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Title: Der Stechlin
Author: Fontane, Theodor
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Anmerkungen zur Transkription

      Das Original ist in Fraktur gesetzt.

      Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+, in
      Antiqua gesetzte Passagen sind ~so markiert~.

      Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende
      des Buches.



[Illustration]

THEODOR FONTANE

DER STECHLIN

Roman



S. Fischer, Verlag, Berlin
1922

43. bis 46. Auflage

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten



Der Stechlin



Schloß Stechlin



Erstes Kapitel


Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze,
zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und
noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine
menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber
ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung.
Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt »der +Stechlin+«.
Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig
ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt,
deren Zweige, von ihrer eigenen Schwere nach unten gezogen, den See
mit ihrer Spitze berühren. Hie und da wächst ein weniges von Schilf
und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt,
und nur selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten
auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von Zeit zu
Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit
draußen in der Welt, sei's auf Island, sei's auf Java, zu rollen und zu
grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis
weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's auch +hier+,
und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das
wissen alle, die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so
setzen sie wohl auch hinzu: »Das mit dem Wasserstrahl, das ist nur das
Kleine, das beinah Alltägliche; wenn's aber draußen was Großes gibt,
wie vor hundert Jahren in Lissabon, dann brodelts hier nicht bloß und
sprudelt und strudelt, dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter
Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein.«

       *       *       *       *       *

Das ist der Stechlin, der +See+ Stechlin.

Aber nicht nur der See führt diesen Namen, auch der Wald, der ihn
umschließt. Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte Dorf, das
sich, den Windungen des Sees folgend, um seine Südspitze herumzieht.
Etwa hundert Häuser und Hütten bilden hier eine lange, schmale
Gasse, die sich nur da, wo eine von Kloster Wutz her heranführende
Kastanienallee die Gasse durchschneidet, platzartig erweitert. An eben
dieser Stelle findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dorf
Stechlin zusammen: das Pfarrhaus, die Schule, das Schulzenamt, der
Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem kleinen
Mohren und einer Girlande von Schwefelfäden in seinem Schaufenster.
Dieser Ecke schräg gegenüber, unmittelbar hinter dem Pfarrhause,
steigt der Kirchhof lehnan, auf ihm, so ziemlich in seiner Mitte,
die frühmittelalterliche Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen
Jahrhundert stammenden Dachreiter und einem zur Seite des alten
Rundbogenportals angebrachten Holzarm, dran eine Glocke hängt. Neben
diesem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster Wutz her
heranführende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort, bis
sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von
zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten Bohlenbrücke haltmacht.
Diese Brücke ist sehr primitiv. Jenseits derselben aber steigt das
Herrenhaus auf, ein gelbgetünchter Bau mit hohem Dach und zwei
Blitzableitern.

Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, +Schloß+ Stechlin.

       *       *       *       *       *

Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches Schloß, ein
Backsteinbau mit dicken Rundtürmen, aus welcher Zeit her auch noch der
Graben stammt, der die von ihm durchschnittene, sich in den See hinein
erstreckende Landzunge zu einer kleinen Insel machte. Das ging so bis
in die Tage der Reformation. Während der Schwedenzeit aber wurde das
alte Schloß niedergelegt, und man schien es seinem gänzlichen Verfall
überlassen, auch nichts an seine Stelle setzen zu wollen, bis kurz nach
dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms ~I.~ die ganze Trümmermasse
beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde. Dieser Neubau war das
Haus, das jetzt noch stand. Es hatte denselben nüchternen Charakter
wie fast alles, was unter dem Soldatenkönig entstand, und war nichts
weiter als ein einfaches ~Corps de logis~, dessen zwei vorspringende,
bis dicht an den Graben reichende Seitenflügel ein Hufeisen und
innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten, auf dem, als einziges
Schmuckstück, eine große blanke Glaskugel sich präsentierte. Sonst
sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende Rampe, von
deren dem Hofe zugekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder abfiel.
Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar, gerade diese
Rampe zu was Besonderem zu machen, und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel
mit exotischen Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine
noch gut imstande, die andre dagegen krank war. Aber gerade diese
kranke war der Liebling des Schloßherrn, weil sie jeden Sommer in
einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand. Und das hing so
zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte der Wind vor langer
Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht, und
alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten
Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des
~Butomus umbellatus~ auf. Jeder Fremde, der kam, wenn er nicht zufällig
ein Kenner war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten, und der
Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, der eine Quelle der
Erheiterung für ihn war, zu zerstören.

Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin führte, so natürlich
auch der Schloßherr selbst. Auch er war ein Stechlin.

Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut Stück über Sechzig
hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von der milderen
Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich
selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das
eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die »schon
vor den Hohenzollern da waren,« aber er hegte dieses Selbstgefühl nur
ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam, so kleidete
sich's in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen
nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug
war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel
und Überheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade
sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten.
Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto
besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu
wünschen. Beinah das Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion. »Ich bin
nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn's
andere tun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten gibt
es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.«
Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte selber gern.

Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herkömmlich gewesen.
Von jung an lieber im Sattel als bei den Büchern, war er erst nach
zweimaliger Scheiterung siegreich durch das Fähnrichsexamen gesteuert
und gleich danach bei den brandenburgischen Kürassieren eingetreten,
bei denen selbstverständlich auch schon sein Vater gestanden
hatte. Dieser sein Eintritt ins Regiment fiel so ziemlich mit dem
Regierungsantritt Friedrich Wilhelms ~IV.~ zusammen, und wenn er
dessen erwähnte, so hob er, sich selbst persiflierend, gerne hervor,
»daß alles Große seine Begleiterscheinungen habe.« Seine Jahre bei
den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre gewesen; nur Anno
vierundsechzig war er mit in Schleswig, aber auch hier, ohne »zur
Aktion« zu kommen. »Es kommt für einen Märkischen nur darauf an,
überhaupt mit dabei gewesen zu sein; das andre steht in Gottes Hand.«
Und er schmunzelte, wenn er dergleichen sagte, seine Hörer jedesmal
in Zweifel darüber lassend, ob er's ernsthaft oder scherzhaft gemeint
habe. Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs
war ihm ein Sohn geboren worden, und kaum wieder in seine Garnison
Brandenburg eingerückt, nahm er den Abschied, um sich auf sein seit dem
Tode des Vaters halb verödetes Schloß Stechlin zurückzuziehen. Hier
warteten seiner glückliche Tage, seine glücklichsten, aber sie waren
von kurzer Dauer -- schon das Jahr darauf starb ihm die Frau. Sich
eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn und halb
aus ästhetischer Rücksicht. »Wir glauben doch alle mehr oder weniger
an eine Auferstehung« (das heißt, er persönlich glaubte eigentlich
nicht daran), »und wenn ich dann oben ankomme mit einer rechts und
einer links, so is das doch immer eine genierliche Sache.« Diese Worte
-- wie denn der Eltern Tun nur allzu häufig der Mißbilligung der
Kinder begegnet -- richteten sich in Wirklichkeit gegen seinen dreimal
verheiratet gewesenen Vater, an dem er überhaupt allerlei Großes und
Kleines auszusetzen hatte, so beispielsweise auch, daß man ihm, dem
Sohne, den pommerschen Namen »Dubslav« beigelegt hatte. »Gewiß, meine
Mutter war eine Pommersche, noch dazu von der Insel Usedom, und ihr
Bruder, nun ja, der hieß Dubslav. Und so war denn gegen den Namen
schon um des Onkels willen nicht viel einzuwenden, und um so weniger,
als er ein Erbonkel war. (Daß er mich schließlich schändlich im Stich
gelassen, ist eine Sache für sich.) Aber trotzdem bleib ich dabei,
solche Namensmanscherei verwirrt bloß. Was ein Märkischer ist, der muß
Joachim heißen oder Woldemar. Bleib im Lande und taufe dich redlich.
Wer aus Friesack is, darf nicht Raoul heißen.«

Dubslav von Stechlin blieb also Witwer. Das ging nun schon an die
dreißig Jahre. Anfangs war's ihm schwer geworden, aber jetzt lag
alles hinter ihm, und er lebte »~comme philosophe~« nach dem Wort und
Vorbild des großen Königs, zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte.
Das war sein Mann, mehr als irgendwer, der sich seitdem einen Namen
gemacht hatte. Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm gesagt wurde, daß er
einen Bismarckkopf habe. »Nun ja, ja, den hab ich; ich soll ihm sogar
ähnlich sehen. Aber die Leute sagen es immer so, als ob ich mich dafür
bedanken müßte. Wenn ich nur wüßte, bei wem; vielleicht beim lieben
Gott, oder am Ende gar bei Bismarck selbst. Die Stechline sind aber
auch nicht von schlechten Eltern. Außerdem, ich für meine Person, ich
habe bei den sechsten Kürassieren gestanden, und Bismarck bloß bei den
siebenten, und die kleinere Zahl ist in Preußen bekanntlich immer die
größere; -- ich bin ihm also einen über. Und Friedrichsruh, wo alles
jetzt hinpilgert, soll auch bloß ne Kate sein. Darin sind wir uns also
gleich. Und solchen See, wie den ›Stechlin‹, nu, den hat er schon ganz
gewiß nicht. So was kommt überhaupt bloß selten vor.«

Ja, auf seinen See war Dubslav stolz, aber destoweniger stolz war er
auf sein Schloß, weshalb es ihn auch verdroß, wenn es überhaupt so
genannt wurde. Von den armen Leuten ließ er sich's gefallen: »Für die
ist es ein ›Schloß‹, aber sonst ist es ein alter Kasten und weiter
nichts.« Und so sprach er denn lieber von seinem »Haus«, und wenn er
einen Brief schrieb, so stand darüber »Haus Stechlin«. Er war sich
auch bewußt, daß es kein Schloßleben war, das er führte. Vordem,
als der alte Backsteinbau noch stand, mit seinen dicken Türmen und
seinem Luginsland, von dem aus man, über die Kronen der Bäume weg,
weit ins Land hinaussah, ja, damals war hier ein Schloßleben gewesen,
und die derzeitigen alten Stechline hatten teilgenommen an allen
Festlichkeiten, wie sie die Ruppiner Grafen und die mecklenburgischen
Herzöge gaben, und waren mit den Boitzenburgern und den Bassewitzens
verschwägert gewesen. Aber heute waren die Stechliner Leute von
schwachen Mitteln, die sich nur eben noch hielten und beständig bemüht
waren, durch eine »gute Partie« sich wieder leidlich in die Höhe zu
bringen. Auch Dubslavs Vater war auf diese Weise zu seinen drei Frauen
gekommen, unter denen freilich nur die erste das in sie gesetzte
Vertrauen gerechtfertigt hatte. Für den jetzigen Schloßherrn, der von
der zweiten Frau stammte, hatte sich daraus leider kein unmittelbarer
Vorteil ergeben, und Dubslav von Stechlin wäre kleiner und großer
Sorgen und Verlegenheiten nie los und ledig geworden, wenn er nicht in
dem benachbarten Gransee seinen alten Freund Baruch Hirschfeld gehabt
hätte. Dieser Alte, der den großen Tuchladen am Markt und außerdem
die Modesachen und Damenhüte hatte, hinsichtlich deren es immer hieß,
»Gerson schicke ihm alles zuerst« -- dieser alte Baruch, ohne das
»Geschäftliche« darüber zu vergessen, hing in der Tat mit einer Art
Zärtlichkeit an dem Stechliner Schloßherrn, was, wenn es sich mal
wieder um eine neue Schuldverschreibung handelte, regelmäßig zu heikeln
Auseinandersetzungen zwischen Hirschfeld Vater und Hirschfeld Sohn
führte.

»Gott, Isidor, ich weiß, du bist fürs Neue. Aber was ist das Neue? Das
Neue versammelt sich immer auf unserm Markt, und mal stürmt es uns den
Laden und nimmt uns die Hüte, Stück für Stück, und die Reiherfedern und
die Straußenfedern. Ich bin fürs Alte und für den guten, alten Herrn
von Stechlin. Is doch der Vater von seinem Großvater gefallen in der
großen Schlacht bei Prag und hat gezahlt mit seinem Leben.«

»Ja, der hat gezahlt; wenigstens hat er gezahlt mit seinem Leben. Aber
der von heute ...«

»Der zahlt auch, wenn er kann und wenn er hat. Und wenn er nicht hat,
und ich sage: ›Herr von Stechlin, ich werde schreiben siebeneinhalb‹,
dann feilscht er nicht und dann zwackt er nicht. Und wenn er kippt,
nu, da haben wir das Objekt: Mittelboden und Wald und Jagd und viel
Fischfang. Ich seh es immer so ganz klein in der Perspektiv, und ich
seh auch schon den Kirchturm.«

»Aber Vaterleben, was sollen wir mit'm Kirchturm?«

In dieser Richtung gingen öfters die Gespräche zwischen Vater und Sohn,
und was der Alte vorläufig noch in der »Perspektive« sah, das wäre
vielleicht schon Wirklichkeit geworden, wenn nicht des alten Dubslav
um zehn Jahre ältere Schwester mit ihrem von der Mutter her ererbten
Vermögen gewesen wäre: Schwester Adelheid, Domina zu Kloster Wutz. Die
half und sagte gut, wenn es schlecht stand oder gar zum Äußersten zu
kommen schien. Aber sie half nicht aus Liebe zu dem Bruder -- gegen den
sie, ganz im Gegenteil, viel einzuwenden hatte --, sondern lediglich
aus einem allgemeinen Stechlinschen Familiengefühl. Preußen war was
und die Mark Brandenburg auch; aber das Wichtigste waren doch die
Stechlins, und der Gedanke, das alte Schloß in andern Besitz und nun
gar in einen solchen übergehen zu sehen, war ihr unerträglich. Und über
all dies hinaus war ja noch ihr Patenkind da, ihr Neffe Woldemar, für
den sie all die Liebe hegte, die sie dem Bruder versagte.

Ja, die Domina half, aber solcher Hilfen unerachtet wuchs das Gefühl
der Entfremdung zwischen den Geschwistern, und so kam es denn, daß der
alte Dubslav, der die Schwester in Kloster Wutz weder gern besuchte
noch auch ihren Besuch gern empfing, nichts von Umgang besaß als seinen
Pastor Lorenzen (den früheren Erzieher Woldemars) und seinen Küster
und Dorfschullehrer Krippenstapel, zu denen sich allenfalls noch
Oberförster Katzler gesellte, Katzler, der Feldjäger gewesen war und
ein gut Stück Welt gesehen hatte. Doch auch diese drei kamen nur, wenn
sie gerufen wurden, und so war eigentlich nur einer da, der in jedem
Augenblick Red und Antwort stand. Das war Engelke, sein alter Diener,
der seit beinahe fünfzig Jahren alles mit seinem Herrn durchlebt
hatte, seine glücklichen Leutnantstage, seine kurze Ehe und seine
lange Einsamkeit. Engelke, noch um ein Jahr älter als sein Herr, war
dessen Vertrauter geworden, aber ohne Vertraulichkeit. Dubslav verstand
es, die Scheidewand zu ziehen. Übrigens wär es auch ohne diese Kunst
gegangen. Denn Engelke war einer von den guten Menschen, die nicht aus
Berechnung oder Klugheit, sondern von Natur hingebend und demütig sind
und in einem treuen Dienen ihr Genüge finden. Alltags war er, so Winter
wie Sommer, in ein Leinwandhabit gekleidet, und nur wenn es zu Tisch
ging, trug er eine richtige Livree von sandfarbenem Tuch mit großen
Knöpfen dran. Es waren Knöpfe, die noch die Zeiten des Rheinsberger
Prinzen Heinrich gesehen hatten, weshalb Dubslav, als er mal wieder
in Verlegenheit war, zu dem jüngst verstorbenen alten Herrn von
Kortschädel gesagt hatte: »Ja, Kortschädel, wenn ich so meinen Engelke,
wie er da geht und steht, ins märkische Provinzialmuseum abliefern
könnte, so kriegt ich ein Jahrgehalt und wäre raus.«

       *       *       *       *       *

Das war im Mai, daß der alte Stechlin diese Worte zu seinem Freunde
Kortschädel gesprochen hatte. Heute aber war dritter Oktober und ein
wundervoller Herbsttag dazu. Dubslav, sonst empfindlich gegen Zug,
hatte die Türen aufmachen lassen, und von dem großen Portal her zog
ein erquicklicher Luftstrom bis auf die mit weiß und schwarzen Fliesen
gedeckte Veranda hinaus. Eine große, etwas schadhafte Marquise war
hier herabgelassen und gab Schutz gegen die Sonne, deren Lichter
durch die schadhaften Stellen hindurchschienen und auf den Fliesen
ein Schattenspiel aufführten. Gartenstühle standen umher, vor einer
Bank aber, die sich an die Hauswand lehnte, waren doppelte Strohmatten
gelegt. Auf eben dieser Bank, ein Bild des Behagens, saß der alte
Stechlin in Joppe und breitkrempigem Filzhut und sah, während er aus
seinem Meerschaum allerlei Ringe blies, auf ein Rundell, in dessen
Mitte, von Blumen eingefaßt, eine kleine Fontäne plätscherte. Rechts
daneben lief ein sogenannter Poetensteig, an dessen Ausgang ein
ziemlich hoher, aus allerlei Gebälk zusammengezimmerter Aussichtsturm
aufragte. Ganz oben eine Plattform mit Fahnenstange, daran die
preußische Flagge wehte, schwarz und weiß, alles schon ziemlich
verschlissen.

Engelke hatte vor kurzem einen roten Streifen annähen wollen, war aber
mit seinem Vorschlag nicht durchgedrungen. »Laß. Ich bin nicht dafür.
Das alte Schwarz und Weiß hält gerade noch; aber wenn du was Rotes dran
nähst, dann reißt es gewiß.«

Die Pfeife war ausgegangen, und Dubslav wollte sich eben von seinem
Platz erheben und nach Engelke rufen, als dieser vom Gartensaal her auf
die Veranda heraustrat.

»Das ist recht, Engelke, daß du kommst ... Aber du hast da ja was wie'n
Telegramm in der Hand. Ich kann Telegramms nicht leiden. Immer is einer
dod, oder es kommt wer, der besser zu Hause geblieben wäre.«

Engelke griente. »Der junge Herr kommt.«

»Und das weißt du schon?«

»Ja, Brose hat es mir gesagt.«

»So, so. Dienstgeheimnis. Na, gib her.«

Und unter diesen Worten brach er das Telegramm auf und las: »Lieber
Papa. Bin sechs Uhr bei dir. Rex und von Czako begleiten mich. Dein
Woldemar.«

Engelke stand und wartete.

»Ja, was da tun, Engelke?« sagte Dubslav und drehte das Telegramm hin
und her. »Und aus Cremmen und von heute früh,« fuhr er fort. »Da müssen
sie also die Nacht über schon in Cremmen gewesen sein. Auch kein Spaß.«

»Aber Cremmen is doch soweit ganz gut.«

»Nu, gewiß, gewiß. Bloß sie haben da so kurze Betten ... Und, wenn man,
wie Woldemar, Kavallerist ist, kann man ja doch auch die acht Meilen
von Berlin bis Stechlin in einer Pace machen. Warum also Nachtquartier?
Und Rex und von Czako begleiten mich. Ich kenne Rex nicht und kenne von
Czako nicht. Wahrscheinlich Regimentskameraden. Haben wir denn was?«

»Ich denk doch, gnäd'ger Herr. Und wovor haben wir denn unsre Mamsell?
Die wird schon was finden.«

»Nu gut. Also wir haben was. Aber wen laden wir dazu ein? So bloß ich,
das geht nicht. Ich mag mich keinem Menschen mehr vorsetzen. Czako,
das ginge vielleicht noch. Aber Rex, wenn ich ihn auch nicht kenne,
zu so was Feinem wie Rex pass' ich nicht mehr; ich bin zu altmodisch
geworden. Was meinst du, ob die Gundermanns wohl können?«

»Ach, die können schon. Er gewiß, und sie kluckt auch bloß immer so
rum.«

»Also Gundermanns. Gut. Und dann vielleicht Oberförsters. Das älteste
Kind hat freilich die Masern, und die Frau, das heißt die Gemahlin (und
Gemahlin is eigentlich auch noch nicht das rechte Wort), die erwartet
wieder. Man weiß nie recht, wie man mit ihr dran ist und wie man sie
nennen soll, Oberförsterin Katzler oder Durchlaucht. Aber man kann's
am Ende versuchen. Und dann unser Pastor. Der hat doch wenigstens
die Bildung. Gundermann allein ist zu wenig und eigentlich bloß ein
Klutentreter. Und seitdem er die Siebenmühlen hat, ist er noch weniger
geworden.«

Engelke nickte.

»Na, dann schick also Martin. Aber er soll sich proper machen. Oder
vielleicht ist Brose noch da; der kann ja auf seinem Retourgang bei
Gundermanns mit rangehen. Und soll ihnen sagen sieben Uhr, aber nicht
früher; sie sitzen sonst so lange rum, und man weiß nicht, wovon man
reden soll. Das heißt mit ihm; sie red't immerzu ... Und gib Brosen
auch nen Kornus und funfzig Pfennig.«

»Ich werd ihm dreißig geben.«

»Nein, nein, funfzig. Erst hat er ja doch was gebracht und nu nimmt er
wieder was mit. Das is ja so gut wie doppelt. Also funfzig. Knaps ihm
nichts ab.«



Zweites Kapitel


Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Telegraphenbote bei Gundermanns
vorsprach, um die Bestellung des alten Herrn von Stechlin auszurichten,
ritten Woldemar, Rex und Czako, die sich für sechs Uhr angemeldet
hatten, in breiter Front von Cremmen ab; Fritz, Woldemars Reitknecht,
folgte den dreien. Der Weg ging über Wutz. Als sie bis in die Nähe von
Dorf und Kloster dieses Namens gekommen waren, bog Woldemar vorsichtig
nach links hin aus, weil er der Möglichkeit entgehen wollte, seiner
Tante Adelheid, der Domina des Klosters, zu begegnen. Er stand zwar gut
mit dieser und hatte sogar vor, ihr, wie herkömmlich, auf dem Rückwege
nach Berlin seinen Besuch zu machen; aber in diesem Augenblick paßte
ihm solche Begegnung, die sein pünktliches Eintreffen in Stechlin
gehindert haben würde, herzlich schlecht. So beschrieb er denn einen
weiten Halbkreis und hatte das Kloster schon um eine Viertelstunde
hinter sich, als er sich wieder der Hauptstraße zuwandte. Diese, durch
Moor- und Wiesengründe führend, war ein vorzüglicher Reitweg, der an
vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug, weshalb es anderthalb Meilen
lang in einem scharfen Trabe vorwärts ging, bis an eine Avenue heran,
die geradlinig auf Schloß Stechlin zuführte. Hier ließen alle drei die
Zügel fallen und ritten im Schritt weiter. Über ihnen wölbten sich die
schönen, alten Kastanienbäume, was ihrem Anritt etwas Anheimelndes und
zugleich etwas beinah Feierliches gab.

»Das ist ja wie ein Kirchenschiff,« sagte Rex, der am linken Flügel
ritt. »Finden Sie nicht auch, Czako?«

»Wenn Sie wollen, ja. Aber Pardon, Rex, ich finde die Wendung etwas
trivial für einen Ministerialassessor.«

»Nun gut, dann sagen Sie was Besseres.«

»Ich werde mich hüten. Wer unter solchen Umständen was Besseres sagen
will, sagt immer was Schlechteres.«

Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gespräche waren sie bis
an einen Punkt gekommen, von dem aus man das am Ende der Avenue sich
aufbauende Bild in aller Klarheit überblicken konnte. Dabei war das
Bild nicht bloß klar, sondern auch so frappierend, daß Rex und Czako
unwillkürlich anhielten.

»Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend,« wandte sich Czako zu dem
am andern Flügel reitenden Woldemar. »Ich find es geradezu märchenhaft,
Fata Morgana -- das heißt, ich habe noch keine gesehn. Die gelbe
Wand, die da noch das letzte Tageslicht auffängt, das ist wohl Ihr
Zauberschloß? Und das Stückchen Grau da links, das taxier ich auf eine
Kirchenecke. Bleibt nur noch der Staketzaun an der andern Seite; -- da
wohnt natürlich der Schulmeister. Ich verbürge mich, daß ich's damit
getroffen. Aber die zwei schwarzen Riesen, die da grad in der Mitte
stehn und sich von der gelben Wand abheben (›abheben‹ ist übrigens
auch trivial; entschuldigen Sie, Rex), die stehen ja da wie die
Cherubim. Allerdings etwas zu schwarz. Was sind das für Leute?«

»Das sind Findlinge?«

»Findlinge.«

»Ja, Findlinge,« wiederholte Woldemar. »Aber wenn Ihnen das Wort
anstößig ist, so können Sie sie auch Monolithe nennen. Es ist
merkwürdig, Czako, wie hochgradig verwöhnt im Ausdruck Sie sind, wenn
Sie nicht gerade selber das Wort haben ... Aber nun, meine Herren,
müssen wir uns wieder in Trab setzen. Ich bin überzeugt, mein Papa
steht schon ungeduldig auf seiner Rampe, und wenn er uns so in Schritt
ankommen sieht, denkt er, wir bringen eine Trauernachricht oder einen
Verwundeten.«

       *       *       *       *       *

Wenige Minuten später, und alle drei trabten denn auch wirklich, von
Fritz gefolgt, über die Bohlenbrücke fort, erst in den Vorhof hinein
und dann an der blanken Glaskugel vorüber. Der Alte stand bereits
auf der Rampe, Engelke hinter ihm und hinter diesem Martin, der alte
Kutscher. Im Nu waren alle drei Reiter aus dem Sattel, und Martin und
Fritz nahmen die Pferde. So trat man in den Flur. »Erlaube, lieber
Papa, dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen: Assessor von Rex,
Hauptmann von Czako.«

Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und sprach ihnen aus, wie
glücklich er über ihren Besuch sei. »Seien Sie mir herzlich willkommen,
meine Herren. Sie haben keine Ahnung, welche Freude Sie mir machen,
mir, einem vergrätzten, alten Einsiedler. Man sieht nichts mehr, man
hört nichts mehr. Ich hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten.«

»Ach, Herr Major,« sagte Czako, »wir sind ja schon vierundzwanzig
Stunden fort. Und, ganz abgesehen davon, wer kann heutzutage noch
mit den Zeitungen konkurrieren! Ein Glück, daß manche prinzipiell
einen Posttag zu spät kommen. Ich meine mit den neuesten Nachrichten.
Vielleicht auch sonst noch.«

»Sehr wahr,« lachte Dubslav. »Der Konservatismus soll übrigens, seinem
Wesen nach, eine Bremse sein; damit muß man vieles entschuldigen. Aber
da kommen Ihre Mantelsäcke, meine Herren. Engelke, führe die Herren auf
ihr Zimmer. Wir haben jetzt sechseinviertel. Um sieben, wenn ich bitten
darf.«

Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas altmodisch
als »Mantelsäcke« bezeichneten Plaidrollen in die Hand genommen und
ging damit, den beiden Herren voran, auf die doppelarmige Treppe zu,
die gerade da, wo die beiden Arme derselben sich kreuzten, einen
ziemlich geräumigen Podest mit Säulchengalerie bildete. Zwischen den
Säulchen aber, und zwar mit Blick auf den Flur, war eine Rokokouhr
angebracht, mit einem Zeitgott darüber, der eine Hippe führte. Czako
wies darauf hin und sagte leise zu Rex: »Ein bißchen graulich,« -- ein
Gefühl, drin er sich bestärkt sah, als man bis auf den mit ungeheurer
Raumverschwendung angelegten Oberflur gekommen war. Über einer nach
hinten zu gelegenen Saaltür hing eine Holztafel mit der Inschrift:
»Museum«, während hüben und drüben, an den Flurwänden links und rechts,
mächtige Birkenmaser- und Ebenholzschränke standen, wahre Prachtstücke,
mit zwei großen Bildern dazwischen, eines eine Burg mit dicken
Backsteintürmen, das andre ein überlebensgroßer Ritter, augenscheinlich
aus der Frundsbergzeit, wo das bunt Landsknechtliche schon die Rüstung
zu drapieren begann.

»Is wohl ein Ahn?« fragte Czako.

»Ja, Herr Hauptmann. Und er ist auch unten in der Kirche.«

»Auch so wie hier?«

»Nein, bloß Grabstein und schon etwas abgetreten. Aber man sieht doch
noch, daß es derselbe ist.«

Czako nickte. Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen, das mit
der einen Seite nach dem Flur, mit der andern Seite nach einem schmalen
Gang hin lag. Hier war auch die Tür. Engelke, vorangehend, öffnete und
hing die beiden Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tür
stehenden Kleiderständers. Unmittelbar daneben war ein Klingelzug mit
einer grünen, etwas ausgefransten Puschel daran. Engelke wies darauf
hin und sagte: »Wenn die Herren noch was wünschen ... Und um sieben ...
Zweimal wird angeschlagen.«

Und damit ging er, die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend.

Es waren zwei nebeneinander gelegene Zimmer, in denen man Rex und Czako
untergebracht hatte, das vordere größer und mit etwas mehr Aufwand
eingerichtet, mit Stehspiegel und Toilette, der Spiegel sogar zum
Kippen. Das Bett in diesem vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel
und daneben eine Etagere, auf deren oberem Brettchen eine Meißner
Figur stand, ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend, während auf dem
unteren Brett ein Neues Testament lag, mit Kelch und Kreuz und einem
Palmenzweig auf dem Deckel.

Czako nahm das Meißner Püppchen und sagte: »Wenn nicht unser Freund
Woldemar bei diesem Arrangement seine Hand mit im Spiele gehabt hat, so
haben wir hier in bezug auf Requisiten ein Ahnungsvermögen, wie's nicht
größer gedacht werden kann. Das Püppchen ~pour moi~, das Testament
~pour vous~.«

»Czako, wenn Sie doch bloß das Necken lassen könnten!«

»Ach, sagen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lieben mich ja bloß um
meiner Neckereien willen.«

Und nun traten sie, von dem Vorderzimmer her, in den etwas kleineren
Wohnraum, in dem Spiegel und Toilette fehlten. Dafür aber war ein
Rokokosofa da, mit hellblauem Atlas und weißen Blumen darauf.

»Ja, Rex,« sagte Czako, »wie teilen wir nun? Ich denke, Sie nehmen
nebenan den Himmel, und ich nehme das Rokokosofa, noch dazu mit weißen
Blumen, vielleicht Lilien. Ich wette, das kleine Ding von Sofa hat eine
Geschichte.«

»Rokoko hat immer eine Geschichte,« bestätigte Rex. »Aber hundert Jahr
zurück. Was jetzt hier haust, sieht mir, Gott sei Dank, nicht danach
aus. Ein bißchen Spuk trau ich diesem alten Kasten allerdings schon
zu; aber keine Rokokogeschichte. Rokoko ist doch immer unsittlich. Wie
gefällt Ihnen übrigens der Alte?«

»Vorzüglich. Ich hätte nicht gedacht, daß unser Freund Woldemar solchen
famosen Alten haben könnte.«

»Das klingt ja beinah,« sagte Rex, »wie wenn Sie gegen unsern Stechlin
etwas hätten.«

»Was durchaus nicht der Fall ist. Unser Stechlin ist der beste Kerl von
der Welt, und wenn ich das verdammte Wort nicht haßte, würd ich ihn
sogar einen ›perfekten Gentleman‹ nennen müssen. Aber ...«

»Nun ...«

»Aber er paßt doch nicht recht an seine Stelle.«

»An welche?«

»In sein Regiment.«

»Aber, Czako, ich verstehe Sie nicht. Er ist ja brillant angeschrieben.
Liebling bei jedem. Der Oberst hält große Stücke von ihm, und die
Prinzen machen ihm beinah den Hof ...«

»Ja, das ist es ja eben. Die Prinzen, die Prinzen.«

»Was denn, wie denn?«

»Ach, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang, um sie hier vor
Tisch noch auszukramen. Denn es ist bereits halb, und wir müssen uns
eilen. Übrigens trifft es viele, nicht bloß unsern Stechlin.«

»Immer dunkler, immer rätselvoller,« sagte Rex.

»Nun, vielleicht daß ich Ihnen das Rätsel löse. Schließlich kann man
ja Toilette machen und noch seinen Diskurs daneben haben. ›Die Prinzen
machen ihm den Hof,‹ so geruhten Sie zu bemerken, und ich antwortete:
›Ja, das ist es eben.‹ Und diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen.
Die Prinzen -- ja, damit hängt es zusammen und noch mehr damit, daß
die feinen Regimenter immer feiner werden. Kucken Sie sich mal die
alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert und
dann so bis anno sechs. Da finden Sie bei Regiment Garde du Corps oder
bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen: Marwitz, Wakenitz,
Kracht, Löschebrand, Bredow, Rochow, höchstens daß sich mal ein höher
betitelter Schlesischer mit hinein verirrt. Natürlich gab es auch
Prinzen damals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen
mußten noch froh sein, wenn sie nicht störten. Damit ist es nun aber,
seit wir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich sprech ich
nicht von der Provinz, nicht von Litauen und Masuren, sondern von der
Garde, von den Regimentern unter den Augen Seiner Majestät. Und nun
gar erst diese Gardedragoner! Die waren immer pik, aber seit sie,
~pour combler le bonheur~, auch noch ›Königin von Großbritannien und
Irland‹ sind, wird es immer mehr davon, und je piker sie werden,
desto mehr Prinzen kommen hinein, von denen übrigens auch jetzt schon
mehr da sind, als es so obenhin aussieht, denn manche sind eigentlich
welche und dürfen es bloß nicht sagen. Und wenn man dann gar noch
die alten mitrechnet, die bloß ~à la suite~ stehen, aber doch immer
noch mit dabei sind, wenn irgendwas los ist, so haben wir, wenn der
Kreis geschlossen wird, zwar kein Parkett von Königen, aber doch
einen Zirkus von Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin
gestellt. Natürlich tut er, was er kann, und macht so gewisse Luxusse
mit, Gefühlsluxusse, Gesinnungsluxusse und, wenn es sein muß, auch
Freiheitsluxusse. So nen Schimmer von Sozialdemokratie. Das ist aber
auf die Dauer schwierig. Richtige Prinzen können sich das leisten, die
verbebeln nicht leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl,
aber er ist doch bloß ein Mensch.«

»Und das sagen Sie, Czako, gerade Sie, der Sie das Menschliche stets
betonen?«

»Ja, Rex, das tu ich. Heut wie immer. Aber eines schickt sich nicht
für alle. Der eine darf's, der andre nicht. Wenn unser Freund Stechlin
sich in diese seine alte Schloßkate zurückzieht, so darf er Mensch
sein, soviel er will, aber als Gardedragoner kommt er damit nicht
aus. Vom alten Adam will ich nicht sprechen, das hat immer noch so ne
Nebenbedeutung.«

       *       *       *       *       *

Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd über den alten
und den jungen Stechlin verhandelten, schritten die, die den Gegenstand
dieser Unterhaltung bildeten, Vater und Sohn, im Garten auf und ab und
hatten auch ihrerseits ihr Gespräch.

»Ich bin dir dankbar, daß du mir deine Freunde mitgebracht hast.
Hoffentlich kommen sie auf ihre Kosten. Mein Leben verläuft ein
bißchen zu einsam, und es wird ohnehin gut sein, wenn ich mich wieder
an Menschen gewöhne. Du wirst gelesen haben, daß unser guter alter
Kortschädel gestorben ist, und in etwa vierzehn Tagen haben wir hier ne
Neuwahl. Da muß ich dann ran und mich populär machen. Die Konservativen
wollen mich haben und keinen andern. Eigentlich mag ich nicht, aber
ich soll, und da paßt es mir denn, daß du mir Leute bringst, an denen
ich mich für die Welt sozusagen wieder wie einüben kann. Sind sie denn
ausgiebig und plauderhaft?«

»O sehr, Papa, vielleicht zu sehr. Wenigstens der eine.«

»Das is gewiß der Czako. Sonderbar, die von Alexander reden alle gern.
Aber ich bin sehr dafür; Schweigen kleid't nicht jeden. Und dann sollen
wir uns ja auch durch die Sprache vom Tier unterscheiden. Also wer am
meisten red't, ist der reinste Mensch. Und diesem Czako, den hab ich
es gleich angesehn. Aber der Rex. Du sagst Ministerialassessor. Ist er
denn von der frommen Familie?«

»Nein, Papa, du machst dieselbe Verwechslung, die beinah alle machen.
Die fromme Familie, das sind die Reckes, gräflich und sehr vornehm.
Die Rex natürlich auch, aber doch nicht so hoch hinaus und auch nicht
so fromm. Allerdings nimmt mein Freund, der Ministerialassessor, einen
Anlauf dazu, die Reckes womöglich einzuholen.«

»Dann hab ich also doch recht gesehn. Er hat so die Figur, die so was
vermuten läßt, ein bißchen wenig Fleisch und so glatt rasiert. Habt ihr
denn beim Rasieren in Cremmen gleich einen gefunden?«

»Er hat alles immer bei sich; lauter englische. Von Solingen oder Suhl
will er nichts wissen.«

»Und muß man ihn denn vorsichtig anfassen, wenn das Gespräch auf
kirchliche Dinge kommt? Ich bin ja, wie du weißt, eigentlich kirchlich,
wenigstens kirchlicher als mein guter Pastor (es wird immer schlimmer
mit ihm), aber ich bin so im Ausdruck mitunter ungenierter, als man
vielleicht sein soll, und bei ›niedergefahren zur Hölle‹ kann mir's
passieren, daß ich nolens volens ein bißchen tolles Zeug rede. Wie
steht es denn da mit ihm? Muß ich mich in acht nehmen? Oder macht er
bloß so mit?«

»Das will ich nicht geradezu behaupten. Ich denke mir, er steht so wie
die meisten stehn; das heißt, er weiß es nicht recht.«

»Ja, ja, den Zustand kenn ich.«

»Und weil er es nicht recht weiß, hat er sozusagen die Auswahl und
wählt das, was gerade gilt und nach oben hin empfiehlt. Ich kann das
auch so schlimm nicht finden. Einige nennen ihn einen ›Streber‹. Aber
wenn er es ist, ist er jedenfalls keiner von den schlimmsten. Er hat
eigentlich einen guten Charakter, und im ~cercle intime~ kann er
reizend sein. Er verändert sich dann nicht in dem, was er sagt, oder
doch nur ganz wenig, aber ich möchte sagen, er verändert sich in der
Art, wie er zuhört. Czako meint, unser Freund Rex halte sich mit
dem Ohr für das schadlos, was er mit dem Munde versäumt. Czako wird
überhaupt am besten mit ihm fertig; er schraubt ihn beständig, und
Rex, was ich reizend finde, läßt sich diese Schraubereien gefallen.
Daran siehst du schon, daß sich mit ihm leben läßt. Seine Frömmigkeit
ist keine Lüge, bloß Erziehung, Angewohnheit, und so schließlich seine
zweite Natur geworden.«

»Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen; die mögen dann beide
sehn, wie sie miteinander fertig werden. Vielleicht erleben wir ne
Bekehrung. Das heißt Rex den Pastor. Aber da höre ich eine Kutsche
die Dorfstraße raufkommen. Das sind natürlich Gundermanns; die kommen
immer zu früh. Der arme Kerl hat mal was von der Höflichkeit der
Könige gehört und macht jetzt einen zu weitgehenden Gebrauch davon.
Autodidakten übertreiben immer. Ich bin selber einer und kann also
mitreden. Nun, wir sprechen morgen früh weiter; heute wird es nichts
mehr. Du wirst dich auch noch ein bißchen striegeln müssen, und ich
will mir nen schwarzen Rock anziehn. Das bin ich der guten Frau von
Gundermann doch schuldig; sie putzt sich übrigens nach wie vor wie'n
Schlittenpferd und hat immer noch den merkwürdigen Federbusch in ihrem
Zopf -- das heißt, wenn's ihrer ist.«



Drittes Kapitel


Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten, als Tamtam
fungierenden Schild, der an einem der zwei vorspringenden und
zugleich die ganze Treppe tragenden Pfeiler hing. Eben diese zwei
Pfeiler bildeten denn auch mit dem Podest und der in Front desselben
angebrachten Rokokouhr einen zum Gartensalon, diesem Hauptzimmer des
Erdgeschosses, führenden, ziemlich pittoresken Portikus, von dem ein
auf Besuch anwesender hauptstädtischer Architekt mal gesagt hatte:
sämtliche Bausünden von Schloß Stechlin würden durch diesen verdrehten,
aber malerischen Einfall wieder gutgemacht.

Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben, als Rex und Czako die
Treppe herunter kamen und, eine Biegung machend, auf den von berufener
Seite so glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zusteuerten. Als
die Freunde diesen passierten, sahen sie -- die Türflügel waren
schon geöffnet -- in aller Bequemlichkeit in den Salon hinein und
nahmen hier wahr, daß etliche, ihnen zu Ehren geladene Gäste bereits
erschienen waren. Dubslav, in dunklem Überrock und die Bändchenrosette
sowohl des preußischen wie des wendischen Kronenordens im Knopfloch,
ging den Eintretenden entgegen, begrüßte sie nochmals mit der ihm
eigenen Herzlichkeit, und beide Herren gleich danach in den Kreis
der schon Versammelten einführend, sagte er: »Bitte die Herrschaften
miteinander bekannt machen zu dürfen: Herr und Frau von Gundermann
auf Siebenmühlen, Pastor Lorenzen, Oberförster Katzler,« und dann,
nach links sich wendend, »Ministerialassessor von Rex, Hauptmann von
Czako vom Regiment Alexander.« Man verneigte sich gegenseitig, worauf
Dubslav zwischen Rex und Pastor Lorenzen, Woldemar aber, als Adlatus
seines Vaters, zwischen Czako und Katzler eine Verbindung herzustellen
suchte, was auch ohne weiteres gelang, weil es hüben und drüben weder
an gesellschaftlicher Gewandtheit, noch an gutem Willen gebrach. Nur
konnte Rex nicht umhin, die Siebenmühlener etwas eindringlich zu
mustern, trotzdem Herr von Gundermann in Frack und weißer Binde, Frau
von Gundermann aber in geblümtem Atlas mit Marabufächer erschienen
war, -- er augenscheinlich Parvenu, sie Berlinerin aus einem
nordöstlichen Vorstadtgebiet.

Rex sah das alles. Er kam aber nicht in die Lage, sich lange damit zu
beschäftigen, weil Dubslav eben jetzt den Arm der Frau von Gundermann
nahm und dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer
gedeckten Tafel gab. Alle folgten paarweise, wie sie sich vorher
zusammengefunden, kamen aber durch die von seiten Dubslavs schon vorher
festgesetzte Tafelordnung wieder auseinander. Die beiden Stechlins,
Vater und Sohn, plazierten sich an den beiden Schmalseiten einander
gegenüber, während zur Rechten und Linken von Dubslav Herr und Frau von
Gundermann, rechts und links von Woldemar aber Rex und Lorenzen saßen.
Die Mittelplätze hatten Katzler und Czako inne. Neben einem großen
alten Eichenbüfett, ganz in Nähe der Tür, standen Engelke und Martin,
Engelke in seiner sandfarbenen Livree mit den großen Knöpfen, Martin,
dem nur oblag, mit der Küche Verbindung zu halten, einfach in schwarzem
Rock und Stulpstiefeln.

Der alte Dubslav war in bester Laune, stieß gleich nach den ersten
Löffeln Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich an, dankte für
ihr Erscheinen und entschuldigte sich wegen der späten Einladung:
»Aber erst um zwölf kam Woldemars Telegramm. Es ist das mit dem
Telegraphieren solche Sache, manches wird besser, aber manches wird
auch schlechter, und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß.
Schon die Form, die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich
kurz fassen, heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von
Verbindlichkeit fällt fort, und das Wort ›Herr‹ ist beispielsweise
gar nicht mehr anzutreffen. Ich hatte mal einen Freund, der ganz
ernsthaft versicherte: ›Der häßlichste Mops sei der schönste;‹ so läßt
sich jetzt beinahe sagen, ›das gröbste Telegramm ist das feinste‹.
Wenigstens das in seiner Art vollendetste. Jeder, der wieder eine neue
Fünfpfennigersparnis herausdoktert, ist ein Genie.«

Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau von Gundermann,
sehr bald aber mehr an Gundermann selbst gerichtet, weshalb dieser
letztere denn auch antwortete: »Ja, Herr von Stechlin, alles Zeichen
der Zeit. Und ganz bezeichnend, daß gerade das Wort ›Herr‹, wie Sie
schon hervorzuheben die Güte hatten, so gut wie abgeschafft ist. ›Herr‹
ist Unsinn geworden, ›Herr‹ paßt den Herren nicht mehr, -- ich meine
natürlich die, die jetzt die Welt regieren wollen. Aber es ist auch
danach. Alle diese Neuerungen, an denen sich leider auch der Staat
beteiligt, was sind sie? Begünstigungen der Unbotmäßigkeit, also Wasser
auf die Mühlen der Sozialdemokratie. Weiter nichts. Und niemand da, der
Lust und Kraft hätte, dies Wasser abzustellen. Aber trotzdem, Herr von
Stechlin -- ich würde nicht widersprechen, wenn mich das Tatsächliche
nicht dazu zwänge --, trotzdem geht es nicht ohne Telegraphie, gerade
hier in unsrer Einsamkeit. Und dabei das beständige Schwanken der
Kurse. Namentlich auch in der Mühlen- und Brettschneidebranche ...«

»Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da gesagt habe ... Wenn
ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso richtig. Der Teufel
is nich so schwarz, wie er gemalt wird, und die Telegraphie auch
nicht, und wir auch nicht. Schließlich ist es doch was Großes, diese
Naturwissenschaften, dieser elektrische Strom, tipp, tipp, tipp, und
wenn uns daran läge (aber uns liegt nichts daran), so könnten wir
den Kaiser von China wissen lassen, daß wir hier versammelt sind und
seiner gedacht haben. Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen
in Zeit und Stunde. Beinahe komisch. Als Anno siebzig die Pariser
Septemberrevolution ausbrach, wußte man's in Amerika drüben um ein
paar Stunden früher, als die Revolution überhaupt da war. Ich sagte:
Septemberrevolution. Es kann aber auch ne andre gewesen sein; sie haben
da so viele, daß man sie leicht verwechselt. Eine war im Juni, ne andre
war im Juli, -- wer nich ein Bombengedächtnis hat, muß da notwendig
reinfallen ... Engelke, präsentiere der gnädgen Frau den Fisch noch
mal. Und vielleicht nimmt auch Herr von Czako ...«

»Gewiß, Herr von Stechlin,« sagte Czako. »Erstlich aus
reiner Gourmandise, dann aber auch aus Forschertrieb oder
Fortschrittsbedürfnis. Man will doch an dem, was gerade gilt oder
überhaupt Menschheitsentwicklung bedeutet, auch seinerseits nach
Möglichkeit teilnehmen, und da steht denn Fischnahrung jetzt obenan.
Fische sollen außerdem viel Phosphor enthalten, und Phosphor, so heißt
es, macht ›helle‹.«

»Gewiß,« kicherte Frau von Gundermann, die sich bei dem Wort »helle«
wie persönlich getroffen fühlte. »Phosphor war ja auch schon, eh die
Schwedischen aufkamen.«

»O, lange vorher,« bestätigte Czako. »Was mich aber,« fuhr er, sich
an Dubslav wendend, fort, »an diesen Karpfen noch ganz besonders
fesselt -- beiläufig ein Prachtexemplar --, das ist das, daß er
doch höchstwahrscheinlich aus Ihrem berühmten See stammt, über den
ich durch Woldemar, Ihren Herrn Sohn, bereits unterrichtet bin.
Dieser merkwürdige See, dieser Stechlin! Und da frag ich mich denn
unwillkürlich (denn Karpfen werden alt; daher beispielsweise die
Mooskarpfen), welche Revolutionen sind an diesem hervorragenden
Exemplar seiner Gattung wohl schon vorübergegangen? Ich weiß nicht, ob
ich ihn auf hundertfünfzig Jahre taxieren darf; wenn aber, so würde
er als Jüngling die Lissaboner Aktion und als Urgreis den neuerlichen
Ausbruch des Krakatowa mitgemacht haben. Und all das erwogen, drängt
sich mir die Frage auf ...«

Dubslav lächelte zustimmend.

»... Und all das erwogen, drängt sich mir die Frage auf, wenn's nun in
Ihrem Stechlinsee zu brodeln beginnt oder gar die große Trichterbildung
anhebt, aus der dann und wann, wenn ich recht gehört habe, der krähende
Hahn aufsteigt, wie verhält sich da der Stechlinkarpfen, dieser doch
offenbar Nächstbeteiligte, bei dem Anpochen derartiger Weltereignisse?
Beneidet er den Hahn, dem es vergönnt ist, in die Ruppiner Lande
hineinzukrähen, oder ist er umgekehrt ein Feigling, der sich in seinem
Moorgrund verkriecht, also ein Bourgeois, der am andern Morgen fragt:
›Schießen sie noch?‹«

»Mein lieber Herr von Czako, die Beantwortung Ihrer Frage hat selbst
für einen Anwohner des Stechlin seine Schwierigkeiten. Ins Innere der
Natur dringt kein erschaffener Geist. Und zu dem innerlichsten und
verschlossensten zählt der Karpfen; er ist nämlich sehr dumm. Aber nach
der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird er sich beim Eintreten der großen
Eruption wohl verkrochen haben. Wir verkriechen uns nämlich alle.
Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage. Sie
brauchen mir übrigens nicht zuzustimmen, denn Sie sind noch im Dienst.«

»Bitte, bitte,« sagte Czako.

       *       *       *       *       *

Sehr, sehr anders ging das Gespräch an der entgegengesetzten Seite
der Tafel. Rex, der, wenn er dienstlich oder außerdienstlich aufs
Land kam, immer eine Neigung spürte, sozialen Fragen nachzuhängen,
und beispielsweise jedesmal mit Vorliebe darauf aus war, an das
Zahlenverhältnis der in und außer der Ehe geborenen Kinder alle
möglichen, teils dem Gemeinwohl, teils der Sittlichkeit zugute kommende
Betrachtungen zu knüpfen, hatte sich auch heute wieder in einem mit
Pastor Lorenzen angeknüpften Zwiegespräch seinem Lieblingsthema
zugewandt, war aber, weil Dubslav durch eine Zwischenfrage den Faden
abschnitt, in die Lage gekommen, sich vorübergehend statt mit Lorenzen
mit Katzler beschäftigen zu müssen, von dem er zufällig in Erfahrung
gebracht hatte, daß er früher Feldjäger gewesen sei. Das gab ihm einen
guten Gesprächsstoff und ließ ihn fragen, ob der Herr Oberförster
nicht mitunter schmerzlich den zwischen seiner Vergangenheit und
seiner Gegenwart liegenden Gegensatz empfinde, -- sein früherer
Feldjägerberuf, so nehme er an, habe ihn in die weite Welt
hinausgeführt, während er jetzt »stabiliert« sei. »Stabilierung« zählte
zu Rex' Lieblingswendungen und entstammte jenem sorglich ausgewählten
Fremdwörterschatz, den er sich -- er hatte diese Dinge dienstlich zu
bearbeiten gehabt -- aus den Erlassen König Friedrich Wilhelms ~I.~
angeeignet und mit in sein Aktendeutsch herübergenommen hatte. Katzler,
ein vorzüglicher Herr, aber auf dem Gebiete der Konversation doch nur
von einer oft unausreichenden Orientierungsfähigkeit, fand sich in des
Ministerialassessors etwas gedrechseltem Gedankengange nicht gleich
zurecht und war froh, als ihm der hellhörige, mittlerweile wieder frei
gewordene Pastor in der durch Rex aufgeworfenen Frage zu Hilfe kam.
»Ich glaube herauszuhören,« sagte Lorenzen, »daß Herr von Rex geneigt
ist, dem Leben draußen in der Welt vor dem in unsrer stillen Grafschaft
den Vorzug zu geben. Ich weiß aber nicht, ob wir ihm darin folgen
können, ich nun schon gewiß nicht; aber auch unser Herr Oberförster
wird mutmaßlich froh sein, seine vordem im Eisenbahncoupé verbrachten
Feldjägertage hinter sich zu haben. Es heißt freilich, ›im engen Kreis
verengert sich der Sinn‹, und in den meisten Fällen mag es zutreffen.
Aber doch nicht immer, und jedenfalls hat das Weltfremde bestimmte
große Vorzüge.«

»Sie sprechen mir durchaus aus der Seele, Herr Pastor Lorenzen,«
sagte Rex. »Wenn es einen Augenblick vielleicht so klang, als ob der
›Globetrotter‹ mein Ideal sei, so bin ich sehr geneigt, mit mir handeln
zu lassen. Aber etwas hat es doch mit dem ›Auch-draußen-zu-Hause-sein‹
auf sich, und wenn Sie trotzdem für Einsamkeit und Stille plädieren, so
plädieren Sie wohl in eigner Sache. Denn wie sich der Herr Oberförster
aus der Welt zurückgezogen hat, so wohl auch Sie. Sie sind beide darin,
ganz individuell, einem Herzenszuge gefolgt, und vielleicht, daß meine
persönliche Neigung dieselben Wege ginge. Dennoch wird es andre geben,
die von einem solchen Sichzurückziehen aus der Welt nichts wissen
wollen, die vielleicht umgekehrt, statt in einem Sichhingeben an den
einzelnen, in der Beschäftigung mit einer Vielheit ihre Bestimmung
finden. Ich glaube durch Freund Stechlin zu wissen, welche Fragen
Sie seit lange beschäftigen, und bitte, Sie dazu beglückwünschen zu
dürfen. Sie stehen in der christlich-sozialen Bewegung. Aber nehmen
Sie deren Schöpfer, der Ihnen persönlich vielleicht nahesteht, er und
sein Tun sprechen doch recht eigentlich für mich; sein Feld ist nicht
einzelne Seelsorge, nicht eine Landgemeinde, sondern eine Weltstadt.
Stöckers Auftreten und seine Mission sind eine Widerlegung davon, daß
das Schaffen im Engen und Umgrenzten notwendig das Segensreichere sein
müsse.«

Lorenzen war daran gewöhnt, sei's zu Lob, sei's zu Tadel, sich mit dem
ebenso gefeierten wie befehdeten Hofprediger in Parallele gestellt
zu sehen, und empfand dies jedesmal als eine Huldigung. Aber nicht
minder empfand er dabei regelmäßig den tiefen Unterschied, der zwischen
dem großen Agitator und seiner stillen Weise lag. »Ich glaube, Herr
von Rex,« nahm er wieder das Wort, »daß Sie den ›Vater der Berliner
Bewegung‹ sehr richtig geschildert haben, vielleicht sogar zur
Zufriedenheit des Geschilderten selbst, was, wie man sagt, nicht eben
leicht sein soll. Er hat viel erreicht und steht anscheinend in einem
Siegeszeichen; hüben und drüben hat er Wurzel geschlagen und sieht sich
geliebt und gehuldigt, nicht nur seitens derer, denen er mildtätig die
Schuhe schneidet, sondern beinah mehr noch im Lager derer, denen er
das Leder zu den Schuhen nimmt. Er hat schon so viele Beinamen, und der
des heiligen Krispin wäre nicht der schlimmste. Viele wird es geben,
die sein Tun im guten Sinne beneiden. Aber ich fürchte, der Tag ist
nahe, wo der so Rührige und zugleich so Mutige, der seine Ziele so weit
steckte, sich in die Enge des Daseins zurücksehnen wird. Er besitzt,
wenn ich recht berichtet bin, ein kleines Bauerngut irgendwo in
Franken, und wohl möglich, ja, mir persönlich geradezu wahrscheinlich,
daß ihm an jener stillen Stelle früher oder später ein echteres Glück
erblüht, als er es jetzt hat. Es heißt wohl, ›Gehet hin und lehret alle
Heiden‹, aber schöner ist es doch, wenn die Welt, uns suchend, an uns
herankommt. Und die Welt kommt schon, wenn die richtige Persönlichkeit
sich ihr auftut. Da ist dieser Wörishofener Pfarrer -- er sucht nicht
die Menschen, die Menschen suchen ihn. Und wenn sie kommen, so heilt
er sie, heilt sie mit dem Einfachsten und Natürlichsten. Übertragen
Sie das vom Äußern aufs Innere, so haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen
graben just an der Stelle, wo man gerade steht. Innere Mission in
nächster Nähe, sei's mit dem Alten, sei's mit etwas Neuem.«

»Also mit dem Neuen,« sagte Woldemar und reichte seinem alten Lehrer
die Hand.

Aber dieser antwortete: »Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen. Lieber
mit dem Alten, soweit es irgend geht, und mit dem Neuen nur, soweit es
muß.«

       *       *       *       *       *

Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei einem Gange angelangt,
der eine Spezialität von Schloß Stechlin war und jedesmal die
Bewunderung seiner Gäste bildete: losgelöste Krammetsvögelbrüste,
mit einer dunkeln Kraftbrühe angerichtet, die, wenn die Herbst- und
Ebereschentage da waren, als eine höhere Form von Schwarzsauer auf
den Tisch zu kommen pflegten. Engelke präsentierte Burgunder dazu,
der schon lange lag, noch aus alten, besseren Tagen her, und als
jeder davon genommen, erhob sich Dubslav, um erst kurz seine lieben
Gäste zu begrüßen, dann aber die Damen leben zu lassen. Er müsse bei
diesem Plural bleiben, trotzdem die Damenwelt nur in einer Einheit
vertreten sei; doch er gedenke dabei neben seiner lieben Freundin
und Tischnachbarin (er küßte dieser huldigend die Hand) zugleich
auch der »Gemahlin« seines Freundes Katzler, die leider -- wenn
auch vom Familienstandpunkt aus in hocherfreulichster Veranlassung
-- am Erscheinen in ihrer Mitte verhindert sei: »Meine Herren, Frau
Oberförster Katzler« -- er machte hier eine kleine Pause, wie wenn er
eine höhere Titulatur ganz ernsthaft in Erwägung gezogen hätte -- »Frau
Oberförster Katzler und Frau von Gundermann, sie leben hoch!« Rex,
Czako, Katzler erhoben sich, um mit Frau von Gundermann anzustoßen;
als aber jeder von ihnen auf seinen Platz zurückgekehrt war, nahmen
sie die durch den Toast unterbrochenen Privatgespräche wieder auf,
wobei Dubslav als guter Wirt sich darauf beschränkte, kurze Bemerkungen
nach links und rechts hin einzustreuen. Dies war indessen nicht immer
leicht, am wenigsten leicht bei dem Geplauder, das der Hauptmann und
Frau von Gundermann führten, und das so pausenlos verlief, daß ein
Einhaken sich kaum ermöglichte. Czako war ein guter Sprecher, aber
er verschwand neben seiner Partnerin. Ihres Vaters Laufbahn, der es
(ursprünglich Schreib- und Zeichenlehrer) in einer langen, schon mit
anno 13 beginnenden Dienstzeit bis zum Hauptmann in der »Plankammer«
gebracht hatte, gab ihr in ihren Augen eine gewisse militärische
Zugehörigkeit, und als sie, nach mehrmaligem Auslugen, endlich den ihr
wohlbekannten Namenszug des Regiments Alexander auf Czakos Achselklappe
erkannt hatte, sagte sie: »Gott ..., Alexander. Nein, ich sage. Mir
war aber doch auch gleich so; Münzstraße. Wir wohnten ja Linienstraße,
Ecke der Weinmeister -- das heißt, als ich meinen Mann kennen lernte.
Vorher draußen, Schönhauser Allee. Wenn man so wen aus seiner Gegend
wieder sieht! Ich bin ganz glücklich, Herr Hauptmann. Ach, es ist zu
traurig hier. Und wenn wir nicht den Herrn von Stechlin hätten, so
hätten wir so gut wie gar nichts. Mit Katzlers,« aber dies flüsterte
sie nur leise, »mit Katzlers ist es nichts, die sind zu hoch raus. Da
muß man sich denn klein machen. Und so toll ist es am Ende doch auch
noch nicht. Jetzt passen sie ja noch leidlich. Aber abwarten.«

»Sehr wahr, sehr wahr,« sagte Czako, der, ohne was Sicheres zu
verstehen, nur ein während des Dubslavschen Toastes schon gehabtes
Gefühl bestätigt sah, daß es mit den Katzlers was Besonderes auf sich
haben müsse. Frau von Gundermann aber, den ihr unbequemen Flüsterton
aufgebend, fuhr mit wieder lauter werdender Stimme fort: »Wir haben
den Herrn von Stechlin, und das ist ein Glück, und es ist auch bloß
eine gute halbe Meile. Die meisten andern wohnen viel zu weit, und
wenn sie auch näher wohnten, sie wollen alle nicht recht; die Leute
hier, mit denen wir eigentlich Umgang haben müßten, sind so difficil
und legen alles auf die Goldwage. Das heißt, vieles legen sie nicht
auf die Goldwage, dazu reicht es bei den meisten nicht aus; nur immer
die Ahnen. Und sechzehn ist das wenigste. Ja, wer hat gleich sechzehn?
Gundermann ist erst geadelt, und wenn er nicht Glück gehabt hätte, so
wär es gar nichts. Er hat nämlich klein angefangen, bloß mit einer
Mühle; jetzt haben wir nun freilich sieben, immer den Rhin entlang,
lauter Schneidemühlen, Bohlen und Bretter, einzöllig, zweizöllig und
noch mehr. Und die Berliner Dielen, die sind fast alle von uns.«

»Aber, meine gnädigste Frau, das muß Ihnen doch ein Hochgefühl geben.
Alle Berliner Dielen! Und dieser Rhinfluß, von dem Sie sprechen, der
vielleicht eine ganze Seenkette verbindet, und woran mutmaßlich eine
reizende Villa liegt! Und darin hören Sie Tag und Nacht, wie nebenan in
der Mühle die Säge geht, und die dicht herumstehenden Bäume bewegen
sich leise. Mitunter natürlich ist auch Sturm. Und Sie haben eine
Pony-Equipage für Ihre Kinder. Ich darf doch annehmen, daß Sie Kinder
haben? Wenn man so abgeschieden lebt und so beständig aufeinander
angewiesen ist ...«

»Es ist, wie Sie sagen, Herr Hauptmann; ich habe Kinder, aber schon
erwachsen, beinah alle, denn ich habe mich jung verheiratet. Ja, Herr
von Czako, man ist auch einmal jung gewesen. Und es ist ein Glück,
daß ich die Kinder habe. Sonst ist kein Mensch da, mit dem man ein
gebildetes Gespräch führen kann. Mein Mann hat seine Politik und möchte
sich wählen lassen, aber es wird nichts, und wenn ich die Journale
bringe, nicht mal die Bilder sieht er sich an. Und die Geschichten,
sagt er, seien bloß dummes Zeug und bloß Wasser auf die Mühlen der
Sozialdemokratie. Seine Mühlen, was ich übrigens recht und billig
finde, sind ihm lieber.«

»Aber Sie müssen doch viele Menschen um sich herum haben, schon in
Ihrer Wirtschaft.«

»Ja, die hab ich, und die Mamsells, die man so kriegt, ja, ein paar
Wochen geht es; aber dann bändeln sie gleich an, am liebsten mit nem
Volontär; wir haben nämlich auch Volontärs in der Mühlenbranche. Und
die meisten sind aus ganz gutem Hause. Die jungen Menschen passen aber
nicht auf, und da hat man's denn, und immer gleich Knall und Fall.
All das ist doch traurig, und mitunter ist es auch so, daß man sich
geradezu genieren muß.«

Czako seufzte. »Mir ein Greuel, all dergleichen. Aber ich weiß vom
Manöver her, was alles vorkommt. Und mit einer Schläue ... nichts
schlauer, als verliebte Menschen. Ach, das ist ein Kapitel, womit man
nicht fertig wird. Aber Sie sagten Linienstraße, meine Gnädigste.
Welche Nummer denn? Ich kenne da beinah jedes Haus, kleine, nette
Häuser, immer bloß Bel-Etage, höchstens mal ein ~Oeil de Boeuf~.«

»Wie? was?«

»Großes rundes Fenster ohne Glas. Aber ich liebe diese Häuser.«

»Ja, das kann ich auch von mir sagen, und in gerade solchen Häusern
hab ich meine beste Zeit verbracht, als ich noch ein Quack war,
höchstens vierzehn. Und so grausam wild. Damals waren nämlich noch die
Rinnsteine, und wenn es dann regnete und alles überschwemmt war und
die Bretter anfingen, sich zu heben, und schon so halb herumschwammen,
und die Ratten, die da drunter steckten, nicht mehr wußten, wo sie hin
sollten, dann sprangen wir auf die Bohlen rauf, und nun die Biester
raus, links und rechts, und die Jungens hinterher, immer aufgekrempelt
und ganz nackigt. Und einmal, weil der eine Junge nicht abließ und mit
seinen Holzpantinen immer drauflos schlug, da wurde das Untier falsch
und biß den Jungen so, daß er schrie! Nein, so hab ich noch keinen
Menschen wieder schreien hören. Und es war auch fürchterlich.«

»Ja, das ist es. Und da helfen bloß Rattenfänger.«

»Ja, Rattenfänger, davon hab ich auch gehört -- Rattenfänger von
Hameln. Aber die gibt es doch nicht mehr.«

»Nein, gnädige Frau, die gibt es nicht mehr, wenigstens nicht mehr
solche Hexenmeister mit Zauberspruch und einer Pfeife zum Pfeifen. Aber
die meine ich auch gar nicht. Ich meine überhaupt nicht Menschen, die
dergleichen als Metier betreiben und sich in den Zeitungen anzeigen,
unheimliche Gesichter mit einer Pelzkappe. Was ich meine, sind bloß
Pinscher, die nebenher auch noch ›Rattenfänger‹ heißen und es auch
wirklich sind. Und mit einem solchen Rattenfänger auf die Jagd gehen,
das ist eigentlich das Schönste, was es gibt.«

»Aber mit einem Pinscher kann man doch nicht auf die Jagd gehen!«

»Doch, doch, meine gnädigste Frau. Als ich in Paris war (ich war da
nämlich mal hinkommandiert), da bin ich mit runtergestiegen in die
sogenannten Katakomben, hochgewölbte Kanäle, die sich unter der Erde
hinziehen. Und diese Kanäle sind das wahre Ratteneldorado; da sind
sie zu Millionen. Oben drei Millionen Franzosen, unten drei Millionen
Ratten. Und einmal, wie gesagt, bin ich da mit runtergeklettert und
in einem Boote durch diese Unterwelt hingefahren, immer mitten in die
Ratten hinein.«

»Gräßlich, gräßlich. Und sind Sie heil wieder raus gekommen?«

»Im ganzen, ja. Denn, meine gnädigste Frau, eigentlich war es doch ein
Vergnügen. In unserm Kahn hatten wir nämlich zwei solche Rattenfänger,
einen vorn und einen hinten. Und nun hätten Sie sehen sollen, wie das
losging. ›Schnapp,‹ und das Tier um die Ohren geschlagen, und tot war
es. Und so weiter, so schnell wie Sie nur zählen können, und mitunter
noch schneller. Ich kann es nur vergleichen mit Mr. Carver, dem
bekannten Mr. Carver, von dem Sie gewiß einmal gelesen haben, der in
der Sekunde drei Glaskugeln wegschoß. Und so immerzu, viele Hundert.
Ja, so was wie diese Rattenjagd da unten, das vergißt man nicht wieder.
Es war aber auch das Beste da. Denn was sonst noch von Paris geredet
wird, das ist alles übertrieben; meist dummes Zeug. Was haben sie denn
Großes? Opern und Zirkus und Museum, und in einem Saal ne Venus, die
man sich nicht recht ansieht, weil sie das Gefühl verletzt, namentlich
wenn man mit Damen da ist. Und das alles haben wir schließlich auch,
und manches haben wir noch besser. So zum Beispiel Niemann und die
dell' Era. Aber solche Rattenschlacht, das muß wahr sein, die haben wir
nicht. Und warum nicht? Weil wir keine Katakomben haben.«

Der alte Dubslav, der das Wort »Katakomben« gehört hatte, wandte
sich jetzt wieder über den Tisch hin und sagte: »Pardon, Herr von
Czako, aber Sie müssen meiner lieben Frau von Gundermann nicht mit so
furchtbar ernsten Sachen kommen und noch dazu hier bei Tisch, gleich
nach Karpfen und Meerrettich. Katakomben! Ich bitte Sie. Die waren ja
doch eigentlich in Rom und erinnern einen immer an die traurigsten
Zeiten, an den grausamen Kaiser Nero und seine Verfolgungen und seine
Fackeln. Und da war dann noch einer mit einem etwas längeren Namen, der
noch viel grausamer war, und da verkrochen sich diese armen Christen
gerade in eben diese Katakomben, und manche wurden verraten und
gemordet. Nein, Herr von Czako, da lieber was Heiteres. Nicht wahr,
meine liebe Frau von Gundermann?«

»Ach nein, Herr von Stechlin; es ist doch alles so sehr gelehrig. Und
wenn man so selten Gelegenheit hat ...«

»Na, wie Sie wollen. Ich hab es gut gemeint. Stoßen wir an! Ihr Rudolf
soll leben; das ist doch der Liebling, trotzdem er der älteste ist. Wie
alt ist er denn jetzt?«

»Vierundzwanzig.«

»Ein schönes Alter. Und wie ich höre, ein guter Mensch. Er müßte nur
mehr raus. Er versauert hier ein bißchen.«

»Sag ich ihm auch. Aber er will nicht fort. Er sagt, zu Hause sei es am
besten.«

»Bravo. Da nehm ich alles zurück. Lassen Sie ihn. Zu Hause ist es am
Ende wirklich am besten. Und gerade wir hier, die wir den Vorzug haben,
in der Rheinsberger Gegend zu leben. Ja, wo ist so was? Erst der große
König, und dann Prinz Heinrich, der nie ne Schlacht verloren. Und
einige sagen, er wäre noch klüger gewesen als sein Bruder. Aber ich
will so was nicht gesagt haben.«



Viertes Kapitel


Frau von Gundermann schien auf das ihr als einziger, also auch ältester
Dame zustehende Tafelaufhebungsrecht verzichten zu wollen und wartete,
bis statt ihrer der schon seit einer Viertelstunde sich nach seiner
Meerschaumpfeife sehnende Dubslav das Zeichen zum Aufbruch gab. Alles
erhob sich jetzt rasch, um vom Eßzimmer aus in den nach dem Garten
hinaussehenden Salon zurückzukehren, dem es -- war es Zufall oder
Absicht? -- in diesem Augenblick noch an aller Beleuchtung fehlte;
nur im Kamin glühten ein paar Scheite, die während der Essenszeit
halb niedergebrannt waren, und durch die offenstehende hohe Glastür
fiel von der Veranda her das Licht der über den Parkbäumen stehenden
Mondsichel. Alles gruppierte sich alsbald um Frau von Gundermann, um
dieser die pflichtschuldigen Honneurs zu machen, während Martin die
Lampen, Engelke den Kaffee brachte. Das ein paar Minuten lang geführte
gemeinschaftliche Gespräch kam, all die Zeit über, über ein unruhiges
Hin und Her nicht hinaus, bis der Knäuel, in dem man stand, sich wieder
in Gruppen auflöste.

Das erste sich abtrennende Paar waren Rex und Katzler, beide
passionierte Billardspieler, die sich -- Katzler übernahm die Führung
-- erst in den Eßsaal zurück und von diesem aus in das daneben gelegene
Spielzimmer begaben. Das hier stehende, ziemlich vernachlässigte
Billard war schon an die fünfzig Jahre alt und stammte noch aus des
Vaters Zeiten her. Dubslav selbst machte sich nicht viel aus dem Spiel,
aus Spiel überhaupt nicht und interessierte sich, soweit sein Billard
in Betracht kam, nur für eine sehr nachgedunkelte Karoline, von der
ein Berliner Besucher mal gesagt hatte: »Alle Wetter, Stechlin, wo
haben Sie +die+ her? Das ist ja die gelbste Karoline, die ich all mein
Lebtag gesehen habe,« -- Worte, die damals solchen Eindruck auf Dubslav
gemacht hatten, daß er seitdem ein etwas freundlicheres Verhältnis zu
seinem Billard unterhielt und nicht ungern von »seiner Karoline« sprach.

Das zweite Paar, das sich aus der Gemeinschaft abtrennte, waren
Woldemar und Gundermann. Gundermann, wie alle an Kongestionen
Leidende, fand es überall zu heiß und wies, als er ein paar Worte
mit Woldemar gewechselt, auf die offenstehende Tür. »Es ist ein so
schöner Abend, Herr von Stechlin; könnten wir nicht auf die Veranda
hinaustreten?«

»Aber gewiß, Herr von Gundermann. Und wenn wir uns absentieren, wollen
wir auch alles Gute gleich mitnehmen. Engelke, bring uns die kleine
Kiste, du weißt schon.«

»Ah, kapital. So ein paar Züge, das schlägt nieder, besser als
Sodawasser. Und dann ist es auch wohl schicklicher im Freien. Meine
Frau, wenn wir zuhause sind, hat sich zwar daran gewöhnen müssen und
spricht höchstens mal von ›paffen‹ (na, das is nicht anders, dafür is
man eben verheiratet), aber in einem fremden Hause, da fangen denn doch
die Rücksichten an. Unser guter alter Kortschädel sprach auch immer von
›Dehors‹.«

Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann vom Salon her auf die
Veranda hinausgetreten, bis dicht an die Treppenstufen heran, und sahen
auf den kleinen Wasserstrahl, der auf dem Rundell aufsprang.

»Immer, wenn ich den Wasserstrahl sehe,« fuhr Gundermann fort, »muß ich
wieder an unsern guten alten Kortschädel denken. Is nu auch hinüber.
Na, jeder muß mal, und wenn irgendeiner seinen Platz da oben sicher
hat, +der+ hat ihn. Ehrenmann durch und durch, und loyal bis auf die
Knochen. Redner war er nicht, was eigentlich immer ein Vorzug, und
hat mit seiner Schwätzerei dem Staate kein Geld gekostet; aber er
wußte ganz gut Bescheid, und, unter vier Augen, ich habe Sachen von
ihm gehört, großartig. Und ich sage mir, solchen kriegen wir nicht
wieder ...«

»Ach, das ist Schwarzseherei, Herr von Gundermann. Ich glaube, wir
haben viele von ähnlicher Gesinnung. Und ich sehe nicht ein, warum
nicht ein Mann wie Sie ...«

»Geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil Ihr Herr Papa kandidieren will. Und da muß ich zurückstehen. Ich
bin hier ein Neuling. Und die Stechlins waren hier schon ...«

»Nun gut, ich will dies letztere gelten lassen, und nur was das
Kandidieren meines Vaters angeht -- ich denke mir, es ist noch nicht
so weit, vieles kann noch dazwischen kommen, und jedenfalls wird er
schwanken. Aber nehmen wir mal an, es sei, wie Sie vermuten. In diesem
Falle träfe doch gerade das zu, was ich mir soeben zu sagen erlaubt
habe. Mein Vater ist in jedem Anbetracht ein treuer Gesinnungsgenosse
Kortschädels, und wenn er an seine Stelle tritt, was ist da verloren?
Die Lage bleibt dieselbe.«

»Nein, Herr von Stechlin.«

»Nun, was ändert sich?«

»Vieles, alles. Kortschädel war in den großen Fragen unerbittlich, und
Ihr Herr Vater läßt mit sich reden ...«

»Ich weiß nicht, ob Sie da recht haben. Aber wenn es so wäre, so wäre
das doch ein Glück ...«

»Ein Unglück, Herr von Stechlin. Wer mit sich reden läßt, ist nicht
stramm, und wer nicht stramm ist, ist schwach. Und Schwäche (die
destruktiven Elemente haben dafür eine feine Fühlung), Schwäche ist
immer Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie.«

Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im Gartensalon
zurückgeblieben, hatten sich aber auch zu zwei und zwei zusammengetan.
In der einen Fensternische, so daß sie den Blick auf den
mondbeschienenen Vorplatz und die draußen auf der Veranda auf und
ab schreitenden beiden Herren hatten, saßen Lorenzen und Frau von
Gundermann. Die Gundermann war glücklich über das Tete-a-tete, denn sie
hatte wegen ihres jüngsten Sohnes allerhand Fragen auf dem Herzen oder
bildete sich wenigstens ein, sie zu haben. Denn eigentlich hatte sie
für gar nichts Interesse, sie mußte bloß, richtige Berlinerin, die sie
war, reden können.

»Ich bin so froh, Herr Pastor, daß ich nun doch einmal Gelegenheit
finde. Gott, wer Kinder hat, der hat auch immer Sorgen. Ich möchte
wegen meines Jüngsten so gerne mal mit Ihnen sprechen, wegen meines
Arthur. Rudolf hat mir keine Sorgen gemacht, aber Arthur. Er ist nun
jetzt eingesegnet, und Sie haben ihm, Herr Prediger, den schönen
Spruch mitgegeben, und der Junge hat auch gleich den Spruch auf einen
großen weißen Bogen geschrieben, alle Buchstaben erst mit zwei Linien
nebeneinander und dann dick ausgetuscht. Es sieht aus wie'n Plakat. Und
diesen großen Bogen hat er sich in die Waschtoilette geklebt, und da
mahnt es ihn immer.«

»Nun, Frau von Gundermann, dagegen ist doch nichts zu sagen.«

»Nein, das will ich auch nicht. Eher das Gegenteil. Es hat ja doch was
Rührendes, daß es einer so ernst nimmt. Denn er hat zwei Tage dran
gesessen. Aber wenn solch junger Mensch es so immer liest, so gewöhnt
er sich dran. Und dann ist ja auch gleich wieder die Verführung da.
Gott, daß man gerade immer über solche Dinge reden muß; noch keine
Stunde, daß ich mit dem Herrn Hauptmann über unsern Volontär Vehmeyer
gesprochen habe, netter Mensch, und nun gleich wieder mit Ihnen, Herr
Pastor, auch über so was. Aber es geht nicht anders. Und dann sind Sie
ja doch auch wie verantwortlich für seine Seele.«

Lorenzen lächelte. »Gewiß, liebe Frau von Gundermann. Aber was ist es
denn? Um was handelt es sich denn eigentlich?«

»Ach, es ist an und für sich nicht viel und doch auch wieder eine
recht ärgerliche Sache. Da haben wir ja jetzt die Jüngste von unserm
Schullehrer Brandt ins Haus genommen, ein hübsches Balg, rotbraun und
ganz kraus, und Brandt wollte, sie solle bei uns angelernt werden.
Nun, wir sind kein großes Haus, gewiß nicht, aber Mäntel abnehmen und
rumpräsentieren, und daß sie weiß, ob links oder rechts, so viel lernt
sie am Ende doch.«

»Gewiß. Und die Frida Brandt, o, die kenn ich ganz gut; die wurde
jetzt gerade vorm Jahr eingesegnet. Und es ist, wie Sie sagen, ein
allerliebstes Geschöpf und klug und aufgekratzt, ein bißchen zu sehr.
Sie will zu Ostern nach Berlin.«

»Wenn sie nur erst da wäre. Mir tut es beinahe schon leid, daß ich ihr
nicht gleich zugeredet. Aber so geht es einem immer.«

»Ist denn was vorgefallen?«

»Vorgefallen? Das will ich nicht sagen. Er is ja doch erst sechzehn
und eine Dusche dazu, gerade wie sein Vater; +der+ hat sich auch erst
rausgemausert, seit er grau geworden. Was beiläufig auch nicht gut
ist. Und da komme ich nun gestern vormittag die Treppe rauf und will
dem Jungen sagen, daß er in den Dohnenstrich geht und nachsieht, ob
Krammetsvögel da sind, und die Tür steht halb auf, was noch das beste
war, und da seh ich, wie sie ihm eine Nase dreht und die Zungenspitze
raussteckt; so was von spitzer Zunge hab ich mein Lebtag noch nicht
gesehen. Die reine Eva. Für die Potiphar ist sie mir noch zu jung.
Und als ich nu dazwischen trete, da kriegt ja nu der arme Junge das
Zittern, und weil ich nicht recht wußte, was ich sagen sollte, ging ich
bloß hin und klappte den Waschtischdeckel auf, wo der Spruch stand, und
sah ihn scharf an. Und da wurde er ganz blaß. Aber das Balg lachte.«

»Ja, liebe Frau von Gundermann, das ist so; Jugend hat keine Tugend.«

»Ich weiß doch nicht; ich bin auch einmal jung gewesen ...«

»Ja, Damen ...«

       *       *       *       *       *

Während Frau von Gundermann in ihrem Gespräch in der Fensternische mit
derartigen Intimitäten kam und den guten Pastor Lorenzen abwechselnd
in Verlegenheit und dann auch wieder in stille Heiterkeit versetzte,
hatte sich Dubslav mit Hauptmann von Czako in eine schräg gegenüber
gelegene Ecke zurückgezogen, wo eine altmodische Causeuse stand, mit
einem Marmortischchen davor. Auf dem Tische zwei Kaffeetassen samt
aufgeklapptem Likörkasten, aus dem Dubslav eine Flasche nach der andern
herausnahm. »Jetzt, wenn man von Tisch kommt, muß es immer ein Cognac
sein. Aber ich bekenne Ihnen, lieber Hauptmann, ich mache die Mode
nicht mit; wir aus der alten Zeit, wir waren immer ein bißchen fürs
Süße. Creme de Cacao, na, natürlich, das is Damenschnaps, davon kann
keine Rede sein; aber Pomeranzen oder, wie sie jetzt sagen, Curaçao,
das ist mein Fall. Darf ich Ihnen einschenken? Oder vielleicht lieber
Danziger Goldwasser? Kann ich übrigens auch empfehlen.«

»Dann bitte ich um Goldwasser. Es ist doch schärfer, und dann bekenne
ich Ihnen offen, Herr Major ... Sie kennen ja unsre Verhältnisse, so'n
bißchen Gold heimelt einen immer an. Man hat keins und dabei doch
zugleich die Vorstellung, daß man es trinken kann -- es hat eigentlich
was Großartiges.«

Dubslav nickte, schenkte von dem Goldwasser ein, erst für Czako, dann
für sich selbst, und sagte: »Bei Tische hab ich die Damen leben lassen
und Frau von Gundermann im speziellen. Hören Sie, Hauptmann, Sie
verstehen's. Diese Rattengeschichte ...«

»Vielleicht war es ein bißchen zu viel.«

»I, keineswegs. Und dann, Sie waren ja ganz unschuldig, die Gnädge fing
ja davon an; erinnern Sie sich, sie verliebte sich ordentlich in die
Geschichte von den Rinnsteinbohlen, und wie sie drauf rumgetrampelt,
bis die Ratten rauskamen. Ich glaube sogar, sie sagte ›Biester‹. Aber
das schadet nicht. Das ist so Berliner Stil. Und unsre Gnädge hier
(beiläufig eine geborene Helfrich) is eine Vollblutberlinerin.«

»Ein Wort, das mich doch einigermaßen überrascht.«

»Ah,« drohte Dubslav schelmisch mit dem Finger, »ich verstehe. Sie sind
einer gewissen Unausreichendheit begegnet und verlangen mindestens mehr
Quadrat (von Kubik will ich nicht sprechen). Aber wir von Adel müssen
in diesem Punkte doch ziemlich milde sein und ein Auge zudrücken, wenn
das das richtige Wort ist. Unser eigenstes Vollblut bewegt sich auch
in Extremen und hat einen linken und einen rechten Flügel; der linke
nähert sich unsrer geborenen Helfrich. Übrigens unterhaltliche Madam.
Und wie beseligt sie war, als sie den Namenszug auf Ihrer Achselklappe
glücklich entdeckt und damit den Anmarsch auf die Münzstraße gewonnen
hatte. Was es doch alles für Lokalpatriotismen gibt!«

»An dem unser Regiment teilnimmt oder ihn mitmacht. Die Welt um den
Alexanderplatz herum hat übrigens so ihren eigenen Zauber, schon um
einer gewissen Unresidenzlichkeit willen. Ich sehe nichts lieber
als die große Markthalle, wenn beispielsweise die Fischtonnen mit
fünfhundert Aalen in die Netze gegossen werden. Etwas Unglaubliches von
Gezappel.«

»Finde mich ganz darin zurecht und bin auch für Alexanderplatz und
Alexanderkaserne samt allem, was dazu gehört. Und so brech ich
denn auch die Gelegenheit vom Zaun, um nach einem Ihrer früheren
Regimentskommandeure zu fragen, dem liebenswürdigen Obersten von
Zeuner, den ich noch persönlich gekannt habe. Hier unsere Stechliner
Gegend ist nämlich Zeunergegend. Keine Stunde von hier liegt Köpernitz,
eine reizende Besitzung, drauf die Zeunersche Familie schon in
fridericianischen Tagen ansässig war. Bin oft drüben gewesen (nun
freilich schon zwanzig Jahre zurück) und komme noch einmal mit der
Frage: Haben Sie den Obersten noch gekannt?«

»Nein, Herr Major. Er war schon fort, als ich zum Regimente kam.
Aber ich habe viel von ihm gehört und auch von Köpernitz, weiß aber
freilich nicht mehr, in welchem Zusammenhange.«

»Schade, daß Sie nur einen Tag für Stechlin festgesetzt haben, sonst
müßten Sie das Gut sehen. Alles ganz eigentümlich und besonders auch
ein Grabstein, unter dem eine uralte Dame von beinah neunzig Jahren
begraben liegt, eine geborne von Zeuner, die sich in früher Jugend
schon mit einem Emigranten am Rheinsberger Hof, mit dem Grafen La
Roche-Aymon, vermählt hatte. Merkwürdige Frau, von der ich Ihnen
erzähle, wenn ich Sie mal wiedersehe. Nur eins müssen Sie heute schon
mit anhören, denn ich glaube, Sie haben den Gustus dafür.«

»Für alles, was Sie erzählen.«

»Keine Schmeicheleien! Aber die Geschichte will ich Ihnen doch als
Andenken mitgeben. Andre schenken sich Photographien, was ich, selbst
wenn es hübsche Menschen sind (ein Fall, der übrigens selten zutrifft),
immer greulich finde.«

»Schenke nie welche.«

»Was meine Gefühle für Sie steigert. Aber die Geschichte: Da war
also drüben in Köpernitz diese La Roche-Aymon, und weil sie noch
die Prinz-Heinrich-Tage gesehen und während derselben eine Rolle
gespielt hatte, so zählte sie zu den besonderen Lieblingen Friedrich
Wilhelms ~IV.~ Und als nun -- sagen wir ums Jahr fünfzig -- der Zufall
es fügte, daß dem zur Jagd hier erschienenen König das Köpernitzer
Frühstück, ganz besonders aber eine Blut- und Zungenwurst, über die
Maßen gut geschmeckt hatte, so wurde dies Veranlassung für die Gräfin,
am nächsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Würste nach Potsdam
hin in die königliche Küche zu liefern. Und das ging so durch Jahre.
Da beschloß zuletzt der gute König, sich für all die gute Gabe zu
revanchieren, und als wieder Weihnachten war, traf in Köpernitz ein
Postpaket ein, Inhalt: eine zierliche, kleine Blutwurst! Und zwar war
es ein wunderschöner, rundlicher Blutkarneol mit Goldspeilerchen an
beiden Seiten und die Speilerchen selbst mit Diamanten besetzt. Und
neben diesem Geschenk lag ein Zettelchen: ›Wurst wider Wurst.‹«

»Allerliebst.«

»Mehr als das. Ich persönlich ziehe solchen guten Einfall einer guten
Verfassung vor. Der König, glaub ich, tat es auch. Und es denken auch
heute noch viele so.«

»Gewiß, Herr Major. Es denken auch heute noch viele so, und bei
dem Schwankezustand, in dem ich mich leider befinde, sind meine
persönlichen Sympathien gelegentlich nicht weitab davon. Aber ich
fürchte doch, daß wir mit dieser unsrer Anschauung sehr in der
Minorität bleiben.«

»Werden wir. Aber Vernunft ist immer nur bei wenigen. Es wäre das
beste, wenn ein einziger Alter-Fritzen-Verstand die ganze Geschichte
regulieren könnte. Freilich braucht ein solcher oberster Wille auch
seine Werkzeuge. Die haben wir aber noch in unserm Adel, in unsrer
Armee und speziell auch in Ihrem Regiment.«

Während der Alte diesen Trumpf ausspielte, kam Engelke, um ein paar
neue Tassen zu präsentieren.

»Nein, nein, Engelke, wir sind schon weiter. Aber stell nur hin ...
In Ihrem Regiment, sag ich, Herr von Czako; schon sein Name bedeutet
ein Programm, und dieses Programm heißt: Rußland. Heutzutage darf man
freilich kaum noch davon reden. Aber das ist Unsinn. Ich sage Ihnen,
Hauptmann, das waren Preußens beste Tage, als da bei Potsdam herum
die ›russische Kirche‹ und das ›russische Haus‹ gebaut wurden, und
als es immer hin und her ging zwischen Berlin und Petersburg. Ihr
Regiment, Gott sei Dank, unterhält noch was von den alten Beziehungen,
und ich freue mich immer, wenn ich davon lese, vor allem, wenn ein
russischer Kaiser kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander vor
seinem Palais steht. Und noch mehr freu ich mich, wenn das Regiment
Deputationen schickt: Georgsfest, Namenstag des hohen Chefs, oder
wenn sich's auch bloß um Uniformabänderungen handelt, beispielsweise
Klappkragen statt Stehkragen (diese verdammten Stehkragen) -- und wie
dann der Kaiser alle begrüßt und zur Tafel zieht und so bei sich denkt:
›Ja, ja, das sind brave Leute; da hab ich meinen Halt.‹«

Czako nickte, war aber doch in sichtlicher Verlegenheit, weil er, trotz
seiner vorher versicherten »Sympathien«, ein ganz moderner, politisch
stark angekränkelter Mensch war, der, bei strammster Dienstlichkeit,
zu all dergleichen Überspanntheiten ziemlich kritisch stand. Der alte
Dubslav nahm indessen von alledem nichts wahr und fuhr fort: »Und
sehen Sie, lieber Hauptmann, so hab ich's persönlich in meinen jungen
Jahren auch noch erlebt und vielleicht noch ein bißchen besser; denn,
Pardon, jeder hält seine Zeit für die beste. Vielleicht sogar, daß Sie
mir zustimmen, wenn ich Ihnen mein Sprüchel erst ganz hergesagt haben
werde. Da haben wir ja nun ›jenseits des Njemen‹, wie manche Gebildete
jetzt sagen, die ›drei Alexander‹ gehabt, den ersten, den zweiten und
den dritten, alle drei große Herren und alle drei richtige Kaiser und
fromme Leute, oder doch beinah fromm, die's gut mit ihrem Volk und mit
der Menschheit meinten, und dabei selber richtige Menschen; aber in
dies Alexandertum, das so beinah das ganze Jahrhundert ausfüllt, da
schiebt sich doch noch einer ein, ein Nicht-Alexander, und ohne Ihnen
zu nahe treten zu wollen, +der+ war doch der Häupter. Und das war unser
Nikolaus. Manche dummen Kerle haben Spottlieder auf ihn gemacht und
vom schwarzen Niklas gesungen, wie man Kinder mit dem schwarzen Mann
graulich macht, aber war das ein Mann! Und dieser selbige Nikolaus,
nun, der hatte hier, ganz wie die drei Alexander, auch ein Regiment,
und das waren die Nikolaus-Kürassiere, oder sag ich lieber: das sind
die Nikolaus-Kürassiere, denn wir haben sie, Gott sei Dank, noch.
Und sehen Sie, lieber Czako, das war mein Regiment, dabei hab ich
gestanden, als ich noch ein junger Dachs war, und habe dann den
Abschied genommen; viel zu früh; Dummheit, hätte lieber dabei bleiben
sollen.«

Czako nickte, Dubslav nahm ein neues Glas von dem Goldwasser. »Unsere
Nikolaus-Kürassiere, Gott erhalte sie, wie sie sind. Ich möchte
sagen, in dem Regimente lebt noch die heilige Alliance fort, die
Waffenbrüderschaft von Anno dreizehn, und dies Anno dreizehn, das wir
mit den Russen zusammen durchgemacht haben, immer nebeneinander im
Biwak, in Glück und Unglück, das war doch unsre größte Zeit. Größer
als die jetzt große. Große Zeit ist es immer nur, wenn's beinah
schief geht, wenn man jeden Augenblick fürchten muß: ›Jetzt ist
alles vorbei.‹ Da zeigt sich's. Courage ist gut, aber Ausdauer ist
besser. Ausdauer, das ist die Hauptsache. Nichts im Leibe, nichts
auf dem Leibe, Hundekälte, Regen und Schnee, so daß man so in der
nassen Patsche liegt, und höchstens nen Kornus (Kognak, ja hast du
was, den gab es damals kaum) und so die Nacht durch, da konnte man
Jesum Christum erkennen lernen. Ich sage das, wenn ich auch nicht mit
dabei gewesen. Anno dreizehn, bei Großgörschen, das war für uns die
richtige Waffenbrüderschaft: jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft
der Orgeldreher und der Mausefallenhändler. Ich bin für Rußland, für
Nikolaus und Alexander. Preobraschensk, Semenow, Kaluga, -- da hat
man die richtige Anlehnung; alles andre ist revolutionär, und was
revolutionär ist, das wackelt.«

       *       *       *       *       *

Kurz vor elf, der Mond war inzwischen unter, brach man auf, und
die Wagen fuhren vor, erst der Katzlersche Kaleschwagen, dann die
Gundermannsche Chaise; Martin aber, mit einer Stallaterne, leuchtete
dem Pastor über Vorhof und Bohlenbrücke fort, bis an seine ganz im
Dunkel liegende Pfarre. Gleich darauf zogen sich auch die drei Freunde
zurück und stiegen, unter Vorantritt Engelkes, die große Treppe
hinauf, bis auf den Podest. Hier trennten sich Rex und Czako von
Woldemar, dessen Zimmer auf der andern Flurseite gelegen war.

Czako, sehr müde, war im Nu bettfertig. »Es bleibt also dabei, Rex, Sie
logieren sich in dem Rokokozimmer ein -- wir wollen es ohne weiteres
so nennen -- und ich nehme das Himmelbett hier in Zimmer Nummer eins.
Vielleicht wäre das Umgekehrte richtiger, aber Sie haben es so gewollt.«

Und während er noch so sprach, schob er seine Stiefel auf den Flur
hinaus, schloß ab und legte sich nieder.

Rex war derweilen mit seiner Plaidrolle beschäftigt, aus der
er allerlei Toilettengegenstände hervorholte. »Sie müssen mich
entschuldigen, Czako, wenn ich mich noch eine Viertelstunde hier bei
Ihnen aufhalte. Habe nämlich die Angewohnheit, mich abends zu rasieren,
und der Toilettentisch mit Spiegel, ohne den es doch nicht gut geht,
der steht nun mal hier an Ihrem, statt an meinem Fenster. Ich muß also
stören.«

»Mir sehr recht, trotz aller Müdigkeit. Nichts besser, als noch
ein bißchen aus dem Bett heraus plaudern können. Und dabei so warm
eingemummelt. Die Betten auf dem Lande sind überhaupt das beste.«

»Nun, Czako, das freut mich, daß Sie so bereit sind, mir Quartier zu
gönnen. Aber wenn Sie noch eine Plauderei haben wollen, so müssen
Sie sich die Hauptsache selber leisten. Ich schneide mich sonst, was
dann hinterher immer ganz schändlich aussieht. Übrigens muß ich erst
Schaum schlagen, und so lange wenigstens kann ich Ihnen Red und Antwort
stehen. Ein Glück nebenher, daß hier, außer der kleinen Lampe, noch
diese zwei Leuchter sind. Wenn ich nicht Licht von rechts und links
habe, komme ich nicht von der Stelle; das eine wackelt zwar (alle diese
dünnen Silberleuchter wackeln), aber ›wenn gute Reden sie begleiten
...‹ Also strengen Sie sich an. Wie fanden Sie die Gundermanns?
Sonderbare Leute -- haben Sie schon mal den Namen Gundermann gehört?«

»Ja. Aber das war in ›Waldmeisters Brautfahrt‹.«

»Richtig; so wirkt er auch. Und nun gar erst die Frau. Der einzige,
der sich sehen lassen konnte, war dieser Katzler. Ein Karambolespieler
ersten Ranges. Übrigens Eisernes Kreuz.«

»Und dann der Pastor.«

»Nun ja, auch der. Eine ganz gescheite Nummer. Aber doch ein
wunderbarer Heiliger, wie die ganze Sippe, zu der er gehört. Er hält zu
Stöcker, sprach es auch aus, was neuerdings nicht jeder tut; aber der
›neue Luther‹, der doch schon gerade bedenklich genug ist -- Majestät
hat ganz recht mit seiner Verurteilung, der geht ihm gewiß nicht weit
genug. Dieser Lorenzen erscheint mir, im Gegensatz zu seinen Jahren,
als einer der allerjüngsten. Und zu verwundern bleibt nur, daß der
Alte so gut mit ihm steht. Freund Woldemar hat mir davon erzählt. Der
Alte liebt ihn und sieht nicht, daß ihm sein geliebter Pastor den Ast
absägt, auf dem er sitzt. Ja, diese von der neuesten Schule, das sind
die allerschlimmsten. Immer Volk und wieder Volk, und mal auch etwas
Christus dazwischen. Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht
führen. Es läuft alles darauf hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen,
und mit dem alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das
überlieferte behandeln sie despektierlich.«

»Kann ich ihnen unter Umständen nicht verdenken. Seien Sie gut,
Rex, und lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite. Das
Überlieferte, was einem da so vor die Klinge kommt, namentlich
wenn Sie sich die Menschen ansehen, wie sie nun mal sind, ist doch
sehr reparaturbedürftig, und auf solche Reparatur ist ein Mann wie
dieser Lorenzen eben aus. Machen Sie die Probe. Hie Lorenzen, hie
Gundermann. Und Ihren guten Glauben in Ehren, aber Sie werden diesen
Gundermann doch nicht über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt
nur ernsthaft nehmen wollen. Und wie dieser Wassermüller aus der
Brettschneidebranche, so sind die meisten. Phrase, Phrase. Mitunter
auch Geschäft oder noch Schlimmeres.«

»Ich kann jetzt nicht antworten, Czako. Was Sie da sagen, berührt eine
große Frage, bei der man doch aufpassen muß. Und so mit dem Messer
in der Hand, da verbietet sich's. Und das eine wacklige Licht hat
ohnehin schon einen Dieb. Erzählen Sie mir lieber was von der Frau von
Gundermann. Debattieren kann ich nicht mehr, aber wenn Sie plaudern,
brauch ich bloß zuzuhören. Sie haben ihr ja bei Tisch nen langen
Vortrag gehalten.«

»Ja. Und noch dazu über Ratten.«

»Nein, Czako, davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen; dann doch lieber
über alten und neuen Glauben. Und gerade hier. In solchem alten Kasten
ist man nie sicher vor Spuk und Ratten. Wenn Sie nichts andres wissen,
dann bitt ich um die Geschichte, bei der wir heute früh in Cremmen
unterbrochen wurden. Es schien mir was Pikantes.«

»Ach, die Geschichte von der kleinen Stubbe. Ja, hören Sie, Rex, das
regt Sie aber auch auf. Und wenn man nicht schlafen kann, ist es am
Ende gleich, ob wegen der Ratten oder wegen der Stubbe.«



Fünftes Kapitel


Rex und Czako waren so müde, daß sie sich, wenn nötig, über Spuk und
Ratten weggeschlafen hätten. Aber es war nicht nötig, nichts war da,
was sie hätte stören können. Kurz vor acht erschien das alte Faktotum
mit einem silbernen Deckelkrug, aus dem der Wrasen heißen Wassers
aufstieg, einem der wenigen Renommierstücke, über die Schloß Stechlin
verfügte. Dazu bot Engelke den Herren einen guten Morgen und stattete
seinen Wetterbericht ab: Es gebe gewiß einen schönen Tag, und der junge
Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten um das Rundell herum.

So war es denn auch. Woldemar war schon gleich nach sieben unten im
Salon erschienen, um mit seinem Vater, von dem er wußte, daß er ein
Frühauf war, ein Familiengespräch über allerhand difficile Dinge zu
führen. Aber er war entschlossen, seinerseits damit nicht anzufangen,
sondern alles von der Neugier und dem guten Herzen des Vaters zu
erwarten. Und darin sah er sich auch nicht getäuscht.

»Ah, Woldemar, das ist recht, daß du schon da bist. Nur nicht zu lang
im Bett. Die meisten Langschläfer haben einen Knacks. Es können aber
sonst ganz gute Leute sein. Ich wette, dein Freund Rex schläft bis
neun.«

»Nein, Papa, der gerade nicht. Wer wie Rex ist, kann sich das nicht
gönnen. Er hat nämlich einen Verein gegründet für Frühgottesdienste,
abwechselnd in Schönhausen und Finkenkrug. Aber es ist noch nicht
perfekt geworden.«

»Freut mich, daß es noch hapert. Ich mag so was nicht. Der alte
Wilhelm hat zwar seinem Volke die Religion wiedergeben wollen, was ein
schönes Wort von ihm war -- alles, was er tat und sagte, war gut --
aber Religion und Landpartie, dagegen bin ich doch. Ich bin überhaupt
gegen alle falschen Mischungen. Auch bei den Menschen. Die reine Rasse,
das ist das eigentlich Legitime. Das andre, was sie nebenher noch
Legitimität nennen, das ist schon alles mehr künstlich. Sage, wie steht
es denn eigentlich damit? Du weißt schon, was ich meine.«

»Ja, Papa ...«

»Nein, nicht so; nicht immer bloß ›ja, Papa‹. So fängst du jedesmal
an, wenn ich auf dies Thema komme. Da liegt schon ein halber Refus
drin, oder ein Hinausschieben, ein Abwartenwollen. Und damit kann
ich mich nicht befreunden. Du bist jetzt zweiunddreißig, oder doch
beinah, da muß der mit der Fackel kommen; aber du fackelst (verzeih
den Kalauer, ich bin eigentlich gegen Kalauer, die sind so mehr
für Handlungsreisende), also du fackelst, sag ich, und ist kein
Ernst dahinter. Und soviel kann ich dir außerdem sagen, deine Tante
Sanctissima drüben in Kloster Wutz, die wird auch schon ungeduldig.
Und das sollte dir zu denken geben. Mich hat sie zeitlebens schlecht
behandelt; wir stimmten eben nie zusammen und konnten auch nicht, denn
so halb Königin Elisabeth, halb Kaffeeschwester, das is ne Melange, mit
der ich mich nie habe befreunden können. Ihr drittes Wort ist immer ihr
Rentmeister Fix, und wäre sie nicht sechsundsiebzig, so erfänd ich mir
eine Geschichte dazu.«

»Mach es gnädig, Papa. Sie meint es ja doch gut. Und mit mir nun schon
ganz gewiß.«

»Gnädig machen? Ja, Woldemar, ich will es versuchen. Nur fürcht ich,
es wird nicht viel dabei herauskommen. Da heißt es immer, man solle
Familiengefühl haben, aber es wird einem doch auch zu blutsauer
gemacht, und ich kann umgekehrt der Versuchung nicht widerstehen, eine
richtige Familienkritik zu üben. Adelheid fordert sie geradezu heraus.
Andrerseits freilich, in dich ist sie wie vernarrt, für dich hat sie
Geld und Liebe. Was davon wichtiger ist, stehe dahin; aber soviel
ist gewiß, ohne sie wär es überhaupt gar nicht gegangen, ich meine
dein Leben in deinem Regiment. Also wir haben ihr zu danken, und weil
sie das gerade so gut weiß wie wir, oder vielleicht noch ein bißchen
besser, gerade deshalb wird sie ungeduldig; sie will Taten sehen, was
vom Weiberstandpunkt aus allemal so viel heißt wie Verheiratung. Und
wenn man will, kann man es auch so nennen, ich meine Taten. Es ist und
bleibt ein Heroismus. Wer Tante Adelheid geheiratet hätte, hätte sich
die Tapferkeitsmedaille verdient, und wenn ich schändlich sein wollte,
so sagte ich das Eiserne Kreuz.«

»Ja, Papa ...«

»Schon wieder ›ja, Papa‹. Nun, meinetwegen, ich will dich schließlich
in deiner Lieblingswendung nicht stören. Aber bekenne mir nebenher --
denn das ist doch schließlich das, um was sich's handelt --, liegst du
mit was im Anschlag, hast du was auf dem Korn?«

»Papa, diese Wendungen erschrecken mich beinah. Aber wenn denn schon
so jägermäßig gesprochen werden soll, ja; meine Wünsche haben ein
bestimmtes Ziel, und ich darf sagen, mich beschäftigen diese Dinge.«

»Mich beschäftigen diese Dinge ... Nimm mir's nicht übel, Woldemar,
das ist ja gar nichts. Beschäftigen! Ich bin nicht fürs Poetische,
das ist für Gouvernanten und arme Lehrer, die nach Görbersdorf müssen
(bloß, daß sie meistens kein Geld dazu haben), aber diese Wendung
›sich beschäftigen‹, das ist mir denn doch zu prosaisch. Wenn es sich
um solche Dinge wie Liebe handelt (wiewohl ich über Liebe nicht viel
günstiger denke wie über Poesie, bloß daß Liebe doch noch mehr Unheil
anrichtet, weil sie noch allgemeiner auftritt) -- wenn es sich um
Dinge wie Liebe handelt, so darf man nicht sagen, ›ich habe mich damit
beschäftigt‹. Liebe ist doch schließlich immer was Forsches, sonst kann
sie sich ganz und gar begraben lassen, und da möcht ich denn doch etwas
von dir hören, was ein bißchen wie Leidenschaft aussieht. Es braucht
ja nicht gleich was Schreckliches zu sein. Aber so ganz ohne Stimulus,
wie man, glaub ich, jetzt sagt, so ganz ohne so was geht es nicht;
alle Menschheit ist darauf gestellt, und wo's einschläft, ist so gut
wie alles vorbei. Nun weiß ich zwar recht gut, es geht auch ohne uns,
aber das ist doch alles bloß etwas, was einem von Verstandes wegen
aufgezwungen wird; das egoistische Gefühl, das immer unrecht, aber auch
immer recht hat, will von dem allem nichts wissen und besteht darauf,
daß die Stechline weiterleben, wenn es sein kann, ~in aeternum~. Ewig
weiterleben; -- ich räume ein, es hat ein bißchen was Komisches, aber
es gibt wenig ernste Sachen, die nicht auch eine komische Seite hätten
... Also dich ›beschäftigen‹ diese Dinge. Kannst du Namen nennen? Auf
wem haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen geruht?«

»Papa, Namen darf ich noch nicht nennen. Ich bin meiner Sache noch
nicht sicher genug, und das ist auch der Grund, warum ich Wendungen
gebraucht habe, die dir nüchtern und prosaisch erschienen sind. Ich
kann dir aber sagen, ich hätte mich lieber anders ausgedrückt; nur
darf ich es noch nicht. Und dann weiß ich ja auch, daß du selber einen
abergläubischen Zug hast und ganz aufrichtig davon ausgehst, daß man
sich sein Glück verreden kann, wenn man zu früh oder zu viel davon
spricht.«

»Brav, brav. Das gefällt mir. So ist es. Wir sind immer von neidischen
und boshaften Wesen mit Fuchsschwänzen und Fledermausflügeln umstellt,
und wenn wir renommieren oder sicher tun, dann lachen sie. Und wenn
sie erst lachen, dann sind wir schon so gut wie verloren. Mit unsrer
eignen Kraft ist nichts getan, ich habe nicht den Grashalm sicher, den
ich hier ausreiße. Demut, Demut ... Aber trotzdem komm ich dir mit der
naiven Frage (denn man widerspricht sich in einem fort), ist es was
Vornehmes, was Pikfeines?«

»Pikfein, Papa, will ich nicht sagen. Aber vornehm gewiß.«

»Na, das freut mich. Falsche Vornehmheit ist mir ein Greuel; aber
richtige Vornehmheit, -- ~à la bonne heure~. Sage mal, vielleicht was
vom Hofe?«

»Nein, Papa.«

»Na, desto besser. Aber da kommen ja die Herren. Der Rex sieht wirklich
verdeubelt gut aus, ganz das, was wir früher einen Garde-Assessor
nannten. Und fromm, sagst du, -- wird also wohl Karriere machen;
›fromm‹ is wie ne untergelegte Hand.«

       *       *       *       *       *

Während dieser Worte stiegen Rex und Czako die Stufen zum Garten
hinunter und begrüßten den Alten. Er erkundigte sich nach ihren
nächtlichen Schicksalen, freute sich, daß sie »durchgeschlafen« hätten,
und nahm dann Czakos Arm, um vom Garten her auf die Veranda, wo Engelke
mittlerweile unter der großen Marquise den Frühstückstisch hergerichtet
hatte, zurückzukehren. »Darf ich bitten, Herr von Rex.« Und er wies auf
einen Gartenstuhl, ihm gerade gegenüber, während Woldemar und Czako
links und rechts neben ihm Platz nahmen. »Ich habe neuerdings den Tee
eingeführt, das heißt nicht obligatorisch; im Gegenteil, ich persönlich
bleibe lieber bei Kaffee, ›schwarz wie der Teufel, süß wie die Sünde,
heiß wie die Hölle‹, wie bereits Talleyrand gesagt haben soll. Aber,
Pardon, daß ich Sie mit so was überhaupt noch belästige. Schon mein
Vater sagte mal: ›Ja, wir auf dem Lande, wir haben immer noch die alten
Wiener Kongreßwitze.‹ Und das ist nun schon wieder ein Menschenalter
her.«

»Ach, diese alten Kongreßwitze,« sagte Rex verbindlich, »ich möchte
mir die Bemerkung erlauben, Herr Major, daß diese alten Witze besser
sind als die neuen. Und kann auch kaum anders sein. Denn wer waren denn
die Verfasser von damals? Talleyrand, den Sie schon genannt haben, und
Wilhelm von Humboldt und Friedrich Gentz und ihresgleichen. Ich glaube,
daß das Metier seitdem sehr herabgestiegen ist.«

»Ja, herabgestiegen ist alles, und es steigt immer weiter nach unten.
Das ist, was man neue Zeit nennt, immer weiter runter. Und mein Pastor,
den Sie ja gestern abend kennen gelernt haben, der behauptet sogar, das
sei das Wahre, das sei das, was man Kultur nenne, daß immer weiter nach
unten gestiegen würde. Die aristokratische Welt habe abgewirtschaftet,
und nun komme die demokratische ...«

»Sonderbare Worte für einen Geistlichen,« sagte Rex, »für einen Mann,
der doch die durch Gott gegebenen Ordnungen kennen sollte.«

Dubslav lachte. »Ja, das bestreitet er Ihnen. Und ich muß bekennen, es
hat manches für sich, trotzdem es mir nicht recht paßt. Im übrigen, wir
werden ihn, ich meine den Pastor, ja wohl noch beim zweiten Frühstück
sehen, wo Sie dann Gelegenheit nehmen können, sich mit ihm persönlich
darüber auseinanderzusetzen; er liebt solche Gespräche, wie Sie wohl
schon gemerkt haben, und hat eine kleine Lutherneigung, sich immer auf
das jetzt übliche: ›Hier steh ich, ich kann nicht anders‹ auszuspielen.
Mitunter sieht es wirklich so aus, als ob wieder eine gewisse
Märtyrerlust in die Menschen gefahren wäre, bloß ich trau dem Frieden
noch nicht so recht.«

»Ich auch nicht,« bemerkte Rex, »meistens Renommisterei.«

»Na, na,« sagte Czako. »Da hab ich doch noch diese letzten Tage von
einem armen russischen Lehrer gelesen, der unter die Soldaten gesteckt
wurde (sie haben da jetzt auch so was wie allgemeine Dienstpflicht),
und dieser Mensch, der Lehrer, hat sich geweigert, eine Flinte
loszuschießen, weil das bloß Vorschule sei zu Mord und Totschlag, also
ganz und gar gegen das fünfte Gebot. Und dieser Mensch ist sehr gequält
worden, und zuletzt ist er gestorben. Wollen Sie das auch Renommisterei
nennen?«

»Gewiß will ich das.«

»Herr von Rex,« sagte Dubslav, »sollten Sie dabei nicht zu weit
gehen? Wenn sich's ums Sterben handelt, da hört das Renommieren auf.
Aber diese Sache, von der ich übrigens auch gehört habe, hat einen
ganz andern Schlüssel. Das liegt nicht an der allgemein gewordenen
Renommisterei, das liegt am Lehrertum. Alle Lehrer sind nämlich
verrückt. Ich habe hier auch einen, an dem ich meine Studien gemacht
habe; heißt Krippenstapel, was allein schon was sagen will. Er ist grad
um ein Jahr älter als ich, also runde siebenundsechzig, und eigentlich
ein Prachtexemplar, jedenfalls ein vorzüglicher Lehrer. Aber verrückt
ist er doch.«

»Das sind alle,« sagte Rex. »Alle Lehrer sind ein Schrecknis. Wir im
Kultusministerium können ein Lied davon singen. Diese Abc-Pauker wissen
alles, und seitdem Anno sechsundsechzig der unsinnige Satz in die Mode
kam, ›der preußische Schulmeister habe die Österreicher geschlagen‹
-- ich meinerseits würde lieber dem Zündnadelgewehr oder dem alten
Steinmetz, der alles, nur kein Schulmeister war, den Preis zuerkennen
--, seitdem ist es vollends mit diesen Leuten nicht mehr auszuhalten.
Herr von Stechlin hat eben von einem der Humboldts gesprochen; nun, an
Wilhelm von Humboldt trauen sie sich noch nicht recht heran, aber was
Alexander von Humboldt konnte, das können sie nun schon lange.«

»Da treffen Sie's, Herr von Rex,« sagte Dubslav. »Genau so ist meiner
auch. Ich kann nur wiederholen, ein vorzüglicher Mann; aber er hat
den Prioritätswahnsinn. Wenn Koch das Heilserum erfindet oder Edison
Ihnen auf fünfzig Meilen eine Oper vorspielt, mit Getrampel und
Händeklatschen dazwischen, so weist Ihnen mein Krippenstapel nach, daß
er das vor dreißig Jahren auch schon mit sich rumgetragen habe.«

»Ja, ja, so sind sie alle.«

Ȇbrigens ... Aber darf ich Ihnen nicht noch von diesem gebackenen
Schinken vorlegen? ... Übrigens mahnt mich Krippenstapel daran, daß die
Feststellung eines Vormittagsprogramms wohl an der Zeit sein dürfte;
Krippenstapel ist nämlich der geborene Cicerone dieser Gegenden, und
durch Woldemar weiß ich bereits, daß Sie uns die Freude machen wollen,
sich um Stechlin und Umgegend ein klein wenig zu kümmern, Dorf, Kirche,
Wald, See -- um den See natürlich am meisten, denn der ist unsre ~pièce
de résistance~. Das andere gibt es wo anders auch, aber der See ...
Lorenzen erklärt ihn außerdem noch für einen richtigen Revolutionär,
der gleich mitrumort, wenn irgendwo was los ist. Und es ist auch
wirklich so. Mein Pastor aber sollte, beiläufig bemerkt, so was lieber
nicht sagen. Das sind so Geistreichigkeiten, die leicht übel vermerkt
werden. Ich persönlich lass' es laufen. Es gibt nichts, was mir so
verhaßt wäre wie Polizeimaßregeln, oder einem Menschen, der gern ein
freies Wort spricht, die Kehle zuzuschnüren. Ich rede selber gern, wie
mir der Schnabel gewachsen ist.«

»Und verplauderst dich dabei,« sagte Woldemar, »und vergißt zunächst
unser Programm. Um spätestens zwei müssen wir fort; wir haben also nur
noch vier Stunden. Und Globsow, ohne das es nicht gehen wird, ist weit
und kostet uns wenigstens die Hälfte davon.«

»Alles richtig. Also das Menü, meine Herren. Ich denke mir die
Sache so. Erst (da gleich hinter dem Buxbaumgange) Besteigung des
Aussichtsturms, -- noch eine Anlage von meinem Vater her, die sich,
nach Ansicht der Leute hier, vordem um vieles schöner ausnahm als
jetzt. Damals waren nämlich noch lauter bunte Scheiben da oben, und
alles, was man sah, sah rot oder blau oder orangefarben aus. Und alle
Welt hier war unglücklich, als ich diese bunten Gläser wegnehmen
ließ. Ich empfand es aber wie ne Naturbeleidigung. Grün ist grün, und
Wald ist Wald ... Also Nummer eins der Aussichtsturm; Nummer zwei
Krippenstapel und die Schule; Nummer drei die Kirche samt Kirchhof.
Pfarre schenken wir uns. Dann Wald und See. Und dann Globsow, wo sich
eine Glasindustrie befindet. Und dann wieder zurück, und zum Abschluß
ein zweites Frühstück, eine altmodische Bezeichnung, die mir aber
trotzdem immer besser klingt als Lunch. ›Zweites Frühstück‹ hat etwas
ausgesprochen Behagliches und gibt zu verstehen, daß man ein erstes
schon hinter sich hat ... Woldemar, dies ist mein Programm, das ich
dir, als einem Eingeweihten, hiermit unterbreite. Ja oder nein?«

»Natürlich ja, Papa. Du triffst dergleichen immer am besten. Ich
meinerseits mache aber nur die erste Hälfte mit. Wenn wir in der Kirche
fertig sind, muß ich zu Lorenzen. Krippenstapel kann mich ja mehr als
ersetzen, und in Globsow weiß er all und jedes. Er spricht, als ob er
Glasbläser gewesen wäre.«

»Darf dich nicht wundern. Dafür ist er Lehrer im allgemeinen und
Krippenstapel im besonderen.«

       *       *       *       *       *

So war denn also das Programm festgestellt, und nachdem Dubslav mit
Engelkes Hilfe seinen noch ziemlich neuen weißen Filzhut, den er sehr
schonte, mit einem wotanartigen schwarzen Filzhut vertauscht und einen
schweren Eichenstock in die Hand genommen hatte, brach man auf, um
zunächst auf den als erste Sehenswürdigkeit festgesetzten Aussichtsturm
hinaufzusteigen. Der Weg dahin, keine hundert Schritte, führte durch
einen sogenannten »Poetensteig«. »Ich weiß nicht,« sagte Dubslav,
»warum meine Mutter diesen etwas anspruchsvollen Namen hier einführte.
Soviel mir bekannt, hat sich hier niemals etwas betreffen lassen, was
zu dieser Rangerhöhung einer ehemaligen Taxushecke hätte Veranlassung
geben können. Und ist auch recht gut so.«

»Warum gut, Papa?«

»Nun, nimm es nicht übel,« lachte Dubslav. »Du sprichst ja, wie wenn du
selber einer wärst. Im übrigen räum ich dir ein, daß ich kein rechtes
Urteil über derlei Dinge habe. Bei den Kürassieren war keiner, und ich
habe überhaupt nur einmal einen gesehen, mit einem kleinen Verdruß und
einer Goldbrille, die er beständig abnahm und putzte. Natürlich bloß
ein Männchen, klein und eitel. Aber sehr elegant.«

»Elegant?« fragte Czako. »Dann stimmt es nicht; dann haben Sie so gut
wie keinen gesehen.«

Unter diesem Gespräche waren sie bis an den Turm gekommen, der in
mehreren Etagen und zuletzt auf bloßen Leitern anstieg. Man mußte
schwindelfrei sein, um gut hinaufzukommen. Oben aber war es wieder
gefahrlos, weil eine feste Wandung das Podium umgab. Rex und Czako
hielten Umschau. Nach Süden hin lag das Land frei, nach den drei andern
Seiten hin aber war alles mit Waldmassen besetzt, zwischen denen
gelegentlich die sich hier auf weite Meilen hinziehende Seenkette
sichtbar wurde. Der nächste See war der Stechlin.

