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Title: Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange - I. Band: Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften
Author: Dannemann, Friedrich
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange - I. Band: Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften" ***

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Buchs.


              *Dannemann.* Entwicklung der Naturw. Bd. I.

                            [Illustration:

                             ARISTOTELES

               (Marmorkopf im k. k. Hofmuseum zu Wien).]



                        DIE NATURWISSENSCHAFTEN

                        IN IHRER ENTWICKLUNG UND
                         IN IHREM ZUSAMMENHANGE

                            DARGESTELLT VON

                          FRIEDRICH DANNEMANN

                             ZWEITE AUFLAGE

                                I. BAND:

                VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUM WIEDERAUFLEBEN
                           DER WISSENSCHAFTEN

                     MIT 64 ABBILDUNGEN IM TEXT UND
                   MIT EINEM BILDNIS VON ARISTOTELES


                                LEIPZIG

                      VERLAG VON WILHELM ENGELMANN

                                  1920


             Copyright 1920 by Wilhelm Engelmann, Leipzig.


                      HERRN GEH. HOFRAT PROF. DR.

                           EILHARD WIEDEMANN

                       AUS DANKBARKEIT FÜR SEINE
                     MITWIRKUNG BEI DER HERAUSGABE
                           DER NEUEN AUFLAGE

                                GEWIDMET



Vorwort.


Das vorliegende Werk wurde kurz vor dem Kriege vollendet. Die
Aufnahme war so günstig, daß der erste Band schon während des Krieges
vergriffen war. Leider konnte die zweite Auflage, weil das deutsche
Verlagsgeschäft mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat,
nicht sofort erscheinen, so daß das vollständige Werk längere Zeit im
Buchhandel fehlte.

Die zweite Auflage stellt sich nicht nur als eine vermehrte, sondern,
zumal in einem Punkte, als eine ganz wesentlich verbesserte dar. Da
es nämlich dem einzelnen nicht wohl möglich ist, auf allen Gebieten
gleich gründliche Vorarbeiten zu machen, haben sich mir dieses Mal
einige hervorragende Forscher zugesellt. Insbesondere bin ich den
Herren Geh. Hofrat Prof. Dr. *E. Wiedemann* (Erlangen), Prof. Dr. *E.
v. Lippmann* (Halle a. S.) und Prof. Dr. *J. Würschmidt* (Erlangen)
zu großem Dank verpflichtet. Ich empfing von den Genannten nicht
nur zahlreiche Anregungen; sie haben auch die Korrektur des Satzes
bis in alle Einzelheiten überwacht. Die Mehrzahl der von ihnen
ausgehenden Verbesserungsvorschläge konnte noch Verwendung finden.
Manches ließ sich erst am Schlusse in einem besonderen Abschnitt (s.
S. 478) bringen. Einzelne weitergehende Vorschläge mußten vorläufig
zurückgestellt werden.

Wenn ich die drei ersten Bände den Herren *Wiedemann*, *v. Lippmann*
und *Würschmidt* widme, so ist dies nur ein schwacher Ausdruck meines
Dankes. Auch verkenne ich nicht, daß diese Mitwirkung in erster Linie
erfolgt ist, um das Werk für den Gebrauch geeigneter zu machen. Manche
Anregung ging mir ferner in den zahlreichen Besprechungen, sowie von
befreundeter Seite zu. Eine Aufzählung würde zu weit führen. Doch
drängt es mich, besonders für die nachfolgenden Bände den verstorbenen
Geh. Rat. Dr. *G. Berthold*, einen verdienten Forscher auf dem Gebiete
der neueren Geschichte der Wissenschaften, zu nennen. Seine bedeutende
Bibliothek, die durch Ankauf in den Besitz des Münchener Deutschen
Museums für Meisterwerke auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und
der Technik übergegangen ist, stand mir jeder Zeit zur Verfügung.
Auch der häufige persönliche Verkehr mit *Berthold*, den die
Bayrische Akademie der Wissenschaften mit der Abfassung einer von ihr
herauszugebenden großen Geschichte der Physik betraut hatte[1], war für
die Neuherausgabe des ganzen Werkes von Belang.

Über die Ziele wiederhole ich hier die Worte, die ich der ersten
Auflage vorausgeschickt habe: Die Anteilnahme an der Geschichte der
Wissenschaften ist seit mehreren Jahrzehnten sehr lebhaft. Je mehr
man erkennt, daß sich einer Enträtselung der Natur mit jedem Schritte
weitere Schwierigkeiten entgegenstellen, um so lieber richtet man den
Blick auch wieder rückwärts, um den durchmessenen Weg zu überschauen
und aus dem reichen Gesamtergebnis der bisherigen Forschung neue
Hoffnung auf ein immer tieferes Eindringen in den Zusammenhang der
Naturerscheinungen zu schöpfen. In dem Maße, wie sich ferner die
Tätigkeit des einzelnen auf ein kleines Arbeitsfeld beschränkt, um
so dringender wird das Bedürfnis, das Augenmerk häufiger auf die
Gesamtwissenschaft zu richten. Sie in ihrem gegenwärtigen Umfange
zu überschauen, ist nicht möglich. Wohl aber können wir sie uns in
einem historischen Rückblick vergegenwärtigen, der die Haupttatsachen
hervorhebt, sie verknüpft und zu einer vertieften Auffassung anregt.

Eine wertvolle Frucht des geschichtlichen Studiums ist ferner darin
zu erblicken, daß es vor dogmatischer Einseitigkeit bewahrt, wenn man
sich die Wissenschaft als etwas Werdendes und infolgedessen Unfertiges
vergegenwärtigt. Auch gelangt man zu der Einsicht, daß uns dieselben
oder ähnliche Methoden und Schlußweisen, die man heute anwendet, in der
Entwicklung der Wissenschaft begegnen. Manche Gebiete lassen sich daher
kaum darstellen, ohne an die früheren Untersuchungen, Vorstellungen
und Gedankengänge anzuknüpfen. Aus diesem Grunde ist die genetische
Betrachtungsweise nicht nur in manche Lehrbücher eingedrungen. Es sind
auch zahlreiche Geschichten der Einzelwissenschaften entstanden, und
das Quellenstudium ist durch Neudrucke der oft schwer zugänglichen
älteren Arbeiten belebt worden. Erinnert sei hier nur an *Ostwalds*
großes Unternehmen. Seine »Klassiker der exakten Wissenschaften«
enthalten in 195 Bänden die grundlegenden Abhandlungen aus den Gebieten
der Mathematik, Astronomie, Physik, Kristallographie und Physiologie.

*Das vorliegende Werk soll gewissermaßen den Rahmen für »Ostwalds
Klassiker der exakten Wissenschaften« abgeben und dartun, wie sich
die einzelnen Gebiete gegenseitig auf ihrem Werdegange beeinflußt
haben.* Die Wissenschaftsgeschichte ist vor allem ein wichtiger Teil
der Kulturgeschichte. Sie kann daher nur verstanden werden, wenn wir
sie in ihrem Zusammenhange mit dieser und der allgemeinen Geschichte
betrachten. Eine von solchen Gesichtspunkten ausgehende Darstellung des
Entwicklungsganges der Naturwissenschaften ist von anderer Seite wohl
kaum versucht worden. Wenn ein einzelner sie unternimmt, so muß er in
mancher Beziehung um Nachsicht bitten. Eine Teilung der Arbeit unter
viele erschien nicht angängig, wenn etwas Ganzes entstehen sollte.

Nicht nur dem Historiker, sondern auch dem Fachmanne, der ein
Einzelgebiet bearbeitet, dem Lehrenden, dem Techniker, dem Arzte und
jedem, der sich für die Naturwissenschaften lebhafter interessiert,
dürfte damit gedient sein, ein Werk zu besitzen, das einen Gedanken zu
verwirklichen sucht, dem der Altmeister der historischen Forschung,
*Leopold v. Ranke*, im fünften Bande seiner deutschen Geschichte
Ausdruck verleiht. *Ranke* schreibt dort, es müsse ein herrliches Werk
sein, einmal die Teilnahme, welche die Deutschen an der Fortbildung
der Wissenschaften genommen, im Rahmen der europäischen Entwicklung
mit gerechter Würdigung darzustellen. »Zu einer allgemeinen Geschichte
der Nation«, fügt *Ranke* hinzu, »wäre ein solches eigentlich
unentbehrlich.«

Über dieses von *Ranke* gesteckte Ziel geht das vorliegende Werk
allerdings noch hinaus, da es die Geschichte der exakten Wissenschaften
in ihrem ganzen Umfange schildert. Im übrigen dürfte die von
*Ranke* gestellte Aufgabe erfüllt sein, da sich die »Geschichte
der Wissenschaften in Deutschland« nicht anders als im Rahmen der
Gesamtentwicklung darstellen läßt. Wenn wir die letztere im Auge
behalten, so sind die Naturwissenschaften nicht nur als ein Ergebnis
der gesamten Kultur zu betrachten, sondern auch in ihren Beziehungen
zu den übrigen Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie, zur
Mathematik, zur Medizin und Technik; und es ist zu zeigen, wie sich
diese Zweige des Denkens und der Forschung gegenseitig gefördert und
bedingt haben.

Von einem Werke, das diese Aufgabe zu erfüllen sucht, darf man keine
Vollständigkeit in Bezug auf die biographischen und bibliographischen
Daten erwarten. Doch sind zumal die letzteren in solchem Umfange
aufgenommen worden, daß es zwar nicht als Nachschlagebuch, wohl
aber zur Einführung in das Studium der älteren und neueren
naturwissenschaftlichen Literatur dienen kann. Um diesem Zwecke zu
entsprechen, bringt der letzte Band ausführliche, sich über alle Teile
erstreckende Literatur-, Sach- und Namenregister. Die übrigen Bände
enthalten ein kürzeres Sach- und Namenverzeichnis.

Die Geschichte der Naturwissenschaften ist einer der jüngsten Zweige
der historischen Forschung. Daher ist besonders für die entlegeneren
Zeiten vieles noch unaufgeklärt. Manches ist erst neuerdings mit
dem Fortschreiten der archäologischen und der philologischen
Untersuchungen bekannt geworden. Es sei nur an die wertvollen
Ergebnisse erinnert, die uns die Erschließung der altorientalischen
Kultur und die Erforschung der arabischen Literaturschätze gebracht
haben. Allerdings sind gerade hier die Urteile noch nicht genügend
geklärt, ja häufig genug in wichtigen Punkten einander widersprechend.
Für denjenigen, der in zusammenhängender Darstellung die Entwicklung
der naturwissenschaftlichen Kenntnisse im Altertum und Mittelalter
schildern will, ergeben sich daraus nicht geringe Schwierigkeiten.
Manche Angabe wird bei dem einen auf Zustimmung, bei dem anderen auf
Widerspruch stoßen. Das Gleiche gilt von den Ansichten, die wir uns
über die Zusammenhänge und die Ursachen bilden können.

Diese Umstände haben mich aber nicht abgehalten, ein Gesamtbild zu
entwerfen und damit eine schon lange angestrebte Aufgabe, deren
Bewältigung immer dringender wird, in Angriff zu nehmen. Denn nur in
dem Gesamtbilde erhalten die zahllosen Einzelergebnisse der Forschung
erst ihren vollen Wert, während sie in ihrer Vereinzelung oft genug
geringwertig oder gar bedeutungslos erscheinen.

Zur Belebung der Wissenschaftsgeschichte ist bisher recht wenig
geschehen. Umfassende Vorlesungen darüber fehlen selbst an den
größeren Hochschulen wohl noch überall. Ja, es gibt sogar eine ganze
Reihe von Universitäten, an denen auch nicht einmal das bescheidenste
historische Kolleg über einen besonderen Zweig der so gewaltig
emporgeblühten Naturwissenschaften gehalten wird, während Vorlesungen
über die Geschichte der Philosophie, der Kunst, der Literaturen usw.
nirgends fehlen. Was uns nottut, ist ein besonderer Lehrstuhl für die
Geschichte der Naturwissenschaften an jeder Hochschule. Solange solche
fehlen, dürfte ein Werk wie das vorliegende dem wissenschaftlichen
Nachwuchs einen gewissen Ersatz bieten. Ich habe es daher mit
Freuden begrüßt, daß einzelne Hochschullehrer ihre Hörer auf die
Wichtigkeit des eindringenderen geschichtlichen Studiums hinweisen.
So schreibt Herr Dr. *A. Stock*, Prof. an der Universität Berlin und
am Kaiser-Wilhelmsinstitut in Dahlem, seit Jahren empfehle er seinen
Hörern in der einführenden Vorlesung über experimentelle Chemie »Die
Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange.«
Es ist also zu hoffen, daß das unter der Mitwirkung mehrerer
Hochschullehrer erneut erscheinende Werk auch in dieser Hinsicht seine
Aufgabe erfüllen wird.

                    Friedrich Dannemann.



Inhalt.


1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften.

(S. 1-62.)

1. Einleitendes. -- 2. Die Kultur der alten Ägypter. -- 3. Die
Literatur der Ägypter. -- 6. Mathematik und Technik der Ägypter. --
14. Die Anfänge der Metallurgie. -- 15. Die babylonisch-assyrische
Kultur. -- 17. Keilschriftfunde. -- 18. Die Mathematik der Babylonier.
-- 20. Der Ursprung der Astronomie. -- 22. Einteilung des Jahres. --
24. Anfänge der Astrologie. -- 26. Astronomische Urkunden. -- 28.
Finsternisse, Kometen, Schaltjahr. -- 31. Genauigkeit der Messungen.
-- 33. Die Chaldäer. -- 35. Mondbewegung. -- 36. Der Gnomon. -- 38.
Maße und Gewichte. -- 41. Die Gewinnung des Eisens. -- 42. Kupfer,
Zink und Zinn. -- 44. Glasbereitung. -- 45. Die Anfänge der Heilkunde.
-- 48. Erstes naturgeschichtliches Wissen. -- 51. Die alte Kultur
Süd- und Ostasiens. -- 53. Die Mathematik der Inder. -- 56. Indische
Rechenkunst. -- 59. Heilkunde und Chemie bei den Indern. -- 61. Die
Astronomie der Chinesen.


2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis zum
Zeitalter des Aristoteles.

(S. 63-103.)

65. Anfänge der griechischen Astronomie. -- 67. Anfänge der
Erdbeschreibung. -- 69. Ionische Naturphilosophie. -- 71. Mechanische
Naturerklärung. -- 73. Zweckbegriff. -- 79. Pythagoras und seine
Schule. -- 84. Quadratur des Kreises und Würfelverdopplung. -- 86.
Kegelschnitte. -- 89. Kalenderrechnung. -- 91. Die sieben Planeten.
-- 93. Die heliozentrische Weltanschauung. -- 96. Gestalt und Größe
der Erde. -- 97. Pflanzenkenntnis der Griechen. -- 99. Die Anfänge
der Zoologie. -- 100. Keime der Descendenzlehre. -- 101. Ursprung der
griechischen Heilkunde.


3. Das aristotelische Zeitalter.

(S. 104-151.)

104. Aristoteles und seine Zeit. -- 107. Die Werke des Aristoteles. --
109. Die Philosophie des Aristoteles. -- 112. Fall und Hebelgesetz.
-- 114. Parallelogrammgesetz. -- 115. Die Anfänge der Akustik und
der Optik. -- 117. Das Himmelsgebäude nach Aristoteles. -- 121. Die
Natur der Weltkörper. -- 123. Anfänge der physischen Erdkunde. -- 125.
Einsicht in die geologischen Vorgänge. -- 127. Die vier aristotelischen
Elemente. -- 129. Die Begründung der Zoologie. -- 133. Die Einteilung
des Tierreichs. -- 137. Bau und Lebensweise. -- 138. Ernährung und
Sexualität der Pflanzen. -- 141. Botanik und Heilkunde. -- 143.
Geographie der Pflanzen. -- 146. Bau und Entwicklung der Pflanzen.
-- 148. Mineralogie und Bergbau. -- 149. Einfluß und Dauer des
aristotelischen Lehrgebäudes.


4. Das alexandrinische Zeitalter.

(S. 152-207.)

154. Die Begründung eines Systems der Mathematik. -- 157. Das Leben und
die Bedeutung des Archimedes. -- 159. Die Erfindungen des Archimedes.
-- 163. Die Anfänge der höheren Mathematik. -- 165. Rotationskörper.
-- 167. Kegelschnitte. -- 170. Das archimedische Prinzip. -- 172.
Fortschritte der Optik und Akustik. -- 174. Die Grundlagen der
wissenschaftlichen Erdkunde. -- 177. -- Die Ausmessung der Erde. --
180. Die Bestimmung von Sternörtern. -- 182. Entfernung und Größe
von Mond und Sonne. -- 184. Astronomie und Geometrie. -- 186. Die
Entdeckung der Präzession. -- 188. Die Anfänge der wissenschaftlichen
Kartographie. -- 190. Physik der Gase und der Flüssigkeiten. -- 193.
Herons Apparate und Automaten. -- 196. Wasserorgel. -- 197. Thermoskop.
-- 198. Flaschenzug. -- 199. Wegmesser. -- 200. Grundlagen der
Vermessungskunde. -- 201. Herons Werke. -- 205. Naturbeschreibung und
Medizin im alexandrinischen Zeitalter.


5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.

(S. 208-245.)

208. Allgemeingeschichtliches. -- 209. Einfluß des Hellenismus. -- 211.
Meßkunst und Astronomie bei den Römern. -- 213. Regelung des Kalenders.
-- 215. Pflege der Ingenieurmechanik. -- 219. Die Literatur während der
Kaiserzeit. -- 220. Plinius. -- 222. Quellen des Plinius. -- 226. Die
»Naturgeschichte« des Plinius. -- 233. Fortschritte der Anatomie und
der Heilkunde. -- 239. Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde.
-- 240. Die römische Naturauffassung bei Lukrez und Seneka. -- 244.
Chemische Kenntnisse und ihre Anwendungen.


6. Der Ausgang der antiken Wissenschaft.

(S. 246-284.)

246. Das ptolemäische Weltsystem. -- 249. Die Epizyklentheorie. -- 252.
Hilfswissenschaften der Astronomie. -- 255. Astronomische Meßwerkzeuge.
-- 257. Fortschritte der Geographie. -- 258. Astronomie und Geographie.
-- 260. Physische Geographie. -- 262. Forschungsreisen. -- 265.
Förderung der Optik. -- 267. Theorie des Sehens. -- 268. Elektrizität
und Magnetismus. -- 270. Die Anfänge der Chemie. -- 272. Metallurgie
und Alchemie. -- 277. Alchemie und Astrologie. -- 278. Alchemistische
Urkunden. -- 281. Altertum und Mittelalter.


7. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.

(S. 285-295.)

285. Allgemeingeschichtliches. -- 286. Wissenschaft und Kirche. -- 289.
Christentum und Germanentum. -- 291. Wissenschaft und Klosterwesen. --
293. Die Erhaltung der alten Schriftwerke. -- 294. Enzyklopädien der
Wissenschaften.


8. Das arabische Zeitalter.

(S. 296-331.)

296. Die Wissenschaften und der Islam. -- 299. Vermittlerrolle der
Araber. -- 301. Die Bedeutung der arabischen Literatur. -- 303.
Mathematische Geographie und Astronomie. -- 305. Astronomie und
Trigonometrie. -- 306. Astronomische Instrumente. -- 308. Der Kompaß.
-- 310. Die Rechenkunst der Araber. -- 312. Die Ausbreitung der
arabischen Wissenschaft. -- 314. Die Optik bei den Arabern. -- 319.
Die Chemie im arabischen Zeitalter. -- 322. Alchemistische Schriften.
-- 324. Säuren und Metalle. -- 325. Alchemistische Theorien. -- 326.
Stein der Weisen. -- 327. Mineralogische Kenntnisse der Araber. -- 328.
Arabische Bearbeitungen der Zoologie. -- 329. Botanische Schriften. --
330. Heilkunde. -- 331. Verfall der arabischen Kultur.


9. Die Wissenschaften unter dem Einfluß der christlich-germanischen
Kultur.

(S. 332-369.)

332. Allgemeingeschichtliches. -- 335. Die Kultur im Reiche der
Franken. -- 336. Anfänge einer mitteleuropäischen Literatur.
-- 338. Christliche Völker und Islam. -- 341. Erweiterung des
geographischen Gesichtskreises. -- 342. Handel und Städtewesen. --
343. Die Wiederbelebung der alten Literatur. -- 346. Die Zoologie
im Mittelalter. -- 350. Die Botanik im Mittelalter. -- 352. Die
»Tiergeschichte« des Albertus Magnus. -- 353. Roger Bacon. -- 355.
Bacons Naturlehre. -- 357. Bacons optische Kenntnisse. -- 361.
Mittelalterliches Denken. -- 365. Die Naturwissenschaften im 14.
Jahrhundert. -- 366. Das Weltbild des Mittelalters.


10. Das Wiederaufleben der Wissenschaften.

(S. 370-402.)

370. Mittelalter und Renaissance. -- 372. Dante und Petrarka. -- 373.
Die Ausbreitung des Humanismus. -- 377. Humanismus und Kirche. --
379. Humanismus und Naturwissenschaft. -- 382. Lionardo da Vinci. --
384. Lionardos Manuskripte. -- 386. Lionardos Erfindungen. -- 388.
Wechselwirkung von Kunst und Wissenschaft. -- 392. Das Wiedererwachen
der Astronomie. -- 395. Astronomische Tafeln. -- 396. Astronomische
Instrumente. -- 398. Astronomie und Nautik. -- 400. Die Wiederbelebung
der Naturbeschreibung.


11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch Koppernikus.

(S. 403-419.)

403. Koppernikus. -- 407. Die Vorläufer des Koppernikus. -- 408. Das
Koppernikanische Weltsystem. -- 412. Aufnahme und Ausbreitung der
heliozentrischen Lehre. -- 415. Das unendliche Universum. -- 417.
Astronomie und Kartographie.


12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen
Naturwissenschaften.

(S. 420-445.)

421. Die Physik im 16. Jahrhundert. -- 428. Entdeckungen auf dem
Gebiete der Optik. -- 429. Die Lehre vom Magnetismus. -- 430. Anfänge
der Dynamik. -- 431. Alchemie und Jatrochemie. -- 435. Paracelsus.
-- 437. Die Neubegründung der Mineralogie. -- 439. Agricolas
mineralogische Schriften. -- 441. Anfänge der neueren Geologie. -- 443.
Anfänge der Paläontologie.


13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen
Naturwissenschaften.

(S. 446-467.)

446. Naturwissenschaften und Entdeckungsreisen. -- 450. Die Erneuerung
der Botanik. -- 451. Kräuterbücher. -- 455. Die Anordnung der Pflanzen.
-- 458. Die Erneuerung der Zoologie. -- 462. Das Wiederaufleben der
Anatomie. -- 464. Vesals anatomisches Hauptwerk. -- 466. Anatomie und
Chirurgie.



1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften.


Den ersten naturwissenschaftlichen und mathematischen Lehrgebäuden,
die in der Blütezeit des griechischen Geisteslebens entstanden, gingen
ungemessene Zeiträume voraus, in denen die einfachsten Überlegungen
und Beobachtungen, die Grundlagen aller Wissenschaft, teils zufällig,
teils auch schon mit bestimmter Absicht angestellt, selten aber nach
ihrem Werte gesichtet und aufgezeichnet wurden. Aus dieser Periode
stammende Urkunden sind deshalb höchst spärlich, so daß sich die
Wurzeln der Naturwissenschaften wie so mancher anderen Betätigungen des
menschlichen Geistes, im Dunkel vorgeschichtlicher Zeiten verlieren.
Soviel ist jedoch gewiß, daß wir diese Wurzeln nicht in Griechenland
zu suchen haben, wo uns die ersten wissenschaftlichen Systeme
entgegentreten.

In den Niederungen des Nils und des Euphrats, den ältesten Stätten
der Kultur, haben sich auch die ersten Kenntnisse entwickelt, die
sich über die Ergebnisse der oberflächlichen Betrachtung und der
naiven Anschauung erhoben. Durch die Berührung mit den in Ägypten und
in Vorderasien entstandenen Elementen entzündete sich alsdann der
prometheische Funke, der in den Griechen schlummerte. Ihnen gelang es,
diese Elemente nicht nur in sich aufzunehmen, sondern sie durch eigenes
Forschen zu vervielfältigen und den Baum der Erkenntnis zu pflanzen,
der nach einer langen Zeit der Dürre zu dem gewaltigen Stamme erwuchs,
von dem die Segnungen der heutigen Kultur in erster Linie ausgegangen
sind.

Die Entwicklung der Naturwissenschaften ist seit der frühesten Zeit
mit derjenigen des mathematischen Denkens Hand in Hand gegangen. Auch
in dieser Hinsicht sind die ersten Regungen auf die Ägypter und die
Babylonier zurückzuführen. War man früher bezüglich dieser beiden
Völker fast nur auf die uns durch die Literatur übermittelten, zum
Teil recht zweifelhaften Berichte angewiesen, so hat unser Zeitalter,
indem es den Schutt von den Ruinen Ägyptens und Mesopotamiens wegräumte
und die alten Schriftzeichen entziffern lernte, die Geschichte, die
Kenntnisse, ja das gesamte Leben jener ältesten Völker aus dem Dunkel
und der Vergessenheit nach Jahrtausenden ans Licht gebracht.

Zwar ist die Kultur im Osten und im Süden Asiens vielleicht ebenso
früh entstanden wie diejenige, die in den Tälern des Nils und des
Euphrats emporblühte. Dennoch wird eine Geschichte der gesamten exakten
Wissenschaften auf Indien und China nur wenig Rücksicht zu nehmen
brauchen, weil die dort wohnende Bevölkerung sehr abgeschlossen lebte
und infolgedessen auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen
Kenntnisse in Vorderasien und Europa nur geringen Einfluß gehabt hat.


Die Kultur der Ägypter.

Wenden wir uns daher zunächst den Ägyptern zu, dem Volke, das
wohl die älteste Literatur und die ersten mathematischen,
naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisse hervorbrachte.
Die griechische Überlieferung, nach welcher die Ägypter von
Süden her aus Äthiopien in das Niltal eingewandert sind, hat der
neueren anthropologischen und Altertumsforschung gegenüber nicht
Stand gehalten[2]. Wir müssen vielmehr annehmen, daß die alten
Ägypter protosemitischen Ursprungs, also mit den Babyloniern durch
Abstammung verwandt waren[3]. Darauf weisen nicht nur sprachliche
Eigentümlichkeiten, sondern auch der Umstand hin, daß die Kultur sich
in Ägypten[4] von der Mündung aus stromaufwärts ausbreitete.

Der fruchtbare, zu beiden Ufern des Nils sich durch die Wüste
hinziehende Streifen Landes, der das eigentliche Ägypten bildet, erwies
sich in der Hand der geistig höher begabten Ankömmlinge als ein für die
Entwicklung einer hohen Kultur vortrefflich geeigneter Boden. Zuerst
erblühte sie in Memphis, in dessen Mauern die Wissenschaften gepflegt
wurden und die Künstler Meisterwerke hervorbrachten. Die höchste Blüte
entfaltete sie indessen, nachdem um das Jahr 1600 v. Chr. das neue
Reich mit der Hauptstadt Theben gegründet war. In der Nähe der beiden
Hauptplätze entstanden in der Wüste monumentale Begräbnisstätten,
welche den Wechsel der Zeiten in solchem Maße überstanden haben,
daß durch die neuere archäologische Forschung, wie einer ihrer
Hauptvertreter sagt[5], nach und nach das ganze alte Ägypten wieder
emporsteigt und im vollen Lichte der Geschichte erscheint, so daß die
Menschen jener entlegenen Zeiten für uns die gleiche Wirklichkeit
erhalten wie die alten Griechen und Römer.

Bis zum 19. Jahrhundert war man im wesentlichen auf die Berichte
griechischer und römischer Schriftsteller angewiesen. Zahlreiche,
mit der ägyptischen Hieroglyphenschrift bedeckte Schriftdenkmäler
waren zwar nach Europa gelangt. Die Kenntnis dieser Schrift, sowie
der daraus durch Abkürzung entstandenen hieratischen und demotischen
Form[6], war aber mit dem Ende des 3. Jahrhunderts infolge des
siegreichen Vordringens des Christentums verloren gegangen. Um ihre
Entzifferung bemühte man[7] sich schon im 17. Jahrhundert. Sie gelang
erst, als nach dem ägyptischen Feldzuge Napoleons die archäologische
Erforschung des Nillandes in Angriff genommen wurde. Epochemachend war
die Entdeckung einiger in Stein gemeißelter Erlasse, wie desjenigen
von Rosette (1799). Es ist das eine Basalttafel (jetzt im Britischen
Museum), welche die nämliche Bekanntmachung (von 197 v. Chr.) in
drei verschiedenen Sprachen enthält. Der eine Text bedient sich der
altägyptischen Sprache und der Hieroglyphenschrift. Die Übersetzungen
dagegen sind in der Volkssprache und der ihr entsprechenden demotischen
Schrift, sowie in griechischer Sprache und Schrift erfolgt. Das größte
Verdienst um die Entzifferung hat sich *Champollion*, der Begründer
der Ägyptologie, erworben. Unter den Fortsetzern seines Werkes ist
vor allem *Lepsius*, der eine preußische Expedition zur Erforschung
der Denkmäler Ägyptens (1842-45) leitete, zu nennen. Er entdeckte
das in zwei Sprachen abgefaßte Dekret von Kanopus (238 v. Chr.), das
einen Einblick in die Zeitrechnung der alten Ägypter gewährt. Zu den
Steininschriften sind in großer Zahl Texte auf Papyrus, Leder und
Tonscherben getreten. Auch Keilschriften haben sich auf ägyptischem
Boden (in Tell el-Amarna; siehe S. 15) gefunden.

Der Gründung der ersten ägyptischen Dynastie, die um 3300 v. Chr.
durch Mena (Menes) erfolgte, müssen schon ausgedehnte Zeiträume einer
ruhigen Entwicklung vorausgegangen sein, da uns schon während der
ersten Dynastien, deren die ägyptische Geschichte bis zum Beginn der
griechischen Herrschaft insgesamt dreißig zählt, eine hochentwickelte
Kultur entgegentritt. Dies spricht sich sowohl in den erhaltenen
Baudenkmälern, wie in den schriftlichen Überlieferungen jenes
Zeitraumes aus. So sind die während der vierten Dynastie von Chufu,
Chafra und Menkera errichteten großen Pyramiden nicht nur wahre Wunder
der Baukunst, sondern die ganze Anlage dieser, im 4. Jahrtausend
v. Chr. Geburt entstandenen Werke weist auf astronomische und
mathematische Kenntnisse hin, die man in solch altersgrauer Zeit kaum
vermuten sollte. So sind die vier Seiten der Pyramiden genau nach den
Haupthimmelsgegenden gerichtet, während der Winkel, den die Seitenwände
mit der Grundfläche bilden, wenig oder gar nicht von 52° abweicht, eine
Tatsache, die, wie wir später sehen werden, auf elementare Kenntnisse
in der Trigonometrie und Ähnlichkeitslehre hinweist.

Auch daß man schon ein Jahrtausend vor Menes, nämlich im Jahre 4241
v. Chr., in Unterägypten nach einem verbesserten Kalender zu rechnen
begann, spricht dafür, daß die Ägypter bereits ein Kulturvolk waren,
als sonst überall auf der Erde, Babylonien nicht ausgeschlossen, das
Dunkel vorgeschichtlicher Zustände herrschte[8].

Daß für die Anlage der altägyptischen Bauwerke häufig astronomische
Gesichtspunkte maßgebend waren, beweist uns auch die Lage mancher
Tempel. So ist durch den englischen Astronomen *Lockyer* ein Tempel
bekannt geworden, dessen Hauptachse gegen den Aufgangspunkt des von
den Ägyptern als Gottheit verehrten Sirius gerichtet ist[9]. Nach
*Lockyer* weist die Achse eines anderen Tempels auf den Punkt, an dem
die Sonne zur Zeit der Sommersonnenwende untergeht. Bei der gewaltigen
Länge des Tempels vermochten die Sonnenstrahlen nur an diesem einen
Zeitpunkt des Jahres durch den ganzen Tempel hindurch zu scheinen. Auf
solche Weise wurden die Tempel zu astronomischen Observatorien, die
eine genauere Bestimmung der Jahreslänge ermöglicht haben[10].

Aus den ägyptischen Baudenkmälern läßt sich auch ermitteln, wann die
Bewohner des Nillandes mit der babylonischen Sechsteilung des Kreises
bekannt wurden. Bis zur Zeit der 18. Dynastie begegnen uns nämlich nur
Verzierungen, die auf der Vierteilung des Kreises beruhen. Mit der
19. Dynastie tritt an Ornamenten und an Wagenrädern die Teilung nach
der Sechs auf. Nun ist bekannt geworden, daß um jenen Zeitpunkt, als
Vorderasien den Ägyptern tributpflichtig wurde, Geschenke an den Hof
der Pharaonen gelangten, welche die Sechs- und Zwölfteilung des Kreises
aufweisen[11]. Wir können also an diesem Beispiel verfolgen, auf
welchen Wegen die Kenntnisse von Volk zu Volk übermittelt wurden.

Der außerordentlich frühen Verwendung von Schriftzeichen entspricht
es, daß die ältesten Dynastien bereits Aufzeichnungen sammelten. Im
3. Jahrtausend v. Chr. gab es schon besondere Beamte, welche die
Bibliotheken verwalteten. Ja, ein Sohn des Mena, des Begründers der
ersten Dynastie, wird als Verfasser medizinischer Schriften erwähnt[12].

Die ägyptische Bilder- oder Hieroglyphenschrift tritt uns auf den
älteren ägyptischen Denkmälern als etwas Fertiges entgegen. Offenbar
ist sie aber das Erzeugnis einer langen vorgeschichtlichen Entwicklung.
Nicht nur Gegenstände, sondern auch abstrakte Begriffe und Zeitwörter
vermochte diese Schrift zum Ausdruck zu bringen. Ohne Verkürzung und
Vereinfachung finden wir die Hieroglyphen[13] nur auf Steindenkmälern,
deren sorgfältig bearbeitete Flächen jeden Beschauer in Erstaunen
setzen. Für den täglichen Gebrauch wurden die Zeichen später in solchem
Grade vereinfacht, daß ihre ursprüngliche Form kaum wieder zu erkennen
ist (s. S. 3).

Indes nicht nur von den Geschehnissen, der Tracht und den Gebräuchen,
sondern auch von dem Wissen jener Zeiten können wir uns auf Grund
der aus den Gräbern und Tempeln von Memphis und Theben herrührenden
Schriftdenkmäler heute ein ziemlich zutreffendes Bild machen.

Daß schon zur Zeit des alten Reiches in Ägypten eine umfangreiche
Literatur bestand, kann mit Sicherheit angenommen werden. Besaß doch,
wie aus einer Grabinschrift bei Gizeh hervorgeht, ein Großwürdenträger,
der um 2200 v. Chr. lebte, den Titel »Verwalter des Bücherhauses«[14].
Von jener ältesten Literatur sind jedoch nur spärliche Bruchteile
erhalten geblieben. Neben religiösen, moralphilosophischen und
geschichtlichen Schriften umfaßte diese Literatur auch Abhandlungen
über Astronomie, Mathematik und Heilkunde, welche die Grundlagen für
spätere vollständigere, auf uns gekommene ägyptische Schriftdenkmäler
gebildet haben.

Ihren Höhepunkt erreichte die altägyptische Kultur um das Jahr 2000
vor Christi Geburt. Um diese Zeit wurde Ägypten zur Großmacht, die
erobernd in Vorderasien eindrang und mit dem babylonischen Reich in
enge Fühlung trat. Es entwickelte sich sogar ein reger schriftlicher
Verkehr zwischen den Pharaonen und den Königen Babylons, sowie den
asiatischen Vasallen. Dies beweisen die in großer Zahl im Jahre 1888 in
Ägypten[15] aufgefundenen Tontafeln mit Keilinschriften, welche heute
den wertvollsten Schatz der Museen von Kairo, London und Paris bilden.


Mathematik und Technik der Ägypter.

In Ägypten, sagt *Aristoteles* (Metaphys. I, 1), entstand die
mathematische Wissenschaft, denn hier war den Priestern die dazu
nötige Muße vergönnt. Nach einer Erzählung *Herodots*[16] dagegen
entsprang für die Ägypter die Notwendigkeit, die Geometrie zu
erfinden, dem Umstande, daß die Grenzen ihrer Ländereien durch die
jährlichen Überschwemmungen des Nils verwischt wurden und deshalb
durch Vermessung wiederhergestellt werden mußten. Welche Bewandtnis
es auch mit diesem Bericht des griechischen Geschichtsschreibers
haben mag, jedenfalls ist die Geometrie der frühesten Kulturvölker
aus den Bedürfnissen des Lebens hervorgegangen. Die Ansicht, daß
sie einem idealistischen Drange entsprungen sei, dürfte nur für die
späteren Entwicklungsstufen zutreffen[17]. Für das ehrwürdige Alter
der Mathematik in Ägypten spricht auch die von dort stammende älteste
Urkunde dieser Wissenschaft[18]. Es ist dies eine Art Handbuch für
den praktischen Gebrauch, das um das Jahr 1800 v. Chr. verfaßt
wurde und neben zahlreichen arithmetischen Aufgaben, bei denen
schon die Bruchrechnung Anwendung findet, auch die erste Behandlung
arithmetischer und geometrischer Reihen, Flächenberechnungen der
einfacheren Figuren, wie sie für die Absteckung der Felder in Betracht
kommen, sowie die Bestimmung des Rauminhalts von Fruchtspeichern
enthält. Sogar der Flächeninhalt des Kreises wird in diesem Papyrus
ermittelt. Dies wird in der Weise bewerkstelligt, daß man über dem um
1/9 verminderten Durchmesser ein Quadrat errichtet. Hieraus läßt sich
für π der überraschend genaue Wert 3,16 (statt 3,14) berechnen.

Bezeichnend sind die Worte, mit denen *Ahmes* sein Handbuch einleitet.
Sie lauten: »Vorschrift, zu gelangen zur Kenntnis aller dunklen Dinge
und Geheimnisse, welche in den Gegenständen enthalten sind.« Sie
erinnern an die 1-1/2 Jahrtausend später auftretenden Pythagoreer,
die auch Zahl und Maß als wirkliche, in den Dingen geheimnisvoll
schlummernde Wesen betrachteten. Auf das außerordentlich hohe Alter der
Mathematik in Ägypten läßt sich übrigens auch daraus schließen, daß
*Ahmes* in seiner Einleitung ausdrücklich sagt, er habe sein Buch nach
alten Schriften verfaßt, die zur Zeit eines früheren Königs entstanden
seien. Diese Schriften waren, wie aus jener Zeitangabe hervorgeht, etwa
500 Jahre älter als das Buch des *Ahmes* und setzen ihrerseits wieder
eine lange Periode voraus, in welcher die niedergelegten Kenntnisse
langsam heranwuchsen, ohne schriftlich festgelegt zu werden.

Ohne Zweifel hat man, da das Rechnen aus den Bedürfnissen des Lebens
entsprungen ist, zuerst mit benannten Zahlen gerechnet und ist erst
später zu abstrakten Zahlen übergegangen. Das Rechnen mit diesen stand,
wie der Papyrus Rhind beweist, im 20. Jahrhundert v. Chr. bereits auf
einer Höhe, wie man sie vor dem Bekanntwerden jener wichtigen Urkunde
nicht vermuten konnte[19].

*Ahmes* setzt das Rechnen mit ganzen Zahlen voraus und befaßt sich in
seinen Aufgaben unter Anwendung der Brüche besonders mit dem, was wir
heute Gesellschaftsrechnung nennen. Die von ihm benutzten Brüche sind
Stammbrüche, d. h. solche, die eins als Zähler haben. Einen Stammbruch
schreibt er, indem er über die Zahl des Nenners einen Punkt setzt.
Jeder andere Bruch wird als Summe von Stammbrüchen ausgedrückt, z. B.
2/5 durch 1/3 und 1/15, die ohne Additionszeichen nebeneinander gesetzt
werden. Die Darstellung eines beliebigen Bruches durch Stammbrüche
stellt *Ahmes* an die Spitze.

Um Brüche, die keine Stammbrüche sind, in Summen von Stammbrüchen zu
verwandeln, gibt *Ahmes* eine Tafel der Brüche[20] von der Form 2/(2n +
1) (n = 1, 2, 3 ... 49). Brüche mit höherem Zähler werden in eine Summe
gleichnamiger Brüche zerlegt. An solchen Stammbruchsummen werden die
Grundrechnungsarten vollzogen.

Manche Aufgabe, die *Ahmes* bringt, stellt sich als eine Gleichung
ersten Grades mit einer Unbekannten dar. Letztere wird als Haufen
bezeichnet. So lautet ein Beispiel: »Haufen, sein 2/3, sein 1/2, sein
1/7, sein Ganzes, es beträgt 33.« Das heißt nach heutiger Schreibweise:
(2/3)x + (1/2)x + (1/7)x + x = 33. Um x zu finden, wird dann (2/3 + 1/2
+ 1/7 + 1) so lange vervielfältigt, bis 33 herauskommt. Als weiteres
Beispiel sei eine von den Aufgaben aus der Gesellschaftsrechnung
mitgeteilt. Sie lautet: »Zu verteilen 700 Brote unter vier Personen,
2/3 für den Einen, 1/2 für den Zweiten, 1/3 für den Dritten, 1/4
für den Vierten.« Als Gleichung geschrieben würde die Aufgabe in
der Ausdrucksweise der heutigen Arithmetik lauten: (2/3)x + (1/2)x
+ (1/3)x + (1/4)x = 700. Der Wert für x wird dann nach folgender
Vorschrift gefunden: Addiere 2/3, 1/2, 1/3 und 1/4; das gibt 1 + 1/2 +
1/4. Teile dann 1 durch 1 + 1/2 + 1/4; das gibt 1/2 + 1/14. Nimm dann
1/2 und 1/14 von 700; das ergibt 400 für x.

Außer der Hieroglyphe für die Unbekannte (unser x) besaßen die alten
Ägypter noch einige andere Operationszeichen. Z. B. galt ein Zeichen,
das schreitende Beine darstellt, je nach der Richtung als Zeichen
für die Addition oder als solches für die Subtraktion. Auch für die
Gleichsetzung war ein Zeichen vorhanden. Bekannt war auch schon der
Begriff der Wurzel. Bis vor kurzem nahm man an, daß die alten Ägypter
diesen Begriff nicht kannten. Neuerdings sind aber Papyrusfragmente
(aus der 12. Dynastie) bekannt geworden, in denen sich vermerkt findet,
daß √(16) = 4, √(6-1/4) = 2-1/2 und √(1-9/16) = 1-1/4 ist[21].

Das Verfahren des Wurzelziehens dagegen ist wahrscheinlich erst in der
pythagoreischen Schule entwickelt worden, als man größere Quadratzahlen
bildete, deren Grundzahl nicht ohne weiteres ersichtlich war, vor allem
aber, als es galt, nach dem pythagoreischen Lehrsatz die Hypotenuse aus
den Katheten zu berechnen.

Ferner begegnen uns Gleichungen wie die folgenden:

  2^2 + (1-1/2)^2 = (2-1/2)^2

  6^2 + 8^2 = 10^2.

Endlich sind Rollen aus der Zeit um 2000 v. Chr. bekannt geworden,
in denen sich Anweisungen über die Festlegung der Wandrichtungen bei
Tempelbauten finden. Das Verfahren bestand im »Seilspannen«, das heißt,
man teilte ein Seil im Verhältnis 3 : 4 : 5 und bildete aus diesen
Stücken ein Dreieck, um so den gesuchten rechten Winkel zu erhalten.
Darauf stützt sich die Ansicht, daß der pythagoreische Lehrsatz wohl
auf ägyptische Anregungen zurückzuführen sei[22].

Ganz geschickt waren die Ägypter, wie aus dem Handbuch des *Ahmes*
hervorgeht, auch schon in der Lösung von Aufgaben, die auf die
Anwendung von arithmetischen und geometrischen Reihen hinauslaufen.
Auch hier mögen einige Beispiele uns mit den ersten Schritten auf
diesem Gebiete bekannt machen. *Ahmes* stellt die Aufgabe, 100 Brote
an 5 Personen in arithmetischer Progression so zu verteilen, daß
die zwei ersten Personen, welche die geringeren Anteile erhalten,
zusammen 1/7 von dem bekommen, was auf die 3 übrigen Personen entfällt.
*Ahmes* setzt zunächst das kleinste Glied gleich 1 und sagt dann ohne
Begründung: »Mache, wie geschieht, den Unterschied gleich 5-1/2«. So
erhält er die arithmetische Reihe: 1, 6-1/2, 12, 17-1/2, 23. Sie genügt
zwar der Bedingung, daß die Summe der beiden ersten Glieder gleich 1/7
von der Summe der drei letzten ist. Indessen enthält diese Reihe statt
der gegebenen 100 nur 60 Einheiten. Da aber 100 das 1-2/3fache von 60
ist, verbessert *Ahmes* den unrichtigen, aber auch nur vorläufigen
Ansatz, indem er jedes Glied der Reihe mit 1-2/3 multipliziert. Er
findet so ganz richtig die allen Bedingungen entsprechende Reihe 1-2/3,
10-5/6, 20, 29-1/6, 38-1/3.

Bei einer anderen Aufgabe schimmert schon die Kenntnis der
Summierungsformel[23] für die geometrische Reihe durch. Als Summe der
fünf ersten Potenzen von sieben: 7 + 49 + 343 + 2401 + 16807 wird
19607 gefunden. Dies geschieht nicht nur durch Addition, sondern indem
*Ahmes* das Produkt von 2801 und 7 bildet. Letzteres Verfahren steht
nun in auffallender Übereinstimmung mit der Summenformel s = ((a^n -
1)/(a - 1)) · a. Denn für den vorliegenden Fall ist ((a^n - 1)/(a - 1))
· a = ((7^5 - 1)/6) · 7 = 2801 · 7.

Weit verbreitet war bei den Ägyptern wie bei den Griechen und den
übrigen Völkern des Altertums das Rechenbrett (Abacus). Die Zahlen
wurden eingeschrieben oder durch Steinchen, Stifte oder sonstige Marken
bezeichnet[24].

Vergegenwärtigt man sich die Wunder der Ingenieur- und der Baukunst,
welche die alten Ägypter schufen, sowie ihre von *Herodot* erwähnten
Kenntnisse in der Vermessungskunde, so muß man annehmen, daß die
Geometrie bei diesem Volke nicht minder wie das Rechnen gepflegt wurde.

Höchst wahrscheinlich gab es auch für die Geometrie schon Lehrbücher
von der Art, wie uns der Zufall ein solches in dem Handbuch des
*Ahmes* für die Arithmetik in die Hände gespielt hat. Leider ist ein
ausschließlich der Geometrie gewidmeter Papyrus bisher noch nicht
entdeckt worden. Indessen hat sich das Handbuch des *Ahmes* auch für
die Kenntnis des geometrischen Wissens der Ägypter als eine Fundgrube
erwiesen[25]. In welcher Weise die Fläche des Kreises ermittelt
wurde, haben wir schon erwähnt. Hier sei noch ein Beispiel für die
Dreiecksberechnung mitgeteilt. Es handelt sich um ein gleichschenkliges
Dreieck, dessen Schenkel 10 und dessen Grundlinie 4 Maßeinheiten lang
sind. »Die Hälfte von 4 wird mit 10 vervielfältigt; sein Flächeninhalt
ist es.« So lautet die Lösung bei *Ahmes*[26]. Eine Begründung dieses
Verfahrens, das ja zwar kein richtiges, indessen, wenn die Basis
verhältnismäßig klein ist, ein von der Wahrheit nur wenig abweichendes
Ergebnis liefert, findet sich bei *Ahmes* nicht. Seiner Lösung liegt
die Formel (b/2) · a zugrunde (siehe Abb. 1), während die richtige
Formel b/2 · √(a^2 - (b^2/4)) lautet. Letztere läuft also auf die
Ausziehung einer Quadratwurzel hinaus, ein Verfahren, das bei *Ahmes*
nirgends vorkommt, und das er vermutlich auch nicht kannte, so daß wir
eine genaue Berechnung des Flächeninhalts von ihm auch nicht erwarten
dürfen.

[Illustration: Abb. 1.]

Handelte es sich um das Ausmessen von weniger einfachen Figuren, so
bedienten sich die Ägypter der Zerlegung durch Hilfslinien. So hat man
alte Zeichnungen gefunden, in denen das Paralleltrapez auf mehrfache
Weise zerlegt ist (s. Abb. 2).

[Illustration: Abb. 2. Geometrische Elemente in altägyptischen
Verzierungen[27].]

In den Geräten und Zieraten, die auf der Kreisteilung beruhen, kommt
die Teilung in 4 und 8, sowie in 6 und 12 Sektoren vor, während man
einer Teilung in 5 und 10 Sektoren nicht begegnet[28].

Nicht nur mit Flächen- und Inhaltsbestimmungen, sondern auch mit
Streckenverhältnissen und den Eigenschaften der Winkel waren die
Ägypter zur Zeit des mittleren Reiches schon bis zu einem gewissen
Grade vertraut. Auch die Konstruktion des rechtwinkligen Dreiecks aus
den Strecken 3, 4 und 5 scheint ihnen schon sehr früh bekannt gewesen
zu sein, wenn sie auch nicht durch mathematische Ableitung, sondern
als Erzeugnis der Erfahrung in ihren Besitz gelangt sein werden[29].

Um die große Genauigkeit zu erklären, die uns bei den Pyramiden
nicht nur in den Abmessungen des ganzen Bauwerkes, sondern auch
in der Bearbeitung der einzelnen Steine begegnet, muß man bei den
alten Ägyptern schon einige Bekanntschaft mit den Grundlehren der
Ähnlichkeitslehre und der Trigonometrie voraussetzen. Dafür sprechen
auch die Abschnitte, die *Ahmes* in seinem Handbuch dem Pyramidenbau
widmet. In diesen Abschnitten begegnet uns nämlich ein Ausdruck[30],
der wahrscheinlich das Verhältnis der halben Diagonale zur Seitenkante
der Pyramide bedeutet, also dem Cosinus des Winkels, den diese beiden
Linien bilden, entsprechen würde. Dieses oder ein entsprechendes
Verhältnis muß den Bauleitern und Steinmetzen stets gegenwärtig gewesen
sein, da sich die genaue Übereinstimmung der Winkel, welche die Kanten
mit dem Erdboden bilden, sonst nicht erklären läßt.

In Anbetracht dieser frühen Entwicklung der Geometrie muß es auffallen,
daß die Ägypter die Kunst des perspektivischen Zeichnens noch nicht
entwickelt haben, wie aus ihren Reliefs und Wandgemälden, die in so
großer Fülle und in solch vortrefflichem Zustande auf unsere Zeit
gelangt sind, hervorgeht.

Das Handbuch des *Ahmes* beweist, daß die Mathematik fast zwei
Jahrtausende vor Beginn unserer Zeitrechnung in Ägypten schon eine hohe
Entwicklungsstufe erreicht hatte. Dabei ist noch zu berücksichtigen,
daß sich in dieser Urkunde manche Fehler finden, welche die Vermutung
nahe legen, daß es sich hier nur um eine Schülerarbeit handelt. An die
Mathematik der Ägypter haben zunächst die Griechen angeknüpft. Die
ägyptische Stammbruchlehre läßt sich sogar über die Zeit der Araber
hinaus, bis in das deutsche Mittelalter verfolgen. Ferner ist die
Beweisform des Euklid, der wir noch heute folgen, ägyptischen Mustern
nachgebildet[31].

Wie auf dem Gebiete der Wissenschaften, so haben die Ägypter auch auf
dem Gebiete der Technik Grundlegendes geschaffen. Vergegenwärtigt man
sich ihre Leistungen auf diesem Gebiete, so erscheint es durchaus
berechtigt, von einer Ingenieurtechnik und einer Ingenieurmechanik
schon bei den alten Ägyptern zu reden[32]. Durch ähnliche Bedingungen
hervorgerufen, entstanden diese Zweige menschlichen Schaffens bei den
Bewohnern des Zweistromlandes, um dann ihre weitere Entwicklung zu
erstaunlichen Leistungen bei den Griechen und den Römern zu erfahren.

Die Ingenieurtechnik entstand im steten Kampfe des Menschen mit den
Kräften der Natur und durch sein Bestreben, sich nicht nur gegen
diese Kräfte zu behaupten, sondern sie sich dienstbar zu machen.
Die frühesten Aufgaben der Ingenieurtechnik betrafen das Wasser in
allen seinen Formen und Wirkungen. Durch alle Mittel der künstlichen
Bewässerung gelang es den Ägyptern und den Babyloniern, ihre Wohnsitze
zu Kornkammern für die Alte Welt zu machen. Mit der Pflege und mit der
Vernachlässigung der hierfür geschaffenen Einrichtungen stieg und sank
die Bedeutung jener Länder und ihrer Bewohner. Da dem Unterlauf des
Nils, sowie Mesopotamien der Regen fast ganz fehlt, so ließ sich der
Ackerbau in diesen Landstrichen nur dadurch heben, daß ein verwickeltes
System von Stauwerken und Kanälen unter Anpassung an die wechselnde
Wassermenge der Flüsse geschaffen wurde.

Aufgaben ganz anderer Art erwuchsen der Ingenieurmechanik schon im
Altertum aus dem Bemühen, das Wasser als Verkehrsmittel zu benutzen,
Wasserwege zu schaffen. Das Großartigste, was uns auf diesem Gebiete im
alten Ägypten begegnet, ist die Herstellung einer Verbindung zwischen
dem Mittelländischen und dem Roten Meer. Man ist geneigt, die Idee
und die Ausführung dieses Projektes als etwas ganz Neuzeitliches zu
betrachten, und dennoch sind der Plan und seine Verwirklichung uralt.
Schon zur Zeit Ramses des Zweiten, um 1300 vor Christi Geburt, bestand
ein Kanal, welcher den mittelsten der kleinen, auf der Landenge von
Suez befindlichen Seen mit einem etwa 70 km westlich fließenden Arm
des Nils verband. Was lag näher als der Gedanke, eine Fortsetzung nach
dem Roten Meere zu schaffen und so zwei Weltmeere, wenn auch durch
die Vermittelung eines Flusses, in Verbindung zu setzen? Unter den
Ptolemäern und den Arabern wurde diese Wasserstraße ihrer Bedeutung
entsprechend gut im Stande gehalten. Erst vom 8. Jahrhundert n. Chr. an
verfiel der Kanal, welcher dem später infolge der Entdeckungsreisen
aufkommenden Weltverkehr auch nicht genügt haben würde.

Geradezu rätselhaft sind die technischen Leistungen, die uns im alten
Ägypten dort begegnen, wo es sich um die Fortbewegung gewaltiger Lasten
handelt. Auf weite Strecken wurden Steinmassen fortgeschafft, deren
Gewicht sich auf 3-400 Tonnen beziffert. Das Aufrichten der aus einem
einzigen Granitblock gemeißelten, bis zu 30 m hohen, ein Gewicht von
3-400000 kg besitzenden Obelisken würde selbst der heutigen Technik
große Schwierigkeiten bereiten[33]. Über die Ausführung bestehen nur
Vermutungen. Daß es dabei an maschinellen Hilfsmitteln nicht fehlte,
unterliegt indessen keinem Zweifel. Ungeheure Sklavenheere ersetzten
zwar im Altertum bis zu einem gewissen Grade die Maschinen. Dies
allein genügt indes nicht zur Erklärung solcher Leistungen. Es mußten
intelligente Führer, die mit der Konstruktion und der Handhabung
mechanischer, wenn auch nur empirisch beherrschter Mittel vertraut
waren, hinzukommen.

Auch mit der Metallbereitung waren die Ägypter früh bekannt. Um die
Zeit des Menes (3300 v. Chr.) war das Kupfer schon ziemlich verbreitet.
Es wurde besonders auf der Halbinsel Sinai gewonnen. Silber und Eisen
waren fast ebenso früh bekannt.

Bis zum Jahre 3000 etwa haben die Ägypter reines Kupfer verwandt. Von
diesem Zeitpunkt an haben sie das Kupfer mit Zinn legieren gelernt.

Das erste Metall, das die Völker der Alten Welt kennen und bearbeiten
lernten, war ohne Zweifel das Gold. Für die Ägypter kam als Fundort
besonders das Bergland zwischen dem Nile und dem Roten Meer in
Betracht. Auch Arabien war reich an Gold. An den Küsten des Roten
Meeres wird wohl auch Salomos Goldland Ophir zu suchen sein.

Eigentümlich ist dem ägyptischen Wesen, daß es vorwiegend auf
das Praktische gerichtet war. Die alten Ägypter besaßen eine
hochentwickelte Heilkunde; sie waren geschickt im Feldmessen und im
Rechnen. Sie haben sich schon gut am Himmel zu orientieren verstanden.
Die Sterne zu deuten, wie es die Babylonier taten, lag ihnen jedoch
fern.


Die babylonisch-assyrische Kultur.

Viel später als die Kultur der alten Ägypter ist diejenige der
Babylonier auf Grund der archäologischen Durchforschung ihres Landes
bekannt geworden. Auch hier lieferten die zwischen den Ruinen
untergegangener Städte aufgehäuften oder verschütteten Trümmer eine
bei weitem zuverlässigere und wertvollere Ausbeute als die auf uns
gekommene, die Babylonier betreffende Literatur.

Das älteste Volk Mesopotamiens, von dem wir Kenntnis besitzen, sind
die Sumerer. Man nimmt an, daß sie zur mongolischen Rasse im weiteren
Sinne gehörten. Es würde danach ein gewisser Zusammenhang zwischen der
ältesten ostasiatischen und der ersten Kultur Vorderasiens bestanden
haben. Der Beginn der letzteren wird bis in das 5. Jahrtausend v. Chr.
zurückverlegt.

Um das Jahr 3000 drang ein Volk semitischer Abstammung in Mesopotamien
ein. Bis in jene Zeit hinauf besitzen wir geschriebene Urkunden, die
allerdings über die Eroberung selbst nichts besagen[34]. Wie in Ägypten
entstanden zuerst einzelne kleine Reiche, die später vereinigt wurden.
Als der älteste König des gesamten Babyloniens wird der um 2200 v. Chr.
lebende Hammurabi genannt.

Wie später in Europa das Lateinische, so blieb in Vorderasien das
Sumerische als die Sprache des älteren Kulturvolkes lange Zeit erhalten
und für wissenschaftliche Zwecke im Gebrauch. Die frühzeitige, hohe
Entwicklung des geistigen Lebens der Babylonier erkennen wir daraus,
daß dieses Volk sich schon gegen das Ende des dritten Jahrtausends v.
Chr. mit grammatischen Studien, wichtigen Rechtsfragen und vor allem
mit der aufmerksamen Erforschung der Himmelserscheinungen beschäftigte.

Daß die Beziehungen des babylonischen Reiches bis nach Ägypten
reichten, beweisen die erwähnten, aus dem 16. Jahrhundert v. Chr.
stammenden Tell el-Amarna[35]-Funde, unter denen sich Briefe des
Königs von Babylonien an den ägyptischen Herrscher Amenophis IV.
befinden. Neben dem babylonischen und dem ägyptischen bestand in
Kleinasien das Reich der Hettiter (Chatti)[36]. Daß auch Griechenland
mit dem alten Orient in engen Beziehungen stand, hat die neuere
archäologische Forschung gleichfalls dargetan. Die Vermittlung erfolgte
insbesondere durch die Phönizier, die bis zum Jahre 1300 v. Chr. im
Besitz von Kreta waren und damals das Ägäische Meer beherrschten.

Um 1300 v. Chr. eroberten die Assyrer das Zweistromland. Sie haben
es durch ausgedehnte Bewässerungsanlagen gehoben, über die uns
*Herodot* berichtet hat[37]. Nicht minder wurde die Wissenschaft
gepflegt. Besonders seit der Zeit des Assyrerkönigs Assurbanipal oder
Sardanapal (7. Jahrhundert v. Chr.) entwickelte sich die Astrologie
zur astronomischen, auf steten und genauen Beobachtungen fußenden
Wissenschaft. Mit der Entdeckung der Bibliothek dieses Königs
gelangte auch ein großes babylonisches Werk über die Astrologie
ans Tageslicht[38], das seitdem die wichtigste Quelle für die
astronomischen Kenntnisse der älteren babylonischen Zeit bildet.

Die in Ninive, Babylon und an anderen Stätten in neuerer Zeit
durch die Ausgrabungen der Engländer, Amerikaner und neuerdings
auch der Deutschen in großer Menge an das Tageslicht geförderten
Schriftdenkmäler sind gebrannte Tontafeln, auf denen die Schriftzüge
als keilförmige Eindrücke eingeritzt sind (s. Abb. 3).

Ihre Entzifferung gelang erst, seitdem man (1835) mehrsprachige
Texte entdeckte. Für diese Entzifferung und damit für die
Erforschung der babylonischen und assyrischen Geschichte sind
die Inschriften grundlegend gewesen, die sich in den Ruinen der
persischen Königspaläste in Persepolis und Susa befinden. Heute sind
Hunderttausende von Keilschrifttafeln zutage gefördert[39]. Eine ganze
Bibliothek entdeckte 1848 der englische Altertumsforscher *Layard*[40].

Für die Kenntnis der ältesten Entwicklung der Mathematik sind die
sogenannten »Nippurtexte« von großer Wichtigkeit. Sie umfassen etwa
50000 Keilschrifttafeln, die in dem Tempel zu Nippur aufbewahrt und
durch amerikanische Ausgrabungen ans Tageslicht gefördert wurden. Die
»Nippurtafeln« sind in der Zeit von 2200-1350 v. Chr. entstanden. In
Nippur wurden, wie die Texte bezeugen, nicht nur Mathematik, sondern
auch Astronomie und Heilkunde betrieben[41]. Aus den gefundenen
Multiplikationstafeln geht hervor, daß die Babylonier das Prinzip des
Stellenwertes kannten, allerdings ohne sich der Null zu bedienen[42].

Es ist anzunehmen, daß die Keilschrift in ähnlicher Weise aus einer
hieroglyphischen oder Bilderschrift entstanden ist, wie es mit der
hieratischen Schrift der Ägypter der Fall war. Durch Keilstriche
wurden auch die Zahlen bezeichnet. Der Vertikalkeil [Symbol: Keil
mit dickem Ende oben] bedeutete die Einheit. Zehn wurde durch zwei
einen Winkel bildende Keile ausgedrückt [Symbol: zwei am dicken Ende
verbundene Keile] und weitere Zahlen durch Nebeneinanderstellung
dieser beiden Elemente gebildet. Für hundert war ein besonderes
Zeichen, nämlich ein Vertikalkeil in Verbindung mit einem rechts
davon stehenden Horizontalkeil im Gebrauch [Symbol: Vertikalkeil
neben nach rechts weisendem Keil]. Größere Zahlen wurden meist durch
Nebeneinanderstellen, aber auch durch Vervielfältigung gebildet,
indem die Zahl links von dem Zeichen als Faktor auftrat. Tausend z.
B. wurde [Symbol: Keilwinkel, dann Vertikalkeil, dann Horizontalkeil
nach rechts], also 10 mal hundert geschrieben. Tausend selbst wird
wieder mit Koeffizienten versehen, um größere Zahlen auszudrücken,
so daß z. B. [Symbol: 2 Keilwinkel, dann Vertikalkeil, dann
Horizontalkeil nach rechts] nicht etwa 20 mal hundert, sondern 10
mal tausend, also 10000 bedeutet. Es ist also eine Vervielfältigung
von Einheiten verschiedener dekadischer Ordnung, die uns bei den
Babyloniern begegnet. Auch in der Bibel wird dieses Verfahren, in
offenbarer Anlehnung an das babylonische, zur Abschätzung großer Mengen
gebraucht[43].

Die Keilschrifttafeln besaßen vor den Papyrusrollen den Vorzug, daß sie
so gut wie unzerstörbar waren, zumal wenn sie gebrannt wurden.

Ein sehr reiches Material förderte die Entdeckung der Bibliothek
Assurbanipals (Sardanapals) durch *Layard* (s. vor. Seite) zutage.
Dieser König (668-626) unterhielt eine Bibliothek, für die er
zahlreiche Werke anderer Archive, die bis auf das Jahr 1900 v.
Chr. zurückgehen, abschreiben ließ. Von dieser Sammlung sind etwa
25000 Tafeln auf uns gekommen. Sie sind die wichtigste Fundstelle
der babylonisch-assyrischen Literatur. Für die Geschichte der
Wissenschaften sind sie dadurch besonders wertvoll, daß sie manches
Bruchstück mathematischer, medizinischer und astrologischer Werke
enthalten. Bei der Eigenart und Unvollständigkeit dieser Urkunden kann
es nicht wundernehmen, wenn sich im Beginn ihres Bekanntwerdens auch
manche unhaltbare Kombination auf ihnen aufgebaut hat.

Die Bibliothek Sardanapals befindet sich heute im Britischen Museum.
Sie wurde besonders in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
in Ninive ausgegraben und enthält allein etwa 4000 Tafeln mit
astrologischen Aufzeichnungen. Seitdem erkannte man mit Bestimmtheit,
daß die Astrologie auf die Babylonier und die Assyrer zurückgeht,
während man früher darüber nur die Nachrichten der griechisch-römischen
Literatur (z. B. *Diodor*, Bibliotheca historica 2, 29 u. f.) besaß.
Die astrologischen Keilschriftfunde der Bibliothek Sardanapals sind die
weitaus wichtigsten, die man kennen gelernt hat.


Die Mathematik der Babylonier.

Außer der dezimalen Schreibweise findet sich bei den Babyloniern eine
andere, die auf dem Sexagesimalsystem beruht und mit der Teilung des
Kreisumfanges durch Abtragen des Radius, sowie der Einteilung des
Jahres in 360 Tage zusammenhängt. Die Auffindung und die Entzifferung
von Keilschrifttafeln hat bewiesen, daß das Sexagesimalsystem von den
Babyloniern schon unter Berücksichtigung des Prinzips des Stellenwertes
angewandt wurde. So enthält eine Tafel, die 1854 bei Senkereh gefunden
wurde, die ersten 60 Quadratzahlen in folgender Anordnung:

                    1     ist das Quadrat von 1
                    4      »   »     »     »  2
                    9      »   »     »     »  3
           Anstatt 64      »   »     »     »  8 usw.
  heißt es aber[44] 1 +  4 »   »     »     »  8
                    1 + 21 »   »     »     »  9
                    1 + 40 »   »     »     » 10

Dies ist nur verständlich, wenn die 1 vor 4, 21 und 40 als sexagesimale
Einheit höherer Ordnung, nämlich als 60 aufgefaßt wird.

Ein anderes Täfelchen von Senkereh enthält die Kubikzahlen von 1
bis 32 unter Anwendung des Sexagesimalsystems und des Prinzips des
Stellenwertes. Ob für fehlende Einheiten ein besonderes Symbol, also
etwas, das der Null entspricht, gebraucht wurde, ist nicht ersichtlich,
weil unter den Kubikzahlen von 1 bis 32 keine vorkommt, die nur aus
Einheiten der ersten und dritten Stufe zusammengesetzt ist[45]. Neben
ganzen, nach dem Sexagesimalsystem gebildeten Zahlen kommen auch
Sexagesimalbrüche vor.

Während die Ägypter dem Zähler ihrer Brüche den konstanten Wert 1
beilegten, begegnet uns in den Brüchen der Babylonier der konstante
Nenner 60 oder 3600 (60 × 60). Die Brüche 1/2 oder 1/3 wurden durch
30/60 oder 20/60 ausgedrückt und eine der Dezimalbruchform ähnliche
Schreibweise benutzt[46].

Das Sexagesimalsystem nahmen später die griechischen Astronomen an.
Ihrem Beispiele folgten die Araber und das Mittelalter, bis endlich in
der Neuzeit die dezimale Schreibweise aufkam.

Die für die Geschichte der Mathematik so wichtigen Tafeln von
Senkereh dürften etwa um dieselbe Zeit entstanden sein, in der das
mathematische Handbuch des *Ahmes* in Ägypten verfaßt wurde.

Die Rechenkunst der Chaldäer war, nicht nur nach den gefundenen
Schriftdenkmälern, sondern auch nach griechischen Quellenschriften
zu urteilen, eine uralte. So heißt es bei Theon von Smyrna[47], die
Ägypter hätten bei der Untersuchung der Planetenbewegungen gezeichnet,
die Chaldäer dagegen gerechnet, und von diesen beiden Völkern hätten
die griechischen Astronomen die Anfänge ihrer Kenntnisse erhalten.
Daß indessen auch die geometrischen Kenntnisse der Babylonier nicht
gering waren, ist aus ihren Wandzeichnungen und ihrer hochentwickelten
Baukunst -- wandten sie doch bereits lange vor den Etruskern
Bogengewölbe an -- zu schließen. So findet sich die Sechsteilung
des Kreises als bewußte geometrische Konstruktion; eine Tontafel
geometrischen Inhalts enthält sogar die Dreiteilung des rechten
Winkels. An die Sechsteilung des Kreises schloß sich ferner die Teilung
des ganzen Kreisumfanges in 360 Grade.


Der Ursprung der Astronomie.

Nachdem wir die Anfänge der Mathematik kennen gelernt haben, wenden
wir uns den frühesten naturwissenschaftlichen Problemen zu, an
denen sich das mathematische Denken erproben sollte. Die am Himmel
sich abspielenden Vorgänge waren es, die zuerst den Begriff einer
gesetzmäßig verlaufenden Erscheinung aufkommen ließen. Es ist daher
kein Zufall, daß man sich diesen Vorgängen vor allen anderen mit
forschendem Blick zuwandte und daß die Astronomie neben der Mathematik
zu den ersten Betätigungen des menschlichen Geistes gehört, die
Anspruch auf den Namen einer Wissenschaft erheben können. Auch auf
diesem Gebiete sind nicht etwa die Griechen die Urheber gewesen,
sondern Hand in Hand mit der Entstehung der Mathematik entwickelte sich
bei den Ägyptern und den Chaldäern, begünstigt durch die wolkenlose
Atmosphäre des Niltals und Mesopotamiens, eine Summe von astronomischen
Kenntnissen, die für die Griechen und die späteren Völker die Grundlage
für jeden weiteren Fortschritt geworden sind.

Die frühesten astronomischen Eindrücke, denen sich der Mensch selbst
auf der tiefsten Stufe seiner Entwicklung nicht entzogen haben kann,
sind die scheinbare tägliche Bewegung der Gestirne, die im steten
Wechsel sich wiederholenden Lichtgestalten des Mondes, sowie die
scheinbare jährliche Bewegung der Sonne mit dem dadurch bedingten
Kreislauf der Jahreszeiten gewesen. Einer etwas aufmerksameren
Beobachtung konnte es nicht entgehen, daß die Mehrzahl der Sterne
ihre Stellung zueinander nicht verändert, während die Sonne, der Mond
und die bald in die Augen fallenden Wandelsterne an den Fixsternen
vorüberziehen.

So unterschieden schon die älteren ägyptischen Sternkundigen die
»nimmer ruhenden« von den »sich nie *rührenden*« *Sternen*. Zu den
ersteren zählten sie Jupiter, Saturn, Mars, den sie seiner Farbe wegen
auch den Roten nannten, Merkur und Venus. Die Gruppierung der Sterne zu
Sternbildern als erstes Mittel zur Orientierung am Fixsternhimmel rührt
nicht, wie man früher annahm, von den Griechen her. Die Sternbilder
entstanden vielmehr, wie die Astronomie überhaupt, im alten Orient.

Ein aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert stammendes ägyptisches
Verzeichnis der Planeten und Tierkreisbilder ist vor einigen Jahren
bekannt geworden[48]. Es lautet: Das Verzeichnis der fünf lebenden
Sterne:

  Horus (Saturn)
  Horus, der Rote (Mars)
  Stern des Thot (Merkur)
  Gott des Morgensterns (Venus)
  Stern des Ammon (Jupiter).

Die Tierkreisbilder werden genannt »Die zwölf Sterne für jeden der
zwölf Monate«. Es gelang, die ägyptischen Benennungen für folgende
Tierkreisbilder zu identifizieren: Wage, Stier, Zwillinge, Krebs (?),
Löwe, Jungfrau, Schütze (?), Skorpion und Fische.

Schon den ältesten Beobachtern mußte es auffallen, daß hervorragende
Fixsterne bald in der Nähe der untergehenden Sonne gesehen werden,
dann in ihren Strahlen verschwinden, um nach einiger Zeit vor der
aufgehenden Sonne zu erscheinen, und schließlich wieder in der Nacht zu
glänzen.

So gelangte man zu der Erkenntnis, daß die Sonne im Laufe einer
Periode, die sich mit demjenigen Zeitraum deckt, innerhalb dessen
sich die Jahreszeiten abspielen, einen Umlauf am Himmel vollendet.
Diejenigen Sternbilder, durch welche sich das Tagesgestirn dabei
hindurchbewegt, nannte man den Tierkreis.

Unter allen Fixsternen schenkten die alten ägyptischen Astronomen
dem Sirius die meiste Beachtung. Sie nannten ihn Sopd, woraus die
Griechen Sothis gemacht haben. Mit dem heliakischen Aufgang[49] des
Sirius, der mit dem Beginn der Nilschwelle zusammenfiel, ließ man das
Jahr anfangen. Man teilte es in zwölf Monate, von denen jeder dreißig
Tage zählte[50]. Sternwarten befanden sich in Dendera, Memphis und
Heliopolis. Dort wurden alle deutlich sichtbaren Sterne aufgezeichnet
und in ihrer Bewegung verfolgt. Von den auf diese Weise entstandenen
Tafeln sind nur wenige Trümmer auf uns gelangt. Den Himmel stellte man
sich, wie es später der Verfasser der biblischen Schöpfungsgeschichte
getan, als eine die Erde umgebende Flüssigkeit vor. Auf dieser ließ
man die Gestirne schwimmen. Dementsprechend sehen wir auf ägyptischen
Denkmälern jedes Gestirn, durch seinen Genius in Menschen- oder
Tiergestalt repräsentiert, in einer Barke hinter dem Sonnengott Osiris
herfahren.

Anfangs werden die Ägypter wie wohl alle Völker nach Monaten gerechnet
haben. Daß sie so früh zu einem Sonnenjahr übergingen, hängt damit
zusammen, daß die Nilschwellen, nach denen sich das Leben in Ägypten
regelt, von dem Gang der Sonne abhängen. Das erste Anschwellen des
Niles fiel Jahrtausende mit dem heliakischen Aufgang des Sirius, d.
h. mit seinem Erscheinen in der Morgendämmerung zusammen[51]. Mit dem
Zeitpunkt, an dem der Sirius frühmorgens wieder sichtbar wurde, ließen
die Ägypter ihr Kalenderjahr beginnen. Es zerfiel in drei Jahreszeiten
(Überschwemmung, Aussaat, Ernte) von je 4 Monaten zu 30 Tagen. Nach
Ablauf dieser 360 Tage wurden 5 Tage eingeschoben, bevor man das neue
Jahr beginnen ließ. Da aber das Jahr nicht 365, sondern etwa 365-1/4
Tage umfaßt, so mußte sich der Frühaufgang des Sirius alle vier Jahre
um einen Tag verschieben, und erst nach Ablauf von 4·365 Jahren fiel
der Frühaufgang des Sirius wieder mit dem Beginn des bürgerlichen
Jahres von 365 Tagen zusammen. Daß es sich so verhielt, erkennt
man noch aus manchen Grabinschriften, die das bürgerliche und das
Siriusneujahr nebeneinander aufweisen[52].

Wie die astronomischen Elemente entstanden sind, hat gleichfalls die
neuere archäologische Forschung dargetan. Die Astronomie wurde erst
dadurch ermöglicht, daß zur Bestimmung von Winkeln und zur Ausbildung
des Ziffernsystems und der Rechenkunst die Zeitmessung hinzutrat.
Als die Erfinder eines Verfahrens, die Zeit genauer zu messen und
einzuteilen, müssen die Babylonier gelten. Sie bedienten sich dazu der
Wasseruhren (Klepshydren)[53].

In dem Augenblicke, in dem sich der obere Rand der Sonnenscheibe am
Horizonte zeigte, öffnete man ein mit Wasser gefülltes Gefäß, das
durch Zufluß stets gefüllt blieb. Der Abfluß geschah tropfenweise
in einen Behälter und dauerte solange, bis sich der untere Rand der
Sonnenscheibe vom Horizonte löste. Von diesem Augenblicke an sammelte
man das abtropfende Wasser in einem zweiten, größeren Behälter,
bis die Sonne am folgenden Morgen wieder aufging. Die Wassermengen
in dem kleineren und diejenige in dem größeren Behälter wurden
genau gewogen. Sie ergaben nicht nur ein bestimmtes Zeitverhältnis,
sondern mit einiger Genauigkeit auch das Verhältnis des scheinbaren
Sonnendurchmessers zum ganzen Kreise. Waren die Wassermengen q und Q,
so ergab (Q + q) : q = 360° : D für den Durchmesser D der Sonne den
Wert von etwa einem halben Grad. Die Babylonier setzten deshalb das
Verhältnis des Sonnendurchmessers zur Ekliptik = 1 : 720[54].

Genau würde dieses Verfahren ja nur unter dem Äquator gewesen sein.
Da indessen die Schiefe der Sphäre im Lande der Chaldäer nicht allzu
groß ist, so ergab sich ein für rohe Messungen genügendes Resultat[55].
Aus den babylonischen Überlieferungen ist ferner ersichtlich, daß man
das Sonnenjahr zu 365 Tagen rechnete und selbst die ungleich schnelle
Bewegung der Sonne während eines Jahres bemerkte[56].

Den Tag teilten die Chaldäer in 12 Doppelstunden. Die Doppelstunde
wurde erhalten, indem man die Zeit, welche die Sonnenscheibe gebraucht,
um am Himmel um ihren eigenen Durchmesser vorzurücken, und die man
als Doppelminute bezeichnen kann, dem Sexagesimalsystem gemäß mit 60
multiplizierte.

Dieses durch die Verbindung von Mathematik und Astronomie gewonnene
System der Zeitmessung blieb für die Folge bestehen, so daß Babyloniens
Kulturmission schon allein hieraus ersichtlich ist. Daß später der
Zeitabschnitt, nach welchem man den Tag einteilte, und dementsprechend
die Unterabteilungen jener Einheit, halbiert wurden, wodurch die
heutige Stunde, Minute und Sekunde entstanden, ist von nebensächlicher
Bedeutung.

Die Astronomie wurde von den ältesten Völkern nicht nur ihres Nutzens
halber gepflegt, sie war gleichzeitig Vorbedeutungslehre, so daß sie
infolge der fatalistischen, von der Phantasie beherrschten Anlage
der Orientalen sehr bald in Astrologie ausartete. Dazu kam, daß jene
Wissenschaft besonders von der Priesterkaste gepflegt wurde, die sich
bemühte, ihr Ansehen zu erhöhen, indem sie ihr Tun und Treiben mit dem
Schleier des Übernatürlichen und Geheimnisvollen umgab.

Die Anfänge der Astrologie, der man einen semitischen Ursprung
zuzuschreiben hat, begegnen uns bei den Sumerern. Besonders der Venus
schrieben sie Bedeutung zu. Auch die Symbole der Sonne und des Mondes
kehren in ihren Urkunden wieder. Daneben findet sich oft eine Schlange,
die vielleicht die Milchstraße vorstellen sollte. Die Anfänge einer
wissenschaftlichen Astronomie entwickelten sich erst, nachdem der Stamm
der Chaldäer um 1000 v. Chr. in Babylonien eingedrungen war. Von diesem
Volksstamm ging der Name »Chaldäer« auf die babylonische Priesterschaft
über. Wie diese Namensübertragung zustande kam, ist nicht bekannt[57].
Man teilte jetzt, zwar immer mit dem Hauptzweck, die astrologischen
Untersuchungen methodischer zu gestalten, Äquator und Ekliptik in 360
Grade, bediente sich der Tierkreiszeichen, verfolgte die Wandelsterne
und sammelte zahlreiche Sternbeobachtungen, besonders seit der
Regierung Nabonassars (747-734), die später die Astronomen Alexandriens
benutzt haben, so daß sie uns noch heute im Almagest[58] begegnen. Was
vor dem chaldäischen Zeitalter an astronomischen Kenntnissen bestand,
verdient nicht den Namen einer wissenschaftlichen Sternkunde. Daraus,
daß man auf alten steinernen Urkunden mitunter ein Sternbild mit dem
Bildnis einer Gottheit vereinigt findet, darf man keine allzuweit
gehenden Schlüsse ziehen[59].

Es kann nicht wundernehmen, daß uns unter den astrologischen
Planetenbeobachtungen am häufigsten solche über die Venus begegnen.
Ist sie doch, von Mond und Sonne abgesehen, das einzige Gestirn, das
mitunter am Tage, selbst um Mittag, wahrgenommen wird. Die Annäherung
der Venus an den Jupiter, den Mars und den Saturn, ihr Eintritt in
den Hof des Mondes, ihr Verschwinden und ihre Wiederkehr galten
als bedeutungsvolle Ereignisse. Daß die Venus als Abend- und als
Morgenstern dasselbe Gestirn ist, wußten die Babylonier schon in der
älteren Periode ihrer Astronomie, d. h. um 2000 v. Chr. (S. Abb. 3.)

[Illustration: Abb. 3. Keilschriftprobe.

  Dilbat ina sensi adi Istar kakkabi
  Dilbat ina âribi Bilit ili

Die Übersetzung lautet:

  Die Delephat bei aufgehender Sonne ist die Istar unter den Sternen,
  Die Delephat bei untergehender Sonne ist die Beltis unter den Göttern.

Dies bedeutet, daß die Delephat, d.i. die Venus, als Morgenstern der
Stern der Istar-Astarte und als Abendstern der Stern der Beltis-Baaltis
ist.

          (III. Rawlinson 53, 36. 37.)

]

An Fixsternen und Sternbildern zählen die Texte nach den bisherigen
Feststellungen etwa 200 auf. Darunter begegnen uns schon früh als
wichtigste gewisse Tierkreisbilder (Stier, Löwe, Zwillinge). Die
Zuweisung von zwölf Tierkreisbildern an ebensoviel Regionen der
Ekliptik findet sich indessen erst in späteren rein astronomischen
Texten[60].

Neben den Keilschrifttafeln (s. Abb. 4) sind auch die Darstellungen,
die sich auf Grenzsteinen, Reliefs und Grabdenkmälern[61] finden, zu
erwähnen. Sie gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück.

Der hier wiedergegebene Grenzstein umfaßt 16 Symbole. Auf der
dargestellten Seite befinden sich zu oberst die Venus, dann die
Mondsichel und daneben die Sonne. Die linke Seite nimmt eine thronende
Gottheit ein, zu deren Füßen ein Hund sitzt. In der Kopfhöhe sehen wir
einen Skorpion und darunter in der Höhe der Arme eine Lampe.

Regelmäßige Beobachtungen der Bahnen, welche die Planeten am
Fixsternhimmel beschreiben, setzen erst um 750 ein. Später werden die
fünf Planeten bestimmten Gottheiten zugeteilt und gelten als »Lenker
der Schicksale«. Seitdem ist die Sternbeobachtung von Astrologie und
Fatalismus beherrscht und allein diese Periode ist es, von der die
alten Schriftsteller *Herodot* (um 450 v. Chr.), *Diodor* (um 45 v.
Chr.), *Plinius* (70 n. Chr.) berichten[62].

[Illustration: Abb. 4. Babylonischer Grenzstein.]

Seit der Erschließung der Keilschriftfunde (die erste Übersetzung von
Keilschrifttafeln astronomischen Inhalts erschien im Jahre 1874) wurde
nachgewiesen, daß manche Namen von Sternbildern, in der ihnen von den
Griechen und uns beigelegten Bedeutung, schon bei den Babyloniern
vorkamen. In Mesopotamien aufgefundene Grenzsteine besitzen sogar
graphische Darstellungen der Tierkreiszeichen, deren wir uns noch jetzt
in Sternatlanten bedienen[63]. Wie es noch heute geschieht, teilten die
Chaldäer den Tierkreis in 12 Sternbilder ein. Unter diesen begegnen uns
die Wage, der Widder, der Stier, die Zwillinge, der Skorpion und der
Schütze, die wir noch besitzen. Die übrigen Bilder haben sich geändert.
Von Babylon hat sich die Zwölfteilung der Sonnenbahn dann nach Ägypten
und nach Griechenland ausgebreitet. So wurde im Anfange des 19.
Jahrhunderts in Dendera (Oberägypten) an der Decke eines Tempels eine
Darstellung des Tierkreises aufgefunden, die in Paris aufbewahrt wird.
Die Tierkreiszeichen sind hier den ägyptischen Bildern eingefügt (Abb.
5). Man schrieb diesem Dokumente anfangs ein sehr hohes Alter zu. Doch
gilt es heute als ausgemacht, daß der Tierkreis von Dendera aus der
Zeit der Römerherrschaft stammt. Man nimmt ferner an, daß die Griechen
ihre Zeichen von den Chaldäern übernahmen und daß die Ägypter die
chaldäischen Zeichen mit ihren eigenen Bildern in Verbindung setzten.

[Illustration: Abb. 5. Der Tierkreis von Dendera.

Wi = Widder; Str = Stier; Z = Zwillinge; K = Krebs; L = Löwe; J =
Jungfrau; W = Wage; Sk = Skorpion; Sch = Schütze; Ste = Steinbock; Wt =
Wasserträger; F = Fische.]

Für die astrologische Richtung[64] der ältesten Astronomie spricht ein
chaldäisches Literaturdenkmal, das etwa zu derselben Zeit entstanden
ist, als in Ägypten das älteste auf uns gelangte mathematische Lehrbuch
geschrieben wurde (um 1700 v. Chr.). Es handelt sich um einen mit
astrologischen Prophezeiungen versehenen Vorbedeutungskalender, den die
moderne Orientforschung entziffert hat[65]. Dieser Kalender enthält
Voraussagen von Finsternissen nebst Andeutungen, welche Ereignisse die
Folge jener Finsternisse sein würden.

In besonders hohem Grade werden ungewöhnliche, die Menschheit
in abergläubische Furcht versetzende Himmelserscheinungen, wie
Finsternisse und Kometen, die Aufmerksamkeit auf die Sternenwelt
gerichtet haben. Bezüglich der Finsternisse und der Kometen wurden
auch zuerst Aufzeichnungen gemacht. Sie reichen bei den Chinesen,
den Ägyptern und den Chaldäern Jahrtausende vor den Beginn unserer
Zeitrechnung zurück. Welcher Zeitraum mag verflossen sein, bis
die Chaldäer endlich die Regel erkannten, daß die Wiederkehr der
Finsternisse innerhalb 6585 Tagen erfolgt. Für das hohe Alter
der orientalischen Astronomie spricht auch die Erzählung, daß
*Aristoteles*[66] die Begleiter Alexanders des Großen bat, in Babylon
nach den alten astronomischen Beobachtungen der Chaldäer zu forschen.
Daraufhin sollen denn auch Ziegel nach Griechenland gelangt sein, auf
welchen Nachrichten über 2000 Jahre vor Alexander zurückreichende
Beobachtungen eingegraben waren[67]. Die chinesischen Nachrichten
über Kometen reichen wahrscheinlich ebensoweit zurück. Und die
astronomischen Jahrbücher der Ägypter endlich berichten von nicht
weniger als 373 Sonnen- und 832 Mondfinsternissen, die vor Beginn der
alexandrinischen Periode beobachtet wurden[68].

Die Dauer eines Umlaufs der Sonne wurde in Ägypten wie in Babylon
anfangs zu 12 Monaten, jeder zu 30 Tagen, also zu 360 Tagen gerechnet.
Jeder Monat zerfiel in 3 Dekaden, das Jahr somit in 36 Dekaden, denen
36 hervorragende Einzelsterne und Sternbilder zugeteilt waren. Die
Abweichung eines Zeitraums von nur 360 Tagen von dem tropischen, auf
365-1/4 Tagen sich belaufenden Jahre war jedoch so groß, daß sie schon
in der ältesten Zeit auffallen mußte. Man schaltete daher nach jedem
Jahre 5 Tage ein, die man »die übrigen Tage« nannte. Diese Änderung der
Zeitrechnung erfolgte jedenfalls schon während des alten Reiches, ja
sie wird von den Ägyptern selbst in die Zeit vor Mena zurückverlegt.
Aber auch nach dieser Einrichtung bemerkten die Ägypter nach längerer
Zeit, daß das Jahr zu kurz bemessen sei und infolgedessen eine
Verschiebung der Feste eintrat. Diese Beobachtung führte dann zu einer
238 v. Chr. in Kraft tretenden Anordnung[69], nach welcher jedes vierte
Jahr zu 366 Tagen gerechnet werden sollte, »damit es nicht vorkommt,
daß einige der öffentlichen Feste, die man im Winter begeht, dereinst
im Sommer gefeiert werden«.

Die Ägypter sind also dasjenige Volk, denen wir die Einrichtung des
Schaltjahres verdanken. Die astronomischen Ratgeber, welche Cäsar bei
seiner Kalenderverbesserung vom Jahre 46 v. Chr. zu Rate zog, kannten
nämlich die in Ägypten getroffene Einrichtung. Dieser Umstand schmälert
jedoch keineswegs das Verdienst Cäsars; ihm verdankt das Abendland die
bis ins 16. Jahrhundert dauernde Feststellung seiner Zeitrechnung, die
so sehr in Unordnung geraten war, daß im Jahre 46 v. Chr. nicht weniger
als 85 fehlende Tage eingeschaltet werden mußten.

Bis in das 19. Jahrhundert beschränkte sich unser Wissen von der
Astronomie des Altertums im wesentlichen auf dasjenige, was uns die
Griechen davon übermittelten. Einen weit tieferen Einblick in die
Entstehung der Astronomie hat uns die Entzifferung der Keilschriftfunde
gebracht, in denen die Chaldäer ihre astronomischen Kenntnisse
niedergelegt haben[70]. Heute gilt als sicher, daß die Babylonier den
Äquator und die Ekliptik, die meisten Sternbilder des Tierkreises und
der übrigen Regionen des Himmels, sowie die Wandelsterne festgestellt
hatten und daß sie die Sterne systematisch beobachteten, lange bevor
die Griechen dazu übergegangen waren[71].

Zuerst wurde von der Keilschriftforschung Capella (ein Fixstern
erster Größe im Fuhrmann) aus Abbildungen identifiziert. Dann geschah
dasselbe für zahlreiche Sterne der Ekliptik. Sehr alt sind nicht nur
die Tierkreiszeichen, die man auf Grenzsteinen aus dem 12. Jahrh. v.
Chr. auffand, sondern auch die Einführung der etwa 30 Planeten- und
Mondstationen, deren Gebrauch von Babylon wahrscheinlich nach Indien
und nach China gewandert ist[72].

Ferner begegnen uns schon in sehr alten Keilschrifttexten Namen für die
Planeten. Sie sind mit bestimmten Gottheiten in Verbindung gesetzt, so
Venus mit Istar (Astarte?), Mars mit dem Kriegsgott. Letztere Zuweisung
begegnet uns bekanntlich fast immer wieder und ist aus der rötlichen
Farbe des Gestirns erklärlich.

Die Planetenbeobachtungen der Babylonier beschränken sich im
wesentlichen auf die Angabe der Stellung zu den Sternbildern, der
Oppositionen und der Kehrpunkte, sowie der heliakischen Auf- und
Untergänge. Ein Beispiel[73] ist folgendes: »Im 7. Jahre des Kambyses,
am 22. Abu des Jahres 523 v. Chr. befand sich Jupiter im ersten Teile
von Siru (der Jungfrau) im heliakischen Untergange.«

Die Finsternisse und die Kometen wurden frühzeitig als
Vorbedeutungszeichen von ganz besonderer Wichtigkeit betrachtet und
aus diesem Grunde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Es finden sich
auch Berichte über die Stellung, die bestimmte Planeten während
einer Finsternis einnahmen. Solche, aus astrologischem Interesse
unternommenen Aufzeichnungen gehen außerordentlich weit zurück. Aus
ihnen entwickelte sich ein regelmäßiger Beobachtungsdienst[74],
der bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. zurückreicht und sich nach der
Regierungszeit Sardanapals, während des neubabylonisch-chaldäischen
Reiches, wie die jüngsten Aufschlüsse[75] ergeben haben, zu hoher Blüte
entfaltete.

Das erwähnte, der Bibliothek Sardanapals entstammende astrologische
Werk enthält[76] Listen von Fixsternen, Angaben über Planeten,
Kometen, Meteore, Verfinsterungen usw. Doch scheint weniger Wert auf
die Tatsachen als auf die ihnen zugeschriebene Bedeutung gelegt zu
sein[77]. Seit 700 v. Chr. zeigt sich aber deutlich das Bestreben,
die Bewegungen der Himmelskörper mit möglichster Genauigkeit
räumlich und zeitlich zu verfolgen. Die Winkel werden bis auf 6
Minuten, der Zeitablauf bis auf 3/4 Minuten richtig bestimmt[78].
Die Zeitunterschiede zwischen Sonnenuntergang und Mondaufgang wurden
so genau ermittelt, daß die erhaltenen Angaben noch für die heutige
Astronomie von Wert sind. Nach *Kugler*, der sich um die Entzifferung
der astronomischen Keilschrifttexte das größte Verdienst erworben
hat, war es mit Hilfe dieser Texte möglich, einen Fehler aufzudecken,
den die heutigen Berechnungen der Mondbewegung aufwiesen. Wie weit
sich die Genauigkeit einer Bestimmung durch die, über lange Zeiträume
fortgesetzte Beobachtung einer periodischen Bewegung steigern läßt,
zeigt folgendes Beispiel. Die Babylonier ermittelten, daß der Mond in
669 Monaten 723-32/360 Umläufe am Fixsternhimmel zurücklegt[79]. Daraus
ergibt sich für die mittlere Dauer des synodischen Monats ein Wert von
29^d 12^h 44' 7,5''. Die heutige Astronomie berechnet den mittleren
synodischen Monat zu 29^d 12^h 44' 2,9''. Die Abweichung beträgt also
nur wenige Sekunden.

Die mittlere tägliche Bewegung des Mondes, d. h. den Bogen, den dieses
Gestirn durchschnittlich in 24 Stunden durchläuft, bestimmten die
Babylonier[80] zu 13° 10' 35''.

Mit gleicher Sorgfalt wurden die Bewegungen der Planeten verfolgt.
Sie galten den Babyloniern gleich Mond und Sonne als göttliche Wesen
und ihre Wanderung durch die Sternbilder des Tierkreises, den die
Babylonier als das »himmlische Erdreich« bezeichneten, war ihrer
Ansicht nach für die Geschichte der Erdbewohner von ausschlaggebender
Bedeutung[81]. Diesen mythologischen Grundzug der babylonischen
Sternkunde hat schon *Diodor* dargestellt. Er schreibt darüber:

»Die Chaldäer[82] behaupten, die Welt sei ihrem Wesen nach ewig, sie
habe nie einen Anfang genommen und könne auch niemals untergehen; aber
durch eine göttliche Vorsehung sei das All geordnet und ausgebildet
worden, und noch seien alle Veränderungen am Himmel nicht Wirkungen
des Zufalls, auch nicht innerer Gesetze, sondern einer bestimmten und
unwandelbar gültigen Entscheidung der Götter. Über die Gestirne haben
die Chaldäer seit langer Zeit Beobachtungen angestellt, und niemand
hat genauer als sie die Bewegungen und die Kräfte der einzelnen
Sterne erforscht. Daher wissen sie auch so vieles von der Zukunft
den Leuten vorherzusagen. Am wichtigsten ist ihnen die Untersuchung
über die Bewegungen der fünf Sterne, die man Planeten heißt. Sie
nennen sie: >Verkündiger<. Dem, der bei uns Saturn heißt, geben sie
als dem ausgezeichnetsten, dem sie die meisten und die bedeutendsten
Weissagungen verdanken, den Namen >Sonnenstern<. Die vier andern aber
haben bei ihnen dieselben Benennungen, wie bei unseren Sternkundigen:
Mars, Venus, Merkur und Jupiter. Verkündiger nennen sie die Planeten
deswegen, weil sie, während die anderen Sterne von ihrer ordentlichen
Bahn nie abirren, allein ihre eigenen Bahnen gehen und eben damit die
Zukunft andeuten und den Menschen die Gnade der Götter kund machen.
Vorbedeutungen, sagen sie, könne man teils an dem Aufgang, teils an dem
Untergang der Planeten erkennen, manchmal auch an ihrer Farbe, wenn
man aufmerksam darauf achte. Bald seien es heftige Stürme, die sie
anzeigen, bald ungewöhnlich nasse oder trockene Witterung, zuweilen
Erscheinungen von Kometen, Sonnen- und Mondfinsternissen, überhaupt
Veränderungen jeder Art im Luftraum, welche Nutzen oder Schaden bringen
für ganze Völker und Länder nicht nur, sondern auch für Könige und
gemeine Leute. Dem Laufe der Planeten seien Sterne untergeordnet,
welche >beratende Götter< heißen. Die eine Hälfte dieser Sterne führe
die Aufsicht in dem Raum über der Erde, die andere unter der Erde. So
überschauten sie, was unter den Menschen und was am Himmel vorgehe.
Je nach 10 Tagen werde von den oberen zu den unteren einer der Sterne
als Bote gesandt und ebenso wiederum einer von den unteren zu den
oberen. Die Bewegung der untergeordneten Sterne sei fest bestimmt und
gehe regelmäßig fort im ewigen Kreislauf. >Fürsten der Götter< gebe es
zwölf, und jedem von ihnen gehöre ein Monat und eines der zwölf Zeichen
des Tierkreises zu, durch welche die Bahn der Sonne, des Mondes und der
fünf Planeten gehe. Dort vollende auch die Sonne ihren Kreis in einem
Jahre, und der Mond durchlaufe dort seinen Weg in einem Monat.«

Die chaldäischen Priester haben ihre astrologische Tätigkeit auch
nach dem Beginn der Perserherrschaft eifrig fortgesetzt. Ähnlich
wie die Mönche der späteren Zeit erblickten sie ihre Hauptaufgabe
darin, daß sie das vorhandene Wissen durch Abschriften erhielten. Ihr
Ansehen beruhte vor allem darauf, daß sie aus den Sternen Menschen-
und Völkerschicksal verkündeten. Zu diesem Zwecke unterhielten sie
in Verbindung mit den Tempeln Observatorien und an diesen wieder
Schulen. Ihre Beobachtungen leiteten zu gewissen Zahlen, nach
denen sie Finsternisse und Sternkonjunktionen berechneten. Solche
Berechnungen sind noch auf Tontafeln erhalten, z. B. diejenige über
die Mondfinsternis vom 16. Juli 523, die in den Almagest übergegangen
ist. Nach der herrschenden Anschauung sollten sich die Götter in den
Gestirnen, besonders in den Planeten verkörpern und letztere die
irdischen Vorgänge bestimmen. Es galt daher, für jede wichtige Handlung
den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen und ungünstige Konstellationen zu
vermeiden. Eine Priesterschaft, die es wie die chaldäische verstand,
diesen Glauben zu nähren, besaß dadurch Macht und Ansehen, sowie die
Möglichkeit, sich reiche Mittel zu erwerben[83].

Bei den Planeten achteten die Chaldäer vor allem auf die gegenseitige
Stellung, ihre Entfernung von Mond und Sonne, den Wechsel der
Bewegungsrichtung und ihren Kehrpunkt. Man kann sich leicht vorstellen,
mit welcher Spannung die alten Astronomen z. B. das Verschwinden der
Venus in den Strahlen der Abendsonne (den heliakischen Untergang
des Planeten) und ihr Wiederauftauchen kurz vor Sonnenaufgang (den
heliakischen Aufgang der Venus) verfolgten.

Die Beobachtungen der heliakischen Auf- und Untergänge bildeten das
Fundament der Planetenkunde[84]. Die Umlaufszeit eines Planeten ist
bekanntlich diejenige Zeit, nach welcher der Planet, von der Sonne
gesehen, wieder bei demselben Fixstern angelangt ist. Nun läßt sich
wohl der geozentrische Ort des Planeten direkt beobachten, nicht aber
der heliozentrische. Dagegen war man in der Lage, durch die Beobachtung
der heliakischen Auf- und Untergänge wenigstens annähernd die Zeit zu
bestimmen, die zwischen zwei Konjunktionen des Planeten mit der Sonne
verläuft, d. h. die synodische Umlaufszeit zu ermitteln. Ließen sich
die Konjunktionen selbst auch nicht beobachten, so nahmen die Planeten
doch während der heliakischen Auf- oder Untergänge dieselbe relative
Stellung zur Sonne ein.

Um die Wanderung eines Planeten durch die Tierkreisbilder zu verfolgen,
ist kein Gestirn geeigneter als Jupiter. Sein Durchgang zwischen den
Hyaden und den Plejaden z. B. ist ein astronomisches Schauspiel,
das sich den ältesten Beobachtern des Himmels einprägen mußte. Daß
sich der Vorgang nach etwa 12 und beim Saturn nach etwa 30 Jahren
wiederholt, mußte frühzeitig auffallen. Während für diese beiden, von
Sonne und Erde weit entfernten und außerhalb der Erdbahn befindlichen
äußeren Planeten die Umlaufsbewegung, vom geozentrischen und vom
heliozentrischen Standpunkte gesehen, sich annähernd decken, waren die
Erscheinungen für Mars, Venus und Merkur ihrer Nähe wegen bedeutend
verwickelter. Doch ergaben die beiden scheinbaren Stillstände, die
Opposition des Mars und das Verschwinden in den Sonnenstrahlen auch für
diese Planeten eine Periode von steter Wiederkehr und bestimmter Dauer.

Zur Seleucidenzeit gelangte man sogar zu Planeten-Ephemeriden. Für
Saturn z. B. wurde eine Periode von 59 Jahren, für Venus eine solche
von 8 Jahren ermittelt. Der Fehler in der ersteren belief sich auf etwa
einen halben Grad. Die aus den Ephemeriden berechnete Bewegung der
Venus wich von der beobachteten sogar nur um 5 Minuten ab[85].

Venus galt mit Mond und Sonne als die Beherrscherin des Tierkreises.
Die Symbole dieser Dreieinigkeit erscheinen seit dem 14. Jahrhundert
auf den Spitzen der Grenzsteine (s. Abb. 4 auf S. 26)[86]. Diese
Bedeutung der Venus erklärt sich daraus, daß sie alle übrigen Planeten
an Glanz weit übertrifft. Beeinflußt durch chaldäische Weisheit nennt
daher *Plinius* die Venus Nebenbuhlerin von Sonne und Mond, denn sie
verbreite ein so helles Licht, daß es Schatten werfe.

Mit gleicher Sorgfalt wie die Bewegung der Sonne haben die Babylonier
auch die Mondbewegung verfolgt. Welch langer Zeitraum mag dazu gehört
haben, bis ihre Aufzeichnungen jene Periode von 223 synodischen
Monaten erkennen ließen, innerhalb deren der Mond bezüglich seiner
Knoten und seiner Entfernung von der Erde fast zur selben Stellung
zurückkehrt. Jene Periode von 18 Jahren und 11 Tagen bezeichneten
die babylonischen Astronomen als Saros. Die Kenntnis dieser Periode
ermöglichte ihnen die Voraussage von Finsternissen. Auch *Ptolemäos*
handelt in seinem Almagest, dem bedeutendsten astronomischen Lehrbuch
des Altertums, von dem wir später noch ausführlich handeln werden, von
mehreren Mondfinsternissen, welche die Chaldäer aufzeichneten. Die
älteste chaldäische Beobachtung einer Mondfinsternis, die *Ptolemäos*
verwertete, datiert vom Jahre 721 v. Chr. Daß *Ptolemäos* nicht auf
noch ältere, zweifellos vorhandene chaldäische Daten zurückgriff, ist
wohl daraus erklärlich, daß er den älteren Angaben keine hinreichende
Genauigkeit zuschrieb[87]. Die letzten chaldäischen Beobachtungen,
die *Ptolemäos* erwähnt, gehören der Zeit um 240 v. Chr. an. Sie
beziehen sich auf Vergleichungen von Merkur und Saturn in ihrer
Stellung zu den Fixsternen. Um die erwähnte Zeit hatte indessen
schon eine gegenseitige Durchdringung chaldäischer und griechischer
Gelehrsamkeit stattgefunden. Schrieb doch schon um 280 v. Chr. der
Babylonier *Berosos*[88] über die Geschichte seines Volkes ein Werk
in griechischer Sprache, von dem leider nur Bruchstücke bei anderen
Schriftstellern erhalten sind. Es ist das um so bedauerlicher,
als das Werk manche Mitteilung über die Sternkunde der Chaldäer
enthielt. Auch die jetzt durch die Keilschriftforschung erwiesene,
offenbare Übereinstimmung der biblischen mit der babylonischen
Schöpfungsgeschichte geht schon aus dem Bericht des *Berosos*
hervor[89].

Von den Chaldäern wanderte auch das älteste astronomische Werkzeug,
der Gnomon, nach dem Zeugnisse *Herodots* nach Griechenland. Wann dies
geschah, läßt sich mit Sicherheit nicht feststellen, zumal von alten
Schriftstellern verschiedenen Personen (darunter *Anaximander* um 550
v. Chr.) das Verdienst zugeschrieben wird, dieses wichtige Werkzeug in
Griechenland eingeführt zu haben.

Der Standpunkt, den die Astronomie bei den Chaldäern schließlich
erreicht hatte, läßt sich in der Kürze wie folgt kennzeichnen[90]:
Beobachtungen, bei denen die Winkel bis auf 6' und die Zeit bis auf
40'' genau bestimmt waren, reichten bis ins 7. Jahrhundert v. Chr.
zurück. Der Lauf der Sonne und die ungleiche Länge der Jahreszeiten
waren bekannt. Vielleicht besaß man sogar eine rohe Kenntnis der
Präzession der Nachtgleichen[91]. Die Länge der Monate hatte man mit
einer Genauigkeit ermittelt, welche der von *Hipparch* erreichten
gleichkam. Der Begründung der Trigonometrie war durch eine Art
Sehnenrechnung vorgearbeitet, so daß auch hierin die Chaldäer als die
Vorläufer der Alexandriner, insbesondere des *Hipparch*, gelten können.
Endlich vermochte man mit Hilfe von Ephemeriden den Lauf des Mondes
und der Sonne, sowie das Eintreten der Finsternisse mit ziemlicher
Sicherheit anzugeben.

Die besonders von *Winckler* vertretene Annahme von dem hohen Alter
der babylonischen Astronomie hat neuerdings *Kugler* auf das richtige
Maß zurückgeführt[92]. Nach ihm gab es vor dem 8. Jahrhundert noch
keine Himmelsbeobachtungen von wissenschaftlicher Genauigkeit. Man
kann den Babyloniern daher nach *Kugler* auch nicht die Entdeckung der
Präzession zuschreiben, wie es *Winckler* (siehe Anm. 4 S. 36) getan
hat.

Erblicken wir das Ziel der Wissenschaft darin, daß man das Eintreten
zukünftiger Erscheinungen mit einem gewissen Grade von Genauigkeit
vorherzusagen vermag, so müssen wir zugeben, daß die Babylonier diese
Stufe auf dem Gebiete der Astronomie schon erreicht hatten. Allem
Anschein nach ruhte das astronomische Wissen eines *Hipparch* und
eines *Ptolemäos*, an welche im 15. Jahrhundert *Regiomontan* und
*Koppernikus* anknüpften, in letzter Linie auf den in Babylonien
geschaffenen Grundlagen der Sternkunde[93].

*Ptolemäos* beruft sich 13 mal auf babylonische Beobachtungen.
Sie fallen alle in die Jahre 721-229 v. Chr. Die Astronomie hat
danach wenigstens zum Teil ihren Weg nach Griechenland über
Ägypten genommen[94]. Auch ihre astronomischen Hilfsmittel
verdankten die Griechen zum Teil den Babyloniern, wie sie auch die
Ekliptiksternbilder, die Einteilung der Ekliptik in 360 Grade und
anderes mehr übernahmen. Durch die Babylonier sind sie ferner mit
der Sarosperiode (s. S. 35), sowie mit der mittleren täglichen
Geschwindigkeit des Mondes (13° 10' 36'') bekannt geworden.


Die ersten Maße und Gewichte.

Über die von den alten Völkern gebrauchten Maße und Gewichte hat schon
vor 80 Jahren *Boeckh*, den man als den Begründer der vergleichenden
Metrologie zu betrachten hat, eingehende Untersuchungen angestellt[95].
*Boeckh* kam zu dem Ergebnis, daß die meisten antiken Systeme von den
Babyloniern herstammen, daß sich bei dieser Entwicklung indessen auch
in einem nicht geringen Grade ägyptischer Einfluß geltend macht. Diese
Auffassung hat denn auch die neuere archäologische Forschung bestätigt
und wesentlich vertieft[96].

Die Babylonier fanden nicht nur die Mittel zur Zeitmessung und ein
Zeitmaß, das sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, sondern sie
schufen, wie neuere archäologische Forschungen dargetan, auch ein Maß-
und Gewichtssystem, das für das Altertum grundlegend wurde.

Die Einheit für die Längenmessung, die Doppelelle, war 992-1/3 mm
lang. Dies Maß ist neuerdings auf Statuen bei Ausgrabungen entdeckt
worden. Daß die babylonische Doppelelle und das Sekundenpendel fast
übereinstimmen[97], ist wohl als Zufall aufzufassen. Dagegen hat
man angenommen, daß die Gewichtseinheit, die Mine, wie das heutige
Kilogramm nach einem bestimmten Grundsatz aus der Längeneinheit
abgeleitet worden sei[98].

Wird die Doppelelle nämlich in 10 Teile zerlegt und dieses Zehntel
als Kantenlänge für einen Würfel gewählt, den man mit Wasser füllt,
so kommt das Gewicht dieser Wassermasse einem Kilogramm sehr nahe, da
ja die Doppelelle nur wenig von dem Meter abwich. Das Gewicht dieser
Wassermasse stimmt mit der Mine (984 g) nahezu überein. Die Hälfte
dieses Gewichtes, die leichte Mine von 492 g, war während des ganzen
Altertums gebräuchlich[99].

[Illustration: Abb. 6. Altbabylonisches Gewichtsstück. Nach *Layard*.]

[Illustration: Abb. 7. Wage, einem altägyptischen Totenbuche entnommen.]

Mit der Anwendung des Hebels zum Abwägen von Waren, Heilmitteln usw.
waren schon die ältesten Kulturvölker vertraut. Die Ausgrabungen in
Mesopotamien haben zahlreiche, mitunter sehr handlich gestaltete (s.
Abb. 6) Gewichtsstücke zutage gefördert. In Ägypten hat man nicht
nur solche bis herab zu Stücken, die wenige Gramm anzeigen, sondern
auch zahlreiche Abbildungen von Wagen (siehe Abb. 7) gefunden. Die
ägyptischen Wagen waren sämtlich zweiarmig. An dem oberen Teile des
Gestelles befand sich ein Lot, um die richtige Einstellung der Wage zu
kontrollieren. Die Ägypter müssen es verstanden haben, schon ziemlich
empfindliche Wagen herzustellen. Aus den Rezepten des Papyrus Ebers
geht nämlich hervor, daß man als kleinstes Gewichtsstück ein solches
benutzte, das nur 0,71 g wog[100].

Nach den bisher gewonnenen archäologischen Aufschlüssen haben sich die
Ägypter der ungleicharmigen Wage noch nicht bedient. Daß die Ägypter
aber mit der Wirkung des ungleicharmigen Hebels schon in grauer Vorzeit
bekannt waren, beweisen die Wandgemälde Thebens.

Die auf dem Prinzip des ungleicharmigen Hebels beruhende Schnellwage
begegnet uns zuerst in Italien. Gut erhaltene Exemplare wurden in
Etrurien und in Pompeji ausgegraben[101].


Die Anfänge der Metallurgie und anderer chemisch-technischer Gewerbe.

Nicht nur auf den Gebieten der Mathematik und der Astronomie, die wir
bisher vorzugsweise gewürdigt haben, erlangten die Babylonier und
die Ägypter im großen und ganzen die gleiche Stufe der Entwicklung,
sondern auch im übrigen ist die Höhe des Wissens und der Kultur im
allgemeinen bei den beiden uralten, unter fast gleichen Bedingungen
lebenden und wohl auch stammverwandten Völkern fast dieselbe gewesen.
So haben die neueren Forschungen erwiesen, daß die Babylonier wie
die Ägypter Eisen herstellten und verarbeiteten. Schon *Lepsius* hat
darauf aufmerksam gemacht[102], daß auf den, auch in den Farben so
wohlerhaltenen, ägyptischen Wandbildern der Kriegshelm blau gemalt
ist. Im Grabe Rhamses des Dritten sind auch die Schwerter blau gemalt.
In beiden Fällen kann es sich wohl nur um die Wiedergabe eiserner
Waffen handeln. Gemalte Holzlanzen der ägyptischen Gräber tragen rote
und blaue Spitzen. Wir erkennen daraus, daß neben Eisen auch Kupfer
zur Herstellung von Waffen gebraucht wurde. Um den Granit in solch
vollkommener Weise zu bearbeiten, wie es ihre Sarkophage und Obelisken
zeigen, mußten die Ägypter wohl auch schon mit dem Härten des Eisens
vertraut sein[103].

Neuerdings haben sowohl die ägyptischen als auch die babylonischen
Ausgrabungen zahlreiche Beweisstücke für eine frühe Bekanntschaft mit
dem Eisen zutage gefördert. Immerhin ist nach Ansicht der meisten
Ägyptologen das Eisen im alten ägyptischen Reich noch sehr wenig in
Gebrauch gewesen.

Als älteste Spur dieses Metalls gilt ein in dem Mauerwerk der um 2500
errichteten Cheops-Pyramide gefundenes Eisenstück. Ähnliche Funde
liegen aus anderen fast ebenso alten Pyramiden vor (*E. v. Lippmann*,
Alchemie, 1919, S. 610).

[Illustration: Abb. 8. Gewinnung von Eisen nach altägyptischen
Wandgemälden.]

Sicher ist die Erfindung des Eisens nicht einem bestimmten Volke
zuzuschreiben, sondern sie ist zu verschiedenen Zeiten überall dort
erfolgt, wo leicht reduzierbare Eisenerze zur Verfügung standen. Das
war nicht nur in Ägypten, sondern auch in Indien, Persien, Palästina
und anderen Ländern der alten Kulturwelt der Fall. Eisenerz fehlte
auch im mittleren und südlichen Afrika nicht, und es ist anzunehmen,
daß man auch dort auf eine primitive Art der Eisengewinnung, die man
selbst bei den Hottentotten antrifft, gekommen ist. Die Frage, ob etwa
die Ägypter durch die Nubier oder durch die Bewohner Vorderasiens mit
der Eisengewinnung bekannt geworden sind oder ob sie sie selbständig
entdeckt haben, wird sich wohl kaum je mit Sicherheit entscheiden
lassen trotz aller Kontroversen, die schon über diese Frage geführt
wurden.

Die Art, wie die Ägypter Eisen herstellten, ist aus vorstehender
Abbildung ersichtlich[104]. Sie benutzten Blasebälge aus Leder, die
mit den Füßen getreten wurden. Ein Arbeiter bediente zwei solcher
Säcke, von denen abwechselnd der eine durch den Zug einer Schnur mit
Luft gefüllt wurde, während sich der andere unter dem Druck des Fußes
entleerte. Die gepreßte Luft gelangte in eine Feuerung, in welcher
das Eisenerz unter der reduzierenden Wirkung eines Kohlenfeuers zu
Eisen niedergeschmolzen wurde. Den altägyptischen ähnliche Blasebälge
sind noch heutzutage im Innern Afrikas in Gebrauch. Daß auch die
Babylonier Eisen herstellten und verarbeiteten, ist nicht nur durch
keilschriftliche Aufzeichnungen, sondern auch durch Funde von Helmen,
Panzern und Geräten erwiesen.

Noch leichter als das Eisen aus seinen Erzen ließ sich das Kupfer aus
Malachit erschmelzen. Zudem besaßen die alten Ägypter Fundstätten, an
welchen dieses Metall vorkam. So betrieb dieses Volk bereits im 5.
Jahrtausend v. Chr. auf der Insel Meroë einen umfangreichen Bergbau auf
Kupfer[105].

Metallisches Zink[106] und reines Zinn waren zwar den beiden ältesten
Kulturvölkern nicht bekannt[107], doch verstanden sie es, durch
einen Zusatz von Erzen dieser Metalle, insbesondere von Galmei, beim
Niederschmelzen der Kupfererze Bronze herzustellen, deren Verwendung zu
Waffen, Schmucksachen und Geräten bis in die älteste Zeit hinaufreicht.
Oft tragen auch die Bronzegegenstände Spuren einer Bearbeitung mit
Stahl[108]. Am frühesten sind Silber und besonders Gold gewonnen und
verarbeitet worden, da beide Metalle an vielen Orten gediegen vorkommen
und ihres Glanzes und ihrer Beständigkeit wegen geschätzt wurden.
Die Ägypter betrieben Goldbergwerke in Nubien. Sie kannten die Kunst
des Vergoldens und schmolzen Gold in einem bestimmten Verhältnisse
mit Silber zu einer Legierung zusammen. Die Ausbeute Nubiens an Gold
soll sich zur Zeit Rhamses des Zweiten auf viele Millionen jährlich
beziffert haben.

Ein interessantes Schriftdenkmal aus jener Zeit ist ein Grubenriß, der
sich auf einem in Turin bewahrten Papyros aus dem 15. Jahrhundert v.
Chr. befindet. Er stellt den Plan eines Tagebaues auf Gold in allen
seinen Einzelheiten dar und ist das älteste Dokument dieser Art, das
auf uns gekommen ist[109].

Eine aus Kupfer hergestellte Wasserleitung weist ein um 2500 v. Chr.
entstandener Tempel auf, der in der Nähe des alten Memphis freigelegt
wurde. Die Leitung hatte eine Länge von 400 Metern. Die Röhren
bestanden aus getriebenem Kupfer und besaßen etwa 4 cm Durchmesser
und 1 mm Wandstärke[110]. Die althergebrachte Meinung, daß der Name
Kupfer von Cypern stamme, wird neuerdings angefochten. Das Kupfer wurde
schon im Altertum auch in den Alpen und in Skandinavien gewonnen. Sein
lateinischer Name »Cuprum« wurde wahrscheinlich von den Römern den
nordischen Völkern entlehnt[111].

Ein Beispiel von den Leistungen der alten Völker im Schmieden ist die
berühmte Eisensäule in Delhi. Sie wiegt 11000 kg und hat ein Alter von
etwa 2000 Jahren[112]. Die Säule besteht aus sehr reinem Eisen und ist
trotz des feuchten Klimas des Landes kaum verrostet. Die Reisenden des
Mittelalters erwähnen sie unter Ausdrücken der größten Bewunderung. Sie
ist etwa 7-1/2 m hoch und besitzt einen Durchmesser von 1/2 m.

Hand in Hand mit der Gewinnung und der Verarbeitung der Metalle
ging die Herstellung von Glas, Email, gefärbten Glaswaren und von
Erzeugnissen der Töpferei. Sowohl in Babylonien als in Ägypten war man
mit diesen Gewerben vertraut. Die Glasflüsse und Emaillen wurden mit
Kupferoxyd und mit Kobaltverbindungen rot und blau gefärbt. Daß man
es auch in der Kunst des Schleifens weit gebracht hatte, beweist die
Auffindung einer Linse durch *Layard*[113] in den Ruinen Ninives. Diese
Linse befindet sich im Britischen Museum; sie ist 0,2 Zoll dick und
besitzt eine Brennweite von 4,2 Zoll. Welchem Zweck sie diente, läßt
sich nicht angeben.

Die Glasbereitung, deren Erfindung man mit Unrecht den Phöniziern
zugeschrieben hat, wurde in Ägypten schon in der ältesten Zeit geübt.
Als Materialien wurden Sand, Soda, Muschelschalen usw. verwendet. Das
bekannte Relief von Beni Hassan stellt nicht, wie man früher annahm,
Glasbläser, sondern wahrscheinlich Metallarbeiter vor. Das Blasen
des Glases kam nämlich erst um den Beginn unserer Zeitrechnung auf.
Anfangs wurden die Gläser über einem Tonkern geformt, oder man goß
die flüssige Glasmasse in Tonmodelle, die man hin- und herschwenkte,
um dem erkaltenden Glase die gewünschte Form zu geben[114]. Eine
ausführliche Darstellung über das Glas im Altertum verdankt man *A.
Kisa* (*A. Kisa*, Das Glas im Altertume. 978 Seiten mit 395 Abbildungen
im Text und zahlreichen Tafeln. Leipzig, K. W. Hiersemann 1908). *Kisa*
erwähnt ägyptische Glasfabriken, die zur Zeit Amenophis des Vierten
in Tell el Amarna bestanden. Die Ägypter vertrieben ihre Erzeugnisse
(z. B. Glasperlen) schon im Massenexport. Von Ägypten aus wurden die
Phönizier und die übrigen Mittelmeervölker mit der Bereitung und der
künstlerischen Verarbeitung des Glases bekannt.

Von sonstigen chemisch-technischen Gewerben wurden nicht nur die
Töpferei unter Anwendung von Email, sondern auch die Färberei mit
Benutzung des Alauns als Beize ausgeübt. Als Mineralfarben gebrauchte
man Zinnober und Eisenoxyd, wie sie die Natur darbietet. Mennige,
Bleiweiß und Kienruß wurden künstlich hergestellt. Indem man die in
Ägypten natürlich vorkommende Soda der Natronseen mit Öl behandelte,
gelangte man zur Erfindung der Seife.


Die Anfänge der Heilkunde.

Ein erstaunlich hohes Alter besitzt auch die Heilkunde. Manches
ist darüber aus den in Ägypten gemachten Papyrusfunden und aus
babylonischen Keilschrifttexten bekannt geworden, doch ist es oft nicht
möglich, aus den Beschreibungen die Krankheiten wiederzuerkennen.
Welche Entwicklung die Heilkunde in Ägypten genommen, das nebenbei als
ein gesundes Land galt, erkennen wir aus den Angaben *Herodots*. Er
erzählt: »Die Heilkunde ist bei ihnen geteilt, jeder Arzt beschäftigt
sich mit einer Art von Krankheit. Die einen sind Augenärzte, die
anderen Ärzte für den Kopf, andere für die Zähne und wieder andere für
nicht sichtbare Krankheiten«[115].

Nicht nur das Bedürfnis, Krankheiten zu heilen, sondern auch der
Brauch, Leichen zu mumifizieren, wird die Ägypter frühzeitig zur
Beschäftigung mit dem Bau des menschlichen Körpers geführt haben, wenn
auch religiöse Gründe einer, zu wissenschaftlichen Zwecken erfolgenden
Zergliederung der Leichen im Altertum wie im Mittelalter recht hindernd
im Wege standen.

Das hohe Alter der babylonischen Heilkunde geht schon daraus hervor,
daß die Gesetzessammlung Hammurabis auch von medizinischen Gebühren und
von der Haftpflicht der Chirurgen handelt. Ein Paragraph[116] bestimmt
unter anderem, daß man einem Chirurgen, der das Auge eines Menschen
öffne, um den Star zu operieren, beide Hände abhauen solle, wenn das
Auge durch den chirurgischen Eingriff zerstört werde[117]. Nicht
minder barbarisch waren die ägyptischen Vorschriften. Berichtet uns
doch *Diodor*[118], daß Ärzte, wenn der Patient starb, Gefahr liefen,
als Mörder bestraft zu werden. Da jene ältesten Ärzte ihre Heilmittel
aus allen Naturreichen wählten, so waren Medizin und Naturkunde von
vornherein aufs engste miteinander verschwistert. Die medizinischen
Papyrusfunde zählen über 50 Pflanzen auf, die zu Heilzwecken gebraucht
wurden. Daneben fanden auch Organe und Sekrete von Tieren, wie Herz,
Leber, Blut, Galle usw., ferner Mineralien wie Kupfersalze und Natron
Verwendung.

Ein interessanter Abschnitt aus der Geschichte der Heilkunde ist auch
die Behandlung der Zahnkaries. Die Babylonier nahmen an, daß das
Hohlwerden der Zähne von Würmern herrühre, welche die Zähne ausnagen
sollten. Eine Heilung erwartete man von Beschwörungsformeln. Diese
Formeln verbreiteten sich nach Europa und erhielten sich dort bis ins
Mittelalter. An die Stelle der Beschwörung oder neben diese trat aber
schon sehr frühzeitig eine sachgemäße Behandlung der Krankheit. Man
stillte den Schmerz mit giftigen Kräutern und füllte den hohlen Zahn
mit Harz[119].

Ein Keilschrifttext, der erkennen läßt, in welcher Art oft
kosmogonische Vorstellungen mit Gebetformeln und Heilvorschriften
vereinigt wurden, lautet folgendermaßen:

  »Als Gott Anu schuf den Himmel,
  der Himmel schuf die Erde,
  die Erde schuf die Flüsse,
  die Flüsse schufen die Kanäle,
  die Kanäle schufen den Schlamm,
  der Schlamm schuf den Wurm.
  Da ging der Wurm; beim Anblick der Sonne weinte er.
  Vor das Angesicht des Gottes Ea kamen seine Tränen:
  Was gibst du mir zu meiner Speise?
  Was gibst du mir zu meinem Tranke?
  Ich gebe dir das Holz, das faul ist und die Frucht des Baumes.
  Was ist für mich faules Holz und die Frucht des Baumes?
  Laß mich nisten im Innern des Zahnes.
  Seine Höhlungen gib mir als Wohnung.
  Aus dem Zahne will ich saugen sein Blut.
  Weil du dies gesagt hast, Wurm,
  möge dich schlagen der Gott Ea
  mit der Stärke seiner Hände.
  Dies diene zur Beschwörung für den Schmerz der Zähne.
  Dabei sollst du Bilsenkraut pulvern und mit Baumharz zusammenkneten.
  Dies sollst du in den Zahn bringen, während du die Beschwörung dreimal
      hersagst[120].«

Daß sich durch das Zusammenleben in den oft stark bevölkerten Städten
der alten Kulturwelt auch schon eine gewisse Wohnungs- und Volkshygiene
herausbildete, darf als sichergestellt gelten. Die Erbauung der Städte
erfolgte oft schon nach bestimmten Plänen. Einen Stadtplan von Ninive
hat man auf einer Statue gefunden, deren Alter auf 5000 Jahre beziffert
wird. Selbst Wasserleitungen und Kloaken begegnen uns schon bei den
Babyloniern und bei den Ägyptern. Wahrscheinlich sind die Griechen,
wie in so vielen anderen Dingen, auch hierin die Schüler dieser Völker
gewesen. Bei den Assyrern gab es um 700 v. Chr. Städte mit geraden,
gepflasterten Straßen, die sogar Bürgersteige aufwiesen[121].

Welchen Umfang die Kenntnisse der Ägypter in medizinischen, botanischen
und zoologischen Dingen besaßen, kann man kaum noch feststellen.
Viele Einzelheiten lassen sich zwar aus Abbildungen und den auf
uns gekommenen Papyrusfunden entnehmen. Wir wissen ferner, daß die
angewandte Botanik in Ägypten und in Vorderasien ihren Ursprung
genommen hat. So wurden in Ägypten drei Weizen- und zwei Gerstenarten,
sowie die Hirse (Sorghum) gebaut[122]. Auch betrieb man den Anbau des
Rizinus, der Dattel und der Feige, des Weinstocks, der Linsen, Erbsen
usw.

Das umfangreichste medizinische Schriftdenkmal ist der Papyrus
Ebers. Er stammt aus Theben und wurde vermutlich um 1500 v. Chr.
niedergeschrieben. Der Papyrus Ebers ist in der Hauptsache eine
Sammlung von Rezepten (z. B. Rizinus gegen Verstopfung), Gebeten und
Beschwörungsformeln für die verschiedensten Krankheiten. Er gestattet
daher keinen Schluß auf den Stand der Medizin im allgemeinen. Obgleich
wir keinen, die Chirurgie in gleicher Ausführlichkeit behandelnden Text
besitzen, läßt sich aus den Beobachtungen gut geheilter Knochenbrüche
und ähnlicher Dinge an Mumien wohl schließen, daß der Stand dieses,
durch anatomische Kenntnisse bedingten medizinischen Wissenszweiges ein
verhältnismäßig hoher gewesen ist[123].

Die Bereitung der Arzneien erfolgte anfangs durch die Ärzte selbst.
Indessen begegnen uns schon im alten Alexandrien und im alten Rom
besondere Arzneibereiter. Die Einrichtung von Handapotheken geht bis
in die älteste ägyptische Zeit zurück. Die ägyptische Sammlung des
Berliner Museums besitzt eine aus dem Jahre 2000 v. Chr. stammende
Handapotheke einer ägyptischen Königin. Diese Apotheke war laut
geschriebener Widmung ein Geschenk. In den mit Pfropfen verschlossenen
Alabastergefäßen befinden sich noch Wurzeln, die Heilzwecken
dienten[124].


Erstes naturgeschichtliches Wissen.

Manchen Aufschluß über das Verhältnis der alten Ägypter zu der sie
umgebenden Tier- und Pflanzenwelt erhalten wir aus den Wandgemälden
der Gräber und den Verzierungen der den Toten mit ins Grab gegebenen
Schminktafeln. Der Papyrus Ebers enthält auch einige Andeutungen über
die Entwicklung des Skarabäus aus dem Ei, der Schmeißfliege aus der
Larve, des Frosches aus der Kaulquappe[125]. Eine Fülle wohlerhaltener
Abbildungen von Tieren und Pflanzen enthalten die aus dem alten Reiche
(der V. Dynastie) stammenden Gräber des Ptahhotep und des Ti. Sie
gehören der Nekropole des alten Memphis an und liegen in der Nähe
der Stufenpyramide von Sakkara. Das Grab des Ptahhotep zeigt uns den
Verstorbenen umgeben von seinen Windhunden und Schoßaffen. Diener
sind mit dem Schlachten von Opfertieren beschäftigt, oder sie führen
Jagdbeute herbei, wie Gazellen und Löwen. Die Jagdszenen enthalten
manche Beobachtung aus dem Tierleben, z. B. einen Löwen, der einen vor
Schreck gelähmten Ochsen überfällt. Ausführlich wird die Weingewinnung
dargestellt. Die Bilder zeigen die Pflege des Weinstocks, die
Traubenlese und das Keltern. Sehr früh verschwinden aus den Abbildungen
die Darstellungen phantastischer Mischgestalten. Besonders die
Schminktafeln (die alten Ägypter schminkten die Augenbrauen) zeigen,
daß man schon von der ersten Dynastie an mit wenigen Ausnahmen nur
wirklich beobachtete Tierformen zur Darstellung brachte[126].

Mit dem Pferde sind die Ägypter und die Babylonier erst verhältnismäßig
spät bekannt geworden. So enthält die Gesetzessammlung *Hammurabis*
zahlreiche Bestimmungen, in denen von Rindern, Eseln, Schafen und
anderen Haustieren die Rede ist, aber keine, die das Pferd betreffen.
Dieses ist allem Anschein nach erst zu Beginn des 2. Jahrtausends durch
arische Stämme, die vom Aralsee her vordrangen, nach Vorderasien und
Ägypten gelangt. Durch die Einführung des Pferdes kam der Streitwagen
in Aufnahme, welcher der Kriegsführung ein ganz neues Aussehen verlieh.

Den Übergang von Kulturpflanzen und Haustieren aus Asien nach Europa
behandelt *Victor Hehn* auf Grund der Angaben der griechischen und
der römischen Schriftsteller. In seinem Buche konnten, als es 1870
zuerst erschien, die wesentlichsten Ergebnisse der ägyptologischen
und assyriologischen Forschungen noch nicht berücksichtigt werden.
Die neueren Auflagen des seinerzeit epochemachenden Buches von *Hehn*
haben sich darin nur wenig geändert. Es ist das Verdienst *Hehns*,
zuerst nachdrücklich darauf hingewiesen zu haben, daß die Fauna und
die Flora der Kulturländer durch die Einwirkung des Menschen ganz
wesentlich umgestaltet wurden. Dabei bediente sich *Hehn* indessen
noch vorwiegend der rein philologischen Untersuchung. Daß z. B. das
Huhn erst verhältnismäßig spät in Vorderasien und in Europa bekannt
wurde, schließt *Hehn* daraus, daß dieses Tier im Alten Testamente
nicht erwähnt wird und sich auch nicht auf den ägyptischen Wandgemälden
findet, die im übrigen alles, was den Haushalt der alten Ägypter
betrifft, vor Augen führen. In bezug auf Italien kommt *Hehn* zu
dem allgemeinen Ergebnis, daß seine Pflanzenwelt unter dem Einfluß
des Menschen immer mehr einen südlichen und asiatischen Charakter
angenommen habe[127]. Meldet doch *Plinius*, daß z. B. der Kirschbaum
erst durch *Lucullus* von der pontischen Küste nach Italien verpflanzt
sei.

Die literarischen Belege und die Abbildungen von Pflanzen und Tieren
finden eine wertvolle Ergänzung durch die Naturgegenstände selbst, die
man in den alten Nekropolen Ägyptens gefunden und in dem großen Museum
von Kairo vereinigt hat. Man findet dort zahlreiche Mumien von Hunden,
Krokodilen, Fischen, Vögeln (besonders dem Ibis), Spitzmäusen, Bos
africanus usw. Die Insekten sind besonders durch Skarabäen vertreten.
Nicht minder zahlreich sind die Pflanzenreste.

Die Ägypter gelangten auch zu chemischen Operationen, deren Ziel
die Herstellung von Heilmitteln aus pflanzlichen Stoffen war. So
ist bekannt geworden, daß sie in späterer Zeit zu diesem Zwecke
die Destillation ausübten[128] und sich dabei der von ihnen
erfundenen Glasgefäße bedienten. In geringem Umfange fanden
auch schon anorganische Stoffe, wie Eisenoxyd, Alaun usw., als
Heilmittel Verwendung, so daß schon in den ältesten Zeiten ein
gewisser Zusammenhang von chemischem Können mit der Pharmazie sich
herausbildete[129].

Der ägyptische Alaun galt als der beste (*Plin.* 35, 184). Besondere
Alaunwerke, die großen Gewinn abwarfen, bestanden nach *Diodor* (V,
15) auf Lipara. Wie heute wurden mehrere Abarten unterschieden. Man
benutzte Alaun nicht nur in der Heilkunde, sondern auch als Beize, zum
Imprägnieren von Holz, um es vor Feuer zu schützen, zum Gerben (*Plin.*
XXXV, 190), also zu vielen Zwecken, denen er noch jetzt dient.


Die alte Kultur Süd- und Ostasiens.

Nachdem wir das Entstehen der ersten Wurzeln von Kultur und
Wissenschaft in Vorderasien und Ägypten geschildert haben, erübrigt
noch eine kurze Betrachtung der in Indien und in China entstandenen
Elemente. Die Bedeutung der Inder für die Entwicklung der
Wissenschaften ist erst auf Grund der neueren Sanskritforschung in
das rechte Licht gerückt worden, wenn auch noch manche Zweifel und
Unklarheiten geblieben sind. Erst seit der Begründung der neueren
vergleichenden Sprachforschung ist man zu der Erkenntnis gelangt, daß
die Inder mit den Griechen, Römern und Germanen eines Stammes sind.
Welches die Heimat des vermuteten indogermanischen Urvolkes war, wird
sich wohl nie ermitteln lassen. Soviel dürfen wir indessen annehmen,
daß es sich um ein Hirtenvolk handelte, das innerhalb eines gemäßigten
Klimas erstarkt war und infolgedessen zu wandern begann. Der neue Boden
mußte aber nicht nur der Natur, sondern auch einer auf niedriger Stufe
stehenden Urbevölkerung abgerungen werden. So drangen die Inder mit
ihren Rossen und Rindern von Nordwesten her, einige Jahrtausende vor
Beginn unserer Zeitrechnung, in die nach ihnen benannte Halbinsel ein.
Zunächst setzten sie sich im Gebiete des Indus fest und drängten von
hier aus die dunklen Urbewohner nach Süden und in die Gebirge zurück.

Während der ersten Stufen, welche die Entwicklung in Indien durchlief,
wird keine oder nur eine geringe Fühlung mit den Mittelmeervölkern
bestanden haben. Indes schon mit dem ersten Aufdämmern der Geschichte
ist ein Verkehr Indiens mit dem Westen wie mit China nachweisbar, so
daß der frühere Glaube an die völlige Abgeschlossenheit der süd- und
ostasiatischen Kultur einer anderen Auffassung hat weichen müssen. In
der allerersten Zeit war es der Handel, der eine Verbindung herstellte
und dabei den Seeweg bevorzugte. Auf diesem Wege gelangten die
Erzeugnisse Indiens nach dem Arabischen Meerbusen und von dort den
Euphrat und Tigris hinauf. Selbst die Ostküste des entfernten Ägyptens
unterhielt lebhafte Handelsbeziehungen zu Indien. Und in späterer Zeit
durchfuhren selbst römische Schiffe das Rote Meer und den Indischen
Ozean, in welchem sich die Seefahrer den regelmäßigen Wechsel der
Monsunwinde zunutze machten[130].

Einem Austausch der Waren wird zu allen Zeiten ein Austausch des
Wissens parallel gegangen sein. Ein weiteres kräftiges Ferment für eine
wechselseitige Befruchtung waren ferner die Ausbreitung der Religionen
und die Eroberungszüge. So entstanden später infolge des Alexanderzuges
an den Grenzen Indiens griechische Königreiche, die einen regen
Austausch auch geistiger Erzeugnisse zwischen den Bewohnern der
Mittelmeerländer und Südasiens vermittelten. Zur römischen Kaiserzeit
und während der byzantinischen Periode fand sogar ein Verkehr zwischen
den indischen und den westlichen Höfen durch Gesandtschaften statt.
Ja, unter Kaiser Antoninus ist sogar eine römische Gesandtschaft am
chinesischen Hofe erschienen[131].

Für die Geschichte der Wissenschaften kommt insbesondere der
Einfluß in Betracht, den die Inder auf medizinischem und
astronomisch-mathematischem Gebiete auf die westlich von ihnen
wohnenden Völker ausgeübt haben. Besaßen doch später die Araber nicht
nur in Galen, sondern nicht minder in den Indern Lehrmeister in der
Anatomie und Chirurgie. Unter den Naturerzeugnissen Indiens befand sich
ferner mancher Stoff, der von den Bewohnern als heilkräftig erkannt und
anderen Völkern übermittelt wurde. So hatten sich bei Alexander[132]
geschickte indische Ärzte eingefunden, die sich besonders auf die
Heilung von Schlangenbissen verstanden. Als ein Beweis für das Alter
der indischen Medizin mag auch gelten, daß die Ärzte bei den Indern in
hoher Achtung standen[133].

Unter den späteren astronomisch-mathematischen Schriftstellern der
Inder sind besonders *Aryabhatta* (um 500 n. Chr.) und *Brahmagupta*
(um 600 n. Chr.) zu nennen. Bei der Beurteilung ihrer Leistungen ist
indessen zu berücksichtigen, daß in den Werken der Sanskritliteratur,
die vor *Aryabhatta* entstanden, auch griechische Einflüsse auf
die indische Wissenschaft nachweisbar sind. Hatte es doch lange
den Anschein, als ob manche Lehren älterer Sanskritwerke von den
Griechen stammen[134]. Doch wird neuerdings den Erzeugnissen der
Sanskritliteratur eine größere Selbständigkeit zuerkannt.

Die ältesten Schriften der indischen Literatur sind die *Vedas*. In
ihnen spiegelt sich das religiöse und soziale Leben der Inder wieder;
sie enthalten aber auch die ersten Anfänge der Wissenschaften, die
sich bei diesem merkwürdigen Volke zumeist im engsten Zusammenhange
mit religiösen Gebräuchen und Empfindungen entwickelt haben. In
höchst eigenartiger Weise hat z. B. der Opferdienst die Entwicklung
der indischen Mathematik beeinflußt. Die Gestaltung der Altäre war
nämlich nach der Ansicht der Inder für den Erfolg des Opfers von der
allergrößten Bedeutung. So heißt es in einer Vorschrift: »Wer die
himmlische Welt zu erlangen wünscht, schichte den Altar in Gestalt
eines Falken.« Diese Aufgabe setzt aber eine bedeutende Kenntnis der
Flächengeometrie voraus, da sämtliche Steine einer Schicht polyedrisch
gestaltet und lückenlos aneinander gefügt die Figur des Falken ergeben
mußten. Erhöht wurde die Schwierigkeit dadurch, daß die zweite Schicht,
die gleich der ersten etwa zweihundert Steine enthielt, eine andere
Anordnung aufweisen und dennoch als Ganzes die erste Schicht decken
mußte. Dabei war jedes Formverhältnis von entscheidender Wichtigkeit,
da es nach der Auffassung der Inder Segen oder Unheil bringen
konnte[135].

[Illustration: Abb. 9. Geometrische Konstruktionen der Inder.]

Die Schrift über die Altäre ist nach der Ansicht des Herausgebers
(*Bürk*, s. unten) im 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht
früher, verfaßt worden. Durch ihre, beim Bau der Altäre geübte Technik
sind die Inder wahrscheinlich auch mit dem Satze vom Quadrat der
Hypothenuse schon vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. bekannt geworden.
Damit ist jedoch nicht etwa gesagt, daß sie den allgemeinen Beweis
des pythagoreischen Lehrsatzes gefunden hätten. Wir dürfen nämlich
nicht vergessen, daß auch die unmittelbare geometrische Anschauung
sehr oft die Quelle neuer Wahrheiten gewesen ist. So finden wir,
daß bei gewissen indischen Altären vier Quadrate (Abb. 9) sich zu
einem größeren Quadrat ergänzen. Die vier Diagonalen der kleineren
Quadrate ergeben ein neues, über der Hypothenuse AC des gleichseitigen
rechtwinkligen Dreiecks ABC errichtetes Quadrat. Hier beweist die
unmittelbare Anschauung die Gültigkeit des pythagoreischen Lehrsatzes
für diesen besonderen Fall. In der von *Bürk* veröffentlichten
indischen Quelle[136] heißt es demnach in weiterer Verallgemeinerung:
»Die Diagonale eines Rechtecks bringt beides hervor, was die längere
und die kürzere Seite des Rechtecks jede für sich hervorbringen[137].«

Die früher wohl geltende Meinung, daß die indische Geometrie in der
Hauptsache griechischen Ursprungs sei, kann also heute, nach der
Veröffentlichung wichtiger indischer Quellen[138], nicht mehr aufrecht
erhalten werden[139].

Unter den rechtwinkligen rationalen Dreiecken waren den Indern im 8.
vorchristlichen Jahrhundert z. B. diejenigen bekannt, deren Seiten sich
verhalten wie:

  3 :  4 :  5
  5 : 12 : 13
  8 : 15 : 17.

Um einen rechten Winkel abzustecken, bediente man sich, wie in Ägypten
und später in Griechenland, des Verfahrens des Seilspannens. Die
Seitenlängen, welche die Inder dabei benutzten, verhielten sich in
der Regel wie 15 : 36 : 39[140], entsprachen also gleichfalls dem
pythagoreischen Lehrsatz. Trotz alledem bleibt es wahrscheinlich,
daß erst die Griechen von den zahlreichen, bekannt gewordenen
Einzelfällen zu dem allgemeinen, früher dem Pythagoras zugeschriebenen,
geometrischen Satz gelangt sind.

Auch für eine annähernde Quadratur des Kreises findet sich[141] bei den
alten Indern eine Regel. Handelt es sich darum, einen dem Quadrate ABCD
flächengleichen Kreis zu finden, so wird ME = AM und zwar senkrecht zu
AB gezogen (Abb. 10). Zu MG wird NG = (1/3)GE hinzugefügt. Mit der so
erhaltenen Strecke MN als Radius wird dann der Kreis um M geschlagen.
In der indischen Vorschrift heißt es: »Soviel wie (an den Ecken)
verloren geht, kommt (die Segmente) hinzu.«

Von jeher haben die Inder als ein besonders für die Arithmetik
beanlagtes Volk gegolten. Ist es doch ihr Verdienst, das
Positionssystem und seine irrtümlich als arabisch bezeichneten Ziffern
erfunden zu haben. Wie uns die Tafeln von *Senkereh*[142] beweisen,
besaßen die Babylonier ein Positionssystem, das sexagesimal war, aber
die Null entbehrte. Die späteren Inder entwickelten durch Einführung
der Null und der dekadischen Einheiten die heutige Positionsarithmetik,
die dann dem Abendlande durch die Araber übermittelt wurde.

[Illustration: Abb. 10. Die Quadratur des Kreises bei den Indern.]

Je mehr die archäologischen Forschungen uns mit dem Wissen des alten
Orients bekannt machen, um so mehr befestigt sich die Überzeugung,
daß in einer drei- bis viertausend Jahre zurückliegenden Zeit die
Babylonier, die Inder und die Ägypter einen gemeinsamen Besitz an
Kenntnissen besaßen. Ohne Zweifel sind jene ersten Kulturvölker
unabhängig voneinander in den Besitz mancher Wahrheit gelangt. Doch hat
gewiß auch ein viel regerer Austausch der Kenntnisse stattgefunden als
man bisher angenommen hat[143].

Für die engen Beziehungen, die zwischen Babylon und Ägypten bestanden,
fehlt es nicht an Beweisen[144]. Als ein Zeichen, daß der babylonische
Einfluß auch nach Indien, ja selbst bis China reichte, kann die
Tatsache betrachtet werden, daß die indischen und die chinesischen
Quellen die Dauer des längsten Tages auf 14^h 24' angeben, ein Wert,
der für Babylon bis auf eine Minute zutrifft[145].

Während die wechselseitige Beeinflussung des ältesten ägyptischen,
babylonischen und indischen Wissens mehr vermutet als im einzelnen
nachgewiesen werden kann, sind die Beziehungen einerseits zwischen
indischer, andererseits zwischen griechischer und arabischer
Wissenschaft deutlich zu erkennen. Insbesondere hat zwischen Indern,
Griechen und Arabern ein Austausch mathematischer und astronomischer
Kenntnisse stattgefunden. Da wir auf die Inder in späteren Abschnitten
nicht mehr zurückkommen werden, so soll an dieser Stelle noch einiges
über die Entwicklung, die besonders die Rechenkunst bei den für die
Arithmetik so gut beanlagten Indern genommen hat, ins Auge gefaßt
werden.

