiffskoch, der hierher verschlagen wurde, und im
gewähltesten Englisch seinen chinesischen Dienern gebietet. Gutes,
auf Eis gekühltes Flaschenbier wird hier in einer erhöhten Laube
verschenkt. Wir treffen hier auch, laut Verabredung, Herrn Dr.
+Schild+, Schiffsarzt des „Neckar“, vom Bremer Lloyd, und Herrn Dr.
+Pauluhn+, den Arzt unseres kleinen deutschen Kriegsschiffes „+Iltis+“,
das im Hafen von Hongkong die vaterländische Flagge entfaltet.

Zurückgekehrt nach Cawloon nehmen wir das Frühstück an Bord der
„Nürnberg“ zusammen mit Capitän +Schmölder+ vom „Neckar“, und
betrachten dann die Abfahrt des letztgenannten Dampfers, der nach
der Heimath zurückkehrt. Die Musikbanden beider Dampfer lassen
vaterländische Weisen ertönen, am Ufer brennt ein chinesischer
Geschäftsfreund ein grossartiges Feuerwerk ab, lustig weht die deutsche
Flagge im Winde. Aber auch dieser grossartige Dampfer hat wenig
Cajütreisende. Es ist das auch natürlich bei einer vierwöchentlichen
Fahrt. Bei zweiwöchentlicher könnte der Reisende sich besser auf
unsere Schiffe einrichten. Ein grösserer Zuschuss vom Reiche wäre
wünschenswerth.

Bei aller durch die Verhältnisse gebotenen Sparsamkeit kann
Colonialpolitik nicht vom Krämerstandpunkt aus behandelt werden.
Man muss mehr Geld daran wagen und nicht augenblicklich den Ertrag
erwarten. Es sind Saaten für die Zukunft gestreut, die +später+
reichlich +Früchte+ tragen werden. Die gleichen Ueberzeugungen finde
ich auch in den Schriften derjenigen Landsleute, welche draussen in
Asien sich umgesehen.

Gegen Abend besuchte ich Herrn Dr. +Gerlach+, einen ausgezeichneten
deutschen Arzt, der in Hongkong seit 1872 wirkt und nicht bloss für
die deutsche Colonie Trost und Hoffnung in allen Krankheitsnöthen
darstellt, sondern auch ein feingebildeter, liebenswürdiger Mensch und
grosser Kunstkenner ist und sein Junggesellenheim mit prachtvollen
Erzeugnissen chinesischer und japanischer Kunstfertigkeit reich
geschmückt hat.

Dr. Gerlach zeigt mir auch die kürzlich gedruckte Sammlung der
chinesischen, gegen die christlichen Missionäre gerichteten
Mauer-Anschläge, welche durch Wort und Bild den christlichen Sendboten
die ungeheuerlichsten und unglaublichsten Missethaten vorwerfen und die
jüngsten, so bedauerlichen Volksaufstände gegen die Christen im Norden
von China mit veranlasst haben. In dem letzten Frieden mit den Chinesen
ist den Missionären das Recht der Predigt und Bekehrung ausdrücklich
gewährleistet. Ich habe englische Officiere gesprochen, welche diesen
Punkt des Vertrags bedauerten. Europäische Consuln haben mir gestanden,
dass ohne die Missionäre keine Schwierigkeiten mit China vorhanden
wären.

Am Dienstag, den 18. October, unternehme ich mit Dr. Dannemann und
Obermaschinist Bischoff einen Ausflug nach +Canton+, der drei Tage
in Anspruch nimmt, auf dem grossen Raddampfer +Hankow+, der in
Nord-Amerika gebaut ist, und wie ein Hudson-Dampfer aussieht

Derselbe muss wohl über die erste Jugend fort sein, denn vor 30 Jahren
fuhr darauf unser Landsmann Hildebrandt denselben Weg. Die fürstliche
Einrichtung, die jener rühmt, konnte ich nicht mehr finden; dagegen ist
noch, wie damals, die ganze Breitseite des auf dem Oberdeck gelegenen,
geräumigen und bequemen Salons mit Flinten und Säbeln geschmückt.

Noch heute rechnet man, wie damals, auf Piraten-Angriffe,[254] obwohl
in diesen 30 Jahren so viele Seeräuber theils im Kampf erschossen,
niedergehauen, in’s Wasser gestürzt, theils später in Canton geköpft
oder gepfählt, oder in Hongkong aufgehängt worden sind. Noch heute
werden die Hunderte von Chinesen, die in der zweiten und dritten Classe
des Schiffes nach Canton fahren, auf das schärfste überwacht: sie sind
von uns ab- und eingeschlossen, können weder auf das Oberdeck noch an
die Steuerung, noch an die Maschine gelangen.

Die Rhederei kann sie nicht entbehren; denn von uns 6-8 Cajütreisenden,
deren jeder 5 Dollar für Fahrt und ganz gute Verpflegung[255] zahlen,
kann sie nicht leben. Die Entfernung von Hongkong bis Canton beträgt 95
englische Meilen (oder 80 Seemeilen), die Fahrt dauert 6 Stunden, also
macht das Schiff fast 14 Knoten.

Pünktlich um 8 Uhr Morgens waren wir vom Quai zu Victoria abgefahren.
Der Hafen ist nicht bloss geräumig, sondern auch tief, so dass wir auf
einer fliegenden Holzbrücke vom Ufer auf den Dampfer steigen können.
Die Ausfahrt gewährt einen prächtigen Blick, wie die aus Neapel oder
Stambul. Der Weg führt durch die breite, mit kahlen Inseln besetzte
Canton-Strasse nördlich, bis wir Mittags die Delta ähnliche Mündung
des Perl- oder Cantonflusses erreichen, die von den Chinesen hu-mun,
von den Portugiesen in wörtlicher Uebersetzung Boca Tigris, also
Tiger-Rachen, genannt wird.

Hohe, dunkle Felsen ragen am rechten Ufer empor. Die Tiger-Insel liegt
eine kurze Strecke oberhalb der Mündung. Die Befestigungen der Chinesen
auf den Inseln und den Ufern haben früher das Gelächter der Europäer
erregt und sind ja auch in den drei Opium-Kriegen von den Engländern
mit stürmender Hand erobert worden. Heute scheint die Sache etwas
anders zu liegen. Neben den schwerfälligen Forts der alten Zeit sind
unter sachkundiger Leitung eines Deutschen auch ganz moderne Batterien
Krupp’scher Kanonen aufgestellt, die, wenn sie richtig bedient werden,
jedem Feind schon Achtung einflössen könnten. Dagegen sind die
ausserordentlich zahlreichen im Fluss verankerten Kriegsdschunken mit
ihren kleinen, auf Zapfen drehbaren Kanonen wohl gegen Seeräuber und
Schmuggler, aber nicht gegen europäische Kriegsschiffe brauchbar.

Gewaltig ist der Verkehr der Boote und Dschunken, die dem Dampfer
nur unwillig ausweichen; höchst sonderbar sind die +Heckradschiffe+,
deren Triebkraft aber nicht durch Dampf, sondern durch ein von 10-20
Kuli bedientes Tretrad geliefert wird. Diese Schiffe sollen erst seit
20 Jahren gebaut werden. Sie sind Nachahmungen europäischer bezw.
amerikanischer, mit asiatischer Verwendung der überschüssigen und so
billigen Menschenkraft statt des Dampfes; ferner ein Beweis, dass
denn doch nicht die Mongolen durchaus starr und verknöchert auf dem
bisherigen Standpunkt verharren. Dagegen sind die Boote mit grossen
angemalten Augen[256] am Vordertheil selten geworden. Die Ufer werden
bald flacher, Reis- und Gemüsebau wird sichtbar und ausserordentlich
zahlreiche Dörfer, jedes mit einem vierstöckigen, granitnen,
thurmähnlichen Gebäude. Das ist das Pfandleihhaus des Dorfes, wo
die Leute im Sommer ihre Winterkleider versetzen und im Winter die
Sommergewänder. Der Pfandleiher sorgt für sichere Aufbewahrung und ist
sogar gegen gewaltsame Angriffe von Räubern gewaffnet; er nimmt nur
20-36 Procent. In der Stadt Canton giebt es über hundert Pfandleiher
erster Classe.

Bald nach Mittag erscheint auf einem flachen Hügel die erste Pagode.
Es ist dies ein neunstöckiger, schlanker und sich verjüngender Thurm,
offenbar schon alt und etwas verfallen, mit Sträuchern in den Fugen und
auf dem Dache, jedenfalls etwas ganz anderes, als wir uns unter diesem
Namen vorstellen, übrigens kein eigentlicher Gebetstempel, sondern ein
Bau, der die guten Geister herbeiziehen, die bösen besänftigen oder
vertreiben soll.

Wir halten 12 englische Meilen unterhalb unsres Reiseziels, in
+Wampoa+, welches den eigentlichen Hafen von Canton bildet; landen
Reisende und nehmen neue ein; eine Stunde später, nachdem wir die
merkwürdige Boot-Vorstadt passirt, in Canton selber, und werfen hier
Anker vor der Fremden-Ansiedlung, der kleinen Insel +Schamin+. An’s
Land bringt uns ein chinesisches Boot (Sampan), bemannt von einer
tüchtigen +Chinesin+, die durch ein neusilbernes Schild auf der Brust
mit eingegrabener englischer Inschrift als Angestellte des Hotels sich
ausweist und natürlich ihre drei Kinder bei sich hat, denn die Familie
besitzt keine andere Heimstätte.[257]

Sie lenkt den Kahn an die Landungstreppe, trägt unser Handgepäck,
bringt uns in’s Gasthaus und erkundigt sofort, wann wir wieder ihre
Hilfe brauchen werden.

Die Gastfreundschaft der Europäer in Canton ist noch ebenso
hervorragend, wie früher, und wurde auch uns sowohl von dem
Vertreter des deutschen Reiches, Herrn +Lange+, als auch von dem
des norddeutschen Lloyd, Herrn +Melchers+, auf das liebenswürdigste
angeboten; aber der Reisende ist heutzutage nicht mehr auf dieselbe
angewiesen. Ebensowenig auf ein Nachtlager am Bord des Dampfers. Denn
das +Schamin-Hotel+ genügt mässigen Ansprüchen.

Freilich das Mittagsmahl nahmen wir bei Herrn +Melchers+ und statteten
auch dem internationalen Club auf Schamin einen Besuch ab.

Canton, chinesisch +Kwang-chow-foo+ (Kwangtschou), liegt an dem linken
oder Nord-Ufer des Perlflusses oder Chu-kiang, der hier eine Biegung
von West nach Ost macht, und ist die Hauptstadt der Provinz Kwang-tung
und eine der wichtigsten und grössten Städte des chinesischen Reiches.
Die Bevölkerung wird auf 1600000 angegeben. Die alte Stadt ist etwa 3
Kilometer breit und hat einen Umfang von 10 Kilometern. Sie wird ganz
und gar von einer Mauer umschlossen, die 6 Meter dick und 7-13 Meter
hoch ist; die westliche Vorstadt wird jetzt als Neustadt bezeichnet.

Der gesammte Umfang beträgt 16 Kilometer, 16 Steinthore und zwei
Wasserstrassen führen in’s Innere, das durch Mauern und feuersichere
Thore noch in 36 Bezirke getheilt wird, um Feuersbrunst oder --
Aufstand möglichst auf den Ursprungsheerd zu beschränken.

Canton ist der Hauptsitz des Vicekönigs der beiden Süd-Provinzen
China’s, die den Namen Kwang führen (Kwang-tung[258] und Kwang-Su)
und 40 Millionen Einwohner zählen, des Gouverneurs der erstgenannten
Provinz und des Tatarengenerals, der die Besatzung befehligt; endlich
ein chinesischer Musensitz ersten Ranges, -- denn das Gebäude der
Staatsprüfungen enthält gegen 15000 Einzelräume.

Die Stadt hat den +ältesten+ Verkehr der Chinesen mit der Aussenwelt
vermittelt und trägt dem +neuesten+ Rechnung. Schon im 10. Jahrhundert
unsrer Zeitrechnung fuhren kühne arabische Seefahrer von den Häfen
Westasiens bis nach Canton. 1516 landeten hier die +Portugiesen+,
wurden aber wieder vertrieben.

+Macao+ (an der Westseite des Eingangs zur Strasse von Canton) ist
das einzige, was ihnen geblieben, und das auch nur durch eine
Jahresabgabe von 500 taël, die sie bis 1848 an China gezahlt. 1886 hat
die chinesische Regierung sogar eine Aufforderung an die portugiesische
gerichtet, Macao[259] zu räumen!

Etwa hundert Jahre nach den Portugiesen erschienen in Canton die
+Holländer+. Deren Erbschaft haben die +Engländer+ angetreten.
Obwohl bereits 1684 die ostindische Gesellschaft hier eine
Handelsniederlassung gegründet, so ist Canton doch eigentlich erst 1842
dem Wortlaute des Vertrages nach und 1857 thatsächlich dem Welthandel
eröffnet worden. 1885 betrug der Eingang an Schiffen europäischer
Bauart:

    1107 Dampfer mit 1 Million Tonnen und
    1147 Segler   „  „   „       „ .

+Die deutsche Flagge kommt an zweiter Stelle+, nach der englischen.
Werth der Ein- und Ausfuhr 170 Millionen Mark, davon entfallen 78
Millionen Mark auf die Ausfuhr von Seide, Thee, Zucker, Matten, Cassia,
Porzellan. Die Einfuhr besteht in Baumwollenwaaren, Reis, Weizen,
Opium, Metallwaaren. Canton ist die erste Industriestadt China’s und
ein hervorragender Markt für den +inländischen+ Handel.

Früh erwache ich, am Mittwoch den 19. October und schaue das Gewühl
der Boote, die durch den schmalen Canal zwischen Schamin und der
eigentlichen Stadt mit Bambusstäben fortgestossen werden.

Schamin heisst Sandbank. 1859 ist hier eine künstliche Insel
aufgeschüttet und den Europäern zum Wohnsitz übergeben worden.
Dieselben haben Bäume und Rasen, eine Uferstrasse und hübsche Wege,
bequeme Wohn- und grosse Geschäfts-Häuser, ein Hotel, einen Club,
einen Cricket-Platz geschaffen, eine kleine Polizei-Truppe und ein
Freiwilligen-Corps zur Feuerwehr und zur Vertheidigung errichtet. Denn
nur ein schmaler Canal trennt ihren so ruhigen Zufluchtsort von dem
betäubenden Gewühl der grössten echt chinesischen Stadt, wo man die
Fremden hasst, mehr als irgendwo sonst in China, da die Erinnerung an
die dreimalige Beschiessung seitens der Engländer noch im Bewusstsein
der Einwohner lebendig geblieben ist. Es ist noch gar nicht so lange
her, dass der Versuch gemacht wurde, die verhasste Fremden-Stadt
nieder zu brennen. Aber die chinesische Regierung sorgte zärtlich für
die letztere, aus dem einfachen Grunde, weil sie für jeden Schaden
aufkommen müsste und erkleckliche Entschädigungssummen zu zahlen hätte.
Laut Gesetz darf auf Schamin kein Chinese wohnen, der nicht von den
Europäern als Diener angestellt und beherbergt wird. Laut Gesetz darf
kein Chinese aus Canton nach dem Abendzapfenstreich auf der Insel
verbleiben. Die Wache an der Hauptbrücke, die über den Canal führt,
lässt Abends die Posaunen ertönen, die gar nicht so übel erklingen,
und macht die Runde, um die Insel abzusuchen; schliesslich wird ein
Signalschuss abgefeuert und das Thor geschlossen.

Die Bewaffnung dieser Soldaten ist höchst wunderbar, einige haben
Hellebarden, andre kurze Carabiner mit trichterförmig erweitertem Ende
des Laufes, wie wir sie aus den Abbildungen spanischer Räuber vom
Anfang des Jahrhunderts kennen.

Sowie der Tag anbricht, wird der Verkehr wieder preisgegeben.

Sehr höflich öffnete mir die Wache das Thor, als ich um 7 Uhr Morgens
über die Brücke schritt. Am Canal entlang sind die Läden kleiner
Krämer, die alles Mögliche führen, auch Seifen, Knöpfe, Nadeln,
Glassachen aus Deutschland und Oestreich; ferner die Gewölbe der
Grosshändler voll Reis und Tabak, endlich Speisewirthschaften für die
Fischer und Lastträger. Ich kann nicht sagen, dass die Chinesen meine
Wiss- und Neubegier so freundlich befriedigten, wie ich dies früher
in Tunis, Aegypten, vor Kurzem in Japan und später in Indien erlebte.
Sie betrachten uns Europäer mit spöttischem Hohn, der noch dazu mit
einem Gefühl von Ueberlegenheit gemischt ist. Kinder beweisen uns
unverblümt ihren Abscheu, zeigen auch mitunter ein wenig Furcht vor den
„rothen Teufeln.“ Hin und wieder hört man dies Schimpfwort (Fankei).
Der Europäer muss gelassen bleiben. Dann geschieht ihm nichts. Nie
kömmt es zu Thätlichkeiten. Gebildete Chinesen, die zu dieser Zeit an
diesem Ort nur sparsam vertreten waren, benehmen sich anders. Einer kam
auf mich los und sagte, indem er auf den johlenden Kinderhaufen wies:
„Belly[260] young, no education.“

Herr Bischoff, der öfters im Innern von China gewesen, um
Schmetterlinge und Vögel zu jagen, rühmte mir die Höflichkeit und
Gastfreundschaft der Landbewohner, die unter freundlichem Grinsen mit
ihrem Gruss: „+Tchin, tchin+“ den Fremden empfangen.

Um 8 Uhr pünktlich erschien, laut der Abends zuvor mit seinem Sohne
getroffenen Verabredung, Herr Ah Cum, Canton City Guide, wie auf seiner
Visitenkarte zu lesen ist, ein würdevoller alter Chinese mit Käppchen,
Seidengewand und Filzstiefeln, den unvermeidlichen Fächer anmuthig mit
der dürren Rechten bewegend. Er brachte, für sich und für uns drei,
vier Sänften und 16 Träger mit. Vergeblich suchte ich, als der älteste
der kleinen Gesellschaft, ihm unsren Feldzugsplan klar zu machen; wir
wollten zwei volle Tage der Besichtigung Cantons widmen und Alles
langsam und behaglich betrachten.

Mit überlegener Würde bewegte er seinen Fächer und sagte, er kenne das
besser, wir würden das Alles sehr gut in +einem+ Tage sehen. Er hatte
Recht.

Erstlich sind die Sehenswürdigkeiten weder zahlreich noch entzückend
für den Reisenden; zweitens kauft der letztere am zweiten Tage doch
nichts mehr in den Läden, in welche er geschleppt wird: also fehlt
der Nebenverdienst für Herrn Ah Cum Wohlgeboren. Uebrigens war die
Schluss-Rechnung, die er machte, als mässig zu bezeichnen. Die
Besichtigung, die er uns verschaffte, schnurrte so regelmässig ab, wie
eine Rundfahrt in einem Caroussel.

Erstaunlich ist die +Menschenanhäufung+ in den engen, kaum drei
Schritt breiten, mit Granitschwellen gepflasterten und mit unzähligen
farbigen, senkrecht herabhängenden Aushängeschildern geschmückten
Geschäftsstrassen, durch welche unsre Träger nur mit Mühe und stetem
Geschrei sich durcharbeiten. Zuerst kommt die Sänfte des Herrn Ah Cum,
dann die meine, darauf die des Herrn Bischoff, dessen achtunggebietende
Hühnengestalt die Ladenburschen zum Schweigen bringt, während sie
nach der letzten Sänfte, des Jüngsten unter uns, öfters die Fäuste
ballten und Schimpfworte ausstiessen. Wegen der Enge der Strassen und
des steten Gewühls erscheint uns die ganze Stadt wie ein einziger
Volks-Auflauf.

Was wir besuchen, sind I) +Läden+. Zuvörderst (1) einen, wo die
bekannten +Reispapier+[261]-+Malereien+ feil geboten werden. Ich kaufe
ein Dutzend, welche chinesische Trachten, bis zu den kostbarsten,
darstellen, für den billigen Preis von 90 Cts.; während die eifrigst
angebotenen Hinrichtungsscenen meinen Beifall nicht finden. Unser
Meister +Hildebrandt+ hat sehr abfällig geurtheilt über diese
Pinseleien. Natürlich ist der Kunstwerth sehr gering; aber der Preis
ist es auch. Ein Künstler macht den Umriss, ein zweiter malt das
Gesicht, ein dritter die Hände, ein vierter das Gewand. (Bessere
Leistungen sah ich bei dem Miniaturmaler in Hongkong, bei dem ich meine
Photographien kaufte.)

Sodann (2) kommt die +Klein-Mosaik-Arbeit+. Auf Spangen und andere
Schmuckgegenstände von gepresstem Metall werden winzige Stückchen
von Vogelfedern, die blau und purpur schimmern, mit höchster Geduld
und Sorgfalt aufgeklebt. Damen, welche Halsketten aus kleinen,
verschiedenfarbig strahlenden Muscheln tragen, werden auch an diesem
Schmuck Gefallen finden.

Hierauf folgt (3 u. 4) +Seiden-Weberei+ und +Seiden-Stickerei+.
Die erstere wird auf dem Handwebstuhl betrieben, die letztere
nur von Männern ausgeführt. Die besseren Läden haben alle ein
Oberlicht-Fenster, ausserdem steht die Thür offen, so dass es nicht an
Licht fehlt.

Beim +Schwertfeger+ (5) sah ich dieselbe Uebung wie in Japan,
abgeschliffene Haifischhaut auf die Holzscheiden geklebt.

Der +Elfenbeinschnitzer+ (6) endlich suchte riesengrosse
Schachfiguren, Fächer und Essstäbchen-Bestecke an den Mann zu bringen,
sowie in einander geschachtelte Hohlkugeln, deren Herstellung uns
ebenso überflüssig wie unbegreiflich vorkommt. Sie sind nicht etwa
zusammengeleimt, sondern werden von aussen nach innen zu gearbeitet;
sind auf der Oberfläche der soliden Elfenbeinkugel zwei kreisförmige
Löcher bis zu einer gewissen Tiefe hergestellt, so wird mit eisernem
Geisfuss der Zwischenraum zwischen den Löchern untergraben u. s. w.

Nachdem Herr Ah Cum durch den Versuch festgestellt, wie gross unsere
Kauf-Kraft oder Lust war, brachte er uns zu der 2. Gruppe von
+Sehenswürdigkeiten+, den +Tempeln+ (II.), deren 800 in Canton sich
befinden, aber nur zwei unseres Besuches für würdig erachtet wurden.

7) +Der Tempel der+ 500 +Genien+ oder Buddha-Schüler enthält, wie der
Name besagt, 500 lebensgrosse, vergoldete Holzbildsäulen, von denen so
manche uns lächerlich vorkommt. Eine Bildsäule trägt einen europäischen
Hut und hat auch leidlich kaukasische Gesichtszüge und wird deshalb dem
Reisenden mit besonderer Feierlichkeit als +Marco Polo+ vorgestellt.

In der Nähe dieses Tempels ist der +Edelstein-Markt+. Die Chinesen
schätzen den +Nierenstein+ (Nephrit, englisch Jade), der aus dem
Kuen-Lün Gebirge stammt, so hoch wie die Kaukasier den Diamant. Jeder
Reiche schmückt sich und sein Weib mit Zierrath aus diesem Stein,
Finger-Ringen, Armbändern u. dgl.; der Arme trägt Nachahmungen aus Glas.

8) Der +Tempel des Schreckens+ zeigt eine gute Sammlung von
Höllenmartern in plastischer Darstellung, das Kochen und Sieden der
armen Seele, das Zersägen, Zerhacken, Zerstampfen. --

In einem Tempelthurm ist eine alte +Wasseruhr+. Vier Kupferbecken sind
so übereinander aufgestellt, dass das Wasser von dem einen immer in das
andere herabträufelt; in dem untersten ist ein Schwimmer mit Massstab.
Der Wächter bezeichnet die Stunden durch weisse Tafeln mit grossen
schwarzen Nummern. Zwei Mal am Tage wird das Wasser vom untersten
Becken wieder in das oberste hineingefüllt. Die ganze Einrichtung war
etwas schmutzig und schäbig, wie die meisten chinesischen „Tempel“, die
ich gesehen. Doch hat man von hier eine hübsche Aussicht auf die Dächer
von Canton.

Die dritte Art von Sehenswürdigkeiten (III) muss ich in Ermangelung
eines besseren Namens als +Vermischtes+ bezeichnen.

Natürlich wurden wir nach einem +Gefängniss+ (10) geschleppt. Wer eine
solche Besserungs-Anstalt im +wirklichen+ Europa unsrer Tage oder in
den altenglischen Staaten von Nordamerika oder in Neu-Japan besichtigt
hat, kann Abscheu und Entrüstung nicht zurück halten, wenn er diesen
niedrigen, schmalen, nur durch ein festes Gitter aus rohbehauenen
Baumstämmen, nicht etwa durch eine Wand, von der Strasse abgetrennten
Stall betritt, wo auf schmutziger Streu die halbverhungerten, auf
Bettel- und Selbstbeköstigung angewiesenen, theils angeketteten,
gelegentlich auch mit dem Kopf durch ein Holzbrett gestreckten
Gestalten lagern und den Reisenden kläglich anbetteln. Ich eilte von
dannen und hatte keine Lust, die „Marterwerkzeuge“ zu betrachten, die
einer der Begleiter zu sehen verlangte und deren Existenz Herr Ah Cum
würdevoll in Abrede stellte. Denn trotz aller Selbsteingenommenheit
beginnen die Chinesen ihrer Strafvollstreckung sich zu schämen,
wenigstens wenn Europäer dieselbe in Augenschein nehmen wollen. Auch
die Zahl der Hinrichtungen (vom Gefängniss zum Richtplatz ist nur ein
Schritt in China,) hat in letzter Zeit erheblich abgenommen.

Die +Hinrichtungsstätte+ (11) ist eine Töpferwerkstatt auf einer
schmalen Strasse. Der Töpfer holte flugs, als wir erschienen, einen
Schädel aus einem Sack und öffnete die linke Hand für das Trinkgeld.
Wohlweislich hatte ich Herrn Ah Cum bedeutet, dass wir das Köpfen eines
Menschen keineswegs für ein sehenswerthes Schauspiel hielten; aber er
hatte mich vollständig beruhigt.

+Squeezi Pidgin+ oder Quälgeschäft heisst in dem englisch-chinesischen
Kauderwälsch Ostasiens eine Gerichtsverhandlung; so könnte aber
mit vollem Recht auch die +chinesische Staatsprüfung+ genannt
werden. Da sind in der +Prüfungshalle+ (12) 12000 oder gar 15000
käfigartige Zellen vorhanden, in denen die unglücklichen Prüflinge
streng abgeschlossen und im Schweisse des Angesichts ihre Kenntnisse
von den „Klassikern“ zu beweisen haben. Kaum 150 von den 10000
erreichen alljährlich das Ziel, in die höhere Beamten-[262]Laufbahn
hineinzuschlüpfen. Mit grosser Ehrfurcht zeigte uns ein Bogenschütze
das ungeheure, jetzt ganz leere Gebäude, das auch uns Europäern, und
mir insbesondere, der ich schon 23 Jahre als Universitätslehrer wirke,
die grosse Wahrheit predigte: Prüfungen sind ein schreckliches, aber
leider unvermeidliches Uebel.

Endlich erreichten wir das Ende der Stadt und den hohen und breiten
+Wall+ (13), der oben neueres Mauerwerk mit Schiessscharten und
Hunderte von unbrauchbaren, nicht einmal mit Lafetten versehenen
Eisenkanonen enthält. Neugierig las ich die Inschriften und fand
vielfach die Jahreszahl 1814; es ist altes Eisen, das nach den gegen
Napoleon Bonaparte geführten Kriegen ausgemerzt und wahrscheinlich
von den Herrn Engländern für theures Geld an die damals auf diesem
Gebiete noch unwissenden Chinesen verkauft worden ist. (Heute sind
die „Himmlischen“ gewitzigter und kaufen neue Kanonen von Herrn
Krupp und stellen auch deutsche Lehrmeister der Kriegskunst an.)
Auf einem mächtigen Granittisch, in dem kleinen Gärtchen eines
Thorwächterhäuschens, wurde das vorsorglich mitgenommene +Frühstück+
(14) ausgepackt, das, wie gewöhnlich, aus gebacknen Hühnern und
gekochten Eiern bestand; aber auch einige Flaschen Bier und Rothwein
einschloss.

Wir sprachen herzhaft zu, Herr Ah Cum würdevoll. Auch erbat er sich
einen Dollar zur Speisung der 16 Träger, wahrscheinlich gelangte die
Hälfte dieses Geldes in seine eigne Tasche.

Dicht neben unserem Ruheplatz befand sich der +fünfstöckige Thurm+
(Pagoda, 15,) ein riesiger, schön geschnitzter Holzbau, mit
leiterartigen Treppen zu dem Oberstock, wo der Gott des Krieges und
der des Schriftthums, aus Holz geschnitzt und sorgfältig lackirt,
friedlich nebeneinander sitzen, umgeben von lärmenden Kindern und
theeschlürfenden Wächtern. Von hier aus hat man eine weite Aussicht:
einerseits auf die riesige Stadt, aus deren gleichförmigen Häusermassen
die französische Cathedrale stolz und fremdartig emporsteigt, gerade
so wie die russische in Tokyo, und auf den belebten Fluss; andrerseits
auf unendliche Reisfelder und zahllose Grabhügel mit halbmondförmigen,
gemauerten Grabstätten. Da hatten wir das Vergnügen, die Uebung einer
Truppe chinesischer Soldaten zu sehen: der General wurde natürlich in
einer Sänfte getragen, der Oberst war zu Pferde, liess aber würdevoll
das letztere von einem Fussgänger am Zügel führen!

Der Rückweg brachte uns zunächst an einen +Begräbnissplatz+ (16)
reicher Fremden. Es sind für theures Geld gemiethete Grabhäuser, in
denen geschmacklose, mit Flitter verzierte Püppchen stehen und die
einfachen, aber dauerhaften, luftdicht verschlossenen Särge mit den
Leichen, die hier so lange bleiben und von den Angehörigen besucht und
verehrt werden, bis sie in die Heimathprovinz geschafft werden können.
Obwohl die Särge ganz einfach sind und wie riesige Holzblöcke aussehen;
so wird doch mit Lack grosser Prunk getrieben. Herr Ah Cum zeigte
uns einen Sarg, der jeden Monat frisch lackirt wird und bereits 1500
Dollar gekostet hat. Die ganze Einrichtung wird verständlicher, wenn
man berücksichtigt, dass in China kein höherer Beamter in derjenigen
Provinz, in welcher er geboren ist, Anstellung findet; dass aber die
Verehrung der Ahnen ein Begräbniss in der Heimath erfordert.

Hierauf gelangen wir in die +Tatarenstadt+ (17), die eine besondere
Umwallung besitzt.

Die Tataren sind, wie die Kosaken, Berufsoldaten, welche von dem
stammverwandten Kaiser ihr Haus zum Lehn erhalten haben und mit Pferd
und Waffen des Rufes gewärtig sind oder sein sollen. Denn die Pferde
oder Ponnies, die man gelegentlich vor den einstöckigen Häusern sieht,
sind recht verwahrlost. Die Tataren selbst mit ihren spitzen Gesichtern
und herabhängendem Schnauzbart sehen den Slaven einigermaassen ähnlich.

Den Schluss der Besichtigungen macht ein +chinesischer Club+ (18) der
sehr prunkvoll eingerichtet ist, mit Holzschnitzereien, Gemälden,
Springbrunnen, eingelegten Sesseln und Täfelung in den grossen Sälen.

Das +Volksgewühl+ war Nachmittags noch grösser als Vormittags; aber
alles ging ordentlich ab, der Polizist mit der alten Reiterpistole im
Gürtel blieb ruhiger Zuschauer.

Der Nahrungsverkauf war in voller Blüthe, Thee, Reis, Gebäck,
Fische, Spick-Enten, braungebratene (wie lackirte) Ferkelchen wurden
allenthalben an den Mann gebracht. Raupen und Regenwürmer habe ich
nicht gesehen und glaube, dass die Reisenden, welche davon sprechen,
durch die herausgenommenen Eingeweide von Seethieren getäuscht worden
sind.

Nachmittags um 4 Uhr konnte Herr Ah Cum von uns sich verabschieden,
da er seine +Aufgabe gelöst+. Ich glaube seiner Führung und der Stadt
Canton ganz gerecht geworden zu sein, indem ich die Sehenswürdigkeiten
mit +fortlaufenden Nummern+ bezeichnet habe.

Nach dem Mittagsessen bei Herrn Melchers liessen wir uns nach
den +Blumenbooten+ fahren. Das gilt für eine der grössten
Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jeder Reisende wird dorthin geführt,
viele haben es beschrieben. Ich kann mich ganz kurz fassen. Es sind
grosse Boote, die dicht am Ufer und so nahe bei einander verankert
sind, dass man zu Fuss von dem einen zum andern spazieren und diese
schwimmende Vorstadt des Vergnügens bequem betrachten kann. Die
ausserordentlich prächtigen Cajüten, von deren Decken Blumenkörbe
herabhängen, stehen meist offen, man sieht einen oder mehrere offenbar
wohlhabende oder wenigstens freigebige chinesische Herren beim Mahle
oder beim Gläschen sitzen, in Gesellschaft von einer oder mehreren
„Künstlerinnen“, die allerdings mit dem breiten, weiss geschminkten
Gesicht, der ganz straff anliegenden Haartracht, den grossen Ohrringen
und dem ausserordentlich gezierten Wesen uns wenig anmuthig vorkommen,
wie auch ihr Guitarrengeklimper uns nicht sonderlich zusagt. Aber Würde
und Anstand werden gewahrt, besser als in den Ball-Häusern der grossen
Stadt Paris und andrer Weltstädte. Auch von dem fremden Reisenden wird
erwartet, dass er der Würde des Ostens Rechnung trage und seine Blicke
nicht allzu neugierig umherschweifen lasse.

Am nächsten Vormittag (Donnerstag, den 20. October) fuhren wir in
dem Boot unserer tüchtigen Chinesin nach dem +Missions-Krankenhaus+.
Unterwegs hatten wir Gelegenheit die +schwimmende Vorstadt+ von Canton
kennen zu lernen.

+Jedes Boot ist Heimstätte+ einer Familie. Ueber 300000 Menschen leben
auf dem Fluss und haben niemals eine Wohnung auf dem Lande gehabt.
Dieser Zustand hat von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt. In
regelmässigen Strassen liegen die Boote verankert; jedes hat eine eigne
Boje, die leicht wiederzufinden ist. In der kleinen und niedrigen
Cajüte schläft die Familie. Auf dem hinteren Ende striegelt Morgens die
Frau ihre Kleinen und bereitet das Frühmahl. Der Mann geht auf Arbeit,
die Frau sucht mit der Wasserdroschke Nebenverdienst.

Es giebt auch +Flussbettler+, die nie an’s Land kommen, namentlich
Aussätzige mit verstümmelten Händen, die noch eben das Ruder und
die Stange führen können: sowie der Dampfer sich zur Abfahrt füllt,
erscheint der Bettler in seinem Boote unter kläglichem Geschrei und
erhebt eine lange Stange mit einem kleinen Beutelchen, in welches der
mildherzige Fremde eine Münze wirft.[263]

Das +Missions-Krankenhaus+ ist eine seltsame Einrichtung. Es gewährt
religiöse Belehrung, ärztliche Hilfe und medizinischen Unterricht.
Der eigentliche Leiter, der alte und verdienstvolle Dr. Kerr, war
nicht zugegen, wohl aber Herr Dr. Swan und Fräulein Dr. Niles, sowie
zwei chinesische Gehilfen. Die Leidenden, welche für ihre Schmerzen
Linderung suchen, müssen erst eine längere Predigt anhören, bis die
ärztliche Thätigkeit beginnt. Die Kranken, welche aufgenommen werden,
erhalten eine Pflege und Nahrung, wie sie einfacher und billiger
nirgends in der Welt geliefert wird; 1267 in’s Krankenhaus aufgenommene
Menschen wurden für 1800 Dollar verpflegt![264] Die Operationserfolge
sind recht mittelmässig. 50 Fälle von Star-Schnitt lieferten 5
Verluste, 14 mittelmässige, 31 befriedigende Erfolge. Aber die
„befriedigenden“, welche ich sah, haben mich nicht befriedigt.

Zwei junge Frauen im Alter von 20 Jahren wurden wegen (cystischer)
Geschwulst im Unterleib operirt, beide starben, die eine vier, die
andere fünf Tage nach der Operation. Natürlich ist dies eine kleine
Reihe, aber der Eindruck auf die Chinesen, welche davon hören und an
solche Eingriffe nicht gewöhnt sind, muss ein sehr peinlicher sein.
So sehr ich geneigt bin, dem Opfermuth und der Schaffensfreude dieser
Prediger-Aerzte meine Anerkennung zu zollen; die Verquickung von
Frömmigkeit mit etwas Wundarzneikunst ist nicht geeignet, die Liebe der
harten Chinesenherzen zu gewinnen. Mir schien es sehr zweckmässig, wenn
ein gut geschulter +deutscher+ Wundarzt in Canton ein +rein ärztliches+
Krankenhaus eröffnete, um die Zuneigung der Himmlischen für +unser
Vaterland+ zu stärken. Auch Herr Generalconsul +Budler+, dem ich meine
Ansicht mittheilte, war auf Grund seiner reichen Erfahrung schon lange
zu derselben Ueberzeugung gekommen.

Je mässiger die Erfolge, um so seltsamer das übertriebene Selbstlob in
dem gedruckten Bericht.[265]

Der ärztliche Unterricht, der in dem Krankenhaus chinesischen
Jünglingen gewährt wird, kann natürlich nur mittelmässig sein;
denn hier, wie überall heisst es, erst lernen, dann lehren: noch
dazu wird er nur unter der Bedingung ertheilt, dass die Studenten
zum Missionswerk sich verpflichten. Kurze Auszüge aus europäischen
Lehrbüchern sind in chinesischer Sprache gedruckt und werden im
Krankenhaus feilgehalten.

In dem Krankenhaus gelang es mir auch, die +verkrüppelten Füsse+ einer
(ganz blinden) Chinesin zu sehen, aber nur mit vieler Mühe, nach langer
Ueberredung; denn sie sind ebenso schamhaft, ihren Fuss, wie unsere
Frauen, ihren Körper zu entblössen.

Die Zehen des Fusses werden bei den kleinen Mädchen nach unten
eingebogen, -- wie wenn man die Finger in die Handfläche hineinbeugt,
-- und in dieser Stellung durch Binden festgehalten.

Der Schuh der erwachsenen Chinesin ist nicht grösser, als bei uns der
eines einjährigen Kindes, aber die Ferse bleibt draussen. Die Chinesin
geht also auf der Rückenfläche der Zehen, selbstverständlich nicht
sicher, und braucht einen Stock oder eine Magd als Stütze.

Von allen Modethorheiten des Weiberputzes ist dies eine der
unsinnigsten. Die Frauen aus dem Volke in Canton und Hongkong, die für
ihre Familie so tüchtig sorgen, lassen sich auf diesen Unfug nicht ein.

Vom Krankenhaus fuhren wir nach den +Blumen-Gärten+ in der westlichen
Vorstadt. Hier wird der Zwergwuchs der Bäume künstlich gepflegt, und
aus Sträuchern die verschrobensten Gestalten gebildet, wie Menschen,
Delphine, Schiffe; die Köpfe, Augen und sonstige Theile sind aus Thon
gebildet und eingesetzt.

Nachmittags um 5 Uhr bestiegen wir wieder den Dampfer, beobachteten,
dass auch die Chinesen im Perlfluss rothe und grüne Signallaternen zur
Bezeichnung des Fahrverkehrs unterhalten, und gelangten um Mitternacht
in den prachtvoll erleuchteten +Hafen von Hongkong+ zurück.

Am nächsten Morgen entnehme ich auf Grund meines (von der Berliner
Discontogesellschaft ausgestellten) Creditbriefes Reisegeld auf der
Bank von Indien, China und Australien und kaufe in dem Geschäftshaus
der P. & O. meine Fahrkarte Hongkong-Colombo für 175 Dollar. Der
Dampfer „+Brindisi+“ wird am 27. October abfahren. Ich habe mehrere
Tage ohne genügende Beschäftigung in Aussicht. Das ist auf solcher
Reise nicht zu vermeiden. Die Zahl der Dampfer ist doch zu klein. Ich
hätte am 19. October mit dem französischen Dampfer (M. M.) abfahren
können; dann würde ich Hongkong im Fluge und Canton gar nicht gesehen
haben. So aber hatte ich genügend Zeit und besuchte sogar das +Museum+
von Hongkong, im Stadthaus, was die ansässigen Landsleute weidlich
bespöttelten. Ich fand auch keinen Europäer ausser mir, aber viele
Chinesen. Das Museum wird grossentheils durch freiwillige Beiträge
unterhalten, ist täglich von 10-5 Uhr offen, ohne Eintrittsgeld, und
enthält: 1. culturgeschichtliche Sammlungen, wie Modelle chinesischer
Dschunken und Sampan, Gebrauchsgegenstände aus Formosa, Timur, Japan;
2. zoologische Sammlungen, wie Vögel, Schlangen, Insekten aus Asien;
endlich 3. Seltsamkeiten, wie von Insecten ganz und gar zerfressene
Holzpfeiler, und eine japanische Meermaid. (Es ist ein Fisch, verbunden
mit dem geschnitzten Oberkörper eines Mädchens.)

Nach dem Frühstück fahr ich auf den Pik mit der +Drahtseilbahn+.
Die Dampfmaschine, welche das Drahtseil bewegt, steht oben; in der
Mitte ist eine kleine Ebene, wo der von unten und der von oben
kommende Wagen aneinander vorbeifahren. Die Erhebung ist ziemlich
steil.[266] Die Kunst der Anlage wird hier in Asien sehr bewundert.
Uns Europäer fesselt mehr die Aussicht von den offenen Wagen, die
unvergleichlich schön ist, auf den von Schiffen und Booten wimmelnden
Hafen, die kleineren Inseln, die gegenüberliegende Küste, wie auf
die gartengeschmückte Vor- oder Oberstadt mit ihren stattlichen
Wohn- und Landhäusern; Abends auf ein Lichter-Geflirr, das wie
ein geschmackvolles Feuerwerk aussieht. Oben auf der Pass-Höhe
(Gap)[267] befinden sich, ausser Polizei- und Telegraphen-Station
sowie Halteplätzen für Kuli mit Tragsesseln, Palankin und Reiteseln,
mehrere neue geräumige und vornehm gehaltene Hotels, die ersehnten
Zufluchtsstätten für die europäische Colonie, während der heissen Zeit
vom Mai bis October. Leider sind es +mehrere+, der Wettbewerb schmälert
den Verdienst, zumal in einer solchen Zeit der Geschäftsstille, wie
jetzt gerade, wo der fallende Werth des Silbers in den Silberländern
Ostasiens sich sehr fühlbar macht.[268] Das beste ist Mt. +Austin
Hotel+. Entzückend ist die Aussicht von dem Haus wie von mehreren
eigens hergerichteten Ruhebänken in der Nähe desselben auf das
gegenüberliegende Festland von China mit den Werften und Schiffen von
Cawloon, auf das eben auftauchende chinesische Städtchen gleichen
Namens, berühmt durch seine kleinen und zierlichen Spielhöllen, auf
die Inseln der Meeresstrasse und die wohlgebaute Stadt Victoria nebst
ihrem reichgefüllten Hafen. Noch umfassender ist die Aussicht vom
eigentlichen Pik (1800 Fuss), wo eine Signalstange errichtet ist und
Kanonenschüsse beim Eintreffen der Postdampfer abgefeuert werden. Hier
sieht man mehr von der Stadt Victoria, namentlich von dem westlichen
Chinesenviertel; sowie auch von der Rückseite des Höhenzuges bis
zum Südufer der Insel. Ein reicher Hindu hat hier einen hübschen
Aussichtsthurm und einen gutgepflegten Garten zum Vergnügen des Volkes
gestiftet.

Abends schlendre ich noch, mit einer amerikanischen Familie von der
Empress of Japan, durch die Hauptstrassen des Chinesenviertels von
Hongkong und besuche das Chinesen-Theater. Aber wir verstanden das
Lustspiel nicht recht, trotz des Dolmetschers, den der amerikanische
Herr angenommen, -- ein vornehmer Jüngling heirathet nicht die
Reiche, welche die Eltern ihm ausgesucht, sondern eine Schönere; --
und verliessen unsere theuren Logenplätze, (jeder hatte 1 Dollar zu
zahlen,) da dicht neben uns einige Kuli Platz nahmen, die nichts als
Hosen anhatten. Der braune, kräftige Oberkörper erschien zwar dem
ärztlichen Auge wohlgebildet und ebenmässig; aber unsre Dame war mit
der Nachbarschaft weniger zufrieden.

Sonnabend, den 22. October Vormittags, ziehe ich aus dem unordentlichen
Fuchsbau des Hongkong-Hotel hinauf nach Mount Austin, wo ich ein
schönes Zimmer im ersten Stock, vorn mit eignem Balcon, hinten mit
eignem Bad, nebst guter Verpflegung (natürlich ohne Wein) für 6
Dollar täglich erhalte. Mein Nachbar ist unser ebenso erfahrener und
gelehrter, wie liebenswürdiger General-Consul +Budler+,[269] der nach
Beendigung seiner amtlichen Thätigkeit hier oben an einem „deutschen“
Stammtisch seine Mahlzeiten zu nehmen pflegt. Die Bewohner des Hotels
erhalten Tageskarten zur beliebigen Benutzung der Drahtseilbahn für 40
Cts., während sonst jede einzelne Fahrt 25 Cts. kostet.

So wie ich mein Zimmer eingerichtet, wandere ich zu Fuss nach der mir
noch unbekannten Südseite der Insel. Zunächst tritt der ursprüngliche
Charakter des öden Felseneilands noch deutlich hervor; aber hier, wie
überall in englischen Colonien, sind die Wege vortrefflich. Sie sind
das Werk der zahlreichen chinesischen +Uebelthäter+, die von den
südlichen Provinzen des Reiches der Mitte, wo ihnen der Boden unter
den Füssen zu heiss geworden, nach dem bequemen Zufluchtsort Hongkong
geflohen, hier aber sich so ausgezeichnet haben, dass die englische
Regierung ihnen wohl freie Wohnung und Nahrung auf längere Zeit
bewilligte, jedoch gleichzeitig mit mildem Zwange sie ersuchte, durch
Anlegen von Strassen sich möglichst nützlich zu machen.

Ferner hat man erfolgreiche Versuche unternommen, Föhren anzupflanzen.
Der Zickzack-Weg führt erst bergab, dann bergeben, endlich wieder
gegen die Südküste zu bergauf. Aber schon auf dem ersten Theil hat man
eine schöne Aussicht auf die mit Gebäuden gekrönten Hügel der Südküste
und das jenseitige Meer; vor der Küste liegt ein künstlicher Teich
für die Wasserleitung, der dem fernen Beschauer in derselben Ebene
zu liegen scheint, wie das Meer, in der That aber mehrere hundert
Fuss höher liegt.[270] An der Südküste finde ich auf steilem Hügel
in beherrschender Lage ein grosses Gebäude in gothischem Stil; ein
langbärtiger, etwas blasser Herr raucht auf hohem Balcon behaglich
seine Pfeife und erwiedert meine Frage, ob ich eintreten könne, mit
bejahender Handbewegung. Aber die Sprache ist hier +französisch+,
-- zum zweiten und vorletzten Male auf meiner Reise, auf der ich
allerdings französische Colonien nicht berührt habe. Es ist +Bethanie+,
eine Heilstätte für die französischen Missionäre in China und
Hinterindien, wo sie von Fieber und Ruhr Genesung und Erholung suchen.
Die Herren waren, wie immer die katholischen Priester, ausserordentlich
liebenswürdig und auch sehr gebildet, denn der Verkehr mit den
verschiedensten Menschen und in den verschiedensten Ländern kann nicht
verfehlen, einen sehr günstigen Einfluss auszuüben.

Der Blick schweift in die Weite, auf das südchinesische Meer, haftet
in der Nähe auf dem herrlichen Garten voll tropischer Blumen und
Sträucher; namentlich fesselte mich die Pflanzung der feigenähnlichen
Melonen- oder Papaya-Bäume, deren Früchte ein Verdauungs-Ferment
enthalten.[271] Das letztere wird ja in der Heilkunde verwendet,
erstlich bei Verdauungsstörungen, zweitens, um krankhafte
Ausschwitzungen (diphtherische Beläge) zu bepinseln und aufzulösen.
Aber die Asiaten, welche weder Physiologie noch Heilkunde verstehen,
haben doch, wie mir der Priester erzählte, die Wirkung der Pflanze
kennen gelernt und benutzen die Blätter, um zähes Fleisch verdaulicher
zu machen: was um so bemerkenswerther scheint, als die wirkliche
Heimath der ganzen Gattung (Carica) im tropischen Amerika zu suchen ist.

Nach dem Spaziergang von 2×3 km, der in den Tropen mehr bedeutet als
bei uns, mundete mir das Frühstück vortrefflich. Danach wanderte
ich zu Fuss bergab, um die +öffentlichen Gärten+ Hongkongs, die auf
halber Höhe liegen, kennen zu lernen. Der Garten ist mit grossem
Geschick terrassenförmig angelegt. In der Mitte der Hauptterrasse, die
eine hübsche Aussicht auf Meer und Ufer gewährt, steht ein grosser
Springbrunnen. Seine Bronze-Nymphen sind allerdings mittelmässig,
aber das Becken ist mit Papyruspflanzen geziert. Hier kann man
die Bevölkerung Hongkongs studiren. Die Europäer sind allerdings
hauptsächlich durch Kinder und vereinzelte Väter vertreten; aber die
sogenannten Portugiesen (Mischlinge) erscheinen schon in grösserer Zahl
und höheren Altersstufen, gelbbräunliche Mädchen mit krausem, schwarzem
Haar; am zahlreichsten sind natürlich die Chinesen, nicht bloss Kinder,
Männer und Frauen, sondern auch einzelne feine Herren in blauseidenem
Gewande, mit tadellosem Zopf und Englisch.

Aber die Hauptsache sind in dem Garten die Pflanzen. Palmen
verschiedener Art, Akazien mit wundersam feinem Fiederblattwerk,
australische Farn, indische Feigenbäume, chinesische Rosen und duftende
Michelien entzücken den Europäer eben so sehr, wie sie den daran
gewöhnten Asiaten gleichgiltig lassen.

Einer der herrlichsten stundenlangen Spaziergänge mit prachtvollen
Aussichtspunkten ist +Bowen road+. Dieser Weg führt über den verdeckten
Canal, welcher von einem künstlichen Teich, östlich von Hongkong, die
Stadt mit gutem, frischem Wasser versorgt.

Die folgenden Tage gaben mir reichlich Musse, in meinem Zimmer und an
den schönen Aussichtspunkten einige gute Bücher über China zu lesen,
die der Herr General-Consul mir verschaffte und aus seinem reichen
Erfahrungsschatz erläuterte; auch versorgte er mich mit deutschen
Zeitungen, die bis zum 24. September reichten und zu meiner grossen
Beruhigung das Freibleiben Berlins von der Cholera-Seuche meldeten.[272]

Natürlich, +von China wissen wir ebenso wenig+, wie von Japan, und
glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen. Aber das ist
eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit
beginnen?

„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber

    „Pulver kannten die Chinesen,
    Konnten auch Gedrucktes lesen,
    Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen,
    Und Amerika war immer da,
    Stets wie jetzt uns fern und nah.“[273]

Die einzige Entschuldigung, die ich für unsere Unwissenheit gelten
lasse, ist die Unmöglichkeit, neben den wichtigen Thatsachen der
neueren Naturforschung und neben der Geschichte unserer eigenen
jüngeren Culturentwicklung noch die der älteren Völker genau zu
erlernen und sicher zu behalten.

Die Erzählungen der Chinesen greifen zurück bis 2700 v. Chr., aber
zuverlässige Zeitrechnung reicht nur bis 841 v. Chr.

Höchst anziehend sind die +Sagen von den ältesten Kaisern+. Shin-nung
(angeblich 2737 v. Chr., 416 J. nach der Sint-Fluth) wird gepriesen
als Erfinder des Pfluges. Noch heute beweist der Kaiser von China
seine Hochachtung vor dem Ackerbau, indem er mit eigner Hand ein Stück
Ackerland umpflügt.

    „Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen,
    Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“

Shin-nung soll auch die ersten Forschungen über Heilkräuter angestellt
und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das die für
alles Alte schwärmenden Chinesen noch heute zu zeigen sich erkühnen.

Der Kaiser Hwang-ti (angeblich 2697 bis 2597 v. Chr.) wird geschildert,
wie er weisheitsvoll auf seinem Throne sass, umgeben von seinen
Lehrern, und die fünf Elemente auffand (Wasser, Feuer, Holz, Metall,
Erde) und das männliche und weibliche (thätige und leidende)
Princip (Yo und In) und die fünf Haupttugenden (Barmherzigkeit,
Rechtschaffenheit, Ordentlichkeit, Weisheit, Treue) erkannte. Er soll
auch die Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt und dieselben seinen
geliebten Unterthanen mitgetheilt haben.

In der dritten Dynastie (Tscheu, 1123-246 v. Chr.) wurde das
Feudalsystem gegründet, 552 Confutse geboren. Schihoangti, von
der vierten Dynastie (Tsin[274] 246-206 v. Chr.) begründete
Alleinherrschaft des Fürsten und Einheit des Reiches, das er
vergrösserte und durch die grosse Mauer nach Norden schützte. Es
folgten viele Bürgerkriege und Spaltungen. Seit 65 n. Chr. breitete
sich die Buddha-Lehre aus.

Um 700 n. Chr. war die Glanzzeit der Chinesen, das Reich gross und
geeint, die Wissenschaften in Blüthe, der Buchdruck erfunden.

1260 war der Mongole Kublai (19. Dynastie), Enkel von Dschengis-Chan,
Herrscher von China und empfing Marco Polo in Chanbaligh, dem heutigen
Pecking. Die Eroberer nahmen die Sitten der Unterjochten an. Ein
Buddhapriester vertrieb die Mongolen wieder und wurde als Kaiser Taitsu
Stifter der +Ming Dynastie+ (der XX., 1368 bis 1644). Katholische
Missionäre kamen nach China. 1644 eroberten die Mandschu-Tataren die
Hauptstadt und begründeten die jetzige (XXI.) Tsing-Dynastie. Der
erste Kaiser Schuntschi hatte den Unterricht eines deutschen Jesuiten
genossen und räumte ihm grossen Einfluss ein. Unter seinen ersten
Nachfolgern erhob sich China zu bedeutender Macht. Seit 1735 wurden die
Christen verfolgt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts herrschten +Unruhen+.

1841 begannen die Engländer den ersten Opiumkrieg, da die chinesische
Regierung in Canton ihnen das Opium, dessen Einführung sie verboten
hatte, fortnahm. Die Chinesen mussten Entschädigung zahlen, Hongkong
abtreten und fünf Häfen eröffnen, die sie aber nicht bloss den
Engländern, sondern allen Nationen freigaben. Die Franzosen erlangten
in ihrem Vertrag Freigebung des christlichen Bekenntnisses.

Nach dieser Niederlage der Mandschu-Dynastie rührten sich die Mingchin,
die Anhänger der alten, echtchinesischen Ming-Dynastie. Ein im
Staatsexamen durchgefallener Gelehrter aus Kwantung, Hung-Siutsuen,
der zum Christenthum hinneigte, sammelte seine Stammesgenossen, schlug
die kaiserlichen Truppen, wurde 1851 als Begründer der neuen Dynastie
+Taiping+ (grosser Friede) ausgerufen und eroberte sechs Provinzen
mit der alten, jetzt neuen Hauptstadt +Nanking+.

Da die Engländer, trotz des Vertrags, mit dem Handel in Canton wegen
des Widerstands der Chinesen nicht vorwärts kamen; so benutzten sie
als Vorwand die Wegnahme eines unter englischer Flagge segelnden
chinesischen Schiffes, bombardirten und eroberten im December 1857,
zusammen mit den Franzosen, die Stadt Canton, und rückten im October
1860, nach dem Siege bei Palikao, wo 7000 Europäer 50000 Chinesen
in die Flucht trieben, nach +Pecking+ vor, wo die Franzosen den
Sommerpalast des Kaisers schmählich plünderten. Jetzt trat China, unter
Regentschaft des Prinz Kong für den minderjährigen Kaiser, in geregelte
Beziehung mit den europäischen Mächten und schloss 1861 auch einen
Vertrag mit +Preussen+, gleichzeitig für den Zollverein.

Die Franzosen und Engländer vertrieben nunmehr die Rebellen aus Shangai
und richteten für die Chinesen Fremdenlegionen ein, mit deren Hülfe die
+Taiping-Revolution+ 1863 durch Eroberung von Nanking +beendigt+ wurde.
Zwei Millionen Menschen hatte dieser Bürgerkrieg hinweggerafft und die
Thee- und Seidenbezirke stark geschädigt.

England, Frankreich, Russland hatten Krieg und haben Streitigkeiten mit
China. Deutschland war stets, und ist heute mit China gut befreundet
und kann bei geschickter Ausnutzung seines Einflusses eine bedeutsame
Rolle in Ostasien spielen.

Unsere friedliche Flotten-Demonstration vom Jahre 1875, wegen
des Angriffs auf den deutschen Schooner Anna, hat wirksam zur
+Unterdrückung der Seeräuberei+ an den chinesischen Küsten beigetragen.

Mit Amerika steht China schlecht, seitdem 1882 die Einwanderung von
Chinesen nach den Vereinigten Staaten verboten wurde. Mit Russland
drohte bereits Krieg wegen Kuldscha, doch gelang es noch 1881 einen
annehmbaren Frieden zu schaffen. Mit Frankreich entstand 1882
Krieg wegen Annam und Tonking, die Chinesen waren 1885 bei Langson
siegreich, gestanden aber, im Frieden von Tientsin, den Franzosen
die Oberherrschaft von Annam und die Einverleibung von Tonking zu.
Jedenfalls hat dieser Krieg gezeigt, dass die Chinesen in den letzten
20 Jahren ganz erhebliche Fortschritte gemacht haben.

Die Redensart neuerer Schulbücher der Weltgeschichte, „China sei eine
balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden,“
nöthigt ein mitleidiges Lächeln Jedem ab, dem es vergönnt war, den
Schleier Asiens auch nur an einem kleinen Zipfelchen empor zu heben.

Der merkwürdigste und bekannteste Chinese ist der +weise
Khung-futse+[275]. Geboren 551 v. Chr., zu einer Zeit der grössten
Verwirrung und Streitigkeit zwischen den verschiedenen Lehnsfürsten,
hatte er zu 22 Jahren bereits begeisterte Zuhörer, obwohl er grosse
Ansprüche an deren Fleiss- und Fassungskraft[276] stellte, und mit
30 Jahren war er „fest“. Voll Begeisterung für die weisen und guten
Kaiser der alten Chow-Dynastie, für die alten Gebräuche und die alte
Musik des Kaisers Sun verfasste er das Buch der Gesänge und das Buch
der Geschichte (Schi-king und Schu-king); übernahm das Amt eines
Bürgermeisters der Stadt Chung-too in dem Herzogthum Loo und erzielte
so ausgezeichnete Erfolge, dass der Herzog ihn zum Justizminister
ernannte.