»Wo ist nun die Stelle?« fragte Czako. »Natürlich die, wo's sprudelt
und strudelt.«

»Sehen Sie die kleine Buchtung da, mit der weißen Steinbank?«

»Jawohl; ganz deutlich.«

»Nun, von der Steinbank aus keine zwei Bootslängen in den See hinein,
da haben Sie die Stelle, die, wenn's sein muß, mit Java telephoniert.«

»Ich gäbe was drum,« sagte Czako, »wenn jetzt der Hahn zu krähen
anfinge.«

»Diese kleine Aufmerksamkeit muß ich Ihnen leider schuldig bleiben und
hab überhaupt da nach rechts hin nichts anderes mehr für Sie als die
roten Ziegeldächer, die sich zwischen dem Waldrand und dem See wie
auf einem Bollwerk hinziehen. Das ist Kolonie Globsow. Da wohnen die
Glasbläser. Und dahinter liegt die Glashütte. Sie ist noch unter dem
alten Fritzen entstanden und heißt die ›grüne Glashütte‹«.

»Die grüne? Das klingt ja beinah wie aus nem Märchen.«

»Ist aber eher das Gegenteil davon. Sie heißt nämlich so, weil man da
grünes Glas macht, allergewöhnlichstes Flaschenglas. An Rubinglas mit
Goldrand dürfen Sie hier nicht denken. Das ist nichts für unsre Gegend.«

Und damit kletterten sie wieder hinunter und traten, nach Passierung
des Schloßvorhofs, auf den quadratischen Dorfplatz hinaus, an dessen
einer Ecke die Schule gelegen war. Es mußte die Schule sein, das sah
man an den offenstehenden Fenstern und den Malven davor, und als die
Herren bis an den grünen Staketenzaun heran waren, hörten sie auch
schon den prompten Schulgang da drinnen, erst die scharfe, kurze
Frage des Lehrers und dann die sofortige Massenantwort. Im nächsten
Augenblick, unter Vorantritt Dubslavs, betraten alle den Flur, und weil
ein kleiner weißer Kläffer sofort furchtbar zu bellen anfing, erschien
Krippenstapel, um zu sehen, was los sei.

»Guten Morgen, Krippenstapel,« sagte Dubslav. »Ich bring Ihnen Besuch.«

»Sehr schmeichelhaft, Herr Baron.«

»Ja, das sagen Sie; wenn's nur wahr ist. Aber unter allen Umständen
lassen Sie den Baron aus dem Spiel ... Sehen Sie, meine Herren, mein
Freund Krippenstapel is ein ganz eignes Haus. Alltags nennt er mich
›Herr von Stechlin‹ (den Major unterschlägt er), und wenn er ärgerlich
ist, nennt er mich ›gnädger Herr‹. Aber sowie ich mit Fremden komme,
betitelt er mich ›Herr Baron‹. Er will was für mich tun.«

Krippenstapel, still vor sich hinschmunzelnd, hatte mittlerweile die
Tür zu der seiner Schulklasse gegenüber gelegenen Wohnstube geöffnet
und bat die Herren, eintreten zu wollen. Sie nahmen auch jeder einen
Stuhl in die Hand, aber stützten sich nur auf die Lehne, während das
Gespräch zwischen Dubslav und dem Lehrer seinen Fortgang nahm. »Sagen
Sie, Krippenstapel, wird es denn überhaupt gehen? Sie sollen uns
natürlich alles zeigen, und die Schule ist noch nicht aus.«

»O, gewiß geht es, Herr von Stechlin.«

»Ja, hören Sie, wenn der Hirt fehlt, rebelliert die Herde ...«

»Nicht zu befürchten, Herr von Stechlin. Da war mal ein Burgemeister,
achtundvierziger Zeit, Namen will ich lieber nicht nennen, der sagte:
›Wenn ich meinen Stiefel ans Fenster stelle, regier ich die ganze
Stadt.‹ Das war mein Mann.«

»Richtig; den hab ich auch noch gekannt. Ja, der verstand es. Überhaupt
immer in der Furcht des Herrn. Dann geht alles am besten. Der
Hauptregente bleibt doch der Krückstock.«

»Der Krückstock,« bestätigte Krippenstapel. »Und dann freilich die
Belohnungen.«

»Belohnungen?« lachte Dubslav. »Aber Krippenstapel, wo nehmen Sie denn
die her?«

»O, die hat's schon, Herr von Stechlin. Aber immer mit
Verschiedenheiten. Ist es was Kleines, so kriegt der Junge bloß nen
Katzenkopp weniger, ist es aber was Großes, dann kriegt er ne Wabe.«

»Ne Wabe? Richtig. Davon haben wir schon heute früh beim Frühstück
gesprochen, als Ihr Honig auf den Tisch kam. Ich habe den Herren dabei
gesagt, Sie wären der beste Imker in der ganzen Grafschaft.«

»Zuviel Ehre, Herr von Stechlin. Aber das darf ich sagen, ich versteh
es. Und wenn die Herren mir folgen wollen, um das Volk bei der Arbeit
zu sehen -- es ist jetzt gerade beste Zeit.«

Alle waren einverstanden, und so gingen sie denn durch den Flur bis
in Hof und Garten hinaus und nahmen hier Stellung vor einem offenen
Etageschuppen, drin die Stöcke standen, nicht altmodische Bienenkörbe,
sondern richtige Bienenhäuser, nach der Dzierzonschen Methode, wo
man alles herausnehmen und jeden Augenblick in das Innere bequem
hineingucken kann. Krippenstapel zeigte denn auch alles, und Rex und
Czako waren ganz aufrichtig interessiert.

»Nun aber, Herr Lehrer Krippenstapel,« sagte Czako, »nun bitte, geben
Sie uns auch einen Kommentar. Wie is das eigentlich mit den Bienen? Es
soll ja was ganz Besondres damit sein.«

»Ist es auch, Herr Hauptmann. Das Bienenleben ist eigentlich feiner und
vornehmer als das Menschenleben.«

»Feiner, das kann ich mir schon denken; aber auch vornehmer? Was
Vornehmeres als den Menschen gibt es nicht. Indessen, wie's damit auch
sei, ›ja‹ oder ›nein‹, Sie machen einen nur immer neugieriger. Ich
habe mal gehört, die Bienen sollen sich auf das Staatliche so gut
verstehen; beinah vorbildlich.«

»So ist es auch, Herr Hauptmann. Und eines ist ja da, worüber sich
als Thema vielleicht reden läßt. Da sind nämlich in jedem Stock drei
Gruppen oder Klassen. In Klasse eins haben wir die Königin, in Klasse
zwei haben wir die Arbeitsbienen (die, was für alles Arbeitsvolk wohl
eigentlich immer das beste ist, geschlechtslos sind), und in Klasse
drei haben wir die Drohnen; die sind männlich, worin zugleich ihr
eigentlicher Beruf besteht. Denn im übrigen tun sie gar nichts.«

»Interessanter Staat. Gefällt mir. Aber immer noch nicht vorbildlich
genug.«

»Und nun bedenken Sie, Herr Hauptmann. Winterlang haben sie so
dagesessen und gearbeitet oder auch geschlafen. Und nun kommt der
Frühling, und das erwachende neue Leben ergreift auch die Bienen, am
mächtigsten aber die Klasse eins, die Königin. Und sie beschließt nun,
mit ihrem ganzen Volk einen Frühlingsausflug zu machen, der sich für
sie persönlich sogar zu einer Art Hochzeitsreise gestaltet. So muß ich
es nennen. Unter den vielen Drohnen nämlich, die ihr auf der Ferse
sind, wählt sie sich einen Begleiter, man könnte sagen einen Tänzer,
der denn auch berufen ist, alsbald in eine noch intimere Stellung zu
ihr einzurücken. Etwa nach einer Stunde kehrt die Königin und ihr
Hochzeitszug in die beengenden Schranken ihres Staates zurück. Ihr
Dasein hat sich inzwischen erfüllt. Ein ganzes Geschlecht von Bienen
wird geboren, aber weitere Beziehungen zu dem bewußten Tänzer sind ein
für allemal ausgeschlossen. Es ist das gerade das, was ich vorhin als
fein und vornehm bezeichnet habe. Bienenköniginnen lieben nur einmal.
Die Bienenkönigin liebt und stirbt.«

»Und was wird aus der bevorzugten Drohne, aus dem Prinzessinnen-Tänzer,
dem Prince-Consort, wenn dieser Titel ausreicht?«

»Dieser Tänzer wird ermordet.«

»Nein, Herr Lehrer Krippenstapel, das geht nicht. Unter dieser letzten
Mitteilung bricht meine Begeisterung wieder zusammen. Das ist ja
schlimmer als der Heinesche Asra. Der stirbt doch bloß. Aber hier haben
wir Ermordung. Sagen Sie, Rex, wie stehen Sie dazu?«

»Das monogamische Prinzip, woran doch schließlich unsre ganze Kultur
hängt, kann nicht strenger und überzeugender demonstriert werden. Ich
finde es großartig.«

Czako hätte gern geantwortet; aber er kam nicht dazu, weil in diesem
Augenblicke Dubslav darauf aufmerksam machte, daß man noch viel
vor sich habe. Zunächst die Kirche. »Seine Hochwürden, der wohl
eigentlich dabei sein müßte, wird es nicht übelnehmen, wenn wir auf ihn
verzichten. Aber Sie, Krippenstapel, können Sie?«

Krippenstapel wiederholte, daß er Zeit vollauf habe. Zudem schlug die
Schuluhr, und gleich beim ersten Schlage hörte man, wie's drinnen in
der Klasse lebendig wurde und die Jungens in ihren Holzpantinen über
den Flur weg auf die Straße stürzten. Draußen aber stellten sie sich
militärisch auf, weil sie mittlerweile gehört hatten, daß der gnädige
Herr gekommen sei.

»Morgen, Jungens,« sagte Dubslav, an einen kleinen Schwarzhaarigen
herantretend. »Bist von Globsow?«

»Nein, gnädger Herr, von Dagow.«

»Na, lernst auch gut?«

Der Junge griente.

»Wann war denn Fehrbellin?«

»Achtzehnter Juni.«

»Und Leipzig?«

»Achtzehnter Oktober. Immer achtzehnter bei uns.«

»Das ist recht, Junge ... Da.«

Und dabei griff er in seinen Rock und suchte nach einem Nickel. »Sehen
Sie, Hauptmann, Sie sind ein bißchen ein Spötter, soviel hab ich schon
gemerkt; aber so muß es gemacht werden. Der Junge weiß von Fehrbellin
und von Leipzig und hat ein kluges Gesicht und steht Red und Antwort.
Und rote Backen hat er auch. Sieht er aus, als ob er einen Kummer hätte
oder einen Gram ums Vaterland? Unsinn. Ordnung und immer feste. Na, so
lange ich hier sitze, so lange hält es noch. Aber freilich, es kommen
andre Tage.«

Woldemar lächelte.

»Na,« fuhr der Alte fort, »will mich trösten. Als der alte Fritz zu
sterben kam, dacht er auch, nu ginge die Welt unter. Und sie steht
immer noch, und wir Deutsche sind wieder obenauf, ein bißchen zu sehr.
Aber immer besser als zu wenig.«

Inzwischen hatte sich Krippenstapel in seiner Stube proper gemacht:
schwarzer Rock mit dem Inhaberband des Adlers von Hohenzollern, den
ihm sein gütiger Gutsherr verschafft hatte. Statt des Hutes, den er in
der Eile nicht hatte finden können, trug er eine Mütze von sonderbarer
Form. In der Rechten aber hielt er einen ausgehöhlten Kirchenschlüssel,
der wie ne rostige Pistole aussah.

Der Weg bis zur Kirche war ganz nah. Und nun standen sie dem Portal
gegenüber.

Rex, zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehörte, setzte sein
Pincenez auf und musterte. »Sehr interessant. Ich setze das Portal
in die Zeit von Bischof Luger. Prämonstratenserbau. Wenn mich nicht
alles täuscht, Anlehnung an die Brandenburger Krypte. Also sagen wir
zwölfhundert. Wenn ich fragen darf, Herr von Stechlin, existieren
Urkunden? Und war vielleicht Herr von Quast schon hier oder Geheimrat
Adler, unser bester Kenner?«

Dubslav geriet in eine kleine Verlegenheit, weil er sich einer solchen
Gründlichkeit nicht gewärtigt hatte. »Herr von Quast war einmal hier,
aber in Wahlangelegenheiten. Und mit den Urkunden ist es gründlich
vorbei, seit Wrangel hier alles niederbrannte. Wenn ich von Wrangel
spreche, mein ich natürlich nicht unsern ›Vater Wrangel‹, der übrigens
auch keinen Spaß verstand, sondern den Schillerschen Wrangel ... Und
außerdem, Herr von Rex, ist es so schwer für einen Laien. Aber Sie,
Krippenstapel, was meinen Sie?«

Rex, über den plötzlich etwas von Dienstlichkeit gekommen war,
zuckte zusammen. Er hatte sich an Herrn von Stechlin gewandt, wenn
nicht als an einen Wissenden, so doch als an einen Ebenbürtigen,
und daß jetzt Krippenstapel aufgefordert wurde, das entscheidende
Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen, wollte ihm nicht recht
passend erscheinen. Überhaupt, was wollte diese Figur, die doch schon
stark die Karikatur streifte. Schon der Bericht über die Bienen und
namentlich was er über die Haltung der Königin und den Prince-Consort
gesagt hatte, hatte so merkwürdig anzüglich geklungen, und nun wurde
dies Schulmeister-Original auch noch aufgefordert, über bauliche
Fragen und aus welchem Jahrhundert die Kirche stamme, sein Urteil
abzugeben. Er hatte wohlweislich nach Quast und Adler gefragt, und
nun kam Krippenstapel! Wenn man durchaus wollte, konnte man das alles
patriarchalisch finden; aber es mißfiel ihm doch. Und leider war
Krippenstapel -- der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten auch noch
den ganzen Trotz des Autodidakten gesellte -- keineswegs angetan, die
kleinen Unebenheiten, in die das Gespräch hineingeraten war, wieder
glatt zu machen. Er nahm vielmehr die Frage: ›Krippenstapel, was meinen
Sie,‹ ganz ernsthaft auf und sagte:

»Wollen verzeihen, Herr von Rex, wenn ich unter Anlehnung an eine
neuerdings erschienene Broschüre des Oberlehrers Tucheband in Templin
zu widersprechen wage. Dieser Grafschaftswinkel hier ist von mehr
mecklenburgischem und uckermärkischem als brandenburgischem Charakter,
und wenn wir für unsre Stechliner Kirche nach Vorbildern forschen
wollen, so werden wir sie wahrscheinlich in Kloster Himmelpfort oder
Gransee zu suchen haben, aber nicht in Dom Brandenburg. Ich möchte
hinzusetzen dürfen, daß Oberlehrer Tuchebands Aufstellungen, soviel ich
weiß, unwidersprochen geblieben sind.«

Czako, der diesem aufflackernden Kampfe zwischen einem
Ministerialassessor und einem Dorfschulmeister mit größtem Vergnügen
folgte, hätte gern noch weitere Scheite herzugetragen; Woldemar aber
empfand, daß es höchste Zeit sei, zu intervenieren, und bemerkte:
nichts sei schwerer, als auf diesem Gebiete Bestimmungen zu treffen --
ein Satz, den übrigens sowohl Rex wie Krippenstapel ablehnen zu wollen
schienen --, und daß er vorschlagen möchte, lieber in die Kirche selbst
einzutreten, als hier draußen über die Säulen und Kapitelle weiter zu
debattieren.

Man fand sich in diesen Vorschlag; Krippenstapel öffnete die Kirche mit
seinem Riesenschlüssel, und alle traten ein.



Sechstes Kapitel


Gleich nach zwölf -- Woldemar hatte sich, wie geplant, schon lange
vorher, um bei Lorenzen vorzusprechen, von den andern Herrn getrennt
-- waren Dubslav, Rex und Czako von dem Globsower Ausfluge zurück,
und Rex, feiner Mann, der er war, war bei Passierung des Vorhofs
verbindlich an die mit Zinn ausgelegte blanke Glaskugel herangetreten,
um ihr, als einem mutmaßlichen Produkte der eben besichtigten »grünen
Glashütte,« seine Ministerialaufmerksamkeit zu schenken. Er ging dabei
so weit, von »Industriestaat« zu sprechen. Czako, der gemeinschaftlich
mit Rex in die Glaskugel hineinguckte, war mit allem einverstanden, nur
nicht mit seinem Spiegelbilde. »Wenn man nur bloß etwas besser aussähe
...« Rex versuchte zu widersprechen, aber Czako gab nicht nach und
versicherte: »Ja, Rex, Sie sind ein schöner Mann, Sie haben eben mehr
zuzusetzen. Und da bleibt denn immer noch was übrig.«

Oben auf der Rampe stand Engelke.

»Nun, Engelke, wie steht's? Woldemar und der Pastor schon da?«

»Nein, gnädger Herr. Aber ich kann ja die Christel schicken.«

»Nein, nein, schicke nicht. Das stört bloß. Aber warten wollen wir auch
nicht. Es war doch weiter nach Globsow, als ich dachte; das heißt,
eigentlich war es nicht weiter, bloß die Beine wollen nicht mehr recht.
Und hat solche Anstrengung bloß das eine Gute, daß man hungrig und
durstig wird. Aber da kommen ja die Herren.«

Und er grüßte von der Rampe her nach der Bohlenbrücke hinüber, über
die Woldemar und Lorenzen eben in den Schloßhof eintraten. Rex ging
ihnen entgegen. Dubslav dagegen nahm Czakos Arm und sagte: »Nun kommen
Sie, Hauptmann, wir wollen derweilen ein bißchen recherchieren und uns
einen guten Platz aussuchen. Mit der ewigen Veranda, das is nichts;
unter der Marquise steht die Luft wie ne Mauer, und ich muß frische
Luft haben. Vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie. Kann eigentlich
Fremdwörter nicht leiden. Aber mitunter sind sie doch ein Segen. Wenn
ich so zwischen Hydropsie und Wassersucht die Wahl habe, bin ich immer
für Hydropsie. Wassersucht hat so was kolossal Anschauliches.«

Unter diesen Worten waren sie bis in den Garten gekommen, an eine
Stelle, wo viel Buchsbaum stand, dem Poetensteige gerad gegenüber.
»Sehen Sie hier, Hauptmann, das wäre so was. Niedrige Buchsbaumwand.
Da haben wir Luft und doch keinen Zug. Denn vor Zug muß ich mich auch
hüten wegen Rheumatismus, oder vielleicht ist es auch Gicht. Und dabei
hören wir das Plätschern von meiner Sanssouci-Fontäne. Was meinen Sie?«

»Kapital, Herr Major.«

»Ach, lassen Sie den Major. Major klingt immer so dienstlich ... Also
hier, Engelke, hier decke den Tisch und stell auch ein paar Fuchsien
oder was gerade blüht in die Mitte. Nur nicht Astern. Astern sind
ganz gut, aber doch sozusagen unterm Stand und sehen immer aus wie'n
Bauerngarten. Und dann mache dich in den Keller und hol uns was
Ordentliches herauf. Du weißt ja, was ich zum Frühstück am liebsten
habe. Vielleicht hat Hauptmann Czako denselben Geschmack.«

»Ich weiß noch nicht, um was es sich handelt, Herr von Stechlin; aber
ich möchte mich für Übereinstimmung schon jetzt verbürgen.«

Inzwischen waren auch Woldemar, Rex und der Pastor vom Gartensalon her
auf die Veranda hinausgetreten, und Dubslav ging ihnen entgegen. »Guten
Tag, Pastor. Nun, das ist recht. Ich dachte schon, Woldemar würde von
Ihnen annektiert werden.«

»Aber, Herr von Stechlin ... Ihre Gäste ... Und Woldemars Freunde.«

»Betonen Sie das nicht so, Lorenzen. Es gibt Umgangsformen und
Artigkeitsgesetze. Gewiß. Aber das alles reicht nicht weit. Was der
Mensch am ehesten durchbricht, das sind gerade solche Formen. Und
wer sie nicht durchbricht, der kann einem auch leid tun. Wie geht es
denn in der Ehe? Haben Sie schon einen Mann gesehen, der die Formen
wahrt, wenn seine Frau ihn ärgert? Ich nicht. Leidenschaft ist immer
siegreich.«

»Ja, Leidenschaft. Aber Woldemar und ich ...«

»Sind auch in Leidenschaft. Sie haben die Freundschaftsleidenschaft,
Orest und Pylades -- so was hat es immer gegeben. Und dann,
was noch viel mehr sagen will, Sie haben nebenher die
Konspirationsleidenschaft ...«

»Aber, Herr von Stechlin.«

»Nein, nicht die Konspirationsleidenschaft, ich nehm es zurück; aber
Sie haben dafür was anderes, nämlich die Weltverbesserungsleidenschaft.
Und das ist eine der größten, die es gibt. Und wenn solche zwei
Weltverbesserer zusammen sind, da können Rex und Czako warten, und da
kann selbst ein warmes Frühstück warten. Sagt man noch ~Déjeuner à la
fourchette~?«

»Kaum, Papa. Wie du weißt, es ist jetzt alles englisch.«

»Natürlich. Die Franzosen sind abgesetzt. Und ist auch recht gut so,
wiewohl unsre Vettern drüben erst recht nichts taugen. Selbst ist der
Mann. Aber ich glaube, das Frühstück wartet.«

Wirklich, es war so. Während die Herren zu zwei und zwei an der
Buchsbaumwandung auf und ab schritten, hatte Engelke den Tisch
arrangiert, an den jetzt Wirt und Gäste herantraten.

Es war eine längliche Tafel, deren dem Rundell zugekehrte Längsseite
man frei gelassen hatte, was allen einen Überblick über das hübsche
Gartenbild gestattete. Dubslav, das Arrangement musternd, nickte
Engelke zu, zum Zeichen, daß er's getroffen habe. Dann aber nahm er
die Mittelschüssel und sagte, während er sie Rex reichte: »~Toujours
perdrix.~ Das heißt, es sind eigentlich Krammetsvögel, wie schon
gestern abend. Aber wer weiß, wie Krammetsvögel auf französisch heißen?
Ich wenigstens weiß es nicht. Und ich glaube, nicht einmal Tucheband
wird uns helfen können.«

Ein allgemeines verlegenes Schweigen bestätigte Dubslavs Vermutung über
französische Vokabelkenntnis.

»Wir kamen übrigens,« fuhr dieser fort, »dicht vor Globsow durch einen
Dohnenstrich, überall hingen noch viele Krammetsvögel in den Schleifen,
was mir auffiel und was ich doch, wie so vieles Gute, meinem alten
Krippenstapel zuschreiben muß. Es wäre doch ne Kleinigkeit für die
Jungens, den Dohnenstrich auszuplündern. Aber so was kommt nicht vor.
Was meinen Sie, Lorenzen?«

»Ich freue mich, daß es ist, wie es ist, und daß die Dohnenstriche
nicht ausgeplündert werden. Aber ich glaube, Herr von Stechlin, Sie
dürfen es Krippenstapel nicht anrechnen.«

Dubslav lachte herzlich. »Da haben wir wieder die alte Geschichte.
Jeder Schulmeister schulmeistert an seinem Pastor herum, und jeder
Pastor pastort über seinen Schulmeister. Ewige Rivalität. Der
natürliche Zug ist doch, daß die Jungens nehmen, was sie kriegen
können. Der Mensch stiehlt wie'n Rabe. Und wenn er's mit einmal
unterläßt, so muß das doch nen Grund haben.«

»Den hat es auch, Herr von Stechlin. Bloß einen andern. Was sollen sie
mit nem Krammetsvogel machen? Für uns ist es eine Delikatesse, für
einen armen Menschen ist es gar nichts, knapp soviel wie'n Sperling.«

»Ach, Lorenzen, ich sehe schon, Sie liegen da wieder mit dem
›Patrimonium der Enterbten‹ im Anschlag; Sperling, das klingt ganz so.
Aber soviel ist doch richtig, daß Krippenstapel die Jungens brillant
in Ordnung hält; wie ging das heute Schlag auf Schlag, als ich den
kurzgeschorenen Schwarzkopp ins Examen nahm, und wie stramm waren die
Jungens und wie manierlich, als wir sie nach ner Stunde in Globsow
wiedersahen. Wie sie da so fidel spielten und doch voll Respekt in
allem. ›Frei, aber nicht frech‹, das ist so mein Satz.«

Woldemar und Lorenzen, die nicht mit dabei gewesen waren, waren
neugierig, auf welchen Vorgang sich all dies Lob des Alten bezöge.

»Was hat denn,« fragte Woldemar, »die Globsower Jungens mit einemmal zu
so guter Reputation gebracht?«

»O, es war wirklich scharmant,« sagte Czako, »wir steckten noch
unter den Waldbäumen, als wir auch schon Stimmen wie Kommandorufe
hörten, und kaum daß wir auf einen freien, von Kastanien umstellten
Platz hinausgetreten waren (eigentlich war es wohl schon ein großer
Fabrikhof), so sahen wir uns wie mitten in einer Bataille.«

Rex nickte zustimmend, während Czako fortfuhr: »Auf unserer Seite stand
die bis dahin augenscheinlich siegreiche Partei, deren weiterer Angriff
aber wegen der guten gegnerischen Deckung mit einem Male stoppte. Kaum
zu verwundern. Denn eben diese Deckung bestand aus wohl tausend, ein
großes Karree bildenden Glasballons, hinter die sich die geschlagene
Truppe wie hinter eine Barrikade zurückgezogen hatte. Da standen
sie nun und nahmen ein mit den massenhaft umherliegenden Kastanien
geführtes Feuergefecht auf. Die meisten ihrer Schüsse gingen zu kurz
und fielen klappernd wie Hagel auf die Ballons nieder. Ich hätte
dem Spiel, ich weiß nicht wie lange, zusehn können. Als man unserer
aber ansichtig wurde, stob alles unter Hurra und Mützenschwenken
auseinander. Überall sind Photographen. Nur wo sie hingehören, da
fehlen sie. Genau so wie bei der Polizei.«

Dubslav hatte schmunzelnd der Schilderung zugehört.

»Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen es aber; Sie können mit nem
Dukaten den Großen Kurfürsten vergolden.«

»Ja,« sagte Rex, seinen Partner plötzlich im Stiche lassend, »das tut
unser Freund Czako nicht anders; dreiviertel ist immer Dichtung.«

»Ich gebe mich auch nicht für einen Historiker aus und am wenigsten für
einen korrekten Aktenmenschen.«

»Und dabei, lieber Czako,« nahm jetzt Dubslav das Wort, »dabei bleiben
Sie nur. Auf Ihr Spezielles! In so wichtiger Sache müssen Sie mir aber
in meiner Lieblingssorte Bescheid tun, nicht in Rotwein, den mein
berühmter Miteinsiedler das ›natürliche Getränk des norddeutschen
Menschen‹ genannt hatte. Einer seiner mannigfachen Irrtümer; vielleicht
der größte. Das natürliche Getränk des norddeutschen Menschen ist am
Rhein und Main zu finden. Und am vorzüglichsten da, wo sich, wenn ich
den Ausdruck gebrauchen darf, beide vermählen. Ungefähr von dieser
Vermählungsstelle kommt auch der hier.« Und dabei wies er auf eine vor
ihm stehende Bocksbeutelflasche. »Sehen Sie, meine Herren, verhaßt sind
mir alle langen Hälse; das hier aber, das nenn ich eine gefällige Form.
Heißt es nicht irgendwo: ›Laßt mich dicke Leute sehn,‹ oder so ähnlich.
Da stimm ich zu; dicke Flaschen, die sind mein Fall.« Und dabei stieß
er wiederholt mit Czako an. »Noch einmal, auf Ihr Wohl. Und auf Ihres,
Herr von Rex. Und dann auf das Wohl meiner Globsower, oder wenigstens
meiner Globsower Jungens, die sich nicht bloß um Fehrbellin kümmern und
um Leipzig, sondern, wie wir gesehen haben, auch selber ihre Schlachten
schlagen. Ich ärgere mich nur immer, wenn ich diese riesigen Ballons
da zwischen meinen Globsowern sehe. Und hinter dem ersten Fabrikhof
(ich wollte Sie nur nicht weiter damit behelligen), da ist noch ein
zweiter Hof, der sieht noch schlimmer aus. Da stehen nämlich wahre
Glasungeheuer, auch Ballons, aber mit langem Hals dran, und die heißen
dann Retorten.«

»Aber Papa,« sagte Woldemar, »daß du dich über die paar Retorten und
Ballons nie beruhigen kannst. So lang ich nur denken kann, eiferst du
dagegen. Es ist doch ein wahres Glück, daß so viel davon in die Welt
geht und den armen Fabrikleuten einen guten Lohn sichert. So was wie
Streik kommt hier ja gar nicht vor, und in diesem Punkt ist unsre
Stechliner Gegend doch wirklich noch wie ein Paradies.«

Lorenzen lachte.

»Ja, Lorenzen, Sie lachen,« warf Dubslav hier ein. »Aber bei Lichte
besehen hat Woldemar doch recht, was (und Sie wissen auch warum)
eigentlich nicht oft vorkommt. Es ist genau so, wie er sagt. Natürlich
bleibt uns Eva und die Schlange; das ist uralte Erbschaft. Aber so
viel noch von guter alter Zeit in dieser Welt zu finden ist, so viel
findet sich hier, hier in unsrer lieben alten Grafschaft. Und in dies
Bild richtiger Gliederung, oder meinetwegen auch richtiger Unterordnung
(denn ich erschrecke vor solchem Worte nicht), in dieses Bild des
Friedens paßt mir diese ganze Globsower Retortenbläserei nicht hinein.
Und wenn ich nicht fürchten müßte, für einen Querkopf gehalten zu
werden, so hätt ich bei hoher Behörde schon lange meine Vorschläge
wegen dieser Retorten und Ballons eingereicht. Und natürlich +gegen+
beide. Warum müssen es immer Ballons sein? Und wenn schon, na, dann
lieber solche wie diese. Die lass' ich mir gefallen.« Und dabei hob er
die Bocksbeutelflasche.

»Wie diese,« bestätigte Czako.

»Ja, Czako, Sie sind ganz der Mann, meinen Papa in seiner Idiosynkrasie
zu bestärken.«

»Idiosynkrasie,« wiederholte der Alte. »Wenn ich so was höre. Ja,
Woldemar, da glaubst du nun wieder wunder was Feines gesagt zu haben.
Aber es ist doch bloß ein Wort. Und was bloß ein Wort ist, ist nie was
Feines, auch wenn es so aussieht. Dunkle Gefühle, die sind fein. Und so
gewiß die Vorstellung, die ich mit dieser lieben Flasche hier verbinde,
für mich persönlich was Celestes hat ... kann man Celestes sagen? ...«
Lorenzen nickte zustimmend, »so gewiß hat die Vorstellung, die sich
für mich an diese Globsower Riesenbocksbeutelflaschen knüpft, etwas
Infernalisches.«

»Aber Papa.«

»Still, unterbrich mich nicht, Woldemar. Denn ich komme jetzt eben an
eine Berechnung, und bei Berechnungen darf man nicht gestört werden.
Über hundert Jahre besteht nun schon diese Glashütte, und wenn ich nun
so das jedesmalige Jahresprodukt mit hundert multipliziere, so rechne
ich mir alles in allem wenigstens eine Million heraus. Die schicken sie
zunächst in andre Fabriken, und da destillieren sie flott drauflos,
und zwar allerhand schreckliches Zeug in diese grünen Ballons hinein:
Salzsäure, Schwefelsäure, rauchende Salpetersäure. Das ist die
schlimmste, die hat immer einen rotgelben Rauch, der einem gleich die
Lunge anfrißt. Aber wenn einen der Rauch auch zufrieden läßt, jeder
Tropfen brennt ein Loch, in Leinwand oder in Tuch, oder in Leder,
überhaupt in alles; alles wird angebrannt und angeätzt. Das ist das
Zeichen unsrer Zeit jetzt, ›angebrannt und angeätzt‹. Und wenn ich dann
bedenke, daß meine Globsower da mittun und ganz gemütlich die Werkzeuge
liefern für die große Generalweltanbrennung, ja, hören Sie, meine
Herren, das gibt mir einen Stich. Und ich muß Ihnen sagen, ich wollte,
jeder kriegte lieber einen halben Morgen Land von Staats wegen und
kaufte sich zu Ostern ein Ferkelchen, und zu Martini schlachteten sie
ein Schwein und hätten den Winter über zwei Speckseiten, jeden Sonntag
eine ordentliche Scheibe, und alltags Kartoffeln und Grieben.«

»Aber Herr von Stechlin,« lachte Lorenzen, »das ist ja die reine
Neulandtheorie. Das wollen ja die Sozialdemokraten auch.«

»Ach was, Lorenzen, mit Ihnen ist nicht zu reden ... Übrigens Prosit
... wenn Sie's auch eigentlich nicht verdienen.«

       *       *       *       *       *

Das Frühstück zog sich lange hin, und das dabei geführte Gespräch nahm
noch ein paarmal einen Anlauf ins Politische hinein; Lorenzen aber, der
kleine Schraubereien gern vermeiden wollte, wich jedesmal geschickt aus
und kam lieber auf die Stechliner Kirche zu sprechen. Er war aber auch
hier vorsichtig und beschränkte sich, unter Anlehnung an Tucheband, auf
Architektonisches und Historisches, bis Dubslav, ziemlich abrupt, ihn
fragte: »Wissen Sie denn, Lorenzen, auf unserm Kirchenboden Bescheid?
Krippenstapel hat mich erst heute wissen lassen, daß wir da zwei
vergoldete Bischöfe mit Krummstab haben. Oder vielleicht sind es auch
bloß Äbte.« Lorenzen wußte nichts davon, weshalb ihm Dubslav gutmütig
mit dem Finger drohte.

So ging das Gespräch. Aber kurz vor zwei mußte dem allen ein Ende
gemacht werden. Engelke kam und meldete, daß die Pferde da und die
Mantelsäcke bereits aufgeschnallt seien. Dubslav ergriff sein Glas, um
auf ein frohes Wiedersehn anzustoßen. Dann erhob man sich.

Rex, bei Passierung der Rampe, trat noch einmal an die kranke Aloe
heran und versicherte, daß solche Blüte doch etwas eigentümlich
Geheimnisvolles habe. Dubslav hütete sich, zu widersprechen, und freute
sich, daß der Besuch mit etwas für ihn so Erheiterndem abschloß.

       *       *       *       *       *

Gleich danach ritt man ab. Als sie bei der Glaskugel vorbeikamen,
wandten sich alle drei noch einmal zurück, und jeder lüpfte seine
Mütze. Dann ging es, zwischen den Findlingen hin, auf die Dorfstraße
hinaus, auf der eben eine ziemlich ramponiert aussehende Halbchaise,
das lederne Verdeck zurückgeschlagen, an ihnen vorüberfuhr; die Sitze
leer, alles an dem Fuhrwerk ließ Ordnung und Sauberkeit vermissen;
das eine Pferd war leidlich gut, das andre schlecht, und zu dem neuen
Livreerock des Kutschers wollte der alte Hut, der wie ein fuchsiges
Torfstück aussah, nicht recht passen.

»Das war ja Gundermanns Wagen.«

»So, so,« sagte Czako. »Auf den hätt ich beinah geraten.«

»Ja, dieser Gundermann,« lachte Woldemar. »Mein Vater wollt Ihnen
gestern gern etwas Grafschaftliches vorsetzen, aber er vergriff sich.
Gundermann auf Siebenmühlen ist so ziemlich unsere schlechteste Nummer.
Ich sehe, er hat Ihnen nicht recht gefallen.«

»Gott, gefallen, Stechlin, -- was heißt gefallen? Eigentlich
gefällt mir jeder oder auch keiner. Eine Dame hat mir mal gesagt,
die langweiligen Leute wären schließlich gerade so gut wie die
interessanten, und es hat was für sich. Aber dieser Gundermann! Zu
welchem Zwecke läßt er denn eigentlich seinen leeren Wagen in der Welt
herumkutschieren?«

»Ich bin dessen auch nicht sicher. Wahrscheinlich in
Wahlangelegenheiten. Er persönlich wird irgendwo hängen geblieben sein,
um Stimmen einzufangen. Unser alter braver Kortschädel nämlich, der
allgemein beliebt war, ist diesen Sommer gestorben, und da will nun
Gundermann, der sich auf den Konservativen hin ausspielt, aber keiner
ist, im trüben fischen. Er intrigiert. Ich habe das in einem Gespräch,
das ich mit ihm hatte, ziemlich deutlich herausgehört, und Lorenzen hat
es mir bestätigt.«

»Ich kann mir denken,« sagte Rex, »daß gerade Lorenzen gegen ihn ist.
Aber dieser Gundermann, für den ich weiter nichts übrig habe, hat doch
wenigstens die richtigen Prinzipien.«

»Ach, Rex, ich bitte Sie,« sagte Czako, »richtige Prinzipien!
Geschmacklosigkeiten hat er und öde Redensarten. Dreimal hab
ich ihn sagen hören: ›Das wäre wieder Wasser auf die Mühlen der
Sozialdemokratie.‹ So was sagt kein anständiger Mensch mehr, und
jedenfalls setzt er nicht hinzu: ›daß er das Wasser abstellen wolle‹.
Das ist ja eine schreckliche Wendung.«

Unter diesen Worten waren sie bis an den hochüberwölbten Teil der
Kastanienallee gekommen.

Engelke, der gleich frühmorgens ein allerschönstes Wetter in Aussicht
gestellt hatte, hatte recht behalten; es war ein richtiger Oktobertag,
klar und frisch und milde zugleich. Die Sonne fiel hie und da durch das
noch ziemlich dichte Laub, und die Reiter freuten sich des Spielens der
Schatten und Lichter. Aber noch anmutiger gestaltete sich das Bild, als
sie bald danach in einen Seitenweg einmündeten, der sich durch eine
flache, nur hie und da von Wasserlachen durchzogene Wiesenlandschaft
hinschlängelte. Die großen Heiden und Forsten, die das eigentlich
Charakteristische dieses nordöstlichen Grafschaftswinkels bilden,
traten an dieser Stelle weit zurück, und nur ein paar einzelne, wie
vorgeschobene Kulissen wirkende Waldstreifen wurden sichtbar.

Alle drei hielten an, um das Bild auf sich wirken zu lassen; aber sie
kamen nicht recht dazu, weil sie, während sie sich umschauten, eines
alten Mannes ansichtig wurden, der, nur durch einen flachen Graben
von ihnen getrennt, auf einem Stück Wiese stand und das hochstehende
Gras mähte. Jetzt erst sah auch er von seiner Arbeit auf und zog seine
Mütze. Die Herren taten ein Gleiches und schwankten, ob sie näher
heranreiten und eine Ansprache mit ihm haben sollten. Aber er schien
das weder zu wünschen noch zu erwarten, und so ritten sie denn weiter.

»Mein Gott,« sagte Rex, »das war ja Krippenstapel. Und hier draußen, so
weit ab von seiner Schule. Wenn er nicht die Seehundsfellmütze gehabt
hätte, die wie aus einer konfiszierten Schulmappe geschnitten aussah,
hätt ich ihn nicht wieder erkannt.«

»Ja, er war es, und das mit der Schulmappe wird wohl auch zutreffen,«
sagte Woldemar. »Krippenstapel kann eben alles -- der reine Robinson.«

»Ja, Stechlin,« warf Czako hier ein, »Sie sagen das so hin, als ob
Sie's bespötteln wollten. Eigentlich ist es doch aber was Großes,
sich immer selber helfen zu können. Er wird wohl nen Sparren haben,
zugegeben, aber Ihrem gepriesenen Lorenzen ist er denn doch um ein gut
Stück überlegen. Schon weil er ein Original ist und ein Eulengesicht
hat. Eulengesichtsmenschen sind anderen Menschen fast immer überlegen.«

»Aber Czako, ich bitte Sie, das ist ja doch alles Unsinn. Und Sie
wissen es auch. Sie möchten nur, ganz wie Rex, wenn auch aus einem
andern Motiv, dem armen Lorenzen was am Zeug flicken, bloß weil Sie
herausfühlen: ›das ist eine lautere Persönlichkeit‹.«

»Da tun Sie mir unrecht, Stechlin. Ganz und gar. Ich bin auch fürs
Lautere, wenn ich nur persönlich nicht in Anspruch genommen werde.«

»Nun, davor sind Sie sicher, -- vom Brombeerstrauch keine Trauben. Im
übrigen muß ich hier abbrechen und Sie bitten, mich auf ein Weilchen
entschuldigen zu wollen. Ich muß da nämlich nach dem Forsthause
hinüber, da drüben neben der Waldecke.«

»Aber Stechlin, was wollen Sie denn bei nem Förster?«

»Kein Förster. Es ist ein Oberförster, zu dem ich will, und zwar
derselbe, den Sie gestern abend bei meinem Papa gesehen haben.
Oberförster Katzler, bürgerlich, aber doch beinah schon historischer
Name.«

»So, so; jedenfalls nach dem, was mir Rex erzählt, ein brillanter
Billardspieler. Und doch, wenn Sie nicht ganz intim mit ihm sind, find
ich diesen Abstecher übertrieben artig.«

»Sie hätten recht, Czako, wenn es sich lediglich um Katzler handelte.
Das ist aber nicht der Fall. Es handelt sich nicht um ihn, sondern um
seine junge Frau.«

»~A la bonne heure.~«

»Ja, da sind Sie nun auch wieder auf einer falschen Fährte. So was
kann nicht vorkommen, ganz abgesehen davon, daß mit Oberförstern
immer schlecht Kirschen pflücken ist; die blasen einen weg, man weiß
nicht wie ... Es handelt sich hier einfach um einen Teilnahmebesuch,
um etwas, wenn Sie wollen, schön Menschliches. Frau Katzler erwartet
nämlich.«

»Aber mein Gott, Stechlin, Ihre Worte werden immer rätselhafter. Sie
können doch nicht bei jeder Oberförstersfrau, die ›erwartet‹, eine
Visite machen wollen. Das wäre denn doch eine Riesenaufgabe, selbst
wenn Sie sich auf Ihre Grafschaft hier beschränken wollten.«

»Es liegt alles ganz exceptionell. Übrigens mach ich es kurz mit meinem
Besuch, und wenn Sie Schritt reiten, worum ich bitte, so hol ich Sie
bei Genshagen noch wieder ein. Von da bis Wutz haben wir kaum noch eine
Stunde, und wenn wir's forcieren wollen, keine halbe.«

Und während er noch so sprach, bog er rechts ein und ritt auf das
Forsthaus zu.

Woldemar hatte die Mitte zwischen Rex und Czako gehabt; jetzt ritten
diese beiden nebeneinander. Czako war neugierig und hätte gern
Fritz herangerufen, um dies und das über Katzler und Frau zu hören.
Aber er sah ein, daß das nicht ginge. So blieb ihm nichts als ein
Meinungsaustausch mit Rex.

»Sehen Sie,« hob er an, »unser Freund Woldemar, trabt er da nicht
hin, wie wenn er dem Glücke nachjagte? Glauben Sie mir, da steckt ne
Geschichte dahinter. Er hat die Frau geliebt oder liebt sie noch. Und
dies merkwürdige Interesse für den in Sicht stehenden Erdenbürger.
Übrigens vielleicht ein Mädchen. Was meinen Sie dazu, Rex?«

»Ach Czako, Sie wollen ja doch nur hören, was Ihrer eignen frivolen
Natur entspricht. Sie haben keinen Glauben an reine Verhältnisse. Sehr
mit Unrecht. Ich kann Ihnen versichern, es gibt dergleichen.«

»Nun ja, Sie, Rex. Sie, der sich Frühgottesdienste leistet. Aber
Stechlin ...«

»Stechlin ist auch eine sittliche Natur. Sittlichkeit ist ihm
angeboren, und was er von Natur mitbrachte, das hat sein Regiment
weiter in ihm ausgebildet.«

Czako lachte. »Nun hören Sie, Rex, Regimenter kenn ich doch auch. Es
gibt ihrer von allen Arten, aber Sittlichkeitsregimenter kenn ich noch
nicht.«

»Es gibt's ihrer aber. Zum mindesten hat's ihrer immer gegeben, sogar
solche mit Askese.«

»Nun ja, Cromwell und die Puritaner. Aber, ~long, long ago~. Verzeihen
Sie die abgedudelte Phrase. Aber wenn sich's um so feine Dinge wie
Askese handelt, muß man notwendig einen englischen Brocken einschalten.
In Wirklichkeit bleibt alles beim alten. Sie sind ein schlechter
Menschenkenner, Rex, wie alle Konventikler. Die glauben immer, was sie
wünschen. Und auch an unserm Stechlin werden Sie mutmaßlich erfahren,
wie falsch Sie gerechnet haben. Im übrigen kommt da gerade zu rechter
Zeit ein Wegweiser. Lassen Sie uns nachsehen, wo wir eigentlich sind.
Wir reiten so immer drauflos und wissen nicht mehr, ob links oder
rechts.«

Rex, der von dem Wegweiser nichts wissen wollte, war einfach für
Weiterreiten, und das war auch das Richtige. Denn keine halbe Stunde
mehr, so holte Stechlin sie wieder ein. »Ich wußte, daß ich Sie noch
vor Genshagen treffen würde. Die Frau Oberförsterin läßt sich übrigens
den Herren empfehlen. Er war nicht da, was recht gut war.«

»Kann ich mir denken,« sagte Czako.

»Und was noch besser war, sie sah brillant aus. Eigentlich ist sie
nicht hübsch, Blondine mit großen Vergißmeinnichtaugen und etwas
lymphatisch; auch wohl nicht ganz gesund. Aber sonderbar, solche Damen,
wenn was in Sicht steht, sehen immer besser aus als in natürlicher
Verfassung, ein Zustand, der allerdings bei der Katzler kaum vorkommt.
Sie ist noch nicht volle sechs Jahre verheiratet und erwartet mit
nächstem das Siebente.«

»Das ist aber doch unerhört. Ich glaube, so was ist Scheidungsgrund.«

»Mir nicht bekannt und auch, offen gestanden, nicht sehr
wahrscheinlich. Jedenfalls wird es die Prinzessin nicht als
Scheidungsgrund nehmen.«

»Die Prinzessin?« fuhren Rex und Czako a tempo heraus.

»Ja, die Prinzessin,« wiederholte Woldemar. »Ich war all die Zeit über
gespannt, was das wohl für einen Eindruck auf Sie machen würde, weshalb
ich mich auch gehütet habe, vorher mit Andeutungen zu kommen. Und es
traf sich gut, daß mein Vater gestern abend nur so ganz leicht drüber
hinging, ich möchte beinah sagen diskret, was sonst nicht seine Sache
ist.«

»Prinzessin,« wiederholte Rex, dem die Sache beinah den Atem nahm. »Und
aus einem regierenden Hause?«

»Ja, was heißt aus einem regierenden Hause? Regiert haben sie alle mal.
Und soviel ich weiß, wird ihnen dies ›mal regiert haben‹ auch immer
noch angerechnet, wenigstens sowie sich's um Eheschließungen handelt.
Um so großartiger, wenn einzelne der hier in Betracht kommenden
Damen auf alle diese Vorrechte verzichten und ohne Rücksicht auf
Ebenbürtigkeit sich aus reiner Liebe vermählen. Ich sage ›vermählen‹,
weil ›sich verheiraten‹ etwas plebeje klingt. Frau Katzler ist eine
Ippe-Büchsenstein.«

»Eine Ippe!« sagte Rex. »Nicht zu glauben. Und erwartet wieder. Ich
bekenne, daß mich das am meisten chokiert. Diese Ausgiebigkeit, ich
finde kein anderes Wort, oder richtiger, ich +will+ kein andres finden,
ist doch eigentlich das Bürgerlichste, was es gibt.«

»Zugegeben. Und so hat es die Prinzessin auch wohl selber aufgefaßt.
Aber das ist gerade das Große an der Sache; ja, so sonderbar es klingt,
das Ideale.«

»Stechlin, Sie können nicht verlangen, daß man das so ohne weiteres
versteht. Ein halb Dutzend Bälge, wo steckt da das Ideale?«

»Doch, Rex, doch. Die Prinzessin selbst, und das ist das Rührendste,
hat sich darüber ganz unumwunden ausgesprochen. Und zwar zu meinem
Alten. Sie sieht ihn öfter und möcht ihn, glaub ich, bekehren, --
sie ist nämlich von der strengen Richtung und hält sich auch zu
Superintendent Koseleger, unserm Papst hier. Und kurz und gut, sie
macht meinem Papa beinah den Hof und erklärt ihn für einen perfekten
Kavalier, wobei Katzler immer ein etwas süßsaures Gesicht macht, aber
natürlich nicht widerspricht.«

»Und wie kam sie nur dazu, Ihrem Papa gerade Konfessions in einer so
delikaten Sache zu machen?«

»Das war voriges Jahr, genau um diese Zeit, als sie auch mal wieder
erwartete. Da war mein Vater drüben und sprach, als das durch die
Situation gegebene Thema berührt wurde, halb diplomatisch, halb
humoristisch von der Königin Luise, hinsichtlich deren der alte Doktor
Heim, als der Königin das ›Sechste oder Siebente‹ geboren werden
sollte, ziemlich freiweg von der Notwendigkeit der ›Brache‹ gesprochen
hatte.«

»Bißchen stark,« sagte Rex. »Ganz im alten Heimstil. Aber freilich,
Königinnen lassen sich viel gefallen. Und wie nahm es die Prinzessin
auf?«

»O, sie war reizend, lachte, war weder verlegen noch verstimmt, sondern
nahm meines Vaters Hand so zutraulich, wie wenn sie seine Tochter
gewesen wäre. ›Ja, lieber Herr von Stechlin,‹ sagte sie, ›wer A sagt,
der muß auch B sagen. Wenn ich diesen Segen durchaus nicht wollte, dann
mußt ich einen Durchschnittsprinzen heiraten, -- da hätt ich vielleicht
das gehabt, was der alte Heim empfehlen zu müssen glaubte. Statt dessen
nahm ich aber meinen guten Katzler. Herrlicher Mann. Sie kennen ihn und
wissen, er hat die schöne Einfachheit aller stattlichen Männer, und
seine Fähigkeiten, soweit sich überhaupt davon sprechen läßt, haben
etwas Einseitiges. Als ich ihn heiratete, war ich deshalb ganz von
dem einen Gedanken erfüllt, alles Prinzeßliche von mir abzustreifen
und nichts bestehen zu lassen, woraus Übelwollende hätten herleiten
können: ›Ah, sie will immer noch eine Prinzessin sein.‹ Ich entschloß
mich also für das Bürgerliche, und zwar ›voll und ganz‹, wie man jetzt,
glaub ich, sagt. Und was dann kam, nun, das war einfach die natürliche
Konsequenz.‹«

»Großartig,« sagte Rex. »Ich entschlage mich nach solchen Mitteilungen
jeder weiteren Opposition. Welch ein Maß von Entsagung! Denn auch im
Nichtentsagen kann ein Entsagen liegen. Andauernde Opferung eines
Innersten und Höchsten.«

»Unglaublich!« lachte Czako. »Rex, Rex. Ich hab Ihnen da schon vorhin
alle Menschenkenntnis abgesprochen. Aber hier übertrumpfen Sie sich
selbst. Wer Konventikel leitet, der sollte doch wenigstens die Weiber
kennen. Erinnern Sie sich, Stechlin sagte, sie sei lymphatisch und habe
Vergißmeinnichtaugen. Und nun sehen Sie sich den Katzler an. Beinah
sechs Fuß und rotblond und das Eiserne Kreuz.«

»Czako, Sie sind mal wieder frivol. Aber man darf es mit Ihnen nicht so
genau nehmen. Das ist das Slawische, was in Ihnen nachspukt; latente
Sinnlichkeit.«

»Ja, sehr latent; durchaus vergrabner Schatz. Und ich wollte wohl, daß
ich in die Lage käme, besser damit wuchern zu können. Aber ...«

So ging das Gespräch noch eine gute Weile.

Die große Chaussee, darauf ihr Weg inzwischen wieder eingemündet,
stieg allmählich an, und als man den Höhepunkt dieser Steigung
erreicht hatte, lag das Kloster samt seinem gleichnamigen Städtchen
in verhältnismäßiger Nähe vor ihnen. Auf ihrem Hinritte hatten Rex
und Czako so wenig davon zu Gesicht bekommen, daß ein gewisses
Betroffensein über die Schönheit des sich ihnen jetzt darbietenden
Landschafts- und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte. Czako
besonders war ganz aus dem Häuschen, aber auch Rex stimmte mit ein.
»Die große Feldsteingiebelwand,« sagte er, »so gewagt im allgemeinen
bestimmte Zeitangaben auf diesem Gebiete sind, möcht ich in das Jahr
1375, also Landbuch Kaiser Karls ~IV.~, setzen dürfen.«

»Wohl möglich,« lachte Woldemar. »Es gibt nämlich Zahlen, die nicht gut
widerlegt werden können, und ›Landbuch Kaiser Karls ~IV.~‹ paßt beinah
immer.«

Rex hörte drüber hin, weil er in seinem Geiste mal wieder einer
allgemeineren und zugleich höheren Auffassung der Dinge zustrebte.
»Ja, meine Herren,« hob er an, »das geschmähte Mittelalter. Da
verstand man's. Ich wage den Ausspruch, den ich übrigens nicht einem
Kunsthandbuch entnehme, sondern der langsam in mir herangereift ist:
›Die Platzfrage geht über die Stilfrage.‹ Jetzt wählt man immer die
häßlichste Stelle. Das Mittelalter hatte noch keine Brillen, aber man
sah besser.«

»Gewiß,« sagte Czako. »Aber dieser Angriff auf die Brillen, Rex,
ist nichts für Sie. Wer mit seinem Pincenez oder Monocle so viel
operiert ...«

Das Gespräch kam nicht weiter, weil in eben diesem Augenblick mächtige
Turmuhrschläge vom Städtchen Wutz her herüberklangen. Man hielt an, und
jeder zählte »Vier«. Kaum aber hatte die Uhr ausgeschlagen, so begann
eine zweite und tat auch ihre vier Schläge.

»Das ist die Klosteruhr,« sagte Czako.

»Warum?«

»Weil sie nachschlägt; alle Klosteruhren gehen nach. Natürlich. Aber
wie dem auch sei, Freund Woldemar hat uns, glaub ich, für vier Uhr
angemeldet, und so werden wir uns eilen müssen.«



Kloster Wutz



Siebentes Kapitel


Alle setzten sich denn auch wieder in Trab, mit ihnen Fritz, der dabei
näher an die voraufreitenden Herren herankam. Das Gespräch schwieg
ganz, weil jeder in Erwartung der kommenden Dinge war.

Die Chaussee lief hier, auf eine gute Strecke, zwischen Pappeln hin;
als man aber bis in unmittelbare Nähe von Kloster Wutz gekommen war,
hörten diese Pappeln auf, und der sich mehr und mehr verschmälernde
Weg wurde zu beiden Seiten von Feldsteinmauern eingefaßt, über die man
alsbald in die verschiedensten Gartenanlagen mit allerhand Küchen- und
Blumenbeeten und mit vielen Obstbäumen dazwischen hineinsah. Alle drei
ließen jetzt die Pferde wieder in Schritt fallen.

»Der Garten hier links,« sagte Woldemar, »ist der Garten der Domina,
meiner Tante Adelheid; etwas primitiv, aber wundervolles Obst. Und hier
gleich rechts, da bauen die Stiftsdamen ihren Dill und ihren Meiran. Es
sind aber nur ihrer vier, und wenn welche gestorben sind -- aber sie
sterben selten --, so sind es noch weniger.«

Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier aus seinen
Knabenjahren her Weg und Steg kennenden Woldemar waren alle durch
eine Maueröffnung in einen großen Wirtschaftshof eingeritten, der
baulich so ziemlich jegliches enthielt, was hier, bis in die Tage des
Dreißigjährigen Krieges hinein, der dann freilich alles zerstörte,
mal Kloster Wutz gewesen war. Vom Sattel aus ließ sich alles bequem
überblicken. Das meiste, was sie sahen, waren wirr durcheinander
geworfene, von Baum und Strauch überwachsene Trümmermassen.

»Es erinnert mich an den Palatin,« sagte Rex, »nur ins christlich
Gotische transponiert.«

»Gewiß,« bestätigte Czako lachend. »Soweit ich urteilen kann, sehr
ähnlich. Schade, daß Krippenstapel nicht da ist. Oder Tucheband.«

Damit brach das Gespräch wieder ab.

In der Tat, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die, seltsamlich genug,
die Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut waren, zunächst die größere
der Domina, daneben die kleineren der vier Stiftsdamen, alles an der
vorderen Langseite hin. Dieser gegenüber aber zog sich eine zweite,
parallel laufende Trümmerlinie, darin die Stallgebäude, die Remisen
und die Rollkammern untergebracht waren. Verblieben nur noch die zwei
Schmalseiten, von denen die eine nichts als eine von Holunderbüschen
übergrünte Mauer, die andere dagegen eine hochaufragende mächtige
Giebelwand war, dieselbe, die man schon beim Anritt aus einiger
Entfernung gesehen hatte. Sie stand da, wie bereit, alles unter
ihrem beständig drohenden Niedersturz zu begraben, und nur das eine
konnte wieder beruhigen, daß sich auf höchster Spitze der Wand ein
Storchenpaar eingenistet hatte. Störche, deren feines Vorgefühl immer
weiß, ob etwas hält oder fällt.

Von der Maueröffnung, durch die man eingeritten, bis an die in die
Feldsteintrümmer eingebauten Wohngebäude waren nur wenige Schritte,
und als man davor hielt, erschien alsbald die Domina selbst, um ihren
Neffen und seine beiden Freunde zu begrüßen. Fritz, der, wie überall,
so auch hier Bescheid wußte, nahm die Pferde, um sie nach einem an der
andern Seite gelegenen Stallgebäude hinüberzuführen, während Rex und
Czako nach kurzer Vorstellung in den von Schränken umstellten Flur
eintraten.

»Ich habe dein Telegramm,« sagte die Domina, »erst um ein Uhr erhalten.
Es geht über Gransee, und der Bote muß weit laufen. Aber sie wollen
ihm ein Rad anschaffen, solches, wie jetzt überall Mode ist. Ich
sage Rad, weil ich das fremde Wort, das so verschieden ausgesprochen
wird, nicht leiden kann. Manche sagen ›ci,‹ und manche sagen ›schi‹.
Bildungsprätensionen sind mir fremd, aber man will sich doch auch nicht
bloßstellen.«

Eine Treppe führte bis in den ersten Stock hinauf, eigentlich war es
nur eine Stiege. Die Domina, nachdem sie die Herren bis an die unterste
Stufe begleitet hatte, verabschiedete sich hier auf eine Weile. »Du
wirst so gut sein, Woldemar, alles in deine Hand zu nehmen. Führe die
Herren hinauf. Ich habe unser bescheidenes Klostermahl auf fünf Uhr
angeordnet; also noch eine gute halbe Stunde. Bis dahin, meine Herren.«

Oben war eine große Plättkammer zur Fremdenstube hergerichtet
worden. Ein Waschtisch mit Finkennäpfchen und Krügen in Kleinformat
war aufgestellt worden, was in Erwägung der beinah liliputanischen
Raumverhältnisse durchaus passend gewesen wäre, wenn nicht sechs an
ebenso vielen Türhaken hängende Riesenhandtücher das Ensemble wieder
gestört hätten. Rex, der sich -- ihn drückten die Stiefel -- auf kurze
zehn Minuten nach einer kleinen Erleichterung sehnte, bediente sich
eines eisernen Stiefelknechts, während Czako sein Gesicht in einer der
kleinen Waschschüsseln begrub und beim Abreiben das feste Gewebe der
Handtücher lobte.

»Sicherlich Eigengespinst. Überhaupt, Stechlin, das muß wahr sein, Ihre
Tante hat so was; man merkt doch, daß sie das Regiment führt. Und wohl
schon seit lange. Wenn ich recht gehört, ist sie älter als Ihr Papa.«

»O, viel; beinahe um zehn Jahre. Sie wird sechsundsiebzig.«

»Ein respektables Alter. Und ich muß sagen, wohl konserviert.«

»Ja, man kann es beinahe sagen. Das ist eben der Vorzug solcher, die
man ›schlank‹ nennt. Beiläufig ein Euphemismus. Wo nichts ist, hat
der Kaiser sein Recht verloren und die Zeit natürlich auch; sie kann
nichts nehmen, wo sie nichts mehr findet. Aber ich denke -- Rex tut mir
übrigens leid, weil er wieder in seine Stiefel muß -- wir begeben uns
jetzt nach unten und machen uns möglichst liebenswürdig bei der Tante.
Sie wird uns wohl schon erwarten, um uns ihren Liebling vorzustellen.«

»Wer ist das?«

»Nun, das wechselt. Aber da es bloß vier sein können, so kommt jeder
bald wieder an die Reihe. Während ich das letztemal hier war, war es
ein Fräulein von Schmargendorf. Und es ist leicht möglich, daß sie
jetzt gerade wieder dran ist.«

»Eine nette Dame?«

»O ja. Ein Pummel.«

       *       *       *       *       *

Und wie vorgeschlagen, nach kurzem »Sichadjustieren« in der
improvisierten Fremdenstube, kehrten alle drei Herren in Tante
Adelheids Salon zurück, der niedrig und verblakt und etwas altmodisch
war. Die Möbel, lauter Erbschaftsstücke, wirkten in dem niedrigen
Raume beinah grotesk, und die schwere Tischdecke, mit einer mächtigen,
ziemlich modernen Astrallampe darauf, paßte schlecht zu dem Zeisigbauer
am Fenster und noch schlechter zu dem über einem kleinen Klavier
hängenden Schlachtenbilde: »König Wilhelm auf der Höhe von Lipa«.
Trotzdem hatte dies stillose Durcheinander etwas Anheimelndes. In dem
primitiven Kamin -- nur eine Steinplatte mit Rauchfang -- war ein
Holzfeuer angezündet; beide Fenster standen auf, waren aber durch
schwere Gardinen so gut wie wieder geschlossen, und aus dem etwas
schief über dem Sofa hängenden Quadratspiegel wuchsen drei Pfauenfedern
heraus.

Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre Karlsbader
Granatbrosche vorgesteckt, die der alte Dubslav wegen der sieben
mittelgroßen Steine, die einen größeren und buckelartig vorspringenden
umstanden, die »Sieben-Kurfürsten-Brosche« nannte. Der hohe hagere
Hals ließ die Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie
war, und rechtfertigte durchaus die brüderliche Malice: »Wickelkinder,
wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn sie zärtlich wird, fangen
sie an zu schreien.« Man sah ihr an, daß sie nur immer vorübergehend
in einer höheren Gesellschaftssphäre gelebt hatte, sich trotzdem aber
zeitlebens der angeborenen Zugehörigkeit zu eben diesen Kreisen bewußt
gewesen war. Daß man sie zur Domina gemacht hatte, war nur zu billigen.
Sie wußte zu rechnen und anzuordnen und war nicht bloß von sehr gutem
natürlichen Verstand, sondern unter Umständen auch voller Interesse für
ganz bestimmte Personen und Dinge. Was aber, trotz solcher Vorzüge,
den Verkehr mit ihr so schwer machte, das war die tiefe Prosa ihrer
Natur, das märkisch Enge, das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der
Schönheit oder gar der Freiheit auch nur streifte.

Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und war gegen Rex und
Czako aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen. »Ich muß Ihnen noch
einmal aussprechen, meine Herren, wie sehr ich bedaure, Sie nur so
kurze Zeit unter meinem Dache sehen zu dürfen.«

»Du vergißt mich, liebe Tante,« sagte Woldemar. »Ich bleibe dir noch
eine gute Weile. Mein Zug geht, glaub ich, erst um neun. Und bis dahin
erzähl ich dir eine Welt und -- beichte.«

»Nein, nein, Woldemar, nicht das, nicht das. Erzählen sollst du mir
recht, recht viel. Und ich habe sogar Fragen auf dem Herzen. Du weißt
wohl schon, welche. Aber nur nicht beichten. Schon das Wort macht
mir jedesmal ein Unbehagen. Es hat solch ausgesprochen katholischen
Beigeschmack. Unser Rentmeister Fix hat recht, wenn er sagt: ›Beichte
sei nichts, weil immer unaufrichtig, und es habe in Berlin -- aber
das sei nun freilich schon sehr, sehr lange her -- einen Geistlichen
gegeben, der habe den Beichtstuhl einen Satansstuhl genannt.‹ Das find
ich nun offenbar übertrieben und habe mich auch in diesem Sinne zu
Fix geäußert. Aber andrerseits freue ich mich doch immer aufrichtig,
einem so mutig protestantischen Worte zu begegnen. Mut ist, was uns not
tut. Ein fester Protestant, selbst wenn er schroff auftritt, ist mir
jedesmal eine Herzstärkung, und ich darf ein gleiches Empfinden auch
wohl bei Ihnen, Herr von Rex, voraussetzen?«

Rex verbeugte sich. Woldemar aber sagte zu Czako: »Ja, Czako, da sehen
Sie's. Sie sind nicht einmal genannt worden. Eine Domina -- verzeih,
Tante -- bildet eben ein feines Unterscheidungsvermögen aus.«

Die Tante lächelte gnädig und sagte: »Herr von Czako ist Offizier.
Es gibt viele Wohnungen in meines Vaters Hause. Das aber muß ich
aussprechen, der Unglaube wächst, und das Katholische wächst auch. Und
das Katholische, das ist das Schlimmere. Götzendienst ist schlimmer als
Unglaube.«

»Gehst du darin nicht zu weit, liebe Tante?«

»Nein, Woldemar. Sieh, der Unglaube, der ein Nichts ist, kann den
lieben Gott nicht beleidigen; aber Götzendienst beleidigt ihn. Du
sollst keine andern Götter haben neben mir. Da steht es. Und nun gar
der Papst in Rom, der ein Obergott sein will und unfehlbar.«

Czako, während Rex schwieg und nur seine Verbeugung wiederholte, kam
auf die verwegene Idee, für Papst und Papsttum eine Lanze brechen
zu wollen, entschlug sich dieses Vorhabens aber, als er wahrnahm,
daß die alte Dame ihr Dominagesicht aufsetzte. Das war indessen nur
eine rasch vorüberziehende Wolke. Dann fuhr Tante Adelheid, das Thema
wechselnd, in schnell wiedergewonnener guter Laune fort: »Ich habe
die Fenster öffnen lassen. Aber auch jetzt noch, meine Herren, ist
es ein wenig stickig. Das macht die niedrige Decke. Darf ich Sie
vielleicht auffordern, noch eine Promenade durch unsern Garten zu
machen? Unser Klostergarten ist eigentlich das Beste, was wir hier
haben. Nur der unsers Rentmeisters ist noch gepflegter und größer und
liegt auch am See. Rentmeister Fix, der hier alles zusammenhält, ist
uns, wie in wirtschaftlichen Dingen, so auch namentlich in seinen
Gartenanlagen, ein Vorbild; überhaupt ein charaktervoller Mann, und
dabei treu wie Gold, trotzdem sein Gehalt unbedeutend ist und seine
Nebeneinnahmen ganz unsicher in der Luft schweben. Ich hatte Fix denn
auch bitten lassen, mit uns bei Tisch zu sein; er versteht so gut zu
plaudern, gut und leicht, ja beinahe freimütig und doch immer durchaus
diskret. Aber er ist dienstlich verhindert. Die Herren müssen sich
also mit mir begnügen und mit einer unsrer Konventualinnen, einem mir
lieben Fräulein, das immer munter und ausgelassen, aber doch zugleich
bekenntnisstreng ist, ganz von jener schönen Heiterkeit, die man bloß
bei denen findet, deren Glaube feste Wurzeln getrieben hat. Ein gut
Gewissen ist das beste Ruhekissen. Damit hängt es wohl zusammen.«

Rex, an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet hatten, drückte
wiederholt seine Zustimmung aus, während Czako beklagte, daß Fix
verhindert sei. »Solche Männer sprechen zu hören, die mit dem Volke
Fühlung haben und genau wissen, wie's einerseits in den Schlössern,
andrerseits in den Hütten der Armut aussieht, das ist immer in hohem
Maße fördernd und lehrreich und ein Etwas, auf das ich jederzeit ungern
verzichte.«

Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie.

Der Garten war von sehr ländlicher Art. Durch seine ganze Länge hin
zog sich ein von Buchsbaumrabatten eingefaßter Gang, neben dem links
und rechts, in wohlgepflegten Beeten, Rittersporn und Studentenblumen
blühten. Gerade in seiner Mitte weitete sich der sonst schmale Gang zu
einem runden Platz aus, darauf eine große Glaskugel stand, ganz an die
Stechliner erinnernd, nur mit dem Unterschied, daß hier das eingelegte
blanke Zinn fehlte. Beide Kugeln stammten natürlich aus der Globsower
»grünen Hütte«. Weiterhin, ganz am Ausgange des Gartens, wurde man
eines etwas schiefen Bretterzaunes ansichtig, mit einem Pflaumenbaum
dahinter, dessen einer Hauptzweig aus dem Nachbargarten her in den der
Domina herüberreichte.

Rex führte die Tante. Dann folgte Woldemar mit Hauptmann Czako, weit
genug ab von dem vorausgehenden Paar, um ungeniert miteinander sprechen
zu können.

»Nun, Czako,« sagte Woldemar, »bleiben wir, wenn's sein kann, noch ein
bißchen weiter zurück. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gern ich
in diesem Garten bin. Allen Ernstes. Ich habe hier nämlich als Junge
hundertmal gespielt und in den Birnbäumen gesessen; damals standen hier
noch etliche, hier links, wo jetzt die Mohrrübenbeete stehen. Ich mache
mir nichts aus Mohrrüben, woraus ich übrigens schließe, daß wir heute
welche zu Tisch kriegen. Wie gefällt Ihnen der Garten?«

»Ausgezeichnet. Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten, aber doch mit
viel Rittersporn drin. Und zu jedem Rittersporn gehört eine Stiftsdame.«

»Nein, Czako, nicht so. Sagen Sie mir ganz ernsthaft, ob Sie solche
Gärten leiden können.«

»Ich kann solche Gärten eigentlich nur leiden, wenn sie eine Kegelbahn
haben. Und dieser hier ist wie geschaffen dazu, lang und schmal. Alle
unsre modernen Kegelbahnen sind zu kurz, wie früher alle Betten zu
kurz waren. Wenn die Kugel aufsetzt, ist sie auch schon da, und der
Bengel unten schreit einen an mit seinem ›acht um den König‹. Für mich
fängt das Vergnügen erst an, wenn das Brett lang ist und man der Kugel
anmerkt, sie möchte links oder rechts abirren, aber die eingeborene
Gewalt zwingt sie zum Ausharren, zum Bleiben auf der rechten Bahn.
Es hat was Symbolisches oder Pädagogisches, oder meinetwegen auch
Politisches.«

Unter diesem Gespräche waren sie, ganz nach unten hin, bis an die
Stelle gekommen, wo der nachbarliche Pflaumenbaum seinen Zweig über
den Zaun wegstreckte. Neben dem Zaun aber, in gleicher Linie mit ihm,
stand eine grüngestrichene Bank, auf der, von dem Gezweig überdacht,
eine Dame saß, mit einem kleinen runden Hut und einer Adlerfeder. Als
sich die Herrschaften ihr näherten, erhob sie sich und schritt auf die
Domina zu, dieser die Hand zu küssen; zugleich verneigte sie sich gegen
die drei Herren.

»Erlauben Sie mir,« sagte Adelheid, »Sie mit meiner lieben Freundin,
Fräulein von Schmargendorf, bekannt zu machen. Hauptmann von Czako,
Ministerialassessor von Rex ... Meinen Neffen, liebe Schmargendorf,
kennen Sie ja.«

Adelheid, als sie so vorgestellt hatte, zog ihre kleine Uhr aus dem
Gürtel hervor und sagte: »Wir haben noch zehn Minuten. Wenn es Ihnen
recht ist, bleiben wir noch in Gottes freier Natur. Woldemar, führe
meine liebe Freundin, oder lieber Sie, Herr Hauptmann, -- Fräulein von
Schmargendorf wird ohnehin Ihre Tischdame sein.«

Das Fräulein von Schmargendorf war klein und rundlich, einige
vierzig Jahre alt, von kurzem Hals und wenig Taille. Von den sieben
Schönheiten, über die jede Evastochter Verfügung haben soll, hatte
sie, soweit sich ihr »Kredit« feststellen ließ, nur die Büste. Sie war
sich dessen denn auch bewußt und trug immer dunkle Tuchkleider, mit
einem Sammetbesatz oberhalb der Taille. Dieser Besatz bestand aus drei
Dreiecken, deren Spitze nach unten lief. Sie war immer fidel, zunächst
aus glücklicher Naturanlage, dann aber auch, weil sie mal gehört hatte:
Fidelität erhalte jung. Ihr lag daran, jung zu sein, obwohl sie keinen
rechten Nutzen mehr daraus ziehen konnte. Benachbarte Adlige gab es
nicht, der Pastor war natürlich verheiratet und Fix auch. Und weiter
nach unten ging es nicht.

Adelheid und Rex waren meist weit voraus, so daß man sich immer erst an
der Glaskugel traf, wenn das voranschreitende Paar schon wieder auf dem
Rückwege war. Czako grüßte dann jedesmal militärisch zur Domina hinüber.

Diese selbst war in einem Gespräch mit Rex fest engagiert und
verhandelte mit ihm über ein bedrohliches Wachsen des Sektiererwesens.
Rex fühlte sich davon getroffen, da er selbst auf dem Punkte stand,
Irvingianer zu werden; er war aber Lebemann genug, um sich schnell
zurechtzufinden und vor allem auf jede nachhaltige Bekämpfung der von
Adelheid geäußerten Ansichten zu verzichten. Er lenkte geschickt in
das Gebiet des allgemeinen Unglaubens ein, dabei sofort einer vollen
Zustimmung begegnend. Ja, die Domina ging weiter, und sich abwechselnd
auf die Apokalypse und dann wieder auf Fix berufend, betonte sie, daß
wir am Anfang vom Ende stünden. Fix gehe freilich wohl etwas zu weit,
wenn er eigentlich keinem Tage mehr so recht traue. Das seien nutzlose
Beunruhigungen, weshalb sie denn auch in ihn gedrungen sei, von solchen
Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens alles nochmals zu
prüfen. »Kein Zweifel,« so schloß sie, »Fix ist für Rechnungssachen
entschieden talentiert, aber ich habe ihm trotzdem sagen müssen, daß
zwischen Rechnungen und Rechnungen doch immer noch ein Unterschied sei.«

Czako hatte dem Fräulein von Schmargendorf den Arm gereicht; Woldemar,
weil der Mittelgang zu schmal war, folgte wenige Schritte hinter den
beiden und trat nur immer da, wo der Weg sich erweiterte, vorübergehend
an ihre Seite.

»Wie glücklich ich bin, Herr Hauptmann,« sagte die Schmargendorf, »Ihre
Partnerin zu sein, jetzt schon hier und dann später bei Tisch.«

Czako verneigte sich.

»Und merkwürdig,« fuhr sie fort, »daß gerade das Regiment Alexander
immer so vergnügte Herren hat; einen Namensvetter von Ihnen, oder
vielleicht war es auch Ihr älterer Herr Bruder, den hab ich noch von
einer Einquartierung in der Priegnitz her ganz deutlich in Erinnerung,
trotzdem es schon an die zwanzig Jahre ist oder mehr. Denn ich war
damals noch blutjung und tanzte mit Ihrem Herrn Vetter einen richtigen
Radowa, der um jene Zeit noch in Mode war, aber schon nicht mehr so
recht. Und ich hab auch noch den Namenszug und einen kleinen Vers von
ihm in meinem Album. ›Jegor von Baczko, Secondelieutenant im Regiment
Alexander.‹ Ja, Herr von Baczko, so kommt man wieder zusammen. Oder
wenigstens mit einem Herrn gleichen Namens.«

Czako schwieg und nickte nur, weil er Richtigstellungen überhaupt
nicht liebte; Woldemar aber, der jedes Wort gehört und in bezug auf
solche Dinge kleinlicher als sein Freund, der Hauptmann, dachte, wollte
durchaus Remedur schaffen und bat, das Fräulein darauf aufmerksam
machen zu dürfen, daß der Herr, der den Vorzug habe, sie zu führen,
nicht ein Herr von Baczko, sondern ein Herr von Czako sei.

Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit, Czako
selbst aber kam ihr mit großer Courtoisie zu Hilfe.

»Lieber Stechlin,« begann er, »ich beschwöre Sie um sechsundsechzig
Schock sächsische Schuhzwecken, kommen Sie doch nicht mit solchen
Kleinigkeiten, die man jetzt, glaub ich, Velleitäten nennt. Wenigstens
hab ich das Wort immer so übersetzt. Czako, Baczko, Baczko, Czako --
wie kann man davon so viel Aufhebens machen. Name, wie Sie wissen,
ist Schall und Rauch, siehe Goethe, und Sie werden sich doch nicht in
Widerspruch mit dem bringen wollen. Dazu reicht es denn doch am Ende
nicht aus.«

»Hihi.«

»Außerdem, ein Mann wie Sie, der es trotz seines Liberalismus
fertig bringt, immer seinen Adel bis wenigstens dritten Kreuzzug
zurückzuführen, ein Mann wie Sie sollte mir doch diese kleine
Verwechslung ehrlich gönnen. Denn dieser mir in den Schoß gefallene
›Baczko‹ ... Gott sei Dank, daß auch unsereinem noch was in den Schoß
fallen kann ...«

»Hihi.«

»Denn dieser mir in den Schoß gefallene Baczko ist doch einfach eine
Rang- und Standeserhöhung, ein richtiges Avancement. Die Baczkos
reichen mindestens bis Huß oder Ziska, und wenn es vielleicht Ungarn
sind, bis auf die Hunyadis zurück, während der erste wirkliche Czako
noch keine zweihundert Jahre alt ist. Und von diesem ersten wirklichen
Czako stammen wir doch natürlich ab. Erwägen Sie, bevor es nicht einen
wirklichen Czako gab, also einen steifen grauen Filzhut mit Leder
oder Blech beschlagen, eher kann es auch keinen ›+von+ Czako‹ gegeben
haben; der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen seiner Umgebung
oder seines Metiers oder seiner Beschäftigung her. Wenn ich wirklich
noch mal Lust verspüren sollte, mich standesgemäß zu verheiraten, so
scheitre ich vielleicht an der Jugendlichkeit meines Adels und werde
mich dann dieser Stunde wehmütig freundlich erinnern, die mich, wenn
auch nur durch eine Namensverwechslung, auf einen kurzen Augenblick zu
erhöhen trachtete.«

Woldemar, seiner Philisterei sich bewußt werdend, zog sich wieder
zurück, während die Schmargendorf treuherzig sagte: »Sie glauben also
wirklich, Herr von ... Herr Hauptmann ... daß Sie von einem Czako
herstammen?«

»Soweit solch merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt möglich ist, bin
ich fest davon durchdrungen.«

In diesem Moment, nach abermaliger Passierung des Platzes mit der
Glaskugel, erreichte das Paar die Bank unter dem Pflaumenbaumzweige.
Die Schmargendorf hatte schon lange vorher nach zwei großen, dicht
zusammensitzenden Pflaumen hinübergeblickt und sagte, während sie jetzt
ihre Hand danach ausstreckte: »Nun wollen wir aber ein Vielliebchen
essen, Herr Hauptmann; wo, wie hier, zwei zusammensitzen, da ist immer
ein Vielliebchen.«

»Eine Definition, der ich mich durchaus anschließe. Aber mein
gnädigstes Fräulein, wenn ich vorschlagen dürfte, mit dieser herrlichen
Gabe Gottes doch lieber bis zum Dessert zu warten. Das ist ja doch auch
die eigentliche Zeit für Vielliebchen.«

»Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich werde diese zwei bis
dahin für uns aufheben. Aber diese dritte hier, die nicht mehr so ganz
dazu gehört, die werd ich essen. Ich esse so gern Pflaumen. Und Sie
werden sie mir auch gönnen.«

»Alles, alles. Eine Welt.«

Es schien fast, als ob sich Czako noch weiter über dies Pflaumenthema,
namentlich auch über die sich darin bergenden Wagnisse verbreiten
wollte, kam aber nicht dazu, weil eben jetzt ein Diener in weißen
Baumwollhandschuhen, augenscheinlich eine Gelegenheitsschöpfung, in der
Hoftür sichtbar wurde. Dies war das mit der Domina verabredete Zeichen,
daß der Tisch gedeckt sei. Die Schmargendorf, ebenfalls eingeweiht in
diese zu raschen Entschlüssen drängende Zeichensprache, bückte sich
deshalb, um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein großes Kohlblatt
abzubrechen, auf das sie sorglich die beiden rotgetüpfelten Pflaumen
legte. Gleich danach aber aufs neue des Hauptmanns Arm nehmend, schritt
sie, unter Vorantritt der Domina, auf Hof und Flur und ganz zuletzt
auf den Salon zu, der sich inzwischen in manchem Stücke verändert
hatte, vor allem darin, daß neben dem Kamin eine zweite Konventualin
stand, in dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden, starren
Kakadu-Augen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen schienen.

»Ah, meine Liebste,« sagte die Domina, auf diese zweite Konventualin
zuschreitend, »es freut mich herzlich, daß Sie sich, trotz Migräne,
noch herausgemacht haben; wir wären sonst ohne dritte Tischdame
geblieben. Erlauben Sie mir vorzustellen: Herr von Rex, Herr von Czako
... Fräulein von Triglaff aus dem Hause Triglaff.«

Rex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, dem sie keine Fremde
war, an die Konventualin herantrat, um ein Wort der Begrüßung an sie
zu richten. Czako, die Triglaff unwillkürlich musternd, war sofort von
einer ihn frappierenden Ähnlichkeit betroffen und flüsterte gleich
danach dem sein Monocle wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise
zu: »Krippenstapel, weibliche Linie.«

Rex nickte.

Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergrunde stehende Diener
den oberen und unteren Türriegel mit einer gewissen Ostentation
zurückgezogen; einen Augenblick noch, und beide Flügel zu dem neben dem
Salon gelegenen Eßzimmer taten sich mit einer stillen Feierlichkeit auf.

»Herr von Rex,« sagte die Domina, »darf ich um Ihren Arm bitten?«

Im Nu war Rex an ihrer Seite, und gleich danach traten alle drei Paare
in den Nebenraum ein, auf dessen gastlicher und nicht ohne Geschick
hergerichteter Tafel zwei Blumenvasen und zwei silberne Doppelleuchter
standen. Auch der Diener war schon in Aktion; er hatte sich inzwischen
am Büfett in Front einer Meißner Suppenterrine aufgestellt, und indem
er den Deckel (mit einem abgestoßenen Engel obenauf) abnahm, stieg der
Wrasen wie Opferrauch in die Höhe.



Achtes Kapitel


Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimmliches ereignete,
war, von alten Zeiten her, eine gute Wirtin und besaß neben anderm auch
jene Direktoralaugen, die bei Tische so viel bedeuten; aber +eine+ Gabe
besaß sie nicht, die, das Gespräch, wie's in einem engsten Zirkel doch
sein sollte, zusammenzufassen. So zerfiel denn die kleine Tafelrunde
von Anfang an in drei Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut
schweigsam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies war die
Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte nicht wohl anders sein. Die
Triglaff, wie sich das bei Kakadugesichtern so häufig findet, verband
in sich den Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit mit ganz ungewöhnlicher
Umnachtung, und ein letzter Rest von Helle, der ihr vielleicht
geblieben sein mochte, war ihr durch eine stupende Triglaffvorstellung
schließlich doch auch noch abhanden gekommen. Eine direkte Deszendenz
von dem gleichnamigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako, war
freilich nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen, und
wenn dergleichen überhaupt vorkommen oder nach stiller Übereinkunft
auch nur allgemein angenommen werden konnte, so war nicht abzusehen,
warum gerade +sie+ leer ausgehen oder auf solche Möglichkeit verzichten
sollte. Dieser hochgespannten, ganz im Speziellen sich bewegenden
Adelsvorstellung entsprach denn auch das gereizte Gefühl, das sie
gegen +den+ Zweig des Hauses Thadden unterhielt, der sich, nach
seinem pommerschen Gute Triglaff, Thadden-Triglaff nannte, -- eine
Zubenennung, die +ihr+, der einzig wirklichen Triglaff, einfach
als ein Übergriff oder doch mindestens als eine Beeinträchtigung
erschien. Woldemar, der dies alles kannte, war dagegen gefeit und wußte
seinerseits seit lange, wie zu verfahren sei, wenn ihm die Triglaff
als Tischnachbarin zufiel. Er hatte sich für diesen Fall, der übrigens
öfter eintrat als ihm lieb war, die Namen aller Konventualinnen
auswendig gelernt, die während seiner Kinderzeit in Kloster Wutz gelebt
hatten und von denen er recht gut wußte, daß sie seit lange tot waren.
Er begann aber trotzdem regelmäßig seine Fragen so zu stellen, als ob
das Dasein dieser längst Abgeschiedenen immer noch einer Möglichkeit
unterläge.

»Da war ja hier früher, mein gnädigstes Fräulein, eine Drachenhausen,
Aurelie von Drachenhausen, und übersiedelte dann, wenn ich nicht
irre, nach Kloster Zehdenick. Es würde mich lebhaft interessieren, in
Erfahrung zu bringen, ob sie noch lebt oder ob sie vielleicht schon tot
ist.«

Die Triglaff nickte.

Czako, dieses Nicken beobachtend, sprach sich später gegen Rex dahin
aus, daß das alles mit der Abstammung der Triglaff ganz natürlich
zusammenhänge. »Götzen nicken bloß.«

Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede zwischen Tante Adelheid
und dem Ministerialassessor, und das Gespräch beider, das nur
sittliche Hebungsfragen berührte, hätte durchaus den Charakter einer
gemütlichen, aber doch durch Ernst geweihten Synodalplauderei gehabt,
wenn sich nicht die Gestalt des Rentmeisters Fix beständig eingedrängt
hätte, dieses Dominaprotegés, von dem Rex, unter Zurückhaltung
seiner wahren Meinung, immer aufs neue versicherte, »daß in diesem
klösterlichen Beamten eine seltene Verquickung von Prinzipienstrenge
mit Geschäftsgenie vorzuliegen scheine«.

Das waren die zwei Paare, die den linken Flügel beziehungsweise die
Mitte des Tisches bildeten. Die beiden Hauptfiguren waren aber doch
Czako und die Schmargendorf, die ganz nach rechts hin saßen, in Nähe
der dicken Fenstergardinen aus Wollstoff, in deren Falten denn auch
vieles glücklicherweise verklang. An die Suppe hatte sich ein Fisch
und an diesen ein Linsenpüree mit gebackenem Schinken gereiht, und nun
wurden gespickte Rebhuhnflügel in einer pikanten Sauce, die zugleich
Küchengeheimnis der Domina war, herumgereicht. Czako, trotzdem er
schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen hatte, nahm ein
zweites Mal auch noch von dem Rebhuhngericht und fühlte das Bedürfnis,
dies zu motivieren.

»Eine gesegnete Gegend, Ihre Grafschaft hier,« begann er. »Aber
freilich heuer auch eine gesegnete Jahreszeit. Gestern abend bei
Dubslav von Stechlin Krammetsvögelbrüste, heute bei Adelheid von
Stechlin Rebhuhnflügel.«

»Und was ziehen Sie vor?« fragte die Schmargendorf.

»Im allgemeinen, mein gnädigstes Fräulein, ist die Frage wohl zugunsten
ersterer entschieden. Aber hier und speziell für mich ist doch wohl der
Ausnahmefall gegeben.«

»Warum ein Ausnahmefall?«

»Sie haben recht, eine solche Frage zu stellen. Und ich antworte, so
gut ich kann. Nun denn, in Brust und Flügel ...«

»Hihi.«

»In Brust und Flügel schlummert, wie mir scheinen will, ein großartiger
Gegensatz von hüben und drüben; es gibt nichts Diesseitigeres als
Brust, und es gibt nichts Jenseitigeres als Flügel. Der Flügel trägt
uns, erhebt uns. Und deshalb, trotz aller nach der andern Seite hin
liegenden Verlockung, möchte ich alles, was Flügel heißt, doch höher
stellen.«

Er hatte dies in einem möglichst gedämpften Tone gesprochen. Aber
es war nicht nötig, weil einerseits die links ihm zunächst sitzende
Triglaff aus purem Hochgefühl ihr Ohr gegen alles, was gesprochen
wurde, verschloß, während andrerseits die Domina, nachdem der Diener
allerlei kleine Spitzgläser herumgereicht hatte, ganz ersichtlich mit
einer Ansprache beschäftigt war.

»Lassen Sie mich Ihnen noch einmal aussprechen,« sagte sie, während sie
sich halb erhob, »wie glücklich es mich macht, Sie in meinem Kloster
begrüßen zu können. Herr von Rex, Herr von Czako, Ihr Wohl.«

Man stieß an. Rex dankte unmittelbar und sprach, als man sich wieder
gesetzt hatte, seine Bewunderung über den schönen Wein aus. »Ich
vermute Montefiascone.«

»Vornehmer, Herr von Rex,« sagte Adelheid in guter Stimmung, »eine
Rangstufe höher. Nicht Montefiascone, den wir allerdings unter meiner
Amtsvorgängerin auch hier im Keller hatten, sondern ~Lacrimae Christi~.
Mein Bruder, der alles bemängelt, meinte freilich, als ich ihm vor
einiger Zeit davon vorsetzte, das passe nicht, das sei Begräbniswein,
höchstens Wein für Einsegnungen, aber nicht für heitere Zusammenkünfte.«

»Ein Wort von eigenartiger Bedeutung, darin ich Ihren Herrn Bruder
durchaus wiedererkenne.«

»Gewiß, Herr von Rex. Und ich bin mir bewußt, daß uns der Name gerade
dieses Weines allerlei Rücksichten auferlegt. Aber wenn Sie sich
vergegenwärtigen wollen, daß wir in einem Stift, einem Kloster sind ...
und so meine ich denn, der Ort, an dem wir leben, gibt uns doch auch
ein Recht und eine Weihe.«

»Kein Zweifel. Und ich muß nachträglich die Bedenken Ihres Herrn
Bruders als irrtümlich anerkennen. Aber wenn ich mich so ausdrücken
darf, ein kleidsamer Irrtum ... Auf das Wohl Ihres Herrn Bruders.«

Damit schloß das etwas difficile Zwiegespräch, dem alle mit einiger
Verlegenheit gefolgt waren. Nur nicht die Schmargendorf. »Ach,« sagte
diese, während sie sich halb in den Vorhängen versteckte, »wenn wir von
dem Wein trinken, dann hören wir auch immer dieselbe Geschichte. Die
Domina muß sich damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert
haben. Und doch hat er eigentlich recht; schon der bloße Name stimmt
ernst und feierlich, und es liegt was drin, das einem Christenmenschen
denn doch zu denken gibt. Und gerade wenn man so recht vergnügt ist.«

»Darauf wollen wir anstoßen,« sagte Czako, völlig im Dunkeln lassend,
ob er mehr den Christenmenschen oder den Ernst oder das Vergnügtsein
meinte.

»Und überhaupt,« fuhr die Schmargendorf fort, »die Weine müßten
eigentlich alle anders heißen, oder wenigstens sehr, sehr viele.«

»Ganz meine Meinung, meine Gnädigste,« sagte Czako. »Da sind wirklich
so manche ... Man darf aber andrerseits das Zartgefühl nicht
überspannen. Will man das, so bringen wir uns einfach um die reichsten
Quellen wahrer Poesie. Da haben wir beispielsweise, so ganz allgemein
und bloß als Gattungsbegriff, die ›Milch der Greise‹ -- zunächst ein
durchaus unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald (denn unsre Sprache
liebt solche Spiele) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen,
selbst Geschlechtsüberspringungen an uns heran, und ehe wir's uns
versehen, hat sich die ›Milch der Greise‹ in eine ›Liebfrauenmilch‹
verwandelt.«

»Hihi ... Ja, Liebfrauenmilch, die trinken wir auch. Aber nur selten.
Und es ist auch nicht +der+ Name, woran ich eigentlich dachte.«

»Sicherlich nicht, meine Gnädigste. Denn wir haben eben noch andre,
decidiertere, denen gegenüber uns dann nur noch das Refugium der
französischen Aussprache bleibt.«

»Hihi ... Ja, französisch, da geht es. Aber doch auch nicht immer, und
jedesmal, wenn Rentmeister Fix unser Gast ist und die Triglaff die
Flasche hin und her dreht (und ich habe gesehen, daß sie sie dreimal
herumdrehte), dann lacht Fix ... Übrigens sieht es so aus, als ob die
Domina noch was auf dem Herzen hätte; sie macht ein so feierliches
Gesicht. Oder vielleicht will sie auch bloß die Tafel aufheben.«

Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf vermutete. »Meine
Herren,« sagte die Domina, »da Sie zu meinem Leidwesen so früh fort
wollen (wir haben nur noch wenig über eine Viertelstunde), so geb ich
anheim, ob wir den Kaffee lieber in meinem Zimmer nehmen wollen oder
draußen unter dem Holunderbaum.«

Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber während man sich unmittelbar
danach erhob, küßte Czako der Schmargendorf die Hand und sagte mit
einem gewissen Empressement: »Unter dem Holunderbaum also.«

Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten, auf was es sich
bezog. Aber das war Czako gleich. Ihm lag lediglich daran, sich ganz
privatim, ganz für sich selbst, die Schmargendorf auf einen kurzen,
aber großen Augenblick als »Käthchen« vorstellen zu können.

Im übrigen zeigte sich's, daß nicht bloß Czako, sondern auch Rex und
Woldemar für den Holunderbaum waren, und so näherte man sich denn
diesem.

Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim Einreiten in den
Klosterhof gesehen, aber in jenem Augenblick wenig beachtet hatten.
Jetzt erst bemerkten sie, was es mit ihm auf sich habe. Der Baum,
der uralt sein mochte, stand außerhalb des Gehöftes, war aber,
ähnlich wie der Pflaumenbaum im Garten, mit seinem Gezweig über das
zerbröckelte Gemäuer fortgewachsen. Er war an und für sich schon eine
Pracht. Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh, das war, daß
sein Laubendach von ein paar dahinter stehenden Ebereschenbäumen wie
durchwachsen war, so daß man überall neben den schwarzen Fruchtdolden
des Holunders die leuchtenden roten Ebereschenbüschel sah. Auch das
verschiedene Laub schattierte sich. Rex und Czako waren aufrichtig
entzückt, beinahe mehr als zulässig. Denn so reizend die Laube selbst
war, so zweifelhaft war das unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung
und durchaus ermangelnder Sauberkeit ausgebreitete Hofbild. Aber
pittoresk blieb es doch. Zusammengemörtelte Feldsteinklumpen lagen in
hohem Grase, dazwischen Karren und Düngerwagen, Enten- und Hühnerkörbe,
während ein kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an die
Laube herankam, sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu
messen.

Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und führte die Pferde vor.
Czako wies darauf hin. Bevor er aber noch an die Domina herantreten
und ihr einige Dankesworte sagen konnte, kam die Schmargendorf, die
kurz vorher ihren Platz verlassen, mit dem großen Kohlblatt zurück, auf
dem die beiden zusammengewachsenen Pflaumen lagen. »Sie wollten mir
entgehen, Herr von Czako. Das hilft Ihnen aber nichts. Ich will mein
Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen sehen, ich siege.«

»Sie siegen immer, meine Gnädigste.«



Neuntes Kapitel


Rex und Czako ritten ab; Fritz führte Woldemars Pferd am Zügel. Aber
weder die Schmargendorf noch die Triglaff erwiesen sich, als die
beiden Herren fort und die drei Damen samt Woldemar in die Wohnräume
zurückgekehrt waren, irgendwie beflissen, das Feld zu räumen, was die
Domina, die wegen zu verhandelnder difficiler Dinge mit ihrem Neffen
allein sein wollte, stark verstimmte. Sie zeigte das auch, war steif
und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die Schmargendorf mit
einem Male glückstrahlend versicherte: jetzt wisse sie's; sie habe noch
eine Photographie, die wolle sie gleich an Herrn von Czako schicken,
und wenn er dann morgen mittag von Cremmen her in Berlin einträfe,
dann werd er Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des
Bildes ein »Guten Morgen, Vielliebchen«. Die Domina fand alles so
lächerlich und unpassend wie nur möglich; weil ihr aber daran lag, die
Schmargendorf loszuwerden, so hielt sie mit ihrer wahren Meinung zurück
und sagte: »Ja, liebe Schmargendorf, wenn Sie so was vorhaben, dann
ist es allerdings die höchste Zeit. Der Postbote kann gleich kommen.«
Und wirklich, die Schmargendorf ging, nur die Triglaff zurücklassend,
deren Auge sich jetzt von der Domina zu Woldemar hinüber und dann
wieder von Woldemar zur Domina zurückbewegte. Sie war bei dem allem
ganz unbefangen. Ein Verlangen, etwas zu belauschen oder von ungefähr
in Familienangelegenheiten eingeweiht zu werden, lag ihr völlig fern,
und alles, was sie trotzdem zum Ausharren bestimmte, war lediglich
der Wunsch, solchem historischen Beisammensein eine durch ihre
Triglaffgegenwart gesteigerte Weihe zu geben. Indessen schließlich ging
auch sie. Man hatte sich wenig um sie gekümmert, und Tante und Neffe
ließen sich, als sie jetzt allein waren, in zwei braune Plüschfauteuils
(Erbstücke noch vom Schloß Stechlin her) nieder, Woldemar allerdings
mit äußerster Vorsicht, weil die Sprungfedern bereits jenen Altersgrad
erreicht hatten, wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu geben,
sondern auch zu stechen anfangen.

Die Tante bemerkte nichts davon, war vielmehr froh, ihren Neffen
endlich allein zu haben, und sagte mit rasch wiedergewonnenem Behagen:
»Ich hätte dir schon bei Tische gern was Bessres an die Seite gegeben;
aber wir haben hier, wie du weißt, nur unsre vier Konventualinnen, und
von diesen vieren sind die Schmargendorf und die Triglaff immer noch
die besten. Unsre gute Schimonski, die morgen einundachtzig wird, ist
eigentlich ein Schatz, aber leider stocktaub, und die Teschendorf,
die mal Gouvernante bei den Esterhazys war und auch noch den Fürsten
Schwarzenberg, dessen Frau in Paris verbrannte, gekannt hat, ja, die
hätt ich natürlich solchem feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne
vorgesetzt, aber es ist ein Unglück, die arme Person, die Teschendorf,
ist so zittrig und kann den Löffel nicht recht mehr halten. Da hab
ich denn doch lieber die Triglaff genommen; sie ist sehr dumm, aber
doch wenigstens manierlich, soviel muß man ihr lassen. Und die
Schmargendorf ...«

Woldemar lachte.

»Ja, du lachst, Woldemar, und ich will dir auch nicht bestreiten,
daß man über die gute Seele lachen kann. Aber sie hat doch auch
was Gehaltvolles in ihrer Natur, was sich erst neulich wieder in
einem intimen Gespräch mit unserm Fix zeigte, der trotz aller
Bekenntnisstrenge (die selbst Koseleger ihm zugesteht) an unserm
letzten Whistabend Äußerungen tat, die wir alle tief bedauern mußten,
wir, die wir die Whistpartie machten, nun schon ganz gewiß, aber auch
die gute, taube Schimonski, der wir, weil sie uns so aufgeregt sah,
alles auf einen Zettel schreiben mußten.«

»Und was war es denn?«

»Ach, es handelte sich um das, was uns allen, wie du dir denken kannst,
jetzt das Teuerste bedeutet, um den ›Wortlaut‹. Und denke dir, unser
Fix war dagegen. Er mußte wohl denselben Tag was gelesen haben, was
ihn abtrünnig gemacht hatte. Personen wie Fix sind sehr bestimmbar.
Und kurz und gut, er sagte: das mit dem ›Wortlaut‹, das ginge nicht
länger mehr, die ›Werte‹ wären jetzt anders, und weil die Werte nicht
mehr dieselben wären, müßten auch die Worte sich danach richten und
müßten gemodelt werden. Er sagte ›gemodelt‹. Aber was er am meisten
immer wieder betonte, das waren die ›Werte‹ und die Notwendigkeit der
›Umwertung‹.«

»Und was sagte die Schmargendorf dazu?«

»Du hast ganz recht, mich dabei wieder auf die Schmargendorf zu
bringen. Nun, die war außer sich und hat die darauffolgende Nacht
nicht schlafen können. Erst gegen Morgen kam ihr ein tiefer Schlaf,
und da sah sie, so wenigstens hat sie's mir und dem Superintendenten
versichert, einen Engel, der mit seinem Flammenfinger immer auf ein
Buch wies und in dem Buch auf eine und dieselbe Stelle.«

»Welche Stelle?«

»Ja, darüber war ein Streit; die Schmargendorf hatte sie genau gelesen
und wollte sie hersagen. Aber sie sagte sie falsch, weil sie Sonntags
in der Kirche nie recht aufpaßt. Und wir sagten ihr das auch. Und denke
dir, sie widersprach nicht und blieb überhaupt ganz ruhig dabei. ›Ja,‹
sagte sie, ›sie wisse recht gut, daß sie die Stelle falsch hergesagt
hätte, sie habe nie was richtig hersagen können; aber das wisse sie
ganz genau, die Stelle mit dem Flammenfinger, das sei der ›Wortlaut‹
gewesen.‹«

»Und das hast du wirklich alles geglaubt, liebe Tante? Diese gute
Schmargendorf! Ich will ihr ja gerne folgen; aber was ihren Traum
angeht, da kann ich beim besten Willen nicht mit. Es wird ihr ein
Amtmann erschienen sein oder ein Pastor. Dreißig Jahre früher wär es
ein Student gewesen.«

»Ach, Woldemar, sprich doch nicht so. Das ist ja die neue Façon, in
der die Berliner sprechen, und in dem Punkt ist einer wie der andre.
Dein Freund Czako spricht auch so. Du mokierst dich jetzt über die gute
Schmargendorf, und dein Freund, der Hauptmann, soviel hab ich ganz
deutlich gesehen, tat es auch und hat sie bei Tische geuzt.«

»Geuzt?«

»Du wunderst dich über das Wort, und ich wundre mich selber darüber.
Aber daran ist auch unser guter Fix schuld. Der ist alle Monat mal
nach Berlin rüber, und wenn er dann wiederkommt, dann bringt er so was
mit, und wiewohl ich's unpassend finde, nehm ich's doch an und die
Schmargendorf auch. Bloß die Triglaff nicht und natürlich die gute
Schimonski auch nicht, wegen der Taubheit. Ja, Woldemar, ich sage
›geuzt‹, und dein Freund Czako hätt es lieber unterlassen sollen. Aber
das muß wahr sein, er ist amüsant, wenn auch ein bißchen auf der Wippe.
Siehst du ihn oft?«

»Nein, liebe Tante. Nicht oft. Bedenke die weiten Entfernungen. Von
unsrer Kaserne bis zu seiner, oder auch umgekehrt, das ist eine kleine
Reise. Dazu kommt noch, daß wir vor unserm Halleschen Tor eigentlich
gar nichts haben, bloß die Kirchhöfe, das Tempelhofer Feld und das
Rotherstift.«

»Aber ihr habt doch die Pferdebahn, wenn ihr irgendwo hin wollt. Beinah
muß ich sagen leider. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn ich mal
in Berlin bin, so die Offiziere zu sehen, wie sie da hinten stehen und
Platz machen, wenn eine Madamm aufsteigt, manchmal mit nem Korb und
manchmal auch mit ner Spreewaldsamme. Mir immer ein Horreur.«

»Ja, die Pferdebahn, liebe Tante, die haben wir freilich, und man kann
mit ihr in einer halben Stunde bis in Czakos Kaserne. Der weite Weg ist
es auch eigentlich nicht, wenigstens nicht allein, weshalb ich Czako so
selten sehe. Der Hauptgrund ist doch wohl der, er paßt nicht so ganz zu
uns und eigentlich auch kaum zu seinem Regiment. Er ist ein guter Kerl,
aber ein Äquivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten.
Wenn man ihn allein hat, geht es. Aber hat er ein Publikum, dann
kribbelt es ihn ordentlich, und je feiner das Publikum ist, desto mehr.
Er hat mich schon oft in Verlegenheit gebracht. Ich muß sagen, ich hab
ihn sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr überlegen.«

»Ja, Rex; natürlich. Das hab ich auch gleich bemerkt, ohne mir weiter
Rechenschaft darüber zu geben. Du wirst es aber wissen, wodurch er ihm
überlegen ist.«

»Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien abwägt. Rex ist mehr als
Czako. Und dann ist Rex Kavallerist.«

»Aber ich denke, er ist Ministerialassessor.«

»Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht noch darüber
hinaus, ist er Offizier, und sogar in unsrer Dragonerbrigade.«

»Das freut mich; da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad von dir.«

»Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht. Denn erstens ist er
in der Reserve, und zweitens steht er bei den zweiten Dragonern.«

»Macht das nen Unterschied?«

»Gott, Tante, wie man's nehmen will. Ja und nein. Bei Mars la Tour
haben wir dieselbe Attacke geritten.«

»Und doch ...«

»Und doch ist da ein gewisses ~je ne sais quoi~.«

»Sage nichts Französisches. Das verdrießt mich immer. Manche sagen
jetzt auch Englisches, was mir noch weniger gefällt. Aber lassen wir
das; ich finde nur, es wäre doch schrecklich, wenn es so bloß nach
der Zahl ginge. Was sollte denn da das Regiment anfangen, bei dem
ein Bruder unsrer guten Schmargendorf steht? Es ist, glaube ich, das
hundertfünfundvierzigste.«

»Ja, wenn es so hoch kommt, dann vertut es sich wieder. Aber so bei der
Garde ...«

Die Domina schüttelte den Kopf. »Darin, mein lieber Woldemar, kann
ich dir doch kaum folgen. Unser Fix sagt mitunter, ich sei zu
exklusiv, aber so exklusiv bin ich doch noch lange nicht. Und solch
Verstandesmensch, wie du bist, so ruhig und dabei so ›abgeklärt‹, wie
manche jetzt sagen, und, Gott verzeih mir die Sünde, auch so liberal,
worüber selbst dein Vater klagt. Und nun kommst du mir mit solchem
Vorurteil, ja, verzeih mir das Wort, mit solchen Überheblichkeiten.
Ich erkenne dich darin gar nicht wieder. Und wenn ich nun das erste
Garderegiment nehme, das ist ja doch auch ein erstes. Ist es denn
mehr als das zweite? Man kann ja sagen, soviel will ich zugeben, sie
haben die Blechmützen und sehen aus, als ob sie lauter Holländerinnen
heiraten wollten ... Was ihnen schon gefallen sollte.«

»Den Holländerinnen?«

»Nun, denen auch,« lachte die Tante. »Aber ich meinte jetzt unsre
Leute. Mißversteh mich übrigens nicht. Ich weiß recht gut, was es
mit den großen Grenadieren auf sich hat; aber die andern sind doch
ebensogut, und Potsdam ist doch schließlich bloß Potsdam.«

»Ja, Tante, das ist es ja eben. Daß sie noch immer in Potsdam sind,
das macht es. Deshalb ist es nach wie vor die ›Potsdamer Wachtparade‹.
Und dann das Wort ›erstes‹ spielt allerdings auch mit. Ein alter
Römer, mit dessen Namen ich dich nicht behelligen will, der wollte in
seinem Potsdam lieber der Erste, als in seinem Berlin der Zweite sein.
Wer der Erste ist, nun, der ist eben der Erste, und als die andern
aufstanden, da hatte dieser ›Erste‹ schon seinen Morgenspaziergang
gemacht und mitunter was für einen! Sieh, als das zweite Garderegiment
geboren wurde, da hatten die mit den Blechmützen schon den ganzen
Siebenjährigen Krieg hinter sich. Es ist damit wie mit dem ältesten
Sohn. Der älteste Sohn kann unter Umständen dümmer und schlechter
sein als sein Bruder, aber er ist der älteste, das kann ihm keiner
nehmen, und das gibt ihm einen gewissen Vorrang, auch wenn er sonst gar
keinen Vorzug hat. Alles ist göttliches Geschenk. Warum ist der eine
hübsch und der andere häßlich? Und nun gar erst die Damen. In das eine
Fräulein verliebt sich alles, und das andre spielt bloß Mauerblümchen.
Es wird jedem seine Stelle gegeben. Und so ist es auch mit unserm
Regiment. Wir mögen nicht besser sein als die andern, aber wir sind die
ersten, wir haben die Nummer eins.«

»Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit, Woldemar. Was in
unsrer Armee den Ausschlag gibt, ist doch immer die Schneidigkeit.«

»Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht davon. Das ist ein
Wort für kleine Garnisonen. Wir wissen, was wir zu tun haben. Dienst
ist alles, und Schneidigkeit ist bloß Renommisterei. Und das ist das,
was bei uns am niedrigsten steht.«

»Gut, Woldemar; was du da zuletzt gesagt hast, das gefällt mir. Und
in diesem Punkte muß ich auch deinen Vater loben. Er hat vieles, was
mir nicht zusagt, aber darin ist er doch ein echter Stechlin. Und du
bist auch so. Und das hab ich immer gefunden, alle, die so sind, die
schießen zuletzt doch den Vogel ab, ganz besonders auch bei den Damen.«

Dies »bei den Damen« war nicht ohne Absicht gesprochen und schien auf
das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema hinüberführen zu sollen.
Aber ehe die Tante noch eine direkte Frage stellen konnte, wurde der
Rentmeister gemeldet, der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam.
Die Domina wandte sich denn auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar
und sagte: »Soll ich ihn fortschicken?«

»Es wird kaum gehen, liebe Tante.«

»Nun denn.«

Und gleich danach trat Fix ein.