Unbestritten ist das Verdienst der Inder, die neuen Zahlzeichen
und die Null geschaffen und das Ziffernrechnen unter Anwendung des
Stellenwertes zu hoher Ausbildung gebracht zu haben. Das Rechnen mit
der Null ist schon zur Zeit des *Brahmagupta* in Gebrauch gewesen.
Auch die Schreibweise für die Brüche und die Bruchrechnung weichen von
den heute geltenden Regeln kaum ab. Zwar fehlte der Bruchstrich, doch
wurde der Zähler schon über den Nenner gestellt. Bei gemischten Brüchen
kamen die Ganzen in eine dritte, noch höhere Stufe; 2-3/4 schrieb man
z. B. 2/3/4. Das Multiplizieren der Brüche lehrt *Brahmagupta* mit
folgenden Worten: »Das Produkt aus den Zählern teile durch das Produkt
aus den Nennern.« Bei den indischen Mathematikern finden sich ferner
Regeldetriaufgaben mit direktem, indirektem und zusammengesetztem
Ansatz. Letztere werden in mehrere einfache Regeldetriaufgaben zerlegt.
Es sind sogar besondere Kunstausdrücke für die Regeldetri-Rechnung in
Gebrauch[146].

Wie die Inder durch Einführung der Null und des Positionssystems den
größten Fortschritt für die Arithmetik schufen, so erwarben sie sich
für die Algebra kein geringeres Verdienst durch die Einführung der
Begriffe positiv und negativ. Sogar die Erläuterung dieser Begriffe
durch die Worte Schulden und Vermögen, ja ihre Erklärung durch
Vorwärts- und Rückwärtsschreiten auf einer gegebenen Strecke war
ihnen schon geläufig. Wollte man eine Zahl als negativ bezeichnen, so
wurde ein Punkt darüber gesetzt. Selbst bei den Gleichungen wurden
negative Lösungen, welche *Diophant* (350 n. Chr.) noch für unstatthaft
erklärte, zugelassen.

Was die arithmetischen und die geometrischen Reihen, die Quadrat-
und die Kubikzahlen anbelangt, so konnten die Griechen in dieser
Hinsicht von den Indern wenig lernen. Letzteres Volk schuf jedoch die
Kombinationslehre und die Anfangsgründe der Algebra. Ferner gelangte
man in Indien dadurch über die Lehre von den Potenzen einen Schritt
hinaus, daß man für die irrationale Quadratwurzel eine Bezeichnung
einführte. An das Erheben in die 2. und die 3. Potenz schlossen die
Inder als Umkehrungen dieser Operationen das Ausziehen der Quadrat-
und der Kubikwurzel. Hierbei bedienten sie sich schon der binomischen
Formeln für (a + b)^2 und (a + b)^3. Ja, ihre Art, die Wurzeln zu
finden, stimmte soweit mit dem heutigen Verfahren überein, daß bei
ihnen selbst das Abteilen der zu radizierenden Zahl zu je zwei oder
drei Stellen nicht fehlte.

Auf dem Gebiete der Algebra entwickelten die Inder vor allem die
Lehre von den Gleichungen verschiedenen Grades. Für die unbekannte
Größe wird ein Zeichen gebraucht. Als ein Beispiel zugleich für die
poetische Form, in welche die Inder solche Aufgaben einkleideten, diene
folgendes: Von einem Schwarm Bienen läßt 1/4 sich auf einer Blume
nieder, 2/3 fliegt zu einer anderen Blume, eine Biene bleibt übrig,
indem sie gleichsam durch den lieblichen Duft beider Blumen angezogen
in der Luft schwebt. Sage mir, reizendes Weib, die Anzahl der Bienen.

Noch bedeutender waren die Leistungen der Inder in der Theorie der
Zahlen, doch würde ein näheres Eingehen auf diese Seite der Mathematik
zu weit von dem Zwecke dieses Buches entfernen, das die Mathematik
nur insoweit berücksichtigen will, als sie für die Entwicklung der
Naturwissenschaften von Bedeutung gewesen ist. Für die Auflösung von
kubischen Gleichungen findet sich bei den Indern wie bei *Diophant* nur
ein vereinzeltes Beispiel.

Nicht uninteressant ist ein kurzer Überblick über den Umfang der
indischen Arithmetik. Sie umfaßte zwanzig Operationen und acht
Bestimmungen, die jedem Meister der Rechenkunst geläufig sein
mußten[147]. Zu den 4 Grundrechnungsarten, dem Potenzieren und dem
Wurzelziehen traten 6 Operationen mit Brüchen und 5 als einfache und
zusammengesetzte Regeldetri; ferner gab es eine Regel über den Tausch.
Die Bestimmungen betrafen Mischungen, Flächen- und Körperinhalte,
Zinsberechnung, Schattenrechnung usw. Nach *Burkhardt* (Wie man vor
Zeiten rechnete, Zeitschr. f. d. math. u. naturw. Unterr. 1905. 1.
Heft) läßt sich annehmen, daß seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. in Indien
im wesentlichen ebenso gerechnet wurde, wie heute bei uns. Auch steht
fest, daß die Araber ihre Ziffern und ihre Rechenmethode von den Indern
erhalten haben.

Was man in den Sanskritwerken an geometrischen Lehren angetroffen
hat, ist weniger bedeutend und nach *Cantor* wohl zum Teil
auf alexandrinischen Ursprung, insbesondere auf *Heron*
zurückzuführen[148]. Davon, daß die Inder mit den Kegelschnitten
bekannt gewesen, findet sich nirgends eine Andeutung. Dieser Teil
der Geometrie ist ausschließlich griechischen Ursprungs. Dagegen
blieb es den Indern als dem vorwiegend für die Arithmetik veranlagten
Volke vorbehalten, die ersten allgemeinen Sätze der Kombinationslehre
zu finden, eine Errungenschaft, zu der die Griechen, soweit unsere
Kenntnis reicht, nicht durchgedrungen sind.

Einen wesentlichen Fortschritt erfuhr die Trigonometrie bei den Indern,
indem sie für die Sehne des Winkels deren Hälfte und somit den Sinus
einführten. Es war dies ein Fortschritt, den erst die Araber in seiner
vollen Bedeutung erkannten und zur Geltung brachten.

Die erste indische Sinustabelle begegnet uns um 500 n. Chr.[149].
Der Kreis hat dort wie bei den Babyloniern und den Alexandrinern 360
gleiche Teile. Jeder Teil zerfällt in 60 kleinere Abschnitte (unsere
Minuten), von denen der ganze Kreis also 60 · 360 = 21600 enthält. Der
Radius wird durch diese kleinsten Teile des Kreises gemessen. Nach
einem von den Indern für das Verhältnis der Peripherie zum Durchmesser
angenommenen Werte ergab sich für den Radius die Zahl 3448. Da der
Sinus, als halbe Sehne des doppelten Winkels betrachtet, für 90° gleich
dem Radius wird, so erscheint für 90° in der Tabelle jener Wert 3448.
Für sin 60° wird 2978, für sin 30° wird 1719 angegeben.

In bezug auf die Naturwissenschaften besaßen die Inder zwar zahlreiche
Einzelkenntnisse. Zur Aufstellung naturwissenschaftlicher Lehrgebäude
gelangten sie indessen ebensowenig wie die Babylonier oder die Ägypter.
Diese Tat blieb vielmehr den Griechen vorbehalten. In physikalischer
Hinsicht ist erwähnenswert, daß die Kenntnis des Brennglases und der
Brennspiegel bei den Indern sehr weit zurückreicht. So erwähnt eins
ihrer ältesten Bücher[150], daß getrockneter Mist sich entzünde, wenn
man die Sonnenstrahlen mittelst eines Steines oder Glases oder auch
eines Metallgefäßes darauf werfe[151]. Übrigens kannten die Griechen
im Zeitalter des *Aristoteles* gleichfalls schon die Feuererzeugung
mit Hilfe eines durchsichtigen Steines[152]. Auf Grund einiger
Sanskritstellen hat man den alten Indern die Kenntnis des Schießpulvers
zugeschrieben. So wird ein König aus dem dritten vorchristlichen
Jahrhundert genannt, der »Feuerwerke« angeordnet habe. Daraus aber auf
eine so frühzeitige Kenntnis der Inder zu schließen, erscheint doch
recht gewagt[153].

Daß die so überaus üppige Natur eines Landes wie Indien ein
frühzeitiges Emporblühen der Pflanzenkunde und einer auf ihr beruhenden
Heilkunde hervorrief, ist leicht erklärlich. In der Sanskritliteratur
fehlt es daher nicht an Werken, die eine große Menge von Heilmitteln,
Nahrungsmitteln und Giften anführen. Es ist jedoch nur selten möglich,
die Art, um die es sich handelt, zu bestimmen. Am häufigsten wird
Nelumbium speciosum, eine prächtige Seerose, erwähnt. Neben den
Pflanzen wurden aber auch Metalle und Chemikalien von den alten
Indern zu Heilzwecken verwendet. Am ausführlichsten berichtet über
den Stand ihrer naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisse
die Ayur-Veda *Susrutas*. Das Werk umfaßt sechs Bücher, die sich
im wesentlichen mit der Lehre von den Heilmitteln, der Anatomie,
der Pathologie und der Therapie beschäftigen. Das Knochensystem des
Menschen enthält nach *Susrutas* Aufzählung 300 Knochen. In der Schule
des *Susruta* wurden schon Leichen zergliedert und in fließendem Wasser
präpariert.

Daraus erklärt sich die erstaunliche Höhe der anatomischen Kenntnisse,
welche die Inder schon im 6. Jahrhundert v. Chr. besaßen[154].
*Susruta* war auch schon mit dem diabetischen Zucker bekannt, während
die Beobachtung, daß der diabetische Harn auffallend süß ist, in Europa
erst im 17. Jahrhundert gemacht wurde[155].

Unter den Heilmitteln[156] erwähnt *Susruta* Quecksilber, Silber,
Arsen, Antimon, Blei, Eisen und Kupfer. Auch Alaun und Salmiak fanden
sich im Arzneischatz der alten Inder. Wann die Ayur-Veda entstand,
ist nicht sicher bekannt. Einige legen die Zeit ihrer Entstehung
weit vor Christi Geburt. *Susrutas* Werk erwähnt nicht weniger als
760 Heilmittel, die zum weitaus größten Teile aus dem Pflanzenreiche
stammen[157].

Wie die alten Babylonier, so operierten auch die Inder den Star.
Nachrichten darüber reichen etwa bis zum Beginn unserer Zeitrechnung
zurück. Die Operation wurde mit zwei Instrumenten ausgeführt. Das eine
diente zum Öffnen des Augapfels; mit dem andern wurde die getrübte
Linse entfernt[158].

Weit isolierter als die indische Kultur, welche doch mit der
griechischen und mit der arabischen Welt in mannigfache Berührung kam,
blieb die chinesische. Nicht nur, daß China durch riesige Gebirge
und weite, öde Länderstrecken von den Völkern Vorderasiens und der
Mittelmeerländer getrennt war, es fehlte auch die Rassengemeinschaft,
welche die Arier Indiens mit den Persern und den westlichen
Indogermanen verband. Dennoch hat schon im Altertum der Handel eine
Verbindung zwischen dem äußersten Osten Asiens und dem Mittelmeer
geknüpft. Diese Verbindung erfolgte durch den Seeverkehr über den
Indischen Ozean. China lieferte dem Westen besonders Seide und empfing
dafür Edelmetall, Glasgegenstände und Bernstein. Durch die immer
weitere Ausdehnung ihrer Eroberungszüge kamen das römische und das
chinesische Reich am Kaspischen Meere einander nahe. Sogar der Einfluß
der in Vorderasien entstandenen Nestorianersekte hat sich bis nach
China ausgedehnt. Ein in Singanfu errichtetes Denkmal mit chinesischer
und syrischer Inschrift gibt uns davon Kunde[159]. Trotzdem hat keine
andere Kultur der alten Welt so wenig Einflüsse von außen erfahren
und so wenig wiederum nach außen gewirkt wie diejenige Chinas, so daß
dieses Land für die Entwicklung, welche die Wissenschaften genommen
haben, kaum in Betracht kommt. Zwar hat sich das Interesse seiner
Bewohner frühzeitig mathematischen und astronomischen Dingen zugewandt,
ein wenn auch unvollkommenes Verfahren des Buchdrucks wurde erfunden,
und eine Literatur entstand, die der arabischen an Umfang wohl gleich
kam. Die gewerblichen Erzeugnisse übertrafen oft diejenigen der
westlichen Völker. Dennoch war der Einfluß nach außen sehr gering.
Selbst eine so wichtige Erfindung wie diejenige des Kompasses, die
in China erfolgte, blieb den Mittelmeervölkern über ein Jahrtausend
unbekannt.

Für das hohe Alter der Astronomie bei den Chinesen spricht die
frühzeitige Erwähnung von Kometen- und Planetenkonjunktionen in ihrer
Literatur. Als Europa mit der Literatur der Inder näher bekannt
wurde, erstaunte man über das hohe Alter der astronomischen Tafeln
dieses Volkes. Das gleiche gilt von den Chinesen, deren astronomische
Literatur zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Jesuiten, die in
China Aufnahme gefunden hatten, bekannt wurde. Es zeigte sich, daß
die Astronomie dort schon um 1000 v. Chr. eine nicht geringe Höhe
erreicht hatte. Indessen ist ihre weitere Entwicklung nur sehr langsam
gewesen[160]. So geht z. B. ein Kometenverzeichnis bis auf das Jahr
2296 v. Chr. zurück[161]. Ferner erwähnt einer der Jesuiten, welche
die Chinesen mit der europäischen Astronomie bekannt machten[162],
eine von den Chinesen aufgezeichnete Planetenkonjunktion vom Jahre
2461 v. Chr.[163]. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß es sich dabei
nicht um eine wirkliche Beobachtung, sondern nur um eine rückwärts
berechnete astronomische Erscheinung gehandelt hat. Mit dem Gnomon
waren die Chinesen schon um 1100 v. Chr. bekannt. Sie ermittelten
daran die Schiefe der Ekliptik, bestimmten die Dauer des Jahres zu
365-1/4 Tagen[164] und kannten schon die regelmäßige Wiederkehr der
Finsternisse. Es kam vor, daß man Astronomen mit dem Tode bestrafte,
wenn sie eine Finsternis nicht richtig vorhergesagt hatten. Ein Fall
dieser Art soll sich schon um 2000 v. Chr. zugetragen haben[165].

Daß Ostasien auch während des Mittelalters mit der übrigen Kulturwelt
Beziehungen unterhielt, beweist uns das Auftauchen alchemistischer
Bestrebungen in China um 800 n. Chr. Die chinesischen Quellen
lassen erkennen, daß auch die theoretischen Vorstellungen, denen
die Alchemisten im Reiche der Mitte huldigten, von den Arabern
stammen[166].



2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis zum
Zeitalter des Aristoteles.


Manche von den in Vorderasien und Unterägypten entstandenen Grundlagen
der Wissenschaften wurden nebst anderen Kulturelementen von den
Phöniziern aufgenommen, welche sie, als das wichtigste Handelsvolk der
alten Welt, den übrigen Anwohnern des Mittelmeeres überbrachten. Bei
den Griechen, die mit der am Nil und am Euphrat entstandenen Kultur
später auch in unmittelbare Fühlung kamen, fielen diese aus dem Orient
stammenden Ansätze auf den fruchtbarsten Boden. Sie wurden nicht etwa
nur aufgenommen, sondern als das Fundament für geradezu bewundernswerte
Neuschöpfungen verwendet. Die Phönizier verbreiteten als das wichtigste
Mittel für jede weitere Entfaltung wissenschaftlicher Tätigkeit
auch die Buchstabenschrift[167], die sich aus den, Silben und ganze
Wörter bezeichnenden Hieroglyphen entwickelt hatte. Erst nachdem dies
geschehen, vermochte man mit klarem Bewußtsein das Abstrakte von den
Dingen zu trennen und auf solche Weise zur Ausbildung systematisch
geordneter Wissenschaften vorzudringen[168].

Eine wichtige Rolle spielten in dieser Übermittlung der orientalischen
Kulturelemente auch die Bewohner Kretas und Vorderasiens. Auf die
letzteren hat Babylonien Jahrtausende eine tiefe Wirkung ausgeübt. In
religiöser Hinsicht hat dieser Einfluß besonders stark auf das Judentum
und damit weiterhin auf die Entwicklung des Christentums gewirkt.

Das Neue an der phönizischen Schrift bestand darin, daß sie für jeden
Konsonanten und für jeden Vokal ein besonderes Zeichen besaß. Die
ältesten in dieser Schrift verfaßten Urkunden begegnen uns um das Jahr
950.

Sobald die Griechen aus dem Dunkel der Sage in das Licht der
Geschichte treten, zeigt sich uns bei ihnen das Bestreben, die
Welt der Erscheinungen nicht bloß betrachtend in sich aufzunehmen,
sondern sie auch in ihrem ursächlichen Zusammenhange zu begreifen.
Dies geschah einmal dadurch, daß sie die Anfänge der mathematischen
Erkenntnis auf die Naturvorgänge anwandten. Zum anderen aber auch,
indem sie, weit über alles Maß hinausschreitend, sofort den letzten
Grund des Geschehens zu begreifen trachteten. Und zwar erfolgten diese
ersten Regungen des wissenschaftlichen Denkens nicht im eigentlichen
Hellas, sondern in den ionischen Kolonien. Letztere nahmen zwischen
der asiatischen Welt und dem jungfräulichen Boden Griechenlands eine
vermittelnde Stellung ein. Auch hatten sie schon einige Jahrhunderte
vor dem Beginn der Philosophie und der Naturwissenschaften ihre
Blütezeit auf dem Gebiete der Dichtkunst erlebt.


Der Beginn der griechischen Naturwissenschaft.

Als der erste Grieche, der in den beiden soeben gekennzeichneten
Richtungen wirkte, gilt *Thales* von Milet. Obgleich von ihm
herrührende Werke nicht auf uns gekommen sind und er seine Lehren
wahrscheinlich auch nur mündlich überliefert hat, sind uns doch
letztere, sowie seine Entdeckungen und sein Lebensgang durch die
Aufzeichnungen alter Schriftsteller hinlänglich bekannt geworden, um
uns ein ungefähres Bild von *Thales*[169] machen zu können.

*Thales* wurde um 640 v. Chr. geboren, wirkte also zu der Zeit, als
Athen durch *Solon* die Grundlagen seiner Verfassung erhielt. Darin,
daß *Thales* in Ägypten gewesen und dort mit der Priesterkaste, damals
die Hüterin aller mathematischen und astronomischen Kenntnisse, in
Berührung getreten sei, stimmen alle Berichte überein. »*Thales*, der
nach Ägypten ging«, so wird uns erzählt, »brachte zuerst die Geometrie
nach Hellas. Vieles entdeckte er selbst, von vielem aber überlieferte
er die Anfänge seinen Nachfolgern«[170]. An anderer Stelle heißt es
von ihm: »Er beobachtete den Himmel, musterte die Sterne und sagte
öffentlich allen Miletern vorher, daß am Tage Nacht eintreten, die
Sonne sich verbergen und der Mond sich davorlegen werde[171].«

Die älteste Auffassung, die uns bezüglich der Finsternisse begegnet,
ist die, daß der Sonne oder dem Monde durch irgendeine fremde Macht
Gewalt angetan würde. Es erscheint zweifelhaft, ob die Babylonier
schon einen wirklichen Einblick in den Vorgang besaßen. Seine
natürliche Ursache erkannten wohl erst die Griechen. Nach einigen war
es *Anaxagoras*, nach anderen waren es die Pythagoreer, denen die
Astronomie diesen Fortschritt verdankte[172].

Die Vorausbestimmung des *Thales* ist nicht etwa eine solche im
heutigen Sinne. Sie erfolgte nämlich nicht durch Messen und Rechnen,
sondern beruhte ausschließlich auf der Beobachtung derjenigen Periode,
innerhalb deren die Finsternisse regelmäßig wiederkehren. Jene Periode
war den Babyloniern nicht entgangen. Sie befanden sich im Besitz von
Aufzeichnungen, die sich über Jahrhunderte erstreckten und einen
Zeitraum von 6585 Tagen bezüglich der regelmäßigen Wiederkehr der
Finsternisse erkennen ließen. Innerhalb dieses 223 Monate umfassenden
Zeitraums, den die Babylonier Saros nannten[173], kehrt nämlich der
Mond fast genau in dieselbe Stellung zur Erde und zur Sonne zurück.
Allerdings machte man auch die Erfahrung, daß sich der Saros,
insbesondere für die Voraussage der Sonnenfinsternisse, nicht immer
bewährte[174].

Auch bei der Benennung der fünf Planeten hat sich anscheinend der sehr
früh einsetzende (s. S. 30) babylonische Einfluß geltend gemacht. Die
alten griechischen Namen bezeichneten nämlich Eigenschaften (Mars hieß
der Feurige, Jupiter der Leuchtende usw.). Seit dem 4. vorchristlichen
Jahrhundert bedient man sich dagegen folgender Namen:

  Stern des Hermes (Merkur),
    »   der Aphrodite (Venus),
    »   des Ares (Mars),
    »   des Zeus (Jupiter),
    »   des Kronos (Saturn).

Die kurze Bezeichnung Hermes, Aphrodite usw. kam erst später auf. Es
ist anzunehmen, daß hierin die Griechen den Babyloniern gefolgt sind,
die gleichfalls die Planeten ihren Hauptgöttern geweiht hatten. Mit
einigen Elementen des babylonischen Wissens sind nach neuerer Annahme
schon die Pythagoreer bekannt gewesen[175].

Wie unentwickelt im übrigen die astronomischen Vorstellungen der
Griechen zur Zeit des *Thales* noch waren, geht daraus hervor, daß nach
den ihm zugeschriebenen Lehren die Erde eine vom Okeanos umflossene
Scheibe ist, über die sich der Himmel wie eine Kristallglocke
wölbt. Unter solchen Umständen konnte noch nicht einmal von einer
Kreisbewegung der Gestirne die Rede sein. In Übereinstimmung mit dieser
Lehre nahm man zur Zeit des *Thales* an, die Sterne sänken bei ihrem
Untergange in den Ozean und schwömmen in diesem am Rande der Scheibe
entlang zu ihren Aufgangspunkten zurück.

Auf *Thales* werden ferner von den Griechen, die über die Mathematik
geschrieben haben, einige der wichtigsten geometrischen Sätze
zurückgeführt, so der Satz von der Gleichheit der Winkel an der
Grundlinie eines gleichschenkeligen Dreiecks, sowie der Satz, daß ein
Dreieck durch eine Seite und die anliegenden Winkel bestimmt ist. Mit
Hilfe dieses Satzes wurde z. B. die Entfernung der Schiffe vom Lande
ermittelt.

Bezüglich der geometrischen Kenntnisse des *Thales* läßt sich jedoch
nicht mehr entscheiden, wieviel Eigenes und wieviel von den Ägyptern
Entlehntes darunter ist. Eine bekannte Anwendung der Mathematik
ist seine Schattenmessung. Es ist dies ein Verfahren, die Höhe
hervorragender Gegenstände zu bestimmen. *Thales* soll dadurch die
Bewunderung seiner Zeitgenossen erregt haben. Das Verfahren bestand
darin[176], daß er zu der Zeit, wenn Schatten und Höhe der Körper
gleich sind, was er an einem Stock ermittelte, den Schatten des
betreffenden Gegenstandes, z. B. einer Pyramide, maß, womit dann auch
sofort die Höhe des Gegenstandes gefunden war.

Mit dem Gnomon, einem Werkzeug, das zur Bestimmung des Mittags aus
der Schattenlänge diente, sollen die Griechen durch *Anaximander* von
Milet, den bedeutendsten Schüler des *Thales*, bekannt geworden sein.
*Anaximander* (610-546 v. Chr.) hat nach *Strabon* auch die erste Karte
der Welt, soweit damals die Länderkenntnis reichte, entworfen[177].

[Illustration: Abb. 11. Radkarte der Erde.]

Sein Landsmann *Hekataeos* (geb. um 550), der weite Reisen gemacht
hatte, soll die neue Kunst in solchem Maße entwickelt haben, daß er
Erstaunen erregte. *Hekataeos* verfaßte eine Erdbeschreibung, der er
eine Weltkarte beigab. Er gilt als der älteste griechische Geograph
und der Vorgänger *Herodots*. Erhalten ist von den Karten jener Zeit
nichts mehr. Sie glichen wahrscheinlich den Radkarten des früheren
Mittelalters (Abb. 11), d. h. sie waren lediglich rohe Orientierungen
ohne jeden wissenschaftlichen Wert, so daß sie den Spott *Herodots*
herausforderten.

Die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Dingen, zu welcher
*Thales* bei den Ioniern allen Nachrichten zufolge den Anstoß gab
-- nennt ihn doch *Aristoteles* den »Beginner« der philosophischen
Naturforschung[178] -- rief nun auch ein Streben nach einer
ursächlichen Erklärung der gesamten Erscheinungswelt hervor. Eine
auf den letzten Gründen fußende Erklärung ist seitdem das Ziel der
Philosophie gewesen, ohne daß sie, wie es in der Natur der Sache
liegt, jemals zu einer befriedigenden Lösung eines so weit gespannten
Problems gelangt wäre. Was die Frage nach dem Ursprung der griechischen
Philosophie anlangt, so neigt ihr hervorragendster Geschichtsschreiber,
*Zeller*, zu der Ansicht, daß sie selbständig geworden und nicht
orientalischer Herkunft sei[179]. »Wenn es je ein Volk gegeben«, sagt
*Zeller*, »das seine Wissenschaft selbst zu erzeugen imstande war, so
waren es die Griechen«.

Dem ersten Ausdruck für ihre Weltanschauung begegnen wir bei
den Dichtern. Insbesondere war es der im 8. Jahrhundert v. Chr.
lebende *Hesiod*, der in den »Werken und Tagen« die Frage nach der
Weltentstehung aufwarf. Für *Hesiod* war die Weltentstehungslehre
wesentlich Götterlehre. Kosmogonie und Theogonie waren in jenem
Zeitalter noch zu einer in mystisches Gewand gekleideten Einheit
verschmolzen. *Thales* und seinen unmittelbaren Nachfolgern, die
sich über den Begriff des Stoffes kaum zu erheben vermochten,
genügte dann die Annahme, daß alle Dinge auf einen einzigen Urstoff
zurückzuführen seien. Als solcher dünkte dem *Thales* nichts geeigneter
als das Wasser, weil es ihm, nach seinen Eigenschaften zu urteilen,
zwischen der Erde und der Luft zu stehen schien. Eine Stütze fand
diese Lehre in gewissen Beobachtungen. Wurde doch z. B. Ägypten,
woher viele Anschauungen des *Thales* stammten, als ein Erzeugnis
des Niles angesehen. Entwickelten sich nicht ferner aus der feuchten
Erde die Pflanzen? Selbst als man später genauer beobachten lernte,
hat jene Lehre immer wieder Anhänger gefunden. *Van Helmont*, ein
hervorragender Forscher des 17. Jahrhunderts, war noch in ihr befangen.
Erst *Lavoisier* und *Scheele*, die an der Schwelle der neuesten Zeit
stehen, vermochten den Glauben an die Umwandlung des Wassers in Erde,
der stets wieder auf mangelhafte Beobachtungen gestützt wurde, durch
einwandfreie Versuche endgültig zu widerlegen.

Das Streben nach einer Erklärung der Welt in ihrer Beziehung zum
Menschen hat seit der Zeit des *Thales* nicht aufgehört, die
hervorragendsten Geister zu beschäftigen. Hier ist es nur insofern
von Belang, als die Ergebnisse des philosophischen Denkens einen
Einfluß auf die weitere Entwicklung der Naturwissenschaften ausgeübt
haben. Letztere steckten sich alsbald das bescheidenere, aber
erreichbare Ziel, einen Einblick in den gesetzmäßigen Zusammenhang der
Erscheinungen zu gewinnen. In dem Maße, wie man dieses Ziel ins Auge
faßte, hat sich die Beseitigung phantastischer Auswüchse vollzogen,
wie sie in der Alchemie und Astrologie z. B. zum Ausdruck kamen, und
in eben demselben Maße näherte sich die Wissenschaft ihrer jetzigen
Gestalt.

Mit der ionischen Naturphilosophie trat »ein neues Element in das
geistige Leben der Menschheit«. Es begegnen uns zum ersten Male
wissenschaftliche Persönlichkeiten mit eigenen Überzeugungen, die durch
angestrengte Geistesarbeit zu ihren Ergebnissen gelangen. Für die
weitere Entwicklung echter Wissenschaft war ein solches Hervortreten
der Individualität die unerläßliche Voraussetzung[180].

Die rein philosophische Betrachtungsweise besitzt trotz der Nachteile,
die ihr gegenüber der exakten Forschung innewohnen, doch unleugbar
das Verdienst, die empirischen Wissenschaften ununterbrochen angeregt
zu haben. Manche philosophische Ansicht, welche das griechische
Altertum entwickelte, beeinflußte bis in die neuere Zeit hinein
die Naturwissenschaften. So hat sich z. B. das Bestreben, die
Mannigfaltigkeit der Stoffe auf einen einzigen Urstoff zurückzuführen,
bis auf unsere Tage erhalten. Zuerst wurde von den ionischen
Philosophen eine der bekannten Materien, wie die Luft oder das Wasser,
zu einem solchen Urstoff gestempelt. Später faßte *Aristoteles* Luft,
Wasser, Erde und Feuer als die verschiedenen Erscheinungsformen eines
und desselben Urprinzips auf. Infolgedessen hielt man eine Verwandlung
der bekannten Stoffe ineinander für möglich. Und so war es besonders
die aristotelische Philosophie, auf die sich im Mittelalter das
Bemühen, unedle Metalle in edle überzuführen, stützen konnte.

Die Lehre von den Elementen ist ihrem Ursprung nach auf *Empedokles*
aus Agrigent (um 440 v. Chr.) zurückzuführen. Für ihn waren die
Urstoffe ewig, selbständig und nicht auseinander ableitbar. Durch zwei
bewegende Kräfte, die Freundschaft und den Streit, den *Heraklit* den
Vater aller Dinge nannte, wurden die Elemente gemischt und zu Dingen
gestaltet. Die Entmischung sollte in der Weise erfolgen, daß die
Teilchen des einen Stoffes sich unsichtbar von den Teilchen des anderen
ablösen. Auf diesem Wege ließ *Empedokles* auch die Sinnesempfindungen
entstehen[181].

*Empedokles* wußte sich auch über die Naturdinge im besonderen manche
zutreffende oder doch beachtenswerte Meinung zu bilden. So nahm er
anstatt des Zentralfeuers, um das die Pythagoreer die Erde kreisen
ließen, einen feurig-flüssigen Erdkern an, von dem die heißen Quellen
und die Vulkane ihre Wärme erhalten sollten. Das unterirdische Feuer
sollte ferner die Gebirge emporgehoben haben. Aus großen, auf Sizilien
gefundenen Knochen schloß *Empedokles* auf die vorgeschichtliche
Existenz eines Riesengeschlechts. Seine Ansichten entwickelte er in
einem Gedicht »Von der Natur«. Leider sind davon nur wenige Bruchstücke
erhalten. Diese lassen indes erkennen, daß *Empedokles* auch über die
Natur der Pflanze nachgedacht hat. Letztere erklärte er für beseelt.
Als Zeichen der Beseelung deutete er allerdings Erscheinungen, die man
heute mechanisch erklärt, wie das Erzittern, das Ausstrecken der Zweige
und das kräftige Zurückschnellen gebogener Äste. Auch die Behauptung,
daß die Pflanzen zweierlei Geschlecht besäßen, wird auf *Empedokles*
zurückgeführt. Selbst die später oft wiederkehrende Lehre von den
periodischen Weltumbildungen begegnet uns schon bei diesem Philosophen.
Man darf deshalb[182] aus den vorhandenen Bruchstücken altgriechischer
Philosophie schließen, daß eine der wichtigsten Annahmen der neueren
Geologie, die Lehre nämlich, daß unser Erdball eine Reihe von
Umwandlungen erlitten, bei denen Tiere und Pflanzen untergingen, um
sich in anderen Arten wieder zu erneuern, als Ahnung schon im Altertum
vorhanden war[183].

»Der Tatsachen, auf die man sich dabei stützte, waren vielleicht nicht
viele, um so schärfer war aber der Blick, der schon das Richtige
traf«[184].


Erster Versuch einer Erklärung der Natur aus den Prinzipien der
Mechanik.

Hatte man zuerst die Stoffumwandlungen, denen man auf Schritt und
Tritt begegnete, als ein Entstehen und Vergehen aufgefaßt, so waren es
Philosophen, welche lehrten, daß alle Veränderung auf ein Mischen und
Entmischen zurückzuführen sei, und daß dabei der Stoff selbst weder
sich bilde noch vernichtet werde. Dem philosophischen Denken entsprang
ferner die Vorstellung, daß der Stoff aus kleinsten Teilchen bestehe,
durch deren Umlagerung jenes Mischen und Entmischen bedingt sei --
beides Grundsätze, deren sich die Forschung bemächtigte, um sie als
Leitsterne bei ihren, auf die denkende Erfassung der Natur gerichteten
Bemühungen zu verwerten.

Die angedeutete Durchführung der mechanischen Naturerklärung vollzog
sich im Anschluß an die Lehren des *Empedokles* durch die Atomisten
genannten Philosophen *Leukipp* und *Demokrit*. Ihre Anschauungen
lassen sich in folgende Sätze fassen: Das All ist anfangslos und auf
keine Weise von irgend jemandem geschaffen. Überhaupt ist alles seit
ewigen Zeiten in der Notwendigkeit begründet, sowohl was war, als auch
was ist und was sein wird[185]. Das Weltall besteht aus qualitativ
gleichen Teilchen, den Atomen, die ihrer Form nach verschieden sind und
ihre Lage gegeneinander ändern. Damit letzteres möglich ist, muß der
Raum im übrigen leer sein. Die Atome sind ewig und unzerstörbar. Aus
Nichts wird nichts. Nichts kann vernichtet werden. Jede Veränderung
besteht nur in der Verbindung und in der Trennung der Atome. Aus der
Zahl, der Gestalt, dem Zusammentreffen und der Trennung der Atome geht
die Mannigfaltigkeit der Dinge hervor. Die Vorgänge in der Natur hängen
nicht von den Launen übernatürlicher Wesen ab, sondern sind ursächlich
bedingt; nichts geschieht zufällig[186]. Die Bewegung der Atome ist
seit Anbeginn vorhanden, sie hat zur Bildung unzähliger Welten geführt.
Außer den Atomen und dem leeren Raum gibt es nichts. Eine Schwäche
dieser atomistischen Lehre, die ihr auch heute noch anhaftet, liegt
darin, daß nach ihr auch das Seelische aus Atomen, und zwar aus
Atomen feinerer Art bestehen soll, welche die gröberen Körperatome
durchdringen, sehr beweglich sind und auf diese Weise die Erscheinungen
des Lebens hervorrufen. So wurden z. B. die Empfindungen des Süßen,
Herben, Scharfen daraus erklärt, daß die Atome teils kugelig, teils
kantig, teils zackig seien. Die Wahrnehmung, sowie überhaupt jede
Wirkung der Dinge aufeinander sind nach *Demokrit* durch Ausströmung
und Einströmung bedingt. Aus diesem Grunde mußten die Körper zwischen
den Atomen Poren haben. Die Zahl der Atome ist unendlich groß und
ihre Form unendlich verschieden. Qualitativ sind sie jedoch einander
völlig gleich. Bei ihrer Bewegung durch den unendlichen Raum stoßen
sie aufeinander. Dadurch entstehen Wirbel, aus denen die Weltkörper
hervorgehen. Letztere entstehen und vergehen und sind in ihrer Zahl
gleichfalls unbegrenzt. Diese Lehre von der Weltenbildung[187] wurde
im 18. Jahrhundert durch *Kant* und durch *Laplace* zu neuem Leben
erweckt. Sie hat auch *Giordano Bruno* zu seinen Spekulationen über die
Unendlichkeit der Welten angeregt.

*Demokrit* wurde um 460 v. Chr. in der ionischen Kolonie Abdera
geboren und starb um 370. Er sammelte auf vielen Reisen zahlreiche
Kenntnisse. »Ich habe«, sagt er, »unter allen Menschen meiner Zeit
die größten Länderstrecken durchwandert, das Entfernteste erforscht,
die meisten Länder gesehen und kundige Menschen gehört.« Von seinen
zahlreichen Schriften ist leider nur wenig erhalten geblieben. Soviel
läßt sich jedoch erkennen, daß er in systematischen Werken, sowie in
Einzelabhandlungen das ganze Gebiet menschlichen Wissens zu umspannen
gesucht hat. Er schrieb nicht nur über Sternkunde, Medizin, Ackerbau,
Technologie, Kriegskunst wie viele andere vor ihm, sondern von ihm
rührt auch der erste Versuch einer wissenschaftlichen Zoologie, Botanik
und Mineralogie her[188]. Gefördert und bereichert hat *Demokrit*
die Wissenschaften im einzelnen kaum in erheblichem Maße. Ihn als
den größten Naturforscher des Altertums zu bezeichnen, ist daher
nicht berechtigt. In der Astronomie haben ihn *Oenopides* und *Meton*
übertroffen. Hielt er doch an der Scheibengestalt der Erde fest, so daß
er in seinen kosmischen Vorstellungen weit unter *Platon* stand. Auch
die Mathematik hat er trotz zahlreicher mathematischer Schriften nicht
wesentlich gefördert. Trotzdem muß man bedauern, daß von seinen Werken
nur geringe Bruchstücke[189] übrig geblieben sind. *Demokrit* war
ohne Zweifel der größte Polyhistor (d. h. kein bloßer Vielwisser) vor
*Aristoteles*. Letzterer rühmt von ihm, daß er überall die natürlichen
Ursachen aufgesucht und vieles früher Vernachlässigte festgestellt
habe. Trotz seiner materialistischen Weltanschauung war *Demokrit* nach
den Zeugnissen der Alten eine edle, reichbegabte, für Wahrheit und
Wissenschaft begeisterte Natur.

Hatte *Demokrit* die von *Leukipp* (um 500. v. Chr.) herrührende
atomistische Lehre in ein System gebracht, so ist für ihre
Weiterverbreitung besonders *Epikur* tätig gewesen. Während des
römischen Zeitalters wurde sie dann durch *Lucretius Carus* (um 50 v.
Chr.) in einem »Über die Natur der Dinge« betitelten Lehrgedicht[190]
dargestellt.

Am meisten Schwierigkeiten machte es diesen als Atomisten bezeichneten
Philosophen, die zweckmäßige Beschaffenheit der Naturerzeugnisse, die
auch *Demokrit* nach einer Stelle des *Aristoteles* bewundert haben
soll, ohne die Mitwirkung einer Zwecktätigkeit, sondern lediglich aus
der Notwendigkeit zu erklären. *Aristoteles* (Physik II, 8) wirft die
Frage auf, »ob die Natur nur infolge einer blinden Notwendigkeit oder
nach Zwecken handle«. Falle doch auch der Regen nicht etwa, damit das
Getreide wächst, sondern weil die aufsteigenden Dünste sich verdichten.
Daß das Getreide dann wächst, treffe sich nur so nebenbei. »Könnte
nicht«, fragt *Aristoteles*, »dasselbe von allen Naturerzeugnissen
gelten und könnten beispielsweise die Vorderzähne nicht zufällig scharf
und die Backenzähne zufällig stumpf sein. Dann wäre der Dienst, den
sie uns leisten, eine unbeabsichtigte Folge dieses Zufalls und dem
Zusammentreffen ähnlich, das zwischen der Verdichtung der Dämpfe und
dem Wachsen des Getreides besteht. Diejenigen Wesen nun, bei denen sich
alles so traf, wie wenn es zu einem Zwecke entstanden wäre, blieben
erhalten, dagegen ging unter und geht noch fortwährend zugrunde, was
der Zufall nicht zweckmäßig gebildet hat«. *Aristoteles* weist diese
Einwendungen, die man, wie er sagt, machen könnte, zurück. Nach ihm
gibt es überall einen Zweck (»ein Weswegen«) in dem, was von Natur
geschieht. In ihr herrsche der Zweck ebenso wie in der Kunst.

Wie sich die Atomisten die Welt ohne eine Zwecke setzende Tätigkeit
entstanden dachten, ersieht man aus einigen Stellen des *Lukrez*, so
insbesondere aus folgenden Versen[191]:

  »Sage mir ferner, woher ist gekommen den Göttern das Vorbild
  Der zu erzeugenden Dinge, ja selbst der Begriff nur des Menschen;
  Daß sie wußten und sahen im Geiste, was schaffen sie wollten.
  Woher erhielten sie jemals von Kräften der Urstoffe Kenntnis,
  Was durch veränderte Ordnung sie alles zu leisten vermöchten,
  Hätte Natur nicht selbst eine Probe des Schaffens gegeben?
  Denn gar viele der Urkörper pflegten seit ewigen Zeiten
  Durch ihr eignes Gewicht und durch Stöße von außen getrieben,
  Sich zu bewegen und mischen auf alle nur mögliche Weise
  Und zu versuchen, was sie für Verbindungen schaffen wohl könnten,
  Wenn sie bald so, bald anders sich zueinander gesellten.
  Ist da wohl zu verwundern, daß endlich sie nun auch in solche
  Lage gerieten und auch in solche Bewegungen kamen,
  Durch die das ganze All jetzt besteht und stets sich erneuert?«

Und etwas später[192]:

  »Denn nicht haben Atome nach reiflich erwogenem Plane
  Jedes zur richtigen Stell' sich begeben mit rechnendem Geiste,
  Wahrlich auch nicht durch Verträge bestimmt eines jeden Bewegung.«

Den Gedanken, daß die Natur oft neue Arten schaffe, die wieder
untergehen, wenn sie sich nicht erhalten können, hat nach dem
Wiederaufleben der Wissenschaften zuerst *Cardanus* ausgesprochen[193].
Er tat dies in Anlehnung an die durch *Lukrez* verbreiteten Lehren
*Demokrits* und *Epikurs*. Es ergibt sich somit ein ununterbrochener
Zusammenhang zwischen den schon im Altertum ausgesprochenen Vorahnungen
der Deszendenztheorie und ihrer wissenschaftlichen Gestaltung durch
*Lamarck* und *Darwin*. Übte doch die um 1715 entstandene Schrift
*de Maillets* einen bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der
evolutionistischen Ideen aus, der sich besonders ein Jahrhundert später
bei *Lamarck* bemerklich machte (s. i. IV. Bande). Wie *Cardanus* ist
aber auch *de Maillet* sehr wahrscheinlich durch die aus dem Altertum
stammenden Keime zur Aufstellung seiner Lehre veranlaßt worden[194].

Mag man vom philosophischen Standpunkte aus der mechanischen
Welterklärung Wert beilegen oder sie für überwunden halten, man wird
immer die vorurteilsfreie und konsequente Denkweise ihrer Schöpfer
anerkennen müssen. Besteht doch auch heute das Bestreben der Forschung
darin, Qualität auf Quantität zurückzuführen und in der Meßbarkeit
einer Erscheinung ihre Erklärung zu finden. »Wer weiß, daß erst durch
diese Methode die großen Triumphe der Naturwissenschaft errungen
wurden, wird die Größe des demokritischen Gedankens zu würdigen
wissen. Die atomistische Theorie ist zwar ein Gewebe von Hypothesen.
Und doch haben wir kein besseres Netz, um die Naturerscheinungen
für unser Verständnis einzufangen«[195]. Die atomistische Lehre hat
ein sonderbares Schicksal erlitten. Auf das Zeitalter, in dem sie
entstanden war, hat sie nur einen geringen Einfluß ausgeübt. Erst 2000
Jahre später wurde sie durch *Gassendi* und besonders durch *Dalton*
wieder ins Leben gerufen. Seitdem hat sie die größte wissenschaftliche
Bedeutung erlangt, weil die Mechanik der Atome allen Naturerscheinungen
zugrunde gelegt wurde[196].


Der Beginn der idealistischen Weltanschauung.

Eine weitere Tat der alten Philosophie bestand in der Aufstellung
und Durchführung des Zweckbegriffs an Stelle der von den Atomisten
behaupteten bewußtlosen Notwendigkeit durch *Anaxagoras*. Nach allem,
was wir von ihm wissen, war *Anaxagoras* einer der bedeutendsten
Philosophen des Altertums. Er wurde um 500 v. Chr. in Kleinasien
geboren und siedelte nach den Perserkriegen nach Athen über, wo er
zu *Perikles* in freundschaftliche Beziehungen trat. *Anaxagoras*
erblickte im Nachdenken über die Natur und das Geschehen seine Aufgabe
und verpflanzte diese Art des Philosophierens nach Athen, das in der
Folge zum Mittelpunkt des geistigen Lebens der Alten wurde. Seine
Schrift über die Natur war zur Zeit des *Sokrates* sehr verbreitet. Von
dieser Schrift sind leider nur Fragmente erhalten geblieben[197].

Wie *Empedokles* geht *Anaxagoras* von der Ansicht aus, daß alles
Geschehen ein Gemischtwerden und eine Entmischung sei, wobei sich
die Menge des Stoffes im Weltall weder mehre noch mindere. Die
hierzu erforderliche bewegende Kraft erblickte er in einer vom Stoff
gesonderten, freiwaltenden, selbst unbewegten Intelligenz. Diese nach
Zwecken handelnde Intelligenz wird aber von ihm mehr vorausgesetzt als
nachgewiesen. Daher werfen ihm *Plato* und *Aristoteles* vor, sein
»νοῦϛ«[198] habe ihm zur Erklärung nur als deus ex machina gedient.

Aus dem Urzustande oder dem Chaos hat der »νοῦϛ« nach *Anaxagoras*
als ordnendes, nicht als schaffendes Prinzip das Universum entstehen
lassen. Eine Erschaffung aus dem Nichts ist eine orientalische
Vorstellung, welche dem griechischen Geiste wenig zusagte und uns
daher bei den griechischen Philosophen kaum begegnet. Der »νοῦϛ« und
die Urbestandteile der Dinge sind vielmehr von Anbeginn vorhanden.
Es ist der philosophische Keim der Lehre von der Erhaltung von Stoff
und Kraft, der uns hier begegnet. Der »νοῦϛ« versetzte die Masse in
eine Art Wirbelbewegung, welche das Gleichartige zusammenführte und
das Weltall in seiner jetzigen Verfassung entstehen ließ. Die später
von *Kant* und *Laplace* entwickelte Nebularhypothese besagt, wie
wir sehen werden, im Grunde dasselbe. Nur daß die Neueren diese
Vorstellungen von der alten geozentrischen Ansicht loslösten und sie
vom Standpunkte der koppernikanischen Lehre entwickelten. Infolge der
Wirbelbewegung trennen sich nach *Anaxagoras* Äther, Luft, Wasser und
Erde voneinander. Vom letzteren Elemente verharren einzelne Massen
infolge der Wirbelbewegung im Äther, der ihnen Leuchtkraft verleiht und
sie uns als Gestirne erscheinen läßt. Für diese Ansicht sprechen nach
*Anaxagoras* die vom Himmel fallenden Meteoriten, von denen er den 423
v. Chr. in Aegospotamoi (Thrazien) gefallenen erwähnt. Er meint, dieses
Eisenstück, das bei Tageslicht auf die Erde herabgefallen sei[199],
stamme von der Sonne, und mache es wahrscheinlich, daß letztere aus
glühendem Eisen bestehe. Auch der Mond sei ein Weltkörper wie unsere
Erde und besitze Berge und Täler, eine Vorahnung, deren Richtigkeit
erst 2000 Jahre später durch Galilei erwiesen werden konnte[200].
*Anaxagoras* teilte das Schicksal vieler aufgeklärten Geister. Er wurde
im hohen Alter als Gottesleugner ins Gefängnis geworfen und nur auf die
Verwendung des *Perikles* hin wieder in Freiheit gesetzt. Die Anklage
stützte sich besonders darauf, daß *Anaxagoras* die Sonne für einen
glühenden Meteorstein erklärt hatte. Ihm, wie später dem *Sokrates* und
*Aristoteles*, hat das atheniensische Volk mit Undank gelohnt.

Erwies sich auch der auf *Anaxagoras* zurückzuführende Begriff der
Zweckmäßigkeit, der in den platonischen Ideen seine Fortbildung
fand, während der späteren Entwicklungsstufen der Wissenschaft als
unzureichend, so war er doch für die Naturforschung des Altertums von
Bedeutung und bei dem Aufbau des das Wissen jener Zeit umfassenden,
aristotelischen Lehrgebäudes das eigentlich Treibende.

Hinderlich wurde die alte Philosophie der Wissenschaft zuweilen
dadurch, daß sie sich mehr dichterisch schaffend als kritisch forschend
verhielt. Man war zu leicht geneigt, das Wort für das Ding und den
Begriff für das eigentliche Wesen des Dinges zu nehmen. »Durch die
Wörter«, sagt daher *Lange* in seiner Geschichte des Materialismus[201]
mit Recht, »ließen *Sokrates*, *Plato* und *Aristoteles* sich
täuschen. Wo ein Wort war, wurde ein Wesen vorausgesetzt. Gerechtigkeit
z. B. mußte doch etwas bedeuten. Es mußte also Wesen geben, welche den
Ausdrücken entsprechen.«

In *Platon* (427-347) erreichte die griechische Philosophie ihren
Höhepunkt. Sein System gipfelt darin, daß er die Idee als die Ursache
und den Zweck des Geschehens betrachtet und auf diese Weise das
Geistige und die Körperwelt aus einem Prinzip ableitet. Obgleich
*Platon* wenig Eigenes auf dem Gebiete der Mathematik geschaffen hat
und seine Neigung zu den Naturwissenschaften nur gering war, hat er
dennoch diese beiden Wissensgebiete in nicht geringem Maße befruchtet.
Groß war vor allen Dingen der persönliche Einfluß, den er als Gründer
der atheniensischen Akademie auf seine Schüler ausübte. Zu ihnen
zählten *Aristoteles*, *Eudoxos* und *Herakleides Pontikos*. *Platon*
selbst wurde besonders durch die Pythagoreer angeregt, mit deren Lehren
er in Großgriechenland bekannt geworden war. Auch in Ägypten ist
*Platon* gewesen.

Seine Ansichten über die Natur entwickelt *Platon* in demjenigen seiner
Dialoge, der den Titel »Timäos« führt. Diese Schrift ist in besonders
hohem Grade durch mythische und pythagoreische Lehren beeinflußt.
Nach *Platon* besteht die Welt nicht seit Ewigkeit, wie der fast
gleichzeitig lebende *Demokrit* lehrte, sondern sie hat einen Beginn
und einen Schöpfer. Ewig sind nur die Ideen, welche der Schöpfer,
das ist das bewegende Prinzip, mit dem zunächst ungeformten Urgrund
der materiellen Welt (etwa dem Chaos zu vergleichen) verbindet.
Das Ergebnis ist nicht eine Unendlichkeit von Welten, sondern nur
eine Welt, der die vollkommenste Gestalt, das ist die Kugelform,
zukommt. Auch in den Einzelheiten weicht die platonische Auffassung
in solchem Maße von der mechanischen ab, daß sie nicht die Grundlage
der nach einer Erklärung aus mechanischen Prinzipien suchenden
Naturwissenschaften werden konnte.


Die Begründung der griechischen Mathematik.

In gleichem Maße, wie die ersten philosophischen Bestrebungen anregend
auf die Forschung gewirkt haben, war dies auch hinsichtlich der
Mathematik der Fall. Zur vollen Erkenntnis der Wahrheit, daß nur durch
die Vereinigung des mathematischen Verfahrens mit der experimentellen
Forschungsweise Aussicht auf eine Lösung der naturwissenschaftlichen
Probleme vorhanden ist, sollte jedoch erst die neuere Zeit gelangen. Es
ist ein wesentlicher Mangel der Alten, welche die Mathematik wohl zu
handhaben wußten, daß sie sich nicht in gleichem Maße für die Ausübung
des Experiments befähigt zeigten. Mannigfache Gründe sind hierfür
ins Feld geführt worden. Einer der wichtigsten bestand wohl in dem
Überschätzen der reinen Geistestätigkeit gegenüber jeder Beschäftigung
mit materiellen Dingen. Auch der Umstand, daß die Ausübung gewerblichen
Schaffens eines freien Mannes unwürdig galt und in die Hand der Sklaven
gelegt wurde, war dem Entstehen der experimentellen Forschungsweise in
hohem Grade hinderlich[202].

Wenn wir die Entwicklung der Mathematik, die hier gleich den
Ergebnissen der Philosophie nur soweit in Betracht kommt, wie sie die
Naturwissenschaften beeinflußt hat, nach ihren ersten, an ägyptische
und babylonische Elemente anknüpfenden Schritten weiter verfolgen,
so richtet sich unser Blick von Ionien nach einem anderen Hauptsitz
hellenischer Bildung, nämlich nach Großgriechenland. Hatte man den
Wert der mathematischen Betrachtungsweise in Ionien überhaupt erst
schätzen gelernt, so finden wir dort, bei *Pythagoras* und seinen
Anhängern eine beträchtliche Überschätzung derselben. Wichtig ist vor
allem, daß auch im übrigen Griechenland Männer auftraten, die in der
denkenden Betrachtung der Welt ihre Lebensaufgabe erblickten. Als
einer der ersten wird uns *Pythagoras* genannt. Da indes von seinem
Leben fast nichts verlautet und auch keine von ihm herrührende Schrift
auf uns gekommen ist, so tritt uns in *Pythagoras* wie in *Thales*
eine sagenumwobene Gestalt entgegen. Ersterer galt lange als der
eigentliche Begründer der griechischen Mathematik, während für *Thales*
und *Anaximander* die Mathematik als Hilfswissenschaft zur Lösung
astronomischer Aufgaben in Betracht kam. Heute ist das Urteil über die
Bedeutung des *Pythagoras* wesentlich eingeschränkt worden (s. S. 80).

*Pythagoras* wurde um 550 v. Chr. in Samos geboren. Über die Gründung
seiner Schule gehen die Nachrichten sehr auseinander. Es läßt sich
annehmen, daß er sich vorher gleich *Thales* in Ägypten, vielleicht
auch in Babylon[203] aufgehalten hat. Auch in diesem Falle würde es
sich also um eine Verpflanzung orientalischer Wissenschaft auf den,
ihrer weiteren Entwicklung besonders günstigen Boden Griechenlands
gehandelt haben.

*Pythagoras* und seine Schüler gingen, mehr ahnend als in wirklicher
Erkenntnis, von der Voraussetzung aus, daß eine durch Maß und Zahl
bestimmte Gesetzmäßigkeit alles natürliche Geschehen beherrsche. In
einseitiger Übertreibung dieses Gedankens erblickten sie dann in den
Zahlen den ursächlichen Grund der Erscheinungswelt. »Den Pythagoreern,«
sagt *Aristoteles*, »ward die Mathematik zur Philosophie.« Es handelte
sich indessen bei ihnen mehr um bloße Zahlenmystik, als um die Pflege
und Förderung exakter Wissenschaft. So bezogen sie die Sechs auf
Belebung, die Sieben auf Gesundheit, die Acht auf Freundschaft usw.
Diese Zahlenmystik der Pythagoreer ist zum Teil wohl auf akustische
Versuche und das Nachdenken über das Wesen der Harmonie zurückzuführen.
Man hatte bemerkt, daß der Ton einer Saite von bestimmter Spannung
in die Oktave übergeht, wenn man die Länge der Saite auf die Hälfte
herabsetzt, oder daß gleich gespannte und gleich dicke Saiten
konsonierende Töne geben, wenn sich ihre Längen wie 1 : 2, 2 : 3,
3 : 4, 4 : 5 verhalten. Den Grund dieser Erscheinung suchten die
Pythagoreer nun in dem geheimnisvollen Wesen der Zahlen. Auch darin
kam die Vorstellung von der Bedeutung der Harmonie zum Ausdruck, daß
die von der pythagoreischen Schule beeinflußte Medizin Gesundheit als
die Symmetrie gewisser Qualitäten wie Warm, Kalt, Trocken, Feucht usw.
betrachtete, während Krankheit in der Störung dieser Symmetrie bestehen
sollte[204].

Auf die Pythagoreer werden zurückgeführt -- wobei sich indes nicht
unterscheiden läßt, was selbst gefunden und was an fremden Elementen
aufgenommen wurde -- die Sätze über die Winkelsumme im Dreieck, über
die Kongruenz der Dreiecke, der sogenannte pythagoreische Lehrsatz,
sowie die Kenntnis des goldenen Schnitts; ferner die ersten Kenntnisse
der Stereometrie, insbesondere der fünf regelmäßigen Polyeder und der
Kugel.

Zeugnisse für geometrische Entdeckungen des *Pythagoras* enthält die
Literatur des Altertums an etwa zwölf Stellen. Bei der Beurteilung der
Zuverlässigkeit dieser Zeugnisse ist indessen zu berücksichtigen, daß
die ältesten Angaben 500 Jahre, die Hauptquelle (*Proklos*) sogar 1000
Jahre nach *Pythagoras* niedergeschrieben wurden[205]. *Proklos*, der
sich auf die beiden verloren gegangenen Schriften des *Eudemos*, des
ältesten Geschichtsschreibers der griechischen Mathematik[206], stützt,
hat *Pythagoras* nicht für den Entdecker des Begriffes der irrationalen
Größen gehalten und ihm weder die Konstruktion der regulären Körper
noch die Entdeckung des pythagoreischen Lehrsatzes zugeschrieben.
Auch *Zeller*, der Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie,
ist schon der althergebrachten Ansicht entgegengetreten, nach welcher
*Pythagoras* selbst als Mathematiker Hervorragendes geleistet haben
soll. Das Ergebnis aller neueren Nachforschungen besteht darin,
daß sich eine bestimmte Leistung auf dem Gebiete der Mathematik
*Pythagoras* mit Sicherheit überhaupt nicht zuweisen läßt.

Die den Griechen im allgemeinen nachgerühmte Strenge der Beweisführung
war bei den Pythagoreern noch wenig entwickelt. Sie verfuhren häufig
noch induktiv und wußten das Allgemeine von den Einzelfällen noch
nicht recht zu trennen. Immerhin kommt ihnen das Verdienst zu, daß
sie die Mathematik von den Bedürfnissen des Lebens gesondert und sie
als reine Wissenschaft aufgefaßt haben[207]. Vor allem wurde die
Lehre vom Dreieck durch *Pythagoras* und seine Schule so vollständig
entwickelt, daß *Euklid*, als er die mathematischen Kenntnisse der
Griechen in seinen »Elementen« zusammenstellte, nur wenig hinzuzufügen
brauchte. Daß die Winkel des Dreiecks zusammen zwei Rechte betragen,
bewiesen die Pythagoreer, indem sie durch eine Ecke eine Parallele
zur Gegenseite zogen[208]. Auf den nach *Pythagoras* benannten Satz
wurde man wahrscheinlich dadurch geführt, daß man die aus Ägypten
oder Babylon zu den Griechen gedrungene Erkenntnis, ein Dreieck sei
rechtwinklig, wenn sich seine Seiten wie 3 : 4 : 5 verhalten, mit
dem arithmetischen Satze, daß 3^2 + 4^2 gleich 5^2 ist, zu verbinden
wußte; wie denn überhaupt die Stärke der späteren Pythagoreer in
der Anwendung der Zahlenlehre auf die Geometrie bestand. Auch den
Satz, daß die drei Winkelhalbierenden eines Dreiecks sich in einem
Punkte schneiden, haben die Pythagoreer gekannt und zur Auffindung
des dem Dreieck eingeschriebenen Kreises verwertet[209]. Eingehend
haben sie sich ferner mit den regelmäßigen Polygonen und mit den fünf
regelmäßigen Polyedern beschäftigt. Von letzteren waren der Würfel,
das Tetraëder und das Oktaëder schon Gegenstand der orientalischen
Mathematik gewesen. Das Ikosaëder und das Dodekaëder dagegen hat erst
die pythagoreische Schule konstruiert. Alle fünf Körper legten die
Pythagoreer ihren mystischen Welterklärungsversuchen zugrunde. Die Welt
sollte die Form des Dodekaëders besitzen, die vier übrigen regulären
Körper dagegen für die Teilchen der vier Grundstoffe, Feuer, Erde,
Luft und Wasser, formbestimmend sein[210]. Zu der Erkenntnis, daß
es nur fünf reguläre Polyeder gibt, d. h. Körper, die von gleichen,
gleichseitigen und gleichwinkligen Ebenen begrenzt sind, gelangte erst
*Euklid*.

Wie für die Geometrie, so wurde damals auch in der Arithmetik eine
Grundlage geschaffen, welche den raschen Aufschwung ermöglichte,
den die Mathematik bald darauf in Griechenland erfuhr. Die
Pythagoreer schufen die Begriffe der Prim- und der relativen Prim-
oder teilerfremden Zahlen. Aus dem Orient übernahmen sie dann die
Begriffe Quadrat- und Kubikzahl, mit denen die Babylonier schon im 3.
Jahrtausend v. Chr. vertraut waren. Auch die Lehre von den Proportionen
wurde von den Pythagoreern gepflegt, da die Proportionen sich für
manche Aufgaben, die man heute durch Gleichungen löst, als besonders
geeignet erwiesen. Neben der arithmetischen (a - b = c - d) und der
geometrischen (a : b = c : d) erregten auch die durch Gleichsetzung der
inneren Glieder sich ergebenden stetigen Proportionen (a - b = b - c
und a : b = b : c) die Aufmerksamkeit der pythagoreischen Schule.

Auf den Begriff des Irrationalen wurden die Pythagoreer geführt, indem
sie erkannten, daß die Diagonale und die Seite eines Quadrates kein
gemeinschaftliches Maß besitzen. Die systematische Darstellung der
Lehre von der Irrationalität erfolgte durch *Euklid*. Er dehnt sie auf
mehrfache Quadratwurzeln aus, behandelt aber nur solche Ausdrücke, die
sich mit Zirkel und Lineal konstruieren lassen[211].

Einige Jahrhunderte unausgesetzter Pflege der mathematischen
Wissenschaften, mit denen sich auch die hervorragendsten unter den
Philosophen, wie *Platon* und *Aristoteles*, beschäftigten, genügte
dann, um in den Werken des *Apollonios* und des *Archimedes* Leistungen
allerersten Ranges heranreifen zu lassen. Besonders in der Hand des
letzteren wurde die Mathematik zu einem Werkzeug, mit dem schon die
Bewältigung mancher physikalischen Aufgabe gelang.

In der Geschichte der griechischen Mathematik nimmt der um 440 wirkende
*Hippokrates* von Chios eine vermittelnde Stellung zwischen der älteren
Schule der Pythagoreer und den Mathematikern des 4. Jahrhunderts v.
Chr. ein. *Hippokrates* begründete eine strengere Beweisführung.
Auch war er der erste, der ein mathematisches Lehrgebäude
veröffentlichte[212]. Am bekanntesten ist sein Satz von den Möndchen
(Lunulae Hippokratis). Er lautet: Gegeben sei ein dem Halbkreise
eingeschriebenes, gleichschenkliges, rechtwinkliges Dreieck. Errichtet
man dann Halbkreise über den Katheten, so sind a und a_{'} (die
Lunulae) den Stücken b und b_{'} flächengleich (Abb. 12). *Hippokrates*
hat ferner bewiesen, daß sich die Kreisflächen wie die Quadrate der
zugehörigen Durchmesser verhalten. Auf ihn ist wahrscheinlich auch die
Exhaustionsmethode zurückzuführen, die uns im Verfolg der weiteren
Entwicklung der griechischen Mathematik noch wiederholt beschäftigen
wird.

[Illustration: Abb. 12. Der Satz des Hippokrates.]

Der Satz über die Lunulae ist deshalb von besonderem Interesse,
weil er der erste gelungene Versuch ist, eine krummlinige Figur zu
quadrieren. *Hippokrates*[213] glaubte sogar, durch seinen Satz der
Quadratur des Kreises einen Schritt näher gekommen zu sein. Seine
auf die Lösung dieses Problems hinzielenden Versuche mußten indessen
schon deshalb ergebnislos bleiben, weil, wie die neuere Mathematik
bewiesen hat, die wahre Quadratur des Kreises nicht möglich ist. Des
*Hippokrates* Satz über die Lunulae war eine wichtige Verallgemeinerung
des pythagoreischen Lehrsatzes. Letzterer beschränkte sich auf
Quadrate. Das Hinzukommen des neuen Satzes ließ schon die Erkenntnis
durchschimmern, daß, ganz allgemein, ähnliche Figuren über den Katheten
zusammen einer ähnlichen Figur über der Hypotenuse flächengleich sind.

Für die alte Mathematik besaßen drei Probleme eine treibende Kraft,
wie wir sie für die Chemie in dem Problem der Metallverwandlung
kennen lernen werden. Es waren dies die Quadratur des Kreises, die
Verdopplung des Würfels oder das delische Problem und die Dreiteilung
eines beliebigen Winkels. Alle drei Aufgaben waren so naheliegend
und schienen so einfach zu sein. Und doch haben sie, soweit sie
überhaupt lösbar sind, den größten Mathematikern kaum überwindbare
Schwierigkeiten bereitet.

Mit den Versuchen, die Quadratur des Kreises zu finden, beginnt die
griechische Mathematik im 5. Jahrhundert v. Chr. reine Wissenschaft
zu werden. Das Problem beschäftigt schon den *Anaxagoras*. Es führt
bereits um jene Zeit[214] zum Exhaustionsverfahren, das *Archimedes*
weiter entwickelte und das als Vorstufe zur Integrationsmethode der
neueren Mathematik betrachtet werden kann. Da eine vollkommene Lösung
der Quadratur nicht gefunden werden konnte, so begnügte man sich
bei der Exhaustionsmethode mit einer angenäherten Bestimmung. Man
zeichnete in den Kreis zunächst ein Quadrat. Über den Seiten dieser
Figur errichtete man die Seiten des dem Kreise eingeschriebenen
Achtecks, darüber das eingeschriebene Sechszehneck und so fort, bis
das schließlich erhaltene Vieleck von dem Kreise kaum noch abwich.
Dieses Vieleck wurde dann nach den bekannten Verfahrungsweisen
der Elementarmathematik so oft in ein flächengleiches Vieleck von
geringerer Seitenzahl umgeformt, bis man schließlich das dem Kreise
annähernd flächengleiche Quadrat gefunden hatte. Ein derartiges
konstruktives Verfahren war sehr umständlich und um so fehlerhafter,
je größer die Zahl der vorgenommenen Konstruktionen war, da ja jede
einzelne von dem wahren Werte mehr oder weniger abwich.

Gleichfalls im 5. Jahrh. v. Chr. tauchte das delische Problem auf.
Seinen Namen soll es daher erhalten haben, daß den Deliern durch
ein Orakel befohlen wurde, einem würfelförmigen Altar den doppelten
räumlichen Inhalt zu geben. Das Problem, mit dem sich alle bedeutenden
griechischen Mathematiker, unter ihnen auch *Hippokrates* von Chios
und *Platon* beschäftigt haben, führte zunächst zum Begriff der
Kubikwurzel. Ist nämlich die Kante des gegebenen Würfels a, diejenige
des gesuchten x, so ist x^3 = 2a^3 und x = a∛2. Auf diesen Ausdruck kam
schon *Hippokrates*. Während aber für die Quadratwurzeln geometrische
Konstruktionen gefunden werden konnten, versagte dieser Weg zunächst
bei der Kubikwurzel[215]. Die Gleichung x = a∛2 bedeutet, daß die
gesuchte Seite des doppelten Würfels die erste (x) von zwei mittleren
Proportionalen (x und y) ist, die man in Form einer laufenden
Proportion zwischen die einfache (a) und die doppelte Seite (2a) des
gegebenen Würfels einschaltet. Ist nämlich

      a : x = x : y = y : 2a, so ist
  (1) a : x = x : y und
  (2) x : y = y : 2a.

Setzen wir den aus (2) ermittelten Wert für y, nämlich y = √(2ax) in
Gleichung (1) ein, so erhalten wir a : x = x : √(2ax), daraus folgt:

  x^2 = a√(2ax)
  x^4 = a^2 · 2ax
  x^3 = 2a^3
  x   = a∛2.

Die Aufgabe war also gelöst, wenn es gelang den Wert x, ausgehend von
der laufenden Proportion a : x = x : y = y : 2a, zu konstruieren.
Geometrisch ist diese Proportion durch beistehende Figur (Abb. 13)
ausgedrückt: ABCD ist ein Rechteck. ACD und CDE sind rechtwinklige
Dreiecke. Für die in der Figur mit a, b, x, y bezeichneten Stücke
gelten dann nach einem bekannten Satz über die Proportionalität
rechtwinkliger Dreiecke die Verhältnisse a : x = x : y und x : y = y :
b[216].

Spätere Mathematiker, unter denen vor allen *Platons* Schüler
*Menächmos* (etwa 350 v. Chr.) zu nennen ist, gelangten durch die
Beschäftigung mit dem delischen Problem über die Geometrie der Geraden
und des Kreises hinaus zu den für die Astronomie und die Mechanik so
überaus wichtigen, als Parabel, Ellipse und Hyperbel bezeichneten
Kurven.

Ausgehend von der schon *Hippokrates* geläufigen Proportion a : x = x :
y = y : b, in welcher b für den besonderen Fall der Würfelverdoppelung
gleich 2a ist, erkannte *Menächmos*, daß die aus jener Proportion
folgenden Ausdrücke x^2 = ay und y^2 = bx zu einer neuen Kurve führen.
Beide Ausdrücke sind nämlich in der Form gleich und enthalten daher
auch die gleiche Forderung. Ins Geometrische übersetzt bedeuten sie
nämlich, an eine Gerade ein Rechteck (ay) so anzutragen (παραβύλλειν),
daß der Inhalt einem Quadrate (x^2) gleich ist.

[Illustration: Abb. 13. Konstruktion zur Lösung des delischen Problems.]

*Menächmos* erkannte, daß der geometrische Ort für die Schnittpunkte
aller, dieser Bedingung genügenden Rechtecke eine vom Kreise
abweichende krumme Linie bildet, die später wegen des Antragens
(παραβολή) des Rechteckes an die Gerade den Namen Parabel erhielt. Er
zeigte weiter, daß sich der für die Würfelverdoppelung gesuchte Wert x
als Schnittpunkt einer Parabel mit einer Hyperbel oder als Schnittpunkt
zweier Parabeln ermitteln läßt. Doch würde ein weiteres Eingehen auf
diese Konstruktionen hier zu weit führen. Jedenfalls steht fest, daß
*Menächmos* mit einer punktweisen Konstruktion beider Kurven und mit
ihren Grundeigenschaften, ja sogar mit den Asymptoten der Hyperbel
bekannt war[217]. Die Beziehung der von ihm untersuchten Kurven zur
Kegeloberfläche hat *Menächmos* wahrscheinlich noch nicht erkannt,
jedenfalls gelangte er zu diesen Kurven, indem er sich bemühte, für
einen arithmetischen Ausdruck den zugehörigen geometrischen Ort zu
bestimmen[218].

Auch die Aufgabe, einen Winkel in drei gleiche Winkel zu zerlegen,
führte, wie das delische Problem, auf kubische Gleichungen und höhere
Kurven. So gelang es um 400 v. Chr.[219] die Dreiteilung des Winkels
mit Hilfe der Quadratrix genannten Kurve auszuführen[220].

Die Beschäftigung mit dem delischen Problem und den Kegelschnitten
führte im Verlauf der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. auch
zu einem tieferen Eindringen in die Wahrheiten der Stereometrie.
Vor allem sehen wir *Platon* und seine Schüler auf diesem Gebiete
tätig. Auf den unbefriedigenden Zustand dieser Wissenschaft wies er
mit folgenden Worten hin: »Hinsichtlich der Messungen von allem,
was Länge, Breite und Höhe hat, legen die Griechen eine in allen
Menschen von Natur vorhandene, aber ebenso lächerliche wie schmähliche
Unwissenheit an den Tag«. *Platon* gebührt aber auch das allgemeinere
Verdienst, die mathematische Methode dadurch verbessert zu haben,
daß er jeden Satz auf Vordersätze zurückführte, bis er endlich zu
Axiomen und Definitionen als den, weitere Voraussetzungen entbehrenden
Grundlagen der Mathematik gelangte. Auch die Erfindung des indirekten
Beweisverfahrens wird *Platon* zugeschrieben[221].

Unter den stereometrischen Sätzen, welche die platonische Schule
auffand, verdienen besonders zwei hervorgehoben zu werden. Es ist
das der Satz von der Raumgleichheit der Pyramide mit dem dritten
Teile des Prismas von gleicher Grundfläche und gleicher Höhe. Ferner
erkannte man, daß Kugeln sich in bezug auf den Rauminhalt wie die
dritten Potenzen ihrer Durchmesser verhalten[222]. Um jene Zeit
scheint auch die Entdeckung stattgefunden zu haben, daß Ellipse,
Parabel und Hyperbel wie der Kreis als Kurven auf der Kegeloberfläche
(Kegelschnitte) entstehen, wenn man Ebenen in verschiedener Neigung zur
Kegelachse durch den Kegel legt[223].


Die Anfänge der griechischen Astronomie[224].

Nicht so erfolgreich wie auf den Gebieten der Philosophie und der
Mathematik sind die Griechen während dieser Periode in der Astronomie
gewesen. Die Anfänge dieser Wissenschaft verdankten sie den Sternwarten
Mesopotamiens, so die Kenntnis der Ekliptik, der Tierkreiszeichen, der
Planetenreihe usw. Auch das Duodezimal- sowie das Sexagesimalsystem und
die auf diesen Systemen beruhenden Maße gelangten über die ionischen
Städte, welche dem babylonischen Einfluß weit geöffnet waren, nach
Griechenland[225]. Große Schwierigkeiten bereitete den Griechen
ihre Zeitrechnung, der sie anfangs die Bewegung des Mondes zugrunde
legten. Man sah dieses Gestirn in rascher Folge einen Wechsel von
Lichtgestalten durchlaufen und gelangte dadurch zur Aufstellung des
synodischen Monats, dessen Dauer 29 Tage 12 Stunden und 44 Minuten
beträgt. Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der erste Versuch, die
Rechnung nach Mond und Sonne zu regeln, zur Festsetzung eines Zeitraums
von 12 Monaten zu 30 Tagen führte. Ein solcher Kalender konnte den
Bedürfnissen jedoch nicht lange genügen, da er dem tatsächlichen
Verlauf der himmlischen Bewegungen zu wenig entsprach. Der nächste
Schritt bestand deshalb darin, daß man den Monat abwechselnd zu 29
und 30 Tagen rechnete. Dadurch wurde das Jahr aber auf 354 Tage
verkürzt. Mit diesem Zeitabschnitt rechneten die Griechen, bis *Solon*
den bedeutenden Ausfall, den man erlitten, dadurch ausglich, daß er
jedem zweiten Jahre einen vollen Monat von 30 Tagen zulegte. Auf das
Jahr kamen also im Mittel (2 · 354 + 30)/2 = 369 Tage, was noch immer
eine starke Abweichung von der wirklichen Dauer bedeutete. Einer der
ersten, der sich (um 460 v. Chr.) bemühte, die Kalenderrechnung durch
einen besseren Ausgleich zwischen dem Mondumlauf und dem Sonnenjahr
zu regeln, war der Astronom *Oenopides* auf Chios, zu dessen Schülern
wahrscheinlich *Hippokrates* von Chios zählte. *Oenopides* setzte 730
Mond-Monate 59 Sonnen-Jahren gleich und kam so zu einer Jahreslänge von
365,373 Tagen. Er soll auch viel zur Übermittlung der ägyptischen und
babylonischen Astronomie beigetragen und den aus gleichen Abschnitten
bestehenden Tierkreis in Griechenland eingeführt haben. Auch dadurch
hat er sich einen Namen gemacht, daß er die regelmäßig wiederkehrenden
Nilschwellen auf kosmische Ursachen zurückführte.

Die Verwirrung, in welche der Kalender der Griechen geraten war, hat
ihr großer Lustspieldichter *Aristophanes*[226] dadurch verspottet, daß
er den Mond über einen solch unhaltbaren Zustand sich beklagen läßt.
Erst dem atheniensischen Mathematiker *Meton* gelang 433 v. Chr. die
endgültige Beseitigung dieses Wirrsals. Er führte einen Zyklus ein, der
19 Jahre und innerhalb dieses Zeitraums 125 »volle« und 110 »leere«
Monate umfaßte, so daß das Jahr (125 · 30 + 110 · 29)/19 = 365,263 Tage
enthielt, während der wahre Wert des Sonnenjahres sich auf 365,242 Tage
beläuft[227].

Die Einteilung nach Stunden, für die sich bei *Herodot* noch keine
besondere Bezeichnung findet, scheint erst gegen das Ende des 4.
vorchristlichen Jahrhunderts in Gebrauch gekommen zu sein. Vorher
begnügte man sich damit, daß man aus der Schattenlänge des eigenen
Körpers oder eines senkrechten Sonnenzeigers auf das Vorrücken der
Tageszeit schloß[228].

Zu einer annähernden Bestimmung des Sonnenjahres mußte man gelangen,
sobald man zur genaueren Messung der Schattenlänge mit Hilfe des
Gnomons überging. Man erkannte, daß die Mittagshöhen und damit die
Tageslängen und die Jahreszeiten innerhalb einer Periode von 365-1/4
Tagen wiederkehren. Zu dieser Erkenntnis kam die Beobachtung, daß
innerhalb derselben Periode gewisse Fixsterne nacheinander in der Nähe
der auf- oder untergehenden Sonne gesehen werden. Daraus schloß man,
daß die stete Änderung in der Kulmination der Sonne daher rühre, daß
dieses Gestirn im Laufe eines Jahres einen zum Himmelsäquator geneigten
Kreis beschreibt. Um die Neigung dieses, als Ekliptik[229] bezeichneten
Kreises zu bestimmen, war es erforderlich, die größte und die geringste
Mittagshöhe an einem Orte zu messen und das Mittel aus der Differenz
dieser Höhen zu nehmen. Der erste Grieche, der die Schiefe der Ekliptik
auf diesem Wege bestimmte, soll *Anaximander* gewesen sein[230]. Indes
begegnen wir weit früheren Angaben. So fanden chinesische Astronomen
schon um 1100 v. Chr. für die Schiefe der Ekliptik ziemlich richtig den
Wert von 23° 52'.

Hinsichtlich der Beschaffenheit des Mondes gelangte man schon
frühzeitig zu der Vorstellung, daß es sich um eine freischwebende, von
der Sonne beleuchtete Kugel handele. Seine Flecken wurden von einigen
als Unebenheiten, von anderen (wie *Aristoteles*) als Spiegelbilder
unserer Erdteile und Meere aufgefaßt. Schon *Anaxagoras* hat sich
die Frage vorgelegt, weshalb ein, der Erde so naher und vermutlich
um vieles kleinerer Himmelskörper nicht zur Erde herunterfalle. Er
trifft auch so ziemlich das Richtige, wenn er die Mondbewegung mit der
Bewegung in einer Schleuder vergleicht, durch deren raschen Umschwung
die Neigung zu fallen gleichfalls aufgehoben werde.

Während die Entdeckung der größeren Planeten aus der Veränderung ihrer
Stellung zu den Fixsternen auf den ersten Blick erfolgen mußte, setzte
die Auffindung des Merkur, der sich im Mittel nur um 23 Grade von
der Sonne entfernt und daher in höheren Breiten nur in der Dämmerung
mit guten Augen wahrzunehmen ist, schon eine größere Aufmerksamkeit
voraus. Auch der Saturn wird wegen seines langsamen Fortrückens
erst verhältnismäßig spät als Wandelstern erkannt worden sein. Eine
systematisch geordnete Reihe von Beobachtungen gehörte dazu, die Zeiten
festzustellen, innerhalb deren die Planeten in ihre frühere Stellung
zurückkehren. So gelangte man zu der Erkenntnis, daß Jupiter in 12,
Saturn dagegen erst in 30 Jahren ihren Weg am Fixsternhimmel vollenden.

Größere Schwierigkeiten boten der Mars und die innerhalb der Erdbahn
befindlichen Planeten Merkur und Venus dar. Da letztere beiden
jedoch stets in der Nähe der Sonne erscheinen, so mußten sie der
geozentrischen Vorstellung gemäß etwa dieselbe Umlaufszeit besitzen.
Als Grund dieser sämtlichen Unterschiede nahm man einen verschieden
großen Abstand der Himmelskörper von der im Mittelpunkte ruhend
gedachten Erde an. Saturn, dessen Umlauf die längste Zeit erfordert,
mußte dementsprechend auch am weitesten von der Erde entfernt sein,
während der Mond, der zwölfmal in einem Jahre seinen Umlauf vollendet,
als der dem Mittelpunkte am nächsten befindliche Himmelskörper galt.
Man gelangte daher zu dieser Reihenfolge: Mond, Sonne, Merkur, Venus,
Mars, Jupiter, Saturn.

Die Pythagoreer legten sich zuerst die Frage nach dem Verhältnis
der Abstände der Planeten vor. Sie bewegten sich hierbei jedoch auf
dem Gebiet der bloßen Zahlenmystik. Da sie bei ihren akustischen
Untersuchungen auf einfache Beziehungen zwischen den Längen harmonisch
tönender Saiten gestoßen waren, hielten sie sich für berechtigt, auch
am Himmel solche einfachen Verhältnisse ohne weiteres anzunehmen.
So nahm später *Platon* an, daß sich Mond, Sonne, Venus, Merkur,
Mars, Jupiter, Saturn in Abständen von der Erde befänden, die sich
wie 1 : 2 : 3 : 4 : 8 : 9 : 27 verhielten[231]. Durch das Obwalten
solcher Beziehungen sollte dann, ähnlich wie im Reiche der Töne, eine
Konsonanz entstehen. Man dachte sich nämlich, jeder Planet rufe als
ein in rascher Bewegung befindlicher Körper einen Ton hervor, und dies
verursache die Harmonie der Sphären. Über die Entfernung der Fixsterne,
welche der äußersten der acht konzentrischen Sphären angehören sollten,
läßt *Platon* nichts verlauten.

Derartige Spekulationen, so überflüssig sie auch nach der Entdeckung
der tatsächlich obwaltenden Verhältnisse erscheinen mögen, sind für die
Entwicklung der astronomischen Wissenschaft durchaus nicht ohne Belang
gewesen. Sie waren es, die zu Versuchen anregten, die Richtigkeit der
angenommenen Werte zu prüfen. Und wir werden sehen, auf welche Weise
man in der nächstfolgenden, schon der Messung zugewandten Periode der
griechischen Astronomie, der Lösung dieser Aufgabe näher kam. Zu
allen Zeiten hat der Weg der Forschung darin bestanden, daß auf einer
gewissen Stufe der Erkenntnis Hypothesen ersonnen wurden, an welche
sich die weiteren Versuche behufs einer Prüfung anschlossen. Auch als
später *Kepler* das Problem, das wir jetzt verlassen, wieder aufnahm,
trat er mit der vorgefaßten Meinung an dasselbe heran, die Planeten
müßten, wie so manches in der Natur, nach einfachen Verhältnissen
geordnet sein. So ist das von den Pythagoreern aufgeworfene Problem
bis in die neueste Zeit eine der fundamentalen Aufgaben geblieben,
welche die Astronomie mit immer größerer Genauigkeit zu bewältigen
strebt. Hatten die Chaldäer und die Ägypter die Himmelserscheinungen
in Jahrhunderte umfassenden Beobachtungsreihen nur aufgezeichnet und
dadurch das wertvollste, den Griechen zu Gebote stehende Material
für eine weitere Entwicklung der Astronomie geschaffen, so ging das
jüngere, der Ergründung der Ursachen mit regem Geiste zustrebende Volk
zuerst zu einer *Erklärung* dieser Erscheinungen über. Einen besonderen
Anreiz bot diese Aufgabe den Schülern *Platons*, der in seinem Timäos
die Frage nach der Entstehung und der Anordnung des Weltgebäudes
aufgeworfen hatte. Mehr aus philosophischen als aus deutlich erkannten
astronomischen Gründen war man gleich den Pythagoreern geneigt, der
Erde keine das All beherrschende, zentrale Stellung zuzuschreiben.
Dieser Gedanke wurde von *Platons* Schüler *Herakleides Pontikos*
weiter verfolgt und zu einer heliozentrischen Theorie erweitert,
welche besonders durch *Aristarch von Samos* im 3. Jahrhundert v. Chr.
ausgebildet wurde.

Über die Anfänge der heliozentrischen Weltanschauung, die bis in
die Schule des *Pythagoras* und *Platons* zurückreichen, haben
insbesondere die Forschungen *Boeckhs*[232] und *Schiaparellis*[233]
Licht verbreitet. Es ist früher wohl behauptet worden, daß *Pythagoras*
selbst schon die Bewegung der Erde gelehrt habe. Für die Ansicht,
daß *Pythagoras* eine andere als die im frühen griechischen Altertum
herrschende geozentrische Ansicht gelehrt habe, spricht jedoch
nichts Sicheres. Dagegen müssen wir annehmen, daß die Lehre von der
Kugelgestalt der Erde in der pythagoreischen Schule schon galt, als sie
in Griechenland noch unbekannt war[234]. Früher als die Erde stellte
man sich den Himmel als eine Kugel vor, an deren Oberfläche die Sterne
angeheftet seien. Als man jedoch bemerkte, daß der Mond, die Sonne
und die Planeten an den Sternbildern vorüberziehen und die Planeten
mitunter für kurze Zeit von dem Monde verdeckt werden, da konnte man
sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Entfernungen der
Himmelskörper von der Erde verschieden seien. Den Versuch, die Bewegung
und die gegenseitige Stellung der Himmelskörper in ihrem Verhältnis zur
Erde zu erklären, machten unter den Griechen zuerst die Pythagoreer.
Unter ihnen war es der im 5. Jahrhundert lebende *Philolaos*, dem wir
die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über diese, für die weitere
Entwicklung der Weltanschauung grundlegenden Lehren verdanken. Man hat
es hier keineswegs mit bloßen Phantasieerzeugnissen zu tun. Mit Recht
sagt daher *Schiaparelli*: »Das System des *Philolaos* ist nicht die
Frucht einer ungeordneten Einbildung, sondern es ist aus der Tendenz
entstanden, die Daten der Beobachtung mit einem prästabilierten Prinzip
über die Natur der Dinge in Übereinstimmung zu bringen«[235]: Dieses
Prinzip war die in der pythagoreischen Schule entstandene Lehre von der
Harmonie, die überall, also auch im Kosmos, herrschen sollte.

Bei der Wichtigkeit der durch *Philolaos* übermittelten Lehren für
das Verständnis der von *Platon*, von *Herakleides* und *Aristarch*
entwickelten Ansichten wollen wir an der Hand der von *Boeckh*
herausgegebenen Bruchstücke uns ein Bild von diesen frühesten
kosmologischen Vorstellungen zu machen suchen; letztere führten in
ihrer weiteren Entwicklung schon im Altertum zu einer heliozentrischen
Weltansicht.

Nach *Philolaos* gibt es nur eine Welt, den Kosmos, und dieser besitzt
die Gestalt einer Kugel[236]. In der Mitte des Alls befindet sich das
Zentralfeuer. Die Peripherie wird von dem unbegrenzten Olymp gebildet,
der seiner Natur nach ebenfalls Feuer ist, wenn wir dieses völlig
farblose Feuer auch nicht wahrnehmen können. Nur durch die Sonne,
die an sich ein dunkler, glasartiger Körper ist, wird das Feuer des
Olymps so modifiziert, daß wir es wahrnehmen. Vielleicht ist man durch
die Milchstraße zu der Annahme eines alles umschließenden feurigen
Olymps geführt worden. Zwischen dem letzteren und dem Zentralfeuer
bewegen sich zehn göttliche Körper, nämlich die Fixsternsphäre,
die fünf Planeten, dann die Sonne, unter ihr der Mond, wie man aus
den Verfinsterungen der Sonne schließen mußte, dann die Erde und
endlich, dem Zentralfeuer zunächst, die Gegenerde. Während *Platon*
im »Timäos« die Erde als den Mittelpunkt bezeichnet, wird also bei
*Philolaos* -- und zwar zuerst -- der Erde eine Bewegung zugeschrieben.
Erde und Gegenerde bewegen sich in 24 Stunden um das Zentralfeuer.
Daraus erklärt sich die tägliche Umdrehung des Fixsternhimmels. Die
Gegenerde ist im Grunde genommen die den Bewohnern des Mittelmeeres
entgegengesetzte Hemisphäre. Denken wir uns diese Hemisphäre von
der den Griechen bekannten losgelöst und das Zentralfeuer, das man
später in den Mittelpunkt der Erde versetzte, gleichfalls in den
Weltraum hinausverlegt, so erkennen wir, daß *Philolaos* mit seiner
Erde und Gegenerde und ihrer gleichlaufenden täglichen Bewegung um
das Zentralfeuer die scheinbare tägliche Bewegung des Fixsternhimmels
begreiflich gemacht hat.

Bei einer solchen Bewegung bekommen wir die Gegenerde natürlich nie zu
sehen, ebensowenig wie wir die der unseren entgegengesetzte Hemisphäre
von unserem Standort aus erblicken können. Indem sich die Gegenerde
innerhalb der Erdbahn um das Zentralfeuer bewegt, und zwar so, daß sich
die Gegenerde stets zwischen der Erde und dem Zentralfeuer befindet,
bekommen wir die weit außerhalb des Systems »Zentralfeuer, Gegenerde,
Erde« befindliche Sonne während dieser parallelen und konzentrisch
erfolgenden Bewegung der Erde und der Gegenerde so lange nicht zu
sehen, als wir uns auf der von der Sonne abgekehrten Seite befinden.
Wir sind dann im Schatten der Gegenerde, die uns das Sonnenlicht
während der Hälfte des Tages genau so verbirgt, wie es in Wirklichkeit
die aus der Vereinigung von Erde und Gegenerde hervorgehende Erdkugel
tut.

Derjenige, der an Stelle der täglichen Bewegung um ein Zentralfeuer
die tägliche Rotation unseres Planeten um seine Achse setzte und damit
die Annahme der Gegenerde und jenes Zentrums überflüssig machte, war
*Herakleides Pontikos*. *Herakleides*[237] ging aber noch einen
Schritt weiter, indem er die Sonne schon als Mittelpunkt für die
Bewegungen der beiden inneren Planeten, Merkur und Venus, ansprach.
Diese Vorstellung hat später bekanntlich *Tycho* auf alle Planeten mit
alleiniger Ausnahme der Erde ausgedehnt[238].

Die Annahme, daß Merkur und Venus sich um die Sonne bewegen, entsprang
der Beobachtung, daß beide Planeten sich nur wenig von der Sonne
entfernen, nämlich Merkur im Mittel 23°, Venus höchstens 48°. Daher
sagt auch *Vitruv*: »Merkur und Venus haben, da sie sich um die Sonne
als Mittelpunkt ihres Laufes bewegen, ihre Stillstände und Rückläufe
in die Sonnenstrahlen eingetaucht«[239]. Auch *Platon* beschäftigt
sich mit diesem Problem, und zwar im »Timäos«. Nach ihm setzte Gott
den Mond in den ersten Kreis um die Erde, die Sonne dagegen in den
zweiten Kreis. Von Merkur und Venus heißt es dort[240], sie seien in
die Kreise gesetzt worden, »welche an Schnelligkeit sich zwar mit dem
Kreislauf der Sonne gleich bewegen, jedoch eine diesem entgegengesetzte
Wirksamkeit erlangt haben. Deswegen holen die Sonne, Merkur und Venus
auf gleiche Weise einander ein und werden voneinander eingeholt.«
Mit solchen dunklen Andeutungen war das Problem der Stillstände
und Rückläufe indessen nicht gelöst. Eine Theorie, die sich diesen
Erscheinungen schon besser anpaßte, gab *Eudoxos* durch die Annahme von
»homozentrischen Sphären«. Vermittelst dieser Theorie gelang es, die
Bewegungen des Jupiter und des Saturn vom geozentrischen Standpunkte
aus begreiflich zu machen.

Da die Hypothese des *Herakleides Pontikos* eine Erklärung für
das Verhalten von Merkur und Venus gab, während die Theorie der
homozentrischen Sphären hier versagte, lag es nahe, zu untersuchen, ob
die Hypothese des *Herakleides* sich nicht auf die äußeren Planeten
ausdehnen ließe. So gelangte man zu dem System, das später *Tycho*
annahm. Mond und Sonne bewegen sich danach um die Erde, während die
sämtlichen Planeten gleichzeitig die Sonne umkreisen.

Alle übrigen Gestirne betrachtete man wohl als Gesteinsmassen, welche
durch die Schnelligkeit des Umschwungs erglühten. So dachten *Demokrit*
und *Anaxagoras*, während andere sie für Öffnungen des Himmelsgewölbes
hielten, aus denen das äußerste Element, das Feuer, hervorbrechen
sollte. Später sah man die Fixsterne als Weltkörper an, die ihrem Wesen
nach der Sonne und dem Monde gleich seien. Nach *Herakleides Pontikos*
(s. vorige Seite) endlich war jedes Gestirn wie das unsere eine Welt
für sich.

Daß die Fixsterne sich in verschiedener Entfernung von uns befinden
könnten, vermutete man im Altertum noch kaum[241]. Es herrschte
vielmehr die Vorstellung, daß sämtliche Fixsterne einer Sphäre
angehörten[242]. *Platon* und *Herakleides* waren dagegen der Ansicht,
daß das Weltall unendlich und ebenso wie jedes einzelne Gestirn beseelt
sei.

Gleichzeitig mit den ersten Beobachtungen und Spekulationen über
die Himmelskörper beginnt die Frage nach der Beschaffenheit unseres
irdischen Wohnsitzes den forschenden Geist zu beschäftigen. Lange
dauerte es, bis man sich von dem Eindruck, daß die Erde eine
kreisförmige Scheibe sei, losgerungen hatte. *Homer* und *Hesiod*
waren noch darin befangen. Letzterer läßt die Sonne während der Nacht
im Ozean nach Osten schwimmen, wo sie sich frühmorgens wieder erhebt.
Der Himmel selbst ist nach ihm ein Gewölbe von solcher Höhe, daß ein
schwerer Gegenstand von dort neun Tage und neun Nächte fällt, bis er
die Erde erreicht.

Die Überzeugung, daß die um das Mittelmeer gelegenen Länder nur einen
kleinen Teil der Erde ausmachen, hatte schon vor *Aristoteles* Platz
gegriffen. So sagt *Platon* im Phaedon[243]: »Die Erde ist groß. Wir
haben davon nur einen kleinen Teil um das Mittelmeer herum inne,
während andere Menschen viele andere ähnliche Räume bewohnen.« In
derselben Schrift heißt es, die Erde schwebe in der reinen Himmelsluft
oder dem Äther und sei, von ferne betrachtet, einem Balle ähnlich.


Der Ursprung der Zoologie und der Botanik.

Während die Mathematik, die Philosophie und die Astronomie bei den
Griechen der voraristotelischen Zeit schon deutlich als besondere
Wissenszweige hervortreten, ist dies bezüglich der Botanik und
der Zoologie noch kaum der Fall. Den Pflanzen wandte man sich aus
medizinischem und landwirtschaftlichem Interesse zu. So erzählt
uns *Theophrast*, den wir als einen der frühesten botanischen
Schriftsteller kennen lernen werden, von den Rhizotomen (Wurzelgräbern)
und den Pharmakopolen (Arzneihändlern) der ersten griechischen Zeit.
War das Ziel dieser Männer auch ein überwiegend praktisches und ihr Tun
mit vielen abergläubischen Gebräuchen gemischt, so schufen sie doch
die erste Quelle des Wissens, nämlich die empirische Grundlage, zu der
dann später die Spekulation als zweites nicht weniger wichtiges Element
hinzutreten mußte, um mit der Empirie vereint zu wahrer Wissenschaft
heranzuwachsen[244].

*Theophrast* sagt von den Rhizotomen, sie hätten vieles richtig
bemerkt, vieles aber auch marktschreierisch übertrieben. Daß sie beim
Ausgraben der Wurzeln auf den Flug der Vögel und den Stand der Sonne
achteten, erschien *Theophrast* als Torheit.

Die Pflanzenkenntnis der Griechen und die Zahl der den Hirten, Jägern,
Landleuten und den erwähnten Rhizotomen bekannten Pflanzen waren bei
einer so vielseitigen, mehrere tausend Blütenpflanzen umfassenden
Flora, wie sie Griechenland beherbergt, gewiß nicht unbedeutend.
Einen Rückschluß gestattet uns der Sprachschatz jenes Zeitalters. In
den homerischen Gesängen z. B. werden 63 Pflanzen erwähnt. In den
hippokratischen Schriften finden sich 236 Pflanzennamen, und bei
*Theophrast*, dem Zeitgenossen des *Aristoteles*, begegnen uns gar
455, unter denen nur wenige sind, die nicht der Flora Griechenlands
angehören. Die ältesten fragmentarischen Aufzeichnungen über botanische
Dinge treffen wir bei dem Philosophen *Empedokles*, dem Begründer
der Lehre von den vier Elementen oder, wie er sich ausdrückte, den
Wurzeln der Dinge[245]. Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus sind
die Ansichten, welche *Empedokles* über die Natur der Pflanze äußert,
nicht allzu hoch einzuschätzen. Er meint, unter allen lebenden Wesen
seien zuerst die Bäume aus der Erde hervorgegangen. Seiner Lehre von
der Allbeseelung der Natur entspricht die Meinung, daß die Pflanzen
wie die Tiere Gefühle der Lust und Unlust, ja Einsicht und Verstand
besäßen. »Wisse denn, alles erhielt Anteil an Sinn und Verständnis« ist
ein Wort, das man dem Philosophen zuschreibt[246].

Aus der Beseelung der Pflanzen erklärte *Empedokles* Erscheinungen,
die wir auf mechanische Ursachen zurückführen, wie das Erzittern,
das Ausstrecken der Zweige gegen das Licht und das Emporschnellen
herabgebogener Äste[247]. Auch die ersten Keime der Lehre von den
Geschlechtern der Pflanzen begegnen uns bei *Empedokles*, wenn es
sich bei ihm auch nur um eine dunkle Ahnung handelte. So berichtet
*Aristoteles*, *Empedokles* habe gemeint, auch die Bäume brächten Eier
hervor. Und wie in dem Ei aus einem Teile das Tier entstände, das
Übrige aber Nahrung sei, so entstehe auch aus einem Teile des Samens
die Pflanze, das Übrige aber diene dem Keim und der ersten Wurzel als
Nahrung[248].

Auch anderen griechischen Philosophen werden Äußerungen über die Natur
der Pflanzen zugeschrieben. Sie verdienen zum Teil Erwähnung, wenn wir
uns von den Vorstellungen jener Männer auch kein solch abgerundetes
Bild machen können, wie von denjenigen des *Empedokles*. So soll auch
*Demokrit* aus Abdera über die Pflanzen geschrieben, und einer seiner
Schüler soll bemerkt haben, daß die Blätter einer im Orient wachsenden
Pflanze bei der Berührung zusammenfallen. Wahrscheinlich handelt es
sich um eine dort wachsende Mimosenart. *Anaxagoras* nennt die Sonne
den Vater und die Erde die Mutter der Pflanzen. Auch soll er den
Blättern das Vermögen zu atmen beigelegt haben.

In fast noch engerer Beziehung als zu den Pflanzen befand sich der
Mensch zur Tierwelt. Hier fesselten ihn nicht nur die Formen, sondern
auch die den seinen oft so nahe verwandten Lebensäußerungen und der
innere Bau, der bei den höheren Tieren so große Übereinstimmung mit
dem Bau des menschlichen Körpers darbot. Vor allem waren es die
Haustiere, an denen die ersten zoologischen Kenntnisse gewonnen wurden.
Beim Schlachten und Opfern gewann man einen Einblick in die Anatomie
dieser Geschöpfe. An Haustieren besaßen die Griechen vornehmlich
das Rind, das Pferd, das Schaf, die Ziege, das Schwein und den Hund,
auch wurden Hühner, Gänse, Enten und Tauben gehalten. Was die übrige
Tierwelt anbetrifft, so blieben den Griechen die anthropomorphen
Affen unbekannt. Dagegen kannten sie manche andere Affenart, wie die
Paviane und die Makaken. Mit den großen Raubtieren wurde man besonders
bekannt, nachdem *Alexander* und später die Römer ein Weltreich
gegründet hatten. So gelangten durch *Pompejus* die ersten Tiger und
schon um 200 v. Chr. die ersten Löwen nach Rom. Von den Waltieren war
besonders der Delphin bekannt. Die Papageien erwähnt *Aristoteles*
als indische Vögel. Außer zahlreichen Arten der Knochenfische kannte
man auch die Haifische und die Rochen, zumal den elektrischen Rochen,
ziemlich genau. Von den Weichtieren hatten besonders die Tintenfische
die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Kenntnis von den niederen
Tieren blieb, vielleicht von den Insekten abgesehen, indessen auf einer
niedrigen Stufe.

Einer der ersten, der allgemeine Betrachtungen über das Wesen der
Tierwelt anstellte, war wieder *Empedokles*, mit dessen Ansichten
über die Pflanzen wir uns soeben beschäftigt haben. *Empedokles*
suchte nämlich, bei der näheren Ausführung seiner Lehre von den vier
Elementen, Bestandteile des Tierkörpers, wie das Fleisch, das Blut und
die Knochen, auf eine Mischung jener vier Elemente zurückzuführen.
Vom Rückgrat der Säugetiere meinte er, es sei bei der Entstehung in
einzelne Wirbel zerbrochen[249]. Unter den späteren Philosophen soll
besonders *Demokrit* Tierzergliederungen vorgenommen haben. Seine
Ansichten finden bei *Aristoteles* oft Erwähnung und zeugen mitunter
von einer klaren Einsicht. Der Gegensatz zwischen *Demokrit* und
*Aristoteles* geht besonders aus der Bemerkung des letzteren hervor,
daß *Demokrit* nie vom Zwecke gesprochen habe, sondern »alles, dessen
sich die Natur bedient, auf die Notwendigkeit zurückführe«[250].

*Demokrit* hat seine Ansichten über das Wesen des Organischen in einer
besonderen Schrift entwickelt. Leider ist uns nur der Titel (Über die
Ursachen der Tiere) bekannt[251].

Bei den spekulativen Neigungen der Griechen kann es nicht Wunder
nehmen, daß uns schon bei den ältesten griechischen Philosophen
Anklänge an die Deszendenztheorie begegnen[252]. So lehrte
*Anaximander*, durch die Sonnenwärme seien im Schlamme zuerst
blasige Gebilde entstanden. Daraus seien dann fischartige Geschöpfe
hervorgegangen. Einige von ihnen seien auf das Land gekrochen. Die so
bedingte Änderung der Lebensweise habe auch zu einer Umwandlung der
Gestalt geführt. Auf diese Weise sollten zunächst die landbewohnenden
Tiere und endlich der Mensch entstanden sein. Von letzterem nahm man
an, daß er ursprünglich einem Fische ähnlich gewesen sei. Die gleichen
Ansichten hat *Demokrit* entwickelt. Auch *Epikur* betrachtete alle
Geschöpfe einschließlich des Menschen als Kinder der Erde, die nur
stufenweise Verschiedenheiten aufweisen.

Bei dem Römer *Lucretius*, der in seinem Werke »De natura rerum«
im wesentlichen die Ansichten der griechischen Naturphilosophen
wiedergibt, finden sich gleichfalls Anklänge an die Selektionstheorie,
unter anderm auch der Gedanke, daß das Unzweckmäßige untergehe[253].
Derartige, gelegentlich geäußerte, später als zutreffend anerkannte
Gedanken haben indessen mit der wissenschaftlichen Begründung der
Deszendenztheorie nur wenig gemein. Letztere ist und bleibt eine Tat
des 19. Jahrhunderts, für die in erster Linie *Lamarck* und *Darwin* in
Betracht kommen.

Daß *Darwin* übrigens von den deszendenztheoretischen Ansichten des
Altertums, zwar ohne sie genauer zu kennen, wußte, geht aus seinen
eigenen Worten hervor, in denen er »von den auf seinen Gegenstand
zu beziehenden Andeutungen in den Schriftstellern des klassischen
Altertums« spricht.


Erste Schritte zur Begründung der griechischen Heilkunde.

Zu den frühesten Ursachen, die zur Begründung der Naturwissenschaften
führten, gehört auch das Bestreben, die Krankheiten des menschlichen
Körpers zu heilen. Dieses Bestreben schärfte das Beobachtungsvermögen
und lenkte den Blick auf die umgebende Natur, die man der Heilkunde
dienstbar zu machen suchte. Bevor wir die erste Periode der Entwicklung
der griechischen Wissenschaft verlassen und zu *Aristoteles* und
seine Schule übergehen, wollen wir daher einen kurzen Blick auf eine
der wichtigsten Anwendungen der Naturwissenschaft, auf die Medizin,
werfen. Es ist dies zum Verständnis des Folgenden um so wichtiger,
als *Aristoteles* aus einer alten Ärztefamilie hervorgegangen war und
bei der Errichtung eines philosophischen und naturwissenschaftlichen
Lehrgebäudes zum Teil auf medizinischen Anschauungen fußte.

Aus dem Orient und Ägypten stammende Kenntnisse und Geheimlehren haben
ohne Zweifel die griechische Heilkunde stark beeinflußt, ja sie bilden
vielleicht die Grundlage, auf der sich die Heilkunde in Griechenland
weiter entwickelte. Es blieb jedoch den Griechen vorbehalten, das
Zauberwesen, das den Anfängen dieser Wissenschaft anhaftete, allmählich
abzustreifen und auch hier nach unbefangener Erkenntnis und Verknüpfung
der Tatsachen zu streben[254]. Unter den älteren Ärzten ist besonders
*Alkmäon* von Kroton, ein Schüler des *Pythagoras*, zu nennen[255].
Er wird als der Begründer der Embryologie betrachtet und hat manche
wertvolle anatomische und physiologische Beobachtung gemacht. Nach ihm
wird jede Empfindung durch das Gehirn vermittelt und jede Bewegung von
dort aus geleitet. *Alkmäon* war der Hauptvertreter der im Einklang mit
den Vorstellungen der Pythagoreer ausgebildeten Lehre, daß Gesundheit
und Krankheit aus der harmonischen Mischung gewisser Qualitäten oder
deren Störung zu erklären seien (s. S. 80). Dieser Lehre liegt die uns
sogleich begegnende Anschauung von den vier Temperamenten zugrunde, die
auch auf richtiger Mischung beruhen sollten.

Das wichtigste Dokument, das wir über die medizinische Wissenschaft
der Griechen besitzen, ist die sog. hippokratische Büchersammlung.
Wir begegnen dieser Sammlung seit der Begründung der großen
Bibliotheken in Alexandrien. Als das Werk eines einzigen Mannes sind
die hippokratischen Bücher nicht zu betrachten[256], wenn sich auch
nicht in Abrede stellen läßt, daß *Hippokrates* als Begründer der
wissenschaftlichen Heilkunde, der zuerst das Zerstreute sammelte
und zum Gesamtbild vereinigte, zu betrachten ist[257]. Außer
*Hippokrates*[258], der den Beinamen der Große erhielt, sind noch sechs
andere Ärzte gleichen Namens aus der alten Literatur bekannt. Es kann
daher nicht Wunder nehmen, wenn die Frage nach der Person des großen
*Hippokrates* wenig geklärt ist, zumal keine zuverlässige Biographie
über ihn existiert. Daß nicht *Hippokrates* allein der Verfasser der
ihm zugeschriebenen Schriften sein kann, wird daraus geschlossen, daß
sich in diesen Schriften[259] nicht nur manche Widersprüche finden,
sondern daß uns darin sogar eine Polemik der einzelnen Verfasser
gegeneinander begegnet[260].

Was die Anatomie anlangt, so stützt sich das in den hippokratischen
Schriften enthaltene medizinische Wissen vorzugsweise auf die
Untersuchung der Tiere; doch lagen auch für den Menschen insbesondere
auf dem Gebiete der Osteologie zahlreiche Beobachtungen und Erfahrungen
vor. Am wenigsten waren den Alten der Bau und die Aufgabe des
Nervensystems bekannt. Als besondere Ausläufer dieses Systems entdeckte
man wohl zuerst den Sehnerven, den Gehörnerven und den Trigeminus.
Im übrigen wurden die Nerven und Sehnen zunächst zusammengeworfen.
Empfindung und Bewegung hielt man für immanente Fähigkeiten. Als ihre
Quelle galt das »Pneuma«, das vom Gehirn aus durch die Adern zu allen
Teilen des Körpers fließen sollte[261].

Ein großer Fortschritt gegenüber der ältesten dämonologischen
Auffassung der Krankheiten bestand darin, daß die hippokratischen
Schriften die psychischen Störungen als Wirkungen körperlicher
Krankheitszustände auffaßten. Letztere werden durch eine Störung des
Gleichgewichtes zwischen den vier Flüssigkeiten (Humores) aufgefaßt,
die den Körper bilden. Als solche galten das Blut, der Schleim, die
gelbe und die schwarze Galle. Die Natur wird als heilbringender Faktor
gewürdigt. Sie finde, heißt es von ihr, auch ohne Überlegung immer
Mittel und Wege. Auch einer vernünftigen Prophylaxe wird das Wort
geredet. Die Gicht wird z. B. auf Wohlleben zurückgeführt und Mäßigkeit
und Unverdrossenheit hygienisch außerordentlich hoch gewertet. Als
therapeutisches Mittel wird schon die Musik empfohlen. Von der Höhe
der gesamten Auffassung, die uns in den hippokratischen Schriften
begegnet, zeugt der Ausspruch: Das Kennen erzeugt die Wissenschaft, das
Nichtwissen den Glauben. Jedoch war man sich der Grenzen des ärztlichen
Könnens wohl bewußt und erkannte an, daß der beste Arzt die Natur
selbst sei. Im Einklang damit war man in erster Linie bestrebt, den
natürlichen Vorgang der Heilung zu unterstützen. An Amputationen wagte
man sich noch nicht heran, da man das Unterbinden der Adern noch nicht
verstand. Bekannt ist der Hippokratische Satz: »Was die Arzneimittel
nicht heilen, heilt das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt das
Feuer. Was endlich das Feuer nicht heilt, das ist überhaupt nicht zu
heilen«[262].

Unter den hippokratischen Schriften ist diejenige »Über die Diät«
in zoologischer Hinsicht wichtig. Sie enthält nämlich unter den
Nahrungsmitteln eine Aufzählung von etwa 50 Tieren in absteigender
Reihenfolge. Auf die Säugetiere folgen die Land- und Wasservögel, die
Fische, dann die Muscheltiere und endlich die Krebse. Reptilien und
Insekten werden nicht erwähnt, weil sie nicht gegessen wurden. Dieses
Tiersystem, das man wohl als das »koische« bezeichnet hat (etwa 410 v.
Chr.), kann als ein Vorläufer des Aristotelischen Tiersystems, das uns
im nächsten Abschnitt beschäftigen soll, betrachtet werden[263].



3. Das aristotelische Zeitalter.


Für das griechische Volk war mit dem vierten vorchristlichen
Jahrhundert schon eine Zeit des staatlichen Niederganges angebrochen.
Kunst und Philosophie hatten gleichfalls ihre Blütezeit gehabt.
Die wissenschaftliche Entwicklung tritt indessen jetzt in eine
Phase, welche für die Folge von nicht geringerem Einfluß als die
von den Griechen auf dem Gebiete des staatlichen Lebens und der
künstlerischen Betätigung geschaffenen Vorbilder sein sollte. Es ist
das wissenschaftliche, auf die Erfassung des Naturganzen in seinem
Zusammenhange gerichtete Streben des Menschengeistes, das uns jetzt zum
ersten Male in seiner vollen Bedeutung entgegentritt. Dieses Streben
verkörpert sich in *Aristoteles* und seinen Schülern. Mögen auch die
Vorstellungen, welche diese Männer leiteten, mit den Prinzipien der
heutigen Naturforschung oft nicht vereinbar erscheinen, so kann man
dennoch das Grundlegende ihrer Tätigkeit und die Bedeutung, die sie
nicht nur für das Altertum und für das Mittelalter, sondern auch für
die Entstehung der neueren Naturwissenschaft besitzen, nicht in Abrede
stellen.


Aristoteles.

In *Aristoteles* begegnet uns eine der bedeutendsten Erscheinungen
des Altertums, in der sich die Wissenschaft jenes Zeitraums
gleichsam verkörperte[264]. Er war der Sprößling einer griechischen
Ärztefamilie[265], die am mazedonischen Hofe in hohem Ansehen stand.
*Aristoteles* wurde im Jahre 384 v. Chr. in Stagira, einer in der Nähe
des Athos gelegenen griechischen Kolonie, geboren. Seine Erziehung
lag, wie es damals häufiger der Fall war, in der Hand eines einzigen
Mannes. Diesem bewahrte *Aristoteles* eine Dankbarkeit, wie sie später
ihm selbst wieder von seinem großen Schüler *Alexander* erwiesen
wurde. Im übrigen fehlen über die Jugend und den Entwicklungsgang des
*Aristoteles* nähere Nachrichten. Doch darf man annehmen, daß er gemäß
der in seiner Familie herrschenden Tradition für den ärztlichen Beruf
bestimmt war und sich zunächst für diesen vorbereitete. Auf diesen
Umstand wird vor allem der empirische Grundzug der aristotelischen
Philosophie zurückzuführen sein.

War das Wissen im 5. Jahrhundert noch im Besitze weniger hervorragender
Geister, so wird es im vierten immer mehr zum Gemeingut der Gebildeten.
Die Literatur wuchs an Umfang und an Spezialisierung. Schon in der
ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts gab es kaum noch einen Gegenstand,
über den nicht bereits Schriften erschienen wären[266].

Der Brennpunkt des geistigen Lebens war um die Mitte des vierten
vorchristlichen Jahrhunderts Athen. Hier hatte *Sokrates* gelehrt und
*Platon* eine blühende Philosophenschule gegründet. Was Wunder, daß der
begüterte und für die Wissenschaft begeisterte Jüngling seine Schritte
zunächst dorthin lenkte. Im Jahre 367 trat er in die Akademie ein, an
welcher *Platon* lehrte. Er gehörte ihr bis zu dem 347 erfolgenden Tode
des Meisters ununterbrochen an. *Platon* soll *Aristoteles* seines
unermüdlichen Lernens halber den Leser genannt und ihn mit einem
anderen Schüler mit den Worten verglichen haben, dieser bedürfe des
Sporns, *Aristoteles* dagegen des Zügels. Mit Recht ist *Aristoteles*
auch später als einer der fleißigsten Gelehrten bezeichnet worden, den
die Geschichte der Wissenschaft kennt[267]. Sein Ruf muß unterdessen
ein hervorragender geworden sein. Es wird nämlich berichtet, daß
König Philipp von Mazedonien, als er ihm im Jahre 343 die Erziehung
seines im 14. Lebensjahre stehenden Sohnes übertrug, folgende Worte an
*Aristoteles* geschrieben habe: »Ich fühle mich den Göttern zu Dank
verpflichtet, daß sie den Knaben zu Deiner Zeit geboren werden ließen.
Denn von Dir erzogen, hoffe ich, soll er der Nachfolge auf meinem
Throne würdig werden.« Und so wurde denn -- ein Verhältnis, das einzig
in der Geschichte dasteht -- der bedeutendste Denker jener Zeit mit der
Erziehung des größten Herrschers betraut.

Über das Erziehungswerk selbst, das nur die ersten Jahre des
mazedonischen Aufenthaltes unseres Philosophen (343-340) umfaßte,
fehlen nähere Nachrichten. Auch sind die Erzählungen, daß der
königliche Schüler seinem Lehrer 800 Talente[268], sowie einen ganzen
Trupp Leute zum Sammeln von Naturkörpern zur Verfügung gestellt habe,
mindestens übertrieben. Soviel ist jedoch gewiß, daß *Alexander*
wohl zu schätzen wußte, was er dem *Aristoteles* verdankte. Durch
unverschuldete Umstände geriet letzterer gegen das Ende der Regierung
*Alexanders* in Ungnade. Nach Ablauf eines acht Jahre umfassenden
Aufenthaltes in Mazedonien, der eine Zeit des Sammelns und der
Vorbereitung gewesen ist, in welcher ihn der Gedanke, eine Enzyklopädie
der Wissenschaften zu verfassen, jedenfalls schon beherrscht hat,
kehrte *Aristoteles* im Jahre 335 nach Athen zurück.

Um eine solch umfassende wissenschaftliche Tätigkeit auszuüben, wie sie
uns bei *Aristoteles* begegnet, waren bedeutende Mittel erforderlich.
Ob ihm diese durch die Gunst der mazedonischen Könige oder aus eigenem
Vermögen zur Verfügung standen, läßt sich nicht mit Sicherheit
entscheiden. Sehr wahrscheinlich trafen beide Umstände zusammen und
ermöglichten es dem *Aristoteles*, daß er, als erster unter den
griechischen Philosophen, in den Besitz einer größeren Bibliothek
gelangte. Die Herstellung von Büchern war damals eine mühselige und
kostspielige Arbeit, und die Anzahl der Exemplare einer Schrift
naturgemäß gering. Es ist daher begreiflich, daß bedeutende Summen
dazu gehörten, um die Schriften seines Zeitalters sich in solchem Maße
zugänglich zu machen, wie es *Aristoteles* verstanden hat. Allein für
die Werke eines Philosophen soll er drei Talente bezahlt haben[269].

In Athen hat *Aristoteles* im Lykeion, einem gymnastischen Spielen
dienenden Gebäude der Stadt, unterrichtet. Nach der Gewohnheit des
Meisters, dies im Auf- und Abwandeln zu tun, erhielt seine Schule den
Namen der Peripatetiker. Während *Alexander* die Welt eroberte, war
*Aristoteles* hier ein König im Reiche der Wissenschaften. Von seinen
zahlreichen Schriften ist indes nur der kleinere, aber wichtigere Teil
erhalten geblieben.

Die Stellung des *Aristoteles* in dem antimazedonisch gesinnten Athen,
wo er als Fremder und wegen seiner Beziehungen zu dem verhaßten großen
Könige von manchem ungern gesehen wurde, ist während seines 13jährigen
Aufenthalts in jener Stadt eine wenig angenehme gewesen. Als 323 v.
Chr. die Kunde von dem plötzlichen Tode *Alexanders* eintraf und von
den meisten als ein Zeichen zur Befreiung vom mazedonischen Joche
begrüßt wurde, erhoben sich daher zahlreiche Neider und Widersacher
gegen *Aristoteles*. Er wurde der Lästerung der Götter geziehen, zog
es aber vor, nicht eine Gerichtsverhandlung abzuwarten, sondern der
ihm feindlich gesinnten Stadt den Rücken zu kehren, damit diese, wie
er im Hinblick auf *Sokrates* sagte, sich nicht zum zweiten Male an
der Philosophie versündige. Wie richtig *Aristoteles* seine Lage
erkannt hatte, geht daraus hervor, daß der Areopag ihn bald darauf,
trotz seiner Abwesenheit, zum Tode verurteilte. *Aristoteles* hatte
sich indessen nicht weit entfernt. Er war nach Euböa übergesiedelt in
der Erwartung, durch einen Sieg der Mazedonier über die Athener nach
seinem langjährigen Wohnsitz zurückgeführt zu werden. Diese Hoffnung
sollte jedoch nicht in Erfüllung gehen, denn schon in dem auf das Ende
*Alexanders* folgenden Jahre, bevor man in Griechenland die frühere
Ordnung wieder hergestellt hatte, setzte der Tod seinem reichen Leben
ein Ziel.

Die Schriften und die Bücher des großen Philosophen gingen zunächst in
den Besitz seines Lieblingsschülers, des *Theophrast*, über. Manches
wird unvollendet gewesen und später ergänzt worden sein. *Theophrast*
hinterließ die Schriften wieder einem Schüler. Anderthalb Jahrhunderte
blieben sie darauf verborgen. Endlich gelangten sie, nachdem *Sulla*
Athen erobert hatte, nach Rom, wo sie in zahlreichen Exemplaren
abgeschrieben und verbreitet wurden. Daß dabei manches verunstaltet und
verdorben wurde, unterliegt wohl keinem Zweifel. Die auf uns gekommenen
Werke nehmen im Oktavformat fast 3800 Seiten in Anspruch[270]. Davon
ist indessen ein Teil als unecht zu betrachten[271].

Eine gänzlich unverändert gebliebene Schrift des *Aristoteles* gibt es
sehr wahrscheinlich nicht. Auch bei einigen Hauptwerken handelt es sich
wohl um Ausarbeitungen der Schüler. Dafür spricht unter anderem auch
das Fehlen eines einheitlichen Stiles. Andere Schriften sind bloße
Entwürfe oder Zusammenstellungen von Auszügen. Dazu kommen von späteren
Herausgebern herrührende Zusätze, die selten als solche kenntlich
gemacht sind. Endlich fehlt es nicht an Werken, die zwar den Namen des
*Aristoteles* tragen, die indessen als unecht oder nur zum geringen
Teil als aristotelisch gelten. Unter diesen sei nur die von *Nikolaos
Damaskenos* im augusteischen Zeitalter herausgegebene Schrift Ȇber die
Pflanzen« genannt. Über diesen Gegenstand gab es eine echte Schrift,
die verloren ging (s. S. 138). Auch eine mit Abbildungen versehene
Schrift »Über die Zergliederung der Tiere« ist leider nicht auf uns
gelangt.


Aristoteles als Philosoph und seine Stellung zur Naturwissenschaft.

Den breitesten Raum unter den Werken des *Aristoteles* nehmen seine
naturwissenschaftlichen Schriften ein. Sie betreffen das gesamte
Universum von den allgemeinen Bedingungen der Körperwelt und dem
Weltgebäude bis herab zur Beschreibung und Zergliederung der die Erde
als Tiere und Pflanzen bevölkernden Einzelwesen. Folgende Schriften
naturwissenschaftlichen Inhalts sind bei der nachfolgenden Darstellung
des aristotelischen Lehrgebäudes vor allem in Betracht gezogen: »Die
physikalischen Vorträge«, »Über das Weltgebäude«, »Über Entstehen und
Vergehen«, »Die Meteorologie« und »Die mechanischen Probleme«[272].
Unter den rein philosophischen Werken des *Aristoteles* verdient wegen
ihrer Bedeutung für jeden Zweig besonderer Wissenschaft das später
»Organon« genannte hervorgehoben zu werden. Es sind dies die von
*Aristoteles* zum ersten Male in ausführlicher Darstellung entwickelten
Grundzüge der formalen Logik.

Des *Aristoteles* Verdienst um die Naturwissenschaften ist ein
doppeltes. Einmal hat er das zerstreute Einzelwissen seiner Vorgänger
vereinigt und der Nachwelt durch eine außerordentlich fruchtbare
schriftstellerische Tätigkeit überliefert. Zum andern beschränkte
er sich keineswegs auf eine kritiklose Kompilation dieses Wissens.
Vielmehr stellte er sich die gewaltige Aufgabe, aus philosophischen
Prinzipien heraus ein System aller Wissenschaften zu entwickeln. Die
Philosophie, das Streben nach Welterklärung, war also der Ausgangs-
und der Angelpunkt, aus dem bei ihm die Wissenschaft erwuchs. Denken
und Welt in ihrem Gegensatz und in ihrer Wechselbeziehung wollte
*Aristoteles* begreifen und begreiflich machen. Die Philosophie,
die bei *Platon* noch voll poetischen Schwunges gewesen, wurde bei
*Aristoteles* nüchterne Betrachtung des Ichs mit seiner Denktätigkeit
und seinen Anschauungsformen, sowie der Welt mit ihren Einzeldingen.
In ihnen suchte er die Idee, welche bei *Platon* über und hinter
den Dingen stand, sowie die Zwecke nachzuweisen. Man kann *Platon*
den Vorwurf nicht ersparen, daß er die Wirklichkeit allzusehr
vernachlässigte und an ihre Stelle ein System aus häufig inhaltsleeren
Begriffen setzte, während *Aristoteles* sich von der Überzeugung leiten
ließ, daß wirkliche Erkenntnis nur aus der Erfahrung entspringen kann.
*Aristoteles* fordert daher, man solle »zuerst die Erscheinungen
auffassen und dann erst die Ursachen angeben«.

In der Befolgung des dialektischen Verfahrens, das er meisterhaft
zu handhaben wußte, ist *Aristoteles* ein Jünger des *Sokrates*
und des *Platon*. Während indessen die Philosophie der letzteren
vorzugsweise auf dem Boden der Dialektik wurzelte, sucht *Aristoteles*
das beobachtende Verfahren der Naturwissenschaft mit der Dialektik
zu verknüpfen, was seine Lehrmeister nicht vermocht hatten. »Zwar
gelang es ihm nicht, beide Elemente völlig ins Gleichgewicht zu
bringen, doch hat er durch ihre Verknüpfung das Höchste unter den
Griechen geleistet«[273]. *Sokrates* und *Platon* hatten zuerst
nach den Begriffen gefragt und die oft nur aus der Betrachtung des
Sprachgebrauches und der herrschenden Meinung gewonnene Erkenntnis des
Begriffes dem weiteren Forschen zugrunde gelegt, während *Aristoteles*
außer dem Begriff die bewegenden und stofflichen Ursachen ins Auge
faßte. Er ist nicht nur ein scharfer Denker, sondern ein solch
unermüdlicher Beobachter, daß ihm nicht selten ein übertriebener
Empirismus zum Vorwurf gemacht worden ist. Die bei der Naturerklärung
zu befolgenden Grundsätze finden sich bei ihm nicht zusammenhängend
entwickelt, sondern in zahlreichen Einzelbemerkungen zerstreut. Aus
ihnen läßt sich folgendes entnehmen: Stets hat der Erklärung die
Beobachtung vorauszugehen. Daß man die Theorie auf die Erkenntnis des
Einzelnen stützen müsse, wird häufiger betont. Von der Beobachtung
wird verlangt, daß sie sorgfältig, umfassend und vor allem frei von
jeder vorgefaßten Meinung sei. Handelt es sich um die Beobachtungen
anderer, so ist strenge Kritik anzulegen. Kurz, es begegnen uns bei
*Aristoteles* Grundsätze, wie sie die dem Empirismus huldigenden
Philosophen der neueren Zeit, wie *Bacon*, kaum besser entwickelt
haben. Indessen entsprach dem Wollen, wie es auch bei *Bacon* der
Fall war, nicht das Vermögen. Es lassen sich dafür verschiedene
Gründe anführen. Einmal waren die Hilfsmittel der wissenschaftlichen
Forschung zur Zeit des *Aristoteles* noch sehr wenig entwickelt. Vor
allem mangelte es auf fast allen Gebieten noch an der Möglichkeit
einer schärferen Bestimmung der quantitativen Verhältnisse.
*Aristoteles* empfindet dies schon, wo er von der Wärme handelt. Von
einer Vervollkommnung der Sinne und der dadurch zu ermöglichenden
weitgehenden Schärfung der Beobachtung besaß er aber wohl keine auch
nur dunkle Ahnung. Was für die Sinne nicht existierte, galt ihm noch
als nicht vorhanden[274].

In treffender Würdigung der aristotelischen Denkweise sagt *Zeller*:
»Da die griechische Wissenschaft mit der Spekulation angefangen hatte
und die Erfahrungswissenschaften erst spät zu einiger Ausbildung
gelangten, so war es natürlich, daß das dialektische Verfahren eines
*Sokrates* und *Platon* einer strengeren Empirie den Rang ablief. Auch
*Aristoteles* hält sich zunächst an dies Verfahren, ja er bringt es
theoretisch und praktisch zur Vollendung. Daß die Kunst der empirischen
Forschung bei ihm eine gleichmäßige Ausbildung erfahren werde, ließ
sich nicht erwarten. Und ebenso lag ihm eine schärfere Unterscheidung
beider Methoden noch fern. Diese ist erst durch die höhere Entwicklung
der Erfahrungswissenschaften und, von philosophischer Seite, durch die
erkenntnistheoretischen Untersuchungen herbeigeführt worden, welche die
neuere Zeit ins Leben gerufen hat.«

Eine Reihe von Grundbegriffen oder Kategorien sind es, unter welche
*Aristoteles* sämtliche Gegenstände der denkenden Betrachtung
einzugliedern suchte. Die wichtigsten sind Substanz, Quantität,
Qualität, Lage, Wirken und Leiden. Als Endzweck der gesamten Natur
erschien ihm der Mensch. Im Besitz der aristotelischen Philosophie und
Wissenschaftslehre hat letzterer an dieser ihm zugewiesenen Stellung
zwei Jahrtausende festgehalten, bis man den Zweckbegriff durch den
Begriff der mechanischen Kausalität ersetzte und den Menschen als ein
Glied in der Kette der übrigen Wesen begreifen lernte.


Die Grundlehren der Mechanik bei Aristoteles.

Wir gehen nach dieser allgemeinen Charakteristik zu dem Verhältnis
über, in welchem *Aristoteles* zu den Einzelwissenschaften gestanden
hat.

Die Bedeutung der Mathematik hat er in seinen Schriften oft
hervorgehoben, doch sind eigentliche mathematische Entwicklungen in
ihnen nicht enthalten. Wohl aber bieten sie manche beachtenswerte
Äußerung über schwierige Begriffe, wie über den Grenzbegriff und das
Unendliche. »Stetig«, sagt *Aristoteles* z. B., »ist ein Ding, wenn
die Grenze eines jeden von zwei aufeinander folgenden Teilen, in der
sie sich berühren, eine und die nämliche wird.« Er löste ferner das
Paradoxon vom Durchlaufen unendlich vieler Raumpunkte in endlicher
Zeit dadurch, daß er innerhalb der endlichen Zeit unendlich viele
Zeitteilchen von unendlich kleiner Dauer annahm. Das Unendliche ist
ferner für ihn nichts Wirkliches, sondern es gibt nur Endliches von
beliebiger Größe und von beliebiger Kleinheit[275].

Am meisten Erfolg hatte man auf dem Gebiete der Naturwissenschaft dort
aufzuweisen, wo die rasch emporblühende Mathematik Anwendung finden
konnte. Wie die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiete der
Astronomie, so waren die Anfänge der Mechanik von dem Erreichen einer
gewissen Stufe des mathematischen Denkens abhängig. Dem Verlauf der
mechanischen Vorgänge angemessene Begriffe entwickeln sich daher weit
später als das Vermögen, die Gesetze der Mechanik anzuwenden, ohne sich
ihrer klar bewußt zu sein. Das letztere mußte nämlich schon bei der
frühesten Ausübung jeder gewerblichen Tätigkeit eintreten.

Mit den Grundfragen der Mechanik hat sich die griechische Philosophie
schon in der vorsokratischen Zeit beschäftigt. Insbesondere wandte man
sich den Problemen der Schwere und der Bewegung zu[276]. Auch daß aus
der Bewegung, infolge der damit verbundenen Reibung, Wärme hervorgeht,
wurde frühzeitig erkannt. *Anaxagoras* wollte sogar das Licht der
Gestirne aus diesem Vorgange herleiten (s. S. 77).

Zu den alltäglichsten Erscheinungen, die vor allem dazu angetan
sind, das Nachdenken wachzurufen, gehört die Bewegung frei fallender
Körper. Diese Erscheinung, von der ausgehend später *Newton* zur
Entdeckung des Weltgesetzes geführt wurde, faßte *Aristoteles* irrig
auf. Bezeichnend für seine ganze Geistesrichtung ist es, daß er nicht
von der Erscheinung selbst, sondern von begrifflichen Festsetzungen
ausging und bei diesen stehen blieb. Er betrachtet zunächst die
Bewegung im allgemeinen und unterscheidet zwei Arten derselben, die
begrenzte, geradlinige, und die unbegrenzte, kreisförmige. Letztere,
als die angeblich vollkommenere, schreibt er den himmlischen Körpern
zu. Die geradlinige Bewegung wird aus einem entweder zum Zentrum hin
oder vom Zentrum fort gerichteten Streben der Körper erklärt, und so
werden die Begriffe Leichtigkeit und Schwere abgeleitet. Die erstere
Eigenschaft wird der Luft und dem Feuer, die zweite dem Wasser und
der Erde, d. h. allen flüssigen und festen Körpern zugeschrieben.
Aus diesen Erklärungen folgt nun für *Aristoteles* mit zwingender
Notwendigkeit, daß der schwerere Körper, weil sein Streben zum Zentrum
ein größeres sei, sich schneller abwärts bewegen müsse als der
leichtere. Hieraus wurde dann später geschlossen, daß die Körper genau
in demselben Verhältnis schneller fielen, je größer ihr Gewicht sei,
so daß beispielsweise ein hundertpfündiges Stück Eisen auch hundertmal
so schnell zur Erde gelange wie ein solches von einem Pfund Gewicht.
Jeder, ohne Voreingenommenheit angestellte Versuch, hätte diesen Schluß
als unhaltbar dartun müssen. Trotzdem blieb er, wenn schon sich hin
und wieder Zweifel regten, in Geltung, bis *Galilei* ihn durch seine
Fallversuche glänzend widerlegte.

Man kann[277] die Unterscheidung zwischen irdischen und himmlischen,
sowie zwischen natürlichen und erzwungenen Bewegungen in erster Linie
als das Hindernis ansehen, das der Entwicklung der Mechanik im Altertum
und Mittelalter im Wege stand. Erst als diese Schranken fielen, war
die Errichtung der neueren Mechanik möglich. Zu den Schwächen der
antiken Mechanik rechnet auch der Umstand, daß man nicht zu einer
klaren Vorstellung von dem Begriff des Beharrungsvermögens gelangte.
Zwar finden sich Ansätze[278], doch hielten alle Physiker an der
Annahme fest, ein Körper könne sich unmöglich bewegen, wenn nicht eine
äußere Kraft oder die ihm innewohnende Schwere und Leichtigkeit auf ihn
wirkten[279]. Den letzteren Begriff vermieden wenigstens die Atomisten,
die alle Körper als schwer betrachteten.

Über den Inhalt der mechanischen Lehren des *Aristoteles* sei noch
einiges im einzelnen mitgeteilt. Die Art der Darstellung besteht
darin, daß der Philosoph an Erfahrungstatsachen eine Anzahl von Fragen
anknüpft[280], die er selten auf mathematischem Wege, wie später mit so
großem Erfolge *Archimedes*, sondern meist, ausgehend von bestimmten
Definitionen, durch dialektische Kunststücke zu lösen sucht. Den Stoff
zu seinen Untersuchungen bieten ihm das Rad, der Hebel, das Ruder, die
Zange, die Wage und andere bekannte Werkzeuge. Die Beantwortung der
Fragen geschieht oft wieder in Frageform. So heißt es im 6. Kapitel:
»Warum das an sich kleine Steuer, am Ende des Schiffes angebracht, eine
so große Gewalt hat? Weil vielleicht das Steuer ein Hebel ist, die Last
das Meer und der Steuermann das Bewegende«.

[Illustration: Abb. 14. Der Tragbalken bei Aristoteles.]

Auffallend erscheint es *Aristoteles* zunächst, daß eine große
Last durch eine kleine Kraft bewegt werden kann, wie beim Hebel.
Die an diesem Werkzeug sich das Gleichgewicht haltenden Lasten
setzt *Aristoteles* ganz richtig den Längen der Hebelarme umgekehrt
proportional. Den Grund für dieses Gesetz findet er darin, daß die
kleinere Last, ihrer größeren Entfernung vom Stützpunkt entsprechend,
einen größeren Kreisbogen durchlaufen müsse. Auf den Hebel wird auch
der Keil und der Tragbalken zurückgeführt. Letzteres geschieht (Abb.
14) durch folgende Erörterung: »Zwei Leute tragen auf einer Stange
AB eine Last G.« Warum, fragt *Aristoteles*, wird der am stärksten
gedrückt, dem G am nächsten ist? AB sagt er darauf, wird hier gebraucht
wie ein Hebel. »Der G nächste Träger bei A ist das Bewegte, der andere
Träger bei B ist das Bewegende. Und je weiter dieser von der Last
entfernt ist, desto leichter bewegt er.« Den einarmigen Hebel hat
*Aristoteles* nicht als eine besondere Art betrachtet.

Ein wichtiger Abschnitt des aristotelischen Werkes ist auch derjenige,
der den Satz vom Parallelogramm der Bewegungen enthält. »Wenn etwas«,
heißt es dort, »nach irgendeinem Verhältnis bewegt wird, so daß es eine
Linie durchlaufen muß, so wird diese Gerade die Diagonale einer Figur
sein, welche durch die nach dem gegebenen Verhältnis zusammengesetzten
Linien bestimmt wird. Sei zum Beispiel das Verhältnis der Bewegung
dasjenige, welches AB zu AC hat. Es werde also A nach B getrieben, AB
aber nach CG. Ebenso gelangt in derselben Zeit A nach D, in welcher
AD nach EF gelangt. Ist dann das Verhältnis der Bewegung in letzterem
Falle dasselbe, d. h. verhält sich AD : AE wie AB : AC, so ist das
kleine Parallelogramm dem größeren ähnlich; und es wird folglich die
Diagonale AF in die Diagonale AG fallen. Hieraus wird also offenbar,
daß ein auf der Diagonale nach zwei Richtungen bewegter Gegenstand
notwendig in dem Verhältnis der Seiten bewegt wird. Ändern dagegen
zwei Bewegungen in jedem Augenblick ihr Verhältnis, so kann der Körper
unmöglich eine geradlinige, sondern er muß eine krummlinige Bewegung
durchlaufen.« Auch der Satz, daß die Bewegung im Kreise aus zwei
Bewegungen, die nach dem Mittelpunkt und in der Richtung der Tangente
erfolgen, zusammengesetzt gedacht werden kann, ist auf *Aristoteles*
zurückzuführen. Ferner hat sich *Aristoteles* mit dem Problem des
Stoßes beschäftigt, das erst durch *Wallis*, *Wren* und *Huygens*
seine Lösung finden sollte. Er stellt nämlich die Frage, weshalb ein
geringer Stoß auf einen Keil viel ausrichten könne, während ein gegen
den gleichen Keil ausgeübter Druck nur wenig leiste[281].

[Illustration: Abb. 15. Der Satz vom Parallelogramm der Bewegungen.]

In exakt-wissenschaftlicher Hinsicht sind dem *Aristoteles* noch zwei
Verdienste zuzuschreiben. Einmal war er wohl einer der ersten, der
seine Erörterungen durch Zeichnungen zu unterstützen suchte. Ferner
befindet sich bei ihm der Keim zu dem Gedanken, die in Beziehung zu
setzenden Größen mit Buchstaben zu bezeichnen.


Die Anfänge der Akustik und der Optik.

Ein anderes Gebiet, das sich gleichfalls schon im Altertum der
exakten Behandlung zugänglich erwies, war die Akustik. So hatten
z. B. die Pythagoreer erkannt, daß die Längen von gleich dicken
und in gleichem Maße gespannten Saiten, wenn sich Konsonanzen
ergeben sollen, in einem einfachen Verhältnis stehen müssen. Dieses
Verhältnis fanden sie für die Oktave gleich 1 : 2. Und zwar geschah
dies mit Hilfe eines Monochords. Der Apparat besaß die Einrichtung,
daß eine Saite über einen Steg geführt und durch Gewichte beliebig
gespannt werden konnte. In dieser Vorrichtung begegnet uns der erste
Apparat, vermittelst dessen auf experimentellem Wege ein Naturgesetz
gefunden wurde. Auch bei *Aristoteles* finden wir einige zutreffende
Vorstellungen über akustische Vorgänge. *Aristoteles* schreibt z. B.
der Luft die vermittelnde Rolle bei den Schallerscheinungen zu und
führt die letzteren auf Schwingungen zurück, die sich bis zu unserem
Ohre fortpflanzen. »Ein Ton«, sagt er, »entsteht nicht dadurch, daß
der tönende Körper der Luft, wie einige glauben, eine gewisse Form
einprägt, sondern dadurch, daß er die Luft auf eine angemessene
Weise in Bewegung setzt. Die Luft wird dabei zusammengedrückt und
auseinandergezogen und durch die Stöße des tönenden Körpers immer
wieder fortgestoßen, so daß sich der Schall nach allen Richtungen
ausbreitet.« Auch das Echo wurde von *Aristoteles* ganz richtig als ein
Reflex erkannt.

Die gleiche Anschauung, die er sich vom Schall gebildet, übertrug
*Aristoteles* auf das Gebiet der Optik. Vor ihm hatte sich die
wunderliche Vorstellung entwickelt, das Sehen sei eine Art Tasten,
bei dem das Auge sich aktiv verhalte und sozusagen Fühlfäden nach
den Körpern hin erstrecke. Nach den ältesten Ansichten ist das Auge
sogar feuriger Natur. Auch bei den Indern begegnen wir dieser Meinung.
So schreibt *Susruta* der Linse, die häufig als das Hauptorgan des
Auges betrachtet wurde, ewiges Feuer zu[282]. In Übereinstimmung
damit betrachteten die ältesten griechischen Philosophen, wie die
Pythagoreer, das Sehen als eine heiße Ausdünstung, die vom Auge nach
dem wahrgenommenen Gegenstande strömen sollte.

*Aristoteles* wendet dagegen ein[283], daß man dann auch während der
Nacht zum Sehen befähigt sein müsse. Ähnlich wie beim Schall die Luft
zur Übermittlung erforderlich sei, setze auch die Lichtempfindung
zwischen dem Auge und dem gesehenen Gegenstande ein Medium voraus, das
die Wirkung zu übertragen vermöge. Das Innere des Auges ist ferner
nach *Aristoteles* deshalb durchsichtig, weil sich der Sitz des
Sehvermögens auf der hinteren Seite befinde. Auch an eine Erklärung
der Farben wagt sich *Aristoteles*. Sie sollen aus der Mischung von
Weiß und Schwarz, die er als Grundfarben bezeichnet, hervorgehen, ein
Gedanke, der später oft wiederkehrte. Er wendet sich dann gegen die
Annahme, die Farben seien Ausflüsse der farbigen Körper. »Man muß nicht
annehmen,« fügt er hinzu, »daß alles durch Berührung empfunden wird.
Sondern es ist besser zu sagen, die Empfindung des Sehens erfolge
durch eine Bewegung des Mittels zwischen dem Auge und dem Gesehenen.«
Es begegnet uns also hier schon im Keime der Widerstreit zwischen der
Emanations- und der Vibrationstheorie, der sich durch das 17. und
18. Jahrhundert hindurchzog und erst im 19. entschieden wurde[284].
Trotz mancher Unrichtigkeiten, die sich bei *Aristoteles* finden,
hat kaum ein anderer Denker des Altertums solch klare Vorstellungen
über optische Dinge entwickelt, wie er. Daher knüpft selbst *Goethe*
in seiner Schrift »Zur Farbenlehre« wieder an ihn an und gibt dort
eine Darstellung der aristotelischen Ansichten über das Licht und die
Farben[285].

Erwähnt sei noch, daß die von den Atomisten (*Leukipp*, *Demokrit*)
geschaffenen optischen Vorstellungen einen Rückschritt bedeuteten.
Die Atomisten fielen eigentlich in die alten Vorstellungen zurück.
Sie kehrten das Verhältnis aber um und ließen Abbilder der Dinge
von den Gegenständen sich loslösen und ins Auge strömen. Mit beiden
Anschauungen brach *Aristoteles*, indem er die Bedeutung des Mediums
für den Vorgang des Sehens erkannte. Im Mittelalter glaubte man
von jeder physikalischen Erklärung absehen zu dürfen, da die Seele
keiner äußeren Beihilfe bedürfe[286]. Man nahm vielmehr beim Sehen
eine unvermittelte Fernwirkung an und schuf damit einen Begriff, der
lange dazu dienen mußte, einen aus mechanischen Prinzipien nicht zu
erklärenden Vorgang wenigstens mit einem Worte zu verbinden.

Obgleich die Beschäftigung mit Fragen der Mechanik, der Optik und der
Akustik ganz besonders zu wissenschaftlichen Beobachtungen und zu
Versuchen anregt, finden wir bei *Aristoteles*, wie fast überall im
Altertum, nur geringe Ansätze nach dieser Richtung. Stets wird an die
Meinungen früherer angeknüpft, darauf werden Tatsachen der gewöhnlichen
Erfahrung herangezogen und daraus auf dialektischem Wege, unter
Gedankensprüngen und logischen Kunstgriffen, ein Ergebnis gewonnen,
das sich dem herrschenden System anpaßt, oft aber auch auf eine bloße
Worterklärung hinausläuft. Das Ergebnis der so geübten Spekulation
sucht *Aristoteles* mitunter wieder durch neue Beispiele aus der
Erfahrung zu stützen. Das Unzulängliche seines Verfahrens scheint ihm
indessen manchmal selbst zum Bewußtsein gekommen zu sein. So sagt er an
einer Stelle: »Noch sind die Erscheinungen nicht hinreichend erforscht.
Wenn sie es aber dereinst sein werden, ist der Beobachtung mehr zu
trauen, als der Spekulation und letzterer nur insoweit, als sie mit den
Erscheinungen Übereinstimmendes ergibt.«


Das Himmelsgebäude nach Aristoteles.