In diesem Amt zeigte er ebensoviel Muth wie Geschick. Die Verbrechen
verringerten sich soweit, dass die Strafgesetze nur selten zur
Anwendung gelangten. Als ein Vater seinen eignen Sohn anklagte, setzte
Confucius beide in’s Gefängniss, den Vater, weil er seinen Sohn
niemals in der Kindespflicht unterwiesen. „Verbrechen liegt nicht
in der Menschen-Natur. Der Vater in der Familie ist verantwortlich
für Verbrechen gegen Kindesliebe und die Regierung im Staate für
solche gegen die Staatsgesetze. Ein Fürst, der nachlässig ist in der
Veröffentlichung der Gesetze und doch streng nach dem Buchstaben
straft, handelt wie ein Schwindler.“ Er wirkte hauptsächlich durch
gutes Beispiel und verbreitete Frieden und Ruhe im Lande. Trotzdem fiel
er in Ungnade und musste sein Amt aufgeben.

Die kriegerischen Zeitläufte waren dem Wirken des Weisen nicht
günstig. Er begann ein Wander-Leben und blieb trotz aller Misserfolge
voll Selbstvertrauen und Ueberzeugung, im sechzigsten Jahr wie im
dreissigsten.

Zurückgekehrt in seine Heimath Loo, verbesserte und vervollständigte
er die früheren Werke und verfasste die Frühling- und Herbst-Annalen
(Ch’un ts’ew), das einzige Werk, das er von Anfang bis zu Ende
selbst geschrieben. Aber, so hoch er selber das Werk schätzte, seine
Landsleute ziehen die Sammlung seiner Aussprüche vor. (Lun yu,
Confucius’sche Analekten.)

Im Alter von 73 Jahren starb der Weise, nachdem er auf das genaueste
das Begräbnissceremoniell festgestellt und seine Klage darüber
ausgesprochen, dass im ganzen Reiche kein einsichtsvoller Fürst
sei, der ihn um Rath frage. Sein Grab ist noch heute erhalten und
hochverehrt.

Kein Mann ward so missachtet bei Lebzeiten und so verehrt von der
Nachwelt, wie Confucius. Er gab die leitenden Grundsätze für alles
Grosse und Edle im chinesischen Leben seit mehr als zwei Jahrtausenden.
Sein System ist in den drei Werken seiner Schüler enthalten: Lun Yu
(C’. Analekten), Ta He[)o] (grosse Lehre), Chung Yung (Mittel-Strasse).

Confucius vermied alle Beziehungen auf das Uebernatürliche. Der Mensch
ist der Meister seines Geschicks und entwickelt durch Tugend seine
Natur, dann bildet er eine Dreieinigkeit mit Himmel und Erde. Das ist
die Stellung der idealen Männer im Universum. +Die Art der Menschen
ist gut von Natur+. In dem +Weisen+ erreicht die Natur ihre höchste
Entwicklung.

Der Himmel (Shang-te) schafft und regiert Alles, aber Gebet ist
überflüssig; Geister (der Ahnen) müssen verehrt werden, aber es ist am
besten, sich nicht mit ihnen einzulassen. Noch heute wird Shang-te in
einem bilderlosen Marmortempel bei Pecking verehrt.

Nächst dem Weisen kommt der +hervorragende Mann+. Er ist Fehlern
unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne,
und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird
auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein
Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht
zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so
handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe
verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht
sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die
stete Sorge des Confucius.

Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten;
kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt
Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich
fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des
Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70
konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu
überschreiten.“

Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden
werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern
zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer
selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die
Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend
regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen,
Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der
Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist
Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur
Erde.[277] Der Mann sei stark und die Frau sanft.

Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den
Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates
hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn
fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie
willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und
Güte mit Güte.“[278]

Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es
heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt
werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und
unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der
Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen
Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde
nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom
Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt.

Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine
Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten,
seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand
der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen
den Worten dieses Mannes.

Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul
verdanke, ist das über die +tugendhaften Weiber+. (Englisch von Miss
A. C. Stafford. Kelly & Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der
erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde
es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene,
zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des
Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der
kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen
Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen
Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen
Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff
und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren
Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden
das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von
solchen Frauen noch hundert andre Geschichten. +Hildebrandt+ spöttelt
über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen Städten
errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten in China sein
müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Was +er+ dabei unter
+Frauen-Tugend+ versteht, wird in Asien als der Normalzustand angesehen
und nicht weiter gepriesen.

Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude
gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete:
er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei
hauptsächlichsten Familien[279] der deutschen Colonie ein und auch
meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal
auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und
deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts
zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem
landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr
gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu
den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden.

Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung
des Herrn Collegen Gerlach, +Heil- und Wohlthätigkeits-Anstalten+ von
Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt.

1) Das +Regierungs-Krankenhaus+ ist europäisch eingerichtet und von
englischen Aerzten geleitet. Das +Alice-Krankenhaus+ (Alice memorial
hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die Hausärzte und die
Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte (Dr. +Jordan+,
Augenarzt, und Dr. +Thompson+, Chirurg und Missionär) sind Engländer.
Gegründet ist das Krankenhaus von einem Hindu, der in England Doctor
der Heilkunde und der Rechte geworden, eine wohlhabende Engländerin
geheirathet, in Hongkong lebte und nach dem Tode seiner Gattin ihr
Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70 Procent derjenigen, die
wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an der Körnerkrankheit oder
ägyptischen Augenentzündung.

2) +Asile de St. Enfance+ liegt am Meeresufer im Osten der Stadt.
Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte
Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind
sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches
sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar
erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen.
Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie
fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze
hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen!

3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährte +das Berliner
Findling-Haus+. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier
in Ostasien eine von +Berlinern+ gegründete und verwaltete
Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch
irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es
würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue
Freunde und -- Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte
ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine
„Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei
uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit
gebe.

[Illustration: Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses zu Hongkong.]

Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas
grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die
Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor
Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und
Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen
singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe
der chinesischen Classiker. Gegen das 20^{te} Jahr werden sie an
chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden
sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen
im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die Zahl +ihrer+ Kinder
betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in
das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von
3-5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam
jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als
ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme
Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“,
von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des
Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung
folgt.

Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine +„Landpartie+ nach
dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt.

Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr
Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn Pastor
Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich besonders
zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm, +war+ die +Fröhlichkeit+
der Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und Thatsachen der
Berichte.[280]

In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht
aufziehen will oder +kann+, in einem Korb auf die Strasse gesetzt, aber
nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen. Wir finden
das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche Entrüstung
kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, -- was in +Europa und
Amerika+ geschieht. Der medical Record, eine amerikanische Zeitung der
Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlich +in der Stadt New-York
getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende+. Findelhäuser sind in
Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand, 1070 in Montpellier,
1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris, 1380 in Venedig, 1687
in London.

Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte,
stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder
bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der
Kindesmorde.

Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine
Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der
Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kind
+bringt+, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, -- weil es zu häufig die
eigne Mutter war; durch dieses persönliche +Deplacement+[281] wurde die
Zahl der Findlinge erheblich verringert.

4) Die +Basler Mission+ hat ihr Findelhaus aufgegeben und hält nur noch
ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr. +Reusch+ begrüsste.

Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in dem +deutschen
Club+[282] genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im
Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf
der im Winter ganz munter Theater gespielt wird.

Am Nachmittag besuchten wir auch die +Chinesenstadt+. In der mit der
Uferstrasse gleichlaufenden +Queensroad+ befinden sich neben Banken
und europäischen Läden[283] aller Art auch die feineren chinesischen,
wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-, Bronze-Waaren u.
dergl. verführerisch ausgelegt sind.

Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig,
sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe
vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen
aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der
Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit
erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt
nach dem Begehren.

Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere
Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer,
Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel,
Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und
ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel,
da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt
werden.

Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder
Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann
man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar
Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot
ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise
nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische
Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin
changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn
und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing
an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein
Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum
Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen.

Im Innern von China werden grössere Zahlungen durch Silberbarren
geleistet, die von einer Bank gestempelt sind und gewöhnlich 50 Taels
(d. h. 50×37,_{783} Gramm) wiegen. Kleinere Zahlungen werden durch
abgewogenes Hacksilber gemacht. Der Tael ist eine Rechnungsmünze,
ungefähr gleich 1½ mexic. Dollar. Der Tael wird eingetheilt in 10 Mähs
= 100 Candareen = 1000 Cash, so dass also das Cash = 0,4 Pfennig.
Mexicanische Dollar werden in den Vertragshäfen genommen, gewöhnlich
werden sie von einer Privatbank gestempelt (Shop-Dollar) und gewinnen
ein trauriges Aussehen, wenn dies öfters wiederholt wird. Der Vicekönig
von Canton hat Zehnteldollarstücke (7,2 Candareen) aus Silber schlagen
lassen, ein Zugeständniss an den Fremdenverkehr. Jede Silbermünze
wird, ehe man sie nimmt, sorgsam auf den Klang, öfters auch auf das
Gewicht geprüft. Papiergeld der Banken (von 100 bis 1000 Cash) und auch
darüber cirkulirt im Innern. Regierungspapiergeld gab es früher, schon
vom 7.-10. Jahrhundert; nach den Betrügereien der Mongolenkaiser wurde
es abgeschafft. Das chinesische Banksystem reicht zurück bis ins erste
Jahrhundert v. Chr. Bankbruch ist unerhört in China.

Je weiter nach Westen, desto schäbiger die Läden, die nur noch für
chinesische Bedürfnisse sorgen. Da stehen Reihen von dampfenden
Theetässchen, Suppennäpfchen, Reisportionen auf einem Brettergestell
und harren der herantretenden Käufer; da hängt das gebratene
Ferkel-Viertel herab, das so braun aussieht, als wäre es lackirt, und
die beliebten Spickenten. Die feineren Restaurants zeigen schon am
Eingang und auf den Treppen vergoldetes Schnitzwerk und enthalten oben
besondere Zimmer für chinesische Leckermäuler.

Ein grosses Geheimniss chinesischer Gesundheitspflege besteht darin,
dass Wasser niemals ungekocht, sondern nur in Gestalt von Theeaufguss
genossen wird. Als ich rohen Reis in dem trübgelben Wasser des
Canals von Canton schlemmen sah, war ich wenig befriedigt; aber wer
beobachtet, dass der Reis immer erst gründlich durchgekocht wird, wird
bezüglich dieses Hauptnahrungsmittels ganz beruhigt sein.

Zwei Arten von Läden und Buden fesselten meine Aufmerksamkeit
besonders: erstlich die Pfandleiher, die ausserordentlich zahlreich
und auch gut besucht waren; und zweitens die Läden und Standorte der
Kräuterdoctoren und Zahnkünstler.

Der letztere, in keineswegs sauberer Kleidung, eine riesengrosse
Hornbrille mit Fensterglas auf der Nase, um den Leuten Ehrfurcht vor
seiner Weisheit einzuflössen, sitzt auf der Strasse vor einem kleinen
Tischchen mit Heilmitteln und den Siegeszeichen seiner Wirksamkeit. Als
Handwerkszeug zeigt er eine einzige, schon etwas schadhaft gewordene
Zange. Die Häuser der Kräuterdoctoren sind mit marktschreierischen
Inschriften von unten bis oben bedeckt.

Die +gewöhnlichen chinesischen Aerzte+ sind schäbige Gesellen; man soll
aber diese Zahnbrecher, Pflasterschmierer und Kräuterhändler nicht
mit europäischen Aerzten, sondern höchstens mit unseren Heilgehilfen
vergleichen. Während es +früher Kaiserliche Schulen+ der Heilkunde in
China gab, kann jetzt jeder ohne Studium und Prüfung die Heilkunde
ausüben. Der chinesische Arzt, welchen ich schon 1887 in Portland
(Oregon) besucht, war der schmutzigste Genosse, den ich bisher gesehen.
Seine Heilkunst stützte sich auf ein chinesisches Buch; auf der einen
Seite ist der Kranke abgebildet, die Erzählung seiner Leiden fliesst
aus dem Mund, ein Pfeil zeigt auf den leidenden Theil des Körpers; auf
der anderen Seite stehen gegenüber die Heilmittel verzeichnet. Mehrere
Diener sind mit dem Raspeln von Wurzeln und dergleichen beschäftigt.
Die hauptsächliche Marktschreierei dieses Chinesen bestand aber darin,
dass er „niemals schneidet.“

Natürlich giebt es auch +feinere Aerzte+ in China. In neuester Zeit hat
die chinesische Regierung durch Erlasse die Aerzte zu bessern gesucht;
sie hat auch 1868 eine Universität zu Pecking gestiftet und einige
Europäer und Amerikaner dorthin berufen.

Das chinesische Volk, voll Stolz und Vaterlandsliebe, zieht die
einheimischen Aerzte den fremden vor und glaubt, dass die ersteren
geschickter seien, da sie durch blosses Fühlen des Pulses und
Betrachtung der Zunge mehr herausbrächten, als die letzteren mit ihren
zusammengesetzten Untersuchungen. Die 30000 Chinesen in S. Francisco,
die 8000 in Portland (Oregon), die Tausende, welche auf europäischen
und amerikanischen Dampfern alljährlich den stillen Ocean und die
chinesisch-japanischen Gewässer befahren, befragen niemals einen Arzt
kaukasischer Abstammung, wenn sie es irgend vermeiden können.

Uebrigens sollen diese Kuli, denen ihre amerikanischen -- Freunde jede
Art von Schmutz und Laster nachreden, im Ganzen recht gesund sein, und
Todesfälle sind thatsächlich selten.

Allerdings fassen die Chinesen mehr Zutrauen zu europäischen Aerzten
da, wo sie besser behandelt werden, wie in Hongkong und Singapore;
der deutsche Arzt in letztgenanntem Orte hat eine ausgedehnte, auch
chirurgische Praxis unter den Zopfträgern.

Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich
beträchtlich. +Cho-Chiu-Kei+, der chinesische Hippocrates, welcher
während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.) gelebt
hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das noch
heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und worin
er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch
einen +Giftstoff+, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er auf
verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift
wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift
ausgetrieben werden. -- Noch vor einem Menschenalter hielten die
europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber
in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz
ähnlichen Anschauungen gelangt.

Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch die
+Tempel+. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter, bemalter
Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf dem Altar, vor
ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende Weihrauchstäbchen.

Natürlich giebt es hier auch +Opium-Kneipen+. Aber die Ansicht, welche
einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze chinesische
Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich. Man betrachte
den nackten braunen[284] Oberkörper der Kuli, welche ungeheure Lasten
schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in Europa und in
Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den Nachtheil mit sich
bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen.

Chinesische +Spielhäuser+, wie ich sie in Portland und S. Francisco
gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten sogar
monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie
neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sind +spielwüthig+ und
fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die
beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den
Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen.

Die +Strassenscenen+ sind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht
und hört man +Fruchtverkäufer+. Die Hauptsorten sind +Litchi+
(von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht; +Pumelo+, eine
Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen
und Mandarinen; ferner die +Canton-Stachelbeere+ (Averrhoa carambola),
eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig Geschmack;
ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und Zuckerrohr, an
dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen in Aegypten.

Dort hat ein wandernder +Barbier+ seinen Sitz aufgeschlagen, rasirt
das Vorderhaupt, ordnet den Zopf[285] und holt aus Nasenlöchern und
Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. Der +Geschichtenerzähler+
bricht geschickt ab, wenn der junge Gelehrte der kleinfüssigen Schöne
die Liebe erklärt, und beginnt Cash einzusammeln. +Hochzeits-+ und
+Begräbnisszüge+ werden von Musikern, Bannerträgern und Männern, die
bemalte, figurenreiche Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist
die Hochzeits-, Weiss die Trauer-Kleidung.

Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong,
das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha,
und für die Hügel der Palankin.

Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer
Brindisi (von der P. & O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer
hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht
38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross,
nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich
meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische
Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. & O.) vernachlässigt die Nebenlinie
von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren
Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht.

Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der
Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das
auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das
elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz
dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten
enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und
Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um
sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der
tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen
legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich
selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur
wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“
des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse
verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen
der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff.
Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem
Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal
aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss.

Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle,
die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und
uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn
sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder
Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus
Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht,
aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer
Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige
hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte
sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen
Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich
konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er,
wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen
Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen
Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore
zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem
Schlafe.

Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte;
einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige
Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit
zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation)
ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind
geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge
fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet,
und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr,
Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste;
jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen.

Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche
da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine
angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R.,
der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war
während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben
und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig
geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei
der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung
des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe,
der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste
hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in
die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht,
denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb
wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer
Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann
noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen,
ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu
Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft
aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse
Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit
seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes
überwunden werden kann.

Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je
zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean
her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und
Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen
Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich,
als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein
sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments,
unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der
Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolg dieses Versuchs scheint
mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung
zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer
Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem
Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen
wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern
die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren,
Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen.

Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der
zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die
Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser
Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein
erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine
Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem
Reisetagebuch schrieb.

Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte
Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen
ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir
angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat
oder gelebt haben soll.[286]

Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar
Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel
mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen
Linien dringend empfehlen, auch ein solches +Taschenbuch+[287]
herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation
Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft:
gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu
300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle
Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies
Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu.

Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887
Tonnen im Mittel.

Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach
Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält für
die Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £
Unterstützung.

In einem Punkt steht leider unser norddeutscher Lloyd bedeutend hinter
P. & O. zurück, in der +Ertragsfähigkeit+.

       *       *       *       *       *

Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt:

    Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen.
    Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen.
    Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen.
    Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen.
    Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O.
    Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore.
    Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen.
        Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang.
    Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen.
    Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen.
    Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen.
    Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen.
    Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen.
    Abends, 8. November, an Colombo.

       *       *       *       *       *

Die Nähe des Aequators giebt sich deutlich kund. Am 27. October beträgt
die Dauer des Sonnenuntergangs 2½ Minuten, am 3. November fast genau
zwei Minuten, und zwar genau um 6 Uhr. Morgens beim Sonnenaufgang messe
ich schon 20° C. im Schatten, das kühle Bad wirkt sehr erfrischend, die
Kleidung ist südlich, das Meer tiefblau. Ich lese einige Bücher über
Indien.

Bei der Einfahrt nach Singapore (Dienstag den 1. November Vormittag)
erblicken wir zuerst ein Schiffs-Wrack, dann zahlreiche kleine Inseln,
auf dem nahen Festland einen prachtvollen und dichten Kokospalmen-Wald
längs der Küste; wir fahren an der Rhede vorbei und ankern ausserhalb
der Stadt an der Werft (P. & O. Wharf, in New Harbour, 3 englische
Meilen westwärts von der Stadt), treten sofort an’s Ufer, ohne auf die
nach hineingeworfenen 10 Cts. Stücken tauchenden Knaben und Jünglinge
zu achten, und fahren in einer netten, von einem kleinen Malayen-Ponny
gezogenen, von einem Malayenkutscher geführten Verdeckdroschke
(„gharry“, für 75 Cts.) nach dem Hotel de l’Europe, woselbst wir einen
thatkräftigen, aber groben Deutschen als Verwalter, schlechtes Essen,
gutes Bier und Schutz gegen die Mittagshitze finden.

+Singapore+ an der Südspitze von Hinterindien, 1° 17′ nördlich vom
Aequator, 103° 50′ östlich von Greenwich, ist die Hauptstadt der
englischen Colonie +Strait-Settlements+, welche die Insel Singapore,
den Bezirk Malakka auf der gleichnamigen Halbinsel und die ein wenig
nördlicher (6° N.) dicht bei der Halbinsel gelegene Insel Penang
umfasst. Die Insel Singapore liegt am Südende der Strasse von Malakka,
vor der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel, östlich und nicht weit
von der Mitte von Sumatra, westlich von Borneo, eine Dampfertagereise
nördlich von Java[288], nach +Ratzel’s+ Worten „an eine jener
praedestinirten Mittelpunktsregionen des Weltverkehrs.“ Die Insel ist
48 Kilometer lang, 25 Kilometer breit und enthält 687 Quadratkilometer,
ist also beträchtlich grösser als Hongkong. Sie ist ziemlich eben,
da der höchste Hügel nur 500 Fuss sich erhebt, und mit Baumwuchs
bedeckt. Die Hauptstadt liegt auf der Südostseite der Insel und ist
4 englische Meilen lang; die Nordseite ist vom Festland (+Djohor+)
durch einen schmalen Canal (Tambroh Channel, 0,45 bis 1,_{2} Kilometer
breit,) getrennt. Die Insel wurde 1819 durch Sir Stamford Raffles für
England in Besitz genommen, 1824 von dem Sultan von Djohor an die
britisch-ostindische Compagnie verkauft, 1867 an die englische Krone
abgetreten.

Die Colonie ist wichtig wegen der Nähe der Gewürzinseln des Malayischen
Archipels sowie als Flotten-Station und Kohlen-Lager für die Engländer
in kriegerischen Zeitläuften. Das Regierungsgebäude, das Stadthaus,
die Banken und die Uferstrasse mit Docks und Waarenlagern machen schon
einen hübschen Eindruck, weniger lässt sich dies von den Quartieren der
Einheimischen sagen, wo alle Arten der östlichen Rassen anzutreffen
sind. Die Häuser der europäischen Kaufleute liegen draussen, in grossen
Gärten und sind höchst geräumig und luftig angelegt. Die Bevölkerung
beträgt 150000: Chinesen, Malayen, Inder. Die letzteren sind Tamilen
und werden hier Klings genannt. -- Unter den (1900) Europäern sind
viele Deutsche, namentlich Kaufleute. Aber es giebt hierselbst auch
einen deutschen Arzt, der nicht nur in der deutschen Colonie grosses
Vertrauen geniesst, sondern auch die Zopfträger von der Wohlthat
deutscher Wundarzneikunst überzeugt hat. Das deutsche Reich hat hier
einen Consul.

Das Klima ist gesund, aber sehr heiss. (26-27° C. im Schatten,
innerhalb der Häuser). Die Hitze des Tages wird durch den Seewind und
häufige Regenschauer etwas gemildert, die Nächte sind ein wenig kühler.
Die Stadt liegt nur 144 Kilometer nördlich vom Aequator; deshalb geht
die Sonne das ganze Jahr hindurch ungefähr um 6 Uhr Morgens auf, um 6
Uhr Abends unter.

Singapore ist seit der Gründung (1819) +Freihafen+, der Handel der
Strait-Settlements beträgt jährlich 26 Millionen Pfund Sterling
(Einfuhr 1892 an 92 Millionen Dollar, Ausfuhr 75); ausgeführt werden
hauptsächlich Zinn, Guttapercha, Catechu, Pfeffer, Zucker, Muskatnüsse,
Tapioca (Sago, Stärkemehl aus Wurzeln von Manihot utilissima). Der
Hafen von Singapore ist zu jeder Zeit sicher, da Taifun hier nie
beobachtet wird, und deshalb Kreuzungspunkt des europäischen Handels
nach Ostasien und Australien. 1887 gingen 3467 Schiffe ein mit 2600000
Tonnen und aus 3393 Schiffe mit 2564000 Tonnen.

Nachmittags 4 Uhr, als die Hitze nachgelassen, fuhr ich mit Capitän R.
nach der Hauptsehenswürdigkeit von Singapore, dem +botanischen Garten+,
der mein Staunen und Entzücken erregte.

Botanische Gärten sind zuerst im Anfang des 14. Jahrhunderts zu Salerno
und bei Venedig angelegt, dann 1533 in Padua, 1544 in Pisa, 1568
in Bologna, 1626 zu Paris, ferner zu Kew bei London, in Amsterdam,
an allen deutschen Universitäten, wobei +Berlin+ sowohl durch
Reichhaltigkeit als auch durch wissenschaftliche Beschreibung eine
der ersten Stellen einnimmt. Was südliches Klima zusammen mit Kunst
und Wissenschaft auf diesem Gebiete leistet, hatte ich im botanischen
Garten zu Palermo 1884 und 1891 zu beobachten Gelegenheit: wer die
Allee von Dattelpalmen einmal gesehen, vergisst sie niemals wieder.
Aber erst in den tropischen Gegenden von Asien sah ich die höchste
Vollendung.

Die Gärten von Peradenia auf Ceylon, bei Calcutta, bei Singapore,
bei Batavia auf Java geniessen mit Recht des höchsten Rufes. Den
letztgenannten bekam ich nicht zu sehen, wohl aber die drei andern. Vom
Standpunkt der Gartenkunst ist der zu Singapore der schönste, wiewohl
er an Zahl der Pflanzenarten hinter dem von Peradenia zurücksteht.

Auf schöngehaltenen Rasenbeeten erheben sich schlanke Kokospalmen
in die Lüfte, Fächer-Palmen, Sago-Palmen mit haushohen Blättern,
Riesenbambus, Bambus mit rothem Stengel, blühende Bäume aller Art,
Bougainvilien, Akazien mit rothen Blüthen zwischen den hellgrünen
Blättern, dem Auge eine viel angenehmere Farbenmischung als unsere mit
ihren gelben Blüthen; in Gewächshäusern, die nicht fest geschlossen,
sondern nur mit einem Blätterdach (gegen die Sonnengluth!) versehen
sind, sieht man Orchideen und Farrn aller Art, Wasserpflanzen mit
durchbrochenen Blättern, wie aus grünem Spitzengewebe. Zur Belebung
des Ganzen tragen einige Thier-Häuser bei mit Affen, Nashornvögeln,
Casuaren.

Heimgekehrt spazierten wir Abends durch die Geschäftsstrassen neben dem
Hotel, die Läden mit ostasiatischen Juwelier-Arbeiten und sogenannten
Curiositäten; speisten im Hotel und fuhren um 10 Uhr zum Schiff zurück.

Die Nacht war schlimm durch Schwüle und durch Moskitos wegen der Nähe
des Landes. Ich zog es vor, nur mit Hemd, Handschuhen und Strümpfen
bekleidet, vor meiner Cajüte zu sitzen.

Am nächsten Morgen stellten sich die schreienden Taucher-Bettler
wieder ein[289], Händler mit Affen, Papageien, Muscheln, Corallen --
alle in kleinen Böten zwischen Ufer, Schiff und Landungsbrücke. Unser
Dampfer wird durch Zustrom neuer Reisenden überfüllt. Ich erhalte
(allerdings nur für einen Tag und Nacht) als Cajütgenossen einen
kleinen siamesischen Prinzen. Derselbe ist in Edinburgh erzogen und
zwar sehr streng, so dass er weder raucht noch trinkt, 22 Jahr alt,
seit zwei Jahren verheirathet, Vater eines niedlichen Mädchens. Er
zeigt und schenkt mir voll Stolz die Photographie von Frau und Kind.
Seine Gattin ist Hofdame der Königin von Siam. Er selber malt in Oel
zu seinem Vergnügen. Er ist höflich und angesehen. Seine Diener,
die im Zwischendeck mitfahren, knien vor ihm nieder, wenn sie ihm
beim Anziehen und Schmücken behilflich sind und ihn mit Rosenwasser
besprengen.

Wir fahren durch die Meerenge (Straits) und sehen fortwährend Land.
Abends kommt Wetterleuchten, aber keine Kühlung. Wunderbar war der
Sonnenuntergang: gegenüber der Sonne, im Osten, eine Wolke rosig
verklärt, so im Wasser gespiegelt, aber -- nur für kurze Zeit; sofort
schien der Mond hell und zeichnete in den Wellen, die das Schiff
pflügte, zahllose Diamant-Lichter. Die Sterne blieben meist verhüllt.
Der grösste Theil der Cajütenreisenden schläft auf Deck, jeder schleppt
seine Matratze herbei. Des Morgens erhebt sich ein kühler Wind, es
regnet. Um ¾6 Uhr bin ich der erste im Bad. Sehr angenehm war es,
dass hier in so grosser Nähe vom Aequator die Hitze durch Regen oder
Bewölkung des Himmels einigermassen gemildert wurde.

Am Morgen des 3. November erblickte ich bei leichtem Regen aus nicht
so grosser Entfernung eine Wasserhose: ganz deutlich senkte sich aus
einer Wolke ein Trichter mit unterer Spitze und mit schräger Achse nach
abwärts, ohne den aus dem Wasser mit oberer Spitze emporstrebenden
Trichter zu erreichen.

Ich mass Vormittags +28° C., Abends nach Sonnenuntergang +26½° C. Die
Temperatur ist auf dem Meere viel gleichförmiger als auf dem Festland,
da das Wasser weit langsamer sich erwärmt und abkühlt.

Am 5. November fand ich Nachmittags 4^h +28° C., um 5½^h +27¾°. Am
6. November, nach etwas kühlerer Nacht, so dass ich gegen Morgen die
sonst offen stehende Cajütenthür schloss, Morgens 7^h +27° C., um 9^h
+28°, um 1^h +29°, um 4½^h +29° C. Am 7. November Mittags, wo es nach
dem Gefühl sehr warm zu sein schien, +29° C. (= 23° R). Am 8. November
Morgens 7½^h +26½°, nach ¼ Stunde dasselbe. +Also von Sonnen-Aufgang
bis Untergang+ 26 bis 29° C.

In +Oberägypten+ hatte mir die Messung ganz andere Ergebnisse
geliefert. Ich fand im Februar, auf der Nilfahrt, Morgens vor
Sonnenaufgang etwa +12° C., nach Sonnenaufgang kommt von Viertelstunde
zu Viertelstunde ein Grad dazu, bis Mittags +30° erreicht werden;
Nachmittags selbst 33 bis 34° C.; bei Sonnenuntergang bestehen noch
+30°, und Abends um 9^h noch +22°. Als ich in der Gegend von Assuan
(dicht am nördlichen Wendekreis) Nachts um 3^h aufstand, um das Kreuz
des Südens zu beobachten, fand ich +21½°. Erst Morgens gegen 5^h wurde
es kühler, so dass ich die Cajütenthüre schloss.

Merkwürdig war der Sonnenuntergang am 3. November. Wolken deckten
theilweise den westlichen Horizont, während es im Osten regnete.
Die beiden unteren Theile eines Regenbogens wurden sichtbar, zum
Theil noch durch strichförmige, dunkle Wolken verdeckt. Den oberen
grösseren Theil der Halbkreisfläche des Regenbogens nahm eine dicke,
weisse Wolke ein. Ungefähr vom Ostpunkt stieg nach Südosten eine
fächerförmige Lichtstrahlung am Himmel empor, offenbar der Wiederschein
des Zodiakallichtes. Die Gegend des Westpunktes schimmert roth auf
blassgrünem Grunde, soweit nicht Wolken den Hintergrund decken. Die
weissen Wolken im Westen werden jetzt von Purpur durchglüht. Sofort
wird diese Erscheinung im glatten Ocean gespiegelt. Aber das dauert nur
wenige Minuten. Dann erscheint der Vollmond in starkem Glanze.

Am Abend ankern wir auf der offenen Rhede von +Georgetown+, an der
Ostseite der Insel Penang[290] (5° 52′ N., 100° 19′ O.), in dem 2
Meilen breiten Canal, der die Insel von der Halbinsel Malakka scheidet.

Reisende gehen, so mein siamesischer Cajütgenosse; andre Reisende
kommen in kleinen Booten, ein französischer Pater, ein junger
englischer Arzt, der in Penang ein gutes Feld der Thätigkeit gefunden
und nun nach Colombo fährt, um seine Braut, die dorthin mit der Mutter
aus England gekommen, zu begrüssen und zu -- heirathen. Den Versuch,
mir sofort einen neuen Cajütgenossen zu geben, schlug ich siegreich
zurück, erst mit Güte und dann, als dieses nicht half, mit Grobheit.
Als ältester Reisender des Dampfers, der noch dazu die ganze Fahrt
machte, glaubte ich dieses Vorrecht zu verdienen.

Der Abend ist unbeschreiblich schön; der Himmel zwar bewölkt, aber
hoch oben leuchtet der Mond mit voller Klarheit und der Abendstern.
Von dem Hafen glitzern die Lichter am Ufer und die festen der
verankerten Schiffe sowie die beweglichen der kleinen Fährboote. Das
Meer leuchtete, wie ich es noch nie gesehen. Sowie ein Ruder in’s
Wasser getaucht wird, sprüht es auf mit mildem, bläulichem Silberglanz;
derselbe Schimmer umgiebt den Bug des Kahns. Das Meer ist wie ein
Spiegel, die Luft lau und lind. Dazu kommen und gehen alle die
fremdartigen asiatischen Schiffer und Arbeiter.

    „Mondbeglänzte Zaubernacht,
    Die den Sinn gefangen hält,
    Wundervolle Märchenwelt,
    Steig’ auf in der alten Pracht.“

Erst um 1 Uhr suchte ich das Lager auf, nachdem ich mich mit Capitän
R. und einem andern deutschen Herrn durch einen vaterländischen Trunk
gestärkt; und schlief bald ein, trotz des Lärms, den Ein- und Ausladen
verursachen: der Traum führte mich in die Heimath, ich sah -- meine
Rückkehr.

Nachts um 2 Uhr wurden die Anker gelichtet. Das Schiff steuert jetzt
genau westwärts nach der Südspitze von Ceylon, durch den indischen
Ocean, der ziemlich einsam ist, da wir nur am 5. November einen kleinen
nach Penang bestimmten Dampfer, am 6. einen Segler und das englische
Truppen-Schiff „Himalaja“ erblickten. Sonst müssen wir uns mit
fliegenden Fischen begnügen, die schaarenweise aus dem spiegelglatten
Wasser emporschnellen.

Am 4. November Abends von 9 Uhr 10 Minuten bis 11 Uhr hatten wir
den Anblick einer vollständigen +Mondfinsterniss+. Am nächsten
Morgen fuhren wir dicht vorbei an der Nordostspitze von Sumatra, dem
berühmten +Atschin+. Wir sahen natürlich nichts von dem Kriege, den die
Holländer hier seit 20 Jahren mit den Eingeborenen führen und nach dem
allgemeinen Urtheil aller Kenner längst beendet haben könnten, wenn sie
nur -- wirklich wollten.

Die Einsamkeit des indischen Oceans giebt mir Musse, die
Pickwick-Papers von Dickens zu lesen. Zwischen Bombay und Aden las ich
Vanity fair von Thackeray; endlich im rothen Meer A house party von
Ouida. Fürwahr, sehr wenig schmeichelhaft ist das Bild, welches die
besten englischen Schriftsteller von ihrer „respectablen“ Gesellschaft
entwerfen. Natürlich, wenn ein urtheilsfähiger Fremdling dies den
Briten vorhält, erklären sie es für Uebertreibung; ja sie gehen so
weit, von „schlechten“ Büchern zu sprechen und aus der Schiffsbücherei
„bessere“ heraus zu suchen, z. B. von Walter Scott, die ich vor 35
Jahren gelesen, aber seitdem nicht wieder.

Am 8. November Morgens erblicken wir Land zur Rechten, es ist +Ceylon+,
der Traum meiner Jugend. Ein Leuchthaus wird sichtbar, langgestreckte
Kokuswälder an der Küste, die Brandung vor dem Hafen von +Point de
Galle+: alte Forts, aus der Portugiesenzeit, ein Leuchtthurm, eine
Flaggenstange, keine Schiffe!

Nachdem einmal Colombo zum Hafen von Ceylon gemacht worden, geschieht
nichts weiter zum Vortheil von Point de Galle, eher Alles zu seinem
Nachtheil.

Abends 8 Uhr werfen wir auf der Rhede von +Colombo+ Anker. Die meisten
Reisenden blieben über Nacht auf dem Dampfer. Ich meine, dass man auf
einer solchen Reise die Kosten eines Nachtlagers am Lande nicht scheuen
soll; liess Koffer, Handtasche, Mantelsack und Holzstuhl -- mein ganzes
Gepäck -- in einen Kahn schaffen und fuhr an’s Land.

Der Steuerbeamte war höchst artig, ganz frei von der überflüssigen
Neugier, eines Vergnügensreisenden Koffer zu durchsuchen, und sehr
gefällig, indem er freiwillig sich anbot, meinen Korbstuhl bis zur
Abfahrt nach Calcutta aufheben zu lassen. Ich erhielt ein gutes Zimmer
in dem dicht am Hafen belegenen, riesengrossen +Oriental-Hotel+,
wo ich wieder einen Deutschen (Herrn Raden) als Leiter antraf, und
schlief recht mittelmässig. Es war ein Feind im Zimmer; ein einzelner
Moskito (oder +eine+, denn nur die weibliche Mücke sticht,) befand
sich innerhalb des über das Bett ausgespannten Netzes. Man hört das
verrätherische Summen; denkt, es wird nicht gleich so schlimm werden,
bis ein unangenehmer Stich unsere Ansicht ändert. Man steht auf,
macht Licht, sucht ganz vergeblich; legt sich wieder, hört von Neuem
das Summen, wird wieder gestochen, steht wieder auf zur vergeblichen
Jagd. Natürlich Morgens früh, wenn man müde erwacht, sieht man das
von unsrem Blute genährte Ungeheuer jetzt träge in einer Falte des
Moskito-Netzes sitzen und hat die Wahl, dasselbe zu tödten oder es in
diesem thierfrommen Lande der Buddhisten zum -- offenen Fenster hinaus
zu werfen.



VI.

Ceylon.


Wir Deutschen kennen Ceylon hauptsächlich aus den bequem zugänglichen
Reisebeschreibungen unserer +Landsleute+ (+Schmarda+ 1854,
+Hildebrandt+ 1862, Dr. H. +Meyer+ 1882, Graf +Lanckorónski+ 1889,
Dr. Eugen +Böninger+ 1890); ferner aus Professor +Häckel’s+ indischen
Reisebriefen (Leipzig, 1882) und vielleicht auch aus dem Prachtwerk
von Eugen +Ransonnet-Villez+ (Braunschweig 1868), das aber leider
vergriffen und sehr selten geworden ist.

Jedoch die eigentliche +Quelle+ unserer Kenntniss von dieser
merkwürdigen Insel ist das zweibändige +klassische+ Werk: +Ceylon+,
by Sir James +Emerson Tennent+ (5. Auflage, London 1860, Longman,
Green, L. & Roberts). Der Verfasser hat als höherer Beamter und
Gouverneur viele Jahre in Ceylon zugebracht, mit grosser Liebe in
seinen Gegenstand sich vertieft und mit Hilfe von Fachgelehrten die
ganze Geschichte des Volkes und der Natur, die Landbeschreibung und
Sittenschilderung auf das allergründlichste abgehandelt.

Selbstverständlich sind in den letzten 30 Jahren wesentliche
Aenderungen auf Ceylon eingetreten. In dieser Hinsicht, durch Angaben
über den +gegenwärtigen+ Zustand, ist sehr nützlich +Ceylon+ in 1893,
by +John Ferguson+ (London, Huddon & Co. 1893). Dieses Buch ist bei
Weitem nicht so wissenschaftlich, wie das von +Tennent+, für welches
Ferguson, ein ganz geschickter Zeitungsschreiber und agrarischer
Parteimann, seltsamer Weise kaum ein Wort des Lobes findet, mehr als
einmal aber spöttische Bemerkungen.

Eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Insel Ceylon enthält
das originale +Prachtwerk+: Ergebnisse der Forschungen in Ceylon von
Dr. Paul +Sarasin+ und Dr. Fritz +Sarasin+, III. Band. Die Wedda’s
von Ceylon. Wiesbaden 1892/3, Kreidel. (Fol., 600 S. mit Atlas.) Die
Verfasser, hervorragende Naturforscher, haben in 2½ Jahren die Insel
in 9 Halbmessern zu Fuss durchstreift und zwei Drittel des Umfangs
umschritten.

Der Führer von Colombo (Guide to C., by E. J. A. +Skeen+, C, 1892)
ist fast unlesbar, da Geschäftsanpreisung offenbar seinen Hauptzweck
darstellt, enthält aber doch manch’ schätzenswerthe Einzelheiten.
Derselbe Verfasser will einen Führer durch ganz Ceylon herausgeben.

Einen +Führer nach Kandy und Nuwara Eliya+ schrieb S. M. +Burrows+, der
Verfasser eines kleinen Büchleins, das ich im Gasthaus von Nuwara Eliya
gelesen: +The burried cities of Ceylon+. (Colombo und London, Trübner
1881).

Der „+Murray+“ für Indien und +Caine+’s Picturesque India (London 1891)
widmen der schönen Insel nur wenige Seiten.

Die alte +Geschichte+ von Ceylon wird auch in dem klassischen Werk
unseres Prof. +Lassen+ (Indische Alterthumskunde, Leipzig 1867, 1874,
1858, 1861, IV Bände) abgehandelt. Es giebt auch mehrere englische
+Sonderschriften+ über Ceylon’s Geschichte, die ich aber nicht gelesen,
da Emmerson Tennent’s Werk das Wesentliche enthält.

Hauptquellen für die +Alterthümer+ sind das letztgenannte Werk, und das
oben erwähnte Buch von Burrows, ferner J. +Fergusson+’s +Indian and
Eastern Architecture+ (London 1891, J. Murray) sowie, bezüglich der
neuesten Ausgrabungen, +John Ferguson+’s +Ceylon in 1893+.

Schon über die +Namen+ der Insel haben die berühmtesten Gelehrten, wie
+Lassen+ und +Bournouf+, ausführliche Abhandlungen veröffentlicht. Im
Sanskrit heisst sie +Lanka+ (d. i. glückliche Insel), in den Schriften
der Eingebornen Sihala oder +Sinhala+, d. i. +Loewen-Sitz+, bei den
makedonischen Griechen +Taprobane+ (Tambapanni d. i. Kupferland,
wegen des kupferrothen Sandes an der Küste, in welchen König Wiyago
sich setzte und seine Hände färbte;) bei den späteren Griechen
+Palai-Simundu+ (Pali-Simanta im Sanskrit = Haupt des Gesetzes);
bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Salike d. i. Sihala: bei
den Arabern, so auch in Sindbad’s Märchen aus „Tausend und eine
Nacht“, Selendib oder +Serendib+ d. i. Sinhala oder Silan-dwipa =
Silan-+Insel+. Aus Silan haben dann die Portugiesen +Zeilan+, die
Holländer Ceylan, die Engländer Ceylon gemacht.

Das +glänzende+ Lanka preisen die Brahmanen; die Buddhisten den
+Perlohrring+ am Antlitz von Indien; die Chinesen rühmen das +Land der
Edelsteine+, die späteren Griechen das des Hyacinth und Rubins, die
Mohammedaner das +Nach-Paradies+ von Adam und Eva. So zeugen auch die
+dichterischen+ Bezeichnungen von der hohen Achtung, deren die Insel zu
alter und neuer Zeit, in Ost und in West, sich zu erfreuen hatte.

Wenn +Sancho Pansa+, der so inbrünstig eine Insel zu besitzen
strebte, Ceylon gekannt hätte; so würde er wahrscheinlich +diese+
Insel vor allen andern begehrt haben. Von den drei Inseln, die uns
Mitteleuropäern als Urbilder der Schönheit vorschweben, Korfu,
Sicilien, Ceylon; gebe ich, nach eigner Anschauung der letzten die
+Palme+. Ich brauche sie ihr nicht zu geben. Sie +besitzt+ die Palme,
im dichten Uferwald längs der brandenden Küste, als Wappen der
neugeprägten Silbermünzen.

Ceylon ist übrigens eine ganz +stattliche+ Insel. Wir täuschen uns
leicht über ihre Grösse,[291] wenn wir nur auf die Karte von Asien
schauen und nicht unser kleines Europa in dem gleichen Massstab daneben
haben.

Ceylon liegt an der Südostseite der Spitze von Vorder-Indien, zwischen
5° 56′ und 9° 49′ N. Br., misst in der Länge von Nord nach Süd 445, in
der Breite 160 bis 235 Kilometer, hat einen Umfang von 1200 Kilometer
und einen Flächeninhalt von 64000 Quadratkilometer. Daraus folgt, dass
Ceylon ebenso gross ist wie das Königreich Bayern und noch einmal so
gross wie die Insel Sicilien.

Die +Bevölkerungszahl+ ist die gleiche für beide Inseln, nämlich drei
Millionen. Also ist die Bevölkerungsdichtigkeit in Ceylon 46 für den
Quadratkilometer[292], d. h. ebenso gross wie in den mittleren Bezirken
von Ostindien.

Die unzähligen, jetzt ausgetrockneten Bewässerungsteiche mit ihren von
dichtem Busch bewachsenen Dämmen, welche in den Wäldern der nördlichen
Zweidrittel von Ceylon zu finden sind, und die Angabe singhalesischer
Chroniken, dass um 1300 n. Chr. 1500000 Dörfer auf der Insel vorhanden
waren, haben +Emerson Tennent+ zu der Annahme bewogen, dass Ceylon in
seiner Blüthezeit das Zehnfache der derzeitigen Einwohnerzahl, nämlich
12 bis 15 Millionen, besessen haben möge. Wenn auch +Ferguson+ dies
für übertrieben hält und nur 4 bis 5 Millionen zulassen will, und die
Vettern +Sarrasin+ in den verlassenen Teichen nur den Ausdruck der
+Völkerverschiebung+, nicht einer ehemals grösseren Bevölkerungszahl
sehen wollen; so ist es doch eine Thatsache, dass heutzutage zwei
Drittel der Bevölkerung auf der Hälfte des Flächeninhalts, in den
südwestlichen und den Hügel-Bezirken, leben, während das ehemalige
Reisland der Nordhälfte auf +weite Strecken+ ziemlich öde geworden
und nur 15 Einwohner auf den Quadratkilometer zählt. Mit den alten
Wasserwerken ist die Cultur zerfallen, in Ceylon wie in Tunis und
andern Gegenden des Südens.

Ceylon ist ein +natürliches Treibhaus+, warm und feucht, mit einem
ewigen Sommer und einer mittleren Jahres-Temperatur von +27 bis 28° C.
Obwohl der Boden nicht so reich[293] ist, wie z. B. in dem vulkanischen
Java; so genügen doch Wärme und Feuchtigkeit, um den +üppigsten
Pflanzenwuchs+ hervorzurufen.

Für den mitteleuropäischen +Menschen+ ist das Klima +weniger+
behaglich. Aber zwei angenehme +Erfrischungen+ helfen ihm, die Hitze zu
ertragen.

Erstlich fiel, während meiner Anwesenheit in der Ebene, fast jeden
Abend ein tüchtiger +Regen+, meist unter Gewitter. (Die Regenmonate in
Ceylon sind Mai-Juni und October-November.[294] Colombo, die Hauptstadt
der Insel, hat im Jahre etwa 118 Regentage und im Monate November
durchschnittlich elf. Die Höhe des Regenfalls beträgt 88 Zoll im Jahre).

Sodann besitzt Ceylon eine +Gebirgsgegend+ (hill country), welche
⅙ seiner Fläche oder 4000 englische Quadratmeilen (von den 24702)
umfasst, nach Süden steil, nach Norden allmählich abfällt. Hier liegen
die beiden höchsten Berge der Insel, Pedurutalagala von 8269 Fuss und
Adams-Pik von 7353 Fuss Erhebung. Die andern ⅚ der Insel sind wellige
Ebenen. Aber Alles, von den tiefsten Thälern bis zu den höchsten
Gipfeln, ist mit ausdauerndem Grün bedeckt, soweit nicht der schroffe
Abfall einzelner Felsen den Pflanzenwuchs ausschliesst. Mit den Wäldern
auf der Höhe hat man während der Pflanzerzeit, d. h. während der
letzten 50 Jahre, unvernünftig aufgeräumt, so dass jetzt die Regierung
freies Land oberhalb 5000 Fuss Erhebung nicht mehr veräussert. In diese
Höhen flüchtet der Europäer; er verlässt des Morgens die Gluthitze von
Colombo und erreicht Abends die Berge von Nuwara Eliya, ein Fleckchen
Mitteleuropa im Herzen der tropischen Insel Asiens.

+Jahreszeiten giebt es nicht auf Ceylon.+ Wie in den Gefilden der
Seligen trägt die Kokospalme reife Früchte in jedem Monat des Jahres.

Kokos- und Areca-Palmnüsse, China- und Zimmt-Rinde, Thee -- das sind
die +Reichthümer+ der Insel. Kaffe war es bis vor Kurzem.

Die gesammte Aus- und Einfuhr hat jetzt einen Werth von 8 bis 10
Millionen £.[295] Im Jahre 1891 wurden ausgeführt 89000 Centner Kaffe,
5679000 Pfund Chinarinde (Cinchona), 68 Millionen Pfund Thee, 20000
Pfund Cacao, 422000 Pfund Kardamomgewürz, 2900000 Pfund Zimmt, 409000
Centner Kokosöl, 400000 Centner Graphit. Der Werth der Ausfuhr war
1886 in £: Areca-Nüsse 100000, Chinarinde 300000, Zimmt 115000, Kokos
100000, Cacao 40000, Thee 370000, Tabak[296] 80000 und -- Kaffee
600000, statt 4000000 in den Jahren 1868, 1869, 1870.

Ausgeführt wird auch +Eben-+ und +Teak-Holz+. Aber +Nährgetreide (Reis)
muss eingeführt[297] werden+.

(1881 für 2 Millionen £, 1883 über 2 Millionen Hektoliter.)

Die früher so berühmten +Edelsteinlager+ Ceylons (Rubinen, Saphire,
Granaten, Katzenaugen)[298] scheinen ziemlich erschöpft zu sein; noch
mehr sind es die +Perlenfischereien+ im Golf von Manaar, zwischen
Ceylon und Cap Comorin.

Was die „Mohren“ (Moormen) in Colombo dem gierigen Fremden anbieten,
sind theils unbedeutende, minderwerthige Stücke, theils Nachahmungen
aus Glas. Gold und Silber ist sparsam; gelegentliche Funde dieser edlen
Metalle wurden in der alten Chronik der Singhalesen besonders erwähnt
und gepriesen. Eisen ist genügend vorhanden, Kohle fehlt. Nur +eine
Gesteinsart+ ist werthvoll und wichtig; sie besteht, wie der Diamant,
einfach aus Kohlenstoff, aber aus uncrystallisirtem: das ist der
+Graphit+, der Stoff für unsre Bleistifte, zu unschmelzbaren Tiegeln
und zu +Anstrichfarben+, zum Ueberzug bei der Galvanoplastik.[299]
5 Millionen Mark betrug der Werth der Ausfuhr 1883 und neuerdings 7
Millionen.

Ganz anders war der +Handel Ceylon’s in der arabischen Zeit+. +Edrisi+,
im 12. Jahrhundert n. Chr., nennt als Ausfuhrgegenstände Ceylon’s:
Seide (die aus China kam), Perlen, Edelsteine und wohlriechende Stoffe.

Zwei Drittel der Bevölkerung von Ceylon, also 2 Millionen, sind
+Singhalesen+, gelb oder gelbbraun, mit reichem, welligem Haar und
feinen, angenehmen Gesichtszügen, Verehrer des Buddha. Sie sind
ein +Mischvolk+ aus den vor etwa 2500 Jahren vom Gangesthal her
eingewanderten +arischen Hindu+ und den schon lange vorher auf der
Insel ansässigen Ureinwohnern.

Den zweiten Bestandtheil der Bevölkerung bilden die +Tamilen+,
dunkelbraune +Dravida+, die aus Südindien, besonders von der
Malabarküste, theils als Eroberer schon vor langer Zeit, selbst schon
vor 1000 Jahren, in die Nordhälfte der Insel eingedrungen sind, theils
neuerdings als Arbeiter auf den grossen Pflanzungen Beschäftigung
suchen. Ihre Anzahl ist wechselnd, aber im Ganzen zunehmend, und
beträgt jetzt gegen 800 000. Sie sind Shiwa-Verehrer. (Brahmanen).

Von den unvermischten Ureinwohnern Ceylons, die auf niedriger
Bildungsstufe verblieben sind, den +Wedda+, ist noch ein geringer Rest,
etwa 2200, erhalten. Nach den massgebenden Forschungen der Vettern
+Sarrasin+ stellen die Wedda eine uralte prae-dravidische, aber mit den
Dravida verwandte, auf niedrigster Stufe zurückgebliebene Bevölkerung
dar.

Die Singhalesen bewohnen hauptsächlich den Südwesten und die
Hügelgegend; die Tamilen hingegen den Norden und Osten; die
Wedda endlich einsame Urwälder im Innern. Dazu kommen noch Hindu
verschiedener Kasten; 212 000 Mohren (Moormen) d. h. Abkömmlinge
abenteuernder Araber, natürlich Mohammedaner; Chinesen 8000;
ebensoviel Malayen, ursprünglich angeworbene Soldaten, die nach der
Auflösung der Truppe (1873) im Lande blieben, zum Theil noch als
Polizisten verwendet; vereinzelte Afghanen, Parsi, Kaffern; endlich
6000 +Europäer+ und angeblich 20 000 +Eur-asier+, d. h. Mischlinge
von Holländern mit Singhalesinnen, sogenannte Burghers, oder auch von
Portugiesen und von Engländern mit einheimischen Frauen.[300]

Unter den Eingeborenen (Singhalesen und Tamilen) sind gegen eine
Viertel Million Getaufter, nämlich 240000 Katholiken und 70000
Protestanten. Die Portugiesen erzwangen es mit der Inquisition; die
Holländer mit dem Hunger, da sie keinem Einheimischen Arbeit gaben, der
nicht zum protestantischen Glauben sich bekannte; die Engländer wirken
durch ihre Missions-Gesellschaften, -- bischöfliche, presbyterianische,
wesleyanische. Dazu kommt noch die Heilsarmee, deren einheimische
Vertreter ich in den rothen Jacken mit den Buchstaben S. A. prangen
sah. Der Singhalese hat wohl nur selten die Qual der Wahl; sein
Fassungsvermögen vermag auch nicht zwischen dem neuen Sittengesetz und
dem alten des Buddha einen Unterschied zu entdecken.

Seit 543 v. Chr. wurde Ceylon von singhalesischen Fürsten beherrscht.
Die erste Königsfamilie, die aus dem Ganges-Thal stammte, hiess
+Maha-wanso+, das grosse Geschlecht, und ebenso heisst die dichterische
+Chronik+, welche in der dem Sanskrit verwandten Pâli-Sprache ihre
ganze Geschichte enthält. (Die Sprache der Singhalesen -- +Elu+
genannt -- ist gemischt, ähnlich wie die englische, und zwar aus
einem angeblich[301] der Tamilsprache verwandten Grundstock, der die
gewöhnlichen, sichtbaren Dinge und die einfachen Begriffe ausdrückt;
aus Pâli für die Begriffe der Religion; und aus Sanskrit für die der
Wissenschaft und Kunst. Pâli war die Volkssprache ihrer buddhistischen
Apostel aus Maghada).

170 Fürsten herrschten von 543 v. Chr. bis 1815 n. Chr., wo der letzte
König von Kandy, angeblich wegen Grausamkeit, von den Engländern
abgesetzt wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Buddha-Lehre
eingeführt und gelangte zu hoher Blüthe. Ceylon ist ihre zweite
Heimath. Von hier verbreitete sie sich nach Hinterindien, China, Japan.

Aber die kriegerischen Tamil-Stämme von der Coromandelküste und dem
Süden des indischen Festlandes störten den Frieden der Insel und
vertrieben allmählich die Singhalesen aus der nördlichen Hälfte. Im 8.
Jahrhundert n. Chr. kamen Araber, 1505 die Portugiesen. Nachdem die
letzteren über ein Jahrhundert lang die Küsten beherrscht, tüchtig
geplündert und unter königlichem Monopol Gewürze ausgeführt, wurden
sie 1632-1658 von den Holländern verdrängt, welche ursprünglich
von den Singhalesen zu Hilfe gerufen waren. Die Holländer beuteten
die Singhalesen ebenso aus, wie vorher die Portugiesen es gethan;
sie setzten Todesstrafe auf unerlaubten Verkauf eines einzigen
Zimmtstengels und übten Gewissenszwang; aber sie begannen doch
wenigstens den Anbau von Kaffe und Indigo, sowie von Cocospalmen längs
der ganzen Südwestküste.

1802 wurde die Insel im Frieden von Amiens an die Engländer abgetreten
und 1815 zu einer +Kron-Colonie+ gemacht, nachdem das Königreich Kandy,
welches sowohl den Portugiesen wie auch den Holländern widerstanden,
endgiltig besiegt worden war.

Ein +Gouverneur+ herrscht über die Insel, selbstherrlich und
uneingeschränkt,[302] allerdings dem Colonialamt verantwortlich, das
aber ziemlich fern weilt, -- in Downingstreet zu London. Sechs Jahre
pflegt seine Amtsthätigkeit zu dauern, für welche er die Kleinigkeit
von jährlich 80000 Rupien bezieht.

(Entsprechend sind die Gehälter der andern Beamten. Schon seufzen
die gebildeten Ceylonesen, Singhalesen und Burghers, über die Last
der Pensionen, und klagen, dass sie, geborene Unterthanen der
Königin Victoria, so wenig bei der Verwaltung ihres eignen Landes
berücksichtigt werden.) Friede und Ruhe herrscht auf der Insel, die zu
den bestbebauten Colonial-Ländern der Erde gehört und die wichtigste
Kron-Colonie Englands darstellt.

    The best and brightest gem
    In Britain’s orient diadem.

1500 Soldaten genügen, „um die Eingeborenen niederzuhalten.“ Sie kosten
jährlich 160000 £; drei Viertel dieser Ausgabe fällt der Colonie zur
Last. Dazu kommen noch 1400 Polizisten, für 60000 £. Die Einkünfte
der Insel betrugen (im Jahre 1883) 1462000 £, die Ausgaben 1458834 £;
im Jahre 1889 aber nur 1052000 £ und 1030000 £. Im Jahre 1891 war das
Einkommen 17962701 Rupien;[303] 1892 ungefähr ebensoviel. Das Jahr 1893
wird sich ungünstiger gestalten wegen des Silbersturzes; 5¾ Millionen
R. sind nach London als Zinsen der Schuld und für Pensionen zu
zahlen. Die Schuld der Colonie beträgt ungefähr 2000000 £ und ist im
Wesentlichen für Eisenbahnen, Hafenanlagen und Wasserwerke verbraucht
worden.

Die Colonie befindet sich jetzt in einer Uebergangszeit; mit dem
Kaffebau ist es vorbei, die Thee-Pflanzung ist in stetiger Zunahme
begriffen; die Pflanzer machen grosse Anstrengung, mit ihrem Thee den
Weltmarkt zu erobern.


Colombo,

die Hauptstadt der Insel Ceylon, hat den Namen von ihrem Fluss.
(Kelani oder Kalan-Ganga.) Schon 1340 n. Chr. wird sie von arabischen
Geographen als +Calambu+, die grösste und schönste Stadt von Serendib,
erwähnt. 1507 gründeten die Portugiesen hier eine befestigte
Handelsniederlassung; nahezu 150 Jahre haben sie hier sich behauptet;
fast ebenso lange ihre Nachfolger, die Holländer, bis 1796 die
Engländer an deren Stelle traten. Immer blieb Colombo die Hauptstadt:
1815 hatte sie 28000 Einwohner; jetzt besitzt die Stadt 20000 Häuser
und 120000 Einwohner.

