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Title: Die Klerisei
Author: Leskow, Nikolaus
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Klerisei" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt.

    Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

    Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



    Nikolaus Leskow

    Die Klerisei

    Roman

    Kurt Wolff Verlag



    Deutsche Übertragung von Arthur Luther.

    Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig.



Erstes Buch.



Erstes Kapitel.


Die Leute, deren Leben und Treiben diese Erzählung schildern soll,
sind die Bewohner der Dompfarrei von Stargorod: der Propst Sawelij
Tuberozow, der Pfarrer Zacharia Benefaktow und der Diakon Achilla
Desnitzyn. Ihre Jugendjahre, sowie auch ihre Kindheit lassen wir
unberührt. Will der Leser sie vor sich sehn, wie unsere Geschichte
sie faßt, so muß er sich das Haupt der Stargoroder Geistlichkeit,
den Propst Sawelij Tuberozow, als Mann vorstellen, der die Sechzig
bereits überschritten hat. Vater Tuberozow ist hochgewachsen und von
stattlicher Leibesfülle, aber noch sehr rüstig und beweglich. Dasselbe
gilt von seinen Geisteskräften: auf den ersten Blick erkennt man, daß
er sich alle Glut des Herzens und alle Energie der Jugend bewahrt hat.
Seinen auffallend schönen Kopf ist man versucht, als Urbild männlicher
Schönheit zu betrachten. Tuberozows Haar ist dicht, wie die Mähne
eines gewaltigen Löwen, und weiß, wie die Locken des Zeus von Phidias.
Es türmt sich malerisch als mächtiger Schopf über der hohen Stirn
und fällt in drei großen Wellen nach rückwärts, ohne die Schultern
zu erreichen. In dem langen zweigeteilten Bart des Propstes und in
dem kleinen Schnurrbart, der bei den Mundwinkeln mit dem Bart in eins
zusammenfließt, blitzen hie und da noch ein paar schwarze Haare auf,
welche dem Bart das Aussehen von schwarz emailliertem Silber geben. Die
Brauen dagegen sind ganz schwarz. In zwei steilgebogenen ~S~-Linien
vereinigen sie sich über dem Rücken seiner ziemlich großen und
fleischigen Nase. Die Augen sind braun, groß, kühn und klar. Sie haben
es ein ganzes Menschenleben lang verstanden, der Spiegel eines regen
und starken Geistes zu sein. Wer dem Propste nahestand, sah sie von
freudiger Begeisterung durchstrahlt, von Schmerz umnebelt, in Tränen
der Rührung gebadet. Mitunter flammte in ihnen das Feuer der Entrüstung
und sie sprühten Funken des Zorns, keines eiteln, rechthaberischen
Zornes, sondern des Zornes eines bedeutenden Mannes. Aus diesen Augen
leuchtete die gerade und ehrliche Seele des Propstes Sawelij, die er in
seiner christlichen Zuversicht unsterblich glaubte.

Zacharia Benefaktow, der zweite Pfarrer am Stargoroder Dom, ist ein
Wesen ganz anderer Art. Seine Person ist die verkörperte Sanftmut und
Milde. Wie sein bescheidener Geist sich in keiner Weise hervorzutun
begehrt, so nimmt auch sein winziger Leib nur ganz wenig Platz weg, als
wäre es ihm peinlich, die Erde allzusehr zu beschweren. Er ist klein,
mager, schmächtig und kahlköpfig. Zwei kleine Löckchen graugelber Haare
flattern nur noch über seinen Ohren. An Stelle eines Bartes scheint dem
Vater Zacharia am Kinn ein Stückchen Schwamm zu kleben. Er hat winzige
Kinderhände, die er immer in den Taschen seines Leibrocks verbirgt.
Seine Beinchen sind dünn und schwach, wie Strohhalme, überhaupt
erscheint der ganze Mann wie aus Stroh geflochten. Seine herzensguten,
grauen Äuglein sind äußerst beweglich, aber sie werden nur selten
voll aufgeschlagen, immer suchen sie sich gleich ein Plätzchen, wo
sie sich vor unbescheidenen Blicken verbergen könnten. An Jahren ist
Vater Zacharia etwas älter als Vater Tuberozow und viel schwächlicher
als dieser, aber auch er ist gleich dem Propst gewohnt, sich stramm zu
halten, und trotz aller Übel und Gebresten, von denen er heimgesucht
wird, hat er sich einen lebhaften Geist und eine große körperliche
Beweglichkeit bewahrt.

Der dritte und letzte Vertreter der Stargoroder Domgeistlichkeit, der
Diakon Achilla, wird durch mehrere Attribute gekennzeichnet, die wir
alle hier mitzuteilen für gut befinden, damit der Leser ein möglichst
klares Bild von dem gewaltigen Achilla gewinne.

Der Inspektor der Kirchenschule, der den Achilla Desnitzyn aus
der Syntax-Klasse »wegen Überreife und mangelhafter Fortschritte«
ausgeschlossen hatte, pflegte zu ihm zu sagen:

»Ach, du langgereckter Holzknüppel, du!«

Der Rektor, der auf ein besonderes Bittgesuch hin den Achilla wieder in
die Rhetorik-Klasse aufgenommen hatte, staunte jedesmal, wenn er den
werdenden Recken zu Gesichte bekam, und pflegte, verblüfft über diese
Riesengröße, Riesenkraft und Rieseneinfalt, zu äußern:

»Es dünkt mich zu wenig, dich bloß einen Knüppel zu nennen,
sintemalen du in meinen Augen zum mindesten eine volle Ladung Holz
repräsentierest.«

Der Dirigent des bischöflichen Sängerchores endlich, in den Achilla
eingereiht wurde, nachdem er aus der Rhetorik entfernt und dem Klerus
zugezählt worden war, nannte ihn »unermeßlich«.

»Dein Baß ist gut,« sagte der Dirigent, »er donnert wie eine Kanone;
aber unermeßlich bist du bis zum äußersten, so daß ich angesichts
dieser Unermeßlichkeit gar nicht weiß, wie ich dich würdig behandeln
soll.«

Die vierte und gewichtigste Charakteristik des Diakons Achilla stammte
von dem Bischof selbst, und zwar ward dessen Urteil an einem für den
Achilla sehr denkwürdigen Tage ausgesprochen, dem Tage nämlich, wo er,
Achilla, aus dem bischöflichen Chor ausgeschlossen und als Diakon nach
Stargorod geschickt wurde. Sie lautete: »der Gepeinigte«. Es dürfte
aber wohl angebracht sein, zu erzählen, auf welche Weise der brave
Achilla zu diesem Namen kam.

Der Diakon Achilla war von Jugend auf ein sehr impulsiver Mensch, der
sich nicht nur in seinen Jünglingsjahren immer wieder hinreißen ließ,
sondern auch in den Jahren des nahenden Alters.

Trotz der »Unermeßlichkeit« seines Basses war Achilla im Sängerchor
doch sehr geschätzt, weil er mit gleicher Leichtigkeit sich zu
den höchsten Höhen emporzuschwingen und bis zur tiefsten Oktave
hinabzuklettern vermochte. Eins nur machte dem Dirigenten bei
dem unermeßlichen Achilla immer wieder Angst, -- seine übergroße
Begeisterungsfähigkeit. So konnte er etwa bei der Vesper sich nicht
damit begnügen, das »Heilig ist der Herr unser Gott« nur dreimal zu
singen, sondern ließ sich oft fortreißen, es ganz allein zum vierten
Male anzustimmen; besonders aber konnte er den Lobgesang am Schluß des
Gottesdienstes nie zur rechten Zeit abbrechen. Doch in allen diesen
Fällen, die schon bekannt waren und die man deshalb auch voraussehen
konnte, wurden vernünftigerweise entsprechende Vorsichtsmaßnahmen
getroffen: einer der erwachsenen Sänger erhielt nämlich den Auftrag,
den Achilla am Rockschoß zu ziehen oder ihn im geeigneten Moment durch
einen kräftigen Druck auf beide Schultern zusammenknicken zu lassen.
Indessen nicht umsonst sagt das Sprichwort, daß man sich nicht für
jeden Augenblick vorsehen könne. An einem der großen zwölf Feiertage
hatte Achilla in der Kommunionsliturgie ein sehr schwieriges Baß-Solo
auf den Text »von Schmerzen gepeinigt« zu singen. Die Bedeutung,
die der Dirigent und der ganze Chor diesem Solo beimaß, machte dem
Achilla nicht wenig Sorge: er war in großer Unruhe und dachte hin und
her, wie er es anstellen sollte, sich nicht zu blamieren, sondern
vor der Eminenz, die ein großer Liebhaber guten Kirchengesanges war,
und vor dem gesamten Gouvernementsadel, der an diesem Tage in der
Kirche sein würde, in Ehren zu bestehen. Tag und Nacht ging er bald
in seiner Stube, bald im Korridor oder im Hofe, bald im bischöflichen
Garten oder auf dem Weideplatz vor der Stadt auf und ab und sang in
den verschiedensten Tonarten: »gepeinigt, gepeinigt, gepeinigt«. So
brach endlich der Tag seines Ruhmes an, wo er sein »gepeinigt« in der
gedrängt vollen Domkirche zu Gehör bringen sollte. Gott, wie groß und
strahlend stand der gewaltige Achilla da, das Notenblatt in der Hand.
Die wohlbekannten Vorschläge sind erledigt. Nun kommt das Baß-Solo.
Achilla schiebt seinen Nachbar mit dem Ellenbogen beiseite und zählt
leise die Takte. Jetzt ist es so weit. Der Dirigent hebt die Hand
mit der Stimmgabel ... Achilla hat die ganze Welt und sich selbst
vergessen, und in der wunderlichsten Weise, der Posaune des Erzengels
vergleichbar, donnert er bald ganz schnell, bald langsam gedehnt:
»Von Schmerzen gepeinigt, gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t,
gepeinigt.« Mit Gewalt hält man ihn zurück, sich in weiteren
unvorhergesehenen Variationen zu ergehen, und das Konzert ist beendet.
Aber in dem »fortgerissenen« Geiste Achillas war es noch nicht zu
Ende. Während die Honoratioren der Stadt mit leisen Begrüßungen an
den Bischof herantraten, um seinen Segen entgegenzunehmen, ertönte
es vom Chor plötzlich wieder, wie ein Posaunenstoß vom Himmel:
»Gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t!« Das singt der in seiner
Begeisterung ganz um den Verstand gebrachte Achilla. Man zupft ihn --
er singt weiter. Man drückt ihn zu Boden, um ihn hinter den Rücken
seiner Genossen verschwinden zu lassen, -- er singt: »gepeinigt«.
Man führt ihn endlich aus der Kirche hinaus, unentwegt singt er:
»g-e-p-e-i-n-i-g-t!«

»Was ist dir?« fragen ihn mitleidige Leute voller Teilnahme.