Auf dem Gebiete der Astronomie hat *Aristoteles* den soeben erwähnten
Grundsatz, den im übrigen erst die neuere Naturforschung zur vollen
Geltung brachte, auch hin und wieder befolgt[287]. Andererseits
verleugnet er in seinem, von diesem Gebiete handelnden Werke an manchen
Stellen die an ihm gewohnte Denkart nicht. So bemüht er sich, aus
Vernunftgründen darzutun, daß es nur ein Himmelsgewölbe geben könne
und daß das Universum ohne Ursprung und unvergänglich sei. Sehr klar
ist seine Zusammenstellung der Gründe für die Kugelgestalt der Erde.
Der betreffende Abschnitt möge hier in etwas freierer Wiedergabe
folgen[288]: »Daß die Erde eine Kugel ist, ergibt sich auch aus
der Sinneswahrnehmung. Bei den Mondfinsternissen ist nämlich die
abgrenzende Linie, welche der Schatten der Erde zeigt, immer gekrümmt.
Ferner ist durch das Erscheinen der Sterne nicht bloß augenfällig, daß
die Erde rund ist, sondern auch, daß sie nicht eben groß sein kann.
Wenn wir nämlich nur eine geringe Ortsveränderung gegen Süden oder
Norden vornehmen, so zeigen die Sterne über unserem Haupte eine große
Veränderung, denn einige Sterne werden in Ägypten gesehen, hingegen
in den nördlichen Ländern nicht. Und diejenigen Sterne, welche in
den nördlichen Gegenden immerwährend am Himmel stehen, gehen in den
südlichen unter. Folglich ist die Erde nicht nur kugelförmig, sondern
auch nicht groß, denn sonst würde sich bei einer nur so geringen
Ortsveränderung nicht die beschriebene Erscheinung zeigen. Es ist daher
nicht unglaublich, daß die Gegend um die Säulen des Herkules mit jener
von Indien zusammenhängt und daß es auf diese Weise nur ein Meer gibt.
Ferner behaupten die Mathematiker, daß der Umfang der Erde etwa 400000
Stadien betrage. Auch daraus würde folgen, daß die Erde nicht nur
kugelförmig, sondern im Vergleich zu den übrigen Gestirnen nicht groß
ist.«

Gleichzeitig mit der Lehre von der Kugelgestalt der Erde entstand die
Vorstellung, daß es Antipoden geben müsse. Schon die Pythagoreer sollen
dies angenommen haben[289]. Als der »Erfinder« des Wortes Antipoden
wird *Platon* genannt. Daß die Erde in ihrem ganzen Umfange bewohnt
sei, wird indessen nicht etwa als Tatsache, sondern nur als nicht zu
umgehende Annahme hingestellt.

Von eigener Beobachtung eines seltenen astronomischen Ereignisses zeugt
folgende Stelle, die gleichfalls im Wortlaute mitgeteilt sei[290]:
»Wir haben nämlich gesehen, wie der Mond einmal halbkreisförmig
war und *unter* dem Mars vorüberging. Letzterer verschwand an der
dunklen Hälfte des Mondes und kam an der beleuchteten wieder hervor.
In gleicher Weise berichten solches, auch bezüglich der übrigen
Gestirne, diejenigen, die schon seit einer sehr langen Reihe von Jahren
Beobachtungen angestellt haben, nämlich die Ägypter und die Babylonier,
von denen wir viele beglaubigte Nachrichten betreffs eines jeden
Gestirns besitzen.«

Die Kugelform legt *Aristoteles* nicht nur der Erde, sondern auch
dem Himmelsgewölbe bei. Letzteres müsse notwendig kugelförmig sein,
denn die Kugel sei sowohl für das Wesen des Universums die am meisten
ansprechende, als auch von Natur aus die ursprünglich erste Form[291].
Für die Welt nimmt *Aristoteles* räumliche Begrenzung an. Die Gestirne
seien aus Äther gebildet, dessen Bewegung die kreisförmige sei, während
den irdischen Elementen die geradlinige zukomme. Die fünf Planeten,
die Sonne und der Mond sollen, wie schon *Eudoxos* behauptet, jeder in
seiner eigenen Sphäre bewegt werden. An diesen Sphären, unter denen
man sich konzentrische, die im Mittelpunkte ruhende Erde umgebende
Kugelschalen vorstellte, sind diese sieben Weltkörper befestigt,
während die Fixsterne eine gemeinsame Sphäre besitzen und ihre
gegenseitige Lage innerhalb dieser Sphäre nicht ändern.

Astrologische Vorstellungen kommen in den Schriften des *Aristoteles*
nicht vor. Zwar hatte *Platon* die Ansicht vertreten, daß die Gestirne
göttliche Wesen seien. *Aristoteles* teilte diese Ansicht, sowie die
Lehre von der Sterndeutung jedoch nicht, wenn auch den Griechen damals
schon die astronomischen und die astrologischen Lehren der Chaldäer
bekannt waren. Auch *Eudoxos*, der sich zur Zeit *Platons* eingehend
mit der Astronomie befaßte, verhielt sich diesen Lehren gegenüber
ablehnend. Erst in der späteren, als hellenistisch bezeichneten Periode
wurde die Astrologie zu einer herrschenden geistigen Strömung.

Um die Ungleichheiten in der Bewegung der Planeten zu erklären, hatte
schon *Eudoxos*, der Begründer der Theorie der homozentrischen Sphären,
für jeden Wandelstern mehrere Sphären eingeführt. Für jedes dieser
Gestirne mußte, da es wie die Fixsterne auf- und unterging, eine der
Fixsternbewegung entsprechende Sphäre angenommen werden. Eine zweite,
deren größter Kreis in die Ekliptik fiel, bewegte den Planeten dann
entgegengesetzt zur täglichen Drehung, also von West nach Ost, in einer
Zeit, innerhalb welcher der Planet den Tierkreis durchläuft. Weitere
Sphären waren zur Erklärung der Stillstände und der zeitweiligen
Rückwärtsbewegung von Ost nach West nötig. Für den Mond und für die
Sonne waren gleichfalls zwei Sphären nicht ausreichend. Im ganzen
benötigte *Eudoxos* zur Darstellung der Bewegungen der Himmelskörper 27
Sphären. Zu diesen fügte *Kalippos* 7 und *Aristoteles* noch 22 weitere
hinzu. Dadurch wurde der Mechanismus so verwickelt, daß man ihn endlich
aufgab und durch die Epizyklentheorie ersetzte.

Eine Rekonstruktion der Anschauungen des *Eudoxos* verdanken wir
*Schiaparelli*[292]. Es handelt sich bei der Annahme der Sphären
um keine mystischen Ungereimtheiten, sondern um eine kinetische
Hilfsvorstellung zur möglichst genauen Beschreibung der beobachteten
Vorgänge. Man darf bei der Beurteilung älterer Hypothesen nie
vergessen, daß auch unsere modernen Theorien im Grunde genommen solche
Hilfsvorstellungen sind, die mit dem Fortschreiten der Wissenschaft
oft durch neue Vorstellungen verdrängt werden. Man darf ferner
wohl annehmen, daß *Eudoxos* selbst seine Hilfsvorstellung als das
betrachtete, was sie war, und daß erst Spätere seinen homozentrischen
Sphären Wirklichkeit beigemessen haben. Bezeichnend ist auch der
Ausdruck, der bei den alten Schriftstellern oft wiederkehrt, daß
man für die Bewegung der Himmelskörper Theorien aufgestellt habe,
»um die Erscheinungen zu retten«, d. h. sie mit einer, den Verstand
befriedigenden, kinetischen Darstellung in Einklang zu bringen. Hielt
man an dem Grundsatz fest, am Himmel seien nur gleichmäßige und
kreisförmige Bewegungen möglich, so boten die Sphärentheorie und später
die Epizyklentheorie eine Lösung der den alten Astronomen gestellten
Aufgabe, die dem damaligen Stande des Wissens entsprach.

Die Vorstellung, die Erde und der Himmel seien kugelförmig, führte
schon im Altertum zur Verfertigung von Globen. Zuerst begegnen
uns Himmelsgloben. Ein solcher ist uns in dem »*Farnesischen*
Globus« erhalten geblieben. Er wird im Nationalmuseum zu Neapel
aufbewahrt und bildet die Marmorkugel, welche der »*Farnesische*
Atlas« trägt. Dieser Globus ist vermutlich eine Nachbildung einer
von *Eudoxos* hergestellten Sphäre. Auf dem *Farnesischen* Globus
sind die Sternbilder in reliefartiger Darstellung gemeißelt. Nach
der Lage des Frühlingspunktes zu urteilen, stammt das Kunstwerk aus
dem 3. vorchristlichen Jahrhundert. Später haben die Araber, unter
Benutzung der griechischen Sternverzeichnisse, in der Anfertigung
von Himmelsgloben Hervorragendes geleistet. Von solchen aus dem
13. Jahrhundert stammenden Globen sind mehrere erhalten[293]. Die
Verfertigung von Erdgloben kam erst im Zeitalter der Entdeckungen
auf, als sich der geographische Gesichtskreis über die gesamte Erde
auszudehnen begann[294]. Die von den Himmelskörpern ausgehende
Wärme und ihr Licht führt *Aristoteles* darauf zurück, daß »die Luft
unterhalb der Sphäre erhitzt wird«. »Denn,« fügt er hinzu, »von
Natur aus versetzt Bewegung sowohl Hölzer als auch Steine und Eisen
in Feuerhitze[295].« Aber nicht nur die Erde und das Himmelsgewölbe
sind nach *Aristoteles* kugelförmig, sondern er legt diese Form den
Gestirnen ganz allgemein bei[296]. Die Ansicht, letztere müßten eine
Art Sphärenmusik erzeugen, kann er nicht teilen. Denn übermäßiges
Geräusch, meint er, zerstöre selbst die widerstandsfähigsten
Körper[297]. Bei der Erklärung des Flimmerns fällt er in die an anderer
Stelle von ihm bestrittene Sehtheorie zurück. Er meint nämlich, die
Planeten besäßen ein ruhiges Licht, weil sie nahe seien und der »Blick
sie deshalb in seiner vollen Kraft erreiche«. »Hingegen auf die
Fixsterne gerichtet,« fährt er fort, »wankt der Blick wegen der Länge
des Abstandes, daher flimmern die am Himmel fest eingefügten Sterne,
die Planeten aber nicht[298].«

Was endlich die Kometen anbetrifft, so rechnete *Aristoteles* sie nicht
zu den Himmelskörpern, sondern er hielt sie für Gebilde der irdischen
Atmosphäre. Welchen Wert man dieser Meinung beilegte und wie sehr die
Kometen das allgemeine Interesse fesselten, geht daraus hervor, daß
noch am Ende des 17. Jahrhunderts in manchen Ländern kein Professor
angestellt wurde, wenn er nicht öffentlich erklärte, daß er außer mit
den übrigen Grundsätzen des *Aristoteles* auch mit dessen Ansichten
über die Kometen einverstanden sei[299].

Bis auf *Aristoteles* zurückzuverfolgen ist auch eine andere Lehre
(orientalischen Ursprungs), die in ihren letzten Konsequenzen das
paradoxeste Erzeugnis des menschlichen Geistes darstellt, die Lehre
von der steten Wiederkehr[300]. *Aristoteles* spricht an einigen
Stellen seiner Werke den Gedanken aus, ähnlich der Bewegung der
Gestirne vollziehe sich alles irdische Geschehen periodisch in stetem
Kreislauf. So finde z. B. auch ein steter Wechsel zwischen Meer
und Land statt[301]. Spätere Philosophen, so die *Stoiker*, waren
schon, wie später *Nietzsche*, in maßloser Übertreibung eines an
sich richtigen Gedankens, auf die sonderbare Lehre gekommen, daß
in großen Weltperioden in steter Folge selbst das Einzelwesen in
seiner ganz bestimmten Individualität, z. B. ein bestimmtes Dorf,
ein *Sokrates* usw. mit allen gleichzeitigen Wesen, Dingen und
Erscheinungen wiederkehren müsse[302]. Erklärlich wird dieser Irrgang
des menschlichen Geistes daraus, daß für die Gestirne, denen man
einen maßgebenden Einfluß auf alles Werden und Vergehen zuschrieb,
eine Rückkehr in die Anfangsstellung angenommen wurde. Sobald diese
erreicht sei, sollten sich alle Geschehnisse in der gleichen Folge von
neuem abspielen. Man unternahm es sogar, auf Grund der vorhandenen
Beobachtungen die Rückkehr der Planeten in dasselbe Ortsverhältnis zu
berechnen. *Aristarch* hatte dafür einen Zeitablauf von 2484 Jahren
angenommen. Andere hatten Jahrmillionen herausgerechnet. Unter den
Neueren hat sich selbst *Tycho* mit der Berechnung dieses »annus
mundanus« genannten Zeitraumes befaßt und 25816 Jahre gefunden. Ganz
aufgegeben wurde dieser Gedanke wohl erst, als man erkannte, daß die
Zahl der Planeten weit größer ist, als bisher angenommen war.

Zu den astronomischen Grundlagen der Lehre von der steten Wiederkehr
ist auch *Hipparchs* Entdeckung der Präzession der Nachtgleichen zu
rechnen. Sie führte gleichfalls auf eine Periode von etwa 25000 Jahren,
die als platonisches Jahr bezeichnet wurde. (Siehe a. spät. Stelle.)

Außer den astronomischen kommen auch geophysische Grundlagen für diese
Lehre in Betracht, indem man die regelmäßige Wiederkehr gewaltiger
Überflutungen oder auch von Perioden gesteigerter vulkanischer
Tätigkeit voraussetzte. Gewöhnlich wurden diese Ereignisse in der
Art miteinander verbunden, daß man die irdischen Katastrophen an die
periodisch wiederkehrenden astronomischen Erscheinungen knüpfte[303].

Um die regelmäßige Wiederkehr der Überflutungen zu erklären, dachte
man sich entweder die Erde von Adern und Spalten durchzogen, die das
Wasser in sich aufnehmen und sich wieder leeren sollten, oder man nahm
an, daß sich in den oberen Schichten der Atmosphäre die Luft in Wasser
verwandele. Zu den Anhängern dieser Auffassung gehörte *Aristoteles*,
der sich mit den meteorologischen Erscheinungen eingehend beschäftigte.


Die Grundzüge der physischen Erdkunde und der Geologie.

In seinen vier Büchern über die Meteorologie beschreibt und erörtert
*Aristoteles* das Auftreten der Kometen und der Sternschnuppen, welche
er als Erzeugnisse unserer Atmosphäre betrachtet, die Gestalt und die
Höhe der Wolken, die Bildung von Tau, Eis, Schnee, die Entstehung der
Winde und des Gewitters usw.

Im ersten Buche[304] spricht *Aristoteles* von Erscheinungen, die wohl
nur dahin gedeutet werden können, daß es sich um das Nordlicht handelt.
Er erzählt, daß man in klaren Nächten mitunter Schlünde erblicke, die
blutigrote Fackeln hinauszuschleudern schienen. Die Erscheinung mache
den Eindruck, als ob sie von einem weit entfernten Brande herrühre.
Weniger bestimmt lassen sich einige bei *Plinius* und *Seneca*
vorkommende Stellen auf das Nordlicht deuten.

Erdbeben werden nach *Aristoteles* durch eingeschlossene Luft erzeugt.
Sehr ausführlich wird vom Regenbogen gehandelt. *Aristoteles* sucht
diese Erscheinung einzig aus der Reflexion des Lichtes abzuleiten.
Die Wassertröpfchen, meint er, seien Spiegelchen, die indessen
infolge ihrer Kleinheit nicht die Form, sondern nur die Farbe
des leuchtenden Gegenstandes, gemischt mit ihrer eigenen Farbe,
zurückwürfen. Dem Regenbogen werden nur die drei Farben rot, grün
und violett zugeschrieben. Doch zeige sich zwischen rot und grün
eine fahle Farbe (das Gelb). Auch die Beziehung des Regenbogens zur
Sonnenhöhe wird erörtert und es wird erwähnt, daß es um Mittag im
Sommer in Griechenland keinen Regenbogen gebe. Den Mondregenbogen,
sagt *Aristoteles*, habe er in 50 Jahren nur zweimal beobachtet. Die
Erscheinung sei so selten, weil sie nur bei Vollmond eintrete. Auch der
künstliche Regenbogen, der sich im zerstäubten Wasser zeigt, findet
Erwähnung.

Die ersten geologischen Vorstellungen begegneten uns schon bei
*Thales* und bei *Empedokles* (s. S. 70). Bei dem mit vielen Teilen
der Erde bekannt gewordenen *Demokrit* hatten diese Vorstellungen
eine erstaunliche Höhe erreicht. Man kann das aus der auf *Demokrit*
zurückgehenden Darstellung schließen, welche *Aristoteles* über die
geologischen Vorgänge gibt. Seine Worte lauten[305]: »Nicht immer sind
dieselben Orte der Erde feucht oder trocken, sondern sie verändern sich
je nach dem Entstehen und dem Verschwinden der Flüsse. Ebenso verändert
sich das Verhältnis des festen Landes zum Meere. Wo festes Land ist,
da wird Meer, und wo jetzt Meer ist, da entsteht wiederum festes
Land[306]. Man muß annehmen, daß dies periodenweise geschieht[307].

*Da die ganze natürliche Entstehung eines Landes allmählich und
in Zeiträumen vor sich geht, die im Vergleich mit unserem Leben
außerordentlich lang sind, so bemerken wir nichts davon[308].*

Ägypten z. B. scheint immer trockner geworden zu sein. Das ganze Land
muß wohl als eine Anschwemmung des Niles betrachtet werden. Ähnlich
verhält es sich mit Argos. Vor alters war diese Landschaft sumpfig
und fast unbewohnt. Heute dagegen ist sie angebaut. Was von dieser
engbegrenzten Gegend gilt, das geschieht auch bei ganzen Ländern.
Einige nehmen an, daß die Ursache solcher Vorgänge eine Veränderung des
ganzen Himmelsgebäudes ist, als sei dies dem Wechsel unterworfen. Oder
man behauptet, das Meer nehme ab, indem es austrockne. Dabei übersieht
man, daß gleichzeitig Teile der Erde trocken werden, während das Meer
andere überflutet[309].«

Die Annahme, daß die Menge des Meeres geringer werde und das Meer
schließlich ganz verschwinden müsse, rührt von *Demokrit* her.
Letzterer ist zu dem großartigen Gedanken, daß die Konfiguration der
Erdoberfläche sich im Lauf der geologischen Perioden ändere, schon vor
*Aristoteles* gelangt[310]. Auch die Ansicht, daß die geologischen
Änderungen auf kosmologische Ursachen zurückzuführen seien, rührt von
*Demokrit* her. *Aristoteles* verwirft sie, weil er den Himmel als
den Ort des unveränderlichen Seins betrachtet. Wir sehen aus alledem,
daß *Demokrits* Naturauffassung in vielem höher steht als diejenige
des *Aristoteles* und sich der unseren nähert, denn die Einwirkung
kosmischer Vorgänge auf die säkularen Änderungen der Erdoberfläche wird
heute nicht mehr in Abrede gestellt. Ferner entspricht *Demokrits*
Annahme einer steten Verringerung der auf der Erde befindlichen
Wassermenge den heutigen geologischen Vorstellungen. Das Ende dieses
Vorgangs würde darin bestehen, daß alles Wasser durch die Verwitterung
und andere Veränderungen der Gesteine gebunden ist.

Daß das Meer nicht etwa dadurch verschwindet, daß es sich durch die
Sonne in Dampf verwandelt, war *Demokrit* ganz klar, denn er wußte,
daß das Wasser des Meeres immer wieder in Gestalt von Regen auf die
Erde herabfällt. Dies ist aus seiner Erklärung der Nilüberschwemmungen
ersichtlich[311].

Es ist anzunehmen, daß *Demokrits* ganz klare Lehre vom Kreislauf des
Wassers der von *Aristoteles* gegebenen Darstellung zugrunde gelegen
hat. Sie lautet: »Einige behaupten, daß die Flüsse nicht allein in
das Meer fließen, sondern auch aus demselben.« Das Wasser des Meeres
verdampfe und steige nach oben. Dort werde es durch Abkühlung wieder
verdichtet und falle infolgedessen wieder zur Erde herunter[312].

Für das Entstehen der ersten geologischen Anschauungen ist der Umstand
von großer Bedeutung gewesen, daß das Land, in dem das älteste
Kulturvolk der Ägypter wohnte, alle Anzeichen dafür darbot, daß es
sich in langsamer, stetiger Änderung befindet. Die Erinnerungen und
Aufzeichnungen der Ägypter umfaßten einen Zeitraum von Jahrtausenden,
der wohl erkennen ließ, daß sich das Land am unteren Lauf des Niles
fortgesetzt nach Norden ausdehnte[313]. Die salzigen Seen auf der
Landenge von Suez konnten kaum anders denn als Überbleibsel des Meeres
gedeutet werden. Auf das allmähliche Emportauchen Ägyptens aus dem
Meere wiesen auch die in seinen gebirgigen Teilen sich findenden
Versteinerungen hin. Trotzdem ist es erstaunlich, daß man auf Grund
von einer immerhin nur geringen Summe von Beobachtungen im Altertum
schon zu einer so klaren Einsicht in die geologischen Vorgänge gelangt
ist, wie sie uns bei *Eratosthenes*, bei *Aristoteles*, der allerdings
nur berichtet, und ganz besonders bei *Demokrit* begegnet. Es läßt
sich nicht verkennen, daß diese antiken Anfänge der geologischen
Wissenschaft auf ihre eigentliche Begründung im 16. und 17. Jahrhundert
von nicht geringem Einfluß gewesen sind, wie an späterer Stelle gezeigt
werden soll. Dieser Einfluß geht so weit, daß zwischen den am klarsten
von *Demokrit* entwickelten Lehren des Altertums eine besonders
durch *Aristoteles* vermittelte Wirkung auf die Geologie der Neuzeit
nachzuweisen ist.


Die vier aristotelischen Elemente.

Am Schlusse seiner »Meteorologie« handelt *Aristoteles* von den vier
Elementen. Ausführlichere Darlegungen über diesen Gegenstand enthält
die Schrift über »Entstehen und Vergehen«. Daß nur vier Elemente
möglich seien, beweist *Aristoteles* auf spekulativem Wege. Seine
Ausführungen sind für die Beurteilung der aristotelischen Denkweise so
bezeichnend, daß wir auf sie etwas näher eingehen wollen[314].

Es gibt, meint er, vier Grundempfindungen: warm, kalt, feucht und
trocken. Diese Empfindungen werden paarweise vereint wahrgenommen.
Mathematisch betrachtet, können sich sechs solcher Vereinigungen (sechs
Kombinationen zu zwei) bilden. Doch sind zwei als sich widersprechend
unmöglich, nämlich die Vereinigung warm und kalt und die Vereinigung
feucht und trocken. Es bleiben folglich nur vier Gegensätze bestehen,
und dementsprechend sind nur vier Elemente möglich. Dem Gegensatz kalt
und trocken entspricht die Erde, kalt und feucht das Wasser, warm und
feucht die Luft, warm und trocken das Feuer. Durch die Mischung dieser
vier Elemente entstehen nun nach *Aristoteles* sämtliche irdischen
Stoffe[315]. Ferner kommt jedem Element sein bestimmter »natürlicher«
Ort zu, gegen den hin es sich bewegt.

Die Materie setzt *Aristoteles* als gegeben voraus. Sie kann nicht
etwa aus dem Nichts entstehen, auch sich nicht vermehren oder
sich vermindern[316]. Sie ist vielmehr nur der Veränderung fähig.
Veränderungen werden dadurch hervorgerufen, daß Ungleichartiges
oder Gegensätzliches aufeinander wirkt. Dies setzt Berührung voraus.
Letztere braucht nicht immer eine unmittelbare zu sein. Es kann
vielmehr auch eine Vermittlung durch eine Zwischensubstanz stattfinden,
von der jeder Teil den zunächst liegenden in Bewegung setzt. In
letzter Linie beruht jede Veränderung, einerlei ob sie qualitativ oder
quantitativ ist, auf Bewegungen. Ist ein Körper einmal in Bewegung,
so ist kein Grund denkbar, daß er stillstehen sollte, wenn er keinen
Widerstand findet. Indes auch das Ruhende widerstrebt und verharrt an
seinem Orte[317].

In all diesen Sätzen begegnen uns schon Keime und Vorahnungen, die
sich später ganz oder teilweise bewahrheiten sollten. Der Andeutung
des Gesetzes von der Erhaltung der Materie trat auch schon eine
Vorahnung des Energiegesetzes zur Seite. Sie begegnet uns in dem
Ausspruch, daß die in der Natur vorhandene Bewegung weder entstehen
noch vergehen könne[318]. Man darf indessen nicht außer Acht lassen,
daß *Aristoteles* mitunter rein zufällig das Richtige trifft. So, wenn
er sagt, die Luft bestehe aus zwei Bestandteilen. In der Nähe des
Erdbodens herrsche nämlich ein feuchter und kühler, in der Höhe dagegen
ein trockner und warmer vor.

Für das Entstehen gibt es nach *Aristoteles* drei Ursachen, den
Stoff, als das dem Werden zugrunde Liegende, die Form als Zweck und
die Bewegung als Veranlassung. Die den Stoff gestaltende Form ist
nach *Aristoteles* für die Lebewesen mit dem, was wir Seele nennen,
einerlei. Die Artunterschiede der Seele sollen die Stufenreihe der
Lebewesen bestimmen. Die niedrigste Seelenstufe ist die vegetative.
Sie beschränkt sich auf die Nahrungsaufnahme und die Fortpflanzung und
ist in den Pflanzen wirksam. Die Tierseele ist außerdem der Empfindung
fähig, zu welcher bei dem Menschen noch die Vernunft hinzutritt. Der
Mensch selbst erscheint dem *Aristoteles* als Zweck und Mittelpunkt
der ganzen Schöpfung. In ihm gelangt das göttliche Empfinden zum
Bewußtsein[319]. Die Seele ist indessen für *Aristoteles* nichts für
sich Bestehendes. Sondern sie ist an den Stoff gebunden, ohne selbst
körperlich zu sein. Sie ist es, welche aus dem Stoff den Leib aufbaut
und bewirkt, daß letzterer zweckmäßig eingerichtet ist.

Die Lehre von den vier Elementen genügte schon den Hippokratikern und
auch *Platon*, um daraus die Entstehung der Krankheiten abzuleiten. Da
der Körper aus Erde, Feuer, Luft und Wasser zusammengesetzt sei, so
müsse ein Zuviel oder Zuwenig von einem dieser Grundstoffe, sowie eine
Veränderung ihres Sitzes Aufruhr, d. h. Krankheit, zur Folge haben.

Auch *Aristoteles* führt einige Krankheiten auf ein Übermaß an
Feuchtigkeit, andere auf ein Zuviel an Wärme zurück. In den Lungen
häufen sich nach ihm mit zunehmendem Alter erdige Bestandteile an,
durch die das Feuer endlich erlischt und der Tod eintritt.

Die Elemente sind bei *Aristoteles* nicht etwa Grundstoffe im heutigen
Sinne. Andererseits verwirft er aber auch den Hylozoismus der ionischen
Naturphilosophen (»daß nur Eines, z. B. Luft, das Sämtliche sei, ist
nicht möglich«)[320]. *Aristoteles* ist der Ansicht, daß es »eine
Substanz der sinnlich wahrnehmbaren Körper gibt, die aber immer mit
einer Gegensätzlichkeit verbunden ist, aus welcher die sogenannten
Elemente entstehen«[321].


Die Begründung der Zoologie.

Während die Mathematik und die Astronomie schon vor dem Auftreten des
*Aristoteles* die ersten Stufen ihrer Entwicklung zurückgelegt hatten
und in zielbewußter Weise die Lösung bestimmter Aufgaben anstrebten,
war das Gleiche bezüglich der beschreibenden Naturwissenschaften noch
nicht der Fall. Zwar waren die Grundlagen auch auf diesem Gebiete wie
auf demjenigen der Astronomie in der sich unmittelbar aufdrängenden
Beobachtung gegeben. Dem *Aristoteles* und seiner Schule blieb indes
die erste denkende Erfassung und die systematische Gestaltung der
noch wenig zusammenhängenden naturgeschichtlichen Einzelkenntnisse
vorbehalten.

Das wichtigste zoologische Werk des *Aristoteles* ist seine
Tierkunde[322]. Es ist ein grundlegendes Werk und das bedeutendste
zoologische Buch des Altertums. Es enthält nicht nur Beschreibungen
der Tiere, sondern es geht auch auf den Bau und die Verrichtungen der
Organe, sowie auf die Entwicklung und die Lebensweise ein. Eine kurze
Betrachtung möge uns eine Probe von dem Wissen des *Aristoteles* und
der Art, wie er seinen Gegenstand behandelt, bieten. Begonnen wird
mit der Beschreibung des menschlichen Körpers. Zur Erforschung der
inneren Organe mußte jedoch das Tier dienen, da man sich noch nicht an
die Zergliederung menschlicher Leichen heranwagte. Die anatomischen
Kenntnisse des *Aristoteles* sind infolgedessen noch gering.

Das Herz, von dem er sagt, es enthalte von allen Eingeweiden allein
Blut, ist ihm auch allein das Organ, in dem das Blut bereitet
wird[323]. Vom Herzen aus läßt er diese Flüssigkeit sich durch den
ganzen Körper verbreiten, ohne jedoch damit die Vorstellung von einem
Kreislauf zu verbinden[324]. Das Blut ist ihm ferner der Träger der
dem Menschen eingepflanzten Wärme. Die Aufgabe der Atmung soll darin
bestehen, diese Wärme auf das richtige Maß herabzumindern. Man darf
sich nicht wundern, daß die Anschauungen des *Aristoteles* noch so
weit von den heute als richtig erkannten und jedermann geläufigen
abweichen. Denn gerade die Erforschung der Vorgänge, die sich in
den Lebewesen abspielen, hat den späteren Jahrhunderten die größten
Schwierigkeiten gemacht, so daß wir selbst zurzeit noch kaum zu einem
befriedigenden Einblick in den Zusammenhang dieser Vorgänge gelangt
sind. Die Aufdeckung eines solchen Zusammenhanges ist nämlich vor allem
von den Fortschritten der Chemie und der Physik abhängig gewesen,
Wissenschaften, die zur Zeit des *Aristoteles* erst im Keime vorhanden
waren. So konnte, um hier nur eins zu erwähnen, der Vorgang der Atmung
und der Entstehung tierischer Wärme erst richtig gedeutet werden,
nachdem man die Zusammensetzung und die Rolle der atmosphärischen
Luft erkannt hatte. Und dies geschah erst gegen das Ende des 18.
Jahrhunderts, an der Schwelle des letzten Abschnittes der Geschichte
der Naturwissenschaften. Es ist Verdienst genug, daß *Aristoteles*
die Fragen nach den Verrichtungen, sowie nach der Entwicklung der
organischen Wesen[325] gestellt und dadurch späteren Geschlechtern den
Anlaß geboten hat, die Erforschung dieser Dinge weiter zu betreiben.
So ist die Entwicklung des Hühnchens im Ei ein Problem, das schon
*Aristoteles* beschäftigte. Die eingehendere Untersuchung wurde indes
erst 2000 Jahre später wieder aufgenommen und erst in neuester Zeit,
auf Grund der Vervollkommnung aller Hilfsmittel, zu einem gewissen
Abschluß geführt.

Mit Recht mag es dagegen Verwunderung erregen, daß *Aristoteles*
nicht nur die niederen, sondern selbst höher entwickelte Tiere durch
Urzeugung entstehen ließ. Es begegnet uns auch hier wieder ein Problem,
das wir durch den Verlauf der Jahrhunderte in seinen Wandlungen
verfolgen werden, bis es endlich im neuesten Zeitalter seine Lösung
gefunden hat. Zwar ist es begreiflich, wenn *Aristoteles* Läuse aus
Fleisch und Wanzen aus tierischen Feuchtigkeiten herleitet. Man höre
aber, welch sonderbare Vorstellungen er sich über die Entstehung der
Aale gebildet hat: »Sie legen«, sagt er[326], »keine Eier. Und man hat
noch nie in ihnen einen der Fortpflanzung dienenden Teil entdecken
können. Es gibt sumpfige Teiche, in denen sie wieder entstehen, wenn
auch das Wasser und der Schlamm herausgeschafft sind, sobald diese
Teiche wieder durch den Regen gefüllt werden. Die Aale gehen nämlich
aus Regenwürmern hervor, die sich von selbst aus dem Schlamme bilden.«
Zur Entschuldigung mag es demgegenüber dienen, daß die Fortpflanzung
der Aale bis in die neueste Zeit hinein ein dunkles Gebiet der Zoologie
gewesen ist.

Keineswegs nahm aber *Aristoteles* die Urzeugung für die niederen
Tiere als den einzigen Weg der Entstehung an. So sagt er von den
Insekten ausdrücklich, sie zeugten, entständen aber auch spontan.
Die Urzeugung war ihm und späteren Zoologen ein Glaubenssatz, um aus
der Verlegenheit, in die man häufig durch Unkenntnis der obwaltenden
Verhältnisse geraten war, herauszukommen. Über den Vorgang der
Entwicklung selbst läßt *Aristoteles* sich in seiner Schrift über die
Zeugung und Entwicklung der Tiere mit folgenden zutreffenden Worten
aus: »Entweder entstehen alle Teile des Tieres auf einmal; oder sie
entstehen nacheinander wie die Maschen eines Netzes. Daß letzteres
geschieht, ist deutlich. Denn man sieht, daß manche Teile schon
vorhanden sind, andere aber noch nicht. Es ist unzweifelhaft, daß man
sie nicht nur etwa ihrer Kleinheit wegen nicht sieht. Obgleich die
Lunge nämlich einen größeren Umfang hat als das Herz, so zeigt sie sich
doch später als dieses[327]«.

Bezüglich der anatomischen Kenntnisse des *Aristoteles* sei
hervorgehoben, daß er die schneckenförmige Gestalt des inneren Ohres
und die Verbindung zwischen dem Gehörorgan und der Mundhöhle kannte.
Vom Innern des Auges, sagt er, es bestehe aus einer Flüssigkeit, welche
das Sehen vermittle. Um diese sei eine schwarze und außerhalb der
letzteren eine weiße Haut vorhanden. Beim Gehirn unterscheidet er die
stärkere, dem Schädel anliegende Haut von der schwächeren, welche das
Gehirn unmittelbar umschließt[328].

Auch die Drüsen der Verdauungsorgane hat *Aristoteles* im ganzen
richtig beschrieben und sie sogar bei einigen Wirbellosen gekannt.
Ferner hat er seine Schriften durch Zeichnungen erläutert und soll
hierin vorbildlich gewesen sein. Andererseits wußte *Aristoteles*
Nerven und Sehnen noch nicht scharf genug zu unterscheiden. Die
Bedeutung der Muskeln war ihm noch nicht bekannt. Er führte vielmehr
die Bewegungen der Glieder auf die Tätigkeit der Sehnen zurück und
betrachtete das Fleisch als das Organ für die Empfindung.

Es sind etwa 500 Tierformen, die *Aristoteles* in den auf uns
gelangten Schriften erwähnt; doch lassen sich diese Formen nicht
sämtlich identifizieren. So werden zwar mehrere Arten von Vierhändern
unterschieden, mit den menschenähnlichen Affen war man zur Zeit des
*Aristoteles* jedoch noch nicht bekannt[329]. Auch wußte man sehr wenig
von den niederen Tieren. Doch bewältigt und beherrscht *Aristoteles*
die ihm bekannten Formen, -- und das ist sein wesentlichstes Verdienst
--, indem er sie in ein der Natur entsprechendes, wissenschaftliches
System gliedert, das erst durch *Cuvier* im Beginn des 19. Jahrhunderts
eine wesentliche Verbesserung gefunden hat. Es erscheint deshalb
gerechtfertigt, auf diesen ersten und auch gleich so wohlgelungenen
Versuch eines natürlichen Systems der Tiere etwas näher einzugehen.

Zunächst teilte *Aristoteles* das gesamte Tierreich in Bluttiere und
Blutlose. Ging er auch hierbei von der unrichtigen Annahme aus, daß
die rote Farbe ein notwendiges Kennzeichen des Blutes sei, so decken
sich doch tatsächlich seine beiden großen Gruppen, wie wir aus ihrer
weiteren Einteilung erkennen, mit unseren heutigen Wirbeltieren und
Wirbellosen. Die Bluttiere zerfallen bei *Aristoteles* in lebendig
gebärende Vierfüßler (Säugetiere), Vögel, eierlegende Vierfüßler
(unsere heutigen Klassen der Reptilien und Amphibien, zu denen er
ganz richtig trotz des Fehlens der Gliedmaßen, wegen ihrer sonstigen
Beschaffenheit, die, Schlangen rechnet) und in die von den Fischen
scharf abgesonderten Waltiere. Für letztere gibt er an, daß sie
durch Lungen atmen und lebendig gebären. »Die lebendig gebärenden
Vierfüßler«, sagt *Aristoteles*, »sind fast alle dicht behaart. Sie
sind ferner entweder vielzehig wie der Löwe, der Hund und der Panther,
oder zweihufig wie Schaf, Ziege und Hirsch. Oder sie besitzen nur einen
Huf wie das Pferd. Den Tieren, welche Hörner tragen, hat die Natur
meist zwei Hufe verliehen. Ein Einhufer mit Hörnern ist uns niemals
zu Gesicht gekommen. Auch im Gebiß weichen die Tiere untereinander
und vom Menschen vielfach ab. Zähne besitzen alle lebendig
gebärenden Vierfüßler. Und zwar haben sie in beiden Kiefern entweder
zusammenhängende Zahnreihen oder unterbrochene. Allen Hörnertragenden
fehlen nämlich die Vorderzähne im Oberkiefer. Doch gibt es auch Arten
mit unvollkommenen Zahnreihen ohne Hörner, wie das Kamel. Manche haben
Hauzähne, z. B. der Eber. Ferner gibt es Tiere mit Reißzähnen, wie der
Löwe, Panther und Hund. Hauzähne und Hörner zugleich besitzt kein Tier.
Auch kommen nicht Reißzähne neben Hauzähnen und Hörnern vor.«

Obgleich *Aristoteles* hier manche Mitteilungen und Verallgemeinerungen
über die Zähne und den Bau der Füße bei den Säugetieren macht, gelangt
er doch nicht etwa zur Aufstellung von Ordnungen oder Unterordnungen im
heutigen Sinne. Bei den Vögeln indessen unterscheidet er die Ordnung
der Raubvögel von den Ordnungen der Schwimm- und der Stelzvögel.
Besonders gekennzeichnet wird die Gruppe der Vögel noch durch folgende
Bemerkungen: »Sie allein unter allen Tieren sind zweibeinig wie der
Mensch, sie haben weder Hände noch Vorderfüße, sondern Flügel. Das
sind Organe, welche dieser Tierklasse eigentümlich sind. Alle haben
mehrspaltige Füße. In der Regel sind die Zehen getrennt. Bei den
Schwimmvögeln aber sind die gegliederten, deutlich gesonderten Zehen
durch Schwimmhäute verbunden. Die Vögel, welche hoch fliegen, haben
sämtlich vier Zehen, von denen meistens drei nach vorn und eine nach
hinten gestellt sind. Einige haben zwei nach vorn und zwei nach hinten
gerichtete Zehen.«

Für seine fünfte und letzte Gruppe, die Fische nämlich, hebt er das
Vorhandensein von Kiemen und Flossen hervor[330]. Auch ist ihm bekannt,
daß nicht nur die Waltiere, sondern auch gewisse Haie lebendige
Junge zur Welt bringen. Ja, er zeigt sich mit Verhältnissen in der
Entwicklung der Haie vertraut, welche erst in neuerer Zeit ihre
Bestätigung gefunden haben. So erzählt er, daß es unter den Haien
eierlegende und lebendig gebärende gäbe, und unter den letzteren auch
solche, bei denen der Fötus mit dem Uterus wie bei den Säugetieren
durch einen Mutterkuchen verbunden sei (s. Abb. 16). Diese Tatsache
wurde erst im 19. Jahrhundert durch *Johannes Müller* an Mustela laevis
wieder entdeckt[331].

Unter den Blutlosen (Wirbellosen) gelten ihm als die entwickeltsten
die Kopffüßler (Tintenfische), mit deren Bau und Lebensweise er sich
eingehend befaßt. »Sie besitzen«, sagt er, »Füße, die sich am Kopf
befinden, einen Mantel, der das Innere umschließt, und Flossen rings
um den Mantel. Es sind acht mit Saugnäpfen versehene Füße vorhanden.
Einige Arten, wie die Sepien, haben außerdem zwei lange Fangarme. Mit
diesen ergreifen sie die Nahrung und führen sie zum Maule. Bei Sturm
befestigen sie diese Arme wie Anker an einem Felsen und lassen sich
so von den Wogen hin und hertreiben. Auf die Füße folgt bei allen der
Kopf, in dessen Mitte sich das mit zwei Zähnen versehene Maul befindet.
Darüber liegen die großen Augen, und zwischen diesen eine knorpelige
Masse, welche das Gehirn einschließt.«

[Illustration: Abb. 16. Der Embryo des glatten Hais des Aristoteles.

Dp, der Mutterkuchen in Verbindung mit dem Uterus[332].]

Dann folgen die Krebse, von *Aristoteles* Weichschalige genannt. Die
dritte Gruppe bilden die Kerbtiere. *Aristoteles* begreift darunter
sämtliche Tiere mit geringeltem Körper, also nicht nur die Insekten,
sondern auch die Spinnen, die Tausendfüßler und die Gliederwürmer.
Er hebt hervor, daß der Körper aller Insekten in drei Abschnitte
zerfällt, den Kopf, den Körperteil, welcher Magen und Darm enthält, und
drittens den dazwischen liegenden Abschnitt, dem bei anderen Tieren
Brust und Rücken entsprechen. »Außer den Augen«, fährt *Aristoteles*
fort, »haben die Insekten kein deutliches Sinnesorgan. Manche besitzen
einen Stachel, der sich entweder innerhalb des Körpers befindet, wie
bei den Bienen und Wespen, oder außerhalb, wie beim Skorpion[333].
Letzterer ist allein unter allen Insekten lang geschwänzt; ferner
besitzt er Scheren. Einige Insekten haben über den Augen Fühler, z. B.
die Schmetterlinge und die Käfer. Im Innern findet sich ein Darm, der
in der Regel bis zum After gerade verläuft, mitunter aber auch gewunden
ist.«

Bei den Insekten fesseln *Aristoteles* besonders der Bau und die
Lebensweise der Honigbiene. Er erwähnt, daß sie das Bienenbrot an den
Schenkeln einträgt und den Honig in ihre Zellen speit. Er erzählt
von dem Bau der Waben, den Maden und Puppen und kennt die Herkunft,
sowie die Rolle, die das sogenannte Vorwachs besitzt, so daß wir vor
*Swammerdam*, welcher durch die Anwendung des Mikroskops und durch
die Befolgung der Grundsätze der neueren Naturforschung zu einem weit
tieferen Einblick befähigt war, kaum eine gleich gute Schilderung
dieses wichtigen Insektes antreffen.

Die vierte Gruppe, ausgezeichnet durch harte Schalen, die einen
weichen ungegliederten Körper umschließen, bilden die Schnecken und
die Muscheln, die von *Aristoteles* als Schaltiere zusammengefaßt
werden. Der fünften und letzten Gruppe, den Seewalzen, Seesternen und
Schwämmen, wird eine vermittelnde Stellung zwischen dem Tier- und
Pflanzenreiche zugewiesen.

Viele Betrachtungen, die *Aristoteles* in seinen zoologischen Schriften
anstellt, lassen erkennen, daß er, wenn auch vom teleologischen
Standpunkt, doch schon von dem Gedanken geleitet wird, den die neuere
Biologie als Erhaltungsmäßigkeit bezeichnet. Das Wort soll ausdrücken,
daß Lebensweise, Aufenthaltsort und Einrichtung eines Tieres einander
entsprechen. Nicht minder stehen aber die einzelnen Organe zueinander
und zum Gesamtbau in einem gewissen Verhältnis, das *Cuvier*, der
größte Zoologe der Neuzeit, als die Korrelation der Organe bezeichnet
hat. In welchem Maße *Cuvier* und die neuere Biologie hierin mit
*Aristoteles* übereinstimmen, lassen z. B. dessen Betrachtungen über
die Zähne erkennen. Sie lauten[334]: »Die Zähne haben die Tiere
im allgemeinen zur Zerkleinerung der Nahrung, dann aber auch als
Waffen zu Angriff und Abwehr. Von denen, die sie zu Schutz und Trutz
besitzen, haben einige Hauer wie der Eber, andere scharf ineinander
greifende Zähne. Die Stärke dieser Tiere beruht auf ihren Zähnen.
Diese müssen also scharf sein und zweckmäßig ineinander greifen, damit
sie sich nicht durch gegenseitige Reibung abstumpfen. Ferner haben
die spitzzähnigen ein weit geschlitztes Maul. Da nämlich ihre Wehr im
Beißen besteht, haben sie ein weites Maul nötig, denn sie werden mit um
so mehr Zähnen und um so stärker beißen, je weiter das Maul geschlitzt
ist[335].«

Auch über die Ernährung der Tiere wie über diejenige der Pflanzen
hatte sich *Aristoteles* schon Vorstellungen gebildet, die viel
Zutreffendes enthalten. Sämtliche Bestandteile des Körpers läßt er
durch die Umwandlung der aufgenommenen Nahrungsmittel entstehen[336].
Für einzelne Substanzen wie das Fett, die Galle usw. gebe es
wahrscheinlich auch bestimmte Nährstoffe. Diese sollen aus dem Blute
durch die Wandungen der Adern hindurchsickern und auf diese Weise an
den Ort gelangen, wo sie abgeschieden werden. Das Fett entstehe aus
mehliger und süßer Nahrung, die sich leicht in Fett umwandele. Als die
wichtigste Ausscheidung des Blutes betrachtet *Aristoteles* den Samen.
Er enthalte neben Wasser und Erde vor allem den warmen, lebenerregenden
Luftgeist, das Pneuma (s. S. 102). Wie sich die Erde in ein Mineral
verwandeln könne, so verwandele die im Samen enthaltene Erde sich in
einen Menschen. Tiere mit starken Knochen läßt *Aristoteles* aus einem
besonders erdhaltigen Samen hervorgehen. Seele und Körper der Lebewesen
bilden nach ihm eine Einheit, allerdings nur in dem Sinne, daß der
Körper das Organ der Seele ist[337]. Dafür spreche auch, daß manche
Tiere, die man zerschneide, in jedem ihrer Teile weiterleben.


Aristoteles über die Pflanzen.

In seinem Bestreben, das gesamte Wissen seiner Zeit vom Standpunkte des
Philosophen zu sammeln, zu prüfen und systematisch zu gliedern, konnte
*Aristoteles* auch an der Pflanzenwelt nicht achtlos vorübergehen.
Leider ist indessen seine diesem Gegenstande gewidmete »Theorie der
Pflanzen« verloren gegangen. Was wir an Ansichten des *Aristoteles*
über die Natur der Pflanzen kennen, sind vereinzelte, aber immerhin
zahlreiche Äußerungen des Philosophen, die sich in seinen übrigen
Werken zerstreut finden[338]. Von besonderem Interesse ist, was
*Aristoteles* über die Verwandtschaft der Tiere mit den Pflanzen
sagt[339]. Die Natur geht allmählich vom Unbeseelten zum Beseelten
über. Auf die unbeseelten Dinge läßt sie zunächst die Pflanzen folgen.
Unter diesen unterscheide sich die eine von der anderen darin, daß sie
teils mehr, teils weniger Anteil am Leben zeige. Vergleiche man die
Pflanzen mit den leblosen Dingen, so seien erstere wie beseelt, dagegen
erscheine die Pflanze im Vergleich zum Tiere wie unbeseelt. Und doch
sei der Übergang zwischen Pflanze und Tier ununterbrochen. Denn bei
einigen Wesen des Meeres könne man zweifeln, ob sie Tiere oder Pflanzen
seien. Auch über die Teilbarkeit der Pflanzen und der Tiere stellt
*Aristoteles* Betrachtungen an[340]. »Nimmt man von einer Zahl«, sagt
er, »eine Zahl weg, so bleibt eine andere Zahl. Die Pflanzen dagegen
und viele Tiere bleiben bestehen, wenn man sie teilt.« Die niederen
Tiere und die Pflanzen stimmen, wie *Aristoteles* richtig hervorhebt,
eben darin überein, daß ihnen die Einheit der Organisation fehlt.
Infolgedessen können abgetrennte Teile des Organismus fortleben und
sich zu selbständigen Wesen entwickeln[341]. Auch darin seien sie
einander ähnlich, daß bei beiden der Hauptzweck die Fortpflanzung sei
und alle Einrichtungen sich auf diesen Zweck zurückführen ließen.

Auch über die Ernährung der Pflanzen hat *Aristoteles* nachgedacht.
Die Wurzeln nennt er ein Analogon des Mundes, da beide die Nahrung
einnehmen[342]. Die Erde enthalte eine für die Pflanze zubereitete
Nahrung und diene ihr sozusagen als Bauch, während die Tiere gleichsam
die Erde als Inhalt des Darms in sich trügen, aus dem sie, wie die
Pflanzen mit den Wurzeln, mit etwas Ähnlichem die Nahrung aufnehmen
müßten[343]. Wem fällt bei dieser originellen, im Grunde aber richtigen
Auffassung des Philosophen nicht die so treffende Benennung der
Darmzotten als innere Wurzeln des Tieres ein? Ein ähnliches Verhältnis,
wie für die Ernährung von Tier und Pflanze, nimmt *Aristoteles* für
die Entwicklung an. Er sagt nämlich: »Wie sich die Gewächse des Bodens
bedienen, so bedienen sich die Embryonen des Uterus«[344].

Was die Entstehung anbetrifft, so wird auch für die Pflanzen
angenommen, daß sie entweder aus Samen oder von selbst entständen.
Letzteres geschehe, wenn die Erde oder Pflanzenteile faulten. Was
endlich die Sexualität anlangt, so meint *Aristoteles*, bei den
Pflanzen sei das Männliche und das Weibliche nicht getrennt; sie
zeugten daher aus sich selbst. Das Gleiche finde gewissermaßen bei den
Tieren statt. Denn wenn sie zeugen wollten, so werde sozusagen ein
Tier aus zweien. Die Tiere seien somit gleichsam Pflanzen, in denen
das Männliche und das Weibliche voneinander geschieden sei. Aus den
zerstreuten Bemerkungen des *Aristoteles* erkennen wir somit, daß das
Nachdenken über botanische Dinge rege geworden war und manche wertvolle
Beobachtung und Verallgemeinerung vorlag. Der erste, dem wir ein
zusammenhängendes Werk über die Pflanzen verdanken, ist denn auch ein
Schüler des großen Philosophen, *Theophrast*. Dieser nimmt der Botanik
gegenüber eine ähnliche Bedeutung ein, wie sie *Aristoteles* für die
Zoologie besitzt.


Theophrast begründet die Botanik.

Über das Leben des *Theophrast* sind wir besonders durch *Diogenes
Laertios* und durch *Plutarch* unterrichtet. Doch sind seine
Lebensumstände wenig bekannt und durch Sagen und Übertreibungen
verdunkelt. *Theophrast* wurde 371 v. Chr. zu Eresos auf der Insel
Lesbos geboren. Er widmete sich der Philosophie. Und zwar schloß
er sich zuerst an die Atomisten (*Leukipp*), dann an *Platon* und
schließlich an *Aristoteles* an. *Theophrast* nannte man ihn seiner
Beredsamkeit wegen[345].

Nach dem Tode des *Aristoteles*, dessen Lieblingsschüler und
langjähriger Freund er war, übernahm *Theophrast* die Führung der
von *Aristoteles* in Athen gegründeten Philosophenschule, die er zur
höchsten Blüte brachte. *Theophrast* genoß in Athen das größte Ansehen.
Sein Ruhm drang auch ins Ausland, so daß *Ptolemäos der Lagide* ihn
nach Alexandrien zu ziehen suchte. Wie sehr man *Theophrast* in
seinem Vaterlande schätzte, geht auch aus folgender Erzählung hervor.
*Theophrast* wurde des Mangels an Religion beschuldigt. Man gab
indessen dieser Klage nicht nur keine Folge, sondern es fehlte nicht
viel, daß der Kläger selbst in den Anklagezustand gesetzt wurde[346].

War *Theophrast* auch nicht an schöpferischer Kraft mit *Aristoteles*
zu vergleichen, so überragte er ihn durch den Umfang seiner
naturwissenschaftlichen Einzelkenntnisse. Auf die Beobachtung
zahlreicher Einzelfälle, wodurch man allein zur Bildung richtiger
Begriffe gelangen könne, legte er den größten Wert. Wo *Theophrast*
nur fremde Beobachtungen zu Gebote stehen, verhält er sich durchaus
kritisch und macht aus etwaigem Zweifel kein Hehl. Sein Fleiß war
unermüdlich und begleitete ihn bis ins höchste Alter. Sterbend klagte
er noch im Hinblick auf das Aufhören seiner wissenschaftlichen
Tätigkeit über die Kürze des menschlichen Lebens[347]. Das Altertum
pries auch seine Umgangsformen. *Cicero* läßt ihn sagen, die rauhe
Tugend allein mache keineswegs die Glückseligkeit aus. Er galt ferner
als einer der bedeutendsten Redner, der vortrefflich und wohlberechnet
seine Worte mit seinen Gebärden und seinem Mienenspiel in Einklang zu
bringen wußte.

Von einem ganz ungewöhnlichen Fleiße legt auch die Zahl seiner
Schriften Zeugnis ab[348]. Leider sind die wichtigsten verloren
gegangen. Sie erstreckten sich auf Mathematik, Astronomie, Botanik,
Mineralogie und alle Teile des von *Aristoteles* gegründeten
philosophischen Systems. *Theophrast* starb 286 v. Chr. Er ist also
85 Jahre alt geworden. Seiner Schule soll er einen Pflanzengarten und
eine Halle, in welcher der Unterricht stattfinden sollte, vermacht
haben[349].

Außer dem botanischen Hauptwerk, dessen neun Bücher vollständig auf
uns gekommen sind, und mit dessen Inhalt wir uns im nachfolgenden
in der Hauptsache bekannt machen wollen, verfaßte *Theophrast* noch
eine Schrift »Von den Ursachen der Pflanzen«. Sie ist leider nur
unvollständig vorhanden. Die Schrift von den Ursachen der Pflanzen
(περὶ φυτῶν αἰτίαι) verhielt sich zur Geschichte der Pflanzen ähnlich
wie die mehr philosophischen zu den beschreibenden Büchern, die
*Aristoteles* über die Tierkunde verfaßt hatte[350].

Vor *Aristoteles* hatte man sich den Gewächsen, soweit sie nicht dem
unmittelbaren Unterhalt von Mensch und Tier dienten, vorzugsweise
aus medizinischem Interesse zugewandt. Das Sammeln der Pflanzen und
ihre Verarbeitung zu heilkräftigen Säften wurde berufsmäßig von den
schon erwähnten Rhizotomen (Wurzelschneidern) betrieben. Es waren dies
die Vorläufer unserer heutigen Pharmazeuten. Jetzt wandte sich das
wissenschaftliche Interesse neben der Tierwelt auch dem Pflanzenreiche
zu. Wenn wir von der verloren gegangenen Schrift des *Aristoteles*
über die Theorie der Pflanzen absehen, lieferte *Theophrast* die
erste, eingehende Bearbeitung der den Griechen bekannten Gewächse
unter Berücksichtigung ihrer Lebensbedingungen, sowie der allgemeinen
Morphologie. Die Schrift, auf die wir jetzt näher eingehen wollen,
führt den Titel: Naturgeschichte der Gewächse[351].

Was beim Lesen dieses Buches zunächst auffällt, ist das Fehlen
genauer Beschreibungen, die erst später in immer höherem Grade
als das nächstliegende Ziel der botanischen Wissenschaft erkannt
wurden. Oft fehlt eine Beschreibung der zur Besprechung gelangenden
Pflanze ganz, da *Theophrast* sie als den Lesern hinreichend
bekannt voraussetzt. In anderen Fällen beschränkt er sich darauf,
augenfällige Eigentümlichkeiten hervorzuheben, so daß es später oft
schwer, ja manchmal unmöglich gewesen ist, selbst nachdem man die
Flora Griechenlands genauer kennen gelernt hatte, die Identität
der einzelnen Pflanzen festzustellen. Als gegen den Ausgang des
Mittelalters die Botanik eine Weiterentwicklung erfuhr, war man
zunächst in der Vorstellung befangen, alle Pflanzen, über welche die
Alten, insbesondere der später zu erwähnende *Dioskurides* geschrieben,
seien auch im westlichen Europa zu finden. Erst nachdem man sich
lange in dieser Richtung abgemüht und nur in wenigen Fällen etwas
erreicht hatte, weil man der geographischen Verbreitung der Gewächse
noch nicht die gebührende Beachtung schenkte, ging man zur möglichst
genauen Beschreibung der Pflanzen über. So entstanden die Kräuterbücher
der ersten neueren Botaniker. Die Schwierigkeit, die von den Alten
beschriebenen Pflanzen zu identifizieren, wurde noch durch den Umstand
vergrößert, daß sich die Flora der in Betracht kommenden Länder im
Laufe der Jahrtausende durch Wanderungen, durch klimatische Änderungen
und ganz besonders durch die Einwirkung des Menschen geändert
hatte[352].

Das den Griechen zur Zeit des *Theophrast* floristisch bekannt
gewordene Gebiet war ein sehr beträchtliches. War man doch durch die
Züge *Alexanders* des Großen auch mit Persien, Baktrien und Indien
bekannt geworden, während man schon vorher über die in Vorderasien und
Ägypten vorkommenden Pflanzen vieles erfahren hatte. Allerdings lernten
die Griechen auf ihren Eroberungszügen die Naturkörper zunächst mehr im
Vorübergehen kennen und achteten fast nur auf das, was auf den fremden
Märkten ihr Erstaunen hervorrief[353].

Ein neues Licht haben die Untersuchungen *Bretzls* auf die botanischen
Ergebnisse des Alexanderzuges geworfen[354]. Das griechische Heer
wurde von Gelehrten begleitet. Ihre Aufzeichnungen bildeten einen Teil
dessen, was man heute das »Generalstabswerk« über den indischen Feldzug
nennen würde. Dieses Werk ist leider verloren, doch sind Auszüge in
*Theophrasts* Geschichte der Pflanzen[355] übergegangen. Von den
fremden Vegetationsbildern, welche *Theophrast* genauer schildert und
mit der Vegetation der Länder des östlichen Mittelmeeres vergleicht,
ist vor allem die Mangroveformation des persischen Golfes zu nennen.
*Theophrast* gibt eine genaue Beschreibung der eigenartigen Pflanzen
jener Formation. Er schildert die Lebensweise der Mangrovegewächse,
die auf Stelzenwurzeln weit über das Meeresufer hinauswachsen, so
richtig, daß neuere Reisende, wie *Schweinfurth*, seine Angaben nur
bestätigen konnten. Einen »Glanzpunkt« nennt *Bretzl* die Beschreibung,
welche *Theophrast* vom indischen Feigenbaum gegeben, der mit seinen,
von den Ästen her in die Erde eindringenden, Stützwurzeln einem Walde
gleicht. Daß es sich bei den Stützen, welche die fast horizontal sich
ausbreitenden Äste in den Boden hinabsenden, um eigentliche Wurzeln
handelt, erkannte schon *Theophrast*, wie er auch das Bambusrohr als
eine Schilfart erkennt und das vom Rande her einreißende Blatt der
Banane sehr zutreffend mit den Schwungfedern eines Vogels vergleicht.

Wahrscheinlich sind die Griechen auch mit der Baumwolle erst nach den
Zügen *Alexanders* genauer bekannt geworden, während in Ägypten die
Baumwollweberei schon früh anzutreffen war. Durch die Beobachtungen,
die man auf dem Alexanderzuge anstellte, wurden die Griechen auch mit
der Tatsache vertraut, daß gewisse Pflanzen Bewegungen ausführen,
wie man sie bisher nur bei den Tieren kannte. Es handelt sich um die
periodischen Bewegungen der Blattfiedern von Tamarindus indica. Diese
Bewegungen werden in ihren einzelnen Stadien so genau beschrieben,
daß sie bis zum Beginn der neueren physiologischen Untersuchungen
über diesen Gegenstand die beste Schilderung sind, die wir über
den Pflanzenschlaf besitzen. Die betreffende Stelle lautet bei
*Theophrast*[356]: »Der Baum besitzt zahlreiche Fiederblättchen. Sie
legen sich während der Nacht leise zusammen. Bei Sonnenaufgang öffnen
sie sich, und um Mittag entfaltet sich der Baum völlig. Am Nachmittage
ziehen sich die Blättchen allmählich wieder zusammen und in der Nacht
schließt sich die Pflanze wieder. Man sagt dort zu Lande, sie schlafe.«

Dadurch, daß die Griechen die Pflanzenwelt vom Mittelmeerbecken bis
in die tropischen Gebiete Asiens kennen lernten, wurden sie nicht nur
mit gewissen Grundtatsachen der Pflanzengeographie, sondern auch schon
mit einigen wichtigen, pflanzengeographischen Gesetzen bekannt, so
daß es nicht ganz zutreffend ist, die Anfänge dieser Wissenschaft auf
*A. v. Humboldt* zurückzuführen. Die Erscheinung, daß die Flora ihren
Charakter mit der Erhebung des Bodens über das Meer ändert, hatten die
Griechen schon in ihrer Heimat beobachtet. Sie hatten dort bemerkt, daß
sich an die Mittelmeerflora mit ihren immergrünen Gewächsen zunächst
eine Laubwaldregion, darüber Nadelholzwälder und noch höher hinauf
eine Region anschloß, die wir heute als alpin bezeichnen würden. Die
gleiche Erscheinung nahmen sie noch deutlicher wahr, als sie an den Fuß
der Berge gelangten, die Indien vom Rumpf des asiatischen Kontinentes
trennen. Dort herrschte noch die tropische Flora mit ihren Palmen und
Bananen in reicher Fülle. Unmittelbar darüber erblickten die Griechen
Pflanzen, die sie an diejenigen der Mittelmeerländer erinnerten. Dann
folgten wieder Laubhölzer, Nadelhölzer und alpine Pflanzen. Einen
ähnlichen Wechsel der Flora nahmen sie wahr, als sie die Pflanzen
nördlicher Landstriche mit denen südlicher verglichen. Dieser Vergleich
drängte sich ihnen nicht nur in Europa, sondern auch in Asien auf.
Auch hier fanden sie in den nördlicher gelegenen Teilen die mächtigen
dunklen Nadelholzwaldungen wieder, die sie als charakteristisch für das
mittlere Europa betrachtet hatten.

In *Theophrasts* »Geschichte der Pflanzen« überwiegt das praktische
Interesse häufig das wissenschaftliche. Die Beschreibung gewisser
technischer Verrichtungen, wie der Gewinnung von Holzkohle, Pech, Harz
und Spezereien, ferner der Verwendung der Holzarten, insbesondere
aber der Wirkung von Pflanzen auf den menschlichen Körper, nehmen
dementsprechend einen breiten Raum ein[357]. Aber auch von der
geographischen Verbreitung, den Krankheiten, der Lebensdauer, dem
Einfluß des Klimas, sowie der Ernährung der Pflanzen ist die Rede. Daß
dabei zu einer Zeit, in der man kaum beobachten, geschweige denn mit
Pflanzen experimentieren gelernt hatte, manche irrtümliche Ansicht
ausgesprochen wird, ist leicht begreiflich. So führt *Theophrast*
die Erscheinung, daß die Bäume, wenn sie dicht gedrängt stehen,
keinen kräftigen Wuchs aufweisen, sondern dünn und lang werden,
nicht auf den Einfluß des Lichtes, sondern auf Mangel an Nahrung
zurück. An Krankheiten der Pflanzen erwähnt er den Wurmstich, den
Rost des Getreides und den Honigtau. Letzteren leitet er aus einem
zu großen Feuchtigkeitsgehalt der Pflanzen ab, während es sich in
der Tat um Ausscheidungen von Blattläusen handelt. Als eine Wirkung
des Klimas betrachtet *Theophrast* die Erscheinung, daß in heißen
Ländern der jährliche Laubfall bei Pflanzen unterbleibt, die in den
Mittelmeerländern ihr Laub im Winter verlieren. Dies sei z. B. bei dem
Feigenbaum und dem Weinstock der Fall[358].

Als Ernährungsorgane werden nicht nur die Wurzeln, sondern auch die
Blätter betrachtet. Die Ernährung soll auf beiden Flächen durch
Einsaugung vor sich gehen. Das Wachstum der Blätter und das Ansetzen
der Früchte stehen, wie *Theophrast* sehr richtig bemerkt, in solchem
Verhältnis, daß, wenn der eine Vorgang stattfindet, der andere
zurückgehalten wird[359]. Auch die Möglichkeit, daß sich die eine
Pflanzenart in eine andere umwandele, ein häufig wiederkehrender
Irrtum, wird bei *Theophrast* erörtert. So sagt er: »Die wilde
Minze soll sich in Gartenminze umändern, auch soll sich der Weizen
in Lolch verwandeln.« Von der Sexualität der Pflanzen vermochte er
sich ebensowenig wie das übrige Altertum eine klare Vorstellung zu
machen. Doch erwähnt er, daß man bei den Dattelpalmen das Ansetzen von
Früchten dadurch fördere, daß man die stauberzeugenden Zweige über die
fruchttragenden hänge:

»Manche Bäume«, sagt er, »werfen ihre Früchte vor der Reife ab, wogegen
man auch Anstalten trifft. Bei den Datteln besteht das Hilfsmittel
darin, daß man die männliche Blüte der weiblichen nähert, denn jene
macht, daß die Früchte dauern und reif werden. Es geschieht dies aber
auf folgende Weise: Blüht die männliche Pflanze, so schneidet man die
Blütenscheide ab und schüttelt sie mit dem Staube auf die weibliche
Frucht. Wird diese so behandelt, so dauert sie aus und fällt nicht ab.«
Anknüpfend an diese und ähnliche Beobachtungen der Alten begründete
in der neueren Zeit *Camerarius* die Lehre von der Sexualität der
Pflanzen.

Ein Verdienst erwarb sich *Theophrast* auch durch die begriffliche
Bestimmung, sowie die Morphologie der wichtigsten Pflanzenorgane. Z.
B. begegnet uns bei ihm der Begriff des gefiederten Blattes, das man
bis dahin für einen Zweig gehalten hatte. Dagegen gelang es ihm nicht,
eine naturgemäße Einteilung des Pflanzenreichs zu schaffen und damit
das zu leisten, was *Aristoteles* für die Zoologie getan. *Theophrast*
unterscheidet Bäume, Sträucher, Stauden und Kräuter und spricht
innerhalb dieser vier Gruppen wieder von zahmen und wilden Pflanzen. So
überschreibt er z. B. ein Kapitel: »Von den wilden Bäumen«, während er
ein anderes mit den Worten beginnt: »Jetzt soll von den Gewächsen der
Flüsse, Sümpfe und Teiche die Rede sein.« Immerhin werden bei seiner
Einteilung der Kräuter mitunter natürliche Gruppen angedeutet. Endlich
verdanken wir dem *Theophrast* auch eine Reihe wertvoller Mitteilungen
über den Bau und die Entwicklung der Pflanzen. Sie erscheinen ihm
als lebende Wesen, welche als Voraussetzungen des Lebens Wärme und
Feuchtigkeit in sich bergen. Daher ist er auch bemüht, eine Ähnlichkeit
im Bau der Pflanzen und der Tiere nachzuweisen. Als innere Teile der
Pflanzen unterscheidet er Rinde, Holz und Mark. Diese Teile seien aus
Fasern, Adern, Fleisch und Saft gebildet. Das Fleisch entspricht dem,
was wir heute als Parenchym oder Grundgewebe bezeichnen. Die Fasern
sind dagegen die Gefäßbündel. *Theophrast* bemerkt sogar, daß sie
mitunter regelmäßig angeordnet, bei anderen Pflanzen, wie den Gräsern
und Palmen, dagegen unregelmäßig im Fleisch (Grundgewebe) zerstreut
seien.

Auch über die Entwicklung der Pflanzen finden sich bei *Theophrast*
einige Beobachtungen. Er weist darauf hin, daß der Keim sowohl
Wurzel als Stamm enthält[360], und daß die Wurzel zuerst aus dem
Samen hervorbricht. Darauf entwickle sich der Stamm, dessen erste
Blätter durch einfachere Gestalt von den späteren abwichen. Treffend
wird ferner bemerkt, daß das Winklige und die Gliederung mit dem
Fortschreiten der Entwicklung zunehmen[361]. Daß uns die Botanik
bei *Theophrast* sofort als eine ziemlich entwickelte Wissenschaft
entgegentritt, darf uns nicht in Erstaunen setzen, denn ohne Zweifel
konnte *Theophrast* auf Vorgänger fußen, die er zum Teil auch
erwähnt[362]. Neben *Theophrast* wären zwar noch einige Mitglieder
der peripatetischen Schule zu nennen, die sich mit Botanik beschäftigt
haben. Da sich aber nicht viel mehr als ihre Namen und die Titel ihrer
Schriften erhielten, wollen wir uns mit dem weiteren Schicksal der
botanischen Wissenschaft erst wieder befassen, wenn sie uns bei den
Römern von neuem begegnen wird.

Wie für die Tiere so sahen die Griechen auch für die Pflanzen, als
eine besondere Art der Vermehrung, die Urzeugung an. Man nahm sie
nicht nur für kleinere Pflanzen, sondern mitunter selbst für Bäume
in Anspruch. *Theophrast* war dieser Ansicht gegenüber indes schon
skeptisch. Er suchte angebliche Fälle von Urzeugung auf die Verbreitung
der Samen durch Regengüsse, Vögel, Überschwemmungen oder durch den
Wind zurückzuführen. Auch darauf weist er hin, daß manche Samen ihrer
geringen Größe wegen leicht übersehen werden. Die Fortpflanzung durch
Samen erklärt er für die gewöhnliche. Der Pflanzensamen sei dem
tierischen Ei zu vergleichen. Beide enthielten die erste Nahrung des
Keimes in sich. Daß aber Urzeugung insbesondere bei kleineren Pflanzen
vorkomme, stellt er nicht in Abrede. Er nimmt vielmehr an, daß Pflanzen
sowohl wie Tiere bei der Zersetzung von Stoffen unter dem Einfluß von
Feuchtigkeit und Wärme entstehen können.


Theophrast als der Begründer der Mineralogie.

Auch die dritte der beschreibenden Naturwissenschaften, die
Mineralogie, fand ihre erste Bearbeitung in demselben Zeitalter,
in welchem die Zoologie und die Botanik ins Leben gerufen wurden.
Dies geschah gleichfalls durch *Theophrast*, und zwar in seinem
Werke »Über die Steine«[363]. Jedoch handelt es sich hier in noch
höherem Grade wie in der Botanik um eine Zusammenstellung von
chemischen und mineralogischen Einzelkenntnissen, in deren Besitz
man durch die Ausübung hüttenmännischer Prozesse gelangt war. Mit
dem Eisen war man schon in der mykenischen Zeit bekannt. Obgleich
Griechenland reich an Eisenerz war, benutzte man das Metall anfangs
nur zu Schmuckgegenständen (z. B. zu Ringen). Nachdem man es härten
gelernt hatte, diente es auch zur Herstellung von Waffen. Bei *Homer*
ist meist von Bronze die Rede, doch wird das Eisen auch öfters
erwähnt[364]. Auch das Silbererz des Laurions wurde seit recht frühen
Zeiten abgebaut. Die dortigen Bergwerke besaßen ausgedehnte Schächte
und Stollen mit Holzzimmerung. Ihre reichen Erträgnisse ermöglichten
es Athen, zur Abwehr der Perser, Rüstungen von einem Umfange zu
betreiben, wie sie sich ein solch kleiner Staat sonst schwerlich
hätte auferlegen können. Es handelte sich am Laurion um silberhaltige
Bleierze, aus denen man zunächst, wie es noch heute geschieht, durch
Rösten und darauffolgendes Niederschmelzen das rohe Blei gewann. Ein
der Treibarbeit entsprechendes Verfahren lieferte dann, infolge der
Oxydation des Bleies zu Glätte, das Silber[365].

*Theophrast* hebt bei der Besprechung der Mineralien hervor, daß sie
sich besonders in der Farbe und im Gewichte unterscheiden. Zu den
Mineralien rechnet er auch die Korallen, die im Meere entständen.
Ferner erwähnt er ein Mineral, das wie der Bernstein Holz, indessen
auch Erz und Eisen anziehe. *Theophrast* nennt es Lynkurion. Es
ist nicht aufgeklärt, welchen Stoff er damit gemeint hat. Manchen
Mineralien wurden auch heilkräftige Wirkungen zugeschrieben. So wurde
der Rauch von Gagat, einer sehr bituminösen Braunkohle, eingeatmet, um
epileptische Anfälle zu bekämpfen. Malachitpulver diente als Mittel
gegen gewisse Erkrankungen der Augen usw.[366].

Als dasjenige Volk, das als erstes in den Mittelmeerländern Bergbau
betrieben haben soll, werden seit alters die Phönizier bezeichnet.
Sie waren es, die in dem an Erzen reichsten Lande des alten Europas,
in Spanien, den Metallreichtum durch Betriebe größeren Umfangs
aufschlossen. In der griechischen Literatur ist von Bergwerken zuerst
bei *Herodot* die Rede. Bei *Homer* findet sich jedenfalls noch keine
Andeutung[367].

Genauere Kenntnis über den Bergbau im Altertum hat man erhalten,
seitdem man den Betrieb verlassener alter Bergwerke in Spanien und
am Laurion wieder aufnahm. Es geschah dies um die Mitte des 19.
Jahrhunderts. Am Laurion hat man zahlreiche Tagebaue und Stollen, sowie
an 2000 Schächte wieder aufgedeckt. Man fand auch die Geräte, welche
die Alten beim Bergbau benutzten, z. B. Grubenlampen, eiserne Hämmer,
Meißel, Brechstangen usw. Die Schächte gehen bis über hundert Meter in
die Tiefe. Ein weiteres Eindringen wird die Ansammlung von Grubenwasser
verhindert haben. Auch in Ton geformte Nachbildungen, die sich auf den
Betrieb beziehen, hat man ausgegraben. Diese archäologischen Funde
ergänzen die erhaltene Literatur in solchem Maße, daß wir uns von dem
bis in das 7. vorchristliche Jahrhundert zurückreichenden Bergbau und
Hüttenbetrieb der Athener ein zutreffendes und deutliches Bild machen
können[368].


Einfluß und Dauer des aristotelischen Lehrgebäudes.

Wir haben uns in diesem Abschnitt insbesondere ein Bild von den
Leistungen des *Aristoteles* und desjenigen, der vor allem auf
dem Gebiete der Naturwissenschaften in seine Fußtapfen trat, des
*Theophrast*, gemacht. Bevor wir uns dem alexandrinischen Zeitalter
zuwenden, sei noch ein Wort über die Bedeutung des *Aristoteles*
gesagt. Sein Einfluß hat sich auf 2000 Jahre erstreckt, und jedes
Zeitalter hat, wenn auch in sehr verschiedener Weise, zu ihm, wie
zu der griechischen Philosophie und Naturwissenschaft überhaupt,
Stellung nehmen müssen. Die Schätzung, welche sie gefunden haben,
ist eine recht wechselnde gewesen, je nach dem Standpunkt, den die
Beurteiler einnahmen. Während des größten Teiles des Mittelalters
galt *Aristoteles* als unanfechtbare Autorität. Noch *Dante* erkennt
ihn voll an und nennt ihn »il maestro di color che sanno«[369]. Der
Ansturm, der sich zu Beginn der neueren Zeit gegen *Aristoteles* erhob,
betraf weniger ihn selbst als seine mittelalterlichen Anhänger und
Ausleger, die manchen eigenen Irrtum durch seine Autorität zu decken
suchten.

Ein scharfer Gegensatz zu *Aristoteles* entstand erst mit dem
immer konsequenter werdenden Bemühen, die Natur aus mechanischen
Prinzipien zu erklären, unter Beseitigung des Zweckbegriffs, der
in der aristotelischen Philosophie dasjenige ist, um das sich alles
dreht. Aufs Schärfste verurteilt wurde demgemäß *Aristoteles* im
Jahrhundert der Aufklärung, der Zeit der französischen Materialisten
und des l'homme machine. Es gehörte damals zum guten Ton, von den
nutzlosen Hirngespinsten des *Aristoteles* zu reden, ohne seine
Schriften gelesen zu haben. Eine Ausnahme bildete damals *Cuvier*,
der ihm für seine Leistungen auf zoologischem Gebiete geradezu
Bewunderung zollte. Mit der Überwindung des reinen Materialismus durch
das erneute Emporblühen der Philosophie stellte sich ein Rückschlag
ein. Es war vor allem *Hegel*[370], der den großen Stagiriten wieder
anerkannte: »*Aristoteles* ist,« sagt *Hegel*, »in die ganze Masse des
realen Universums eingedrungen und hat ihre Zerstreuung dem Begriffe
untergeordnet.« Ziehen wir von diesem Ausspruch *Hegels* soviel ab,
daß wir für die Tat das Wollen setzen, so ist die Bedeutung des
*Aristoteles* richtig erfaßt. In ihm begegnet uns ein Mensch, der sich
die Erklärung des Weltganzen und der Natur im einzelnen zum Ziele
machte und diese Aufgabe in umfassender Weise zu lösen suchte. Ihn
dabei an dem Maßstabe des modernen Naturforschers zu messen, wie es in
England[371] geschehen, ist nicht gerecht.

Durch *Aristoteles* wurde zum ersten Male ein Lehrgebäude errichtet,
das die Ergebnisse der Beobachtung und der Erfahrung, zwar unter allzu
starker Hervorhebung bloßer Denkbegriffe, indes unter Vermeidung
religiöser, mystischer und nationaler Vorurteile, umfaßt. In diesem
allgemein wissenschaftlichen Grundzug liegt die Bedeutung und die
treibende Kraft seiner Lehre. Das war es, was *Aristoteles* die Wirkung
für alle Zeiten und auf alle Völker sicherte.

Ganz abgesehen von dieser allgemeinen Bedeutung des *Aristoteles*
wird man zugeben müssen, daß in seinen Werken eine Menge von
Einzelkenntnissen zusammengestellt und gesichtet sind. Mit Recht
nennen daher die Herausgeber[372] der Tierkunde des *Aristoteles*
dieses bedeutendste naturwissenschaftliche Werk des Altertums eine
»Biologie der gesamten Tierwelt, gegründet auf eine große Menge von
Einzelkenntnissen, belebt durch den großartigen Gedanken, alles
tierische Leben als einen Teil des Weltalls in allen seinen unendlichen
Abwandlungen zu einem einheitlichen Gemälde zusammenzufassen, und
erfüllt von der Weltanschauung, für die Gesetze des natürlichen
Geschehens einen vernünftigen Endzweck vorauszusetzen.«

Auch für die Entstehung der Geschichte der Wissenschaften als einer
besonderen Disziplin ist *Aristoteles* grundlegend gewesen. Er war es,
der z. B. *Eudemos* zur Abfassung seiner Geschichte der Mathematik
anregte (s. S. 81) und andere seiner Schüler veranlaßte, dasselbe für
die Heilkunde und die Physik zu unternehmen.



4. Das alexandrinische Zeitalter.


Wir haben uns in den ersten Abschnitten diejenige Periode in ihren
Grundzügen vergegenwärtigt, in der die Keime der Naturwissenschaften
entstanden, eine Periode, die in der zusammenfassenden,
systematisierenden Tätigkeit des *Aristoteles* ihren Höhepunkt
erreichte. Frühzeitig traten uns geistige Regungen in den ionischen
Kolonien entgegen, wo die Berührung des Griechentums mit der
älteren, orientalischen Kultur besonders innig war. Zu Hauptsitzen
der Wissenschaft wurden darauf Athen und die blühenden Städte
Unteritaliens, dort durch *Aristoteles* und seine Schule, hier durch
die Pythagoreer.

Wie *Alexander* durch gewaltige Machtentfaltung die Welt, so hatte
*Aristoteles* das gesamte Wissen seiner Zeit zu umspannen gesucht. Zu
einer dauernden Beherrschung der übrigen Völker waren die Griechen
indessen nicht imstande. Mit dem Tode des großen Eroberers zerfiel
auch sein Reich. Anders gestalteten sich die Dinge auf dem Gebiete
der Wissenschaft. Hier kann wohl von einer das Altertum überdauernden
Herrschaft der Griechen die Rede sein. Sie wurden die Lehrer der alten
Völker, während Rom die Rolle der Weltbeherrscherin zufiel.

Bei den Griechen hatte die persönliche Eigenart eine bisher unerreichte
Bedeutung erlangt, doch war die Schaffenskraft dieses Volkes nicht
mehr die frühere, nachdem es seine politische Selbständigkeit verloren
hatte. Zwar machte sich diese Schwächung mehr auf dem Gebiete der
Kunst, vor allem auf dem der Dichtkunst, und weniger auf dem Gebiete
der Wissenschaften bemerkbar. Doch zeigte sich hier eine andere,
eigenartige Erscheinung. Während des nationalen und wirtschaftlichen
Niederganges, der im Mutterlande selbst, schon im dritten Jahrhundert,
eintrat, wurde nämlich das gelehrte Griechentum kosmopolitisch. Der
Hauptsitz griechischer Weisheit wurde gleichzeitig von Athen nach
Alexandrien verlegt, das durch seine günstige Lage, seinen Reichtum,
sowie durch das Interesse, das die ägyptischen Herrscher bekundeten,
besonders geeignet war, die weitere Pflege der Wissenschaften zu
übernehmen.

Sehr eng gestalteten sich seit der Hellenisierung Vorderasiens auch die
schon seit Jahrhunderten vorhandenen Beziehungen der griechischen zur
babylonischen Wissenschaft. Die Griechen rechneten sich den Besuch der
Tempelschulen Babylons geradezu als Ehre an. Besonders rege war dieser
Verkehr unter der Herrschaft der Seleukiden und der Ptolemäer.

Die Herrschaft über Ägypten war nach dem Tode *Alexanders* (323 v.
Chr.) in die Hände des *Ptolemäos Lagi* übergegangen. Dieser Fürst,
dessen Geschlecht den ägyptischen Thron inne hatte, bis im Jahre 30 v.
Chr. das Land römische Provinz wurde, zog viele griechische Gelehrte,
insbesondere aus Athen, an seinen Hof. Er wurde dadurch der Begründer
der alexandrinischen Akademie, die berufen war, die Wissenschaft durch
eine Reihe von Jahrhunderten zu fördern und sie für die nachfolgenden
Zeiten zu erhalten. Die äußeren Einrichtungen für jene gelehrte
Körperschaft fanden ihre Vollendung durch *Ptolemäos Philadelphos*.
Letzterer errichtete ein prächtiges Gebäude, das den Gelehrten
Wohnungen und Räume zur Ausübung ihrer Tätigkeit bot. Auch gründete
er die berühmte alexandrinische Bibliothek. In einem in der Nähe des
Königsschlosses gelegenen Garten wurden Tiere aus den tropischen
Regionen Afrikas, darunter auch riesige Schlangen, unterhalten.

Der dritte *Ptolemäos*, welcher den Beinamen *Euergetes* führte
(247-222 v. Chr.), hat der Bibliothek den Bücherschatz hinzugefügt,
den einst *Aristoteles* und *Theophrast* besaßen[373]. In späteren
Zeiten umfaßte die große Bibliothek des alexandrinischen Museums
etwa 400000 Rollen. Dazu kam noch eine zweite Büchersammlung im
Serapeion. Bei der Belagerung Alexandriens durch *Cäsar* (47 v.
Chr.) wurden die dort befindlichen Bücherschätze, die *Cäsar* nach
Rom zu schaffen beabsichtigte, teilweise zerstört. Später wurden sie
durch Einverleibung der pergamenischen Bibliothek um 200000 Rollen
bereichert[374].

Fast sämtliche Gelehrte der alten Zeit, von denen noch die Rede sein
wird, gehörten entweder der alexandrinischen Akademie an, oder
standen mit ihr in mehr oder weniger enger Fühlung. Im allgemeinen
ist das Wirken dieser Männer indes nicht mehr grundlegend, sondern
auf die Erhaltung und die Fortentwicklung aller während des Altertums
gewonnenen Ansätze gerichtet gewesen. Ihre Arbeiten betrafen
dementsprechend nicht nur die Mathematik und die Naturwissenschaften,
sondern das ganze Gebiet des damaligen Wissens, von der Philosophie
und anderen Gebieten des reinen Denkens bis zu der Beschäftigung mit
den konkretesten Dingen, gehörte zu ihrem Bereich. Häufig beschränkten
sie sich auf bloßes Kommentieren der vorhandenen Schriften, wie es
bezüglich der Zoologie und der Botanik der Fall war. Wo aber das
deduktive Verfahren Anwendung finden konnte, wie auf dem Gebiete der
reinen Mathematik, fand eine Fortentwicklung der übermittelten Keime
statt. Auch einige Teilgebiete der Physik erfuhren eine namhafte
Förderung. Vor allem gilt dies von der Physik der Gase. In der späteren
alexandrinischen Zeit begegnen uns endlich die Anfänge der Alchemie und
somit die Wurzeln der chemischen Wissenschaft.

Als Mathematiker sind unter den Mitgliedern der alexandrinischen
Akademie besonders *Euklid*, *Apollonios* und *Diophant* zu nennen. Als
Astronomen wirkten *Hipparch* und *Ptolemäos*, während die Physik durch
*Ktesibios* und *Heron* gefördert wurde.


Die Begründung eines Systems der Mathematik.

Zu den frühesten Mitgliedern der alexandrinischen Schule gehört
*Euklid* (*Eukleides*), dessen Name eng mit der Geschichte der
Mathematik verbunden ist, einer Wissenschaft, die nicht etwa erst in
der neueren Zeit, sondern auch schon im Altertum in hohem Grade das
Emporblühen der Naturwissenschaften bedingt hat. Die Lebensumstände
*Euklids* sind wenig bekannt. Bezüglich seines Geburtsortes, sowie
seines Studienganges schwanken die Angaben[375]. Sicher ist, daß
*Euklid* zu Beginn der Ptolemäerzeit, also um 300 v. Chr., in
Alexandrien gelebt hat. Dem *Ptolemäos Lagi* gegenüber, der das
mathematische Studium erleichtert zu sehen wünschte, soll er den
bekannten Ausspruch: »Es gibt keinen Königsweg zur Mathematik!« getan
haben.

Unter den auf uns gekommenen Werken *Euklids* nehmen die »Elemente« den
ersten Platz ein. Sie wurden wegen ihrer Vollständigkeit und ihrer
strengen Beweisführung in solchem Grade als mustergültig anerkannt,
daß sie bis in die neueste Zeit hinein sehr oft dem Anfangsunterricht
zugrunde gelegt wurden. In seine »Elemente« hat *Euklid* im
wesentlichen das damals bekannte mathematische Wissen aufgenommen und
es, wo dies noch nicht geschehen war, auf strenge Beweise gestützt. Das
Werk umfaßt die Geometrie der Ebene und des Raumes und geht auch auf
die Lehre von den Zahlen, als der Grundlage allen Messens, ein.

Eine genauere Inhaltsangabe der 13 Bücher, in welche die »Elemente«
*Euklids* zerfallen, findet sich bei *Cantor* (Gesch. d. Mathematik
Bd. I. S. 221-252)[376]. Das 1. Buch handelt von den Linien, Dreiecken
und Parallelogrammen. Den Abschluß bildet der pythagoreische Lehrsatz.
Das 2. Buch gipfelt in der Aufgabe, für jede gegebene, geradlinige
Figur ein gleich großes Quadrat zu zeichnen. Im folgenden Buch wird
dann die Lehre vom Kreise behandelt. Das vierte handelt von den ein-
und umgeschriebenen Vielecken. Die Konstruktion des Fünfecks macht
die Anwendung des goldenen Schnitts erforderlich. Das 6. Buch ist
dadurch besonders fesselnd, daß uns darin die erste Lösung einer
Maximum-Aufgabe begegnet. Es wird nämlich gezeigt, daß x(a - x) seinen
größten Wert erhält, wenn x = a/2 wird.

Im 7., 8. und 9. Buche findet sich die Lehre von den Zahlen. Begonnen
wird mit teilerfremden Zahlen und solchen, die ein gemeinsames Maß
besitzen. Die Auffindung geschieht wie heute durch fortgesetzte Teilung
des letztmaligen Divisors durch den erhaltenen Rest. Ferner werden die
Proportionen und die Primzahlen untersucht und z. B. bewiesen, daß es
unendlich viele Primzahlen gibt. Dann lehrt *Euklid* die Summierung der
geometrischen Reihe und befaßt sich mit Untersuchungen über irrationale
Zahlen. Das 12. Buch handelt von der Pyramide, dem Kegel, dem Zylinder
und der Kugel. *Euklid* läßt den Zylinder durch Drehung eines Rechtecks
um eine feststehende Seite und den Kegel, sowie die Kugel durch eine
entsprechende Drehung eines Dreiecks bzw. eines Halbkreises entstehen.
Er erwähnt zwar, daß sich die Inhalte von Kugeln wie die Kuben ihrer
Durchmesser verhalten, den Inhalt der Kugel vermochte jedoch erst
*Archimedes* zu bestimmen. Auch findet sich bei *Euklid* schon die
Bemerkung, daß man durch den schrägen Schnitt eines Zylinders oder
eines Kegels eine wie ein Schild aussehende Kurve (die Ellipse)
erhalte[377].

Das 13. Buch endlich handelt von den Polyedern, die sich aus
regelmäßigen Vielecken bilden lassen. Es schließt mit der Bemerkung,
daß es nur fünf regelmäßige Polyeder geben könne, nämlich das
Tetraeder, das Oktaeder und das Ikosaeder, die von Dreiecken begrenzt
sind, den Würfel und das von Fünfecken eingeschlossene Dodekaeder[378].

Die Klarheit und die strenge Form der Beweisführung, die *Euklid*
geschaffen, sind den späteren griechischen Mathematikern eigen
geblieben. Doch fehlt ihnen meist noch der Sinn für eine allgemeinere
Fassung der Probleme. Soviel Fälle bezüglich der Lage von Linien
in einer Aufgabe möglich sind, soviel Probleme waren auch für die
griechische Mathematik vorhanden[379]. Daher sehen wir oft ihre
hervorragendsten Schöpfer sämtliche, mitunter sehr zahlreichen Fälle
eines Problems erledigen, ohne durch eine Erweiterung der Begriffe zu
allgemeineren Sätzen zu gelangen. Daß der neueren Mathematik in dieser
Hinsicht gelang, was der griechischen versagt blieb, liegt daran, daß
erst in der viel später entstehenden Verknüpfung der Geometrie mit der
Algebra ein Mittel zur allgemeineren Lösung mathematischer Aufgaben
gewonnen wurde.

Die Bedeutung der *Euklid*ischen »Elemente« wird durch folgende Worte
treffend gekennzeichnet: »Was der Alexandriner *Euklid* um 300 vor
Beginn unserer Zeitrechnung schrieb, ist auch heute in Form und Inhalt
der eiserne Bestand der Schulmathematik. Nur wenig Zusätze sind dem
Euklidischen System eingegliedert worden. Stolzer als ein Denkmal
von Stein, schärfer und reiner in der Linienführung als irgend ein
Kunstwerk, hat es sich der Jetztzeit erhalten. Was der junge Grieche
durchdenken, lernen und üben mußte, das arbeitet mit gleicher Andacht
heute der strebsame Schüler durch[380].«

*Euklid* hatte das mathematische Wissen seiner Zeit in ein System
gebracht[381]. Er hatte zwar viel Eigenes hinzugefügt. Der weitere
Ausbau und die Erschließung neuer Gebiete erfolgte jedoch durch
*Archimedes*. In ihm begegnet uns der genialste Mathematiker des
Altertums. Zwischen *Aristoteles*, dem Hauptrepräsentanten des
vorigen Zeitabschnitts, und *Archimedes* liegt ein Zeitraum von
etwa hundert Jahren. Dieser Zeitraum ist geschichtlich dadurch von
Bedeutung, daß seit dem Eroberungszuge *Alexanders* der Orient mit
den Völkern des Mittelmeeres in die engste Fühlung kam, während
gleichzeitig ein neues Reich, dasjenige der Römer, zunächst das
westliche Mittelmeerbecken, später aber die gesamte alte Kulturwelt
zu umfassen strebte. Eine ähnliche Expansivkraft entfaltete auf dem
Gebiete der Kunst und der Wissenschaft das Griechentum, das überall,
im fernen Orient, in Ägypten, in Italien, ja selbst an den Küsten
des westlichen Mittelmeeres seine Stützpunkte fand. Griechentum und
Römerherrschaft sollten dann im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte
die Bindemittel abgeben, welche die so verschiedenartigen Völker
Südeuropas, Vorderasiens und Nordafrikas bis zu einem gewissen Grade
zu einer staatlichen, geistigen und Handelsgemeinschaft verband, einer
Gemeinschaft, welche den Boden für die so überraschend schnelle, alles
bezwingende Ausbreitung des Christentums bereiten half.


Das Leben und die Bedeutung des Archimedes.

Bevor wir uns mit dem weiteren Ausbau der reinen und der angewandten
Mathematik durch *Archimedes* beschäftigen, wollen wir uns in aller
Kürze die bisherige Entwicklung der Mathematik vergegenwärtigen und
dann einen Blick auf die Lebensverhältnisse des großen Mathematikers
werfen.

Überwog im 4. Jahrhundert v. Chr. noch der philosophierende, auf die
Entwicklung von umfassenden Lehrsystemen gerichtete Grundzug des
griechischen Geistes, so tritt uns in dem auf *Alexander den Großen*
folgenden Zeitabschnitt mehr die Richtung auf das Empirische und
Nützliche, in Verbindung mit einer raschen Entwicklung der Mathematik
und einer Beschränkung der Spekulation auf ein bescheideneres Maß,
entgegen. Neben den Forderungen des praktischen Lebens (Handel,
Vermessungen usw.) waren es drei Probleme der reinen Wissenschaft,
welche die Mathematik bei den Griechen schon vor *Archimedes*[382]
auf eine ungewöhnliche Höhe gebracht hatten. Es waren dies die
Quadratur des Kreises, die Würfelverdoppelung und die Dreiteilung des
Winkels. So hatten die vergeblichen Versuche, den Kreis zu quadrieren,
*Hippokrates* zur Auffindung des Satzes geführt, der noch jetzt
unter dem Namen der Lunulae (kleine Monde) Hippokratis bekannt ist.
*Hippokrates*[383] hatte mit Hilfe des erweiterten pythagoreischen
Lehrsatzes bewiesen, daß sich zwei von krummen Linien begrenzte Flächen
auf ein aus geraden Linien gebildetes Flächenstück zurückführen
lassen[384]. Die Würfelverdoppelung oder das Delische Problem forderte,
die Seite (a) eines Würfels zu finden, der doppelt so groß ist wie ein
gegebener Würfel. Anders ausgedrückt, wenn x^3 = 2a^2 gegeben ist, soll
x durch Konstruktion gefunden werden. Das Bemühen, dies Problem zu
lösen, wurde durch die Auffindung einer Anzahl neuer Kurven (Cissoide,
Konchoide, Kegelschnitte) belohnt. Auch das Problem der Dreiteilung
des Winkels führte zur Auffindung neuer, bestimmte Eigenschaften
aufweisender und auf Grund derselben konstruierbarer, krummer Linien.
Eine Zusammenfassung der mathematischen Kenntnisse der Griechen
erfolgte durch *Euklid*, von dem zu Beginn des vorigen Abschnitts die
Rede gewesen ist.

[Illustration: Abb. 17. Vorrichtung zum Heben großer Lasten.]

Über *Archimedes* ist wenig Zuverlässiges bekannt. Er wurde um 287 v.
Chr. in Syrakus geboren, gehört also in die für Sizilien so bewegte
Zeit der großen Entscheidungskämpfe, welche Rom und Karthago um die
Weltherrschaft führten. Die Geschichtsschreiber dieser Periode,
*Livius*, *Polybios* und *Plutarch*, sind es auch, denen wir die
meisten Nachrichten über *Archimedes* verdanken. Was diese und andere
über ihn erzählen, setzt sich indessen zum großen Teil aus Anekdoten
zusammen, mit denen das Altertum das Leben seiner berühmten Männer,
insbesondere seiner hervorragenden Denker, auszuschmücken liebte.
*Archimedes* war nach *Plutarch*[385] ein Verwandter *Hierons* II., des
Tyrannen von Syrakus. Sein Vater war Astronom und machte ihn sehr früh
mit astronomischen Beobachtungen vertraut. *Archimedes* lebte, ohne
ein öffentliches Amt zu bekleiden, ganz der Wissenschaft. Eine Zeitlang
hielt er sich in Ägypten auf. Dort war nach dem Tode *Alexanders des
Großen* in der alexandrinischen Akademie, zu der man *Archimedes*
rechnen kann, eine Stätte hellenischer Weisheit emporgeblüht, die
berufen war, in den nachfolgenden Jahrhunderten die Fackel der
Wissenschaft hochzuhalten. Die alexandrinische Schule soll deshalb
auch noch in einem späteren Abschnitt Gegenstand der Betrachtung sein.
In Alexandrien zählte *Archimedes* zu den Schülern des Mathematikers
*Konon*. Diesem soll *Archimedes* auch nach seiner Rückkehr nach
Syrakus, wo er den größten Teil seines Lebens zubrachte, Schriften
zur Durchsicht geschickt haben, auch stand er mit ihm in regelmäßigem
brieflichen Verkehr. Seine Beziehungen zu den syrakusanischen
Machthabern veranlaßten ihn, sein außerordentliches Geschick in
mechanischen Dingen auf die Vervollkommnung der Schleuderwerkzeuge und
anderer Kriegsgeräte zu verwenden. Die Alten schrieben *Archimedes* die
Erfindung zahlreicher Maschinen zu. Unter diesen werden der Flaschenzug
und die Archimedische Schraube genannt. Letztere findet noch heute in
Ägypten zum Bewässern der dem Nil benachbarten Ländereien Verwendung.
Bei manchen Angaben, insbesondere denjenigen, die sich auf die von
*Archimedes* geleitete Verteidigung seiner Vaterstadt beziehen, ist es
nicht leicht, Wahrheit und Irrtum voneinander zu scheiden. *Archimedes*
dürfte z. B. wohl selbst die Wirkung der Brennspiegel besser gekannt
haben als die späteren Schriftsteller, die ihm das Unmögliche
zuschrieben, er habe die Schiffe der Belagerer mit Brennspiegeln in
Brand gesetzt. Es wird ferner erzählt, *Hieron* habe ihn aufgefordert,
vermittelst einer geringen Kraft eine große Last zu bewegen. Dies
habe *Archimedes* zur Erfindung des Flaschenzuges geführt, mit dem
er dann vor den Augen des erstaunten Königs eine schwer beladene
Triëre ohne Anstrengung an das Land zog. Vielleicht hat *Archimedes*
auch zu diesem Zwecke die Schraube ohne Ende in Verbindung mit einer
Zahnradübersetzung benutzt[386], einen Apparat, den uns die vorstehende
Abbildung vorführt.

Große Bewunderung erregte ferner eine Art Planetarium, das *Archimedes*
konstruierte. Im Mittelpunkt befand sich die Erde. Mond, Sonne und
Planeten wurden durch einen, wahrscheinlich hydraulisch betriebenen,
Mechanismus um den Zentralkörper herumgeführt. *Cicero* erwähnt dieses
Kunstwerk, das als Vorbild für die im Mittelalter (z. B. an der Uhr des
Straßburger Münsters) entstandenen Planetarien diente[387].

Ausführlicher lauten die Berichte über die letzten Lebensjahre des
*Archimedes*, da sie in die Zeit der Belagerung von Syrakus fallen.
Hierbei hat *Archimedes*, den Nachrichten der Geschichtsschreiber[388]
zufolge, eine wichtige Rolle gespielt und schließlich ein trauriges
Ende gefunden. Auch bezüglich der über diese Begebenheit auf uns
gelangten Nachrichten sind Wahrheit und Dichtung vermengt. Der
zweite punische Krieg, der über das Schicksal Siziliens entscheiden
sollte, hatte im Jahre 218 v. Chr. mit einem Siegeslauf Hannibals
begonnen, wie ihn die Welt seit den Tagen Alexanders nicht gesehen.
Bald jedoch wandte sich das Glück, und während Hannibal sich nur
durch geschickte Züge in Italien zu halten wußte, brachten die Römer
eine Stadt Siziliens nach der andern zu Fall, bis sich endlich die
ganze Insel in ihren Händen befand. Am meisten Schwierigkeiten
bereitete dem römischen Feldherrn *Marcellus* die Stadt Syrakus.
Daß sie viele Monate der Belagerung zu trotzen vermochte, wird vor
allem den Verteidigungsmaßregeln des *Archimedes* zugeschrieben.
Wurfmaschinen von ganz hervorragender Wirkung und Treffsicherheit, die
nach *Plutarch* Steinblöcke von Zentnerschwere auf große Entfernung
schleuderten, schreckten die Stürmenden zurück. Dem Angriff der Flotte
suchte man mit Feuerbränden zu begegnen. Spätere Berichterstatter
haben daraus die erwähnte, völlig unglaubwürdige Erzählung gemacht,
*Archimedes* habe die Schiffe der Belagerer mit Hilfe von Hohlspiegeln
in Brand gesetzt.

Als endlich die Römer Syrakus einnahmen und die Soldaten, voll Wut
über die erlittenen Mühsale und Verluste, ein furchtbares Gemetzel
anstellten, zählte *Archimedes* zu den Opfern. Über sein Ende, das
*Marcellus* sehr betrübt haben soll, lauten die Berichte verschieden.
Am bekanntesten ist die Erzählung, *Archimedes* sei, in Nachdenken über
ein mathematisches Problem versunken, von einem römischen Soldaten
niedergestoßen worden. Seine letzten Worte sollen »Noli turbare
circulos meos« gelautet haben. Das Grab des Gelehrten wurde mit einem
Stein geschmückt, in den die von dem Zylinder eingeschlossene Kugel
eingemeißelt war. So soll *Archimedes* es selbst gewünscht haben, ein
Zeichen, welchen Wert er auf seine Entdeckung legte, daß der Inhalt der
Kugel zum Inhalt des umschließenden Zylinders sich wie 2 : 3 verhält.
Dieses Grabmal, das *Marcellus* errichten ließ, wurde später von
*Cicero* in einem sehr vernachlässigten Zustande wieder aufgefunden und
der Vergessenheit entrissen[389].

Seine Bewunderung für den größten Mathematiker des Altertums hat
*Cicero* in die Worte gekleidet, *Archimedes* habe mehr Genie
besessen, als mit der menschlichen Natur verträglich zu sein
scheine[390]. An Vielseitigkeit und Genialität kann ihm unter den
Neueren vielleicht nur *Gauß* an die Seite gestellt werden[391].

Die Probleme, welche etwa 100 Jahre nach *Aristoteles* den *Archimedes*
beschäftigten, betrafen insbesondere das Gebiet der Statik. Sie
wurden nach echt naturwissenschaftlichem Verfahren, d. h. gestützt
auf Versuche und mathematische Ableitung und deshalb mit dem besten
Erfolge, behandelt. Seine Werke sind daher als das hervorragendste
Erzeugnis des griechischen Geistes auf exaktem Gebiete zu bezeichnen.
Es scheint kein Zufall zu sein, daß diese Werke nicht in dem vorwiegend
der Kunst und der Philosophie zugewandten Mutterlande, sondern in
Großgriechenland entstanden sind, wo der Handel blühte und eine
gewisse, die forschende Tätigkeit begünstigende Nüchternheit des
Verstandes vorherrschte.


Die griechische Mathematik erreicht in Archimedes und in Apollonios
ihren Höhepunkt.

Die wissenschaftliche Bedeutung des *Archimedes*[392] ist in gleicher
Weise auf den Gebieten der reinen Mathematik und der Mechanik zu
suchen. Außer dem soeben erwähnten, wichtigen Satze über den Inhalt der
Kugel und des sie umschließenden Zylinders, deren Oberflächenverhältnis
er gleichfalls auffand, lieferte *Archimedes* eine Arbeit über die
Kreismessung, die eine Berechnung der Zahl π enthält. Diese Arbeit
ist, sowohl nach ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Geometrie,
als auch für die Geschichte der Rechenkunst, von Wichtigkeit. Sein
Verfahren ist das in der elementaren Geometrie noch jetzt gelehrte.
Ausgehend von dem Satze, daß der Umfang des Kreises kleiner als der
Umfang des umschriebenen und größer als derjenige des eingeschriebenen
regelmäßigen Vielecks ist, berechnet *Archimedes* als Grenzwerte für
π die Zahlen 3,141 und 3,142. Es sind dies die Werte, die sich für den
Umfang des ein- und umgeschriebenen regelmäßigen 96-Ecks ergeben. Das
erwähnte Verfahren wird als Exhaustionsverfahren bezeichnet, könnte
aber auch die Integrationsmethode der alten Mathematik genannt werden.
Aus dem Bestreben, bei derartigen Aufgaben die Grenzwerte beliebig nahe
zu rücken, ohne dazu umständliche, zeitraubende Berechnungen nötig zu
haben, ist im 17. Jahrhundert die Infinitesimalrechnung erwachsen.

Auch mit isoperimetrischen Problemen, d. h. Aufgaben, bei denen
es sich um die Bestimmung größter oder kleinster Werte handelt,
beschäftigte sich schon das Altertum. So war schon vor *Aristoteles*
bekannt, daß der Kreis unter allen Flächen gleichen Umfangs den größten
Flächeninhalt und die Kugel unter allen Körpern von gleicher Oberfläche
den größten Rauminhalt besitzt[393].

Das Exhaustionsverfahren wurde von den Alten nicht nur auf krummlinige
Figuren, sondern auch auf Flächen und auf Raumgebilde angewandt.
Das Verfahren lief stets darauf hinaus, den Unterschied zwischen
der zu messenden Linie, Fläche oder Raumgröße und den diesen Formen
sich nähernden, leicht zu berechnenden Hilfsgebilden immer kleiner
zu machen. Man erhielt eine noch größere Sicherheit, wenn man zwei
Hilfsgebilde, z. B. das ein- und umgeschriebene Polygon beim Kreise,
wählte und auf diese Weise zwei Grenzwerte für die zu messende
Größe ermittelte. Was den Inhalt des Kreises anbetrifft, so bewies
*Archimedes*, daß er gleich demjenigen eines rechtwinkeligen Dreiecks
ist, dessen eine Kathete gleich dem Halbmesser und dessen andere gleich
dem Umfang des Kreises ist.

Die Behandlung ebener Figuren wurde von *Archimedes* jedoch über das
Gebiet der elementaren Mathematik hinausgeführt, indem er den Inhalt
der Parabel und der Ellipse berechnen lehrte und die Eigenschaften von
Kurven höherer Ordnung, wie der Spiralen, ermittelte. Mit Hilfe der
soeben besprochenen Exhaustionsmethode wies *Archimedes* z. B. nach,
daß das Parabelsegment 4/3 eines Dreiecks von gleicher Grundlinie und
Höhe beträgt. Für die Ellipse zeigte er, daß sich ihre Fläche zur
Fläche eines mit der großen Achse als Durchmesser geschlagenen Kreises
wie die kleine Achse zur großen Achse verhält usw. Die merkwürdigste
Schrift über die Kurven ist sein Buch von den Schneckenlinien. Die nach
ihm als archimedische Spirale bezeichnete Schneckenlinie definiert
er mit folgenden Worten: »Wenn eine gerade Linie in einer Ebene um
einen ihrer Endpunkte, der unbeweglich bleibt, mit gleichförmiger
Geschwindigkeit sich dreht, und wenn gleichzeitig in der bewegten
Linie ein Punkt vom unbewegten Endpunkte aus sich gleichförmig bewegt,
so beschreibt dieser Punkt eine Schneckenlinie.« Eine derartige,
zuerst bei *Hippias* anzutreffende Verbindung von zwei bestimmt
gekennzeichneten Bewegungen stellte eine nicht geringe Bereicherung der
Wissenschaft dar[394].

Auch gelang es *Archimedes*, durch ein ähnliches Verfahren, wie
er es beim Kreise und bei der Parabel anwandte, die Quadratur der
Schneckenlinie zu finden. Sogar das Tangentenproblem vermochte er für
diese Kurve zu lösen, indem er zeigte, wie die Berührungslinie an
irgend einen ihrer Punkte gezogen werden kann.

Daß *Archimedes* sich schon einer Methode bediente, die in ihrem Wesen
unserem heutigen Integrationsverfahren entsprach, läßt sich noch
deutlicher, als aus den hier besprochenen Werken, aus der vor kurzem
durch *Heiberg* entdeckten Methodenlehre (Ephodion) ersehen[395].
Es hat den Anschein, als ob *Archimedes* die im Ephodion enthaltene
Infinitesimalmethode gewissermaßen nur zu seinem Privatgebrauch
entwickelt hätte, weil die Anwendung der Unendlichkeitsbegriffe bei
den Mathematikern, welche die Einwände der Philosophen fürchteten,
verpönt war. Als vollgültig wurde für die hier in Betracht kommenden
Probleme nur das Exhaustionsverfahren angesehen. In dieses kleidete
*Archimedes*, offenbar der herrschenden Schule zuliebe, Sätze,
die er zunächst ausgehend von der Mechanik oder mit Hilfe seiner
Infinitesimalmethode gefunden hatte. Als Beispiel dafür verdient
der Satz vom Zylinderhuf genannt zu werden[396]. Für diesen gibt
*Archimedes* einen mechanischen Beweis, einen Beweis nach dem
Exhaustionsverfahren und einen solchen mit Hilfe seiner jetzt bekannt
gewordenen Infinitesimalmethode. Letztere bestand darin, daß er die
Flächen auf Gerade und die Körper auf Flächen zurückführte, wie es
unter den neueren Mathematikern zuerst *Cavalieri* getan. Erläutert
wird die neue Methode unter anderem an dem Satz vom Flächeninhalt
des Parabelsegments und an mehreren Sätzen über Volum- und
Schwerpunktsbestimmungen.

Ein Buch des *Archimedes* über das Siebeneck im Kreise und ein anderes
über die Berührung von Kreisen sind leider verlorengegangen. Von
hervorragender Wichtigkeit sind die erhalten gebliebenen archimedischen
Schriften über die Kugel und den Zylinder. Es wird darin bewiesen,
daß die Kugeloberfläche dem Vierfachen ihres größten Kreises gleich
ist (O = 4 r^2 π). Ferner wird die Oberfläche der Kalotte oder des
Kugelabschnittes berechnet. Und endlich wird gezeigt, daß ein Zylinder,
der zur Grundfläche einen größten Kreis der Kugel, zur Höhe aber den
Durchmesser der Kugel hat, mit anderen Worten, daß ein der Kugel
umschriebener Zylinder seinem Inhalt nach sich zur Kugel selbst wie 3 :
2 verhält. Die Oberfläche dieses Zylinders fand *Archimedes* gleich dem
Anderthalbfachen der Kugeloberfläche. Die betreffende Figur hat nicht
nur auf seinem Grabstein Platz gefunden. Sie erhielt sich auch auf
Münzen der Stadt Syrakus.

Seine Untersuchungen über die Kugel führten *Archimedes* endlich noch
auf die Rotationskörper, welche durch die Umdrehung von Kegelschnitten
entstehen, seine Konoide und Sphäroide. Auch in diesen Fällen bediente
er sich der Exhaustionsmethode, indem er die zu kubierenden Körper in
Scheiben von gleicher Dicke zerlegte und die ein- und umgeschriebenen
Zylinder summierte. Die erhaltenen Summen stellen Grenzwerte dar, die
sich dem zu ermittelnden Rauminhalt um so mehr nähern, je geringer der
Abstand der Schnitte ist.

Über die Kegelschnitte hatte schon *Euklid* geschrieben. Doch hat sich
um die Begründung dieses Gegenstandes keiner unter den alexandrinischen
Mathematikern ein so großes Verdienst erworben wie *Apollonios* von
Pergä. Er war ein Zeitgenosse von *Archimedes* und *Eratosthenes*.
Seine Werke entstanden in der Zeit von 240-200 v. Chr. Erhalten ist
nur das bedeutendste, als κωνικά (Kegelschnitte) bezeichnete Werk. In
diesem zeigte *Apollonios*, daß die als Ellipse, Parabel und Hyperbel
bezeichneten Kurven auf der Oberfläche eines Kegels entstehen, wenn
durch letzteren Ebenen gelegt werden. Auch das schwierige Gebiet
der Asymptoten, die sich den Ästen der Hyperbel nähern, ohne sie zu
schneiden, hat *Apollonios* erschlossen. Seine acht Bücher über die
Kegelschnitte[397] erregten nicht nur bei den Zeitgenossen, sondern
auch bei den späteren Geschlechtern die größte Bewunderung, wenn auch
von einigen Verkleinerern dem *Apollonios* mit Unrecht vorgeworfen
wurde, daß er sich zu sehr auf die von *Euklid* und *Archimedes*
geschaffenen, indes verlorengegangenen Vorarbeiten über diesen
Gegenstand gestützt habe[398]. Besteht doch eine grundlegende Neuerung
des *Apollonios* schon darin, daß er sich nicht wie seine Vorgänger
auf den geraden Kegel beschränkte, sondern nachwies, daß alle Schnitte
auch an dem schiefen Kegel hervorgebracht werden können. Auch war
er der erste, welcher an den Kegelschnitten die Mehrzahl derjenigen
Eigenschaften nachwies, die man heute aus den Gleichungen dieser Kurven
ableitet. Der Inhalt seines Werkes ist der Hauptsache nach folgender.
Zunächst wird der Kegel als die Oberfläche definiert, welche durch
eine Linie entsteht, wenn man sie in einer Kreisperipherie herumführt,
während diese Linie zugleich durch einen festen, außerhalb der Ebene
des Kreises liegenden Punkt geht. Jeder Schnitt, welcher durch den
festen Punkt geht, erzeugt ein Dreieck. Liegt in der Schnittebene
auch die Verbindungsgrade zwischen dem Mittelpunkt des Kreises und
dem festen Punkt, welcher die Spitze des Kegels bildet, so nennt man
das entstandene Dreieck, weil es jene Verbindungsgrade oder die Achse
enthält, ein Achsendreieck. Neue Schnittebenen liefern dann, je nach
ihrer Richtung, die verschiedenen Kegelschnittkurven auf der Oberfläche
des Kegels. Es werden sodann Betrachtungen über konjungierte
Durchmesser, über die Tangente an irgendeinen Punkt des Kegelschnittes,
sowie über die Asymptoten der Hyperbel angestellt. Eingehend wird auch
von denjenigen Punkten gehandelt, die wir heute als die Brennpunkte
der Kegelschnitte bezeichnen. Bewiesen wird der wichtige Satz über
die Gleichheit der Winkel, welche die Normallinie mit den beiden
Brennstrahlen des Berührungspunktes bildet, sowie auch der Satz von
der Konstanz der Summe, bzw. der Differenz der Brennstrahlen. Die
betreffenden Abschnitte des Werkes enthalten also fast sämtliche
grundlegenden Sätze der Lehre von den Kegelschnitten.

Auf dem Satz, daß die Summe der Brennstrahlen gleich der großen
Achse ist (r + r' = 2a), beruht bekanntlich die gebräuchliche
Fadenkonstruktion der Ellipse. Dies Verfahren findet sich jedoch
noch nicht bei *Apollonios*, sondern es kam erst weit später auf.
Hinsichtlich der Hyperbel sei bemerkt, daß man vor *Apollonios* die
Zusammensetzung der Kurve aus zwei Ästen nicht kannte, sondern die
Untersuchungen immer nur an einem Ast anstellte. *Apollonios* selbst
führte den zweiten Ast noch unter einem besonderen Namen auf. Die
Quadratur der Hyperbel gelang den alten Mathematikern nicht. Sie
erfolgte erst, als im 17. Jahrhundert neuere, die höhere Mathematik
ausmachende Methoden gefunden waren.

Den Höhepunkt des Werkes bildet das Buch, das von größten und
kleinsten Werten handelt, die in Verbindung mit den Kegelschnitten
auftreten[399]. Insbesondere sind es Untersuchungen über die längsten
und kürzesten Linien, die von irgendeinem Punkte der Ebene an einen
Kegelschnitt gezogen werden können.

Infinitesimalbetrachtungen, die sich schon bei *Euklid* und
*Archimedes* finden, vermochten die Alten noch nicht zu einer
allgemeinen Methode zu erweitern. Die alte Mathematik hat vielmehr
in den Werken des *Archimedes* und des *Apollonios* das erreicht,
was ohne den Besitz der Infinitesimalmethode und des analytischen
Kalkuls, die erst im 16. und 17. Jahrhundert zu allgemeinerer Anwendung
gelangten, zu erreichen möglich war[400]. Mit der Lehre von den
Kegelschnitten wurde für die spätere Entwicklung der Astronomie und
der Mechanik eine wichtige Grundlage geschaffen. Das gleiche gilt
auch von der Trigonometrie, die aus den Bedürfnissen der Astronomie
entsprang und von den späteren Alexandrinern begründet wurde. Wie wir
später sehen werden, konnte *Aristarch*, als er den Sonnenabstand aus
gegebenen Stücken eines Dreiecks ohne die Hilfsmittel der Trigonometrie
berechnete, die gesuchte Größe nur auf umständlichem Wege durch
Näherungswerte bestimmen.

Anhangsweise sei hier noch eine Schrift des *Archimedes* erwähnt, die
früher viel gelesen wurde und auch heute noch Beachtung verdient. Es
ist dies seine »Sandesrechnung«. Zum Verständnis der in dieser Schrift
gelösten Aufgabe müssen wir vorausschicken, daß die Griechen etwas
unserem heutigen Ziffernsystem Entsprechendes noch nicht besaßen. Die
Zahlen wurden durch Buchstaben bezeichnet. Größere Zahlen zu schreiben,
war daher sehr unbequem, weil man das Prinzip des Stellenwertes, das
erst durch Vermittlung der Araber aus dem Orient nach Europa gelangte,
noch nicht kannte und auch noch kein Zeichen für die Null besaß. Es ist
erstaunlich, wie weit es die Alten trotzdem in der Arithmetik gebracht
haben. Wagte sich *Archimedes* doch sogar an die geometrische Reihe 1,
1/4, 1/16, 1/64..., deren Summe er gleich 4/3 fand. Sie diente ihm bei
der Berechnung der Fläche des Parabelabschnittes. Auch vermochte er es
schon, schwierige Quadratwurzeln zu berechnen[401].

In der Sandesrechnung[402] wird gezeigt, daß sich jede, noch so
große Menge durch eine Zahl ausdrücken läßt. Indem *Archimedes* die
Abmessungen der aristarchischen Fixsternsphäre zugrunde legt, berechnet
er, wieviel Sandkörner von bestimmter Größe darin Platz finden können.
Die meisten Sternkundigen verstanden zur Zeit des *Archimedes* unter
dem Ausdruck Welt eine Kugel, deren Zentrum der Mittelpunkt der Erde
und deren Radius eine gerade Linie zwischen den Mittelpunkten von Erde
und Sonne ist. In seiner Schrift »Wider die Sternkundigen«, so erzählt
uns *Archimedes*, suchte nun *Aristarch* von Samos zu beweisen, daß
die Welt ein Vielfaches der oben bezeichneten Kugel ist. Er sei zu
der Annahme gelangt, die Fixsterne samt der Sonne seien unbeweglich,
die Erde aber werde in einer Kreislinie um die Sonne, die inmitten
der Erdbahn stehe, herumgeführt. »Der Durchmesser der Fixsternkugel
möge sich«, sagt *Archimedes*, »zu demjenigen der Welt (in dem zuerst
erwähnten Sinne) verhalten, wie der letztere zum Durchmesser der
Erde.« Er behauptet dann, wenn es auch eine Sandkugel gäbe von der
Größe dieser aristarchischen Fixsternsphäre, so lasse sich doch eine
Zahl angeben, deren Größe selbst die Menge der Körner in der gedachten
Kugel übertreffe. Nach einigen Voraussetzungen über den Umfang der
Erde, das Größenverhältnis von Erde und Sonne, aus dem, nach Bestimmung
des scheinbaren Sonnendurchmessers, die Entfernung der Sonne zu 10000
Erdhalbmessern ermittelt wird, berechnet *Archimedes* die Zahl der
Sandkörner, die innerhalb der Fixsternsphäre Platz finden, auf 10^{63}
oder 1000 Dezillionen.


Archimedes entwickelt die Prinzipien der Mechanik.

An hervorragenden Mathematikern besaß das Altertum keinen Mangel. Wir
brauchen neben *Archimedes* nur *Euklid* und *Apollonios* zu nennen.
Es gab aber niemanden bis in die neuere Periode der Geschichte der
Wissenschaften, der ähnliche Leistungen auf dem Gebiete der Mechanik
vollbracht hätte wie *Archimedes*. Letzterer muß als der Hauptbegründer
dieser Wissenschaft bezeichnet werden. Es sind die wichtigsten Sätze
vom Hebel, vom Schwerpunkt und aus der Hydrostatik, die uns bei
*Archimedes*, zum ersten Male klar ausgedrückt, begegnen. Die Gesetze
vom gleicharmigen Hebel spricht *Archimedes* in folgenden Worten aus:

a) Gleich schwere Größen, in ungleichen Entfernungen wirkend, sind
nicht im Gleichgewicht, sondern die in der größeren Entfernung wirkende
sinkt.

b) Ungleich schwere Größen sind, bei gleichen Entfernungen, nicht im
Gleichgewicht, sondern die schwerere wird sinken.

c) Wenn ungleich schwere Größen in ungleichen Entfernungen im
Gleichgewicht sind, so befindet sich die schwerere in der kleineren
Entfernung.

d) Ungleiche Gewichte stehen im Gleichgewicht, sobald sie ihren
Entfernungen umgekehrt proportional sind.

An den letzten, das Hebelgesetz zum Ausdruck bringenden Satz knüpft
sich das *Archimedes* zugeschriebene Wort: »Gib mir einen Ort, wo ich
mich hinstellen kann, und ich will die Erde bewegen[403].«

Die Schwerpunktsbestimmungen dehnt *Archimedes* im zweiten Teile
der Abhandlung vom Gleichgewicht[404] sogar auf das Parabelsegment
aus, nachdem er zuvor die Quadratur der Parabel gelehrt hat. In
den Büchern, die von den schwimmenden Körpern handeln, leitet er
aus den Grundeigenschaften der Flüssigkeiten, nämlich der leichten
Verschiebbarkeit ihrer Teilchen und der Druckfortpflanzung, eine Reihe
von Sätzen ab, von denen die wichtigsten folgendermaßen lauten:

a) Die Oberfläche einer jeden zusammenhängenden Flüssigkeit im Zustande
der Ruhe ist sphärisch, und ihr Mittelpunkt fällt mit dem Mittelpunkt
der Erde zusammen.

b) Feste Körper, die bei gleichem Rauminhalt einerlei Gewicht mit einer
Flüssigkeit haben, sinken, in diese eingetaucht, so weit ein, daß
nichts von ihnen über die Oberfläche der Flüssigkeit hervorragt.

c) Jeder feste Körper, der leichter ist als eine Flüssigkeit und in
diese eingetaucht wird, sinkt so tief, daß die Masse der Flüssigkeit,
die dem eingesunkenen Teil an Volumen gleich ist, ebensoviel wiegt wie
der ganze Körper.

d) Wenn Körper, die leichter sind als eine Flüssigkeit, in diese
eingetaucht werden, so erheben sie sich wieder mit einer Kraft, die
gleich ist dem Gewichte des dem Körper gleichen Volumens Flüssigkeit,
vermindert um das Gewicht des Körpers selbst.

e) Feste Körper, die bei gleichem Rauminhalt schwerer als eine
Flüssigkeit sind und in diese eingetaucht werden, sinken, solange sie
noch tiefer kommen können, und werden in der Flüssigkeit um so viel
leichter, wie das Gewicht einer Masse Flüssigkeit von der Größe des
eingetauchten Körpers beträgt.

Das zuletzt erwähnte Gesetz, das archimedische Prinzip, ist für die
Mechanik der Flüssigkeiten von derselben fundamentalen Bedeutung wie
das Hebelgesetz für die Mechanik der festen Körper[405]. Auf das
nach ihm benannte hydrostatische Prinzip soll *Archimedes* nach der
Erzählung des *Vitruv*[406] durch einen besonderen Anlaß gekommen
sein. Danach hatte *Hieron* aus einer abgewogenen Menge Gold einen
Kranz anfertigen lassen. Als man ihm nun hinterbrachte, daß ein Teil
des Goldes unterschlagen und durch Silber ersetzt worden sei, wurde
*Archimedes* zu Rate gezogen, um den Betrug nachzuweisen. »Dieser,
eifrig damit beschäftigt,« fährt *Vitruv* fort, »kam zufällig in ein
Bad. Als er dort in die gefüllte Wanne stieg, bemerkte er, daß das
Wasser in gleichem Maße austrat, in welchem er seinen Körper in die
Wanne niederließ. Sobald er auf den Grund dieser Erscheinung gekommen
war, verweilte er nicht länger, sondern sprang, von Freude getrieben,
aus dem Bad und rief, nackend seinem Hause zulaufend, mit lauter
Stimme: Εὕρηκα! εὕρηκα! (Ich habe es gefunden!).«

Die Lösung des von *Hieron* gestellten Problems, der sogenannten
Kronenrechnung, erzählt *Vitruv* mit folgenden Worten: »Dann soll
*Archimedes*, von jener Entdeckung ausgehend, zwei Klumpen von
demselben Gewicht, das der Kranz besaß, den einen von Gold, den andern
von Silber, hergestellt haben. Hierauf füllte er ein weites Gefäß bis
zum obersten Rande mit Wasser und senkte dann den Silberklumpen hinein,
worauf das Wasser in gleichem Maße ausfloß, wie der Klumpen in das
Gefäß getaucht wurde. Nachdem er den Klumpen wieder herausgenommen
hatte, füllte er das Wasser um so viel wieder auf, als es weniger
geworden war, und maß dabei die zugegebene Menge. Daraus ergab sich,
welches Gewicht Silber einem bestimmten Rauminhalt Wasser entspricht.
Nachdem er dies erforscht hatte, senkte er den Goldklumpen in das volle
Gefäß und füllte das verdrängte Wasser vermittelst eines Hohlmaßes
nach. Es ergab sich, daß diesmal von dem Wasser um soviel weniger
abgeflossen war, wie der Goldklumpen einen minder großen Rauminhalt
besaß als ein Silberklumpen von gleichem Gewicht. Nachdem er hierauf
das Gefäß abermals gefüllt und den Kranz selbst in das Wasser
gesenkt hatte, fand er, daß mehr Wasser bei dem Kranze als bei dem
gleichschweren Goldklumpen abfloß, und entzifferte aus dem, was mehr
bei dem Kranze abfloß, die Beimischung an Silber und machte so die
Unterschlagung offenbar.«

Im weiteren Verlaufe seiner Abhandlung über das Schwimmen untersucht
*Archimedes* die Stabilität gewisser schwimmender Körper, wie des
Kugelabschnitts und des parabolischen Konoids, wobei es ihm offenbar
mehr auf eine Betätigung seines mathematischen Geschicks als auf eine
Bereicherung der Mechanik ankam.

Auch mit Schwerpunktsbestimmungen befaßte sich *Archimedes*. So war
ihm bekannt, daß der Punkt, in welchem sich zwei Seitenhalbierende
treffen, der Schwerpunkt des Dreiecks ist. Überhaupt erweisen sich die
mathematischen Hilfsmittel des *Archimedes* den ihn beschäftigenden
mechanischen Problemen gegenüber als der überlegene Teil, während in
der neueren Periode mitunter das umgekehrte Verhältnis obwaltete, so
daß der von *Leibniz* herrührende Ausspruch: »Wer in die Werke des
*Archimedes* eindringt, wird die Entdeckungen der Neueren weniger
bewundern« wohl gerechtfertigt erscheint.


Fortschritte der Optik und Akustik.

Durch die bedeutenden Fortschritte der Mathematik wurden vor allem die
Physik, die Astronomie und die mathematische Geographie gefördert.
Die ältesten Ansichten über den Schall und über das Licht haben
wir bei den Pythagoreern und bei *Aristoteles* kennen gelernt. Den
Alexandrinern, die ja besonders zur Zusammenfassung des Wissens
neigten, verdanken wir die erste zusammenfassende Bearbeitung der
Optik. Diese Bearbeitung wird dem *Euklid* zugeschrieben. Sie erfolgte
in zwei Büchern, der »Optik« und der »Katoptrik«, und ist wohl der
erste Versuch, die Geometrie, unter Benutzung des Satzes von der
geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes und des Reflexionsgesetzes, auf
die Erklärung der scheinbaren Größe, der Gestalt, der Spiegelung und
anderer optischen Erscheinungen anzuwenden[407]. Von Interesse ist
der Satz[408], daß »von Hohlspiegeln, welche gegen die Sonne gehalten
werden, Feuer erzeugt wird«. Doch wird irrtümlich behauptet, die
Entzündung erfolge im Krümmungsmittelpunkt.

[Illustration: Abb. 18. Das Verhalten des Hohlspiegels nach
Euklid[410].]

*Euklid* sucht dies geometrisch durch obige Figur[409] (Abb. 18)
darzutun und bemerkt zu seiner Konstruktion: »Alle Strahlen, die
von der Sonne (Δ Ε Ζ) aus durch das Zentrum Θ des Spiegels (Α Β Γ)
gehen, fallen in das Zentrum Θ zurück. Durch diese Strahlen wird
daher im Zentrum die Sonnenwärme gesammelt und infolgedessen ein dort
befindlicher Körper entzündet.« Die Annahme, daß die Sonnenstrahlen
parallel in den Hohlspiegel fallen, hätte *Euklid* zur Auffindung des
richtigen Verhältnisses leiten müssen. Den Irrtum *Euklids* erkannte
schon *Apollonios*[411].

Die Spiegelung an Konkav- und Konvexspiegeln wird von *Euklid* dahin
erläutert, daß an ihnen, wie an ebenen Spiegeln, die Strahlen unter
gleichen Winkeln zurückgeworfen werden. Zur Erläuterung dient folgende
Abbildung[412]. Auch mit einem der bekanntesten Versuche über die
Brechung des Lichtes war *Euklid* schon vertraut. Er berichtet darüber
mit folgenden Worten[413]: »Legt man einen Gegenstand auf den Boden
eines Gefäßes und schiebt letzteres so weit zurück, daß der Gegenstand
eben verschwindet, so wird dieser wieder sichtbar, wenn wir Wasser in
das Gefäß gießen.«

[Illustration: Abb. 19. Die Spiegelung an einem Konkav- (links) und an
einem Konvex-Spiegel (rechts) nach der Darstellung Euklids.]

Wie die Geometrie von gewissen Grundsätzen ausgeht, die sich auf
wenige Axiome zurückführen lassen, so geht auch die Optik *Euklids*
von einer Anzahl -- es sind acht -- Grunderfahrungen aus, aus denen
*Euklid* seine Theoreme durch geometrische Konstruktion ableitet. Die
wichtigsten der von *Euklid* hervorgehobenen optischen Grundtatsachen
sind die folgenden: Die Lichtstrahlen[414] sind gerade Linien. Die
von den Strahlen eingeschlossene Figur ist ein Kegel, dessen Spitze
im Auge liegt, während der Grundfläche dieses Kegels die Umgrenzung
des gesehenen Gegenstandes entspricht. Unter größerem Winkel gesehene
Gegenstände erscheinen größer als unter kleinerem Winkel gesehene,
oder die scheinbare Größe eines Gegenstandes hängt von dem Sehwinkel ab.

Auch in der Katoptrik wird von bestimmten Erfahrungssätzen -- es sind
deren 7 -- ausgegangen. Aus ihnen werden etwa 30 Theoreme abgeleitet.

Höchstwahrscheinlich sind die optischen Schriften *Euklids* in sehr
verdorbener Gestalt auf uns gekommen. Sie waren indes trotz mancher
Mängel und Unrichtigkeiten bis zur Zeit *Keplers*, der die Optik um ein
Bedeutendes förderte, allgemein im Gebrauch.

Auch mit akustischen Problemen hat man sich in Alexandrien befaßt.
Hatten die Pythagoreer die Erscheinung der Konsonanz und Dissonanz von
Tönen einfach als Tatsache hingenommen, so finden wir bei *Euklid* zum
ersten Male das Bestreben, sich von der Ursache dieser merkwürdigen
Erscheinung Rechenschaft zu geben. Dissonanz ist für ihn die
Unfähigkeit der Töne, sich zu mischen, wodurch der Klang für das Gehör
rauh werde, während konsonierende Töne sich zu mischen vermöchten.
*Euklid* kommt damit vorahnend der später gegebenen Erklärung nahe[415].


Die Grundlagen der wissenschaftlichen Erdkunde.

Im engsten Zusammenhange mit dem Fortschreiten der gesamten
Kultur, der politischen Entwicklung und den übrigen Wissenschaften
erreichte in diesem Zeitalter die Erdkunde eine Höhe, die sie bis
zum Beginn der Neuzeit nicht überschritten hat. Vor allem kommt für
das alexandrinische Zeitalter in Betracht, daß das Verkehrs- und
Nachrichtenwesen den damaligen Gelehrten schon ausgedehnte Reisen
und weitreichende Erkundigungen gestattete. Die Bekanntschaft mit
dem fernen Osten wurde der wissenschaftlichen Erdkunde durch den
Alexanderzug erschlossen. Daß die auf diesem Zuge gesammelten
Erfahrungen die Grundlagen der Pflanzengeographie entstehen ließen,
haben wir schon an früherer Stelle gesehen. Afrika wurde seit der
Ptolemäerzeit immer weiter von Ägypten aus erschlossen. Nach Norden
hatte sich der geographische Gesichtskreis fast bis zum Lande der
Mitternachtssonne erweitert.

Mit den nördlichen Ländern Europas wurde das Altertum besonders durch
die Reisen des Massiliers *Pytheas*, eines Zeitgenossen *Alexanders*
des Großen, bekannt. *Pytheas* unternahm eine Forschungsreise bis zur
Nordspitze Britanniens. Die frühere Annahme, er sei bis nach Island
vorgedrungen, hat man nicht aufrechterhalten können. Jedenfalls
brachte er aber Kunde von der Erscheinung, daß im hohen Norden in
der Mittsommerzeit die Sonne nicht untergehe. Im Zusammenhange damit
erwähnt er das sagenhafte Thule[416].

Der geographische Gesichtskreis der Alten hat sich also von der
südlichen Halbkugel bis zum nördlichen Polarkreis erstreckt[417].
Die Ergebnisse der alten Forschungsreisen waren besonders wertvoll,
wo es sich, wie bei *Pytheas*, um einen Mann handelte, der mit
physikalischen und astronomischen Kenntnissen ausgerüstet war. Leider
sind eigene Schriften von *Pytheas* nicht erhalten und die von ihm
gewonnenen Ergebnisse nur zum geringen Teil durch Fragmente bei anderen
Schriftstellern bekanntgeworden[418].

Verarbeitet wurde das reiche, durch die Züge *Alexanders* und durch
Entdeckungsreisen gleich derjenigen des *Pytheas* gewonnene Material
durch *Dikaiarchos*, einen Schüler des *Aristoteles*, und etwa ein
halbes Jahrhundert später am umfassendsten durch *Eratosthenes*.
*Dikäarch* schätzte die Breite der den Alten bekannten Welt von Meroë
bis zum Polarkreis auf 40000 Stadien. (Die Länge des attischen Stadiums
belief sich auf 177,6 Meter.) Die Längenausdehnung von den Säulen des
Herkules (der Straße von Gibraltar) bis zur Mündung des Ganges wurde
von ihm auf 60000 Stadien veranschlagt[419].

Nach *Dikäarch* (350-290) sollten die Säulen des Herkules, die Straße
von Messina, die peloponnesische Halbinsel, die Südküste Kleinasiens
und Indien auf dem nämlichen Breitenkreise liegen und dieser sollte
die Ökumene, d. h. den als bewohnt angenommenen Teil der Erde, etwa
halbieren. Die Orientierungsfehler, die *Dikäarch* bei der Feststellung
dieser Linie beging, waren also nicht unerheblich.

Von *Dikäarch* rühren auch die ersten Höhenbestimmungen her, die über
bloße Schätzungen hinausgingen. Anfangs hatten die Alten übertriebene
Vorstellungen von der Höhe der Gebirge. So ließ *Aristoteles* die
Höhen des Kaukasusgebirges noch 4 Stunden, nachdem die Sonne für den
Fuß des Gebirges untergegangen war, in ihrem Lichte glänzen, und
*Plinius* schätzte die Alpen zehnmal zu hoch[420]. Er hätte eine solche
Übertreibung vermeiden können, wenn er die Werte mehr beachtet hätte,
die *Dikäarch* und nach ihm *Eratosthenes* schon für bedeutende Höhen
ermittelt hatte. So bestimmte *Dikäarch* die Höhe des Pelion (1620
Meter) und die Höhe von Akrokorinth (575 Meter) annähernd richtig. Als
allgemeines Ergebnis hob er schon hervor, daß solche Werte im Vergleich
zum Durchmesser der Erde verschwindend klein seien. *Dikäarch* ist wohl
als der Begründer der mathematischen Erdkunde bezeichnet worden[421].
Dieser Ehrentitel bleibt indessen besser dem etwa ein halbes
Jahrhundert nach ihm lebenden *Eratosthenes* vorbehalten.

*Eratosthenes* wurde 275 v. Chr. in Kyrene geboren. *Ptolemäos III
Euergetes* berief ihn nach Alexandria und ernannte ihn zum Bibliothekar
der großen alexandrinischen Bibliothek. Des *Eratosthenes* Hauptwerk
war seine »Erdbeschreibung«, das erste wissenschaftliche Werk über
Geographie, das indes nur aus Bruchstücken bei *Strabon* bekannt
ist[422]. Es zerfiel in drei Bücher. Das erste handelte von der
physikalischen, das zweite von der mathematischen Geographie, während
das dritte die Chorographie, d. h. die Beschreibung der einzelnen
Länder, enthielt. Außerdem hat *Eratosthenes* auch auf den Gebieten der
Astronomie Hervorragendes geleistet. Vorhanden ist ferner ein Brief,
in dem er sich mit dem berühmten delischen Problem der Verdoppelung
des Würfels beschäftigt. Auch eine Regel zur Auffindung der Primzahlen
rührt von ihm her. Im Jahre 220 v. Chr. soll *Eratosthenes* in
Alexandrien Armillen[423] aufgestellt und damit den Abstand der
Wendekreise zu 11/83 des Kreisumfanges, das sind 47,7 Bogengrade,
ermittelt haben.

Nachdem man erkannt hatte, daß die Erde die Gestalt einer Kugel
besitzt, lag der Gedanke nahe, die Größe dieser Kugel zu bestimmen. Der
Ruhm, den richtigen Weg zu einer solchen Messung eingeschlagen und auf
ihm ein, im Verhältnis zu den vorhandenen Mitteln annähernd richtiges,
Ergebnis gefunden zu haben, gebührt gleichfalls dem *Eratosthenes*[424].

Bei größerer Ausdehnung der Reisen mußte es den Alten auffallen, daß
die täglichen Kreise, welche bekannte Sterne beschreiben, nicht überall
die gleiche Neigung zur Ebene des Horizontes besitzen. Insbesondere
konnte ihnen dies nicht lange bezüglich der Sonne verborgen bleiben. So
wußte *Eratosthenes*, daß dies Gestirn zur Zeit der Sommersonnenwende
im südlichen Ägypten mittags durch den Zenit geht, während es in
Alexandrien an diesem Tage einen südlich vom Zenit gelegenen Punkt
durchläuft. Infolgedessen zeigte der Gnomon an dem Mittag jenes Tages
in Syene[425] keinen Schatten. Anknüpfend an diese, ihm bekannte
Tatsache, ging *Eratosthenes* bei der Lösung seiner Aufgabe von einigen
Voraussetzungen aus, die zwar nicht ganz zutreffend sind, der Wahrheit
aber doch so nahe kommen, daß bei dem nur rohen Verfahren, um das es
sich hier handelt, das Ergebnis dadurch nicht wesentlich beeinflußt
wird. Zunächst war dies die Annahme, daß die Erde eine vollkommene
Kugel sei. Ferner, daß die genannten Städte auf demselben Meridian
gelegen seien, während sie in Wahrheit einen Längenunterschied von
mehreren Graden[426] aufweisen.

[Illustration: Abb. 20. Das zum Messen der Sonnenhöhe dienende
Instrument der Alten[427].]

In A (Abb. 20) befindet sich das Instrument, das die Alten bei der
Bestimmung der Sonnenhöhe gewöhnlich benutzten. Es war dies eine
halbkugelige Höhlung, aus deren Mitte sich ein Gnomon (GC) erhob.
Dieses Werkzeug wurde so aufgestellt, daß der Gnomon senkrecht zum
Horizonte stand, also die Verlängerung des Erdradius bildete. Der
Winkel EDA (Abb. 21) ließ sich auf einer Gradeinteilung ablesen.
Er war gleich dem zu messenden Bogen AB des Meridians (siehe Abb.
21). *Eratosthenes* fand nun EDA gleich 1/50 des Kreisumfanges oder
gleich 7° 12'. Er schätzte ferner die Strecke Syene-Alexandrien auf
5000 Stadien. Genauere Landesvermessungen gab es nämlich nur für das
untere Ägypten, so daß *Eratosthenes* auf die Angabe von Reisenden
angewiesen war, welche die Entfernungen in Tagesmärschen aufgezeichnet
hatten[428]. Der Umfang der Erde ergab sich somit gleich 5000 × 50 =
250000 Stadien, eine Größe, die sich in heutigem Maße auf etwa 45000
Kilometer beläuft, während der wahre Wert 40000 Kilometer beträgt[429].
Diese wissenschaftliche Tat des *Eratosthenes* erregte die Bewunderung
des Altertums, das nur in den besprochenen Messungen des *Aristarch*
etwas Ähnliches aufzuweisen hatte.

[Illustration: Abb. 21. Die Gradmessung des Eratosthenes.]

Das Nächstliegende wäre nun gewesen, die Gradmessung auf einem nicht
lediglich abgeschätzten, sondern genauer gemessenen Teil des Meridians
zu wiederholen. Eine solche Untersuchung gelangte jedoch erst viel
später zur Ausführung.

Wie *Dikäarch*, so hat auch *Eratosthenes* die Messung der
Erdoberfläche durch die Bestimmung der sie überragenden Höhen zu
ergänzen gesucht. *Eratosthenes* verfuhr dabei wie *Dikäarch* auf
trigonometrischem Wege und gelangte zu dem Ergebnis, daß es sich bei
den höchsten von ihm gemessenen Berghöhen um Werte von etwa 10 Stadien
handele.


Die Anfänge der heliozentrischen Lehre.

Daß schon während der ersten Periode der alexandrinischen Akademie
die Astronomie zur Wissenschaft heranreifte, indem sie sich von der
Spekulation der messenden Beobachtung zuwandte, ersehen wir vor allem
aus den im dritten vorchristlichen Jahrhundert entstandenen Arbeiten
der Alexandriner *Aristyllos* und *Timocharis*, sowie des mit der
alexandrinischen Schule in enger Fühlung stehenden *Aristarchos*
von Samos. Dem letzteren gebührt das Verdienst, die heliozentrische
Theorie in voller Klarheit entwickelt zu haben. Daran, daß die Erde im
Mittelpunkt der Welt ruhe, haben zuerst die Pythagoreer gezweifelt.
Unter ihnen entwickelte *Philolaos* eine Theorie[430], nach der sich
die Erde innerhalb eines Tages um ein Zentralfeuer drehe. Auf diese
Weise wurde die tägliche Bewegung des Himmels als eine nur scheinbare
erklärt. Sobald man das Zentralfeuer in die Mitte der Erdkugel
verlegte, hatte man den einen Bestandteil der koppernikanischen
Lehre, nämlich die Drehung unseres Weltkörpers um seine Achse, schon
vorweggenommen.

Der Kern dieser Lehre, die Umlaufsbewegung der Erde und der übrigen
Planeten um die Sonne, läßt sich heute in seiner allmählichen
Entwicklung zurückverfolgen. Den Ausgang bilden die Beobachtungen an
Venus und Merkur. Sie führten, wie wir sahen[431], zu der Lehre des
*Herakleides Pontikos*, nach welcher diese Himmelskörper um die Sonne
kreisen. Von dieser Lehre, die früher wohl den Ägyptern zugeschrieben
wurde, hat *Koppernikus* nach seinen eigenen Worten sehr wohl gewußt.
Von hier aus konnte man leicht zu einer richtigen Auffassung des
Weltsystems gelangen, wenn man die Sonne als Mittelpunkt der Bahnen
auch der übrigen Planeten betrachtete. Sieht man von den heute schwer
sicherzustellenden Spekulationen der Pythagoreer ab, so war es vor
allem *Aristarch*, der die heliozentrische Weltansicht mit voller
Klarheit aussprach. Ihn soll die Überzeugung, daß die Sonne weit
größer als die Erde und der Mond sei, zur Aufstellung seines Systems
geführt haben. Auch ohne eine Kenntnis der Gesetze der Dynamik
fühlte *Aristarch* sozusagen durch, daß es ungereimt sei, den Umlauf
eines gewaltigen Weltkörpers um einen im Verhältnis winzig kleinen
anzunehmen. *Koppernikus* fügte zu diesem Grund noch den hinzu, daß die
Sonne als Leuchte der Welt auch in deren Mitte gehöre[432].

Bis zum Ende der ersten, etwa bis *Aristoteles* reichenden Periode der
griechischen Astronomie hatte die Spekulation überwuchert. Zum Glück
traten jedoch in der alexandrinischen Schule, und im Zusammenhange
mit dieser, Männer auf, die sich mit nüchternem Sinne der Erforschung
der Himmelserscheinungen zuwandten. Die Astronomie ging damit von den
durch mangelhafte Beobachtung gestützten Philosophemen zum messenden
Verfahren über und erhob sich dadurch auf die Stufe einer Wissenschaft
im strengen Sinne des Wortes. Als diejenigen unter den Griechen, die
zuerst diesen Weg beschritten haben, sind die Alexandriner *Aristyll*
und *Timocharis* und vor allem der schon erwähnte *Aristarch* von Samos
zu nennen. Mit der Forschertätigkeit dieser Männer heben zwei Probleme
an, die seitdem den menschlichen Geist beschäftigt haben und mit immer
größerer Schärfe ihrer Lösung zugeführt worden sind. Es sind dies die
Topographie des Fixsternhimmels, d. h. die genaue Bestimmung möglichst
vieler Sternörter, sowie die Ermittelung der Abmessungen der Erde und
unseres Planetensystems, zunächst der Entfernung der Sonne und des
Mondes. In welchem Maße die Ägypter und ganz besonders die Chaldäer
den alexandrinischen Astronomen durch das Sammeln eines reichen, sich
über lange Zeiträume erstreckenden Beobachtungsmaterials vorgearbeitet
hatten, wurde an früherer Stelle dargetan.

