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Title: Hôtel Buchholz - Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz
Author: Stinde, Julius
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Hôtel Buchholz - Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz" ***

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  Hôtel Buchholz.

  Ausstellungs-Erlebnisse
  der
  Frau Wilhelmine Buchholz.

  Herausgegeben

  von

  Julius Stinde.

  Berlin, 1897.
  ^Verlag von Freund & Jeckel.^
  (Carl Freund.)



Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.



Herrn August Scherl

zugeeignet.



Inhalt.


                                        Seite

  Große Erwartungen                         1

  Sommeraussichten                          9

  Angriffspläne                            18

  Ein Damen-Ausflug                        25

  Der Hausbesuch regt sich                 35

  Ein Blick über das Ganze                 46

  Das erste Lichtfest                      54

  Bei den Maschinen                        63

  Ueber Architektur und einiges Andere     72

  Ein freier Tag                           82

  Kindervergnügen                          92

  Verwickelungen                          102

  Meine Einquartierung                    110

  Täuschungen                             119

  Eingeregnet                             130

  Nebenbuhlerei                           139

  In den Kunstalpen                       148

  Auswärtige und innere Angelegenheiten   157

  Provinz-Erlebnisse                      165

  Es kommt zum Klappen                    176

  Alt-Berlin                              188

  Spree-Afrika                            200

  Glückliche Leute                        210



[Illustration: Titel-Dekoration]



Große Erwartungen.


[Illustration: Berliner Bär]

Ich ging lange mit mir zu Rath. Sollte ich oder sollte ich nicht?
Aber es war zu verlockend, der Antrag, für die offiziellen
Ausstellungsnachrichten auf mittlere Familien berechnete Berichte aus
meiner Feder abzulassen über das große Unternehmen im Osten Berlins,
die Gewerbeausstellung. Endlich, um sicher zu gehen, überlegte ich dies
Anerbieten mit meinem Mann, der ging auch nun längere Weile mit sich zu
Rath und sagte:

»Wilhelmine, ich fürchte, die Arbeit wird zu anstrengend für Dich, Du
mußt doch Studien machen, und wenn's regnet...«

»Dann gehe ich in die Baulichkeiten. Karl, es ist ja eine ganze
Stadt im Treptower Park entstanden, so daß die Ausstellung in
Inneres und Aeußeres, sowie in Altes, Neuestes und Fremdländisches
zerfällt. Und daran hängend der Vergnügungstheil und zwischendurch
Erfrischungsanstalten. Wo ist da Arbeit?«

»Das Betrachten und genaue Ansehen greift an.«

»In einem weg besehen, darin gebe ich Dir Beifall. -- Aber es ist
von einer wissenschaftlichen Commission genau abgezirkelt, wohin
immer Getränkunternehmen zu legen waren, den Nerven Beruhigungspunkte
zu bieten, und die sind auf den Zentimeter genau von beeidigten
Landmessern ausgerechnet.«

»Wer hat Dir das erzählt, Wilhelmine?«

»Karl, nichts beleidigt mehr als unangebrachter Unglaube. Wenn die
Krausen Dir etwas beschwört, ist es allerdings Deine Pflicht, mit dem
Gegentheil zu dividiren, und was dann herauskommt, damit sei auch noch
vorsichtig, es weiter zu verbreiten. Uebrigens brauchst Du ja nur
hinauszugehen und nachzumessen.«

»Wilhelmine, ich bitte Dich, schreibe nicht,« bat mein Karl mit
Nachdruck. »Wenn Du treuherzig bringst, was Hinz und Kunz Dir
aufbinden, fällst Du mit Glanz hinein.«

»Karl,« entgegnete ich, »Du redest wie das blinde Huhn von Anilin. Herr
Kriehberg ist nicht Hinz und Kunz.«

»Was ist das für 'n Fremdling?«

»Er ist ein höchst talentbegabter Architekt, dessen Bekanntschaft ich
auf dem Ausstellungsgelände machte, als ich mir das Ganze vorläufig
darauf ansah, ob es sich zum Ausschlachten für mich eignete. Gerade
so wie draußen in Treptow denke ich mir die Schöpfung beim Beginn:
noch keine Wege, keine Schutzleute zu fragen, wo's lang geht, kein
gedruckter Führer, Alles wüst durcheinander, so zu sagen: erst in der
sich gestaltenden Idee.«

»Hübscher Ausdruck, sich gestaltende Idee,« sagte mein Karl mit
verdächtiger Anerkennung. »Hast Du den aus Dir selbst?«

»Nein, von Herrn Kriehberg. Der war nämlich so liebenswürdig, als ich
mich verlaufen hatte, sich meiner anzunehmen und mir nützliche Winke
zu geben, weil man sich mit dem bloßen Augenmaße zurechtfinden mußte
und dabei immer in die entgegengesetzten Anlagen gerieth. Er wußte von
Allem Bescheid, was er als geaichter Architekt ja auch muß, und später,
wenn ich über die Baulichkeiten schreibe, hat er mir versprochen, das
Technische von den Stilarten zu liefern.«

»Das kann ja recht heiter werden.«

»Karl, er ist ein hochbedeutender junger Mann. Wenn es nach ihm
gegangen wäre, hätte die Ausstellung eine ganz andere Physiognomie
gewonnen, mehr an das zwanzigste Jahrhundert tippend. Aber sie hörten
nicht auf ihn und deshalb hat Manches nicht seine unbedingte Billigung.
Es ist ihm schon oft so ergangen. Weißt Du, es giebt Menschen, die
ausgezeichnete Pläne entwerfen und hoch erfinderisch sind, bei der
Konkurrenz nachher aber haben sie jedesmal die falsche Katze beim
Schwanz.«

»Hm. Und was stellt er jetzt vor?«

»Er ist Inspectorist.«

»Was inspectorirt er denn?«

»So beim Kalchlöschen und was sonst beim Bauen verknippert ist. Ohne
ihn würde das Meiste falsch ausfallen oder doch sehr aus dem Loth.«

»Auch nicht bitter. Wilhelmine, wenn Du besser nicht schriebest...«

Ich warf meinem Karl einen Blick zu von der Sorte, bei der man auf
Nachbestellung verzichtet.

»... ich meine nicht über Architektur.«

»Die gehört wesentlich dazu. Und sieh', Karl, selbst, wenn ich wollte
-- ich kann nicht mehr zurück. Ich habe schon drei Toiletten für die
Ausstellung in die Mache gegeben, die ich Dir nicht zuwälze. Nein, mein
Karl, die schreibe ich mir zusammen, namentlich die eine mattstrohgelbe
mit geklöppeltem Fichu, traumhaft gediegen, der Hut mit gelblichem
Kräuselwerk und weiße Handschuhe mit schwarzen Raupen. Du sollst sehen,
es wird verblüffend.«

Er war besiegt, der gute Karl, besiegt durch die unumstößliche Gewalt
der Thatsachen, ohne Widerspruch und Ränke, wie so viele Frauen
anwenden, um ihren Willen durchzusetzen. Meine Seele war sauber wie ein
Dutzend unangebrochener Taschentücher direct aus dem Laden.

Gebäude sind allerdings nicht leicht zu knacken, jedoch mit Kriehberg
überwinde ich sie. Er hat allerdings über Vieles ein geradezu
vernichtendes Urtheil und merkwürdiger Weise meistens über das, was
mir so gut gefällt, wogegen er furchtbar lobt, was meine Anschauung
unberührt läßt. Aber ich nehme wie aus zwei Kochrezepten von uns beiden
das Beste. Männer allein sind stets einseitig.

Mit Onkel Fritz hatte ich leichten Kampf.

»Schreib, Minchen,« sagte er. -- Darauf sollte ich »Nein« antworten,
aber ich that ihm den Gefallen nicht. Haben wir Frauen erst mal
Prinzipien, sind wir auch nicht wieder herunter zu bringen, und mein
Prinzip lautet: Widerspruch giebts nicht mehr. Das heißt nur, wenn er
nöthig ist. Dann aber feste!

Nun hat Onkel Fritz es an sich, seine Nebenmenschen mit
Spitzfindigkeiten so lange zu triezen, bis er Recht kriegt, immer mit
Vergnügtheit, aber mit Absicht. Um dies Spielwerk von vorne herein aus
dem Gang zu bringen, sagte ich: »Ihr habt ja ausgestellt, Du und mein
Karl, und ich -- ich schreibe. Aber was ich von Euren Gegenständen in
die Blätter setze, hängt von Eurem Betragen gegen mich ab.«

»Das ist Erpressung,« rief Onkel Fritz.

»Nothwehr!« entgegnete ich. »Du kannst mir dreist Zucker versprechen,
ehe meine Entschlüsse wanken. Schlecht machen werde ich Euch nicht...«

»Das könnte Dir eklig in die Blusen regnen,« warf Onkel Fritz ein,
jedoch nicht mit gewohnter Sicherheit. Er wurde schon klein.

»Weiß ich,« fuhr ich unbeirrt fort. »Wer sich Geschäftsschädigung
zu Schulden kommen läßt, kann mit mehr oder weniger Erfolg in
Anklagezustand erhoben werden. Aber was viel schlimmer ist und wogegen
keine Abhilfe möglich: ich kann Euch todtschweigen.«

»Hu,« rief Onkel Fritz, aber es war ein ziemlich benautes Hu, ohne
jegliche komische Wirkung. Er fühlte, daß die Druckerschwärze mir
Gewalt über ihn gab. Kein Zeugnißzwang vermag auch nur eine einzige
anerkennende Zeile aus mir herauszupressen oder selbst nur den bloßen
Namen. Und das weiß sowohl Fritz wie mein Mann. Und genannt wollen
sie sein. Es ist freilich viel Einbildung dabei, denn was nützt
das Genanntwerden, wenn das Publikum kurz von Gedächtniß ist, aber
ich ließ sie dabei. Es puckerte ordentlich in mir, wie ich so das
Herrschergefühl verspürte und Onkel Fritz an der Strippe hatte.

Natürlich werde ich mich nie zu solcher Gewaltthätigkeit entschließen.
Eine wie die Maria Stuart'sche Elisabeth unterhaut Todesurtheile in der
eigenen Familie; in unserem Jahrhundert grassirt dagegen die Humanität.
Nein, ich werde meines Karls Sachen gehörig herausstreichen und ebenso
Onkel Fritzens, wenn auch erst gegen Schluß der Ausstellung, damit sie
nicht zu früh wieder üppig werden. Drohen kostet nichts. Allerdings
hält es auch nicht vor.

Mein Schwiegersohn, der Sanitätsrath, ist Feuer und Flamme für die
Ausstellung, soweit er brennbar ist. Er spitzt unbändig auf die
elektrischen Verkehrsverbindemittel zwischen Berlin und Treptow,
wohin er jedes Jahr einmal mit seinen medicinischen Vereinsbrüdern
zum Krebsbundes-Essen reist: auf dem Schiff hin und in einem eigens
bestellten Nachtkremser zurück. Sie sind immer in vorwurfsfreiem
Zustande wieder in Berlin abgeliefert, weil der Weg so lang ist,
daß sie sich ausheitern, bevor sie versuchen, ob die Hausschlüssel
passen. Ob die raschere elektrische Beförderung mehr von ihrer
Vereinsthätigkeit verrathen wird, bleibt dahingestellt; aber da sie
diesmal ihr Krebsgelage auf der Ausstellung feiern wollen, wird
hoffentlich mehr Licht in die Sache kommen.

Er ist noch nie elektrisch gefahren und verspricht sich besonderen
Genuß davon, worauf ich mir zu bemerken erlaubte: »Wagen ist Wagen,
Herr Schwiegersohn.«

»Damit ist nichts gesagt,« erwiderte er.

»O doch. Es ist mit den elektrischen Wagen wie mit den Klößen aus
Mahlmühlen-Mehl oder aus Dampfmehl: mehr als glitschen können
sie nicht.« -- Er lachte beifällig, worüber ich stutzte und die
nachfolgende Erläuterung erwartete, die jedoch nicht von ihm ausging,
sondern von seiner Gattin.

»Mama,« fing Emmi verlegen an, »Mama, Franz meint, namentlich sei es
überaus angenehm, daß wir die elektrische Bahn nahe vor der Thür haben
und deshalb öfter hinausfahren können.«

»So ist es recht,« pflichtete ich bei. »Die Ausstellung ist eine
Veranstaltung des Gemeinwesens, die man durch persönliches Erscheinen
nicht genug unterstützen kann. Wer Bürgersinn hat, lege ihn hier klar;
die Gelegenheit ist günstig.«

»Ja, Mama, das ist auch unsere Ueberzeugung. Aber siehste, da Du
Berichte schreibst, mußt Du doch die Hände voll Freibillete haben, die
Du nicht allein absitzen kannst...«

»Ih, seht einmal,« rief ich. »Aus diesem Perspectiv kuckt ihr? Nein,
mein Schatz, was Ihr Euch ausgedacht habt, ist nicht. Erstens giebt
es keine Freibillets, denn die Ausstellung ist kein klassisches
Theaterunternehmen, und zweitens, mit welcher Nothlage wollt Ihr Eure
Bedürftigkeit nachweisen? Nee, Kinder, für Nichts ist Nichts. Die
Ausstellung liegt in Treptow und nicht in Nassau.«

Dieser kalte Strahl verschnupfte. Emmi zog einen Flunsch, und bei ihm,
wo er sich schon als Persona gratis geschmeichelt hatte, wurde die
Heiterkeit so alle, als wäre sie auf einem elektrischen Extrawagen
abgeblitzt.

»Mama«, sagte Emmi patzig, »Du hast oft genug gepredigt, Kinder legten
Eltern Sparsamkeit auf, damit sie nicht als junge Armuthsraben in das
Leben flattern und nun wir für unsere Kleinen nach Deinen Worten thun,
willst Du's nicht wahr haben.«

»An Euch sollt Ihr schinden, aber nicht an mir. Außerdem ist die
Ausstellung ein Bildungsmittel und wer seine Bildung vernachlässigt,
schädigt sich selbst.«

»Vergnügen ist wohl nicht draußen?« fragte er maliziös.

»Gewiß, zur Belohnung für die Bemühungen, die industrielle Entwicklung
der Kultur zu erfassen. Bewundert, was Menschenhände geschaffen haben
und dann dürft Ihr Euch stärken. Wissenschaft als solche ist trocken.
Das sieht man an dem Flüssigkeitsverbrauch der Studenten. Und deshalb
ist für Alles gesorgt. Kinder, bloß allein die lebensgroßen Schiffe in
voller Natürlichkeit und eins inwendig trinkfähig. Und ein chemischer
Palast und ein Gebäude für Erziehung und Unterricht, für Eure Knaben
wie geboren. Man weiß nicht, wo anfangen und wo aufhören?«

»Ich denke bei Siechen,« sagte der Rath.

Aus diesem Scherz merkte ich, daß seine Mucksigkeit nur äußerlich war
und er es auf etliche Märker nicht ankommen lassen wird. »Schön,«
sagte ich, »und damit Ihr seht, daß ich nicht so bin, lade ich Euch
sämmtlich zu einer Sitzung in dem Siechen-Ausschank ein mit Anblick der
Spree und Blasorchester. Ueberhaupt werden wir gemeinsame Wallfahrten
unternehmen, davon verspreche ich mir etwas.«

Ich behielt jedoch bei mir, was ich im Sinn habe. Ich denke mir
nämlich, wenn wir ein größerer Anhang zusammen sind, die Krausen mit
bei und Andere aus der Bekanntschaft und wir gehen so herum, dann
deichsle ich die Fortbewegung unmerklich, daß wir ungeahnt an dem
Pavillon des Lokal-Anzeigers vorbeikommen, der sie wegen seiner
Vornehmheit anhält. Während sie ihn betrachten, löse ich mich von
ihnen ab und gehe die Treppe hinauf. Sie fragen dann: »Herrjeh, Frau
Buchholz, wo wollen Sie hin?«

Ich wende mich zu ihnen und sage: »Entschuldigen Sie mich einen Momang,
ich habe Geschäftliches: ich bin Presse.«

Ich verweile einen Augenblick auf der Treppe, schneide ihnen eine
gnädige Verbeugung zu und verschwinde redactionell.

Das Gesicht von der Krausen will ich sehen, wenn ich so dastehe
gewissermaßen als Schwiegermutter der siebenten Großmacht -- denn das
ist und bleibt die Presse -- in meinem Strohgelben oder falls der
Wetterbericht es räth, in meinem neuen Marineblauen mit Crême. Sie soll
merken, daß man Gewicht hat, trotz ihres naslöcherigen Betragens, weil
ihr Mann Studirter ist und sie sich in jeder Gesellschaft das Meiste
dünkt. Wenn ich wieder erscheine, thu ich ganz wie gewöhnlich mit
Schlichtheit und Selbstverständlichkeit. Und sie hat den Aerger intus.
Den hat sie reichlich an mir verdient mit früheren Pikanterien und
Ueberhebung, sogar über meinen Mann, der doch ganz anders einzubrocken
hat als ihr Mann mit den dicken griechischen Büchern und dem dünnen
Gehalt.

So verspreche ich mir viel Interessantes und Erhebendes von der
Ausstellung schon jetzt, wo sie aus dem Gröbsten heraus den letzten
Schmuck angelegt kriegt. Wie viel tausend Hände sich regen, das muß man
sehen, und Alle von dem einen Gedanken beseelt, ^daß es schön wird^.

Solcher Anblick erfreut, wo so viel Zerstören in der Welt ist, so viel
Hader und Häßliches. Hier soll es schön werden. Und das wird's auch.

Allein blos die Natur. Der Berliner ist ja schon vergnügt, wenn er
einen Baum sieht. Desto grüner er ist, desto besser, daß er ihm
gefällt, und nun im Park die massenhaften Anlagen mit Bäumen und
Gebüschen, Teichen, Kanälen, Rasenflächen und Beeten, wie wird ihm dies
Alles zu Herzen sprechen.

Und in dem Waldartigen die verschlungenen Pfade und die einzelnen
Fachgebäude, freundlich und lustig, bunt bemalt und fröhlich geziert,
so im Grünen darin, als hätte der Osterhase sie versteckt. Welche
Ueberraschung, wenn man immer wieder Neues entdeckt, wenn man beinahe
vorbeigetrabt wäre und nach und nach inne wird, wie groß und bedeutend
die Ausstellung wirklich ist, und wie riesig mannigfaltig. Man müßte
schon vier Beine haben und ein Dutzend Augen.

Bald fängt es an zu blühen, der große Park wird zu einem Garten,
zu einem Paradies des Fleißes und der Arbeit. Die Springbrunnen
plätschern, die Maschinen wirbeln, Fahnen flattern, Blumen duften,
auf dem Gewässer wiegen sich Gondeln, die Wilden lagern in Kairo,
Alt-Berlin wird lebendig. Musik erschallt, die Thore öffnen sich und
jubelnd ziehen wir ein, wir Alle miteinander aus Nah und Fern.

Und die Vögel sitzen auf den Zweigen und singen dazu.

Mein Karl fing aber noch einmal an: »Wilhelmine, es werden
Sachverständige über die Ausstellung schreiben -- wo bleibst Du?«

»Darüber beunruhige Dich nicht, viel eher fürchte zu viel Sachkenntniß.
Du willst wissen wie und weshalb? Das bleibt vorläufig mein Geheimnis.
Ich nenne Dir nur den einen Namen: Ottilie.«

Er sah mich ganz perplex an der gute Karl.

»Du wirst es schon erfahren!«

[Illustration: Park]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Sommer-Aussichten.


[Illustration: Bellachinis Hut]

Das merkwürdigste von allen Organen des Menschen ist sein Gedächtniß.
Ich habe bis vor Kurzem keinen rechten Begriff davon gehabt, aber ich
stelle mir es vor wie früher Bellachini's Hut -- Nichts ist darin und
ohne daß man daraus klug wird, kommt die erstaunungswürdigste Füllung
zum Vorschein: Laternen, Bälle, Becher und zuletzt ein Wickelkind, das
einen Heiterkeitserfolg erntet. Oeffentliche Wickelkinder sind immer
von durchschlagender Wirkung.

Ich muß mich an diesen Vergleich halten, um mir zu erklären, wieso mein
Karl und ich mit einem Male in dem Kopfe so sehr Vieler auftauchten,
die sich erinnern, daß wir sie gebeten haben, uns zu besuchen, wenn der
Weg sie nach Berlin führte, und mit unserem Fremdenstübchen vorlieb zu
nehmen.

Da sind Verwandte von meinem Karl, die mit ihm blos durch höchst
zweifelhafte Urgroßmütter zusammenhängen und es vor Gott und der Welt
unverantwortlich finden, intimere Beziehungen so lange vernachlässigt
zu haben und ihre Saumseligkeit nur dadurch tilgen können, daß
sie während der Ausstellung einige Tage bei uns weilen. Ablehnung
meinerseits ist nicht angebracht, denn keine Behandlung schmerzt den
Mann mehr, als wenn die Gattin seinen Angehörigen und Freunden das Haus
zum Eiskeller macht, und außerdem bin ich durch meine Seitenlinien in
gleiche Lage gedrängt. Als damals die Tante in Bützow starb, habe ich
mitgeerbt, und Erben legt Verpflichtungen auf. Sollen die Leute sagen:
»den Draht schluckt die Buchholz, aber trotzdem sind die Familienbande
zerrissen.« -- Nein!

Und dann die Geschäftsfreunde, theils mit, theils ohne Hälften, die
sich bei unserer Silberhochzeit förmlich fürstlich angestrengt haben
-- die eine Servante ist geradezu ein Schützentempel werthvollster
Metallgaben -- und Jeder, der sich darin verewigte, ist zum
Ehrenmitgliede unseres Hauses ernannt, und die Ruppigkeit, die einmal
zuerkannte Ehre hinterher zu verweigern, haben wir nicht, selbst, wenn
sich Einiges auch blos als plattirt herausstellt. Beim Putzen schimmert
der Verdacht an den Kanten manchmal durch.

Bei jedem neuen Briefe mit dem Wunsche des Wiedersehens und der jetzt
erst möglichen Annahme der überaus liebenswürdigen Einladung vom so
und sovielten, Anno so und so, sagen wir »Sehr schätzbar, aber wo
unterbringen«? Denn das Fremdenzimmer habe ich ursprünglich für Ottilie
bestimmt, die mit mir die Ausstellung studiren wird und ihr ungeheures
Wissen hineinträufelt, wo ich eine Zuthat nothwendig erachte.

Sie ist die Tochter einer Halbcousine von mir und geprüfte Lehrerin,
womit sie sich ziemlich sorgenfrei ernährt, soweit das Leibliche in
Betracht kommt. Mit dem Geistigen und den Nerven aber hat sie ihre
Molesten. Wer versteht sie in dem Nest? Vielleicht Einige, aber mit
denen geht sie unglücklicher Weise nicht um. Seit Jahren hat sie
unbändige Gelehrtheit in sich aufgespeichert, von der sie nicht
erleichtert wird, da sie nur in den Anfangsgründen unterrichtet,
weshalb die Nerven unter fortwährendem, wissenschaftlichem Druck
leiden. Sie schrieb mir, Berlin wäre der einzige Ort, mit seinen
Kapazitäten ihren Nerven aufzuhelfen, sie ginge zu Grunde in der
geistigen Einsamkeit und so kam ich auf den Gedanken, sie als
Ausstellungsvertraute heranzuziehen.

Mein Karl sagte: »Es ist mir lieb, Dich draußen nicht allein zu wissen,
denn ich kann Dich nicht so oft begleiten, als Du wegen Deiner Berichte
Dich abstrappeziren mußt. -- Aber wenn Ottilie das Fremdenzimmer
bezieht, wo bleiben wir mit den anderen Gästen?«

»Karl,« sagte ich, »Ottilie schläft bei mir.«

»Und ich?« unterbrach er mich.

»Du wirst in der Fabrik eingerichtet.«

»Danke!« -- --

»Danke nicht eher, als bis Du siehst, wie gemächlich Du es dort haben
wirst. Fabrik und Haus sind durch den Zwischengang ein und dasselbe.
Wollen wir die Kundschaft vor den Kopf stoßen? Herr Ungermann hat
sich angemeldet, einer Deiner besten Abnehmer -- er widmete die große
silberne Fruchtschale -- durch und durch echt -- und seine Frau
kommt mit. Und alle die Anderen! Wir müssen noch die gute Stube als
Logirzimmer hergeben. Wenn das Mädchen auf dem Boden bivuakirt, läßt
sich ein einzelnes Wesen in ihrer Kammer beherbergen, wie zum Beispiel
Tante Lina. Kleinstädter sind anspruchslos.«

»Das kann ja reizend werden.«

»Karl, es muß sein.«

»Aber bedenke die Menge!«

»Es gehen viele Sardinen in eine Dose, wenn das Oel nur gut ist, ich
meine nämlich die Behandlung. Die Hôtels sind bis unter das Dach
übervölkert, also muß die Privatmildthätigkeit eingreifen. Freilich die
Krausen vermiethet für Geld, ich glaube, sie nächtigt mit ihrem Mann in
seinem Schreibsecretair oder sonst, wo es unpassend ist, blos um Beute
zu machen. Kein Laster dünkt mich empörender, als diese Art von Wucher,
wo er doch die Jünglingsjahre ihr geopfert hat und in seinen alten
Tagen Bequemlichkeit beanspruchen darf.«

»Mit mir wird auch nicht viel anders umgegangen.«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Kommandirst Du mich nicht aus meiner gewohnten Behaglichkeit in die
Fabrik?«

Ich lächelte. »Karl, wie kannst Du Dich mit Krause in eine Kompanie
reihen? Der Versuch allein schon ist verwerflich. Was wir thun,
geschieht aus Humanität für unsere Kunden, und nicht aus Mammonsgier.
Und das werden sie bei den Herbstbestellungen beherzigen und nicht
drücken, bis kaum noch das Maschinenfett verdient wird. Du sollst
sehen, wie die Ausstellung die Industrie hebt.«

Mein Karl legte ein Fremdenbesuchs-Conto an, worin jeder Angemeldete
seinen Termin bekam, um Platzzwistigkeiten vorzubeugen. Dies war vom
theoretischen Standpunkte so glänzend einfach, daß wir hoffnungsfreudig
in die Zukunft blickten, aber vom praktischen wollten sie so ziemlich
sämmtlich Ende Mai eintreffen. Für die folgenden Monate hatten sie
Badeaufenthalt oder sonstige hygienische Abstecher vor.

Nun ging es an ein Umlegen und Aendern und Hin- und Herschreiben, wobei
Einige sogar mit Bemerkungen antworteten, als fühlten sie sich in die
Ecke gesetzt. Einer schrieb, er hätte geplant, das Geschäftliche mit
dem Ausstellungsaufenthalt zu verbinden, schwerlich sei ihm dies im
August möglich. Er ließ mit vieler Noth bis Mitte Juli herunter, aber
dadurch klemmte es sich mit meines Mannes Verwandten, dem Amtsrichter.
Und Gerichtspersonen sind leicht verletzt.

Mein Karl sah dies ein, aber er hatte die Hände mit seinem Aufbau in
der Ausstellung voll -- geradezu überwältigend mit einem Reichsadler
aus schwarzen Socken nach dem Grundriß eines akademisch vorgebildeten
Künstlers -- und schob mir den Besuchsschlachtenplan zu. Ich saß und
bebrütete ihn mit stundenlangem Nachdenken, ohne daß jedoch eine
rettende Idee ausschlüpfte; immer uns stets war der Amtsrichter im Wege.

Da wurde mir ganz unerwartet Hilfe in der Noth, obgleich sie
nicht so aussah, denn wenn die Bergfeldten, oder jetzt nach ihrer
Wiedervermählung Frau Butsch, auf der Bildfläche erscheint, taucht
irgend etwas Erbauliches im Hintergrunde auf, woran sie weniger Schuld
hat, als das ihr im Kalender des Lebens angestrichene Pech. Sie ging
zweckmäßig gekleidet, wie es einer Weißbierwirthin vom Kietz geziemt,
wo Schleppen wegen der übergeschwappten Bodenfeuchtigkeit nicht
lokalgemäß sind. Sie arbeitet tüchtig in Küche und Haushalt und da sie
merken, daß sie etwas vor sich bringen, fassen sie Beide unverdrossen
an. Er zieht das Bier alleine ab mit inclusive Flaschenspülen, wobei
er manchmal zwei Zentimeter äußere Rundung verliert. Weil das gesund
ist, freuen sie sich Beide so darüber, daß sie ihm ein deutsches
Belohnungs-Beefsteak von Suppentellerumfang brät und er sich eine
Selbstanerkennungs-Weiße gönnt oder auch mehrere -- genau weiß sie es
nicht -- worauf die alte Dickdität überhaupt nicht weg gewesen zu sein
scheint.

»Butschen,« sagte ich, als sie mir dies erzählte, »mästen Sie Ihren
Mann nur nicht auf den Schragen.« -- »Es schmeckt ihm immer so schön,
da kann ich doch nicht davor? Mein Seliger gab zuletzt das Essen auf
und da war's alle. Nee, Buchholzen, Hungerkuren sind ja hochmodern,
aber sie endigen ebenso tödtlich wie andere Millezin.«

Dies verdroß mich. Es ist anmaßend für beschränktere Intelligenz, in
Familien mit einem Sanitätsraths-Schwiegersohn, herabsetzend über
arzeneiliche Sachen zu sprechen. »Liebe Butschen,« entgegnete ich daher
klarstellend, »wenn jemand an einer Behandlung stirbt, so liegt es
stets an dem Patienten. Oder haben Sie vielleicht bei Virchow gehabt,
daß Sie es besser wissen?«

»Nee,« erwiderte sie verlegen. »Hab' ich mich vielleicht mit 'ner
Ansicht vergallopirt? Wissen Sie, nehmen Sie's man nicht übel, ich
krieg die Zeitungen immer erst zwei Tage später nach der Küche zu
lesen, da bleib ich denn wohl ein Bisken in der Bildung zurück. Und
eben deshalb komm ich zu Ihnen, Frau Buchholz, weil Butsch auch keine
Zeit für die Anzeigen hat, -- wir haben nämlich ein Ausstellungszimmer
zu vermiethen --, vielleicht, daß Sie mal was erfahren und uns
rekommandiren?..«

»Butschen,« rief ich, »alleweil sind Sie auf Ihrem Terrain; Medicin
ist dagegen für Sie eine verrannte Sackgasse. Zimmer? Zu Mitte Juli
ganz sicher. Wie sind die Preise?« -- »Zwei Mark mit Frühstück« -- »Ist
das nicht etwas zu lindenhaft für die Schulzendorferstraße?« -- »Wir
haben Alles machen lassen, ich sage Ihnen, einzig. Die Stühle sind im
empirischen Stil, der jetzt mächtig aufkommt, wie der Möbelfritze sagt.«

»Sind die Möbel bezahlt?«

Die Butschen jetzt; über das ganze Gesicht griente sie. »Ja,« sagte
sie. »Wir haben's sauer verdient,... groschenweis.« -- Sie seufzte
tief auf. War es ein Freudenseufzer oder mehr ein Aufstoßen alter
Zeiten, wo sie doch, wenn sie irgendwo hintraten, ausschließlich in
Dalles und Rechnungen nicht anders kannten als schmerzhafte Papiere in
unquittirtem Zustande. Um mich zu überführen, fragte ich: »Und Ihnen
bekommt die Arbeit? Appetit gut? Schlaf gut? Augen gut? Gedächtniß
gut?« -- »Nee,« sagte sie und seufzte noch einmal, »das Gedächtniß
ist schlecht, es erinnert mich immer an so Vieles, was ich am besten
vergessen möchte. Aber ich will nicht klagen. Sie wissen ja selber, wie
ich mehr Schatten vom Leben gehabt habe, als Sonne.«

Ihr darzulegen, daß bei dieser Art Beleuchtung sehr viel davon
abhängt, welche Seite man der Menschheit zuwendet, wäre nicht
angebracht gewesen, denn einmal hatte sie sich mit dem Zimmer von
einer wohlthuenden Seite gezeigt und hat zweitens im Laufe der Jahre
viel Bloßstellendes abgelegt. Die Krausen hingegen bleibt konstant
unverändert, obgleich in der Zoologie sich selbst Schlangen häuten.

Der bekannte Stein, der schon so vielen vom Herzen gefallen ist,
obgleich ihn noch niemand gesehen hat, war herunter. Was sich auch
ereignete, wenn auch Zwei zusammenstießen: bei Butsch war für den Einen
Unterkommen. Ich klingelte der Dorette, um ihr dies mitzutheilen.

Ein wahres Glück, sagte ich zur Butschen, daß ich ein so zuverlässiges
Mädchen habe. Freilich, gleich nach der Ausstellung macht sie Hochzeit.
Ihr Bräutigam setzt sich als selbstständiger Tapezier, und die
Trinkgelder, die es inzwischen giebt, bringt sie mit in die Ehe.

»Baar Geld kann man nie genug haben, zumal wenn es Einem fehlt,«
bemerkte die Butschen.

Ich wollte ihr sagen, daß sie soeben ziemlichen Kaff geredet hätte,
wenigstens in der feineren Gedankenfügung, als die Dorette endlich
antrat, aber nicht wie gewöhnt rasch und adrett, sondern langsam in
Trauergefolgeschritt mit rothgeweinten Augen und zusammengewrungenem
Thränentuch in der Hand.

»Dorette?« rief ich. »Was giebt's denn? Was ist los?«

Keine Antwort.

»Ist Ihnen was Nahes gestorben?«

»Uh!«

»Wer denn, Dorette?«

Sie schüttelte verneinend mit dem Kopfe.

»Was ist Ihnen denn?«

»So reden Sie doch.«

»Det -- kann ick -- Ihn'n -- man blos -- janz alleene sagen,«
schluchzte Dorette und drückte das Taschentuch ins Gesicht.

Mit einem Takt, den sie früher nie hatte, stand die Butschen auf und
verabschiedete sich. »Sie können das Zimmer jederzeit haben, wenn wir's
nur vorher wissen. Uebrigens hat Butsch seine Telephonnummer.«

Ich zurück zur Dorette. Was hat sie? Was soll ich ohne sie anfangen
mit dem Haus voller Gäste und ich selber halb auf der Ausstellung und
halb am Schreibtisch, nie voll und ganz für den Hausstand? Eine neue
Philippine anbändigen, Berichte schreiben und dabei tadellose Wirthin
spielen -- das übersteigt meine Fähigkeit. Mehr als seine gewisse
Anzahl Pferdekräfte hat der Mensch nicht.

Ich also mir schleunig die Philippine vorgebunden und reinen Wein
verlangt. Sie aber immer gedruckst und mit Wortnoth behaftet, daß ich
schon dicht daran war, fuchtig zu werden, als mein Karl kam, der im
Gegensatz zu ihrer Zurückhaltung sich in einer Lebhaftigkeit erging,
die mich erschreckte.


So hatte ich ihn noch nie schimpfen gehört.

Als ich nach und nach erfuhr, worum es sich handelte, glaub' ich,
hab' ich auch einige unsanfte Aeußerungen dazu geliefert. War es denn
erhört? Jetzt, wo die Ausstellung eröffnet werden sollte, jeder Tag
ausgenutzt werden mußte, jetzt warfen die Tapeziere die Arbeit nieder,
gerade jetzt, wo sie die letzte Hand anzulegen hatten, damit alles die
Vollendungsfalten und Fransen kriegte und den rothen Callicot um die
Tische und was sonst zu bekleben, zu benageln und zu betroddeln war.

Die Philippine weinte bei dieser Auseinandersetzung ganz schrecklich.

»Ja, plärren Sie nur,« schnauzte mein Karl sie an. »Ihr Bräutigam, der
mir sein Wort gab, meinen Stand rechtzeitig fertig zu stellen, ist auch
mit ausgerückt. Ist das der Dank, daß ich ihm versprach, ihm bei seiner
Etablirung behilflich zu sein? Jetzt läßt er mich sitzen.«

»Mir ooch,« jammerte Dorette. »Er sagte, hier könnte er sich von wejen
Undank nich wieder blicken lassen.«

»Kann er auch nicht,« gab ich drauf.

»Und mit Heirathen is et nischt. Er setzt Alles bei den Strike zu, ooch
wat ick ihm erspart habe.«

»Warum begeht er denn solche Gemeinheit und verloddert sein Glück, Ihr
Glück?«

»Er wollte ja ooch nich, ihn hat das Herz jeblut't, aber er mußte ja.
Wat kann er alleene jejen die Uebermacht? Er jinge für den Herrn und
die Frau durch den dicksten Kleister, aber er derf nich.«

»Wer macht mir nun den Adler für meinen Aufbau?«

»Was?« rief ich, »der ist noch nicht da? Die Hauptkrone der ganzen
Ausstellung?«

»Vorläufig nur im Grundriß.«

»Karl, her damit. Ich hole den Eiserkasten. Den bringen wir selbst auch
wohl noch zu Stande, der akademische Plan ist ja vorhanden und die
Socken dito.«

»Halt, Wilhelmine, nicht übereilt. Es sind Tapeziere von auswärts
verschrieben, die werden kommen. Was am Eröffnungstage nicht fertig
ist, wird's vierzehn Tage später sein.«

»Das werde ich besonders in meinen Berichten hervorheben, mein Karl. Du
sollst nicht wegen des Streikes zu kurz kommen. O nein. Ich werde öfter
lobend auf Dich hinweisen, und wenn er erst an seinem Platze prangt,
auch auf den Sockenadler. -- Haben Sie sich man nicht so, Dorette, Sie
sehen, es geht auch ohne.«

»Ach, Madame, et is schon nich mehr scheen. Ick weeß nich, wie't werden
soll.«

»Dorette,« nahm ich strenge das Wort, »wir haben diesen Sommer
doppelte, ja dreifache Arbeit, dabei müssen Sie durchaus auf dem Posten
sein.«

»Det kann ick nich versprechen.«

»Dann gehen Sie besser.«

»Det wollt' ick ooch nich.«

»Was wollen Sie denn, Dorette?«

»Blos en Bisken Nachsicht mit meine traurije Lage.«

»Das werde ich mir erst noch mal überlegen. Gehen Sie an Ihre Arbeit.«

Sie ging.

»Karl,« sagte ich: »die Ausstellung, ein Mädchen, auf das kein Verlaß,
die Berichte, oder gar ein unerfahrenes neues, das Haus voller Fremden,
weißt Du, das sind Sommer-Aussichten, die ich mir doch etwas anders
gedacht hatte.« »So denkt man immer,« sagte mein Karl.

[Illustration: Frau]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Angriffspläne.


Die Ausstellung war kaum eröffnet, als der Herr Redakteur energisch
die versprochenen Berichte verlangte; es wäre doch reichlich Stoff
vorhanden.

Als ob ich das bestritten hätte? So weit mir bewußt, niemals. Also
weshalb Vorwürfe? Womit soll ich anfangen und an welchem Ende, da
gerade, was sich zum Beginnen eignet, noch nicht fertig ist? Liegt die
Schuld etwa an mir?

Soll ich das Unterrichtswesen zuerst vornehmen? Was sagen dann die
Damen, die das Seidenkleiderige vorziehen oder die Juwelenabtheilung?
-- Oder das chemische Gebäude? Ich habe mir ein Buch mit bunten
Ausstellungs-Ansichten gekauft, darin steht: »Das Dach dieses Gebäudes
hat eine eigenthümlich gewellte Form: ein Rundbogen verläuft in einen
scharfen Kamm, als Andeutung gleichsam, daß der Bau der Wissenschaften,
deren Pflege sich hier zeigt, immer höher und höher steigen werde.« --
Wenn man dies nicht wüßte, würde man dem Dache garnicht ansehen, was
für ein schlaues Dach es ist. Manche sagen, sie sähen es auch schon,
ich aber sehe mir es noch nicht darin, obgleich ich wiederholt das
Opernglas zu Hilfe nahm.

Ich holte Herrn Kriehberg darüber aus. Er meinte, »die Wissenschaft
als Rundbogen gedacht, wäre sehr geistreich.« -- »Dann rummelt ja
die ganze Stadtbahn über Wissenschaft weg,« entgegnete ich, »blos,
daß in den Stadtbahnbögen, soweit mir bekannt, mehr die Gurgel als
der Geist genährt wird.« -- »Sie laufen auch nicht in scharfe Kämme
aus,« bemerkte er, »darin liegt es. Der Kamm ist das Individuelle.
Hätte man mich gefragt, ich hätte ihn dreifach so scharf konstruirt,
wenn nicht noch schärfer, um die eminente Höhe der Wissenschaft durch
architektonische Lineamente auf das Allerschärfste zum Ausdruck zu
bringen.«

»Schade, daß Sie es nicht waren, Herr Kriehberg,« sagte ich, »Sie
hätten es gewiß für Jedermann aus dem Volke faßbar hingemauert.« --
»Das versteht sich,« versicherte er, und man sah ihm an, er hätte es.

Wenn nun ein Gebäude schon in seinem Aeußeren so viel Unverständliches
birgt, wie wird es dann erst drinnen sein, wo sie die gesammte
Wissenschaft losgelassen haben? Ich fürchte, mit Frauen-Emancipation
allein bewältigt man die innere Bedeutung nicht, wenigstens nicht in
einigen Stippvisiten, und darum halte ich die Chemie mit den daran
hängenden Gruppen als Erstes nicht recht angrifflich. Vielleicht
wimmele ich in meine späteren Berichte hin und wieder einen Atzen
Chemisches, aber zum Ausspiel ist es mir zu riskant. Auch hoffe ich
Beistand von Ottilie, denn die ist auf Sauerstoff, Spectralismus,
Galvanistik und alle anderen neueren Bildungsmittel examinirt worden.
Nur Muth.

Wenn Ottilie blos erst käme. Beschreibe ich Sachen ohne sie, will sie
natürlich hinterher sich auch daran belehren, und ich versäume die
Zeit, neue Eindrücke aufzusaugen während der Wiederholung des bereits
durch die Tinte Gezogenen. Aber sie kann noch nicht, ihre Schneiderin
hat sie auf das Sündhafteste vernachlässigt, indem sie zwischendurch
ein Brautkleid zurecht prünte. Hatte das denn solche Eile? Ich kenne
die Leute nicht und will auch keine Steine schleudern, aber den Vorwurf
der Rücksichtslosigkeit kann ich ihnen nicht ersparen; ihretwegen muß
ich mich vorläufig mit Ottiliens Photographie behelfen.

Sie sieht in Cabinetgröße recht jugendlich aus, aber wie ist sie
frühmorgens ohne Retouche? Wenn es keine schwarze Tusche gäbe, wie
Viele da wohl ohne Augenbrauen in den Albümern stächen?

Mein Karl fand sie passabel. -- »Mehr nicht, Karl?« -- »Eher weniger«
-- »Karl, sie gehört zu meiner Verwandschaft.« -- »Sie ist Dir aber
nicht im Geringsten ähnlich.« -- »Das wollt' ich mir auch ausgebeten
haben. Nein, Karl, solche spitze Züge habe ich nie besessen, selbst
nicht in den Heranwachsjahren; und die Augen reißt sie etwas gewaltsam
groß.« -- »Dafür zieht sie den Mund um so kleiner.« -- »Ich vermuthe,
sie kommt bedeutend unähnlicher an, als sie aussieht.« -- »Bezweifle
ich keinen Augenblick.« -- »Karl, Gelehrte sind nie bildschön, also
Gelehrtinnen erst recht nicht; das heißt ihre Figur ist nicht übel.«
-- »Zeig' noch mal her das Bild.« -- »Nein, Du hast genug gesehen,
Ihr Männer gebt viel zu viel auf den Wuchs und bedenkt nie, wie viel
Fischbein dabei ist. In dieser Beziehung kann ich Professor Röntgen
nicht hoch genug preisen; der dreht Euch endlich ein durchschauendes
Licht auf, und er nennt es auch sehr richtig X-Strahlen, weil alle
X-Beine dadurch ersichtlich werden.« -- »Hat sie welche?« -- »Wer?«
-- »Die Ottilie.« -- »Karl, selbst als Scherz betrübt diese Frage
mich tief. Ich habe über Ottilien zu wachen, wie eine Mutter über
dem Hühnchen aus dem Ei...« -- »Schon mehr Henne,« lachte mein Karl
dazwischen. -- »Wer?« fuhr ich auf, »wer ist die Henne?« -- »Nun, die
Ottilie,« lachte er weiter, »sie hat wirklich etwas hühnerhaftes in
ihrer Physiognomie.« -- »Photographieen treffen manchmal daneben,« wies
ich ihn ab. Ueber meine Verwandtschaft spectakeln erlaube ich nicht.

Wäre Ottilie, was man unter schön versteht, hätte ich sie bei den
lieben Ihrigen gelassen oder nur auf flüchtigen Besuch gebeten. Meine
beiden Töchter würden es krumm nehmen, obgleich sie längst ihre Männer
haben, wenn plötzlich eine entfernte Cousine Aufmerksamkeit in den
Kreisen auf sich lenkt, die sie bis zum Jetztpunkt beherrschten, und
wenn die Männer auch ehelich gut gezogen sind, wie leicht wird ein
Wort, eine nuttige Höflichkeit oder eine unbedachte Aufmerksamkeit
albern ausgedeutet und die Feuerwehr kann geholt werden. Ich sage
deshalb: Unschönheit hat so ihre Vortheile.

Und wenn eine gelehrt dazu gilt und studirt habend, vor der rücken
die Jünglinge aus, zumal solche, die das ihrige schon vergaßen,
eh' sie es lernten. Dagegen ernste Männer werfen sich heran und es
sprießen Gespräche auf, die den Geist erheben, ohne daß man Bange
vor leichtsinnigen Anknüpfungen zu haben braucht und kann Worte von
höherem Fluge fallen lassen, oder unbesorgt Musike hören, oder einen
kleinen Nick machen, je nach den nächtlichen Wärmegraden und den
Anstrengungen des Tages.

Die Abende draußen versprechen überirdische Befriedigung. Nun werde
ich sie mit Ottilien genießen. Wäre sie blendend, käme es umgekehrt;
sie bildete dann die elektrische Lampe, von Dämmerungs-Verehrern
umschwärmt, und ich den Laternenpfahl dazu. Dafür dankt Wilhelmine
jedoch ergebenst.

Wenn ich nun auch noch nicht genau weiß, welchen Zipfel der Ausstellung
ich für meine Berichte anschneide, so weiß ich doch bereits, wohin ich
die mir überantworteten Fremden geleite und zunächst Erika, um ihr das
Schönste zu zeigen, das ich bis jetzt entdeckt habe und zwar, wie bei
allen Forschungsreisen Mode ist, durch den Zufall.

Wie es im Leben überhaupt ohne Zufall aussähe, durch den noch jedesmal
das Weltbewegenste erfunden wurde, wie z. B. der Theekessel, auf den
sich die ganze Dampfmaschinenkraft stützt, oder der Telegraph durch
Froschkeulen, obgleich mir dies nicht recht klar ist, weil man doch im
Allgemeinen mit Padde das Niedrige der Schöpfung bezeichnet. Auch steht
nie dabei, wie es gemacht wurde und wie der eigentliche Kniff ist. Dies
muß Ottilie glatt legen; sie bringt ihre Bücher mit.

Mein Zufall äußerte sich einfach, indem ich dem Baumeister Herrn Bauer
begegne und ihn frage »Herrjeh! Sie hier?«, obgleich seine Anwesenheit
auf dem Treptower Gelände eine Sache von größter Natürlichkeit war.
Aber Gespräche und Kegelpartieen werden meistens mit Pudeln eröffnet.
Um den Schnitzer zu übertünchen, frage ich weiter: »Mit welchem Stil
werden Sie uns überraschen? Es ist ja Vieles da, vor dem man Kopf
stehen möchte... wie Onkel Fritz sagt.«

»Als wenn ich ihn reden hörte,« lächelte er, indem er mich betrachtete,
wie ich mich wohl in dieser Stellung ausnehmen würde. »Interessirt Sie
mein Bau, treten Sie bitte näher.«

Bei diesen Worten wies er auf das große Kaiserschiff.