»Gepeinigt,« singt er, sie verständnislos ansehend, und bleibt an der
Tür der Vorhalle stehen, bis ihn endlich ein Strom frischer Luft von
draußen ernüchtert.

Im Vergleich zu dem Propst Tuberozow und dem Vater Benefaktow kann
Achilla Desnitzyn als junger Mann gelten, aber auch er hat die Vierzig
schon hinter sich und seine tiefschwarzen Locken sind stark angegraut.
Achilla ist von Riesengestalt und ungeheurer Kraft, seine Bewegungen
sind eckig und schroff; sein Gesicht zeigt einen südlichen Typus und er
behauptet, von kleinrussischen Kosaken abzustammen, von denen er auch
in der Tat den Leichtsinn und die Tapferkeit und noch manches andere zu
haben scheint.



Zweites Kapitel.


Alle diese meine altmodischen Helden wohnten auf dem Stargoroder
Pfarrgehöft, am stillen, schiffbaren Fluß Turitza. Jeder von ihnen,
Tuberozow, Zacharia und sogar der Diakon Achilla hatte sein eigenes
Häuschen dicht am Ufer, gerade gegenüber dem jenseits des Flusses
aufragenden alten Dom mit seinen fünf hohen Kuppeln. Aber so
verschieden geartet, wie die drei Männer, waren auch ihre Wohnsitze.
Das Haus des Vaters Sawelij war sehr hübsch, mit hellblauer Ölfarbe
gestrichen und mit verschiedenfarbigen Sternchen, Quadraten und
Schnörkeln über jedem der drei Fenster geziert. Letztere hatten
außerdem noch holzgeschnitzte, grellbemalte Einfassungen und grüne
Läden, die nie geschlossen wurden, denn das festgefügte Haus trotzte
im Winter jeglichem Frost und der Propst liebte das Licht, liebte
den Stern, der nachts vom Himmel in seine Stube schaute, liebte den
Mondstrahl, der sich wie ein Brokatstreifen über den parkettartig
gemusterten Fußboden legte.

Im Häuschen des Propstes herrscht absolute Reinlichkeit und Ordnung,
denn es ist niemand da, der Schmutz oder Unordnung machen könnte. Der
Propst hat keine Kinder und das ist eine Quelle steter Betrübnis für
ihn und seine Lebensgefährtin.

Das Häuschen des Vaters Zacharia Benefaktow ist viel größer als das
des Vaters Tuberozow. Aber es fehlt ihm jene Eleganz und Koketterie,
die den Wohnsitz des Propstes auszeichnet. Das fünffenstrige, etwas
schiefstehende, graue Haus des Vaters Zacharia erinnert eher an einen
großen Geflügelstall, und, um die Ähnlichkeit perfekt zu machen,
drängen und stoßen sich in den engen Rahmen seiner grünen Fenster
unausgesetzt allerlei Schnäbelchen und Schöpfchen. Das ist die gesamte
Nachkommenschaft des Vaters Zacharia, den Gott gesegnet hat, wie den
Jakob, und dessen Gattin er fruchtbar gemacht hat, wie die Rahel. Bei
Vater Zacharia fand man nichts von der spiegelglatten Sauberkeit des
Tuberozowschen Hauses, nichts von dessen strenger Ordnung. Überall
stieß man auf Spuren schmutziger Kinderpfötchen; aus jedem Winkel
guckte ein Kinderköpfchen hervor; alles lebte und webte mit den Kindern
und um die Kinder.

Der Diakon Achilla war Witwer und kinderlos. Wenig kümmerte er sich
um irdische Güter und Hauswirtschaft. Hart am Flußrande hatte er
eine lehmgestrichene, kleinrussische Kate, zu der aber keinerlei
Nebengebäude gehörten; nicht einmal ein Zaun war vorhanden, nichts
als eine rohe Lattenhürde, innerhalb derer, bis an die Knie im Stroh
versinkend, bald ein scheckiger Hengst, bald ein falber Wallach, bald
eine schwarze Stute umherstampfte. Die innere Einrichtung des Hauses
war ebenfalls ganz kosakenmäßig: in dem vorderen, besseren Raume, den
der Hausherr für sich selbst bestimmt hatte, stand ein hölzernes Sofa,
welches Achilla auch als Bett diente. Eine weiße Kosaken-Filzdecke
lag darüber gebreitet und am Kopfende ein ziselierter asiatischer
Sattelbogen, an den sich ein kleines pfannkuchenähnliches Kissen in
einem fettigen Nankingüberzug lehnte. Vor diesem Kosakenlager stand
ein Tisch aus weißem Lindenholz. An der Wand hing eine Gitarre ohne
Saiten, ein hänfener Fangstrick, eine Nagaika und zwei kunstvoll
geflochtene Zäume. In der Ecke auf einem kleinen Wandbrett, hinter
welchem ein verdorrter Palmweidenzweig gesteckt war, stand ein
winziges Heiligenbild, die Himmelfahrt Mariä darstellend, vor dem ein
kleines Kiewer Gebetbuch lag. Sonst war nichts, rein gar nichts in
der Behausung des Diakons Achilla zu finden. Nebenan in einer kleinen
Kammer hauste die alte Nadeshda Stepanowna, genannt Esperance, die
früher einmal Zimmermädchen in einem adligen Gutshause gewesen war.

Sie war eine kleine, ältliche, gelbliche, spitznäsige,
zusammengeschrumpfte Person von so unverträglichem und unerträglichem
Charakter, daß sie trotz ihrer geschickten Hände nirgends dauernd
unterkommen konnte, bis sie zu guter Letzt Bedienerin beim einsamen
Achilla geworden war, dem sie vorschnattern und vorkeifen konnte soviel
sie wollte, denn er beachtete dieses Geschnatter und Gekeife überhaupt
nicht; nur wenn die Erregung seiner alten Hausgenossin gar zu arg
wurde, machte er ihr im entscheidenden Augenblick durch ein donnerndes:
»Versinke, Esperance!« ein Ende, worauf Esperance zumeist auch wirklich
sofort verschwand, denn sie wußte, daß Achilla sie andernfalls in
seine Arme nehmen, auf das Dach seiner Hütte setzen und dort bis zum
Sonnenuntergang ihrem Schicksal überlassen würde.

So lebten diese Leutchen hin und trugen alle mehr oder weniger einer
des andern Lasten und suchten sich gegenseitig das einförmige Dasein
ein wenig bunter zu gestalten durch allerlei leichte Streitigkeiten
und Mißverständnisse, welche auf die durch die Ereignislosigkeit des
Kleinstadtlebens erschlaffte menschliche Natur eine so wohltuend
aufrüttelnde Wirkung ausüben. So hatte zum Beispiel eines Tages der
Gutsbesitzer und Adelsmarschall Alexej Nikititsch Plodomasow von einer
Reise nach Petersburg den von ihm sehr hochgeschätzten Domgeistlichen
verschiedene mehr oder weniger kostbare Geschenke mitgebracht, darunter
auch drei Stöcke: zwei mit ganz gleichen Knöpfen aus Dukatengold für
die beiden Pfarrer, den einen für Vater Tuberozow, den andern für Vater
Zacharia. Der dritte Stock mit einem hübschen Knopf aus emailliertem
Silber war für den Diakon Achilla bestimmt. Diese Stäbe fielen unter
die Stargoroder Geistlichen wie die biblischen Schlangen, welche die
ägyptischen Zauberer vor den Pharao hinwarfen.

»Durch diese Schenkung der Stäbe ist ein Zweifel in uns geweckt
worden,« erzählte der Diakon Achilla.

»Was für einen Zweifel kann es denn geben, Vater Diakon?« fragten die
Leute, denen er sein Leid klagte.