*Aristyll* und *Timocharis*, die ihre Beobachtungen um das Jahr 300 v.
Chr. anstellten, bedienten sich der Armillen, d. h. geteilter Kreise,
von denen der eine in der Ebene des Äquators lag, während der andere
um die Weltachse gedreht werden konnte. Mit Hilfe dieses Apparates
bestimmten sie die Lage einzelner Sterne, indem sie ihre Deklination
oder den Bogenabstand vom Äquator bis auf Bruchteile von Graden
ermittelten und gleichzeitig den Ort der Sterne auf den Frühlingspunkt
bezogen. Das von ihnen herrührende Verzeichnis, das bis auf wenige
Angaben verlorengegangen ist, gab 170 Jahre später *Hipparch* die
Möglichkeit, das Vorrücken der Nachtgleichen zu entdecken[433].
*Timocharis* bediente sich bei seinen astronomischen Beobachtungen auch
der Stundenangaben. Die (babylonische) Zwölfteilung des Tages läßt sich
bei den Griechen nicht vor *Alexander* dem Großen nachweisen[434].
Vorher richtete man sich im praktischen Leben nach der Länge des
eigenen Schattens und verabredete z. B. eine Zusammenkunft für die
Tageszeit, wann der Schatten 6 oder 8 Fuß lang sei.

[Illustration: Abb. 22. Aristarchs Verfahren, die Entfernung des Mondes
und der Sonne zu bestimmen.]

Über die Größenverhältnisse des Planetensystems hat *Aristarch* die
ersten Untersuchungen angestellt. Er war ohne Zweifel einer der
bedeutendsten Astronomen seiner Zeit. Von seinem Leben ist indessen
keine nähere Kunde auf uns gelangt. *Aristarch* wurde um das Jahr
270 v. Chr. in Samos geboren. Das einzige, was von seinen Schriften
erhalten blieb, sind Teile einer Abhandlung, die von der Größe und
den Entfernungen des Mondes und der Sonne handelt[435]. Die Abstände
dieser Weltkörper von der Erde verhalten sich nach *Aristarch* etwa wie
1 : 19, während das wahre Verhältnis annähernd 1 : 400 ist. Zu seinem
Ergebnis gelangte *Aristarch* durch folgende Überlegung. Erscheint von
einem Punkte E der Erde (siehe Abb. 22) der Mond genau zur Hälfte von
der Sonne beleuchtet, so bildet jener Punkt E mit den Mittelpunkten
des Mondes und der Sonne ein rechtwinkliges Dreieck, in welchem der
Abstand des Mondes eine Kathete (ME) und die Entfernung der Sonne die
Hypotenuse (ES) ist. Der Winkel bei E mißt nun nach *Aristarch* 87°,
während er in Wahrheit viel weniger von einem Rechten abweicht und
sich auf 89° 50' beläuft. Das gesuchte Verhältnis, das *Aristarch* auf
mühsame Weise in die Grenzen 1 : 18 und 1 : 20 einschloß, ist gleich
dem Cosinus des Winkels bei E, unter dem beide Weltkörper in dem
angegebenen Falle von der Erde aus gesehen werden (EM : ES, siehe Abb.
22).

Auch die Raumverhältnisse der Weltkörper berechnete *Aristarch*. So
fand er, daß der Mond etwa 25 (statt 48) mal so klein, die Sonne
dagegen 300 (statt 1300000) mal so groß wie die Erde sei[436].

Der Weg, auf dem *Aristarch* seine Aufgabe zu lösen suchte, ist,
theoretisch genommen, zwar richtig. Daß sich trotzdem ein Resultat
ergab, das von dem heute gültigen Wert in solch erheblichem Maße
abwich, ist aus mehreren Umständen zu erklären. Einmal war man zu
jener Zeit noch nicht imstande, solch kleine Winkelunterschiede wie
diejenigen, um die es sich hier handelt, zu messen. Zum andern aber
besitzt die gesuchte Grenze zwischen dem beleuchteten und dem dunklen
Teile des Mondes keine hinlängliche Schärfe. Immerhin verdiente
*Aristarch* in vollem Maße die Anerkennung, die ihm das Altertum
dieser Bestimmung wegen zollte. Daß *Aristarch* die heliozentrische
Theorie 1-1/2 Jahrtausende vor *Koppernikus* klar aussprach, geht auch
aus einer Äußerung des *Archimedes* hervor. Sie lautet: »*Aristarch*
gelangt zu der Annahme, die Fixsterne samt der Sonne seien unbeweglich.
Die Erde aber werde in einer Kreislinie um die Sonne, die in der Mitte
der Erdbahn stehe, herumgeführt[437].«

Zu den Vorläufern des *Koppernikus* ist auch der Pythagoreer *Niketas*
zu rechnen. Auf ihn führt *Koppernikus* selbst die Anregung zurück,
die ihn veranlaßte, den geozentrischen Standpunkt aufzugeben. Von der
Lehre des *Niketas* gibt uns eine kurze Bemerkung Kunde, die sich bei
*Cicero* findet und auf die sich später *Koppernikus* berufen hat. Sie
lautet: »*Niketas* aus Syrakus nimmt an, wie *Theophrast* erzählt, daß
der Himmel, die Sonne, der Mond und die Sterne stillstehen, und daß
sich außer der Erde nichts im Weltall bewegt. Die Erde dreht sich um
eine Achse. Dadurch scheint sich der Himmel zu bewegen.« Ohne Zweifel
ist dies ein deutliches Zeugnis dafür, daß man im frühen Altertum, wenn
auch nur vereinzelt, den Versuch gemacht hat, die scheinbare tägliche
Umdrehung des Himmels aus einer Rotation der Erde zu erklären. Auch auf
*Plutarch* konnte sich *Koppernikus* berufen, da *Plutarch* in seiner
Schrift »Von den Meinungen der Philosophen« die astronomischen Lehren
des *Philolaos* und des *Herakleides Pontikos* erwähnt sowie an anderer
Stelle auch auf die Ansichten *Aristarchs* bezug genommen hat.


Fortschritte der messenden Astronomie.

Die bedeutendste Förderung während des vorchristlichen Abschnittes des
alexandrinischen Zeitalters erfuhr die Astronomie durch *Hipparch*.
Seine wissenschaftliche Tätigkeit fällt etwa in die Zeit von 160-125
v. Chr. Von seinem Leben ist wenig bekannt. Er lebte in Rhodos,
hielt sich wahrscheinlich aber auch in Ägypten auf[438]. *Hipparch*
erleichterte die Arbeit des Astronomen vor allem dadurch, daß er als
trigonometrisches Hilfsmittel eine Sehnentafel schuf. Sie enthielt für
die Winkel im Kreise den Wert der zugehörigen Sehnen, in Teilen des
Halbmessers ausgedrückt. Die Berechnung war sehr mühsam. Sie geschah,
indem man von den Sehnen der Winkel 120°, 90°, 72°, 60°, 36° ausging.
Diese Sehnen ließen sich als Seiten des regelmäßigen 3-, 4-, 5-, 6-
und 10-Ecks leicht in Teilen des Radius ausdrücken. Mit Hilfe des
Pythagoreischen Lehrsatzes und eines Hilfssatzes bestimmte man dann
die Sehnen von halben Bogen, sowie die Sehnen von Bogensummen und
Bogendifferenzen und gelangte so zu einer Tafel von zahlreichen Bogen
nebst den entsprechenden Sehnen. Anfangs wies diese Tafel bedeutende
Lücken auf, die man indessen durch Interpolation nach und nach
ausfüllte. Erst von *Ptolemäos* wurden die Sehnen aller Winkel, nach
halben Graden fortschreitend, mit hinreichender Genauigkeit bestimmt.
Seine Tafel, die einen wesentlichen Teil des 1-1/2 Jahrtausende die
Astronomie beherrschenden *Ptolemäi*schen Werkes ausmachte, hat während
jenes langen Zeitraumes den Astronomen an Stelle unserer heutigen
trigonometrischen Tabellen große Dienste geleistet.

*Ptolemäos* teilte den Radius in 60 Teile und führte diese Teilung
sexagesimal weiter. Die Sehnen wurden dann für die verschiedenen
Winkel in Sechzigsteln des Radius ausgedrückt. So wurden feststehende
Verhältnisse gewonnen, da die absolute Größe des Radius und der Sehnen
nicht in Betracht kam. Es kam auch vor, daß *Ptolemäos* mitunter statt
der ganzen die halben Sehnen benutzte, doch blieb die konsequente
Durchführung dieser Maßregel, die ja die Einführung der Sinusfunktion
bedeutet haben würde, den Indern vorbehalten.

Die Trigonometrie beschränkte sich bei den Alten auf das rechtwinklige
Dreieck. Die Ausdehnung der trigonometrischen Funktionen auf Winkel von
90°-180° erfolgte erst durch die Araber, die auch die Trigonometrie
des schiefwinkligen Dreiecks begründeten[439]. Kamen solche Dreiecke
für die alten Astronomen in Betracht, so wurden sie in rechtwinklige
Dreiecke, die man berechnen konnte, zerlegt.

Aus den Fortschritten, welche die Mathematik im alexandrinischen
Zeitalter erfuhr, zog unter allen Wissenschaften die Astronomie auch
weiterhin den größten Nutzen. Es begann für sie die Periode der
systematischen, messenden Beobachtungen. Und wenn das Ergebnis auch
noch nicht in der allgemeinen Annahme des wahren Weltsystems bestand,
so gelangte man doch zur klaren Auffassung vieler, nur vermöge exakter
Messung wahrnehmbarer Erscheinungen. Vor allem ist hier *Hipparch*
zu nennen, der für die Astronomie dieselbe Bedeutung besitzt, die
*Aristoteles* hinsichtlich der Zoologie und *Archimedes* in bezug auf
die Mechanik zugeschrieben werden muß.

Während der ersten Entwicklungsstadien der Astronomie hatte man sich
darauf beschränkt, die Stellung der wichtigeren Fixsterne dadurch
festzulegen, daß man am Himmel gewisse Figuren einzeichnete. Mitunter
brachten diese Sternbilder auch äußerliche Ähnlichkeiten zum Ausdruck,
wie z. B. beim Wagen.

In die Blütezeit der alexandrinischen Schule fällt nun der Versuch
einer genaueren, durch Winkelmessung ermittelten Ortsbestimmung der
wichtigsten Fixsterne. Man bezog ihre Stellungen auf die Punkte, in
denen die Ekliptik den Himmelsäquator schneidet, und bestimmte bei
einer größeren Anzahl auch den Abstand vom Äquator bis auf Teile eines
Grades. Ein solches, von *Aristyll* und *Timocharis* herrührendes
Fixsternverzeichnis, das etwa 150 Angaben umfaßte, befand sich in
den Händen des *Hipparch*, als plötzlich, im Jahre 134 v. Chr., ein
seltenes astronomisches Ereignis, nämlich das Auftreten eines neuen
Sternes erster Größe, eintrat[440]. Bot aber die Fixsternregion, die
*Aristoteles* als den Ort des unwandelbaren Seins bezeichnet hatte,
derartige plötzliche Veränderungen dar, so mußte sich in den Astronomen
der Wunsch nach einer genauen Topographie des Himmels regen, um auf
solche Weise späteren Zeiten eine stete Kontrolle zu ermöglichen. In
den auf jenes Ereignis folgenden Jahren bestimmte deshalb *Hipparch*
etwa tausend Sternörter[441]. *Hipparch* löste dadurch nicht nur die
gestellte Aufgabe, sondern er machte außerdem die wichtige Entdeckung,
daß der Frühlings- und der Herbstpunkt ihre Lage langsam ändern. Für
einen der hervorragendsten Sterne des Tierkreises, die Spica in der
Jungfrau nämlich, ergab sich, daß er 6° vom Herbstpunkte entfernt war,
während der 170 Jahre früher gemessene Abstand 8° betrug. Die Breite
der Fixsterne war dagegen unverändert geblieben. Dieses Vorrücken der
Äquinoktialpunkte[442] glaubte *Hipparch* aus seinen und den älteren
Beobachtungen auf mindestens einen Grad für ein Jahrhundert, also auf
36'' für das Jahr ansetzen zu dürfen, während es in Wahrheit 50''
beträgt.

Die Arbeiten, in denen *Hipparch* von der Präzession der Nachtgleichen
handelt, sind leider bis auf dasjenige, was der »Almagest« darüber
bringt, verlorengegangen. Nach *Tannery* beläuft sich der von
*Hipparch* gefundene Betrag des Vorrückens auf 1° 23' 25'' für das
Jahrhundert[443]. Auf die Entdeckung der Präzession gründet sich
die Vorstellung von einem 26000 Jahre umfassenden Zeitraum (dem
platonischen Jahr), der mit der Lehre von der steten Wiederkehr in
Beziehung gebracht wurde. Auf diese Lehre abzielende Andeutungen
finden sich schon bei *Platon*, später auch bei *Cicero*, *Seneca* und
anderen Schriftstellern des Altertums. Die Vorstellung, daß die Natur
einem regelmäßig wiederkehrenden Wechsel unterliegt, hatte ja auch
manches für sich. Die Kirchenväter verhielten sich jedoch ihr gegenüber
ablehnend, weil sie den christlichen Vorstellungen nicht entsprach.
Unter den Arabern finden sich dagegen wieder Anhänger der Lehre von der
steten Wiederkehr[444].

Auch daß sich die Erde in der Sonnennähe schneller bewegt als in der
Sonnenferne, wurde von *Hipparch* beobachtet, wenn er auch diese
Bewegung auf unser Zentralgestirn übertrug, an dem sie ja scheinbar
vorsichgeht. Da man im Altertum an der aristotelischen Voraussetzung
festhielt, daß die Bewegung der Himmelskörper gleichförmig und in
Kreisen erfolge, so erklärte *Hipparch* die beobachtete Erscheinung aus
der Epizyklentheorie, indem er die Sonne einen Kreis durchlaufen ließ,
dessen Mittelpunkt sich auf einem größeren, um die Erde gespannten
Kreise fortbewegen sollte.

Die genauere Erforschung der scheinbaren Sonnenbewegung führte
*Hipparch* ferner zu der Entdeckung, daß die Länge des Jahres, d.
h. der Zeit zwischen zwei Durchgängen des Sonnenzentrums durch den
Frühlingspunkt, nicht, wie vor ihm angenommen, 365-1/4 Tage beträgt,
sondern daß sie etwas kürzer ist[445].

Eine schärfere Bestimmung der Mond- und der Planetenbewegungen, wie sie
am Himmelsgewölbe vorsichzugehen scheinen, hat *Hipparch* gleichfalls
in Angriff genommen. Die Lösung dieser Aufgabe gelang jedoch erst
mehrere Jahrhunderte später dem *Ptolemäos*, dessen Bedeutung für die
astronomische Wissenschaft späterer Würdigung vorbehalten bleibt.

Auch das durch die Zahlenmystik der Pythagoreer angeregte, schon von
*Aristarch* behandelte Problem, die Entfernungen und die Größe der
Himmelskörper zu bestimmen, beschäftigte *Hipparch*. Behufs der Lösung
dieser Aufgabe führte er den Begriff der Parallaxe ein. Man versteht
darunter den Winkel, unter dem der Erdhalbmesser von dem Gestirne
aus erscheint, dessen Abstand gemessen werden soll. *Hipparchs*
Bestimmungen ergaben für die Entfernung des Mondes 59 Erdhalbmesser.
Dieser Wert kommt der Wahrheit ziemlich nahe[446], während die von
*Hipparch* herrührenden Werte für die Entfernung und die Größe der
Sonne von der Wirklichkeit erheblich abweichen.

Die wichtigsten Lehren der antiken Astronomie wurden nach dem von
*Hipparch* gewonnenen Standpunkte von *Geminos* zusammengestellt.
*Geminos* aus Rhodos lebte um 70 v. Chr. in Rom. Seine Einführung
in die Astronomie (εἰσαγωγή) wurde 1590 unter dem Titel Elementa
astronomiae herausgegeben[447]. Sie zeugt von großer Sachkunde,
ist frei von allem hergebrachten Aberglauben, kurz, durchaus
wissenschaftlich gehalten. Einen entschieden ablehnenden Standpunkt
nimmt *Geminos* manchen herrschenden Lehren gegenüber ein. So
spricht er sich z. B. dahin aus, daß die Hitze des Sommers nicht
von dem Hundsstern (Sirius) abhänge, sondern in dem Stande der
Sonne ihre Ursache habe. Für *Geminos* liegen ferner die Fixsterne
nicht sämtlich in einer Sphäre. Ihre Entfernung von der Erde werde
wohl sehr verschieden sein. Es fehle uns nur an einem Mittel, diese
Verschiedenheit wahrzunehmen. Das Werk des *Geminos* hat späteren
Zeiten als wertvolle Quelle für die antike Astronomie gedient.


Die Anfänge der wissenschaftlichen Kartographie.

[Illustration: Abb. 23. Breitenbestimmung mit dem Gnomon.]

Die geschilderten Fortschritte der Astronomie trugen dazu bei, daß
auch die Geographie immer mehr einen wissenschaftlichen Grundzug
erhielt. Dies sprach sich vor allem darin aus, daß man sich der
astronomischen Ortsbestimmung zu bedienen anfing. Anfangs waren die
geographischen Karten bloße Itinerarien, d. h. sie wurden auf Grund
der von den Reisenden angegebenen Wegelängen und der eingeschlagenen
Himmelsrichtung entworfen. Während *Eratosthenes* bei seiner
Bearbeitung der Länderkunde sich auf die Angabe der Polhöhe eines Ortes
oder einer Landschaft beschränkte, führte *Hipparch* die Bestimmung
nach geographischer Länge und Breite ein. Um die Breite eines Ortes zu
finden, brauchte man nur die Höhe der Sonne um Mittag während der Zeit
der Tag- und Nachtgleiche zu ermitteln und den so erhaltenen Winkel
von 90° abzuziehen. Dazu bediente man sich des Gnomons. Bei diesen
Messungen, die bis auf 1-2 Bogenminuten genau erfolgten, begingen die
alten Astronomen einen Fehler von 16 Bogenminuten, ein Wert, der dem
Halbmesser der Sonne gleichkommt. Den Ursprung dieses Fehlers erläutert
Abb. 23. Sie läßt erkennen, daß aus dem Schatten als Höhenwinkel der
Winkel BDA resultiert, während die wahre Sonnenhöhe BCA ist[448].
*Hipparch* teilte den Äquator in 360 Grade. Als Anfangsmeridian wählte
er denjenigen, welcher die Insel Rhodos schneidet, da er hier einen
Teil seiner Beobachtungen angestellt hatte. Während die Breite, nachdem
man ihren Zusammenhang mit der Polhöhe erkannt, leicht bestimmt werden
konnte, machte die Feststellung der Länge Schwierigkeiten. Diese
wurden noch im Zeitalter *Newtons* lebhaft empfunden und erst durch
die immer weiter gehende Vervollkommnung der Chronometer gehoben.
Auch *Hipparch* brachte eine Art von chronometrischem Verfahren
in Vorschlag. Unter der Voraussetzung, daß der Eintritt einer
Himmelserscheinung, z. B. der Beginn einer Mondfinsternis, von allen
Bewohnern eines Erdteils in demselben Augenblick gesehen wird, sollte
die Zeit des Eintritts für verschiedene Orte festgestellt und aus dem
Unterschied der Ortszeiten der Unterschied der Längen berechnet werden.

[Illustration: Abb. 24. Stereographische und orthographische
Projektion.]

Für die kartographische Darstellung bediente sich *Hipparch* zur
Abbildung des Himmels der stereographischen[449], zur Abbildung
von Ländern meist der orthographischen Projektion. Bei der ersten
Projektionsart wird eine Ebene zwischen das Auge und die abzubildende
krumme Fläche gebracht. Jeder Strahl, der einen Punkt der letzteren mit
dem Auge verbindet, schneidet jene Ebene. Infolgedessen projizieren
sich die Punkte der krummen Fläche in der Weise auf die Ebene, daß
das Auge von dem Bilde auf der Ebene denselben Eindruck bekommt, den
es von der krummen Fläche, z. B. der Halbkugel des Himmels, erhält.
Bei der orthographischen Projektion dagegen wird von jedem Punkte der
darzustellenden krummen Fläche eine Senkrechte auf die Projektionsebene
gefällt. Das Bild auf dieser macht also den Eindruck, den die krumme
Fläche einem weit entfernten Auge bietet.


Die Begründung einer Physik der Gase und der Flüssigkeiten.

Während die Astronomie und die Geographie sich mächtig entwickelten
und im 2. Jahrhundert nach dem Beginn der christlichen Zeitrechnung
innerhalb derselben alexandrinischen Akademie durch *Ptolemäos* eine
zweite Blütezeit erlebten, schien die wissenschaftliche Mechanik nach
den hoffnungsvollen Anfängen, die man dem *Archimedes* verdankte, zum
Stillstande verurteilt zu sein, obgleich sich auch diese Wissenschaft
für die Anwendung des durch die Mathematik gebotenen, deduktiven
Verfahrens so sehr eignete. Abgesehen von der Schwerpunktsbestimmung
körperlicher Gebilde -- *Archimedes* hatte sich hierbei auf Flächen
beschränkt -- machte die theoretische Mechanik kaum wesentliche
Fortschritte. Jene Bestimmungen rühren von *Pappos* von Alexandrien
her, der im 4. nachchristlichen Jahrhundert lebte und somit einer
späteren Periode angehört.

*Pappos* befaßte sich nach dem Vorbilde des *Archimedes* auch mit der
Untersuchung von Rotationskörpern und kam dabei auf einen wichtigen
allgemeinen Satz, der später unter dem Namen der *Guldin*schen Regel
bekannt geworden ist. *Pappos* fand nämlich, daß der Inhalt eines
Rotationskörpers aus der Fläche der sich drehenden Figur und dem von
ihrem Schwerpunkt beschriebenen Kreise berechnet werden kann. Diese
Regel wurde im Laufe der Jahrhunderte vergessen und von *Guldin*
(1577-1643), nach dem sie heute die *Guldin*sche Regel genannt wird,
von neuem gefunden.

Weit mehr als um die Fortbildung der theoretischen hat man sich während
der alexandrinischen Zeit um die der praktischen Mechanik bemüht. Man
versah z. B. die Wasseruhren mit einer Zeigervorrichtung und erfand
die Feuerspritze[450]. Diese besaß, nach einem im 18. Jahrhundert
aufgefundenen, aus der römischen Kaiserzeit herstammenden Exemplar[451]
zu urteilen, schon im Altertum eine im wesentlichen der heutigen
entsprechende Einrichtung. (Abb. 25.)

Auch gewann man damals einige Kenntnis von der Natur der Gase und
der Dämpfe. Besonders verdient um dieses Gebiet machte sich *Heron*
von Alexandrien, dessen Name noch heute in einem bekannten Apparat
unserer physikalischen Sammlungen, dem Heronsball, fortlebt[452].
*Herons* Tätigkeit fällt vielleicht um das Jahr 100 v. Chr. Doch ist
die Frage, welchem Zeitalter er eigentlich angehört hat, noch immer
nicht mit Bestimmtheit gelöst. Näheres über diese »Heronische Frage«
enthält die Einleitung der unten erwähnten Ausgabe der Werke *Herons*
(s. S. 192 Anm. 4). Sein Verdienst bestand darin, daß er zahlreiche
Erfindungen der alten Physiker und Techniker zusammenstellte und
dadurch die Entwicklung, welche die Physik seit dem 16. Jahrhundert
nahm, in hohem Grade befruchtete. Von eigenen Erfindungen *Herons* ist
in seinen Schriften kaum die Rede. Seine »Pneumatik« ist das erste auf
uns gelangte Werk[453], das sich mit Versuchen über die Eigenschaften
der Luft und der gespannten Dämpfe beschäftigt. Daß *Heron* auf diesem
Gebiete zahlreiche Vorgänger besaß, ist daraus ersichtlich, daß er
seine »Pneumatik« mit folgenden Worten beginnt: »Die Beschäftigung mit
Luft- und Wasserkünsten ist von den alten Philosophen und Mathematikern
hoch geschätzt worden. Es ist daher notwendig, das seit alters darüber
Bekannte in gehörige Ordnung zu bringen ...«

[Illustration: Abb. 25. Die Feuerspritze nach Heron.]

Unter den Vorläufern *Herons* ist als einer der frühesten, der uns
bekanntgeworden ist, *Ktesibios* von Alexandrien zu nennen (um 140 v.
Chr.).

Letzterer fand einen Nachahmer in *Philon* von Byzanz. Bei ihm findet
sich schon die Beschreibung des Heronsballs, der also eigentlich als
Philonsball bezeichnet werden müßte[454]. Auch das Thermoskop begegnet
uns schon bei *Philon*[455]. *Philons* »Pneumatik« und *Herons*
»Mechanik« waren bis vor kurzem nur in spärlichen Fragmenten bekannt.
Da entdeckte man, daß arabische Übersetzungen der griechischen Texte
existieren. So wurde man[456] 1894 mit der »Mechanik« *Herons* und 1897
mit der »Pneumatik« des *Philon* von Byzanz bekannt. Die Gesamtausgabe
der Werke *Herons* ist für die Geschichte der Mathematik sowie der
reinen und der angewandten Naturwissenschaften von großer Bedeutung.
Das Automatenwerk *Herons* ist auch kunstgeschichtlich von Wichtigkeit,
da es manchen Aufschluß über die antiken Bühneneinrichtungen gibt[457].
*Heron* beschreibt in seiner »Pneumatik« eine große Anzahl von
Apparaten, welche durch erwärmte Luft oder Dampf in Bewegung gesetzt
werden. Die Abbildungen, von denen wir einige hier wiedergeben, rühren
nicht von *Heron* selbst, sondern von einem späteren Herausgeber
her[458].

Handelt es sich zum Teil auch um physikalische Spielereien, so begegnet
uns doch manches, was den Anstoß zu späteren Erfindungen gegeben
hat. Insbesondere gilt dies von einem Apparat, bei dem der Dampf in
derselben Weise einen Körper in drehende Bewegung versetzt, wie es
das ausströmende Wasser bei den Reaktionsrädern bewirkt. Die Maschine
*Herons* (Abb. 26) besteht aus einem Kessel, von dem zwei senkrechte
Röhren ausgehen. Zwischen ihnen befindet sich eine drehbare Halbkugel
mit zwei Ansätzen, aus welchen der in die Halbkugel geleitete Dampf
in tangentialer Richtung entweicht. Dadurch wird die Kugel in Drehung
versetzt.

[Illustration: Abb. 26. Heron verwendet den Dampf zum Betriebe einer
maschinellen Einrichtung.]

Den nach ihm benannten Ball (s. Abb. 27) beschreibt *Heron* in
folgender Weise: »In die Öffnung eines Gefäßes wird eine Röhre
eingelötet, die fast bis auf den Boden reicht und in eine enge Mündung
ausläuft. Durch eine seitliche Öffnung gießen wir Wasser in das Gefäß.
Darauf blasen wir in diese Öffnung hinein, während wir auf die enge
Mündung der senkrechten Röhre den Finger legen. Schließen wir dann
die seitliche Öffnung und nehmen wir den Finger von der senkrechten
Röhre fort, so wird in ihr das Wasser durch die hineingeblasene,
zusammengepreßte Luft emporgetrieben.«

[Illustration: Abb. 27. Der Heronsball.]

Endlich sei hier noch *Herons* Abbildung des Hebers wiedergegeben (s.
Abb. 28). »Befindet sich«, sagt *Heron* in seiner Erläuterung dieses
Apparates, »die Hebermündung in gleicher Höhe mit dem Wasserspiegel,
so wird der Heber, obgleich er voll Wasser ist, nicht fließen, sondern
gefüllt bleiben. Es ist nämlich, wie bei einer Wage, das Wasser in
diesem Falle im Gleichgewicht, indem es bestrebt ist, auf der Seite
θβ sich zu heben und auf Seite βγ sich zu senken. Ist aber die äußere
Mündung des Hebers niedriger als der Wasserspiegel, so fließt das
Wasser aus, da das in dem Abschnitte κβ befindliche Wasser, das
schwerer ist als das in βθ, letzteres überwältigt und anzieht.«

[Illustration: Abb. 28. Herons Abbildung eines Hebers.]

Was die Natur der Luft betrifft, so meint *Heron*, daß sie aus Teilchen
bestehe, die wie die Körnchen des Sandes durch leere Zwischenräume
getrennt seien. Dies beweise zumal der Umstand, daß sich noch Luft in
eine Kugel zu der darin vorhandenen füllen lasse, was darauf beruhe,
daß die neuen Luftteilchen an Stelle der leeren Räume treten. Wolle man
annehmen, die Luft fülle den vorhandenen Raum ganz aus, so würde eine
Kugel beim Hineinbringen einer weiteren Luftmenge platzen müssen. Gäbe
es keine Vakua, fügt *Heron* noch hinzu, so könnten weder Licht noch
Wärme durch Wasser oder andere Flüssigkeiten dringen. Wenn nämlich die
Flüssigkeit keine Poren hätte, die Strahlen also mit Gewalt ins Wasser
drängen, so müßten volle Gefäße überlaufen[459]. Jeder Körper besteht
deshalb, nach *Heron*, aus kleinen Teilchen und dazwischen befindlichen
leeren Räumen. Ein kontinuierliches Vakuum sei dagegen ohne Mitwirkung
einer äußeren Kraft nicht möglich[460]. Daß die Luft ein Körper ist,
beweist *Heron*, indem er ein leeres Gefäß umgekehrt ins Wasser taucht.
Auch bemerkt er, die Luft habe eine eigentümliche Spannkraft, indem
sie sich, wie ein trockener Schwamm, nach dem Zusammendrücken wieder
ausdehne.

Zu welch überraschenden Kunststücken man diese Kenntnisse zu verwerten
wußte, zeigt uns die, durch nebenstehende Abbildung (29) erläuterte,
auf der Ausdehnung und der Zusammenziehung der Luft beruhende
Vorrichtung.

Wird auf dem Altar E ein Feuer angezündet, so treibt die erwärmte Luft
infolge ihrer Ausdehnung das Wasser, das sich in der Kugel P befindet,
in das aufgehängte, mit einem Drehwerk verbundene Gefäß M. Letzteres
sinkt infolge seiner Gewichtszunahme und öffnet die Tür. Nach dem
Erkalten der Luft strömt das Wasser durch die Röhre L nach P zurück,
und die Tür wird durch das Gegengewicht D geschlossen, während das
Gefäß M in seine frühere Lage zurückkehrt.

[Illustration: Abb. 29. Herons Automat zum Öffnen der Tempel[461].]

Sowohl eine Beschreibung in *Herons* »Pneumatica«, als auch die
archäologischen Funde liefern den Beweis, daß man im späteren Altertum
schon Orgeln mit Klaviaturen besaß, die man wie unsere heutigen Orgeln
und Klaviere benutzte (Abb. 30). Sie wurden durch Wasser betrieben, mit
dessen Hilfe man die Luft in einem Kasten zusammenpreßte (Wasserorgel
oder hydraulus). Eine aus Ton verfertigte Orgel wurde vor einiger Zeit
in Karthago aufgefunden. Sie läßt außer den Einrichtungen, die zur
Herstellung des Luftstromes dienen, drei Reihen von Orgelpfeifen und
eine Klaviatur erkennen[462].

[Illustration: Abb. 30. Wasserorgel oder hydraulus.]

*Heron* bringt ferner eine Beschreibung der Feuerspritze, deren
Rekonstruktion in Abb. 25 wiedergegeben wurde (s. S. 191). Seine
Beschreibung lautet: »Es seien αβγδ und εζηθ zwei bronzene Stiefel,
deren Inneres für zwei Kolben ausgedrechselt ist. Die Kolben müssen
luftdicht in die Stiefel passen. Letztere seien durch das an beiden
Enden offene Rohr ξοδζ miteinander verbunden. Außerhalb der Stiefel,
aber innerhalb dieses Rohres, sollen Klappenventile π und ρ derart
angebracht sein, daß sie sich nach der Außenseite öffnen können. Die
Stiefel sollen auch auf dem Boden runde Löcher haben, die mit kleinen,
geschliffenen Scheibchen bedeckt werden. Letztere sind durch Stifte und
Häkchen so angebracht, daß sie sich wohl auf- und abbewegen, aber sich
nicht von den Öffnungen seitlich entfernen können. Mit den Kolben seien
Kolbenstangen und ein Querbalken verbunden. Mit dem Rohre, das die
beiden Stiefel verbindet, stehe ein vertikales Steigrohr in Verbindung.
Dieses verzweige sich bei ϛ zu einem Doppelarm, der zu einer drehbaren
Mündung führt[463].« Die beschriebene Vorrichtung stimmt also mit der
heutigen Feuerspritze überein, nur daß der Windkessel fehlt.

Ein Teil der zahlreichen, in *Herons* »Pneumatica« beschriebenen
Versuche stammt von *Philon* von Byzanz, der gleich *Heron* ein Schüler
des *Ktesibios* war. Da einige von diesen Versuchen eine grundlegende
Bedeutung haben, so seien sie hier angeführt. So stellte *Philon*
ein Thermoskop her, das auf der Ausdehnung der Luft durch die Wärme
beruhte. In eine Bleikugel a wurde das doppelt gebogene Rohr b (s.
Abb. 31) luftdicht eingefügt. Das andere Ende des Rohres mündete unter
Wasser. Brachte man die Bleikugel in die Sonne, so strömte die Luft
durch b aus. Wurde dagegen die Bleikugel abgekühlt, so gelangte Wasser
durch b in die Kugel a[464].

[Illustration: Abb. 31. Philons Thermoskop.]

[Illustration: Abb. 32. Philons Saugkerze.]

Die Abbildung 32 zeigt uns *Philons* Saugkerze. In dem Gefäße a
befindet sich Wasser und eine brennende Kerze. Über diese wird
d gestülpt[465]. »Man wird«, sagt *Philon*, »bald das Wasser
aufwärtssteigen sehen. Dies geschieht, weil die in d enthaltene Luft
durch die Bewegung des Feuers verflüchtigt wird. Das Wasser steigt
empor, je nach der Quantität Luft, welche verflüchtigt wird.« Daß stets
nur eine gewisse Menge Luft verschwindet, entging also der Beobachtung
des alten Physikers. Immerhin begegnet uns hier schon derselbe Versuch,
den im 18. Jahrhundert *Scheele* und andere anstellten, um zu beweisen,
daß die Luft aus zwei verschiedenen Gasen zusammengesetzt ist.


Weitere Fortschritte der Mechanik.

[Illustration: Abb. 33. Herons Flaschenzug.]

*Heron* hat auch über die Mechanik der festen Körper ein Werk
geschrieben, das lange als verloren galt und nur auszugsweise durch
den späteren Alexandriner *Pappos* (um 300 n. Chr.) erhalten geblieben
ist[466]. Wie *Pappos* mitteilt, hat *Heron* in diesem Werk die fünf
Potenzen behandelt, nämlich den Hebel, das Rad an der Welle, den Keil,
die Schraube und den Flaschenzug. So wird, um ein Beispiel zu bringen,
der Flaschenzug mit folgenden Worten beschrieben: »Wenn wir eine Last
aufziehen wollen, so müssen wir an einem daran gebundenen Seil mit
einer Kraft ziehen, welche der Last gleich ist. Wenn wir aber das
eine Ende des Seils an einem festen Ort anbinden und das andere Ende
um eine an der Last befestigte Rolle legen, so werden wir die Last
leichter bewegen. Und wenn wir an dem festen Ort eine zweite Rolle
anbringen und das Seil auch um diese legen, werden wir die Last noch
leichter bewegen. Aber wir bringen nicht die einzelnen Rollen an dem
festen Ort, sondern, um ihre Achse drehbar, in einem hölzernen Gehäuse
an, das wir eine Flasche nennen, und binden diese Flasche mit einem
Seile an den festen Ort. Diejenigen Rollen, die mit der Last verbunden
werden sollen, schließen wir in eine andere, der ersten gleiche
Flasche ein[467]. Je zahlreicher die Rollen, desto leichter läßt sich
die Last heben.« An anderer Stelle löst *Heron* die Aufgabe, durch
Zahnradübertragungen vermöge der Kraft 5 die Last 1000 zu heben (s.
Abb. 17)[468].

[Illustration: Abb. 34. Herons Wegmesser[469].]

Durch eine ähnliche Übertragung finden wir schon bei *Heron* das
Prinzip des Taxameters gelöst. Seine Einrichtung ist aus Abb. 34
ersichtlich. An der Nabe des Rades befindet sich ein Stift, der das
horizontale, mit 8 Speichen versehene Rad EZ jedesmal um eine Speiche
weiter dreht. Einer Umdrehung des Rades EZ entspricht eine Fortbewegung
des über EZ befindlichen Zahnrades um einen Zahn. Die Übertragung
erfolgt durch das Schneckengewinde über EZ. Diese Übertragung
wiederholt sich so oft, daß eine Umdrehung des letzten Zeigers mehrere
tausend Umdrehungen des Wagenrades oder auch direkt den zurückgelegten
Weg in Stadien anzeigt[470].

Neuerdings ist die Mechanik *Herons* nach einer arabischen
Handschrift in französischer Übersetzung herausgegeben worden[471].
*Heron* bringt nicht nur die Beschreibung und die Theorie der fünf
einfachen Maschinen, sondern er beschäftigt sich auch eingehend mit
Schwerpunktsbestimmungen. So findet er den Schwerpunkt des Dreiecks
als den Schnittpunkt der Mitteltransversalen, die sich im Verhältnis 2
: 1 teilen. Um den Schwerpunkt des unregelmäßigen Vierecks zu finden,
zerlegt er es durch eine Diagonale in zwei Dreiecke, verbindet deren
Schwerpunkte und teilt dann diese Verbindungslinie im umgekehrten
Verhältnis der Gewichte dieser Dreiecke.

Beim Hebel und beim Flaschenzug untersucht *Heron* das Verhältnis des
Kraftweges zum Lastwege oder das der Zeiten, welche die Last, je nach
dem Kraftgewinn, zum Emporsteigen auf eine bestimmte Höhe gebraucht. Er
gelangt dabei zu dem Gesetz, das wir heute als die goldene Regel der
Mechanik bezeichnen. Die Fassung, welche er diesem Gesetz gibt, lautet:
»Das Verhältnis der Zeiten ist gleich dem umgekehrten Verhältnis
der bewegenden Kräfte[472].« Nicht so klar ist *Heron* die Theorie
der Schraube und des Keiles geworden. Hier vermag er das Verhältnis
von Kraft zu Last nicht anzugeben. Es rührt dies daher, daß er Keil
und Schraube nicht auf die schiefe Ebene zurückführt, sondern sich
vergeblich abmüht, sie aus der Hebelwirkung zu erklären. Die schiefe
Ebene wird von ihm nicht zu den einfachen Maschinen gerechnet und
gleichfalls in ihrer Wirkung noch nicht richtig erkannt[473].


Die wissenschaftlichen Grundlagen der Vermessungskunde.

Eine besondere Würdigung verdienen noch *Herons* Bemühungen um die
Ausgestaltung der Feldmeßkunst. *Heron* verfaßte eine Schrift »Über
die Dioptra«[474]. Es ist das ein Meßapparat, in dem wir das Urbild
des heutigen Theodolithen erblicken müssen. Eine Rekonstruktion
des interessanten Instrumentes ist in nebenstehender Abbildung
wiedergegeben[475]. Die Hauptteile waren die auf dem Stativ ruhende
Platte ΑΒ und das Zahnrad ΓΔ, welches durch die Archimedische
Schraube ΕΖ in Bewegung gesetzt wurde und dadurch eine Drehung des
ganzen Instrumentes um eine vertikale Achse ermöglichte. Eine zweite
Archimedische Schraube befand sich über ΚΛ. Man erkennt, daß sie die
Aufgabe hatte, vermittelst des vertikal gestellten, halbkreisförmigen
Zahnrades die oberste, mit dem Visierlineal versehene Platte um eine
horizontale Achse zu drehen. Da die Platte nicht unmittelbar auf
dem halbkreisförmigen Zahnrade aufsaß, sondern an eine rechteckige
Fortsetzung des letzteren angeschlossen war, so konnte die Drehung um
die horizontale Achse vermittelst der oberen Archimedischen Schraube
so lange fortgesetzt werden, bis die große Platte eine senkrechte
Stellung eingenommen hatte. Es ließ sich somit jeder Horizontal- und
jeder Höhenwinkel mit Hilfe dieses Apparates messen, so daß die Dioptra
zur Lösung von Aufgaben der Feldmeßkunst vortrefflich geeignet war.
Die Einstellungen wurden durch Wasserwage und Bleisenkel vermittelt.
Ferner besaß das Diopterlineal, um auch kleinere Winkel noch ablesen zu
können, eine bedeutende Länge.

[Illustration: Abb. 35. Herons Winkelmeßapparat.]

Von den zahlreichen Aufgaben, für welche *Heron* in seiner Schrift
das einzuschlagende Meß- und Berechnungsverfahren angibt, seien hier
nur einige erwähnt. Die wichtigste Aufgabe war die Aufnahme eines
Feldes von beliebiger Umgrenzung. *Heron* verfuhr dabei wie folgt:
Zunächst wurde ein großes Rechteck so abgesteckt, daß es innerhalb
der Umgrenzung lag (siehe Abb. 36). Dann wurde für viele Punkte der
Umgrenzung der senkrechte Abstand von der zugewandten Seite des
großen Rechtecks gemessen. Auf diese Weise wurde der außerhalb des
Rechtecks liegende Teil des zu messenden Feldes in kleinere Abschnitte
von möglichst regelmäßiger Form zerlegt, deren Flächeninhalt leicht
annähernd ausgemessen werden konnte.

[Illustration: Abb. 36. Herons Vermessung eines Feldes.]

Ein Blick auf die Abbildung lehrt uns, daß *Heron* hier mit
rechtwinkligen Koordinaten arbeitet, und daß er die umgrenzende Linie
recht genau in den Plan einzeichnen konnte, wenn er nur recht viele
Senkrechte von den Punkten der Linie aus nach den Rechteckseiten
errichtete und ausmaß.

Weiter zeigt *Heron*, wie man die Breite eines Flusses ermittelt,
ohne ihn zu überschreiten. In einem andern Abschnitt wird die Aufgabe
gelöst, ein Feld mit Hilfe eines Planes wieder abzustecken, wenn
die Umfriedigung mit Ausnahme weniger Grenzsteine verlorengegangen
ist[476]. Ein Abschnitt (30) entwickelt die *Heron*sche Formel für die
Fläche eines Dreiecks, dessen drei Seiten gegeben sind. Sie lautet:

 ∆ = √(((a + b + c)/2)·((a + b - c)/2)·((a + c - b)/2)·((b + c - a)/2)))

Ob *Heron* diese Formel selbst gefunden oder anderen entlehnt hat,
ist nicht bekannt. Auch weiß man nicht, wie groß sein Anteil an der
Konstruktion der Dioptra ist. Sicherlich bestand die Feldmeßkunst
in Ägypten schon Jahrtausende vor *Heron*. Doch waren ihre Regeln
zum Teil recht mangelhaft, so daß man[477] annimmt, daß *Heron*,
auf den Arbeiten seiner Vorgänger fußend, ein amtliches, zahlreiche
Verbesserungen aufweisendes Lehrbuch der Feldmeßkunst lieferte. Dieses
hat dann auch den Römern als Handbuch gedient. Stand doch bei diesem
Volke die Vermessungskunde, wie bei dem praktischen Grundzuge der Römer
nicht anders zu erwarten ist, in hoher Blüte. Wie hätte sich z. B. die
Anlage ausgedehnter Wasserleitungen ermöglichen lassen, wenn die Kunst
des Nivellierens, für welche man sich ebenfalls der Dioptra bediente,
den Römern nicht geläufig gewesen wäre.

Während der griechische Text der »Dioptra« schon seit 1858 bekannt ist,
entdeckte man erst 1896 *Herons* »Metrika«, ein Werk, das seit dem
6. Jahrhundert verschollen war. Die »Metrika« *Herons*[478] stellen
ein Handbuch dar, das eine Anweisung zur Teilung und Berechnung von
Flächen enthält, während die »Dioptra«[479] *Herons* die Beschreibung
der wichtigsten geodätischen Hilfsmittel und eine Anzahl von
Aufgabenbeispielen lieferte.

Zu den Aufgaben, deren Lösung *Heron* bringt, gehört außer den
Nivellierungen auch die Absteckung von Geraden zwischen zwei Punkten,
von denen der eine nicht vom andern aus gesehen werden kann. Die
Aufgabe war schon im Altertum praktisch wichtig, z. B. wenn es galt,
einen Tunnel durch einen Berg zu graben. Daß die alten Ingenieure schon
Tunnelbauten von beträchtlicher Länge ausführten, beweist die im Jahre
1884 erfolgte Freilegung eines Tunnels von etwa 1000 m Länge durch den
Kastroberg (auf Samos).

Wie *Heron* die Aufgabe löste, einen Berg zu durchstechen, wenn die
Mündungspunkte des Durchstichs gegeben sind, zeigt uns Abb. 37. Wir
sehen, daß er sich auch hierbei wieder eines Systems von rechtwinkligen
Koordinaten bediente.

*Heron* schließt seine Darstellung mit den zuversichtlichen Worten:
»Wird der Tunnel auf diese Weise hergestellt, so werden sich die
Arbeiter von beiden Seiten treffen.«

[Illustration: Abb. 37. Herons Tunnelaufgabe.]

Der Tunnel durch den Kastroberg ist durch deutsche Forschungen
wieder entdeckt worden. Er hatte den Zweck, eine jenseits des
Berges befindliche Quelle mit der Stadt zu verbinden. Diese Anlage,
die *Herodot* als ein Wunderwerk preist, entstand zur Zeit des
*Polykrates*. Sie verdient auch deshalb Bewunderung, weil die Arbeit ja
ohne die modernen Sprengmittel geleistet werden mußte[480].

Ein weiteres Beispiel für den Tunnelbau der Alten bietet der noch
jetzt vorhandene Abfluß (Emissar) des Albaner Sees. Dieser Abflußkanal
ist ein Stollen von 1200 m Länge. Seine Breite beträgt 1-1/2 m, seine
Höhe 2-3 m[481]. Als eine Ingenieurarbeit größeren Umfangs ist aus
der griechischen Geschichte die Trockenlegung des Kopaissees unter
*Alexander* dem Großen zu erwähnen[482].

Bei *Heron* begegnen uns auch die ersten Anweisungen darüber,
wie man sich beim Bergbau unter der Erde zu orientieren hat. Aus
diesen Anfängen hat sich, besonders seit dem Zeitalter *Agricolas*,
des Begründers der neueren Mineralogie (16. Jahrhundert), die
Markscheidekunst entwickelt.

Durch *Herons* Schriften wird man am besten mit dem konkreten Messen
und Rechnen seiner Zeit und mit den damals gebräuchlichen Maßen
bekannt. Für das kaufmännische Rechnen fehlt es leider an einer
ähnlichen Überlieferung[483]. Doch begegnet uns bei *Heron* die schon
im alten Ägypten gepflegte Verteilungs- und Gesellschaftsrechnung.
Bekannt ist beispielsweise *Herons* Brunnenaufgabe. Es wird darin nach
der Zeit gefragt, innerhalb deren durch mehrere Röhren ein Behälter mit
Wasser gefüllt werden kann, wenn man die Füllzeit für jede einzelne
Röhre kennt.

*Heron* hat auch eine Katoptrik geschrieben. Sie läßt uns erkennen, daß
schon im Altertum die Ansicht bestand, daß die Natur nichts vergeblich
tue. Von diesem Prinzip ausgehend, wurde die gradlinige Ausbreitung des
Lichtes erklärt. Die gleiche Betrachtungsweise leitete *Heron* bei dem
Nachweise, daß der Weg, den das einfallende und das reflektierte Licht
zurücklegt, nur dann ein Minimum ist, wenn der Einfallswinkel gleich
dem Reflexionswinkel ist[484].


Naturbeschreibung und Heilkunde im alexandrinischen Zeitalter.

Bei der Beurteilung der Schriften eines *Ptolemäos*, *Euklid* und
*Heron* läßt es sich schwer entscheiden, was diese Männer auf den von
ihnen behandelten Gebieten Eigenes, Neues geschaffen, und was sie
ihren Zeitgenossen und Vorgängern entlehnt haben. Es kann indessen
auch gar nicht die Aufgabe der hier gebotenen, zusammenhängenden
Darstellung einer Geschichte der Wissenschaften sein, im einzelnen
Prioritätsansprüche gegeneinander abzuwägen. Diese, in der Regel
wenig fruchtbringende Aufgabe muß der historischen Einzelforschung
überlassen bleiben, eine Einschränkung, die hier auch gleich für die
Behandlung späterer Perioden der Wissenschaft gemacht sei. Für uns ist
es viel wichtiger, in den jeweiligen Stand der Kenntnisse einzudringen
und den logischen Zusammenhang, die bedingenden Ursachen aufzuweisen.
Für diesen Zweck war die etwas ausführlichere Darstellung, die wir den
genannten drei alexandrinischen Gelehrten gewidmet haben, von Wert.

Während die Astronomie, die Mathematik und einige Zweige der Physik
von den Alexandrinern sehr gepflegt und gefördert wurden, wandten sie
den beschreibenden Naturwissenschaften eine geringere Anteilnahme
zu. Vielleicht ist dies in der kommentatorischen Gelehrsamkeit
der Alexandriner begründet. Bestand doch ihre Hauptaufgabe darin,
Handschriften zu vergleichen, zu erläutern und zu ergänzen. So sagt
*Plinius* von ihnen: »In den Schulen sitzen und Vorträge anhören, war
angenehmer, als durch Einöden zu gehen und Tag für Tag neue Pflanzen
zu suchen[485].« Als selbständige Wissenschaft hörte die Botanik
auf. Sie bestand in der alexandrinischen Schule nur noch als ein
Zweig der Heilkunde, als Heilmittellehre, weiter. Es war deshalb von
Bedeutung für die Entwicklung der Botanik, daß auch die Geographen
dieses Zeitalters der Pflanzenwelt ihre Aufmerksamkeit zuwandten.
Vor allem ist hier *Strabon* als der größte unter den Geographen der
spätalexandrinischen Schule zu nennen. Wenn dieser Mann auch nicht
selbst Pflanzenkenner war, so nahm er doch die Pflanzen- und die
Tierwelt als Gegenstand seiner Wissenschaft mit Recht in Anspruch,
so daß seit *Strabons* Auftreten die Bedeutung der Botanik für die
allgemeine Erdkunde stets gewürdigt worden ist.

In höherem Maße als die Botanik wurde die Anatomie bei den
Alexandrinern gepflegt. An erster Stelle sind hier *Herophilos* (um
300 v. Chr.) und *Erasistratos*[486] (um 280 v. Chr.) zu nennen.
Von *Herophilos*, einem der bedeutendsten Ärzte des Altertums[487],
rührt die erste eingehendere Untersuchung des Auges her, während
*Erasistratos* die blutführenden Venen von den, nach damaliger Ansicht,
mit Pneuma gefüllten Arterien unterschied. *Erasistratos* war auch
nahe daran, den Kreislauf des Blutes zu erkennen. Er scheiterte nur
an dem soeben erwähnten Irrtum, daß die Arterien das Pneuma (den
Luftgeist) enthielten. Andererseits erkannte er ganz richtig das
Herz als den Ausgangspunkt der Gefäße, sowie das Gehirn als die
Ursprungsstelle der Nerven. Vor allem wurde die Anatomie dadurch auf
eine sichere Grundlage gestellt, daß man die Sehnen von den Nerven
unterschied und letztere als die Organe der Empfindung sowie die
Muskeln als die Werkzeuge der Bewegung kennenlernte. Allerdings waren
die Alexandriner in ihren Mitteln nicht sehr wählerisch, da sie selbst
vor Vivisektionen an Menschen nicht zurückscheuten[488].



5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.


Weit später als in Griechenland und in dem von Griechen bewohnten Süden
Italiens entwickelte sich eine höhere geistige Kultur in Mittelitalien.
Die Hauptmasse der Bevölkerung dieses Teiles der Apenninenhalbinsel
war in vorgeschichtlichen Zeiten, als ein den Hellenen und Kelten
verwandtes Volk, über die Alpen eingedrungen. Sie war dort zunächst
mit den Etruskern, einem Volk, dessen Abstammung zweifelhaft ist,
in Berührung getreten. Erst weit später machte sich der Einfluß
der in Süditalien bestehenden griechischen Ansiedelungen auf die
mittelitalischen Völkerschaften geltend. Es geschah dies erst, nachdem
letztere unter der Führung Roms eine staatliche Einigung erfahren
hatten.

Während man sich in den unserer Zeitrechnung vorangehenden
Jahrhunderten in der Stille des alexandrinischen Gelehrtentempels die
Welt zu erkennen mühte, hatte man sie von Mittelitalien aus durch die
Gewalt der Waffen unterjocht. Griechenland war schon länger als ein
Jahrhundert römische Provinz, als im Jahre 30 v. Chr. Ägypten dasselbe
Schicksal ereilte. Die politische Umgestaltung dieses Landes vollzog
sich jedoch allmählich, da der römische Einfluß sich schon lange vor
jenem Zeitpunkt in stetig wachsendem Maße geltendgemacht hatte. Diese
Umgestaltung war daher auch für die Wissenschaften nicht von solch
einschneidender Bedeutung, wie später das Hereinbrechen entfesselter,
barbarischer Horden. In dem Maße nämlich, wie die Römer das dem Osten
sein geistiges Gepräge verleihende Griechenland politisch überwanden,
nahmen sie den Inhalt der griechischen Bildung in sich auf. Sie
wurden die Herren, aber zugleich die Schüler der Griechen. Auch aus
den reichen literarischen Schöpfungen der Semiten und der Ägypter
vermochten die Römer zu schöpfen[489]. Meister sind sie auf dem Gebiete
der Kunst und Wissenschaft indessen nicht geworden. Weit mehr entsprach
ihrem ganzen Sinne sowie ihren Bedürfnissen eine Fortentwicklung der
Technik. Auf diesem Felde haben sie, wie die großartigen Überreste
ihrer Werke noch heute bezeugen, die Griechen zweifelsohne übertroffen.
Doch erfuhr die wissenschaftliche Grundlage der Technik, die Mechanik
nämlich, durch die Römer keinen wesentlichen Fortschritt. Wurde auch
während der Kaiserzeit Rom, nachdem es zum politischen Mittelpunkt
der Welt geworden, neben Alexandria mehr und mehr zu einem Sitz der
Wissenschaften, so kann man doch von einem römischen Zeitalter der
letzteren nicht sprechen. Darüber, sich die Elemente der griechischen
Bildung anzueignen, sind die Römer kaum hinausgekommen, während in dem
römisch gewordenen Alexandria ein neuer, bedeutender Aufschwung die
ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung ausfüllt.

Als der Hellenismus etwa um die Zeit des zweiten punischen Krieges
das römische Geistesleben zu durchdringen begann, hatte die römische
Literatur noch keine Schöpfung von einiger Bedeutung aufzuweisen.
Ein mit wissenschaftlichen Dingen sich befassendes Prosaschrifttum
fehlte ihr bis zu dem angegebenen Zeitpunkt noch fast gänzlich. Was
auf diesem Gebiete vorhanden war, betraf lediglich die Grundlagen des
Rechtswesens, die Führung von Chroniken, den Kultus und die engeren
Bedürfnisse des praktischen Lebens. Vom größten Einfluß auf die
Literatur des römischen Volkes wurde seine Berührung mit den Griechen,
zunächst mit den Kolonien Süditaliens und später mit dem griechischen
Mutterlande. Eingeleitet wurde die Berührung zwischen Römer- und
Griechentum durch den Handel. Zu einer innigeren Durchdringung kam es
jedoch erst durch den kriegerischen Zusammenstoß, der die römischen
Heere in die griechischen Kolonien und nach Hellas führte und umgekehrt
zahlreiche Griechen sowie griechische Kunst- und Wissensschätze nach
Rom gelangen ließ. Diese Umwälzungen begannen im 3. vorchristlichen
Jahrhundert mit dem tarentinischen (282-272) und dem ersten punischen
Kriege (264-241). Um 200 folgte die Besiegung Makedoniens, und wenige
Jahrzehnte später wurde durch *Aemilius Paulus* dem einst dem römischen
an Umfang und Bedeutung gleichen makedonischen Reiche durch die
Schlacht bei Pydna (168 v. Chr.) ein Ende bereitet. Zahlreiche Geiseln,
zumeist vornehmen und gebildeten hellenischen Familien entsprossen,
kamen infolge dieses Sieges nach Rom. Eins der wertvollsten
Beutestücke, welche der Sieger heimbrachte, war die Bibliothek des
makedonischen Königs. Infolge dieser Geschehnisse bildete sich in Rom
ein stetig wachsender Kreis von Freunden griechischer Bildung, die
voll Bewunderung den Vorträgen nach Rom gewanderter Rhetoren und
Philosophen lauschten. Aus dieser geistigen Verbrüderung trat mit immer
größerer Deutlichkeit das Bestreben hervor, durch die Vereinigung der
realen römischen Macht mit dem Inhalt des griechischen Geisteslebens
innerhalb eines einzigen Staatsgebildes ein von den bisherigen engen
nationalen Schranken befreites Weltbürgertum entstehen zu lassen.

Unter den Männern, die sich gegen diese Entwicklung stemmten, ohne
sie jedoch nur im geringsten hemmen zu können, ist besonders *Marcus
Portius Cato* zu nennen. Dem Haß, mit dem er in jeder Sitzung des
Senats die Zerstörung Karthagos forderte, kam seine Erbitterung
gegen griechische Bildung und griechisches Geistesleben gleich. Aus
dieser Stellungnahme erwuchsen *Catos* »Unterweisungen«, ein Werk,
das eine Art Enzyklopädie darstellte und zeigen sollte, daß die
ältere römische Literatur es mit der besonders ihrer Neuheit wegen so
hoch eingeschätzten griechischen wohl aufnehmen könne. Von *Catos*
»Unterweisungen« sind nur einige Fragmente erhalten geblieben. Dagegen
besitzen wir in seinem Buche über die Landwirtschaft (De agricultura)
das älteste auf unsere Zeit gekommene Werk des lateinischen
Prosaschrifttums. Es ist eine der wichtigsten Quellen für die an
späterer Stelle ausführlich zu besprechende »Naturgeschichte« des
*Plinius* gewesen.

Von dem die Hellenen beherrschenden Streben, im Einzelnen das
Allgemeine, die Idee zu finden, gingen die Römer später zu einem mehr
empirischen, oft unkritischen Beobachten des Äußerlichen über und
gelangten auf diesem Wege mitunter zu Plattheiten, wie sie uns bei
*Cicero* begegnen, der da meinte, die Naturwissenschaft suche entweder
nach Dingen, die niemand wissen könne, oder nach solchen, die niemand
zu wissen brauche. Es sind manche Vermutungen darüber ausgesprochen
worden, weshalb die Römer das von den Griechen begonnene Werk nicht
fortgesetzt haben, so daß auf die Begründung der Wissenschaften
unmittelbar ihr weiterer Ausbau gefolgt wäre. Die einen erblicken
die Ursache dieser Erscheinung in dem Fehlen der experimentellen
Forschungsweise, obgleich doch, wie wir sahen, die Ansätze zu einer
solchen in der Blütezeit der alexandrinischen Periode wohl vorhanden
waren. Andere meinen, die Römer, welche zwar die berufenen Erben der
Griechen gewesen seien, hätten bei ihrer Aufgabe, die Welt zuerst zu
erobern und sie dann zu beherrschen, weder Zeit noch Sinn für die
Beschäftigung mit wissenschaftlichen Dingen gehabt. Auch den Mangel an
Werkzeugen für die wissenschaftliche Arbeit, wie sie die neuere Zeit
in Fülle hervorbrachte, hat man dafür verantwortlich machen wollen,
daß die Wissenschaft nach ihrer Begründung zunächst keine wesentlichen
Fortschritte aufwies.

Die Einflüsse, welche die in Frage stehenden sowie ähnliche
Erscheinungen in der Entwicklung der Zivilisation und des Geisteslebens
herbeigeführt haben, sind für uns, die wir solch entlegene Zeiten durch
ein sehr getrübtes Medium erblicken, nicht mehr scharf erkennbar.
Jedenfalls haben hier nicht nur eine oder einige der genannten Ursachen
mitgespielt, sondern es hat ein Zusammenwirken zahlreicher Umstände
stattgefunden. Die natürlichen Anlagen, die auch bei nahe verwandten
Völkern nicht immer die gleichen sind, sowie die Macht der politischen
und der religiösen Verhältnisse werden jedenfalls hierbei in erster
Linie den Ausschlag gegeben haben. So war[490] »die ganze Geistesanlage
der Römer nach wesentlich anderen Gebieten gerichtet als dem der reinen
Wissenschaft«. Und selbst als Rom Weltreich geworden, betonte *Cicero*,
daß die griechischen Mathematiker auf dem Gebiete der reinen Geometrie
das Glänzendste geleistet, während sich die Römer nur auf die Ausübung
des Rechnens und des Ausmessens beschränkt hätten[491].


Meßkunst und Astronomie bei den Römern.

Die Römer hielten die Feldmeßkunst für wenigstens eben so alt wie
Rom. Sie wurde zuerst von Priestern ausgeübt, um das zu den Tempeln
gehörende Land abzugrenzen. In der Kaiserzeit war die Feldmeßkunst sehr
entwickelt. Wer sie ausüben wollte, mußte eine Schule durchmachen und
eine Prüfung ablegen[492].

[Illustration: Abb. 38. Der Meßapparat der Römer.]

[Illustration: Abb. 39. Die Rekonstruktion der Groma.]

Die ersten Kenntnisse in der Feldmeßkunst verdankten die Römer
sehr wahrscheinlich den Etruskern. Als Meßapparat benutzten sie
ein Winkelkreuz, das aus zwei in der horizontalen Ebene sich
schneidenden Linealen bestand. Eine Abbildung dieses Apparates wurde
auf dem Grabe eines römischen Feldmessers gefunden[493]. An den
Enden der Lineale befanden sich Lote. Die alten Italer vermochten
mit Hilfe dieses Instrumentes, der Groma, und der Meßstange
schon die Breite eines Flusses von einem Ufer aus zu bestimmen,
ohne den Fluß zu überschreiten. Für diese Aufgabe war sogar eine
bestimmte Bezeichnung im Gebrauch[494]. Das erwähnte, von den
Römern benutzte Winkelmeßinstrument haben neuere Ausgrabungen ans
Licht gebracht. Die nebenstehende Abbildung 38 stellt ein bei der
Limesforschung[495] entdecktes Exemplar dar. Die Abbildung 39 zeigt
uns eine Rekonstruktion. Das Instrument[496] der Römer bedeutet gegen
*Herons* Dioptra einen Rückschritt. Sie benutzten es zur Festlegung der
Nord-Süd-Linie und zum Abstecken rechter Winkel. Als Nivellierlineal
bedienten sie sich einer Art Kanalwage. Besonders fand die Groma
Verwendung, wenn es sich darum handelte, eine Niederlassung oder eine
Flur durch ein System rechtwinklig sich schneidender Wege einzuteilen.

Einen Aufschwung erfuhr die Mathematik zur Zeit *Cäsars*. Es zeigten
sich die Anfänge einer eigenen mathematischen Literatur, wie denn auch
*Cäsar* selbst als Schriftsteller auf mathematischem Gebiete tätig
gewesen ist. Hat doch *Plinius* ein von *Cäsar* verfaßtes und »De
astris« betiteltes Werk vielfach als Quelle für das XVIII. Buch seiner
»Naturgeschichte« benutzt. *Cäsar* hatte sich zwei große Aufgaben auf
dem Gebiete der angewandten Mathematik gestellt. Er wollte den in die
größte Verwirrung geratenen römischen Kalender verbessern und eine
Vermessung des ganzen römischen Reiches ins Werk setzen.

Bis zum Jahre 46 v. Chr. hatte man in Rom nach Mondjahren gerechnet
und durch ziemlich regelloses Einschieben von Schaltmonaten den
Kalender den Jahreszeiten anzupassen gesucht. Der Fehler war indessen
schließlich so groß geworden, daß um die Zeit *Cäsars* der Tag der
Frühlingsnachtgleiche 85 Tage vor die wirkliche Nachtgleiche, also
mitten in den Winter fiel. Nach der Rückkehr von dem ägyptischen
Feldzug (47 v. Chr.) regelte *Cäsar* den Kalender unter Mitwirkung des
alexandrinischen Astronomen *Sosigenes*. Es gelangte die Zeitrechnung
zur Einführung, von der uns das Dekret von Kanopus schon Kunde
gibt[497]. Das Jahr wurde nämlich in der Folge zu 365 Tagen gerechnet
und im 4. Jahre, jedesmal vor dem 24. Februar, dem dies sextus ante
calendas Martis, ein Tag als bissextus (daher auch annus bissextilis)
eingeschaltet.

Die von *Cäsar* geplante Vermessung des römischen Reiches ist
wahrscheinlich auch durch alexandrinische Gelehrte angeregt worden.
Die Verpachtung der Provinzen, die Heereszüge und die Ausdehnung
der Kriegs- und Handelsflotte ließen diese Arbeit als dringend
erforderlich erscheinen. Da *Cäsar* indessen vorzeitig durch Mörderhand
hinweggerafft wurde, blieb die Ausführung dem *Augustus* vorbehalten.
Die Vermessung, welche der *Augustus* nahestehende Feldherr und
Staatsmann *Agrippa* leitete, wurde nach fast dreißigjähriger Arbeit
im Jahre 20 v. Chr. beendet und besaß für Italien, Griechenland und
Ägypten einen ziemlich hohen Grad von Genauigkeit, während andere
Länder nur durch Leute, die man Dimensoren nannte, ausgeschritten
wurden. Ihr Ergebnis war eine gewaltige Karte, welche in einer für
diesen Zweck errichteten Säulenhalle »der Welt die Welt als Schauspiel«
darbot[498]. Neuerdings sind Zweifel darüber entstanden, ob diese
auch wohl nach *Agrippa* benannte Karte auf Grund genauerer Messungen
entworfen wurde. Indessen, selbst wenn es unentschieden bleibt, welchen
Wert die Karte besessen, so ist *Agrippas* Unternehmen doch ohne
Zweifel das Vorbild für spätere, den orbis terrarum umfassende Karten
gewesen. Von diesen ist noch heute ein Exemplar erhalten, das offenbar
für strategische Zwecke gedient hat. Es ist unter dem Namen der Tabula
Peutingeriana bekannt, enthält die Heerstraßen für das ganze römische
Reich und befindet sich in Wien[499]. Abb. 40 zeigt den Teil, der die
Balkanhalbinsel darstellt.

[Illustration: Abb. 40. Peutingers Karte (Balkanhalbinsel).]

Die ganze Karte (Abb. 40 stellt ein Stück aus der Mitte dar), besteht
aus einer Rolle von 11 Pergamentblättern und ist etwa 7 m lang und 0,3
m hoch. Die eigentümliche Verzerrung in der Richtung Ost-West ist aus
der Rollenform zu erklären. Bei dem Entwurf trat nämlich offenbar der
kartographische Gesichtspunkt hinter dem rein praktischen, eine bequeme
Übersicht über die Wege zu haben, zurück. Durch die hakenförmigen
Unterbrechungen der Wege (Itinerarien) sind die Stationen angedeutet.
Ihre Entfernungen sind durch Zahlen bezeichnet. Meist handelt es sich
um römische Meilen, das sind 1000 Schritte (milia passuum) oder 1482
m[500].

Mit astronomischen Dingen haben sich die Römer erst verhältnismäßig
spät und meist nur aus praktischen Gründen beschäftigt. Mit den
Sonnenuhren wurden sie[501] erst um die Mitte des 3. vorchristlichen
Jahrhunderts, mit den Wasseruhren etwa ein Jahrhundert später
bekannt, während die Chaldäer sich der Sonnenuhren schon 750 v. Chr.
bedienten[502].


Die Pflege der »Ingenieurmechanik«.

Wie die Mathematik und die Astronomie, so wurde auch die Mechanik bei
den Römern weniger ihrer selbst, als ihres praktischen Nutzens wegen
gepflegt. Es erwuchs ein Gebiet, das die Bezeichnung Ingenieurkunst
oder Ingenieurmechanik verdient und bei den Römern zu hoher Blüte
gedieh[503].

Einen guten Einblick in die Ingenieurmechanik der Römer erhält
man durch das den wenig zutreffenden Titel »Über die Architektur«
tragende Werk *Vitruvs*[504]. *M. Vitruvius Pollio* lebte zur Zeit des
*Augustus*. Er befaßte sich besonders mit dem Bau von Kriegsmaschinen
und wurde von *Augustus* mit der Leitung des Bauwesens betraut. Eine
kurze Inhaltsangabe des Werkes von *Vitruv* möge uns den damaligen
Stand des Wissens erläutern. *Vitruv* beginnt damit, daß er für den
Ingenieur eine vielseitige wissenschaftliche Ausbildung verlangt.
Er soll nicht nur in der Mathematik bewandert, sondern auch mit den
Grundzügen des Rechtes und mit der Heilkunde vertraut sein. Komme
doch letztere schon in Frage, wenn es sich um die Wahl passender und
gesunder Bauplätze handle.

Sehr zutreffend ist auch, was *Vitruv* über das Verhältnis zwischen
Theorie und Praxis sagt: »Diejenigen, die ohne Wissenschaft nur nach
mechanischer Fertigkeit strebten, haben sich durch ihre Arbeiten
niemals maßgebenden Einfluß erwerben können. Umgekehrt scheinen
diejenigen, die sich lediglich auf die Wissenschaft verlassen haben,
dem Schatten nachgejagt zu sein. Nur die, welche Theorie und Praxis
gründlich beherrschen, haben die volle Rüstung, um das Ziel, das sie
sich gesteckt haben, zu erreichen.«

Die in diesen Worten ausgesprochene Mahnung gilt bis auf den heutigen
Tag[505].

[Illustration: Abb. 41. Römisches Hebezeug[506].]

Im zweiten Buche bespricht *Vitruv* die Baumaterialien. Geschildert
wird das Brennen und das Löschen des Kalkes. Auch die Puzzolanerde, die
mit Kalk vermischt für Wasserbauten Verwendung fand, wird erwähnt. Dann
folgen Angaben über den Bau von Häusern, Tempeln, Bädern usw. In einem
Abschnitte über die Wandmalerei werden als geeignete Farben Zinnober,
Kupfergrün und Ocker genannt. Das achte Buch handelt von den Quellen
und der Anlage von Wasserleitungen. Erwähnung finden auch bittere
Quellen und Erdölquellen sowie der Asphaltsee bei Babylon, welcher
das Bindematerial für die dortigen Bauten lieferte. Im neunten Buche
ist besonders von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede,
während das letzte von Pumpwerken, Feuerspritzen und anderen Maschinen
handelt. Von den praktisch-physikalischen Instrumenten ist die
Schnellwage, die auch heute noch den Namen der römischen Wage führt,
wohl dasjenige, das die Römer selbständig erfunden haben und schon in
der altrömischen Zeit anwandten[507]. Abb. 42 zeigt uns zwei in Pompeji
entdeckte Schnellwagen. Sie werden, wie die Mehrzahl der in Pompeji
gemachten Funde, im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt. Die Erfindung
der römischen Wage reicht mindestens bis in das 3. Jahrhundert v. Chr.
zurück. Das Laufgewicht wurde sehr oft künstlerisch gestaltet, indem
man diesem Teil der Wage die Form einer Frucht (Granatapfel) oder einer
Büste (Merkur) gab.

[Illustration: Abb. 42. Römische Schnellwagen.]

Die Leistungen der Römer gingen auf den Gebieten der Architektur und
der Ingenieurkunst (Brückenbau, Schiffsbau, Anlage von Wasserleitungen,
Heerstraßen, kriegstechnischen Arbeiten) jedenfalls über das rein
handwerksmäßige Schaffen hinaus. Diese Leistungen setzen nämlich
wissenschaftlich und praktisch vorgebildete Architekten und Ingenieure
voraus. Besondere Schulen, wie sie für Philosophie, Rhetorik,
Jurisprudenz und Medizin bestanden, gab es für die Ingenieure zwar
nicht. Wer das Ingenieurfach ergreifen wollte, wurde in jugendlichem
Alter einem Fachmann in die Lehre gegeben. Voraussetzung für die
Erlernung der Ingenieurkunst waren Kenntnisse in der Mathematik, der
Optik, der Astronomie, der Geschichte und im Rechtswesen. Während
der Kaiserzeit wirkten in Rom neben den Lehrern für Rhetorik,
Heilkunde usw. auch solche, die in der Mechanik und in der Architektur
unterrichteten. Für Gehalt und Lehrsäle sorgte der Staat. Auch
befreite er wohl die Väter, die ihre Söhne die Ingenieurkunst
erlernen lassen wollten, von der Zahlung der Steuern. Die gleiche
Vergünstigung erhielten Ingenieure, die sich als Lehrer in ihrem
Fache auszeichneten. Wie sehr man die Bedeutung der Ingenieure zu
würdigen wußte, beweist folgende Stelle aus einem Briefe, den Kaiser
*Konstantin* (323-337) an einen seiner Statthalter richtete. Sie
lautet: »Wir brauchen möglichst viele Ingenieure. Da es an solchen
mangelt, veranlasse zu diesem Studium Personen, die ungefähr 18 Jahre
alt sind und die zur allgemeinen Bildung nötigen Wissenschaften bereits
kennengelernt haben. Befreie die Eltern von den Steuern und gewähre den
Schülern ausreichende Mittel[508].«

Die Mechanik hatte also, wo es sich um praktische Anwendungen handelte,
zur Zeit der Alexandriner und der Römerherrschaft schon manche Frucht
gezeitigt. Anders stand es um die Mechanik als wissenschaftliche
Disziplin. Welch unvollkommene Vorstellungen in mechanischen Dingen
die meisten Schriftsteller des Altertums hegten, davon läßt sich
manches Beispiel nachweisen. So erzählt *Plinius* folgende Fabel von
dem Schiffshalter (Echineis remora), einem Fisch des Mittelmeeres,
der eine Anzahl Saugnäpfe auf der Stirn trägt, mit denen er sich an
Schiffen und anderen Gegenständen festhält: »Mögen die Stürme wüten und
die Wogen rasen, dieses kleine Geschöpf spottet ihrer Wut, zähmt ihre
Kraft und zwingt ein Schiff zu stehen, während kein Tau und kein Anker
dazu imstande sind. Und zwar hemmt es den Ansturm und bezwingt es die
Elemente nicht durch eigene Arbeit oder Gegenwirkung, sondern einzig
und allein dadurch, daß es sich anhängt.«

Eine solche Unklarheit herrschte also bezüglich eines so einfachen
mechanischen Begriffes, daß ein Schriftsteller wie *Plinius*, lange
nachdem die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiete der Mechanik
durch *Archimedes* getan waren, derartige Fabeln ohne Widerspruch
aufnahm. Hierin zeigt sich aber auch, daß *Archimedes* auf das
physikalische Denken der auf ihn folgenden Jahrhunderte einen nur
geringen Einfluß ausgeübt hat. Das volle Verständnis für seine Werke
sowie die Fähigkeit, an das von ihm Geleistete anzuknüpfen und darauf
weiterzubauen, scheint in den nächsten anderthalb Jahrtausenden mit
geringen Ausnahmen gefehlt zu haben.


Die Literatur während der Kaiserzeit.

Die Literatur eines Volkes ist stets nicht nur von seiner Eigenart
und fremden Einflüssen, sondern auch von dem Gange der politischen
Entwicklung in hohem Grade abhängig gewesen. Diese Abhängigkeit war
im Altertum weit größer als in der Neuzeit, in der das geistige Leben
weniger an nationale Schranken gebunden ist und die Freiheit der
Einzelpersönlichkeit erheblich zugenommen hat. Wie im alten Athen, in
Alexandria und in anderen wissenschaftlichen Mittelpunkten, so war auch
im kaiserlichen Rom die Stellung, welche das Oberhaupt des Staates
zu Kunst und Wissenschaft einnahm, für das Gedeihen dieser Gebiete
von großer Bedeutung. Schon *Augustus*, der die kaiserliche Gewalt
begründete, brachte der Literatur Interesse und Verständnis entgegen.
Hat er sich doch selbst als Dichter und als Prosaschriftsteller
versucht. *Augustus* wußte auch in vollem Maße zu würdigen, daß
die Literatur der staatlichen Macht, von der sie abhängt, entweder
dienstbar gemacht oder durch eine verkehrte Behandlung in einen
Gegensatz zur Staatsgewalt gebracht werden kann, wodurch die letztere
stets mehr oder minder Abbruch erleidet.

Auf die reiche Entfaltung der römischen Literatur im Augusteischen
Zeitalter folgten unter der Herrschaft des finsteren *Tiberius* und des
dem Cäsarenwahn verfallenen *Caligula* Jahrzehnte, die weniger günstig
waren. Der lähmende Druck, der damals auf allen Kreisen lastete, machte
sich auch auf dem Gebiete des geistigen Schaffens fühlbar. Er wich
erst, als nach dem Tode *Neros* mit *Vespasian* ein milder Herrscher
den Kaiserthron bestieg, auf den ihm -- leider nur für wenige Jahre --
sein Sohn *Titus* folgte. *Plinius* stand zu beiden in naher Beziehung,
insbesondere zu *Titus*. Zwar ist dieser erst in dem Jahre zur
Regierung gekommen, in dem *Plinius* starb. Doch hat *Titus* schon bei
Lebzeiten seines Vaters wie im Staats- so auch im wissenschaftlichen
Leben einen bedeutenden Einfluß ausgeübt. Während *Vespasian* noch
in erster Linie Kriegsmann war, hatte sich *Titus* mit der gelehrten
Bildung seines Zeitalters schon in dem Maße befreundet, daß er, wie
*Plinius* berichtet, ein Gedicht über das Erscheinen eines Kometen
verfaßte.

Ein Erzeugnis dieses für die Literatur so günstigen Zeitalters
der Kaiser aus dem Hause der Flavier ist die »Naturgeschichte«
des *Plinius*. Sie ist das umfassendste Denkmal, das wir von den
naturwissenschaftlichen Kenntnissen der Römer besitzen und enthält
zahlreiche Angaben, die ohne die gewissenhaften Aufzeichnungen des
*Plinius* verlorengegangen wären. Sie wurde, wie aus der Vorrede zu
entnehmen ist, im 77. oder 78. Jahre n. Chr. vollendet.


Plinius.

*Cajus Plinius Secundus Major* wurde im Jahre 23 n. Chr. zu Como
geboren. Er empfing den Beinamen Major (der Ältere), um ihn von
seinem gleichfalls als Schriftsteller bekanntgewordenen Neffen
gleichen Namens, der den Zusatz Minor (der Jüngere) erhielt, zu
unterscheiden. *Plinius* kam frühzeitig nach Rom, wo er sich den
*Pomponius Mela* zum Vorbild erkor. Dieser hatte es verstanden, mit
einer verantwortungsvollen amtlichen Tätigkeit eine große Vorliebe
zum literarischen Schaffen zu verbinden. Hierin ist ihm *Plinius*
gefolgt. Gleich *Pomponius Mela* war er militärischer Befehlshaber. Von
*Vespasian* wurde er häufig als Berater zu den Regierungsgeschäften
herangezogen. In jüngeren Jahren hat ihn der Kriegsdienst auch nach
Germanien geführt. Obgleich er höhere Ämter bekleidete und stets im
Drange der Geschäfte lebte, fand *Plinius* doch Muße, das Wissen seiner
Zeit in einem Sammelwerke zu umspannen. In der an *Titus* gerichteten
Widmung sagt er von seinem Unternehmen: »Der Weg, den ich wandeln
werde, ist unbetreten; keiner von uns, keiner von den Griechen hat es
unternommen, allein das Ganze der Natur zu behandeln. Gelingt mir mein
Unternehmen nicht, so ist es doch großartig und schön, danach gestrebt
zu haben.«

Die »Naturgeschichte« wird um 77 n. Chr. ziemlich abgeschlossen gewesen
sein. Da ihr Verfasser bald darauf plötzlich aus seiner Tätigkeit
herausgerissen wurde, so erfolgte die Herausgabe durch seinen Neffen,
den schon erwähnten *Plinius Secundus Minor*. Offenbar hat dieser
nur wenig an dem Werk geändert. Er nennt es[509] ein »weitläufiges
gelehrtes Werk, das nicht minder mannigfaltig wie die Natur selbst ist«.

Bekannt ist das tragische Ende des *Plinius*. Als er sich im Jahre
79 n. Chr. in der Nähe von Neapel aufhielt, begann plötzlich jener
furchtbare Ausbruch des Vesuvs, durch den Herculanum und Pompeji
vernichtet wurden. Der unerschrockene Römer ließ sich nicht abhalten,
der Stätte des Verderbens zuzueilen; mag ihn nun Pflichtgefühl oder
Wißbegierde dazu getrieben haben. Nach der Landung ist er dann der Wut
der entfesselten Elemente zum Opfer gefallen.

Die Katastrophe selbst hat der jüngere *Plinius* in einem an den
Geschichtsschreiber *Tacitus* gerichteten Briefe geschildert. Aus
diesem mögen einige Stellen hier Platz finden:

»Du bittest mich, dir den Tod meines Oheims zu schildern, eines Mannes,
der das Glück hatte, große Taten zu vollbringen und herrliche Bücher zu
schreiben. Ein wunderbares Geschick fügte es, daß er beim Untergange
einer herrlichen Landschaft den Tod fand. Sein Andenken wird jedoch
ewig leben.

Mein Onkel befand sich mit der Flotte, die er als Admiral befehligte,
bei Misenum. Am 22. August meldete man ihm, daß sich eine Wolke von
ungewöhnlicher Gestalt zeige. Sie hatte das Aussehen einer Pinie,
deren Stamm sich himmelhoch erhebt und deren Zweige sich schirmartig
ausbreiten. Mit dem Eifer eines Naturforschers, der etwas zu
untersuchen wünscht, befahl mein Oheim, sogleich ein Schiff zur Abfahrt
bereit zu machen. Noch bevor er es bestiegen, erhielt er einen am Fuße
des Vesuvs geschriebenen Brief, in dem er um Hilfe gebeten wurde.
Infolgedessen mußte die ganze Flotte auslaufen. Mein Oheim steuerte auf
dem Admiralsschiff kühn der Gefahr entgegen und beobachtete vom Verdeck
aus den Verlauf der furchtbaren Erscheinung. Gleichzeitig diktierte er
seine Beobachtungen einem Schreiber. Als man sich der Unglücksstätte
näherte, fiel die Asche immer dichter und heißer auf die Schiffe. Sogar
Stücke von Bimsstein und Lava mengten sich darunter. Man landete in
Stabiae. Unterdessen wurde es Nacht. Vom Vesuv brachen die Flammen
hoch empor. Gleichzeitig bebte die Erde, so daß das Haus, in dem sich
*Plinius* mit seiner Begleitung aufhielt, ins Wanken geriet. Man
verließ das Haus, nachdem sich jeder zum Schutze gegen den Steinregen
ein Kissen über den Kopf gebunden hatte. Als man dem Schwefelqualm und
der Feuersglut zu entkommen suchte, sank *Plinius* plötzlich erschöpft
nieder. Einmal gelang es ihm noch, sich mit Hilfe zweier Sklaven wieder
aufzurichten. Dann brach er sterbend zusammen.«

Auch über die Persönlichkeit und die Arbeitsweise seines Onkels hat der
jüngere *Plinius* einiges mitgeteilt[510]. Was ihn danach auszeichnete,
war ein unglaublicher Fleiß. Er schlief nur wenig und aß auch nur
wenig, und zwar nach der Sitte der Väter ganz einfach. Auch auf seinen
Reisen studierte er unermüdlich. Dabei hatte er seinen Schreiber stets
neben sich.

Die literarische Fruchtbarkeit des *Plinius* war eine ganz
ungewöhnliche. Außer der »Naturgeschichte« hat er noch eine Reihe
anderer Werke geschrieben, die indessen verlorengegangen oder nur
in Fragmenten, d. h. als Bestandteile anderer Werke, erhalten
geblieben sind. So verfaßte *Plinius* während seines Aufenthaltes in
Germanien ein Werk, das von den Kriegen handelt, welche die Römer auf
germanischem Boden geführt haben.


Die Quellen des Plinius.

Aus nicht weniger als 2000 Werken hat *Plinius* den Stoff für seine
»Naturgeschichte« geschöpft. Seine Leistung verdient um so größere
Anerkennung, als er nur die Stunden, die ihm die Geschäfte übrig
ließen, also besonders, wie er selbst erzählt, die Nacht, auf sein Werk
verwenden konnte. Ohne *Plinius* würden wir von manchen Schriften keine
Kenntnis besitzen. Andererseits muß aber betont werden, daß *Plinius*
sich nicht auf die Stufe selbständigen Forschens und Denkens erhebt. Er
bringt sogar manches, was er offenbar nicht einmal richtig verstanden
hat. Oft wird Wahres und Falsches von ihm miteinander vermengt. Man
gewinnt den Eindruck, daß *Plinius* sein Wissen weniger aus der Natur,
sondern vorzugsweise aus Büchern geschöpft hat, was bei einem Manne,
der schon einen Spaziergang als Zeitvergeudung betrachtete, nicht
wundernehmen kann.

Das Verzeichnis der Quellen, aus denen *Plinius* nach seiner Angabe
schöpfte, umfaßt 146 römische und 327 fremde Schriftsteller. Unter
diesen befinden sich viele, deren Schriften ganz verlorengegangen sind
und von denen man auch nicht einmal die Namen wüßte, wenn *Plinius* sie
nicht unter seinen Gewährsmännern aufzählte.

Unter den römischen Schriftstellern, auf welchen *Plinius* fußt, ist
vor allem *Marcus Terentius Varro* (116-27 v. Chr.) zu nennen. Er
hat eine ganze Anzahl von Wissenschaften enzyklopädisch bearbeitet.
Seine Schriften sind das Vorbild für die im Mittelalter so häufig
anzutreffenden Werke über die »sieben freien Künste« gewesen[511].
Wie *Cato*, so bemühte sich auch *Varro*, den alten Wissensschatz zu
sammeln und ihn der eindringenden griechischen Literatur gegenüber
in seiner Selbständigkeit und in seinem wahren Werte hervortreten zu
lassen. Unter den *Varro*nischen Schriften, die *Plinius* benutzt
hat, ist vor allem das Werk über die Landwirtschaft zu nennen (Rerum
rusticarum libri III). *Varro* handelt darin vom Ackerbau, von der
Viehzucht, den Bienen, den Fischen und dem Wild. Wenn sich *Varro*
auch an *Cato* (s. S. 210) anlehnt, so entwickelt er doch überall ein
sicheres, auf reicher Erfahrung und umspannendem Wissen gegründetes
Urteil. Von besonderem Interesse ist eine Stelle[512], in der man eine
Art Vorwegnahme der Bazillentheorie erblicken kann. *Varro* vermutet
nämlich, in sumpfigen Gegenden entstünden Lebewesen, die so winzig
seien, daß man sie nicht sehen könne. Diese Geschöpfe sollen nach
ihm durch den Mund und die Nase in den Körper eindringen und schwere
Krankheiten verursachen.

Der Wert solcher mit unseren heutigen Anschauungen sich teilweise
deckenden Vorstellungen wird von philologischer Seite oft überschätzt.
*Varros* Meinung ist für die Begründung der modernen Bazillentheorie
sicherlich belanglos gewesen, eben so wenig wie die Ansichten
*Epikurs*[513] *Lamarck* oder *Darwin* zur Aufstellung ihrer Theorien
veranlaßten. Trotzdem haben divinatorische Eingebungen, wie sie uns
in der Entwicklung der Wissenschaften so oft begegnen, ein Anrecht
darauf, in der Geschichte des menschlichen Geistes genannt zu werden.
Ihr Wert ist unbestritten. Nur darf man sie in ihrer Bedeutung
nicht derart überschätzen, daß man sie mit sicheren neuzeitlichen
Forschungsergebnissen in Parallele zu stellen sucht.

Unter den medizinischen Schriftstellern, die *Plinius* den Stoff für
seine der Heilkunde gewidmeten Bücher geliefert haben, ist neben
*Hippokrates*, *Erasistratos* und vielen anderen besonders *Cornelius
Celsus* (etwa 35 v. Chr. bis etwa 45 n. Chr.) zu nennen. Ähnlich wie
*Varro* und schon lange vor ihm *Cato* suchte *Celsus* das Wissen
seiner Zeit in einer Enzyklopädie zusammenzufassen. Sie erhielt den
Titel »Artes«. Erhalten geblieben ist nur der Teil, der von der
Heilkunde handelt. Auf diesem Gebiete vermochte es *Celsus*, ohne
selbst Arzt zu sein, auf Grund von Erfahrungen eigene Anschauungen
zu entwickeln. Als griechische Quellen hat *Celsus* neben den
*Hippokrati*schen hauptsächlich die alexandrinischen Schriften
benutzt. Mit diesen und den Schriften *Galens* hat man das medizinische
Buch des *Celsus* auf eine Linie zu stellen[514]. Es behandelt in
klarer, schmuckloser Darstellung zunächst die Lebensweise, darauf die
Krankheiten und endlich deren Heilung durch Arzneien und chirurgische
Eingriffe[515]. So beschreibt *Celsus* das Verfahren des Unterbindens,
das die *Hippokrati*schen Schriften noch nicht erwähnen, wenn man
auch schon sehr früh blutstillende Mittel, die verklebend oder
zusammenziehend wirkten, benutzte. Derartige Mittel finden nämlich
schon bei *Homer* Erwähnung[516].

Sehr zutreffend hat *Celsus* unter anderem die Krankheiten der Leber
und des Magens beschrieben. Das von ihm bei diesen Krankheiten
empfohlene Heilverfahren und seine Begründung auf diätetischen Regeln
ist selbst heute noch von Wert[517].

Einer etwas späteren Zeit als *Celsus* gehört *Asklepiades* an. Er war
hellenischer Herkunft[518] und lebte im Anfang des 1. Jahrhunderts
v. Chr. in Rom. *Asklepiades* wirkte dort zuerst als Lehrer der
Beredsamkeit. Später erwarb er sich als Arzt große Anerkennung. Er wird
als der Erfinder der Tracheotomie genannt. Anklänge an die moderne
Zellentheorie enthält seine Lehre, daß die Lebewesen aus einer sehr
großen Zahl von Körperchen zusammengesetzt seien. Sie sollten sich in
steter Bewegung und Veränderung befinden und beim Menschen durch ihr
Verhalten und ihre Beschaffenheit Gesundsein und Krankheit bedingen.

Auch den als Schöpfer der Äneïde bekannten *Virgil* erwähnt *Plinius*
als Quelle für eine Anzahl seiner Bücher. In einer »Georgika« genannten
Dichtung schildert und preist nämlich *Virgil* das Leben auf dem Lande.
In der Hauptsache handeln die »Georgika« vom Ackerbau, der Baumpflege,
der Viehzucht und der Imkerei. Das Leben der Bienen wird anschaulich
und in der fesselnden Sprache des Dichters geschildert.

Von den zahlreichen ausländischen Schriftstellern, die *Plinius*
als seine Quellen nennt, seien hier nur folgende genannt: *Thales*,
*Aristoteles*, *Theophrast*, *Demokrit*, *Hipparch*, *Herophilos*,
*Eudoxos*, *Pytheas*, *Juba* usw. *Juba* war nach Besiegung seines
Vaters als Geisel aus Numidien nach Rom gekommen. Dort widmete er sich
ganz den Wissenschaften. Auch *Plutarch* und andere Schriftsteller
gehen häufig auf *Juba* zurück, von dessen Schriften nur noch Fragmente
erhalten sind.

Die Frage nach den Quellen, die *Plinius* benutzte, hat eine
umfangreiche Literatur hervorgerufen. Insbesondere hat man das
Verhältnis eingehend erörtert, in dem *Plinius* zu *Aristoteles*, zu
*Cato* und zu *Varro* steht[519].

Als Schriftsteller, dem besonders die Rolle eines Vermittlers zwischen
*Plinius* und der griechischen Literatur zuzuschreiben ist, wird *Juba*
betrachtet. Letzterer ging auf *Aristoteles* und *Theophrast* zurück
und hatte für *Plinius* hinsichtlich der griechischen Literatur etwa
die Bedeutung, die *Varro* für ihn bezüglich der römischen besaß.

Gebricht der »Naturgeschichte« des *Plinius* auch die Einheitlichkeit
des Aufbaues, so ist doch eine vom Allgemeinen zum Einzelnen
fortschreitende Gliederung des Stoffes nicht zu verkennen. *Plinius*
beginnt seine Darstellung mit der Schilderung des Weltgebäudes sowie
den Erscheinungen, die uns das Luftmeer und die Oberfläche der Erde
im allgemeinen darbieten. Darauf folgt das Wesentlichste aus der
Geographie und der Völkerkunde. Im Anschluß daran werden die Tiere,
beginnend mit den Säugetieren und schließend mit den Insekten,
behandelt. Es folgen die Bücher über die Pflanzen sowie über die
dem Pflanzenreich entstammenden Heilmittel und ihre Wirkungen. Den
Schluß bilden die Bücher mineralogischen Inhalts. Den Edelsteinen
sowie den Mineralfarben sind je ein besonderes Buch gewidmet. In den
letzten Büchern wird die Verwendung der Metalle und der Gesteine
zu künstlerischen Zwecken eingehend unter Aufzählung zahlreicher
hervorragender Kunstwerke geschildert[520].

Unter den Geographen, auf die sich *Plinius* stützte, ist vor allem
*Pomponius Mela*, ein Zeitgenosse des Kaisers *Claudius*, zu nennen.
Seine »Chorographie« (Ortskunde) entstand wahrscheinlich um das Jahr
43 n. Chr. Sie ist das älteste römische Werk über Geographie, das
uns erhalten geblieben ist[521]. *Pomponius* beschreibt, den Küsten
folgend, die Länder und enthält über die mathematische Geographie, mit
der *Plinius* sein Werk anhebt, fast nichts.


Die »Naturgeschichte« des Plinius.

Wir gehen jetzt zu *Plinius* selbst über. In seiner »Naturgeschichte«,
die 37 Bücher umfaßt, stellt er sich die Aufgabe, das in den
zahlreichen erwähnten Quellen zerstreute Wissen seiner Zeit zu sammeln
und zu sichten. Durch die mühevolle Lösung dieser Aufgabe hat er sich
ein großes Verdienst erworben, wenn er auch oft kritiklos zusammenträgt
und den Stoff nicht immer beherrscht. So hält er beispielsweise die
fabelhaftesten Nachrichten über afrikanische Völker für erwähnenswert.
Er berichtet von einem dieser Volksstämme, seine Angehörigen besäßen
keine Köpfe, sondern trügen Mund und Augen auf der Brust. Der
Grundgedanke, welcher das Werk durchzieht, ist der, daß die Natur
des Menschen wegen alles erzeugt zu haben scheine. Die beschriebenen
Naturkörper werden daher kaum als solche, sondern vorzugsweise in
ihrer Beziehung zum Menschen betrachtet[522]. Über den Menschen selbst
spricht er sich in folgenden, für ihn charakteristischen Worten aus:
»Die anderen Tiere fühlen sich sogleich im Besitz ihres Wesens. Nur
der Mensch kann nichts ohne Unterweisung. Er allein kennt Ehrgeiz,
Habsucht, sorgt für sein Grab, ja sogar für die Zukunft nach seinem
Tode. Keinem Geschöpf raubt die Angst so die Besinnung. Bei keinem
wird die Wut heftiger. Alle anderen Tiere leben mit ihresgleichen in
Frieden. Die Löwen kämpfen trotz ihrer Wildheit nicht gegeneinander,
ebensowenig die Seeungeheuer. Aber fürwahr, dem Menschen schafft das
größte Leid der Mensch«[523].

Daß *Plinius* übrigens sich des öfteren auch mit den Gegenständen
selbst bekannt machte und sich eine eigene Meinung bildete, geht aus
verschiedenen Stellen seines Werkes hervor. Manches von den Dingen,
über die er berichtet, wird ihm auch das vielgestaltige Leben der
Kaiserzeit ganz von selbst aufgedrängt haben. Gar manches Tier, das er
beschreibt, wurde zur Befriedigung der Schaulust, für die Arena oder
für den Gaumen aus den entferntesten Teilen des Orbis antiquus nach der
Welthauptstadt gebracht. Ähnlich stand es mit den Pflanzen. Erzählt
doch *Plinius* von einem botanischen Garten[524], den ein römischer
Gelehrter unterhielt, um die Wirkungen der Kräuter kennen zu lernen.
Unter seiner Anleitung ist *Plinius* mit zahlreichen heilkräftigen
Pflanzen bekannt geworden.

Zu der Lehre von der Kugelgestalt der Erde ist die Ansicht getreten,
daß das Menschengeschlecht viel weiter verbreitet sei, als man früher
glaubte, ja, daß es Gegenfüßler geben müsse. »Die Wissenschaft und
die Meinung des großen Haufens«, sagt *Plinius*[525], »befinden sich
in gewaltigem Widerspruch. Jener zufolge wird die Erde ringsum von
Menschen bewohnt, so daß sie mit den Füßen gegeneinander stehen und
den Himmel alle gleichmäßig über dem Scheitel haben. Nach der anderen
Meinung fragt man, weshalb denn die Antipoden nicht abfielen. Als ob
nicht die Gegenfrage zur Hand wäre, warum jene sich nicht verwundern,
daß wir nicht abfallen. Am meisten aber sträubt sich der große Haufe,
wenn man ihm glaublich machen will, daß auch das Wasser gewölbt sei.
Und doch ist nichts augenfälliger, denn überall bilden hängende Tropfen
sich zu kleinen Kugeln.«

Aus der Tatsache, daß der längste Tag in Alexandrien 14, in Italien
15 und in Britannien 17 Stunden hat, folgert *Plinius*, daß die
dem Pol benachbarten Länder im Sommer 24 Stunden Tag, zur Zeit des
Wintersolstitiums dagegen eben so lange Nacht haben müssen[526].
Bei *Plinius* finden wir unter den Beweisen für die Krümmung der
Erdoberfläche auch die Erscheinung angeführt, daß auf dem Meere zuerst
der Mast der Schiffe und erst später der Rumpf sichtbar wird.

Während zur Zeit der römischen Weltherrschaft die Lehre von der
Kugelgestalt der Erde zu einem Gemeingut der Gebildeten geworden war,
hat man vereinzelt auch schon eine richtige Auffassung vom Verhältnis
der Sonne zu den Planeten gehegt. Infolgedessen blieben die bei den
Griechen entstandenen Keime der heliozentrischen Lehre bei den späteren
Schriftstellern nicht unbeachtet. *Koppernikus* konnte seine Lehre
daher unmittelbar an die aus dem Altertum überlieferten Anschauungen
anknüpfen[527].

Dem Monde und sogar den Fixsternen, denen wir heute keine nachweisbaren
Einflüsse auf irdische Vorgänge beimessen, schrieben die Römer, wie
wir aus der »Naturgeschichte« des *Plinius* ersehen, solche zu. So
heißt es dort[528]: »Daß beim Aufgang des Hundes der Einfluß dieses
Gestirns auf die Erde in der weitesten Ausdehnung empfunden wird, wer
wüßte das nicht? Bei seinem Aufgang schäumt das Meer, der Wein wird
unruhig in den Kellern und die Sümpfe beginnen zu gären.« Daß der
Mond bei der Erregung von Ebbe und Flut eine wichtige Rolle spielt,
hatte man wohl erkannt, doch erklärte man diese Erscheinung in einem
durchaus mystischen Sinne, indem man den Mond als das Gestirn des
Odems ansah. Daher sollten sich bei der Annäherung des Mondes alle
Körper füllen. *Plinius* behauptet sogar, daß bei zunehmendem Monde
die Muscheln größer würden. Ja, auch das Blut im menschlichen Körper
mehre und mindere sich wie das Licht dieses Gestirnes[529]. »Ebbe und
Flut des Meeres«, sagt *Plinius*, »haben bei aller Abwechslung doch
ihre Ursache nur in der Sonne und in dem Monde. Indessen treten die
Gezeiten nie wieder zu derselben Stunde ein wie am Tage zuvor, weil sie
dem gierigen Gestirn, das alle Tage an einer anderen Stelle aufgeht,
gewissermaßen dienstbar sind. Bei Vollmond ist die Flut am heftigsten.
Auch tritt die Flut zwei Stunden später ein, als sich der Mond aus
der Mittagslinie abwärts senkt, da die Wirkungen aller Erscheinungen
am Himmel erst später zur Erde gelangen, als die Erscheinungen selbst
stattfinden. Die offene, große Fläche des Meeres empfindet die Macht
des weithin wirkenden Gestirns nachdrücklicher als engbegrenzte Räume.
Daher werden weder Seen noch Flüsse auf solche Weise in Bewegung
versetzt[530].«

Die Zahl der Sterne, welche die Astronomen mit Namen bezeichnet hatten,
gibt *Plinius* auf 1600 an[531]. Sie sollen aus dem das All umgebenden
Feuer entstanden sein und werden nach ihm von der belebenden, alle
Räume durchdringenden Luft, die sich dem Feuer am nächsten befindet, in
der Schwebe gehalten. Von der Luft getragen, ruht die Erde, verbunden
mit dem Wasser als viertem Element, im Raume. Zwischen der Erde und
dem Himmelsgewölbe schweben der Mond, die Sonne und die fünf Planeten.
Ihrer Bewegung wegen würden diese wohl Irrsterne genannt, obgleich
keine weniger irrten als gerade sie.

Das ist in großen Zügen das Weltbild, das sich das Altertum gebildet.
In dieser Vorstellung gab es keinen Raum mehr für die anthropomorphen
Götter der früheren Zeit, an denen das Volk unter der Führung der
Priester festhielt. Ein unüberwindlicher Zwiespalt zwischen Wissen und
Glauben war somit auch im Altertum das Ergebnis der ganzen geistigen
Entwicklung. Dem Fortschreiten der Erkenntnis hat sich indessen stets
der religiöse Glaube anzupassen gesucht. So hat im Altertum der
Gang der Wissenschaft einer neuen, monotheistischen Gestaltung der
Religion vorgearbeitet. Hatten in dem gewonnenen Weltbilde die vielen
Gottheiten der früheren Zeit keinen Raum mehr, so mußte, wie *Plinius*
es ausdrückt, die Welt selbst als Gottheit gelten. Dem pantheistischen
Standpunkte des *Plinius* entspricht seine Auffassung, daß, wenn man
von einer Gottheit rede, damit nur die Natur gemeint sein könne. Von
der Auffassung, die Welt sei ein Ganzes, zu dem Glauben, daß die Welt
zwar nicht Gott selbst, wohl aber die Kundgebung eines einzigen Gottes
sei, war aber nur ein Schritt. Und dieser führte in dem Zeitalter,
von dem wir handeln, zur Begründung des Monotheismus. Weil der alte
Götterglaube für den Gebildeten überwunden war, fehlte es an einem
innerlichen Verhältnis zwischen Gott-Natur und dem Menschen. Daher das
Unbefriedigte und der pessimistische Grundzug, welcher der christlichen
Religion in jener Zeit den geeignetsten Boden bereitete. Bezeichnet es
doch *Plinius* als den einzigen Trost gegenüber der Unvollkommenheit
des Daseins, daß der Mensch diesem Dasein jederzeit freiwillig entsagen
könne.

Auf dem Gebiete der beschreibenden Naturwissenschaften finden wir bei
*Plinius* einen Rückgang gegen *Aristoteles* und *Theophrast*. Manche
zoologische Mitteilung älterer Schriftsteller, die *Aristoteles* in
das Gebiet der Fabel verwiesen hatte, nimmt *Plinius* unbedenklich
wieder auf. Von einem systematischen Aufbau der Zoologie und der
Botanik ist bei ihm nicht die Rede. Bezüglich der letzteren bleibt er
weit hinter *Theophrast* zurück, da er bei der Einteilung der Pflanzen
den reinen Nützlichkeitsstandpunkt vertritt. Er unterscheidet nämlich
Arzneipflanzen, Spezereien usw. Eine richtige Auffassung finden wir
hingegen bei *Plinius* bezüglich derjenigen Tiere, die *Aristoteles*
»Blutlose« genannt hatte. »Daß die Insekten kein Blut haben«, sagt er,
»gebe ich zu, doch besitzen sie dafür eine gewisse Lebensfeuchtigkeit,
die für sie Blut ist.«

Seine der Botanik gewidmeten Bücher beginnen mit den Bäumen. Nicht
etwa, daß er in ihnen die höchste Stufe pflanzlicher Organisation
erblickt hätte, sondern weil sie zuerst die einfachsten Bedürfnisse des
Menschen befriedigten. Zunächst bespricht er (12. und 13. Buch) die
bemerkenswerteren fremden Bäume nach ihrem geographischen Vorkommen.
Dann handelt er vom Weinstock, vom Ölbaum und von den Obstbäumen. Ein
Buch ist den Zierpflanzen und den Bienenpflanzen gewidmet. Letztere
unterscheidet er in empfehlenswerte und in solche, die den Honig
verderben.

Am ausführlichsten werden die Arzneipflanzen behandelt. *Plinius*
ist dabei von dem Gedanken durchdrungen, daß auch das unscheinbarste
Kraut seine, wenn auch oft noch verborgenen, Heilkräfte haben müsse.
Wie hier, so ist auch an den übrigen Stellen der »Naturgeschichte«
der leitende Gedanke der, daß die Natur alles um des Menschen willen
erzeugt habe. Das Nützlichkeitsprinzip beherrscht also die Darstellung,
die dementsprechend oft recht trocken ist und nicht selten auf eine
bloße Aufzählung hinausläuft. Stellenweise erhebt sie sich jedoch
auch zu rhetorischem Schwung, zumal wo *Plinius* seine stoische
Weltanschauung durchblicken läßt oder, wo er sich als laudator temporis
acti, d. h. als Lobredner auf die gute alte Zeit, zu erkennen gibt.

Die Hauptquelle für die botanischen Kenntnisse des *Plinius* ist
*Theophrast*. So entnahm er z. B. *Theophrast* die Schilderung der
indischen Pflanzenwelt. Doch geschah es ohne tieferes Urteil und
Verständnis. Das Feine und Exakte ist zumeist verwischt und kaum
merklich hebt sich bei *Plinius* dieser Teil aus der Menge der übrigen
Einzelheiten ab[532]. Eigene Beobachtungen kann *Plinius* in Anbetracht
seiner oben erwähnten Lebensweise nicht oft gemacht haben. Wenn er
gelegentlich in seinem Werke von Erfahrungen spricht, so ist damit wohl
in den meisten Fällen ihm mündlich zuteil gewordene Auskunft gemeint.
Die Zahl der bei *Plinius* vorkommenden Pflanzen ist eine recht
beträchtliche. Sie beläuft sich auf nahezu tausend, etwa das Doppelte
der bei *Dioskurides* aufgezählten Arten[533]. Es entspricht das zwar
dem enzyklopädischen Grundsatz des *Plinius*, verdient aber immerhin
Beachtung, wenn wir bedenken, daß *Linné* den Pflanzenreichtum der
ganzen Erde auf nur 10000 Arten schätzte.

Auch über die Wirkung, welche die »Naturgeschichte« des *Plinius*
auf die Nachwelt ausgeübt, und über die Würdigung, die das Werk
erfahren hat, mögen hier einige Bemerkungen Platz finden. Hatte doch
die »Naturgeschichte« für die gesamten nachchristlichen Jahrhunderte
bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften eine Bedeutung wie nur
wenige Bücher. Sie war die wichtigste Quelle für jede Belehrung über
naturwissenschaftliche und viele andere Dinge. Dies dauerte so lange,
bis man das eigene Beobachten und Forschen höher als Autorität und
Bücherweisheit einschätzen lernte und damit die Grundlagen für einen
Neubau der Naturwissenschaften zu schaffen begann.

Daß die Elemente des alten Wissens nicht nur manches wertvolle Stück
für diesen Neubau lieferten, sondern auch durch ihre Unzulänglichkeit
den Anstoß zur Weiterentwicklung gegeben haben, wird bei der
Beurteilung der antiken Schriften oft vergessen. Daher rührt es, daß
das Urteil je nach der Stellung, die man einnimmt, außerordentlich
schwankend und widerspruchsvoll ist. Es gilt das von *Plinius* nicht
minder wie von *Theophrast*, *Aristoteles* und viele andere. Man hat
sie bald hoch gepriesen, bald herabgesetzt, selten aber sie nach Gebühr
gewürdigt.

Selbst ein *Cuvier* und ein *Buffon*, Forscher, die zu den
bedeutendsten der Neuzeit zählen, haben *Plinius* ihre Anerkennung
nicht versagt. So schreibt *Buffon* in seiner großen »Naturgeschichte«,
der er ein Wort des *Plinius* voranstellt, über diesen: »Sein Werk
umfaßt nicht nur die Tiere, die Pflanzen und die Mineralien, sondern
auch die Erd- und Himmelskunde, die Medizin, die Entwicklung des
Handels und der Künste, kurz alle Wissenschaften. Erstaunlich ist, wie
bewandert *Plinius* sich auf allen Gebieten zeigt. Erhabenheit der
Gedanken und Schönheit des Ausdrucks vereinigen sich bei ihm mit tiefer
Gelehrsamkeit.«

Auch *A. v. Humboldt*, der uns im 2. Bande seines »Kosmos« eine
Geschichte der physischen Weltanschauung hinterließ, hat für *Plinius*
Worte der Anerkennung. Er bezeichnet die »Naturgeschichte«, dem das
Altertum nichts Ähnliches an die Seite zu stellen habe, als das
großartige Unternehmen einer Weltbeschreibung. Trotz aller Mängel des
Werkes habe dem Verfasser ein einziges großes Bild vorgeschwebt. Man
möchte hinzufügen, daß *Plinius* für seine Zeit das versucht hat,
was *v. Humboldt* im »Kosmos« anstrebte. Und wenn *Plinius* selbst
sein Werk als eine Enzyklopädie bezeichnete, so ist zu bedenken,
daß dieses Wort seit dem Altertum seine Bedeutung gewechselt hat.
Es bedeutete nämlich etwa soviel wie »Vollkreis und Inbegriff
der allgemeinen Wissenschaften«[534], während man heute eine Art
Wörter- und Nachschlagebuch darunter versteht. Neuere geschichtliche
Darstellungen, deren Verfasser die »Naturgeschichte« vielleicht nicht
einmal genauer kennen, haben *Plinius* mitunter als enzyklopädischen
Vielschreiber und geistlosen Kompilator abgetan. Dabei verfielen sie
selbst in den Fehler, zu Nachbetern der absprechenden Urteile zu
werden, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts über das Altertum und
seine Schriftsteller (besonders von naturwissenschaftlicher Seite) in
Umlauf gesetzt wurden. Heute ist dagegen eine sachlichere Würdigung
der geschichtlichen Entwicklung im Entstehen begriffen, so daß man es
wohl allgemein ablehnen würde, wenn jemand *Plinius* oder *Aristoteles*
an dem Maße eines neueren Forschers messen wollte. Um den richtigen
Maßstab zu gewinnen, müssen wir sie aus der Zeit, die sie erzeugt
hat, zu verstehen suchen und ihre Werke mit denen der nämlichen oder
einer noch naheliegenden Periode vergleichen. Dabei richtet sich der
Blick zunächst auf die christliche und die arabische Literatur des
Mittelalters. Und wenn man die »Naturgeschichte« des *Plinius* mit
einem Erzeugnis jener Literatur, das das gleiche Ziel verfolgt, z.
B. mit dem »Buch der Natur« des *Konrad Megenberg*, vergleicht, dann
erscheint das Werk des Römers in einer ganz anderen und vor allem in
der richtigen Beleuchtung.

Der Anerkennung, die man der »Naturgeschichte« des *Plinius* während
des ganzen Mittelalters zollte, entspricht es, daß aus diesem Zeitraum
eine große Zahl von Handschriften -- es sind nicht weniger als
zweihundert -- auf uns gelangt sind. Von den älteren ist allerdings
keine einzige vollständig. Sie sind sogar oft sehr fragmentarisch.
Sämtliche neueren Handschriften lassen übrigens erkennen, daß sie auf
einen Archetyp (d. h. die nämliche alte Vorlage) zurückzuführen sind.


Fortschritte der Anatomie und der Heilkunde.

Für die Beschäftigung mit den Tieren und den Pflanzen waren bei
den Römern, wie in der alexandrinischen Akademie, an erster Stelle
medizinische und landwirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend. Wichtig
war es auch, daß man sich über die Bedenken hinwegsetzte, die bis
dahin von einem Eindringen in den Bau und die Verrichtungen des
menschlichen Körpers abgehalten hatten. Schon bald nach *Aristoteles*,
dessen anatomisches Wissen, wie wir sahen, wenigstens in bezug auf den
Menschen, noch gering war, unterschied man Arterien und Venen. Auch
bemerkte man, daß ihre Verzweigungen dicht nebeneinander liegen. Da
man die Arterien jedoch beim Zerschneiden des toten Körpers leer fand,
so glaubte man, daß es ihre Aufgabe sei, im lebenden Organismus Luft
zu führen. Zu einer zwar noch mit vielen Unrichtigkeiten durchsetzten
Vorstellung von der Bewegung des Blutes, deren wahren Verlauf
erst *Harvey* im 17. Jahrhundert erkannte, kam der römische Arzt
*Galen*[535] (131-201 n. Chr.). *Galen* wurde in Pergamon geboren. Er
empfing seine Ausbildung in Griechenland, übte aber die ärztliche Kunst
in Rom aus (von 164-201 n. Chr.) und hielt dort auch Vorlesungen über
Anatomie, für die er schätzenswerte Beiträge auf Grund zootomischer
Untersuchungen lieferte.

*Galen* erkannte die Anatomie und die Physiologie als die Grundlagen
der Heilkunde und bemühte sich schon, physiologische Fragen
auf experimentellem Wege zu entscheiden[536]. Die Bewegung des
Blutes schildert er folgendermaßen, wobei wir uns der heutigen
Bezeichnungweise bedienen wollen[537]: »Durch die Venen gelangt das
Blut zum rechten Teile des Herzens. Mittels der Wärme des Herzens
werden die noch brauchbaren Teile von den unbrauchbaren geschieden.
Die letzteren werden durch die Lungenarterie zu den Lungen geführt und
beim Ausatmen entfernt, während gleichzeitig die Lungen Pneuma aus der
Atmosphäre anziehen[538]. Das Pneuma gelangt durch die Lungenvenen
zum linken Herzen, verbindet sich hier mit dem Blut, das durch die
Herzscheidewand treten sollte, und wird alsdann durch die Aorta in alle
Teile des Körpers und endlich wieder in die Venen zurückgeführt.«

Von dem großen Kreislauf des Blutes hatte *Galen*[539] also schon eine
Vorstellung, während ihm unbekannt blieb, daß die ganze Masse des
Blutes nach Vollendung dieses Kreislaufs durch die Lungen getrieben
wird. An die Stelle einer richtigen Auffassung von der Rolle des
Luftsauerstoffs, die erst durch die fortschreitende Einsicht in den
chemischen Prozeß ermöglicht wurde, tritt bei *Galen* die Annahme des
mystischen Pneumas. Darunter dachte man sich nicht die Luft selbst,
sondern ein ihr innewohnendes, belebendes Prinzip.

Über die Fortschritte, welche die Anatomie zur Zeit der Römerherrschaft
erfahren, gibt uns das Werk *Galens* die beste Auskunft[540]. Es
verdient auch deshalb besondere Beachtung, weil es die einzige
ausführliche, aus dem Altertum vorhandene Darstellung der Anatomie
ist. *Galen* beginnt mit der Anatomie des Gehirns und der daraus
entspringenden Nervenpaare. Es folgt die Beschreibung des Auges,
der Zunge und der Lippen. Die Bewegung wird aus dem Verhalten der
Muskeln erklärt, von denen *Galen* angibt, daß sie sich zusammenziehen
und wieder erschlaffen[541]. Zu sehr wichtigen physiologischen
Ergebnissen gelangte *Galen*, weil er sich als einer der ersten des
vivisektorischen Versuchs bediente. So finden wir in seinem Buche die
Wirkungen geschildert, welche das Durchschneiden des Glossopharyngeus
(Zungenschlundkopfnerv), des Seh- und des Gehörnerven zur Folge
hat. Besonders fesselnd sind die an dem Zungenschlundkopfnerven
vorgenommenen Experimente. *Galen* erwähnt, daß sich auf jeder Seite
der Zunge zwei Nerven befinden. Schneide man das eine Paar durch,
so sei die ganze Zunge der willkürlichen Bewegung beraubt, während
die Durchschneidung nur eines dieser Nerven nur die Hälfte der Zunge
lähme[542]. Das zweite Nervenpaar, sagt *Galen* weiter, vereinige sich
nicht mit den Muskeln, sondern verteile sich in der Decke der Zunge und
vermittle die Empfindung. »Der Nerv bringt die Geschmacksempfindung vom
Gehirn herab«, heißt es bei ihm.

Hervorzuheben ist auch *Galens* Beschreibung des Lidhebemuskels und
ganz besonders seine anatomische Untersuchung der Nerven und Muskeln
des Kehlkopfs, eine Untersuchung, bei der es ihm vor allem auf die
Feststellung des Wesens der Stimmbildung ankam.

Ein Buch *Galens* handelt von den Venen und den Arterien, ein zweites
von den Fortpflanzungsorganen. Auch der *Fötus* mit seinen Hüllen und
die Plazenta (Mutterkuchen) werden beschrieben.

[Illustration: Abb. 43. Chirurgische Instrumente.]

Ist es für die Entwicklung der Medizin von großer Bedeutung,
daß ein *Galen* in einem umfassenden Lehrgebäude das Ganze der
griechischen Heilkunde zur Darstellung brachte, so ist es von rein
wissenschaftlichem Standpunkt das *Verfahren Galens*, das unser
höchstes Interesse beansprucht. War er es doch, der zuerst in größerem
Umfange durch seine an lebenden Tieren ausgeführten Untersuchungen
sich der Erforschung der Verrichtungen des Organismus zuwandte. Mit
Recht verdient deshalb *Galen* als der Begründer der experimentellen
Physiologie bezeichnet zu werden[543]. In welchem Grade die Heilkunde
schon durch die Leistungen der Mechaniker gefördert wurde, zeigen uns
die aus dem Altertum erhaltenen ärztlichen Bestecke (Abb. 43). Erwähnt
sei noch, daß *Galen*, wie Jahrhunderte vor ihm die Verfasser der
hippokratischen Schriften, auf die hygienisch-diätetische Seite der
Heilkunde großen Wert legte. *Galen* hat eingehend seine Ansichten
über die Wirkung der Luft und der Nahrungsmittel entwickelt und auch
Schlaf und Wachen, Ruhe, Bewegung und Gemütszustände vom ärztlichen
Standpunkte aus gewürdigt. In dieser prophylaktischen Richtung folgte
ihm im Mittelalter die Schule von Salerno[544].

Erst dadurch, daß *Galen* zu einem im ganzen richtigen Verständnis des
Wesens der Muskeln, Sehnen und Nerven gelangte, wurde die Heilkunde
auf die Stufe einer Wissenschaft emporgehoben. Vor allem war es die
Chirurgie, die aus der gewonnenen Einsicht in den anatomischen Bau
des Körpers Nutzen zog. Die Zoologie und die Botanik büßten dagegen
im Vergleich zu der Behandlung, die *Aristoteles* und *Theophrast*
diesen Gebieten angedeihen ließen, an Wissenschaftlichkeit ein und
wurden nur noch mit Rücksicht auf das medizinische Bedürfnis gefördert.
So entstand, kurz bevor *Plinius* schrieb, die Arzneimittellehre des
*Dioskurides*[545]. In ihr finden wir etwa 600 Pflanzen erwähnt, die
indes so oberflächlich beschrieben sind, daß es meist schwer hält, die
Arten sicher zu erkennen.

Bei den Bearbeitern der Schriften des *Dioskurides* finden wir
nämlich als einen Grundzug, der uns bei allen naturwissenschaftlichen
Schriftstellern des Mittelalters begegnet, daß man dem Wort eine fast
größere Bedeutung zuschrieb als dem Dinge selbst. Genaue Überlieferung
der Namen, möglichst vollständige Aufzählung der Synonyme, der
volkstümlichen und der Geheimbezeichnungen nehmen in jenen Schriften
den ersten Platz ein. Ja, es gab Schriftsteller, deren Hauptgegenstand
die Nomenklatur der Pflanzen und im Anschluß daran angestellte
Betrachtungen über Besonderheiten der Grammatik und der Synonymik
war[546]. Die Botanik berücksichtigte *Dioskurides* nur insoweit, als
es sein Zweck erforderte. Die bei manchem seiner Vorgänger übliche
alphabetische Anordnung der Pflanzen verwarf er, um sie nach ihm
natürlich erscheinenden Gruppen zusammenzustellen. Doch begegnete ihm
dabei mancher Mißgriff. Freilich ist es schwer, zu entscheiden, was er
selbst gefunden und was er seinen Vorgängern entlehnt hat.

Das Werk des *Dioskurides* blieb für das gesamte Mittelalter und noch
darüber hinaus von großer Bedeutung. »Was einer späteren Zeit«, sagt
*Meyer* in seiner Geschichte der Botanik[547], »*Linnés* Systema
naturae wurde, das war für jene Zeit die Arzneimittellehre des
*Dioskurides*; nur mit dem Unterschiede, daß man auf *Linnés* Werk
fortzubauen nicht lange säumte, auf dem des *Dioskurides* dagegen wie
auf einem Ruhekissen schlummerte.« Indessen galt *Dioskurides* nicht
nur für das Mittelalter als unanfechtbare Autorität auf dem erwähnten
Gebiete, sondern noch die Begründer der neueren Botanik knüpften im
Anfange des 16. Jahrhunderts vielfach an ihn an. Sie waren dabei von
dem Bemühen geleitet, die von *Dioskurides* beschriebenen Pflanzen
wieder aufzufinden, wodurch die Liebe zur Natur zu neuem Leben erweckt
wurde.

Während die Griechen sich auf dem Gebiete der Pflanzenkunde mehr
als Theoretiker erwiesen, haben die Römer, ihrem auf das Nützliche
gerichteten Sinne entsprechend, vorzugsweise die angewandte Botanik
gefördert[548]. Eine Anregung dazu empfingen sie von den Karthagern.
Dort entstand schon im 6. Jahrhundert v. Chr., also lange vor den
griechischen Georgikern, *Magos* Werk über die Landwirtschaft, das der
römische Senat später ins Lateinische übersetzen ließ. Die Bedeutung
der Karthager auf diesem Gebiete ist wohl auf ihre Abhängigkeit
von der phönizischen Kultur zurückzuführen[549]. Der Sinn für die
Pflanzenkunde wurde bei den Römern auch dadurch gefördert, daß sie
sich mit besonderer Vorliebe dem Gartenbau zuwandten. So kamen bei
ihnen auch die Fensterbeete auf, welche die jungen Pflanzen vor Kälte
schützten, aber durch ihre Marienglasscheiben die Sonnenstrahlen
hindurchließen[550].

Berühmt waren die Gärten, welche Kaiser *Hadrian* bei seinem Landsitz
in Tibur, dem heutigen Tivoli, unterhielt. Auch die Landsitze, mit
denen die römischen Großen die felsigen Gestade des Mittelmeers
umsäumten, erhielten reichen gärtnerischen Schmuck. Die römischen
Gärten wiesen jedoch auch manche Künsteleien auf, so daß sich Stimmen
erhoben, die, wie z. B. *Horaz*, die Rückkehr zur Natur predigten.

Eins der besten Werke über die Landwirtschaft verfaßte *M. Portius
Cato*, der durch sein Bemühen, die Römer zur Einfachheit und
Sittenreinheit zurückzuführen, bekannt gewordene Zensor. Das Werk[551]
beginnt mit dem Lobe des Landbaues und enthält Vorschriften über die
Obstzucht, den Anbau des Getreides und die Pflege anderer nützlicher
Gewächse[552]. Wir haben es schon als eine der Quellen, aus denen
*Plinius* schöpfte, gewürdigt.


Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde.

Vom medizinischen Standpunkte aus hat sich auch der als Anatom und Arzt
zu großer Berühmtheit gelangte *Galen* mit den Pflanzen beschäftigt.
Auf seinen Reisen, die ihn nach Griechenland, Kleinasien, Ägypten
und Palästina führten, bemühte er sich, alle Pflanzen, denen man
Heilwirkungen zuschrieb, an ihrem natürlichen Standorte zu beobachten
und zu sammeln. Welchen Wert man diesem Gegenstande beimaß, geht auch
daraus hervor, daß die römischen Kaiser jener Zeit Kräutersammler auf
Kreta unterhielten, weil die Arzneipflanzen dieser Insel besonders
hoch geschätzt waren. *Galen* bekämpfte diese Meinung und vertrat die
Ansicht, daß Italien ebenso wirksame Arzneipflanzen beherberge.

Durch manchen archäologischen Fund ist unsere Zeit mit den Pflanzen
selbst bekannt geworden, mit denen sich das Altertum beschäftigte. Zu
jenen, welche die Mumiensärge Ägyptens lieferten, sind vor allem die
pflanzlichen Reste getreten, die bei der Ausgrabung Pompejis zutage
gefördert wurden. Sie sind im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt und
zum Teil so gut erhalten, daß sie identifiziert werden konnten[553].

Ein besonderes Interesse, das mitunter selbst gekrönte Häupter
beherrschte, wandte man im Altertum der Erforschung giftiger Pflanzen
zu. König *Attalos* von Pergamon, so erzählt uns *Plutarch*[554], baute
giftige Gewächse an, wie Bilsenkraut, Nieswurz, Schierling, Sturmhut,
und machte ein besonderes Studium daraus, ihre Säfte kennen zu lernen
und zu sammeln. Überhaupt wetteiferte Pergamon eine Zeitlang in der
Pflege der Wissenschaften mit Alexandrien.


Die römische Naturauffassung bei Lukrez und Seneca.

Außer *Plinius* sind insbesondere noch zwei andere römische
Schriftsteller zu nennen, die über die Naturwissenschaften geschrieben
haben, *Lukrez* und *Seneca*. *Lucretius Carus* (er starb 55 v.
Chr.) hat seine naturphilosophischen, auf *Epikur* zurückgreifenden
Anschauungen in einem Lehrgedicht entwickelt, das manche beachtenswerte
Stelle enthält. Es führt den Titel »De rerum natura«, wurde unter den
literarischen Erzeugnissen der voraugusteischen Zeit hoch geschätzt
und ist sowohl der Form als dem Inhalt nach griechischen Mustern
entlehnt. Als seine Quellen nennt *Lukrez* neben *Empedokles*, dem
»herrlichsten Schatz des gabenreichen sizilischen Eilands«, vor allem
*Epikur*. Aus den Schriften dieses Mannes, welcher »die anderen
Weisen überstrahle wie die Sonne die Sterne verdunkle, habe er die
goldenen Worte entnommen«, welche uns sein Lehrgedicht biete. Eine
dankbare Aufgabe für einen Dichter war es wohl kaum, die mechanische
Weltanschauung poetisch zu entwickeln. Um so mehr verdient die Art,
wie *Lukrez* sie löste und durch die er den Kranz der Musen davontrug,
unsere Bewunderung. Es ist nicht nur die Schönheit der Gleichnisse und
die lebensvolle Schilderung gewaltiger Naturerscheinungen, die uns in
seinem Werke fesselt, sondern vor allem die Genialität der auf der
Ablehnung alles Götter- und Aberglaubens beruhenden Lebensauffassung.
Bezüglich seiner Auffassung der Naturvorgänge[555] müssen wir uns hier
auf einige Andeutungen beschränken.

Nichts entsteht aus nichts, sagt *Lukrez* mit *Demokrit* und *Epikur*,
wenn selbst die Götter es wollten. Sondern die Natur erzeugt stets
das eine aus dem andern. Die Dinge läßt *Lukrez* aus unendlich feinen
Teilchen bestehen. Sonst sei z. B. das allmähliche Dünnerwerden der im
Gebrauch befindlichen, metallenen Gegenstände ganz unerklärlich. Da bei
absoluter Raumerfüllung Bewegung unmöglich sei, so müsse man annehmen,
die Teilchen seien nicht dicht zusammengedrängt, sondern durch leere
Zwischenräume geschieden. Alles sei ferner schwer. Im leeren Raume
müsse selbst die Flamme schwer sein. Ihr Emporsteigen sei dadurch
bedingt, daß der Lufthauch sie trotz ihrer natürlichen Schwere in die
Höhe treibe, wie ja auch das schwere Holz im Wasser emporschnelle.
Schall, Licht und Wärme sind für *Lukrez* körperliche Ausflüsse.
Sonderbar ist seine, dem *Epikur* entlehnte Bildertheorie. Wir nehmen
nach ihr die Dinge wahr, indem sich dünne Häutchen von ihrer Oberfläche
lösen und durch die Lüfte zu unserem Auge schwimmen. Die magnetischen
Erscheinungen werden gleichfalls aus der Annahme erklärt, daß feine
Teilchen von dem Magneten ausströmen. Selbst den Blitz läßt *Lukrez*
aus glatten und winzigen Teilchen bestehen.

Eine Andeutung des Gesetzes von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft
kann man in folgenden Zeilen erblicken:

  »Denn er (der Stoff) vermehrt sich nie, noch vermindert er sich durch
       Zerstörung,
  Ferner war die Bewegung, die jetzt in den Urelementen
  Herrscht, schon von jeher da, und so wird sie auch künftig noch da
       sein. --
  Denn kein Platz ist vorhanden, nach welchem die Teile des Urstoffs
  Könnten entfliehen, kein Platz, von wo aus erneuerte Kräfte
  Brächen herein, die Natur und Bewegung der Dinge zu ändern[556].«

Interessant ist, wie *Lukrez* das Verhältnis von Empfindung und Materie
erörtert. Er schreibt die Empfindung nämlich nicht den Atomen, sondern
nur ihrer Zusammenfassung zu. Denn, so meint er, die Menschenatome
könnten doch nicht weinen und lachen. Indem er das tut, erhebt sich
*Lukrez* über den krassen Materialismus der demokritischen Lehre. Des
weiteren bringt er bemerkenswerte Anschauungen über Gegenstände der
physikalischen Geographie. So erklärt er den gleichmäßigen Bestand des
Meeres als eine Folge des Kreislaufs des Wassers. Nach seiner Annahme
gelangt das Wasser aus dem Meere auf unterirdischem Wege in die Gebirge
zurück[557] und speist dort unter Abgabe des Salzgehaltes die Quellen.
Die Erdbeben werden darauf zurückgeführt, daß die Erde mit Höhlungen,
Strömen, Sümpfen und geborstenem Gestein ausgefüllt sei. Durch den
Einsturz der Höhlen entständen Erschütterungen, die man als Erdbeben
bezeichne.

Nicht minder merkwürdig als die Schrift des *Lukrez* sind die[558]
»Quaestiones naturales« des römischen Dichters und Philosophen
*Seneca*, der im Jahre 65 n. Chr. starb.

*Seneca* meint, das Gesicht sei der trügerischste Sinn, da z. B.
ein Ruder im Wasser wie gebrochen erscheine. Den Regenbogen hält er
für das Spiegelbild der Sonne, denn einige Spiegel, sagt er, sind
so beschaffen, daß sie die Gegenstände zu einer entsetzlichen Größe
ausdehnen. Bei *Seneca* findet sich auch die einzige Stelle, welche
darauf hindeutet, daß die Alten das Prisma gekannt und das Spektrum
beobachtet haben. *Seneca* sagt nämlich, wenn man Glasstücke mit
mehreren Kanten anfertige und die Sonnenstrahlen auf sie fallen lasse,
so erblicke man die Farben des Regenbogens. Er erwähnt ferner mit
Wasser gefüllte Glaskugeln und ihre Eigenschaft, dahinter befindliche
Gegenstände vergrößert zu zeigen[559]. Dafür, daß die Römer mit den
optischen Eigenschaften geschliffener Gläser bekannt waren, soll auch
eine Angabe des *Plinius* sprechen. Es heißt dort, daß *Nero* sich
eines Smaragds bediente, um besser sehen zu können. Dieser Stein sei
konkav und dadurch geeignet gewesen, »die Sehstrahlen zu sammeln«[560].
Man hat auch bei Ausgrabungen (so in Pompeji) linsenförmig geschliffene
Gläser gefunden und nimmt an, daß sie als Brenngläser gedient haben.
Auch bei den Ausgrabungen in Ninive hat man eine plankonvexe Linse aus
Bergkristall entdeckt, die angeblich auch optischen Zwecken gedient
hat[561].

Der Schall ist für *Seneca* ein Druck der Luft. Er begegnet sich in
dieser, annähernd das Richtige treffenden Anschauung mit *Vitruv*, der
im Gegensatz zu dem, alles als Ausflüsse auffassenden *Lukrez* den
Schall als eine Lufterschütterung betrachtet. Diese Erschütterung läßt
*Vitruv* ähnlich entstehen, wie sich durch einen Stein im Wasser die
Wellenkreise bilden. Nur entständen die Wellen beim Schall nicht allein
in der Fläche, sondern sie dehnten sich auch in die Breite und in die
Höhe (somit kugelförmig) aus.

Im 3. Buche findet sich ein Anklang an den als Apokatastasis
bezeichneten periodischen Wechsel. Die Erde sollte danach[562]
verbrennen, wenn alle Wandelsterne im Krebse zusammenkämen und
somit eine gerade Linie bildeten. Dagegen würde eine allgemeine
Überschwemmung eintreten, wenn sich diese Konstellation im Steinbock
wiederhole.

Die Höhe der Naturanschauung *Senecas* zeigt sich besonders in den
Ansichten, die er über die Kometen entwickelt[563]. Seine Zeitgenossen,
sagt er, seien der Meinung, die Kometen entständen aus verdichteter
Luft. Er aber halte sie für »ewige Werke der Natur«, und zwar deshalb,
weil auch ihnen ein Kreislauf eigen sei.

Von Beobachtungsgabe und Scharfsinn zeugen auch die Ansichten, die
*Seneca* über die geologischen Erscheinungen entwickelt. Die Erdbeben
werden teils auf den Einsturz von Höhlungen des Erdinnern, teils
auf dort angesammelte Gase zurückgeführt. Die Vulkane stellen die
Verbindung zwischen der Oberfläche und dem glutflüssigen Erdinnern
her. Unter den Vulkanen, welche *Seneca* aufzählt, findet der Vesuv
keine Erwähnung, während *Strabon* ihn wegen der in seiner Nähe sich
findenden Schlacken als einen erloschenen Vulkan betrachtete. Manche
Bemerkungen *Senecas* über die lösende und die abtragende Tätigkeit
des Wassers und die Bildung von Ablagerungen stimmen mit den neueren
geologischen Anschauungen gut überein und »verraten durchweg ein
gesundes Urteil«[564]. Auch *Vitruv* äußert in seiner Schrift »De
architectura« die Ansicht, daß in der Nähe des Vesuvs das Innere der
Erde glühend sein müsse. Er schließt dies daraus, daß bei Bajae heiße
Dämpfe aus dem Boden entweichen. *Vitruv* erwähnt ferner auf Grund der
Überlieferungen, daß die Glut des Erdinnern in alten Zeiten Ausbrüche
des Vesuvs veranlaßt habe, daher rühre auch wohl der Bimsstein in
der Nähe von Pompeji, der infolge der Hitze aus einem anderen Steine
entstanden sei. *Vitruv* erwähnt auch, daß es Quellen gäbe, die vermöge
ihrer Säure Blasensteine aufzulösen vermöchten, wie der Essig die
Eierschalen löse[565].


Chemische Kenntnisse und ihre Anwendungen.

Über die mineralogischen und die chemischen Kenntnisse der Römer
erfahren wir manches durch *Plinius*[566]. Eingehender befaßt sich
dieser mit dem Glase. Er schildert seine Herstellung aus Sand, Soda
(Nitrum) und Muschelschalen[567]. Auch ist ihm bekannt, daß man mit
Kugeln aus Glas oder Kristall sowie mit kugeligen, mit Wasser gefüllten
Glasgefäßen in der Sonne Hitze erzeugen kann[568]. Die Römer stellten
sogar Treibhäuser mit gläsernen Wänden her, um auf diese Weise
frühzeitig frisches Gemüse zu erhalten. Aus Glas verfertigte Spiegel
finden gleichfalls schon bei *Plinius* Erwähnung. Neuere Ausgrabungen
haben solche auch zutage gefördert. Der Belag dieser antiken Spiegel
besteht bald aus reinem Blei[569], bald aus anderen Metallen.

Auch über die wichtigsten Farbstoffe und ihre Verwendung berichtet
*Plinius*. Er erwähnt den Krapp und den Indigo, mit denen man die Wolle
färbte. Wie man in Indien den Indigo gewinnt, ist ihm indessen nicht
bekannt. Am weitesten hatten es in der Kunst zu färben nach *Plinius*
die Ägypter gebracht. Er erzählt von ihnen, daß sie die Stoffe vor dem
Färben mit besonderen Flüssigkeiten (Beizen) behandelten.

*Plinius* kannte auch schon die Seife. Er erzählt, daß sie von den
Galliern und den Germanen durch Kochen von Talg mit Pflanzenasche
hergestellt werde. Wahrscheinlich wurde die Aschenlauge durch Zusatz
von Kalk kaustisch gemacht[570].

Mancherlei über die chemischen Kenntnisse zur Zeit der Römerherrschaft
erfahren wir auch durch die um 75 n. Chr. entstandene Arzneimittellehre
des *Dioskurides*. So spricht dieser vom Verzinnen von Kesseln[571].
Daß gewisse Mineralien beim Übergießen mit Essig Gas entwickeln, war
im Altertum bekannt. *Plinius* knüpft daran die Bemerkung, der Essig
sei stärker als das Feuer, denn er bezwinge Felsen, die dem Feuer
Widerstand leisteten[572].



6. Der Ausgang der antiken Wissenschaft.


In die Zeit der römischen Weltherrschaft fällt eine nochmalige
Blüteperiode der alexandrinischen Akademie. Die mit ihr verbundene
große Bibliothek war zwar im Jahre 47 v. Chr. zum größten Teile
vernichtet worden. Als Ersatz dafür gelangten zahlreiche Rollen der
pergamenischen Bibliothek nach Alexandrien (s. S. 153). Eine zweite
kleinere Bibliothek befand sich dort im Serapeion. Sie wurde gegen das
Ende des 4. Jahrhunderts bei einem von den Christen hervorgerufenen
Aufstand zerstört. Trotzdem blieb Alexandrien noch lange über das 4.
nachchristliche Jahrhundert hinaus die bedeutendste Hochschule des
Orients[573].


Das ptolemäische Weltsystem.

Als ruhmvollster Name unter den alexandrinischen Gelehrten der
nachchristlichen Jahrhunderte leuchtet uns derjenige des *Ptolemäos*
entgegen. Mit seinen Verdiensten um die Fortentwicklung der Astronomie
und der Geographie haben wir uns zunächst zu beschäftigen.

*Ptolemäos* lebte im 2. Jahrhundert n. Chr. in Alexandrien. Er hat
sich als Mathematiker, Astronom, Physiker und Geograph die größten
Verdienste erworben. Wahrscheinlich ist er in Ptolemais in Oberägypten
geboren. Im übrigen ist über sein Leben fast nichts bekannt.
*Ptolemäos* hat zahlreiche Schriften verfaßt, die zum Teil im Original,
zum Teil in arabischer oder in lateinischer Sprache erhalten geblieben
sind. Die wichtigsten sind die »Erdbeschreibung«, der »Almagest« (das
astronomische Hauptwerk) und die »Optik«.

Das Weltsystem des *Aristarch* war zwar ein glücklicher Einfall
gewesen; die heliozentrische Auffassung allein vermochte jedoch noch
nicht, der genaueren Beschreibung der sich am Himmel abspielenden
Vorgänge eine sichere Grundlage zu bieten. Dies System konnte daher im
Altertum keine allgemeine Geltung finden, zumal es an den mechanischen
Begriffen fehlte, welche damit in Einklang gebracht werden mußten.
So erhob *Ptolemäos* den später auch *Koppernikus* und *Galilei*
gegenüber gemachten, von letzterem aber entkräfteten Einwand, daß eine
Drehung der Erde um ihre Achse die Ablenkung eines senkrecht in die
Höhe geworfenen Körpers zur Folge haben müßte. Ferner galt der von
*Aristoteles* herrührende Satz, daß die Bewegungen der Himmelskörper,
weil die letzteren göttlich und ewig seien, gleichmäßig und im Kreise
vor sich gehen müßten, dem *Ptolemäos*, wie dem gesamten Altertum,
als eine unumstößliche Wahrheit. Zwar hatte es den Anschein, als ob
sich die Planeten, sowie die Sonne und der Mond am Fixsternhimmel bald
schneller, bald langsamer bewegten; erstere schienen sogar zeitweilig
stillzustehen und sich bald vor-, bald rückwärts zu bewegen.

Die Unregelmäßigkeit der jährlichen Sonnenbewegung machte sich dem
*Ptolemäos* vor allem darin bemerkbar, daß die Sonne 178 Tage und 18
Stunden gebraucht, um im Verlaufe des Winterhalbjahres vom Herbstpunkt
zum Frühlingspunkt zu gelangen, während sie die andere Hälfte der
Ekliptik, also den Weg vom Frühlings- zum Herbstpunkt, in weit längerer
Zeit, nämlich in 186 Tagen und 11 Stunden, zurücklegt[574]. Diese
als die erste Ungleichheit bezeichnete Unregelmäßigkeit entspringt,
wie wir heute wissen, daraus, daß die Himmelskörper sich nicht in
Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen. Die zweite Ungleichheit, die
nur bei den Planeten auftritt, wird dadurch hervorgerufen, daß wir
unsere Beobachtungen von der Erde aus anstellen, die sich ihrerseits
wieder um die Sonne bewegt. Dieser Umstand ist es, der die scheinbaren
Stillstände und Rückgänge der Planeten verursacht. Auch daß an dem
Monde eine als Evektion bezeichnete Ungleichheit in die Erscheinung
tritt, bemerkte *Ptolemäos* schon[575]. Wir führen sie heute auf
Störungen zurück, welche die Mondbewegung durch die Sonne erleidet. Sie
ist die bedeutendste unter den Unregelmäßigkeiten der Mondbewegung und
erreicht einen Betrag von mehr als einem Grad.

Schon *Platon* hatte es als die wichtigste Aufgabe der Astronomie
bezeichnet, die beobachteten, scheinbar unregelmäßigen Bewegungen
auf gleichförmige zurückzuführen, da, wie er sagte, keine Ursache
dafür vorhanden sei, daß die himmlischen Körper sich anders als
gleichförmig bewegen sollten. Der erste, der eine Lösung der von
*Platon* gestellten Aufgabe versuchte, war sein Schüler *Eudoxos* von
Knidos. Er bediente sich dazu der Theorie der homozentrischen Sphären;
und es gelang ihm so, die zweite Ungleichheit als ein gesetzmäßig
bestimmtes Bewegungsphänomen darzustellen. Nach *Eudoxos* ist jeder
Planet auf einer rotierenden Sphäre befestigt. Die Pole dieser Sphäre
liegen in einer zweiten Sphäre, die ebenfalls um eine Achse rotiert.
Es kam nun darauf an, die Geschwindigkeiten jener Sphären und die
Lage ihrer Achsen so zu wählen, daß dadurch dem tatsächlichen Verlauf
der Erscheinungen möglichst Rechnung getragen wurde. Zu diesem
Zwecke mußten für den Mond und für die Sonne je drei und für jeden
Planeten vier Sphären angenommen werden. Am besten gelang es auf diese
Weise, die Bewegungen der entfernteren Planeten Saturn und Jupiter
gewissermaßen in eine Regel zu fassen. Die größten Schwierigkeiten
bereitete der Mars, an dem später *Tycho* und *Kepler* den wahren
Ablauf der Planetenbewegungen nach endlosen Mühen entdecken sollten.

Um die Theorie mit den Erscheinungen in besseren Einklang zu bringen,
wurde später die Zahl der Sphären noch vermehrt[576]. Einen anderen Weg
schlugen *Hipparch* und *Ptolemäos* ein. Sie benutzten zur Auflösung
der ersten Ungleichheit exzentrische Kreise und zur Bewältigung der
zweiten Ungleichheit den Epizykel[577]. *Hipparch* erklärte die
Erscheinung, daß die Sonne auf ihrer jährlichen Bahn eine größte und
eine geringste Geschwindigkeit annimmt, indem er die Erde aus dem
Mittelpunkt rückte und die Sonne um sie in gleichförmiger Bewegung
einen exzentrischen Kreis beschreiben ließ. Die Größe der Exzentrizität
ließ sich nun leicht so wählen, daß damit dem Verlauf der Erscheinungen
Rechnung getragen wurde. Die Annahme von exzentrischen Kreisen hatte
aber nicht einmal die Bewegung des Mondes, geschweige denn diejenige
der Planeten zu erklären vermocht. *Ptolemäos* griff deshalb einen
Gedanken auf, den der Mathematiker *Apollonios* geäußert hatte, und
nahm zwei oder mehr Kreisbewegungen zu Hilfe. Zur Erklärung diene Abb.
44. Es sei E die Erde, um die mit einem Radius R = Mm ein exzentrischer
Kreis gezogen ist. Auf letzterem bewegt sich indes nicht der in Frage
kommende Himmelskörper, sondern der Mittelpunkt der Kreisbahn p q t
s, in der erst der Planet mit gleichförmiger Geschwindigkeit sich
bewegt. Diese Kreisbahn wird der Epizykel, die Theorie daher die
Epizyklentheorie genannt. Es ist ersichtlich, daß der Himmelskörper,
von der Erde gesehen, sich in p rascher bewegt als in t, wo seine
Bewegung derjenigen des Epizykels entgegengesetzt ist. Auch ist klar,
daß trotz der gleichförmig gedachten Bewegung, mit deren Annahme der
Forderung *Platons* Genüge geleistet war, scheinbare Stillstände und
Rückgänge eintreten können. Es kam nur darauf an, das Verhältnis von r
und ME zu R, sowie die Umlaufszeiten um M und m so zu wählen, daß dem
Verlauf der Erscheinungen durch die hypothetischen Bewegungen Genüge
geleistet war und erstere aus den angenommenen Verhältnissen berechnet
werden konnten. Stimmten dann die Berechnungen mit neuen, auf Grund der
Rechnung angestellten Beobachtungen nicht überein, so führte man einen
dritten Epizykel ein, dessen Mittelpunkt den Kreis p q t s beschrieb.
Durch eine Verknüpfung derartiger Kreisbewegungen läßt sich offenbar
jede, nach einem bestimmten Gesetze auf beliebiger Bahn ablaufende
Bewegung darstellen.