»Nanu?« entgegnete ich, »seit wann legen Sie sich auf
Marine-Architektur?« -- »In Berlin machen wir Alles. Freilich ist
dies Schiff nur ein Modell, aber jedes Stück ist so gearbeitet, daß es
nach der Ausstellung direct einem im Bau begriffenen Oceandampfer des
Norddeutschen Lloyd eingefügt werden kann. In den Größenverhältnissen
und seiner Einrichtung ist es im Inneren wie Aeußeren die getreue
Wiedergabe der prachtvollen Riesendampfer Bremens und Hamburgs, auf
denen die Engländer und Amerikaner lieber fahren als auf ihren eigenen.«

»Ich bin ungemein für Schiffe,« erwiderte ich. »Auf meiner Fahrt
nach dem Orient hab' ich sie kennen gelernt, englische, französische
und auch die Dampfer des Oesterreichischen Lloyds, an die ich nicht
mit Wohlgefallen zurückdenke, denn sie sind das undeutscheste, was
Oesterreich liefert. In Port Said lag der Bremer Dampfer >Baiern<,
den wir besuchten. Sehen Sie, Herr Baumeister, der schlug die anderen
Schwimmanstalten gewaltig, auf denen ich das Mittelmeer durchlavirt
hatte, und wenn mich einmal überseeisch gelüstet, dann nur auf unsern
norddeutschen Fahrzeugen. Ich hab' doch lieber deutsche Bretter unter
meinen Füßen und die deutsche Flagge über meinem Haupte, als für mein
Geld geduldet zwischen Fremden mit fremder Sprache, die nicht nöthig
haben mir zu antworten, wenn sie mich nicht verstehen wollen. Diese Art
nationaler Dicknäsigkeit hab' ich kennen gelernt. Ich bin für eigene
Schiffe. Und das Geld bleibt im Lande.«

So sprechend traten wir ein.

Der Kaiserdampfer ist nur die Hälfte eines Oceandampfers, aber welch'
ein Kasten! Hier bekommt man den Begriff von einem schwimmenden Hause
oder richtiger von einem Wasser-Hôtel.

Der vordere Theil ist als nautische Sammlung ausgestattet, mehr für
Admirale und Capitaine und seefahrende Fachleute, die daran stoßende
Küche wendet sich dagegen an das Allgemeinverständniß. Denn essen
wollen sie Alle, selbst die Gelehrtesten, die mitunter kiesätiger sind,
als man ihnen zutraut. Ich kenne solche.

Die Propertät in der Küche sucht ihres Gleichen und dazu die listigen
Vorkehrungen, daß nichts überläuft, wenn das Schiff auf hoher See
schaukelt. Nachher liegen die Setzeier in der Asche und es riecht
verbrannt in den Salons, wo die Möbel eine Pracht entfalten, daß
die Herrschaften immer erst um Entschuldigung bitten, ehe sie sich
niederlassen.

Die Treppen sind mit Läufern, das Holzgetäfel ist auf das Zarteste
geschnitzt und weiß lackirt, die blanken Messinggeländer sind
bildgießerisch höchst kostbar, aber doch nichts im Vergleich mit den
Kaiserlichen Gemächern, die nicht blos so heißen, sondern es wirklich
sind.

Wenn der Kaiser die Ausstellung besucht, ist das Bremer Schiff sein
Absteigequartier, wo ein Speisesaal, ein Besprechungszimmer und ein
Rauchgemach bereit stehen und für die Kaiserin Zimmer und Salons, deren
Deckengemälde von so lieblicher Schönheit sind, daß sie eine Weide für
die verwöhntesten Augen bilden.

Wenn die Majestäten abwesend sind, kann man diese Herrlichkeiten
betrachten, ebenso die vollkommen eingerichteten Kabinen erster und
zweiter Klasse, die Damen-, Speise- und Rauchzimmer, Capitainskabine,
Arztwohnung mit Apotheke, Lazareth, Badestuben und weiß dann, wie ein
Personendampfer aussieht.

Klettert man höher auf das Promenadendeck und noch höher, wo der
Capitain steht, auf die Commandobrücke, dann ist das Schönste erreicht,
was ich Erika zeigen will.

Das Schiff ist so hoch wie ein vierstöckiges Haus und liegt auf dem
Lande, wenn auch mit der Spitze in die Spree hineingebaut. Von hier
oben nun hat man eine Aussicht, die nicht zu beschreiben ist. Nach
Westen zu das große, weite Berlin mit unzähligen Fabrikschornsteinen,
die qualmen und rahmen, und wenn die Sonne scheint, blitzt es ab und
zu goldigglänzend von einer Kuppel oder der Siegessäule oder was sonst
auf blank gearbeitet ist. Nach Rechts, nach der Eierhäuschengegend
und Sadowa, ist grünes Gefilde mit Waldbegrenzung, eine echte
Spreelandschaft, bildschön für Einheimische, und für Ausheimische eine
freundliche Bitte, die Berliner Umgegend nicht blos zu lesen und zu
höhnen, sondern zu betrachten und der Wahrheit die Ehre zu geben.

Und nun erst die Spree. Die Südsee ist breiter, das gebe ich zu,
und die Elbe auch und, wie klein die Schiffe sind, das mißt man
sofort durch Vergleiche mit dem Kaiserschiff ab, aber dies Leben,
dies Gondeln, diese Rührigkeit zur Ausstellungszeit, das Alles ist
die Märchenhaftigkeit der Wirklichkeit. Wenn die Blätter von den
Bäumen fallen, schwindet auch dies lebendiges Bild aus dem Leben der
Großstadt. Und kommt nie wieder.

Deshalb soll und muß Erika hinauf auf die Commandobrücke des
Kaiserschiffes und ich will nichts weiter betrachten als ihre lieben
blauen Augen, die All dies Schöne auftrinken und leuchten wie
Kinderaugen am Weihnachtsfest. Sie spricht dann nicht viel, weil
ihre Seele sammelt, aber im Winter, nach Jahr und Tag, bei rechter
Gelegenheit, fängt sie davon an und hilft unserm Erinnern auf, bis wir
wieder vor uns sehen, was uns Freude machte. Sie erzählt keine längere
Feuilletons, o nein. Ein kleiner Satz, oft nur ein Wort und fertig ist
die Laube, als säße man darin und hörte die Nachtigall singen. Die
kleine Wilhelmine muß natürlich mit. Heut zu Tage kann die früheste
Jugend nicht genug anschauen; es ist mehr Wissen vorhanden, als das
Leben lang ist.

Onkel Fritz dagegen darf unter keinen Umständen mit hinauf. Wenn der
dort oben steht und hat die Gegend ausgekundschaftet, er dann gerufen:
»Herrjeh, ist das gegenüber nicht Stralau? Und das links... das ist ja
Tübbecke!« Und dann die Hände als Sprachrohr an den Mund und geschrieen:

»Kellneer, einmal grünen Aal!« -- Nein, er bleibt irgendwo an einem
näßlichen Orte; es giebt ja vorzügliche Weißen draußen. Außerdem hänge
ich ihm Ottilie an die Rockschöße.

Wie freue ich mich auf die kommende Zeit.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Ein Damen-Ausflug.


Ich hatte der Bergfeldten -- merkwürdig, daß ich sie immer wieder nach
ihrem ersten Manne nenne, den sie doch eine Reihe von Jahren hinter
sich hat -- also richtiger der Frau Butsch versprochen, sie baldigst
nach der Eröffnung mit nach der Ausstellung zu nehmen und ihr durch
meine allmählich erworbene Platz-Plankenntniß in kürzester Zeit einen
Ueberblick beizubringen, daß sie zu Hause Rechenschaft ablegen kann.
Denn dies ist die Hauptsache. Alle Kunden fragen in der Weißbierstube,
wie es sich mit der Ausstellung verhält und Herr Butsch hat nichts
gesehen und sie noch weniger und die Gäste betrachten das Lokal
nachgerade als ein Nebengeschäft der Idioten-Anstalt. Wer nichts von
der Ausstellung zu sagen weiß, gilt allmählich für unbetheiligt an der
Civilisation.

Weil sie nun mir so freundlich mit dem Zimmer aushelfen will, bin ich
ihr auch gern wieder gefällig und schrieb ihr auf einer Fahrrad-Karte,
daß ich sie zu einem gemüthlichen Nachmittag erwarte.

Sie hat sich in der letzten Zeit bedeutend gebessert. Verhältnisse
ändern zum Guten oder zum Schlimmen, je nachdem der Mensch
hineingesetzt wird. Herr Butsch läßt sich wenig gefallen. Wenn man
so seine Statur betrachtet, da muß sie klein beigeben, wogegen Herr
Bergfeldt weder die Beamtenluft vertragen konnte noch die häuslichen
Zustände. Den tödteten die Sorgen, ehe er starb.

Wenn man mit Leuten im Leben Freud und Leid durchgemacht hat, Erzürnen
und Vertragen und, was die Zeiten so brachten, steht man sich
näher, als man oberflächlich zugiebt. Das jüngere Geschlecht wächst
heran, dem Zukunftslichte zu und läßt uns Aelteren in dem Schatten
der Vergangenheit. Aber wir sehen auch hinaus in das Helle, blos mit
dem Unterschied, daß wir einen ganzen Kasten voll Erfahrungen haben:
Früchte des Lebens, die wir öfter anbieten, als sie von der klügeren
Jugend abgenommen werden. Aber man knabbert selbst daran und freut sich
der Zeiten, als man sie sammelte.

So dachte ich mit der Butschen den Ausstellungsnachmittag zu
verbringen: das Neuere und Neueste bestaunen, Meinungen darüber
austauschen, obgleich immer nur zwei Ansichten sein können, meine oder
die verkehrte, zwischendurch den Gastwirthen etwas zu verdienen geben
und während des Ausruhens vergangene Erlebnisse aufwärmen und in aller
Behaglichkeit vieräugig Plaudern, mit einem Worte von seinem Dasein
etwas haben. Aber in der Butschen waltet immer noch die Bergfeldten.

Konnte sie denn nicht alleine kommen? Was mußte sie die Fräulein
Pohlenz mitbringen, die ich stets freiwillig übersehe, sobald sie mir
begegnet, da ich sie drei Schritt vom Leibe am liebsten habe. Und wenn
sie sich an die Butschen anklettet, muß die soviel Mumm haben, daß sie
sagt: Fräulein Pohlenz, ich glaube nicht, daß Sie heute angebrachter
Maaßen sind oder wie sie sonst abwinkt. Gegen gute Freunde kann man ja
deutlicher sein, als gegen Fremde.

Ich durfte deshalb mein Mißfallen nicht in passende Worte kleiden,
sondern mußte die Pohlenz mit übernehmen, wie sie da war: aus dem
ersten Jugendtraume längst erwacht, aber immer noch sich gehabt, wie
eben aus der Wiege. Und das kann ich nicht ausstehen. Wer dumm geboren
ist, den entschuldigt man mit der Vorsehung, die wohl ihre Gründe
gehabt haben mag, aber wer sich dumm stellt, der hält Andere für noch
dümmer, und das ist eine Beleidigung.

»Sie hat so'n Gieper auf die Ausstellung,« sagte die Butsch, »daß
ich sie endlich mitnahm. Und als einzelnes Mädchen allein unter die
Menschenmenge lassen, das kann man auch nicht gut verantworten.«

»Ich glaube, Sie bilden sich was ein, Fräulein Pohlenz,« bemerkte ich.

»Ach nein,« sagte die mit niedergeschlagenem Blick »aber draußen im
schlesischen Busch ist doch schon mancherlei passirt....« Weiter kam
sie nicht, sondern hustete den Schluß ihrer Rede.

»Fräulein Pohlenz,« entgegnete ich, »der schlesische Busch hat mit
der Ausstellung keine Gemeinschaft, alle Penn- und sonstigen Brüder
sind durch Drahtgitter polizeidicht abgesperrt und die vollziehende
Straßengewalt sorgt zu Pferde für strengste Draußenverbleibung
sämmtlicher sogenannter Elemente. Also was kann da groß an Ihnen
verdorben werden?«

Sie suchte zu erröthen und hustete.

»Und aus den Schüchternheits-Jahren ist sie,« stand die Butschen
mir bei. »Wenn ihr jedoch ja was geschieht, dann braucht sie blos
ordentlich schreien.«

»Ganz recht,« bediente ich in derselben Farbe, »die Kraft der Schwachen
liegt im Schreien.« -- »Damit wehr' ich mich auch immer gegen die
Mause,« sagte die Butschen.

Weil in meiner Absicht lag, den Kaffee draußen zu nehmen, bot ich
den Damen ein Gläschen Maltonsherry, der ihnen derart mundete, daß
sie sich zur zweiten Auflage so gut wie gar nicht nöthigen ließen,
dabei einen Posten von Kokusnußmakronen, selbstgebackene Probe für
den Sommerbesuch. Sie sollen billiger sein als aus Mandeln, aber ich
vermuthe, die Berechnung bezieht sich mehr auf die Breitengrade, wo die
Nüsse umsonst wachsen. Von Geschmack fanden sie Beifall.

»Ist Ihnen ein Krümel auf das unrechte Stimmband gerathen?« fragte
ich die Pohlenz, die, wie ich wiederholt beobachtete, einen sehr
aufbegehrenden Kehlkopf hatte, »oder haben Sie sich erkältet?«

»Ein ganz klein wenig,« gab sie zu.

»Da müssen Sie vorsichtig sein. Vernachlässigte Erkältungen zersetzen
oft die Athmungsorgane.«

»Meinen Sie?«

»Ich nicht. Aber die medicinische Wissenschaft. Mein Schwiegersohn, der
Sanitätsrath, sagte vor ein paar Tagen noch, es sei ein gefährliches
Lungenwetter. Wer Symptome weg hätte, bliebe am besten im Zimmer und
hielte sich warm. Wie lange husten Sie schon?«

Die Pohlenz wurde ängstlich und besann sich.

»So,« dachte ich, »noch ein paar Rathschläge und sie ist so vernünftig
und zoppt rückwärts nach Hause; dann hätten die Butschen und ich
unseren Nachmittag reizend für uns.« Eben wollt' ich von einer Frau
erzählen, die sich auch nicht warm gehalten und innerhalb dreier Tage
ihren trostlosen Gatten zum Wittwer gemacht hatte, als die Butschen
dazwischen fuhr: »Mir sagten mal der Herr Sanitätsrath, beim Husten nur
ja nicht die frische Luft abgewöhnen.«

»Bei Ihnen, halb auf dem Lande, trifft das zu,« entgegnete ich, »aber
hier bei uns doch nicht.«

»Die Pohlenz wohnt ja in unserer Gegend, also muß sie an die Luft.«

»Dann wollen wir auch nicht länger zögern,« entschied ich und blickte
die Butschen mit tadelndem Kopfschütteln an, das sie natürlich nicht
begriff. Hätte sie sonst gesagt: »Ich halt es auch nicht für schlimm.
Husten reinigt.«

Wir trabten nach dem Alexanderplatz-Bahnhof, kauften am Schalter mit
dem Fahrschein gleich unsern Ausstellungseinlaßzettel und wegen des
Sonnabends war ganz commodes Mitkommen auf der Stadtbahn. Sonntags wird
es jedoch engbrüstiger zugehen.

Wir stiegen Bahnhof Treptow aus, gingen die Chaussee lang und näherten
uns dem Haupteingange. Die Pohlenz, naiv wie immer, wollte durch das
Central-Verwaltungsgebäude eindringen, indem sie es für ein Thorhaus
hielt. »Meine Liebe,« belehrte ich sie: »Das Publikum theilt sich
rechts und links und geht durch die Kassen-Kontrole an den Seiten. Auf
dem Rückwege dürfen Sie durch die Mitte, nachdem Sie sich durch die
Drehzähler gequetscht haben, die jedoch ohne Nummerwerk sind.« -- Dies
bewunderte die Pohlenzen sowohl, wie die Butschen, aber mich mit ihnen
auf das statistische Gebiet zu begeben, schien unangebracht. Wo wenig
Verstand ist, muß man ihn für wichtigere Aufgaben schonen.

Als unsere Eintrittsscheine richtig befunden waren, schlüpften wir auf
das Ausstellungsgelände. Die Pohlenz wollte ihren bis dahin verhaltenen
Ueberraschungsgefühlen Ausdruck verleihen, aber, da es so eingerichtet
ist, daß man anfänglich nichts sieht, machte sie ein Gesicht, wie Eine
die ein bischen mager zu Weihnachten bekommen hat. Die Bergfeldten war
inzwischen in Ablehnungskampf mit einem von den officiellen Jünglingen
gerathen, die das verbriefte Recht haben, die Tagesprogramme feil
zu halten. Da die Pohlenzen sofort in dieselbe Verlegenheit gesetzt
wurde, war ich neugierig, ob sich wohl eine von den Beiden so anständig
zeigte, eins zu kaufen. Aber nein.

Wenn sie jedoch dachten, ich würde den Groschen in's Allgemeine Beste
werfen, täuschten sie sich gründlich und deshalb winkte ich dito
Schippen.

Wir gingen nun rechts die künstliche Anhöhe hinauf, die, genau besehen,
eine Brücke über die elektrische Eisenbahn darstellt, und betraten nach
und nach die Hauptbetrachtungswürdigkeit, die Anlagen zwischen dem
Neuen See und dem Industriegebäude. »Meine Damen,« sagte ich, »sehen
Sie sich erst um, wenn ich vernehmlich rufe: Nu! So verfahren gewiefte
Reisende, wenn's wo schön ist.« -- »Ich schiele nicht,« antwortete die
Butschen, »hingegen für die Pohlenzen übernehme ich keine Garantie«
-- »Woso?« begehrte die auf -- »Sie kann mit zugemachten Augenlidern
um die Ecke glupen,« setzte die Butschen hinzu, »und sieht mehrstens
gerade stets, was sie nicht sehen soll. Woher weiß sie sonst Alles?«

Um Zwistigkeit zu verhüten, schritt ich rasch bis zum Bismarckstandbild
und machte Halt. »Schlagen Sie Ihre Sehorgane auf,« befahl ich,
»und begrüßen Sie dieses Bildniß aus Erz. Hier hat Berlin seinem
Ehrenbürger ein Monument gesetzt, das der Ausstellung zum Ruhm
gereicht. Wo der große Mann gewirkt hat, ist noch alles zu Heil und
Segen ausgefallen.« Ich wollte einige fernere Worte hinzufügen, aber
ein Programm verkaufender Jüngling litt es nicht. -- »Danke, wir sind
schon versehen,« verscheuchte die Pohlenz ihn. Wie Eine angesichts
Bismarckens so lügen kann, ist mir unbegreiflich und mindestens das
Zeichen eines sehr fleckigen Charakters.

Nach etlichen Schritten rief ich: »Nu!«

Die Wirkung war, wie ich gedacht.

Die Meeresfläche, im Hintergrunde mit dem weißen Wasserthurm und dem
Hauptrestaurant, vorne die Blumengefilde, die Obelisken und dazu
Musik aus den Pavillons, das war wirklich wunderschön. Und dann
durch einfache Umdrehung des menschlichen Körpers der Blick auf das
Industriegebäude mit der Kuppel und den Thürmen, deren Aluminiumkappen
in der Sonne glänzten wie nagelneue Suppentöpfe und die Orangenbäume
auf dem Dache des Vorbaues, der in zwei Wandelhallen ausläuft, die das
Ganze in übersichtlicher gerader Linie durchschneiden, dies wirkte
verstummend auf die Beiden, die derartiges noch nie in ihrem Leben
gesehen hatten. Die Pohlenz that so überwältigt, daß sie auf einen der
vielen Stühle sank, die einladend an den Ufern des Sees entlang stehen.

Kaum jedoch war sie gesunken, als flugs ein Knabe nahte, der zehn
Pfennige Stuhlmiethe verlangte. Sie sich gesträubt. Es half ihr aber
nichts und so kaufte sie für einen Nickel Sitzgerechtigkeit, die für
den ganzen Nachmittag gilt.

Dies war die Strafe dafür, daß sie kein Programm gekauft hatte, worin
zu lesen steht, was per naß ist, und was Auslagen verursacht.

Als ich nun für angebracht hielt, den Kaffee zu nehmen, wollte die
Pohlenz für ihre zehn Pfennige weiter sitzen. »Wie Ihnen beliebt,«
bemerkte ich, »aber einmal getrennt ist Wiederfinden ein Glückszufall.
Kommen Sie, Butschen, wir gehen in's Café Bauer.«

Dieses erreichten wir unangefochten und nachdem wir einen Tisch mit
bester Mitten-Aussicht gefunden hatten, bestellten wir dreimal Melange.
Wir nennen es sonst Kaffee mit Milch, aber die Oesterreicher kennen es
nicht anders und den Dreibund-Gebräuchen muß man sich fügen.

Der Kellner brachte das Verlangte. »Auch Gebäck gefällig?« fragte er
und stellte einen Korb mit feiner Backwaare auf den Tisch.

»Nee,« rief die Butschen, »nehmen Sie den man wieder mit. Wir haben
selber.« Und ehe ich mich von meinem Schreck erholen konnte, sagte sie
zur Pohlenz: »Nu man heraus mit den Gesangbüchern, ich hab' Hunger.«

Die Pohlenz denn auch ihre Handtasche aufgemacht und einen Packen
Klappstullen hervorgeholt, als wäre Hungersnoth in Sicht. »Wollen Sie
mit Wurst oder mit Käse?« bot die Pohlenz mir an. -- Ich dankte. --
»Es ist delinquente Schlackwurst und prachtvoll durcher Ramadour.« --
»Danke,« lehnte ich nochmals ab, »den hab' ich bereits gerochen.«

War dies glaublich? In dem feinen Café, wo die Kellner herumlaufen wie
die Ballherren während der Tanzpausen und der Zahlkellner es mit jedem
Bräutigam aus der höchsten Noblesse aufnimmt, entblödeten die beiden
Weiber sich nicht, den Eßkober zu entfalten, als machten sie eine
Landpartie nach der Wuhlheide. Und die spietschen Physiognomieen von
den Wienern. Und meine Angst, daß Bekannte kämen. Ich fürchte doch, die
Butschen wird in der Weißbierstube ihres Mannes nach und nach gemischt.
Von der Pohlenz sage ich nur: Kein Mensch kann über seinen Horizont.

Ich zahlte ohne Ansehung des Kellners und that, als ob ich die
Bemerkung der Pohlenz über die kleinen Tassen garnicht hörte. Ob sie
Trinkgeld gegeben haben, weiß ich nicht, mir war blos, als ob das »Hab'
die Ehr'!« den Beiklang eines Hinauscompliments hatte.

Die Butschen wollte hierauf in das Hauptgebäude, was mir jedoch
insofern nicht recht war, als meines Karls Aufbau noch der letzten
Krönung mit dem Adler aus echtschwarzen Socken ermangelte, allein, was
vermochte ich gegen zwei Stimmen, da die Pohlenz auf der Butschen Seite
stand, innig durch die Klappstullen verschwestert? Ich folgte willenlos.

[Illustration: "Da raucht einer aus zwei Cigarrenspitzen auf einmal."]

Vor dem Portal blieb die Butschen stehen. »Herrjeh,« rief sie, »das ist
ja eine ganze neue Mode: da raucht Einer aus zwei Cigarrenspitzen auf
einmal.« -- »Wo denn?« -- »Da über dem Thürbogen der Kopp.«

»Nein,« erwiderte ich, nachdem ich das Bildhauerische ergründet hatte,
»das bezieht sich nicht auf Tabak, das ist der Ruhm, der bläst auf der
sogenannten Fama, wie die Trompeten im Alterthum hießen.« -- »Da gehört
aber eine tüchtige Puste dazu,« sagte die Pohlenz. -- »In früheren
Zeiten waren die Lungen kräftiger,« gab ich ihr zu verstehen, »aber man
schonte sich auch mehr bei Erkältungen und blieb zu Hause.«

Wir traten ein, in der Vorhalle den Löwenbrunnen zu besichtigen, wobei
wir von einem Blumenmädchen anmuthig unterbrochen wurden. Sie war weiß
gekleidet mit einer Achselschleife in den deutschen Farben, hatte aber
kein Glück mit uns. Auch einer schwarz gekleideten erging es ebenso.
Eine dritte, die dies sah, wagte sich nicht erst heran. Mir war auch
nicht blumenkauferig.

Mein Karl hält abgeschnittenen Blumenhandel ebenfalls für unnöthig.
Warum? Man ist eben aus den sogenannten Galanteriejahren heraus.

Die Pohlenzen strebte vorwärts: sie hätte so viel von dem Deckengemälde
in der Kuppelhalle gelesen, das müßte sie betrachten. »Gewiß,«
willigte ich ein, »Gemälde bilden.« -- »Man sagt ja auch, Kinder wie
die Bilder,« setzte die Butschen hinzu. Was sie damit meinte, war mir
unerfindlich und wird wohl für immer räthselhaft bleiben, denn, gerade
als ich nachfragen wollte, stieß die Pohlenz einen Mordsschrei aus und
legte ihre linke Baumwollen-Handschuhhand wie eine Scheuklappe an die
Stirn.

»Was ist Ihnen?« fragte ich besorgt. -- »Haben Sie sich den Fuß
verknaxt?« fragte die Butschen. -- »Nein, nein,« ächzte die Pohlenz,
»Gott nein. Nein, nein, ich kann das nicht sehen...« -- »Was nicht?«
-- »O nein... nein... die Puppen.« -- »Was für...« -- Wir hielten
nun auch einen Rundblick und entdeckten an einer Ecke der Halle ein
paar Museumsriesen in der bekannten klassischen Auffassung, bei der
das Stoffliche vernachlässigt wird, weil doch die Marmorfiguren
aus dem sonnigen Griechenland entspringen und es im Alterthum
keine Confectionsgeschäfte gab. Aber wegen der Größe und der
Fleischfarbigkeit mochte die Pohlenz sie wohl für lebendig gehalten
haben und gedacht, sie thäten ihr was.

»Es sind ja nur gipserne,« suchte die Butschen sie zu beschwichtigen.
-- »Nein, nein,« blieb die Pohlenz bei, »ich kann so was nicht sehen.«
-- »Denn kommen Sie man raus,« griff ich ein, »draußen sind die
Blümelein und die rauschenden Gewässer und was sonst unerröthend ist.
Für Kunst sind Sie noch nicht reif, die hat das Unbekleidete einmal so
an sich. Oder wollen Sie nach den Wilden?«

»Nein... nein. Aber nach den Marineschauspielen will ich, dazu hab' ich
ein Freibillet.« -- -»Wie kommen Sie dabei?« Sie stach sich noch röther
an, und lispelte kaum verstehbar: »Geschenkt.«

Ich drang nicht weiter in ihre maritimen Verhältnisse, sondern war
froh, daß wir um die aus Strikegründen unvollendete Ausstellung meines
Karls herum kamen, und fragte: »Wann ist denn der Zauber?« -- »Das
weiß ich nicht genau, es steht wohl irgendwo zu lesen.« -- »Freilich
in dem Programm.« -- »Haben Sie eins?« -- »Nein.« -- »Sie auch nicht,
Frau Butschen?« -- »Ih, wo werd' ich!... Aber ich kann ja mal den
Kaffee-Kellner fragen.«

Sie hin. Der Frackmensch sie mit ziemlicher Obenherabheit betrachtet,
aber doch höflich geantwortet, sie müßte sich wohl irren, von
Marineschauspielen wüßte er nur, daß sie vor längerer Zeit bei Kiel
stattgefunden hätten. Ob sie vielleicht die Fischerei-Ausstellung
meinte, die wäre bitte jenseits am diesseitigen Ufer der Spree gelegen.

»Wir werden es schon finden,« sagte die Pohlenz. »Mir recht,«
entgegnete ich. -- Bei dem Durchwandeln des Parkes konnte ich
wundervoll feststellen, wie angestrengt in den letzten Tagen gearbeitet
worden war und wie die Ausstellung immer completer und schöner wurde.
Es will eben alles seine Zeit haben, selbst der simpelste Hefenteig.

Schritt vor Schritt gab es etwas zu betrachten, eine von uns Dreien
blieb immer irgendwo hängen und war nicht mit zu kriegen und, als wir
glücklich bei den Marineschauspielen anlangten, war die Vorstellung
justement vorbei.

Die Pohlenz, nun beleidigt gethan und vorgeworfen, wir, also die
Butschen und ich, hätten absichtlich gebummelt, damit sie zu spät käme
und so wie ich hätte mich gerühmt, Bescheid zu wissen und das schiene
doch nur sehr plundrig. Grade ihrem Husten hätte die Marine-Seeluft
gut gethan. Aber man gönnte ihr nichts Gutes. In denselben Ton
verfallen war meinerseits nicht, obgleich sie es war, die am meisten
stehen blieb und überall hineinwollte, wo noch garnicht eröffnet
wurde. Hocharistokratisch entgegnete ich daher: »Mein Fräulein, die
Ausstellung ist zu groß, als daß sie auf ein- oder zweimal in den
menschlichen Geist geht. Schuld allein ist die Gnietschigkeit, sich
kein Programm zuzulegen.« -- Das könnten Andere sich nicht minder
zuziehen, schnatterte sie gegen in ihrer sticheligen Manier und bewies
dadurch wieder, wie sehr es ihr zwei Finger hoch über der Nase fehlt.

Mir fiel sofort plötzlich ein, daß ich meinem Karl versprochen
hatte, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, und, indem ich zur
Butsch sagte: »Sie bleiben wohl noch,« machte ich eine absichtlich
gelenkarme Verbeugung, woran die Pohlenz etwas zum Nachdenken hat, und
verabschiedete mich. Mir war klar geworden, daß es bei Ausstellungen
doch sehr auf die Gesellschaft ankommt, mit der man sie besucht.



[Illustration: Titel-Dekoration]

Der Hausbesuch regt sich.


[Illustration]

Noch bin ich nicht zu meinen Berichten gekommen. Wie kann ich auch?

Kaum haben nämlich die Herrschaften auswärts in den Zeitungen
gelesen, daß die Ausstellung angegangen ist, ehe sie fertig war, sie
sich, wie sie gebacken sind, hingesetzt und geschrieben, sie kämen
erst später. Die Antworten darauf und das Umkatern der Anmeldezeit,
der Zimmerbesetzung und gegenseitiges Verständigen, da Ungermann's
jetzt mit Tante Lina zusammenfallen und der Amtsrichter dito mit
ihr zusammenstößt, wenn auch Ungermann's umgelegt werden, das
hinderte. Ungermann's müssen in die gute Stube und Tante Lina läßt
sich allenfalls nach Butsch's abzweigen, andererseits jedoch ist
der Amtsrichter unmöglich mit der Mädchenkammer zufrieden. Das
Fremdenzimmer ist besetzt. Und die Dorette sperrt sich gegen das
Schlafen auf dem Boden.

Hat man den Kopf voll von Einrichtungen, kann man keine allgemein
einleuchtende Berichte über die Größe der Industrie und das
Bedeutendste der Gesammtleistungen verfassen. Es sind in der That
Leistungen draußen, von denen man, wie Napoleon oder wer es war, nur
sagen kann: es sind welche! Und wie manches, geradezu nicht hoch genug
anzuerkennende ist in einem Seitenflügel angebracht. -- Jawohl, das
ist es! -- Da wird es Pflicht der Berichterstattung, es hervorzuziehen
und laut zu verkündigen: da seht her, was hier gewebt ist, diese
prachtvolle Qualität und dauerhaft im Tragen. Und preiswürdig! Denn bei
den immensen Kosten will doch auch der Aussteller sein Geschäft machen
und das kann er nicht in einem Winkel, an dem das Publikum sinnlos
vorüberrennt und seinen Fleiß, seine Arbeit, seine Tüchtigkeit links
liegen läßt.

Aber ich will's schon schieben.

Was Auswärtige nun unter »nicht fertig« denken, das würden sie selbst
mit den schrecklichsten Daumenschrauben nicht gestehen können, da sie
ja garnicht wissen, wie die Ausstellung werden soll, wenn sie fertig
ist. Freilich, desto vollendeter sie ist, desto mehr Totaleindrücke
giebt sie her, aber für Viele thut sich ohne dies schon fast zu
reichlich. Außerdem hat bis jetzt noch keine große Ausstellung ihren
Zeitpunkt innegehalten. Den ^letzten^ Pinselstrich hat wohl noch
Niemand gesehen, wie mein Karl meint.

Was ihn selbst betrifft... er will nicht in der Fabrik schlafen und
sagt: »er sei nun einmal ein Gewohnheitsthier und werde, so weit in
seiner Macht stände, sich auch nicht ändern.«

»Karl,« hielt ich ihm vor, »die Aufgabe des menschlichen Geschlechts
liegt neuerdings in der Vervollkommnung. Man muß das Thierische,
das Einem noch von den Vorzeiten anstammt, immer mehr abstreifen,
namentlich Gewohnheiten.«

»Meine Familie hat sich nie zu der Darwin'schen Religion bekannt,«
sagte er. »Wie Deine es damit gehalten hat, wirst Du selbst am besten
wissen.«

»Was willst Du damit behaupten? Was kannst Du mir vorwerfen? Oder
willst Du meine Vorfahren verächtlich machen? Karl, die liegen in
ihren Gräbern und können sich nicht vertheidigen und Du schiltst sie
Gorillas?«

»Mit keiner Silbe!«

»Wenn einer Darwin sagt, meint er Affe. Und das verbitte ich mir für
meine Ahnen, das waren Musterleute. Was mich selbst betrifft, bin ich
viel zu aufgeklärt, um zu leugnen, daß ich nicht auch meine Fehler
hätte.«

»Ganz sicher.«

»So; und welche wären das? Wie? Ich möchte sie wirklich kennen lernen.
Jawohl, das möchte ich. So nenne sie doch.«

Er besah seine Fingernägel, als wären es Polizeiakten, aber es stand
nichts darauf.

»Siehst Du, Karl, wie leicht etwas nicht bewiesen wird? Gesetzt den
Fall, ich wäre nicht Deine Dich innig liebende Gattin, sondern Besuch
von Außerhalb und ginge Dich direct verklagen? Bedenke den Blam! Du in
allen Zeitungen, an jedem Biertisch gelesen und straffällig gefunden,
verurtheilt von der öffentlichen Meinung und nie -- nie Kommerzienrath.
Du urtheilst zu rasch, mein Karl, Du bist zuweilen recht unüberlegt;
ich will es nicht gerade tadeln, weil es an Deinem jugendlich
aufwallenden Blut liegt -- Du hast Dich auffallend gut konservirt --
aber wenn wir Fremde haben und Du läßt Dich hinreißen und schmetterst
in Deinem Leichtsinn gerichtliche Ehrenkränkungen hin wie eben... Karl,
hast Du die Folgen bedacht? Ich meine ^Folgen^, wenn ich Folgen sage...«

»Wilhelmine, ich weiß nicht, wie Du mir vorkommst.«

»Bange Blicke in die Zukunft, die Besorgniß um Dich...«

»Aber Kind...«

»Karl, es ist das Beste,... Du schläfst in der Fabrik, dann kann so
etwas garnicht passiren.«

»Nein!«

»Und wenn's nachher zu spät ist? Wenn es sich erfüllt, wie ich
voraussehe?«

»Für das, was geschieht, übernehme ich, Karl Buchholz, die
Verantwortung. Bist Du damit zufrieden?«

»Vollständig. Gewiß, mein Karl. Ich möchte den sehen, der Dir irgendwie
käme... Aber wenn Du in der Fabrik schlafen wolltest...«

Was er sagte, als er das Lokal jetzt verließ, verstand ich nicht genau.
Ich glaube beinahe, er fluchte.

Aber er hat nun einmal das Prinzip, nicht in die Fabrik überzusiedeln
und Prinzipien sind um so eigensinniger, je höher sie gehalten werden.

Und doch... mein Karl muß in die Fabrik.

Meine Stimmung war eine durchwachsene; es that mir wohl, daß mein
Mann nicht von mir weg wollte, und gleichzeitig verdrossen mich seine
Sperenzken. Um diese beiden Drehpunkte bewegten sich meine Gedanken,
als ich mich nunmehr hinsetzte, der Kliebisch Tag und Woche zu
schreiben, wann wir sie mit Gatten bei uns sehen könnten, und nebenbei
einige Andeutungen über ihren Briefstil zu verabreichen, der mein
Mißfallen erregt hatte.

Daß die Kliebisch kommen wollte, war mir recht, wenn auch mein Karl
murrte.

Wir lernten uns in Italien kennen, nicht als gewöhnliche
Eisenbahnabtheils-Bekannte oder _Table d'hôte_-Mitesser, sondern
mancherlei Erlebnisse brachten uns näher, Gefahren und glückliches
Entschlüpfen, wie ich in dem Buche »Buchholzen's in Italien«
wahrheitsgemäß wiedererzählt habe, von dem jedoch die Krausen hinter
meinem Rücken laut behauptet, ich hätte es garnicht geschrieben,
sondern Jemand anders. Ganz derselben Meinung war früher die
Bergfeldten. Welche Mühe hat es mich gekostet, ihr diesen Wahnwitz
auszureden. »Bergfeldten,« fragte ich sie eindringlich, »wie kann man
ein Buch über etwas schreiben, wenn man nicht da war? Wie denken Sie
sich das? So aus heiler Haut? Meinen Sie vielleicht, man setzt sich an
den Schreibtisch und, haste nicht gesehen, Neapel geschildert oder Rom
oder die Bevölkerung und, was sonst malerisch ist, ohne persönliche
Anschauung?«

Und was antwortete sie darauf? Was?

»Das Papier ist geduldig.«

Hierauf wollte ich tödtlich werden, wie es sich auch eigentlich
gehörte, aber da ich kürzlich vorher in der Familienbeilage unseres
Blattes gelesen hatte, daß Langmuth und Unnachgiebigkeit herrlicher
von Erfolg gekrönt werden als Jähzorn mit Handhabungen, wendete ich
Nachsicht an und sagte, sie möchte doch um Alles in der Welt nicht über
Dinge reden, die für sie ewig unaufgegangene Seifensieder blieben, so
lange sie sich absichtlich der Wahrheit verschlösse.

Da gestand sie denn, daß sie blos sagte, was die Krausen gesagt hätte.
Ich hatte die Krausen damals noch nicht so durchschaut wie später, und
stand einigermaßen ziemlich mit ihr, so daß diese Offenbarung mir durch
und durch ging, weshalb ich rügte: »Man muß sich nie als Sprachrohr
gebrauchen lassen, weil zu viel verdreht herauskommt.«

Die Kliebisch sowohl wie ihr Gatte sollen nun der Butschen sowohl wie
der Krausen mitten in's Gesicht beeidigen, daß ich mit ihnen zusammen
in Italien war. Lügen müssen wie die Schwaben immerwährend ausgerottet
werden, sonst dauern sie lebenslänglich.

Was mich in ihrem Schreibebriefe ärgerte, das waren Bemerkungen. --
»Wir haben hier auch das Abschreckungs-Plakat in dem Dorfkruge hängen,«
schrieb sie, »und hatten in Folge dessen anfangs gar keine Lust zur
Ausstellung. Der sehnige Arm, der aus der Erde sich brutal erhebt und
mit dem Hammer Jeden zu zerschmettern droht, hatte für mich etwas
Widriges, bis mein Hinnerich sagte, das Plakat stelle blos Berliner
Blau vor (weil doch der Hintergrund so blau ist), und der Hammer
bedeute die Landwirthschaft, die bald unter den Hammer käme. Da haben
wir denn herzlich über den Witz gelacht. Mein Mann macht mitunter
ganz brillante Witze und ist auch ringsum dafür bekannt. Unsere Anna
ist konfirmirt und mir eine rechte Stütze im Haushalt. Sie hat den
praktischen Sinn ihres Vaters geerbt und ebenso hellblondes Haar wie
er und dabei seidenweich. Heinrich weiß noch nicht, was er werden
will, wir lassen ihn deshalb die Schule noch ruhig besuchen, bis er
sich entscheidet. Landwirth sieht mein Hinnerich ungern, weil zu wenig
verdient wird und ein junger Mann ohne großes Kapital zu lange bis zur
Selbstständigkeit warten muß. Henriette dagegen, unsere dritte, ist
idealer veranlagt, mit gutem Gehör und einer allerliebsten Stimme.
Adalbert und Friedrich gehen in die Dorfschule, was für den letzteren,
da er von den Masern her immer noch nicht ganz wieder der Alte ist,
seine Bedenken hat. Lene und Male...«

Die unflügge Nachkommenschaft war für mich wenig von Interesse, da
ich sie nicht kenne, aber ich empfing doch die Ueberzeugung, daß die
Gegend dort zu den fruchtbaren gehört. Auf den Ehesegen ging ich daher
nicht näher ein, wohl aber auf Herrn Kliebisch's Randglossen über das
Ausstellungs-Plakat. Die hatten mich verdrossen.

»Es freut mich,« schrieb ich, »daß Sie Alle wohl und munter sind und
Ihr Herr Gemahl trotz der agrarischen Lage noch zu Scherzen aufgelegt
ist. Was diese anbetrifft, möchte ich mir nur die Mittheilung erlauben,
daß wir unsere Witze über Berlin gewöhnlich selber zu machen pflegen.«

»Das Plakat will verstanden sein. Es schließt sich der neueren
Kunstrichtung an, die den sogenannten schönen Schein als unnatürlich
meidet und in erster Linie darauf zielt, daß von dem Kunstwerk
gesprochen wird. Wie? ist Wurst. Und das ist erreicht, sogar bei Ihnen
auf dem Lande. Sie haben sich geängstigt: wollen Sie noch mehr Wirkung?
Liebe Frau Kliebisch, seit wir uns in Italien sahen, hat die Kunst
unermeßliche Fortschritte gemacht, daß die alten Meister, wenn sie aus
ihren Gräbern hochkämen, sämmtlich umlernen müßten. Wie Tag und Nacht
ist der Unterschied. Alles Braune und Dunkele gehört in die Museen und
der Antike an. Alles Mehlige und wie in den Regenbogen Getauchte ist
modern und zulässig für Ausstellungen. Dies muß man sich merken und
Rafael und Rubens und die verstorbenen Malermeister nicht loben, das
nehmen die jüngeren krumm. Wir werden über Manches zu plaudern haben
und Vieles zu besichtigen, denn eine enorme Gemälde-Ausstellung ist
Treptow gegenüber am anderen Ende der Stadt eröffnet. Wir rechnen in
Berlin eben mit größeren Entfernungen als in kleineren Orten und so ist
es auch mit dem Geistigen und den Scherzen. Berliner Blau gehört zu den
überlebten; ich bezweifle, daß Ihr Mann Glück damit machen wird.«

Als ich über eine stilgerechte Schwenkung in die Kinderstube nachsann,
kam die Dorette, und meldete, vor der Thüre hielte eine Droschke mit
Massen-Gepäck; ob das wohl Besuch für uns wäre?

Wir Beide aus dem Fenster gesehen. Richtig. Die Droschke beladen wie
ein Möbelwagen zur Umzugszeit, vornehmlich mit einem Reisespinde,
daß der Kutscher völlig unfallversicherungsreif daneben auf dem Bock
pendelte.

Wer konnte es sein? Nach dem Kontrolirverzeichniß, das ich rasch zu
Rathe zog, Niemand. Aber da öffnete sich die Thür, eine junge Dame flog
auf mich zu mit den Worten: »Ich bin es. Wie ich mich freue.«

»Ottilie?« fragte ich.

»Ja, Ottilie.«

»Warum schrieben oder telegraphirten Sie nicht?«

»Ich wollte Sie überraschen, das hatte ich mir zu entzückend
ausgedacht. Ach es geht nichts über Ueberraschungen, die sind zu
himmlisch.«

Sie hatte es gut gemeint und so fügte ich mich denn, obgleich mir
genaue Anmeldung lieber gewesen wäre, weil ich dann meine Anordnungen
getroffen hätte.

Ich betrachtete sie mir. Sie war viel ansehnlicher, als auf der
Photographie, namentlich das lebhafte Auge verlieh ihr etwas Reizvolles
und, wenn sie sich bewegte, kam ihre schlanke Figur zur Geltung. Nun
ward mir auch mit einem Male klar, warum sie sich nicht glücklich in
ihrer Heimath fühlt und weshalb sie allerlei auszustehen hat. Sie ist
über ihren Stand hübsch.

Ich hieß sie willkommen und fügte hinzu: »Wir haben ereignißreiche Tage
vor uns, aber mit gutem Willen, verständiger Anordnung und Fleiß werden
wir sie bewältigen.«

»Ach und recht oft in die Oper,« rief sie, »Oper ist zu himmlisch.
Ich muß die Sucher hören, sie soll als Isolde zu entzückend sein. Und
Zirkus. Ich schwärme für Zirkus!«

»Ottilie,« unterbrach ich sie, »Zirkus ist eine Wintersache, also
jetzt nicht vorhanden. In die Oper werden wir auch einmal gehen. Die
Hauptsache ist unsere gemeinsame Ausstellungsarbeit. Haben Sie Bücher
mitgebracht?«

»Gewiß, zwei Kisten voll.«

»Zwei Kisten?« fragte ich entsetzt.

Der Droschkenkutscher und Dorette schleppten gerade einen schweren
Kasten die Treppe herauf. »Das Praktische scheint ihr fremd zu sein,«
dachte ich und fragte: »Was sind denn das für Bücher?«

»Zunächst Meyer,« antwortete sie.

»Was für'n Meyer? Doch nicht das ganze Conversationslexikon?«

»Nun ja, darin steht Alles.«

»Ottilie,« rief ich, »den Meyer habe ich selbst; die Ueberfracht hätten
Sie sparen können. Was sonst noch?«

»Ein französisches und ein englisches Lexikon, Daniel's großes Handbuch
der Erdkunde, Velhagen und Klasing's Atlas, Brehm's Thierleben, wegen
der Fischerei-Ausstellung, Krüger's Physik...«

»Das scheint mir das einzig richtige. Haben Sie auch Chemie
mitgebracht?«

»Chemie? Nein, die hab' ich vergessen.«

»Aber Ottilie, wo ich Ihnen doch schrieb, welche Sorge mir das
chemische Industriegebäude macht. Was fangen wir nun an? Wir müssen das
Buch schicken lassen.«

»Das geht nicht. Ich habe die Schlüssel zu meinem Bücherspinde bei mir.«

Ich seufzte. »Kommen Sie, ich will Sie auf Ihr Zimmer führen. Später
ziehen Sie zu mir.«

»Ach wie reizend.«

Der Droschkenmann wurde allmählich befriedigt; die Ladung war nicht
billig. Auch machte er Seitenbemerkungen, als Dorette meinte, das
Heraufbefördern von Gepäck läge mit in der Taxe und sei mit zwei
Groschen hinreichend belohnt.

»Denn muß das Freilein das nächste mal mit'n Rollwagen fahren,« sagte
er. --

Als mein Karl zu Tisch kam und ein drittes Gedeck vorfand, legte er
sich auf's Rathen, für wen es sei, kriegte es aber nicht heraus, weil
das Zunächstliegende stets das Schwierigste ist. Er wurde ärgerlich
und grollte: »Du willst Dich wohl zur Sphinx ausbilden, das ist das
einzige, was auf dem Ausstellungs-Kairo noch fehlt.«

»Hast Du so genau nachgesehen?« -- »Ja!« -- »Ohne mich?« -- »Du gehst
ja Deine eigenen Studirwege.« -- »Karl!«

In diesem Ausrufe lag eine ganze Tragödie, und das fühlte er, denn
er fragte »Wo bleibt das Essen?« Wenn Männer ablenken, regt sich ihr
Schuldbewußtsein.