»Ach, ihr Laien versteht von solchen Dingen nichts. Erstens ziemt
es mir in meinem Amte als Diakon gar nicht, einen solchen Stab zu
tragen, denn ich bin kein Pfarrer. Ferner: ich trage diesen Stab
jetzt trotzdem, denn ich habe ihn geschenkt bekommen. Drittens aber
tritt dabei noch eine zweifelerregende Gleichstellung zutage: der
Vater Sawelij und der Vater Zacharia haben Stäbe von ganz derselben
Qualität und gleichem Aussehen erhalten. Darf man sie aber so völlig
gleichstellen? ... Ich frage, darf man das? ... Vater Sawelij ... ihr
wißt es ja selbst ... Vater Sawelij ... ist ein Weiser, ein Philosoph,
ein Justizminister ... und nun sehe ich, daß auch er sich darin nicht
zu finden weiß und verwirrt ist, ganz furchtbar verwirrt.«

»Was kann ihn denn so verwirren, Vater Diakon?«

»Es verwirrt ihn, daß erstens diese völlige Gleichheit Verwechselungen
hervorruft. Was meint ihr, wie soll man erkennen, wem dieser Stab
gehört? Versucht es doch herauszukriegen, welcher Stab dem Propst und
welcher dem Zacharia zukommt, wenn sie beide ganz gleich aussehen!
Freilich, zur Unterscheidung ließe sich ja irgendein Zeichen anbringen
-- ein Tröpfchen Siegellack auf den Knopf oder ein kleiner Einschnitt
in das Holz. Wie steht es aber mit der politischen Seite der Sache? Es
ist doch ganz unmöglich, daß der Propst und der Vater Zacharia gleich
viel wert wären! Und der Propst fühlt das sehr wohl, und ich seh' es
deutlich, und darum sag' ich ihm: ›Vater Propst, es ist in diesem
Falle nichts anderes zu machen: gestattet mir, daß ich den Stab des
Vaters Zacharia irgendwie zeichne, mit Siegellack oder durch einen
Messerschnitt.‹ Er aber antwortet: ›Nichts dergleichen. Untersteh' dich
nicht. Es ist nicht nötig.‹ Ja, wie denn nicht nötig?! ›Nun,‹ sag' ich
da wieder, ›so gebt mir Euren Segen zu etwas anderm. Ich will ganz
insgeheim den Stab des Vaters Zacharia mit dem Messer um einen Zoll
kürzer machen, so daß der Vater Zacharia selber von dieser Verkürzung
gar nichts merken soll.‹ Er aber nennt mich darauf einen Dummkopf.
Gut denn, ich bin ein Dummkopf, ich hör's von ihm nicht zum erstenmal
und von ihm kränkt's mich auch nicht, aber ich sehe doch, daß er mit
alledem sehr unzufrieden ist, und das raubt mir alle Seelenruhe ... Und
ihr könnt mich einen dreifachen Dummkopf nennen,« -- rief der Diakon,
-- »ja, ich gestatte es euch, nennt mich ruhig dumm, wenn er, der Vater
Sawelij, nicht etwas ganz Politisches im Sinne hat. Ich weiß es ganz
genau, daß er eben deswegen mich nicht gewähren läßt, weil er seine
eigene Politik verfolgt.«

Und der Diakon Achilla schien sich nicht geirrt zu haben. Noch war
kein Monat seit der Beschenkung der Stargoroder Geistlichkeit mit
den erwähnten zweifelerregenden Stäben vergangen, als der Propst
Sawelij sich plötzlich zu einer Reise in die Gouvernementsstadt zu
rüsten begann. Man brauchte dieser Fahrt keine besondere Bedeutung
zuzuschreiben, denn der Propst hatte in Amtsangelegenheiten oft genug
mit dem Konsistorium zu verhandeln. Aber als der Vater Tuberozow
bereits im Wagen saß, wandte er sich plötzlich zum Vater Zacharia:

»Hör' mal, Vater, wo ist denn wohl dein Stab? Gib ihn mir mal her, ich
will ihn mit in die Stadt nehmen.«

Diese scheinbar von ungefähr gesagten Worte ließen ein Licht in den
Gemütern aller derer aufgehen, die vor das Tor gekommen waren, dem
Abreisenden das Geleite zu geben.

Der Diakon Achilla räusperte sich kräftig und flüsterte dem Vater
Benefaktow ins Ohr:

»Nun? Sagt' ich's Euch nicht? Da haben wir die Politik!«

»Weshalb wollt Ihr denn meinen Stab in die Stadt mitnehmen, Vater
Propst?« fragte Vater Zacharia, und zwinkerte demütig mit den Augen,
wobei er zugleich den Diakon beiseite schob.

»Wozu? Nun, vielleicht will ich den Leuten dort zeigen, wie man uns
hier achtet und unser gedenkt,« antwortete Tuberozow.

»Alioscha, lauf hin und hol den Stock,« befahl Zacharia seinem kleinen
Sohne.

»Vielleicht nehmt Ihr dann auch meinen Stab mit, Vater Propst, um ihn
dort zu zeigen?« fragte Achilla in dem sanftmütigsten Tone, dessen er
fähig war.

»Nein, den deinen magst du bei dir behalten,« erwiderte Sawelij.

»Warum denn, Vater Propst? Ich bin doch ebenso ... ich bin doch auch
von dem Herrn Adelsmarschall ausgezeichnet worden,« antwortete der
Diakon ein wenig gekränkt.

Aber der Propst würdigte seinen Einspruch keiner Antwort, legte den ihm
eben gebrachten Stab des Vater Zacharia neben sich hin und hieß den
Kutscher zufahren.

So fuhr er dahin und die beiden zweifelerregenden Stäbe fuhren mit, der
Diakon Achilla aber saß zu Hause und mühte sich vergeblich, das Rätsel
zu lösen, zu welchem Zweck Tuberozow den Stab des Zacharia mitgenommen
hatte.

»Was geht's dich an? Was hast du dabei? Was?« beschwichtigte Zacharia
den von Neugier gemarterten Diakon.

»Vater Zacharia, ich sag's Euch, das ist Politik.«

»Nun und wenn's Politik ist, -- was geht's dich an? Mag er doch
politisieren.«

»Aber ich vergehe vor Neugier, was das für eine Politik sein könnte.
Euren Stab zu beschneiden wollte er mir nicht gestatten; das wäre eine
Dummheit, sagte er; ich schlug ihm vor, Zeichen anzubringen, aber er
wies es zurück. Das einzige, was ich vermute ...«

»Ei nun, was kannst du Schwätzer vermuten?«

»Das einzige wäre, daß er ... Er setzt bestimmt einen Edelstein hinein.«

»Ja! Nun ... nun ja ... Aber wo soll er den Stein denn einsetzen?«

»In den Griff.«

»In den seinen oder in den meinen?«

»In den seinen, natürlich in den seinen. Ein Edelstein ist doch ein
Wertstück.«

»Sehr schön. Wozu hat hat er dann aber meinen Stab mitgenommen? In den
seinen will er den Stein einsetzen lassen, und den meinen nimmt er
mit?!«

Der Diakon schlug sich mit der Hand vor die Stirn und rief:

»Da wär' ich wieder mal der Narr.«

»Hoffentlich bist du der Narr, hoffentlich,« bestätigte Vater Zacharia
und fügte mit leisem Vorwurf hinzu: »und dabei hast du doch Logik
gelernt, mein Lieber. Schäme dich.«

»Warum soll ich mich schämen, wenn ich sie gelernt, aber nicht kapiert
habe! Das kann jedem so gehen,« antwortete der Diakon.

Er sprach fortan keinerlei Vermutungen mehr aus, nur im stillen
verzehrte ihn nach wie vor die Neugier: was wird nun eigentlich
geschehen?

So verging eine Woche, bis der Propst zurückkam. Der Diakon Achilla,
welcher gerade einen von ihm neu eingetauschten Steppengaul einritt,
war der erste, der die schwarze Pfarrkutsche sich der Stadt nähern sah.
Er raste durch die Straßen, machte Halt vor allen Häusern, in denen
gute Bekannte wohnten, und schrie in die offenen Fenster hinein: »Er
kommt! Der Propst Sawelij! Die edle große Seele!«

Ein neuer Gedanke war dem Achilla plötzlich gekommen.

»Jetzt weiß ich, was es ist,« sagte er zu den Umstehenden, während er
vor dem Tore des Pfarrhofes vom Pferde stieg. »Alle meine bisherigen
Vermutungen waren nichts als eitel Torheit. Jetzt aber kann ich euch
für gewiß sagen, der Vater Propst hat nichts anderes getan, als
griechische Lettern -- oder auch lateinische -- in die Knöpfe einätzen
lassen. So ist es, jawohl, so und nicht anders ist es; ganz bestimmt
hat er Lettern einätzen lassen, und wenn ich es jetzt nicht erraten
habe, so könnt ihr mich hundertmal einen Esel nennen.«

»Warte nur, warte, das tun wir noch; das kommt schon noch,« sagte Vater
Zacharia und ging dem eben vorfahrenden Wagen entgegen.

Ernst und würdevoll entstieg der Propst dem Wagen, trat in das Haus
ein, betete, begrüßte seine Gattin, indem er sie dreimal auf den
Mund küßte, bewillkommnete danach auch den Vater Zacharia, wobei sie
sich gegenseitig auf die Schultern küßten, und zu guter Letzt den
Diakon Achilla, der dem Propst die Hand küßte, während dieser mit den
Lippen seinen Scheitel berührte. Nach dieser Begrüßung ging man ans
Teetrinken, Schwatzen, Erzählen, und langsam wich der Abend der Nacht,
ohne daß der Propst auch nur ein Wort über die alle so interessierenden
Stäbe geäußert hätte. Ein Tag verging, ein zweiter, ein dritter, mit
keiner Silbe erwähnte Vater Tuberozow die Angelegenheit. Es schien, als
habe er die Stäbe in die Hauptstadt gebracht und sie dort in den Fluß
versenkt, damit alles Gerede von ihnen schweige.

Der Diakon brannte förmlich vor Neugier und wußte nicht, was er
ersinnen sollte, um das Gespräch auf die Stäbe zu bringen. Aber die
Sache kam bald von selbst zur Erledigung. Am fünften oder sechsten Tage
nach seiner Heimkehr bat der Vater Sawelij nach dem Hauptgottesdienst
den Stadthauptmann, den Schulinspektor, den Arzt und den Vater Zacharia
nebst dem Diakon Achilla zu sich zum Tee und fing wiederum zu erzählen
an, was er alles in der Gouvernementsstadt gehört und gesehen habe.
Er berichtete ihnen von vielerlei schönen Sachen, welche er in den
Kaufläden gesehen hatte. »Es ist erstaunlich,« meinte er, »was die
dortige Kunstfertigkeit zu leisten vermag.«

Mit diesen Worten ging der Propst ins Nebenzimmer und kam, in jeder
Hand einen der wohlbekannten Stäbe haltend, wieder zurück.

»Sehen Sie mal hier,« sagte er, indem er den Gästen die Oberfläche der
beiden goldenen Knöpfe vor die Augen hielt.