Zehntes Kapitel


Während Woldemar und die Domina miteinander plauderten, erst im
Tete-a-Tete, dann in Gegenwart von Rentmeister Fix, ritten Rex und
Czako (Fritz mit dem Leinpferd folgend) auf Cremmen zu. Das war noch
eine tüchtige Strecke, gute drei Meilen. Aber trotzdem waren beide
Reiter übereingekommen, nichts zu übereilen und sich's nach Möglichkeit
bequem zu machen. »Es ist am Ende gleichgültig, ob wir um acht oder
um neun über den Cremmer Damm reiten. Das bißchen Abendrot, das da
drüben noch hinter dem Kirchturm steht ... Fritz, wie heißt er? Welcher
Kirchturm ist es? ...« -- »Das ist der Wulkowsche, Herr Hauptmann!« --
»... Also, das bißchen Abendrot, das da noch hinter dem Wulkowschen
steht, wird ohnehin nicht lange mehr vorhalten. Dunkel wird's also
doch, und von dem Hohenlohedenkmal, das ich mir übrigens gern einmal
näher angesehen hätte (man muß so was immer auf dem Hinwege mitnehmen),
kommt uns bei Tageslicht nichts mehr vor die Klinge. Das Denkmal liegt
etwas ab vom Wege.«

»Schade,« sagte Rex.

»Ja, man kann es beinah sagen. Ich für meine Person komme schließlich
drüber hin, aber ein Mann wie Sie, Rex, sollte dergleichen mehr
wallfahrtartig auffassen.«

»Ach Czako, Sie reden wieder tolles Zeug, diesmal mit einem kleinen
Abstecher ins Lästerliche. Was soll ›Wallfahrt‹ hier überhaupt? Und
dann, was haben Sie gegen Wallfahrten? Und was haben Sie gegen die
Hohenlohes?«

»Gott, Rex, wie Sie sich wieder irren. Ich habe nichts gegen die einen,
und ich habe nichts gegen die andern. Alles, was ich von Wallfahrten
gelesen habe, hat mich immer nur wünschen lassen, mal mit dabei zu
sein. Und ~ad vocem~ der Hohenlohes, so kann ich Ihnen nur sagen, für
die hab ich sogar was übrig in meinem Herzen, viel, viel mehr als für
unser eigentliches Landesgewächs. Oder, wenn Sie wollen, für unsre
Autochthonen.«

»Und das meinen Sie ganz ernsthaft?«

»Ganz ernsthaft. Und wir wollen mal fünf Minuten wie vernünftige Leute
darüber reden. Wenn ich sage ›wir‹, so meine ich natürlich mich. Denn
Sie sprechen immer vernünftig. Vielleicht ein bißchen zu sehr.«

Rex lächelte. »Nun gut; ich will's Ihnen glauben.«

»Also die Hohenlohes,« fuhr Czako fort. »Ja, wie steht es damit? Wie
liegt da die Sache? Da kommt hier so Anno Domini ein Burggraf ins
Land, und das Land will ihn nicht, und er muß sich alles erst erobern,
die Städte beinah und die Schlösser gewiß. Und die Herzen natürlich
erst recht. Und der Kaiser sitzt mal wieder weitab und kann ihm nicht
helfen. Und da hat nun dieser Nürnberger Burggraf, wenn's hoch kommt,
ein halbes Dutzend Menschen um sich, schwäbische Leute, die mit ihm in
diese Mördergrube hinabsteigen. Denn ein bißchen so was war es. Und
geht auch gleich los, und die Quitzows und die, die's sein wollen,
rufen die Pommern ins Land, und hier auf diesem alten Cremmer Damm
stoßen sie zusammen, und die paar, die da fallen, das sind eben die
Schwaben, die's gewagt hatten und mit in den Kahn gestiegen waren.
Allen vorauf aber ein Graf, so ein Herr in mittleren Jahren. Der fiel
zuerst und versank in den Sumpf, und da liegt er. Das heißt, sie haben
ihn rausgeholt, und nun liegt er in der Klosterkirche. Und dieser eine,
der da voran fiel, der hieß Hohenlohe.«

»Ja, Czako, das weiß ich ja alles. Das steht ja schon im
Brandenburgischen Kinderfreund. Sie denken aber immer, Sie haben so was
allein gepachtet.«

»Immer vorsichtig, Rex; im Kinderfreund steht es. Gewiß. Aber was steht
nicht alles -- von Kinderfreund gar nicht zu reden -- in Bibel und
Katechismus, und die Leute wissen es doch nicht. Ich zum Beispiel. Und
ob es nun drin steht oder nicht drin steht, ich sage nur: so hat es
angefangen, und so läuft der Hase noch. Oder glauben Sie, daß der alte
Fürst, der jetzt dran ist, daß der zu seinem Spezialvergnügen in unser
sogenanntes Reichskanzlerpalais gezogen ist, drin die Bismarckschen
Nachfolger, die sich wahrhaftig nicht danach drängten, ihre Tage
vertrauern? Ein Opfer ist es, nicht mehr und nicht weniger, und ein
Opfer bringt auch der alte Fürst, gerade wie der, der damals am Cremmer
Damm als erster fiel. Und ich sage Ihnen, Rex, das ist das, was mir
imponiert; immer da sein, wenn Not an Mann ist. Die Kleinen von hier,
trotz der ›Loyalität bis auf die Knochen‹, die mucken immer bloß auf,
aber die wirklich Vornehmen, die gehorchen, nicht einem Machthaber,
sondern dem Gefühl ihrer Pflicht.«

Rex war einverstanden und wiederholte nur: »Schade, daß wir so spät an
dem Denkmal vorbeikommen.«

»Ja, schade,« sagte Czako. »Wir müssen es uns aber schenken. Im
übrigen, denk ich, lassen wir in dem, was wir uns noch weiter zu sagen
haben, die Hohenlohes aus dem Spiel. Andres liegt uns heute näher. Wie
hat Ihnen denn eigentlich die Schmargendorf gefallen?«

»Ich werde mich hüten, Czako, Ihnen darauf zu antworten. Außerdem haben
Sie sie durch den Garten geführt, nicht ich, und mir war immer, als ob
ich Faust und Gretchen sähe.«

Czako lachte. »Natürlich schwebt Ihnen das andre Paar vor, und ich
bin nicht böse darüber. Die Rolle, die mir dabei zufällt -- der mit
der Hahnenfeder ist doch am Ende ne andre Nummer wie der sentimentale
›Habe-nun-ach-Mann‹ -- diese Mephistorolle, sag ich, gefällt mir
besser, und was die Schmargendorf angeht, so kann ich nur sagen: Von
meiner Martha lass' ich nicht.«

»Czako, Sie münden wieder ins Frivole.«

»Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie sollen recht haben.
Lassen wir also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes. Aber
über die Domina ließe sich vielleicht sprechen, und sind wir erst
bei der Tante, so sind wir auch bald bei dem Neffen. Ich fürchte,
unser Freund Woldemar befindet sich in diesem Augenblick in einer
scharfen Zwickmühle. Die Domina liegt ihm seit Jahr und Tag (er hat mir
selber Andeutungen darüber gemacht) mit Heiratsplänen in den Ohren,
mutmaßlich weil ihr die Vorstellung einer Stechlinlosen Welt einfach
ein Schrecknis ist. Solche alten Jungfern mit einer Granatbrosche haben
immer eine merkwürdig hohe Meinung von ihrer Familie. Freilich auch
andre, die klüger sein sollten. Unsre Leute gefallen sich nun mal in
der Idee, sie hingen mit dem Fortbestande der göttlichen Weltordnung
aufs engste zusammen. In Wahrheit liegt es so, daß wir sämtlich
abkommen können. Ohne die Czakos geht es nun schon gewiß, wofür
sozusagen historisch-symbolisch der Beweis erbracht ist.«

»Und die Rex?«

»Vor diesem Namen mach ich halt.«

»Wer's Ihnen glaubt. Aber lassen wir die Rex und lassen wir die Czakos,
und bleiben wir bei den Stechlins, will sagen bei unserm Freunde
Woldemar. Die Tante will ihn verheiraten, darin haben Sie recht.«

»Und ich habe wohl auch recht, wenn ich das eine heikle Lage nenne.
Denn ich glaube, daß er sich seine Freiheit wahren will und mit
Bewußtsein auf den Célibataire lossteuert.«

»Ein Glauben, in dem Sie sich, lieber Czako, wie jedesmal, wenn Sie zu
glauben anfangen, in einem großen Irrtum befinden.«

»Das kann nicht sein.«

»Es kann nicht bloß sein, es ist. Und ich wundre mich nur, daß
gerade Sie, der Sie doch sonst das Gras wachsen hören und allen
Gesellschaftsklatsch kennen wie kaum ein zweiter, daß gerade Sie von
dem allen kein Sterbenswörtchen vernommen haben sollen. Sie verkehren
doch auch bei den Xylanders, ja, ich glaube, Sie da, letzten Winter,
mal kämpfend am Büfett gesehen zu haben.«

»Gewiß.«

»Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens, Baron und
Frau, und in lebhaftestem Gespräche mit diesem bayerischen Baron ein
distinguierter alter Herr und zwei Damen. Und diese drei, das waren die
Barbys.«

»Die Barbys,« wiederholte Czako, »Botschaftsrat oder dergleichen.
Ja, gewiß, ich habe davon gehört; aber ich kann mich jedenfalls
nicht erinnern, ihn und die Damen gesehen zu haben. Und sicherlich
nicht an jenem Abend, wo ja von Vorstellen keine Rede war, die reine
Völkerschlacht. Aber Sie wollten mir, glaube ich, von eben diesen
Barbys erzählen.«

»Ja, das wollt ich. Ich wollte Sie nämlich wissen lassen, daß Ihr
Célibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben diesem Hause
regelmäßig verkehrt.«

»Er wird wohl in vielen Häusern verkehren.«

»Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da das eine Haus ihn ganz in
Anspruch nimmt.«

»Nun gut, so lassen wir ihn bei den Barbys. Aber was bedeutet das?«

»Das bedeutet, daß in einem solchen Hause verkehren und sich mit
einer Tochter verloben so ziemlich ein und dasselbe ist. Bloß eine
Frage der Zeit. Und die Tante wird sich damit aussöhnen müssen, auch
wenn sie, wie beinah gewiß, über ihr Herzblatt bereits anders verfügt
haben sollte. Solche Dinge begleichen sich indessen fast immer. Unser
Woldemar wird sich aber mittlerweile vor ganz andre Schwierigkeiten
gestellt sehen.«

»Und die wären? Ist er nicht vornehm genug? Oder mankiert vielleicht
Gegenliebe?«

»Nein, Czako, von ›mankierender Gegenliebe‹, wie Sie sich auszudrücken
belieben, kann keine Rede sein. Die Schwierigkeiten liegen in was
anderm. Es sind da nämlich, wie ich mir schon anzudeuten erlaubte,
zwei Komtessen im Hause. Nun, die jüngere wird es wohl werden, schon
weil sie eben die jüngere ist. Aber so ganz sicher ist es doch
keineswegs. Denn auch die ältere, wiewohl schon über dreißig, ist sehr
reizend und zum Überfluß auch noch Witwe -- das heißt eigentlich nicht
Witwe, sondern richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene Frau.
Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet, oder vielleicht auch nicht
verheiratet.«

»Verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet,« wiederholte
Czako, während er unwillkürlich sein Pferd anhielt. »Aber Rex, das ist
ja hoch pikant. Und daß ich erst heute davon höre und noch dazu durch
Sie, der Sie sich von solchen Dingen doch zunächst entsetzt abwenden
müßten. Aber so seid ihr Konventikler. Schließlich ist all dergleichen
doch eigentlich euer Lieblingsfeld. Und nun erzählen Sie weiter,
ich bin neugierig wie ein Backfisch. Wer war denn der unglücklich
Glückliche?«

»Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, wer es war, der diese
ältere Komtesse heiratete. Nun dieser glücklich Unglückliche -- oder
vielleicht auch umgekehrt -- war auch Graf, sogar ein italienischer
(vorausgesetzt, daß Sie dies als eine Steigerung ansehn), und hatte
natürlich einen echt italienischen Namen: Conte Ghiberti, derselbe Name
wie der des florentinischen Bildhauers, von dem die berühmten Türen
herrühren.«

»Welche Türen?«

»Nun, die berühmten Baptisteriumtüren in Florenz, von denen
Michelangelo gesagt haben soll, ›sie wären wert, den Eingang zum
Paradiese zu bilden‹. Und diese Türen heißen denn auch, ihrem großen
Künstler zu Ehren, die Ghibertischen Türen. Übrigens eine Sache, von
der ein Mann wie Sie was wissen müßte.«

»Ja, Rex, Sie haben gut reden von ›wissen müssen‹. Sie sind aus einem
großen Hause, haben mutmaßlich einen frommen Kandidaten als Lehrer
gehabt und sind dann auf Reisen gegangen, wo man so feine Dinge
wegkriegt. Aber ich! Ich bin aus Ostrowo.«

»Das ändert nichts.«

»Doch, doch, Rex. Italienische Kunst! Ich bitte Sie, wo soll
dergleichen bei mir herkommen? Was Hänschen nicht lernt, -- dabei
bleibt es nun mal. Ich erinnere mich noch ganz deutlich einer Auktion
in Ostrowo, bei der (es war in einem kommerzienrätlichen Hause)
schließlich ein roter Kasten zur Versteigerung kam, ein Kasten mit
Doppelbildern und einem Opernkucker dazu, der aber keiner war. Und all
das kaufte sich meine Mutter. Und an diesem Stereoskopenkasten, ein
Wort, das ich damals noch nicht kannte, habe ich meine italienische
Kunst gelernt. Die ›Türen‹ waren aber nicht dabei. Was können Sie da
groß verlangen? Ich habe, wenn Sie das Wort gelten lassen wollen, ne
Panoptikumbildung.«

Rex lachte. »Nun, gleichviel. Also der Graf, der die ältere Komtesse
Barby heiratete, hieß Ghiberti. Seiner Ehe fehlten indes durchaus
die Himmelstüren, -- soviel läßt sich mit aller Bestimmtheit sagen.
Und deshalb kam es zur Scheidung. Ja, mehr, die scharmante Frau
(›scharmant‹ ist übrigens ein viel zu plebejes und minderwertiges Wort)
hat in ihrer Empörung den Namen Ghiberti wieder abgetan, und alle Welt
nennt sie jetzt nur noch bei ihrem Vornamen.«

»Und der ist?«

»Melusine.«

»Melusine? Hören Sie, Rex, das läßt aber tief blicken.«

       *       *       *       *       *

Unter diesem Gespräch waren sie bis an den Cremmer Damm herangekommen.
Es dunkelte schon stark, und ein Gewölk, das am Himmel hinzog,
verbarg die Mondsichel. Ein paarmal indessen trat sie hervor, und
dann sahen sie bei halber Beleuchtung das Hohenlohedenkmal, das unten
im Luche schimmerte. Hinunterzureiten, was noch einmal flüchtig in
Erwägung gezogen wurde, verbot sich, und so setzten sie sich in einen
munteren Trab und hielten erst wieder in Cremmen vor dem Gasthause zum
»Markgrafen Otto«. Es schlug eben neun von der Nikolaikirche.

Drinnen war man bald in einem lebhaften Gespräch, in dem sich Rex
über die in der Stadt herrschende Gesinnung und Kirchlichkeit zu
unterrichten suchte. Der Wirt stellte der einen wie der andern ein
gleich gutes Zeugnis aus und hatte die Genugtuung, daß ihm Rex
freundlich zunickte. Czako aber sagte: »Sagen Sie, Herr Wirt, Sie haben
da ein so schönes Billard; ich habe mir jüngst erst sagen lassen,
wenn's wirklich flott gehe, so könne man's im Jahr bis auf dreitausend
Mark bringen. Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag. Wie steht es
damit? Für möglich halt ich es.«



Nach dem Eierhäuschen



Elftes Kapitel


Die Barbys, der alte Graf und seine zwei Töchter, lebten seit einer
Reihe von Jahren in Berlin, und zwar am Kronprinzenufer, zwischen
Alsen- und Moltkebrücke. Das Haus, dessen erste Etage sie bewohnten,
unterschied sich, ohne sonst irgendwie hervorragend zu sein (Berlin
ist nicht reich an Privathäusern, die Schönheit und Eigenart in sich
vereinigen), immerhin vorteilhaft von seinen Nachbarhäusern, von
denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine davon
ein kleiner Baumgarten, mit allerlei Buschwerk dazwischen, der andre
ein Hofraum mit einem zierlichen, malerisch wirkenden Stallgebäude,
dessen obere Fenster, hinter denen sich die Kutscherwohnung befand,
von wildem Wein umwachsen waren. Schon diese Lage des Hauses hätte
demselben ein bestimmtes Maß von Aufmerksamkeit gesichert, aber auch
seine Fassade mit ihren zwei Loggien links und rechts ließ die des
Weges Kommenden unwillkürlich ihr Auge darauf richten. Hier, in eben
diesen Loggien, verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh- und
Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei, je nach der Jahreszeit,
mal den zum Zimmer des alten Grafen gehörigen, in pompejischem Rot
gehaltenen Einbau, mal die gleichartige Loggia, die zum Zimmer der
beiden jungen Damen gehörte. Dazwischen lag ein dritter großer Raum,
der als Repräsentations- und zugleich als Eßzimmer diente. Das war,
mit Ausnahme der Schlaf- und Wirtschaftsräume, das Ganze, worüber man
Verfügung hatte; man wohnte mithin ziemlich beschränkt, hing aber sehr
an dem Hause, so daß ein Wohnungswechsel, oder auch nur der Gedanke
daran, so gut wie ausgeschlossen war. Einmal hatte die liebenswürdige,
besonders mit Gräfin Melusine befreundete Baronin Berchtesgaden einen
solchen Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht, aber nur um sofort
einem lebhaften Widerspruche zu begegnen. »Ich sehe schon, Baronin,
Sie führen den ganzen Lennéstraßenstolz gegen uns ins Gefecht. Ihre
Lennéstraße! Nun ja, wenn's sein muß. Aber was haben Sie da groß? Sie
haben den Lessing ganz und den Goethe halb. Und um beides will ich
Sie beneiden und Ihnen auch die Spreewaldsammen in Rechnung stellen.
Aber die Lennéstraßenwelt ist geschlossen, ist zu, sie hat keinen
Blick ins Weite, kein Wasser, das fließt, keinen Verkehr, der flutet.
Wenn ich in unsrer Nische sitze, die lange Reihe der herankommenden
Stadtbahnwaggons vor mir, nicht zu nah und nicht zu weit, und sehe
dabei, wie das Abendrot den Lokomotivenrauch durchglüht und in dem
Filigranwerk der Ausstellungsparktürmchen schimmert, was will Ihre
grüne Tiergartenwand dagegen?« Und dabei wies die Gräfin auf einen
gerade vorüberdampfenden Zug, und die Baronin gab sich zufrieden.

Ein solcher Abend war auch heute; die Balkontür stand auf, und ein
kleines Feuer im Kamin warf seine Lichter auf den schweren Teppich, der
durch das ganze Zimmer hin lag. Es mochte die sechste Stunde sein, und
die Fenster drüben an den Häusern der andern Seite standen wie in roter
Glut. Ganz in der Nähe des Kamins saß Armgard, die jüngere Tochter, in
ihren Stuhl zurückgelehnt, die linke Fußspitze leicht auf den Ständer
gestemmt. Die Stickerei, daran sie bis dahin gearbeitet, hatte sie,
seit es zu dunkeln begann, aus der Hand gelegt und spielte statt dessen
mit einem Ballbecher, zu dem sie regelmäßig griff, wenn es galt, leere
Minuten auszufüllen. Sie spielte das Spiel sehr geschickt, und es gab
immer einen kleinen hellen Schlag, wenn der Ball in den Becher fiel.
Melusine stand draußen auf dem Balkon, die Hand an die Stirn gelegt, um
sich gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu schützen.

»Armgard,« rief sie in das Zimmer hinein, »komm; die Sonne geht eben
unter!«

»Laß. Ich sehe hier lieber in den Kamin. Und ich habe auch schon
zwölfmal gefangen.«

»Wen?«

»Nun natürlich den Ball.«

»Ich glaube, du fingst lieber wen anders. Und wenn ich dich so dasitzen
sehe, so kommt es mir fast vor, als dächtest du selber auch so was. Du
sitzt so märchenhaft da.«

»Ach, du denkst immer nur an Märchen und glaubst, weil du Melusine
heißt, du hast so was wie eine Verpflichtung dazu.«

»Kann sein. Aber vor allem glaub ich, daß ich es getroffen habe. Weißt
du, was?«

»Nun?«

»Ich kann es so leicht nicht sagen. Du sitzt zu weit ab.«

»Dann komm und sag es mir ins Ohr.«

»Das ist zuviel verlangt. Denn erstens bin ich die ältere, und zweitens
bist du's, die was von mir will. Aber ich will es so genau nicht
nehmen.«

Und dabei ging Melusine vom Balkon her auf die Schwester zu, nahm ihr
das Fangspiel fort und sagte, während sie ihr die Hand auf die Stirn
legte: »Du bist verliebt.«

»Aber Melusine, was das nun wieder soll! Und wenn man so klug ist wie
du ... Verliebt. Das ist ja gar nichts; etwas verliebt ist man immer.«

»Gewiß. Aber in wen? Da beginnen die Fragen und die Finessen.«

In diesem Augenblicke ging die Klingel draußen, und Armgard horchte.

»Wie du dich verrätst,« lachte Melusine. »Du horchst und willst wissen,
wer kommt.«

Melusine wollte noch weiter sprechen, aber die Tür ging bereits auf und
Lizzi, die Kammerjungfer der beiden Schwestern, trat ein, unmittelbar
hinter ihr ein Gersonscher Livreediener mit einem in einen Riemen
geschnallten Karton. »Er bringt die Hüte,« sagte die Kammerjungfer.

»Ah, die Hüte. Ja, Armgard, da müssen wir freilich unsre Frage
vertagen. Was doch wohl auch deine Meinung ist. Bitte, stellen Sie hin.
Aber Lizzi, du, du bleibst und mußt uns helfen; du hast einen guten
Geschmack. Übrigens, ist kein Stehspiegel da?«

»Soll ich ihn holen?«

»Nein, nein, laß. Unsre Köpfe, worauf es doch bloß ankommt, können
wir schließlich auch in diesem Spiegel sehen ... Ich denke, Armgard,
du läßt mir die Vorhand; dieser hier mit dem Heliotrop und den
Stiefmütterchen, der ist natürlich für mich; er hat den richtigen
Frauencharakter, fast schon Witwe.«

Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut auf und trat an den
Spiegel. »Nun, Lizzi, sprich.«

»Ich weiß nicht recht, Frau Gräfin, er scheint mir nicht modern genug.
Der, den Komtesse Armgard eben aufsetzt, der würde wohl auch für Frau
Gräfin besser passen -- die hohen Straußfedern, wie ein Ritterhelm, und
auch die Hutform selbst. Hier ist noch einer, fast ebenso und beinah
noch hübscher.«

Beide Damen stellten sich jetzt vor den Spiegel; Armgard, hinter der
Schwester stehend und größer als diese, sah über deren linke Schulter
fort. Beide gefielen sich ungemein, und schließlich lachten sie, weil
jede der andern ansah, wie hübsch sie sich fand.

»Ich möchte doch beinah glauben ...,« sagte Melusine, kam aber nicht
weiter, denn in eben diesem Augenblicke trat ein in schwarzen Frack und
Escarpins gekleideter alter Diener ein und meldete: »Rittmeister von
Stechlin.«

Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst und verbeugte
sich gegen die Damen. »Ich fürchte, daß ich zu sehr ungelegener Stunde
komme.«

»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Um wessentwillen quälen wir uns
denn überhaupt mit solchen Sachen? Doch bloß um unsrer Gebieter willen,
die man ja (vielleicht leider) auch noch hat, wenn man sie nicht mehr
hat.«

»Immer die liebenswürdige Frau.«

»Keine Schmeicheleien. Und dann, diese Hüte sind wichtig. Ich nehm
es als eine Fügung, daß Sie da gerade hinzukommen; Sie sollen
entscheiden. Wir haben freilich schon Lizzis Meinung angerufen, aber
Lizzi ist zu diplomatisch; Sie sind Soldat und müssen mehr Mut haben;
Armgard, sprich auch; du bist nicht mehr jung genug, um noch ewig die
Verlegene zu spielen. Ich bin sonst gegen alle Gutachten, namentlich in
Prozeßsachen (ich weiß ein Lied davon zu singen), aber ein Gutachten
von Ihnen, da laß ich all meine Bedenken fallen. Außerdem bin ich für
Autoritäten, und wenn es überhaupt Autoritäten in Sachen von Geschmack
und Mode gibt, wo wären sie besser zu finden als im Regiment Ihrer
Kaiserlich Königlichen Majestät von Großbritannien und Indien? Irland
laß ich absichtlich fallen und nehme lieber Indien, woher aller gute
Geschmack kommt, alle alte Kultur, alle Schals und Teppiche, Buddha
und die weißen Elefanten. Also antreten, Armgard; du natürlich an den
rechten Flügel, denn du bist größer. Und nun, lieber Stechlin, wie
finden Sie uns?«

»Aber, meine Damen ...«

»Keine Feigheiten. Wie finden Sie uns?«

»Unendlich nett.«

»Nett? Verzeihen Sie, Stechlin, nett ist kein Wort. Wenigstens kein
nettes Wort. Oder wenigstens ungenügend.«

»Also schlankweg entzückend.«

»Das ist gut. Und zur Belohnung die Frage: wer ist entzückender?«

»Aber Frau Gräfin, das ist ja die reine Geschichte mit dem seligen
Paris. Bloß, er hatte es viel leichter, weil es drei waren. Aber zwei.
Und noch dazu Schwestern.«

»Wer? Wer?«

»Nun, wenn es denn durchaus sein muß, Sie, gnädigste Frau.«

»Schändlicher Lügner. Aber wir behalten diese zwei Hüte. Lizzi, gib all
das andre zurück. Und Jeserich soll die Lampen bringen; draußen ein
Streifen Abendrot und hier drinnen ein verglimmendes Feuer, -- das ist
denn doch zu wenig oder, wenn man will, zu gemütlich.«

Die Lampen hatten draußen schon gebrannt, so daß sie gleich da waren.

»Und nun schließen Sie die Balkontür, Jeserich, und sagen Sie's Papa,
daß der Herr Rittmeister gekommen. Papa ist nicht gut bei Wege, wieder
die neuralgischen Schmerzen; aber wenn er hört, daß Sie da sind, so tut
er ein übriges. Sie wissen, Sie sind sein Verzug. Man weiß immer, wenn
man Verzug ist. Ich wenigstens hab es immer gewußt.«

»Das glaub ich.«

»Das glaub ich! Wie wollen Sie das erklären?«

»Einfach genug, gnädigste Gräfin. Jede Sache will gelernt sein.
Alles ist schließlich Erfahrung. Und ich glaube, daß Ihnen reichlich
Gelegenheit gegeben wurde, der Frage ›Verzug oder Nichtverzug‹
praktisch näherzutreten.«

»Gut herausgeredet. Aber nun, Armgard, sage dem Herrn von Stechlin (ich
persönlich getraue mich's nicht), daß wir in einer halben Stunde fort
müssen, Opernhaus, ›Tristan und Isolde‹. Was sagen Sie dazu? Nicht zu
Tristan und Isolde, nein, zu der heikleren Frage, daß wir eben gehen,
im selben Augenblick, wo Sie kommen. Denn ich seh es Ihnen an, Sie
kamen nicht so bloß um ›~five o'clock tea's~‹ willen, Sie hatten es
besser mit uns vor. Sie wollten bleiben ...«

»Ich bekenne ...«

»Also getroffen. Und zum Zeichen, daß Sie großmütig sind und Verzeihung
üben, versprechen Sie, daß wir Sie bald wiedersehen, recht, recht bald.
Ihr Wort darauf. Und dem Papa, der Sie vielleicht erwartet, wenn es
Jeserich für gut befunden hat, die Meldung auszurichten, -- dem Papa
werd ich sagen, Sie hätten nicht bleiben können, eine Verabredung, Klub
oder sonst was.«

       *       *       *       *       *

Während Woldemar nach diesem abschließenden Gespräch mit Melusine die
Treppe hinabstieg und auf den nächsten Droschkenstand zuschritt, saß
der alte Graf in seinem Zimmer und sah, den rechten Fuß auf einen
Stuhl gelehnt, durch das Balkonfenster auf den Abendhimmel. Er liebte
diese Dämmerstunde, drin er sich nicht gerne stören ließ (am wenigsten
gern durch vorzeitig gebrachtes Licht), und als Jeserich, der das also
wußte, jetzt eintrat, war es nicht, um dem alten Grafen die Lampe zu
bringen, sondern nur um ein paar Kohlen aufzuschütten.

»Wer war denn da, Jeserich?«

»Der Herr Rittmeister.«

»So, so. Schade, daß er nicht geblieben ist. Aber freilich, was soll
er mit mir? Und der Fuß und die Schmerzen, dadurch wird man auch nicht
interessanter. Armgard und nun gar erst Melusine, ja, da geht es, da
redet sich's schon besser, und das wird der Rittmeister wohl auch
finden. Aber soviel ist richtig, ich spreche gern mit ihm; er hat so
was Ruhiges und Gesetztes und immer schlicht und natürlich. Meinst du
nicht auch?«

Jeserich nickte.

»Und glaubst du nicht auch (denn warum käme er sonst so oft), daß er
was vorhat?«

»Glaub ich auch, Herr Graf.«

»Na, was glaubst du?«

»Gott, Herr Graf ...«

»Ja, Jeserich, du willst nicht raus mit der Sprache. Das hilft dir aber
nichts. Wie denkst du dir die Sache?«

Jeserich schmunzelte, schwieg aber weiter, weshalb dem alten Grafen
nichts übrig blieb, als seinerseits fortzufahren. »Natürlich paßt
Armgard besser, weil sie jung ist; es ist so mehr das richtige
Verhältnis, und überhaupt, Armgard ist sozusagen dran. Aber, weiß der
Teufel, Melusine ...«

»Freilich, Herr Graf.«

»Also du hast doch auch so was gesehen. Alles dreht sich immer um die.
Wie denkst du dir nun den Rittmeister? Und wie denkst du dir die Damen?
Und wie steht es überhaupt? Ist es die oder ist es die?«

»Ja, Herr Graf, wie soll ich darüber denken? Mit Damen weiß man ja nie
-- vornehm und nicht vornehm, klein und groß, arm und reich, das is all
eins. Mit unsrer Lizzi is es gerad ebenso wie mit Gräfin Melusine. Wenn
man denkt, es is so, denn is es so, und wenn man denkt, es is so, denn
is es wieder so. Wie meine Frau noch lebte, Gott habe sie selig, die
sagte auch immer: ›Ja, Jeserich, was du dir bloß denkst; wir sind eben
ein Rätsel.‹ Ach Gott, sie war ja man einfach, aber das können Sie mir
glauben, Herr Graf, so sind sie alle.«

»Hast ganz recht, Jeserich. Und deshalb können wir auch nicht gegen an.
Und ich freue mich, daß du das auch so scharf aufgefaßt hast. Du bist
überhaupt ein Menschenkenner. Wo du's bloß her hast? Du hast so was von
nem Philosophen. Hast du schon mal einen gesehen?«

»Nein, Herr Graf. Wenn man so viel zu tun hat und immer Silber putzen
muß.«

»Ja, Jeserich, das hilft doch nu nich, davon kann ich dich nicht
freimachen ...«

»Nein, so mein ich es ja auch nich, Herr Graf, und ich bin ja auch
fürs Alte. Gute Herrschaft und immer denken, ›man gehört so halb wie
mit dazu,‹ -- dafür bin ich. Und manche sollen ja auch halb mit dazu
gehören ... Aber ein bißchen anstrengend is es doch mitunter, und man
is doch am Ende auch ein Mensch ...«

»Na, höre, Jeserich, das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen.«

»Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was bloß. Aber ein bißchen is
es doch damit ...«



Zwölftes Kapitel


Woldemar -- wie Rex seinem Freunde Czako, als beide über den Cremmer
Damm ritten, ganz richtig mitgeteilt hatte -- verkehrte seit Ausgang
des Winters im Barbyschen Hause, das er sehr bald vor andern Häusern
seiner Bekanntschaft bevorzugte. Vieles war es, was ihn da fesselte,
voran die beiden Damen; aber auch der alte Graf. Er fand Ähnlichkeiten,
selbst in der äußern Erscheinung, zwischen dem Grafen und seinem
Papa, und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger Modernität, in
altmodischer Weise von jung an führte, hatte er sich gleich am ersten
Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden geäußert.
Es hieß da unterm achtzehnten April: »Ich kann Wedel nicht dankbar
genug sein, mich bei den Barbys eingeführt zu haben; alles, was er
von dem Hause gesagt, fand ich bestätigt. Diese Gräfin, wie charmant,
und die Schwester ebenso, trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar
sind. An der einen alles Temperament und Anmut, an der andern alles
Charakter oder, wenn das zuviel gesagt sein sollte, Schlichtheit,
Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigene Sache; die Gräfin
ist ganz Melusine und die Komtesse ganz Armgard. Ich habe bis jetzt
freilich nur eine dieses Namens kennen gelernt, noch dazu bloß als
Bühnenfigur, und ich mußte beständig an diese denken, wie sie da
(ich glaube, es war Fräulein Stolberg, die ja auch das Maß hat) dem
Landvogt so mutig in den Zügel fällt. Ganz so wirkt Komtesse Armgard!
Ich möchte beinah sagen, es läßt sich an ihr wahrnehmen, daß ihre
Mutter eine richtige Schweizerin war. Und dazu der alte Graf! Wie
ein Zwillingsbruder von Papa; derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane
Wesen, dieselbe Freundlichkeit, dieselbe gute Laune. Papa ist aber
ausgiebiger und auch wohl origineller. Vielleicht hat der verschiedene
Lebensgang diese Verschiedenheiten erst geschaffen. Papa sitzt nun seit
richtigen dreißig Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest, der Graf war
ebensolange draußen! Ein Botschaftsrat ist eben was anderes als ein
Ritterschaftsrat, und an der Themse wächst man sich anders aus als am
›Stechlin‹ -- unsern Stechlin dabei natürlich in Ehren. Trotzdem, die
Verwandtschaft bleibt. Und der alte Diener, den sie Jeserich nennen,
der ist nun schon ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur Zeh. Aber
was am verwandtesten ist, das ist doch die gesamte Hausatmosphäre, das
Liberale. Papa selbst würde zwar darüber lachen -- er lacht über nichts
so sehr wie über Liberalismus --, und doch kenne ich keinen Menschen,
der innerlich so frei wäre, wie gerade mein guter Alter. Zugeben wird
er's freilich nie und wird in dem Glauben sterben: ›Morgen tragen sie
einen echten alten Junker zu Grabe.‹ Das ist er auch, aber doch auch
wieder das volle Gegenteil davon. Er hat keine Spur von Selbstsucht.
Und diesen schönen Zug (ach, so selten), den hat auch der alte Graf.
Nebenher freilich ist er Weltmann, und das gibt dann den Unterschied
und das Übergewicht. Er weiß -- was sie hierzulande nicht wissen oder
nicht wissen wollen --, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen. Und
mitunter noch ganz andre.«

       *       *       *       *       *

Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug. Von allem,
was er gesehen, war er angenehm berührt worden, auch von Haus und
Wohnung. Und dazu war guter Grund da, mehr als er nach seinem ersten
Besuche wissen konnte. Das von der gräflichen Familie bewohnte Haus
mit seinen Loggien und seinem diminutiven Hof und Garten teilte sich
in zwei Hälften, von denen jede noch wieder ihre besondern Annexe
hatte. Zu der Beletage gehörte das zur Seite gelegene pittoreske Hof-
und Stallgebäude, drin der gräfliche Kutscher, Herr Imme, residierte,
während zu dem die zweite Hälfte des Hauses bildenden Hochparterre
ziemlich selbstverständlich noch das kleine niedrige Souterrain
gerechnet wurde, drin, außer Portier Hartwig selbst, dessen Frau,
sein Sohn Rudolf und seine Nichte Hedwig wohnten. Letztere freilich
nur zeitweilig, und zwar immer nur dann, wenn sie, was allerdings
ziemlich häufig vorkam, mal wieder ohne Stellung war. Die Wirtin des
Hauses, Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz, hätte diesen
gelegentlichen Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden
müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heiteres, quickes und sehr
anstelliges Ding war und manches besaß, was die Schickedanz mit der
Ungehörigkeit des ewigen Dienstwechsels wieder aussöhnte.

Die Schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon verwitwet, als im
Herbst fünfundachtzig die Barbys einzogen, Komtesse Armgard damals
erst zehnjährig. Frau Schickedanz selbst war um jene Zeit noch in
Trauer, weil ihr Gatte, der Versicherungssekretär, erst im Dezember des
vorausgegangenen Jahres gestorben war, »drei Tage vor Weihnachten«,
ein Umstand, auf den der Hilfsprediger, ein junger Kandidat, in seiner
Leichenrede beständig hingewiesen und die gewollte Wirkung auch
richtig erzielt hatte. Allerdings nur bei der Schickedanz selbst
und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig, die während der ganzen
Rede beständig mit dem Kopf genickt und nachträglich ihrem Manne
bemerkt hatte: »Ja. Hartwig, da liegt doch was drin.« Hartwig selber
indes, der, im Gegensatz zu den meisten seines Standes, humoristisch
angeflogen war, hatte für die merkwürdige Fügung von »drei Tage vor
Weihnachten« nicht das geringste Verständnis gezeigt, vielmehr nur die
Bemerkung dafür gehabt: »Ich weiß nicht, Mutter, was du dir eigentlich
dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal muß man ran,« -- worauf
die Frau jedoch geantwortet hatte: »Ja, Hartwig, das sagst du so immer;
aber wenn du dran bist, dann redst du anders.«

Der verstorbene Schickedanz hatte, wie der Tod ihn ankam, ein Leben
hinter sich, das sich in zwei sehr verschiedene Hälften, in eine ganz
kleine unbedeutende und in eine ganz große, teilte. Die unbedeutende
Hälfte hatte lange gedauert, die große nur ganz kurz. Er war ein
Ziegelstreichersohn aus dem bei Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt, was er,
als er aus dem diesem Dorfnamen entsprechenden Zustande heraus war,
in Gesellschaft guter Freunde gern hervorhob. Es war so ziemlich der
einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zäh festhielt, weil er sah,
daß er immer wieder wirkte. Manche gingen so weit, ihm den Witz auch
noch moralisch gutzuschreiben und behaupteten: Schickedanz sei nicht
bloß ein Charakter, sondern auch eine bescheidene Natur.

Ob dies zutraf, wer will es sagen! Aber das war sicher, daß er
sich von Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt hatte. Schon
mit sechzehn war er als Hilfsschreiber in die deutsch-englische
Hagelversicherungsgesellschaft Pluvius eingetreten und hatte mit
sechsundsechzig sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum in eben dieser
Gesellschaft gefeiert. Das war aus bestimmten Gründen ein großer Tag
gewesen. Denn als Schickedanz ihn erlebte, hieß er nur noch so ganz
obenhin »Herr Versicherungssekretär«, war aber in Wahrheit über diesen
seinen Titel weit hinausgewachsen und besaß bereits das schöne Haus am
Kronprinzenufer. Er hatte sich das leisten können, weil er im Laufe
der letzten fünf Jahre zweimal hintereinander ein Viertel vom großen
Lose gewonnen hatte. Dies sah er sich allerseits als persönliches
Verdienst angerechnet und auch wohl mit Recht. Denn arbeiten kann
jeder, das große Los gewinnen kann nicht jeder. Und so blieb er denn
bei der Versicherungsgesellschaft lediglich nur noch als verhätscheltes
Zierstück, weil es damals wie jetzt einen guten Eindruck machte,
Personen der Art im Dienst oder gar als Teilnehmer zu haben. An der
Spitze muß immer ein Fürst stehen. Und Schickedanz war jetzt Fürst.
Alles drängte sich nicht bloß an ihn, sondern seine Stammtischfreunde,
die zu seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes Vertrauen
hatten, drangen sogar eine Zeitlang in ihn, die Lotterielose für sie
zu ziehen. Aber keiner gewann, was schließlich einen Umschlag schuf
und einzelne von »bösem Blick« und sogar ganz unsinnigerweise von
Mogelei sprechen ließ. Die meisten indessen hielten es für klug, ihr
Übelwollen zurückzuhalten; war er doch immerhin ein Mann, der jedem,
wenn er wollte, Deckung und Stütze geben konnte. Ja, Schickedanz' Glück
und Ansehen waren groß, am größten natürlich an seinem Jubiläumstage.
Nicht zu glauben, wer da alles kam. Nur ein Orden kam nicht, was denn
auch von einigen Schickedanzfanatikern sehr mißliebig bemerkt wurde.
Besonders schmerzlich empfand es die Frau. »Gott, er hat doch immer
so treu gewählt,« sagte sie. Sie kam aber nicht in die Lage, sich
in diesen Schmerz einzuleben, da schon die nächsten Zeiten bestimmt
waren, ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war das Jubiläum
gewesen, am 21. Oktober erkrankte er, am 21. Dezember starb er. Auf
dem Notizenzettel, den man damals dem Kandidaten zugestellt hatte,
hatte dieser dreimal wiederkehrende »einundzwanzigste« gefehlt, was
alles in allem wohl als ein Glück angesehen werden konnte, weil,
entgegengesetztenfalls die »drei Tage vor Weihnachten« entweder gar
nicht zustande gekommen oder aber durch eine geteilte Herrschaft in
ihrer Wirkung abgeschwächt worden wären.

Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben. Er rief, kurz vor
seinem Ende, seine Frau an sein Bett und sagte: »Riekchen, sei ruhig.
Jeder muß. Ein Testament hab ich nicht gemacht. Es gibt doch bloß immer
Zank und Streit. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Briefbogen, drauf
hab ich alles Nötige geschrieben. Viel wichtiger ist mir das mit dem
Haus. Du mußt es behalten, damit die Leute sagen können: ›Da wohnt
Frau Schickedanz.‹ Hausname, Straßenname, das ist überhaupt das Beste.
Straßenname dauert noch länger als Denkmal.«

»Gott, Schickedanz, sprich nicht so viel; es strengt dich an. Ich will
es ja alles heilig halten, schon aus Liebe ...«

»Das ist recht, Riekchen. Ja, du warst immer eine gute Frau, wenn wir
auch keine Nachfolge gehabt haben. Aber darum bitte ich dich, vergiß
nie, daß es meine Puppe war. Du darfst bloß vornehme Leute nehmen;
reiche Leute, die bloß reich sind, nimm nicht; die quängeln bloß und
schlagen große Haken in die Türfüllung und hängen eine Schaukel dran.
Überhaupt, wenn es sein kann, keine Kinder. Hartwigen unten mußt du
behalten; er ist eigentlich ein Klugschmus, aber die Frau ist gut. Und
der kleine Rudolf, mein Patenkind, wenn er ein Jahr alt wird, soll er
hundert Taler kriegen. Taler, nicht Mark. Und der Schullehrer in Kaputt
soll auch hundert Taler kriegen. Der wird sich wundern. Aber darauf
freu ich mich schon. Und auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben
sein, wenn es irgend geht. Invalide ist ja doch eigentlich jeder. Und
anno siebzig war ich doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den Feind,
trotzdem Luchterhand immer sagte: ›Nicht so nah ran.‹ Sei freundlich
gegen die Leute und nicht zu sparsam (du bist ein bißchen zu sparsam)
und bewahre mir einen Platz in deinem Herzen. Denn treu warst du, das
sagt mir eine innere Stimme.«

Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt. Die Beletage, die leer
stand, als Schickedanz starb, blieb noch drei Vierteljahre unbewohnt,
trotzdem sich viele Herrschaften meldeten. Aber sie deckten sich nicht
mit der Forderung, die Schickedanz vor seinem Hinscheiden gestellt
hatte. Herbst fünfundachtzig kamen dann die Barbys. Die kleine Frau
sah gleich »ja, das sind die, die mein Seliger gemeint hat«. Und sie
hatte wirklich richtig gewählt. In den fast zehn Jahren, die seitdem
verflossen waren, war es auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten
gekommen, mit der gräflichen Familie schon gewiß nicht, aber auch kaum
mit den Dienerschaften. Ein persönlicher Verkehr zwischen Erdgeschoß
und Beletage konnte natürlich nicht stattfinden, -- Hartwig war einfach
der ~alter ego~, der mit Jeserich alles Nötige durchzusprechen hatte.
Kam es aber ausnahmsweise zwischen Wirtin und Mieter zu irgendeiner
Begegnung, so bewahrte dabei die kleine winzige Frau (die nie »viel«
war und seit ihres Mannes Tode noch immer weniger geworden war)
eine merkwürdig gemessene Haltung, die jedem mit dem Berliner Wesen
Unvertrauten eine Verwunderung abgenötigt haben würde. Riekchen
empfand sich nämlich in solchem Augenblicke durchaus als »Macht gegen
Macht«. Wie beinah jedem hierlandes Geborenen, war auch ihr die Gabe
wirklichen Vergleichenkönnens völlig versagt, weil jeder echte, mit
Spreewasser getaufte Berliner, männlich oder weiblich, seinen Zustand
nur an seiner eigenen kleinen Vergangenheit, nie aber an der Welt
draußen mißt, von der er, wenn er ganz echt ist, weder eine Vorstellung
hat noch überhaupt haben will. Der autochthone »Kellerwurm«, wenn er
fünfzig Jahre später in eine Steglitzer Villa zieht, bildet -- auch
wenn er seiner Natur nach eigentlich der bescheidenste Mensch ist --
eine gewisse naive Krösusvorstellung in sich aus und glaubt ganz
ernsthaft, jenen Gold- und Silberkönigen zuzugehören, die die Welt
regieren. So war auch die Schickedanz. Hinter einem Dachfenster in
der Georgenkirchstraße geboren, an welchem Dachfenster sie später
für ein Weißzeuggeschäft genäht hatte, kam ihr ihr Leben, wenn sie
rückblickte, wie ein Märchen vor, drin sie die Rolle der Prinzessin
spielte. Dementsprechend durchdrang sie sich, still aber stark, mit
einem Hochgefühl, das sowohl Geld- wie Geburtsgrößen gegenüber auf
Ebenbürtigkeit lossteuerte. Sie rangierte sich ein und wies sich,
soweit ihre historische Kenntnis das zuließ, einen ganz bestimmten
Platz an: Fürst Dolgorucki, Herzog von Devonshire, Schickedanz.

Die Treue, die der Verstorbene noch in seinen letzten Augenblicken
ihr nachgerühmt hatte, steigerte sich mehr und mehr zum Kult. Die
Vormittagsstunden jedes Tages gehörten dem hohen Palisanderschrank
an, drin die Jubiläumsgeschenke wohlgeordnet standen: ein großer
Silberpokal mit einem drachentötenden Sankt Georg auf dem Deckel, ein
Album mit photographischen Aufnahmen aller Sehenswürdigkeiten von
Kaputt, eine große Huldigungsadresse mit Aquarellarabesken, mehrere
Lieder in Prachtdruck (darunter ein Kegelklublied mit dem Refrain
»alle Neune«), Riesensträuße von Sonnenblumen, ein Oreiller mit dem
Eisernen Kreuz und einem aufgehefteten Gedicht, von einem Damenkomitee
herrührend, in dessen Auftrag er, Schickedanz, die Liebesgaben bis
vor Paris gebracht hatte. Neben dem Schrank, auf einer Ebenholzsäule,
stand eine Gipsbüste, Geschenk eines dem Stammtisch angehörigen
Bildhauers, der daraufhin einen leider ausgebliebenen Auftrag in
Marmor erwartet hatte. Fauteuils und Stühle steckten in großblumigen
Überzügen, desgleichen der Kronleuchter in einem Gazemantel, und an
den Frontfenstern standen, den ganzen Winter über, Maiblumen. Riekchen
trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben, war überhaupt, seit das
Trauerjahr um war, immer hell gekleidet, wodurch ihre Gestalt noch
unkörperlicher wirkte. Jeden ersten Montag im Monat war allgemeines
Reinmachen, auch bei Wind und Kälte. Dies war immer ein Tag größter
Aufregung, weil jedesmal etwas zerbrochen oder umgestoßen wurde. Das
blieb auch so durch Jahre hin, bis das Auftreten von Hedwig, die sich
einer sehr geschickten Hand erfreute, Wandel in diesem Punkte schaffte.
Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr, und Riekchen war um so
glücklicher darüber, als Hartwigs hübsche Nichte, wenn sie mal wieder
den Dienst gekündigt hatte, regelmäßig allerlei davon zu erzählen und
mit immer neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rücken
wußte.

Die Barbys hatten alle Ursache, mit dem Schickedanzschen Hause
zufrieden zu sein. Nur eines störte, das war, daß jeden Mittwoch und
Sonnabend die Teppiche geklopft wurden, immer gerade zu der Stunde,
wo der alte Graf seine Nachmittagsruhe halten wollte. Das verdroß ihn
eine Weile, bis er schließlich zu dem Ergebnis kam: »Eigentlich bin
ich doch selber schuld daran. Warum setz ich mich immer wieder in die
Hinterstube, statt einfach vorn an mein Fenster? Immer hasardier ich
wieder und denke: heute bleibt es vielleicht ruhig; willst es doch noch
mal versuchen.«

       *       *       *       *       *

Ja, der alte Graf war nicht bloß froh, die Wohnung zu haben, er hielt
auch beinah abergläubisch an ihr fest. So lange er darin wohnte, war es
ihm gut ergangen, nicht glänzender als früher, aber sorgenloser. Und
das sagte er sich jeden neuen Tag.

Sein Leben, so bunt es gewesen, war trotzdem in gewissem Sinne
durchschnittsmäßig verlaufen, ganz so wie das Leben eines preußischen
»Magnaten« (worunter man in der Regel Schlesier versteht; aber es gibt
doch auch andre) zu verlaufen pflegt.

Im Juli dreißig, gerade als die Franzosen Algier bomdardierten und
nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten, war der Graf auf
einem der an der mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Güter geboren
worden. Auf eben diesem Gute -- das landwirtschaftlich einer von
fremder Hand geführten Administration unterstand -- vergingen ihm die
Kinderjahre; mit zwölf kam er dann auf die Ritterakademie, mit achtzehn
in das Regiment Garde-du-Corps, drin die Barbys standen, solang es
ein Regiment Garde-du-Corps gab. Mit dreißig war er Rittmeister und
führte eine Schwadron. Aber nicht lange mehr. Auf einem in der Nähe von
Potsdam veranstalteten Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und
brach den Oberschenkel, unmittelbar unter der Hüfte. Leidlich genesen,
ging er nach Ragaz, um dort völlige Wiederherstellung zu suchen, und
machte hier die Bekanntschaft eines alten Freiherrn von Planta, der
ihn alsbald auf seine Besitzungen einlud. Weil diese ganz in der Nähe
lagen, nahm er die Einladung nach Schloß Schuder an. Hier blieb er
länger als erwartet, und als er das schön gelegene Bergschloß wieder
verließ, war er mit der Tochter und Erbin des Hauses verlobt. Es war
eine große Neigung, was sie zusammenführte. Die junge Freiin drang
alsbald in ihn, den Dienst zu quittieren, und er entsprach dem um so
lieber, als er seiner völligen Wiederherstellung nicht ganz sicher
war. Er nahm also den Abschied und trat aus dem militärischen in den
diplomatischen Dienst über, wozu seine Bildung, sein Vermögen, seine
gesellschaftliche Stellung ihn gleichmäßig geeignet erscheinen ließen.
Noch im selben Jahre ging er nach London, erst als Attaché, wurde dann
Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage
der Aufrichtung des Deutschen Reiches. Seine Beziehungen sowohl zu
der heimisch-englischen wie zu der außerenglischen Aristokratie waren
jederzeit die besten, und sein Freundschaftsverhältnis zu Baron und
Baronin Berchtesgaden entstammte jener Zeit. Er hing sehr an London.
Das englische Leben, an dem er manches, vor allem die geschraubte
Kirchlichkeit, beanstandete, war ihm trotzdem außerordentlich
sympathisch, und er hatte sich daran gewöhnt, sich als verwachsen
damit anzusehen. Auch seine Familie, die Frau und die zwei Töchter --
beide, wenn auch in großem Abstande, während der Londoner Tage geboren
-- teilten des Vaters Vorliebe für England und englisches Leben. Aber
ein harter Schlag warf alles um, was der Graf geplant: die Frau starb
plötzlich, und der Aufenthalt an der ihm so lieb gewordenen Stätte war
ihm vergällt. Er nahm in der ersten Hälfte der achtziger Jahre seine
Demission, ging zunächst auf die Plantaschen Güter nach Graubünden und
dann weiter nach Süden, um sich in Florenz seßhaft zu machen. Die Luft,
die Kunst, die Heiterkeit der Menschen, alles tat ihm hier wohl, und
er fühlte, daß er genas, soweit er wieder genesen konnte. Glückliche
Tage brachen für ihn an, und sein Glück schien sich noch steigern
zu sollen, als sich die ältere Tochter mit dem italienischen Grafen
Ghiberti verlobte. Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar. Aber die
Fortdauer dieser Ehe stellte sich bald als eine Unmöglichkeit heraus,
und ehe ein Jahr um war, war die Scheidung ausgesprochen. Kurze Zeit
danach kehrte der Graf nach Deutschland zurück, das er, seit einem
Vierteljahrhundert, immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen
hatte. Sich auf das eine oder andere seiner Elbgüter zu begeben,
widerstand ihm auch jetzt noch, und so kam es, daß er sich für Berlin
entschied. Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich,
seinem Hause, seinen Töchtern. Von dem Verkehr mit der großen Welt
hielt er sich so weit wie möglich fern, und nur ein kleiner Kreis von
Freunden, darunter auch die durch einen glücklichen Zufall ebenfalls
von London nach Berlin verschlagenen Berchtesgadens waren, versammelte
sich um ihn. Außer diesen alten Freunden waren es vorzugsweise
Hofprediger Frommel, Doktor Wrschowitz und seit letztem Frühjahr
auch Rittmeister von Stechlin, die den Barbyschen Kreis bildeten.
An Woldemar hatte man sich rasch attachiert, und die freundlichen
Gefühle, denen er bei dem alten Grafen sowohl wie bei den Töchtern
begegnete, wurden von allen Hausbewohnern geteilt. Selbst die Hartwigs
interessierten sich für den Rittmeister, und wenn er abends an der
Portierloge vorüberkam, guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen
und sagte: »So einen, -- ja, das lass' ich mir gefallen.«



Dreizehntes Kapitel


Woldemar, als er sich von den jungen Damen im Barbyschen Hause
verabschiedet hatte, hatte versprechen müssen, seinen Besuch recht bald
zu wiederholen.

Aber was war »recht bald«? Er rechnete hin und her und fand, daß der
dritte Tag dem etwa entsprechen würde; das war »recht bald« und doch
auch wieder nicht zu früh. Und so ging er denn, als der Abend dieses
dritten Tages da war, auf die Hallesche Brücke zu, wartete hier die
Ringbahn ab und fuhr, am Potsdamer und Brandenburger Tor vorüber,
bis an jene sonderbare Reichstagsuferstelle, wo, von mächtiger
Giebelwand herab, ein wohl zwanzig Fuß hohes, riesiges Kaffeemädchen
mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich auf die Welt
der Vorübereilenden herniederblickt, um ihnen ein Paket Kneippschen
Malzkaffee zu präsentieren. An dieser echt berlinisch-pittoresken Ecke
stieg Woldemar ab, um die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an
das Kronprinzenufer zu Fuß zurückzulegen.

Es war gegen acht, als er in dem Barbyschen Hause die mit Teppich
überdeckte Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel zog. Im selben
Augenblick, wo Jeserich öffnete, sah Woldemar an des Alten verlegenem
Gesicht, daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht zu
Hause waren. Aber eine Verstimmung darüber durfte nicht aufkommen, und
so ließ er es geschehen, daß Jeserich ihn bei dem alten Grafen meldete.

»Der Herr Graf lassen bitten.«

Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal von Neuralgie
Geplagten ein, der ihm, auf einen dicken Stock gestützt, unter
freundlichem Gruß entgegenkam.

»Aber Herr Graf,« sagte Woldemar und nahm des alten Herrn linken
Arm, um ihn bis an seinen Lehnstuhl und eine für den kranken Fuß
zurechtgemachte Stellage zurückzuführen. »Ich fürchte, daß ich störe.«

»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hochwillkommen. Außerdem hab
ich strikten Befehl, Sie, ~coûte que coûte~, festzuhalten; Sie wissen,
Damen sind groß in Ahnungen, und bei Melusine hat es schon geradezu was
Prophetisches.«

Woldemar lächelte.

»Sie lächeln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn daß sie nun
schließlich doch gegangen ist (natürlich zu den Berchtesgadens) ist ein
Beweis, daß sie sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaßen
mißtraute. Aber man ist immer nur klug und weise für andre. Die Doktors
machen es ebenso; wenn sie sich selber behandeln sollen, wälzen sie die
Verantwortung von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand. Aber
was sprech ich nur immer von Melusine. Freilich, wer in unserm Hause so
gut Bescheid weiß wie Sie, wird nichts Überraschliches darin finden.
Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint ist. Armgard ist übrigens in
Sicht; keine zehn Minuten mehr, so werden wir sie hier haben.«

»Ist sie mit bei der Baronin?«

»Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in ihrem
Zimmer, und Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann aber nicht lange
mehr dauern.«

»Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Komtesse krank?«

»Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor,
sondern ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht
gehört, weil erst vorige Woche, nach einer langen, langen Pause, die
Musikstunden wieder aufgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und
Tag Armgards Lehrer.«

»Musikdoktor? Gibt es denn die?«

»Lieber Stechlin, es gibt alles. Also natürlich auch das. Und so sehr
ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so liegt es hier doch
so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch
mindestens verzeihen muß. Er hat den Titel auch noch nicht lange.«

»Das klingt ja fast wie ne Geschichte.«

»Trifft auch zu. Können Sie sich denken, daß Wrschowitz aus einer Art
Verzweiflung Doktor geworden ist?«

»Kaum. Und wenn kein Geheimnis ...«

»Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei
Jahren, wo er als Klavierlehrer, aber als ein höherer (denn er hat auch
eine Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrschowitz,
und er ist bloß Doktor geworden, um den Niels auf seiner Visitenkarte
loszuwerden.«

»Und das ist ihm auch geglückt?«

»Ich glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt, daß ihn einzelne
ganz wie früher Niels nennen, entweder aus Zufall oder auch wohl aus
Schändlichkeit. In letzterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die
Musiker sind die boshaftesten Menschen. Meist denkt man, die Prediger
und die Schauspieler seien die schlimmsten. Aber weit gefehlt. Die
Musiker sind ihnen über. Und ganz besonders schlimm sind die, die die
sogenannte heilige Musik machen.«

»Ich habe dergleichen auch schon gehört,« sagte Woldemar. »Aber was ist
das nur mit Niels? Niels ist doch an und für sich ein hübscher und ganz
harmloser Name. Nichts Anzügliches drin.«

»Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels. Er litt, glaub ich, unter
diesem Gegensatz.«

Woldemar lachte. »Das kenn ich. Das kenn ich von meinem Vater her, der
Dubslav heißt, was ihm auch immer höchst unbequem war. Und da reichen
wohl nicht hundertmal, daß ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater
habe verklagen hören.«

»Genau so hier,« fuhr der Graf in seiner Erzählung fort. »Wrschowitz'
Vater, ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze,
war ein Niels-Gade-Schwärmer, woraufhin er seinen Jungen einfach Niels
taufte. Das war nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug.
Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst, als der allmählich
ein scharfer Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten
Niels-Gade-Verächter ausbildete. Niels Gade war ihm der Inbegriff alles
Trivialen und Unbedeutenden, und dazu kam noch, wie Amen in der Kirche,
daß unser junger Freund, wenn er als ›Niels Wrschowitz‹ vorgestellt
wurde, mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete: ›Niels? Ah,
Niels. Ein schöner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hoch
erfreulich, ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen.‹ All das
konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so kam er auf
den Gedanken, den Vornamen auf seiner Karte durch einen Doktortitel
wegzueskamotieren.«

Woldemar nickte.

»Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur Genüge, daß unser
Wrschowitz, als richtiger Künstler, in die Gruppe ~gens irritabilis~
gehört, und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte,
zum Tee zu bleiben, so bitt ich Sie herzlich, dieser Reizbarkeit
eingedenk zu sein. Wenn irgend möglich, vermeiden Sie Beziehungen auf
die ganze skandinavische Welt, besonders aber auf Dänemark direkt. Er
wittert überall Verrat. Übrigens, wenn man auf seiner Hut ist, ist er
ein feiner und gebildeter Mann. Ich hab ihn eigentlich gern, weil er
anders ist wie andre.«

       *       *       *       *       *

Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung: Armgard hatte
den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und als bald danach
Jeserich eintrat, um den Grafen und Woldemar zum Tee zu bitten, fanden
diese beim Eintritt in das Mittelzimmer nicht nur Armgard, sondern
auch Wrschowitz vor, der, die Finger ineinander gefaltet, mitten in
dem Salon stand und die an der Büfettwand hängenden Bilder mit jenem
eigentümlichen Mischausdruck von aufrichtigem Gelangweiltsein und
erkünsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte dem Grafen
wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf Woldemar zu und sprach
ihm ihre Freude aus, daß er gekommen; auch Melusine werde gewiß bald
da sein; sie habe noch zuletzt gesagt: »Du sollst sehen, heute kommt
Stechlin.« Danach wandte sich die junge Komtesse wieder Wrschowitz zu,
der sich eben in das von Hubert Herkomer gemalte Bild der verstorbenen
Gräfin vertieft zu haben schien, und sagte, gegenseitig vorstellend,
»Doktor Wrschowitz, Rittmeister von Stechlin.« Woldemar, seiner
Instruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, während Wrschowitz,
ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von
Künstler und Hussiten gab.

Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen, entschuldigte sich,
mit der unglücklichen Stellage beschwerlich fallen zu müssen, und bat
die beiden Herren, sich neben ihm niederzulassen, während Armgard,
dem Vater gegenüber, an der andern Schmalseite des Tisches saß. Der
alte Graf nahm seine Tasse Tee, schob den Kognak, »des Tees bessren
Teil,« mit einem humoristischen Seufzer beiseit und sagte, während er
sich links zu Wrschowitz wandte: »Wenn ich recht gehört habe -- so ein
bißchen von musikalischem Ohr ist mir geblieben --, so war es Chopin,
was Armgard zu Beginn der Stunde spielte ...«

Wrschowitz verneigte sich.

»Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle Polen,
vorausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder auch
Wissenschaftsmenschen sind. Als Politiker kann ich mich mit ihnen nicht
befreunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich Deutscher und
sogar Preuße bin.«

»Sehr warr, sehr warr,« sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstüchtig als
artig.

»Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von meinen frühesten
Leutnantstagen an, eine schwärmerische Vorliebe gehabt habe. Da gab es
unter anderm eine Polonaise von Oginski, die damals so regelmäßig und
mit soviel Passion gespielt wurde, wie später der ›Erlkönig‹ oder die
›Glocken von Speier‹. Es war auch die Zeit vom ›Alten Feldherrn‹ und
von ›Denkst du daran, mein tapferer Lagienka‹.«

»Jawohl, Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und warr mir immerdarr eine
besondere Lust zu sehen, wie das Sentimentalle wieder fällt. Immer
merr, immer merr. Ich hasse das Sentimentalle ~de tout mon cœur~.«

»Worin ich,« sagte Woldemar, »Herrn Doktor Wrschowitz durchaus
zustimme. Wir haben in der Poesie genau dasselbe. Da gab es
auch dergleichen, und ich bekenne, daß ich als Knabe für solche
Sentimentalitäten geschwärmt habe. Meine besondere Schwärmerei war
›König Renés Tochter‹ von Henrik Hertz, einem jungen Kopenhagener, wenn
ich nicht irre ...«

Wrschowitz verfärbte sich, was Woldemar, als er es wahrnahm, zu
sofortigem raschen Einlenken bestimmte. »... ›König Renés Tochter‹, ein
lyrisches Drama. Aber schon seit lange wieder vergessen. Wir stehen
jetzt im Zeichen von Tolstoj und der Kreutzersonate.«

»Sehr warr, sehr warr,« sagte der rasch wieder beruhigte Wrschowitz und
nahm nur noch Veranlassung, energisch gegen die Mischung von Kunst und
Sektierertum zu protestieren.

Woldemar, großer Tolstojschwärmer, wollte für den russischen Grafen
eine Lanze brechen, aber Armgard, die, wenn derartige Themata berührt
wurden, der Salonfähigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg mißtraute,
war sofort aufrichtig bemüht, das Gespräch auf harmlosere Gebiete
hinüberzuspielen. Als ein solches friedeverheißendes Gebiet erschien
ihr in diesem Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin, aus deren
abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen war, und so
sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn über seinen jüngsten
Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu sehen. »Ich weiß wohl, daß
ich meiner Schwester Melusine (die voll Neugier und Verlangen ist, auch
davon zu hören) einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin
wird es aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester erst wieder da
ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert, nicht
alles absolut neu zu sein. Man darf sich wiederholen. Papa hat auch
einzelnes, das er öfter erzählt.«

»Einzelnes?« lachte der alte Graf, »meine Tochter Armgard meint
›vieles‹.«

»Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da gibt es denn doch ganz andre, zum
Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin sieht auch immer weg, wenn
er anfängt. Aber lassen wir den Baron und seine Geschichten, und hören
wir lieber von Herrn von Stechlins Ausfluge. Doktor Wrschowitz teilt
gewiß meinen Geschmack.«

»Teile vollkommen.«

»Also, Herr von Stechlin,« fuhr Armgard fort. »Sie haben nach diesen
Erklärungen unsers Freundes Wrschowitz einen freundlichen Zuhörer mehr,
vielleicht sogar einen begeisterten. Auch für Papa möcht ich mich
verbürgen. Wir sind ja eigentlich selber märkisch oder doch beinah,
und wissen trotzdem so wenig davon, weil wir immer draußen waren.
Ich kenne wohl Saatwinkel und den Grunewald, aber das eigentliche
brandenburgische Land, das ist doch noch etwas andres. Es soll alles so
romantisch sein und so melancholisch, Sand und Sumpf und im Wasser ein
paar Binsen oder eine Birke, dran das Laub zittert. Ist Ihre Ruppiner
Gegend auch so?«

»Nein, Komtesse, wir haben viel Wald und See, die sogenannte
Mecklenburgische Seenplatte.«

»Nun, das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die Berchtesgadens erst
neulich versichert haben, hat auch seine Romantik.«

»Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe gelesen Franzosentid ...«

»Und dann glaub ich auch zu wissen,« fuhr Armgard fort, »daß Sie
Rheinsberg ganz in der Nähe haben. Ist es richtig? Und kennen Sie's? Es
soll soviel Interessantes bieten. Ich erinnere mich seiner aus meinen
Kindertagen her, trotzdem wir damals in London lebten. Oder vielleicht
auch gerade deshalb. Denn es war die Zeit, wo das Carlylesche Buch
über Friedrich den Großen immer noch in Mode war, und wo's zum guten
Ton gehörte, sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci zu kümmern,
sondern auch um Rheinsberg und den Orden ~de la générosité~. Lebt das
alles noch da? Spricht das Volk noch davon?«

»Nein, Komtesse, das ist alles fort. Und überhaupt, von dem großen
König spricht im Rheinsbergischen niemand mehr, was auch kaum anders
sein kann. Der große König war als Kronprinz nur kurze Zeit da, sein
Bruder Heinrich aber fünfzig Jahre. Und so hat die Prinz-Heinrich-Zeit
beklagenswerterweise die Kronprinzenzeit ganz erdrückt. Aber
beklagenswert doch nicht in allem. Denn Prinz Heinrich war auch
bedeutend und vor allem sehr kritisch. Was doch immer ein Vorzug ist.«

»Sehr warr, sehr warr,« unterbrach hier Wrschowitz.

»Er war sehr kritisch,« wiederholte Woldemar. »Namentlich auch gegen
seinen Bruder, den König. Und die Malkontenten, deren es auch damals
schon die Hülle und Fülle gab, waren beständig um ihn herum. Und dabei
kommt immer was heraus.«

»Sehr warr, sehr warr ...«

»Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweilig, aber die
Frondeurs, wenn +die+ den Mund auftun, da kann man was hören, da tut
sich einem was auf.«

»Gewiß,« sagte Armgard. »Aber trotzdem, Herr von Stechlin, ich
kann das Frondieren nicht leiden. Frondeur ist doch immer nur der
gewohnheitsmäßig Unzufriedene, und wer immer unzufrieden ist, der taugt
nichts. Immer Unzufriedene sind dünkelhaft und oft boshaft dazu, und
während sie sich über andre lustig machen, lassen sie selber viel zu
wünschen übrig.«

»Sehr warr, sehr warr, gnädigste Komtesse,« verbeugte sich Wrschowitz.
»Aber, wollen verzeihn, Komtesse, wenn ich trotzdem bin für Frondeur.
Frondeur ist Krittikk, und wo Guttes sein will, muß sein Krittikk.
Deutsche Kunst viel Krittikk. Erst muß sein Kunst, gewiß, gewiß, aber
gleich danach muß sein Krittikk. Krittikk ist wie große Revolution.
Kopf ab aus Prinzipp. Kunst muß haben ein Prinzipp. Und wo Prinzipp is,
is Kopf ab.«

Alles schwieg, so daß dem Grafen nichts übrigblieb, als etwas verspätet
seine halbe Zustimmung auszudrücken. Armgard ihrerseits beeilte
sich, auf Rheinsberg zurückzukommen, das ihr, trotz des fatalen
Zwischenfalls mit »Kopf ab,« im Vergleich zu vielleicht wiederkehrenden
Musikgesprächen immer noch als wenigstens ein Nothafen erschien.

»Ich glaube,« sagte sie, »neben manchem andern auch mal von der
Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu haben. Er soll -- irre ich
mich, so werden Sie mich korrigieren -- ein sogenannter Misogyne
gewesen sein. Etwas durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch
mindestens etwas sehr Sonderbares.«

»Sehr sonderbarr,« sagte Wrschowitz, während sich, unter huldigendem
Hinblick auf Armgard, sein Gesicht wie verklärte.

»Wie gut, lieber Wrschowitz,« fuhr Armgard fort, »daß Sie, mein Wort
bestätigend, für uns arme Frauen und Mädchen eintreten. Es gibt immer
noch Ritter, und wir sind ihrer so sehr benötigt. Denn wie mir Melusine
erzählt hat, sind die Weiberfeinde sogar stolz darauf, Weiberfeinde
zu sein, und behandeln ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform.
Kennen Sie solche Leute, Herr von Stechlin? Und wenn Sie solche Leute
kennen, wie denken Sie darüber?«

»Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche.«

»Das ist recht.«

»Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz, wie Komtesse schon ganz richtig
ausgesprochen haben, war auch ein solcher Kranker.«

»Und wie äußerte sich das? Oder ist es überhaupt nicht möglich, über
das Thema zu sprechen?«

»Nicht ganz leicht, Komtesse. Doch in Gegenwart des Herrn Grafen und
nicht zu vergessen auch in Gegenwart von Doktor Wrschowitz, der so
schön und ritterlich gegen die Misogynität Partei genommen, unter
solchem Beistande will ich es doch wagen.«

»Nun, das freut mich. Denn ich brenne vor Neugier.«

»Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache herumgehen. Unser
Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus dem vorigen Jahrhundert.
Die jetzigen sind Menschen; die damaligen waren +nur+ Prinzen. Eine der
Passionen unsers Rheinsberger Prinzen -- wenn man will, in einer Art
Gegensatz von dem, was schon gesagt wurde -- war eine geheimnisvolle
Vorliebe für jungfräuliche Tote, besonders Bräute. Wenn eine Braut im
Rheinsbergischen, am liebsten auf dem Lande, gestorben war, so lud er
sich zu dem Begräbnis zu Gast. Und eh der Geistliche noch da sein
konnte (den vermied er), erschien er und stellte sich an das Fußende
des Sarges und starrte die Tote an. Aber sie mußte geschminkt sein und
aussehen wie das Leben.«

»Aber das ist ja schrecklich,« brach es beinahe leidenschaftlich aus
Armgard hervor. »Ich mag diesen Prinzen nicht und seine ganze Fronde
nicht. Denn die müssen ebenso gewesen sein. Das ist ja Blasphemie, das
ist ja Gräberschändung, -- ich muß das Wort aussprechen, weil ich so
empört bin und nicht anders kann.«

Der alte Graf sah die Tochter an, und ein Freudenstrahl umleuchtete
sein gutes altes Gesicht. Auch Wrschowitz empfand so was von
unbedingter Huldigung, bezwang sich aber und sah, statt auf Armgard,
auf das Bild der Gräfin-Mutter, das von der Wand niederblickte.

Nur Woldemar blieb ruhig und sagte: »Komtesse, Sie gehen vielleicht zu
weit. Wissen Sie, was in der Seele des Prinzen vorgegangen ist? Es kann
etwas Infernales gewesen sein, aber auch etwas ganz andres. Wir wissen
es nicht. Und weil er nebenher unbedingt große Züge hatte, so bin ich
dafür, ihm das in Rechnung zu stellen.«

»Bravo, Stechlin,« sagte der alte Graf. »Ich war erst Armgards Meinung.
Aber Sie haben recht, wir wissen es nicht. Und soviel weiß ich noch von
der Juristerei her, in der ich, wohl oder übel, eine Gastrolle gab,
daß man in zweifelhaften Fällen ~in favorem~ entscheiden muß. Übrigens
geht eben die Klingel. An bester Stelle wird ein Gespräch immer
unterbrochen. Es wird Melusine sein. Und so sehr ich gewünscht hätte,
sie wäre von Anfang an mit dabei gewesen, wenn sie jetzt so mit einem
Male dazwischen fährt, ist selbst Melusine eine Störung.«

Es war wirklich Melusine. Sie trat, ohne draußen abgelegt zu haben, ins
Zimmer, warf das schottische Cape, das sie trug, in eine Sofaecke und
schritt, während sie noch den Hut aus dem Haare nestelte, bis an den
Tisch, um hier zunächst den Vater, dann aber die beiden andern Herren
zu begrüßen. »Ich seh euch so verlegen, woraus ich schließe, daß eben
etwas Gefährliches gesagt worden ist. Also etwas über mich.«

»Aber, Melusine, wie eitel.«

»Nun, dann also nicht über mich. Aber über wen? Das wenigstens will ich
wissen. Von wem war die Rede?«

»Vom Prinzen Heinrich. Aber von dem ganz alten, der schon fast hundert
Jahre tot ist.«

»Da konntet ihr auch was Besseres tun.«

»Wenn du wüßtest, was uns Stechlin von ihm erzählt hat, und daß er
-- nicht Stechlin, aber der Prinz -- ein Misogyne war, so würdest du
vielleicht anders sprechen.«

»Misogyne. Das freilich ändert die Sache. Ja, lieber Stechlin, da kann
ich Ihnen nicht helfen, davon muß ich auch noch hören. Und wenn Sie
mir's abschlagen, so wenigstens was Gleichwertiges.«

»Gräfin Melusine, was Gleichwertiges gibt es nicht.«

»Das ist gut, sehr gut, weil es so wahr ist. Aber dann bitt ich um
etwas zweiten Ranges. Ich sehe, daß Sie von Ihrem Ausfluge erzählt
haben, von Ihrem Papa, von Schloß Stechlin selbst oder von Ihrem Dorf
und Ihrer Gegend. Und davon möcht ich auch hören, wenn es auch freilich
nicht an das andre heranreicht.«

»Ach, Gräfin, Sie wissen nicht, wie bescheiden es mit unserm Stechliner
Erdenwinkel bestellt ist. Wir haben da, von einem Pastor abgesehen,
der beinah Sozialdemokrat ist, und des weiteren von einem Oberförster
abgesehen, der eine Prinzessin, eine Ippe-Büchsenstein, geheiratet
hat ...«

»Aber das ist ja alles großartig ...«

»Wir haben da, von diesen zwei Sehenswürdigkeiten abgesehen, eigentlich
nur noch den ›Stechlin‹. Der ginge vielleicht, über den ließe sich
vielleicht etwas sagen.«

»Den ›Stechlin?‹ Was ist das? Ich bin so glücklich zu wissen« (und sie
machte verbindlich eine Handbewegung auf Woldemar zu), »ich bin so
glücklich, zu wissen, daß es Stechline gibt. Aber der Stechlin! Was ist
der Stechlin?«

»Das ist ein See.«

»Ein See. Das besagt nicht viel. Seen, wenn es nicht grade der
Vierwaldstätter ist, werden immer erst interessant durch ihre Fische,
durch Sterlet oder Felchen. Ich will nicht weiter aufzählen. Aber was
hat der Stechlin? Ich vermute, Steckerlinge.«

»Nein, Gräfin, die hat er nun gerade nicht. Er hat genau das, was
Sie geneigt sind am wenigsten zu vermuten. Er hat Weltbeziehungen,
vornehme, geheimnisvolle Beziehungen, und nur alles Gewöhnliche, wie
beispielsweise Steckerlinge, hat er nicht. Steckerlinge fehlen ihm.«

»Aber, Stechlin, Sie werden doch nicht den Empfindlichen spielen.
Rittmeister in der Garde!«

»Nein, Gräfin. Und außerdem, den wollt ich sehen, der das Ihnen
gegenüber zuwege brächte.«

»Nun dann also, was ist es? Worin bestehen seine vornehmen Beziehungen?«

»Er steht mit den höchsten und allerhöchsten Herrschaften, deren
genealogischer Kalender noch über den Gothaischen hinauswächst, auf
du und du. Und wenn es in Java oder auf Island rumort oder der Geiser
mal in Doppelhöhe dampft und springt, dann springt auch in unserm
Stechlin ein Wasserstrahl auf, und einige (wenn es auch noch niemand
gesehen hat), einige behaupten sogar, in ganz schweren Fällen erscheine
zwischen den Strudeln ein roter Hahn und krähe hell und weckend in die
Ruppiner Grafschaft hinein. Ich nenne das vornehme Beziehungen.«

»Ich auch,« sagte Melusine.

Wrschowitz aber, dessen Augen immer größer geworden waren, murmelte vor
sich hin: »Sehr warr, sehr warr.«



Vierzehntes Kapitel


Es war zu Beginn der Woche, daß Woldemar seinen Besuch im Barbyschen
Hause gemacht hatte. Schon am Mittwoch früh empfing er ein Billett von
Melusine.

»Lieber Freund. Lassen Sie mich Ihnen noch nachträglich mein Bedauern
aussprechen, daß ich vorgestern nur gerade noch die letzte Szene
des letzten Aktes (Geschichte vom Stechlin) miterleben konnte. Mich
verlangt es aber lebhaft, mehr davon zu wissen. In unsrer sogenannten
großen Welt gibt es so wenig, was sich zu sehen und zu hören verlohnt;
das meiste hat sich in die stillen Winkel der Erde zurückgezogen. Allen
vorauf, wie mir scheint, in Ihre Stechliner Gegend. Ich wette, Sie
haben uns noch über vieles zu berichten, und ich kann nur wiederholen,
ich möchte davon hören. Unsre gute Baronin, der ich davon erzählt
habe, denkt ebenso; sie hat den Zug aller naiven und liebenswürdigen
Frauen, neugierig zu sein. Ich, ohne die genannten Vorbedingungen zu
erfüllen, bin ihr trotzdem an Neugier gleich. Und so haben wir denn
eine Nachmittagspartie verabredet, bei der Sie der große Erzähler sein
sollen. In der Regel freilich verläuft es anders wie gedacht, und man
hört nicht das, was man hören wollte. Das darf uns aber in unserm
guten Vorhaben nicht hindern. Die Baronin hat mir etwas vorgeschwärmt
von einer Gegend, die sie ›Oberspree‹ nannte (die vielleicht auch
wirklich so heißt), und wo's so schön sein soll, daß sich die
Havelherrlichkeiten daneben verstecken müssen. Ich will es ihr glauben,
und jedenfalls werd ich es ihr nachträglich versichern, auch wenn ich
es nicht gefunden haben sollte. Das Ziel unsrer Fahrt -- ein Punkt,
den übrigens die Berchtesgadens noch nicht kennen; sie waren bisher
immer erheblich weiter flußaufwärts -- das Ziel unsrer Reise hat einen
ziemlich sonderbaren Namen und heißt das ›Eierhäuschen‹. Ich werde
seitdem die Vorstellung von etwas Ovalem nicht los und werde wohl erst
geheilt sein, wenn sich mir die so sonderbar benamste Spreeschönheit
persönlich vorgestellt haben wird. Also morgen, Donnerstag:
Eierhäuschen. Ein ›Nein‹ gibt es natürlich nicht. Abfahrt vier Uhr,
Jannowitzbrücke. Papa begleitet uns; es geht ihm seit heut um vieles
besser, so daß er sich's zutraut. Vielleicht ist vier etwas spät; aber
wir haben dabei, wie mir Lizzi sagt, den Vorteil, auf der Rückfahrt
die Lichter im Wasser sich spiegeln zu sehen. Und vielleicht ist auch
irgendwo Feuerwerk, und wir sehen dann die Raketen steigen. Armgard
ist in Aufregung, fast auch ich. ~Au revoir.~ Eines Herrn Rittmeisters
wohlaffektionierte

            Melusine.«

       *       *       *       *       *

Nun war der andre Nachmittag da, und kurz vor vier Uhr fuhren
erst die Berchtesgadens und gleich danach auch die Barbys bei
der Jannowitzbrücke vor. Woldemar wartete schon. Alle waren in
jener heitern Stimmung, in der man geneigt ist, alles schön und
reizend zu finden. Und diese Stimmung kam denn auch gleich der
Dampfschiffahrtsstation zustatten. Unter lachender Bewunderung der sich
hier darbietenden Holzarchitektur stieg man ein Gewirr von Stiegen
und Treppen hinab und schritt, unten angekommen, an den um diese
Stunde noch leeren Tischen eines hier etablierten »Lokals« vorüber,
unmittelbar auf das Schiff zu, dessen Glocke schon zum erstenmal
geläutet hatte. Das Wetter war prachtvoll, flußaufwärts alles klar und
sonnig, während über der Stadt ein dünner Nebel lag. Zu beiden Seiten
des Hinterdecks nahm man auf Stühlen und Bänken Platz und sah von hier
aus auf das verschleierte Stadtbild zurück.

»Da heißt es nun immer,« sagte Melusine, »Berlin sei so kirchenarm;
aber wir werden bald Köln und Mainz aus dem Felde geschlagen haben.
Ich sehe die Nikolaikirche, die Petrikirche, die Waisenkirche,
die Schloßkuppel, und das Dach da, mit einer Art von chinesischer
Deckelmütze, das ist, glaub ich, der Rathausturm. Aber freilich, ich
weiß nicht, ob ich den mitrechnen darf.«

»Turm ist Turm,« sagte die Baronin. »Das fehlte so gerade noch, daß man
dem armen alten Berlin auch seinen Rathausturm als Turm abstritte. Man
eifersüchtelt schon genug.«

Und nun schlug es vier. Von der Parochialkirche her klang das
Glockenspiel, die Schiffsglocke läutete dazwischen, und als diese
wieder schwieg, wurde das Brett aufgeklappt, und unter einem schrillen
Pfiff setzte sich der Dampfer auf das mittlere Brückenjoch zu in
Bewegung.

       *       *       *       *       *

Oben, in Nähe der Jannowitzbrücke, hielten immer noch die beiden
herrschaftlichen Wagen, die's für angemessen erachten mochten, ehe sie
selber aufbrachen, zuvor den Aufbruch des Schiffes abzuwarten, und
erst als dieses unter der Brücke verschwunden war, fuhr der gräflich
Barbysche Kutscher neben den freiherrlich Berchtesgadenschen, um
mit diesem einen Gruß auszutauschen. Beide kannten sich seit lange,
schon von London her, wo sie bei denselben Herrschaften in Dienst
gestanden hatten. In diesem Punkte waren sie sich gleich, sonst
aber so verschieden wie nur möglich, auch schon in ihrer äußeren
Erscheinung. Imme, der Barbysche Kutscher, ein ebenso martialisch wie
gutmütig dreinschauender Mecklenburger, hätte mit seinem angegrauten
Sappeurbart ohne weiteres vor eine Gardetruppe treten und den Zug als
Tambourmajor eröffnen können, während der Berchtesgadensche, der seine
Jugend als Trainer und halber Sportsmann zugebracht hatte, nicht bloß
einen englischen Namen führte, sondern auch ein typischer Engländer
war, hager, sehnig, kurz geschoren und glatt rasiert. Seine Glotzaugen
hatten etwas Stupides; er war aber trotzdem klug genug und wußte,
wenn's galt, seinem Vorteil nachzugehen. Das Deutsche machte ihm noch
immer Schwierigkeiten, trotzdem er sich aufrichtige Mühe damit gab und
sogar das bequeme Zuhilfenehmen englischer Wörter vermied, am meisten
dann, wenn er sich die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abquälen sah,
ihm mit »~well, well, Mr. Robinson~« oder gar mit einem geheimnisvollen
»~indeed~« zu Hilfe zu kommen. Nur mit dem einen war er einverstanden,
daß man ihn »Mr. Robinson« nannte. Das ließ er sich gefallen.

»~Now, Mr. Robinson~,« sagte Imme, als sie Bock an Bock nebeneinander
hielten, »~how are you? I hope quite well.~«

»Danke, Mr. Imme, danke! Was macht die Frau?«

»Ja, Robinson, da müssen Sie, denk ich, selber nachsehen, und zwar
gleich heute, wo die Herrschaften fort sind und erst spät wiederkommen.
Noch dazu mit der Stadtbahn. Wenigstens von hier aus, Jannowitzbrücke.
Sagen wir also neun; eher sind sie nicht zurück. Und bis dahin haben
wir einen guten Skat. Hartwig als dritter wird schon kommen; Portiers
können immer. Die Frau zieht ebensogut die Tür auf wie er, und weiter
ist es ja nichts. Also Klocker fünf: ein ›Nein‹ gilt nicht; ~where
there is a will, there is a way~. Ein bißchen ist doch noch hängen
geblieben von ~dear old England~.«

»Danke, Mr. Imme,« sagte Robinson, »danke! Ja, Skat ist das Beste von
~all Germany~. Komme gern. Skat ist noch besser als Bayrisch.«

»Hören Sie, Robinson, ich weiß doch nicht, ob das stimmt. Ich denke
mir, so beides zusammen, das ist das Wahre. ~That's it.~«

Robinson war einverstanden, und da beide weiter nichts auf dem Herzen
hatten, so brach man hier ab und schickte sich an, die Rückfahrt in
einem mäßig raschen Trab anzutreten, wobei der Berchtesgadensche
Kutscher den Weg über Molkenmarkt und Schloßplatz, der Barbysche den
auf die Neue Friedrichstraße nahm. Jenseits der Friedrichsbrücke hielt
sich dieser dann dicht am Wasser hin und kam so am bequemsten bis an
sein Kronprinzenufer.

       *       *       *       *       *

Der Dampfer, gleich nachdem er das Brückenjoch passiert hatte, setzte
sich in ein rascheres Tempo, dabei die linke Flußseite haltend, so daß
immer nur eine geringe Entfernung zwischen dem Schiff und den sich
dicht am Ufer hinziehenden Stadtbahnbögen war. Jeder Bogen schuf den
Rahmen für ein dahinter gelegenes Bild, das natürlich die Form einer
Lunette hatte. Mauerwerk jeglicher Art, Schuppen, Zäune zogen in buntem
Wechsel vorüber, aber in Front aller dieser der Alltäglichkeit und der
Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer wieder ein Stück Gartenland,
darin ein paar verspätete Malven oder Sonnenblumen blühten. Erst als
man die zweitfolgende Brücke passiert hatte, traten die Stadtbahnbögen
so weit zurück, daß von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede sein
konnte; statt ihrer aber wurden jetzt Wiesen und pappelbesetzte Wege
sichtbar, und wo das Ufer kaiartig abfiel, lagen mit Sand beladene
Kähne, große Zillen, aus deren Innerem eine baggerartige Vorrichtung
die Kies- und Sandmassen in die dicht am Ufer hin etablierten
Kalkgruben schüttete. Es waren dies die Berliner Mörtelwerke, die hier
die Herrschaft behaupteten und das Uferbild bestimmten.

Unsre Reisenden sprachen wenig, weil unter dem raschen Wechsel der
Bilder eine Frage die andre zurückdrängte. Nur als der Dampfer
an Treptow vorüber zwischen den kleinen Inseln hinfuhr, die hier
mannigfach aus dem Fluß aufwachsen, wandte sich Melusine an Woldemar
und sagte: »Lizzi hat mir erzählt, hier zwischen Treptow und Stralau
sei auch die ›Liebesinsel‹; da stürben immer die Liebespaare, meist mit
einem Zettel in der Hand, drauf alles stünde. Trifft das zu?«

»Ja, Gräfin, soviel ich weiß, trifft es zu. Solche Liebesinseln gibt
es übrigens vielfach in unsrer Gegend und kann als Beweis gelten, wie
weitverbreitet der Zustand ist, dem abgeholfen werden soll, und wenn's
auch durch Sterben wäre.«

»Das nehm ich Ihnen übel, daß Sie darüber spotten. Und Armgard wird
es noch mehr tun, weil sie gefühlvoller ist als ich. Zudem sollten Sie
wissen, daß sich so was rächt.«

»Ich weiß es. Aber Sie lesen auch durchaus falsch in meiner Seele.
Sicher haben Sie mal gehört, daß der, der Furcht hat, zu singen
anfängt, und wer nicht singen kann, nun, der witzelt eben. Übrigens, so
schön ›Liebesinsel‹ klingt, der Zauber davon geht wieder verloren, wenn
Sie sich den Namen des Ganzen vergegenwärtigen. Die sich so mächtig
hier verbreiternde Spreefläche heißt nämlich der ›Rummelsburger‹ See.«

»Freilich nicht hübsch; das kann ich zugeben. Aber die Stelle selbst
ist schön, und Namen bedeuten nichts.«

»Wer Melusine heißt, sollte wissen, was Namen bedeuten.«

»Ich weiß es leider. Denn es gibt Leute, die sich vor ›Melusine‹
fürchten.«

»Was immer eine Dummheit, aber doch viel mehr noch eine Huldigung ist.«

Unter diesem Gespräche waren sie bis über die Breitung der Spree hinaus
gekommen und fuhren wieder in das schmaler werdende Flußbett ein.
An beiden Ufern hörten die Häuserreihen auf, sich in dünnen Zellen
hinzuziehen, Baumgruppen traten in nächster Nähe dafür ein, und weiter
landeinwärts wurden aufgeschüttete Bahndämme sichtbar, über die hinweg
die Telegraphenstangen ragten und ihre Drähte von Pfahl zu Pfahl
spannten. Hie und da, bis ziemlich weit in den Fluß hinein, stand ein
Schilfgürtel, aus dessen Dickicht vereinzelte Krickenten aufflogen.

»Es ist doch weiter, als ich dachte,« sagte Melusine. »Wir sind ja
schon wie in halber Einsamkeit. Und dabei wird es frisch. Ein Glück,
daß wir Decken mitgenommen. Denn wir bleiben doch wohl im Freien? Oder
gibt es auch Zimmer da? Freilich kann ich mir kaum denken, daß wir zu
sechs in einem Eierhäuschen Platz haben.«

»Ach, Frau Gräfin, ich sehe, Sie rechnen auf etwas extrem Idyllisches
und erwarten, wenn wir angelangt sein werden, einen Mischling von
Kiosk und Hütte. Da harrt Ihrer aber eine grausame Enttäuschung.
Das Eierhäuschen ist ein sogenanntes ›Lokal‹, und wenn uns die Lust
anwandelt, so können wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten.
Raum genug ist da. Sehen Sie, das Schiff wendet sich schon, und der
rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar
wird, das ist das Eierhäuschen.«

»O weh! Ein Palazzo,« sagte die Baronin und war auf dem Punkt, ihrer
Mißstimmung einen Ausdruck zu geben. Aber ehe sie dazu kam, schob
sich das Schiff schon an den vorgebauten Anlegesteg, über den hinweg
man, einen Uferweg einschlagend, auf das Eierhäuschen zuschritt.
Dieser Uferweg setzte sich, als man das Gartenlokal endlich erreicht
hatte, jenseits desselben noch eine gute Strecke fort, und weil
die wundervolle Frische dazu einlud, beschloß man, ehe man sich im
Eierhäuschen selber niederließ, zuvor noch einen gemeinschaftlichen
Spaziergang am Ufer hin zu machen. Immer weiter flußaufwärts.

Der Enge des Weges halber ging man zu zweien, vorauf Woldemar mit
Melusine, dann die Baronin mit Armgard. Erheblich zurück erst
folgten die beiden älteren Herren, die schon auf dem Dampfschiff
ein politisches Gespräch angeschnitten hatten. Beide waren liberal,
aber der Umstand, daß der Baron ein Bayer und unter katholischen
Anschauungen aufgewachsen war, ließ doch beständig Unterschiede
hervortreten.

»Ich kann Ihnen nicht zustimmen, lieber Graf. Alle Trümpfe heut, und
zwar mehr denn je, sind in des Papstes Hand. Rom ist ewig und Italien
nicht so fest aufgebaut, als es die Welt glauben machen möchte. Der
Quirinal zieht wieder aus, und der Vatikan zieht wieder ein. Und was
dann?«

»Nichts, lieber Baron. Auch dann nicht, wenn es wirklich dazu kommen
sollte, was, glaub ich, ausgeschlossen ist.«

»Sie sagen das so ruhig, und ruhig ist man nur, wenn man sicher ist.
Sind Sie's? Und wenn Sie's sind, dürfen Sie's sein? Ich wiederhole, die
letzten Entscheidungen liegen immer bei dieser Papst- und Rom-Frage.«

»Lagen einmal. Aber damit ist es gründlich vorbei, auch in Italien
selbst. Die letzten Entscheidungen, von denen Sie sprechen, liegen
heutzutage ganz wo anders, und es sind bloß ein paar Ihrer Zeitungen,
die nicht müde werden, der Welt das Gegenteil zu versichern. Alles
bloße Nachklänge. Das moderne Leben räumt erbarmungslos mit all dem
Überkommenen auf. Ob es glückt, ein Nilreich aufzurichten, ob Japan
ein England im Stillen Ozean wird, ob China mit seinen vierhundert
Millionen aus dem Schlaf aufwacht und, seine Hand erhebend, uns und
der Welt zuruft: ›Hier bin ich,‹ allem vorauf aber, ob sich der vierte
Stand etabliert und stabiliert (denn darauf läuft doch in ihrem
vernünftigen Kern die ganze Sache hinaus) -- das alles fällt ganz
anders ins Gewicht als die Frage ›Quirinal oder Vatikan‹. Es hat sich
überlebt. Und anstaunenswert ist nur das eine, daß es überhaupt noch so
weiter geht. Das ist der Wunder größtes.«

»Und das sagen Sie, der Sie zeitweilig den Dingen so nahe gestanden?«

»+Weil+ ich ihnen so nahe gestanden.«

       *       *       *       *       *

Auch die beiden voranschreitenden Paare waren in lebhaftem Gespräch.

An dem schon in Dämmerung liegenden östlichen Horizont stiegen
die Fabrikschornsteine von Spindlersfelde vor ihnen auf, und die
Rauchfahnen zogen in langsamem Zuge durch die Luft.

»Was ist das?« fragte die Baronin, sich an Woldemar wendend.

»Das ist Spindlersfelde.«

»Kenn ich nicht.«

»Doch vielleicht, gnädigste Frau, wenn Sie hören, daß in eben diesem
Spindlersfelde der für die weibliche Welt so wichtige Spindler seine
geheimnisvollen Künste treibt. Besser noch seine verschwiegenen. Denn
unsre Damen bekennen sich nicht gern dazu.«

»So, der! Ja, dieser unser Wohltäter, den wir -- Sie haben ganz recht
-- in unserm Undank so gern unterschlagen. Aber dies Unterschlagen hat
doch auch wieder sein Verzeihliches. Wir tun jetzt (leider) so vieles,
was wir, nach einer alten Anschauung, eigentlich nicht tun sollten. Es
ist, mein ich, nicht passend, auf einem Pferdebahnperron zu stehen,
zwischen einem Schaffner und einer Kiepenfrau, und es ist noch weniger
passend, in einem Fünfzigpfennigbasar allerhand Einkäufe zu machen und
an der sich dabei aufdrängenden Frage: ›Wodurch ermöglichen sich diese
Preise?‹ still vorbeizugehen. Unser Freund in Spindlersfelde da drüben
degradiert uns vielleicht auch durch das, was er so hilfreich für uns
tut. Armgard, wie denken Sie darüber?«

»Ganz wie Sie, Baronin.«

»Und Melusine?«

Diese gab kopfschüttelnd die Frage weiter und drang darauf, daß die
beiden älteren Herren, die mittlerweile herangekommen waren, den
Ausschlag geben sollten. Aber der alte Graf wollte davon nichts wissen.
»Das sind Doktorfragen. Auf derlei Dinge lass' ich mich nicht ein. Ich
schlage vor, wir machen lieber kehrt und suchen uns im Eierhäuschen
einen hübschen Platz, von dem aus wir das Leben auf dem Fluß beobachten
und hoffentlich auch den Sonnenuntergang gut sehen können.«

       *       *       *       *       *

Ziemlich um dieselbe Stunde, wo die Barbyschen und Berchtesgadenschen
Herrschaften ihren Spaziergang auf Spindlersfelde zu machten, erschien
unser Freund Mr. Robinson, von seinem Stallgebäude her, in Front der
Lennéstraße, sah erst gewohnheitsmäßig nach dem Wetter und ging dann
quer durch den Tiergarten auf das Kronprinzenufer zu, wo die Immes ihn
bereits erwarteten.

Frau Imme, die, wie die meisten kinderlosen Frauen (und Frauen
mit Sappeurbartmännern sind fast immer kinderlos), einen großen
Wirtschafts- und Sauberkeitssinn hatte, hatte zu Mr. Robinsons Empfang
alles in die schönste Ordnung gebracht, um so mehr, als sie wußte, daß
ihr Gast, als ein verwöhnter Engländer, immer der Neigung nachgab,
alles Deutsche, wenn auch nur andeutungsweise, zu bemängeln. Es lag
ihr daran, ihn fühlen zu lassen, daß man's hier auch verstehe. So war
denn von ihr nicht bloß eine wundervolle Kaffeeserviette, sondern auch
eine silberne Zuckerdose mit Streuselkuchentellern links und rechts
aufgestellt worden. Frau Imme konnte das alles und noch mehr infolge
der bevorzugten Stellung, die sie von langer Zeit her bei den Barbys
einnahm, zu denen sie schon als fünfzehnjähriges junges Ding gekommen
und in deren Dienst sie bis zu ihrer Verheiratung geblieben war. Auch
jetzt noch hingen beide Damen an ihr, und mit Hilfe Lizzis, die, so
diskret sie war, doch gerne plauderte, war Frau Imme jederzeit über
alles unterrichtet, was im Vorderhause vorging. Daß der Rittmeister
sich für die Damen interessierte, wußte sie natürlich wie jeder andre,
nur nicht -- auch darin wie jeder andre --, für welche.

Ja, für welche?

Das war die große Frage, selbst für Mr. Robinson, der regelmäßig, wenn
er die Immes sah, sich danach erkundigte. Dazu kam es denn auch heute
wieder, und zwar sehr bald nach seinem Eintreffen.

Eine große Familientasse mit einem in Front eines Tempels den Bogen
spannenden Amor war vor ihn hingestellt worden, und als er dem
Streuselkuchen (für den er eine so große Vorliebe hatte, daß er
regelmäßig erklärte, so was gäb es in den vereinigten drei Königreichen
nicht) -- als er dem Streusel liebevoll und doch auch wieder maßvoll
zugesprochen hatte, betrachtete er das Bild auf der großen Tasse,
zeigte, was bei seiner Augenbeschaffenheit etwas Komisches hatte,
schelmisch lächelnd auf den bogenspannenden Amor und sagte: »Hier
hinten ein Tempel und hier vorn ein Lorbeerbusch. Und hier ~this little
fellow with his arrow~. Ich möchte mir die Frage gestatten -- Sie sind
eine so kluge Frau, Frau Imme --: wird er den Pfeil fliegen lassen oder
nicht, und wenn er den Pfeil fliegen läßt, ist es die Priesterin, die
hier neben dem Lorbeer steht, oder ist es eine andre?«

»Ja, Mr. Robinson,« sagte Frau Imme, »darauf ist schwer zu antworten.
Denn erstens wissen wir nicht, was er überhaupt vorhat, und dann
wissen wir auch nicht: wer ist die Priesterin? Ist die Komtesse die
Priesterin, oder ist die Gräfin die Priesterin? Ich glaube, wer schon
verheiratet war, kann wohl eigentlich nicht Priesterin sein.«

»Ach,« sagte Imme, in dem sich der naturwüchsige Mecklenburger regte,
»sein kann alles. Über so was wächst Gras. Ich glaube, es is die
Gräfin.«

Robinson nickte. »Glaub ich auch. ~And what's the reason, dear~ Mrs.
Imme? Weil Witib vor Jungfrau geht. Ich weiß wohl, es ist immer viel
die Rede von ~virginity~, aber ~widow~ ist mehr als ~virgin~.«

Frau Imme, die nur halb verstanden hatte, verstand doch genug, um zu
kichern, was sie übrigens sittsam mit der Bemerkung begleitete, sie
habe so was von Mr. Robinson nicht geglaubt.

Robinson nahm es als Huldigung und trat, nachdem er sich mit Erlaubnis
der »Lady« ein kurzes Pfeifchen mit türkischem Tabak angesteckt hatte,
an ein Fensterchen, in dessen mit einer kleinen Laubsäge gemachten
Blumenkasten rote Verbenen blühten, und sagte, während er auf den
Hof mit seinen drei Akazienbäumen herunterblickte: »Wer ist denn der
hübsche Junge da, der da mit seinem ~hoop~ spielt? Hier sagen sie
Reifen.«

»Das is ja Hartwigs Rudolf,« sagte Frau Imme. »Ja, der Junge hat viel
Chic. Und wie er da mit dem Reifen spielt und die Hedwig immer hinter
ihm her, wiewohl sie doch beinahe seine Mutter sein könnte. Na, ich
freue mich immer, wenn ich ausgelassene Menschen sehe, und wenn Hartwig
kommt -- ich wundere mich bloß, daß er noch nicht da ist --, da können
Sie ihm ja sagen, wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range finden. Das
wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle Portiersleute sind eitel.
Aber das muß wahr sein, es ist ein reizender Junge.«

Während sie noch so sprachen, erschien Hartwig, auf den Imme,
skatdurstig, schon seit einer Viertelstunde gewartet hatte, und keine
drei Minuten mehr, so war auch Hedwig da, die sich bis kurz vorher mit
ihrem kleinen Cousin Rudolf in dem Hof unten abgeäschert hatte. Beide
wurden mit gleicher Herzlichkeit empfangen, Hartwig, weil nach seinem
Erscheinen die Skatpartie beginnen konnte, Hedwig, weil Frau Imme
nun gute Gesellschaft hatte. Denn Hedwig konnte wundervoll erzählen
und brachte jedesmal Neuigkeiten mit. Sie mochte vierundzwanzig
sein, war immer sehr sauber gekleidet und von heiter-übermütigem
Gesichtsausdruck. Dazu krauses, kastanienbraunes Haar. Es traf sich,
daß sie mal wieder außer Dienst war.

»Nun, das ist recht, Hedwig, daß du kommst,« sagte Frau Imme. »Rudolfen
hab ich eben erst gefragt, wo du geblieben wärst, denn ich habe dich ja
mit ihm spielen sehen; aber solch Junge weiß nie was; der denkt bloß
immer an sich, und ob er sein Stück Kuchen kriegt. Na, wenn er kommt,
er soll's haben; Robinson ißt immer so wenig, wiewohl er den Streusel
ungeheuer gern mag. Aber so sind die Engländer, sie sind nicht so
zugreifsch, und dann geniert sich mein Imme auch, und die Hälfte bleibt
übrig. Na, jedenfalls is es nett, daß du wieder da bist. Ich habe dich
ja seit deinem letzten Dienst noch gar nicht ordentlich gesehen. Es war
ja wohl ne Hofrätin? Na, Hofrätinnen, die kenn ich. Aber es gibt auch
gute. Wie war +er+ denn?«

»Na, mit +ihm+ ging es.«

»Deine krausen Haare werden wohl wieder schuld sein. Die können manche
nicht vertragen. Und wenn dann die Frau was merkt, dann is es vorbei.«

»Nein, so war es nicht. Er war ein sehr anständiger Mann. Beinahe zu
sehr.«

»Aber, Kind, wie kannst du nur so was sagen? Wie kann einer +zu+
anständig sein?«

»Ja, Frau Imme. Wenn einen einer gar nicht ansieht, das ist einem auch
nicht recht.«

»Ach, Hedwig, was du da bloß so redst! Und wenn ich nich wüßte, daß du
gar nich so bist ... Aber was war es denn?«

»Ja, Frau Imme, was soll ich sagen, was es war; es is ja immer wieder
dasselbe. Die Herrschaften können einen nicht richtig unterbringen.
Oder wollen auch nich. Immer wieder die Schlafstelle oder, wie manche
hier sagen, die Schlafgelegenheit.«

»Aber, Kind, wie denn? Du mußt doch ne Gelegenheit zum Schlafen haben.«

»Gewiß, Frau Imme. Und ne Gelegenheit, so denkt mancher, is ne
Gelegenheit. Aber gerade +die+, die hat man nich. Man ist müde zum
Umfallen und kann doch nicht schlafen.«

»Versteh ich nich.«

»Ja, Frau Imme, das macht, weil Sie von Kindesbeinen an immer bei so
gute Herrschaften waren, und mit Lizzi is es jetzt wieder ebenso.
Die hat es auch gut un is, wie wenn sie mit dazu gehörte. Meine
Tante Hartwig erzählt mir immer davon. Und einmal hab ich es auch so
gut getroffen. Aber bloß das eine Mal. Sonst fehlt eben immer die
Schlafgelegenheit.«

Frau Imme lachte.