»Die Araberinnen sollen dort ja zum Theil unverschleiert herumlaufen?«
fragte ich durchbohrend. »Ist das wahr?«

»Ich bin hungrig, Wilhelmine!«

»Ich nicht. Mir ist der Appetit vergangen.« -- »Wovon denn?« -- »Was
weiß ich?« -- »Eben warst Du noch guter Dinge.« -- »Eben, ja.« -- »Bin
ich Schuld an Deiner Laune?« -- »Nein.« -- »Wer denn?« -- »Niemand.«
-- »Wilhelmine, willst Du mich erzürnen?« -- »Nein; ich bitte Dich,
was soll Ottilie denken, wenn sie gleich am ersten Tage Zeuge tiefsten
Familienzwistes wird.« -- »Uebertreib' nicht, sei so gut. Also für
Ottilie ist gedeckt... Wo bleibt sie aber? Ich möchte essen.«

»Sie macht Toilette.«

»Sie soll sich beeilen. Von der Gesellschafterin verlange ich
Pünktlichkeit. Ich werde einen Ton mit ihr reden.«

»Karl, mir zu Lieb sei freundlich gegen sie. Bedenke, ich muß Wochen
lang mit ihr auskommen. Und Du weißt, sie hat Nerven.«

»Sie kann sich meinethalben an ihren Nerven aufhängen.«

Ich klingelte. Mein Karl war bereits in dem Hungerstadium, wo die
Männer borstig werden. »Dorette, schleunigst die Suppe und Fräulein
nochmal zu Tisch ansagen.« Glücklicherweise hatten wir Kerbelsuppe,
die mein Karl schon öfter für sein Leibgericht erklärte, mit Ei und
gebratenem Brot. Er schlemmte ordentlich, so ausverkauft war sein Magen
gewesen und mit jedem Löffel ward er friedlicher. Wäre jetzt Ottilie
nicht gekommen, hätte er deren Antheil mit vertilgt; ein Ei bekam sie
schon weniger.

Mein Karl war überrascht bei ihrem Anblick, ich noch überraschter. Er
stand auf und verbeugte sich und sie machte einen Quadrillenknix wie
frisch vom Tanzmeister, schon mehr die reine Hoffeierlichkeit. Und was
hatte sie an? Ein marineblaues Kleid von demselben Stück wie meines und
eben solche crêmefarbige Klöppelarbeit und der Schnitt aus demselben
Modenblatt.

Mein Effect, den ich vorhatte, war hin. Zweie aus dem nämlichen
Laden erregen allerdings Aufsehen, aber nur weil Jede sagt: sie gehen
gleichartig aus Billigkeitsrücksichten, Gott weiß, wo sie den Rest
gekauft haben? Und dazu schafft man doch nichts Neues an.

Ich hatte Karl zwar gebeten, freundlich zu sein, aber daß er Ottilie
mit unverhohlenem Wohlbehagen ansah, das war nicht ausbedungen.

Das Gespräch wurde bald recht lebhaft. Ottilie schwärmte schon mächtig
für Berlin. Nach dem Spreewald wollte sie und einen kleinen Abstecher
nach Dresden machen, und recht, recht oft in's Theater.

[Illustration: Fliegende Otilie]

»Meine Liebe,« sagte ich, »was wird aber aus Ihren Nerven?«

»Oh,« erwiderte sie, »die sind facultativ. Ich bedarf der Anregung, die
wird mir Flügel verleihen, Flügel des Geistes, sie wachsen mir jetzt
schon. Ach, Berlin ist zu himmlisch.« Dabei streckte sie Jedem von uns
eine Hand hin und sprach: »Wie lieb Sie sind, mich so glücklich zu
machen.«

Wir schlugen ein, weil sie so überrumpelnd war und mein Karl, das sah
ich, fand Vergnügen an dem Händedrücken.

»Ottilie,« bemerkte ich strenge, »so lange Sie hier sind, vertrete ich
Mutterstelle und das sage ich von vorn herein: geflogen wird nicht.«

Sie hätte nur bildlich gesprochen. -- »Bei uns reden wir deutsch.«

Nach Beendigung des Mahles schlug ich im Meyer »facultativ« nach. »Dem
eigenen Ermessen freigestellt« stand da.

Hierauf fragte ich meinen Mann: »Karl, weißt Du, was facultativ besagt,
in Bezug auf Ottiliens Nerven?«

»O ja,« entgegnete er trocken, »ihr freiert.«

»Und deshalb ziehst Du in die Fabrik und Ottilie schläft bei mir. --
Ohne Widerrede, mein Karl.«

Er redete auch nicht wider. Ottilie ist wirklich zu hübsch und ohne
Erfahrung. Es wird nicht leicht sein, sie zu hüten.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Ein Blick über das Ganze.


Als ich Ottilie den Vorschlag machte, einen allgemeinen Ueberblick über
die Ausstellung zu gewinnen, wollte sie gleich mit dem Fesselballon
hoch.

»Nein,« sagte ich. »Vorläufig warten wir ab, ob er Zwischenfälle
kriegt, und, wenn die dann nach einigen Wochen rasch und leicht
beseitigt sind, steigen wir mit. Auch meine ich mit Ueberblick nicht
ein Häppsken Vogelschau, sondern das fest im Gedächtnis haftende
Terrain der Ausstellung, damit man weiß, was vorhanden ist, wo es
liegt, wie man hinkommt, wie viel Zeit man auf das Einzelne verwenden
kann. Es sind über viertausend Aussteller und nun rechne aus, wenn
auf jeden nur fünf Minuten gründlicher Besichtigung fallen, wieviel
Arbeitstage Du im Ganzen gebrauchst, den Tag zu acht Arbeitsstunden
angenommen?«

»Kopfrechnen erlauben mir meine Nerven nicht,« antwortete Ottilie nach
einiger Anstrengung, als sie nicht mehr mochte.

Sie bat mich gleich am ersten Tage um verwandtschaftliche Du-Anrede,
die ich ihr bewilligte, da sie so allein steht und der Anschmiegung
bedürftig ist.

»Nun,« fragte ich, »hast Du es?«

»Nein.«

»Also rund zweiundvierzig Tage. Das sind beinahe anderthalb Monate.
Von Alt-Berlin, Kairo, dem Vergnügungspark, dem Theater, der
Diamantschleiferei, dem Panorama, der Stearinfabrik, Etzetera ist dabei
keine Rede und Du hast weder Naß noch Trocken, noch Ausruhen, noch
Musikgenuß, noch irgend eine nothwendige Pause. Deshalb ist planvolles
Vorgehen geboten. Heute ist Planschwetter, wir können nichts Besseres
beginnen, als uns vorzubereiten.«

Sie seufzte. »Ich weiß nicht, ob meine Nerven«... fing sie an. --
»Ich weiß, daß es ihnen gut bekommt,« entschied ich und breitete den
officiellen Plan der Ausstellung auf dem Tische aus.

»Wie Du siehst,« begann ich, »wird das Gebiet durch die Treptower
Chaussee in zwei gleiche Theile gespalten, wovon der eine reichlich
noch mal so groß ist wie der andere, und dies Röthliche, was wie ein
Stiefelknecht aussieht, ist das Hauptgebäude.«

»Ich meinte, es wäre so sehr schön.«

»Dies ist ja nur der Grundriß, dasselbe, was beim Zuschneiden das
Muster.«

»Ach so.«

»Hier, gerade vor, das Blaue ist der Neue See mit den echten
Gondolieren aus Venedig.«

»Wo sind die Gondoliere?«

»Draußen in Treptow,« erwiderte ich sehr deutlich, denn die Hast, mit
der sie sich mit einem Male den Plan betrachtete, während sie eben
noch ihre Nerven überlegte und nicht die geringste Theilnahme zeigte,
verdroß mich.

»Singen sie auch das himmlische Lied: >Komm' nach der Piazetta,
RosettaRothen Apotheke< Rosenöl destillirt.«

»Was Sie sagen!«

»Sehen Sie, wie ich schon wußte, kein Deibel will's glauben. Und doch
ist es so. In Sachsen fingen sie mit den Rosenpflanzungen an und wir
versuchen es jetzt auch mit Erfolg. Denn das deutsche Rosenöl wird in
Paris um die Hälfte theurer bezahlt als das beste türkische, weil es
mehr hergiebt, feiner ist und garantirt unverfälscht. Was sagen Sie
nun?«

Ich war stumm. Dann rief ich verwundert aus: »Karl, was wir so nach
Osdorf rieseln, wird Rosenöl! Das übersteigt die kühnste Phantasie.«

»Einfache Ausnutzung der Naturkräfte durch Stadtverordnete, weiter
nichts,« sagte Herr Schulz mit bescheidenem Stolz, der hier auch am
Platze war, wenn man bedenkt, daß die Behörde aus Abscheu köstlichen
Rosenduft gewinnt, während die jüngste Dichterrichtung das Leben aller
Kränze entkleidet und die Menschheit mit Sielschlamm begießt.

Die Riesen-Riesel-Kartoffeln, Kohlrabi, Salat, Hafer, Roggen- und
Weizenstauden fesselten uns ebenso sehr wie die goldverzierten
Fläschchen mit der Rosenessenz und, eh' wir es uns versahen, war Schluß
des Pavillons. Wir dankten Herrn Schulz, der darauf bestand, uns zu
einer Weißen einzuladen, die wir ihm als städtischem Beamten nicht
abschlagen durften.

Mein Karl hatte eine kleine Verschwendung bei Dressel und Adlon nach
der Gondelung vorgehabt, die fiel jetzt in Weißbier mit Sülzcotelette
und Bratkartoffeln, was durstlöschend und sättigend war, wenn auch ohne
die immense Vornehmheit, die wir uns dort unter den Spitzen Berlins
angethan hätten.

Wir bauten daher bald ab. Herr Schulz erläuterte uns noch die
Straßenpflasterung und kam dabei wieder unter die Erde auf die
Rohrlegung, und die Kabbelei von vorhin stand vor erneutem Ausbruch.
Der Vernünftige aber zieht rechtzeitig vor dem Streit Leine. Ich sagte:
»Wir gehen!« Auf dem Heimwege fragte ich: »Was Tante Lina wohl macht?
Das Wetter hat sich wundervoll gehalten.«

»Hoffentlich hat sie nichts gemerkt,« sagte mein Karl.

Als wir zu Hause anlangten, war weder Tante Lina vorhanden noch
Ottilie. »Dorette,« rief ich, »Dorette, wo sind die Damen?«

»Mit einen jungen Herrn ausjefahren. Was die Tante is, meinte, mit den
einen dollen Schlag wäre das Gewitter wohl alle jewesen.«

»Wer war der junge Herr?«

»Kennen duh ick'n nich, aber die Freilein Ottilie, die schien als
wenn't en intimer Freind von sie sein dähte.«

»Es ist gut, Dorette, Sie können gehn.«

Ob es der junge Mann von neulich war? Oder ein anderer? Tante Lina und
Ottilie haben sich auf ihren gemeinschaftlichen Gängen sehr aneinander
geschlossen. Man hätte sie nicht ohne Aufsicht lassen sollen.

»Karl,« rief ich. »Da haben wir uns was Schönes zusammengedonnert.«

»Deine Idee, Minchen.«

»Du thust sonst doch nie, was man Dir sagt. Warum denn gerade heute den
Unsinn?«

»Gute Nacht, Minchen. Weißt Du, das Schlafen in der Fabrik hat doch
etwas für sich.«

Er ging. Ich wartete auf den rückständigen Hausbesuch. Als sie endlich
kamen, that ich, als sei ich nicht im Geringsten neugierig. Ottilie
erzählt mir von selbst bei Gelegenheit haarklein, was war. Und
verschweigt sie den jungen Mann, zwick ich ihn aus Tante Lina. Was zwei
Weiber wissen, ist so gut, als hätte die Dritte es schriftlich.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Kindervergnügen.


Als Großmutter ist man den Enkeln schuldig, ihre jungen Seelen mit
Geistessämereien fürs Leben zu bestellen und, da ich ihnen von den
Löwen und Elephanten und den Eisbären erzählt hatte, die, wenn sie auch
weniger ins Gewerbliche, so doch ins Verdienliche schlagen und deshalb
ausstellungsberechtigt sind, ließen die lieben süßen Wesen keine Ruhe,
bis der Vater schalt: »Hat sie Euch den Kopf voll geschwatzt, scheert
Euch zu ihr, ich gebe bei den schlechten Zeiten kein Geld für Allotria
her.«

Dies vernahm ich unbemerkt im Nebenzimmer sitzend, auf meine Tochter
wartend, die zu ihrer Schneiderin geeilt war, um bei der verabredeten
Kinderpartie ihren Stand tadellos zu vertreten. Und beispiellos billig:
einfach ein älteres Schwarzes aufgedoktert, mit einem maigrünseidenen
goldgestickten Schultereinsatz durchaus nicht auffallend knallig,
sondern hochdezent, nebst schwarzgarnirtem Hut, aus dessen Federn und
aufgerichteten Schleifen schmale, ebenfalls maigrüne, mit Goldlitze
eingefaßte Sammetbändchen hervorlugen, so daß durch die Mitwirkung
ihres rosigen Teints meine Tochter in dieser Zusammenstellung sich als
sogenannte Farbensymphonie sehen lassen kann.

Und dies Vergnügen wollte der eigene Gatte stören, weil ihm die Löwen
zu theuer waren. Freilich kannte er das Kostüm noch nicht, da sie
ihm wohlweislich nie mit der Kleiderfrage kommt, bevor sie drin
sitzt und er sein Wohlgefallen äußert. Er mag es, wenn seine Frau
liebreizend aussieht, und, wenn sie ihm vorrechnet, wie sparsam sie
sich verschönert hat, giebt er ihr einen Kuß extra.

Ich wollte mein Maisgelbes anziehen, Betti hatte sich für helles
verwaschenes Blumenmuster entschieden, Ottilie, wie immer, in ihrem
Blauen, und Tante Lina Grünbräunlich-Changeant. Die Kinder waren
sämmtlich in Weiß gedacht, die Knaben mit Marinekragen, weil, wenn man
zufällig jemand aus maßgebenden Sphären anrennt, dieser sagt: »Sieh
da, eine Familie, die die steigende Bedeutung des Seewesens erfaßt
hat. Wer mag das sein? -- Und man kann nicht wissen, ob solcher Zufall
dem Fortkommen der Enkel nicht von Vortheil ist? In den Schicksalen
berühmter Männer liest man stets, wie ähnliche Nebenthatsachen die
Wandlung zur Größe verursachten.«

Und dann hatte ich Frau Butsch mit den beiden Stief-Kinderchen
eingeladen. Sie möchte ihnen gern mehr gewähren, als Herr Butsch
gestattet wegen ihrer Groschensiebe von Händen und da dachte ich: nimm
sie auf Dein Konto, Wilhelmine, sie übertragen es auf die Stiefmutter,
und in das Wurachen um den Erwerb scheint ein Tag der Liebe hinein, an
dem die Herzen einander zublühen, wie Erika sagte, als ich ihr meine
Ansicht mittheilte und sie fragte, ob sie und klein Wilhelmine sich
anschlössen?

Sie hatte Lust, aber Onkel Fritz war verweigernder Meinung.

»Mein Töchterchen ist noch zu harmlos, die Verdienste des
Arbeits-Ausschusses zu würdigen.«

»Wird auch nicht verlangt, für sie sind die übrigen Schaustellungen.«

»Zu zart.«

»Die wilden Thiere.«

»Zu ängstlich.«

»Aber die Aeffchen im Affenparadies?«

»Die Affen überläßt sie ihrem Vater.«

»Also Du willst nicht?«

»Nein!«

»Warum nicht?«

»Beantworte mir: Was bleibt dem Erwachsenen, wenn er als Kind schon
alle Reizmittel durchkostet, die zum Todtschlagen der Zeit geboten
werden? -- Uebersättigung. Man badet einen Säugling in der Wanne und
hält ihn nicht unter den Rheinfall.«

»Seit wann bist Du so weise.«

»Seit ich Vater bin.«

Er sprach das mit einem Ausdruck tiefinnerer Glücklichkeit, der alles
weitere Anpurren hinfällig machte. Seine Liebe ist es, die über dem
Kinde schützend die starken Arme ausstreckt. Und wenn Liebe übertreibt,
wer möchte sie darum schelten?

Erika heißt stillschweigend gut, was er bestimmt oder vielmehr, er
vollführt, was ihr Denken und Sinnen ist, und das Töchterchen gedeiht
dabei; ein wahres Herzeken. --

Mein Grundsatz ist, wenn Kinder mitgenommen werden, sie erst tüchtig
satt zu machen und am weitesten langt man mit Napfkuchen. Der ist
nahrhaft, stopft und hält vor.

Es war ein liebliches Bild, als das halbe Dutzend Jugend um den
Tisch saß und den Kuchenteller meuchelte: Fritz und Franz, Betti's
Karla und Willi und Butschen's Peter und Edmund, alle in Weiß. Wir
Aelteren tranken Kaffee, ebenfalls mit Napfkuchen, von dem Tante
Lina sich sogar das Rezept ausbat. Daß sie sich in gehobener Laune
befand, betrachtete ich als eine Mahnung aus öberen Regionen und als
Gutheißung meiner Absicht mit der verlorenen Tasche, die sich endlich
reumüthig angefunden hatte. Die Zahnbürste und das Gläschen Kölnisches
Apothekerwasser hatten zum Besitzausweis genügt.

Tante Lina ahnte nicht, daß ihr sehnlich vermißtes Handgepäck im
Nebenzimmer auf das Wiedersehen harrte und erst als abgegessen und
ausgetrunken war, nahm ich Fritzchen nebenan, gab ihm die Tasche und
sprach: »Wenn ich Dich rufe, kommst Du und überreichst sie Tante Lina
mit einem höflichen Diener und sagst: >Liebe Tante<.«

»Ich hab' ihr garnicht lieb.«

»Doch, mein Fritzchen. Tante Lina wird großmüthig an Dir handeln.«

»Wir wollen bei die Löwen.«

»Erst giebst Du Tante Lina das Täschchen und sagst: >Liebe Tante, dies
hab' ich gefunden, nimm es freundlich hin.< Dann umarmt sie Dich und
küßt Dich.«

»Will ich nicht.«

»Doch, Fritzchen. Nun sei artig; gleich rufe ich Dich.«

Tante Lina erzählte der Butschen gerade eine Geschichte von Viedt's.
»Viedt's haben die schönen Ländereien und könnten viel mehr daraus
machen, aber sie sind mit Erlaubniß zu sagen für reichlichern Dung und
nicht für das Auspowern der Aecker und sind so thätig im Geschäft,
indem sie jede Kleinigkeit mitnehmen und dadurch das Ihrige erreichten.
Sie sagen nicht, wie viel sie haben, aber man weiß es doch so ziemlich.«

»Rechnen Sie gern in Anderleuten Portemonnaie herum?« fragte die
Butschen.

Tante Lina wurde spitznäsig und dann glimmt es in ihr. Es war höchste
Zeit, den Vesuv auszutreten und deshalb sagte ich rasch: »Liebe Tante,
bevor wir aufbrechen, wünscht Fritzchen Ihnen einen kleinen Beweis
seiner Verehrung darzubringen.« Es war dies zwar nicht ganz zutreffend,
aber in der Eile entwegen die Sätze leicht. »Komm, Fritzchen.«

Er kam nicht. Die Kröte tückscht, dachte ich und öffnete die Thür. »So
komm doch, Fritzchen!«

Da kam er. Aber wie!

Ihm war wohl die Zeit lang geworden und neugierig, wie Kinder sind,
hatte er in Tante Lina's Tasche gekramt. Ihre Korkzieherlocken hatte er
sich über die Ohren gehängt und ihr neues Gebiß trug er in der flachen
Hand wie ein Vogelnest, die geöffnete Tasche über dem Arm. Und so schob
er seelenvergnügt auf Tante Lina zu.

»Meine Tasche!« rief sie und aufgesprungen und die Schönheitsbeihülfen
an sich gerissen und weggestochen. Sie flog vor Aufregung und pustete.
Mir war der Vorfall mehr als peinlich. »Liebe Tante!« begann ich.

»Schon gut! Schon gut!« stieß sie hervor. »Das war ein starkes Stück.
Sie haben wohl nichts dagegen, wenn ich noch heute abreise?«

»Aber nein...«

»Aber ja, und dabei bleibt's.« Und mir einen furchtbaren Blick
zuwerfend, fügte sie hinzu: »Wir sind für ewig geschieden -- Mein
bischen Hab und Gut vermach' ich dem Waisenhause, da sind artige
Knaben drin und, mit Erlaubniß zu sagen, keine ungezogene Rangen.«

Emmi wollte Petroleum ins Feuer gießen, weil sie doch die Range
nicht auf Fritzen sitzen lassen konnte, aber ich rief: »Wenn Jemand
Schuld hat, bin ich es,« und entfernte mich mit Tante Lina. Es half
jedoch kein Bitten und Beten, sie war zu aufgebracht und ließ keine
Entschuldigung gelten.

Auf ihren Wunsch blieb Ottilie bei ihr, packen zu helfen, und wir
karawanten nach Treptow.

Unterwegs machten mir Emmi und Betti Beide Vorwürfe: Was der
Sanitätsrath sagen würde, wo ich doch hätte wissen müssen, daß die
Tante den Knaben unbedingt etwas ausgesetzt hätte und sie deshalb
ganz anders zu behandeln gewesen wäre. Die Butschen meinte, selbst
im Schauspielhause fielen Stücke durch, ich hätte mir es wohl anders
gedacht, wie es hinterher kam.

»Sie verstehen mich, Frau Butsch,« entgegnete ich. »Meine Absichten
waren lauter und rein.«

»Wieviel hat die Olle denn?« fragte sie.

Ich war zu zerklüftet, um sie zurechtzustoßen.

»Mama,« sagte Emmi, »denke Dir, ich habe meine Börse vergessen. Du bist
wohl so gut und legst aus?«

»Ich bezahle Alles!« erwiderte ich ergebungsvoll. -- Durch diese
Versicherung wurden sie heiterer und dachten nicht mehr so nagend und
anhaftend an Tante Linas Testament. Und war es so bombensicher, daß
sie die Enkel hineingenommen hätte, auch wenn nichts passirt wäre?
Denn erstens ist die Verwandtschaft nur weitmaschig und zweitens: wenn
irgend ein Viedt Wittwer wird... sie ist im Stande, in den heiligen
Ehestand hineinzuschliddern.

Betti und Emmi wollten erst nach dem Damenheim, wo die neuesten Moden
alle acht Tage wechseln, und dann mit den Kindern nach den wilden
Thieren; die Butschen hatte ihren Beiden versprochen, den Walfischkopf
in der Fischerei zu zeigen, worüber Uneinigkeit auszubrechen drohte.

Unter lebhaftem Für und Wider langten wir an. Ich löste die
Eintrittszettel. In Summa fünf Mark.

Oben von der Ueberbrückung aus gewahrten die Kinder sogleich den
Riesen-Elephanten, der als bewohnbares Symbol des Gregory'schen
Exportbieres dasteht, das in Hunderttausenden von Flaschen in die
heißen Länder versandt wird, wie die Inschrift besagt.

»Merkwürdig,« sagte die Butsch, »daß der Durst allerwärts derselbige
ist. Oder kriegen sie ihn erst, wenn das Bier hinkommt?«

Es freute mich, hieran wahrzunehmen, daß sie anfängt, sich auf
überseeische Kulturfragen zu werfen, was sie früher nie fertig
gebracht hätte. Wegen der Kinder war jedoch eine gründliche Erörterung
unstatthaft. Denn was ist, genau genommen, Durst? Wo fängt er an und wo
wird er sträflich?

»Gehen wir jetzt ins Damenheim?« fragte Betti in einem Tone, als wenn
wir uns nach ihr richten müßten. Ich verstand sie natürlich nicht und
sagte: »Was meint Ihr zu einer Nordpolfahrt? Seht doch diese Gletscher
und Eishöhlen, täuschend aus Gips geklackst, belehrend für jedermann,
der keine Aussicht hat, je in seinem Leben den wirklichen Nordpol zu
erreichen.«

»Ich habe mir erzählen lassen,« bemerkte die Butschen, »der Nordpol
wäre blos, daß einer sich berühmen kann, dagewesen zu sein, und Butsch
sagte, wenn man hinkommt, ist er es gar nicht! Ob sie dort auch wohl
solche Sitzbänke haben, die von selbst in'n Gang gehen?«

Ich hatte mittlerweile für Fahrscheine eine Mark vierzig abgeladen,
wir selbst luden uns auf die fahrbaren Bänke und sausten in den Gips
hinein mit der sich steigernden Besorgniß: »Wo ist die Umstürzecke?«
Wir hatten mehr Glück als Vergnügen, indem wir unzerbrochen landeten
und waren herzlich froh, diese Belustigung hinter uns zu haben.

Betti beantragte nunmehr die elektrische Rundbahn. Wir rasch zur
Haltestelle, für eine Mark Nickel zusammengesucht, den Automaten
gefuttert, durch das Drehkreuz gezwängt und am Halteplatz waren wir.
Die Bahn kam; zwei Wagen voll. Wir sahen ihr mit gemischten Gefühlen
nach, als sie schnöde davon fuhr.

»Wir benutzen den nächsten Wagen.«

Der war noch völler.

Dann kamen wieder zwei mit Platz, aber schlecht gemessen für uns alle.

Der folgende Solowagen war auch zu klein.

»Wir lassen uns unser Geld wieder geben,« sagte Emmi ärgerlich.

»Von wem denn? Von dem Automaten? Der ist, wie die Steuer, nicht auf
Herausrücken eingerichtet.«

»Wir müssen suchen, einzelnt mitzukommen und treffen uns bei den wilden
Thieren,« schlug die Butsch vor.

Und so geschah es, wenn auch nicht gleichmäßig hintereinander, sondern
je nach der Ueberfüllung in mehrfachen Abständen. Schließlich war
ich allein die letzte, die eine Stehgelegenheit auf der elektrischen
Ortsveränderung heranlauerte.

Die Fahrt war beharrlich genug, um an Tante Lina zu denken. So in
Bitterniß scheiden.... das wurmte mich und gar zu gerne hätte ich sie
wieder gut gehabt. Nicht wegen ihrer Groschen -- nein. Aber wer weiß,
ob wir je wieder zusammenkommen und wir haben den Groll nicht begraben,
bis es zu spät ist. Ich hätte doch wohl bei ihr bleiben müssen? Aber
ich hatte den Kindern doch auch den Nachmittag versprochen.

[Illustration: Seehund, der eine Pfeife raucht]

Die kleinen Lämmer -- sie waren in ihren weißen Anzügen ganz wie Lämmer
-- freuten sich, als ich endlich anlangte. -- »Wo bleibst Du, Mama?«
schalt Emmi. »Wir stehen hier wie die Narren.« -- »Kind,« entgegnete
ich, »warum verdrießlich über so kleines Ungemach? Es giebt Schwereres,
als ein bischen warten in schöner, freier Natur. Aber kommt.«

Der Hagenbeck'sche Thiercirkus war justement zu einer neuen Vorstellung
geöffnet. Für drei Mark fünfzig bekamen wir Plätze, von denen der große
runde Käfig gut zu sehen war. Die Kinder saßen vor uns und planschten
in Erwartungswonne. Und als es los ging, als drei Seehunde gebracht
wurden, die Pfeife rauchten, eine Wiege schaukelten und Pistolen
abschossen, brach heller Jubel bei ihnen aus.

»Rauchen die Seehunde immer?« fragte Franz.

»Nur wenn sie müssen,« sagte Emmi. »Sie sind abgerichtet.«

»Ist Papa auch abgerichtet?«

»Dummes Zeug. Papa raucht zum Vergnügen.«

Die beiden Jungen warfen sich Blicke zu, aus denen ich entnahm:
Nächstens spielen sie Papa oder Seehund, je nachdem ihnen der Tabak
bekommt.

Vier Elephanten machten darauf ihre Kunststücke bewunderungswürdig.
Ich bin überzeugt, es giebt Menschen, die nie lernen, auf Weinflaschen
spazieren zu gehen, wie diese unvernünftigen Creaturen, oder es liegt
am Erziehungswesen, daß sie hoffnungslos bleiben. Der Elephant kann
solche Kunst in seiner Heimath allerdings nicht verwerthen, aber man
sieht doch, was ihm beizubringen ist. Und wie viel muß der junge
Mann sich einrammen, ehe er einjährig dienen darf. Und doch sollen
zuweilen Professoren sich anmaßen, mehr wissen zu wollen als ein
Einjährig-Freiwilliger.

Nun kam die Glanznummer. Hunde, schöne deutsche Doggen, sprangen
herein. Drei Löwen folgten, zwei Tiger, zwei Jaguare, zwei Bären,
ein Eisbär. Die setzten sich in der Runde, jeder auf sein Brett
und der Bändiger ging mitten unter sie und ließ sie arbeiten. Ein
ausgewachsener Königstiger fuhr Zweirad, ein anderer lief auf einer
Kugel, ein Bär tanzte aufrecht gehend Seil, kaum wiedererzählbar
unwahrscheinlich und doch ohne Augenverblendung. Ein Löwe fuhr auf
einem Wagen, mit Krone und Purpurmantel angethan, von zwei Tigern
gezogen und zuletzt bildeten alle Thiere, auf Säulen vertheilt, eine
malerische Gruppe, worin der Eisbär oben lag, der vorher nie ruhig auf
seinem Platz blieb, sondern die anderen wohlerzogenen Mitwirkenden
störte und anschnauzte und von ihrer Pflicht abzulenken suchte.

Ich dachte mir mein Theil. Starker Wille und Unbeugsamkeit mit Güte und
richtiger Erkenntniß zwingen selbst wilde Raubthiere zu friedlichem
Zusammenleben. -- Aber ohne einen Stänker geht es auch hier nicht ab.

Wir waren alle hochbefriedigt, nur die Kinder wünschten noch mehr
Löwen und Tiger, gaben sich jedoch, als es hieß, nun gehen wir zu den
Aeffchen.

Neben dem Thier-Cirkus ist das Hagenbeck'sche Affenparadies.
Zweihundert Affen in einem Käfig, wo sie Holzpferde haben, russische
Schaukeln und Klettergerüste, die Glieder geschmeidig zu halten. Und
nur eine Mark vierzig für uns alle. Man athmete ordentlich über die
Billigkeit auf, denn zuletzt kommt man sich auf der Ausstellung vor wie
in Umlauf gesetzte Scheidemünze.

Die Kinder waren glücklich, und es läßt sich nicht leugnen, der Affe
ist possierlich. An dieser alten Wahrheit rüttelt selbst der Ernst der
Zeit vergebens. Aber er ist auch boshaft. Ein kleines Aeffchen war, wie
man so sagt, drunter durch, wohin es kam, spielten die anderen Affen
ihm übel mit, daß es gellend schrie und sich flüchtete. An die Stäbe
des Gitters floh es, als wenn es weit, weit hinweg möchte und bewegte
die Lippen und quäkte und schalt und zog Falten vor der Stirn und die
blanken Augen flogen hin und her.

Da riefen die Kinder: »Das ist Tante Lina! Das ist Tante Lina!« Und
lachten und riefen: »Tante Lina!«

Ich verbot ihnen die Unart. Es half nichts. »Wer das noch einmal
sagt, kriegt 'ne Abrundung,« drohte Emmi mit einer entsprechenden
Handbewegung. Das steuerte etwas. Aber sie lachten innerlich »Tante
Lina.«

Ich dankte meinem Schöpfer, daß die Tante nicht zugegen war. Kinder
wissen ja nicht, wie grausam sie in ihrer Einfalt sind. Ich nahm Betti
abseits, gab ihr ein noch zum Versausen bestimmtes Zehnmarkstück und
sagte: »Bleibt Ihr hier und amüsirt Euch, ich muß nach Hause.«

»Wegen Tante Lina?«

»Ja. Sie ist gekränkt, wenn auch das Donnern mehr Scherz war....«

»Welches Donnern?«

»Nichts! Nichts! Ich habe Eile! Geht mit den Kindern in die Milchhalle,
wenn sie hungrig werden, und habt gut acht auf sie!« -- Ich eilte heim.

Ich nahm den hinkömmlichsten Omnibus so besetzt er auch war. »Bitte,«
sagte der Schaffner, »möchten die Herren sich nicht auf das Blumenbrett
bemühen,« worauf die Stehgäste eine Etage höher stiegen. Ich blickte
den Fahrdirektor fragend an. -- »Wenn ich >Deck< sage,« antwortete
der, »geht Keiner rauf, aber auf's >Blumenbrett< gehen sie, indem sie
sich dann hübscher vorkommen. Und nächstens werden die Decksitze auch
für die Damen freigegeben. Blos daß die Treppen noch die öffentliche
Sittlichkeit scheniren. Da muß was 'rum.«

Da durchzuckte mich die Lösung der Gleichberechtigung. »Einfach
Uniform,« hallte es in mir. Wenn die Frau erst Reservelieutnant wird,
hat sie das Ziel erreicht. Und wie Mancher würde das zweierlei Tuch
bezaubernd stehen. Blos auf Damen im Majorsalter wäre Rücksicht zu
nehmen und ich für meine Person, ich glaube, ich bleibe doch lieber
unten.

Tante Lina war nicht abgereist. Gottlob! Ottilie hatte ihr zugeredet.
Das werde ich ihr gedenken.

»Mir war, mit Erlaubniß zu sagen, die Galle hochgekommen,« erklärte
Tante Lina ihren Zorn, »und ehe ich reise, möchte ich, daß etwas
Gewisses in die Reihe kommt.« Sie sah mich scharf an und fragte:
»Finden Sie nicht auch, daß Herr Kriehberg ein sehr netter Mann ist?« --

»Kriehberg? Nein.«

»O doch, er erinnert mich etwas an Johannes Viedt. Und Ottilie ist ihm
geneigt.«

»Ottilie,« rief ich, »hinter meinem Rücken, wo ich Dich so gewarnt
habe?«

»Da ist nun nicht viel mehr bei zu machen«, sagte Tante Lina scharf.
»Hätten Sie mehr Zeit bei uns übrig gehabt, hätte Herr Kriehberg uns
nicht herumzuführen gebraucht. Wenn junge Leute sich lieben, so soll
man ihr Glück nicht hintertreiben. Einmal verjagt, kommt es nimmer
wieder. Niemals. Nie.«

Sie zog viele kleine Stirnfalten und auch ihre Augen glänzten bald mich
an, bald Ottilie.

Ein Glück, daß die Kinder nicht da waren.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Verwickelungen.


Wo man nicht direct selbst dabei ist, werden Verkehrtheiten vollführt,
auf die man nach mehrtägiger Ueberlegung nicht gekommen wäre. So auch
dieses Mal.

Bei meinem Schwiegersohn, dem Sanitätsrath, hat es nämlich einen Krach
gegeben. Und worüber? -- Ueber mich!

Betti hat mir es wiedererzählt. Die hat es von ihrer Schwester, der
Frau Sanitätsräthin, und hätte auch wohl damit hinter dem Berge
gehalten, wenn wir nicht in einen Kampf wegen vier Mark fünfzig
gerathen wären, die sie als Auslagen für die Kinder-Expedition nach
Treptow heraushaben wollte.

»Betti,« sagte ich, »nachdem ich Unsummen für Eintritte in's Ganze
und Sonderspecialitäten und ein freiwilliges Zusatz-Zehnmarkstück
gespendet, verthut Ihr noch volle vier Mark und fünfzig auf mein Konto?
Das finde ich heftig. Und ein für alle Mal -- ich zahle nicht. Für
Gewaltsachen habe ich kein Gemüth. Womit habt Ihr denn das viele Geld
verprezelt?«

»Die Kinder mußten doch das Eismeerpanorama sehen!«

»Was war denn da los?«

»Denke Dir, Mama, eine riesige Eiskute.«

»Reelles Eis?«

»Warum nicht gar Vanille-Eis? Gott bewahre, aus Farbe, wie so Panoramen
überhaupt. Vorne Gewässer mit Seehunden und Möven und im Hintergrunde
mit mindestens elf Stück lebendigen Eisbären.«

»Betti, die Kinder hatten im Thiercirkus Bären genug gesehen und
Kunstgletscher vorher. Das war unnöthig, weil verschwenderisch.«

»Und zwei Eskimos und eine Eskimofrau.«

»Was hatte die an?«

»Pelzjacke und Pelzhosen, gerade so wie die Männer.«

»So weit sind sie schon da oben in der Aufklärung?«

»Und denke Dir, die Eisbären nahmen der Frau Fische aus dem Munde, ganz
zahm. Und kriegten was mit dem Stock auf den Rüssel und rissen aus wie
die Hämmel.«

»Betti, sag' selbst, ist das noch Naturgeschichte? Wenn der Lehrer
den Kindern erzählt, der Eisbär ist das gefährlichste und grimmigste
Raubthier des Nordens, -- Ottilie hat den Brehm mitgebracht, da steht
es drin -- das den Menschen auf dem Lande und in Schiffen angreift
und nach blutiger Gegenwehr auffrißt, lachen sie ihn ohne Frage aus,
weil sie den Gegenbeweis erlebt haben. Die Folge ist Nachbleiben,
Strafarbeit, schlechtes Zeugnis und elterliche Senge. Und dazu gebe ich
kein Geld her.«

Betti murmelte etwas.

»Wie meinst Du?«

»Du hattest uns doch eingeladen.«

»Du sagtest eingeladen?« -- Ich verstand Blaak oder so ähnliches.
»Mit den zehn Mark konntet Ihr übrigens gut rund kommen. Freilich
Extravaganzen hatte ich nicht vorgesehen!«

»Sollten wir mit den Kindern verhungern und verdursten?«

»Ich rieth Euch ja die Milchhalle an.«

»Aber ehe wir dahin fanden bei der Hitze! Die Butsch entdeckte eine
Weißbier-Niederlassung und wir waren alle so erschöpft, daß wir ihr
folgten und ihren Falkenblick lobten.«

»Nun ja, Weißbiergläser kennt sie nachgerade auch von Weitem; aber es
kostet doch enorme Anstrengung, zehn Mark in Weißen zu verprassen,
selbst mit hinzugerechneten Stullen!«

»Wer that denn das?« brauste Betti auf. »Und dann wurde Karussell
gefahren.«

»Das kann man Kindern nicht verweigern. Die sechs Groschen sind
bewilligt.«

»Die langen nicht. Wir fuhren doch alle.«

»Die Butschen auch?«

»Sie kriesch nur immer so furchtbar, weil die Sitze sich wieder um sich
selbst drehen wie ein Triesel. Mama, Du mußt nächstens mal mitmachen.«

»Damit mein Gehirn verschoben wird? Nein. Jedoch ist es mancher
vielleicht heilsam, indem, was an der falschen Stelle saß, an den
richtigen Platz hinkreist. Möglich, daß die Butsch sich aus unbewußtem
Instinct in diese Drehkur begab.«

»Sie war so karmoisinvergnügt mit den kleinen Butschens.«

»Schön, dann nehme ich das Karussell auf mich. Es bleibt aber immer
noch ein ansehnlicher Rest.«

»Der schmolz in der Milchhalle ein.«

»Was?« rief ich entsetzt. »Milch? Ihr habt Milch getrunken?«

»Wie Du uns anbefohlen hattest.«

»Kalte Milch auf das Weißbier und Karussell fahren? War nicht noch
Gurkensalat bei der Hand, um die Speisefolge zu vervollständigen?«

Betti schwieg verlegen. »Der war nicht mehr nöthig,« sagte sie dann
etwas bedrippt.

»Sind die Kinder noch am Leben?«

»Meine ja. Emmis auch. Von den Butschens haben wir keine Nachricht,«
antwortete Betti lächelnd.

»Die haben abgehärtete Mägen, wenigstens wenn die Butschen noch so
kocht, wie sie es früher nicht gelernt hatte.«

»Gerade die fingen zuerst an. Sie hatten vorher auch am meisten
Napfkuchen vertilgt.«

»Mein Napfkuchen hat noch nie einen Menschen compromittirt, weil er von
Hause aus mit Citronat ist, das ich weglasse, weil es schwer liegt und
zweitens billiger kommt. Den können Sterbende essen, ohne daß er ihnen
schadet. Na, also, Ihr mußtet nach Hause. Wo blieb der Saldo von dem
Gelde?«

»Wärst Du bei uns gewesen, würdest Du es wissen.«

»Wieso?«

»Mama, es muß ja für alles draußen bezahlt werden.«

»Ja, ja! Kinder machen Sorge und Kosten, besonders bei ungesunder
Verpflegung; das merke Dir für die Zukunft. Aber Fritz und Franz hatten
doch keine weitere Anfechtung?«

»Ich möchte fast annehmen, daß Du Fritz übermäßig Napfkuchen zugesteckt
hattest...«

»Betti, was hast Du gegen Fritzchen? Was hat denn das Kind gegessen?
Knapp so viel als in einen hohlen Zahn geht.«

»Wenn Du Elephantenzahn meinst...«

»Betti, ich verbitte mir solche Scherze, selbst wenn wir allein sind.
Ich will wissen, ob der Knabe ernstlich in Gefahr schwebte?«

»Der Vater hat ihm Medicin verordnet und nicht schlecht gescholten.«

»Sein gutes Recht.«

»Er hat gesagt...«

»Was hat er gesagt? Heraus damit. Warum stockst Du? Also was?«

»O, nichts.«

»Ich kann mir's schon denken -- über mich hat er raisonnirt -- hat er?
Sag', hat er? Nicht wahr -- er hat?«

»Nun ja. Aber sehr. Und dabei weiß er noch nicht einmal, wie Du die
Kinder um Tante Lina's Erbschaft gebracht hast. Wenn er das erfährt,
gerathet Ihr mindestens ein halbes Jahr auseinander.«

»Siehst Du, Betti, das hat man davon. Man opfert sich auf, man sucht
alles zum besten zu wenden und, wenn man das Resultat besieht, hat man
in Modder gegriffen. Ich geh' gleich und sehe, was der Junge macht.«

»Das würde ich nicht thun.«

»Nicht den süßen Engel auf seinem Schmerzenslager besuchen?«

»Der ist längst wieder kreuzfidel. Aber der Rath möchte noch grollen.«

»Den lad' ich auf Krebse ein. Ausgesucht, lauter Hengste und er kriegt
die größten. Da wird er fromm. Und Du willst noch vier Mark fünfzig
heraus haben?«

»Ja, Mama. Soll ich Dir jeden Posten einzeln vorreiten?«

»Nein, nein, laß nur. Aber merke Dir eins: Weißbier und kalte Milch
vertragen wetterfeste Landbewohner kaum, viel weniger gebildete
Stadtkinder.«

Ich gab ihr die Groschen, die sie schmunzelnd in ihr Portemonnaie
knippste, wobei ich sofort ahnte, daß sie mich um eine heimliche
Provision überlistet hatte. Aber was hilft die richtigste Rechnung,
wenn sie nicht bezahlt wird? Ich lag drin, jedoch es blieb in der
Familie. --

Mit diesem Kummer hatte ich mich abgefunden, nicht aber mit dem
Verdruß, den Ottilie mir durch ihre Neigung zu Kriehberg bereitet.
Nie wäre es dahin gelangt, wenn ich sie straff unter meiner Aufsicht
gehalten hätte, anstatt sie während meiner Abwesenheit Tante Lina
anzuvertrauen, von der ich alles erwartet hätte, nur nicht die
Begünstigung eines Liebesverhältnisses, das, wenn auch nicht direct ins
Armenhaus, so doch nicht weit davon führt.

Denn die Sache liegt so.

Kriehberg hatte noch eine kleine, mit dem Bauwesen verknüpfte Stellung,
Ausbesserungen zu leiten, wenn die Bedachung undicht geworden und was
es sonst gab, denn wenn auch alles ein Ende nimmt, die Reparaturen
an einem Neubau hören nie auf. Und die ganze Ausstellung ist ein
Riesengesammtneubau.

Man sagte mir, weil das richtigste bei einem vor der Verlobung
Stehenden ist, seine Verhältnisse zu erkunden, er wäre nicht ohne
Fähigkeiten, aber die Häuser, die er entwürfe, ständen schon irgendwo.
Mit der bloßen Verlegung von Fenstern und Thüren, daß nachher die
Treppe nicht hineinpaßte oder ganz dunkle Räume erzielt würden, sei
selbstständiges Fortkommen unmöglich. Man würde ihn seines Fleißes
wegen in zweiter und dritter Linie beschäftigen, wenn er nicht die
Manier hätte, sobald er sich warm fühlte, alles besser wissen zu
wollen. Das könnte er ja auch, aber er müßte seine Weisheit bei sich
behalten.

Was thut jedoch mein Kriehberg? Er nicht auf den Bureau-Maulkorb
geachtet und eigene Meinung gehabt und den Vorgesetzten und
beleidigende Scharaden gekommen.

Was hat er über das Thorhaus zu quesen und zu sagen, es wäre nicht viel
dahinter? Und wie sie ihn fragen, wie er sich erdreisten könne, einen
gothisch-romanisch-altdeutsch-renaissancenen Bau so zu despectiren,
hat er geantwortet, es wäre auch nicht viel dahinter, nämlich blos ein
Stück Treptower Chaussee.

Da ließ sich freilich wenig drauf antworten, weil die Eingangsfluren
zur Ausstellung einen überraschend nuttigen Eindruck machen, gegen den
das rechts und links verstreute Bedeutende stark zu kämpfen hat, um die
erste Enttäuschung allmählich zu verwischen.

Und auch was er über die Drahtgeflechtthür beim Hauptportal geäußert
hat, ist nicht ohne Berechtigung. Er sagt: für einen Hühnerhof eignete
sie sich einigermaßen, für eine Ausstellung, die der Welt zeigen
sollte, was Berlin vermöchte, sei sie belemmert. Diese Kritik haben sie
ihm besonders verargt.

Und dabei stehen in der großen Halle im Schatten, als vertrügen sie
weder Sonne noch Regen, die schönsten Thore, die man sich denken kann,
der Stolz der Berliner Kunstschmiede, deren Arbeiten es nicht nur
siegreich mit jeder Concurrenz des Auslandes aufnehmen, sondern auch
mit dem berühmtesten Mittelalter. »Wie man sich so im Lichte stehen
kann!« hat Kriehberg gesagt. Und da gaben sie ihm Feierabend.

[Illustration]

Und was sagte er da?

»Es ist das Unglück der Comités, daß sie die Wahrheit nicht hören
wollen.«

Draußen war er.

Auf solche Aussichten hin ihm Ottilie zu geben, wäre eine
Unverantwortlichkeit, gegen die Alpdrücken liebliches Gekose ist. --
Und wenn sie sich auch noch so lieben. Von Butter allein kann man nicht
leben, es gehört das tägliche Brot dazu...

Ich band mir Ottilie vor, sie müßte Kriehberg abgeloben.

Sie hätte ihn nicht ermuthigt, erwiderte sie, hoch vom Thurme herab,
als geschehe ihr wer weiß welche Bezichtigung.

»Hast Du nie in seiner Gegenwart mit den Augen geklappert?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ottilie, es giebt verschiedene Sprachen, und eine davon ist die
Augensprache, die ist in allen Dialekten die nämliche. Ein Blick sagt
mehr als ein dickbändiger Briefsteller. Ich frage Dich, ob Du auf die
Art etwa zu viel geredet hast?«

»O Nein. Ich beschäftige mich mit dem gewaltigen Pulsschlag des
Residenzlebens, der täglich Neues und Großes bringt und der geistigen
Förderung durch die entzückenden Darbietungen des Gewerbes und der
Industrie.«

»Doch wohl nicht ausschließlich. Reichliche Zeit verbringst Du, Dich zu
bewundern.«

»Wer sagt das?«

»Betrachte Dir den Teppich vor dem Spiegel, wie er leidet und stets und
immer mit frischen Fußspuren. Das ist auch eine Sprache: Teppichsprache
nämlich.«

Sie that schnippisch.

»Du bist jung, Ottilie, Du weißt noch nicht, ein wie theurer Lehrer die
Erfahrung ist. Nimm meinen Rath an und verkriehberge Dich nicht.«

»Aber Tante Lina meinte, er müsse gut sein, gerade so gut wie Johannes
Viedt, an den er sie erinnere, der nach Amerika gegangen ist, weil er
Eine nicht unglücklich machen wollte, die er liebte, und ohne den Fluch
der Eltern nicht die Seine nennen durfte.«

»Ob sie das selber gewesen ist?«

»Ich glaube fast.«

»Die Alten haben keinen Bürstenbinder als Schwiegersohn gemocht;
natürlich, so liegt der Roman. Ottilie,« fuhr ich warnend fort, »und
Kriehberg ist nicht mal Bürstenbinder ... er ist augenblicklich
garnichts.«

»Er hofft.«

»Ich auch. Ich hoffe, daß er einsehen wird, wie es keine größere
Selbstsucht giebt, als wegen kurz verküßter Flittervierzehntage ein
leichtgläubiges Mädchen mit sich in endloses Elend zu ziehen. Das Leben
ist lang, Ottilie, und die Feuerung theuer. Mit Liebe allein kannst Du
nicht einheizen. Der Winter kommt, Kind, der Winter des Lebens. Liebst
Du Kriehberg wirklich? Möchtest Du um seinetwillen blos in Kattun gehen
und nie nach der Mode, immer denselben alten Mantel?«

»Das würde er doch nicht verlangen?«

»Er nicht; aber die Noth und die ist unerbittlich. Man kann sie
miteinander tragen, wenn sie hereinbricht, ohne eigene Schuld und
fest und innig verbunden den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen. Aber
Uebereilung ist eigene Schuld.«

So redete ich und sie hörte zu, aber mich dünkte, sie war klüger
als ich. Wenn jemand eine Unterhaltung nicht behagt, besieht er die
Zimmereinrichtung und Ottilie ließ ihre Blicke wandern, als wären alle
Stuhllehnen und Tischkanten ihr noch nie vorgestellt.