Der Diakon Achilla riß die Augen auf, um zu erspähen, was der Politikus
zustande gebracht hatte, um die gleichwertigen Stäbe unterscheiden zu
können. Aber ach! Es war kein wesentlicher Unterschied zu erkennen. Im
Gegenteil, ihre Gleichwertigkeit schien nun erst vollkommen, denn in
der Mitte eines jeden Knopfes war in ganz gleicher Weise, von einem
Strahlenkranze umgeben, ein Gottesauge eingraviert, um welches sich
eine kurze Kursivinschrift schlang.

»Und Lettern sind keine da, Vater Propst?« bemerkte Achilla, dem die
Geduld ausging.

»Was willst du noch für Lettern?« erwiderte Tuberozow, ohne ihn
anzusehen.

»Um sie in ihrer Gleichwertigkeit zu unterscheiden.«

»Immer kommst du mit deinem dummen Zeug,« wandte sich der Propst zum
Diakon, und dann stützte er den einen Stab gegen seine Brust und sprach:

»Das soll meiner sein.«

Der Diakon Achilla warf einen schnellen Blick auf den Knopf und las
über dem Gottesauge: »Und er fand den Stecken Aarons blühen.«

»Und den nimmst du, Vater Zacharia,« schloß der Propst und gab ihm den
andern Stab.

Auf dem Knopfe desselben war um das völlig gleiche Gottesauge in ganz
derselben altslawischen Kursivschrift eingraviert:

»Und er gab den Stab in seine Hand.«

Kaum hatte Achilla diese zweite Inschrift gelesen, so knickte er hinter
dem Rücken des Vaters Zacharia zusammen, und, den Kopf gegen den Bauch
des Arztes stemmend, zuckte und strampelte er in einem unbändigen
Lachanfall.

»Na, Quälgeist, was gibt's wieder? Was gibt's?« wandte sich der Vater
Zacharia ihm zu, während die übrigen Gäste noch die kunstvolle Arbeit
des Juweliers an den Priesterstäben bewunderten.

»Lettern? He? Lettern, du krauser Schafbock du? Wo sind hier die
Lettern?«

Der Diakon aber prustete und lachte nur immer toller.

»Was lachst du? Was ficht dich an?«

»Wer ist jetzt der Schafbock, he?« fragte der Diakon, die Worte mühsam
hervorstoßend.

»Du natürlich, wer denn sonst?«

Achilla brach in ein neues Gelächter aus, packte den Vater Zacharia an
den Schultern und flüsterte theatralisch:

»Na und Ihr, Vater Zacharia, wo Ihr so viel Logik studiert habt, lest
doch noch einmal. ›Und er gab den Stab in seine Hand.‹ Was sagt Eure
Logik dazu? Wo soll eine solche Inschrift hinaus?«

»Wo hinaus? Nun, so sag du es doch, wo sie hinaus soll!«

»Wo hinaus? Dahinaus,« sagte der Diakon langsam und gedehnt, »daß man
ihm mit dem Lineal eins auf die Pfoten gegeben hat.«

»Du lügst!«

»Ich lüge?! Und warum ist denn +sein+ Stecken erblüht? Und kein
Wort davon, daß er ihm in die Hand gegeben ist? Warum? Weil das zum
Zweck der Erhöhung geschrieben ist, Euch aber ist's zur Erniedrigung
geschrieben, daß Euch der Knüppel in die Tatze gelegt ist.«

Vater Zacharia wollte etwas erwidern, aber der Diakon hatte ihn
wirklich irre gemacht. Achilla triumphierte, daß es ihm gelungen war,
den sanften Benefaktow aus der Fassung zu bringen, doch sein Triumph
war nur von kurzer Dauer.

Kaum hatte er sich umgewandt, so sah er auch schon, daß der Propst ihn
scharf ins Auge gefaßt hatte, und sobald er bemerkte, daß der Diakon
unter der Wirkung dieses strengen Blickes verlegen zu werden begann,
wandte er sich an die Gäste und sagte mit ganz ruhiger Stimme:

»Die Inschriften, die Sie hier sehen, habe ich nicht selbst ausgedacht.
Der Konsistorialsekretär Afanasij Iwanowitsch hat sie mir empfohlen.
Auf einem Abendspaziergang kamen wir beim Goldschmied vorbei, und
da meinte Afanasij Iwanowitsch: Wißt Ihr, Vater Propst, was für ein
Gedanke mir gekommen ist? Ihr solltet Inschriften auf die Stäbe setzen.
Für Euch ›der Stecken Aarons‹ und für den Vater Zacharia -- eben jene,
die jetzt dasteht.«

»Und du, Vater Diakon,« fuhr der Propst fort, »ich wollte auch etwas
von deinem Stabe sagen, wie du mich gebeten hattest, aber ich bin der
Meinung, es wäre am besten, du trügest den Stab überhaupt nicht, denn
er kommt deinem Amte nicht zu.«

Und damit schritt der Propst in aller Seelenruhe nach der Stubenecke,
in welcher der berühmte Stab des Achilla stand, nahm ihn und schloß ihn
in den Kleiderschrank ein.

Dieses war der größte Zwist, der sich je in der Stargoroder Pfarrei
abgespielt hatte.

Wie es heißt, daß durch ein Dreierlicht einst ganz Moskau in Flammen
aufgegangen ist, so entstand auch daraus bald eine ganze Geschichte,
welche die verschiedensten Charakterschwächen und Vorzüge Sawelijs und
Achillas an den Tag brachte.

Der Diakon kannte diese Geschichte am besten, erzählte sie aber nur in
Augenblicken äußerster Erregung.



Drittes Kapitel.


»Was,« sagte Achilla, »hätte ich von Rechts wegen damals tun sollen?
Ich hätte dem Vater Propst zu Füßen fallen und ihm sagen sollen: so und
so stehen die Dinge, nicht aus Bosheit, nicht aus Gehässigkeit hab' ich
das gesagt, sondern einzig, um dem Vater Zacharia zu zeigen, daß ich
zwar nichts von Logik verstehe, aber darum doch nicht dümmer bin als
er. Aber der Stolz übermannte mich und hielt mich zurück. Ich ärgerte
mich, daß er meinen Stab in den Schrank geschlossen hatte, und daß dann
noch der Lehrer Warnawka Prepotenskij dazwischenkam. ... Ach, ich sag'
euch, so bös ich auch auf mich selbst bin, es ist nichts gegen die Wut,
welche ich auf den Lehrer Warnawka habe! Ich will nicht ich sein, wenn
ich sterbe, ohne zuvor mit diesem Sohn der Hostienbäckerin abgerechnet
zu haben!«

»Das darfst du auch wieder nicht,« unterbrach Vater Zacharia den
Achilla.

»Warum denn nicht? Gottlosigkeit duld' ich nicht! Da frage ich nicht
nach der Person! Und die Sache macht sich ganz von selbst: ich fahr'
ihm mit der Faust in den Schopf, schüttel' ihn tüchtig durch und
laß ihn dann laufen. Jetzt geh und beschwer' dich, daß du von einer
geistlichen Person wegen Gottlosigkeit durchgewalkt worden bist!
... Der wird sich hüten! ... Ach, du mein Gott! Was war nur in mich
gefahren, daß ich auf diesen Taugenichts hören konnte, und wie ist's
möglich, daß ich ihn bis heute mir noch nicht richtig vorgenommen
habe! Den Küster Sergej hab' ich damals für sein Geschwätz über den
Donner sofort verwichst; den Kommissar, den Kleinbürger Danilka, der
sich in den letzten großen Fasten unterstand, auf offener Straße ein
Ei zu essen, hab' ich unverzüglich vor versammeltem Volke nach Gebühr
an den Ohren gezaust, -- und diesen Lümmel laß ich immer noch frei
herumlaufen, obgleich er mir das Ärgste angetan hat! Wäre er nicht
gewesen, so würde es gar nicht zu diesem Zwist gekommen sein. Der Vater
Propst hätte mir wegen meiner Äußerung über den Vater Zacharia gezürnt,
aber nicht lange. Muß da dieser Warnawka kommen, und erbittert und
gepeinigt, wie ich bin, laß ich mich von ihm aufhetzen! Er schwatzt
mir vor: ›Diese Tuberozowsche Inschrift ist zu allem andern auch noch
dumm!‹ Ich in meiner Pein, müßt ihr wissen, lechzte förmlich danach,
auch dem Vater Sawelij was anzuhängen, und so fragte ich, was denn
Dummes daran sei. Warnawka sagte: ›Dumm ist sie, weil die Tatsache,
von der in ihr die Rede ist, gar nicht feststeht. Und nicht nur
das, -- sie ist überhaupt unglaubwürdig. Wer, sagt er, kann es denn
bezeugen, daß der Stecken Aarons erblühte? Kann ein trockenes Stück
Holz Blüten treiben?‹ Ich fiel ihm hier in die Rede und meinte: ›Bitte
sehr, Warnawa Wasiljitsch, solche Reden darfst du nicht führen. Der
allmächtige Willen Gottes ist stärker als die Ordnung der Natur.‹ ...
Aber weil diese unsere Unterhaltung bei der Akziseeinnehmersfrau,
der Biziukina, stattfand, welche allerlei Flüssiges aufgetischt
hatte, lauter gute Weine, -- nichts als ho--ho--ho: ~Haut-Sauterne~
und ~Haut-Margaux~, -- so war ich, hol mich dieser und jener, schon
ein bißchen benebelt, und der Warnawka redete sein gelehrtes Zeug
in mich hinein. ›So war's ja auch -- sagte er -- dazumal mit dem
Menetekel beim Gastmahl des Belsazar. Heut haben wir's als reinsten
Schwindel erkannt. Wollt ihr, so mach ich's euch gleich mit einem
Phosphorstreichhölzchen vor.‹ Ich war starr vor Entsetzen, er aber
quasselte immer weiter: ›Und überhaupt, sagte er, es wimmelt da nur
so von Widersprüchen.‹ Dann legte er los, wißt ihr, und redete und
redete und widerlegte alles, und ich saß dabei und hörte zu. Und nun
noch dieser ~Haut-Margaux~! Ich war so schon gepeinigt genug, und
fing am Ende selber an in freigeistigem Stil zu reden. Ja, sagte
ich, wenn ich nicht sähe, was der Vater Sawelij für ein aufrechter
Mann ist, denn ich weiß, er steht vor dem Altar und der Rauch seines
Opfers steigt kerzengerade empor, wie beim Opfer Abels, ich möchte
nur kein Kain sein, sonst könnte ich ihn schon ... Versteht ihr wohl,
so redete ich vom Vater Sawelij! Und diese Person, die Biziukina,
meinte: ›Ja, versteht Ihr denn selber, was Ihr da schwatzt? Wißt Ihr
überhaupt, was der Kain wert war? Was war denn -- sagte sie -- Euer
Abel? Nichts weiter als ein kleines Schaf, ein Kriecher und Streber,
eine Sklavennatur; Kain aber war ein stolzer Mann der Tat. So -- sagte
sie -- hat ihn der englische Schriftsteller Biehron geschildert ...‹
Und nun legte sie los ... Na, von all dem ~Haut-Margaux~ schon so
spiritualisiert, überkam mich plötzlich ein Gefühl, als müßte ich zum
Kain werden und damit Punktum. Als ich auf dem Heimweg bis zum Hause
des Vater Propst gelangt war, blieb ich vor seinen Fenstern stehen,
stemmte, wie ein Offizier, die Arme in die Seiten und brüllte los:
›Ich Zar, ich Knecht, ich Wurm, ich Gott!‹ Grundgütiger Gott, wie
entsetzlich ist mir jetzt die bloße Erinnerung an meine Schamlosigkeit!
Als der Vater Propst mein Gemecker vernommen, sprang er aus dem Bette,
trat im Hemde ans Fenster, stieß es auf und rief mit zorniger Stimme:
›Geh zu Bett, du wütiger Kain!‹ Ihr könnt mir's glauben, ich erbebte
bei diesem Wort. Denn er hatte mich schon Kain genannt, da ich es doch
erst werden wollte. Er hatte es vorausgesehen! Ach Gott, ach Gott! Ich
konnte mich kaum nach Hause schleppen; meine ganze Widerspenstigkeit
war hin, und bis auf den heutigen Tag kann ich seitdem nur trauern und
stöhnen.«