»Sie lachen darüber, Frau Imme. Das is aber nich recht, daß Sie lachen.
Glauben Sie mir, es is eigentlich zum Weinen. Und mitunter hab ich
auch schon geweint. Als ich nach Berlin kam, da gab es ja noch die
Hängeböden.«

»Kenn ich, kenn ich; das heißt, ich habe davon gehört.«

»Ja, wenn man davon gehört hat, das is nich viel. Man muß sie richtig
kennen lernen. Immer sind sie in der Küche, mitunter dicht am Herd oder
auch gerade gegenüber. Und nun steigt man auf eine Leiter, und wenn man
müde is, kann man auch runterfallen. Aber meistens geht es. Und nun
macht man die Tür auf und schiebt sich in das Loch hinein, ganz so wie
in einen Backofen. Das is, was sie ne Schlafgelegenheit nennen. Und
ich kann Ihnen bloß sagen: auf einem Heuboden is es besser, auch wenn
Mäuse da sind. Und am schlimmsten is es im Sommer. Draußen sind dreißig
Grad, und auf dem Herd war den ganzen Tag Feuer; da is es denn, als ob
man auf den Rost gelegt würde. So war es, als ich nach Berlin kam. Aber
ich glaube, sie dürfen jetzt so was nich mehr bauen. Polizeiverbot.
Ach, Frau Imme, die Polizei is doch ein rechter Segen. Wenn wir die
Polizei nich hätten (und sie sind auch immer so artig gegen einen), so
hätten wir gar nichts. Mein Onkel Hartwig, wenn ich ihm so erzähle,
daß man nicht schlafen kann, der sagt auch immer: ›Kenn ich, kenn ich;
der Bourgeois tut nichts für die Menschheit. Und wer nichts für die
Menschheit tut, der muß abgeschafft werden.‹«

»Ja, dein Onkel spricht so. Und war es denn bei deinem Hofrat, wo du nu
zuletzt warst, auch so?«

»Nein, bei Hofrats war es +nicht+ so. Die wohnten ja auch in einem
ganz neuen Hause. Hofrats waren Trockenwohner. Und in dem, was jetzt
die neuen Häuser sind, da kommen, glaub ich, die Hängeböden gar nicht
mehr vor; da haben sie bloß noch die Badestuben.«

»Nu, das is aber doch ein Fortschritt.«

»Ja, das kann man sagen; Badestube als Badestube ist ein Fortschritt
oder, wie Onkel Hartwig immer sagt, ein Kulturfortschritt. Er hat
meistens solche Wörter. Aber Badestube als Schlafgelegenheit is kein
Fortschritt.«

»Gott, Kind, sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne gepackt
haben?«

»I bewahre. Das tun sie schon der Badewanne wegen nich. Da werden sie
sich hüten. Aber ... Ach, Frau Imme, ich kann nur immer wieder sagen,
Sie wissen nich Bescheid; Sie hatten es gut, wie Sie noch unverheiratet
waren, und nu haben Sie's erst recht gut. Sie wohnen hier wie in einer
kleinen Sommerwohnung, un daß es ein bißchen nach Pferde riecht, das
schadet nich; das Pferd is ein feines und reinliches Tier, und all
seine Verrichtungen sind so edel. Man sagt ja auch: das edle Pferd. Und
außerdem soll es so gesund sein, fast so gut wie Kuhstall, womit sie ja
die Schwindsucht kurieren. Und dazu haben Sie hier den Blick auf die
Kugelakazien und drüben auf das Marinepanorama, wo man sehen kann, wie
alles is, und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung, wo
es so furchtbar zieht, bloß damit man immer frische Luft hat. Aber bei
Hofrats ... Nein, diese Badestube!«

»Gott, Hedwig,« sagte Frau Imme, »du tust ja, wie wenn es eine
Mördergrube oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre.«

»Verbrecherkeller? Ach, Frau Imme, das is ja gar nichts. Ich habe
Verbrecherkeller gesehen, natürlich bloß zufällig. Da trinken sie
Weißbier und spielen Sechsundsechzig. Und in einer Ecke wird was
ausbaldowert, aber davon merkt man nichts.«

»Und die Badestube ... warum is sie dir denn so furchtbar, daß du dich
ordentlich schudderst? Der Mensch muß doch am Ende baden können.«

»Ach was, baden! natürlich. Aber ne Badestube is nie ne Badestube.
Wenigstens hier nicht. Eine Badestube is ne Rumpelkammer, wo man
alles unterbringt, alles, wofür man sonst keinen Platz hat. Und
dazu gehört auch ein Dienstmädchen. Meine eiserne Bettstelle, die
abends aufgeklappt wurde, stand immer neben der Badewanne, drin alle
alten Bier- und Weinflaschen lagen. Und nun drippten die Neigen aus.
Und in der Ecke stand ein Bettsack, drin die Fräuleins ihre Wäsche
hineinstopften, und in der andern Ecke war eine kleine Tür. Aber
davon will ich zu Ihnen nicht sprechen, weil ich einen Widerwillen
gegen Unanständigkeiten habe, weshalb schon meine Mutter immer sagte:
›Hedwig, du wirst noch Jesum Christum erkennen lernen.‹ Und ich muß
sagen, das hat sich bei Hofrats denn auch erfüllt. Aber fromm waren sie
weiter nich.«

Während Hedwig noch so weiter klagte, hörte man, daß draußen die
Klingel ging, und als Frau Imme öffnete, stand Rudolf auf dem kleinen
Flur und sagte, daß er Vatern holen solle und Hedwigen auch; Mutter
müsse weg.

»Na,« sagte Frau Imme, »dann komm nur, Rudolf, un iß erst ein Stück
Streusel und bestell es nachher bei deinem Vater.«

Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand und führte ihn
in das Nebenzimmer, wo die drei Männer vergnügt an ihrem Skattisch
saßen. Ein großes Spiel war eben gemacht; alles noch in Aufregung.

Robinson, als er Rudolfen sah, nickte ihm zu und sagte zu Imme: »Das
is ja der hübsche Junge, den ich vorhin auf dem Hof gesehen habe mit
seinem ~hoop~; -- ~nice boy~.«

»Ja,« sagte Imme, »das ist unserm Freund Hartwig seiner.« Hartwig
selber aber rief seinen Jungen heran und sagte: »Na, Rudolf, was
gibt's? Du willst mich holen. Du sollst aber auch noch ne Freude
haben. Kuck dir mal den Herrn da an, der dich so freundlich ansieht.
Das is Robinson.«

»Haha.«

»Ja, Junge, warum lachst du? Glaubst du's nich, wenn ich dir sage, das
is Robinson?«

»I bewahre, Vater. Robinson, +den+ kenn ich. Robinson hat nen
Sonnenschirm und ein Lama. Un der is auch schon lange dod.«



Fünfzehntes Kapitel


Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem
Eierhäuschen zurückgekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer
zusammengerückten Tischen niedergelassen, eine Laube von Baumkronen
über sich. Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich
danach erschien auch ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen.
Es entstand dabei die herkömmliche Verlegenheitspause; niemand
wußte was zu sagen, bis die Baronin auf den Stamm einer ihr
gegenüberstehenden Ulme wies, drauf »Wiener Würstel« und daneben
in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort »Löwenbräu« stand.
In kürzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder, und die
Baronin hob ihr Seidel und ließ das Eierhäuschen und die Spree leben,
zugleich versichernd, »daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch
in Berlin tränke«. Der alte Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon
wissen und drang in seine Frau, lieber mehr nach links zu rücken, um
den Sonnenuntergang besser beobachten zu können; »der sei freilich in
Berlin ebenso gut wie wo anders«. Die Baronin hielt aber aus und rührte
sich nicht. »Was Sonnenuntergang! den seh ich jeden Abend. Ich sitze
hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter.«

Und nicht lange mehr, so waren diese Lichter auch wirklich da.
Nicht nur das ganze Lokal erhellte sich, sondern auch auf dem
drüben am andern Ufer sich hinziehenden Eisenbahndamme zeigten sich
allmählich die verschiedenfarbigen Signale, während mitten auf der
Spree, wo Schleppdampfer die Kähne zogen, ein verblaktes Rot aus den
Kajütenfenstern hervorglühte. Dabei wurde es kühl, und die Damen
wickelten sich in ihre Plaids und Mäntel.

Auch die Herren fröstelten ein wenig, und so trat denn der ersichtlich
etwas planende Woldemar nach kurzem Aufundabschreiten an das in der
Nähe befindliche Büfett heran, um da zur Herstellung einer besseren
Innentemperatur das Nötige zu veranlassen. Und siehe da, nicht lange
mehr, so stand auch schon ein großes Tablett mit Gläsern und Flaschen
vor ihnen und dazwischen ein Deckelkrug, aus dem, als man den Deckel
aufklappte, der heiße Wrasen emporschlug. Die Baronin, in solchen
Dingen die scharfblickendste, war sofort orientiert und sagte: »Lieber
Stechlin, ich beglückwünsche Sie. Das war eine große Idee.«

»Ja, meine Damen, ich glaubte, daß etwas geschehen müsse, sonst haben
wir morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus. Und zurück
müssen wir doch auch. Auf dem Schiffe, wo solche Hilfsmittel, glaub
ich, fehlen, sind wir allen Unbilden der Elemente preisgegeben.«

»Und Sie konnten wirklich nicht besser wählen,« unterbrach Melusine.
»Schwedischer Punsch, für den ich ein ~liking~ habe. Wie für Schweden
überhaupt. Da Doktor Wrschowitz nicht da ist, können wir uns ungestraft
einem gewissen Maß von Skandinavismus überlassen.«

»Am liebsten ohne alles Maß,« sagte Woldemar, »so skandinavisch bin
ich. Ich ziehe die Skandinaven den sonst ›Meistbegünstigten‹ unter
den Nationen immer noch vor. Alle Länder erweitern übrigens ihre
Spezialgebiete. Früher hatte Schweden nur zweierlei: Mut und Eisen,
von denen man sagen muß, daß sie gut zusammen passen. Dann kamen die
›Säkerhets Tändstickors‹, und nun haben wir den schwedischen Punsch,
den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle. Ihr Wohl,
meine Damen.«

»Und das Ihre,« sagte Melusine, »denn Sie sind doch der Schöpfer dieses
glücklichen Moments. Aber wissen Sie, lieber Stechlin, daß ich in
Ihrer Aufzählung schwedischer Herrlichkeiten etwas vermißt habe. Die
Schweden haben noch eins -- oder hatten es wenigstens. Und das war die
schwedische Nachtigall.«

»Ja, die hab ich vergessen. Es fällt vor meine Zeit.«

»Ich müßte,« lachte die Gräfin, »vielleicht auch sagen: es fällt vor
+meine+ Zeit. Aber ich darf doch andrerseits nicht verschweigen,
die Lind noch leibhaftig gekannt zu haben. Freilich nicht mehr so
eigentlich als schwedische Nachtigall. Und überhaupt unter anderm
Namen.«

»Ja, ich erinnere mich,« sagte Woldemar, »sie hatte sich verheiratet.
Wie hieß sie doch?«

»Goldschmidt, -- ein Name, den man schon um ›Goldschmieds Töchterlein‹
willen gelten lassen kann. Aber an Jenny Lind reicht er allerdings
nicht heran.«

»Gewiß nicht. Und Sie sagten, Frau Gräfin, Sie hätten sie noch
persönlich gekannt?«

»Ja, gekannt und auch gehört. Sie sang damals, wenn auch nicht mehr
öffentlich, so doch immer noch in ihrem häuslichen Salon. Diese
Bekanntschaft zählt zu meinen liebsten und stolzesten Erinnerungen. Ich
war noch ein halbes Kind, aber trotzdem doch mit eingeladen, was mir
allein schon etwas bedeutete. Dazu die Fahrt von Hyde-Park bis in die
Villa hinaus. Ich weiß noch deutlich, ich trug ein weißes Kleid und
einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz aufgelöst. Die Lind
beobachtete mich, und ich sah, daß ich ihr gefiel. Wenn man Eindruck
macht, das behält man. Und nun gar mit vierzehn!«

»Die Lind,« warf die Baronin etwas prosaisch ein, »soll ihrerseits als
Kind sehr häßlich gewesen sein.«

»Ich hätte das Gegenteil vermutet,« bemerkte Woldemar.

»Und auf welche Veranlassung hin, lieber Stechlin?«

»Weil ich ein Bild von ihr kenne. Wir haben es, wie bekannt, seit
einiger Zeit von einem unsrer besten Maler auf unsrer Nationalgalerie.
Aber lange bevor ich es da sah, kannt ich es schon ~en miniature~,
und zwar aus einer im Besitz meines Freundes Lorenzen befindlichen
Aquarelle. Diese Kopie hängt über seinem Sofa, dicht unter einer
Rubensschen Kreuzabnahme. Wenn man will, eine etwas sonderbare
Zusammenstellung.«

»Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre!« sagte Melusine. »Wissen
Sie, Rittmeister, daß ich die Tatsache, daß so was überhaupt in einem
kleinen Dorfe vorkommen kann, Ihrem berühmten See beinah gleichstelle?
Unsre schwedische Nachtigall in Ihrem ›Ruppiner Winkel‹, wie Sie selbst
beständig sich auszudrücken lieben. Die Lind! Und wie kam Ihr Pastor
dazu?«

»Die Lind war, glaub ich, seine erste Liebe. Sehr wahrscheinlich auch
seine letzte. Lorenzen saß damals noch auf der Schulbank und schlug
sich mit Stundengeben durch. Aber er hörte die Diva trotzdem jeden
Abend und wußte sich auch, trotz bescheidenster Mittel, das Bildchen
zu verschaffen. Fast grenzt es ans Wunderbare. Freilich verlaufen die
Dinge meist so. Wär er reich gewesen, so hätt er sein Geld anderweitig
vertan und die Lind vielleicht nie gehört und gesehen. Nur die Armen
bringen die Mittel auf für das, was jenseits des Gewöhnlichen liegt;
aus Begeisterung und Liebe fließt alles. Und es ist etwas sehr Schönes,
daß es so ist in unserm Leben. Vielleicht das Schönste.«

»Das will ich meinen,« sagte die Gräfin. »Und ich dank es Ihnen, lieber
Stechlin, daß Sie das gesagt haben. Das war ein gutes Wort, das ich
Ihnen nicht vergessen will. Und dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und
Erzieher?«

»Ja, mein Lehrer und Erzieher. Zugleich mein Freund und Berater. Der,
den ich über alles liebe.«

»Gehen Sie darin nicht zu weit?« lachte Melusine.

»Vielleicht, Gräfin, oder sag ich lieber: gewiß. Und ich hätte dessen
eingedenk sein sollen, gerade heut und gerade hier. Aber soviel bleibt:
ich liebe ihn sehr, weil ich ihm alles verdanke, was ich bin, und weil
er reinen Herzens ist.«

»Reinen Herzens,« sagte Melusine. »Das ist viel. Und Sie sind dessen
sicher?«

»Ganz sicher.«

»Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst heute! Da waren Sie
neulich mit dem guten Wrschowitz bei uns und haben uns allerhand
Schreckliches von Ihrem misogynen Prinzen wissen lassen. Und während
Sie den in den Vordergrund stellen, halten Sie diesen Pastor Lorenzen
ganz gemütlich in Reserve. Wie kann man so grausam sein und mit
seinen Berichten und Redekünsten so launenhaft operieren! Aber holen
Sie wenigstens nach, was Sie versäumt haben. Die Fragen drängen sich
ordentlich. Wie kam Ihr Vater auf den Einfall, Ihnen einen solchen
Erzieher zu geben? Und wie kam ein Mann wie dieser Lorenzen in diese
Gegenden? Und wie kam er überhaupt in diese Welt? Es ist so selten, so
selten.«

Armgard und die Baronin nickten.

»Ich bekenne, mich quält die Neugier, mehr von ihm zu hören,« fuhr
Melusine fort. »Und er ist unverheiratet? Schon das allein ist immer
ein gutes Zeichen. Durchschnittsmenschen glauben sich so schnell wie
möglich verewigen zu müssen, damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt.
Ihr Lorenzen ist eben in allem, wie mir scheint, ein Ausnahmemensch.
Also beginnen.«

»Ich bin dazu besten Willens, Frau Gräfin. Aber es ist zu spät dazu,
denn das helle Licht, das Sie da sehen, das ist bereits unser Dampfer.
Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen abbrechen, wenn wir nicht im
Eierhäuschen ein Nachtquartier nehmen wollen. Unterwegs ist übrigens
Lorenzen ein wundervolles Thema, vorausgesetzt, daß uns der Anblick der
Liebesinsel nicht wieder auf andre Dinge bringt. Aber hören Sie ... der
Dampfer läutet schon ... wir müssen eilen. Bis an die Anlegestelle sind
noch mindestens drei Minuten!«

       *       *       *       *       *

Und nun war man glücklich auf dem Schiff, auf dem Woldemar und die
Damen ihre schon auf der Hinfahrt innegehabten Plätze sofort wieder
einnahmen. Nur die beiden in ihre Plaids gewickelten alten Herren
schritten auf Deck auf und ab und sahen, wenn sie vorn am Bugspriet
eine kurze Rast machten, auf die vielen hundert Lichter, die sich von
beiden Ufern her im Fluß spiegelten. Unten im Maschinenraum hörte man
das Klappern und Stampfen, während die Schiffsschraube das Wasser nach
hinten schleuderte, daß es in einem weißen Schaumstreifen dem Schiffe
folgte. Sonst war alles still, so still, daß die Damen ihr Gespräch
unterbrachen. »Armgard, du bist so schweigsam,« sagte Melusine, »finden
Sie nicht auch, lieber Stechlin? Meine Schwester hat noch keine zehn
Worte gesprochen.«

»Ich glaube, Gräfin, wir lassen die Komtesse. Manchen kleidet es zu
sprechen, und manchen kleidet es zu schweigen. Jedes Beisammensein
braucht einen Schweiger.«

»Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen.«

»Ich glaub es nicht, Gräfin, und vor allem wünsch ich es nicht. Wer
könnt es wünschen?«

Sie drohte ihm mit dem Finger. Dann schwieg man wieder und sah auf
die Landschaft, die da, wo der am Ufer hinlaufende Straßenzug breite
Lücken aufwies, in tiefem Dunkel lag. Urplötzlich aber stieg gerad aus
dem Dunkel heraus ein Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da,
wobei rote und blaue Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen.

»Wie schön,« sagte Melusine. »Das ist mehr, als wir erwarten durften;
Ende gut, alles gut, -- nun haben wir auch noch ein Feuerwerk. Wo mag
es sein? Welche Dörfer liegen da hinüber? Sie sind ja so gut wie ein
Generalstäbler, lieber Stechlin, Sie müssen es wissen. Ich vermute
Friedrichsfelde. Reizendes Dorf und reizendes Schloß. Ich war einmal
da; die Dame des Hauses ist eine Schwester der Frau von Hülsen. Ist es
Friedrichsfelde?«

»Vielleicht, gnädigste Gräfin. Aber doch nicht wahrscheinlich.
Friedrichsfelde gehört nicht in die Reihe der Vororte, wo Feuerwerke
sozusagen auf dem Programm stehen. Ich denke, wir lassen es im
Ungewissen und freuen uns der Sache selbst. Sehen Sie, jetzt beginnt
es erst recht eigentlich. Die Rakete, die wir da vorhin gesehen haben,
das war nur Vorspiel. Jetzt haben wir erst das Stück. Es ist zu weit
ab, sonst würden wir das Knattern hören und die Kanonenschläge.
Wahrscheinlich ist es Sedan oder Düppel oder der Übergang nach Alsen.
Übrigens ist die Pyrotechnik eine profunde Wissenschaft geworden.«

»Und es soll auch Personen geben, die ganz dafür leben und ihr Vermögen
hinopfern wie früher die Holländer für die Tulpen. Tulpen wäre nun
freilich nicht mein Geschmack! Aber Feuerwerk!«

»Ja, unbedingt. Und nur schade, daß alle die, die damit zu tun haben,
über kurz oder lang in die Luft fliegen.«

»Das ist fatal. Aber es steigert andrerseits doch auch wieder den
Reiz. Sonderbar, gefahrlose Berufe, solche, die sozusagen eine
Zipfelmütze tragen, sind mir von jeher ein Greuel gewesen. Interesse
hat doch immer nur das Vabanque: Torpedoboote, Tunnel unter dem
Meere, Luftballons. Ich denke mir, das Nächste, was wir erleben, sind
Luftschifferschlachten. Wenn dann so eine Gondel die andre entert. Ich
kann mich in solche Vorstellungen geradezu verlieben.«

»Ja, liebe Melusine, das seh ich,« unterbrach hier die Baronin. »Sie
verlieben sich in solche Vorstellungen und vergessen darüber die
Wirklichkeiten und sogar unser Programm. Ich muß angesichts dieser doch
erst kommenden Luftschifferschlachten ganz ergebenst daran erinnern,
daß für heute noch wer anders in der Luft schwebt, und zwar Pastor
Lorenzen. Von +dem+ sollte die Rede sein. Freilich, der ist kein
Pyrotechniker.«

»Nein,« lachte Woldemar, »+das+ ist er nicht. Aber als einen Aeronauten
kann ich ihn Ihnen beinahe vorstellen. Er ist so recht ein Excelsior-,
ein Aufsteigemensch, einer aus der wirklichen Obersphäre, genau von
daher, wo alles Hohe zu Haus ist, die Hoffnung und sogar die Liebe.«

»Ja,« lachte die Baronin, »die Hoffnung und sogar die Liebe! Wo bleibt
aber das Dritte? Da müssens zu uns kommen. Wir haben noch das Dritte;
das heißt also, wir wissen auch, was wir +glauben+ sollen.«

»Ja, +sollen+.«

»Sollen, gewiß. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn man weiß, was man
soll, so find't sich's schon. Aber wo das Sollen fehlt, da fehlt auch
das Wollen. Es ist halt a Glück, daß wir Rom haben und den heiligen
Vater.«

»Ach,« sagte Melusine, »wer's Ihnen glaubt, Baronin! Aber lassen wir
so heikle Fragen und hören wir lieber von +dem+, den ich -- ich bin
beschämt darüber -- in so wenig verbindlicher Weise vergessen konnte,
von unserm Wundermann mit der Studentenliebe, von dem Säulenheiligen,
der reinen Herzens ist, und vor allem von dem Schöpfer und geistigen
Nährvater unsers Freundes Stechlin. ~Eh bien~, was ist es mit ihm?
›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,‹ -- das könnt uns beinahe
genügen. Aber ich bin doch für ein Weiteres. Und so denn ~attention au
jeu~. Unser Freund Stechlin hat das Wort.«

»Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort,« wiederholte Woldemar, »so
sagen Sie gütigst, Frau Gräfin. Aber dem nachkommen ist nicht so
leicht. Vorhin, da war ich im Zuge. Jetzt wieder damit anfangen, das
hat seine Schwierigkeiten. Und dann erwarten die Damen immer eine
Liebesgeschichte, selbst wenn es sich um einen Mann handelt, den ich,
was diese Dinge betrifft, so wenig versprechend eingeführt habe.
Sie gehen also, wie heute schon mehrfach (ich erinnere nur an das
Eierhäuschen) einer grausamen Enttäuschung entgegen.«

»Keine Ausflüchte!«

»Nun, so sei's denn. Ich muß es aber auf einem Umwege versuchen und
Ihnen bei der Gelegenheit als Nächstes schildern, wie meine letzte
Begegnung mit Lorenzen verlief. Er war, als ich bei ihm eintrat, in
ersichtlich großer Erregung, und zwar über ein Büchelchen, das er in
Händen hielt.«

»Und ich will raten, was es war,« unterbrach Melusine.

»Nun?«

»Ein Buch von Tolstoj. Etwas mit viel Opfer und Entsagung. Anpreisung
von Askese.«

»Sie sind auf dem richtigen Wege, Gräfin, nur nicht geographisch. Es
handelt sich nämlich nicht östlich um einen Russen, sondern westlich um
einen Portugiesen.«

»Um einen Portugiesen,« lachte die Baronin. »O, ich kenne welche. Sie
sind alle so klein und gelblich. Und einer fand einen Seeweg. Freilich
schon lange her. Ist es nicht so?«

»Gewiß, Frau Baronin, es ist so. Nur der, um den es sich hier handelt,
das ist keiner mit einem Seeweg, sondern bloß ein Dichter.«

»Ach, dessen erinnere ich mich auch, ja, ich habe sogar seinen Namen
auf der Zunge. Mit einem großen C fängt er an. Aber Calderon ist es
nicht.«

»Nein, Calderon ist es nicht; es deckt sich da manches, auch schon
rein landkartlich, nicht mit +dem+, um den sich's hier handelt. Und
ist überhaupt kein alter Dichter, sondern ein neuer. Und heißt Joao de
Deus.«

»Joao de Deus,« wiederholte die Gräfin. »Schon der Name. Sonderbar. Und
was war es mit dem?«

»Ja, was war es mit +dem+? Dieselbe Frage tat ich auch, und ich habe
nicht vergessen, was Lorenzen mir antwortete: ›Dieser Joao de Deus,‹
so etwa waren seine Worte, ›war genau +das+, was ich wohl sein möchte,
wonach ich suche, seit ich zu leben, +wirklich+ zu leben angefangen,
und wovon es beständig draußen in der Welt heißt, es gäbe dergleichen
nicht mehr. Aber es gibt dergleichen noch, es muß dergleichen geben
oder doch +wieder+ geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar erst
das, was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf dem Ich. Das
ist ihr Fluch, und daran muß sie zugrunde gehen. Die zehn Gebote, das
war der Alte Bund, der Neue Bund aber hat ein andres, ein einziges
Gebot, und das klingt aus in: Und du hättest der Liebe nicht ...‹«

»Ja, so sprach Lorenzen,« fuhr Woldemar nach einer Pause fort, »und
sprach auch noch andres, bis ich ihn unterbrach und ihm zurief:
›Aber, Lorenzen, das sind ja bloß Allgemeinheiten. Sie wollten mir
Persönliches von Joao de Deus erzählen. Was ist es mit dem? Wer war er?
Lebt er? Oder ist er tot?‹«

»›Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem Tode spricht das
kleine Heft hier. Höre.‹ Und nun begann er zu lesen. Das aber, was er
las, das lautete etwa so: ›... Und als er nun tot war, der Joao de
Deus, da gab es eine Landestrauer, und alle Schulen der Hauptstadt
waren geschlossen, und die Minister und die Leute vom Hof und die
Gelehrten und die Handwerker, alles folgte dem Sarge dicht gedrängt,
und die Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend ihre Kinder in die Höh
und zeigten auf den Toten und sagten: ~Un Santo, un Santo.~ Und sie
taten so und sagten so, weil er für die Armen gelebt hatte und +nicht
für sich+.‹«

»Das ist schön,« sagte Melusine.

»Ja, das ist schön,« wiederholte Woldemar, »und ich darf hinzusetzen,
in dieser Geschichte haben Sie nicht bloß den Joao de Deus, sondern
auch meinen Freund Lorenzen. Er ist vielleicht nicht ganz wie sein
Ideal. Aber Liebe gibt Ebenbürtigkeit.«

»Und so schlag ich denn vor,« sagte die Baronin, »daß wir den mit dem
C, dessen Namen mir übrigens noch einfallen wird, vorläufig absetzen
und statt seiner den neuen mit dem D leben lassen. Und natürlich unsern
Lorenzen dazu.«

»Ja, leben lassen,« lachte Woldemar. »Aber womit? worin? ~Les jours de
fête~ ...« und er wies auf das Eierhäuschen zurück.

»In dieser Notlage wollen wir uns helfen, so gut es geht, und uns statt
andrer Beschwörung einfach die Hände reichen, selbstverständlich über
Kreuz; hier, erst Stechlin und Armgard und dann Melusine und ich.«

Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die Hände.

Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die Gruppe heran,
und der Baron sagte: »Das ist ja wie Rütli.«

»Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen Liebe!«

»So, hat's denn eine Verlobung gegeben?«

»Nein ... noch nicht,« lachte Melusine.



Wahl in Rheinsberg-Wutz



Sechzehntes Kapitel


Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst. Als er um neun Uhr
auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er auf dem Frühstückstisch Zeitungen
und Briefe. Darunter war einer mit einem ziemlich großen Siegel, der
Lack schlecht und der Brief überhaupt von sehr unmodischer Erscheinung,
ein bloß zusammengelegter Quartbogen. Woldemar, nach Poststempel und
Handschrift sehr wohl wissend, woher und von wem der Brief kam, schob
ihn, während Fritz den Tee brachte, beiseite, und erst als er eine
Tasse genommen und länger als nötig dabei verweilt hatte, griff er
wieder nach dem Brief und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Ich hätte mir, nach dem gestrigen Abend, heute früh was andres
gewünscht als gerade +diesen+ Brief.« Und während er das so vor sich
hin sprach, standen ihm, er mochte wollen oder nicht, die letzten
Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele. Die Tante hatte, kurz bevor er
das Kloster verließ, noch einmal vertraulich seine Hand genommen und
ihm bei der Gelegenheit ausgesprochen, was sie seit lange bedrückte.

»Das Junggesellenleben, Woldemar, taugt nichts. Dein Vater war auch
schon zu alt, als er sich verheiratete. Ich will nicht in deine
Geheimnisse eindringen, aber ich möchte doch fragen dürfen: wie stehst
du dazu?«

»Nun, ein Anfang ist gemacht. Aber doch erst obenhin.«

»Berlinerin?«

»Ja und nein. Die junge Dame lebt seit einer Reihe von Jahren in Berlin
und liebt unsre Stadt über Erwarten. Insoweit ist sie Berlinerin. Aber
eigentlich ist sie doch keine; sie wurde drüben in London geboren, und
ihre Mutter war eine Schweizerin.«

»Um Gottes willen!«

»Ich glaube, liebe Tante, du machst dir falsche Vorstellungen von einer
Schweizerin. Du denkst sie dir auf einer Alm und mit einem Milchkübel.«

»Ich denke sie mir gar nicht, Woldemar. Ich weiß nur, daß es ein wildes
Land ist.«

»Ein freies Land, liebe Tante.«

»Ja, das kennt man. Und wenn du das Spiel noch einigermaßen in der Hand
hast, so beschwör ich dich ...«

An dieser Stelle war, wie schon vorher durch Fix, abermals (weil eine
Störung kam) das Gespräch mit der Tante auf andre Dinge hingeleitet
worden, und nun hielt er ihren Brief in Händen und zögerte, das Siegel
zu brechen. »Ich weiß, was drin steht, und ängstige mich doch beinahe.
Wenn es nicht Kämpfe gibt, so gibt es wenigstens Verstimmungen. Und die
sind mir womöglich noch fataler ... Aber was hilft es!«

Und nun brach er den Brief auf und las:

»Ich nehme an, mein lieber Woldemar, daß Du meine letzten Worte noch
in Erinnerung hast. Sie liefen auf den Rat und die Bitte hinaus: gib
auch in dieser Frage die Heimat nicht auf, halte Dich, wenn es sein
kann, an das Nächste. Schon unsre Provinzen sind so sehr verschieden.
Ich sehe Dich über solche Worte lächeln, aber ich bleibe doch dabei.
Was ich Adel nenne, das gibt es nur noch in unsrer Mark und in unsrer
alten Nachbar- und Schwesterprovinz, ja, da vielleicht noch reiner als
bei uns. Ich will nicht ausführen, wie's bei schärferem Zusehen auf dem
adligen Gesamtgebiete steht, aber doch wenigstens ein paar Andeutungen
will ich machen. Ich habe sie von allen Arten gesehen. Da sind zum
Beispiel die rheinischen jungen Damen, also die von Köln und Aachen;
nun ja, die mögen ganz gut sein, aber sie sind katholisch, und wenn
sie nicht katholisch sind, dann sind sie was anders, wo der Vater erst
geadelt wurde. Neben den rheinischen haben wir dann die westfälischen.
Über die ließe sich reden. Aber Schlesien. Die schlesischen
Herrschaften, die sich mitunter auch Magnaten nennen, sind alle so gut
wie polnisch und leben vom Jeu und haben die hübschesten Erzieherinnen;
immer ganz jung, da macht es sich am leichtesten. Und dann sind da
noch weiterhin die preußischen, das heißt die ostpreußischen, wo schon
alles aufhört. Nun die kenn ich, die sind ganz wie ihre Litauer Füllen
und schlagen aus und beknabbern alles. Und je reicher sie sind, desto
schlimmer. Und nun wirst du fragen, warum ich gegen andre so streng
und so sehr für unsre Mark bin, ja speziell für unsre Mittelmark.
Deshalb, mein lieber Woldemar, weil wir in unsrer Mittelmark nicht so
bloß äußerlich in der Mitte liegen, sondern weil wir auch in allem die
rechte Mitte haben und halten. Ich habe mal gehört, unser märkisches
Land sei +das+ Land, drin es nie Heilige gegeben, drin man aber auch
keine Ketzer verbrannt habe. Sieh, das ist das, worauf es ankommt,
Mittelzustand, -- darauf baut sich das Glück auf. Und dann haben wir
hier noch zweierlei: in unserer Bevölkerung die reine Lehre und in
unserm Adel das reine Blut. +Die+, wo das nicht zutrifft, die kennt
man. Einige meinen freilich, das, was sie das ›Geistige‹ nennen, das
litte darunter. Das ist aber alles Torheit. Und wenn es litte (es
leidet aber nicht), so schadet das gar nichts. Wenn das Herz gesund
ist, ist der Kopf nie ganz schlecht. Auf diesen Satz kannst Du Dich
verlassen. Und so bleibe denn, wenn Du suchst, in unsrer Mark und
vergiß nie, daß wir das sind, was man so ›brandenburgische Geschichte‹
nennt. Am eindringlichsten aber laß Dir unsre Rheinsberger Gegend
empfohlen sein, von der mir selbst Koseleger -- trotzdem seine Feinde
behaupten, er betrachte sich hier bloß wie in Verbannung und sehne sich
fort nach einer Berliner Domstelle -- von der mir selbst Koseleger
sagte: ›Wenn man sich die preußische Geschichte genau ansieht, so
findet man immer, daß sich alles auf unsre alte, liebe Grafschaft
zurückführen läßt; da liegen die Wurzeln unsrer Kraft.‹ Und so schließe
ich denn mit der Bitte: heirate heimisch und heirate lutherisch. Und
nicht nach Geld (Geld erniedrigt), und halte Dich dabei versichert der
Liebe Deiner Dich herzlich liebenden Tante und Patin Adelheid von St.«

Woldemar lachte. »Heirate heimisch und heirate lutherisch -- das hör
ich nun schon seit Jahren. Und auch das dritte höre ich immer wieder:
›Geld erniedrigt.‹ Aber das kenn ich. Wenn's nur recht viel ist,
kann es schließlich auch eine Chinesin sein. In der Mark ist alles
Geldfrage. Geld -- weil keins da ist -- spricht Person und Sache heilig
und, was noch mehr sagen will, beschwichtigt zuletzt auch den Eigensinn
einer alten Tante.«

Während er lachend so vor sich hin sprach, überflog er noch einmal
den Brief und sah jetzt, daß eine Nachschrift an den Rand der vierten
Seite gekritzelt war. »Eben war Katzler hier, der mir von der am
Sonnabend in unserm Kreise stattfindenden Nachwahl erzählte. Dein Vater
ist aufgestellt worden und hat auch angenommen. Er bleibt doch immer
der Alte. Gewiß wird er sich einbilden, ein Opfer zu bringen, -- er
litt von Jugend auf an solchen Einbildungen. Aber was ihm ein Opfer
bedünkte, waren, bei Lichte besehen, immer bloß Eitelkeiten. Deine A.
von St.«



Siebzehntes Kapitel


Es war so, wie die Tante geschrieben: Dubslav hatte sich als
konservativen Kandidaten aufstellen lassen, und wenn für Woldemar
noch Zweifel darüber gewesen wären, so hätten einige am Tage darauf
von Lorenzen eintreffende Zeilen diese Zweifel beseitigt. Es hieß in
Lorenzens Brief:

»Seit Deinem letzten Besuch hat sich hier allerlei Großes zugetragen.
Noch am selben Abend erschienen Gundermann und Koseleger und drangen
in Deinen Vater, zu kandidieren. Er lehnte zunächst natürlich ab; er
sei weltfremd und verstehe nichts davon. Aber damit kam er nicht weit.
Koseleger, der -- was ihm auch später noch von Nutzen sein wird --
immer ein paar Anekdoten auf der Pfanne hat, erzählte ihm sofort, daß
vor Jahren schon, als ein von Bismarck zum Finanzminister Ausersehener
sich in gleicher Weise mit einem ›Ich verstehe nichts davon‹ aus der
Affäre ziehen wollte, der bismarckisch-prompten Antwort begegnet sei:
›Darum wähle ich Sie ja gerade, mein Lieber,‹ -- eine Geschichte,
der Dein Vater natürlich nicht widerstehen konnte. Kurzum, er hat
eingewilligt. Von Herumreisen ist selbstverständlich Abstand genommen
worden, ebenso vom Redenhalten. Schon nächsten Sonnabend haben wir
Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen die Würfel. Ich glaube, daß er
siegt. Nur die Fortschrittler können in Betracht kommen und allenfalls
die Sozialdemokraten, wenn vom Fortschritt (was leicht möglich ist)
einiges abbröckelt. Unter allen Umständen schreibe Deinem Papa, daß Du
Dich seines Entschlusses freutest. Du kannst es mit gutem Gewissen.
Bringen wir ihn durch, so weiß ich, daß kein Besserer im Reichstag
sitzt und daß wir uns alle zu seiner Wahl gratulieren können. Er sich
persönlich allerdings auch. Denn sein Leben hier ist zu einsam, so
sehr, daß er, was doch sonst nicht seine Sache ist, mitunter darüber
klagt. Das war das, was ich Dich wissen lassen mußte. ›Sonst nichts
Neues vor Paris.‹ Krippenstapel geht in großer Aufregung einher; ich
glaube, wegen unsrer auf Donnerstag in Stechlin selbst angesetzten
Vorversammlung, wo er mutmaßlich seine herkömmliche Rede über den
Bienenstaat halten wird. Empfiehl mich Deinen zwei liebenswürdigen
Freunden, besonders Czako. Wie immer, Dein alter Freund Lorenzen.«

Woldemar, als er gelesen, wußte nicht recht, wie er sich dazu stellen
sollte. Was Lorenzen da schrieb, »daß kein Besserer im Hause sitzen
würde«, war richtig; aber er hatte trotzdem Bedenken und Sorge. Der
Alte war durchaus kein Politiker, er konnte sich also stark in die
Nesseln setzen, ja vielleicht zur komischen Figur werden. Und dieser
Gedanke war ihm, dem Sohne, der den Vater schwärmerisch liebte, sehr
schmerzlich. Außerdem blieb doch auch immer noch die Möglichkeit, daß
er in dem Wahlkampf unterlag.

       *       *       *       *       *

Diese Bedenken Woldemars waren nur allzu berechtigt. Es stand durchaus
nicht fest, daß der alte Dubslav, so beliebt er selbst bei den
Gegnern war, als Sieger aus der Wahlschlacht hervorgehen müsse. Die
Konservativen hatten sich freilich daran gewöhnt, Rheinsberg-Wutz
als eine »Hochburg« anzusehen, die der staatserhaltenden Partei
nicht verloren gehen könne; diese Vorstellung aber war ein Irrtum,
und die bisherige Reverenz gegen den alten Kortschädel wurzelte
lediglich in etwas Persönlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen und
Beliebtheit freilich ebenbürtig, aber das mit der ewigen persönlichen
Rücksichtnahme mußte doch mal ein Ende nehmen, und das Anrecht, das
sich der alte Kortschädel ersessen hatte, mit diesem mußt es vorbei
sein, eben weil sich's endlich um einen Neuen handelte. Kein Zweifel,
die gegnerischen Parteien regten sich, und es lag genau so, wie
Lorenzen an Woldemar geschrieben, »daß ein Fortschrittler, aber auch
ein Sozialdemokrat gewählt werden könne«.

Wie die Stimmung im Kreise wirklich war, das hätte der am besten
erfahren, der im Vorübergehen an der Kontortür des alten Baruch
Hirschfeld gehorcht hätte.

»Laß dir sagen, Isidor, du wirst also wählen den guten alten Herrn von
Stechlin.«

»Nein, Vater. Ich werde +nicht+ wählen den guten alten Herrn von
Stechlin.«

»Warum nicht? Ist er doch ein lieber Herr und hat das richtige Herz.«

»Das hat er; aber er hat das falsche Prinzip.«

»Isidor, sprich mir nicht von Prinzip. Ich habe dich gesehn, als du
hast scharmiert mit dem Mariechen von nebenan und hast ihr aufgebunden
das Schürzenband, und sie hat dir gegeben einen Klaps. Du hast gebuhlt
um das christliche Mädchen. Und du buhlst jetzt, wo die Wahl kommt,
um die öffentliche Meinung. Und das mit dem Mädchen, das hab ich dir
verziehen. Aber die öffentliche Meinung verzeih ich dir nicht.«

»Wirst du, Vaterleben; haben wir doch die neue Zeit. Und wenn ich
wähle, wähl ich für die Menschheit.«

»Geh mir, Isidor, +die+ kenn ich. Die Menschheit, die will haben, aber
nicht geben. Und jetzt wollen sie auch noch teilen.«

»Laß sie teilen, Vater.«

»Gott der Gerechte, was meinst du, was du kriegst? Nicht den zehnten
Teil.«

Und ähnlich ging es in den andern Ortschaften. In Wutz sprach Fix für
das Kloster und die Konservativen im allgemeinen, ohne dabei Dubslav
in Vorschlag zu bringen, weil er wußte, wie die Domina zu ihrem Bruder
stand. Ein Linkskandidat aus Cremmen schien denn auch in der Wutzer
Gegend die Oberhand gewinnen zu wollen. Noch gefährlicher für die ganze
Grafschaft war aber ein Wanderapostel aus Berlin, der von Dorf zu Dorf
zog und die kleinen Leute dahin belehrte, daß es ein Unsinn sei, von
Adel und Kirche was zu erwarten. Die vertrösteten immer bloß auf den
Himmel. Achtstündiger Arbeitstag und Lohnerhöhung und Sonntagspartie
nach Finkenkrug, -- +das+ sei das Wahre.

So zersplitterte sich's allerorten. Aber wenigstens um den Stechlin
herum hoffte man der Sache noch Herr werden und alle Stimmen auf
Dubslav vereinigen zu können. Im Dorfkruge wollte man zu diesem Zwecke
beraten, und Donnerstag sieben Uhr war dazu festgesetzt.

       *       *       *       *       *

Der Stechliner Krug lag an dem Platze, der durch die Kreuzung der von
Wutz her heranführenden Kastanienallee mit der eigentlichen Dorfstraße
gebildet wurde, und war unter den vier hier gelegenen Eckhäusern das
stattlichste. Vor seiner Front standen ein paar uralte Linden, und
drei, vier Stehkrippen waren bis dicht an die Hauswand herangeschoben,
aber alle ganz nach links hin, wo sich Eckladen und Gaststube befanden,
während nach der rechten Seite hin der große Saal lag, in dem heute
Dubslav, wenn nicht für die Welt, so doch für Rheinsberg-Wutz, und
wenn nicht für Rheinsberg-Wutz, so doch für Stechlin und Umgegend
proklamiert werden sollte. Dieser große Saal war ein fünffenstriger
Längsraum, der schon manchen Schottischen erlebt, was er in seiner
Erscheinung auch heute nicht zu verleugnen trachtete. Denn nicht nur
waren ihm alle seine blanken Wandleuchter verblieben, auch die mächtige
Baßgeige, die jedesmal wegzuschaffen viel zu mühsam gewesen wäre,
guckte, schräg gestellt, mit ihrem langen Halse von der Musikempore her
über die Brüstung fort.

Unter dieser Empore, quer durch den Saal hin, stand ein für das Komitee
bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke, während auf den links
und rechts sich hinziehenden Bänken einige zwanzig Vertrauensmänner
saßen, denen es hinterher oblag, im Sinne der Komiteebeschlüsse
weiter zu wirken. Die Vertrauensmänner waren meist wohlhabende
Stechliner Bauern, untermischt mit offiziellen und halboffiziellen
Leuten aus der Nachbarschaft: Förster und Waldhüter und Vormänner
von den verschiedenen Glas- und Teeröfen. Zu diesen gesellte sich
noch ein Torfinspektor, ein Vermessungsbeamter, ein Steueroffiziant
und schließlich ein gescheiterter Kaufmann, der jetzt Agent war und
die Post besorgte. Natürlich war auch Landbriefträger Brose da samt
der gesamten Sicherheitsbehörde: Fußgensdarm Uncke und Wachtmeister
Pyterke von der reitenden Gensdarmerie. Pyterke gehörte nur halb mit
zum Revier (es war das immer ein streitiger Punkt), erschien aber
trotzdem mit Vorliebe bei Versammlungen der Art. Es gab nämlich für
ihn nichts Vergnüglicheres, als seinen Kameraden und Amtsgenossen
Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten und sich dabei seiner
ungeheuren, übrigens durchaus berechtigten Überlegenheit als schöner
Mann und ehemaliger Gardekürassier bewußt zu werden. Uncke war ihm
der Inbegriff des Komischen, und wenn ihn schon das rote, verkupferte
Gesicht an und für sich amüsierte, so doch viel, viel mehr noch der
gefärbte Schuhbürstenbackenbart, vor allem aber das Augenspiel, mit
dem er den Verhandlungen zu folgen pflegte. Pyterke hatte recht: Uncke
war wirklich eine komische Figur. Seine Miene sagte beständig: »An mir
hängt es.« Dabei war er ein höchst gutmütiger Mann, der nie mehr als
nötig aufschrieb und auch nur selten auflöste.

Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Türen. An der Mitteltür
standen die beiden Gensdarmen und rückten sich zurecht, als sich
der Vorsitzende des Komitees mit dem Glockenschlag sieben von
seinem Platz erhob und die Sitzung für eröffnet erklärte. Dieser
Vorsitzende war natürlich Oberförster Katzler, der heute, statt
des bloßen schwarz-weißen Bandes, sein bei St. Marie aux Chênes
erworbenes Eisernes Kreuz in Substanz eingeknöpft hatte. Neben ihm
saßen Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, an der linken
Schmalseite Krippenstapel, an der rechten Schulze Kluckhuhn, letzterer
auch dekoriert, und zwar mit der Düppelmedaille, trotzdem er bei Düppel
in der Reserve gestanden. Er scherzte gern darüber und sagte, während
er seine beneidenswerten Zähne zeigte: »Ja, Kinder, so geht es. Bei
Alsen war ich, aber bei Düppel war ich nich, und dafür hab ich nu die
Düppelmedaille.«

Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch angeflogene
Persönlichkeit, Liebling des alten Dubslav, und trat immer, wenn
sich die alten Kriegerbundleute von sechsundsechzig und siebzig aufs
hohe Pferd setzen wollten, für die von vierundsechzig ein. »Ja,
vierundsechzig, Kinder, da fing es an. Und aller Anfang ist schwer.
Anfangen ist immer die Hauptsache; das andre kommt dann schon wie von
selbst.« Ein alter Globsower, der bei Spichern mitgestürmt und sich
durch besondere Tapferkeit hervorgetan hatte, war denn auch, bloß
weil er einer von Anno siebzig war, ein Gegenstand seiner besonderen
Bemängelungen. »Ich will ja nich sagen, Tübbecke, daß es bei Spichern
gar nichts war; aber gegen Düppel (wenn ich auch nicht mit dabei
gewesen), gegen Düppel war es gar nichts. Wie war es denn bei Spichern,
wovon du soviel redst, als ob sich vierundsechzig daneben verstecken
müßte? Bei Spichern, da waren Menschen oben, aber bei Düppel, da waren
Schanzen oben. Und ich sag dir, Schanzen mit'm Turm drin. Da pfeift
es ganz anders. Das heißt, von Pfeifen war schon eigentlich gar keine
Rede mehr.« Eine Folge dieser Anschauung war es denn auch, daß in den
Augen Kluckhuhns der Pionier Klinke, der bei Düppel unter Opferung
seines Lebens den Palisadenpfahl von Schanze drei weggesprengt hatte,
der eigentliche Held aller drei Kriege war und alles in allem nur
einen Rivalen hatte. Dieser +eine+ Rivale stand aber drüben auf Seite
der Dänen und war überhaupt kein Mensch, sondern ein Schiff und hieß
Rolf Krake. »Ja, Kinder, wie wir nu da so rüber gondelten, da lag das
schwarze Biest immer dicht neben uns und sah aus wie'n Sarg. Und wenn
es gewollt hätte, so wär es auch alle mit uns gewesen und bloß noch
plumps in den Alsensund. Und weil wir das wußten, schossen wir immer
drauflos, denn wenn einem so zu Mute ist, dann schießt der Mensch
immerzu.«

Ja, Rolf Krake war eine fatale Sache für Kluckhuhn gewesen. Aber
dasselbe schwarze Schiff, das ihm damals so viel Furcht und Sorge
gemacht hatte, war doch auch wieder ein Segen für ihn geworden, und
man durfte sagen, sein Leben stand seitdem im Zeichen von Rolf Krake.
Wie Gundermann immer der Sozialdemokratie das »Wasser abstellen«
wollte, so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialdemokratie Gehörige mit
dem schwarzen Ungetüm im Alsensund. »Ich sag euch, was sie jetzt die
soziale Revolution nennen, das liegt neben uns wie damals Rolf Krake;
Bebel wartet bloß, und mit eins fegt er dazwischen.«

Schulze Kluckhuhn war in der ganzen Stechliner Gegend sehr angesehen,
und als er jetzt mit seiner Medaille so dasaß, dicht neben Koseleger,
war er sich dessen auch wohl bewußt. Aber gegen Krippenstapel, den er
als Schulpauker und Bienenvater eigentlich nicht für voll ansah, kam
er bei dieser Gelegenheit doch nicht an; Krippenstapel hatte heute
ganz seinen großen Tag, so sehr, daß selbst Kluckhuhn seinen Ton
herabstimmen mußte.

Katzler, ein entschiedener Nichtredner, begann, als er sich mit seinem
Notizenzettel, auf dem verschiedene Satzanfänge standen, erhoben hatte,
mit der Versicherung, daß er den so zahlreich Anwesenden, unter denen
vielleicht auch einige Andersdenkende seien, für ihr Erscheinen danke.
Sie wüßten alle, zu welchem Zweck sie hier seien. Der alte Kortschädel
sei tot, »er ist in Ehren hingegangen«, und es handle sich heute darum,
dem alten Herrn von Kortschädel im Reichstag einen Nachfolger zu geben.
Die Grafschaft habe immer konservativ gewählt; es sei Ehrensache,
wieder konservativ zu wählen. »Und ob die Welt voll Teufel wär'.« Es
liege der Grafschaft ob, dieser Welt des Abfalls zu zeigen, daß es noch
»Stätten« gäbe. Und hier sei eine solche Stätte. »Wir haben, glaub
ich,« so schloß er, »niemand an diesem Tisch, der das Parlamentarische
voll beherrscht, weshalb ich bemüht gewesen bin, das, was uns hier
zusammengeführt hat, schriftlich niederzulegen. Es ist ein schwacher
Versuch. Jeder tut, soviel er kann, und der Brombeerstrauch hat eben
nur seine Beeren. Aber auch +sie+ können den durstigen Wanderer
erfrischen. Und so bitte ich denn unsern politischen Freund, dem wir
außerdem für die Erforschung dieser Gegenden so viel verdanken, ich
bitte Herrn Lehrer Krippenstapel, uns das von mir Aufgesetzte vorlesen
zu wollen. Ein ~pro memoria~. Man kann es vielleicht so nennen.«

Katzler, unter Verneigung, setzte sich wieder, während sich
Krippenstapel erhob. Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer Anzahl
von Papieren und sagte dann: »Ich folge der Aufforderung des Herrn
Vorsitzenden und freue mich, berufen zu sein, ein Schriftstück zur
Verlesung zu bringen, das unser +aller+ Gefühlen -- ich bin dessen
sicher und glaube von den Einschränkungen, die unser Herr Vorsitzender
gemacht hat, absehen zu dürfen -- zu kräftigstem Ausdruck verhilft.«

Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las. Es war
ein ganz kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich dasselbe, was
Katzler schon gesagt hatte. Die Betonungen Krippenstapels sorgten aber
dafür, daß der Beifall reichlicher war, und daß die Schlußwendung »und
so vereinigen wir uns denn in dem Satze: was um den Stechlin herum
wohnt, das ist +für+ Stechlin,« einen ungeheuren Beifall fand. Pyterke
hob seinen Helm und stieß mit dem Pallasch auf, während Uncke sich
umsah, ob doch vielleicht ein einzelner Übelwollender zu notieren sei.
Nicht um ihn direkt anzuzeigen, aber doch zur Kenntnisnahme. Brose,
der (wohl eine Folge seines Berufs) unter dem ungewohnten langen
Stillstehen gelitten hatte, nahm im Vorflur, wie zur Niederkämpfung
seiner Beinnervosität, eine Art Probegeschwindschritt rasch wieder
auf, während Kluckhuhn sich von seinem Stuhl erhob, um Katzler erst
militärisch und dann unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen, wobei
seine Düppelmedaille dem Katzlerschen Eisernen Kreuz entgegenpendelte.
Nur Koseleger und Lorenzen blieben ruhig. Um des Superintendenten Mund
war ein leiser ironischer Zug.

Dann erklärte der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen; alles brach
auf, und nur Uncke sagte zu Brose: »Wir bleiben noch, Brose; morgen
wird es Lauferei genug geben.«

»Denk ich auch. Aber lieber laufen als hier so stillestehen.«



Achtzehntes Kapitel


Draußen, unter dem Gezweig der alten Linden, standen mehrere
Kaleschwagen, aber der des Superintendenten fehlte noch, weil Koseleger
eine viel längere Sitzung erwartet und daraufhin seinen Wagen erst zu
zehn Uhr bestellt hatte. Bis dahin war noch eine hübsche Zeit; der
Superintendent indessen schien nicht unzufrieden darüber, und seines
Amtsbruders Arm nehmend, sagte er: »Lieber Lorenzen, ich muß mich, wie
Sie sehen, bei Ihnen zu Gaste laden. Als Unverheirateter werden Sie,
so hoffe ich, über die Störung leicht hinwegkommen. Die Ehe bedeutet
in der Regel Segen, wenigstens an Kindern, aber die Nichtehe hat auch
ihre Segnungen. Unsere guten Frauen entschlagen sich dieser Einsicht,
und dieser unbedingte Glauben an sich und ihre Wichtigkeit hat oft was
Rührendes.«

Lorenzen, der sich -- bei voller Würdigung der Gaben seines ihm
vorgesetzten und zugleich gern einen spöttischen Ton anschlagenden
Amtsbruders -- im allgemeinen nicht viel aus ihm machte, war diesmal
mit allem einverstanden und nickte, während sie, schräg über den Platz
fort, auf die Pfarre zuschritten.

»Ja, diese Einbildungen!« fuhr Koseleger fort, zu dessen
Lieblingsgesprächen dieses Thema gehörte. »Gewiß ist es richtig, daß
wir samt und sonders von Einbildungen leben, aber für die Frauen ist
es das tägliche Brot. Sie malträtieren ihren Mann und sprechen dabei
von Liebe, sie +werden+ malträtiert und sprechen erst recht von Liebe;
sie sehen alles so, wie sie's sehen wollen, und vor allem haben sie ein
Talent, sich mit Tugenden auszurüsten (erlassen Sie mir, diese Tugenden
aufzuzählen), die sie durchaus nicht besitzen. Unter diesen meist nur
in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich auch die der
Gastlichkeit, wenigstens hierlandes. Und nun gar unsre Pfarrmütter!
Eine jede hält sich für die heilige Elisabeth mit den bekannten Broten
im Korb. Haben Sie übrigens das Bild auf der Wartburg gesehen? Unter
allen Schwindschen Sachen steht es mir so ziemlich obenan. Und in
Wahrheit, um auf unsere Pfarrmütter zurückzukommen, liegt es doch so,
daß ich mich bei pastorlichen Junggesellen immer am besten aufgehoben
gefühlt habe.«

Lorenzen lachte: »Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden, Herr
Superintendent.«

»Ganz undenkbar, lieber Lorenzen. Ich bin noch nicht lange in dieser
Gegend, in meinem guten Quaden-Hennersdorf da drüben, aber wenn
auch nicht lange, so doch lange genug, um zu wissen, wie's hier
herum aussieht. Und Ihr Renommee ... Sie sollen so was von einem
Feinschmecker an sich haben. Kann ich mir übrigens denken. Sie sind
Ästhetikus, und das ist man nicht ungestraft, am wenigsten in bezug
auf die Zunge. Ja, das Ästhetische. Für manchen ist es ein Unglück.
Ich weiß davon. Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr Schulhaus?
Weißgestrichen und kein Fetzchen Gardine, das ist immer ne preußische
Schule. So wird bei uns die Volksseele für das, was schön ist,
großgezogen. Aber es kommt auch was dabei heraus! Mitunter wundert's
mich nur, daß sie die Bauten aus der Zeit Friedrich Wilhelms ~I.~
nicht besser konservieren. Eigentlich war +das+ doch das Ideal. Graue
Wand, hundert Löcher drin und unten großes Hauptloch. Und natürlich
ein Schilderhaus daneben. Letzteres das Wichtigste. Schade, daß so was
verloren geht. Übrigens rettet hier der grüne Staketenzaun das Ganze
... Wie heißt doch der Lehrer?«

»Krippenstapel.«

»Richtig, Krippenstapel. Katzler nannte ihn ja während der Sitzung mit
einer Art Aplomb. Ich erinnere mich noch, wie mir der Name wohltat, als
ich ihn das erstemal hörte. So heißt nicht jeder. Wie kommen Sie mit
dem Manne aus?«

»Sehr gut, Herr Superintendent.«

»Freut mich aufrichtig. Aber es muß ein Kunststück sein. Er hat
ein Gesicht wie ne Eule. Dabei so was Steifleinenes und zugleich
Selbstbewußtes. Der richtige Lehrer. Meiner in Quaden-Hennersdorf war
ebenso. Aber er läßt nun schon ein bißchen nach.«

Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre gekommen, in der man,
ohne daß ein Bote vorausgeschickt worden wäre, doch schon wußte, daß
der Herr Superintendent mit erscheinen würde. Nun war er da. Nur
wenige Minuten waren seit dem Aufbruch vom Krug her vergangen, die
trotz Kürze für Frau Kulicke (eine Lehrerswitwe, die Lorenzen die
Wirtschaft führte) ausgereicht hatten, alles in Schick und Ordnung zu
bringen. Auf dem länglichen Hausflur, an dessen äußerstem Ende man
gleich beim Eintreten die blinkblanke Küche sah, brannten ein paar
helle Paraffinkerzen, während rechts daneben, in der offenstehenden
Studierstube, eine große Lampe mit grünem Bilderschirm ein gedämpftes
Licht gab. Lorenzen schob den Sofatisch, darauf Zeitungen hoch
aufgeschichtet lagen, ein wenig zurück und bat Koseleger, Platz zu
nehmen. Aber dieser, eben jetzt das große Bild bemerkend, das in
beinahe reicher Umrahmung über dem Sofa hing, nahm den ihm angebotenen
Platz nicht gleich ein, sondern sagte, sich über den Tisch vorbeugend:
»Ah, gratuliere, Lorenzen. Kreuzabnahme; Rubens. Das ist ja ein
wunderschöner Stich. Oder eigentlich Aquatinta. Dergleichen wird hier
wohl im siebenmeiligen Umkreis nicht oft betroffen werden, nicht
einmal in dem etwas heraufgepufften Rheinsberg; in Rheinsberg war
man für Watteausche Reifrockdamen auf einer Schaukel, aber nicht für
Kreuzabnahmen und dergleichen. Und stammt auch sicher nicht aus dem
sogenannten Schloß Ihres liebenswürdigen alten Herrn drüben, Riesenkate
mit Glaskugel davor. Ach, wenn ich diese Glaskugeln sehe. Und daneben
+das+ hier! Wissen Sie, Lorenzen, das Bild hier ruft mir eine schöne
Stunde meines Lebens zurück, einen Reisetag, wo ich mit Großfürstin
Wera vom Haag aus in Antwerpen war. Da sah ich das Bild in der
Kathedrale. Waren Sie da?«

Lorenzen verneinte.

»Das wäre was für Sie. Dieser Rubens im Original, in seiner
Farbenallgewalt. Es heißt immer, daß er nur Flamänderinnen hätte malen
können. Nun, das wäre wohl auch noch nicht das Schlimmste gewesen.
Aber er konnte mehr. Sehen Sie den Christus. Wohl jedem, der draußen
war, und zu dem die Welt mal in andern Zungen redete! Hier blüht der
Bilderbogen, Türke links, Russe rechts. Ach, Lorenzen, es ist traurig,
hier versauern zu müssen.«

Als er so gesprochen, ließ er sich, vor sich hinstarrend, in die
Sofaecke nieder, ganz wie in andre Zeiten verloren, und sah erst wieder
auf, als ein junges Ding ins Zimmer trat, groß und schlank und blond,
und dem Pastor verlegen und errötend etwas zuflüsterte.

»Meine gute Frau Kulicke,« sagte Lorenzen, »läßt eben fragen, ob wir
unsern Imbiß im Nebenzimmer nehmen wollen? Ich möchte beinahe glauben,
es ist das beste, wir bleiben hier. Es heißt zwar, ein Eßzimmer müsse
kalt sein. Nun, das hätten wir nebenan. Ich persönlich finde jedoch
das Temperierte besser. Aber ich bitte, bestimmen zu wollen, Herr
Superintendent.«

»Temperiert. Mir aus der Seele gesprochen. Also wir bleiben, wo
wir sind ... Aber sagen Sie mir, Lorenzen, wer war das entzückende
Geschöpf? Wie ein Bild von Knaus. Halb Prinzeß, halb Rotkäppchen. Wie
alt ist sie denn?«

»Siebzehn. Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke.«

»Siebzehn. Ach, Lorenzen, wie Sie zu beneiden sind. Immer solche
Menschenblüte zu sehn. Und siebzehn, sagen Sie. Ja, das ist das
Eigentliche. Sechzehn hat noch ein bißchen von der Eierschale, noch
ein bißchen den Einsegnungscharakter, und achtzehn ist schon wieder
alltäglich. Achtzehn kann jeder sein. Aber siebzehn. Ein wunderbarer
Mittelzustand. Und wie heißt sie?«

»Elfriede.«

»Auch +das+ noch.«

Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte.

»Ja, Sie lächeln, Lorenzen, und wissen nicht, wie gut Sie's haben
in dieser Ihrer Waldpfarre. Was ich hier sehe, heimelt mich an, das
ganze Dorf, alles. Wenn ich mir da beispielsweise den Tisch wieder
vergegenwärtige, dran wir, drüben im Krug, vor einer halben Stunde
gesessen haben, an der linken Seite dieser Krippenstapel (er sei wie
er sei) und an der rechten Seite dieser Rolf Krake. Das sind ja doch
lauter Größen. Denn das Groteske hat eben auch seine Größen und nicht
die schlechtesten. Und dazu dieser Katzler mit seiner Ermyntrud. All
das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind, diese Elfriede,
die hoffentlich nicht Kulicke heißt, -- sonst bricht freilich mein
ganzes Begeisterungsgebäude wieder zusammen. Und nun nehmen Sie +mich+,
Ihren Superintendenten, das große Kirchenlicht dieser Gegenden! Alles
nackte Prosa, widerhaarige Kollegen und Amtsbrüder, die mir nicht
verzeihen können, daß ich im Haag war und mit einer Großfürstin über
Land fahren konnte. Glauben Sie mir, Großfürstinnen, selbst wenn sie
Mängel haben (und sie haben Mängel), sind mir immer noch lieber als das
Landesgewächs von Quaden-Hennersdorf, und mitunter ist mir zumut, als
gäbe es keine Weltordnung mehr.«

»Aber Herr Superintendent ...«

»Ja, Lorenzen, Sie setzen ein überraschtes Gesicht auf und wundern
sich, daß einer, für den die hohe Klerisei so viel getan und ihn zum
Superintendenten in der gesegneten Mittelmark und der noch gesegneteren
Grafschaft Ruppin gemacht hat, -- Sie wundern sich, daß solch zehnmal
Glücklicher solchen Hochverrat redet. Aber bin ich ein Glücklicher? Ich
bin ein Unglücklicher ...«

»Aber Herr Superintendent ...«

»... Und möchte, daß ich eine Hundertundfünfzig-Seelen-Gemeinde hätte,
sagen wir auf dem ›toten Mann‹ oder in der Tuchler Heide. Sehen Sie,
dann wär es vorbei, dann wüßt ich bestimmt: ›du bist in den Skat
gelegt‹. Und das kann unter Umständen ein Trost sein. Die Leute,
die Schiffbruch gelitten und nun in einer Isolierzelle sitzen und
Tüten kleben oder Wolle zupfen, das sind nicht die Unglücklichsten.
Unglücklich sind immer bloß die Halben. Und als einen solchen habe
ich die Ehre mich Ihnen vorzustellen. Ich bin ein Halber, vielleicht
sogar in +dem+, worauf es ankommt; aber lassen wir das, ich will hier
nur vom allgemein Menschlichen sprechen. Und daß ich auch in diesem
Menschlichen ein Halber bin, das quält mich. Über das andre käm ich
vielleicht weg.«

Lorenzens Augen wurden immer größer.

»Sehen Sie, da war ich also -- verzeihen Sie, daß ich immer wieder
darauf zurückkomme -- da war ich also mit siebenundzwanzig im Haag und
kam in die vornehme Welt, die da zu Hause ist. Und da war ich denn
heut in Amsterdam und morgen in Scheveningen und den dritten Tag in
Gent oder in Brügge. Brügge, Reliquienschrein, Hans Memling -- so was
müßten Sie sehn. Was sollen uns diese ewigen Markgrafen oder gar die
faule Grete? Mancher, ich weiß wohl, ist für's härene Gewand oder
zum Eremiten geboren. Ich nicht. Ich bin von der andern Seite; meine
Seele hängt an Leben und Schönheit. Und nun spricht da draußen all
dergleichen zu einem, und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz,
nicht einen kindischen, sondern einen echten, der höher hinauf will,
weil man da wirken und schaffen kann, für sich gewiß, aber auch für
andre. Danach dürstet einen. Und nun kommt der Becher, der diesen Durst
stillen soll. Und dieser Becher heißt Quaden-Hennersdorf. Das Dorf, das
mich umgibt, ist ein großes Bauerndorf, aufgesteifte Leute, geschwollen
und hartherzig, und natürlich so trocken und trivial, wie die Leute
hier alle sind. Und noch stolz darauf. Ach, Lorenzen, immer wieder, wie
beneide ich Sie!«

Während Koseleger noch so sprach, erschien Frau Kulicke. Sie schob die
Zeitungen zurück, um zwei Kuverts legen zu können, und nun brachte sie
den Rotwein und ein Kabarett mit Brötchen. In dünngeschliffene große
Gläser schenkte Lorenzen ein, und die beiden Amtsbrüder stießen an »auf
bessere Zeiten«. Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei, weil
sich der eine nur mit sich, der andre nur mit andern beschäftigte.

»Wir könnten, glaub ich,« sagte Lorenzen, »neben den ›besseren
Zeiten‹ noch dies und das leben lassen. Zunächst +Ihr+ Wohl, Herr
Superintendent. Und zum zweiten auf das Wohl unsers guten alten
Stechlin, der uns doch heute zusammengeführt. Ob wir ihn durchbringen?
Katzler tat so sicher und Kluckhuhn und Krippenstapel nun schon ganz
gewiß. Aber ich habe trotzdem Zweifel. Die Konservativen -- ich kann
kaum sagen ›unsere Parteigenossen‹, oder doch nur in sehr bedingtem
Sinne -- die Konservativen sind in sich gespalten. Es gibt ihrer
viele, denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist.
›~Fortiter in re, suaviter in modo~,‹ hat neulich einer, der sich auf
Bildung ausspielt, von dem Alten gesagt, und von ›~suaviter~,‹ wenn
auch nur ›~in modo~‹, wollen alle diese Herren nichts wissen. Unter
diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf Siebenmühlen, der Ihnen
vielleicht bekannt geworden ist ...«

»Versteht sich. War neulich bei mir. Ein Mann von drei Redensarten, von
denen die zwei besten aus der Wassermüllersphäre genommen sind.«

»Nun, dieser Gundermann, wie immer die Dummen, ist zugleich Intrigant,
und während er vorgibt, für unsern guten alten Stechlin zu werben,
tropft er den Leuten Gift ins Ohr und erzählt ihnen, daß der Alte senil
sei und keinen Schneid habe. Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid
als sieben Gundermanns. Gundermann ist ein Bourgeois und ein Parvenu,
also so ziemlich das Schlechteste, was einer sein kann. Ich bin schon
zufrieden, wenn dieser Jämmerling unterliegt. Aber um den Alten bin ich
besorgt. Ich kann nur wiederholen: es liegt nicht so günstig für ihn,
wie die Gegend hier sich einbildet. Denn auf das arme Volk ist kein
Verlaß. Ein Versprechen und ein Kornus, und alles schnappt ab.«

»Ich werde das meine tun,« sagte Koseleger mit einer Mischung von
Pathos und Wohlwollen. Aber Lorenzen hatte dabei den Eindruck, daß
sein Quaden-Hennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern
nachhing. Und so war es auch. Was war für Koseleger diese traurige
Gegenwart? Ihn beschäftigte nur die Zukunft, und wenn er in die
hineinsah, so sah er einen langen, langen Korridor mit Oberlicht und
am Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift: Doktor Koseleger,
Generalsuperintendent.

       *       *       *       *       *

So ziemlich um dieselbe Stunde, wo die beiden Amtsbrüder »auf bessere
Zeiten« anstießen, hielt Katzlers Pürschwagen -- die Sterne blinkten
schon -- vor seiner Oberförsterei. Das Blaffen der Hunde, das,
solange der Wagen noch weit ab war, unausgesetzt über die Waldwiese
hingeklungen war, verkehrte sich mit einemmal in winseliges Geheul und
wunderliche Freudentöne. Katzler sprang aus dem Wagen, hing den Hut
an einen im Flur stehenden Ständer (von den ewigen »Geweihen« wollte
er als feiner Mann nichts wissen) und trat gleich danach in das an
der linken Flurseite gelegene, matt erleuchtete Wohnzimmer seiner
Frau. Das gedämpfte Licht ließ sie noch blasser erscheinen, als sie
war. Sie hatte sich, als der Wagen hielt, von ihrem Sofaplatz erhoben
und kam ihrem Manne, wie sie regelmäßig zu tun pflegte, wenn er aus
dem Walde zurückkehrte, zu freundlicher Begrüßung entgegen. Ein als
Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes Batisttuch,
in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen Krone
hineinstickte, hatte sie, bevor sie sich vom Sofa erhob, aus der Hand
gelegt. Sie war nicht schön, dazu von einem lymphatisch-sentimentalen
Ausdruck, aber ihre stattliche Haltung und mehr noch die Art, wie sie
sich kleidete, ließen sie doch als etwas durchaus Apartes und beinahe
Fremdländisches erscheinen. Sie trug, nach Art eines Morgenrockes,
ein glatt herabhängendes, leis gelbgetöntes Wollkleid und als
Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten
Kopfputz, von dem es unsicher blieb, ob er einen Turban oder eine Krone
darstellen sollte. Das Ganze hatte etwas Gewolltes, war aber neben dem
Auffälligen doch auch wieder kleidsam. Es sprach sich ein Talent darin
aus, etwas aus sich zu machen.

»Wie glücklich bin ich, daß du wieder da bist,« sagte Ermyntrud. »Ich
habe mich recht gebangt, diesmal nicht um dich, sondern um mich. Ich
muß dies egoistischerweise gestehen. Es waren recht schwere Stunden für
mich, die ganze Zeit, daß du fort warst.«

Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz zurück.
»Du darfst nicht stehen, Ermyntrud. Und nun bist du auch wieder bei
der Stickerei. Das strengt dich an und hat, wie du weißt, auf +alles+
Einfluß. Der gute Doktor sagte noch gestern, alles sei im Zusammenhang.
Ich seh auch, wie blaß du bist.«

»O, das macht der Schirm.«

»Du willst es nicht wahr haben und mir nichts sagen, was vielleicht
wie Vorwurf klingen könnte. Ich mache mir aber den Vorwurf selbst. Ich
mußte hier bleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahlversammlung.«

»Du +mußtest+ hin, Wladimir.«

»Ich rechne es dir hoch an, Ermyntrud, daß du so sprichst. Aber es wäre
schließlich auch ohne mich gegangen. Koseleger war da, der konnte das
Präsidium nehmen so gut wie ich. Und wenn der nicht wollte, so konnte
Torfinspektor Etzelius einspringen. Oder vielleicht auch Krippenstapel.
Krippenstapel ist doch zuletzt der, der alles macht. Jedenfalls liegt
es so, wenn es der eine nicht ist, ist es der andre.«

»Ich kann das zugeben, wie könnte sonst die Welt bestehen? Es gibt
nichts, was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung von der
Entbehrlichkeit des einzelnen. Aber darauf kommt es nicht an. Worauf es
ankommt, das ist Erfüllung unsrer Pflicht.«

Katzler, als er dies Wort hörte, sah sich nach einem Etwas um, das
ihn in den Stand gesetzt hätte, dem Gespräch eine andere Wendung zu
geben. Aber, wie stets in solchen Momenten, das, was retten konnte, war
nicht zu finden, und so sah er denn wohl, daß er einem Vortrage der
Prinzessin über ihr Lieblingsthema »von der Pflicht« verfallen sei.
Dabei war er eigentlich hungrig.

Ermyntrud wies auf ein Taburett, das sie mittlerweile neben ihren
Sofaplatz geschoben, und sagte: »Daß ich immer wieder davon sprechen
muß, Wladimir. Wir leben eben nicht in der Welt um unsert-, sondern um
andrer willen. Ich will nicht sagen um der Menschheit willen, was eitel
klingt, wiewohl es eigentlich wohl so sein sollte. Was uns obliegt, ist
nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche,
sondern lediglich die Pflicht ...«

»Gewiß, Ermyntrud. Wir sind einig darüber. Es ist dies außerdem auch
etwas speziell Preußisches. Wir sind dadurch vor andern Nationen
ausgezeichnet, und selbst bei denen, die uns nicht begreifen oder
übelwollen, dämmert die Vorstellung von unsrer daraus entspringenden
Überlegenheit. Aber es gibt doch Unterschiede, Grade. Wenn ich statt
zu der Stechliner Wählerversammlung lieber zu Doktor Sponholz oder zur
alten Stinten in Kloster Wutz (die ja schon früher einmal dabei war)
gefahren wäre, so wäre das doch vielleicht das Bessere gewesen. Es ist
ein Glück, daß es noch mal so vorübergegangen. Aber darauf darf man
nicht in jedem Falle rechnen.«

»Nein, darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen. Aber man darf
darauf rechnen, daß, wenn man das Pflichtgemäße tut, man zugleich auch
das Rechte tut. Es hängt so viel an der Wahl unsers alten trefflichen
Stechlin. Er steht außerdem sittlich höher als Kortschädel, dem man,
trotz seiner siebzig, allerhand nachsagen durfte. Stechlin ist ganz
intakt. Etwas sehr Seltenes. Und einem sittlichen Prinzip zum Siege zu
verhelfen, dafür leben wir doch recht eigentlich. Dafür lebe wenigstens
+ich+.«

»Gewiß, Ermyntrud, gewiß.«

»In jedem Augenblicke seiner Obliegenheiten eingedenk sein, ohne erst
bei Neigung oder Stimmung anzufragen, +das+ hab ich mir in feierlicher
Stunde gelobt, du weißt, in welcher, und du wirst mir das Zeugnis
ausstellen, daß ich diesem Gelöbnis nachgekommen ...«

»Gewiß, Ermyntrud, gewiß. Es war unser Fundament ...«

»Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt, wie doch heute
ganz offenbar, wie hätt ich da sagen wollen: bleibe. Ich wäre mir klein
vorgekommen, klein und untreu.«

»Nicht untreu, Ermyntrud.«

»Doch, doch, es gibt viele Formen der Untreue. Das Persönliche hat sich
der Familie zu bequemen und unterzuordnen und die Familie wieder der
Gesellschaft. In diesem Sinne bin ich erzogen, und in diesem Sinne tat
ich den Schritt. Verlange nicht, daß ich in irgend etwas diesen Schritt
zurücktue.«

»Nie.«

Das kleine Dienstmädchen, eine Heideläufertochter, deren storres Haar,
von keiner Bürste gezähmt, immer weit abstand, erschien in diesem
Augenblicke, meldend, daß sie das Teezeug gebracht habe.

Katzler nahm seiner Frau Arm, um sie bis in das zweite, nach dem Hof
hinaus gelegene Zimmer zu führen. Als er aber wahrnahm, wie schwer ihr
das Gehen wurde, sagte er: »Ich freue mich, dich so sprechen zu hören.
Immer du selbst. Ich bin aber doch in Unruhe und will morgen früh zur
Frau schicken.«

Sie nickte zustimmend, während ein halb zärtlicher Blick den guten
Katzler streifte, der, solange das ihm nur zu wohlbekannte Gespräch
über Pflicht gedauert hatte, von Minute zu Minute verlegener geworden
war.



Neunzehntes Kapitel


Und nun war Wahltagmorgen. Kurz vor acht erschien Lorenzen auf dem
Schloß, um in Dubslavs schon auf der Rampe haltenden Kaleschewagen
einzusteigen und mit nach Rheinsberg zu fahren. Der Alte, bereits
gestiefelt und gespornt, empfing ihn mit gewohnter Herzlichkeit und
guter Laune. »Das ist recht, Lorenzen. Und nun wollen wir auch gleich
aufsteigen. Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem Pfarrgarten
erwartet? Muß ja doch dran vorüber« -- und dabei schob er ihm voll
Sorglichkeit eine Decke zu, während die Pferde schon anrückten.
»Übrigens freut es mich trotzdem (man widerspricht sich immer), daß
Sie nicht so praktisch gewesen und doch lieber gekommen sind. Es is ne
Politesse. Und die Menschen sind jetzt so schrecklich unpoliert und
geradezu unmanierlich ... Aber lassen wir's; ich kann es nicht ändern,
und es grämt mich auch nicht.«

»Weil Sie gütig sind und jene Heiterkeit haben, die, menschlich
angesehn, so ziemlich unser Bestes ist.«

Dubslav lachte. »Ja, soviel ist richtig; Kopfhängerei war nie meine
Sache, und wäre das verdammte Geld nicht ... Hören Sie, Lorenzen, das
mit dem Mammon und dem goldnen Kalb, das sind doch eigentlich alles
sehr feine Sachen.«

»Gewiß, Herr von Stechlin.«

»... Und wäre das verdammte Geld nicht, so hätt ich den Kopf noch
weniger hängen lassen, als ich getan. Aber das Geld. Da war, noch
unter Friedrich Wilhelm ~III.~, der alte General von der Marwitz auf
Friedersdorf, von dem Sie gewiß mal gehört haben, der hat in seinen
Memoiren irgendwo gesagt: ›er hätte sich aus dem Dienst gern schon
früher zurückgezogen und sei bloß geblieben um des Schlechtesten
willen, was es überhaupt gäbe, um des Geldes willen‹ -- und das hat
damals, als ich es las, einen großen Eindruck auf mich gemacht. Denn
es gehört was dazu, das so ruhig auszusprechen. Die Menschen sind in
allen Stücken so verlogen und unehrlich, auch in Geldsachen, fast noch
mehr als in Tugend. Und das will was sagen. Ja, Lorenzen, so ist es
... Na, lassen wir's, Sie wissen ja auch Bescheid. Und dann sind das
schließlich auch keine Betrachtungen für heute, wo ich gewählt werden
und den Triumphator spielen soll. Übrigens geh ich einem totalen
Kladderadatsch entgegen. Ich werde nicht gewählt.«

Lorenzen wurde verlegen, denn was Dubslav da zuletzt sagte, das stimmte
nur zu sehr mit seiner eigenen Meinung. Aber er mußte wohl oder übel,
so schwer es ihm wurde, das Gegenteil versichern. »Ihre Wahl, Herr
von Stechlin, steht, glaub ich, fest; in unsrer Gegend wenigstens.
Die Globsower und Dagower gehen mit gutem Beispiel voran. Lauter gute
Leute.«

»Vielleicht. Aber schlechte Musikanten. Alle Menschen sind
Wetterfahnen, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Und wir selber
machen's auch so. Schwapp, sind wir auf der andern Seite.«

»Ja, schwach ist jeder, und ich mag mich auch nicht für all und jeden
verbürgen. Aber in diesem speziellen Falle ... Selbst Koseleger schien
mir voll Zuversicht und Vertrauen, als er am Donnerstag noch mit mir
plauderte.«

»Koseleger voll Vertrauen! Na, dann geht es gewiß in die Brüche. Wo
Koseleger Amen sagt, das ist schon so gut wie letzte Ölung. Er hat
keine glückliche Hand, dieser Ihr Amtsbruder und Vorgesetzter.«

»Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen ihn. Aber was
vielleicht mit ihm versöhnen kann, er hat angenehme Formen und durchaus
etwas Verbindliches.«

»Das hat er. Und doch, so sehr ich sonst für Formen und
Verbindlichkeiten bin, nicht für seine. Man soll einem Menschen nicht
seinen Namen vorhalten. Aber Koseleger! Ich weiß immer nicht, ob er
mehr Kose oder mehr Leger ist; vielleicht beides gleich. Er ist wie ne
Baisertorte, süß, aber ungesund. Nein, Lorenzen, da bin ich doch mehr
für Sie. Sie taugen auch nicht viel, aber Sie sind doch wenigstens
ehrlich.«

»Vielleicht,« sagte Lorenzen. »Übrigens hat Koseleger inmitten seiner
Verbindlichkeiten und schönen Worte doch auch wieder was Freies, beinah
Gewagtes und ist mir da neulich mit Bekenntnissen gekommen, fast wie
ein Charakter.«

Dubslav lachte hell auf. »Charakter. Aber Lorenzen. Wie können Sie
sich so hinters Licht führen lassen. Ich verwette mich, er hat Ihnen
irgendwas über Ihre ›Gaben‹ gesagt; das ist jetzt so Lieblingswort,
das die Pastoren immer gegenseitig brauchen. Es soll bescheiden und
unpersönlich klingen und sozusagen alles auf Inspiration zurückführen,
für die man ja, wie für alles, was von oben kommt, am Ende nicht kann.
Es ist aber gerade dadurch das Hochmütigste ... War es so was? Hat er
meinen klugen Lorenzen, eh er sich als ›Charakter‹ ausspielte, durch
solche Schmeicheleien eingefangen?«

»Es war nicht so, Herr von Stechlin. Sie tun ihm hier ausnahmsweise
unrecht. Er sprach überhaupt nicht über mich, sondern über sich, und
machte mir dabei seine Konfessions. Er gestand mir beispielsweise, daß
er sich unglücklich fühle.«

»Warum?«

»Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaziert sei.«

»Deplaziert. Das ist auch solch Wort; das kenn ich. Wenn man durchaus
will, ist jeder deplaziert, ich, Sie, Krippenstapel, Engelke. Ich müßte
Präses von einem Stammtisch oder vielleicht auch ein Badedirektor
sein, Sie Missionar am Kongo, Krippenstapel Kustos an einem märkischen
Museum und Engelke, nun der müßte gleich selbst hinein, Nummer
hundertdreizehn. Deplaziert! Alles bloß Eitelkeit und Größenwahn. Und
dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn! Er war Galopin bei ner
Großfürstin; das kann er nicht vergessen, damit will er's nun zwingen,
und in seinem Ärger und Unmut spielt er sich auf den Charakter aus und
versteigt sich, wie Sie sagen, bis zu Konfessions und Gewagtheiten.
Und wenn er nun reüssierte (Gott verhüt es), so haben Sie den
Scheiterhaufenmann ~comme il faut~. Und der erste, der raus muß, das
sind Sie. Denn er wird sofort das Bedürfnis spüren, seine Gewagtheiten
von heute durch irgendein Brandopfer wieder wettzumachen.«

Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus dem Walde heraus und
näherten sich einem beinah meilenlangen und bis an den Horizont sich
ausdehnenden Stück Bruchland, über das mehrere mit Kropfweiden und
Silberpappeln besetzte Wege strahlenförmig auf Rheinsberg zuliefen.
Alle diese Wege waren belebt, meist mit Fußgängern, aber auch mit
Fuhrwerken. Eins davon, aus gelblichem Holz, das hell in der Sonne
blinkte, war leicht zu erkennen.

»Da fährt ja Katzler,« sagte Dubslav. »Überrascht mich beinah. Es
ist nämlich, was Sie vielleicht noch nicht wissen werden, wieder was
einpassiert; er schickte mir heute früh einen Boten mit der Nachricht
davon, und daraus schloß ich, er würde +nicht+ zur Wahl kommen. Aber
Ermyntrud mit ihrer grandiosen Pflichtvorstellung wird ihn wohl wieder
fortgeschickt haben.«

»Ist es wieder ein Mädchen?« fragte Lorenzen.

»Natürlich, und zwar das siebente. Bei sieben (freilich müssen es
Jungens sein) darf man, glaub ich, den Kaiser zu Gevatter laden.
Übrigens sind mehrere bereits tot, und alles in allem ist es wohl
möglich, daß sich Ermyntrud über das beständige ›bloß Mädchen‹ allerlei
Sorgen und Gedanken macht.«

Lorenzen nickte. »Kann mir's denken, daß die Prinzessin etwas wie
eine zu leistende Sühne darin sieht, Sühne wegen des von ihr getanen
Schrittes. Alles an ihr ist ein wenig überspannt. Und doch ist es eine
sehr liebenswürdige Dame.«

»Wovon niemand überzeugter ist als ich,« sagte Dubslav. »Freilich bin
ich bestochen, denn sie sagt mir immer das Schmeichelhafteste. Sie
plaudre so gern mit mir, was auch am Ende wohl zutrifft. Und dabei
wird sie dann jedesmal ganz ausgelassen, trotzdem sie eigentlich
hochgradig sentimental ist. Sentimental, was nicht überraschen darf;
denn aus Sentimentalität ist doch schließlich die ganze Katzlerei
hervorgegangen. Bin übrigens ernstlich in Sorge, wo Hoheit den
richtigen Taufnamen für das Jüngstgeborene hernehmen wird. In diesem
Stücke, vielleicht dem einzigen, ist sie nämlich noch ganz und gar
Prinzessin geblieben. Und Sie, lieber Lorenzen, werden dabei sicherlich
mit zu Rate gezogen werden.«

»Was ich mir nicht schwierig denken kann.«

»Sagen Sie das nicht. Es gibt in diesem Falle viel weniger Brauchbares,
als Sie sich vorzustellen scheinen. Prinzessinnennamen an und für
sich, ohne weitere Zutat, ja, die gibt es genug. Aber damit ist
Ermyntrud nicht zufrieden; sie verlangt ihrer Natur nach zu dem
Dynastisch-Genealogischen auch noch etwas poetisch Märchenhaftes.
Und das kompliziert die Sache ganz erheblich. Sie können das sehen,
wenn Sie die Katzlersche Kinderstube durchmustern oder sich die Namen
der bisher Getauften ins Gedächtnis zurückrufen. Die Katzlersche
Kronprinzeß heißt natürlich auch Ermyntrud. Und dann kommen ebenso
selbstverständlich Dagmar und Thyra. Und danach begegnen wir einer
Inez und einer Maud und zuletzt einer Arabella. Aber bei Arabella
können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit wahrnehmen. Ich
würde ihr, wenn sie sich wegen des Jüngstgeborenen an mich wendete,
was Altjüdisches vorschlagen; das ist schließlich immer das Beste. Was
meinen Sie zu Rebekka?«

Lorenzen kam nicht mehr dazu, Dubslav diese Frage zu beantworten, denn
eben jetzt waren sie durch das Stück Bruchland hindurch und rasselten
bereits über einen ein weiteres Gespräch unmöglich machenden Steindamm
weg, scharf auf Rheinsberg zu.

       *       *       *       *       *

Dubslav war in ausgezeichneter Laune. Das prachtvolle Herbstwetter,
dazu das bunte Leben, alles hatte seine Stimmung gehoben, am meisten
aber, daß er unterwegs und beim Passieren der Hauptstraße bereits
Gelegenheit gehabt hatte, verschiedene gute Freunde zu begrüßen. Von
der Kirche her schlug es zehn, als er vor dem als Wahllokal etablierten
Gasthause »Zum Prinzregenten« hielt, in dessen Front denn auch bereits
etliche mehr oder weniger verwegen aussehende Wahlmänner standen, alle
bemüht, ihre Zettel an mutmaßliche Parteigenossen aufzuteilen.

Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange. Hinter der Urne
präsidierte der alte Herr von Zühlen, ein guter Siebziger, der die
groteskesten Feudalansichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden
wußte, was ihm, auch bei seinen politischen Gegnern, eine große
Beliebtheit sicherte. Neben ihm, links und rechts, saßen Herr von
Storbeck und Herr van dem Peerenboom, letzterer ein Holländer aus der
Gegend von Delft, der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im Ruppiner
Kreise gekauft und sich seitdem zum Preußen und, was noch mehr sagen
wollte, zum ›Grafschaftler‹ herangebildet hatte. Man sah ihn aus allen
möglichen Gründen -- auch schon um seines ›van‹ willen -- nicht ganz
für voll an, ließ aber nichts davon merken, weil er der bei den meisten
Grafschaftlern stark ins Gewicht fallenden Haupteigenschaft eines vor
so und soviel Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen
Kaffeehändlers nicht entbehrte. Seines Nachbarn von Storbeck
Lebensgeschichte war durchschnittsmäßiger. Unter denen, die sonst noch
am Komiteetisch saßen, befand sich auch Katzler, den Ermyntrud (wie
Dubslav ganz richtig vermutet) mit der Bemerkung, »daß im modernen
bürgerlichen Staate Wählen so gut wie Kämpfen sei,« von ihrem
Wochenbette fortgeschickt hatte. »Das Kind wird inzwischen mein Engel
sein, und das Gefühl erfüllter Pflicht soll mich bei Kraft erhalten.«
Auch Gundermann, der immer mit dabei sein mußte, saß am Komiteetisch.
Sein Benehmen hatte was Aufgeregtes, weil er -- wie Lorenzen bereits
angedeutet -- wirklich im geheimen gegen Dubslav intrigiert hatte. Daß
er selber unterliegen würde, war klar und beschäftigte ihn kaum noch,
aber ihn erfüllte die Sorge, daß sein voraufgegangenes doppeltes Spiel
vielleicht an den Tag kommen könne.

Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben. Er trat deshalb,
nachdem er sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt und an jeden
einzelnen ein paar Worte gerichtet hatte, vom Vorplatz her in das
Wahllokal ein, um da so rasch wie möglich seinen Zettel in die Urne
zu tun. Es traf ihn bei dieser Prozedur der Blick des alten Zühlen,
der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit und Ulk sagen zu wollen
schien: »Ja, Stechlin, das hilft nu mal nicht; man muß die Komödie mit
durchmachen.« Dubslav kam übrigens kaum dazu, von diesem Blicke Notiz
zu nehmen, weil er Katzlers gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat,
um ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten Töchterchen zu
gratulieren. An Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorüber. Dies
war aber nur Zufall; er wußte nichts von den Zweideutigkeiten des
Siebenmühlners, und nur dieser selbst, weil er ein schlechtes Gewissen
hatte, wurde verlegen und empfand des Alten Haltung wie eine Absage.

Als Dubslav wieder draußen war, war natürlich die große Frage:
»Ja, was jetzt tun?« Es ging erst auf elf, und vor sechs war die
Geschichte nicht vorbei, wenn sich's nicht noch länger hinzog. Er
sprach dies auch einer Anzahl von Herren aus, die sich auf einer vor
dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen und hier dem Likörkasten
des »Prinzregenten«, der sonst immer erst nach dem Diner auftauchte,
vorgreifend zugesprochen hatten.

Es waren ihrer fünf, lauter Kreis- und Parteigenossen, aber nicht
eigentlich Freunde, denn der alte Dubslav war nicht sehr für
Freundschaften. Er sah zu sehr, was jedem einzelnen fehlte. Die da
saßen und aus purer Langeweile sich über die Vorzüge von Allasch
und Chartreuse stritten, waren die Herren von Molchow, von Krangen
und von Gnewkow, dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der Nonne,
den die Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt zu
haben schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte, darauf ein kleiner
vermickerter Kopf saß, und wenn er sprach, war es, wie wenn Mäuse
pfeifen. Er war die komische Figur des Kreises und wurde gehänselt,
nahm es aber nicht übel, weil seine Mutter eine schlesische Gräfin auf
»inski« war, was ihm in seinen Augen ein solches Übergewicht sicherte,
daß er, wie Friedrich der Große, jeden Augenblick bereit war, »die sich
etwa einstellenden Pasquille niedriger hängen zu lassen«.

»Ich denke, meine Herren,« sagte Dubslav, »wir gehen in den Park. Da
hat man doch immer was. An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen,
und an der andern Stelle ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide
zu Häupten, wie wenn er Sesostris gewesen wäre. Ich würde gern einen
andern nennen, aber ich kenne bloß den.«

»Natürlich gehen wir in den Park,« sagte von Gnewkow. »Und es ist
schließlich immer noch ein Glück, daß man so was hat ...«

»Und auch ein Glück,« ergänzte von Molchow, »daß man solchen Wahltag
wie heute hat, der einen ordentlich zwingt, sich mal um Historisches
und Bildungsmäßiges zu kümmern. Bismarcken is es auch mal so gegangen,
noch dazu mit ner reichen Amerikanerin, und hat auch gleich (das heißt
eigentlich lange nachher) das rechte Wort dafür gefunden.«

»Der hat immer das rechte Wort gefunden.«

»Immer. Aber weiter, Molchow.«

»... Und als nun also die reiche Amerikanerin so runde vierzig Jahr
später ihn wiedersah und sich bei ihm bedanken wollte von wegen des
Bildermuseums, in das er sie halb aus Verlegenheit und halb aus
Ritterlichkeit begleitet und ihr mutmaßlich alle Bilder falsch erklärt
hatte, da hat er all diesen Dank abgewiesen und ihr -- ich seh und
hör ihn ordentlich -- in aller Fidelität gesagt, sie habe nicht ihm,
sondern er habe ihr zu danken, denn wenn jener Tag nicht gewesen wäre,
so hätt er das ganze Bildermuseum höchstwahrscheinlich nie zu sehen
gekriegt. Ja, Glück hat er immer gehabt. Im großen und im kleinen.
Es fehlt bloß noch, daß er hinterher auch noch Generaldirektor der
königlichen Museen geworden wäre, was er schließlich doch auch noch
gekonnt hätte. Denn eigentlich konnt er alles und ist auch beinah alles
gewesen.«

»Ja,« nahm Gnewkow, der aus Langeweile viel gereist war, seinen
Urgedanken, daß solcher Park eigentlich ein Glück sei, wieder auf.
»Ich finde, was Molchow da gesagt hat, ganz richtig; es kommt drauf
an, daß man reingezwungen wird, sonst weiß man überhaupt gar nichts.
Wenn ich so bloß an Italien zurückdenke. Sehen Sie, da läuft man nu
so rum, was einen doch am Ende strapziert, und dabei dieser ewige
pralle Sonnenschein. Ein paar Stunden geht es; aber wenn man nu schon
zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat, und es ist noch
nicht mal Mittag, ja, ich bitte Sie, was hat man da? Was fängt man da
an? Gradezu schrecklich. Und da kann ich Ihnen bloß sagen, da bin ich
ein kirchlicher Mensch geworden. Und wenn man dann so von der Seite her
still eintritt und hat mit einem Male die Kühle um sich rum, ja, da
will man gar nicht wieder raus und sieht sich so seine funfzig Bilder
an, man weiß nicht wie. Is doch immer noch besser als draußen. Und die
Zeit vergeht, und die Stunde, wo man was Reguläres kriegt, läppert sich
so heran.«

»Ich glaube doch,« sagte der für kirchliche Kunst schwärmende Baron
Beetz, »unser Freund Gnewkow unterschätzt die Wirkung, die, vielleicht
gegen seinen Willen, die Quattrozentisten auf ihn gemacht haben. Er
hat ihre Macht an sich selbst empfunden, aber er will es nicht wahr
haben, daß die Frische von ihnen ausgegangen sei. Jeder, der was davon
versteht ...«

»Ja, Baron, das is es eben. Wer was davon versteht! Aber wer versteht
was davon? Ich jedenfalls nicht.«

Unter diesen Worten war man, vom »Prinzregenten« aus, die Hauptstraße
hinuntergeschritten und über eine kleine Brücke fort erst in den
Schloßhof und dann in den Park eingetreten. Der See plätscherte leis.
Kähne lagen da, mehrere an einem Steg, der von dem Kiesufer her in
den See hineinlief. Ein paar der Herren, unter ihnen auch Dubslav,
schritten die ziemlich wacklige Bretterlage hinunter und blickten, als
sie bis ans Ende gekommen waren, wieder auf die beiden Schloßflügel
und ihre kurz abgestumpften Türme zurück. Der Turm rechts war der, wo
Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer gehabt hatte.

»Dort hat er gewohnt,« sagte von der Nonne. »Wie begrenzt ist doch
unser Können. Mir weckt der Anblick solcher Fridericianischen Stätten
immer ein Schmerzgefühl über das Unzulängliche des Menschlichen
überhaupt, freilich auch wieder ein Hochgefühl, daß wir dieser
Unzulänglichkeit und Schwäche Herr werden können. Tod, wo ist dein
Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Dieser König. Er war ein großer
Geist, gewiß; aber doch auch ein verirrter Geist. Und je patriotischer
wir fühlen, je schmerzlicher berührt uns die Frage nach dem Heil seiner
Seele. Die Seelenmessen -- das empfind ich in solchem Augenblicke --
sind doch eine wirklich trostspendende Seite des Katholizismus, und
daß es (selbstverständlich unter Gewähr eines höchsten Willens) in die
Macht Überlebender gelegt ist, eine Seele freizubeten, das ist und
bleibt eine große Sache.«

»Nonne,« sagte Molchow, »machen Sie sich nicht komisch. Was haben Sie
für ne Vorstellung vom lieben Gott? Wenn Sie kommen und den alten
Fritzen freibeten wollen, werden Sie rausgeschmissen.«

Baron Beetz -- auch ein Anzweifler des Philosophen von Sanssouci --
wollte seinem Freunde Nonne zu Hilfe kommen und erwog einen Augenblick
ernstlich, ob er nicht seinen in der ganzen Grafschaft längst bekannten
Vortrag über die »schiefe Ebene« oder »~c'est le premier pas qui
coute~« noch einmal zum besten geben solle. Klugerweise jedoch ließ
er es wieder fallen und war einverstanden, als Dubslav sagte: »Meine
Herren, ich meinerseits schlage vor, daß wir unsern Auslug von dem
Wackelstege, drauf wir hier stehen (jeden Augenblick kann einer von uns
ins Wasser fallen), endlich aufgeben und uns lieber in einem der hier
herumliegenden Kähne über den See setzen lassen. Unterwegs, wenn noch
welche da sind, können wir Teichrosen pflücken und drüben am andern
Ufer den großen Prinz-Heinrich-Obelisken mit seinen französischen
Inschriften durchstudieren. Solche Rekapitulation stärkt einen immer
historisch und patriotisch, und unser Etappenfranzösisch kommt auch
wieder zu Kräften.«

Alle waren einverstanden, selbst Nonne.

       *       *       *       *       *

Gegen vier war man von dem Ausfluge zurück und hielt wieder vor
dem »Prinzregenten«, auf einem mit alten Bäumen besetzten Platz,
der wegen seiner Dreiecksform schon von alter Zeit her den Namen
Triangelplatz führte. Die Wahlresultate lagen noch keineswegs sicher
vor; es ließ sich aber schon ziemlich deutlich erkennen, daß viele
Fortschrittlerstimmen auf den sozialdemokratischen Kandidaten,
Feilenhauer Torgelow, übergehen würden, der, trotzdem er nicht
persönlich zugegen war, die kleinen Leute hinter sich hatte. Hunderte
seiner Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher
und unterhielten sich lachend über die Wahlreden, die während der
letzten Tage teils in Rheinsberg und Wutz, teils auf dem platten
Lande von Rednern der gegnerischen Parteien gehalten worden waren.
Einer der mit unter den Bäumen Stehenden, ein Intimus Torgelows, war
der Drechslergeselle Söderkopp, der sich schon lediglich in seiner
Eigenschaft als Drechslergeselle eines großen Ansehens erfreute. Jeder
dachte: der kann auch noch mal Bebel werden. »Warum nicht? Bebel is
alt, und dann haben wir den.« Aber Söderkopp verstand es auch wirklich,
die Leute zu packen. Am schärfsten ging er gegen Gundermann vor. »Ja,
dieser Gundermann, den kenn ich. Brettschneider und Börsenfilou; jeder
Groschen is zusammengejobbert. Sieben Mühlen hat er, aber bloß zwei
Redensarten, und der Fortschritt ist abwechselnd die ›Vorfrucht‹ und
dann wieder der ›Vater‹ der Sozialdemokratie. Vielleicht stammen wir
auch noch von Gundermann ab. So einer bringt alles fertig.«

Uncke, während Söderkopp so sprach, war von Baum zu Baum immer näher
gerückt und machte seine Notizen. In weiterer Entfernung stand
Pyterke, schmunzelnd und sichtlich verwundert, was Uncke wieder alles
aufzuschreiben habe.

Pyterkes Verwunderung über das »Aufschreiben« war nur zu berechtigt,
aber sie wär es um ein gut Teil weniger gewesen, wenn sich Unckes
aufhorchender Diensteifer statt dem Sozialdemokraten Söderkopp lieber
dem Gespräch einer nebenstehenden Gruppe zugewandt hätte. Hier
plauderten nämlich mehrere »Staatserhaltende« von dem mutmaßlichen
Ausgange der Wahl und daß es mit dem Siege des alten Stechlin von
Minute zu Minute schlechter stünde. Besonders die Rheinsberger schienen
den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben zu sollen.

»Hole der Teufel das ganze Rheinsberg!« verschwor sich ein alter Herr
von Kraatz, dessen roter Kopf, während er so sprach, immer röter wurde.
»Dies elende Nest! Wir bringen ihn wahr und wahrhaftig nicht durch,
unsern guten alten Stechlin. Und was das sagen will, das wissen wir.
Wer gegen +uns+ stimmt, stimmt auch gegen den König. Das ist all eins.
Das ist das, was man jetzt solidarisch nennt.«

»Ja, Kraatz,« nahm Molchow, an den sich diese Rede vorzugsweise
gerichtet hatte, das Wort, »nennen Sie's, wie Sie wollen, solidarisch
oder nicht; das eine sagt nichts, und das andre sagt auch nichts. Aber
mit Ihrem Wort über Rheinsberg, da haben Sie's freilich getroffen.
Aufmuckung war hier immer zu Hause, von Anfang an. Erst frondierte
Fritz gegen seinen Vater, dann frondierte Heinrich gegen seinen Bruder,
und zuletzt frondierte August, unser alter forscher Prinz August, den
manche von uns ja noch gut gekannt haben, ich sage: frondierte unser
alter August gegen die Moral. Und das war natürlich das Schlimmste.
(Zustimmung und Heiterkeit.) Und bestraft sich zuletzt auch immer. Denn
wissen Sie denn, meine Herren, wie's mit Augusten schließlich ging, als
er durchaus in den Himmel wollte?«

»Nein. Wie war es denn, Molchow?«

»Ja, er mußte da wohl ne halbe Stunde warten, und als er nu mit nem
Anschnauzer gegen Petrus rausfahren wollte, da sagte ihm der Fels
der Kirche: ›Königliche Hoheit, halten zu Gnaden, aber es ging nicht
anders.‹ Und warum nicht? Er hatte die elftausend Jungfrauen erst in
Sicherheit bringen müssen.«

»Stimmt, stimmt,« sagte Kraatz. »So war der Alte. Der reine
Deubelskerl. Aber schneidig. Und ein richtiger Prinz. Und dann, meine
Herren, -- ja, du mein Gott, wenn man nu mal Prinz is, irgend was muß
man doch von der Sache haben ... Und soviel weiß ich, wenn ich Prinz
wäre ...«



Zwanzigstes Kapitel


Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest; einige Meldungen
fehlten noch, aber das war aus Ortschaften, die mit ihren paar Stimmen
nichts mehr ändern konnten. Es lag zutage, daß die Sozialdemokraten
einen beinahe glänzenden Sieg davongetragen hatten; der alte Stechlin
stand weit zurück, Fortschrittler Katzenstein aus Gransee noch weiter.
Im ganzen aber ließen beide besiegte Parteien dies ruhig über sich
ergehen; bei den Freisinnigen war wenig, bei den Konservativen gar
nichts von Verstimmung zu merken. Dubslav nahm es ganz von der heiteren
Seite, seine Parteigenossen noch mehr, von denen eigentlich ein jeder
dachte: »Siegen ist gut, aber zu Tische gehen ist noch besser.« Und in
der Tat, gegessen mußte werden. Alles sehnte sich danach, bei Forellen
und einem guten Chablis die langweilige Prozedur zu vergessen. Und war
man erst mit den Forellen fertig und dämmerte der Rehrücken am Horizont
herauf, so war auch der Sekt in Sicht. Im »Prinzregenten« hielt man auf
eine gute Marke.

Durch den oberen Saal hin zog sich die Tafel: der Mehrzahl nach
Rittergutsbesitzer und Domänenpächter, aber auch Gerichtsräte, die so
glücklich waren, den »Hauptmann in der Reserve« mit auf ihre Karte
setzen zu können. Zu diesem ~gros d'armée~ gesellten sich Forst- und
Steuerbeamte, Rentmeister, Prediger und Gymnasiallehrer. An der Spitze
dieser stand Rektor Thormeyer aus Rheinsberg, der große, vorstehende
Augen, ein mächtiges Doppelkinn, noch mächtiger als Koseleger, und
außerdem ein Renommee wegen seiner Geschichten hatte. Daß er nebenher
auch ein in der Wolle gefärbter Konservativer war, versteht sich von
selbst. Er hatte, was aber schon Jahrzehnte zurücklag, den großartigen
Gedanken gefaßt und verwirklicht: die ostelbischen Provinzen, da, wo
sie strauchelten, durch Gustav Kühnsche Bilderbogen auf den richtigen
Pfad zurückzuführen, und war dafür dekoriert worden. Es hieß denn auch
von ihm, »er gelte was nach oben hin,« was aber nicht recht zutraf. Man
kannte ihn »oben« ganz gut.

Um halb sieben (Lichter und Kronleuchter brannten bereits) war
man unter den Klängen des Tannhäusermarsches die hie und da schon
ausgelaufene Treppe hinaufgestiegen. Unmittelbar vorher hatte noch ein
Schwanken wegen des Präsidiums bei Tafel stattgefunden. Einige waren
für Dubslav gewesen, weil man sich von ihm etwas Anregendes versprach,
auch speziell mit Rücksicht auf die Situation. Aber die Majorität
hatte doch schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgelehnt,
da der Edle Herr von Alten-Friesack, trotz seiner hohen Jahre, mit zur
Wahl gekommen war; der Edle Herr von Alten-Friesack, so hieß es, sei
doch nun mal -- und von einem gewissen Standpunkt aus auch mit Fug und
Recht -- der Stolz der Grafschaft, überhaupt ein Unikum, und ob er nun
sprechen könne oder nicht, das sei, wo sich's um eine Prinzipienfrage
handle, durchaus gleichgültig. Überhaupt, die ganze Geschichte mit
dem »Sprechenkönnen« sei ein moderner Unsinn. Die einfache Tatsache,
daß der Alte von Alten-Friesack dasäße, sei viel, viel wichtiger
als eine Rede, und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht bloß ihn,
sondern den ganzen Tisch. Einige sprächen freilich immer von seinem
Götzengesicht und seiner Häßlichkeit, aber auch das schade nichts.
Heutzutage, wo die meisten Menschen einen Friseurkopf hätten, sei es
eine ordentliche Erquickung, einem Gesicht zu begegnen, das in seiner
Eigenart eigentlich gar nicht unterzubringen sei. Dieser von dem alten
Zühlen, trotz seiner Vorliebe für Dubslav, eindringlich gehaltenen
Rede war allgemein zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den
götzenhaften Alten-Friesacker an seinen Ehrenplatz geführt. Natürlich
gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze stand Molchow, der dem neben
ihm sitzenden Katzler zuflüsterte: »Wahres Glück, Katzler, daß der
Alte drüben die große Blumenvase vor sich hat; sonst, so bei ~veau en
tortue~, -- vorausgesetzt, daß so was Feines überhaupt in Sicht steht
-- würd ich der Sache nicht gewachsen sein.«

Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer gespielte
Tannhäusermarsch, und als eine bestimmte Zeit danach der Moment für
den ersten Toast da war, erhob sich Baron Beetz und sagte: »Meine
Herren. Unser Edler Herr von Alten-Friesack ist von der Pflicht und
dem Wunsch erfüllt, den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und
König auszubringen.« Und während der Alte, das Gesagte bestätigend,
mit seinem Glase grüßte, setzte der in seiner ~alter ego~-Rolle
verbleibende Baron Beetz hinzu: »Seine Majestät der Kaiser und König
lebe hoch!« Der Alten-Friesacker gab auch hierzu durch Nicken seine
Zustimmung, und während der junge Lehrer abermals auf den auf einer
Rheinsberger Schloßauktion erstandenen alten Flügel zueilte, stimmte
man an der ganzen Tafel hin das »Heil dir im Siegerkranz« an, dessen
erster Vers stehend gesungen wurde.

Das Offizielle war hierdurch erledigt, und eine gewisse Fidelitas,
an der es übrigens von Anfang an nicht gefehlt hatte, konnte jetzt
nachhaltiger in ihr Recht treten. Allerdings war noch immer ein
wichtiger und zugleich schwieriger Toast in Sicht, +der+, der sich mit
Dubslav und dem unglücklichen Wahlausgange zu beschäftigen hatte. Wer
sollte den ausbringen? Man hing dieser Frage mit einiger Sorge nach
und war eigentlich froh, als es mit einemmale hieß, Gundermann werde
sprechen. Zwar wußte jeder, daß der Siebenmühlener nicht ernsthaft zu
nehmen sei, ja, daß Sonderbarkeiten und vielleicht sogar Scheiterungen
in Sicht stünden, aber man tröstete sich, je mehr er scheitere, desto
besser. Die meisten waren bereits in erheblicher Aufregung, also sehr
unkritisch. Eine kleine Weile verging noch. Dann bat Baron Beetz, dem
die Rolle des Festordners zugefallen war, für Herrn von Gundermann auf
Siebenmühlen ums Wort. Einige sprachen ungeniert weiter; »Ruhe, Ruhe!«
riefen andre dazwischen, und als Baron Beetz noch einmal an das Glas
geklopft und nun, auch seinerseits um Ruhe bittend, eine leidliche
Stille hergestellt hatte, trat Gundermann hinter seinen Stuhl und
begann, während er mit affektierter Nonchalance seine Linke in die
Hosentasche steckte:

»Meine Herren. Als ich vor so und soviel Jahren in Berlin studierte«
(»na nu«), »als ich vor Jahren in Berlin studierte, war da mal ne
Hinrichtung ...«

»Alle Wetter, +der+ setzt gut ein.«

»... war da mal ne Hinrichtung, weil eine dicke Klempnermadam, nachdem
sie sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren Mann, einen würdigen
Klempnermeister, vergiftet hatte. Und der Bengel war erst siebzehn.
Ja, meine Herren, soviel muß ich sagen, es kamen damals auch schon
dolle Geschichten vor. Und ich, weil ich den Gefängnisdirektor kannte,
ich hatte Zutritt zu der Hinrichtung, und um mich rum standen lauter
Assessoren und Referendare, ganz junge Herren, die meisten mit nem
Kneifer. Kneifer gab es damals auch schon. Und nun kam die Witwe, wenn
man sie so nennen darf, und sah soweit ganz behäbig und beinahe füllig
aus, weil sie, was damals viel besprochen wurde, nen Kropf hatte,
weshalb auch der Block ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen.
Sozusagen mit nem Ausschnitt.«

»Mit nem Ausschnitt ...; gut, Gundermann.«

»Und als sie nun, ich meine die Delinquentin, all die jungen
Referendare sah, wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte ...«

»Keine Verspottung unsrer Referendare ...«

»... Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte, da trat sie
ganz nahe an den Schafottrand heran und nickte uns zu (ich sage ›uns,‹
weil sie mich auch ansah) und sagte: ›Ja, ja, meine jungen Herrens,
+dat kommt davon+ ...‹ Und sehen Sie, meine Herren, +dieses+ Wort, wenn
auch von einer Delinquentin herrührend, bin ich seitdem nicht wieder
losgeworden, und wenn ich so was erlebe wie heute, dann +muß+ einem
solch Wort auch immer wieder in Erinnerung kommen, und ich sage dann
auch, ganz wie die Alte damals sagte: ›Ja, meine Herren, dat kommt
davon.‹ Und wovon kommt es? Von den Sozialdemokraten. Und wovon kommen
die Sozialdemokraten?«

»Vom Fortschritt. Alte Geschichte, kennen wir. Was Neues!«

»Es gibt da nichts Neues. Ich kann nur bestätigen, vom Fortschritt
kommt es. Und wovon kommt +der+? Davon, daß wir die Abstimmungsmaschine
haben und das große Haus mit den vier Ecktürmen. Und wenn es
meinetwegen ohne das große Haus nicht geht, weil das Geld für den Staat
am Ende bewilligt werden muß -- und ohne Geld, meine Herren, geht es
nicht« (Zustimmung: »ohne Geld hört die Gemütlichkeit auf«) --, »nun
denn, wenn es also sein muß, was ich zugebe, was sollen wir, auch unter
derlei gern gemachten Zugeständnissen, anfangen mit einem Wahlrecht, wo
Herr von Stechlin gewählt werden soll, und wo sein Kutscher Martin, der
ihn zur Wahl gefahren, tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt
werden kann. Und der Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir
immer noch lieber als dieser Torgelow. Und all das nennt sich Freiheit.
Ich nenn es Unsinn, und viele tun desgleichen. Ich denke mir aber,
gerade +diese+ Wahl, in einem Kreise, drin das alte Preußen noch lebt,
gerade diese Wahl wird dazu beitragen, die Augen oben helle zu machen.
Ich sage nicht, welche Augen.«

»Schluß, Schluß!«

»Ich komme zum Schluß. Es hieß anno siebzig, daß sich die Franzosen
als die ›glorreich Besiegten‹ bezeichnet hätten. Ein stolzes und
nachahmenswertes Wort. Auch für uns, meine Herren. Und wie wir, ohne
uns was zu vergeben, diesen Sekt aus Frankreich nehmen, so dürfen wir,
glaub ich, auch das eben zitierte stolze Klagewort aus Frankreich
herübernehmen. Wir sind besiegt, aber wir sind glorreich Besiegte. Wir
haben eine Revanche. +Die+ nehmen wir. Und bis dahin in alle Wege: Herr
von Stechlin auf Schloß Stechlin, er lebe hoch!«

Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an. Einige freilich lachten,
und von Molchow, als er einen neuen Weinkübel heranbestellte, sagte zu
dem neben ihm sitzenden Katzler: »Weiß der Himmel, dieser Gundermann
ist und bleibt ein Esel. Was sollen wir mit solchen Leuten? Erst
beschreibt er uns die Frau mit nem Kropf, und dann will er das große
Haus abschaffen. Ungeheure Dämelei. Wenn wir das große Haus nicht mehr
haben, haben wir gar nichts; das ist noch unsre Rettung und die beinah
einzige Stelle, wo wir den Mund (ich sage Mund) einigermaßen auftun
und was durchsetzen können. Wir müssen mit dem Zentrum paktieren. Dann
sind wir egal raus. Und nun kommt dieser Gundermann und will uns auch
das noch nehmen. Es ist doch ne Wahrheit, daß sich die Parteien und die
Stände jedesmal selbst ruinieren. Das heißt, von ›Ständen‹ kann hier
eigentlich nicht die Rede sein; denn dieser Gundermann gehört nicht mit
dazu. Seine Mutter war ne Hebamme in Wrietzen. Drum drängt er sich auch
immer vor.«

Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art Nachspiel gewesen war,
flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker zu, daß es Zeit sei, die
Tafel aufzuheben. Der Alte wollte jedoch noch nicht recht, denn wenn
er mal saß, saß er; aber als gleich danach mehrere Stühle gerückt
wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anzuschließen, und
unter den Klängen des »Hohenfriedbergers« -- der »Prager«, darin es
heißt: »Schwerin fällt,« wäre mit Rücksicht auf die Gesamtsituation
vielleicht paßlicher gewesen -- kehrte man in die Parterreräume
zurück, wo die Majorität dem Kaffee zusprechen wollte, während eine
kleine Gruppe von Allertapfersten in die Straße hinaustrat, um da,
unter den Bäumen des »Triangelplatzes,« sich bei Sekt und Kognak des
weiteren ~bene~ zu tun. Obenan saß von Molchow, neben ihm von Kraatz
und van Peerenboom; Molchow gegenüber Direktor Thormeyer und der bis
dahin mit der Festmusik betraute Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten
überhaupt Thormeyers Adlatus war. Sonderbarerweise hatte sich auch
Katzler hier niedergelassen (er sehnte sich wohl nach Eindrücken,
die jenseits aller »Pflicht« lagen), und neben ihm, was beinahe noch
mehr überraschen konnte, saß von der Nonne. Molchow und Thormeyer
führten das Wort. Von Wahl und Politik -- nur über Gundermann fiel
gelegentlich eine spöttische Bemerkung -- war längst keine Rede mehr,
statt dessen befleißigte man sich, die neuesten Klatschgeschichten aus
der Grafschaft heranzuziehen. »Ist es denn wahr,« sagte Kraatz, »daß
die schöne Lilli nun doch ihren Vetter heiraten wird, oder richtiger,
der Vetter die schöne Lilli?«

»Vetter?« fragte Peerenboom.