       *       *       *       *       *

Am Mittwoch, den 9. November, meinem ersten Tag auf Ceylon, war ich,
wie immer, sehr zeitig aufgestanden. Entzückend ist der frühe Morgen
nach dem erquickenden Regen der Nacht. Zuerst kommt das kühle Bad, das
übrigens in diesem Hotel besonders bezahlt werden muss;[304] dann das
erste Frühstück, bestehend aus Thee, Zwieback oder Toast, Bananen,
Butter und Honig, welches der dienstthuende Aufwärter, ein etwa
40jähriger Singhalese mit recht stattlichem Bart, auf dem zu meinem
Zimmer gehörigen, überdachten Balcon aufträgt, nachdem er den dichten
Vorhang aus Bambus-Stäben emporgezogen. Eine grosse schwarze Krähe, die
von meinen Vorgängern wahrscheinlich verwöhnt worden, erscheint sofort
und heischt keck ihren Antheil. Die Fenster der gegenüberliegenden
europäischen Häuser sind noch fest durch Vorhänge verschlossen, so
dass ich nicht zu befürchten brauche, durch mangelhafte Bekleidung
Anstoss bei Nachbarinnen zu erregen. Die durch den Regen erfrischten
Blüthenbäume auf der Strasse mischen ihren Duft mit dem meiner
Morgen-Cigarre.

Die singhalesischen und tamilischen Arbeiter in weissem Jäckchen, einen
weissen oder auch hellrothen langen Schurz um die Lenden, schreiten
einzeln und gruppenweise zum Hafen und zu den Lagerhäusern und Fabriken.

Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk,
nämlich mir einen +Ueberblick über die Stadt Colombo+ zu verschaffen.
Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“ abzuschlagen,
die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich an seine
Ferse heften, wohin er auch gehen mag.

Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz,
barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm
in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über die
Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt: „+Po+“, d.
h. Pack’ dich -- zum Glück sowohl in der Sprache der Singhalesen als
auch in der der Tamilen.

Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht[305] auf
denselben, liegt unser riesiges, weisses +Oriental-Hotel+[306] mit 125
Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von einer
massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d. h.
Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden,
Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien,
Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während
Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer,
Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich
herumtreiben.

Ueber einen freien Platz, vorbei an einem +Kiosk+, wo die Gesellschaft
der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem Geschmack
vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige) die
Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung
feil[307] bietet, gelangt man zu dem Zollhaus[308] und dem überdachten
+Landungsplatz+,[309] wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr
herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern
und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügelt
von dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel,
welche die Fahrpreise regelt.

Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen
sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den
Ecken.

Ceylon gehört zu Ostasien, Silber[310] ist die Währung. Der Reisende,
welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch
noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong,
verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn
er nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit
ist die +Rupie+; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe
von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie
geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria[311] in
den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird.

Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch
die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten,
ist der Werth des Silbers von 1874-1892 stetig gesunken, so dass die
Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war.
Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen
Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn
nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib
und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden
Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr;
Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere
Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser,
als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung
eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50 +Cents+, die Viertel-Rupie 25
Cents.[312] Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon geprägte
Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin Victoria,
auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der Insel, und
die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½ Cent erhält
der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der Bettler
würdevoll zurück.

Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die
Mehrzahl der +Boote+ im Wasser daneben.

Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der
Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig
die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen
Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents
für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher
und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am
zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, der
+Auslegerkahn+[313]. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15-20 Fuss Länge
bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter sind die
Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum zwischen den
Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener darin nur sitzen
kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt. Von der Mitte der
linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte, gleichlaufende Stäbe
aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein dem Boot paralleler
Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das schmale, gebrechliche
Fahrzeug vor dem Kentern schützt.

Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum
Fischen am Strande. +Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie gewesen.+

Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander
befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das
gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und hat
vielleicht mit Veranlassung zu der +Sage vom Magnetberg+ gegeben, der
in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage allerdings
hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird schon von
älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert n. Chr.,
von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem Palladius
zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit[314] und ferner von
älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas andrer
Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet.

Das +Katamaran+, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht ohne
Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern überlassen.
Der Name bedeutet +Holz-Gebinde+[315]; das Fahrzeug ist eigentlich
ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken, aber nicht
gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht sehr breiten,
sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten so aneinander
gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und mit Bast fest
verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher den Postdienst
zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller Zufriedenheit der
Regierung geleistet!

So leer die Rhede von Point de Galle, +so voll ist der Hafen+ von
Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und
Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay,
Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren
Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach
Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. & O.
Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd,
der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch
vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line,
Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. --
Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des
Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste.

Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten
vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen
Australien-Dampfern[316] hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen
und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das
Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört
das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges
Völkchen vergröberter Yankees.

Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und gegen
Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht bewirken
können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von Colombo in
einen der +sichersten und bequemsten Häfen+ des Ostens umzugestalten.
Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, der +Wellenbrecher+
(Breakwater).

Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss
ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer
Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm.
Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16-32 Tonnen Gewicht,
die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über
Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die
Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel.

500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens;
die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für
die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet.
Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie
die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich
in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet.
Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der
Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der
Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen.
Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr 1/10 der Kosten
des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf
eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock
herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand
der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen
werden.

Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck
hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem
Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme
Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das
Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende
Sonne entzückend. Ich war aber +ganz allein+, wie schon öfters auf den
berühmten Spazierwegen der Reisebücher, -- nur zahlreiche eilfertige
+Krabben+ kreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere Beute zu finden.

Zur Zeit des Südwestmonsum brandet die See längs der ganzen Ausdehnung
des Wellenbrechers in Schaum-Säulen von 50 Fuss Höhe, ein wundervoller
Anblick, den ich aber nur aus einem Lichtbild kennen lernte.

Misstrauisch betrachten schon die Einheimischen den Fremdling, der das
Hafenbild so genau studirt, dass er sich kaum davon trennen kann. Aber
endlich wende ich mich rückwärts und muss gestehen, dass auch das Bild
des +europäischen Stadttheiles von Colombo+ sehr gefällig ist. Der Name
Fort ist ihm geblieben, obwohl die alten portugiesisch-holländischen
Befestigungswerke seit 1871 niedergelegt und die Gräben ausgefüllt
sind. (Nur eine Batterie von 12 Kanonen hat man übrig gelassen, um
Begrüssungsschüsse abzufeuern.)

Von dem Landungsplatz nach Süden erstreckt sich ein breiter Boulevard
(+Yorkstreet+) mit stattlichem Fahrweg, zwei Baumreihen, zwei
Fusswegen. Der rothe Kies des Fahrwegs stimmt gut zu dem satten Grün.
Der stattliche +Tulpenbaum+ (Suriya, Thespesia populnea) gewährt in
den Strassen nicht bloss erfreulichen Anblick, sondern auch angenehmen
Schatten.

Rechts liegt das mächtige Gebäude des Oriental-Hotel, links das der P.
& O. Gesellschaft; im fernen Hintergrund erscheinen die stattlichen
Baracken der Besatzung auf einem grossen, freien Platz.

Von dem Landungsplatz nach Osten zieht +Churchstreet+, an deren Ende
ein schön gepflegter, öffentlicher Garten liegt (+Gordon’s+ G.) und
der +Wohnsitz des Gouverneurs+ (Queen’s house). Vor diesem steht
die Bronze-Bildsäule von Sir Eduard +Barnes+. Das Kunstwerk ist
mittelmässig, aber der Mann war tüchtig. Als Gouverneur in den Jahren
1820-1822 und 1824-1831 hat er Ceylon bewohnbar gemacht durch +Anlegung
von Strassen+. Als die Engländer in Ceylon landeten, gab es keine
einzige ordentliche Strasse; im Jahre 1831 war jede Stadt durch gute
Fahrstrassen erreichbar. Das wichtigste Werk von Sir Eduard Barnes war
die Fahrstrasse von Colombo nach Kandy, auf der am 13. Februar 1832 die
erste Postkutsche Asiens entlang fuhr. (Jetzt ist allerdings die Post
von der Eisenbahn überholt.) Strassenbau ist das wichtigste Mittel zur
Civilisation. Das haben die Engländer gut begriffen; in Ceylon gaben
sie ein Gesetz, wonach jeder brauchbare Mann zwischen dem 18. und 55.
Jahre alljährlich sechs Tage Arbeit oder eine entsprechende Geldzahlung
zur Verbesserung der Strassen zu leisten hatte.

Ich verfolge meinen Weg längs der Yorkstrasse durch die geräumigen
und schattigen Veranden, die den Läden vorgebaut sind, (denn die
Sonne macht sich schon recht fühlbar,) werfe einen Blick auf die
reichen Lager von Gold-, Silber-, Edelstein-Waaren, Kunstgegenständen,
ohne mich aber durch die eifrigen Mohren zum Eintritt bereden zu
lassen; und biege nach rechts in die +Princess-Street+ ein, wo in
riesigen europäischen Kaufläden der Reisende wie der Ansiedler die
vollständigste Ausrüstung und Einrichtung vorfindet.

Es zieht mich zur +Post+, die um 10 Uhr Vormittags geöffnet wird.
Vier Briefe von Hause werden mir, als ich meine Karte vorzeige,
von dem singhalesischen Beamten eingehändigt. Unbekümmert um die
Vorübergehenden und die zudringlichen Bettler setze ich mich auf die
Veranda und überfliege die 48 eng beschriebenen Seiten. Dann sende ich
mein Telegramm nach Hause. (Jedes Wort nach Europa kostet 3 Rupien 12
Cents. Die Antwort erhalte ich am Nachmittag desselben Tages.)

In dieser Gegend liegen die Verwaltungs- und Bankgebäude. Als vor
ungefähr 50 Jahren die Pflanzer-Zeit in Ceylon anhob, wurden Banken
nothwendig. Die Oriental-Bank zog das Hauptgeschäft an sich und gab
Kassenscheine aus, die willig, auch von den Eingeborenen, genommen
wurden. Leider musste sie im März 1884 ihre Thüren schliessen. Aber
der Gouverneur Sir Arthur Gordon verhütete die Verwirrung unter den
Eingeborenen, indem er die Noten der Bank übernahm. Uebrigens hatte
die Regierung keinen Verlust, da schliesslich Deckung genug vorhanden
war; vielmehr Vortheil, da sie selber Papiergeld ausgab. (7 Millionen
Rupien, mit einem Gewinn von jährlich 200000 Rupien.) Die New
Oriental-Bank, die auf den Trümmern der alten gegründet worden, musste
im Juni 1892, kurz bevor ich nach Asien kam, die Zahlungen einstellen.
(Davon war in Singapore und Hongkong viel gesprochen worden. Auch
diesmal wurden ihre Noten von den andern Banken übernommen, damit nicht
das Vertrauen der Asiaten eine unheilbare Wunde erleide.) Jetzt giebt
es in Colombo mindestens ein Dutzend Banken oder Bankvertretungen;
darunter ist auch unsere „Deutsche Bank“ aus Berlin.

Ich gehe noch weiter südlich nach +Chatam-Street+, die mit
Princess-Street gleich läuft. Hier drängen sich die einheimischen
Läden mit sogenannten Kunstgegenständen (Curios) dicht aneinander. Die
Einladungen zum Eintreten werden immer dringlicher. Hier liegt der
+Glockenthurm+, der im Jahre 1857 erbaut ist und auch als Leuchtthurm
benutzt wird. Das Licht steht 132 Fuss über dem Wasserspiegel und ist
einem 20 Fuss über Wasser befindlichen Auge bei klarem Wetter bis auf
17 Seemeilen Entfernung sichtbar.[317] Dicht neben dem Thurm liegt das
mit dem deutschen Wappen geschmückte Geschäftshaus unseres Consuls, des
Herrn +Freudenberg+, dessen Namen in den deutschen Reiseschriften zu
den besten gezählt wird. Mit der grössten Liebenswürdigkeit empfängt
er mich, versorgt mich mit werthvollem Rath für die Reise durch
Ceylon und, auf Grund meines Creditbriefes, mit dem dazu nöthigen
Regierungs-Papiergeld (300 Rupien in Abschnitten von 5 und 10); und
ladet mich sowie den Herrn Capitän zum Frühstück in das nahegelegene
Bristol-Hotel.

Danach tritt die +tropische Mittagshitze+ in ihre Rechte. Ich
verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige
Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage
nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot)
und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr
wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und
wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten
in der Veranda.

Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler und
+Schlangenzauberer+[318] erspäht, durch Wort und Geberden seinen
Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem
flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange[319] und spielt
auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt
und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten
Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch
einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt,
ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen
worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen
vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler
einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit
des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz
unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum
Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein
auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie
ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres
(Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die
Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der
alte +Schlangendienst+ der Ureinwohner (Naga) noch deutliche Spuren
bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren man
sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb
eingeschlossen und in den Fluss geworfen.

Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler ist +das Wachsen des
Mangobaumes+, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde auf
den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt und
bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem Sand
eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer sieht
nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige
Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere
Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen.

Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch
nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in
derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit
der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige
Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag
über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt.

Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez und
grauem Vollbart; es ist +Arabi Pascha+ aus Aegypten, den die Engländer
nach Colombo verbannt haben und der mit der alten, mohammedanischen
Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als sie aus dem
Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum Trost und
zum Ersatz erhalten haben.

Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen
Einspänner, natürlich mit einem +Pferde+; 2 Rupien beträgt
der Fahrpreis für den Nachmittag. (Die +Ochsendroschken+[320]
der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die
Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für
die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder
Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach
Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder
nicht, zunächst nach den +Zimmtgärten+ (Cinamom gardens).

Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das
Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (+Pettah+,
d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten
Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und
angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur
linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen
fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die
Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt.

Dann kommt der +Trödelmarkt+, der eigentliche Anfang von Pettah,
mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren
und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten
Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde
der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen
Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet.
Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt.

Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der
mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es
vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen
unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld
und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der
Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahn zu
schaffen. In dieser Gegend liegt erstens ein +Hindu-Tempel+,[321]
ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl
von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten
und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball
von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch
ein vereinzeltes Andenken an die +holländische+ Zeit, ein alter
Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute)
Wolvendal-Kirche der Reformirten.

Südlich von Pettah liegt ein grosser Landsee, einfach +Lake+ oder
Colombo-Lake genannt, angeblich der Rest der früheren Mündung des
Flusses (Kelani Ganga), welcher jetzt +nördlich+ von Colombo in’s Meer
fliesst. In diesen See springt von Süden her eine breite, künstlich
aufgeschüttete Halbinsel weit vor, die +Sklaven Insel+ (Slave Island),
so genannt, weil die Holländer im vorigen Jahrhundert hier die
Regierungsklaven für die Nacht einzusperren pflegten. Jetzt ist es
ein besonderer Stadttheil von Colombo, der achte von den neunen. Um
diesen See fahren wir herum, geniessen die entzückende Aussicht auf
die mit Kokospalmen dicht besetzten Ufer und erreichen das Südende
von Colombo, die Vorstadt +Kollupitya+, von den Engländern kürzer
Colpetty genannt, die zwar schon durch Strassen abgetheilt ist, auch
zahlreiche Gartenhäuser enthält, aber zum grössten Theil von dem
Victoria-Park nebst Museum, dem Renn- und dem Cricket-Platz sowie von
den +Zimmt-Gärten+ eingenommen wird.

Der Europäer, welcher eine überschwängliche Vorstellung mit diesem
Namen verbunden und gar die alte +Fabel+[322] geglaubt hat, dass die
würzigen Düfte der Insel bis weit über das Meer hin wahrnehmbar seien,
wird einigermaassen enttäuscht, wenn er zur Stelle gelangt ist.

Der Zimmtstrauch wächst in weissem Quarz-Sand, aus dem auch die
Riesenbauten der Ameisen hervorragen, ist weder sehr hoch noch
besonders schön; um den Duft wahrzunehmen, muss man erst einige
abgepflückte Blätter in der Hand zerdrücken. Dazu ist freilich
Gelegenheit genug vorhanden. Junge Burschen schleudern uns Zweige des
Zimmtstrauches in den Wagen und heischen dafür eine Gabe; sie bieten
aufdringlich Spazierstöcke aus Zimmtholz und glitzernde Goldkäfer zum
Verkauf an.

+Zimmt+, die Innenrinde des Zimmtstrauches, gehört zu den ältesten
Gewürzen des Menschengeschlechtes. Schon in einem altchinesischen
Kräuterbuch, das angeblich aus dem Jahre 2700 v. Chr. stammt, wird es
erwähnt, war angeblich den alten Aegyptern, sicher den Phöniziern, den
Hebräern, den Griechen und Römern bekannt.

Den letzteren wurde Zimmt durch arabische Carawanen zugeführt und
erzielte in Rom einen Preis von 150 Mark für das Pfund! Im Mittelalter
blieb es ein sehr kostbares Gewürz, von dem man wusste, dass es aus
China stammt. Sehr merkwürdig ist, dass obwohl der Ceylon-Zimmt
unbestritten der beste auf der Erde ist und den Namen +Zimmt-Insel+
veranlasst hat, weder in singhalesischen noch in fremden Schriften der
Zimmtbaum als einheimische Pflanze oder der Zimmt als Handelserzeugniss
Ceylon’s vor +Ibn Batuta+, d. h. vor dem 14. Jahrhundert n. Chr.,
jemals erwähnt wird.

Die +Holländer+ machten ein Monopol aus dem Zimmthandel und bedrohten
den unbefugten Handel mit Zimmt sowie die Zerstörung eines einzelnen
Zimmtbaumes mit dem Tode. Zuerst erhielten sie den Zimmt hauptsächlich
aus dem Königreich Kandy, in dessen Wäldern er geschnitten wurde;
aber später (1770) versuchten sie den Anbau an der Südwestküste der
Insel mit Erfolg und führten jährlich an 400000 Pfund aus, womit sie
den ganzen Bedarf von Europa zu decken und dies Geschäft völlig zu
beherrschen im Stande waren. Sie verbrannten lieber den Ueberschuss
in Amsterdam, als dass sie einen Preisrückgang duldeten. Ihre grösste
Jahresausfuhr war im Jahre 1738 und betrug 600000 Pfund, im Werthe von
8 bis 18 Mark das Pfund.

Unter der +englischen+ Herrschaft erhielt zuerst die ostindische
Gesellschaft den Alleinhandel und führte jährlich gegen 500000 Pfund
aus. 1833 wurde dies Monopol, 1853 der hohe Ausfuhrzoll (von ⅓ bis
½ des Werthes) aufgehoben. Nachdem die einschränkenden Gesetze
gefallen waren, hob sich die Ausfuhr bedeutend. 1881/82 wurden aus
Ceylon 1600000 Pfund Zimmt-Röhren und 400000 Pfand Zimmt-Spähne[323]
ausgeführt, im Werthe von 3 Mark für das Pfund der besten Waare.
Der Preis ist noch weiter gesunken, die Ausfuhr 1891 bis gegen 3
Millionen Pfund gestiegen. 35000 Acres sind in Ceylon mit dem Zimmtbaum
bepflanzt, sie gehören Einheimischen und werden von Einheimischen
bearbeitet.

Der Zimmtbaum[324] ist in den Wäldern Ceylon’s von 3000 bis 7000 Fuss
Erhebung ziemlich verbreitet. Die Eingeborenen, welche die Rinde von
diesen Bäumen sammeln, pflegen zuvor davon zu kosten und einzelne
Bäume zu übergehen, da sie für den Zweck unbrauchbar sind. An der
Südwestküste von Ceylon wird die beste Art bis zu einer Erhebung von
1500 Fuss angebaut. Sir Emmerson Tennent stellte fest, dass jeder der
fünf hauptsächlichsten Zimmtgärten in diesem Bezirke 15-20 englische
Meilen im Umfang mass. Später wurden viele der Zimmtgärten zu Gunsten
des Kaffebau’s aufgegeben. Zum Zwecke der Zimmtgewinnung werden die
Pflanzen beschnitten, so dass die Stammbildung unterdrückt wird, und 4
bis 5 Schösslinge aufspriessen, die man 1 bis 2 Jahre wachsen lässt.

Dann fängt die Rinde an, ihre grüne Farbe mit einer bräunlichen zu
vertauschen. Nunmehr werden die Schösslinge, die jetzt 6 bis 10 Fuss
lang und ½ bis 2 Zoll dick sind, mit einem langstieligen Sichelmesser
abgeschnitten; die Blätter abgepflückt und die Rinde oberflächlich
geputzt und von Unregelmässigkeiten befreit; der Abfall giebt die
Zimmtspähne. Dann wird die Rinde in Abständen quer durchschnitten,
auch senkrecht eingeschnitten und so leicht vom Holz abgelöst. Hierauf
werden die Rindenstücke sorgfältig in einandergelegt und in Büschel
gebunden. So bleiben sie 24 Stunden und länger. Es entsteht eine
Art von Gährung, welche die Entfernung der Aussenrinde erleichtert.
Dann werden die dünneren Röhrchen in die weiteren hineingelegt, die
Rinde schrumpft und krümmt sich ein, bis sie eine Art von solidem
Stab bildet, gewöhnlich von 40 Zoll Länge. Diese Stäbe werden erst im
Schatten, dann in der Sonne getrocknet und schliesslich in Ballen von
30 Pfund fest verpackt.

Der Riechstoff des Zimmtes ist das ätherische +Zimmtöl+. Dasselbe
wird in Ceylon aus den Abfällen der Zimmtrinde durch Destillation
mit Wasser bereitet (1 Kilogramm Oel aus 200 Kilogramm Rinde) und zu
wohlriechenden Stoffen wie auch zu Kräuterschnäpsen verwendet. Die
+Zimmtblüthen+ kommen hauptsächlich aus China.

Dicht neben den Zimmtgärten von Colombo liegt die +Ackerbauschule+,
die aber recht verwahrlost aussieht. Vor zehn Jahren äusserte sich H.
+Meyer+ darüber folgendermaassen: „Ein reicher Singhalese schenkte
bei irgend einer festlichen Gelegenheit der Stadt Colombo 20000 Pfund
Sterling mit der Bestimmung, eine landwirthschaftliche Musteranstalt
einzurichten. Wir ritten an dem Grundstück vorbei, und ich sah
neben einer Anzahl halbverfallener Hütten ein Stück überwuchertes
Gartenland und dahinter einen breiten Moorgrund, durchzogen von einigen
verschlammten Bewässerungskanälen; das war das Mustergut.“

Angeblich hat der jetzige Leiter der Anstalt „europäische
Qualification“ und ist erfolgreich bestrebt, durch das Mittelglied der
Dorfschulmeister nützliche Kenntnisse vom Ackerbau über das Land zu
verbreiten.

Besser gepflegt, ja sehr gut gehalten ist der kreisförmige
+Victoria-Park+, in dessen Bereich das +Museum+ liegt. Dieses habe ich
wiederholentlich besucht, erstlich weil ich in Colombo Zeit genug hatte
und dieselbe ausfüllen musste, zweitens um mich dafür zu entschädigen,
dass ich zu Hause so wenig Musse für den Besuch von Sammlungen finde.
Meine Begleiter waren meist früher fertig und warteten draussen, bis
ich die Besichtigung beendigt. Ueberhaupt fand ich auch hier nur wenige
Europäer, desto mehr schau- und wissbegierige Ceylonesen.

Vor dem Gebäude steht das Erzstandbild von Sir W. H. +Gregory+, der
von 1872-1877 Gouverneur von Ceylon gewesen. Die Inschrift besagt,
dass das Standbild von den Einwohnern errichtet ist zur Erinnerung an
die zahlreichen Wohlthaten, die sie ihm zu danken haben. In der That
ist die Summe von 25000 Rupien für das Denkmal hauptsächlich von den
Singhalesen gezeichnet worden. Herrn Gregory verdankt Colombo seine
Wasserleitung und das Museum, sein schönstes Gebäude, das 12000 £
gekostet.

Der Inhalt der +Sammlungen+ ist, wie gewöhnlich in Ostasien, äusserst
mannigfaltig. Zunächst ist da eine Bücherei der Regierung und
eine andere des ceylonischen Zweiges der königlichen asiatischen
Gesellschaft, sowie ein Lesezimmer. Dann sind als wichtigster
Gegenstand die +singhalesischen Alterthümer+ zu erwähnen: die berühmten
Inschriften von Anuradhapura, deren Entzifferung wir unserem Landsmann,
meinem Studiengenossen Dr. +Goldschmidt+ verdanken, der als Professor
zu Strassburg, leider zu früh für die Wissenschaft, verstorben ist;
Münzen, die aber über das Mittelalter nicht hinaufreichen; zierlich
gearbeitete Schmuckgegenstände, Halsketten, Armbänder, Ohr- und
Fingerringe; Waffen, Schwerter, Hellebarden, Flinten, namentlich auch
solche, welche bei den Prachtaufzügen der Kandy-Könige benutzt wurden,
sowie alte holländische Degen und Reiterpistolen; endlich die bekannten
+Masken der Teufel-Tänzer+, welche die Krankheiten beschwören. Diese
Masken sind ein bis auf unsre Tage gekommenes Ueberbleibsel aus der
Urzeit Ceylon’s, wo Dämonen-Verehrung nebst Schlangendienst auf der
Insel blühte. Jede besondere Krankheit wird nach dem Aberglauben der
Leute von einem besondern Dämon (Sanne) verursacht. Der Beschwörer
(Kattadia) nimmt die entsprechende Maske vor, macht seinen Tanz
nebst Beschwörung, unter Begleitung des Tamtam, und zieht sich um
Sonnenuntergang zurück mit den Opfergaben und mit dem Wunsche baldiger
Genesung. Diesem Dämonendienst bleiben auch die Getauften treu, worüber
Portugiesen, Holländer, Engländer in gleicher Weise geklagt haben und
noch heute klagen. Nach der Volkszählung von 1891 giebt es in Ceylon
1532 gewerbsmässige Teufel-Tänzer.

Ferner sind vorhanden +Natur- und Kunsterzeugnisse+ der Insel. Die
ersteren sind recht vollständig vertreten. Unter den letzteren fallen
hübsche Tischler- und Schnitz-Arbeiten auf. Die Singhalesen haben auch
gute Schmiede, Töpfer, Korbmacher. Im Ganzen ist aber Handwerk und
Gewerbefleiss nur wenig entwickelt. Sodann folgt eine +ethnographische+
Sammlung mit lebensgrossen, naturgetreuen Darstellungen, sowohl der
Ureinwohner (Wedda) als auch der Singhalesen in ihrem vollen Putz. An
der Haartracht der Damen ist portugiesischer Einfluss unverkennbar; das
spanische Schläfenlöckchen scheint grossen Beifall gefunden zu haben.

Von Buddha-Heiligthümern sieht man hier weit weniger, als in der
Sammlung zu Calcutta, offenbar deshalb, weil eben in Ceylon die
Buddha-Lehre noch lebendig ist.

Die +naturwissenschaftliche+ Abtheilung mit ihren Säugethieren,
Vögeln, Fischen, Insecten, Pflanzen, Gesteinen zieht die Eingeborenen
ganz besonders an, namentlich bewundern sie einzelne Prachtstücke,
wie den 23 Fuss langen Haifisch, der 1883 in einem Dorf bei
Colombo gefangen worden. Den Europäer fesseln die Beweisstücke der
erstaunlichen Fresswerkzeug-Leistungen einheimischer Ameisen, wie
mannsdicke Balken, die in eine Art von Flechtwerk umgewandelt sind, und
angenagte Steinkohlen; man würde sich kaum noch über durchgefressene
Eisenbahnschienen verwundern.

Die +Rückfahrt+ nahmen wir, vorbei an einem prachtvollen Banyan-Baum
(Ficus indica), der mit seinen Luftwurzeln eine prachtvolle, belaubte
Säulenhalle bildet, über +Southern drive+, eine unvergleichlich schöne,
vortrefflich angelegte, ockerrothe Strasse längs des Meeresufers. Ein
Denkstein meldet, dass Sir Henry +Ward+ diesen Weg 1856 begonnen, 1859
vollendet hat und ihn seinen Nachfolgern an’s Herz legt zum Wohl der
Frauen und Kinder von Colombo.

Hier tummelt sich gegen Abend das wohlhabendere Völkchen des
Europäer-Viertels zu Wagen und zu Ross; hier tauschen sie die
Bemerkungen über Wetter und Neuigkeiten der Gesellschaft aus und
blicken mit Wohlwollen auf die Cricket- und Polo-Spieler zur Seite des
Weges, voll Stolz auf die wenigen Fremden und die einzelnen Fussgänger
und Eingeborenen herab, bis die Sonne wolkenlos in dem inselleeren
Weltmeer zu versinken sich anschickt: dann eilen alle nordwärts durch
den kleinen Stadttheil +Galle-Face+ mit seinen prachtvollen Palmen
zurück nach dem Fort, um für das wichtige Geschäft des Abendessens die
unerlässliche Schmückung des Körpers vorzunehmen. Beiläufig bemerke
ich, dass, während die Damen noch immer zum Essen wie zu einem Ball
sich ankleiden, die englischen Herren von dem Frack, den +Häckel+
vor 10 Jahren mit seinem Zorn überschüttet, jetzt abgekommen zu
sein scheinen. Sie tragen dunkle Hosen und weissleinene, ganz kurze
Knaben-Jäckchen, dazu einen seidnen Gürtel in brennendem Roth oder
in Hellblau: was für dürre, ältliche, schon etwas gebückte Obersten
und Capitäne oder für ganz unkriegerische Kaufleute meist einen recht
lächerlichen Anzug oder Aufzug darstellt.

Gewohnt, rasch mich umzukleiden, habe ich noch Zeit, einen Blick
in +Gordon’s Garten+ zu werfen. Zugegen waren hauptsächlich nur
Kinder von Europäern, auf zierlichen zweirädrigen Karren von
einheimischen Kinderfrauen geschoben. Einen köstlichen Anblick bot
der +singhalesische Don Juan+, das lange rabenschwarze Haar zierlich
gekräuselt und gesalbt, in Locken bis auf die Schultern herabwallend,
geschmückt mit zwei Schildkrötkämmen, einem runden auf dem Scheitel,
einem platten am Hinterhaupt; den Vollbart auf das sorgfältigste
gepflegt; silberne Ringe an den Fingern; Jacke und Schurz von
tadellosem Weiss; sein Liebesgeflüster offenbar ebenso eindrucksvoll,
wie bei uns im Herzen von Europa.

Das +Mittagessen+ im +Oriental-Hotel+ (um 7½ Uhr Nachmittags) trägt die
ganze Wichtigthuerei und geheuchelte Vornehmheit zur Schau, die Jeder
kennt, der im Alexandra-Hotel zu Oban in Schottland oder in Shepheard’s
Hotel zu Cairo in Aegypten unter überwiegend englischer Gesellschaft
zu speisen das Vergnügen gehabt. Die Gerichte sind zahlreich, aber
mittelmässig, besonders das Fleisch; der Wein schlecht, das Bier
erträglich. Kühlung fächelt die Punka.

Nach dem Essen nimmt man den Kaffe in der Veranda und raucht eine
Cigarre dazu, -- in Frieden, wenn man verstanden, die Mohren ein für
alle Mal sich vom Leibe zu halten. Jung-Albion streckt hierselbst
höchst anmuthig die gespreizten Schenkel auf die vorspringenden Lehnen
der langen, rohrgeflochtenen Stühle (easy chairs), -- als ob es keine
Frauen in der Welt gäbe.

In guter Gesellschaft plaudert man noch ein bis zwei Stündchen.

Dienstfertige Shinghalesen schaffen das Nöthige zur Befeuchtung der
Kehle herbei. Nur die Liebhaber schärfster Getränke schützen Neigung
zu einer Partie Billard vor und verschwinden nach der neben den
Billardräumen gelegenen Schenke (bar) des Gasthauses.

Wenn man aber das Schlafzimmer aufgesucht und trotz offengehaltener
Fensterthür und niedrig geschraubter Gasflamme[325] seufzend + 22°
C. festgestellt; so ist eine kühle Abwaschung des ganzen Körpers
sehr förderlich, bevor man kunstgerecht hinter die würfelförmige
Moskito-Netz-Umzäunung des Bettes schlüpft.

Decken giebt es nicht; auch das Laken, das ihre Stelle vertritt,
schiebt man bei Seite und kann doch nicht gleich einschlafen wegen
des +Höllenlärms+ auf der Strasse, den betrunkene Matrosen und andre
Europäer sowie rasselnde Jinrikisha verüben, und den die Engländer
mit unbegreiflichem Langmuth selbst auf dem Hauptplatz der Hauptstadt
gestatten. Allerdings, die hochmögenden Herren werden dadurch nicht
gestört; sie schlafen sanft in ihren Landhäusern, weit ab in der
friedlichen Vorstadt.

Endlich prasselt ein befreiender Regenguss herunter, kühlt die Luft und
verscheucht die Nachtschwärmer.

       *       *       *       *       *

Nicht müde konnte ich werden, tagtäglich, so lange mein Aufenthalt in
der Gartenstadt Colombo währte, die Reize der entzückenden Ausfahrten
zu geniessen und die Kokos-Palmen, Bananen, Tulpenbäume, Pawlonien,
Banya in der nördlichen Vorstadt +Kotahena+, in der südlichen Colpetty
und auf der Sklaveninsel mit immer erneuter Bewundrung zu betrachten.
Unter den in prachtvollen Gärten gelegenen Landhäusern (Bungalow)
entdeckte ich drei mit vaterländischen Namen: Karlsruhe, Wilhelmsruhe,
Rheinland.

Wie üppig der Pflanzenwuchs schon in der Stadt ist, erkennt am besten,
wer den am Ostende gelegenen Maligakanda-Hügel und das platte Dach
des darauf erbauten +Wasserbehälters+ erklimmt. Hier, in einer Höhe
von vielleicht 100 Fuss über der Ebene der Stadt und unmittelbar an
ihrer Grenze, erblickt man vor sich nur einen einzigen mächtigen
+Palmenwald+, die ganze Masse der 20000 Häuser ist darin völlig wie
vergraben.

Die Wasserwerke von Colombo sind erst 1889 vollendet und haben 7
Millionen Mark gekostet. Sie bestehen aus dem Hauptbehälter zu
Labugama, einem künstlichen See von 176 Acres in den letzten Ausläufern
der Kette des Adams-Pik, ferner aus der 25 englische Meilen langen
Leitung von dort bis zu diesem Nothbehälter in der Stadt, welcher
8350000 Gallonen oder 37575 Cubikmeter, d. h. den Bedarf[326] für drei
Tage, fasst, und endlich aus den nöthigen Verzweigungen.

Als ich von der Dachluke des Wasserbehälters in das Innere einsteigen
wollte, wo ich das Wasser rauschen hörte, traten die einheimischen
Beamten mir entgegen und hemmten meine Wissbegier, trotz meines
Einspruchs.

In der Nähe sind zwei buddhistische Tempel oder eigentlich
Priesterwohnungen (pansala). Das eine ist Vidyodaya-Colleg, ein
Hauptsitz östlicher Gelehrsamkeit, im Jahre 1873 begründet und
geleitet von dem gelehrten Hohenpriester des Adams-Pik, welcher den
wohllautenden Namen Hikkaduwe Sumangala Terrunanse besitzt. Der
durchbrochene, dreistöckige Glockenthurm könnte ganz gut in einem
italienischen Dorfe stehen.

Einer der schönsten +Ausflüge+ von Colombo geht nach dem
+Buddhistentempel von Kelani+. Durch Pettah und die nördliche
Villen-Vorstadt Kotahena kommen wir in einen dichten Palmenwald, wo
einzelne ärmliche, aber höchst malerische Hütten der Eingeborenen
stehen.

Eigentlich ist es kaum eine Hütte, sondern nur ein niedriges
Palmblätter-Dach mit Stützen. Die Vorderwand ist offen und zeigt den
Wohnraum und die kleinen Vorräthe an Früchten und einfachen Waaren, die
feilgeboten werden: ein Paar Stengel mit Bananen (Paradies-Feigen);
ein Paar Blätter mit Betelnuss-Stückchen, dütenartig zusammengerollt.
Aber freundlich schmiegt sich die nährende Banane[327] und der
Brodfruchtbaum[328] und einige Sträucher mit brennend rothen Blumen an
den luftigen Bau, den eine sanftgebogene Kokospalme überschattet. Ein
Paar Hühner und nackte Kinder beleben das Bild. Ein dunkles Weib mit
entblösstem Oberkörper säugt den Kleinsten, während der nur mit Schurz
bekleidete Mann häusliche Arbeit verrichtet.

„In dieser Armuth, welche Fülle!“

Der Singhalese lebt hauptsächlich von Reis, den er mit Gewürz
(curry) zubereitet, und von Früchten (Bananen, Kokos, Jak);
gelegentlich geniesst er auch getrocknete Fische. Diese einfachen und
unentbehrlichen Nahrungsmittel und das gleichfalls unerlässliche
Genussmittel der in Betelblätter eingewickelten Areca-Nuss wird
allenthalben feilgeboten.

Wir erreichen den besuchten +Grandpass-Markt+ mit echt asiatischem
Dorfleben und die Schiffsbrücke über den +Kelani Ganga+.[329]

Diese Brücke ist 500 Fuss lang und liegt auf 21 verankerten Booten;
sie ist 1822 angelegt zur Verbindung von Colombo mit Kandy. Vor dem
Bau der Eisenbahn bildete sie den einzigen Weg über den Fluss und auch
noch heute dient sie einem lebhaften Verkehr beladener Ochsenwagen. Um
die Schifffahrt zu ermöglichen, werden für zwei Stunden an jedem Tag
zwei der Boote herausgenommen. Binnen kurzem wird hier eine eiserne
Gürtelbrücke errichtet werden.

Der +Kelani+- (oder Kalany) +Fluss+ hat eine Länge von 157 km und ein
Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel. (Nächst dem
Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km) längs des rechten
Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenen +Tempel+. Der
letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet, später von plündernden
Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen Gestalt nicht über 200
Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch für ein verdienstliches
Werk.

Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von
Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern.
Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen.

Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches
Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser
Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer
Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt,
dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere,
sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen
lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren.
Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus.

Nunmehr bekam ich auch +Buddha+ zu sehen. Die Bildsäule ist 36 Fuss
lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf seiner
rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame
Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich
praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen
früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum
Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilen
in Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat,
findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu,
Shiva und Ganesa.[330]

In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang.
Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld.

Einen zweiten Ausflug, nach +Mount Lavinia+, machten wir mit dem
Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten
die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die
Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden
mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten,
herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.[331] Derselbe ist in grössere,
kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam
bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern
um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung
erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem
Dämon (Yakha) geweiht ist, -- oder auch dem Buddha oder dem Vishnu
oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges
Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben
will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen,
jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist
das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine
wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und
auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem
Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe
ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein
biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete
Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten
anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint,
zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann
der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und
aufrecht erhalten.

Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen,
mir eine +Kokosnuss+ herunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht
gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeit in
Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in
einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen
Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts
gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und
mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten
des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse
Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem
grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein
wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss
ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem
Europäer vorkommt,[332] -- Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall
die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der
Mittagsgluth wieder zu Hause.

So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem
Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie
sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden.

Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers
gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern;
dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende
Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit
zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die
stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und
darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen
Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort
draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische
Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer
Betrachtung, die Menschen, -- Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso
fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu
entziehen vermag.

Der +Singhalese+ ist ein kleiner, zierlicher Mann von gelber bis
zimmtbrauner Farbe und regelmässigen Gesichtszügen; mit gut gepflegtem
und gekräuseltem Bart und langem Weiberhaar, das er in einem Knoten
auf dem Hinterhaupt befestigt und mit einem halbkreisförmigen Kamm aus
Schildpatt schmückt, wie ihn bei uns manch’ kleines Mädchen trägt. Die
eigenthümliche weibische Haartracht der Singhalesen ist schon vor mehr
als 1200 Jahren von griechisch-byzantinischen Seefahrern aus Aegypten
besonders angemerkt worden.[333]

Der gewöhnliche Arbeiter trägt, namentlich auf dem Lande, nur einen
langen Lendenschurz (Comboy) der wie ein Weiberrock aussieht, aus
einfachem weissen Stoff oder aus rothem, der sehr beliebt ist. Der
schon etwas bessere Arbeiter, zumal in den Städten, trägt dazu noch
ein Jäckchen. Stutzer bekleiden sich vollständig mit europäischem Rock
und Hemd, stecken noch einen zweiten Riesenkamm in den Haarknoten und
zahlreiche Silberringe an die Finger. Gelegentlich lassen sie auch das
lange, lockige Haar hinter dem Rundkamm auf die Schulter herabwallen
und tragen Ohrringe. Ein schattenspendender Hut gehört nicht zur
Tracht, aber ein Sonnenschirm ist zulässig.

Die Singhalesinnen tragen Rock und Jäckchen; ihre Tracht ist für den
Fremden gewöhnlich gar nicht so sehr verschieden von der der Männer;
aber sie schmücken sich nie mit dem Rundkamm, sondern stets mit
Haarnadeln. Trotz der mitunter ganz hübschen Gesichter sind manche
für uns unerträglich durch zwei Eigenschaften: sie spucken roth, vom
Betelkauen; und tragen zwei Ringe in jedem Ohr, einen grossen in dem
unförmlich verlängerten Zipfel und einen am oberen Rand.

Bei den +Tamilfrauen+ ist diese Verunstaltung der Ohren die Regel; dazu
kommen noch Metallplättchen, die in die Nasenflügel eingeschraubt sind,
auch mit Hängern, ein Nasenring durch die Zwischenscheidewand, zwei bis
drei Halsbänder, etliche Armbänder, Finger-, Zehen-, Knöchel-Ringe.
Dabei sind sie durchaus nicht ohne Geschmack und Gefallsucht;
namentlich legen sie geschickt ein gefaltetes Tuch um die linke
Schulter und schräg absteigend über die Brüste und wählen dazu oft ein
lebhaftes Roth, das ihnen, besonders in dieser Umgebung, ganz gut steht.

Die Tamilen sind grösser, kräftiger, dunkler, als die Singhalesen,
kaffe- bis schwarzbraun, mit niedrigerer Stirn, breiteren Nasenflügeln,
dickeren Lippen, und tragen gern ein weisses Gewand, das wie ein Mantel
um die Schultern geschlagen wird und zu den beiden Seiten faltig
herabhängt.

Von den Hindu in Colombo haben das sonderbarste Aussehen die +Chetties+
mit abenteuerlicher Mütze, ganz glattrasirtem Gesicht, ungemein
grossen, dünnen, mehrfachen Ohrringen, enganliegender, bis zu den
Füssen reichender Gewandung. Sie handeln in Reis und Baumwolle
und verleihen Gelder, und nehmen nur 60 Procent Zinsen, welche sie
vorsichtiger Weise gleich von dem entliehenen Capital abziehen. Obwohl
sie vorzüglich rechnen und buchführen, schreiben sie noch bis zum
heutigen Tage auf Palmblätter.

Die mohammedanischen Indo-Araber oder +Mohren+, in Colombo ein Fünftel
der Bevölkerung,[334] haben oft ganz deutlich arabische Gesichtszüge;
sie tragen weisse Kappen oder hohe, bienenkorbähnliche Strohmützen
und lange, weisse kaftan-ähnliche Röcke, dazu Hosen und Schuhe oder
Pantoffel.

+Juden+ sollen in Ceylon fehlen.

Aber in den „Reisen zweier Mohammedaner“ aus dem 9. Jahrhundert n. Chr.
rühmt ein Augenzeuge die Duldsamkeit der (buddhistischen) Singhalesen,
welche bewiesen werde durch Anwesenheit einer christlichen Manichäer-
und einer Juden-Gemeinde; und der arabische Geograph Edrisi aus dem 12.
Jahrhundert n. Chr. berichtet, dass der Rath des Fürsten von Ceylon
aus 16 Mitgliedern bestand, vier von der einheimischen Religion, vier
Christen, vier Muselmännern, vier Juden.

Ich selber sah, als ich zu Pettah in den Laden eines Mohren eintreten
wollte, und vergnügt mein Kleingeld an die Schaaren bettelnder Kinder
und Greise vertheilte, ein auffallend schönes und helles Mädchen
abseits stehen; und als ich den Ladenbesitzer fragte, wer sie sei,
erwiederte er: Das ist ein Kind der Juden, die unter uns leben. Ob das
+Abkömmlinge der alten+ sind, oder +neue Ankömmlinge aus Bagdad+, deren
man so viele in Bombay sieht, konnte ich nicht erfahren.


Kandy.

Am Morgen des 11. November reiste ich von Colombo in’s Innere von
Ceylon, zunächst mit der Eisenbahn nach +Kandy+.

Die Eisenbahnen auf Ceylon sind Regierungs-Vorrecht und werfen ein
hübsches Einkommen ab, ebenso viel wie die Eingangszölle, nämlich ein
Fünftel des Gesammt-Einkommens[335] der Colonie.

Die Hauptlinie geht von Colombo ostwärts nach Kandy[336] und weiter
bergauf nach Nanu-Oya, dem Halteplatz für den Höhen-Ort Nuwara Eliya,
128 engl. Meilen, mit einer kleinen Zweiglinie von Peradenia bei Kandy
bis Matale, 22 engl. Meilen.

Die Küstenlinie geht von Colombo südwärts bis Bentota (39 engl. Meilen)
und soll demnächst nach Point de Galle fortgesetzt werden.[337]

(Für die Verbindung mit den nördlichen Städten Trincomali und Jafna ist
man auch heute noch auf Postwagen angewiesen oder auf den Seeweg. Doch
hat eine Londoner Gesellschaft schon den Bau einer Eisenbahn nach Jafna
vorbereitet.)

Die Linie von Colombo nach Kandy ist 74½ engl. Meilen lang, gut gebaut,
mit der breiten ostindischen Schienenweite (gauge) von 5 Fuss 6 Zoll,
mit eisernen Gürtelbrücken, Viaducten, Tunnels und einer Steigung von
1:45 für 12 engl. Meilen in der Gebirgsgegend.

Die Herstellung dieser Linie von 74½ engl. Meilen hat übrigens der
Regierung 1738413 £ gekostet, also immerhin, trotz der so billigen
Arbeitslöhne, gegen 300000 Mark für den Kilometer, der in Deutschland
durchschnittlich 264000, in England 400000 Mark erfordert.

Wegen der kunstreichen Ueberwindung von Schwierigkeiten wird sie in
englischen Schriften und Reisebüchern unbändig gepriesen. Doch muss
ich offen gestehen, dass weder diese Linie noch die nach Darjeeling
im Himalaya in Bezug auf die Bauart irgend etwas bedeutet gegen eine
Rigi- oder Gotthard-Bahn. Aber mit Rücksicht auf landschaftliche
Schönheit und Eigenart gehört die Strecke von Colombo nach Kandy zu den
bevorzugten, ja unvergesslichen.

Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer
gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich
geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen
gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen
Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl
Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo
und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure
Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der
Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien,
aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam
ausgeglichen, als wenn auf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die
verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer
muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen;
in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen.

Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt.
In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein
Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz.
(Fort-Station.)

Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch,
aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger
Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien[338] (zweiter
Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien.

Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da
112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto
mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die
Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter
Classe.[339]

Wir fahren um den See herum nach dem +Haupt-Halteplatz+ von Colombo
und von da über +Maradana-Anschluss+,[340] wo reichlich Gelegenheit
zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens geboten wird,
nordöstlich zur +Eisenbahnbrücke+ über den Kelani-Fluss.

Der erste Theil der Fahrt geht durch +ebene Gegend+, hauptsächlich
+Reisfelder+, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch
zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im
Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe
auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu
suchen.

Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit,
1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis
gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten.

Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und
Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reisfelder. Auf
niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter,
umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume
mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen
Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen
weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie
Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit
offen gegen eine Palmenpflanzung.

+Reisbau+ ist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen
im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel.
Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die
künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser
Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v.
Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von
den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört
worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür
von 1867-1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000
Acres,[341] also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen
unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide
bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige
Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,[342]
oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der
Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich
zugenommen.

+John Ferguson+, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf Ceylon
zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines
Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung der
+Reisbau-Steuer+ (Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre
gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das
Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere
Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der
armen Bauern nur mit Freuden begrüssen.

Nächst dem Reisbau kommt für die Einheimischen +Gartenbau+ in Betracht
(Zimmt, Palmen, Fruchtbäume, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr), sowie ein
wenig Viehzucht auf den natürlichen Weiden der Hochebenen.

Sehr zahlreich sind die +Halteplätze+, über ein Dutzend. Der Zug
braucht 5½ Stunden für die 75 englischen Meilen oder 120 Kilometer;
macht also etwa 22 Kilometer in der Stunde.

Natürlich bezieht die Bahn ihre Einkünfte nicht von den wenigen
Vergnügungsreisenden, Theepflanzern und englischen Beamten, sondern
von den zahlreichen Eingeborenen. Für die letzteren sind aber auch die
kleineren Ortschaften Ausgang oder Ende der Fahrt.

Auf jedem Halteplatz ist lebhafter Verkehr. Den Einheimischen eröffnet
der „fliegende Händler“, ein Knabe mit gefülltem Palmfasersack, eine
frische Kokosnuss mit seinem Sichelmesser für eine kleine Münze. Für
uns ist ein +Erfrischungswagen+ eingeschoben, in dem ein vollständiges
Frühstück zu einem festen und mässigen Preise und von mässiger Güte,
nebst einem Fläschchen Bier, verabfolgt wird.

Nunmehr erscheinen auch Hügel von gesättigtem Grün, in der Ferne
die Landmarke Ceylon’s, der Adams-Pik, den ich zu Colombo nur des
Morgens vorübergehend zu Gesicht bekommen, ehe die Nebel um ihn
sich zusammenballten. 50 englische Meilen von Colombo beginnt die
Bahn zu steigen und an dem Allegalla-Berge emporzuklimmen. Man
sieht erbärmliche Hütten in herrlichster Umgebung und ausgedehnte
Theepflanzungen an den Abhängen der Berge. Während wir merklich
steigen, vorn von einer Locomotive gezogen, hinten von einer zweiten
geschoben, bleibt prachtvollster und üppigster Pflanzenwuchs sichtbar:
fruchtbare Thäler in der Tiefe der Schluchten, blassgrüne Reisfelder,
die stufenförmig abfallen, Theepflanzungen auf mittlerer Höhe, und
Palmen, Bananen, immergrüne Eichen dicht neben uns, in 1700 Fuss
Erhebung über dem Meeres-Spiegel, hier und da auch dichtester Buschwald
(Dschungel) mit schäumenden Wasserfällen, während in der Ferne ganz
stattliche Felsen mit breiter Kuppe (Temple rock) oder mit zackigen
Gipfeln bis 5000 Fuss empor starren.

Tief unter uns zieht die ursprüngliche Fahrstrasse, welche früher
den Verkehr beherrschte, jetzt aber von der Eisenbahn überholt ist:
ein Anblick, den man auch in der Schweiz an vielen Stellen und im
Felsengebirge von Canada geniesst.

Kurz vor Kandy werden einige Tunnels durchfahren, dann gelangt der Zug
an einen ganz steilen Abhang, wo der Blick über 1000 Fuss nach unten
schweift, ohne einen Halt zu entdecken. +Sensationrock+ heisst diese
Stelle, wohl nach amerikanischen Mustern.

Um 1 Uhr 15 Minuten bin ich in Kandy angelangt, werde von einem
eifrigen „Führer“ sofort in den Hotelwagen gebracht, verlasse
denselben aber wieder, da das mitreisende englische Paar zu viel
Platz und zu viel Wartezeit für ihre Koffer beansprucht, nehme mir
einen der Einspänner, die zahlreich vorhanden sind, und fahre nach
+Queen’s Hotel+, das, schön gelegen dicht bei dem grossen See und dem
Buddha-Tempel, mir ein schattiges Zimmer und gutes Mittagsessen bietet,
sowie eine gedeckte Veranda zum Ausruhen während der heissen Tageszeit.

+Kandy+, der Herrschersitz des letzten einheimischen Königs, der
erst 1815 von den Engländern entthront worden, ist eigentlich, wie
die meisten Orte auf Ceylon, eher ein Dorf[343] oder eine Gruppe von
drei Dörfern, mit 22000 Einwohnern. Sehenswürdigkeiten sind: 1) der
Buddha-Tempel, 2) der künstliche See, 3) die neuen Spazierwege über die
Berge, 4) das Volksleben auf dem Markt, 5) der botanische Garten zu
Peradenia.

       *       *       *       *       *

Kandy wurde im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. von den
singhalesischen Fürsten, die vor den siegreichen Tamilen nach Süden
zurückweichen mussten, in dem scheinbar sicheren Schutz der Hügel
gegründet, um Kronschätze und kostbare Reliquien zu bergen, und gegen
Ende des 16. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Königreiches erhoben.

1586 vertrieb Raja Singha, einer der Kleinfürsten, den König von
Kandy, der zu den Portugiesen nach Colombo floh und ebenso, wie seine
Tochter, (als Don Philip und Donna Catharina) das Christenthum annahm.
Die Grausamkeiten, welche die Portugiesen verübten, während sie 1586
in Colombo von Singha belagert wurden und als sie 1596 Kandy für ihren
Schützling Catharina zurück eroberten, spotten jeder Beschreibung.
Die Soldaten hackten Frauen und Kindern die Arme ab, um rascher in
den Besitz der Armbänder und Ringe zu kommen; Mütter wurden erst
gezwungen, eigenhändig ihre Kinder zwischen Mühlsteine zu werfen oder
in Getreidemörsern zu zerstampfen,[344] und danach geköpft; Kinder der
+Gallas+-Stämme wurden auf Speerspitzen gestochen, damit man +höre+,
wie die jungen Hähne (Gallos) krähen; Männer wurden von der Brücke
bei Malwané hinabgestossen, damit man +sähe+, wie die Krokodile sie
verschlingen.

Diese Nachrichten sind nicht etwa blos von den Singhalesen an die
Holländer überliefert, sondern auch von Portugiesen, nach amtlichen
Schriftstücken, mitgetheilt worden. Aber, obwohl es den Portugiesen
gelang, ganz Ceylon, ausser dem Königreich von Kandy, in ihre Gewalt
zu bringen und 1617 sogar Jafna an der Nordspitze der Insel zu erobern
und den letzten Fürsten der Malabar-Dynastie zu enthaupten, -- schon
1604 erschienen die Holländer, da ihnen durch Philipp II. von Spanien
der Handel mit „seinem“ Portugal verboten worden, selbständig in
Ceylon, schlossen ein Bündniss mit dem König von Kandy, begannen 1638
und beendigten 1658 die Vertreibung der Portugiesen. Die Herrschaft der
Holländer war nicht befleckt durch Grausamkeit gegen die Singhalesen.
Sie suchten Frieden mit Kandy um jeden Preis, um das „köstliche Juwel
der Compagnie“ zu erhalten und ihren einträglichen Alleinhandel (in
Zimmt, Areca u. A.) zu pflegen und rücksichtslos auszubeuten.

Für die Eingeborenen thaten sie nicht viel, aber doch etwas, soweit es
zu ihrem eignen Vortheil war: sie gründeten Schulen und protestantische
Kirchen, schufen ein Gesetzbuch und begünstigten den Ackerbau. Zu
kämpfen hatten sie 1626 mit einem aufrührerischen Gouverneur, 1672
mit den Franzosen, 1766 mit den Eingeborenen, da ein malabarischer
Prinz auf den Thron von Kandy gelangt war. Das „Juwel“ brachte keine
Einnahmen mehr, sondern nur Ausgaben, wie eine holländische Tulpe; und
als 1796 die britischen Truppen vor Colombo erschienen, erfolgte die
Uebergabe ohne Kampf, da die Holländer ebenso gleichgiltig gegen die
Behauptung waren, wie die Singhalesen erfreut über den Besitzwechsel.

Holland war derzeit von der französischen Republik überwältigt, der
holländische Gouverneur auf Ceylon ein Verräther.

Die englische Verwaltung der Insel seitens der ostindischen
Gesellschaft war zunächst so gewaltsam und erpressend, dass 1797 ein
blutiger Aufstand erfolgte, und die Krone das Regiment übernahm. Aber
der englische Gouverneur, Herr F. +North+, Earl of Guilford, nahm
thätigen Antheil an einer Verschwörung des verrätherischen Ministers
Pitamé Talawé zu Kandy gegen seinen jungen König Singha; und, als
ein Vorwand sich dargeboten, wurde Kandy besetzt, ein Taugenichts
und bestrafter Betrüger auf den Thron gehoben, und natürlich eine
englische Besatzung zu seinem Schutz dort gelassen. Doch nun verrieth
der Verräther Pitamé seinen Helfershelfer und liess 1803 die Engländer
sowie den Schatten-König ermorden.

Die ganze Insel gerieth in Empörung. Kaum vermochten die Engländer
Colombo zu behaupten. Wegen des Krieges mit Frankreich konnten
Verstärkungen aus Europa nicht gesendet werden. Die Rache blieb
aufgeschoben.

Inzwischen entwickelte sich König Singha zu einem blutgierigen
Tyrannen; 1812 liess er, wegen Verrätherei, Pitamé Talawé enthaupten
und 1814 wüthete er auf das grausamste gegen die Familie von dessen
Neffen und Nachfolger, da auch dieser eine Verschwörung, wieder unter
Mitwissenschaft des englischen Gouverneurs, angezettelt. Als der König
einigen einheimischen Kaufleuten, die glücklicherweise britische
Unterthanen waren, Nasen, Ohren und Hände abhacken liess; hatte man
eine Handhabe, um 1815 den Krieg zu erklären und Kandy zu nehmen.

In der Audienzhalle des Königspalastes wurde von den Häuptlingen das
Königreich an die britische Krone übertragen, unter der Bedingung, dass
die heimische Religion geschützt, Gerechtigkeit unparteiisch geübt
und -- ihre eignen Vorrechte aufrecht erhalten würden. Doch erfolgte
bereits 1817 ein blutiger Aufstand und langdauernder Kleinkrieg, so
dass die Engländer schon daran dachten, das Bergland aufzugeben und an
die Küste sich zurückzuziehen. Aber, nachdem die Kandyer 10000 Menschen
eingebüsst, machten sie Frieden. Eine Militärstrasse in das Herz der
Berge bis zur Höhe von 6000 Fuss sicherte die Eroberung (1820). Seitdem
herrscht Frieden im Lande.

       *       *       *       *       *

Man kann es den Engländern nicht verargen, wenn sie die Fortschritte
rühmen, die Ceylon in den letzten Jahren gemacht.

    ----+-----------+-----------+----------+-------+---------------
    Jahr|Bevölkerung| Einkommen | Bebautes | Handel|  Tonnengehalt
        |           |der Colonie|   Land   |       |der Schifffahrt
        |           |     £     |  Acres   |   £   |
    ====+===========+===========+==========+=======+===============
    1815|   750000  |  226000   |   400000 | 546000|     75000
    1888|  2800000  | 1540000   |     --   |9800000|   4500000
    1893|  3000000  | 1300000   |4850000[345]|9200000|   5000000
        |           | (Ausgabe  |          |       |
        |           | desgl.)   |          |       |

    ----+-------------+--------------+-------------
    Jahr|Reg.-Ausgabe | Reg.-Ausgabe |   Armen-
        |für Erziehung|für Gesundheit|unterstützung
        |      £      |       £      |      £
    ====+=============+==============+=============
    1815|     3000    |      1000    |     3000[346]
    1888|    46000    |     60000    |      --
    1893|    50000    |     50000    |     8000

Gewiss, diese Zahlen führen eine beredte Sprache und zeugen von
anerkennenswerthen Ergebnissen. Aber die drei letzten Posten fordern
die Kritik heraus, sie sind auch heute noch zu gering.

Nur ein Viertel der Kinder wird unterrichtet. Früher hatte jeder
Buddha-Tempel seine Schule.

Bezirkskrankenhäuser habe ich im Innern der Insel gesehen, die einen
ganz guten Eindruck machen; aber die darauf verwendeten Mittel sind
unzureichend. (Es giebt 200 Krankenhäuser, einschliesslich der
Arzneivertheilungsstätten; die Zahl der jährlich behandelten Kranken
beträgt 200000, aber zwei Drittheile davon sind unbedeutende Fälle;
es giebt 170 Colonial-Aerzte, einschliesslich der Assistenten,
Impfärzte u. dergl. Seit 1870 besteht auch eine Medicin-Schule, die 90
Singhalesen das Recht zur Praxis ertheilt hat.)