[Illustration: Abb. 44. Zur Erläuterung der Epizyklentheorie.]

*Ptolemäos* wandte die Epizyklentheorie zunächst auf die Erklärung
der Mondbewegung an. Daß die Entfernung des Mondes von der Erde
beträchtlichen Schwankungen unterworfen ist, hatte sich ihm aus der
Tatsache ergeben, daß der scheinbare Durchmesser des Mondes nach
seinen Beobachtungen zwischen 31-1/3 und 35-1/3 Minuten schwankt.
*Aristoteles* hatte also recht, wenn er behauptete, »daß derselbe
Diskus, bei sich gleichbleibender Entfernung vom Auge, den Mond bald
bedecke, bald nicht«.

Um die Ungleichheiten des Mondumlaufes zu erklären, ließ *Ptolemäos*
das Gestirn einen Epizykel beschreiben, der sich innerhalb eines
Zeitraumes vollziehen sollte, in welchem der Mond zu demselben
Endpunkte seiner großen Bahnachse zurückkehrt. Der Mittelpunkt dieses
Epizykels umlief die Erde in einem Kreislauf, der gegen die Ekliptik,
der Neigung der Mondbahn entsprechend, schief gerichtet war. Die
Zeitdauer dieses Kreislaufs währte bis zur Rückkehr zu den Knoten, den
Punkten, in denen die Ekliptik und die Mondbahn sich schneiden. Auf
diese Weise erzielte *Ptolemäos*, daß sich Rechnung und Beobachtung,
wenigstens für den damaligen Stand der astronomischen Wissenschaft, in
etwa deckten.

Dasselbe Ziel suchte *Ptolemäos* bezüglich der Planetenbewegung unter
Zuhilfenahme der Epizyklen und der exzentrischen Kreise zu erreichen.
Doch waren die Schwierigkeiten hier fast noch größer.

So lange man die Epizyklentheorie als bloße Hilfshypothese ansah und
benutzte, ließ sich gegen sie nichts einwenden. Wir bedienen uns
noch heute zur Beschreibung von Naturvorgängen mancher Fiktionen,
die dem Fortschritt der Erkenntnis nur dann gefährlich werden, wenn
wir uns daran gewöhnen, in ihnen den wahren Grund der Erscheinungen
zu erblicken. Erinnert sei nur an die Annahme magnetischer und
elektrischer Fluida, an deren wirkliches Vorhandensein kein Physiker
glaubt, obgleich sie einer elementaren Beschreibung der magnetischen
und der elektrischen Vorgänge zugrunde gelegt werden. Mit der
zunehmenden Kompliziertheit solcher Hypothesen wird indes ihre
Anwendung immer mehr erschwert. So trug schon aus dieser Ursache die
Epizyklentheorie den Keim des Todes in sich, wenn auch ihre Herrschaft
noch lange dauern sollte. Denn selbst *Koppernikus* war, nachdem er die
Sonne, wie er sich ausdrückt, auf ihren königlichen Thron in die Mitte
der sie umkreisenden Gestirne gesetzt hatte, sofort gezwungen, sich
der Epizykel wieder als Hilfskonstruktion zu bedienen, weil er an der
Vorstellung einer kreisförmigen Bewegung der Planeten festhielt.

Zwar kam bei Annahme der heliozentrischen Lehre die sogenannte zweite
Ungleichheit in Fortfall, da sie ja daraus entsprang, daß man die Erde
als den Mittelpunkt der Bewegungen betrachtete. Anders stand es mit der
ersten Ungleichheit, welche daraus hervorgeht, daß die Himmelskörper
sich nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen. Da *Koppernikus*
an die Möglichkeit einer anderen als der kreisförmigen Bewegung noch
gar nicht dachte, so blieb ihm zur Erklärung der ersten Ungleichheit
nichts anderes übrig, als auf sie die Epizyklentheorie anzuwenden.
Das astronomische und das trigonometrische Wissen seiner Zeit legte
*Ptolemäos*, nachdem es durch ihn eine beträchtliche Vermehrung
erfahren, in einem Lehrbuche nieder, das von den Arabern Almagest[578]
genannt wurde und dem gesamten Mittelalter in astronomischer Hinsicht
als ein Evangelium galt.

Das Bedürfnis nach einer Verbesserung der von *Ptolemäos* mitgeteilten
Planetentafeln machte sich schon im Mittelalter geltend. Um das Jahr
1250 berief daher König *Alfons* von Kastilien eine Anzahl Gelehrter,
welche neue astronomische Tafeln, die sogenannten alfonsinischen,
entwarfen, die einen wesentlichen Fortschritt gegenüber denjenigen
des *Ptolemäos* bedeuteten. An der Epizyklentheorie wurde indes trotz
ihrer wachsenden Kompliziertheit nicht gerüttelt, was *Alfons* zu dem
Ausspruch veranlaßt haben soll, die Welt wäre einfacher geworden, wenn
Gott ihn bei ihrer Erschaffung zu Rate gezogen hätte.

Außer der vorstehend skizzierten, dem damaligen Standpunkte der
Astronomie genügenden Epizyklentheorie finden wir im Almagest die
schon von den älteren alexandrinischen Astronomen sowie von *Hipparch*
in Angriff genommene Bestimmung der Fixsternörter fortgesetzt[579].
Das von *Ptolemäos* entworfene Verzeichnis[580] umfaßt 1022 Sterne,
die nach ihrer Lage innerhalb der von den Griechen angenommenen
Sternbilder, sowie nach Länge und Breite bestimmt sind.

Auch die Untersuchung der von *Hipparch* entdeckten und ihrer Größe
nach gleich etwa einem Grad für das Jahrhundert angegebenen Präzession
der Tag- und Nachtgleichen wurde von *Ptolemäos* wieder aufgenommen.
Eine Bestätigung dieser Erscheinung war nämlich sehr wichtig, da
*Hipparch* sich nur auf die wenig genauen Beobachtungen der älteren
Alexandriner stützen konnte.

Bevor wir die Schilderung der astronomischen Verdienste des *Ptolemäos*
beenden, sei noch einiges aus dem Inhalt des Almagest mitgeteilt,
woraus sich der Standpunkt, den die Sternkunde in Alexandrien erreicht
hatte, ermessen läßt. Die Erde ist eine Kugel. Sie befindet sich in der
Mitte des Himmels, kann aber im Vergleich zu den Himmelsräumen nur als
ein Punkt betrachtet werden. Während die Erde unbeweglich feststeht,
bewegen sich die Gestirne in kreisförmigen Bahnen. Dies sind die Sätze,
welche an der Spitze des Werkes stehen. Die Länge des Jahres wird im
Almagest zu 365 Tagen 5 Stunden und 55 Minuten angegeben. Die Erde ist
39 mal so groß wie der Mond, während die Sonne den Mond 6600 mal an
Größe übertreffen sollte. Bezüglich der Entfernungen wird angegeben,
daß der Mond 59, die Sohne dagegen 1210 Erdhalbmesser von uns entfernt
sei.

Die Abstände der Gestirne von der Erde regeln sich nach *Ptolemäos*
folgendermaßen: Auf den Mond folgt zunächst Merkur, dann Venus und
darauf die Sonne. Die weitere Reihenfolge ist Mars, Jupiter und Saturn.
Auf diese sieben Wandelsterne, deren Zahl erst durch *Herschels*
Entdeckung des Uranus vermehrt wurde, folgen die Fixsterne.

An die Beschreibung dieses seinen Namen tragenden Weltsystems schließt
sich eine Darstellung der Grundzüge der ebenen und der sphärischen
Trigonometrie, der wichtigsten Hilfswissenschaft der Astronomen.


Hilfswissenschaften der Astronomie.

Die astronomischen Leistungen des *Ptolemäos* wurden dadurch
ermöglicht, daß die beiden wichtigsten Hilfswissenschaften der
Astronomie, die Mathematik und die Meßkunde, bedeutende Fortschritte
aufzuweisen hatten. Die wichtigste Vorarbeit auf dem Gebiete der
Mathematik lieferte der Astronom *Menelaos* von Alexandrien, dessen
Sternbeobachtungen im Almagest Erwähnung finden. *Menelaos* verfaßte
ein Werk über die Berechnung der Sehnen, das verloren ging, und ein
zweites, »Sphärik« genannt, welches die Grundzüge der sphärischen
Trigonometrie entwickelte, indessen nur in Übersetzungen bekannt
geworden ist[581]. *Menelaos* bringt schon den Satz, daß in jedem
sphärischen Dreieck die Summe der drei Winkel größer als zwei Rechte
ist. Er zeigt, daß gleichen Seiten desselben sphärischen Dreiecks
gleiche, ungleichen Seiten ungleiche Winkel gegenüberliegen, und
zwar den größeren Seiten die größeren Winkel. Sein Werk enthält die
wichtigsten Sätze über die Kongruenz sphärischer Dreiecke, ferner
diejenigen Sätze über Transversalen im ebenen und im sphärischen
Dreieck, die man noch jetzt als die Sätze des *Menelaos* bezeichnet.
*Ptolemäos* vollendete, was *Hipparch* und *Menelaos* auf dem Gebiete
der ebenen und der sphärischen Trigonometrie begonnen hatten. Er gab
dieser Wissenschaft für den astronomischen Gebrauch eine Form, die
sich, wie seine Lehre, länger als ein Jahrtausend erhalten hat.

Als der letzte unter den großen Mathematikern des Altertums ist
*Diophant* von Alexandrien zu nennen. Dieser schrieb ein Werk über
Arithmetik, das etwa zur Hälfte erhalten geblieben ist[582]. Er
betitelte es ἀριθμητικά und erschloß damit ein bisher kaum betretenes
Gebiet.

Bei *Diophant* begegnen uns schon gewisse Zeichen und Abkürzungen,
während vor ihm die Rechnungen zumeist nur durch Worte
auseinandergesetzt wurden und höchstens gewisse Fachausdrücke (wie
bei den alten Ägyptern) wiederkehren. Für die Unbekannte (unser x)
gebrauchte *Diophant* z. B. das Sigma, ς, den einzigen griechischen
Buchstaben, der keine bestimmte Zahl bedeutete. Für die zweite Potenz
lautet sein Zeichen δ^ῦ (δύναμίς = Quadrat), für die dritte k^ῦ (κύβος
= Würfel). Für die sechste Potenz schrieb *Diophant* κ^ῦ κ^ῦ. Höhere
Potenzen kommen bei ihm nicht vor. Für die Subtraktion verwendet er
ein besonderes Zeichen (⋔ = umgekehrtes ψ). Zu addierende Größen
dagegen werden ohne ein Zeichen nebeneinander gestellt. Selbst ein
Gleichheitszeichen (ι als Abkürzung von ἴσοι, gleich) fehlt nicht[583].
Diese Beispiele zeigen zur Genüge, daß uns bei *Diophant* schon ein
Verfahren begegnet, das seine hervorragenden Erfolge erklärlich macht.
Ein wesentlicher Mangel der diophantischen Algebra besteht darin, daß
sie den Gegensatz von positiv und negativ noch nicht kennt. Dies
hat darin seinen Grund, daß *Diophant* nur Differenzen bildet, bei
welchen der Minuend größer als der Subtrahend ist. Eine größere Zahl
von einer kleineren abzuziehen, die algebraische Operation, die ja
zum Begriff der negativen Zahl geführt hat, erschien ihm als etwas
Unmögliches. Führte die Lösung einer Gleichung auf negative Werte, so
erklärte *Diophant* einen derartigen Fall für unzulässig. Eine Rolle
spielte diese Beschränkung besonders bei der Auflösung quadratischer
Gleichungen, mit der *Diophant* sich sehr vertraut zeigt. Bei ihm
begegnet uns auch die erste kubische Gleichung. Doch bleibt der
Fall vereinzelt. Auch ließ sich die betreffende Gleichung auf einen
niedrigeren Grad reduzieren[584]. *Diophant* gibt die Lösung, ohne
jedoch sein Verfahren anzudeuten.

Was *Diophant* vor allem auszeichnet, ist die Art, in der er sich
bei fast allen Problemen von den Einzelfällen loslöst und sich zur
allgemeineren Betrachtung erhebt.

Die Stellung, die *Diophant* in der Entwicklung der Wissenschaften
einnimmt, ist infolgedessen eine ganz einzigartige. Einmal treten
uns seine Schöpfungen, die von allem, was vor ihnen liegt, so sehr
verschieden sind, ganz unvermittelt entgegen. »Eine ganz andere Luft
weht in den Schriften dieses Arithmetikers als in denjenigen der
klassischen Geometer«[585]. Und wie es an nachweisbaren Vorstufen
und Vorläufern fehlt, so mangelt es in dem auf *Diophant* folgenden
Jahrtausend auch an Mathematikern, die das von ihm Begonnene
fortgesetzt hätten. Erst zu Beginn der neueren Periode vermochte man an
*Diophant* anzuknüpfen und eine höhere Mathematik zu schaffen, deren
wichtigstes Element, wie bei *Diophant*, allgemeine Zahlen, für sich
betrachtet und in ihrer Beziehung zu geometrischen und physikalischen
Größen, sind.

*Diophant* lebte vermutlich im 3. nachchristlichen Jahrhundert,
jedenfalls ist aber sein Werk später als die Schriften des *Ptolemäos*
verfaßt. Auf die Entwicklung der alten Astronomie hat es keinen Einfluß
ausgeübt[586].

Die Förderung, welche die Meßkunde bei den Vorgängern des *Ptolemäos*
erfahren hatte, wußte dieser sich nicht weniger als die mathematischen
Fortschritte zunutze zu machen. Im Jugendzeitalter der Astronomie
wird man wohl die Entfernungen am Himmelsgewölbe nach Mondbreiten
abgeschätzt und dabei wahrscheinlich zwei um ein Scharnier
drehbare Stäbe, in deren Treffpunkt sich das Auge des Beobachters
befand, gebraucht haben. Die Alexandriner benutzten zwei Arten von
Winkelmeßinstrumenten. Bei der einen kam eine geradlinige, bei der
anderen die Kreisteilung in Anwendung. Zur ersten Art gehört das
parallaktische Lineal, auch Regula Ptolemaica genannt, das *Ptolemäos*
im Almagest beschreibt. Es besteht aus einem lotrecht und drehbar
aufgestellten Stabe, um dessen oberen Endpunkt sich ein gleich langer
Stab mit Dioptern, zum Anvisieren des Gestirnes, bewegen ließ. Am
unteren Ende des senkrechten Stabes war ein dritter drehbarer Stab mit
Längseinteilung angebracht. Dieser Stab ließ sich in einer Rille des
Diopterlineals verschieben. Bei jeder Höhenmessung konnte die Lage des
Diopterlineals auf der Gradeinteilung des zweiten beweglichen Lineals
abgelesen und danach der entsprechende Winkel aus der Sehnentafel
entnommen werden.

[Illustration: Abb. 45. Das parallaktische Lineal.]

Indessen bediente sich *Ptolemäos* nach dem Beispiel von *Aristyll*
und *Timocharis* (300 v. Chr.) auch der mit Gradeinteilung
versehenen, miteinander verbundenen Kreise, der sogenannten Armillen.
*Eratosthenes* hatte 220 v. Chr. in Alexandrien Armillen von
bedeutender Größe errichtet und vermittelst dieser Instrumente den
Abstand der Wendekreise zu 11/83 des Kreisumfanges bestimmt. Eine der
von *Ptolemäos* benutzten Armillen zeigt uns die Abbildung 46[587]
auf S. 256. Sie bestand aus einem aus Kupfer oder Bronze verfertigten
Ring, der in 360 Grade geteilt war. Der Ring war in senkrechter
Lage auf einer Säule errichtet und fiel mit dem Meridian zusammen.
Diesem Ringe war ein zweiter drehbarer Ring mit zwei diametral
gegenüber befindlichen Vorsprüngen eingepaßt. Wollte man z. B. die
Mittagshöhe der Sonne messen, so wurde der innere Ring gedreht, bis
der Schatten des einen Vorsprunges auf den anderen Vorsprung fiel.
Eine Armillarsphäre (Ringkugel) bestand aus zwei festverbundenen,
rechtwinklig zueinander stehenden Kreisen, von denen der eine in der
Ebene des Meridians, der andere in der Ebene des Himmelsäquators lag.
In dem Meridiankreis war ein dritter Kreis drehbar angebracht, dessen
Drehachse mit der Weltachse zusammenfiel. In diesem dritten Kreise
befand sich, konzentrisch und verschiebbar, ein vierter. Durch Diopter
wurde ein Anvisieren ermöglicht, während Gradeinteilungen ein Ablesen
der Deklination und des Stundenwinkels gestatteten. Dem Instrument lag
also der Gedanke zugrunde, die an der Himmelskugel erkannten Kreise
und Kreisbewegungen im kleinen nachzubilden. Zum Messen von Winkeln
diente auch wohl der astronomische Ring oder das Astrolabium[588]. Es
bestand aus zwei konzentrischen, gegeneinander verschiebbaren Ringen,
die mit je zwei gegenüberstehenden Dioptern versehen waren. Wollte man
Horizontalwinkel messen, so wurde der Ring hingelegt. Handelte es sich
um das Messen von Höhenwinkeln, so hing man ihn auf.

[Illustration: Abb. 46. Solstitial-Armille des Ptolemäos. Schematische
Skizze nach dem Almagest.]

Außer den Armillen benutzte *Ptolemäos*, wie die chaldäischen
Astronomen, auch aus Stein verfertigte Mauerquadranten, die in der
Ebene des Meridians errichtet waren.

Wir erkennen, daß schon bei den frühesten astronomischen Beobachtungen
der Forscher wesentlich auf die Geschicklichkeit des Mechanikers
angewiesen war. Die Entwicklung der Astronomie ist daher mit der steten
Vervollkommnung und mit der wachsenden Genauigkeit der Meßwerkzeuge
Hand in Hand gegangen[589]. Schon die Herstellung der Ringinstrumente,
welche die Alexandriner benutzten, erforderte eine hervorragende
Fertigkeit. »Noch jetzt«, so lautet das Urteil eines hervorragenden
Kenners der Präzisionsmechanik, »würde nur von einem geschickten,
mit einer Drehbank ausgerüsteten Arbeiter die auch nur für primitive
Beobachtungen genügende Genauigkeit solcher Meßinstrumente zu erwarten
sein«[590].

Die für die Astronomie gleich wichtige Zeitbestimmung erfolgte,
wie es schon bei den Chaldäern geschah, durch Wassermessung. Schon
im 5. Jahrhundert v. Chr. begnügte man sich nicht mehr mit einer
Abschätzung der Tagesstunden aus der Länge des Schattens, sondern man
baute Wasseruhren (Klepsydren). Ja sogar solche mit Weckvorrichtung
begegnen uns schon im 4. vorchristlichen Jahrhundert[591]. Die hierbei
Verwendung findenden Instrumente vervollkommnete der um 270 v. Chr.
lebende Alexandriner *Ktesibios*, der auch als der Erfinder der
Feuerspritze, der Wasserorgeln usw. genannt wird, und der in *Heron*
einen Fortsetzer seiner Arbeiten fand. Damit die Öffnung, durch welche
das Wasser bei seinen Uhren strömte, unverändert blieb, stellte
*Ktesibios* diese Öffnung nicht in gewöhnlichem Metall, sondern in
Gold oder Edelstein her. Ferner sorgte er für ein konstantes Niveau
des Wassers in dem Abflußgefäß, damit in gleichen Zeiten stets gleiche
Mengen ausströmten. Mitunter wurden durch das ausströmende Wasser
Gegenstände gehoben, die ihre Bewegung wieder auf ein Räder- oder
Zeigerwerk übertrugen.


Fortschritte der Geographie.

Wie durch *Hipparch*, so erfuhr auch durch *Ptolemäos* die Geographie
eine bedeutende Förderung. Das von letzterem um 140 n. Chr.
geschaffene Lehrbuch[592] dieser Wissenschaft genoß, gleich dem
Almagest, bis gegen das Ende des Mittelalters eine unbestrittene
Herrschaft. Durch beide Schriften ist *Ptolemäos* einer der großen
Lehrer für alle Zeiten geworden, da an den »Almagest« und die
»Geographie« die großen Entdeckungen anknüpften, welche die Neuzeit
auf astronomischem und geographischem Gebiete gemacht hat. Wie der
»Almagest«, so enthält auch die »Geographie« eine erstaunliche Fülle
von Tatsachen. Nicht weniger als 5000 Punkte des damals bekannten
Teiles der Erdoberfläche werden nämlich in der »Geographie« nach Länge
und Breite angegeben. Und zwar sind nicht nur Städte, sondern auch
Flußmündungen, Berge und andere bemerkenswerte Orte berücksichtigt. Die
Ermittelung der Breite geschah mit einer solchen Genauigkeit, daß die
nach *Ptolemäos'* Angaben entworfenen Karten in meridionaler Richtung
nur geringe Verzerrungen aufweisen. *Ptolemäos* selbst hat Anleitungen
für die Ortsbestimmung und das Entwerfen von Karten gegeben. Die den
alten Handschriften seiner Geographie beigegebenen Karten (10 über
Europa, 5 über Afrika und 12 über Asien) entstammen indessen erst
dem 6. Jahrhundert, wenn sie auch zweifellos auf antike Vorlagen
zurückgehen. »Sie sind«, sagt *Ritter*[593], »die Grundlage aller
neueren Landkarten geworden. Ohne sie würden die unserigen schwerlich
ihren jetzigen Grad von Vollkommenheit erlangt haben.«

Das bei den Alten übliche Verfahren der Längenbestimmung wurde schon
erörtert[594]. Es lieferte sehr unvollkommene Ergebnisse[595]. Auch
wechselte man schon im Altertum mit der Lage des Nullmeridians. So
rechnete *Ptolemäos* nicht nach dem durch die Insel Rhodos gezogenen
Meridian, sondern er verlegte den Anfang der Zählung nach den
»glücklichen Inseln« des äußersten Westens. Diese Einrichtung bot
den Vorzug, daß für die in Betracht kommenden Gegenden der Erde die
Unterscheidung zwischen westlicher und östlicher Länge in Wegfall kam.

Bei der kartographischen Darstellung des ihm bekannten Teiles
der Erdoberfläche konnte *Ptolemäos* ihre Krümmung nicht mehr
unberücksichtigt lassen. Es galt daher, eine Methode zu benutzen,
welche Teile einer Kugelfläche in der Ebene zu zeichnen ermöglichte.
Diese Aufgabe löste *Ptolemäos*, indem er eine Projektionsart empfahl,
die grundlegend für die weitere Entwicklung der Kartographie gewesen
ist.

*Marinus* von Tyrus, der Vorgänger des *Ptolemäos*, hatte die Parallel-
und die Längenkreise sämtlich als gerade Linien und die letzteren
parallel zueinander gezeichnet. Die Längengrade wurden dadurch für die
nördlichen Gegenden der Erde viel zu groß, was *Ptolemäos* durch sein
Projektionsverfahren zu vermeiden suchte. *Ptolemäos* erläutert es mit
folgenden Worten: »Es wird richtig sein, zwar die Meridiane als gerade
Linien zu zeichnen, die Breitengrade dagegen als Stücke von Kreisen,
die um ein und dasselbe Zentrum gezogen sind. Dieses wird senkrecht
über den Nordpol gedacht. Von dort aus wird man die Meridiane als
gerade Linien zeichnen müssen, damit die annähernde Ähnlichkeit mit der
Kugelfläche gesichert wird. Dies geschieht dadurch, daß die Meridiane
senkrecht zu den Breitenkreisen bleiben und in dem gemeinsamen Pole
zusammenlaufen«[596].

Während der mathematische Teil der Erdkunde infolge der bedeutenden
Fortschritte der Astronomie sehr gefördert wurde, blieb auch die
physische Erdkunde nicht zurück. Von großem Einfluß war hier die
Erweiterung des Gesichtskreises durch die römischen Eroberungszüge und
der dadurch bedingte kosmopolitische Zug, welcher die gesamte Erde als
Wohnsitz des Menschen aufzufassen lehrte. Insbesondere spricht sich
dieser Zug in *Strabon* aus, von dessen Erdbeschreibung *Humboldt*[597]
sagt, sie übertreffe an Mannigfaltigkeit und Großartigkeit alle
geographischen Arbeiten des Altertums. *Strabon* läßt Inseln und ganze
Kontinente, in Übereinstimmung mit den Ansichten der heutigen Geologen,
durch vulkanische Kräfte emporgehoben werden. »Nicht nur kleine Inseln
können gehoben werden«, heißt es bei *Strabon*[598], »sondern auch
große, ja selbst Festland«. Von Sizilien sagt er, man möchte es »nicht
für ein Bruchstück Italiens halten, sondern vermuten, es sei durch
das Feuer des Ätna aus der Tiefe emporgehoben worden«. Doch erörtert
*Strabon* auch die Möglichkeit, daß Sizilien durch ein Erdbeben von
Italien getrennt worden sei. Als Beweis, daß Inseln auf vulkanischem
Wege entstehen, führt er an, daß sich im Jahre 196 v. Chr. in der Nähe
von Thera, dem heutigen Santorin, unter Feuererscheinung eine Insel von
12 Stadien Umfang erhoben habe. Wie Sizilien, so betrachtete *Strabon*
auch Capri und andere der Küste benachbarte Inseln als frühere Teile
des Festlandes, während inmitten des Meeres gelegene Inseln, wie jene
Neubildung in der Nähe Theras, durch vulkanische Tätigkeit entstanden
sein sollten.

Bei *Strabon* begegnet uns übrigens auch zuerst die Ansicht, daß die
Vulkane Sicherheitsventile der Erde seien. Die Alten wollten nämlich
beobachtet haben, daß Sizilien in Zeiten einer erhöhten Tätigkeit der
in der Nähe dieser Insel liegenden Vulkane und des Ätna weniger unter
Erdbeben zu leiden habe.

Auch die Versteinerungen werden von *Strabon* richtig gedeutet.
So tritt er bei der Besprechung der linsenförmigen Nummuliten des
Kalksteins, aus dem die Pyramiden von Gizeh erbaut sind, der Meinung
entgegen, daß es sich hier um erhärtete Überreste von den Speisen
der Erbauer handeln könne. Schon *Eratosthenes* habe erwähnt, daß
Tausende von Stadien vom Meere entfernt Schnecken und Muscheln gefunden
würden[599]. Man müsse daher annehmen, daß einst große Teile des
Festlandes für eine gewisse Zeit überschwemmt gewesen und dann wieder
trocken geworden seien. Der Boden des Meeres sei ferner uneben wie die
Oberfläche des Landes und das Meer infolgedessen von verschiedener
Tiefe.

Als Beweis für eine außerordentliche, in historischer Zeit erfolgte
Verschiebung der Meeresküste erwähnt *Strabon* von einer früheren
Seestadt südlich der Pomündung, daß sie 90 Stadien vom Ufer entfernt
liege. Seit jener Zeit ist diese Küste bekanntlich um einen weiteren
erheblichen Betrag meerwärts hinausgeschoben worden, so daß Ravenna,
das z. B. zur Zeit *Strabons* noch Seestadt war, jetzt sieben Kilometer
von der Küste entfernt liegt.

*Strabon* besitzt auch bezüglich der erodierenden Tätigkeit des
Wassers, der Ursache von Ebbe und Flut, sowie der Abnahme der
Temperatur mit der Erhebung richtige Vorstellungen. Er ahnt sogar das
Vorhandensein einer zweiten Kontinentalmasse neben der von Europa,
Asien und Afrika gebildeten, wenn er sagt: »Es ist wohl möglich, daß
in demselben gemäßigten Erdgürtel, welcher durch das Atlantische Meer
geht, außer der von uns bewohnten Welt noch eine andere oder selbst
mehrere liegen.« *Columbus* ließ sich dagegen von der Vorstellung
leiten, daß eine Fahrt nach Westen unmittelbar zu den östlichen
Gestaden des asiatischen Festlandes führen müsse.

Auch bei den Römern war man auf dem Gebiete der physikalischen
Geographie gegen den Ausgang des Altertums zu ziemlich klaren
Vorstellungen gelangt. So verdankt man dem *Vitruvius*[600] eine
im ganzen richtige Theorie der Quellenbildung nebst einer darauf
beruhenden Anweisung zur Auffindung von Quellen, während *Seneca*[601]
die durch das Wasser auf der Erdoberfläche hervorgerufenen
Veränderungen recht gut schildert und die Springfluten darauf
zurückführt, daß bei ihnen außer dem Monde auch die Sonne zur Wirkung
gelangt.

Nicht gering waren ferner die Kenntnisse auf dem Gebiete der
Länderkunde während der letzten Jahrhunderte vor Beginn unserer
Zeitrechnung. Was die Kenntnis der einzelnen Länder anbelangt, so
ergänzt die Erdbeschreibung *Strabons* in glücklicher Weise diejenige
des *Ptolemäos*. *Strabon* hat mehr die europäischen, *Ptolemäos*
dagegen mehr die asiatischen Länder berücksichtigt. Nur in bezug auf
das nördliche und östliche Germanien ist der Bericht des *Ptolemäos*
wieder als der reichhaltigere zu bezeichnen. »*Ptolemäos* eröffnete«,
sagt *Ranke*[602], »durch seine Beschreibung der Länder jenseits des
Rheines und der Donau gleichsam eine neue Welt.« Er zerstörte ferner
den Wahn, daß das Kaspische Meer in das Weltmeer münde und wies
die Abgeschlossenheit jenes Beckens nach. Seine Darstellung stützte
*Ptolemäos* besonders auf die geographischen Kenntnisse der Phönizier
und auf die Berichte, welche ihm der Karawanenhandel zuführte. Auch
die Züge Alexanders, die gewaltige Ausdehnung der Römerherrschaft,
sowie die Reisen, welche die damaligen Geographen im Gefolge der Heere,
der Statthalter und Gesandtschaften unternahmen, hatten eine Fülle
von Material geliefert. So wußte man z. B. über Indien zur Zeit des
*Ptolemäos* viel mehr als zur Zeit *Mercators* am Schlusse des 16.
Jahrhunderts[603].

Nach *Herodots* Erzählung (IV, 42) ließ der ägyptische König *Necho* um
600 v. Chr. phönizische Schiffer vom Roten Meere aus Afrika umsegeln
und durch die Straße von Gibraltar nach Ägypten zurückkehren. Die Fahrt
soll 3 Jahre gedauert haben. *Herodots* Erzählung ist oft angezweifelt
worden. Soviel ist indes gewiß, daß im Altertum der Äquator
überschritten wurde. Denn die Schiffer sagten aus, bei ihrer Fahrt um
Lybien herum nach Westen habe die Sonne um Mittag zur rechten Hand,
also im Norden, gestanden. *Herodot* fügt dieser Angabe hinzu, er könne
das nicht glauben; vielleicht gäbe es andere, die es glauben könnten.
Diese Erzählung *Herodots* hat man als einen Beweis dafür betrachtet,
daß die Fahrt wirklich stattgefunden hat[604].

Die Quelle, aus welcher *Ptolemäos* bei der Abfassung seiner,
acht Bücher umfassenden, Geographie besonders schöpfte, waren die
Reiseberichte des *Marinus* aus Tyrus[605]. In den phönizischen
Häfen besaß man auf Grund des ausgedehnten Handels, der von dort aus
getrieben wurde, eine ausgedehnte Kenntnis aller von phönizischen
Schiffen besuchten Länder, Inseln und Meere. Nach diesem Material
entwarf *Marinus* eine Karte, die sich unter dem Namen der Tyrischen
Weltkarte in der Bibliothek zu Alexandrien befand.

Die Längen- und die Breitengrade waren bei *Marinus* gerade Linien, die
sich unter rechten Winkeln schnitten. Für den damals bekannten Teil der
Erde (30.-40. Breitengrad) ergab diese Projektionsart, die man wohl als
die »platte« bezeichnet, ein Netz von Rechtecken. Für den Äquator als
mittleren Breitengrad würde das Netz aus Quadraten bestanden haben.

*Marinus* von Tyrus wurde durch seine Plattkarte der Begründer der
mathematischen Geographie. Er ging von einem Gradkreuz aus, das er aus
dem Meridian und dem Breitenparallel von Rhodos (36°) bildete und zu
einem Netz rechtwinklig sich schneidender Linien erweiterte.

*Ptolemäos* sagt von *Marinus*, auf dessen Arbeiten er sich besonders
stützt, dieser habe einen so großen Reichtum an Nachrichten der Alten
und der Neueren zusammengebracht und so viele Reiseberichte und Werke
berücksichtigt, wie keiner seiner Vorgänger. Dementsprechend sind auch
die Angaben, die *Ptolemäos* von den asiatischen Ländern macht, weit
reichhaltiger als diejenigen, welche durch die römischen Geographen auf
uns gekommen sind. So nennt *Ptolemäos* viele Städte, Flüsse und Berge
der Insel Ceylon (Taprobane), von der *Plinius* kaum etwas zu erzählen
weiß. *Ptolemäos* kennt auch die Sundainseln. Vorderindien ist ihm
so gut bekannt, daß er von 39 Orten nicht nur die Lage, sondern auch
die Dauer des längsten Tages nach genaueren Beobachtungen angibt. Die
Flüsse und Berge Indiens, die er nennt, sind den Europäern bis ins 16.
Jahrhundert hinein unbekannt geblieben.

Die geographischen Kenntnisse der Phönizier, auf denen *Ptolemäos*
fußte, erstreckten sich also keineswegs nur auf die Meere und die
Küsten, sondern auch auf das Innere der Kontinente. Sogar der Weg über
Land vom Euphrat über Baktrien und ein hohes Gebirge, das sich bis nach
China erstrecke, wird beschrieben[606].


Weitere Fortschritte der Physik.

Wir haben die Fortschritte, welche die Astronomie und die mit ihr
emporblühende Geographie in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten
erlebten, als die wichtigsten wissenschaftlichen Ereignisse an die
Spitze dieses Zeitraumes gestellt. Es gilt jetzt, der Naturlehre
und der Naturbeschreibung, die weniger hervortreten, eine kurze
Darstellung zu widmen. Die Mechanik hatte in der vorchristlichen Zeit
in *Archimedes* und in *Heron* ihren Höhepunkt erreicht. Als ihr
Hauptvertreter während des jetzt zu schildernden Zeitraumes ist der
Alexandriner *Pappos* zu nennen, der sich auch um die Weiterbildung der
Mathematik verdient gemacht hat. *Pappos* lebte gegen das Ende des 3.
Jahrhunderts n. Chr. Sein auf uns gekommenes Werk besteht aus 8 Büchern
und führt den Namen »Die Sammlung«[607]. Besonders das letzte Buch
bringt geometrisch begründete Lehren der Mechanik, wie die Lehre vom
Schwerpunkt und von der schiefen Ebene. Es behandelt auch die Aufgabe,
eine gegebene Last durch eine gegebene Kraft mit Hilfe von Zahnrädern
zu bewegen, deren Durchmesser in gewissen Verhältnissen stehen. Das 7.
Buch des *Pappos* enthält jenen wichtigen Satz, der unter dem Namen
der *Guldin*schen Regel erst im 17. Jahrhundert wieder allgemeiner
bekannt wurde, den Satz nämlich, daß der Inhalt eines Rotationskörpers
gleich dem Produkt aus der rotierenden Fläche und dem Wege ihres
Schwerpunktes ist. Erwähnt sei ferner noch, daß sich bei *Pappos* in
solch ausgedehntem Maße die Verwendung von Buchstaben zur Bezeichnung
allgemeiner Zahlen findet, wie bei keinem Schriftsteller vor ihm, so
daß uns bei *Pappos* schon die Elemente der Buchstabenrechnung begegnen.

Von der Förderung der Optik und der Akustik während der ersten
Blütezeit der alexandrinischen Schule wurde an früherer Stelle
gehandelt. Bemerkenswert ist, daß die Optik auch während der zweiten
Blütezeit erheblich gefördert wurde. Und zwar geschah dies durch
denselben *Ptolemäos*, dessen Verdienste auf dem Gebiete der Astronomie
und der Geographie wir soeben als so hervorragend anerkannt haben[608].
Wir finden nämlich bei *Ptolemäos* einen der merkwürdigsten Ansätze zu
der dem Altertum im übrigen nur wenig geläufigen induktiven Behandlung
einer physikalischen Erscheinung.

Es handelt sich um die Ablenkung, die ein Lichtstrahl beim Übergange
aus einem Mittel in ein zweites von anderer Dichte erfährt, während
das Licht sich in ein- und derselben Substanz geradlinig fortpflanzt.
Selbst der frühesten Beobachtung konnte es nicht entgehen, daß diese
Brechung um so größer ist, je schräger das Licht die Grenzfläche
zwischen beiden Mitteln trifft. Der erste Schritt auf dem Wege des
induktiven Verfahrens mußte darin bestehen, daß man die Erscheinung
messend verfolgte und für eine Reihe von Einfallswinkeln die Größe der
entsprechenden Brechungswinkel durch den Versuch bestimmte. Letzteres
geschah durch *Ptolemäos*. Mit einem für diesen Zweck verfertigten
Werkzeug maß er für die Einfallswinkel von 10°, 20°, 30° usw. die
zugehörigen Brechungswinkel. Sein Apparat bestand aus einer Scheibe,
die in Grade geteilt war und bis zum Mittelpunkt in Wasser tauchte
(Abb. 47). Das Verfahren war folgendes: Ein Lichtstrahl BC wurde durch
eine Marke B des über dem Wasserspiegel MN befindlichen Scheibenstückes
nach dem Mittelpunkte C der Scheibe geleitet. An dieser Stelle fand
beim Eintritt in das Wasser die Brechung statt. Der gebrochene Strahl
CD setzte seinen Weg unter Wasser fort, bis er den Umfang der Scheibe
in einem auf der Gradeinteilung abzulesenden Punkt D wieder traf. Die
Werte, welche *Ptolemäos* auf solche Weise erhielt, sind in folgender
Tabelle zusammengestellt:

  Einfallswinkel (α)  Brechungswinkel (β)
      10°                      8°        (statt 7° 29')
      20°                     15° 30'    ( »  14° 51')
      30°                     22° 30'    ( »  22° --)
      40°                     29°        ( »  28° 49')
      50°                     35°        ( »  34°  3')
      60°                     40° 30'    ( »  40° 30')
      70°                     45° 50'    ( »  44° 48')
      80°                     50°        ( »  47° 36')

[Illustration: Abb. 47. Ptolemäos mißt die Brechungswinkel.]

Der Brechungsexponent für den Übergang des Lichtes aus Luft in Wasser
ergibt sich daraus gleich 1,31, während dieser Wert nach neueren
Messungen 1,33 beträgt[609]. Das Ergebnis war also im Hinblick auf die
Art des Verfahrens recht genau, ein Beweis, daß eins der wichtigsten
Erfordernisse der exakten Forschung, die Schärfe der Messung nämlich,
dem *Ptolemäos* nicht mangelte.

*Ptolemäos* benutzte sein Ergebnis auch zur Erklärung einer
astronomischen Erscheinung. Er schloß nämlich, daß der Lichtstrahl
auch beim Durchgange durch die Atmosphäre eine Brechung erleidet,
die vom Zenith nach dem Horizont allmählich zunimmt und unter dem
Namen der atmosphärischen Refraktion bekannt ist. Diese Refraktion
machte sich ihm z. B. dadurch bemerklich, daß er die Poldistanz eines
Gestirnes beim Auf- und Untergang kleiner fand als zur Zeit der oberen
Kulmination.

Nach dem Messen besteht der nächste Schritt auf dem Wege des induktiven
Verfahrens in dem Auffinden einer gesetzmäßigen Beziehung zwischen
den gegebenen und den gefundenen Größen. *Ptolemäos* hat auch diesen
Schritt auf dem Gebiete der Physik zu machen versucht. Wenn es ihm
auch nicht gelang, die gefundenen Beziehungen auf einen mathematischen
Ausdruck zurückzuführen, so sprach er doch das Grundgesetz der Dioptrik
dahin aus, daß der Lichtstrahl beim Übergänge aus einem dünneren in
ein dichteres Mittel zum Einfallslote hin gebrochen wird. Er findet
es sogar wahrscheinlich, daß für je zwei Stoffe stets ein bestimmtes
Verhältnis zwischen dem Einfalls- und Brechungswinkel obwaltet.

Nachdem das Problem der Brechung soweit gefördert war, hat es lange
geruht. Zwar beschäftigte es die gerade auf dem Gebiete der Optik
sehr tätigen Araber[610]. Doch gelangten diese nicht wesentlich über
*Ptolemäos* hinaus. Auch *Johann Kepler* hat sich damit befaßt, indem
er nach einem später zu beschreibenden Verfahren Messungen über die
Brechung anstellte und den Begriff des Grenzwinkels einführte. Seine
Lösung fand das Problem indes erst im 17. Jahrhundert durch *Snellius*,
den wir als den Entdecker des Brechungsgesetzes kennen lernen werden.

Erwähnung verdient auch des *Damianos* Schrift über die Optik[611].
Über die Lebensumstände *Damians* ist nichts Näheres bekannt. Seine
Schrift über die Optik ist jedenfalls später als diejenige des
*Ptolemäos* verfaßt. Eigentümlich ist die Begründung, welche *Damian*
über die optischen Ansichten der Griechen bringt. Es sollen hier
deshalb einige Stellen in freier Übersetzung Platz finden:

       *       *       *       *       *

»Die Gestalt unserer Augen, die nicht wie die übrigen Sinneswerkzeuge
hohl und dadurch für die Aufnahme von irgend etwas eingerichtet,
sondern kugelförmig sind, beweist, daß eine Ausstrahlung von uns
ausgeht. Daß diese Ausstrahlung Licht ist, das zeigen die von den Augen
aufleuchtenden Blitze. Bei den Nachttieren erscheinen die Augen bei
Nacht sogar leuchtend. Noch deutlicher wird diese Ansicht, wenn wir die
Gleichartigkeit unseres Sehorgans mit der Sonne dargelegt haben werden.

Da die Sehstrahlen, die von unserem Auge ausgehen, möglichst schnell
zu dem sichtbaren Gegenstande gelangen sollen, so müssen sie sich
in gerader Linie bewegen. Und ferner, wenn sie davon möglichst viel
erfassen sollen, werden sie in Kreisform darauf losgehen. Denn alles
was den lebenden Wesen nützlich ist, pflegt die Natur zu tun. Um die
sichtbaren Gegenstände in Kreisform zu treffen, müssen die Sehstrahlen
entweder die Gestalt eines Zylinders oder eines Kegels haben. Ein
Zylinder kann nicht in Betracht kommen, weil dann nicht Gegenstände
erfaßt werden könnten, die größer als das Auge sind. Die Sehstrahlen
haben daher die Gestalt eines Kegels.

Die geradlinige Fortbewegung des Sehstrahls, seine Zurückwerfung und
seine in große Entfernung reichende und *zeitlos* sich vollziehende
Fortbewegung: Dies alles kann man auch an den Sonnenstrahlen
beobachten. Auch vermag unser Sehstrahl durch diejenigen Gegenstände,
durch welche die Sonnenstrahlen hindurchdringen, wie Glas und Wasser,
gleichfalls seinen Weg zu nehmen.«

       *       *       *       *       *

Nach der Betrachtung der Fortschritte, die sich besonders unter
der Mitwirkung des *Ptolemäos* auf dem Gebiete der Astronomie,
der Geographie und der Physik vollzogen, wollen wir uns in großen
Zügen den Besitz vergegenwärtigen, über den das Altertum während
der römisch-alexandrinischen Periode in den übrigen Zweigen der
Naturwissenschaften verfügte.

Während die Mechanik, die Optik und die Akustik ihre Grundlagen
erhielten, blieb man auf den Gebieten der Wärme, des Magnetismus und
der Elektrizität bei einigen rohen Beobachtungen und dunklen Deutungen
stehen. Der Magnetstein und seine Eigenschaft, das Eisen anzuziehen,
waren schon dem frühesten griechischen Altertum bekannt. Da man der
Seele das Vermögen, etwas zu bewegen, zuschrieb, glaubte man, daß der
Magnet, ähnlich wie das Tier und die Pflanze, beseelt sei[612].

Auch die Eigenschaft des Magneten, durch andere Stoffe hindurch zu
wirken, konnte nicht lange verborgen bleiben. So erzählt *Lukrez*,
der in seinem Werke »De rerum natura« die magnetischen Erscheinungen
mit behaglicher Breite schildert: »Ich sah eiserne Spän' aufkochen
und wallen in ehernen Schalen, wenn der magnetische Stein denselbigen
untergelegt ward«[613]. Auch die bei Uneingeweihten das größte Staunen
erregenden, schon *Platon* bekannten Ketten, welche aus eisernen,
magnetisch gemachten Ringen bestanden, die nicht ineinander griffen,
sondern sich nur berührten, beschreibt *Lukrez*. Er wagt sich sogar an
eine Erklärung der magnetischen Erscheinungen. Wie von manchen Körpern,
so sollen auch vom Magneten Teilchen ausströmen, welche die benachbarte
Luft zurückdrängen. Infolgedessen »stürzen urplötzlich des Eisens
Stoffe sich hin nach dem Leeren, und also geschieht es«[614]. Daß der
Magnet zwei Pole besitzt, und zwischen diesen eine Indifferenzzone
liegt, scheint den Alten entgangen zu sein[615]. Auch die Richtkraft
kannten sie nicht, während die Chinesen mit ihr schon vor Beginn
unserer Zeitrechnung vertraut waren.

Die Grunderscheinung der Reibungselektrizität ist den alten Völkern
jedenfalls bekannt geworden, sobald sie durch den Handel in den
Besitz des Bernsteins gelangten, da dieser in besonders auffallender
Weise nach dem Reiben leichte Körperchen anzieht. So sagt *Plinius*:
Ȇbrigens zieht Bernstein, wenn er durch Reiben mit den Fingern
Lebenswärme erhalten hat, trockene Blätter, Spreu und Bast gerade so
an wie der Magnet das Eisen«[616]. Den Bernstein nannten die Alten
Elektrum. Aus diesem Worte ist die Bezeichnung »Elektrizität« für die
am Bernstein zuerst beobachtete Eigenschaft entstanden.

Auch an anderen Stoffen scheinen die Alten jene Eigenschaft
gelegentlich bemerkt zu haben[617], doch ahnten sie keinen Zusammenhang
zwischen ihr und dem Gewitter. Zwar erblickten die Philosophen in dem
Blitz und dem Donner nicht mehr, wie das in den Anschauungen einer
heidnischen Naturreligion befangene Volk, das Geschoß und die Stimme
des Zeus. Man war aber auch noch weit entfernt von einer richtigen
Deutung der Erscheinung. *Anaximander* z. B. hielt den Blitz für die in
den Wolken verdichtete Luft, die plötzlich mit Geräusch hervorbreche.

*Plinius* spricht vom Blitz und vom Donner mit folgenden Worten:
»Bricht der Wind aus einer größeren Höhlung einer herabgedrückten Wolke
hervor, so nennt man ihn Orkan. Hat sich der Wind in dem Augenblicke,
in dem er die Wolke durchbrach, entzündet, so ist er ein Blitz. Daß man
den Blitz eher sieht, als man den Donner hört, obgleich sie zugleich
entstehen, ist gewiß nicht zu verwundern, da das Licht schneller ist
als der Schall. Blitz und Donner erfolgen gleichzeitig, so hat es die
Natur geordnet«[618].

Auch mit den stillen elektrischen Entladungen, die man als Elmsfeuer
bezeichnet, waren die Alten wohl bekannt. *Plinius* beschreibt die
Erscheinung folgendermaßen: »Es entstehen sogar auch Sterne zu Wasser
und zu Lande. Ich selbst sah bei dem nächtlichen Wachtdienst der
Soldaten auf den Speeren außerhalb des Walles einen Lichtschein von
dieser Gestalt haften. Auch auf die Rahen und andere Teile der Schiffe
setzen sich dergleichen Sterne mit einem eigentümlichen, vernehmbaren
Ton, wobei sie, wie Vögel, ihren Sitz oft wechseln«[619].

Aus manchen Literaturstellen und antiken Einrichtungen (vergoldete
Spitzen von Tempeln, mit Kupfer beschlagene Stangen) glaubte man
schließen zu dürfen, daß die alten Völker schon Blitzableiter verwendet
hätten. Aus der Kritik des vorhandenen Materials ergibt sich jedoch,
daß von einer *bewußten* Anwendung von Blitzableitern vor *Benjamin
Franklin* nicht die Rede sein kann[620].

Auch das Phänomen der tierischen Elektrizität war den Alten wohl
bekannt. Es entzog sich aber gleichfalls ihrer Einsicht. Gelang doch
eine Erklärung der atmosphärischen Erscheinungen aus den Gesetzen der
Reibungselektrizität erst im 18. Jahrhundert, während ein Verständnis
der Gesetze der tierischen Elektrizität erst in der neuesten Periode,
nach der Entdeckung des Galvanismus, anbrach. »Dem Zitterrochen steht
ein gefährliches Gift zu Gebote«, schreibt der griechische Verfasser
eines im 2. Jahrhundert n. Chr. entstandenen Werkes[621], »von Natur
ist er schwach und so langsam, daß es aussieht, als könne er nur
kriechen. Er besitzt auf jeder Seite ein Gewebe, das denjenigen, der
es berührt, sogleich jeder Kraft beraubt, sein Blut erstarren macht
und seine Glieder lähmt.« *Plinius* ahnt schon, daß man es hier mit
einem Vorgang ganz eigener Art zu tun hat, wenn er sagt[622]: »Der
Zitterrochen lähmt selbst aus der Ferne, sobald er nur mit der Lanze
berührt wird, den stärksten Arm. Man ersieht daraus, daß es unsichtbare
Kräfte gibt.« Daß auch der menschliche Körper wie die Lanze diese
eigentümliche Wirkung fortzuleiten vermag, ist zwar eine Entdeckung der
neueren Zeit, doch erwähnt ein anderer Schriftsteller des Altertums,
daß schon Erschütterung eintritt, wenn man Wasser aus einem Gefäß,
in dem sich ein Zitterrochen befindet, auf die Hand oder den Fuß
gieße[623].

Die Heilkunde versäumte nicht, aus dieser merkwürdigen Erscheinung
Nutzen zu ziehen. So finden wir bei *Galen* berichtet, daß er einem an
Kopfschmerzen leidenden Menschen einen lebenden Zitterrochen genähert,
und daß dieser sich als schmerzstillendes Mittel erwiesen habe[624].
*Avicenna* (*Ibn Sina*), der arabische Bearbeiter der Schriften
*Galens*, wiederholt diese Angabe.


Die Anfänge der Chemie.

Erfreute sich die Physik im Altertum wenigstens auf einigen ihrer
Gebiete schon einer wissenschaftlichen Behandlung, so war dies
bezüglich der Chemie noch nicht der Fall. Hier konnte ein Einblick in
das Wesen der Erscheinungen nur auf Grund zahlreicher, zielbewußter
Versuche erlangt werden, und einer solchen Forschungsrichtung erwies
sich die ältere Periode wenig geneigt. Was wir über die Anfänge der
Chemie berichten können, ist, daß man durch die Heilkunde und durch
die Gewerbe, insbesondere den Hüttenbetrieb, allmählich mit einer
Anzahl von chemischen Vorgängen bekannt wurde, ohne daß es gelang, eine
Verknüpfung dieser Vorgänge unter sich oder mit anderen Gruppen von
Erscheinungen zu finden. Alle Erklärungen, die man für die stofflichen
Veränderungen aufstellte, hatten nur den Wert bloßer Philosopheme, zu
deren Prüfung man noch keine Mittel besaß.

Den größten Einfluß auf die weitere Beschäftigung mit chemischen
Dingen hat wohl jene Lehre gehabt, welche die Welt auf einen einzigen
Urstoff zurückführte, der sich den Sinnen in vier Erscheinungsformen,
als Feuer, Erde, Luft und Wasser, offenbaren sollte. Im Einklang mit
dieser Lehre stand auch das gegen den Ausgang des Altertums auftretende
Bestreben, unedle Metalle in edle zu verwandeln, ein Problem, das
während des ganzen Mittelalters als Ziel und Zweck der Chemie
betrachtet wurde.

Die Kenntnis und die Verwendung der Metalle war im Altertum schon eine
recht ausgedehnte. Blei z. B., das gleich dem Eisen sich nur selten als
solches findet und aus Bleiglanz dargestellt wurde, fand schon im alten
Rom zu Wasserleitungsröhren Verwendung. Zinn und Zink waren nicht in
reinem Zustande, sondern nur als Bestandteile von Legierungen bekannt.
Diese wurden erhalten, indem man Zinnstein oder den zinkhaltigen Galmei
den Kupfererzen bei ihrer Verhüttung zusetzte. Auch die Gewinnung
des Quecksilbers durch Erhitzen von Zinnober mit Eisen war schon dem
Altertum geläufig.

Die Darstellung von chemischen Präparaten, soweit sie nicht durch bloße
Oxydation entstehen, war kaum möglich, so lange man sich nicht im
Besitze der Mineralsäuren befand. Mit ihrer Darstellung waren die Alten
jedoch noch nicht vertraut. Die einzige ihnen bekannte Säure war eine
organische, die Essigsäure.

Die Tatsache, daß Marmor und Kalkstein beim Glühen eine neue Substanz
liefern, die, mit Wasser in Verbindung gebracht, ein vorzügliches
Baumaterial abgibt, wußte man indes wohl zu verwerten. In der späteren
Römerzeit finden wir auch Zement in Anwendung, ohne den manches
gewaltige Bauwerk nicht ausführbar gewesen wäre. Auch daß der gebrannte
Kalk die Soda ätzender macht, war schon im Altertum bekannt[625].
Dagegen blieb die chemische Natur gasförmiger Substanzen in Dunkel
gehüllt. Zwar bemerkte man, daß bei der Gärung und an manchen Stellen
der Erde ein Gas auftritt, das zur Atmung nicht geeignet ist. Es kam
jedoch niemandem in den Sinn, in dieser Luftart ein von der natürlichen
Luft verschiedenes Gas zu erkennen.

Einen gewaltigen Anstoß zur Beschäftigung mit stofflichen Veränderungen
rief der Gedanke hervor, durch geeignete Behandlung könne aus unedlen
Metallen Edelmetall gewonnen werden. Eine gewissermaßen theoretische
Grundlage fand dieses Streben in den Lehren des *Platon* und des
*Aristoteles*. Das alchemistische Problem begegnet uns schon in
den ersten Jahrhunderten n. Chr. in Ägypten bei Gelehrten der
alexandrinischen Schule. Es stützte sich auf die, während einer
langen vorhergehenden Periode rein empirisch erworbenen, nicht
unbeträchtlichen Kenntnisse über die Metalle, ihre Gewinnung und ihre
wichtigsten Legierungen.

Auch für die Folgezeit kann man wohl sagen, daß die Geschichte
der Alchemie und diejenige der Metallurgie im wesentlichen
zusammenfallen[626]. Die Ägypter unterschieden nach *Lepsius* in ihren
Inschriften acht mineralische Erzeugnisse, die sie für besonders
wertvoll hielten. Es waren vor allem das Gold, die als Elektrum
bezeichnete Legierung von Gold und Silber, das Silber und der Lapis
lazuli.

Bei den ersten Alchemisten spielte das Blei eine große Rolle. Da man
aus dem Rohblei Silber abzuscheiden vermochte, glaubte man, das Blei
sei für die Erzeugung von anderen Metallen hervorragend geeignet. Zinn
findet sich zwar in den Bronzen der alten Ägypter. Wahrscheinlich
kannten sie das reine Zinn aber nicht[627]. Auch das Quecksilber, das
seiner merkwürdigen Eigenschaften wegen bei den Alchemisten die größte
Rolle spielte, war den alten Ägyptern wohl noch nicht bekannt. Es kam
erst bei den Griechen und Römern in Gebrauch. *Plinius* nennt es eine
beständige Flüssigkeit und ein Gift für alles[628].

Nachdem durch lange Zeiträume chemische, vor allem metallurgische
Einzelkenntnisse gesammelt waren, begegnet uns bald nach Beginn der
christlichen Zeitrechnung die bestimmte, als Alchemie bezeichnete
Richtung, deren Ziel die Umwandlung unedler Stoffe in edle Metalle
war. Die älteste ägyptische Handschrift, die uns davon Kenntnis gibt,
stammt aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Die Alchemie tritt uns darin in
Verbindung mit der Astrologie entgegen. Darauf deutet auch hin, daß
dem Gold die Sonne, dem Silber der Mond und den übrigen Metallen die
Planeten entsprachen.

Aus der Beobachtung, daß man durch Zusammenschmelzen unedler Metalle
dem Golde und dem Silber ähnliche Legierungen erhält, daß aus Rohblei
durch geeignete Behandlung wirkliches Silber und aus Amalgam Gold
abgeschieden werden kann, hatte sich nämlich die Annahme von der
Möglichkeit, unedle Metalle in edle zu verwandeln, gebildet. Bei dem
Mangel an Einsicht in den chemischen Prozeß hielt man die genannten
Vorgänge für wirkliche Umwandlungen der Stoffe. Da man nun durch
Verbesserung der hüttenmännischen Betriebe eine größere Ausbeute
erzielte, so lag der Gedanke nahe, ob nicht durch geeignete Behandlung
das gesamte Rohmaterial in edles Metall verwandelt werden könne. Die
Periode, in welcher die Erforschung stofflicher Veränderungen von
diesem Bestreben geleitet wurde, hat man als das Zeitalter der Alchemie
bezeichnet.

Die ersten alchemistischen Regungen begegneten uns schon bei den
Alexandrinern. Aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert sind nämlich
Schriften alexandrinischen Ursprungs bekannt geworden, die sich mit
dem Problem der Metallveredelung beschäftigen[629]. Von den Gelehrten
des unterjochten Ägyptens und den nestorianischen Schulen Vorderasiens
ging zweifelsohne für die Araber der Antrieb aus, sich mit dem gleichen
Problem zu befassen. Schon das Wort Chemie deutet vielleicht darauf
hin. Es ist nämlich gleichlautend mit einer alten Benennung Ägyptens.
Wie *Plutarch* berichtet, haben die Bewohner dieses Land der schwarzen
Farbe seines Erdreichs wegen chêmi genannt. Auch die Bezeichnung
»schwarze Kunst« würde dadurch vielleicht ihre Erklärung finden.

Nach neueren philologischen Untersuchungen ist diese Ableitung
zweifelhaft geworden. Man ist heute geneigt, mit *Zosimos*, einem
alchemistischen Schriftsteller des 4. nachchristlichen Jahrhunderts,
das Wort Chemie von *Chemes* abzuleiten, den *Zosimos* als den
Verfasser des ersten chemischen Buches bezeichnet. Eine dritte
Auffassung geht dahin, daß das Wort χύμα, welches »Metallguß« bedeutet,
das Stammwort für »Chemie« sei[630]. Bei diesem Stande der ganzen Frage
wird man sich also wohl dahin entscheiden müssen, daß der Ursprung des
Wortes Chemie völlig dunkel ist.

Die alexandrinischen Gelehrten, sowie auch später die Araber, die sich
mit chemischen Vorgängen befaßten, ließen sich in ihren Anschauungen
von den Theorien leiten, die *Platon* und *Aristoteles* über die Natur
der Materie entwickelt hatten.

Die praktische Grundlage, auf der sich die Alchemie erhob, war neben
der hüttenmännischen Gewinnung der Metalle, vor allem die Verarbeitung
der Edelmetalle zu Schmuckgegenständen. In dieser Industrie regte
sich seit den frühesten Zeiten das Bestreben, Minderwertiges an die
Stelle von Wertvollem zu setzen und auf diese Weise den Käufer zu
übervorteilen. Man erreichte dies entweder dadurch, daß man dem Golde
und dem Silber andere Metalle beimengte oder daß man Metalle und
Legierungen oberflächlich färbte, um ihnen ein dem Golde oder dem
Silber ähnliches Aussehen zu verleihen. Als ein Mittel dieser Art
diente zum Beispiel die Verbindung des Arsens mit dem Schwefel, die
in der Mineralogie noch heute den Namen Auripigment führt. Auch das
Quecksilber, mit dem man in Kleinasien und durch den von den Karthagern
in Spanien betriebenen Bergbau bekannt wurde, fand zur Herstellung
von Legierungen und oberflächlichen Veränderungen schon lange vor dem
Beginn der christlichen Zeitrechnung Verwendung. Wenn man all diese
Praktiken, an die sich bald gewisse Vorstellungen und Spekulationen
anschlossen, schon mit dem Namen Chemie belegen will, so geht die
chemische Wissenschaft in ihren Anfängen bis tief ins Altertum zurück.
Das Bekanntwerden mit Stoffen, welche die Metalle oberflächlich
veränderten, führte ganz von selbst zum Suchen nach einem, die
gewünschten Veränderungen hervorrufenden Universalmittel. So entstand
die Lehre vom »Stein der Weisen«, dem man, ohne ihn gefunden zu
haben, später immer neue Wirkungen beilegte, insbesondere diejenige,
Krankheiten zu heilen und das Leben zu verlängern[631].

Eine wichtige Rolle spielte bei jenen Veränderungen das Quecksilber. Es
ist begreiflich, daß ein so sonderbares Metall bei seiner Entdeckung
angestaunt wurde und die Phantasie erregte. Welch universelle Bedeutung
man dem Quecksilber zuschrieb, beweist die Stelle eines Briefes
aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert[632]. Sie lautet: »Was ich
lernen möchte, lehre es mich. Das ist das Werk, das Du kannst, die
Transmutation. Das Quecksilber nimmt doch auf jede Art das Aussehen
aller Körper an. Es bleicht alle Körper und zieht ihre Seelen an,
nimmt sie durch Sieden in sich und bemächtigt sich ihrer. Ist es doch
dazu geeignet, weil es in sich selbst die Prinzipien alles Flüssigen
enthält. Wenn es die Transmutation durchgemacht hat, bereitet es alle
Farbenwechsel vor. Es bildet den feststehenden Grund, während doch die
Farben keine eigentliche Grundlage haben. Das Quecksilber wird, indem
es seinen eigenen Grund verliert, ein abänderungsfähiges Etwas, und
zwar abänderungsfähig durch die auf die metallischen Körper ausgeübten
Behandlungen.«

Die hellenistischen Schriftsteller nennen als den Begründer der
Alchemie den *Hermes Trismegistos* (den Dreimalgrößten)[633]. Es ist
das eine durchaus mystische, auch wohl mit einem der ägyptischen
Hauptgötter (*Ptah*, *Thot*) identifizierte Persönlichkeit. Dem
*Hermes* wurden zahllose Werke (20000 und mehr) zugeschrieben.
Ausdrücke wie hermetische Kunst, hermetischer Verschluß, hermetische
Bücher erinnern noch heute an ihn. Auch Tafeln wurden auf *Hermes*
zurückgeführt. Unter ihnen trug die berühmteste die Überschrift: De
operatione solis, d. h. vom Machen der Sonne (des Goldes). Von dem
mystischen Inhalt dieser im Mittelalter hochgeschätzten Tafel geben
folgende Zeilen eine Vorstellung: »Wie alle Dinge wurden aus Einem, so
sind auch alle Dinge geboren aus diesem einen Dinge. Sein Vater ist
die Sonne, seine Mutter der Mond. Der Wind trug es in seinem Bauche.
Seine Nährerin ist die Erde. Du scheide das Erdige vom Feurigen, die
dunstartigen Teile von den dichten, so gewinnst du das Rühmlichste der
ganzen Welt«[634].

Bestimmtere, wenn auch nur spärliche Überreste werden auf einen
alexandrinischen Schriftsteller namens *Zosimos* zurückgeführt. Er war
in Panopolis (Oberägypten) geboren und lebte um 300 n. Chr. *Zosimos*
ist ohne Zweifel auf die Entwicklung der Alchemie von großem Einfluß
gewesen. In einem umfangreichen Werke stellte er die Kenntnisse seiner
Vorgänger und seine eigenen Erfahrungen zusammen. Doch handelt es sich
zumeist um kaum verständliche, in mystischen Ausdrücken niedergelegte
Rezepte. Nach *Zosimos* waren diese Rezepte in Ägypten entstanden.
Sie befanden sich im Besitz der Priesterschaft und wurden auf das
strengste geheimgehalten. Wer in die alchemistische Kunst eindringen
wollte, mußte eine Reihe von sittlichen Vorbedingungen erfüllen. Er
mußte reinen Sinnes und frei von Habgier sein. Er mußte sich ferner
aus tiefster Seele in seinen Gegenstand versenken können[635]. Erfolg
hatte nur, wer nach Erkenntnis strebte, nicht aber der Ungelehrte
oder gar derjenige, der von unlauterer Gesinnung erfüllt war. Eine
weitere Vorbedingung bestand darin, daß man »die richtige Zeit und die
glücklichen Augenblicke« wählte. Um sie herbeizuführen, waren nicht nur
Beschwörungen, Zaubermittel und Gebete, sondern auch die Mitwirkung der
Planeten erforderlich.

[Illustration: Abb. 48. Von Zosimos geschilderter Destillierapparat.]

Jene Werke des *Zosimos*, die in Bruchstücken durch syrische
Manuskripte bekannt geworden sind, enthalten manches über die von den
Alchemisten benutzten Apparate, wie Öfen, Destilliervorrichtungen usw.

Was die planetarischen Einflüsse betrifft, so stützt sich *Zosimos*
besonders auf *Hermes Trismegistos*. Die wirksamste Sphäre sollte
diejenige des Merkur sein, weil der Schattenkegel der Erde gerade bis
zu ihm reiche[636].

An einer Stelle beschreibt *Zosimos*, wie sich erhitztes Quecksilber
und Schwefel zu Zinnober vereinigen, der zunächst eine schwarze
Masse bilde, die erst beim Sublimieren rot werde. Wird Zinnober mit
gewissen Zutaten in einem geschlossenen Gefäß erhitzt, so steigt aus
dem Zinnober das Quecksilber als »Silberwasser« oder »göttliches
Wasser« empor. Es ist ein furchtbar giftiges, in der Hitze nicht
festzuhaltendes Pneuma, das beim Abkühlen seinen »flüchtigen Schwung«
verliert und sich an dem Deckel des Gefäßes in Form von Tropfen
festsetzt[637].

Die von *Zosimos* im Anschluß an *Hermes* entwickelte Lehre von dem
Einfluß der Planeten auf das Gelingen des »heiligen Werkes« findet sich
im 5. Jahrhundert bei dem Neuplatoniker *Olympiodor* zu einem System
entwickelt[638]. Er schrieb nämlich jedes von den sieben Metallen den
den Alten gleichfalls nur in der heiligen Siebenzahl bekannten Planeten
zu. Das Gold entsprach bei ihm der Sonne, das

  Silber dem Monde,
  Kupfer der Venus,
  Eisen dem Mars,
  Zinn dem Jupiter,
  Quecksilber dem Merkur,
  Blei dem Saturn.

Das Gestirn sowie das entsprechende Metall erhielten dasselbe
Zeichen[639]. Diese mystischen Beziehungen zwischen der Alchemie und
der Astrologie wurden später von den Arabern mit Vorliebe weiter
gepflegt.

Man hat sich bemüht, durch archäologische Nachforschungen in Ägypten
Stätten nachzuweisen, wo man chemische Prozesse ausübte, sozusagen
die Laboratorien jenes ersten alchemistischen Zeitalters und die in
diesen Stätten zur Anwendung kommenden Gerätschaften. Der Erfolg ist
bisher nur ein geringer gewesen. So beschreibt *Berthelot* nach den
Angaben *Masperos* eine Stätte, die an eine Grabkammer stößt und die,
nach allen Anzeichen zu urteilen, während des 6. Jahrhunderts unserer
Zeitrechnung als Laboratorium gedient hat. Die Wände jener Stätte waren
angeräuchert, und am Boden befand sich ein Herd aus Bronze und allerlei
Gerät aus Bronze, Alabaster und anderen Mineralien.

Unter den noch vorhandenen Überresten der alchemistischen Literatur
sind vor allem die Schriften, die fälschlich unter dem Namen
*Demokrits* gehen, und zwei in Theben in Ägypten aufgefundene
Papyrusurkunden zu nennen.

Das Werk des *Pseudo-Demokrit* ist ursprünglich wohl um 200 v. Chr.
in Ägypten entstanden; es enthielt eine Zusammenfassung des gesamten
chemisch-technischen Wissens jener Zeit[640], aber noch nicht
Alchemistisches (nach *v. Lippmann*). Unter den aus dieser Quelle
stammenden Bearbeitungen ist vor allem ein umfangreiches Werk zu
nennen, das sich »Demokrits Physik und Mystik« betitelt. Was davon
auf uns gekommen ist, erweist sich als lückenhaft und entstellt. Der
Neuzeit wurden die pseudo-demokritischen Lehren genauer erst im 16.
Jahrhundert bekannt[641].

Aus den erhaltenen Fragmenten geht hervor, daß »Demokrits Physik und
Mystik« besonders über Gold, Silber, Perlen, Edelsteine und Purpur
handelte. Ein Beispiel möge uns einen Begriff von dem Inhalt geben. Es
lautet[642]: »Nimm Quecksilber, fixiere es mit Magnesia. Wirf die weiße
Erde auf Kupfer. Wirfst du gelbes Silber darauf, so erhältst du Gold.
Die Natur besiegt die Natur.«

Der demokritische Spruch:

  Eine Natur vergewaltigt die andere,
  Eine Natur besiegt die andere

ist für die Goldmacherkunst durch alle Jahrhunderte das Leitwort
geblieben.

Ein ganz neues Licht haben die Papyrusfunde der thebanischen
Ausgrabungen auf die Vorgeschichte der Alchemie geworfen. Diese
Funde wurden 1828 beim Aufdecken eines Grabes gemacht. Sie gelangten
mit zahlreichen anderen Papyrusrollen nach Europa, fanden aber erst
neuerdings Beachtung. Die in Leyden befindliche Urkunde wurde 1885
und die Stockholmer 1913 veröffentlicht. Beide Papyri stammen aus dem
3. Jahrhundert n. Chr. und enthalten im wesentlichen Vorschriften,
welche die Verfälschung der edlen Metalle, das Färben mit Purpur und
Waid (Isatis tinctoria), sowie die Edelsteine und Perlen betreffen. So
enthält der Stockholmer Papyrus Anweisungen, den Perlen den verloren
gegangenen Glanz wiederzugeben. Andere Vorschriften betreffen die
Anfertigung von Perlen aus Glimmer und anderem minderwertigen Material.
Sie werden als »besser als die echten« angepriesen.

[Illustration: Abb. 49. Eine Probe aus dem Stockholmer Papyrus.]

Von der Herstellung goldähnlicher Legierungen handeln Rezepte,
denen nachgerühmt wird, daß selbst Fachmänner über die Herkunft des
Erzeugnisses getäuscht würden[643]. Die erste Seite des berühmten
Stockholmer Papyrus ist in Abb. 49 teilweise wiedergegeben. Sie
betrifft, wie aus der Überschrift hervorgeht, die Darstellung des
Silbers (Ἀργύρου ποίησις) und beginnt mit den Worten: χαλκόν τὸν
Κύπριον τὸν ἤδη εἰρκασμένος ...

Die Übersetzung der hier gebotenen Textprobe lautet folgendermaßen:

»Schön bearbeitetes und abgeputztes Kupfer tauche in ein scharfes
Alaunbad und laß es drei Tage darin erweichen. Dann schmilz es
zusammen mit einer Mine (= 43,6 g) Erz aus chiischer Erde, nachdem Du
kapadokisches Salz und kristallinischen Alaun zu 200 Drachmen[644]
beigemischt hast. Schmilz es sorgsam, und es wird kostbar sein. Dazu
gib nicht mehr als 20 Drachmen schönen und reinen Silbers; das wird die
ganze Mischung unlöslich erhalten.«

Den Ausgangspunkt für die Legierungen bildet meist das Kupfer. Es
wird durch Arsen-, Blei- oder Zinnverbindungen zu Silber geweißt
(der Vorgang wird λεύκωσις genannt). Die oberflächliche Vergoldung
des Kupfers erfolgt durch Quecksilber (Feuervergoldung). Auch die im
Mittelalter wieder anzutreffende Vorschrift, Blattgold in Eiweiß zu
verteilen und mit dieser Tinte Manuskripte anzufertigen, findet sich
unter den Rezepten.

Wieder andere Abschnitte betreffen die Vermehrung (Verdoppelung,
Verdreifachung) des Silbers[645].

Die Ausführungen über Farbstoffe und Färberei, die sich im Stockholmer
Papyrus befinden, lassen den hohen Stand erkennen, den die chemische
Technik dieser Gebiete schon im Altertum erreicht hatte. Die zum
Färben bestimmte Wolle wird durch Waschen und Kochen unter Zusatz von
Seifenwurzel, Kalkwasser oder Sodalösung gereinigt. Dann wird die Wolle
gebeizt, wozu in der Hauptsache Alaun oder alaunhaltige Mineralien
genommen werden. Die Farbstoffe wie auch die übrigen Materialien
werden vor dem Gebrauch geprüft. Und zwar prüft man das Aussehen, das
Verhalten beim Zerreiben, zu Lösungsmitteln usw. Endlich folgt die
Auflösung, die Erzielung bestimmter Nuancen und das Färben selbst.
Gefärbt wird fast nur Wolle, und zwar mit syrischem Kermes (Scharlach),
Krapp, Schöllkraut und Purpur. Die Indigo enthaltende Waidpflanze
diente zum Blaufärben. Durch geeignete Mischungen von Waid und Kermes
erzielte man täuschende Nachahmungen von Purpur. Die betreffende
Vorschrift schließt mit den Worten: »Du wirst sehen, der Purpur wird
unbeschreiblich schön.«

Zu den wenigen Vorgängern, welche die Verfasser des Leydener und des
Stockholmer Papyrus flüchtig anführen, gehört auch der oben erwähnte
*Pseudo-Demokritos*.

Die Anfänge der Chemie lassen schon zwei Einflüsse erkennen, die
ihre Entwicklung bis in die neuere Zeit bestimmt haben. Es war dies
erstens das Bestreben, die entdeckten Tatsachen und ersonnenen
Verfahrungsweisen geheim zu halten, und zweitens die Verknüpfung
dieses Gebietes mit Magie und Mystik. Erklärlich wird dies daraus,
daß die chemischen Vorgänge in ganz besonderem Maße den Charakter des
Rätselhaften und Wunderbaren tragen und erst nach langem Forschen
wissenschaftlich erfaßbar wurden. Ferner handelte es sich um Gebiete,
auf denen Gewinnsucht, Aberglaube und Betrug seit alters eine
große Rolle spielten. Begegnet uns doch die Verwendung gold- und
silberähnlicher Legierungen zu Zwecken der Falschmünzerei schon im
frühen Altertum.

Die Geheimhaltung der Vorschriften wird schon im Stockholmer Papyrus
verlangt und die so viel spätere Mappae clavicula stellt den Eid der
Geheimhaltung sogar an die Spitze. Durch die Geheimhaltung wollte der
Chemiker nicht nur seine Kenntnisse, sondern vor allem auch sich selbst
persönlich schützen. Drohten ihm doch Anfeindungen von der Kirche, von
den Regierenden und der besonders abergläubischen Masse. Wie die Chemie
seit den Tagen der Renaissance aus diesen Fesseln befreit und in der
Neuzeit zu einer führenden Stellung auf dem Gebiet der Wissenschaften
und der Technik emporgehoben wurde, soll Gegenstand der späteren
Betrachtungen sein.


Der Übergang vom Altertum zum Mittelalter.

Mit der zweiten Blüteperiode der alexandrinischen Schule und dem mehr
kommentierenden Verhalten, das die Folgezeit den Naturwissenschaften
entgegenbrachte, ist die Entwicklung, welche diese Wissenschaften
im Altertum erfuhren, beendet. Es trat nunmehr eine lange Zeit des
Stillstandes, ja des Verlustes an manchem erworbenen Besitz ein, die
sich etwa mit demjenigen Zeitraum deckt, den man in der Weltgeschichte
als das Mittelalter bezeichnet. Erst im 13. Jahrhundert mehren sich,
abgesehen von vereinzelten, insbesondere bei den Syrern und den
Arabern anzutreffenden Bestrebungen, auf die wir näher eingehen
werden, die Anzeichen, die auf ein Wiederaufleben der Wissenschaften
schließen lassen. Und erst, nachdem man das Studium der alten
Literatur auf allen Gebieten aufgenommen, nachdem in Italien und den
benachbarten Ländern im 15. und 16. Jahrhundert die Kunst geblüht,
nachdem endlich der geographische Gesichtskreis sich über die ganze
Erde ausgedehnt, sowie die allgemeine Kultur sich beträchtlich gehoben
hatte, sehen wir mit dem Anfange des 17. Jahrhunderts eine neue Blüte
der Naturwissenschaften anheben, welche dem geistigen Leben der
letztverflossenen Jahrhunderte den Stempel aufgedrückt hat. Ja, dieser
neue Aufschwung ist so eng mit der gesamten Kultur unseres Zeitalters
verknüpft, daß ein abermaliger Verfall der Wissenschaften zugleich das
Ende dieser Kultur bedeuten würde. Man hat viel nach den Gründen der
Erscheinung gesucht, daß die Wissenschaft und die Kultur des Altertums
untergegangen sind und das menschliche Geschlecht während eines
Zeitraums von tausend Jahren fast dem Stillstande verfallen war. Ist
doch unsere Zeit von dem Gefühl beherrscht, daß sich die Menschheit
auf der Bahn, die sie seit dem Ausgang des Mittelalters eingeschlagen
hat, in einem unaufhaltsamen Fortschritt zu weiterer Erkenntnis und
höherer Gesittung befindet. Ein wichtiger Grund, der diesem Gefühle
Sicherheit verleiht, besteht darin, daß die neuere Wissenschaft eine
gewaltige Technik ins Leben rief, wie sie das Altertum, während dessen
das gewerbliche Schaffen wesentlich auf der Stufe eines noch nicht von
wissenschaftlichen Grundsätzen durchdrungenen Handwerks verblieb, nicht
kannte. Dadurch, daß sich in der Neuzeit der Mensch auf dem Wege des
experimentellen Verfahrens zum Herren der Naturkräfte machte, erfuhr
die Wissenschaft eine weit innigere Verschmelzung mit der gesamten
Kultur, als dies im Altertum der Fall gewesen.

Es hat nicht an Verkleinerern der wissenschaftlichen Leistungen
des Altertums gefehlt[646]. Man darf jedoch nicht vergessen, daß
im Altertum mangels jedweder Vorarbeit überall erst die Grundlagen
geschaffen werden mußten. Mag man auch zugeben, daß die Alten auf
den Gebieten der Mathematik, der Dichtkunst und der Philosophie mehr
leisteten als auf demjenigen der Naturwissenschaften, so kann sie
deshalb doch kein Vorwurf treffen. Ihre Beobachtungen konnten nicht
weiter gehen, als die unbewaffneten Sinne reichen. Und das bloße
Nachdenken auf Grund einer nur oberflächlichen, nicht durch besondere
Hilfsmittel geschärften Beobachtung, sowie der Mangel einer induktiven
Forschungsweise mußten auf manchen Irrweg führen. Eine rühmliche
Ausnahme machten wieder die Araber, unter denen sich auch bedeutende
Experimentatoren befanden. Erst als gegen das Ende des Mittelalters
allgemeiner das Bewußtsein durchbrach, »daß bloßes Spekulieren nichts
helfe, daß nicht nur die Tatsachen, sondern auch ihre Gründe erkundet
werden müßten«, erstand eine im modernen Sinne ausgeübte Forschung[647].

Es ist ferner zu bedenken, daß es im Altertum an einem folgerichtig
durchgeführten Verfahren der wissenschaftlichen Forschung noch gebrach.
Ihr Wesen ist damit noch lange nicht erschöpft, daß man von der
Erfahrung ausgeht, wie es im Altertum schon viele forderten. Es besteht
vielmehr darin, daß der Forscher seine Vorstellungen, die aus der
Untersuchung der Erfahrungswelt entspringen, unausgesetzt und möglichst
vollkommen den Tatsachen anzupassen sucht. Den Alten fehlte es nicht
an solchen Vorstellungen, wohl aber fehlte es noch an der Einsicht,
daß nur der unausgesetzte Vergleich der Ideen mit den Erscheinungen,
die Abänderung der Idee, ihre deduktive Gestaltung, ihr Ersatz durch
eine neue Vorstellung, wenn die alte nicht genügt, das Wesen der
Naturwissenschaft ausmachen. Hat sich doch gerade das Festhalten an
einer Idee einem Vorurteil zuliebe als das größte Hemmnis für den
Fortschritt erwiesen.

Die erwähnten Mängel des Altertums gehören zu den Ursachen, daß
politische und religiöse Umwälzungen von solchem Umfang eintraten,
wie sie der neueren Kulturwelt, der vielleicht andere Gefahren
drohen, hoffentlich erspart bleiben werden. Es war der durch eine
jahrhundertlange Zersetzung vorbereitete, durch den Ansturm der
germanischen Stämme herbeigeführte Zerfall des Römerreiches, sowie die
Überwindung des Heidentums -- oder der angesichts der Unhaltbarkeit
des Götterglaubens eingetretenen Indifferenz -- durch das Christentum
und den Islam. Von diesen wirkte das erstere mehr innerlich, indes
nachhaltiger, während der Islam, das Feuer und das Schwert mit dem
Bekehrungseifer[648] verbindend, unmittelbar in die Geschicke eines
großen Teiles der Welt eingriff. Mit dem zunächst zersetzenden Wirken
all dieser Einflüsse beginnt für die allgemeine Geschichte wie für
die Geschichte der Wissenschaften das Mittelalter, dem wir uns jetzt
zuwenden wollen.



7. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.


Der tiefste Eingriff, den die Entwicklung der allgemeinen Kultur und
der Wissenschaft erlitt, bestand in der Vernichtung des römischen
Weltreichs durch die germanischen Völker. Die meisten Städte wurden
zerstört. An die Stelle des Städtewesens, das in Griechenland und
in Italien zu hoher Blüte gelangt war und allein die feineren, auf
Kunst und Wissenschaft gerichteten Kräfte zu entwickeln vermochte,
trat wieder eine mehr ländliche, den geistigen Bestrebungen
abholde Lebensweise. Die Bevölkerung der Städte, wie diejenige der
Mittelmeerländer im allgemeinen, verminderte sich trotz des Zuflusses
von neuen, erobernd einbrechenden Völkermassen. Unermeßlich waren
auch die Verluste an den seit Jahrhunderten aufgespeicherten Schätzen
der Kunst und Wissenschaft. Hatte doch Rom z. B. zu Beginn des 5.
nachchristlichen Jahrhunderts, von den ältesten Zeiten abgesehen,
noch nie einen Feind in seinen Mauern beherbergt. Zwar hatten
blutige Kämpfe in seinen Straßen getobt, doch waren Verwüstung und
Plünderung bis dahin von Rom ferngehalten worden. Das erste Ereignis
dieser Art erfolgte durch *Alarich* und seine Westgoten im Jahre
410. »Ungeheuer war der Eindruck auf die Zeitgenossen. Die römische
Welt zuckte von Riesenschmerz überwältigt zusammen«[649]. Auf
diese erste Verwüstung folgten andere, weit schlimmere. Nicht nur
Rom, sondern auch andere Zentren der geistigen und künstlerischen
Bestrebungen wurden von solchen Ereignissen heimgesucht. Unter diesen
Verhältnissen war der Zerfall des gewaltigen römischen Weltreichs
unausbleiblich. Der Historiker, der es liebt, seinen Einteilungen
in die Augen springende Ereignisse zugrunde zu legen, läßt daher
das Mittelalter mit dem Eintritt der Völkerwanderung oder mit der
Errichtung der ersten germanischen Herrschaft auf italischem Boden
beginnen. In der Geschichte der Wissenschaften hat man wohl nach
ähnlichen, epochemachenden Ereignissen gesucht und die Auflösung der
Philosophenschule zu Athen oder die Eroberung Alexandriens durch die
Araber im Jahre 642 als solche betrachtet (so *Heller* in seiner Gesch.
der Physik). Man darf jedoch nicht vergessen, daß auf diesem Gebiet die
Ereignisse geräuschlos vor sich gehen, daß es wohl von den Katastrophen
der Weltgeschichte beeinflußt wird, aber niemals den Charakter einer
ruhigen Entwicklung verleugnet.

Der Geist der zweiten alexandrinischen Blüteperiode war um das Jahr
600 längst erloschen. Die alexandrinischen Gelehrten verstanden die
alten Schätze, von denen das meiste schon vernichtet war, kaum noch
zu hüten. Seitdem moralische Fäule auf der einen und das der Welt mit
ihrem Wissen abgewandte Christentum auf der anderen Seite das Leben
immer mehr durchdrangen, also schon eine ganze Reihe von Jahrzehnten
vor dem endgültigen Siege des germanischen Elementes, fanden auch
in Rom die Wissenschaften nicht mehr die frühere Pflege. Rom und
Alexandrien wurden Hauptsitze der christlichen Kirche. Und diese kehrte
sich, da es ihr Ziel war, die antiken Elemente zu überwinden und neue
an deren Stelle zu setzen, in mißverstandener Auslegung der heiligen
Schriften auch gegen die antike Wissenschaft. Das Verhältnis der Seele
zu Gott und gar nichts anderes sollte erkannt werden; dies allein
hielt man für erkennbar. Der Verstand dagegen galt als machtlos. Nur
die durch Gottes Gnade geschehene Offenbarung sollte imstande sein,
die Menschen zu erleuchten[650]. »Forschung«, sagt *Tertullian*[651],
»ist nach dem Evangelium nicht mehr vonnöten«. Und *Eusebius* meint
von den Naturforschern seiner Zeit: »Nicht aus Unkenntnis der Dinge,
die sie bewundern, sondern aus Verachtung ihrer nutzlosen Arbeit
denken wir gering von ihrem Gegenstande und wenden unsere Seele der
Beschäftigung mit besseren Dingen zu.« Konnten doch diese Kirchenväter
der ältesten christlichen Zeit selbst Meinungen heidnischer Philosophen
für ihre Ansicht ins Feld führen, wie diejenige des *Sokrates*, der die
menschliche Seele mit ihren inneren Zuständen für den einzigen, des
Nachdenkens würdigen Gegenstand erklärt hatte.

Mit einem wahren Ingrimm wandten sich die ersten christlichen Gelehrten
gegen den von *Leukipp*, *Demokrit* und *Epikur* herrührenden
Versuch einer mechanischen Welterklärung. »Es wäre mir besser«, ruft
*Augustinus* aus, »ich hätte den Namen *Demokrits* nie vernommen!« Die
Atomisten werden als blinde und bedauernswerte Menschen bezeichnet.
Besonders eifert gegen sie der alexandrinische Bischof *Dionysios der
Große* in seiner Schrift »Über die Natur«[652]. Die Mitteilungen,
welche *Dionysios* über die Lehren der Atomisten macht, dienen trotz
ihrer polemischen Richtung als wertvolle Quelle über diesen wichtigen
Abschnitt der griechischen Philosophie.

*Dionys* bekämpft die Atomisten vor allem, indem er die Zweckmäßigkeit
der Welt betont und für das Kunstwerk, als das sie dem Menschen
erscheint, in Gott den Künstler und Schöpfer erblickt. Kann doch nicht
einmal, so etwa lauten einige seiner Ausführungen, ein Kleid oder ein
Haus von selbst entstehen, sondern es bedarf dazu einer geregelten
Leitung. Und nun soll das große, aus Erde und Himmel bestehende Haus,
der Kosmos, die Ordnung selbst, aus dem Chaos geworden sein. Zu den
Gestirnen übergehend, sagt er: »Aber wenn auch jene Elenden es nicht
wollen, so ist es doch, wie die Gerechten glauben, der große Gott, der
sie gemacht hat und durch seine Worte ihre Bahn leitet.« Weder der Bau
der menschlichen Organe und ihr Zusammenwirken, noch weniger aber die
geistige Tätigkeit sind, wie *Dionys* ausführt, mit der Atomenlehre
vereinbar. Der Philosoph könne seine Vernunft doch nicht von den
vernunftlosen Atomen erhalten haben.

Während *Dionys* der mechanischen Naturerklärung gegenüber den
Standpunkt des eifernden Theologen einnimmt und mit Gründen ficht, die
sich der wissenschaftlichen Erörterung entziehen, erhebt *Lactantius*
gegen die atomistische Lehre physikalische und philosophische Einwürfe.
*Lactantius* fragt, woher denn jene Teilchen stammen sollten und wie
sich ihr Dasein beweisen lasse, da niemand sie gesehen oder gefühlt
habe. Aber, selbst das Vorhandensein der Atome zugegeben, würden diese
leichten und runden Teilchen doch keinen Zusammenhang äußern und feste
Körper bilden können. Wolle man, um dieser Schwierigkeit zu begegnen,
den Atomen Ecken und Haken beilegen, so habe man keine Atome mehr,
da solche Hervorragungen doch abgetrennt werden könnten. Das Bemühen,
die Gesetzmäßigkeit des Geschehens zu erklären oder es auch nur zu
verfolgen, wurde abgelehnt. Und dieser Standpunkt, den die Kirche
einnahm, hat sich, mit wenigen Zugeständnissen an die Fortschritte der
Wissenschaft, durch lange Zeiträume in ihr erhalten. »Je mehr[653] die
Macht der christlichen Lehre fortschreitet, um so mehr schwindet das
Verständnis für die kausale Erklärungsweise. Das Wunder reicht überall
aus. Was also sollen die Bemühungen, Erklärungen aufzufinden?«

Dies Verhalten, das die Kirchenlehrer der naturwissenschaftlichen
Erklärungs- und Betrachtungsweise gegenüber einnahmen, ist bei
dem Ansehen, das ihre Schriften bis in die neuere Zeit genossen
haben, für die weitere Entwicklung von schlimmen Folgen gewesen. Es
erregte auch sehr oft den Fanatismus der Menge, die sich keineswegs
mit dem Streit der Meinungen begnügte, sondern nicht nur gegen die
Wissenschaft, sondern auch gegen ihre Denkmäler und Schätze zu Felde
zog. So wurde z. B., lange bevor die Araber Alexandrien einnahmen, in
dieser Stadt, unter der Führung eines christlichen Patriarchen, die
wertvolle Bibliothek des Serapeions den Flammen überliefert. Schon im
3. Jahrhundert hatte ein Patriarch die Gelehrten der alexandrinischen
Akademie vertrieben. Unter Kaiser *Julian* durften sie zurückkehren.
Indessen unter *Theodosios* begann die Verfolgung von neuem. Damals
war es, daß der Patriarch *Theophilos* sich von dem Kaiser die
Erlaubnis erwirkte, das Serapeion zerstören zu dürfen. Mit dem gleichen
Unverstand, wie gegen die weltliche Wissenschaft, verfuhren die ersten
Bekenner des neuen Glaubens auch gegen die von den Alten überlieferte
Heilkunde. Krankheit wurde mit Gebet und Beschwörung bekämpft oder gar
als eine Strafe Gottes betrachtet, in die man sich willenlos fügen
müsse, während glückliche Heilungen als Teufelswerk galten.

Sogar die Lehre von der Kugelgestalt der Erde, eine Lehre, die auf
ein Alter von Jahrhunderten zurückblicken konnte und die allein die
geographische Ortsbestimmung ermöglicht hatte, ging im Mittelalter,
nachdem Kirchenväter wie *Lactantius* sie verdammt hatten, verloren
oder wurde wenigstens durch mystische Vorstellungen verdunkelt. So
begegnen wir der Ansicht, daß die Erde ein Hügel sei, um den sich
die Sonne im Laufe eines Tages bewege. *Augustin* sprach sich gegen
die Existenz von Antipoden aus, weil ein Geschlecht dieser Art in der
heiligen Schrift unter den Abkömmlingen Adams nicht aufgeführt werde.
Bei *Rhabanus Maurus* besitzt die Erde eine radförmige Gestalt und
wird vom Ozean umflossen. Welcher Rückschritt gegenüber den Astronomen
der alexandrinischen Schule! Befanden sich die Gelehrten des frühen
Mittelalters mit ihrer Weltauffassung doch fast wieder auf dem naiven
Standpunkt, den *Hesiod* im 8. Jahrhundert v. Chr. einnahm. Erst seit
dem 8. nachchristlichen Jahrhundert etwa schrieb man der Erde die
Gestalt einer Kugel zu. In einer Hinsicht wirkten die Kirchenväter
übrigens auch Gutes. Sie verhielten sich nämlich im allgemeinen den
astrologischen Lehren gegenüber, die während der Kaiserzeit das
astronomische Wissen verdunkelt hatten, ablehnend. Dies geschah zwar
weniger aus wissenschaftlicher Überzeugung, sondern weil es frevelhaft
sei, Menschen- und Völkerschicksal aus den Sternen erkennen zu
wollen[654].

In demselben Maße bildungsfeindlich wie die ersten Christen, wenn auch
aus anderen Gründen, verhielt sich die zweite Macht, die von der Welt
auf den Trümmern der Antike Besitz ergriffen hatte, das Germanentum.
Seine Träger waren Volksstämme, die erst von dem Augenblicke an, in
dem sie mit der alten Kultur in Berührung kamen, in das Licht der
Geschichte traten. Ihnen galten nicht nur die zivilisierten Bewohner
des südlichen Europas, sondern auch deren Geisteserzeugnisse zunächst
als feindliche Mächte. So erzählt *Prokop* von den Goten, die nach den
langen Wirren der Völkerwanderung in Italien zuerst wieder geordnete
Verhältnisse schufen, sie seien der Ansicht gewesen, daß derjenige, der
die Rute des Lehrers gefürchtet, keinem Schwert und keinem Speer mehr
festen Blickes begegnen könne.

Bedenkt man nun, daß diese beiden Mächte, das Christentum und
das Germanentum, das eine geistig, das andere physisch, von dem
abendländischen Teil der alten Welt Besitz ergriffen, während bald
darauf im Morgenlande der Islam mit ähnlichen Tendenzen ins Leben
trat, so läßt es sich begreifen, daß die im Altertum gegründete
Wissenschaft in dem Geistesleben des Mittelalters zunächst keinen
Platz fand. Man wird vielmehr darüber staunen, daß diese Wissenschaft
Kraft genug besaß, nicht gänzlich unterzugehen, sondern unter der
Asche fortzuglimmen, bis sie, seit dem 13. Jahrhundert etwa, von neuem
entfacht wurde.

Einer Fortentwicklung der vom Altertum geschaffenen Anfänge wirkte
nicht nur das geschilderte Streben entgegen, welches dem Christentum
und dem Germanentum zu Beginn ihres Auftretens innewohnte, es brach
auch eine Summe von Geschehnissen über die alte Welt herein, die an
Furchtbarkeit nicht ihresgleichen hatten und das südliche Europa in
einen Trümmerhaufen verwandelten, so daß dort der Wohlstand, der
doch bis zu einem gewissen Grade die Vorbedingung aller Kunst und
Wissenschaft ist, vernichtet wurde.

Während sich das oströmische Reich einer gewissen Beständigkeit
erfreute, wurde der Westen ein Spielball der germanischen Stämme. Auf
die Verwüstung durch die Goten folgte der Einfall der Vandalen, die
überall Ruinen als die Spur ihrer Züge zurückließen. »Sie zerstörten
alles«, berichtet der Chronist von ihnen, »was sie fanden. Die Pest
konnte nicht verheerender sein. Auch wütete eine fürchterliche
Hungersnot, so daß die Überlebenden die Körper der Gestorbenen
verzehrten.« Es klingt kaum glaublich, wenn uns die Geschichtsschreiber
jener Zeiten erzählen, daß man Festungen durch den Leichengeruch zur
Übergabe zwang, indem man die Gefangenen vor den Wällen niedermetzelte.

Fast zur selben Zeit, als die Vandalen Rom plünderten, wurde
Oberitalien durch die Hunnen verwüstet, deren Zug durch die von
*Aëtius* gewonnene Schlacht bei Châlons nach Süden abgelenkt worden
war. Nach diesen völkermordenden Kriegen nahmen todbringende Seuchen
von dem aus vielen Wunden blutenden Europa Besitz. Vielleicht war
infolge der vorhergegangenen Ereignisse eine allgemeine Schwächung
der europäischen Menschheit eingetreten und dadurch der Pest der
Boden bereitet worden. Zum ersten Male hatte diese Geißel unter *Marc
Aurel* ihren Zug durch das römische Reich gehalten und weit mehr Opfer
gefordert, als die Seuchen der Neuzeit. Nach dem von *Prokop*, dem
Geheimschreiber *Belisars*, hinterlassenen Bericht wütete sie volle 50
Jahre im ganzen römischen Reiche dermaßen, daß in Italien stellenweise
die Weinstöcke und das Getreide vermoderten, weil es an Arbeitskräften
fehlte.

Allmählich erhoben sich indes aus der Verworrenheit und der Verwüstung,
welche die ersten Jahrhunderte des Mittelalters kennzeichnen und
das Erlahmen des wissenschaftlichen Geistes begreiflich erscheinen
lassen, gefestigte Verhältnisse. Rom war dadurch, daß es im 5.
Jahrhundert in den Besitz der kirchlichen Vorherrschaft gelangt war,
wieder, wenn auch in anderem Sinne als im Altertum, zum geachteten
Mittelpunkt des Abendlandes und die römische Sprache zur Weltsprache
geworden. *Benedikt* von Nursia hatte im Anfang des 6. Jahrhunderts
das Klosterwesen in Westeuropa begründet. Der Gedanke, sich um der
Erfüllung religiöser Pflichten willen von der Welt zurückzuziehen, ist
orientalischen Ursprungs und schon dem Heidentum des Orients geläufig.
Er ergriff mit besonderer Macht die ersten Christen, welche die
Satzungen der neuen Religion mit den Forderungen und Schwierigkeiten
des Lebens nicht in Einklang zu bringen vermochten. So sehen wir bald
nach der Ausbreitung des Christentums Tausende sich in entlegene Teile
Syriens und Ägyptens zurückziehen. Es entstand ein von bestimmten
Regeln abhängiges Mönchstum, das für jene Zeiten eine berechtigte
Erscheinung war und die Erhaltung der geistigen Kultur begünstigte.
Schon um die Mitte des 4. Jahrhunderts verbreitete sich das Mönchswesen
besonders durch den Bischof *Basilius den Großen* in Kleinasien und auf
der Balkanhalbinsel. Bald fand es auch im weströmischen Reiche Eingang,
wo namentlich *Augustinus* für diese Form des religiösen Lebens den
Boden bereitet hatte. *Benedikt* von Nursia gebührt das Verdienst,
daß er zuerst die umherschweifenden, zuchtlosen, dem Mönchstum
ergebenen Scharen zum Zusammenleben und zu geordneter Tätigkeit
zwang. Die Beschäftigung mit den Wissenschaften bezeichnete er als
eine der wichtigsten Pflichten seines Ordens. »Den Klöstern«, sagt
*Lindner*[655], »verdanken wir alles oder das weitaus meiste, was von
antik-lateinischen Schriften und selbst von den alten germanischen auf
uns gekommen ist, sie haben den Rückweg zum Altertum offen gehalten.«

Zwar, das Studium der nicht philosophischen Schriften des Altertums
wurde von den kirchlichen Machthabern nur ungern gesehen. So
begegnet uns um 1200 ein Verbot[656], welches den Mönchen das Lesen
naturwissenschaftlicher Schriften als sündhaft untersagte. Im ganzen
war jedoch die Tätigkeit der Orden auf die Erhaltung der alten
Schriftwerke und die Ausbreitung der Bildung gerichtet, so daß die
Benediktiner mit Recht den Wahlspruch »Ex scholis omnis nostra salus«
führten.

Auch im politischen Leben Italiens machte die Brandung, welche dort
Jahrhunderte gewütet, endlich einer ruhigen Entwicklung Platz. Während
der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts herrschten hier die Ostgoten.
Unter ihrem großen König *Theoderich* (475-526), der eine Verschmelzung
des germanischen mit dem römischen Element herbeizuführen suchte,
erlebte das Land sogar einen kurzen Aufschwung. Der wissenschaftliche
Sinn wurde von neuem lebendig, die Schulen blühten und die Gelehrten
wurden wieder geachtet[657]. In diesem Zeitraum verdienen besonders
*Cassiodor* und *Boëthius* Erwähnung.

*Cassiodor* wurde in Süditalien geboren und war um 500 *Theoderichs*
Geheimschreiber und Ratgeber. Nach der Besiegung der Ostgoten durch
die Byzantiner zog er sich in die klösterliche Einsamkeit zurück.
Durch ihn und *Benedikt* von Nursia, der im Jahre 529 das Kloster zu
Monte Cassino bei Neapel gestiftet hatte, wurde an Stelle der früheren
Beschaulichkeit der Mönche rege Tätigkeit als oberster Grundsatz
hingestellt. Unermüdlich wurden in schöner Schrift die im Besitze
der Klöster befindlichen Werke auf Pergament übertragen und so neben
manchem Wertlosen doch auch das Wertvolle der Nachwelt erhalten.
*Cassiodor* selbst empfiehlt das Abschreiben von Büchern den Mönchen
als die verdienstlichste Arbeit. Seine letzte Schrift verfaßte er
im 93. Lebensjahre. Er hinterließ 12 Bücher Briefe[658] und eine
Enzyklopädie[659] der sogenannten sieben freien Künste (Grammatik,
Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie).
Indessen handelt es sich für ihn nicht um eine ausführliche Darstellung
dieser Wissenszweige, sondern mehr um eine Aufzählung derjenigen
griechischen und lateinischen Schriftsteller, deren Studium dem
Anfänger zu empfehlen sei.

Das Urbild derartiger, im Mittelalter so häufigen Sammelwerke über
die freien Künste rührt von *Marcus Terentius Varro* her, der im 1.
Jahrhundert v. Chr. lebte und neun Wissenschaften enzyklopädisch
behandelte[660]. Außer den genannten hatte er nämlich auch die Medizin
und die Baukunst in Betracht gezogen.

Der in einer Geschichte der Wissenschaften Erwähnung verdienende
Genosse *Cassiodors* war der aus altem römischen Geschlecht
entstammende *Boëthius*. Nachdem er in seiner Vaterstadt die
höchsten Ämter bekleidet, fiel er in Ungnade und wurde nach längerer
Gefangenschaft enthauptet. Im Kerker entstand seine berühmte Schrift
»Über die Tröstungen der Philosophie«, ein Werk, das in viele Sprachen
übersetzt wurde[661]. *Boëthius* machte das Studium der griechischen
Schriftsteller wieder zugänglich, indem er sie in das Lateinische
übersetzte und erläuterte. *Cassiodor*, der Geschichtsschreiber
der Ostgotenzeit, hat der Nachwelt eine Stelle aus einem Briefe
*Theoderichs* an *Boëthius* aufbewahrt, welche den König wie den
Empfänger in gleicher Weise ehrt. »In deinen Übertragungen«, heißt es
in diesem Schreiben, »wird die Astronomie des *Ptolemäos*, sowie die
Geometrie des *Euklid* lateinisch gelesen. *Platon*, der Erforscher
göttlicher Dinge, und *Aristoteles*, der Logiker, streiten in der
Sprache Roms. Auch *Archimedes*, den Mechaniker, hast du lateinisch
wiedergegeben. Welche Wissenschaften und Künste auch das fruchtbare
Griechenland erzeugte, Rom empfing sie in vaterländischer Sprache durch
deine Vermittlung«[662].

Lieblingsgebiete des *Boëthius* waren die Musik und die Akustik. Er
stellte zahlreiche Versuche mit dem Monochord und mit Pfeifen an und
schrieb ein Werk über die Musik[663], in dem manche klare Anschauung
entwickelt ist. Wichtiger ist dieses Buch dadurch, daß wir uns nach
ihm eine gewisse Vorstellung von der Tonkunst des Altertums und des
früheren Mittelalters machen können. Auch der Astronomie und der Physik
brachten die gebildeteren Goten, geschichtlichen Berichten zufolge, ein
großes Interesse entgegen.

Leider sollte dieser hoffnungsvolle Ansatz, den der italische Boden
gezeitigt, noch in der Blüte geknickt werden. Ebenso rasch, wie das
Ostgotenreich emporgekommen war, wurde es durch die furchtbaren Kriege,
welche der oströmische Kaiser gegen die Ostgoten führte, wieder
hinweggefegt. Zehn Jahre später fiel das verwüstete Italien in die
Hände der Langobarden. Einen ähnlichen Aufschwung, wie zur Zeit der
Ostgoten, hat es unter der, Jahrhunderte dauernden Herrschaft dieses
Volkes nicht wieder erlebt. Doch fand in dieser verhältnismäßig ruhigen
Zeit eine allmähliche Verschmelzung des germanischen Elementes mit
dem römischen statt, wodurch die Vorbedingung für eine höhere Kultur
geschaffen wurde.

Neben *Cassiodor* und *Boëthius* verdient für dieses Zeitalter der
Bischof *Isidor* von Sevilla erwähnt zu werden. Er wurde im Jahre
570 in Cartagena geboren und starb 636. In einem, aus 20 Büchern
bestehenden Werk, das den Titel »Origines« (die Ursprünge) führt,
gab er, wie es *Cassiodor* und *Martianus Capella* getan, eine Art
Enzyklopädie der Wissenschaften heraus. Die »Origines« berücksichtigen
nicht nur die freien Künste, das Trivium (Grammatik, Rhetorik und
Dialektik) und das Quadrivium (Arithmetik, Musik, Geometrie und
Astronomie), sondern auch die Medizin, die Naturgeschichte, die
Geographie usw. Das Werk verdrängte die Enzyklopädien des *Cassiodor*
und des *Martianus Capella* und war neben *Plinius* und *Aristoteles*
bis gegen das Ende des Mittelalters für alle späteren Sammelwerke die
wichtigste Fundgrube. Es führt auch wohl den Titel »Die Etymologien«
(Libri originum seu etymologiarum). Dementsprechend finden wir für alle
Gegenstände die Etymologien des Namens an die Spitze gestellt, ja oft
allein gegeben. In den meisten Fällen waren die Wortableitungen jedoch
sehr willkürlich und wertlos.

Männer, wie die Genannten, haben das Vorhandene nicht vermehrt,
sondern, wie *Plinius*, als literarische Sammler gewirkt. Als solche
sind sie aber für die Erhaltung des Wissens und des wissenschaftlichen
Interesses für das ganze Mittelalter von Bedeutung gewesen. Fast
allen lag daran, die Beschäftigung mit den Wissenschaften in weitere
Kreise zu tragen, indem sie für die Verbreitung und Verbesserung des
Schulwesens wirkten. Das ist nicht nur *Cassiodor* und *Rhabanus
Maurus*, sondern auch *Isidor* von Sevilla nachzurühmen.

Wie die Klöster zu Mittelpunkten literarischer Beschäftigung wurden, so
fand in ihnen auch, zumal in den sich erst der Kultur erschließenden
germanischen Ländern, die Heilkunde eine Stätte. Die Mönche bereiteten
Arzneien nicht nur für ihren eigenen Gebrauch, sondern auch für die
Bewohner der Umgegend. Die heilbringenden Kräuter wurden in besonderen
Gärten im Schutze der Klostermauern gezogen. Genauere Angaben besitzt
man über den Kräutergarten des Klosters St. Gallen, aus dem schon im
9. Jahrhundert die benachbarten Dörfer mit Arzneien versorgt wurden.
Von den zahlreichen Kräutern, die man in St. Gallen zu diesem Zwecke
zog, seien beispielsweise Salbei, Raute, Minze und Fenchel genannt.
Ein selbständiges Apothekenwesen entwickelte sich im germanischen
Kulturbereich erst im späteren Mittelalter[664]. Im Altertum hatte der
Arzt die Arzneien in der Regel selbst bereitet.



8. Das arabische Zeitalter.


Ein neuer Anlaß zur Beschäftigung mit der Wissenschaft des Altertums
sollte im Abendlande nicht mehr, wie zur Zeit *Theoderichs*,
auf eigenem Boden ersprießen, sondern von einem orientalischen
Volke ausgehen, das bis dahin kaum eine Rolle gespielt hatte.
Diese Erscheinung ist eine der merkwürdigsten, die uns in der
Entwicklung der Wissenschaften begegnet, weshalb wir ihr eine etwas
eingehendere Betrachtung schenken müssen. Während das Christentum die
abendländischen Völker durchdrang, bemächtigte sich der Islam des
gesamten Orients. Die Ausbreitung der neuen Lehre erfolgte durch Feuer
und Schwert und ging Hand in Hand mit der Errichtung eines Weltreiches
durch die Araber. Auch die letzteren traten, wie die ersten Bekenner
des Christentums, den vorhandenen Bildungselementen zunächst feindlich
gegenüber. Von fanatischem Eifer verblendet, soll der Kalif *Omar*
dem arabischen Feldherrn, der Alexandrien eroberte, den Befehl zur
Vernichtung der noch vorhandenen Bücherschätze mit den Worten gegeben
haben: »Wenn diese Bücher das enthalten, was im Koran steht, so sind
sie unnütz, wenn sie etwas anderes enthalten, so sind sie schädlich.
Sie sind deshalb in beiden Fällen zu verbrennen.«

Nach anderen Nachrichten[665] soll dieses Wort bei der Eroberung
Persiens gefallen sein. Bei diesem Ausspruch und manchen anderen,
geschichtlichen Persönlichkeiten zugeschriebenen Worten ist der
Nachweis, daß es sich um eine verbürgte Äußerung handelt, in vielen
Fällen nicht zu erbringen. Wenn sie trotzdem, wie beispielsweise
*Galileis* Wort: »Und sie bewegt sich doch«, in der Geschichte der
Wissenschaften Erwähnung finden, so geschieht dies, weil sie häufig
Personen, Zeitverhältnisse oder geistige Strömungen vortrefflich
kennzeichnen.

Wie groß der Verlust an Bücherschätzen infolge der von den Arabern
zu Beginn ihres Auftretens bewiesenen Zerstörungswut gewesen ist,
läßt sich nicht mehr ermessen. Diese Verluste begannen übrigens in
Alexandria schon weit früher, nämlich zur Zeit der Belagerung durch
*Julius Caesar*. Unter *Kleopatra* wurden sie jedoch durch die
Erwerbung der pergamenischen Bibliothek ausgeglichen. Die Zerstörung
des Serapeions fand unter *Theodosios* statt. Es wurde jedoch soviel
gerettet, daß eine neue Bibliothek gegründet werden konnte. Mit den
etwa noch vorhanden gewesenen Überresten an literarischen Schätzen
scheinen dann die Araber bei der Eroberung Alexandriens nicht allzu
glimpflich umgegangen zu sein, wenn auch die Nachrichten über den von
ihnen bewiesenen Vandalismus ohne Zweifel stark übertrieben sind[666].
Im allgemeinen waren die Bekenner des Islams nämlich duldsamer als die
Christen. Während letztere die Unterworfenen zur Bekehrung zwangen
und keine Religion neben der christlichen anerkannten, war der Islam
mehr darauf bedacht, zu herrschen. Die Christen behielten unter
dieser Herrschaft ihre Glaubensfreiheit, ja selbst ihre Kirchen und
Klöster. Der Islam ließ den unterworfenen Völkern mehr ihre Eigenart.
Auch behielten die von ihm unterjochten Städte als Mittelpunkte des
geistigen Lebens und eines größeren Wohlstandes ihre Bedeutung,
während das Abendland durch die Germanen einer mehr ländlichen,
naturalwirtschaftlichen Lebensweise anheimfiel. Die Kultur des
Morgenlandes erlitt daher durch den Islam in ihrer Entwicklung keine
solch gewaltsame Unterbrechung, wie sie das Abendland erfuhr. Die
morgenländische Kultur des Mittelalters verdient auch die Bezeichnung
einer arabischen weniger ihrer Eigenart wegen als dem Umstande, daß
die Sprache der Araber die herrschende wurde. Mit dieser Erkenntnis
fällt auch die Paradoxie, die darin liegen würde, wenn man einem bis
dahin unbekannten Nomadenvolke alle Schöpfungen, welche der Orient im
Mittelalter hervorbrachte, zuschreiben wollte.

Die Araber verstanden es vortrefflich, dasjenige, was die unterjochten
Völker an Kulturelementen besaßen, zu sammeln und zu sichten. Nachdem
sie in der kurzen Zeit vom Auftreten *Mohammeds* bis zum Beginn des
8. Jahrhunderts Syrien, Palästina, Ägypten, Persien, Nordafrika
und Spanien erobert hatten, nahmen sie die Bildungselemente, die
sie in diesen Ländern vorfanden, in sich auf, um sie später den
abendländischen Völkern zu übermitteln. Den letzteren blieb es
vorbehalten, auf diesen Grundlagen erfolgreich weiter zu bauen, was die
Araber nur in bescheidenem Maße vermocht hatten. Es ist ein Verdienst
der arabischen Literatur, wichtige Teile der griechischen Wissenschaft
erhalten und sie durch das Dunkel des Mittelalters in die neuere Zeit
hinüber gerettet zu haben.

Nach dem Untergange der alten Kultur wurden die Wissenschaften in
Syrien und Persien in griechisch-christlichen und jüdischen Schulen
gepflegt. Als die Araber diese Länder eroberten, fanden sie dort
ein reiches geistiges Leben vor[667]. Wahrscheinlich ist aber bei
dem ersten Anprall die ältere Literatur jener Länder zum Teil
vernichtet worden, so daß man sich bei dem erwachenden Interesse für
wissenschaftliche Dinge veranlaßt sah, auf die griechischen Originale
zurückzugehen, woraus sich z. B. das später zu erwähnende Verhalten
des Kalifen *Al Mamûn* erklärt[668]. Mit dem Übersetzen ging das
Kommentieren Hand in Hand. So soll *Ibn Sina* (Avicenna, 980-1037)
die Schriften des *Aristoteles* in 20 Bänden kommentiert haben. Seine
Arbeit ging verloren, doch blieb sein Kommentar zu den aristotelischen
Schriften über die Tiere in lateinischer Übersetzung (von *Michael
Scotus*) erhalten.

Trotz aller Verfolgungen, denen die griechische Wissenschaft ausgesetzt
gewesen, fanden sich also im Orient doch noch zahlreiche, wertvolle
Überreste. Vor allem war es die zur Zeit der Eroberungskriege der
Araber in Syrien und Persien verbreitete christliche Sekte der
Nestorianer, die sich um die Erhaltung dieser Überreste ein großes
Verdienst erworben hatte[669]. Seit dem Zeitalter *Alexanders*
hatten sich viele Griechen in den bedeutenderen Städten Syriens und
Persiens niedergelassen und ihr Wissen und ihre Sprache in Vorderasien
verbreitet. Mit dem Griechentum berührte sich dort alsbald das
jüdische Element. Beide wurden nach Beginn unserer Zeitrechnung durch
die Ausbreitung des christlichen Glaubens noch enger verbunden. Der
den Griechen eigene Drang, überall, wo sie in fremden Ländern sich
niederließen, als Lehrer ihrer neuen Landsleute aufzutreten, empfing
dadurch eine neue Anregung. Die Schulen wurden christlich, behielten
aber ihre Richtung auf die Pflege und Verbreitung der weltlichen
Wissenschaft, getreu dem Geiste des Griechentums, bei.

Als Sitz einer Akademie sei Edessa erwähnt. Dort entstand auch eine
bedeutende Bibliothek. Vom 5. Jahrhundert etwa an wurden die Werke des
*Aristoteles*, sowie griechische Schriften über Medizin, Mathematik,
Astronomie usw. ins Syrische übertragen. Die Syrer sind als die
unmittelbaren Schüler der Griechen zu betrachten. Eine nennenswerte
Förderung der Wissenschaften scheint durch die Syrer aber nicht
stattgefunden zu haben. Ihr Hauptverdienst besteht darin, daß sie die
Kenntnisse und Anschauungen der Alten den Arabern übermittelten. Die in
Mesopotamien entstandenen Nestorianerschulen blühten vom 5. bis ins 11.
Jahrhundert. Und hier war es, wo die Elemente der antiken Wissenschaft,
darunter auch diejenigen der Alchemie, den Arabern bekannt wurden,
durch die sie dann nach Spanien und darauf zu den übrigen Ländern
Europas gelangten. Durch die Beschäftigung mit chemischen Vorgängen
sind die syrischen Gelehrten Mesopotamiens vielleicht auf die Erfindung
des sogenannten griechischen Feuers gelangt, das seit dem Ende des 7.
Jahrhunderts bei Belagerungen und in Seeschlachten benutzt wurde[670].

Das griechische Feuer wurde im Jahre 678 durch einen Syrer in
Konstantinopel eingeführt und bestand vermutlich aus einer Mischung
von leichtflüchtigen Erdölen, Asphalt und gebranntem Kalk. Letzterer
bewirkte, daß sich die Masse beim Zusammentreffen mit Wasser
entzündete. Die Verwendung von Salpeter zu Zündsätzen, Raketen usw. ist
hingegen erst weit später anzusetzen[671].

Von den syrischen Handschriften, die sich mit chemischen Dingen
beschäftigen, sind noch mehrere erhalten und durch *Berthelot* ihrem
Inhalt nach bekannt geworden. Es gehört dahin eine Aufzählung[672] der
Metalle, der sieben Erden, der zwölf als Amulette dienenden Steine und
einer Anzahl zum Färben des Glases dienender Mineralien. Als Amulette,
denen man Zauberkräfte zuschrieb, galten z. B. der Amethyst (gegen
Trunkenheit) und der Bernstein (gegen die Gelbsucht). Eine zweite
syrische Handschrift[673] kann als das älteste methodische Buch über
Chemie betrachtet werden. Seine Abschnitte sind überschrieben: Die
Bearbeitung des Kupfers, des Quecksilbers, des Bleies, des Eisens usw.
Die syrische Alchemie besteht in der Hauptsache aus der Übersetzung
griechischer Quellenschriften. In der erwähnten Aufzählung finden sich
dem Namen jedes Metalls der Name eines bestimmten Planeten und einer
bestimmten Gottheit beigefügt.

Dogmatische Streitigkeiten riefen einen Gegensatz zwischen den
syrischen, an der Lehre des Bischofs *Nestorios*[674] festhaltenden
Christen und der Hierarchie von Alexandrien und Byzanz hervor. Die
Bedrückung, welche die in Syrien an den Schulen wirkenden Gelehrten
infolgedessen erfuhren, veranlaßte diese Männer, sich in den persischen
Christengemeinden, und zwar besonders in Mesopotamien, niederzulassen
und dort im 5. Jahrhundert neue Pflanzstätten zu gründen[675]. Dadurch
wurden die Nestorianer die Vermittler zwischen dem Osten und dem Westen
der alten Welt. Die in Indien entstandenen Wissenselemente fanden
nämlich in Persien Eingang und wurden später den Arabern und durch sie
Europa übermittelt.

Als in Bagdad unter *Almansur* das Kalifat allen Glanz des Morgenlandes
um sich verbreitete, wurden die Nestorianer, sowie andere griechische
Gelehrte an den Hof gezogen und damit betraut, die in ihrem Besitz
befindlichen Wissensschätze ins Arabische zu übertragen. Die
mohammedanischen Machthaber scheint dabei zuerst mehr eine Art von
Sammeleifer als ein Verständnis für die Bedeutung des Errungenen
geleitet zu haben. So wird z. B. berichtet, daß *Harun al Raschid*, der
zur Zeit *Karls des Großen* lebende Kalif aus dem Hause des Omejaden,
sich von den griechischen Kaisern alles ausgebeten habe, was ihr Land
an philosophischen Werken besaß. Die Stellung, welche die Araber
diesen Werken gegenüber einnahmen, war zunächst die blinde Achtung
gegenüber der Autorität. Wie der Koran in der Religion und im Leben,
so dienten die vorhandenen, insbesondere die griechischen Vorbilder
ihnen als unbedingte Richtschnur für das Studium der Wissenschaften.
Bei diesem Grundzug ihres Wesens war zwar ein wesentlicher Fortschritt
nicht zu erwarten, doch hatte die von ihnen geübte Überschätzung das
Gute im Gefolge, daß ihre Literatur in erster Linie der Erhaltung der
gewonnenen Geistesschätze diente. Darauf und weniger auf dem Inhalt an
eigenen Gedanken beruht die weltgeschichtliche Bedeutung der arabischen
Literatur[676].

Die Begierde, Bücher zu sammeln, war in den Ländern, in denen die
arabische Kultur aufblühte, allgemein. So gab es in Bagdad angeblich
über hundert Buchhandlungen, und viele Privatleute besaßen größere
Bibliotheken. Es entstanden sogar gelehrte Gesellschaften, wie sie uns
im Abendlande erst mit dem Wiederaufleben der Wissenschaften zu Beginn
der neueren Zeit begegnen. Auch der Mittelstand war in den Städten
bemüht, sich die Elemente der Bildung anzueignen, für deren Ausbreitung
Schulen sorgten. Während in Rom zur Kaiserzeit etwa 30 öffentliche
Bibliotheken vorhanden waren, bestanden in Bagdad deren weit mehr.
Die Lehrer, die an den mohammedanischen Schulen wirkten, wurden vom
Staate besoldet. Legten sie ihrem Vortrage auch meist Bücher zugrunde,
so gestaltete sich der Unterricht, der meist das theologische und das
juristische Gebiet betraf, doch zu einem belehrenden Gespräch mit den
Schülern. Er befand sich also auf einer hohen Stufe. Als weiteres
Ausbildungsmittel waren ausgedehnte Studienreisen üblich. Solche Reisen
gaben wieder den Anlaß zur Entstehung vortrefflicher geographischer
Werke. Mit offenem Blicke schildern ihre Verfasser nicht nur die
topographischen, sondern auch die klimatologischen Verhältnisse der
besuchten Länder, sowie ihre Erzeugnisse. Ja, wir besitzen arabische
Berichte, die uns sogar über den Zustand von Mainz, Fulda und anderen
deutschen Städten des frühen Mittelalters wertvolle Aufschlüsse geben.

Auch das Interesse für mechanische Dinge war bei den Arabern nicht
gering. So übersandte, wie *Einhard* berichtet, *Harun al Raschid*
*Karl dem Großen* unter den zur Krönungsfeier bestimmten Geschenken
eine Wasseruhr, die ein Zeigerwerk besaß und die Stunden dadurch
ankündete, daß eine Metallkugel in ein aus Erz gefertigtes Becken
fiel[677].

Tatsache ist, daß die Präzisionsmechanik bei den Arabern einen hohen
Grad der Ausbildung erreicht hatte und daß sie bei der Herstellung von
verschiedenen Arten der Wasseruhren »ein fabelhaftes Talent an den Tag
legten«[678].

Nicht minder groß war die Vorliebe, welche der Sohn und Nachfolger
*Haruns*, der Kalif *Al Mamûn*, für die Wissenschaft bekundete. Er
errichtete in Bagdad eine Sternwarte und gründete in zahlreichen
Städten seines Reiches Schulen und Bibliotheken. Hatte schon *Harun*
eigene Übersetzer angestellt, so gründete sein Nachfolger zu diesem
Zwecke ein förmliches Institut, zu dem eine große Anzahl, der
verschiedenen Sprachen kundiger, Gelehrten vereinigt wurden. In
Syrien, Armenien und Ägypten wurden durch besondere Abgesandte Bücher
aufgekauft. Vor allem übertrug man sämtliche Werke des *Aristoteles*
und des *Galen*. Auch *Euklid*, *Ptolemäos* und *Hippokrates* lernte
man kennen. Selbst aus dem Persischen und dem Indischen wurde eifrig
übersetzt. Nach einem erfolgreichen Kriege gegen den byzantinischen
Kaiser legte *Al-Mamûn* letzterem die Bedingung auf, ihm von
sämtlichen, in den Bibliotheken des griechischen Reiches befindlichen
Werken je ein Exemplar zu überlassen, damit diese Werke ins Arabische
übertragen würden. Darunter befand sich auch das oben erwähnte
astronomische Hauptwerk des *Ptolemäos*, das in der Folge Almagest
genannt wurde.


Mathematische Geographie und Astronomie bei den Arabern.

Die Araber haben oft bewiesen, daß sie sich den Alten gegenüber nicht
bloß rezeptiv verhalten wollten. So wurde z. B. die Messung eines
Breitengrades zur Bestimmung des Erdumfanges unter *Al Mamûn* wieder
vorgenommen und zwar, ohne daß man sich an das von den Griechen
geschaffene Verfahren klammerte[679]. Ein wesentlicher Fortschritt dem
*Eratosthenes* gegenüber lag bei diesem Unternehmen nämlich darin, daß
die zugrunde gelegte Strecke nicht in Tagereisen ausgedrückt, sondern
in der Richtung des Meridians mit Hilfe der Meßschnur ausgemessen
wurde. Man fand die Länge des Grades gleich 56 und bei einer zweiten
Messung gleich 56-2/3 arabischen Meilen[680] oder gleich etwa 113040 m,
woraus sich der Erdumfang zu 40700 km berechnet.

[Illustration: Abb. 50. Albirunis Bestimmung des Erdumfanges.]

*Albiruni* (um 1000) berichtet über das eingeschlagene Verfahren mit
folgenden Worten[681]: »Man wähle einen Ort in einer ebenen Wüste und
bestimme dessen Breite. Dann ziehe man die Mittagslinie und schreite
längs derselben nach dem Polarstern. Miß den Weg in Ellen. Dann miß
die Breite des zweiten Ortes. Ziehe die Breite des ersten davon ab
und dividiere die Differenz durch den Abstand der Orte in Parasangen.
Das Resultat, multipliziert mit 360, ergibt den Umfang der Erde in
Parasangen.«

Von Interesse ist ein zweites Verfahren, das *Albiruni* zur Ermittlung
des Erdumfanges anwandte. Es besteht darin, daß man einen hohen Berg
besteigt, der sich in der Nähe des Meeres befindet, und von hier
aus durch Beobachtung des Sonnenunterganges den Winkel α, d. h. die
Depression (Abb. 50) bestimmt. *Albiruni* zeigt dann weiter, wie man
aus diesem Winkel und der Höhe des Berges den Radius der Erde durch
trigonometrische Rechnung ermittelt. Eine solche Bestimmung hat er
wirklich ausgeführt. Er hat in Indien einen Berg, der 652 Ellen über
das Meer emporragt, bestiegen und den Winkel gemessen, den die nach
dem Horizont gerichtete Sehlinie mit der Horizontalen auf dem Gipfel
bildet. Dieser Winkel wurde mit Hilfe des Astrolabs gefunden und belief
sich auf 34'. Aus diesem Werte und der Höhe des Berges wurde der Radius
und die Länge eines Grades berechnet. Die Berechnung ergab für den
Umfang der Erde etwa 5600 Meilen[682], das sind 41550 km.

Auf Befehl des *Al Mamûn*, der die erwähnte Gradmessung in der Nähe des
Roten Meeres anstellen ließ, wurde auch die Schiefe der Ekliptik mit
großer Genauigkeit ermittelt. Der gefundene Wert belief sich auf 23°
35'. Heute beträgt er 23° 27'. Die Änderung beläuft sich also in einem
Jahrhundert auf etwa 48''.

Die Astronomie fand bei den Arabern eine zusammenfassende Bearbeitung
durch den unter *Al Mamûn* lebenden *Alfragani* oder *Alfergani*. Dem
Werk, das *Melanchthon* 1537 unter dem Titel »Alfragani rudimenta
astronomiae« aus dem Nachlaß *Regiomontans* herausgab, lag zwar der
Almagest zugrunde, es zeigt aber, daß sein Verfasser ein fleißiger
Astronom war, der die Methoden seiner Vorgänger zu verbessern
suchte. Auch beschrieb *Alfragani* die zu seiner Zeit gebrauchten
astronomischen Instrumente. Er stellte seine Beobachtungen auf der von
*Al Mamûn* errichteten Sternwarte an und wurde dabei häufig von dem
Kalifen unterstützt.

*Alfragani* wurde weit übertroffen durch den etwa ein Jahrhundert
später lebenden *Al Battani* (Albategnius haben ihn seine Übersetzer
genannt). *Al Battani* war prinzlichen Geblütes und hat sich
nicht nur um die Astronomie, sondern auch um die Einführung der
trigonometrischen Funktionen große Verdienste erworben. Seine
Beobachtungen, die er etwa von 880-910 anstellte, wurden von den
Arabern als die genauesten gepriesen. *Albattani* hat viele Angaben
des *Ptolemäos* nachgeprüft und verbessert. Das von ihm verfaßte Werk
»Über die Bewegung der Sterne« erschien in lateinischer Übersetzung
und mit Zusätzen *Regiomontans* im Jahre 1537. Aus diesem Werke
ist die Bezeichnung Sinus, für das Verhältnis der halben Sehne zum
Radius, in die mathematische Literatur aller Völker übergegangen.
Die mit der Anwendung der ganzen Sehnen verknüpfte rechnerische
Unbequemlichkeit, welche der Almagest aufwies, kam damit in Fortfall.
Die trigonometrischen Sätze nehmen ferner bei *Albattani* mehr den
Charakter für die Rechnung bestimmter Formeln an. Aus sin α/cos α =
D wird sin α = D/√(1 + D^2) berechnet und α dann in den Sinustafeln
aufgefunden. Auch der Bruch cos α/sin α wird einer Rechnung zugrunde
gelegt. Bedeutet nämlich α die Höhe der Sonne über dem Horizont und ist
h die Höhe eines Schattenmessers, l die Länge des Schattens, dann ist

[Illustration: Abb. 51. Trigonometrische Berechnungen.]

*Albattani* berechnete danach die Länge von l bei einer bestimmten Höhe
von h (= 12) für α = 1°, 2°, 3° usw. Er erhielt auf diese Weise eine
kleine Tabelle für die Kotangenten der ganzen Winkel.

Die Trigonometrie erscheint als eines der Gebiete, das die Araber
nicht nur wegen ihrer Beziehung zur Astronomie, sondern auch seiner
selbst wegen mit Vorliebe angebaut haben. Auf die Tangensfunktion
mußte schon *Albattani* kommen, als er den Stab h horizontal in der
Wand AB befestigte und das Verhältnis der Schattenlänge l zu der Länge
des Stabes h zur Bestimmung des Winkels α benutzte. Daß sich die
Tangensfunktion zur Berechnung von Dreiecken vorzüglich eignet, wurde
bald nach *Albattani* erkannt[683].

[Illustration: Abb. 52. Einführung der Tangensfunktion.]

Ihren Höhepunkt erreichte die Trigonometrie der Araber um 1250 in
dem Werke »Über die Figur der Schneidenden«. Es wird darin das
rechtwinklige und, ausgehend vom Sinussatz, das schiefwinklige Dreieck
behandelt. Auch die Trigonometrie des schiefwinkligen sphärischen
Dreiecks wird in dem genannten Werke in den Grundzügen entwickelt. Der
weitere Ausbau der Trigonometrie, vor allem die Formulierung des so
wichtigen Cosinussatzes, erfolgte erst einige hundert Jahre später, als
im Abendlande die Wissenschaften wieder auflebten, durch *Regiomontan*.

Wir haben an früherer Stelle den hohen Grad von Kunstfertigkeit
erwähnt, den die alexandrinischen Mechaniker bei der Herstellung
astronomischer Meßinstrumente, insbesondere der Astrolabien, bewiesen.
In dieser Kunst war die praktische Astronomie der Araber derjenigen der
Griechen mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen[684]. Neben
den ringförmigen Astrolabien benutzten die Araber als Meßwerkzeuge
auch Quadranten und Halbkreise, ferner parallaktische Lineale und
Instrumente, welche die trigonometrischen Funktionen, wie den Sinus
und den Sinus versus, anzeigten[685]. Die Einführung dieser Funktionen
in die Astronomie ist an den Namen *Al Battanis* (Albategnius)
geknüpft, der in den Jahren 882-910 seine Beobachtungen anstellte und
Tabellen entwarf[686]. Auf Grund der astronomischen Beobachtungen der
arabischen Sternwarten in Damaskus und Bagdad wurde eine Revision der
ptolemäischen Tafeln vorgenommen[687].

Die Blüte der arabischen Wissenschaft war keine kurze, wie man hin und
wieder behauptet hat, denn ein Jahrhundert später begegnen wir wieder
einem hervorragenden Astronomen *Ibn Junis* (gestorben 1008), der in
Kairo auf Befehl des Kalifen *Al Hâkim* wertvolle astronomische Tafeln
über die Bewegung der Sonne, des Mondes und der Planeten anfertigte.
Auch dort stand den Astronomen eine mit großer Freigebigkeit
eingerichtete Sternwarte zu Gebote. Auf Grund der Sternverzeichnisse
verstand man es, vortreffliche Himmelsgloben aus Silber oder Kupfer
anzufertigen, von denen einige erhalten geblieben sind. Eine
weitgehende Genauigkeit der Winkelmessung suchte man dadurch zu
erreichen, daß man den mit der Gradeinteilung versehenen Instrumenten
gewaltige Dimensionen gab. So soll ein in Bagdad aufgestellter Sextant,
mit dem man im Jahre 992 die Schiefe der Ekliptik maß, einen Radius
von 58 Fuß gehabt und einzelne Sekunden angezeigt haben. Auch das
Verfahren, zum Messen der Kulmination bestimmte Instrumente fest im
Meridian aufzustellen, indem man Mauerquadranten errichtete, treffen
wir bei den Arabern. Sogar ein Instrument mit einem Horizontalkreis,
über dem zwei Quadranten drehbar angebracht waren, findet man bei ihnen
in Gebrauch. Dieses Instrument, dem später *Tychos* Azimutalquadrant im
wesentlichen entsprach, ermöglichte es, von zwei Gestirnen gleichzeitig
Azimut und Höhe zu bestimmen. Jene »drehenden Quadranten« der Araber
und *Tychos* Instrument sind grundlegend für die Konstruktion des
heutigen Theodoliten gewesen.

Die Astronomie, die immer mehr in Astrologie ausartete, die Mathematik
und die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik, ferner auch die
Chemie in ihrem ersten, von mystischen Vorstellungen durchwebten
Gewande, waren die Gebiete, denen sich die Araber mit Vorliebe
zuwandten. Auf diesen haben sie, zumal was die, wenn auch nicht
ihrem Ursprunge, so doch ihrer ersten Entwicklung nach vorwiegend
arabische Wissenschaft der Chemie betrifft, anerkennenswerte Leistungen
aufzuweisen.

Eine Anregung zur Beschäftigung mit der Mathematik empfingen die Araber
nicht nur durch die griechischen Schriften, die von einem vorzugsweise
für die Geometrie veranlagten Volke herrührten, sondern in nicht
geringerem Maße von den Indern, die sich durch ihre rechnerische
Begabung auszeichneten. Von den letzteren erhielten sie, soweit die
vorliegenden, noch mangelhaften Angaben zu schließen gestatten,
vermutlich auch das auf dem Stellenwert beruhende Ziffernsystem, das
wir noch heute als das arabische bezeichnen, weil die Araber es den
abendländischen Völkern übermittelt haben. Auch die Algebra, soweit
sie indischen Ursprungs ist, erfuhr durch die Araber eine wesentliche
Fortbildung.

Von den griechischen Mathematikern ist *Euklid* für die Entwicklung
der Mathematik bei den Arabern von großem Einfluß gewesen. Zur
Weiterentwicklung der Arithmetik wurden sie besonders durch die
Übernahme des indischen Ziffernsystems angeregt. Die indischen
Zahlzeichen verbreiteten sich übrigens schon sehr früh von Alexandrien
aus nach Rom[688].

Bevor wir auf die Weiterentwicklung der Mathematik durch die Araber
näher eingehen, sei noch erwähnt, daß gegen den Ausgang des
Mittelalters das westliche Europa, wahrscheinlich gleichfalls durch
Vermittlung dieses Volkes, in den Besitz der in Ostasien erfundenen
Bussole und sehr wahrscheinlich auch des Schießpulvers gelangt ist.
Eine Nachricht über die Bussole begegnet uns in einer chinesischen
Schrift aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Dort wird der Magnet als ein
Stein bezeichnet, mit dem man der Nadel Richtung gebe[689]. Ferner ist
nachgewiesen, daß die Chinesen schon im 12. Jahrhundert n. Chr. mit der
Erscheinung der magnetischen Deklination bekannt waren. Die betreffende
Stelle der chinesischen Literatur lautet[690]: »Wenn man die Spitze
einer Nadel mit dem Magnetstein bestreicht, so zeigt sie nach Süden,
jedoch nicht genau, sondern etwas nach Osten. Die Abweichung beträgt
etwa 1/24 des Kreisumfanges (also etwa 15°).«

Daß die Bussole durch den Schiffer *Flavio Gioja* aus Amalfi erfunden
oder in Europa bekannt geworden sei, hat sich als eine der vielen, in
der Geschichte der Wissenschaften vorkommenden Legenden erwiesen. Es
unterliegt keinem Zweifel, daß man mit dem Gebrauche der Magnetnadel
in Europa lange vor dem im 14. Jahrhundert lebenden *Gioja* bekannt
war. So erwähnt ein provenzalisches, im 12. Jahrhundert entstandenes
Buch[691], daß der Schiffer, wenn er weder Mond noch Sterne sehen
könne, sich nach der Magnetnadel richte. Auch in einer um 1180
entstandenen Schrift[692] heißt es, die Eisennadel erlange durch die
Berührung mit dem Magneten die Fähigkeit, nach Norden zu zeigen,
was für den Schiffer wichtig sei. *Gioja* gebührt vielleicht das
Verdienst, daß er die Nadel mit der Windrose verbunden und damit für
den Gebrauch geeigneter gemacht hat[693]. Ob die Bussole in Europa
selbständig erfunden ist oder durch die Vermittlung der Araber von
Ostasien nach dort gelangte, ließ sich bisher nicht mit Sicherheit
nachweisen. Letztere Annahme ist aber bei dem regen Handelsverkehr,
den die Länder des Islams mit Indien und China unterhielten, die
wahrscheinlichere[694].

Interessant ist auch, wie sich die Anbringung der Magnetnadel
allmählich immer praktischer gestaltete. Zuerst ließ man die Nadel
schwimmen. So heißt es an einer Stelle[695] in dem 1232 verfaßten
»Buche des Schatzes der Kaufleute in Kenntnis der Steine«: »Wenn die
Nacht so dunkel ist, daß die Kapitäne keinen Stern wahrnehmen können,
um sich zu orientieren, so füllen sie ein Gefäß mit Wasser und stellen
dieses im Innern des Schiffes, gegen den Wind geschützt, auf; dann
nehmen sie eine Nadel und stecken sie in einen Strohhalm, derart, daß
beide ein Kreuz bilden. Dieses werfen sie auf das in dem erwähnten
Gefäß befindliche Wasser und lassen es auf dessen Oberfläche schwimmen.
Hierauf nehmen sie einen Magneten, nähern ihn der Wasseroberfläche
und geben ihrer Hand eine Drehung. Dabei dreht sich die Nadel auf
der Wasseroberfläche; dann ziehen sie ihre Hände plötzlich und rasch
zurück, worauf die Nadel nach zwei Punkten, nämlich Nord und Süd,
zeigt.«

Die nächste Verbesserung bestand darin, daß man den Magneten auf einer
Nadel schweben ließ. Die Verbindung des Magneten mit der Windrose, die
man auf solche Weise beweglich machte, erfolgte wahrscheinlich im 14.
Jahrhundert. Seine Vollendung erhielt der Kompaß, als ihn *Cardanus*
(im 16. Jahrhundert) mit der nach ihm benannten Aufhängung versah[696].

Wie mit der Bussole verhält es sich wahrscheinlich auch mit dem
Schießpulver, das in China weit früher als in Europa bekannt war. Die
älteste Nachricht, welche die europäische Literatur über das Pulver
aufweist, enthält wohl das Manuskript des *Marcus Graecus*[697]. Es
gibt an, man solle Schwefel, Kolophonium oder Kohle und Salpeter
zusammenreiben und mit dieser Mischung lange Röhren füllen. Zünde man
die Mischung dann an, so flögen die Röhren in die Luft oder sie würden
mit donnerähnlichem Knall zerplatzen.

Nach *M. Graecus* wurden 1 Teil Kolophonium, 1 Teil Schwefel, 6 Teile
Salpeter gepulvert, mit Öl gebunden und dann in ein Rohr gefüllt. Nach
einer anderen dort mitgeteilten Vorschrift wurden 1 Teil Schwefel,
2 Teile Linden- oder Weidenkohle und 6 Teile Salpeter gepulvert
und zur Füllung einer Art Rakete benutzt, um »fliegendes Feuer«
herzustellen[698]. Derartige Raketen wurden auch gegen feindliche
Schiffe geschleudert, um sie in Brand zu stecken[699].


Die Rechenkunst der Araber.

Zur Beschäftigung mit der Mathematik gelangten die Araber dadurch,
daß ihnen die Schriften der Griechen und der Inder bekannt wurden.
*Ptolemäos* und *Euklid*, *Apollonios*, *Heron* und *Diophant* wurden
in zahlreichen arabischen Übersetzungen verbreitet[700]. Welche Rolle
hierbei christlich-griechische Schulen spielten, die unter dem Einfluß
der Sekte der Nestorianer in Syrien entstanden waren, haben wir schon
erwähnt. Im 8. Jahrhundert gelangte ein Auszug aus dem Werke des Inders
*Brahmagupta* nach Bagdad. Dieser Auszug wurde um 820 durch *Mohammed
ibn Musa Alchwarizmi* einer Umarbeitung unterzogen.

*Ibn Musa* (*ben Musa*), der bekannteste arabische Mathematiker,
lebte unter *Al Mamûn*. Er war nicht nur an der Herausgabe indischer
Werke, sondern auch an einer Neubearbeitung der ptolemäischen Tafeln,
sowie an der erwähnten arabischen Gradmessung beteiligt[701]. Ferner
schrieb *Ibn Musa* über die Rechenkunst und die Algebra. Ein Übersetzer
des Buches über die Rechenkunst hat aus *Alchwarizmi* den Namen
*Algorithmus* gemacht, der noch jetzt für jedes zur Regel gewordene
Rechnungsverfahren benutzt wird.

Den Ziffern wird von *Ibn Musa* nach indischem Vorbild ein Stellenwert
beigelegt. Übersteigt beim Addieren die Summe der Ziffern 9, so sollen
die Zehner der folgenden Stelle zugerechnet und an der ursprünglichen
Stelle nur das geschrieben werden, was unter 10 übrig ist. »Bleibt
nichts übrig«, fährt *Ibn Musa* fort, »so setze den Kreis (die Null),
damit die Stelle nicht leer sei. Der Kreis muß sie einnehmen, damit
nicht durch das Leersein die Zahl der Stellen vermindert und die zweite
für die erste gehalten wird«[702].

*Ibn Musas* Werk über die »Algebra« ist das erste, das diese
Bezeichnung trägt. Das Wort Algebra bedeutet soviel wie Ergänzung und
bezieht sich auf die Auflösung der Gleichungen. Das Verfahren der
Ergänzung (Algebr) besteht darin, daß man, um die negativen Glieder aus
einer Gleichung zu entfernen, auf beiden Seiten die gleichen, positiven
Werte hinzufügt.

Das Buch war weniger für den wissenschaftlichen als für den praktischen
Gebrauch bestimmt. Dies geht auch aus folgenden Worten hervor, mit
denen *Ibn Musa* sein Buch einleitet: »Die Liebe zu den Wissenschaften,
durch die Gott den *Al Mamûn*, den Beherrscher der Gläubigen,
ausgezeichnet hat, und seine Freundlichkeit gegen die Gelehrten haben
mich ermuntert, ein kurzes Werk über Rechnungen durch Ergänzung und
Reduktion zu schreiben. Hierbei beschränke ich mich auf das Leichteste
und das, was die Menschen am meisten bei Teilungen, Erbschaften,
Handelsgeschäften, Ausmessung von Ländereien usw. gebrauchen.«

*Ibn Musa* unterscheidet sechs Arten von Gleichungen, die in heutiger
Schreibweise folgendermaßen lauten würden:

  bx = c
  ax^2 = c
  x^2 + bx = c
  x^2 = bx + c
  x^2 + c = bx
  ax^2 = bx

Für die Gleichung x^2 + c = bx gibt er die Lösung:

  x = b/2 ± √((b/2)^2 - c).

Er erwähnt, daß die Aufgabe für den Fall, daß c > (b/2)^2 unmöglich
sei. Auch die Regel de tri, und zwar nach indischen Mustern, ist in
dem Werke behandelt, das nicht nur für die arabische, sondern auch für
die Entwicklung der abendländischen Mathematik von großer Wichtigkeit
gewesen ist.


Die Ausbreitung der arabischen Wissenschaft.

Nach der Eroberung Spaniens errichteten die Araber das Kalifat zu
Cordova, das für den westlichen Teil ihres Reiches eine ähnliche
Bedeutung erhielt, wie sie Bagdad für den Osten besaß. Handel und
Gewerbe gelangten zu hoher Blüte. Prächtige Bauten entstanden. Neue
Pflanzen, vor allem die Dattelpalme, wurden verbreitet. In Spanien
war es, wo die Berührung der abendländischen Christenheit mit der
Wissenschaft des Islams vorzugsweise stattfand. Von hier erfolgte die
Wiederbelebung der gelehrten Studien in den christlichen Ländern, die
im 9. und 10. Jahrhundert die griechischen Schriftsteller in arabischer
Übersetzung und kommentiert von arabischen Gelehrten, wie *Avicenna*
und *Averroes*, kennen lernten.

*Avicenna* (*Ibn Sina* lautet sein arabischer Name) lebte von 980-1037
in Persien. Als Philosoph schließt er sich an *Alfarabi* an, welcher
die platonische und die aristotelische Philosophie zu übermitteln
gesucht und der Astrologie diejenige Form gegeben hat, die sie durch
das ganze Mittelalter behielt[703]. *Avicenna* befaßte sich besonders
mit der Medizin. Was seine Zeit auf diesen Gebieten an Kenntnissen
besaß, vereinigte er in einem großen Werk, dem Kanon[704].

Die Bedeutung des *Averroes* (*Ibn Roschd*, 1120-1198) besteht vor
allem darin, daß er die Werke des *Aristoteles* dem arabischen und
christlichen Mittelalter zugänglich machte. Seine Verehrung für diesen
Philosophen war so groß, daß er behauptete, die Welt sei erst durch
die Geburt des *Aristoteles* vollständig geworden. Trotzdem kann man
*Averroes* eine gewisse Selbstständigkeit bei seinem Philosophieren
nicht absprechen[705]. Seine ganze Naturauffassung trägt einen, man
könnte fast sagen, modernen Grundzug. Gott und die Materie sind
danach ewig. Eine Schöpfung aus dem Nichts, die beliebte Vorstellung
orientalisch-christlicher Mystik, ist undenkbar. Das Geistige ist
dasjenige, was die Materie bewegt und ihre Form bestimmt. Auch die
menschliche Seele ist nichts anderes als die formbestimmende Kraft
unseres Seins. Daß die Kirche solche Lehren als ketzerisch verwarf,
läßt sich wohl denken. Es ist sogar wahrscheinlich, daß man die
Naturanschauung des *Averroes*, weil sie mit den physikalischen Lehren
des *Aristoteles* verknüpft wurde, durch das zeitweilige Verbot der
physikalischen Schriften dieses Philosophen zu bekämpfen suchte.