Mir bleibt nur noch ein Ausweg. Mein Karl muß Kriehberg aufs Dach
steigen und ich -- ich nehme Tante Lina in die Beichte.

Dies muß geschehen, ehe Ungermann's eintreffen, denen ich mich zu
widmen habe. Ungermann ist, wie es in der Geschäftssprache heißt, ein
großartiger Kunde. Der muß warm gehalten werden.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Meine Einquartierung.


[Illustration: Hausflur]

Ungermann's wohnen in der guten Stube, Tante Lina rastet immer noch im
Fremdenzimmer, Ottilie theilt mein Schlafgemach mit mir, mein Karl ist
in die Fabrik verdrängt ... wo bleibe ich mit Kliebisch's?

Es ginge, wenn ich ebenfalls in die Fabrik ziehe, Ottilie in die
Mädchenkammer verfügt wird und Dorette auf dem Boden schläft. Das
will sie aber nicht, und da sie vermehrte Arbeit hat, kann ich ihr
schlaflose Nächte nicht zumuthen. Sie sagt, es wäre auf dem Boden
nicht richtig, mit schleichenden Schritten im Dunkeln, daß sie
kein Auge zukriegte und lieber ginge, als sich krank graulte. Auf
Schudderigkeiten hätte sie sich nicht vermiethet.

»Dorette,« sagte ich, »Spuk ist überwunden. In unserer aufgeklärten
Zeit kommt er nicht mehr vor, er ist wie weggeblasen durch den
Fortschritt, durch Telegraph und elektrisches Licht.«

»Uf'n Boden is et duster,« entgegnete sie.

Nun kann ich Kliebisch's doch nicht schreiben, die schwarzen Pocken
wären bei uns ausgebrochen, oder was sonst Mieths-Contracte aufhebt,
und sie nebenan bei Betti einquartieren, das scheitert sowohl an ihr,
wie an ihrem Manne. Sie hilft mit Lagerstätten aus und was drauf und
drunter gehört, aber über ihre Schwelle steigt kein Fremdling.

»Ich bin nicht so blödsinnig, ein Hotel aufzumachen,« sagte sie
theilnehmend.

Damit hatte sie das Rechte getroffen. Wir sind Hotel! Aber doch nur
aus Geschäfts- und Freundschafts-Rücksichten mit Hinblick auf das
Allgemeine. Jeder Einzelne ist für die Ausstellung verantwortlich, und
für den Besuch kann nicht genug gethan werden, theils daß er heran-,
theils daß das Unternehmen herauskommt. Berlin kann doch nicht alle
Eisbären und Rutschbahnen alleine bezahlen.

Ungermann's sind, soweit ich beurtheilen kann, zufrieden. Am ersten
Morgen sagte sie: »Mein lieber Mann ist noch ein Kopfkissen mehr
gewohnt,« und er sagte, »meine liebe Frau frühstückt Cacao, wenn es
Ihnen keine Mühe macht,« und so einen kleinen Wunsch nach dem anderen,
bis sie es hatten, wie sie wollten. Mich rührte diese Zärtlichkeit,
denn sie sind Beide keine Jünglinge mehr, namentlich vermuthe ich sie
ihm im Taufschein bedeutend über, dagegen ist er würdevoller, als
Männer in seinen Jahren zu sein pflegen. Er betrachtet die Welt vom
ernsten Standpunkt, hat sich aber vorgenommen, Berlin zu durchforschen,
selbst wenn er Elemente nicht vermeiden könnte, deren Berührung zu
falschen Schlüssen Anlaß gäbe. Die sociale Frage zu studiren, sei die
Aufgabe eines jeden, der das Wohl des Staates im Herzen trüge.

Wir kennen einen Polizeilieutenant a. D., sagte ich, »der wird Ihnen
angeben, wo Sie Bauernfänger an der Quelle beobachten können, und das
Asyl für Obdachlose und Plötzensee und die Armenpflege und was sonst
gefällig ist.«

»Ich danke Ihnen sehr. Das ist, was ich will. Ja, ja, das ist es. Unser
Bürgermeister ist noch jung. Sehr jung. Wir Stadträthe müssen gut
unterrichtet sein, damit wir die Bürgerschaft vor Mißgriffen schützen.«

»Sehr edel gedacht, Herr Stadtrath,« erwiderte ich.

»Wenn mein lieber Mann nicht wäre, es ginge drunter und drüber,« nahm
Frau Ungermann das Wort. »Aber wir bilden uns nichts darauf ein und
überlassen Anderen den Vortritt, wenn das Einkommen auch nicht so groß
ist. Man weiß ja doch, was man ist.«

»Ganz meine Meinung, Frau Stadträthin.«

»Die Frau Bürgermeisterin käme ja sehr gern nach Berlin, aber es wird
den Leuten zu kostspielig. Sie müssen im Winter repräsentiren und da
bleibt für den Sommer höchstens ein billiger Landaufenthalt. Ja, ja,
jeder Stand hat seine Last.« --

Herr Ungermann besuchte die Ausstellung fleißig, aber immer nur das
Gewerbliche; das Vergnügliche verurtheilte er stark. Sie, die Frau,
hatte weder Sinn für das Eine noch das Andere. Es ist ihr zu weitläufig
draußen und zu mühsam.

Endlich und endlich kam sie jedoch mit ihren Anliegenheiten heraus,
wozu sie mich ausersehen hatte.

Ich ließ sie sich ruhig aussalmen, und als sie mich fragend anblickte,
sagte ich: »Meine verehrte Frau Stadträthin, das geht nicht. Eine
Schneiderin ins Haus nehmen, ist schon längst nicht mehr an der
Tagesordnung.«

»Aber man kann selber mithelfen, und es kommt wesentlich billiger.«

»Es fehlt mir an Platz.«

»Das große Eßzimmer ist doch da.«

»Im Berliner Zimmer wird _table d'hôte_ gehalten, wie Sie selbst
wissen.«

»Es ist ja bald wieder aufgeräumt.«

»Dazu hat das Mädchen keine Zeit. Nein, wollen Sie sich ausstaffiren,
sehen Sie sich in der Ausstellung die über alle Begriffe schöne Gruppe
>Bekleidungs-Industrie< an, wo Sie die herrlichsten Sachen finden, vom
einfachsten Hauskleide bis zur Galarobe im Preise von achtzehntausend
Mark.«

»Ich möchte nicht in Toiletten erscheinen, die Parade gestanden
haben und aller Welt bekannt sind. Außerdem habe ich meinen eigenen
Geschmack.«

Den hat sie allerdings, aber er ist auch danach. Was sie anzieht,
sieht alles so versonntäglicht aus, so besuchsmäßig, und sitzt
dabei doch nicht ordentlich zu Maß. Aus ihrem Gespräch entnahm ich
indes so viel, daß sie wohl fühlt, nicht auf der Höhe zu stehen,
und die Frau Bürgermeisterin keineswegs aussticht, wie sie möchte.
Die geht vielleicht ganz simpel, aber schick, und was sie anhat,
läßt sie reizend, und das verdrießt die Ungermann, die die erste
Toiletten-Violine spielen will. Wie manches Kostüm ist im Schaufenster
eine stille Pracht, aber so bald eine sich hineinbegiebt, verlieren
Beide, das Kleid sowohl als der innewohnende Rumpf. Sich wirklich
»kleiden« ist eine Begabung. Nachdem ich genügend überlegt hatte, sagte
ich: »Kaufen Sie fertig, da wissen Sie, was Sie haben.«

»Nimmermehr. Nein, meine Figur opfere ich nicht der Schablone.«

Ich sah mir ihren Umriß an. Wie ein solches Gestell sich noch lange mit
Figur betituliren mag, finde ich kühn. Und ist es hübsch, sich neu zu
behängen, um Aergerniß zu verbreiten? Und war es rücksichtsvoll, mir
eine fremde Person zuzumuthen, wo ich nicht aus noch ein weiß? So viel
ward mir klar: die Ungermann bleibt vier Winter.

»Meine Liebe,« begann ich daher trocken, »das Fertige sitzt am besten.
Wollen Sie jedoch nicht das Hochmodernste, werden Sie in einem großen
Geschäft nach ihren eigenen Angaben immer rascher bedient, als im
Hause. Besehen Sie mit Ottilie die Leistungen auf der Ausstellung, das
regt die Phantasie an, und Sie können sich nach den vorhandenen Motiven
etwas bauen lassen, daß die Frau Bürgermeisterin platt hinfällt.«

»Sie mißverstehen mich,« sagte sie süßlächelnd. »Die Dame ist viel zu
erhaben, als daß ich nur daran dächte, ihr zu imponiren. Ach nein. Aber
mein lieber Mann wünscht, daß, wenn ich doch einmal in Berlin bin,
ich meine Toilette wahrnehme. Und warum auch nicht? Wir können es ja.
Für wen sollen wir sparen? Wenn wir mal todt sind, mein lieber Mann
und ich, fällt unser Bischen einem Neffen zu, der es gar nicht einmal
gebraucht. Der übernimmt die Fabrik meines Bruders.«

»Was kommt es denn auf die paar Möpse mehr an? Ich empfehle Ihnen
Gerson.«

Es verdroß sie sichtbar, daß ich mich nicht erweichen ließ, aber
als Hotelverwaltung muß man sich einen Marmorbusen zulegen. Saueren
Herzens schwamm sie mit Ottilie und Tante Lina ab, zu Dritt sich in die
Confection zu stürzen.

Aus Tante Lina ward ich in den letzten Tagen nicht mehr klug. Sie war
rein versessen auf die Ausstellung, und war schon draußen, wo die
Morgenstunde vor zehn eine Mark im Munde hat, wahrscheinlich um das
Frühaufstehen mit erhöhtem Eintritt zu bestrafen. Was wollte sie dort
und warum war sie so ausgewechselt, daß sie mehr schwieg als erzählte
und träumend da saß? Und dann wieder war sie ganz aufgeregt. Und einen
Stoß Zeitungen hatte sie bei sich zu liegen, die sie in allschlafender
Nacht durchbuchstabirte. Sie hatte sich heimlich Kerzen gekauft, damit
wir es nicht merken sollten, aber Dorette kam gleich dahinter und
fragte, ob wir nicht einen Eimer Wasser vor Tante Linas Thür stellen
wollten, sie läse am Ende das Bett noch in Brand.

Und zum Abreisen nicht die schwächste Anstalt.

Ich verhörte Ottilie. Die sagte, sie wären mit Herrn Kriehberg in
Kairo gewesen und als Tante Lina das Kairo-Kleine-Journal, worin die
Musiknummern stehen, durchgesehen hätte, wäre sie mit einem Male blaß
geworden und wie ohnmächtig. Und seit dem Abend hätte sie es. Am
liebsten säße sie auf einer Bank im Wandelgang und rührte sich nicht
vom Fleck, immer nur die Vorübergehenden anstarrend, ganz wie Leonore,
die um's Morgenroth fährt, wie Kriehberg sich geäußert hätte.

»Sehr unpassend,« schalt ich. »Wer das Alter nicht schont, ist auch
anderer Unmoralitäten fähig. Wie stehst Du mit ihm?«

Sie schwieg.

»Genickt hast Du, aber hoffentlich nicht Ja gesagt. Ottilie, Kriehberg
paddelt noch; hängst Du Dich an ihn, geht er unter in dem Strome des
Lebens. Warte wenigstens, bis er auf dem Trocknen ist. Binde nicht
Dich, binde nicht ihn. Und wenn er geht, was bist Du für ihn gewesen?
Eine Sommerliebe, die um's Morgenroth flattern kann.«

»Nein, nein. So schändlich kann er nicht sein.«

»Schändlich nicht, aber leichtsinnig. Er hält ja nirgends aus, also
auch nicht bei Dir. Und Tante Lina hat ihn auch erkannt; er hat sie
nämlich gräßlich angelogen.«

»Nein, nein!«

»Das hat sie mir selbst gesagt.«

»Wie ungerecht. Ich war ja dabei.«

»Na also.«

»Das kam so. Er erzählte uns, wie kolossal der Betrieb im
Hauptrestaurant sei. Da sind fünfundvierzig Köche und fünfzig
Spülfrauen und gegen zwanzig Messer- und Silberputzer und über
vierundvierzigtausend Tischtücher und Mundtücher und, denken Sie sich,
achttausend tiefe, neunzigtausend flache Teller und achtzehntausend
Beitellerchen und zwölftausend Messer und Gabeln. Und das wollte Tante
Lina nicht glauben. Durchaus nicht.«

»Sie hätte sich ja blos überzeugen brauchen.«

»Sie sagte, so viel Geschirr gäbe es überhaupt nicht und das nahm er
selbstverständlich übel.«

»Wann war das?«

»An demselben Abend.«

»Jetzt verstehe ich. Sie hat auf ihn gehalten und glaubt, sich in
ihm getäuscht zu haben und bereut, daß sie seine Annäherung an Dich
begünstigte. Sehr einfach.«

»Aber Kriehberg hat nicht gelogen.«

»Wenn Du eine kleine Stadt ausschüttelst, fallen nicht so viel
Teller heraus, als im Hauptrestaurant täglich gebraucht werden, das
ist klar. Und deshalb hält Tante Lina solche Porzellan-Anhäufungen
für kalten Aufschnitt. Es giebt eben Wahrheiten, die manchmal keine
sind. Kriehberg fehlt es an Welterfahrung und das ist bei einem Manne
schlimm. Am Schlimmsten aber für die Frau, denn Dämlichkeit des Gatten
ist kein Scheidungsgrund.«

Doch: »Rathet mir gut, aber rathet mir nicht ab« sagt die Braut im
Sprichwort. Ich verkündete darum gewissermaßen prophetisch: »Ja, es ist
wahr, die Liebe ist blind, aber sie merkt es erst, wenn sie hinterher
den Schaden besieht.« --

Mein Karl sucht eine auswärtige Stellung für Kriehberg, ihn aus Berlin
weg zu unterstützen. Das wäre für ihn gut und noch guter für mich.
Ottilie stelle ich die Wahl zwischen ihm und einem billigen, aber
geschmackvollen Lodenanzug des Vereins Berliner Damenmode. Ich denke,
sie nimmt den Anzug. --

Und deshalb machte ich mich auf, den Dreien nach, die in
Costümbetrachtungen schwelgten. Wenn die Ungermann sagt: »Solches würde
ich mir machen lassen und jenes und das noch dazu und das und das
und das, erwacht in Ottilie gleiches Begehren und sie läßt mit sich
handeln. Ich kenne das. Was die eine hat, will die andere auch haben.
Geht man in ein Geschäft und der junge Mann versichert, dies wird viel
genommen... schwapp hat man's.«

Es ist mit Bräutigämmen ganz dasselbe. Hat eine einen, ruht die andere
nicht, bis sie ebenfalls einen Verlobten unterärmelt, und wenn sie sich
blos einbilden muß, ihn zu mögen. --

Ich traf sie in der Moden-Abtheilung. Ottilie und die Ungermann, die
an allem, was sie sah, zu tadeln fand. Gefiel ihr der Stoff, verwarf
sie den Schnitt, was gelb war, sollte roth sein und was mit Besatz
war, wollte sie gesteppt haben. In mir siedeten bereits Bemerkungen,
die ich nur unterdrückte, weil sie bei uns hotelisirt. Wäre sie die
Butschen gewesen oder gar die Pohlenz... ich hätte einen Ton geredet,
wie das Nebelhorn an der Spree, bei dem ältere Leute einknicken, wenn
es unangemeldet lostutet.

»Wo ist denn Tante Lina?« fragte ich, da ich sie nicht gewahrte.

»Die wird wohl draußen auf ihrer Bank in der Wandelhalle sitzen.«

»Dann helfe ich ihr spazieren sehen,« entgegnete ich, drehte mich kurz
um und dampfte ab. Ich kann viel vertragen, nur keine Besserwisserei
aus Dünkel.

Tante Lina saß richtig auf der Bank. Ich beobachtete sie aus einiger
Entfernung eine ganze Weile.

Sie saß und sah. So merkwürdig selbstvergessen saß sie da, wie todt
und jeden Vorübergehenden schaute sie forschend an, mit den Augen, die
allein lebend waren, scharf und fragend und hell.

Ich setzte mich zu ihr. Sie merkte es nicht.

»Tante Lina,« sagte ich.

Sie schrak ein wenig zusammen. »Ach Sie sind es,« sagte sie und sah
wieder wie abwesend in die vorüberwogende Menge.

Auf einmal überkam sie heftiges Zittern, ihr Athem ging rasch und
hörbar. »Was ist Ihnen?« rief ich besorgt und war schon auf dem Sprung,
die Sanitätswache zu alarmiren.

Ein Herr ging daher, ihm zur Seite in einem Zähluhrfahrstuhl eine Dame.
Sie sprach zu ihm, er neigte sich und antwortete freundlich auf ihre
Fragen. Es war abendkühl. Er legte ihr seinen feinen, seidengefütterten
Paletot über die Füße.

Sie lächelte ihm Dank zu. Eine recht nette Frau und ein stattlicher
Mann, schon etwas weißlich an den Schläfen, aber das kleidete ihn gut.

Als das Paar in unserer Nähe war, rief Tante Lina: »Johannes. --
Johannes!«

Der Herr wandte sich um. Hatte ihm der Ruf gegolten, der so weh klang
und erstickt, als hätte ein verlassenes Kind nach der Mutter geweint?

Er blickte mich an, er blickte Tante Lina an. Dann schüttelte er leicht
sein Haupt und schritt weiter.

Tante Lina war zusammengesunken; die Kunstlocken hingen vornüber und
beschatteten ihre Augen. Es durchzuckte sie ruckweise, wie große Qual
den Menschen durchbebt.

»Tante Lina, um Gotteswillen, was ist Ihnen?«

»Er war es,« flüsterte sie. »Er.«

»Wer denn, Tante Lina?«

»Johannes. Johannes Viedt. Es war wohl seine Frau, die neben ihm? -- Es
war seine Frau.«

»Sie müssen sich geirrt haben, wo soll denn der herkommen?«

»Er ist es. Ich las seinen Namen unter den Besuchern des Tempels, die
sich einschreiben, ganz deutlich: Johannes Viedt aus St. Louis. Ich
hab' in allen Zeitungen die Fremdenlisten nachgesehen, sein Hotel
herauszubringen, ich fand ihn nicht. Da habe ich auf dieser Bank
gewartet, jeden Tag. Ich wußte, er würde kommen.«

»Und das that er auch.«

»Er sah mich und ich sah ihm in die Augen, wie damals, als er ging. Er
hat mich nicht wieder erkannt. Nicht wieder.«

Sie weinte. Stille Thränen, schwere Thränen.

»Tante Lina, wollen wir nach Hause?«

»Ja. Und morgen reise ich. Ich habe Alles in Ordnung: mein Sterbekleid
liegt im Schubkasten unten im großen Spinde. Und Tischler Grawert weiß
Bescheid, blos ein einfacher Sarg, ganz einfach. Alles in Ordnung.«

»Nicht doch, Tante Lina. Ich lasse Sie nicht eher, als bis Sie wieder
froh und heiter sind. Weg mit so trüben Gedanken. Sehen Sie, wie schön
und golden die Sonne auf die Kuppeln und Thürme scheint.«

»So?« fragte sie theilnahmslos. »Ich hatte eine Sonne, hier drinnen,
die ist untergegangen. -- Ob er wohl glücklich ist mit seiner Frau? --
Ob wohl Kinder da sind? -- Viedt's haben mir nie gesagt, daß er sich
verheirathet hat. Sie wollten mir's wohl verheimlichen. Ja, Viedt's
sind gut und Johannes ist der Beste.«

Sie erhob sich müde und wankend.

»Liebe Buchholz,« sagte sie sanft. »Haben Sie Dank, daß ich bei Ihnen
sein konnte, daß ich ihn noch einmal sah. Ihm geht es gut; ich bin
zufrieden.«

Wir verließen die Ausstellung und nahmen eine Droschke. Das Gewühl auf
der Eisenbahn war nichts für Tante Lina.

Sie sprach unterwegs kein Wort. Ich glaube, sie begrub die
Vergangenheit.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Täuschungen.


Was dem Menschen im Buche des Schicksals angekreidet steht, das wird
ihm besorgt. Für mich stand eine Nähmamsell drinn und ich habe sie.
Hinter meinem Rücken hat die Ungermann sie gedungen und in Thätigkeit
gesetzt, als ich pflichtgemäß außer Hause war. Und wer hat ihr dabei
geholfen? Die Krausen.

Hätte ich die Beiden doch nur nicht miteinander bekannt gemacht. Aber
es mußte so kommen.

Die Ungermann beschwabbelte mich, mit ihr noch einmal die Costüme zu
begutachten und ich ging darauf ein, weil ich später selbst darüber
sachgemäß berichten muß, obgleich ich nicht kapabel bin, mich in die
confectionelle Schreibweise hineinzuzwängen, wodurch die Modeberichte
immer ihre Pompösität kriegen. Ich weiß nämlich nicht, wo ich die
Fremdworte alle aufgabeln soll, die kunstvoll in die Sätze vernäht
werden, damit sie etwas hergeben.

Und schließlich: was ist Mode? -- Es ist dasjenige, weswegen man
ausgelacht wird, wenn man es nicht mitmacht, und das man auslacht, wenn
es nicht mehr mitgemacht wird. So denke ich darüber.

Man sieht es ja. Kaum nehmen die Damen bei dem Trachten-Panoptikum
von Moritz Bacher Aufstellung: heiter werden sie und schmunzeln und
kichern und machen sich lustig über ein Jahrhundert Mode und halten
es für unmöglich, daß verständige Menschen sich jemals so zu Schauten
machten, außer auf Maskenbällen. Das Ungreiflichste ist ihnen die
Krinoline, aber damals, als sie aufkam, hielt es jeder für heiligste
Pflicht, das Birnenhafte den Franzosen nachzuäffen und in allem Ernste
schön zu finden.

[Illustration: Mode]

Wie wohl nach hundert Jahren über unsere Mode gespottet wird? Aber es
geht nun einmal nicht anders. Anhaben muß der Mensch etwas. Barfuß bis
unter die Arme, wie die alten Griechen, ist nur Statuen erlaubt.

»Da sieht man, auf was für Fahnen die Damen verfielen, um ihre
Nebenbuhlerinnen zu ärgern,« sagte ich zur Ungermann, die diesen Stich
nothwendig versetzt haben mußte, weil sie doch nichts weiter sinnt,
als sich mit ihrer Kleedage beneiden zu lassen. Ob sie Glück haben
wird? Kaum. Grün mit erdbeercremefarbigem Besatz erregt meiner Ansicht
nach höchstens Bedauern. Und das nennt sie eigenen Geschmack. Sie
aber gethan, als hätte sie nicht verstanden. »Gottlob, daß wir nicht
in so ordinärer Vergangenheit leben,« sagte sie, »wir schreiten eben
vorwärts; auch die weißen Röcke kommen ab. Haben Sie den Unterrock von
gelb und blau chinirter Seide gesehen? Solchen schaffe ich mir an, er
ist wie ein Gedicht.«

»Aus der goldenen Hundertzehn,« ergänzte ich ihre Schwärmerei und
dachte, ob sie wohl vorhat, den Leuten das Nähmaschinengedicht auf dem
Thurmseil vorzudeclamiren, worüber ich in lächelnde Stimmung gerieth,
in der ich den Antrag auf Verweilung im Freien stellte, mit einem
Täßchen Eis-Schocolade bei Hildebrand. -- Wurde angenommen.

Wie wir nun unterwegs das große Becken betrachten, worin der
Lichtspringbrunnen emporlodern soll, stößt Ottilie mich an und
flüstert: »Da ist er.«

»Wer?«

Ich hingesehen und richtig, da steht der Adonis von neulich in
Lebensgröße und giebt einem Arbeiter Anweisungen aus einem Taschenbuch.
Er wird uns gewahr, zielt scharf herüber und eilt auf uns zu.

»Herrjeh, Tante Ungermann,« ruft er, »Du in Berlin? Also täuschte ich
mich nicht, als ich Onkel kürzlich im Olympia-Theater zu sehen glaubte.«

Tante und Neffe begrüßten sich und sie stellte ihn vor.

»Rudolph Brauns, mein Schwestersohn.«

Ich verneigte mich gemessen. Ottilie erröthet.

»Wo kommst Du denn her?« fragte die Ungermann.

»Ich bin als Elektrotechniker engagirt,« antwortete er. »Papa meinte,
ich sollte es annehmen: bei den kolossalen Anlagen hier könnt' ich mich
nur vervollkommnen.«

»Elektrotechniker?« redete ich ihn mißtrauisch an. »Als wir vor
einiger Zeit, wie der Zufall es so fügte, an ein und demselben Tisch
in Unterhaltung geriethen, sagten Sie doch selbst, Sie wüßten nicht
einmal, was Elektricität sei.«

»Das weiß auch noch Niemand!« entgegnete er unbefangen. »Kein Gelehrter
kann bis heute sagen, was sie ist. Wir kennen ihre Erscheinungsformen.
Alles andere ist Theorie.« -- Ich dachte ihn zu überführen, aber wenn
die Sache liegt, wie er sagt, dann war unmöglich richtig, was Ottilie
über das Wesen der Elektricität vortrug. Mir dämmerte so etwas wie
Blamirung auf.

Ottilie war ganz roth geworden, stark lippenpomadenroth.

Tante und Neffe erkundigten sich gegenseitig nach ihren Erlebnissen
seit dem letzten Zusammensein; Ottilie und ich gingen voran zur
Schocolade, die jedoch mit Hindernissen verbarrikadirt war, und zwar
in Gestalt von Herrn und Frau Krause und Butsch und Gattin, die auf uns
zu stießen.

Die Krausen hochelegant. Mein erster Gedanke war, »wie kommt sie
dabei?« und ehe ich einen zweiten fassen konnte, sie mir vortriumphirt,
daß sie alles vermiethet hätte mit Verpflegung und fabelhaft verdiente.
Ich zog natürlich gleich die Hälfte ab.

»Feine Leute,« schwaddronirte sie, »und so zufrieden mit allem, Geld
spielt gar keine Rolle. Nun sie merken ja auch gleich, daß sie es mit
Bildung zu thun haben. -- Sie sind doch auch so schlau, zu vermiethen?
Oder haben Sie noch Zimmer leer?«

»Alles besetzt,« gab ich zur Antwort. »Mein Mann schläft sogar in
der Fabrik.« -- Und das war der Wahrheit gemäß. -- »Wir persönlich
schränken uns auch ein,« fuhr sie fort.

»Das sieht man Herrn Krause an,« warf ich ihr vor. »Ich, an Ihrer
Stelle, würde den Fremden nicht alle die kräftigste Bouillon allein
geben oder lieber ein halbes Pfündecken Fleisch mehr nehmen, damit der
Mann auch was hat.«

Auf diese Enthüllung aus heiterem Himmel war sie nicht vorbereitet,
vergebens fischte ihr Geist nach Wiedervergeltung. Aber ich hatte
polizeilich beglaubigte Bestätigung ihrer Mierigkeit, indem Doretten's
jetziger Bräutigam eine Cousine bei Krauses zu dienen hatte.
Schaudervoll geht es her. Von einem halben Pfund Beilage, dreitägige
Brühe gekocht und den Zampel mit Rosinensauce aufgetischt, daß der Mann
seine eigene Haut als Ueberzieher brauchen könnte, wenn sie zu knöpfen
ginge und deshalb gab der Schutzmann das Familienverhältniß auf. Wo die
Herrschaft selber Ammi spielt und die Knochen abgnabbelt, hält kein
Geliebter aus, da wird die Küche bald zum Kloster mit der Krausen als
Aebtissin, worauf das Mädchen sofort kündigt. Warum hat sie sonst alle
halbe Jahre eine neue?

Dies hat mir Dorette hinterbracht, die es von ihrem Verlobten weiß, und
Schutzleute lügen nie. Als ich fragte, ob die Krause'sche Philippine
auch eine wirkliche Cousine von ihm gewesen sei, wurde sie patzig
und sagte, er hätte seinen Diensteid darauf gegeben, daß es keine
Stiefliebste war: ob ich Lust hätte, mich in Unannehmlichkeiten zu
stürzen? Worauf ich nicht weiter auf den Fall einging.

Die Butschen hatte meinen Sieg über die Krausen nicht bemerkt. Sie
schwamm am Arm ihres Mannes in Festtagslust. Er sah auch gentil aus mit
der ihm angeborenen und mit Weißbier weiter gepflegten Stattlichkeit
und schwarzblank neu in Kleidung, wozu Herr Bergfeldt sich nie
aufschwingen konnte, weil immer nur mit Ach und Krach ersetzt wurde,
worauf längst Ventilationsklappen gehört hätten, womit sie ihn nicht
gut gehen lassen konnte.

»Butsch wollte erst gar nicht,« erzählte sie, »um damit daß nichts
im Geschäft passirt, wenn er weg ist und irgend so'n Besoffsky Radau
macht, denn gerade in der Abwesenheit erlebt man gewöhnlich den
mehrsten Verdruß...«

»Aber meine Olle mir keine Ruhe gelassen,« nahm Herr Butsch das Wort,
»bis ich mich bewogen fühlte, zu sagen, wenn es so brüllend schön
ist, wie Deine Beschreibung unbegreiflich, denn man hin. Und ich muß
gestehen, blos um das Ausgefallenste zu betrachtigen gehören minimumst
Zweie.«

»Nicht wahr?« freute sich die Butsch. »Und so raffinant. Das
Industriegebäude und die Hauptrestauration ganz natürlich wie sonne
Pendants.«

Ungermann's merkten bereits auf und damit die Butschen als meine
Bekanntin nicht auf grenzenlosester Kunstunwissenheit ertappt würde,
sagte ich: »Beides in italienischer Phantasie stilisirt. Gehen wir.«

Die Krausen aber spitzlistig gefragt: »Was verstehen Sie unter
Pendants, meine Beste?«

Die Butschen wies erst auf den weißen Wasserthurm und dann auf die
blanke Kuppel und sagte grundehrlich: »Na, auf der einen Seite ein
Thermometer und auf der anderen ein Barometer, wie es unsere gute Stube
auch in der Mode hat.«

»Kein übler Gedanke,« rief der junge Herr Brauns, »damit ließe sich
in der Metall- und Galanteriewaarenbranche vielleicht ein Geschäft
machen. Wollen Sie mir die Idee überlassen? Wir theilen den Gewinn.
Ich übernehme die Musterschutzkosten und die Abmachungen mit den
Fabrikanten. Ein paar tausend Märkelchen können dabei herausschauen,
Notabene wenn wir Glück haben.«

»Meine Frau willigt ein,« sagte Herr Butsch. »Olle, Olle, bist Du
helle!« rief er und küßte sie inmitten der Menschheit und sie stand
ganz verlegen und glücklich. So glücklich.

»Und wenn's nur ein paar hundert Mark werden,« fuhr Herr Busch fort,
»es wäre auch schon schön. Kathinka, es kommt in die Sparkaste und
bleibt Deine. Ich habe ja immer gesagt, wer meine Frau für dumm kauft,
der schmeißt sein Geld weg.«

[Illustration: Türme]

Die Krausen zipperte mit den Eßwinkeln. Die Butschen, die sie
verdunkeln wollte, strahlte in Glorie. Das verdroß sie schmählich.

In diesem Zustande war Eis-Schocolade für sie wie von der Vorsehung
angerührt. Herr Butsch ließ sich nicht nehmen, die ganze Runde auf die
Erfindung seiner Frau hin zu erledigen. Herr Brauns gab eine zweite
dagegen.

»Ich finde es abscheulich, daß der junge Mann die Butschen so zum
Besten hat,« raunte die Krausen mir zu. »So ihre Bornirtheit zu
verspotten.«

»Erlauben Sie, es war sein voller Ernst.«

»Das glauben Sie selber nicht. Außerdem halte ich an die
Oeffentlichkeit treten für unweiblich.«

»Man muß es nur können.«

»Aber wie wenige vermögen das? Und dann ist es auch nur Zufall, wenn
mal etwas gelingt. Wirklich Denkende, wie mein Mann, halten es mit der
Würde ihres Standes unvereinbar, ihre Geistesschätze auf dem Markt zu
profaniren. Gelehrsamkeit ist eben keine Kuh, die Einen mit Milch und
Butter versorgt.«

»Er kriegt wohl blos amerikanisches Schmalz,« entgegnete ich. Das mußte
ich ihr einreiben, erstens wegen ihres Dünkels und zweitens, weil sie
mich meinte. Und um ihren Hochmuth ein für alle mal zu dämpfen und
neben der Butschen, die doch meine langhergebrachte Freundin ist,
nicht wie die Krausen als Nachtschatten betrachtet zu werden, sondern
ebenfalls als lebende Magnesiafackel, sagte ich: »Jetzt wird gerade
gedruckt; wir sehen uns das Innere des Lokalanzeigers an, wo die
Ausstellungsnachrichten entstehen. Da kommen die höchsten Herrschaften
und Minister und Excellenzen und alles, was von Bedeutung ist, wie
heute unsere liebe Butschen, die einen gewaltigen Schritt in das
Erfinderische gethan hat.«

»Müssen wir,« pflichtete Herr Butsch bei. »Willst Du auch einen Cognac
auf das kalte Zeug, Kathinka?«

»Nee, nee,« dankte sie. »Mir ist so heiß, ich weiß nicht wie.«

Die Setzmaschinen in der Druckerei und wie sie das Geschriebene
in runde Metallplatten verwandeln, das ist direkt räthselhaft und
die Pressen sind so gerieben ausgedacht, daß wir sie nur so lange
verstanden, als Herr Brauns sie uns erklärte. Das Papier an sich ist
doch ganz vernunftlos, aber in der Presse wird es lebendig und geht
seine Wege, wie auf dem Exercierplatz kommandirt und kommt unten als
Zeitung heraus. Immer klapp, klapp, klapp ist eine Nummer nicht nur
lesbar, sondern auch gefaltet. Dies fesselt stets auf's neue, so oft
man es auch anstaunt.

Und nun führte ich meinen Plan aus, gerade jetzt durch die Krausen
gereizt.

»Meine Herrschaften,« sagte ich so verständlich in dem
Maschinen-Geräusch wie möglich: »Sie verweilen wohl einen Augenblick,
ich bin gleich wieder zurück.«

Sie nickten Einverständniß.

»Ich habe nämlich auf der Redaction zu thun.«

»So?«

Weiter nichts als gleichgiltiges So. Die Krausen that, als wollte sie
in die Walzen hineinkriechen. Das war Neid. Sie wollte nicht hören. Sie
ahnte etwas.

»Ich muß mir nämlich die Correcturen von meinem Bericht holen.«

»Dann eilen Sie sich man,« sagte die Butschen.

Konnte sie nicht loswundern und einen Strahl über mich als Presse
reden? Ih Gott bewahre. Der Effect war vorbei gegangen und die Krausen
beleidigend gleichgültig gethan. Aber ihre Blicke hohnlachten.

Ich verabsentirte mich. Der Redacteur war bereits sich erholen oder
Beobachtungen machen gegangen, was man nie genau unterscheiden kann,
aber ein Umschlag mit den Abzügen, an mich gerichtet, lag zum Absenden
da, den ich an mich nahm. Ich behielt ihn in der Hand. Sehen mußten die
Anderen ihn. Noch war die Bataille nicht verloren.

Auf die Frage, wo Abendbrot genießen, empfahl Herr Brauns die Brauerei
von Berliner hinter der Maschinenhalle und wie manches so hintrifft,
kamen wir an denselben Tisch, an dem Ottilie und ich Herrn Brauns
erste Bekanntschaft machten. Es wurde angebaut und da gute Prepelung
aufheitert, wurden wir bald recht fidel.

Herr Butsch war der Vergnügteste und hielt die Kellnerkräfte in
Bewegung. »Kathinka, trink,« forderte er sie auf. »Trockene Freude ist
halber Schmerz. Trink, Kathinka. Ich geb' noch einen aus. Kellnär!«

»Aber Butsch, bedenke, was Du schon losgeworden bist.«

»Wenn't nich Geld genug gekostet hat, gehn wir noch mal wieder her,«
lachte er. »Was kann das schlechte Leben helfen, n't Vermögen ist doch
bald alle. Kellner, zwei Cognac, aber ohne Fußbad.«

Ich hatte den Schreibebrief auf den Tisch gelegt, dicht vor Herrn
Krause, aber er sah nicht hin. Er aß und trank und es schmeckte ihm. Es
war ja auch eine stärkende Unterbrechung der Suppenfleischklopse, an
denen er langsam vermickert. Aber es soll thatsächlich Naturen geben,
die sich an Vergiftung gewöhnen.

Sie, die Krausen, brannte auf den Brief. Sie faßte ihn ganz
unabsichtlich an, tändelte damit und warf ihn wieder hin. Aber sie
konnte und konnte nicht davon bleiben.

»Was ist darin?« fragte sie endlich.

»Correcturen von meinem nächsten Bericht. Es hat so leicht Keiner eine
Ahnung, wie mühsam die sind.«

»Das kann ich mir garnicht denken. Wenn Sie es fertig bringen, ist es
doch unmöglich so schwer?«

»Versuchen Sie. Da ist ein Bleistift. Zeichnen Sie einmal einige Fehler
an.«

»Ich werde doch nicht das Ganze durchstreichen,« sagte sie und
meckerte. Das sollte ein Witz sein.

Rasch hatte sie den Umschlag aufgerissen. Da waren die
Correcturstreifen. Sie las. Ihre Züge verklärten sich, als sie
weiter schnüffelte. »Ah,« dachte ich, »sie wird bezwungen von Deiner
Schreibung, Wilhelmine. Sie ist doch am Ende nicht so schlecht und
aller höheren Empfindung bar, wie man leider manchmal angenommen hat.«
-- Gerade dieser Bericht war mit besonderer Hingabe abgefaßt, sozusagen
mit Begeisterung und doch wieder mit dem sachlichen Pflichtgefühl des
hohen Berufes der Presse.

»Darf ich vorlesen?« fragte die Krausen.

»Vorlesen!« lechzten die Anderen förmlich. »Vorlesen!«

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht,« gestattete ich bescheiden und sah auf
das Tischmuster. Vorgelesen werden sollen ist ähnlich wie in einer
Schaukel, nicht schön und doch wieder sehr schön.

Die Krausen räusperte sich und las laut: »Der Glanzpunkt der gesammten
Ausstellung, wie noch niemals da war und die Augen der Nationen auf
sich lenken wird, befindet sich links im Hauptgebäude. Es ist dies
ein aus diamantschwarzen Strümpfen auf weißem Grunde künstlerisch
hergestellter Reichsadler, unter Garantie absolut farb- und waschecht
mit verstärkten Spitzen und verstärkten Fersen, ein großer Theil der
Qualitäten außerdem mit verstärkten Sohlen eine Musterleistung des
Hauses Buchholz und Sohn.«

Die Krausen hielt inne. »Darf ich weiter lesen?« fragte sie. »Ist es
Ihnen auch recht?«

»Gewiß!« erlaubte ich ihr, da alle mit gespannter Aufmerksamkeit
lauschten. Sie lächelte mir teuflisch zu und las mit erhobener Stimme.

»Die Güte der Waare fechten wir keineswegs an, aber Glanzpunkt ist
zu viel gesagt, in Anbetracht hervorragenderer Objecte, und über das
Künstlerische des Adlers ließe sich diskutiren, mehr als wir Raum in
unserem Blatte für Erwiderungen zur Verfügung haben. Wir ersuchen Sie,
einen anderen Eingang zu schreiben. Ganz ergebenst die Redaction. --
Das steht hier mit Tinte am Rande. Ihr Glanzpunkt aus Strümpfen ist
dick blau ausgestrichen. Sehen Sie, meine Damen.«

Wie ich da saß, war mir wie weit weg im Nebel. Was ich sagte, war wie
hohles Echo. Ich hatte es so gut mit meinem Karl gemeint, und seine
Ausstellung ist auch der Glanzpunkt. Und der Adler ist von einem
früheren jungen Akademiker entworfen, also künstlerisch. Kann man sich
denn nicht mehr auf die Akademie verlassen?

»Die größten Schriftsteller haben ihre ersten Entwürfe oft genug
umgearbeitet,« sagte Herr Brauns, »und in unserem Fach ist der erste
Plan meist nur ein Anhalt. Wir alle müssen corrigiren.«

»Pah!« sagte die Krausen, »ich möchte um nichts in der Welt ein Genius
sein. In meine Sachen redet mir kein Zweiter hinein, das ist mein
Ehrgeiz.«

»Der Anfang war auch nicht gut,« sagte ich, mich aufraffend. »Mir
fehlte es an Zeit und Ruhe. Der, den ich jetzt schreibe, wird besser.
Und das wissen Sie alle: über künstlerisch und unkünstlerisch gehen
augenblicklich die Ansichten quer auseinander. Der Adler ist mehr
nach der alten Schule, und der Redacteur gehört wahrscheinlich zu
den Modernen. Wer von den Beiden den Vorsitz hat, kugelt den anderen
hinaus. Somit werden meine Ansichten durchaus nicht berührt.«

Herr Brauns gab dem Gespräch eine andere Wendung, mehr nach launigen
kleinen Geschichten hin, bis Herr Butsch durch das viele Freudenbier zu
aufgeräumt wurde.

Als wir aufbrachen, versicherte die Krausen, sie hätte lange keinen
gemüthlicheren Abend verlebt, als den heutigen; wann wir uns wieder
treffen wollten?

»Nächstens«, entgegnete ich, »aber lassen Sie's mich vorher wissen.«

An dem schadenfrohen Lächeln ihrer Larve sah ich, daß sie erkannte, wie
ich es meinte, nämlich nicht in die _la main_. Nun war sie zufrieden,
nun sie wußte, daß ich durch ihre Spinnenumgarnung hineingelegt worden
war, und machte sich an die Ungermann, mit der sie ein Herz und eine
Seele wurde. Da hat sie ihr, mir zum Schabernack, auch noch die
Nähmamsell nachgewiesen. Meine Zuversicht ist: der liebe Gott sieht
durch die Finger, aber nicht ewig.

Zu Hause angelangt, fragte ich Ottilie, warum sie so gänsehaft
dagesessen und nicht ihre wissenschaftliche Unterhaltungsgabe in die
Bresche geworfen hätte, der Krausen den Giftschnabel zu stopfen?

»Ach,« seufzte sie, »Herr Brauns ist zum Verzweifeln schön.«

»Der geht Dich nichts an, Du hast Dich ja schon für Kriehberg
entschieden. Troll Dich, Du bist müde. Dir fallen ja schon die Sehluken
zu. Ich habe noch stundenlang zu arbeiten.«

Sie verduftete seufzend und ich setzte mich vor das Papier, aber es
wollte mir nicht gelingen, den vorherigen Schwung zu erreichen. Ins
Wasser gefallen ist der stolzeste Adler, ebenso klatrig, wie ein
nasser Spatz. Ich marterte mein Gehirn umsonst. Und dazu die letzten
Erlebnisse. Es kribbelte nur so in mir.

Mein Mann kam. »Wilhelmine, willst Du Dich ganz aufreiben? Es ist
nachtschlafene Zeit. Sei vernünftig, Kind, und leg' Dich.«

»Bette mich in Daunen vom Zephyr, was die Krausen mir angethan hat,
hält mich wach wie Distel und Dorn, selbst im Grabe. Die Person ist
noch mein Tod.«

»Mir ist sie auch eine gräuliche Prise, aber laß sie laufen. Denke
vornehmer als sie, Wilhelmine.« -- »Das thu' ich lange.« -- »Beweis
es mit der That und ärgere Dich nicht.« -- »Ueber so Eine nicht im
Geringsten.« -- »Das ist recht. Ein edles Gemüth vergiebt.«

»Gut, ich will vergeben, aber Du, Karl, Du vergiß es nicht. Man kann
nie wissen, wie es kommt.«

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Eingeregnet.


»Verliere Deine Geduld nicht, es hebt sie Niemand auf,« sagte mein Karl.

Ich versuchte freundlich zu sein. Allein mehr als wie beim Photographen
kam nicht heraus und auch nicht länger. Irgendwo las ich einmal
etwas von Lachgas. Das wäre die einzige Stärkung für mich gewesen,
aber Dorette kam mit leerem Fläschchen wieder und sagte, in der
Drogenhandlung hätten sie es nicht, ob ich nicht Nelkenöl nehmen
wollte, das wäre auch gut gegen Zahnschmerzen.

Zahnschmerzen! Wenn man ihre Nothwendigkeit auch nicht einsieht, sind
sie doch zu bewältigen; wo aber wohnen Aerzte, die Einem den Kummer
ausziehen und Aerger und Verdruß?

Ich hatte mich recht auf Kliebisch's Eintreffen gefreut und, da Tante
Lina sich in ihre Heimath versammelt hatte, -- sie war beim Abschied
wehmüthig wie an einem Begräbnißtage -- stand das Fremdenzimmer wieder
frei, den Amtsrichter Buchholz zu beherbergen, der, als zu meines Karls
Linie gehörig, doch auch Anrecht auf verwandtschaftliche Unterkunft
hat, zumal das ihm bei Butschen's ausgemachte Logis drei Herren zum
Massenquartier dient. Kliebisch's brachten jedoch ihr Töchterchen Anna
mit, die Aelteste, und meinten, eine Sophaecke für das Kind fände sich
wohl an. Im Uebrigen würde sie mir zur Hand gehen, da sie für häusliche
Arbeit außergewöhnlich veranlagt sei.

Was war zu thun? Herr Kliebisch bekam das Fremdenzimmer, sie die
Kliebischen mit Tochter übernahm das Vorderzimmer neben Ungermann's,
die sich mit der guten Stube behelfen. Im Berliner Zimmer wird
geschneidert. Ich bin machtlos. Mein Karl sitzt voller Aufträge, daß
die Fabrik nicht ausreicht, und unser Schwiegersohn und Compagnon
Schmidt auf Reisen gehen mußte, um mit Lieferanten abzuschließen; er
kann sich dem Besuch nicht widmen. Und das wäre auch nichts für seine
Gesundheit, zu so unmöglichen Tageszeiten kommen die Herren nach Hause.
Auf meine Bemerkung, daß der Schlaf vor Mitternacht der heilsamste sei,
entgegnete Herr Ungermann, er wäre aufgeblieben, um die Brodträger am
frühen Morgen statistisch zu kontrolliren, da von der Umgestaltung des
Bäckereigewerbes die sociale Verbesserung aller Stände erwartet würde.
Herr Kliebisch lachte kurz auf, als wenn er zweifelte. Ich hielt es mit
Kliebisch.

Dorette hat mir nämlich erzählt, daß wenn Ungermann's unter sich sind,
die Frau ihren Mann blos mit Brummsuppe regalirt und ihn sogar mit
Liederjahn traktirt.