»Ach, Peerenboom, Sie wissen auch gar nichts; Sie sitzen immer noch
zwischen Ihren Delfter Kacheln und waren doch schon ne ganze Weile
hier, als die Lilli-Geschichte spielte.«

Peerenboom ließ sich's gesagt sein und begrub jede weitere Frage, was
er, ohne sich zu schädigen, auch ganz gut konnte, da kein Zweifel war,
daß der, der das Lilli-Thema heraufbeschworen, über kurz oder lang
ohnehin alles klarlegen würde. Das geschah denn auch.

»Ja, diese verdammten Kerle,« fuhr von Kraatz fort, »diese Lehrer!
Entschuldigen Sie, Luckhardt, aber Sie sind ja beim Gymnasium, da liegt
alles anders, und +der+, der hier ne Rolle spielt, war ja natürlich
bloß ein Hauslehrer, Hauslehrer bei Lillis jüngstem Bruder. Und eines
Tages waren beide weg, der Kandidat und Lilli. Selbstverständlich nach
England. Es kann einer noch so dumm sein, aber von Gretna Green hat er
doch mal gehört oder gelesen. Und da wollten sie denn auch beide hin.
Und sind auch. Aber ich glaube, der Gretna Greensche darf nicht mehr
trauen. Und so nahmen sie denn Lodgings in London, ganz ohne Trauung.
Und es ging auch so, bis ihnen das kleine Geld ausging.«

»Ja, das kennt man.«

»Und da kamen sie denn also wieder. Das heißt, Lilli kam wieder. Und
sie war auch schon vorher mit dem Vetter so gut wie verlobt gewesen.«

»Und der sprang nu ab?«

»Nicht so ganz. Oder eigentlich gar nicht. Denn Lilli ist sehr hübsch
und nebenher auch noch sehr reich. Und da soll denn der Vetter gesagt
haben, er liebe sie so sehr, und wo man liebe, da verzeihe man auch.
Und er halte auch eine Entsühnung für durchaus möglich. Ja, er soll
dabei von Purgatorium gesprochen haben.«

»Mißfällt mir, klingt schlecht,« sagte Molchow. »Aber was er vorher
gesagt, ›Entsühnung,‹ das ist ein schönes Wort und eine schöne Sache.
Nur das ›Wie,‹ -- ach, man weiß immer so wenig von diesen Dingen, --
will mir nicht recht einleuchten. Als Christ weiß ich natürlich (so
schlimm steht es am Ende auch nicht mit einem), als Christ weiß ich,
daß es eine Sühne gibt. Aber in solchem Falle? Thormeyer, was meinen
Sie, was sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach und haben alle
Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr.«

Thormeyer verklärte sich. Das war so recht ein Thema nach seinem
Geschmack; seine Augen wurden größer und sein glattes Gesicht noch
glatter.

»Ja,« sagte er, während er sich über den Tisch zu Molchow vorbeugte,
»so was gibt es. Und es ist ein Glück, daß es so was gibt. Denn die
arme Menschheit braucht es. Das Wort Purgatorium will ich vermeiden,
einmal, weil sich mein protestantisches Gewissen dagegen sträubt, und
dann auch wegen des Anklangs; aber es gibt eine Purifikation. Und das
ist doch eigentlich das, worauf es ankommt: Reinheitswiederherstellung.
Ein etwas schwerfälliges Wort. Indessen die Sache, drum sich's hier
handelt, gibt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem Hange nach
Restitution überall, und namentlich im Orient -- aus dem doch unsre
ganze Kultur stammt -- finden Sie diese Lehre, dieses Dogma, diese
Tatsache.«

»Ja, ist es eine Tatsache?«

»Schwer zu sagen. Aber es wird als Tatsache genommen. Und das ist
ebensogut. +Blut sühnt.+«

»Blut sühnt,« wiederholte Molchow. »Gewiß. Daher haben wir ja auch
unsere Duellinstitution. Aber wo wollen Sie hier die Blutsühne
hernehmen? In diesem Spezialfalle ganz undurchführbar. Der
Hauslehrer ist drüben in England geblieben, wenn er nicht gar nach
Amerika gegangen ist. Und wenn er auch wiederkäme, er ist nicht
satisfaktionsfähig. Wär er Reserveoffizier, so hätt ich das längst
erfahren ...«

»Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung. Etwas primitiv,
naturwüchsig, das sogenannte Blutracheprinzip. Aber es braucht nicht
immer das Blut des Übeltäters selbst zu sein. Bei den Orientalen ...«

»Ach, Orientalen ... dolle Gesellschaft ...«

»Nun denn meinetwegen, bei fast allen Völkern des Ostens sühnt Blut
überhaupt. Ja mehr, nach orientalischer Anschauung -- ich kann das
Wort nicht vermeiden, Herr von Molchow, ich muß immer wieder darauf
zurückkommen -- nach orientalischer Anschauung stellt Blut die Unschuld
als solche wieder her.«

»Na, hören Sie, Rektor.«

»Ja, es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen, es zählt das zu dem
Feinsten und Tiefsinnigsten, was es gibt. Und ich habe da auch neulich
erst eine Geschichte gelesen, die das alles nicht bloß so obenhin
bestätigt, sondern beinahe +großartig+ bestätigt. Und noch dazu aus
Siam.«

»Aus Siam?«

»Ja, aus Siam. Und ich würde Sie damit behelligen, wenn die Sache
nicht ein bißchen zu lang wäre. Die Herren vom Lande werden so leicht
ungeduldig, und ich wundere mich oft, daß sie die Predigt bis zu Ende
mitanhören. Daneben ist freilich meine Geschichte aus Siam ...«

»Erzählen, Direktorchen, erzählen.«

»Nun denn, auf Ihre Gefahr. Freilich auch auf meine ... Da war also,
und es ist noch gar nicht lange her, ein König von Siam. Die Siamesen
haben nämlich auch Könige.«

»Nu, natürlich. So tief stehen sie doch nicht.«

»Also da war ein König von Siam, und dieser König hatte eine Tochter.«

»Klingt ja wie aus'm Märchen.«

»Ist auch, meine Herren. Eine Tochter, eine richtige Prinzessin, und
ein Nachbarfürst (aber von geringerem Stande, so daß man doch auch hier
wieder an den Kandidaten erinnert wird) -- dieser Nachbarfürst raubte
die Prinzessin und nahm sie mit in seine Heimat und seinen Harem, trotz
alles Sträubens.«

»Na, na.«

»So wenigstens wird berichtet. Aber der König von Siam war nicht der
Mann, so was ruhig einzustecken. Er unternahm vielmehr einen heiligen
Krieg gegen den Nachbarfürsten, schlug ihn und führte die Prinzessin
im Triumphe wieder zurück. Und alles Volk war wie von Sieg und Glück
berauscht. Aber die Prinzessin selbst war schwermütig.«

»Kann ich mir denken. Wollte wieder weg.«

»Nein, ihr Herren. Wollte +nicht+ zurück. Denn es war eine sehr feine
Dame, die gelitten hatte ...«

»Ja. Aber wie ...«

»Die gelitten hatte und fortan nur dem einen Gedanken der Entsühnung
lebte, dem Gedanken, wie das Unheilige, das Berührtsein, wieder von ihr
genommen werden könne.«

»Geht nicht. Berührt is berührt.«

»Mitnichten, Herr von Molchow. Die hohe Priesterschaft wurde
herangezogen und hielt, wie man hier vielleicht sagen würde, einen
Synod, in dem man sich mit der Frage der Entsühnung oder, was dasselbe
sagen will, mit der Frage der Wiederherstellung der Virginität
beschäftigte. Man kam überein (oder fand es auch vielleicht in alten
Büchern), daß sie in Blut gebadet werden müsse.«

»Brrr.«

»Und zu diesem Behufe wurde sie bald danach in eine Tempelhalle
geführt, drin zwei mächtige Wannen standen, eine von rotem Porphyr
und eine von weißem Marmor, und zwischen diesen Wannen, auf einer Art
Treppe, stand die Prinzessin selbst. Und nun wurden drei weiße Büffel
in die Tempelhalle gebracht, und der Hohepriester trennte mit einem
Schnitt jedem der drei das Haupt vom Rumpf und ließ das Blut in die
daneben stehende Porphyrwanne fließen. Und jetzt war das Bad bereitet,
und die Prinzessin, nachdem siamesische Jungfrauen sie entkleidet
hatten, stieg in das Büffelblut hinab, und der Hohepriester nahm ein
heiliges Gefäß und schöpfte damit und goß es aus über die Prinzessin.«

»Eine starke Geschichte; bei Tisch hätt ich mehrere Gänge passieren
lassen. Ich find es doch entschieden zu viel.«

»Ich nicht,« sagte der alte Zühlen, der sich inzwischen eingefunden und
seit ein paar Minuten mit zugehört hatte. »Was heißt zuviel oder zu
stark? Stark ist es, soviel geb ich zu; aber nicht +zu+ stark. Daß es
stark ist, das ist ja eben der Witz von der Sache. Wenn die Prinzessin
bloß einen Leberfleck gehabt hätte, so fänd ich es ohne weiteres
zu stark; es muß immer ein richtiges Verhältnis da sein zwischen
Mittel und Zweck. Ein Leberfleck ist gar nichts. Aber bedenken Sie,
ne richtige Prinzessin als Sklavin in einem Harem; da muß denn doch
ganz anders vorgegangen werden. Wir reden jetzt so viel von ›großen
Mitteln‹. Ja, meine Herren, auch +hier+ war nur mit großen Mitteln was
auszurichten.«

»~Igni et ferro~,« bestätigte der Rektor.

»Und,« fuhr der alte Zühlen fort, »soviel wird jedem einleuchten,
um den Teufel auszutreiben (als den ich diesen Nachbarfürsten und
seine Tat durchaus ansehe), dazu mußte was Besonderes geschehn, etwas
Beelzebubartiges. Und das war eben das Blut dieser drei Büffel. Ich
find es +nicht+ zu viel.«

Thormeyer hob sein Glas, um mit dem alten Zühlen anzustoßen. »Es
ist genau so, wie Herr von Zühlen sagt. Und zuletzt geschah denn
auch glücklicherweise das, was unsre mehr auf Schönheit gerichteten
Wünsche -- denn wir leben nun mal in einer Welt der Schönheit --
zufriedenstellen konnte. Direkt aus der Porphyrwanne stieg die
Prinzessin in die Marmorwanne, drin alle Wohlgerüche Arabiens ihre
Heimstätte hatten, und alle Priester traten mit ihren Schöpfkellen
aufs neue heran, und in Kaskaden ergoß es sich über die Prinzessin,
und man sah ordentlich, wie die Schwermut von ihr abfiel und wie all
das wieder aufblühte, was ihr der räuberische Nachbarfürst genommen.
Und zuletzt schlugen die Dienerinnen ihre Herrin in schneeweiße
Gewänder und führten sie bis an ein Lager und fächelten sie hier mit
Pfauenwedeln, bis sie den Kopf still neigte und entschlief. Und ist
nichts zurückgeblieben, und ist später die Gattin des Königs von
Annam geworden. Er soll allerdings sehr aufgeklärt gewesen sein, weil
Frankreich schon seit einiger Zeit in seinem Lande herrschte.«

»Hoffen wir, daß Lillis Vetter auch ein Einsehen hat.«

»Er wird, er wird.«

Darauf stieß man an, und alles brach auf. Die Wagen waren bereits
vorgefahren und standen in langer Reihe zwischen dem »Prinzregenten«
und dem Triangelplatz.

Auch der Stechliner Wagen hielt schon, und Martin, um sich die Zeit zu
vertreiben, knipste mit der Peitsche. Dubslav suchte nach seinem Pastor
und begann schon ungeduldig zu werden, als Lorenzen endlich an ihn
herantrat und um Entschuldigung bat, daß er habe warten lassen. Aber
der Oberförster sei schuld; der habe ihn in ein Gespräch verwickelt,
das auch noch nicht beendet sei, weshalb er vorhabe, die Rückfahrt mit
Katzler gemeinschaftlich zu machen.

Dubslav lachte. »Na, dann mit Gott. Aber lassen Sie sich nicht zu
viel erzählen. Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle spielen oder noch
wahrscheinlicher der neuzufindende Name. Werde wohl recht behalten ...
Und nun vorwärts, Martin.«

Damit ging es über das holperige Pflaster fort.

       *       *       *       *       *

In der Stadt war schon alles still; aber draußen auf der Landstraße
kam man an großen und kleinen Trupps von Häuslern, Teerschwelern und
Glashüttenleuten vorüber, die sich einen guten Tag gemacht hatten
und nun singend und johlend nach Hause zogen. Auch Frauensvolk war
dazwischen und gab allem einen Beigeschmack.

So trabte Dubslav auf den als halber Weg geltenden Nehmitzsee zu. Nicht
weit davon befand sich ein Kohlenmeiler, Dietrichsofen, und als Martin
jetzt um die nach Süden vorgeschobene Seespitze herumbiegen wollte,
sah er, daß wer am Wege lag, den Oberkörper unter Gras und Binsen
versteckt, aber die Füße quer über das Fahrgeleise.

Martin hielt an. »Gnädiger Herr, da liegt wer. Ich glaub, es ist der
alte Tuxen.«

»Tuxen, der alte Süffel von Dietrichsofen?«

»Ja, gnädiger Herr. Ich will mal sehen, was es mit ihm is.«

Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und rüttelte und
schüttelte den am Wege Liegenden. »Awer Tuxen, wat moakst du denn hier?
Wenn keen Moonschien wiehr, wiehrst du nu all kaput.«

»Joa, joa,« sagte der Alte. Aber man sah, daß er ohne rechte Besinnung
war.

Und nun stieg Dubslav auch ab, um den ganz Unbehilflichen mit Martin
gemeinschaftlich auf den Rücksitz zu legen. Und bei dieser Prozedur kam
der Trunkene einigermaßen wieder zu sich und sagte: »Nei, nei, Martin,
nich doa; pack mi lewer vörn upp'n Bock.«

Und wirklich, sie hoben ihn da hinauf, und da saß er nun auch ganz
still und sagte nichts. Denn er schämte sich vor dem gnädigen Herrn.

Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte: »Nu sage mal,
Tuxen, kannst du denn von dem Branntwein nich lassen? Legst dich da
hin; is ja schon Nachtfrost. Noch ne Stunde, dann warst du dod. Waren
sie denn alle so?«

»Mehrschtendeels.«

»Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt?«

»Nei, gnädger Herr, vör Katzenstein nich.«

Und nun schwieg er wieder, während er vorn auf dem Bock unsicher hin
und her schwankte.

»Na, man raus mit der Sprache. Du weißt ja, ich reiß keinem den Kopp
ab. Is auch alles egal. Also für Katzenstein nich. Na, für wen denn?«

»För Torgelow'n.«

Dubslav lachte. »Für Torgelow, den euch die Berliner hergeschickt
haben. Hat er denn schon was für euch getan?«

»Nei, noch nich.«

»Na, warum denn?«

»Joa, se seggen joa, he +will+ wat för uns duhn un is so sihr för de
armen Lüd. Un denn kriegen wi joa'n Stück Tüffelland. Un se seggen ook,
he is klöger, as de annern sinn.«

»Wird wohl. Aber er is doch noch lange nich so klug, wie ihr dumm seid.
Habt ihr denn schon gehungert?«

»Nei, dat grad nich.«

»Na, das kann auch noch kommen.«

»Ach, gnädger Herr, dat wihrd joa woll nich.«

»Na, wer weiß, Tuxen. Aber hier is Dietrichsöfen. Nu steigt ab und
seht Euch vor, daß Ihr nicht fallt, wenn die Pferde anrucken. Und hier
habt Ihr was. Aber nich mehr für heut. Für heut habt Ihr genug. Und nu
macht, daß Ihr zu Bett kommt, und träumt von ›Tüffelland‹.«



In Mission nach England



Einundzwanzigstes Kapitel


Woldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen, daß der
sozialdemokratische Kandidat, Feilenhauer Torgelow, im Wahlkreise
Rheinsberg-Wutz gesiegt habe. Bald darauf traf auch ein Brief von
Lorenzen ein, der zunächst die Telegramme bestätigte und am Schlusse
hinzusetzte, daß Dubslav eigentlich herzlich froh über den Ausgang
sei. Woldemar war es auch. Er ging davon aus, daß sein Vater wohl das
Zeug habe, bei Dressel oder Borchardt mit viel gutem Menschenverstand
und noch mehr Eulenspiegelei seine Meinung über allerhand politische
Dinge zum besten zu geben; aber im Reichstage fach- und sachgemäß
sprechen, das konnt er nicht und wollt er auch nicht. Woldemar war so
durchdrungen davon, daß er über die Vorstellung einer Niederlage, dran
er als Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war, verhältnismäßig rasch
hinwegkam, pries es aber doch, um eben diese Zeit mit einem Kommando
nach Ostpreußen hin betraut zu werden, das ihn auf ein paar Wochen
von Berlin fernhielt. Kam er dann zurück, so waren Anfragen in dieser
Wahlangelegenheit nicht mehr zu befürchten, am wenigsten innerhalb
seines Regiments, in dem man sich, von ein paar Intimsten abgesehen,
eigentlich schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg.

Und in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzenufer, als Woldemar
hier am Abend vor seiner Abreise noch einmal vorsprach, um sich bei
der gräflichen Familie zu verabschieden. Es wurde nur ganz obenhin
von einem abermaligen Siege der Sozialdemokratie gesprochen, ein
absichtlich flüchtiges Berühren, das nicht auffiel, weil sich das
Gespräch sehr bald um Rex und Czako zu drehen begann, die, seit
lange dazu aufgefordert, gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch
im Barbyschen Hause gemacht und besonders bei dem alten Grafen viel
Entgegenkommen gefunden hatten. Auch Melusine hatte sich durch den
Besuch der Freunde durchaus zufriedengestellt gesehen, trotzdem ihr
nicht entgangen war, was, nach freilich entgegengesetzten Seiten hin,
die Schwäche beider ausmachte.

»Wovon der eine zu wenig hat,« sagte sie, »davon hat der andre zu viel.«

»Und wie zeigte sich das, gnädigste Gräfin?«

»O, ganz unverkennbar. Es traf sich, daß im selben Augenblicke, wo
die Herren Platz nahmen, drüben die Glocken der Gnadenkirche geläutet
wurden, was denn -- man ist bei solchen ersten Besuchen immer dankbar,
an irgendwas anknüpfen zu können -- unser Gespräch sofort aufs
Kirchliche hinüberlenkte. Da legitimierten sich dann beide. Hauptmann
Czako, weil er ahnen mochte, was sein Freund in nächster Minute sagen
würde, gab vorweg deutliche Zeichen von Ungeduld, während Herr von Rex
in der Tat nicht nur von dem ›Ernst der Zeiten‹ zu sprechen anfing,
sondern auch von dem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen, uns nahe
bevorstehenden Umschwung erwartete. Was mich natürlich erheiterte.«

       *       *       *       *       *

Woldemars Kommando nach Ostpreußen war bis auf Anfang November
berechnet, und mehr als einmal sprachen im Verlaufe dieser Zeit Rex und
Czako bei den Barbys vor. Freilich immer nur einzeln. Verabredungen
zu gemeinschaftlichem Besuche waren zwar mehrfach eingeleitet worden,
aber jedesmal erfolglos, und erst zwei Tage vor Woldemars Rückkehr
fügte es sich, daß sich die beiden Freunde bei den Barbys trafen.
Es war ein ganz besonders gelungener Abend, da neben der Baronin
Berchtesgaden und Doktor Wrschowitz auch ein alter Malerprofessor
(eine neue Bekanntschaft des Hauses) zugegen waren, was eine sehr
belebte Konversation herbeiführte. Besonders der neben seinen andern
Apartheiten auch durch langes weißes Haar und große Leuchte-Augen
ausgezeichnete Professor hatte -- gestützt auf einen unentwegten
Peter-Cornelius-Enthusiasmus -- alles hinzureißen gewußt. »Ich
bin glücklich, noch die Tage dieses großen und einzig dastehenden
Künstlers gesehen zu haben. Sie kennen seine Kartons, die mir das
Bedeutendste scheinen, was wir überhaupt hier haben. Auf dem einen
Karton steht im Vordergrund ein Tubabläser und setzt das Horn an den
Mund, um zu Gericht zu rufen. Diese eine Gestalt balanciert fünf
Kunstausstellungen, will also sagen netto 15000 Bilder. Und eben diese
Kartons, samt dem Bläser zum Gericht, die wollen sie jetzt fortschaffen
und sagen dabei in naiver Effronterie, solch schwarzes Zeug mit
Kohlenstrichen dürfe überhaupt nicht so viel Raum einnehmen. Ich aber
sage Ihnen, meine Herrschaften, ein Kohlenstrich von Cornelius ist
mehr wert als alle modernen Paletten zusammengenommen, und die Tuba,
die dieser Tubabläser da an den Mund setzt -- verzeihen Sie mir altem
Jüngling diesen Kalauer --, diese Tuba wiegt alle Tuben auf, aus denen
sie jetzt ihre Farben herausdrücken. Beiläufig auch eine miserable
Neuerung. Zu meiner Zeit gab es noch Beutel, und diese Beutel aus
Schweinsblase waren viel besser. Ein wahres Glück, daß König Friedrich
Wilhelm ~IV.~ diese jetzt etablierte Niedergangsepoche nicht mehr
erlebt hat, diese Zeit des Abfalls, so recht eigentlich eine Zeit der
apokalyptischen Reiter. Bloß zu den dreien, die der große Meister uns
da geschaffen hat, ist heutzutage noch ein vierter Reiter gekommen,
ein Mischling von Neid und Ungeschmack. Und dieser vierte sichelt am
stärksten.«

Alles nickte, selbst die, die nicht ganz so dachten, denn der Alte
mit seinem Apostelkopfe hatte ganz wie ein Prophet gesprochen. Nur
Melusine blieb in einer stillen Opposition und flüsterte der Baronin
zu: »Tubabläser. Mir persönlich ist die Böcklinsche Meerfrau mit dem
Fischleib lieber. Ich bin freilich Partei.«

       *       *       *       *       *

Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu früher Stunde. So war es
auch heute wieder. Es schlug eben erst zehn, als Rex und Czako auf die
Straße hinaustraten und drüben an dem langgestreckten Ufer Tausende
von Lichtern vor sich hatten, von denen die vordersten sich im Wasser
spiegelten.

»Ich möchte wohl noch einen Spaziergang machen,« sagte Czako. »Was
meinen Sie, Rex? Sind Sie mit dabei? Wir gehen hier am Ufer entlang, an
den Zelten vorüber bis Bellevue, und da steigen wir in die Stadtbahn
und fahren zurück, Sie bis an die Friedrichstraße, ich bis an den
Alexanderplatz. Da ist jeder von uns in drei Minuten zu Haus.«

Rex war einverstanden. »Ein wahres Glück,« sagte er, »daß wir uns
endlich mal getroffen haben. Seit fast drei Wochen kennen wir nun das
Haus und haben noch keine Aussprache darüber gehabt. Und das ist doch
immer die Hauptsache. Für Sie gewiß.«

»Ja, Rex, das ›für Sie gewiß‹, das sagen Sie so spöttisch und
überheblich, weil Sie glauben, Klatschen sei was Inferiores und für
mich gerade gut genug. Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen
doppelten Fehler. Denn erstlich ist Klatschen überhaupt nicht inferior,
und zweitens klatschen Sie gerade so gern wie ich und vielleicht noch
ein bißchen lieber. Sie bleiben nur immer etwas steifer dabei, lehnen
meine Frivolitäten zunächst ab, warten aber eigentlich darauf. Im
übrigen denk ich wir lassen all das auf sich beruhn und sprechen lieber
von der Hauptsache. Ich finde, wir können unserm Freunde Stechlin
nicht dankbar genug dafür sein, uns mit einem so liebenswürdigen Hause
bekannt gemacht zu haben. Den Wrschowitz und den alten Malerprofessor,
der von dem Engel des Gerichts nicht loskonnte, -- nun die beiden
schenk ich Ihnen (ich denke mir, der Maler wird wohl nach Ihrem
Geschmacke sein), aber die andern, die man da trifft, wie reizend alle,
wie natürlich. Obenan dieser Frommel, dieser Hofprediger, der mir am
Teetisch fast noch besser gefällt als auf der Kanzel. Und dann diese
bayrische Baronin. Es ist doch merkwürdig, daß die Süddeutschen uns
im Gesellschaftlichen immer um einen guten Schritt vorauf sind, nicht
von Bildungs-, aber von glücklicher Natur wegen. Und diese glückliche
Natur, das ist doch die wahre Bildung.«

»Ach Czako, Sie überschätzen das. Es ist ja richtig, wenn Sie da so die
Würstel aus dem großen Kessel herausholen und irgendeine Loni oder Toni
mit dem Maßkrug kommt, so sieht das nach was aus, und wir kommen uns
wie verhungerte Schulmeister daneben vor. Aber eigentlich ist das, was
wir haben, doch das Höhere.«

»Gott bewahre. Alles, was mit Grammatik und Examen zusammenhängt, ist
nie das Höhere. Waren die Patriarchen examiniert, oder Moses oder
Christus? Die Pharisäer waren examiniert. Und da sehen Sie, was dabei
herauskommt. Aber, um mehr in der Nähe zu bleiben, nehmen Sie den alten
Grafen. Er war freilich Botschaftsrat, und das klingt ein bißchen
nach was; aber eigentlich ist er doch auch bloß ein unexaminierter
Naturmensch, und das gerade gibt ihm seinen Charme. Beiläufig, finden
Sie nicht auch, daß er dem alten Stechlin ähnlich sieht?«

»Ja, äußerlich.«

»Auch innerlich. Natürlich ne andre Nummer, aber doch derselbe Zwirn,
-- Pardon für den etwas abgehaspelten Berolinismus. Und wenn Sie
vielleicht an Politik gedacht haben, auch da ist wenig Unterschied.
Der alte Graf ist lange nicht so liberal, und der alte Dubslav lange
nicht so junkerlich, wie's aussieht. Dieser Barby, dessen Familie,
glaub ich, vordem zu den Reichsunmittelbaren gehörte, dem steckt noch
so was von ›Gottesgnadenschaft‹ in den Knochen, und das gibt dann die
bekannte Sorte von Vornehmheit, die sich den Liberalismus glaubt gönnen
zu können. Und der alte Dubslav, nun, der hat dafür das im Leibe, was
die richtigen Junker alle haben: ein Stück Sozialdemokratie. Wenn sie
gereizt werden, bekennen sie sich selber dazu.«

»Sie verkennen das, Czako. Das alles ist ja bloß Spielerei.«

»Ja, was heißt Spielerei? Spielen. Wir haben schöne alte Fibelverse,
die vor der Gefährlichkeit des Mit-dem-Feuerspielens warnen. Aber
lassen wir Dubslav und den alten Barby. Wichtiger sind doch zuletzt
immer die Damen, die Gräfin und die Komtesse. Welche wird es? Ich
glaube, wir haben schon mal darüber gesprochen, damals, als wir von
Kloster Wutz her über den Cremmer Damm ritten. Viel Vertrauen zu Freund
Woldemars richtigem Frauenverständnis hab ich eigentlich nicht, aber
ich sage trotzdem: Melusine.«

»Und ich sage: Armgard. Und Sie sagen es im stillen auch.«

       *       *       *       *       *

Es war zwei Tage vor Woldemars Rückkehr aus Ostpreußen, daß Rex und
Czako dies Tiergartengespräch führten. Eine halbe Stunde später
fuhren sie, wie verabredet, vom Bellevuebahnhof aus wieder in die
Stadt zurück. Überall war noch ein reges Leben und Treiben, und
Leben war denn auch in dem aus bloß drei Zimmern verschiedener Größe
sich zusammensetzenden Kasino der Gardedragoner. In dem zunächst am
Flur gelegenen großen Speisesaale, von dessen Wänden die früheren
Kommandeure des Regiments, Prinzen und Nichtprinzen, herniederblickten,
sah man nur wenig Gäste. Daneben aber lag ein Eckzimmer, das mehr
Insassen und mehr flotte Bewegung hatte. Hier über dem schräg
gestellten Kamin, drin ein kleines Feuer flackerte, hing seit kurzem
das Bildnis des »hohen Chefs« des Regiments, der Königin von England,
und in der Nähe eben dieses Bildes ein ruhmreiches Erinnerungsstück
aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege: die Trompete, darauf
derselbe Mann, Stabstrompeter Wollhaupt, erst am 3. Juli auf der Höhe
von Lipa und dann am 16. August bei Mars-la-Tour das Regiment zur
Attacke gerufen hatte, bis er an der Seite seines Obersten fiel; der
Oberst mit ihm.

Dies Eckzimmer war, wie gewöhnlich, auch heute der bevorzugte kleine
Raum, drin sich jüngere und ältere Offiziere zu Spiel und Plauderei
zusammengefunden hatten, unter ihnen die Herren von Wolfshagen, von
Herbstfelde, von Wohlgemuth, von Grumbach, von Raspe.

»Weiß der Himmel,« sagte Raspe, »wir kommen aus den Abordnungen auch
gar nicht mehr heraus. Wir haben freilich drei Sendens im Regiment,
aber es sind der Sendbotschaften doch fast zuviel. Und diesmal nun auch
unser Stechlin dabei. Was wird er sagen, wenn er oben in Ostpreußen
von der ihm zugedachten Ehre hört. Er wird vielleicht sehr gemischte
Gefühle haben. Übermorgen ist er von Trakehnen wieder da, mutmaßlich
bei dem scheußlichen Wetter schlecht ajustiert, und dann Hals über Kopf
und in großem Trara nach London. Und London ginge noch. Aber auch nach
Windsor. Alles, wenn es sich um Chic handelt, will doch seine Zeit
haben, und gerade die Vettern drüben sehen einem sehr auf die Finger.«

»Laß sie sehn,« sagte Herbstfelde. »Wir sehen auch. Und Stechlin ist
nicht der Mann, sich über derlei Dinge graue Haare wachsen zu lassen.
Ich glaube, daß ihn was ganz andres geniert. Es ist doch immerhin was,
daß er da mit nach England hinüber soll, und einer solchen Auszeichnung
entspricht selbstverständlich eine Nichtauszeichnung andrer. Das paßt
nicht jedem, und nach dem Bilde, das ich mir von unserm Stechlin
mache, gehört er zu diesen. Er ficht nicht gern unter der Devise ›nur
über Leichen‹, hat vielmehr umgekehrt den Zug, sich in die zweite Linie
zu stellen. Und nun sieht es aus, als wär er ein Streber.«

»Stimmt nicht,« sagte Raspe. »Für so verrannt kann ich keinen von uns
halten. Stechlin sitzt da oben in Ostpreußen und kann doch unmöglich
in seinen Mußestunden hierher intrigiert und einen etwaigen Rivalen
aus dem Sattel geworfen haben. Und unser Oberst! Der ist doch auch
nicht der Mann dazu, sich irgendwen aufreden zu lassen. Der kennt seine
Pappenheimer. Und wenn er sich den Stechlin aussucht, dann weiß er,
warum. Übrigens, Dienst ist Dienst; man geht nicht, weil man will,
sondern weil man muß. Spricht er denn Englisch?«

»Ich glaube nicht,« sagte von Grumbach. »Soviel ich weiß, hat er vor
kurzem damit angefangen, aber natürlich nicht wegen dieser Mission,
die ja wie vom blauen Himmel auf ihn niederfällt, sondern der Barbys
wegen, die beinah zwanzig Jahre in England waren und halb englisch
sind. Im übrigen hab ich mir sagen lassen, es geht drüben auch ohne die
Sprache. Herbstfelde, Sie waren ja voriges Jahr da. Mit gutem Deutsch
und schlechtem Französisch kommt man überall durch.«

»Ja,« sagte Herbstfelde. »Bloß ein bißchen Landessprache muß doch
noch dazu kommen. Indessen, es gibt ja kleine Vademekums, und da
muß man dann eben nachschlagen, bis man's hat. Sonst sind hundert
Vokabeln genug. Als ich noch zu Hause war, hatten wir da ganz in unsrer
Nachbarschaft einen verdrehten alten Herrn, der -- eh ihn die Gicht
unterkriegte -- sich so ziemlich in der ganzen Welt herumgetrieben
hatte. Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln. Unter anderm war er
auch mal in Südrußland gewesen, von welcher Zeit ab -- und zwar nach
vorgängiger, vor einem großen Likörkasten stattgehabten Anfreundung
mit einem uralten Popen -- er das Amendement zu stellen pflegte:
›Hundert Vokabeln; aber bei nem Popen bloß fünfzig.‹ Und das muß ich
sagen, ich habe das mit den hundert in England durchaus bestätigt
gefunden. ›~Mary, please, a jug of hot water~,‹ soviel muß man
weghaben, sonst sitzt man da. Denn der Naturengländer weiß gar nichts.«

»Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben, Herbstfelde?«

»Drei Wochen. Aber die Reisetage mitgerechnet.«

»Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen? Einblick ins
Volksleben, Parlament, Oxford, Cambridge, Gladstone?«

Herbstfelde nickte.

»Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen, was hat da so den meisten
Eindruck auf Sie gemacht? Architektur, Kunst, Leben, die Schiffe, die
großen Brücken? Die Straßenjungens, wenn man in einem Cab vorüberfährt,
sollen ja immer Rad neben einem her schlagen, und die Dienstmädchen,
was noch wichtiger ist, sollen sehr hübsch sein, kleine Hauben und
Tändelschürze.«

»Ja, Raspe, da treffen Sie's. Und ist eigentlich auch das
Interessanteste. Denn sogenannte Meisterwerke gibt es ja jetzt überall,
von Kirchen und dergleichen gar nicht zu reden. Und Schiffe haben wir
ja jetzt auch und auch ein Parlament. Und manche sagen, unsres sei noch
besser. Aber das Volk. Sehen Sie, da steckt es. Das Volk ist alles.«

»Na, natürlich Volk. Oberschicht überall ein und dasselbe. Was da los
ist, das wissen wir.«

»Und eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf nem Omnibus gesessen
und bin abends in die Matrosenkneipen an der Themse gegangen. Ein
bißchen gefährlich; man hat da seinen Messerstich weg, man weiß nicht
wie, ganz wie in Italien. Bloß in Italien gibt es vorher doch immer
noch ein Liebesverhältnis, was in Old-Wapping -- so heißt nämlich der
Stadtteil an der Themse -- nicht mal nötig ist. Und dann, wenn ich zu
Hause war, sprach ich natürlich mit Mary. Viel war es nicht. Denn die
hundert Vokabeln, die dazu nötig sind die hatte ich damals noch nicht
voll.«

»Na, 's ging aber doch?«

»So leidlich. Und dabei hatt ich mal ne Szene, die war eigentlich das
Hübscheste. Meine Wohnung befand sich nämlich eine Treppe hoch in einer
kleinen stillen Querstraße von Oxford-Street. Und Mary war gerade bei
mir. Und in dem Augenblicke, wo ich mich mit dem hübschen Kinde zu
verständigen suche ...«

»Worüber?«

»In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein Fenster
hinein, so daß er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte.«

»Wie war denn das aber möglich?«

»Ja, das ist ja eben das, was ich das Londoner Volksleben nenne. Alles
mögliche, wovon wir hier gar keine Vorstellung haben, vollzieht sich da
mitten auf dem Straßendamm. Und so waren denn auch an jenem Tage zwei
Chinesen, ihres Zeichens Akrobaten, in die Querstraße von Oxford-Street
gekommen, und der eine, ein dicker starker Kerl, hatte einen Gurt um
den Leib, und in der Öse dieses Gurtes steckte ne Stange, auf die der
zweite Chinese hinaufkletterte. Und wie er da oben war, war er gerade
in Höhe meiner Beletage und sah hinein, als ich mich eben bemühte, mich
Mary klar zu machen.«

»Ja, Herbstfelde, das war nu freilich ein Pech, und wenn Sie wieder
drüben sind, müssen Sie nach hinten hinaus wohnen oder höher hinauf.
Aber interessant ist es doch. Und ich bezweifle nur, daß Stechlin in
eine gleiche Lage kommen wird.«

»Gewiß nicht. Daran hindern ihn seine Moralitäten.«

»Und noch mehr die Barbys.«



Zweiundzwanzigstes Kapitel


Woldemar, von der ihm bevorstehenden Auszeichnung unterrichtet, kürzte
seinen Aufenthalt in Ostpreußen um vierundzwanzig Stunden ab, hatte
trotzdem aber, nach seinem Wiedereintreffen in Berlin, nur noch zwei
Tage zur Verfügung. Das war wenig. Denn außer allerlei zu treffenden
Reisevorbereitungen lag ihm doch auch noch ob, verschiedene Besuche
zu machen, so bei den Barbys, bei denen er sich für den letzten Abend
schon brieflich angemeldet hatte.

Dieser Abend war nun da. Die Koffer standen gepackt um ihn her, er
selber aber lehnte sich, ziemlich abgespannt, in seinen Schaukelstuhl
zurück, nochmals überschlagend, ob auch nichts vergessen sei. Zuletzt
sagte er sich: »Was nun noch fehlt, fehlt; ich kann nicht mehr.« Und
dabei sah er nach der Uhr. Bis zu seinem am Kronprinzenufer angesagten
Besuche war noch fast eine Stunde. Die wollt er ausnutzen und sich
vorher nach Möglichkeit ruhn. Aber er kam nicht dazu. Sein Bursche trat
ein und meldete: »Hauptmann von Czako.«

»Ah, sehr willkommen.«

Und Woldemar, so wenig gelegen ihm Czako auch kam, sprang doch auf und
reichte dem Freunde die Hand. »Sie kommen, um mir zu meiner englischen
Reise zu gratulieren. Und wiewohl es so so damit steht, +Ihnen+ glaub
ich's, daß Sie's ehrlich meinen. Sie gehören zu den paar Menschen, die
keinen Neid kennen.«

»Na, lassen wir das Thema lieber. Ich bin dessen nicht so ganz sicher;
mancher sieht besser aus, als er ist. Aber natürlich komm ich, um Ihnen
wohl oder übel meine Glückwünsche zu bringen und meinen Reisesegen
dazu. Donnerwetter, Stechlin, wo will das noch mit Ihnen hinaus! Sie
werden natürlich Londoner Militärattaché, sagen wir in einem halben
Jahr, und in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt
und etablieren sich als Sieger in einem Steeple Chase, vorausgesetzt,
daß es so was noch gibt (ich glaube nämlich, man nennt es jetzt alles
ganz anders). Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten großen Sportsiege
verloben Sie sich mit Ruth Russel oder mit Geraldine Cavendish, haben
den Bedforder- oder den Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen
als Generalgouverneur nach Mittelafrika, links die Zwerge, rechts die
Menschenfresser. Emin soll ja doch eigentlich aufgefressen sein.«

»Czako, Sie machen sich's zunutze, daß die Mittagsstunde glücklich
vorüber ist, sonst könnten Sie's kaum verantworten. Aber rücken Sie
sich einen Sessel ran, und hier sind Zigaretten. Oder lieber Zigarre?«

»Nein, Zigaretten ... Ja, sehen Sie, Stechlin, solche Mission oder wenn
auch nur ein Bruchteil davon ...«

»Sagen wir Anhängsel.«

»... Solche Mission ist gerade das, was ich mir all mein Lebtag
gewünscht habe. Bloß ›Erhörung kam nicht geschritten‹. Und doch ist
gerad in unserm Regiment immer was los. Immer ist wer auf dem Wege nach
Petersburg. Aber weiß der Teufel, trotz der vielen Schickerei, meine
Wenigkeit ist noch nicht rangekommen. Ich denke mir, es liegt an meinem
Namen. Hier hat ›Czako‹ ja auch schon einen Beigeschmack, einen Stich
ins Komische, aber das Slawische drin gibt ihm in Berlin etwas Apartes,
während es in Petersburg wahrscheinlich heißen würde: ›Czako, was soll
das? Was soll Czako? Dergleichen haben wir hier echter und besser.‹
Ja, ich gehe noch weiter und bin nicht einmal sicher, ob man da drüben
nicht Lust bezeugen könnte, in der Wahl von ›Czako‹ einen Witz oder
versteckten Affront zu wittern. Aber wie dem auch sei, Winterpalais
und Kreml sind mir verschlossen. Und nun gehen Sie nach London und
sogar nach Windsor. Und Windsor ist doch nun mal das denkbar Feinste.
Rußland, wenn Sie mir solche Frühstücksvergleiche gestatten wollen,
hat immer was von Astrachan, England immer was von Colchester. Und ich
glaube, Colchester steht höher. In meinen Augen gewiß. Ach, Stechlin,
Sie sind ein Glückspilz, ein Wort, das Sie meiner erregten Stimmung
zugute halten müssen. Ich werde wohl an der Majorsecke scheitern, wegen
verschiedener Mankos. Aber sehn Sie, daß ich das einsehe, das könnte
das Schicksal doch auch wieder mit mir versöhnen.«

»Czako, Sie sind der beste Kerl von der Welt. Es ist eigentlich schade,
daß wir solche Leute wie Sie nicht bei unserm Regiment haben. Oder
wenigstens nicht genug. ›Fein‹ ist ja ganz gut, aber es muß doch auch
mal ein Donnerwetter dazwischen fahren, ein Zynismus, eine Bosheit;
sie braucht ja nicht gleich einen Giftzahn zu haben. Übrigens, was die
Patentheit angeht, so fühl ich deutlich, daß ich auch nur so gerade
noch passiere. Nehmen Sie beispielsweise bloß das Sprachliche. Wer
heutzutage nicht drei Sprachen spricht, gehört in die Ecke ...«

»Sag ich mir auch. Und ich habe deshalb auch mit dem Russischen
angefangen. Und wenn ich dann so dabei bin und über meine Fortschritte
beinah erstaune, dann berapple ich mich momentan wieder und sage mir:
›Courage gewonnen, alles gewonnen.‹ Und dabei laß ich dann zu meinem
weitern Trost all unsre preußischen Helden zu Fuß und zu Pferde an mir
vorüberziehen, immer mit dem Gefühl einer gewissen wissenschaftlichen
und mitunter auch moralischen Überlegenheit. Da ist zuerst der
Derfflinger. Nun, der soll ein Schneider gewesen sein. Dann kam
Blücher, -- der war einfach ein ›~Jeu~‹er. Und dann kam Wrangel und
trieb sein verwegenes Spiel mit ›mir und mich‹.«

»Bravo, Czako. Das ist die Sprache, die Sie sprechen müssen. Und Sie
werden auch nicht an der Majorsecke scheitern. Eigentlich läuft doch
alles bloß darauf hinaus, wie hoch man sich selber einschätzt. Das ist
freilich eine Kunst, die nicht jeder versteht. Das Wort vom alten
Fritz: ›Denk Er nur immer, daß Er hunderttausend Mann hinter sich hat,‹
dies Trostwort ist manchem von uns ein bißchen verloren gegangen, trotz
unsrer Siege. Oder vielleicht auch eben deshalb. Siege produzieren
unter Umständen auch Bescheidenheit.«

»Jedenfalls haben Sie, lieber Stechlin, zuviel davon. Aber wenn Sie
erst Ihre Ruth haben ...«

»Ach, Czako, kommen Sie mir nicht immer mit Ruth. Oder eigentlich,
seien Sie doch bedankt dafür. Denn dieser weibliche Name mahnt mich,
daß ich mich für heut abend am Kronprinzenufer angemeldet habe, bei den
Barbys, wo's, wie Sie wissen, freilich keine Ruth gibt, aber dafür eine
Melusine, was fast noch mehr ist.«

»Versteht sich, Melusine is mehr. Alles, was aus dem Wasser kommt,
ist mehr. Venus kam aus dem Wasser, ebenso Hero ... Nein, nein,
entschuldigen Sie, es war Leander.«

»Egal. Lassen Sie's, wie's ist. Solche verwechselte Schillerstelle tut
einem immer wohl. Übrigens können Sie mich in meinem Coupé begleiten;
vom Kronprinzenufer aus haben Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre
Kaserne.«

       *       *       *       *       *

Das Coupé tat seine Schuldigkeit, und es schlug eben erst acht,
als Woldemar vor dem Barbyschen Hause hielt und, sich von Czako
verabschiedend, die Treppe hinaufstieg. Er fand nur die Familie vor,
was ihm sehr lieb war, weil er kein allgemeines Gespräch führen,
sondern sich lediglich für seine Reise Rats erholen wollte. Der alte
Graf kannte London besser als Berlin, und auch Melusine war schon über
siebzehn, als man, bald nach dem Tode der Mutter, England verlassen und
sich auf die Graubündner Güter zurückgezogen hatte. Darüber waren nun
wieder nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen, aber Vater und Töchter
hingen nach wie vor an Hydepark und dem schönen Hause, das sie da
bewohnt hatten, und gedachten dankbar der in London verlebten Tage.
Selbst Armgard sprach gern von dem Wenigen, dessen sie sich noch aus
ihrer frühen Kindheit her erinnerte.

»Wie glücklich bin ich,« sagte Woldemar, »Sie allein zu finden!
Das klingt freilich sehr selbstisch, aber ich bin doch vielleicht
entschuldigt. Wenn Besuch da wäre, nehmen wir beispielsweise
Wrschowitz, und ich ließe mich hinreißen, von der Prinzessin von Wales
und in natürlicher Konsequenz von ihren zwei Schwestern Dagmar und
Thyra zu sprechen, so hätt ich vielleicht wegen Dänenfreundlichkeit
heut abend noch ein Duell auszufechten. Was mir doch unbequem wäre.
Besser ist besser.«

Der alte Barby nickte vergnüglich.

»Ja, Herr Graf,« fuhr Woldemar fort, »ich komme, mich von Ihnen und
den Damen zu verabschieden: aber ich komme vor allem auch, um mich
in zwölfter Stunde noch nach Möglichkeit zu informieren. In dem
Augenblick, wo der gänzlich ignorante Kandidatus in seinen Frack fährt,
guckt er -- so was soll vorkommen -- noch einmal ins Corpus juris und
liest, sagen wir zehn Zeilen, und gerad über diese wird er nachher
gefragt und sieht sich gerettet. Dergleichen könnte mir doch auch
vorbehalten sein. Sie waren lange drüben und die Damen ebenso. Auf was
muß ich achten, was vermeiden, was tun? Vor allem, was muß ich sehn und
was nicht sehn? Das letztere vielleicht das Wichtigste von allem.«

»Gewiß, lieber Stechlin. Aber ehe wir anfangen, rücken Sie hier ein
und gönnen Sie sich eine Tasse Tee. Freilich, daß Sie den Tee würdigen
werden, ist so gut wie ausgeschlossen; dazu sind Sie viel zu aufgeregt.
Sie sind ja wie ein Wasserfall; ich erkenne Sie kaum wieder.«

Woldemar wollte sich entschuldigen.

»Nur keine Entschuldigungen. Und am wenigsten über das. Alles ist
heutzutage so nüchtern, daß ich immer froh bin, mal einer Aufregung zu
begegnen; Aufregung kleidet besser als Indifferenz, und jedenfalls ist
sie interessanter. Was meinst du dazu, Melusine?«

»Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hüten, zu antworten.«

»Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was tun, was sehn?
Oder wie Sie ganz richtig bemerken, was nicht sehn? Überall etwas sehr
Schwieriges. In Italien vertrödelt man die Zeit mit Bildern, in England
mit Hinrichtungsblöcken. Sie haben drüben ganze Kollektionen davon.
Also möglichst wenig Historisches. Und dann natürlich keine Kirchen,
immer mit Ausnahme von Westminster. Ich glaube, was man so mit billiger
Wendung »Land und Leute« nennt, das ist und bleibt das Beste. Die
Themse hinauf und hinunter, Richmond-Hill (auch jetzt noch, trotzdem
wir schon November haben) und Werbekneipen und Dudelsackspfeifer.
Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem sogenannten
›Straßen-Raffael‹ begegnen, dann stehenbleiben und zusehen, was das
sonderbare Genie mit seiner linken und oft verkrüppelten Hand auf die
breiten Straßensteine hinmalt. Denn diese Straßen-Raffaels haben immer
nur eine linke Hand.«

»Und was malt er?«

»Was? Das wechselt. Er ist imstande und zaubert Ihnen in zehn Minuten
eine richtige Sixtina aufs Trottoir. Aber in der Regel ist er mehr
Ruysdael oder Hobbema. Landschaften sind seine Force; dazu Seestücke.
Die Klippe von Dover hab ich wohl zwanzigmal gesehn und über das Meer
hin den zitternden Mondstrahl. Da haben Sie schon was zur Auswahl. Und
nun fragen Sie Melusine. Die hat von London und Umgegend viel mehr
gesehn als ich und weiß, glaub ich, in Hampton-Court und Waltham-Abbey
besser Bescheid als an der Oberspree, natürlich das Eierhäuschen
ausgenommen. Und wenn Melusine versagen sollte, nun, so haben wir ja
noch unsere Tochter Cordelia. Cordelia war damals freilich erst sechs
oder doch nicht viel mehr. Aber Kindermund tut Wahrheit kund. Armgard,
wie wär es, wenn du dich unsers Freundes annähmest?«

»Ich weiß nicht, Papa, ob Herr von Stechlin damit einverstanden ist
oder auch nur sein kann. Vielleicht ging es, wenn du nur nicht von
meinen sechs Jahren gesprochen hättest. Aber so. Mit sechs Jahren hat
man eben nichts erlebt, was, in den Augen andrer, des Erzählens wert
wäre.«

»Komtesse, gestatten Sie mir ... die Dinge an sich sind gleichgültig.
Alles Erlebte wird erst was durch den, der es erlebt.«

»Ei,« sagte Melusine. »So bin ich zum Erzählen noch mein Lebtag nicht
aufgefordert worden. Nun wirst du sprechen müssen, Armgard.«

»Und ich will auch, selbst auf die Gefahr hin einer Niederlage.«

»Keine Vorreden, Armgard. Am wenigsten, wenn sie wie Selbstlob klingen.«

»Also wir hatten damals eine alte Person im Hause, die schon bei
Melusine Kindermuhme gewesen war, und hieß Susan. Ich liebte sie sehr,
denn sie hatte wie die meisten Irischen etwas ungemein Heiteres und
Gütiges. Ich ging viel mit ihr im Hydepark spazieren, wohnten wir doch
in der an seiner Nordseite sich hinziehenden großen Straße. Hydepark
erschien mir immer sehr schön. Aber weil es tagaus, tagein dasselbe
war, wollt ich doch gern einmal was andres sehen, worauf Susan auch
gleich einging, trotzdem es ihr eigentlich verboten war. ›Ei freilich,
Komtesse,‹ sagte sie, ›da wollen wir nach Martins le Grand.‹ ›Was ist
das?‹ fragte ich; aber statt aller Antwort gab sie mir nur ein kleines
Mäntelchen um, denn es war schon Spätherbst, so etwa wie jetzt, und
dunkelte auch schon. Aus dem, was dann kam, muß ich annehmen, daß es
um die fünfte Stunde war. Und so brachen wir denn auf, unsre Straße
hinunter, und weil an dem Parkgitter entlang lauter große Röhren
gelegt waren, um hier neu zu kanalisieren, so sprang ich auf die Röhren
hinauf, und Susan hielt mich an meinem linken Zeigefinger. So gingen
wir, ich immer auf den Röhren oben, bis wir an eine Stelle kamen, wo
der Park aufhörte. Hier war gerad ein Droschkenstand, und Hafer und
Häcksel lagen umher und zahllose Sperlinge dazwischen. In der Mitte von
dem allem aber stand ein eiserner Brunnen. Auf den wies Susan hin und
sagte: ›~Look at it, dear Armgard. There stood Tyburn-Gallows.~‹ Und
wer soviel gestohlen hatte, wie gerad ein Strick kostete, der wurde da
gehängt.«

»Eine merkwürdige Kindermuhme,« sagte Stechlin. »Und erschraken Sie
nicht, Komtesse?«

»Nein, von Erschrecken, solange Susan bei mir war, war keine Rede. Sie
hätte mich gegen eine Welt verteidigt.«

»Das söhnt wieder aus.«

»Und kurz und gut, wir blieben auf unserm Weg und stiegen alsbald in
ein zweirädriges Cab, aus dem heraus wir sehr gut sehen konnten, und
jagten die Oxfordstraße hinunter in die City hinein, in ein immer
dichter werdendes Straßengewirr, drin ich nie vorher gekommen war und
auch nachher nicht wieder gekommen bin. Bloß vor zwei Jahren, als wir
auf Besuch drüben waren und ich den alten Plätzen wieder nachging.«

»Ich glaube,« sagte Melusine, »daß du bei diesem zweiten Besuch eine
gute Anleihe machst. Denn von dem mit Susan Gesehenen wirst du zurzeit
nicht mehr viel zur Verfügung haben.«

»Doch, doch. Und nun hielt unser Hansom-Cab vor einem großen Hause,
das halb wie ein Palast und halb wie ein griechischer Tempel aussah
und unter dessen Säulengang hinweg wir in eine große, mit vielen
hundert Menschen erfüllte Halle traten. Über ihren Köpfen aber lag es
wie ein Strom von Licht, und ganz nach hinten zu, wo die Lichtmasse
sich zu verdichten schien, standen auf einem Podium zwei in rote
Röcke gekleidete Bedienstete mit ein paar großen Behältern links und
rechts neben sich, die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem Deckel
aussahen.«

»Und nun laß Stechlin raten, was es war.«

»Er braucht es nicht zu raten,« fuhr Armgard fort, »er weiß es
natürlich schon. Aber er muß trotzdem aushalten. Denn er hat es selber
so gewollt. Also Podium und Rotröcke samt aufgeklappter Kiste links
und rechts. Und die hell erleuchtete Uhr darüber zeigte, daß es nur
noch eine Minute bis sechs war. An ein Sichherandrängen war nicht zu
denken, und so flogen denn die Brief- und Zeitungspakete, die noch mit
den letzten Postzügen fort sollten, in weitem Bogen über die Köpfe der
in Front Stehenden weg; was aber dabei statt in die Behälter bloß auf
das Podium fiel, das wurde von den Rotröcken mit einer geschickten
Fußbewegung in die Futterkisten wie hineingeharkt. Und nun setzte der
Uhrzeiger ein, und das Fliegen der Pakete steigerte sich, bis genau mit
dem sechsten Schlag auch der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug.«

»Reizend, Komtesse. Natürlich seh ich mir das an, und wenn ich ein
Rendezvous mit der Königin darüber versäumen müßte.«

»Nichts Antimonarchisches,« lachte der alte Graf. »Und so kommen Susans
Untaten schließlich noch ans Licht.«

»Und meine eignen dazu. Glücklicherweise durch mich selbst.«

Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort, und allerlei
Schilderungen aus dem Klein- und Alltagsleben behielten dabei die
Oberhand. Ein paarmal, weil er wohl sah, daß Woldemar gern auch andres
zu hören wünschte, versuchte der alte Graf das Thema zu wechseln, aber
beide Damen blieben bei »~shopping~« und »~five o'clock tea~«, bis
Melusine, der Woldemars Ungeduld ebenfalls nicht entgangen war, mit
einem Male fragte: »Haben Sie denn je von Traitors-Gate gehört?«

»Nein,« sagte Woldemar. »Ich kann es mir aber übersetzen und meine
Schlüsse daraus ziehn.«

»Das reicht aus. Also natürlich Tower. Nun sehen Sie, Traitors-Gate,
das war meine Domäne, wenn Besuch aus Deutschland kam und ich wohl oder
übel den Führer machen mußte. Vieles im Tower langweilte mich, aber
Traitors-Gate nie, vielleicht deshalb nicht, weil es ziemlich zu Anfang
liegt, so daß ich, wenn wir's erreichten, immer noch bei Frische war,
nicht abgestumpft durch all die Schrecklichkeiten, die dann weiterhin
folgen.«

»Also Traitors-Gate muß ich sehn?«

»Unbedingt. Freilich, wenn ich dann wieder erwäge, daß an dieser
berühmten Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles zu sehn ist, so muß
ich mich bei meinen Ratschlägen auf Ihre Phantasie verlassen können.
Und ob das geht, weiß ich nicht. Wer aus der Mark ist, hat meist keine
Phantasie.«

Der alte Graf und Armgard schwiegen, und auch Melusine sah wohl,
daß sie mit ihrer Bemerkung etwas zu weit gegangen war. Irgendeine
Reparierung schien also geboten. »Ich will's aber doch mit Ihnen
wagen,« nahm sie das Gespräch wieder auf und lachte. »Traitors-Gate.
Nun sehen Sie, Sie kommen da vom Eingange her einen schmalen Gang
entlang, und mit einem Male haben Sie statt der grauen Steinwand ein
eisenbeschlagenes Holztor neben sich. Hinter diesem Tor aber befindet
sich ein kleiner, ganz unten in der Tiefe gelegener Wasserhof, von dem
aus eine mehrstufige Treppe heraufführt und an eben der Stelle mündet,
an der Sie stehn. Und nun rechnen Sie dreihundert Jahre zurück. Wem
sich die Pforte damals auftat, um sich hinter ihm wieder zu schließen,
der hatte vom Leben Abschied genommen ... Es sind da, verzeihen Sie
das Wort, lauter glibbrige Stufen, und +wer+ alles stieg diese Stufen
hinauf: Essex, Sir Walter Raleigh, Thomas Morus und zuletzt noch jene
Clanhäuptlinge, die für Prince Charlie gefochten hatten und deren
Köpfe wenige Tage später von Temple-Bar herab auf die City niedersahen.«

»Liegt, Gott sei Dank, weit zurück.«

»Ja, weit zurück. Aber es kann wiederkommen. Und gerade +das+ war es,
was immer, wenn ich da so stand, den größten Eindruck auf mich machte.
Diese Möglichkeit, daß es wiederkehre. Denn ich erinnere mich noch sehr
wohl -- ja, du warst es selbst, Papa, der es mir erzählte --, daß Lord
Palmerston einmal, unwirsch über die koburgische Nebenpolitik (ich
glaube während der Krimkriegtage) sich dahin geäußert hätte: ›Dieser
Prince-Consort, er täte gut, sich unser Traitors-Gate bei Gelegenheit
anzusehen. Es ist zwar schon lange, daß Könige da die glibbrige Treppe
hinaufgestiegen sind, aber es ist doch noch nicht +so+ lange, daß wir
uns dessen nicht mehr entsinnen könnten. Und ein Prince-Consort ist
noch lange nicht ein König.‹«

Woldemar, als Melusine dies mit überlegener Miene gesagt hatte,
lächelte vor sich hin, was die Gräfin derartig verdroß, daß sie mit
einer gewissen Gereiztheit hinzusetzte: »Sie lächeln. Da seh ich doch,
wie sehr ich im Rechte war, Ihnen die Phantasie abzusprechen.«

»Verzeihen Sie mir ...«

»Und nun werden Sie auch noch pathetisch. Das ist die richtige
Ergänzung. Im übrigen, wie könnt ich mit Ihnen ernsthaft zürnen! Ein
berühmter deutscher Professor soll einmal irgendwo gesagt haben:
›niemand sei verpflichtet, ein großer Mann zu sein.‹ Und ebensowenig
wird er ›große Phantasie‹ als etwas Pflichtmäßiges gefordert haben.«

Woldemar küßte ihr die Hand. »Wissen Sie, Gräfin, daß Sie doch
eigentlich recht hochmütig sind?«

»Vielleicht. Aber mancher entwaffnet mich wieder. Und zu diesen gehören
Sie.«

»Das ist nun auch wieder aus dem Ton.«

»Ich weiß es nicht. Aber lassen wir's. Und versprechen Sie mir
lieber, mir von Windsor oder London aus eine Karte zu schreiben ...
nein, eine Karte, das geht nicht ... also einen Brief, darin Sie mir
ein Wort über die Engländerinnen sagen, und ob Sie jede taillenlose
Rotblondine drüben auch so schön gefunden haben werden, wie's von den
Kontinentalen, wenn sie dies Thema berühren, fast immer versichert
wird.«

»Es wird davon abhängen, an wen ich gerade denke.«

»Nach dieser Bemerkung ist Ihnen alles verziehn.«

       *       *       *       *       *

Woldemar blieb bis neun. Er hatte gleich in den Zeilen, in denen er
sich anmeldete, die Damen wissen lassen, daß er seinen Besuch auf eine
kurze Stunde beschränken müsse. So war er denn bei guter Zeit wieder
daheim. Auf seinem Tische fand er ein Briefchen vor und erkannte Rex'
Handschrift. »Lieber Stechlin,« so schrieb dieser, »ich höre eben,
daß Sie nach London gehn. In der Zeitung, wo's schon gestanden haben
soll, hab ich es übersehn. Ich beglückwünsche Sie von Herzen zu dieser
Auszeichnung und lege Ihnen eine Karte bei, die Sie (wenn's Ihnen paßt)
bei meinem Freunde Ralph Waddington einführen soll. Er ist Advokat und
einer der angesehensten Führer unter den Irvingianern. Fürchten Sie
übrigens keine Bekehrungsversuche. Waddington ist ein durchaus feiner
Mann, also zurückhaltend. Er kann Ihnen aber mannigfach behilflich
sein, wenn Ihnen daran gelegen sein sollte, sich um das Wesen der
englischen Dissenter, ihre Chapels und Tabernakels zu kümmern. Er ist
ein Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Und ich kenne ja Ihre Vorliebe
für derlei Fragen.«

Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer und sagte: »Der gute
Rex! Er überschätzt mich. Dissenterstudien. Es genügt mir, wenn ich
einen einzigen Quäker sehe.«



Dreiundzwanzigstes Kapitel


Was Rex da schrieb, hatte doch ein Gutes gehabt; Woldemar, erheitert
bei dem Gedanken, sich durch Ralph Waddington in ein Tabernakel
eingeführt zu sehn, sah sich mit einemmale einer gewissen Abspannung
entrissen und war froh darüber, denn er brauchte durchaus Stimmung,
um noch einige Briefe zu schreiben. Das ging ihm nun leichter von der
Hand, und als elf Uhr kaum heran war, war alles erledigt.

Der andre Morgen sah ihn selbstverständlich früh auf. Fritz war um
ihn her und half, wo noch zu helfen war. »Und nun, Fritz,« so waren
Woldemars letzte Worte, »sieh nach dem Rechten. Schicke mir nichts
nach; Zeitungen wirf weg. Und die drei Briefe hier, wenn ich fort bin,
die tue sofort in den Kasten ... Ist die Droschke schon da?«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«

»Na, dann mit Gott. Und jeden Tag lüften. Und paß auf die Pferde.«

Damit verabschiedete sich Woldemar.

       *       *       *       *       *

Von den drei Briefen war einer nach Stechlin hin adressiert. Er traf,
weil er noch mit dem ersten Zuge fort konnte, gleich nach Tische bei
dem Alten ein und lautete:

»Mein lieber Papa. Wenn Du diese Zeilen erhältst, sind wir schon auf
dem Wege. ›Wir,‹ das will sagen, unser Oberst, unser zweitältester
Stabsoffizier, ich und zwei jüngere Offiziere. Aus Deinen eignen
Soldatentagen her kennst Du den Charakter solcher Abordnungen. Nachdem
wir ›Regiment Königin von Großbritannien und Irland‹ geworden sind,
war dies ›uns drüben vorstellen‹ nur noch eine Frage der Zeit. Dieser
Mission beigesellt zu sein ist selbstverständlich eine große Ehre für
mich, doppelt, wenn ich die Namen, über die wir in unserm Regiment
Verfügung haben, in Erwägung ziehe. Die Zeiten, wo man das Wort
›historische Familie‹ betonte, sind vorüber. Auch an Tante Adelheid hab
ich in dieser Sache geschrieben. Was mir persönlich an Glücksgefühl
vielleicht noch fehlen mag, wird sie leicht aufbringen. Und ich freue
mich dessen, weil ich ihr, alles in allem, doch so viel verdanke.
Daß ich mich von Berlin gerade jetzt nicht gerne trenne, sei nur
angedeutet; Du wirst den Grund davon unschwer erraten. Mit besten
Wünschen für Dein Wohl, unter herzlichen Grüßen an Lorenzen, wie immer
Dein Woldemar.«

Dubslav saß am Kamin, als ihm Engelke den Brief brachte. Nun war der
Alte mit dem Lesen durch und sagte: »Woldemar geht nach England. Was
sagst du dazu, Engelke?«

»So was hab ich mir all immer gedacht.«

»Na, dann bist du klüger gewesen als ich. Ich habe mir gar nichts
gedacht. Und nu noch drei Tage, so stellt er sich mit seinem Oberst und
seinem Major vor die Königin von England hin und sagt: ›Hier bin ich.‹«

»Ja, gnädger Herr, warum soll er nich?«

»Is auch 'n Standpunkt. Und vielleicht sogar der richtige. Volksstimme,
Gottesstimme. Na, nu geh mal zu Pastor Lorenzen und sag ihm, ich ließ
ihn bitten. Aber sage nichts von dem Brief; ich will ihn überraschen.
Du bist mitunter ne alte Plappertasche.«

       *       *       *       *       *

Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da.

»Haben befohlen ...«

»Haben befohlen. Ja, das ist gerade so das Richtige; sieht mir ähnlich
... Nun, Lorenzen, schieben Sie sich mal nen Stuhl ran, und wenn
Engelke nicht geplaudert hat (denn er hält nicht immer dicht), so hab
ich eine richtige Neuigkeit für Sie. Woldemar ist nach England ...«

»Ah, mit der Abordnung.«

»Also wissen Sie schon davon?«

»Nein, ausgenommen das eine, daß eine Deputation oder Gesandtschaft
beabsichtigt sei. Das las ich, und dabei hab ich dann freilich auch an
Woldemar gedacht.«

Dubslav lachte. »Sonderbar. Engelke hat sich so was gedacht, Lorenzen
hat sich auch so was gedacht. Nur der eigne Vater hat an gar nichts
gedacht.«

»Ach, Herr von Stechlin, das ist immer so. Väter sind Väter und können
nie vergessen, daß die Kinder Kinder waren. Und doch hört es mal auf
damit. Napoleon war mit zwanzig ein armer Leutnant und an Ansehn noch
lange kein Stechlin. Und als er so alt war wie jetzt unser Woldemar,
ja, da stand er schon zwischen Marengo und Austerlitz.«

»Hören Sie, Lorenzen, Sie greifen aber hoch. Meine Schwester Adelheid
wird sich Ihnen übrigens wohl anschließen und von heut ab eine neue
Zeitrechnung datieren. Ich nehm es ruhiger, trotzdem ich einsehe,
daß es nach großer Auszeichnung schmeckt. Und ist er wieder zurück,
dann wird er auch allerlei Gutes davon haben. Aber so lang er drüben
ist! Ich trau der Sache nicht. Von Behagen jedenfalls keine Rede. Die
Vettern sind nun mal nicht zufriedenzustellen; vielleicht ärgern sie
sich, daß es draußen in der Welt auch noch ein ›Regiment Königin von
Großbritannien und Irland‹ gibt. Das besorgen sie sich lieber selbst
und nehmen so was, wenn andre damit kommen, wie ne Prätension. Wie
stehen denn Sie dazu? Sie haben die Beefeaters vielleicht in Ihr Herz
geschlossen wegen der vielen Dissenter. Ein Kardinal, der freilich auch
noch Gourmand war, soll mal gesagt haben: ›Schreckliches Volk; hundert
Sekten und bloß eine Sauce.‹«

»Ja,« lachte Lorenzen, »da bin ich freilich für die ›Beefeaters‹, wie
Sie sagen, und gegen den Kardinal. Das mit den hundert Sekten laß ich
auf sich beruhn (mein Geschmack, beiläufig, ist es nicht), aber unter
allen Umständen bin ich für höchstens eine Sauce. Das ist das einzig
Richtige, weil Gesunde. Die Dinge müssen in sich etwas sein, und wenn
das zutrifft, so ist eigentlich jede Sauce, und nun gar erst die Sauce
im Plural, von vornherein schon gerichtet. Aber lassen wir den Kardinal
und seine Gewagtheiten und nehmen wir den Gegenstand seiner Abneigung:
England. Es hat für mich eine Zeit gegeben, wo ich bedingungslos dafür
schwärmte. Nicht zu verwundern. Hieß es doch damals in dem ganzen
Kreise, drin ich lebte: ›Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen,
was sollen wir dann überhaupt noch lieben?‹ Diese halbe Vergötterung
hab ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hübsche
Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult
vor dem goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber und die vornehme
Welt obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen ›Christus‹ und meinen
Kattun.«

»Is leider so, wenigstens nach dem bißchen, was ich davon weiß. Und
alles in allem, und neuerdings erst recht, bin ich deshalb immer für
Rußland gewesen. Wenn ich da so an unsern Kaiser Nikolaus zurückdenke
und an die Zeit, wo seine Uniform als Geschenk bei uns eintraf und dann
als Kirchenstück in die Garnisonskirche kam. Natürlich in Potsdam.
Wir haben zwar die Reliquien abgeschafft, aber wir haben sie doch auf
unsre Art, und ganz ohne so was geht es nu mal nicht. Mit dem alten
Fritzen fing es natürlich an. Wir haben seinen Krückstock und den
Dreimaster und das Taschentuch (na, das hätten sie vielleicht weglassen
können), und zu den drei Stücken haben wir nu jetzt auch noch die
Nikolaus-Uniform.«

Lorenzen sah verlegen vor sich hin; etwas dagegen sagen ging nicht, und
zustimmen noch weniger.

Dubslav aber fuhr fort: »Und dann sind sie da forscher in Petersburg
und geht alles mehr aus dem Vollen, auch wenn die besten Steine
mitunter schon rausgebrochen sind. So was kommt vor; is eben noch ein
Naturvolk. Ich kann das ›Schenken‹ eigentlich nicht leiden, es hat
so was von Bestechung und sieht aus wie'n Trinkgeld. Und Trinkgeld
ist noch schlimmer als Bestechung und paßt mir eigentlich ganz und
gar nicht. Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes, solche
Tabatiere. Wenn es einem gut geht, ist es ein Familienstück, und wenn
es einem schlecht geht, ist es ne letzte Zuflucht. Natürlich, ein ganz
reinliches Gefühl hat man nicht dabei.«

       *       *       *       *       *

Lorenzen blieb eine volle Stunde. Der Alte war immer froh, wenn sich
ihm Gelegenheit bot, sich mal ausplaudern zu können, und heute standen
ja die denkbar besten Themata zur Verfügung: Woldemar, England, Kaiser
Nikolaus und dazwischen Tante Adelheid, über die zwar immer nur kurze
Worte fielen, aber doch so, daß sie, weil spöttisch, die gute Laune des
Alten wesentlich steigerten.

Und in dieser guten Laune war er auch noch, als er um die fünfte Stunde
seinen Eichenstock und seinen eingeknautschten Filzhut vom Riegel nahm,
um am See hin, in der Richtung auf Globsow zu, seinen gewöhnlichen
Spaziergang zu machen. Unmittelbar am Südufer, da wo die Wand steil
abfiel, befand sich eine von Buchenzweigen überdachte Steinbank.
Das war sein Lieblingsplatz. Die Sonne stand schon unterm Horizont,
und nur das Abendrot glühte noch durch die Bäume. Da saß er nun und
überdachte sein Leben, Altes und Neues, seine Kindheits- und seine
Leutnantstage, die Tage kurz vor seiner Verheiratung, wo das junge,
blasse Fräulein, das seine Frau werden sollte, noch Lieblingshofdame
bei der alten Prinzeß Karl war. All das zog jetzt wieder an ihm
vorüber, und dazwischen seine Schwester Adelheid, in jenen Tagen noch
leidlich gut bei Weg, aber auch schon hart und herbe wie heute, so daß
sie den reizenden Kerl, den Baron Krech, bloß weil er über ein schon
halbabgestorbenes ›Verhältnis‹ und eine freilich noch fortlebende
Spielschuld verfügte, durch ihre Tugend weggegrault hatte. Das waren
die alten Geschichten. Und dann wurde Woldemar geboren, und die junge
Frau starb, und der Junge wuchs heran und lernte bei Lorenzen all das
dumme Zeug, das Neue (dran vielleicht doch was war), und nun fuhr er
nach England rüber und war vielleicht schon in Köln und in ein paar
Stunden in Ostende.

Dabei sah er vor sich hin und malte mit seinem Stock Figuren in den
Sand. Der Wald war ganz still; auf dem See schwanden die letzten roten
Lichter, und aus einiger Entfernung klangen Schläge herüber, wie wenn
Leute Holz fällen. Er hörte mit halbem Ohr hin und sah eben auf die von
Globsow her heraufführende schmale Straße, als er einer alten Frau von
wohl siebzig gewahr wurde, die, mit einer mit Reisig bepackten Kiepe,
den leis ansteigenden Weg heraufkam, etliche Schritte vor ihr ein Kind
mit ein paar Enzianstauden in der Hand. Das Kind, ein Mädchen, mochte
zehn Jahr sein, und das Licht fiel so, daß das blonde wirre Haar wie
leuchtend um des Kindes Kopf stand. Als die Kleine bis fast an die
Bank heran war, blieb sie stehn und erwartete da das Näherkommen der
alten Frau. Diese, die wohl sah, daß das Kind in Furcht oder doch in
Verlegenheit war, sagte: »Geih man vorupp, Agnes; he deiht di nix.«

Das Kind, sich bezwingend, ging nun auch wirklich, und während es an
der Bank vorüberkam, sah es den alten Herrn mit großen, klugen Augen an.

Inzwischen war auch die Alte herangekommen.

»Na, Buschen,« sagte Dubslav, »habt Ihr denn auch bloß Bruchholz in
Eurer Kiepe? Sonst packt Euch der Förster.«

Die Alte griente. »Jott, jnädiger Herr, wenn Se doabi sinn, denn wird
he joa woll nich.«

»Na, ich denk auch; is immer nich so schlimm. Und wer is denn das Kind
da?«

»Dat is joa Karlinens.«

»So, so, Karlinens. Is sie denn noch in Berlin? Und wird er sie denn
heiraten? Ich meine den Rentsch in Globsow.«

»Ne, he will joa nich.«

»Is aber doch von ihm?«

»Joa, se seggt so. Awers he seggt, he wihr et nich.«

Der alte Dubslav lachte. »Na, hört, Buschen, ich kann's ihm eigentlich
nich verdenken. Der Rentsch is ja doch ein ganz schwarzer Kerl. Un nu
seht Euch mal das Kind an.«

»Dat hebb ick ehr ook all seggt. Und Karline weet et ook nich so recht
un lacht man ümmer. Un se brukt em ook nich.«

»Geht es ihr denn so gut?«

»Joa; man kann et binah seggen. Se plätt't ümmer. Alle so'ne plätten
ümmer. Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen (se heet Agnes) in
Berlin, un doa wihr'n wi joa tosamen in'n Zirkus. Ud Karline wihr ganz
fidel.«

»Na, das freut mich. Und Agnes, sagt Ihr, heißt sie. Is ein hübsches
Kind.«

»Joa, det is se. Un is ook en gaudes Kind; se weent gliks un is immer
so patschlich mit ehre lütten Hänn'. Sünne sinn immer so.«

»Ja, das is richtig. Aber Ihr müßt aufpassen, sonst habt Ihr nen
Urenkel, Ihr wißt nicht wie. Na, gu'n Abend, Buschen.«

»'n Abend, jnädger Herr.«



Vierundzwanzigstes Kapitel


Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenufer vor, und
die Baronin, als sie gehört hatte, daß die Herrschaften oben zu Hause
seien, stieg langsam die Treppe hinauf, denn sie war nicht gut zu Fuß
und ein wenig asthmatisch. Armgard und Melusine begrüßten sie mit
großer Freude. »Wie gut, wie hübsch, Baronin,« sagte Melusine, »daß wir
Sie sehn. Und wir erwarten auch noch Besuch. Wenigstens ich. Ich habe
solch Kribbeln in meinem kleinen Finger, und dann kommt immer wer.
Wrschowitz gewiß (denn er war drei Tage lang nicht hier) und vielleicht
auch Professor Cujacius. Und wenn nicht der, so Doktor Pusch, den Sie
noch nicht kennen, trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müßten, -- noch
alte Bekanntschaft aus Londoner Tagen her. Möglicherweise kommt auch
Frommel. Aber vor allem, Baronin, was bringen Sie für Wetter mit? Lizzi
sagte mir eben, es neble so stark, man könne die Hand vor Augen nicht
sehn.«

»Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet, der richtige ~London fog~, wobei
mir natürlich Ihr Freund Stechlin einfällt. Aber über den sprechen wir
nachher. Jetzt sind wir noch beim Nebel. Es war draußen wirklich so,
daß ich immer dachte, wir würden zusammenfahren; und am Brandenburger
Tor, mit den großen Kandelabern dazwischen, sah es beinah aus wie ein
Bild von Skarbina. Kennen Sie Skarbina?«

»Gewiß,« sagte Melusine, »den kenn ich sehr gut. Aber allerdings
erst von der letzten Ausstellung her. Und was, außer den Gaslaternen
im Nebel, mir so eigentlich von ihm vorschwebt, das ist ein kleines
Bild: langer Hotelkorridor, Tür an Tür, und vor einer der vielen Türen
ein paar Damenstiefelchen. Reizend. Aber die Hauptsache war doch die
Beleuchtung. Von irgendwoher fiel ein Licht ein und vergoldete das
Ganze, den Flur und die Stiefelchen.«

»Richtig,« sagte die Baronin. »Das war von ihm. Und gerade das hat
Ihnen so sehr gefallen?«

»Ja. Was auch natürlich ist. In meinen italienischen Tagen -- wenn ich
von ›italienischen Tagen‹ spreche, so meine ich übrigens nie meine
Verheiratungstage; während meiner Verheiratungstage hab ich Gott sei
Dank so gut wie gar nichts gesehn, kaum meinen Mann, aber freilich
immer noch zu viel --, also während meiner italienischen Tage hab ich
vor so vielen Himmelfahrten gestanden, daß ich jetzt für Stiefeletten
im Sonnenschein bin.«

»Ganz mein Fall, liebe Melusine. Freilich bin ich jetzt nebenher auch
noch fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben.
In meinen Jahren darf ich ja von Storch sprechen. Früher hätt ich
vielleicht Kranich gesagt.«

»Nein, Baronin, das glaub ich Ihnen nicht. Sie waren immer für das, was
sie jetzt Realismus nennen, was meistens mehr Ton und Farbe hat, und
dazu gehört auch der Storch. Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr.
Ach, daß doch das Natürliche wieder obenauf käme.«

»Kommt, liebe Melusine.«

       *       *       *       *       *

Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht. Es kam wirklich
Besuch, erst Wrschowitz, dann aber -- statt der drei, die sie noch
nebenher gemutmaßt hatte -- nur Czako.

Der Empfang des einen wie des andern der beiden Herren hatte vorn im
Damenzimmer stattgefunden, ohne Gegenwart des alten Grafen. Dieser
erschien erst, als man zum Tee ging; er hieß seine Gäste herzlich
willkommen, weil er jederzeit das Bedürfnis hatte, von dem, was
draußen in der Welt vorging, etwas zu hören. Dafür sorgte denn auch
jeder auf seine Weise: die Baronin durch Mitteilungen aus der oberen
Gesellschaftssphäre, Czako durch Avancements und Demissionen und
Wrschowitz durch »Krittikk.« Alles, was zur Sprache kam, hatte für den
alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber das Liebste waren ihm
doch die Hofnachrichten, die die Baronin mit glücklicher Ungeniertheit
zum besten gab. Wendungen wie »ich darf mich wohl Ihrer Diskretion
versichert halten« waren ihr gänzlich fremd. Sie hatte nicht bloß ganz
allgemein den Mut ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff
ihrer jedesmaligen Spezialgeschichte, von der man in der Regel freilich
sagen durfte, daß sie desselben auch dringend bedürftig war.

»Sagen Sie, liebe Freundin,« begann der alte Graf, »was wird das jetzt
so eigentlich mit den Briefen bei Hofe?«

»Mit den Briefen? O, das wird immer schöner.«

»Immer schöner?«

»Nun, immer schöner,« lachte hier die Baronin, »ist vielleicht nicht
gerade das rechte Wort. Aber es wird immer geheimnisvoller. Und das
Geheimnisvolle hat nun mal das, worauf es ankommt, will sagen den
Charme. Schon die beliebte Wendung ›rätselhafte Frau‹ spricht dafür;
eine Frau, die nicht rätselhaft ist, ist eigentlich gar keine, womit
ich mir persönlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche. Denn ich
bin alles, nur kein Rätsel. Aber am Ende, man ist, wie man ist, und
so muß ich dies Manko zu verwinden suchen ... Es heißt immer, ›üble
Nachrede, drin man sich mehr oder weniger mit Vorliebe gefalle, sei
was Sündhaftes‹. Aber was heißt hier ›üble Nachrede‹? Vielleicht ist
das, was uns so bruchstückweise zu Gehör kommt, nur ein schwaches
Echo vom Eigentlichen und bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel.
Im übrigen, wie's damit auch sei, mein Sinn ist nun mal auf das
Sensationelle gerichtet. Unser Leben verläuft, offen gestanden, etwas
durchschnittsmäßig, also langweilig, und weil dem so ist, setz ich
getrost hinzu: ›Gott sei Dank, daß es Skandale gibt.‹ Freilich für
Armgard ist so was nicht gesagt. Die darf es nicht hören.«

»Sie hört es aber doch,« lachte die Komtesse, »und denkt dabei: was es
doch für sonderbare Neigungen und Glücke gibt. Ich habe für dergleichen
kein Organ. Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und
solche Chronik interessant. Ich, umgekehrt, finde solche Chronik
langweilig und unser alltägliches Leben interessant. Wenn ich den
Rudolf unsers Portier Hartwig unten mit seinem ~hoop~ und seinen dünnen
langen Berliner Beinen über die Straße laufen sehe, so find ich das
interessanter als diese sogenannte Pikanterie.«

Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuß. »Du bist doch deiner
Schwester Schwester, oder mein Erziehungsprodukt, und zum erstenmal in
meinem Leben muß ich meine teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es ist
nichts mit diesem Klatsch; es kommt nichts dabei heraus.«

»Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig. Es kommt
umgekehrt sehr viel dabei heraus. Ihr Barbys seid alle so schrecklich
diskret und ideal, aber ich für mein Teil, ich bin anders und nehme
die Welt, wie sie ist; ein Bier und ein Schnaderhüpfl und mal ein
Haberfeldtreiben, damit kommt man am weitesten. Was wir da jetzt hier
erleben, das ist auch solch Haberfeldtreiben, ein Stück Feme.«

»Nur keine heilige.«

»Nein,« sagte die Baronin, »keine heilige. Die Feme war aber auch
nicht immer heilig. Habe mir da neulich erst den Götz wieder angesehn,
bloß wegen dieser Szene. Die Poppe beiläufig vorzüglich. Und der
schwarze Mann von der Feme soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen
sein, so daß man es (Goethe war damals noch sehr jung) eigentlich
kaum lesen kann. Ich würde mir's aber doch getrauen. Und nun wend ich
mich an unsre Herren, die dies diffizile Kampffeld, ich weiß nicht
ritterlicher- oder unritterlicherweise, mir ganz allein überlassen
haben. Doktor Wrschowitz, wie denken Sie darüber?«

»Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau. Was wir da lesen wie
Runenschrift ... nein, +nicht+ wie Runenschrift ... (Wrschowitz
unterbrach sich hier mißmutig über sein eignes Hineingeraten ins
Skandinavische) -- was wir da lesen in Briefen vom Hofe, das ist
Krittikk. Und weil es Krittikk ist, ist es gutt. Mag es auch sein
Mißbrauch von Krittikk. Alles hat Mißbrauch. Gerechtigkeit hat
Mißbrauch, Kirche hat Mißbrauch, Krittikk hat Mißbrauch. Aber trotzdem.
Auf die Feme kommt es an, und das große Messer muß wieder stecken im
Baum.«

»Brrr,« sagte Czako, was ihm einen ernsten Augenaufschlag von
Wrschowitz eintrug. --

Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben hatte,
wechselte man den Raum und begab sich in das Damenzimmer zurück, weil
der alte Graf etwas Musik hören und sich von Armgards Fortschritten
überzeugen wollte. »Doktor Wrschowitz hat vielleicht die Güte, dich zu
begleiten.«

So folgte denn ein Quatremains, und als man damit aufhörte, nahm der
alte Barby Veranlassung, seiner Vorliebe für solch vierhändiges Spiel
Ausdruck zu geben, was Wrschowitz, dessen Künstlerüberheblichkeit keine
Grenzen kannte, zu der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlaßte,
daß man dieser Auffassung bei Dilettanten sehr häufig begegne.
Der alte Graf, wenig befriedigt von dieser »Krittikk«, war doch
andrerseits viel zu vertraut mit Künstlerallüren im allgemeinen und
mit den Wrschowitzschen im besonderen, um sich ernstlich über solche
Worte zu verwundern. Er begnügte sich vielmehr mit einer gemessenen
Verbeugung gegen den Musikdoktor und zog, auf einer nebenstehenden
Causeuse Platz nehmend, die gute Frau von Berchtesgaden ins Gespräch,
von der er wußte, daß ihre Munterkeiten nie den Charakter »goldener
Rücksichtslosigkeiten« annahmen.

Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flügel stehen
geblieben, ohne jede Spur von Verlegenheit, so daß ein Sichkümmern um
ihn eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Trotzdem hielt es Czako für
angezeigt, sich seiner anzunehmen und dabei die herkömmliche Frage zu
tun, »ob er, der Herr Doktor Wrschowitz, sich schon in Berlin eingelebt
habe«.

»Hab ich,« sagte Wrschowitz kurz.

»Und beklagen es nicht, Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen zu haben?«

»~Au contraire.~ Berlin eine schöne Stadt, eine serr gutte Stadt. Eine
serr gutte Stadt ~pour moi en particulier et pour les étrangers en
général~. Eine serr gutte Stadt, weil es hat Musikk und weil es hat
Krittikk.«

»Ich bin beglückt, Doktor Wrschowitz, speziell aus Ihrem Munde so viel
Gutes über unsre Stadt zu hören. Im allgemeinen ist die slawische,
besonders die tschechische Welt ...«

»O, die tschechische Welt. ~Vanitas vanitatum.~«

»Es ist sehr selten, in nationalen Fragen einem so freien Drüberstehn
zu begegnen ... Aber wenn es Ihnen recht ist, Doktor Wrschowitz, wir
stehen hier wie zwei Schildhalter neben diesem aufgeklappten Klavier,
-- vielleicht daß wir uns setzen könnten. Gräfin Melusine lugt ohnehin
schon nach uns aus.« Und als Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem
Vorschlage Czakos ausgedrückt hatte, schritten beide Herren vom Klavier
her auf den Kamin zu, vor dem sich die Gräfin auf einem Fauteuil
niedergelassen hatte. Neben ihr stand ein Marmortischchen, drauf sie
den linken Arm stützte.

»Nun endlich, Herr von Czako. Vor allem aber rücken Sie Stühle heran.
Ich sah die beiden Herren in einem anscheinend intimen Gespräche. Wenn
es sich um etwas handelte, dran ich teilnehmen darf, so gönnen Sie mir
diesen Vorzug. Papa hat sich, wie Sie sehn, mit der Baronin engagiert,
ich denke mir über berechtigte bajuvarische Eigentümlichkeiten, und
Armgard denkt über ihr Spiel nach und all die falschen Griffe. Was
müssen Sie gelitten haben, Wrschowitz. Und nun noch einmal, Hauptmann
Czako, worüber plauderten Sie?«

»Berlin.«

»Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance.«

»Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete. Denken Sie
sich, gnädigste Gräfin, er schien alles loben zu wollen. Allerdings
waren wir erst bei Musik und Kritik. Über die Menschen noch kein Wort.«

»O, Wrschowitz, das müssen Sie nachholen. Ein Fremder sieht mehr
als ein Einheimischer. Also frei weg und ohne Scheu. Wie sind die
Vornehmen? Wie sind die kleinen Leute?«

Wrschowitz wiegte den Kopf hin und her, als ob er überlege, wie weit
er in seiner Antwort gehen könne. Dann mit einem Male schien er einen
Entschluß gefaßt zu haben und sagte: »Oberklasse gutt, Unterklasse serr
gutt; Mittelklasse +nicht+ serr gutt.«

»Kann ich zustimmen,« lachte Melusine. »Fehlen nur noch ein paar
Details. Wie wär es damit?«

»Mittelklassberliner findet gutt, was +er+ sagt, aber findet +nicht+
gutt, was sagt ein andrer.«

Czako, trotzdem er sich getroffen fühlte, nickte.

»Mittelklassberliner, wenn spricht andrer, fällt in Krampf. In
versteckten Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf. In
verstecktem Krampf ist er ein Bild des Jammers, in nicht verstecktem
Krampf ist er ein Affront.«

»Brav, Wrschowitz. Aber mehr. Ich bitte.«

»Berliner immer an der Tete. So wenigstens glaubt er. Berliner immer
Held. Berliner weiß alles, findet alles, entdeckt alles. Erst Borsig,
dann Stephenson, erst Rudolf Hertzog, dann Herzog Rudolf, erst
Pfefferküchler Hildebrand, dann Papst Hildebrand.«

»Nicht geschmeichelt, aber ähnlich. Und nun, Wrschowitz, noch eins,
dann sind Sie wieder frei ... Wie sind die Damen?«

»Ach, gnädigste Gräfin ...«

»Nichts, nichts. Die Damen.«

»Die Damen. O, die Damen serr gutt. Aber nicht speziffisch. Speziffisch
in Berlin bloß die Madamm.«

»Da bin ich aber doch neugierig.«

»Speziffisch bloß die Madamm. Ich war, gnädigste Gräfin, in Pettersburg
und ich war in Moscou. Und war in Budapest. Und war auch in Saloniki.
Ah, Saloniki! Schöne Damen von Helikon und schöne Damen von Libanon,
hoch und schlank wie die Zeder. Aber keine Madamm. Madamm nirgendwo;
Madamm bloß in Berlin.«

»Aber Wrschowitz, es müssen doch schließlich Ähnlichkeiten da sein.
Eine Madamm ist doch immerhin auch eine Dame, wenigstens eine Art Dame.
Schon das Wort spricht es aus.«

»Nein, gnäddigste Gräfin; ~rien du tout~ Dame! Dame denkt an Galan,
Dame denkt an Putz; oder vielleicht auch an ~Divorçons~. Aber Madamm
denkt bloß an Rieke draußen und mitunter auch an Paul. Und wenn sie zu
Paul spricht, der ihr Jüngster ist, so sagt sie: ›Jott, dein Vater.‹
Oh, die Madamm! Einige sagen, sie stürbe aus, andre sagen, sie stürbe
nie.«

»Wrschowitz,« sagte Melusine, »wie schade, daß die Baronin und Papa
nicht zugehört haben und daß unser Freund Stechlin, der solche Themata
liebt, nicht hier ist. Übrigens hatten wir heut ein Telegramm von ihm.
Haben Sie vielleicht auch Nachricht, Herr Hauptmann?«

»Heute, gnädigste Gräfin. Und auch ein Telegramm. Ich hab es
mitgebracht, weil ich an die Möglichkeit dachte ...«

»Bitte, lesen.«

Und Czako las: »London, Charing Croß-Hotel. Alles über Erwarten groß.
Sieben unvergeßliche Tage. Richmond schön. Windsor schöner. Und die
Nelsonsäule vor mir. Ihr v. St.«

Melusine lachte. »Das hat er uns auch telegraphiert.«

»Ich fand es wenig,« stotterte Czako verlegen, »und als Doublette find
ich es noch weniger. Und ein Mann wie Stechlin, ein Mann in Mission!
Und jetzt sogar unter den Augen Ihrer Majestät von Großbritannien und
Indien.«

Alles stimmte dem, »daß es wenig sei«, zu. Nur der alte Graf wollte
davon nichts wissen.

»Was verlangt ihr? Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm, weil
ein richtiges Telegramm; Richmond, Windsor, Nelsonsäule. Soll er etwa
telegraphieren, daß er sich sehnt, uns wiederzusehn? Und das wird er
nicht einmal können, so riesig verwöhnt er jetzt ist. Ihr werdet euch
alle sehr zusammennehmen müssen. Auch du, Melusine.«

»Natürlich, ich am meisten.«



Verlobung

Weihnachtsreise nach Stechlin



Fünfundzwanzigstes Kapitel


Drei Tage später war Woldemar zurück und meldete sich für den
nächsten Abend am Kronprinzenufer an. Er traf nur die beiden Damen,
die, Melusine voran, kein Hehl aus ihrer Freude machten. »Papa läßt
Ihnen sein Bedauern aussprechen, Sie nicht gleich heute mitbegrüßen
zu können. Er ist bei den Berchtesgadens zur Spielpartie, bei der er
natürlich nicht fehlen durfte. Das ist ›Dienst‹, weit strenger als der
Ihrige. Wir haben Sie nun ganz allein, und das ist auch etwas Gutes. An
Besuch ist kaum zu denken; Rex war erst gestern auf eine kurze Visite
hier, etwas steif und formell wie gewöhnlich, und mit Ihrem Freunde
Czako haben wir letzten Sonnabend eine Stunde verplaudern können.
Wrschowitz war an demselben Abend auch da; beide treffen sich jetzt
öfter und vertragen sich besser, als ich bei Beginn der Bekanntschaft
dachte. Wer also sollte noch kommen? ... Und nun setzen Sie sich, um
Ihr Reisefüllhorn über uns auszuschütten; -- die Füllhörner, die jetzt
Mode sind, sind meist Bonbontüten, und genau so was erwart ich auch
von Ihnen. Sie sollten mir in einem Briefe von den Engländerinnen
schreiben. Aber wer darüber nicht schrieb, das waren Sie, wenn wir uns
auch entschließen wollen, Ihr Telegramm für voll anzusehn.« Und dabei
lachte Melusine. »Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht
kränken wollen. Aber offen Spiel ist immer das beste. Wovon Sie nicht
geschrieben, davon müssen Sie jetzt sprechen. Wie war es drüben? Ich
meine mit der Schönheit.«

»Ich habe nichts einzelnes gesehn, was mich frappiert oder gar
hingerissen hätte.«

»Nichts einzelnes. Soll das heißen, daß Sie dafür das Ganze beinah
bewundert haben, will also sagen, die weibliche Totalität?«

»Fast könnt ich dem zustimmen. Ich erinnere mich, daß mir vor Jahr und
Tag schon ein Freund einmal sagte, ›in der ganzen Welt fände man, Gott
sei Dank, schöne Frauen, aber nur in England seien die Frauen überhaupt
schön‹.«

»Und das haben Sie geglaubt?«

»Es liegt eigentlich schlimmer, gnädigste Gräfin. Ich hab es nicht
geglaubt; aber ich hab es, meinem Nichtglauben zum Trotz, nachträglich
bestätigt gefunden.«

»Und Sie schaudern nicht vor solcher Übertreibung?«

»Ich kann es nicht, so sehr ich gerade hier eine Verpflichtung dazu
fühle ...«

»Keine Bestechungen.«

»Ich soll schaudern vor einer Übertreibung,« fuhr Woldemar fort. »Aber
Sie werden mir, Frau Gräfin, dies Schaudern vielleicht erlassen, wenn
ich Erklärungen abgegeben haben werde. Der Englandschwärmer, den
ich da vorhin zitierte, war ein Freund von zugespitzten Sätzen, und
zugespitzte Sätze darf man nie wörtlich nehmen. Und am wenigsten auf
diesem diffizilen Gebiete. Nirgends in der Welt blühen Schönheiten wie
die gelben Butterblumen übers Feld hin; wirkliche Schönheiten sind
schließlich immer Seltenheiten. Wären sie nicht selten, so wären sie
nicht schön, oder wir fänden es nicht, weil wir einen andern Maßstab
hätten. All das steht fest. Aber es gibt doch Durchschnittsvorzüge,
die den Typus des Ganzen bestimmen, und diesem Maße nicht
geradezu frappierender, aber doch immerhin noch sehr gefälliger
Durchschnittsschönheit, dem bin ich drüben begegnet.«

»Ich laß es mit dieser Einschränkung gelten, und Sie werden in Papa,
mit dem wir oft darüber streiten, einen Anwalt für Ihre Meinung finden.
Durchschnittsvorzüge. Zugegeben. Aber was sich darin ausspricht, das
beinah Unpersönliche, das Typische ...«

Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen, weil sie draußen
die Klingel gehört zu haben glaubte. Wirklich, Jeserich trat ein
und meldete: Professor Cujacius. »Um Gottes willen,« entfuhr es der
Gräfin, und die kleine Pause benutzend, die ihr noch blieb, flüsterte
sie Woldemar zu: »Cujacius ... Malerprofessor. Er wird über Kunst
sprechen; bitte, widersprechen Sie ihm nicht, er gerät dabei so leicht
in Feuer oder in mehr als das.« Und kaum, daß Melusine soweit gekommen
war, erschien auch schon Cujacius und schritt unter rascher Verbeugung
gegen Armgard auf die Gräfin zu, dieser die Hand zu küssen. Sie hatte
sich inzwischen gesammelt und stellte vor: »Professor Cujacius, ...
Rittmeister von Stechlin.« Beide verneigten sich gegeneinander,
Woldemar ruhig, Cujacius mit dem ihm eignen superioren Apostelausdruck,
der, wenn auch ungewollt, immer was Provozierendes hatte. »Bin,« so
ließ er sich mit einer gewissen Kondescenz vernehmen, »durch Gräfin
Melusine ganz auf dem Laufenden. Abordnung, England, Windsor. Ich habe
Sie beneidet, Herr Rittmeister. Eine so schöne Reise.«

»Ja, das war sie, nur leider zu kurz, so daß ich intimeren Dingen,
beispielsweise der englischen Kunst, nicht das richtige Maß von
Aufmerksamkeit widmen konnte.«

»Worüber Sie sich getrösten dürfen. Was ich persönlich an solcher
Reise jedem beneiden möchte, das sind ausschließlich die großen
Gesamteindrücke, der Hof und die Lords, die die Geschichte des Landes
bedeuten.«

»All das war auch mir die Hauptsache, mußt es sein. Aber ich hätte mich
dem ohnerachtet auch gern um Künstlerisches gekümmert, speziell um
Malerisches. So zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten.«

»Ein überwundener Standpunkt. Einige waren da, deren Auftreten auch von
uns (ich spreche von den Künstlern meiner Richtung) mit Aufmerksamkeit
und selbst mit Achtung verfolgt wurde. So beispielsweise Millais ...«

»Ah, +der+. Sehr wahr. Ich erinnere mich seines bedeutendsten Bildes,
das leider nach Amerika hin verkauft wurde. Wenn ich nicht irre, zu
einem enormen Preise.«

Cujacius nickte. »Mutmaßlich das vielgefeierte ›Angelusbild‹, was
Ihnen vorschwebt, Herr Rittmeister, eine von Händlern heraufgepuffte
Marktware, für die Sie glücklicherweise den englischen Millais, will
also sagen den ›+ais+‹-Millais, nicht verantwortlich machen dürfen.
+Der+ Millet, der für eine, wie Sie schon bemerkten, lächerlich
hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde, war ein ›+et+‹-Millet,
Vollblutpariser oder wenigstens Franzose.«

Woldemar geriet über diese Verwechslung in eine kleine Verlegenheit,
die Damen mit ihm, alles sehr zur Erbauung des Professors, dessen rasch
wachsendes Überlegenheitsgefühl unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer
neue Blüten übermütiger Laune trieb. »Im übrigen sei mir's verziehen,«
fuhr er, immer leuchtender werdend, fort, »wenn ich mein Urteil über
beide kurz dahin zusammenfasse: ›sie sind einander wert,‹ und die
zwei großen westlichen Kulturvölker mögen sich darüber streiten, wer
von ihnen am meisten genasführt wurde. Der französische Millet ist
eine Null, ein Zwerg, neben dem der englische vergleichsweise zum
Riesen anwächst, wohlverstanden vergleichsweise. Trotzdem, wie mir
gestattet sein mag zu wiederholen, war er zu Beginn seiner Laufbahn
ein Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht. Denn das
Präraffaelitentum, als dessen Begründer und Vertreter ich ihn ansehe,
trug damals einen Zukunftskeim in sich; eine große Revolution schien
sich anbahnen zu wollen, jene große Revolution, die Rückkehr heißt.
Oder wenn Sie wollen ›Reaktion‹. Man hat vor solchen Wörtern nicht zu
erschrecken. Wörter sind Kinderklappern.«

»Und dieser englische Millais, -- den mit dem französischen verwechselt
zu haben ich aufrichtig bedaure, -- dieser ›+ais+‹-Millais, dieser
großer Reformer, ist, wenn ich Sie recht verstehe, sich selber untreu
geworden.«

»Man wird dies sagen dürfen. Er und seine Schule verfielen in
Excentricitäten. Die Zucht ging verloren, und das straft sich auf
jedem Gebiet. Was da neuerdings in der Welt zusammengekleckst wird,
zumal in der schottischen und amerikanischen Schule, die sich jetzt
auch bei uns breitzumachen sucht, das ist der Überschwang einer an
sich beachtenswerten Richtung. Der Zug, der unter Mitteldampf gut und
erfreulich fuhr, unter Doppeldampf (und das reicht noch nicht einmal
aus) ist er entgleist; er liegt jetzt neben den Schienen und pustet und
keucht. Und ein Jammer nur, daß seine Heizer nicht mit auf dem Platze
geblieben sind. Das ist der Fluch der bösen Tat ... ich verzichte
darauf, in Gegenwart der Damen das Zitat zu Ende zu führen.«

Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah, daß irgendwas
gesagt werden müsse, sich zu der Bemerkung aufraffte: »Von Neueren hab
ich eigentlich nur Seestücke kennen gelernt; dazu die Phantastika des
Malers William Turner, leider nur flüchtig. Er hat die ›drei Männer im
feurigen Ofen‹ gemalt. Stupend. Etwas Großartiges schien mir aus seinen
Schöpfungen zu sprechen, wenigstens in allem, was das Kolorit angeht.«

»Eine gewisse Großartigkeit,« nahm Cujacius mit lächelnd überlegener
Miene wieder das Wort, »ist ihm nicht abzusprechen. Aber aller Wahnsinn
wächst sich leicht ins Großartige hinein und düpiert dann regelmäßig
die Menge. ~Mundus vult decipi~. Allem vorauf in England. Es gibt
nur ein Heil: Umkehr, Rückkehr zur keuschen Linie. Die Koloristen
sind das Unglück in der Kunst. Einige wenige waren hervorragend, aber
nicht ~parceque~, sondern ~quoique~. Noch heute wird es mir obliegen,
in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen. Gewiß unter
Widerspruch, vielleicht auch unter Lärm und Gepolter; denn mit den
richtigen Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der
Gesellschaft verloren gegangen. Aber viel Feind, viel Ehr, und jede
Stelle verlangt heutzutage ihren Mann von Worms, ihren Luther. ›Hier
stehe ich.‹ Am elendesten aber sind die paktierenwollenden Halben.
Zwischen schön und häßlich ist nicht zu paktieren.«

»Und schön und häßlich,« unterbrach hier Melusine (froh, überhaupt
unterbrechen zu können), »war auch die große Frage, die wir, als wir
Sie begrüßen durften, eben unter Diskussion stellten. Herr von Stechlin
sollte beichten über die Schönheit der Engländerinnen. Und nun frag
ich +Sie+, Herr Professor, finden auch Sie sie so schön, wie einem
hierlandes immer versichert wird?«

»Ich spreche nicht gern über Engländerinnen,« fuhr Cujacius fort.
»Etwas von Idiosynkrasie beherrscht mich da. Diese Töchter Albions,
sie singen so viel und musizieren so viel und malen so viel. Und haben
eigentlich kein Talent.«

»Vielleicht. Aber davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen. Bloß das eine:
schön oder nicht schön?«

»Schön? Nun denn ›nein‹. Alles wirkt wie tot. Und was wie tot
wirkt, wenn es nicht der Tod selbst ist, ist nicht schön. Im
übrigen, ich sehe, daß ich nur noch zehn Minuten habe. Wie gerne
wär ich an einer Stelle geblieben, wo man so vielem Verständnis und
Entgegenkommen begegnet. Herr von Stechlin, ich erlaube mir, Ihnen
morgen eine Radierung nach einem Bilde des richtigen englischen
Millais zu schicken. Dragonerkaserne, Hallesches Tor, -- ich weiß.
Übermorgen laß ich die Mappe wieder abholen. Name des Bildes: ›Sir
Isumbras.‹ Merkwürdige Schöpfung. Schade, daß er, der Vater des
Präraffaelitentums, dabei nicht aushielt. Aber nicht zu verwundern.
Nichts hält jetzt aus, und mit nächstem werden wir die Berühmtheiten
nach Tagen zählen. Tizian entzückte noch mit hundert Jahren; wer jetzt
fünf Jahre gemalt hat, ist altes Eisen. Gnädigste Gräfin, Komtesse
Armgard ... Darf ich bitten, mich meinem Gönner, Ihrem Herrn Vater, dem
Grafen, angelegentlichst empfehlen zu wollen.«

       *       *       *       *       *

Woldemar, die Honneurs des Hauses machend, was er bei seiner intimen
Stellung durfte, hatte den Professor bis auf den Korridor geleitet
und ihm hier den Künstlermantel umgegeben, den er, in unverändertem
Schnitt, seit seinen Romtagen trug. Es war ein Radmantel. Dazu ein
Kalabreser von Seidenfilz.