Ein Wundarzt der Regierung, der aufopferungsvoll fast 25 Jahre im
Innern gewirkt (bei jetzt 500 £ Gehalt, von dem er die Hälfte braucht,
um seine Kinder in England[347] zu erziehen), sagte mir, dass er den
Star nicht operiren könne, da ihm dazu weder Instrumente noch Arzneien
geliefert werden.

Gerechtigkeit wird wohl geübt, aber mehr, um die englischen Pflanzer
zu schützen, als um die Singhalesen zu versöhnen. Die milde
Haus-Sklaverei, die auf der Insel bestand, ist seit 1844 abgeschafft.
Aber die englischen Beamten, welche von dem Volk bezahlt werden,
schliessen jeden Einheimischen aus ihren +Clubs+ aus. Und dabei
spotten sie über +Kasten-Vorurtheile+, die übrigens im buddhistischen
Ceylon nie so ausgeprägt waren, wie im brahmanischen Indien. Ich war
im +Polizeigericht+ zu Kandy. Zuvorkommend gab man mir einen Platz am
Tisch der Anwälte. Hoch über uns thronte der englische Richter, ein
schöner Jüngling mit glatt rasirtem Gesicht, müden Mienen und leiser
Flüstersprache, -- wie ein junger Proconsul. Ein Dolmetsch stand ihm
zur Seite, denn auf Ceylon gilt nicht, wie im Kaiserreich Indien,
die Landessprache der Eingeborenen.[348] Eine verzweifelt weinende
Frau wurde von dem Polizisten herbeigeführt. Einem Pflanzer waren
zwanzig Kokosnüsse gestohlen, die Frau in der Nähe des Thatortes
von einem Polizisten beobachtet worden. Trotz ihres Leugnens wurde
sie von dem Richter, der dabei kaum den Mund und die Augen öffnete,
zu 10 Rupien Geldstrafe oder 3 Monaten Gefängniss verurtheilt. Ich
fragte den neben mir sitzenden singhalesischen Anwalt, ob er von
der Schuld der Angeklagten überzeugt sei. „Keineswegs“, erwiderte
er, „aber die Pflanzer sollen geschützt werden.“ -- „Kann sie nicht
Berufung anmelden?“ fragte ich. -- „Oh nein, dann müsste sie 50
Rupien Gerichtskosten hinterlegen und für 150 Rupien einen Anwalt am
Obergericht zu Colombo annehmen. So viel Geld hat ihr ganzes Dorf
nicht.“

Der Mann war sehr betroffen, als ich ihm von dem deutschen Armenrecht
auf kostenlose Vertheidigung erzählte.

Die gebildeten Singhalesen bevorzugen das Studium des Rechts.
Einzelne haben es bis zum Oberrichter gebracht. Die Processsucht
der Singhalesen ist sprichwörtlich. Die Zahl der Strafgefangenen
beträgt 2500, die meisten sitzen für kleine Vergehen. Die Zahl aller
Bestrafungen im Jahre 1891 war 20000. (Nicht 1 Procent betraf Frauen.)
Ein Straf-Gesetzbuch, nach dem für Indien, ist 1885 eingeführt, ein
bürgerliches in Bearbeitung.

Ein +Armen-Gesetz+ giebt es nicht auf Ceylon. Vielleicht ist es in
diesem glücklichen Klima nicht nöthig. Sir Edward Creasy sah in
London an einem Wintertage mehr Elend, als in Ceylon während eines
neunjährigen Aufenthaltes.

       *       *       *       *       *

Ceylon ist, als die Buddha-Lehre von den Brahmanen aus dem Festland von
Indien ausgetrieben worden, die zweite Heimath dieser verbreitetsten
Religion des Erdballs geworden. Birma, Siam und sogar China blicken
mit Verehrung auf Ceylon; Birma, Siam und Cambodja senden alljährlich
Gesandtschaften mit Geschenken zu dem heiligen Tempel von Kandy.

Als +Buddha+ bezeichnen diese Ostasiaten solche Wesen, welche nach
zahllosen Seelenwanderungen den höchsten Grad von Reinheit erlangt
haben. Ihre Vorschriften sind +bana+, das Wort; ihre Lehre +dharma+,
die +Wahrheit+. Nach ihrem Tode gehen sie nicht in eine neue
Lebensform über, sondern ein in das +Nirwana+, einen Zustand seliger
Unbewusstheit, welchen die Buddhisten als die Vollendung ewiger
Glückseligkeit ansehen. Buddhismus ist Tugendlehre ohne Gottheit.

24 Buddha waren +vor Gautama+, welcher der vierte in der jetzigen
+Kalpa+ oder Periode ist, und dessen Lehre 5000 Jahre dauern soll, bis
ein neuer Buddha erscheinen wird.

Shaka Gautama Buddha, der 624 v. Chr. zu Kapilavastu (an der Grenze
von Nepaul) geboren ward, 588 v. Chr. unter einem Bo-Baume im Walde
von Urawela, dem jetzigen Buddha Gaya, die Vollendung erreichte, soll,
bevor er im Alter von 80 Jahren verstorben ist, nicht weniger als +drei
Mal die Insel Ceylon besucht+ haben. Der heilige Fussabdruck auf dem
Adams-Pik wird noch heute von seinen Anhängern als das Wunderzeugniss
seines letzten Abschieds verehrt.

Aber der Masse des ceylonischen Volkes war seine Lehre fremd, als an
seinem Todestage, 543 v. Chr., +Wijayo+, der Sohn eines Kleinfürsten
aus dem Gangesthal, mit einer Hand voll Begleiter auf Ceylon landete
und, nachdem er die Tochter[349] eines einheimischen Häuptlings
geheirathet, zum König der Insel sich erhob und eine Dynastie
begründete. Die Einwohner der Insel werden in der alten Chronik der
Singhalesen (Mahawanso) als +Yakkho+ oder Dämonen und als +Naga+ oder
Schlangen (Schlangen-Anbeter) beschrieben.

Wijayo zog Kaufleute in das Land und beförderte den Ackerbau. Er nannte
die Insel Sihala (Singhala, Löwensitz) nach seinem Grossvater Singha.
Dörfer wurden abgegrenzt, das Land in Felder und Gärten getheilt und,
nach der Chronik, schon 504 v. Chr. der grosse Teich zur Bewässerung
der Reisfelder in der Nähe der neuen Hauptstadt Anuradhapura angelegt.
Aber erst 307 v. Chr. unter der Regierung des Königs Tissa, wie
Mahawanso mit dichterischer Begeisterung erzählt, kam Malindo, Sohn des
Königs Asoka von Magadha am Ganges, mit seiner Schwester Sanghamitta
nach Ceylon und bekehrte das ganze Volk und den Fürsten zu der heiligen
Lehre des Buddha und wurde „die Leuchte, von der das Licht des Glaubens
über das Land sich verbreitete.“ Tissa erbat vom König Asoka einen
Zweig des heiligen Bo-Baumes, unter dem Gautama Buddha die Vollendung
gewonnen. Natürlich durfte der heilige Baum nicht verletzt werden; der
Zweig löste sich von selber ab und stieg wurzelnd in das goldne Gefäss
mit duftender Erde, ward nach Ceylon gebracht und im 18. Jahr der
Regierung des Königs Devenipiatissa, d. h. 288 v. Chr., zu Anuradhapura
eingepflanzt, wo er heute noch blüht und von allen Buddha-Gläubigen
verehrt wird.

Erst von dieser Zeit rühren die ältesten Bauwerke her, deren Reste bis
auf unsre Tage gekommen sind:

1) +Dagoba+ oder Reliquien-Schreine. (Von datu Reliquie, gobhan
Schrein.) Das sind solide, ganz verschlossene und verputzte
Ziegelbauten von Glockenform, mit einem Aufsatz. Es giebt kleinere und
grössere; einige sind so gross, dass sie mit den Pyramiden von Gizeh
verglichen werden können. Im Innern bargen sie in einer kleinen Höhle
das kostbare Gefäss mit dem Haar oder Knochen von Gautama.

2) +Wihara+ oder Klöster für die Priester.

3) +Chaitya+ oder Tempel, meist mit den Klöstern verbunden. In dem
dunklen Hintergrund der Halle sitzt Gautama in lehrender Haltung oder
er liegt in seliger Nirwana.

       *       *       *       *       *

Aber ich eile zu der Geschichte des +heiligen Zahnes+. (Dhata datu
zuerst, und jetzt dalada genannt.) Nachdem man Gautama’s sterbliche
Reste zu Kusinara verbrannt, wurde sein aus den Flammen geretteter
linker Hundszahn nach Dantapura,[350] der Hauptstadt von Kalinga,
gebracht und blieb dort 800 Jahre. Im Jahre 311 n. Chr. sandte der in
einen zweifelhaften Kampf verwickelte König von Kalinga den heiligen
Zahn nach Ceylon. Eine Prinzessin barg ihn in ihrem Haupthaar und
überbrachte ihn persönlich. Grosse Feste wurden in Ceylon gefeiert,
deren Schilderung sowohl in Mahawanso erhalten ist als auch in dem
Reisebericht des Chinesen +Fa-Hian+, der kurze Zeit darauf nach Ceylon
gepilgert.

Zwischen 1303 und 1315 n. Chr. wurde der Zahn nach Süd-Indien
zurückgebracht durch einen Heerführer, welcher Ceylon überfiel und
die damalige Hauptstadt Yapahoo plünderte. Aber der nächste König von
Ceylon reiste persönlich nach Madura und löste das Kleinod wieder
ein, das mit anderen Kronschätzen nach der in den sicheren Bergen neu
gegründeten Stadt Kandy geschafft wurde, in den Tempel Maligáwa, den
heiligsten der buddhistischen Welt.

Im Jahre 1560 fiel der Zahn mit andern Kostbarkeiten in die Hände der
Portugiesen, bei der Eroberung von Jafna, wohin die Schätze wegen der
Unruhen im Süden der Insel gebracht worden waren. Der Zahn war in Gold
gefasst und nach der (wohl irrthümlichen) Ansicht der Portugiesen der
eines Affen. Der König von Pegu, welcher gewohnt war, alljährlich
dem Tempel des heiligen Zahnes durch eine Gesandtschaft und durch
Geschenke seine Ehrfurcht zu erweisen, sandte sofort nach Goa und
bot für die Reliquie 400000 Cruzados. Die Officiere wollten gern das
Anerbieten annehmen, aber der Erzbischof mit der Inquisition und der
Geistlichkeit widersetzte sich auf das heftigste, zerstampfte den
Zahn, verbrannte das Pulver zu Asche und zerstreute diese über die
See. Alle Anwesenden klatschten Beifall; gewaltig war aber der Aerger
der Portugiesen, als bald danach (1566) +zwei+ heilige Zähne an Stelle
des einen auftauchten, der eine in Pegu, der andere in Kandy. Jeder
von beiden wurde für den echten erklärt, die Portugiesen hätten einen
nachgemachten erhalten. Der jetzt in Kandy verehrte ist offenbar 1566
angefertigt, ein Stück vergilbten Elfenbeins von 2 Zoll Länge und
fast einem Zoll Dicke und ähnelt in der Gestalt mehr dem Zahn eines
Krokodils, als dem eines Menschen. Aber manche Hindu-Götter (Wischnu
und Kali), mit denen die Kandyer unter ihren früheren Königen bekannt
geworden, werden mit derartig hervorragenden Zähnen dargestellt.

In dieser asiatischen Geschichte können wir Europäer uns spiegeln.

1815 wurde der Zahn wieder dem Tempel von Kandy überwiesen; und da
die Aufständischen darnach trachteten, sich seiner zu bemächtigen,
1818-1847 von der Colonialregierung überwacht, dann auf Befehl der
englischen Regierung den Priestern überliefert.

       *       *       *       *       *

Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das
Gasthaus von dem +Tempel des heiligen Zahnes+. Die Gebäude von Kandy
erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen
Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn
ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit
dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert
worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem
zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen
Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische
Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen
Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen
Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma
um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen
Portugiesen hatte erbauen lassen.

Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche
älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls
alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen
Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen
enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht
leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre
Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch
handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und
bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass
sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess
auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“
ganz ungehört verschallen.[351]

In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcher die
grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt.
Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im
Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen,
welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt.

Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende
Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen
Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer
Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der
eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den
Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube
ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen.

Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den
Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und
Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich
war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen
Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine
Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das
geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch
duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um,
die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die
Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum
genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,[352] welche
diesem Zwecke dienen.

Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden
von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen,
goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere
Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das
Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt.

In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und
dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen
mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen
Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch
gelegene Priesterwohnungen.

       *       *       *       *       *

+Kandy hat eine reizende Lage+ an dem Ufer eines stattlichen See’s,
den der letzte König 1807 ausgraben und mit einer niedrigen,
zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten
gut bewachsene Hügel, von 500-600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal
einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer
Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit
einem Park von Rosenbäumen.

An dem Ufer des See’s steht eine öffentliche Büchersammlung für die
wissensdurstigen Singhalesen. Von einem Regenguss überrascht, trat ich
in ein kleines Haus und war erstaunt, in dem jungen Besitzer einen
gebildeten Mann zu finden, der, in Colombo erzogen, hier in mässiger
Wohlhabenheit lebt und keinen grösseren Wunsch zu haben schien, als
einmal eine Reise nach Europa zu unternehmen. Auf den Abhängen von
den Hügeln zum See liegen die Häuser der Wohlhabenden, namentlich der
Theepflanzer; auch das von einem Deutschen verwaltete kleine Gasthaus
(Villa Florence), von dem ich vorher nichts erfahren.

Neben dem Tempel steht das Landhaus des Gouverneurs und die Wohnungen
einiger anderen Würdenträger, dicht dabei sind die spärlichen +Reste
des alten Königspalastes+ zu finden. Nachdem die Mauern beseitigt, die
Gräben ausgefüllt, neue Gebäude auf dem Platz der Ruinen errichtet
sind, kann man aus dem blossen Anblick keine Vorstellung von dem alten
Herrschersitze gewinnen. Das einzige Gebäude, das der Zerstörung
entgangen, ist die Empfangshalle, ein geräumiger Saal, getragen von
reich geschnitzten Teakholzsäulen. Wo eine morsche Säule durch eine
neue ersetzt worden, erkennt man den Verfall der einheimischen Kunst.

Hier pflegte einst der unumschränkte Herrscher Nachts auf einem
hohen, dunklen Verschlag zu thronen, während die Seitenwände des mit
Wachsfackeln erleuchteten Saales von den Reihen der kauernden Höflinge
eingenommen wurden; auf allen Vieren und wirklich „den Staub des
Erdbodens leckend“ mussten seine Minister und, wer sonst zugelassen
war, zum Throne kriechen. Jetzt steht die Halle leer; sie wird als
Bezirksgericht verwendet.

Wenige Schritte vom Hotel, und wir sind in der +Stadt der
Eingeborenen+. Die ganzen Vorderseiten der niedrigen Häuser in der
Hauptstrasse sind von Läden eingenommen, wo die üblichen Lebens-
und Genussmittel, von denen ich schon gesprochen, und die einfachen
Geräthschaften feilgeboten werden. Hier und da giebt es auch Lager von
Gross-Kaufleuten in Reis, Tabak, Arecanüssen u. dgl. Die Leichtigkeit,
mit der Bettler erhalten, was sie wünschen und brauchen, macht
uns erklärlich, weshalb die Regierung so gut wie nichts für die
Armen-Pflege ausgiebt.

Die grossen, tellerförmigen Hüte der Kandy-Häuptlinge, wie sie
auf älteren Abbildungen, neueren Lichtbildern und auch auf den
lebensgrossen, bemalten Thonfiguren im Museum zu Colombo sich finden,
vermochte ich in den Strassen von Kandy nicht zu entdecken.

Mit dem +Einspänner+, der allerdings hier in den Bergen etwas theurer
ist, als in den Strassen von Colombo, fahre ich über Lady Horton’s
und Lady Mc. Carty’s Spazierweg, der um die Hügel sich windet und an
deren steil abfallender Ostseite einen wunderbaren Blick über das
Thal und das felsige Bett des +Mahaweli-Ganga+[353] gewährt. Es ist
dies der grösste Fluss der Insel, seine Länge misst 270 Kilometer,
sein Gebiet umfasst ein Sechstel des Flächeninhalts von Ceylon; er
entspringt in einem Thal zwischen Peduru und dem nächsten Rücken des
Adams-Pik-Stockes, fliesst erst nordwärts, dann östlich umbiegend in
einem Bogen um die Stadt Kandy herum, hierauf wieder nordwärts, um
schliesslich bei Trinkomale zu münden.

Auf diesen Spazierfahrten zeigt sich auch gelegentlich ein gutes Stück
+jungfräulichen Buschwaldes+ (Dschungel): undurchdringliches Gebüsch,
jeder Baum durch Schlinggewächse in eine Laube verwandelt. Alles grün
und blumig von unten bis oben.

Am nächsten Nachmittag fuhr ich nach +Askyra+, auf guter Strasse
und über eine ordentliche, eiserne Gitterbrücke, die den Mahaweli
überspannt und, wie die meisten Brücken im Innern, von den englischen
Pionier-Soldaten erbaut worden ist. Brückenzoll ist zu zahlen.
Sehenswürdigkeiten sind die Bildsäule des schlafenden Buddha und --
Arbeitselephanten. Ich sah am Flussufer ein mächtiges Thier, das auf
Befehl seines Lenkers die bekannten Kunststücke machte. Aber der
Mann war mit dem Trinkgeld von 50 Cents nicht zufrieden, indem er
behauptete, dass sein Thier 500 £ werth sei.

Da dieser Ort gerade durch seine Arbeitselephanten berühmt ist,
wollte ich mehr davon sehen und fuhr weiter über die Brücke zu einem
Dorf, spähte allenthalben umher, fragte Engländer, die überhaupt
keine Antwort gaben, fragte Einheimische, die, gut gekleidet, die
Vermuthung, dass sie englisch verständen, erregten. Einer von diesen
antwortete auch und war klüger und witziger, als wir stolzen Europäer
voraussetzen, wie ich das schon öfter bei Morgenländern gefunden.
„Arbeitselephanten sind hier nicht zu treffen, aber dort drüben am Ufer
des Flusses ist einer.“ -- „Den habe ich gesehen; der macht nicht viel;
das habe ich in meiner Heimath schon besser gesehen.“ -- „Wenn du zu
Hause so viele und so gute Elephanten sehen kannst, weshalb reisest
du so weit über das Meer und kommst nach Askyra, um Elephanten zu
besichtigen?“

Uebrigens sah ich am nächsten Tage auf der Strasse einen mächtigen
Elephanten, der einen gewaltigen Balken spielend zog, wie ein Kind
seinen Puppenwagen.

Der schönste Ausflug von Kandy geht nach +Peradenia+. Eine Zweiglinie
der +Eisenbahn+ führt dorthin; aber es gehört die ganze Thorheit und
unangebrachte Sparsamkeit eines „Wegweisers für Reise-Gesellschaften“
dazu, um +sie+ für den Besuch des Gartens zu empfehlen, der meilenweit
sich erstreckt und hier, in den Tropen, nicht zu Fuss, sondern nur
im Wagen besichtigt werden kann. Ich fahre also in meinem Einspänner
des Morgens früh südwärts die schöne Strasse, welche eigentlich eine
zusammenhängende Vorstadt bildet. Jedes der niedrigen, vorn mit
Holzsäulen und Schattendach versehenen Häuschen besitzt einen hübschen
Garten mit Palmen und Brotfruchtbäumen. Gruppen von Eingeborenen
kommen mir entgegen, die den Markt von Kandy mit frischen Früchten und
Lebensmitteln versorgen.

Pira-deniya, nahe dem Mahaweli Ganga, wurde 1371 n. Chr. zum
Herrschersitz des Königs Wikram Bahu III. erkoren; doch ist keine
Spur von dessen Bauten geblieben. Auch von den Zuckerrohrpflanzungen,
welche, nach dem Vorgang der Holländer, hierselbst im ersten Drittel
unsres Jahrhunderts von den Engländern angelegt wurden, ist nicht viel
mehr zu sehen, da sie nicht recht einschlugen; das Rohr wuchs zwar
reichlich, blieb aber wässrig und zuckerarm. Wohl aber liegt hier eine
grosse +Thee-Factorei+, die ich, nach mürrischer Gewährung seitens des
Besitzers, eines alten, dürren, einsilbigen Schotten, in Augenschein
nahm.

Allerdings gestehe ich gern, dass die Maschinen zum Trocknen und
Sichten der würzigen Blätter mehr Zutrauen einflössen, als die
Handarbeit, die ich in Japan gesehen, woselbst zu den unter freiem
Himmel auf dem Boden zum Trocknen ausgebreiteten Theeblättern Hühner
und andre Vögel unbehinderten Zutritt hatten.

An der Einfahrt zum +botanischen+ Garten von Peradenia empfing mich
freundlichst ein singhalesischer Gehilfe des abwesenden Leiters, Herrn
Dr. +Trimen+; nahm in meinem Wagen Platz, zeigte die wichtigsten
Sehenswürdigkeiten, indem wir hier und da ausstiegen und eine Strecke
zu Fuss gingen, und erklärte mir in verständlichem Englisch die Wunder
der Pflanzenwelt.

Gleich am Eingang ist ein herrlicher Gang von indischen +Gummi-Bäumen+
(Ficus elastica), die bis 100 Fuss in die Lüfte sich erheben und
gewaltige Kronen von 50-60 Fuss Durchmesser ausbreiten, während
ihre mächtigen Wurzeln ebensoweit, wie der Stamm emporsteigt,
schlangengleich über den Erdboden fortkriechen, hier und da durch eine
säulenartige, natürliche Stütze mit den niedrigeren Zweigen verbunden.

Gleich darauf folgt eine wunderbare Gruppe von +Palmen+, die kaum ihres
Gleichen findet an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Alle auf der Insel
+einheimischen+ Palmenarten sind hier vereinigt. (Uebrigens sind es
doch nur 12 von den 600 Palmen-Arten, welche der Wissenschaft um die
Mitte unsres Jahrhunderts bekannt waren; jetzt ist die Gesammtzahl auf
nahezu 1000 gestiegen.)

1) Da ist die schlanke +Kokospalme+ (Cocos nucifera), deren
walzenförmiger, nur 2 Fuss dicker Stamm in anmuthiger Biegung bis 100
Fuss hoch in die Luft steigt, gekrönt mit einem Büschel von 18-20 Fuss
langen Fiederblättern, unter deren Ansatz ein dichtgedrängter Haufen
von Kokos-Nüssen in allen Stufen des Wachsthums und der Reife prangt.

2) Die kerzengrade und dünne +Areca-Palme+ (Areca catechu), die bis
über 40 und 50 Fuss emporsteigt, mit einem Büschel abgestutzter
Fiederblätter, -- ein Pfeil vom Himmel geschossen, nach dem Wort der
Hindu-Dichter.

3) Die +Fächer-+ oder +Palmyra+[354]-Palme (Borassus flabelliformis)
wird bis 90 Fuss hoch und 2 Fuss dick und hat eine prachtvolle Krone
bis 9 Fuss langer, fächerförmiger Blätter.

4) Die +Zucker-Palme+ oder Kitul (Caryota urens).

5) Die herrlichste aller Palmen ist die +Talipot+ oder Schattenpalme
(Corypha umbraculifera), deren gerader Stamm 70 und selbst 100
Fuss ansteigt, und deren majestätische Krone aus herabhängenden,
fächerförmigen Blättern von 16 Fuss Durchmesser besteht. 30 bis 40
Jahre wächst die Palme und sammelt Kräfte, um dann plötzlich +einmal+
aufzublühen: ein ungeheurer, 20 und selbst 40 Fuss hoher Blüthenstamm
schiesst empor; aber nachdem sie tausende von neuen Keimen ausgestreut,
ist ihre Kraft erschöpft, ihr Leben erstirbt. Einen blühenden Baum habe
ich leider nicht zu Gesicht bekommen.

6) Die Palme des Reisenden[355] (Urania speciosa), gehört gar
nicht zu dem Palmengeschlecht, aber zu den schönsten Gewächsen der
Erde; die Gesammtheit der mächtigen langgestielten Blätter, deren
Wurzeln kunstvoll verflochten sind, stellt einen einzigen ungeheuren
Riesenfächer dar.

Von den fremden Palmen, die hier angepflanzt sind, will ich schweigen
und nur beiläufig eines herrlichen Ganges von Königspalmen (Oreodoxa,
aus der Havannah) gedenken; aber vielleicht ist es angebracht, ein
paar Worte zu sagen über die Bedeutung, welche die Palmen für Ceylon
besitzen.

Die +Kokospalme+ scheint in Südindien einheimisch zu sein, sie
ist aber auch über die tropischen Gegenden von Amerika und Afrika
verbreitet. Es giebt kein Land der Erde, wo die Kokospalme besser
gedeiht, als auf Ceylon, namentlich in der Südwestgegend der Insel, dem
Haupt-Wohnsitz der Singhalesen. Sie liefert fast alle Lebensbedürfnisse
und nährt einen grossen Theil der Bevölkerung. Die Rinden-Fasern der
Kokosnuss werden verarbeitet zu Garn, Matten, Stricken, Schiffstauen;
Kleidungsstücke, Bürsten, Hüte, Matratzen werden daraus bereitet.
Der weisse Kern der Nuss liefert Nahrung, die Milch in der Höhlung
ein Getränk. Nach Mahawanso hat Dutugaimunu (161 v. Chr.) die Milch
der Kokosnuss für den Cement der Ruanwellé-Dagoba verwendet: das ist
das älteste Zeugniss über die Anwesenheit der Kokospalme auf Ceylon.
Aus dem Kern wird Oel gepresst, und dieses zum Salben, für Seifen
und in Lampen benutzt; der Rückstand zu Viehfutter. Die gewöhnlichen
Oelpressen der Eingeborenen, die ich zu Colombo sah, werden von
Ochsen bewegt; es giebt deren 2000 auf der Insel. Die der Europäer,
z. B. des Herrn Freudenberg, werden mit Dampfkraft betrieben; aber
auch einzelne wohlhabende Eingeborene haben schon Dampfmaschinen
angeschafft. Die getrockneten Kerne (Copra) werden auch zum Zweck der
Oelgewinnung nach Europa ausgeführt. Zu Schmarda’s Zeit (1854) galten
1000 Copra 40 Schilling; 1000 Nüsse 60. Die harte Schale der Nuss
wird zu Löffeln, Bechern, Lampen verarbeitet, aus dem Abfall feines
Kohlenpulver gewonnen. Palmwein erhält man auch von der Kokospalme und
bereitet daraus Arrak, Essig und Zucker. Die Blätter dienen zum Decken
der Hütten, zum Flechten von Matten, Körben und Hüten, die Stengel zu
Stäben und Zäunen; das Holz zum Bau von Möbeln und Häusern, von Böten
und Flössen. Die Singhalesen rühmen begeistert die +hundert nützlichen
Anwendungen+ der Kokospalme; nach dem Volksglauben muss sie hinsiechen,
wenn sie nicht im Bereich der menschlichen Stimme wächst. Das ist auch
ganz richtig, da sie sorgsame Pflege erfordert. Sie gedeiht am besten
in der Nähe der Meeresküste, auch noch bis zur Höhe von etwa 2000 Fuss,
und wird neuerdings sorgfältig in den neubewässerten Gebieten, z. B.
in Anuradhapura, angepflanzt. Die Früchte reifen in Ceylon zu jeder
Jahreszeit. Jeder tragende Baum liefert jährlich 80 bis 100 Nüsse (8
bis 10 Quart[356] Oel) und bringt etwa einen Thaler jährlich, wie mir
Herr Freudenberg mittheilte. Absatz der Erzeugnisse ist immer möglich.
Nach Tennents Berechnung waren 1860 an 20 Millionen Kokospalmbäume
auf Ceylon vorhanden, jetzt dürften es 30 Millionen sein.[357] Mit
Kokospalmen sind auf Ceylon 500000 Acres (oder 200000 ha) bepflanzt,
die aber, mit Ausnahme von 30000, den Eingeborenen gehören. 500
Millionen Kokosnüsse werden jährlich auf Ceylon geerntet. (Daraus
folgt, dass bei weitem nicht alle Bäume den vollen Ertrag an Nüssen
bringen.)

Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden die
+Palmyra+-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und liefern
70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der Kokospalme.
Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und sollen 150
bis 300 Jahre alt werden. Die +Palmyrapalme liefert ein Viertel der
Lebensbedürfnisse+ für die Bewohner der Nordprovinzen Ceylons. In einem
+Tamil-Gedicht+ werden 800 Nutzanwendungen des prachtvollen Baumes
beschrieben.

Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der
Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte,
Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer und +Schreibpapier+ für die
Schriften der Singhalesen.

Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig
gemacht, in Streifen (ola) von 2-3 Zoll Breite und 1-3 Fuss Länge
geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen
und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz
kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser
waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem
Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von
Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter
dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die
heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein
wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit,
die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit
angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl
als im Bau abweicht.

Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen
Bücher sind in Versen abgefasst.

Von den heiligen enthält Pithakattyan die Lehre der Buddhisten in
592000 Stanzen, Atthakatha die Erläuterung in 361500; am beliebtesten
sind daraus Buddha’s Reden. (Pansiya-panas-jataka-potu, wörtlich die
550 Wiedergeburten.) Diese Reden sind in’s Singhalesische übersetzt und
füllen 2000 Palmblätter von 29 Zoll Länge mit je neun Zeilen.

Das +feinste+ Schreibpapier wird von dem Blatt der +Talipot-Palme+
gewonnen.

Die +Zucker-Palme+ liefert auch Sago. Ein tüchtiger Baum giebt in 24
Stunden 100 Pinten[358] Palmwein. 30000 Acres sind auf Ceylon mit
dieser Palme bepflanzt.

Die +Nuss der Areca-Palme+ hat einen weissen, rothgeäderten Kern,
welcher Fett, Emulsin, Zucker, Gerbsäure und einen rothen Farbstoff
enthält. Ein Stückchen der Nuss wird in ein grünes Blatt des
+Betel+-Pfeffers (piper betel), das an der Innenseite mit Kalk-Brei
bestrichen ist, eingeschlagen, und dieser Bissen gekaut. Hundert
Millionen Menschen sind diesem Genussmittel ergeben, das die Zähne
schwarz, das Zahnfleisch und den Speichel roth färbt, aber die Esslust
anregt und die Verdauung und Ernährung dieser reis-essenden Völker
befördert. Singhalesen und Hindu vergessen eher Speise und Trank, als
Betel-kauen. Mann und Frau, Jung und Alt huldigen diesem Brauch. Jeder
Singhalese hat seine Betel-Büchse bei sich, die in ihrer grösseren
Abtheilung Areca-Nuss und Betel-Blätter, in der kleineren etwas
(calcinirten Muschel-) Kalk -- chunam -- enthält. Als ich im Postwagen
den ganzen Tag neben dem Kutscher sass, lernte ich diese Geheimnisse
genügend kennen. Die Betel-Büchsen der Reichen sind wahre Kunstwerke;
solche sieht man auch im Museum zu Colombo. Mahawanso erwähnt, dass
schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Betel-Blätter das Geschenk darstellten,
welches eine Prinzessin ihrem Verehrer zu senden pflegte; und dass
Dutugaimunu (161 v. Chr.) den Arbeitern seiner Dagoba die fünf Würzen
zum Kauen spendete. Die Frau eines singhalesischen Ministers schickte
ihrem Gatten Betel ohne Kalk, in der sicheren Erwartung, er würde
sofort nach Hause kommen, um das Vergessene zu holen, und so -- dem
geplanten Mordanschlag entrinnen. Schon die Portugiesen führten aus
Ceylon Areca-Nüsse aus gegen den Reis, der von Südindien eingeführt
werden musste; die Holländer jährlich 35000 Centner, unter Monopol.
Jetzt werden jährlich aus Ceylon 100000 Centner ausgeführt im Werthe
von ebensoviel Pfund Sterling. Viel wird im Lande verbraucht. 65000
Acres sind auf Ceylon mit Areca-Palmen bepflanzt.

Für uns Nordländer ist einmal die Palme der eigentliche Baum des
heissen Südens, ja der König aller Bäume, da unsre schwärmerische
Einbildungskraft das Fremde und Ferne leicht zu überschätzen pflegt.
Aber wer die Tropen wirklich besuchen konnte, findet dort noch +andere
Pflanzenwunder+, die den Blick nicht minder fesseln. Da ist das
undurchdringliche grüne Dickicht des +Riesen-Bambus+. Es ist nur ein
Gras, aber was für eines? An 100 schlanke, walzenförmige Stämme, jeder
1-2 Fuss dick, ganz dicht an einander gedrängt, weil aus gemeinsamer
Kriechwurzel entsprossen, schiessen grade empor bis zu 100 Fuss Höhe,
-- bis zu 60 Fuss ohne Verzweigung; dann aber breiten sie sich aus
in den grünen Riesenbüschel der zartgefiederten Blätter, der eine
Kreisfläche von 100 Fuss Durchmesser beschattet.

Von den tropischen +Farnbäumen+ werde ich bald, bei andrer Gelegenheit,
ein paar Worte zu sagen haben. Gewürznelken-, Muskatnuss-,
Brotfrucht-Bäume und tausend andre kostbare und nützliche Pflanzen
decken den grünen Rasen, alles wohl gepflegt, geordnet, bezeichnet.
Denn der Pflege der tropischen Nutzgewächse wird grosse Sorgfalt
zugewendet; Samen, Früchte, Ableger werden an Gärtner und Pflanzer
vertheilt, und Versuche über Anbau und Einbürgerung angestellt. Auch
die Schlinggewächse der Tropen, zum Theil mit herrlichen Blüthen
und sogar ein Stück „Urwald“ kann man hier bewundern; nicht minder
Orchideen und alle Blumen des Südens.

Es ist schwer zu sagen, worin für uns der Zauber der tropischen
Vegetation liegt. +Schmarda+, ein feiner Naturbeobachter, stellte fünf
Punkte zusammen: die massenhafte Entwicklung des Laubes, die grosse
Mannigfaltigkeit in der Form, der Mangel geselliger Bäume, das kräftige
Grün und die hellen Lichtreflexe der glatten, spiegelnden Flächen.

150 Acres oder 60 Hektaren bedeckt der Garten, der parkartig gehalten
und an drei Seiten von der Krümmung des Mahaweli-Flusses umgeben ist.
Seit 1830 besteht der botanische Garten zu Peradenia, nachdem ein
solcher zuerst 1799 bei Colombo gegründet worden. Das Museum und das
Denkmal für Dr. +Gardner+ verdienen besichtigt zu werden. Nach seiner
Schätzung dürfte Ceylon 5000 Arten von Gefässpflanzen besitzen, also
mehr als ganz Deutschland. Dr. +Thwaites+, der vorletzte Director des
Gartens, hat 1864 eine Flora von Ceylon herausgegeben, in welcher 3000
verschiedene Arten von Gefässpflanzen beschrieben sind. Der jetzige
Leiter des Garten, Dr. +Trimen+, hat einen Catalog der Pflanzen des
Gartens veröffentlicht; mit einer vollständigen Beschreibung ist er
noch beschäftigt.

Merkwürdig scheint nur, dass von dieser ausgezeichneten Gelegenheit
zu botanischem Studium, welche der Garten zu Peradenia liefert,
kein genügender Gebrauch gemacht wird. Ich fand daselbst keinen
Studenten, keinen jungen Forscher. Und doch eignet er sich zu einer
+botanischen Station+, gradeso wie der blaue Golf von Neapel zu einer
zoologischen, welche daselbst durch die Thatkraft unsres Landsmanns
Prof. +Dohrn+ in’s Leben gerufen worden. Dies ist übrigens schon von
einem auf diesem Gebiet maassgebenden Forscher, von Professor +Häckel+,
hervorgehoben worden. Aber neben dem Forschen müsste auch das Lehren
betrieben und hierselbst eine +landwirthschaftliche+ Hochschule nach
deutschem Muster, wenngleich wohl mit geringeren Ansprüchen, gegründet
werden, wo die schwierigen Aufgaben der Thee-, Kaffe-, Cacao-Pflanzung
+wissenschaftlich+ erläutert und dargelegt werden könnten. +Praktisch+
kann man die tropische Pflanzung nirgends in der Welt besser erlernen,
als auf Ceylon.

       *       *       *       *       *

=Brief aus Kandy,= 11. November 1892.

      Das +Paradies+ war hier, wo jetzt ich weile.
    Das glauben Hindu und Buddhisten,
    Mohammedaner, Juden, Christen,
    Und schrieben davon manche Zeile.

      Gar vieles stimmt, wenn ich es recht bedenke:
    Des Himmels Pracht, der Erde üpp’ge Fülle,
    Des Paradieses Feig’ in gelber Hülle;
    Mühlos erwirbt man der Natur Geschenke.

      Auch Schlangen sah ich hier. Was soll ich reden?
    Ich +glaub’+, ich bin mit einem Fuss im Paradiese,
    Und trotz’ dem Engel, der mich d’raus verwiese.
    Und doch ist’s +falsch+. Es fehlt -- das +Weib+ in Eden.

       *       *       *       *       *


Nuwara Eliya.

Sonntag, den 13. November, Vormittags 10^h 45′, fuhr ich mit der
+Eisenbahn+[359] südwärts und bergauf nach +Nanu-Oya+, 53 englische
Meilen in 5¼ Stunden, und von da im Postwagen[360] nach +Nuwara Eliya+,
5 englische Meilen in 1 Stunde.

Entzückend ist von der Eisenbahn aus, die dem Oberlauf des
Mahaweli-Flusses folgt, der Rückblick auf Kandy mit seinen
Palmenpflanzungen und den umgebenden Bergen; ganz herrlich der
Pflanzenwuchs zu den Seiten der Bahn. In der Höhe[361] von 2000 Fuss
über dem Meere erblickt man, im November, blühende Rosen, Camelien,
Chrysanthemum, stattliche Palmen und Bananen, sodann Theepflanzungen,
ferner in einigem Abstand terrassenförmig angelegte Reisfelder, die in
hellstem Grün prangen, endlich noch weiter ab die undurchdringlichen
Gestrüpp-Wälder. Die hohen Berge der Nachbarschaft sind bis zur Spitze
grün bewaldet. In der Höhe von 4000 Fuss hören die Palmen[362] auf,
die Bananen noch nicht gleich. Alöe[363] bildet mächtige Hecken längs
der ganzen Eisenbahnstrasse. Aber es sind nicht die kleinen Büschel,
die wir aus unseren Gärten, oder die grösseren, die wir von Neapel
und Sicilien kennen; sondern gewaltige, umgekehrte Pyramiden, aus
deren Mitte der +Blüthenschaft+, einem Baumstamm gleich, emporragt.
Der Mahaweli wird reissender, seine Ufer schroffer und steiler,
die malerischen Schluchten öfters mit üppigem Dschungel besetzt.
Die Haupt-Haltepunkte sind Gampola und Hatton, beide berühmt durch
+Theepflanzungen+.

Diese nehmen zu, je höher wir steigen, und erstrecken sich, soweit der
Blick reicht, nur unterbrochen von den Bungalow der Besitzer, ihren
Maschinen-Häusern oder +Factoreien+, und kleinen Gruppen von Hütten,
in denen die Tamilen, die Arbeiter der Pflanzungen, mit Weib und Kind
hausen.

Von weitem sieht die Theepflanzung fast wie ein Weinberg aus. Die
einzelnen Sträucher sind durch Zwischenräume von einander getrennt.
Die +neuen+ Pflanzungen erinnern vielfach an die Weizenfelder, die ich
in Oregon und Canada gesehen: Stümpfe verbrannter Bäume sind inmitten
stehen geblieben, da die Ausrodung zu mühsam und kostspielig schien,
und grosse Steine liegen zwischen den Sträuchern. Hier und da sieht man
auch noch eine vereinzelte Kaffe-Pflanzung.

       *       *       *       *       *

Ich war in einen Wagen voll junger Theepflanzer gerathen. Es sind
ganz tüchtige und angenehme Leute. Man sieht und hört ihnen an, dass
sie thätig sind und ihr Fach verstehen. Gegen den Fremden sind sie
zuvorkommend und mittheilsam. Die Missionäre werfen ihnen vor, dass
viele von ihnen schwarze Frauen auf Zeit heirathen. John Ferguson
räth dem Vater, der einen jüngeren Sohn nach Ceylon sendet, auch eine
Tochter mitzuschicken; and then, when planters laid the foundation of
pecuniary independence, +sisters would be exchanged+.

Aus dem Munde meiner Reisegefährten hörte ich von Neuem, was ich schon
öfters gehört und seither noch genauer gelesen, +die merkwürdige
Geschichte der Pflanzungen in Ceylon+, welche die Aufmerksamkeit des
deutschen Lesers um so eher verdient, als wir ja in den letzten Jahren
gleichfalls überseeische Colonien gewonnen haben, deren Geschichte noch
im Werden begriffen ist.

Vor 12-15 Jahren war +Kaffe+ der Hauptausfuhrgegenstand Ceylon’s. Der
immergrüne Kaffe-Baum (Kawah der Araber, Coffea arabica des Linné)
stammt aus Ostafrika (Kaffa in Abessinien) und war seit alter Zeit in
Arabien (Yemen) bekannt. Aber das anregende Kaffe-+Getränk+ ist weder
dort noch sonst irgendwo +vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts n. Chr.+
erwähnt worden. Die wirksamen Stoffe sind bekanntlich das +Coffeïn+,
welches zu 0,8 bis 1,2 Procent in den lufttrocknen Bohnen enthalten
ist und ebenfalls im Thee vorkommt, ferner Röststoffe, Gerbsäure, ein
eigenthümliches flüchtiges Oel. Kaffe erregt das Nervensystem; das Herz
schlägt kräftiger, das Blut kreist schneller. Die Araber sollen die
Kaffe-Pflanze früh nach Indien und Ceylon gebracht, die Singhalesen
aber nicht die Bohnen (Samen), sondern nur die Blätter zum Würzen des
Reis und die Blüthen zum Tempelschmuck benutzt haben. Doch hat Dr.
+Trimen+, Leiter des botanischen Gartens zu Peradenia, nachgewiesen,
dass im tropischen Asien die Kaffepflanze völlig unbekannt geblieben,
bis der Generalgouverneur der holländisch-ostindischen Gesellschaft,
+van Horn+, im Jahre 1690 von arabischen Händlern Samen erhielt und
dieselben in Batavia auf +Java+[364] anpflanzte. In demselben Jahre
verpflanzten die Holländer den Kaffe auch nach Ceylon. Aber da sie
den Anbau hier auf die flache Gegend beschränkten, so stieg ihre
Ausfuhr nie über 1000 Centner im Jahr; und im Jahre 1739 gaben sie den
Kaffe-Anbau auf Ceylon gänzlich wieder auf, um nicht den Alleinhandel
Java’s zu beeinträchtigen.

Doch die Singhalesen setzten den Anbau fort, nachdem sie den
Handelswerth der Waare kennen gelernt; die Mohren sammelten die Ernten
der Dörfer und brachten das Erzeugniss nach Colombo und Galle. Im
Jahre 1810 wurden 2170 Centner Kaffe aus Ceylon ausgeführt. Noch heute
unterscheidet der Handel zwei Arten von Ceylon-Kaffe: 1) Nativa, 2)
Pflanzer-Kaffe.

Als die Engländer 1815 Kandy besetzten, fanden sie dort einige
Kaffe-Gärten und einzelne Kaffe-Bäume in der Nähe der Tempel.

Sowie der schöpferische Sir Edward Barnes seine Strasse von Colombo
nach der Hügelgegend gangbar gemacht, gründete er 1825 die erste[365]
+Höhen-Pflanzung+ von Kaffe-Bäumen in seiner eignen Besitzung bei
Peradenia.

Das Beispiel fand Nachahmung. Die Zeit war sehr günstig. Herabsetzung
des Kaffe-Zoll’s auf die Hälfte verdoppelte den Verbrauch[366] in
England binnen drei Jahren; die Freilassung der Sklaven verminderte den
Ertrag Westindiens.[367]

Schon im nächsten Jahre wurden 4000 Acres (= 1600 ha) Wald gefällt[368]
und mit Kaffe bepflanzt; und bald überstieg der jährliche Verkauf von
Kronland den Betrag von 40000 Acres.

+So wurde in einem Menschenalter aus dem Militärposten Ceylon eine
unternehmende Ackerbau-Colonie.+ Alle Hügel von Kandy bedeckten sich
mit Kaffe-Pflanzungen; die letzteren stiegen empor bis Nuwara Eliya
(6000 Fuss über dem Meeresspiegel) und bis an die Grundfläche des
Kegels vom Adams-Pik.

Für uns Deutsche ist es besonders nützlich zu beherzigen, wieviel
Weisheit seitens der Regierung, und wieviel Untemehmungskraft und
Geldaufwendung seitens der Bürger zusammenkommen mussten, um solche
Erfolge zu zeitigen.

Die ersten +Pioniere+, hauptsächlich hartköpfige Schotten, lebten in
Blockhäusern inmitten der pfadlosen Wildniss; bald aber entstanden
behagliche Bungalow und fahrbare Strassen; die wilden Elephanten und
Leoparden wichen in’s Innere der Waldgegend zurück. Im Jahre 1837
betrug die Ausfuhr an Kaffe aus Ceylon 30000 Centner. Dann wurde
das „westindische System“ von Robert Boyd Tytler, dem „Vater der
Kaffe-Pflanzer“, eingeführt und 1845 die Ausfuhr bis auf 200000
Centner gesteigert. In diesem Jahre erreichte die +Kaffe-Begeisterung+
den Gipfel. Ehemalige Gouverneure sowie noch thätige Richter,
Geistliche, Beamte, nicht bloss aus Ceylon, sondern auch aus Ostindien,
englische Capitalisten, -- Alles kaufte Kronland und barg Gold in den
Boden mit derselben Wuth, mit der man es aus dem Boden drei Jahre
später in Californien herauszuscharren suchte. Angeblich 100 Millionen
Mark wurden in wenigen Jahren aufgewendet und -- grossentheils verloren.

Plötzlich kam die Geld-Knappheit von 1845 in England, ferner die
Aufhebung des Schutzzolles gegen Java und Brasilien. Eine +unglaubliche
Bestürzung+ folgte. Land wurde zu einem Zwanzigstel des Erwerbspreises
wieder angeboten; ja ein Zehntel aller Pflanzungen, da sie nicht
behauptet werden konnten und unverkäuflich blieben, ganz verlassen und
der wieder vordringenden Ueberwaldung preisgegeben.

Allmählich trat Gesundung der Verhältnisse ein.[369] Man lernte
den Boden auszuwählen, sparsam und ordentlich zu wirthschaften,
mit vernünftiger Düngung, Beseitigung schädlicher Insecten, und
überwand die Schwierigkeit, Tamil-Arbeiter von Malabar und Coromandel
herbeizuziehen. 1857 waren in 404 Pflanzungen 80000 Acres (= 32000 ha)
unter Kaffe-Cultur und lieferten, bei Verwendung von 129000 Tamilen,
jährlich 347000 Centner Kaffe. Dazu kamen noch 160000 Centner der
Eingeborenen, denn die Singhalesen folgten dem Beispiel der Engländer.
So kam ein +zweiter Zeitabschnitt des Glückes+, ja schliesslich des
Uebermuthes. Der Werth der jährlichen Kaffe-Ausfuhr, der 1827 £
107000, 1857 £ 1700000 betragen hatte, stieg 1868, 1869, 1870 auf £
4000000 (für 1 Million Centner Kaffe)! Die jüngeren Söhne, welche
einige tausend Pfund Sterling besassen und dem Busch von Australien
sowie dem Hinterland von Canada das romantische und dabei gewinnreiche
Leben in der Hügelgegend der schönen Insel vorzogen, kamen aus England
und Schottland und lebten in Ceylon wie die Fürsten. 176000 Acres (=
70400 ha) waren von den Pflanzern mit Kaffe bestellt, der Acre brachte
5 Centner, oder einen Gewinn von 7-10 £, d. h. 20-25 Procent des
aufgewendeten Capitals.

1869 schienen die Aussichten ganz besonders glänzend sich zu
gestalten. Da kam das +Unheil+. Es war ein +unsichtbarer+ Feind,
ein mikroskopischer +Rostpilz+, der die Blätter des Kaffebaumes
angriff und gewaltigen Schaden anrichtete, die kostbaren Bäume in
Brennholz verwandelte, das ich noch in grossen Haufen auf den Bergen
liegen sah, und den Werth der Kaffe-Ausfuhr rasch auf ein Fünftel
verringerte. Dieser Pilz (+Hemileja vastatrix+, Uredineae) ist zuerst
in Ceylon auf Kaffebaumblättern beobachtet und von +Berkley+ und
+Broome+ in Gardener’s Chronicle (1869, S. 1157) beschrieben worden.
Nach Dr. +Thwaites+, der vergeblich seine warnende Stimme erhob, aber
von den Pflanzern verlacht wurde, ist der Pilz einer ceylonischen
Dschungel-Pflanze eigenthümlich und hat sich dann, als er auf den
Kaffeblättern so gut fortkam, in ungemessener Weise ausgebreitet.
Später ist dieser Pilz auch in Mysore, Tonkin, Java, Sumatra zum
Verdruss der Kaffepflanzer beobachtet worden, aber nicht in Brasilien.

Anfangs hatten die Pflanzer der Kaffeblatt-Krankheit (Coffee leave
disease) keine besondere Bedeutung beigelegt und sogar wegen der
steigenden Kaffe-Preise den Anbau um 50 Procent ausgedehnt. Aber die
jungen Pflanzungen, welche 1870 bis 1874 unter Aufwendung von £ 3000000
bestellt wurden, gingen fast gänzlich zu Grunde. Die Blätter bedeckten
sich mit orangerothen Flecken, fielen ab, der Baum ging zu Grunde. Kein
Mittel half.

Der berühmte Botaniker Dr. +Marshall Ward+, der im Auftrage der
Regierung zwei Jahre auf Ceylon verweilte, um die Kaffeblatt-Krankheit
zu ergründen und womöglich zu heilen, wurde von den Pflanzern auf das
heftigste angegriffen, da ihm die Heilung nicht gelang.

1878 wurden noch 825000 Centner Kaffe ausgeführt, 1888 nur 140000![370]

Viele Pflanzer wurden gänzlich zu Grunde gerichtet. Aber die Verwirrung
war doch nicht so gross, wie 1845. Die +Gläubiger+ waren +vernünftig+
genug, auf ihre Zinsen lieber für einige Jahre zu verzichten, als
durch Unerbittlichkeit die ganze Grundschuld auf einmal zu verlieren.
Man muss bedenken, dass solch’ eine Pflanzung £ 10000 werth ist. Das
versicherten mir meine Reisegefährten im Eisenbahnwagen, das las ich
später in +Tennent’s+ Darstellung der früheren Verhältnisse.

Die +Pflanzer+ waren +muthig+ genug, sofort eine neue Thätigkeit zu
unternehmen. Sowie man einsah, dass die Kaffebäume verloren seien,
wurden sie +gefällt+, um andern Pflanzungen Raum zu geben. 1878 waren
275000 Acres (= 110000 ha) mit Kaffe bepflanzt, die höchste Ziffer,
die erreicht worden ist; 1893 nur noch 35000 Acres (= 14000 ha).
Die Ausfuhr an Kaffe beträgt nicht mehr 1 Million Centner, sondern
den fünfzehnten Theil davon. Die Natur straft Einseitigkeit durch
Krankheit; das Heilmittel liegt im Wechsel und in der Mannigfaltigkeit;
die neuen Anpflanzungen sind Thee, Cinchona, Cacao.

Der +immergrüne Theestrauch+ (Thea) scheint aus Assam zu stammen. Die
wirksamen Stoffe des Thees sind Koffeïn (= Theïn) und ätherisches Oel.
Thee erregt das Nervensystem. In China und Japan ist das Theetrinken
schon im 8. Jahrhundert n. Chr. bekannt gewesen, nach Europa kam es um
die Mitte des 17. Jahrhunderts.

Ceylon scheint für die Theepflanzung sehr geeignet, da in den
Niederungen des Westens und Südwestens sowie in der Hügelgegend fast
kein Monat ohne Regen bleibt, und die Abwechselung der tropischen Sonne
mit der Befeuchtung dem blattbildenden Theestrauch sehr förderlich ist.
Die Blatternte erstreckt sich auf sechs und selbst auf neun Monate.
Dazu gedeiht der Theestrauch von den Hügeln ab, die wenige hundert Fuss
über dem Meeresspiegel emporragen, bis zur Höhe von Nuwara Eliya und
darüber, d. h. bis zu der Erhebung von 6000 und selbst 7000 Fuss. 1873
waren 250 Acres mit Thee bepflanzt, 1883 schon 35000, 1887 aber 150000
und 1893 endlich 255000 Acres, das sind über 100000 Hektaren.

Die Ausfuhr von Thee aus Ceylon betrug 1876 ganze 23 Pfund, 1886 an
8 Millionen Pfund, 1892 an 78 Millionen Pfund. Das ist schon ein
ansehnlicher Theil, vielleicht ein Siebentel der gesammten Ausfuhr
der Erde.[371] Von dem Ceylon-Thee gelangten 1891 nach Deutschland
92000 Pfund, nach England 63 Millionen. In England ist von 1869 bis
1888 der jährliche Verbrauch von 3,63 Pfund auf 4,95 für den Kopf der
Bevölkerung gestiegen, der von Kaffe gesunken von 0,94 Pfund auf 0,82
Pfund.

Der Ceylon-Thee scheint mir vortrefflich, sehr rein gehalten, von
feinstem Duft und Geschmack, so dass ich den deutschen Hausfrauen schon
empfehlen möchte, einen Versuch damit zu machen.

Unter den Pflanzern Ceylons hat sich eine grosse Gesellschaft[372]
gebildet, um durch Zusammenwirken den Weltmarkt zu erobern. Von den
Theepflanzungen hängt die Zukunft der Colonie ab. Die ganze Atmosphäre
von Ceylon ist gewissermaassen mit Thee gesättigt.

Uebrigens ist für die Entwicklung der Colonie die Pflanzung von Thee
günstiger, als die von Kaffe. Sie wirft zwar den grossen Pflanzern[373]
weniger ab, aber sie beschäftigt die doppelte Zahl von Händen. Die
Arbeitslöhne, die man zur Zeit zahlte, schwankten zwischen 35 und 60
Cts.,[374] nach meinen Gewährsmännern; damit können die genügsamen
Tamilen gut auskommen.

Die Regierung begünstigt ihre Einwanderung von der Malabar- und
Coromandel-Küste durch sehr billige Fahrsätze auf den ihr gehörigen
Eisenbahnen und den anschliessenden Dampfern. In Südindien leben viele
Millionen, deren Einkommen angeblich (?) für die Familie von etwa fünf
Köpfen 1½ Shilling im Monat kaum übersteigt. Für diese ist Ceylon das
gelobte Land, da die Familie wöchentlich 6 bis 8 Shilling verdienen
und fast die Hälfte ersparen kann. Kein Wunder, dass die Zahl der
Einwohner Ceylons durch die Pflanzungen auf das doppelte, die Einfuhr
von Baumwollenstoff auf das fünffache, die von Nährstoffen auf das
zehnfache angestiegen ist.

Ein grosser Theil dieser Arbeiterbevölkerung ist wechselnd; nach
Vollendung der Arbeit kehren sie mit ihren Ersparnissen nach ihrer
Heimath, d. h. nach dem Festland, zurück. Ein Theil aber macht sich
sesshaft, namentlich da, wo die hochmögenden Herren Pflanzer ihnen
ordentliche Hütten bauen und für ihr Wohlergehen Sorge tragen.

Die Aufschriften an jedem Halteplatz unserer Eisenbahnlinie sind
dreisprachig: englisch, singhalesisch und tamil.

+Cacao+ (Theobroma[375] Cacao) ist ein aus Amerika stammender Baum von
nicht erheblicher Grösse, dessen längliche (10-20 Centimeter lange, 5-7
Centimeter breite), röthliche, nach dem Trocknen braune Frucht in einem
Muss die Samen oder Bohnen enthält, welche, geröstet und zerrieben, den
Cacao, noch dazu mit Zucker und Gewürz versetzt, die +Chocolade+ geben.
Das Wort ist mexicanisch, von Choco, d. i. Cacao, und +latl+ = Wasser.
Die Spanier fanden 1519 den Gebrauch der Chocolade bei den +Mexicanern+
vor und brachten denselben nach Europa; im 17. Jahrhundert kam er nach
Italien, Frankreich, England, Deutschland. Bontekoe, der Leibarzt
unsres grossen Kurfürsten, hat bereits 1667 das Lob der Chocolade
verkündigt.

Die Cacaobohnen enthalten Fett, Stärke, Zucker, Eiweiss und das
+Theobromin+, welches seiner Zusammensetzung nach dem Koffeïn sehr
ähnlich ist.

Der Anbau des Cacaobaumes erfordert grosse Sorgfalt. Auf dem Wege
von Kandy nach Matale sah ich viele Pflanzungen und lernte einen
Pflanzer kennen, der die Ackerbau-Chemie unsres Liebig in englischer
Uebersetzung eifrigst studirte.

Im Jahre 1886 hat Ceylon bereits für 40000 £ Cacao ausgeführt; 1878
betrug die Ausfuhr 10 Centner, 1891 aber 20000. (Die Ernte der ganzen
Erde an Cacao beträgt jährlich etwa 870000 Centner.) 12000 Acres (=
4800 ha) sind auf Ceylon mit Cacao bepflanzt. Die Cacaopflanzungen
können keine so grosse Ausdehnung auf Ceylon erfahren, da sie
beträchtliche Dicke guten Bodens in mittlerer Höhe und sehr gute,
windgeschützte Lage erfordern.

Mit +Cinchona+, dem immergrünen China- oder Fieberrindenbaum[376] aus
den Cordilleren des tropischen Südamerika, waren 1872 erst 500 Acres
auf Ceylon bepflanzt, 1877 schon 6000, 1883 aber, nachdem seit 1879
der Misserfolg des Kaffe ausser Zweifel stand, bereits 60000 Acres =
24000 ha. Aber die gewaltige Ausfuhr von China-Rinde aus Ceylon (15
Millionen Pfund im Jahre 1887 gegen 11000 im Jahre 1872) bewirkte einen
plötzlichen Preissturz (auf 1 Shilling für die Unze = 30 Gramm[377]
Chinin, von 12 Shilling), der für die Leidenden zwar sehr glücklich,
aber für die Pflanzer höchst unangenehm war, so dass sie den Anbau von
Cinchona wieder theilweise durch den von Thee ersetzten. Im Jahre 1891
war die Ausfuhr von China-Rinde wieder auf 5½ Millionen Pfund gefallen.

Dazu kommt der Wettbewerb von Java, dessen Rinde weit gehaltvoller
ist.[378] Immerhin bildet Cinchona eine +Ergänzung+ der
Haupterzeugnisse des ceylonischen Pflanzers.