»Dorette,« beschönigte ich, »sie wird wohl Biedermann gesagt haben, wo
er sie doch stets mit >meine liebe Frau< belegt und sie ihm nie anders
als mit >mein lieber Mann< entgegentritt.«

»Det is man so duhn,« bestand Dorette. »Wat er der Ungermann is, er is
'n richtijer oller Schlieker, und wat sie vorstellt, sie is 'n oller
Satan.«

»Dorette, unterstehen Sie sich nicht, in solchem Tone über meinen
Hausbesuch zu schandiren. Geschieht das noch einmal, wissen Sie, wo die
Luft am frischesten ist.«

»Ick jeh lieber jleich, indem ick't bis zum Ersten schwerlich aushalte.
Is denn det ne Zucht, dettse bei den jetzigen Sauwetter de janze Straße
in die jute Stube tritt, viel wenijer, dettse Morjens eigenhändig den
Klatthammel abrubbelt un de Plüschmöbeln in Erdreich verjraben sind? Un
denn mir vorjeworfen von jründlich Reinemachen? Nee, et is hier schon
nich mehr scheen.«

»Dorette, wenn es regnet, wird leicht etwas Schmutz ins Haus getragen,
das ist naturgesetzlich.«

»Sonne Jesetzer ästimir ick nich. Wat boddert se mit de Schleppe in'n
dicksten Lehm? Und sind de Flicken und de Fusseln in't Berliner Zimmer
ooch Jesetz? Nee, da is de Schneiderei dran Schuld und ick hab' de
Arbeet von. Ent- oder weder, die Ungermann zieht oder ick.«

»Dorette, ich lege Ihnen zu. Ueberdies haben Sie ja jetzt Hilfe an
Fräulein Kliebisch.«

Dorette lachte. »Komm die Frau 'mal mit,« sagte sie vertraulich und
führte mich in Herrn Kliebisch's Zimmer. »Det hat se von alleene
besorgt. Seh een Mensch blos det Bett an. Und da soll der eijene Vater
drin jeschlummert werden. Det is ja Umjehung von's vierte Jebot, >auf
daß es Deine Eltern wohljehe und se lange leben uf Erden.<«

Es war in der That nicht ersten Ranges, was das Kind vollführt
hatte. Das Bett glich einem Gebirge mit Thälern und Schluchten, die
Morgenschuhe standen auf der Kommode, den Vorleger hatte sie unter das
Spinde gefegt.

»Un ausjejossen hat se jar nischt,« höhnte Dorette. »Un det nennt det
Wurm en fertijet Schlafzimmer.«

»Sie ist noch jung,« nahm ich der Abwesenden Partei, »und das sind wir
Alle gewesen.«

»Aber man nich in solchen Jrade. Will des Fräulein Thuverkehrt mir
dajejen in der Küche helfen, bin ick nich abjeneigt, ihr Anleitung
zur Vervollkommnung in's Kartoffelschälen zu jewähren. Seit wir die
Kliebischen's in Kost haben, sind mir die Hände schon en Endecken
kürzer jeworden.«

Sie hatte nicht Unrecht, Kliebisch's alle Drei leisten Bedeutendes in
Erdfrüchten. Ob es davon kommt oder woher sonst, weiß ich nicht, aber
die Kliebischen ist bequem geworden, wie sie früher nicht war. Und
alleweil verzagt.

»Wie wird es werden? Die Zeiten sind so schlecht und die Kinder wachsen
heran,« klagt sie, aber rühren ist nicht und thätig eingreifen und
Töchterchen zurechtstoßen auf Geschicklichkeit und Brauchbarkeit, wie
ich meine Beiden nie versäumt habe. Wo die Tage gleichmäßig auf- und
untergehen, wird der Mensch zuletzt auch flachweg und fett und sitzt,
wo er sitzt. Mich wundert, daß sie sich aufraffte, ihren Schwerpunkt
nach Berlin zu verschieben.

Den großen geräucherten Schinken, den sie mitbrachte, und den Korb Eier
und das Geflügel nahm ich als ländliche Zartsinnigkeit von ihr dankend
entgegen. Ein Sack Kartoffeln, der als Handgepäck zu umständlich war,
ist als Angebinde seinerseits noch unterwegs. Dorette behandelt
Kliebisch's daher mit mittlerem Wohlwollen. Was sie über Ungermann's
sagt, mag zutreffen, obgleich sie weiß, daß ich das Thürenhorchen nicht
haben will. Indes kann ich der Nätherin, wenn sie mit Dorette zusammen
ist, nicht den Mund verbieten. Die hat gesagt, die Ungermann müßte viel
Geld haben, so viel Watte wäre an ihr; wegen ihrer Figur hätte sie
knapp einen Mann gekriegt oder er hätte sie schleunigst wieder retour
gegeben. Und so eitel! Alles sollte sitzen, als wäre sie im Loth wie
eine Probiermamsell Nummer Gelbstern.

Nun war mir erklärlich, warum das Anpassen immer abgeriegelt geschieht
und ohne meinen Rath.

Ob der Mann solche vertrauliche Ausputzer wirklich verdient? Halb
Liebe und halb Geld giebt eine gute Ehestandsbowle, wenn ein bischen
Schönheit als Zucker nicht fehlt. Aber blos Geld und keine Liebe und
nicht eine Spur Süßigkeit, da ist das Fest mit der Hochzeit aus.

Spielt sie Komödie, hat er es von ihr gelernt. Sie giert, in der
Gesellschaft zu prunken, er strebt, in der Stadtleitung hervorzuragen.
Hätten sie ein Kind gehabt, würden sich ihre Küsse auf dem
Engelsmündchen begegnet haben und das kleine Bündel Liebe wäre zum
Talisman gegen die bösen Geister des Hauses geworden. Es war aber keins
da.

Mein Karl theilt meine Ansichten nicht. »Laß' sie sich haken,« sagte
er, »das kommt in den besten Familien vor.«

»Doch nicht bei uns?«

»Dazu gehören zwei. Ich passe.«

»Also ich? Mich mit meiner geradezu unerlaubten Sanftmuth ästimirst Du
als Zanktippe? Karl, Du verwilderst, seit Du in der Fabrik schläfst.
Aber warte, die alte Ordnung kehrt wieder.«

Er lachte: »Ich sehne mich nach ihr. Alles nimmt ein Ende, blos
Ungermann's können das ihre nicht finden.«

»Hat er denn schon bestellt?«

»Noch nicht. Die Waare gefällt ihm, bis auf die Preise. Er versucht
abzuhandeln.«

»Das darf er nicht. Die gute Stube muß neu gemacht werden, sagt
Dorette, und dazu die Näherei, und mess' mal Deinen Weinkeller nach.
Nein, drücken darf er nicht. Das wäre unanständig. Er muß mindestens
doppelt so viel nehmen als sonst. Und Du schlägst auf. Verstehst Du?«

Mit dem Weinkeller sah es trübe aus. Je mehr Wasser vom Himmel stürzte,
um so weniger wurde der Wein; der Regen zwang zur Häuslichkeit und
geselligem Beisammensein und mein Karl ist nobel.

Ungermann hatte gleich die beste Sorte heraus, seine Zunge merkte das
Unabgelagerte sofort, als ich unsern Tischwein in die Lafitte-Flaschen
umgegossen hatte. Kliebisch versteht sich nicht in gleichem Maaße
auf Jahrgänge, ihm schmeckt der Billige wie der Theure, so lange
eingeschenkt wird.

Ich gönne es ihm. Wenn er einen Kleinen sitzen hat und man bringt ihn
nicht darauf, vergißt er die agrarischen Kalamitäten und es ist ihm
einerlei, ob die Margarine blau oder grün gefärbt werden soll oder
garnicht. Dann ist der Ausstellungs-Musterstall sein Trost, den er mit
Vorliebe beschreibt als das Erfreulichste für den Landwirth.

»Da liegt Poesie darin,« sagte er. »Ein Pferd bleibt doch immer ein
Pferd. Oder haben Sie schon einmal ein Vollblut-Fahrrad gesehen? Kann
denn ein Cavalier sich auf solches mit einer Leberwurst beschlagenes
Spinnrad klemmen, ohne sich und seinem Stand etwas zu vergeben?«

»Die Industrie denkt anders,« entgegnete Herr Ungermann. »Der durch das
Fahrrad hervorgerufene Umsatz ist ein gewaltiger und wird sich immer
mehr steigern, trotz der Spöttelei der Feudalen.«

»Ich gehöre nicht zu den Feudalen,« wehrte Kliebisch ab.

»O doch, Hinnerich,« sagte die Kliebisch. »Hattest Du nicht auch einen
Karbunkel im vorigen Jahre, gerade als der Landrath einen hatte, nur
daß von seinem mehr geredet wurde, weil er gefährlicher war als Deiner?«

»Und das Radfahren soll sehr gesund sein,« bemerkte die Ungermann.

»Das Reiten ist noch gesunder.«

»Das Rad ist das Roß des armen Mannes,« begann Herr Ungermann wieder.
»Auch der Minderbemittelte vermag sich eins zusammenzusparen und
braucht kein Geld für Heu und Hafer auszugeben.«

»Und das befürworten Sie?« brauste Kliebisch auf. »Wovon soll denn die
Landwirthschaft leben, wenn die verwünschten Maschinen die Pferde
verdrängen? Gerade am Hafer wird verdient. Hört das auch noch auf --
gute Nacht Ackerbau. Weizen kommt mehr als zuviel aus Argentinien
und Indien. Ist die Eisenbahn erst fertig, ersäuft uns Sibirien mit
Getreide. Und das Heu? Es laufen allerdings Ochsen genug herum, aber
die fressen es nicht.«

[Illustration: Radfahrer und Reiter]

Was sich nun ausbreitete, war Verlegenheit. -- Der Regen klatschte
gegen das Fenster. -- Die Herren rauchten.

»Ich möchte Rad fahren,« sagte Ottilie.

»Ich halte es für ungeeignet,« nahm ich das Wort. »Ist es eine Dame
oder ein Herr, was an einem vorüberstrampelt? Man unterscheidet es
kaum. Und manche Radlerin sieht nach der Tour täuschend aus, wie in
acht Tagen nicht rasirt. Dagegen zu Pferde gräfinnenhaft und elegant.«

»Prost! Frau Buchholz,« rief Kliebisch und leerte ein volles Glas auf
mein Wohl. »Welch ein Staat, die prachtvolle ungarische Radautzstute im
Musterstall; das ist ein Damenpferd; schlank, feiner Kopf, elastische
Fesseln, vorzüglich gepflegtes schwarzes Haar. Darauf möchte ich
Sie sehen, mein Fräulein, und nicht auf der Chausseestaubmühle mit
verbogener Figur in Pluderhosen...«

»Wollen wir den Gegenstand nicht lieber fallen lassen?« unterbrach ihn
die Ungermann mit verletztem Anstandsgefühl.

»Immerzu fallen lassen. Ein Schauspiel für Götter,« lachte Kliebisch,
dem im Eifer der Wein zu Kopf stieg. »Ich riskir' ein Auge daran.«

»Aber Mann!« rief seine Frau ihn zur Ordnung.

»Ach was; wie eine sich vorreitet, wird sie taxirt. Wenn sie sich auf
dem Stahlhengst tummelt, mag es sie befriedigen, aber schön sieht
anders aus. Möglich ist jedoch, daß die Schenkel sich mehr ausbilden,
wenn eine keine hat...«

»Hinnerich, Du bist hier nicht im Kruge,« fuhr die Kliebisch dazwischen.

Der Ungermann ward dies Gespräch sichtlich fatal. Sie mit ihren Gräten
hat natürlich gegen Sport, bei dem es auf einigermaßen Plastik ankommt,
solche Abgeneigtheit, daß sie nicht mal darüber reden hören mag.

»Man muß bedenken, daß für Radfahrer neue Trachten geschaffen werden;
schon jetzt beginnt ein gewisser Luxus in besseren und besten langen
Strümpfen sich bemerkbar zu machen,« sagte Herr Ungermann.

»Karl, hast Du gehört?« rief ich. »In besserer Waare. Nein, wenn die
Industrie dadurch gehoben wird, bin ich sehr für die Maschinenreiterei.
Könnte die Regierung nicht gesetzlich befehlen, daß alle
Reichsangehörige radfahren müssen und in einem Nebenparagraphen unsere
Wollsachen amtlich verordnen? Würde das den socialen Frieden nicht
gewaltig schüren?«

»Jawohl,« schrie Kliebisch. »Da haben wir wieder den Krämergeist. Die
Industrie muß unterstützt und gefördert werden; die Landwirthschaft
darf verhungern, das ist ihr angestammtes Recht. Aber wer soll den
Herren Industriellen ihre Erzeugnisse abkaufen, wenn der Landmann kein
Geld hat? Nur so weiter. Die Pferdezucht auch noch ruinirt und über
das verarmte Land rollt die alleinseligmachende Industrie auf einem
gottverdammten Unglücksrad in ihr eigenes Verderben. Zum Kuckuck mit
den Dingern. Verboten müssen sie werden.«

»Wie Sie auch schelten,« wandte sich Herr Ungermann an Kliebisch,
»das Rad ist dennoch von großer volkserziehlicher, sogar ethischer
Bedeutung. Der Radfahrer muß sich auf seinen Ausflügen der größten
Nüchternheit befleißigen; beherrschen ihn die Geister des Weines, ist
er nicht im Stande, sein Fahrzeug zu beherrschen und wird sich selbst
und anderen gefährlich.«

»Das ist er schon ohne Kümmel,« höhnte Kliebisch ausfallend.

»Ich bleibe dabei, das Fahrrad steht im Dienste der Mäßigkeit, gegen
die leider zu oft gesündigt wird.«

Das mochte Kliebisch sich wohl als persönliche Bemerkung zugezogen
haben oder sonst wie, genug, er blickte Ungermann spöttisch an und
sagte: »Tugendpredigen und den Weg der Tugend wandeln ist zweierlei.
Mir ist der Musterstall zehntausendmal lieber als hundert Musterknaben
und wenn auch blos Gäule drinn sind und keine Stadtväter. Wer auf die
Landwirthschaft schimpft, dem dien' ich.«

Mein Karl erhob sich, ging an die Uhr und wand sie auf. Wir wissen
althergebracht, daß dies der Wink zum Aufbruch ist, den die Gäste jetzt
auch ziemlich plötzlich begriffen.

Ottilie holte die verschiedenen Leuchter, die Kerzen wurden angebrannt
und unter mehr und minder wohlgemeinten angenehmen Ruhewünschen
vertheilte sich die Einquartierung in ihre respectiven Gemächer.

Ich räumte zusammen, der Dorette die Morgenarbeit zu vereinfachen.

»Was hat Kliebisch gegen Ungermann?« fragte mein Karl.

»Ich weiß es nicht. Seine Frau hat mir auch nichts gesagt.«

»Der Streit und namentlich der hanebüchene Ton haben mich verdrossen,
ich kann noch nicht schlafen. Mir ist nichts zuwiderer als solcher
Zank.«

»Und Kliebisch's Wörterbuch! Aber das bauert auf dem Lande so hin
und wird etwas sehr gerade aus. Du hättest ihm nicht immer wieder
einschenken müssen. Herrn Ungermann lobe ich, der rührte den Wein kaum
an und Du mit gutem Beispiel an der Spitze desgleichen, mein Karl.«

»Die letzte Flasche schmeckte nach dem Kork.«

»Und das hat Kliebisch nicht gemerkt?«

»Er war zu sehr in Rage über die Räder und über Ungermann's
salbungsvolles Geschwätz.«

»Geht da nicht die Thür von der guten Stube?«

Wir lauschten.

Auch die Hausthür wurde vorsichtig geöffnet und geschlossen.

»Ungermann,« flüsterten wir Beide wie aus einem Munde.

[Illustration: Braut und Bräutigam]

»Er hat wohl noch Durst,« sagte mein Karl.

»Nach halbzwei, wo die Lokale zu sind?«

»Nicht alle. Wenn er nur die Hausthür nicht offen läßt.«

»Sei unbesorgt, Dorettens Schutzmann paßt auf unser Haus. Sie nimmt
sich neuerdings viel heraus, weil sie ihre Unentbehrlichkeit entdeckt
hat, aber ich übe Nachsicht, allein schon wegen der Sicherheit. Ist es
nicht romantisch, wie in der Ritterzeit, daß der Bräutigam die Burg
bewacht, die seine Braut als theuersten Schatz birgt?«

»Vollständig ebenso. Nur die Zugbrücke fehlt. Und das ist ein Glück für
Ungermann. Oder würdest Du sie herablassen, wenn er in aller Nacht Luft
schöpfen wollte?«

»In dem Regen? Es gießt ja mit Mollen. Weißt Du Karl... ich trau ihm
nicht mehr recht.«



[Illustration: Titel-Dekoration]



Nebenbuhlerei.


[Illustration: "Otilie ist eine gebrochene Lilie."]

Wie viel Wahres im Reimen liegt, das habe ich so recht an einem
eigengemachten Verse erfahren, der folgendermaßen geht:

        Ottilie
    Ist eine gebrochen Lilie.

Für »gebrochen« hätte ich gern ein hinziehenderes Wort, da sie noch
zusammenhält. Entblättert wäre insofern treffender, als sie die Kräfte
ihres Geistes unter den Tisch fallen läßt und die Perlen des Wissens
nicht mehr in die Unterhaltung rollen.

Sonst, wenn jemand blos Telegraph sagte, sie gleich: »Wenn alle
Linien aneinandergeknüpft würden, umgürtelten sie die Erde
siebenunddreißigmal« und keiner widersprach. Denn woher hatte sie es?
Und ebenso mit den Gestirnen und entlegendster Geographie und was
Professoren so aushecken. Das ist ja das Schöne bei Wissenschaft: Wer
kann sie bestreiten? Wer wickelt den Draht um den Erdball? Wer streut
den Kometen Salz auf den Schwanz? Einen Braten wiegt man nach. Obst ist
schon schwieriger. Geflügel geht nach Gutdünken, aber Wissenschaft ist
gänzlich Vertrauenssache.

Der junge Herr Brauns, der hat Ottiliens Zuversichtlichkeit ins Wanken
gebracht. Wir waren zusammen in dem Chemie- und Instrumentengebäude.
Herr Brauns führte uns. Es war schrecklich. Ich meine nicht das Gebäude
und nicht, was drin ist. Nein, aber das Licht, das uns aufging.

Herr Brauns machte seine Aufwartung und wurde als Ungermann's Neffe
freundlich empfangen. Wirklich ein lieber Mensch, man meint nach einer
Viertelstunde, man hätte sich seit Jahren gekannt, so offen und frisch
und klar ist sein Wesen. Und so hübsch. Jung und breitschultrig, ein
Körper, der sich gegen Arbeit stemmt und sie meistert und es mit dem
Tag aufnimmt, was er auch bietet. Dabei leicht in der Bewegung und
deshalb steht ihm die Höflichkeit so gut, so ungezwungen.

Ich gehe hauptsächlich nach den Augen. Blicke ich forschend hinein
und sie antworten mit sonnigem Lächeln, weiß ich, da drinnen steht
das Paradies der Kindheit noch in Blüthe. Sind die Augensterne
verschleiert, weichen sie aus und senken sich die Lider, dann ist der
Garten des Herzens nicht gut gehalten, dann ist Unkraut drin, auch wohl
Schierling.

Eine ältere Frau darf einem jungen Mann in die Augen schauen, jungen
Mädchen ist es nicht erlaubt. Sie thun es aber doch -- gerade so wie
Ottilie -- und wenn sie einen Blick in den Rosengarten gethan haben,
vergessen sie ihn nie wieder und träumen davon bei Tag und bei Nacht
und versäumen alles andere, die Wissenschaft und das Häusliche und
sind ein lebendiger Wunsch geworden, in jenem Garten unter den Rosen
hinzuknieen in anbetender Seligkeit.

Und er, der junge Mann, er war bereit, ihr das Schlüsselchen zu dem
Thore seines Herzens zu schenken. Man sah es ihm an. Er wurde noch
einmal so hübsch in Ottiliens Nähe, die Wangen rötheten sich tiefer,
die Augen strahlten und lächelndes Glück öffnete die Lippen, daß sie
auch ohne Worte redeten.

»Ein Paar wie gemalt,« mußte ich mir eingestehen, wenn ich sie
nebeneinander sah, »und ein goldener Rahmen dazu,« denn er kann ihr
eine glänzende Zukunft bieten. Und nun darf sie ihm nicht sagen, wie
sie ihn liebt und muß ihn abweisend behandeln und darf den Schlüssel
nicht nehmen, der die Pforte zu den Rosen erschließt, weil es dem
unglückseligen Kriehberg erging wie dem vielgenannten Cäsar: -- sie kam
-- er sah und wurde gefangen Und nun hackt er.

Er hat sich zu fest an sie geklammert, aber doch nur, weil sie auf mich
nicht hören wollte und Tante Lina so lange ehestiftete, bis die Kiste
vernagelt war.

Briefe haben sie sich geschrieben und Kriehberg rückt ihre nicht
heraus. Seit er Herrn Brauns zuweilen mit uns sieht, plagt ihn die
Eifersucht und er drängt auf Verlobungskarten.

»Ich beauftrage sie nicht,« sagte ich. »Sie können doch unmöglich als
>Stellesuchender< darauf prangen?«

»Als Architekt.«

»Was besagt so'n Fremdwort? Und Baumeister sind Sie nicht. Also --
fragen Sie nach mehreren Jahren mal wieder vor.«

»Damit ein Anderer sie mir raubt? O nein. Ich weiche Keinem. Er stelle
sich mir gegenüber, drei Schritt Barriere und Kugelwechsel, bis einer
liegt.«

»Herr Kriehberg, einen solchen blutwürstigen Dietrich hätte ich nie in
Ihnen gesucht, und er paßt Ihnen auch nicht. Zu komisch.«

Ich lachte. Er wurde fürchterlich vergrätzt aussehend.

»Ich dulde keinen Hohn,« rief er. »Keinen, und von Niemand.«

»Wollen Sie mich am Ende fordern?«

»Sie nicht, aber Ihren Gatten.«

»Der hat so seine Ansichten über das Duell, mit dem werden Sie wohl
kein Glück haben.«

»Ein Gewisser aber, ein gewisser Jemand entgeht mir nicht. Der Gigerl,
der sich an Ottilie heranpirscht, der Laffe, der Schafskopf...«

»Erlauben Sie, Herr Brauns ist durchaus kein Gigerl!«

»Also Brauns heißt die Canaille? Der soll mir vor's Messer. Ich danke
Ihnen für die Adresse!«

»Herr Kriehberg, trinken Sie ein Glas Selters, Sie sind aufgeregt.«

»Mein Blut ist kalt.«

»Dann giebt es keine Entschuldigung für Sie. Und nun ist unsere
Zwiesprache zu Ende; es kommen Leute.«

Diese Unterredung fand in der Ausstellung des Buchgewerbes statt,
wo bei schönem Wetter die einsamste Einsamkeit herrscht, da die
Literaturhelden des deutschen Vaterlandes Einem blos den schimmernden
Rücken zeigen und ahnungslos dahin verschlagenes Publikum merkwürdig
rasch es ebenso macht.

»Also Sie weisen mich ab?« knirschte er.

»Nehmen Sie Vernunft an, dann sprechen wir weiter.«

»Was reden wir noch lange? Sie haben mir meine Ausarbeitungen bezahlt;
gut. Von der Verstümmelung meiner Geisteskinder schweige ich, sie war
haarsträubend. Ich war in Noth... Sie beuteten mich aus...«

»Nehmen Sie die Backen man nicht zu voll. Ich wende Ihnen zu, was
mir die Zeitung bezahlt, und Sie werfen mir Wucher vor? Und was Sie
aufgesetzt hatten, war Quatsch, dreimal destillirter Quatsch. So, nun
wissen Sie's.«

»Wer hat das gesagt? Hat er das gesagt? der _p. p._ Brauns? Ei warte,
mein Junge!«

»Nein, das sage ich. Denn was man nicht verstehen kann, ist Quatsch.
Warum schreiben Sie kein reguläres Deutsch? Und Ihre Pläne können Sie
wieder abholen lassen, die waren überflüssig und sind überflüssig und
werden ewig überflüssig bleiben. Für Ihre weiteren Klamottenberichte
danke ich. Und nun denke ich, sind wir miteinander fertig.«

Er antwortete nicht.

»Mütterlich hab' ich es mit Ihnen gemeint, weil sie so allein standen
und mit Ihnen herumgestoßen wurde, woran Ihre Ueberzogenheit Schuld
ist und Durchdrungenheit am verkehrten Platz. Aber ausbeuten?... Pfui,
schämen Sie sich.«

Dies ging rasch und hastig und halblaut, weil schon Volks uns
einkreiste, sich an Skandal zu weiden, anstatt Goethen und Schillern
und den andern Prachtwerken näher zu treten.

Kriehberg preßte die Kiefer aufeinander. Dann brachte er mühsam heraus:
»Ich glaube,... Ihnen... Ihnen habe ich Unrecht gethan. Ich weiß es
nicht. Ich... ich kann und kann den Andern nicht ausstehen; ich hasse
ihn; ich kenne mich nicht mehr. Ich darf nicht an Ottilie denken: ich
sehe ihn neben ihr, er spricht mit ihr, er ist hübscher als ich, ich
muß es ihm lassen. Ich werde rasend. Für uns Beide ist die Erde zu
klein, viel zu klein.« Er war nach und nach so schreiig geworden, daß
immer mehr Gaffgesichter sich ansammelten.

»Mit uns ist es aus und damit Basta,« rief ich und bahnte mich durch
die Menge.

»Wat sagte sie von'n Paster?« hörte ich ein Weib.

»Natürlich Scheidung,« sagte eine andere. »Et nimmt selten en
fröhlichet Ende, wenn ne Olle sich'n Konfirmanden heranheirathet.«

»Jeschieht ihr janz Recht.«

Ich floh an den Möbelkojen vorbei, als hätte ich einen Eßtisch
gestohlen oder einen Kronleuchter in die Tasche gesteckt, so
unglaublich kam ich mir vor.

Ich bin auch wohl mal eifersüchtig gewesen in grundloser Dummheit
unerfahrener erster Ehestandsjahre, aber mit Weinen und Abbitte und
in wachsender Liebe zu meinem Karl, nie nicht mit Rachgierigkeit
und Mordgelüst. Meinen Mann fordern! Lachhaft! Wenn er kommt, mein
Karl ihm eine Backpfeife verabreicht, daß sie in Stücke fliegt. Aber
Herr Brauns, der kann sich in Acht nehmen. Kriehberg ist ja toll,
so verrückt, daß sie ihn in Dalldorf garnicht einlassen. Und mich
für wahnwitzig halten... ich Kriehberg's Gattin. Giebt es keinen
Schandpfahl für Weiber, die einem solche Verleumdungen nachschleudern?
Freilich, man ist weiß wie der Schwan, der blos untertauchen braucht,
wenn Gemeinheit ihn mit Stiefelwichse bewarf. Wo aber ist die
reinigende Fluth für den mit Unwahrheit bekleckerten Menschen? Wo
tauche ich unter, die Beschimpfung abzuspülen?

Wasser that es nicht. Doch ich weiß einen stillen See, der nimmt alle
Kränkung, allen Unglimpf hinweg und ist nicht größer, als daß er mich
gerade umfängt. Meines Karls Brust ist es, an die flüchte ich und er
schließt mich in seine Arme und ich tauche in seine Liebe. Dann kann
ich ihm alles sagen und, wenn ich Federn hätte: um neben mir nicht
abzufallen, müßte mancher Schwan nach Spindler.

Ich eilte mich und kam gerade rechtzeitig, Frau Kliebisch und Ottilie
in dem Stelldichein-Zelt zu treffen. Und wer war bei ihnen in
schlichtem hechtgrauem Anzug wie angegossen mit blendender Wäsche,
weißem Schlips, worin ein vornehmer Brillant, und grauem Hütchen,
das die braunen Augen und den schwarzen Schnurrbart noch eine Nummer
dunkler abstachen? Herr Rudolph. Was beginnen? Ihm von Kriehbergs
Nebenbuhlerkoller sagen, ihm Ottilien's Verplemperung mittheilen und
den Keim vernichten, worin das Glück zweier schöner Menschenkinder
dem Lichte zustrebt? Nein. Wenn aber Kriehberg angefaucht käme? Die
Schießröhren sind ja billig und überall feil, daß schon Klippschüler
sie zur Vertheidigung ihrer Ehre aus dem Maikäberverdienst anschaffen.
Also hat Kriehberg sicher Pulver und Blei in der Westentasche.

[Illustration: Duell]

Die geistige Volksküche im Chemiegebäude, wo ich letzt mit Ottilie
einem Vortrage über die Entwickelung des Klavierbaues beiwohnte, ist
ein trefflicher Platz, jemand zu vermeiden, aber nur von Sechs bis
Sieben. Der Klavierbau war sehr interessant. Ich fragte Ottilie, ob
sie spielen könnte? Sie sagte nein, aber sie thäte es doch manchmal.
»Das machen Viele so,« erwiderte ich, aber jetzt, da sie zum Drehen
eingerichtet worden, sind Klaviere nicht mehr die Qual der Kinder und
die Plage der Nachbarschaft. Alles Ueben ist schrecklich, nur nicht das
Ueben der Tugend. -- Ich gebe ihr zeitweilig solche Inschriften zum
Einmerzen ins Gedächtnis, aber seit Rudolph Brauns sind sie bei ihr
weggeworfen.

Herr Brauns lud uns zu einer Fahrt im Motorboot ein. Ich schützte
sofortige Seekrankheit vor.

»Das war doch in Italien nicht? Wissen Sie noch in Venedig?« sagte die
Kliebisch.

»Auf Salzwasser kann ichs ab,« flunkerte ich in meiner Angst.

Und Rudolph, der feinfühlige, verstand im Nu, daß ich eine Absicht
hatte und schlug die für den Ackerbau hoch wichtigen metereologischen
Apparate vor. -- »Pfeif' ich drauf,« sagte Kliebisch. »Mein großer
Schafbock ist der beste Wetterprophet. Greif ich ihm in die Wolle und
sie ist klammweich, wird's regnen, ist sie hingegen trocken, kann
ich einfahren. Ich denke, wir besichtigen die landwirthschaftlichen
Maschinen.«

Das ging nicht. Kriehberg schnob ja Wuth im Hauptgebäude, wo die Milch-
und Butterfässer sich langweilten.

Deshalb rief ich: »Ottilie, Du hast doch so unendliche Neigung für
Physikalisches.«

Rudolph Ottilien den Arm geboten und ab. Ich ärmelte seine andere Seite
unter und hielt meinen Sonnenschirm als Barrikade gegen den Todfeind
vor sein Gesicht. Befreiungsversuche waren erfolglos, bis wir im
Chemiegebäude aufathmen durften.

Was hat er uns Alles erklärt! Er weiß was und noch ein Ende mehr. Und
bei manchem sagte er trotzdem, daß jahrelanges Studium dazu gehörte,
um es voll zu verstehen und zu würdigen. Wo bleiben wir Frauen,
wenn ein Mann wie Brauns offen bekennt, ohne Mühe und Arbeit in
verschiedene Gebiete nicht eindringen zu können? Was Ottilie gelernt
hat, verschwindet gegen sein Wissen, wie ein Talglicht gegen den
Scheinwerfer. Und nun ich gar, die ich noch aus der examenlosen Zeit
stamme. Wie konnte ich so vermessen sein, Berichte zu übernehmen und
von Sachen schreiben zu wollen, die mir viel zu klug sind? Freilich
sollte Ottilie helfen, aber sie langt nicht, indem, was sie weiß,
keinen rechten Zusammenhang hat, sondern mehr auswendig gelernt und
blos so hergesagt. Und in Kriehberg täuschte ich mich gründlichst. Der
hat sich zu einem netten Alligator ausgewachsen.

Herr Brauns machte uns auf den berühmten Spektralapparat aufmerksam,
durch den die Gelehrten wahrnehmen, was auf anderen Weltkörpern
gekocht wird und zwar merkwürdigerweise mit Gas, wenn ich ihn recht
verstand. Mir waren ja noch sämmtliche Pulse in Aufruhr. Und zu den
Sternphotographieen führte er uns. Millionen weiße Tippel, aber in
Wirklichkeit viel größer als die Erde.

»Sind die alle bewohnt?« fragte ich.

»Wenn nicht alle, so doch gewiß viele.«

»Von Wesen, so wie wir? Giebt es da auch Rauhbeine, die auf Mord und
Todschlag sinnen?«

»Aber Tante!« rief Ottilie. »Wie schrecklich!«

»Glücklich, wer frei von Schuld ist,« sagte ich beziehungsvoll, »und
sich nicht auf einen entfernten Himmelsglobus zu wünschen braucht, wenn
es los geht.«

[Illustration: Chemiker]

Ottilie zuckte die Achseln; Herr Brauns trat an den nächsten Schrank.
»Sehen Sie diese Wage,« sagte er, »darauf kann man den zehnten Theil
eines Flohbeines wiegen.«

»Wird denn so was in Ausschnitt verkauft?« fragte ich.

Er lächelte. »Ich wollte Ihnen nur andeuten, wie empfindlich solche
Wagen sind, mit denen die Chemiker ihre Analysen machen. Und sehen Sie
hier dieses Jenaer Glas, eines der ruhmvollsten Resultate deutscher
Wissenschaft und Technik.«

»Ich sehe nichts daran. Wodurch ist es so hervorragend?«

»Jede Sorte hat ihre vorherberechnete Brechung.«

»Die hängt doch von den Philippinen ab; manche zerbrechen viel, manche
gehen schonender mit den feinen Gläsern um. Sehr gerissen, das Alles
vorher zu berechnen.«

»Unter Brechung verstehen wir die Dispersion des Lichts, und da
eben diese Glassorten verschiedene Brechungscoëfficienten besitzen,
lassen sich achromatische Linsen von erstaunlicher Leistungsfähigkeit
schleifen. Früher war Deutschland in optischen Apparaten von Frankreich
und England abhängig, jetzt sind sie unsere Kunden. Und nicht wahr, das
freut Sie doch auch?«

»Als wenn Sie meine Gedanken gelesen hätten,« gab ich zurück.

Und einen solchen Prachtmenschen will Kriehberg umbringen.

Mir war der Boden heiß, auf dem ich wandelte. Mein einziges Trachten
war: weg, sobald als möglich weg!

Auf mein dringendes Befürworten fuhren wir mit dem nächsten
Schiffe stadtwärts, ich und Ottilie und er. Ich hielt unter diesen
Verhältnissen die Spreedampfer für weniger lebensgefährlich als das
Ausstellungsgebiet mit Kriehberg als Kain und Herrn Brauns als Abel,
weil sie so schön leer waren.

Ich sah ihm an, daß er nur eine Gelegenheit abwartete, eine Frage an
Ottilie zu richten und sah ihr an, daß sie die Frage fürchtete. Und so
kam es zu keiner Näherung. Sie war einsilbig bis zur Unart und mußte so
sein.

Deshalb ist Ottilie eine gebrochene Lilie. Und dabei verhehle ich ihr
das Schlimmste, nämlich Kriehberg's Verrücktheiten.

Wenn ich nicht vorsichtig die höchste Schläue aufböte und die Pfade der
Unvernunft sperrte, ich glaube, wir lägen schon alle miteinander auf
dem Kirchhof.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



In den Kunstalpen.


Warum ich immer noch nicht in das Hochgebirgspanorama, das
am grünen Strand der Spree seine Schneegipfel in die von
Maschinenhaus-Schornsteinen erzeugten Rauchgewitterwolken streckt und
von innen Tausend Fuß höher sein soll als von außen, gelangte, das ist
einfach zu sagen: Ich hatte zu viel Verdruß und trübe Aussicht in die
Zukunft, war für die Alpen daher ungeeignet.

Und nun kam ich doch dazu. Morgens beim Kaffee fallen meine Blicke
nämlich auf eine Anzeige: »Gesucht ein Architekt, guter Zeichner, mit
praktischen Erfahrungen für N 44 Köpenickerstraße Nr. so und so.«

Mein sofortiger Gedanke lautete Kriehberg. Seine Baupläne waren
noch gegenwärtig. Ich sie eingepackt und mit einem Schreiben durch
einen Dreiraddienstmann an Ort und Stelle gesandt. Ein wundervolles
Schreiben, worin ich ihn so dringend empfahl, daß er genommen werden
mußte, falls der N 44 nur ein paar Millimeter menschliches Rühren sein
eigen nannte. Er mußte, es war nicht anders denkbar.

Und an Kriehberg ebenfalls einen Eilbrief gerichtet mit dem Schlußwort:
»Melden Sie sich; wer wartet, an dem rennt das Glück vorbei, man muß
ihm, wie bei der Pferdebahn, entgegengehen. Auf der Haltestelle ist der
Andrang zu groß. Vertrödeln Sie die Wendung Ihres Lebens nicht. Ich
wünsche Ihnen das beste Fortkommen.«

Ob ich es wünschte! -- Wär' er nur erst weg.

Was man so recht von Herzen hofft, kommt Einem vor, als wäre es schon
geschehen. Ich sah Kriehberg bereits in seiner neuen Thätigkeit,
von Arbeit derart breitgedrückt, daß er an Ottilie zu denken selbst
Sonntags keine Zeit mehr hatte, von seinem Brotherrn alsbald anerkannt.
Der hat natürlich eine Tochter, die ihn anfangs übersieht, schließlich
aber durch den Vater auf Kriehberg's Tüchtigkeit hingewiesen, ihn
von Fabrikwegen heirathet. Er schickt mir die Verlobungsanzeige, ich
schreibe ihm einen noch wundervolleren Brief mit dem Motto: »Arbeit ist
die beste Lotterie, die ihn in den ersehnten Glückshafen gelotst hat«
und führe zwischen den Zeilen aus: welcher Esel er gewesen wäre, wenn
er Ottilie gezwungen hätte, mit ihm die schmale Leiter der Karrière zu
besteigen, auf der er alleine schon die Sprossen durchtrat. Zum Schluß
dann, schöne, gediegene Segenswünsche mit dem scherzhaften Hinweis auf
Gevatterstehen bei dem ersten Kriehberg jun., der fröhlich heranwachsen
möge, seinen Eltern zur Freude und der Menschheit zum Zierrath.

Aber man muß sich keine Tischrede eher ausdenken, als man zu Gast
gebeten ist. Vorläufig hatte Kriehberg noch nicht einmal die
Stellung und ich wollte schon taufen. Ich mußte ja mit Kriehberg's
Charakter rechnen, der im entscheidenden Augenblicke auf gesunden
Menschenverstand verzichtet. Mir kam deshalb der Gedanke, persönlich
selbst den Y 44 mit diplomatischen Reden zu bearbeiten, bis er froh
würde, eine Kraft wie Kriehberg zu gewinnen. Mein Karl war jedoch
uneinverstanden.

»Du hast mit Deinem Empfehlungsbrief des Guten schon zu viel
gethan,« sagte er. »Richtiger wäre gewesen, ich hätte ihm ein Attest
ausgestellt. Zeugnisse schreiben ist Männersache.«

»Das wäre Schablone geworden. Ihr fangt immer an: >Ein Sohn frommer
aber ehrlicher Eltern, ohne einen Groschen in der Tasche geboren,
hat der Betreffende durch Fleiß und Ausdauer sich Kenntnisse in
seinem Fache erworben, die ihn befähigen, einen Posten selbstständig
auszufüllen u. s. w.< So was läßt kalt. Ich hingegen habe den alten
Ypsilon angewärmt, sag' ich Dir, wie es nur eine Frau im Stande ist,
die etwas durchsetzen will. Noch ein paar mündliche Angriffe und er ist
erlegt.«

»Und wenn Kriehberg sich nachher unzulänglich erweist, wer trägt die
Verantwortung?«

»Das geht mich im Geringsten gar nichts an. Der Mann muß wissen, wen er
sich aufladet. Uebrigens glaube ich, daß Kriehberg sich zusammen nimmt
und der würdige Fabrikherr gewinnt ihn lieb wie einen Sohn. Im Grunde
ist Kriehberg nicht schlecht.«

»Das Wenigste, was von einem anständigen Menschen verlangt wird. Nicht
schlecht ist lahmes Lob und heißt in Wahrheit >taugt nichts.<«

»Da irrst Du Dich, mein Karl. Es giebt aber verschiedernerlei Güte, wie
beim Beefsteak. Wo kriegst Du auf Reisen wohl gutes? Und wie preist Du
Dich glücklich, wenn es wirklich nicht schlecht ist? Kriehberg ist noch
jung und er hat seine guten Seiten.«

»Hat er? Und die wären? Bitte heraus damit.«

»In diesem Augenblick und so mit Gewalt kann ich mich nicht darauf
besinnen.«

»Wäre es nicht besser, ich redete einen Ton mit ihm?«

»Nein, nein, Du nicht. Gereizt wird er gefährlich. Bedenke, wenn er
Dich zum Zweikampf forderte.«

»Das würde mir riesigen Spaß machen.«

»Karl,« rief ich entsetzt. »Weißt Du denn nicht, wie ungesund das Duell
ist? Der eine kommt todt und der andere auf die Festung. Ist da Sinn
drinn?«

»Nein, Unsinn. Uebrigens, was willst Du mit dem Zweikampf besagen? Ist
er eine bloße Idee von Dir oder steckt etwas dahinter?«

»Dahinter? Wieso? Gott bewahre. Ich dachte nur, weil sich so viele
abknallen; man liest ja täglich, daß der, der keine Schuld hat,
immer der ist, der fällt, wodurch die Ehre des Beleidigers völlig
wiederhergestellt wird, und da junge Leute wild darauf los rempeln,
sei es wegen einer Dame oder daß die Getränke zu stark waren, -- je
betrunkener, um so reizbarer ist das Ehrgefühl -- oder daß einer
nicht falsch gespielt haben will... und wie Ehrensachen meistens so
Unehrensachen sind...«

»Wilhelmine, Du quasselst. Und das ist kein Wunder. Du strengst Geist
und Körper zu sehr an. Das Beste für Dich wäre eine Erholungsreise.«

»Was wird aus unserm Hotel, wenn ich feige fliehe? Wer verhütet Mord
und Todtschlag, wenn ich nicht als Schutzgeist zwischen den Parteien
walte?«

»Du phantasierst.«

»Du giebst mir Dein dreimal heiliges Ehrenwort, Dich unter keinen
Umständen zu schießen?«

»Mit wem?«

»Zum Beispiel mit Kriehberg.«

»Dem haue ich eine herunter, daß ihm vier Wochen der Hut nicht paßt.«

»So habe ich mir es auch ausgemalt, ganz ähnlich gerade so. Das
beruhigt mich. Und wie erquickend wird der Winter, wenn der
Ausstellungsrummel vorbei ist und wir uns selbst wieder angehören. Viel
wollen wir nicht mitmachen, aber auf das Fest des Alpenvereins gehen
wir. Hast Du Dich schon etwas im Bayerischen vervollkommnet, mein Karl?
Auf der Ausstellung bietet sich die schönste Gelegenheit dazu.«

Es ist wagenladungsweise Bayerisches vorhanden, sowohl Getränk, wie
Nationalspeisen und -Trachten, die theils von Kellnerinnen getragen
werden, theils von Natursängern, theils vom Wurzelsepp, der am
unverfälschtesten umhergeht und jeden mit dem im Höhenklima zuhausenen
Du anredet, worauf der als Steifmeier verschrieene Norddeutsche sofort
zeigt, daß er süddeutsche Gemüthlichkeit nicht nur dem Namen nach
kennt, sondern, da sie hauptsächlich in der herzlichen Sprache liegt,
sie auch auszuüben versteht und womöglich gleich losjodelt.

Auf dem Alpenvereinsfeste kommen Berliner vor, die von gelernten
Tirolern nicht zu unterscheiden sind: die Damen ganz Oberammergau'sch
und die Herren mit bloßeren Knieen, als mitten im Winter gesund ist,
nur das Tirolerische radebrechen sie, daß die Gemsen abstürzen,
wenn sie's hören. Warum hat noch niemand ein Büchlein verfaßt:
»Oberbayerisch in vierundzwanzig Stunden zu beherrschen,« das viel
Segen stiften würde und zur Ausstellung fertig hätte daliegen müssen,
die Risse zwischen Süden und Norden zu verleimen? Das Trinken der guten
Bräue allein versöhnt nicht, das gegenseitige Verständniß, das einigt
und mein Karl hat die Erlaubniß, mit den Münchener Kellnerinnen sich
für den nächsten Alpenball im Plauschen zu vervollkommnen, denn es
sind armforsche ältere Jahrgänge, fleißig und eifrig im Bedienen, daß
es mit dem Anbandeln nichts ist.

[Illustration]

»Karl,« sagte ich, »wenn Du überall in Deine Reden, das heißt mit
Auswahl, ein freundliches a hineinsetzt, gelingt das Bayerische
bildschön und anheimelnd. Lieber Bube heißt zum Exempel liabr Bua.
Danach mußt Du Dich richten und statt grüßen sagst Du grüaß'n und
Landsbergastraß'n und Mauastraß'n und Zimmastraß'n, hingegen wiederum
Jagastraß'n, die geht unregelmäßig. Und dann sagst Du zwischendurch
>schau< und >guat< und was niedlich ist, kriegt ein rl hintendran,
wie >Klimbimberl<, wenn man a Ulkerl macht, wodurch Härten gemildert
werden, wie Potsdamerl oder Stieferl und nicht gleich duellirt werden
braucht.«

»Schon juat, Schatzerl,« unterbrach er mich.

»Schau, Karl, eben hast Du ein Fehlerl g'macht. Das g wird nicht
Rosenthalerthorisch betont, sondern härtlich, wie im Schillertheater.
Janserl wäre z. B. total verkehrt. Ganserl mußt Du sagen und immer
gemüthlich, sehr gemüthlich, so mit dem Brustton der Gemüthlichkeit.«

»Ich werde mir Mühe mit dem Hofbräuhausdialekt geben, aba wundra die
net, wann i öfta mit an Rauscherl ham komma.«

»Punktum!«

»Woso?«

»Auf Dein Komma gehört ein Punktum. Schau, ham komma thu, hätte es
heißen müssen.«

»I dank schön für Kalaua«, rief er. »Alte, Du hast a Klapserl.« --

»Das war der richtige Akzang. Karl, besorge die Karten zum
Alpenfest rechtzeitig, sie werden zu rasch alle. Mit Deinen unteren
Tanzbein-Muskeln nimmst Du jeden wattirten Wettbewerb auf, kommt die
sprachliche Echtheit dazu, erregst Du Bewunderung.«

»Und als was willst Du gehen? Weißt Du, wir sehen uns die Bayerischen
Madln in der Ausstellung an und was Dir am besten gefällt, das
läßt Du Dir schneidern. Komm, Alte, wir machen eine Bergfahrt ins
Alpenpanorama, die ist gut gegen Deine Grillen. Und die Gedanken an das
Fest im Winter zerstreuen Dich.«

Ich überlegte. Von dem vor meinen geistigen Augen sich ausbreitenden
Blutfelde in die gemalten Berge zu entweichen schien mir befreiend und
aufheiternd. »Mir recht,« willigte ich ein. --

Das Alpenpanorama hatte ich mir aufgehoben, da aus Erfahrung Panoramen
länger bestehen als Theater, selbst mit eigens bestellten Dichtungen
der Vergangenheit in Versen und Patriotismus, aus Gipsbüsten,
Rothfeuer- und Jubelmarschfanfaren der nicht auf das Herz sondern auf
die Groschen zielt. Da dürfen sich die Unternehmer nicht wundern,
wenn keine das Haar abschneidet oder den Trauring versetzt, ihre
Vaterlandsliebe an solchen Kunstaltären zu bethätigen und der
Pleitegeier sich auf dem Dache des Musentempels einnistet.

Sehr seltsam ist die Bergfahrt. Anstatt in die Weite hinaus, fährt man
ins Enge, ordentlich auf Aussichtswagen. Erst quert man in einen Tunnel
hinein und wenn man aus ihm herausquert, sieht man in Thäler hinab, auf
Ortschaften, Fluren, Flüsse, Wälder und ferne Gebirge, als wäre man
wirklich im Zillerthal, daß man nicht weiß, ob es Natur oder Kunst ist,
woran die Bergbahn vorüberfährt. Und der Führer im Wagen erklärt Alles
und die Reisenden sind entzückt und rufen Oh und Ah und Herrlich und
Großartig und, wer persönlich in den Gegenden gewesen ist, erzählt, es
wäre wirklich so, wie es aussähe und zeigt die Gipfel, die er erklommen
und wo er gejodelt hat und wo er zu Nacht gegessen und was und wie gut
und wie billig er es gehabt hat, ganz wie richtig unterwegs im Kupeh,
wodurch die Täuschung ins Fabelhafte gesteigert wird.