War er in seiner Erzählung so weit gekommen, versank der Diakon
gewöhnlich in Gedanken, seufzte, und fuhr nach einer Minute in
melancholischem Tone fort:

»Und nun fliehen und fließen die Tage dahin, aber der Zorn des Vater
Sawelij ist bis auf heute nicht von ihm gewichen. Ich ging zu ihm und
klagte mich selber an; ich klagte mich an und tat Buße. Ich sprach:
›Vergebt mir, wie der Herr den Sündern vergibt‹ -- aber ich erhielt
nichts zur Antwort, als ›Geh.‹ Wohin? Wohin soll ich gehen, frage ich.
Mit den Leuten da werde ich wirklich noch zum Kain ... Ich weiß es,
ich weiß es genau, nur er allein, nur der Vater Sawelij vermag mich in
Subordination zu halten -- und er ... und er ...«

Bei diesen Worten kamen dem Diakon die Tränen in die Augen und leise
aufschluchzend schloß er seinen Bericht:

»Und er spielt ein so böses Spiel mit mir -- er schweigt! Was ich auch
sage, er schweigt! ... Warum schweigst du?« schrie der Diakon plötzlich
laut auf und fing nun wirklich an zu schluchzen. Dabei streckte er
beide Arme in der Richtung aus, wo sich nach seiner Voraussetzung
das Haus des Propstes befinden mußte. -- »Meinst du, das wäre recht
gehandelt? Ist es recht, wenn ich in meinem Amte als Diakon zu ihm
trete und sage: ›Vater, segne mich‹ -- und ich küsse dann seine Hand
und fühle, daß sogar sie für mich eiskalt ist! Ist das recht? Am
Pfingsttage, vor dem großen Gebet, kam ich, in Tränen zerfließend,
zu ihm und bat ihn: segne mich ... Aber er zeigte keine Rührung. ›Sei
gesegnet,‹ sagte er. Was soll mir dieser Formenkram, wenn alles ohne
Freundlichkeit geschieht!«

Der Diakon rechnete auf Trost und Unterstützung.

»Verdien' dir seine Freundlichkeit,« sagte ihm der Vater Zacharia,
»verdiene sie dir ordentlich, und er wird dir verzeihen und wieder gut
zu dir sein.«

»Wie soll ich sie mir denn verdienen, Vater Zacharia?«

»Durch musterhaftes Betragen.«

»Was nützt mir denn all mein Betragen, wenn er mich überhaupt nicht
bemerkt? Glaubst du, es ließe mich kalt, ihn jetzt immer so bekümmert,
immer so tief in Gedanken zu sehen? Gott im Himmel, sag' ich zu
mir selbst, was mag ihn so beschäftigen? Am Ende gar quält er sich
meinetwegen. ... Mag er mir auch noch so sehr zürnen, er verstellt sich
ja doch nur: ich weiß, daß er mich liebhat ...«

Der Diakon wandte das Gesicht ab, schlug mit der rechten Faust gegen
die linke Handfläche und brummte:

»Na, warte, du Hostienbäckerlümmel, das geht dir nicht so durch! Ich
will in Wahrheit Kain und nicht der Diakon Achilla sein, wenn ich
diesen Lehrer Warnawka nicht vor aller Augen zum Krüppel schlage!«

Aus dieser Drohung allein kann der Leser schon ersehen, daß einem
gewissen, hier erwähnten Lehrer Warnawa Prepotenskij seitens des
Diakons Achilla eine ernste Gefahr drohte, und diese Gefahr rückte
immer näher und drohender heran, je stärker und quälender Achillas
Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese wurde, die Sehnsucht nach dem
eingebüßten Wohlwollen des Vaters Sawelij. Und endlich schlug die
Stunde, da Warnawa Prepotenskij seinen Lohn aus der Hand Achillas
empfangen sollte, das Ereignis, mit dem das große Stargoroder Drama
beginnt, welches den Inhalt dieser Chronik bilden soll.

Um den Leser in das Verständnis dieses Dramas einzuführen, lassen
wir vorderhand alle Schleichwege beiseite, auf denen Achilla, gleich
einem amerikanischen Pfadfinder, seinem Feinde, dem Lehrer Warnawka,
nachspürt. Versenken wir uns lieber in die Tiefen der inneren Welt
der dramatischsten Person unserer Geschichte und treten in jene Welt,
die bisher noch allen, welche sie aus der Nähe oder aus der Ferne
betrachteten, unbekannt und unsichtbar geblieben ist: in das reinliche
Häuschen des Vaters Tuberozow. Vielleicht, wenn wir im Innern dieses
Hauses stehen, finden wir ein Mittel, auch in die Seele seines Herrn
zu schauen, wie man in einen gläsernen Bienenstock schaut, wo die
Biene ihre wundersame Wabe baut, aus Wachs, das vor dem Antlitz Gottes
leuchten, und aus Honig, der den Menschen erfreuen soll. Aber seien
wir vorsichtig und rücksichtsvoll: ziehen wir leichte Sandalen an, auf
daß unserer Schritte Schall den sinnenden und betrübten Propst nicht
störe. Setzen wir die Tarnkappe aus dem Märchen aufs Haupt, damit
unser neugierig Antlitz den ernsten Blick des würdigen Greises nicht
verwirre, und lauschen wir mit offenem Ohr auf alles, was wir von ihm
zu hören bekommen.



Viertes Kapitel.


Der Sommerabend hat sich über Stargorod herabgesenkt. Längst ist
die Sonne untergegangen. Die Anhöhe, auf der sich die spitze Kuppel
des Domes erhebt, liegt in bleiches Mondlicht getaucht, das stille,
flache Ufer drüben versinkt in warmer Finsternis. Über die schwimmende
Brücke, welche beide Stadtteile miteinander verbindet, bewegen sich
ab und zu einsame Gestalten. Sie haben es eilig; denn die Nacht im
stillen Städtchen treibt sie früh in ihre Nester und an ihre Herdfeuer.
Schellenklingelnd fährt ein Postwagen über die Brückenbohlen, wie
über Klaviertasten; dann ist alles wieder totenstill. Von den Wäldern
draußen weht eine wohltuende Kühle herüber. Blau schimmert auf der von
zwei Armen der Turitza gebildeten Insel das Gemüsefeld des uralten
schiefnäsigen Sonderlings Konstantin Pizonskij, welcher von allen
»Onkel Kotin« genannt wird.

»Molwoscha! Wo bist du, Molwoscha?!« schallt es von der Insel herüber.

Der Alte ruft den muntern Buben, seinen Pflegesohn, und so deutlich ist
dieser Ruf im Hause des Propstes zu hören, daß man glauben möchte, es
riefe jemand dicht unter dem Fenster, an welchem die Pröpstin sitzt.
Von demselben Gemüsefeld schallt ein lautes Kinderlachen herüber, man
hört das Wasser plätschern, nackte Kinderfüßchen laufen klatschend
über die Brückenbohlen, und hellauf bellt ein spielender Hund. Alles
das scheint so nah, daß die Mutter Pröpstin von ihrem Platz am Fenster
aufspringt und die Arme nach vorn ausstreckt. Sie meint, das laufende
und lachende Kind müsse ihr gleich in den Schoß fallen. Aber als sie
sich umschaut, erkennt sie die Täuschung. Sie tritt vom Fenster in das
Innere des Zimmers zurück, zündet eine der auf der Kommode stehenden
Kerzen an und ruft ein kleines, etwa zwölfjähriges Mädchen zu sich
heran.

»Weißt du nicht, Feklinka, wo unser Vater Propst ist?« fragt sie.