Für die hohe Blüte der Wissenschaft unter der westarabischen Herrschaft
spricht auch, daß in Cordova um das Jahr 900 eine hohe Schule mit einer
Bibliothek von mehreren hunderttausend Bänden entstand. Ähnliches wurde
in anderen, unter der maurischen Herrschaft durch Handel und Wohlstand
emporblühenden Plätzen, wie Granada, Toledo und Salamanca, geschaffen.
Aus allen Teilen des übrigen Westeuropas zogen Wißbegierige an diese
Stätten, denen man daheim nichts an die Seite zu stellen hatte. Nachdem
die Araber in Süditalien Fuß gefaßt hatten, wußte der hochsinnige
Staufenkaiser *Friedrich II.* auch dort arabische Weisheit wohl zu
schätzen. Auf seine Anregung wurde der Almagest nach einer arabischen
Handschrift ins Lateinische übersetzt. Den Naturwissenschaften wandte
dieser Kaiser, gleichfalls auf arabischen Quellen, jedoch auch auf
eigenen Beobachtungen fußend, ein großes Interesse zu. So entstand
sein Werk über die Jagd mit Vögeln, in dem er an manchen Stellen den
zoologischen Betrachtungen eine anatomische Begründung zu geben
wußte[706]. Das Buch enthält eine gute Beschreibung des Vogelskeletts,
sowie eine Anatomie der Eingeweide. Es handelt von den mechanischen
Bedingungen des Fliegens, den Wanderungen der Vögel usw. Die Anleitung
zur anatomischen Untersuchung des Vogels verdankte der Kaiser wohl den
Gelehrten der medizinischen Schule zu Salerno.

*Friedrich II.* soll auch als erster Herrscher die Zerlegung
menschlicher Leichen gestattet haben, weil er von der Überzeugung
durchdrungen war, daß nur dadurch eine Förderung der Heilkunde zu
erwarten sei.


Optik und Mechanik bei den Arabern.

Wie schon erwähnt, wurde neben der Mathematik und der Astronomie
besonders die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik von den
Arabern gepflegt. Das auf diesem Gebiete teils gesammelte, teils
erworbene Wissen ist uns am vollständigsten in dem Werke des im
11. Jahrhundert in Spanien lebenden Physikers *Alhazen* (*Ibn al
Haitam*) übermittelt worden[707]. Dieses Werk stand in hohem Ansehen
und verdient es, daß wir uns mit seinem Inhalt etwas eingehender
beschäftigen, um uns einen Begriff von den damaligen Kenntnissen zu
verschaffen. Zunächst handelt *Alhazen* von dem Organ des Sehens. Zwar
hatten sich schon die Alexandriner mit dem Bau des Auges befaßt. Die
Beschreibung, die uns *Alhazen* liefert, ist jedoch die erste, die
den Namen einer anatomischen verdient. Die noch heute gebräuchlichen
Bezeichnungen für die Hauptteile des Auges, wie Humor vitreus
(Glaskörper), Cornea (Hornhaut), Retina (Netzhaut) usw. gehen auf
*Alhazens* Optik zurück.

Das Verhältnis von Linse und Netzhaut in seiner Bedeutung für das
Zustandekommen des Bildes zu erkennen, blieb allerdings späteren
Untersuchungen vorbehalten. Wie aus der beistehenden, der Ausgabe
*Risners* entnommenen Abbildung ersichtlich ist, verlegte *Alhazen*
die Linse in die Mitte des Auges. Dorthin sollten alle, die vordere
Wölbung des Auges senkrecht treffenden Strahlen gelangen. Nur diese
Strahlen vermitteln nach seiner Annahme das deutliche Sehen und werden
von der Linse empfunden[708]. Die Gesamtheit dieser Strahlen bildet die
Sehpyramide. Ihre Spitze liegt also im Mittelpunkte des Auges, während
ihre Grundfläche die Oberfläche des gesehenen Gegenstandes ist.

[Illustration: Abb. 53. Alhazens Darstellung des Auges.]

Im 2. Buche werden die 22 Eigenschaften untersucht, welche das Auge an
den Körpern unterscheide, nämlich Licht, Farbe, Entfernung, Gestalt,
Größe, Zahl, Bewegung, Ruhe, Durchsichtigkeit usw.

Das Licht braucht nach *Alhazens* Annahme zu seiner Fortpflanzung Zeit.
Auch den optischen Täuschungen widmet er eine Betrachtung[709].

In der Behandlung der Reflexion und der Brechung, denen das Werk der
Hauptsache nach gewidmet ist, zeigt sich ein Fortschritt den Griechen
gegenüber[710]. Nicht nur ebene, sondern auch sphärische, zylindrische
und konische Konkav- und Konvexspiegel werden zur Erzeugung von
Bildern herangezogen und Lage und Größe der letzteren bestimmt. Für
sämtliche untersuchten Spiegel fand *Alhazen* das Reflexionsgesetz
bestätigt. Er kennt die Lage des Brennpunktes, den *Euklid* noch in den
Krümmungsmittelpunkt verlegt hatte. Auch mit der Tatsache, daß nicht
alle Strahlen in einem und demselben Punkte vereinigt werden, zeigt
sich *Alhazen* vertraut. Seine Messungen an der Brennkugel führten zu
dem Ergebnis, daß bei jeder glatten, durchsichtigen Kugel aus Glas
oder einer ähnlichen Masse die Strahlen in einer Entfernung von der
Kugel vereinigt werden, die etwa ein Viertel des Durchmessers beträgt.
Selbst die Eigenschaft des Rotationsparaboloids, die vom Brennpunkte
ausgehenden Strahlen parallel zu reflektieren, wird erörtert. In
*Alhazens* Optik[711] wird ferner auf die Erscheinung hingewiesen,
daß ein aus durchsichtigem Material verfertigtes Kugelsegment die
Gegenstände größer erscheinen läßt.

[Illustration: Abb. 54. Alhazen untersucht die Brechung.]

Hatte *Ptolemäos* gefunden, daß jedem Einfallswinkel ein bestimmter
Brechungswinkel entspricht, so fügte *Alhazen* die Erkenntnis hinzu,
daß der einfallende und der gebrochene Strahl mit dem Einfallslot in
einer Ebene liegen. Die ältere Annahme, daß das Verhältnis zwischen dem
Einfalls- und dem Brechungswinkel ein konstantes sei, erkennt *Alhazen*
nur für kleine Werte als richtig an. Bei seinen Untersuchungen über
die Brechung des Lichtes bediente er sich eines Apparates, der dem
von *Ptolemäos* (siehe S. 265) benutzten entspricht. Er nahm eine
kreisförmige Scheibe aus Kupfer, die einen Rand mit Gradeinteilung
besaß (siehe Abb. 54). In dem Rande befand sich eine Öffnung c. Eine
zweite Öffnung (d) war in einer nahe der Mitte der Scheibe gelegenen
Platte angebracht. Dieser Apparat wurde bis zum Mittelpunkt in die
Flüssigkeit getaucht. Fiel dann ein Lichtstrahl durch die beiden
Öffnungen c und d, so traf er die Flüssigkeit im Mittelpunkt der
Scheibe, auf deren Rand der Einfallswinkel und der Brechungswinkel
abgelesen werden konnten.

Aus der Spiegelung und der Brechung erklärt *Alhazen* einige wichtige
astronomische Erscheinungen. So wird die Dämmerung auf die Reflexion
des Lichtes zurückgeführt. Die Tatsache, daß die Dämmerung nur so
lange dauert, bis die Sonne sich 19° unter dem Horizont befindet,
gibt *Alhazen* ein Mittel an die Hand, die Höhe unserer Atmosphäre zu
bestimmen[712]. Es sei M, so führt er aus, die äußerste Luftschicht,
welche den Strahl SM noch zu reflektieren vermag, und A der Ort des
Beobachters. Der Winkel *HMS*, den der Sonnenstrahl *SM* mit dem
Horizont bildet, beträgt dann 19°. Nach dem Reflexionsgesetz ist nun
*∡BMC* = *∡AMC*. Da ferner die Summe der drei Winkel bei M = 180° ist,
so ergibt sich für den Winkel *AMC* der Wert (180° - 19°)/2 = 80° 30'.
Da die Seite *AC* = r bekannt ist, so ist das rechtwinklige Dreieck ACM
bestimmt. Die gesuchte Höhe ergibt sich, wenn man aus den gegebenen
Stücken die Hypotenuse *MC* berechnet (*MC* = r : sin 80° 30') und
davon r abzieht. *MD* = h ist also = (r : sin 80° 30') - r. Diese Größe
beträgt nach der Berechnung *Alhazens* 52000 Schritt (5-6 Meilen),
während wir dafür 10 Meilen annehmen[713].

[Illustration: Abb. 55. Alhazen bestimmt die Höhe der Atmosphäre.]

Gegen diese Berechnung läßt sich ein Einwand erheben, den *Alhazen*
selbst schon hätte machen können. Er wußte nämlich, daß ein
Lichtstrahl, der schräg in die Atmosphäre einfällt, keine gerade Linie
beschreibt, sondern, da er auf immer dichtere, das Licht in wachsendem
Maße brechende Schichten trifft, einen krummen Weg nimmt. Diese, mit
dem Namen der astronomischen Refraktion bezeichnete Erscheinung war
schon dem *Ptolemäos* bekannt. Man führte sie im Altertum jedoch nicht
auf die zunehmende Dichte der Atmosphäre, sondern auf die in ihr
enthaltenen Dünste zurück. Das Funkeln der Sterne rührt nach *Alhazen*
von raschen Änderungen in der Atmosphäre her, während die Erscheinung,
daß Mond und Sonne in der Nähe des Horizontes abgeplattet erscheinen,
aus der astronomischen Refraktion erklärt wird.

Außer der »Optik« gibt es auch eine kleinere Abhandlung *Alhazens*, in
der er von der Durchsichtigkeit und über die Natur des Lichtes handelt.
Sie beginnt mit folgenden Worten[714]: »Die Behandlung des >Was<
des Lichtes gehört zu den Naturwissenschaften. Aber die Behandlung
des >Wie<, der Strahlung des Lichtes, bedarf der mathematischen
Wissenschaften wegen der Linien, auf denen sich das Licht ausbreitet.
Ebenso verhält es sich mit den durchsichtigen Körpern, in die das Licht
eindringt. Die Behandlung des >Was< ihrer Durchsichtigkeit gehört zu
den Naturwissenschaften und die Behandlung des >Wie<, der Ausbreitung
des Lichtes in ihnen, zu den mathematischen Wissenschaften.« Von
Interesse sind auch die in dieser Schrift entwickelten Ansichten über
den Grad der Durchsichtigkeit, für die es nach *Alhazen* keine Grenzen
gibt.

Durch *Alhazen* wurde man besonders auf die vergrößernde Kraft
gläserner Kugelsegmente aufmerksam[715]. Es ist sehr wohl möglich,
daß sein Hinweis auf die Herstellung von Brillen geführt hat. Wenn
sich *Alhazen* auch auf die antiken Optiker stützt, so ragt er über
*Ptolemäos* als den letzten und bedeutendsten, den wir erwähnt haben,
doch hinaus. Während die frühere Geschichtsschreibung *Alhazen* nur
gering einschätzte[716], ist sein Verdienst und die Selbständigkeit,
die er in vielen Teilen seiner Schriften zeigt, durch die neuere
Forschung gewürdigt worden[717].

Neben der Optik wurde auch die Mechanik von den Arabern gepflegt. So
begegnen uns bei ihnen genauere Bestimmungen der spezifischen Gewichte.
Eine aus dem 12. Jahrhundert herrührende Tabelle[718] enthält folgende
Werte:

  Gold             19,05  (statt 19,26 nach neuerer Bestimmung),
  Quecksilber      13,56  (  »   13,59   »     »         »    ),
  Kupfer            8,66  (  »    8,85   »     »         »    ),
  Blei             11,32  (  »   11,35   »     »         »    ),
  Seewasser         1,041 (  »    1,027  »     »         »    ),
  Blut              1,033 (  »    1,045  »     »         »    ).

Die Bestimmungen erfolgten vermittelst der Wage oder eines Gefäßes, das
die von einer gewogenen Menge des zu untersuchenden Körpers verdrängte
Menge Wassers zu finden gestattet. Für Flüssigkeiten bediente man sich
des Aräometers, das schon die späteren Alexandriner zu diesem Zwecke
benutzten[719].

Die Wägungen waren schon recht genau. Bei einem Gesamtgewicht von mehr
als zwei Kilogramm wurden noch 0,06 g angezeigt[720].

Diese Leistungen der Araber verdienen um so mehr Bewunderung, wenn man
bedenkt, daß zur selben Zeit das christliche Abendland meist noch von
scholastischen Zänkereien erfüllt war. So befindet sich z. B. in dem
Hauptwerk des *Thomas von Aquino*[721] unter mehreren hundert Kapiteln
nur ein einziges, das von den »natürlichen Wirkungen der Dinge«
handelt, während sich eine ganze Anzahl mit der Nahrung, der Verdauung
und dem Schlaf der Engel beschäftigen. Derselbe *Thomas von Aquino*,
den die Scholastiker als ihren großen Meister verehrten, erklärte das
Streben nach Erkenntnis der Dinge für Sünde, soweit es nicht auf die
Erkenntnis Gottes abziele[722].


Die Chemie im arabischen Zeitalter.

Große Verdienste haben sich die Araber auch um die Entwicklung
der Chemie erworben. Zwar wurde man schon lange vor ihnen durch
hüttenmännisches und gewerbliches Schaffen mit einer Reihe stofflicher
Veränderungen vertraut. Auch empfingen zweifelsohne die Araber die
erste Anregung zu ihrer Beschäftigung mit der Chemie in Syrien,
Mesopotamien und Ägypten, wo man zahlreiche Erfahrungen gesammelt
hatte. Bei den späteren Alexandrinern und den Arabern finden wir
indes die Beschäftigung mit den stofflichen Veränderungen losgelöst
von den alltäglichen Nützlichkeitszwecken und in den Dienst eines
Strebens gestellt, das einen Ansporn verlieh, wie es kein rein
wissenschaftliches Interesse in höherem Grade vermocht hätte.

Zahlreiche, aus dem Orient stammende, chemische Kenntnisse gelangten
durch die Araber nach Spanien. Von hier aus wurden sie dem christlichen
Abendlande übermittelt, wo sie einen besonders günstigen Boden fanden.
Seit dem 13. Jahrhundert stand infolgedessen die alchimistische Kunst
in Frankreich, in Deutschland und in England in Blüte. Eine nicht
geringe Zahl von Kenntnissen, die sich auf das Verhalten und die
Verarbeitung der Metalle beziehen, war zweifelsohne im Abendlande
selbst aus dem Altertum ins Mittelalter hinüber gerettet worden. Man
darf daher die Rolle, welche die Araber gespielt haben, auch nicht zu
hoch einschätzen. So existiert noch heute ein Manuskript aus der Zeit
*Karls des Großen*[723], das den Titel »Compositiones ad tingenda«
führt und Vorschriften über das Färben von Mosaiken und Häuten, über
das Vergolden, das Löten usw. enthält. Unter den Manuskripten des 10.
Jahrhunderts ist man ferner mit einem größeren Werke über Färberei
(Mappae clavicula) bekannt geworden, das nach *Berthelot* keine Spur
von arabischer Beeinflussung zeigt. Die Vorschriften, welche diese
abendländischen Schriften des Mittelalters enthalten, sind vielmehr
oft wörtlich den griechischen Alchemisten entnommen. Die Mappae
clavicula enthält nämlich Vorschriften, die mit solchen der kürzlich
bekannt gewordenen antiken chemischen Urkunden (des Leydener und des
Stockholmer Papyrus, s. S. 279) wörtlich übereinstimmen. Die frühere
Meinung, daß man es in der Alchemie ausschließlich mit einer Schöpfung
der Araber zu tun habe, hat sich somit als unhaltbar erwiesen. Trotzdem
ist das Verdienst der Araber auf dem Gebiete der Alchemie nicht gering
einzuschätzen. Sie haben diese Wissenschaft, wie sie ihnen aus dem
Altertum überkommen war, nicht nur erhalten und verbreitet, sie haben
sie auch fortgeführt und wesentlich bereichert.

Bereits im 8. und 9. Jahrhundert erlangte die arabische Literatur
über Alchemie einen bedeutenden Umfang. Etwas später haben die schon
erwähnten arabischen Gelehrten (s. S. 312) *Alfarabi* und *Avicenna*
neben vielem anderen auch über Alchemie geschrieben. *Avicenna*, den
spätere Alchemisten als einen ihrer Gewährsmänner ausgaben, erklärte,
Gold und Silber entständen unter dem Einfluß des Mondes und der Sonne
aus den Dünsten der Erde mit allen ihren besonderen Eigenschaften, die
kein Mensch künstlich nachzuahmen vermöge. Auch den astrologischen
Lehren gegenüber hat sich *Avicenna* skeptisch verhalten[724].

Über die chemischen Einzelkenntnisse der Araber erfahren wir manches
aus dem um 975 von *Abu Mansur* verfaßten »Buch der pharmakologischen
Grundsätze«[725]. *Abu Mansur* erwähnt z. B. die Anwendung des
Gipsverbandes bei Knochenbrüchen, ein Verfahren, das die neuere Medizin
erst im 19. Jahrhundert wieder aufnahm. Trinkbares Wasser, heißt es
an einer anderen Stelle des Buches, läßt sich durch Destillation von
Meerwasser in ähnlicher Weise bereiten, wie man Rosenwasser destilliert.

Hatte man die Schwefelverbindungen des Arsens (Realgar und
Auripigment) schon im Altertum unterschieden, so bringt uns das
Buch *Abu Mansurs* eine der ersten Nachrichten über den weißen
Arsenik. Die Arsenikverbindungen werden als flüchtig und giftig,
aber als heilkräftig bezeichnet. Das Gleiche wird beim Quecksilber
hervorgehoben, das in Form von Salbe gegen Ungeziefer empfohlen wird.
Die mineralischen Säuren finden dagegen bei *Abu Mansur* noch keine
Erwähnung. Es ist daher wohl anzunehmen, daß sie zu seiner Zeit noch
nicht dargestellt waren. Die Salpetersäure und das Königswasser
begegnen uns in der Literatur des Mittelalters zuerst im 13.
Jahrhundert[726]. Diese chemischen Agentien können auch nicht viel
früher bekannt geworden sein, weil der Salpeter dem Altertum unbekannt
war und erst um 1200 durch die Araber als »Salz von China« nach Europa
gelangte. In China selbst ist dieses Salz zu explosiven Mischungen
wahrscheinlich nicht schon vor Beginn unserer Zeitrechnung, sondern
erst viel später angewendet worden[727].

Durch die Araber wurde auch der Anbau des Zuckerrohrs von Indien nach
den westlichen Kulturländern verbreitet. Das Zuckerrohr hatte man
durch den Zug *Alexanders des Großen* kennen gelernt. Die Bereitung des
festen Zuckers wurde erst mehrere hundert Jahre n. Chr. erfunden[728].
Seit etwa 750 n. Chr. wurde das Zuckerrohr in Ägypten angebaut. Bald
nach der Entdeckung Amerikas wurde es nach St. Domingo verpflanzt.
So sehen wir, wie die Ausbreitung einer Pflanze, die uns eine der
wichtigsten organischen Verbindungen liefert, aufs engste mit dem Gange
der geschichtlichen Ereignisse verknüpft ist.

Technisch und wissenschaftlich von großer Wichtigkeit, aber auch von
unheilvollen Folgen war die früher den arabischen Chemikern und Ärzten
zugeschriebene Entdeckung, daß sich durch Destillation aus dem Wein
der berauschende Stoff dieses Getränkes absondern läßt. Später nannte
man ihn *Al-kohol* und nahm ihn zum größten Unsegen für die Menschheit
unter die Arzneimittel auf[729]. Insbesondere wurde der Alkohol als
Vorbeugungsmittel gegen die großen Seuchen (Pest, schwarzer Tod)
betrachtet, die im Mittelalter Europa heimsuchten.

Als der bedeutendste arabische Schriftsteller des alchemistischen
Zeitalters hat lange Zeit *Geber* gegolten, der während der ersten
Hälfte des 8. Jahrhunderts gelebt haben soll. Er wurde als der
Verfasser einer Anzahl Schriften genannt, die in lateinischer
Übersetzung auf uns gekommen seien[730]. Diese Schriften, insbesondere
das »Summa perfectionis magisterii« betitelte Hauptwerk, sind in der
Form, in der sie sich erhalten haben, im christlichen Europa etwa seit
dem 13. Jahrhundert bekannt. Nach den Untersuchungen[731] *Berthelots*
und *Steinschneiders* sind *Gebers* Person und seine Bedeutung in
geschichtlicher Hinsicht sehr in Dunkel gehüllt. Diejenigen arabischen
Originalschriften, als deren Verfasser er allenfalls angesehen werden
kann, enthalten nämlich wenig von dem Inhalt der später unter seinem
Namen gehenden lateinischen Übersetzungen. Eine Probe aus einer dieser
Schriften hat *Berthelot* mitgeteilt[732]. Danach handelt es sich
meist um marktschreierische Anpreisungen und unklare Darstellungen.
*Geber* empfiehlt in seinen Schriften, seine Mitteilungen geheim
zu halten. Er beruft sich oft auf seinen religiösen Standpunkt als
Muselmann, um dem etwaigen Verdacht, daß er übertreibe oder schwindele,
zu begegnen. Die Metalle vergleicht *Geber* mit lebenden Wesen, wie
es schon die alexandrinischen Alchemisten taten. Auch begegnet uns
bei ihm die Lehre, daß jedes Ding neben seinen äußeren, erkennbaren
noch geheime (okkulte) Eigenschaften habe. So sagt er »Das Blei ist
im Äußeren kalt und trocken und im Innern warm und feucht, während
das Gold warm und feucht ist im Äußern, dagegen kalt und trocken im
Innern«. Dem entspricht die Anschauung, die uns bei *Rhases* begegnet,
nach der das Kupfer in seinen verborgenen Eigenschaften Silber sei. Wem
es gelänge, die rote Farbe aus dem Kupfer auszuscheiden, der führe es
in das Silber, das es seiner verborgenen Natur nach sei, zurück. Eine
kurze Darstellung des Inhalts der Pseudo-*Geber*schen Schriften[733]
wird am besten über das Ziel und den Umfang der chemischen Kenntnisse
des späteren Mittelalters belehren, wenn sich auch, in Anbetracht
der großen Unvollständigkeit, in der die Literatur des Mittelalters
durchforscht ist, nicht sicher feststellen läßt, wieviel die
Verfasser jener Schriften selbständig gefunden und was sie früheren
Schriftstellern entlehnt haben.

Die wichtigste Tatsache, die uns in den Pseudo-*Geber*schen Werken
begegnet, ist die, daß man mit der Salpetersäure, der Schwefelsäure
und dem Königswasser bekannt ist, während sich das Altertum nur im
Besitz der Essigsäure befand. Die erstgenannten Säuren erhielt man
durch Erhitzen von Salzen und Salzgemischen, eine Darstellungsart, die
für die Schwefelsäure bis zur Erfindung des englischen Verfahrens die
einzige blieb. Salpetersäure erhielt man durch Erhitzen eines Gemenges
von Salpeter und Vitriol. Ein Zusatz von Salmiak zur Salpetersäure
lieferte das Königswasser, dessen Eigenschaft, das Gold, den König der
Metalle, aufzulösen, den Alchemisten nicht entging. Die Herstellung
einer solchen Lösung hatte man lange angestrebt, weil man sich von ihr
die Heilung aller Krankheiten versprach.

Auf Grund der Kenntnis der Mineralsäuren konnte sich nun eine
Chemie entwickeln, die auf nassem Wege verfuhr, während man bis
dahin vorzugsweise eine Chemie der Schmelzprozesse betrieben hatte.
So gelangte man durch Auflösen von Silber und anderen Metallen in
Salpetersäure zum Höllenstein und vielen Salzen, welche den Alten, wie
z. B. die Salze des Quecksilbers, nicht bekannt waren. Es bedarf kaum
der Erwähnung, daß die erhaltenen Verbindungen zunächst sehr unrein
waren. Doch kannte man auch schon die wichtigsten Verrichtungen, die
auf eine Reindarstellung der gewonnenen Präparate abzielten. Es waren
dies außer der Destillation, die man schon bei den Alexandrinern
erwähnt findet, vor allem das Umkristallisieren, die Sublimation und
das Filtrieren. Auch Wasserbäder und Öfen zu chemischem Gebrauch finden
sich in den Pseudo-*Geber*schen Werken beschrieben[734].

Mit dem chemischen Verhalten der Metalle waren die Verfasser jener
Werke weit besser als das Altertum bekannt; sie stellten z. B. aus den
Metallen eine Reihe von Sauerstoffverbindungen her. So finden wir bei
ihnen die erste Nachricht über die Gewinnung des Quecksilberoxyds[735],
einer Substanz, die in der späteren Entwicklung der Chemie die größte
Rolle gespielt hat. Nicht nur mit Sauerstoff, sondern auch mit Schwefel
wußte man die Metalle zu verbinden. Die entstandenen Sulfide fand
man schwerer als das zur Verwendung kommende Metall, während man
unrichtigerweise annahm, daß mit der Oxydation eine Verminderung des
Stoffes verbunden sei.

Auch in der Kenntnis der Verbindungen der Leichtmetalle war
man in dieser Periode einen Schritt weiter gekommen. Pottasche
wurde durch Verbrennen von Weinstein, Soda nach dem bis zur
Einführung des Leblancprozesses üblichen Verfahren (Einäschern von
Seepflanzen) dargestellt. Durch einen Zusatz von Kalk machte man
die Lösungen dieser beiden Salze ätzend und erhielt so Kalilauge und
Natronlauge[736]. Letztere dienten zur Auflösung von Schwefel, der
aus der alkalischen Lösung durch Säuren in feinster Verteilung als
Schwefelmilch wieder ausgefällt wurde[737].

Die chemischen Einzelkenntnisse suchte man auch unter den Gesichtspunkt
einer Theorie (sie ist durch *E. v. Lippmann* in seiner »Alchemie«
als alexandrinisch nachgewiesen) zu bringen, die bei dem damals noch
herrschenden Mangel an Einsicht in den chemischen Prozeß die Wahrheit
allerdings noch gänzlich verfehlte. Die Metalle hielt man für Gemenge
von Quecksilber und Schwefel[738]. Der Schwefel (Sulphur) war in den
Metallen, wie in den brennbaren Substanzen überhaupt, der Träger
der Brennbarkeit. Er sollte den Metallen auch die Farbe verleihen.
Mercurius (Quecksilber) dagegen galt als derjenige Grundbestandteil,
der die Schmelzbarkeit, den Glanz und die Dehnbarkeit bedingte. Unter
dem Sulphur und dem Mercurius der Alchemisten muß man sich indessen
nicht den gemeinen Schwefel und das gewöhnliche Quecksilber vorstellen.
Diese Elemente bestanden nur vorwiegend aus Sulphur, beziehungsweise
Mercurius, waren aber nicht damit identisch. Der gemeine Schwefel und
der Sulphur der Alchemisten verhielten sich vielmehr zueinander etwa
wie die Steinkohle und das Element Kohlenstoff. In den edlen Metallen
sollte Mercurius überwiegen. Durch Abänderung des Verhältnisses dieser
vermeintlichen Bestandteile konnten die Metalle ineinander übergeführt
werden. So nahm das Kupfer eine Stelle zwischen Gold und Silber ein.
Es mußte sich daher leicht in das eine oder in das andere umwandeln
lassen. Durch Erhitzen mit Galmei[739] wurde es dem Golde, durch
Zusammenschmelzen mit Arsenik dem Silber angenähert. Die auf solche
Weise herbeigeführte Änderung der roten Farbe in Gelb und Weiß hielt
man für den Beginn des Überganges in ein anderes Metall[740]. Zinn war
reiner und enthielt mehr Mercurius als Blei. Daß letzteres sich durch
Zusatz von Quecksilber in Zinn umwandeln lasse, galt als Tatsache. Bei
allem weiteren Herumprobieren verfolgte man das Ziel, zunächst einen
Stoff herzustellen, mit dem die Metallverwandlung völlig gelingen
sollte. Diesen hypothetischen Stoff nannte man den Stein der Weisen.
Die späteren Alchemisten des christlichen Abendlandes legten ihm die
wunderbarsten Wirkungen bei. Da sie, wie auch die späteren arabischen
Alchemisten im wesentlichen den gleichen, soeben entwickelten
Ansichten huldigten und da zunächst auch keine bedeutende Vermehrung
der Einzelkenntnisse stattfand, so kann von einem nennenswerten
Fortschritt der Chemie im weiteren Verlaufe dieser Periode kaum die
Rede sein. Vielmehr fand zwischen den beiden Pseudowissenschaften, der
Alchemie und der Astrologie, eine immer größere Verschmelzung unter
gleichzeitiger Durchtränkung mit mystischen Elementen statt.

Die Frage, woher das in den Pseudo-*Geber*schen Schriften enthaltene
Wissen stammt, das uns in ihnen gegen das Ende des 13. Jahrhunderts
»in völliger Vollendung und demnach als das Ergebnis einer längeren
Entwicklung« entgegentritt, gehört auch heute noch zu den dunkelsten in
der Geschichte der Chemie[741].


Die Pflege der Naturbeschreibung und der Heilkunde.

Wir wenden uns jetzt den Verdiensten zu, die sich die Araber um die
Erhaltung der alten naturgeschichtlichen Schriften erworben haben. Von
einem wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Zoologie und der
Botanik kann im Zeitalter dieses Volkes nicht die Rede sein, zumal
die Araber vor anatomischen Untersuchungen geradezu einen Abscheu
hegten. Auf dem Gebiete der menschlichen Anatomie beschränkten sie sich
daher ganz auf *Aristoteles* und *Galen*, während sie sich bei der
Beschäftigung mit der Tier- und Pflanzenwelt, wie das spätere Altertum,
vorzugsweise von dem Bestreben leiten ließen, den Schatz der Heilmittel
kennen zu lernen und zu vermehren.

Von dem gleichen Standpunkt aus wandten die Araber den Mineralien
ihr Interesse zu. Ein Bild von den mineralogischen Kenntnissen
und Anschauungen der Araber erhält man aus der im 13. Jahrhundert
entstandenen Kosmographie des *Ibn Mahmud al Qazwini*[742]. Danach
entstehen die durchsichtigen Mineralien aus Flüssigkeiten, die übrigen
aus der Mischung des Wassers mit der Erde. Das Wasser soll ebenso
zu Stein werden, wie sich Wasser aus der Luft verdichtet. »Wenn es
möglich ist«, sagt *Al Qazwini*, »daß das Wasser Luftform annimmt,
so muß es auch möglich sein, daß es die Form des Wassers ablegt und
diejenige der Erde annimmt.« Die Besprechung im einzelnen wird mit der
Bemerkung eingeleitet, daß nicht alle, sondern nur die wunderbarsten
Eigenschaften der Mineralien beschrieben werden sollen. Unter diesen
Eigenschaften sind vor allem Heil- und Zauberwirkungen verstanden. So
heißt es vom Bleiglanz: »*Aristoteles* sagt: Dies ist ein bekannter
Stein, der in vielen Gruben gewonnen wird. Es ist ein bleihaltiges
Mineral; als Augenpulver ist es gut für die Augen, es verschönt sie und
beseitigt das Fließen der Tränen.« Die Eigenschaften des Bergkristalls
werden mit folgenden Worten beschrieben: »Der Bergkristall ist eine
Art Glas, nur daß er härter ist. Die Könige benutzen Gefäße aus
Bergkristall auf Grund der Überzeugung, daß das Trinken daraus gesund
sei.«

Die Darstellung des roten Quecksilberoxyds durch längeres Erhitzen des
Quecksilbers war bekannt. Die entstehende rote Masse wurde indessen für
künstlichen Zinnober gehalten. Der natürliche Zinnober entstehe dagegen
durch die Vereinigung von Quecksilber und Schwefel im Innern der Erde.
Unter den Eigenschaften des Alauns wird erwähnt, daß er Blutungen zum
Stillstand bringe. Weiter heißt es: »Wenn die Färber ein Kleid färben
wollen, tauchen sie es zuvor in Alaun. Die Farbe geht dann nie wieder
weg.« Besondere Zauberkräfte wurden dem Amethyst beigelegt: »Das ist
ein Stein, der das Feuer auslöscht, wenn er darin liegt. Legt man
ihn unter die Zunge und trinkt ein berauschendes Getränk darüber weg,
so steigen die Dünste nicht zu Kopf, und man wird nicht betrunken.«
Interessant ist, daß das Bohren mit Diamanten schon Erwähnung findet.
Die Werkleute befestigen nach *Al Qazwini* Stücke des Diamanten an
den Rand des Bohrers und bohren damit die harten Steine. Mit einem
auf geeignete Weise gefaßten Diamanten dringt ferner der Arzt in die
Harnröhre ein, um steinige Konkretionen zu zerbröckeln. Vom Magneten
wird berichtet: »Im indischen Ozean befindet sich eine Insel aus diesem
Mineral. Wenn die Schiffe in die Nähe gelangen und etwas an ihnen aus
Eisen ist, so fliegt es wie ein Vogel fort und heftet sich an den
Magneten.« Die Kosmographie *Al Qazwinis* gestattet auch einen Einblick
in die zoologischen Kenntnisse und Anschauungen der Araber. Auch auf
diesem Gebiete sind die letzteren im wesentlichen nur die Vermittler
zwischen dem Altertum und der neueren Zeit gewesen. Selbständige
Leistungen und neue Auffassungen lassen sich in den auf uns gekommenen
arabischen Schriften zoologischen Inhalts kaum nachweisen, wenn es auch
an einzelnen zutreffenden Bemerkungen nicht fehlt. So sagt *Al Qazwini*
an einer Stelle, jedes Tier besitze die Glieder, die zu seinem Körper
stimmen und solche Gelenke, welche zu seinen Bewegungen passen. Auch
sei die Haut so beschaffen, wie es der Schutz der Tiere erfordere.

Die Einzelkenntnis der Tierformen erhielt durch die Araber eine
bedeutende Erweiterung, da sich ihre Forschungsreisen nach China,
Südasien, Ostafrika, ja selbst bis Sumatra und Java erstreckten. Wie in
den zur Zeit des Mittelalters im Abendlande entstandenen zoologischen
Schriften[743], so nahmen auch in den Kosmographien der Araber die
Tierfabeln einen großen Raum ein. Die Erzählung von dem Walfisch, der
für eine Insel gehalten wird, an welcher die Schiffe landen, begegnet
uns mit der Abänderung, daß die Rolle dieses Tieres bei den Arabern
eine riesige Seeschildkröte einnimmt.

Neben den arabischen Bearbeitungen der Naturgeschichte der Tiere
sind die Übersetzungen der Werke des *Aristoteles* und des *Galen*
zu nennen. *Ibn Sina* (Avicenna), der zu Beginn des 11. Jahrhunderts
lebte, soll sämtliche Schriften des *Aristoteles* in 20 Bänden
erläutert haben. Ein Kommentar zu den von *Aristoteles* verfaßten
Büchern über die Tiere hat sich in lateinischer Übersetzung
erhalten[744]. Auch *Ibn Roschd* (Averroes), der gleich *Avicenna*
für die Philosophie des Mittelalters von hervorragender Bedeutung
war, schrieb Kommentare zu den naturgeschichtlichen Schriften des
*Aristoteles*.

Rein botanische Werke entstanden bei den Arabern ebensowenig wie
bei den auf *Theophrast* folgenden griechischen Schriftstellern.
Die Pflanzenkunde verfolgte auch bei ihnen fast ausschließlich
praktische Zwecke, indem sie als Heilmittelkunde, Ackerbau oder
Gartenbaulehre auftrat. Gleichzeitig schleppte sie dabei einen immer
mehr anschwellenden, auf Nomenklatur und Synonymik hinauslaufenden Wust
philologischer Gelehrsamkeit mit sich. Von den Schriften griechischen
Ursprungs wurde besonders *Dioskurides* ins Arabische übersetzt und
kommentiert. Zu allgemeineren Betrachtungen über die Pflanze hat
sich wohl nur *Avicenna* erhoben. Letzterer unterschied drei Stufen
der Beseelung: die Pflanzen-, die Tier- und die Menschenseele. Der
Pflanzenseele schrieb er eine ernährende, eine auf das Wachstum
gerichtete und eine erzeugende Kraft zu.

Unter den auf Landwirtschaft bezüglichen arabischen Schriften ist das
Werk von *Ibn Alawwâm* zu nennen, von dem noch mehrere vollständige
Handschriften vorhanden sind. Es entstand im 12. Jahrhundert in Spanien
und handelt vom Boden, von der Düngung und der Bewässerung, ferner von
der Baumzucht, vom Getreide- und vom Gartenbau[745]. Am genauesten wird
über die Baumzucht berichtet. Zahlreiche Arten der Veredelung werden
beschrieben und zum Teil durch Abbildungen erläutert. Ein besonderer
Abschnitt handelt von dem Alter der Bäume. Viele, die Pflanzen und
ihre Verbreitung betreffenden Mitteilungen finden sich auch in der
umfangreichen geographischen Literatur der Araber zerstreut.

Im 14. Jahrhundert ragt das Reisewerk *Ibn Batutas*, das demjenigen
*Marco Polos* an die Seite gestellt werden kann, hervor[746]. Sein
Verfasser bereiste nicht nur die Mittelmeerländer, sondern gelangte
auch nach Indien und China. Es wird manche Pflanze der bereisten Länder
beschrieben und ihre Verwendung gewürdigt. Doch hat *Ibn Batuta*
seine Kenntnisse mehr auf den Marktplätzen als in der freien Natur
gesammelt, so daß der botanische Inhalt des Werkes dem geographischen
gegenüber an Bedeutung zurücktritt.

Endlich ist noch zu erwähnen, daß im Anschluß an die Chemie und die
Botanik auch die Heilkunde bei den Arabern eifrig gefördert wurde.
Sie knüpften dabei an die ihnen von den Griechen (*Galen*) und von
den Indern übermittelten Kenntnisse an. Was sie neu schufen, war
insbesondere die Pharmazie, die im 8. Jahrhundert, in enger Verbindung
mit der Chemie, in den arabischen Ländern zuerst als selbständige
Wissenschaft aufkam[747]. Auch auf den Gebieten der Krankenpflege,
des Hospitalwesens und der Heilmittellehre ist manches auf die Araber
zurückzuführen. Da ihnen ihre Satzungen die Zergliederung von Leichen
verboten, blieben sie hinsichtlich der Anatomie auf *Galen* angewiesen.
Daß die Chirurgie bei ihnen dennoch Fortschritte machte, ist auf
indische Einflüsse zurückzuführen. Die Bearbeitung, welche *Galens*
Schriften durch *Ibn Sina* (Avicenna) erfuhr, erschien um das Jahr 1000
unter dem Namen des »Kanon« und blieb für das Mittelalter maßgebend,
bis *Paracelsus* die Werke *Avicennas* den Flammen übergab. Auch
auf dem Gebiete der Augenheilkunde haben sich die Araber Verdienste
erworben. Zwar fußten sie auf der von den Griechen geschaffenen
Grundlage. Doch versahen sie diesen Teil der Medizin »mit eigenen
Zutaten« und gestalteten ihn »nach eigenem Plan«[748].

Nachdem die arabische Kultur ihren anregenden Einfluß auf das
christliche Abendland ausgeübt hatte, ging sie einem raschen Verfall
entgegen. Das mächtige Kalifat von Bagdad löste sich in eine Anzahl
kleinerer Reiche auf. Durch den im 13. Jahrhundert daherbrausenden
mongolischen Völkerstrom wurden aber auch sie vernichtet. »Bis
heute hat sich der Orient von den Schlägen jener grausigen Zeit
noch nicht wieder erholen können[749].« Ähnlich erging es der
maurischen Herrschaft in Spanien. Die kleinen Reiche mohammedanischen
Bekenntnisses, die sich dort gebildet hatten, wurden durch die von
Norden her vordringende christliche Bevölkerung unterjocht. Dadurch
wurde über die blühende Halbinsel zunächst der Fluch der Verödung
gebracht. Die fanatische Zerstörungswut, welche die ersten Christen,
wie auch die Araber im Beginn ihrer Laufbahn an den Schätzen der
Wissenschaft ausließen, schien wieder aufgelebt zu sein. Als nach der
Vereinigung von Kastilien und Aragon Granada fiel, ging z. B. die
dortige große Bibliothek mit ihren Hunderttausenden von Bänden in
Flammen auf, ein unersetzlicher Verlust, da sie zahlreiche arabische
Ausgaben der alten Schriftsteller enthielt. Nach der durch die Mongolen
herbeigeführten Vernichtung der arabischen Kultur in Vorderasien
fand die arabische Wissenschaft zwar Zufluchtsstätten in Syrien und
in Ägypten. Die arabische Literatur bildete aber seitdem kein Ganzes
mehr, sondern sie fristete nur noch in den einzelnen Ländern ein
Sonderdasein[750]. Die Astronomie sank zu einer Art Küsterdienst an
den Moscheen herab. Die Naturwissenschaften endeten in Zauberspuk und
Spielereien. Schließlich gerieten Syrien und Ägypten in die Hände der
osmanischen Sultane. Ein Glück war es noch immerhin, daß die Osmanen
während der Blüte ihrer Herrschaft im Gegensatz zu den sinnlos wütenden
Mongolen die Pflege der geistigen Güter nicht vernachlässigten.
*Muhammed*, der Eroberer Konstantinopels, hat sich sogar eingehender
mit wissenschaftlichen Dingen beschäftigt. Doch hatte damals der Orient
schon längst die Führung auf den Gebieten des geistigen Lebens an den
Occident, vor allem an Italien, abgetreten.

Indessen nicht nur die Befehdung durch andere Staaten brachte die
Entwicklung der arabischen Kultur zum Stillstand. Es fehlte ihr
vielmehr, gleich allen übrigen, dem Orient entsprungenen älteren
Kulturen, an innerer Kraft, um dauernd Neues aus sich hervorzubringen.
So kam es, daß mit dem Nachlassen des arabischen Einflusses gegen
das Ende des Mittelalters der Orient aufhörte, in der allgemeinen
Geistesentwicklung eine Rolle zu spielen. Die Führung ging vielmehr um
jenen Zeitpunkt auf das Abendland mit seinen in Italien, Deutschland,
England und Frankreich nach der Völkerwanderung seßhaft gewordenen
Bewohnern germanischer Abstammung über.



9. Die Wissenschaften unter dem Einfluß der christlich-germanischen
Kultur.


Während die arabische Wissenschaft und Literatur vom 9. bis zum 12.
Jahrhundert einen fast ununterbrochenen Aufschwung nahm, finden wir
während dieses Zeitraums im Abendlande nur unbedeutende Reste einer
früheren Epoche und nur selten neue verheißungsvolle Ansätze. Was dort
an Kenntnissen und an Kunstübung vorhanden war, kann in der Hauptsache
nur als ein Überbleibsel der römischen Kulturwelt gelten, dem die
germanischen Völker zunächst wenig hinzuzufügen wußten. Kennzeichnend
für diese gesamte Periode in der Entwicklung des westlichen Europas
ist das Übergewicht der religiösen Vorstellungen auf geistigem Gebiete
und dasjenige der Kirche im gesamten öffentlichen Leben gegenüber
allen anderen Regungen und Institutionen. Alle Wissenschaften sollten
zur Erhöhung der Ehre Gottes beitragen. In Wahrheit dienten sie der
Kirche und ihren Machthabern. Die sieben freien Künste oder das Trivium
und das Quadrivium umfaßten die Summe des damaligen gelehrten Wissens
unter jenem einen und einzigen Gesichtspunkt. Grammatik trieb man, um
die Kirchensprache zu verstehen, Rhetorik, um sie anwenden zu können.
Die Arithmetik offenbarte in mystischer Deutung die Geheimnisse der
Zahlen. Die Hauptaufgabe der Astronomie bestand darin, den kirchlichen
Kalender festzustellen. Auch die unter den sieben freien Künsten
aufgeführte Musik verleugnete nicht ihren kirchlichen Charakter. Was
man im Mittelalter anfangs an astronomischen Kenntnissen besaß, waren
nur spärliche Reste der griechisch-römischen Literatur über diesen
Gegenstand. Zumal die germanischen Völker hatten nichts Eigenes auf dem
Gebiete der Astronomie geschaffen. Erst durch die Berührung mit den
Arabern trat hierin eine Änderung ein.

Daß die Araber schon so frühzeitig wissenschaftliche astronomische
Kenntnisse besaßen, liegt daran, daß sie bald nach ihrem Auftreten in
der Geschichte mit dem wichtigsten astronomischen Werk des Altertums,
dem Almagest, bekannt geworden waren. Dadurch wurden sie in die Lage
gesetzt, die vorbildliche griechische Wissenschaft fortzuführen und
wesentlich zu bereichern.

Die nördlichen Länder Europas, die sich im frühen Mittelalter
der Kultur erschlossen, lernten die Astronomie dagegen durch das
wissenschaftlich ganz unbedeutende Werk des *Martianus Capella*
kennen, das man dem Unterrichte im Quadrivium zugrunde legte. Es
vermittelte einige Kenntnisse über die Sternbilder, die Planeten,
die Sphärenharmonie, die Jahreszeiten usw., gab aber nirgends eine
Begründung, sondern überall nur Zusammenfassungen. Außerdem wurde
man mit einfachen astrologischen Texten griechischen Ursprungs durch
lateinische Vermittlung bekannt. Das selbstgewonnene Wissen war so
geringfügig, daß man nicht einmal zu Begriffen wie den Äquinoktien
und den Solstitien gelangt war[751]. Neben *Martianus Capella* war
*Plinius* in Geltung. Auf diese beiden stützten sich besonders *Isidor*
von Sevilla und *Rhabanus Maurus*.

Erst nach und nach begann, von den Arabern angefacht, ein
wissenschaftlicher Geist sich in den nördlichen Ländern Europas
auszubreiten. Unter seinem Einfluß entstanden die Schriften des
gleich zu erwähnenden *Gerbert*, des späteren Papstes Sylvester
II. (940-1003). Auch ging man damals unter Benutzung der im
Altertum geschaffenen Armillen und Astrolabien zu eigenen messenden
Beobachtungen über. Auch mit der Sonnenuhr wurde der germanische
Kulturkreis erst durch die Alten bekannt. Zuerst geschah dies in
England und Irland im 7. Jahrhundert. In Deutschland verfertigte
*Gerbert* die erste Sonnenuhr für *Otto III.* Er schrieb auch ein
Buch über diesen Gegenstand. Erst seit dem 15. Jahrhundert wurden
in Deutschland die zahlreichen Sonnenuhren an Burgen und an Kirchen
angebracht, die oft noch heute erhalten sind. Sie bestanden aus einer
vertikalen Scheibe mit einem Gnomon, der mit ihr einen Winkel von 45°
bildete.

Auch die Wagen, darunter die Schnellwagen, die in der Merowingerzeit
aufkamen und heute noch als Grabbeilagen gefunden werden, lassen schon
durch die Form erkennen, daß sie nach römischem Vorbild geschaffen
waren.

Während das wissenschaftliche Denken in den Ländern einer neuen, auf
den Trümmern der Antike sich entwickelnden germanischen Kultur nur in
engster Anlehnung an die vom Altertum empfangenen spärlichen Dokumente
erfolgte, verhielt es sich mit den im Mittelalter emporblühenden
Gewerben wesentlich anders. Auf diesem Boden waren es nicht selten die
Kelten, deren Erbe die Germanen übernahmen und selbständig vermehrten.
Dies galt z. B. vom Bergbau, den die Kelten vor dem Eindringen der
Germanen in Mitteleuropa schon auf eine ziemlich hohe Stufe gebracht
hatten. In der Salzgewinnung trat kaum ein Rückgang ein. In der
frühesten Zeit gewann man Salz, indem man nach dem Zeugnis römischer
Schriftsteller brennendes Holz mit dem Wasser salzhaltiger Quellen
übergoß. Um den Besitz solcher Quellen führten germanische Stämme nicht
selten untereinander Kämpfe. Später dampfte man die Soole in irdenen
Töpfen ein; schließlich kam der Pfännereibetrieb auf. Seit der Zeit der
Merowinger wurde Salz in zahlreichen größeren Betrieben gewonnen.

Bergbauliche Überreste, welche den Abbau der Erze bezeugen, reichen
bis in die vorgeschichtliche Zeit zurück. Nach *Tacitus* erzeugte
Deutschland indessen nur wenig Eisen und weder Gold noch Silber.
Urkundlich bezeugt wird der Abbau von Eisenerzlagern erst seit dem 8.
Jahrhundert, so der auf dem Wetzlarer Gebiet im Jahre 780. Er reicht
indessen viel weiter zurück. Auch Gold wird man früh in den Flüssen
der Alpen durch Waschen gewonnen haben. Zunächst gab es nur Tagebau.
Tiefbau war erst mit der Einrichtung größerer Betriebe möglich, und im
12. Jahrhundert war man mit der Herstellung von Schächten und Stollen
schon ziemlich vertraut.

Das Ausschmelzen der Metalle aus den Erzen setzte die Gewinnung von
Holzkohle voraus. Mit ihrer Hilfe wurden die Eisenerze in Vertiefungen
oder auf besonderen Herden niedergeschmolzen. Man erhielt durch diesen,
als Rennarbeit bezeichneten Prozeß, der anfangs durch Gebläse mit
Handbetrieb unterhalten wurde, sogenannte Luppen von schmiedbarem
Eisen. Indem man die Vertiefung, um die Flamme zusammenzuhalten, mit
einer ringförmigen Mauer versah und diese nach und nach erhöhte,
entstanden die Hochöfen, die uns in ihrer Urgestalt etwa zu Beginn des
15. Jahrhunderts begegnen. Ihr Erzeugnis war das kohlenstoffreiche
Gußeisen, das erst durch weitere hüttenmännische Prozesse in
Schmiedeeisen umgewandelt werden mußte.

Mit dem Abbau von Silber, Kupfer, Zinn und Blei wurde man in
Mitteleuropa erst verhältnismäßig spät bekannt. Der Goslarer Bergbau
auf Silber und Blei begann unter *Otto dem Ersten*[752]. Zinn wurde
in Böhmen etwa seit dem 13. Jahrhundert abgebaut. Um diese Zeit besaß
der Silberbergbau in Mitteleuropa schon eine große Ausdehnung. Er wurde
nicht nur am Harz, sondern auch in der Gegend von Meißen, in Freiberg,
im Jura und in den Alpen betrieben.

Zwischen diesen Anfängen der metallurgischen Technik und der
Wissenschaft bestand zunächst nur eine sehr geringe Fühlung. Erst seit
dem 15. Jahrhundert, nachdem *Agricola* seine gelehrten Werke über
den Bergbau geschrieben hatte, begannen die Gelehrten sich diesem für
das Emporblühen der neueren Naturwissenschaft so wichtigen Gebiete
menschlicher Tätigkeit zuzuwenden.

Die Elemente der Bildung, welche die Römer nach Frankreich, England
und Deutschland gebracht hatten, waren durch die Ereignisse der
Völkerwanderung zum größten Teile vernichtet worden. Als nach der
Beendigung der Wanderungen in Deutschland und im nördlichen Gallien
das Reich der Franken entstand, und die Ausbreitung des Christentums
durch diese politische Schöpfung sehr gefördert wurde, befanden sich
die genannten Länder daher wieder im Zustande tiefer Unkultur. Der
Gefahr einer Zersplitterung entging das neue Reich dadurch, daß es in
die Hände der Pippiniden gelangte. Diese setzten der Überschwemmung
Westeuropas durch die Araber einen Damm entgegen und begründeten
eine christlich-germanische Bildung in ihrem, sich immer gewaltiger
ausdehnenden Reiche. Durch die tatkräftige, persönliche Anteilnahme,
die *Karl der Große* trotz seiner zahlreichen Kriege für die
Wissenschaft bekundete, kam die geistige Entwicklung des Abendlandes in
etwas schnelleren Fluß. Insbesondere scheint sich nach der Eroberung
Italiens in dem Kaiser der Wunsch geregt zu haben, seinem eigenen Lande
literarische Hilfsmittel zuzuführen und dadurch das Wissen zu fördern.
Auch von Britannien her wurde die gelehrte Bildung in Deutschland
während jenes Zeitalters günstig beeinflußt. *Gregor der Große* hatte
um 600 nach diesem entlegenen Lande eine Anzahl Benediktinermönche
gesandt, und diese hatten dort durch Urbarmachen des Bodens und
Milderung der Sitten große Aufgaben gelöst, daneben aber auch die
Pflege der Wissenschaften nicht verabsäumt. Nachdem diese Mönche sich
auf solche Weise im nördlichen Europa einen Stützpunkt geschaffen,
traten sie belehrend und bekehrend unter den germanischen Stämmen
Mitteleuropas auf. Der hervorragendste unter ihnen war *Winfried*
oder *Bonifazius*[753]. Seine Schüler gründeten die Klosterschule zu
Fulda. Ein anderer britischer Mönch, *Alkuin*, unterwies den Kaiser
in gelehrten Dingen. Und so kam es, daß dieser, von dem günstigen
Einfluß der Mönche auf die besiegten Völker überzeugt, die Wirksamkeit
dieser Männer nach Kräften förderte. Gelehrte Ausländer wurden an
den Hof gezogen und eine Art Akademie gebildet, die indessen fast
ausschließlich aus Briten bestand. Die Schulen sollten nach der Absicht
*Karls* nicht ausschließlich der Erziehung der Geistlichen dienen,
sondern Bildung in weitere Kreise tragen.

*Alkuin* wurde berufen, eine Palastschule zu leiten. Sie umfaßte
Schüler sehr verschiedenen Alters und Standes, die der Kaiser für
leitende Stellungen ausersehen hatte. Auf *Alkuin* ist wahrscheinlich
auch die Anordnung zurückzuführen, daß die Geistlichen ein bestimmtes
Maß von wissenschaftlichen Kenntnissen haben sollten.

Den Gedanken, allgemeine Volksschulen zu gründen, hat der Kaiser
indessen noch nicht gehegt. Die Klosterschulen zu Fulda, zu St. Gallen
und Corvey wurden zu wissenschaftlichen Pflanzstätten ihrer Zeit und
ihres Landes. Der gelehrte Leiter der ersteren, *Rhabanus Maurus*,
welcher den Ehrennamen primus Germaniae praeceptor erhielt, hinterließ
ein Sammelwerk[754], das unter anderem einen Abriß der Naturkunde
bietet. Man erkennt, daß dieses Wissen weit geringer war als dasjenige
des Altertums. Der Abriß des *Rhabanus Maurus* enthält nämlich nichts
Eigenes, sondern fußt auf den Schriften der Alten, deren Inhalt in
verdorbener Darstellung wiedergegeben wird.

Sein Werk verfaßte *Rhabanus Maurus* in der Absicht, wie er sagt,
nach Art der Alten über die Natur der Dinge und den Ursprung
ihrer Benennungen zu schreiben. Daraus wird die vorwiegend
grammatisch-philologische Behandlung erklärlich, die nicht nur
seinen Vorgängern anhaftete, sondern bis in die neuere Zeit hinein
überwog. Dadurch, daß *Rhabanus Maurus* ferner alle Dinge in Beziehung
zur biblischen Überlieferung brachte, kam in sein Werk jener
mystisch-allegorische Zug, der fast alle Schriften des Mittelalters
kennzeichnet. Die erste Hälfte handelt von Gott, den Engeln, vom
christlichen Leben und Gebräuchen. Im zweiten Teile ist von der
Astronomie, der Geographie, der Medizin und anderen Wissenschaften die
Rede. Ein Buch handelt in neun Kapiteln vom Ackerbau, vom Getreide, von
den Hülsenfrüchten, vom Weinstock, von den Bäumen, von den aromatischen
Kräutern und vom Gemüse. Es sind im ganzen etwa hundert Pflanzen, die
nach ihrem Vorkommen und ihren Eigenschaften betrachtet werden.

Ein Seitenstück zu diesem botanischen Buche bildet das »Capitulare de
villis et cortis imperialibus«, eine ausführliche Verordnung über die
Verwaltung der kaiserlichen Güter. Es finden sich darin unter anderem
auch die Pflanzen verzeichnet, die in den Gärten des Kaisers gezogen
werden sollten. Das Capitulare de villis ist eine der wichtigsten
Quellen für die agrarischen Verhältnisse der Karolingischen Zeit.

Vorgeschrieben war z. B. der Bau von Krapp und Waid zum Färben, sowie
der Anbau der Kardendistel, die bei der Bereitung des Tuches benutzt
wurde. An Bäumen sollten die kaiserlichen Domänen neben Apfel-, Birn-
und Kirschbäumen auch Kastanien, Pfirsiche, Mandel- und Maulbeerbäume,
den Lorbeer und den Nußbaum ziehen.

Als das Frankenreich zerfiel und Kriege ohne Ende zwischen den
neu entstandenen Reichen, sowie Fehden im Innern und zur Abwehr
von außen herandrängender Feinde herrschten, wurden die geringen
wissenschaftlichen Ansätze welche insbesondere die Regierung des großen
Kaisers gezeitigt hatte, zum größten Teile wieder vernichtet. Vieles
ist gänzlich verloren gegangen, anderes besaß nicht mehr die Kraft zu
weiterer Entfaltung, weil das geistige Interesse durch den Wetteifer,
der zwischen der Theologie und der scholastischen Philosophie
entbrannte, völlig in Anspruch genommen wurde.

Erwähnenswert für die Zeit zwischen *Karl dem Großen* und *Albertus
Magnus* ist *Hildegard*, die Äbtissin des Klosters zu Disibodenberg,
die meist als *Hildegard von Bingen* bezeichnet wird. Sie ist die
Verfasserin von vier Büchern »Physica«. Ihr Werk enthält nicht nur
die ersten Anfänge vaterländischer Tier- und Pflanzenkunde, sondern
es bietet überraschenderweise eine, nicht allein aus *Dioskurides*
geschöpfte, sondern auch aus der Überlieferung des Volkes
hervorgegangene Heilmittellehre.

Die »Physica« wurden um 1150 geschrieben und enthalten viel
Selbstbeobachtetes. In der Hauptsache bieten sie eine Flora und Fauna
des Nahegebietes. Die Deutung der beschriebenen Arten, für welche die
zu jener Zeit beim Volke üblichen Namen gebraucht werden, ist meist
nicht leicht und häufig unsicher[755]. *Hildegard* hat fast alle
heutigen Obstarten, vor allem aber die im »Capitulare« aufgezählten
Pflanzen berücksichtigt und erweist sich weniger von den Alten
beeinflußt als zahlreiche Verfasser späterer botanischer Bücher.

Auf das Zeitalter *Karls des Großen* folgte eine Periode, in welcher
das Abendland fast ausschließlich in der Bekämpfung des Orients
aufging. Dann erst setzte eine stetige Aufwärtsbewegung ein. Zwar
hatten die Kreuzzüge dem westlichen Europa manche Wunde geschlagen;
sie hatten aber auch den Gesichtskreis in ähnlicher Weise erweitert,
wie es zur Zeit des Griechentums die Züge Alexanders bewirkt hatten.
Waren ferner in den vorhergehenden Jahrhunderten geistige Anregungen
besonders von den mohammedanischen Bewohnern Spaniens ausgegangen, so
kam man jetzt mit der während des Stillstandes der germanischen Völker
ihre Blütezeit erlebenden islamitischen Kultur auch vom südlichen
Italien her in Berührung. Dieser Einfluß erstreckte sich nicht nur
auf den Norden der Halbinsel, sondern er wurde, zum Teil infolge der
Romfahrten, auch auf den nördlich der Alpen gelegenen Teil Europas
ausgedehnt. Auch von Byzanz und dem Orient selbst gelangten mannigfache
Anregungen nach Mittel- und Westeuropa.

Wir haben im vorhergehenden Abschnitt erfahren, daß die Araber die
von den Griechen und den Indern empfangenen Kenntnisse nicht nur
zu erhalten, sondern auch weiterzuentwickeln und mit ihren eigenen
Geistesschöpfungen zu einer gewaltigen Literatur zu verschmelzen
verstanden. Diese arabische Literatur war während des späteren
Mittelalters, wenn auch meist in lateinischer Übersetzung, im
Abendlande die herrschende. Da der Hauptgegenstand der arabischen oder
aus arabischen Quellen entstandenen Schriften neben der Heilkunde die
Astronomie und die Mathematik war, so ist es begreiflich, daß sich zu
Beginn der Renaissance das Abendland zunächst diesen Wissenschaften
zuwandte.

Die erste Bekanntschaft mit den von den Arabern gehüteten
Geistesschätzen machte das Abendland in dem seit 711 im
mohammedanischen Besitze befindlichen Spanien. Dorthin strömten aus
Frankreich, England und Mitteleuropa wissensdurstige Männer in großer
Zahl, um die erworbenen Kenntnisse später ihrer Heimat zuzuführen.
Unter diesen Männern seien *Gerbert*, der spätere Papst *Sylvester der
Zweite* und *Gerhard von Cremona* genannt.

Durch *Gerbert* (940-1003) und seine Schüler lernte man unsere
heutigen, noch jetzt arabisch genannten Ziffern kennen[756].

*Gerhard von Cremona* (1114-1187) lieferte die erste Übersetzung des
Almagest, jenes von *Ptolemäos* verfaßten Hauptwerks der Astronomie,
das dieser Wissenschaft im Altertum und im Mittelalter ihre Bahnen
vorgezeichnet hat[757].

Auch die Elemente *Euklids* wurden aus dem Arabischen übersetzt[758].
Das mathematische Werk *Ibn Musas* und die arabischen Schriften, die
sich auf *Aristoteles* bezogen, wurden durch *Johannes von Sevilla*
(um 1150) in lateinischer Übersetzung den Abendländern zugänglich
gemacht. Von der aristotelischen Philosophie empfing man allerdings
nur einen höchst verderbten Abklatsch. Dies wird begreiflich, wenn man
bedenkt, daß das griechische Original zuerst ins Arabische, dann ins
Castilianische und endlich ins Lateinische übersetzt, und daß ferner
manche schwierige Stelle nicht verstanden und infolgedessen unrichtig
wiedergegeben wurde.

Nach Italien gelangten die mathematischen Kenntnisse der Araber um das
Jahr 1200 durch *Leonardo von Pisa*[759]. Die Geschichte dieses Mannes
und seines mathematischen Werkes zeigt uns, wie eng die Entwicklung und
die Ausbreitung der Wissenschaften mit den jeweiligen Kulturzuständen
verbunden sind. *Leonardos* Vaterstadt Pisa war um 1200, infolge
der im Zeitalter der Kreuzzüge entstandenen Beziehungen zum Orient,
die mächtigste Handelsstadt Italiens geworden. Ihr Reichtum hatte
mitgewirkt, um die ersten, noch heute jeden Besucher entzückenden
Schöpfungen der neueren italienischen Kunst entstehen zu lassen. Der
Handel entsprang praktischen Bedürfnissen und verfolgte materielle
Ziele. Er suchte daher jeden geistigen Fortschritt, insbesondere auf
dem Gebiete der Mathematik, unmittelbar nutzbringend zu machen.
Zu diesem Zwecke studierte *Leonardo*, der Sohn eines Pisaner
Handelsherrn, auf seinen Geschäftsreisen, die ihn nach Sizilien,
Griechenland, Ägypten und Syrien führten, die in jenen Ländern
gebräuchlichen Rechnungsweisen. So entstand um 1200 das mathematische
Hauptwerk des Mittelalters, *Leonardos* »Liber abaci«, mit dem die
Geschichte der Mathematik wohl einen neuen Zeitabschnitt beginnen
läßt[760].

In der Einleitung sagt *Leonardo*, die früheren Methoden seien
ihm, verglichen mit derjenigen der Inder, als ebensoviele Irrtümer
erschienen. Er habe daher das indische Verfahren seinem Werke zugrunde
gelegt, habe eigenes hinzugefügt, auch manches aus der geometrischen
Kunst des *Euklid* verwendet, damit das Geschlecht der Lateiner hinfort
nicht mehr unwissend in diesen Dingen befunden werde[761].

Die ersten Abschnitte handeln von den Grundoperationen mit ganzen
Zahlen und Brüchen. Zum ersten Male begegnet uns der Bruchstrich, der
auch als Zeichen für die Division gebraucht wird. An die ägyptische
Bruchrechnung erinnert die im Liber abaci vorkommende Zerlegung von
Brüchen in eine Summe von Stammbrüchen. Die weiteren Abschnitte
befassen sich mit Regel de tri, Gesellschafts- und Mischungsrechnung,
Potenzen und Wurzeln und endlich mit den Aufgaben der »Algebra und
Almukabala«, d. h. der Lehre von den Gleichungen, die im engen
Anschluß an *Ibn Musa* behandelt werden. Im einzelnen enthält das Buch
*Leonardos* auch manches, was dem Verfasser angehört; vor allem ist
dieser Herr über den von ihm behandelten Stoff, den er in eigener,
sicherer Auffassung seinen Landsleuten übermittelt.

Gleichzeitig mit den mathematischen wurden auch naturwissenschaftliche
Kenntnisse von den Arabern dem Abendlande übermittelt. Infolgedessen
treten hier zu Beginn des 12. Jahrhunderts Männer auf, die sich der
Alchemie und der von den Arabern besonders gepflegten Optik widmeten.
Unter ihnen sind vor allem *Albertus Magnus* und *Roger Bacon* zu
nennen, mit denen wir uns noch eingehend beschäftigen werden. Nach dem
Vorbild der Araber wurde ferner die Heilkunde im 12. Jahrhundert in
Salerno wieder zu einer Wissenschaft erhoben, während die Behandlung
der Krankheiten in den christlichen Ländern bis dahin vorzugsweise eine
Domäne des frommen Aberglaubens gewesen war.

Auf dem Gebiete der Optik verdient vor allem *Vitello* (Witelo)
Erwähnung. Er stammte aus Polen und schrieb in der zweiten Hälfte des
13. Jahrhunderts ein Werk über Optik, in dem er die Lehren *Alhazens*
in Verbindung mit den von *Euklid* und *Ptolemäos* herrührenden Sätzen
vortrug. *Vitellos* Werk wurde wiederholt gedruckt[762]. Es gehört zu
den umfangreichsten, die über Optik geschrieben sind, enthält aber
wenig Eigenes. Später hat *Kepler* seine optischen Untersuchungen an
*Vitello* angeknüpft und sie in einem »Zusätze zu Vitello« betitelten
Werk veröffentlicht[763].

Vergegenwärtigen wir uns, daß um 1200 der große, von den älteren
Völkern geschaffene Schatz von Anregungen und Keimen, die nur der
Weiterentwicklung harrten, den romanischen und den germanischen Völkern
durch die Verbreitung der arabischen Literatur zugänglich gemacht
war, so läßt es sich begreifen, daß dieser Zeitpunkt von der neueren
historischen Forschung wohl als ein Markstein in der Geschichte der
Wissenschaften hingestellt worden ist[764].

Von nicht geringem Einfluß war auch die Erweiterung des geographischen
Gesichtskreises durch die Reisen[765] des Venezianers *Marco Polo*.
*Marco Polo* gelangte bis nach Peking und im Süden bis nach Sumatra.
Er brachte viele Jahre (1275-1292) im Dienste eines mongolischen
Fürsten zu und richtete seine Aufmerksamkeit auf alles, was ihm in
den fremden Ländern begegnete. Seine Mitteilungen erstrecken sich
auf sämtliche drei Naturreiche. Er erwähnt zahlreiche Edelsteine und
Halbedelsteine. Durch ihn wurde erst allgemein bekannt, daß sich die
Steinkohle als Brennstoff verwenden läßt. Auch auf das Petroleum,
die Tusche, das Porzellan lenkte er die Aufmerksamkeit. Aus dem
Pflanzenreich erwähnt *Marco Polo* zahlreiche Drogen, Arzneimittel,
aromatische Stoffe, Farbhölzer, den Indigo usw. Die Verarbeitung des
Bambus, der Baumwolle und der Seide werden geschildert. Zahlreich sind
auch die Mitteilungen über die Fauna des ganzen asiatischen Kontinents.
Die Angaben erstrecken sich auf das Zebu, den Yack, verschiedene
Pferderassen, Elefant, Rhinozeros, Moschustier, menschenähnliche Affen,
Tiger, Schlangen usw. Von den Angaben über die Vogelwelt interessiert
besonders die Erwähnung eines Riesenvogels auf Madagaskar, dessen
Flügel sechzehn Schritt gespannt haben sollen[766].

Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Wissenschaften in dieser
wie in jeder anderen Periode war auch das Emporblühen des Handels. Der
Handel hob sich insbesondere durch die enge Fühlung, in die Italien,
Deutschland und Frankreich sowohl unter sich wie mit dem Morgenlande
traten. Mit dem Handel blühte das Städtewesen empor. Der in den Städten
sich mehrende Wohlstand weckte die Teilnahme weiterer Kreise an
geistigen Dingen. Reiche Städte haben auch stets die Wissenschaften im
wohlverstandenen eigenen Interesse begünstigt. Gegen den Ausgang des
Mittelalters entwickelten sich solche Städte besonders in Italien, wo
in erster Linie Venedig, Pisa, Florenz und Genua zu nennen sind. Sie
besaßen staatliche Macht und führten, wenn auch unter gegenseitiger
Befehdung, durch das Streben, ihren Einfluß weithin auszudehnen, zur
regsten Entfaltung aller gewerblichen, kommerziellen und künstlerischen
Tätigkeit. In hoher Blüte stand z. B. die Kunst Metalle zu gießen
und Glas zu formen. Etwas später entstanden im Norden städtische
Gemeinwesen, die nicht nur Handelsemporien, sondern gleichzeitig die
Pflegestätten eines ganz neuen Geistes waren. Die gewaltige Hansa
und der rheinische Städtebund sind hier vor allem zu nennen. »Es
ist«, sagt *Ranke*, »eine prächtige, lebensvolle Entwicklung, die
sich damit anbahnt. Die Städte bilden eine Weltmacht, an welche die
bürgerliche Freiheit und die großen Staatsbildungen anknüpfen«[767].
Als fernere Umstände, die für die gesamte Entwicklung von Bedeutung
waren, sind das Schwinden der Sklaverei, der Übergang von der Natural-
zur Geldwirtschaft[768] und endlich, vor allem für das Gebiet der
Geisteskultur, die Einführung der Papiererzeugung in Europa zu nennen,
alles Geschehnisse des 13. Jahrhunderts, in dem somit eine ganze
Reihe von Grundlagen für die gegen das Ende des Mittelalters vor sich
gehende Neugestaltung des staatlichen und geistigen Lebens geschaffen
wurde. Gleichzeitig begegnen uns der erste große Dichter der Neuzeit
in *Dante* und die ersten vorurteilsfreieren Denker des christlichen
Abendlandes in *Albertus Magnus* und *Roger Bacon*, deren Leben und
Wirken uns in den nächsten Abschnitten am besten in die Denkweise und
die wissenschaftlichen Bemühungen dieses Zeitraumes einführen werden.
Auch die bildnerische Kunst erlebte im 13. und 14. Jahrhundert ihre
Wiedergeburt. Zunächst geschah dies auf dem Boden Italiens. Es braucht
nur an die Schöpfungen *Nicolo Pisanos* und *Giottos* erinnert zu
werden[769], deren Erzeugnisse auf dem Gebiete der Bildhauerkunst und
der Malerei noch heute in ergreifender Weise Zeugnis von der Gewalt
jener künstlerischen Regungen des 13. und 14. Jahrhunderts ablegen,
die auch in den zahlreichen gotischen Domen jenes Zeitraums ihren
unvergänglichen Ausdruck fanden.


Die Wiederbelebung der alten Literatur.

Die Schwelle des 13. Jahrhunderts bedeutet nach *Chamberlains* Ausdruck
den Zeitpunkt, an dem »die Menschheit unter der Führung der Germanen«
ein neues geistiges Leben begann. Aus diesem Grunde hält dieser
Verherrlicher der Kulturmission des Germanentums es für angezeigt, das
Jahr 1200 als die Grenzscheide zwischen dem Mittelalter und der neueren
Zeit zu betrachten. Jedenfalls erscheint es berechtigt, den Beginn der
Renaissance bis an die Schwelle des 13. Jahrhunderts zurückzuverlegen.

Auch auf dem Gebiete des Bildungswesens fand die neue Zeit ihren
Ausdruck. Hochschulen nach dem Muster der arabischen gelehrten Schulen
entstanden in Neapel, Salerno und Bologna, darauf in Paris, Oxford
und Cambridge. Im 14. Jahrhundert folgte Deutschland mit der Gründung
der Universitäten zu Prag, Wien und Heidelberg. Zwar waren auch sie
anfangs vorwiegend Stätten scholastischen Gezänks. Die Gelehrten waren
jedoch vom klösterlichen Zwange befreit worden, ein Umstand, der für
die Folge von großer Bedeutung war. Um der Beengung zu entgehen,
welche die Kirche während des Mittelalters jeder wissenschaftlichen
Betätigung auferlegte, erfand man den Satz von der zwiefachen Wahrheit.
Man verstand darunter die Lehre, es könne etwas in kirchlichen Dingen
als wahr gelten, was in der Wissenschaft als falsch bewiesen sei.
Dieselbe Person durfte somit, je nachdem sie sich auf den Standpunkt
des Philosophen oder des Theologen stellte, ein und dieselbe Ansicht
für richtig halten und sie in demselben Atemzuge verdammen[770].

Man darf dieses auf den ersten Blick ganz unmoralisch erscheinende
Verhalten nicht allzusehr verurteilen. Gilt doch auch heute noch für
manchen der Satz, daß Glauben und Wissen als unvereinbare Gebiete
scharf zu trennen sind, während man sich auf der anderen Seite bemüht,
beide miteinander zu versöhnen. Man muß daher den zuerst in Paris
und in Padua aufkommenden Satz von der zwiefachen Wahrheit als den
ersten Versuch der Forschung ansehen, sich aus den Banden der Kirche
zu befreien. Diese Lehre ist, sagt einer ihrer Beurteiler[771], »ein
Denkmal des forschenden Geistes, sich ein freies, weites Gebiet zu
verschaffen«. Insbesondere gelangte der Geist der wiederauflebenden
Wissenschaften in zwei Männern zum Ausdruck, deren Lebensumstände und
Verdienste uns zunächst beschäftigen sollen. Es waren dies *Albertus
Magnus* in Deutschland und sein Zeitgenosse *Roger Bacon* in England.

Beide Männer gehören dem 13. Jahrhundert an. Es war die Zeit des
großen Staufenkaisers Friedrichs des Zweiten und seines vergeblichen
Ringens mit dem Papsttum. In das 13. Jahrhundert fallen einerseits
die letzten Kreuzzüge und das Umsichgreifen der von fanatischen
Mönchen geübten Ketzergerichte, während auf der anderen Seite Handel
und Gewerbe, sowie die Schulen aufzublühen begannen. Auch auf dem
Gebiete des geistigen Werdens war diese Zeit erfüllt von Gegensätzen.
Bis gegen das 13. Jahrhundert hatte im Mittelalter ausschließlich
die Macht der Kirche und ihrer Dogmen gegolten. Die philosophischen
Schriften des Altertums, insbesondere die Logik des *Aristoteles*,
hatten Geltung, weil sie spitzfindigen, theologischen Streitigkeiten
zu dienen vermochten. Was indessen die naturwissenschaftlichen Werke
des *Aristoteles* anbetraf, so war fast jede Erinnerung an sie verloren
gegangen. Auch die Auffassung von der Natur war zu einem Zerrbilde
geworden. Hatten die älteren Kirchenväter sie zum Teil noch als einen
Spiegel göttlicher Weisheit angesehen, so hatte später eine geradezu
verächtliche Vorstellung Platz gegriffen. Die Natur erschien dem
Menschen des eigentlichen Mittelalters im trüben Widerschein einer
Teufelslehre, geeignet, ihn mit Sinnenlust zu umstricken und von
seiner, im Überirdischen ruhenden Bestimmung abzulenken.

Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck auf ein so geartetes
Geschlecht das überraschend schnell erfolgende Bekanntwerden der
naturgeschichtlichen Schriften des *Aristoteles* zu Beginn des 13.
Jahrhunderts ausüben mußte. In lateinischer, teils aus dem Arabischen,
teils aus griechischen Originalen geschöpfter Übersetzung, verbreiteten
sie sich bald über das ganze Abendland. Mit den griechischen Originalen
war man im Verlauf der späteren Kreuzzüge in Konstantinopel und an
anderen Orten des Orients bekannt geworden[772]. Wie ganz anders
stellte sich in diesen, die Gemüter wie eine neue Offenbarung
ergreifenden Werken die Welt dar. Sie war hier nicht die Inkarnation
des Bösen und die Quelle der Verdammnis, sondern »ein wunderbar
harmonisches, ineinander greifendes Geflecht vernünftiger Zwecke
und Mittel«[773], deren Erforschung als die würdigste Aufgabe des
denkenden Menschen hingestellt wurde. Daß die Kirche der geschilderten
Bewegung der Geister gegenüber nicht gleichgültig blieb, läßt sich
denken. So verfügte sie z. B. im Jahre 1209 in Paris, daß bei Strafe
der Exkommunikation weder die naturwissenschaftlichen Schriften des
*Aristoteles*, noch die Kommentare dazu, sei es öffentlich, sei es
insgeheim, gelesen werden dürften.


Albertus Magnus.

Ein Mann war es vor allem, in welchem die Naturphilosophie des
*Aristoteles* einen begeisterten Vertreter fand. Das war *Albertus
Magnus*. Das Bild seines Lebens und Wirkens wird uns deshalb am besten
in den geschilderten Zeitraum zu versetzen vermögen.

*Albertus Magnus*, dessen eigentlicher Name *Albert von Bollstätt*
lautet, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts in einem schwäbischen
Städtchen geboren[774]. Er empfing seine Vorbildung in Padua.
Später lehrte er an der Dominikanerschule zu Köln, zeitweilig
auch an der Universität in Paris, wo sein Orden einige Lehrstühle
besetzen durfte. In die Zeit seines Kölner Aufenthaltes fallen die
Ausschachtungsarbeiten zur Fundamentierung des Domes. In Paris fand er
einen solchen Zulauf, daß kein Gebäude die Schar seiner Hörer zu fassen
vermochte. An Wissensdrang fehlte es im 13. Jahrhundert also nicht,
wohl aber an einem würdigen Gegenstand zur Befriedigung dieses Dranges.
Handelte es sich doch nur um Schriftwerke, die durch Übersetzungen
bekannt wurden. Ihr Inhalt war es, welcher das damalige Wissen
ausmachte. Jede selbständige Regung wurde durch einen Autoritätsglauben
niedergehalten, wie ihn kein Zeitalter in solchem Grade wieder besessen
hat. Verfolgung und Tod trafen denjenigen, der sich gegen diesen
Autoritätsglauben, der alles mit Blindheit geschlagen zu haben schien,
auflehnte. Man darf daher auch von *Albertus Magnus* nicht allzuviel
Eigenes erwarten, wenn er auch zu den hervorragendsten Gelehrten
gehört, die uns in der Geschichte des Mittelalters begegnen. Ihm ist es
vor allem zu danken, daß man auf dem Gebiete der Naturwissenschaften
wieder an die Schriften des Altertums anknüpfte. Und zwar begann man
auf den griechischen Texten zu fußen, die zum Teil um diese Zeit schon
von Konstantinopel aus in das Abendland gelangten, während man vorher
die arabischen Bearbeitungen in das Lateinische übertragen hatte,
eine zwiefache Hinüberleitung, durch welche der Inhalt entstellt und
unrichtig übermittelt worden war.

Was man vor *Albertus Magnus* an Kenntnissen über die Tier- und
Pflanzenwelt besaß, verdiente kaum noch den Namen einer Zoologie und
Botanik. Einiges Interesse brachte man zwar den in der Bibel erwähnten
Geschöpfen entgegen, die in dem »Physiologus«, einem sehr verbreiteten,
in vielen Bearbeitungen vorhandenen Buche, behandelt wurden[775]. Es
enthielt indessen die unglaublichsten Fabeln. Trotzdem erfüllte der
Physiologus fast 1000 Jahre die Rolle eines elementaren zoologischen
Lehrbuches[776], wenn auch nicht eines solchen in unserem Sinne, da er
in den Schulen in erster Linie zu religiös erbaulichen Zwecken benutzt
wurde[777]. Berücksichtigt sind besonders Säugetiere und Vögel, ferner
einige Reptilien und Amphibien und nur ein Geschöpf aus der Reihe der
Gliedertiere, nämlich die Ameise. An Pflanzen kommen der Feigenbaum,
der Schierling und die Nießwurz in Betracht. Auch einige Mineralien
werden erwähnt; es sind der Diamant, der Achat, der »indische Stein«,
welcher die Wassersucht heilen sollte, und die feuerbringenden Steine.

Noch dürftiger erscheint dieser Inhalt, wenn man bedenkt, daß der
Physiologus nicht etwa eine einigermaßen vollständige Schilderung
der erwähnten Geschöpfe enthält, sondern meist nur Hinweise auf
Bibelstellen, einzelne Züge aus der Lebensweise, Erzählungen und
Fabeln. So wird vom Panther erzählt, daß er bunt sei, nach der
Sättigung drei Tage schlafe, dann mit Gebrüll erwache und einen so
angenehmen Geruch verbreite, daß alle Tiere zu ihm kämen; nur der
Drache sei sein Feind. Der Prophet *Hosea* sage: Ich werde wie ein
Löwe sein dem Hause Juda und wie ein Panther dem Hause Ephraim usw.
An die meisten Tierfabeln werden moralische Bemerkungen geknüpft. Von
den Affen heißt es, man fange sie, indem man sie veranlasse, sich
die Augen mit Leim zu verschmieren. So jage uns der Teufel mit dem
Leim der Sünde. Wie der Biber sich die Hoden abbeiße, wenn man ihn
verfolge, so solle der Mensch seine bösen Leidenschaften austilgen
usw. Auch bloße Fabelwesen, wie die Sirenen und das in der Bibel
mehrfach erwähnte Einhorn, bilden einen Gegenstand verschiedener
Ausgaben des Physiologus. Welch gewaltiger Abstand zwischen dem
mittelalterlich-kirchlichen Naturwissen und demjenigen der Blütezeit
des griechischen Geisteslebens bestand, braucht nach dieser Probe nicht
weiter ausgeführt zu werden.

Der älteste Physiologus entstand im 2. Jahrhundert n. Chr. in
Alexandrien. Auf dieser griechischen Schrift beruhen eine Anzahl
orientalischer Bearbeitungen der biblischen Zoologie. *Albertus
Magnus* schöpfte aus einem lateinischen Physiologus, der auch ins
Althochdeutsche und andere nordische Sprachen übersetzt wurde. In
erster Linie ist aber das zoologische Werk *Alberts*, das in 26 Bücher
zerfällt, eine Wiedergabe der zoologischen Schriften des *Aristoteles*.
Indessen verraten insbesondere die letzten Bücher eine größere
Selbständigkeit. Auch die Naturgeschichte des gleichfalls dem 13.
Jahrhundert angehörenden *Thomas von Cantimpré* hat *Albert* benutzt,
doch ist dasjenige, was er selbst uns bietet, weit durchgearbeiteter.
Daß sich bei ihm noch die alten anatomischen Unrichtigkeiten des
*Aristoteles* finden, darf nicht wundernehmen. So nennt er gleichfalls
die Sehnen Nerven und legt ihnen die eigentliche bewegende Kraft bei.
Er läßt sie aus dem Herzen entspringen, während er von den eigentlichen
Nerven noch keine Vorstellung hat[778].

*Albertus Magnus* hat eine sehr umfangreiche literarische Tätigkeit
entfaltet[779]. Eine allerdings nur mangelhafte Ausgabe seiner
sämtlichen Werke rührt von *Jammy* her; sie erschien in 21
Foliobänden im Jahre 1651. Der 2., 5. und 6. Band enthalten die
naturwissenschaftlichen Schriften. Der 2. Band enthält neben einer
Wiedergabe der aristotelischen Physik die Grundzüge der Himmelskunde
und fünf Bücher über die Mineralien. Bemerkenswert ist, daß *Albert*
die Milchstraße für eine Anhäufung kleiner Sterne hielt, sowie seine
Meinung, das Erscheinen der Kometen könne nicht mit den Geschicken
einzelner Menschen verknüpft sein. Der 5. Band bringt Geographisches,
sowie die sieben Bücher über die Pflanzen. Hervorgehoben sei eine
Äußerung über die Antipoden. Nur rohe Unwissenheit, meint *Albertus*,
könne behaupten, daß diejenigen fallen müßten, die uns die Füße
zukehrten. Der 6. Band der Gesamtausgabe endlich umfaßt die 26
zoologischen Bücher.

Das Verdienst *Alberts* besteht darin, daß er über alle Dinge, über die
er aristotelische Schriften kannte, ausführlich schrieb. Dabei leiteten
ihn einerseits offener Sinn und liebevolle Hingabe an die Natur.
Andererseits beengte ihn das Streben, die Naturauffassung des Altertums
mit den Dogmen der katholischen Kirche in Einklang zu bringen. Aus
dieser Abhängigkeit sich zur Freiheit des Denkens durchzuringen,
war ihm nicht gegeben. Den Vortrag der aristotelischen Lehren wußte
*Albertus* mit seinen eigenen Ansichten in der Weise zu vereinigen,
daß er zunächst dem *Aristoteles* folgt und dann jedesmal hinzufügt,
er wolle eine Disgression einschalten. Als eine solche ist das ganze
zweite Buch der Botanik zu betrachten[780]. Es beginnt mit den Worten:
»Das alles -- nämlich den Inhalt des ersten Buches -- haben die alten
Naturforscher begründet. Doch scheint das etwas verworren zu sein. Ich
werde daher von neuem beginnen und die allgemeine Botanik nach der
Ordnung der Natur geben.«

Daß *Albertus* auch auf anderen Gebieten nach Selbständigkeit
strebte[781], bezeugen die Worte, mit denen er die spezielle Botanik
einleitet. Sie lauten: »Was ich hier schreibe, habe ich teils selbst
erfahren, teils verdanke ich es Leuten, von denen ich überzeugt bin,
daß sie nur das vorbringen, was sie selbst erfahren haben.« Bei dem
Wissen von den Einzelwesen handele es sich allein um Erfahrung, da hier
Vernunftschlüsse nicht möglich seien. Trotzdem finden sich, besonders
bei der Beschreibung der Tiere, dem Geist der Zeit entsprechend, manche
alten Fabeln wieder.

Sein Werk über die Pflanzen schrieb *Albert* in Anlehnung an eine
Schrift[782], die damals für aristotelisch gehalten wurde. Es umfaßt
sieben umfangreiche Bücher und gehört zu den bedeutendsten älteren
Werken botanischen Inhalts. Von *Aristoteles*, dem Begründer der
Botanik, bis auf die Zeit *Alberts des Großen* war diese Wissenschaft
immer tiefer gesunken; mit *Albert* erstand sie »wie der Phönix aus
seiner Asche«[783]. Zuerst befaßt sich *Albert* mit den Grundzügen der
allgemeinen Botanik. Insbesondere beschäftigt er sich mit der Frage,
ob die Pflanze beseelt ist. Sie ist es, führt er aus, gleich jedem
Körper, der sich aus eigener Kraft bewegt. Ohne jene Bewegung sei kein
Wachstum, keine Ernährung und keine Fortpflanzung möglich. Auf diese
Funktionen beschränke sich indes die Tätigkeit der Pflanzenseele.
Diesem geringen Umfang ihrer Tätigkeit entspreche auch die geringe
äußere Verschiedenheit der Pflanzenteile, sowie das Vermögen der
Pflanze, aus jedem ihrer Teile wie aus dem Samen neues zu erzeugen.

Bemerkenswert sind auch die Äußerungen *Alberts* über den Schlaf der
Pflanzen. Wenn die Pflanze während des Winters infolge der Kälte
zusammengezogen und ihr Saft und ihre Wärme nach innen zurückgedrängt
seien, so schlafe sie. Daß einige Pflanzen ihre Blüten abends
zusammenlegen und bei Tagesanbruch wieder öffnen, wird auch als Schlaf
gedeutet.

Bezüglich der Sexualität räumt *Albert* den Pflanzen nur eine sehr
entfernte Ähnlichkeit mit den Tieren ein. Das Wachstum der Pflanzen,
so meint er im Hinblick auf die Eiche, die Zeder und andere Bäume,
scheine wie das der Mineralien an kein bestimmtes Maß gebunden zu
sein. Das Fehlen der Sinnes- und der Bewegungsorgane, durch die sich
das höhere tierische Leben bekunde, sei der Grund, weshalb die Wurzel,
als Mund der Pflanze, in die Erde gesenkt sei. Ströme die Nahrung
nicht von selbst herbei, umgäbe sie die Wurzel nicht unablässig, so
könne die Pflanze gar keine Nahrung zu sich nehmen. Würde ferner die
geringe Eigenwärme der Pflanze nicht von außen durch die Sonnenwärme
unterstützt, so würde jene allein nicht hinreichen, den eingesogenen
Nahrungsstoff zu verdauen und zum Wachstum und zur Fortpflanzung
geeignet zu machen.

Da also die Pflanze ihre Nahrung auf weit einfachere Weise zu sich
nimmt und in sich verteilt wie das Tier, so hat sie nach *Albert* weder
Adern, noch einen Magen, sondern nur Poren, wie sie auch das Tier
unsichtbar auf seiner ganzen Oberfläche besitze. *Alberts* Kenntnisse
in der speziellen Botanik, die er im 6. Buche bekundet, sind nicht
gering. Doch teilt er mit vielen Schriftstellern des Altertums den
Glauben an eine Umwandlung der Pflanzen. So sollen sich infolge des
Alterns oder infolge mehr oder weniger guter Nahrung die Getreidearten
ineinander umwandeln können. Auch entständen durch die Fäulnis einer
Pflanze andere Arten. So überziehe sich ein kränkelnder Baum mit
Parasiten, namentlich mit Misteln.

*Alberts* Darstellung der allgemeinen Botanik ist der erste Versuch
einer solchen. Denn was er in der Schrift des *Nikolaos* vorfand,
hat sein Unternehmen eher ungünstig beeinflußt als gefördert.
Es verstrichen Jahrhunderte, bevor ein zweites, dem seinigen
vergleichbares Werk erschien. »Die Fehler des letzteren verschuldete
sein Zeitalter, die Vorzüge gehören ihm allein an«[784]. In seiner
speziellen Botanik handelt *Albert* von den Bäumen und Sträuchern,
den Stauden und Kräutern. Die Anordnung ist die alphabetische. Die
Schärfe der Beobachtungen ist anzuerkennen. Beschreibungen von einer
Genauigkeit, wie sie uns im Altertum nicht begegnet, widmete er z. B.
der Esche und der Erle, dem Mohn, dem Borretsch und der Rose.

Seit *Albertus Magnus* war man auch bestrebt, die von den Alten
beschriebenen Pflanzen wieder aufzufinden. Dies Bemühen war jedoch nur
von geringem Erfolg, da einmal die vorhandenen Beschreibungen meist
nicht hinlänglich genau waren, um danach die Arten feststellen zu
können, und da man ferner, ohne Berücksichtigung der geographischen
Verbreitung, die Pflanzen Griechenlands und Kleinasiens in Mitteleuropa
suchte. Immerhin war es ein großer Fortschritt, daß man sich mit
den Naturkörpern wieder unmittelbar zu beschäftigen begann. Die
Wiederbelebung der beschreibenden Naturwissenschaften war in erster
Linie die Folge eines solchen Bemühens. Dieses führte weiterhin zur
Anlegung von botanischen Gärten und zur Herausgabe von Kräuterbüchern,
den ersten botanischen Dingen, die uns an der Schwelle der neueren Zeit
begegnen.

Von *Albert dem Großen* bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
waren die Fortschritte auf dem Gebiete der Botanik im übrigen nur
gering[785]. Manche Nachricht über neue Pflanzen gelangte aus den durch
die Kreuzzüge dem Abendlande erschlossenen Ländern nach Europa, jedoch
ohne daß dadurch die wissenschaftliche Einsicht wesentlich gefördert
worden wäre. Auch durch die Reisen *Marco Polos* in Ostasien erfuhr die
spezielle Pflanzenkenntnis eine nicht unbeträchtliche Erweiterung, wenn
es sich naturgemäß in den Mitteilungen dieses Mannes auch in erster
Linie um solche Pflanzen handelte, die für den Handel in Betracht kamen.

Wie die botanischen, so enthalten auch die zoologischen Schriften des
*Albertus* zahlreiche Angaben über eigene Beobachtungen. Insbesondere
gilt dies von der deutschen Tierwelt. Es finden sich z. B. recht gute
Schilderungen des Maulwurfs, der Spitzmaus, des Eichhörnchens und des
Igels. *Albert* führt fast alle deutschen Nager auf und zeichnet das
Treiben des Eichhörnchens ganz musterhaft. Sehr zutreffend beschreibt
er auch das Gebiß der Nagetiere. Erwähnung findet auch der Eisbär. Vom
Walroß wird erzählt, daß es lange Eckzähne besitze, und daß man seine
Haut zu Riemen zerschneide, die in Deutschland in den Handel kämen.
Ferner wird der Grönlandwal beschrieben und sein Fang geschildert.
Die Robben und die Delphine bezeichnet *Albert* als »Säugetiere mit
festen Knochen, lebenden Jungen und einer Luftröhre«. Er fügt hinzu:
»Die Angaben der Alten übergehe ich, denn sie stimmen mit denen
erfahrener Leute nicht überein.« Über die Gliedertiere macht *Albertus*
sogar die Angabe, daß sich beim Krebs und Skorpion ein dem Rückenmark
entsprechender Strang findet, der auf der Bauchseite durch den Körper
läuft. Das Treiben des Ameisenlöwen schildert er mit folgenden Worten:
»Der Ameisenlöwe ist nicht vorher eine Ameise, wie viele sagen. Denn
ich habe oft beobachtet und habe es häufig Freunden gezeigt, daß dieses
Tier Zeckengestalt hat. Es versteckt sich im Sande und gräbt darin eine
halbkugelförmige Höhle, in deren Pol sein Mund ist. Läuft nun eine
Ameise futtersuchend darüber, so fängt und frißt er sie. Dem haben wir
oft zugesehen«[786].

*Albertus Magnus* war auch einer der ersten, der sich in Deutschland
auf dem Gebiete der Chemie schriftstellerisch betätigte, ohne
sich jedoch über die Araber zu erheben. Daß unedle Metalle sich
in edle verwandeln lassen, war für ihn eine ausgemachte Sache.
Dies geht aus dem von ihm verfaßten Werk »De rebus metallicis et
mineralibus« mit Bestimmtheit hervor. *Albertus* glaubte auch an die
Darstellbarkeit eines Elixiers, das imstande sei, allen Metallen
die schönste Goldfarbe zu verleihen. Er warnte zwar vor scheinbaren
Umwandlungen, indessen wurden durch das hohe Ansehen, das er genoß, die
alchemistischen Bestrebungen gefördert[787].

Auszüge aus dem Werke »De rebus metallicis et mineralibus« sind durch
*Kopp* bekannt geworden[788]. Aus ihnen geht hervor, daß es sich
bei *Albertus Magnus* zum Teil um rein aristotelische, zum Teil um
arabische Meinungen und Anschauungen handelt. Er nimmt an, daß die
Metalle wie alles aus den vier Elementen zusammengesetzt sind. Bestehen
sie auch zunächst aus Schwefel und Quecksilber, so ist ersterer doch
wieder aus Luft und Feuer, das Quecksilber dagegen aus Wasser und Erde
entstanden.


Roger Bacon.

Ein fast noch höheres Interesse als der »Doctor universalis«, wie
man *Albertus Magnus* nannte, beansprucht *Roger Bacon*, der »Doctor
mirabilis«. Seine Schriften umfassen nicht nur die Naturbeschreibung,
die Chemie und die Physik, sondern alle Wissenszweige, insbesondere
auch die Philosophie und die Theologie. Der englische Franziskanermönch
*Roger Bacon* ist ferner einer der ersten in der Reihe der Märtyrer,
welche die Geschichte seit der Zeit des Wiederauflebens der
Wissenschaften aufzuweisen hat.

*Roger Bacon* wurde im Jahre 1214 geboren[789]. Er studierte in Paris
und dann in Oxford, wo er später ein Lehramt bekleidete. Von großem
Einfluß auf die Entwicklung *Bacons* war *Petrus Peregrinus*, der in
Paris lehrte und als Experimentator gerühmt wurde. *Bacon* sagt von
ihm, was dunkel sei, ziehe *Peregrinus* als Meister des Experiments
ans Tageslicht[790]. Auch daß dieser für seine Zeit seltene Mann
keine Wortgefechte liebte, sondern Beweise und Tatsachen verlangte,
war für *Peregrinus* charakteristisch und für *Bacon*, der das Wort
»Scientia experimentalis« prägte, von bestimmendem Einfluß[791].
Schon *Gerbert*[792] hatte übrigens die Beschäftigung mit der Natur
als Gegengewicht gegen die scholastischen Streitereien empfohlen.
*Bacon* tat dasselbe, indes mit größerem Nachdruck[793]. Als Quellen
für seine Naturlehre benutzte *Bacon* die Griechen (*Aristoteles*,
*Euklid*, *Ptolemäos*), die Römer (*Plinius*, *Boëthius*, *Cassiodor*)
und die Araber. Unter den letzteren sind vor allem *Avicenna* (*Ibn
Sina*) und *Al Farabi* zu nennen. Das Werk des letzteren, das eine Art
Enzyklopädie darstellt, hatte *Gerhard von Cremona* unter dem Titel
»Liber de scientiis« ins Lateinische übersetzt. *Bacon* besaß nicht
nur die umfassende Gelehrsamkeit eines *Albertus Magnus*, sondern er
zeichnete sich vor diesem durch größere Klarheit und Freiheit des
Denkens aus. In seiner Schrift über die Nichtigkeit der Magie[794]
bekämpfte *Bacon* den Glauben an die Zauberei. Den Anhängern dieses
Glaubens verdankte er selbst gegen das Ende seines Lebens eine
zehnjährige Kerkerhaft. Sehr wahrscheinlich hat jedoch die Anklage auf
Zauberei seinem Orden nur als Vorwand gedient, um ihn daran zu hindern,
daß er fortfuhr, gegen die kirchlichen Mißstände zu eifern. Besaß doch
*Bacon* die Kühnheit, auf eine Reformation der Kirche an Haupt und
Gliedern, sowie auf eine kritische Behandlung der heiligen Schrift auf
Grund der Urtexte zu dringen.

Daß die Menschen in früheren Jahrhunderten nicht viel anders gewesen
sind als heute, lassen folgende Stellen aus *Bacons* »Compendium studii
theologiae« erkennen: »Das Haupthindernis für das Studium der Weisheit
ist die unermeßliche Verderbnis, die in allen Ständen herrscht. Der
ganze Klerus ist dem Hochmut, der Unzucht und der Habsucht ergeben. Wo
Kleriker zusammenkommen, geben sie dem Laien Ärgernis. Die Fürsten und
Herren drücken und plündern sich gegenseitig und richten das ihnen
untertänige Volk durch Krieg und Steuern zugrunde. In den Königreichen
geht man nur auf Vergrößerung aus. Man kümmert sich nicht darum, ob
etwas mit Recht oder mit Unrecht erreicht wird, wenn man nur seinen
Plan durchsetzt. Die oberen Stände dienen nur dem Bauch und den
fleischlichen Lüsten. Das Volk wird durch dies schlechte Beispiel
aufgereizt und zu Haß und Treubruch veranlaßt, oder es wird durch das
schlechte Beispiel der Großen verdorben. Unzucht und Genußsucht sind
schlimmer, als man es schildern kann. Bei den Kaufleuten herrschen
List, Betrug, maßlose Falschheit usw.« So sieht *Bacons* Sittengemälde
aus dem 14. Jahrhundert aus.

Was *Bacon* anstrebte, war eine freiere Gestaltung des religiösen
Lebens. Und zwar geschah dies fast zur selben Zeit, als die Albigenser
Südfrankreichs ihren Abfall von der Kirche schwer büßen mußten. Wenn
*Bacons* Mahnung auch verhallte und nicht imstande war, einen Sturm zu
entfesseln, wie ihn z. B. das Auftreten eines *Huß* zur Folge hatte,
so verdient *Bacon* doch unter den Vorboten der Reformationsbewegung
genannt zu werden. Daß er sich der Autorität des *Aristoteles* nicht
unbedingt unterwarf, war für die damalige Zeit ein nicht geringeres
Verbrechen.

Andererseits vermag auch *Bacon* es nicht, sich gänzlich von den
Fesseln der griechischen Philosophie und der mittelalterlichen
Theologie zu befreien. So hält er mit *Aristoteles* an dem Glauben
fest, daß die Welt räumlich begrenzt sei. Er sucht auch dialektisch zu
beweisen, daß es nicht mehrere Welten oder gar eine unendliche Welt
geben könne. Erst viel später, bei *Giordano Bruno*, tritt uns der
Begriff des unendlichen Alls entgegen. Wie *Aristoteles*, so weist auch
*Bacon* mit dialektischen Gründen die Lehre vom Vakuum zurück, das die
von *Aristoteles* bekämpften Anhänger der Atomenlehre als notwendige
Voraussetzung für die Bewegung der Atome angenommen hatten[795].
Als Herrin der Wissenschaften gilt *Bacon* nicht die Philosophie,
sondern die Theologie. Wenn ein Wissen, meint er, der heiligen Schrift
widerspricht, so ist es irrig[796]. Innerhalb dieser Beschränkung
verlangt er eine Erneuerung der Wissenschaften und eine Begründung
der Naturwissenschaften auf Beobachtung und Versuch. Manches, was
später, im 16. Jahrhundert, sein Namensvetter *Francis Bacon*
gesagt hat, klingt an die schon von *Roger Bacon* ausgesprochenen
Mahnungen und Forderungen an. »Diejenigen, die in den Wissenschaften
neue Bahnen einschlugen«, sagt *Roger Bacon*[797], »hatten alle Zeit
mit Widerspruch und Hindernissen zu kämpfen. Doch erstarkte die
Wahrheit und wird erstarken bis zu den Tagen des Antichrist.« Für
die Wissenschaft gibt es nach *Bacon* drei Wege, die Erfahrung, das
Experiment und den Beweis. Insbesondere wird die Mathematik gepriesen,
aber auch der Sprache, als dem formalen Ausdruck des Denkens, wird
die größte Bedeutung beigelegt. So heißt es bei ihm: »Wir müssen
bedenken, daß Worte den größten Eindruck ausüben. Fast alle Wunder
sind durch das Wort vollbracht worden. In den Worten äußert sich die
höchste Begeisterung. Deshalb haben Worte, welche tief gedacht, lebhaft
empfunden, gut berechnet und mit Nachdruck gesprochen werden, eine
bedeutende Gewalt.«

Selbst wenn man annimmt, daß *Bacons* Wissen vollständig auf den alten
Schriftstellern und den Arabern beruhe, muß man doch zugeben[798], daß
er kein bloßer Kompilator war, sondern das Vorhandene zu prüfen, sich
anzueignen und selbständig wiederzugeben verstand. Sein Hauptverdienst
bleibt aber, daß er zu den ersten Männern zählt, die auf den Weg des
eigenen Forschens im Gegensatz zum Autoritätsglauben, hingewiesen
haben, wenn es ihm selbst auch noch an Mitteln gebrach, diesen Weg
unbeirrt zu verfolgen. Aus diesem Mangel an Befriedigung eines
vorhandenen Dranges entspringt eine gewisse Sehnsucht, die sich darin
ausspricht, daß *Bacons* Schriften mit häufigen Ausblicken auf eine
größere Herrschaft des Menschen über die Natur erfüllt sind[799].
Dieser Grundzug seines Wesens wird uns im 17. Jahrhundert bei seinem
Namensvetter *Franz Bacon* wieder begegnen. Und es erscheint nicht
ausgeschlossen, daß letzterer *Roger* mehr zu verdanken hat, als er
durchblicken läßt[800]. Man kann dies als wahrscheinlich annehmen, ohne
damit den späteren *Bacon* etwa des Plagiats bezichtigen zu wollen.

*Bacons* Hauptwerk führt den Titel »Opus majus«. Es wurde 1267
vollendet und von *Bacon* dem Papste[801] gewidmet[802]. Im ersten
Teil des Opus majus spricht *Bacon* von den Hauptursachen der
herrschenden Unwissenheit. Als solche gelten ihm die Eitelkeit und der
Autoritätsglaube, die althergebrachten Vorurteile und die zahlreichen
unrichtigen und unzulänglichen Begriffe. Der zweite Abschnitt bietet
einen Überblick über die Fundamente, welche die Griechen und die Araber
geschaffen. Im Mittelpunkte dieser Darstellung steht selbstverständlich
*Aristoteles*, von dem in freimütiger Kritik gezeigt wird, daß seine
Schriften weder erschöpfend noch frei von Fehlern seien. Um die
bisherigen Leistungen würdigen zu können, fordert *Bacon* im dritten
Abschnitt das Studium der Urtexte an Stelle des bis dahin üblichen
Lesens lateinischer und arabischer Übersetzungen. Vor allem stellt
er diese Forderung in bezug auf die Bibel und die Schriften des
*Aristoteles* auf. Der vierte Abschnitt handelt von der Mathematik,
einschließlich der Astronomie und ihrer Anwendungen. *Bacon* erkannte
die Fehlerhaftigkeit des julianischen Kalenders und machte dem
Oberhaupt der Kirche Verbesserungsvorschläge. Der julianische Kalender,
so führt er aus, rechne das Jahr zu 365-1/4 Tagen. Es sei aber
erwiesen, daß es kürzer sei und in 130 Jahren ein Tag zuviel gerechnet
werde.

Der nächste Abschnitt, der sich auf *Alhazen* stützt, handelt von der
Optik. Die Reflexionen durch parabolische Spiegel, sowie die Anatomie
und Physiologie des Auges sind so klar und treffend dargestellt, daß
diese Abschnitte besonders den fortgeschrittenen Standpunkt *Bacons*
erkennen lassen. Den eigentlichen Vorgang des Sehens verlegt er in das
Gehirn, mit der Begründung, daß sich nur so die Vereinigung der in den
beiden Augen entstehenden Sinneseindrücke zu einer einzigen Wahrnehmung
erklären lasse[803].

*Bacons* optische Kenntnisse gingen über diejenigen *Alhazens* hinaus.
So ist *Bacon* die sphärische Aberration bekannt, d. h. die Tatsache,
daß Strahlen, die parallel der Achse einfallen, sich nur dann in
einem Punkte schneiden, wenn sie den Spiegel in gleichem Abstände
vom optischen Mittelpunkte treffen. Auch mit der Brennkugel[804]
und den Konvexspiegeln befaßt er sich in Anlehnung an *Alhazen*.
Ferner untersucht *Bacon*, ob der Brennpunkt eines Hohlspiegels im
Kugelmittelpunkte oder im Halbierungspunkte des Radius liegt. Er
entscheidet sich für das letztere, also für die richtige Ansicht,
und bemerkt ganz zutreffend, eigentlich könne nicht von einem Punkte
der Strahlenvereinigung die Rede sein, sondern nur von einer kleinen
Stelle. Damit ist schon das Wesen der Katakaustik angedeutet[805].

Von der Fata morgana heißt es, sie werde von manchen für eine
teuflische Gaukelei gehalten, während sie aus natürlichen Ursachen zu
erklären sei. *Bacon* beschreibt ferner die Instrumente zur Bestimmung
des Durchmessers von Mond und Sonne. Die Größe der Erde stehe zur
Größe des Himmels und der übrigen Gestirne in gar keinem Verhältnis.
So sei die Sonne 170 mal so groß wie die Erde. Auch die Milchstraße
bestehe aus vielen, zusammengedrängten Sternen, deren Licht sich mit
dem der Sonne mische. Ebbe und Flut sollen dadurch zustande kommen,
daß die Mondstrahlen beim senkrechten Auffallen die Dünste aufsaugen,
auf deren Anwesenheit auch das Funkeln der Sterne zurückgeführt
wird. Die Erscheinung, daß eine Flutwelle auch auf der dem Monde
entgegengesetzten Seite der Erde entsteht, erklärt *Bacon* auf folgende
Weise. Er nimmt an, die Fixsternsphäre sei fest; daher werfe sie die
Strahlen des Mondes zurück. Diese reflektierten Strahlen treffen dann
die dem Monde entgegengesetzte Seite der Erde und rufen dort dieselbe
Erscheinung hervor, die sie beim direkten Einfallen erzeugen. Nach
dieser Vorstellung sind der Fixsternhimmel und somit die Welt räumlich
begrenzt. Hatte doch auch *Aristoteles* angenommen, daß die Fixsterne
ihr Licht von der Sonne erhalten. Der Gedanke von der Unendlichkeit des
Weltalls und der Vielzahl der Sonnen- und Weltsysteme konnte erst nach
der Begründung des Kopernikanischen Systems aufkommen.

Der Regenbogen wird von *Bacon* in Anlehnung an *Aristoteles* und
*Avicenna* zu erklären gesucht. Daß der Regenbogen verschwindet,
sobald die Sonne sich 42° über den Horizont erhebt, ist *Bacon*
bekannt. Für das runde Sonnenbildchen, das entsteht, wenn die Sonne
durch unregelmäßige Öffnungen in dunkle Räume scheint, kann er keine
Erklärung finden. Das Licht erfordert nach seiner Meinung Zeit
und besteht nicht in einer Absonderung von Teilchen, da sonst die
leuchtenden Substanzen wie der Moschus sich verflüchtigen müßten. Zur
Erläuterung der Art, wie das Licht sich fortpflanzt, führt *Bacon*
folgenden, schon *Alhazen* bekannten Versuch an. Werden drei Lichter
vor die enge Öffnung eines Schirmes gestellt, so kreuzen sich die
Strahlen in dieser Öffnung. *Bacon* betrachtete dies als einen Beweis
dafür, daß sich die Spezies, d. h. dasjenige, worin er die Natur des
Lichtes erblickte, nicht vermischen. Wir würden dafür heute sagen, daß
die Lichtstrahlen, ohne sich gegenseitig zu stören, durch einen Punkt
hindurchgehen.

Der sechste Abschnitt ist der Wissenschaft vom Experiment gewidmet. Er
beginnt mit den Worten: »Ohne eigene Erfahrung (Versuche) ist keine
tiefere Erkenntnis möglich«[806]. Das Experiment wird hier schon als
das wichtigste Mittel hingestellt, die Theorie zu stützen und sie zu
neuen Folgerungen zu führen. Den Schluß des Werkes (7. Teil) bilden
Betrachtungen über die Aufgabe der Wissenschaft, die Menschheit nicht
nur zur Erkenntnis, sondern auch zu höheren sittlichen Zielen zu
leiten. Von besonderem Interesse ist die Stellung, die *Bacon* der
Mathematik gegenüber einnimmt. Er nennt sie das Tor und den Schlüssel
der übrigen Wissenschaften. Die mathematischen Grundwahrheiten sind
seiner Meinung nach dem Menschen eingeboren. Nur durch die Mathematik
können wir zur vollen Wahrheit gelangen[807]. In den übrigen
Wissenschaften herrscht umso weniger Irrtum und Zweifel, je mehr wir
sie auf die Mathematik zu gründen verstehen[808].

*Bacons* Schriften sind von phantastischen Ausblicken in die Zukunft
erfüllt. So schreibt er: »Es können Wasserfahrzeuge gemacht werden,
welche rudern ohne Menschen, so daß sie, während ein einziger Mensch
sie regiert, mit einer größeren Schnelligkeit dahinfahren, als wenn sie
voll schiffbewegender Leute wären. Auch können Wagen gebaut werden,
die ohne Tiere mit einem unermeßlichen Ungestüm in Bewegung gesetzt
werden«[809]. Wie *Bacon* sich indessen die Ausführung dieser Gedanken
dachte, gibt er nicht an. Es würde daher verfehlt sein, wollte man
solchen Aussprüchen, wie es wohl geschehen ist, eine weitergehende
Bedeutung beimessen.

Ferner finden sich Bemerkungen, auf Grund deren man *Bacon* die
Priorität hinsichtlich der Erfindung des Fernrohres zugeschrieben hat.
Da aber nicht erwiesen ist, daß Versuche oder auch nur eine klare
Einsicht in die Grundzüge der Konstruktion vorlagen, so sind solche
Ansprüche, die von englischer Seite herrühren, zurückzuweisen, ohne
daß hierdurch die Bedeutung des eigenartigen Mannes eine Schmälerung
erlitte. *Bacon* konnte in Wirklichkeit nicht einmal mit dem Gebrauch
der Brillen bekannt sein. Diese kamen wahrscheinlich erst um 1280
auf[810]. Wohl die erste handschriftliche Erwähnung findet sich in
einem Briefe vom Jahre 1299. Jemand sagt dort, daß er ohne Brille, die
vor kurzem zum Besten alter Leute mit geschwächtem Sehvermögen erfunden
sei, weder lesen noch schreiben könne.

Gleich allen seinen Zeitgenossen, war *Bacon* in dem Glauben an die
Möglichkeit der Metallveredelung befangen, wie er auch von dem Gedanken
durchdrungen war, daß die Gestirne einen Einfluß auf die Erde und das
Schicksal der Menschen ausüben.

Die astrologischen Lehren, zu denen das 13. Jahrhundert im Anschluß
an das Altertum und an das frühe Mittelalter gelangt war, finden
sich daher bei *Bacon* in großer Ausführlichkeit entwickelt. Die
Astrologie hatte damals ihren Höhepunkt erreicht. Später büßte sie an
überzeugender Kraft ein, bis sie im 17. Jahrhundert aus der gelehrten
Bildung ganz verschwand. Man muß sich eigentlich wundern, daß sich bei
einem im übrigen so hervorragenden Geist wie *Bacon* keine Zweifel
regten. Da die astrologischen Lehren besonders geeignet sind, den Geist
des Mittelalters zu kennzeichnen, soll noch einiges daraus in der ihnen
von *Bacon* gegebenen Fassung Platz finden.

Die Astrologen teilten den Himmel in zwölf »Häuser«. Jeder Planet
(Mond und Sonne eingerechnet) hat ein »Haus«, in dem er erschaffen
ist. Der Löwe ist das Haus der Sonne, der Krebs das des Mondes, die
Jungfrau dasjenige des Merkur usw. Jedem der fünf Planeten ist außerdem
noch eins der fünf übrigen Häuser zugeteilt. Jupiter und Venus sind
Glückssterne, Mars und Saturn Unglückssterne.

Von großem Einfluß sind die Konjunktionen der Planeten, d. h. ihr
Zusammentreffen in einem und demselben Hause. Solche Konjunktionen
zeigen Thronwechsel, Hungersnot und ähnliche Ereignisse an. Sie wirken
auch auf den einzelnen Menschen. Zwar sollen sie nicht den Willen
bestimmen. Wohl aber sollen die Himmelskräfte den Körper und, bei dem
engen Zusammenhang von Leib und Seele, auch letztere beeinflussen.

*Bacon* schloß sich auch den orientalischen Lehren an, nach welchen
bestimmte Planeten über gewissen Reichen dominieren, z. B. Saturn über
Indien, Jupiter über Babylon, Merkur über Ägypten, der Mond über Asien.
Vielleicht ist es auf astrologische Vorstellungen zurückzuführen, daß
der Halbmond das Abzeichen der Türkei geworden ist.

Was den chemischen Inhalt der *Bacon*ischen Schriften[811] anbetrifft,
so verdient hervorgehoben zu werden, daß *Bacon* ein Gemenge erwähnt,
dessen Entzündung eine furchtbare Erschütterung hervorbringe. Als einen
Bestandteil dieses Gemenges nennt er Salpeter[812]. Offenbar haben wir
es hier mit dem Schießpulver zu tun, das um diese Zeit von Ostasien her
seinen Weg nach Europa gefunden hatte. Es wurde zuerst in Bergwerken
zum Sprengen gebraucht[813]. Seit dem 14. Jahrhundert führte das Pulver
eine Umwälzung in der Art der Kriegsführung herbei, die von großem
Einfluß auf die politische Gestaltung Europas wurde[814].

Gewissermaßen gehört *Bacon* auch zu den geistigen Urhebern der großen
Entdeckungsreisen. Er vertrat nämlich die Ansicht, Asien erstrecke
sich so weit nach Osten, daß seine östliche Küste durch eine kurze
Fahrt über den atlantischen Ozean erreicht werden könne. Diese Ansicht
*Bacons* nebst ihrer Begründung nahm *Pierre d'Ailly* in sein »Imago
mundi« betiteltes Werk[815] auf. Und es ist bekannt, daß *Columbus*
später insbesondere auch durch das Lesen dieses Werkes zu seiner Fahrt
nach Westen angeregt wurde[816].

Aus allem geht hervor, daß wir es in *Bacon* mit einem hochbedeutenden
Menschen zu tun haben, der in der Entwicklung der Wissenschaften eine
hervorragende Rolle gespielt und die Bewunderung, die man ihm gezollt,
verdient hat[817]. *Bacon* ist einer der wenigen, das Dunkel des
christlichen Mittelalters durchdringenden Sterne. Daß er sich nicht
völlig von den Vorurteilen seiner Zeit frei zu machen wußte, darf die
Anerkennung, die wir ihm spenden müssen, nicht beeinträchtigen.


Auswüchse des mitteltalterlichen Denkens.

Auf dem Gebiete der Wissenschaften tritt die Eigenart des Mittelalters
besonders in den Bestrebungen der Astrologen und der Alchemisten
zutage. Astrologie und Alchemie sind Wörter, bei deren Klang man sich
sofort in jene Zeit, von der wir handeln, zurückversetzt fühlt. Nicht
nur die mit diesen Namen bezeichneten Pseudowissenschaften, sondern
mitunter auch Magie und Nekromantie waren damals Gegenstand von
Universitätsvorlesungen.

Die größten alchemistischen Torheiten bezüglich der Wirkung der Materia
prima oder des Steins der Weisen gingen von *Raymundus Lullus* aus.
*Lullus*, der Doctor illuminatissimus, wurde um 1230 geboren. Seine
Schriften, oder vielmehr was an solchen unter seinem Namen ging,
fanden besonders im 14. Jahrhundert zahlreiche Leichtgläubige. Als
eine Ausgeburt der Phantasie des *Lullus* begegnet uns seine Lehre von
der Multiplikation. Der Stein der Weisen verwandelt danach zunächst
die 1000fache Menge Quecksilber in Materia prima. Und dies konnte
mehrfach wiederholt werden, bis nach einer gewissen Abschwächung der
verwandelnden Kraft die Materia prima die 1000fache Menge Quecksilber
in reines Gold verwandelte. In Anbetracht derartiger Übertreibungen des
alchemistischen Gedankens kann es nicht wundernehmen, wenn er sich zu
dem Ausspruch verstieg: »Mare tingerem, si Mercurius esset« (das Meer
würde ich in Gold verwandeln, wenn es aus Quecksilber bestände).

Unter den Auswüchsen und Irrungen, die uns im Mittelalter begegnen,
sind neben der Alchemie, der Astrologie und der Magie der Hexenglauben
zu nennen. Auch von dieser so unheilvollen, in der Hand des kirchlichen
Fanatismus oft zur furchtbarsten Geißel[818] gewordenen Verirrung wurde
die Menschheit durch das Emporkommen einer naturwissenschaftlichen
Weltanschauung in Jahrhunderte dauerndem Kampf befreit. Zu den ersten,
die den Kampf gegen die Astrologie aufnahmen, zählt der in der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts lebende *Pico von Mirandola*.

*Pico von Mirandola* gehörte den humanistischen Gelehrten an, die
im allgemeinen der Astrologie zugetan waren, da letztere ja dem
späteren Altertum entsprungen war. Gehörte doch selbst *Melanchthon*
zu ihren Anhängern, während *Luther* sich von den Sterndeutereien
abwandte und sie für grobe Lügen erklärte, denen gegenüber man bei
seinem einfachen Verstande bleiben müsse. Aus diesem heraus ist auch
*Pico von Mirandolas* Einspruch hervorgegangen. Will man sich von der
Trüglichkeit aller Wahrsagerei überzeugen, so frage man die Sterndeuter
und die Handlinienbeschauer zu gleicher Zeit und sehe, wie sie
einander widersprechen. Ihre Wetterprophezeiungen sind nicht minder
unzuverlässig. So und ähnlich lauten seine Gründe. Daß der Himmel die
allgemeine Ursache des irdischen Geschehens sei, erkennt *Pico* an.
Alles Besondere müsse aber aus den nächstliegenden Ursachen erklärt
werden.

Über das Unheil, das die astrologische Lehre anrichtete, sagt *Pico*,
sie zerstöre die Philosophie, verfälsche die Heilkunde, untergrabe
die Religion, erzeuge den Aberglauben, begünstige die Abgötterei,
verunreinige die Sitten, verleumde den Himmel und mache den Menschen
zum unglücklichen Sklaven von Vorurteilen und Verführern.

Schon ein Jahrhundert vor *Pico* hat einer der größten unter den
Humanisten, *Francesco Petrarca*, den Kampf gegen die Astrologie, die
Magie und andere Ausflüsse des Aberglaubens geführt. Sein Bemühen war
jedoch nicht minder erfolglos gewesen wie dasjenige seines Nachfolgers.
Beide Männer haben indessen das Verdienst, daß sie den späteren
Geschlechtern die Waffen in diesem Kampfe geschmiedet haben[819].

Mit ähnlichen überzeugenden Gründen, wie *Pico von Mirandola* die
Astrologie, bekämpfte der Arzt *Jacob Weyer* den Hexenglauben und
die damit im Zusammenhange stehenden Verfolgungen. Er wies z. B.
nach, daß das Alpdrücken eine Folge körperlicher Zustände sei und
nicht etwa durch einen Dämon veranlaßt werde. Er erkannte die Rolle,
welche die Phantasie, sowie die Neigung der Frauen zur Hysterie beim
Zustandekommen abergläubischer Vorstellungen spielt. Doch fand er nur
wenig Anhänger und zahlreiche Widersacher. Die angeblichen Hexen wurden
noch bis in das 18. Jahrhundert hinein von Geistlichen, Inquisitoren
und der fanatisierten Menge verfolgt und verbrannt.

Das Heilmittel für all diese Gebrechen der Zeit konnten nur die
Naturwissenschaften sein. Sie waren zwar auf dem Marsche. Um die
Beseitigung von Aberglauben und Vorurteilen, sowie um Anerkennung als
Bildungsmittel für die breite Masse des Volkes mußten sie aber noch
lange, ja selbst bis auf den heutigen Tag ringen.


Die Naturwissenschaften im 14. Jahrhundert.

Von den naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Vorstellungen, die um
die Mitte des 14. Jahrhunderts herrschten, erhält man ein in mancher
Hinsicht zutreffendes Bild durch *Megenbergs* Buch der Natur.

*Konrad von Megenberg* wurde um 1309 in der Maingegend geboren. Er
empfing seine Vorbildung in Deutschland und Paris, wo er den Doktorgrad
erwarb. Darauf lehrte er in Wien und schließlich wirkte er als
Kanonikus in Regensburg. Dort schrieb er sein Werk, das er um 1350
bekannt gab[820]. Er starb in Jahre 1374.

*Megenbergs* Hauptquelle ist eine von *Thomas von Cantimpré* um 1250
verfaßte Schrift: Über die Natur der Dinge (De naturis rerum). Sie
bietet eine Übersicht über das damalige Wissen von den lebenden und
den leblosen Naturgegenständen. Und zwar ist *Cantimprés* Buch das
erste Werk dieser Art, welches das Mittelalter hervorbrachte[821].
In zwanzig Büchern behandelt *Thomas* die Anatomie des Menschen, die
Tiere, die Pflanzen, die Metalle und Edelsteine, die vier Elemente
und das Himmelsgewölbe mit den sieben Planeten. Das Werk ist indessen
nicht auf eigene Anschauung gegründet, sondern aus den verschiedensten
Schriftstellern geschöpft. Am meisten benutzt sind *Aristoteles*,
*Galen* und *Plinius*. Aber auch *Theophrast*, *Isidor von Sevilla*
und die Kirchenväter werden herangezogen.

*Megenbergs* Buch der Natur lehnt sich so eng an die besprochene
Schrift des *Thomas* an, daß es als eine gekürzte und dem Fortschritt
des seitdem verflossenen Jahrhunderts Rechnung tragende deutsche
Bearbeitung bezeichnet werden kann[822]. Doch hat *Megenberg*, wie
er ausdrücklich bemerkt, wenn ihn das Buch des *Thomas* im Stiche
ließ, auch andere Bücher benutzt. Dabei ist er durchaus kein bloßer
Kompilator. Er weist sogar manches, was *Thomas* unbeanstandet
aufnimmt, als unglaubwürdig zurück. Daß er trotzdem an Wunder,
Zauberei und Beschwörungen glaubt, muß man auf Rechnung des Geistes
seiner Zeit setzen. So ist das Buch *Megenbergs* eins der geeignetsten
Zeugnisse für das vor dem Wiederaufleben der Wissenschaften selbst
bei aufgeklärten Männern anzutreffende Fühlen und Denken. Einige
Mitteilungen aus dem Inhalt des Buches mögen dies des Näheren dartun.

Der erste Abschnitt betrifft den Menschen. Es sind die Lehren des
*Aristoteles* und des *Galen*, die uns hier in derjenigen Gestalt
begegnen, die sie durch spätere Schriftsteller erfahren haben[823].
Das Gehirn soll von Natur kalt, das Herz dagegen warm sein. Das
Gehirn liege oberhalb des Herzens, damit seine Kälte durch die Wärme
des Herzens gemildert werden könne. Die Natur lasse zuerst das Herz
entstehen und danach das Gehirn. Vom Auge heißt es, es sei von dünnen
Häuten umgeben. Diese umschlössen die kristallinische Feuchtigkeit,
auf welcher die Sehkraft beruhe. Der Sehnerv wird als eine hohle
Ader bezeichnet, deren Aufgabe es sei, den Augen die eigentliche
geistige Sinnestätigkeit zuzuführen. Man sieht, es sind verworrene
Vorstellungen, aus denen nicht ersichtlich ist, wie sich *Megenberg*
den Vorgang des Sehens eigentlich denkt. Über das Herz und die Lungen
äußert er sich mit folgenden Worten: Das Herz ist das erste Lebendige
und das letzte Organ, das stirbt. Es besitzt zwei Kammern, eine rechte
und eine linke. Sie bergen das Blut und die besonderen Geister,
welche das Leben bedingen. Die Geister und das Blut strömen durch
die Adern vom Herzen zu den übrigen Organen hin. Das Herz ist der
Lunge angelagert, weil die weiche Lunge durch ihre Tätigkeit, Luft
aufzunehmen, das Herz kühl halten kann, so daß es nicht in seiner
eigenen Hitze erstickt. Eine genauere Unterscheidung zwischen Adern,
Nerven und Sehnen findet auch bei *Megenberg* noch nicht statt.

Der zweite Abschnitt handelt »von den Himmeln und den sieben
Planeten«. Außerhalb des Firmaments, an dem die Fixsterne befestigt
sind, unterscheidet *Megenberg* noch zwei Sphären, den Wälzer und
den Feuerhimmel. Nach innen folgen die sieben Planetenhimmel, von
denen jeder nur einen Stern trägt. Alles bewegt sich in verschiedenen
Zeiträumen um den Mittelpunkt der Welt, die Erde. Jeder Planet hat
seine besonderen Eigenschaften und Wirkungen. So ist Jupiter warm und
trocken. Deshalb macht er das Erdreich fruchtbar und bringt ein gutes
Jahr, wenn er in seiner vollen Kraft und günstigsten Stellung scheint.
Mars ist heiß und trocken; daher erhitzt er der Menschen Herz und macht
sie zornig. Der Sonne werden fünfzehn Eigenschaften zugeschrieben, die
dann in allegorischer Weise auf die heilige Jungfrau bezogen werden.

Hinsichtlich der Kometen begegnen wir einer Auffassung, die von
*Aristoteles* bis zu *Tychos* und *Keplers* Zeiten die herrschende
blieb. Ein Komet ist danach kein eigentlicher Stern, sondern ein
»Feuer, das im obersten Luftreich brennt«. Genährt wird dieses
Feuer durch fettigen, der Erde entstammenden Dunst. Die Dauer des
Kometen hängt davon ab, wie lange dieser Dunst in hinreichender
Menge nachströmt. Betrachtete man die Kometen als atmosphärische
Erscheinungen, so war die Annahme, daß sie auf die Erde eine tiefere
Wirkung als die Gestirne ausüben, ganz folgerichtig. Der Komet muß für
das Land, dem er den Schweif zukehrt »ein Hungerjahr bringen, weil dem
Boden dort die Feuchtigkeit entzogen wird«. Die Milchstraße endlich
wird ganz zutreffend auf »zahlreiche, nahe beieinander befindliche
Sterne zurückgeführt, deren Schein vereint leuchtet«.

*Megenberg* bespricht dann die atmosphärischen Vorgänge. Der Wind wird
nicht etwa als eine Bewegung der Luft in ihrer ganzen Masse aufgefaßt,
sondern als ein »angesammelter irdischer Dunst« betrachtet, der sich
durch die Luft bewegt. Aus dem irdischen fetten Dunst, der gegen die
Wolken stößt, sucht *Megenberg* auch Blitz und Donner zu erklären.
Die Kraft des Anpralls bewirke die Entzündung, d. h. den Blitz. Der
Regenbogen endlich wird als eine Spiegelung des Sonnenlichtes in den
Wolken aufgefaßt. Durch die Annahme von Dünsten im Innern der Erde
wird, unter Zurückweisung alter Fabeleien, auch das Erdbeben erklärt.
Auf die in den Höhlen der Gebirge befindlichen Dünste sollen die
Gestirne, besonders Mars und Jupiter in der Art wirken, daß sie ihren
Andrang gegen die Wände der einschließenden Hohlräume vermehren.
Dadurch komme eine Erschütterung der Erde zustande. *Megenberg*
berichtet dann über ein starkes Erdbeben, das 1348 in den Alpen und in
Süddeutschland verspürt wurde. In demselben Jahre wurde Europa durch
den schwarzen Tod heimgesucht, das »größte Sterben, das je nach oder
vielleicht auch vor Christi Geburt dagewesen«. Allein in Wien seien
an dieser Seuche 40000 Menschen in wenigen Monaten zugrunde gegangen.
*Megenberg* ist nun geneigt, zwischen dem Erdbeben und jener Krankheit
einen ursächlichen Zusammenhang anzunehmen. Bei dem Erdbeben entweiche
nämlich giftiger Dunst aus dem Innern der Erde. Das Weltbild, das sich
das Mittelalter nach dem Vorgange der Alten geschaffen und wie es uns
in *Megenbergs* Schrift entgegentritt, wird durch eine Schilderung
der Tiere, der Pflanzen und der wichtigsten anorganischen Naturkörper
vervollständigt. Auf die Beschreibung des Tieres im allgemeinen, die
ganz im Geiste und oft in wörtlicher Übereinstimmung mit *Aristoteles*
gehalten ist, folgen Mitteilungen über das Aussehen und die Lebensweise
der einzelnen Geschöpfe. Von einer systematischen Einteilung nach
irgend welchen wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist dabei noch
keine Rede. Die Anordnung ist vielmehr die alphabetische. Auch wird
über manches Tierwunder berichtet, das sich später als eine Ausgeburt
der Phantasie älterer Schriftsteller erwiesen hat. So wird auch die
alte Geschichte des Physiologus von dem Walfisch, dessen Rücken für
eine Insel gehalten wird, wieder aufgefrischt. Manche Bemerkung über
einheimische Tiere beruht auf eigener Beobachtung oder wenigstens auf
der Beobachtung Mitlebender. Doch fehlen auch nicht Angaben alter
Schriftsteller, die ohne Nachprüfung aufgenommen werden, so heißt es
beim Pferde, *Aristoteles* sage, aus dem Haare dieses Tieres entstehe
im Wasser ein Wurm. Nicht selten wird aber derartigen Mitteilungen ein
treuherziges: »Das glaube ich nicht« hinzugefügt, so der Erzählung des
*Plinius*, daß der Luchs durch eine Wand zu sehen vermöge.

Die nächsten Abschnitte handeln -- gleichfalls in alphabetischer Folge
-- von den Bäumen und von den Kräutern. Die Beschreibungen beschränken
sich auf den äußeren Habitus der ganzen Pflanze und das Aussehen der
Früchte. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die physiologischen
Wirkungen, die von den Pflanzen ausgehen. Zur Erklärung dieser
wunderbaren Wirkungen genügt nach *Megenberg* jedoch nicht die Mischung
der in den Kräutern enthaltenen Elemente, sondern er nimmt daneben den
Einfluß der Gestirne an. Oft komme auch der Einfluß der heiligen Worte
in Betracht, mit denen man Gott anrufe, und durch die man die Kräuter
beschwöre und segne, wie man ja auch das Weihwasser einsegne.

Durch den göttlichen Willen haben auch die Steine wunderbare
Eigenschaften und Kräfte, vor allem besitzen sie einen segenbringenden
Einfluß. Manche Mineralien sind giftwidrig, ja sie zeigen sogar durch
Ausschwitzungen an, ob sich Gift in der Nähe befindet. Der Karneol
besänftigt den Zorn und stillt Blutungen. Offenbar wurde ihm seit
jeher diese Eigenschaft seiner roten Farbe wegen zugeschrieben. Auch
bei den übrigen Mineralien werden die Eigenschaften ganz obenhin
erwähnt, dagegen um so ausführlicher wird ihre Verwendung zu Amuletten
gewürdigt, ohne daß *Megenberg* Zweifel an der Richtigkeit der an
die Mineralien sich knüpfenden, damals herrschenden, abergläubischen
Vorstellungen kamen.

Wir haben das Buch der Natur etwas eingehender gewürdigt, weil eine
derartige Probe lehrreicher ist als lange Betrachtungen über den Geist
des Mittelalters. Erst wenn wir uns den geistigen Besitz und das Fühlen
und Denken jener Zeit an einem Schriftsteller wie *Megenberg* oder
*Thomas von Cantimpré* vergegenwärtigt haben, können wir den Umschwung
ermessen, der mit dem Wiederaufleben der Wissenschaften eintrat und
der neueren mit *Koppernikus*, *Galilei* und *Kepler* anhebenden
Naturforschung den Weg bereiten half.



10. Das Wiederaufleben der Wissenschaften.


Bis zur Beendigung der Kreuzzüge hatte Westeuropa unter einer
überwiegend kirchlichen Führung gestanden. Probleme religiöser und
scholastisch-philosophischer Art nahmen während dieser Zeit das Denken
vorzugsweise in Anspruch. Das nunmehr eintretende Sinken der Hierarchie
hatte zur Folge, daß man sich auch anderen Gegenständen zuwandte.

Es sind vor allem zwei mächtige neue Bewegungen von nie versiegender
Wirkung, welche die europäische Menschheit gegen den Ausgang des
Mittelalters ergreifen, die Wiederbelebung des klassischen Altertums
und die durch die Entdeckungsreisen erfolgende Ausdehnung des
geographischen Gesichtskreises über die gesamte Erde.

Vorbereitet wurde der große geistige Umschwung, dessen Vorboten bis
in das 13. Jahrhundert zurückreichen, durch einen wirtschaftlichen
Vorgang, nämlich durch das Emporblühen des Städtewesens. Vor allem
sind hier Pisa, Florenz, Venedig und Genua zu nennen. Diese waren
durch den Handel zu Wohlstand und Macht und schließlich sogar zu einer
meerbeherrschenden Stellung gelangt. Die Berührung mit sämtlichen
Völkern des Mittelmeeres, das Emporblühen der Kunst und der Gewerbe,
kurz die Erweiterung des gesamten Gesichtskreises brachten es mit sich,
daß an diesen Stätten die Nacht des Mittelalters zuerst der Morgenröte
eines neuen, besseren Tages wich.

Die ältere Geschichtsschreibung liebte es, die Renaissance als
ein fast blitzartiges Aufleuchten hinzustellen, wodurch das tiefe
Dunkel des Mittelalters verscheucht und von Italien aus das übrige
Europa allmählich erhellt worden sei. Es war dies die besonders
durch *Burkhardt*[824] vertretene Anschauung. *Burkhardt* stand
noch allzusehr unter dem Einflüsse *Vasaris*, des frühesten
Geschichtsschreibers der Renaissance. *Vasari*[825], der um die Mitte
des 16. Jahrhunderts schrieb, stand offenbar den von ihm geschilderten
Begebenheiten zeitlich noch zu nahe, um ein zutreffendes, allgemeines
Urteil fällen zu können. Auch war er bestrebt, die von ihm behandelte
Epoche der vorangehenden Zeit gegenüber in hellem Glanze hervortreten
zu lassen[826].

Die neuesten Forschungen über die Entwicklung des geistigen Lebens
und der Kunst lassen immer deutlicher erkennen, daß sich zwischen
Mittelalter und Renaissance keine scharfe Grenze ziehen läßt. Vielmehr
reicht die Bewegung, die wir mit dem Worte Renaissance kennzeichnen,
in ihren Anfängen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Auch war sie
keineswegs auf den Boden Italiens beschränkt. Erlebte sie auch dort
ihre höchste Blüte, so begegnet uns die Wiedergeburt der Künste und
der Wissenschaften doch auch in Frankreich, in Deutschland und den
Niederlanden. Und zwar lassen sich auch in diesen Ländern das Streben
nach selbständiger Auffassung und eine dadurch bedingte Abkehr von der
bisherigen Denkweise, gewissermaßen eine allmähliche Umwertung der
Werte, bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Dennoch darf man,
im Gegensatz zur älteren historischen Schule (*Burkhardt*, *Voigt*,
*Libri*) nicht so weit gehen, die Renaissance »als das Resultat und
die feinste Blüte des Mittelalters« zu bezeichnen[827]. Ist doch die
Renaissance, die wenn auch lange vorbereitete, allmähliche Überwindung
derjenigen Momente, welche das christliche Mittelalter kennzeichnen.
Als diese im geistigen Leben des Mittelalters überwiegenden
Momente werden stets gelten müssen: erstens die Unterordnung der
wissenschaftlichen und künstlerischen Betätigung unter den Einfluß der
Kirche, ferner die Herrschaft der Autorität des geschriebenen Wortes
und drittens die Abkehr von realistischer und die Versenkung in die
spiritualistische Denkweise.

Die Wiederbelebung der römischen und der griechischen Literatur
erfolgte seit dem 14. Jahrhundert in immer größerem Umfange und führte
zu einer wachsenden Vertiefung in den Geist der Antike. Es entstand
die Richtung, die man als den Humanismus bezeichnet. Brachte sie den
Naturwissenschaften auch keinen unmittelbaren Gewinn, so bewirkte
sie doch, daß mit den erwähnten mittelalterlichen Elementen, welche
das Denken bisher gefangen hielten, gebrochen und für die Behandlung
und die Darstellung wissenschaftlicher Gegenstände Vorbilder gewonnen
wurden. Es wurde, wie ein hervorragender Geschichtsschreiber der
Periode des Humanismus sagt[828], »die vergessene Tiefe der Vorzeit
heraufbeschworen und diese in ihren edelsten Schöpfungen noch einmal
durchlebt«. Das Land, wo der Humanismus seine erste Blüte erlebte, war
Italien. Dort waren nämlich die Scholastik, die romantische Poesie und
die gotische Baukunst nie zur vollständigen Herrschaft gelangt und
immer noch eine Erinnerung an das Altertum übrig geblieben, die endlich
im 15. Jahrhundert alle Geister ergriff und der Literatur ein neues
Leben einhauchte[829].

Auf dem Boden Italiens hatte die Berührung der antiken Welt mit
dem germanischen Elemente vorzugsweise stattgefunden. War Italien
dabei auch von vielen Völkern zertreten worden, so hatten sich doch
manche Reste und Vermächtnisse der alten Kultur in die neue Zeit
hinübergerettet. Die führenden Männer, denen wir die Wiederbelebung
dieser Keime verdanken, waren vor allem *Petrarka* und *Boccaccio*.
In den Beginn der großen literarischen Epoche, welche diese Männer
verkörpern, gehört der bewundertste Dichter der italienischen Nation,
*Dante*. Geboren wurde *Dante* 1265 in Florenz; er starb im Jahre
1321. *Dante* hat zwar von den besten römischen Dichtern, wie *Horaz*,
*Ovid* und *Vergil*, manche Anregung empfangen, doch gehört er noch
nicht zu den Erneuerern der alten Literatur. Seine Bildung beruht
vielmehr noch vorzugsweise auf dem Trivium und dem Quadrivium der
mittelalterlichen Philosophen. Der Geist, der aus *Dante* spricht, ist
aus der Vereinigung der Scholastik mit der provenzalischen Romantik
hervorgegangen. Und diesen Geist verrät auch sein geniales Meisterwerk,
die göttliche Komödie. Sie ist nicht nur als ein hervorragendes Werk
der Dichtkunst, sondern auch als eine Fundgrube für den Stand der
Kenntnisse zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu schätzen[830]. Es war
nicht viel mehr als eine dunkle Ahnung, mit der *Dante* das Wesen der
Antike erfaßte, in ihre Tiefen ist er noch nicht eingedrungen. Das
geschah erst durch *Francesco Petrarka*[831].

*Petrarkas* Vater besaß einige Schriften *Ciceros*. Sie und die
Dichtungen *Vergils*, die das Mittelalter nie vergessen hatte, kamen
dem jungen *Petrarka* in die Hände und wurden von ihm weniger des
Inhalts als des Wohllauts der Sprache und des beredten Ausdrucks wegen
mit Begeisterung gelesen. Da man nur einen kleinen Teil der Schriften
*Ciceros* besaß -- die Briefe z. B. waren in Vergessenheit geraten
--, so begann *Petrarka*, als er heranwuchs, nach den verschollenen
Werken des von ihm so hoch verehrten Schriftstellers zu suchen. Sein
Umherstöbern in alten Klosterbibliotheken wurde mit Erfolg belohnt.
Er selbst begab sich ans Abschreiben und wußte zahlreiche Männer in
den Dienst seiner Bestrebungen zu stellen. Nach Spanien, Frankreich,
Deutschland und Britannien, ja selbst nach Griechenland sandte er die
Aufforderung, nach bestimmten, verschollenen Schriften zu forschen.
Oft fügte er seinen Bitten und Mahnungen auch Geldbeträge bei. Die
Schriften der Alten wurden aber nicht nur gesammelt und vervielfältigt,
man betrachtete sie auch als Muster für den Ausdruck und bemühte sich,
den eigenen Ausdruck danach zu vervollkommnen.

*Petrarka* wandte sein Interesse nicht nur den Literaturwerken, sondern
auch allen übrigen antiken Überresten, wie Bauwerken, Münzen usw. zu,
an denen der Boden Italiens so reich ist. Auch auf die griechische
Kultur lenkten *Petrarka* und seine Nachfolger die Aufmerksamkeit des
Abendlandes. Zwar fehlte es im 14. Jahrhundert zunächst noch sehr an
der Kenntnis der griechischen Sprache. Hierin trat aber eine Änderung
nach dem Fall Konstantinopels ein, da viele griechische Flüchtlinge
infolge dieses Ereignisses sich nach Italien wandten. Der treueste
und eifrigste Jünger *Petrarkas* war *Giovanni Boccaccio*. Der Eifer
von den alten Schätzen zu sammeln, was noch zu retten war, wurde fast
durch die Besorgnis übertroffen, daß es schon zu spät sein möchte. Daß
diese Besorgnis sehr gerechtfertigt war, beweist *Boccaccios* Bericht
über seinen Besuch der Bibliothek zu Monte Cassino. Er fand sie in
einem vernachlässigten Raume und weder durch Schlösser noch durch Türen
abgesperrt. Als er die Codices öffnete, bemerkte er Verstümmelungen
aller Art. Weinend vor Unwillen verließ er den Raum. Seine Frage, warum
man die herrlichen Schätze so schmählich behandle, wurde von den
Mönchen dahin beantwortet, daß man das herausgeschnittene Pergament
zu Psaltern und Breven verwende, die an Frauen und Kinder verkauft
würden[832]. Und das geschah in Monte Cassino, einer Pflanzstätte der
Gelehrsamkeit.


Die Wissenschaften im Zeitalter des Humanismus.

Auf die Zeit des Beginns des Humanismus folgte seine Ausbreitung.
Sie geschah besonders durch Wanderlehrer und durch die Gründung von
Gelehrtenrepubliken nach platonischem Muster. Es ist als eine große
Tat der ersten Humanisten zu betrachten, daß sie die Fürsten, vor
allem die Mediceer, ja den gesamten Adel des Landes, aber nicht minder
das wohlhabende Bürgertum der italienischen Stadtrepubliken für ihre
Bemühungen zu begeistern wußten. Dies war um so schwieriger, als ja zu
jener Zeit die beweglichen Lettern noch nicht der Wissenschaft Flügel
verliehen hatten, sondern die gehobenen literarischen Schätze noch
durch Abschreiben vervielfältigt werden mußten. Per Humanismus fand
auch an den Universitäten und bei den kirchlichen Machthabern eine
Heimstätte. Vor allem war es Papst *Nikolaus* V., der nach mediceischem
Vorbilde große Mittel für literarische Bestrebungen hergab. Auf seine
Anregung hin wandte man sich besonders der griechischen Literatur
zu. An Stelle der alten scholastischen Bearbeitungen traten jetzt
im Abendlande die wirklichen aristotelischen und platonischen
Schriften. Papst *Nikolaus*, dem es in erster Linie auf das Sammeln
der Bücher ankam, der Begründer der großen, dem Ansehen des Papsttums
entsprechenden vatikanischen Bibliothek, zog viele griechische Gelehrte
nach Rom und ließ nach dem Fall Konstantinopels durch reisende Händler
zahlreiche Bücher in Griechenland und in Kleinasien aufkaufen. Seitdem
die humanistischen Bestrebungen durch *Nikolaus V.* ihren Mittelpunkt
in Rom gefunden hatten, dehnte sich ihr Einfluß auch nördlich von
den Alpen aus. Mit den Gelehrten waren zahlreiche griechische Texte,
darunter z. B. die Werke des *Archimedes*, von Konstantinopel nach
Italien gelangt. Der Humanismus erlebte jetzt nicht nur hier die Zeit
seiner höchsten Blüte, sondern auch im übrigen Europa, vor allem in
Deutschland, wo er durch den Kardinal *Nicolaus von Cusa* besonders
Eingang fand, sowie in England.