Für die Schönheit, die Meister Rummelspacher gemalt hat, ist die
Fahrt schier zu kurz, man möchte mehr und mehr haben. Aber schon ist
der elektrische Aufzug erreicht. Hinein in die Kabuse. Der Führer
lockert die Stange und die Maschinerie zieht an. Mit unheimlicher
Geschwindigkeit geht es hoch. Am Fenster sieht man Felsen und Klüfte
und wie man an ihnen vorbeirast.

»Karl,« sagte ich, »wenn der Strick reißt, schmettern wir in den
Abgrund. Mir scheint die Sache brenzlich.«

»Keinen Zoll bewegen wir uns,« lachte er. »Die gemalten Berge am
Fenster rollen herab, wir dagegen halten. Der ganze elektrische Aufzug
ist eine optische Täuschung.«

»So'n Schwindel!« rief ich empört.

»Nicht doch. Panoramen sind auf schönen Schein berechnet. Danken wir
den Künstlern für ihre Geschicklichkeit, uns mit ihrer Kunst ins
Hochgebirge zu versetzen, als wären wir da. Wie viele, die nie nach
Tirol hinkommen, schauen es hier und behalten seine Herrlichkeit im
Gedächtniß! So, und nun sind wir oben.«

Der Führer öffnete die Thür an der anderen Seite, wir querten hinaus,
-- queren ist jetzt sehr beliebt in Reisebeschreibungen -- querten
durch einen Felsengang und standen nun auf der Aussichtswarte des
Ochsners.

Vor uns das Thal und der Schwarzensteingletscher, die Firne und Höhen,
hoch wie die Wolken. Wie groß, wie erhaben! Dazu rauschende Wasserfälle
und Tannen und Gestrüpp; ein Rundblick über Nahes in die Ferne, in die
Alpenwelt, daß man alle Sorgen vergißt.

Während wir in dem Hinblick der Alpen schwelgten, erzählte ein
Mann, daß ein Verein im Werden begriffen sei, der sich als
Rettungsgesellschaft in den Bergen niederlassen wolle, den
Abgestürzten erste Hilfe zu bringen. In den Schutzhütten sollen
Tragbahren, Verbandkästen, Arm- und Beinschienen, Universalpflaster,
Doctorschriften und alles was nöthig ist, Verunglückte einigermaßen
wieder einzurenken, gelagert werden, daß die Kletterer mit größerer
Beruhigung auf die unzugänglichsten Gipfel fexen können. Wenn sie
fallen, fallen sie der Medicin in die Hände.

Mir grauste, als ich dies hörte. Warum muß der Mensch sich unnöthig in
Lebensgefahr begeben? Wegen der Ruhmredigkeit, auf einem Zacken der
Erdoberfläche gesessen zu haben, auf dem ein anderer nie zuvor gehockt
hat? Mit Halsbrechgefahr über eine Eisspalte zu turnen, über die
überhaupt kein Weg geht, blos um zu sagen, ich that es? Ist denn das
eine Ehre, mit dem Tode zu spielen um ein Nichts?

[Illustration: Absturz im Gebirge]

»Wie beim Duell -- um ein Nichts,« schoß es mir durch. So schön
die Welt, wie thöricht, eines Wahnes willen, auf ewig die Augen zu
schließen und nichts mehr zu schauen, nichts. Keine Sonne, kein
Alpenglühen, keinen Baum, keinen Strauch, nie mehr das Rauschen der
Wasserfälle hören, keinen Vogelsang, keinen Glockenklang. Nur noch
in den Zeitungen gemeldet und nicht einmal bedauert, sondern der
Vergessenheit mit der Grabrede übergeben: »Er hat selber schuld.« --
Nicht schön das.

Wir verließen die gemalten Alpen. Man wird feierlich und ernst
gestimmt. Mir war ernster als ernst zu Muthe.

Beim Ausgange erwartete uns jemand, froh und freudestrahlend und
begrüßte uns herzlich in lieber Freundschaft. Es war Rudolf Brauns. Er
stand im hellen Sonnenlichte, ein Bild des Lebens und der Jugend, mit
rothen Lippen und gesunden Wangen und glänzenden Augen.

»Ich sah Sie abfahren, leider war der Zug besetzt,« sagte er, »aber
hier mußte ich Sie treffen. Ich wollte Ihnen nur mittheilen, ein wie
großes Vergnügen es mir macht, Ihnen gefällig sein zu können. Ihr
Schützling wird angenommen, wenn seine Ansprüche nicht allzuweit gehen.«

»Mein Schützling?« fragte ich. »Wen meinen Sie damit?«

»Nun den Architekten, den Sie mir so warm empfohlen haben.«

»Ich Ihnen einen Architekten? Ihnen? Nicht daß ich wüßte.«

»Nun ja doch. Auf meine Anzeige sandten Sie mir eine Rolle Zeichnungen
mit einem Begleitschreiben...«

»Sie sind doch nicht Ypsilon 44?«

»Ypsilon 44. Ich suche einen Zeichner für unsere Fabrik...«

»Allmächtige Güte!« rief ich. »Nun geht der Ballon den verkehrten Weg.
Nein, nein.«

»Aber mit Vergnügen. Heut Abend stellt er sich mir vor.«

»Weiß er, daß Sie es sind?«

»Nein.«

Mir ward graublau vor den Augen. Ich sah Herrn Brauns als erschossene
Leiche liegen und Kriehberg mit blutigem Revolver daneben. Was war zu
thun. So verbiestert wie jetzt, hatte ich mich noch nie.

»Heute nicht,« stotterte ich. »Heute empfangen Sie ihn nicht. Denn...
denn... heute bleiben Sie bei uns... zum Abendbrot. Nicht wahr...
Morgen ist es auch noch Zeit?«

»Ich bin für Pünktlichkeit... was ich einmal versprochen habe, halte
ich.«

»Sie kommen mit.« Dann wandte ich mich an meinen Mann: »Karl, wollte
Ottilie nicht übermorgen abreisen?«

»Mir hat sie nichts gesagt.«

»Nicht wahr, Herr Brauns, Sie geben uns keinen Korb. Ich glaube, Ihre
Tante würde sich sehr freuen?«

»Wenn man einer Tante eine Freude machen kann, darf man nicht nein
sagen,« lachte er.

Mein Karl sah mich an, als gefiele ihm mein geistiger Zustand nicht.
Ich mußte schweigen. Nur Zeit wollte ich gewinnen. Brauns und sein
Todfeind dürfen sich nicht begegnen. Wo aber ist ein Ausweg?

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Auswärtige und innere Angelegenheiten.


Wenn dem Chinesen heiß ist, wedelt er sich Kühlung mit dem Fächer
zu, spürt der Deutsche Hitze, trinkt er kaltes Bier, und wegen
solcher-Unterschiede findet der Eine den Anderen uncultivirt. Wir sehen
auf die Chinesen herab, weil sie einen Zopf tragen, und die Chinesen
dünken sich hoch über uns, weil wir keinen hängen haben. Wo liegt nun
die Wahrheit? Der Eine ist, wie mit dem Fächer äußerlich, der Andere,
wie mit dem Bier auf Eis, innerlich: das Endziel, die Abkühlung ist,
das nämliche.

Dies sind nicht meine, sondern Onkel Fritzens Gedanken über Asien
und Europa. Er hält es nämlich mit dem Zopf, natürlich blos, um mir
zu widersprechen. Wir haben schon in der Schule über die Chinesen
gelacht, wenn der Herr Lehrer uns eintrichterte, wie verdreht sie Alles
machen und Pudelbraten mit Ricinusöl essen und nicht 'mal das Alphabet
können, sondern für jedes Wort ein Zeichen hinpinseln. Und keinen
Achtstundentag kennen sie und keinen Achtuhrladenschluß und keine
Sonntagsruhe. Wie schaudervoll: in dem großen himmlischen Reiche kann
jeder arbeiten, wann und wo es ihm paßt, und seine Steuern erwerben
und kein heimlicher Schnüffler petzt und kein Streber zeigt ihn an
und kein Richter verknackt ihn. Welch' gräßlicher Anblick, solche
Verlodderung der Volkswohlfahrt nebst Müßigschlendern der Straf-Organe.

Und vor ihren Mandarinen rutschen sie Bauch. Das ist erstens
kriecherisch und zweitens ruinirt es das Zeug.

»Ich bin sehr froh, nicht in China zu leben,« sagte ich.

»Ich dito« stimmte Onkel Fritz mir ausnahmsweise zu. »Denke Dir,
Wilhelmine, wenn sie Dir kleine Klumpfüßchen anerzogen hätten, daß Du
nur eben watscheln könntest.«

[Illustration: Mandarin und Untergebene]

»Gehört hab' ich davon, aber warum sie das thun, ist mir nie kund
geworden.«

»Damit die Frau ihrem Gatten nicht wegläuft.«

»Wie grausam!«

»Nicht wahr? Der arme Mann wird sie nie los.«

»Viel schlimmer ist, wenn man einen Mann nicht los werden kann. Fritz,
ich bin sehr, sehr unglücklich!«

»Was giebt's? Bist Du Deines Mannes überdrüssig? Hast Du zuviel neue
Richtung gelesen und willst mitmachen?«

»Scherz bei Seite, Fritz, ich weiß nicht aus noch ein!« Und nun
erzählte ich ihm meine Noth mit Kriehberg und Ottilie und Herrn Brauns.

»Was geht denn das Dich an?« fragte Onkel Fritz. »Laß doch die jungen
Leute ihre Angelegenheiten unter sich schlichten.«

»Ich kann kein Blut sehen.«

»Klumpatsch! Du hast natürlich nicht bedacht, daß Menschen keine
Dominosteine sind, die Du schieben kannst, wie sie nicht wollen. Was
sagt denn Dein Mann dazu?«

»Das Schlimmste weiß er nicht?«

»Dann muß die Sache sehr mulmig sein.«

»Ist sie auch, Menschenglück und Menschenleben hängen davon ab, wie sie
endigt.«

»Zunächst deshalb weg mit der Ottilie. Aus den Augen, aus dem Sinn.«

»Sie stirbt daheim an Gram und Kummer, wie Tante Lina. Du sollst sehen,
nun, da sie nichts mehr zu hoffen hat, schwindet sie bald dahin.«

»Wer? Ottilie?«

»Nein, Tante Lina. Hoffnung ist der Zehrpfennig der Seele. Ist der
verloren, schließen sich alle Thüren, bis auf die Pforte des Todes, die
öffnet sich umsonst.«

»Wilhelmine, werde nicht sentimental. Tanten sind zähe und Verlobungen
gehen täglich zurück.«

»Blos Kriehberg nicht. Er hat Briefe von Ottilie. Er thut Einspruch.«

»Dann laß sie ihn heirathen.«

»Sie liebt aber den anderen.«

»Und Du meinst, Tante Lina, die alte Schraube, hat die Beiden
zusammengekobert?«

»Wenigstens stark nachgeholfen.«

»Dann wäre es ihre Pflicht wieder auszufädeln, was sie eingefädelt hat.
Schatz, ich hab's! Setze Dich auf die Eisenbahn, oder womit Du sonst
hinruckelst, fahre zu Tante Lina, polk ihr die Sachlage klar, damit sie
so lange brieflich auf Kriehberg einwirkt, bis er Vernunft annimmt. Sie
weiß ja am besten, wodurch und wie sie gekuppelt hat.«

»Geschehen muß etwas. Uebermorgen reise ich. Doch eins, Fritz, sprich
mit Niemand ein Sterbenswort. Was aber wird mit meinem Hotel, wenn ich
abwesend bin?«

»Das läuft nicht weg. Und verbohrter, wie es zugeht mit Dir, geht es
ohne Dich schwerlich.« -- »Fritz!«

»So heiße ich! Ohne Umstände mache Schluß, so bald wie möglich. Du
siehst schon ganz spack aus.«

»Meine Talje wird mir zu weit.«

»Sparst Du vier Wochen Krodobrunnen in Harzburg mit Bergklettern. Ich
an Deiner Stelle karriolte morgen ab.«

»Kann ich nicht. Es ist das große Fest zu Ehren Li-hung-Schangs,
des chinesischen Vice-Königs. Das muß ich beschreiben. Es wird
einzig. Alles mit Theekisten-Inschriften, und auf dem Neuen See eine
mit rothem und gelbem Kattun überzogene Barke und eine Pagode mit
echten Porzellanvasen von Rex und die Lämpchen blau und gelb in der
chinesischen Wappenkulör.«

»Wenn das den braven Schang nicht zu Thränen rührt, ist er das Entree
nicht werth. Es wird doch auf eine Mark erhöht?«

»Versteht sich. Die Kosten müssen gedeckt werden.«

»Glaubst Du, weil Schang von uns mit Schokolade begossen wird, daß
China deutsche Industrie und deutsche Leute begünstigt? Ich nicht. Ich
kenne die Onkels durch mein Exportgeschäft. Es sind Gemüthsathleten sag
ich Dir. Erst kommen sie und dann die andern -- noch lange nicht.«

»Oho! Man erwartet, daß er ein Dutzend Panzerschiffe bestellt...«

»Das dreizehnte oben aufs Packet gebunden.«

»Und Rieseneinkäufe macht. Außerdem soll er ein hervorragender
Politiker sein.«

»Weißt Du, was Politik ist? Anders sagen als thun. Besser wäre, die
Deutschen schlössen feste Freundschaft unter sich, als daß sie in der
Fremde falsche Freunde suchten. Wilhelm, das Nachlaufen, das verfluchte
Nachlaufen, das ist unser Elend. Wir beleuchten in allen möglichen
Landesfarben, aber kein Land illuminirt in den deutschen Farben.«

»Warum nicht, da wir doch andere Völker mit Oellampen ehren?«

»Weil es kein schwarzes Licht giebt, und Weiß und Roth nicht langt.
Sonst thäten sie es aus lauter Hochachtung. Wenn sie könnten, fräßen
sie uns auf -- vor Liebe. Sie haben oft genug versucht, Deutschland zu
zerreißen und zu verschlingen, aber ehe sie es todtschlugen, ward es
lebendig und umgekehrt ein Schuh daraus.«

»War es denn halbtodt?«

»Es träumt zuviel und beim Träumen hält es die Augen nicht offen.
Augenblicklich träumt es chinesisch.« --

Am Feste regnete es, daß die gelben und blauen Lampen sich in
Vogelnäpfe verwandelten und Schang sich mit der Ankündigung der
Illumination in den Zeitungen begnügen mußte, die laut posaunten, daß
er für fünfzigtausend Brillanten auf der Ausstellung gekauft hätte.

Alle hinausgeströmte Welt ergoß sich in die Gold- und Silberabtheilung,
wo es während des Regens trocken war, und betrachtete mit erhobenem
Nationalgefühl die köstlichen Leistungen der Berliner Goldschmiede und
Juweliere und den Platz, wo solcher Einkauf stattgefunden hatte, wenn
auch nirgend wo daran stand »für China erworben.« Einige sagten, es
wären fünfmalhunderttausend Mark gewesen, was nur scherzend bezweifelt
wurde, da der Chinese furchtbar reich ist. Wenn er will, kann er jede
Minute ein Zwanzig-Markstück hinunterschlucken, ohne daß er was merkt.
So erzählte man und beglückwünschte die Juweliere zu dem »großartigen«
Geschäft und pries den Arbeits-Ausschuß als Häupter vom Ganzen und die
Ausstellung und Berlin und das Deutsche Reich, daß Handel und Wandel
so aufblühten und der Goldregen von Osten noch dichter pladdern würde,
als der Strippenregen vom Himmel. Wer nicht drinnen war, quurkste
draußen in den Regenwegen und mancher guter Anzug kriegte seinen Rest,
um dem Stern des himmlischen Reiches zu huldigen, der die Geburt
goldener Zeiten verkündete; liegt doch im Verdienen heute das Heil der
Menschheit. Es war ein großer Tag, nur bekam Niemand Schang recht zu
sehen. Es triefte zu sehr. --

Einige Abende darauf wurde die Beleuchtung wiederholt, wenn auch
mit ohne Schang. Es soll sehr schön gewesen sein, allerdings mit
herabgesetzter Freudenempfindung, denn im ganzen hatte Schang für
nuttige dreitausend Mark Brillanten eingehandelt und war nach England
und Frankreich gereist, Kanonen und Panzer anzusehen und ähnliche
Einkäufe zu machen. Konkurrenz schrinkt. Doch steht zu erwarten, daß er
sie ebenso einseift. Und das lindert den Schmerz wieder.

Fast möchte ich glauben, unser Schulmeister hat die Chinesen nicht so
gekannt, wie sie uns kennen, und daß Onkel Fritz Bescheid weiß. Man
irrt sich in nichts leichter als in ausländischen Völkern.

Seinen Rath, Tante Lina zu besuchen, nahm ich an. Ich mußte.

Denn dieser Kriehberg -- man sollte es nicht für denkbar halten --
wurde herausfordernder als je. Er hätte Aussicht auf feste und dauernde
Stellung, schrieb er mir, und kein Grund läge vor, ihm Ottilie länger
zu verweigern.

Herr Brauns brachte jenen Abend bei uns zu, an dem Kriehberg fällig war
und vor verschlossenen Thüren antrat. Eine sofortige Pustkarte, daß
N 44 verreist sei und ihm nach seiner Rückkehr Bescheid geben würde,
sandte ich schleunigst im Geheimen an Kriehberg ab. Und darauf hin
pocht er auf Aussichten. Unglaublich.

Ottilie war mit der Ungermann und Kliebisch's in ein Theater gegangen,
so daß Herr Brauns, mein Karl und ich allein beim Abendbrod saßen. Ihm
fehlte Ottilie; mir nicht.

Wir unterhielten uns über viele, verschiedene Dinge; das Gespräch kam
nicht in Fluß. Wie wäre es auch möglich, auf die Dauer Theilnahme für
Gleichgiltiges zu heucheln, wenn sich die Gedanken mit Lebensfragen
beschäftigen? Und zuletzt hielt er es nicht mehr aus, er konnte sich
nicht länger bezwingen.

Und wie er erst zögernd begann und erröthete und sagte, wie er auf uns
zählte, namentlich auf meine Aufrichtigkeit -- er wußte ja nichts von
meiner so eben abgelassenen Rohrpostlüge -- und dann immer lebhafter
wurde, je mehr er den Eindruck schilderte, den Ottilie auf ihn gemacht
hatte, gleich beim ersten Anblick und nachher wieder, so oft er sie
gesehen, das klang so gewinnend und innig, daß ich ihm freundlich
zunickte. Und da sagte er, sie müßte die Seine werden, so liebe er sie.

Nun war es heraus, und ich sollte Ja und Amen dazu sagen.

»Sie kennen sich gegenseitig noch viel zu wenig,« wandte ich ein. »Sie
müssen erst vertrauter werden.«

»Dazu bietet uns das ganze lange Leben Gelegenheit.«

»Und Sie wissen so viel, da kommt Ottilie nicht gegen.«

»Ich will Liebe, nicht Gelehrsamkeit.«

»Sie ist arm.«

»Ich habe mehr als genug. Unsere Fabrik wächst von Jahr zu Jahr,
unser Betrieb dehnt sich aus. Was mein Vater begründete, führen wir
gemeinschaftlich weiter, ich bin nicht nur sein einziger Sohn, sondern
sein geschäftlicher Mitarbeiter. Meine Eltern wollen mein Glück und
mein Glück ist Ottilie; meine Lebensfreude, sie mit Allem zu umgeben,
was ihr Wünschen begehrt.«

»Wenn die Eltern mit der Wahl einverstanden sind,« sagte mein Karl,
»sehe ich nicht ein...«

»Karl!« rief ich, »nicht zu hastig. Hast Du Verständniß von einem
Mädchenherzen? Ottilie muß doch erst gefragt werden!«

»Das ist Herrn Braun's Sache. Wenn die jungen Leute einig sind, sehe
ich nicht ein...«

»Karl, versetze Du Dich in Ottiliens Lage, ebenso schüchtern und
gewissermaßen vom Lande, und Herr Brauns kommt mit der Thür in's Haus
gefallen und will Dich heirathen, natürlich schreist Du und läufst
weg oder Du giebst in Verwirrung Dein Wort und sitzest hernach da und
weinst aus Voreiligkeit, und sie schleifen Dich in die Kirche und ein
Jahr darauf liegst Du mit gebrochenem Herzen in weiß Atlas im Sarg.«

»Gott soll mich schützen,« lachte mein Karl und sah mich verwundert an,
und fragte mit seinen Blicken: »Alte, was hast Du?«

Herr Brauns lachte nicht. Der war blaß geworden und schwieg ernst,
furchtbar ernst. Ihm mochte wohl aufdämmern, daß etwas nicht in Ordnung
sei und sein Glück wie Edelweiß an einem Abgrund blühte, und ich sollte
der Führer sein und weigerte mich aus Sachgründen.

Er brach auch bald auf. -- Wie that er mir leid.

Er reichte uns die Hand beim Abschied, sie zitterte leicht. So mächtig
war der Aufruhr in ihm, daß er seiner kaum Herr ward, er, der Eisen und
Stahl brach, wenn er wollte.

Ich begleitete ihn hinaus. Meinen Karl winkte ich mit dem Ellbogen und
der rechten Fußsohle, zurückzubleiben.

»Gewähren Sie mir drei Tage,« sagte ich. »Ich muß verreisen; wenn ich
wiederkomme, dann... dann sind wir... älter.« -- »Aber Ottilie geht?«

»Vorläufig nicht; ich sagte nur so.«

Ein Freudenschimmer überflog seine Züge.

»Versprechen Sie mir, keine Thorheit zu begehen?«

»Thorheit?« lächelte er, »Thorheit? Nein.«

»So ist's recht. Sehen Sie, Herr Brauns, wenn ein junges Mädchen heiß
und verzehrend liebt, dann fürchtet es sich vor der Entscheidung. Es
ist, als sollte sie in Gluth und Feuer springen und schließt die Augen
und beträgt sich wie blind.«

»Verstehe ich Sie recht?« -- »Adieu, Herr Brauns.« --

Mein Karl wollte Auskunft haben; ich bat ihn, mir die Angelegenheit zu
überlassen. Heirathen sei Frauenaufgabe. -- Darin ergab er sich.

Ungermanns und Ottilie kamen spät nach Hause.

Mein Karl fragte: »Ottilie, würden Sie Herrn Brauns Ihre Hand geben,
wenn er sie verlangte?«

Sie sah ihn starr an, dann mich -- Ungermanns hatten sich gottlob
zurückgezogen -- als hätte sie nicht recht gehört.

»Er will Sie zur Frau.«

»Karl!« rief ich.

Es war zu spät. Ottilie lag ohnmächtig auf dem Teppich. Die Wahrheit
war ihr zu viel gewesen.

»Karl, wie konntest Du?«

»Einmal muß Euren Heimlichkeiten ein Ende gemacht werden. Ich will
nicht, daß Du mir draufgehst.«

»Wie egoistisch, Karl.«

Ottilie kam wieder zu sich. Ich half ihr, sich zur Ruhe zu legen und
wärterte an ihrem Bette, bis sie schlief. --

In der Nacht hörte ich sie weinen.

»Ottilie,« sprach ich, »es kann ja noch Alles gut werden.«

»Ich wollte, ich wäre todt,« schluchzte sie.

Da beschloß ich mit Onkel Fritz zu sprechen, wie es geschah. Und seinen
Rath, Tante Lina vor das Messer zu nehmen, befolge ich.

Wenn Jemand Schuld an dem Jammer hat, ist es Tante Lina. Nichts ist
verderblicher, als das Heirathstiften, zumal von älteren Jungfern, die
nur in der Theorie Bescheid wissen.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Provinz-Erlebnisse.


Geschäftsreisen sind keine Vergnügungs-Ausflüge. Freilich kann eine
Geschäftsreise sich zur Quelle reinster Freuden gestalten, wenn
der Absatz fluscht, neue Kunden anbeißen und die alten die Waare
auftraggebender Weise loben. Anerkennung in Worten klingt sehr schön
und befriedigt Dichter und Künstler, zumal in gedrucktem Zustande, aber
mit Aufblähung ist dem einfach civilen Bürger nicht gedient; der hat
Wechsel einzulösen, Fabrikanten zu zahlen, Rohstoffe anzuschaffen und
Arbeiter zu lohnen, der muß umsetzen; denn was auch aufkommen mag, Geld
bleibt egal Mode. In keiner Konfession sind die Menschen orthodoxer,
als in der Anbetung des Geldes.

Unser Felix Schmidt konnte auf das Ergebniß seiner letzten Tour stolz
sein, als er zurückkehrte. Er war vergnügt und mein Karl war so
vergnügt, daß er mich mit in das Geschäftliche hineinzog, was er nur
selten thut, wie ich ihm ja auch nicht mit jeder zerbrochenen Schüssel
ins Gesicht springe und nur dann und wann erfreue, wenn ich wirklich
Billiges, lächerlich unter dem Einkaufspreis erworben habe. Gewöhnlich
berechnet er nach, daß er trotzdem viel zu hoch kam. Neulich kaufte
ich auch etwas. Es sah aus wie eine Kneifzange und war patentirt und
von zwei Mark auf fünfzig Pfennige herabgesetzt, blos es ließ sich
nirgend wozu gebrauchen. Mein Karl drohte, das nächste Mal käme ich
unter Kuratel. Ich entgegnete: »Wer eine Mark fünfzig sparen kann und
es nicht thut, versündigt sich; übrigens die Frau soll noch geboren
werden, die einem Ausverkauf widersteht. Also was brummst Du?«

Jetzt hatte ich Verwendung für den Gegenstand, indem ich ihn nebst
anderen Niedlichkeiten als Aufmerksamkeit für Tante Lina mitnahm. Kann
sie auch nichts damit anfangen, so freut sie sich doch über den guten
Willen, der bei Geschenken das Werthvollste ist. Und den hatte ich.

Ob ich auf einer Geschäftsreise war, als ich in der Eisenbahn saß und
nach Tante Lina fuhr, das vermochte ich nicht bestimmt zu beantworten,
eine Vergnügungspartie war es jedoch nicht. Würde ich meinen Zweck
erreichen? Vielleicht. Blieben meine Bemühungen fruchtlos, waren
Fahrkarte, Zeit und Spesen der Katze geweiht. Aus der Füllung des
Abtheils machte ich mir nichts, die Stadtbahn-Straffahrten nach Treptow
hatten mich abgehärtet, und schon längst hatte ich den Unterschied
zwischen Häringen und Berlinern herausgefunden. Die Häringe werden
nämlich mit Salz gepökelt und die Berliner mit amtlichen Zumuthungen.
Die Verpackung ist dieselbe.

Bei der herrschenden Sommerwärme zog ich die dritte Klasse der
gepolsterten zweiten vor, und das hatten sämmtliche Mitleidensgenossen
aus demselben Grunde gethan, wie sie sagten, als das allgemeine
Gespräch mit Bahnbeschwerden eröffnet wurde. So mächtig wird stets
über die Leitung des Ganzen geurtheilt, daß sie aus dem Ohrenklingen
gar nicht herauskommen, und deshalb natürlich keinen vernünftigen
Verbesserungs-Gedanken fassen kann. Hinterrückisches Zähneknirschen hat
gar keinen Einfluß, ebenso wenig wie das Anblaffen der unschuldigen
Schaffner etwas an den Bahngesetzen ändert. Man gebe der Verwaltung
mehr Ferien unter der Bedingung, sie abzureisen. Das würde ihr gut thun.

So und ähnlich äußerten die Herrschaften sich, und nachdem die
Eisenbahn ihre Wischer weghatte, kam Berlin daran.

Ich gab mich nicht zu erkennen, um die freien Aeußerungen nicht zu
hemmen.

Es bildeten sich bald zwei Parteien. Die eine ließ an Berlin kein
gutes Haar, die andere war der Anerkennung voll, wenn man jedoch genau
hinhörte, gingen die meisten Klagen aus dem Geldbeutel hervor. Die,
die Alles hatten sehen und genießen wollen, ohne daß es etwas kosten
sollte, waren böse, die Anderen, die sich gesagt hatten, daß, wer
Vieles in kurzer Zeit abmachen will, an einem Tage mehr ausgiebt, als
zu Hause in einer bis verschiedenen Wochen, waren zufrieden. Kann
Berlin etwas dafür, daß die Straßen so lang sind?

Die Droschken waren ihnen zu theuer.

Warum sie nicht Pferdebahn gefahren wären oder Omnibus?

Wer wußte denn, wo man damit hinkäme?

Man brauchte nur zu fragen.

Um sich Grobheiten auszusetzen?

Wo das der Fall gewesen wäre? Der Berliner gäbe gern und willig
Auskunft.

Damit liefe man den Bauernfängern in die Arme.

»Jawohl,« rief ich dazwischen, »wenn man nämlich ein Bauer ist.«

»Sie sind wohl aus Berlin und wissen Alles besser?« entgegnete der
Mann. »Wie ist es einem Herrn gegangen, den ich zufällig kennen gelernt
hatte? Er machte nämlich die Bekanntschaft von einem Grafen und der
Graf führt ihn in höhere Zirkel ein und es ist auch sehr nett da, blos
daß die Gesellschaften immer so spät in der Nacht stattfanden. Doch
dies fiel ihm nicht weiter auf, indem er sich amüsirte mit ungarischen
Gräfinnen und Comtessinnen aus Polen, in die er ganz weg war; hochfein.
Und da er sich nicht knauserig zeigen durfte, wenn mal gespielt wurde,
haben sie ihm nicht blos sein Geld abgenommen, sondern auch die Uhr;
und wie er sie am nächsten Abend einlösen will, hat die Polizei die
ganze noble Gesellschaft ausgehoben.«

»Hat er seine Uhr wieder?« fragte Jemand.

»Nicht doch. Wenn er sich meldet, muß er als Zeuge aussagen und das
paßt ihm nicht wegen seiner Stellung. Wenn sein Name in der Zeitung
steht und wie die Frauenzimmer ihn hineingelegt haben und daß der Graf
ein entlassener Heilgehilfe mit Vorstrafen war: die Blamage ist zu
enorm.«

»Was man nicht Alles mit guten Freunden erlebt,« bemerkte ich. Die
übrigen lachten und tuschelten und einer rief: »Der gute Freund sind
Sie doch nicht am Ende selber?«

»Würd' ich die Geschichte dann erzählt haben?«

»Na, na!« zweifelte ein Herr. »Es mag nett zugehen, wo Sie her sind!«

»Ich bin es weiß Gott nicht,« suchte er sich herauszureden. »Sie können
es mir glauben.«

»Wer glaubt, wird selig.«

»Auf Ehrenwort, ich bin es nicht. Ich kann Ihnen auch den Namen nennen,
es war ein gewisser Ungermann.«

»Ein kleiner untersetzter Herr mit durchgewachsenem Schädel?« fragte
ich erstaunt.

[Illustration: Herr Ungermann]

»Ganz derselbige. Kennen Sie ihn?«

»Nur so von Ansehen. Ich kann mich auch irren.«

»Vielleicht wissen Sie mehr von den ungarischen Gräfinnen als wir?«
argwöhnte der Herr und fixirte mich.

Ich wurde verlegen.

»Und wo die Uhr geblieben ist?«

»Mein Herr!« fuhr ich auf.

»Ich kenne Berlin,« höhnte er.

»Berlin bei Nacht,« gab ich ihm zurück, »gerade so wie Ungermann.
Jawohl! Den hat die gerechte Strafe für seine Aushäusigkeit und
Duckmäuserei ereilt. Hoffentlich sind seine Genossen nicht leer
ausgegangen. Sagten Sie nicht, er wäre ein guter Freund von Ihnen?«

»Ich verbitte mir jede Anspielung.«

»Ich mir dito!«

»Uebrigens wenn Sie es interessirt, wurde ich in Alt-Berlin mit dem
Herrn bekannt. Die Ausstellung ist doch für Fremdenverkehr, da treffen
sich eben die Fremden.«

Dagegen sagte keiner etwas. Voller Aufregung suchte ich nach
meinem Riechsalz, wobei die merkwürdige Zange herausfiel, die mein
Schräg-_à-vis_ aufhob und prüfend betrachtete, anstatt sie mir
höflichst zu überreichen.

»Erlauben Sie, was ist das für ein Instrument?« fragte er.

»Das weiß ich nicht.«

»Merkwürdig!«

»Wieso?«

»Man führt doch keine Brechzangen bei sich, ohne zu wissen, wozu sie
gebraucht werden?«

»Ach so? Eine Brechzange ist es,« erwiderte ich. »Mir sehr angenehm,
das zu erfahren.«

»Was denn sonst? Man schiebt das Ding zwischen die Thür, knack, und auf
springt sie.«

Alle blickten mit neugieriger Abscheu erst auf das Instrument und dann
auf mich. Die neben mir saßen, rückten zur Seite, so gut es ging.

Ich lachte und wandte mich an den Herrn, der mir die Zange noch nicht
wiedergegeben hatte: »Darf ich mir mein Eigenthum gefälligst ausbitten?«

Er sah mich an, mit so unverkennbaren Criminalaugen, daß ich eine
Gerichtsperson auf Ausstellungsurlaub in ihm witterte und von
plötzlicher Angst erfaßt, zurückfuhr. Darauf sah er mich noch
durchbohrender an und sagte: »Dieses verfängliche Geräth muß der
Polizei eingeliefert werden.«

»Meinethalben, für mich hat es keinen Werth.«

»Und doch kann es Ihnen theuer zu stehen kommen.«

»Wollen Sie mir jetzt mein Besitzthum wiedergeben? Oder soll ich
klagbar werden?«

Er zögerte.

Nun ich fühlte, daß ich Oberwasser kriegte, gewann ich Muth: »Besehen
Sie sich es genau, wenn Sie lesen können. Da steht D. R.-P. darauf,
Deutsches Reichs-Patent. Glaubt denn ein vernünftiger Mensch, das
Deutsche Reich patentire Einbrechzangen und Diebgeräth?«

»Warum nicht? Patentirt wird vieles.«

»Die Frau scheint mir Recht zu haben,« rief ein jüngerer Mann aus einer
Ecke.

»Hab' ich immer!« stimmte ich ihm bei.

»Und ich finde es nicht schön, sofort gleich zu verdächtigen, wo
garnichts vorliegt. Hat die Frau denn schon eingebrochen? Und wenn sie
einbrechen will, seit wann ist die Absicht strafbar? Außerdem fragt
sich, ob das Ding wirklich zum Einbrechen taugt? Mir scheint es für
diesen Zweck viel zu schwach gearbeitet. Ein Geldspinde bringt sie
nicht damit auf. Das ist meine Meinung.«

»Aber wozu dient das Instrument denn?«

»Mir scheint es ein Briefbeschwerer,« sagte eine Dame.

»Das sieht man doch im Dunkeln,« klammerte ich mich an diesen
Rettungsstrohhalm. »Giebt es etwas unnatürlicheres als Briefbeschwerer?
Dazu nimmt man alte Schuhe, Hufeisen, Beile, Aepfel und Birnen, Töpfe
aus Metall und Stein und worauf das Kunstgewerbe sonst verfällt.«

»Das ist wahr,« bestätigte mein Nachbar zur Linken.

»Wer die Ausstellung betrachtete, der hat auch Briefbeschwerer
gesehen,« sagte ich. »Aber wer blos nach Berlin ging, um zu schwiemeln,
weiß von nichts. Geben Sie mir meinen Kunstgegenstand. -- Danke!«

Während ich das Unglücksgeschirr wegstopfte, begann der Herr, der
sich als Ungermann's Freund verrathen hatte, auf die Ausstellung zu
raisonniren: »Wer kann Alles sehen? Die Vergnügungen erdrücken die
Industrie.« -- Und was der nicht wußte, ergänzten Andere.

Als sie es jedoch zu schlimm machten, bildete sich Gegnerschaft,
die immer mehr in's Loben kam und gut fand, was vorher getadelt und
herabsetzte, was in den Himmel gehoben war.

Ich verhielt mich zuhörend; ich war zu zerknittert, einzugreifen.
Hingegen war mir klar: Allen recht zu machen, ist selbst
Kommerzienräthen unmöglich.

Mit wahrer Aufathmung begrüßte ich meinen Aussteige-Haltepunkt,
verließ die Gesellschaft mit deutlicher Nichtbeachtung und suchte
den Postwagen auf, der mich weiter befördern sollte. Im Wartesaal
nahm ich einen kleinen Trosttropfen; nur einen. Dem genossenen Aerger
nach hätte ich Grund gehabt, mich dem Alkohol gründlichst zu ergeben
und begriff, wie fortgesetzter Verdruß einen Menschen schließlich
ins Delirium treiben kann. Welche Charakterfestigkeit gehört dazu,
Ausstellungscomité zu sein, das täglich aufgemöbelt kriegt und doch nie
molum gesehen wurde!

In solchem gelben Stephans-Kasten war ich noch nicht gefahren; er ist
ja auch im Absterben und deshalb waren die englischen Mehlkutschen, die
weiter nichts sind als eine Kreuzung von Omnibus und Post, in Berlin,
wenn es hoch kam, nur mit einer Person bevölkert. Wir haben unsere
billigeren flinken Droschken erster Güte, was sollten wir mit den
Noah-Archen auf Rädern? Sie hier unübertrefflich halten, weil sie von
England kamen? Ueber solchen Mumpitz sind wir längst hinweg.

[Illustration: Unterwegs mit dem Wagen]

Ich war allein in dem Wagen auf der langsamen Straße mit Feldern
auf beiden Seiten, Dörfern in der Ferne und Gehöften, an denen man
vorüberfuhr in ländlicher Stille. Wie viele Menschen doch außerhalb
Berlins glücklich sind. Und doch meinen die Meisten, das Glück sei
nur in der großen Stadt zu Hause. Aber was ist Glück? Das einzige,
was der Mensch sucht, wenn er es gefunden hat. Denn es giebt keinen
Zufriedenen.

Wie glücklich hätte ich jetzt sein können, wenn ich mich weder mit
Kriehberg noch Ottilien beschwert hätte. Waren denn Ruhe und Frieden
und meine Häuslichkeit nicht Glück genug? Was hatte ich Noth, mich in
die Schreibtinte zu begeben? Nun saß ich drinn. Ohne die Beiden wäre
ich nicht auf der Spritztour nach Tante Lina, die sehr verhängnißvoll
hätte werden können. Der Mann, der mich möglicherweise für das
Ehrenmitglied einer Einbrecherbande hielt, war nahe daran, mich der
Obrigkeit zu überantworten. Man weiß ja nie, mit wem man fährt, welch'
unbewußtes großes Thier er ist und was er einem anthun kann?

Und dieser Ungermann! So ein Nachtbruder. Und bei Tage wie neugeborne
Unschuld. Den werd' ich abmalen!

Mit dieser Absicht drusselte ich ein und erwachte erst, als der
Postillon sein Stückchen blies. Ich träumte gerade, Ungermann winselte
um Gnade, so klang das Geblase.

Wir rumpelten über holperiges Pflaster durch ein thurmartiges Thor und
waren in der Stadt. Tante Lina wohnte nicht weit von der Post, sie
aufzufinden ging ohne Adreßkalender.

Sie freute sich nur mittelmäßig, als ich bei ihr eintrat mit den
Worten: »So, da bin ich. Sie können sich wohl denken, daß ich wegen
wichtiger Angelegenheiten komme. Wie geht es Ihnen, Tante Lina?«

»Ganz gut,« erwiderte sie. »Recht gut. Viel besser, als sonst. Bitte,
setzen Sie sich. Ich nehme jeden Abend vor dem Schlafengehen, mit
Erlaubniß zu sagen, drei Stücken Rhabarber. Apotheker Bahnsen rieth
es mir und es hilft auch, weil ich die Berliner Kost nicht vertragen
konnte und wenn nichts gethan wurde, es leicht schlimm geworden wäre.
Im vorigen Jahre hatte Maler Brandt's Frau es ebenso, aber weil sie
nichts brauchte, schlug, mit Erlaubniß zu sagen, innerliche Gedärmgicht
dazu und in fünf Tagen war sie todt. Sie hat so geschrieen, daß sie es
drei Häuser weit gehört haben.«

»Wer lange Rhabarber ißt, kann alt werden,« sagte ich, nur um etwas zu
sagen, da ich den rechten Dreh noch nicht hatte.

»Will ich auch,« entgegnete sie. »Ich will noch vom Leben haben, was es
mir bieten kann. Und wozu auch nicht? Das Essen und Trinken schmeckt
mir und zu sorgen hab' ich für Niemand mehr, für Niemand. Der, auf den
ich wartete, der braucht nicht, was ich zusammenhielt, der ist reich;
darum hab' ich Alles auf Leibrente gegeben.«

»Aber Tante Lina!«

»Ja, nun erbt Keiner was. Keiner. Viedt's haben auch genug. Und Sie
brauchen es auch nicht. Und Kriehberg ist noch jung, der kann arbeiten.
Das hat Johannes auch gemußt.«

»Sie können über das Ihrige verfügen, wie Ihnen gut dünkt, Tante Lina,
aber sagen Sie mir das eine: Haben Sie Kriehberg etwas versprochen?«

»Nicht gerade versprochen. Aber da er und Ottilie sich so sehr lieben,
sagte ich, sie sollten heirathen, ehr etwas dazwischen käme. Warum
dürfen die jungen Leute nicht glücklich werden?«

»Wovon sollen sie existiren?«

»Sie sind ja noch jung. Es verheirathen sich so viele und sind
glücklich.«

»Doch blos nicht in Berlin! Was kostet ein Haushalt in Berlin? Allein
die Miethe. Und er hat nichts.«

»Oh, so viel wird er wohl haben.«

»Aber nein. Nicht so viel, die bescheidenste Wohnung zu nehmen mit
Küche, eben groß genug, eine Karmenade auf einmal zu braten. Tante
Lina, da haben Sie nicht gut gerathen.«

»Sie lieben sich.«

»Wissen Sie das so genau? Ich bin anderer Ansicht. Er allerdings will
Ottilie...«

»Und sie ihn. Und ich gab ihnen meinen Segen und sprach, werdet
glücklicher als ich und da verlobten sie sich mit Liebe und Treue für
alle Ewigkeit.«

»Welcher Leichtsinn. Arme Ottilie. Tante Lina, haben Sie ihnen wirklich
nichts versprochen? Garnichts? Reinigen Sie Ihr Gewissen, von Ihnen
wird einst Rechenschaft gefordert, wenn die Beiden in Elend zu Grunde
gehen.«

Sie mimmelte mit den Lippen. »Nun ja,« begann sie zögernd, »ich warf so
hin, daß, wenn sie sich brav hielten, ich Ottilie in meinem Testamente
bedenken würde, und das will ich auch.«

»Nun Sie ihr Vermögen für immer weggegeben haben?«

»Meine Sachen sind wie neu, blos in der einen Kommode ist der Wurm.«

»Aber Kriehberg rechnet entschieden auf Geld.«

»Wie sie alle; alle miteinander.« Sie blickte mich an, als wenn sie
sagen wollte »und Du auch!«

Ich besann mich kurz. »Ich will Ihnen die Beiden schicken; sie können
sich hier verheirathen und bei Ihnen wohnen, damit Sie das von Ihnen
eingerührte Glück aus erster Hand mit verzehren. Ich habe für so etwas
keinen Platz.«

»Ich auch nicht. Was würden die Leute dazu sagen?«

»Was Leute immer sagen, wenn Zweie zusammengeredet worden sind und
hinterher ihre Ohren abreißen möchten, mit denen sie nach all den
schönen Worten hingehorcht haben.«

»Und was sagen die Leute immer?«

»Gut, wer damit nichts zu thun hat. Das sagen sie!«

»Was kann ich aber dabei machen?«

»Viel, sehr viel. Nur einige Zeilen an mich, daß weder Ottilie noch
Kriehberg Baares von Ihnen zu erwarten hat.«

»Nein.«

»Ja! Und zwar eine Bescheinigung von Ihrem Renteninstitut. Es muß sein.«

»Muß?«

»Tante Lina, ein Leben mit unerfüllter Liebe ist großes Weh -- Sie
wissen es. Doch, ohne Liebe mit Wort und Schwur gebunden sein, das ist
gebranntes Leid. Nur wenn Kriehberg sein Wort zurückgiebt, wird Ottilie
frei. Und sie liebt einen anderen. Dies Ihnen zu sagen, bin ich hier.
Das Glück zweier Menschen liegt in Ihrer Hand. Können Sie noch zaudern?«

Sie schwieg geraume Zeit. »Wie ist das gekommen?« fragte sie.

Ich erzählte ihr Alles und sie gab genau Acht; dann sagte sie: »Ich
will ihn bitten, ihn, Johannes, daß er sich Kriehberg's annimmt.
Vielleicht daß er drüben sein Fortkommen besser findet, als hier.
Johannes wird es mir nicht abschlagen. Er ist ja glücklich. Aber
Verantwortung habe ich keine. Nein. Nein!«

Wir blieben zusammen, bis am Spätnachmittage die Post wieder abging.
Ihr Rechtsanwalt schrieb den Schein, worin er beglaubigte, daß sie ihr
Capital auf Leibrente gegeben hätte und nachdem diese Angelegenheit
erledigt war, spendete ich das Mitgebrachte. Eine Tasse mit der
Berolina darauf war ihr genehm, desgleichen eine Medaille zur
Erinnerung an die Ausstellung; der Briefbeschwerer fand dagegen weniger
ihren Beifall, obgleich sie nichts sagte.

»Es ist das Neueste in Nippsachen,« pries ich ihn an.

»O nein!« wehrte sie ab. »Viedt's haben gerade solchen in ihrem Laden
und können ihn nicht los werden; von ihrem Lieferanten in Berlin, zur
Probe. Es ist, mit Erlaubniß zu sagen, ein Reise-Taschenstiefelknecht.«

Zum Glück kam das Mädchen und meldete, die Post ginge gleich. Tante
Lina hatte das Geschenk sichtlich übel genommen und wer weiß, ob ich
sie herumgekriegt hätte, wäre ich ihr gleich zu Anfang mit den Spenden
gekommen.

Guter Wille zieht nur dann, wenn er mit guter Laune zusammentrifft.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Es kommt zum Klappen.


Es war mir eine wahre Wohlthat, von Tante Lina ab, wieder nach
Berlin hin zu streben, obgleich ich mich auf den nächsten Tag gefaßt
gemacht und das Erforderliche mitgenommen hatte. An einem so wenig
bleibwürdigen Platze sich länger als gezwungen aufzuhalten, rechne ich
zu den Vergeltungen der Vorsehung, die man für bereits grasbewachsene
Thaten aufgebrummt kriegt, -- vielleicht daß man mal zu heftig gewesen
ist oder Nebenmenschen es besorgt hat -- mit Ausnahme der Krausen
-- oder was sonst nicht mehr zu ändern war, aber doch noch zu Buch
steht. Gut, daß ich nichts auf dem Kerbholz hatte und mit der Post den
Anschluß erreichte. Und Kriehberg sollen die Heirathsgedanken schon
vergehen, wenn der Weg zum Traualtar nicht mit Markstücken gepflastert
ist, wie er sich einbildet. Liebt er Ottilie wirklich und will er sie
aufrichtig glücklich machen, giebt er ihr das Jawort zurück.

Und wie nette Reisegefährten traf ich in der Bahn. Das waren Leute,
die sich auf den Besuch der Ausstellung freuten, weil sie schöne und
bildende Beschreibungen darüber gelesen hatten, nicht die übliche
Schlechtmacherei von Schreibmenschen, die nur herunterreißen, weil das
Aufbauen so seine Mucken hat. Wer nie backt und braut, dem mißräth
allerdings auch nichts. Und Fehler -- wo ist völlig Vollkommenes? Man
muß das Mangelhafte von dem Gelungenen absubtrahiren und das Gute
gehörig zusammenaddiren und dabei berücksichtigen, daß Jeder seinen
Privatgeschmack hat, dann ergiebt sich das richtige Exempel.

Sie fragten mehr, als ich beantworten konnte und ob es nicht doch zu
stark ins Geld ginge, wenn man Alles mitnehmen wollte.