»Er ist doch auf seine Weise nicht übel,« sagte Woldemar, als er bei
den Damen wieder eintrat. »An einem starken Selbstbewußtsein, dran er
wohl leidet, darf man heutzutage nicht Anstoß nehmen, vorausgesetzt,
daß die Tatsachen es einigermaßen rechtfertigen.«

»Ein starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt,« sagte Armgard,
»Bismarck vielleicht ausgenommen. Das heißt also in jedem Jahrhundert
einer.«

»Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre,« lachte Woldemar.
»Wie steht es eigentlich mit ihm? Ich habe nie von ihm gehört, was aber
nicht viel besagen will, namentlich nachdem ich Millais und Millet
glücklich verwechselt habe. Nun geht alles so in einem hin. Ist er ein
Mann, den ich eigentlich kennen müßte?«

»Das hängt ganz davon ab,« sagte Melusine, »wie Sie sich einschätzen.
Haben Sie den Ehrgeiz, nicht bloß den eigentlichen alten Giotto von
Florenz zu kennen, sondern auch all die Giottinos, die neuerdings
in Ostelbien von Rittergut zu Rittergut ziehn, um für Kunst und
Christentum ein übriges zu leisten, so müssen Sie Cujacius freilich
kennen. Er hat da die große Lieferung; ist übrigens lange nicht der
Schlimmste. Selbst seine Gegner, und er hat deren ein gerüttelt und
geschüttelt Maß, gestehen ihm ein hübsches Talent zu; nur verdirbt er
alles durch seinen Dünkel. Und so hat er denn keine Freunde, trotzdem
er beständig von Richtungsgenossen spricht und auch heute wieder
sprach. Gerade diese Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste
gegen sich, was übrigens nicht bloß an ihm, sondern auch an den
Genossen liegt. Gerade die, die dasselbe Ziel verfolgen, bekämpfen
sich immer am heftigsten untereinander, vor allem auf christlichem
Gebiet, auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen, sondern bloß um
christliche Kunst handelt. Zu des Professors Lieblingswendungen zählt
die, daß er ›in der Tradition stehe‹, was ihm indessen nur Spott und
Achselzucken einträgt. Einer seiner Richtungsgenossen -- als ob er mich
persönlich dafür hätte verantwortlich machen wollen -- fragte mich erst
neulich voll ironischer Teilnahme: ›Steht denn Ihr Cujacius immer noch
in der Tradition?‹ Und als ich ihm antwortete: ›Sie spötteln darüber,
hat er denn aber keine?‹ bemerkte dieser Spezialkollege: ›Gewiß hat er
eine Tradition, und das ist seine eigne. Seit fünfundvierzig Jahren
malt er immer denselben Christus und bereist als Kunst-, aber fast auch
schon als Kirchenfanatiker die ihm unterstellten Provinzen, so daß man
betreffs seiner beinah sagen kann: Es predigt sein Christus allerorten,
ist aber drum nicht schöner geworden.‹«

»Melusine, du darfst so nicht weitersprechen,« unterbrach hier Armgard.
»Sie wissen übrigens, Herr von Stechlin, wie's hier steht, und daß ich
meine ältere Schwester, die mich erzogen hat (hoffentlich gut), jetzt
nachträglich mitunter meinerseits erziehen muß.« Dabei reichte sie
Melusine die Hand. »Eben erst ist er fort, der arme Professor, und
jetzt schon so schlechte Nachrede. Welchen Trost soll sich unser Freund
Stechlin daraus schöpfen? Er wird denken, heute dir, morgen mir.«

»Du sollst in allem recht haben, Armgard, nur nicht in diesem letzten.
Schließlich weiß doch jeder, was er gilt, ob er geliebt wird oder
nicht, vorausgesetzt, daß er ein Gentleman und nicht ein Gigerl ist.
Aber Gentleman. Da hab ich wieder die Einhakeöse für England. Das
Schönheitskapitel ist erledigt, war ohnehin nur Kaprize. Von all dem
andern aber, das schließlich doch wichtiger ist, wissen wir noch immer
so gut wie gar nichts. Wie war es im Tower? Und hab ich recht behalten
mit Traitors Gate?«

»Nur in einem Punkt, Gräfin, in Ihrem Mißtrauen gegen meine Phantasie.
Die versagte da total, wenn es nicht doch vielleicht an der Sache
selbst, also an Traitors Gate, gelegen hat. Denn an einer anderen
Stelle konnt ich mich meiner Phantasie beinah berühmen und am meisten
da, wo (wie mir übrigens nur zu begreiflich) auch Sie persönlich mit so
viel Vorliebe verweilt haben.«

»Und welche Stelle war das?«

»Waltham-Abbey.«

»Waltham-Abbey. Aber davon weiß ich ja gar nichts. Waltham-Abbey kenn
ich nicht, kaum dem Namen nach.«

»Und doch weiß ich bestimmt, daß mir Ihr Herr Papa gerade am Abend
vor meiner Abreise sagte: ›das muß Melusine wissen; die weiß ja dort
überall Bescheid und kennt, glaub ich, Waltham-Abbey besser als Treptow
oder Stralau.‹«

»So bilden sich Renommees,« lachte Melusine. »Der Papa hat das auf gut
Glück hin gesagt, hat bloß ein beliebiges Beispiel herausgegriffen. Und
nun diese Tragweite! Lassen wir das aber und sagen Sie mir lieber: was
ist Waltham-Abbey? Und wo liegt es?«

»Es liegt ganz in der Nähe von London und ist eine Nachmittagsfahrt,
etwa wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg besucht oder das in
der Potsdamer Friedenskirche.«

»Hat es denn etwas von einem Mausoleum?«

»Ja und nein. Der Denkstein fehlt, aber die ganze Kirche kann als ein
Denkmal gelten.«

»Als ein Denkmal für wen?«

»Für König Harald.«

»Für den, den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelde von Hastings
suchte?«

»Für denselben.«

»Ich habe während meiner Londoner Tage das Bild von Horace Vernet
gesehn, das den Moment darstellt, wo die schöne Col de Cygne zwischen
den Toten umherirrt. Und ich erinnre mich auch, daß zwei Mönche neben
ihr herschritten. Aber weiter weiß ich nichts. Und am wenigsten weiß
ich, was daraus wurde.«

»Was daraus wurde, -- das ist eben der Schlußakt des Dramas. Und dieser
Schlußakt heißt Waltham-Abbey. Die Mönche, deren Sie sich erinnern und
die da neben Editha herschritten, das waren Waltham-Abbeymönche, und
als sie schließlich gefunden hatten, was sie suchten, legten sie den
König auf dichtes Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg bis nach
Waltham-Abbey zurück. Und da begruben sie ihn.«

»Und die Stätte, wo sie ihn begruben, die haben Sie besucht?«

»Nein, nicht sein Grab; das existiert nicht. Man weiß nur, daß man
ihn dort überhaupt begrub. Und als ich da, die Sonne ging eben unter,
in einem uralten Lindengange stand, zwischen Grabsteinen links und
rechts, und das Abendläuten von der Kirche her begann, da war es mir,
als käme wieder der Zug mit den Mönchen den Lindengang herauf, und
ich sah Editha und sah auch den König, trotzdem ihn die Zweige halb
verdeckten. Und dabei (wenn auch eigentlich der Papa schuld ist und
nicht Sie, Gräfin) gedacht ich Ihrer in alter und neuer Dankbarkeit.«

»Und daß Sie mich besiegt haben. Aber das sage nur ich. Sie sagen es
natürlich nicht, denn Sie sind nicht der Mann, sich eines Sieges zu
rühmen, noch dazu über eine Frau. Waltham-Abbey kenn ich nun, und an
Ihre Phantasie glaub ich von heut an, trotzdem Sie mich mit Traitors
Gate im Stich gelassen. Daß Sie nebenher noch, und zwar Armgard zu
Ehren, in Martins le Grand waren, dessen bin ich sicher und ebenso, daß
Sie Papas einzige Forderung erfüllt und der Kapelle Heinrichs ~VII.~
Ihren Besuch gemacht haben, diesem Wunderwerk der Tudors. Welchen
Eindruck hatten Sie von der Kapelle?«

»Den denkbar großartigsten. Ich weiß, daß man die herabhängenden
Trichter, die sie ›Tromben‹ nennen, unschön gefunden hat; aber
ästhetische Vorschriften existieren für mich nicht. Was auf mich
wirkt, wirkt. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Trotzdem, das
Eigentlichste war doch noch wieder ein andres und kam erst, als ich
da zwischen den Sarkophagen der beiden feindlichen Königinnen stand.
Ich wüßte nicht, daß etwas je so beweglich und eindringlich zu mir
gepredigt hätte wie gerade diese Stelle.«

»Und was war es, was Sie da so bewegte?«

»Das Gefühl: ›zwischen diesen beiden Gegensätzen pendelt die
Weltgeschichte.‹ Zunächst freilich scheinen wir da nur den Gegensatz
zwischen Katholizismus und Protestantismus zu haben, aber weit
darüber hinaus (weil nicht an Ort und Zeit gebunden) haben wir
bei tiefergehender Betrachtung den Gegensatz von Leidenschaft und
Berechnung, von Schönheit und Klugheit. Und das ist der Grund, warum
das Interesse daran nicht ausstirbt. Es sind große Typen, diese
feindlichen Königinnen.«

Beide Schwestern schwiegen. Dann sagte Melusine, der daran lag, wieder
ins Heitere hinüber zu lenken: »Und nun, Armgard, sage, für welche von
den beiden Königinnen bist du?«

»Nicht für die eine und nicht für die andre. Nicht einmal für beide.
Gewiß sind es Typen. Aber es gibt andre, die mir mehr bedeuten, und, um
es kurz zu sagen, Elisabeth von Thüringen ist mir lieber als Elisabeth
von England. Andern leben und der Armut das Brot geben -- darin allein
ruht das Glück. Ich möchte, daß ich mir +das+ erringen könnte. Aber man
erringt sich nichts. Alles ist Gnade.«

»Du bist ein Kind,« sagte Melusine, während sie sich mühte, ihrer
Bewegung Herr zu werden. »Du wirst noch Unter den Linden für Geld
gezeigt werden. Auf der einen Seite die ›Mädchen von Dahomey‹, auf der
andern du.«

Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis auf den Korridor. Es war
eine Verlegenheit zwischen beiden, und Woldemar fühlte, daß er etwas
sagen müsse. »Welche liebenswürdige Schwester Sie haben.«

Armgard errötete. »Sie werden mich eifersüchtig machen.«

»Wirklich, Komtesse?«

»Vielleicht ... Gute Nacht.«

       *       *       *       *       *

Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett der Schwester,
und beide plauderten noch. Aber Armgard war einsilbig, und Melusine
bemerkte wohl, daß die Schwester etwas auf dem Herzen habe.

»Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut, so wie abwesend.«

»Ich weiß es nicht, aber ich glaube fast ...«

»Nun was?«

»Ich glaube fast, ich bin verlobt.«



Sechsundzwanzigstes Kapitel


Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert hatte, das
wurde wahr, und schon wenige Tage nach diesem ersten Wiedersehn waren
Armgard und Woldemar Verlobte. Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt,
den er seit lange gehegt, und Melusine küßte die Schwester mit einer
Herzlichkeit, als ob sie selber die Glückliche wäre.

»Du gönnst ihn mir doch?«

»Ach, meine liebe Armgard,« sagte Melusine, »wenn du wüßtest! Ich habe
nur die Freude, du hast auch die Last.«

       *       *       *       *       *

An demselben Abende noch, wo die Verlobung stattgefunden hatte, schrieb
Woldemar nach Stechlin und nach Wutz; der eine Brief war so wichtig wie
der andre, denn die Tante-Domina, deren Mißstimmung so gut wie gewiß
war, mußte nach Möglichkeit versöhnlich gestimmt werden. Freilich blieb
es fraglich, ob es glücken würde.

Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da, von denen diesmal der
Wutzer Brief über den Stechliner siegte, was einfach daran lag,
daß Woldemar von Wutz her nur Ausstellungen, von Stechlin her nur
Entzücken erwartet hatte. Das traf aber nun beides nicht zu. Was die
Tante schrieb, war durchaus nicht so schlimm (sie beschränkte sich auf
Wiederholung der schon mündlich von ihr ausgesprochenen Bedenken),
und was der Alte schrieb, war nicht so gut oder doch wenigstens nicht
so der Situation angepaßt, wie's Woldemar gewärtigte. Natürlich war
es eine Beglückwünschung, aber doch mehr noch ein politischer Exkurs.
Dubslav litt als Briefschreiber daran, gern bei Nebensächlichkeiten zu
verweilen und gelegentlich über die Hauptsache wegzusehn. Er schrieb:

»Mein lieber Woldemar. Die Würfel sind nun also gefallen (früher hieß
es ~alea jacta est~, aber so altmodisch bin ich denn doch nicht mehr),
und da zwei Sechsen obenauf liegen, kann ich nur sagen: ich gratuliere.
Nach dem Gespräch übrigens, das ich am 3. Oktober morgens mit Dir
führte, während wir um unsern Stechliner Springbrunnen herumgingen
(seit drei Tagen springt er nicht mehr; wahrscheinlich werden die
Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben) -- seit jenem Oktobermorgen
hab ich so was erwartet, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Du wirst
nun also Karriere machen, glücklicherweise zunächst durch Dich selbst
und dann allerdings auch durch Deine Braut und deren Familie. Graf
Barby -- mit Rübenboden im Magdeburgischen und mit Mineralquellen im
Graubündischen -- höher hinauf geht es kaum, Du müßtest Dich denn bis
ins Katzlersche verirren. Armgard ist auch schon viel, aber Ermyntrud
doch mehr und für den armen Katzler jedenfalls zu viel. Ja, mein
lieber Woldemar, Du kommst nun also zu Vermögen und Einfluß und kannst
die Stechlins wieder raufbringen (gestern war Baruch Hirschfeld hier
und in allem willfährig; die Juden sind nicht so schlimm, wie manche
meinen), und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so
was in Chateaustil bauen läßt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht
anlegst, so daß erst der Post-Stephan und dann der Kaiser selbst bei
Dir zu Besuch kommen kann, ja, da kannst Du möglicherweise selbst das
erreichen, was Dein alter Vater, weil Feilenhauer Torgelow mächtiger
war als er, nicht erreichen konnte: den Einzug ins Reichshaus mit
dem freien Blick auf Kroll. Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht
sagen, auch meine Freude nicht höher spannen, und in diesem relativen
Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse Familienähnlichkeit
mit meiner Schwester Adelheid, deren Glaubensbekenntnis im letzten
darauf hinausläuft: Kleinadel über Hochadel, Junker über Graf. Ja,
ich fühle, Deinen Gräflichkeiten gegenüber, wie sich der Junker ein
bißchen in mir regt. Die reichen und vornehmen Herren sind doch immer
ganz eigene Leute, die wohl Fühlung mit uns haben, unter Umständen
auch suchen, aber das Fühlunghalten nach oben ist ihnen schließlich
doch viel, viel wichtiger. Es heißt wohl immer »wir Kleinen, wir
machten alles und könnten alles,« aber bei Lichte besehn, ist es bloß
das alte: ›Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.‹ Glaube
mir, Woldemar, wir werden geschoben und sind bloß Sturmbock. Immer
dieselbe Geschichte, wie mit Protz und Proletarier. Die Proletarier
-- wie sie noch echt waren, jetzt mag es wohl anders damit sein --
waren auch bloß immer dazu da, die Kastanien aus dem Feuer zu holen;
aber ging es dann schief, dann wanderte Bruder Habenichts nach Spandau
und Bruder Protz legte sich zu Bett. Und mit Hochadel und Kleinadel
ist es beinah ebenso. Natürlich heiratet eine Ermyntrud mal einen
Katzler, aber eigentlich äugt sie doch mehr nach einem Stuart oder
Wasa, wenn es deren noch gibt. Wird aber wohl nich. Entschuldige diesen
Herzenserguß, dem Du nicht mehr Gewicht beilegen mußt, als ihm zukommt.
Es kam mir das alles so von ungefähr in die Feder, weil ich grade heute
wieder gelesen habe, wie man einen von uns, der durch Eintreten eines
Ippe-Büchsenstein hätte gerettet werden können, schändlich im Stich
gelassen hat. Ippe-Büchsenstein ist natürlich nur Begriff. Alles in
allem: ich habe zu Dir das Vertrauen, daß Du richtig gewählt hast,
und daß man Dich nicht im Stiche lassen wird. Außerdem, ein richtiger
Märker hat Augen im Kopf und is beinah so helle wie'n Sachse.

Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin.«

       *       *       *       *       *

Es war Ende November, als Woldemar diesen Brief erhielt. Er überwand
ihn rasch, und am dritten Tag las er alles schon mit einer gewissen
Freudigkeit. Ganz der Alte; jede Zeile voll Liebe, voll Güte, voll
Schnurrigkeiten. Und eben diese Schnurren, trafen sie nicht eigentlich
auch den Nagel auf den Kopf? Sicherlich. Was aber das Beste war, so
sehr das alles im allgemeinen passen mochte, auf die Barbys paßte so
gut wie nichts davon; die waren doch anders, die suchten nicht Fühlung
nach oben und nicht nach unten, die marchandierten nicht mit links und
nicht mit rechts, die waren nur Menschen, und daß sie nur +das+ sein
wollten, das war ihr Glück und zugleich ihr Hochgefühl. Woldemar sagte
sich denn auch, daß der Alte, wenn er sie nur erst kennen gelernt haben
würde, mit fliegenden Fahnen ins Barbysche Lager übergehen würde. Der
alte Graf, Armgard und vor allem Melusine. Die war genau das, was der
Alte brauchte, wobei ihm das Herz aufging.

Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer. Auch
Wrschowitz und Cujacius -- von denen jener natürlich unverheiratet,
dieser wegen beständiger Streiterei von seiner Frau geschieden war --
waren zugegen. Cujacius hatte gebeten, ein Krippentransparent malen zu
dürfen, was denn auch, als es erschien, auf einen Nebentisch gestellt
und allseitig bewundert wurde. Die drei Könige waren Porträts: der alte
Graf, Cujacius selbst und Wrschowitz (als Mohrenkönig); letzterer,
trotz Wollhaar und aufgeworfener Lippe, von frappanter Ähnlichkeit.
Auch in der Maria suchte man nach Anlehnungen und fand sie zuletzt;
es war Lizzi, die, wie so viele Berliner Kammerjungfern, einen
sittig verschämten Ausdruck hatte. Nach dem Tee wurde musiziert, und
Wrschowitz spielte -- weil er dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit
zu erweisen wünschte -- die Polonaise von Oginski, bei deren erster,
nunmehr um siebzig Jahre zurückliegenden Aufführung, einem alten ~on
dit~ zufolge, der polnisch gräfliche Komponist im Schlußmomente sich
erschossen haben sollte. Natürlich aus Liebe. »Brav, brav,« sagte der
alte Graf und war, während er sich beinah überschwenglich bedankte, so
sehr aus dem Häuschen, daß Wrschowitz schließlich schelmisch bemerkte:
»Den Piffpaffschluß muß ich mir versagen, Herr Graff, trotzdem meine
Vererrung (Blick auf Armgard) serr groß ist, fast so groß wie die
Vererrung des Grafen vor Graff Oginski.«

So verlief der Heiligabend.

Schon vorher war man übereingekommen, am zweiten Feiertage zu
dritt einen Ausflug nach Stechlin zu machen, um dort die künftige
Schwiegertochter dem Schwiegervater vorzustellen. Noch am Christabend
selbst, trotzdem Mitternacht schon vorüber, schrieb denn auch Woldemar
einige Zeilen nach Stechlin hin, in denen er sich samt Braut und
Schwägerin für den zweiten Feiertagabend anmeldete.

Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein. »Lieber Papa. Wir
haben vor, am zweiten Feiertage mit dem Spätnachmittagszuge von hier
aufzubrechen. Wir sind dann um sieben auf dem Granseer Bahnhof und
um neun oder nicht viel später bei Dir. Armgard ist glücklich, Dich
endlich kennen zu lernen, +den+ kennen zu lernen, den sie seit lange
verehrt. Dafür, mein lieber Papa, hab ich Sorge getragen. Graf Barby,
der nicht gut bei Wege ist, was ihn hindert mitzukommen, will Dir
angelegentlich empfohlen sein. Desgleichen Gräfin Ghiberti, die uns als
Dame d'honneur begleiten wird. Armgard ist in Furcht und Aufregung wie
vor einem Examen. Sehr ohne Not. Kenn ich doch meinen Papa, der die
Güte und Liebe selbst ist. Wie immer Dein Woldemar.«

Engelke stand neben seines Herrn Stuhl, als dieser die Zeilen halblaut,
aber doch in aller Deutlichkeit vorlas. »Nun, Engelke, was sagst du
dazu?«

»Ja, gnädger Herr, was soll ich dazu sagen. Es is ja doch, was man sone
›gute Nachricht‹ nennt.«

»Natürlich is es ne gute Nachricht. Aber hast du noch nicht erlebt, daß
einen gute Nachrichten auch genieren können?«

»Jott, gnädger Herr, ich kriege keine.«

»Na, denn sei froh; dann weißt du nicht, was ›gemischte Gefühle‹ sind.
Sieh, ich habe jetzt gemischte Gefühle. Da kommt nun mein Woldemar.
Das is gut. Und da bringt er seine Braut mit, das is wieder gut. Und
da bringt er seine Schwägerin mit, und das is wahrscheinlich auch gut.
Aber die Schwägerin ist eine Gräfin mit einem italienischen Namen, und
die Braut heißt Armgard, was doch auch schon sonderbar ist. Und beide
sind in England geboren, und ihre Mutter war aus der Schweiz, von einer
Stelle her, von der man nicht recht weiß, wozu sie gehört, weil da
alles schon durcheinander geht. Und überall haben sie Besitzungen, und
Stechlin ist doch bloß ne Kate. Sieh, Engelke, das is genierlich und
gibt das, was ich ›gemischte Gefühle‹ nenne.«

»Nu ja, nu ja.«

»Und dann müssen wir doch auch repräsentieren. Ich muß ihnen doch
irgendeinen Menschen vorsetzen. Ja, wen soll ich ihnen vorsetzen? Viel
is hier nich. Da hab ich Adelheiden. Natürlich, die muß ich einladen,
und sie wird auch kommen, trotzdem Schnee gefallen ist; aber sie kann
ja nen Schlitten nehmen. Vielleicht ist ihr Schlitten besser als ihr
Wagen. Gott, wenn ich an das Verdeck denke mit der großen Lederflicke,
da wird mir auch nicht besser. Und dabei denkt sie, ›sie is was‹, was
am Ende auch wieder gut is, denn wenn der Mensch erst denkt, ›es is gar
nichts mit ihm‹, dann is es auch nichts.«

»Und dann, gnädger Herr, sie is ja doch ne Domina und hat nen Rang. Und
ich hab auch mal gelesen, sie sei eigentlich mehr als ein Major.«

»Na, jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder; so'n vergessener Major
is ein Jammer. Aber Adelheid selbst, so auf'n ersten Anhieb, is auch
bloß so so. Wir müssen jedenfalls noch wen dazu haben. Schlage was vor.
Baron Beetz und der alte Zühlen, die die besten sind, die wohnen zu
weit ab, und ich weiß nicht, seit wir die Eisenbahnen haben, laufen die
Pferde schlechter. Oder es kommt einem auch bloß so vor. Also die guten
Nummern fallen aus. Und da sind wir denn wieder bei Gundermann.«

»Ach, gnädger Herr, den nich. Un er soll ja auch so zweideutig
sein. Uncke hat es mir gesagt; Uncke hat freilich immer das Wort
›zweideutig‹. Aber es wird wohl stimmen. Un dann die Frau Gundermann.
Das is ne richtige Berlinsche. Verlaß is auf ihm nich und auf ihr nich.«

»Ja, Engelke, du sollst mir helfen und machst es bloß noch schlimmer.
Wir könnten es mit Katzler versuchen, aber da ist das Kind krank, und
vielleicht stirbt es. Und dann haben wir natürlich noch unsern Pastor;
nu der ginge, bloß daß er immer so still dasitzt, wie wenn er auf den
heiligen Geist wartet. Und mitunter kommt er; aber noch öfter kommt er
nicht. Und solche Herrschaften, die dran gewöhnt sind, daß einer in
einem fort was Feines sagt, ja, was sollen die mit unserm Lorenzen? Er
ist ein Schweiger.«

»Aber er schweigt doch immer noch besser, als die Gundermannsche red't.«

»Das is richtig. Also Lorenzen, und vielleicht, wenn das Kind sich
wieder erholt, auch Katzler. Ein Schelm gibt mehr, als er hat. Und
dann, Engelke, solche Damen, die überall rum in der Welt waren, da
weiß man nie, wie der Hase läuft. Es ist möglich, daß sie sich für
Krippenstapel interessieren. Oder höre, da fällt mir noch was ein. Was
meinst du zu Koseleger?«

»Den hatten wir ja noch nie.«

»Nein, aber Not lehrt beten. Ich mache mir eigentlich nicht viel aus
ihm, indessen is und bleibt er doch immer ein Superintendent, und das
klingt nach was. Und dann war er ja mit ner russischen Großfürstin
auf Reisen, und solche Großfürstin is eigentlich noch mehr als ne
Prinzessin. Also sprich mal mit Kluckhuhn, der soll nen Boten schicken.
Ich schreibe gleich ne Karte.«

       *       *       *       *       *

Katzler sagte ab oder ließ es doch unbestimmt, ob er kommen könne,
Koseleger dagegen, was ein Glück war, nahm an, und auch Schwester
Adelheid antwortete durch den Boten, den Dubslav geschickt hatte:
»daß sie den zweiten Feiertag in Stechlin eintreffen und soweit wie
dienlich und schicklich nach dem Rechten sehen würde.« Adelheid war
in ihrer Art eine gute Wirtin und stammte noch aus den alten Zeiten,
wo die Damen bis zum »Schlachten« und »Aalabziehen« herunter alles
lernten und alles konnten. Also nach dieser Seite hin entschlug sich
Dubslav jeder Befürchtung. Aber wenn er sich dann mit einem Male
vergegenwärtigte, daß es seiner Schwester vielleicht in den Sinn kommen
könne, sich auf ihren Uradel oder auf die Vorzüge sechshundertjähriger
märkischer »Eingesessenheit« zu besinnen, so fiel alles, was er sich
in dem mit Engelke geführten Gespräch an Trost zugesprochen hatte,
doch wieder von ihm ab. Ihm bangte vor der Möglichkeit einer seitens
seiner Schwester »aufgesetzten hohen Miene« wie vor einem Gespenst, und
desgleichen vor der Kostümfrage. Wohl war er sich, ob er nun seine rote
Landstandsuniform oder seinen hochkragigen schwarzen Frack anlegte,
seiner eignen altmodischen Erscheinung voll bewußt, aber nebenher, was
seine Person anging, doch auch wieder einer gewissen Patriarchalität.
Einen gleichen Trost konnt er dem äußern Menschen seiner Schwester
Adelheid nicht entnehmen. Er wußte genau, wie sie kommen würde:
schwarzes Seidenkleid, Rüsche mit kleinen Knöpfelchen oben und die
Siebenkurfürstenbrosche. Was ihn aber am meisten ängstigte, war der
Moment nach Tisch, wo sie, wenn sie sich einigermaßen behaglich zu
fühlen anfing, ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingitter zu
stellen und die Wärme von unten her einzusaugen pflegte.

       *       *       *       *       *

Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen Damen auf dem
Granseer Bahnhof ein und fanden Martin und den Stechlinschen Schlitten
vor, letzterer insoweit ein Prachtstück, als er ein richtiges Bärenfell
hatte, während andrerseits Geläut und Schneedecken und fast auch die
Pferde mehr oder weniger zu wünschen übrigließen. Aber Melusine sah
nichts davon und Armgard noch weniger. Es war eine reizende Fahrt; die
Luft stand, und am stahlblauen Himmel oben blinkten die Sterne. So ging
es zwischen den eingeschneiten Feldern hin, und wenn ihre Kappen und
Hüte hier und dort die herniederhängenden Zweige streiften, fielen die
Flocken in ihren Schlitten. In den Dörfern war überall noch Leben, und
das Anschlagen der Hunde, das vom nächsten Dorf her beantwortet wurde,
klang übers Feld. Alle drei Schlitteninsassen waren glücklich, und ohne
daß sie viel gesprochen hätten, bogen sie zuletzt, eine weite Kurve
machend, in die Kastanienallee ein, die sie nun rasch, über Dorfplatz
und Brücke fort, bis auf die Rampe von Schloß Stechlin führte. Dubslav
und Engelke standen hier schon im Portal und waren den Damen beim
Aussteigen behilflich. Beim Eintritt in den großen Flur war für diese
das erste, was sie sahen, ein mächtiger, von der Decke herabhängender
Mistelbusch; zugleich schlug die Treppenuhr, deren Hippenmann wie
verwundert und beinah verdrießlich auf die fremden Gäste herniedersah.
Viele Lichter brannten, aber es wirkte trotzdem alles wie dunkel.
Woldemar war ein wenig befangen, Dubslav auch. Und nun wollte Armgard
dem Alten die Hand küssen. Aber das gab diesem seinen Ton und seine
gute Laune wieder: »Umgekehrt wird ein Schuh draus.«

»Und zuletzt ein Pantoffel,« lachte Melusine.



Siebenundzwanzigstes Kapitel


»Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu,« sagte sich Dubslav still
in seinem alten Herzen, als er jetzt Melusine den Arm bot, um sie vom
Flur her in den Salon zu führen. »So müssen Weiber sein.«

Auch Adelheid mühte sich, Entgegenkommen zu zeigen, aber sie war wie
gelähmt. Das Leichte, das Heitre, das Sprunghafte, das die junge Gräfin
in jedem Wort zeigte, das alles war ihr eine fremde Welt, und daß ihr
eine innere Stimme dabei beständig zuraunte: »Ja, dies Leichte, das
du nicht hast, das ist das Leben, und das Schwere, das du hast, das
ist eben das Gegenteil davon,« -- das verdroß sie. Denn trotzdem sie
beständig Demut predigte, hatte sie doch nicht gelernt, sich in Demut
zu überwinden. So war denn alles, was über ihre Lippen kam, mehr oder
weniger verzerrt, ein Versuch zu Freundlichkeiten, die schließlich
in Herbigkeiten ausliefen. Lorenzen, der erschienen war, half nach
Möglichkeit aus, aber er war kein Damenmann, noch weniger ein Causeur,
und so kam es denn, daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem
Oberförster aufblickte, trotzdem er doch seit Mittag wußte, daß er
nicht kommen würde. Das jüngste Töchterchen war nämlich gestorben und
sollte den andern Tag schon auf einem kleinen, von Weihnachtsbäumen
umstellten Privatfriedhofe, den sich Katzler zwischen Garten und Wald
angelegt hatte, begraben werden. Es war das vierte Töchterchen in der
Reihe; jede lag in einer Art Gartenbeet und hatte, wie ein Samenkorn,
dessen Aufgehen man erwartet, ein Holztäfelchen neben sich, drauf der
Name stand. Als Dubslavs Einladung eingetroffen war, war Ermyntrud, wie
gewöhnlich, in Katzler gedrungen, der Einladung zu folgen. »Ich wünsche
nicht, daß du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst, auch
heute nicht, trotz des Ernstes der Stunde. Gesellschaftlichkeiten
sind auch Pflichten. Und die Barbyschen Damen -- ich erinnere mich
der Familie -- werden gerade wegen der Trauer, in der wir stehn, in
deinem Erscheinen eine besondere Freundlichkeit sehen. Und das ist
genau das, was ich wünsche. Denn die Komtesse wird über kurz oder
lang unsre nächste Nachbarin sein.« Aber Katzler war fest geblieben
und hatte betont, daß es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten und
daß er durchaus wünsche, daß dies gezeigt werde. Der Prinzessin Auge
hatte während dieser Worte hoheitsvoll auf Katzler geruht, mit einem
Ausdruck, der sagen zu wollen schien: »Ich weiß, daß ich meine Hand
keinem Unwürdigen gereicht habe.«

Katzler also fehlte. Doch auch Koseleger, trotz seiner Zusage, war
noch nicht da, so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam, sich den
Quaden-Hennersdorfer, aus dem er sich eigentlich nichts machte,
herbeizuwünschen. Endlich aber fuhr Koseleger vor, sein etwas
verspätetes Kommen mit Dienstlichkeiten entschuldigend. Unmittelbar
danach ging man zu Tisch, und ein Gespräch leitete sich ein. Zunächst
wurde von der Nordbahn gesprochen, die, seit der neuen Kopenhagener
Linie, den ihr von früher her anhaftenden Schreckensnamen siegreich
überwunden habe. Jetzt heiße sie die »Apfelsinenbahn,« was doch kaum
noch übertroffen werden könne. Dann lenkte man auf den alten Grafen und
seine Besitzungen im Graubündischen über, endlich aber auf den langen
Aufenthalt der Familie drüben in England, wo beide Töchter geboren
seien.

Dies Gespräch war noch lange nicht erledigt, als man sich von Tisch
erhob, und so kam es, daß sich das Plaudern über eben dasselbe Thema
beim Kaffee, der im Gartensalon und zwar in einem Halbzirkel um
den Kamin herum eingenommen wurde, fortsetzte. Dubslav sprach sein
Bedauern aus, daß ihn in seiner Jugend der Dienst und später die
Verhältnisse daran gehindert hätten, England kennen zu lernen; es sei
nun doch mal das vorbildliche Land, eigentlich für alle Parteien,
auch für die Konservativen, die dort ihr Ideal mindestens ebensogut
verwirklicht fänden wie die Liberalen. Lorenzen stimmte lebhaft
zu, während andrerseits die Domina ziemlich deutliche Zeichen von
Ungeduld gab. England war ihr kein erfreuliches Gesprächsthema, was
selbstverständlich ihren Bruder nicht hinderte, dabei zu verharren.

»Ich möchte mich,« fuhr Dubslav fort, »in dieser Angelegenheit an
unsern Herrn Superintendenten wenden dürfen. Waren Sie drüben?«

»Leider nein, Herr von Stechlin, ich war nicht drüben, sehr zu meinem
Bedauern. Und ich hätt es so leicht haben können. Aber es ist immer
wieder die alte Geschichte: was man in ein paar Stunden und mitunter
in ein paar Minuten erreichen kann, das verschiebt man, eben weil es
so nah ist, und mit einemmal ist es zu spät. Ich war Jahr und Tag
im Haag, und von da nach Dover hinüber war nicht viel mehr als nach
Potsdam. Trotzdem unterblieb es, oder richtiger gerade deshalb. Daß ich
den Tunnel oder den Tower nicht gesehn, das könnt ich mir verzeihn.
Aber das Leben drüben! Wenn irgendwo das viel zitierte Wort von dem
›in einem Tag mehr gewinnen, als in des Jahres Einerlei‹ hinpaßt,
so da drüben. Alles modern und zugleich alles alt, eingewurzelt,
stabilisiert. Es steht einzig da; mehr als irgendein andres Land ist es
ein Produkt der Zivilisation, so sehr, daß die Neigungen der Menschen
kaum noch dem Gesetze der Natur folgen, sondern nur noch dem einer
verfeinerten Sitte.«

Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und mehr unangenehm berührt,
besonders als sie sah, daß Melusine zu dem, was Koseleger ausführte,
beständig zustimmend nickte. Schließlich wurd es ihr zu viel. »Alles,
was ich da so höre,« sagte sie, »kann mich für dieses Volk nicht
einnehmen, und weil sie rundum von Wasser umgeben sind, ist alles so
kalt und feucht und die Frauen, bis in die höchsten Stände hinauf,
sind beinah immer in einem Zustand, den ich hier nicht bei Namen
nennen mag. So wenigstens hat man mir erzählt. Und wenn es dann neblig
ist, dann kriegen sie das, was sie den Spleen nennen, und fallen zu
Hunderten ins Wasser, und keiner weiß, wo sie geblieben sind. Denn, wie
mir unser Rentmeister Fix, der drüben war, aufs Wort versichert hat,
sie stehen in keinem Buch und haben auch nicht einmal das, was wir
Einwohnermeldeamt nennen, so daß man beinah sagen kann, sie sind so
gut wie gar nicht da. Und wie sie kochen und braten! Alles fast noch
blutig, besonders das, was wir hier ›englische Beefsteaks‹ nennen. Und
kann auch nicht anders sein, weil sie so viel mit Wilden umgehn und gar
keine Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung anzuschließen.«

Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke. Die Domina
aber sah nichts davon und fuhr unentwegt fort: »Fix ist ein guter
Beobachter, auch von Sittenzuständen, und einer ihrer Könige, worüber
ich auch schon als Mädchen einen Aufsatz machen mußte, hat fünf Frauen
gehabt, meist Hofdamen. Und eine hat er köpfen lassen, und eine hat
er wieder nach Hause geschickt. Und war noch dazu eine Deutsche. Und
sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben, weil mal ein
Krieg war, drin sie sich umschichtig enthaupteten, und als alle weg
waren, haben sie gewöhnliche Leute rangezogen und ihnen die alten Namen
gegeben, und wenn man denkt, es ist ein Graf, so ist es ein Bäcker oder
höchstens ein Bierbrauer. Aber viel Geld sollen sie haben, und ihre
Schiffe sollen gut sein und dauerhaft und auch sehr sauber, fast schon
wie holländisch; aber in ihrem Glauben sind sie zersplittert und fangen
auch schon wieder an katholisch zu werden.«

Der alte Dubslav, als die Schwester mit ihrem Vortrag über England
einsetzte, hatte sich mit einem »Schicksal, nimm deinen Lauf« sofort
resigniert. Woldemar aber war immer wieder und wieder bemüht gewesen,
einen Themawechsel eintreten zu lassen, worin er vielleicht auch
reüssiert hätte, wenn nicht Koseleger gewesen wäre. Dieser -- entweder
weil er als ästhetischer Feinschmecker an Adelheids Auslassungen ein
aufrichtiges Gefallen fand, oder aber weil er die von ihm selbst
angeregte Frage hinsichtlich »Natur und Sitte« (die sein Steckenpferd
war) gern weiterspinnen wollte -- hielt an England fest und sagte:
»Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn, daß gerade der mitunter
schon an den Wilden grenzende Naturmensch drüben in vollster Blüte
steht. Und ich will das auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber
daneben begegnen wir einem Lebens- und Gesellschaftsraffinement, das
ich, trotz manchem Anfechtbaren, als einen höchsten Kulturausdruck
bezeichnen muß. Ich erinnere mich unter anderm eines gerade damals
geführten Prozesses, über den ich, als ich im Haag lebte, meiner
kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte (High life-Prozesse
gingen ihr über alles), und der Gegenstand, um den sich's dabei
handelte, war so recht der Ausdruck eines verfeinerten oder meinetwegen
auch überfeinerten Kulturlebens. So recht das Gegenteil von bloßem
Naturburschentum. Es ist freilich eine ziemlich lange Geschichte ...«

»Schade,« sagte Dubslav. »Aber trotzdem, -- wenn überhaupt
erzählbar ...«

»O, gewiß, gewiß; das denkbar Harmloseste ...«

»Nun denn, lieber Superintendent, wenn wirklich so harmlos, so mach
ich mich ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiß neugierigen Damen,
meine Schwester, die Domina, mit eingeschlossen. Wie war es? Wie
verlief die Geschichte, für die sich eine kaiserliche Hoheit so lebhaft
interessieren konnte?«

»Nun, wenn es denn sein soll,« nahm Koseleger langsam und wie bloß
einer Pression nachgebend das Wort, »es lebte da zu jener Zeit eine
schöne Herzogin in London, die's nicht ertragen konnte, daß die Jahre
nicht spurlos an ihr vorübergehen wollten; Fältchen und Krähenfüße
zeigten sich. In dieser Bedrängnis hörte sie von ungefähr von einer
›plastischen Künstlerin‹, die durch Auftrag einer Wachspaste die Jugend
wiederherzustellen wisse. Diese Künstlerin wurde gerufen, und die
Wiederherstellung gelang auch. Aber nun traf eines Tages die Rechnung
ein, ›die Bill‹, wie sie da drüben sagen. Es war eine Summe, vor der
selbst eine Herzogin erschrecken durfte. Und da die Künstlerin auf
ihrer Forderung beharrte, so kam es zu dem angedeuteten Prozeß, der
sich alsbald zu einer ~cause célèbre~ gestaltete.«

»Sehr begreiflich,« versicherte Dubslav, und Melusine stimmte zu.

»Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung auf, und als
Sachverständige wurden zuletzt auch Konkurrentinnen auf diesem
Spezialgebiete der ›plastischen Kunst‹ vernommen. Alle fanden
die Forderung erheblich zu hoch, und der Sieg schien sich rasch
der Herzogin zuneigen zu wollen. Aber in eben diesem Augenblicke
trat die sich arg bedrängt sehende Künstlerin an den Vorsitzenden
des Gerichtshofes heran und bat ihn, an die erschienenen
Fachgenossinnen einfach die Frage nach der Dauer der durch ihre Kunst
wiederhergestellten Jugend und Schönheit richten zu wollen, eine Bitte,
der der Oberrichter auch sofort nachkam. Was darauf geantwortet wurde,
lautete hinsichtlich der Dauer sehr verschieden. Als aber, trotz der
Verschiedenheit dieser Angaben, keine der Konkurrentinnen mehr als
ein Vierteljahr zu garantieren wagte, wandte sich die Verklagte ruhig
an den hohen Gerichtshof und sagte nicht ohne Würde: ›Meine Herren
Richter: meine Mitkünstlerinnen, wie Sie soeben vernommen haben, helfen
auf +Zeit+; was ich leiste, ist, ›~beautifying for ever~‹.‹ Und alles
war von diesem Worte hingerissen, der hohe Gerichtshof mit, und die
Herzogin hatte die Riesensumme zu zahlen.«

»Und wäre dergleichen hierlandes möglich?« fragte Melusine.

»Ganz unmöglich,« erwiderte der für alles Fremde schwärmende Koseleger.
»Es kann hier einfach deshalb nicht vorkommen, weil uns der dazu nötige
höhere Kulturzustand und die dementsprechende Anschauung fehlt. In
unserm guten Preußen, und nun gar erst in unsrer Mark, sieht man in
einem derartigen Hergange nur das Karikierte, günstigstenfalls das
Groteske, nicht aber jenes Hochmaß gesellschaftlicher Verfeinerung, aus
dem allein sich solche Dinge, die man im übrigen um ihres Raffinements
willen belächeln oder verurteilen mag, entwickeln können.«

Die meisten waren einverstanden, allen voraus Dubslav, dem dergleichen
immer einleuchtete, während die Domina von »Horreur« sprach und
sichtlich unmutig den Kopf hin und her bewegte. Woldemar erneute
natürlich seine Versuche, die der Tante so mißfällige Konversation
auf andres überzulenken, bei welcher Gelegenheit er nach dem Berühren
verschiedenster Themata zuletzt auch auf den Coventgardenmarkt und den
englischen Gemüsebau zu sprechen kam. Das paßte der Domina.

»Ja, Gemüsebau,« sagte sie, »das ist eine wunderbare Sache, daran
hat man eine wirkliche Freude. Kloster Wutz ist eigentlich eine
Gartengegend; unser Spargel ist denn auch weit und breit der beste,
und meine gute Schmargendorf hat Artischocken gezogen so groß wie ne
Sonnenblume. Freilich, es will sie keiner so recht, und alle sagen
immer: ›es dauert so lange, wenn man so jedes Blatt nehmen muß, und
eigentlich hat man nichts davon, auch wenn die Sauce noch so dick ist.‹
Viel mehr Glück hat unsre alte Schimonski mit ihren großen Erdbeeren --
ich meine natürlich nicht die Schimonski selber; sie selber kann gar
nichts, aber sie hat eine sehr geschickte Person -- und ein Berliner
Händler kauft ihr alles ab, bloß daß die Schnecken oft die Hälfte jeder
Erdbeere wegfressen. Man sollte nicht glauben, daß solche Tiere solchen
feinen Geschmack haben. Aber wenn es wegen der Schnecken auch unsicher
ist, Dubslav, du solltest solche Zucht doch auch versuchen. Wenn es
einschlägt, ist es sehr vorteilhaft. Die Schimonski wenigstens hat mehr
davon als von ihren Hühnern, trotzdem sie gut legen. Denn mal sind sie
billig, die Eier, und dann wieder verderben sie, und die schlechten
werden einem berechnet und abgezogen, und die Streiterei nimmt kein
Ende.«

Kurz vor elf brach das Gespräch ab, und man zog sich zurück. Der alte
Dubslav ließ es sich nicht nehmen, die Damen persönlich treppauf
bis an ihre Zimmer zu führen und sich da unter Handkuß von ihnen zu
verabschieden. Es waren dieselben zwei Räume, die vor gerad einem
Vierteljahr Rex und Czako bewohnt hatten, das größere Zimmer jetzt für
Melusine, das kleinere für Armgard bestimmt. Aber als nun beide vor
ihren Reisetaschen standen und sich oberflächlich daran zu tun machten,
sagte Melusine: »Dies Himmelbett ist also für mich. Wenn es dir gleich
ist, beziehe du lieber dies Ehrenlager und lasse mir das kleine
Schlafzimmer. Zusammen sind wir ja doch; die Tür steht auf.«

»Ja, Melusine, wenn du's durchaus wünscht, dann natürlich. Aber ich
verstehe dich nicht recht. Man will dich auszeichnen, und wenn du das
ablehnst, so kann es auffallen. Man muß doch in einem Hause, wo man
noch halb fremd ist, alles so tun, wie's gewünscht wird.«

Melusine ging auf die Schwester zu, sah sie halb verlegen, halb
schelmisch an und sagte: »Natürlich hast du recht. Aber ich bitte dich
trotzdem darum. Und es braucht es ja auch keiner zu merken. Direkte
Kontrolle wird ja wohl ausgeschlossen sein, und ich mache keine tiefere
Kute wie du.«

»Gut, gut,« lachte Armgard. »Aber sage, was soll das alles? Du bist
doch sonst so leichtlebig. Und wenn es dir hier in dem ersten Zimmer,
weil es so nah an der scharfen Flurecke liegt, wirklich etwas ängstlich
zumute sein sollte, nun, so können wir ja zuriegeln.«

»Das hilft nichts, Armgard. In solchen alten Schlössern gibt es immer
Tapetentüren. Und was +das+ hier angeht,« und sie wies dabei auf das
Bett, »alle Spukgeschichten sind immer gerad in Himmelbetten passiert;
ich habe noch nie gehört, daß Gespenster an eine Birkenmaserbettstelle
herangetreten wären. Und hast du nicht unten den ~mistle-toe~ gesehn?
Mistelbusch ist auch noch so Überbleibsel aus heidnischer Zeit her,
bei den alten Deutschen gewiß und bei den Wenden wohl auch, für den
Fall, daß die Stechlins wirkliche Wenden sind. Wenn ich Tante Adelheid
ansehe, glaub ich es beinah. Und wie sie von den Hühnern sprach und den
Eiern. Alles so wendisch. Ich glaube ja nicht eigentlich an Gespenster,
wiewohl ich auch nicht ganz dagegen bin, aber wie dem auch sein möge,
wenn ich mir denke, Tante Adelheid erschiene mir hier und brächte mir
eine Erdbeere, die die Schnecken schon angeknabbert haben, so wäre das
mein Tod.«

Armgard lachte.

»Ja, du lachst, aber hast du denn die Augen von ihr gesehn? Und hast du
ihre Stimme gehört? Und die Stimme, wie du doch weißt, ist die Seele.«

»Gewiß. Aber, Seele oder nicht, sie kann dir doch nichts tun mit ihrer
Stimme und dir auch nicht erscheinen. Und wenn sie trotzdem kommt, nun,
so rufst du mich.«

»Am liebsten wär es mir, du bliebst gleich bei mir.«

»Aber Melusine ...«

»Nun gut, nun gut. Ich sehe wohl ein, daß das nicht gut geht. Aber
was anders! Ich habe da vorhin eine Bibel oder vielleicht auch bloß
ein Gesangbuch liegen sehn, da auf dem Brettchen, wo die kleine Puppe
steht. Beiläufig auch was Sonderbares, diese Puppe. Bitte, nimm die
Bibel von der Etagere fort und lege sie mir hier auf den Nachttisch.
Und das Licht laß brennen. Und wenn du im Bett liegst, sprich immerzu,
bis ich einschlafe.«



Achtundzwanzigstes Kapitel


Am andern Morgen traf man sich beim Frühstück. Es war ziemlich
spät geworden, ohne daß Dubslav, wie das sonst wohl auf dem Lande
Gewohnheit ist, ungeduldig geworden wäre. Nicht dasselbe ließ sich
von Tante Adelheid sagen. »Ich finde das lange Wartenlassen nicht
gerade passend, am wenigsten Personen gegenüber, denen man Respekt
bezeigen will. Oder geh ich vielleicht zu weit, wenn ich hier von
Respektbezeigung spreche?« So hatte sich Adelheid zu Dubslav geäußert.
Als nun aber die Barbyschen Damen wirklich erschienen, bezwang sich die
Domina und stellte all die Fragen, die man an solchem Begrüßungsmorgen
zu stellen pflegt. In aller Unbefangenheit antworteten die Schwestern,
am unbefangensten Melusine, die bei der Gelegenheit dem alten Dubslav
erzählte, daß sie nicht umhin gekonnt hätte, sich die Bibel an ihr Bett
zu legen.

»Und mit der Absicht, drin zu lesen?«

»Beinah. Aber es wurde nichts daraus. Armgard plauderte so viel,
freilich auf meinen Wunsch. Ich hörte von der Treppe her immer die
Uhr schlagen und las dabei beständig das Wort ›Museum‹. Aber das war
natürlich schon im Traum. Ich schlief schon ganz fest. Und heute früh
bin ich wie der Fisch im Wasser.«

Dubslav hätte dies gern bestätigt, dabei nach einem Spezialfisch
suchend, der so recht zum Vergleich für Melusine gepaßt hätte. Die
Blicke seiner Schwester aber, die zu fragen schienen »hast du gehört?«
ließen ihn wieder davon abstehn, und nachdem noch einiges über den
großen Oberflur und seine Bilder und Schränke gesprochen worden war,
wurde, genau wie vor einem Vierteljahr, wo Rex und Czako zu Besuch
da waren, ein Programm verabredet, das dem damaligen sehr ähnlich
sah: Aussichtsturm, See, Globsow; dann auf dem Rückwege die Kirche,
vielleicht auch Krippenstapel. Und zuletzt das »Museum«. Aber manches
davon war unsicher und hing vom Wetter ab. Nur den See wollte man
unter allen Umständen sehn. Engelke wurde beauftragt, mit Plaids und
Decken vorauszugehn und ein paar Leute zum Wegschaufeln des Schnees
mitzunehmen, lediglich für den Fall, daß die Damen vielleicht Lust
bezeigen sollten, die Sprudel- und Trichterstelle genauer zu studieren.
»Und wenn wir auf unserm Hofe keine Leute haben, so geh ins Schulzenamt
und bitte Rolf Krake, daß er aushilft.«

Melusine, die dieser Befehlserteilung zugehört hatte, war überrascht,
in einem märkischen Dorfe dem Namen »Rolf Krake« zu begegnen, und
erfuhr denn auch alsbald den Zusammenhang der Dinge. Sie war ganz
enchantiert davon und sagte: »Das ist hübsch. Aller aufgesteifter
Patriotismus ist mir ein Greuel, aber wenn er diese Formen annimmt und
sich in Humor und selbst in Ironie kleidet, dann ist er das Beste,
was man haben kann. Ein Mann, der solchen Beinamen hat, der lebt, der
ist in sich eine Geschichte.« Dubslav küßte ihr die Hand, Adelheid
aber wandte sich demonstrativ ab; sie wollte nicht Zeuge dieser ewigen
Huldigungen sein. »Wenn man ein alter Major ist, ist man eben ein alter
Major und nicht ein junger Leutnant. Dubslav ist zwanzig, aber zwanzig
Jahr a. D.«

Es war gegen zehn, als man aufbrach, um zunächst auf den Aussichtsturm
zu steigen, und nachdem man von der obersten Etage her die
Waldlandschaft, die sich auch in ihrem Schneeschmuck wundervoll
ausnahm, gebührend bewundert und dann den Abstieg glücklich
bewerkstelligt hatte, passierte man den Schloßhof mit der Glaskugel,
um über den Dorfplatz fort in die nach dem See hinunterführende große
Straße einzubiegen. Auf dem Dorfplatze war alles winterlich still, nur
vor dem Kruge standen drei Menschen: Engelke, der die Schneeschipper
vorausgeschickt hatte, mit seinen Plaids über dem Arm, neben ihm
Schulze Kluckhuhn und neben diesem Gendarm Uncke, das Karabinergewehr
über die Schulter gehängt.

»Da treffen wir ja die ganze hohe Obrigkeit,« sagte Dubslav. »Engelke
kann ich auch mitrechnen, der regiert mich, is also eigentlich die
Feudalitätsspitze.«

Während dieser Worte waren die Herrschaften an die Gruppe herangetreten.

»Freut mich, daß ich Sie treffe, Kluckhuhn. Ich denke, Sie begleiten
uns ... Frau Gräfin, darf ich Ihnen hier unsern Dorfherrscher
vorstellen? Schulze Kluckhuhn, alter Vierundsechziger.«

Und nun ordnete sich der Zug. Dubslav und Uncke schlossen ab, Woldemar,
Armgard und Tante Adelheid hielten die Mitte; Melusine schritt voran,
Rolf Krake neben ihr.

»Ich bin froh,« sagte Melusine, »Sie bei dieser Partie mit dabei zu
sehn. Der alte Herr von Stechlin hat mir schon von Ihnen erzählt, und
daß Sie vierundsechzig mit dabei gewesen. Und ich weiß auch Ihren
Namen; das heißt den zweiten. Und ich darf sagen, ich freue mich immer,
wenn ich so was Hübsches höre.«

»Ach, Rolf Krake,« lachte Kluckhuhn. »Ja, Frau Gräfin, wer den Schaden
hat, darf für den Spott nicht sorgen. Das heißt, von ›Schaden‹ darf ich
eigentlich nicht reden, den hab ich nicht so recht davon gehabt; ich
bin nicht mal angeschossen worden. Und doch is so was billig, wenn's
erst losgeht.«

»Ja, Schulze Kluckhuhn, unsereinem ist so was leider immer verschlossen
oder, wie die Leute hier sagen, verpurrt. Und doch ist das das
eigentliche Leben. So immer bloß einsitzen und ein bißchen Charpie
zupfen, das ist gar nichts. Mit dabei sein, das macht glücklich. Es war
aber trotzdem wohl ein eigenes Gefühl, als Sie da so von Düppel nach
Alsen rüberfuhren und das unheimliche Schiff, der Rolf Krake, so dicht
daneben lag.«

»Ja, das war es, Frau Gräfin, ein ganz eigenes Gefühl. Und mitunter
erscheint mir der Rolf Krake noch im Traum. Und is auch nicht zu
verwundern. Denn Rolf Krake war wie ein richtiges Gespenst. Und wenn
solch Gespenst einen packt, ja, da ist man weg ... Und dabei bleib ich,
Frau Gräfin, sechsundsechzig war nicht viel und siebzig war auch nicht
viel.«

»Aber die großen Verluste ...«

»Ja, die Verluste waren groß, das ist richtig. Aber Verluste, Frau
Gräfin, das is eigentlich gar nichts. Natürlich wen es trifft, für den
is es was. Aber ich meine jetzt das, was man dabei so das Moralische
nennt; und darauf kommt es an, nicht auf die Verluste, nicht auf viel
oder wenig. Wenn einer eine Böschung raufklettert und nu steht er oben
und schleicht sich ran, immer mit nem Pulversack und nem Zünder in der
Hand, und nu legt er an, und nu fliegt alles in die Luft und er mit.
Und nu ist die Festung oder die Schanze offen. Ja, Frau Gräfin, das ist
was. Und das hat unser Pionier Klinke getan. Der war moralisch. Ich
weiß nicht, ob Frau Gräfin mal von ihm gehört haben, aber dafür leb
ich und sterb ich: immer bloß das Kleine, da zeigt sich's, was einer
kann. Wenn ein Bataillon ran muß un ich stecke mitten drin, ja, was
will ich da machen? Da muß ich mit. Und baff, da lieg ich. Und nu bin
ich ein Held. Aber eigentlich bin ich keiner. Es ist alles bloß ›Muß‹,
und solche Mußhelden gibt es viele. Das is, was ich die großen Kriege
nenne. Klinke mit seinem Pulversack, ja, der war bloß was Kleines, aber
er war doch groß. Und ebenso (wenn er auch unser Feind war) dieser Rolf
Krake.«

So ging historisch-retrospektiv das Gespräch an der Tete, während
Dubslav und Uncke, die den Zug abschlossen, mit ihrem Thema mehr in der
Gegenwart standen.

»Is mir lieb, Uncke, Sie mal wieder zu treffen. Seit Rheinsberg hab
ich Sie nicht mehr gesehn. Ich denke mir, Torgelow is nu wohl schon
im besten Gange. So wie Bebel. Ich kriege natürlich jeden Tag meine
Zeitung, aber es is mir immer zu viel und das große Format und das
dünne Papier. Da kuck ich denn nich immer ganz genau zu. Hat er denn
schon gesprochen?«

»Ja, Herr Major, gesprochen hat er schon. Aber nich viel. Un war auch
kein rechter Beifall. Auch nich mal bei seinen eignen Leuten.«

»Er wird wohl die Sache noch nicht recht weghaben. Ich meine das, was
sie jetzt das Parlamentarische nennen. Das schad't aber nichts und ist
eigentlich egal. Wichtiger is, wie sie hier in unserm Ruppiner Winkel,
in unserm Rheinsberg-Wutz über ihn denken. Sind sie denn da mit ihm
zufrieden?«

»Auch nicht, Herr Major. Sie sagen, er sei zweideutig.«

»Ja, Uncke, so heißt es überall. Das is nu mal so, das is nicht zu
ändern. In Frankreich heißt es immer gleich ›Verrat‹, und hier sagen
sie ›zweideutig‹. Da war auch einer von uns, den ich nicht nennen will,
von dem hieß es auch so ...«

»Von dem hieß es auch so. Ja, Herr Major. Und Pyterke, der immer gut
Bescheid weiß, der sagte mir schon damals in Rheinsberg: ›Uncke,
glauben Sie mir, da hat sich der Herr Major eine Schlange an seinem
Busen großgezogen.‹«

»Kann ich mir denken; klingt ganz nach Pyterke. Der spricht immer so
gebildet. Aber is es auch richtig?«

»Is schon richtig, Herr Major. Herr Major denken immer das Gute von nem
Menschen, weil Sie so viel zu Hause sitzen und selber so sind. Aber
wer so rum kommt wie ich. Alle lügen sie. Was sie meinen, das sagen
sie nich, und was sie sagen, das meinen sie nich. Is kein Verlaß mehr;
alles zweideutig.«

»Ja, so rund raus, Uncke, das war früher, aber das geht jetzt nicht
mehr. Man darf keinem so alles auf die Nase binden. Das is eben, was
sie jetzt ›politisches Leben‹ nennen.«

»Ach, Herr Major, das mein ich ja gar nicht. Das Politische ... Jott,
wenn einer sich ins Politische zweideutig macht, na, dann muß ich ihn
anzeigen, das is Dienst. Darum gräm ich mich aber nich. Aber was nich
Dienst is, was man so bloß noch nebenbei sieht, das kann einen mitunter
leid tun. So bloß als Mensch.«

»Aber, lieber Uncke, was is denn eigentlich los? Wenn man Sie so hört,
da sollte man ja wahrhaftig glauben, es ginge zu Ende ... Nu ja, in
der Welt draußen, da klappt nich immer alles. Aber so im Schoß der
Familie ...«

»Jott, Herr Major, das is es ja eben. In diesem Schoß der Familie, da
is es ja gerad am schlimmsten. Und sogar in dem jüdischen Schoß, der
doch immer noch der beste war.«

»Beispiele, Uncke, Beispiele.«

»Da haben wir nu hier, um bloß ein Beispiel zu geben, unsern guten
alten Baruch Hirschfeld in Gransee. Frommer alter Jude ...«

»Kenn ich. Kenn ich ganz gut, beinah zu gut. Nu, der hat nen Sohn, und
mit dem is er mitunter verschiedner Meinung. Aber dagegen is doch nicht
viel zu sagen; das is in der ganzen Welt so. Der Alte hängt noch am
Alten, und der Junge, nu, der is eben ein Jungscher und bramarbasiert
ein bißchen. Ich weiß nicht recht, zu welcher Partei er sich hält, er
wird aber wohl für Torgelow gestimmt haben. Nu, mein Gott, warum nicht?
Das tun jetzt viele. Daran muß man sich gewöhnen. Das is eben das
Politische.«

»Nein, Herr Major. Herr Major wollen verzeihn, aber bei diesem Isidor
is es nicht das Politische. Komme ja jeden dritten Tag hin und seh den
Alten in seinem Laden und höre, was er da red't und red't. Und der
Junge red't auch und red't immer vons ›Prinzip‹. Das Prinzip is ihm
aber egal. Er will bloß mogeln und den Alten an die Wand drücken. Und
das ist das, was ich das Zweideutige nenne.«

       *       *       *       *       *

Armgard, Woldemar und Tante Adelheid hatten die Mitte genommen. Als
sie bis in die Nähe der Seespitze gekommen waren, immer unter einem
verschneiten Buchen- und Eichengange hin, wurden sie durch ein Geräusch
wie von brechenden kleinen Ästen aufmerksam gemacht, und ihr Auge nach
oben richtend, gewahrten sie, wie zwei Eichhörnchen über ihnen spielten
und in beständigem Sichhaschen von Baum zu Baum sprangen. Die Zweige
knickten, und der Schnee stäubte hernieder. Armgard mochte sich von
dem Schauspiel nicht trennen, lachte, wenn die momentan verschwundenen
Tierchen mit einem Male wieder zum Vorschein kamen, und gab ihre
Beobachtung erst auf, als die Domina, nicht direkt unfreundlich,
aber doch ziemlich ungeduldig und jedenfalls wie gelangweilt, zu ihr
bemerkte: »Ja, Komtesse, die springen; es sind eben Eichhörnchen.«
Einige Minuten später hatten alle die Bank erreicht, von der aus
man den besten Blick auf den zugefrorenen See hatte. Das Eis zeigte
sich hoch mit Schnee bedeckt, aber in seiner Mitte war doch schon
eine gefegte Stelle, zu der vom Ufer her eine schmale, gleichfalls
freigeschaufelte Straße hinüberführte. Engelke legte die Decken über
die Bank, und die Damen, die von dem halbstündigen und zuletzt etwas
ansteigenden Wege müde geworden waren, nahmen alle drei Platz, während
sich Rolf Krake und Uncke wie Schildhalter zu beiden Seiten der Bank
aufstellten. Dubslav dagegen plazierte sich in Front und machte,
während er einen landläufigen Führerton anschlug, den Cicerone. »Hab
die Ehr, Ihnen hier die große Sehenswürdigkeit von Dorf und Schloß
Stechlin zu präsentieren, unsern See, +meinen+ See, wenn Sie mir das
Wort gestatten wollen. Alle möglichen berühmten Naturforscher waren
hier und haben sich höchst schmeichelhaft über den See geäußert. Immer
hieß es: ›es stehe wissenschaftlich fest.‹ Und das ist jetzt das
Höchste. Früher sagte man: ›es steht in den Akten‹. Ich lasse dabei
dahingestellt sein, wovor man sich tiefer verbeugen muß.«

»Ja,« sagte Melusine, »das ist nun also der große Moment. Orientiert
bin ich. Aber wie das mit allem Großen geht, ich empfinde doch auch
etwas von Enttäuschung.«

»Das ist, weil wir Winter haben, gnädigste Gräfin. Wenn Sie die offene
Seefläche vor sich hätten und in der Vorstellung stünden: ›jetzt
bildet sich der Trichter und jetzt steigt es herauf‹, so würden Sie
mutmaßlich nichts von Enttäuschung empfinden. Aber jetzt! Das Eis macht
still und duckt das Revolutionäre. Da kann selbst unser Uncke nichts
notieren. Nicht wahr, Uncke?«

Uncke schmunzelte.

»Im übrigen seh ich zu meiner Freude -- und das verdanken wir wieder
unserm guten Kluckhuhn, der an alles denkt und alles vorsieht --, daß
die Schneeschipper auch ein paar ihrer Pickäxte mitgebracht haben.
Ich taxiere das Eis auf nicht dicker als zwei Fuß, und wenn sich die
Leute dran machen, so haben wir in zehn Minuten eine große Lune, und
der Hahn, wenn er nur sonst Lust hat, kommt aus seiner Tiefe herauf.
Befehlen Frau Gräfin?«

»Um Gottes willen, nein. Ich bin sehr für solche Geschichten und bin
glücklich, daß die Familie Stechlin diesen See hat. Aber ich bin
zugleich auch abergläubisch und mag kein Eingreifen ins Elementare.
Die Natur hat jetzt den See überdeckt; da werd ich mich also hüten,
irgendwas ändern zu wollen. Ich würde glauben, eine Hand führe heraus
und packte mich.«

Adelheid war bei diesen Worten immer gerader und länger geworden und
rückte mit Ostentation von Melusine weg, mehr der Banklehne zu, wo,
halb wie das gute Gewissen, halb wie die göttliche Weltordnung, Uncke
stand und durch seine bloße Gegenwart den Gemütszustand der Domina
wieder beschwichtigte. Nur von Zeit zu Zeit sah sie fragend, forschend
und vorwurfsvoll auf ihren Bruder.

Dieser wußte genau, was in seiner Schwester Seele vorging. Es
erheiterte ihn ungemein, aber es beunruhigte ihn doch auch. Wenn
diese Gefühle wuchsen, wohin sollte das führen? Die Möglichkeit einer
schrecklichen Szene, die sein Haus mit einer nicht zu tilgenden Blame
behaftet hätte, trat dabei vor seine Seele.

Der Himmel hatte aber ein Einsehn. Schon seit einer Viertelstunde
lag ein grauer Ton über der Landschaft, und plötzlich fielen Flocken,
erst vereinzelte, dann dicht und reichlich. Den Weg bis Globsow
fortzusetzen, daran war unter diesen Umständen gar nicht mehr zu
denken, und so brach man denn auf, um ins Schloß zurückzukehren.
Auch auf einen Besuch in der Kirche, weil es da zu kalt sei, wurde
verzichtet.



Neunundzwanzigstes Kapitel


Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden, aber doch nur bis
an die Dorfstraße. Hier teilte man sich in drei Gruppen, eine jede mit
verschiedenem Ziel: Dubslav, Tante Adelheid und Armgard gingen auf das
Herrenhaus, Uncke und Rolf Krake auf das Schulzenamt, Woldemar und
Melusine dagegen auf die Pfarre zu. Woldemar freilich nur bis an den
Vorgarten, wo er sich von Melusine verabschiedete.

Lorenzen, so lang er Woldemar und Melusine sich seiner Pfarre nähern
sah, hatte verlegen am Fenster gestanden, kam aber, als das Paar sich
draußen trennte, so ziemlich wieder zu sich. Er war nun schon so lange
jeder Damenunterhaltung entwöhnt, daß ihm ein Besuch wie der der Gräfin
zunächst nur Verlegenheit schaffen konnte; wenn's denn aber durchaus
sein mußte, so war ihm ein Tete-a-Tete mit ihr immer noch lieber,
als eine Plauderei zu dritt. Er ging ihr denn auch bis in den Flur
entgegen, war ihr hier beim Ablegen behilflich und sprach ihr -- weil
er jede Scheu rasch von sich abfallen fühlte -- ganz aufrichtig seine
Freude aus, sie in seiner Pfarre begrüßen zu dürfen. »Und nun bitt ich
Sie, Frau Gräfin, sich's unter meinen Büchern hier nach Möglichkeit
bequem machen zu wollen. Ich bin zwar auch Inhaber einer Putzstube,
mit einem dezenten Teppich und einem kalten Ofen; aber ich könnte das
gesundheitlich nicht verantworten. Hier haben wir wenigstens eine gute
Temperatur.«

»Die immer die Hauptsache bleibt. Ach, eine gute Temperatur!
Gesellschaftlich ist sie beinah alles und dabei leider doch so selten.
Ich kenne Häuser, wo, wenn Sie den Widersinn verzeihen wollen, der
kalte Ofen gar nicht ausgeht. Aber erlassen Sie mir gütigst den
Sofaplatz hier; ich fühle mich dazu noch nicht ›alte Dame‹ genug und
möcht auch gern ~en vue~ der beiden Bilder bleiben, trotzdem ich das
eine davon schon so gut wie kenne.«

»Die Kreuzabnahme?«

»Nein! das andre.«

»Die Lind also?«

»Ja.«

»So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie gesehn?«

»Auch das. Aber doch freilich erst seit ganz kurzem, während ich von
Ihrer Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten weiß. Das war auf einer
Dampfschiffahrt, die wir nach dem sogenannten Eierhäuschen machten,
und der Ausplauderer über das Bild da vor mir war niemand anders als
Ihr Zögling Woldemar, auf den Sie stolz sein können. Er freilich würde
den Satz umkehren, oder sage ich lieber, er tat es. Denn er sprach mit
solcher Liebe von Ihnen, daß ich Sie von jenem Tag an auch herzlich
liebe, was Sie sich schon gefallen lassen müssen. Ein Glück nur, daß
er sich draußen verabschiedet hat und nicht hören kann, was ich hier
sage ...«

Lorenzen lächelte.

»Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten. Aber da sie nun mal
gemacht sind und man nie weiß, wann und wie man wieder zusammenkommt,
so lassen Sie mich darin fortfahren. Woldemar erzählte mir -- Pardon
für meine Indiskretion -- von Ihrer Schwärmerei für die Lind. Und da
horchten wir denn auf und beneideten Sie fast. Nichts beneidenswerter
als eine Seele, die schwärmen kann. Schwärmen ist fliegen, eine
himmlische Bewegung nach oben.«

Lorenzen stutzte. Das war doch mehr als eine bloß liebenswürdige Dame
aus der Gesellschaft.

»Und um es kurz zu machen,« fuhr Melusine fort, »Woldemar sprach bei
dieser Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe« (und dabei wies sie
lächelnd auf das Bildchen der Lind) »so auch von Ihrer letzten -- nein,
nein, nicht von Ihrer letzten; +Sie+ werden immer eine neue finden --,
sprach also von Ihrer Begeisterung für den herrlichen Mann da weit
unten am Tajo, von Ihrer Begeisterung für den Joao de Deus. Und als er
ausgesprochen hatte, da haben wir uns alle, die wir zugegen waren, um
den ›~Un Santo~‹ geschart und einen geheimen Bund geschlossen. Erst
um den ›~Un Santo~‹ und zum zweiten um Sie selbst. Und nun frag ich
Sie, wollen Sie mittun in diesem unserm Bunde, der ohne sie gar nicht
existierte? Mir ist manches verquer gegangen. Aber ich bin, denk ich,
dem Tage nahe, der mich ahnen läßt, daß unsre Prüfungen auch unsre
Segnungen sind und daß mir alles Leid nur kam, um den Stab, der trägt
und stützt, fester zu umklammern. Ich darf leider nicht hinzusetzen,
daß dieser Stab (möglich, daß er sich einst dazu auswächst) das Kreuz
sei. Meiner ganzen Natur nach bin ich ungläubig. Aber ich hoffe sagen
zu dürfen: ich bin wenigstens demütig.«

»Wenigstens demütig,« wiederholte Lorenzen langsam, zugleich halb
verlegen vor sich hinblickend, und Melusine, die Zweifel, die sich
in der Wiederholung dieser Worte ziemlich deutlich aussprachen, mit
scharfem Ohre heraushörend, fuhr in plötzlich verändertem und beinah
heiterem Tone fort: »Wie grausam Sie sind. Aber Sie haben recht.
Demütig. Und daß ich mich dessen auch noch berühme. Wer ist demütig?
Wir alle sind im letzten doch eigentlich das Gegenteil davon. Aber das
darf ich sagen, ich habe den Willen dazu.«

»Und schon +der+ gilt, Frau Gräfin. Nur freilich ist Demut nicht genug;
sie schafft nicht, sie fördert nicht nach außen, sie belebt kaum.«

»Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern, weil sie mit dem
Egoismus aufräumt. Wer die Staffel hinauf will, muß eben von unten
an dienen. Und soviel bleibt, es birgt sich in ihr die Lösung jeder
Frage, die jetzt die Welt bewegt. Demütig sein heißt christlich sein,
christlich in meinem, vielleicht darf ich sagen in +unsrem+ Sinne.
Demut erschrickt vor dem zweierlei Maß. Wer demütig ist, der ist
duldsam, weil er weiß, wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf;
wer demütig ist, der sieht die Scheidewände fallen und erblickt den
Menschen im Menschen.«

»Ich kann Ihnen zustimmen,« lächelte Lorenzen. »Aber wenn ich, Frau
Gräfin, in Ihren Mienen richtig lese, so sind diese Bekenntnisse doch
nur Einleitung zu was andrem. Sie halten noch das Eigentliche zurück
und verbinden mit Ihrer Aussprache, so sonderbar es klingen mag, etwas
Spezielles und beinah Praktisches.«

»Und ich freue mich, daß Sie das herausgefühlt haben. Es ist so. Wir
kommen da eben von Ihrem Stechlin her, von Ihrem See, dem Besten,
was Sie hier haben. Ich habe mich dagegen gewehrt, als das Eis
aufgeschlagen werden sollte, denn alles Eingreifen oder auch nur
Einblicken in das, was sich verbirgt, erschreckt mich. Ich respektiere
das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies
Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles
Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das
Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir,
wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie
vergessen. Sich abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern
ist Tod. Es kommt darauf an, daß wir gerade +das+ beständig gegenwärtig
haben. Mein Vertrauen zu meinem Schwager ist unbegrenzt. Er hat einen
edeln Charakter, aber ich weiß nicht, ob er auch einen festen Charakter
hat. Er ist feinen Sinnes, und wer fein ist, ist oft bestimmbar. Er
ist auch nicht geistig bedeutend genug, um sich gegen abweichende
Meinungen, gegen Irrtümer und Standesvorurteile wehren zu können. Er
bedarf der Stütze. Diese Stütze sind Sie meinem Schwager Woldemar von
Jugend auf gewesen. Und um was ich jetzt bitte, das heißt: ›Seien Sie's
ferner.‹«

»Daß ich Ihnen sagen könnte, wie freudig ich in Ihren Dienst trete,
gnädigste Gräfin. Und ich kann es um so leichter, als Ihre Ideale, wie
Sie wissen, auch die meinigen sind. Ich lebe darin und empfind es als
eine Gnade, da, wo das Alte versagt, ganz in einem Neuen aufzugehn. Um
ein solches ›Neues‹ handelt es sich. Ob ein solches ›Neues‹ sein soll
(weil es sein muß), oder ob es +nicht+ sein soll, um diese Frage dreht
sich alles. Es gibt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher Leute,
die ganz ernsthaft glauben, das uns Überlieferte -- das Kirchliche
voran (leider nicht das Christliche) -- müsse verteidigt werden wie der
salomonische Tempel. In unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive
Neigung, alles ›Preußische‹ für eine höhere Kulturform zu halten.«

»Genau wie Sie sagen. Aber ich möchte doch, um der Gerechtigkeit
willen, die Frage stellen dürfen, ob dieser naive Glaube nicht eine
gewisse Berechtigung hat?«

»Er hatte sie mal. Aber das liegt zurück. Und kann nicht anders sein.
Der Hauptgegensatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin, daß die
Menschen nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden
Platz gestellt werden. Sie haben jetzt die Freiheit, ihre Fähigkeiten
nach allen Seiten hin und auf jedem Gebiete zu betätigen. Früher war
man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Leinenweber; jetzt
kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr sein.«

»Und beinah auch umgekehrt,« lachte Melusine. »Doch lassen wir
dies heikle Thema. Viel, viel lieber hör ich ein Wort von Ihnen
über den Wert unsrer Lebens- und Gesellschaftsformen, über unsre
Gesamtanschauungsweise, deren besondere Zulässigkeit Sie, wie mir
scheint, so nachdrücklich anzweifeln.«

»Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel nicht so
sehr den Dingen selbst, als dem Hochmaß des Glaubens daran. Daß man
all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes und Überlegenes und
deshalb, wenn's sein kann, für etwas ewig zu Konservierendes ansieht,
das ist das Schlimme. Was mal galt, soll weiter gelten, was mal gut
war, soll weiter ein Gutes oder wohl gar ein Bestes sein. Das ist
aber unmöglich, auch wenn alles, was keineswegs der Fall ist, einer
gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche ... Wir haben, wenn wir
rückblicken, drei große Epochen gehabt. Dessen sollen wir eingedenk
sein. Die vielleicht größte, zugleich die erste, war die unter dem
Soldatenkönig. Das war ein nicht genug zu preisender Mann, seiner Zeit
wunderbar angepaßt und ihr zugleich voraus. Er hat nicht bloß das
Königtum stabiliert, er hat auch, was viel wichtiger, die Fundamente
für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle von Zerfahrenheit,
selbstischer Vielherrschaft und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit
gesetzt, Gerechtigkeit, das war sein bester ›~rocher de bronce~‹.«

»Und dann?«

»Und dann kam Epoche zwei. Die ließ, nach jener ersten, nicht lange
mehr auf sich warten, und das seiner Natur und seiner Geschichte nach
gleich ungeniale Land sah sich mit einem Male von Genie durchblitzt.«

»Muß das ein Staunen gewesen sein.«

»Ja. Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim. Anstaunen ist auch
eine Kunst. Es gehört etwas dazu, Großes als groß zu begreifen ... Und
dann kam die dritte Zeit. Nicht groß und doch auch wieder ganz groß. Da
war das arme, elende, halb dem Untergange verfallene Land nicht von
Genie, wohl aber von Begeisterung durchleuchtet, von dem Glauben an die
höhere Macht des Geistigen, des Wissens und der Freiheit.«

»Gut, Lorenzen. Aber weiter.«

»Und all das, was ich da so hergezählt, umfaßte zeitlich ein
Jahrhundert. Da waren wir den andern voraus, mitunter geistig
und moralisch gewiß. Aber der ›~Non soli cedo~-Adler‹ mit seinem
Blitzbündel in den Fängen, er blitzt nicht mehr, und die Begeisterung
ist tot. Eine rückläufige Bewegung ist da, längst Abgestorbenes,
ich muß es wiederholen, soll neu erblühn. Es tut es nicht. In
gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal wieder, aber bei dieser
Wiederkehr werden Jahrtausende übersprungen; wir können die römischen
Kaiserzeiten, Gutes und Schlechtes, wieder haben, aber nicht das
spanische Rohr aus dem Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock
von Sanssouci. Damit ist es vorbei. Und gut, daß es so ist. Was einmal
Fortschritt war, ist längst Rückschritt geworden. Aus der modernen
Geschichte, der eigentlichen, der lesenswerten, verschwinden die
Bataillen und die Bataillone (trotzdem sie sich beständig vermehren)
und wenn sie nicht selbst verschwinden, so schwindet doch das
Interesse daran. Und mit dem Interesse das Prestige. An ihre Stelle
treten Erfinder und Entdecker, und James Watt und Siemens bedeuten
uns mehr als du Guesclin und Bayard. Das Heldische hat nicht direkt
abgewirtschaftet und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben,
aber sein Kurs hat nun mal seine besondere Höhe verloren, und anstatt
sich in diese Tatsache zu finden, versucht es unser Regime, dem
Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu geben.«

»Es ist, wie Sie sagen. Aber gegen wen richtet sich's? Sie sprachen von
›Regime‹. Wer ist dies Regime? Mensch oder Ding? Ist es die von alter
Zeit her übernommene Maschine, deren Räderwerk tot weiterklappert,
oder ist es der, der an der Maschine steht? Oder endlich, ist es eine
bestimmte abgegrenzte Vielheit, die die Hand des Mannes an der Maschine
zu bestimmen, zu richten trachtet? In allem, was Sie sagen, klingt eine
sich auflehnende Stimme. Sind Sie gegen den Adel? Stehen Sie gegen die
›alten Familien‹?«

»Zunächst: nein. Ich liebe, hab auch Ursach dazu, die alten Familien
und möchte beinah glauben, jeder liebt sie. Die alten Familien sind
immer noch populär, auch heute noch. Aber sie vertun und verschütten
diese Sympathien, die doch jeder braucht, jeder Mensch und jeder
Stand. Unsre alten Familien kranken durchgängig an der Vorstellung,
›daß es ohne sie nicht gehe‹, was aber weit gefehlt ist, denn es geht
sicher auch ohne sie; -- sie sind nicht mehr die Säule, die das Ganze
trägt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl noch lastet und
drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann. Wohl möglich,
daß aristokratische Tage mal wiederkehren, vorläufig, wohin wir sehen,
stehen wir im Zeichen einer demokratischen Weltanschauung. Eine neue
Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber
wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit
mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen
können. Und je freier man atmet, je mehr lebt man. Was aber Woldemar
angeht, +meiner+ sind Sie sicher, Frau Gräfin. Bleibt freilich, als
Hauptfaktor, noch die Komtesse. Für +die+ müssen +Sie+ die Bürgschaft
übernehmen. Die Frauen bestimmen schließlich doch alles.«

»So heißt es immer. Und wir sind eitel genug, es zu glauben. Aber das
führt uns auf ganz neue Gebiete. Vorläufig Ihre Hand zur Besieglung.
Und nun erlauben Sie mir, nach diesem unserm revolutionären Diskurse,
zu den Hütten friedlicher Menschen zurückzukehren. Ich habe mich bei
dem alten Herrn nur auf eine halbe Stunde beurlaubt und rechne darauf,
daß Sie mich, wenn nicht bis ins ›Museum‹ selbst (das dem Programm nach
besucht werden sollte), so doch wenigstens bis auf die Schloßrampe
begleiten.«



Dreißigstes Kapitel


Lorenzen tat, wie gewünscht, und auf dem Wege zum Schloß plauderten
beide weiter, wenn auch über sehr andere Dinge.

»Was ist es eigentlich mit diesem ›Museum‹?« fragte Melusine; »kann ich
mir doch kaum was Rechtes darunter vorstellen. Eine alte Papptafel mit
Inschrift hängt da schräg über der Saaltür, alles dicht neben meinem
Schlafzimmer, und ich habe mich etwas davor geängstigt.«

»Sehr mit Unrecht, gnädigste Gräfin. Die primitive Papptafel, die
freilich verwunderlich genug aussieht, sollte wohl nur andeuten,
daß es sich bei der ganzen Sache mehr um einen Scherz als um etwas
Ernsthaftes handelt. Etwa wie bei Sammlung von Meerschaumpfeifen und
Tabaksdosen. Und Sie werden auch vorwiegend solchen Seltsamkeiten
begegnen. Anderseits aber ist es auch wieder ein richtiges historisches
Museum, trotzdem es nur halb das geworden ist, worauf Herr von Stechlin
anfänglich aus war.«

»Und das war?«

»Das war mehr etwas Groteskes. Es mögen nun wohl schon zwanzig Jahre
sein, da las er eines Tages in der Zeitung von einem Engländer, der
historische Türen sammle und neuerdings sogar für eine enorme Summe,
ich glaube es waren tausend Pfund, die Gefängnistür erstanden habe,
durch die Ludwig ~XVI.~ und dann später Danton und Robespierre zur
Guillotinierung abgeführt worden seien. Und diese Notiz machte solchen
Eindruck auf unsern liebenswürdigen Stechliner Schloßherrn, daß er
auch solche historische Türensammlung anzulegen beschloß. Er ist aber
nicht weit damit gekommen und hat sich mit dem Küstriner Schloßfenster
begnügen müssen. an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte zur
Enthauptung vorübergeführt wurde. Doch auch das ist unsicher, ja, die
meisten wollen nichts davon wissen. Nur Krippenstapel hält noch daran
fest.«

»Krippenstapel?«

»Ja. Der Name frappiert Sie. Das ist nämlich unser Lehrer hier,
Liebling des alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen. Der hat
ihm denn auch das gegenwärtige ›Museum‹, das man als Abschlagszahlung
auf die ›historischen Türen‹ ansehen kann, zusammengestellt. Außer dem
angezweifelten Fenster werden Frau Gräfin noch ein paar phantastische
Regentraufen finden und vor allem viele Wetterhähne, die von alten
märkischen Kirchtürmen herabgenommen wurden. Einige sollen ganz
interessant sein. Ich habe keinen Sinn dafür. Aber Krippenstapel hat
einen Katalog angefertigt.«

Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen, auf der
Engelke schon stand und auf die Gräfin wartete. Lorenzen empfahl sich.
Aber auch Melusine wollte nicht gleich ins Museum hinauf, zog es
vielmehr vor, erst unten in das große Gesellschaftszimmer einzutreten
und sich da zu wärmen.

Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen, was der Gräfin
gut paßte, weil sie noch manches fragen wollte.

»Das ist recht, Engelke, daß Sie Kohlen aufschütten und auch Kienäpfel.
Ich freue mich immer, wenn es so lustig brennt. Und oben im ›Museum‹
wird es wohl noch kalt sein.«

»Ja, kalt ist es, Frau Gräfin. Aber mit der Kälte, na, das ging am Ende
noch, und der viele Staub, der oben liegt, das ginge vielleicht auch
noch; Staub wärmt. Und die Dachtraufen und Wetterhähne tun auch keinem
Menschen was ...«

»Aber was ist denn sonst noch?«

»Ach, ich meine bloß die verdammten Dinger, die Spinnen ...«

»Um Gottes willen, Spinnen?« erschrak Melusine.

»Ja, Spinnen, Frau Gräfin. Aber so ganz schlimme sind nich dabei.
Solche mit'm Kreuz oben hab ich bei uns noch nicht gesehn. Bloß solche,
die Schneider heißen.«

»Ach, das sind die, die die langen Beine haben.«

»Ja, lange Beine haben sie. Aber sie tun einem nichts. Und eigentlich
sind es sehr ängstliche Tiere und verkriechen sich, wenn sie hören, daß
aufgeschlossen wird, und bloß wenn Krippenstapel kommt, dann kommen sie
alle raus un kucken sich um. Krippenstapeln, den kennen sie ganz gut,
und ich hab auch mal gesehn, daß er ihnen Fliegen mitbringt, und machen
sich dann gleich drüber her.«

»Aber das ist ja grausam. Ist es denn ein guter Mensch?«

»O, sehr gut, Frau Gräfin. Und als ich ihm mal so was sagte, sagte er:
›Ja, Engelke, das is nu mal so; einer frißt den andern auf.‹«

Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort; dann sagte Melusine:
»Nun, Engelke, ist es aber wohl die höchste Zeit für das Museum, sonst
komm ich zu spät und seh und höre gar nichts mehr. Ich bin nun auch
wieder warm geworden.« Dabei erhob sie sich und stieg die Doppeltreppe
hinauf und klopfte. Sie wollte nicht gleich eintreten.

Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geöffnet, und
Krippenstapel, mit der Hornbrille, stand vor ihr. Er verbeugte sich
und trat zurück, um den Platz freizugeben. Aber Melusine, deren Angst
vor ihm wiederkehrte, zauderte, was eine momentane Verlegenheit schuf.
Inzwischen war aber auch Dubslav herangekommen. »Ich fürchtete schon,
daß Lorenzen Sie nicht herausgeben würde. Seine Gelegenheiten, hier
in Stechlin ein Gespräch zu führen, sind nicht groß, und nun gar ein
Gespräch mit Gräfin Melusine! Nun, er hat es gnädig gemacht. Jetzt
aber, Gräfin, halten Sie gefälligst Umschau; vielleicht daß Lorenzen
schon geplaudert hat oder gar Engelke.«

»So ganz im Dunkeln bin ich nicht mehr; ein Küstriner Schloßfenster,
ein paar Kirchendachreliquien und dazu Wetterhähne -- lauter
Gegenstände (denn ich bin auch ein bißchen fürs Aparte), zu deren
Auswahl ich Ihnen gratuliere.«

»Wofür ich der Frau Gräfin dankbar bin, ohne sonderlich überrascht zu
sein. Ich wußte, Damen wie Gräfin Ghiberti haben Sinn für derlei Dinge.
Darf ich Ihnen übrigens zunächst hier diesen Lebuser Bischof zeigen und
hier weiter einen Heiligen oder vielleicht Anachoreten? Beide, Bischof
und Anachoret, sind sehr unähnlich untereinander, schon in bezug auf
Leibesumfang, -- der richtige Gegensatz von Refektorium und Wüste.
Wenn ich den Heiligen hier so sehe, taxier ich ihn höchstens auf eine
Dattel täglich. Und nun denk ich, wir fahren in unsrer Besichtigung
fort. Krippenstapel war nämlich eben dabei, der Komtesse Armgard
unsern Derfflingerschen Dragoner mit der kleinen Standarte und der
Jahreszahl 1675 zu zeigen. Bitte, Gräfin Melusine, bemerken Sie hier
die Zahl, dicht unter dem brandenburgischen Adler. Es wirkt, wie wenn
er die Nachricht vom Siege bei Fehrbellin überbringen wolle. Daß es
ein Dragoner ist, ist klar; der Filzhut mit der breiten Krempe hebt
jeden Zweifel, und ich hab es für mein gutes Recht gehalten, ihn auch
speziell als Derfflingerschen Dragoner festzusetzen. Aber mein Freund
Krippenstapel will davon nichts wissen, und wir liegen darüber seit
Jahr und Tag in einer ernsten Fehde. Glücklicherweise unsre einzige.
Nicht wahr, Krippenstapel?«

Dieser lächelte und verbeugte sich.

»Die beiden Damen,« fuhr Dubslav fort, »mögen aber nicht etwa glauben,
daß ich mich für berechtigt halte, die freie Wissenschaft hier in
meinem Museum in Banden zu schlagen. Grad umgekehrt. Ich kann also
nur wiederholen: ›Krippenstapel, Sie haben das Wort.‹ Und nun bitte,
setzen Sie den Damen Ihrerseits auseinander, warum es nach ganz
bestimmten Begleiterscheinungen ein Derfflingerscher +nicht+ sein kann.
Bilderbücher aus der Zeit her hat man nicht, und die großen Gobelins
lassen einen im Stich und beweisen gar nichts.«

Unter diesen Worten hatte Krippenstapel die den Gegenstand des Streits
bildende Wetterfahne wieder in die Hand genommen, und als er sah, daß
die Gräfin -- die, wie das in ihrer Natur lag, den vor zehn Minuten
noch so gefürchteten ›Fliegentöter‹ längst in ihr Herz geschlossen
hatte -- ihm freundlich zunickte, ließ er auf Geltendmachung seines
Standpunktes auch nicht lange mehr warten und sagte: »Ja, Frau Gräfin,
der Streit schwebt nun schon so lange, wie wir den Dragoner überhaupt
haben, und Herr von Stechlin wäre wohl schon längst in das gegnerische
Lager, in dem ich und Oberlehrer Tucheband stehn, übergegangen, wenn er
nicht an meiner wissenschaftlichen Ereiferung seine beständige Freude
hätte. Tucheband, einer unsrer Besten und ein Mann, der nicht leicht
vorbeischießt, hat auch in dieser Frage gleich das Richtige getroffen.
Er hat nämlich den Ort in Erwägung gezogen, von wo diese Wetterfahne
stammt. Sie stammt aus dem wenigstens damals noch der alten Familie
von Mörner zugehörigen Dorfe Zellin in der Neumark. Das Regiment
aber, das sich bei Fehrbellin vor allen andern auszeichnete, war das
Dragonerregiment Mörner. Es ist also kein Derfflingerscher, sondern ein
Mörnerscher Dragoner, der, in fliegender Eile, die Nachricht von dem
erfochtenen Siege nach Zellin bringt.«

»Bravo,« sagte Melusine. »Wenn ich je eine richtige Schlußfolgerung
gehört habe (die meisten sind Blender), so haben wir sie hier. Herr von
Stechlin, ich kann Ihnen nicht helfen, Sie sind besiegt.«

Dubslav war einverstanden und küßte Melusine die Hand, ohne sich um
die mißbilligenden Blicke seiner Schwester zu kümmern, die jetzt
ihrerseits auf endliche Vorführung der ›beiden Mühlen‹ drang, ihrer
zwei Lieblingsstücke. Diese beiden Mühlen, so versicherte sie,
seien das einzige, was hier überhaupt einen Anspruch auf ›Museum‹
erheben dürfe. Beinah war es wirklich so, wie selbst Krippenstapel
zugab, trotzdem sich, bis wenigstens ganz vor kurzem, nichts von
historischer Kontroverse (die doch schließlich immer die Hauptsache
bleibt) daran geknüpft hatte. Neuerdings freilich hatte sich das
geändert. Zwei Berliner Herren vom Gewerbemuseum waren über die Mühlen
in Streit geraten, speziell über ihren Ursprungsort. Zwar hatte man
sich vorläufig dahin geeinigt, daß die Wassermühle holländisch, die
Windmühle dagegen (eine richtige alte Bockmühle) eine Nürnberger
Arbeit sei; Krippenstapel aber hatte bei diesem Friedensschlusse nur
gelächelt. Er war viel zu sehr ernster Wissenschaftsmensch, als daß
er nicht hätte herausfühlen sollen, wie diese sogenannte ›Beilegung‹
nichts als eine Verkleisterung war. Der Ausbruch neuer Streitigkeiten
stand nahe bevor.

Die waren aber zunächst wenigstens ausgeschlossen, da beide Schwestern,
Armgard wie Melusine, wie Kinder vor einem Lieblingsspielzeug, in einem
ganz ausbündigen Vergnügen aufgingen. Die Windmühle klapperte, daß es
eine Lust war, und das Rad der Wassermühle, wenn es grad in der Sonne
blitzte, gab einen solchen Silberschein, daß es aussah, als fiele das
blinkende Wasser wirklich über die Schaufelbretter. All das wurde
gesehn und bewundert, und was nicht gesehn wurde, nahm man auf Treu und
Glauben mit in den Kauf. Von den Spinnen kam keine zum Vorschein; nur
hier und da hingen lange graue Gewebe, was jedoch nur feierlich aussah,
und als Mittag heran war, verließ man das »Museum«, um sich erst eine
Stunde zu ruhn und dann bei Tische wiederzusehn. Die Gräfin aber, ehe
sie den großen, wüsten Raum verließ, trat noch einmal an Krippenstapel
heran, um ihn, unter gewinnendstem Lächeln, zu bitten, ihr, sobald
ein ernsterer Streit über die beiden Mühlen entbrennen sollte, die
betreffenden Schriftstücke nicht vorzuenthalten.

Krippenstapel versprach alles.

       *       *       *       *       *

Auf drei war das Mittagsmahl angesetzt. Schon eine Viertelstunde
vorher erschien Lorenzen und traf den alten Dubslav in einer gewissen
stattlichen Herrichtung an oder, wie er sich selbst zu Engelke geäußert
hatte, »ganz feudal«.

»Ach, das ist gut, Lorenzen, daß Sie schon kommen. Ich habe noch
allerhand auf dem Herzen. Es muß doch was geschehn, eine richtige
Begrüßung (denn das gestern abend war zu wenig) oder aber ein solennes
Abschiedswort, kurzum irgendwas, das in das Gebiet der Toaste gehört.
Und da müssen Sie helfen. Sie sind ein Mann von Fach, und wer jeden
Sonntag predigen kann, kann doch schließlich auch ne Tischrede halten.«

»Ja, das sagen Sie so, Herr von Stechlin. Mitunter ist eine Tischrede
leicht und eine Predigt schwer, aber es kann auch umgekehrt liegen.
Außerdem, wenn Sie sich nur erst mit dem Gedanken vertraut gemacht
haben, daß es so sein muß, dann geht es auch. Sie werden sehn, das
Herz, wie immer, macht den Redner. Und dazu diese Damen, beide von so
seltener Liebenswürdigkeit. Was die Gräfin angeht ...«

»Ja,« lachte der Alte, »was die Gräfin angeht ... Sie machen sich's
bequem, Pastor. Die Gräfin, -- wenn sich's um die handelte, da könnt
ich's vielleicht auch. Aber die Komtesse, die hat so was Ernstes. Und
dann ist sie zum übrigen auch noch meine Schwiegertochter oder soll es
wenigstens werden, und da muß ich doch sprechen wie ne Respektsperson.
Und das ist schwer, vielleicht, weil sich in meiner Vorstellung die
Gräfin immer vor die Komtesse schiebt.«

Dubslav sprach noch so weiter. Aber es half ihm nichts; Lorenzen
war in seinem Widerstande nicht zu besiegen, und so kam denn die
Tisch- und endlich auch die gefürchtete Redezeit heran. Der Alte
hatte sich schließlich drin gefunden. »Meine lieben Gäste,« hob er
an, »geliebte Braut, hochverehrte Brautschwester! Ein andres Wort, um
meine Beziehungen zu Gräfin Melusine zu bezeichnen, hat vorläufig die
deutsche Sprache nicht, was ich bedaure. Denn das Wort sagt mir lange
nicht genug. Wenige Stunden erst ist es, daß ich Sie, meine Damen, an
dieser Stelle begrüßen durfte, noch kein voller Tag, und schon ist der
Abschied da. Währenddem hab ich kein ›Du‹ beantragt, aber es liegt doch
in der Luft, mehr noch auf meiner Lippe ... Teuerste Armgard! dies
alte Haus Stechlin also soll Ihre dereinstige Heimstätte werden; Sie
werden sie zu neuem Leben erheben. Unter meinem Regime war es nicht
viel damit. Auch heute nicht. Ich habe nur das gute Gewissen, Ihnen
während dieser kurzen Spanne Zeit alles gezeigt zu haben, was gezeigt
werden konnte: mein Museum und meinen See. Die Sprudelstelle (die
Winterhand lag darauf) hat geschwiegen, aber mein Derfflingerscher
Dragoner -- in Krippenstapels Abwesenheit darf ich ihn ja wieder so
nennen -- hat dafür um so deutlicher zu Ihnen gesprochen. Er hat
die Zahl 1675 in seiner Standarte und trägt die Siegesnachricht von
Fehrbellin ins märkische Land. Erleb ich's noch und gibt Krippenstapel
seine Zustimmung, so stell ich, kurz oder lang, auch meinerseits einen
Dragoner auf meinen Dachreiter (einen Turm hab ich nicht) und zwar
einen Dragoner vom Regiment Königin von Großbritannien und Irland, und
auch er trägt eine Siegesbotschaft ins Land. Nicht die von Königgrätz
und nicht die von Mars-la-Tour, aber die von einem gleich gewichtigen
Siege. Das Haus Barby lebe hoch und meine liebe Schwiegertochter
Armgard!«

Alle waren bewegt. Am meisten Lorenzen. Als er an den Alten herantrat,
flüsterte er ihm zu: »Sehn Sie. Ich wußt es.« Armgard küßte dem Alten
die Hand, Melusine strahlte. »Ja, die alte Garde!« sagte sie. Nur
Schwester Adelheid konnte sich in dieser allgemeinen Freude nicht gut
zurechtfinden. Alle Feierungen mußten eben das Maß halten, das sie
vorschrieb. Sie hatte den landesüblichen Zug: »Nur nicht zuviel von
irgendwas, am wenigsten aber von Huldigungen oder gar von Hingebung.«

Als man wieder saß, sagte Melusine: »Krippenstapel wird übrigens
verstimmt sein, wenn er von Ihrem Trinkspruche hört. Es war doch
eigentlich eine erneute feierliche Proklamierung des Derfflingerschen.
Und was bei solcher Gelegenheit gesagt wird, das gilt ... Interessiert
sich übrigens irgendwer für dies Ihr Museum?«

»Dann und wann ein Mann von Fach. Sonst niemand.«

»Was Sie verdrießt.«

»Nein, gnädigste Gräfin. Nicht im geringsten. Ich nehme nicht vieles
ernsthaft, und am wenigsten ernsthaft nehm ich mein Museum. Es ist
freilich von mir ausgegangen und interessierte mich auch eine Weile;
hinterher aber hat sich eigentlich alles ohne mich gemacht. Das ist
so die Regel. Ist überhaupt erst ein Anfang da, so laufen die Dinge
von selber weiter, und die Leute lassen einen nicht wieder los, halten
einen fest, man mag wollen oder nicht. Ich hätte vielleicht alles schon
längst wieder aufgegeben, man will's aber nicht. Einigen gereicht es
zur Befriedigung, mich für einen Querkopf halten zu können, und andre
sprechen wenigstens von Originalitätshascherei. Man muß eben allerhand
über sich ergehen lassen.«



Einunddreißigstes Kapitel


Um fünf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen Damen auf, um den Zug,
der um sieben Uhr Gransee passierte, nicht zu versäumen. Es dunkelte
schon, aber der Schnee sorgte für einen Lichtschimmer; so ging es
über die Bohlenbrücke fort in die Kastanienallee mit ihrem kahlen und
übereisten Gezweige hinein.

Lorenzen war noch im Schlosse zurückgeblieben und setzte sich, um
wieder warm zu werden -- auf der Rampe war's kalt und zugig gewesen
--, in die Nähe des Kamins, dem alten Dubslav gegenüber. Dieser hatte
seinen Meerschaum angezündet und sah behaglich in die Flamme, blieb
aber ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam, weil eben noch eine
dritte Person da war, die von den liebenswürdigen Damen, über die
sich auszulassen es ihn in seiner Seele drängte, ganz augenscheinlich
nichts hören wollte. Diese dritte Person war natürlich Tante Adelheid.
+Die+ wollte nicht sprechen. Andrerseits mußte durchaus der Versuch
einer Konversation gemacht werden, und so griff denn Dubslav zu den
Gundermanns hinüber, um in ein paar Worten sein Bedauern darüber
auszudrücken, daß er die Siebenmühlner nicht habe mit heranziehn
können. »Engelke sei so sehr dagegen gewesen.« All dies Bedauern
-- wie's der ganzen Sachlage nach nicht anders sein konnte -- kam
flau genug heraus, aber die Domina war so hochgradig verstimmt, daß
ihr selbst so nüchterne, das Verbindliche nur ganz leise, nur ganz
ohnehin streifende Worte schon zuwider waren. »Ach, laß doch diese
geborne Helfrich,« sagte sie, »diese Tochter von dem alten Hauptmann,
der die Schlacht bei Leipzig gewonnen haben soll. So wenigstens
erzählt sie beständig. Eine schreckliche Frau, die gar nicht in unsre
Gesellschaft paßt. Und dabei so laut. Ich kann es nicht leiden, wenn
wir so mit Gewalt nach oben blicken sollen, aber diese Helfrich, das
muß ich sagen, ist denn doch auch nicht mein Geschmack. Ich halte das
Untersichbleiben für das einzig Richtige. Bescheidene Verhältnisse,
aber bestimmt gezogene Grenzen.«

Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr umgekehrt,
durch ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren Ton, eine bessere Laune
wieder herzustellen. Als er aber sah, daß er damit scheiterte, brach er
auf.

Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.

Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur dann und wann an
den Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee her die Likörflaschen standen.
Er wollte was sagen, traute sich's aber nicht recht, und erst als er zu
zwei Curaçaos auch noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte, wandte
er sich an die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine
goldene Kette hin und her zog.

»Ja,« sagte er, »jetzt sind sie nun wohl schon in Woltersdorf.«

»Ich vermute drüber raus. Woldemar wird die Pferde natürlich ausholen
lassen. Es sind, glaub ich, Damen, die nicht gerne langsam fahren.«

»Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln wolltest, überhaupt als
ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten. Das sollte mir leid
tun. Ich bin sehr glücklich über die Partie. Gewiß, sowohl die Gräfin
wie die Komtesse sind verwöhnt; das merkt man. Aber ich möchte sagen,
je verwöhnter sie sind ...«

»Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich liebe mehr
unsre Leute. Beide sind doch beinah wie Fremde.«

»Nun, das ist nicht schlimm.«

»Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen. Da war ich vorigen
Sommer mit der Schmargendorf in Berlin und ging zu Josty, weil die
Schmargendorf, die so was liebt, gern eine Tasse Schokolade trinken
wollte.«

»Du hoffentlich auch.«

»Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu, nippte bloß, weil
ich mich über die Maßen ärgern mußte. Denn an dem Tische neben mir saß
ein Herr und eine Dame, wenn es überhaupt eine Dame war. Aber Engländer
waren es. Er steckte ganz in Flanell und hatte die Beinkleider
umgekrempelt, und die Dame trug einen Rock und eine Bluse und einen
Matrosenhut. Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer zitterte,
trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren.«

»Ja, warum nicht?«

»Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Kognak, und die
Dame hielt außerdem noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in
die Ringelwölkchen hinein, die sie blies.«

»Charmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben.«

»Und ich verwette mich, diese Melusine raucht auch.«

»Ja, warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse. Warum soll Melusine
nicht rauchen?«

»Weil Rauchen männlich ist.«

»Und Schlachten weiblich ... Ach, Adelheid, wir können uns über so was
nicht einigen. Ich gelte schon für leidlich altmodisch, aber du, du
bist ja geradezu petrefakt.«

»Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur, daß es etwas ist, dessen
du dich nicht zu schämen hast. Es klingt sonderbar genug. Aber ich
weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch (und hast so deine
Vorstellungen dabei) den Namen Melusine.«

»Kann ich beinah sagen.«

»Ich dacht es mir.«

»Ja, Schwester, du hast gut reden. So sicher wie du wohnt eben nicht
jeder. Adelheid! das ist ein Name, der paßt immer. Und im Kirchenbuche,
wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelheide. Das
Schluß-›e‹ ist bei der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit
drauf gegangen. Die Stechline haben immer alles verurscht.«

»Ich bitte dich, wähle doch andere Worte.«

»Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und außerdem, schon der
alte Kortschädel sagte mir mal, man müsse gegen Wörter nicht so streng
sein und gegen Namen erst recht nicht, da sitze manch einer in einem
Glashause. Hältst du Rentmeister Fix für einen schönen Namen? Und als
ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg war, in meinem letzten
Dienstjahr, da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann von der
Feuerversicherung, der hieß Briefbeschwerer. Ja, Adelheid, wenn ich
+dem+ gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt mit Gräfin Melusine, so
hätt ich mir den Mann als eine halbe Bombe vorstellen müssen oder als
einen Kugelmann. Denn damals, es war anno vierundsechzig, waren alle
›Briefbeschwerer‹ bloß ›Kugelmänner‹: ne Flintenkugel oben und zwei
Flintenkugeln unten. Und natürlich ne Kartätschenkugel als Bauch in der
Mitte. Das Feuerversicherungsmännchen aber, das zufällig so sonderbar
hieß, das war so dünn wie'n Strich.«

»Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst da deinem Zeisig
mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht
verletzlich werden will.«

»Küss' die Hand ...«

»Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist das. Ich habe
nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer heißt, und überlass' es ihm,
ob er ein Strich oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel
gegen Melusine. Briefbeschwerer, nu, das ist bloß ein Zufall, Melusine
aber ist kein Zufall, und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist
eben eine richtige Melusine. Alles an dieser Person ...«

»Ich bitte dich, Adelheid ...«

»Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein soll, ist
verführerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn. Und
wenn ich mir dann unsern armen Woldemar daneben denke! Der is ja
solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren. Eh er noch weiß, was los
ist, ist er schon umstrickt, trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist.
Oder vielleicht auch grade deshalb. Und dazu das ewige Sichbiegen und
-wiegen in den Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange
denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem Lorenzen
umsprang. Aber freilich, der ist womöglich noch leichter zu fangen als
Woldemar. Er sah sie immer an wie ne Offenbarung. Und sie ist auch so
was. Darüber is kein Zweifel. Aber wovon?«



Hochzeit



Zweiunddreißigstes Kapitel


Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück. Woldemar
hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer begleitet, mußte
jedoch auf Verbleib im Barbyschen Hause verzichten, weil im Kasino eine
kleine Festlichkeit stattfand, der er beiwohnen wollte.

Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt, mühsamlich auf seinem
Zimmerteppich auf und ab, weil ihn sein Fuß, wie stets, wenn das Wetter
umschlug, mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte.

»Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Verspätung gehabt haben. Und
wo ist Woldemar?«

Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines Nichterscheinens um
Entschuldigung bäte. »Gut, gut. Und nun setzt euch und erzählt. Mit
dem Conte, das ließ damals allerlei zu wünschen übrig ... verzeih,
Melusine. Da möcht ich denn begreiflicherweise, daß es uns diesmal
besser ginge. Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen, aber
die Familie, der alte Stechlin. Armgard braucht selbstverständlich auf
eine so delikate Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht will, wiewohl
erfahrungsmäßig ein Unterschied ist zwischen Schwiegermüttern und
Schwiegervätern. Diese sind mitunter verbindlicher als der Sohn.«

Armgard lachte. »Mir, Papa, passiert so was Nettes nicht. Aber mit
Melusine war es wieder das Herkömmliche. Der alte Stechlin fing an, und
der Pastor folgte. Wenigstens schien es mir so.«

»Dann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, daß Melusine über den neuen
Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergißt.«

Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand.

»Dann bin ich beruhigt,« wiederholte der Alte. »Melusine gefällt
fast immer. Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht. Es gibt
so viele Menschen, die haben einen natürlichen Haß gegen alles,
was liebenswürdig ist, weil sie selber unliebenswürdig sind. Alle
beschränkten und aufgesteiften Individuen, alle, die eine bornierte
Vorstellung vom Christentum haben -- das richtige sieht ganz anders
aus --, alle Pharisäer und Gernegroß, alle Selbstgerechten und Eiteln
fühlen sich durch Personen wie Melusine gekränkt und verletzt, und wenn
sich der alte Stechlin in Melusine verliebt hat, dann lieb ich ihn
schon darum, denn er ist dann eben ein guter Mensch. Mehr brauch ich
von ihm gar nicht zu wissen. Übrigens konnt es kaum anders sein. Der
Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber auch umgekehrt: wenn ich den
Apfel kenne, kenn ich auch den Stamm ... Und wer war denn noch da? Ich
meine, von Verwandtschaft?«

»Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz,« sagte Armgard.

»Das ist die Schwester des Alten?«

»Ja, Papa. Ältere Schwester. Wohl um zehn Jahr älter und auch nur
Halbschwester. Und eine Domina.«

»Sehr fromm?«

»Das wohl eigentlich nicht.«

»Du bist so einsilbig. Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben.«

Armgard schwieg.

»Nun, Melusine, dann sprich du. Nicht fromm also; das ist gut. Aber
vielleicht ~hautaine~?«

»Fast könnte man's sagen,« antwortete Melusine. »Doch paßt es auch
wieder nicht recht, schon deshalb nicht, weil es ein französisches Wort
ist. Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch.«

»Ah, ich versteh. Also komische Figur.«

»Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach, zurückgeblieben,
vorweltlich.«

Der alte Graf lachte. »Ja, das ist in allen alten Familien so, vor
allem bei reichen und vornehmen Juden. Kenne das noch von Wien her, wo
man überhaupt solche Fragen studieren kann. Ich verkehrte da viel in
einem großen Bankierhause, drin alles nicht bloß voll Glanz, sondern
auch voll Orden und Uniformen war. Fast zuviel davon. Aber mit einem
Male traf ich in einer Ecke, ganz einsam und doch beinah vergnüglich,
einen merkwürdigen Urgreis, der wie der alte Gobbo -- der in dem Stück
von Shakespeare vorkommt -- aussah, und als ich mich später bei einem
Tischnachbar erkundigte, wer denn das sei, da hieß es: ›Ach, das ist ja
Onkel Manasse.‹ Solche Onkel Manasses gibt es überall, und sie können
unter Umständen auch Tante Adelheid heißen.«

Daß der alte Graf das so leicht nahm, erfreute die Töchter sichtlich,
und als Jeserich bald danach das Teezeug brachte, wurd auch Armgard
mitteilsamer und erzählte zunächst von Superintendent Koseleger und
Pastor Lorenzen, danach vom Stechlinsee (der ganz überfroren gewesen
sei, so daß sie die berühmte Stelle nicht hätten sehen können) und
zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen.

Diese waren das, was den alten Grafen am meisten interessierte.
»Wetterfahnen, ja, die müssen gesammelt werden, nicht bloß alte
Dragoner in Blech geschnitten, sondern auch allermodernste Silhouetten,
sagen wir aus der Diplomatenloge. Da kommt dann schon eine ganz
hübsche Galerie zusammen. Und wißt ihr, Kinder, das mit dem Museum
gibt mir erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle
Befriedigung, beinah mehr noch, als daß ihm Melusine gefallen hat. Ich
bin sonst nicht für Sammler. Aber wer Wetterfahnen sammelt, das will
doch was sagen, das ist nicht bloß eine gute Seele, sondern auch eine
kluge Seele, denn es is da so was drin, wie ein Fingerknips gegen die
Gesellschaft. Und wer den machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann
ich leben.«

       *       *       *       *       *

Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide Schwestern, ziemlich
ermüdet von der Tagesanstrengung, zogen sich früh zurück, aber ihr
Gespräch über Schloß Stechlin und die beiden Geistlichen und vor allem
über die Domina (gegen die Melusine heftig eiferte) setzte sich noch in
ihrem Schlafzimmer fort.

»Ich glaube,« sagte Armgard, »du legst zuviel Gewicht auf das, was
du das Ästhetische nennst. Und Woldemar tut es leider auch. Er läßt
auf seine Mark Brandenburg sonst nichts kommen, aber in diesem Punkte
spricht er beinah so wie du. Wohin er blickt, überall vermißt er das
Schönheitliche. Das Wenige, was danach aussieht, so klagt er beständig,
sei bloß Nachahmung. Aus eignem Trieb heraus würde hier nichts der Art
geboren.«

»Und daß er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am meisten an
ihm schätze. Du meinst, daß ich, wenn ich von der Domina spreche,
zuviel Gewicht auf diese doch bloß äußerlichen Dinge lege. Glaube mir,
diese Dinge sind nicht bloß äußerlich. Wer kein feines Gefühl hat,
sei's in Kunst, sei's im Leben, der existiert für mich überhaupt nicht
und für meine Freundschaft und Liebe nun schon ganz gewiß nicht. Da
hast du mein Programm. Unser ganzer Gesellschaftszustand, der sich
wunder wie hoch dünkt, ist mehr oder weniger Barbarei; Lorenzen, von
dem du doch soviel hältst, hat sich ganz in diesem Sinne gegen mich
ausgesprochen. Ach, wie weit voraus war uns doch die Heidenzeit, die
wir jetzt so verständnislos bemängeln! Und selbst unser ›dunkles
Mittelalter‹ -- schönheitlich stand es höher als wir, und seine
Scheiterhaufen, wenn man nicht gleich selbst an die Reihe kam, waren
gar nicht so schlimm.«

»Ich erlebe noch,« lachte Armgard, »daß du nen neuen Kreuzzug oder
ähnliches predigst. Aber wir sind von unserm eigentlichen Thema ganz
abgekommen, von der Domina. Du sagtest, ihre Gefühle widersprächen sich
untereinander. Welche Gefühle?«

»Darauf ist leicht Antwort geben. Erst beglückwünscht sie sich zu sich
selbst, und hinterher ärgert sie sich über sich selbst. Und daß sie das
+muß+, daran sind wir schuld, und das kann sie uns nicht verzeihn.«

»Ich würde vielleicht zustimmen, wenn das, was du da sagst, nicht gar
so eitel klänge ... Sie hat übrigens einen guten Verstand.«

»Den hat sie, gewiß, den haben sie alle hier oder doch die meisten.
Aber ein guter Verstand, soviel er ist, ist auch wieder recht wenig,
und schließlich -- ich muß leider zu diesem Berolinismus greifen -- ist
diese gute Domina doch nichts weiter als eine Stakete, lang und spitz.
Und nicht mal grün gestrichen.«

»Und der Alte? +Der+ wenigstens wird doch vor deiner Kritik bestehn.«

»O, der; der ist ~hors concours~ und geht noch über Woldemar hinaus.
Was meinst du, wenn ich den Alten heiratete?«

»Sprich nicht so, Melusine. Ich weiß ja recht gut, wie das alles
von dir gemeint ist, Übermut und wieder Übermut. Aber er ist doch
am Ende noch nicht so steinalt. Und +du+, so lieb ich dich habe,
du bist schließlich imstande, dich in solche Kompliziertheiten von
Schwiegervater und Schwager, alles in einem, und womöglich noch
allerhand dazu, zu verlieben.«

»Jedenfalls mehr als in +den+, der diese Kompliziertheiten darstellt
oder gar erst schaffen soll ... Also sei ruhig, freundlich Element.«



Dreiunddreißigstes Kapitel


Das war in den letzten Dezembertagen; auf Ende Februar hatte man die
Hochzeit des jungen Paares festgesetzt. In der Zwischenzeit war seitens
des alten Grafen erwogen worden, ob die Trauung nicht doch vielleicht
auf einem der Barbyschen Elbgüter stattfinden solle; die Braut selbst
aber war dagegen gewesen und hatte mit einer ihr sonst nicht eignen
Lebhaftigkeit versichert: sie hänge an der Armee, weshalb sie -- ganz
abgesehn von ihrem teuren Frommel -- die Berliner Garnisonkirche weit
vorziehe. Daß diese, nach Ansicht vieler, bloß ein großer Schuppen
sei, habe für sie gar keine Bedeutung; was ihr an der Garnisonkirche
soviel gelte, das seien die großen Erinnerungen, und ein Gotteshaus,
drin die Schwerins und die Zietens ständen (und wenn sie nicht drin
ständen, so doch andre, die kaum schlechter wären) -- eine historisch
so bevorzugte Stelle wäre ihr an ihrem Trautage viel lieber als ihre
Familienkirche, trotz der Särge so vieler Barbys unterm Altar. Woldemar
war sehr glücklich darüber, seine Braut so preußisch-militärisch zu
finden, die denn auch, als einmal die Zukunft und mit ihr die Frage
nach ›Verbleib oder Nichtverbleib‹ in der Armee durchgesprochen wurde,
lachend erwidert hatte: »Nein, Woldemar, nicht jetzt schon Abschied;
ich bin sehr für Freiheit, aber doch beinah mehr noch für Major.«

       *       *       *       *       *

Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon eine halbe Stunde
vorher erschien der Brautwagen und hielt vor dem Schickedanzschen
Hause, dessen Flur auszuschmücken sich die Frau Versicherungssekretärin
nicht hatte nehmen lassen. Von der Treppe bis auf das Trottoir hinaus
waren zu beiden Seiten Blumenestraden aufgestellt, auf denen die
Lieblinge der Frau Schickedanz in einer Schönheit und Fülle standen,
als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte. Hinter
den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung
genommen, Lizzi, Frau Imme und sämtliche Hartwigs und natürlich auch
Hedwig, die, nach ganz kurzem Dienst im Kommerzienrat Seligmannschen
Hause, vor etwa acht Tagen ihre Stelle wieder aufgegeben hatte.

»Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?«

»Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr.«

       *       *       *       *       *

Frommel traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch von bloß
Neugierigen, die sich, ehe die große Orgel einsetzte, die
merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten. Die Barbys seien eigentlich
Italiener aus der Gegend von Neapel, und der alte Graf, was man ihm
auch noch ansehe, sei in seinen jungen Jahren unter den Carbonaris
gewesen; aber mit einem Male hab er geschwenkt und sei zum Verräter
an seiner heiligen Sache geworden. Und weil in solchem Falle jedesmal
einer zur Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost würde (was der Graf
auch recht gut gewußt habe), hab er vorsichtigerweise seine schöne
Heimat verlassen und sei nach Berlin gekommen und sogar an den Hof.
Und Friedrich Wilhelm ~IV.~, der ihn sehr gern gemocht, hab auch immer
Italienisch mit ihm gesprochen.

       *       *       *       *       *

Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt, notgedrungen ~en
petit comité~, da das große Mittelzimmer, auch bei geschicktester
Anordnung, immer nur etwa zwanzig Personen aufnehmen konnte. Der
weitaus größte Teil der Gesellschaft setzte sich aus uns schon
bekannten Personen zusammen, obenan natürlich der alte Stechlin. Er war
gern gekommen, trotzdem ihm die Weltabgewandtheit, in der er lebte, den
Entschluß anfänglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte. »Trösten
wir uns,« sagte Melusine mit einer ihr kleidenden Überheblichkeit.
Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da, desgleichen Rex und
Czako, sowie Cujacius und Wrschowitz. Außerdem ein behufs Abschluß
seiner landwirtschaftlichen Studien erst seit kurzem in Berlin
lebender junger Baron von Planta, Neffe der verstorbenen Gräfin, zu
dem sich zunächst ein Premierleutnant von Szilagy (Freund und früherer
Regimentskamerad von Woldemar) und des weiteren ein Doktor Pusch
gesellte, den die Barbys noch von ihren Londoner Tagen her gut kannten.
Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter, beziehungsweise
Schwiegerväter. Da weder der eine noch der andre zu den Rednern zählte,
so ließ Frommel das Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und
Scherz, Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verteilt
waren. Alles war entzückt, der alte Stechlin, Frommels Tischnachbar,
am meisten. Beide Herren hatten sich schon vorher angefreundet, und
als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tischgespräch ganz
allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar überging, sahen
sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung einer intimeren
Privatunterhaltung nicht weiter behindert.

»Ihr Herr Sohn,« sagte Frommel, »wovon ich mich persönlich überzeugen
konnte, wohnt sehr hübsch. Darf ich daraus schließen, daß Sie sich bei
ihm einlogiert haben?«

»Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen ist immer mißlich. Und
mein Sohn weiß das auch; er kennt den Geschmack oder meinetwegen auch
bloß die Schrullenhaftigkeit seines Vaters, und so hat er mich, was
immer das Beste bleibt, in einem Hotel untergebracht.«

»Und Sie sind da zufrieden?«

»Im höchsten Maße, wiewohl es ein bißchen über mich hinausgeht. Ich
bin noch aus der Zeit von Hotel de Brandebourg, an dem mich immer nur
die Französierung ärgerte, -- sonst alles vorzüglich. Aber solche
Gasthäuser sind eben, seit wir Kaiser und Reich sind, mehr oder weniger
altmodisch geworden, und so bin ich denn durch meinen Sohn im Hotel
Bristol untergebracht worden. Alles ersten Ranges, kein Zweifel, wozu
noch kommt, daß mich der bloße Name schon erheitert, der neuerdings
jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt. Als ich noch Leutnant war,
freilich lange her, mußten alle Witze von Glasbrenner oder von Beckmann
sein. Beckmann war erster Komiker, und wenn man in Gesellschaft sagte:
›da hat ja wieder der Beckmann ...‹, so war man mit seiner Geschichte
so gut wie raus. Und wie damals mit den Witzen, so heute mit den
Hotels. Alle müssen ›Bristol‹ heißen. Ich zerbreche mir den Kopf
darüber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch am Ende nur
ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer prima. Ob es hier
wohl Menschen gibt, die Bristol je gesehn haben? Viele gewiß nicht,
denn Schiffskapitäne, die zwischen Bristol und Newyork fahren, sind
in unserm guten Berlin immer noch Raritäten. Übrigens darf ich bei
allem Respekt vor meinem berühmten Hotel sagen, unberühmte sind meist
interessanter. So zum Beispiel bayrische Wirtshäuser im Gebirge, wo man
eine dicke Wirtin hat, von der es heißt, sie sei mal schön gewesen und
ein Kaiser oder König habe ihr den Hof gemacht. Und dazu dann Forellen
und ein Landjäger, der eben einen Wilderer oder Haberfeldtreiber über
den stillen See bringt. An solchen Stellen ist es am schönsten. Und
ist der See aufgeregt, so ist es noch schöner. Das alles würde mir
unser Baron Berchtesgaden, der da drüben sitzt, gewiß gern bestätigen,
und Sie, Herr Hofprediger, bestätigen es mir schließlich auch. Denn
mir fällt eben ein, Sie waren ja mit unserm guten Kaiser Wilhelm,
dem letzten Menschen, der noch ein wirklicher Mensch war, immer in
Gastein zusammen und viel an seiner Seite. Jetzt hat man statt des
wirklichen Menschen den sogenannten Übermenschen etabliert; eigentlich
gibt es aber bloß noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die,
die man durchaus zu einem ›Über‹ machen will. Ich habe von solchen
Leuten gelesen und auch welche gesehn. Ein Glück, daß es, nach meiner
Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind, sonst könnte man
verzweifeln. Und daneben unser alter Wilhelm! Wie war er denn so, wenn
er so still seine Sommertage verbrachte? Können Sie mir was von ihm
erzählen? So was, woran man ihn so recht eigentlich erkennt.«

»Ich darf sagen ›ja‹, Herr von Stechlin. Habe so was mit ihm erlebt.
Eine ganz kleine Geschichte; aber das sind gerade die besten. Da
hatten wir mal einen schweren Regentag in Gastein, so daß der alte
Herr nicht ins Freie kam und, statt draußen in den Bergen, in seinem
großen Wohnzimmer seinen gewohnten Spaziergang machen mußte, so gut
es eben ging. Unter ihm aber (was er wußte) lag ein Schwerkranker.
Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete,
seh ich ihn, wie er da lange Läufer und Teppiche zusammenschleppt und
übereinander packt, und als er mein Erstaunen sieht, sagt er mit einem
unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen Lächeln: ›Ja, lieber Frommel,
da unter mir liegt ein Kranker; ich mag nicht, daß er die Empfindung
hat, ich trample ihm da so über den Kopf hin ...‹ Sehn Sie, Herr von
Stechlin, da haben Sie den alten Kaiser.«

Dubslav schwieg und nickte. »Wie beneid ich Sie, so was erlebt zu
haben,« hob er nach einer Weile an. »Ich kannt ihn auch ganz gut, das
heißt in Tagen, wo er noch Prinz Wilhelm war, und dann oberflächlich
auch später noch. Aber seine eigentliche Zeit ist doch seine
Kaiserzeit.«

»Gewiß, Herr von Stechlin. Es wächst der Mensch mit seinen größern
Zwecken.«

»Richtig, richtig,« sagte Dubslav, »das schwebte mir auch vor; ich
konnt es bloß nicht gleich finden. Ja, so war er, und so einen kriegen
wir nicht wieder. Übrigens sag ich das in aller Reverenz. Denn ich bin
kein Frondeur. Fronde ist mir gräßlich und paßt nicht für uns. Bloß
mitunter, da paßt sie doch vielleicht.«

       *       *       *       *       *

Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen, und um halb acht
ging der Zug, mit dem das junge Paar noch bis Dresden wollte, dieser
herkömmlich ersten Etappe für jede Hochzeitsreise nach dem Süden. Man
erhob sich von der Tafel, und während die Gäste, bunte Reihe machend,
untereinander zu plaudern begannen, zogen sich Woldemar und Armgard
unbemerkt zurück. Ihr Reisegepäck war seit einer Stunde schon voraus,
und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem Barbyschen Hause.
Die Baronin und Melusine hatten sich zur Begleitung des jungen Paares
miteinander verabredet und nahmen jetzt, ohne daß Woldemar und Armgard
es hindern konnten, die beiden Rücksitze des Wagens ein. Das ergab
aber, besonders zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene Rang-
und Höflichkeitsstreiterei. »Ja, wenn es jetzt in die Kirche ginge,«
sagte Armgard, »so hättest du recht. Aber unser Wagen ist ja schon
wieder ein ganz einfacher Landauer geworden, und Woldemar und ich
sind, vier Stunden nach der Trauung, schon wieder wie zwei gewöhnliche
Menschen. Und sich dessen bewußt zu werden, damit kann man nicht früh
genug anfangen.«

»Armgard, du wirst mir zu gescheit,« sagte Melusine.

Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am Anhalter Bahnhof
eintraf, waren Rex und Czako bereits da -- beide mit Riesensträußen
--, zogen sich aber unmittelbar nach Überreichung ihrer Buketts wieder
zurück. Nur die Baronin und Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig
und warteten unter lebhafter Plauderei bis zum Abgange des Zuges.
In dem von dem jungen Paare gewählten Coupé befanden sich noch zwei
Reisende; der eine, blond und artig und mit goldener Brille, konnte nur
ein Sachse sein, der andre dagegen, mit Pelz und Juchtenkoffer, war
augenscheinlich ein »Internationaler« aus dem Osten oder selbst aus dem
Südosten Europas.

Nun aber hörte man das Signal, und der Zug setzte sich in Bewegung.

       *       *       *       *       *

Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern. Dann bestiegen
sie wieder den draußen haltenden Wagen. Es war ein herrliches Wetter,
einer jener Vorfrühlingstage, wie sie sich gelegentlich schon im
Februar einstellen.

»Es ist so schön,« sagte Melusine. »Benutzen wir's. Ich denke, liebe
Baronin, wir fahren hier zunächst am Kanal hin in den Tiergarten hinein
und dann an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung.«

Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick aber, wo sie von dem
holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg einbogen, sagte die
Baronin: »Ich begreife Stechlin nicht, daß er nicht ein Coupé apart
genommen.«

Melusine wiegte den Kopf.

»Den mit der goldenen Brille,« fuhr die Baronin fort, »den nehm ich
nicht schwer. Ein Sachse tut keinem was und ist auch kaum eine Störung.
Aber der andre mit dem Juchtenkoffer. Er schien ein Russe, wenn nicht
gar ein Rumäne. Die arme Armgard. Nun hat sie ihren Woldemar und hat
ihn auch wieder nicht.«

»Wohl ihr.«

»Aber Gräfin ...«

»Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das sagen zu hören. Und doch
hat's damit nur zu sehr seine Richtigkeit: gebranntes Kind scheut das
Feuer.«

»Aber Gräfin ...«

»Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz und fuhr an
demselben Abende noch bis Venedig. Venedig ist in einem Punkte ganz
wie Dresden: nämlich erste Station bei Vermählungen. Auch Ghiberti --
ich sage immer noch lieber ›Ghiberti‹ als ›mein Mann‹; ›mein Mann‹ ist
überhaupt ein furchtbares Wort -- auch Ghiberti also hatte sich für
Venedig entschieden. Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel zu
passieren.«

»Weiß, weiß. Endlos.«

»Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wäre doch da wer mit uns gewesen, ein
Sachse, ja selbst ein Rumäne. Wir waren aber allein. Und als ich aus
dem Tunnel heraus war, wußt ich, welchem Elend ich entgegenlebte.«

»Liebste Melusine, wie beklag ich Sie; wirklich, teuerste Freundin, und
ganz aufrichtig. Aber so gleich ein Tunnel. Es ist doch auch wie ein
Schicksal.«

       *       *       *       *       *

Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung ihrer Buketts
vom Bahnhof her in die Königgrätzerstraße zurückgezogen, und hier
angekommen, sagte Czako: »Wenn es Ihnen recht ist, Rex, so gehen wir
bis in das Restaurant Bellevue.«

»Tasse Kaffee?«

»Nein; ich möchte gern was Ordentliches essen. Drei Löffel Suppe, ne
Forelle ~en miniature~ und ein Poulardenflügel, -- das ist zu wenig für
meine Verhältnisse. Rund heraus, ich habe Hunger.«

»Sie werden sich zu gut unterhalten haben.«

»Nein, auch das nicht. Unterhaltung sättigt außerdem, wenigstens
Menschen, die, wie ich, wenn Sie auch drüber lachen, aufs Geistige
gestellt sind. Ein bißchen mag ich übrigens an meinem elenden Zustande
selbst schuld sein. Ich habe nämlich immer nur die Gräfin angesehn und
begreife nach wie vor unsren Stechlin nicht. Nimmt da die Schwester!
Er hatte doch am Ende die Wahl. Der kleine Finger der Gräfin (und
ihr kleiner Zeh nun schon ganz gewiß) ist mir lieber als die ganze
Komtesse.«

»Czako, Sie werden wieder frivol.«



Vierunddreißigstes Kapitel


Unter den Hochzeitsgästen hatte sich, wie schon kurz erwähnt, auch
ein Doktor Pusch befunden, ein gewandter und durchaus weltmännisch
wirkender Herr mit gepflegtem, aber schon angegrautem Backenbart. Er
war vor etwa fünfundzwanzig Jahren an der Assessorecke gescheitert und
hatte damals nicht Lust gehabt, sich ein zweites Mal in die Zwickmühle
nehmen zu lassen. »Das Studium der Juristerei ist langweilig und die
Karriere hinterher miserabel« -- so war er denn als Korrespondent für
eine große rheinische Zeitung nach England gegangen und hatte sich
dort auf der deutschen Botschaft einzuführen gewußt. Das ging so durch
Jahre. Ziemlich um dieselbe Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner
Stellung aufgab, war auch Doktor Pusch wieder flügge geworden und hatte
sich nach Amerika hinüber begeben. Er fand indessen das Freie dort
freier, als ihm lieb war, und kehrte sehr bald, nachdem er es erst in
Newyork, dann in Chikago versucht hatte, nach Europa zurück. Und zwar
nach Deutschland. »Wo soll man am Ende leben?« Unter dieser Betrachtung
nahm er schließlich in Berlin wieder seinen Wohnsitz. Er war ungeniert
von Natur und ein klein wenig überheblich. Als wichtigstes Ereignis
seiner letzten sieben Jahre galt ihm sein Übertritt vom Pilsener
zum Weihenstephan. »Sehen Sie, meine Herren, vom Weihenstephan zum
Pilsener, das kann jeder; aber das Umgekehrte, das ist was. Chinesen
werden christlich, gut. Aber wenn ein Christ ein Chinese wird, das ist
doch immer noch eine Sache von Belang.«

Pusch, als er sich in Berlin niederließ, hatte sich auch bei den
Barbys wieder eingeführt; Melusine entsann sich seiner noch,
und der alte Graf war froh, die zurückliegenden Zeiten wieder
durchsprechen und von Sandrigham und Hatfieldhouse, von Chatsworth
und Prembroke-Lodge plaudern zu können. Eigentlich paßte der etwas
weitgehende Ungeniertheitston, in dem der Doktor seiner Natur wie
seiner Newyorker Schulung nach zu sprechen liebte, nicht sonderlich zu
den Gepflogenheiten des alten Grafen; aber es lag doch auch wieder ein
gewisser Reiz darin, ein Reiz, der sich noch verdoppelte durch das, was
Pusch aus aller Welt Enden mitzuteilen wußte. Brillanter Korrespondent,
der er war, unterhielt er Beziehungen zu den Ministerien und, was fast
noch schwerer ins Gewicht fiel, auch zu den Gesandtschaften. Er hörte
das Gras wachsen. Auf Titulaturen ließ er sich nicht ein; die vielen
Telegramme hatten einen gewissen allgemeinen Telegrammstil in ihm
gezeitigt, dessen er sich nur entschlug, wenn er ins Ausmalen kam. Es
war im Zusammenhang damit, daß er gegen Worte wie: »Wirklicher Geheimer
Oberregierungsrat« einen förmlichen Haß unterhielt. Herzog von Ujest
oder Herzog von Ratibor waren ihm, trotz ihrer Kürze, immer noch zu
lang, und so warf er denn statt ihrer einfach mit »Hohenlohes« um sich.
In der Tat, er hatte mancherlei Schwächen. Aber diese waren doch auch
wieder von eben so vielen Tugenden begleitet. So beispielsweise sah er
über alles, was sich an Liebesgeschichten ereignete, mit einer beinah
vornehmen Gleichgültigkeit hinweg, was manchem sehr zu paß kam. Ob dies
Drüberhinsehn bloß Geschäftsmaxime war, oder ob er all dergleichen
einfach alltäglich und deshalb mehr oder weniger langweilig fand,
war nicht recht festzustellen; er kultivierte dafür mit Vorliebe das
Finanzielle, vielleicht davon ausgehend, daß, wer die Finanzen hat,
auch selbstverständlich alles andere hat, besonders die Liebe.

Das war ~Dr.~ Pusch. Er schloß sich, als man aufbrach, einer Gruppe
von Personen an, die den »angerissenen Abend« noch in einem Lokal
verbringen wollten.

»Ja, wo?«

»Natürlich Siechen.«

»Ach, Siechen. Siechen ist für Philister.«

»Nun denn also, beim ›schweren Wagner‹.«

»Noch philiströser. Ich bin für Weihenstephan.«

»Und ich für Pilsener.«

Man einigte sich schließlich auf ein Lokal in der Friedrichstraße, wo
man beides haben könne.

Die Herren, die dahin aufbrachen, waren außer Pusch noch der
junge Baron Planta, dann Cujacius und Wrschowitz und abschließend
Premierleutnant von Szilagy, der, wie schon angedeutet, früher bei den
Gardedragonern gestanden, aber wegen einer großen Generalbegeisterung
für die Künste, das Malen und Dichten obenan, schon vor etlichen
Jahren seinen Abschied genommen hatte. Mit seinen Genrebildern war
er nicht recht von der Stelle gekommen, weshalb er sich neuerdings
der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter dem bescheidenen
Titel »~Bellis perennis~« veröffentlicht hatte. Lauter kleine
Liebesgeschichten.

Alle fünf Herren, mit alleiniger Ausnahme des jungen Graubündner
Barons, erwiesen sich von Anfang an als ziemlich aufgeregt, und
jeder ihnen Zuhörende hätte sofort das Gefühl haben müssen, daß hier
viel Explosionsstoff aufgehäuft sei. Trotzdem ging es zunächst gut;
Wrschowitz hielt sich in Grenzen, und selbst Cujacius, der nicht gern
andern das Wort ließ, freute sich über Puschs Schwadronage, vielleicht
weil er nur das heraushörte, was ihm gerade paßte.

Leutnant von Szilagy -- man kam vom Hundertsten aufs Tausendste --
wurde bei den Fragen, die hin und her gingen, von ungefähr auch nach
seinem Novellenbande gefragt und ob er Freude daran gehabt habe.

»Nein, meine Herren,« sagte Szilagy, »das kann ich leider nicht sagen.
Ich habe ~Bellis perennis~ auf eigne Kosten herstellen lassen und
hundertzehn Rezensionsexemplare verschickt, unter Beilegung eines
Zettels; der ist denn auch von einigen Zeitungen abgedruckt worden,
aber nur von ganz wenigen. Im übrigen schweigt die Kritik.«

»O, Krittikk« sagte Wrschowitz. »Ich liebe Krittikk. Aber gutte
Krittikk schweigt.«

»Und doch,« fuhr Szilagy fort, der sich in dem etwas delphischen
Ausspruch des guten Wrschowitz nicht gleich zurechtfinden konnte, »doch
sind diese schmerzlichen Gefühle nichts gegen das, was voraufgegangen.
Ich unterhielt nämlich vor Erscheinen des Buches selbst die Hoffnung
in mir, einige dieser kleinen Arbeiten in einem Parteiblatt und, als
dies mißlang, in einem Familienjournal unterbringen zu können. Aber ich
scheiterte ...«

»Ja, natürlich scheiterten Sie,« sagte Pusch, »das spricht für Sie.
Lassen Sie sich sagen und raten, denn ich weiß in diesen Dingen
einigermaßen Bescheid. War nämlich drüben, ja ich darf beinah sagen,
ich war doppelt drüben, erst drüben in England und dann drüben in
Amerika. Da versteht man's. Ja, du lieber Himmel, dies bedruckte
Löschpapier! Man lebt davon und es regiert eigentlich die Welt. Aber,
aber ... Und dabei, wenn ich recht gehört habe, sprachen Sie von
Parteiblatt, -- furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal,
-- zweimal furchtbar!«

»Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen Gebiete?«

»Nein, Herr von Szilagy, so tief ließ mich die Gnade nicht sinken. Aber
ich treibe mein Wesen über dem Strich, und wenn man so Wand an Wand
wohnt, da weiß man doch einigermaßen, wie's bei dem Nachbar aussieht.
Ach, und außerdem, wie so mancher hat mir sein Herz ausgeschüttet
und mir dabei seine liebe Not geklagt! Wer's nicht leicht nimmt, der
ist verloren. Roman, Erzählung, Kriminalgeschichte. Jeder, der der
großen Masse genügen will, muß ein Loch zurückstecken. Und wenn er das
redlich getan hat, dann immer noch eins. Es gibt eine Normalnovelle.
Etwa so: tiefverschuldeter adeliger Assessor und ›Sommerleutnant‹
liebt Gouvernante von stupender Tugend, so stupende, daß sie, wenn
geprüft, selbst auf diesem schwierigsten Gebiete bestehen würde.
Plötzlich aber ist ein alter Onkel da, der den halb entgleisten Neffen
an eine reiche Cousine standesgemäß zu verheiraten wünscht. Höhe der
Situation! Drohendster Konflikt. Aber in diesem bedrängten Moment
entsagt die Cousine nicht nur, sondern vermacht ihrer Rivalin auch ihr
Gesamtvermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute
noch ... Ja, Herr von Szilagy, wollen Sie damit konkurrieren?«

Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte: »Doktor Pusch, Pardon, aber
ich glaube beinah, Sie übertreiben. Und Sie wissen es auch.«

Pusch lachte: »Wenn man etwas der Art sagt, übertreibt man immer. Wer
ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon
die Karikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, daß Peter von
Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt hätte, wenn er so etwa
beim Erdbeerpflücken einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi
sei vernachlässigt und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?!«

»Serr gutt, serr gutt.«

»Und so auch, meine Herren, wenn ich von moderner Literatur spreche.
Herr von Szilagy, den wir so glücklich sind unter uns zu sehn, soll
aufgerichtet, seine Seele soll mit neuem Vertrauen erfüllt werden.
Oder aber mit Heiterkeit, was noch besser ist. Er soll wieder lachen
können. Und wenn man solche Wirkung erzielen will, ja, dann muß man
eben deutlich und zugleich etwas phantastisch sprechen. Indessen
auch ernsthaft angesehen, wie steht es denn mit der Herstellung
(ich vermeide mit Vorbedacht das Wort ›Schöpfung‹) oder gar mit dem
Verschleiß der meisten dieser Dinge! Lassen Sie mich in einem Bilde
sprechen. Da haben wir jetzt in unsern Blumenläden allerlei Kränze,
voran den aus Eichenlaub und Lorbeer bestehenden und meist noch behufs
besserer Dauerbarkeit auf eine herzhafte Weidenrute geflochtenen
Urkranz. Und nun treten Sie, je nach der Situation, an die sich Ihnen
mit betrübter oder auch mit lächelnder Miene nähernde Kranzbinderin
heran, um zu Begräbnis oder Trauung Ihre Bestellung zu machen, zu
drei Mark oder zu fünf oder zu zehn. Und genau dieser Bestellung
entsprechend, werden in den vorgeschilderten Urkranz etliche Georginen
oder Teichrosen eingebunden und bei stattgehabter Höchstbewilligung
sogar eine Orchidee von ganz unglaublicher Form und Farbe.«

»Kenne die Orchidee,« rief Wrschowitz in höchster Ekstase, »lila mit
gelb.«

Pusch nickte, zugleich in steigendem Übermut fortfahrend: »Und genau
so mit der Urnovelle. Die liegt fertig da wie der Urkranz; nichts
fehlt als der Aufputz, der nunmehr freundschaftlich verabredet
wird. Bei Höchstbewilligung wird ein Verstoß gegen die Sittlichkeit
eingeflochten. Das ist dann die große Orchidee, lila mit gelb, wie
Freund Wrschowitz sehr richtig hervorgehoben hat.«

»Unter diesen Umständen,« bemerkte hier Baron Planta, »will es mir
als ein wahres Glück erscheinen, daß Herr von Szilagy, wie ich höre,
mehrere Eisen im Feuer hat. Was ihm die Novellistik schuldig bleibt,
muß ihm die Malerei bringen.«

»Was sie leider bisher nicht tat und mutmaßlich auch nie tun wird,«
lachte Szilagy halb wehmütig, »trotzdem ich vom Genrebild aus, mit
dem ich anfing, eine Schwenkung gemacht und mich unter Anleitung
meines Freundes Salzmann neuerdings der Marinemalerei zugewandt habe.
Mitunter auch Bataillen. Und was die blauen Töne betrifft, so darf ich
vielleicht behaupten, hinter keinem zurückgeblieben zu sein. Habe mich
außerdem in Gudin und William Turner vergafft. Aber trotzdem ...«

»Aber trotzdem ohne rechten Erfolg,« unterbrach hier Cujacius,
»was mich nicht Wunder nimmt. Was wollen Sie mit Gudin oder gar
mit Turner? Wer das Meer malen will, muß nach Holland gehn und die
alten Niederländer studieren. Und unter den Modernen vor allem die
Skandinaven: die Norweger, die Dänen.«

Wrschowitz zuckte zusammen.

»Wir haben da beispielsweise den Melby, Däne ~pur sang~, der sehr gut
und beinah bedeutend ist.«

»O nein, nein,« platzte jetzt Wrschowitz mit immer mehr erzitternder
Stimme heraus. »Nicht serr gutt, nicht bedeutend, auch nicht einmal
+beinah+ bedeutend.«

»Der +sehr+ bedeutend ist,« wiederholte Cujacius. »Grade darin
bedeutend, daß er nicht bedeutend sein will. Er erhebt keine falschen
Prätensionen; er ist schlicht, ohne Phantastereien, aber stimmungsvoll;
und wenn ich Bilder von ihm sehe, besonders solche, wo das graublaue
Meer an einer Klippe brandet, so berührt mich das jedesmal spezifisch
skandinavisch, etwa wie der ossianische Meereszauber in den
Kompositionen unsers trefflichen Niels Gade.«

»Niels Gade? Von Niels Gade spricht man nicht.«

»Ich spreche von Niels Gade. Seine Kompositionen reichen bis an
Mendelssohn heran.«

»Was ihn nicht größer macht.«

»Doch, mein Herr Doktor. Wirkliche Kunstgrößen zu stürzen, dazu reichen
Überheblichkeiten nicht aus.«

»Was Sie nicht abhielt, mein Herr Professor, den großen Gudin
culbütieren zu wollen.«

»Über Malerei zu sprechen steht mir zu.«

»Über Musik zu sprechen steht mir zu.«

»Sonderbar. Immer Personen aus unkontrollierbaren Grenzbezirken führen
bei uns das große Wort.«

»Ich bin Tscheche. Weiß aber, daß es ein deutsches Sprichwort gibt:
›Der Deutsche lüggt, wenn er höfflich wird.‹«

»Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte.«

»~En quoi vous réussissez à merveille.~«

»Aber, meine Herren,« warf Pusch hier ein, den die ganze Streiterei
natürlich entzückte, »könnten wir nicht das Kriegsbeil begraben?
Proponiere: Begegnung auf halbem Wege; ~shaking hands~. Nehmen Sie
zurück, hüben und drüben.«

»Nie,« donnerte Cujacius.

»~Jamais~,« sagte Wrschowitz.

Und damit erhoben sich alle. Cujacius und Pusch hatten die Tete,
Wrschowitz und Baron Planta folgten in einiger Entfernung. Szilagy war
vorsichtigerweise abgeschwenkt.

Wrschowitz, immer noch in großer Erregung, mühte sich, dem jungen
Graubündner auseinanderzusetzen, daß Cujacius ganz allgemein den Ruf
eines Krakeelers habe. »~Je vous assure, Monsieur le Baron, il est un
fou et plus que ça -- un blagueur.~«

Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich lassen zu
wollen. Aber er bekehrte sich, als er einen Augenblick danach von der
Front her die mit immer steigender Heftigkeit ausgestoßenen Worte
hörte: Kaschube, Wende, Böhmake.



Fünfunddreißigstes Kapitel


Um dieselbe Stunde, wo sich die fünf Herren von der Barbyschen
Hochzeitstafel entfernt hatten, waren auch Baron Berchtesgaden und
Hofprediger Frommel aufgebrochen, so daß sich, außer dem Brautvater,
nur noch der alte Stechlin im Hochzeitshause befand. Dieser hatte
sich -- Melusine war vom Bahnhofe noch nicht wieder da -- vom Eßsaal
her zunächst in das verwaiste Damenzimmer und von diesem aus auf die
Loggia zurückgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu sehn
und einen Zug frische Luft zu tun. An dieser Stelle fand ihn denn auch
schließlich der alte Graf und sagte, nachdem er seinem Staunen über
den gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte:
»Nun aber, mein lieber Stechlin, wollen wir endlich einen kleinen
Schwatz haben und uns näher miteinander bekannt machen. Ihr Zug geht
erst zehn ein halb; wir haben also noch beinah anderthalb Stunden.«

Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in sein Wohnzimmer, das bis
dahin als Estaminet gedient hatte, hinüberzuführen.

»Erlauben Sie mir,« fuhr er hier fort, »daß ich zunächst mein halb
eingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein auf einen Stuhl
strecke; es hat mich all die Zeit über ganz gehörig gezwickt, und
namentlich das Stehen vor dem Altar ist mir blutsauer geworden. Bitte,
rücken Sie heran. Es ging während unsers kleinen Diners alles so
rasch, und ich wette, Sie sind bei dem Kaffee ganz erheblich zu kurz
gekommen. Der Moment, wo das Bier herumgereicht wird, ist in den Augen
des modernen Menschen immer das wichtigste; da wird dann der Kaffeezeit
manches abgeknapst.«

Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel.

»Jeserich, noch eine Tasse für Herrn von Stechlin und natürlich einen
Kognak oder Curaçao oder lieber die ganze ›Benediktinerabtei‹, --
Witz von Cujacius, für den Sie mich also nicht verantwortlich machen
dürfen ... Leider werde ich Ihnen bei diesem ›zweiten Kaffee‹ nicht
Gesellschaft leisten können; ich habe mich schon bei Tische mit einer
lügnerisch und bloß anstandshalber in einen Champagnerkübel gestellten
Apollinarisflasche begnügen müssen. Aber was hilft es, man will doch
nicht auffallen mit all seinen Gebresten.«

Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen und saß,
eine Lampe mit grünem Schirm zwischen sich und ihm, seinem Wirte gerade
gegenüber. Jeserich kam mit der Tablette.

»Den Kognak,« fuhr der alte Barby fort, »kann ich Ihnen empfehlen;
noch Beziehungen aus Zeiten her, wo man mit einem Franzosen ungeniert
sprechen und nach einer guten Firma fragen konnte. Waren Sie siebzig
noch mit dabei?«

»Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus meinem Regiment war ich
lange heraus. Nur als Johanniter.«

»Ganz wie ich selber.«

»Eine wundervolle Zeit, dieser Winter siebzig,« fuhr Dubslav fort,
»auch rein persönlich angesehn. Ich hatte damals das, was mir
zeitlebens, wenn auch nicht absolut, so doch mehr als wünschenswert
gefehlt hatte: Fühlung mit der großen Welt. Es heißt immer, der Adel
gehöre auf seine Scholle, und je mehr er mit der verwachse, desto
besser sei es. Das ist auch richtig. Aber etwas ganz Richtiges gibt es
nicht. Und so muß ich denn sagen, es war doch was Erquickliches, den
alten Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben. Hab ihn freilich immer
nur flüchtig gesehn, aber auch das war schon eine Herzensfreude. Sie
nennen ihn jetzt den ›Großen‹ und stellen ihn neben Fridericus Rex.
Nun, so einer war er sicherlich nicht, an den reicht er nicht ran.
Aber als Mensch war er ihm über, und das gibt, mein ich, in gewissem
Sinne den Ausschlag, wenn auch zur ›Größe‹ noch was anders gehört. Ja,
der alte Fritz! Man kann ihn nicht hoch genug stellen; nur in einem
Punkte find ich trotzdem, daß wir eine falsche Position ihm gegenüber
einnehmen, gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr für uns, wie wir
immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern. Er war für
sich und für das Land oder, wie er zu sagen liebte, ›für den Staat‹.
Aber daß wir als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt hätten,
das ist eine Einbildung.«

»Überrascht mich, aus Ihrem Munde zu hören.«

»Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn eigentlich? Wir hatten
die Ehre, für König und Vaterland hungern und dursten und sterben
zu dürfen, sind aber nie gefragt worden, ob uns das auch passe. Nur
dann und wann erfuhren wir, daß wir ›Edelleute‹ seien und als solche
mehr ›Ehre‹ hätten. Aber damit war es auch getan. In seiner innersten
Seele rief er uns eigentlich genau dasselbe zu wie den Grenadieren
bei Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit meist sehr
kritischem Auge betrachtet. Alles in allem, lieber Graf, find ich
unser Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches größer, weil alles,
was geschah, weniger den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und
Selbstentschließung hatte. Ich bin nicht für die patentierte Freiheit
der Parteiliberalen, aber ich bin doch für ein bestimmtes Maß von
Freiheit überhaupt. Und wenn mich nicht alles täuscht, so wird auch
in unsern Reihen allmählich der Glaube lebendig, daß wir uns dabei --
besonders auch rein praktisch-egoistisch -- am besten stehn.«

Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte. Dubslav aber fuhr
fort: »Übrigens, +das+ muß ich sagen dürfen, lieber Graf, Sie wohnen
hier brillant an Ihrem Kronprinzenufer; ein entzückender Blick, und
Fremde würden vielleicht kaum glauben, daß an unsrer alten Spree so
was Hübsches zu finden sei. Die Niederlassungs- und speziell die
Wohnungsfrage spielt doch, wo sich's um Glück und Behagen handelt,
immer stark mit, und gerade Sie, der Sie so lange draußen waren,
werden, ehe Sie hier dies Visavis von unsrer Jungfernheide wählten,
nicht ohne Bedenken gewesen sein. In bezug auf die Landschaft gewiß und
in bezug auf die Menschen vielleicht.«

»Sagen wir, auch da gewiß. Ich hatte wirklich solche Bedenken. Aber sie
sind niedergekämpft. Vieles gefiel mir durchaus nicht, als ich, nach
langen, langen Jahren, aus der Fremde wieder nach hier zurückkam, und
vieles gefällt mir auch noch nicht. Überall ein zu langsames Tempo. Wir
haben in jedem Sinne zuviel Sand um uns und in uns, und wo viel Sand
ist, da will nichts recht vorwärts, immer bloß hü und hott. Aber dieser
Sandboden ist doch auch wieder tragfähig, nicht glänzend, aber sicher.
Er muß nur, und vor allem der moralische, die richtige Witterung
haben, also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein. Und ich glaube,
Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung gebracht.«

»Ich glaub es nicht,« sagte Dubslav.

»Meinen Sie, daß es ihm schließlich doch nicht ein rechter Ernst mit
der Sache war?«

»O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar. Aber es würd ihm zu
schwer gemacht worden sein. Rund heraus, er wäre gescheitert.«

»Woran?«

»An seinen Freunden vielleicht, an seinen Feinden gewiß. Und das waren
die Junker. Es heißt immer, das Junkertum sei keine Macht mehr, die
Junker fräßen den Hohenzollern aus der Hand und die Dynastie züchte sie
bloß, um sie für alle Fälle parat zu haben. Und das ist eine Zeitlang
vielleicht auch richtig gewesen. Aber heut ist es nicht mehr richtig,
es ist heute grundfalsch. Das Junkertum (trotzdem es vorgibt, seine
Strohdächer zu flicken, und sie gelegentlich vielleicht auch wirklich
flickt), dies Junkertum -- und ich bin inmitten aller Loyalität und
Devotion doch stolz, dies sagen zu können -- hat in dem Kampf dieser
Jahre kolossal an Macht gewonnen, mehr als irgendeine andre Partei,
die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und mitunter ist mir's, als
stiegen die seligen Quitzows wieder aus dem Grabe herauf. Und wenn das
geschieht, wenn unsre Leute sich auf das besinnen, worauf sie sich seit
über vierhundert Jahren nicht mehr besonnen haben, so können wir was
erleben. Es heißt immer: ›unmöglich.‹ Ah bah, was ist unmöglich? Nichts
ist unmöglich. Wer hätte vor dem 18. März den 18. März für möglich
gehalten, für möglich in diesem echten und rechten Philisternest
Berlin! Es kommt eben alles mal an die Reihe; das darf nicht vergessen
werden. Und die Armee! Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee sagen?
Aber jeder glückliche General ist immer eine Gefahr! Und unter
Umständen auch noch andre. Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an,
unsren Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß was
werden können.«

»Und Sie glauben,« warf der Graf hier ein, »an dieser scharfen
Quitzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert?«

»Ich glaub es.«

»Hm, es läßt sich hören. Und wenn so, so wär es schließlich ein Glück,
daß es nach den neunundneunzig Tagen anders kam und wir nicht vor diese
Frage gestellt wurden.«

»Ich habe mit meinem Woldemar, der einen stark liberalen Zug hat (ich
kann es nicht loben und mag's nicht tadeln) oft über diese Sache
gesprochen. Er war natürlich für Neuzeit, also für Experimente ...
Nun hat er inzwischen das bessere Teil erwählt, und während wir hier
sprechen, ist er schon über Trebbin hinaus. Sonderbar, ich bin nicht
allzuviel gereist, aber immer, wenn ich an diesem märkischen Neste
vorbeikam, hatt ich das Gefühl: ›jetzt wird es besser, jetzt bist du
frei.‹ Ich kann sagen, ich liebe die ganze Sandbüchse da herum, schon
bloß aus diesem Grunde.«

Der alte Graf lachte behaglich. »Und Trebbin wird sich von dieser Ihrer
Schwärmerei nichts träumen lassen. Übrigens haben Sie recht. Jeder lebt
zu Hause mehr oder weniger wie in einem Gefängnis und will weg. Und
doch bin ich eigentlich gegen das Reisen überhaupt und speziell gegen
die Hochzeitsreiserei. Wenn ich so Personen in ein Coupé nach Italien
einsteigen sehe, kommt mir immer ein Dankgefühl, dieses ›höchste Glück
auf Erden‹ nicht mehr mitmachen zu müssen. Es ist doch eigentlich eine
Qual, und die Welt wird auch wieder davon zurückkommen; über kurz oder
lang wird man nur noch reisen, wie man in den Krieg zieht oder in einen
Luftballon steigt, bloß von Berufs wegen. Aber nicht um des Vergnügens
willen. Und wozu denn auch? Es hat keinen rechten Zweck mehr. In alten
Zeiten ging der Prophet zum Berge, jetzt vollzieht sich das Wunder und
der Berg kommt zu uns. Das Beste vom Parthenon sieht man in London und
das Beste von Pergamum in Berlin, und wäre man nicht so nachsichtig
mit den lieben, nie zahlenden Griechen verfahren, so könnte man sich
(am Kupfergraben) im Laufe des Vormittags in Mykenä und nachmittags in
Olympia ergehn.«

»Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber doch zugleich auch ein wenig
betrübt, Sie so dezidiert gegen alle Reiserei zu finden. Ich stand
nämlich auf dem Punkte, Sie nach Stechlin hin einzuladen, in meine alte
Kate, die meine guten Globsower unentwegt ein ›Schloß‹ nennen.«

»Ja, lieber Stechlin, Ihre ›Kate‹, das ist was andres. Und um Ihnen
ganz die Wahrheit zu sagen, wenn Sie mich nicht eingeladen hätten
(eigentlich ist es ja noch nicht geschehn, aber ich greife bereits
vor), so hätt ich mich bei Ihnen angemeldet. Das war schon lange mein
Plan.«

In diesem Augenblicke ging draußen die Klingel. Es war Melusine.

»Bringe den Vätern, respektive Schwiegervätern allerschönste Grüße. Die
Kinder sind jetzt mutmaßlich schon über Wittenberg, die große Luther-
beziehungsweise Apfelkuchenstation, hinaus, und in weniger als zwei
Stunden fahren sie in den Dresdener Bahnhof ein. O diese Glücklichen!
Und dabei verwett ich mich, Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin
zurück. Vielleicht sogar nach mir.«

»Kein Zweifel,« sagte Dubslav. Die Gräfin selbst aber fuhr fort: »Ehe
man nämlich ganz Abschied von dem alten Leben nimmt, sehnt man sich
noch einmal gründlich danach zurück. Freilich, Schwester Armgard wird
weniger davon empfinden als andere. Sie hat eben den liebenswürdigsten
und besten Mann, und ich könnt ihn ihr beinah beneiden, trotzdem ich
noch im Abschiedsmoment einen wahren Schreck kriegte, als ich ihn sagen
hörte, daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische Madonna
treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu wie verklärt aussah. Und
das find ich einfach unerhört. Warum, werden Sie mich vielleicht
fragen. Nun denn, weil es erstens eine Beleidigung ist, sich auf eine
Madonna so extrem zu freuen, wenn man eine Braut oder gar eine junge
Frau zur Seite hat, und zweitens, weil dieser geplante Galeriebesuch
einen Mangel an Disposition und Ökonomie bedeutet, der mich für
Woldemars ganze Zukunft besorgt machen kann. Diese Zukunft liegt doch
am Ende nach der agrarischen Seite hin, und richtige ›Dispositionen‹
bedeuten in der Landwirtschaft so gut wie alles.«

Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine ließ es nicht
dazu kommen und fuhr ihrerseits fort: »Jedenfalls -- das ist nicht
wegzudisputieren -- fährt unser Woldemar jetzt in das Land der Madonnen
hinein und will da mutmaßlich mit leidlich frischen Kräften antreten;
wenn er sich aber schon in Deutschland etappenweise vertut, so wird
er, wenn er in Rom ist, wohl sein Programm ändern und im Café Cavour
eine Berliner Zeitung lesen müssen, statt nebenan im Palazzo Borghese
Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht: eine +Berliner+ Zeitung,
denn wir werden jetzt Weltstadt und wachsen mit unserer Presse schon
über Charlottenburg hinaus ... Übrigens läßt, wie das junge Paar, so
auch die Baronin bestens grüßen. Eine reizende Frau, Herr von Stechlin,
die grad Ihnen ganz besonders gefallen würde. Glaubt eigentlich gar
nichts und geriert sich dabei streng katholisch. Das klingt widersinnig
und ist doch richtig und reizend zugleich. All die Süddeutschen
sind überhaupt viel netter als wir, und die nettesten, weil die
natürlichsten, sind die Bayern.«



Sonnenuntergang



Sechsunddreißigstes Kapitel


Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf seinem Granseer Bahnhof
eintraf, fand da Martin und seinen Schlitten bereits vor. Engelke
hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt, denn es war inzwischen
recht kalt geworden. Im ersten Augenblicke tat dem Alten, in dessen
Coupé die herkömmliche Stickluft gebrütet hatte, der draußen wehende
Ostwind überaus wohl; sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein.
Schon tags zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht
zumute gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schläfe; jetzt war derselbe
Zustand wieder da. Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in das
Sterngeflimmer über ihm. Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen
dunkle, groteske Schatten über den Weg, während er die nach links und
rechts hin liegenden toten Schneefelder mit den wechselnden Bildern
alles dessen, was ihm der zurückliegende Tag gebracht harte, belebte.
Da sah er wieder die mit rotem Teppich belegte Hotel-Marmortreppe
mit dem Oberkellner in Gesandtschaftsattachéhaltung, und im nächsten
Augenblicke den Garnisonkirchenküster, den er anfänglich für einen
zur Feier eingeladenen Konsistorialrat gehalten hatte. Daneben aber
stand die blasse, schöne Braut und die reizende, bieg- und schmiegsame
Melusine. »Ja, der alte Barby, wenn er auf +die+ sieht, der hat's gut,
der kann es aushalten. Immer einen guten und klugen Menschen um sich
haben, immer was hören und sehen, was einen anlacht und erquickt, das
ist was. Aber ich! Ich für meinen Teil, gleichviel ob mit oder ohne
Schuld, ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt, -- als Kind,
weil ich faul war, und als Leutnant, weil ich nicht recht was hatte.
Dann kam ein Lichtblick. Aber gleich danach starb sie, die mir Stab und
Stütze hätte sein können, und durch all die dreißig Jahre, die seitdem
kamen und gingen, blieb mir nichts als Engelke (der noch das Beste war)
und meine Schwester Adelheid. Gott, verzeih mir's, aber ein Trost war
die nicht; immer bloß herbe wie'n Holzapfel.«

Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und hielt gleich
danach vor der Tür seines alten Hauses. Engelke war schon da, half ihm
und tat sein Bestes, ihn aus der schweren Wolfsschur herauszuwickeln.
Der immer noch Fröstelnde stapfte dabei mit den Füßen, warf seinen
Staatshut -- den er unterwegs, weil er ihn drückte, wohl hundertmal
verwünscht hatte -- mit ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte
gleich danach beim Eintreten in sein Zimmer: »Ach, das is recht,
Engelke. Du hast ein Feuer gemacht; du weißt, was einem alten Menschen
gut tut. Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl unten noch heißes
Wasser ist? So'n fester Grog, der sollte mir jetzt passen; ich friere
Stein und Bein.«

»Heiß Wasser is nicht mehr, gnädiger Herr. Aber ich kann ja ne
Kasseroll aufstellen. Oder noch besser, ich hole den Petroleumkocher.«

»Nein, nein, Engelke, nicht soviel Umstände. Das mag ich nicht. Und
den Petroleumkocher, den erst recht nich; da kriegt man bloß Kopfweh,
und ich habe schon genug davon. Aber bringe mir den Kognak und kaltes
Wasser. Und wenn man dann so halb und halb nimmt, dann is es so gut,
als wär es ganz heiß gewesen.«

Engelke brachte, was gefordert, und eine Viertelstunde danach ging
Dubslav zu Bett.

       *       *       *       *       *

Er schlief auch gleich ein. Aber bald war er wieder wach und druste nur
noch so hin. So kam endlich der Morgen heran.

Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte, schleppte sich
Dubslav mühsamlich von seinem Schlafzimmer bis an den Frühstückstisch.
Aber es schmeckte ihm nicht. »Engelke, mir ist schlecht; der Fuß ist
geschwollen, und das mit dem Kognak gestern abend war auch nicht
richtig. Sage Martin, daß er nach Gransee fährt und Doktor Sponholz
mitbringt. Und wenn Sponholz nicht da ist -- der arme Kerl kutschiert
in einem fort rum; ohne Landpraxis geht es nicht --, dann soll er
warten, bis er kommt.«

Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte; Sponholz war wirklich auf
Landpraxis und kam erst nachmittags zurück. Er aß einen Bissen und
stieg dann auf den Stechliner Wagen.

»Na, Martin, was macht denn der gnädge Herr?«

»Joa, Herr Doktor, ick möt doch seggen, he seiht en beten verännert ut;
em wihr schon nich so recht letzten Sünndag, un doa müßt he joa nu grad
nach Berlin. Un ick weet schon, wenn ihrst een nach Berlin muß, denn
is ook ümmer wat los. Ick weet nich, wat se doa mit'n ollen Minschen
moaken.«

»Ja, Martin, das ist die große Stadt. Da übernehmen sie sich denn. Und
dann war ja auch Hochzeit. Da werden sie wohl ein bißchen gepichelt
haben. Und vorher die kalte Kirche. Und dazu so viele feine Damen.
Daran ist der gnädge Herr nicht mehr gewöhnt, und dann will er sich
berappeln und strengt sich an, und da hat man denn gleich was weg.«

Es dämmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vorfuhr.
Sponholz stieg aus, und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit
Doppelkragen ab und auch die hohe Lammfellmütze, darin er -- freilich
das einzige an ihm, das diese Wirkung ausübte -- wie ein Perser aussah.

So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr saß an seinem Kamin und
sah in die Flamme.

»Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War über Land. Es geht jetzt
scharf. Jeder dritte hustet und hat Kopfweh. Natürlich Influenza. Ganz
verdeubelte Krankheit.«

»Na, +die+ wenigstens hab ich nicht.«

»Kann man nicht wissen. Ein bißchen fliegt jedem leicht an. Nun, wo
sitzt es?«

Dubslav wies auf sein rechtes Bein und sagte: »Stark geschwollen. Und
das andre fängt auch an.«

»Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten?«

Dubslav zog sein Beinkleid herauf, den Strumpf herunter und sagte: »Da
is die Bescherung. Gicht ist es nicht. Ich habe keine Schmerzen ...
Also was andres.«

Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und
sagte dann: »Nichts von Belang, Herr von Stechlin. Einhalten, Diät,
wenig trinken, auch wenig Wasser. Das verdammte Wasser drückt gleich
nach oben, und dann haben Sie Atemnot. Und von Medizin bloß ein paar
Tropfen. Bitte bleiben Sie sitzen; ich weiß ja Bescheid hier.« Und
dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran, schnitt sich ein Stück
Papier ab und schrieb ein Rezept. »Ihr Kutscher, das wird das beste
sein, kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren.«

Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav, fuhr Sponholz alsbald
wieder in seinen Mantel. Engelke half ihm und sagte dabei: »Na, Herr
Doktor?«

»Nichts, nichts, Engelke!«

Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf der Rampe draußen,
und so ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stadt zurück, von
wo der alte Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte.

Der Winterabend dämmerte schon, als Martin zurück war und die Medizin
an Engelke abgab. Der brachte sie seinem Herrn.

»Sieh mal,« sagte dieser, als er das rundliche Fläschchen in Händen
hielt, »die Granseer werden jetzt auch fein. Alles in rosa Seidenpapier
gewickelt.« Auf einem angebundenen Zettel aber stand: »Herrn Major
von Stechlin. Dreimal täglich zehn Tropfen.« Dubslav hielt die kleine
Flasche gegen das Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zahl in einen
Löffel voll Wasser. Als er sie genommen hatte, bewegte er die Lippen
hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte probt. Dann
nickte er und sagte: »Ja, Engelke, nu geht es los. Fingerhut.«

       *       *       *       *       *

Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Tropfen ganz
gewissenhaft und fand auch, daß sich's etwas bessere. Die Geschwulst
ging um ein geringes zurück. Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit,
so daß er noch weniger aß, als ihm gestattet war.

Es war ein schöner Frühmärzentag, die Mittagszeit schon vorüber.
Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür seines Gartensalons
und las die Zeitung. Es schien indes, daß ihm das, was er las, nicht
sonderlich gefiel. »Ach, Engelke, die Zeitung ist ja soweit ganz gut;
nur so für den ganzen Tag ist sie doch zu wenig. Du könntest mir lieber
ein Buch bringen.«

»Was für eines?«

»Is egal.«

»Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: ›Keine Lupine mehr!‹«

»Nein, nein; nicht so was. Lupine, davon hab ich schon so viel gelesen;
das wechselt in einem fort, und eins ist so dumm wie das andre. Die
Landwirtschaft kommt doch nicht wieder obenauf oder wenigstens nicht
durch so was. Bringe mir lieber einen Roman; früher in meiner Jugend
sagte man Schmöker. Ja, damals waren alle Wörter viel besser als jetzt.
Weißt du noch, wie ich mir in dem Jahre, wo ich Zivil wurde, den
ersten Schniepel machen ließ? Schniepel is auch solch Wort und doch
wahrhaftig besser als Frack. Schniepel hat so was Fideles: Einsegnung,
Hochzeit, Kindtaufe.«

»Gott, gnädiger Herr, immer is es doch auch nicht so. Die meisten
Schniepel sind doch, wenn einer begraben wird.«

»Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird. Das war ein guter Einfall
von dir. Früher würd ich gesagt haben ›zeitgemäß‹; jetzt sagt man
›opportun‹. Hast du schon mal davon gehört?«

»Ja, gnädiger Herr, gehört hab ich schon mal davon.«

»Aber nich verstanden. Na, ich eigentlich auch nich. Wenigstens nicht
so recht. Und du, du warst ja nich mal auf Schulen.«

»Nein, gnädiger Herr.«

»Alles in allem, sei froh drüber ... Aber, Engelke, wenn du mir nu ein
Buch gebracht hast, dann will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber
gleich auf die Veranda rausrücken. Es ist wie Frühling heut. Solche
guten Tage muß man mitnehmen. Und bringe mir auch ne Decke. Früher war
ich nich so fürs Pimplige; jetzt aber heißt es: besser bewahrt als
beklagt.«

       *       *       *       *       *

In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster Wutz und Gransee
hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav ernster Erkrankung
mehr und mehr herumgesprochen, und es war wohl im Zusammenhange
damit, daß ungefähr um dieselbe Stunde, wo Dubslav und Engelke sich
über »Schniepel« und »opportun« unterhielten, ein Einspänner auf die
Stechliner Rampe fuhr, ein etwas sonderbares Gefährt, dem der alte
Baruch Hirschfeld langsam und vorsichtig entstieg. Engelke war ihm
dabei behilflich und meldete gleich danach, daß der Alte da sei.

»Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke, was will denn der? Es ist
ja doch glücklicherweise nichts los. Und so ganz aus freien Stücken.
Na, laß ihn kommen.«

Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein.

Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrüßte den Alten. »Aber, Baruch,
um alles in der Welt, was gibt es? Was bringen Sie? Gleichviel
übrigens, ich freue mich, Sie zu sehn. Machen Sie sich's so bequem,
wie's auf den drei Latten eines Gartenstuhls überhaupt möglich ist. Und
dann noch einmal: Was gibt es? Was bringen Sie?«

»Herr Major wollen entschuldigen, es gibt nichts, und ich bringe auch
nichts. Ich kam da bloß so vorbei, Geschäfte mit Herrn von Gundermann,
und da wollt ich mir doch die Freiheit genommen haben, mal nach der
Gesundheit zu fragen. Habe gehört, der Herr Major seien nicht ganz gut
bei Wege.«

»Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe schon schlecht genug.
Aber lassen wir das schlimme Neue; das Alte war doch eigentlich besser
(das heißt dann und wann), und manchmal denk ich so an alles zurück,
was wir so gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben.«

»Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne Schwierigkeiten.«

»Ja,« lachte Dubslav, »+gemacht+ hab ich keine Schwierigkeiten, aber
+gehabt+ hab ich genug. Und das weiß keiner besser als mein Freund
Baruch. Und nun sagen Sie mir vor allem, was macht Ihr Isidor, der
große Volksfreund? Ist er mit Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er,
daß sie da auch mit Wasser kochen? Ich wundere mich bloß, daß ein Sohn
von Baruch Hirschfeld, Sohn und Firmateilhaber, so sehr für den Umsturz
ist.«

»Nicht für den Umsturz, Herr Major. Isidor, wenn ich so sagen darf, ist
für die alte Valuta. Aber nebenher hat er ein Herz für die Menschheit.«

»Hat er? Na, das ist recht.«

»Und das Herz für die Menschheit, das haben wir alle, Herr Major. Und
kommt uns dabei was heraus, so haben wir, wenn ich so sagen darf,
die Dividende. Gott der Gerechte, wir brauchen's. Und weil ich rede
von Dividende, will ich auch reden von Hypothek. Wir haben da seit
letzten Freitag 'n Kapital, Granseer Bürger, und will's hergeben zu
dreiundeinhalb.«

»Nu, Baruch, das ist hübsch. Aber im Augenblick bin ich's nicht
benötigt. Vielleicht später mal mein Woldemar. Der hat, wie Sie wissen,
ne reiche Partie gemacht, und wer viel erheiratet, der braucht auch
viel. Man denkt immer, ›dann hört es auf‹, aber das ist falsch, dann
fängt es erst recht an. Unter allen Umständen seien Sie bedankt, daß
Sie mal haben sehen wollen, wie's mit mir steht. Ich kann leider nur
wiederholen, schlecht genug. Aber eine Weile dauert es wohl noch.
Und wenn auch nicht, mit meinem Sohne wird sich, denk ich, gerade
so wie zwischen uns zwei beiden, alles glatt abwickeln, glatter
noch, und vielleicht können Sie gemeinschaftlich mal was Nettes
herauswirtschaften, was Ordentliches, was Großes, was sich sehen lassen
kann. Das heißt dann neue Zeit. Und nun, Baruch, müssen Sie noch ein
Glas Sherry nehmen. In unserm Alter ist das immer das beste. Das
heißt für Sie, der Sie noch gut im Gange sind. Ich darf bloß noch mit
anstoßen.«

Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen wieder in
den Stechliner Wald hinein und dachte wenig befriedigt über alles nach,
was er da drinnen gehört hatte. Die geträumten Schloß-Stechlin-Tage
schienen mit einemmale für immer vorüber. Alles, was der alte Herr da
so nebenher von »gemeinschaftlich herauswirtschaften« gesagt hatte, war
doch bloß ein Stich, eine Pike gewesen.

Ja, Baruch fühlte was wie Verstimmung. Aber Dubslav auch. Es war ihm
zu Sinn, als hätt er seinen alten Granseer Geld- und Geschäftsfreund
(trotzdem er dessen letzte Pläne nicht einmal ahnte) zum erstenmal
auf etwas Heimlichem und Verstecktem ertappt, und als Engelke kam, um
die Sherryflasche wieder wegzuräumen, sagte er: »Engelke, mit Baruch
is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär,
und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir
da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug
davon hätte ... Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ›zweideutig‹, wird
am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit nem
Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die
feinsten Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich's nicht eher gemerkt
habe. So dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war mir
doch zuviel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen,
dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie's einem
geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so
fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie
an Auktion.«



Siebenunddreißigstes Kapitel


Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich, taten dem Alten
wohl und erleichterten ihm das Atmen. Er begann wieder zu hoffen,
sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster und war nicht bloß voll
wiedererwachten Interesses, sondern überhaupt guter Dinge.

So kam Mitte März heran. Der Himmel war blau, Dubslav saß auf seiner
Veranda, den kleinen Springbrunnen vor sich, und sah dabei das leichte
weiße Gewölk ziehen. Vom Park her vernahm er den ersten Finkenschlag.
Er mochte wohl schon eine Stunde so gesessen haben, als Engelke kam und
den Doktor meldete.

»Das ist recht, Sponholz, daß Sie kommen. Nicht um mir zu helfen (das
ist immer schlimm, wenn einem erst geholfen werden soll), nein, um zu
sehen, daß Sie mir schon geholfen haben. Diese Tropfen. Es ist doch was
damit. Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten; ich muß mir immer
einen Ruck geben. Und daß sie so grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei
den Leuten. Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung. Wald und Wiese sind
auch grün und doch so ziemlich unser Bestes.«

»Ja, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh, daß die Digitalis hier
bei Ihnen mal wieder zeigt, was sie kann. Und ich bin doppelt froh,
weil ich mich auf sechs Wochen von Ihnen verabschieden muß.«

»Auf sechs Wochen. Aber Doktor, das is ja ne halbe Ewigkeit. Haben Sie
Schulden gemacht und sollen in Prison?«

»Man könnte beinahe so was denken. Denn so lange Gransee historisch
beglaubigt dasteht, ist noch kein Doktor auf sechs Wochen weg gewesen,
noch dazu ein Kreisphysikus. Eine Doktorexistenz gestattet solchen
Luxus nicht. Wie lebt man denn hier? Und wie hat man gelebt? Immer
Furunkel aufgeschnitten, immer Karbolwatte, immer in den Wagen
gestiegen, immer einem alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein
ausgestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt. Und nun sechs Wochen
weg. Wie ich meinen Kreis wiederfinden werde ... nu, vielleicht hat
Gott ein Einsehen.«

»Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt.«

»Und vor allem der billigste. Der andre, den ich mir aus Berlin habe
verschreiben müssen (ach, und so viel Schreiberei), der ist teurer. Und
meine Reise kommt mir ohnedies schon teuer genug.«

»Aber wohin denn, Doktor?«

»Nach Pfäffers.«

»Pfäffers. Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? Warum? Wozu?«

»Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, schon nicht
mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf. Schweizerbad
mit allen Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten. Ein
Granseer, der allerdings für Geld gezeigt werden kann, war mal an
diesem merkwürdigen Ort und hat mir denn auch ne Beschreibung davon
gemacht. Habe natürlich auch noch im Bädeker nachgeschlagen und unter
anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden, der Tamina heißt. Erinnert
ein bißchen an Zauberflöte und klingt soweit ganz gut. Aber trotzdem
eine tolle Geschichte, dies Pfäffers. Soweit es nämlich als Bad in
Betracht kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen,
in den man hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die
Indianer hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten herauf. Wer
da nicht wieder zustande kommt, der kann überhaupt einpacken. Übrigens
will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen. Denn das darf
ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig Jahre lang durch Kreis Gransee
hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein
Gliederreißen ehrlich verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf
meine Frau gefallen ist.«

»Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe ...«

»Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit ›christlicher Ehe‹
auch immer bloß so so ist. Da hatten wir, als ich noch Militär war,
einen Kompaniechirurgus, richtige alte Schule, der sagte, wenn er von
so was hörte: ›Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn ich. Is wie Schinken
in Burgunder. Das eine is immer da, aber das andere fehlt.‹«

»Ja,« sagte Dubslav, »diese richtigen alten Kompaniechirurgusse, die
hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, jetzt leider ausgestorben
... Und in solchem Pfäfferschen Backofen wollen Sie sechs Wochen
zubringen?«

»Nein, Herr von Stechlin, nicht solange. Bloß vier, höchstens vier.
Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch mal da ist, ich meine
in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise schon Italienisch
sprechen, da will man doch schließlich auch gern in das gelobte Land
Italia hineinkucken. Und da haben wir denn also, meine Frau und ich,
vor, von diesem Pfäffers aus erst noch durch die Viamala zu fahren, den
Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen
Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben, dann kehren
wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen
Mantel an (denn für die Reise hab ich mir einen neuen Paletot bauen
lassen) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee.«

»Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal rauskommen.
Und bloß wenn Sie durch die Viamala fahren, da müssen Sie sich in acht
nehmen.«

»Waren Sie denn mal da, Herr Major?«

»Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer
nur zwischen Berlin und Stechlin. Höchstens mal Dresden und ein bißchen
ins Bayrische. Wenn man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt
man natürlich nach Dresden. Also Viamala nie gesehen. Aber ein Bild
davon. Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall,
und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten sie mir leid.
Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man doch so was, und war
da auf dem Viamala-Bilde ne Felsenschlucht mit Figuren von einem sehr
berühmten Malermenschen, der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß.«

»Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin.«

»Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr wahrscheinlich.
Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese
Viamala, mit einem kleinen Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein
Brückenbogen, und ein Zug von Menschen (es können aber auch Ritter
gewesen sein) kam grade die Straße lang. Und alle wollten über die
Brücke.«

»Sehr interessant.«

»Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem
Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der
Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Laden
aufmacht und nachsehen will, wie's Wetter ist. Der aber, der an dieser
Brücke da von ungefähr rauskuckte, hören Sie, Sponholz, das war kein
Spießbürger, sondern ein richtiger Lindwurm oder so was Ähnliches aus
der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß selbst der
älteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht dagegen ankann,
und dies Biest, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren
wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen
und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen, Sponholz, mir
stand, als ich das sah, der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu
noch einen Augenblick, dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is
weg.«

»Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die Saurier,
soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau will
ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die kriegt nämlich
mitunter Ohnmachten. In Doktorhäusern ist immer was los.«

Dubslav nickte.

»Und nur das eine möcht ich Ihnen noch sagen, Herr von Stechlin,
mit der Digitalis immer ruhig so weiter, und wenn der Appetit nicht
wiederkommt, lieber nur zweimal täglich. Und nie mehr als zehn Tropfen.
Und wenn Sie sich unpaß fühlen, mein Stellvertreter ist von allem
unterrichtet. Er wird Ihnen gefallen. Neue Schule, moderner Mensch;
aber doch nicht zuviel davon (so wenigstens hoff ich) und jedenfalls
sehr gescheit. An seinem Namen -- er heißt nämlich Moscheles -- dürfen
Sie nicht Anstoß nehmen. Er ist aus Brünn gebürtig, und da heißen die
meisten so.«

Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus, auch mit dem Namen,
trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen weckte. Schon vor etlichen
fünfzig Jahren habe er Musikstücke spielen müssen, die alle auf den
Namen Moscheles liefen. Aber das wolle er dem Insichtstehenden nicht
weiter entgelten lassen.

Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Sponholz und
fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein.

       *       *       *       *       *

Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute von Gransee
nach Pfäffers hin auf; die Frau, sehr leidend, war schweigsam, er
aber befand sich in einem hochgradigen Reisefieber, was sich, als
sie draußen auf dem Bahnhof angelangt waren, in immer wachsender
Gesprächigkeit äußerte.

Mehrere Freunde (meist Logenbrüder) hatten ihn bis hinaus begleitet.
Sponholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs Tausendste. »Ja, unser
guter Stechlin, mit dem steht es so so ... Baruch hat ihn auch gesehn
und ihn einigermaßen verändert gefunden ... Und Sie, Kirstein, Sie
schreiben mir natürlich, wenn der junge Burmeister eintritt; ich
weiß, er will nicht recht (bloß der Vater will) und soll sogar von
›Hokuspokus‹ gesprochen haben. Aber dergleichen muß man leicht nehmen.
Unwissenheit, Verkennungen, über so was sind wir weg; viel Feind, viel
Ehr ... Nur, es noch einmal zu sagen, der Alte drüben in Stechlin macht
mir Sorge. Man muß aber hoffen; bei Gott kein Ding unmöglich ist. Und
zu Moscheles hab ich Vertrauen; ihn auskultieren zu sehn ist ein wahres
Vergnügen für nen Fachmann.«

So klang, was Sponholz noch in letzter Minute vom Coupéfenster aus zum
besten gab. Alles, am meisten aber das über den alten Stechlin Gesagte,
wurde weitergetragen und drang bis auf die Dörfer hinaus, so namentlich
auch bis nach Quaden-Hennersdorf zu Superintendent Koseleger, der seit
kurzem mit Ermyntrud einen lebhaften Verkehr unterhielt und, angeregt
durch die mit jedem Tage kirchlicher werdende Prinzessin, einen
energischen Vorstoß gegen den Unglauben und die in der Grafschaft
überhandnehmende Laxheit plante. Koseleger sowohl wie die Prinzessin
wollten zu diesem Zwecke beim alten Dubslav als »nächstem Objekt«
einsetzen und hielten sein Asthma für den geeignetsten Zeitpunkt. In
einem Briefe der Prinzessin an Koseleger hieß es dementsprechend: »Ich
will die gute Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln; außerdem
hat er etwas ungemein Affables. Ich bin ihm menschlich durchaus
zugetan. Aber sein Prinzip, das nichts Höheres kennt, als ›leben
und leben lassen‹, hat in unsrer Gegend alle möglichen Irrtümer und
Sonderbarkeiten ins Kraut schießen lassen. Nehmen Sie beispielsweise
diesen Krippenstapel. Und nun den Lorenzen selbst! Katzler, mit dem ich
gestern über unsern Plan sprach, hat mich gebeten, mit Rücksicht auf
die Krankheit des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem Abstand zu
nehmen, aber ich hab ihm widersprechen müssen. Krankheit (soviel ist
richtig) macht schroff und eigensinnig, aber in bedrängten Momenten
auch wiederum ebenso gefügig, und es sind wohl auch hier wieder gerade
die Auferlegungen und Bitternisse, daraus ein Segen für den Kranken und
jedenfalls für die Gesamtheit unsres Kreises entspringen wird. Unter
allen Umständen aber muß uns das Bewußtsein trösten, unsre Pflicht
erfüllt zu haben.«

       *       *       *       *       *

Es war eine Woche nach Sponholz' Abreise, daß Ermyntrud diese Zeilen
schrieb, und schon am andern Vormittage fuhr Koseleger, der mit der
Prinzessin im wesentlichen derselben Meinung war, auf die Stechliner
Rampe. Gleich danach trat Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn
Superintendenten.

»Superintendent? Koseleger?«

»Ja, gnädger Herr. Superintendent Koseleger. Er sieht sehr wohl aus,
und ganz blank.«

»Was es doch für merkwürdige Tage gibt. Heute (du sollst sehn)
ist wieder so einer. Mit Moscheles fing's an. Sage dem Herrn
Superintendenten, ich ließe bitten.«

»Ich komme hoffentlich zu guter Stunde, Herr von Stechlin.«

»Zur allerbesten, Herr Superintendent. Eben war der neue Doktor hier.
Und eine Viertelstunde, wenn's mit dem ›~praesente medico~‹ nur ein
ganz klein wenig auf sich hat, muß solche Doktorgegenwart doch wohl
noch nachwirken.«

»Sicher, sicher. Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein. Die
Wiener und Prager verstehn es; namentlich alles, was nach +der+ Seite
hin liegt.«

»Ja,« sagte Dubslav, »nach +der+ Seite hin,« und wies auf Brust und
Herz. »Aber, offen gestanden, nach mancher andern Seite hin ist mir
dieser Moscheles nicht sehr sympathisch. Er faßt seinen Stock so
sonderbar an und schlenkert auch so.«

»Ja, so was muß man unter Umständen mit in den Kauf nehmen. Und dann
heißt es ja auch, der Major von Stechlin habe mehr oder weniger einen
philosemitischen Zug.«

»Den hat der Major von Stechlin auch wirklich, weil er
Unchristlichkeiten nicht leiden kann und Prinzipienreitereien erst
recht nicht. Ich gehöre zu denen, die sich immer den Einzelfall ansehn.
Aber freilich, mancher Einzelfall gefällt mir nicht. So zum Beispiel
der hier mit dem neuen Doktor. Und auch mein alter Baruch Hirschfeld,
den der Herr Superintendent mutmaßlich kennen werden, auch der gefällt
mir nicht mehr so recht. Ich hielt große Stücke von ihm, aber --
vielleicht daß sein Sohn Isidor schuld ist -- mit einemmal ist der
Pferdefuß rausgekommen.«

»Ja,« lachte Koseleger, »der kommt immer mal raus. Und nicht bloß bei
Baruch. Ich muß aber sagen, das alles hat mit der Rasse viel, viel
weniger zu schaffen als mit dem jeweiligen Beruf. Da war ich eben bei
der Frau von Gundermann ...«

»Und da war auch so was?«

»In gewissem Sinne, ja. Natürlich ein bißchen anders, weil es sich um
etwas Weibliches handelte. ›Stütze der Hausfrau‹. Und da bändelt sich
denn leicht was an. Eben diese ›Stütze der Hausfrau‹ war bis vor kurzem
noch Erzieherin, und mit Erzieherinnen, alten und jungen, hat's immer
einen Haken, wie mit den Lehrern überhaupt. Es liegt im Beruf. Und der
Seminarist steht obenan.«

»Ich kann mich nicht erinnern,« sagte Dubslav, »in unserer Gegend
irgendwas gröblich Verletzliches erlebt zu haben.«

»O, ich bin mißverstanden,« beschwichtigte Koseleger und rieb sich
mit einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten Hände. »Nichts von
Vergehungen auf erotischem Gebiet, wiewohl es bei den Gundermanns (die
gerad in +diesem+ Punkte viel heimgesucht werden) auch diesmal wieder,
ich möchte sagen diese kleine Nebenform angenommen hatte. Nein, der
große Seminaristenpferdefuß, an den ich bei meiner ersten Bemerkung
dachte, trägt ganz andere Signaturen: Unbotmäßigkeit, Überschätzung und
infolge davon ein eigentümliches Bestreben, sich von den Heilsgütern
loszulösen und die Befriedigung des inneren Menschen in einer falschen
Wissenschaftlichkeit zu suchen.«

»Ich will das nicht loben; aber auch solche ›falsche
Wissenschaftlichkeit‹ zählt, dächt ich, in unserer alten Grafschaft zu
den allerseltensten Ausnahmen.«

»Nicht so sehr, als Sie vermuten, Herr Major, und aus Ihrer eigenen
Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich gerichteter Eltern über
solche Dinge zugegangen. Allerdings Altlutheraner aus der Globsower
Gegend. Indessen, so lästig diese Leute zuzeiten sind, so haben sie
doch andrerseits den Ernst des Glaubens und finden, wie sie sich in
einem Skriptum an mich ausgedrückt haben, in der Krippenstapelschen
Lehrmethode diesen Ernst des Glaubens arg vernachlässigt.«

Dubslav wiegte den Kopf hin und her und hätte trotz allen Respekts
vor dem Vertreter einer kirchlichen Behörde wahrscheinlich ziemlich
scharf und spitz geantwortet, wenn ihm nicht alles, was er da hörte,
gleichzeitig in einem heiteren Licht erschienen wäre. Krippenstapel,
sein Krippenstapel, er, der den alten Fritzen so gut wie den
Katechismus, aber den Katechismus auch reichlich so gut wie den alten
Fritzen kannte, -- Krippenstapel, sein großartiger Bienenvater,
sein korrespondierendes Mitglied märkisch-historischer Vereine, die
Seele seines »Museums«, sein guter Freund, dieser Krippenstapel
sollte den »Ernst des Glaubens« verkannt haben, bei ihm sollte der
Seminaristenhochmut zu gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein. Wohl
entsann er sich, in eigenster Person (was ihn in diesem Augenblick ein
wenig verstimmte) gelegentlich sehr Ähnliches gesagt zu haben. Aber
doch immer nur scherzhaft. Und wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht
mehr dasselbe. Traf dieser Satz je zu, so hier. Er erhob sich also mit
einiger Anstrengung von seinem Platz, ging auf Koseleger zu, schüttelte
ihm die Hand und sagte: »Herr Superintendent, so wie Sie's da sagen, so
kann es nicht sein. Von richtigen Altlutheranern gibt es hier überhaupt
nichts, und am wenigsten in Globsow; die glauben sozusagen gar nichts.
Ich wittere da was von Intrigue. Da stecken andere dahinter. Bei
meinem alten Baruch ist der Pferdefuß rausgekommen, aber bei meinem
alten Krippenstapel ist er +nicht+ rausgekommen und wird auch nicht
rauskommen, weil er überhaupt nicht da ist. Meinen alten Krippenstapel,
den kenn ich.«

Koseleger, Weltmann, wie er war, lenkte rasch ein, sprach von
Konventiklerbeschränktheit und gab die Möglichkeit einer Intrigue zu.

»Natürlich wird es einem schwer, in diesem Erdenwinkel an derlei
Dinge zu glauben, denn ›Intrigue‹ zählt ganz eminent zu den höheren
Kulturformen. Intrigue hat hier in unserer alten Grafschaft, glaub ich,
noch keinen Boden. Aber andrerseits ist es doch freilich wahr, daß
heutzutage die Verwerflichkeiten, ja selbst die Verbrechen und Laster,
nicht bloß im Gefolge der Kultur auftreten, sondern umgekehrt ihr
voranschreiten, als beklagenswerte Herolde falscher Gesittung! Bedenken
Sie, was wir neuerdings in unsern Äquatorialprovinzen erlebt haben.
Die Zivilisation ist noch nicht da, und schon haben wir ihre Greuel.
Man erschauert, wenn man davon liest, und freut sich der kleinen und
alltäglichen Verhältnisse, drin der Wille Gottes uns gnädig stellte.«

Nach diesen Worten, die was von einem guten Abgang hatten, erhob
sich Koseleger, und der Alte, seinerseits seinen Arm in den des
Superintendenten einhakend, »um sich,« wie er sagte, »auf die Kirche
zu stützen,« begleitete seinen Besuch bis wieder auf die Rampe hinaus
und grüßte noch mit der Hand, als der Wagen schon über die Bohlenbrücke
fuhr. Dann wandte er sich rasch an Engelke, der neben ihm stand, und
sagte:

»Engelke, schade, daß ich mit dir nicht wetten kann. Lust hätt ich.
Heute kommt noch wer, du wirst es sehn. Eine Woche lang läßt sich keine
Katze blicken, aber wenn unser Schicksal erst mal nen Entschluß gefaßt
hat, dann kann es sich auch wieder nicht genug tun. Man gewinnt dreimal
das große Los, oder man stößt sich dreimal den Kopp. Und immer an
derselben Stelle.«

       *       *       *       *       *

Es schlug zwölf, als Dubslav vom Portal her wieder den Flur passierte.
Dabei sah er nach dem Hippenmann hinauf und zählte die Schläge.
»Zwölf,« sagte er, »und um zwölf ist alles aus, und dann fängt der neue
Tag an. Es gibt freilich zwei Zwölfen, und die Zwölf, die da oben jetzt
schlägt, das is die Mittagszwölf. Aber Mittag! ... Wo bist du Sonne
geblieben!« All dem weiter nachhängend, wie er jetzt öfter tat, kam er
an seinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die Hand. Er sah jedoch
kaum drauf hin und beschäftigte sich, während er zu lesen schien,
eigentlich nur mit der Frage, »wer wohl heute noch kommen könne,«
und dabei neben andren Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen
denkend, kam er zu dem Schlußresultat, daß ihm Lorenzen »mit all
seinem neuen Unsinn« doch am Ende lieber sei als Koseleger mit seinen
Heilsgütern, von denen er wohl zwei-, dreimal gesprochen hatte. »Ja,
die Heilsgüter, die sind ganz gut. Versteht sich. Ich werde mich nicht
so versündigen. Die Kirche kann was, is was, und der alte Luther, nu,
der war schon ganz gewiß was, weil er ehrlich war und für seine Sache
sterben wollte. Nahe dran war er. Eigentlich kommt's doch immer bloß
darauf an, daß einer sagt, ›dafür sterb ich‹. Und es dann aber auch
tut. Für was, is beinah gleich. Daß man überhaupt so was kann, wie sich
opfern, das ist das Große. Kirchlich mag es ja falsch sein, was ich da
so sage; aber was sie jetzt ›sittlich‹ nennen (und manche sagen auch
›schönheitlich‹, aber das is ein zu dolles Wort), also was sie jetzt
sittlich nennen, so bloß auf +das+ hin angesehn, da is das persönliche
Sicheinsetzen und Fürwassterbenkönnen und -wollen doch das Höchste.
Mehr kann der Mensch nich. Aber Koseleger. Der will leben.«

Und während er noch so vor sich hin seinen Faden spann, war sein gutes,
altes Faktotum eingetreten, an das er denn auch ohne weiteres und bloß
zu eignem Ergötzen die Frage richtete: »Nich wahr, Engelke?«

Der aber hörte gar nichts mehr, so sehr war er in Verwirrung, und
stotterte nur aus sich heraus: »Ach Gott, gnädger Herr, nu is es doch
so gekommen.«

»Wie? Was?«

»Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberförster ...«

»Was? Die Prinzessin?«

»Ja, die Frau Katzler, Durchlaucht.«

»Alle Wetter, Engelke ... Da haben wir's. Aber ich hab es ja gesagt,
ich wußt es. Wie so'n Tag anfängt, so bleibt er, so geht es weiter ...
Und wie das hier durcheinander liegt, alles wie Kraut und Rüben. Nimm
die Zudecke weg, ach was Zudecke, die reine Pferdedecke; wir müssen
eine andre haben. Und nimm auch die grünen Tropfen weg, daß es nicht
gleich aussieht wie ne Krankenstube ... Die Prinzessin ... Aber rasch,
Engelke, flink ... Ich lasse bitten, ich lasse die Frau Oberförsterin
bitten.«

Dubslav rückte sich, so gut es ging, zurecht; im übrigen aber hielt
er's in seinem desolaten Zustande doch für besser, in seinem Rollstuhl
zu bleiben, als der Prinzessin entgegenzugehn oder sie durch ein
Sicherheben von seinem Sitz mehr oder weniger feierlich zu begrüßen.
Ermyntrud paßte sich seinen Intentionen denn auch an und gab durch
eine gemessene Handbewegung zu verstehen, daß sie nicht zu stören
wünsche. Gleich danach legte sie den rechten Arm auf die Lehne eines
nebenstehenden Stuhles und sagte: »Ich komme, Herr von Stechlin,
um nach Ihrem Befinden zu fragen; Katzler (sie nannte ihn, unter
geflissentlichster Vermeidung des allerdings plebejen »mein Mann«,
immer nur bei seinem Familiennamen) hat mir von Ihrem Unwohlsein
erzählt und mir Empfehlungen aufgetragen. Ich hoffe, es geht besser.«

Dubslav dankte für so viel Freundlichkeit und bat, das um ihn her
herrschende Übermaß von Unordnung entschuldigen zu wollen. »Wo die
weibliche Hand fehlt, fehlt alles.« Er fuhr so noch eine Weile fort, in
allerlei Worten und Wendungen, wie sie ihm von alter Zeit her geläufig
waren; eigentlich aber war er wenig bei dem, was er sagte, sondern
hing ausschließlich an dem halb nonnen-, halb heiligenbildartigen
ihrer Erscheinung, das durch einen großen, aus mattweißen Kugeln
bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde.
Sie mußte jedem, auch dem Kritischsten, auffallen, und Dubslav, der
-- so sehr er dagegen ankämpfte -- ganz unter der Vorstellung ihrer
Prinzessinnenschaft stand, vergaß auf Augenblicke Krankheit und Alter
und fühlte sich nur noch als Ritter seiner Dame. Daß sie stehenblieb,
war ihm im ersten Augenblicke störend, bald aber war es ihm recht, weil
ihm einleuchtete, daß ihr »Bild« erst dadurch zu voller Wirkung kam.
Ermyntrud selbst war sich dessen auch voll bewußt und Frau genug, auf
diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten.

»Ich höre, daß Doktor Sponholz, den ich als Arzt sehr schätzen
gelernt habe, seine Kranken, während er in Pfäffers ist, einem jungen
Stellvertreter anvertraut hat. Junge Ärzte sind meist klüger als die
alten, aber doch weniger Ärzte. Man bringt außerdem dem Alter mehr
Vertrauen entgegen. Alte Doktoren sind wie Beichtiger, vor denen man
sich gern offenbart. Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht
voll ersetzen, der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich
Heilsame bleibt. Ärzte selbst -- ich hab einen Teil meiner Jugend in
einem Diakonissenhause verbracht -- Ärzte selbst, wenn sie ihren Beruf
recht verstehn, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte Medikamente sind
und bleiben ein armer Notbehelf; alle wahre Hilfe fließt aus dem Wort.
Aber freilich, das richtige Wort wird nicht überall gesprochen.«

Dubslav sah etwas unruhig um sich her. Es war ganz klar, daß die
Prinzessin gekommen war, seine Seele zu retten. Aber woher kam ihr die
Wissenschaft, daß seine Seele dessen bedürftig sei? Das verlohnte sich
doch in Erfahrung zu bringen, und so bezwang er sich denn und sagte:
»Gewiß, Durchlaucht, das Wort ist die Hauptsache. Das Wort ist das
Wunder; es läßt uns lachen und weinen; es erhebt uns und demütigt uns,
es macht uns krank und macht uns gesund. Ja, es gibt uns erst das wahre
Leben hier und dort. Und dies letzte höchste Wort, das haben wir in der
Bibel. Daher nehm ich's. Und wenn ich manches Wort nicht verstehe, wie
wir die Sterne nicht verstehn, so haben wir dafür die Deuter.«

»Gewiß. Aber es gibt der Deuter so viele.«

»Ja,« lachte Dubslav, »und wer die Wahl hat, hat die Qual. Aber ich
persönlich, ich habe keine Wahl. Denn genau so wie mit dem Körper, so
steht es für mich auch mit der Seele. Man behilft sich mit dem, was
man hat. Nehm ich da zunächst meinen armen, elenden Leib. Da sitzt es
mir hier und steigt und drückt und quält mich und ängstigt mich, und
wenn die Angst groß ist, dann nehm ich die grünen Tropfen. Und wenn es
mich immer mehr quält, dann schick ich nach Gransee hinein, und dann
kommt Sponholz. Das heißt, wenn er gerade da ist. Ja, dieser Sponholz
ist auch ein Wissender und ein ›Deuter‹. Sehr wahrscheinlich, daß es
klügere und bessere gibt; aber in Ermangelung dieser besseren muß er
für mich ausreichen.«

Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung ausdrücken zu
wollen.

»Und,« fuhr Dubslav fort, »ich muß es wiederholen, genau so wie mit
dem Leib, so auch mit der Seele. Wenn sich meine arme Seele ängstigt,
dann nehm ich mir Trost und Hilfe, so gut ich sie gerade finden kann.
Und dabei denk ich dann, der nächste Trost ist der beste. Den hat man
am schnellsten, und wer schnell gibt, der gibt doppelt. Eigentlich muß
man das lateinisch sagen. Ich rufe mir Sponholz, weil ich ihn, wenn
benötigt, in ziemlicher Nähe habe; den andern aber, den Arzt für die
Seele, den hab ich glücklicherweise noch näher und brauche nicht mal
nach Gransee hinüberzuschicken. Alle Worte, die von Herzen kommen, sind
gute Worte, und wenn sie mir helfen (und sie helfen mir), so frag ich
nicht viel danach, ob es sogenannte ›richtige‹ Worte sind oder nicht.«

Ermyntrud richtete sich höher auf; ihr bis dahin verbindliches Lächeln
war sichtlich in raschem Hinschwinden.

»Überdies,« so schloß Dubslav seine Bekenntnisrede, »was sind die
richtigen Worte? Wo sind sie?«

»Sie haben sie, Herr von Stechlin, wenn Sie sie haben wollen. Und
Sie haben sie nah, wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten Nähe.
Mich persönlich haben diese Worte während schwerer Tage gestützt und
aufgerichtet. Ich weiß, er hat Feinde, voran im eignen Lager. Und
diese Feinde sprechen von ›schönen Worten‹. Aber soll ich mich einem
Heilswort verschließen, weil es sich in Schönheit kleidet? Soll ich
eine mich segnende Hand zurückweisen, weil es eine weiche Hand ist?
Sie haben Sponholz genannt. Unser Superintendent liegt wohl weit über
diesen hinaus, und wenn es nicht eitel und vermessen wäre, würd ich
eine gnädge Fügung darin zu sehn glauben, daß er an diese sterile Küste
verschlagen werden mußte, gerade mir eine Hilfe zu sein. Aber was er
an mir tat, kann er auch an andern tun. Er hat eben das, was zum Siege
führt; wer die Seele hat, hat auch den Leib.«

Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl an Dubslav
herangetreten und neigte sich über ihn, um ihm, halb wie segnend, die
Stirn zu küssen. Das Elfenbeinkreuz berührte dabei seine Brust. Sie
ließ es eine Weile da ruhen. Dann aber trat sie wieder zurück, und sich
zweimal unter hoheitsvollem Gruß verneigend, verließ sie das Zimmer.
Engelke, der draußen im Flur stand, eilte vorauf, ihr beim Einsteigen
in den kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu sein.

Als Dubslav wieder allein war, nahm er das Schüreisen, das grad vor ihm
auf dem Kaminstein lag, und fuhr in die halb niedergebrannten Scheite.
Die Flamme schlug auf und etliche Funken stoben. »Arme Durchlaucht.
Es ist doch nicht gut, wenn Prinzessinnen in Oberförsterhäuser
einziehn. Sie sind dann aus ihrem Fahrwasser heraus und greifen
nach allem möglichen, um in der selbstgeschaffenen Alltäglichkeit
nicht unterzugehn. Einen bessern Trostspender als Koseleger konnte
sie freilich nicht finden; er gab ihr den Trost, dessen sie selber
bedürftig ist. Im übrigen mag sie sich aufrichten lassen, von wem
sie will. Der Alte auf Sanssouci, mit seinem nach der eignen Fasson
selig werden hat's auch darin getroffen. Gewiß. Aber wenn ich euch
eure Fasson lasse, so laßt mir auch die meine. Wollt nicht alles
besser wissen, kommt mir nicht mit Anzettelungen, erst gegen meinen
guten Krippenstapel, der kein Wässerchen trübt, und nun gar gegen
meinen klugen Lorenzen, der euch alle in die Tasche steckt. An ihn
persönlich wagen sie sich nicht ran, und da kommen sie nun zu mir und
wollen mich umstimmen und denken, weil ich krank bin, muß ich auch
schwach sein. Aber da kennen sie den alten Stechlin schlecht, und
er wird nun wohl seinen märkischen Dickkopf aufsetzen. Auch sogar
gegen Ippe-Büchsenstein und die Elfenbeinkugeln, die ja schon der
reine Rosenkranz sind. Und es wird auch noch so was. Eigentlich bin
ich übrigens selber schuld. Ich habe mir durch den prinzeßlichen
Augenaufschlag und die vier Kindergräber im Garten zu sehr imponieren
lassen. Aber es fällt doch allmählich wieder ab, und ein Glück, daß ich
meinen Engelke habe.«

Vor Erregung war er aus seinem Rollstuhl aufgestanden und drückte auf
den Klingelknopf. »Engelke, geh zu Lorenzen und sag ihm, ich ließ ihn
bitten. Der soll dann aber heut auch der letzte sein ... Denke dir,
Engelke, sie wollen mich bekehren!«

»Aber, gnädger Herr, das is ja doch das Beste.«

»Gott, nu fängt der auch noch an.«



Achtunddreißigstes Kapitel


Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo die Geistlichen aus
dem östlichen Teil der Grafschaft eine Konferenz hatten. Aber statt
Lorenzen kam Doktor Moscheles und sprach von allem möglichen, erst
ganz kurz von Dubslavs Zustand, den er nicht gut und nicht schlecht
fand, dann von Koseleger, von Katzler, auch von Sponholz (von dem ein
Brief eingetroffen war), am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt
Katzenstein und von Torgelow. »Ja, dieser Torgelow,« sagte Moscheles.
»Es war ein Mißgriff, ihn zu wählen. Und wenn es noch nötig gewesen
wäre, wenn die Partei keinen Besseren gehabt hätte! Aber da haben sie
denn doch noch ganz andre Leute.« Dubslav war davon wenig angenehm
berührt, weil er aus der persönlichen Niedrigstellung Torgelows die
Hochstellung der Torgelowschen Partei heraushörte.

Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert. Als Moscheles wieder
fort war, sagte Dubslav: »Engelke, wenn er wiederkommt, so sag ihm,
ich sei nicht da. Das wird er natürlich nicht glauben; weiß er doch
am besten, daß ich an mein Zimmer und meinen Rollstuhl gebunden bin.
Aber trotzdem; ich mag ihn nicht. Es war eine Dummheit von Sponholz,
sich grade diesen auszusuchen, solchen Allerneuesten, der nach
Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar anfaßt,
immer grad in der Mitte. Und dazu auch noch nen roten Schlips.«

»Es sind aber schwarze Käfer drin.«

»Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen sie so, damit es
nicht jeder gleich merkt, wes Geistes Kind so einer ist und wohin
er eigentlich gehört. Aber ich merk es doch, auch wenn er an Kaiser
Wilhelms Geburtstag mit ner papiernen Kornblume kommt. Also du sagst
ihm, ich sei nicht da.«

Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine Gedanken dabei. »Der
alte Doktor ist weg, und den neuen will er nicht. Un den aus Wutz
will er auch nich, weil der so viel mit der Domina zusammenhockt. Un
dabei kommt er doch immer mehr runter. Er denkt: ›Es is noch nich so
schlimm.‹ Aber es is schlimm. Is genau so wie mit Bäcker Knaack. Un
Kluckhuhn sagte mir schon vorige Woche: ›Engelke, glaube mir, es wird
nichts; ich weiß Bescheid.‹«

       *       *       *       *       *

Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles wieder vor und verfärbte
sich, als Engelke sagte, der gnädge Herr sei nicht da.

»So, so. Nicht da.«

Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also wieder auf seinen
Wagen und bestärkte sich, während er nach Gransee zurückfuhr, in
seinen durchaus ablehnenden Anschauungen über den derzeitigen
Gesellschaftszustand. »Einer ist wie der andre. Was wir brauchen, is
ein Generalkladderadatsch, Krach, ~tabula rasa~.« Zugleich war er
entschlossen, von einem erneuten Krankenbesuch abzustehen. »Der gnädge
Herr auf, von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen, wenn er mich
braucht. Hoffentlich unterläßt er's.«

Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch. Dubslav ließ ihn nicht rufen,
wiewohl guter Grund dazu gewesen wäre, denn die Beschwerden wuchsen
plötzlich wieder, und wenn sie zeitweilig nachließen, waren die
geschwollenen Füße sofort wieder da. Engelke sah das alles mit Sorge.
Was blieb ihm noch vom Leben, wenn er seinen gnädgen Herrn nicht mehr
hatte? Jeder im Haus mißbilligte des Alten Eigensinn, und Martin, als
er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene niedrige Stube
trat, wo seine Frau Kartoffeln schälte, sagte zu dieser: »Ick weet
nich, Mutter, worüm he den jungschen Dokter rutgrulen däd. De Jungsche
is doch klöger, as de olle Sponholz is. Doa möt man blot de Globsower
über Sponholzen hüren. ›Joa, oll Sponholz,‹ so seggen se, ›de is joa
so wiet ganz good, awers he seggt man ümmer: Kinnings, krank is he
egentlich nich, he brukt man blot ne Supp mit en beten wat in!‹ Joa,
Sponholz, de kann so wat seggen, de hett wat da to. Awers de Globsower!
Wo salln de ne Supp herkregen mit en beten wat in?«

So verging Tag um Tag, und Dubslav, dem herzlich schlecht war, sah
nun selber, daß er sich in jedem Punkt übereilt hatte. Moscheles war
doch immerhin ein richtiger Stellvertreter gewesen, und wenn er jetzt
einen andern nahm, so traf das Sponholzen auch mit. Und das mocht er
nicht. In dieser Notlage sann er hin und her, und eines Tages, als er
mal wieder in rechter Bedrängnis und Atemnot war, rief er Engelke und
sagte: »Engelke, mir is schlecht. Aber rede mir nicht von dem Doktor.
Ich mag unrecht haben, aber ich will ihn nicht. Sage, wie steht das
eigentlich mit der Buschen? Die soll ja doch letzten Herbst uns' Kossät
Rohrbeckens Frau wieder auf die Beine gebracht haben.«

»Ja, die Buschen ...«

»Na, was meinst du?«

»Ja, die Buschen, +die+ weiß Bescheid. Versteht sich. Man bloß, daß
sie ne richtige alte Hexe is, und um Walpurgis weiß keiner, wo sie is.
Und die Mächens gehen Sonnabends auch immer hin, wenn's schummert, und
Uncke hat auch schon welche notiert und beim Landrat Anzeige gemacht.
Aber sie streiten alle Stein und Bein; und ein paar haben auch schon
geschworen, sie wüßten von gar nichts.«

»Kann ich mir denken, und vielleicht war's auch nich so schlimm.
Und dann, Engelke, wenn du meinst, daß sie so gut Bescheid weiß, da
wär's am Ende das beste, du gingst mal hin oder schicktest wen. Denn
deine alten Beine wollen auch nich mehr so recht, und außerdem is
Schlackerwetter. Und wenn du mir auch noch krank wirst, so hab ich ja
keine Katze mehr, die sich um mich kümmert. Woldemar is weit weg. Und
wenn er auch in Berlin wäre, da hat er ja doch seinen Dienst und seine
Schwadron und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater sitzen.
Und außerdem, Krankenpflegen ist überhaupt was Schweres; darum haben
die Katholiken auch nen eignen Segen dafür. Ja, die verstehn es. So was
verstehn sie besser als wir.«

»Nei, gnädger Herr, besser doch wohl nich.«

»Na, lassen wir's. So was is immer schwer festzustellen, und weil
heutzutage so vieles schwer festzustellen ist, haben sich ja die
Menschen auch das angeschafft, was sie ne ›Enquete‹ nennen. Keiner kann
sich freilich so recht was dabei denken. Ich gewiß nicht. Weißt du, was
es ist?«

»Nei, gnädger Herr.«

»Siehst du! Du bist eben ein vernünftiger Mensch, das merkt man gleich,
und hast auch ein Einsehn davon, daß es eigentlich am besten wäre, wenn
ich zu der Buschen schicke. Was die Leute von ihr reden, geht mich
nichts an. Und dann bin ich auch kein Mächen. Und Uncke wird mich ja
wohl nicht aufschreiben.«

Engelke lächelte: »Na, gnädger Herr, dann werd ich man unten mit unse
Mamsell Pritzbur sprechen; die kann die lütte Marie rausschicken.
Marieken is letzten Michaelis erst eingesegnet, aber sie war auch schon
da.«

       *       *       *       *       *

Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im Herrenhause. Sie
hatte sich für den Besuch etwas zurecht gemacht und trug ihre besten
Kleider, auch ein neues schwarzes Kopftuch. Aber man konnte nicht
sagen, daß sie dadurch gewonnen hätte. Fast im Gegenteil. Wenn sie so
mit nem Sack über die Schulter oder mit ner Kiepe voll Reisig aus dem
Walde kam, sah man nichts als ein altes, armes Weib; jetzt aber, wo
sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht wußte, warum man sie
gerufen, sah man ihr die Verschlagenheit an, und daß sie für all und
jedes zu haben sei.

Sie blieb an der Tür stehen.

»Na, Buschen, kommt man ran oder stellt Euch da ans Fenster, daß ich
Euch besser sehn kann. Es ist ja schon ganz schummrig.«

Sie nickte.

»Ja, mit mir is nich mehr viel los, Buschen. Und nu is auch noch
Sponholz weg. Und den neuen Berlinschen, den mag ich nicht. Ihr sollt
ja Kossät Rohrbeckens Frau damals wieder auf die Beine gebracht haben.
Mit mir is es auch so was. Habt Ihr Courage, mich in die Kur zu nehmen?
Ich zeig Euch nicht an. Wenn einem einer hilft, is das andre alles
gleich. Also nichts davon. Und es soll Euer Schaden nicht sein.«

»Ick weet joa, jnädger Herr ... Se wihren joa nich. Un denn de Lüd', de
denken ümmer, ick kann hexen un all so wat. Ick kann awer joar nix un
hebb man blot en beten Liebstöckel un Wacholder un Allermannsharnisch.
Un alles blot, wie't sinn muß. Un de Gerichten können mi nix dohn.«

»Is mir lieb. Und geht mich übrigens auch nichts an. Mit so was komm
ich Euch nich. Kann ›Gerichte‹ selber nich gut leiden. Und nu sagt mir,
Buschen, wollt Ihr den Fuß sehn? Einer is genug. Der andre sieht ebenso
aus. Oder doch beinah.«

»Nei, jnädger Herr. Loaten's man. Ick weet joa, wi dat is. Ihrst sitt
et hier up de Bost, nu denn sackt et sich, un denn sitt et hier unnen.
Un is all een un dat sülwige. Dat möt allens rut, un wenn et rut is,
denn drückt et nich mihr, un denn künnen Se wedder gapsen.«

»Gut. Leuchtet mir ein. ›Et muß rut,‹ sagt Ihr. Und das sag ich auch.
Aber womit wollt Ihr's ›rut‹-bringen? Das is die Sache. Welche Mittel,
welche Wege?«

»Joa, de Mittel hebb ick. Un hebben wi ihrst de Mittel, denn finnen
sich ook de Weg. Ick schick' hüt noch Agnessen mit twee Tüten; Agnes,
dat is Karlinen ehr lütt Deern.«

»Ich weiß, ich weiß.«

»Un Agnes, de soll denn unnen in den Küch goahn, to Mamsell Pritzbur,
un de Pritzburn de sall denn den Tee moaken für'n jnädgen Herrn.
Morgens ut de witte Tüt, un abens ut de blue Tüt. Un ümmer man nen
gestrichnen Eßlöffel vull un nich to veel Woater; awers bullern möt
et. Un wenn de Tüten all sinn, denn is et rut. Dat Woater nimmt dat
Woater weg.«

»Na gut, Buschen. Wir wollen das alles so machen. Und ich bin nicht
bloß ein geduldiger Kranker, ich bin auch ein gehorsamer Kranker. Nun
will ich aber bloß noch wissen, was Ihr mir da in Euern Tüten schicken
wollt, in der weißen und in der blauen. Is doch kein Geheimnis?«

»Nei, jnädger Herr.«

»Na also.«

»In de witte Tüt is Bärlapp un in de blue Tür is, wat de Lüd hier
Katzenpoot nennen.«

»Versteh, versteh,« lächelte Dubslav, und dann sprach er wie zu
sich selbst: »Nu ja, nu ja, das kann schon helfen. Dazwischen liegt
eigentlich die ganze Weltgeschichte. Mit Bärlapp zum Einstreuen fängt
die süße Gewohnheit des Daseins an und mit Katzenpfötchen hört es auf.
So verläuft es. Katzenpfötchen ... die gelben Blumen, draus sie die
letzten Kränze machen ... Na, wir wollen sehn.«

       *       *       *       *       *

An demselben Abend kam Agnes und brachte die beiden Tüten, und es
geschah, was beinah über alles Erwarten hinaus lag: es wurde wirklich
besser. Die Geschwulst schwand, und Dubslav atmete leichter. »Dat
Woater nimmt dat Woater,« an diesem Hexenspruch -- den er, wenn er mit
Engelke plauderte, gern zitierte -- richteten sich seine Hoffnungen und
seine Lebensgeister wieder auf. Er war auch wieder für Bewegung und
ließ, wenn es das Wetter irgendwie gestattete, seinen Rollstuhl nicht
bloß auf die Veranda hinausschieben, sondern fuhr auch um das Rundell
herum und sah dem kleinen Springbrunnen zu, der wieder sprang. Ja, es
kam ihm vor, als ob er höher spränge. »Findest du nich auch, Engelke?
Vor vier Wochen wollt er nich. Aber es geht jetzt wieder. Alles geht
wieder, und es ist eigentlich dumm, ohne Hoffnung zu leben; wozu hat
man sie denn?«

Engelke nickte bloß und legte die Zeitungen, die gekommen waren, auf
einen neben dem Frühstückstisch stehenden Gartenstuhl, zuunterst die
»Kreuzzeitung« als Fundament, auf diese dann die »Post« und zuletzt die
Briefe. Die meisten waren offen, Anzeigen und Anpreisungen, nur einer
war geschlossen, ja sogar gesiegelt. Poststempel: Berlin. »Gib mir mal
das Papiermesser, daß ich ihn manierlich aufschneiden kann. Er sieht
nach was aus, und die Handschrift is wie von ner Dame, bloß ein bißchen
zu dicke Grundstriche.«

»Is am Ende von der Gräfin.«

»Engelke,« sagte Dubslav, »du wirst mir zu klug. Natürlich is er von
der Gräfin. Hier is ja die Krone.«

Wirklich, es war ein Brief von Melusine, samt einer Einlage. Melusinens
Zeilen aber lauteten am Schluß: »Und nun bitt ich, Ihnen einen Brief
beilegen zu dürfen, den unsre liebe Baronin Berchtesgaden gestern
aus Rom erhalten hat und zwar von Armgard, deren volles Glück ich
aus diesem Brief und allerhand kleinen, ihrem Charakter eigentlich
fernliegenden Übermütigkeiten erst so recht ersehn habe.«

Dubslav nickte. Dann nahm er die Einlage und las:

            »Rom, im März.

        Teuerste Baronin!

An wen könnt ich von hier aus lieber schreiben als an Sie? Vatikan und
Lateran und Grabmal Pio Nonos, und wenn ich Glück habe, bin ich auch
noch mit dabei, wenn am Gründonnerstag der große Segen gespendet wird.
Man muß eben alles mitnehmen. Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos und
überflüssig dazu, weil man an die Schwärmerei seiner Vorgänger doch
nie heranreicht. Aber von unserer Reise will ich Ihnen statt dessen
erzählen. Wir nahmen den Weg über den Brenner und waren am selben
Abend noch in Verona. ›Torre di Londra‹. Was mich andern Tags in der
Capuletti- und Montecchi-Stadt am meisten interessierte, war ein großer
Parkgarten, der ›Giardino Giusti‹, mit über zweihundert Zypressen,
alle fünfhundert Jahre alt und viele beinah so hoch wie das Berliner
Schloß. Ich ging mit Woldemar auf und ab, und dabei berechneten wir
uns, ob wohl die schöne Julia hier auch schon auf und ab gegangen sei?
Nur eins störte uns. Zu solcher Prachtavenue von Trauerbäumen gehört
als Abschluß notwendig ein Mausoleum. Das fehlt aber. Im ›Giardino
Guisti‹ trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten Garderegiment, der,
von Neapel kommend, bereits alle Schönheit Italiens gesehen hatte. Wir
fragten ihn, ob Verona, wie einem beständig versichert wird, wirklich
die ›italienischste der italienischen Städte‹ sei? Hauptmann von Gaza
lachte. ›Von Potsdam,‹ so meinte er, ›könne man vielleicht sagen, daß
es die preußischste Stadt sei. Aber Verona die italienischste? Nie und
nimmer.‹

Über das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das eine. Unser
Hotel lag in Nähe einer mit Barock überladenen Kirche: San Mose. Daß
es einen Sankt Moses gibt, war mir fremd und verwunderlich zugleich.
Aber gleich danach dacht ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt.
Moses geht doch immer noch vor Gendarm.

Florenz überspring ich und erzähle Ihnen dafür lieber vom
Trasimenischen See, den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten.
Woldemar, ein ganz klein wenig ›Taschen-Moltke‹, mochte nicht darauf
verzichten, den großen Hannibal auf Herz und Nieren zu prüfen, und so
stiegen wir denn in Nähe des Sees aus, an einer kleinen Station, die,
glaub ich, Borghetto-Tuoro heißt. Es war auch für einen Laien über
Erwarten interessant, und selbst ich, die ich sonst gar reinen Sinn für
derlei Dinge habe, verstand alles, und fand mich leicht in jeglichem
zurecht. Ja, ich hatte das Gefühl, daß ich in diesem hochgelegenen
Engpaß ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde. Der See hat viele
Zu- und Abflüsse. Einer dieser Abflüsse (mehr Kanal als Fluß) nennt
sich der ›Emissarius‹, was mich sehr erheiterte. Noch interessanter
aber erschien mir ein anderer Flußlauf, der, weil er am Schlachttage
von Blut sich rötete, der ›Sanguinetto‹ heißt. Das Diminutiv steigert
hier ganz entschieden die Wirkung. Der See ist übrigens sehr groß,
zehn Meilen Umfang, und dabei flach, weshalb der erste Napoleon ihn
auspumpen lassen wollte. Da hätte sich dann ein neues Herzogtum gründen
lassen ...«

»Schau, schau,« sagte der alte Dubslav, »wer der blassen Komtesse das
zugetraut hätte! Ja, reisen und in den Krieg ziehen, da lernt man, da
wird man anders.«

Und er legte den Brief beiseite.

Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn gekommen, und er
überdachte, wie manche Freude das Leben doch immer noch habe. Vor ihm,
in den Parkbäumen, schlugen die Vögel, und ein Buchfink kam bis auf
den Tisch und sah ihn an, ganz ohne Scheu. Das tat ihm ungemein wohl.
»Etwas ganz besonders Schönes im Leben ist doch das Vertrauen, und
wenn's auch bloß ein Piepvogel is, der's einem entgegenbringt. Einige
haben eine schwarze Milz und sagen: alles sei von Anfang an auf Mord
und Totschlag gestellt. Ich kann es aber nicht finden.«

Engelke kam, um abzuräumen. »Is ein schöner Tag heut,« sagte Dubslav,
»und die Krokusse kommen auch schon raus. Eigentlich hab ich nich
geglaubt, daß ich so was Hübsches noch mal sehen würde. Und wenn ich
dann denke, daß ich das alles der Buschen verdanke! Merkwürdige Welt!
Sponholz hatte bloß immer seine grünen Tropfen, und Moscheles hatte
nichts als seinen ewigen Torgelow, und nu kommt die Buschen, und mit
einemmal is es besser. Ja, wirklich merkwürdig. Und nu krieg ich auch
noch, wenn auch bloß leihweise, solchen hübschen Brief von einer
hübschen jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter. Ja, Engelke, so
geht's; nich zu glauben. Und da hättest du vorhin den Buchfinken sehen
sollen, wie mich der ansah. Bloß als du kamst, da flog er weg; er muß
sich vor dir gegrault haben.«

»Ach, gnädger Herr, vor mir grault sich keine Kreatur.«

»Will dir's glauben. Und du sollst sehn, heute haben wir nen guten
Tag, und es kommt auch noch wer, an dem man sich freuen kann. Wie mir
schlecht war, da kam Koseleger und die Prinzessin. Aber heute kam ein
Buchfink. Und ich bin ganz sicher, der hat noch ein Gefolge.«

       *       *       *       *       *

Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der Nachmittag da war, kam
Lorenzen, der sich, seitdem der Alte seinen Katzenpfötchentee trank,
nur selten und immer bloß flüchtig hatte sehen lassen. Aber das war
rein zufällig und sollte nicht eine Mißbilligung darüber ausdrücken,
daß sich der Alte bei der Buschen in die Kur gegeben.

»Nun endlich,« empfing ihn Dubslav, als Lorenzen eintrat. »Wo bleiben
Sie? Da heißt es immer, wir Junker wären kleine Könige. Ja, wer's
glaubt! Alle kleinen Könige haben ein Cortege, das sich in Huldigungen
und Purzelbäumen überschlägt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch
nicht viel gesehen. Baruch ist freilich hier gewesen und dann Koseleger
und dann die Prinzessin, aber der, der so halb ~ex officio~ kommen
sollte, der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke oder die
Elfriede mit ner Anfrage. Sterben und verderben kann man. Und das heißt
dann Seelsorge.«

Lorenzen lächelte. »Herr von Stechlin, Ihre Seele macht mir, trotz
dieser meiner Vernachlässigung, keine Sorge, denn sie zählt zu denen,
die jeder Spezialempfehlung entbehren können. Lassen Sie mich sehr
menschlich, ja für einen Pfarrer beinah lästerlich sprechen. Aber ich
muß es. Ich lebe nämlich der Überzeugung, der liebe Gott, wenn es mal
soweit ist, freut sich, Sie wiederzusehen. Ich sage, wenn es soweit
ist. Aber es ist noch nicht soweit.«

»Ich weiß nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben. Jedenfalls aber befind
ich mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande nur mit Hilfe
der Buschen, und ob mich das nach obenhin besonders empfehlen kann,
ist mir zweifelhaft. Aber lassen wir die heikle Frage. Erzählen Sie
mir lieber etwas recht Hübsches und Heiteres, auch wenn es nebenher
etwas ganz Altes ist, etwa das, was man früher Miscellen nannte. Das
ist mir immer das liebste gewesen und ist es noch. Was ich da so in
den Zeitungen lese, voran das Politische, das weiß ich schon immer
alles, und was ich von Engelke höre, das weiß ich auch. Beiläufig --
natürlich nur vom alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus --
eine wahres Glück, daß es Unglücksfälle gibt, sonst hätte man von der
Zeitungslektüre so gut wie gar nichts. Aber Sie, Sie lesen auch sonst
noch allerlei, mitunter sogar Gutes (freilich nur selten), und haben
ein wundervolles Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus
allen fünf Weltteilen. Außerdem sind Sie Friederikus-Rex-Mann, was ich
Ihnen eigentlich am höchsten anrechne, denn die Friederikus-Rex-Leute,
die haben alle Herz und Verstand auf dem rechten Fleck. Also suchen Sie
nach irgendwas der Art, nach einer alten Zieten- oder Blücheranekdote,
kann meinetwegen auch Wrangel sein -- ich bin dankbar für alles. Je
schlechter es einem geht, je schöner kommt einem so was kavalleristisch
Frisches und Übermütiges vor. Ich spiele mich persönlich nicht auf
Heldentum aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber das darf ich
sagen: ich liebe das Heldische. Und Gott sei Dank kommt dergleichen
immer noch vor.«

»Gewiß kommt so was immer noch vor. Aber, Herr von Stechlin, all dies
Heldische ...«

»Nun aber, Lorenzen, Sie werden doch nicht gegen das Heldische
sein? Soweit sind Sie doch noch nicht! Und wenn es wäre, da würd ich
ernstlich böse.«

»Das läßt Ihre Güte nicht zu.«

»Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glückt es nicht. Was haben Sie
gegen das Heldische?«

»Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil. Heldentum ist
gut und groß. Und unter Umständen ist es das Allergrößte. Lasse mir
also den Heroenkultus durchaus gefallen, das heißt, den echten und
rechten. Aber was Sie da von mir hören wollen, das ist, Verzeihung für
das Wort, ein Heldentum zweiter Güte. +Mein+ Heldentum -- soll heißen,
was ich für Heldentum halte -- das ist nicht auf dem Schlachtfelde
zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche, die mit
zugrunde gehn. Alles vollzieht sich stumm, einsam, weltabgewandt.
Wenigstens als Regel. Aber freilich, +wenn+ die Welt dann ausnahmsweise
davon hört, dann horch ich mit auf, und mit gespitzterem Ohr, wie ein
Kavalleriepferd, das die Trompete hört.«

»Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele.«

»Kann ich geben. Da sind zunächst die fanatischen Erfinder, die
nicht ablassen von ihrem Ziel, unbekümmert darum, ob ein Blitz sie
niederschlägt oder eine Explosion sie in die Luft schleudert; da sind
des weiteren die großen Kletterer und Steiger, sei's in die Höh, sei's
in die Tiefe, da sind zum dritten die, die den Meeresgrund absuchen
wie ne Wiese, und da sind endlich die Weltteildurchquerer und die
Nordpolfahrer.«

»Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die diesseits verlorene
Hose jenseits in Grönland wiederfand, auf den Gedanken kam: ›Was die
Hose kann, kann ich auch.‹ Und daraufhin fuhr er über den Pol. Oder
wollte wenigstens.«

Lorenzen nickte.