»Er spielt Dame beim Polizeichef, Mütterchen.«

»Ah so, beim Polizeichef. Schon recht. Wir wollen ihm das Bett machen,
Feklinka, damit alles fertig ist, wenn er heimkommt.«

Feklinka bringt aus dem Nebenzimmer zwei Kissen in die Wohnstube, ein
Bettuch und eine gelbe wollene Steppdecke; die Pröpstin einen weißen
Pikee-Schlafrock und ein großes rotseidenes Tuch. Das Bett wird dem
Propst auf dem großen, ziemlich harten Sofa aus Masernbirkenholz
gemacht. Zu Häupten wird die Decke zurückgeschlagen; der weiße
Schlafrock über einen Lehnstuhl zu Füßen des Bettes ausgebreitet, und
auf den Schlafrock das Seidentuch gelegt. Sowie alles gemacht ist,
schiebt die Pröpstin mit Feklinka einen ovalen Tisch auf massivem Fuße,
ebenfalls aus Masernholz, neben das Kopfende des Bettes, und stellt
eine Kerze, ein Glas Wasser, ein Tellerchen mit gestoßenem Zucker und
eine Glocke darauf. Alle diese Vorbereitungen und die Genauigkeit,
mit der sie vorgenommen werden, zeugen von der großen Aufmerksamkeit,
mit der die Pröpstin allen Gewohnheiten ihres Gatten entgegenkommt.
Erst als sie alles gewohnheitsmäßig geordnet hat, beruhigt sie sich
wieder, löscht die Kerze aus und setzt sich an ihr einsames Fenster,
um auf den Gatten zu warten. Wer sie hätte sehen können, würde eine
gewisse Unruhe in dieser Erwartung bemerkt haben, welche ihre guten
Gründe hatte: Tuberozow, der seit langem schon unfroh schien, war
heute den ganzen Tag mürrisch gewesen und das beunruhigte seine treue
Gefährtin. Er war auch sehr müde, denn er hatte heute auf die Felder
der Vorstadtbewohner hinausgemußt, um einen Bittgottesdienst anläßlich
der andauernden Trockenheit abzuhalten. Nach dem Essen hatte er sich
etwas niedergelegt und war dann spazierengegangen. Später hatte er den
Polizeichef aufgesucht, und war bei ihm sitzen geblieben. Die kleine
Pröpstin wartete erst eine halbe Stunde und dann noch eine ganze, aber
er kam nicht. Tiefe Stille herrschte überall. Plötzlich klingt es von
der Hügelseite herüber wie Gesang. Die Pröpstin horcht auf. Es ist der
Diakon Achilla; sie kennt diese angenehme tiefe Stimme gut. Er steigt
den Batawin-Berg herab und singt:

    Es ruht die Welt im Frieden
    Der lauen Frühlingsnacht,
    Längst haben alle Müden
    Die Augen zugemacht.

Der Diakon ist unten angekommen, geht über die Brücke und singt weiter:

    Da klopft mit seinem Stecken
    Cupido an mein Tor,
    Und ich in jähem Schrecken
    Fahr' aus dem Traum empor.

Die Pröpstin hört dem Gesang des Achilla mit Vergnügen zu. Sie hat
den Mann gern, weil er ihren Gatten so liebt, und sie mag auch seinen
Gesang. In Träumerei versinkend merkt sie gar nicht, wie der Diakon
die Brücke hinter sich läßt und immer näher und näher kommt. Als er
endlich dicht vor ihrem Fensterlein steht, donnert er plötzlich mit
schauerlichem Pathos:

    Wer -- frag ich -- ist der Kühne,
    Der da zu klopfen wagt?

Die aus ihren Träumen aufgeschreckte Pröpstin schreit leise auf und
eilt in das Innere des Zimmers zurück.

Als der Diakon ihren Schreckensruf hört, unterbricht er sofort seinen
Gesang.

»Ihr schlaft noch nicht, Natalia Nikolajewna?« fragt er, packt dabei
mit beiden Händen das Fensterbrett und schwingt sich auf das Gesimse.

»Wir haben Frieden!« ruft er.

»Was?« fragt die Pröpstin.

»Friede,« antwortet der Diakon, »Friede.«

Achilla fährt mit der Hand durch die Luft und fügt hinzu:

»Der Vater Propst ... hat ein Ende gemacht.«

»Was redest du da. Was für ein Ende?« fragt die Pröpstin erregt.

»Schluß! ... Der Streit mit mir hat ein Ende! ... Von nun an herrscht
Frieden und Wohlgefallen. Den wievielten haben wir heute? Den vierten
Juni. Notiert's Euch: ›am vierten Juni Frieden und Wohlgefallen‹. Denn
Friede soll mit allen sein. Der Lehrer Warnawka kriegt's jetzt aber zu
spüren.«

»Was hast du? Nach Branntwein riechst du nicht und schwindelst doch.«

»Ich schwindeln! Ihr sollt bald sehen, wie ich schwindle! Heut ist der
vierte Juni, der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch, -- notiert
Euch das auch, denn mit diesem Tage geht es los.«

Der Diakon richtet sich auf den Ellenbogen noch höher auf und flüstert,
sich fast bis zum Gürtel ins Fenster hineinschiebend:

»Ihr wißt wohl gar nicht, was der Lehrer Warnawka getan hat?«

»Nein, Freundchen, ich habe nichts gehört. Was hat der Tunichtgut denn
getan?«

»Etwas Entsetzliches! Er hat einen Menschen im Topf gekocht.«

»Diakon, du lügst!« ruft die Pröpstin.

»Nein, er hat ihn gekocht!«

»Ganz gewiß, du lügst! Ein Mensch hat doch in einem Kochtopf nicht
Platz.«

»Er hat ihn im Aschenkasten gekocht,« fuhr der Diakon unbekümmert fort,
»und obgleich ihm diese greuliche Tat vom Polizeichef und vom Arzt
gestattet war, wird er doch dafür meinen Händen ausgeliefert.«

»Diakon, du lügst. Das sind alles Lügen.«

»Nein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nicht eine Silbe ist
gelogen,« erwiderte der Diakon mit heftigem Kopfschütteln und die Worte
wirbelten noch schneller von seinen Lippen. »Warnawka hat tatsächlich
einen Menschen mit Genehmigung der Obrigkeit, das heißt: des Arztes
und des Polizeichefs, gekocht. Es war eine Wasserleiche. Aber dieser
Gekochte quält jetzt ihn und seine Mutter, die Frau Hostienbäckerin,
aufs grausamste, und ich habe das alles in Erfahrung gebracht und
beim Polizeichef dem Vater Propst erzählt, und der Vater Propst hat
dem Herrn Polizeichef dafür ein tüchtiges -- ~coppe vachée~ heißt's
auf französisch -- gemacht. Der Polizeichef hat gesagt: ›Ich will --
sagt er -- Soldaten holen und der Sache ein Ende machen.‹ Ich aber
fügte dazu: ›Hol du nur deine Soldaten, ich bin selber Soldat!‹ Und
von morgen ab, Euer Hochwürden, ehrenwerteste Frau Pröpstin Natalia
Nikolajewna, werdet Ihr sehen, wie der Diakon Achilla den Lehrer
Warnawka strafen wird, ihn, den Gotteslästerer, der die Lebenden irre
macht und die Toten martert. Jawohl, heute ist der vierte Juni, der
Gedächtnistag des heiligen Methodius von Pesnosch! Ihr solltet Euch das
notieren ...«

Hier wurde der Redestrom des Diakons Achilla plötzlich unterbrochen,
denn aus der Ferne vom Hügel ließ sich ein Husten vernehmen, das nur
vom Vater Propst kommen konnte.

»Halloh! Da kommt der Propst Sawelij!« ruft Achilla, springt vom Gesims
auf die Erde und geht seines Weges.

Die Pröpstin erhebt sich, zündet zwei Kerzen an und blickt bei ihrem
Scheine den eintretenden Gatten scharf an. Der Propst küßt die Frau
leise auf die Stirn, nimmt die Kutte ab, zieht den weißen Schlafrock
über, bindet das rote Seidentuch um den Hals und setzt sich ans
Fenster. Die Pröpstin hat alles vergessen, was ihr eben noch der Diakon
vorgeredet, und fragt den Gatten gar nicht danach. Sie geleitet ihn
in das kleine längliche Nebenzimmer, das ihr als Schlafzimmer dient
und wo sie jetzt den Abendimbiß für den Vater Sawelij bereitgestellt
hat. Vater Sawelij setzt sich an den kleinen Tisch, verzehrt die zwei
weichgekochten Eier, spricht sein Dankgebet und wendet sich dann seiner
Frau zu, um ihr Gute Nacht zu sagen. Die Pröpstin selbst ißt abends
nie etwas. Sie sitzt ihrem Gatten gegenüber und leistet ihm allerhand
kleine Dienste, indem sie ihm bald etwas reicht, bald etwas fortträgt.
Dann erheben sich beide, beten vor dem Heiligenbild und beginnen
unmittelbar darauf, sich gegenseitig zu bekreuzigen. Diesen Abendsegen
erteilen sie einander immer zu gleicher Zeit und mit solcher
Gewandtheit und Geschwindigkeit, daß man sich nur wundern kann, wie
ihre hin- und herwirbelnden Hände kein einziges Mal gegeneinander
stoßen oder aneinander hängen bleiben.

Hierauf wechseln die Gatten den Abschiedskuß, wobei der Propst seiner
kleinen Frau die Stirne, sie ihm aber das Herz küßt. Dann trennen sie
sich. Der Propst geht in sein Wohnzimmer, um sich niederzulegen.

Aber heute konnte der Alte keine Ruhe finden. Schon war eine Stunde
vergangen, und immer noch ging er auf und ab in seinem weißen
Pikeeschlafrock, mit dem roten Seidentuch um den Hals. Endlich trat
er an einen kleinen roten Schrank, der auf einer hohen Kommode mit
abgezogener Platte stand. Aus diesem Schränkchen nahm er ein in dicken
blauen Demi-Coton mit gelbem Juchtenrücken gebundenes Exemplar des
»Kalenders« des Eugenios, legte das Buch auf den ovalen Tisch, der vor
seinem Bette stand, zündete zwei Sparkerzen an und horchte auf: es
schien, als ob seine Frau noch nicht schliefe. So war es auch.