Ich sagte: »Berechnen Sie die Summen, wenn Sie nach Kamerun reisen
müßten, um Wilde und ihre Dörfer zu beaugenscheinigen, oder nach Kairo
oder nach Spitzbergen, wo die Eisbären sich Gutenacht sagen, oder nach
dem Zillerthal, und wo giebt es Rundreisebillets in die Vergangenheit,
da doch Alt-Berlin aufgebaut wurde, wie es nach dem dreißigjährigen
Kriege erbärmlich war und noch keine Ahnung hatte, wie es nach
Einundsiebzig anschwellen würde.

Da flögen so viele blaue Scheine als jetzt Pfennige. Und die ganze
große Gewerbe-Ausstellung haben Sie als Beilage, nebst Musik und
Beleuchtungseffekten, Gartenanlagen und Dod und Deibel.«

So verursachte ein Wort das andere und auch wegen der Verköstigung
fragten sie, und ob in der Fischhalle an einem Sonntag wirklich über
hundert Zentner Seefische vermöbelt worden wären?

»Gewogen hab' ich sie nicht,« war meine Antwort, »aber es wird schon so
sein, es stand ja in den Zeitungen an der Stelle, wo sie das Glaubhafte
hindrucken. Ueberhaupt, versäumen Sie die Fischerei nicht, da schwimmen
Regenbogenforellen und die seltensten Fische, vom einfachen Steckerling
bis zum Caviar lebendig herum und Hummer in unreifem Zustande, noch
ganz blaugrün und junge Fische werden ausgebrütet und als Gegensatz zur
Kinderbrutanstalt ist eine Krebswochenstube da, an der man nichts sieht
als Drainröhren, die aber höchst naturhistorisch ist, wenn gerade einer
von den Amphibienräthen Zeit hat und die Erklärung dazu leistet. Und
wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich an Fischen satt essen,
die große Portion dreißig Pfennige ohne Kellnerschmuhgroschen; mit:
vierzig.«

»Da gehen wir hin,« hieß es. »Ich lasse mir zweimal geben,« sagte ein
langer Magerer, »das ist ja enorm billig.«

»In der Volksernährung kriegt man es noch umsonster,« unterstützte ich
seine guten Absichten, »und in der vegetarischen Eßanstalt bekommen Sie
für zwanzig Pfennige ein Gericht saure Linsen, daß sie Ihnen schon aus
den Ohren heraustrudeln, ehe Sie den letzten Löffel voll hinter haben.«

Dies erheiterte sie und warum soll man sich nicht scherzhaft geben in
aufthauender Gesellschaft, obgleich die Vornehmheit verlangt, sich im
Coupé wie eine beschäftigungslose Padde zu verhalten?

Mit Wohnung waren sie schon versorgt, indem sie sich an Stangen gewandt
hatten, der Zimmer massenweise an der Hand hat. »Viele schlüpfen bei
Bekanntschaften unter,« sagte ich. -- »Das würde doch wohl lästig,«
meinte eine Dame. -- Ich seufzte.

»Haben Sie Erfahrungen darin?« fragte die Dame weiter. »Die kommen
noch,« entgegnete ich und dachte an das Huhn, das ich mit Ungermann zu
pflücken hatte. Was sage ich Huhn? Mindestens einen Auerhahn. Und für
sie, die Ungermann, setzt es auch was; zunächst um ihren neuen Hut. Wie
ein Schlittenpferd. Es werden schon Federn fliegen.

Je mehr wir in nächtliche Dunkelheit geriethen, um so dämmeriger wurde
auch die Unterhaltung, die sich zuletzt darauf beschränkte, daß die
Herren uns ihre Zigarren vorrauchten. Was es für Unkraut war, kann ich
nicht sagen, aber sie selbst öffneten von Zeit zu Zeit die Fenster, um
nicht zu ersticken. Ich schätzte es auf eine Art von Mottentod.

Dank der Unermüdlichkeit der Lokomotive kamen wir Berlin immer näher
und als sie noch lange nicht pfiff, holte jeder sein Handgepäck
heran und belästigte sich und die Nachbarn. Aber das ist einmal so
in dem Verlangen begründet, rascher anzukommen, wie man ja auch
lebensgefährlich dicht an den Schienen dem Zug entgegensieht, damit er
sich eilt, wenn man mit will.

Wir wünschten uns gegenseitig viel Vergnügen und waren auseinander, als
die Thür kaum offen stand. Ich sah weiter kein Vergnügen vor mir, als
meinen Karl zu überraschen, da ich erst Morgen erwartet wurde.

Ich hinein in eine Droschke und los. Es war bereits gegen Mitternacht,
aber in der Lindengegend und in den Hauptstraßen noch ein Treiben wie
bei Tage, die Cafés und Bierpaläste im hellsten Lichte und auch noch
Läden geöffnet. In der Provinz liegen sie schon zum zweiten Male auf
der rechten Seite, dachte ich, und stärken sich mit gesundem Schlaf
und drehen sich bald zum dritten Male im Bewußtsein höherer Solidität.
Aber wer bildet das nächtliche Publikum in Berlin? Die Fremden. Und wo
sind die her? Aus der Provinz. Wenn sie zu Hause so schwudderten? Ei
weih!

Na, Ungermann wird sich über sein Abgangszeugniß aus der Residenz
freuen.

Der Kutscher schien mich für außerhalbsch zu halten, indem er mit
seinem Zossen auf Zeitfahrt losbummelte, bis ich ihm zurief: »Geben Sie
dem ollen Asphaltschoner mal'n bisken langen Haber, er tritt sich ja
auf die eigenen Hacken.«

Der Droschkenlenker hielt an und wandte sich um. »Det Ferd,« sagte
er und deutete mit der Peitsche auf das Fell voll Knochen, »det war
früher Rennpferd, der braucht keenen Dreschflegel. Im übrigen is er nu
jlücklich so weit umdressirt, det er allens dhut, wat er will.«

[Illustration: Droschkenpferd]

»Na, wat will er denn?« erwiderte ich im Volkstone.

»Nach'n Stall will er.«

»Also dalli!«

»Nee, nu nich, weil et seine contrair entjejenjesetzte Richtung is.
Se sollten blos nach'n Wedding jewollt haben, da hätten Se'n kennen
jelernt; uff'n Nachhauseweg schlägt er jeden elektrischen Strom um
mehrere Nasenlängen. Hü! Schimmel.«

Obgleich der jetzt folgende Galopp nicht rascher ging als der bisherige
Schritt, erhob es mich sehr, wie die modernen Kulturerrungenschaften
allmählich in der Bevölkerungsdenkweise Wurzel schlagen, während doch
feststeht, daß die Griechen Elektricität und Telephon und Photographie
und Hygiene nicht einmal dem Namen nach hatten. So frißt die Bildung
sich immer weiter in die Massen und greift die Aufklärung um sich,
wozu Ausstellungen schichtenweise beitragen, je nachdem Volks- oder
Elite-Tage sind. Elite ist theurer, sonst ganz dasselbe. Ein großes
Jahrhundert, worin wir leben.

Als wir die Landsbergerstraße gewonnen hatten, war das Haus duster.
»Alle in der Bucht,« sagte ich mit innerlicher Zufriedenheit, gab dem
Droschkong einen Uebernickel für das Roß und gedachte durch die Fabrik
oben zu gehen, meinen Karl zu interwieven ohne zu stören, und mein
Gemach aufzusuchen, wo Ottilie wahrscheinlich nach Schlaf schmachtete.
Ich konnte ihr Beruhigung bringen, die gesünder hilft als Morphium oder
sonst was, wonach man noch kränker wird.

Aber mein Schreck, als ich das Hausthor unverschlossen fand.
»Ungermann,« war mein erster Gedanke, mein zweiter »wo ist der
Schutzmann als Sicherheitswächter?« Ich sah die Straße lang, kein Helm
zu entdecken, nichts als die langsam abzuckelnde Klapperkiste mit dem
verkehrsmüden Wettklepper a. D.

Ob ich mich hineinwagte? Wenn ein Mörder auf der Treppe lauerte?
Oder blos ein Pennbruder, auf den ich im Dunkeln trat? Das ist schon
schauderhaft. Ob ich schrie?

Nein. Listig vorwärts, ganz leise. Dann über den Hof. Der Hausschlüssel
paßt zur Fabrik. Hinauf getastet bis an meines Karls Thür. Ich horchte.
Keinerlei Schnarchung.

»Schläfst Du, mein Karl!« rief ich halblaut. »Erschrecke nicht, ich bin
es, Deine Wilhelmine, Deine treue Gattin. Tante Lina läßt grüßen.«

Keine Antwort. Ich klopfte an. »Es brennt nicht,« rief ich, »es ist
auch nicht eingebrochen. Mach' auf, mein Karl.«

Er rührte sich nicht.

»Karl, mach' auf!«

Ich klopfte stärker. »Karl, wenn Du nicht aufmachst, werde ich böse.
Sehr böse; verstehst Du mich?«

Ich holte mein Schlüsselbund hervor, aber erst der letzte ging hinein.
Und der schloß nicht. Nach einigen vergeblichen Versuchen brach er ab.
Da mein Karl nicht von dem Geräusch aufwachte, mußte er abwesend sein.
Aber wo? Natürlich im Berliner Zimmer.

Auf dem dunklen Gange nach der Wohnung stieß ich gegen Weiches, daß
mir das Blut in den Adern stockte. Es krabbelte jedoch nicht in die
Höhe, sondern fühlte sich als Waarenballen heraus. Aha, Ungermann's
Bestellung. Ganz hübscher Posten, aber es könnte mehr sein. Die
Zwischenthür war eingeklinkt und in der Küche noch Licht; die oberen
matten Scheiben waren hell. Ich und eintreten war eins.

[Illustration: Dorette und Schutzmann]

Die Dorette kriesch auf; ich sagte blos »Ha!«. Der Schutzmann aber
strammte sich kerzengerade hin und salutirte. Dorette suchte die
Lampe auszublasen, unsere Tischlampe, jedoch zu spät, ich hatte genug
gesehen. Aufgedeckt war, mit Brot und Butter und kaltem Braten und
Wein von dem Sonntags-Lafitte und Käse und ein Hafen Kompott und die
Cognacflasche und was sonst gut und genießbar war.

»Wo ist der Herr?« fragte ich strenge.

»Aus.«

»Und das Hausthor steht offen? Nennen Sie das Bewachung, Schutzmann?«

»Ick habe heute keenen Dienst!« entgegnete er.

»Er ist ja mein Breitijam,« sagte Dorette, »un als solcher hat er doch
seine Pflichten. Warum ooch kommt die Frau so unprezise retour?«

»Um zu sehen, was während meiner Abwesenheit vorgeht. Wir reden morgen
weiter. Und der Bräutigam ist hoffentlich satt und kann gehen.«

Er schnallte sein Seitengewehr um. »Leuchten Sie ihm, Dorette, und
schließen Sie das Haus.« Ich nahm die Lampe und den Cognac an mich. Es
hatte tüchtig geschafft.

Weinend ging Dorette voran. Sie fühlte sich schuldbeladen. Angemessene
Verpflegung war ihr gestattet, aber keine Orgien. Und mit Lafitte
fangen Orgien an!

Also mein Karl war aus. Recht heiter!

Nun zu Ottilien.

»Sei froh, Kind,« rief ich beim Eintritt, »auf Regen folgt
Sonnenschein, ich bring' ihn mit für Dich.«

Keine Antwort. Ich leuchte hin: Ottiliens Bett war unberührt. Sie wird
sich wohl alleine geängstigt haben und nächtigt bei der Kliebisch. --
Ich hin nach dem Vorderzimmer und klopfe an. Kein Ton.

Dies war mir sonderbar. Alle miteinander aus? Nein, auf dem Sopha lag
Anna Kliebisch und sägte schaudervoll. Das ist wahr, schlafen hat sie
heraus. Selbst bei Tage, wenn sie so dasitzt, möchte man ihr immer
zurufen: »Gute Nacht, Anna.« Doch ein bischen zu sehre Drömlade, das
Kind.

Nach verschiedenen Mißerfolgen rüttelte ich sie endlich lebendig; sie
plierte mich glasäugig an, sagte nichts und schlief wieder ein.

Dies war mir zu dumm. Ich sie gehörig geschüttelt, bis sie endlich
wieder zu sich kommt. Aber nicht viel mehr als vorhin.

»Wo ist Mama?« fragte ich.

»Wo Mama ist?« wiederholte sie traumig und nickte wieder ein.

»Anna, werde doch munter. Wo Mama ist?« frage ich.

»Im Bett.«

»Unsinn, da ist sie nicht. Wo ist sie? Und wo ist Ottilie?«

»Im Bett.«

»O Du Demel,« brach ich aus. »Du bist doch'n lieben Gott sein größtes
Bähschaf. Dussele weiter und vergiß morgen blos das Aufwachen nicht.«

Mir blieb als letzter Anker der Vernunft nur noch die Ungermann. Die
war aber auch nicht vorhanden, im Gegentheil komplet abwesend mitsammt
Schloßkorb und Schachteln. Ab nach Kassel. Ihre Sachen standen noch da.

Ich war wie erschossen. Knieewankend setzte ich mich. Was war
geschehen? Kein Mensch im Hause als das unzurechnungsfähige Schlafkind
und Dorette. Da kam sie gerade wieder herauf.

»Dorette,« rief ich, »hier herein ins Berliner Zimmer und nun nicht
länger gewimmert, sondern ohne Mogeln erzählt, was vorgefallen ist.
Erstens die Ungermann?«

»Die hat sich verzogen mit'n Mittagszug. Un Trinkjeld hat se nich
jejeben. Det haak ihr jleich anjeahnt, als se kam. Det war eene von de
Billijen.«

»Gut. Und zweitens die Frau Kliebisch?«

»Die kommt bis spätestens übermorjen retour.«

»Von wo?«

»Det hat se nich jesagt. Et war ja jroßer Ufstand, wie der junge Herr
heut Nachmittag kam un er sagte: Ottilie, ick lasse Dir nich, un sie
sagte nein, nein, ick derf nich, ick wollte, ick wäre bejraben oder so.
Jenau konnt ick't nich verstehn...«

»Also wieder an der Thür gehorcht. Und was sagte Herr Kriehberg?«

»Der? Der sagte jarnischt.«

»Der mußte doch wieder antworten.«

»Nee, det konnt er nich. Der war ja jarnich da.«

»Der nicht? Welcher junge Herr dann?«

»Jotte doch, der mit die braunen Plüschoogen. Ach hat der 'n Blick
an'n Leibe! Wenn ick nich so derbe verlobt wäre, in den könnt ick mir
verkieken.«

»Dorette, bleiben Sie sachlich. Also Herr Brauns war hier und sich
Ottilien erklärt und sie ihn abgewiesen...«

»Se hat schrecklich jebarmt.«

»Und er weggerannt?«

»Na ja, wat man so langsam wegrennen nennt. Aber doch erst später, un
wat die Kliebischen is, mit ihn.«

»Unsinn! Und Ottilie blieb zurück?«

»Die war janz verdreht. Se lachte und dann weente se, un mir fiel se um
den Hals un küßte mir un sagte, Dorette sagte se, es kann nich sind un
es ist doch; so oder so ähnlich. Wat Verrückte sagen, det is schwer zu
behalten.«

»Und was that mein Mann... was that der Herr dabei?«

»Die Herren waren schon vor Mittag nach Treptow rausjemacht. Un ick
alleene blos mit die Anna; die hab' ick Abendbrot jejeben un da ward
se müde. Un wenn mein Breitijam nicht antrat, ick hätte mir zu Tode
jeforchten. Nee, hier in'n Hause is et nich mehr scheen.«

»Darüber habe ich zu urtheilen, ich ganz allein. Verstanden? Und wenn
Ottilie sich ein Leid angethan hat, kommen Sie vor den Richter.«

»Och Jotte nee!«

»Nicht heulen. Dazu ist Zeit, wenn Sie im Loch sitzen. Geben Sie Acht,
was Ihnen blüht. Warum haben Sie nicht aufgepaßt?«

»Se war ja nachher janz vernünftig, blos mit eenmal weg un nich zu
finden!«

»Und Sie suchen nicht? Und Ihr Schutzmann läuft nicht hinterher und
setzt die Polizei in Bewegung? Und schwemmen ihn mit Lafitte an? Den
zieh ich Ihnen vom Lohn ab.«

»Et war ja keen Anderer da.«

»Wozu ist denn die Wasserleitung?«

»Da jeht keen Schutzmann ran.«

Ich sprang auf. »Kommen Sie, wir wollen suchen, ob Ottilie nichts
Schriftliches hinterlassen hat, keinen Abschiedszettel oder irgend ein
Zeichen.«

So viel wir auch stöberten. Nichts. Nichts und nirgends.

»Am Ende hat sie die Anna Kliebischen wat anvertraut, ick jloobe sojar,
se sagte, vergiß es nich oder Vergißmeinnich oder so, wie man so bei's
letzte Lebewohl sagt.«

»Die weiß von sich selber nichts, viel weniger von Ottilie.«

»Det kann wohl sind. Se saß da so misepeterig und da sagte mein
Breitijam, en Grogh würd' ihr wohl nich schaden, da kriegte se de
richtige Bettschwere nach un wäre unter de Füsse aus.«

»Und Sie folgten dem bodenlosen Vorschlag und machten dem Kinde einen
Grogh?«

»Zwee.«

»Von Cognac? Aber Dorette, waren Sie denn gänzlich...?«

»Ick sage ja, et is hier nich mehr scheen in'n Hause.«

Was nützte es? Aus dem Kinde war nichts herauszubringen, das hatte
ich eben vergebens versucht und was Dorette erzählte, war so klar
verwickelt, daß ich klug blieb wie zuvor. Wenn nur Ottilie nicht zu
Wasser gegangen war? Das wäre grauenvoll. Aber was ging die Kliebisch
mit Herrn Brauns von dannen? Und Ottilie hatte ihr Handköfferchen
mitgenommen. Man ertränkt sich doch nicht mit Gepäck? Wohin konnte sie
geflohen sein und warum?

Wir sahen nochmal nach. Auch ihre Brennscheere war weg und ihr
Morgenanzug und ihr Regenmantel. Nein, nasse Absichten hatte sie nicht
gehabt.

»Dorette,« sagte ich, »selbst wenn Alles gut abläuft, einen anderen
Dienst werden Sie sich suchen. Das sehen Sie hoffentlich selber ein?«

»Bis zu'n Frühjahr. Dann wollten wir Hochzeit machen, et kann sind,
ooch ehr. Warum soll ick mir vorher verändern? Det wird die Frau mir
doch nich anmuthen sind bei die ville Arbeed mit 'n Besuch? Die Frau is
ja so jut.«

Sie weinte so reuevoll, daß ich sagte: »Es hängt von Ihrem ferneren
Betragen ab. Gehn Sie zu Bett, Dorette.«

Ich setzte mich wartend in's Berliner Zimmer im Reiseanzug, innerlich
und auswendig aufgelöst. Waren das Zustände. Kaum wendet man den Rücken
und die Welt geht unter.

Und mein Karl, gerade da er nothwendig nicht weichen durfte, macht
blau. Ob ich hinüber ging nach Betti, ihr mein Herz auszuschütten?
Ich kannte ihr Mitgefühl im Voraus: »Mama, warum hast Du das Hotel
eingerichtet?«

Endlich kam etwas die Treppe heraufgepoltert und in die Wohnung herein.
Ich richtete meine Blicke fest auf die Thür.

Sie lachten draußen. »Wir heben noch Einen,« sagte jemand, »Ihr Cognac
ist gut.« -- Das war Kliebisch's Stimme.

»Mir recht.« Das war mein Karl.

»Nur um mich nicht auszuschließen,« sagte der Dritte. Das war Ungermann.

Und herein kamen sie. Und mein Mann, meine Unschuld von Mann schwankend
zwischen Kliebisch und Ungermann.

Ich erhob mich. »Meine Herren!« sagte ich. Weiter nichts. Aber der
Schreck.

»Du hier, Wilhelmine?«

»Wie Du siehst! Ich will nicht fragen, wo Du warst, ich will es nicht
wissen. Dein Zustand verräth genug. Ich danke Ihnen, meine Herren,
namentlich Ihnen, Herr Ungermann, daß Sie als künftiger Stadtvater
so väterlich für meinen Mann gesorgt Und ihn auf Ihre Studienfahrten
mitgenommen haben, während ich weg war.«

Ungermann verfärbte sich. »Wir waren ein bischen vergnügt, zum
Schluß... weil ich morgen abreise,« stammelte er.

»Dummes Zeug, Du bleibst,« sagte mein Karl.

»Herr Ungermann reist,« entschied ich, »Du hörst, er will es. Und Sie,
Herr Kliebisch, Sie als mehrfacher Familienvater, helfen meinen Mann
verführen? Das hätte ich nicht erwartet. Und zu trinken giebt es nichts
mehr.« Ich nahm die Flasche und schloß sie ein.

»Aber Mienchen, es war so schön auf der Ausstellung.«

»Die ist längst aus.«

»Ich habe mit Ungermann Brüderschaft getrunken und wir wollen noch
fidel sein. Komm, Mienchen, sei mit lustig.«

»Wie könnte ich das? Ottilie liegt vermuthlich tief in der Spree, und
Frau Kliebisch ist mit dem jungen Brauns durchgegangen.«

»Was ist das?«

Ein Sturzbad konnte nicht eisiger wirken als meine Worte, und als ich
ihnen tropfenweise mitgetheilt hatte, was ich für sie geeignet hielt,
war ihre Antäubung so gut wie verflogen.

»Vorläufig läßt sich nichts beginnen,« sagte ich, »die Einzige, die
etwas weiß, die Anna, ist nicht vernehmungsfähig.«

»Der Schmerz über die Mutter,« stöhnte Kliebisch.

»Sie muß ihn erst ausschlafen,« versetzte ich ihm. »Und nun gute Nacht,
meine Herren. Komm, Karl, Du gehst mit mir, ich habe Dir noch sehr viel
mitzutheilen.«

»Ich schlafe doch in der Fabrik.«

»Heute nicht, Du kannst nicht in Dein Zimmer, der Schlüssel ist
abgedreht. Komm nur.«

Ein zerknirschteres zu Bett schleichen habe ich noch nie erlebt. Aber
in dem Taumelbecher der Freude ist der Rest Bärme. Das mögen die Herren
bedenken, wenn sie nicht nach Hause finden können.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Alt-Berlin.


Als ich zum ersten Male Alt-Berlin betrat, wurde mir ganz
nachtwandlerisch. Das war vor der Baumblüthe zur Bauzeit mit der
Gestattung, die werdenden Herrlichkeiten im Voraus zu besichtigen. Die
Stadt stand schon. Eine ganze Stadt mit Straßen und Plätzen, einer
Kirche, einem Rathhause, mit Festungswällen, Thürmen und Thoren,
Brücken, Gäßchen, Ecken und Winkeln, eine Stadt aus vergangener Zeit.
Berlin vor dreihundert Jahren, ebenso klein, armselig und gering.

Photographieen von damals sind nicht vorhanden, weil sie noch kein
Collodium hatten und Zeichnungen und Gemälde wegen Mangels illustrirter
Zeitungen ebenfalls nicht, so daß die Phantasie aufbauen mußte, was
die Zeit langsam und die Menschen gewaltsam zerstörten. Aber alle
sagen sie, gerade so hätte Berlin um's Jahr 1650 ausgesehen, und wenn
Kliebisch meint, es wäre mehr ein Abguß von Kottbus und Angermünde,
muß er erst beweisen, was er sagt. -- Für mich ist es Berlin, schon
allein, weil richtige vorzeitliche Thran-Latichten an den Tauen über
den Straßen hängen.

Als ich im Maien-Sonnenschein durch die Stadt schritt -- ganz allein
-- vergaß ich völlig, wo ich war. So still die Straßen, daß ich mich
besinnen mußte, ob wirklich schon Pferdebahnen erfunden seien und ob
die Stadtbahn, auf der ich vor kaum einer halben Stunde nach Treptow
toste, nicht ein Spiel meiner Einbildung gewesen wäre. Wohin waren
die Menschen verschwunden, die hier wohnten? Ausgewandert? Verjagt?
Verstorben?

Dies war Vergangenheit, ich konnte sie mit der Hand berühren: das alte
Gemäuer, die Balken und Pfosten und durch grüne Scheiben hineinsehen in
niedrige Stuben, und Käfterchen. Die standen alle leer.

In solchen Räumen hatte einst Glück gewohnt und über solche Schwellen
war einst Unglück geschritten, daß aus dem fröhlichen Heute ein
trauriges Morgen wurde, bis es wieder weichen mußte in ruhelosem
Wechsel. Denn in den Häusern lebten Menschen.

An den Schildern ließ sich erkennen, welcherlei Gewerbe getrieben
wurden. Es muß eine recht unsolide liederliche Stadt gewesen sein, das
alte Berlin, so viel Schänken, Wirthshäuser und Trinkstätten entdeckte
ich. Selbst das Rathhaus war ausschließlich auf Getränk eingerichtet.
Die Mittagssonne schien lustig auf die Weinhauskränze und in die
Biergärten, in denen jedoch Niemand saß. Es war spukhaft am hellen
Tage. Und doch so traulich und wehmüthig, wie eine vergessene Schachtel
Spielzeug aus den Kindertagen.

Ich schritt langsam durch die Straßen: überall die gleiche
Verlassenheit. »Du träumst, Wilhelmine,« sagte ich zu mir. »Gleich
fällst Du irgendwie und wachst auf.«

Endlich gewahrte ich einen Menschen. Es war ein junger Mann auf einer
Leiter mit Pinseln und Farbtöpfen; der malte an einem alten Dache.

»Sie!« rief ich, »ach sind Sie doch so gut und sagen Sie mir, wo bin
ich eigentlich?«

»In der Bolings-Gasse,« antwortete er.

»Hab' ich nie von gehört! 'Ne neue Straße?«

»Nee, uralt. Schon längst vom Erdboden verwischt.« Er kam herunter in
seinem langen Leinenkittel und musterte das Dach aus der Entfernung.

»Es hat wohl durchgeregnet?« fragte ich.

»Nee, vorläufig nicht. Wie finden Sie das Moos?«

»Welches Moos?«

»Na, das ich da eben hingemalt habe. Wirklich eminent echt, was? Feines
Grün? Wie?«

»Ach so. Danke Ihnen. Nun weiß ich wieder Bescheid. Ich meinte aber
wirklich, ich wäre in vergangenen Jahrhunderten.«

»Machen wir; blos mit Farbe. Das Uebrige ist Holz, Leinewand und Gips.
Wenn Sie's interessirt, zeig ich's Ihnen.«

Er führte mich zu Halbfertigem, wo die Papp-Neubauten aussahen, als
wenn sie kaum den Sommer über halten würden. So wie aber Farbe darauf
sitzt, schwört man, sie hätten vom Großen Kurfürsten an gestanden.
Darüber sprach ich meine Verwunderung aus.

»Machen wir,« sagte er. »Ich habe einen diebischen Spaß daran, Alles zu
fingern, als wäre es leibhaftig. Man lebt sich ordentlich hinein.«

»Sie sind wirklich ein Künstler!«

Er lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln. »Das sagen Sie,« sprach
er, »meine Kollegen denken anders.«

»Haben denn die das Moos gesehen?«

»Mehr als das. Ich habe fleißig studirt, bin auf der Akademie mit
Preisen ausgezeichnet, ich habe Bilder gemalt...«

»Und jetzt streichen Sie Häuser an?«

»Was bleibt mir? In der Kunst-Ausstellung hat man für meine Arbeiten
keinen Platz. Da hängen sie allen möglichen Schmierkram aus Frankreich
und Belgien, Holland und wer weiß sonst noch von wo her an die Wände,
bis das Lokal vollgestopft ist und sagen zum Deutschen: Du kommst bei
internationalen Bestrebungen an den Katzentisch oder bleibst besser
ganz zurück. Ja, wenn die Ausländer blos Meisterwerke schickten, gut,
dann hat die Kunst den Oberbefehl. Aber wenn sie ihren Abhub mit
einpacken, begreift man nicht, warum unsereins verzichten muß, dem
Publikum seine Leistungen vor Augen zu führen, die es mit den Fremden
dreimal aufnehmen. Und wo ist sonst Gelegenheit, an das Urtheil des
Publikums zu appelliren als auf den großen Ausstellungen? Die Akademie
wird vom Staate erhalten, hat man sie durchgemacht und will vorwärts,
heißt es, die staatlich begünstigte Ausstellung bedauert, keine Ecke
für Dich zu haben, nicht die kleinste. Dagegen nehmen sie Schinken, die
ein verrückter Norweger sudelt, auf, weil... weil so was international
ist. Darum male ich jetzt Dachpfannen und Moos und quaste Mauern an und
verdiene damit. Ich geh' überhaupt zum Handwerk; von Kunstgenossen,
die nicht mehr können, als ich, mich bevormunden zu lassen, bin ich zu
stolz.«

Ich sagte: »Jeder muß wissen, was er thut; und das ist wahr, an
tüchtigen Professionisten fehlt es. Wenn Sie sich gesetzt haben,
schicken Sie mir Ihre Geschäftskarte, unsere Malerarbeit bekommen Sie.«

»Nein,« rief er, »so meine ich es nicht. Ich widme mich dem
Kunsthandwerk. Früher ersann jeder Handwerker sich seine Muster selbst.
Heute ahmen sie nach, was vorhanden ist. Ich will Neues schaffen. Und
ich kann es, habe ich doch im Geiste der alten Zeit ohne Muster jetzt
gearbeitet und meine Schaffenskraft erkannt. Im Geiste der Neuzeit
ersinne und zeichne ich weiter. Machen wir.«

Darauf zeigte er mir Verzierungen und Geranke, Beschläge und vielerlei,
was er erfunden und gemalt. »Es lebe Alt-Berlin,« rief er, als er sah,
wie ich mich daran ergötzte, »von ihm aus geht mein Lebensweg.«

»Vom Fischerdorf zur Kaiserstadt,« fiel ich ein, »nur Muth und
Selbstvertrauen.«

»Und Arbeit und Gelegenheit zur Entfaltung des Könnens. Das Handwerk
ist heute freier als die Kunst, die sich in Mode und Klickenwesen
enge Zunftschranken zieht. Und verhungern, weil einige Leithämmel zur
Veränderung sich auf dürre Haide verrannt haben? Danke. Ich will leben
und verdienen. Und das machen wir.«

»Sehr vernünftig,« sagte ich. »Gut, wenn junge Leute zur Einsicht
kommen; alten nützt sie meist nichts mehr.«

Er erklärte mir noch manches Alterthümliche, wie das Rathhaus und die
Gerichtslaube mit dem Block und dem Halseisen. Da mußten die Verbrecher
zu ihrer eigenen Schande stehen und wurden von den anständigen Bürgern
ausgenetscht und mit faulen Eiern beworfen. Wenn Weiber sich gescholten
und gehauen hatten, hing der Büttel ihnen einen Stein um den Hals
und band sie aneinander und jede bekam einen Stock, in den vorne ein
spitzer Nagel eingeschlagen war. Damit mußten sie sich gegenseitig
prickeln, was umso besser ging, als sie blos ein Hemd anhatten. Bei
besonderen Fällen wurde Hornmusik dazu geblasen. Das muß ein Spaß zumal
für die Kinderwelt gewesen sein, die sich in ihrer Unschuld selbst an
Schrecklichem freut. Gottlob, daß solche Strafen abgeschafft worden
sind, obgleich es einige giebt, den das Prickeln nicht schadete. Wenn
zum Beispiel die Krausen und die Ungermann in damaliger Zeit gelebt
hätten, welche der andern wohl mit dem Nagel über gewesen wäre? Der
Zunge nach zu rechnen, die Krausen. Aber sehen möchte ich es doch
nicht. Lieber wäre mir ein Hochzeitstag auf der Straße. Der Maler
sagte, später würden Alt-Berliner in ihren Trachten die Stadt bevölkern.

Nach und nach kamen Bauleute, Maurer, Zimmerer und mancherlei
Arbeiter, denn die Mittagszeit war um. Ich bedankte mich bei dem
Dachpfannen-Rafael, der weiter auf alt malte, und schritt durch das
Spandauer Thor und über die Brücke in den Ausstellungspark.

Wie traumhaft war die Stunde in Alt-Berlin gewesen. Die bleibt der
Erinnerung. --

Und nun hatten wir einen Familienabend nach Alt-Berlin verabredet,
nämlich mein Karl und ich und der Amtsrichter Buchholz, der mit
Verlegung seines Urlaubs unser lieber Gast war, nachdem Ungermann's
sich verduftet und Kliebisch's sich auf ihre Klietsche zurückgezogen
hatten.

Ungermann's Abgang war höchstes Gebot. Mein Karl kennt wohl
Kopfschmerzen aus früherer Zeit, aber solche wie am Morgen nach dem
Brüderschaftpicheln mit Ungermann hatte er in seinem Leben nicht
erlebt. Ihm saßen die Augen noch am Nachmittag schief und sein Appetit
war einzig auf Selterwasser gerichtet. Dabei Neigung zu horizontaler
Lagerung. O Karl, warst Du krank!

Kliebisch war auch vollgesogen genug, jedoch die Unruhe wegen seiner
Gattin störte ihn verhältnißmäßig rechtzeitig auf. »Noch keine
Nachricht von meiner Frau?« fragte er bekümmert. -- »Nein,« entgegnete
ich, »und ein Glück, daß sie weg ist. Betrachten Sie blos Ihr
Spiegelbild, Herr Kliebisch, und sagen Sie, ob eine Frau Wohlgefallen
an solchem Portrait finden würde? Wo in aller Welt sind Sie gewesen?«

»Ausstellung,« brachte er hervor. »Dressel... Alt-Berlin.« --

»Sonst nirgends?« -- Er seufzte leidend. -- Ich schenkte ihm Kaffee
ein. Den trank er. Brötchen interessirten ihn nicht. Dann fragte und
klagte er wieder nach seiner Frau.

»Ich denke, Ihre Tochter wird ihre sieben Sinne allmählich so weit
beisammen haben, daß sie Auskunft geben kann,« sagte ich. »Heute Nacht
war sie übermüde. -- Die Mutter wird ihr Kind doch nicht ohne Abschied
verlassen haben?«

»Eine Mutter, die durchgeht, nimmt keine Rücksichten. Keine!« rief er
bitter. »Berlin ist ein schrecklicher Ort, überall Verführung.«

»Das müssen Sie selbst am besten wissen,« warf ich ihm kühl vor.
»Meinen Mann so zuzurichten. Schämen Sie sich.«

»Oho! Buchholz war der Fidelste; nicht nach Hause zu kriegen. Wenn ein
Mann einmal seine langentbehrte Freiheit genießen kann...«

»Was? Sie wollen meinen Mann herabsetzen, Unfrieden stiften, Eheglück
ruiniren? Glauben Sie, das mit einem Sack Kartoffeln gut machen zu
können? Doch bei mir nicht?«

Die Anlappung verschüchterte ihn. -- »Hätte er eine Ahnung gehabt, daß
er lästig fiele, wäre er garnicht gekommen,« sagte er mucksch, »und das
Beste wäre wohl, er ginge gleich.«

Ich entgegnete, ich allein könnte nicht ab- noch zureden, in unserem
Hause hätte mein Mann die Oberleitung, der wäre vollkommen frei in
seinem Willen, augenblicklich jedoch zu unwohl, um gefragt zu werden.

»Gut,« sagte er, »ich gehe mit meinem Kinde.« -- Ich schwieg.

Er hin und Anna'chen geweckt und es gehetzt, sich reisefertig
anzuziehen. Jedoch dies Packen konnte ich nicht mit ansehen, das war
purer Kuddelmuddel, weshalb ich helfend eingriff. Die Kleine war noch
schlafhaft. »Anna,« fragte ich, »hat Mama Dir nichts gesagt, als sie
ging?« -- »Nein.« »Auch Ottilie nicht?« -- »Nein.« -- »Besinne Dich
doch.« -- »Ja, einen Brief gab sie mir.« -- »Wohin hast Du den gelegt?
Auf den Tisch?« -- Das wußte sie nicht. -- »Unter's Kopfkissen?« --
»Ich glaube.«

Wir suchten. Kein Brief zu finden. »Hat Mama Dir wirklich nichts an
mich aufgetragen?« -- »Mama meinte, Ottilie würde Alles schreiben, ich
behielte es wohl nicht richtig.«

»Sie kennt Dich, scheint's. Kind, einen Rath geb' ich Dir: geh' nie
allein aus die Straße, ^Du^ kommst unter'n Leichenwagen.«

Darüber entsetzte sie sich und fing an zu flennen. Nun war nichts mehr
herauszubringen. Zum Verzagen.

Um Elfen verabschiedete sich Ungermann sehr höflich und gemessen
mit dem Wunsche, daß die Beziehungen der beiden Häuser die
altbewährten bleiben möchten. »Ihre Kundschaft wird meinem Manne stets
schätzenswerth sein,« sagte ich, »und ich hoffe, daß Sie mit dem
zufrieden waren, was wir bieten konnten. Ungarische Gräfinnen verkehren
leider nicht bei uns, dafür sind Uhr und Kette sicher.«

Er versuchte zu lächeln, es war aber danach. »Ich verlasse Berlin
mit den Erfahrungen, die ich zu sammeln vorgenommen,« erwiderte
er. »Man wird meine Bemühungen an rechter Stelle anerkennen, auf
Mißverständnisse rechnete ich von vornherein und wie ich sehe, sie sind
nicht ausgeblieben.«

Nun lächelte ich. Daran erkannte er, wie ich dachte. So ein Leisetreter.

Um Zwölfen gondelten Kliebisch und Tochter ab. Ich hielt es für meine
Pflicht, das Kind sicher in die Eisenbahn zu befördern, und fuhr bis
zum Alexanderplatz mit. Kliebisch gab die Koffer auf, während ich
die Anna an der Hand hielt, um sie nicht im letzten Augenblick zu
verlieren. Sie weinte, der jählingse Luftwechsel war ja auch so seltsam
für sie.

Dann stiegen sie ein. »Anna,« fragte ich noch einmal, »Kind, kannst Du
Dich gar nicht besinnen, wo Du den Brief hast?« -- »Ich glaube in der
Tasche« -- »Dann her damit.« -- Sie fuhr in ihr Gewand und grabbelte.
-- Kein Brief. -- »Er ist in dem anderen Kleide.« -- »In welchem?« --
»Das ist unten im Koffer.«

Die Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich mitsammt den Koffern,
dem Kleide und dem Brief in Bewegung. Herr Kliebisch sah sehr
unglücklich aus, entweder wegen des beschleunigten Abschieds, oder
aus alkoholischen Gründen von gestern, oder wegen der Zukunft seiner
Aeltesten. Denn was soll aus dem Wurm werden? Schließlich heirathet
es einen Canditaten der Viehlologie mit gleichgesinnten Anlagen und
nachher wundert so was sich, wenn die Landwirthschaft einen Aufschwung
nach rückwärts nimmt. In dieser Weise sah ich wahrsagend voraus;
hingegen die letzte Vergangenheit war mir unklar, da Niemand sagte, was
sich ereignet hatte, und noch nicht offenbarte was mir blühte. Gerade
in diese Unruhe fiel der Amtsrichter.

Der Mann war jedoch gleich so gemüthlich, daß ich Stab und Stütze
in ihm hatte. »Der Vetter hat die Bier-Influenza,« sagte er, meines
Karls Zustand verständig durchschauend, »und wenn ich Ihnen, verehrte
Cousine, ungelegen komme, nur keine Schüchternheit. Ich ziehe sofort
nach der Putsch oder wie sie heißt.«

»Nein, die Butschen hat voll besetzt, immer solche Fremde, die das
Nachtgewand in Packpapier mitbringen. Sie bleiben bei mir.«

Um die Weitläufigkeit der Verwandtschaft abzukürzen, betitelten wir uns
vetterschaftlich und der Amtsrichter machte von seinem Familienrechte
gleich Gebrauch, indem er meinem Karl eine bengalische Auster anrührte,
aus einem Eigelb, einem Theelöffel Salz, ebenso viel Pfeffer und
Mostrich mit einem Cognac gemildert. Er giebt sie seinen Assessoren und
Referendaren, denen das Recept immer hilft, wenn sie Montags leidend
sind. Auch meinem Karl nützte es; er schwor, nie wieder mit Ungermann
auszugehen, als er noch an dem Nachgeschmack würgte.

Während mein Mann sich langsam auf sich selbst besann und der Herr
Vetter sich häuslich einrichtete, kam die Kliebisch angesegelt. Aber
der Aufstand, als sie Gatten und Töchterchen abgereist vorfand. Und
keine Erklärung angenommen, sondern mich verantwortlich gemacht. Zum
Glück hatten wir in der Person des Vetters ein lebendes Tribunal im
Hause, so daß die Hauptinjurien mehr innerlich gedacht als äußerlich
angebracht wurden. Justiz erfordert Vorsicht.

Wegen Ottilie mußte der Amtsrichter eine richtige Sitzung abhalten mit
Belastung und Entlastung und Dorette als Zeugin. Als ich verlangte,
mein Mann müßte sein gestriges Alibi nachweisen, wodurch ich erfahren
hätte, wo die Drei gewesen, bemerkte der Vorsitzende: »Zeuge hat
nicht nöthig, Nachtheiliges gegen sich auszusagen.« Mein Karl athmete
erleichtert auf. Was sie wohl betrieben haben? Und mir schien, als wenn
der Amtsrichter sich das Lachen verbiß.

Die Kliebisch kam nach und nach so weit, daß sie nicht mehr ganz
vorbei antwortete und sagte, es müsse Alles in dem Briefe stehen, den
Ottilie geschrieben hatte, während sie mit Herrn Brauns gegangen war,
Verlobungsringe zu besorgen und eine kostbare Brosche und was Ottilien
sonst noch fehlte, bei Herrn Brauns Eltern einigermaaßen nicht als
Bettelprinzessin erscheinen und was sie im Zorn redete. Sie hätte den
Anstand des Hauses gewahrt und Ottilie zu Herrn Brauns Eltern begleitet
und der Dank dafür sei die Vertreibung ihres Mannes und Kindes. Ob
ich es verantwortet hätte, Herrn Brauns und Ottilie allein reisen zu
lassen? Er wäre ja wie ein Wahnsinniger aus Liebe, da hätte sie nach
Feuer und Licht sehen müssen.

Also Rudolph hatte sein Mädchen entführt.

»Sehr recht,« sagte mein Karl. »Er ist nicht der Mann, lange zu
zappeln. Ich hätte es eben so gemacht.«

»Karl, aus Dir redet die bengalische Auster. Schweige und bereue Dein
gestriges Betragen.«

Der Amtsrichter stiftete friedlichen Vergleich und ich war froh,
endlich zu wissen, wie Haase gelaufen war. Meine Verantwortung hörte
auf, die jungen Leute hatten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.
Schließlich dankte ich der Kliebisch noch, daß sie mit Rudolph und
Ottilie als Ehrenwache gegangen war. Die Eltern hatten die künftige
Schwiegertochter wohlwollend empfangen. Das war ein Lichtblick nach so
vieler Finsterniß. --

Und nun waren wir ein Trifolium, wie der Amtsrichter betonte, und zwar
ein vergnügtes. Mit ihm die Ausstellung durchpilgern, war reizend.
Erstens hatte er Verständniß und zweitens Durst immer zur rechten Zeit,
nicht wie Kliebisch, der an den Zapfstätten schwer vorbei zu bringen
war. Der Familienabend in Alt-Berlin war sein Vorschlag. Theil nahmen
außer uns Dreien noch Betti und ihr Mann und der Sanitätsrath und Frau.

Wie anders war Alt-Berlin jetzt, als damals in der Mittagseinsamkeit.
Wie von einem Jahrmarkt überschwemmt ließen die Gassen; Verkaufstisch
an Tisch und Waaren darauf: der ganze Quark, Stück 'ne Mark. Das war
nicht gerade mittelalterlich, trotz der Maskentrachten der Mamsellen
und der Landsknechte. Und in den Häusern Kneipe an Kneipe mit und ohne
Musik, und Kostümtrompeter auf den Plätzen, daß eine heftige Art von
Lustigkeit herauskam.

Wir versuchten in die wegen ihrer Grobheit beliebte Bauernschänke zu
dringen, konnten jedoch nicht ganz hinein, so voll war sie. »Machen Se
man, dett Se wieder raus kommen,« schrie der Wirth uns an, »Se sehen
doch, dett hier anständige Leute sitzen.« -- »Hierbleiben!« schrieen
die Gäste. -- »Rin mit der Schwiegermutter,« rief der Wirth, »die fehlt
noch in meinem Museum.« Da gröhlten sie Alle: »Wir brauchen keine
Schwiegermama -- ma.« Mit dieser Probe vollkommen befriedigt, wandten
wir uns zum Gehen und es war auch Zeit, daß wir die Thür frei machten,
da uns ein Herr nachgeworfen wurde, der wohl lange genug drinnen
gesessen hatte. Brüllendes Gelächter belohnte den handgreiflichen
Scherz. -- Ob es wohl in der großen Kurfürstenzeit ähnlich so herging?
Ich will hoffen, daß dieser Ton sich aus Alt-Berlin nicht auf Berlin
verbreitet. Das wäre eine üble Ausstellungserbschaft.

Doch nun kam das belebende Element durch die Gassen daher, der
historische Festzug. Es waren Männer und Frauen, wie vom Theater ins
Freie verirrt, bunt angezogen, mit falschen Bärten und Perrücken
und was Helden und Knappen und Ruinenfräuleins und ihre Zofen so um
Fastnacht tragen. Bei Licht, aus Opernglasferne, vielleicht ganz
annehmbar, in der Nähe und bei Tage jedoch zu ungediegen.

»Entweder ganz echt oder gar nicht,« meinte der Amtsrichter. -- »Oder
wenigstens komisch,« erwiderte ich. »Die Ritter z. B. mit Ofenröhren
und Theekesseln, daß man lachen könnte.«

»Hier scheint etwas zum Lachen zu sein,« sagte er. »Gehen wir hinein in
die Singspielhalle?«

»Ich fürchte, es ist zu rauchig drin für die Damen,« weigerte sich mein
Karl. Das fiel mir auf. Wir hinein. Ich voraus.

[Illustration: Ritter]

Ein großer Raum, am Ende eine Bühne. Auf der Bühne vergoldete Stühle
und auf den Stühlen ein gutes Dutzend Sängerinnen. Alle in kurzen
Kleidern, wenn man, was sie anhatten, noch ein Kleid nennen will. »Dies
ist ja ein Tingeltangel,« sagte der Sanitätsrath, »gehen wir.« -- »Den
hab' ich längst einmal sehen wollen,« entschied ich, »bleiben wir.«

Nun sang eine nach der anderen. Immer von Liebe mit Zubehör. Stimme
meist nicht vorhanden. Dafür um so mehr Mimik. Mir wurde siedeheiß, wie
sie sich betrugen. Aber die Herren in den Vorderreihen johlten Beifall
und die Frauenzimmer lachten ihnen zu und machten Augen. Und was für
welche! Nun wußte ich, wieso Ungermann seine multerigen Bekanntschaften
in Alt-Berlin gemacht hatte, dies war sein Stammlokal gewesen und
meinen Karl hatte er auch hingelockt. Warum wollte der sonst sich
drücken?

Unsere Herren waren verlegen, daß wir Damen einmal sahen, wie ein
Tingeltangel beschaffen ist, bis auf den Amtsrichter, der sich
amüsirte. Der durfte, der war unverheirathet.

»Was sagst Du dazu?« fragte ich Betti. Sie antwortete nicht. Sie war
bleich und saß kerzengerade, wie früher immer, wenn sie in tiefer Seele
litt. Ihre Blicke ruhten fest auf ihrem Mann, als suchte sie auf seinem
Antlitz zu lesen. Er war ja auch einst flott gewesen, wie die jungen
Leute da vorne, die den Sängerinnen Champagner auf die Bühne reichten.
Gedachte sie vergangener Zeiten?

»Komm,« sagte ich. Sie stand auf und nahm meinen Arm. Ohne rechts und
links zu sehen, zog sie mich auf die Gasse, durch die Menschenmenge zum
Georgenthore hinaus in die grünen Buschwege des Parkes.

»Was hast Du, Betti?« -- Sie athmete schwer auf. »Es war ein böser
Traum,« sagte sie mühsam. »Ich will nie wieder an ihn denken. Nie
wieder nach Alt-Berlin.«

»Kind, Alt-Berlin ist so schön.«

»Aber die Menschen darin! Mama, wo ist mein Felix?«

Er kam mit den Anderen.