»Nun ja, das war klug gedacht. Und daß dieser Nansen sich an die Sache
ranmachte, das respektier ich, auch wenn schließlich nichts draus
wurde. Bleibt immer noch ein Bravourstück. Gewiß, da sitzt nu so wer im
Eise, sieht nichts, hört nichts, und wenn wer kommt, ist es höchstens
ein Eisbär. Indessen, er freut sich doch, weil es wenigstens was
Lebendiges ist. Ich darf sagen, ich hab einen Sinn für dergleichen.
Aber trotzdem, Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch mehr.«

»Ich weiß nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum, oder um's noch
einmal einzuschränken, ein solches, das mich persönlich hinreißen
soll, steht immer im Dienst einer Eigenidee, eines allereigensten
Entschlusses. Auch dann noch (ja mitunter dann erst recht), wenn dieser
Entschluß schon das Verbrechen streift. Oder, was fast noch schlimmer,
das Häßliche. Kennen Sie den Cooperschen ›Spy‹? Da haben Sie den Spion
als Helden. Mit andern Worten, ein Niedrigstes als Höchstes. Die
Gesinnung entscheidet. Das steht mir fest. Aber es gibt der Beispiele
noch andere, noch bessere!«

»Da bin ich neugierig,« sagte Dubslav. »Also wenn's sein kann: Name.«

»Name: Greeley, Leutnant Greeley; Yankee ~pur sang~. Und im übrigen
auch einer aus der Nordpolfahrergruppe.«

»Will also sagen: Nansen der Zweite.«

»Nein, nicht der Zweite. Was er tat, war viele Jahre vor Nansen.«

»Und er kam höher hinauf? Weiter nach dem Pol zu? Oder waren seine
Eisbär-Rencontres von noch ernsthafterer Natur?«

»All das würde mir nicht viel besagen. Das herkömmlich Heldische fehlt
in seiner Geschichte völlig. Was an seine Stelle tritt, ist ein ganz
andres. Aber dies andre, +das+ gerade macht es.«

»Und das war?«

»Nun denn, -- ich erzähle nach dem Gedächtnis und im Einzelnen und
Nebensächlichen irr ich vielleicht ... Aber in der Hauptsache stimmt
es ... Also zuletzt, nach langer Irrfahrt, waren's noch ihrer fünf:
Greeley selbst und vier seiner Leute. Das Schiff hatten sie verlassen,
und so zogen sie hin über Eis und Schnee. Sie wußten den Weg, soweit
sich da von Weg sprechen läßt, und die Sorge war nur, ob das bißchen
Proviant, das sie mit sich führten, Schiffszwieback und gesalzenes
Fleisch, bis an die nächste menschenbewohnte Stelle reichen würde.
Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch wieder geringstes Maß
als tägliche Provision zubewilligt, und wenn man dies Maß einhielt
und kein Zwischenfall kam, so mußt es reichen. Und einer, der noch am
meisten bei Kräften war, schleppte den gesamten Proviant. Das ging so
durch Tage. Da nahm Leutnant Greeley wahr, daß der Proviant schneller
hinschmolz als berechnet, und nahm auch wahr, daß der Proviantträger
selbst, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, von den Rationen nahm.
Das war eine schreckliche Wahrnehmung. Denn ging es so fort, so waren
sie samt und sonders verloren. Da nahm Greeley die drei andern beiseit
und beriet mit ihnen. Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es
nicht, und auf einen Kampf sich einzulassen ging auch nicht. Sie hatten
dazu die Kräfte nicht mehr. Und so hieß es denn zuletzt, und es war
Greeley, der es sagte: ›Wir müssen ihn hinterrücks erschießen.‹ Und
als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsszene wieder aufbrachen, der
heimlich Verurteilte vorn an der Tete, trat Greeley von hintenher an
ihn heran und schoß ihn nieder. Und die Tat war nicht umsonst getan;
ihre Rationen reichten aus, und an dem Tage, wo sie den letzten Bissen
verzehrten, kamen sie bis an eine Station.«

»Und was wurde weiter?«

»Ich weiß nicht mehr, ob Greeley selbst bei seiner Rückkehr nach
Newyork als Ankläger gegen sich auftrat; aber das weiß ich, daß es zu
einer großen Verhandlung kam.«

»Und in dieser ...«

»... In dieser wurd er freigesprochen und im Triumph nach Hause
getragen.«

»Und Sie sind einverstanden damit?«

»Mehr; ich bin voll Bewunderung. Greeley, statt zu tun, was er tat,
hätte zu den Gefährten sagen können: ›Unser Exempel wird falsch, und
wir gehen an des einen Schuld zugrunde; töten mag ich ihn nicht, --
sterben wir also alle.‹ Für seine Person hätt er so sprechen und
handeln können. Aber es handelte sich nicht bloß um ihn; er hatte
die Führer- und die Befehlshaberrolle, zugleich die Richterpflicht,
und hatte die Majorität von drei gegen eine Minorität von einem zu
schützen. Was dieser eine getan, an und für sich ein Nichts, war unter
den Umständen, unter denen es geschah, ein fluchwürdiges Verbrechen.
Und so nahm er denn gegen die geschehene schwere Tat die schwere
Gegentat auf sich. In solchem Augenblicke richtig fühlen und in der
Überzeugung des Richtigen fest und unbeirrt ein furchtbares Etwas tun,
ein Etwas, das, aus seinem Zusammenhange gerissen, allem göttlichen
Gebot, allem Gesetz und aller Ehre widerspricht, +das+ imponiert mir
ganz ungeheuer und ist in meinen Augen der wirkliche, der wahre Mut.
Schmach und Schimpf, oder doch der Vorwurf des Schimpflichen, haben
sich von jeher an alles Höchste geknüpft. Der Bataillonsmut, der Mut in
der Masse (bei allem Respekt davor), ist nur ein Herdenmut.«

Dubslav sah vor sich hin. Er war augenscheinlich in einem
Schwankezustand. Dann aber nahm er die Hand Lorenzens und sagte: »Sie
sollen recht haben.«



Neununddreißigstes Kapitel


Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute Nacht. »Wenn man
mal so was andres hört, wird einem gleich besser.« Aber auch der
Katzenpfötchentee fuhr fort, seine Wirkung zu tun, und was dem Kranken
am meisten half, war, daß er die grünen Tropfen fortließ.

»Hör, Engelke, am Ende wird es noch mal was. Wie gefallen dir meine
Beine? Wenn ich drücke, keine Kute mehr.«

»Gewiß, gnädger Herr, es wird nu wieder, un das macht alles der Tee.
Ja, die Buschen versteht es, das hab ich immer gesagt. Und gestern
abend, als Lorenzen hier war, war auch lütt Agnes hier un hat unten in
der Küche gefragt, wie's denn eigentlich mit dem gnädigen Herrn stünn?
Und die Mamsell hat ihr gesagt, ›es stünde gut‹.«

»Na, das is recht, daß die Alte, wie 'n richtiger Doktor, sich um einen
kümmert und von allem wissen will. Und daß sie nicht selber kommt, ist
noch besser. So'n bißchen schlecht Gewissen hat sie doch woll. Ich
glaube, daß sie viel auf'm Kerbholz hat, und daß die Karline so is,
wie sie is, daran is doch auch bloß die Alte schuld. Und das Kind wird
vielleicht auch noch so; sie dreht sich schon wie ne Puppe, und dazu
das lange, blonde Zoddelhaar. Ich muß dabei immer an Bellchen denken,
-- weißt du noch, als die gnädge Frau noch lebte. Bellchen hatte auch
solche Haare. Und war auch der Liebling. Solche sind immer Liebling.
Krippenstapel, hör ich, soll sie auch in der Schule verwöhnen. Wenn
die andern ihn noch anglotzen, dann schießt sie schon los. Es ist ein
kluges Ding.«

Engelke bestätigte, was Dubslav sagte, und ging dann nach unten, um dem
gnädgen Herrn sein zweites Frühstück zu holen: ein weiches Ei und eine
Tasse Fleischbrühe. Als er aber aus dem Gartenzimmer auf den großen
Hausflur hinaustrat, sah er, daß ein Wagen vorgefahren war, und statt
in die Küche zu gehen, ging er doch lieber gleich zu seinem Herrn
zurück, um mit verlegenem Gesicht zu melden, daß das gnädge Fräulein da
sei.

»Wie? Meine Schwester?«

»Ja, das gnädge Frölen.«

»I, da soll doch gleich ne alte Wand wackeln,« sagte Dubslav, der einen
ehrlichen Schreck gekriegt hatte, weil er sicher war, daß es jetzt mit
Ruh und Frieden auf Tage, vielleicht auf Wochen, vorbei sei. Denn
Adelheid mit ihren sechsundsiebzig setzte sich nicht gern auf eine
Kleinigkeit hin in Bewegung, und wenn sie die beinahe vier Meilen von
Kloster Wutz her herüberkam, so war das kein Nachmittagsbesuch, sondern
Einquartierung. Er fühlte, daß sich sein ganzer Zustand mit einem Male
wieder verschlechterte und daß eine halbe Atemnot im Nu wieder da war.

Er hatte aber nicht lange Zeit, sich damit zu beschäftigen, denn
Engelke öffnete bereits die Tür, und Adelheid kam auf ihn zu. »Tag,
Dubslav. Ich muß doch mal sehn. Unser Rentmeister Fix ist vorgestern
hier in Stechlin gewesen und hat dabei von deinem letzten Unwohlsein
gehört. Und daher weiß ich es. Eh du persönlich deine Schwester so was
wissen läßt oder einen Boten schickst ...«

»Da muß ich schon tot sein,« ergänzte der alte Stechlin und lachte.
»Nun, laß es gut sein, Adelheid, mach dir's bequem und rücke den Stuhl
da heran.«

»Den Stuhl da? Aber, Dubslav, was du dir nur denkst! Das ist ja ein
Großvaterstuhl oder doch beinah.« Und dabei nahm sie statt dessen einen
kleinen, leichten Rohrsessel und ließ sich drauf nieder. »Ich komme
doch nicht zu dir, um mich hier in einen großen Polsterstuhl mit Backen
zu setzen. Ich will meinen lieben Kranken pflegen, aber ich will nicht
selber eine Kranke sein. Wenn es so mit mir stünde, wär ich zu Hause
geblieben. Du rechnest immer, daß ich zehn Jahre älter bin als du. Nun,
ja, ich bin zehn Jahre älter. Aber was sind die Jahre? Die Wutzer Luft
ist gesund, und wenn ich die Grabsteine bei uns lese, unter achtzig ist
da beinah keine von uns abgegangen. Du wirst erst siebenundsechzig.
Aber ich glaube, du hast dein Leben nicht richtig angelegt, ich meine
deine Jugend, als du noch in Brandenburg warst. Und von Brandenburg
immer rüber nach Berlin. Na, das kennt man. Ich habe neulich was
Statistisches gelesen.«

»Damen dürfen nie Statistisches lesen,« sagte Dubslav, »es ist entweder
zu langweilig oder zu interessant, -- und das ist dann noch schlimmer.
Aber nun klingle (verzeih, mir wird das Aufstehn so schwer), daß uns
Engelke das Frühstück bringt; du kommst ~à la fortune du pot~ und mußt
fürlieb nehmen. Mein Trost ist, daß du drei Stunden unterwegs gewesen,
Hunger ist der beste Koch.«

Beim Frühstück, das bald danach aufgetragen wurde -- die Jahreszeit
gestattete, daß auch eine Schale mit Kiebitzeiern aufgesetzt werden
konnte -- verbesserte sich die Stimmung ein wenig; Dubslav ergab sich
in sein Schicksal, und Adelheid wurde weniger herbe.

»Wo hast du nur die Kiebitzeier her?« sagte sie. »Das ist was Neues.
Als ich noch hier lebte, hatten wir keine.«

»Ja, die Kiebitze haben sich seit kurzem hier eingefunden, an unserm
Stechlin, da, wo die Binsen stehn; aber bloß auf der Globsower Seite.
Nach der andern Seite hin wollen sie nicht. Ich habe mir gedacht,
es sei vielleicht ein Fingerzeig, daß ich nun auch welche nach
Friedrichsruh schicken soll. Aber das geht nicht; dann gelt ich am
Ende gleich für eingeschworen, und Uncke notiert mich. Wer dreimal
Kiebitzeier schickt, kommt ins schwarze Buch. Und das kann ich schon
Woldemars wegen nicht.«

»Is auch recht gut so. Was zuviel ist, ist zuviel. Er soll sich ja
mit der Lucca zusammen haben photographieren lassen. Und während
sie da oben in der Regierung und mitunter auch bei Hofe so was tun,
fordern sie Tugend und Sitte. Das geht nicht. Bei sich selber muß man
anfangen. Und dann ist er doch auch schließlich bloß ein Mensch, und
alle Menschenanbetung ist Götzendienst. Menschenanbetung ist noch
schlimmer als das goldene Kalb. Aber ich weiß wohl, Götzendienst kommt
jetzt wieder auf, und Hexendienst auch, und du sollst ja auch -- so
wenigstens hat mir Fix erzählt -- nach der Buschen geschickt haben.«

»Ja, es ging mir schlecht.«

»Gerade, wenn's einem schlecht geht, dann soll man Gott und Jesum
Christum erkennen lernen, aber nicht die Buschen. Und sie soll dir
Katzenpfötchentee gebracht haben und soll auch gesagt haben: ›Wasser
treibt das Wasser.‹ Das mußt du doch heraushören, daß das ein
unchristlicher Spruch ist. Das ist, was sie ›besprechen‹ nennen oder
auch ›böten‹. Und wo das alles herstammt, ... Dubslav, Dubslav, ...
Warum bist du nicht bei den grünen Tropfen geblieben und bei Sponholz?
Seine Frau war eine Pfarrerstochter aus Kuhdorf.«

»Hat ihr auch nichts geholfen. Und nu sitzt sie mit ihm in Pfäffers,
einem Schweizerbadeort, und da schmoren sie gemeinschaftlich in einem
Backofen. Er hat es mir selbst erzählt, daß es ein Backofen is.«

       *       *       *       *       *

Der erste Tag war immerhin ganz leidlich verlaufen. Adelheid erzählte
von Fix, von der Schmargendorf und der Schimonski und zuletzt auch
von Maurermeister Lebenius in Berlin, der in Wutz eine Ferienkolonie
gründen wolle. »Gott, wir kriegen dann so viel armes Volk in unsern
Ort und noch dazu lauter Berliner Bälge mit Plieraugen. Aber die
grünen Wiesen sollen ja gut dafür sein und unser See soll Jod haben,
freilich wenig, aber doch so, daß man's noch gerade finden kann.«
Adelheid sprach in einem fort, derart, daß Dubslav kaum zu Wort kommen
konnte. Gelang es ihm aber, so fuhr sie rasch dazwischen, trotzdem
sie beständig versicherte, daß sie gekommen sei, ihn zu pflegen, und
nur, wenn er auf Woldemar das Gespräch brachte, hörte sie mit einiger
Aufmerksamkeit zu. Freilich, die italienischen Reisemitteilungen als
solche waren ihr langweilig, und nur bei Nennung bestimmter Namen,
unter denen »Tintoretto« und »Santa Maria Novella« obenan standen,
erheiterte sie sich sichtlich. Ja, sie kicherte dabei fast so vergnügt
wie die Schmargendorf. Ein wirkliches, nicht ganz flüchtiges Interesse
(wenn auch freilich kein freundliches) zeigte sie nur, wenn Dubslav von
der jungen Frau sprach und hinzusetzte: »Sie hat so was Unberührtes.«

»Nu ja, nu ja. Das liegt aber doch zurück.«

»Wer keusch ist, bleibt keusch.«

»Meinst du das ernsthaft?«

»Natürlich mein ich es ernsthaft. Über solche Dinge spaß ich überhaupt
nicht.«

Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte: »Dubslav, was hast du nur
wieder für Bücher gelesen? Denn aus dir selbst kannst du doch so was
nicht haben. Und von deinem Pastor Lorenzen auch nicht. Der wird ja
wohl nächstens ne ›freie Gemeinde‹ gründen.«

So war der erste Tag dahingegangen. Alles in allem, trotz kleiner
Ärgerlichkeiten, unterhaltlich genug für den Alten, der, unter seiner
Einsamkeit leidend, meist froh war, irgendeinen Plauderer zu finden,
auch wenn dieser im übrigen nicht gerade der richtige war. Aber
das alles dauerte nicht lange. Die Schwester wurde von Tag zu Tag
rechthaberischer und herrischer und griff unter der Vorgabe, »daß ihr
Bruder anders verpflegt werden müsse«, in alles ein, auch in Dinge,
die mit der Verpflegung gar nichts zu tun hatten. Vor allem wollte sie
ihm den Katzenpfötchentee wegdisputieren, und wenn abends die kleine
Meißener Kanne kam, gab es jedesmal einen erregten Disput über die
Buschen und ihre Hexenkünste.

So waren denn noch keine acht Tage um, als es für Dubslav feststand,
daß Adelheid wieder fort müsse. Zugleich sann er nach, wie das wohl am
besten zu machen sei. Das war aber keine ganz leichte Sache, da die
»Kündigung« notwendig von ihr ausgehen mußte. So wenig er sich aus
ihr machte, so war er doch zu sehr Mann der Form und einer feineren
Gastlichkeit, als daß er's zuwege gebracht hätte, seinerseits auf
Abreise zu dringen.

Es war um die vierte Stunde, das Wetter schön, aber auch frisch.
Adelheid hing sich ihren Pelzkragen um, ein altes Familienerbstück, und
ging zu Krippenstapel, um sich seine Bienenstöcke zeigen zu lassen. Sie
hoffte bei der Gelegenheit auch was über den Pastor zu hören, weil sie
davon ausging, daß ein Lehrer immer über den Prediger und der Prediger
immer über den Lehrer zu klagen hat. Jedes Landfräulein denkt so. Die
Bienen nahm sie so mit in den Kauf.

Es begann zu dunkeln, und als die Domina schließlich aus dem
Herrenhause fort war, war das eine freie Stunde für Dubslav, der nun
nicht länger säumen mochte, seine Mine zu legen.

»Engelke,« sagte er, »du könntest in die Küche gehn und die Marie zur
Buschen schicken. Die Marie weiß ja Bescheid da. Und da kann sie denn
der alten Hexe sagen, lütt Agnes solle heute abend mit heraufkommen und
hier schlafen und immer da sein, wenn ich was brauche.«

Engelke stand verlegen da.

»Nu, was hast du? Bist du dagegen?«

»Nein, gnädger Herr, dagegen bin ich wohl eigentlich nich. Aber ich
schlafe doch auch nebenan, und dann is es ja, wie wenn ich für gar
nichts mehr da wär und fast so gut wie schon abgesetzt. Und das Kind
kann doch auch nich all das, was nötig is; Agnes is ja doch noch ne
lütte Krabb.«

»Ja, das is sie. Und du sollst auch in der andern Stube bleiben und
alles tun wie vorher. Aber trotzdem, die Agnes soll kommen. Ich brauche
das Kind. Und du wirst auch bald sehn, warum.«

Und so kam denn auch Agnes, aber erst sehr spät, als sich Adelheid
schon zurückgezogen hatte, dabei nicht ahnend, welche Ränke
mittlerweile gegen sie gesponnen waren. Auf diese Verheimlichung kam es
aber gerade an. Dubslav hatte sich nämlich wie Franz Moor -- an den er
sonst wenig erinnerte -- herausgeklügelt, daß Überraschung und Schreck
bei seinem Plan mitwirken müßten.

Agnes schlief in einer nebenan aufgestellten eisernen Bettstelle.
Dubslav, gerade so wie seine Schwester, hatte das etwas auffällig
herausgeputzte Kind bei seinem Erscheinen im Herrenhause gar nicht mehr
gesehen; es trug ein langes, himmelblaues Wollkleid ohne Taille, dazu
Knöpfstiefel und lange rote Strümpfe, -- lauter Dinge, die Karline
schon zu letzten Weihnachten geschenkt hatte. Gleich damals, am ersten
Feiertag, hatte das Kind den Staat denn auch wirklich angezogen, aber
bloß so still für sich, weil sie sich genierte, sich im Dorfe damit zu
zeigen; jetzt dagegen, wo sie bei dem gnädgen Herrn in Krankenpflege
gehen sollte, jetzt war die richtige Zeit dafür da.

Die Nacht verging still; niemand war gestört worden. Um sieben erst kam
Engelke und sagte: »Nu, lütt Deern, steih upp, is all seben.« Agnes war
auch wirklich wie der Wind aus dem Bett, fuhr mit einem mitgebrachten
Hornkamm, dem ein paar Zähne fehlten, durch ihr etwas gekraustes langes
Blondhaar, putzte sich wie ein Kätzchen und zog dann den himmelblauen
Hänger, die roten Strümpfe und zuletzt auch die Knöpfstiefel an.
Gleich danach brachte ihr Engelke einen Topf mit Milchkaffee, und als
sie damit fertig war, nahm sie ihr Strickzeug und ging in das große
Zimmer nebenan, wo Dubslav bereits in seinem Lehnstuhl saß und auf
seine Schwester wartete. Denn um acht nahmen sie das erste Frühstück
gemeinschaftlich.

»So, Agnes, das is recht, daß du da bist. Hast du denn schon deinen
Kaffee gehabt?«

Agnes knickste.

»Nu setz dich da mal ans Fenster, daß du bei deiner Arbeit besser sehn
kannst; du hast ja schon dein Strickzeug in der Hand. Solch junges Ding
wie du muß immer was zu tun haben, sonst kommt sie auf dumme Gedanken.
Nicht wahr?«

Agnes knickste wieder, und da sie sah, daß ihr der Alte weiter nichts
zu sagen hatte, ging sie bis an das ihr bezeichnete Fenster, dran ein
länglicher Eichentisch stand, und fing an zu stricken. Es war ein sehr
langer Strumpf, brandrot und, nach seiner Schmalheit zu schließen, für
sie selbst bestimmt.

Sie war noch nicht lange bei der Arbeit, als Adelheid eintrat und auf
ihren im Lehnstuhl sitzenden Bruder zuschritt. Bei der geringen Helle,
die herrschte, traf sich's, daß sie von dem Gast am Fenster nicht recht
was wahrnahm. Erst als Engelke mit dem Frühstück kam und die plötzlich
geöffnete Tür mehr Licht einfallen ließ, bemerkte sie das Kind und
sagte: »Da sitzt ja wer. Wer ist denn das?«

»Das ist Agnes, das Enkelkind von der Buschen.«

Adelheid bewahrte mit Mühe Haltung. Als sie sich wieder
zurechtgefunden, sagte sie: »So, Agnes. Das Kind von der Karline?«

Dubslav nickte.

»Das ist mir ja ne Überraschung. Und wo hast du sie denn, seit ich hier
bin, versteckt gehalten? Ich habe sie ja die ganze Woche über noch
nicht gesehn.«

»Konntest du auch nicht, Adelheid; sie ist erst seit gestern abend
hier. Mit Engelke ging das nicht mehr, wenigstens nicht auf die Dauer.
Er ist ja so alt wie ich. Und immer raus in der Nacht und rauf und
runter und mich umdrehn und heben. Das konnt ich nich mehr mit ansehn.«

»Und da hast du dir die Agnes kommen lassen? Die soll dich nun rumdrehn
und heben? Das Kind, das Wurm. Haha. Was du dir doch alles für
Geschichten machst.«

»Agnes,« sagte hier Dubslav, »du könntest mal zu Mamsell Pritzbur in
die Küche gehn und ihr sagen, ich möchte heute mittag ne gefüllte Taube
haben. Aber nich so mager und auch nich so wenig Füllung, und daß es
nich nach alter Semmel schmeckt. Und dann kannst du gleich bei der
Mamsell unten bleiben und dir ne Geschichte von ihr erzählen lassen,
vom ›Schäfer und der Prinzessin‹ oder vom ›Fischer un sine Fru‹;
Rotkäppchen wirst du wohl schon kennen.«

Agnes stand auf, trat unbefangen an den Tisch, wo Bruder und Schwester
saßen, und machte wiederholt ihren Knicks. Dabei hielt sie das
Strickzeug und den langen Strumpf in der Hand.

»Für wen strickst du denn den?« fragte die Domina.

»Für mich.«

Dubslav lachte. Adelheid auch. Aber es war ein Unterschied in ihrem
Lachen. Agnes nahm übrigens nichts von diesem Unterschied wahr, sah
vielmehr ohne Furcht um sich und ging aus dem Zimmer, um unten in der
Küche die Bestellung auszurichten.

Als sie hinaus war, wiederholte sich Adelheids krampfhaftes Lachen.
Dann aber sagte sie: »Dubslav, ich weiß nicht, warum du dir, so lang
ich hier bin, gerade diese Hilfskraft angenommen hast. Ich bin deine
Schwester und eine Märkische von Adel. Und bin auch die Domina von
Kloster Wutz. Und meine Mutter war eine Radegast. Und die Stechline,
die drüben in der Gruft unterm Altar stehn, die haben, soviel ich weiß,
auf ihren Namen gehalten und sich untereinander die Ehre gegeben, die
jeder beanspruchen durfte. Du nimmst hier das Kind der Karline in dein
Zimmer und setzt es ans Fenster, fast als ob's da jeder so recht sehn
sollte. Wie kommst du zu dem Kind? Da kann sich Woldemar freuen und
seine Frau auch, die so was ›Unberührtes‹ hat. Und Gräfin Melusine! Na,
die wird sich wohl auch freun. Und die darf auch. Aber ich wiederhole
meine Frage, wie kommst du zu dem Kind?«

»Ich hab es kommen lassen.«

»Haha. Sehr gut; ›kommen lassen‹. Der Klapperstorch hat es dir wohl von
der grünen Wiese gebracht und natürlich auch gleich für die roten Beine
gesorgt. Aber ich kenne dich besser. Die Leute hier tun immer so, wie
wenn du dem alten Kortschädel sittlich überlegen gewesen wärst. Ich
für meine Person kann's nicht finden und sagte dir gern meine Meinung
darüber. Aber ich nehme häßliche Worte nicht gern in den Mund.«

»Adelheid, du regst dich auf. Und ich frage mich, warum? Du bist ein
bißchen gegen die Buschen, -- nun gut, gegen die Buschen kann man
sein; und du bist ein bißchen gegen die Karline, -- nun gut, gegen die
Karline kann man auch sein. Aber ich sehe dir's an, das Eigentliche,
was dich aufregt, das ist nicht die Buschen und ist auch nicht die
Karline, das sind bloß die roten Strümpfe. Warum bist du so sehr gegen
die roten Strümpfe?«

»Weil sie ein Zeichen sind.«

»Das sagt gar nichts, Adelheid. Ein Zeichen ist alles. Wovon sind sie
ein Zeichen? Darauf kommt es an.«

»Sie sind ein Zeichen von Ungehörigkeit und Verkehrtheit. Und ob du nun
lachen magst oder nicht -- denn an einem Strohhalm sieht man eben am
besten, woher der Wind weht --, sie sind ein Zeichen davon, daß alle
Vernunft aus der Welt ist und alle gesellschaftliche Scheidung immer
mehr aufhört. Und das alles unterstützt du. Du denkst wunder, wie fest
du bist; aber du bist nicht fest und kannst es auch nicht sein, denn
du steckst in allerlei Schrullen und Eitelkeiten. Und wenn sie dir um
den Bart gehn oder dich bei deinen Liebhabereien fassen, dann läßt du
das, worauf es ankommt, ohne weiteres im Stich. Es soll jetzt viele
solche geben, denen ihr Humor und ihre Rechthaberei viel wichtiger
ist als Gläubigkeit und Apostolikum. Denn sie sind sich selber ihr
Glaubensbekenntnis. Aber, glaube mir, dahinter steckt der Versucher,
und wohin der am Ende führt, das weißt du, -- soviel wird dir ja wohl
noch geblieben sein.«

»Ich hoffe,« sagte Dubslav.

»Und weil du bist wie du bist, freust du dich, daß diese Zierpuppe
(schon ganz wie die Karline) rote Strümpfe trägt und sich neue dazu
strickt. Ich aber wiederhole dir, diese roten Strümpfe, die sind ein
Zeichen, eine hochgehaltene Fahne.«

»Strümpfe werden nicht hochgehalten.«

»Noch nicht, aber das kann auch noch kommen. Und das ist dann die
richtige Revolution, die Revolution in der Sitte, -- das, was sie jetzt
das ›Letzte‹ nennen. Und ich begreife dich nicht, daß du davon kein
Einsehn hast, du, ein Mann von Familie, von Zugehörigkeit zu Thron und
Reich. Oder der sich's wenigstens einbildet.«

»Nun gut, nun gut.«

»Und da reist du herum, wenn sie den Torgelow oder den Katzenstein
wählen wollen, und hältst deine Reden, wiewohl du eigentlich nicht
reden kannst ...«

»Das is richtig. Aber ich hab auch keine gehalten ...«

»Und hältst deine Reden für König und Vaterland und für die alten Güter
und sprichst gegen die Freiheit. Ich versteh dich nicht mit deinem
ewigen ›gegen die Freiheit‹. Laß sie doch mit ihrer ganzen dummen
Freiheit machen, was sie wollen. Was heißt Freiheit? Freiheit ist gar
nichts; Freiheit ist, wenn sie sich versammeln und Bier trinken und
ein Blatt gründen. Du hast bei den Kürassieren gestanden und mußt
doch wissen, daß Torgelow und Katzenstein (was keinen Unterschied
macht) uns nicht erschüttern werden, uns nicht und unsern Glauben
nicht und Stechlin nicht und Wutz nicht. Die Globsower, solange sie
bloß Globsower sind, können gar nichts erschüttern. Aber wenn erst
der Buschen ihre Enkelkinder, denn die Karline wird doch wohl schon
mehrere haben, ihre Knöpfstiefel und ihre roten Strümpfe tragen, als
müßt es nur so sein, ja, Dubslav, dann ist es vorbei. Mit der Freiheit,
laß mich das wiederholen, hat es nicht viel auf sich; aber die roten
Strümpfe, das ist was. Und dir trau ich ganz und gar nicht, und der
Karline natürlich erst recht nicht, wenn es auch vielleicht schon eine
Weile her ist.«

»Sagen wir ›vielleicht‹.«

»O, ich kenne das. Du willst das wegwitzeln, das ist so deine Art. Aber
unser Kloster ist nicht so aus der Welt, daß wir nicht auch Bescheid
wüßten.«

»Wozu hättet ihr sonst euern Fix?«

»Kein Wort gegen den.«

Und in großer Erregung brach das Gespräch ab. Noch am selben Nachmittag
aber verabschiedete sich Adelheid von ihrem Bruder und fuhr nach Wutz
zurück.



Verweile doch. Tod. Begräbnis. Neue Tage.



Vierzigstes Kapitel


Agnes, während oben die gereizte Szene zwischen Bruder und Schwester
spielte, war unten in der Küche bei Mamsell Pritzbur und erzählte von
Berlin, wo sie vorigen Sommer bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war.
»Eins war da,« sagte sie, »das hieß das Aquarium. Da lag eine Schlange,
die war so dick wie'n Bein.«

»Aber hast du denn schon Beine gesehn?« fragte die Pritzbur.

»Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl schon Beine gesehn haben
... Und dann, an einem andern Tag, da waren wir in einem ›Tiergarten‹,
aber in einem richtigen, mit allerlei Tieren drin. Und den nennen sie
den ›Zoologischen‹.«

»Ja, davon hab ich auch schon gehört.«

»Und in dem ›Zoologischen‹, da war ein ganz kleiner See, noch viel
kleiner als unser Stechlin, und in dem See standen allerlei Vögel. Und
einer, ganz wie'n Storch, stand auf einem Bein.«

Als die Mädchen das Wort »Storch« hörten, kamen sie näher heran.

»Aber die Beine von dem Vogel, oder es waren wohl mehrere Vögel, die
waren viel größer als Storchenbeine und auch viel dicker und viel
röter.«

»Und taten sie dir nichts?«

»Nein, sie taten mir nichts. Bloß, wenn sie so ne Weile gestanden
hatten, dann stellten sie sich auf das andre Bein. Und ich sagte zu
Mutter: ›Mutter, komm; der eine sieht mich immer so an.‹ Und da gingen
wir an eine andere Stelle, wo der Bär war.«

Das Kind erzählte noch allerlei. Die Mädchen und auch die Mamsell
freuten sich über Agnes, und sie trug ihnen ein paar Lieder vor, die
ihre Mutter, die Karline, immer sang, wenn sie plättete, und sie tanzte
auch, während sie sang, wobei sie das himmelblaue Kleid zierlich in die
Höhe nahm, ganz so, wie sie's in der Hasenheide gesehen hatte.

So kam der Nachmittag heran, und als es schon dunkelte, sagte Engelke:
»Ja, gnädger Herr, wie is das nu mit Agnessen? Sie is immer noch bei
Mamsell Pritzbur unten, un die Mächens wenn sie so singt und tanzt,
kucken ihr zu. Sie wird woll auch so was wie die Karline. Soll sie
wieder nach Haus, oder soll sie hierbleiben?«

»Natürlich soll sie hierbleiben. Ich freue mich, wenn ich das Kind
sehe. Du hast ja ein gutes Gesicht, Engelke, aber ich will doch auch
mal was andres sehn als dich. Wie das lütte Balg da so saß, so steif
wie ne Prinzeß, hab ich immer hingekuckt und ihr wohl ne Viertelstunde
zugesehn, wie da die Stricknadeln immer so hin und her gingen und
der rote Strumpf neben ihr baumelte. So was Hübsches hab ich nicht
mehr gesehn, seit zu Weihnachten die Grafschen hier waren, die blasse
Komtesse und die Gräfin. Hat sie dir auch gefallen?«

Engelke griente.

»Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie kann ja auch nachts mal
aufstehn und mir eine Tasse von dem Tee bringen, oder was ich sonst
grade brauche, und du alte Seele kannst ausschlafen. Ach, Engelke, das
Leben is doch eigentlich schwer. Das heißt, wenn's auf die Neige geht;
vorher is es soweit ganz gut. Weißt du noch, wenn wir von Brandenburg
nach Berlin ritten? In Brandenburg war nich viel los; aber in Berlin,
da ging es.«

»Ja, gnädger Herr. Aber nu kommt es.«

»Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpfötchen dran. So was gab es damals
noch gar nicht. Aber ich will nichts sagen, sonst wird die Buschen
ärgerlich, und mit alten Weibern muß man gut stehn; das is noch
wichtiger als mit jungen. Und, wie gesagt, die Agnes bleibt. Ich sehe
so gern was Zierliches. Es is ein reizendes Kind.«

»Ja, das is sie. Aber ...«

»Ach, laß die ›Abers‹. Du sagst, sie wird wie die Karline. Möglich is
es. Aber vielleicht wird sie auch ne Nonne. Man kann nie wissen.«

       *       *       *       *       *

Agnes blieb also bei Dubslav. Sie saß am Fenster und strickte. Mal in
der Nacht, als ihm recht schlecht war, hatte er nach dem Kinde rufen
wollen. Aber er stand wieder davon ab. »Das arme Kind, was soll ich ihm
den Schlaf stören? Und helfen kann es mir doch nicht.«

So verging eine Woche. Da sagte der alte Dubslav: »Engelke, das mit der
Agnes, das kann ich nich mehr mit ansehn. Sie sitzt da jeden Morgen und
strickt. Das arme Wurm muß ja hier umkommen. Und alles bloß, weil ich
alter Sünder ein freundliches Gesicht sehn will. Das geht so nich mehr
weiter. Wir müssen sehn, daß wir was für das Kind tun können. Haben wir
denn nicht ein Buch mit Bildern drin oder so was?«

»Ja, gnädger Herr, da sind ja noch die vier Bände, die wir letzte
Weihnachten bei Buchbinder Zippel in Gransee haben einbinden lassen.
Eigentlich war es bloß ne ›Landwirtschaftliche Zeitung‹, und alle, die
mal nen Preis gewonnen haben, die waren drin. Und Bismarck war auch
drin un Kaiser Wilhelm auch.«

»Ja, ja, das is gut; das gib ihr. Und brauchst ihr auch nich zu sagen,
daß sie keine Eselsohren machen soll; die macht keine.«

Wirklich, die »Landwirtschaftliche Zeitung« lag am andern Morgen
da, und Agnes war sehr glücklich, mal was andres zu haben als ihr
Strickzeug, und die schönen Bilder ansehn zu können. Denn es waren
auch Schlösser drin und kleine Teiche, drauf Schwäne fuhren, und auf
einem Bilde, das eine Beilage war, waren sogar Husaren. Engelke brachte
jeden Morgen einen neuen Band, und mal erschien auch Elfriede, die
Lorenzen, um nach Dubslavs Befinden fragen zu lassen, von der Pfarre
herübergeschickt hatte. »Die kann sich ja die Bilder mit ansehen,«
sagte Dubslav; »am Ende macht es ihr selber auch Spaß, und vielleicht
kann sie dem kleinen Ding, der Agnes, alles so nebenher erklären, und
dann is es so gut wie ne Schulstunde.«

Elfriede war gleich dazu bereit. Und nun standen die beiden Kinder
nebeneinander und blätterten in dem Buch, und die Kleine sog jedes
Wort ein, was die Große sagte. Dubslav aber hörte zu und wußte nicht,
wem von beiden er ein größeres Interesse zuwenden sollte. Zuletzt aber
war es doch wohl Elfriede, weil sie den wehmütigen Zauber all derer
hatte, die früh abberufen werden. Ihr zarter, beinahe körperloser Leib
schien zu sagen: »Ich sterbe.« Aber ihre Seele wußte nichts davon; die
leuchtete und sagte: »Ich lebe.«

       *       *       *       *       *

Das mit den Bilderbüchern dauerte mehrere Tage. Dann sagte Dubslav:
»Engelke, das Kind fängt heute schon wieder von vorn an; es ist mit
allen vier Bänden, so dick sie sind, schon zweimal durch; ich sehe,
wir müssen uns was Neues ausbaldowern. Das is nämlich ein Wort aus der
Diebssprache; soweit sind wir nu schon. Übrigens ist mir was Gutes
eingefallen: hol ihr eine von unsern Wetterfahnen herunter. Die stehn
ja da bloß so rum, un wenn ich tot bin und alles abgeschätzt wird --
was sie ›ordnen‹ nennen --, dann kommt Kupperschmied Reuter aus Gransee
und taxiert es auf fünfundsiebzig Pfennig.«

»Aber, gnädger Herr, uns' Woldemar ...«

»Nu ja, Woldemar. Woldemar ist gut, natürlich, und die Komtesse, seine
junge Frau, is auch gut. Alles is gut, und ich hab es auch nicht so
schlimm gemeint; man red't bloß so. Nur soviel is richtig: meine
Sammlung oben is für Spinnweb und weiter nichts. Alles Sammeln ist
überhaupt verrückt, und wenn Woldemar sich nich mehr drum kümmert, so
is es eigentlich bloß Wiederherstellung von Sinn und Verstand. Jeder
hat seinen Sparren, und ich habe meinen gehabt. Bring aber nich gleich
alles runter. Nur die Mühle bring und den Dragoner.«

Engelke gehorchte.

Den ersten Tag, wie sich denken läßt, war Agnes ganz für den Dragoner,
der, als man ihn vor Jahr und Tag von seinem Zelliner Kirchturm
heruntergeholt hatte, frisch aufgepinselt worden war: schwarzer Hut,
blauer Rock, gelbe Hosen. Aber sehr bald hatte sich das Kind an der
Buntheit des Dragoners sattgesehen, und nun kam statt seiner die
Mühle an die Reihe. Die hielt länger vor. Meistens -- wenn sie nur
überhaupt erst im Gange war -- brauchte das Kind bloß zu pusten, um die
Mühlflügel in ziemlich rascher Bewegung zu halten, und der schnarrende
Ton der etwas eingerosteten Drehvorrichtung war dann jedesmal eine Lust
und ein Entzücken. Es waren glückliche Tage für Agnes. Aber fast noch
glücklichere für den Alten.

       *       *       *       *       *

Ja, der alte Dubslav freute sich des Kindes. Aber so wohltuend ihm
seine Gegenwart war, so war es auf die Dauer doch nicht viel was
andres, als ob ein Goldlack am Fenster gestanden oder ein Zeisig
gezwitschert hätte. Sein Auge richtete sich gerne darauf; als aber
eine Woche und dann eine zweite vorüber war, wurd ihm eine gewisse
Verarmung fühlbar, und das so stark, daß er fast mit Sehnsucht an die
Tage zurückdachte, wo Schwester Adelheid sich ihm bedrücklich gemacht
hatte. Das war sehr unbequem gewesen, aber sie besaß doch nebenher
einen guten Verstand, und in allem, was sie sagte, war etwas, worüber
sich streiten und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und kleinen Witzen
abbrennen ließ. Etwas, was ihm immer eine Hauptsache war. Dubslav
zählte zu den Friedliebendsten von der Welt, aber er liebte doch
andrerseits auch Friktionen, und selbst ärgerliche Vorkommnisse waren
ihm immer noch lieber als gar keine.

       *       *       *       *       *

Kein Zweifel, der alte Schloßherr auf Stechlin sehnte sich nach
Menschen, und da waren es denn wahre Festtage, wenn Besucher aus Näh
oder Ferne sich einstellten.

Eines Tages -- es schummerte schon -- erschien Krippenstapel. Er hatte
seinen besten Rock angezogen und hielt ein übermaltes Gefäß, mit einem
Deckel darauf, in seinem linken Arm.

»Nun, das ist recht, Krippenstapel. Ich freue mich, daß Sie mal
nachsehn, ob unser Museum oben noch seinen ›Chef‹ hat. Ich sage ›Chef‹.
Der Direktor sind Sie ja selber. Und nun kommen Sie auch gleich noch
mit ner Urne. Hat gewiß Ihr Freund Tucheband irgendwo ausgegraben. Oder
is es bloß ne Terrine? Himmelwetter, Krippenstapel, Sie werden mir doch
nich ne Krankensuppe gekocht haben?«

»Nein, Herr Major, keine Krankensuppe. Gewiß nicht. Und doch is es
einigermaßen so was. Es ist nämlich ne Wabe. Habe da heute mittag einen
von meinen Stöcken ausgenommen und wollte mir erlaubt haben, Ihnen die
beste Wabe zu bringen. Es ist beinah so was wie der mittelalterliche
Zehnte. Der Zehnte, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, war
eigentlich was Feineres als Geld.«

»Find ich auch. Aber die heutige Menschheit hat für so was Feines gar
keinen Sinn mehr. Immer alles bar und nochmal bar. O, das gemeine
Geld! Das heißt, wenn man keins hat; wenn man's hat, ist es soweit
ganz gut. Und daß Sie gleich an Ihren alten Patron -- ein Wort,
das übrigens vielleicht zu hoch gegriffen ist und unser Verhältnis
nicht recht ausdrückt -- gedacht haben! Lorenzen wird es hoffentlich
nicht übelnehmen, daß ich Sie, wenn ich mich Ihren ›Patron‹ nenne,
so gleichsam avancieren lasse. Ja, das mit der Wabe. Freut mich
aufrichtig. Aber ich werde mich wohl nicht drüberher machen dürfen.
Immer heißt es: ›+das+ nicht‹. Erst hat mir Sponholz alles verboten und
nu die Buschen, und so leb ich eigentlich bloß noch von Bärlapp und
Katzenpfötchen.«

»Am Ende geht es doch,« sagte Krippenstapel. »Ich weiß wohl, in eine
richtige Kur darf der Laie nicht eingreifen. Aber der Honig macht
vielleicht ne Ausnahme. Richtiger Honig ist wie gute Medizin und hat
die ganze Heilkraft der Natur.«

»Is denn aber nicht auch was drin, was besser fehlte?«

»Nein, Herr Major. Ich sehe die Bienen oft schwärmen und sammeln, und
seh auch, wie sie sammeln und wo sie sammeln. Da sind voran die Linden
und Akazien und das Heidekraut. Nu, die sind die reine Unschuld; davon
red ich gar nicht erst. Aber nun sollten Sie die Biene sehn, wenn sie
sich auf eine giftige Blume, sagen wir zum Beispiel auf den Venuswagen,
niederläßt. Und in jedem Venuswagen, besonders in dem roten (aber doch
auch in dem blauen), sitzt viel Gift.«

»Venuswagen; kann ich mir denken. Und wie sammelt da die Biene?«

»Sie nimmt nie das Gift, sie nimmt immer bloß die Heilkraft.«

»Na, Sie müssen es wissen, Krippenstapel. Und auf Ihre Verantwortung
hin will ich mir den Honig auch schmecken lassen, und die Buschen muß
sich drin finden und sich wohl oder übel zufrieden geben. Übrigens
fällt mir bei der Alten natürlich auch das Kind ein. Da sitzt es am
Fenster. Na, komm mal her, Agnes, und sage, daß du hier auch was
lernst. Ich hab ihr nämlich Bücher gegeben, mit allerlei Bildern drin,
und seit vorgestern auch eine Götterlehre, das heißt aber noch eine aus
guter, anständiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen. Und da
lernt sie, glaub ich, ganz gut. Nicht wahr, Agnes?«

Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz.

»Und dann hab ich dem Kind auch unsern Dragoner und die Mühle gegeben.
Also unsre besten Stücke, soviel ist richtig. Ich denke mir aber, mein
Museumsdirektor wird über diesen Eingriff nicht böse sein. Eigentlich
is es doch besser, das Kind hat was davon als die Spinnen. Und was
macht denn Ihr Oberlehrer in Templin? Hat er wieder was gefunden?«

»Ja, Herr Major. Münzenfund.«

»Na, das is immer das beste. Vermutlich Georgstaler oder so was;
Dreißigjähriger Krieg. Es war ja ne gräßliche Zeit. Aber daß sie damals
aus Angst und Not soviel verbuddelt haben, das is doch auch wieder ein
Segen. Is es denn viel?«

»Wie man's nehmen will, Herr Major; praktisch und profan angesehen
ist es nicht viel, aber wissenschaftlich angesehen ist es allerdings
viel. Nämlich drei römische Münzen, zwei von Diokletian und eine von
Caracalla.«

»Na, die passen wenigstens. Diokletian war ja wohl der mit der
Christenverfolgung. Aber ich glaube, es war am Ende nicht so schlimm.
Verfolgt wird immer. Und mitunter sind die Verfolgten obenauf.«

Dabei lachte der Alte. Dann rief er Engelke, daß er den Honig
herausnehme. Krippenstapel aber verabschiedete sich, seine leere
Terrine vorsichtig im Arm.



Einundvierzigstes Kapitel


Dubslav hatte sich über Krippenstapels Besuch und sein Geschenk
aufrichtig gefreut, weil es ja das Beste war, was ihm die alte treue
Seele bringen konnte. Er bestand denn auch darauf (trotzdem Engelke,
der ein Vorurteil gegen alles Süße hatte, dagegen war), daß ihm die
Wabe jeden Morgen auf den Frühstückstisch gestellt werde.

»Siehst du, Engelke,« sagte er nach einer Woche, »daß ich mich wieder
wohler fühle, das macht die Wabe. Denn man muß jedes Fisselchen
mitessen, Wachs und alles, das hat er mir eigens gesagt. Das is grad
so wie beim Apfel die Schale; die hat die Natur so gewollt und is ein
Fingerzeig und muß respektiert werden.«

»Ich bin aber doch für abschälen,« sagte Engelke. »Wenn man so sieht,
was mitunter alles dran ist ...«

»Ja, Engelke, ich weiß nicht, du bist jetzt so fein geworden. Aber ich
bin noch ganz altmodisch. Und dann glaub ich nebenher wirklich, daß
in dem Wachs die richtige ›gesamte Heilkraft der Natur‹ steckt, fast
noch mehr als in dem Honig. Krippenstapel übrigens is jetzt auch so
furchtbar gebildet und hat so viele feine Wendungen, wie zum Beispiel
die mit der ›gesamten Heilkraft‹. Aber so fein wie du is er doch noch
lange nicht, darauf will ich mich verschwören. Und auch darauf, daß er
sich keine Birne schält.«

In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze Weile, sich mehr und
mehr zurechtlegend, daß er sich die Quälerei mit all dem andern Zeug
eigentlich hätte sparen können; »denn wenn +alles+ drin ist, so ist
doch auch Bärlapp und Katzenpfötchen drin und natürlich auch Fingerhut
oder wie Sponholz sagt: ›Die Digitalis.‹« Engelke freilich wollte von
diesen Sophistereien nichts wissen; sein Herr aber ließ sich durch
solche Zweifel nicht stören und fuhr vielmehr fort: »Und dann, Engelke,
macht es doch auch einen Unterschied, von wem eine Sache kommt.
Die Katzenpfötchen kommen von der Buschen, und die Wabe kommt von
Krippenstapel. Das heißt also, hinter der Wabe steht ein guter Geist,
und hinter den Katzenpfötchen steht ein böser Geist. Und das kannst du
mir glauben, an solchen Rätselhaftigkeiten liegt sehr viel im Leben,
und wenn mir Lorenzen seine Patsche gibt, so ist das ganz was anders,
wie wenn mir Koseleger seine Hand gibt. Koseleger hat solche weichen
Finger und auf dem vierten einen großen Ring.«

»Aber er is doch ein Superintendent.«

»Ja, Superintendent is er. Und er kommt auch noch höher. Und wenn es
nach der Prinzessin geht, wird er Papst. Und dann wollen wir uns Ablaß
bei ihm holen; aber viel geb ich nicht.«

       *       *       *       *       *

Als Dubslav und Engelke dies Gespräch führten, saß Agnes wie gewöhnlich
am Fenster, mit halbem Ohre hinhörend, und so wenig sie davon verstand,
so verstand sie doch gerade genug. Krippenstapel war ein guter Geist
und ihre Großmutter war ein böser Geist. Aber das alles war ihr nicht
mehr, als ob ihr ein Märchen erzählt würde. Sie hatte schon so vieles
in ihrem Leben gehört und war wohl dazu bestimmt, noch viel, viel
andres zu hören. Ihr Gesichtsausdruck blieb denn auch derselbe. Sie
träumte bloß so hin, und daß sie dies Wesen hatte, das war es recht
eigentlich, was den alten Herrn so an sie fesselte. Das Auge, womit sie
die Menschen ansah, war anders als das der andern.

       *       *       *       *       *

Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen;
ein heller Schein fiel von der Veranda her durch die Balkontür und gab
dem etwas dunklen Zimmer mehr Licht, als es für gewöhnlich zu haben
pflegte. Dubslav hielt die Kreuzzeitung in Händen und schlug nach einem
Brummer, der ihn immer und immer wieder umsummte. »Verdammte Bestie,«
und er holte von neuem aus. Aber ehe er zuschlagen konnte, kam Engelke
und fragte, ob Uncke den gnädigen Herrn sprechen dürfe.

»Uncke, unser alter Uncke?«

»Ja, gnädger Herr.«

»Na, natürlich. Kriegt man doch mal wieder nen vernünftigen Menschen
zu sehn. Was er nur bringen mag? Vielleicht Verhaftung irgendwo:
Demokratennest ausgenommen.«

Agnes horchte. Verhaftung! Demokratennest ausgenommen! Das war doch
noch besser als ein Märchen »vom guten und bösen Geist«.

       *       *       *       *       *

Inzwischen war Uncke eingetreten, Backenbart und Schnurrbart, wie
gewöhnlich, fest angeklebt. In der Nähe der Tür blieb er stehen und
grüßte militärisch. Dubslav aber rief ihm zu: »Nein, Uncke, nicht da.
So weit reicht mein Ohr nicht und meine Stimme erst recht nicht. Und
ich denke doch, Sie bringen was. Was Reguläres. Also ran hier. Und wenn
es nicht was ganz Dienstliches is, so nehmen Sie den Stuhl da.«

Uncke trat auch näher, nahm aber keinen Stuhl und sagte: »Herr Major
wollen entschuldigen. Ich komme so bloß ... Der alte Baruch Hirschfeld
hat mir erzählt, und die alte Buschen hat mir erzählt ...«

»Ach so, von wegen meiner Füße.«

»Zu Befehl, Herr Major.«

»Ja, Uncke, wollte Gott, es stünde besser. Immer denk ich, wenn wieder
ein Neuer kommt, ›nu wird es‹. Aber es will nicht mehr; es hilft immer
bloß drei Tage. Die Buschen hilft nicht mehr, und Krippenstapel hilft
nicht mehr, und Sponholz hilft schon lange nicht mehr; der kutschiert
so in der Welt rum. Bleibt also bloß noch der liebe Gott.«

Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung, die seine
respektvolle Stellung (aber doch auch nicht mehr) zum lieben Gott
ausdrücken sollte. Dubslav sah es und erheiterte sich. Dann fuhr er in
rasch wachsender guter Laune fort: »Ja, Uncke, wir haben so manchen Tag
miteinander gelebt. Denke gern daran zurück -- sind noch einer von den
Alten. Und der Pyterke auch. Was macht er denn?«

»Ah, Herr Major, immer noch tüchtig da; schneidig,« und dabei rückte er
sich selbst zurecht, wie wenn er die überlegene Stattlichkeit seines
Kollegen wenigstens andeuten wolle.

Dubslav verstand es auch so und sagte: »Ja, der Pyterke; natürlich
immer hoch zu Roß. Und Sie, Uncke, ja, Sie müssen laufen wie 'n
Landbriefträger. Es hat aber auch sein Gutes; zu Fuß macht geschmeidig,
zu Pferde macht steif. Und macht auch faul. Und überhaupt, Gebrüder
Beeneke is schon immer das Beste. Da kann man nicht zu Fall kommen.
Aber jeder will heutzutage hoch raus. Das is, was sie jetzt die
›Signatur der Zeit‹ nennen. Haben Sie den Ausdruck schon gehört, Uncke?«

»Zu Befehl, Herr Major.«

»Und die Sozialdemokratie will auch hoch raus und so zu Pferde sitzen
wie Pyterke, bloß noch viel höher. Aber das geht nicht gleich so. Gut
Ding will Weile haben. Und Torgelow, wenn er auch vielleicht reden
kann, reiten kann er noch lange nicht. Sagen Sie, was macht er denn
eigentlich? Ich meine Torgelow. Sind denn unsre kleinen Leute jetzt
mehr zufrieden mit ihm?«

»Nein, Herr Major, sie sind immer noch nicht zufrieden mit ihm. Er
wollte da neulich in Berlin reden und hat auch wirklich was zu Graf
Posadowsky gesagt. Und das is so dumm gewesen, daß es die andern
geniert hat. Und da haben sie ihn bedeutet: ›Torgelow, nu bist du
still; so geht das hier nich.‹«

»Ja,« lachte Dubslav, »und wo +der+ nu steht, da sollte ich eigentlich
stehen. Aber es is doch besser so. Nu kann Torgelow zeigen, daß er
nichts kann. Und die andern auch. Und wenn sie's alle gezeigt haben,
na, dann sind wir vielleicht wieder dran und kommen noch mal oben auf,
und jeder kriegt Zulage. Sie auch, Uncke, und Pyterke natürlich auch.«

Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger an die Schläfe.

»... Vorläufig aber müssen wir abwarten und den sogenannten ›Ausbruch‹
verhüten und dafür sorgen, daß unsere Globsower zufrieden sind. Und
wenn wir klug sind, glückt es vielleicht auch. Glauben Sie nicht auch,
Uncke, daß es kleine Mittel gibt?«

»Zu Befehl, Herr Major, kleine Mittel gibt es. Es hat's schon.«

»Und welche meinen Sie?«

»Musik, Herr Major, und verlängerte Polizeistunde.«

»Ja,« lachte Dubslav, »so was hilft. Musik und nen Schottschen, dann
sind die Mädchen zufrieden.«

»Und,« bestätigte Uncke, »wenn die Mädchens zufrieden sind, Herr Major,
dann sind alle zufrieden.«

       *       *       *       *       *

Uncke hatte zusagen müssen, mal wieder vorzusprechen, aber es kam nicht
dazu, weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte. Von Besuchern
wurde keiner mehr angenommen, und nur Lorenzen hatte Zutritt. Aber er
kam meist nur, wenn er gerufen wurde.

»Sonderbar,« sagte der Alte, während er in den Frühlingstag
hinausblickte, »dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger
Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von
Unsterblichkeit, und is beinah, als ob ihm so was für alltags wie zu
schade sei. Vielleicht is es aber auch noch was andres, und er weiß am
Ende selber nicht viel davon. Anfangs hab ich mich darüber gewundert,
weil ich mir immer sagte: Ja, solch Talar- und Beffchenmann, der muß
es doch schließlich wissen; er hat so seine drei Jahre studiert und
eine Probepredigt gehalten, und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein
Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet und ihm und noch ein paar
andern gesagt: ›Nun gehet hin und lehret alle Heiden.‹ Und wenn man
das so hört, ja, da verlangt man denn auch, daß einer weiß, wie's
mit einem steht. Is gerade wie mit den Doktors. Aber zuletzt begibt
man sich und hat die Doktors am liebsten, die einem ehrlich sagen:
›Hören Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abwarten.‹ Der
gute Sponholz, der nun wohl schon an der Brücke mit dem Ichthyosaurus
vorbei ist, war beinah so einer, und Lorenzen is nu schon ganz gewiß
so. Seit beinah zwanzig Jahren kenn ich ihn, und noch hat er mich nicht
ein einziges Mal bemogelt. Und daß man +das+ von einem sagen kann, das
ist eigentlich die Hauptsache. Das andre ... ja, du lieber Himmel, wo
soll es am Ende herkommen? Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner
mehr gestanden, und wenn auch, was der liebe Gott da oben gesagt hat,
das schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles
sehr diesseitig geblieben; du sollst, du sollst, und noch öfter ›du
sollst +nicht+‹. Und klingt eigentlich alles, wie wenn ein Nürnberger
Schultheiß gesprochen hätte.«

Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost. »Engelke, du
könntest mal wieder die Marie zu Lorenzen rüberschicken -- ich ließ'
ihn bitten.«

Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des Alten Seite.

»Das ist recht, Pastor, daß Sie gleich gekommen sind, und ich sehe
wieder, wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt. Sie müssen
nämlich wissen, daß ich mich heute schon ganz eingehend mit Ihnen
beschäftigt und Ihr Charakterbild, das ja auch schwankt wie so manch
andres, nach Möglichkeit festgestellt habe. Würde mir das Sprechen
wegen meines Asthmas nicht einigermaßen schwer, ich wär imstande,
gegen mich selber in eine Art Indiskretion zu verfallen und Ihnen
auszuplaudern, was ich über Sie gedacht habe. Habe ja, wie Sie wissen,
ne natürliche Neigung zum Ausplaudern, zum Plaudern überhaupt, und
Kortschädel, der sich im übrigen durch französische Vokabeln nicht
auszeichnete, hat mich sogar einmal einen ›Causeur‹ genannt. Aber
freilich schon lange her, und jetzt ist es damit total vorbei. Zuletzt
stirbt selbst die alte Kindermuhme in einem aus.«

»Glaub ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von Stechlin, sorgen für den
Ausnahmefall.«

»Ich will es gelten lassen und mich auch gleich legitimieren. Haben
Sie denn in Ihrer Zeitung gelesen, wie sie da neulich wieder dem armen
Bennigsen zugesetzt haben? Mir mißfällt es, wiewohl Bennigsen nicht
gerade mein Mann ist.«

»Auch meiner nicht. Aber, er sei, wie er sei, er ist doch ein
Excelsior-Mann. Und wer hierlandes für ein freudiges ›~excelsior~‹ ist,
der ist bei den Ostelbiern (Pardon, Sie gehören ja selbst mit dazu) von
vornherein verdächtig und ein Gegenstand tiefen Mißtrauens. Jedes höher
gesteckte Ziel, jedes Wollen, das über den Kartoffelsack hinausgeht,
findet kein Verständnis, sicherlich keinen Glauben. Und bringt einer
irgendein Opfer, so heißt es bloß, daß er die Wurst nach der Speckseite
werfe.«

Dubslav lachte. »Lorenzen, Sie sitzen wieder auf Ihrem Steckenpferd.
Aber ich selber bin freilich schuld. Warum kam ich auf Bennigsen! Da
war das Thema gegeben, und Ihr Ritt ins Bebelsche (denn weitab davon
sind Sie nicht) konnte beginnen. Aber daß Sie's wissen, ich hab auch
mein Steckenpferd, und das heißt: König und Kronprinz oder alte Zeit
und neue Zeit. Und darüber hab ich seit lange mit Ihnen sprechen
wollen, nicht akademisch, sondern märkisch-praktisch, so recht mit
Rücksicht auf meine nächste Zukunft. Denn es heißt nachgrade bei mir:
›Was du tun willst, tue bald.‹«

Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte: »Gewiß kommen andre Zeiten.
Aber man muß mit der Frage, was kommt und was wird, nicht zu früh
anfangen. Ich seh nicht ein, warum unser alter König von Thule hier
nicht noch lange regieren sollte. Seinen letzten Trunk zu tun und den
Becher dann in den Stechlin zu werfen, damit hat es noch gute Wege.«

»Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die Zeichen sind da,
mehr als zuviel. Und damit alles klappt und paßt, geh ich nun auch
gerad ins Siebenundsechzigste, und wenn ein richtiger Stechlin ins
Siebenundsechzigste geht, dann geht er auch in Tod und Grab. Das is so
Familientradition. Ich wollte, wir hätten eine andre. Denn der Mensch
is nun mal feige und will dies schändliche Leben gern weiterleben.«

»Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein sehr gutes Leben
gehabt.«

»Na, wenn es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob alle Globsower ebenso
denken. Und +die+ bringen mich wieder auf mein Hauptthema.«

»Und das lautet?«

»Das lautet: ›Teuerster Pastor, sorgen Sie dafür, daß die Globsower
nicht zu sehr obenauf kommen.‹«

»Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute ...«

»Sagen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal richtig; heutzutage
aber paßt es nicht mehr. Und solch unsichere Passagiere wie mein
Woldemar und wie mein lieber Lorenzen (von dem der Junge, Pardon,
all den Unsinn hat), solche unsichere Passagiere, statt den Riegel
vorzuschieben, kommen den Torgelowschen auf halbem Wege entgegen und
sagen: ›Ja, ja, Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht,‹ oder, was
noch schlimmer ist: ›Ja, ja, Jochem, wir wollen mal nachschlagen.‹«

»Aber, Herr von Stechlin.«

»Ja, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen, es ist
doch so. Die ganze Geschichte wird auf einen andern Leisten gebracht,
und wenn dann wieder eine Wahl ist, dann fährt der Woldemar rum und
erzählt überall, Katzenstein sei der rechte Mann. Oder irgendein
andrer. Aber das ist Mus wie Mine; -- verzeihen Sie den etwas
fortgeschrittenen Ausdruck. Und wenn dann die junge gnädige Frau
Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball gibt, da will ich Ihnen ganz
genau sagen, wer dann hier in diesem alten Kasten, der dann aber
renoviert sein wird, antritt. Da ist in erster Reihe der Minister
von Ritzenberg geladen, der, wegen Kaltstellung unter Bismarck, von
langer Hand her eine wahre Wut auf den alten Sachsenwalder hat, und
eröffnet die Polonaise mit Armgard. Und dann ist da ein Professor,
Kathedersozialist, von dem kein Mensch weiß, ob er die Gesellschaft
einrenken oder aus den Fugen bringen will, und führt eine Adelige, mit
kurzgeschnittenem Haar (die natürlich schriftstellert), zur Quadrille.
Und dann bewegen sich da noch ein Afrikareisender, ein Architekt und
ein Porträtmaler, und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause
machen, dann stellen sie ein lebendes Bild, wo ein Wilddieb von einem
Edelmann erschossen wird, oder sie führen ein französisches Stück
auf, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat, ein
sogenanntes Ehebruchsdrama, drin eine Advokatenfrau gefeiert wird, weil
sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über den Haufen geschossen
hat. Und dann gibt es Musikstücke, bei denen der Klavierspieler mit
seiner langen Mähne über die Tasten hinfegt, und in einer Nebenstube
sitzen andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten,
obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich und Bismarck
und Moltke, und ganz gemütlich dazwischen Mazzini und Garibaldi, und
Marx und Lassalle, die aber wenigstens tot sind, und daneben Bebel
und Liebknecht. Und dann sagt Woldemar: ›Sehen Sie da den Bebel. Mein
politischer Gegner, aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz.‹ Und
wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn herantritt und ihm sagt:
›Ich bin überrascht, Herr von Stechlin, -- ich glaubte den Grafen
Schwerin hier zu finden,‹ dann sagt Woldemar: ›Ich habe die Fühlung mit
diesem Herrn verloren.‹«

Der Pastor lachte. »Und +Sie+ wollen sterben. Wer so lange sprechen
kann, der lebt noch zehn Jahr.«

»Nichts, nichts. Ich halte Sie fest. Kommt es so oder kommt es nicht
so?«

»Nun, es kommt sicherlich +nicht+ so.«

»Sind Sie dessen sicher?«

»Ganz sicher.«

»Dann sagen Sie mir, +wie+ es kommt, aber ehrlich.«

»Nun, das kann ich leicht, und Sie haben mir selber den Weg gewiesen,
als Sie gleich anfangs von ›König und Kronprinz‹ sprachen. Dieser
Gegensatz existiert natürlich überall und in allen Lebensverhältnissen.
Es kommen eben immer Tage, wo die Leute nach irgendeinem ›Kronprinzen‹
aussehn. Aber so gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre:
der Kronprinz, nach dem ausgeschaut wurde, hält nie das, was man von
ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklärt in plötzlich
erwachter Pietät, im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu wollen;
in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch, als
Neugestalter aufzutreten, und holt ein Volksbeglückungsprogramm auch
wirklich aus der Tasche. Nur nicht auf lange. ›Leicht beieinander
wohnen die Gedanken, doch eng im Raume stoßen sich die Sachen.‹ Und
nach einem halben Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen und
Geleise ein.«

»Und so wird es Woldemar auch machen?«

»So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn die Lust sehr
bald anwandeln, so halb und halb ins Alte wieder einzulenken.«

»Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen. Sie haben ihm in den
Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues kommen müsse. Sogar ein neues
Christentum.«

»Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber wenn ich so sprach,
dies neue Christentum ist gerade das alte.«

»Glauben Sie das?«

»Ich glaub es. Und was besser ist: ich fühl es.«

»Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist +Ihre+ Sache; da will
ich Ihnen nicht hineinreden. Aber das andre, da müssen Sie mir was
versprechen. Besinnt er sich, und kommt er zu der Ansicht, daß das
alte Preußen mit König und Armee, trotz all seiner Gebresten und
altmodischen Geschichten, doch immer noch besser ist als das vom
neuesten Datum, und daß wir Alten vom Cremmer Damm und von Fehrbellin
her, auch wenn es uns selber schlecht geht, immer noch mehr Herz für
die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenommen,
kommt es zu solcher Rückbekehrung, +dann+, Lorenzen, stören Sie diesen
Prozeß nicht. Sonst erschein ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht an
Gespenster, aber wenn welche kommen, graulen sie sich auch.«

Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie,
wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre. »Das alles, Herr von Stechlin,
kann ich Ihnen gern versprechen. Ich habe Woldemar erzogen, als es
mir oblag, und Sie haben in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren
lassen. Jetzt ist Ihr Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre.
Sprechen hat seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber wenn Sie
ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell mir
erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu, was mir nicht
zukommt. Nicht +ich+ werde ihn führen. Dafür ist gesorgt. Die Zeit wird
sprechen, und neben der Zeit das neue Haus, die blasse junge Frau und
vielleicht auch die schöne Melusine.«

Der Alte lächelte. »Ja, ja.«



Zweiundvierzigstes Kapitel


So ging das Gespräch. Und als Lorenzen aufbrach, fühlte sich der Alte
wie belebt und versprach sich eine gute Nacht mit viel Schlaf und wenig
Beängstigung.

Aber es kam anders; die Nacht verlief schlecht, und als der Morgen da
war und Engelke das Frühstück brachte, sagte Dubslav: »Engelke, schaff
die Wabe weg; ich kann das süße Zeug nicht mehr sehn. Krippenstapel hat
es gut gemeint. Aber es is nichts damit und überhaupt nichts mit der
ganzen Heilkraft der Natur.«

»Ich glaube doch, gnädger Herr. Bloß gegen die Gegenkraft kann die Wabe
nich an.«

»Du meinst also: ›für'n Tod kein Kraut gewachsen ist‹. Ja, das wird es
wohl sein; das mein ich auch.«

Engelke schwieg.

       *       *       *       *       *

Eine Stunde später kam ein Brief, der, trotzdem er aus nächster
Nähe stammte, doch durch die Post befördert worden war. Er war von
Ermyntrud, behandelte die durch Koseleger und sie selbst geplante
Gründung eines Rettungshauses für verwahrloste Kinder und äußerte sich
am Schlusse dahin, daß, »wenn sich -- hoffentlich binnen kurzem -- ihre
Wünsche für Dubslavs fortschreitende Gesundheit erfüllt haben würden«,
Agnes, das Enkelkind der alten Buschen, als erste, wie sie vertraue,
sittlich zu Heilende in das Asyl aufgenommen werden möchte.

Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch einmal und sagte dann:
»O, diese Komödie ... ›wenn sich meine Wünsche für Ihre fortschreitende
Gesundheit erfüllt haben werden‹ ... das heißt doch einfach, ›wenn
Sie sich demnächst den Rasen von unten ansehn‹. Alle Menschen sind
Egoisten, Prinzessinnen auch, und sind sie fromm, so haben sie noch
einen ganz besonderen Jargon. Es mag so bleiben, es war immer so. Wenn
sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden Menschenverstand
andrer hätten.«

Er steckte, während er so sprach, den Brief wieder in das Kuvert und
rief Agnes.

Das Kind kam auch.

»Agnes, gefällt es dir hier?«

»Ja, gnädger Herr, es gefällt mir hier.«

»Und ist dir auch nicht zu still?«

»Nein, gnädger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich möchte immer
hier sein.«

»Na, du sollst auch bleiben, Agnes, solang es geht. Und nachher. Ja,
nachher ...«

Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände.

       *       *       *       *       *

Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke trat an ihn
heran und sagte: »Gnädger Herr, soll ich nicht in die Stadt schicken?«

»Nein.«

»Oder zu der Buschen?«

»Ja, das tu. So ne alte Hexe kann es immer noch am besten.«

In Engelkens Augen traten Tränen.

Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern Ton an. »Nein,
Engelke, graule dich nicht vor deinem alten Herrn. Ich habe es bloß so
hingesagt. Die Buschen soll nich kommen. Es würde mir wohl auch nicht
viel schaden, aber wenn man schon so in sein Grab sieht, dann muß man
doch anders sprechen, sonst hat man schlechte Nachrede bei den Leuten.
Und das möcht ich nich, um meinetwegen nich und um Woldemars wegen nich
... Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein ... Die käme mir am Ende
gleich nach, um mich zu retten. Nein, Engelke, nich die Buschen. Aber
gib mir noch mal von den Tropfen. Ein bißchen besser als der Tee sind
sie doch.«

       *       *       *       *       *

Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte, daß es zu Ende
gehe. »Das ›Ich‹ ist nichts -- damit muß man sich durchdringen. Ein
ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug,
auch wenn er ›Tod‹ heißt, darf uns nicht schrecken. In das Gesetzliche
sich ruhig schicken, das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn.«

Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden zu
haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst, und er seufzte:
»Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist lang.«

       *       *       *       *       *

Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf. Engelke lief hin und
her, und Agnes saß in ihrem Bett und sah mit großen Augen durch die
halbgeöffnete Tür in das Zimmer des Kranken. Erst als schon der Tag
graute, wurde durch das ganze Haus hin alles ruhiger; der Kranke nickte
matt vor sich hin, und auch Agnes schlief ein.

Es war wohl schon sieben -- die Parkbäume hinter dem Vorgarten lagen
bereits in einem hellen Schein --, als Engelke zu dem Kinde herantrat
und es weckte. »Steih upp, Agnes.«

»Is he dod?«

»Nei. He slöppt en beten. Un ick glöw, et sitt em nich mihr so upp de
Bost.«

»Ick grul mi so.«

»Dat brukst du nich. Un kann ook sinn, he slöppt sich wedder gesunn ...
Und nu, steih upp un bind di ook en Doog um'n Kopp. Et is noch en beten
küll drut. Un denn geih in'n Goaren nu plück em (wenn du wat finnst) en
beten Krokus oder wat et sünsten is.«

Die Kleine trat auch leise durch die Balkontür auf die Veranda hinaus
und ging auf das Rundell zu, um nach ein paar Blumen zu suchen. Sie
fand auch allerlei; das Beste waren Schneeglöckchen. Und nun ging sie,
mit den Blumen in der Hand, noch ein paarmal auf und ab und sah, wie
die Sonne drüben aufstieg. Sie fröstelte. Zugleich aber kam ihr ein
Gefühl des Lebens. Dann trat sie wieder in das Zimmer und ging auf
den Stuhl zu, wo Dubslav saß. Engelke, die Hände gefaltet, stand neben
seinem Herrn.

Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf den Schoß.

»Dat sinn de ihrsten,« sagte Engelke, »un wihren ook woll de besten
sinn.«



Dreiundvierzigstes Kapitel


Es war Mittwoch früh, daß Dubslav, still und schmerzlos, das Zeitliche
gesegnet hatte. Lorenzen wurde gerufen; auch Kluckhuhn kam, und eine
Stunde später war ein Gemeindediener unterwegs, der die Nachricht von
des Alten Tode den im Kreise Zunächstwohnenden überbringen sollte,
voran der Domina, dann Koseleger, dann Katzlers und zuletzt den beiden
Gundermanns.

       *       *       *       *       *

Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein, der eine von
Adelheid, der andre von Armgard. Adelheid machte dem gräflichen Hause
kurz und förmlich die Anzeige von dem Ableben ihres Bruders, unter
gleichzeitiger Mitteilung, »daß das Begräbnis am Sonnabend mittag
stattfinden werde.« Der Brief Armgards aber lautete: »Liebe Melusine!
Wir bleiben noch bis morgen hier, -- noch einmal das Forum, noch einmal
den Palatin. Ich werde heute noch aus der Fontana Trevi trinken, dann
kommt man wieder, und das ist für jeden, der Rom verläßt, bekanntlich
der größte Trost. Wir gehen nun nach Capri, aber in Etappen, und
bleiben unter anderm einen halben Tag in Monte Cassino, wo (verzeih
meine Weisheit) das ganze Ordenswesen entstanden sein soll. Ich liebe
Klöster, wenn auch nicht für mich persönlich. Neapel berühren wir nur
kurz und gehen gleich bis Amalfi, wenn wir nicht das höher gelegene
Ravello bevorzugen. Dann erst über Sorrent nach Capri, dem eigentlichen
Ziel unsrer Reise. Wir werden nicht bei Pagano wohnen, wo, bei allem
Respekt vor der Kunst, zu viel Künstler sind, sondern weiter abwärts,
etwa auf halber Höhe. Wir haben von hier aus eine Empfehlung. In acht
Tagen sind wir sicher da. Sorge, daß wir dann einen Brief von Dir
vorfinden. Vorher sind wir so gut wie unerreichbar, ein Zustand, den
ich mir als Kind immer gewünscht und mir als etwas ganz besonders
Poetisches vorgestellt habe. Küsse meinen alten Papa. Nach Stechlin
hin tausend Grüße, vor allem aber bleibe, was Du jederzeit warst: die
Schwester, die Mutter (nur nicht die Tante) Deiner glücklichen, Dich
immer und immer wieder zärtlich liebenden Armgard.«

Armgards Brief kam kaum zu seinem Recht, weil sowohl der alte Graf
wie Melusine ganz der Erwägung lebten, ob es nicht, trotz Armgards
gegenteiliger Vorwegversicherung, vielleicht doch noch möglich sein
würde, das junge Paar irgendwo telegraphisch zu erreichen; aber es
ging nicht, man mußte es aufgeben und sich begnügen, allerpersönlichst
Vorbereitungen für die Fahrt nach Stechlin hin zu treffen. Des alten
Grafen Befinden war nicht das beste, so daß seitens des Hausarztes sein
Fernbleiben von dem Begräbnis dringend gewünscht wurde. Daran aber war
gar nicht zu denken. Und so brachen denn Vater und Tochter am Sonnabend
früh nach Stechlin hin auf. Jeserich wurde mitgenommen, um für alle
Fälle zur Hand zu sein. Es war Prachtwetter, aber scharfe Luft, so daß
man trotz Sonnenschein fröstelte.

       *       *       *       *       *

In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am Begräbnistage sehr
verändert aus; sonst so still und abgeschieden, war heute alles
Andrang und Bewegung. Zahllose Kutschen erschienen und stellten
sich auf dem Dorfplatz auf, die meisten ganz in Nähe der Kirche.
Diese lag in prallem Sonnenschein da, so daß man deutlich die
hohen, in die Feldsteinwand eingemauerten Grabsteine sah, die
früher, vor der Restaurierung, im Kirchenschiff gelegen hatten. Efeu
fehlte; nur Holunderbüsche, die zu grünen anfingen, und dazwischen
Ebereschensträucher wuchsen um den Chor herum.

Der Tote war auf dem durch Palmen und Lorbeer in eine grüne Halle
umgewandelten Hausflur aufgebahrt. Adelheid machte die Honneurs, und
ihre hohen Jahre, noch mehr aber ihr Selbstbewußtsein, ließen sie
die ihr zuständige Rolle mit einer gewissen Würde durchführen. Außer
den Barbys, Vater und Tochter, waren, von Berlin her, noch Baron und
Baronin Berchtesgaden gekommen, ebenso Rex und Hauptmann von Czako. Rex
sah aus, als ob er am Grabe sprechen wolle, während sich Czako darauf
beschränkte, das gesellschaftliche Durchschnittstrauermaß zu zeigen.

Aber diese Berliner Gäste verschwanden natürlich in dem Kontingent,
das die Grafschaft gestellt hatte. Dieselben Herren, die sich -- kaum
ein halbes Jahr zurück -- am Rheinsberger Wahltage zusammengefunden
und sich damals, von ein paar Ausnahmen abgesehen, über Torgelows
Sieg eigentlich mehr erheitert als geärgert hatten, waren auch heute
wieder da: Baron Beetz, Herr von Krangen, Jongherr van dem Peerenbom,
von Gnewkow, von Blechernhahn, von Storbeck, von Molchow, von der
Nonne, die meisten, wie herkömmlich, mit sehr kritischen Gesichtern.
Auch Direktor Thormeyer war gekommen, ~in pontificalibus~, angetan mit
so vielen Orden und Medaillen, daß er damit weit über den Landadel
hinauswuchs. Einige stießen sich denn auch an, und Molchow sagte mit
halblauter Stimme zu von der Nonne: »Sehn Sie, Nonne, das ist die
›Schmetterlingsschlacht‹, von der man jetzt jeden Tag in den Zeitungen
liest.« Aber trotz dieser spöttischen Bemerkung wäre Thormeyer doch
Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit geblieben, wenn nicht der jeden
Ordensschmuck verschmähende, nur mit einem hochkragigen und uralten
Frack angetane Edle Herr von Alten-Friesack ihm siegreiche Konkurrenz
gemacht hätte. Das wendisch Götzenbildartige, das sein Kopf zeigte,
gab auch heute wieder den Ausschlag zu seinen Gunsten. Er nickte nur
pagodenhaft hin und her und schien selbst an die vom ältesten Adel die
Frage zu richten: »Was wollt ihr hier?« Er hielt sich nämlich (worin er
einer ererbten Geschlechtsanschauung folgte) für den einzig wirklich
berechtigten Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft.

Das waren so die Hauptanwesenden. Alles stand dichtgedrängt, und
von Blechernhahn, der in bezug auf »Schneid« beinah an von Molchow
heranreichte, sagte: »Bin neugierig, was der Lorenzen heute loslassen
wird. Er gehört ja zur Richtung Göhre.«

»Ja, Göhre,« sagte von Molchow. »Merkwürdig, wie der Zufall spielt. Das
Leben macht doch immer die besten Witze.«

Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert geführten Unterhaltung
nicht, weil sich, als Molchow eben seinen Pfeil abgeschossen hatte, die
Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle richtete, wo der aufgebahrte
Sarg stand. Hier war nämlich, und zwar in einem brillant sitzenden und
mit Atlasaufschlägen ausstaffierten Frack, in eben diesem Augenblicke
der Rechtsanwalt Katzenstein erschienen und schritt, nachdem er einen
Granseeschen Riesenkranz am Fußende des Sarges niedergelegt hatte,
mit jener Ruhe, wie sie nur das gute Gewissen gibt, auf Adelheid zu,
vor der er sich respektvollst verneigte. Diese bewahrte gute Haltung
und dankte. Von verschiedenen Seiten her aber hörte man leise das
Wort »Affront«, während ein in unmittelbarer Nähe des Edlen Herrn
von Alten-Friesack stehender, erst seit kurzem zu Christentum und
Konservatismus übergetretener Katzensteinscher Kollege lächelnd vor
sich hin murmelte: »Schlauberger!«

Und nun war es Zeit.

Der Zug ordnete sich; Militärmusik aus der nächsten Garnison schritt
vorauf; dann traten die Stechliner Bauern heran, die darum gebeten
hatten, den Sarg tragen zu dürfen. Diener und Mädchen aus dem Hause
nahmen die Kränze. Dann kam Adelheid mit Pastor Lorenzen, an die
sich die Trauerversammlung (viele von ihnen in Landstandsuniform)
unmittelbar anschloß. Draußen sah man, daß eine große Zahl kleiner
Leute Spalier gebildet hatte. Das waren die von Globsow. Sie hatten
bei der Rheinsberger Wahl alle für Torgelow oder doch wenigstens für
Katzenstein gestimmt; jetzt aber, wo der Alte tot war, waren sie doch
vorwiegend der Meinung: »He wihr so wiet janz good.«

Die Musik klang wundervoll; kleine Mädchen streuten Blumen, und so
ging es den etwas ansteigenden Kirchhof hinauf, zwischen den Gräbern
hindurch und zuletzt auf das uralte, niedrige Kirchenportal zu. Vor dem
Altar stellten sie den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtung
versehenen Stein, unter dem sich die Gruft der Stechline befand. Schiff
und Emporen waren überfüllt; bis auf den Kirchhof hinaus stand alles
Kopf an Kopf. Und nun trat Lorenzen an den Sarg heran, um über den,
den er trotz aller Verschiedenheit der Meinungen so sehr geliebt und
verehrt, ein paar Worte zu sagen.

»›Wer seinen Weg richtig wandelt, kommt zu seiner Ruhe in der Kammer.‹
Diesen Weg zu wandeln war das Bestreben dessen, an dessen Sarge wir
hier stehn. Ich gebe kein Bild seines Lebens, denn wie dies Leben
war, es wissen's alle, die hier erschienen sind. Sein Leben lag
aufgeschlagen da, nichts verbarg sich, weil sich nichts zu verbergen
brauchte. Sah man ihn, so schien er ein Alter, auch in dem, wie er
Zeit und Leben ansah; aber für die, die sein wahres Wesen kannten, war
er kein Alter, freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was
über alles Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten
wird: ein Herz. Er war kein Programmedelmann, kein Edelmann nach der
Schablone, wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden
Etwas, das Gesinnung heißt. Er war recht eigentlich frei. Wußt es
auch, wenn er's auch oft bestritt. Das goldene Kalb anbeten war
nicht seine Sache. Daher kam es auch, daß er vor dem, was das Leben
so vieler andrer verdirbt und unglücklich macht, bewahrt blieb, vor
Neid und bösem Leumund. Er hatte keine Feinde, weil er selber keines
Menschen Feind war. Er war die Güte selbst, die Verkörperung des alten
Weisheitssatzes: ›Was du nicht willst, daß man dir tu.‹

Und das leitet mich denn auch hinüber auf die Frage nach seinem
Bekenntnis. Er hatte davon weniger das Wort als das Tun. Er hielt es
mit den guten Werken und war recht eigentlich das, was wir überhaupt
einen Christen nennen sollten. Denn er hatte die Liebe. Nichts
Menschliches war ihm fremd, weil er sich selbst als Mensch empfand und
sich eigner menschlicher Schwäche jederzeit bewußt war. Alles, was
einst unser Herr und Heiland gepredigt und gerühmt, und an das er die
Segensverheißung geknüpft hat, -- all das war sein: Friedfertigkeit,
Barmherzigkeit und die Lauterkeit des Herzens. Er war das Beste, was
wir sein können, ein Mann und ein Kind. Er ist nun eingegangen in
seines Vaters Wohnungen und wird da die Himmelsruhe haben, die der
Segen aller Segen ist.«

Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schlußwendung an. Am
meisten bemerkt wurde Gundermann, dessen der Rede halb zustimmende,
halb ablehnende Haltung bei den versammelten »Alten und Echten« (die
wohl +sich+, aber nicht +ihm+ ein Recht der Kritik zuschrieben) auch
hier wieder ein Lächeln hervorrief. Dann folgte mit erhobener Stimme
Gebet und Einsegnung, und als die Orgel intonierte, senkte sich der
auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft. Einen
Augenblick später, als der wiederaufsteigende Stein die Gruftöffnung
mit einem eigentümlichen Klappton schloß, hörte man von der Kirchentür
her erst ein krampfhaftes Schluchzen und dann die Worte: »Nu is
allens ut; nu möt ick ook weg.« Es war Agnes. Man nahm das Kind von
dem Schemel herunter, auf dem es stand, um es unter Zuspruch der
Nächststehenden auf den Kirchhof hinauszuführen. Da schlich es noch
eine Weile weinend zwischen den Gräbern hin und her und ging dann die
Straße hinunter auf den Wald zu.

Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt, mit dabei zu sein.

       *       *       *       *       *

Unter denen, die draußen auf dem Kirchhof standen, waren auch von
Molchow und von der Nonne. Jeder von ihnen wartete auf seine Kutsche,
die, weil der Andrang so groß war, nicht gleich vorfahren konnte. Beide
froren bitterlich bei der scharfen Luft, die vom See her wehte.

»Ich weiß nicht,« sagte von der Nonne, »warum sie die Feier nicht im
Hause, wo sie doch heizen konnten, abgehalten haben; es war ja da drin
gar keine menschliche Temperatur mehr. Und nun erst hier draußen.«

»Is leider so,« sagte Molchow, »und ich werde wohl auch mit ner
Kopfkolik abschließen. Und mitunter stirbt man dran. Aber wenn man in
Berlin is (und ich habe da neulich auch so was mitgemacht,) is es doch
noch schlimmer. Da haben sie was, was sie ne Leichenhalle nennen, ne
Art Kapelle mit Bibelspruch und Lorbeerbäumen, und dahinter verstecken
sich ein paar Gesangsmenschen. Wenn man sie nachher aber sieht, sehen
sie sehr gefrühstückt aus.«

»Kenn ich, kenn ich,« sagte Nonne.

»Nu, der Gesang,« fuhr Molchow fort, »das ginge noch, den kann man
schließlich aushalten. Aber der Fußboden und der Zug durch die
offenstehende Tür. Und wenn man noch bloß +den+ kriegte. Wer aber
Pech hat, der kommt, wenn's Winter is, dicht neben einen Kanonenofen
zu stehn, und wenn ich sage, ›der pustet‹, so sag ich noch wenig.
Und der Geistliche kann einem auch leid tun. Er spricht sozusagen
für niemanden. Wer kann denn bei solchem Zug und solchem Ofenpusten
ordentlich zuhören? Und bloß das weiß ich, daß ich immer an die
drei Männer im feurigen Ofen gedacht habe. So halb Eisklumpen, halb
Bratapfel is nich mein Fall.«

»Ja, die Berliner,« sagte Nonne ... »Nich zu glauben.«

»Nich zu glauben. Und dabei bilden sie sich ein, sie hätten eigentlich
alles am besten. Und mancher von ihnen glaubt es auch wirklich. Aber
die Hölle lacht.«

»Ich bitte Sie, Molchow, menagieren Sie sich! Das über Berlin, na, das
ginge vielleicht noch. Aber so gleich hier von Hölle, hier mitten auf
nem christlichen Kirchhof ...«

       *       *       *       *       *

Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert, und alles, was in der
Grafschaft wohnte, war auf dem Heimwege. Nur die von Berlin her
erschienenen Gäste, die den nächsten, an Gransee vorüberkommenden
Rostocker Zug abzuwarten hatten, waren in das Herrenhaus zurückgekehrt,
wo mittlerweile für einen Imbiß Sorge getragen war. Rex und Czako,
desgleichen auch die Berchtesgadens, nahmen erst ein Glas Wein und
dann eine Tasse Kaffee. Zwischen dem alten Grafen und Adelheid knüpfte
sich ein mäßig belebtes Gespräch an, wobei der Graf der Vorzüge des
Verstorbenen gedachte. Da Schwester Adelheid jedoch, wie so viele
Schwestern, allerlei Zweifel und Bedenken hinsichtlich des Tuns und
Treibens ihres Bruders hegte, so ging man bald zu den Kindern über
und beklagte, daß sie bei einer so schönen Feier nicht hätten zugegen
sein können. Dazwischen wurde dann freilich das fast entgegengesetzt
klingende Bedauern laut, daß das junge Paar seinen Aufenthalt im Süden
wohl werde abbrechen müssen. Der alte Graf in seiner Güte fand alles,
was Adelheid sagte, sehr verständig, während sich Adelheids Gefühle mit
der Anerkennung begnügten, daß sie sich den Alten eigentlich schlimmer
gedacht habe.



Vierundvierzigstes Kapitel


Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurückgekehrt und
widmete sich hier auf eine kurze Weile zunächst ihren Freunden, den
Berchtesgadens, dann Rex und Czako. Danach ging sie in die Pfarre
hinüber, um Lorenzen zu danken und noch ein kurzes Gespräch mit ihm
über Woldemar und Armgard zu haben, im wesentlichen eine Wiederholung
alles dessen, was sie schon während ihres Weihnachtsbesuches mit ihm
durchgesprochen hatte. Sie verplauderte sich dabei wider Wunsch und
Willen, und als sie schließlich nach dem Herrenhause zurückkehrte,
begegnete sie bereits jener Aufbruchsunruhe, die kein ernstes Eingehen
auf irgendein Thema mehr zuläßt. Sie beschränkte sich deshalb auf ein
paar Worte mit Tante Adelheid. Daß man sich gegenseitig nicht mochte,
war der einen so gewiß wie der andern. Sie waren eben Antipoden:
Stiftsdame und Weltdame, Wutz und Windsor, vor allem enge und weite
Seele.

»Welch ein Mann, Ihr Pastor Lorenzen,« sagte Melusine. »Und zum Glück
auch noch unverheiratet.«

»Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben. Es
widerspricht dem Beispiele, das unser Gottesmann gegeben, und
widerspricht auch wohl der Natur.«

»Ja, der Durchschnittsnatur. Es gibt aber, Gott sei Dank, Ausnahmen.
Und das sind die eigentlich Berufenen. Eine Frau nehmen ist
alltäglich ...«

»Und keine Frau nehmen ist ein Wagnis. Und die Nachrede der Leute hat
man noch obenein.«

»Diese Nachrede hat man immer. Es ist das erste, wogegen man
gleichgültig werden muß. Nicht in Stolz, aber in Liebe.«

»Das will ich gelten lassen. Aber die Liebe des natürlichen Menschen
bezeigt sich am besten in der Familie.«

»Ja, die des natürlichen Menschen ...«

»Was ja so klingt, Frau Gräfin, als ob Sie dem Unnatürlichen das Wort
reden wollten.«

»In gewissem Sinne ›ja‹, Frau Domina. Was entscheidet, ist, ob man
dabei nach oben oder nach unten rechnet.«

»Das Leben rechnet nach unten.«

»Oder nach oben; je nachdem.«

Es klang alles ziemlich gereizt. Denn so leichtlebig und heiter
Melusine war, +einen+ Ton konnte sie nicht ertragen, den sittlicher
Überheblichkeit. Und so war eine Gefahr da, sich die Schraubereien
fortsetzen zu sehen. Aber die Meldung, daß die Wagen vorgefahren seien,
machte dieser Gefahr ein Ende. Melusine brach ab und teilte nur noch
in Kürze mit, daß sie vorhabe, morgen mit dem frühesten von Berlin aus
einen Brief zu schreiben, der mutmaßlich gleichzeitig mit dem jungen
Paar in Capri eintreffen werde. Adelheid war damit einverstanden, und
Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm, während der alte Graf die
Baronin führte.

Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens war zurückgeschlagen,
und alsbald hatten die Baronin und Melusine im Fond, die beiden
Herren aber auf dem Rücksitz Platz genommen. So ging es eine schon in
Kätzchen stehende Weidenallee hinunter, die beinahe geradlinig auf
Gransee zuführte. Das Wetter war wunderschön; von der Kälte, die noch
am Vormittag geherrscht hatte, zeigte sich nichts mehr; der Himmel war
gleichmäßig grau, nur hier und da eine blaue Stelle. Der Rauch stand in
der stillen Luft, die Spatzen quirilierten auf den Telegraphendrähten,
und aus dem Saatengrün stiegen die Lerchen auf. »Wie schön,« sagte
Baron Berchtesgaden, »und dabei spricht man immer von der Dürftigkeit
und Prosa dieser Gegenden.« Alles stimmte zu, zumeist der alte Graf,
der die Frühlingsluft einsog und immer wieder aussprach, wie glücklich
ihn diese Stunde mache. Sein Bewegtsein fiel auf.

»Ich dachte, lieber Barby,« sagte der Baron, »in meinen Huldigungen
gegen Ihre märkische Frühlingslandschaft ein Äußerstes getan zu haben.
Aber ich sehe, ich bleibe doch weit zurück; Sie schlagen mich aus dem
Felde.«

»Ja,« sagte der alte Graf, »und mir kommt es wohl auch zu. Denn ich bin
der erste dran, davon Abschied nehmen zu müssen.«

       *       *       *       *       *

Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen. Die beiden Schecken,
kleine Shetländer, warfen ihre Mähnen. Daß man von einem Begräbnis kam,
war dem Gefährt nicht recht anzusehen.

»Rex,« sagte Czako, »Sie könnten nun wieder ein ander Gesicht
aufsetzen. Oder wollen Sie mich glauben machen, daß Sie wirklich
betrübten Herzens sind?«

»Nein, Czako, so gröblich inszenier ich mich nicht. Und käme mir so was
in den Sinn, so jedenfalls nicht vor einem Publikum, das Czako heißt.
Übrigens wollen Sie bloß etwas von sich auf mich abwälzen. +Sie+ sind
betrübt, und wenn ich mir alles überlege, so steht es so, daß Sie bei
dem Chateau Lafitte nicht auf Ihre Rechnung gekommen sind. Er wirkte
-- denn des Alten ›Bocksbeutel‹ hab ich von unserem Oktoberbesuch her
noch in dankbarer Erinnerung --, wie wenn ihn Tante Adelheid aus ihrem
Kloster mitgebracht hätte.«

»Rex, Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah in meinem Stil. Es
ist doch merkwürdig, sowie die Menschen dies Nest, dies Berlin, erst
hinter sich haben, fängt Vernunft wieder an zu sprechen.«

»Sehr verbunden. Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache. Meine
Frage bleibt, ›warum so belegt, Czako?‹ Denn daß Sie das sind, ist
außer Zweifel. Wenn's also nicht von dem Lafitte stammt, so kann es nur
Melusine sein.«

Czako seufzte.

»Da haben wir's. Tatsache festgestellt, obwohl ich Ihren Seufzer nicht
recht verstehe. Sie haben nämlich nicht den geringsten Grund dazu.
Gesamtsituation umgekehrt überaus günstig.«

»Sie vergessen, Rex, die Gräfin ist sehr reich.«

»Das erschwert nicht, das erleichtert bloß.«

»Und außerdem ist sie grundgescheit.«

»Das sind Sie beinah auch, wenigstens mitunter.«

»Und dann ist die Gräfin eine Gräfin, ja, sogar eine Doppelgräfin, erst
durch Geburt und dann durch Heirat noch mal. Und dazu diese verteufelt
vornehmen Namen: Barby, Ghiberti. Was soll da Czako? Teuerster Rex,
man muß den Mut haben, den Tatsachen ins Auge zu sehn. Ich mache mir
kein Hehl draus, Czako hat was merkwürdig Kommißmäßiges, etwa wie
Landwehrmann Schultze. Kennen Sie das reizende Ballett ›Uckermärker und
Picarde?‹ Da haben Sie die ganze Geschichte. Melusine ist die reine
Picarde.«

»Zugegeben. Aber was schadet das? Italienisieren Sie sich und schreiben
Sie sich von morgen ab Ciacco. Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner
Grafenschaft dicht auf den Hacken.«

»Sapristi, Rex, ~c'est une idée~.«



Fünfundvierzigstes Kapitel


Das junge Paar war, nach geplantem kurzen Aufenthalt erst in Amalfi und
dann in Sorrent, in Capri angekommen. Woldemar fragte nach Briefen,
erfuhr aber, daß nichts eingegangen.

Armgard schien verstimmt. »Melusine läßt sonst nie warten.«

»Das hat dich verwöhnt. Sie verwöhnt dich überhaupt.«

»Vielleicht. Aber, so dir's recht ist, darüber erst später einmal,
nicht heute; für solche Geständnisse sind wir doch eigentlich noch
nicht lange genug verheiratet. Wir sind ja noch in den Flitterwochen.«

Woldemar beschwichtigte. »Morgen wird ein Brief da sein. Schließen wir
also Frieden, und steigen wir, wenn dir's paßt, nach Anacapri hinauf.
Oder wenn du nicht steigen magst, bleiben wir, wo wir sind, und suchen
uns hier eine gute Aussichtsstelle.«

Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang gelegenen Albergo,
daß sie dies Gespräch führten, und weil die Mühen und Anstrengungen
der letzten Tage ziemlich groß gewesen waren, war Armgard willens,
für heute wenigstens auf Anacapri zu verzichten. Sie begnügte sich
also, mit Woldemar auf das Flachdach hinaufzusteigen, und verlebte da,
angesichts der vor ihnen ausgebreiteten Schönheit, eine glückliche
Stunde. Von Sorrent kamen Fischerboote herüber, die Fischer sangen, und
der Himmel war klar und blau; nur drüben aus dem Kegel des Vesuv stieg
ein dünner Rauch auf, und von Zeit zu Zeit war es, als vernähme man ein
dumpfes Rollen und Grollen.

»Hörst du's?« fragte Armgard.

»Gewiß. Und ich weiß auch, daß man einen Ausbruch erwartet. Vielleicht
erleben wir's noch.«

»Das wäre herrlich.«

»Und dabei,« fuhr Woldemar fort, »komm ich von der eiteln Vorstellung
nicht los, daß, wenn's da drüben ernstlich anfängt, unser
Stechlin mittut, wenn auch bescheiden. Es ist doch eine vornehme
Verwandtschaft.«

Armgard nickte, und von der Uferstelle her, wo die Sorrentiner Fischer
eben anlegten, klang es herauf:

    ~Tre giorni son che Nina, che Nina.
    In letto ne se sta ...~

       *       *       *       *       *

Am andern Tage, wie vorausgesagt, kam ein Brief von Melusine, diesmal
aber nicht an die Schwester, sondern an Woldemar adressiert.

»Was ist?« fragte Armgard, der die Bewegung nicht entging, die
Woldemar, während er las, zu bekämpfen suchte.

»Lies selbst.«

Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des Alten.

An ein Eintreffen in Stechlin, um noch der Beisetzung beiwohnen zu
können, war längst nicht mehr zu denken; der Begräbnistag lag zurück.
So kam man denn überein, die Rückreise langsam, in Etappen über Rom,
Mailand und München machen, aber an jedem Orte (denn beide sehnten sich
heim) nicht länger als einen Tag verweilen zu wollen. Von Capri nahm
Woldemar ein einziges Andenken mit, einen Kranz von Lorbeer und Oliven.
»Den hat er sich verdient.« --

Die letzte Station war Dresden, und von hier aus war es denn auch, daß
Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen richtete.

        Lieber Lorenzen.

    Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden, und ich schreibe
    diese Zeilen angesichts des immer wieder schönen Bildes von
    der Terrasse aus, das auch auf den Verwöhntesten noch wirkt.
    Wir wollen morgen in aller Frühe von hier fort, sind um zehn
    in Berlin und um zwölf in Gransee. Denn ich will zunächst
    unser altes Stechlin wiedersehen und einen Kranz am Sarge
    niederlegen. Bitte, sorgen Sie, daß mich ein Wagen auf der
    Station erwartet. Wenn ich auch Sie persönlich träfe, so
    wäre mir das das Erwünschteste. Es plaudert sich unterwegs so
    gut. Und von wem könnt ich mehr und zugleich Zuverlässigeres
    erfahren als von Ihnen, der Sie die letzten Tage mit durchlebt
    haben werden. Meine Frau grüßt herzlichst. Wie immer Ihr alter
    treu und dankbar ergebenster

            Woldemar v. St.

       *       *       *       *       *

Um zwölf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee. Woldemar sah schon vom
Coupé aus den Wagen; aber statt Lorenzen war Krippenstapel da. Das
war ihm zunächst nicht angenehm, aber er nahm es bald von der guten
Seite. »Krippenstapel ist am Ende noch besser, weil er unbefangener ist
und mit manchem weniger zurückhält. Lorenzen, wenn er dies Wort auch
belächeln würde, hat einen diplomatischen Zug.«

In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit dem inzwischen
herangetretenen »Bienenvater«, und alle drei bestiegen den Wagen,
dessen Verdeck zurückgeschlagen war. Krippenstapel entschuldigte
Lorenzen, »der wegen einer Trauung behindert sei«, und so wäre
denn alles in bester Ordnung gewesen, wenn unser trefflicher alter
Museumsdirektor nur vor Antritt seiner Fahrt nach Gransee von einer
Herausbesserung seines äußeren Menschen Abstand genommen hätte. Das
war ihm aber unzulässig erschienen, und so saß er denn jetzt dem
jungen Paare gegenüber, angetan mit einem Schlipsstreifen und einem
großen Chemisettevorbau. Der Schlips war so schmal, daß nicht bloß
der zur Befestigung der Vatermörder dienende Hemdkragenrand in halber
Höhe sichtbar wurde, sondern leider auch der aus einem keilartigen
Ausschnitt hervorlugende Adamsapfel, der sich nun, wie ein Ding für
sich, beständig hin und her bewegte. Die Verlegenheit Armgards, deren
Auge sich -- natürlich ganz gegen ihren Willen -- unausgesetzt auf
dies Naturspiel richten mußte, wäre denn auch von Moment zu Moment
immer größer geworden, wenn nicht Krippenstapels unbefangene Haltung
schließlich über alles wieder hinweggeholfen hätte.

Dazu kam noch, daß seiner Unbefangenheit seine Mitteilsamkeit
entsprach. Er erzählte von dem Begräbnis und wer vom Grafschaftsadel
alles dagewesen sei. Dann kam Thormeyer an die Reihe, dann Katzenstein
und die Domina und zuletzt auch »lütt Agnes«.

»Des Kindes müssen wir uns annehmen,« sagte Armgard.

»Wenn du darauf dringst, gewiß. Aber es liegt schwieriger damit, als
du denkst. Solche Kinder, ganz im Gegensatz zur Pädagogenschablone,
muß man sich selbst überlassen. Der gefährlichere Weg, wenn überhaupt
was Gutes in ihnen steckt, ist jedesmal der bessere. Dann bekehren
sie sich aus sich selbst heraus. Wenn aber irgendein Zwang diese
Bekehrung schaffen will, so wird meist nichts draus. Da werden nur
Heuchelei und Ziererei geboren. Eigner freier Entschluß wiegt hundert
Erziehungsmaximen auf.«

Armgard stimmte zu. Krippenstapel aber fuhr in seinem Berichte fort und
erzählte von Kluckhuhn, von Uncke, von Elfriede; Sponholz werde in der
nächsten Woche zurückerwartet, und Koseleger und die Prinzessin seien
ein Herz und eine Seele, ganz besonders -- und das sei das Allerneueste
-- seit man für ein Rettungshaus sammle. Seitens des Adels werde
fleißig dazu beigesteuert; nur Molchow habe sich geweigert: »so was
schaffe bloß Konfusion.«

Um zwei traf man in Schloß Stechlin ein. Woldemar durchschritt die
verödeten Räume, verweilte kurze Zeit in dem Sterbezimmer und ging dann
in die Kirchengruft, um da den Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen.

Am späten Nachmittag erschien auch Lorenzen und sprach zunächst sein
Bedauern aus, daß er einer Amtshandlung halber (Kossäth Zschocke habe
sich wieder verheiratet) nicht habe kommen können. Er blieb dann noch
den Abend über und erzählte vielerlei, zuletzt auch von dem, was er dem
Alten feierlich habe versprechen müssen.

Woldemar lächelte dabei. »Die Zukunft liegt also bei +dir+.«

Unter diesen Worten reichte er Armgard die Hand.



Sechsundvierzigstes Kapitel


Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause herrschenden
Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber der Gedanke, hier ihre Tage
zu verbringen, lag ihr doch vorderhand noch fern, und so kehrte sie
denn kurz nach Ablauf einer Woche nach Berlin zurück, wo mittlerweile
Melusine für alles gesorgt und eine ganz in der Nähe von Woldemars
Kaserne gelegene Wohnung gemietet und eingerichtet hatte.

Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge Paar diese Wohnung bezog,
ging die Saison bereits auf die Neige. Die Frühjahrsparaden nahmen
ihren Anfang und gleich danach auch die Wettrennen, an denen Armgard
voller Interesse teilnahm. Aber ihre Freude daran war doch geringer,
als sie geglaubt hatte. Weder das Großstädtische noch das Militärische,
weder Sport noch Kunst behaupteten dauernd den Reiz, den sie sich
anfänglich davon versprochen, und ehe der Hochsommer heran war, sagte
sie: »Laß mich's dir gestehn, Woldemar, ich sehne mich einigermaßen
nach Schloß Stechlin.«

Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Armgard da sagte, war ihm
aus der eignen Seele gesprochen. Liebenswürdig und bescheiden wie er
war, stand ihm längst fest, daß er nicht berufen sei, jemals eine
Generalstabsgröße zu werden, während das alte märkische Junkertum, von
dem frei zu sein er sich eingebildet hatte, sich allmählich in ihm zu
regen begann. Jeder neue Tag rief ihm zu: »Die Scholle daheim, die dir
Freiheit gibt, ist doch das Beste.« So reichte er denn seine Demission
ein. Man sah ihn ungern scheiden, denn er war nicht bloß wohlgelitten
an der Stelle, wo er stand, sondern überhaupt beliebt. Man gab ihm,
als sein Scheiden unmittelbar bevorstand, ein Abschiedsfest, und der
ihm besonders wohlwollende Kommandeur des Regiments sprach in seiner
Rede von den »schönen, gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und
Windsor«. --

All die Zeit über waren natürlich auch die von einer Übersiedlung
aufs Land unzertrennlichen kleinen Mühen und Sorgen an das junge Paar
herangetreten. Unter diesen Sorgen -- Lizzi hatte abgelehnt, weil sie
die große Stadt und die »Bildung« nicht missen mochte -- war in erster
Reihe das Ausfindigmachen einer geeigneten Kammerjungfer gewesen. Es
traf sich aber so glücklich, daß Portier Hartwigs hübsche Nichte mal
wieder außer Stellung war, und so wurde diese denn engagiert. Melusine
leitete die Verhandlungen mit ihr. »Ich weiß freilich nicht, Hedwig,
ob es Ihnen da draußen gefallen wird, Ich hoff es aber. Und Sie werden
jedenfalls zweierlei +nicht+ haben: keinen Hängeboden und keinen
›Ankratz‹, wie die Leute hier sagen. Oder wenigstens nicht mehr davon,
als Ihnen schließlich doch vielleicht lieb ist.«

»Ach, das ist nicht viel,« versicherte Hedwig halb scham- halb
schalkhaft. --

Am 21. September wollte das junge Paar in Stechlin einziehen, und
alle Vorbereitungen dazu waren getroffen: Schulze Kluckhuhn trommelte
sämtliche Kriegervereine zusammen (die Düppelstürmer natürlich am
rechten Flügel), während Krippenstapel sich mit Tucheband über ein
Begrüßungsgedicht einigte, das von Rolf Krakes ältester Tochter
gesprochen werden sollte. Die Globsower gingen noch einen Schritt
weiter und bereiteten eine Rede vor, darin der neue junge Herr als
einer der »Ihrigen« begrüßt werden sollte.

Das alles galt dem 21.

Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen ein, an
dessen Schluß es hieß:

»Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine. Morgen früh zieht
das junge Paar in das alte Herrenhaus ein, meine Schwester und
mein Schwager. Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit unsres in den
Weihnachtstagen geschlossenen Paktes: es ist nicht nötig, daß die
Stechline weiterleben, aber es lebe

        +der Stechlin+.«



Werke von Theodor Fontane


    Gesammelte Werke

    Erste Reihe in fünf Bänden

    Erzählende Werke


        1. Band:

    Gedichte / Grete Minde / Schach von Wuthenow /
    Unterm Birnbaum


        2. Band:

    L'Adultera / Cecile / Unwiederbringlich


        3. Band:

    Stine / Irrungen Wirrungen /
    Frau Jenny Treibel


        4. Band:

    Die Poggenpuhls / Effi Briest


        5. Band:

    Der Stechlin


    Zweite Reihe in fünf Bänden

    Autobiographische Werke, Briefe


        1. Band:

    Einleitung / Meine Kinderjahre


        2. Band:

    Von Zwanzig bis Dreißig


        3. Band:

    Kriegsgefangen / Aus den Tagen der Okkupation
    / Vor und nach der Reise


        4. und 5. Band:

    Briefe


    Einzelausgaben


    Effi Briest

    Roman. 58. Auflage


    Cecile

    Roman. 3. Auflage


    Stine

    Roman. 53. Tausend


    Meine Kinderjahre

    Autobiographischer Roman. 12. Auflage


    Von Zwanzig bis Dreißig

    Autobiographisches. 7. Tausend


    Kriegsgefangen

    26. Tausend


    Die Poggenpuhls

    Roman. 47. Auflage


    Mathilde Möhring

    Roman. 60. Tausend


    L'Adultera

    Roman. 80. Auflage


    Frau Jenny Treibel

    Roman. 92. Auflage


    Irrungen Wirrungen

    Roman. 148. Auflage


    Aus dem Nachlaß

    6. Auflage


    Das Fontanebuch

    9. Auflage


Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig



      *      *      *      *      *      *



Weitere Anmerkungen zur Transkription

    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
    Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

    Korrekturen:

    S. 216: verwogen → verwegen
      etliche mehr oder weniger {verwegen} aussehende Wahlmänner

    S. 279: ofen → Ofen
      drei Männer im feurigen {Ofen}

    S. 343: Fronde → Fronde ist
      {Fronde ist} mir gräßlich und paßt nicht für uns





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Stechlin" ***

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