       *       *       *       *       *

+Nuwara Eliya+[379] wurde 1826 von englischen Officieren auf der
Elephanten-Jagd entdeckt und 1829 bereits von Sir William Barnes zu
einer Heil- und Erholungs-Stätte für die Soldaten gemacht. In der That
ist der Ort ein Paradies für die in den Tropen lebenden Europäer; die
Höhe misst 6200 Fuss über dem Meer, die Temperatur schwankt zwischen +
2° und 21° C. (selbst + 26°) und beträgt im Mittel 13½ bis 15° C. Es
giebt für die in Colombo lebenden Europäer kein grösseres Vergnügen,
als die Gluthhitze des Tages und die erstickenden Nächte der Ebene
zu verlassen und nach einer kurzen Tagesreise von weniger als 100
englischen Meilen in lieblicher und dabei grossartiger Gegend „ein
Fleckchen Europa, das in Asien lächelt“, und ein nordisches Haus zu
finden, unter wollener Decke zu schlafen und des Morgens vielleicht gar
eine Spur von Eis im gefüllten Waschbecken zu entdecken.

Das +Grand Hotel+ von Nuwara Eliya preist sich selber als das
+schöngelegene Curhaus von Ceylon+ und druckt einen Brief ab von dem
früheren Gouverneur der Insel (Sir William H. Gregory), nach dem die
Verpflegung gut und die Rechnung sehr mässig sei.

Es gelingt ihm auch, eine leidliche Zahl heissgesottener Kaufleute und
Beamte mit Frauen und Kindern aus Colombo, Südindien und selbst aus
Rangoon anzuziehen und zu fesseln, denen das „englisch kühle“ Klima
behagt und Abends der lauschige Sitz am prasselnden +Kaminfeuer+, --
das ich, auf meiner Reise, zum ersten Mal seit Banff im canadischen
Felsengebirge wieder antraf. Aber die Aehnlichkeit mit England oder
mittleren Höhen der Schweiz ist wichtiger für die in Südasien lebenden
Europäer, als für die Durchreisenden.

Allerdings liegt das Haus recht schön, in der Hochebene, auf deren Gras
+fette+ Kühe (in Asien ein seltner Anblick) weiden, deren Wege mit
gut gepflegten, auch europäischen Bäumen bepflanzt sind und überall
Eingänge und Einfahrten zu Gärten mit hübschen Landhäusern enthalten;
aus der Halle schweift der Blick über einen stattlichen, künstlichen
See (Lake Gregory) zu fernen Bergen, namentlich dem Hakkagalla; die
ganze Hochebene wird überragt von dem höchsten Berge der Insel, dem
Pedurutallagalla.

Das Gasthaus ist einstöckig, einfach gebaut, aber sehr gut
ausgestattet; Betten und Möbel besser, als ich sie sonst in Asien, mit
Ausnahme von Tokyo, gefunden. Aber billig[380] ist es nicht, und die
Gerichte so winzig für einen gesunden Magen, dass der Kellner, der mein
Missvergnügen merkte, Käse und sonstigen Nachtisch noch einmal reichte.

Die Gesellschaft war nicht nach meinem Geschmack. Selbstsüchtiges
Protzenthum ist für den Reisenden nicht anziehend, sogar als
Beobachtungsgegenstand eher langweilig. Damen, welche ihren daheim
schon fragwürdigen Geschmack in Asien erst recht abenteuerlich
ausgestaltet haben und Tigerzähne, in Gold und Edelstein gefasst, als
Halskette auf rothseidnem, gesticktem Gewand tragen, pflegen mich nicht
zur Unterhaltung anzuregen.

Am nächsten Morgen ganz früh ging[381] ich, unter Führung eines
einheimischen Knaben, auf den Gipfel des +Pedurutallagalla+,[382]
des höchsten Berges in Ceylon, der 8295 Fuss über dem Meeresspiegel,
2095 Fuss über dem Gasthaus emporragt und 3 englische Meilen von
dem letzteren entfernt ist. Es ist „ein Gneisdom, ein ungeheurer,
waldbedeckter Maulwurfshügel“.

Da ich den berühmteren Adams-Pik wegen der Jahreszeit nicht besteigen
konnte, so wollte ich wenigstens den ersteren nicht versäumen.

Der Weg führt zunächst durch die Ebene, vorbei an dem Wohnsitz der
Eingeborenen, dem sogenannten +Markt+ (Bazar), wo wieder verschiedene
englische Kirchen und Secten den Wettbewerb um die Seelen der Heiden
betreiben, und steigt dann empor zu einem dichten, schattigen Wald mit
zwitschernden Vögeln und murmelnden Bächen, wie wir ihn in den Bergen
des Harzes oder in der Schweiz so oft mit Entzücken durchwandern.

Nur +Laubbäume+ sind zu sehen. Nadelhölzer kommen auf Ceylon nicht in
Wäldern vor, sondern nur in künstlichen Anpflanzungen, z. B. in dem
Garten von Hakkagalla.

Besonders bemerkenswerth sind die Himalaya-Fichten von Piniengestalt
mit ganz schmalen Blättern und eine stattliche, 30 Fuss hohe Art von
Rosenbaum[383] mit dunkelrothen Blüthen. Die Baumäste sind mit fusslang
herabhängenden +Moosbärten+ geschmückt; einzelne Bäume sehen so aus,
als wären sie von oben bis unten in dunklen Pelz gekleidet. Das Gebüsch
zur Seite des Weges ist mannshoch, breitblättrig, undurchdringlich, ein
förmlicher Urwald.

Es ist völlig einsam. Mein Führer schweigt theils aus Schüchternheit,
theils aus Unkenntniss der englischen Sprache. So konnte ich ungestört
der Beobachtung und Empfindung mich hingeben.

Man liest in Reisebüchern die Behauptung, dass in den Tropen der Wald
nicht so poetisch sei, wie in unserm Vaterland. Aber der Wald ist
seelenlos, hier wie dort; die Empfindung legen +wir+ erst hinein und
müssen sie in uns tragen.

Binnen zwei Stunden war ich auf dem Gipfel angelangt und hatte dort
oben eine herrliche Aussicht auf das friedlich grüne Thal in der Tiefe
mit dem kleinen Gregory-See und den schmucken Häusern, aus deren
Schornsteinen der Morgen-Rauch emporwirbelte. Rings um das Thal lag
dichter Nebel. Von der Ost- und West-Küste[384], vom Adams-Pik sowie
von der geographischen Uebersicht eines grossen Theiles der Insel war
nichts zu sehen. Bald überzieht der aufsteigende Nebel das ganze Bild;
für kurze Zeit dringt die Sonne wieder durch, der Wind jagt den Nebel
in Fetzen dicht bei mir vorbei, ich sehe den See, aber nicht lange. So
blieb ich hier in völliger Einsamkeit mit summenden Bienen, wie einst
auf Cap Sunion in Attika und wie auf Monte Pellegrino in Sicilien, bei
dem kopflosen Standbild der heiligen Rosalia. Solche Erinnerungen sind
unvergesslich.

In 1½ Stunden stieg ich hinab. Das Frühstück schmeckte vortrefflich,
ebenso ein Fläschchen Pilsener Bier[385] und ein Mittagsschläfchen, das
ich ausnahmsweise, nach dem Spaziergang in den Tropen, mir gönnte.

Nachmittags fuhr ich im Wagen[386] nach dem +botanischen Garten+ der
Regierung, der in +Hakkagalla+ liegt, 6 englische Meilen südöstlich
von Nuwara Eliya und 800 Fuss tiefer. Der Weg ist sehr angenehm,
für die ersten 2 Meilen führt er längs der Südwestseite des See’s,
dann vorbei an der berühmten, 50 Jahre alten Farm von Sir S. Baker
und schliesslich bergab durch eine enge waldige, mit prächtigen
+Baumfarn+ besetzte Schlucht, die plötzlich vor dem Garten sich
erweitert und dem erstaunten Blick die ungeheuren welligen Grasebenen
und die fernen Berge der Südprovinz Uva zeigt. Dicht vor uns steht
der zweigipflige Hakkagalla, d. h. Unterkiefer-Berg. Im Garten führte
mich erst ein singhalesischer Gehilfe, der das Gymnasium durchgemacht,
sogar griechisch gelernt, aber über die Ableitung des auf meiner
Besuchs-Karte befindlichen Wortes +Ophthalmology+[387] rathlos
grübelte, dann der Director selber, Herr +Nock+, der mir alles auf das
freundlichste zeigte, vor allem die ebenso mächtigen wie anmuthigen
Baumfarn,[388] die der Unkundige so leicht für Palmen hält, und mir
auseinandersetzte, wie dieser Garten hauptsächlich zu Versuchen
bestimmt sei und z. B. für die Einbürgerung des Fieberrindenbaumes in
Ceylon das Wichtigste geleistet habe.

An den Wegen fand ich hier besonders reichlich eine kleine Bekannte aus
der Studienzeit, d. h. aus dem Jahre 1862, die keusche +Mimose+,[389]
die bei der Berührung ihre Aestchen und Blätter zusammenklappt, deren
Bewegungsformen unser Professor du Bois-Reymond in seinen Vorlesungen
über Physiologie gründlich zu erörtern pflegt.

Herr Nock nöthigte mich in sein Haus, stellte mir seine Frau vor und
die beiden kleineren Kinder, -- die grösseren waren natürlich in
England zur Erziehung und zur Gesundung; er bewirthete mich mit Bier
und mit guten Rathschlägen, indem er mir von dem Besuch der Grasebenen
(Horton plains) abrieth und Anuradhapura dringend anempfahl. Auf seinem
Tisch lag Ceylon von Ferguson und +Häckel+’s indische Reisebriefe in
englischer Uebersetzung.

Mit +Vergnügen+ erinnerte er sich an den Besuch unsres berühmten
Landsmanns, der 1882 hier gewesen;[390] und Jeder wird ihm
beipflichten, dem es einmal, wie mir, vergönnt gewesen, den deutschen
Darwin in der Musenstadt Jena aufzusuchen. Aber das +Buch von Häckel+
wird merkwürdiger Weise in Ceylon abfällig, ja spöttisch beurtheilt,
und zwar ebenso von Deutschen wie von Engländern. Statt die grossen
Vorzüge und die bewunderungswürdigen Naturschilderungen anzuerkennen,
klammern sie sich, um ihm die Genauigkeit der Beobachtung abzusprechen,
an +eine Bemerkung+, die eigentlich wohl ein Witz sein soll und
vielleicht gar nicht ernst gemeint ist,[391] -- vom Schlangen-Klein in
der Reis-Würze.

„Babua (der Koch) schien zu ahnen, dass für mich als Zoologen alle
Thierklassen ein gewisses Interesse darböten, und dass daher auch
deren Verwendbarkeit für den Cörry ein wichtiges zoologisches Problem
sei. Montags waren die Wirbelthiere durch delicaten Fisch im Cörry
vertreten... Sonntags erschien bisweilen auch eine Schlange, die ich
für einen Aal hielt.“

Seltsamer Weise spricht auch +Hildebrandt+ (Reise um die Erde, Berlin
1879, I, 44) vom +Schlangen-Gericht+ auf Ceylon.

„An der Mittagstafel des Hotels (zu Point de Galle) habe ich heute ein
neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie
wurden in der Suppe gekocht und gebraten servirt; ihr Wohlgeschmack
liess sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für Aal,
bis mich die grössere +Härte+ eines Besseren belehrte.“ Ueberzeugend
ist diese Beweisführung keineswegs. Vielleicht ist es ein vom
Herausgeber Kossak missverstandener Witz des Reisenden.

Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass zum Reis Würzen (curry)[392]
aus pflanzlichen (und auch aus thierischen) Theilen gemischt
werden, und zwar +milde+, d. h. solche, die weniger brennen, und
+scharfe+,[393] die uns fast unerträglich sind. Curry war schon im
2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, nach der singhalesischen Chronik
Rajavati; im 5. Jahrhundert n. Chr. nach Mahawanso. Der gewöhnliche
Curry der Singhalesen besteht aus rothem Pfeffer, Zwiebeln, Kern der
Kokosnuss, dessen Oel die Schärfe ein wenig mildert, und wird mit
Pflanzenblättern (von Memecylon) gelb gefärbt. Für die Europäer fügen
sie noch Fisch oder Hühnerfleisch oder Eier hinzu und wählen danach
den Namen, z. B. Hühner-Curry. Doch war es mir manchmal fast unmöglich,
mit dem Auge oder mit der Zunge diese Beimengung zu entdecken.


Nach Anuradhapura.

Bereits am nächsten Morgen (Dienstag, den 15. November) führte ich den
Rath des Herrn Nock aus und fuhr nach der alten Ruinenstadt in der
+nördlichen Centralprovinz+ von Ceylon. (North Central Province.)

Die letztere ist eine neue Gründung in dem vorher öden Landgürtel
zwischen Singhalesen- und Tamil-Gegend; durch Wiederherstellung der
alten Teiche und Bewässerungen haben die Engländer hier die Ansiedlung
einer reisbauenden Singhalesen-Bevölkerung (jetzt 74000) in’s Leben
gerufen.

Die Schwierigkeiten der Reise sind in der letzten Zeit erheblich
verringert worden und werden in den schwärzesten Farben nur von denen
dargestellt, welche aus irgend einem Grunde den Ausflug nicht gemacht
haben.

Zuerst fahre ich Morgens ganz früh mit dem Postwagen von Nuwara Eliya
durch die üppig bewachsene Schlucht bergab nach Nanu-Oya und von da mit
der Eisenbahn nach Kandy.

Auf der letzteren Strecke wird der +Adams-Pik+ in seiner vollen
Schönheit sichtbar. Der Spitzkegel starrt frei empor in den blauen
Himmel; nur zeitweilig ist die höchste Spitze von einer dichten
Wolke verhüllt. Um +diese Jahreszeit+ regnet es auf dem Gipfel fast
unablässig; eine Besteigung ist unmöglich, kein Mensch weilt oben. Da
aber der Adams-Pik die Landmarke von Ceylon darstellt, so muss ich
doch, der Vollständigkeit halber, die Merkwürdigkeiten dieses berühmten
Berges andeuten.

Schon die Ureinwohner der Insel haben diesen steil emporragenden
Fels verehrt; die Aushöhlung auf der Spitze ist nach den Brahmanen
der Fusstapfen von Shiva, nach den Buddhisten der von Buddha,
nach den christlichen Gnostikern und den Mohammedanern der von
Adam. Buddhistische Priester sind Wächter des heiligen Fusstapfens
(sripada[394]); aber die Gläubigen aller Bekenntnisse beten hier in
frommer Verträglichkeit, nicht in heftigem Streit, wie die lateinischen
und griechischen Christen am heiligen Grabe zu Jerusalem.

Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen
die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz
schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter
Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche
Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene
Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren wird
der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt nur
2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel; aber die
Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr wenige
Berge diesen +unbeschränkten+ Blick bieten. Die beiden +Sarrasin+
hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den Sonnenaufgang zu
beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu, Sadu (d. h. heilig,
heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren Schattenkegel des
Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an der Spitze, welche
die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen.

+Häckel+ lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren, möchte
aber die vom schneebedeckten Pik von +Teneriffa+, der fast die doppelte
Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen.

In +Kandy+ war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein Zug[395]
geht nordwärts nach +Matale+, dem Ende der Zweigbahn, vor 11 Uhr
Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein Gast-,
sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und Mantelsack
in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche für die
Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir bekannten
Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen Wagen nach
Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich, die Quittung
(über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird Mauth-Geld von je
einer Rupie erhoben.

Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht
man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter.

Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten
Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy,
nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000
Einwohner.

Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem +Rast-Haus+[396]
zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen, für Reisende und Pilger, sind
in Ceylon wie in Indien seit uralten Zeiten von wohlthätigen Leuten
erbaut und unterhalten worden. An den öffentlichen Strassen Ceylons
hat die jetzige Regierung in Abständen von je 15 englischen Meilen
Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet, wo die Reisenden zu einem
festen und mässigen Satz Aufnahme und Verpflegung finden, allerdings
soweit der Platz reicht, und immer nur für einen Tag: danach muss der
Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt, dem neuen Reisenden Platz
machen.

Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den
Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht
hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem
gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten
gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen
schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt
sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient,
und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach
ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit.
Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des
„Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit
ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet.

Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten.
Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des
Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen[397] mit der Post
weilt, -- natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit
voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft
zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch,
Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren
Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung.
So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei
europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten
und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die
ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der
Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein.

Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden
und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz,
wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus
mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier.

Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der
Postkutsche,[398] die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt
zur Fahrt nach +Anuradhapura+. Die Zeit der Alleinherrschaft des
Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig
gewechselt werden, und vier Räder,[399] allerdings nur +einen+ leidlich
bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere des
verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht und
dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch
gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben
Fahrpreis zu zahlen.

Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der
Nordhälfte von Ceylon.

Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen,
treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung
grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen
und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter
grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau
wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den
Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse
ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar
nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn
zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer
sehen ärmlich aus.

Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen
anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht,
eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig
schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht,
dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen.
Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen
die Hand und lassen sich betrachten.

Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls
einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand
und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung,
wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen
ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles
Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie
natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder.

Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½ engl.
Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde Gegenden
führte, wie +arm die Thierwelt+ in Ceylon erscheint gegenüber dem
Reichthum der Pflanzenwelt. Auch +Häckel+ erklärt offen, dass er in
dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde. Dagegen fanden die
beiden +Sarrasins+, die allerdings während 2½ Jahren zu Fuss die Insel
in neun verschiedenen Richtungen durchstreift, dass die Thierwelt
Ceylons ausserordentlich reich sei, namentlich im Vergleich zu Europa;
aber spärlich da, wo die Europäer jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also
eine wirkliche Anschauung von der ceylonischen Fauna gewinnen will,
muss das Prachtwerk dieser Forscher studiren. Ich beschränke mich auf
die kurze Mittheilung der Arten, die ich zu sehen bekam.

Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde,
Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde,
Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und
unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein
Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen
empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit
braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf;
Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer
Affen[400] gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge
sind sparsamer, als in Süd-Europa.

Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die
von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer
Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter
dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel,
so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets
sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung
dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen
Schlangen[401] sich aufzuhalten.

Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken
überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch
kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome,
liefern schöne Landschaftsbilder.

Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu +Dambulla+, das nur
noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem von
+Anuradhapura+ (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein Schlafzimmer.
Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in der Vorhalle
des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso der englische
Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr +Jever+,[402]
dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte, dass er mich am
nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der Ausgrabungen abholen
werde.

Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und
gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers.
Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie
hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden.
Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt
man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im
grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber
ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die hohe
Decke fliegt und +oben+ hinaus will. Ein geschleuderter Pantoffel
ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld fassen und
das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit kleineren
Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit den besten
Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger des
+Sumpffiebers+. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir aus dem Garten
eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst eine genügende Gabe
Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund geblieben, hier und auf der
ganzen Reise. Weitere Arzneien habe ich nicht gebraucht, nur die in
meiner Reiseapotheke mitgenommenen Carbolsäurepastillen, um in Colombo
die weisse Schimmelkrankheit meines Fracks zu beseitigen.

Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer
sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken.

       *       *       *       *       *

    +Anuradhapura, den 17. November+ 1892.

Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern
geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen
Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche,
der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit
beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre
Weichen mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden
in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in
ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; +in+ dem Wagen
kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber,
in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut,
bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen
des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch
zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von
+Anuradhapura+.

Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den
+Weltstädten+ gehört er nicht; diese sind +zweisilbig+. Geneigte,
eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über
Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich
vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden,
ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon.

Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort
bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den
sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche,
seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher
hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden.

Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das +ewige Rom+;
und auch in +religiöser Bedeutsamkeit+ mit Rom zu vergleichen: nur
war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre Heiligthümer sich
begeisterten, ganz erheblich viel grösser.

Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt
bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines
Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses
Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn
diese Völker haben früh schreiben gelernt, und +einige+ von ihnen haben
+furchtbar viel aufgeschrieben+.

Vor allen die +Singhalesen+; diese besitzen eine +fortlaufende+ Chronik
ihrer Geschichte, die über mehr als zwei Jahrtausende sich erstreckt.

Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum
ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass
die Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich
auf dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer +Tournour+,
ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften
buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht
mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf
Palmblätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische
Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n.
Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende ihrer
Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten gelang
es +Tournour+, mit Hilfe der später aufgefundenen +Erläuterungen+,
das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch starb er leider, nach der
Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst vor wenigen Jahren ist die
Uebersetzung des zweiten Theiles von einem Einheimischen herausgegeben
worden.[403]

+Mahawanso+ ist der Titel dieser Chronik, das heisst +grosse Dynastie+,
und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung vom Jahre 543 v.
Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige Wijayo,[404] der
aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit dem diese Dynastie
erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil zwischen 459 und 477
n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu Sena, und zwar
auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten Jahrbüchern.
Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter Zeit
Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes (†
550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde
haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken.
Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige
von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n.
Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die
Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr.

Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in
Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften
der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute
Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist,
liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des
indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten,
der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des
Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die
Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660
bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde.

Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen
dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind.

So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die
Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355
Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten
Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha,
im Jahre 1815.

Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert v.
Chr., wurde die Stadt +Anuradhapura+[405] gegründet, in der Mitte
des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit
unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig[406]
als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde
errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete
Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da
jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit
goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des
heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern
für fromme Väter.

Schon von dem Erdbeschreiber +Ptolemaeus+ (im 2. Jahrhundert n. Chr.)
wird Anuragrammum[407] als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der
chinesische Pilger +Fa Hian+, der im Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr.
Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der Heiligthümer.
60000 Priester lebten auf der Insel,[408] 6000 auf Kosten des Königs.
Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien nach Ceylon
gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug (perahera)
dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen bestreut und
mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von Buddha’s Leben
mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des Festes.

Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista
riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse
von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung
von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden
Hauptdurchmessern.

Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. +Bell+, ist der
Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von
den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden.

Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen,
da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos
Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass
die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten
2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch
nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen
Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte.

Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert[409] n. Chr.
aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die
kriegerischen Angriffe der +Tamilen+ aus dem südlichen Theil von Indien.

Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung
von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der
Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen
gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach
einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in
verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in
Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen
und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte.
Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte
der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen
Hügelgegend suchen.

Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und
von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv,
Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns
wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben
hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; +Anuradhapura ist
buchstäblich vom Wald überwachsen+;[410] das dichteste Gebüsch und
gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das
meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von +Urwald+ umgewandelt.

Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus.
Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man +gerade hier+ recht
merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit
mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter
Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30
Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer
Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern
und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten
Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall
hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die
kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.

Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der
letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die
Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen
Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit
Brücken und Wege verbessert.

Uebrigens war der Ort +nie vollständig verlassen und vergessen+. Eine
Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den Heiligthümern,
von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen Buddha’s enthalten
soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf schmalem Pfade durch
die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie Blumen an die
Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.

Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner
untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben
die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem
Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen
wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier
wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf
von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind
fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder
die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten,
sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte
von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum
Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich
der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher,
als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte
Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über
unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten
Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das
grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das
Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues,
noch nicht bezogenes Krankenhaus.

+Was ist nun zu sehen in Anuradhapura?+ Zunächst die +Dagoba+ oder
Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha einschliessen.

Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder
glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der
würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem
Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem
Sonnenschirm.

Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr
viele sind nur 10-20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit
den +Pyramiden+ von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba sind
der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.

Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim
Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den
ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein
müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der
Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre
Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren
Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone
gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk
von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein
paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.

Den merkwürdigsten Anblick gewährt die +Jayta-wanarama-Dagoba+, die 330
n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht sie jetzt
aus wie ein +bewaldeter Berg+, auf dem ein kleiner Thurm steht. Aus
grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, dass das Ganze
einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt jetzt noch 249 Fuss
in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, so dass der Inhalt
des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst gegen 20 Millionen
Cubikfuss[411] betrug. Fünfhundert unserer Maurer hätten sechs Jahre
daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, eine Million Pfund
Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine Mauer von 10 Fuss
Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh herstellen.

Die +grösste Dagoba+ (+Abhayagiri+ = Berg der Sicherheit) wurde 87
n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur Erinnerung an
die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung des Reiches.
Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis zur Spitze des Thürmchens 405
Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die Höhe noch 231 Fuss.

Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist
neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst
getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.

Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am
merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, +Ruan-welle+, d.
h. Goldstaub, unter +Dutugaimunu+, dem Besieger des Tamil Elala, und
seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit
vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber
durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch
ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig
mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber
der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der
umgebenden Pflasterung.

Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres
Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier
Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das
ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist,
während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen
Bau zu tragen scheinen.[412] Der fromme Pilger reibt noch heute den
Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold.

Hier findet man auch überlebensgrosse +Bildsäulen+. Zunächst die
eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar,
von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier
aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn
unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit
altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha
in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, -- höchstens mit denen aus
der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch
nicht ganz überwunden hatte.

Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth.
Die Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so
vielfach angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher
Apollo; es sind die +Dwarpals+ oder Thürhüter, mit der siebenköpfigen
Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen +(Mond-)
Steine+ vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit rings um eine
stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen Gänsen,[413] darum
eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine Procession von Elephant,
Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine pflanzliche Verzierung.

Am Eingang zu einem +Felsentempel+ (Isurumuniya, ausserhalb des
Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst
anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, -- wenn es dem Gott
nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen.

Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle der
beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die +heiligste+
aller Dagoba, die +Thuparama+, 307 v. Chr. vom König Devenipiatissa
errichtet, um den rechten Schulterknochen[414] von Buddha zu bergen.

+Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien+, das auf unsre Tage
gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit Gold
geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer
Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den
Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache
Hülle von Stuck.

Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser
und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9
Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei
Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus
je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient
noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten.

Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie
auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr
davon zu sehen.

Dagegen steht noch die +Lankaramaya Dagoba+ (von 32 Fuss Höhe), die
allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n. Chr. Die
achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen +Buddha-Putten am Capitäl+.

Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten
+Paläste+. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da bisher nur
sehr wenige Inschriften[415] gefunden sind. Die Ausgrabungen werden,
nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr Jever
zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr
viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in
absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach
dem Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. +Bell+, statt der jetzigen
60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen
von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von
Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet
sind.

Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber
die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter
der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch
nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man
tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie
Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum
des Orts einverleibt worden.

Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste
bezeichnet, sind Ruinen von +Klöstern+.

Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch
die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht;
alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der
Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue
Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der
Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten.
Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen
von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die
Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss
misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht,
entsprechend den heutigen Klöstern in +Birma+,) aus Holz errichtet
waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000
Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes
Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt war und so den Namen des
Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross
wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude
im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute
in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht
geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände
trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen
gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer
Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse
Baldachin des Kaisers (Chatta).

Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden
obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde
dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört,
jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen
Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.

Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert.
Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die
einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz
roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,[416] mit
denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als
der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk
(chunnam) getragen.

Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen
Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen
sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen
Elephanten-Trog,[417] der wie ein steinernes Boot aussieht und die
ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss
besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach
Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen
+Predigthallen+ darstellen.

Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen
empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend
Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist
in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in
zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der
Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit
Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.

Die +dritte Sehenswürdigkeit+ von Anuradhapura sind die +Wasserbauten+.
Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad des Prinzen und der
Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken ausgemauert und mit
zierlichen Treppen versehen.

Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit +aufgemauertem+ Damm,
was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und heisst
beim Volk und beim Führer der +See der Riesen+.[418] Er wurde in alter
Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung der Hauptstadt.
Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer Schleuse versehen
und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen Landstrichs.

Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach
eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen
See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische
Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm,
der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So
entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische
Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90
Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch
und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die
gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die
Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch
den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der
Erde, vielleicht[419] mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so
grosse Seen geschaffen.

König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast
erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch
die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela
geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben
haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.),
hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere
Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke,
die verfallen waren, wieder erneuert.

Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen
Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche
wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere
Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals
Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt,
und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt.

So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000
Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an
hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura.

Aber die +allergrösste Merkwürdigkeit+ von Anuradhapura, wenigstens
nach Ansicht der Eingeborenen, ist der +heilige Feigenbaum+. Sein
Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der siegreiche, erlauchte,
höchste Herr, der heilige Bo-Baum“.

Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter
dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom
König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen
Reihe frommer Wächter[420] gepflegt, worüber die singhalesischen
Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste
geschichtliche Baum der Welt.

Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt
wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen.
Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen,
langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden
als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5.
Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am
heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459-478 n. Chr.)
schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der
Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem
prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige
Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein
fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt
einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer
(Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden
Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden
Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt.

In der Nähe sind Priester-Wohnungen.

Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte
der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser
unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer.

Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden
Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie
zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten
vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen Asien
oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar Stunden
verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler mit
zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich kaum
vorstellen, dass auch dieses Volk eine +mehrtausendjährige+ Geschichte
besitzt.

Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das
Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung
gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur
zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr
denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche
einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer
heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.)
hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf
gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder
vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte
Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen
Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.

Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben
waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die
Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8.
Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die
neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach
der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr.
eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war,
die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in
Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli,
„weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken
und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes
Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern
vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten
und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.

       *       *       *       *       *

Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock nur
geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, Morgens
8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla war
etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte ich
den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich die
+Felsentempel bei Dambulla+ nicht zu sehen bekam. Abends gewährte der
bläuliche Glanz der +Leuchtkäfer+, die zu Tausenden um die feuchten
Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis wieder strömender
Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich gute Aufnahme und
Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft telegraphisch
angemeldet.[421]

Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser,
Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen
Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der
Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die
Fahrt nach Colombo fort.

Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von
der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z.
B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders
deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der
Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht
bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden
beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets
lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom
Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling).
Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht
zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu
erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die
Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei
noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in
dieser Hinsicht bevorzugt.

Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war
ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in
Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie
Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld
und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die
Silber-Rupie wird in beiden genommen.

Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes
+Lebewohl+, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.



VII.

Ostindien.


Der Dampfer +Shannon+ ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten
Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht
gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern
auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen +missbräuchlich+
die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin
wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der
Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler
und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die
im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff
umkreisen und nach Münzen tauchen.

Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze
von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem
Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen der
Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der Weg von
Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert aber nicht
weniger als sechs Tage, da einerseits in +Madras+ gehalten wird,
andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den +Hugli-Fluss+,
an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere Zeit vor Anker zu
liegen, um die Fluth abzuwarten.

       *       *       *       *       *

Log-Bericht.

    Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.

    Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53
      bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.

    Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.

    Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.

    Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel
      Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem
      Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.

    Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.

       *       *       *       *       *

Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer
Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten
Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere,
Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme.
Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur
kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist.
Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters,
eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine
gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern
des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche
Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter
vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in
der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war
ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen
über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen
gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von
der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit
angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum
Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter,
namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die
Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff,
einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen.
Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch
achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath
herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach
25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als
Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es.
Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr
Grab in Indien.

Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6
Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste
von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten
Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt Regen. Am Morgen des
25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt.
Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der
Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so
ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie
die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der
Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.

Ich lese +Thackeray’s+ Vanity fair und bereite mich auch für Indien
vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen
Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem
erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen:
erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich
sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie
derselben.

Nachmittag um 5 Uhr sind wir in +Madras+. Dies ist die dritte Stadt
Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der
gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000
Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.

Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat +keinen Hafen+.
Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt
von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren
freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die
Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische
Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen
ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten
Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des
Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht
als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu
Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die
vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der
neuen Schutzanlagen.

Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den
flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne
Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines
kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich,
weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine
kräftige Hafenpolizei am Platz.

Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen,
an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen
und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem Besuche
beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High
court), sehe ich vom Schiff aus.

Sehr bald beginnt ein unerhörtes +Gewühl+ am Schiffsbord.
Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln,
Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine +Gaukler-Familie+
erscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück der
+Spiritisten+, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des
Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird
an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch
einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser
mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; --
und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb
hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab.

Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an
Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November,
Morgens früh um 6 Uhr, dass wir +vor Anker+ liegen, und zwar gegenüber
der niedrigen Tiger-Insel (+Saugar Island+) mit Flaggenstange, einem
eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit
einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu
den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen
sein soll.

Der Hugli ist höchst +gefährlich+, kann bei Nacht gar nicht und bei
Tage nur +mit+ der Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen
Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die
tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz
besonders gut bezahlt und geachtet.

Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie
wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem
Wasser emporragenden Masten des Wracks der +Anglia+, eines grossen
Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch
Nachmittags vor +Diamant-Harbour+ wieder Anker und verbleiben so über
Nacht.

Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem
Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt
worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war
geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen
Herrn, die ihnen vorgestellt waren.

Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker.
Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten
Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen und Dörfer der
Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen
„Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch
mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt
belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der
Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir
sind in +Calcutta+, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.

Schon vorher waren die +Zollbeamten+ an Bord gekommen. Sie benahmen
sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag
ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium,
die +Niemand+ in zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen
Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die +Jeder+ mit sich führte.
Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen
Revolver aus der Tasche.

Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig,
den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem
grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr
von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen,
andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.

Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu
erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist
das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422],
der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen
Räume eilt, -- aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die
gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe
wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon
keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein
schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.

Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem
Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche
die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen
stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen
und für den +Nachweis+ der Droschke -- deren Hunderte dastehen, -- und
des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen
beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen
einfach den Rücken dreht.

Das +Great Eastern Hotel+, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten
Reisenden unseres Dampfers, des +Postschiffes+ von London nach
Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die
Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit,
mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir
eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in
dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die
Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in
meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich
allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich
schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es
gilt eben für fein, in +diesem+ Gasthaus[423] abzusteigen und hieher
die Einladungsbriefe[424] zu erhalten. Aber da ich nicht an diese
englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit
vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (+Bellevue+
der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach
indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein
eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und
Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich,
einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425] zu fordern hat und
mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee
und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden
behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert
er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden
und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem
Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über
den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags auf die Esplanade,
zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz,
wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in
einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf
meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich
gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen
Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen
Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien
mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig,
dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse,
wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute
in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und
erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen
veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei
unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.

So bin ich also in Indien, dem +Märchenland+ für die Europäer von den
Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft
des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land,
so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so
räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die +Literatur+ über Indien.
Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser
heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er
als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu
bringen.

Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich
in englischer Sprache, von +Murray+. Ferner Führer durch die
hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay).
Aber die Hauptquelle ist +The Indian Empire+ by Sir William Wilson
+Hunter+, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus
seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des +Statistical Survey+ erst die
14 Bände des +Imperial Gazetteer of India+ und daraus das erwähnte Werk
gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich
und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger
Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich
Ostindien“ von +Werner+, Jena 1884.) Ausserdem hat +Hunter+ noch zwei
Werke verfasst: +A brief history of the Indian people+ und +Englands
Work in India+. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere
Zeit ist von +Mount Stuart Elphinstone+, der selber so thätigen Antheil
an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of
the Indian +Mutiny+ by Col. S. B. Malleson.

Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat
Prof. +Lefmann+ in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881-1885).

Für die indische Kunst kommt in Betracht +Industrial arts of India
by Sir G. Birdwood+. +J. Fergusson’s History of Indian und Eastern
Architecture+ scheint das einzige Werk über +indische Baukunst+ zu
sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen
wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden
Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in
Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr
lehrreich ist Albert +Grünwald’s+ buddhistische Kunst in Indien, Berlin
1893.

Ueber +Alterthümer+ erwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke
immer nur +Jas. Prinsep’s+ Essays on Indian Antiquities (zwei Bände,
London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen
Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir
Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch
heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. +Lassen+
in Bonn (1844-1861 und 1867-1874, vier Bände).

Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges
Büchlein von unserem +Max Müller+ in Oxford: +Indien+ in seiner
weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat
bekanntlich den ganzen +Rigveda+ herausgegeben, das unermüdliche
Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische
fertiggestellt. Die +indische Literaturgeschichte+ verdanken wir
unserem Berliner Professor +Albrecht Weber+ (II. Auflage, Berlin 1876).

Ueber die +Religionen+ in Indien belehrt uns ein Werk von A. +Barth+ in
Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) besitze.

Die Zahl der +englischen Reisebeschreibungen+ über Indien ist gewaltig.
Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter +Sir E. Arnolds+, und
Picturesque India by W. S. +Caine+ (London 1891).

Von +deutschen Reisewerken+ kommen in Betracht die einschlägigen
Capitel der schon genannten Bücher von +Hildebrandt+, H. +Meyer+,
+Lanckorónski+. Ausserdem haben wir eigne Reisebeschreibungen von
Indien, ältere, wie die vorzügliche des Prinzen +Waldemar von Preussen+
(1844 bis 1846) und seines Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer
Zeit von unserem Professor +Reuleaux+ „Quer durch Indien im Jahre 1881“
(Berlin 1885); endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort
und Bild von +Schlagintweit+ (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem
Verfasser leider die eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild
geschilderten Landes nicht beschieden war.

Die +allgemeine Länderkunde+ unseres bibliographischen Instituts
enthält in dem 1892 erschienenen Band +Asien+ eine Beschreibung von
Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, den 8.
Band von E. +Reclus+’ Nouvelle Géographie universelle (Paris 1883)
nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern erschienene
+Erdkunde+ unseres +Ritter+, trotz der inzwischen eingetretenen
Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch heute verdient, zu
Rathe gezogen zu werden.

Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über
Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so
sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.

       *       *       *       *       *

Unser Name +Indien+ stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde der
grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier
zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im
Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria
von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.

Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der
Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den
Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa
zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu
entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im
äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und
begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber
als +Ostindien+ zu bezeichnen.

Das Riesendreieck von +Ostindien+ ruht mit der Grundfläche am Himalaya
und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen
Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur
heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat
eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen,
d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte
von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein
Erdtheil, als ein Land.

Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der
Himálaja[426]-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von
Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit
seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem
Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta
mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland
der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan[427], d. h. Süden. Das
Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des
Dreiecks, die Ost- und West-Ghats[428] die beiden Seiten (Malabar- und
Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II
mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.[429]

Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch
unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit
anerkennen. Der britische +Vicekönig+ (oder Governor General, zur Zeit
Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter zu Calcutta,
im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des östlichen Theiles vom
Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher europäische König.

Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der
Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück
erwartet wurde.

Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen
(Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal,
Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh.
Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)

Die Volkszählung von 1891 ergab:

    1) 221434862 Einwohner in den britischen Besitzungen,

    2)  66908147    „      „   „  Schutzstaaten,

    3)    561384    „      „   „  portugiesischen Ansiedlungen
                                    (Goa u. s. w.),

    4)    282923    „      „   „  französischen (Pondichery u. s. w.).

Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt
(einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. +Noch
nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder
beherrscht worden.+

Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und
ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den britischen Besitzungen
fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89:
42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den
Erzeugnissen eines einzigen Acre.[430]

In England leben 53,_{22} Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit
mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,_{84} Procent
in 225 Städten dieser Grösse. +Indien ist ein Acker-Land.+ In den
übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch giebt
es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere
+Vertheilung+ des Volkes.

In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich +vier Stämme+:

1) +Ureinwohner+ (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten Abkömmlinge
17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).

2) Verhältnissmässig reine +Arier+ (Bráhmanen, Rájputen) 16 Millionen.

3) Die +gemischte+ Bevölkerung der +Hindu+, die aus der arischen und
nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der letzteren, erwachsen
ist, 111 Millionen.

4) +Mohammedaner+ 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter
britischer Regierung im Jahre 1872.[431])

Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der
Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ Millionen
Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen
Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess man
die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch Indien
noch 11, in ganz Indien 14 Millionen +wilder Wald-Stämme+ vorhanden
sind.

In der +ältesten+ Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, entdecken
wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den Boden
Indiens. Der eine Stamm war ein +hellfarbiges+ Volk, vor Kurzem
aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Indien
vorgedrungen; +Aryer+, d. h. Edle, nannten sie sich selber, sie hatten
eine prachtvolle Sprache. Die anderen, +dunkler+ und von niederer
Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden von den Ankömmlingen
theils in die Wälder getrieben, theils in der Ebene unterworfen. Sie
selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse hinterlassen. Von den
Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten Liedern (Rig-Veda)
+Feinde+ (Dasyus) oder +Sklaven+ (Dásas) genannt, Schwarzhäute,
Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber nicht alle Wilde gewesen
sein, in den Veden ist von ihren sieben Schlössern und 90 Festungen
die Rede. Als die Geschichte anbricht, finden wir in Indien einige der
mächtigsten Königreiche unter nicht-arischen Herrschern.

Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie
vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.

Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt.
Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die
ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen
und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der
Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden
von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer
Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch
die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen
machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von
der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt.
Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf
Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden.
Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den
+Linga+, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; sie sind
die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute sind also
von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im Norden und die
dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen Völkern bewohnt;
aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen Flussebenen sind schon
seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere Bevölkerung ihre Cultur
ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder indogermanischen Rasse. Ihr
ursprünglicher Sitz war Central-Asien.

Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der
Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den
Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese +Rig-Veda+
sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000
v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v.
Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.

Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter
Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh
war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier
(aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in
Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“
Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später
verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die
Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem
Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und Agni (Ignis), den
Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und
elf im glänzenden Luftkreis.

Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so
begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra.
Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen
Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni.
Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige
Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (+Brahma+, +Wischnu+,
+Schiwa+), von denen in den Veden noch nicht gesprochen wird, wie auch
der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.

Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen
mit Priestern und Kasten?[432] Die Schrift war unbekannt. Die Familien,
welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung.
Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine Priester
Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende Gebräuche.
Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den +Veda+ (dem +Wissen+, lat.
vid-eo, griech. vida, οἶδα) und deren Neuordnungen und Zusätzen: die
vier Veda mit den dazu gehörigen Brahmana bilden die +Offenbarung+
(Sruti, das aus Gottes Mund +Gehörte+); die späteren +Sutra+ (oder
+Reihen+ von Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste
dargestellt sind, fügen die +Ueberlieferung+ (Smriti, das Erinnerte)
hinzu.

Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse
der +Kshattriya+ (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die heutzutage
+Rájput+ = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer (+Vaisya+, von vis
= Volk) die dritte. Heirathen zwischen den drei Kasten waren verboten,
aber alle drei gehörten zu den zweifach Geborenen oder Ariern. +Unter+
ihnen stand eine vierte oder +dienende+ Klasse, +Súdra+, Ueberbleibsel
der überwundenen Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den
grossen Staats-Opfern theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich
theils zu den Kriegern, theils gingen sie unter in die Diener, so dass
nur Priester, Krieger und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf
um die Oberherrschaft wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern,
aus dem die ersteren siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen
weisen Gebrauch von ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde
und begnügten sich mit der Macht über die Gemüther.

Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des
Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:

1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende
der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen
bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der
armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte
weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu,
von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.

2) Darauf gründet er eine Familie.

3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln
und führt die religiösen Gebräuche aus.

4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.

Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen
Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.

Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter
sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und
geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der
Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die
Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses
gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache
und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und
nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus
welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.

Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss
der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract.
Zur Zeit findet der Reisende in Indien nur +einen+ grossen Sitz
seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn
Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und
Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa,
der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen
bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben
und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften
ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen
Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren
männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter
der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas,
Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu
geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste
(Sankya, 500 v. Chr.) die +Entwicklungslehre+, welche heute den Beifall
so vieler Denker in Europa findet.

Die Bráhmanen schufen die +Wissenschaft+. Pánini’s Grammatik des
Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten der
Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man
Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes
gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“
gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die
Sanskrit-Literatur wurde +mündlich+ überliefert und ist darum ganz in
Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien
giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht
älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in
einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten
Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v.
Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen
abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.

Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die
Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie
sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0
ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.

Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder
ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde
ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu
sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt.
Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat
in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler
hinterlassen.

Das +Gesetzbuch von Manu+, das die Kasten feststellt und die Vorrechte
der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem
Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v.
Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein,
als 500 n. Chr.

Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen
(Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier
in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und
nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische
Dichtungen. Von Kalisada’s Drama +Sakuntala+ (550 n.Chr.) ist 1789
eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche
+Veranlassung+ für das Studium der indischen Sprache, Kunst und
Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16.
Jahrhundert) entstanden dann noch die +Purana+ (die „alten Schriften“),
1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.

Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von
Gautama +Buddha+. (622-543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er
478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen zum Einsiedler
und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der
Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss
von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem
Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung +allen+ Menschen eröffnet
sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch
eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So
beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der
Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen.

Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.),
König von Magadha oder Behar,[433] machte sie zur Staatsreligion
und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen
Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte
Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder
scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche
Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka
oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440
Werken) hervorgegangen.

Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander
1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung
entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in
neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren
aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen,
was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht
unmöglich.

Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.)
beginnt die Beeinflussung Indiens durch +Fremde+, beginnt für uns die
indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie
Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr.
folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche
grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in
der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht
arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.

Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5.
Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich
wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz
gegriffen. +Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu+, und ihre
Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem
Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die
Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.

Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer von
+Afghanistan+ aus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische
Turanier Baber das Reich des +Grossmogul+, das machtvoll Indien,
zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. Die +Portugiesen+ hatten
(seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber
weder diese noch ihre Erben, die +Holländer+ im 17. Jahrhundert, die
+Engländer+ und die +Franzosen+, gewannen zunächst Macht im Lande.
Erst nach der +Zersplitterung des Mogul-Reiches+ (1707) +gelang es den
Engländern+, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen,
+festen Fuss in Indien zu fassen+. 1757 besiegte Clive den Nawab von
Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris
ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert
besiegten die Engländer den Sultan Tipu von +Mysore+ in Südindien, der
1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses
Jahrhunderts die brahmanischen +Maraten+ in Centralindien, welche schon
die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte
unseres Jahrhunderts die +Sikhs+ in Punjab. Nachdem sie den Aufstand
der einheimischen Soldaten (+Sepoy+) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde
die Ostindische Gesellschaft aufgehoben, +Indien unter die Verwaltung
der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben+.


Calcutta,

die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste
und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern[434] im Jahre
1891) hat zwar den Namen von einem +uralten Wallfahrtsort+ zu Ehren
der +Kali+, der schrecklichen Gattin von Schiwa,[435] ist aber eine
durchaus +neue+ Gründung und ein wahres Kind gegen so altehrwürdige
Städte, wie Benares oder Delhi.

Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der
englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu
einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch
die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender
Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl
der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen
eingerichtet.

Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von
Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes
Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta,
eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen
Engländer (146, Männer und Frauen,) in das +schwarze Loch+ stecken
(+Black hole+;[436] so hiess das Militärgefängniss von Fort William in
Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten Fenstern).
Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, waren
entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am folgenden
Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.

Sofort segelten +Clive+ und Watson mit allen verfügbaren Truppen von
Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen den
Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa Krieg
zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte Clive
auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich von
Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in seinem
Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine Verschwörung
veranstaltet, der denkwürdige Sieg von +Plassy+ (80 engl. Meilen
nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein Geschöpf der
Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron des Nawab
gesetzt. +Dies ist der eigentliche Anfang von Englands Machtstellung in
Indien.+

Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude
sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790
und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.

Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von
Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, +also dicht unter dem
Wendekreis+, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt
sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und von
Osten nach Westen 2-3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird +begrenzt+
durch den +Fluss+ und die +Gürtelstrasse+ (Circular road, ehemals ein
Erdwerk gegen die plündernden Maraten, Mahratta ditch,) und bedeckt 21
Quadratkilometer.

Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist +freigelassen+. Der
riesige Exercirplatz (+Maidan+, Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser
fesselt zunächst den Blick des Reisenden. Denn in seiner Mitte steht
das +Denkmal für Sir David Ochterlone+, der 1823 englischer Resident
zu Malwa und Rajputana gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher
eine schöne Aussicht und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die
Einheimischen auf den Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1
Uhr, noch dazu ohne den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,[437] über
den weiten Platz schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule
emporzuklimmen.

Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert
über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt
liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des
Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen
zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich
befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen
Chowringhee-Strasse, in welcher auch der +General-Consul+ des
Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das
liebenswürdigste empfangen hat.

Der Haupttheil der „+Stadt der Paläste+“, nördlich von dem Exercirplatz
bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen Baustil, aber einen
sehr -- +mittelmässigen+. +Der Palast des Vicekönigs+ liegt inmitten
eines geräumigen, gut gepflegten Gartens (von 2½ ha), besteht aus
einem Centralbau und vier Flügeln, die durch diagonale Gänge mit
jenem verbunden sind, und wird durch Polizisten, die nicht englisch
verstehen, sowie durch Schildwachen so gut geschützt, dass der Reisende
nicht hineinkommt.

Westlich von dem Palast liegt das +Stadthaus+ (Town-hall) in
jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her
genügend bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von +Warren
Hastings+ zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist dies
ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer in
Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben
sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz
gleich, die Bekenner beider mit der gleichen -- Ueberhebung. Vollends
Warren Hastings (1772-1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz
+gleicher Rücksichtslosigkeit+ den Hindu-Fürsten von Benares und
die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst
wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie
zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark,
er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar
freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.

Das +Obergericht+ (High Court), das Secretariat und die andern
Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen
liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich
und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die
+Post+ mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider
ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen
Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (+Babu+)[438], welche eine grosse
Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die letzteren
einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein üblich, die
Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief abliefert.
Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu meine
englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden Briefe.
Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus der
Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die über
Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften empfing.
(In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas für eine
Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu zahlen;
die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem ich mich
beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die Sendung
nicht abgeschickt worden wäre.)

Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels,
Banken[439] und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die
englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für
die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind
lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man
weit billiger einkaufen.

Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (+Bow Bazar+)
quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss
jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East
India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen.
(Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie
der letzteren.)

Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die
+Dhurumtolla-Strasse+, die an dem Palast beginnt und ganz allmählich
von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. Nach einer
kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz Shulam Muhamed, dem Sohn
des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf Laden, wo von den
einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse und Kunstgegenstände
des Landes und die von Europa eingeführten zu billigeren Preisen
feilgehalten werden, als in den Prachtläden des Europäer-Viertels.
Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. Dazu kommen noch
gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen Gewändern als
Hausirer auf der Strasse.

Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch
ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber
eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus
zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine
Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden
fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur
einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen
Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln.

Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und
Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der
kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah
sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ich nach Abgabe eines
Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde.

Seine Visitenkarte lautet:

[Illustration: Rajah Sir Sourindro Mohun Tagore, K^t.,

    Mus. Doc.,

Companion of the Order of the Indian Empire; Knight Grand Cross,
Commander, or Chevalier of several Imperial, Royal, or Republican
Orders, Nawab of the Persian Empire]

Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben.

Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht,
wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen.
Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische
Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein
sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir
indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr
musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien
haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten
durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie
nach Europa. Fürst Tagore[440] hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht,
die +Musik+ seines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und auch
wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben, dass
sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta meinem Ohr
durchaus gefällig schien.

Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt,
sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur aus +Hindu-Dörfern+
(Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche
Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die
Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm
verschmiert ist. Die Vorderseite der Hütte steht bei Tage offen und
wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier
wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden
sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer.

Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen.

Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke
über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten
gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind
am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl
der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen
des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf
lohnende Rückfracht.

Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke
sieht einer +europäischen Fabrikstadt+ ähnlich. Da schnurren
die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen
Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und
Baumwollenspinnereien.

Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt
werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute[441], und
daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide.

1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem
ganzen indischen Seehandel (Rx[442] 193 Millionen, oder in runden
Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890-91) beherrscht Calcutta wie
Bombay je 40 Procent.

Die Zahl der +Sehenswürdigkeiten+ in Calcutta ist gering.

Am bemerkenswerthesten ist das +indische Museum+ in der
Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten
Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist
frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah
ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban
und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend, aber ganz
unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B. +Meyer+,
Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt,
wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von
dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen,
noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte
Bildsäulen aller +indischen Völkerschaften+ mit ihrer Kleidung, ihrem
Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem arischen
Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt man erst,
dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land, sondern einen
ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen darstellt.

Die +naturwissenschaftliche+ Abtheilung giebt eine vollständige
Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen.

+Eisenerz+ wird überall in Indien gefunden und seit den ältesten Zeiten
in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen.

Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig gute
+Kohle+[443] in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr
billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen,
doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile
der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei
einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die
Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast
zu Ballastfrachtsatz.

+Steinsalz+ im Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung an der
Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem pflanzenessenden
Indier so nöthige +Speisesalz+ und der Regierung ein beträchtliches
Einkommen.[444]

Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal
(Nord-Behar) einen grossen Theil des +Salpeters+ für das Schiesspulver
Europa’s.

+Silber+, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im
Lande gefunden. +Gold+ wird aus dem Flusssand gewaschen; aber die
Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf die
neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt. +Kupfer+
wird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich gefunden.
Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke (surmá).

+Kalkstein+ (kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk (chunam)
wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude zu Agra
bestehen aus dem rosafarbenen +Marmor+ der Rajputana.

Trotz des sprichwörtlichen Reichthums an +Edelsteinen+, der Indien
zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehr +reich+ an kostbaren
Steinen; jener Reichthum kam von der +Jahrhunderte+ lang fortgesetzten
Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden noch jetzt in
der Gegend von +Golconda+ gefunden, einige Perlen im Golf von Cambay
und in der Gegend von Madura.

Uebrigens sind thatsächlich alle +Diamanten+[445] bis 1728 n. Chr.
aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in
Südafrika gefunden.

Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1) +Kohinur+
„Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin in Südindien
erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des grossen
Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den Sikhs
abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen Kronschatz
einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff, 106 Karat (zu
20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache gewogen haben.
2) Der +Orlow+ an der Spitze des russischen Scepters stammt aus dem
Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für 450000 Silberrubel
angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18 Centimeter; Gewicht
197¾ Karat. 3) Der +Regent+, von 136 Karat, stammt gleichfalls aus
Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem Herzog von Orleans
gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen Kronschatz.

Vergeblich suchte ich die +Glasmodelle+ der grossen indischen
Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd
sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein
dummer Teufel sie -- gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was
wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der
mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass
ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum
von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet.
Das erste ist der indische +Magneteisenstein+, der vielleicht schon
seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet worden:
in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein als das
vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind, eine
Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.[446] Das
zweite ist der indische +Beryll+, ein meergrüner, durchsichtiger
Halbedelstein. +Sein indischer Name ist in die deutsche Sprache+
übergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch
bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder berullus; im
Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall und Glas. Davon
stammt unser Wort +Brille+.

Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine der
vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind die +Alterthümer+.

Am besten gefallen +uns+ die alten Bildhauerarbeiten, die aus dem
äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar
unter +griechisch-baktrischem+ Einfluss entstanden sind: kleine
Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus
Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom
herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine
ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha
betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in
schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr
Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser
Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben.

Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind die +Reste buddhistischer
Bauwerke+. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die
Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit
mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört
ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die
Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen.
Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in
Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten
für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele
Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an
elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta
ganz reichlich gedeckt ist.

Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter von
+Bharhut+,[447] das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer
Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind
dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter,
mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten
ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten
(Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser
Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser
merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend
einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in
den -- Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig
eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten.

Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge
von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung, dem
+Rad+ des Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von baum-anbetenden
Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst war 9 Fuss
hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende Reihe von
Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und Inschriften
enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und dem Titel der
heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der Bau deutlich den
Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist das Bildwerk doch so
scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein eingegraben, dass eine
lange Kunstübung vorausgegangen sein musste.

Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die
Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum
seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein
Naga-[448] Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König,
der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine
Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum
niederknieen.

Der +zoologische Garten+, im Süden der Stadt, am Tolly-Nalla-Flüsschen
gelegen und durch einige kleine Seen belebt, verdankt seine Entstehung
dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen, dem auch eine Erinnerungstafel
gestiftet worden ist. Der Garten ist geräumig, gut gepflegt und mit
Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr gering; daher trifft man
drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier kann man ihre Gestalt und
Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in Augenschein nehmen.
Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar nicht dunklem Gesicht
sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt durch riesige
Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken Nasenflügel und hängt
vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und trägt noch allerlei
Flitter und Zierath.

Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber
mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter
den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders
die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter
bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter.
Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr
belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge
nach oben, sein linkes nach unten wendet.

An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe
ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten
an einzelnen Stellen der Charakter Asiens im +Baustil+ gewahrt ist,
so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich die +braunen
Menschen+ und zweitens Inschriften wie die folgende: „Speisewirthschaft
ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch die strengen
Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten.

Aber weit berühmter ist der +botanische Garten+. Der Besuch desselben
nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen nördlich
bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann südlich am
Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der Treppe des
botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der Garten ist so
ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen Wagen braucht.
Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine Nachfolger
Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und King waren
alle sehr berühmte Botaniker.

An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein
indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume
(Ficus religiosa).

Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen,
nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr
schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein
Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischen Inschrift:
Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That
ein wenig glücklicher Gedanke.

Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen
(Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der
Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch
einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild
für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch
stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika.

Unvergleichlich ist die Pracht der Blumen und der nur mit einem
Schattendach versehenen Gewächshäuser. Die grösste Berühmtheit des
Gartens ist ein +Banyanbaum+ (+Ficus indica+), der laut Inschrift
genau hundert Jahr alt ist, aber durch die zahlreichen Luftwurzeln zu
einem gewaltigen Dom mit flacher, grüner Kuppel und mit ungeheuren
Säulenhallen sich entwickelt hat. Der Umfang des Stammes beträgt 42,
der Verzweigungen 850 Fuss, die Zahl der Luftwurzeln 280.

Es ist sehr merkwürdig, dass bereits +Milton+ († 1674) den wunderbaren
Banyan-Baum besungen hat:

    Branching so broad along, that in the ground
    The bending twigs take root and daughters grow
    About the mother tree, a pillared shade,
    High overarched with echoing walks between.

Der botanische Garten zu Calcutta hat zur Kenntniss und zur Pflege
der tropischen Pflanzen sehr viel beigetragen. Das grosse indische
Herbarium ist unter Wallich hauptsächlich von den Schätzen dieses
Gartens gesammelt und hat 1829 an die vornehmsten Museen Europa’s
reiche Gaben ausgetheilt. Die Theepflanzungen auf dem Himalaya und in
Assam sind hauptsächlich ein Werk des Gartendirectors. Die Sammlung
getrockneter Pflanzen enthält 40000 Arten. Die +Flora of British India+
in 34 Theilen oder 9 Bänden wird im Jahre 1893 zu Kew bei London
beendigt werden und legt Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen Eifer
der Engländer.

Bei der Rückfahrt finde ich die Brücke über den Hugli aufgezogen, damit
Schiffe stromaufwärts fahren können. Die Stunde unfreiwilliger Musse
(von 3-4 Uhr Nachmittags) giebt reichlich Stoff zur Beobachtung.

Hunderte von Wagen und Ochsenkarren stauen sich beiderseits und
Hunderte von Fussgängern; denn eine zweite Brücke giebt es nicht über
den breiten Strom, wohl eine Dampf-Fähre und kleine Boote.

Unterhalb der Brücke am Fluss-Ufer steht eine Inschrift: Dies Bad ist
ausschliesslich für Hindu. Es wird reichlich benutzt. Hindu-Damen
in ärmlicher Gewandung, aber stolzer Haltung, schreiten hinab in’s
Wasser und baden sich sowie das lange rechteckige Baumwollentuch, das,
künstlich umgeschlungen, ihr Kleid darstellt. Im blossen Schurz ringen
sie das Tuch aus und trocknen es auf dem steinigen Ufer, in der Sonne,
was nicht lange dauert. Kein Mann guckt nach ihrer Blösse, wie in
unseren hoch gesitteten Seebädern.

Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die
Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird.

Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre
zum Empfang des Vicekönigs an +Prinseps Ghat+, der Landungstreppe im
Süden des Hafens.

Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle.
Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der
Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete
Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken,
zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem
Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen
Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen
und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst.

So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren
auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch
Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen
überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind.
Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner
selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen
jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In
dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und
trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten.

Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren
Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige
Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter
Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne,
z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und
eigenartig.

Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass
der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden
sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde.

Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem
Glanz.

Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattliche
+Fort-William+, das von 1757-1773 für 2 Millionen £ erbaut worden. Es
ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem
50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus
mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer
Ausfallspforte.[449] Es enthält ein englisches und ein einheimisches
Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal
und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht
hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im
Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844
errichtet.

Zwischen der Festung und dem Palast liegt der +Eden-Garten+, wo Abends
die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein, Frauen
und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen Theil
der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren Kutschen
am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich in das
Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese, sondern
von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland, die diesen
freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem kleinen See ist
eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen, holzgeschnitzten
Fabelthieren.

Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein
Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich.

Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist
von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit
zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der
Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla
und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die
Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer,
aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. & O., der M. M.,
des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der
Landhäuser sind schon von 1768-1780 erbaut.

Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen
englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die
Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der
Muttersprache ermöglichte.

Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch
eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unverheiratheten)
aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich
einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn
hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf
von Jute, nach Calcutta gereist war.

Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und
eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,[450] musste aber ernstlich
verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das
Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten
Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich
hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das
indische Soda-Wasser.[451] Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien
nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten
Flasche entnommen wurde.

Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre[452] die englische
Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um
den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun
scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel
gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder
gar pfeifen zu hören[453], dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes
Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.

Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth.
-- Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde
Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. -- Mein
Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in
Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen,
war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke
durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse
zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich,
zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr
merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein
Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess
„Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder
sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften
Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen
erwachsenen Sohn und veranlasst die Tödtung des letzteren. Spiel und
Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen,
noch in den lustigen Abschnitten.

Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach
Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das
Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.

       *       *       *       *       *

Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die +Universität+ und dabei das
+Krankenhaus der Schule für Heilkunde+ (der medicinischen Facultät).
Die Einrichtung ist natürlich nach europäischem Muster hergestellt,
die Lehrer sind ehemalige Militärärzte, die Schüler Asiaten wie
auch Europäer, Herren wie Damen. Beobachtungen, die mein Sonderfach
betreffen, will ich übergehen, hingegen drei Krankheiten von
allgemeiner Bedeutung kurz berühren. +Lungenentzündung+, die bei uns
von den Nichtärzten für eine auserlesene +Erkältungskrankheit+ gehalten
wird, fehlt keineswegs in dem heissen Indien und kommt besonders in
der -- +wärmeren+ Jahreszeit vor. +Lungenschwindsucht+ ist in Indien
sogar häufig; auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon
befallen. +Cholera+ kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens
davon. Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden
von Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene +Mayo-Krankenhaus+ für
Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden,
besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari
auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle
aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer
in ein abgesondertes Gebäude.[454] Die Engländer glauben gegen die
Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch
gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht.
Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat
mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen,
da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der
Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen
sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner
hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat
Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle
eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer
Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls
und sagte kaltblütig, dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und
gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche
Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch
vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und
über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls,
besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke
nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie
gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun
solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes
geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht
gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu
Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.

Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so
verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen
einzugehen. Die alten Griechen (auch schon +Hippocrates+, der Vater
der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den Griechen
schöpfende Römer +Celsus+, zur Zeit Nero’s,) haben den Brechdurchfall
mit dem Namen Cholera (χολέρα[455]) bezeichnet. Diesen Namen wählten
die englischen Aerzte, welche in Indien zuerst die Brechruhr als
Volksseuche beobachteten;[456] dieser Name wurde natürlich beibehalten,
als die Seuche 1830 von Ostindien über Persien und Russland nach Europa
sich verbreitete. In den klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird
der Brechdurchfall[457] genau und zutreffend beschrieben, aber die
epidemische Verbreitung nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18.
Jahrhundert einzelne Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit
in Indien gewüthet, so beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im
Jahre 1817 zu Jessore nahe dem Meerbusen von Bengalen. Unser +Robert
Koch+ hat aus eigner Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses
Ueberschwemmungsgebietes genau geschildert und den von ihm als Ursache
der epidemischen oder asiatischen Cholera entdeckten +Kleinpilz+
(Komma-Bacillus) in den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln
der Hindu-Stadt von Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche
die Cholera in Indien alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie
schwankte von 1882 bis 1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei
einer Bevölkerung von etwa 198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom
Tausend der Bevölkerung.[458]

An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist
ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom
Tausend. (In Deutschland 28.)


Darjeeling im Himalaya.

Am 3. Dezember Nachmittags 4 Uhr, oder um 16 Uhr, wie es in Indien
(und Canada) heisst, beginne ich einen viertägigen Ausflug[459] nach
Darjeeling im Himalaya, erst auf der östlichen, dann weiter auf der
nördlichen Eisenbahn von +Bengalen+.

Das Land ist dicht bevölkert und angebaut wie ein Garten. Man sieht
unermessliche Reisfelder, Pflanzungen von Jute, Tabak, Gemüse,
Zuckerrohr, Kokospalmen, Bananen u. s. w.; zahlreiche Dörfer, die
Hütten mit schwach gewölbten Dächern, und Teiche.

Abends gegen 9 Uhr erreichen wir Damukdia, am rechten Ufer des
Ganges. Wegen der grossen Aenderungen im Flussbett[460] konnte ein
bleibender Bahnhof nicht in Angriff genommen werden. Jetzt ist der
Fluss eine englische Meile breit; zur Zeit des Hochwassers, wenn der
Himalaya-Schnee reichlicher schmilzt, angeblich bis 5 Meilen. In der
trockenen Jahreszeit werden alljährlich zeitweilige Schienen auf den
Sand gelegt, um den erheblichen Abstand (von 13 englischen Meilen)
zwischen Damukdia und dem jenseitigen Eisenbahnhalteplatz +Sara Ghat+
einigermassen zu verringern.

Die wirkliche Kreuzung des Flusses mittelst des Dampfschiffes dauert
jetzt 20 Minuten. (Erheblich länger in der nassen Jahreszeit.) Auf Deck
wird uns ein Abendessen aufgetragen. +Zum ersten Mal in Indien ist es
empfindlich kühl.+

Am nördlichen Ufer beginnt die Nordbahn von Bengalen (Northern Bengal
railway). Diese hat eine +Meter-Spurweite+.

Das zweimalige Umsteigen ist durch die Anwesenheit williger Kuli
wesentlich erleichtert. Auf jeden Europäer stürzen sich zwei bis drei,
entreissen ihm jedes Gepäckstück und schleppen es nach dem neuen
Bestimmungsort. Zwei bis drei Annas jedes Mal ist ein genügendes
Trinkgeld; ich wenigstens habe fast nie Unzufriedenheit gesehen.

So beginne ich meine erste +Nachtfahrt+ auf indischer Eisenbahn. Der
Abtheil ist geräumig und nur für vier Reisende bestimmt, von denen zwei
auf den beiden gepolsterten Seitenbänken +bequem+ schlafen können; die
beiden andern +leidlich+, auf den obern Klappbänken. Betten werden
nicht geliefert. Fast Jeder reist mit seinem eignen Bett. Die im
Lande lebenden Europäer bringen ungeheure Mengen von Gepäck in den
Wagen, jeder zwei bis drei Koffer, verschiedene Mantelsäcke, Körbe,
Nahrungsmittel, Flaschen mit Trinkwasser u. dgl.

Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120 Pfund)
Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird der schüchterne
Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen Officier oder
Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die Bahnbediensteten
sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert werden müssen,
nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten sie auf der
Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in den Wagen
nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande Lebenden
und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross und
ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte
Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass
fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen
kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier
Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte
Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige
Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen gehörigen
Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen.

Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im
heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen
leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist
jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe.

Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein
Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch
nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen
wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der
Staatsbahn.

Hier beginnt die private +Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn+, die
eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.[461] Bahn
und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis
1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um
1000 Fuss.

Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem
Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der
Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je
eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der
Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48
englischen Meilen in acht Stunden zurück.

Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10
Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien
für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis
Siliguri nur 30 Rupien kosten.)

Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der
zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue
Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln.

Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung
die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom
Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir
emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen,
welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen
eingenommen.

Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der
Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br.

Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen
wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen
Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen.
Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer,
prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe,
welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist
etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf.

Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen
sich geändert. Zunächst sieht man noch viele +Bengalen+, namentlich
dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von den Hindu
unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben. Dann
kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten
Backenknochen. Es sind +Nepauler+ mit eigner Sprache, Buddhisten. Die
Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist mehr und
mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der tatarischen.
Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder Gewandzipfel.
Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel. Die Frauen tragen
Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten, ungeheure Ohrgehänge,
dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband ist Schaustück und
Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches wenigstens 30 Mark in
Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als ich mit Rücksicht auf
diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt mir eine lange Rede,
die ich leider nicht verstand.

Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss
über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön
terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken.

In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen,
vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren +Woodland’s Hotel+ sehe
ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem
herrliche Cypressen und Laubbäume.

Sehr interessant war der +Bazar+ der Eingeborenen wegen des Gedränges
verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler, Tibetaner.

Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft;
zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen
englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um
einen Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen
Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den
Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich
ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte,
sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“

Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C.
im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den
wunderbaren Hintergrund der Himalayakette.

Der Bezirk +Darjeeling+, der zwischen die unabhängigen Staaten
Nepaul[462] und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die
Himalayakette fortreichenden Schutzstaat +Sikkim+ grenzt, war im Jahre
1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine Gebiet den
Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten abtrat. Nur 22
Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung übernahm. Er
baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine Heilstätte für
die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt wohnen 150000
Menschen in dem Bezirk von Darjeeling.

Die +Theepflanzungen+ wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200
Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83
wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet.

Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher
Colonisation.

Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December)
um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines
Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt[463] nach dem
Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von
Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist.

Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem
Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings
von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen
Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir
noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen
zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah
ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt
über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und
darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont
emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es
war doch noch empfindlich kalt.

Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher,
wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich
entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter.

Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten
Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk
bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus
Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten.
Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele
Selbstmorde vorkamen.

Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl
zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz
tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten
Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss
beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir
bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung)
vom Hotel aus erspähen können.

Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich
zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die
stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung
des unruhigen Sikkim gehalten wird.

Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch
die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine
Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und
Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man
Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor
von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier
Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht,
Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch
zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu
spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von
Bengalen errichtete +Eden-Sanitarium+, eine Pflegestätte für Genesende.
Dr. +Russel+, der Arzt (civil physician) von Darjeeling, sagte mir,
dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an Sumpffieber
und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus der indischen
Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für Lungenleidende. Aus
den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884) ersehe ich, dass die
Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8, in der zweiten 4, in
der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der grossen -- Duldsamkeit
der Engländer werden nur Europäer aufgenommen. Für die Einheimischen
ist ein Nebengebäude in einer kleinen Thaleinsenkung errichtet.

Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine,
aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern.

In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich
schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige
und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz
von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt,
zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, -- aber nicht etwa, um
ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das
Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare,
der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen
verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf
geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa!

Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren
Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen
Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter
Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse
wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei.
Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch,
darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn
geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere
Butten, hauptsächlich mit dem Kopf.

Nachmittags besuchte ich das Dorf +Bhutia Busti+, das 1 englische
Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg
führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick
in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser
der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt
tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und
enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten
Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen,
in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine
halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch,
erhielten aber nichts.

Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei
starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen
ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein
Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge
sind umfangreich, aber geschmackvoll.

Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland
üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus
dickem Wollenzeug.

Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere
Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine
Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten Vormittag
abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und Morgens 7½ Uhr
(am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild der +Himalayakette+
hervor. Erst ragen die Kuppen über den Nebel empor, dann wird die ganze
Kette sichtbar, mit dem wunderbaren Kinchinjanga, der übrigens in der
Luftlinie noch 45 englische Meilen entfernt ist. Ueber die näheren
Hügel und Berge und über eine ungeheure Kluft schweift der Blick zu der
Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in 17000 Fuss Erhebung über den
Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige Fläche nackten Granits theilt
den Gipfel in zwei Theile und lässt die Schneefelder noch grösser
erscheinen.

Es ist gewiss eine grosse Freude, die +höchsten Berge der Erde+
zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die
Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der
öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa
gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden.

Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In
der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz
heiteren Himmel überspannt.

Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse
regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns
der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und
fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares.

       *       *       *       *       *

Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240
Kilometer) dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen
Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte
und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung
gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung
leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals
und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit
Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien
verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt
durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler
Spurweite erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der
Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien
begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien
gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209
englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,[464] davon 12805
der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte
Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der
beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter
25 Millionen, im Jahre 1891.

Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi,
Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay
nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es
fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des
schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli
besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in
Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse
der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche
Hindernisse dar. -- 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta
nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in
36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die
Eisenbahnbrücke fand unser Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht
fertig.


Benares.

East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen
Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische
Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen:
zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46
Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch
Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor
Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch
fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht
war ziemlich kühl.

Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von
demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein
Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern sichtbar. (Die ganze
Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70
Millionen Einwohner.)

Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke[465]
der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, und
hält um 1 Uhr in Benares. In +Clark’s Hotel+ finde ich ein leidliches
Zimmer und Frühstück.

Die Gasthäuser im +Innern+ von Indien sind mittelmässig.[466] Die
kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von der
mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der rings
umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, -- fast so wie auf
mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang
vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die
Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden.
In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den
Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen
langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe
von Schlafzimmern nebst Zubehör.

Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber,
wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um
Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der
Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen
in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner,
der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum
Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man mit
1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. Wenn
aber +zwei+ Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer bezahlt zu
werden.

Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in
die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von
ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte
zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges
(oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen
unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis
zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die
Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág),
wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden mit dem
geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in
Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens
getragen, neuerdings auch -- in europäischen Glasflaschen massenhaft
versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der
grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er
befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.

Es ist sehr merkwürdig, wie +seltsam+ der Ganges in die deutsche
Literatur eingeführt worden ist.

    „Am Ganges duftet’s und leuchtet’s
    Und Riesenbäume blühn,
    Und schöne stille Menschen
    Vor Lotos[467]-Blumen knien.“

    „Fort nach den Fluren des Ganges --
    Dort liegt ein rothblühender Garten
    Im stillen Mondenschein,
    Die Lotosblumen erwarten
    Ihr trautes Schwesterlein.“

    „Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,
    Der Himalaya steht im Abendscheine
    Und aus der Nacht der Banianenhaine
    Die Elephantenheerde stürzt und brüllt --“

+Wann Benares+ (Waranasi) +gegründet worden, wie die Schicksale+ der
Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, ist uns völlig
unbekannt, da die Hindu, das +ungeschichtlichste+ Volk der Erde, keine
Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, dass im 6. Jahrhundert
v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, wohin Buddha zog, um seine
Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. Jahrhundert n. Chr. ein
chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster der Buddhisten und
mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese Buddha-Verehrung so
ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt worden, ist in tiefes
Dunkel gehüllt.

Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den
+geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner+. Im Jahre 1194 n. Chr.
wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie der
Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer
des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der
Hindu und baute Moscheen an ihre Stelle. +Von dieser Zeit herrschten
Mohammedaner+ über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle
traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer
ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das
über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.

Aber trotzdem +herrscht jetzt der Dienst des Schiwa+, dessen
schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken
die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an
der Zahl -- nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger
leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein
Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000
Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende
wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die
heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert,
obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt.
Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die
Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die
Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334
Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab
für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste
Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den
inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.

Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten
des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz
kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache
des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter
gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die
Vortragssprache.

Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer
Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über
1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa
100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5
Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen
heiligen +Treppen+ (+ghats+), welche von den Palästen zum Fluss-Ufer
hinabführen.

Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück
vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich
miethete mir einen Führer,[468] einen Wagen[469] und fuhr nach der
Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der
Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer
hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten
in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich
hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.

Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,[470]
um die +Fluss-Ufer+ entlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer und
zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen Führer.

Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang.

Die mächtigen +Treppen+ sind dicht gedrängt von Andächtigen; darüber
ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten Paläste
empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und nur in
ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen grösster
Heiligkeit lodern +Scheiterhaufen+, umringt von weissgekleideten
Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist so fremdartig
und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er sich fragen
möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er an’s Land
steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig auf einer
Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die Flamme des
Scheiterhaufens blickt.

Der nächste Tag (8. December) war einer +planmässigen Betrachtung+
der heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich[471]
schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen
Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein
schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen
Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom[472] nach dem
+Haupthalteplatz der Boote+. Wir rudern zum äussersten Westende der
Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang ostwärts
treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und reichen
Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für ihre
gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau gilt
für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem Blick
auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit.

Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für
die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der
Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis
und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss
des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre
Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der
Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen
Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das
so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die
Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint
die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das
Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen
Festtagen in Benares vereinigt sein.

Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher
gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher,
die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will
ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die
Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen.

47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von
West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht,
von +Süd+-West nach +Nord+-Ost.

Die erste ist +Ashi Ghat+, so genannt nach dem Bächlein Ashi, das hier
in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich verfallen,
obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares gehört. Von
dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen abgestürzt und liegen
am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die Baumeister die Grundmauerung
zu schwach angelegt, oder ob hier die Strömung des Flusses zu stark ist.

Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er
heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass er
alljährlich von der Fluth des Stromes fortgewaschen wird und von selber
sich neu schafft. Das sechste ist +Shivala Ghat+, diese Treppe ist sehr
schön gebaut und dicht gedrängt von Andächtigen. (Es sollen Morgens
um 7 Uhr an 70000 Menschen gleichzeitig im Ganges baden.) Priester
sitzen unter riesigen Sonnenschirmen auf den zierlich gemauerten
Hervorragungen, die allenthalben die breite Treppenflucht unterbrechen,
Beter auf den Stufen verneigen sich und heben die Arme empor, Männer
und Frauen in weissen oder rothen Gewändern steigen in das Wasser, das
ihnen bis über die Brust reicht, streuen Blumen hinein, netzen Augen,
Mund, Stirn, alle voll Ernst und Inbrunst und heiliger Begeisterung,
und schreiten dann wieder, die Männer würdevoll, die Frauen anmuthig,
die Treppe empor zu kleinen Gemächern, um auszuruhen und sich zu
trocknen.

Oberhalb dieser Treppe steht der feste Palast, in dem +Chait Sing+, der
Rajah von Benares, 1781 wohnte. Da er keine Hilfsgelder zahlen wollte,
behauptete +Warren Hastings+, dass er in Briefwechsel mit dem Feinde
stände, und sandte Truppen zu seiner Verhaftung; aber der Rajah entkam
durch ein Fenster, das uns gezeigt wird. Natürlich wurde sein Besitz
eingezogen und nur unter der Bedingung einer verstärkten Tributzahlung
an seinen Neffen ausgehändigt.

Am neunten oder +Smashan Ghat+ sieht man stets +Scheiterhaufen+; die
Leiche, ganz in weisses Zeug gehüllt, ist auf einer einfachen Bahre
(aus zwei Bambusstäben mit einigen Querleisten) mittelst dünner Stricke
aufgebunden und liegt hart am Rande des sandigen Ufers, so dass
die Füsse noch von dem heiligen Wasser benetzt werden. (Auf dieser
Bahre war sie von zwei weissgekleideten Männern, die fortwährend
+Ram+, +Ram+[473] rufen, zum Ganges-Ufer getragen worden, während
die Leidtragenden folgten. Das sieht man in Benares an jedem Tage zu
wiederholten Malen.)

Die Verbrennung ist unglaublich einfach und billig. Ein lockerer
Scheiterhaufen von 6 bis 7 Fuss Länge und 2 bis 3 Fuss Höhe mit einigen
zu beiden Seiten schräg aufgestellten, gewissermassen überwölbenden,
armdicken Hölzern genügt vollständig, um in zwei Stunden die Leiche bis
auf geringe Reste zu verbrennen.[474]

    „Unsterbliche heben verlorene Kinder
    Mit feurigen Armen zum Himmel empor“,

singt Goethe in seiner Indischen Legende; und in der Braut von Korinth:

    „Wenn der Funke sprüht,
    Wenn die Asche glüht,
    Eilen wir den alten Göttern zu.“

Aber will ich nicht verhehlen, dass der scharfe Blick des Beobachters
dabei auch Einzelheiten entdeckt, welche empfindsamen Gemüthern die
dichterische Verklärung zu rauben geeignet sind.

Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der
Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der
Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da
will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die
Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft.

Die elfte Treppe ist +Kedar Ghat+. Nach den heiligen Büchern der Hindu
wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar. Kedar
ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im Himalaya.
Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben von 60
Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15 Fuss im
Umfang, -- ein Fetisch.

Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus
der Religion der Ureinwohner von Indien.

Das vierzehnte ist +Someshwar Ghat+ (von +Soma+, Mond, und +I’shwar+,
Herr). Dies ist die +Poliklinik+ der Hindu, denn hier werden alle
Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die giebt es eine
besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist die Göttin der
Pocken.

Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert
sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die
Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele
Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien.

Das zweiundzwanzigste ist +Munshi-Ghat+, das schönste von allen,
oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit
wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri
Dahar, Minister des Rajah von Nagpur.

Aber das +merkwürdigste+ von allen ist das fünfundzwanzigste,
+Dasashwamedh Ghat+. Es hat seinen Namen von den zehn[475] Rossen,
die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf heiligsten
Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben von
zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen,
unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und
Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen,
so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke
auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss
vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen
von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser des grossen Ganges
verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die
heilige Stadt Benares zu kennzeichnen.

Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des
Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf
einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der
Glaubenswuth: +Satí+,[476] Denksteine für lebendig mit dem todten
Gatten verbrannte +Wittwen+.

In den alten +Rig-Veda+ der Arier war dieser fürchterliche Gebrauch
ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später zu
Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar
die +entgegengesetzte+ Bedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu der
Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib
gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die
Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon
der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln
geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit
eines religiösen Gesetzes. Der weise und grosse +Akbar+ (1556-1605
n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht
ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht, die
frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817 sollen
allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt worden
sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute mit den
kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer Satí. Trotz
des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von Eingeborenen hat
der verdienstvolle General-Gouverneur Lord William +Bentinck+ am 24.
December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die der Wittwen-Verbrennung
Vorschub leisten, +des Mordes schuldig+ erklärt werden. Seitdem hat
in dem +englischen+ Gebiet die Wittwen-Verbrennung +aufgehört+. In
den Schutz-Staaten aber soll sie noch gelegentlich, wiewohl selten,
vorkommen.

Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen
uns einen erfreulicheren Anblick, den der +Sternwarte+. Diese gehört
zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und besitzt
einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker. So
schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die
Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah
Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem
Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er
astronomische Beobachtungen an und veröffentlichte sie in Sterntafeln,
die noch heute vorhanden sind[477] und die einige Angaben von de la
Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären)
das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen.

Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares,
Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu
sehen; die zu Benares ist am besten erhalten.

Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser
der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.[478] Da
ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite,
um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den
Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss
Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll, an
dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt, um auf
den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination der Sterne
bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den Schatten
der Sonnenuhr genau festzustellen -- und noch zahlreiche ähnliche
Einrichtungen.

Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert,
bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich
richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen,
mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis
28 „Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit
der Veda werden die Planeten (+graha+, Greifer), erst sieben, dann
neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des
Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender.

Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu
wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6.
Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben
den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren
Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n.
Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern
und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen
Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu
stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai
Singh.

Das dreiunddreissigste ist +Manikaranika Ghat+, nicht bloss einer der
fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste, gleichzeitig
der Mittelpunkt der Stadt.

Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika[479]-Brunnen, zu dem Stufen
hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern
bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige
Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon.
Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre
mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift
angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser
ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert
würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit
schlimmer gewesen sein.

Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel von
+Tarkeshwara+,[480] dem Erlöser, und dabei die hochverehrten Fusstapfen
von Wischnu.

Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum
Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines
Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr
reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen.

Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,[481]
sieht man die Moschee, welche der Kaiser +Aurangzeb+ (1658 bis 1707),
ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines
zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,[482] ja
kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle
Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus.
Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben
die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den
Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein
Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen.

Die letzte Treppe ist +Raj Ghat+ an der Eisenbahnbrücke.

So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im
Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite
Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der
Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt.

Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin, welche
unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke
mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses
Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde
auslegen.

Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen
sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss
aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus
allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft,
die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde
des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den
Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der
Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt
schliesslich in +einem+ (Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel) ein
schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht
vollendet hat.

Das Allerheiligste in Benares ist +der goldene Tempel+, dem +Schiwa+
geweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der Pilger nicht
genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden, wo die
Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch steigen;
dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei kleinen
Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt sind; der
eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von Schiwa oder
Bisheshwar.[483]

In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebene +Brunnen
der Weisheit+ (Gyankup), in welchen der Hohepriester die Bildsäule
des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte. Seine
+Unannehmlichkeit+ ist nicht geringer, als die des nahe beschriebenen,
-- trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist auch die grosse
Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen Kühe, die beide
mit grosser Achtung behandelt werden müssen.

Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und
wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt,
etwas zu naschen.

Der Tempel der +Durga+, der Gattin von Schiwa in ihrer schrecklichen
Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht werden, heisst
bei den Europäern gewöhnlich der +Affen-Tempel+, weil Hunderte von
Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am Eingang drängen, so
dass man am besten thut, für einige Kupferstücke Früchte zu kaufen und
sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der Haupttempel erhebt sich auf
einer Platform und wird von zwölf Säulen getragen.

Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden
Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der
des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,[484]
wo die +Bettler+ das Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu brandschatzen.

Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten die +Bazare+.
Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmten
+Metallarbeiten+ von Benares verfertigt und feilgehalten werden.

Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der die
geometrischen Verzierungen in dem +Messingteller+ ausgräbt. Teller,
Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert andre Dinge
für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der Eingeborenen
und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden vor unseren
Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich wird für
die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich Schundwaare
hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden und in der
Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers.

Benares ist auch die eigentliche +Götterfabrik+ für die Hindu. Für die
kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben sie
eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink noch
Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester
haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und
goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen
und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder
der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss
geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder
für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile
fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt.

Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sind
+Gewebe+, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung (namentlich
Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die kostbarsten werden
mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die endlose Reihe von Buden
und Läden füllt, ist wieder einfachere Waare für den Hausgebrauch und
Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden.

Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den
Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines
Abenteuer. Mein +Reisebuch+ (Murray’s Handbook to India) in dem
bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagens
+verschwunden+: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich nicht
ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte ich das
Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf der +Polizei+ an.

Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten
eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es
war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung
aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch
gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den
Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht
wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen.

Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über
die +einheimischen Sprachen+ Indiens zu sagen. Um den Beginn unserer
Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische
Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelte
+Schrift-Sprache+, das +Sanskrit+, und redeten damit verwandte, aber
einfachere Mundarten, +Prakrit+. Sie bezeichneten die nichtarischen
Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h. Völker mit
gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n. Chr. in
Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war eine todte
Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon eine
volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des
Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche
Literatur geschaffen.

Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei
Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt.
2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande
geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten
Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der
Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2)
Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5)
Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung
abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine
eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten,
reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr und
selber merkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in Calcutta wie
in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oder +Urdu+ (wörtlich
Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die Sprache der Mohammedaner
in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher über Heilkunde der
Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit persisch-arabischen
Buchstaben gedruckt. -- Dravidische Sprachen in Süd-Indien giebt es
hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil. Buddhisten, welche stets
die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem 9. Jahrhundert n. Chr.
ihre Literatur begründet.

In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern
von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen,
angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst die
+Münze+, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die Engländer
zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da ist das
gelbe Gartenhaus (+yellow bungalow+), wo Warren Hastings lebte, und
die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium (+Queens
college+), im hässlichsten englischen Stil erbaut. Als ich das Gebäude
betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch verzeichnete Museum der
Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der eingeborene Director
ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir, dass die Alterthümer
jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“, bemerkte einer der
vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren Büchern unter dem
Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit folgend, fragte ich
sie sofort, was sie werden wollten, und was sie eben gelernt hätten.
Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft studiren wollten und
eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter, ob sie mir den
pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner wusste es. Als ich
ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in den Sand kritzelte,
lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr, das wissen wir ganz
gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für einfache Dinge?“ Er
hatte Recht.

Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums
gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer
Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch
im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich
ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht
erfahren.

+Zwei Ausflüge+ kann man von Benares machen. Erstlich nach +Sarnath+
oder +Alt-Benares+. Dieselbe Stadt ist heilig den Brahmanen und
Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddha vor 2½
Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu predigen.
Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien bis nach
Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu), wo
Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er zuerst
predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen Orte
der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China,
deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben
Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen.

Fu-Hian (399 n. Chr.) sagt, dass 10 li (= 3,6 Kilometer) nordwestlich
von Benares in dem Hirschpark des Unsterblichen der Tempel gelegen sei.
+Hiouen Tsang+ (629-645 n. Chr.) berichtet, dass in dem Hirschpark bei
Benares ein grossartiges Kloster mit einem Tempel (Vihara) von 200 Fuss
Höhe sich befand und verschiedene Gedenk-Thürme (Stupa) zur Erinnerung
an das Erdenwallen von Buddha, darunter zwei vom König Asoka (244 v.
Chr.) errichtete.

Da diese Stupa aus Ziegeln oder kleinen Steinen mit schlechtem Cement
erbaut waren, so konnten sie nach der +Entheiligung+ den Hindu, welche
Steine zum Hausbau entnahmen, und den bildzerstörenden Mohammedanern
keinen Widerstand leisten und befinden sich heute in trostlosem Zustand.

Der Thurm zu Sarnath (+Dhamek Stupa+), den der Reisende heutzutage noch
sieht, ist 1835-1836 vom General +Cunningham+ genau durchforscht und
als Stupa, d. h. Gedenk-Thurm ohne Reliquien, erkannt worden.

Der untere Theil von 93 Fuss Durchmesser und 43 Fuss Höhe besteht aus
soliden, mittelst Eisenklammern verbundenen Hausteinen und reicht 9
Fuss unter den Boden; darüber erhebt sich bis zur Höhe von 100 Fuss
ein Ziegelbau, der vielleicht nie vollendet ward, jedenfalls stark
verfallen und mit Buschwerk bewachsen ist.

Der untere Theil zeigt acht vorspringende Flächen mit je einer Nische,
wahrscheinlich um eine Bildsäule von Buddha aufzunehmen; und darunter
ein breites Band von geometrischen und blumenartigen Verzierungen, das
rings um den Thurm läuft. Die Ueberlieferung meldet, dass der Bau um
das Jahr 1000 n. Chr. errichtet und durch den Einfall der Mohammedaner
unterbrochen worden ist: eine Ansicht, der sich Capitän Wilford und
Fergusson anschliessen, da die Verzierungen ganz übereinstimmen mit
denen, welche Hindu-Künstler an den ältesten Moscheen zu Ajmir und
Delhi angebracht haben.

Jetzt wird an der Erhaltung und Wiederherstellung des alten Denkmals
gearbeitet. Der Maurer, der oben auf der Leiter stand und dem seine
Kinder, Knabe wie Mädchen, Steine und Mörtel zutrugen, kam eiligst
herabgeklettert, um von dem Fremden das ihm zukommende Trinkgeld zu
fordern.

In der Nähe sind noch manche Ruinen, auch Torso von Buddha, Brunnen und
auf einem steilen Hügel von 100 Fuss Höhe ein achteckiger (Wacht-?)
Thurm aus dem 15. Jahrhundert, mit arabischer Inschrift; endlich ein
von einer Mauer umgebener +Jain-Tempel+, der durch gute Erhaltung und
grosse Sauberkeit vortheilhaft absticht und aus einer Säulenhalle um
die drei Seiten des rechteckigen Hofes mit etwa 25 Kapellen besteht. In
jeder Kapelle sitzt ein Heiliger. Sie sehen für uns alle gleich aus,
und jeder gleicht Buddha. In der That sollen es aber 24 verschiedene
Menschwerdungen der Weisheit sein. Jeder hat seinen besonderen
Bildschmuck von Thieren und Pflanzen. (Ochs, Elephant, Pferd, Lotus u.
s. w.)

Der zweite Ausflug ist eine Wasserpartie, südwestlich nach +Ramnagar+,
dem Schloss des Maharajah von Benares, am rechten Ufer des Ganges. Der
Palast ist festungsartig angelegt und ungeheuer weitläufig, wie eine
kleine Stadt. Am Thor der Umwallung stehen einige sonderbar aufgeputzte
Soldaten; dies Spielzeug gönnen die Engländer dem abgesetzten Fürsten.
Sie nehmen den Erlaubnissschein in Empfang, den ich Tags zuvor von
Herrn Dr. med. Lazarus, dem Bevollmächtigten des Maharajah in der
Stadt, erhalten. Ich warte eine geraume Zeit. Dann kommt ein Diener und
führt mich über weite Höfe in den eigentlichen Herrschersitz.

Wir durchwandern riesige Säle, die in schlechtem europäischen Geschmack
ausgestattet und geschmückt sind. Das Entzücken der Asiaten sind grosse
Crystallkronleuchter, Uhren mit beweglichen Figuren, Oelgemälde ihrer
Familienmitglieder, auf denen allerdings mehr die reiche Gewandung als
der Gesichtsausdruck zur Geltung kommt. Der Officier, der die Pflichten
des Wirthes erfüllte, geleitete mich zum Schluss auf einen reizvollen
Pavillon mit zierlich durchbrochener Wandung, der, auf einem hohen
Bollwerk hart am Flussufer angelegt, eine entzückende Aussicht auf das
ferne Benares beherrscht. Mit diesem letzten Blick schied ich von der
heiligen Stadt und fuhr Mittags 12 Uhr, am 10. Dezember, nach +Lucknow+.


Lucknow.

Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten
nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für 12 Rupien 7
Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46
Kilometer in der Stunde.)

Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und
dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten,
war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal
vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf
der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh
gewesen, hegt +Ajodhya+, noch heute mit einem Pracht-Tempel
des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala,
„dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen,
deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die
Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten
sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege
der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis
645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten;
eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre
1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre
1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein
Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren
schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen
Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon
zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft
in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst
und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von
Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen,
sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern
getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen
wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren
und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche
in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus
den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt
Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener
Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten
Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter
diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und
die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft
verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres
Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die
englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte
entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandes
von 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch
den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von
den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet.
Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh
hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000
Einwohner,[485] wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen
Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien.

Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün
und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut
mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker,
Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der
jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen,
besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden.
Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen
wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer)
geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der
Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in
kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder
arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt
sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder.

Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande
in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von
Mohammedanern beherrscht worden.

Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen
Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so
befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die
zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere,
ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und
Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der
Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz
kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung
von Lucknow und sein Sohn, in +Pelzjacken+ gekleidet. In
Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl.

+Hill’s+ Grand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe, ist
natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im Innern
von Indien, aber doch leidlich.

+Lucknow+ (auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar schon in
dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als Lakschmanawati,
die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s, geweihte;
hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der jetzigen
Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh 1775
seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es die
+Hauptstadt+ von Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs der
Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in ganz
Indien.[486] Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303, 1891
aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei Fünftel
sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner.

Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an dem +Gumti+,
einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht, von weitem
ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende doch bei
näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke mittelmässige
Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck, Flitterwerk und Tünche
wirken sollen.

Wenn +Heber+, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren Gebäude
der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so beweist
dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen Geschmack
besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen über
Baukunst zu misstrauen.

+Fergusson+, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste Gebäude
der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar Jung
bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint;
wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die
Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in dem
+einen+ Jahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt, seien
durchgängig von schlechtem Geschmack.

Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der
Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen der +Residenz+.

Dies Gebäude war um das Jahr 1800 vom Nawab Saadut Ali Khan inmitten
der Stadt auf einer niedrigen Erhebung zum Wohnsitz für den englischen
Gesandten (Residenten) an seinem Hofe erbaut worden. Als am 10.
Mai 1857 die Sepoy[487] zu Meerut und am nächsten Morgen zu Delhi
die Fahne des Aufruhrs erhoben; begann +Sir Henry Lawrence+, der
Oberbevollmächtigte (Chief Commissioner) von Oudh, sofort die Residenz
zu Lucknow in Vertheidigungszustand zu setzen und mit Lebensmitteln,
Schiessbedarf und Kanonen zu versehen. Die Umwallung war 2150 Fuss
lang, 1200 Fuss breit, mit sechs Batterien ausstattet. Am 30. Mai
brach die Meuterei auch in Lucknow aus. Der Versuch, eine anrückende
Heeresabtheilung von Meuterern in offener Feldschlacht zu zerstreuen,
am 30. Mai, schlug vollständig fehl; Sir Henry Lawrence wurde
geschlagen, verlor 119 englische Soldaten und mehrere Kanonen. Jetzt
zog er sich mit einem britischen Regiment und allen Europäern aus der
Gegend, nebst Frauen und Kindern, sowie mit den wenigen Sepoy, die treu
geblieben, in die Residenz zurück. Die +Belagerung+ begann am 1. Juli.

Schon am 2. Juli wurde Lawrence durch einen Bombensplitter tödtlich
verwundet, und nachdem er mit Ruhe alle Anordnungen getroffen, starb er
zwei Tage später.

Fast zwei Monate hielten die Britenhelden muthig Stand gegen die
Ueberzahl der Belagerer, ertrugen das mörderische Kanonen- und
Musketenfeuer, trieben jeden Sturm zurück, machten Ausfälle und
vernagelten Kanonen der Feinde, beseitigten ihre Minen durch Gegenminen.

Die unterirdischen Wohnräume des Residenzschlosses (+tykhana+,
eigentlich eine kühle Sommerwohnung,) wurden als Zuflucht den Frauen
und Kindern vom 32. Regiment zugewiesen, die Räume zur ebenen Erde als
Krankenhaus für die Verwundeten benutzt; die oberen Stockwerke waren
unhaltbar, da fortwährend Kugeln ein- und durchschlugen, aber auf dem
Gipfel stand immer ein Officier mit Fernrohr, um die Bewegungen der
Feinde zu überwachen.

Die Augen aller Briten in Indien waren auf diesen Platz gerichtet,
den einzigen im Königreich Oudh, der noch in ihrem Besitz war. Am 25.
September kündigte scharfes Musketen- und Kanonen-Feuer das Nahen der
Ersatztruppen an, aber nur mit grossen Verlusten gelang es diesen unter
den Generälen Outram und Havelock, zu den Belagerten vorzudringen. Die
letzteren, im Beginn der Belagerung 927 Europäer und 765 Eingeborene,
waren durch die täglichen Verluste bis auf 577 Europäer und 402
Eingeborene vermindert.

Aber das Ersatzheer wurde von frischen Schwärmen der Aufständischen
+umzingelt+. Erst am 16. November drang +Sir Colin Campbell+ nach
Lucknow vor, befreite die Besatzung und erzwang den ungehinderten
Rückzug. Outram’s Abtheilung von 3000 Mann wurde in dem befestigten
Garten Alum Bagh, 3 englische Meilen von Lucknow auf der Strasse nach
Cawnpur, zurückgelassen und schlug alle Angriffe der Belagerer zurück,
bis +Campbell+ am 1. März 1858 mit frischen Truppen und genügender
Artillerie sie befreite, die von den Meuterern (30000 Sepoy und 50000
Freiwilligen) stark befestigte und mit 100 Kanonen versehene Stadt
Lucknow einschloss und binnen 19 Tagen einen befestigten Punkt nach
dem andern eroberte. Mit der +Zurückeroberung von Lucknow+ war der
gefährliche Aufstand niedergeworfen.

Die Residenz zeigt noch heute unverändert die Zerstörung, welche durch
die Belagerung angerichtet worden; nur so viel ist ausgebessert,
dass der Zusammensturz verhütet wird, und dass der Besucher den
Thurm besteigen kann, von dessen Spitze die englische Fahne im
Winde flattert. Alle Fenster sind vernichtet, selbst Zwischenwände
zerstört, die Mauern gefurcht und durchbohrt von Bomben, Granaten-
und Flintenkugeln; die angrenzenden Flügel überhaupt nur noch
andeutungsweise zu erkennen. Grüner Busch und Laub decken einen Theil
der Wunden, die das Gemäuer erlitten.

Von der Spitze des 55 Fuss hohen Thurmes ist eine prachtvolle Aussicht.
Unter uns liegt der mit Blumen und Cypressen geschmückte Kirchhof, in
dessen Erde die sterblichen Reste von 2000 heldenmüthigen Männern und
Frauen ruhen, darunter auch Sir +Henry Lawrence+. In der Nähe steht auf
einem künstlichen Hügel ein Kreuz von weissem Marmor zum Andenken an
die Tapferen, welche in Vertheidigung der Residenz gefallen sind.

Dicht beim Eintritt in den Garten ist auch ein Obelisk errichtet zum
Andenken an die eingeborenen Officiere und Soldaten, welche an dieser
Stelle in edler Pflichterfüllung ihr Leben eingebüsst haben.

Jeder Punkt in dem ganzen Gebiet ist genau bezeichnet, auch des braven
Wundarztes Dr. Fayrer’s Wohnhaus, in welchem Sir Lawrence seinen
letzten Athemzug aushauchte. In dem Kellergeschoss der Residenz ist
ein genaues Modell des ehemaligen Zustandes mit allen Batterien der
Engländer und der Feinde zu sehen, gewiss sehr bemerkenswerth für die
vielen Fachmänner, die nach Lucknow kommen.

       *       *       *       *       *

      Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest
    Uns hier liegen gesehn, +wie das Gesetz es gebeut+.

    Herodot, VII, 228.

Mit dieser Inschrift ehrten die Amphiktyonen das Grabdenkmal der 300
Spartaner, welche zu Thermopylae im heldenmüthigen Kampfe gegen die
Uebermacht der Perser gefallen waren.

Eine Ueberschrift von gleich einfacher Erhabenheit, die nur +die
Pflicht+ des Kriegers betont, schmückt den schmucklosen Grabstein von
Lawrence:

    Here lies
    Henry Lawrence
    +Who tried to do his duty+.

Was Alexander der Grosse ersehnt, aber nicht errungen, das märchenhaft
reiche Land Indien zu erobern und mit einer kleinen europäischen
Macht dauernd zu beherrschen; was Portugiesen, Holländer, Franzosen
vergeblich versucht, -- das ist den Engländern vollständig gelungen:
mit weniger als 100000 Briten beherrschen sie das ungeheure Reich
von 280 Millionen Einwohnern. Zum Theil hatten sie wohl Glück bei
der Eroberung, aber vier Grundbestandtheile ihrer Volks-Eigenart
haben, nach +Hunter+, wesentlich zu dem Erfolg mit beigetragen: 1)
Eine erstaunliche Zurückhaltung, bis sie wirklich hinreichende Kräfte
zur Eroberung gesammelt. 2) Eine unbezwingliche Beharrlichkeit in
Durchführung der einmal unternommenen Pläne. 3) Unbegrenztes Vertrauen
zu einander unter den Beamten der ostindischen Gesellschaft. 4)
Kräftigste Unterstützung der letzteren seitens des englischen Volkes.
Eines scheint mir dabei noch vergessen zu sein, die rücksichtsloseste
Ausbeutung des eigenen Vortheils. Die Holländer vernichteten sie
bei Biderra, nicht weit von Chandernagor, ohne Kriegserklärung. Der
englische Befehlshaber wusste, dass Briten und Holländer Frieden
hatten, und sandte an Clive um Befehle. Clive spielte gerade Karten
und schrieb ihm mit Bleistift: „Dear Forbe, fight them to day and
I will send you an order to morrow.“ Als Friedrich der Grosse 1744
Ost-Friesland gewonnen, Emden zu einem Handelshafen erhoben und
der +bengalischen Handelsgesellschaft+ 1753 seinen königlichen
Freibrief gegeben; da schrieb der Präsident der englisch-ostindischen
Gesellschaft: „I am in hopes, that their ships will be either sunk,
broke or destroyed.“[488]

Wenn irgend ein indischer Fürst den Plänen der Briten widerstrebte,
so wurde schnell eine Verschwörung gegen ihn angezettelt und ein
neuer Thronbewerber aufgestellt, von dem grössere Fügsamkeit zu
erwarten stand; oder ein Vorwand gesucht und gefunden, um dem Fürsten
den Process zu machen, ihn ab-, und ein Kind unter englischer
Vormundschaft an seine Stelle zu setzen, bis sein Staat zur völligen
Einverleibung reif geworden.

Die Engländer rühmen sich ihrer +Verwaltung+. Im Jahre 1858, nach der
blutigen Lehre des Aufstandes, ist die Verwaltung Indiens von der
ostindischen Gesellschaft, deren Goldgier nur durch das Aufsichtsrecht
des Staates beschränkt war, an die Krone von England übergegangen; und
Pflichttreue, Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit wird den englischen
Beamten in Indien nachgerühmt. Der Vicekönig wird durch die Krone auf
5 Jahre ernannt, er hat seinen Herrschersitz in Calcutta -- für vier
Monate des Jahres; für die übrige Zeit zu Simla im Punjab, auf einem
Ausläufer des Himalaja, 2160 Meter über dem Meere.[489] Verantwortlich
ist er dem Staatssecretär zu London, einem Minister des Cabinets.
Der Vicekönig selber wird unterstützt durch einen ausführenden Rath
(Executive Council) von fünf Mitgliedern nebst dem commandirenden
General in Indien, und vereinigt gewissermassen in seiner Person die
Pflichten eines Herrschers und eines ersten Ministers; wenn aber die
Engländer sagen, eines +constitutionellen+ Herrschers, so ist das
nicht zutreffend. Es giebt wohl auch noch einen gesetzgebenden Rath,
worin ausser dem ausführenden Rath noch einige höhere Beamte und
einige ernannte Privatpersonen, Europäer und Eingeborene, Sitz haben.
Aber ihre Befugniss ist gering. Die eingeborenen Unterthanen der
Kaiserin Victoria haben keinen Einfluss auf die Regierung des grossen
Kaiserreiches.[490]

Vier Obergerichte giebt es (sowohl für bürgerliche Streitsachen
als auch für Verbrechen) in den vier Hauptprovinzen oder
Präsidentenschaften. (Bengal, Madras, Bombay, Nordwestprovinzen.)
Die Oberrichter werden aus England gesendet, nur unter den jüngeren
Richtern (puisne judges) sind einzelne wenige Stellen mit Einheimischen
besetzt, obwohl deren Befähigung für das Rechtsfach lange anerkannt
ist. Das herrschende Gesetz in Indien hat vier verschiedene Quellen:
1) Verfügungen des gesetzgebenden Rathes. 2) Beschlüsse des
englischen Parlaments, die auf Indien sich beziehen. 3) Erb- und
Eigenthumsgesetze der Hindu und Mohammedaner, in Angelegenheiten,
die nur diese betreffen. 4) Gewohnheitsrechte der Kasten und Rassen.
Ein einheitliches Gesetz ist noch nicht geschaffen. Marquis von Ripon
(Vicekönig von 1881-1884) versuchte den Machtbereich der Landgerichte
auf die Europäer auszudehnen und erregte damit einen wahren Sturm
von Entrüstung; britischen Unterthanen musste das Recht zugestanden
werden, ein Geschworenen-Gericht zu verlangen. Ob andere Europäer
das Recht besitzen, ist zweifelhaft. In den Zeitungen war viel die
Rede von diesen Fragen. Mir scheint es geboten, dass die europäischen
Regierungen für ihre in Indien lebenden Unterthanen dasselbe Recht
verlangen, welches die Briten geniessen.

Ueber die +Provinzverwaltung+ möchte ich nicht ausführlicher sprechen.
Doch muss ich hervorheben, zumal der geneigten Leserin vielleicht aus
Thackeray’s Vanity fair noch eine dunkle Erinnerung an den fetten
Collector aus Dum-Dum geblieben, dass, wie zu den Zeiten der edlen
Ostindia-Gesellschaft so auch heute das Haupt des Districtes der --
+Collector+ ist. Vor allem hat er die +Einkünfte+ für die Regierung
zu sammeln, nebenbei ist er väterlicher Herrscher seines Bezirkes. Es
giebt 250 Bezirke; +durchschnittlich+ beträgt die Grösse derselben 859
englische Quadratmeilen, die Bevölkerung 876000.

Die Hauptquelle des Regierungs-Einkommens liefert die +Land-Taxe+.
Im ursprünglichen Hindu-Dorf war das Land Eigenthum der Gemeinde;
nach der Ernte wurde ein Theil für den Herrscher des Landes bei Seite
gestellt. Die Mogul nahmen +ein Drittel+ und bestellten Steuer-Pächter
(zamindar). +Die Engländer haben dies Verfahren beibehalten und die
Bürde der Bauern nicht erleichtert.+ Im Gegentheil geriethen die
letzteren unter englischer Gerichtsbarkeit mehr und mehr in Schulden,
verloren ihr Eigenthum und selbst ihre Freiheit, so dass in den Jahren
1879 und 1881 besondere Gesetze zum Schutz der Bauern gegen die
Geldverleiher (Hindu) erlassen werden mussten. 1890/91 brachte die
Grundsteuer gegen Rx 27½ Millionen oder 1½ Rupien für den Acre.[491]
Die Salzsteuer brachte Rx 8½ Millionen, die Accise für berauschende
Getränke, Opium u. dgl. Rx 3½ Millionen.[492] Im Ganzen bringt das Land
an Steuern Rx 41¼ Millionen jährlich. Die Mogul sollen 60 Millionen
verlangt haben; doch ist immer noch fraglich, ob sie es wirklich
erhielten. Mit den Einnahmen der Staats-Eisenbahnen, Canäle, Post,
Telegraphen, Frachten, Tributen der Schutzstaaten, Eingangszöllen
(Rx 1700000). Gewinn am Opium (Rx 5½ Millionen[493]) betrugen die
Staats-Einnahmen 1890/01 an Rx 85441000, die Ausgaben Rx 82053000.
Unter den Ausgaben steht obenan die für das Heer mit Rx 20600000; ein
+Viertel davon ist in England zu zahlen+. Die Schulden betragen Rx 207
Millionen. +Der Cursverlust+ an £ 15000000, +die in England zu zahlen
waren+, +betrug+ 1890/91 +gegen+ Rx 5087000 +oder+ 75 +Millionen Mark+.
Die Armee zählt 73000 Europäer und 144000 Einheimische. Dazu kommen
150000 Polizisten.

Der gesammte Handel Indiens (Aus- und Einfuhr, zur See,) betrug
1890/91 an Rx 196 Millionen. +Die Ausfuhr überwiegt+, und zwar um
jährlich Rx 30 Millionen. Hiervon erhält Indien ein Drittel (Rx 10
Millionen) baar, das zweite Drittel zahlt die Zinsen in England,
das letzte Drittel deckt die +Home-Charges+. (Gehälter, Pensionen,
Heeres- und Eisenbahnbedürfnisse.) Ob aber das erste Drittel +von den
Hindu gespart+ wird, wie +Hunter+ meint, oder von den Engländern in
Indien, dürfte doch noch genauerer Untersuchung bedürfen. Denn von
unparteiischen Engländern wird zugegeben, dass die ungeheuere Mehrzahl
der Inder in trostloser Armuth lebe, und dass die Verarmung im Zunehmen
sei.

So viel ist klar, dass England alljährlich riesige Summen aus Indien
zieht.[494]

+Is that not a wonderful job, our India?+ Das fragte mich der
gebildetste Engländer, den ich in Indien kennen gelernt. Ein Viertel
des indischen Staatseinkommens, klagte der Parsi Naoroji im englischen
Unterhaus, nehmen die Engländer; und für die eingeborenen Inder bleibt
keine einträgliche und verantwortliche Stelle.

Werden die Engländer Indien behaupten? Wer weiss es? England ist eine
grosse Macht, aber keine Grossmacht. Die ganze kaiserliche Weltstrasse,
Canada, Hongkong, Singapore, Ostindien, Aden, Aegypten, ist ungenügend
besetzt.

Wir Deutschen aber haben gar kein Interesse, des selbstsüchtigen und
unersättlichen England’s asiatische Besitzungen zu schützen und etwa
seinen Beitritt zum Dreibund zu wünschen. Uns könnte es eher angenehm
sein, wenn unser östlicher Nachbar seinen Thatendrang nach Asien wendet
und Europa in Frieden lässt.

       *       *       *       *       *

Zu den sonstigen +Sehenswürdigkeiten+ von Lucknow gehören hauptsächlich
die Paläste der früheren Herrscher:

1) +Kaiser Bagh+, das hauptsächliche Bauwerk aus Wajid Ali Schah’s
Regierung, 1848 begonnen, 1850 vollendet; es hat mit der inneren
Einrichtung 80 lakh[495] Rupien, also ungefähr 16 Millionen Mark
verschlungen. Um einen ungeheuren Hof ist ein Viereck zweistöckiger
Gebäude errichtet, die Fassaden nach innen, mit allen möglichen Arten
von Fenstern und Pfeilern, die Flächen gelb, die Verzierungen weiss
getüncht, -- so geschmacklos wie möglich. Im Innern dieser Gebäude sind
einige grosse Hallen und unzählige Gemächer, die letzteren dienten den
Damen des Harem (angeblich 200) zur Wohnung.

Der gewölbte Thorweg zeigt das Wappen mit zwei Fischen, welches Saadut
Khan, der Gründer der königlichen Familie, angenommen hatte.

2) +Chatr Manzil+, das Sonnenschirm-Haus, in seltsam halbitalienischem
Styl, 1827 bis 1837 von Nasir-ud-din für seinen Harem am Ufer des
Gumti-Flusses erbaut, ist jetzt ein angenehmer Wohnsitz mit Lese- und
Billard-Räumen für den Officier-Club (United Service Club), dessen
Mitglieder dort auch für 60 Rupien im Monat ein wohl eingerichtetes
Zimmer erhalten können.

Gegenüber ist ein +Museum+, welches die Kunsthandwerke Indiens zeigt,
nach den verschiedenen Provinzen geordnet, Bronze- und Messingarbeiten
von Benares, eingelegte Marmorwaaren von Agra, Teppiche und bemalte
kleine Thonfiguren in höchster Lebenstreue aus Lucknow, ausserdem
wieder Darstellungen der indischen Völkerstämme, naturwissenschaftliche
Sammlungen aus den drei Reichen.

3) +Muchi Bhawan+, eine ältere Festung, die ihren Namen „Fischhaus“
von Saadut Khan erhielt. Am 30. Juni 1857 ward sie von den Engländern,
die sie nicht halten konnten, in die Luft gesprengt. Bei Gelegenheit
der Zugeständnisse, welche man später den Eingeborenen machte, bevor
in der grossen Versammlung zu Delhi die Königin Victoria als Kaiserin
von Indien ausgerufen wurde: ward das Gebäude den Mohammedanern
zurückerstattet, wird jetzt (zusammen mit dem folgenden Palast) aus
einem Capital verwaltet, das der letzte, abgesetzte König noch bei
seinen Lebzeiten gestiftet hatte, und ist auch einigermassen wieder
hergestellt worden.

Die Thorbauten sind mächtig, der Eingang mit den beiden Wappenfischen
geschmückt und mit zwei Meerweibern, die eine Krone tragen, die
Umfassungsmauern mit Hunderten von kleinen Kuppeln (aus Stuck) statt
der Zinnen gekrönt.

Wenn man unter dem Thorweg eingetreten ist, sieht man zur Rechten
eine Moschee, Jumma Musjid des Asaf-u daulah, die auch heute noch,
entsprechend ihrem Namen, des Freitags von den Gläubigen besucht wird.

Gradeaus, nach Norden, steht das Hauptgebäude, +Imambara+ oder Haus des
Propheten genannt[496] „das Juwel von Lucknow“, das hauptsächlichste
Bauwerk von Asaf-u daulah’s Regierung.

Zur Zeit einer Hungersnoth wurde es begonnen, um der Bevölkerung
Arbeitsgelegenheit zu geben, und 1783 vollendet, für 1 Million £.
Das Gebäude ist 303 Fuss lang, 163 Fuss breit, 63 Fuss hoch. Ueber
eine mächtige Freitreppe steigt man empor zu den neun offenen, von
saracenischen Bögen überwölbten Eingängen. Der Haupteingang führt
in die Haupthalle, die 163 Fuss lang und 53 Fuss breit und mit
einem Gewölbe gedeckt ist. Hier liegt Asaf-u daulah begraben. Der
Sarg ist einfach, aber von einem silbernen Gitter umgeben; die an
sich feierliche Halle mit Glaskronleuchtern und andern glitzernden
Schmuckgegenständen (z. B. einer Nachbildung des Grabes vom Propheten)
geschmacklos ausgeputzt. Das Westthor, Rumi Darwaza oder Thor von
Constantinopel, soll eine Nachahmung der hohen Pforte sein, doch konnte
ich die Aehnlichkeit nicht herausfinden.

4) +Hoseïnabad Imambara+ oder Licht-Palast des Propheten, den
Muhammed Ali Schah 1837 für sich als Begräbnissplatz erbaut hat. Das
Hauptgebäude ist erheblich kleiner als das vorige, steht am Ende eines
grossen mit Teich und Blumen geschmückten Gartens und zeigt gar keine
Wandflächen, sondern nur Verzierungen; es ist recht heiter, aber
geschmacklos.

Der vorspringende Mittelbau hat fünf von saracenischen Bögen überwölbte
Eingänge und oben eine vergoldete und gerippte Kuppel. Die beiden
Seitenflügel zeigen vier kleinere saracenische Bögen und Freitreppen.
Im Innern ist ein Doppelgrab, daneben die üblichen Glaskronleuchter,
bunte Glaskugeln, Spiegel u. dgl., aber auch ein Mimbar aus massivem
Silber.

5) Die beiden sehr belebten +Bazare+ der Stadt zeigen uns Silber-,
Gold- und Juwelier-Arbeiten, Stickereien, Waaren, Thonfiguren und
Pfeifen,[497] sehr hübsch bedruckte Baumwollenzeuge in grosser Auswahl.
Obwohl die Unterstützung des Hofes der Könige von Oudh fortgefallen,
leben doch noch viele reiche und vornehme Eingeborene in Lucknow, so
dass die Arbeiter keinen Mangel an Bestellungen verspüren. Nachmittags
ist das Gewühl in den Bazaren so gross, dass dann in den Bazar-Strassen
jeder Verkehr mit Wagen, Pferden, Kameelen, Elephanten durch die
Behörden verboten ist.

6) Das +Cantonment+ ist wieder sehr geräumig angelegt, enthält eine
Befestigung, die Bungalow der Officiere in hübschen Gärten, die
Barracken der Besatzung und auch einzelne europäische Läden und
Geschäfte, sowie unser Gasthaus.

Eine hübsche Parkanlage (+Wingfield Park+) giebt Gelegenheit zu
Spazier-Gängen und -Fahrten.

7) +Dilkusha+, „Herz erweiternd“, ist ein zerstörtes Jagdschloss; hier
starb am 24. November 1851 General Havelock an seinen Wunden.

8) +Sikandara Bagh+, ein grosser Garten ausserhalb der Stadt mit
einer festen Mauer umgeben, von Wajid Ali für eine seiner Damen zu
ihrem Vergnügen errichtet, war am 16. November 1857 Schauplatz eines
schrecklichen Trauerspiels. 2000 der aufrührerischen Sepoy hatten hier
Zuflucht gesucht und wurden bis zum letzten Mann von dem 43. Regiment
(Hochländer), dem 52. und dem 4. Regiment der Sikhs mit dem Bajonet
niedergemacht.

9) Die +Martinière+ ist ein steinernes Zeugniss von jenen europäischen
Abenteurern, die an den Höfen der Grossmogul und der Könige von Oudh
ihr Glück machten.