Unrecht hatte Betti nicht. Was die Künstler schaffen, verdirbt der
Ungeschmack. Aber es soll doch nur Geld verdient werden.

[Illustration: Dekoration]



[Illustration: Titel-Dekoration]



Spree-Afrika.


Ein zu allerliebster Mann, der Amtsrichter. Wenn ich nur erst eine
Frau für ihn hätte. Ich habe freilich meinem Mann geloben müssen, nie
wieder Menschen in ihr Glück zu stürzen, aber um den Amtsrichter wäre
es ewig schade, wenn er als Junggeselle verbraucht werden sollte, und
mit zarten Blumenstengeln auf die Annehmlichkeiten einer liebevollen
Häuslichkeit hinweisen, liegt in dem Gelöbniß doch wohl nicht mit darin.

Und ich hoffe, er bekehrt sich noch, allein schon wegen der
Gaskochmaschinen, mit denen es eine wahre Lust sein muß, einen
Hausstand zu begründen. Von der elektrischen Küche will ich gar nicht
reden: man stellt die Pfanne auf einen beliebigen Tisch, dreht die
Schraube und der Eierkuchen ist fertig. Es ist erstaunlich, wie weit
die Verfeinerung der Menschheit jetzt reicht. Vergleicht man hiermit
die Wilden, glaubt man kaum in demselben Jahrhundert mit ihnen zu leben.

Für nur dreißig Pfennige Thoreinlaß treten wir in unsere Kolonieen, am
Karpfenteich zwischen den Gebüschen malerisch gelegen, und können eine
Vorstellung von unseren Erwerbungen in Afrika gewinnen.

Viele sind gegen Kolonialbesitz, viele dafür. Mein Karl war bisher
der Meinung, er koste nur und brächte nichts ein. Onkel Fritz
behauptet, wir müßten ihn haben, weil in absehbarer Zeit Deutschland so
übervölkert würde, daß kein Platz mehr wäre. »Fritz,« sagte ich, »sie
nehmen das Tempelhofer Feld zu.« -- »Worauf sollen dann die Paraden
abgehalten werden?« entgegnete er. Daran hatte ich nicht gedacht.
Kolonialpolitik hat doch so ihre Eier.

Die Hütten der auswärtigen Eingeborenen sind für das
Stralau-Rummelsburger Klima nicht geeignet, dagegen nach der
afrikanischen Bauordnung einwandsfrei. Wie die Schwarzen froh sein
werden, wenn sie sich wieder an der heimathlichen Sonne wärmen können
und ihre Kultur-Sendung in Treptow erfüllt haben, und verwilderter
zurückkehren als sie kamen.

Für mich ist es schier unmöglich, die einzelnen Stämme auseinander
zu halten, welche die Suaheli sind und welche die Massai oder Dualla
oder Papuas oder wie sie sonst geschrieben werden, zumal wenn sie
sich mit rother Farbe geschminkt haben und wie anglühende eiserne
Oefen aussehen. Seitdem ich obendrein weiß, daß die Papuas arg nach
Menschenfleisch sind, geh' ich nicht dichte ran. Nächstenliebe mit
Einbeißen ist nicht mein Fall.

Der Amtsrichter ist dem Kolonialischen geneigt und hat sich eingehend
damit beschäftigt, schon allein, weil mit der Zunahme der Verbrecher
doch vielleicht die Einrichtung von Strafprovinzen nothwendig wird.

»Herr Vetter,« fragte ich, »angenommen den Fall, Sie verdammen einen
unverbesserlichen Rufti, dessen Geschäft in Messerstechen und ähnlichem
Frevel besteht, nach Papuanien und die dunklen Reichsbrüder essen ihn
auf, wäre das nicht eine verschmitzte Art Hinrichtung mit Umgehung des
Gesetzbuches und zöge Ihnen Anklage zu?«

»Vorläufig noch nicht,« entgegnete er. »Aber es kann so kommen; dem
grünen Tisch ist Alles möglich.«

»Warum wird er nicht anders bezogen? Wenn die alte Kulör nicht taugt,
her mit einer frischen.«

»Das Grün frißt sich doch immer wieder durch,« sagte er. »Es ist der
Grünspan des Staates, alt und ehrwürdig.«

»Aber giftig.«

Er lächelte. »Ein gesunder Organismus überwindet ihn.« -- »Aber er
spuckt.« -- »Das Recht hat er.« -- »Hat er doch etwas.« -- »Was das
Volk kneift, thut dem werdenden Geheimrath nicht weh,« sagte Onkel
Fritz.

Unter diesen Gesprächen gelangten wir zu der Festung Qui-kuru qua Siki.
Das ist ein heimtückisches Werk von außen und noch heimtückischer von
innen. Die Wälle, dick und fest aus Palissaden und Lehm, sind mit
hohen Stangen besteckt und obendrauf weißgebleichte Todtenschädel, die
grinsen: Kommt nur heran, auf diese Manier wird hier frisirt. -- Geht
man durch das enge Thor und sieht die Gräben und Gänge, wie in einem
Irrgarten, hat man nur einen Gedanken: hier wird abgemurkst! Entrinnen
ist nicht. Immer tiefer flüchtet man in die Mausefalle hinein und
findet den Ausweg nicht wieder. Und nun fangen sie an zu schießen. Bums
hier, bums da aus den kleinen Löchern in den Wänden und schleichen
hervor mit Beilen und Lanzen und massacriren die Eindringenden. Höchst
schaudervoll.

[Illustration: Explosion]

Obgleich diese Festung nur ein Stück Nachbildung der echten ist,
kann man begreifen, daß solche Verschanzung für die Eingeborenen
unüberwindlich war und selbst unseren Truppen nicht beim ersten
Anrennen erlag. Aber wir kriegten sie und als sie sich nicht mehr
halten konnte -- Krupp vertrug sie nicht -- da gab es einen Mordsknall.
Der Häuptling Sike, ein unangenehmer Herr, der sich unseren humanen
Sklavereiaufhebungsbestrebungen widersetzte und nebenbei Branntwein
trank, hatte sich mit seiner Familie und seinen Schätzen auf ein
Pulverfaß gesetzt und in die Luft gesprengt. Vier Tage hat die
Festung gebrannt, mit Erdöl getränkt. Der Sieg war unser und die
Kriegsentschädigung wurde in Elfenbein ausgezahlt. Aus dem Elfenbein
werden Klaviertasten gesägt und die Klaviere gehen wieder nach Afrika
zur Verbreitung der Kultur, die erst ihren Gipfelpunkt erreicht, wenn
die Töchter der Wilden ebenso auf dem Piano herumrudern können, wie
unsere.

Doch das hat noch gute Wege, denn von erhöhter Bildungsarbeit haben
sie keinen Dunst. Ihre Hauptbeschäftigung ist herumlaatschen und sich
die Zeit mit Langweile vertreiben. Man liest ja auch, daß verschiedene
Stämme unter Tänzen und Freuden dahinleben, ohne die Sorge des Lebens
zu kennen. Und das ist wahr, viel Sorgen machen die Weiber sich nicht.
Wenn sie kochen, besteht ihre Maschine aus ungehobelten Feldsteinen und
um ihr Geschirr zu scheuern, greifen sie beliebig in den neben ihren
Füßen befindlichen Erdboden, nehmen eine Handvoll und klarren Pfannen
und Kessel damit aus. Wenn das nicht sorglos ist, weiß ich nicht,
was sonst! Vielleicht ihre Kleidung? Was die Kinder anbetrifft, die
haben blos Natur an. Sonst sind sie süß. Es muß an den Augen liegen.
Kinderaugen sind doch wohl auf der ganzen Welt dieselben.

Es war eine Mutter vor einer Hütte. Sie saß im Grase und spielte
Pitsche-Patsche mit ihren Kleinen. Die jauchzten vor Lust und das junge
Weib strahlte vor Glück. Ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lächelten
und die weißen Zähne schimmerten beneidenswerth. Ich glaube, die Liebe
ist auch dieselbe, so weit die Erde rund ist.

Wir gebildeten Europäer standen an dem Gehege und sahen zu. Manche
riefen Redensarten, die sie gottlob nicht verstanden, aber mir schien,
als wenn die Frau unter ihrer Wangenschwärze erröthete, wenn den
Schnodderigkeiten wieherndes Gelächter folgte. Sie erhob sich und
blickte die Weißen an. Was sie wohl dachte? Dann nahm sie ihre Kinder
an der Hand und verzog sich in die Hütte. Und wir verzogen uns auch.

»Die wären richtig weggegrault,« sagte Onkel Fritz. »Haben sie Dir
gefallen, Erika?« -- Seine Frau schwieg. Nach einer Weile sprach sie:
»Die Frau that mir so leid.«

Von großem Interesse waren uns die Zauberhütte und die Götzenbilder,
weil Niemand Gewisses darüber weiß. Gerade das Geheimnißvolle reizt.
Selbst der Amtsrichter konnte keine Auskunft geben. Dagegen erklärte
er uns das Versammlungshaus der Papuas. Kein Weib darf die Baracke
betreten und vor allen Dingen nicht die große Trommel erblicken, auf
der sie das erzeugen, was als Heidenlärm bekannt ist. Solche Furcht
haben sie vor ihr, daß sie erschreckt fliehen, sobald darauf gebummert
wird. Ja, sie glauben, sie müßten sterben, wenn sie die Trommel blos
sähen. Solchen Aberglauben haben die Männer ersonnen, damit sie
ungestört ihre Feste und Schmausereien feiern können und keine Frau sie
von den Gelagen heimholt.

»Ganz wie bei uns mit Herren-Abenden,« sagte ich. »Aber die Vergeltung
rührt sich schon. Wie denken Sie über Frauenemancipation, Herr Vetter?«

»Ich bin für die Freiheit der Frauen,« entgegnete er höflich.

»Siehst Du,« stieß ich Onkel Fritz an. -- »Eben deshalb heirathet er
nicht,« sagte der.

Ich überhörte diese Unziemlichkeit, um uns nicht aufzuhalten. Denn
noch lag die Kolonial-Ausstellung vor, die als eine Darstellung von
Sansibar aufzufassen ist, in einer Mischung von afrikanischen Gebäuden
und Berliner Erfrischungshallen. Eine bedeutende Sache. »Wir müssen
festhalten, was wir haben,« sagte der Vetter, »ich freue mich, einen
Einblick in die Wichtigkeit unserer Kolonieen zu erlangen. Hätte die
Berliner Ausstellung nichts weiter gebracht, als diese Abtheilung, es
wäre genug, ihr zu danken. Aber das genaue Studium erfordert Tage.«

Darin hat er recht. Allein schon das Tropenhaus giebt ein Bild von der
Production, dem Handel, dem Verkehr und der Lebensweise des Europäers
in unsern Schutzgebieten, vom Auswärtigen Amte hingebaut. Und sollte
man denken, die eisernen Pfeiler, auf denen es ruht, sind unten mit
ölgefüllten Becken umgeben, damit die Ameisen nicht hochkriegen und
Alles zernagen, was sie vorfinden. Und unten hat die Luft freien
Durchzug, die Fieberdünste wegzuwehen.

Drinnen die Möbel sind zum Theil aus dem schönen Neuguineaholz,
ungeleimt, der Feuchtigkeit wegen und mit Messingschrauben
zusammengehalten; ebenso sind Schlösser und Schlüssel aus Messing wegen
des Rostens. Jegliches ist für das Klima ausgetiftelt und zwar in
Berlin. Die Gesammteinrichtung gefiel uns, besonders das Speisezimmer
mit gedecktem Tisch, worauf in Wachs geformt die köstlichen Früchte
lagen, die zur Speise dienen, und oben an der Decke die Punkah, ein
Riesenfächer, den an der Tafel Sitzenden Kühlung zuzuwehen. An den
Wänden die Gemälde schilderten die Gegenden, die Jagden und die
Schlachten mit den Feinden und was sonst sich malerisch in Oelfarbe
ausdrücken läßt, wie z. B. unsere Schutztruppe in graugerippten Sammt
und Naturlederzeug mit Gamaschen und Tropenhut; kolossal schneidig.
Auch das Schlafzimmer des Gouverneurs war besichtigungshaft. Einer
selbst war nicht drinn, wohl aber sein Bett mit Fliegenschleier, Nachts
die Mosquitos abzuwehren. Ich warf hin: »Wen das Gewissen nicht sticht,
der schlummert auch ohne Gazevorhänge. Gegen Wilde sei man milde.«

»Du sollst in der letzten Zeit mächtig unruhig liegen,« sagte Onkel
Fritz mir leise. -- »Ich wüßte nicht, wann ich Dir etwas vorgeschlafen
hätte?« gab ich zurück. -- »Auch nicht nöthig, ich seh Dir doch an,
daß Du nicht in Deiner gewohnten Gemüthsverfassung bist. Ist Kriehberg
endlich beseitigt?«

»Nicht eher, als bis die Papuas ihn am Spieß braten. Er wankt nicht. Er
behauptet, wir lögen ihm vor, daß Tante Lina ihr Geld fest verankert
hätte und will auf Entschädigung klagen, wegen des Aufwandes, den er
machen mußte, um standesgemäß mit Tante Lina und Ottilie aufzutreten.«

»Laß ihn klagen.« --

»Fritz, Alles -- nur nicht vor die Schranken. Siehst Du, Richter
können zu reizend sein, wie der Vetter, aber hängt ihnen den Talar um
und sie sind unsicher. Paß acht, Kriehberg kriegt Recht. Er geht ans
Reichsgericht. Das spricht ihm Ottilie zu und mir die Kosten. Wie das
noch endet, weiß ich nicht. Mir steht der Verstand still.«

»Das merke ich. Warum legst Du dem Vetter den Fall nicht vor?«

»Der hat Ferien und will sich amüsiren.« --

»Wer sagt denn, daß er sich nicht darüber amüsirt?« --

Es kam mir eine Erleuchtung. Die Vorsehung will es, warum hat sie uns
sonst einen Amtsrichter in die Verwandtschaft gebracht? Auch sind
Ferien ohne jegliche Thätigkeit ungesund.

Mir wurde licht und froh im Sinn, gerade so als wenn man sich in
fremder Umgebung verlaufen hat und sieht plötzlich ein Wirthshaus. Wir
eilten den Anderen nach, die die Hospital-Einrichtung des Tropenhauses
in Augenschein nahmen.

Bei all dem Obst und den Fieberlüften, den Ameisen und Gewürmen und
Kämpfen können Krankheiten nicht ausbleiben und da ist denn der
»Deutsche Frauen-Verein für Krankenpflege in den Kolonieen«, der in
hilfreichster Weise für die Siechen in dem fernen Land sorgt, wo
nichts zu haben ist, was Leidende benöthigen. Wie es in den Kolonieen
zugeht und wie die Frauen hier nun thätig sind, das erfährt man aus
der Vereinsschrift »Unter dem Rothen Kreuz«, die ich sofort bestelle.
O, wie viel können wir da wirken für unsere Landsleute und für die
Schwarzen. Güte bindet fester als Gewalt.

Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen geschmückten
Tannenbaum entdeckt. Er stand groß und breit zwischen den anderen
Sachen, aber er war uns nicht aufgefallen, da wir ihn für putzende
Grünigkeit hielten. Der Baum war ein künstlicher aus Gedrath und grünen
Stoffnadelzweigen, täuschend wie eine Tanne aus dem Walde. Es war ein
zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blechbüchse verpackt, nicht
größer als ein einigermaßener Regenschirm, daß er sicher verlöthet,
bis mitten in Afrika hinein versandt werden und überall um die
Weihnachtszeit fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche
weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie dort nicht
wächst. Und ein Fläschchen ist dabei mit Tannenduft. Der wird auf den
Baum gesprengt. Die Lichter brennen, Goldfrüchte hängen daran und
in der Spitze schwebt der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht,
deutsche Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und fragen,
was es bedeutet? »Deutsche Sitte,« wird ihnen gesagt. »Kommt und feiert
mit uns das Fest der Liebe.«

Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt hätten, wir wären achtlos
vorübergegangen. Sie aber sah und fragte und uns wurde Bescheid. Onkel
Fritz schrieb sich die Verfertiger auf, sie hießen C. Nicolai Söhne
und wohnen in Hamburg. Er will überseeischen Geschäftsfreunden solche
Tannenbäume verehren. Er weiß, was er thut.

Wir erlebten darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es muß wohl
so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. Männer, Weiber,
Kinder schritten daher und machten ihre Musike, die mir klang wie
orientalische Musik überhaupt. Die ist, als wenn Teppiche geklopft
werden und Einer lernt Clarinette dazu.

»Nun, Schwager?« fragte Onkel Fritz. »Wie gefallen Dir die
Kolonialbrüder und Schwestern?« -- »Gar nicht,« sagte mein Karl, »was
haben wir von ihnen?«

[Illustration: Raucher]

»Sieh doch nur genau hin, mich dünkt, die Strümpfe, die ihnen an
den Stellen herunterhängen, wo sonst die Waden sitzen, könnten aus
Deiner Fabrik stammen.« -- Mein Karl prüfte. »Es sind von meinen
halbwollenen,« sagte er, »die rothblaue Borde ist ein Versuch, der
nicht recht einschlug.« -- »Das ist eben der Segen der Kolonieen,
wie ich Dir vor Jahren bereits gesagt habe: Die Wilden sind hundert
Meilen hinter dem Leipzigerstraßengeschmack zurück.« -- »Ganz zu
verwerfen sind Kolonieen doch am Ende nicht,« erwiderte mein Mann.
-- »Karl,« sagte ich und wies auf einen besonders schlampigen Neger,
»wenn alle so mit den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann
der Absatz riesenhaft werden. Der hat schon mindestens vierzehn Zehen
durchgestochen.«

Seit dieser Beobachtung ist mein Karl für Afrika etwas geneigter. --

Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein Karl und ich es
zum ersten Male besuchten, genossen wir reine Wiedersehenswonnen und
ein über das andere Mal riefen wir: sind wir denn wirklich nicht im
Pharaonenlande, wo wir unvergeßliche Wochen zubrachten? So getreu
ist das Kairo an der Coepenicker Chaussee hingestellt, mit Arabern,
Beduinen, Fellachen, Eseln und Eseljungen besiedelt. Wir schwelgten
über jedes, das wir als lieb Bekanntes begrüßen konnten. Es war mein
einziger Wunsch, noch einmal hin nach Kairo, aber ich hatte ihn
aufgegeben. Und nun wurde er so dichte bei erfüllt.

Wir trafen Leute, denen war unsere Begeisterung lachhaft. Die hatten
sich unter Kairo ganz etwas Anderes vorgestellt: Flitterprunk, ungefähr
als wenn im Opernhaus großes Galla-Ballet neu ist. Sie wußten nicht,
daß der Orient allmählich untergeht, zerbröckelt und zerfällt, und
ahnen nicht, daß die Gluthsonne des Morgenlands dazu gehört, ihn zu
vergolden. Ich sagte: »Lesen Sie, Buchholzens im Orient, da steht's
drin.« Was soll ich mir Quesen in den Mund reden, gegen vorgefaßte
irrige Meinungen? Und wenn ein arabischer Stiefelputzer -- es ist
ja Horde die Bande, aber komisch und unverwüstlich -- seine rasch
gelernten deutschen Brocken redete, was sagten sie dann?

»Ackerstraße,« sagten sie, als wenn Berliner Schusterjungen gefärbt
wären.

Es wird eben so viel gefälscht, daß die Leute bald an nichts Echtes
mehr glauben.

So etwas verdrießt. Und gar zu viel Handel und Unfug treiben sie. Nicht
die Egypter, nein die wirklich aus der Ackerstraße mit einem Tarbusch
auf dem Kopfe und Pantinen im Benehmen.

Der Vetter verstand, das Echte vom Unechten zu scheiden, und Erika war
wie in der Welt der Phantasie, die nahm das Ganze, wie es sich bot. Mit
den Beiden die Bazargassen zu durchwandern, das war ein Vergnügen. Ich
zeigte ihnen die vergitterten Haremsfenster. -- »Arme Frauen,« sagte
Erika.

Und in der Arena, die Beduinen auf ihren arabischen Pferden, wie sie
daherstürmten und aus ihren langen Flinten schossen. Selbst Onkel
Fritz meinte: »Hier könnte Renz auf die hohe Schule gehen.« Und der
Hochzeitszug mit Kameelen und Sänften und dem farbigen Egyptervolk. Wer
das sah, kann sagen, er hat ein Stück Orient gesehen.

Und alles das, die ganze Stadt doch nur ein Sommertagtraum. Wo jetzt
die Moscheen stehn und die krummen Straßen Kairo sich hinziehen,
grünen im nächsten Frühjahr die Kornfelder und wo der Muezzin zum Gebet
rief, singt die Lerche. Kein Edfu-Tempel, keine Pyramide mehr, dahin,
dahin. Und der Wind, der die Palmen nicht mehr findet, eilt weiter
über die märkische Ebene, wie er gewohnt ist von jeher. Dann sind die
Egypter bei den ihrigen und erzählen von Berlin Kebir, dem großen
gewaltigen Berlin, und wir erzählen uns von der Märchenstadt am Nil,
die zu Besuch war an der Spree.

[Illustration: Schießender Araber]

Die Pyramiden sind ein Weltwunder des Alterthums. Daß sie mit Sack und
Pack auf Reisen gehen, das ist ein Weltwunder unserer Zeit. Was unsere
Nachkommen wohl anstellen, um die Vergangenheit zu überbieten? Denn
mehr als Radschlagen kann der Mensch nicht.



[Illustration: Titel-Dekoration]



Glückliche Leute.


[Illustration]

Noch einige Tage und mein Hotel steht leer. Der letzte Gast, der
Vetter Amtsrichter, muß wieder in Dienst. Daß ein so liebenswürdiger,
hochgebildeter Mann von Verbrechen leben muß! Aber andererseits, wenn
blos Edles auf Erden begangen würde, wären die gesammte Jurisprudenz
brodlos, und es sähe für reich betöchterte Familien noch flauer aus
als jetzt, wo zum Aufziehen gebildeter Weiblichkeit die Gelegenheiten
immer massenhafter, die zum Versorgen jedoch immer zählbarer werden. Da
steckt es.

Wir sehen ihn ungern scheiden und hoffen von nun an in regerem Verkehr
zu bleiben, wenigstens einmal im Jahre, und dann auf längere Wochen.
Die Uhren ticken freilich ihren gleichen Schritt, aber die Zeit wird
eilsamer im Alter, und Wochen fliehen wie Tage und die Tage wie kurze
Stunden. Kaum hatten wir uns über das erste Grün gefreut, und nun
fielen schon gelbe Blätter hier und da. Und doch war der Sommer nicht
eigentlich heiß gewesen, ausgenommen für mich. Mir war nicht schlecht
eingekachelt worden.

Doch das war vorbei.

Ottilie schrieb mir reumüthige Briefe. Es war ja auch nicht 'was,
durchzubrennen, während ich mich in ihren Angelegenheiten Reisegefahren
aussetzte, aber indem sie um Verzeihung flehte und schriftlich über
sich nachzudenken gezwungen war, kam sie zu der Erkenntniß ihrer
Unvollkommenheiten, und den Gewinn schlage ich als ihre beste Mitgift
an. Auch Musjeh Urian, ihr Verlobter, gestand seitenlang seinen Frevel
ein und bat um mein ferneres Wohlwollen. Kann man ihm denn böse sein?

Verliebte sind unzurechnungsfähig, und Rudolph mußte man lassen, daß
er verhältnißmäßig vernünftig gehandelt hatte, wenn man sich es recht
benahm. Denn wie verliebt war er trotz Ottiliens Fehlerhaftigkeiten.
Schöne Gestalt hat große Gewalt.

Das hatte Kriehberg auch an sich erlebt, obgleich nicht so wie Rudolph,
sondern mehr mit Geldnebengedanken.

Ich fragte den Vetter Amtsrichter: »Wenn Einer von Einer schriftliche
Indizien verwahrt und derselbe beabsichtigt, wenn diejenige demjenigen,
der dieselben besitzt, denjenigen vorzieht, welchen dieselbe später
kennen lernte, mit denselben zu schikaniren und derselbe sich nicht
entblödet in das Ja vor dem Geistlichen hineinzufahren. Darf derselbe
das?«

Der Vetter entgegnete: »Ich habe Sie nicht ganz verstanden, verehrte
Cousine.«

»Das wundert mich, ich gab mir doch Mühe, Amtsstil zu reden.«

»Der ist bisweilen selbst ergrauten Actenlesern zu viereckig, als daß
sie daraus klug würden. Aber wenn Sie die Güte haben, mir den Fall in
der gewöhnlichen Umgangssprache mitzutheilen, hoffe ich, Ihnen Auskunft
geben zu können. Und wenn ich bitten darf, ohne Voreingenommenheit und
ohne Beschönigung.«

»Zu beschönigen ist nichts, Kriehberg ist, wie er ist, ein Subject.«

»Erlauben Sie, das scheint mir parteilich.«

»Wo denn? Wenn ich Partei nehme, doch für Rudolphen, und von dem hab'
ich kein Sterbens-Atom erwähnt.«

»Ahem!« sagte der Vetter. »Liebe Cousine, so kommen wir nicht weiter.
Also zunächst der genannte Kriehberg. In welchem Verhältnis stehen Sie
zu ihm?«

»Herr Vetter, solche Fragen muß ich mir dringend verbitten. Ueberhaupt
Kriehberg! Ich kenne keinen Menschen, mit dem ich quaranzetter stände,
als mit ihm.«

»Ich verstehe. Waren Sie von Anfang an derselben Meinung?«

»Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Verlauf nimmt die
Freundschaft!« Und nun erzählte ich ihm von den Berichten und von
Kriehberg und Ottilie als Hilfs-Assistenten und von Tante Lina in
ihrer Eigenschaft als Erbvorspieglerin und von Rudolph und Ottilien,
als wirkliche Liebe, und von Kriehberg's Eifersucht und von Ottiliens
Entführung und Kriehberg's Herausforderungsgelüsten, die sich sogar bis
auf mein Lamm von Mann erstreckten. »Warum ist es nicht möglich, das
Duell mit Stumpf und Stiel auszurotten?« fragte ich.

»Weil die Ehre, Gott sei Dank, noch lebt, die höher steht als das
Leben. Ihr Hort gegen Vergewaltigung und Heimtücke ist der Zweikampf.
Wer sich an die Ehre wagt, wisse, daß er sein Leben auf's Spiel setzt.«

»Ganz recht, auf den Zufall! Der entscheidet.«

»Wie im Kriege um die Ehre des Vaterlandes, der Sieg oft Werk des
Zufalls ist. Wer die Ehre nahm, mag auch das entwerthete Leben nehmen
oder das seinige lassen als Sühne. Wie es sich fügt.«

Die Antwort hätte ich mir denken können; die Schmisse des Herrn Vetter
-- sie stehen ihm nicht übel zu Gesicht -- sagen ja offenkundig, daß er
schon als Jüngling mannhaft für sich eintrat.

Und Rudolph hat auch so einen Kratzer auf der Stirn, von der
technischen Studentenzeit und dem Farbentragen. Der geht los. Deshalb
fragte ich: »Es existiren doch Festungen. Ist keine frei für Kriehberg,
ehe er beleidigt und zwar mit lebenslänglicher Beköstigung?«

»Nein,« sagte der Vetter, »die Freiheit eines Menschen einzuschränken
ist nicht gestattet.«

»Aber wenn man doch weiß, daß er Unheil anrichten wird?«

»Auch dann nicht.«

»Warum leben wir nicht mehr in Alt-Berlin, Herr Vetter? Damals saß die
Senge loser als heute.«

»Sie machen sich unnöthige Sorge. Wenn das Fräulein die Verlobung
rückgängig machen will, werden wir ausreichende Gründe finden. Er
vermag ihr keinen Unterhalt zu bieten, sein exaltirtes Wesen deutet
auf geistige Störung. Ist ihm irgend ein verschrobener Verwandter
nachzuweisen, liefern wir ihn den Psychiatern aus.«

»Ist das sehr etwas Schlimmes?«

»Bei einem Anhänger Lombroso's ist er so gut wie verloren, dem genügt
schon eine dämliche Kinderfrau zur erblichen Belastung bis ins vierte
Glied.«

»Das ist Alles recht schön; aber wer hindert ihn, das Glück der Beiden
durch seine Unvernunft zu stören? Und da Ottilie nicht frei von Schuld
ist, welch' ein Brautstand wird das, welch' eine Ehe? Das ist meine
Behauptung. Und solche Verbrechen an Glück und Freude sind straflos?«

Dies sah der Vetter ein. Glück muß rein sein, sonst ist es kein Glück.

Er ließ sich Kriehberg's Adresse von mir geben, von ihm selbst zu
erfahren, ob er aus Liebe handele oder aus Eigennutz. -- »Von jedem
etwas,« sagte ich »halb sauer und halb mit Essig.« --

Als der Vetter wiederkam, waren wir einen Tippel klüger, aber auch
nicht mehr. Kriehberg wollte gegen eine Abstandssumme zurücktreten und
Ottiliens Briefe herabrücken.

Es waren man blos 5000 Mark, mehr nicht. Und die sollte ich berappen.
Wer sonst?

Ottilie verfügte nicht über so viel. Und Rudolph konnte doch unmöglich
seine Braut kaufen? Blieb ich allein vor dem Rest sitzen.

Oder Tante Lina.

Aber die konnte ja nicht an das Ihrige heran.

Machte ich mir wirklich ungelegte Eier, wie der Vetter meinte: »Genau
genommen, geht Sie die ganze Angelegenheit gar nichts an.«

Wie oft hatte ich mir das einzureden versucht, und Onkel Fritz sagte
es auch. Es half jedoch nicht. Mir war Ottiliens und Rudolphs Zukunft
zur Herzensfreude geworden. Daran lag es, daß ich Unheil von ihnen zu
wenden suchte, was jedoch erschwert wurde durch Ottiliens Rückkehr.

Rudolphs Eltern wollte sie zu mir bringen, meinen Karl und mich kennen
zu lernen, und die Verlobung sollte gefeiert werden.

Und wenn wir rufen: »Hoch lebe das Brautpaar!« und Kriehberg stürzt
herein und vollführt Aufruhr? Oder schießt gar? Und keiner mag an
die Stunde zurückdenken, die sonst wie eine Sonne aus der Erinnerung
in's Leben hineinstrahlt, wenn trübe Tage kommen. Weder Rudolph noch
Ottilie. Und können sie auch nicht vergessen.

Ich setzte mich hin und weinte.

Dorette meldete Besuch.

»Ich kann Niemanden empfangen, ich habe Migräne.«

»Det paßt jrade. Der Herr is ooch wat Feines.«

»Mein Mann ist im Kontor.«

»Nee, er will bei Madame,« sagte Dorette und hielt mir die Karte hin.

Dorette hatte die Thür halb aufgelassen. »Verzeihen Sie, wenn ich
ungelegen komme, aber meine Zeit ist gemessen.«

»Ich blickte hin, der Herr war mir fremd... und doch bekannt. Wo hatte
ich ihn gesehen? Richtig, auf der Ausstellung. Er war es, Johannes
Viedt.«

»Sie kommen von Tante Lina?« fragte ich, ohne die
Vorstellungsförmlichkeiten zu erledigen.

»Ich bringe Grüße von ihr. Und um kurz zu sein, sie hat mich gebeten,
einem jungen Manne in seinem Fortkommen drüben behilflich zu sein,
einem Architekten...«

»Ja, ja,« unterbrach ich ihn. »Kriehberg heißt er, eine
außerordentliche Kraft...«

»Freut mich zu hören. Für einen tüchtigen Baumeister ist bei uns ein
lohnendes Feld. Ich selbst habe große Unternehmungen vor in St. Louis.
Sein Weg ist gemacht, wenn er sein Fach versteht.«

»Besser als die anderen, er baut Ihnen Alles.«

»Sonderbar, und doch kämpft er mit Schwierigkeiten?«

»Wo soll er hier seine Kräfte entfalten? Aber drüben in dem freien
Lande wird er Bedeutendes leisten.«

»Freut mich. Die Dame nimmt innigsten Antheil an ihm... wie eine
Mutter.«

»Das fiel mir nie auf. Aber wer weiß?«

Er schwieg.

»Sie spricht nicht über ihre Vergangenheit,« fing ich an. »Und doch
spürt man aus Allem, daß sie ein verlorenes Leben betrauert. Deshalb
ist sie mitunter so verbittert, und wiederum weich zu anderer Zeit. Ist
es ihr Wunsch, dem jungen Mann fortzuhelfen... ich würde ihn erfüllen,
wenn es an mir läge... so bald wie möglich... vielleicht ist es die
einzige Freude, die sie noch hat. Sie glauben nicht, wie ich ihr dies
nachfühle.«

»Das macht Ihrem Herzen Ehre,« sagte Herr Johannes Viedt.

»O, bitte.« -- Wie er sich wohl meine Erröthung deutete?

»Wo ist der junge Mann? Von Ihnen würde ich Auskunft erhalten...«

»Sagte Tante Lina? Ja, das habe ich ihr versprochen. Ich werde Ihnen
Herrn Kriehberg senden.«

»Kaiserhof, Zimmer fünfundvierzig.«

»Soll geschehen.«

»Ich danke Ihnen.«

Er ging. Ich mit fliegender Hast auf und davon nach Kriehberg.
Glücklicherweise traf ich ihn, wenn auch nicht in rosenfarbner Laune.
Er sollte Miethe abladen und es fehlten ihm die Groschen.

»So weit sind Sie herunter und doch noch zu Pferde?« rüffelte ich ihn
an. »Noch immer keine Einsicht? Und nun schleunigst mit Ihnen nach
dem Kaiserhof, da ist einer von den amerikanischen Naböbbern, Sie
mitzunehmen zum Cementanrühren und was Sie sonst vom Bau los haben.
Aber so können Sie nicht antreten....«

»Ich kann doch meine Pfandscheine nicht anziehen?«

»Nee,« sagte ich, »aber wir können sie einlösen.«

»Würden Sie das?«

»Gewiß, aber erst her mit Ottiliens Briefen.«

»Sie legen mir eine Falle!«

»Junger Mann, die Vorsehung reicht Ihnen die Hand. Hier das
erbärmlichste Elend -- dort eine Zukunft, um die Sie Hunderte beneiden.
Und sie zögern auch nur eine Minute? Ich zähle bis drei. -- Mit drei
ist unwiderruflicher Schluß. Also: Eins!«

Er rührte sich nicht. Ich ging einen Schritt auf die Thür zu.

»Zwei! -- Freie Ueberfahrt nach den Goldbergen. Sogleich in
Thätigkeit!« -- Ich faßte den Thürgriff.

»Zwei ein halb. Adje Herr Kriehberg. Eins und zwei und...«

»Halt!«

»Na, sehen Sie!«

Er holte die Briefe hervor und die Versatzamts-Dokumente. Auch die
Miethe wurde erledigt.

Und was sagte er, als ich ihm noch Taschengeld ließ aus der Wechselei
mit seinen Hausleuten?

»Sie schreiben mir es wohl auf meine Arbeiten gut« -- Ob das
Bramsigkeit war den Leuten gegenüber oder Unverfrorenheit, daß er sich
solche Worte herausnahm, soll unentschieden bleiben, ich ließ ihn ohne
Antwort stehen. Mit dem war ich fertig.

[Illustration: Briefe]

»Aber er war noch lange nicht über das Wasser. Wenn Herr Viedt ihn
nicht mitnahm?«

Ich hatte wenigstens die Briefe, damit konnte er nichts mehr anstiften.

Ich las sie zu Hause durch. Unverantwortlich überschwänglich mit
himmlisch und entzückend, mit Liebe und Daseinswonne und Seligkeiten
und doch kein Satz aus dem Herzen, sondern aus Büchern, ebenso wie
ihre Wissenschaften eine bloße Behaltssache mit dem Kopfe; nichts
Innerliches. Solchen Brast hatte ich oft genug gelesen; wahrscheinlich
in denselben Romanen, woraus Ottilie sich mit Liebesweisheit
belernte. Nein, geliebt hat sie Kriehberg nie. Es war die reine
Gymnasialpoussade, nicht mehr und nicht dauerhafter, ohne einen Fleck
zu hinterlassen, obgleich man nie vorsichtig genug sein kann! Umgang
färbt ab.

Und doch der Schreck, als Kriehberg am Spätnachmittage erschien...
Natürlich Herrn Viedt vor den Kopf gestoßen und der Tanz beginnt von
Neuem, war meine feste Ueberzeugung.

Aber gottlob nein. Der Himmel hatte ein Einsehen gehabt mit meinen
Leiden. Er war angenommen, am folgenden Tage ging es nach Hamburg und
von da in die neue Welt, neuem Leben entgegen. Nun wollte er mir danken.

»Herr Kriehberg,« sagte ich, »daß Sie glauben, mir Dank schuldig zu
sein, nehme ich als ein Zeichen Ihrer Reue an, im Uebrigen will ich
Ihren Dank nicht. Was ich für Sie ausgelegt habe, steht zu Buch. Sie
werden mir es wiedererstatten, wenn Sie in Dollars wühlen. Wir haben
blos geschäftlich miteinander zu thun. In meiner Zuneigung haben Sie
weder Sitz noch Stimme.«

»Wenn Sie wüßten, wie die Gesellschaft mich behandelt hat, diese
selbstsüchtige, verlogene Brut, die mir feindlich gesonnen ist von
jeher, die mich nie verstanden hat...«

»Ach was, Gesellschaft! An Ihnen liegt es, daß Sie überall gegen
rennen. Sie wollen mehr für Ihr Bischen Können haben, als es werth
ist, das ist Ihr Zorn. Verstehen Sie die Welt, dann werden Sie wieder
verstanden werden.«

Das mochte er nicht hören, er empfahl sich mit einer kurzen Verbeugung
und verschwand. --

Ich athmete auf, die Luft war rein. Aber ganz frei fühlte ich mich
erst, nachdem ich dem Vetter die Unterhaltung mit Kriehberg erzählt
hatte. »Wenn jetzt nichts aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,«
schloß ich, »an ihm ist gethan, was gethan werden konnte.«

Der Vetter lächelte. »Keine mächtigere Gunst als Frauengunst,« sagte
er. »Nach meinem Urtheil ist Kriehberg ein Mensch, der immer wieder
angebracht werden muß, da er selbst sich meistens unmöglich macht. So
einer ist auf Protection angewiesen und findet sie auch, so bald es ihm
gelingt, mit doppeltem Boden als vielversprechendes Talent zu imponiren
und als verkanntes Genie Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die
Gönnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie ihm und
hilft ihm vorwärts, auch wenn er sie nicht mehr verdient!«

»Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leibhaftig vor mir
sähe; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg längst verscherzt. Aber sagen
Sie selbst, hätten Sie es über sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu
behindern? Schließlich dauert er Einen doch und er kann sich ja auch
ändern.«

»Vielleicht findet er eine liebende Gattin, die ihn erzieht.«

»Für seine Zukünftige wäre das Beste, er bliebe unverheirathet. Oder
auch er kriegte seinen Lohn durch sie. Die Vorsehung wird schon wissen,
wie sie's anfängt« --

Mein Karl mußte noch einmal in seine Fabrikwohnung ziehen, da ich
Ottilie bei mir hatte.

Es war ein wunderliches Wiedersehen, als sie kam und nicht wußte, ob
es Schelte gäbe oder gute Worte und er dabei war, ihr Bräutigam. In
seiner Gegenwart mich einer Kanzelrede für fähig zu halten, traute sie
mir nicht wohl zu, aber wäre inhaltlose Höflichkeit nicht eben so hart
gewesen, wie ein Ausputzer mit Amen und Sela? Genug, sie fürchtete, ob
ich doch nicht...

Nein. Als sie zögernd dastand und ihre Blicke schüchtern baten,
breitete ich die Arme aus und sie umhalste mich schluchzend und bebend.

»Kind, Kind, es ist Alles gut,« sagte ich und flüsterte ganz leise:
»Alles, Alles.«

Sie mußte verstanden haben, was ich meinte. Nun ließ sie mich erst
recht nicht los.

»Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben,« wandte ich mich an Rudolph.
»Sie sind mir der Rechte. Sie versprechen mir, keine Thorheiten zu
begehen -- ja, das haben Sie -- und kaum bin ich aus der Sehatmosphäre,
entführen Sie Ottilie.«

»Das war doch keine Thorheit.«

Als er das sagte, lachte er über das ganze Gesicht. Und ich... ich
lachte mit. --

Herrn Braun's Eltern waren im Hôtel de Rome abgestiegen, mein
Pfuschhôtel konnte ich ihnen nicht gut anbieten; sie sind es vornehm
gewohnt, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, sie einmal in richtiger
Berliner Manier bei uns zu sehen, mit warmem Abendbrot, einfach und
gediegen und dafür lieber etwas reichlich. Die Leute sind wirklich
nette Leute. Obgleich so reich, mußte ihr Sohn von der Pike auf dienen,
arbeiten und schlossern und schmieden und zeichnen und rechnen, als
hätte er nichts zu erwarten. Und deshalb hatte er auch die Freiheit
nach seinem Herzen zu wählen. Er konnte etwas und stand auf eigenen
Füßen.

[Illustration: Bären]

Und dabei die Ungermann, des älteren Herrn Brauns' Schwester.
Familienäpfel fallen doch manchmal sehr weit vom Stamm. Oder aber
Ungermann hat sie schädlich angewöhnt. Der ist nach keiner Richtung
empfehlenswerth. Denn anstatt von meinem Karl einen größeren Posten zu
kaufen, hat er eine Lappalie bestellt und unserem Konkurrenten alle
verregnete Waare billig abgenommen und sonst noch viel dazu. So etwas
gehört sich nicht. --

Braun's besuchten die Ausstellung nicht des Vergnügens wegen,
sondern in wichtigster Absicht. Es galt, dem Sohn ein eigenes Heim
einzurichten, und wo konnte das Zubehör besser ergründet und beschafft
werden, als da, wo das Beste und Schönste nahe bei einander war?

Das höchste Ziel des heutigen Menschen ist eine eigene Villa. Ottilie
hatte es erreicht. Die Pläne waren bereits entworfen, die Ausstattung
stand fertig in den Hallen der Ausstellung. Wir brauchten blos
aussuchen. Brauns _senior_ bezahlte.

Wie ganz anders doch die einzelnen Gegenstände erscheinen, wenn sie
erworben werden sollen und nicht als gewerbliche Anstauungsleistungen
ermüden. Und Möbel haben wir gewählt: propper! Die Villa wird kostbar.
--

Auch die Hochzeitsreise ist bereits geographisch abgesteckt, mit Madrid
als Endpunkt. Nun kommt Ottilie dahin, und kann die spanische Residenz
mit ihrer Examensarbeit vergleichen. Rudolph sucht eben jeden ihrer
Wünsche zu erfüllen, selbst den weitesten. Wenn sie nur nicht verwöhnt
wird. Aber Mama Brauns ist eine kluge Frau. Und Ottilie ordnet sich ihr
unter aus freien Stücken. Sie hat ja eine Mutter in ihr wieder.

Als ich mit Ottilie allein war, am ersten Abend nach ihrer Rückkehr
sagte ich: »Reich mir mal die Schweden und mach die Ofenthür auf.«

Nachdem sie dies gethan, hielt ich ihr ein Päckchen Papiere hin und
fragte: »Kennst Du diese?«

»Meine Briefe!« rief sie verlegen.

»Deine Jugend-Dummheit. Von ihr soll nichts bleiben, als Staub und
Asche. Weg und aus!«

Wie der Ofen voller Flammen prasselte, sagte ich: »Schade, daß wir
Deine Wissenschaften nicht mit eins verbrennen können, oder ergiebst Du
Dich ihnen auch noch ferner?«

»Nein, nein!« erwiderte sie rasch.

»Du hast noch manches nachzuholen, wobei Dir die Wissenschaft im
Wege ist. Du mußt Hausstand studiren und Nahrungsmittel lernen und
Dienstmädchen regieren und...«

»Meinen Rudolph glücklich machen.«

»Kind, das ist das einfachste von der Welt: Liebe ihn mehr als Dich.«

Sie faltete unwillkürlich die Hände und senkte schweigend das Haupt.
Ich küßte sie.

Wenn ein Engel durch das Gemach flog, weiß ich wohin er ging mit dem
stillen Gebet um Liebe. --

Die Verlobungsfeier fand in dem runden Thurmgemach im Hauptrestaurant
statt. Auf der Ausstellung hatten die jungen Leute sich gefunden,
dort wollte Rudolph uns alle an seinem Bräutigamsglück theilnehmen
lassen. Wir kamen auch sämmtlich -- Sanitätsraths hatten eigens nur
dürftig zu Mittag gegessen -- und Butsch und Frau hatte er gebeten,
war sie doch sein Compagnon. Daß heißt Antheil wollte er nicht, das war
Scherz gewesen, dagegen die Barometer-Idee der Butschen hatte er beim
Patentamt gehißt. Zweitausend und hundertundfünfzig Mark hatte sie nach
Abzug der Musterschutz-Auslagen bekommen und für später waren Procente
in Aussicht.

Sie, die Butschen, strahlte, als ich ihr zu dem Erfolge gratulirte.
»Wer hätte das für möglich gedacht?« sagte sie, »aber es ist so. Butsch
will, daß ich noch ein Mädchen halte und blos noch sitze und erfinde.«

»Haben Sie denn schon wieder etwas?«

»Ach nee und wenn ich noch so blödsinnig nachdenke. Und Butsch thut es
auch nicht gut. Der wird schon en ganzer Simulante.«

»Wie so?«

»Na ja, er simulirt in eins weg Barometer. Aber er bringt sie nicht zum
Hacken.«

»Daß er nur sein Geschäft nicht darüber versäumt. Am Vorbei-Erfinden
ist schon mancher zu Grunde gegangen.«

»Ach nee, da paßt er auf. Seine Weiße ist die Beste überall in der
Gegend. Es kommt auch kein Tropfen Wasser mehr mang, als muß. Er will
nicht an Ausstellungsfremden verdienen, wie viele thun. Butsch weiß,
was er der Ehre Berlins schuldig ist.«

»Ja, ja,« sagte ich. »Es hat so jeder seine Ehre.«

»Wie meinen Sie das?«

»Liebe Butschen, so ausgezeichnet Sie auch im Erfinden sind, die
Fragen der socialen Gesellschaft zu lösen muthe ich Ihnen nicht zu und
wenn Sie noch drei Mädchen nähmen. Auch ist hier nicht der Ort für
dergleichen. Kommen Sie, es geht zu Tisch. Wir werden vergnügt sein, so
recht von Herzen vergnügt.«

»Buchholzen! Sie treffen doch immer die Gefühle Anderer mitten auf den
Kopf. Wenn Eine vor Lust krieschen möchte, bin ich es. Blos ich habe
Bange, daß Butsch zu viel kriegt. Dann singt er. Passen Sie auf, er
singt.«

Wir aßen und tranken und waren froh. Es war zu hübsch. Und so schön
auch Gemach und Tafel waren, mit Blumen und kostbarem Gedeck, das
schönste war doch das Brautpaar. Und wir Alle freuten uns an ihrem
Glück.

Als es dunkelte, begann draußen die Illumination. Wir traten an
die Fenster und blickten auf den lichtumrankten See, auf den
Flammen-Springbrunnen und das Hauptgebäude, das wie ein Riesenschloß in
feurigen Umrissen gegen den Nachthimmel stand. Und die Töne der Musik
drangen herauf in jubelnden Weisen.

»Ein Fest der Arbeit ist die Ausstellung,« sagte der alte Herr Brauns.
»Möge allzeit Segen ruhen auf redlicher Arbeit, sie ist die Kraft des
Vaterlandes.«

Rudolph winkte. Die Lohndiener brachten frisch gefüllte Gläser mit
Dressel's bestem Rheinwein.

»Der Deutschen Arbeit in Deutschem Wein!« rief er, »Ihr gilt dieses
Glas.« Und dann noch eins:

»Auf das, was wir lieben!«

Und Herr Butsch stimmte an:

»Hoch soll'n sie leben. Dreimal hoch!«

[Illustration: Zum Wohl!]


Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a/S.



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