»Willst du noch lesen?« fragte in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer
die sanfte, besorgte Stimme der Pröpstin.

»Ja, liebe Natascha, ich will noch ein wenig lesen,« antwortete Vater
Tuberozow. »Du aber tu mir den Gefallen und schlafe --«

»Gewiß werde ich schlafen, gewiß, mein Lieber,« erwiderte die Pröpstin.

»Ja, ich bitte dich, schlafe.« ... Und mit diesen Worten setzte der
Propst eine große silberne Brille auf seine stolze römische Nase und
begann langsam in seinem blauen Buch zu blättern. Er las nicht, sondern
blätterte nur, und dabei interessierte ihn nicht das, was in dem Buch
gedruckt stand, sondern die von seiner eigenen Hand beschriebenen
Einschaltblätter. Diese Notizen waren zu verschiedenen Zeiten gemacht
und weckten in dem alten Priester eine ganze Welt von Erinnerungen, zu
denen er hin und wieder gern zurückkehrte.

Da wir nun zwischen den Propst Sawelij und seine Vergangenheit geraten
sind, wollen wir auch still und ehrfürchtig dem leisen Flüstern der
Greisenlippen lauschen, das durch die dumpfe Stille der Mitternacht
dringt.



Fünftes Kapitel.

Das Demi-Cotonbuch des Propstes Tuberozow.


Tuberozow betrachtete seinen Kalender von dem ersten Einschaltblatte
an, auf dem zu lesen stand: »Nachdem ich am 4. Februar 1831 durch den
Hochwürdigen Gawriil die Priesterweihe empfangen, erhielt ich von ihm
dieses Buch als Belohnung für meine guten wissenschaftlichen Leistungen
im Seminar und mein gutes Betragen.« Auf diese erste Notiz, die am
ersten Tage nach der Ordination gemacht war, folgte als zweite: »Zum
erstenmal im Dom gepredigt, nachdem der Bischof die Messe gehalten.
Zum Thema der Predigt hatte ich das Gleichnis von den Söhnen des
Weinbergsbesitzers genommen. Der eine sprach: ich gehe nicht, -- und
ging doch, der andere aber sprach: ich gehe, -- und ging nicht. Ich
bezog dieses auf die guten Handlungen und die guten Vorsätze, wobei
ich mir einige Anspielungen auf die Beamten erlaubte, die ihren
Diensteid ablegen und dann nicht einhalten. Dabei wies ich auch ganz
vorsichtig auf die Machthaber und Vorgesetzten hin. Ich sprach fließend
und weniger feierlich als natürlich. Seine Eminenz belobten diesen
meinen Versuch. Aber später riefen Seine Eminenz mich zu sich und
bemerkten nach einem allgemeinen Lobe meiner Rede im besonderen, daß
ich mich hüten solle, in meinen Predigten direkt auf die Wirklichkeit
hinzuweisen, vor allem aber die Herren Beamten aus dem Spiele lassen,
denn je weiter man sie sich vom Leibe halte, desto gottwohlgefälliger
sei das. Für das aber, was ich schon gesagt hatte, machte er mir keine
Vorwürfe, sondern schien es sogar zu billigen.«

»1832 am 18. Dezember wurde ich zum Bischof gerufen und erhielt eine
Ernennung nach Stargorod, wo das Schisma sehr stark sein soll. Ich
erhielt die Weisung, ihm auf jede Art entgegenzuwirken.«

»1833 am 8. Februar fuhr ich mit meiner Gattin aus dem Dorfe
Blagoduchowo nach Stargorod und gelangte am 12. zur Frühmesse daselbst
an. Unterwegs wären wir fast von Wölfen gefressen worden. In der
Gemeinde fand ich viel Unordnung vor. Die Altgläubigen sind im Besitz
großer Macht. Nachdem ich mich etwas umgeschaut hatte, sah ich, daß der
Kampf gegen das Schisma nach den konsistorialen Vorschriften wenig Wert
hat. Ich schrieb das ans Konsistorium und erhielt einen Verweis.«

Der Propst überschlug ein paar Eintragungen und blieb dann wieder
bei der folgenden stehen: »Nachdem ich einen Verweis für Untätigkeit
erhalten, die man daraus zu ersehen meint, daß ich nicht mit
reichlichen Denunziationen aufwarte, suchte ich mich zu rechtfertigen,
indem ich darauf hinwies, daß die Schismatiker nichts anderes täten,
als was man schon längst von ihnen wisse, und fügte diesem Bericht
noch hinzu, daß vor allem der orthodoxe Klerus in äußerster Armut
lebe, und infolgedessen, in Anbetracht der Schwäche der menschlichen
Natur, gegen Bestechung nicht unempfindlich sei und sogar selber der
Ketzerei Vorschub leiste, gleich anderen Verteidigern der Orthodoxie,
indem er Spenden von den Ketzern annehme. Ich schloß damit, daß man
mit der Befreiung der Geistlichkeit aus ihrer schweren Abhängigkeit
beginnen müsse, wenn man die Schäden der Kirche heilen wolle. Für
selbigen Versuch erhielt ich abermals einen Verweis und wurde zu einer
persönlichen Aussprache zitiert, bei der ich ein »unehrerbietiger Ham«
genannt wurde, der »die Blöße seines Vaters aufdeckt«.«

Etwas weiter, nach einigen anderen Notizen, stand zu lesen: »Ich war
in Geschäften in der Gouvernementsstadt, und als ich mich dem Bischof
vorstellte, berichtete ich ihm persönlich von der Armut des Klerus.
Seine Eminenz zeigten sich sehr gerührt, aber sie bemerkten, daß auch
unser Herr selber nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegen sollte, und
doch nicht müde ward zu lehren. Er riet mir, ich solle den Klerikern
das Buch ›Von der Nachfolge Christi‹ zur Lektüre empfehlen. Darauf
erwiderte ich Seiner Eminenz nichts, und es wäre auch unnütz gewesen,
denn bei unserer Armut können wir dieses Buch gar nicht beschaffen.

Höchst politisch brachte ich bei der Abendtafel beim Vater Schließer
von der Domkirche das Gespräch nochmals auf diesen Gegenstand. An
der Tafel nahmen noch der Vater Propst und der Konsistorialsekretär
teil. Aber sie zogen meine Worte ins Scherzhafte. Der Sekretär sagte
spöttisch, daß der Arme leichter ins Himmelreich komme, -- was wir auch
ohne Seine Wohlgeboren schon wußten, der Vater Schließer aber erzählte
bei dieser Gelegenheit eine nicht üble Anekdote von einem Studenten
der Akademie, der später ein berühmter Gottesmann und Prediger wurde.
Dieser hätte nämlich noch als Laie auf die Frage des Bischofs, ob er
irgend Vermögen besitze, geantwortet:

»Freilich besitze ich welches, Eminenz.«

»Bewegliches oder unbewegliches?« fragte dieser, worauf jener erwiderte:

»Sowohl bewegliches, wie unbewegliches.«

»Was besitzest du denn an beweglichem Gut?« fragte abermals der
Bischof, indem er des Jünglings ärmliches Gewand betrachtete.

»An beweglichem Gut besitze ich ein Haus im Dorf,« antwortete der
Befragte.

»Wie kann denn ein Haus als bewegliches Gut gelten? Bedenke, wie dumm
deine Antwort ist.«

Jener aber, nicht im geringsten verlegen, entgegnete, seine Antwort
wäre ganz richtig, denn sein Haus sei solcher Art, daß, sobald der Wind
es anblase, es in heftige Bewegung gerate.

Dem Bischof erschien diese Antwort so eigenartig, daß er den Studiosus
nicht mehr für einen Dummkopf zu halten vermochte, sondern höchst
interessiert weiterfragte:

»Was nennst du denn dein unbewegliches Gut?«

»Mein unbewegliches Gut,« sprach der Student, »ist meine Mutter, die
Küstersfrau, und unsere braune Kuh, die beide ihre Füße nicht bewegen
konnten, als ich die Heimat verließ, die Mutter vor Altersschwäche, die
Kuh wegen Futtermangels.«

Alle lachten sehr darüber, obgleich ich an der Geschichte mehr
Trauriges und Tragisches fand als Komisches. Ich beginne, bei allen
eine große Lachlust und einen Leichtsinn zu bemerken, wovon ich wenig
Gutes erwarte.