Hatte Papst *Nikolaus V.* die humanistischen Studien mehr aus
Liebhaberei und in der Absicht gefördert, Rom zum Mittelpunkt auch für
die geistigen Bestrebungen zu machen, so bestieg bald nach ihm in *Pius
II.*[833] ein wirklicher Humanist den päpstlichen Stuhl. Er wandte sich
der Geographie und der Geschichte zu, suchte beide Wissenschaften in
Beziehung zu setzen und schuf eine Kosmographie, die auch *Columbus*
angeregt hat[834].

*Pius II.* verdient um so mehr Anerkennung, als die übrigen
Humanisten dem wissenschaftlichen Vermächtnis des Altertums zunächst
wenig Interesse und Verständnis entgegenbrachten. Mathematik,
Naturwissenschaften und Medizin, kurz, strengere Wissenschaften fanden
nur geringe Beachtung. Der Humanismus war herrschende Mode geworden
und diese verlangte schöngeistige Leistungen. Das größte Gewicht
wurde bei allem literarischen Schaffen auf die Form gelegt, und durch
dieses Bestreben erlangte, wiederum unter der Führung *Petrarkas* und
*Boccaccios*, die heimatliche Sprache eine solche Vollendung, daß
*Galilei* und seine Schüler es vorzogen, in der Sprache ihres Landes
zu schreiben, während in Deutschland und den übrigen Ländern unter den
Gelehrten kaum jemand daran dachte, sich einer anderen Sprache als der
lateinischen zu bedienen.

Trotz aller Bestrebungen der Päpste, Rom zum Mittelpunkt der
humanistischen Bestrebungen zu machen, gebührt Florenz der Ruhm,
nicht nur die Wiege, sondern in der Folge auch der bedeutendste Hort
des Humanismus gewesen zu sein. Die Geschicke von Florenz hingen
während des gesamten 15. Jahrhunderts auf das Engste mit der über
ungemessene Reichtümer verfügenden, gleichzeitig aber für Kunst und
Wissenschaft begeisterten Familie der Mediceer zusammen. In *Cosmo* und
in seinem Enkel *Lorenzo*, dem »Prächtigen«, fanden die Künstler und
die Gelehrten Gönner, die ihren Bestrebungen nicht nur eine jederzeit
offene Hand, sondern auch ein volles Verständnis entgegenbrachten.
*Cosmo* selbst war der Stifter einer Akademie, in der sich die
geistig und künstlerisch hervorragenden Männer aneinanderschlossen.
Dem Beispiele der Päpste und der Mediceer folgte, wie nicht anders
zu erwarten, alles, was Anspruch auf Reichtum und vornehme Herkunft
machte. Auch die Frauen nahmen einen hervorragenden Anteil an dieser
Bewegung, die ihre Kehrseite leider in den politischen und sittlichen
Zuständen des damaligen Italiens fand. Die Freude, welche jene Bewegung
in ihrer Lebensfülle hervorruft, wandelt sich in Anbetracht mancher
Ergebnisse der neueren Geschichtsforschung mitunter in das Gefühl
des Schauderns, während die älteren Schilderer jenes Zeitalters jene
Kehrseite zu wenig beachteten und in dem Gemälde, das sie uns von der
Renaissance entwarfen, nur die lichten Seiten hervortreten ließen[835].

Es war für die weitere Entwicklung des geistigen Lebens von der größten
Bedeutung, daß mit dem Einsetzen der humanistischen Strömung die
Erfindung des Buchdrucks und die Errichtung der ersten Universitäten
auf deutschem Boden zusammenfielen. Das Universitätswesen war
im 13. Jahrhundert in Spanien, Italien, Frankreich und England
herangeblüht. In Deutschland fehlte es zwar nicht an Privat-, Pfarr-
und Stadtschulen, eine weitergehende wissenschaftliche Bildung und
akademische Würden konnten aber nur im Auslande erlangt werden. Eine
Änderung trat erst ein, als *Karl IV.*, gestützt auf Erfahrungen,
die er selbst in Paris gemacht hatte, die erste deutsche Universität
in Prag (1348) begründete. Noch in demselben Jahrhundert wurden die
Universitäten zu Wien (1365) und Heidelberg (1386) ins Leben gerufen.
Auch die norddeutschen Städte wollten nicht zurückstehen. Unter ihnen
sind vor allem Köln und Erfurt zu nennen, weil sie gleichfalls noch im
14. Jahrhundert in ihren Mauern Hochschulen gründeten.

Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Institute war, mit heutigem
Maßstabe gemessen, allerdings noch gering. Ihre wichtigste Aufgabe
erblickten sie in der Vorbildung der Geistlichkeit. Im Zusammenhange
damit war im Universitätswesen der geistliche Einfluß der überwiegende.
Die freie Forschung sollte sich an diesen Stätten erst allmählich und
mit Überwindung des hartnäckigsten Widerstandes entwickeln. Im 15.
Jahrhundert und weit darüber hinaus übte Hand in Hand mit der Kirche
die scholastische Philosophie eine fast unbestrittene, jedes freiere
Geistesleben einengende Herrschaft aus. Der Universitätsunterricht
regte nicht zum Forschen an, sondern er vermittelte wesentlich durch
Diktate und Disputierübungen Wortglauben und Autoritätsdünkel.

Durch das Eindringen des Humanismus in Deutschland wurden die deutschen
Universitäten wesentlich gehoben. Sie übernahmen die Pflege jener
neuen Richtung, wodurch ein freierer Zug in die bisherigen Stätten
scholastischen Gezänkes, theologischer Disputierwut und Unduldsamkeit
kam. Am erfreulichsten trat dieser günstige Einfluß in der Um- und
Fortbildung des Unterrichts in die Erscheinung. Man schuf bessere
Lehrbücher, ersetzte das Diktieren und Auswendiglernen durch fleißige
Lektüre der durch bessere Textkritik geläuterten, alten Schriften und
kehrte mit offenerem Blick zu den Erscheinungen zurück, die Natur-
und Menschenleben darboten. Auch das Emporblühen einer volkstümlichen
Kunst wirkte in dem Deutschland des 15. Jahrhunderts befreiend und
fördernd[836]. Erlebte doch Deutschland damals in *Albrecht Dürer*
eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft, wie wir sie in Italien an
*Lionardo da Vinci* bewundern.

Die hervorragendsten unter den Humanisten Mitteleuropas waren
*Agricola*, *Erasmus von Rotterdam*, dem wir die erste griechische
Ausgabe des Neuen Testaments verdanken, *Reuchlin*, der die hebräischen
Studien ins Leben rief, und *Melanchthon*. Letzterer entfaltete
eine ähnliche Tätigkeit wie *Rhabanus Maurus* und hat deshalb in
der Geschichte des Bildungswesens gleichfalls den Ehrentitel eines
Praeceptor Germaniae erhalten. Er setzte sich vor allem das Ziel,
in der Philosophie eine Reformation durch das Zurückgehen auf die
echten Schriften des *Aristoteles* zu bewirken, wie sie Luther in der
Theologie dadurch herbeizuführen suchte, daß er einzig und allein
das reine Evangelium als die wahre Quelle des religiösen Glaubens
hinstellte[837].

In Deutschland wurde *Wittenberg* zum Mittelpunkt des Humanismus. Von
hier ging auch, durch letzteren gefördert, diejenige freiere Gestaltung
des religiösen Lebens aus, die für das mittlere und nördliche Europa
einen Aufschwung von nie gesehenem Umfang einleiten sollte. Hatte
doch bis dahin die hierarchische Gewalt nicht nur die Normen für
den Glauben, sondern alle weltlichen Einrichtungen und Anschauungen
beherrscht. Daß diese Gewalt ins Wanken geriet, mußte nicht nur
in den Zuständen jener Zeit, sondern auch im Reiche der Gedanken
eine unermeßliche Veränderung hervorbringen[838]. Zu diesen beiden
Elementen, der Renaissance, die erst wieder »das Auge für den Menschen
und für die Dinge öffnete«[839] und als das Grundelement bezeichnet
werden muß, und zu der Reformation trat die Naturwissenschaft hinzu,
um im Verein mit ihnen die Weltanschauung und die Welt von Grund aus
umzugestalten. An die Stelle der Lehre wurde die Forschung und an die
Stelle des Himmels die veredelte Weltlichkeit gesetzt. Die Verheißung
lautete nicht mehr »Unsterblichkeit«, sondern »ewiger Ruhm«[840].

Der Angriff des Humanismus gegen die Scholastik ging besonders von
*Erasmus von Rotterdam* aus. Er machte den Kampf gegen die Scholastiker
der Klöster und der Universitäten zu seiner Lebensaufgabe. Sein »Lob
der Narrheit« ist voll Spott und Bitterkeit gegen die Fesseln, welche
die Philosophie und die Theologie jener Zeit beengten und jede freie
Regung erstickten[841]. Das Büchlein, das in zahllosen Auflagen
erschien und in viele Sprachen übersetzt wurde, hat besonders dazu
beigetragen, dem 16. Jahrhundert eine antiklerikale Richtung zu
geben[842]. Mit dem populären Angriff verband *Erasmus* den gelehrten.
Wie die Humanisten Italiens forderte er, man solle die Wissenschaften
aus den Schriften des Altertums erlernen, so die Naturgeschichte aus
*Plinius*, die Erdbeschreibung aus *Platon*, die Gottesgelehrtheit
nicht aus den Kirchenvätern, sondern aus dem neuen Testamente,
usw. Es war also noch kein Kampf gegen den Autoritätsglauben, der
mit den Humanisten anhob, sondern zunächst nur ein Zurückgehen auf
ursprüngliche, reinere Quellen. Indes schon diese Wandlung, obgleich so
maßvoll in ihren Zielen, ging nicht ohne den heftigsten Widerstand von
seiten der kirchlichen Scholastiker vor sich.

Mit welcher Erbitterung gekämpft wurde, zeigt uns der Lebensgang eines
*Hutten*. Daß es den Führern an Siegeszuversicht und an Begeisterung
für die große Sache nicht fehlte, bekundet uns derselbe *Hutten* durch
sein Wort: »O Jahrhundert, die Studien blühen, die Geister erwachen; es
ist eine Lust zu leben«[843]. Dieses Erwachen der Geister machte sich
zunächst weniger durch Neuschöpfungen geltend, als dadurch, daß man
den Unterricht naturgemäßer gestaltete und auf wertvolleren Grundlagen
errichtete, sowie vor allem dadurch, daß das ausschließlich kirchliche
Denken, die »hierarchische Weltansicht«, wenn auch nicht gebrochen, so
doch eingeschränkt und daneben wenigstens die Duldung anders gearteter
Ansichten erkämpft wurde.

Fast unvermittelt schloß sich an das Zeitalter des Humanismus für die
Naturwissenschaften die Periode an, die auch den alten Schriftstellern
keine unbedingte Autorität zuerkannte, mit dem Glauben brach und
an seine Stelle die freie, unabhängige Forschung setzte. Diese
Periode wird in Deutschland vor allem durch *Koppernikus* und durch
*Paracelsus*, sowie durch die Begründung der neueren Naturbeschreibung
(*Brunfels*, *Bock*, *Gesner* und *Agricola*) eröffnet. Mit dem Wirken
dieser Männer werden wir uns in den nächsten Abschnitten eingehend zu
befassen haben.

Die Wiederbelebung der Wissensschätze des Altertums kam auf
naturwissenschaftlichem Gebiete vor allem der Astronomie zu gute, für
welche selbst die Kirche immer ein, wenn auch zunächst nur praktisches,
Interesse bewiesen hatte. Kleriker wie Laien waren nämlich ängstlich
darauf bedacht, eine Verschiebung der Fasttage auf profane Tage,
wie sie jede Unvollkommenheit des Kalenders mit sich bringen mußte,
zu vermeiden. So waren, um ein Beispiel zu erwähnen, die Begleiter
*Magelhaens* in hohem Grade bestürzt, als sich nach der ersten
Weltumsegelung bei ihrem Eintreffen in Spanien aus der Schiffsrechnung
ergab, daß man um einen Tag hinter dem Kalender zurückgeblieben war und
infolgedessen zu unrechter Zeit gefastet hatte. Anfangs glaubte man
an einen Irrtum, bis man die Notwendigkeit einer solchen Erscheinung
einsah und infolgedessen später die Datumsgrenze einführte[844].


Nicolaus von Cusa.

Bei der Wiederbelebung der naturwissenschaftlichen Forschung spielte
in diesem Zeitalter der Kardinal *Nicolaus von Cusa* eine bedeutende
Rolle. Wie einst *Roger Bacon*, so machte er[845] Vorschläge zur
Verbesserung des Kalenders, sowie der alfonsinischen Tafeln, ohne
jedoch damit durchzudringen. *Nicolaus von Cusa* wurde im Jahre 1401
zu Cues an der Mosel als Sohn eines armen Fischers geboren. Seiner
Begabung wegen fand er Unterstützung, studierte in Padua und zeichnete
sich durch große, mit gewandtem Wesen vereinigte Gelehrsamkeit aus.
In päpstlichem Auftrage reiste er nach Konstantinopel und brachte von
dort wertvolle griechische Manuskripte nach Italien. Hier war er auch
mit dem fast gleichaltrigen *Paolo Toscanelli* (geb. 1397 zu Florenz)
bekannt geworden, welcher, durch die alten Schriftsteller angeregt, die
beobachtende Astronomie auf europäischem Boden zu neuem Leben erweckte.
*Toscanelli* hatte im Dome zu Florenz einen Gnomon angebracht, mit
dem er die Kulmination der Sonne auf die Sekunde genau zu ermitteln
vermochte. Die Einrichtung bestand in einer Platte, die sich 270 Fuß
über dem Boden des Domes befand. Sie besaß eine Öffnung, durch welche
ein Sonnenstrahl auf den Boden fiel. *Nicolaus von Cusa* zählte zu
den Schülern *Toscanellis*, der auch eine, leider verloren gegangene,
Seekarte entwarf. Sie ist sehr wahrscheinlich von *Behaim* bei der
Anfertigung seines Globus verwertet worden. Zur Zeit *Toscanellis*
kamen wahrscheinlich auch die ersten in Kupfer gestochenen Karten auf.
Daran schlossen sich noch vor Ablauf des 15. Jahrhunderts die ersten in
Holz geschnittenen und gedruckten Karten[846].

In Italien wurde *Nicolaus von Cusa* mit den aristotelischen Schriften
im griechischen Original bekannt, und zwar geschah dies zu einer Zeit,
als man in Deutschland nur die arabisch-lateinischen Bearbeitungen
des *Aristoteles* kannte. Die Folge war, daß *Nicolaus* sich um die
Ausbreitung des Humanismus in seiner deutschen Heimat sehr verdient
gemacht hat. Im Verein mit dem Papste *Nicolaus* V. bemühte er sich,
griechische Werke durch Übersetzung ins Lateinische zugänglicher zu
machen. So hat er an der Herausgabe des *Archimedes* auf Grund des
griechischen Originals hervorragenden Anteil genommen. Bei seiner
Beschäftigung mit Mathematik, Mechanik und Astronomie knüpfte er
überall an *Euklid*, *Archimedes* und andere alte Schriftsteller an. Er
war es auch, der zuerst unter den Neueren die eingewurzelte Ansicht,
daß die Erde der Mittelpunkt der Welt sei, erschütterte. Nach seiner
Lehre ist sie ein Gestirn und befindet sich, wie alles in der Natur, in
Bewegung.

Gleich einer Stelle aus dem Dialog des *Galilei* mutet es uns an, wenn
*Nicolaus von Cusa*[847] schreibt: »Es ist jetzt klar, daß die Erde
sich wirklich bewegt, wenn wir es gleich nicht bemerken, da wir die
Bewegung nur durch den Vergleich mit etwas Unbeweglichem wahrnehmen.«
Auf den Gedanken, daß die Fixsterne ein solches Unbewegliches sind,
kam *Nicolaus von Cusa* indessen nicht. Er würde sonst den Kern der
koppernikanischen Lehre vorweg genommen haben. »Wüßte jemand nicht,«
so fährt er fort, »daß das Wasser fließt und sähe er das Ufer nicht,
wie würde er, wenn er in einem auf dem Wasser dahingleitenden Schiffe
steht, bemerken, daß das Schiff sich bewegt? Da es daher jedem, er
mag auf der Erde, der Sonne oder einem anderen Sterne sich befinden,
vorkommen wird, als stände er im unbeweglichen Mittelpunkte, während
alles um ihn her sich bewege, so würde er in der Sonne, im Monde, im
Mars stehend, immer wieder andere Pole angeben.«

Die Bewegung der Erde um die Sonne hat *Nicolaus von Cusa* indessen
noch nicht gelehrt. Auch gründen sich seine Behauptungen oft mehr auf
allgemeine Überlegungen, denn auf Beobachtungen und mathematische
Schlüsse. Blieb somit sein System[848] auch weit von der Wahrheit
entfernt, so wurde doch zum erstenmal an der durch tausendjähriges
Bestehen geheiligten Autorität des *Ptolemäos* gerüttelt und der großen
Umwälzung, die 100 Jahre später durch *Koppernikus* auf dem Gebiete der
Astronomie eintrat, vorgearbeitet[849].

Auch um die Kartographie hat *Nicolaus von Cusa* sich Verdienste
erworben. Sogar der Versuch, eine Weltkarte zu entwerfen, rührt von
ihm her. Er bediente sich dabei der Kegelprojektion. Seine Karte, die
während der Renaissancezeit sehr geschätzt wurde, ist noch in mehreren
Exemplaren erhalten[850].

Auch mit mechanischen Dingen hat sich *Nicolaus von Cusa* beschäftigt.
So erdachte er zur Bestimmung der Tiefe eines Gewässers ein Bathometer.
Eine leichte Kugel sollte mit einem Gewichte beschwert und dadurch
zum Untersinken gebracht werden. Beim Berühren des Bodens sollte sich
das Gewicht loslösen und die Kugel emporsteigen. Aus dem für beide
Bewegungen erforderlichen Zeitaufwand konnte man dann die Tiefe des
Gewässers berechnen. *Nicolaus von Cusa* ist einer der ersten gewesen,
der verlangte, man solle bei allen Untersuchungen messend verfahren.
Er knüpft diese Bemerkung an seine Betrachtungen über die Wage[851]
und erläutert sie durch Beispiele. So heißt es, man könne leicht
feststellen, ob die Pflanzen ihre Nahrung aus der Luft oder aus dem
Boden bekämen. Man brauche nur die Samen und die erforderliche Menge
Erde abzuwägen und die Wägung nach dem Heranwachsen der Pflanze zu
wiederholen. Solche Anregungen blieben jedoch zunächst noch vereinzelt.
Sie wurden oft von denen, die sie aussprachen, nicht einmal verfolgt.
So sollten noch zwei Jahrhunderte verfließen, bis *Stephan Hales*
als der Erste die Methode des Wägens und des Messens in ausgedehnten
Versuchsreihen auf pflanzenphysiologische Vorgänge anwandte.


Lionardo da Vinci.

Ein ähnliches Verhältnis wie zwischen dem *Cusaner* und *Koppernikus*
begegnet uns auf dem Boden Italiens zwischen *Lionardo da Vinci* und
*Galilei*. *Lionardo da Vinci* wurde im Jahre 1452 in der Nähe von
Florenz geboren. (Er starb 1519.) Da er frühzeitig künstlerische
Begabung zeigte, führte ihn sein Vater einem Meister zu, bei dem
er malen und modellieren, sowie Metall gießen und Gold schmieden
lernte. Ein späterer Kunsthistoriker[852] erzählt, *Lionardo* sei die
Darstellung einer kleinen Nebenfigur auf dem Gemälde dieses Meisters
in solchem Grade gelungen, daß letzterer sich verschworen habe, keinen
Pinsel mehr anzurühren, weil ihn ein Knabe übertroffen. Im beginnenden
Mannesalter entwickelte *Lionardo* eine Vielseitigkeit sondergleichen.
Er vereinigte mit körperlichen Vorzügen ungewöhnliche Verstandesschärfe
und Genialität des künstlerischen Wirkens. Als Architekt, Bildhauer und
Maler hat er Werke von unübertroffener Schönheit geschaffen[853].

Der Herzog *Ludwig Sforza* zog *Lionardo* nach Mailand. Den Anlaß dazu
bot ein Sieg, den letzterer als Violinspieler in einem musikalischen
Wettstreit errungen hatte. Und wie lohnte der Künstler die fürstliche
Gunst! Er beteiligte sich mit Eifer an dem Bau des Mailänder
Domes und gründete, indem er schon damals seine Vorliebe für die
mathematisch-naturwissenschaftliche Richtung bekundete, eine Art
Akademie. Auch die Schöpfung des Abendmahles, jenes Kolossalgemäldes,
durch das sich *Lionardo* mit *Raphael* und *Michel Angelo* auf eine
Stufe stellte, fällt in die Zeit seines Aufenthalts in Mailand.

Später sehen wir *Lionardo da Vinci* an verschiedenen Orten seines
Vaterlandes als Ingenieur und Architekt mit Arbeiten großen Umfangs,
wie Kanalbauten[854], der Anlage von Befestigungswerken, sowie der
Anfertigung von Maschinen aller Art -- selbst Flugmaschinen fehlen
nicht -- beschäftigt. Aus dieser, auf das Praktische gerichteten
Tätigkeit erklärt es sich, daß er viel über mechanische Probleme
nachgedacht und Schriften darüber verfaßt hat, die allerdings infolge
ungünstiger Umstände die Entwicklung der Wissenschaften wenig
beeinflußt und erst in neuerer Zeit ihre Würdigung gefunden haben[855].
Diese Aufzeichnungen enthalten nämlich manche bemerkenswerten Ansätze,
die zu den Arbeiten *Galileis* hinüberleiten.

Zwölf Codices von *Lionardos* Manuskripten werden in der Bibliothek
der französischen Akademie aufbewahrt. Vorher befanden sie sich in
der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand. Von dort wurden sie 1796
von den Franzosen nach Paris gebracht, wo sie *Venturi* eingehend
studierte. Er bezeichnete die dreizehn Folianten mit den Buchstaben A
bis N. Im Jahre 1815 erhielt die Ambrosiana den Codex atlanticus (N),
der sich besonders mit technischen Dingen befaßt, zurück. Mit der
Veröffentlichung dieses wertvollen Nachlasses wurde erst 1881 begonnen:
Les manuscrits de *Lionarde de Vinci*, publiés en facsimilés avec
transcription littérale, traduction française etc. Im Druck erschienen
war vor dem Ende des 19. Jahrhunderts nur *Lionardos* Abhandlung über
die Malkunst (1651).

*Lionardos* wissenschaftliche und technische Bedeutung wurde
anfangs kaum beachtet. Erst nachdem *Libri* und *Venturi* darauf
hingewiesen hatten, fand *Lionardo* auch auf diesen Gebieten die
verdiente Anerkennung, die allerdings nicht selten in ein kritikloses
Überschätzen ausartete[856].

Unter den alten Schriftstellern, auf welchen *Lionardo da Vinci* fußt,
ist besonders *Heron* zu nennen. Er findet sich im Codex Atlanticus
auch zitiert. *W. Schmidt* wies darauf hin, daß manche Ausführungen
*Lionardos* augenfällig mit solchen der *Heron*schen Pneumatik
übereinstimmen (Math. Bibl. [3.] III. 180-187).

Eine genauere Untersuchung über die Quellen, welche *Lionardo* benutzt
hat, verdankt man dem französischen Physiker *P. Duhem* (Études sur
*Léonard de Vinci*, ceux qu'il a lus et ceux qui l'ont lu. Paris
1906.). Danach hat *da Vinci* weit mehr gelesen, als es den Anschein
hat. Er zitiert nämlich sehr selten. Infolgedessen kann man seine
Quellen nur schwer ermitteln.

Nach *Duhem* (Études sur *Léonard de Vinci*, Troisième série. Paris
1913) und nach den »Origines de la Statique« (2 Bde. Paris 1905/6)
desselben Verfassers hat die Scholastik auf dem Gebiete der Mechanik
weit mehr geleistet als man bisher anzunehmen geneigt war. *Duhem*
kommt zu dem Ergebnis, daß die dynamischen Lehren, die im 14.
Jahrhundert insbesondere von französischen Scholastikern ausgingen, die
Grundlagen gebildet haben, auf der *Galilei* und seine unmittelbaren
Vorgänger weiter arbeiten konnten. Bei der Beurteilung der Ergebnisse
*Duhems* darf aber nicht vergessen werden, daß der französische
Historiker dazu neigt, dasjenige besonders hoch einzuschätzen, was
für das eigene Land und Volk als rühmlich gelten kann. Unter den
Scholastikern, die zu richtigen dynamischen Vorstellungen gelangten,
ist auch *Albert von Sachsen* zu nennen. Er erkannte etwa 1368, daß der
freie Fall ein Beispiel für die gleichförmig beschleunigte Bewegung
sei. Man darf dabei aber nicht vergessen, daß es den Scholastikern mehr
um spekulative Definitionen als um die Untersuchung physikalischer
Vorgänge zu tun war[857].

Auf dem Gebiete der Mechanik stützte sich *Lionardo* auf *Heron*,
*Vitruv* und auf die mittelalterlichen Lehrbücher des *Jordanus
Nemorarius* und anderer. Die Lehre vom Erdschwerpunkt und die
Gleichgewichtstheorie der Meere läßt sich auf *Albert von Sachsen*
zurückführen, den *Lionardo* auch gelegentlich zitiert. Bezüglich der
Erklärung von Ebbe und Flut stützt sich *Lionardo* auf den Scholastiker
*Themon*. Andererseits hat *Lionardo* aber auch einen nachweisbaren
Einfluß auf *Roberval*, *Cardano*, *Palissy* und andere ausgeübt[858].

Bekannt ist *Lionardos* Ausspruch, daß die Mechanik das Paradies der
mathematischen Wissenschaften sei, weil man durch die Mechanik erst
zu den Früchten dieser Wissenschaften gelange. *Lionardo da Vinci*
handelt aber auch nach diesem Ausspruch, dessen Bedeutung erst die
nächsten Jahrhunderte in vollem Maße gewürdigt haben. So untersucht
er die Wirkung des Hebels für den Fall, daß die Kräfte in beliebiger
Richtung auf ihn wirken. Die Rolle und das Rad an der Welle werden auf
den Hebel zurückgeführt. Seine auf das Praktische gerichtete Tätigkeit
brachte es mit sich, daß er theoretisch und durch Versuche den
Einfluß untersuchte, den der Reibungswiderstand auf die Bewegung der
Maschinen ausübt. Es sind die ersten genaueren Untersuchungen dieser
Art, die uns bei *Lionardo* begegnen. Ferner werden der freie Fall und
der Fall auf der schiefen Ebene in Betracht gezogen, wenn auch hier
*Galilei* die erschöpfende Behandlung vorbehalten blieb. In einigen
Äußerungen *Lionardos* lassen sich schon die Keime des Trägheits- und
des Energiegesetzes erkennen; so, wenn er sagt, jedes Ding »trachte in
seinem gegebenen Zustande zu verharren« oder der bewegte Körper besitze
»Wirkungsfähigkeit« und »wuchte in der Richtung seiner Bewegung«.

Für die einfachen Maschinen sprach *Lionardo* schon das Prinzip aus,
daß die im Gleichgewicht befindlichen Kräfte sich umgekehrt wie die
virtuellen Geschwindigkeiten verhalten[859]. Seine klare Auffassung des
Beharrungsvermögens bezeugen folgende Sätze[860]: »Keine vernunftlose
Sache bewegt sich von selbst.« »Jeder Impuls neigt zu ewiger Dauer.«

Ferner stellt *Lionardo* die Möglichkeit des Perpetuum mobile[861] in
Abrede und entwickelt unter Ablehnung aller Wunder- und Geheimkräfte,
insbesondere der scholastischen qualitates occultae, den Kraftbegriff
in einem fast modernen Sinne. So heißt es bei *Lionardo da Vinci*:
»Kraft ist Ursache der Bewegung und die Bewegung ist die Ursache der
Kraft«. Wenn er letztere eine geistige Wesenheit nennt, die sich mit
den schweren Körpern verbinde, so erläutert er dies mit folgenden
Worten: »Geistig, sage ich, weil in ihr unsichtbares Leben ist, weil
der Körper, in dem sie geboren wird, weder in der Form noch im Gewichte
wächst. Die berührte Saite einer Laute bewegt ein wenig eine andere
gleiche Saite von gleicher Stimme einer anderen Laute. Du wirst dies
sehen durch Auflegen eines Strohhalmes auf die zweite Saite[862].«

[Illustration: Abb. 56. Lionardos Hygrometer.]

Beobachtungen, die *Lionardo* beim Wägen hygroskopischer Substanzen
machte, führten ihn zur Konstruktion eines, wenn auch noch recht
unvollkommenen Hygrometers. An den Enden eines zweiarmigen Hebels
brachte er zwei gleich schwere Kugeln an, von denen die eine mit
Wachs, die zweite dagegen mit Baumwolle überzogen war. Nahm die
Feuchtigkeit der Luft zu, so sank die zweite Kugel. Der Ausschlag
konnte auf einer ringförmigen Skala abgelesen werden.

Ein Seitenstück zu diesem Feuchtigkeitsmesser ist der von *Lionardo*
abgebildete und beschriebene Windmesser[863]. Er besteht aus einem
mit Gradeinteilung versehenen Quadranten, der, wie aus der Abbildung
ersichtlich ist, mit einer beweglichen Platte verbunden wird. Diese
wird durch den Wind gehoben, so daß man die jeweilige Stärke des Windes
auf der Gradeinteilung ablesen kann. Die gleiche Einrichtung besaß das
fast 200 Jahre später erfundene Pendelanemometer *Hookes*, der bisher
als der Erfinder dieses Instrumentes galt[864].

[Illustration: Abb. 57. Lionardos Windmesser.]

Auch die Theorie der Reibung und das schwierige Gebiet der
Festigkeitslehre[865] beschäftigten *Lionardo da Vinci*, der auf fast
allen Gebieten der Naturwissenschaft Anschauungen entwickelte, die
ihn als einen seine Zeit und deren Denken überragenden Geist erkennen
lassen.

So spricht er sich über die Rolle, welche die Luft bei der Verbrennung
und der Atmung spielt, mit folgenden Worten aus: »Wo eine Flamme
entsteht, da erzeugt sich ein Luftstrom um sie. Dieser dient dazu,
die Flamme zu erhalten. Das Feuer zerstört ohne Unterlaß die Luft,
durch die es unterhalten wird. Sobald die Luft nicht geeignet ist, die
Flamme zu unterhalten, kann in ihr kein Geschöpf leben. Die Flamme
disponiert zuerst die Materie, aus der sie entsteht, und kann sich dann
davon ernähren. Indem sie Nahrung für die Flamme wird, formt sie sich
in sie um.« Daß *Lionardo* mit diesen Erklärungen fast überall den
wahren Sachverhalt traf, setzt geradezu in Erstaunen. Um das Zuströmen
der Luft zu erhöhen und dadurch die Leuchtkraft zu vergrößern, erfand
*Lionardo* den Lampenzylinder. Auch die Idee des Fallschirmes, »mit
dem sich ein Mensch aus beliebiger Höhe herunterlassen könne«, ist auf
*Lionardo* zurückzuführen. Der Gedanke wurde erst dreihundert Jahre
später verwirklicht[866].

Auf die Versteinerungen und andere geologische Dinge, z. B. die
Entstehung der Schichten durch Ablagerung, sowie auf mineralogische
Fragen war *Lionardo* gelegentlich der Wasserbauten, die er als
Ingenieur ausführte, aufmerksam geworden.

Die Versteinerungen, die man, entgegen den Lehren der Alten, immer noch
meist für Naturspiele hielt, wurden von ihm als Überreste von Lebewesen
gedeutet.

Um *Lionardo* voll zu würdigen, muß man bedenken, daß er einem vom
Mystizismus noch ganz durchdrungenen Zeitalter angehörte. So mußte er
in seinen Betrachtungen über die Versteinerungen besonders die Ansicht
zurückweisen, daß die Versteinerungen als Naturspiele unter dem Einfluß
der Sterne hervorgebracht seien. Auch zwei andere Vorstellungen seiner
Zeit, die Quadratur des Zirkels und das Perpetuum mobile, bekämpfte
*Lionardo* schon mit wissenschaftlichen Gründen.

Seine Tätigkeit als Künstler hat ihn veranlaßt, sich eingehend mit
anatomischen Studien zu befassen. Zu diesem Zwecke setzte er sich mit
einem Arzte in Verbindung[867]. Die Frucht der gemeinsamen Tätigkeit
des Künstlers und des Naturforschers sind etwa 800 Bilder, die wir
als die ersten, naturgetreuen anatomischen Zeichnungen ansprechen
müssen[868]. Sie betreffen vor allem das Knochen- und das Muskelsystem.
Doch sind auch Abbildungen der inneren Organe (Herz, Leber usw.)
vorhanden.

*Lionardo* war wohl der erste, der sich eingehender mit Untersuchungen
über die Mechanik des Körpers beschäftigte. Er studierte die Beugung
und Streckung der Glieder, sowie das Gehen ganz im Sinne der heutigen
Physiologie. Ferner setzte er auseinander, wie die Beschäftigung auf
die Haltung wirkt, und welche Muskeln beim Werfen, Heben, Tragen usw.
in Betracht kommen. Mit Vorliebe belehrte er sich und seine Schüler
auf dem Fechtboden über die verschiedenen Bewegungen des Körpers. Aus
künstlerischem Drange hat sich *Lionardo* auch mit der Anatomie des
Pferdes beschäftigt[869].

Eine der wichtigsten unter den wissenschaftlichen Grundlagen der
Kunst hat *Lionardo* erst geschaffen. Das ist die Lehre von der
Perspektive, um die sich außer ihm auch die Brüder *van Eyck* und
*Battista Alberti* verdient gemacht haben. Daß die Alten mit den Lehren
der Perspektive nicht vertraut waren, haben schon *Lessing*[870] und
*Lambert* nachgewiesen. *Lambert* pries *Lionardo* als »den ersten,
der an die Verfeinerung der Malkunst und an die Perspektive gedacht«
habe. Dem Verfahren lag folgender Gedanke zugrunde. Bringt man zwischen
das Auge und den Gegenstand, den man perspektivisch richtig zeichnen
will, eine durchsichtige Tafel, so wird jeder Lichtstrahl die Tafel in
einem bestimmten Punkte schneiden. Die Gesamtheit dieser Schnittpunkte
gibt uns das perspektivische Bild, und die Lehre von der Perspektive
läuft darauf hinaus, wie man ein solches Bild zeichnet, ohne die zur
Erläuterung dienende Tafel zu benutzen.

Vom Auge handelt *Lionardo* eingehender im Manuskript D[871]. Seine
Ausführungen betreffen die Größe des Gesichtswinkels und den Vorgang
des Sehens. Aus Versuchen wird geschlossen, daß der Gesichtssinn
seinen Sitz in den Endigungen des Sehnerven habe (Manuskript D. S. 3).
Zu dieser Erkenntnis war übrigens auch schon *Roger Bacon* gelangt.
Im Manuskript C wird die Lehre vom Schatten durch viele Zeichnungen
erläutert. Hier wie überall finden sich nur Ansätze. Ihre Bedeutung
liegt darin, daß stets experimentell und geometrisch verfahren, und
daß jedes Problem frei von vorgefaßten Meinungen in Angriff genommen
wird.

Bemerkenswert sind auch *Lionardos* gelegentliche Äußerungen über
astronomische Gegenstände. Von der Erde heißt es, sie müsse den
Bewohnern des Mondes und anderer Gestirne als Himmelskörper erscheinen,
auch befinde sie sich nicht im Mittelpunkt der Sonnenbahn, ebensowenig
wie sie die Mitte des Weltalls einnehme. »Die Erde«, heißt es an einer
Stelle[872], »ist ein Stern ähnlich wie der Mond.« Und ferner: »Mache
Gläser, um den Mond groß zu sehen«[873].

[Illustration: Abb. 58. Lionardos Erläuterung des Sehens[874].]

Das Sehen führt *Lionardo* darauf zurück, daß das Auge nach Art einer
Camera obscura Bilder hervorbringe. Er erläutert dies in folgender
Weise: »Man lasse durch eine kleine Öffnung (Abb. 58, M) das Bild eines
beleuchteten Gegenstandes in ein dunkles Zimmer treten. Dann fange man
dieses Bild auf einem weißen Papier, das man in dem dunklen Raum nahe
der Öffnung anbringt, auf. Man wird dann den Gegenstand auf dem Papier
in seiner wirklichen Gestalt und Farbe sehen, aber viel kleiner und
umgekehrt. Es sei ABCDE der von der Sonne erleuchtete Gegenstand. ST
sei der Schirm, der die Strahlen auffängt. Weil die Strahlen gerade
sind, wird der von A ausgehende nach K, der von E ausgehende nach F
gelangen. Dasselbe findet bei der Pupille statt«. Dazu bemerkt er
noch beim Studium der Natur des Auges[875]: »Hier sind die Figuren,
die Farben, alle Wirkungen des Weltalls in einem Punkt gesammelt, und
dieser Punkt ist ein solches Wunder! O staunenswerte Notwendigkeit! Du
zwingst mit deinem Gesetz alle Wirkungen, auf kürzestem Wege an ihren
Ursachen teilzuhaben. Schreibe in deiner Anatomie, wie in dem winzigen
Raume des Auges das Bild der sichtbaren Dinge wiedergeboren wird und
sich in seiner Ausdehnung wiederherstellt«.

Ähnlich tief empfunden zeigt sich die Darstellung *Lionardos* an vielen
Stellen seiner Aufzeichnungen. Man wird an die später von *Fechner*
entwickelten Anschauungen erinnert, wenn man bei *Lionardo da Vinci*
liest, die Erde sei gleichsam ein organisches Wesen, das Meer ihr Herz
und das Wasser ihr Blut. Und wenn er schließlich das Wasser als den
»Kärrner der Natur« bezeichnet, so dürfte der moderne Geologe kaum
einen treffenderen Ausdruck für die Rolle des flüssigen Elementes
finden.

Die Sonne hielt *Lionardo* für einen sehr heißen Weltkörper. Auch wußte
er das sogenannte aschfarbene Licht des Mondes, das wir neben der
leuchtenden Sichel wahrnehmen, aus dem Wiederschein des von der Sonne
auf die Erde gelangenden Lichtes zu erklären[876].

Leider haben sich die Aufzeichnungen *Lionardo da Vincis* nirgends zu
einer abgeschlossenen, in sich abgerundeten Leistung verdichtet. Es
sind meist geistreiche, treffende Einzeleinfälle, die erst die neuere
Zeit voll Staunen über die Eigenart des Menschen, dem sie entstammen,
der Vergessenheit entrissen hat. Die gelehrte Zunft würde ihn wohl
schwerlich verstanden und gewürdigt haben. Für sie galt in erster
Linie die Autorität, die *Lionardo* mit den Worten geißelt: »Wer sich
auf die Autorität beruft, verwendet nicht seinen Geist, sondern sein
Gedächtnis«. »Das Experiment irrt nie«, ruft er den Zeitgenossen zu,
»sondern es irren nur eure Urteile«. Auf den Weg, den seiner Meinung
nach die Forschung zu gehen hat, weist *Lionardo* mit folgenden Worten
hin: »Der Interpret der Wunderwerke der Natur ist die Erfahrung. Sie
täuscht niemals; es ist nur unsere Auffassung, die zuweilen sich selbst
täuscht. Wir müssen die Erfahrung in der Verschiedenheit der Fälle und
der Umstände solange zu Rate ziehen, bis wir daraus eine allgemeine
Regel ziehen können. Wenngleich die Natur mit der Ursache beginnt und
mit dem Experiment endet, so müssen wir doch den entgegengesetzten Weg
verfolgen, d. h. wir beginnen mit dem Experiment und müssen mit diesem
die Ursache untersuchen«[877].

Diese Worte bekunden, daß *Lionardo* schon ein Jahrhundert vor
*Francis Bacon* die Induktion für die allein sichere Methode der
Naturwissenschaft hielt. Auf Grund dieser Erkenntnis vermochte er
es, einen bewunderungswürdig tiefen Einblick in die Natur zu tun.
Die Vorstellungen, zu denen er gelangte, blieben leider in seinen
Manuskripten vergraben, sonst würde sein Einfluß auf die Entwicklung
der neueren Naturwissenschaft ein ganz anderer gewesen sein, worauf
schon *A. v. Humboldt* hinwies.

Haben Männer wie *Lionardo da Vinci*[878] und *Nicolaus von Cusa* auch
keine derartigen Grundlagen für die weitere Entwicklung geschaffen,
wie *Koppernikus* und *Galilei*, welche das zur Ausführung brachten,
wozu jenen das volle Vermögen fehlte, so erkennen wir doch aus der
Betrachtung, die wir ihnen widmeten, daß das Wirken der großen
Begründer der Wissenschaft kein unvermitteltes ist und keineswegs
mit dem bisher Erstrebten und Erreichten außer Beziehung steht. Jene
Großen haben häufig das, was ihre Zeitgenossen zwar ahnten, aber nur
unvollkommen zum Ausdruck zu bringen vermochten, in voller Klarheit
erfaßt und so begründet, daß es zum unveräußerlichen Besitz der
Menschheit wurde. Auf dieser Errungenschaft bauten dann bescheidenere
Kräfte weiter, bis ihr unverdrossenes Mühen, das für den Fortgang der
Entwicklung aber unumgänglich nötig ist und nicht gering geachtet
werden darf, wieder einem der Großen auf dem Gebiete der Wissenschaft
den Weg geebnet. So hatte auch die Astronomie, bevor *Koppernikus* sein
Wirken begann, in Deutschland eine besondere Pflege durch *Peurbach*
und *Regiomontan* gefunden. Diese Männer, die ihrerseits wieder an die
Alten anknüpften, haben *Koppernikus* besonders dadurch vorgearbeitet,
daß sie die Beobachtungskunst förderten.


Das Wiedererwachen der astronomischen Wissenschaft.

Die Astronomie war zwar durch *Cusa* und *Toscanelli* zu neuem Leben
erweckt worden. An Einsicht und an Kenntnissen standen diese Männer
jedoch tief unter *Hipparch* und *Ptolemäos*. Die astronomische
Wissenschaft mußte zunächst wieder auf diejenige Höhe gebracht
werden, die sie im Altertum zur Zeit der Alexandriner besaß. Daß dies
geschah, war vor allem das Verdienst *Peurbachs*, des Begründers
der beobachtenden und rechnenden Astronomie im Abendlande[879].
*Georg Peurbach* wurde im Jahre 1423 in Oberösterreich geboren. Als
Zwanzigjähriger war er in Rom mit *Nicolaus von Cusa* in Berührung
gekommen. Um 1450 kehrte er nach Wien, wo er studiert hatte, zurück und
erhielt dort den Lehrstuhl für Astronomie und Mathematik.

*Peurbach* übersetzte den Almagest. Er erkannte, daß eine Verbesserung
der vorhandenen Planetentafeln die erste Bedingung für jeden weiteren
Fortschritt der Astronomie sei. Die Abweichungen, die sich zwischen
den alfonsinischen Tafeln[880] und *Peurbachs* Beobachtungen ergaben,
erreichten für den Mars z. B. Werte von mehreren Graden. Auch die
trigonometrischen Tafeln des Almagest erfuhren durch *Peurbach* eine
wesentliche Verbesserung, indem er statt der Sehne den Sinus einführte
und eine Berechnung für alle Werte von 10 zu 10 Sekunden unter
Zugrundelegung eines Radius von 60000 Einheiten lieferte.

[Illustration: Abb. 59. Peurbachs Quadratum geometricum[881].]

Für seine astronomischen Messungen benutzte *Peurbach* das »Quadratum
geometricum« (s. Abb. 59). Dies ist ein quadratischer Rahmen, an dem
ein bewegliches Lineal mit Dioptervorrichtungen angebracht ist. Die
Seiten des Quadrats waren in 120 Abschnitte eingeteilt. Auf diese
Weise ließ sich die Tangente des beobachteten Winkels mit ziemlicher
Genauigkeit ablesen.

Mit dem Almagest, dem Hauptwerk der griechischen Astronomie, war das
Abendland zuerst durch die im 10. und 11. Jahrhundert in Spanien
entstandenen arabischen Hochschulen bekannt geworden. Der Almagest,
die Schriften des *Euklid* und des *Aristoteles* wurden von hier
aus den Hochschulen des christlichen Abendlandes in lateinischer
Übersetzung zugänglich. Durch diese Übertragung und die Vermengung
mit Zutaten aller Art hatte der ursprüngliche Text natürlich manche
Änderung erlitten und dadurch viel von seinem Werte eingebüßt. Auch
die Astronomie der Griechen hatte durch die Araber keine wesentliche
Förderung, dagegen eine Vermengung mit astrologischen Zutaten erfahren
und so an wissenschaftlichem Gehalt Einbuße erlitten. Es war daher
ein wichtiges Ereignis, daß im 15. Jahrhundert das astronomische Werk
des *Ptolemäos* von Griechenland nach Italien gelangte. *Peurbach*
war zwar auf das griechische Manuskript aufmerksam geworden[882].
Er benutzte aber dennoch den aus dem Arabischen ins Lateinische
übersetzten minderwertigen Text, da er die griechische Sprache nicht
verstand. Erst sein begabter Schüler, sein Nachfolger auf dem Wiener
Lehrstuhl, *Johann Müller* aus Königsberg[883], genannt *Regiomontanus*
(1436-1476) fußte auf dem griechischen Text des Almagest. Er gab im
Jahre 1475 neue Tafeln heraus, die nicht nur für die Astronomie,
sondern auch für die Entdeckungsreisen jener Zeit ein wichtiges
Hilfsmittel wurden.

*Regiomontan* war ferner in Deutschland einer der ersten, der das
Studium der Algebra förderte. Auch soll er die alte Hypothese von
der Erdbewegung, die ihm schon wenigstens 60 Jahre vor *Koppernikus*
zu gleicher Zeit mit *Cusa* »in den Sinn gekommen sei, zum besseren
Verständnis der Astronomie wieder hervorgeholt haben«[884]. In
mechanischen Dingen, erzählt sein Biograph[885] weiter, war er
einer der ersten, der »eine künstliche Einrichtung mit Rädern, durch
welche die eigentliche Bewegung der Sterne wiedergegeben wurde, zu
vieler Verwunderung anfertigte«. Ferner stellte *Regiomontan* einen
parabolischen Brennspiegel von fünf Fuß Durchmesser aus Metall her.
*Regiomontans* Tafeln wurden von ihm als »Ephemeriden« bezeichnet. Sie
erschienen 1473, umfaßten den Zeitraum von 1474-1560 und enthielten
für Sonne und Mond die Längen- und außerdem für den Mond die
Breitenangaben. Ferner boten sie ein Verzeichnis der für die Zeit von
1475-1530 zu erwartenden Finsternisse.

Große Verdienste hat sich *Regiomontan* auch um die Trigonometrie,
die wichtigste Hilfswissenschaft der Astronomie, erworben. Er war es,
der die Tangensfunktion, mit welcher die Araber gleichfalls schon
vertraut waren, im Abendlande einführte. Ein weiterer Fortschritt
bestand darin, daß er sich der dezimalen Teilung bediente, indem
er für seine Tangententafeln den Radius r = 100000 zugrunde legte.
Unzweifelhaft schöpfte *Regiomontan* bei seiner Darstellung der
Trigonometrie auch aus arabischen Quellen. Doch ist der Zusammenhang
im einzelnen nicht mehr nachzuweisen, da er in der Darstellung wie in
der Fortbildung des empfangenen Wissenstoffes sehr selbständig verfuhr.
Sein trigonometrisches Hauptwerk »De triangulis« entstand 1464. Durch
letzteres lernte das Abendland den Sinussatz und die Tangensfunktion
kennen. Auch entwickelte *Regiomontan* als erster darin den allgemeinen
sphärischen Cosinussatz.

*Regiomontans* Tafeln waren in den Händen von *Bartholomäos Diaz*,
sowie in denen *Vasco da Gamas* auf seinem Wege nach Ostindien. Sie
halfen *Columbus* den neuen Weltteil entdecken. *Amerigo Vespucci*
benutzte sie, um 1499 Längenbestimmungen in Südamerika auszuführen.
So sehen wir, wie dasjenige, was der stille Gelehrte in einsamen
Nachtwachen erdacht und erforscht, die kühnen Seefahrer und
Konquistadoren befähigte, dem europäischen Teil der Menschheit die Erde
in ihrem ganzen Umfange zu erschließen. Trotz der schon um das Jahr
1200 erfolgten Einführung des Kompasses wagten nämlich die Portugiesen,
selbst nachdem Heinrich der Seefahrer die Entdeckungsreisen organisiert
hatte, zunächst nicht, von der Küstenschiffahrt abzugehen. Viele Jahre
kamen ihre Fahrzeuge nicht über Kap Bojador hinaus, weil man dort ein
Riff sah, dessen Brandung sich weit hinaus ins Meer erstreckte. Dem
Ungewissen, das die Wasserwüste des atlantischen Ozeans in sich barg,
vermochte man erst zu begegnen, nachdem die Astronomie der Schiffahrt
die zur Ortsbestimmung geeigneten Hilfsmittel verliehen hatte.

Zu diesen gehörte in erster Linie der Kreuz- oder Jakobsstab (siehe
Abb. 60), ein Werkzeug, das zum Messen von Winkeln auf bewegter
See geeigneter war als die von *Ptolemäos* und *Koppernikus*
benutzten Instrumente, unter denen das mit Kreisteilung versehene
Astrolabium[886] und das parallaktische Lineal an erster Stelle zu
nennen sind[887]. Der Kreuz- oder Jakobsstab mit verschiebbarem
Querriegel, den *Regiomontan* benutzte, besaß eine Länge von 2-1/2
Metern. Seine Anwendung hat man bis ins 14. Jahrhundert zurück
verfolgen können. Waren die erwähnten Meßinstrumente fest aufgestellt
und von hinlänglicher Größe, so ließen sich ziemlich scharfe Messungen
damit anstellen. *Tycho*, dessen Arbeiten infolge ihrer Genauigkeit
die Entdeckungen *Keplers* erst ermöglichten, berichtet, an seinen
Astrolabien noch eine sechstel Bogenminute abgelesen zu haben.

[Illustration: Abb. 60. Der Kreuzstab[888].]

Wahrscheinlich hat der Nürnberger *Martin Behaim* (1459 bis 1506), dem
man den ersten neueren Erdglobus verdankt, den Kreuzstab nach Portugal
gebracht und letzteren zu Messungen auf bewegter See empfohlen[889].
Aus Abbildung 61 ersehen wir den Gebrauch dieses Instrumentes. Der
Querstab a wurde so lange verschoben, bis das am Ende des Längsstabes b
befindliche Auge die beiden Gegenstände, deren Winkelabstand gefunden
werden sollte, über die Enden von a anvisierte; b trug eine Skala, von
der man unmittelbar die jeder Stellung entsprechenden Winkel ablesen
konnte. Mit einiger Zuverlässigkeit vermochte man indes um diese Zeit
nur die geographische Breite zu bestimmen. Hinsichtlich der Länge mußte
man sich mit einem Abschätzen begnügen. Die enge Beziehung, in welche
zu Beginn des neueren Zeitalters die Astronomie zur Nautik trat, war
beiden Gebieten sehr förderlich. Während der nächsten Jahrhunderte
wurde die Mitarbeit der Astronomen außerdem durch hohe Belohnungen
angeregt, welche die Schiffahrt treibenden Nationen auf die Lösung
praktisch wichtiger Aufgaben setzten. Geister ersten Ranges, wie
*Galilei* und *Euler*, verschmähten es nicht, ihre Arbeit in den Dienst
dieser Sache zu stellen.

[Illustration: Abb. 61. Schematische Erläuterung des Kreuzstabes.]

Den ersten, noch erhaltenen Globus, fertigte *Behaim* 1492 an[890].
Erhalten sind auch noch Globen aus den Jahren 1515, 1520 und
1532. *Mercator* machte aus der Herstellung vorzüglicher Erd- und
Himmelsgloben schon ein Gewerbe. Zu seinen Abnehmern gehörten Kaiser
Karl V. und andere Fürsten. Von *Mercator* herrührende Globen finden
sich noch in Duisburg, Nürnberg, Weimar und Wien[891].

Das Duisburger Museum, das sich bemüht, die Werke *Mercators* entweder
im Original oder in Nachbildungen zu erwerben, besitzt einen von
ihm verfertigten Erd- und Himmelsglobus. Sie wurden 1908 bei einem
toskanischen Edelmann gefunden und gelangten durch Kauf in den Besitz
des Museums. Der Erdglobus stammt aus dem Jahre 1541, der andere
ist 1551 hergestellt. Auf ihm sind die Sternbilder farbenprächtig
ausgeführt. Während die früheren Globen aus Holz oder Metall verfertigt
waren, benutzte *Mercator* eine Mischung aus Gips, Sägespänen und Leim,
die er auf eine aus Stäben hergestellte Hohlkugel auftrug.

Die Anregung zu den Entdeckungsreisen ist nicht nur auf die
Fortschritte der Astronomie und die Bedürfnisse des Handels, sondern
auch auf die Lektüre der alten Schriftsteller zurückzuführen.
Insbesondere gilt dies von *Columbus*. Die von den Alten
herrührenden Nachrichten, welche die allmähliche Ausdehnung ihres
geographischen Horizontes erkennen lassen, waren ihm durch das
Weltbuch *Alliacos*[892] geläufig geworden. Je weiter die Alten die
östlichen Grenzen Asiens hinaus verlegt hatten, um so größer war die
Wahrscheinlichkeit, daß eine Fahrt nach Westen bald zu bewohnten
Ländern führen würde.

Dieser Gedanke erfüllte außer *Columbus* besonders den italienischen
Astronomen *Toscanelli*, dessen Lieblingsprojekt die Verbindung
Europas und Asiens auf dem Seewege nach Westen war. *Toscanelli*
war der Meinung, daß die asiatische Küste höchstens 120 Längengrade
von Lissabon entfernt sein könne. Er stand mit *Columbus* in
Briefwechsel und hat ihn in einem Schreiben vom 25. VI. 1474 von
der Durchführbarkeit des Gedankens, der ihn erfüllte, zu überzeugen
gewußt. Nach allem, was an eigenen und fremden Überlegungen, von
denen sich *Columbus* leiten ließ, bekannt geworden, muß man seine
Entdeckungsreisen über die früheren Unternehmungen dieser Art stellen.
Welche Schwierigkeiten es zu überwinden galt, braucht hier nicht
des näheren erörtert zu werden. Erinnert sei nur an die Versammlung
zu Salamanca, welche den Plan des *Columbus* prüfen sollte. Was mag
letzterer wohl empfunden haben, als man ihm entgegenhielt, wenn es auch
gelingen sollte, zu den seiner Ansicht nach vorhandenen Gegenfüßlern
hinunter zu fahren, so würde es doch unmöglich sein, wieder nach
Spanien hinauf zu gelangen?

Daß sich trotz des gelehrten, am Buchstaben klebenden Dünkels, der
nicht etwa nur diese Versammlung erfüllte, das Neue siegreich Bahn
brach, ist vor allem der Erfindung der Buchdruckerkunst, sowie dem
Umstande zu verdanken, daß man im Latein eine Weltsprache besaß, die
einen raschen Austausch der Gedanken zwischen den Angehörigen aller
Völker ermöglichte.

Es war um 1450, als *Gutenberg* das erste, mit beweglichen Lettern
hergestellte Buch herausgab. In Paris, in Nürnberg und an anderen Orten
entstanden darauf große Druckereien, die für die damalige gelehrte
Welt arbeiteten. Mit der Ausbreitung des Buchdruckes verringerte sich
allmählich der Abstand zwischen dem zunftmäßigen Gelehrten- und dem
Laientum. Die Errungenschaften des Forschens und Denkens wurden immer
mehr zu einem Gemeingut.

Eins der glänzendsten Beispiele für die Vereinigung geistigen und
gewerblichen Schaffens und für das Zusammengehen des gebildeten
Bürgertums mit Künstlern und Gelehrten bot vor allem Nürnberg,
wo vorübergehend auch *Regiomontan* und *Behaim* wirkten. Für
*Regiomontan* errichtetete ein Nürnberger Kaufherr mit fürstlicher
Freigebigkeit eine Sternwarte, die von hervorragenden Mechanikern mit
Astrolabien, Armillarsphären und anderen astronomischen Instrumenten
ausgerüstet wurde. Öffentliche Vorträge belebten das Interesse für
die Mathematik und die Naturwissenschaften. Eine im Jahre 1470, kurz
vor der Ankunft *Regiomontans* in Nürnberg gegründete Druckerei wurde
bald die bedeutendste in Deutschland[893]. *Behaim* übermittelte die
gewonnenen astronomischen Kenntnisse den seefahrenden Völkern. Er hielt
sich von 1480-1484 in Portugal auf, zur Zeit, als auch *Columbus* dort
weilte, und stand den Portugiesen bei ihren Unternehmungen zur Seite.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß *Diaz*, *Columbus* und *da Gama* ihm
die Bekanntschaft mit den Ephemeriden *Regiomontans*, sowie manche
Belehrung über die Kunst, nach der Beobachtung der Sterne zu segeln,
verdanken[894].

Man darf jedoch neben den gelehrten Deutschen, die hier, wie so oft
in der Entwicklung der Wissenschaften, wohl den Gedanken, aber nicht
die Tat brachten, den Portugiesen *Pedro Nunez* aus Coimbra nicht
vergessen. Er war es, der zuerst ein Werk schuf, in dem die Nautik auf
wissenschaftliche Grundlagen gestellt wurde (De arte atque ratione
navigandi). Er war es ferner, der die Genauigkeit der Ablesung an den
astronomischen Instrumenten verbesserte. Der Nonius wird nach ihm
fälschlich so benannt. Der Erfinder dieser Einrichtung ist *Pierre
Vernier* (1580-1637).


Die Wiederbelebung der Naturbeschreibung.

Auch die beschreibenden Naturwissenschaften, die Zoologie und die
Botanik, erfuhren gegen den Anfang des Mittelalters manche Förderung.
Das Wiederaufleben der alten Literatur, insbesondere das Bekanntwerden
mit den zoologischen Schriften des *Aristoteles*, den man vorher ja nur
aus arabischen und lateinischen Bearbeitungen kannte, war auch hier
von Einfluß. Noch wichtiger war es aber, daß man sich immer mehr mit
offenen Sinnen der eigenen Beobachtung zuwandte und nach naturgetreuer
Darstellung des Gesehenen strebte. Erinnert sei nur an die oben
erwähnten anatomischen Abbildungen *Lionardo da Vincis*. Die Ausdehnung
des geographischen Gesichtskreises führte dazu, daß man schon gegen
den Ausgang des Mittelalters mit zahlreichen neuen Tieren und Pflanzen
bekannt wurde. Das Wiederaufleben des wissenschaftlichen Sinnes machte
sich auf dem Gebiete der Botanik nicht nur durch die zunehmende Neigung
für eigenes Beobachten, sondern auch durch das allmähliche Zurücktreten
der Rücksicht auf die Nutzanwendung der Pflanzen geltend. Das
Beobachtungsvermögen wurde insbesondere durch zwei Umstände gefördert.
Es waren dies die Einrichtung botanischer Gärten und die Anfertigung
von Herbarien.

Den ersten botanischen Garten der neueren Zeit legte ein venetianischer
Arzt[895] im Jahre 1333 an, nachdem ihm die Republik dazu einen wüsten
Platz überlassen hatte. Der erste Universitätsgarten begegnet uns in
Padua. Er wurde 1545 gegründet. Einige Jahre später folgte Pisa. Und
noch während des 16. Jahrhundert ahmten viele Universitäten des übrigen
Europas das von Italien gegebene Beispiel nach[896].

Nicht minder wichtig für die Erweckung selbsttätiger Beobachtung
und Forschung war das Aufkommen der Herbarien. Ein eigentlicher
Erfinder dieser Einrichtung läßt sich wohl nicht angeben. Die ersten
Nachrichten über umfangreichere Sammlungen getrockneter Pflanzen
stammen aus dem 16. Jahrhundert[897]. Die älteste Anweisung zur
Einrichtung von Herbarien begegnet uns nach *Meyer* (Gesch. der
Botanik. Bd. IV. S. 267) indes erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts.
»Im Winter«, heißt es dort, »muß man, da fast alle Pflanzen umkommen,
die Wintergärten betrachten. So nenne ich die Bücher, in denen man
getrocknete Pflanzen, auf Papier geklebt, verwahrt.«

Ein weiteres Mittel, die Beobachtung anzuregen, war das Abbilden von
Pflanzen und anderen Naturkörpern. Zwar, das Altertum hatte sich
dieses Mittels ebenso bedient wie der Pflanzengärten. Kennt man doch
noch heute mit Abbildungen versehene Ausgaben des *Dioskurides*, die
aus dem 6. Jahrhundert stammen. Während des Mittelalters hatte die
philologische Gelehrsamkeit und der Autoritätsglauben indessen die
Wissenschaft in solchem Maße überwuchert, daß die Kunst, das Studium
der Natur durch Abbildungen zu fördern, erst wieder zu neuem Leben
erweckt werden mußte.

Zu den ältesten gedruckten Büchern mit Abbildungen von Naturkörpern
gehört auch *Konrad Megenbergs* »Buch der Natur«, auf das wir schon
an anderer Stelle eingegangen sind. *Megenbergs* Buch enthält
in Holzschnitt hergestellte, charakteristische Abbildungen von
Säugetieren, Vögeln, Bäumen und Kräutern, unter denen sich z. B.
Ranunculus acris, Viola odorata, Convallaria majalis und andere recht
gut erkennen lassen. Allerdings fehlt es bei der Beschreibung der
Meeresungeheuer, der wunderlichen Menschen und anderer Dinge nicht
an Abbildungen, die nur als fratzenhafte Phantasieerzeugnisse gelten
können.

Erwähnenswert ist auch der gegen 1485 erschienene »Ortus sanitatis«
(Garten der Gesundheit), der zahlreiche, oft nachträglich kolorierte
Abbildungen enthält, von denen manche der Natur ziemlich nahe kommen,
während die Abbildungen exotischer Pflanzen meist erfunden sind[898].

Wir haben hiermit die Betrachtung desjenigen Zeitabschnitts beendet,
in dem das Wiederaufleben der Wissenschaften anhob. Zwar stützte
man sich noch auf allen Gebieten auf die seit der Mitte des 15.
Jahrhunderts aus reinerer Quelle fließenden Kenntnisse der Alten. Doch
gab man sich nicht mehr wie früher gänzlich der Autorität gefangen.
Selbstbeobachten, eigenes Forschen wurde in den hervorragendsten Köpfen
dieses Zeitalters zum Losungswort. Und wenn auch noch kein neues
Gebäude der Wissenschaften erstand, so wurde doch auf allen Gebieten
mit den Vorarbeiten begonnen und die Tätigkeit des nachfolgenden
Zeitalters erst ermöglicht, dessen Aufgabe es war, die Fundamente der
neueren Naturwissenschaft zu legen.

Wenn wir uns die hier skizzierte Entwicklung vergegenwärtigen, welche
die Wissenschaft seit ihrem Wiederaufleben im 14. und 15. Jahrhundert
genommen, so sehen wir, daß sie nicht mehr in solchem Maße wie früher
von den Geschicken eines oder einiger Völker abhängt, sondern daß
ihr Gang stetiger und weniger als bisher durch gewaltsame Ereignisse
der äußeren Geschichte beeinflußt erscheint. Die Geschichte der
Wissenschaften ist auch in der Folge nicht so eng mit dem Gange der
Weltgeschichte verknüpft wie in den früheren Perioden, in denen wir
häufig genötigt waren, das Verständnis der Wissenschaftsgeschichte
durch Heranziehen der allgemeinen Geschichte zu erschließen.



11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch
Koppernikus[899].


Das 16. Jahrhundert war auf allen Gebieten eine Zeit der Vorbereitung.
Nur zögernd und langsam, gleichsam tastend, entwickelte sich während
dieses Zeitraumes die neuere Methode der Naturforschung. Das 17.
Jahrhundert bietet uns dagegen das Schauspiel eines nie vorher
gesehenen Siegeslaufes unter der Führung eines *Galilei*, *Kepler*
und *Newton*. Nunmehr vollzog sich die innige Verschmelzung der
Naturwissenschaften mit der Mathematik, sowie die Ausgestaltung einer
streng induktiven Forschungsweise. Durch diese beiden Momente wurde
ein Umschwung herbeigeführt, wie ihn die Geschichte der Wissenschaften
nicht wieder erlebt hat.

Das wichtigste Ereignis des 16. Jahrhunderts ist die Aufstellung
des heliozentrischen Weltsystems durch *Koppernikus* und die
hierdurch herbeigeführte Umgestaltung des gesamten Weltbildes.
*Nicolaus Koppernikus* wurde am 19. Februar (alten Stils) des Jahres
1473 in Thorn geboren. Polen und Deutsche haben sich um den Ruhm
gestritten, ihn zu den Ihren zählen zu dürfen. Ein solcher Streit
ist müßig. *Koppernikus* war einer der großen Geister, die durch ihr
Wirken der Welt gehören. Tatsache ist, daß Thorn zur Zeit seiner
Geburt unter polnischer Oberhoheit stand, im übrigen aber, was den
gebildeten Teil der Bevölkerung anbetraf, eine deutsche Stadt war.
Die Mutter des *Koppernikus* ist deutscher Abkunft gewesen. Über
die Stammeszugehörigkeit des Vaters läßt sich dagegen keine sichere
Entscheidung treffen. Soviel ist jedoch gewiß, daß *Koppernikus* selbst
in seinem Fühlen und Denken ein Deutscher war und sich in allen
Dokumenten, die auf uns gelangt sind, wenn er nicht Latein schrieb, der
deutschen Sprache bediente.

Nachdem *Koppernikus* das Vaterhaus verlassen, bereitete er sich in
Krakau für den medizinischen Beruf vor. Bei der Vielseitigkeit, mit
der man in früheren Jahrhunderten die Universitätsstudien betrieb,
wurde er indes auch mit der Mathematik und mit der Astronomie vertraut.
Auf letzterem Gebiete genoß die Universität Wien, wo *Peurbach* und
*Regiomontan* gelehrt hatten, einen vorzüglichen Ruf. Dorthin begab
sich deshalb nach Beendigung seiner medizinischen Studien der spätere
Reformator der astronomischen Wissenschaft. Zum Glück für letztere
war *Koppernikus* nicht gezwungen, sofort dem ärztlichen Berufe
nachzugehen. Er war nämlich dadurch günstig gestellt, daß sein Oheim
mütterlicherseits, der Bischof von Ermeland, sich seiner annahm und
ihm später eine Domherrenstelle des Frauenburger Kapitels verschaffte.
Von 1495-1505 hielt sich *Koppernikus* meist in Italien auf. Dort
war im Zeitalter der Renaissance die Astronomie emporgeblüht. In
Florenz war unter den Mediceern die erste Akademie nach platonischem
Vorbild entstanden. Sternwarten wurden errichtet und Lehrstellen
geschaffen. In Italien hatte auch *Nicolaus von Cusa* seine Anregungen
empfangen und sie von dort nach Deutschland verpflanzt. Diesem Vorbild
folgte *Koppernikus*, indem er sich in Italien fast ein Jahrzehnt
in der praktischen Astronomie vervollkommnete. Doch ist aus diesem
langen Abschnitt seines Lebens, der für die Entwicklung seiner
wissenschaftlichen Vorstellungen ohne Zweifel von großer Bedeutung
gewesen ist, sehr wenig bekannt geworden. Auch von den astronomischen
Hilfsmitteln, deren sich *Koppernikus* bediente, weiß man nur wenig.
Jedenfalls besaßen sie keinen hohen Grad von Genauigkeit. Wie die
astronomischen Instrumente im Zeitalter des *Koppernikus* beschaffen
waren, erfahren wir aus dem von dem Astronomen *Apian*[900] um jene
Zeit verfaßten »Instrument-Buch«.

Der Gedanke, der seinem System zugrunde liegt, bemächtigte sich des
*Koppernikus*, sobald er in der Blütezeit des Mannesalters selbständig
forschend an die Natur herantrat. Diesen Gedanken zu verfolgen und
zu begründen, erschien ihm als eine Aufgabe, wohl wert, sein ganzes
übriges Leben in stiller Forscherarbeit ihr zu widmen. Seit der im
Jahre 1505 erfolgten Rückkehr aus Italien bis zu seinem Tode am 24. Mai
des Jahres 1543 blieb er deshalb, von einigen kleinen Reisen abgesehen,
in seinem Bistum. Ein beschauliches Leben hat *Koppernikus* jedoch in
dieser Zurückgezogenheit nicht geführt. Die Zeit, welche ihm die mit
dem Domherrnamt verbundenen Pflichten übrig ließen, war der Armenpraxis
in Frauenburg und der sorgfältigen Ausarbeitung jenes großen Werkes
gewidmet, in dem er seine Theorie, sowie die jahrelangen Beobachtungen,
auf die er sie stützte, niedergelegt hat.

Das für die neuere Astronomie grundlegende Hauptwerk des *Koppernikus*
erhielt den Titel »Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper«. In
der an den Papst gerichteten Vorrede wird der Anlaß zu dem Werke und
seine Geschichte mitgeteilt. Wir erfahren daraus, daß die Schrift »bis
in das vierte Jahrneunt hinein«[901] verborgen blieb, bis sie zum
Druck gelangte. Obgleich *Koppernikus* um das Jahr 1530 den Ausbau der
heliozentrischen Lehre beendet hatte, schwankte er, ob er mit seinen
Ansichten an die Öffentlichkeit treten sollte. »Die Verachtung«, sagt
er, »die ich wegen der Neuheit und der scheinbaren Widersinnigkeit
meiner Meinung zu befürchten hatte, bewog mich fast, das fertige Werk
beiseite zu legen.«

Jedoch hatten befreundete Astronomen, sowie Geistliche, die sich mit
Astronomie beschäftigten, Kenntnis von dem Werk erhalten. Ihrem Drängen
nach Veröffentlichung setzte *Koppernikus* nicht nur aus dem erwähnten
Grunde anfangs Widerstand entgegen, sondern er zögerte auch, weil ihn
der Wunsch beseelte, wirklich Besseres an die Stelle des Vorhandenen
zu setzen. Kam es ihm doch vor allem darauf an, der beobachtenden
Astronomie einen Dienst zu erweisen und ihr das neue Lehrgebäude in
einem solch vollkommenen Zustande zu übermitteln, daß es an die Stelle
des alten, mit den praktischen Bedürfnissen eng verwachsenen Systems
treten konnte. Von einem völligen Gelingen blieb *Koppernikus*, wie
er wohl selbst am besten wußte, indes noch weit entfernt. Auch mochte
er wohl ahnen, welchen Sturm sein Versuch entfesseln sollte. Galt es
doch, einer seit Jahrtausenden geheiligten Anschauung den Boden zu
entziehen[902] und an ihre Stelle eine neue Lehre zu setzen, welche
der bisher den wesentlichsten Teil der Welt ausmachenden Erde eine nur
bescheidene Stelle unter zahllosen Körpern gleichen, ja selbst höheren
Ranges einräumte. Ganz zu geschweigen der Gefahr, der eine solche
Neuerung ausgesetzt war, als ketzerisch verdammt zu werden.

Erst ein Jahr vor seinem Tode vermochte man *Koppernikus* zur
Herausgabe seiner »Kreisbewegungen«[903] zu bestimmen. *Osiander*,
welcher den in Nürnberg erfolgenden Druck des Buches überwachte, hielt
es, ohne von *Koppernikus* hierzu ermächtigt zu sein, für geraten,
in einer besonderen Einleitung das Ganze als eine bloße Hypothese
hinzustellen. Wenn die Wissenschaft Hypothesen ersinne, so beanspruche
sie damit keineswegs, daß man nun auch davon überzeugt sei. Sie
wolle nur eine Grundlage für ihre Berechnungen schaffen. Hypothesen
brauchten also nicht einmal wahrscheinlich zu sein. Es genüge vielmehr,
daß sie eine Rechnung ermöglichen, die zu den Beobachtungen paßt.
Mit diesen Ausführungen hat *Osiander* dasjenige, was wir heute als
bloße Arbeitshypothese bezeichnen, durchaus richtig gekennzeichnet.
Daß eine Abschwächung seiner Lehre jedoch durchaus nicht im Sinne
des Verfassers lag, geht aus der von *Koppernikus* herrührenden
Vorrede deutlich genug hervor. Er sei, sagt er, entgegen der Meinung
der Astronomen, ja beinahe gegen den gemeinen Menschenverstand
dazu gekommen, sich eine Bewegung der Erde vorzustellen. Zu dieser
Annahme habe ihn der Umstand veranlaßt, daß die Astronomen bei
ihren Untersuchungen sich über die Bewegungen der Himmelskörper gar
nicht einig seien und die Gestalt der Welt und die Symmetrie ihrer
Teile bisher nicht hätten finden können. Man habe zur Erklärung der
astronomischen Erscheinungen die verschiedensten Arten von Bewegungen
angenommen. Die einen bedienten sich nur der konzentrischen, die
anderen der exzentrischen und epizyklischen[904] Kreise. Doch sei das
Erstrebte dadurch nicht erreicht worden. Endlich habe er durch viele
und fortgesetzte Beobachtungen gefunden, daß, wenn die Bewegungen der
übrigen Wandelsterne auf einen Kreislauf der Erde bezogen, und dieser
dem Kreislauf jedes Gestirns zugrunde gelegt werde, nicht nur die
Erscheinungen der Wandelsterne daraus folgten, sondern daß dann auch
die Gesetze und Größen der Gestirne und ihre Bahnen so zusammenhingen,
daß in keinem Teile des Systems ohne Verwirrung der übrigen Teile und
des ganzen Weltalls irgend etwas geändert werden könne. Die Astronomen
möchten die neue Lehre prüfen, und er zweifle nicht, daß sie ihm
beipflichten würden. Damit aber Gelehrte und Ungelehrte sähen, daß er
durchaus niemandes Urteil scheue, so wolle er sein Werk lieber dem
Papste als irgend einem andern widmen.

Die Anregung zu seinem System empfing *Koppernikus* offenbar aus
den Schriften der Alten. Nachdem er über die Unzulänglichkeit der
bestehenden Theorien nachgedacht, durchforschte er alle Schriften,
deren er habhaft werden konnte, um festzustellen, ob nicht irgend
jemand einmal andere Ansichten als die herrschenden über die Bewegungen
der Weltkörper geäußert habe. Da fand er denn zuerst bei *Cicero*,
daß *Nicetas* geglaubt habe, die Erde bewege sich. Nachher fand er
auch bei *Plutarch*, daß andere ebenfalls dieser Meinung gewesen
seien. Hierdurch veranlaßt, fing er an, über die Bewegung der Erde
nachzudenken, obgleich diese Ansicht ihm zuerst selbst widersinnig zu
sein schien.

Indessen nicht nur unbestimmte Meinungen, sondern auch einen recht
brauchbaren Ansatz zu seiner Theorie fand *Koppernikus* bei den Alten
vor. Es war ihm nämlich die Meinung einiger alten Schriftsteller
begegnet, daß Venus und Merkur sich um die Sonne als ihren Mittelpunkt
bewegten und deswegen von ihr nicht weiter fortgehen könnten, als es
die Kreise ihrer Bahnen erlaubten. *Koppernikus* nennt *Martianus
Capella* (5. Jahrhundert nach Chr. Geb.) als seinen Gewährsmann. Es
heißt bei ihm: »Venus und Merkur bewegen sich nicht um die Erde, die
nicht für alle Planetenbahnen den Mittelpunkt bildet, wenngleich sie
unzweifelhaft der Mittelpunkt der Welt ist. Beide Planeten gehen zwar
täglich auf und unter, sie bewegen sich aber um die Sonne. In dieser,
die viel größer als die Erde ist, haben sie ihren Bahnmittelpunkt.«
*Martianus Capella* verlegte gleich anderen Berichterstattern den
Ursprung der erwähnten Lehre nach Ägypten. Neuere Forschungen haben
jedoch den Beweis geliefert, daß sie auf *Herakleides Pontikos*, einen
Schüler *Platons*, zurückzuführen ist[905]. *Herakleides* war auch
darin ein Vorläufer des *Koppernikus*, daß er die tägliche, scheinbare
Bewegung der Himmelkugel aus einer Drehung der Erde von West nach
Ost erklärte. Ihre Fortsetzung fanden diese Lehren durch *Aristarch
von Samos*. *Aristarch*[906] setzte die Sonne, die er für 300 mal
so groß wie die Erde hielt, in den Mittelpunkt und ließ die Erde
sich in jährlichem Umlauf um die Sonne bewegen. Die heliozentrische
Weltansicht war dem Altertum also wohl bekannt. Sie fand sogar den
Beifall vieler, trug indes ihrem Urheber, ganz ähnlich, wie es später
den ersten erklärten Anhängern des koppernikanischen Systems erging,
von gegnerischer Seite eine Anklage wegen Gottlosigkeit ein. Doch
konnte die heliozentrische Theorie im Altertum nicht recht Wurzel
schlagen, da sie noch nicht imstande war, den Anforderungen der
praktischen Astronomie zu genügen. Letztere erblickte ihre Aufgabe ja
weniger darin, die beobachteten Bewegungen der Sonne, des Mondes und
der Planeten zu erklären, als sie genau zu messen und im voraus zu
bestimmen.

Indem nun *Koppernikus* von der Ansicht des *Martianus Capella* ausging
und Saturn, Jupiter und Mars auf denselben Mittelpunkt, die Sonne
nämlich, bezog, gleichzeitig aber die große Ausdehnung der Bahnen der
genannten Planeten berücksichtigte, die außer den Bahnen des Merkur
und der Venus auch die der Erde umschließen, gelangte er zu seiner
Erklärung der Planetenbewegung. Es stehe nämlich fest, führt er des
weiteren aus, daß Saturn, Jupiter und Mars der Erde immer dann am
nächsten seien, wenn sie des Abends aufgingen, d. h. wenn sie in
Opposition zur Sonne ständen, oder die Erde sich zwischen ihnen und
der Sonne befinde. Dagegen seien Mars und Jupiter am weitesten von der
Erde entfernt, wenn sie des Abends untergingen, wir also die Sonne
zwischen ihnen und der Erde hätten. Dies beweise hinreichend, daß
der Mittelpunkt ihrer Bahn die Sonne und somit derselbe sei, um den
auch Venus und Merkur kreisen. Da somit alle Planeten sich um einen
Mittelpunkt bewegen, sei es notwendig, daß der Raum, der zwischen dem
Kreise der Venus und dem des Mars übrig bleibe, die Erde mit dem sie
begleitenden Monde aufnehme. Er scheue sich daher nicht, zu behaupten,
daß die Erde mit dem sie umkreisenden Monde zwischen den Planeten
einen großen Kreis in jährlicher Bewegung um die Sonne durchlaufe. Auf
solche Weise finde die Bewegung der Sonne in der Bewegung der Erde ihre
Erklärung. Die Welt aber sei so groß, daß die Entfernung der Planeten
von der Sonne, mit der Fixsternsphäre verglichen, verschwindend klein
sei. Er halte dies alles für leichter begreiflich, als wenn der
Geist durch eine fast endlose Menge von Kreisen verwirrt werde, was
diejenigen herbeiführten, welche die Erde in den Mittelpunkt der Welt
setzten.

[Illustration: Abb. 62. Das koppernikanische Weltsystem.

(Aus Koppernikus' Werk über die Bewegung der Weltkörper.)]

*Koppernikus* bringt dann die vorstehend wiedergegebene Abbildung (62)
seines Weltsystems und erläutert sie mit folgenden Worten: »Die erste
und höchste von allen Sphären ist diejenige der Fixsterne, die sich
selbst und alles übrige enthält und daher unbeweglich ist. Es folgt der
äußerste Planet, Saturn[907], der in 30 Jahren seinen Lauf vollendet;
hierauf Jupiter mit einem zwölfjährigen Umlauf; dann Mars, der in zwei
Jahren seine Bahn beschreibt. Die vierte Stelle nimmt der jährliche
Kreislauf ein, in dem die Erde mit der Mondbahn enthalten ist. An
fünfter Stelle kreist Venus in neun Monaten. Den sechsten Platz nimmt
Merkur ein, der in einem Zeitraum von 80 Tagen seinen Umlauf vollendet.
In der Mitte aber von allem steht die Sonne. Denn wer möchte in diesem
schönsten Tempel diese Leuchte an einen anderen oder besseren Ort
setzen?«

»So lenkt in der Tat die Sonne, auf dem königlichen Throne sitzend,
die sie umkreisende Familie der Gestirne. Wir finden also in dieser
Anordnung einen harmonischen Zusammenhang, wie er anderweitig nicht
gefunden werden kann. Denn hier kann man bemerken, warum das Vor- und
Zurückgehen beim Jupiter größer erscheint als beim Saturn und kleiner
als beim Mars und wiederum bei der Venus größer als beim Merkur.
Außerdem, warum Saturn, Jupiter und Mars, wenn sie des Abends aufgehen,
der Erde näher sind als bei ihrem Verschwinden in den Strahlen der
Sonne. Vorzüglich aber scheint Mars, wenn er des Nachts am Himmel
steht, an Größe dem Jupiter gleich zu sein, während er bald darauf
unter den Sternen zweiter Größe gefunden wird. Und dies alles ergibt
sich aus derselben Ursache, nämlich aus der Bewegung der Erde. Daß aber
an den Fixsternen nichts davon in die Erscheinung tritt, ist ein Beweis
für die unermeßliche Entfernung dieser Sterne, eine Entfernung, welche
selbst die Bahn der Erde oder das Abbild dieser Bahn am Himmel für
unsere Augen verschwinden läßt[908].«

Die Grundlagen seines Systems hat *Koppernikus* am klarsten in einem
»kurzen Abriß«[909] niedergeschrieben, den er wahrscheinlich schon bald
nach 1530 verfaßte. Er stellt diese Grundlagen in folgenden Sätzen
zusammen:

 1. Es gibt nur einen Mittelpunkt für die Gestirne und ihre Bahnen.

 2. Der Erdmittelpunkt ist nicht auch der Mittelpunkt für die Welt,
 sondern nur für die Mondbahn und für die Schwere.

 3. Alle Planeten bewegen sich um die im Mittelpunkte ihrer Bahnen
 stehende Sonne. In sie fällt also der Weltmittelpunkt.

 4. Der Abstand Erde -- Sonne ist gegenüber dem Durchmesser des
 Fixsternhimmels verschwindend klein.

 5. Was als eine Bewegung am Himmel erscheint, leitet sich von einer
 Bewegung der Erde her. Sie dreht sich nämlich täglich völlig um ihre
 Axe. Dabei behalten ihre beiden Pole dauernd dieselbe Lage bei.

 6. Was uns als eine Bewegung der Sonne erscheint, leitet sich auch
 nicht von diesem Gestirn, sondern von der Erde und ihrer Bahn her, in
 der sie sich um die Sonne ebenso bewegt, wie die übrigen Planeten es
 tun.

 7. Das Vorschreiten und Zurückbleiben der Planeten ist nicht ihre
 eigene, sondern nur eine Folge der Erdbewegung.

Wie die ältere, so entsprach auch die neuere, von *Koppernikus*
entwickelte Theorie den Beobachtungen bei weitem nicht in dem Maße, als
ihr Begründer anfangs hoffen mochte. Es lag das daran, daß er gleich
den Alten daran festhielt, die Bewegung der Himmelskörper erfolge
gleichmäßig und im Kreise. *Aristoteles* hatte dies gelehrt. Für ihn
und alle, die sich nach ihm mit der Astronomie befaßten, *Koppernikus*
eingeschlossen, war dies ein von vornherein feststehender Satz. Die
Welt ist kugelförmig, die Erde ist gleichfalls kugelförmig, die
Bewegung der Himmelskörper erfolgt gleichmäßig, ununterbrochen und im
Kreise. So lauten die Überschriften der wichtigsten Abschnitte des
koppernikanischen Werkes. Und warum verhält es sich so? Weil Kreis
und Kugel die vollkommensten Formen sind und kein Grund für eine
ungleichförmige Bewegung vorliegt, lautet die Antwort. Auch *Kepler*
war, wie wir sehen werden, anfangs in dem erwähnten Vorurteil befangen.
Ihm gelang es aber, sich davon frei zu machen. Als er eingesehen,
daß die Beobachtungen sich mit den hergebrachten Anschauungen nicht
in Einklang bringen ließen, machte er die Annahme, daß sich die
Planeten nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen und daß ihre
Bewegung ungleichförmig sei. Jetzt waren alle Widersprüche, in denen
die heliozentrische Theorie sich den Beobachtungen gegenüber befand,
gelöst, und diese Theorie damit erst lebensfähig geworden. Was ihr
Begründer gut zu erklären wußte, waren vor allem das scheinbare
Zurückgehen und Stillstehen der Planeten, sowie die Veränderungen
in der scheinbaren Größe dieser Himmelskörper, die besonders beim
Mars beträchtlich sind. Zur Erklärung anderer Ungleichmäßigkeiten
blieb jedoch nichts weiter übrig, als auf die Epizyklentheorie
unter Beibehaltung der Sonne als Mittelpunkt des ganzen Systems
zurückzugreifen.

Wir erkennen, daß eine neue Wahrheit bei ihrer Entdeckung selten
vollendet ist. Sie geht gewöhnlich nicht aus dem Hirn eines einzelnen,
sondern als Errungenschaft des Geistes einer Zeit aus den Bemühungen
mehrerer, oft sogar zahlreicher Forscher und Denker hervor.


Aufnahme und Ausbreitung der heliozentrischen Lehre.

Für die Richtigkeit seines Weltsystems konnte *Koppernikus* noch keine
schlagenden Beweise, sondern lediglich die größere Einfachheit ins Feld
führen. Dem Einwand, daß die jährliche Bewegung der Erde sich in einer
scheinbaren Veränderung der Fixsternörter offenbaren müsse, wußte er
nur dadurch zu begegnen, daß er diese Himmelskörper in eine Entfernung
versetzte, gegen welche der Durchmesser der Erdbahn verschwindend
klein sei. Das Einzige, was *Koppernikus* den Angriffen seiner Gegner
gegenüberstellen konnte, waren Gründe der Vernunft. »Es ist«, sagt er,
»wahrscheinlicher, daß die Erde sich um ihre Achse dreht, als daß alle
Planeten mit ihren verschiedenen Entfernungen, alle herumschweifenden
Kometen und das unendliche Heer der Fixsterne dieselbe regelmäßige
vierundzwanzigstündige Bewegung um die Erde ausführen«.

Eigentliche Beweise, sowohl für die Drehung als auch für den Umlauf
der Erde, haben erst spätere Jahrhunderte gebracht und dadurch die
koppernikanische Lehre auf den Rang einer unumstößlichen Wahrheit
erhoben[910]. Neben ihrer Einfachheit konnte *Koppernikus* für seine
Theorie wie *Aristarch* auch den Umstand ins Feld führen, daß die
Sonne der bei weitem größere Weltkörper sei. Das Größenverhältnis von
Mond, Erde, Sonne ist nach *Koppernikus* gleich 1 : 43 : 6937[911].
Ferner nahm *Koppernikus* die Entfernung der Sonne auf Grund von
Beobachtungen, die nach dem von *Aristarch* herrührenden Verfahren
angestellt wurden, zu 1197 Erdhalbmessern an. Auch dieses Ergebnis
blieb weit hinter der Wahrheit zurück. Erst im 18. Jahrhundert
fand man durch Messungen, welche die Vorübergänge der Venus vor
der Sonnenscheibe zum Ausgang nahmen, einen zuverlässigen Wert für
jenes Grundmaß der Astronomie. Dieser übertraf den von *Koppernikus*
angegebenen Wert fast um das Zwanzigfache.

Das Erscheinen der »Kreisbewegungen«, deren erste Druckbogen
*Koppernikus* noch auf dem Sterbebette gelesen haben soll, veranlaßte
durchaus nicht einen solchen Aufruhr unter den Geistern, wie
man es in Anbetracht der Wichtigkeit der darin ausgesprochenen
Ansichten wohl hätte erwarten können. Dies hatte mehrere Gründe. Die
zeitgenössische Astronomie beachtete die Neuerung wenig. Einige dem
*Koppernikus* befreundete Astronomen ausgenommen, hielt man an der
*ptolemäischen* Lehre fest, zu der man überdies in jener Zeit, die
noch keine Lehrfreiheit kannte, verpflichtet war. Ferner gaben die dem
neuen System noch anhaftenden Unvollkommenheiten den berufsmäßigen
Astronomen, denen der praktische Wert ausschlaggebend sein mußte, ein
gewisses Recht, zunächst das Hergebrachte in Geltung zu belassen.
Brachte doch das heliozentrische System dem rechnenden Astronomen
zunächst kaum nennenswerte Vorteile. *Koppernikus* hatte es verstanden,
seine Neuerung in einer alles Polemische ausschließenden Weise
vorzutragen und jedes Hinüberspielen auf das Gebiet biblischer und
religiöser Anschauungen zu vermeiden. So kam es, daß auch die Kirche,
die von einer astronomischen Neuerung wohl eine Verbesserung ihres
Kalenders erhoffte, das Buch, dem ja sogar eine Widmung an den Papst
voranging, duldete und dem Gegensatz kein Gewicht beilegte, in den es,
vom Standpunkt des starren Wortglaubens aus betrachtet, zur biblischen
Überlieferung trat.

»Es scheint mir,« schrieb *Koppernikus* in jener Widmung, »daß die
Kirche aus meinen Arbeiten einigen Nutzen ziehen kann. War doch
unter *Leo* X. die Verbesserung des Kalenders nicht möglich, weil
die Größe des Jahres und die Bewegung der Sonne und des Mondes nicht
genau bestimmt waren. Ich habe gesucht, diese näher zu bestimmen.
Was ich darin geleistet habe, überlasse ich dem Urteile Deiner
Heiligkeit und der gelehrten Mathematiker.« Der großen Masse, selbst
der Gebildeten, fehlte bei der damals herrschenden Unkenntnis in
naturwissenschaftlichen Dingen durchaus das Vermögen, mit eigenem
Urteil an die neue Lehre heranzutreten. Deshalb läßt sich die
Äußerung *Luthers* wohl entschuldigen, der da meinte: »Der Narr will
die ganze Astronomie umkehren. Aber die heilige Schrift sagt uns,
daß Josua die Sonne stillstehen hieß und nicht die Erde.« Daran, daß
diese Neuerung auf dem Gebiete der Astronomie der Kirche schaden,
geschweige denn das religiöse Gefühl beeinträchtigen könnte, hat
*Luther* schwerlich gedacht. Etwas ängstlicher war schon *Melanchthon*,
der auch mehr Verständnis für das Unerhörte jener Neuerung besaß.
Selbst ein eifriger Astrologe, hatte er das Gebäude der damaligen
Astronomie in seinem Lehrbuch der Physik zur Darstellung gebracht.
Die neue heliozentrische Ansicht hielt er für so gottlos, daß er
sie zu unterdrücken empfahl[912]. Auch der viel später lebende
*Francis Bacon*, den übertriebene Schilderungen als den Begründer der
neueren Naturwissenschaft gefeiert haben, war ein erklärter Gegner
des *Koppernikus*, und zwar zu einer Zeit, als die Frage nach der
Richtigkeit des heliozentrischen Systems die Geister bewegte. Erst
damals, im Zeitalter *Galileis*, nahm die Kirche zu dieser Frage
entschieden Stellung und verbot die »Kreisbewegungen«. Der bezügliche
Erlaß stammt aus dem Jahre 1616 und wurde amtlich erst 1822 wieder
aufgehoben, nachdem sein Bestehen jedoch fast in Vergessenheit geraten
war. Er lautet: »Die heilige Kongregation[913] hat in Erfahrung
gebracht, daß die falsche, der Heiligen Schrift völlig widersprechende
Lehre der Pythagoreer, von der Bewegung der Erde, wie sie *Koppernikus*
und einige andere vorgetragen haben, gegenwärtig verbreitet und
vielfach angenommen wird. Damit sich eine derartige Lehre nicht zum
Schaden der katholischen Wahrheit ausbreitet, beschloß die heilige
Kongregation daß die Bücher des *Koppernikus* und alle anderen, die
dasselbe lehren, bis zur Verbesserung zu verbieten sind. Sie werden
daher alle durch diesen Erlaß verboten und verdammt.«

Zu den ersten Anhängern der koppernikanischen Lehre gehörte der
Dominikanermönch *Giordano Bruno*[914], *Spinozas* Vorläufer in der
Begründung einer pantheistischen Weltanschauung. Seinen divinatorischen
Blicken erweiterte sich das Fixsterngewölbe zu einem in Raum und Zeit
unendlichen Universum. *Bruno* war auch der erste, der die Fixsterne
als Sonnen und als Mittelpunkte ungezählter, dem unseren gleichartiger
Planetensysteme ansah.

Er hat manches intuitiv vorweggenommen, was erst spätere Zeiten auf
Grund der Beobachtung sichergestellt haben. So nahm er an, daß nicht
nur die Erde, sondern auch die Sonne um ihre Axe rotiere. Von der
Erde behauptet er, daß sie an den Polen abgeplattet sein müsse. Die
Präzession der Nachtgleichen erklärte er mit folgenden Werten: »Bei den
unabsehbar mannigfaltig ineinandergreifenden Bewegungen der Weltkörper
kann es nicht ausbleiben, daß auch die scheinbar festesten Punkte ihre
gegenseitige Lage nach und nach verschieben. Die Erde wird also ihre
Lage zum Himmelspol verändern[915]«. Die Kometen betrachtete *Bruno*
als eine besondere Gattung der Planeten. Da die Kometen ganz ohne Regel
erschienen, so sei auch die Zahl der unsere Sonne umkreisenden Planeten
noch nicht festgestellt[916]. Die Welten und die Weltsysteme endlich
sind nach *Bruno* stetigen Änderungen unterworfen. Ewig ist nur die der
Welt zu Grunde liegende schaffende Energie. Darin spricht sich schon
eine gewisse Ahnung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie aus.
*Brunos* lange als Schwärmerei betrachtete Lehre von der Beseeltheit
nicht nur der All-Materie, sondern auch der individuellen Beseeltheit
der einzelnen Weltkörper hat neuerdings *Fechner* zur Anerkennung zu
bringen gesucht.

Daß die Erde selbst ein lebendes Wesen ist, schloß *Bruno* aus ihrer
Bewegung und daraus, daß sie lebende Wesen hervorbringt. Auch die
übrigen Weltkörper sind belebt und ein Schauplatz des Lebens. Daß sich
letzteres in denselben Formen wie auf der Erde offenbart, darf man
allerdings nicht annehmen.

Man hat *Bruno* als den ersten monistischen Philosophen der neueren
Zeit zu betrachten. In seinen Schriften kam die geistige Eigenart der
italienischen Renaissance besonders zum Ausdruck. Der Lebensauffassung
jener Zeit entsprach auch seine, im Gegensatz zum Christentum stehende
Lehre vom heroischen Affekt. Die neue astronomische Ansicht, die sich
ihm und den Aufgeklärten unter seinen Zeitgenossen eröffnete, hat er im
Sinne der »Schönheitsherrlichkeit der Welt« verwertet[917].

*Giordano Brunos* Reformation des Himmels: Lo spaccio (Die Vertreibung)
della bestia trionfante (verdeutscht und erläutert von *L. Kuhlenbeck*,
Leipzig 1889), ist eine Moralphilosophie, die an die Betrachtung
der wichtigsten Sternbilder anknüpft. Die in italienischer Sprache
erschienenen Werke *Brunos* gab *P. de Lagarde* (Göttingen 1888)
heraus. Die astronomische Weltanschauung betrifft besonders das Werk
Del infinito Universo et de i mondi[918]. Einige charakteristische
Sätze aus diesem Werk mögen uns noch etwas eingehender mit *Brunos*
Vorstellungen bekannt machen: »In dem unermeßlichen zusammenhängenden
Raum, der alles in sich hegt und trägt, gibt es unzählige, dieser Welt
ähnliche Weltkörper. Von ihnen ist der eine nicht mehr in der Mitte des
Universums als der andere. Als unendliches All ist es ohne Mitte und
ohne Umfang. Wie um unsere Sonne sieben Wandelsterne kreisen, so gibt
es weitere Sonnen, die Mittelpunkte für andere Planetensysteme sind.
Jeder dieser Weltkörper dreht sich um sein eigenes Zentrum. Trotzdem
erscheint er seinen Bewohnern als eine stillstehende Welt, um die sich
alle übrigen Gestirne drehen. In Wahrheit gibt es so viel Welten wie
wir Fixsterne sehen. Sie befinden sich alle in dem einen Himmel, dem
einen Allumfasser, wie unsere Welt, die wir bewohnen.«

Daß es unendlich viele Einzelwelten geben müsse, folgert *Bruno* aus
dem Wesen Gottes, dem er ein unendliches Können zuschreibt.


Astronomie und wissenschaftliche Erdkunde.

In engster Beziehung zur Astronomie hat sich die wissenschaftliche
Erdkunde, d. h. eine Erdkunde, die mehr sein wollte, als eine bloße
Beschreibung der Länder und ihrer Erzeugnisse, entwickelt. Sie fand
in dem auf *Koppernikus* folgenden Zeitalter in Deutschland einen
hervorragenden Vertreter in *Gerhard Kremer* oder *Mercator*, wie
er sich selbst, nach damaliger Sitte seinen Namen latinisierend,
nannte[919] und in *Sebastian Münster*.

*Münster* verfaßte eine »Cosmographia, Beschreibung aller Länder«. Die
darin enthaltenen Karten haben die Grundlage gebildet, von der die
Kartographie in Deutschland ihren Ausgang nahm[920].

*Mercator* wurde 1512 in einem flandrischen Städtchen geboren, wo sich
seine, aus Jülich stammenden Eltern vorübergehend aufhielten. Als
Arbeitsfeld wählte er, angeregt durch *Gemma Frisius*[921], mit dem er
während seiner Studienzeit verkehrte, die mathematische Geographie,
als deren Neubegründer er von vielen Seiten anerkannt wurde[922].
Mit der Anfertigung von Landkarten, Globen und astronomischen
Instrumenten erwarb sich *Mercator* seinen Unterhalt. Von 1552 bis zu
seinem 1594 erfolgenden Tode lebte er in Duisburg, wo er neben seiner
wissenschaftlichen Tätigkeit mathematischen Unterricht am Gymnasium
erteilte.

Sein erstes größeres Werk war ein Erdglobus, auf dessen Verfertigung er
ein und ein halbes Jahr verwendete. Zehn Jahre später (1551) lieferte
*Mercator* einen großen Himmelglobus. Zu seinen Verehrern zählte auch
*Karl V.* Dieser Monarch nahm an den Fortschritten der Astronomie und
Geographie solch lebhaften Anteil, daß er während der Belagerung einer
Festung mit *Apianus* ein Gespräch über diese Wissenschaften führen
konnte, während die Kugeln rechts und links von ihnen einschlugen.

Mit *Apianus* und *Mercator* beginnt für die Kartographie eine neue
Zeit. Vor ihnen hatte man sich mit einem Abschätzen der Entfernungen
und mit Itinerarien begnügt, sowie sich abgemüht, das neu erworbene
Wissen mit dem des *Ptolemäos* in Einklang zu bringen. Jetzt entstanden
Karten, die auf genaueren Vermessungen beruhten. Unter diesen sind vor
allem *Apians*[923] »Bayrische Landtafeln« zu nennen. Sie erschienen
1568 auf 24 Blättern (Holzschnitt; Maßstab 1 : 144000) und gelten als
das topograhische Meisterwerk des 16. Jahrhunderts. Kein Land wurde in
jener Zeit mit gleicher Treue dargestellt.

Was *Apian* für ein engbegrenztes Stück der Erde leistete, strebte der
belgische Geograph *Ortelius*[924] für den gesamten Erdkreis an. In
seinem »Theatrum orbis terrarum« (53 Karten in Kupferstich, Antwerpen
1570) schuf er ein Werk, das sich von *Ptolemäos* freimachte. Die
Mehrzahl jener von *Ortelius* herausgegebenen 53 Karten war nach den
besten Arbeiten anderer Kartographen verfertigt.

Fast zu selben Zeit (1569) vollendete *Mercator* seine große Weltkarte.
Es war dies ein für die Geschichte der Erdkunde und der Nautik
hochbedeutsames Ereignis. Von diesem Zeitpunkt, sagt *Mercators*
Biograph, datiert die Reform der Kartographie, die kein zweites Werk
von gleicher Bedeutung zu verzeichnen hat. Die Vorschriften, die
*Mercator* den Seefahrern für die Benutzung seiner Karte gab, gelten
auch heute noch[925].

Ein für jene Zeit großes Verdienst erwarb sich *Mercator* dadurch, daß
er die damals noch in hohem Ansehen stehende Geographie des *Ptolemäos*
an Stelle der ungenauen Karten älterer Geographen mit Karten versah,
die sich den Angaben des *Ptolemäos* genau anschlossen. Eine Sammlung
von Karten europäischer Länder vereint mit Karten einzelner Erdteile
und Übersichten der ganzen Erde veranstaltete *Mercator* mit seinem
Sohne[926]. Sie erschien 1595 unter dem von *Mercator* gewählten
Titel »Atlas«[927], der seitdem für derartige Sammlungen gang und gäbe
geblieben ist.

Die Grundsätze der Kartographie entwickelte *Mercator*[928] so klar,
wie es kein anderer vor ihm vermocht hatte. Er war der erste, der die
Bedingungen, die jede Projektionsart voraussetzt, genauer untersuchte,
und den Begriff der Konformität aufstellte, d. h. der Forderung, daß
eine ebene Figur die größtmögliche Ähnlichkeit mit der Kugelfläche
erhalten müsse. Da die Alten immer nur Teile der Erdoberfläche
darzustellen hatten, und ihre Projektionsarten dieser Aufgabe
anpaßten, war *Mercator*, als es galt, die ganze Erde kartographisch
darzustellen, vor eine ganz neue Aufgabe gestellt. Er löste sie durch
das nach ihm benannte Verfahren in der trefflichsten, für den Gebrauch
geeignetsten Weise. »Wenn,« sagt *Mercator* in der Erläuterung, die er
seiner Weltkarte hinzufügt, »von den vier Beziehungen, die zwischen
zwei Orten in Ansehung ihrer gegenseitigen Lage stattfinden, nämlich
Breitenunterschied, Längenunterschied, Richtung und Entfernung, auch
nur zwei berücksichtigt werden, so treffen auch die übrigen genau zu,
und es kann nach keiner Seite hin ein Fehler begangen werden, wie
dies bei den gewöhnlichen Seekarten so vielfach und zwar um so mehr,
je höher die Breiten sind, der Fall sein muß.« *Mercator* erzielte
diesen Vorteil dadurch, daß er die Erdoberfläche auf einen die Erde im
Äquator berührenden Zylinder projizierte, dessen Achse der Erdachse
parallel ist. Die Ausbreitung, welche dadurch die Längengrade nach
den Polen hin erfahren, wird durch eine in demselben Verhältnis
stattfindende Ausdehnung der Breitengrade ausgeglichen. Eine solche
Karte ist winkeltreu, d. h. sie gibt die Winkel so wieder, wie sie
auf der Erdoberfläche erscheinen; sie wahrt auch die Formähnlichkeit
(Konformität) der Ländergestalten[929] sie ist jedoch nicht
flächentreu, da ihr Maßstab mit der Entfernung vom Äquator wächst.



12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen
Naturwissenschaften.


Wie auf dem astronomischen, so machte sich auch auf den übrigen
Gebieten der Naturwissenschaft während des 16. Jahrhunderts das
Bestreben geltend, die Fesseln der Autorität zu sprengen und
Beobachtung und Nachdenken an ihre Stelle zu setzen. Eine zweite
epochemachende Tat, die sich derjenigen des *Koppernikus* an die Seite
stellen ließe, haben wir jedoch in dieser Periode nicht zu verzeichnen.

Als Physiker ist unter den Zeitgenossen des *Koppernikus* vor allem
*Maurolykus* (1494-1575) zu nennen. Er lehrte in Messina und entstammte
einer derjenigen Familien, die nach der Eroberung Konstantinopels
diese Stadt verlassen hatten, um sich den Verfolgungen der Türken zu
entziehen. *Maurolykus* machte sich um die Mathematik verdient, indem
er in einem umfangreichen Sammelwerke alles das zusammenfaßte, was
er selbst an mathemathischem Wissen den griechischen und arabischen
Schriftstellern verdankte. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich
durch die Herausgabe der archimedischen Werke, sowie von Schriften
des *Apollonios*, dessen Lehre von den Kegelschnitten durch ihn sogar
erweitert wurde. Sein mathematisches Können betätigte *Maurolykus*
ferner auf dem Gebiete der Optik, das sich von jeher für die
mathematische Behandlung besonders geeignet erwiesen hatte. Sein
optisches Werk, das er »Über Licht und Schatten« betitelte[930],
enthält manchen Fortschritt und viele Richtigstellungen früherer
Irrtümer. *Maurolykus* ist z. B. der erste Physiker, der die Wirkung
der Linse im Auge erklärt, indem er dartut, daß sich die Strahlen
hinter der Linse schneiden. Die Kurz- und Übersichtigkeit leitet er
aus einem übermäßigen oder zu geringen Grad der Linsenkrümmung ab.
Wenn er damit auch nicht ganz das Wesen der Sache traf, da man heute
Unregelmäßigkeiten in den Abmessungen des Augapfels als den Grund
dieser Mängel betrachtet, so erschloß sich doch ein theoretisches
Verständnis der Brillen, die schon seit dem 13. Jahrhundert im Gebrauch
waren.

Ein schönes Beispiel, wie verschieden ein und dasselbe Problem in
aristotelischem Sinne und im Geiste der neueren, den wissenschaftlichen
Grundsätzen sich erschließenden Zeit behandelt wurde, bietet die
Erklärung des runden Sonnenbildchens. Es ist eine allbekannte
Erscheinung, daß die Sonnenstrahlen, die durch eine unregelmäßig
gestaltete Öffnung senkrecht auf eine ebene Fläche fallen, dort ein
kreisförmiges Bild hervorrufen. Die Aristoteliker waren mit ihrer
Erklärung, welche die Hohlheit des nicht durch genügende Induktion
gestützten philosophischen Denkens treffend dartut, bald fertig. Sie
schrieben die Erscheinung einer »Zirkularnatur« des Sonnenlichtes zu,
setzten also an Stelle der Erklärung ein Wort, welches das bezeichnet,
was zu erläutern ist. Geht man dagegen von der Tatsache aus, daß
jeder Punkt der Sonnenoberfläche Licht aussendet und ein Bild von der
Gestalt der Öffnung gibt, so werden die unzähligen Bilder, die sich
teilweise decken, insgesamt ein Flächengebilde entstehen lassen, das
sich als eine Projektion des leuchtenden Körpers darstellt. Daher muß
das Bildchen bei einer Sonnenfinsternis, der Gestalt der Sonnenscheibe
entsprechend, sichelförmig erscheinen, wie es die Beobachtung auch
dartut[931].

Die Erklärung des kreisförmigen Sonnenbildchens aus der »zirkulären
Natur« des Sonnenlichtes ist ein treffendes Beispiel für das, was man
eine »verborgene Qualität«, eine »qualitas occulta« genannt hat. Solch
unbestimmte Begriffe führten die Aristoteliker während des ganzen
Mittelalters, oft genug einer einzigen Erscheinung wegen, ein, wenn
sie eine aus den Tatsachen entspringende Erklärung nicht zu geben
vermochten.

Etwas später fällt die Wirksamkeit des Italieners *Johann Baptista
Porta* (1538-1615). Dieser Mann ist typisch für diejenige Stufe einer
Disziplin, auf der sie noch nicht zu strengerer Wissenschaftlichkeit
gelangt ist. Wir finden bei *Porta* und seinen Zeitgenossen, die
sich mit physikalischen und chemischen Dingen beschäftigen, eine
Verquickung von Richtigem und Unrichtigem, von Klarheit mit Mystik und
Aberglauben, die heute, nachdem das Niveau der gesamten Bildung ein so
viel höheres geworden ist, eigentümlich anmutet. Das Streben dieser
Männer nach größerer Einsicht ging ferner mit einem marktschreierischen
Treiben Hand in Hand, durch das sie ihr eigenes Ansehen und das ihrer
Wissenschaft den Zeitgenossen gegenüber heben wollten.

Das Buch, in dem *Porta*, ganz dem Geschmacke seiner Zeit
entsprechend, die Naturwissenschaften behandelt, ist »Die natürliche
Magie« betitelt[932]. Es ähnelt in manchen Teilen einem modernen
Zauberbuche, da es dem Verfasser nicht selten darauf ankommt, den
Leser zu unterhalten oder durch das Überraschende der Erscheinung in
Verwunderung zu setzen. Wichtig ist, daß *Porta* in seinem Buche eine
von ihm getroffene Verbesserung der Camera obscura beschreibt. Bis
dahin hatte man bei diesem Apparat das Licht durch eine Öffnung auf
einen dahinter befindlichen Schirm fallen lassen. *Porta* brachte in
der vergrößerten Öffnung eine Linse an, wodurch die Bilder bedeutend an
Schärfe gewannen[933].

Von Interesse ist ferner eine von *Porta* herrührende Einrichtung,
den Dampf zum Heben von Wasser zu benutzen. Das Wasser befindet sich
in einem Gefäß; der Dampf drückt auf die Oberfläche des Wassers und
treibt es durch ein heberartiges, bis auf den Boden tauchendes Rohr aus
dem Behälter heraus. Eine derartige Vorrichtung, die gegen das Dampfrad
*Herons* keinen wesentlichen Fortschritt bedeutet, als die erste
Stufe der Dampfmaschine zu bezeichnen, ist nicht gerechtfertigt. Doch
läßt sich nicht verkennen, daß man durch die von *Heron* und *Porta*
beschriebenen Versuche mit der Wirkung gespannter Dämpfe vertraut
wurde, und daß dadurch der Gedanke, diese Wirkung auf die einfachen
Maschinen der Mechanik zu übertragen, allmählich heranreifte. Erst von
diesem Fortschritt an, den wir später zu betrachten haben, kann von
einer eigentlichen Dampfmaschine die Rede sein.

Es zeigt sich hier wie auch bei *Galilei* und anderen Forschern, daß
die Physik der Gase und der Flüssigkeiten im 17. Jahrhundert besonders
infolge der Anregungen ausgebaut wurde, die man dem Altertum in
*Herons* Schriften verdankte[934]. So schuf *Porta* eine »Pneumatik«,
die zwar keine bloße Wiedergabe der »Pneumatik« *Herons* ist, indessen
auf ihn zurückgeht[935]. Auch *Schwenter* (s. folg. Seite) hat in
seinen »Erquickstunden« manche Angaben *Herons*, besonders diejenigen,
die in *Herons* Druckwerken enthalten sind, verwertet. Dasselbe gilt
von *Schott*, dem Freunde *Guerickes*, und seiner 1657 erschienenen
»Mechanica hydraulico-pneumatica«. Sogar *de Caus*, dem die Franzosen
die Erfindung der Dampfmaschine zuschreiben möchten, geht auf *Heron*
zurück[936]. Selbst die Wasserkünste der fürstlichen Gärten des 17.
Jahrhunderts sind teilweise den von *Heron* ausgehenden Anregungen zu
verdanken.

Auch den magnetischen Erscheinungen wandte man jetzt eine größere
Aufmerksamkeit zu. Indessen gerade dieses Gebiet wurde von *Porta*
und Männern verwandten Geistes noch außerordentlich mit Mystik und
Aberglauben verwoben. Mit der Deklination, deren Größe *Porta* für
Italien gleich 9° östlich angibt, war man schon vor *Columbus*
bekannt geworden. Letzterer machte die Beobachtung, daß sich die
Deklination (sie war damals im ganzen Gebiete des Mittelmeeres
östlich) bei einer Reise nach Westen verringerte und schließlich
in eine westliche überging. Auf Grund dieser Erkenntnis suchte sich
*Columbus* auf seiner zweiten Reise, wenn die Schiffsrechnung unsicher
war, durch einen Vergleich der Deklinationen zu orientieren. Es war
dies der erste, später oft wiederholte Versuch, die Deklination zur
Auffindung der geographischen Länge zu verwerten. Eine brauchbare
Lösung des Längenproblems, das schon *Hipparch* und *Ptolemäos* große
Schwierigkeiten bereitet hatte, sollte jedoch nicht auf diesem Wege,
sondern erst durch die Erfindung genauer Chronometer ermöglicht werden.
Das zweite Element des tellurischen Magnetismus, die Erscheinung
nämlich, daß die um eine horizontale Achse drehbare Nadel eine geneigte
Lage einnimmt, hat zuerst der Engländer *Norman* genauer beobachtet.
Er gab im Jahre 1576 die Größe dieser, als Inklination bezeichneten
Neigung für London zu 71° 50' an[937]. Auf die wechselnde Intensität
des Erdmagnetismus wurde man dann gegen das Ende des 18. Jahrhunderts
aufmerksam, so daß erst seit dieser Zeit eine allseitige, auch das
Quantitative in der Erscheinung berücksichtigende Kenntnis dieser
Naturkraft Platz greifen konnte.

Unter den Männern, die etwas später die Naturwissenschaften ganz
im Geiste *Portas* behandelten, ist *Daniel Schwenter* zu nennen
(geboren 1585; gestorben 1636 als Professor der Mathematik in
Altdorf). Sein bekanntes Werk, »Die mathematischen und philosophischen
Erquickstunden«[938], ist ein würdiges Seitenstück zu *Portas* »Magia
naturalis« und erscheint besonders geeignet, um den Standpunkt, den
die Naturwissenschaften zumal in Deutschland vor der großen, durch
*Galilei*, *Kepler* und ihre Mitarbeiter hervorgerufenen Umwälzung
einnahmen, erkennen zu lassen.

Bezeichnend ist zunächst, daß *Schwenter* es für nötig hält, die
Beschäftigung mit der Natur gegen den Vorwurf zu verteidigen, es
handele sich dabei um eine unnütze, ja kindliche Tätigkeit. Ein Kind,
sagt er, werfe wohl einen Stein ins Wasser und freue sich über die
vielen Kreise. Das sei eine kindliche Freude. Die Ursache dieser
Erscheinung nachzuweisen, sei dagegen kein Kinderwerk. Einige Beispiele
mögen dartun, wie unzulänglich und unbestimmt die Ansichten waren, die
man an der Schwelle des 17. Jahrhunderts noch hegte. Wir werden dann
den großen Fortschritt, den die Wissenschaft um jene Zeit durch die
Begründung der induktiven Forschungsweise erfuhr, um so besser würdigen
können. So ist das ganze Wissen *Schwenters* über die Fallbewegung in
folgenden Sätzen enthalten[939]: »Wenn ein Körper fällt, so bewegt
er sich um so geschwinder, je näher er der Erde kommt. Je höher der
Körper herabfällt, eine um so größere Gewalt besitzt er. Denn alles was
schwer ist, eilt nach der Philosophen Meinung unverhindert zu seinem
natürlichen Ort, d. i. zum Zentrum der Erde, wie der Mensch, der in
sein Vaterland zurückkehrt, um so begieriger ist, je näher er kommt,
und daher um so mehr eilt. Dazu kommt noch eine andere natürliche
Ursache. Die Luft nämlich, die von der Kugel zerteilt wird, eilt über
der Kugel geschwind wieder zusammen und treibt sie immer stärker an.
Was aber schon bewegt ist, läßt sich leichtlich weiter und geschwinder
bewegen«. Ein Fortschritt dem *Aristoteles* gegenüber ist in diesen
Auffassungen nirgends zu bemerken. Im Gegenteil, man muß sie als rein
aristotelisch bezeichnen. Nicht minder gilt dies von *Schwenters*
Auffassung der Wurfbewegung. Er setzt sie aus drei Bewegungen
zusammen, die er als genötigte, als gemischte und als natürliche
Bewegung bezeichnet. Danach treibt z. B. das Pulver die Kugel in einer
genötigten Bewegung schräg aufwärts, bis der höchste Punkt der Flugbahn
erreicht wird. Dann fängt, »nachdem eine solche gewalttätige Bewegung
schier ihr Ende nehmen will, die gemischte Bewegung durch einen Bogen
an«. Endlich gehe die Kugel in die natürliche Bewegung über und falle
senkrecht auf die Erde. Aus dieser Theorie sucht *Schwenter* die
Erfahrungstatsache abzuleiten, daß die größte Schußweite bei einem
Winkel von 45° erzielt wird.

Interessant sind auch die Bemerkungen über den senkrechten Schuß. Er
verleihe dem Geschoß weit mehr Gewalt als der horizontale Schuß, »weil
das Feuer von Natur über sich begehre«. Wenn ferner das Geschütz in die
Höhe gerichtet werde, so presse die Kugel das Pulver und widerstrebe
der Gewalt des Pulvers auch mehr. Dadurch werde bewirkt, daß sich das
Pulver gleichsam erzürne, ehe es die Kugel austreibe. Endlich werde
eine schwere Kugel, welche widerstreben könne, viel weiter getrieben
als eine leichte, z. B. eine solche von Holz, die nicht widerstreben
könne.

Die Tatsache, daß die Kugel beim senkrechten Schuß in der Nähe des
Geschützes wieder niederfällt, wird als Beweismittel gegen die
koppernikanische Lehre verwertet[940]: »So die Kugel 2 Minuten in der
Luft bleibt, müßte indessen der Böller 30 deutsche Meilen gelaufen
sein. Dies ist unmöglich, denn man würde dann keine Kugel mehr finden«.
Die Koppernikaner, sagt *Schwenter*, seien zwar der Ansicht, die Luft
bewege sich mit der Erde und zwar mit der gleichen Geschwindigkeit wie
die Erde. Die empor geworfene Kugel müsse daher von der Luft getrieben
nicht weit von dem Böller niederfallen. »Es ist aber«, fügt *Schwenter*
hinzu, »nicht glaublich, ja unmöglich, daß die Luft imstande ist, eine
schwere Kugel in solch kurzer Zeit 30 Meilen fortzutreiben.« Diese
Schwierigkeit stand der Annahme des koppernikanischen Systems also noch
100 Jahre nach seiner Aufstellung im Wege. Sie konnte erst durch die
allgemeine Anerkennung des Beharrungsgesetzes gehoben werden.

In dem optischen Teil werden die Camera obscura, das Glasprisma, die
Lichtbrechung und der Regenbogen abgehandelt. Trotzdem *Schwenter*
den letzteren auch an Springbrunnen und an mit Regentropfen
bedeckten Spinnengeweben beobachtet hat, hält er ihn dennoch für ein
übernatürliches Werk. Der Regenbogen ist für ihn »ein Spiegel, in
dem der menschliche Verstand seine Unwissenheit am hellen Tage sehen
kann«. Die Physiker hätten »durch ihr vielfältiges Nachsinnen nichts
anderes darin gefunden, als daß sie noch das Wenigste, so in der Natur
verborgen sei, ausspekuliert hätten«.

Gelegentlich der von ihm für glaubwürdig gehaltenen Erzählung von
den Brennspiegeln des *Archimedes* bemerkt *Schwenter*, daß man auch
durch eine Anzahl flacher Spiegel Pulver entzünden könne, wenn man die
Sonnenstrahlen durch die Spiegel sämtlich auf einen Punkt werfe.

In dem Abschnitt, der von der Wärme handelt, beschreibt *Schwenter*
auch ein Instrument, mit dem man den Grad der Hitze und der Kälte
messen könne. Er bringt in ein Gefäß mit langem Halse etwas Wasser und
kehrt das Gefäß dann unter Wasser um, so daß die Flüssigkeit einen Teil
des Halses füllt. Im Winter, sagt *Schwenter*, steigt das Wasser hoch
herauf, so daß es fast den ganzen Hohlraum füllt; im Sommer dagegen
sinkt es tief herab.

*Schwenter* ist noch mit *Porta* der Ansicht, daß sich das Wasser durch
einen Heber über hohe Berge leiten lasse. Man solle, meint er, eine
Röhre über den Berg legen und an der höchsten Stelle der Röhre einen
Trichter anbringen. Verstopfe man dann die beiden Mündungen der Röhre,
so könne man sie ganz mit Wasser füllen. Nach diesen Vorbereitungen
sei es nur nötig, die Mündungen gleichzeitig zu öffnen. Das Wasser
werde dann fort und fort aus dem Behälter, in den man die eine Mündung
getaucht, durch die Röhre ausströmen, wenn nur die zweite Mündung
tiefer gelegen sei. Jeder Versuch würde *Porta* und *Schwenter* gelehrt
haben, daß über einen »Berg« von 10 Metern Höhe das Wasser nicht durch
einen Heber geführt werden kann.

Daß *Schwenter* indessen fremde Angaben auch nachprüft, geht aus
manchen Stellen seiner Schrift hervor. So hat ihm jemand mitgeteilt,
das Wasser steige aus einem tiefer befindlichen Gefäß in ein höher
gelegenes, wenn man beide Gefäße durch einen wollenen Faden verbinde.
*Schwenter* bemerkt dazu: »Ich finde durch den Versuch, daß diese Kunst
nicht angeht, denn es ist damit wie mit einem Heber beschaffen. Das
Wasser läuft nämlich nicht durch das wollene Band, wenn sein Ende nicht
tiefer liegt als der Wasserspiegel, in den das andere Ende eintaucht«.

Wir haben *Schwenters* Werk etwas ausführlicher behandelt, nicht
etwa, weil es die Wissenschaft durch neue Gedanken oder Entdeckungen
bereichert hätte, sondern weil wenige von den in Deutschland zu Beginn
des 17. Jahrhunderts verfaßten Schriften über das gesamte Gebiet der
Naturlehre so geeignet sind, uns eine Vorstellung von dem Wissensstand
und den Anschauungen zu geben, die damals herrschten. Im gleichen Sinne
wie *Porta* und *Schwenter* wirkten während der ersten Hälfte des 17.
Jahrhunderts in Deutschland *Athanasius Kircher*, *Kaspar Schott* und
andere Männer. Sie alle waren Gelehrte von oft polyhistorischem Wissen,
die uns wohl dickleibige, zur Beurteilung jener Zeit wichtige Folianten
hinterlassen, die Wissenschaft selbst aber weder durch neue Ideen, noch
durch Entdeckungen bereichert haben. Insbesondere der gelehrte Jesuit
*Kircher* verdient mehr als bloße Erwähnung.

*Athanasius Kircher* wurde in der Nähe von Fulda im Jahre 1601 geboren.
Er wirkte als Professor der Mathematik zunächst an der Universität
Würzburg, später in Rom, wo er 1680 starb. Von *Kirchers* zahlreichen
Schriften sind besonders drei hervorzuheben, weil sie uns einen
Einblick in den damaligen Zustand der Naturwissenschaften gewähren.
Es ist das Werk vom Licht und vom Schatten (Ars magna lucis et umbrae
1646), ferner ein Werk über den Magnetismus (Magnes, sive de arte
magnetica 1643) und drittens die für die Entwicklung der geologischen
Vorstellungen wichtige Schrift über »Die unterirdische Welt« (Mundus
subterraneus 1664).

In dem optischen Werke *Kirchers* wird u. a. schon auf die Fluoreszenz
hingewiesen. *Kircher* nahm sie an dem wässerigen Auszug wahr, den man
aus einem mexikanischen Holz, dem »Nierenholz«, herstellt[941]. Diese
Lösung zeigte im auffallenden Lichte eine tiefblaue Farbe, während die
Flüssigkeit beim Hindurchblicken farblos wie Brunnenwasser aussah.
Unter Umständen erschien sie auch grün oder rötlich. Eine Erklärung
dieser auffallenden Erscheinung vermochte *Kircher* nicht zu geben.

Sehr ausführlich handelt er von dem bononischen (Bologneser)
Leuchtstein. Ein Alchemist hatte den in der Nähe von Bologna
vorkommenden Schwerspat unter Beimengung reduzierender Mittel im Ofen
erhitzt und wahrgenommen, daß der Rückstand im Dunkeln leuchtet, wenn
er vorher von der Sonne beschienen wurde. Die Entdeckung[942] erregte,
wie begreiflich, das größte Aufsehen. Auch *Galilei* beschäftigte sich
damit. Er meinte, sie spreche deutlich gegen die Ansicht, daß das
Licht eine unkörperliche Qualität sei, weil der Stein das Sonnenlicht
aufnehme, als ob es ein Körper wäre, und es nach und nach wieder
zurückgebe. *Kircher* ist derselben Meinung. Er stellte den Bologneser
Stein her, indem er den Spat mit Eiweiß und Leinöl mischte und das
Gemenge glühte.

Überraschende Entdeckungen sind fast immer in ihrer Tragweite
überschätzt und zu kühnen, nicht stichhaltigen Erklärungen verwertet
worden. Dies gilt auch von dem Bologneser Leuchtstein. So schrieb
*Kircher* dem Auge die gleichen Eigenschaften zu, die dieser Stein
besitzt, um die von ihm zuerst geschilderten physiologischen oder
subjektiven Farben zu erklären. Gemeint ist die Erscheinung, daß das
Auge, nachdem es längere Zeit auf farbige Gegenstände und dann auf eine
weiße Fläche gerichtet wird, die Umrisse jener Gegenstände in gewissen
Farben erblickt. Dies sollte daher rühren, daß das Auge, wie der
Leuchtstein, das Licht einsauge und es allmählich wieder ausstrahle.
Ein Zeitgenosse *Kirchers* suchte sogar das graue Licht des von der
Sonne nicht beleuchteten Teiles der Mondoberfläche durch die Annahme zu
erklären, daß auch der Mond ein Bologneser Stein sei.

Von gutem Beobachtungsvermögen zeugen *Kirchers* Bemerkungen über den
Farbenwechsel des Chamäleons. Er brachte das Tier auf weiße und rote
Tücher und zeigte, daß sein Farbenwechsel dadurch beeinflußt wird.

Bei *Kircher* begegnet uns ferner eine genaue Beschreibung der Laterna
magica. Man hat ihn daher als den Erfinder dieses Apparats bezeichnet,
wahrscheinlich aber mit Unrecht[943]. *Kircher* bediente sich schon
der transparenten Glasbilder. Ein erbauliches Beispiel für seinen
theologischen Eifer möge nicht unerwähnt bleiben. Die Zauberlaterne
erscheint ihm nämlich als ein vortreffliches Mittel, Gottlose durch
Vorführung des Teufels auf den rechten Weg zurückzubringen.

*Kirchers* Werk über den Magneten steht hinter der viel früher
erschienenen, den gleichen Gegenstand behandelnden Schrift des
Engländers *Gilbert* weit zurück. Hervorzuheben ist *Kirchers*
Verfahren, mittelst der Wage die Tragkraft des Magneten zu bestimmen.
Auch stellt er die durch Jesuitenmissionäre im Auslande gemachten
Beobachtungen über Größe und Änderungen der Deklination in einer
Tabelle zusammen. Wie kritiklos indessen auch auf diesem Gebiete
*Kircher* und *Schwenter* häufig verfahren, geht daraus hervor, daß
sie die alte Fabel, daß der Magnet durch gewisse Pflanzen seine Kraft
verliere, ohne Nachprüfung aufnehmen. Der Magnet verliert, sagt
*Schwenter*, durch Feuer und durch Knoblauch seine Kraft. »Wie die
Erfahrung bezeugt« setzt er sogar hinzu.

Wie *Schwenter* handelt *Kircher* im übrigen bei der Besprechung der
magnetischen Erscheinungen oft von Spielereien, deren Schilderung mit
starken Übertreibungen und Fabeln aller Art durchsetzt ist. Beide
Schriftsteller erörtern beispielsweise die Möglichkeit, vermittelst
des Magneten eine Art Telegraphie zu bewerkstelligen. Zwei Personen,
von denen die eine in Paris, die andere in Rom sein könne, müsse
man mit kräftigen Magneten ausrüsten. Bei genügender Stärke werde
der eine Magnet auf den anderen zu wirken vermögen. Es sei dann
nur erforderlich, unter jeder Nadel eine Scheibe mit Buchstaben
anzubringen. Der Sprechende habe nur seine Nadel auf die verschiedenen
Buchstaben einzustellen, um die Nadel des Empfängers zu den gleichen
Einstellungen zu veranlassen. Kurz, es ist der Grundgedanke des
Zeigertelegraphen, der uns hier entwickelt wird. Nur schade, daß das
Mittel zur Übertragung nicht ausreichte. Das sah auch *Schwenter* ein,
denn er fügt hinzu: »Die Invention ist schön, aber ich achte nicht
davor, daß ein Magnet solcher Tugend auf der Welt gefunden werde.«

Das bedeutendste Ereignis der folgenden Periode ist die Begründung
der Dynamik durch *Galilei*. Auch dies geschah nicht unvermittelt.
Fanden sich schon bei *Lionardo da Vinci* klare, wenn auch noch nicht
hinreichend durchgearbeitete Begriffe auf diesem Gebiete der Physik,
z. B. bezüglich des Fallens über die schiefe Ebene[944] vor, so mehren
sich die Ansätze, je weiter wir uns dem Auftreten *Galileis* nähern.
Vor allem greift eine bessere, schon auf physikalischen Grundsätzen
beruhende Auffassung der Wurfbewegung Platz. Man erkennt, daß die
Bahn des geworfenen Körpers eine einzige krumme Linie ist, nicht
aber aus geraden und krummen Stücken besteht, wie die Peripatetiker
behaupteten, sowie daß die größte Wurfweite bei einem Elevationswinkel
von 45° erzielt wird[945]. Auch die Meinung der Aristoteliker, daß
ein Körper um so schneller falle, je schwerer er ist, wird schon vor
*Galilei*, der sie glänzend widerlegt, durch den Italiener *Tartaglia*
erschüttert. Dieser lehrte, daß Körper von verschiedenem Gewicht
beim freien Fall in gleichen Zeiten gleiche Strecken zurücklegen,
sowie daß ein im Kreise geschwungener Gegenstand beim Aufhören der
Zentralbewegung sich in tangentialer Richtung fortbewegt.

Obwohl man solche Vorarbeiten als die Anzeichen des beginnenden
Umschwunges hoch bewerten muß, ist doch erst *Galilei* als der
eigentliche Begründer der Dynamik zu betrachten, weil durch ihn wie mit
einem Schlage fast alles beseitigt wurde, was jener Wissenschaft an
Verschwommenheit und aristotelischer Betrachtungsweise noch anhaftete.

Für die Chemie sollte ein entsprechender Fortschritt noch lange
auf sich warten lassen. Zwar wurde er hier durch anerkennenswerte
Leistungen weit mehr vorbereitet als die fast unvermittelt uns
entgegentretenden Errungenschaften *Galileis*. Die Umgestaltung zur
exakten Wissenschaft vollzog sich aber trotzdem auf dem Gebiete der
Chemie erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts. Während nämlich die
Grundlagen der Mathematik, der Astronomie und der Statik der neueren
Epoche schon in wissenschaftlicher Gestalt vom Altertum überliefert
wurden, war die Alchemie, deren Grundlagen zwar auch im Altertum, wenn
auch erst in den letzten Jahrhunderten dieses Zeitraums entstanden,
doch im wesentlichen ein Erzeugnis des Mittelalters und, dem Hange
jener Zeit entsprechend, durch mystische Zusätze stark getrübt. Wie
*Roger Bacon* und *Albertus Magnus* wandelten die Vertreter der
Chemie zu Beginn der neueren Zeit noch ganz in den vom Mittelalter
vorgezeichneten Bahnen. An den Stein der Weisen, dessen Herstellung
nach wie vor das Hauptziel aller Bemühungen blieb, knüpfte man die
abenteuerlichsten Hoffnungen. Der Stein sollte nicht nur, wie bei den
älteren Alchemisten, beim Zusammenschmelzen mit unedlen Metallen Gold
erzeugen, und zwar unbegrenzte Mengen, oder wenigstens 1000 × 1000
Teile, sondern er sollte auch das Leben verlängern, dem Alter die
Jugend zurückgeben und alle Krankheiten heilen. Doch begegnen uns diese
Vorstellungen auch schon in weit früherer Zeit[946].

Von der Überzeugung, daß die Darstellung der Materia prima gelungen,
und Gold mit ihrer Hilfe dargestellt sei, war man übrigens fest
durchdrungen. Die Alchemie erlangte sogar eine gewisse politische
Bedeutung. An den Fürstenhöfen besaßen Männer, die sich angeblich im
Besitze des Geheimnisses befanden, großen Einfluß. Nachdem z. B. die
englische Regierung die Gelehrten und die Geistlichen aufgefordert
hatte, die Hilfe Gottes zu erflehen, damit die Herstellung des Steins
der Weisen endlich gelinge und man die Staatsschulden bezahlen
könne[947], gedieh die Sache bald darauf schon weiter. Dasselbe Land
nahm nämlich keinen Anstand, aus alchemistischem Golde geprägte
Münzen in Umlauf zu bringen. Doch war man, zumal in den geschädigten
Nachbarländern, aufgeklärt genug, um bald zu erkennen, daß es sich hier
um eine arge Täuschung handelte[948].

So bildete denn während des langen Zeitraums von mehr als einem
Jahrtausend das Suchen nach Gold[949] die treibende Kraft für die
chemische Wissenschaft. Denn als eine Wissenschaft müssen wir die
Chemie auf jener Entwicklungsstufe gelten lassen, wenn auch als eine
rein empirisch betriebene. Wurden doch während dieses ausgedehnten
Zeitraums eine unübersehbare Fülle von Tatsachen über das chemische
Verhalten der Körper beobachtet, eine Unzahl neuer Verbindungen
hergestellt, die wichtigsten chemischen Operationen ausgebildet, kurz
eine breite Grundlage geschaffen, die für die spätere Errichtung
eines Lehrgebäudes ganz unerläßlich war. Wir dürfen ferner bei der
Beurteilung der Alchemisten nicht vergessen, daß viele von ihnen von
einem heißen, wenn auch noch unklaren Streben nach dem Eindringen
in die für sie mit dem tiefen Schleier des Geheimnisvollen und
Unerklärlichen verhüllte Natur erfüllt waren und weiter, daß auch heute
noch die Hoffnung auf materiellen Gewinn oder wenigstens auf Nutzen
für das Gemeinwohl für sehr viele wissenschaftliche Unternehmungen,
insbesondere für diejenigen, welche der Staat mit seinen Mitteln
fördert, die wichtigste Triebfeder ist.

Zu den eifrigsten Beschützern der Alchemisten und der Astrologen
gehörte der deutsche Kaiser *Rudolf II.*, der auf den Lebensgang des
großen *Kepler* einen solch tiefgreifenden Einfluß ausgeübt hat. Als
*Rudolf II.* im Jahre 1612 starb, fand man in seinem Nachlaß große
Mengen Gold und Silber, die als Erzeugnisse der alchemistischen Kunst
betrachtet wurden. Wenige Jahre später berichtet *van Helmont*,
ein Mann, von dessen Ehrlichkeit in wissenschaftlichen Dingen wir
überzeugt sein dürfen, der aber ein ganz unklarer Phantast war, daß es
ihm gelungen sei, acht Unzen Quecksilber mit 1/4 Gran der gesuchten
Substanz, die auf eine etwas mysteriöse Weise in seine Hände gelangt
war, in Gold zu verwandeln.

Unter den ersten, die sich von der Alchemie, wie auch von der
Astrologie, abwandten, ist der an anderer Stelle wegen seiner
Verdienste um die Geologie genannte Franzose *Palissy* (1510 bis 1590)
zu nennen. Für seinen Zeitgenossen *Rabelais* waren die Astrologen
und die Alchemisten sogar ein unerschöpflicher Gegenstand beißenden
Spottes. Etwa zur selben Zeit wandte sich auch *Lionardo da Vinci*
gegen die »lügnerische und verderbliche Kunst der Alchemie und ihre
betrügerischen Anhänger«. Er bestritt, daß Schwefel und Quecksilber
Bestandteile der Metalle seien und erklärte die künstliche Darstellung
des Goldes für ebenso unmöglich wie die Quadratur des Kreises und das
Perpetuum mobile[950].

Daß die alchemistischen Bestrebungen stets von neuem Nahrung fanden,
und sich bis in das 18. Jahrhundert[951] hinein fortsetzen konnten, so
daß wir auf sie noch zurückkommen müssen, darf unter solchen Umständen
nicht wundernehmen. Die Chemie erhielt jedoch in dieser Periode, wenn
sich ihr Gesamtcharakter zunächst auch wenig änderte, eine Anregung,
die für ihre weitere Entwicklung von Bedeutung werden sollte. Als
zweite wichtige, die Erzeugung des Steines der Weisen immer mehr in den
Hintergrund drängende Aufgabe wurde es nämlich betrachtet, geeignete
Präparate zum Heilen der Krankheiten herzustellen. Es beginnt damit das
Zeitalter der medizinischen oder Jatrochemie.

Der Hauptvertreter der Jatrochemie war *Paracelsus*. Dieser merkwürdige
Mann, dessen Lebenslauf hier nicht eingehender betrachtet werden kann,
wenn er auch ein Stück Kulturgeschichte zu entrollen geeignet ist,
wurde im Jahre 1493 zu Einsiedeln in der Schweiz geboren. *Theophrastus
Paracelsus* (von Hohenheim) bekleidete eine Zeitlang eine Professur
in Basel, führte jedoch im übrigen ein unstätes Leben, bis er 1541
gänzlich mittellos starb. Sein ganzes Auftreten kennzeichnet ihn als
einen Vertreter des reformatorischen Geistes jener Zeit, der sich
keineswegs auf das kirchliche Gebiet beschränkte. Insbesondere wandte
sich *Paracelsus* gegen die anerkannten wissenschaftlichen Autoritäten,
die bislang auf dem Gebiete der Chemie und dem der Medizin gegolten
hatten. *Paracelsus* spricht es unumwunden aus, daß der wahre Zweck der
Chemie nicht darin bestehe, Gold zu machen, sondern daß es ihre Aufgabe
sei, Arzneien zu bereiten, die man bis dahin nach dem Vorgange *Galens*
fast ausschließlich dem Pflanzenreiche entnommen hatte. In etwas
theatralischer Weise übergab *Paracelsus*, als er seine Vorlesungen
in Basel gegen alles Herkommen in deutscher Sprache eröffnete, ältere
Werke, deren Inhalt er bekämpfte, den Flammen. Und zwar geschah dies,
bald nachdem *Luther* die Brücke dadurch hinter sich vernichtet hatte,
daß er die päpstliche Bannbulle öffentlich verbrannte.

*Paracelsus* hat bis vor kurzem als umherschweifender, dem Trunke
ergebener Charlatan gegolten. Die neuere *Paracelsus*forschung[952] hat
mit dieser Auffassung gebrochen. Der Wandertrieb des *Paracelsus* ist
aus einer gründlichen Abkehr vom herkömmlichen Bücherstudium und aus
seinem Triebe zur Naturerkenntnis zu erklären. *Paracelsus* begründet
sein ihm oft zum Vorwurf gemachtes Verhalten mit folgenden Worten: »Mir
ist not, daß ich mich verantworte von wegen meines Landfahrens. Daß ich
so gar nirgends bleiblich bin, zeichnet den Weg derer, die den Büchern
den Rücken wenden und in die Natur hinaustreten. Mein Wandern hat mir
wohl erschlossen, daß keinem sein Meister im Haus wachset noch seinen
Lehrer hinter dem Ofen hat. Die Künste sind nicht verschlossen in Eines
Vaterland, sondern ausgeteilt durch die ganze Welt, sie sind nicht in
einem Menschen oder an einem Ort, sie müssen zusammengeklaubt werden
und gesucht, da sie sind. Die Kunst geht keinem nach, aber ihr muß
nachgegangen werden. Wie mag hinter dem Ofen ein guter Kosmographus
wachsen oder ein Geograph?« An einer andern Stelle sagt er: »Die
Weisheit ist eine Gabe Gottes. Da er sie hingibt, in demselbigen soll
man sie suchen. Also auch da er die Kunst hinlegt, da soll sie gesucht
werden ... Die Schrift wird erforschet durch ihre Buchstaben, die Natur
aber von Land zu Land, so oft ein Land so oft ein Blatt. Also ist Codex
Naturae, also muß man ihre Blätter umkehren«[953].

*Paracelsus* verhielt sich den Anhängern *Luthers* und *Zwinglis*
gegenüber ebenso ablehnend wie gegen das Papsttum und seine Lehre. Er
stand über den kirchlichen Streitereien seiner Zeit. Seine Frömmigkeit
war eine rein menschliche, sein Herz erfüllt von der Liebe zum
Nächsten. Diese solle die Berufstätigkeit des Arztes durchdringen[954].

Am größten ist der Einfluß des *Paracelsus* auf die damalige, häufig
nur auf verderbter Überlieferung der alten Literatur beruhende
Heilkunde gewesen. Die Werke *Galens*, das hervorragendste Erzeugnis
der antiken Heilwissenschaft, hatten nämlich einen großen Umweg
gemacht, um nach Mitteleuropa zu gelangen. Die Araber hatten sie
überliefert. Die Erläuterungen waren vorzugsweise in Spanien und
Italien entstanden, und schließlich waren *Galens* Werke noch in
jenes barbarische Latein übertragen, das vor dem Emporblühen des
Humanismus die Schriftsprache der mitteleuropäischen Universitäten war.
Als Lehrbuch wurde besonders der um das Jahr 1000 entstandene Kanon
des *Avicenna* (Ibn Sina) benutzt, ein umfangreiches Werk, welches
das Ganze der antiken und frühmittelalterlichen Chemie und Medizin
umfaßte[955].

Diesem Zustande machte *Paracelsus* durch sein kühnes Auftreten
ein Ende. Er war es, der zuerst die in bloßer Buchgelehrsamkeit
erstarrte Heilkunde wieder als reine Erfahrungswissenschaft auffassen
lehrte[956]. Im Verkehr mit Bergleuten, Handwerkern und den auf
sich angewiesenen, der Natur noch unbefangen gegenüberstehenden
Bewohnern einsamer Wälder und Gebirge sammelte er seine Kenntnisse.
Der Natur müsse man nachgehen von Land zu Land, und die Augen, die
»an der Erfahrenheit Lust« hätten, seien die wahren Professoren.
In *Paracelsus* lebte ein tiefer Geist, der aber »von dem einen
Punkte, den er ergriffen, die Welt erobern zu können meinte: viel zu
weit ausgreifend, selbstgenügsam, trotzig und phantastisch«[957].
Auf die wunderlichen medizinischen Vorstellungen des *Paracelsus*
näher einzugehen, nach denen z. B. eine schaffende Kraft alle
Lebenstätigkeiten regelt, ihrerseits aber wieder in einem engen
Zusammenhange mit den Gestirnen steht, verbietet sich von selbst. Die
Verbindung der Heilkunde mit der Chemie ergibt sich nach *Paracelsus*
daraus, daß die Krankheiten auf Änderungen in der chemischen
Zusammensetzung des Körpers zurückzuführen seien. Chemisch wirksame
Mittel müßten also den normalen Zustand wieder herbeiführen können.
Alle Krankheiten sind von diesem Gesichtspunkte aus entweder durch
Zufuhr oder durch Beseitigung des im gegebenen Falle in Betracht
kommenden Elementes heilbar. Fieber wird auf ein Überwiegen von Sulfur
(Schwefel), Gicht auf die Ausscheidung von Mercurius (Quecksilber)
zurückgeführt, Elemente, die nach der Lehre des *Paracelsus* neben
Sal (Salz) die Grundbestandteile aller Dinge sind. Kupfervitriol,
Quecksilberchlorid, die schon vor *Paracelsus* als Heilmittel
empfohlenen Verbindungen des Antimons und zahlreiche andere, teils
giftige, teils ungiftige Präparate wandern damit in das Arsenal der
ärztlichen Heilmittel. Aus den oben genannten drei Elementen sind nach
*Paracelsus* alle Mineralien, Pflanzen und Tiere zusammengesetzt.
Es ist im wesentlichen die alte, auf die aristotelischen Elemente
zurückzuführende Lehre der Alchemisten. Der Sulfur war für
*Paracelsus* das Prinzip der Verbrennlichkeit, Mercurius bedingte die
Verflüchtigung, Sal endlich galt als der feuerbeständige Anteil, der
nach dem Verbrennen übrig bleibt.

Seit dem Zeitalter der Jatrochemie entwickelt sich der Stand der
chemisch vorgebildeten Pharmazeuten, aus dem manches für den weiteren
Ausbau der Wissenschaft bedeutende Talent hervorgegangen ist. Waren
doch seit dem Verschwinden der schwarzen Küche der Adepten bis gegen
das Ende des 18. Jahrhunderts die Apotheken vorzugsweise diejenigen
Stätten, von denen die praktische Beschäftigung mit der Chemie und die
Fortbildung dieser Wissenschaft ihren Ausgang nahmen.

Schon Kaiser *Friedrich II.* erließ eine Verordnung, nach der die
Arznei genau nach Vorschrift des Arztes und zwar zu einem bestimmten
Preise herzustellen war. In Deutschland entstanden die ersten
eigentlichen Apotheken erst gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts. Die
Einrichtung breitete sich indessen nur langsam aus, denn die Gründung
der ersten Apotheke in Berlin erfolgte erst im Jahre 1488. Weit später
folgten die nordischen Länder (Schweden 1552)[958].

Mit der Entwicklung der Chemie ist das Emporblühen der Mineralogie
stets eng verknüpft gewesen. Um 1500 begegnet uns das erste, sogar
deutsch geschriebene mineralogische Lehrbuch, das nicht ein bloßer
Abklatsch der aus dem Altertum überkommenen Werke ist, sondern
Selbständigkeit und Beobachtungsgabe verrät. Es führt den Namen
»Bergbüchlein«[959] und wurde dem lange Zeit als Verfasser zahlreicher
chemischer Schriften geltenden *Basilius Valentinus* zugeschrieben. Wir
haben es indessen bei diesem nicht mit einer historischen, sondern mit
einer erst später (um 1600) erdichteten Persönlichkeit zu tun.