Claude Martin wurde 1735 in Lyon geboren und ist 1800 zu Lucknow
gestorben. Er kam 1758 auf der französischen Flotte nach Indien,
gerieth in Gefangenschaft bei den Engländern, diente unter diesen
als Capitän mit Auszeichnung und gelangte 1773, ohne seinen Rang in
der englischen Armee aufzugeben, an den Hof des Nawab von Oudh. Hier
eröffnete er Banken und andere Geschäfte, baute Häuser und Paläste,
pflanzte Indigo, goss Kanonen, machte Pulver und schlug Münzen für
den Fürsten und lieh ihm gelegentlich auch Geld, führte europäische
Waaren ein, wurde General (Lieutnant-Colonel) und sammelte ein
ungeheures Vermögen. Dieses vermachte er schliesslich zur Gründung
von Erziehungsanstalten in Lucknow, Calcutta und Lyon. Aber, da sein
letzter Wille sehr ausführlich von ihm selbst in schlechtem Englisch
aufgesetzt war, so wurde viel Zeit und Geld verloren, ehe es gelang,
das englische Gesetz mit der Grammatik zu versöhnen.

Das Gebäude, welches er 2½ Kilometer südöstlich von Sikandara Bagh
zu seinem Wohnsitz errichtete, heisst nach ihm la Martinière oder
Constantia-Haus, da es die Inschrift führt: „Labore et Constantia.“
Asaf-u daulah soll ihm 1 Million £ dafür geboten haben; aber er starb,
ehe der Handel vollendet war; und Martin starb, ehe das Gebäude fertig
wurde.

Der Bau ist recht unregelmässig, in einem verdorbenen italienischen
Styl, wohl nach den eigenen Plänen des würdigen Generals, angelegt.
Auf einer ziemlichen Erhebung, zu der eine Freitreppe emporführt,
steht der grillenhafte, mehrstöckige Thurm mit dem Dom aus zwei sich
schneidenden Halbkreisbögen und die beiden, an das Mittelgebäude sich
anschliessenden, pfeilergeschmückten, gebogenen Seitenflügel. Löwen,
Mandarinen, Damen und allerlei Gottheiten schmücken die Dächer.

Jetzt ist hier eine Anstalt, in der 150 Knaben kostenfrei erzogen und
unterrichtet werden. Ich sah einige von ihnen im Garten; sie waren
munter mit dem Ballspiel beschäftigt. Aber ich will nicht unerwähnt
lassen, dass ihre Vorgänger 1857 in der belagerten „Residenz“ als
Krankenpfleger, Boten und sogar als Kämpfer sich ausgezeichnet haben.
Vor dem Schloss liegt ein kleiner See, aus dem eine sonderbare jonische
Säule 130 Fuss hoch emporsteigt und oben mit einer Laterne gekrönt ist.


Cawnpur.

Nachmittags 6 Uhr fahre ich von Lucknow nach Cawnpur, am rechten Ufer
des Ganges, der auf einer 862 Meter langen eisernen Gitterbrücke
überschritten wird. (25 englische Meilen in zwei Stunden für 3 Rupien,
Cawnpur-Zweig der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn.)

Lee’s +Eisenbahn-Hotel+ ist nicht mit seinen Namens-Vettern in Berlin
oder London zu vergleichen. Es stellt die Urform des indischen
Gasthauses dar, die aus dem Rasthaus (in Ostindien Dak Bungalow
genannt,) hervorgegangen: ein längliches Speisezimmer, in das etwa
sechs Schlafzimmer einmünden. Dem entsprechend ist auch die Verpflegung
mehr als einfach, nämlich schlecht; aber der Preis ist nur wenig
geringer, als in den besseren Gasthäusern zu Benares und Lucknow.

Cawnpur bedeutet die Stadt des Kanh, d. h. des Landwirthes; damit ist
Gott Krishna gemeint. Alt-Cawnpur lag 2 englische Meilen nordwestlich
von der neuen Stadt; die letztere hat nach der Besiegung des
Nawab-Wezir von Oudh (1764/65) um das den Engländern zugestandene
befestigte Lager am rechten Ufer des Ganges seit 1777 sich erhoben.
Sie hat keine bemerkenswerthen Bauwerke aufzuweisen, zählt aber (mit
dem Cantonment) 188712 Einwohner, ist also nach der Bevölkerungszahl
die neunte Stadt von Ostindien. Ihre wirthschaftliche Bedeutung beruht
erstlich in den Fabriken von Lederwerk, Schuhen (für die Soldaten) und
Pferdegeschirr, in grossen Baumwollen-Webereien und Druckereien, in
dem Getreidehandel, der durch die schiffbaren Wasserwege und die vier
hier sich kreuzenden Eisenbahnen (von Lucknow, Allahabad, Jhansi, Agra)
gefördert wird, endlich noch in dem mächtigen +Ganges-Canal+, der hier
seinen Ausgang nimmt.

Von alten Zeiten her hatten die Hindu in dem +Doab+ (Zweistromland
zwischen Ganges und seinem Hauptnebenfluss Jumna) sich bestrebt, den
Segen dieser Ströme durch Canäle weiter zu verbreiten.

Aber erst die Engländer haben es 1848 unternommen, durch das Riesenwerk
des Ganges-Canals die in dürren Zeiten an Hungersnoth[498] leidende
Gegend zu bewässern. Der Canal reicht von Hardwar (30° nördlicher
Breite, 78° östlicher Länge) bis Cawnpur (26½° nördlicher Breite, 80°
östlicher Länge). Die Entfernung in der Luftlinie beträgt etwa 300
englische Meilen = 480 Kilometer. Von den beiden Hauptzweigen des
Ganges-Canals führt der eine in die Jumna. 1878 ist noch der untere
Ganges-Canal hinzugekommen und bis Allahabad, dem Zusammenfluss von
Jumna und Ganges, fortgesetzt worden. Die schiffbaren Canäle haben
eine Länge von 1050 Kilometer, hierzu kommen noch 5000 Kilometer
Vertheilungs-Canäle. Die Anlage kostete bis 1891 Rx 7440501.[499] Der
Reingewinn betrug 1890/91, nach Zahlung der Zinsen, Rx 104110 oder 1,4
Procent des Capitals.

+Diese Canäle sind das beste, was die Engländer für Indien gethan
haben.+ Mit grosser Befriedigung sah ich den Canal bei Cawnpur mit
Getreidebarken dicht besetzt, und die stattlichen Schleusenwerke.

Aber die Reisenden kommen nach Cawnpur nicht wegen der Lederfabriken
und nicht wegen des Ganges-Canals, sondern wegen der +geschichtlichen
Erinnerung+ aus der Zeit der Meuterei. Als diese begann, war in dem
ausgedehnten Cantonment eine starke bürgerliche Bevölkerung, jedoch
nur 60 englische Soldaten und 3000 Sepoy. General Sir Hugh Wheeler
beging zwei Fehler. Erstlich betraute er Nana Dundu Panth (Nana Sahib),
eines abgesetzten Marathen-Fürsten (Peschwa) Pflegesohn, der in dem
Process um die Fortbezahlung des Ruhegehaltes einen grossen Theil
seines Vermögens eingebüsst, mit der Bewachung des Schatzes. Zweitens
befestigte er leider nicht das Magazin am Fluss, weil er fürchtete,
durch Misstrauen den Aufstand der Sepoy-Wache zu beschleunigen; sondern
umzog ganz +unzweckmässiger Weise in der Ebene+ den Standort von
zwei Baracken mit einem 4 Fuss hohen Erdwall, forderte und erhielt
einige Verstärkungen von Sir H. Lawrence aus Lucknow und nahm die
Nicht-Kämpfer am 22. Mai 1857 in die Umwallung. Am 4. Juni meuterten
die Sepoy, plünderten den Schatz und das Magazin, das Munition und
Kanonen enthielt; am 6. Juni wurde Wheeler von dem verrätherischen
Nana, der den Oberbefehl über die Meuterer übernommen hatte, gewarnt,
dass der Angriff beginnen werde.

1000 Menschen waren in der schwachen Umwallung, darunter 300 englische
Soldaten, und trotzten kühn dem mörderischen Feuer der 3000 gut
bewaffneten Belagerer. Nahrungsmittel wurden sparsam. Der einzige
Brunnen gehörte zu den am wenigsten gedeckten Plätzen. Hier starb der
Wundarzt den Heldentod, da er Wasser für seine Verwundeten holte.
Im Dunkel jeder Nacht wurden die Todten herausgetragen zu einem
tiefen Schacht ausserhalb der Umwallung. Ueber 250 wurden so in drei
Wochen begraben. Ein allgemeiner Sturm am 23. Juni wurde kräftig
zurückgeschlagen. Am 26. wurde ein Waffenstillstand von Nana angeboten
und von den Engländern angenommen. Sie sollten ihre Befestigung, die
Kanonen und den Schatz übergeben und mit ihren Waffen und jeder Mann
mit 60 Patronen frei abziehen zum Fluss, um in Böten flussabwärts
nach Allahabad befördert zu werden. Am 27. früh marschirten die
Ueberlebenden nach der Flusstreppe (Sati Chaura Ghat), aber sie waren
noch nicht alle eingeschifft, als plötzlich ein Horn ertönte, die
einheimischen Bootsleute rasch aus den Böten kletterten, und nun ein
mörderisches Feuer aus Musketen und Kanonen auf die zur Schlachtbank
gelieferten Opfer erfolgte. Alle wurden getödtet bis auf 125 Frauen,
die zum Theil verwundet und halb ertrunken nach Cawnpur gebracht
wurden. +Ein+ Boot trieb flussabwärts, aber nur +vier+ Männer,
vorzügliche Schwimmer, konnten sich retten, die übrigen 80 wurden
eingefangen, die Männer gleich niedergeschossen, die Frauen und Kinder
zu den 125 gebracht, in ein kleines Haus, Bibi garh, wo zwischen dem 1.
und 14. Juli 28 starben.

Aber schon am 7. Juli rückte General Havelock mit 1000 britischen
Soldaten, 130 Sikh und 6 Kanonen von Allahabad aus, schlug den Angriff
von Nana’s Heer am 12. bei Belindah, in der Nähe von Fatepur zurück
und wiederum am 15. Juli. Als Nana, der schwelgerisch in einem Palast
lebte, nun merkte, dass Havelock siegreich vorrücke, gab er Befehl, die
Frauen und Kinder zu tödten. Seine Sepoy schossen absichtlich vorbei;
eine Rotte von Schlächtern mit langen Messern musste das Werk verüben;
am nächsten Morgen wurden die Leichen, die Sterbenden und einige fast
unverletzte Kinder in einen tiefen Brunnen geworfen.

Darauf rückte Nana mit 5000 Mann und gewaltiger Artillerie dem
General Havelock entgegen, aber die Schlacht am 16. Juli endigte mit
wilder Flucht der Meuterer. Nana Sahib floh nach Nepaul und ist dort
wahrscheinlich gestorben.

Bevor Havelock das Cantonment erreichte, erfuhr er die Trauerkunde der
schmählichen Metzelei.

Vier Monate später war Cawnpur wiederum die Scene blutigen Kampfes.
Sir Colin Campbell marschirte am 9. November von dort zum Entsatz von
Lucknow und liess, zum Schutz seines Stützpunktes, 500 Briten mit 4
Kanonen zurück. Als er am 27. November nach Cawnpur zurückmarschirte
mit 2000 Frauen, Kindern, Kranken und Verwundeten, die er aus Lucknow
gerettet, sah er die Stadt in Flammen; die Briten waren von Tantia
Topi, dem Haupt der Gwalior Meuterer, etwa 15000 Mann, besiegt worden.
Aber am 6. December stürmte Sir Colin das Lager der Meuterer und trieb
sie in wildeste Flucht.

       *       *       *       *       *

Am nächsten Morgen, dem 12. December, um 8 Uhr, besteige ich den
Einspänner,[500] um die denkwürdigen Plätze von Cawnpur zu besichtigen.
Mein Führer ist +Morton+, ein ehemaliger Soldat, der zwar nicht dabei
gewesen, aber doch so lebhaft erzählt, als ob er einer der vier
Ueberlebenden sei und mit Campbell sowohl Lucknow entsetzt, als auch
Cawnpur von den Gwalior gesäubert.

Es ist angenehm kühl. Wir fahren zuerst nach der Umwallung
(Entrenchement). Von dem Wall ist nichts mehr zu sehen, aber der Umfang
des Platzes ist durch eine Hecke bezeichnet, und innen auch noch die
Stelle, wo die Baracken gestanden, sowie der Brunnen.

In der Nähe ist ein Gedächtnissstein für die, welche zuerst (am
27. Juni) ihren Tod fanden, und ein andrer für die 70 Soldaten und
Officiere, die dem Gemetzel entronnen waren, aber von den Meuterern
eingefangen und am 1. Juli ermordet worden.

Eine stattliche Doppelreihe der schönsten Baracken britischer Truppen
erweckt in uns die Hoffnung, dass ein neuer Aufstand auf ernstere
Hindernisse stossen würde. Die Erinnerungskirche neben dem Platz der
ehemaligen Umwallung ist im romanischen Stil erbaut, für 20000 £,
und 1875 eingeweiht worden. Glasmalereien in den Fenstern geben ein
Dämmerlicht, die Wände sind mit Gedenktafeln geschmückt.

Der Küster, ein Unterofficier, legt dem Reisenden das Kirchenbuch
vor, damit er seinen Namen einzeichne und eine Gabe zur Erhaltung
der Anlagen spende. Mit meiner Wenigkeit zusammen, hatten da hinter
einander, +binnen+ 24 +Stunden+, sieben von den etwa fünfzehn
Globetrottern, die am 1. September 1892 von Vancouver auf der Empress
of Japan abgesegelt, ihre Namen verzeichnet!

Die Mord-Treppe, 1,_{3} Kilometer nördlich von der Kirche, führt von
einem zerfallenen Schiwa-Tempel, dessen Wiederherstellung von den
Einheimischen nicht gewagt und von den Engländern wohl auch nicht
erlaubt wird, hinab zu dem Ganges-Fluss. Kein Eingeborener ist hier zu
sehen. Herr Morton sprach mit grosser Erbitterung.

Ueber dem Schreckensbrunnen, in welchen die Körper der 200 Opfer
geworfen wurden, ist ein kleiner Hügel errichtet und oben innerhalb
eines achteckigen gothischen Marmor-Gitters[501] der Engel der
Auferstehung, eine Marmorbildsäule von Marochetti, aufgestellt.

Ein friedlicher Garten von 12 Hektaren mit lieblichen Blumenbeeten
und schönen Cypressen ist um dies Denkmal angelegt und herrlich in
Stand gehalten. Aber +kein Einheimischer darf bis heute diesen Garten
betreten+, trotzdem auf dem grossen Darbár[502] zu Allahabad am 1.
November 1858 im Namen der Königin Victoria, die damals die Regierung
von Indien in ihre eigne Hand nahm, volle Verzeihung allen zugesichert
worden, mit Ausnahme der überwiesenen Mörder. Die Wunde ist nicht
völlig geschlossen. Noch heute ist die Zahl der britischen Kaufleute
und Handwerker sehr gering in Cawnpur; die nothwendigen Läden werden
von Eingeborenen gehalten. Der Uhrmacher ist ein +Deutscher+, der
übrigens recht vielseitig zu sein scheint.


Agra.

Mittags, 2 Uhr 40 Minuten, verlasse ich Cawnpur und fahre auf der East
Indian R. (240 englische Meilen = 384 Kilometer, für 15 Rupien,) nach
Agra, wo ich Abends 10 Uhr ankomme, nachdem um 7 Uhr Abends auf dem
Bahnhof zu Etawah uns 20 Minuten zum Abendessen[503] gegönnt worden.

Die Landschaft, welche wir durchfahren, der südliche Theil der
Nordwestprovinzen, der an die Schutzstaaten der Rajputana angrenzt,
ist ziemlich einförmig, nicht einmal so abwechselungsreich, wie manche
Gegenden von Norddeutschland, die wir auf der Eisenbahn durchfliegen.
Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man glauben in Europa zu sein,
bis gelegentlich ein Kameel und sein Treiber uns an Asien erinnern. Auf
den Halteplätzen allerdings belehrt uns das Menschengewühl, dass wir
weit von der Heimath entfernt sind.

Da sieht man braune Kinder von drei bis fünf Jahren, die ganz nackt
sind und nur einen metallenen Lendengürtel, allenfalls Arm- und
Fuss-Ringe tragen, und durch die schwarzgeschminkten Augenlidränder uns
sofort uralte Gebräuche des Morgenlandes vorführen. Die Nasenringe der
Frauen werden immer riesiger und geschmückter, die Zahl der Armringe
immer grösser. Aber man sieht auch sehr viele Frauen, die ihr Gesicht
einigermassen verhüllt tragen, also zur Fahne des Propheten schwören.

+Laurie’s+ Great Northern Hotel, ungefähr 1 englische Meile von
Agra-Fort-Station, ist grösser und etwas besser als das Gasthaus von
Cawnpur.

Vor der Besichtigung des märchenhaften Herrschersitzes der Grossmogul
scheint es zweckmässig, die +Geschichte der mohammedanischen
Eroberungen+ in Indien an unserem geistigen Auge rasch vorüberziehen zu
lassen.

Die weit verbreitete Schulmeinung, dass das reiche Indien den
Mohammedanern als leichte Beute zufiel, entbehrt der Begründung.
Im Gegentheil, der Halbmond war in seinem Siegeslauf schon durch
West-Asien, Nord-Afrika, Süd-Europa bis nach Spanien vorgedrungen,
ehe es ihm gelang, im Punjab festen Fuss zu fassen. Zu keiner Zeit
hat der Islam über ganz Indien geherrscht; selbst während der
Blüthe der Grossmogul (1560-1707) geboten Hindu-Fürsten über weite
Landstrecken; allenfalls zahlten sie Tribut nach Delhi. Dann folgte die
Wiederbelebung der Hindu-Macht durch die Rajput, Sikh, Marathen; und
nur das Vordringen der Engländer im Beginn unseres Jahrhunderts hat
verhütet, dass das Kaiserreich von Delhi in die Hände der Hindu fiel.

Der erste Zusammenstoss zwischen Hindu und Mohammedanern, an der
Westgrenze des Punjab, ging von den +ersteren+ aus.

Jaipal, der Hindu-Fürst von Lahore, drang 977 n. Chr. nach
Afghanistan[504] vor, um die räuberischen Bewohner zu züchtigen,
wurde aber mit seinem ganzen Heere von Subuktigin, dem Fürsten zu
Ghazni, abgefangen; und als er das versprochene Lösegeld von 1
Million Dirham (= 500000 Mark) gegen den Willen seiner Officiere
auf Rath der Brahmanen +nicht+ zahlte, stürmte Subuktigin durch
die Pässe und eroberte und besetzte Pescháwar. Sein Sohn +Mahmúd
von Ghazni+(1001-1030) unternahm siebzehn Einfälle nach Indien und
schleppte unermessliche Beute fort. Jaipál, zum zweiten Mal besiegt,
verbrannte sich demzufolge, nach Hindu-Brauch, feierlich auf dem
Scheiterhaufen. Mahmud hinterliess Punjab als West-Provinz seines
Reiches. Im Jahre 1152 siegte die Dynastie von Ghor (West-Afghanistan)
über diejenige von Ghazni; +Mahmud von Ghor+ begann neue Einfälle nach
Indien.

Bei seinem ersten Zug auf Delhi 1191 wurde er von den tapferen Hindu
gänzlich geschlagen. Aber als er 1193 mit neuen Schaaren wiederkehrte,
fand er die Rajput uneinig, den König von Kanauj am Ganges im Kampf
gegen den Fürsten von Delhi; so besiegte er erst Delhi, dann Ajmir,
endlich Kanauj.[505]

Die braven Rajput wanderten aus nach Süden und gründeten die
Kriegerstaaten, die heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.

Mohammed’s General eroberte 1199 Behar, die Gegend von Patna, und 1203
sogar Unter-Bengal bis zum Delta. Aber Indien war noch nicht völlig
überwunden. Der kriegerische Stamm der Gakkar drang aus den Bergen
hervor und eroberte Lahore; sie schwammen über den Indus und erstachen
den schlafenden Sultan in seinem Lagerzelt, 1206.

Sein Vicekönig +Kutab-ud-din+ erklärte sich zum Selbstherrscher von
Nord-Indien zu Delhi und gründete eine Dynastie, die von 1206 bis 1290
regierte und die der +Sklaven-Könige+ heisst, da Kutab ursprünglich ein
türkischer Sklave gewesen.

Sein Andenken ist bis auf unsere Tage gekommen durch seine Moschee und
seinen Thurm (Minár) zu Alt-Delhi.

Drei Gefahren bedrohten seine Nachfolger: Meuterei der eignen Generale,
Aufstände der Hindu, neue Einfalle aus Mittel-Asien, hauptsächlich der
Mongolen.

Der dritte und grösste Sultan der Dynastie, +Altamsh+, dessen Namen
gleichfalls in den Bauten von Alt-Delhi, besonders in seinem Grabmal,
erhalten ist, wurde vom Kalifen von Bagdad, 1229 n. Chr., feierlich
anerkannt. Der vorletzte, +Balban+ (1265-1287), hatte die heftigsten
Kämpfe mit aufständischen Hindu zu bestehen, in Bengal, ferner in
Rajputana, wo er 100000 dem Schwerte überlieferte. Aber an seinem Hofe
lebten von seiner Gnade fünfzehn einst unabhängige Fürsten, die von den
Horden der Mongolen aus Central-Asien vertrieben waren.

1290 folgte die Dynastie der Kilji auf den Thron von Delhi.

+Alá-ud-din+, der zweite Herrscher (1295-1315) dieser Linie, drang
sogar in den Dekkan vor, erst plündernd, dann erobernd. Nachdem er
fünf Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, die Gefangenen nach
Delhi gesendet, wo die Anführer von Elephanten todt getreten, die
Soldaten niedergemetzelt wurden; nachdem er seine aufständischen
Neffen erst hatte blenden, dann enthaupten lassen: entsandte er seinen
General, den Eunuchen Matik Kafur, der bis zur Südspitze von Indien
siegreich vordrang und hierselbst eine Moschee errichtete. Eine grosse
mohammedanische Bevölkerung in Nord-Indien (Türken, Afghanen, Mongolen)
nahm Dienst in seinen Heeren. Sein Name lebt noch heute in dem
wundervollen Thor zum Hof der Moschee Kutb-ul-Islam zu Alt-Delhi.

1320 bemächtigte sich des Throns Ghiyás-ud-dín +Tughlak+, der vom
türkischen Sklaven bis zum Statthalter des Punjab emporgestiegen. Sein
grausamer Sohn Muhamed Tughlak (1325-1351) sendete vergeblich Heere
gegen Persien und China, schleppte zwei Mal die Einwohner von Delhi 800
englische Meilen südwärts nach Deogiri, dem er den Namen Daulatabad
gab, verschlechterte die Münzen und hatte von 1338-1351 unablässig mit
Aufständen seiner eigenen Beamten und der Hindu-Fürsten zu kämpfen.

+Fíruz Tughlak+ (1351-1388) regierte menschlicher und lebt noch
fort in dem dankbaren Gedächtniss der Nachwelt durch den Bau des
alten Jumna-Canals. Aber 1398 drang Timur mit seinen Tataren-Horden
durch die afghanischen Pässe, besiegte Mahmud, den letzten König der
Tughlak-Dynastie, vor den Mauern von Delhi, plünderte dieses und andere
Städte in der fürchterlichsten Weise und verschwand wieder durch die
Nordwest-Pässe des Himalaya nach Central-Asien.

Mahmud kehrte zurück; von 1414-1450 folgte die Dynastie der Sayyid, von
1450-1526 die afghanische der Lodi; aber diese Fürsten waren ohnmächtig.

1526 drang der Mongole Bábar[506] ein und gründete das +mongolische
Kaiserreich von Delhi+, dessen letzter Vertreter -- 1862 als britischer
Staatsgefangener zu Rangoon gestorben ist. Erst die Grossmogul
verstanden die Gefahren zu beschwören, unter welchen die sieben
vorhergehenden mohammedanischen Herrscherhäuser stets zu leiden hatten,
indem sie, weniger glaubenswüthig als ihre Vorgänger, +Hindu in die
Regierung des Landes aufnahmen+.

+Bábar+, Ururenkel des Tataren Timur, war erst Herrscher in Fergana
am Oxus (Amu Darja), dann in Kabul; drang 1526 in Indien ein, das
unter eine ganze Anzahl von mohammedanischen Königen und Hindu-Fürsten
getheilt war, und besiegte Ibrahim Lodi zu +Panipat+, nördlich von
Delhi. Die Mohammedaner traten auf seine Seite, die Rajput besiegte
er 1527 bei Fahtepur Sikri in der Nähe von Agra. Als er 1530 starb,
hinterliess er ein Reich, das vom Amu Darja in Central-Asien bis zum
Ganges-Delta reichte.

Sein Sohn +Humayun+ (1530-1556) hatte Kabul und den westlichen Theil
des Punjab an seinen Bruder abzutreten; so war er seines Stützpunktes
beraubt und wurde 1542 von Sher Shah, dem afghanischen Statthalter von
Bengalen, vertrieben. Der letztere machte sich zum Kaiser von Delhi,
begründete eine weise Verwaltung, schuf z. B. die +Rupie+, wurde aber
schon 1545 beim Sturm auf die Felsenfeste Kalinjar getödtet. Sein Sohn
folgte ihm in der Herrschaft. Aber unter seinem Enkel trat ein Aufstand
ein. Humayun kehrte zurück, sein Sohn Akbar besiegte mit General Bairam
die indisch-afghanische Macht 1566 in der entscheidenden Schlacht von
+Panipat+.

+Akbar der Grosse+, der wirkliche Begründer des Kaiserreiches der
Grossmogul,[507] das 200 Jahre lang bestanden, regierte von 1556 bis
1605 und hatte 1594 die Eroberung von Indien bis zu dem Vindhya-Gebirge
im Norden des Dekkan vollendet. Seine Herrschaft reichte bis Kabul und
Kandahar; und später, nach einem erfolgreichen Heereszug in den Dekkan,
bis Kandesh bei Bombay. Akbar begann die Staatskunst der +Versöhnung+.
Er selber heirathete eine Rajput-Prinzessin und gab eine andere seinem
Sohn Jehangir zur Frau: machte seinen Schwager, den Sohn des Jaipur
Rajah, zum Verwalter des Punjab, einen andern Rajah zum Verwalter
von Bengal. Sein Finanzminister war gleichfalls ein Hindu, der die
erste Landvermessung in Indien durchführte. Von 415 Reitergeneralen
waren 51 Hindu. Die jaziah oder Kopfsteuer der Nicht-Muselmänner
wurde aufgehoben, und staatliche Gleichberechtigung aller Unterthanen
festgestellt. Er achtete die Hindu-Religion, bekämpfte aber grausame
Gebräuche. Die Verbrennung der Wittwen konnte er zwar nicht beseitigen;
aber er verlangte, dass sie nicht erzwungen werden dürfe. Den Sitz der
Regierung verlegte er nach +Agra und baute 1566 die Festung+, deren
zinnengekrönte Mauern aus rothem Sandstein noch heute majestätisch
emporragen, ein bleibendes Denkmal dieses wahrhaft grossen Fürsten.
1605 starb er und wurde in dem Mausoleum zu +Sikandra+ begraben, dessen
aus Hindu-Umriss und arabisch-persischer Verzierung zusammengesetzter
Stil die Duldsamkeit des Gründers der Grossmogul-Herrschaft bezeugt.

Freitags pflegte er Muselmänner, Brahmanen, Parsi, Juden und Christen
(Jesuiten) um sich zu versammeln und ihren Erörterungen zu lauschen.
Er theilte das Land in Provinzen, ordnete das Militärwesen, Gericht
und Verwaltung, sowie die Steuern. Das Land wurde vermessen, die
Ertragsfähigkeit ermittelt, ein Drittel des Ertrags für die Regierung
bestimmt und der Geldwerth desselben festgestellt. Von seinen elf
Provinzen (ausser Kabul, Kandesh und Sindh) bezog er jährlich £
12½ Millionen, während die Engländer 1883 nahezu Rx 11¾ Millionen
nahmen.[508] Akbar’s Gesammt-Einnahme wird auf jährlich £ 42 Millionen
geschätzt. (Sein Urenkel Aurangzeb hatte 1695 £ 43 Millionen an
Grundsteuern und £ 90 Millionen Gesammt-Einnahmen. Aus diesen Zahlen,
mit denen bis dahin in Europa nichts verglichen werden konnte,[509]
begreifen wir den +sprichwörtlichen Reichthum der Grossmogul+.)

Akbar’s Sohn regierte von 1605 bis 1627 unter dem Namen
+Jehangir+,[510] d. h. der Eroberer der Welt. Doch gelang es ihm nicht,
die Herrschaft im Dekkan weiter auszubreiten. Die Nächte soll er oft
in Trunkenheit zugebracht haben; aber bei Tage suchte er weise zu
regieren. Eine Kette hing aussen nieder von der Festung zu Agra und
leitete hin zu goldenen Glocken in seinem Zimmer; jeder Bittsteller
konnte ohne Dazwischenkunft der Höflinge unmittelbar an den Kaiser
sich wenden. Europäische Abenteurer kamen an seinen Hof, er schützte
ihre Kunst und Religion. Die Hauptperson in seiner Regierung war die
Kaiserin +Núr Jahán+, d. h. das Licht der Welt.[511] Geboren in grosser
Dürftigkeit, aber aus edler persischer Familie, gewann sie durch ihre
Schönheit die Liebe des noch jungen Prinzen; aber Kaiser Akbar gab sie
schleunig einem tapferen Soldaten zur Frau. Als Jehangir zum Throne
gelangte, befahl er die Scheidung. Der Gatte weigerte sich und wurde
getödtet, die Frau in den Palast gebracht. Hier lebte sie eine Zeit
lang in strenger Wittwentrauer, aber danach tauchte sie als Kaiserin
Nur-Jahan auf. Anfangs beeinflusste sie ihren Gatten zum Guten, aber
später begünstigte sie zu sehr ihre eigenen Verwandten. Schliesslich
veranlasste sie Aufruhr. General Mahábat Khan nahm 1626 den Kaiser und
die Kaiserin gefangen; 1627 starb Jehangir in der Gefangenschaft.

Sein aufrührerischer Sohn +Schah Jahan+, der nach dem Dekkan geflohen
war, bestieg 1628 den Thron; zwang die Kaiserin, der er ein reiches
Jahrgeld gewährte, in’s Privatleben sich zurückzuziehen; beseitigte
nach morgenländischer Art alle Thronbewerber, regierte dann aber weise
und gerecht, tadellos in seinem Privatleben und so sparsam, als sein
glänzender Hof, die Prachtbauten und die Heereszüge in entfernte
Landschaften es zuliessen.

Afghanistan ging verloren, aber im Dekkan wurden von den fünf
mohammedanischen Reichen drei (Ahmadnagar mit Ellichpur und Bidar)
erobert, die beiden anderen (Bijapur und Golkonda) zum Tribut
gezwungen. Die Kriege wurden meist von seinen Söhnen durchgefochten,
er selbst lebte glänzend im Norden von Indien. In Agra erbaute er
+Taj-Mahal+,[512] das Mausoleum für sein geliebtes Weib, die bei der
achten Entbindung gestorben war, und für sich selber, -- das schönste
Gebäude Asiens. Ferner die Perl-Moschee (Moti Masjid), nach Hunter’s
Ansicht das lieblichste Gebet-Haus auf der Erdoberfläche. Er plante,
den Sitz der Regierung nach Delhi zurückzuverlegen und erbaute dort die
unvergleichliche Grosse Moschee (Jumma Masjid) und den festen Palast.

Aber 1658 wurde der unglückliche, alte Schah Jahan von seinem Sohn
+Aurangzeb+[513] abgesetzt und danach sieben Jahre lang, bis zu seinem
Tode, in dem Palast der Festung Agra gefangen gehalten. Unter Schah
Jahan erlangte das Mogulreich seine grösste Kraft und Blüthe, während
sein Sohn weitere Eroberungen machte, aber gleichzeitig den Verfall
einleitete. Shah Jahan’s Grundsteuer brachte 20 Millionen £. Die
Pracht seines Hofes erregte die staunende Bewunderung der Reisenden
aus Europa, sein Pfauenthron wurde von dem Juwelier Tavernier auf 6½
Millionen £ bewerthet.

+Aurangzeb+ erklärte sich 1658 zum Kaiser mit dem Titel Alamgír,
Eroberer des Universum, und regierte als strenggläubigster Muselmann
bis 1707. Er begann damit, von seinen drei Brüdern zwei zu tödten, den
dritten zu vertreiben; darauf setzte er den Krieg im Dekkan fort. Ein
viertel Jahrhundert (1658-1673) fochten seine Generale vergebens; 1676
machte sich ein Maráthá-Fürst, Sivaji, in den süd-indischen Provinzen
selbständig, 1680 floh des Kaisers aufrührerischer Sohn Akbar zu den
Marathen. Da zog 1683 Aurangzeb persönlich nach dem Dekkan und blieb
24 +Jahre im Felde+. 1688 eroberte er Bijapur und Golkonda; doch die
Marathen konnte er wohl schlagen, aber nicht unterwerfen. 1707 starb
er in Ahmadnagar im Dekkan; sein Grabmal ist nicht weit von Ellora,
zu +Roza+, dem Kerbela der Dekkan-Mohammedaner. Seine (in persischer
Sprache geschriebenen) +Briefe an seinen Sohn+ sind noch heute ein
beliebtes Erbauungsbuch in Indien. Aber die Hindu hatte er durch seinen
strenggläubigen Eifer und die Kopfsteuer entfremdet.

Die nächsten sechs Kaiser waren nur +Puppen+ in der Hand der Generale.
Die eigenen Beamten, die Hindu, die fremden Eindringlinge arbeiteten
gemeinsam zur Zerstörung des Reiches.

Der Nizam-ul-Mulk, d. h. Statthalter des Dekkan machte sich selbständig
(1720-1748), ebenso der von Oudh (1732 bis 1743).

Die aufständischen Sikh im Punjab wurden zwar mitleidlos zertreten
(1710-1716), aber die Rajput erlangten 1715 Selbständigkeit und die
Marathen aus Süd-Indien gewannen sogar die Provinzen Malwa (1743) und
Orissa (1751).

1739 plünderte +Nadir Schah+ aus Persien Delhi und nahm eine Beute von
32 Millionen £ mit. Sechs Mal brachen die Afghanen ein (1747-1761) und
brachten unsägliches Elend über das Land; 1761 schlugen sie auf dem
blutgedüngten Felde von +Panipat+ die Marathen. Inzwischen bauten die
Engländer langsam ihre Herrschaft auf; 1788 nahmen sie Delhi ein und
liessen dem Schattenkaisern Serail, Hofehren und einen Jahresgehalt
(von 150000 £), während sie die entscheidenden Kämpfe mit den Marathen
und Sikh durchfochten. Der letzte Kaiser tauchte 1857 für einen
Augenblick im Meuterkriege auf und starb als Staatsgefangener zu
Rangoon im Jahre 1862.

       *       *       *       *       *

+Agra+,[514] die schönste Stadt Nord-Indiens, liegt am rechten Ufer
des Jumna, des Hauptnebenflusses vom Ganges, und ist durch eine schöne
Eisenbahnbrücke von sechzehn Bögen zu je 142 Fuss sowie durch eine
plumpe Schiffsbrücke mit dem linken Ufer verbunden; bei 27° nördlicher
Breite und 204 Meter Erhebung über den Meeresspiegel hat es eine
mittlere Temperatur von 25,5° C. Die Einwohnerzahl betrug 1881 über
160000, davon waren 109000 Hindu, 45000 Mohammedaner, 4000 Christen.
Im Jahre 1891 betrug die Einwohnerzahl von Agra nebst Cantonment
168000. Die alten Wälle der Stadt umschliessen ein Gebiet von 27½
Quadratkilometer, das jetzt etwa zur Hälfte mit Häusern bebaut ist.

In geschichtlicher Hinsicht ist nichts über Agra bekannt vor der
Zeit der Mohammedaner. Sikander Lodi (1488-1517) machte es zu seinem
Herrschersitz, doch lag seine Stadt am linken Ufer des Jumna. Die
Glanzzeit der Stadt fällt zusammen mit der der Grossmogul. Akbar
baute die Festung 1566 und herrschte zu Agra von 1568 bis zu seinem
Tode 1605. Jehangir baute seinen Palast in der Festung (J. Mahal) und
das Grabmal seines Schwiegervaters (des Itimadu daulah); aber 1618
verliess er Agra und kehrte nie wieder zurück. Schah Jahan residirte zu
Agra und baute die Perl- und die grosse Moschee sowie die Taj und die
Kas Mahal. Aurangzeb aber verlegte den Herrschersitz dauernd nach Delhi.

1764 wurde Agra von den Jats,[515] 1770 und 1774 von den Marathen
erobert, am 17. October 1803 von den Engländern eingenommen, welche
dabei 164 Geschütze und einen Schatz von ¼ Million £ erbeuteten. 1835
wurde der Sitz der Regierung der Nordwestprovinzen hierher verlegt.

Während des Meuterkrieges zog sich die Regierung am 3. Juli 1857 in die
Festung zurück. Zwei Tage später wurde eine britische Abtheilung (bei
Sucheta in der Nähe von Agra) von den Meuterern zum Rückzuge genöthigt;
und, ehe sie noch den Schutz der Festung erreichte, begann der Pöbel
zu plündern, zu brennen, Christen zu ermorden. Aber die feindliche
Macht zog nach Delhi ab. Die Festung gewährte sichere Zuflucht für
4500 Europäer; unter diesen waren, ausser Soldaten, sowohl Nonnen von
der Loire und Garonne wie Priester aus Rom und Sicilien, Missionäre
vom Ohio und aus Basel, aber auch Gaukler aus Paris und Hausirer aus
den Vereinigten Staaten. Nach der Wiedereroberung von Delhi zogen die
flüchtigen Meuterer von dort zusammen mit denen von Central-Indien
gegen Agra, wurden aber von der Abtheilung des Obersten +Greathed+ aus
Delhi, der +vor+ ihnen und unbemerkt die Stadt Agra besetzt hatte, am
6. October 1857 geschlagen und gänzlich zerstreut.

1858 ward der Regierungssitz nach Allahabad zurück verlegt, aber Agra
wurde durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Handelsmittelpunkt
des Nord-Westens.

       *       *       *       *       *

Am 13. December fuhr ich in der üblichen Weise, im Einspänner mit
Führer, zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Agra; am folgenden
Tage besuchte ich dieselben Orte noch einmal +ohne+ Führer, was ja
natürlich viel behaglicher ist.

Selbstverständlich begann ich des Morgens früh mit der +Taj+.[516] Denn
nach allem, was ich über diese gelesen und hört, war meine Neugier auf
das höchste gespannt.

+Taj+ (persisch) heisst Krone; +Taj Mahal+ Kron-Palast; +Taj bibi ke
Roza+, (wie der eigentliche Name lautet,) der Kron-Dame Grabdenkmal.

Im Jahre 1630 begann Shah Jahan den Wunderbau als Grabdenkmal für seine
Lieblingsgattin +Arjmand Banu+, mit dem Beinamen +Mumtaz Mahal+, d. h.
die Erwählte des Palastes. Sie war die Tochter von Asaf Khan, Enkelin
des Persers Mirzha Ghiyas, der von Teheran nach Indien gewandert, um
sein Glück zu machen, und wirklich, nachdem seine Tochter Nur Jahan zur
Gattin des Kaisers Jehangir erhoben worden, bis zum hohen Bange des
Schatzmeisters (+Itimadu’ d-daulah+[517]) emporstieg.

Mumtaz Mahal wurde 1615 Gattin des Kaisers Shah Jahan, gebar ihm
sieben Kinder und starb bei der Geburt des achten 1629 zu Burhanpur im
Dekkan. Ihr Körper wurde nach Agra gebracht und zunächst in dem Garten
beigesetzt, wo jetzt die Taj steht. Siebzehn Jahre dauerte der Bau,
der 20000 Bauhandwerker beschäftigte und 18, nach andern 31 Millionen
Rupien gekostet, obwohl ein grosser Theil des Materials und der
Arbeit unbezahlt blieb. Denn nach Schah Jahan’s eignen Aufzeichnungen
erhielten die Maurer nur 30 Lakh.[518] Ganze Kameel-Ladungen
werthvoller Steine wurden für die eingelegte Arbeit herbeigeschleppt.
Die kostbaren Steine für die Blumenranken wurden vielfach als Tribut
von verschiedenen Rajah und Nabob „freiwillig und auf andere Art“
bezogen. Zwei Silber-Thüren schmückten den Eingang des Gebäudes, sind
aber später von den Marathen fortgenommen und eingeschmolzen worden.

Der eigentliche Baumeister der Taj ist unbekannt. Nach einer Sage soll
Kaiser Jahan selbst den Plan entworfen, Austin von Bordeaux, der damals
in seinen Diensten stand, die Ausschmückung geleitet haben. Aber eine
persische Handschrift, welche als Quelle über die Baugeschichte dient,
nennt +Isa Muhammed+ als Obermeister mit einem Monatsgehalt von 1000
Rupien, einen Farbenkünstler Amarnund Khan aus Schiras, einen Meister
der Maurer Mohammed Hanif aus Bagdad, mit demselben Gehalt, Werkleute
von Delhi, Pundjab, Persien, der Türkei, keinen Europäer.

Die Taj steht hart am rechten Ufer des Jumna-Flusses, 2 Kilometer
östlich vom Fort. Ein guter Weg, der während der Hungersnoth von
1838 angelegt worden, führt dorthin; der Wagen hält vor dem +grossen
Thor+ des Gartens. Dasselbe ist 110 Fuss breit, 140 Fuss hoch, aus
rothem Sandstein erbaut und für sich schon ein bedeutendes Kunstwerk.
Ein mächtiger, 80 Fuss hoher Spitzbogen, in das grosse Rechteck der
Vorderfläche eingeschnitten; darüber blumige Verzierungen, in weissen
Marmor eingelegt; an den beiden seitlichen und der oberen Kante der
Vorderfläche breite, eingelegte Marmorstreifen mit den prachtvollen
arabischen Buchstaben, welche dem Gläubigen die Lehren des Koran
predigen; eine Krönung von zwölf kleinen Kuppeln aus blendend weissem
Marmor, die auf Säulchen ruhen; zu jeder Seite schlanke Thürmchen
mit bunt abwechselnden geometrischen Verzierungen: das ist der
Zugang zu dem grossen, durchaus regelmässig und gefällig gebauten,
viereckigen Thorgebäude, das im Innern zweistöckig gestaltet und mit
drei Spitzbogen-Durchgängen versehen ist. Langsam tritt der Besucher
hindurch in den +Garten+. Drinnen aber macht er Halt und setzt sich auf
eine der Bänke, welche zu ruhiger Betrachtung einladen.

Vor sich sieht er, inmitten eines prachtvollen Frucht- und
Blumengartens (mit Palmen, Banyan, Schlinggewächsen, Bambus), einen
langen Gang von Cypressen zu beiden Seiten eines schmalen, wohl 1000
Fuss langen, mit Marmor-Grund und -Fassung sowie mit zahlreichen
Springbrunnen geschmückten Teiches, der die ganze Umgebung, Garten und
Gebäude, getreulich wiederspiegelt; und am Ende desselben, auf mässiger
Erhöhung, den weissen Marmorbau, so zart und frisch, als ob jetzt eben
Schah Jahan herbeikäme, eine Rose[519] auf das Grab seines geliebten
Weibes niederzulegen.

Das achteckige, blendend weisse Marmorgebäude mit der grossen Kuppel
und zwei kleineren, die vier schlanken Minarets an den Ecken der
Erhöhung, die ganze wunderbare Umrisslinie, alles tritt klar hervor,
nur von den Seiten ein wenig durch das gesättigte Grün der Bäume
verdeckt, während aus dem tieferen Dickicht rechts wie links die
vorgeschobene Moschee aus rothem Sandstein ihre drei Kuppeln erhebt. Es
ist das edelste und wirksamste Grabdenkmal, das je geschaffen worden.
Und dies war beabsichtigt. Schah Jahan wollte ausdrücklich mit diesem
Bauwerke alle anderen auf der Erde soweit übertreffen, wie seine Mumtaz
alle Töchter der Erde übertroffen habe.

Kein Mensch stört mein Schauen. Die wenigen Eingeborenen, welche zur
Pflege des Gartens oder auch zur andachtsvollen Betrachtung kommen,
gehen mit asiatischer Geräuschlosigkeit vorüber. Langsam nähere ich
mich dem Gebäude. In der Mitte des Gartens ist um den Teich eine
viereckige Erhöhung aus Marmor erbaut und gleichfalls mit Bänken
besetzt; hier macht der Beschauer wiederum Halt. Jetzt steht der ganze
Wunderbau vor seinem Auge. Nicht bloss die Griechen verstanden zu
bauen! Dazu kommt, dass bei der Betrachtung des Parthenon[520] durch
die Trauer über das zerstörte die Bewunderung des gebliebenen getrübt
wird; hier aber ist Alles frisch und neu,[521] der Marmor so blendend
weiss in dem strahlenden Morgenlicht, als wären die Arbeiter gestern
erst fortgegangen. Eine quadratische +Erhebung+ von 18 Fuss Höhe und
313 Fuss Seitenlänge steht vor uns, die weissen Marmorflächen mit
fensterähnlichen, spitzbogigen Vertiefungen geschmückt, von denen die
meisten blind, drei mittlere mit Marmorgitterwerk ausgefüllt sind
und zwei (je eine zur Seite der letztgenannten) die Aufgangsthüren
darstellen. An jeder der vier Ecken der grossen Fläche erhebt sich
in drei Stockwerken ein schlanker +Marmor-Minaret+. Er wirkt nur
durch seine gefälligen Abmessungen, den regelmässig abwechselnden
Fugenschnitt, seine drei Brüstungen und die durchbrochene Kuppel, die
ihn krönt; sonst entbehrt er aller Verzierungen.[522]

Diese sind für das +Hauptgebäude+ aufgespart. Das letztere steht in
der Mitte jener Erhebung, bildet ein Quadrat von 186 Fuss Seitenlänge,
dessen vier Ecken (in der Ausdehnung von 33 Fuss) abgeschnitten sind,
so dass die vier ganz gleichen Hauptflächen von je 120 Fuss durch
schmalere Eckflächen von 66 Fuss in einander übergehen. Die sehr
gefällige Hauptkuppel stellt +zwei Drittel+ einer Kugelfläche dar,
misst 58 Fuss im Durchmesser und 80 Fuss in der Höhe und geht durch
eine zierlich gerippte, unten gezähnte Spitze in einen metallenen
+Aufsatz+ über, der (244 Fuss über dem Boden) den +Halbmond+ trägt. Die
Höhe des Gebäudes bis zum Scheitel des Domes misst 220 Fuss, die der
Thürme 134 Fuss.

Jede der vier Hauptflächen besteht aus einem mittleren und zwei
seitlichen Abschnitten. Der erstere ist höher, rechteckig, von zwei
ganz schlanken, durch fünf Knoten gegliederten, mit Wellenstreifen
geschmückten Minarets eingesäumt, und umrahmt den hohen Spitzbogen,
über dem der Rest der Fläche bis zur rechteckigen Pfoste mit
eingelegtem, blumigem Schmuck von höchst anmuthigen Farben und
Verhältnissen geziert ist. Jaspis, Korallen, Agat, Blutstein, Lapis
Lazuli, Onyx, Türkis (und sogar edle Steine) sind zu dieser eingelegten
Arbeit verwendet, welche Ranken, Sträusse, Gewinde von Blumen
darstellt. Obwohl diese Kunstform aus Italien durch Europäer nach
Indien eingeführt sein soll,[523] so beweisen doch diese Verzierungen
an der Taj einen hohen Grad von Geschmack und Kunst bei den indischen
Baumeistern dieser Zeit; und, wenn sie auch mit den Metopen und Friesen
der griechischen Tempel nicht verglichen werden können, so nehmen sie
in der rein verzierenden Baukunst mit die erste Stelle ein.

Um die dreiseitige Pfoste ist noch ein breiter Streif von weissem
Marmor mit eingelegten schwarzen, äusserst zierlichen, arabischen
Buchstaben (Koran-Sprüchen) herum gelegt. Die beiden seitlichen
Abschnitte der Hauptfläche enthalten, zweistöckig über einander,
zwei kleinere offene Spitzbogen, über jedem ein Feld mit eingelegter
Blumenverzierung.

Die Schrägflächen sind wie die seitlichen gestaltet und von kleineren
Schlankthürmen eingefasst. Ueber jeder der vier abgeschrägten Ecken
steht ein kleiner Dom. Die Grössenverhältnisse der einzelnen Glieder
und die Vertheilung des Schmuckes machen einen äusserst gefälligen
Eindruck.

Wenn man in einen der vier Haupteingänge eintritt, so wird das Auge
gefesselt durch höchst geschmackvolle Blumen (Tulpen, Lilien,
Oleander), die in erhabener Arbeit an dem unteren Theile der marmornen
Seitenwände des Spitzbogens angebracht sind, wie auch im Innern.
Aber wunderbar ist die grosse achteckige +Kuppel-Halle+, 70 Fuss
weit, 120 Fuss hoch. Das Licht wird lediglich durch doppelte Gitter
von durchbrochener Marmorarbeit, eines an der Aussen-, eines an der
Innenfläche der Mauern, hineingelassen: bei uns würde dies, sagt
+Fergusson+, vollständige Dunkelheit bedingen; aber in Indien und
in diesem weissen Marmortempel war es das richtige Mittel, um den
blendenden Glanz des Himmelslichtes so weit zu dämpfen, dass man die
Wunderwerke drinnen bequem betrachten kann. Die Wände der Halle sind
wieder mit den zartesten Blumenranken eingelegt, um gewissermassen die
blumigen +Lauben des Koran-Paradieses+ darzustellen. Ein achteckiger
+Schrein+ aus durchbrochener Marmorarbeit, die Pfosten mit eingelegtem
Blumenschmuck, umgiebt die beiden +Leersärge+ aus Marmor. Nach dem
Willen des kaiserlichen Erbauers steht in der Mitte der Grabstein der
so tief betrauerten Gattin, seitlich daneben der des Kaisers selber, um
einige Zoll höher als der erste, damit neben der romantischen Liebe,
die, wie man sieht, an keine Zeit und keinen Ort gebunden ist, auch die
Weltanschauung des Mohammedaners ihren gesetzmässigen Ausdruck finde.

Genau unter den Grabsteinen der Halle liegen in einem Gewölbe die
einfacheren Steine, unter denen die Leichen ruhen, noch heute
bewacht von Priestern beim Lampenschimmer und verehrt von den
Einheimischen, seien es Mohammedaner, Hindu oder Parsi. In ganzen
Zügen kommen sie, zum Theil aus entfernten Gegenden, und sind in ihrer
feierlichen Andacht weit würdevoller, als eine plauderhafte, englische
Gesellschaft, deren Damen schliesslich, um das vom Reisebuch gerühmte
Echo zu erproben, in der Halle ihren nicht begehrten Gesang erschallen
lassen.

Ueber dem Bogen des Eingangs steht der Vers des Koran: „Die da reinen
Herzens sind, werden eintreten in den Garten Gottes.“ Die zierlichen
arabischen Buchstaben auf dem Grabstein der Kaiserin besagen: „Hier
liegt Mumtaz-i-Mahal. Gott allein ist mächtig.“

Die Inschrift, welche die Wände der Halle schmückt, zählt erst
alle Titel des Kaisers auf und bringt dann einen Vers aus den
„+Ueberlieferungen+“: „Es sagt Jesus,[524] Friede sei mit ihm: Diese
Welt ist eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue nicht darauf. Diese Welt
ist eine Stunde. Verwende ihre Minuten zu deinen Gebeten. Was kommt,
kannst du nicht schauen.“

Man muss rings um das Gebäude herumwandern, von der Südfläche, die auf
den Garten schaut, nach der Nordfläche, die über dem Fluss emporsteigt
und den mächtigen Unterbau des Ganzen zeigt, zu den beiden seitlichen
abgetrennten Flügelgebäuden in rothem Sandstein, von denen das eine
eine wirkliche Moschee ist, das andere die Form einer solchen zeigt;
erst zum Kuppeldach, dann auf einen der vier Minarets emporklimmen, um
von oben eine Uebersicht zu gewinnen. Wenn man dann nach stundenlangem
Verweilen endlich sich losreisst, ist der letzte Gedanken: „Auf
baldiges Wiedersehen am morgigen Tage.“

Die Taj erfreut uns durch die Vollendung sowohl ihrer ebenmässigen
Gliederung als auch ihrer kleinsten Theile. „Der Entwurf ist von einem
Titanen, die Ausführung von einem Goldschmied.“ Leider stammt dieser
Spruch von demselben Bischof Heber, dessen Ansichten über die Bauwerke
von Lucknow wir nicht beizupflichten vermochten. Die Wirkung, welche
die Taj auf den Beschauer hervorbringt, ist sehr verschieden nach der
Besonderheit des letzteren. Gefühlsschwärmer werden zu Thränen gerührt,
-- oder, wie Sir Edwin Arnolds, zu wässrigen Gedichten. Vernünftige,
urtheilsfähige Männer, die schon viel Schönes gesehen, wie z. B.
Prinz Waldemar, Meister Hildebrandt, Prof. Reuleaux, sind entzückt
und gehoben. Aber der Vollständigkeit halber will ich doch erwähnen,
dass auch andere Urtheile gefällt worden sind. Graf Lanckoroński, ein
Künstler, findet, dass die Taj anmuthig und regelmässig sei, jedoch
wegen ihrer äusserlichen Vollkommenheit unser Innerstes nicht aufrege.
-- Drei Dinge sind öfters an der Taj getadelt worden: die Härte der
Umrisslinien, der Mangel an Schatten und der farbige Schmuck.

Auf dem Gebiete der Baukunst sind die +Tataren+ ausgezeichnet durch
ihre grosse Neigung zu +Grabes-Bauten+; hierdurch unterscheiden sie
sich von Ariern und Semiten, mit denen sie die Herrschaft eines grossen
Abschnitts der Erde theilen.

Die tatarischen Fürsten bauten selber ihr eigenes Grabmal bei
Lebzeiten; aber nicht, wie einst die alten Aegypter, dunkle Kammern
oder massige Pyramiden! Nein, inmitten eines lieblichen, draussen vor
der Stadt belegenen Gartens, den sie mit hohen Zinnenmauern umgaben und
mit prachtvollen Thorgebäuden schmückten, errichteten sie auf einer
Erhöhung ein vier- oder achteckiges kuppelgekröntes Gebäude, das der
Stifter bei Lebzeiten als Bara-duri, d. h. zwölfthorige +Festhalle+,
mit seinen Freunden zur Erholung und zu frohen Festen benutzte. Nach
seinem Tode aber wurde sein Leib unter dem Dom begraben, zuweilen auch
der seiner Lieblingsgattin und anderer Verwandten. Die Sorge für das
Gebäude wird nunmehr den Priestern übertragen, welche vom Verkauf der
Früchte des Gartens und von milden Gaben leben. Taj Mahal ist von all’
den zahlreichen Grabstätten die einzige, wo Garten und Gebäude in der
ursprünglichen Schönheit erhalten sind. Es giebt wenige Stellen der
Erde, nach Fergusson keine zweite, wo Natur und Kunst so erfolgreich
zusammenwirken.

Das Grabmal des +Itima du daulah+ (am linken Ufer des Jumna, wohin man
von der Stadt aus über die belebte Schiffbrücke gelangt,) erläutert
das eben Gesagte noch deutlicher; denn dieses ist in der That nur ein
+heiteres Gartenhaus+.

Es ist ein einstöckiges, viereckiges Gebäude mit einem achteckigen,
kuppelgekrönten Thurm in jeder Ecke und einem Pavillon auf dem platten,
konsolengeschmückten Dach. Die Aussenfläche ist ganz mit Marmor belegt
und dieser bis in die Leibungen der Spitzbogen hinein mit den schönsten
und mannigfaltigsten geometrischen Mustern und heitersten Farben
eingelegt, alle Fenster mit dem zierlichsten, durchbrochenen Gitterwerk
ausgefüllt. Am ganzen Bauwerk ist nirgends eine ungeschmückte Fläche zu
sehen. Im Innern wie in den Nischen der Bögen sind noch gemalte Blumen,
Cypressen und langhalsige Vasen. Im Jahre 1628 liess der Schatzmeister
und Schwiegervater von Jehangir den Bau errichten, oder seine Tochter,
die Kaiserin. In dem Hauptgemach liegen die Grabsteine des Erbauers und
seiner Gattin; in dem Marmor-Pavillon, der gerade darüber steht, sind
noch einmal die Leer-Gräber angebracht.

Das dritte Grabdenkmal von Bedeutung ist das des grossen +Akbar+ im
Dorf Sikandarah,[525] 9 Kilometer nordwestlich vom Cantonment.

Das mächtige Thorgebäude ist aus rothem Sandstein, eingelegt mit
weissem Marmor und grossblumigen Verzierungen, gekrönt von vier
zweistöckigen Marmorthürmen, deren Kuppeln die Jat bei der Plünderung
von Agra (1764) muthwillig mit Kanonenkugeln abgeschossen haben. Innen
führt ein breiter, gepflasterter Weg zu dem Mausoleum.

Dasselbe ist ein fünfstöckiges, sich verjüngendes Gebäude aus rothem
Sandstein. Das untere, massive Stockwerk (ohne die Eckthürme) von 320
Fuss Seitenlänge und 30 Fuss Höhe, ist an jeder der beiden Hauptflächen
von zehn grossen Spitzbogen-Eingängen durchbrochen und einem grösseren
in der Mitte, der von Marmor-Mosaik und zwei schlanken Thürmchen
eingefasst ist. Dann folgen drei Stockwerke mit offenen Hallen und
Kuppeln; der oberste Stock von 115 Fuss, d. h. etwa der halben
Seitenlänge des untersten, ist ganz aus weissem, durchbrochenem Marmor
der schönsten Muster gebildet.

Hier oben steht Akbar’s Leer-Sarg von Marmor mit den herrlichsten
Arabesken und dem Wahlspruch seines eigenen Glaubensbekenntnisses:
„Alla hu akbar, Gott ist gross.“ Ein vier Fuss hoher Marmorpfeiler
steht neben dem Sarg in dem Gemach; derselbe war einst mit Gold bedeckt
und enthielt den Koh-i-nur; von hier hat ihn Nadir Schah fortgenommen.
Eine prachtvolle Aussicht auf Jumna, Fort, Taj, Stadt, lohnt die
Besteigung.

Genau unter dem Leergrab, in einem dunklen, mit Lampen spärlich
erhellten Keller-Gewölbe, ruhen unter einem ganz einfachen Stein die
sterblichen Reste des grossen Fürsten, der zur Zeit, als Europa von
Religionskriegen zerfleischt ward, ein Muster von Duldung und Weisheit
gewesen. Dicht bei Sikandra liegt das Grabmal seiner Frau Begam
Marjam, der christlichen Portugiesin Maria. Sein eignes Grabdenkmal,
das Akbar selber gebaut, ist nach Fergusson durchaus das Abbild eines
Buddhisten-Klosters (Vihara) und sollte ursprünglich wohl noch einen
Dom von 40 Fuss Höhe erhalten, so dass die Gesammthöhe von 140 Fuss in
schönem Einklang stand mit den Längenabmessungen. 3000 Werkleute haben
20 Jahre lang an dem Bau gearbeitet.

Die Fahrstrasse nach Sikandra zeigt noch manche Sehenswürdigkeiten:
erstlich die Meilensteine (Kos minar) auf Jehangir’s kaiserlichem
Wege von Agra nach Lahore; sodann zahlreiche Gräber, eines mit einer
Halle von 64 Pfeilern zum Andenken an einen General Akbar’s; ferner
ein Kühl-Haus (baoli), das aus einer Reihe von Zimmern rings um einen
tiefen Brunnen besteht und als Sommerwohnung während der heissen
Jahreszeit von den Reicheren benutzt wurde; endlich ein plumpes
Stein-Ross, angeblich von Sikander Lodi aufgestellt.

Das +Fort Akbar’s+,[526] zu seiner Zeit unüberwindlich, steht noch
heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, unversehrt in seiner kräftigen
Schönheit da. 70 Fuss hoch ragen die zinnengekrönten, von (30 Fuss)
tiefem und breitem Graben umgebenen Mauern aus rothem Sandstein.
Der Umfang beträgt fast 3 Kilometer. Der Grundriss ist ungefähr ein
Halbkreis, die krumme Linie mit ihren Bastionen nach der Landseite, der
grade Durchmesser nach dem Fluss zu gewendet. Besonders schön ist der
Anblick von der andern Seite des Flusses.

Durch das von mächtigen Thürmen und Bastionen beschützte westliche oder
+Delhi-Thor+ fährt der Reisende hinein und gelangt durch das innere
oder Elephanten-Thor, woselbst ehemals zwei Stein-Elephanten mit den
berühmten Rajput-Helden Patta und Jaimall gestanden haben, zu der Wache.

Die Sepoy grüssen nach Krieger-Art den Europäer, auch wenn der letztere
ganz friedlich aussieht. Eingeborene aber dürfen die Festung überhaupt
nicht ohne ganz besondere Erlaubniss betreten.

+Deshalb+ ist auch die +Perlmoschee+ (Moti Musjid), das nächste
Prachtgebäude im Innern der Festung, ganz +leer+ von Gläubigen.

Würdevoll steht der vereinsamte Priester auf der Platform der hohen,
vorspringenden Doppel-Treppe und streckt dem Ungläubigen seine Rechte
entgegen, um das Geschenk zu empfangen, von dem er mit seiner Familie
leben muss. Als ich aber am nächsten Tage wiederkehrte, nickte er mir
freundlich zu, wie einem alten Bekannten, ohne eine Gabe zu heischen.

Durch das bedeutende Thorgebäude aus rothem Sandstein tritt man in den
(154×158′) grossen Hof, der eine mächtige Wirkung auf den Beschauer
ausübt. Alles, was wir sehen, ist +Marmor+. In der Mitte liegt der
Brunnen zu den Abwaschungen. An drei Seiten (Osten, Süden, Norden)
ist die mit zierlichen Zinnen gekrönte Umfassungsmauer umgeben von
einer Säulenhalle aus 58 schlanken, 12flächigen Pfeilern auf würfligen
Füssen. Jede der drei Seiten hat ein Thorgebäude, aber nur das östliche
ist offen.

Die vierte Seite, nach Westen, d. h. nach der Richtung (Kibla), in
welcher von Indien aus das Grab des Propheten liegt, wird von der
+Moschee+ eingenommen. Dieselbe öffnet sich nach dem Hof in sieben
zusammengesetzten, auf Pfeilern ruhenden Spitzbögen von grosser
Schönheit, wird überdacht von einer Reihe zierlicher Kuppeln und
gekrönt von drei mächtigen Domen. Fergusson erklärt, dass er kein
andres Gebäude der Art von so reinem und anmuthigem Stil kennen gelernt
habe.

Längs der ganzen Vorderseite über den Bögen läuft eine Inschrift aus
schwarzem Marmor, der in den weissen eingelegt ist, des Inhalts, dass
diese Moschee einer kostbaren Perle verglichen werden kann, da sie
allein vollständig mit Marmor bekleidet ist.

Die Moschee, welche nahezu drei Mal so breit wie tief (142:56′) und
durch einige Stufen gegen den Hof erhöht ist, besteht aus drei Schiffen
von je sieben Abtheilungen. Die zusammengesetzten Pfeiler, mit blumigem
Relief an Fuss und Knauf, sind mit einander, sowohl der Breite als
auch der Tiefe nach, durch die schönen, siebenfach eingeschnittenen
Spitzbögen verbunden. Wenn man von der einen der beiden äusseren
Ecken hineinblickt, ist das Bild der sich verjüngenden und einander
schneidenden Bögen von unbeschreiblicher Anmuth.

Der Fussboden, wie alles, mit Marmor belegt, ist gleichsam in
rechteckige Gebet-Teppiche abgetheilt, deren Anzahl sechshundert
beträgt. Die Perlmoschee ist von 1648 bis 1655 von Schah Jahan
erbaut worden. Während des Meuterkrieges diente der heilige Ort zum
Krankenhaus. Der ganze Bau ist so neu und frisch, als wäre er gestern
fertig geworden.

Nicht weit (nach Süden) von der Moschee, welche ungefähr die Mitte
der Veste einnimmt, befindet sich der (570×300′) grosse +Waffenplatz+
(Armoury square), wo einst die Ritter des Grossmogul im Turnier sich
tummelten, jetzt unbrauchbare, aber den Einheimischen vielleicht
Ehrfurcht einflössende Kanonen und Mörser in langen, nüchternen Reihen
liegen;[527] und, nahe der Südwestecke, das Grabdenkmal des Herrn
+Colin+, Lieutnant-General der Nordwest-Provinzen, der hier am 9.
September 1857 während des Meuterkrieges verstorben ist. Leider ist das
Denkmal in -- gothischem Styl!

Der Hintergrund des Platzes nach Osten, d. h. gegen die Jumna zu, wird
von Schah Jahan’s +öffentlicher Audienz-Halle+ (+Diwan-i-Am+[528])
eingenommen. Das Gebäude läuft von Norden nach Süden in der Ausdehnung
von 201 Fuss. Die eigentliche Halle hat eine Länge von 192 und
eine Breite von 64 Fuss. Sie besteht aus drei Schiffen von je neun
Abtheilungen und ist offen an drei Seiten. Das platte, mit zwei
Kuppelthürmchen geschmückte Dach wird durch anmuthige Pfeiler aus
rothem Sandstein getragen.

An der Hinterwand sind Gitter, aus welchen die Schönen, selber
ungesehen, die Ritter in der Halle betrachten konnten, und in der Mitte
ein erhöhter Sitz aus weissem Marmor mit eingelegter Arbeit. Hier war
es, wo, nach älteren Reisebeschreibungen, Aurangzeb thronte und die
Verwaltung der Gerechtigkeit überwachte. Hier hat der Prinz von Wales
1876 einen öffentlichen Empfang (Durbar) der eingeborenen Fürsten und
Edlen abgehalten.

Durch eine schmale Thür hinter dem Alkoven gelangt man in den Rest des
prächtigsten Gebäudes aus der Mogul-Zeit, in den +Palast von Schah
Jahan+.

Hinter der Audienzhalle liegt +Machchi Bawan+, +der Fisch-Teich+,
und nördlich davon die +Edelstein-Moschee+ (Naginah Musjid), die
Privatkapelle der Damen des Hofes.

Rings um den Fisch-Teich läuft eine zweistöckige Säulenhalle; nur an
der Flussseite ist sie einstöckig, aber verbreitert, und oben mit einer
geräumigen Terrasse versehen, auf welcher der +schwarze Thron+ steht
und die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Das ist ein Wunder von
Schönheit, eine bedeckte spitzbogige Marmorhalle, 64 Fuss lang, 34
Fuss breit, 22 Fuss hoch, mit feinstem Schmuck in flachem Marmorrelief
und eingelegten Steinen. In ganz Indien ist nichts Schöneres der Art
zu sehen. Lord Northbroke hat auf seine Kosten ausbessern lassen, was
britische Vandalen hier zerstört hatten.

In dieser Halle und auf jenem Thron sass der Kaiser Jahan und liess
seinen Blick schweifen über den Fluss und die Gärten und Paläste der
beiden Ufer. Von dieser Terrasse aus konnte man auch in Sicherheit
auf die Kämpfe zwischen Elephant und Tiger herabblicken, die in der
Tiefe am Fluss-Ufer von statten gingen, sowie auf die Wettfahrten der
Ruderböte. In einem nahe gelegenen Pavillon ist Schah Jahan gestorben,
sein letzter Blick noch suchte die Taj.

Von der Privat-Audienzhalle führte eine Treppe zum Wohnsitz der
Kaiserin. Ein wundervoller zweistöckiger Pavillon (Saman Burj oder
+Jasmin-Thurm+) mit durchbrochenem Marmorwerk in feinster Arbeit,
der auf einer mächtigen Bastion unmittelbar am Fluss-Ufer ruht,
ist noch erhalten; sowie ein feenhaftes +Badehaus+ (Shish Mahal =
Spiegel-Palast) mit Springbrunnen und eine +offene Halle+ mit reichstem
Schmuck (Khas Mahal).

Auf dem höchsten Punkt der Veste von Agra stand einst der Palast
von Sher Schah oder seinem Sohne Selim. Fergusson sah noch einen
Rest davon, ein bewundrungswürdiges Stück der verzierenden Kunst.
Aber die gegenwärtige britische Regierung hat es fortgenommen und
ein Vorrathshaus dort hingebaut, das in seiner weiss gewaschenen
Hässlichkeit über die Marmorpaläste der Mogul fortblickt, -- nach
+Fergusson+ ein sprechendes Beispiel, um den Geschmack der beiden
Rassen zu vergleichen.

In einer Umgitterung werden einige +geschichtliche Andenken+
aufbewahrt: ein zerschlissener Sessel, auf dem irgend ein General oder
Gouverneur, ich habe vergessen, welcher, zu sitzen pflegte; und die
berüchtigten +Thore von Somnath+. Im Jahre 1024 n. Chr. stürmte und
plünderte Mahmud Ghazni die Hindu-Stadt Somnath in Gujarat, zerstörte
den heiligen Schiwa-Tempel und schleppte mit der gewaltigen Beute auch
das +Sandelholz-Thor+ des Heiligthums fort.

1842, nach dem erfolglosen Krieg mit Afghanistan, liess Lord
Ellenborough das Thor von Mahmud’s Grab aus Gazni prahlerisch durch
Indien schleppen, als „Genugthuung für Somnath’s Plünderung.“ Aber die
Hindu-Priester verweigerten die Annahme.

Das Thor ist übrigens aus +Ceder-Holz+, saracenische Arbeit, und wohl
eine plumpe Fälschung, wenngleich in der kufischen Inschrift der Name
Subuktugin vorkommen soll.

Am besten wäre es, dieses Siegeszeichen (?) -- zu verbrennen oder
wenigstens dem Blick der urtheilsfähigen Betrachter zu entziehen.

Südlich von Schah Jahan’s Palast liegt der von +Jahangir+, unmittelbar
nach Akbar’s Tode aus rothem Sandstein in reinem Hindu-Stil ohne
Bogen oder Gewölbe erbaut. Von seinem Dach, dem höchsten Punkt in
der Festung, hat man einen prachtvollen Ueberblick über das Ganze
und kann im Geiste die Ruinen wieder aufbauen und mit der glänzenden
Schaar beleben, die von europäischen Reisenden des 17. Jahrhunderts so
farbenprächtig geschildert worden ist.

Gegenüber dem Delhi-Thor der Festung liegt die +Hauptmoschee+ der Stadt
(Jumma Musjid), 1634 bis 1644 von Schah Jahan zu Ehren seiner Tochter
Jahanara im Mogul-Stil erbaut.

Das Hauptthor wurde von den Briten zur Zeit der Meuterei
niedergerissen, da es die Festung bedrohte. Jetzt ist an der Treppe ein
Gewirr von Buden angesiedelt. Jede der drei Abtheilungen der Moschee
öffnet sich in den Hof mit einem schönen Bogen und wird gekrönt mit
einem Dom, der aus weissen und rothen Steinen in gezackten Linien
erbaut ist.

Sehr bald befreundete ich mich mit dem Lehrer der +Koran-Schule+ in den
offenen Seitenhallen des Hofes und mit den Schülern. Ich liess sie aus
dem Koran vorlesen und übersetzen sowie abschreiben. Jede Klasse hatte
ihren Prunkschüler, der voll Stolz seine Leistungen zeigte. Aber zum
Schluss verlangten sie auch nach morgenländischer Sitte ein Geschenk
von dem Sahib.

Es ist merkwürdig, wie wenig die Hindu, trotz ihrer Mehrzahl, gegen die
Mohammedaner in Agra zur Geltung kommen.

Hindu-Tempel sieht man kaum, wohl in der Nähe der Schiffbrücke einige
Treppen, die zu dem heiligen Fluss hinabführen.

Die Stadt selbst bietet wenig Sehenswürdigkeiten.

Das Haupterzeugniss des +Kunsthandwerks+ ist eingelegte Marmorarbeit.
In den weissen Marmor von Jaipur werden blumenartige Verzierungen aus
farbigen Steinen (Cornel, Agat, Jaspis, Chalzedon, Blutstein, Lapis
Lazuli u. A.) eingelegt. Teller, Tischplatten, Gefässe, Tafel-Aufsätze
und viele andere Gegenstände der Art werden so hergestellt und dem
Reisenden in der Vorhalle des Gasthauses, am Eingang der Taj und in
den Bazaren angeboten. Es giebt auch eine grosse Werkstätte, wo ein
reiches Lager ausliegt, sowie Nachbildungen der Taj aus Alabaster in
verschiedenen Grössen und Preisen (von 40 bis 200 Rupien). Aber diese
verfehlen des Eindrucks, selbst die grosse, die für Chicago angefertigt
worden und für die 1500 Rupien verlangt werden.

Ausser den Marmorarbeiten werden in den Bazaren noch hauptsächlich
Gold- und Silberstickereien sowie Schnitzwerke aus Seifenstein dem
Fremden angeboten. Das Europäer-Viertel liegt westlich von der Stadt,
ist sehr weitläufig gebaut, mit schönen Gärten, und enthält die
Baracken, den Gerichtshof, das Colleg, einige Kirchen, einige hübsche
Landhäuser und unser Gasthaus.


Delhi.

Die Reisebücher rathen, der Zeitersparniss halber Nachts zu fahren, am
folgenden Tag die nächste Stadt zu besichtigen und dann wieder Nachts
weiter zu fahren. Mir schien das nicht zweckmässig zu sein. Schlafwagen
giebt es nicht in Indien; auf ruhigen Schlaf und Bequemlichkeit ist
also nicht mit Sicherheit zu rechnen. Nach schlafloser Nacht fehlt die
Frische am Tage, um all’ die zahlreichen Sehenswürdigkeiten genau und
aufmerksam zu beobachten. Dazu kommt, dass um die Mitte des December
die Nächte in Nord-Indien schon recht kühl sind. (Ich mass am 15.
December Vormittags 7½ Uhr +14° im Zimmer, +10° C. in der Vorhalle.)

Ich fahre also am 15. December, Vormittags 10 Uhr, von dem Halteplatz
Agra-Fort mit dem Personenzug der East Indian R. über Tundla-Junction
nordöstlich nach Delhi. (136 englische Meilen für 13½ Rupien, in sechs
Stunden, also ungefähr 36 Kilometer in der Stunde.)

Das Land[529] sieht theilweise recht dürr aus, dann wird es wieder
besser, ist aber ganz eben. Bemerkenswerth sind die mächtigen
Bewässerungs-Canäle mit Schleusen und Abzweigungen. Lehmhütten mit
flachem Dach, wie in Ober-Aegypten, sind die Behausungen der Bauern;
doch giebt es auch bessere. Erstaunlich ist die Menge des gefiederten
Volkes; grüne Papageien erscheinen in Paaren und in Schwärmen, wilde
Pfauen, ernste Marabut.

Um 4 Uhr sind wir in Delhi. +Imperial Hotel+, das mir am meisten
empfohlen war, hat kein ordentliches Zimmer frei; +Grand Hotel+, wo ich
Unterkunft finde, ist schlecht. Der Nachmittag wird einer Fahrt durch
die Bazar-Strasse (Chandni Chauk = Silber-Strasse) gewidmet.

Delhi wird als +Rom Asien’s+ bezeichnet. Seine +älteste Geschichte+
ist in tiefes Dunkel gehüllt. Aber die Trümmer, welche vom Süden der
jetzigen Stadt in einer Länge von 16 Kilometer und in einer Breite von
5 bis 10 Kilometer sich erstrecken, sind die Ueberbleibsel von +sieben+
verschiedenen Städten, die zu ganz verschiedenen Zeiten errichtet
worden sind. Die älteste war +Indraprastha+. Diese wird schon in dem
altindischen Heldengedicht Mahabharata erwähnt. In den Purana, die vom
8. bis 13. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind, wird Yudishthira als
erster König der Stadt genannt, dann folgen angeblich 30 Geschlechter
seiner Familie; hierauf eine andere, die 500 Jahre herrschte; endlich
24 Herrscher, deren letzter von Vikramaditya 57 v. Chr. besiegt wurde.
Zu dieser Zeit erscheint zuerst der Name Delhi,[530] nach dem Fürsten
Dilu, der 10 Kilometer stromabwärts von der jetzigen Stadt eine Burg
erbaute. 792 Jahre lag die Stadt wüst, dann wurde sie neu bevölkert.
(1052 durch Anang Pal II.) Die Kämpfe der Hindu mit einander machte den
Mohammedanern die Eroberung leicht. 1011 n. Chr. wurde die Stadt von
Mohammed Ghazni eingenommen, 1193 von Mohammed Ghori dauernd erobert.
Dank dem geschichtlichen Sinn der Mohammedaner sind wir im Stande, die
Reihe von 54 Fürsten aufzuzählen, welche danach zu Delhi geherrscht
haben, von 1193 bis 1803, wo die Engländer die Stadt einnahmen. Für die
Baugeschichte kommen hauptsächlich in Betracht:

1) Kutbu din (1206 n. Chr.), der Erbauer des grossen Thurmes (Kutb
Minar) und der grossen Moschee.

2) Feroz Tughlak (1351-1388), der Erbauer des grossen Canals, welcher,
unter Schah Jahan und wiederum neuerdings durch die Engländer wieder
hergestellt, als westlicher Jumna-Canal durch die heutige Stadt fliesst.

3) Sher Schah machte 1540 Indrapat zur Festung seiner neuen Stadt und
erbaute einen Palast und eine Moschee.

4) 1638 begann Schah Jahan die Festung und den Palast von
„Shajahanabad“, dem heutigen Delhi. Dasselbe soll zur Zeit Aurangzeb’s
2 Millionen (?) Einwohner gezählt haben.

Das schrecklichste Unglück befiel die Stadt im Jahre 1739. Am 10. März
wurde die persische Besatzung, welche Nadir Schah hineingelegt hatte,
vom Volke aufgerieben. Am 11. befahl der Eroberer eine allgemeine
Metzelei, die von Sonnenaufgang bis Mittag dauerte und 30000 (nach
Anderen gar 200000) Opfer gefordert haben soll. Nadir Schah schleppte
eine unermessliche Beute fort, die auf 30 und selbst 70 Millionen £
geschätzt wird, darunter den Pfauen-Thron und Koh-i-nur. 1788 eroberten
die Marathen Delhi, 1803 gewannen es die Engländer und behaupteten es
bis 1857, obwohl sie dem Nachkommen des Grossmogul erlaubten, König, ja
sogar Schah schahi, König der Könige, sich zu nennen.

Am. 10. Mai 1857 brach zu Meerut, dem Hauptwaffenplatz des Nordwestens,
72 Kilometer nordwestlich von Delhi, die Meuterei aus. 58 Sepoy, welche
im Arrest sassen, weil sie die neuen Patronen, wegen der Verwendung
von Kuh-Talg, zurückgewiesen, wurden von ihren Kameraden befreit. Die
Sepoy setzten die Häuser ihrer Officiere in Brand und marschirten nach
Delhi. Leider versäumte General Hewitt in Meerut, der europäische
Truppen genug zur Verfügung hatte, den Aufstand durch sofortiges
Eingreifen zu ersticken. In Delhi vereinigten sich die Meuterer mit
den dort befindlichen einheimischen Truppen, erschossen die britischen
Officiere, ermordeten die Europäer, welche sie trafen, und setzten
sich in Besitz der mit starken Mauern befestigten Stadt und des darin
befindlichen Forts.

Erst am 8. Juni langte Sir H. Barnard mit den vereinigten britischen
Truppen an, vertrieb die Meuterer von ihren vorgeschobenen Stellungen
und besetzte den Bergrücken (+Ridge+) dicht bei der Nordwest-Ecke von
Delhi. Aber die Engländer waren zunächst mehr belagert, als Belagerer.
Denn Delhi hatte ausser der begeisterten Bevölkerung 30000 von den
Engländern selbst gedrillte Sepoy, 114 Kanonen und reichlichsten
Schiessbedarf.

Am 7. August kam General +Nicholson+ mit Verstärkungen an, am 4.
September die Belagerungs-Kanonen aus Ferozpur, gezogen von Elephanten,
nachdem die ihnen auflauernden Meuterer auf’s Haupt geschlagen worden;
am 8. September Richard +Lawrence+ mit weiteren Verstärkungen. Aber
zu einer Einschliessung der Stadt von 12½ Kilometer Umfang reichten
die 8000 Mann nicht aus. Der Sturm wurde beschlossen. Unter starken
Verlusten wurden die schweren Geschütze aufgestellt und das Feuer
eröffnet auf die Nordseite der Stadtmauer und ihre drei Bastionen.
Am 13. September waren die Breschen genügend. Am 14. wurde der Sturm
unternommen, Nicholson war der erste auf dem Wall und fiel an der
Spitze seiner Krieger. Die Officiere, welche beauftragt waren, das
in der Mitte der Nord-Mauer befindliche Kaschmir-Thor mit Pulver zu
sprengen, fielen alle, bis auf einen. Aber der Sturm gelang und nach
sechstägigem verzweifeltem Strassenkampf, der auch den Engländern
schwere Verluste brachte, war die Stadt genommen, das Rückgrat der
Meuterei gebrochen. Am 21. September nahm +Hodson+, ein Reiteroberst,
den alten Mogul-König Bahadur Schah, der während der Meuterei den Namen
Kaiser von Indien angenommen, in Humayun’s Grabdenkmal gefangen und am
folgenden Tage dessen Söhne; und da das Volk bei Delhi die Wache um die
Söhne zu bedrängen schien, so +schoss er die Prinzen mit eigener Hand
nieder+. Der Alte kam vor das Kriegsgericht, wurde schuldig befunden,
Aufstand und Mord begünstigt zu haben, aber nicht getödtet, sondern
nach Rangoon verbannt, wo er am 7. October 1862 verstorben ist.

Das +jetzige Delhi+ liegt unter 28¼° nördlicher Breite und 252 Meter
über dem Meere, an niedrigen Felshügeln auf dem rechten Ufer des
Jumna, und zählte 1881 an 173000 Einwohner, darunter 95000 Hindu und
72000 Mohammedaner, die sich nicht gut mit einander vertragen, sondern
gelegentlich ihre Kräfte messen. Die Zählung von 1891 ergab für Delhi
und Cantonment 192579 Einwohner. Delhi ist heutzutage ein grosser
+Handelsplatz+, dessen Bazar zu den belebtesten im Innern von Indien
gehört, und durch Eisenbahnen einerseits mit Calcutta, andererseits
mit dem Punjab und der Nordwest-Grenze des Reiches, endlich durch die
Rajputana hindurch mit Bombay verbunden.

Am 16. December fahre ich wiederum zur Besichtigung, im Einspänner
und mit Führer. Der letztere ist nirgends und niemals überflüssiger
gewesen, als hier an diesem Vormittag. Denn in der Festung übernimmt
ein britischer Soldat die Führung; in die grosse Moschee wird mein
Führer, als Hindu, überhaupt nicht hineingelassen, da seit dem letzten
Volksauflauf und Strassenkampf zwischen den beiden eifersüchtigen
Religions-Genossenschaften, der erst vor wenigen Jahren stattgefunden,
den Hindu der Eintritt in das Gotteshaus der Mohammedaner, laut
Anschlag der Behörde, verboten ist. Uebrigens ist das Englisch dieser
Führer ausserordentlich mangelhaft: es reicht eben hin, um den
Reisenden einzufangen; ist aber ganz ungenügend, Erläuterungen des
Gesehenen zu geben.

Von dem westlichen Hauptthor (Lahore Gate) der Stadt Delhi führt die
Hauptstrasse (Chandni Chauk) zu einem freien Platz, jenseits dessen
die +Burg des Kaiser Jahan+ an dem Ufer des Jumna liegt, ein umwalltes
Rechteck von 3200 Fuss Länge von Nord nach Süd und von 1600 Fuss Breite
von West nach Ost.

Die zinnenbedeckten Mauern aus rothem Sandstein sind zwar nicht so hoch
(40 Fuss), die Thürme nicht so gewaltig, wie in Akbar’s Veste zu Agra;
aber dafür sind die grösseren und kleineren Kuppeln und die schlanken
Minarets desto gefälliger.

Das westlich gelegene Hauptthor zur Burg (Lahore Gate, jetzt Victoria
G. genannt,) ist ein stattliches Gebäude von 140 Fuss Höhe, und
die gewölbte Halle von 375 Fuss Länge, durch welche man eintritt,
vielleicht die vornehmste Palast-Pforte auf der Erdoberfläche.

Aber wer eingetreten ist, erblickt nicht etwa den herrlichen Palast
Schah Jahan’s, der von 1628 bis 1658 erbaut, noch in der Mitte
unseres Jahrhunderts vorhanden war, (zwar schlecht gehalten, durch
allerhand Hütten verbaut und durch neue Bauwerke verunstaltet, wie
unser Prinz Waldemar 1845 gefunden, aber doch immerhin erhalten und
von dem Schattenkaiser[531] -- bis 1857 -- bewohnt,) sondern zunächst
nur langweilige, weiss gestrichene Baracken. Was Afghanen und Perser
geschont, haben Briten zerstört, und zwar nicht zu einem höheren
Zwecke, sondern einfach aus Mangel an Kunstgeschmack.

+Fergusson+ nennt es Vandalismus, aber die Vandalen haben so etwas
nie gethan; und auch in der ganzen neueren Geschichte ist nichts
Aehnliches vorgekommen. Die massgebenden Rücksichten auf Sicherheit und
Vertheidigung kamen gar nicht in Betracht. Kein Gebäude von Schah Jahan
brauchte angerührt zu werden, um Raum für die Soldaten zu beschaffen,
welche die unbewaffnete Bevölkerung der Stadt Delhi zu überwachen
haben; und ein auswärtiger Feind mit Kanonen, der die Stadtmauern nebst
ihren Bollwerken bezwungen, könnte in wenigen Stunden die Palast-Mauern
niederlegen.

Lediglich, um ohne Mühe und Kosten einen Wall rings um das
Barackenlager der Soldaten zu bekommen, damit keiner ohne Urlaub
durchschlüpfe, wurde der +kostbarste Palast der Erde förmlich
ausgeweidet+!

Mit der grössten Rücksichtslosigkeit hat man auch +geplündert+.
Ein Capitän Jones liess zwei grosse Stücke von dem eingelegten
Marmorthronsitz der öffentlichen Audienzhalle abreissen, brachte sie
nach England und -- verkaufte sie an die Regierung für 500 £, so dass
man sie jetzt wenigstens im Indischen Museum zu London bewundern kann.

In den Tagen des Glanzes führte der Eingang in einen grossen,
quadratischen Hof von 350 Fuss Seitenlänge, an dessen Ende die
+Musik-Halle+ stand. Darauf folgte ein zweiter Hof mit der
+öffentlichen Audienz-Halle+. Im Norden dieser Gebäude-Reihe
von 1600 Fuss Länge lagen die +Gast-Räume+ mit Gärten und der
+Privat-Audienzhalle+. Der ganze Süden, ein Quadrat von 1000 Fuss
Länge, war von den +Wohngemächern+ und dem Harem eingenommen. Somit
bedeckte der Palast die doppelte Fläche des Escurial oder irgend eines
Schlosses in Europa.

Nur spärliche Reste der Pracht sind noch vorhanden:

1) Die öffentliche Audienz-Halle (+Diwan-i-Am+). Sie ist ähnlich der
zu Agra, aber prächtiger; 200 Fuss lang von Nord nach Süd und 100 Fuss
breit; an drei Seiten offen. Das Dach wird getragen von drei Reihen
von Säulen aus rothem Sandstein, die früher mit Stuck und Vergoldung
geschmückt gewesen. Die Säulencapitäle sind nach allen vier Richtungen
mit einander durch neunfach getheilte Spitzbogen verbunden. An der
Hinterwand steht ein 10 Fuss hoher Marmorthron, der von einem auf vier
weissen, leichten Marmorsäulen ruhenden, gewölbten Baldachin überragt
wird und der aus den Privatgemächern durch eine Thür zugänglich
ist. Die ganze Hinterwand und der Thron-Sitz ist mit Marmor-Mosaik
geschmückt. Man sieht Fruchtkörbe, Vögel, kleine Löwen. Es gilt für das
Werk von +Austin de Bordeaux+ und hat mir nicht sonderlich gefallen,
namentlich im Vergleich mit den prachtvoll eingelegten Blumenranken
von Agra. (Uebrigens floh Austin aus Europa zum Hof des Schah, weil er
daheim -- verschiedene Fürsten mit falschen Edelsteinen betrogen hatte.)

Prinz Waldemar berichtet: „Dieselben Muster, die ich in Florenz sah,
fand ich +hier+ wieder; auch sind europäische Vögel, Blumen und
Früchte, die man hier gar nicht kennt, dargestellt, und, was das
schlagendste ist, ein +Orpheus+ mit der Cither in der Hand, von Thieren
umgeben.“

Ein Theil der Platten ist fortgenommen, ein Theil der kostbaren Steine
herausgebrochen und gestohlen. Jetzt ist ein eisernes Gitter nach der
Halle zu angebracht. Der friedfertige, durchaus nicht beutelustige
Reisende wird von hinten her durch den wachthabenden Soldaten hin- und
wieder zurückgeleitet.

2) Die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Es ist eine rechteckige
Halle (90×70′), nach allen Seiten offen, nach den breiteren durch fünf
gleich grosse, neunfach getheilte Spitzbogen, nach den schmaleren durch
drei grosse und zwei kleinere. Die Bogen ruhen auf Pfeilern, das platte
Dach ist an den vier Ecken mit säulengetragenen Kuppeln geschmückt.
Der ganze Bau ist aus rein weissem Marmor und auf’s geschmackvollste
und kostbarste mit eingelegten Steinen und Vergoldung geschmückt. In
der Mitte der Halle sieht man die Marmor-Erhöhung, auf welcher einst
der berühmte Pfauen-Thron (Takt-i-Taus) gestanden hat.[532] Die Decke
war mit Silber belegt. Dies haben die Marathen 1760 mitgenommen und
ausgemünzt. Ueber dem Nord- und dem Süd-Bogen der Halle steht der
berühmte persische Vers:

    Giebt es auf Erden ein Paradies,
    So ist es dies, so ist es dies.

In der That dürfte es schwer sein, in irgend einem Palast der Erde
einen Bau von gleicher Formvollendung aufzufinden.

3) Ganz nahebei in der gemalten Halle (+Rung Mahal+), die jetzt von den
Officieren als Speise-Raum benutzt wird, ist ein wunderbares Fenster
aus durchbrochener Marmor-Arbeit und darüber, eingelegt, die +Wage der
Gerechtigkeit+ (Mizan-i-Insaf). Die Blumen, welche die Wand schmücken,
sind theils eingelegt, theils mit Schmelzfarben aufgelegt, theils
ausgemeisselt.

4) Von den Privatgemächern kann man wegen der Zerstörung keine rechte
Vorstellung mehr sich bilden; einigermassen erhalten sind die +Bäder+,
drei Marmorgemächer, mit Domen gekrönt und von oben durch gefärbte
Glasfenster erleuchtet.

5) Dicht dabei ist die kleine +Perl-Moschee+ aus weissem und grauem
Marmor; sie hat drei Bögen und drei Dome und ist innen ganz mit
flacherhabener Arbeit geschmückt. Sie wurde 1635 von Aurangzeb erbaut
und kostete 160000 Rupien.

Man könnte sich wundern, in dem grossen Palast nur eine so kleine
Moschee zu finden. Aber ganz in der Nähe des südlichen Palastthores
liegt die +Jumma Musjid+, die als Hof-Kirche benutzt wurde.

Das ist das bedeutendste Bauwerk in der Stadt Delhi ausserhalb der
Veste, eine der grössten und schönsten Moscheen auf der ganzen Erde.
5000 Arbeiter waren sechs Jahre lang daran thätig; die arabische
Inschrift nennt als Jahr der Vollendung dasjenige, in welchem Schah
Jahan -- von seinem Sohn Aurangzeb abgesetzt worden. (1658, nach
unserer Zeitrechnung.)

Auf einem mächtigen +Unterbau+ erhebt sich die offene, mit 15 Fuss
langen Architraven aus Sandstein gedeckte, zinnengekrönte Säulenhalle,
welche an jeder der vier Ecken mit einem Thürmchen geschmückt ist und
den Hof von drei Seiten umgiebt, während die vierte Seite von der
Moschee selber eingenommen wird. In der Mitte jeder der drei Seiten der
Halle führt eine stattliche, unten 150 Fuss lange +Freitreppe+ von 36
Stufen empor zu einem +Thorgebäude+. Das hauptsächlichste, östliche,
der Moschee gegenüber, hat das Aussehen eines dreistöckigen Gebäudes
durch die drei Reihen von Spitzbogenfenstern und in der Mitte ein
gewaltiges bis oben reichendes Spitzbogen-Thor, darüber eine Gallerie
mit fünfzehn kleinen Marmor-Domen und sechs Thürmchen. Die Thür im
Hintergrund des Bogens ist massiv und mit dicken Arabesken belegt.

Der +Hof+, welchen wir nun betreten, ist mit Granit- und Marmorplatten
schön gepflastert, und quadratisch mit einer Seitenlänge von 325 Fuss.
In der Mitte liegt das übliche Marmor-Becken für die Abwaschungen.

Die +Moschee+ selber ist 200 Fuss lang und 120 Fuss tief. Sie öffnet
sich nach dem Hof mit zwei Mal fünf kleineren und einem grösseren
mittleren Spitzbogen, ist zierlich aus rothem Sandstein und weissem
Marmor erbaut, an der Vorderseite mit Zinnen gekrönt, oben von drei
Marmordomen überragt, an den beiden Ecken mit dreistöckigen, 130 Fuss
hohen Minarets geschmückt, deren Besteigung eine lohnende Aussicht
auf die Stadt gewährt. Im Innern sind Fussboden, Decke und Wände
vollständig mit Marmor bekleidet.

Der Fussboden der Moschee ist mit weissen, schwarzgesäumten
Marmorplatten von 3 Fuss Länge und 1½ Fuss Breite gepflastert; jede
stellt einen Gebet-Teppich dar, deren Zahl nach der Rechnung[533]
über 5000 beträgt. Aber am Freitag Nachmittag drängen sich hier 10000
Gläubige zusammen.

In der Nordost-Ecke der Säulenhalle ist ein Pavillon mit alten
Handschriften des Koran, einer kufischen aus dem 7. Jahrhundert n.
Chr., und mit Reliquien Mohammed’s, z. B. einem +Haar aus dem Bart
des Propheten+. Der fromme Mann, welcher diese heiligen Dinge dem
Ungläubigen zeigt, ist unzufrieden, wenn letzterer ihm nicht eine Rupie
spendet.

Die +Hauptstrasse+ von Delhi ist +Chandni Chauk+, die Silberstrasse.
Sie führt von dem westlichen Hauptthor des Palastes zu dem der Stadt
(Lahore Gate), ist 1½ Kilometer lang, 74 Fuss breit. Durch den
grösseren Theil ihrer Ausdehnung zieht in der Mitte ein von doppelter
Baumreihe eingefasster, erhöhter Fussweg, der die erwähnte, den Palast
versorgende Wasserleitung bedeckt.

In diese Strasse ist das Gewühl der Käufer und Verkäufer
zusammengedrängt. Laden reiht sich an Laden. Durch Zuruf, Gebärden,
Geschäftskarten wird der Reisende, mag er zu Fuss gehen oder im Wagen
fahren, zum Eintreten aufgefordert. Da sind Gold- und Silberwaaren,
allerdings für meinem Geschmack viel zu plump. Vergeblich suchte
ich nach einem Halsband für meine Frau. Der Verkäufer langte sein
Prachtstück hervor, 2500 Rupien war der Preis. Lächelnd erwiederte
ich, dass ich mir so viel Geld nicht eingesteckt. Die Händler in
Kaschmir-Tüchern nehmen den Fremden aus dem Laden in das Hauptlager,
das eine Treppe hoch nach dem Hof gelegen ist, und breiten unermüdlich
ihre Schätze aus. Gold- und Silber-Stickereien gehören zu den
einheimischen Erzeugnissen. Herr Tellery, ein Ungar, der ursprünglich
vor vielen Jahren als Maschinenbaumeister nach Indien gekommen, erst
Sammler von Erzeugnissen der einheimischen Kunsthandwerke, dann Händler
und Hersteller, hat seine Hauptwerkstätten in Delhi.

Um Handel und Wandel zu unterstützen, hat die Stadtverwaltung in
der Nähe der Hauptstrasse neuerdings ein grossartiges Gasthaus
für Einheimische (Mor-Serai) erbaut, das in seinem hübschen
morgenländischen Stil die Bauten der Engländer in Indien beschämt.

In der Mitte der Hauptstrasse ist ein misslungener Brunnen (Northfolk
fountain), dicht dabei eine kleine Moschee aus dem Anfang des vorigen
Jahrhunderts, die wegen ihrer drei vergoldeten Dome den Namen der
+goldnen+ empfangen. Von hier hat Nadir Schah die Ermordung der
unglücklichen Einwohner von Delhi betrachtet.

Von der Hauptstrasse gelangt man auch in die Königlichen Gärten
(+Queen’s Gardens+), die etwas verwahrlost erscheinen. Am Eingang steht
ein grosser Elephant aus Stein, der 1645 von Gwalior hierher gebracht
worden. In dem Garten steht ein Glockenthurm von 128 Fuss Höhe, und
daneben das +Museum+. Dasselbe enthält eine Sammlung von Erzeugnissen
der Kunstindustrie; zunächst aus +Delhi+ eingelegte Metallwaaren,
Stickereien, Schnitzereien; sodann aus den andern Hauptorten Indiens,
aber auch chinesische Elfenbeinschnitzereien (Riesenschachspiel) und
Lampen.

Sehr lehrreich sind verkleinerte Darstellungen der Handwerke und des
Ackerbau’s (z. B. der Bewässerung), wie sie hier zu Lande betrieben
werden.

Im Nordwesten der Stadt, auf dem Bergrücken, steht ein gothischer Thurm
zum Andenken an den Meuter-Kampf (+Mutiny Memorial+). Nördlich davon
in der Ebene liegt der Platz, wo am 1. Januar 1877 die Königin von
England als +Kaiserin von Indien+ verkündigt wurde. Lord Lytton hatte
alle Fürsten von Indien, die hauptsächlichsten europäischen Beamten und
50000 Soldaten, britische wie einheimische, versammelt und den grössten
Prunk entfaltet.

Wer Delhi besitzt, beherrscht Indien, nach der Meinung der
Einheimischen. Als die Engländer im Anfang des Jahrhunderts Delhi
erobert hatten, begaben sich mehrere Kleinstaaten freiwillig unter
ihren Schutz. Als der Meuterkrieg aufloderte, versuchten die Sepoy, den
Schattenkönig von Delhi zum Kaiser von Indien zu erheben. Nur in Delhi
konnte Königin Victoria als Kaisar-i-Hind ausgerufen werden.

Wenn Delhi, wegen seiner +Ruinen+, das Rom Asiens genannt wird, so
verdient der Weg südwärts nach Kutb Minar als seine appische Strasse
bezeichnet zu werden.

Von der Südwestecke der jetzigen Stadt (Ajmir Gate) fährt man südwärts
auf gut geebneter Strasse und erblickt zu beiden Seiten zwischen dem
ostwärts gelegenen Fluss (Jumna) und dem westwärts gelegenen Höhenzug
unzählige Grabmäler; hier und da, dichter aneinander gedrängt, die
Ruinen der auf den Gefilden von Alt-Delhi nach einander errichteten
sieben Städte, von denen jede folgende die Ueberreste ihrer
+Vorgängerin+ Jahrhunderte lang als +Steinbruch+ ausgebeutet hat.

Das erste Gebäude von Bedeutung ist +Jai Sing’s Sternwarte+, ähnlich
der zu Benares, nur mehr zerstört. Der „Fürst der Sonnen-Uhren“ (Samrat
Yantra) ist ein Gemäuer von der Form eines rechtwinkligen Dreiecks,
dessen Höhe 56, dessen Grundlinie 104 Fuss misst. Demnächst folgt das
Grabmal des +Safdar Jang+, Abu ’l Mansur Khan, der um die Mitte des
vorigen Jahrhunderts Vezir des Kaisers Ahmed Schah gewesen und, 1749/50
von den afghanischen Rohilla besiegt, so thöricht war, die Marathen um
Hilfe zu bitten. Das Grabdenkmal, welches 3 lakh Rupien gekostet, steht
auf einer gemauerten Erhöhung, ist ein Quadrat von 100 Fuss Seitenlänge
mit 4 Eckthürmen und einem Dom aus rothem Sandstein und -- Stuck. Von
Weitem sieht es mächtig aus, aber bei näherer Betrachtung schwindet die
Bewunderung. Safdar Jang ist der Gründer der Herrscherfamilie von Oudh,
deren Stärke im Stuck liegt.

Unterwegs traf ich eine stattliche Abtheilung berittener +britischer
Artillerie+, welche ein Feldlager aufschlug. Pferde und Bespannung
schienen mir in vorzüglicher Ordnung, auch die Mannschaften nicht gar
so jung wie die meisten britischen Fusssoldaten, die man in Indien
antrifft. Aber der Train ist durchaus morgenländisch. Kameele tragen
die Zelte, einheimische Diener schlagen dieselben auf, kochen ab
für die Herren Soldaten, so dass auf jeden Kämpfer vielleicht zwei
Diener kommen. In Friedenszeiten mag das sehr behaglich sein. Für den
Ernstfall birgt es grosse Gefahren.

Das Endziel der Ausfahrt, +Kutb Minar+, liegt 19 Kilometer südlich vom
Ajmir-Thor, auf der Stelle, wo die ursprüngliche Hindu-Stadt Dilli
einst gestanden. Das mächtige Bauwerk zeigt beim ersten Blick, was
es ist und sein soll, ein +Denkmal des Sieges+ der Mohammedaner über
die Hindu. Zum Gebet konnte der Mueddin höchstens vom unteren Söller
aus die Gläubigen rufen. Wenn Kutab-ud-din[534] (1206 bis 1210) das
Werk begonnen, so scheint nach der Buchstabenform der Inschriften
doch Altamsh (1211 bis 1236) das Wesentliche desselben vollendet zu
haben. Der Führer allerdings erzählt uns ein +Volksmärchen+, dass der
Hindu-König Raj Pithora (1180 n. Chr.) den Thurm gebaut, um von der
Spitze aus seine geliebte Tochter zu sehen, wenn sie mit ihrem Gefolge
zum Bad im Jumna-Fluss auszog.

Der Thurm ist 240 Fuss hoch. In fünf Stockwerken, die durch vier Söller
abgetheilt sind, (in der Höhe von 97, 148, 188, 215 Fuss über dem
Boden) verjüngt er sich, von 47 Fuss Durchmesser an der Grundfläche bis
auf 9 Fuss an der Spitze,[535] deren Kuppel allerdings abgefallen ist.
In Folge der starken Verjüngung erscheint dem nahe stehenden Betrachter
die Höhe noch weit bedeutender, als sie wirklich ist. Die drei unteren
Stockwerke bestehen aus rothem Sandstein und zeigen an der Oberfläche
schön geschmückte Halb-Säulen und Pfeiler; im ersten Stockwerk beide
abwechselnd, im zweiten nur Säulen, im dritten nur Pfeiler. Höchst
gefällig ist die Abnahme der Höhe und der Dicke der höheren Stockwerke.

Das unterste Stockwerk hat drei, die beiden folgenden je zwei Bänder
kufischer Inschriften mit Koran-Versen. Der Honigwabenschmuck unter
dem ersten Söller soll von dem der Alhambra nicht merklich verschieden
sein. Die beiden obersten Stockwerke sind glatt und mit Marmor belegt.

Kutb Minar gilt für das vollkommenste Bauwerk seiner Art auf der
Erdoberfläche. (Der von Giotto erbaute Glockenthurm zu Florenz, der
allerdings 30 Fuss höher ist, wird gewissermassen erdrückt von den
Massen der benachbarten Kathedrale.)

390 Stufen führen im Innern auf die von einem Geländer umgebene Fläche
der Spitze. Gewissenhaft stieg ich empor und fand den engen Raum
dicht gedrängt von Einheimischen, die mir höflich, Platz machten. Der
Ausblick ist ungemein lohnend; man sieht den Jumna und die heutige
Stadt Delhi sowie die zahllosen Ruinen, endlich das zur Zeit recht
trockne Land. Ist doch die indische Wüste nicht allzu fern! Der
Gegensatz zwischen der dürren Ebene und dem grünen Streifen am Fluss
erinnert an die Aussicht von der grossen Pyramide zu Gizeh.

In der Nähe erblickt man die Reste der mächtigen Mauern der
Hindu-Festung Lalkot, weiter nach Osten die gewaltigen Ruinen der
im Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten mohammedanischen Festung
Tughlakabad.

Kutb Minar steht neben der +Moschee+, die Kutab-ud-din unmittelbar nach
der Eroberung von Delhi (1191 n. Chr.) begonnen und die Ibn Batuta, der
mohammedanische Reisende, 150 Jahre später mit den Worten gepriesen,
dass sie weder an Grösse noch an Schönheit ihres Gleichen habe. Ein
wunderbarer Spitzbogen des Eingangs steht noch, 53 Fuss hoch, 22 Fuss
breit, umrahmt von schöner Inschrift, die ganze Fläche mit blumiger
Zierrath bedeckt. Der Hof ist umgeben von ganz und gar geschmückten
Säulen, die nach den Inschriften aus 27 heidnischen Tempeln entnommen
wurden; es dürften 1200 gewesen sein; die bilderzerstörenden
Mohammedaner haben die Figuren an den Säulen zerstört, nur in einzelnen
Ecken sieht man noch Jain-Heilige mit gekreuzten Schenkeln. Altamsh
(1210-1236) und Alaud-din (1300) haben neue Höfe an und um die früheren
gelegt, ähnlich, wie wir das aus altägyptischen Tempeln kennen, und so
Kutb Minar mit eingeschlossen.

In dem ursprünglichen Hof steht der +Eisenpfeiler+, 23 Fuss 8 Zoll
hoch, 16 Zoll dick, 6 Tonnen schwer, aus solidem Schmiedeeisen, mit
einer Sanskrit-Inschrift aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., welche einen
Sieg des Rajah Dhava über das Volk der Vahlikas am Indus feiert. Es
ist merkwürdig, dass die Hindu schon damals einen so mächtigen Pfeiler
aus Eisen schmieden konnten, wie er selbst heutzutage in Europa nicht
häufig hergestellt wird. (Nach Professor Reuleaux’s Untersuchung ist
der Pfeiler aus kleinen Eisenstückchen zusammengeschweisst.)

In den äussersten Hof führt +Alaud-din’s Thor+, ein viereckiges Gebäude
aus rothem Sandstein mit Spitzbogen, der von arabischer Inschrift
umgeben wird, mit durchbrochener Marmor-Arbeit in den Fenstern und
gekrönt von einer flachen Kuppel: wohl das schönste Beispiel des
früheren mohammedanischen oder +Pathan-Stiles+ in Indien.

Ausserhalb des Hofes, an seiner Nordwestecke, liegt das +Grabmal von
Altamsh+, das älteste in Indien.

Auf der Rückfahrt von Kutub Minar sah ich, östlich von Safdar Jang’s
Denkmal noch die vom Führer so genannte +Halle der+ 64 Säulen, das Grab
von Akbar’s Milchbruder. In der Nähe liegt das Grabmal des Dichters
+Amir Khusran+, der 1315 zu Delhi gestorben ist, aber in seinen Liedern
noch heute fortlebt; ferner das prachtvolle Marmorgrab des heiligen
+Nizam-u-din+ (1652), noch heute von den Nachkommen seiner Schwester
gepflegt; und endlich das der +Jahanara+, der frommen und gehorsamen
Tochter des Schah Jahan. Treu pflegte sie ihren Vater in seiner
siebenjährigen Gefangenschaft. (1658-1665) und ist 1681 verstorben. Das
Grab ist unbedeckt. Die persische Inschrift des Leichensteins enthält
die schönen Verse:

    Deckt grünen Rasen auf mein Grab, nichts andres mir behagt.
    Dies sei das einz’ge Leichentuch der demuthsvollen Magd.

Das Menschengeschlecht ist nur von einer einzigen Art; die indische
Prinzessin aus türkischem Stamm hat vor 200 Jahren Worte gewählt, wie
sie der romantischen Schule Deutschlands im Anfang unseres Jahrhunderts
geläufig waren.

In der Nähe ist ein von dem erwähnten Heiligen geweihter, 40 Fuss
tiefer +Teich+, in dem der Sage nach Niemand ertrinken kann. Nackte
Knaben stehen auf dem 40 Fuss hohen Dach des angrenzenden Gebäudes,
bereit zum Sprung in das Wasser, wenn man ihnen ein Geschenk zusichert.
Doch mochte ich den Heiligen nicht versuchen.

Oestlich und in geringer Entfernung von diesen Stätten liegt das
Grabdenkmal von +Humayun+, der 1556 n. Chr. gestorben ist. Der Bau
hat 16 Jahre gedauert und 15 lakh[536] gekostet und ist das älteste
Vorbild für die Taj. Auf einer gemauerten Erhebung steht der von einer
Marmorkuppel gekrönte, achteckige Mittelbau mit vier achteckigen
Thürmen an den Ecken und vier 40 Fuss hohen, spitzbogigen Eingängen,
alles aus rothem Sandstein, mit eingelegten Streifen von weissem Marmor
geschmückt: im Gebiet der Grossmogul ein Werk zweiten Ranges, an jeder
andern Stelle der Erdoberfläche ein Wunderbau. Hier war es, wo nach der
Wiedereroberung Delhi’s am 12. September 1857 Hodson den Mogul-König
+Bahadur+ Schah gefangen nahm und am nächsten Tage dessen Söhne mit
eigener Hand niederschoss.

1,8 Kilometer nördlich von Humayun’s Grab (etwa 3,5 Kilometer südlich
von dem Südostthor, Delhi Gate, der heutigen Stadt) liegt +Indrapat+,
eine Veste mit hohen und dicken Mauern, die allerdings von Humayun 1533
ausgebessert sind, aber immerhin an verschiedenen Stellen den Eindruck
hohen Alters machen. Eine steile Zufahrt bringt uns an das Südwestthor.
Innerhalb der Mauern hat eine ärmliche Hindu-Bevölkerung ihre Hütten
aufgeschlagen. Bettelnde Kinder und Frauen umringen nach Zigeuner-Art
den Fremdling. +Sher Schah+’s Moschee vom Jahre 1541 ist eine einfache
Halle aus rothem Sandstein, mit Marmor und Schiefer eingelegt, mit
hohen Bögen und einem Dom: ein durchaus ebenmässiges Gebäude. In der
Nähe steht ein achteckiges Gebäude, +die Bücherei von Humayun+, der
hier, als er den Aufgang des Abendsterns beobachten wollte, die Treppen
herabfiel und an den Folgen der Verletzung gestorben ist.

Südlich von den Südmauern der jetzigen Stadt sind die ganz zerfallenen
Ruinen von +Ferozabad+, der Festung, die Feroz Schah Tughlak 1354
erbaut hatte. Auf einem dreistöckigen Gebäude steht der Steinpfeiler
(+lat+) des Königs +Asoka+ (257 v. Chr.), von den Siwalik-Hügeln, wo
der Jumna in die Ebene tritt, hierher gebracht: die Inschrift, in Pali,
verbietet „zu tödten.“ Zur Zeit von Ferok Schah konnte Niemand dieselbe
entziffern.


Jaipur.[537]

+Die indische Heilkunde+.

Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von Delhi
nach +Jaipur+, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay, Baroda and
Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer, für 15 Rupien.
Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur 30 Kilometer in
der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält, in Ulwur über eine
Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das Mittagsessen.)

Ich komme also in die +Rajputana+, jenes grosse Gebiet im
nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches,
unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedenen
einheimischen Fürsten regiert wird.[538] Unter den letzteren sind nur
zwei Mohammedaner.

Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881
an 10 Millionen Einwohner,[539] von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina,
nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren.

Von der ursprünglichen Kriegerkaste der +Rajput+ (im Sanskrit
Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana,
hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz
auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d.
h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll
in ihrem Auftreten.

Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen
zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist
aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei
Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man
erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die
Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken
bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden.

Abends spät gelange ich in das +Gasthaus zur Kaiserin von Indien+
(Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in
Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes,
mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder
Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach,
wollten sie +von aussen+ ein Vorlegeschloss befestigen, was ich mir
natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter des
Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem Zimmer,
seinen Platz eingenommen.

Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche,
gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die
Heldenlieder[540] seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich
auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht
hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir
nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde
zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh
er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung
seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen
machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese
nächtlichen Lieder aufhörten.

       *       *       *       *       *

Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n.
Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff,
Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten
erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit
andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und
gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana)
tragen.

Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige
Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst
Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare
Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und
Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen
musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen
Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul
geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig.

Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der
Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig
besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur
britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen
Meuter-Aufstands.

Der wichtigste dieser Schutzstaaten ist +Jaipur+ mit 37000
Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als
2315000 Hindu sind.[541] Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste
Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha[542] ist der
35^{te}; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama,
den Helden der Volksdichtung, zurückzuführen. +Jai Singh+,[543] der
sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die Stadt
Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig; ihr auch
den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den Sitz der
Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre bestanden
haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in einer neuen
Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man, dass erst
der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut und die
Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr. +Hans Meyer+
dürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.)

Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen
von jährlich 10 Millionen Mark,[544] wovon er allerdings auch die
Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen
und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat.
Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch
üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus.
Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen.

Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über
dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten
Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im
Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss,
Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in
den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg[545] (Mittelschule)
mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas
schüchterne) Gas-Beleuchtung.[546] Die Zahl der Einwohner betrug
1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst
Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den
einheimischen Staaten Indiens.

Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur
Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst
mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen.

Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die
fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein
Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-Schein
+eigenhändig+ unterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer russischen
Freunde[547] ganz gut heraus und begleiten sie durch das Kaiserreich
mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen die nordwestlichen
Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah besichtigen wollen, so
findet er die höfliche Ablehnung schon lange fertig geschrieben vor.
Das haben mir britische Officiere erzählt. Vor Allem wird das Reisen
in den +Schutzstaaten+ überwacht. Wo es gar keine Gasthäuser giebt,
wie in Gwalior, steht das Rasthaus unmittelbar unter dem englischen
Aufsichts-Beamten; der Reisende hat diesen schriftlich um Erlaubniss
zu bitten.[548] Wo wegen des grösseren Verkehrs schon Gasthäuser
nothwendig geworden, wie hier in Jaipur, kann man die +Erlaubniss
zur Besichtigung der Paläste+ nur auf schriftlichen Antrag von dem
englischen Beamten erhalten. So wird in unmerklicher und auch wenig
lästiger Weise die Aufsicht ganz vollkommen geübt; denn, wenn Jemand
hier reisen wollte, +ohne+ die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so
würde er erst recht auffallen.

Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten
Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei
munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment)
gelegenen Gasthaus nach der Stadt.

Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie
krönt, ist in Riesen-Buchstaben das Wort +Welcome+ eingelegt. Grosse,
mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen uns
entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche ich in
den vorigen Tagen gesehen.

Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von
6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden
Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen,
sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer
noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten
Winkeln.)

Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die
einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the
Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen, mit
Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie
mit weissen Zierrathen versehen liess.

Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine
Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich
Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch
seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil
nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als
tüchtig gebaut.

Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen
waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in
die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern
eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge
sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens.
Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine
Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen
Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern.

Natürlich wurde ich zuerst in einen grossen +Laden+ geschleppt, wo die
berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so
geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er
mit mir kein Glück.

Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem
prachtvollen +Park+ ausserhalb der Mauern, der als der schönste
von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28
Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die
Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien.

In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule des +Lord Mayo+ errichtet,
welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen, eine
Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch der
Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines
Mörders sein Leben eingebüsst hat.

In dem Garten sind +Vogelhäuser+ mit Riesen-Pfauen, auch den
schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mit
+wilden Thieren+, namentlich mit +Tigern+.

Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere
zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er
reizt den Tiger zu höchster Wuth und -- hält dann die Hand auf, um
ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei
einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich
erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden,
+Menschenfresser+ seien; der eine habe fünfzehn, der andere zehn,
der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger
in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich
vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst
Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück
seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen.

Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein
zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250
englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen
getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis
ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798
Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an
einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt.

+Gefangen+ werden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose darüber
legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in der Grube
belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos geworden und
unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig gebracht und
zur Schau ausgestellt.

Der Hauptschmuck des Gartens ist +Albert Hall+, ein neues Gebäude,
zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und das mit
den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der
Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle,
an deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n.
Chr. an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus
den altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt.
Das Innere ist ein +Kunstmuseum+; dasselbe enthält die Ergebnisse
der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883
hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer
stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen
der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies die +vollständigste+.
Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da
sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter,
Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür
die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten;
Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit
wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles
mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn.

Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen
herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward
ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossen
von unserem Prof. +Herter+ erblickte, offenbar als Muster, um den Blick
und Geschmack der Einheimischen zu bilden.

Es giebt auch eine wirkliche +Kunstschule+ in Jaipur, welche Metall-
und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten Mustern
neu beleben soll.

Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um
die +Stadt selber+ genauer in Augenschein zu nehmen. Die lange Reihe
der einander ähnlichen Häuser in der ersten +Hauptstrasse+, alle
rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck,
theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem
Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen
Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen
ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können.

Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mit +Läden+,
unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden,
welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und --
Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht.

Der +Marktplatz+ am Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist rings
um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner mit
Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses
Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer
aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und
einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen
grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre
Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen
Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse
verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die
jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm
trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring
aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das
begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen.

Schaaren von Tauben beleben den Markt, Ochsenfuhrwerke beengen den
Platz. Uebrigens sind hier zu Lande die ältesten Ochsen +Grünhörner+
im wahren Sinne des Wortes, d. h. ihre Hörner sind mit grüner
Farbe bestrichen. Gelegentlich kommt ein Kameel oder Elephant. In
verschlossenen Sänften werden Tänzerinnen vorübergetragen. Unablässig
fluthet der Menschenstrom. Das ganze Bild hat für uns Nordländer etwas
Märchenhaftes. Alle Leute scheinen freundlich und zuvorkommend. Die
echten Rajput, mit schön gepflegtem Backenbart, welche das Schwert in
der Scheide ohne Gehänge in der Hand, wie wir den Spazierstock, tragen,
sind voll Würde und Selbstbewusstsein, ganz andere Leute, als die
Bengali. Gelegentlich sprengt auch auf weissem Ross ein adliger Rajput
vom Lande einher, bis an die Zähne bewaffnet, mit Flinte, Pistole,
Schwert und Dolch, während seine