Auch *Paracelsus* schrieb über die Mineralien. Als der eigentliche
Vater der neueren Mineralogie ist jedoch *Georg Bauer* zu betrachten.
Er wurde 1494 in Zwickau geboren, wo er auch einige Jahre als
Rektor einer Schule vorstand, und nannte sich, nach der damaligen
Gelehrtenmode seinen Namen latinisierend, *Agricola*. Später studierte
er in Leipzig und Italien Heilkunde und wirkte von 1527 an zuerst in
Joachimstal, später in Chemnitz als Arzt. Er starb im Jahre 1555.

Das Interesse für den Bergbau und das Hüttenwesen seiner Heimat
bewogen *Agricola*, die Zeit, welche der Beruf ihm übrig ließ, auf
die Beobachtung jener Zweige der Gewerbtätigkeit zu verwenden und
alles, was er vorfand, mit den mineralogischen Kenntnissen der
Alten, deren Schriften ihm bekannt waren, zu vergleichen. *Agricolas*
Aufmerksamkeit wurde auch dadurch auf die Mineralogie gelenkt, daß in
der alten Literatur metallische Heilmittel erwähnt werden, deren man
sich besonders bei äußeren Krankheiten bediente. Er sammelte daher
alle mineralogischen Kenntnisse der Alten in der Hoffnung, damit
seinen, im gewerblichen Leben stehenden Zeitgenossen nützen zu können.
Zu seinem Erstaunen ward er aber gewahr, daß ohne jedes Zutun der
zunftmäßigen Wissenschaft in den deutschen Gebirgsländern eine Kenntnis
der Metalle, Mineralien und Gesteine, sowie der metallurgischen
Prozesse entstanden war, die eine neue, den Alten fast unbekannte Welt
bedeutete. Es galt nur, die Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen,
die man im Verlauf des Mittelalters gemacht hatte, in der Sprache der
Gelehrten darzustellen, um so eine neue Wissenschaft den früheren
anzureihen. »Dies getan zu haben und zwar mit eigener Einsicht und dem
unabhängigen Eifer, der allein wissenschaftliche Erfolge zu sichern
vermag, ist *Agricolas* Verdienst. Er hatte das Glück, nicht Anfänge
oder zweifelhafte Versuche, sondern erprobte und zusammenhängende
Kenntnisse, beinahe Systeme der Mineralogie und der Metallurgie
darbieten zu können, die eine Grundlage der späteren Studien geworden
sind[960].«

Als überzeugter Anhänger der Alchemie kann *Agricola* nicht betrachtet
werden. Jedenfalls sprach er sich offen gegen ihre Grundlehre aus, daß
die Metalle aus Sulfur und Mercurius beständen. Auch äußerte er sich
über die Möglichkeit der Metallverwandlung sehr zurückhaltend. Die
Ergebnisse seiner Bemühungen legte *Agricola* in mehreren Schriften
nieder, die, wie *Werner*, der Lehrer *Alexanders von Humboldt* und
*Leopolds von Buch* dankbar anerkannte, das Fundament der Mineralogie
bis zur neuesten, insbesondere durch die drei genannten Forscher
begründeten Epoche dieser Wissenschaft gewesen sind. Das bedeutendste
unter den Werken *Agricolas* ist das erst im Jahre 1556 vier Monate
nach dem Tode des Verfassers erschienene Bergwerksbuch[961]. Es bietet
ein vollständiges Bild des damaligen Berg- und Hüttenwesens, sowie
der Probierkunde und enthält zahlreiche treffliche Holzschnitte, die
nicht nur die hüttenmännischen Prozesse, sondern auch geologische
Einzelheiten, wie Erzgänge, Durchsetzungen, Verwerfungen usw.
darstellen.

[Illustration: Abb. 63. Hüttenwerk nach Agricola.]

Die Verwendung des Kompasses zu bergmännischen Zwecken wird in dem
Buche zum ersten Male geschildert. *Agricola* bringt auch eine
Abbildung des bergmännischen Kompasses. Das Verfahren, mit seiner Hilfe
Gruben anzulegen nennt er Marktscheidern. Etwas später begegnet uns die
erste ausführliche Anleitung zu dieser Kunst[962].

Die maschinellen Einrichtungen, die *Agricola* beschreibt,
unterscheiden sich nur wenig von den aus dem Altertum bekannten.
Doch tritt schon deutlich das Bemühen hervor, an die Stelle der
Menschenkraft diejenige der Tiere oder der unorganischen Natur zu
setzen. Die Pumpen z. B. werden durch Wasserkraft betrieben, ebenso
größere Hämmer, wie die aus *Agricolas* Werk herrührende Abb. 63
erkennen läßt. Die Ventilationsapparate werden durch den Wind in
Bewegung gesetzt usw. Man faßte also im Mittelalter die großen
Aufgaben, welche der Technik harrten, schon ins Auge, wenn auch die
Lösungen, zu denen man gelangte, noch recht unvollkommen waren[963].

Von den neueren metallurgischen Verfahrungsweisen erwähnt *Agricola*
auch den Amalgamationsprozeß, der für die Ausbeutung der neuentdeckten,
an Gold und Silber reichen Länder Amerikas später eine solch große
Bedeutung gewinnen sollte. Zwar war man schon im Altertum mit dem
Verhalten des Quecksilbers gegen Gold und Silber bekannt. Die
Verwendung des erstgenannten Metalles zur Gewinnung der Edelmetalle
aus dem Muttergestein blieb jedoch der Neuzeit vorbehalten. Erfunden
ist das Amalgamationsverfahren in Deutschland[964]. In großem Maßstabe
wurde es aber zuerst in Mexiko[965] und in Peru[966] angewandt.
*D'Acosta* beschrieb es in seiner Natur- und Sittengeschichte
Indiens[967], die uns auch über die ersten Entdeckungen auf botanischem
und zoologischem Gebiete Auskunft gibt. Das Silbererz wurde der
Einwirkung von Kochsalz und Quecksilber ausgesetzt und das gewonnene
Amalgam durch Erhitzen zerlegt. *Agricola* bringt auch Mitteilungen
über das Erdöl[968].

Zu der Zeit, als *Agricola* schrieb, glaubte man noch allgemein, die
Welt sei noch heute im wesentlichen in dem Zustande, in dem Gott sie
erschaffen habe. War es doch kein geringes Wagnis, dem in der Bibel
enthaltenen Schöpfungsbericht zu widersprechen, an dem selbst die
Gebildeten damals blindlings festhielten[969]. Dem gegenüber vertrat
*Agricola* die Anschauung, daß die Gesteine und die Mineralien den
Naturkräften ihren Ursprung verdanken. Durch welche Kräfte er sich die
Berge entstanden denkt, schildert er mit folgenden Worten[970]: »Da wir
sehen, daß die Gänge durch das Gestein der Gebirge gehen, so muß ich
zunächst die Entstehung der letzteren und darauf den Ursprung der Gänge
auseinandersetzen. Die Hügel und die Berge werden durch zwei Ursachen
hervorgebracht, nämlich durch den Andrang der Gewässer und durch die
Kraft der Winde. Zerstört und aufgelöst werden die Hügel und die Berge
durch drei Ursachen, denn zu den beiden soeben genannten kommt noch die
innere Glut der Erde hinzu.

Daß die Gewässer die meisten Berge erzeugen, liegt klar vor Augen.
Sie spülen zunächst die weiche Erde fort. Dann reißen sie die härtere
Erde weg und endlich wälzen sie die Steine herab. Indem sie auf diese
Weise Höhlungen hervorrufen, bewirken sie in vielen Menschenaltern,
daß das stehenbleibende Land bedeutend hervorragt. Von dem steilen
Abhang solcher Hervorragungen werden dann durch häufige Regengüsse
erdige Massen so lange abgelöst, bis sich ein steiler Abhang in
einen geneigten verwandelt.« *Agricola* schildert somit schon ganz
zutreffend den talbildenden Vorgang, den man als Erosion bezeichnet,
sowie die Abtragung der Gebirge. Hätte er schon eine Vorstellung von
der gebirgsbildenden Tätigkeit des Vulkanismus gehabt, so würden seine
Anschauungen sich den heutigen noch mehr genähert haben. Er fährt dann
fort: »Auch die Vertiefungen, die jetzt die Meere aufnehmen, waren
einst nicht sämtlich vorhanden. An vielen Stellen war Land, bevor die
Kraft der Winde das in der Brandung aufbrausende Meer in das Land
hineintrieb. In gleicher Weise zerstört auch der Andrang der Gewässer
die Hügel und die Berge vollständig. Obgleich all diese Veränderungen
in großem Maße stattfinden, bemerkt man sie gewöhnlich nicht, da sie
infolge der langen Zeiträume, die sie beanspruchen, aus dem Gedächtnis
der Menschen schwinden.«

Diese Worte erinnern an diejenigen des *Aristoteles* (S. 124), den
*Agricola* an vielen Stellen seiner Schriften zitiert.

Auch *Avicenna* (S. 312) hat eine Theorie der Entstehung der Gebirge
gegeben, die mit derjenigen *Agricolas* fast übereinstimmt, weil beide
direkt oder durch Vermittlung auf dieselben alten Schriftsteller
zurückgingen. Über die Ansichten *Avicennas* berichtet *Lyell*[971].

Danach erwähnt *Avicenna* als Ursache der Gebirgsbildung die Erdbeben,
durch die »Land erhoben wird und einen Berg bildet«. Eine weitere
Ursache ist nach ihm wie nach *Agricola* »die Aushöhlung durch Wasser,
wodurch Hohlräume entstehen und bewirkt wird, daß das angrenzende Land
hervorragt und ein Gebirge bildet«.

Die zur Zeit des Wiederauflebens der Wissenschaften unter dem Einfluß
der antiken Schriftsteller entstandenen geologischen Elemente fanden
ihre Fortsetzung besonders durch *Steno*, von dem an einer späteren
Stelle die Rede sein wird.

Ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen des Bergwerksbuches veröffentlichte
*Agricola* sein grundlegendes Buch über die Mineralien[972]. In diesem
Werk begründete er das erste, auf den äußerlichen Kennzeichen beruhende
Verfahren zum Bestimmen der Mineralien. Trotz aller Unvollkommenheiten
verdient es doch Beachtung, weil die späteren Versuche von dem
System *Agricolas* ausgingen. *Agricola* berücksichtigt Farbe,
Glanz, Durchsichtigkeit, Geschmack, Geruch und die Wirkung auf den
Tastsinn (Fettigkeit, Glätte, Rauhigkeit usw.). Ferner kommen für ihn
als Mittel zur genauen Beschreibung der Mineralien die Zähigkeit,
Biegsamkeit, Schwere und Spaltbarkeit in Betracht. Seine Angaben über
die Gestalt der Mineralien sind noch sehr unbestimmt. Er unterscheidet
tafelförmige, eckige (drei- bis sechseckige und vieleckige) und
gewissen Gegenständen ähnliche Mineralien (pfeilförmig, sternförmig,
linsenförmig usw.). Die Brauchbarkeit dieser Übersicht wurde für
spätere Mineralogen dadurch erhöht, daß jedes der erwähnten Kennzeichen
nicht nur angegeben, sondern durch typische Mineralien erläutert und
auf diese Weise gute Vergleichspunkte geschaffen wurden.

Schon während des Altertums hatte man die Versteinerungen von den
Mineralien unterschieden und erstere ganz richtig als die Überreste
organischer Wesen gedeutet. Im Mittelalter dagegen war man auf Grund
der aristotelischen Lehre von der elternlosen Zeugung niederer Tiere zu
der sonderbaren Vorstellung gelangt, daß die Versteinerungen einem im
Erdinnern wirkenden Bildungstrieb, einer vis plastica oder formativa,
ihren Ursprung verdankten[973]. Es dauerte Jahrhunderte, bis die im
15. Jahrhundert wieder auflebende Wissenschaft sich von dieser Lehre
frei zu machen wußte. Ihren letzten Ausläufern begegnen wir sogar
noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Nach *Agricolas* Auffassung
waren also die Versteinerungen Überreste von Organismen. Insbesondere
macht *Agricola* diesen Ursprung für fossiles Holz, Blattabdrücke,
Knochen und die bekannten Fischabdrücke des Mannsfelder Kupferschiefers
geltend. Dagegen hält er die in den Gesteinen eingeschlossenen
Muscheln, Ammonshörner und Belemniten für »verhärtete Wassergemenge.«

Auch in Frankreich und in Italien, wo es geringere Schwierigkeiten bot,
die Ähnlichkeit fossiler Konchylien mit noch jetzt in den benachbarten
Meeren lebenden Arten zu erkennen, neigten aufgeklärte Zeitgenossen
*Agricolas* der richtigen Annahme zu, daß die Versteinerungen
organischen Ursprungs seien. Erst als die Geologie ihr Hauptziel in
der Deutung des mosaischen Schöpfungsberichtes erblickte und die
Versteinerungen für die wichtigsten Zeugen der Sintflut ausgab, fand
diese Lehre allgemeinen Anklang. Die heute geltende Ansicht findet
sich wohl zuerst bei *Lionardo da Vinci* und vor allem bei dem in
Verona lebenden Arzt *Fracastoro* (1483-1553) ganz klar ausgesprochen.
Als man in Verona, bei der Errichtung von Bauten, Muscheln aus dem
Erdinnern zutage förderte, erklärte *Fracastoro*, daß es sich hier
weder um die Schöpfungen einer vis plastica noch um Zeugen der Sintflut
handeln könne. Etwaige Beweisstücke einer allgemeinen Überflutung
müßten nämlich, wie er ausführt, die Oberfläche der Erde bedecken,
während die gefundenen Dokumente tief im Boden gefunden seien. Als
einzige Annahme bleibe übrig, daß die Versteinerungen von Geschöpfen
herrühren, die an der Stelle, wo sie sich befinden, früher gelebt haben
und so erkennen lassen, daß das Meer einst dort wogte, wo jetzt festes
Land ist.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts begegnen uns auch die ersten,
mit Abbildungen versehenen Werke über Versteinerungen, unter denen
dasjenige *Gesners*, des deutschen *Plinius*, hervorzuheben ist[974].
Allerdings gelangte auch er hinsichtlich der Versteinerungen zu keiner
klaren Ansicht. Er vergleicht sie zwar mit Pflanzen und Tieren, ohne
sie indessen bestimmt als Überreste organischer Wesen anzusprechen[975].

Den Standpunkt *Fracastoros* vertrat unter den Schriftstellern, die
im 16. Jahrhundert über Gegenstände der Geologie schrieben, vor
allem der Franzose *Bernhard Palissy*. In einem, klares Denken und
vorurteilsfreie Beobachtung bezeugenden Werke weist er darauf hin[976],
daß manche Versteinerungen den noch jetzt lebenden Tieren und Pflanzen
gleichen und offenbar an Orten entstanden sind, die früher vom Meere
oder von süßem Wasser bedeckt waren[977].

Die häufig anzutreffende Annahme, daß *Lionardo da Vinci*, *Fracastoro*
und *Palissy* lediglich durch eigenes, vorurteilsfreies Denken zu
richtigen Vorstellungen über die Versteinerungen und den Wechsel von
Meer und Land gekommen seien, ist nicht zutreffend. Auch diese Männer
empfingen die Anregung zu ihren Spekulationen ganz offenbar aus den
Schriften der Alten, besonders aus den Büchern des *Aristoteles*,
welche der Neuzeit die Vorstellungen übermittelten, zu denen die
griechischen Forscher, besonders *Demokrit*, in geologischen Dingen
gelangt waren. *Palissy* bedient sich in seinem »Discours admirable«
betitelten Buche der Form des Dialogs. Seine eigenen Ansichten legt er
der »Praxis«, die gegnerischen der »Theorie« in den Mund. Auf einen
Einwurf der »Theorie« antwortet *Palissy*: »Wie wäre es möglich, daß
Holz sich in Stein verwandelt, wenn es sich nicht längere Zeit in
mineralhaltigen Gewässern befunden hätte. Wären letztere nicht ebenso
flüssig und fein wie die gewöhnlichen, so hätten sie nicht in das Holz
eindringen und es in allen seinen Teilen durchtränken können, ohne ihm
irgendwie seine ursprüngliche Form zu nehmen. Wie das Holz, so wurden
auch die Muscheln in Stein verwandelt, ohne ihre Form zu verlieren«.

*Palissy* war ein einfacher Töpfer. Er hatte indessen bei dem gelehrten
*Cardanus* gelesen, daß die Schalen der Muscheln an vielen Orten
dadurch versteinert seien, daß die Substanz sich änderte, während
die Form erhalten blieb[978]. Wie es kommt, daß die versteinerten
Organismen sich nicht nur an der Oberfläche der Erde finden, sondern
das ganze Gebirge durchsetzen, schildert *Palissy* zutreffend mit
folgenden Worten: »Die versteinerten Organismen wurden an demselben
Orte erzeugt, an dem wir sie finden und zwar zu einer Zeit, während
sich an der Stelle der Felsen nur Schlamm und Wasser vorfand. Letzterer
ist seitdem mit den Organismen versteinert. Und zwar versteinerten
die Erde und der Schlamm durch dieselbe Kraft, die auch die Fossilien
erzeugt hat, nämlich durch die alles durchdringenden Minerallösungen.«
In einem Punkte urteilt *Palissy* richtiger als *Cardanus*. Letzterer
glaubte nämlich mit den meisten Gelehrten seiner Zeit, soweit sie nicht
die Versteinerungen für bloße Naturspiele oder »Schöpfungsübungen
Gottes« hielten, die versteinerten Organismen seien Überbleibsel einer
die gesamte Erde bis zu den Spitzen der Berge bedeckenden Flut, also
gewissermaßen Zeugen der Sintflut. Gegen diese Ansicht wendet sich
*Palissy* mit dem Hinweis darauf, daß sich die Fossilien nicht nur an
der Oberfläche der Erde befänden, sondern auch an den tiefsten Stellen,
an die man durch das Ausbrechen der Steine gelange. »Durch welches
Tor«, fragt er seine Gegner, »drang denn das Meer ein, um die Fossilien
in das Innere der dichtesten Felsen zu tragen?«



13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen
Naturwissenschaften.


Nicht nur für die anorganischen Naturwissenschaften, einschließlich
der Mineralogie und der Geologie, wurden im 16. Jahrhundert Grundlagen
geschaffen, auf denen sich mit Erfolg weiter bauen ließ, sondern das
Gleiche gilt auch von den übrigen Gebieten der Naturbeschreibung,
der Botanik, der Zoologie, sowie der Lehre vom Bau und von den
Verrichtungen des menschlichen Körpers. Diese Gebiete wurden zunächst
durch das Bekanntwerden der auf sie bezüglichen Schriften der Alten zu
neuem Leben erweckt. Dann trat aber für sie noch ein zweiter günstiger
Umstand hinzu. Infolge der Entdeckungsreisen und durch die daran sich
anknüpfenden neuen Handelsverbindungen wurde nämlich die europäische
Menschheit mit einer solchen Fülle neuer Naturerzeugnisse bekannt, wie
es nie zuvor in gleichem Maße geschehen war.


Naturbeschreibung und Entdeckungsreisen.

Die Geschichte der Entdeckungsreisen gilt schon in der üblichen,
mehr das Persönliche und Zufällige schildernden Darstellung als
eine der fesselndsten Episoden der Weltgeschichte. Sie gewinnt aber
außerordentlich an allgemeinem Interesse, wenn wir sie in ursächliche
Beziehung zu dem Gange der wissenschaftlichen Entwicklung setzen.
Letztere ist es, welche die Entdeckungsreisen bedingt hat, um
andererseits durch sie auch wieder den gewaltigsten Impuls zu empfangen.

Wir haben schon an anderer Stelle erfahren, daß die Schiffahrt gegen
den Ausgang des Mittelalters durch die Einführung des Kompasses,
sowie die Entwicklung der Astronomie und der auf astronomischen
Prinzipien beruhenden nautischen Instrumente viel von ihren Gefahren
und Zufälligkeiten verloren hatte. Infolgedessen vermochte die Nautik
sich auch weitere Ziele zu stecken. Da der Verkehr zu Lande mit den
südlichen und östlichen Teilen Asiens, die ja schon im Altertum in
den Gesichtskreis der Europäer getreten waren und für Europa gegen
den Ausgang des Mittelalters immer mehr an Bedeutung gewannen, in
hohem Grade mühsam, kostspielig und gefährlich war, so regte sich in
weiterschauenden Männern der Gedanke, ob jene asiatischen Länder nicht
durch eine Fahrt nach Westen oder durch eine Umschiffung Afrikas zu
erreichen seien. Dieser Gedanke fand den günstigsten Boden in Portugal
und Spanien, die durch ihre Lage mehr als Italien auf das offene
Meer hinausgewiesen waren und durch das Übergewicht, das Venedig im
Mittelmeere ausübte, auf neue Wege für ihren Handel hingedrängt wurden.

In Portugal wurde dieses Streben besonders durch *Heinrich* »*den
Seefahrer*«[979] unterstützt. Um diesen scharten sich gelehrte
und kühne Männer, unter anderen der Geograph und Astronom *Martin
Behaim*[980] aus Nürnberg. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts begann das
Vordringen entlang der Westküste Afrikas. Das Auftauchen bewaldeter
Vorgebirge zerstörte zunächst das mittelalterliche Vorurteil, daß in
der Nähe des Äquators alles Leben von der Glut der Sonne versengt sei.
Ferner bemerkte man, daß die Küste Afrikas immer weiter nach Osten
zurückweicht, wodurch die Hoffnung, einen östlichen Seeweg nach Indien
zu entdecken, neue Nahrung empfing. Durch *Bartholomeo Diaz*, der
1486 die Südspitze des dunklen Erdteils erreichte, und durch *Vasco
da Gama*, der 1498 nach der Umschiffung Afrikas in Ostindien landete,
wurde diese Hoffnung endlich verwirklicht. Rasch breiteten sich die
Herrschaft und der Handel der Portugiesen über das südliche Asien und
die im Südosten dieses Kontinentes gelegenen Inseln aus.

Mit welcher Fülle von neuen Naturerzeugnissen die europäische
Menschheit dadurch bekannt wurde, kann hier nur angedeutet werden.
An den Küsten und auf den Inseln Ostafrikas fielen besonders die
gewaltigen Dracaenen und der riesige Brotfruchtbaum (Adansonia
digitata) auf. In Ceylon gelangte man in den Besitz der Zimtwälder. Man
wurde mit der wunderbaren maledivischen Nuß, mit dem Gewürznelkenbaum
und denjenigen Pflanzen bekannt, welche die Muskatnüsse, den Kampfer,
Benzoe, Indigo, Strychnin usw. liefern. In nicht geringerem Maße wurde
die Wissenschaft durch die Entdeckung zahlreicher neuer Tierformen
bereichert. Und der gelehrte *Clusius* (geb. zu Arras 1526) unternahm
es, das Wichtigste über die neuen fremdländischen Naturerzeugnisse
zusammenzustellen[981]. Bei *Clusius* begegnen uns zum ersten Male, in
Abbildungen und Beschreibungen, der fliegende Hund, der Molukkenkrebs,
die gewaltigen, plumpen, zur Ordnung der Waltiere gehörenden Sirenen,
der heute ausgestorbene Dodo, jener unbeholfene Vogel, den *Vasco da
Gama* auf den Mascarenen in so großer Menge antraf. Auch die Bewohner
Amerikas, seine Faultiere, Gürteltiere und Kolibris und endlich die
so abenteuerlich gestalteten Fische, die das Meer der Tropen beleben,
schildert *Clusius*.

Den Portugiesen wurde der indische Handel durch die Niederländer
entrissen, deren Seegeltung so machtvoll emporwuchs, nachdem sie das
spanische Joch abgeschüttelt hatten. Die wissenschaftliche Erforschung
der neuentdeckten Länder nahm unter diesem Volke, das auch daheim
den regsten wissenschaftlichen Sinn bekundete, einen bedeutenden
Aufschwung. War doch auch *Clusius* ein Niederländer.

Der Gedanke, durch eine Seefahrt nach Westen die Küsten Ost- und
Südasiens zu erreichen, tauchte im Renaissancezeitalter zuerst in dem
Florentiner Astronomen *Toscanelli* (1397-1482) auf. Dieser Mann, der
auch durch seine Einwirkung auf *Nicolaus von Cusa* zum Wiederaufleben
der Astronomie in Deutschland beigetragen hatte, wußte den großen
Genuesen, dem Europa die Entdeckung der westlichen Hemisphäre verdankt,
für seinen Gedanken zu erwärmen. Dennoch sollten zehn Jahre nach
dem Tode *Toscanellis* verfließen, bis *Columbus* nach Überwindung
zahlloser Schwierigkeiten in Westindien landete. Schon auf der ersten
Reise wurde man mit dem Tabak, der Yamswurzel und dem Mais bekannt.
Bald folgte die Entdeckung der Ananas, von Agave Americana, Theobroma
Cacao, der Batate, der Sonnenblume, von Manihot und zahlreichen
anderen, wichtigen und charakteristischen amerikanischen Pflanzen.

Nachdem *Cabot* (1497) das nordamerikanische Festland, *Cabral*
(1500) Brasilien entdeckt hatten, und *Cortez* und *Pizzaro* erobernd
in das Innere des neuen Kontinentes eingedrungen waren, begann eine
sorgfältige naturgeschichtliche Erforschung der entdeckten Länder.
Vor allem waren es gelehrte Kleriker, die sich dieser Aufgabe mit
Eifer und Erfolg widmeten. So schrieb der Jesuit *d'Acosta* eine
»Natur- und Sittengeschichte der Indier«, in der auch die gewaltigen
fossilen Knochen Südamerikas Erwähnung finden. *d'Acosta* hielt sie für
Überreste von Riesen und erörtert ganz ernsthaft die Frage, wie die
Tiere Amerikas nach ihrem heutigen Wohnsitz gelangten, da sie doch in
der Arche Noahs eingeschlossen gewesen seien.

Mit noch größerem Eifer als den Pflanzen und den Tieren wandte man
sich den Bodenschätzen der neu entdeckten Länder zu. In Mexiko und
Peru wurde der Bergbau bald mit so großem Erfolge betrieben, daß
die Einfuhr des dort gewonnenen Edelmetalls in Europa umgestaltend
auf die wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Erdteils wirkte. Auf
die Erschließung des neuen Kontinentes folgte ein Austausch seiner
Erzeugnisse mit denjenigen der alten Welt. So wird der Tabak schon
1559 in Portugal gebaut[982], um in Europa zunächst als Mittel gegen
Geschwüre Verwendung zu finden. Zu den ersten, die ihn rauchten,
gehörte der große Naturforscher *Gesner*. Die neue Welt empfing dagegen
u. a. den Kaffeebaum, das Zuckerrohr und die Obstarten.

Hand in Hand mit der unendlichen Bereicherung, welche die Wissenschaft
durch die Entdeckungsreisen erfuhr, ging ein Aufschwung der gesamten
Kultur und eine Erweiterung des gesamten Gesichtskreises, wie ihn
kein früheres oder späteres Zeitalter erfahren. Der Handel hörte
auf, das Privilegium einiger mächtigen süd- und mitteleuropäischen
Städte zu sein und wurde Welthandel. Die Mittelmeerländer waren nicht
fürder eine Welt für sich, sondern die ganze Erde wurde zu einer
Domäne der weißen Rasse. Und innerhalb dieser Rasse erlangte endlich
immer mehr das germanische Element das Übergewicht. Waren doch die
Völker germanischen Stammes den Romanen an Tatkraft überlegen, an
Intelligenz mindestens gleichwertig, und endlich durch ihre Wohnsitze
am offenen Weltmeer auf die Fortentwicklung des durch die Entdecker
und Konquistadoren eröffneten Welthandels ganz besonders hingewiesen.
Alles Momente, welche in Verbindung mit der im nördlichen Europa
entstehenden Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Verpflanzung der in
Italien wiedergeborenen Wissenschaft nach Mittel- und Nordwesteuropa
ganz besonders begünstigten.


Die Erneuerung der Botanik.

Wir wenden uns nach diesen allgemeineren Ausführungen den organischen
Naturwissenschaften im einzelnen zu. Daß man im Zeitalter der
Renaissance und der Entdeckungsreisen die Augen öffnen lernte und die
Fesseln des Autoritätsglaubens und der Büchergelehrsamkeit abstreifte,
ist für die weitere Entwicklung der beschreibenden Naturwissenschaften
von großem Einfluß gewesen. Waren diese Wissenszweige früher nur
nebenbei und meist zu Heilzwecken gepflegt worden, so bot sich jetzt
eine solche Fülle von neuem Material, daß die Tätigkeit derjenigen,
die sich der Naturbeschreibung widmeten, dadurch vollauf in Anspruch
genommen wurde. Damit trat die Beziehung dieser Fächer zur Heilkunde,
ihrer eigenen Bedeutung gegenüber, allmählich zurück.

Besonders für die Botanik trat im 16. Jahrhundert der Zeitpunkt ein,
in dem dieser Wissenszweig sich über die Grenzen der Heilmittellehre
hinaus entwickelte, da man die Pflanzen ihrer selbst wegen zu
betrachten begann[983]. Auch wurde mit dem lange herrschenden
Vorurteil gebrochen, als hätten die Alten schon die ganze Fülle der
Pflanzenwelt erschöpft. Der Trieb nach eigener wissenschaftlicher
Betätigung äußerte sich auf botanischem Gebiete in diesem Zeitalter
vor allem darin, daß eine Anzahl von Spezialfloren mit Abbildungen,
die sogenannten Kräuterbücher, entstanden. In weiten Kreisen wurde
diesen Erzeugnissen des emporblühenden Buchgewerbes Interesse
entgegengebracht. Infolgedessen verwandten die Verleger die größte
Sorgfalt auf die Ausstattung der Kräuterbücher mit musterhaften
Abbildungen. Und in dem Maße, wie die Kunst des Holzschnittes auf
diesem Gebiete Fortschritte machte, nahm auch die Fähigkeit des
Beschreibens mit zutreffenden Worten einen Aufschwung. Infolge der
wachsenden Pflanzenkenntnis und der Verschärfung der Beobachtung wurde
aber auch die natürliche Verwandtschaft immer mehr durchgefühlt, so daß
man häufig zur Vereinigung verwandter Arten zu Gattungen, ja selbst
ähnlicher Gattungen zu familienähnlichen Gruppen gelangte. Einen
Ansatz zu dieser Art von Systematik hatte zwar schon das Altertum zu
verzeichnen, indem z. B. *Theophrast* verschiedene Arten von Eichen,
Fichten usw. zusammenfaßte. Da jedoch die allgemeine Botanik, abgesehen
von dem vereinzelt gebliebenen Bemühen des *Albertus Magnus*, keine
Fortschritte gemacht hatte, so verfuhr man bei diesen ersten Schritten
an der Schwelle der Neuzeit mehr intuitiv, ohne imstande zu sein, die
gewonnenen Begriffe durch klare Definitionen festzuhalten.

Der im vorstehenden kurz gekennzeichnete Fortschritt der Botanik ist
vor allem das Verdienst einiger deutschen Gelehrten, die man wohl als
die Väter der Pflanzenkunde bezeichnet hat. Sie heißen *Brunfels*,
*Bock* und *Fuchs*. Mit demselben Rechte, mit dem man *Agricola* den
Vater der neueren Mineralogie genannt hat, kann man die Genannten
als die Begründer der neueren Botanik bezeichnen. Ihre Kräuterbücher
wurden dadurch veranlaßt, daß die kommentatorischen Bemühungen, die
man auf die botanischen Werke der Alten verwendet hatte, aus mehreren
Gründen gescheitert waren. Bei dem Glauben an die Unfehlbarkeit der
Alten war man nämlich an ihre botanischen Schriften in der Meinung
herangetreten, daß die darin abgehandelten Pflanzen das gesamte
Pflanzenreich darstellten. Des weiteren suchte man die von den Alten
beschriebenen Pflanzen, ohne von der geographischen Verbreitung
eine klare Vorstellung zu besitzen, in Mitteleuropa, wo sie bei der
bedeutenden Verschiedenheit der Floren Griechenlands und Deutschlands
nur zum kleinsten Teil gefunden werden konnten. Erst als man die
Unhaltbarkeit jener Voraussetzungen einsah, verlegte man sich auf das
genaue Beschreiben derjenigen Gewächse, die man in der Heimat vorfand.

An der Spitze der neueren Botaniker steht *Otto Brunfels*. *Brunfels*
wurde um 1490 in der Nähe von Mainz geboren und empfing dort gelehrten
Unterricht. Nachdem er einige Zeit ein Schulamt bekleidet, erwarb
er die Würde eines Doktors der Medizin[984]. Sein Hauptverdienst
um die Botanik besteht darin, mit Hilfe eines hervorragenden
Künstlers die erste Sammlung naturgetreuer, künstlerisch vollendeter
Pflanzenabbildungen herausgegeben zu haben. Das Werk erschien unter
dem Titel »Herbarum vivae eicones« im Jahre 1532. Es enthielt mehrere
hundert Abbildungen in so sicheren Umrissen, daß die dargestellten
Pflanzen gar nicht verkannt werden konnten. Es handelte sich dabei in
erster Linie um die wildwachsenden, häufiger vorkommenden Pflanzen der
oberrheinischen Tiefebene.

Der Text, den *Brunfels* diesen Abbildungen beigegeben, ist von
geringerem Wert. Er lehnt sich noch in der Hauptsache an die älteren
Schriftsteller an und ist bestrebt, die heimatlichen Pflanzen
mit den von *Dioskurides*, *Plinius* und *Galen* beschriebenen
zu identifizieren. *Brunfels* gab seinem Kräuterbuche folgende
Einrichtung. Unter jede Abbildung setzte er zuerst einen deutschen
Namen. Hinzugefügt wurden dann die lateinischen und die griechischen
Benennungen, sowie Angaben aus *Theophrast*, *Dioskurides*, *Plinius*
usw. Den Schluß bildeten Mitteilungen über die Wirkungen der Pflanzen.

Gewisse Versuche, die heimatlichen Pflanzen naturgetreu abzubilden,
wurden übrigens in Deutschland schon vor *Brunfels* im 15. Jahrhundert
gemacht. Vorbildlich war nach dieser Richtung vor allem die Kunst eines
*Albrecht Dürer* (1471-1528). Die Pflanzendarstellungen, die sich auf
seinen Gemälden, sowie denjenigen mancher älteren deutschen Künstler
finden, waren recht naturgetreu. *Dürer* liebte es, auf seinen Bildern
als Beiwerk Pflanzen und Tiere zu malen. Er folgte darin einem damals
herrschenden Brauche. Im ganzen hat *Dürer* etwa 180 verschiedene
Pflanzen und Tiere dargestellt. Zumal im reiferen Alter des Künstlers
zeigen diese Bilder, wie z. B. Veilchen, Pfingstrosen, Lilien usw.,
einen unübertrefflichen Grad von Naturwahrheit. »*Dürer* gebührt daher
in der Geschichte der naturkundlichen Illustration, die freilich erst
geschrieben werden muß, ein dauernder Ehrenplatz«[985].

Kunst und Wissenschaft wetteiferten somit darin, die Naturkunde wieder
auf eigene Beobachtung zu gründen und sich von den überkommenen
Schriften der Alten, die bis zum 15. Jahrhundert als einzige Quelle
dem Studium zugrunde gelegt wurden, frei zu machen. Daß trotzdem der
neueren Wissenschaft nur nach und nach die Flügel wuchsen, hat die
verschiedensten Gründe.

Ein Mitarbeiter des *Brunfels* ist *Hieronymus Bock*[986]. *Bock* wurde
1498 in der Nähe von Zweibrücken geboren, studierte alte Sprachen
und wurde durch den Pfalzgrafen von Zweibrücken mit der Aufsicht über
dessen Garten betraut. Zu gleicher Zeit bekleidete er die Stelle eines
Lehrers. *Bock* stellte botanische Wanderungen in der Eifel, dem
Hunsrück, den Vogesen, dem Jura, den Schweizer Alpen an und beobachtete
überall die dort wachsenden Pflanzen mit der größten Sorgfalt. Sein
Fehler, dem jedoch sein Zeitgenosse *Fuchs*, wie wir gleich hören
werden, entgegentrat, bestand darin, daß er den von ihm aufgefundenen
Pflanzen griechische und lateinische Namen der alten Botaniker
beilegte, mit welchen diese ganz andere, in Südeuropa heimische
Gewächse bezeichnet hatten.

*Bock* wagt sogar den Versuch einer natürlichen Anordnung und stellt
zum Beispiel die Lippenblüter, die Kompositen und die meisten
Kreuzblüter zusammen. Das Werk, das ihn in der Geschichte der Botanik
unsterblich gemacht hat, führt den Titel »New Kreutterbuch«[987]. Es
erschien zuerst im Jahre 1539, und zwar ohne Abbildungen, während die
späteren Auflagen mit solchen versehen waren. Die Abbildungen *Bocks*
bleiben hinter denjenigen des *Brunfels* zurück, dafür hat es aber
*Bock* in der Kunst des Beschreibens viel weiter gebracht als jener,
so daß er sich den Ruhm erwarb, er vermöge in seinen Beschreibungen
die Natur wirklich zu malen. Vor allem versteht es *Bock*, den ganzen
Habitus der Pflanze vortrefflich zu beschreiben, während er auf die
Beschreibung der Blumen und Früchte geringere Sorgfalt verwendet.
Auch berücksichtigt er keine Pflanze, die er nicht selbst gesehen,
»soviel derselben im Teutschen Land ihm zu handen gestoßen«. Auch das
Vorkommen und die Zeit des Blühens der beschriebenen Pflanzen findet
man berücksichtigt. Ferner erklärt sich *Bock* entschieden gegen die
alphabetische Anordnung, durch welche ähnliche Pflanzen getrennt
würden. Im ganzen hat *Bock* sechshundert Pflanzen beschrieben.

Als Probe möge hier seine Beschreibung der Ackerwinde (Convolvulus
arvensis) und der Zaunwinde (Convolvulus sepium) Platz finden.
Sie lautet: »Zwei gemeine Windenkräuter wachsen in unserem Land
allenthalben mit weißen Schellen- oder Glockenblumen. Das größte sucht
seine Wohnung gern bei den Zäunen, kriecht über sich, wickelt und
windet sich. Das kleine Glockenkraut (C. arvensis) ist dem großen in
der Wurzel, den runden Stengeln, den Blättern und den Glocken gleich,
in allen Dingen aber dünner und kürzer. Etliche Glockenblumen an diesem
Gewächs werden ganz weiß, etliche schön leibfarben, mit braunroten
Strömlein gemalt. Diese wachsen in dürren Wiesen und Gärten. Es schadet
dadurch, daß es mit seinem Kriechen und Umwickeln andere Gartenkräuter
zu Boden drückt. Auch ist es schwer auszurotten«.

Die Anordnung der Pflanzen in den Kräuterbüchern war meist die
alphabetische. Allmählich entwickelte sich aber auf Grund der zahllosen
Einzelbeobachtungen das Gefühl für die Zusammengehörigkeit des
Ähnlichen und damit die Voraussetzung zur Begründung eines natürlichen
Systems. So wurden bald die Nadelhölzer, die Lippenblüter, die
Korbblüter und andere Familien als natürliche Gruppen herausgefühlt,
ein großer Fortschritt gegen die Einteilung in Bäume, Sträucher und
Kräuter, der wir im Altertum zumeist begegnen. Das medizinische
Element nahm jedoch in den Kräuterbüchern immer noch einen breiten
Raum ein, wie es auch bei der Anlage botanischer Gärten maßgebend
war. Naiv genug mutet uns noch manches in den Kräuterbüchern, diesen
Erstlingserzeugnissen der neueren botanischen Wissenschaft an. So
beginnt *Bock* mit folgenden Worten: »Nach Erkundigung aller Geschrift
erfindet sichs klar, daß der allmächtige Gott und Schöpfer der
allererste Gärtner, Pflanzer und Baumann aller Gewächse ist.« Sodann
wird *Adam* als der zweite Botaniker gepriesen, weil er alle Pflanzen
mit ihrem rechten Namen belegt habe. Auf ihn folgen die Botaniker
*Kain*, *Noah* usw.

Als dritter in der Reihe der Begründer der neueren Botanik ist der
Bayer *Leonhard Fuchs* zu nennen. Er wurde 1501 geboren, studierte wie
seine Vorgänger Medizin und alte Sprachen und gab im Jahre 1542 seine
berühmte »Historia stirpium«, eine Beschreibung vieler in Deutschland
wild wachsender Pflanzen heraus, zu denen noch etwa 100 Gartenpflanzen
kamen. Das Werk stellt sich denjenigen von *Bock* und *Brunfels* als
ebenbürtig an die Seite. *Fuchs* war ein sehr gelehrter Mann. Seine
eindringende Gelehrsamkeit ließ ihn die Mängel, die den arabischen
Schriften über Medizin und Botanik und ihren lateinischen Nachahmungen
anhafteten, klar erkennen. Er drang deshalb darauf, daß man in der
Medizin auf die griechischen Urschriften, in der Botanik aber auf
die Natur selbst zurückgehen solle. Letzteres erschien ihm als der
einzige Ausweg, aus der Verwirrung herauszukommen, welche durch die
Übertragung der alten Pflanzennamen auf die heimatlichen Gewächse
entstanden war[988].

Unter den Botanikern des 16. Jahrhunderts ist auch der Niederländer
*Dodonaeus* zu nennen, wie denn überhaupt die Niederländer frühzeitig
unter den Neubegründern der Naturwissenschaften und der Philosophie
hervorragten, eine Erscheinung die sicherlich in der geographischen
Lage des Wohnsitzes und in der staatlichen und religiösen Entwicklung
dieses Volkes begründet ist.

*Dodonaeus* wurde 1517 in Mecheln geboren. Sein Hauptwerk[989],
»Die Naturgeschichte der Gewächse«, erschien im Jahre 1583. Was
*Dodonaeus* unter den zeitgenössischen Botanikern besonders hervorhob,
war das bewußte Streben, eine wissenschaftliche Anordnung der
Pflanzen zu finden. Zwar blieb es bei einem rohen Versuch, doch hat
er viele Gattungen und Familien und manche wenig ins Auge fallende
verwandtschaftliche Beziehungen der Pflanzen schon erkannt. Die
Pflanzen, die er beschreibt, gehören teils der heimatlichen Flora an,
teils sind sie den Gärten entnommen, die von den Niederländern schon
damals sehr gepflegt und infolge der ausgedehnten Handelsbeziehungen
dieses Volkes mit mancher seltenen Art versehen wurden[990]. Selbst
*Dodonaeus* vergleicht noch die ihm vorliegenden Pflanzen mit den
von den alten Schriftstellern erwähnten. Doch hindert ihn das nicht,
seine eigenen Beschreibungen auf genaue und eingehende Beobachtungen
zu stützen, so daß seine Beschreibungen ausführlicher als diejenigen
irgendeines seiner Vorgänger ausgefallen sind.

Weit vielseitiger und vorgeschrittener als die genannten Männer war der
große Polyhistor *Konrad Gesner*, ein Mann, der für sein Zeitalter
etwa die Bedeutung besaß, wie sie *Albert dem Großen* für das 13.
Jahrhundert beizumessen ist. *Konrad Gesner* wurde im Jahre 1516 in
Zürich als der Sohn eines armen Kürschners geboren. Er erhielt jedoch
mit Unterstützung seines Oheims eine gute Schulbildung. Sein Oheim,
der ein großer Gartenfreund war, erweckte auch in dem jungen *Gesner*
die Liebe zur Naturwissenschaft. *Gesner* studierte in Straßburg und
Paris Medizin und Naturwissenschaften. Bedenkt man, daß derselbe
Mann auch praktischer Arzt war und eine Zeitlang eine Professur der
griechischen Sprache bekleidete, so erhalten wir einen Begriff von
der vielseitigen Gelehrsamkeit, die uns in der auf das Emporblühen
des Humanismus folgenden Zeit so häufig begegnet. Seine Neigung zur
universalen Bildung brachte ihn mit den mannigfaltigsten älteren
und neueren Schriftwerken in Berührung[991]. Zunächst verwaltete
*Gesner* ein Lehramt. Dann ließ er sich als Arzt in Zürich nieder,
wo er gleichzeitig eine Professur für Philosophie bekleidete. Erst
1558 erhielt er die sichere und besser besoldete Professur für
Naturgeschichte. Aber schon wenige Jahre später, im Dezember 1565 wurde
er durch die Pest dahingerafft.

Das Lebenswerk *Gesners* ist eine große Naturgeschichte der Pflanzen
und Tiere, ein Unternehmen, das Zeit und Kräfte des Einzelnen trotz
unermüdlicher Arbeit bei weitem überstieg. Für die Naturgeschichte der
Pflanzen hat *Gesner* im wesentlichen nur die Abbildungen, etwa 1500
an der Zahl, gesammelt und gezeichnet oder zeichnen lassen. Das große
Verdienst, das er sich trotzdem um die Botanik erworben hat, besteht
darin, daß uns in seinen Abbildungen zum ersten Male genaue Zeichnungen
der Blütenteile und der Früchte begegnen, die seine Vorgänger fast ganz
vernachlässigt hatten[992].

Aus *Gesners* Briefen geht hervor, daß er diesen Teilen der Pflanze
besonderen Wert beilegte, wenn es sich um die Verwandtschaft handelte.
Er unterscheidet auch mit klaren Worten Gattungen und Arten. »Ich
halte dafür«, sagt er, »daß es fast keine Pflanzen gibt, die nicht
eine Gattung bilden, welche wieder in zwei oder mehr Arten zu
teilen ist«[993]. Auch der Begriff der Spielart begegnet uns schon
bei *Gesner*. Als ihm einst ein Zweig von Ilex aquifolium gesandt
wurde, dessen Blätter nur eine Spitze aufwiesen, bat er den Einsender
festzustellen, ob diese Abweichung konstant sei oder nicht.

Der Gedanke, medizinisch wertvolle und auch andere Pflanzen nicht,
nur vom Zufall geleitet, im Freien zu suchen, sondern sie in Gärten
anzubauen, um dadurch jederzeit über sie verfügen zu können,
begegnet uns zu allen Zeiten. Von den Gärten, welche *Theophrast*
und *Mithridates* unterhalten haben sollen, können wir uns keine
Vorstellung mehr machen. Besser sind wir durch die Kapitularien
über die Gärten zur Zeit *Karls des Großen* unterrichtet[994]. Von
dem Kalifen *Abdurrahman I.* wird erzählt, daß er einen botanischen
Garten bei Cordova anlegen und ihn mit Gewächsen Asiens bepflanzen
ließ[995]. Die Gärten, die in Salerno und in Venedig im 14. Jahrhundert
entstanden, dienten wohl nur medizinischen Zwecken. Den venetianischen
Garten legte ein Arzt an, um »die für seine Kunst erforderlichen
Kräuter zur Hand zu haben«[996]. Ein im eigentlichen Sinne botanisches
Forschungsmittel von höchstem Werte wurde aus solchen Gärten erst,
als man sie seit der Mitte des 16. Jahrhunderts als ein notwendiges
Lehrmittel der Universitäten zu betrachten anfing und gleichzeitig die
Botanik über eine bloße Heilmittellehre hinaushob.

Die ersten Universitätsgärten entstanden in Padua und Pisa[997].
In Pisa waren es die Mediceer, die Land für einen solchen Garten
zur Verfügung stellten und dafür sogar Samen und Pflanzen im fernen
Orient sammeln ließen. Bald darauf erhielten auch Florenz und
Bologna botanische Gärten. In Venedig sorgten die Cornaros und die
Morosinis durch ihren weitverzweigten Handel und die Anlage von
Gärten gleichfalls für die Belebung des botanischen Interesses.
Nachdem die reichen italienischen Handelsstädte ein solch rühmliches
Beispiel in der Pflege der mit ihren Interessen Hand in Hand gehenden
Naturwissenschaft gegeben, wollten auch die übrigen Länder in der
Betätigung dieses Sinnes nicht zurückstehen. So entstanden denn in
Montpellier, in Bern, Basel, Straßburg, Antwerpen, Leipzig, Nürnberg
und an manchen anderen Orten, teils in Verbindung mit Universitäten,
teils aus privaten Mitteln, noch im 16. Jahrhundert Einrichtungen, die
als botanische Gärten bezeichnet werden können.

Etwa zur selben Zeit begegnet uns zum erstenmale das Verfahren,
Pflanzen zu pressen und in Herbarien auf Papier geklebt aufzubewahren.
Das Herbarium *Bauhins* (1550-1624) wird noch heute in Basel
gezeigt[998]. Als der Erfinder der Herbarien gilt *Luca Ghini*, der von
1534-1544 in Bologna lehrte[999].


Die Erneuerung der Zoologie.

Wie auf botanischem, so regte sich auch auf zoologischem Gebiete das
Bestreben, über das von den Alten überlieferte Maß an Kenntnissen
hinauszuschreiten und die bekannten Tierformen, deren Zahl sich durch
Entdeckungsreisen immerfort vergrößerte, auf Grund eigener Beobachtung
zu beschreiben und mit möglichster Naturtreue darzustellen. So
entstanden mehrere umfassende Werke, wie diejenigen des Schweizers
*Konrad Gesner* (1516-1565) und des Italieners *Aldrovandi* (1522-1607).

Weit größer als in der Botanik war *Gesners* Einfluß auf die
Entwicklung der Zoologie. Hier gebührt ihm das große Verdienst, zum
ersten Male die zu seiner Zeit bekannten Tierformen vom Standpunkte
des Naturforschers aus geschildert zu haben. Dies geschah in seiner
großen, vom Jahre 1551 ab erschienenen Geschichte der Tiere (Historiae
animalium lib. V). Von den fünf Foliobänden behandelt der erste die
Säugetiere, der zweite die eierlegenden Vierfüßer, der dritte die Vögel
und der vierte die Fische und Wassertiere. Ein fünfter, die Insekten
behandelnder Band wurde aus *Gesners* Nachlaß zusammengestellt.
*Gesner*, dem sein Vaterland das erste Naturalienkabinett verdankt,
beschrieb in seinem Werke den äußeren Bau der Tiere unter
Berücksichtigung ihres Vorkommens, ihrer Lebensweise, des Nutzens, den
sie gewähren usw. Seine Anordnung ist die alphabetische, was in bezug
auf Systematik gegen *Aristoteles*, der die großen natürlichen Gruppen,
wie wir sahen, schon erkannt hatte, einen offenbaren Rückschritt
bedeutet. Doch macht sich bei *Gesner* das Bestreben geltend, die
Zoologie von den gerade auf diesem Gebiete so sehr überwuchernden
Fabeln zu reinigen. Letztere werden zwar gewissenhaft angeführt, doch
geschieht dies nicht, ohne daß Bedenken dagegen erhoben werden.

Während *Albert der Große* das zoologische Wissen im engen Anschluß an
die dem Abendlande übermittelten naturwissenschaftlichen Schriften des
*Aristoteles* wiederzugeben suchte, ging *Gesners* Plan dahin, unter
Einschränkung des in den mittelalterlichen Schriften überwuchernden,
philologischen Verbalismus, alles was man zu seiner Zeit vom Tierreich
wußte, zusammenfassend darzustellen. Gleichzeitig suchte er jede
Tierform, die er zum Gegenstande seiner Betrachtung machte, unter
Berücksichtigung der Medizin und der Kulturgeschichte zu schildern.
War auch die Anordnung, die er innerhalb der großen, natürlichen,
schon *Aristoteles* geläufigen Gruppen befolgte, die alphabetische,
so erkennt er doch selbst an, daß ein solches Verfahren sich nur aus
Gründen der Bequemlichkeit empfiehlt und naturwissenschaftlich von
keinem Wert sei. Jedes Geschöpf wird in *Gesners* Geschichte der
Tiere nach folgenden Gesichtspunkten behandelt. Der erste Abschnitt
gilt der Nomenklatur. Der zweite ist der wertvollste; er betrifft das
Vorkommen und bringt die Beschreibung des Tieres. Dann folgt eine
Schilderung der biologischen Erscheinungen unter Berücksichtigung der
Krankheiten. Hieran schließt sich eine Schilderung des seelischen
Lebens, d. h. der dem Instinkt entspringenden Handlungen. Die folgenden
Abschnitte handeln dann von dem Nutzen der Tiere, insbesondere ihrer
Jagd, Haltung und Zähmung, ferner von ihrer Nahrung, den Heilmitteln,
die sie etwa darbieten usw. Mitunter fehlen auch nicht die Fabeln,
Wundergeschichten und Weissagungen, die man von jeher an manche
Tierarten geknüpft hatte. Solche Mitteilungen gibt *Gesner* indessen
mehr der Vollständigkeit halber und nicht etwa kritiklos wie manche
seiner Vorgänger. Dabei versäumt er selten, das Unwahrscheinliche
zurückzuweisen oder wenigstens seinem Zweifel Ausdruck zu verleihen.
Besteht doch der große Fortschritt, der sich bei *Gesner* geltend
macht, darin, daß er seine Beschreibungen nach planmäßiger Beobachtung
abfaßte, während man vor ihm die eigene Beobachtung nur gelegentlich
zur Bestätigung der überlieferten Angaben anwandte und diesen stets den
ausschlaggebenden Wert beimaß. Ferner beschränkt sich *Gesner* nicht
auf eine Beschreibung des äußeren Körperbaues, sondern er geht auch auf
anatomische Eigentümlichkeiten ein. Doch werden diese noch nicht durch
Vergleichen in Beziehung gesetzt, so daß es an einer wissenschaftlichen
Verwertung der anatomischen Kenntnisse zur festeren Begründung
natürlicher Gruppen bei *Gesner* noch fehlt.

In bezug auf die Abbildungen ragt sein Werk über alle früheren
zoologischen Schriften hervor. Unter den Künstlern, die ihm zur Seite
standen, ist *Albrecht Dürer* zu nennen.

Beruht das Werk *Gesners* auch zum größten Teile auf der Verarbeitung
des zu seiner Zeit vorhandenen zoologischen Wissens, so ist ihm deshalb
doch nicht etwa der Vorwurf der bloßen Kompilation zu machen. »Das
Talent zu einer solchen«, sagt *Ranke*[1000], »ist nicht so häufig, wie
man meint. Soll sie der Wissenschaft dienen, so muß sie nicht allein
aus vielseitiger Lektüre hervorgehen, sondern auf echtem Interesse und
eigener Kunde beruhen und durch feste Gesichtspunkte geregelt sein. Ein
Talent dieser Art von der größten Befähigung war *Konrad Gesner*«.

*Gesner* ist als der früheste deutsche Zoologe zu bezeichnen. Sein Werk
über das Tierreich[1001] ist die Grundlage für die neuere Zoologie
geworden. *Gesners* Grundsatz war, nichts zu wiederholen und nichts
fortzulassen. Da ein einzelner die unermeßliche Arbeit nicht bewältigen
konnte, setzte er zahlreiche einheimische und auswärtige Hilfskräfte
in Bewegung. War somit auch sein Werk in erster Linie die Leistung
eines geschickten, seinen Stoff beherrschenden Sammlers, so ist doch
sein Nutzen für das Leben nicht minder wie für die Wissenschaft ein
bedeutender gewesen. Dem Menschen hat *Gesner* keinen Platz innerhalb
des Tierreiches angewiesen.

Auf dem Boden Italiens erstand *Gesner* ein gleichstrebender Genosse in
dem etwas jüngeren *Aldrovandi*. Auch er versuchte eine enzyklopädische
Darstellung der Tierkunde, die zwar im ganzen die Arbeit *Gesners*
nicht erreicht, in Hinsicht auf die anatomischen Verhältnisse und die
Anordnung indessen einen Fortschritt darbietet[1002]. Den Versuch
einer mehr systematischen, auf die großen aristotelischen Gruppen
zurückgehenden Anordnung des Tierreichs hatte in der Zeit zwischen dem
Erscheinen des *Gesner*schen Werkes und desjenigen *Aldrovandis* mit
gutem Erfolge der Engländer *Edward Wotton* (geboren in Oxford 1492)
gemacht. Auf dieser Grundlage konnte *Aldrovandi* fußen. *Wotton* gab
im Jahre 1552 eine Schrift »Über die Verschiedenheiten der Tiere«[1003]
heraus, die nicht nur eine allgemeine Schilderung des tierischen
Organismus und seiner Teile enthält, sondern auch eine auf den
Grundzügen der natürlichen Verwandtschaft beruhende Übersicht bietet.
Gleich *Aristoteles* beginnt *Wotton* die Reihe der blutführenden
Tiere mit dem Menschen. Es begegnen uns die Gruppen der Einhufer, der
Zweihufer und der Spaltfüßer. Die eierlegenden Vierfüßer werden mit
den Schlangen zusammengefaßt. Die niederen Tiere werden in Insekten,
Weichtiere (Kopffüßer), Krustentiere, Schaltiere und Pflanzentiere
eingeteilt. Zu letzteren rechnet *Wotton* schon die Seesterne, Medusen,
Holothurien und Schwämme.

*Wotton* machte also, im Anschluß allerdings an *Aristoteles*, zum
ersten Male unter den Neueren den Versuch einer naturgemäßen Einteilung
des gesamten Tierreichs, und hierin folgte ihm *Aldrovandi*, der im
Jahre 1599 die Herausgabe seines großen zoologischen Werkes begann.
Es sollte zwar die ganze Naturgeschichte umfassen, doch konnte
*Aldrovandi* selbst nur fünf Bände erscheinen lassen, nämlich drei
Bände über die Vögel, einen Band über die Insekten und endlich einen
Band über die »übrigen Blutlosen«. Die weiteren Bände wurden von
anderen Zoologen herausgegeben.

*Aldrovandi* konnte infolge der ausgedehnten Entdeckungsreisen seines
Zeitalters manche Tierform berücksichtigen, die *Gesner* noch nicht
kannte, doch verfuhr er im allgemeinen mehr kompilatorisch und weniger
kritisch als sein großer Vorgänger. Trotz seines Strebens nach besserer
systematischer Gruppierung bringt er es noch fertig, die Fledermaus
und den Strauß zu einer Abteilung der »Vögel mittlerer Natur« zu
vereinigen, während schon *Wotton* die Fledermäuse den Säugetieren
zugerechnet hatte.

Ein weiterer, wichtiger Fortschritt auf zoologischem Gebiete bestand
darin, daß man sich nicht mehr auf das Beschreiben der äußeren Form
beschränkte, sondern in den Bau der Tiere einzudringen suchte. Wir
finden bei *Aldrovandi* schon Abbildungen des Skeletts, der Muskulatur,
sowie der Eingeweide. So wird z. B. das Skelett des Adlers abgebildet.
Beim Huhn sind mehrere, allerdings nur ungenaue Zeichnungen zur
Erläuterung des inneren Baues beigegeben. Das Skelett der Fledermaus
und des Straußes finden sich gleichfalls unter den Zeichnungen, die
mitunter anatomische Einzelheiten, wie die Zunge mit ihrer Muskulatur
beim Spechte, das Brustbein des Schwans und anderes mehr betreffen. Die
Muskulatur wird bei mehreren Vögeln genauer beschrieben.

Groß waren die Opfer, welche die Naturhistoriker jener Zeit mitunter
bringen mußten, um ihre Pläne zu verwirklichen. So beschäftigte
*Aldrovandi*, wie er in der Vorrede mitteilt, zur Herstellung seiner
Originalfiguren 30 Jahre einen Maler gegen ein Gehalt von 200
Goldstücken. Außerdem setzte er noch mehrere Zeichner und Holzschneider
in Tätigkeit. Das Verdienst von Männern wie *Gesner* und *Aldrovandi*
ist darum besonders hoch zu schätzen, weil sie zuerst Klarheit und
Übersicht in dem immer mehr anschwellenden zoologischen Material zu
schaffen suchten und in weiteren Kreisen ein lebhaftes Interesse für
die Tierkunde und damit für die Naturkunde im allgemeinen erweckten.


Das Wiederaufleben der Anatomie.

Das Wiederaufleben der Anatomie läßt sich bis in das 13. Jahrhundert
zurückverfolgen. Ein besonderes Interesse wandte der freigeistige
Staufenkaiser *Friedrich II.*[1004] diesen Wissenszweigen zu. Er
verfaßte eine Schrift über die Falken[1005], ließ ausländische Tiere
nach Europa kommen und gestattete die anatomische Untersuchung
menschlicher Leichen. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurden
diese Zergliederungen zu medizinischen und rein wissenschaftlichen
Zwecken immer häufiger ausgeübt. Wurde schon dadurch der Sinn für die
Natur erschlossen und das Studium von der bloßen Buchgelehrsamkeit
abgelenkt, so steigerte sich das Interesse für die Anatomie dadurch um
ein Bedeutendes, daß nicht nur die Gelehrten, sondern auch die großen
Künstler der Renaissance mit offenem Auge und frei von Vorurteilen in
den Wunderbau des Organismus einzudringen suchten. Hier ist vor allem,
als einer der größten unter ihnen, *Lionardo da Vinci* zu nennen. Seine
anatomischen Zeichnungen sind von einer derartigen Vollendung und
Treue, daß sie alles bisher auf diesem Gebiete Geleistete übertrafen.
Die Zeit für eine Neubegründung der Anatomie, ohne Rücksicht auf die
Autorität *Galens* und aufgebaut auf selbständige Erforschung der
Natur, war also gekommen. Diese Neubegründung erfolgte durch die
Italiener *Fallopio* († 1562) und *Eustachio* († 1571)[1006], vor allem
aber durch den Niederländer *Vesal*. Letzterer ist als der eigentliche
Begründer der wissenschaftlichen Anatomie des Menschen zu nennen.

*Andreas Vesal* (1514-1564) war der Sprößling einer aus Wesel
stammenden deutschen Ärztefamilie. Er wurde in Brüssel geboren.
Schon als Knabe wandte sich der spätere Professor der Anatomie und
Chirurgie und Leibarzt Kaiser *Karls V.* der anatomischen Untersuchung
kleinerer Tiere zu. In den letzten Jahrhunderten des Mittelalters
hatten zwar hin und wieder Zergliederungen menschlicher Leichen
stattgefunden; man verfolgte dabei indes keinen anderen Zweck als den,
die Lehren *Galens*, der eine unbedingte Autorität genoß, als richtig
zu bestätigen. Wie schwierig es selbst später war, sich Material zum
Studium der Anatomie zu verschaffen, geht unter anderem daraus hervor,
daß der junge *Vesal*, um in den Besitz eines menschlichen Skeletts zu
gelangen, einen Gehenkten mit Gefahr seines Lebens vom Galgen entwenden
mußte.

Ähnlich lagen die Verhältnisse in Deutschland. So galt es als eine
Aufsehen erregende Neuerung, daß im Jahre 1526 ein Anatom einen
menschlichen Kopf zergliederte[1007]. Es blieb aber zunächst bei
solchen gelegentlichen Versuchen, die Anatomie auf die Untersuchung
von Leichen zu gründen. Erst *Vesal* brach gänzlich mit den
alten Vorurteilen, indem er das Lehrgebäude der Anatomie von
Grund aus und sogleich in fast unübertrefflicher Weise als reine
Erfahrungswissenschaft errichtete.

Sein großes Hauptwerk führt den Titel »Über den Bau des menschlichen
Körpers«. Als es erschien, hatte *Vesal* noch nicht das dreißigste
Lebensjahr überschritten. Durch scharfe Erfassung und klare Wiedergabe
des Gegenstandes, durch Ursprünglichkeit des Inhalts und Schönheit
der sprachlichen Darstellung ragt sein Werk weit über alle ähnlichen
Erzeugnisse jener Periode hervor und erregte die höchste Bewunderung
der späteren Jahrhunderte. Die meisterhaften Abbildungen des Werkes,
die besonders zu seiner großen Verbreitung beitrugen, rühren von
einem Schüler[1008] *Tizians* her. Um dem Leser einen Begriff von
ihrer naturgetreuen Ausführung zu geben, ist in der nachfolgenden
Abbildung 64 eine der zahlreichen, das Muskelsystem betreffenden Tafeln
wiedergegeben.

Das Abhängigkeitsverhältnis, in das *Vesal* zum Hofe *Karls V.* geriet,
hat ihn leider gehindert, seine Untersuchungen zu vollenden. Auch hatte
er am Hofe von den Anhängern *Galens* zu leiden[1009].

Im Beginn seiner Laufbahn hatte *Vesal* mehrere Male in Padua die
Anatomie nach *Galen* vorgetragen, sich dann aber entschieden davon
losgesagt. Seine wissenschaftliche Überzeugung über die anerkannte
Autorität zu setzen, war damals kein geringes Wagnis. Freunde hatten
ihn vor der Herausgabe seines großen Werkes gewarnt. Als es erschienen
war, erhob sich zunächst ein Sturm der Entrüstung. Man erklärte
*Vesal* für einen wahnsinnigen Ketzer. Das Buch wurde der Inquisition
vorgelegt. *Vesal* verließ deshalb Italien. Später lebte er in Spanien
als Leibarzt *Philipp des Zweiten*. Schließlich wurde er, vielleicht
infolge neuer Verfolgungen seitens der Inquisition, schwermütig[1010].

*Vesal* beschränkte sich keineswegs auf den Menschen, sondern er flocht
zahlreiche Hinweise auf die Anatomie der Tiere in seine Darstellung
ein. Es war das um so weniger zu verwundern, als er ja von der
anatomischen Untersuchung der Tiere ausgegangen und sich erst später
der Anatomie des Menschen zugewandt hatte. *Vesals* Hauptwerk erschien
1543[1011]. Die sieben Bücher behandeln: 1. Das Skelett. 2. Bänder und
Muskeln. 3. Gefäße. 4. Nerven. 5. Eingeweide. 6. Herz. 7. Gehirn und
Sinnesorgane.

Große Verdienste um die Fortbildung der Anatomie auf der von *Vesal*
geschaffenen Grundlage hat sich auch *Eustachio* erworben. Doch ist
bezeichnend, daß dieser, obgleich auch ihm die Abweichungen seiner
Befunde von den Angaben *Galens* klar zutage lagen, lieber eine
Veränderlichkeit des Körperbaues annehmen als der gefeierten Autorität
des Altertums Abbruch tun wollte.

[Illustration: Abb. 64. Abbildung aus Vesals De humani corporis
fabrica. 1543.

(Zweite, das Muskelsystem betreffende Tafel.)]

Vor dem Auftreten eines *Vesal* und *Eustachio* waren bei dem großen
Mangel auf eigener Anschauung beruhender anatomischer Kenntnisse
erfolgreiche chirurgische Eingriffe kaum möglich. Erst nach der durch
diese Männer bewirkten Erneuerung der Anatomie konnte sich aus den bis
dahin üblichen, rohen, ja oft barbarischen Operationsverfahren eine auf
wissenschaftlicher Grundlage beruhende Chirurgie entwickeln. Daß dies
geschah, war vor allem das Verdienst von *Ambroise Paré* (1517-1590),
der sich den Ehrennamen eines Reformators dieses Zweiges der Medizin
verdient hat.

*Paré* war gleich *Vesal* Militärchirurg und als solcher dem
Stande der gelehrten Ärzte verhaßt, zumal er kein Latein verstand.
Sein hervorragendes Buch über Schußwunden (1545) ist das erste in
französischer Sprache geschriebene wissenschaftliche medizinische
Werk[1012]. *Paré* wandte bei Amputationen zuerst das Verfahren des
Abbindens der Arterien an. Vor ihm hatte man sich der Cauterisation
mittelst des Glüheisens bedient. Auch der Gebrauch des Bruchbandes
ist auf *Paré* zurückzuführen. Die Feindschaft der Ärztezunft
wurde besonders heftig, als *Paré* die Wirksamkeit einiger der
gebräuchlichsten Arzneien anzweifelte. Trotzdem wurde *Paré* vom Könige
sehr geschätzt. Er soll einer der wenigen Hugenotten gewesen sein, die
der König in der Bartholomäusnacht zu schonen befahl.

Die Erkenntnis, daß sich ein volles Verständnis der Form erst
durch das Studium ihrer Entwicklung erschließen läßt, begegnet uns
gleichfalls schon im 16. Jahrhundert, wenn sich auch diese Erkenntnis
erst in späteren Perioden, gestützt auf die Verschärfung, welche
der Gesichtssinn durch das Mikroskop erfuhr, allseitig Bahn brechen
konnte. So wird die Entwicklung des Hühnchens im Ei, ein Problem, das
schon *Aristoteles* beschäftigt hatte, zum Gegenstand eingehender
Untersuchungen gemacht. Dies geschah durch den verdienten italienischen
Anatomen *Fabricio*[1013]. Er bemerkte auch, daß sich die Klappen der
Venen nach dem Herzen zu öffnen. Diese Entdeckung hat nebst anderen,
die Organe des Kreislaufs betreffenden Beobachtungen[1014] einen
der größten Fortschritte des 17. Jahrhunderts, die Entdeckung des
Blutkreislaufs durch *Harvey* nämlich, vorbereitet.

Hiermit schließt der erste Teil dieser Schilderung, die von den
Anfängen bis gegen den Ausgang des 16. Jahrhunderts geführt hat. Der
zweite Band wird die Begründung der neueren Naturwissenschaft, die etwa
mit der Schwelle des 17. Jahrhunderts anhebt, zur Darstellung bringen.



Verzeichnis der im I. Bande enthaltenen Abbildungen.


  -----------------------------------------+-------------------------------
                 Figur                     |                 aus
  =========================================+===============================
  1. Gleichschenkliges Dreieck             |
                                           |
  2. Geometrische Elemente aus             | Cantor, Bd. I. 1880, S. 58,
     altägyptischen Verzierungen           |   Abb. 6 u. 7.
                                           |
  3. Keilschriftprobe                      |
                                           |
  4. Babylonischer Grenzstein              |
                                           |
  5. Der Tierkreis von Dendera             |
                                           |
  6. Altbabylonisches Gewicht              | nach Layard.
                                           |
  7. Wage, einem altägyptischen Totenbuche | Ibel, Die Wage im Altertum und
     entnommen                             |   Mittelalter.
                                           |
  8. Gewinnung von Eisen nach              | A. de Rochas, Les origines de
     altägyptischen Wandgemälden           |   la science et ses premières
                                           |   applications.
                                           |
  9. Geometrische Konstruktionen der Inder |
                                           |
  10. Die Quadratur des Kreises bei den    |
      Indern                               |
                                           |
  11. Radkarte der Erde                    |
                                           |
  12. Der Satz des Hippokrates             |
                                           |
  13. Konstruktion zur Lösung des          | Cantor, Geschichte der
      delischen Problems                   |   Mathematik. Bd. I. 1880.
                                           |   Fig. 34.
                                           |
  14. Der Tragbalken des Aristoteles       |
                                           |
  15. Der Satz vom Parallelogramm der      |
      Kräfte                               |
                                           |
  16. Der Embryo des glatten Hais des      | Claus, Lehrbuch der Zoologie.
      Aristoteles                          |   1883. S. 677.
                                           |
  17. Vorrichtung zum Heben großer Lasten  | Heronausgabe von Schmidt. Op.
                                           |   II. 1 Fig. 62.
                                           |
  18. Das Verhalten des Hohlspiegels nach  | Euklidausgabe von Heiberg und
      Euklid                               |   Menge. Bd. 7.
                                           |
  19. Die Spiegelung an einem Konkav- und  | desgl.
      einem Konvex-Spiegel nach der        |
      Darstellung Euklids                  |
                                           |
  20. Das zum Messen der Sonnenhöhe        | Schaubach, Geschichte der
      dienende Instrument der Alten        |   griechischen Astronomie.
                                           |   Tab. III Fig. 2.
                                           |
  21. Die Gradmessung des Eratosthenes     |
                                           |
  22. Aristarchs Verfahren, die            |
      Entfernungen des Mondes und der Sonne|
      zu bestimmen                         |
                                           |
  23. Breitenbestimmung mit dem Gnomon     | Peschel, Geschichte d.
                                           |   Erdkunde 1877. S. 44.
  24. Stereographische und orthographische |
      Projektion                           |
                                           |
  25. Die Feuerspritze nach Heron          | Herons Pneumatik. Ausgabe v.
                                           |   Schmidt. Bd. I. Fig. 29.
                                           |
  26. Heron verwendet den Dampf zum        | Herons Pneumatik. Ausgabe v.
      Betreiben einer maschinellen         |   Schmidt.
      Einrichtung                          |
                                           |
  27. Der Heronsball                       | desgl.
                                           |
  28. Herons Abbildung eines Hebers        | desgl.
                                           |
  29. Herons Automat zum Öffnen der Tempel | Mach, Prinzipien der
                                           |   Wärmelehre. Leipzig 1896.
                                           |   S. 5.
                                           |
  30. Wasserorgel                          |
                                           |
  31. Philons Thermoskop                   | Heronausgabe v. Schmidt.
                                           |   Fig. 115.
                                           |
  32. Philons Saugkerze                    | desgl.
                                           |
  33. Herons Flaschenzug                   | Opera omnia. Ausgabe v.
                                           |   Schmidt. Bd. II. S. 102.
                                           |
  34. Herons Wegmesser                     |
                                           |
  35. Herons Winkelmeßapparat              | Jahrbuch des kaiserl.
                                           |   deutschen archäolog.
                                           |   Instituts. Bd. XIV 1899.
                                           |   3. Heft.
                                           |
  36. Herons Vermessung eines Feldes       | Herons Opera omnia. Ausgabe
                                           |   v. Schmidt.
                                           |
  37. Herons Tunnelaufgabe                 | desgl.
                                           |
  38. Der Meßapparat der Römer             | Neue Jahrbücher f. d. klass.
                                           |   Altertum. Bd. 13 (1904).
                                           |
  39. Die Rekonstruktion der Groma         | desgl.
                                           |
  40. Peutingers Karte                     |
                                           |
  41. Römisches Hebezeug                   | Gerland u. Traumüller,
                                           |   Geschichteder physikal.
                                           |   Experimentierkunst. 1899.
                                           |   Fig. 58.
                                           |
  42. Römische Schnellwagen                | desgl.
                                           |
  43. Chirurgische Instrumente             |
                                           |
  44. Zur Erläuterung der Epizyklentheorie |
                                           |
  45. Das parallaktische Lineal            | Montucla, Histoire des
                                           |   mathématiques. Bd. I.
                                           |   S. 307.
                                           |
  46. Solstitial-Armille des Ptolemäos     | Repsold, Zur Geschichte der
                                           |   astronomischen Meßwerkzeuge.
  47. Ptolemäos mißt die Brechungswinkel   |
                                           |
  48. Destillierapparat                    |
                                           |
  49. Probe aus dem Stockholmer Papyrus    |
                                           |
  50. Albirunis Bestimmung des Erdumfanges | Archiv für Geschichte der
                                           |   Naturwissenschaften und der
                                           |   Technik. Bd. I. S. 66.
                                           |
  51. Trigonometrische Berechnungen        |
                                           |
  52. Einführung der Tangensfunktion       |
                                           |
  53. Alhazens Darstellung des Auges       | Gerland u. Traumüller,
                                           |   Geschichte der physikal.
                                           |   Experimentierkunst. Fig. 62.
                                           |
  54. Alhazen untersucht die Brechung      | Gerland u. Traumüller,
                                           |   Geschichte der physikal.
                                           |   Experimentierkunst. Fig. 65.
                                           |
  55. Alhazen bestimmt die Höhe der        |
      Atmosphäre                           |
                                           |
  56. Lionardo da Vincis Hygrometer        | Gerland u. Traumüller. Fig.
                                           |   99.
                                           |
  57. Lionardos Windmesser                 |
                                           |
  58. Lionardos Erläuterung des Sehens     |
                                           |
  59. Peurbachs Quadratum geometricum      | Repsold, Zur Geschichte der
                                           |   astronomischen Meßwerkzeuge.
                                           |   Fig. 7.
                                           |
  60. Der Kreuzstab                        | Repsold, a. a. O. Fig. 12.
                                           |
  61. Schematische Erläuterung des         |
      Kreuzstabes                          |
                                           |
  62. Das Koppernikanische Weltsystem      | Aus Koppernikus Werk über die
                                           |   Bewegung der Weltkörper.
                                           |
  63. Hüttenwerk nach Agricola             |
                                           |
  64. Das Muskelsystem darstellende Tafel  | Aus Vesals Werk: De humani
                                           |   corporis fabrica.



Namen- und Sachverzeichnis.


  A.

  Abendstern, 25.

  Aberration, sphärische, 358.

  Abu Mansur, 321.

  Acosta D', 440, 449.

  Ägyptische Bauwerke, 3.

  Ägyptische Kultur, 2.

  Äquinoktialpunkte, 36.

  Agricola, 437, 443.

  Ahmes, 7, 11.

  Akustik, 115.

  Alaun, 50.

  Albattani, 304, 306.

  Albertus Magnus, 346-353, 443.

  Albiruni, 303.

  Alchemie, 278, 353, 363, 431, 432.

  Alchemistische Theorien, 325.

  Aldrovandi, 460, 461.

  Alfarabi, 312.

  Alfons von Kastilien, 251.

  Alfragani, 304.

  Algebra, 57, 253, 311.

  Alhazen, 314, 315, 316, 357.

  Alkmäon, 101.

  Alkohol, 322.

  Alkuin, 336.

  Alliaco, 398.

  Almagest, 33, 255, 302.

  Altäre, 53.

  Altertum, Verfall, 283.

  Amalgamationsprozeß, 440.

  Amulette, 300.

  Anatomie, 59, 102, 206, 235, 326, 366, 462, 463, 464.

  Anaxagoras, 76, 77, 98.

  Anaximander, 36, 67, 79, 90, 100, 269.

  Antipoden, 118, 227, 289.

  Apianus, 404, 418.

  Apokatastasis, 243.

  Apollonios, 248.

  Apotheken, 48, 60, 437.

  Arabische Kultur, 331.

  Archimedes, 218.

  Aristarch von Samos, 92, 93, 122, 408.

  Aristophanes, 89.

  Aristoteles, 28, 69, 73, 74, 78, 97-151, 233, 345, 355.

  Aristoteliker, 421.

  Armillen, 255, 256.

  Arsenik, 321.

  Aryabhatta, 52, 58.

  Arzneipflanzen, 230.

  Asklepiades, 208.

  Astrolabium, 306, 396.

  Astrologie, 16, 24, 31, 364.

  Astronomie, 20, 332, 393.

  --, griechische, 80.

  --, Ursprung, 20.

  --, Wiedererwachen, 393.

  Astronomische Meßwerkzeuge, 256.

  --, Urkunden, 26.

  Asymptoten, 86.

  Atmosphäre, Höhe, 317.

  Atome, 71, 75, 241.

  Attalos, 240.

  Aufgang, heliakischer, 22.

  Auge, 315, 389, 420.

  Augustin, 289, 287.

  Averroes, 313.

  Avicenna, 270, 312, 321, 435, 442, 443.


  B.

  Bacon, Francis, 414.

  Bacon, Roger, 353-362.

  Bartholomeo Diaz, 447.

  Bäume, 230.

  Baumzucht, 329.

  Bazillentheorie, 223.

  Behaim, 396, 397, 447.

  Benedikt von Nursia, 271.

  Bergbau, 334, 437, 440.

  Bernstein, 268.

  Berosos, 368.

  Bessarion, 394.

  Bibel, 18.

  Bibliothek, alexandrinische, 297.

  Bibliotheken, 301, 302.

  Blitzableiter, 269.

  Blütenteile, 456.

  Blutkreislauf, 234.

  Boccaccio, 372, 373.

  Bock, 458.

  Boëthius, 293.

  Bologneser Leuchtstein, 429.

  Botanik, Erneuerung, 450.

  Botanische Gärten, 400, 457.

  Brahmagupta, 52, 56, 310.

  Brechung, 260, 265, 316.

  Brennglas, 58.

  Brennkugel, 358.

  Brennspiegel, 58, 395, 428.

  Brillen, 318, 360.

  Bronze, 42.

  Brüche, 19.

  Brunfels, 451, 452.

  Brunnenaufgabe, 205.

  Buffon, 231.

  Bussole, 308.


  C.

  Caesar, 213.

  Camera obscura, 423, 426.

  Capitulare de villis, 337.

  Cardanus, 74, 445.

  Cassiodor, 292.

  Cato, 210, 239.

  Celsus, 223.

  Celtes, 214.

  Chaldäer, 32, 33, 37, 89.

  Chemes, 274.

  China, 60.

  Chinesische Astronomie, 61.

  Chirurgie, 48, 466.

  Chronometer, 424.

  Cicero, 210, 407.

  Clusius, 448.

  Columbus, 261, 362, 375, 398, 423, 424, 448.


  D.

  Damianos, 266.

  Dämmerung, 317.

  Dante, 372.

  Datumsgrenze, 379.

  De Caus, 423.

  Deklination, 423.

  Delisches Problem, 85.

  Demokrit, 71, 73, 75, 78, 99.

  Destillation, 50, 321.

  Destillierapparat, 276.

  Deszendenzlehre, Keime, 100.

  Diamanten, 328.

  Dionysios der Große, 287.

  Diophant, 56, 57, 253, 254.

  Dioptra, 201, 203.

  Dioskurides, 231, 238, 245, 337, 401.

  Dodonaeus, 455.

  Doppelelle, babylonische, 38.

  Doppelstunden, 24.

  Dreiecksberechnung, 11.

  Dreiteilung eines Winkels, 84.

  Dürer, 377, 452, 460.

  Dynamik, Begründung, 430.


  E.

  Einhardt, 302.

  Eisen, 41.

  Ekliptik, Schiefe, 90.

  Elemente, 70, 436.

  Ellipse, 87.

  Elmsfeuer, 269.

  Emissar, 204.

  Empedokles, 70, 76, 97-99.

  Entdeckungsreisen, 362, 398, 448, 449.

  Enzyklopädie, 292.

  Ephemeriden, 395.

  Epikur, 75, 100.

  Epizyklentheorie, 120, 249, 250.

  Erasistratos, 206, 233.

  Erasmus v. Rotterdam, 378.

  Eratosthenes, 255.

  Erdbeben, 368.

  Erde, Bewegung, 381.

  --, Gestalt, 96, 117, 227, 289.

  Erdkern, 70.

  Eudemos, 81, 95.

  Eudoxos, 78, 119, 120, 248.

  Euklid, 82.

  Eutokios, 85.

  Evektion, 247.

  Exhaustionsmethode, 84.

  Experimente, 79, 235, 356, 359, 391.


  F.

  Fabricio, 466.

  Fallversuche, 412.

  Farbenwechsel, 429.

  Färber, 327.

  Färberei, 280, 320.

  Fechner, 415.

  Feldmeßkunst, 200, 211.

  Fernrohr, 360.

  Feuervergoldung, 280.

  Fibonacci, 339.

  Finsternisse, 65.

  Flaschenzug, 198.

  Flavio Gioja, 308.

  Fluorescenz, 428.

  Fracastoro, 444.

  Francesco Petrarca, 364.

  Friedrich II., 313, 437, 462.

  Fuchs, 454.


  G.

  Galen, 233-237, 239, 270.

  Galle, 103.

  Gas, 277.

  Gassendi, 75.

  Geber, 322.

  Gebirgsbildung, 442.

  Gegenerde, 94.

  Geld, 14.

  Geminos, 31.

  Gemma Frisius, 417.

  Geologie, 70, 391, 411.

  Geometrie, 6, 53, 66.

  Gerbert, 333.

  Gerhard von Cremona, 338.

  Germanentum, 290.

  Gesner, 447, 449, 455, 460.

  Gewichte, 38.

  Gewichtsstücke, 39.

  Gewitter, 269, 367.

  Gezeiten, 358.

  Gift, 240.

  Gilbert, 424.

  Giordano Bruno, 415.

  Glas, 44, 244.

  Gleichungen, 9, 56, 254, 311, 340.

  Globus, 120, 397, 417.

  Gnomon, 36, 61, 67, 89, 380.

  Gold, 43.

  Gradmesser, 303.

  Grenzstein, 26.

  Groma, 212.

  Guldinsche Regel, 264.


  H.

  Hammurabi, 45.

  Harmonie, 80.

  Harmonie der Sphären, 91.

  Hartmann, 424.

  Haustiere, 49.

  Hebelgesetz, 113.

  Heber, 194, 427.

  Hebezeug, römisches, 216.

  Heilkunde, Anfänge, 45, 101, 236, 294, 314, 330, 435.

  Heilmittel, 46, 60.

  Heilvorschriften, 46.

  Hekataeos, 67.

  Hellenismus, 209.

  Helmont, van, 433.

  Herakleides Pontikos, 78, 92, 93, 94, 96.

  Heraklit, 70.

  Herbarien, 401, 458.

  Hermes Trismegistos, 275.

  Herodot, 6, 36, 45, 89, 262.

  Heron, 58, 193, 205, 257.

  Herophilos, 206, 233.

  Herons Automaten, 195.

  Herons Ball, 193.

  Herons Dampfkugel, 193.

  Heronsche Formel, 203.

  Hesiod, 68, 96.

  Hettiter, 16.

  Hexenglauben, 364.

  Hieroglyphenschrift, 3.

  Hildegard von Bingen, 337.

  Himmelsgebäude, 118.

  Himmelsgloben, 120, 306.

  Hipparch, 37, 122, 248, 251.

  Hippias von Elis, 87.

  Hippokrates von Chios, 83, 84, 89.

  Hippokrates aus Kos, 102.

  Hochöfen, 234.

  Höllenstein, 324.

  Homer, 96.

  Horaz, 239.

  Humanismus, 372, 374.

  Humboldt, 232.

  Hutten, 378.

  Hüttenwesen, 437.

  Hygrometer, 386.

  Hyperbel, 86, 87.


  J.

  Jahr, 88.

  Jatrochemie, 433, 434.

  Ibn al Haitam, 314.

  Ibn Alawwâm, 329.

  Ibn Batuta, 329.

  Ibn Junis, 306.

  Ibn Musa, 311.

  Ibn Roschd, 329.

  Ibn Sina, 298, 312, 328, 330.

  Indien, 51.

  Indigo, 245.

  Ingenieur, 217, 218.

  Ingenieurmechanik, 13, 215.

  Inhaltsbestimmungen, 11.

  Inklination, 424.

  Insekten, 230.

  Instrumente, chirurgische, 236.

  Johannes von Sevilla, 339.

  Jordanus Nemorarius, 430.

  Irrationalität, 83.

  Isidor von Sevilla, 294.

  Islamitische Kultur, 338.

  Jupiter, 34.


  K.

  Kaiserzeit, 219.

  Kalender, 88, 89, 213, 357.

  Kanäle, 13.

  Karl der Große, 335.

  Karten, 380.

  Kartographie, 259, 381, 417, 419.

  Katakaustik, 358.

  Kegelschnitte, 86.

  Keilschriftfunde, 16, 17, 25.

  Kepler, 92, 411.

  Kirchenväter, 286.

  Kircher, 427-429.

  Knochenbrüche, 48.

  Königswasser, 321.

  Kombinationslehre, 57.

  Kometen, 61, 121, 243, 367.

  Kompaß, 61.

  Konformität, 419.

  Konjunktionen, 34, 361.

  Koppernikus, 403-414.

  Krankheiten, 101.

  Kräuterbücher, 453, 454.

  Kreis, 5, 7.

  Kreta, 63.

  Ktesibios, 257.

  Kugel, 87.

  Kulturpflanzen, 49.

  Kupfer, 14, 42, 43.


  L.

  Lactantius, 287, 288.

  Länderkunde, 261.

  Landwirtschaft, 238.

  Längenbestimmungen, 395.

  Längenproblem, 424.

  Laterna magica, 429.

  Leidener Papyros, 279.

  Leonardo von Pisa, 339.

  Leukipp, 71, 73.

  Levi ben Gerson, 396.

  Liber Abaci, 340.

  Licht, 318.

  Lionardo da Vinci, 382-392, 400.

  Literatur, babylonisch-assyrische, 18.

  Literatur, indische, 52.

  Luca Ghini, 458.

  Lucretius Carus, 74, 100, 240, 242, 268.

  Luft, 194.

  Lunulae Hippokratis, 83.

  Luther, 414.


  M.

  Magie, 422.

  Magnet, 268, 429, 430.

  Mago, 238.

  Marco Polo, 329, 341.

  Marcus Graecus, 310.

  Marinus, 259, 262, 263.

  Martianus Capella, 294, 333, 407, 408.

  Maschinen, 385.

  Maße, 38.

  Mathematik, Anfänge, 7.

  --, griechische, 78.

  Maurolykus, 420, 421.

  Mechanik, 111, 218, 385.

  Mediceer, 375.

  Megenberg, 232, 365, 368, 369, 401.

  Melanchthon, 414.

  Menächmos, 87.

  Menelaos, 252.

  Mensch, 226.

  Mercator, 397, 417, 418, 419.

  Meßapparat, 212.

  Metallurgie, Anfänge, 40.

  Metallveredelung, 278.

  Meteoriten, 77.

  Metrologie, 38.

  Milchstraße, 358.

  Mine, 38.

  Mineralien, 327, 369, 442.

  Mineralogie, Neubegründung, 438.

  Mönchstum, 291.

  Mond, 37, 88, 90.

  Mondbewegung, 31, 35.

  Monddistanzen, 404.

  Mondfinsternis, 33.

  Morgenstern, 25.

  Musik, 293.

  Münster, 417.


  N.

  Naturalienkabinett, 458.

  Naturerklärung, 71.

  -- philosophie, 69.

  Nestorianer, 299, 300.

  Nicetas, 407.

  Nicolaus von Cusa, 379, 382.

  Nikolaus V., 374.

  Nippurtafeln, 17.

  Nonius, 400.

  Norman, 424.

  Null, 56.

  Nullmeridian, 258.


  O.

  Obelisk, 14.

  Observatorium, 5.

  Oenopides, 89.

  Olympiodor, 277.

  Optik, 341.

  Opus majus, 357.

  Osiander, 406.


  P.

  Paläontologie, Anfänge, 443.

  Palissy, 438, 444, 445.

  Pappos, 198, 264.

  Papyrus Ebers, 48.

  -- Rhind, 7.

  Parabel, 86, 87.

  Paracelsus, 42, 434-436.

  Parallaktisches Lineal, 255.

  Parallelogrammgesetz, 114.

  Paré, 466.

  Peregrinus, 353.

  Perpetuum mobile, 386.

  Perspektive, 389.

  Petrarka, 372, 373.

  Peurbach, 393.

  Peutingers Karte, 214.

  Pflanzenabbildungen, 451.

  -- beschreibungen, 351, 453.

  -- kenntnis, 47, 59, 97.

  Pflanzen, Anordnung, 455.

  --, Beseelung, 70.

  --, Nahrung, 382.

  --, Schlaf, 350.

  --, Sexualität, 350.

  Philolaos, 92, 93, 94.

  Philon, 197.

  Philons Saugkerze, 197.

  Phönizier, 63.

  Phosphoreszenz, 428.

  Physiologie, 388.

  Physiologus, 347.

  Pico von Mirandola, 363.

  Pierre d'Ailly, 362.

  Pius II., 375.

  Planeten, 32, 34, 66, 90, 91, 114, 247, 248, 251.

  Platon, 78, 85, 92, 95, 96, 102, 118, 119, 248, 268.

  Plattkarte, 268.

  Plinius, 206, 210, 218, 220-232, 239, 244, 245, 268, 270.

  Plinius der Jüngere, 221.

  Plutarch, 407.

  Pneuma, 207.

  Polyeder, reguläre, 82.

  Pompeji, 240, 243.

  Pomponios Mela, 220, 226.

  Positionssystem, 56.

  Präzession der Nachtgleichen, 122, 252, 415.

  Projektionsart, 262.

  Proklos, 81.

  Prokop, 289.

  Proportionen, 82.

  Pseudo-Demokritos, 281, 278.

  -- -Gebersche Schriften, 323.

  Ptolemäos, 35, 246-266.

  Pyramiden, 4, 12, 87.

  Pythagoras, 79-82, 101.

  Pythagoreer, 80, 91.

  Pythagoreischer Lehrsatz, 9, 53.


  Q.

  Qazwini, 327.

  Quadratrix, 87.

  Quadratum geometricum, 393.

  Quadratur des Kreises, 54, 84.

  Quadrivium, 332.

  Quecksilber, 272.

  Quecksilberoxyd, 324, 327.

  Quellen, 242.


  R.

  Radkarte der Erde, 67.

  Raymundus Lullus, 363.

  Rechenkunst, 20, 56.

  Reformation, 355, 377.

  Refraktion, atmosphärische, 266, 318.

  Regenbogen, 359, 428.

  Regiomontanus, 394, 395, 399.

  Reguläre Körper, 81.

  Reihen, 9, 56.

  Renaissance, 334, 371.

  Rennarbeit, 334.

  Rhabanus Maurus, 289, 336.

  Rhases, 323.

  Römer, 208.

  Rudolf II., 433.


  S.

  Salpeter, 300.

  -- säure, 321, 323.

  Salzgewinnung, 334.

  Saros, 37, 65.

  Sehen, 116, 315, 389, 390.

  Sehstrahlen, 267.

  Seife, 245.

  Seilspannen, 54.

  Seneca, 242, 243, 261.

  Sexagesimalsystem, 18.

  Sinus, 59.

  Sirius, 22.

  Snellius, 268.

  Sonnenbewegung, 247.

  -- bildchen, 421.

  -- jahr, 22.

  -- uhren, 62, 215, 333.

  Sosigenes, 213.

  Spektrum, 242.

  Spezifische Gewichte, 318.

  Sphären, homozentrische, 118.

  Sphärenmusik, 121.

  Spiegel, parabolische, 357.

  Spielart, 456.

  Sumerer, 15.

  Summierungsformel, 10.

  Susruta, 59, 64, 115.


  Sch.

  Schall, 243.

  Schaltjahr, 29.

  Schattenmessung, 67.

  Schießpulver, 59, 310, 361.

  Schnellwagen, 217.

  Schott, 427.

  Schwenter, 424, 427.


  St.

  Städtewesen, 342.

  Stein der Weisen, 275, 326, 431.

  Sterne, Zahl, 229.

  Sternwarte, 399.

  Stereometrie, 87.

  Stockholmer Papyrus, 279, 320.

  Strabon, 206, 259, 260.


  T.

  Tacitus, 221.

  Tafeln von Senkereh, 19.

  Tartaglia, 431.

  Telegraphen, 430.

  Tell el Amarna-Tafeln, 16.

  Thales, 64, 65, 67, 79.

  Theophrast, 97, 107, 230.

  Thermoskop, 197.

  Thomas von Cantimpré, 348, 365.

  Tiefenmesser, 382.

  Tiere, Anordnung, 461.

  --, Naturgeschichte, 459, 460.

  Tierfabeln, 328, 347.

  Tierformen, 328.

  -- kreis von Dendera, 27.

  -- kreisbilder, 25, 36.

  -- system, koisches, 103.

  -- zeichnungen, 452.

  Timäos, 95, 102.

  Töpferei, 44.

  Toscanelli, 380, 448.

  Tragbalken, 113.

  Transmutation, 275.

  Treibhäuser, 244.

  Trigonometrie, 4, 37, 58, 253, 305, 395.

  Trivium, 332.

  Tunnelaufgabe, 204.

  -- bauten, 203.

  Tycho, 95, 122.

  Tyrische Weltkarte, 262.


  U.

  Universitäten, 344, 376.

  Universum, unendliches, 416.

  Untergang, heliakischer, 22.


  V.

  Variation, 250.

  Varro, 222, 223, 292.

  Vasari, 371.

  Vasco da Gama, 447.

  Vedas, 53.

  Venus, 25, 35.

  Verbrennung, 387.

  Vermessung des römischen Reiches, 213.

  Vernier, 400.

  Versteinerungen, 260, 380, 443, 445.

  Vesal, 366, 463.

  Vesuvausbruch, 221.

  Virgil, 224.

  Vitello, 341.

  Vitruv, 95, 215, 216, 244, 261.

  Vögel, 314.

  Vulkane, 248, 260.


  W.

  Wagen, 39, 333, 382.

  Walfisch, 368.

  Waltiere, 99.

  Wasserbäder, 324.

  -- orgel, 196.

  -- uhren, 23, 257, 302.

  Wegmesser, 199.

  Weltanschauung, heliozentrische, 93.

  -- bild des Mittelalters, 367.

  -- entstehungslehre, 68, 72.

  -- karte, 381, 418.

  -- system, heliozentrisches, 402, 409 bis 413.

  Weyer, Jacob, 364.

  Wiederkehr, stete, 121.

  Windmesser, 387.

  Winkelmeßinstrumente, 255.

  Wirbelbewegung, 77.

  Wissenschaften, ihr Verfall, 285.

  Wohnungshygiene, 47.

  Wotton, 461.

  Wurfbewegung, 425, 430.

  Würfelverdoppelung, 85.

  Wurzeln, 57.


  Z.

  Zahlenmystik, 80.

  Zahnkaries, 46.

  Zahnradübertragung, 199.

  Zeitmessung, 23.

  Zellentheorie, 224.

  Zentralfeuer, 93.

  Ziffernsystem, indisches, 305.

  Zink, 42, 271.

  Zinn, 42, 271.

  Zitterrochen, 270.

  Zoologie, Anfänge, 99, 458.

  Zosimos, 274, 276, 277.

  Zucker, 322.

  Zweckbegriff, 73, 74.



Ergänzungen, Zusätze und Berichtigungen[1015].

(Aufgenommen, soweit der Raum es erlaubte.)


Zu S. 2: In Anmerkung 2 muß es heißen »Siehe auch *A. Wiedemann* (Wi)«.

Zu S. 11: Bezügl. der Dreiecksberechnung ist die Hypothese zu beachten,
die *M. Simon* in seiner Geschichte der Mathematik im Altertum 1909 auf
S. 46 gibt. Danach würde es sich nicht um gleichschenklige, sondern um
rechtwinklige Dreiecke handeln (Wü).

Zu S. 14: Über die ältere Geschichte der Metalle findet sich eine sehr
ausführliche Darstellung in dem Anhang zur »Alchemie« von *Lippmanns*.
Kupfer wurde danach in Ägypten schon in der Steinzeit zu Geräten
verwandt (S. 539). Silber und Eisen lernte man erst später kennen (Li).

Zu S. 15: Die Herkunft der Sumerer ist nicht sicher festgestellt. Sie
sind nicht semitischen Ursprungs und hatten schon vor 3000 eine hohe
Kulturstufe erreicht, u. a. besaßen sie eine ausgebildete Schrift, die
Keilschrift (Li).

Zu S. 19: vergleiche man *E. Hoppe*, Mathematik und Astronomie im
klassischen Altertum S. 17 u. f. (Wü).

Zu S. 19: Es verdiente schon hier erwähnt zu werden, daß die Araber
neben dem Sexagesimalsystem auch das Dezimalsystem benutzt haben (Wi).

Zu S. 31 (Dauer des synodischen Monats): Die genaue Übereinstimmung
beruht darauf, daß eine sehr große Anzahl von Umläufen genommen wurde
und nicht etwa darauf, daß die Beobachtungen bis auf Sekunden genau
waren. Es wäre wohl angebracht, hierauf besonders hinzuweisen (Wi).

Zu S. 38, unten: Die Übereinstimmung ist sicher Zufall. Sie rührt
daher, daß die menschliche Elle rund 1/2 m lang ist. Die Assyriologen
haben aber stets die Neigung zum Geheimnisvollen gehabt (Wi).

Zu S. 43 Anm. 3: Man vergleiche damit die von derjenigen *Wilsers* zum
Teil abweichende Ansicht, die *E. von Lippmann* in seiner »Alchemie«
über die ältere Geschichte des Kupfers entwickelt. Die Meinungen der
Forscher gehen hier, zumal was das Auftauchen von Kupfer in Nord- und
Mitteleuropa betrifft, noch stark auseinander.

Zu S. 50, Anm. 2: Nach *E. v. Lippmann* hat sich die Destillation aus
unvollkommenen Anfängen entwickelt, so daß sich bestimmte Angaben
über ihren Ursprung nicht machen lassen. Die ältesten Abbildungen und
Beschreibungen von Destillierapparaten finden sich in Schriften, die
angeblich im 1. Jahrh. n. Chr. entstanden sind (»Alchemie«, S. 46-48).

Zu S. 60 (Ayur-Veda): Die Entstehung der Veden fällt in die Zeit von
1500 bis 500 v. Chr. Das Wort Veda bedeutet das Wissen.

Zu S. 67: Über seine Methode der Schattenmessung für beliebige Winkel
vergleiche man *E. Hoppe*, Math. u. Astr. i. klass. Altertum (Wü).
Danach hat *Thales* (nach *Plutarch*) seinen Stab bei irgendeiner
Sonnenhöhe in den Endpunkt des Schattens gesteckt und gelehrt, daß die
Schattenlänge des Stabes sich zur Schattenlänge der Pyramide verhalte
wie die Länge des Stabes zur Höhe der Pyramide.

Zu S. 80, unten: Näheres über die fünf regelmäßigen Körper (platonische
Körper) siehe bei *E. v. Lippmann* (Alchemie, S. 127).

Zu S. 90: Die früheren Angaben über die Schiefe der Ekliptik sind
nach *v. Lippmanns* Mitteilung vermutlich babylonischer Herkunft. Ob
tatsächlich chinesische Astronomen schon um 1100 v. Chr. den ziemlich
richtigen Wert von 23° 52' für die Schiefe der Ekliptik kannten, bleibe
dahingestellt (Li).

Zu S. 113: Über die Frage der Echtheit der »mechanischen Probleme«
siehe die Anm. auf S. 128.

Auf S. 115 heißt es richtiger 2 : 1 statt 1 : 2.

Zu S. 116: Das Wort Rückschritt ist hier nicht zeitlich zu nehmen,
da *Leukipp* und *Demokrit* ihre Vorstellungen vor *Aristoteles*
entwickelten.

Zu S. 123: Das Nordlicht ist auch in unseren Zeiten, wenn auch sehr
selten im südlichen Europa beobachtet worden.

Zu S. 128, Anm. 2: Mit Recht warnt auch *E. Wiedemann* davor, solchen
Vorahnungen und Andeutungen einen zu hohen Wert beizumessen. »Ich
stehe«, bemerkt er, »ihnen sehr skeptisch gegenüber, denn man kann im
Altertum alles finden, positiv und negativ«.

Zu S. 156: Bezüglich des 14. und 15. Buches der »Elemente«, die nicht
von *Euklid* herrühren, findet man das Nähere in *E. Hoppes* Mathematik
und Astronomie im klassischen Altertum 1911, S. 314 u. f. (Wü).

Zu S. 171 (*Archimedi*sches Prinzip): Hierzu sind die Dissertationen
von Th. *Ibel*, Die Wage im Altertum und Mittelalter, Erlangen 1908
und von *H. Bauerreiß* »Zur Geschichte des spezifischen Gewichtes im
Altertum und Mittelalter«, Erlangen 1914 zu vergleichen (Wi).

Zu S. 178, Anm. 2: Nach *Hoppe*, Math. u. Astr. i. klass. Altertum, S.
283, beläuft sich der Wert des griechischen Stadiums auf 185,136 m und
derjenige des kleinen pharaonischen Stadiums auf 174,5 m. Siehe auch
Decourdemanche, Traité pr. d. poids et mesures. 1909. p. 134 (Wü).

Zu S. 183, Anm. 1: Da der Hang zur Astrologie zu dem Bilde, das man
sich im übrigen von *Hipparch* als kühlem Forscher macht, wenig
paßt, so hat man seine Beschäftigung mit astrologischen Dingen wohl
angezweifelt. Sie kann aber heute für ihn wie auch für Ptolemäos als
erwiesen betrachtet werden.

Zu S. 189: Ob *Hipparch* die stereographische Projektion kannte, ist
nach *Hoppe*, Math. u. Astron. i. klass. Altertum nicht sicher (Wü).
Siehe dort S. 325.

Zu S. 200: Schreibweise ist Theodolit. Die Herkunft des Wortes ist
unbekannt.

Zu S. 215: Ausführliches über die Uhren findet sich bei *E. Wiedemann*
und *J. Würschmidt* (Wü).

Zu S. 228, Anm. 1: *Günther* und mit ihm auch *Würschmidt* und
andere bevorzugen die Schreibweise Copernicus. Siehe indessen die
Anm. 1 auf S. 403. Die erwünschte Einigung in solchen Dingen ist
kaum herbeizuführen, da in der gesamten Literatur die verschiedenen
Schreibweisen nebeneinanderlaufen.

Zu S. 251, Anm. 1: Der *Heiberg*sche Text ist dem von *Halma*
vorzuziehen (Wi).

Zu S. 256: Über die Geschichte des Astrolabs berichtet ausführlich
*Josef Frank* in den Sitzungsberichten der physikalisch-medizinischen
Sozietät zu Erlangen (Bd. 50. 51. 1918/19). Die Abhandlung ist durch
eine Anzahl Abbildungen erläutert.

Das ursprünglich für die Aufnahme der Sterne bestimmte Instrument
erhielt allmählich verschiedene Abänderungen, die alle als Astrolabien
bezeichnet werden und sich in den älteren astronomischen Werken
abgebildet finden.

[Illustration: Einfachste Form eines Astrolabiums nach *Peschel*.

(Gesch. d. Erdk. S. 386.)]

Zu S. 261: Ob der Verfasser der Naturales quaestiones mit dem Tragöden
*Seneca* identisch ist, steht immer noch nicht fest (Li).

Zu S. 264, Anm. 2: Nach *E. Wiedemann* ist die »Optik« des *Ptolemäos*
vor *Govi* wohl auch von anderen, z. B. *Venturi*, bemerkt worden.

Zu S. 271: Über die Kenntnis und Verwendung von Zink und Zinn im
Altertum siehe *von Lippmanns* »Alchemie« v. S. 577-600.

Zu S. 274: Über die ersten Erwähnungen der Chemie und ihres Namens
sowie über die Herkunft des Namens Chemie handelt *E. v. Lippmann* sehr
ausführlich in seiner »Alchemie« S. 282-314. Etwas Sicheres läßt sich
danach über die Herkunft des Namens »Chemie« nicht feststellen.

Auch *v. Lippmann* gibt als älteste Quelle für das Vorkommen des Namens
»Chemie« Zosimos an. Dieser gehört danach schon dem 3. Jahrhundert
an. Er schrieb eine Anzahl griechischer Werke, die, wenn auch in
entstellter Form, zum Teil noch erhalten sind und ausdrücklich die
Chemie als Kunst des Gold- und Silbermachens erwähnen (Chem. Ztg. 1914,
S. 685). Die Ableitung des Wortes Chemie von Chemes findet sich nach
*v. Lippmann* bei Zosimos jedoch nicht.

Zu S. 275: Ebenso unsicher wie die Ableitungen des Wortes »Chemie« sind
alle Nachrichten über den »Stein der Philosophen« oder »der Weisen«.
Nach *von Lippmann* kommt diese Bezeichnung zuerst in Schriften vor,
die wahrscheinlich im 1. nachchristlichen Jahrhundert entstanden sind
(»Alchemie« S. 51).

Zu S. 277: Dunkel sind nach *v. Lippmann* auch die mystischen
Beziehungen zwischen der Alchemie und der Astrologie, wie sie sich in
der auf S. 277 gegebenen Zusammenstellung der Metalle mit bestimmten
Planeten ausgesprochen finden.

Z. S. 303: *Al Biruni* (973-1048 etwa) war Mathematiker, Astronom und
Geograph. Er hat besonders wissenschaftliche Beziehungen der arabischen
Welt zu Indien vermittelt.

Meisterhaft schilderte *Al Biruni* die Dämmerungserscheinungen, unter
denen auch das Zodiakallicht deutlich erkennbar ist.

Die kupferrote Mondfarbe, die bei einer totalen Mondfinsternis infolge
des Erdscheins auftritt, vermochten weder *Al Biruni* noch die übrigen
arabischen Astronomen zu erklären. (Nach Meyerhofs Sammelbericht; S. S.
314.)

Zu S. 304: *Albattanis* Werk wurde von *Nallino* arabisch und
lateinisch in trefflicher Bearbeitung herausgegeben (Wi).

Z. S. 310: Zu *Marcus Graecus'* Schrift schreibt *v. Lippmann*: »Sie
ist erst um 1250 verfaßt. *Berthelots* Angabe, *Marcus Graecus* habe
den Salpeter gekannt, ist ganz unhaltbar. *Diels* ist ihm mit Unrecht
gefolgt«. (Li.)

Z. S. 310, unten: Man kann ein ganzes Verzeichnis der Umschreibungen
des Namens *Alchwarizmi* zusammenstellen. *Ruska* (Zur ältesten
arabischen Algebra und Rechenkunst, Heidelberg 1917) führt etwa ein
Dutzend solcher Umschreibungen an.

Der vollständige Name lautet Muhammed ibn Musa Alchwarizmi.

Z. S. 311: Ausführlicher über *Ibn Musa* handelt die Schrift von
*Ruska*: Zur ältesten arabischen Algebra und Rechenkunst, Heidelberg
1917 (Sitzungsber. d. Heidelb. Akad. d. Wissensch.).

Nach *Ruska* sind über die Grundlagen der arabischen Algebra viele sich
ausschließende Ansichten geäußert worden. Eine genauere Vergleichung
der Texte und der Übersetzungen war danach nötig. Eine Algebra im
heutigen Sinne hat *Ibn Musa* nicht geschrieben. Sein Buch will
weiter nichts sein, als eine auf zahlreiche Musterbeispiele gestützte
Einführung in das angewandte Rechnen (a. a. O. S. 7). Woher *Ibn Musa*
seinen Stoff hat, deutet er nirgends an.

Die verschiedenen Übersetzungen der Ausdrücke algabr und almukabalah
vermögen keine klare Vorstellung von ihrem mathematischen Sinn zu
geben. *Cantor* spricht von Wiederherstellung und Gegenüberstellung,
*Ruska* dagegen von Ergänzung und Ausgleichung. In dem Abschnitt, der
von den sechs Formen der Gleichungen handelt, wird nämlich gesagt, daß
jede andere Gleichung durch das erwähnte Verfahren auf eine der sechs
Normalformen gebracht werden könne.

Zu S. 314: Bezüglich der Optik der Araber kommt der neueste Standpunkt
in *Meyerhofs* zusammenfassenden Abhandlungen zum Ausdruck (Wi):
Siehe *M. Meyerhof*, »Die Optik der Araber« i. d. Zeitschrift f.
ophthalmologische Optik. Berlin, Verlag v. J. Springer 1920.

Z. S. 314: In Ergänzung der im vorliegenden Werk gegebenen Darstellung
sei nach diesem Sammelbericht noch auf folgendes hingewiesen:

Die Verfasser der seit dem 8. Jahrhundert in arabischer Sprache
entstandenen Literatur waren zum allergeringsten Teile Araber, dagegen
vorwiegend Perser, Syrer, Ägypter, Mesopotamier, und zwar nicht nur
Mohammedaner, sondern auch Christen und Juden.

Die bedeutendste optische Schrift der Araber, der Thesaurus Opticae
des *Alhazen* (Ibn al-Haitham) ist zwar seit dem 13. Jahrhundert der
abendländischen Welt bekannt. Die genauere Erforschung der arabischen
Optik auf Grund der Übersetzung der Urtexte erfolgte jedoch erst in den
letzten Jahrzehnten und zwar auf ophthalmologischem Gebiete durch *J.
Hirschberg*, auf physikalischem durch *E. Wiedemann*. Leider ist der
arabische Urtext der Optik *Alhazens* trotz aller Bemühungen bisher
noch nicht gefunden worden.

Die Lebensgeschichte *Alhazens* ist von *E. Wiedemann* getreulich nach
den arabischen Gelehrtenbiographien dargestellt worden. (Archiv f. d.
Gesch. d. Naturw. u. d. Technik 1910. 3, S. 1-53.)

Die Übersetzung ins Lateinische, welche der *Risner*'schen Ausgabe
zugrunde liegt, ist vermutlich im 13. Jahrhundert entstanden.

Eine genauere Inhaltsangabe der 7 Bücher gibt *M. Meyerhof* in seinem
Sammelbericht in der Zeitschr. f. ophthalmolog. Optik. VIII (1920) Heft
3.

Z. S. 315: Bei der Darstellung der Anatomie des Auges stützt sich
*Alhazen* im wesentlichen auf *Galen*. Wie er unterscheidet er 3
Feuchtigkeiten (Kammerwasser, Linse, Glaskörper) und 4 Häute. Die Linse
verlegt auch *Alhazen* in den Mittelpunkt des Auges.

Z. S. 316: Im Gegensatz zu den meisten Griechen und seinen arabischen
Fachgenossen stellt *Alhazen* vollbewußt die Theorie auf, daß das Sehen
durch Strahlen zustande kommt, die in gerader Linie vom Gegenstande zum
Auge hinziehen (*Meyerhof*, a. a. O. S. 42).

Z. S. 317: Daß das Licht zu seiner Fortpflanzung Zeit gebraucht, glaubt
*Alhazen* daraus schließen zu dürfen, daß die Farben des Farbenkreisels
(der schon *Ptolemäos* bekannt war) bei rascher Umdrehung nicht mehr
einzeln unterschieden werden (a. a. O. S. 43).

Z. S. 318: Daß die Gestirne in der Nähe des Horizontes größer
erscheinen als im Zenit erklärt *Alhazen* als eine optische Täuschung.
Diese entstehe dadurch, daß das Auge die Größe der Gegenstände nach
derjenigen des Gesichtswinkels und der mutmaßlichen Entfernung
schätzt. Letztere erscheint am Horizont wegen der dazwischen
liegenden Gegenstände größer. Aus dem gleichen Grunde erscheine das
Himmelsgewölbe abgeplattet (a. a. O. S. 45).

Die erste Erwähnung der Dunkelkammer findet sich in der von *E.
Wiedemann* übersetzten Schrift *Alhazens* »Über die Gestalt des
Schattens«. Es heißt dort nämlich: »Tritt das Licht der Sonne zur Zeit
ihrer Verfinsterung aus einem engen runden Loche heraus und gelangt zu
einer gegenüber liegenden Wand, so hat das Bild Sichelgestalt«. Den
Beweis gibt *Alhazen* durch eine ausführliche Abhandlung (Übersetzt v.
*E. Wiedemann*). Sein Kommentator *Kemal al-Din*, der etwa 300 Jahre
später lebte, entwickelt die Theorie der Camera sehr eingehend. *J.
Würschmidt* nimmt an, daß die abendländischen Gelehrten die Erfahrungen
der Araber über die Dunkelkammer übernahmen.

Die Tatsache, daß bei einer Sonnenfinsternis hinter einer engen Öffnung
ein sichelförmiges Bild der Sonne entsteht, war schon im Altertum
bekannt.

In seiner Schrift »Über Brennspiegel nach Kegelschnitten«
(herausgegeben von *J. L. Heiberg* und *E. Wiedemann*, Bibl. math. III.
Folge, Bd. 10, Heft 3) erwähnt *Alhazen* die Beobachtung der Alten,
daß Spiegel von der Form eines Umdrehungsparaboloids alle Strahlen in
einem Punkte vereinigen und wirksamer sind, als alle anderen Spiegel.
Die Entdeckung soll von *Diokles* um 350 v. Chr. gemacht worden
sein. *Alhazen* vermißt die theoretische Konstruktion, die er dann
vollständig gibt. Indessen hatte schon *Appollonios* die richtige Lage
des Brennpunktes bei paraboloiden Hohlspiegeln festgestellt.

Z. B. 318: Einen guten Überblick über den Stand, den die Augenheilkunde
bei den Arabern erreicht hatte, gibt eine von *C. Prüfer* und *M.
Meyerhof* in der Zeitschrift »Der Islam« (6. Jahrg. 3. Heft 1915)
herausgegebene ausführliche Abhandlung über diesen Gegenstand.

Z. S. 319: Daraus, daß in dieser Tabelle der Alkohol fehlt, schließt
von *Lippmann*, daß man um 1120 den Alkohol noch nicht kannte. Nach ihm
ist dieser gar keine arabische Entdeckung, sondern eine verhältnismäßig
späte abendländische. Bisher war man allgemein der Ansicht, daß der
Alkohol schon seit dem 9. Jahrhundert den Arabern bekannt gewesen sei.

Über die Geschichte des Aräometers siehe auch *v. Lippmanns* Abhandlung
in der Chemiker-Zeitg. 1912, Nr. 68.

Z. S. 319: »Über Wagen bei den Arabern« handelt *E. Wiedemann*
(Sitzsber. d. Phys. Mediz. Soziet. in Erlangen Bd. 37, 1905, S. 388
u. f.). *Wiedemann* berichtet dort von der Verwendung physikalischer
Kenntnisse zu allerhand Betrügereien. So stellte man Wagen her, deren
Balken hohl war und etwas Quecksilber enthielt. In einem arabischen
Werk, das eine Reihe von Taschenspielerkunststücken schildert, heißt
es: »Soll das Gold leicht erscheinen, so läßt man das Quecksilber nach
der Seite der Gewichte fließen«. Auch dadurch wurde betrogen, daß der
Bankier einen Ring trug, in dem sich ein Magnetstein befand. Diesen
brachte er beim Wägen in geeigneter Weise an die eiserne Zunge der
Wage. Daß derartige Betrügereien recht alt waren, geht auch daraus
hervor, daß schon der Koran dagegen eifert.

Zu S. 318 und 327: *Al Qazwini* und *Al Khazini* sind zwei verschiedene
arabische Schriftsteller. *Al Khazini* lebte um 1130. Von ihm rühren
die sehr genauen Bestimmungen einer Anzahl von spezifischen Gewichten
her. *Al Qazwini*, der Verfasser des Steinbuches, lebte etwa hundert
Jahre später. Er schrieb eine große Erdbeschreibung: »Die Wunder der
Schöpfung und die Denkmäler der Länder«. Sein vollständiger Name
lautet: *Zakarija ibn Muhammad ibn Mahmud al-Qazwini*.

Die arabischen Steinbücher enthalten auch Vorschriften zur Gravierung
von Planetenbildern auf die den einzelnen Planeten zugeteilten Steine.
Bei jedem der sieben Planeten wird angegeben, bei welcher Konstellation
das genau beschriebene Planetenbild in den dem Planeten geweihten Stein
graviert werden soll und welche Wirkung das Amulett hat, wenn noch
gewisse rituelle Vorschriften erfüllt werden. Dem Saturn entspricht
ein Stein in einem Ring aus Blei, dem Mars ein Stein in einem Ring aus
Eisen usw. Näheres bei *J. Ruska*, Griechische Planetendarstellungen
in arabischen Steinbüchern. (Sitzgsber. d. Heidelb. Akad. d. Wiss.,
Heidelberg 1919.)

Zu S. 320, 8. Z. v. oben: Neben Spanien verdient Sizilien Erwähnung, da
auch von hier aus die arabische Wissenschaft dem Abendlande übermittelt
wurde (Wi).

Z. S. 322: Über *Geber* berichtet ausführlicher und dem Ergebnis der
neuesten Forschungen entsprechend *v. Lippmann* in seiner »Alchemie«.

Zu S. 322: Nach *v. Lippmann* ist der Alkohol eine Erfindung des
Abendlandes, die vermutlich erst im 11. Jahrhundert gemacht wurde
und zwar wahrscheinlich in Italien (Alchemie 472). Das Wort »Kohol«
bezeichnet ursprünglich ein sehr feines Pulver. Al ist der arabische
Artikel. Näheres siehe bei *v. Lippmann*, Chemiker-Zeitung 1913, S.
1313, ebd. 1917, S. 865.

Z. S. 325: Es sei bemerkt, daß die Gleichungen unter 2) nur zur
Erläuterung dienen. Die Salzsäure, durch die hier die Zerlegung bewirkt
wird, war damals noch nicht bekannt.

Z. S. 326: Wunderbare Wirkungen wurden dem Stein der Weisen indessen
auch schon von den frühesten griechischen Alchemisten beigelegt (Li).

Zu S. 327, unten: Es muß jedoch anerkannt werden, daß die Araber recht
gute botanische Kenntnisse besaßen (Wi).

Z. S. 330: Über die medizinischen Kenntnisse bei den Arabern hat
ausführlich G. Seidel in den Sitzungsber. d. phys. med. Sozietät in
Erlangen berichtet (Bd. 47, S. 1915).

Z. S. 352: Die *Albertus Magnus* zugeschriebenen, eigentlich
alchemistischen Werke sind nach v. *Lippmann* Fälschungen.

Zu S. 390: Inbezug auf die Optik *Lionardos* sei auf *Werners* in
Erlangen erschienene Dissertation hingewiesen. *Werner* weist nach,
daß sich in den optischen Studien *Lionardo da Vincis* zahlreiche
Andeutungen finden, die auf seine Bekanntschaft mit den Schriften
*Alhazens* schließen lassen.

Zu S. 401: »Ortus« wird im Mittelalter häufig statt »Hortus« gebraucht.



Fußnoten:

[1] *Berthold* hat diese Arbeit nicht vollendet. Sie wurde später
*Gerland* (-1800) und *Würschmidt* (1800-1900) übertragen.

[2] Die Verwandtschaft des Ägyptischen mit dem Semitischen wurde
besonders durch *Erman* dargetan, der die ältesten Verbalformen
verglich und zahlreiche Übereinstimmungen auffand. Daß der
altägyptische Typus von dem der Neger stark abweicht, hat *Virchow*
durch die Untersuchung der Königsmumien nachgewiesen (Ber. d. Berl.
Akad. von 1888).

[3] Siehe auch *Wiedemann*, Ägyptische Geschichte 1884. S. 22, sowie
*E. Meyer*, Geschichte des Altertums 1. Bd. 1909. S. 44.

[4] Näheres über den Namen und über die Geographie des alten Ägyptens
findet man in *Paulys* Realencykl. d. klass. Altertumswiss. Bd. I. S.
978.

[5] *G. Maspero*, Gesch. d. morgenländischen Völker im Altertum.
Leipzig 1877. S. 63.

[6] So entstand z. B. aus der Eule [Symbol: Eule], die in der
Hieroglyphenschrift _m_ bedeutet, das Zeichen [Symbol: ähnlich einer
3] (hieratisch) und schließlich [Symbol: geschwungener, nach rechts
geneigter Halbkreis] (demotisch). Der demotischen Schrift bediente man
sich in der griechisch-römischen Zeit besonders im Verkehr.

[7] Z. B. *Athanasius Kircher* (1601-1680), der sich auch um die
Naturwissenschaften verdient gemacht hat (s. a. anderen Stellen dieses
Werkes).

[8] *E. Meyer*, Geschichte des Altertums. 1909. I. Band. S. 54. Siehe
auch an späterer Stelle dieses Bandes.

[9] Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft. 1904. S.
386.

[10] Nach *Nissen* und *Lockyer*. Siehe die Abhandlung *Charliers*
i. d. Zeitschr. der morgenl. Gesellschaft. 1904. S. 386 u. f. Danach
wiederholte sich ähnliches bei den älteren christlichen Kirchen. Ihre
Achse wurde mitunter gegen den Punkt des Horizontes gerichtet, an
welchem die Sonne am Gedenktage des Heiligen der betreffenden Kirche
unterging. *Charlier* will auf diese Weise das Alter von Kirchen auf
astronomischem Wege bestimmt haben.

[11] *M. Cantor*, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Bd. I
(1880). S. 59.

[12] *G. Maspero*, Geschichte der morgenländischen Völker im Altertum.
Übersetzt von *R. Pietschmann*. Leipzig 1877. S. 54.

[13] Um ihre Entzifferung hat sich zuerst *Thomas Young* und später
*Champollion* die größten Verdienste erworben.

[14] *Lepsius*, Denkmäler II. 50.

[15] In Tell el-Amarna in Mittelägypten.

[16] *Herodot* II. 109.

[17] H. *Hankel*, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten
Jahrhunderten. Tübingen 1869.

[18] Der Papyrus Rhind des Britischen Museums in London, den der
Schreiber *Ahmes* des Hyksoskönigs Ra-a-us verfaßte. Die Entstehung
dieser Schrift fällt zwischen 1700 und 2000 v. Chr. Das Dokument wurde
übersetzt und erläutert herausgegeben von *Eisenlohr*, Leipzig 1877.
Eine eingehende Besprechung seines Inhalts findet sich in M. *Cantors*
Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Leipzig 1880. Bd. I. S.
19-52.

[19] J. *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 52.

[20] *Eisenlohr*, Ein mathematisches Handbuch der alten Ägypter (2.
Ausgabe). S. 46-48.

[21] Schak im 38. und 40. Band der Zeitschrift für ägyptische Sprache.

[22] *Cantor* im Archiv für Mathematik und Physik. 8. Bd. 1904.

[23] *Cantor*, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I (1880). S. 37.

[24] Näheres über das Verfahren und die erhaltenen Exemplare siehe bei
*Cantor*, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 43-45; 109-112
usw.

[25] *Cantor*, Bd. I. S. 46.

[26] *Eisenlohr*, Papyrus. S. 125.

[27] *Cantor*, Bd. I. S. 58. Abb. 6 u. 7.

[28] *M. Cantor*, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 59.

[29] *Cantor*, a. a. O. Bd. I. S. 59. Siehe auch S. 9.

[30] Er lautet Seqt. Siehe *Cantor*, Gesch. d. Mathem. Bd. I S. 52,
sowie *Eisenlohr*, a. a. O. S. 135 (Anm. 3).

[31] *Tropfke*, Gesch. d. Elementarmathematik. Bd. I. S. 74.

[32] *C. Merkel*, Die Ingenieurtechnik im Altertum. Berlin. J.
Springer. 1900. An dies größere Werk lehnen sich die »Bilder aus der
Ingenieurtechnik« an, die *Merkel* als 60. Bändchen der Sammlung »Aus
Natur und Geisteswelt« veröffentlichte (B. G. Teubner. Leipzig 1904).

[33] Ist doch bekannt, welche Mühe es kostete, den Obelisken von
Heliopolis auf dem Platze vor der Peterskirche in Rom mit Hilfe
zahlreicher Göpel und Flaschenzüge aufzurichten. Dieser Obelisk ist
eine einzige Steinmasse von über 300000 kg Gewicht. Näheres siehe bei
*Beck* in seinen Beiträgen zur Geschichte des Maschinenbaus. Berlin
1899. S. 192.

[34] Siehe »Der alte Orient.« I., herausgegeben von der
vorderasiatischen Gesellschaft.

[35] Ort zwischen Kairo und Theben, wo eine Anzahl Keilschrifttafeln
entdeckt wurden. Sie befinden sich zum Teil im Museum der
vorderasiatischen Altertümer in Berlin. In einem der Briefe (um 1400 v.
Chr.) findet sich die erste Erwähnung Jerusalems. Die Berliner Sammlung
enthält auch zahlreiche Tafeln der ältesten babylonischen Zeit (3000 v.
Chr.). Bei ihrer Auffindung waren die Schriftzüge durch Auflagerungen
unkenntlich; nach Anwendung verschiedener Reinigungsverfahren traten
sie mit voller Deutlichkeit hervor. Erwähnenswert ist auch ein
sumerisch-babylonisches Wörterbuch.

Von den Tell el-Amarna-Tafeln gelangten etwa 200 nach Berlin; die
wertvollsten sind in London. Siehe auch *C. Niebuhr*, Die Amarna-Zeit.
»Der Orient« I. 2. Heft. Berlin 1899.

[36] Hettitische Schriftdenkmäler wurden in Nordsyrien und in
Boghaz-Kiri (Kappadozien) gefunden. Sie bilden einen Teil der
Berliner Sammlung vorderasiatischer Altertümer. Die Hettiter haben
Bedeutendes auf dem Gebiete der Metallurgie geleistet. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß durch sie metallurgische Kenntnisse, z. B. die
Art der Gewinnung des Eisens, nach Ägypten und nach Babylonien gelangt
sind (*E. Reyer*, Altorientalische Metallurgie. Zeitschrift der
orientalischen Gesellschaft. 1884. S. 149).

[37] *Merkel*, »Die Ingenieurtechnik des Altertums«, enthält darüber
und über den Wasserbau der übrigen alten Völker (Chinesen, Griechen,
Römer) das Nähere.

[38] *F. X. Kugler*, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.
Der Inhalt der astrologischen Keilschriftfunde wurde im III. Bande
des Londoner Inschriftenwerkes veröffentlicht. Die Übersetzung der
astronomischen Keilschrifttafeln begann 1874.

[39] *Bezold*, Ninive und Babylon, Monographien zur Weltgeschichte.
1903. Mit 102 Abbildungen.

[40] *A. H. Layard*, Niniveh and its remains (1848).

[41] Die Nippurtexte wurden unter der Oberleitung *Hilprechts*
veröffentlicht: The Babylonian expedition of the university of
Pennsylvania, Philadelphia.

[42] Siehe S. 19.

[43] Beispiele führt *Cantor* Bd. I. S. 71 in größerer Zahl an.
So heißt es Samuel I. 18: Saul hat tausend geschlagen, David aber
zehntausend. Und an anderer Stelle: Tausend mal tausend dienten ihm
(Daniel 7. 10).

[44] Auf den Tafeln sind die Zahlen selbstverständlich ohne Zeichen
nebeneinander gestellt.

Unter den neubabylonischen Tafeln der Berliner Sammlung findet sich
der Grundriß eines größeren Gebäudes. Auf diesem Grundriß sind die
Abmessungen durch Zahlen nach dem Sexagesimalsystem verzeichnet, z. B.
11 · 60 + 40 (= 700).

[45] Nach *E. v. Lippmann* ist es sogar sehr unwahrscheinlich.

[46] Siehe auch *Tropfke*, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I.
S. 76.

[47] *Theo Smyrnaeus* (ed. Ed. Hiller). Leipzig 1878. S. 177.

[48] *Wilhelm Spiegelberg*, Orientalistische Literaturzeitung, 1902.
S. 6. Es fand sich unter einer großen Menge Ostraka (durch Einritzen
beschriebene Tonscherben), welche die Straßburger Bibliothek erwarb,
und wurde von *Spiegelberg* entziffert. Der Text ist demotisch.

[49] Geht ein Gestirn gleichzeitig mit der Sonne auf, so spricht
man von seinem heliakischen oder Frühaufgang. Dabei ist der wahre
Frühaufgang, der wohl ermittelt, aber nicht beobachtet werden kann, von
dem sichtbaren Frühaufgang zu unterscheiden. Letzterer Zeitpunkt tritt
ein, wenn das Gestirn schon etwas vor dem Aufgang der Sonne erscheint,
so daß es in der Dämmerung wahrzunehmen ist. Der Zeitunterschied
beläuft sich auf etwa 20 Tage. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim
heliakischen Untergang.

[50] Der Beginn der ersten ägyptischen Kalenderordnung wird in
das Jahr 4241 v. Chr. verlegt. (*E. Meyer*, Ägypten zur Zeit
der Pyramidenerbauer. Leipzig 1908. Sendschrift der deutschen
Orientgesellschaft.)

[51] Der Sirius (Sothis) galt daher als der Stern der Isis, welche
die Überschwemmung dadurch bewirkte, daß sie, die große Naturgöttin,
eine Träne in den Strom fallen ließ. Siehe auch die Abhandlung »Die
Nilschwelle« von *W. Capelle* in den neuen Jahrbüchern f. d. klass.
Altertum. 1914. S. 317.

[52] Näheres über die Sothisperiode und andere im Altertum
gebräuchliche Ären, d. h. der Einrichtung, die Jahre von einem
allgemein anerkannten, festen Zeitpunkt ab zu rechnen, enthält *Paulys*
Real-Encycl. d. klass. Altertumswissensch. unter »Aera« (1898. S. 606).

[53] *Ideler*, Über die Sternkunde der Chaldäer. Abhandlungen der
Berliner Akad. d. Wissensch. 1814/15. S. 214.

Wie die alten Astronomen hierbei verfuhren, hat *Pappus* in seinem
Kommentar zum V. Buche des Almagest geschildert.

[54] *K. F. Ginzel*, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier. In
den Beiträgen zur alten Geschichte. Bd. I (1902). S. 350.

[55] Vielleicht haben die Babylonier die Wasserwägung auf den Durchgang
der Sonne durch den Meridian bezogen und so den durch die Schiefe der
Sphäre bedingten Fehler vermieden.

[56] Siehe *K. F. Ginzel* a. a. O. S. 351.

[57] *E. Meyer*, Geschichte des Altertums. Bd. III. 1901. S. 132.

[58] Arabischer Name des astronomischen Hauptwerkes von *Ptolemäos*.

[59] *E. Meyer*, Geschichte des Altertums. Bd. I. S. 527.

[60] *C. Bezold*, Die Astrologie der Babylonier in Bolls Sternglaube
und Sterndeutung. B. G. Teubner, Leipzig. 1918. S. 9.

[61] So erscheinen die Plejaden in der Siebenzahl auf der Stele
(Grabsäule) eines Königs des 7. vorchristlichen Jahrhunderts.

[62] *E. Meyer*, Geschichte des Altertums. I (2). S. 369.

[63] *Ginzel*, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.

[64] Eine ausführliche Abhandlung von *Rieß* über die Astrologie im
Altertum enthält *Paulys* Reallexik. d. klass. Altert. Bd. II (1896).
S. 1802.

[65] *A. H. Sayce*, The astronomy and astrology of the Babylonians with
translations. London 1874. Siehe auch *Cantor* I. S. 38 (3. Aufl. 1907).

[66] Nach *Simplicius*, Kommentar zu Aristoteles »De coelo«.

[67] *Wolf*, Geschichte der Astronomie. S. 10.

[68] *H. Suter*, Die Geschichte der mathematischen Wissenschaften.
Zürich 1873. S. 18.

[69] *R. Lepsius*, Das bilingue Dekret von Kanopus. Berlin 1866. Die
betreffende Inschrift wurde von *Lepsius* im Jahre 1866 in Unterägypten
gefunden.

[70] Die aus dem Altertum auf uns überkommenen Nachrichten über
die Astronomie der Babylonier hat *Ideler* zusammengestellt: Über
die Sternkunde der Chaldäer (Abhandlungen der Berliner Akademie d.
Wissensch. v. 1814/15).

Die in *Idelers* Schrift zusammengestellten und erläuterten Fragmente
waren bis zur Entzifferung der Keilschriftfunde, also bis 1870 etwa,
die wichtigste Quelle für die Geschichte der babylonischen Astronomie.

[71] *F. Boll*, Astronomische Beobachtungen im Altertum. Neue
Jahrbücher f. d. klass. Altert. 1917. S. 17.

[72] Siehe *Ginzel*, »Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier
und ihre kulturhistorische Bedeutung«; in den Beiträgen zur alten
Geschichte (Klio). 1 Bd. (1901).

[73] Nach *Ginzel* a. a. O. S. 191.

[74] Siehe *Ginzel* a. a. O. (Klio).

[75] »Was auf diesem Gebiete die Assyriologie geleistet, gehört zu den
erstaunlichsten Ergebnissen der Altertumsforschung und bildet einen der
größten Triumphe der Keilschriftenentzifferung« (*Bezold*, Ninive und
Babylon 1903. S. 89). Unter den Männern, welche die Astronomie und die
Keilschriftenkunde in einer Person vereinigen, ist besonders *F. X.
Kugler* zu nennen.

[76] Nach *Kugler*.

[77] *F. X. Kugler*, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.

[78] Nach *Ginzel*, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.

[79] *Ginzel*, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.

[80] Wie *Geminos* mitteilt. Wann *Geminos* lebte, ist nicht genau
bekannt (100 v.-100 n. Chr.). Er stammte aus Rhodos und schrieb eine
Einführung in die Astronomie (εἰσαγωγὴ εἰς τὰ φαινόμενα). Eine Ausgabe
mit deutscher Übersetzung veröffentlichte *K. Manitius*. Leipzig 1898.

[81] Wie die Bewegung der Gestirne, so galt auch das Verhalten
gewisser Tiere als Omen. In Babylon hat, nach dem Inhalt mancher
Keilschrifttexte zu urteilen, der Skorpion in dieser Hinsicht eine
Rolle gespielt, wie sie heute beim Volke noch der Spinne zugeschrieben
wird. Aus dem Verhalten der Skorpione suchte man z. B. das Schicksal
der Heere oder den Verlauf öffentlicher Angelegenheiten vorherzusagen.
(Mitteilungen zur Gesch. d. Medizin und der Naturwissensch. 1906. S.
326.)

[82] Siehe *Diodors* von Sizilien historische Bibliothek, übersetzt von
*J. F. Wurm*. Stuttgart 1827. Buch II. Kap. 30.

[83] Eingehender handelt von der kulturgeschichtlichen Bedeutung der
babylonischen und der ägyptischen Priesterschaft *E. Meyer* im 1. Bande
(1,_{2}) seiner Geschichte des Altertums.

[84] Nach *Kugler*, Sternkunde und Sterndienst in Babel.
Assyriologische, astronomische und, astralmythologische Untersuchungen.
I. Buch: Entwicklung der babylonischen Planetenkunde von ihren Anfängen
bis auf Christus. Münster 1907. S. 41.

[85] Siehe *Kugler*, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.

[86] *Kugler*, Im Bannkreis Babels. S. 57.

[87] *Wolff*, Geschichte der Astronomie. S. 10.

[88] *Berosos* war Priester in Babylon. Er gibt selbst an, daß er unter
Alexander, dem Sohne Philipps, gelebt habe. Näheres siehe in *Christ*,
Geschichte der griechischen Literatur. 1889. S. 412.

[89] *K. A. v. Zittel*, Geschichte der Geologie u. Paläontologie. 1899.
S. 2.

Die Aufzeichnungen des *Berosos* (*Christ*, a. a. O.) erregten bei den
Juden und den Christen besonderes Interesse durch die mit der Bibel
übereinstimmenden, jetzt auch durch Keilschrifttexte bestätigten Mythen
von der Sündflut, dem Turmbau zu Babel usw.

[90] Nach *Ginzel*, Das astronomische Wissen der Babylonier. (Klio.
1901.)

[91] Nach einer von *H. Winckler* aufgestellten, jedoch sehr
fragwürdigen Ansicht. Nach *Winckler* begann das babylonische Jahr
mit dem Frühlingsäquinoktium. Nun wandern die Äquinoktialpunkte in
26000 Jahren durch den ganzen Tierkreis. Der Frühlingspunkt verweilt
somit in jedem Tierkreisbild etwa 2000 Jahre. In Anbetracht des großen
Zeitraums, über den sich die babylonischen Beobachtungen erstreckten,
konnte die Wanderung der Äquinoktien den Babyloniern nach *Winckler*
nicht entgehen. Als ihre Beobachtungen, soweit Urkunden darüber
vorliegen, begannen, befand sich der Frühlingspunkt im Stier. Im 8.
Jahrhundert v. Chr. war die Frühjahrssonne in den Widder getreten,
während sie jetzt schon in den Fischen steht. Damit hängt vielleicht
zusammen, daß die Aufzählung der Sternbilder in dem bekannten Verse:
Sunt aries taurus ... mit dem Widder beginnt. Daß die Namen der
Tierkreisbilder zum Teil mit babylonischen Benennungen zusammenfallen,
weist darauf hin, daß sie, wenn auch auf Umwegen, von den Babyloniern
auf uns gelangt sind. (S. auch *Bezold*, Ninive u. Babylon. 1903.)

[92] *F. H. Kugler*, Im Bannkreis Babels. Münster 1910.

[93] *Ginzel*, Das astronomische Wissen der Babylonier (Klio. 1901. S.
209).

[94] Dies entspricht auch einer Angabe des *Josephus* (Antiquit. I, 8).
Siehe auch *Kugler* a. a. O. S. 117.

[95] *A. Boeckh*, Metrologische Untersuchungen über Gewichte, Münzfüße
und Maße des Altertums in ihrem Zusammenhange. Berlin 1838.

[96] Siehe den Artikel »Gewichte« von *Lehmann-Haupt* in Paulys
Reallexikon der klass. Altertumskunde. Supplement-Bd. III. (1918.) S.
588-654.

[97] *Lehmann* ist geneigt, hier eine absichtliche Verknüpfung
anzunehmen. Beiträge zur alten Geschichte. Bd. I. (1902.) S. 355.

[98] *C. F. Lehmann*, Über die Beziehungen zwischen Zeit- und
Raummessung im babylonischen Sexagesimalsystem (Klio. Bd. I. S. 381 u.
f.).

[99] Von anderer Seite wird bestritten, daß die alten Babylonier schon
das Gewicht aus dem Längenmaß abgeleitet hätten und auf das Bedenkliche
derartiger Spekulationen, wie sie *Lehmann* und besonders *Winckler*
(s. S. 36) anstellten, hingewiesen. Siehe u. a. *E. Meyer*, Geschichte
d. Altertums. 1909. S. 518.

[100] Das Medizinalgewicht, das der Verfasser des Papyrus Ebers seinen
Rezepten als Einheit zugrunde legt, betrug nach *F. Hultsch* (Griech.
u. röm. Metr. 1882, S. 374 u. 376) ungefähr 6 g und das kleinste
Gewicht namens pek 0,71 g. Vgl. *R. Lepsius*, Abhandl. d. Berliner
Akademie, 1871. S. 41-43 und *F. Chabas*, Recherches sur les poids,
mésures et monnaies des anc. Egypt. Paris 1876. S. 21, 38.

[101] Näheres über die Geschichte der Wage, der Gewichte und des Wägens
enthält die Schrift: *Th. Ibel*, Die Wage im Altertum und Mittelalter.
Erlangen 1908.

[102] *Lepsius*, Die Metalle in den ägyptischen Inschriften. Abhandl.
d. Akademie d. Wissensch. zu Berlin. 1871. S. 111.

[103] *A. Rössing*, Geschichte der Metalle. 1901.

[104] *A. de Rochas*, Les origines de la science et ses premières
applications.

[105] *Rössing*, Geschichte der Metalle. S. 11.

[106] Die erste schriftliche Erwähnung findet das Zink bei
*Paracelsus*. Er nannte es »ein gar fremdes Metall, sonderlich
seltsamer als die anderen«.

[107] Neuerdings hat man Gegenstände aus ziemlich reinem Zinn in
spätägyptischen Gräbern gefunden. Die Römer unterschieden es als
Plumbum candidum von dem Blei, das sie als Plumbum nigrum bezeichneten.

[108] *Rössing*, a. a. O. S. 3. In manchen untersuchten Bronzen
ist das Zinn ganz oder zum Teil durch Antimon ersetzt. Entweder
wurde dieses Metall in Form von Antimonerz bei der Verhüttung
der Kupfererze zugesetzt oder man war im Altertum schon mit der
Gewinnung des metallischen Antimons vertraut. Die letztere Ansicht
vertritt *Helm*. Siehe den Jahresbericht über die Fortschritte der
klassischen Altertumswissenschaft 1902. III. S. 26-82. (*Stadlers*
Literaturbericht.)

Einen bei den Ausgrabungen in Sakkara zutage geförderten Bronzebarren
von der Form, wie ihn die alten Abbildungen zeigen, untersuchte
*Berthelot* (Comptes Rendus 1905. S. 183), Quelques métaux trouvés dans
les fouilles archéologiques en Egypte. Dieser Barren enthielt 87,5%
Kupfer und 11,47% Zinn. Der Rest bestand aus Blei und Patina.

[109] *E. Gerland* im Archiv f. d. Gesch. d. Naturw. u. d. Technik.
1910. S. 304.

[110] Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der
Naturwissenschaften. 1909. S. 300.

[111] *L. Wilser* in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und
der Naturwissenschaften. 1907. S. 487. Nach *A. Ludwig* stammt das Wort
aus dem Hebräischen (Zeitschr. f. d. Kunde des Morgenlandes. 1905. Bd.
XIX. S. 239-240).

[112] *Rössing*, Geschichte der Metalle. S. 14, sowie die Abhandlung
Eisen und Stahl in Indien von Dr. *E. Schultze* im Archiv f. d. Gesch.
d. Naturw. u. d. Technik. 1910. S. 350.

[113] *A. H. Layard*, Niniveh and its remains. London 1849.

[114] *A. C. Kisa*, Die Erfindung des Glasblasens. Jahrbuch für
Altertumskunde I. S. 1.

[115] *Herodot* II. 84.

[116] *Kodex Hammurabis.* Siehe Mitteilungen z. Geschichte d.
Medizin u. d. Naturwissenschaften. 1903. Heft 1. S. 90. *Hammurabi*
(*Chammurabi*) regierte von 1958-1916. Er hat die herrschenden
Rechtsgrundsätze zusammengestellt. Das Gesetzbuch *Hammurabis* wurde
1901 gefunden.

[117] Die Staroperation, der man bisher ein Alter von etwa 2000 Jahren
zuschrieb, ist infolge dieser Erwähnung in der Gesetzessammlung
*Hammurabis* um weitere 2000 Jahre zurückzudatieren. Siehe *H.
Magnus*, Zur Kenntnis der im Gesetzbuche des *Hammurabi* erwähnten
Augenoperationen. Deutsche med. Wochenschrift. 1903. Nr. 23.

Es läßt sich mit Bestimmtheit annehmen, daß diese Gesetze schon vor
ihrer Kodifizierung durch lange Zeiträume hindurch Geltung besaßen. Der
118. Paragraph der Sammlung *Hammurabis* lautet:

»Wenn ein Chirurg jemandem eine schwere Wunde mit dem kupfernen
Skorpionpfriemen macht und den Menschen tötet oder den Star eines
Menschen mit dem kupfernen Skorpionpfriemen öffnet und das Auge des
Menschen wird zerstört, seine Hände soll man ihm abhauen.«

[118] *Diodor*, I. 82, 3.

[119] In einem altbabylonischen Texte wird Bilsenkraut als »die
Pflanze, welche die Glieder lähmt« und »Fett vom Baume« (Harz)
empfohlen. Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. d. Naturwissensch. 1904. S.
221.

[120] *F. v. Oefele*, Zwei medizinische Keilschrifttexte in Urschrift,
Umschrift und Übersetzung. (Mitteil. zur Gesch. der Med. u. d.
Naturwissensch. 1904. S. 217 u. f.)

[121] *H. A. Nielsen*, Die Straßenhygiene im Altertum. Arch. f.
Hygiene. Bd. 43 (1902). S. 85-115.

[122] Eine Liste der in Ägypten und in Palästina angebauten Pflanzen
enthält die Abhandlung von *Warburg*, »Geschichte und Entwicklung der
angewandten Botanik« (Berichte der Deutschen botanischen Gesellschaft.
1901. S. 153). Für Ägypten kommen unter anderen in Betracht: drei
Weizenarten, zwei Gerstenarten, Knoblauch, Porree, Schalotten,
Lein, Papyrus, Ölbaum, Weinstock, Dattel, Feige, Melonen, Kürbis,
Artischocke, Spargel, Rettich, Ackererbse, Pferdebohne, Linse, Kohl,
Fenchel, Anis, Absynth, Schlafm