Mein Leben geht in Schlafen und Essen dahin. Das Schisma kann ich auf
keine Weise bekämpfen, denn ich bin in allem gebunden, sowohl durch
meinen halbverhungerten Klerus, als durch den allzu satten Polizeichef.
Es empört mich, daß ich gleichsam zum Spott als Missionar hierher
gesandt bin. Ich soll predigen -- und keiner will mich hören; ich
soll lehren -- und keiner will lernen. Der Polizeichef predigt viel
besser als ich, denn er hat so ein gewisses Missionsinstrument mit
zwei Enden, -- von mir aber verlangt man Denunziationen. Eminenz! Was
sollen diese Denunziationen, was soll in sie eingewickelt werden?
Mir verbietet, soweit ich die Sache verstehe, mein Amt, dergleichen
zu schreiben. Lieber will ich, wenn es nötig ist, reines Papier
hergeben ...«

»Heute morgen, am 18. März 1836, deutete meine Pfarrerin Natalia
Nikolajewna an, daß sie sich gesegneten Leibes fühle. O Herr, schenke
uns diese Freude! Zu erwarten Ende November.«

»Am 9. Mai, dem Tage des heiligen Nikolaus, wurde auf obrigkeitlichen
Befehl die altgläubige Kapelle in Dejewo zerstört. Es war ein
schauerliches, unwürdiges und wahrhaft empörendes Schauspiel. Zu
allem andern riß noch das Eisenkreuz von der Kuppel ab und blieb an
den Ketten hängen. Als die Zerstörer mit ihren Feuerhaken es voller
Erbitterung ganz herabzuzerren sich bemühten, stürzte es plötzlich
herunter und zerschmetterte einem Feuerwehrsoldaten den Schädel, daß er
tot liegen blieb. Er war ein Jude. O wie weh tat es mir, das alles mit
ansehen zu müssen! Herr, mein Gott! Sie sollten doch wenigstens keine
Juden beauftragen, das Kreuz herabzureißen! Abends versammelte sich das
Volk auf der Trümmerstätte und ihre und unsere Geistlichkeit kam auch
hin, und alle haben wir geweint und zuletzt fielen wir uns in die Arme.«

»10. Mai. Die Obrigkeit hat einen großen Fehler begangen. Kurz vor
Mitternacht verbreitete sich das Gerücht, das Volk habe eine heilige
Lampe auf die Steine gestellt und halte eine Gebetsversammlung beim
zerstörten Gotteshaus ab. Wir gingen alle hinaus und fanden die Leute
wirklich beim Gebet. Ein alter Mann hielt die Lampe in der Hand und sie
erlosch nicht. Der Stadthauptmann gab leise Befehl, die Feuerspritzen
heranzufahren und die Menge mit Wasser zu begießen. Das war höchst
unbedacht, ich kann sogar sagen: dumm -- denn das Volk zündete Kerzen
an und ging heim. Dabei sang es vom »grausamen Pharao« und rief:
»Der Herr hilft dem verfolgten Glauben und der Wind verlöscht die
Lichter nicht!« Ich machte den Stadthauptmann darauf aufmerksam, wie
unvorsichtig seine Verordnung gewesen, die Kapelle zu zerstören, das
Kreuz herabzureißen und das Marienbild fortzuschaffen. Aber was kümmert
er sich drum?«

»12. Mai. Die Eitelkeit hat mich übermannt: ich habe mir von der
Wirtschafterin der Frau Adelsmarschall zwei seidene Kleider der
Gnädigen auf Kredit geben lassen und habe sie in die Stadt zum
Färben geschickt. Daraus will ich mir dann eine seidene Kutte machen
lassen. Es geht nicht anders, man muß sich akkurat kleiden. Ich komme
allmählich in alle adeligen Häuser, und ich will nicht über die Achsel
angesehen werden.«

»17. Mai. Die Pfarrerin Natalia Nikolajewna deutete heute an, daß sie
sich betreffs ihres Zustandes getäuscht habe.«

»20. Juni. Auf einen Bericht des Stadthauptmanns, daß ich zu Ostern
nicht auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuze gegangen,
wurde ich wieder nach der Gouvernementsstadt zitiert. Ich legte die
ganze Sache dem Bischof eingehend dar. Nicht aus Fahrlässigkeit hätte
ich die Häuser der Altgläubigen gemieden, denn auch meine Tasche hätte
ja davon Schaden gehabt. Ich tat es, um die Schismatiker fühlen zu
lassen, daß ihnen die Ehre nicht gebühre, von mir und dem gesamten
Klerus besucht zu werden. Der Bischof wurde nachdenklich und ließ
sodann diese meine Erklärung gelten. Allein nicht umsonst sagt das
Volk, daß, wenn der Zar auch gnädig sei, sein Hundejunge es noch nicht
zu sein brauche. Weil die Sache meiner unterlassenen Amtshandlung zum
Teil auch die weltliche Obrigkeit angeht, schickte der Bischof mich
zum Gouverneur, damit ich ihm eine Erklärung in der hochwichtigen
Angelegenheit abgebe ... War das eine Erklärung! ... Wehe mir armen
Sünder, was ich auszustehen hatte! Wehe auch euch, ihr meine Nächsten,
meine Brüder, Vertrauten und Freunde, ob der Schmach und Erniedrigung,
die ich von diesem kurzschwänzigen Glaubensfeind erdulden mußte! Der
Gouverneur, der als Deutscher die Ambitionen seines Luther hochhalten
zu müssen wähnt, ließ den russischen Popen überhaupt nicht zu sich
heran, sondern schickte mich zur Erörterung der Angelegenheit zu seinem
Kanzleivorsteher. Dieser, ein Pole, war aber nicht geneigt, die Sache
wie der Bischof anzusehen, sondern er fiel über mich her mit Geschrei
und Gebrüll, sagte, ich leiste den Ketzern Vorschub und widersetze
mich dem Willen meines Kaisers. Wehe dir, du aussätziger Pole, daß du
mit deinem löcherigen Gewissen dich unterstehst, mir Widersetzlichkeit
gegen meinen Kaiser vorzuwerfen! Allein ich nahm es hin und ging
schweigend von dannen, des Sprichwortes gedenkend: Wie der Herr, so's
Gescherr. Und so gewinnt es den Anschein, als wäre alles Geschilderte
nur geschehen, um meine neue seidene Kutte einzuweihen, welche, wie ich
hier bemerken will, sehr akkurat gefertigt ist, und der man es nur bei
Sonnenschein ein wenig ansieht, daß sie aus zwei verschiedenen Stoffen
gefertigt ist.«

»23. März 1837. Heute, am Karsamstag, kamen die Kleriker und der Diakon
zu mir. Prochor bittet, wir sollten zu Ostern durchaus auch in die
Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuz gehen, denn es brächte ihnen zu
viel Schaden, wenn wir es unterließen. Ich gab ihnen vierzig Rubel
von meinem Gelde, weil ich mich der Schmach nicht unterziehen wollte,
vor den Türen der reichen Bauern um Almosen zu bitten. Jetzt scheint
es mir eine Torheit, daß ich mir die seidene Kutte machen ließ; ich
wäre auch ohne sie ausgekommen und hätte dann mehr für den Klerus
übriggehabt. Ich gedachte eben: Kleider machen Leute.«

»24. April. Eine Schmach ist mir widerfahren, die mich weinen und
schluchzen ließ. Ich bin erneut denunziert worden. Nochmals stand
ich vor jenem Gouvernementskanzleivorsteher und mußte mich wegen
Nichtbesuches der Altgläubigen verantworten. Mein eigener Klerus hat
mich denunziert. Wie ertrag' ich diese Niedrigkeit und Undankbarkeit!
Du Denker und Administrator! Betrachte in deinem aufgeklärten Geiste,
woraus das Leben eines russischen Popen sich zusammensetzt! Auf dem
Heimwege haderte ich die ganze Zeit mit mir selber, daß ich nicht auf
die Akademie gegangen war. Von dort wäre ich zur Klostergeistlichkeit
gegangen, wie so viele andere. Mit der Zeit wäre ich Archimandrit
geworden und Bischof. In einer Kutsche wäre ich gefahren und hätte
selber kommandiert, statt daß man mich kommandierte. Es war mir eine
boshafte Freude, mich diesen eiteln Gedanken hinzugeben; immer wieder
sah ich mich als Bischof. Aber als ich heimgekehrt war, wurde ich so
zärtlich von meiner Pfarrerin empfangen, daß ich Gott dem Herrn dankte,
der alles so gefügt hat, wie es ist.«

»25. April. In der Gouvernementsstadt haben sie mir Schmach angetan;
allein das ist nichts dagegen, wie ich heute zu Hause beschämt worden
bin. Einem Schulbuben gleich. Gestern erst schrieb ich die Memorabilien
meiner Bekümmernisse und Ärgernisse nieder. Heute stand ich früh
auf, setzte mich ans Fenster, und in Gedanken versunken schaute ich
auf das Gemüsefeld des bettelarmen Pizonskij, das sich gerade vor
meinem Fenster ausbreitet. Voriges Jahr wurde auf diesem Felde ein
schwachsinniges Mädchen, eine gewisse Nastia, die ein vorüberziehender
Soldat verführt hatte, von einem Knäblein entbunden, worauf sie sich
in den Fluß stürzte und ertrank. Pizonskij hatte dieses Kind als
Trost seines einsamen Alters zu sich genommen, und dann hatten alle
die Geschichte bald vergessen. Ich als einer der ersten ebenfalls.
Heut aber blicke ich von oben herab auf das Land dieses Pizonskij und
denke an meine Angelegenheiten, da bemerke ich, daß dieser frisch
aufgerissene, schwarze, sogar ein wenig bläuliche Erdboden ganz
ungemein lieblich anzuschauen ist, wie er so von der Morgensonne
übergossen daliegt. Die Furchen entlang schreiten hagere schwarze
Vögel und stärken ihren hungernden Leib mit frischem Gewürm. Der alte
Pizonskij selbst, den kahlen Kopf im hellsten Sonnenlicht badend, stand
auf einer Treppe vor einem auf Pfählen befestigten Treibbeet, hielt
in der einen Hand eine Schale mit Samen und legte mit der andern die
Körner in die Erde, immer kreuzweise in ganz kleinen Prisen. Und dabei
blickte er zum Himmel empor und sprach bei jedem Korn ein Wort des
Spruches: »Herr, laß wohlgelingen, wachsen und gedeihen, auf daß ein
jeder sein Teil habe, der Hungernde und der Verwaiste, der Wünschende,
der Bittende und der Fordernde, der Segnende und der Undankbare.« Kaum
hatte er zu Ende gesprochen, da schrien alle schwarzglänzenden Vögel,
die auf dem Acker umhergingen, die Hühner gackerten, der Hahn krähte
aus vollem Halse und schlug laut mit den Flügeln, und von seiner Matte
schob sich jenes Kind, das Söhnlein der Blödsinnigen, das der alte
Sonderling zu sich genommen. Es lachte hell auf in kindischer Freude,
klatschte in die Händchen und kroch lachend über den weichen Erdboden.
Es war mir wie eine Vision. Der alte Pizonskij war glückselig und sang
laut Halleluja! ... Halleluja, Herr mein Gott! -- sang auch ich still
für mich vor Entzücken, und Tränen der Rührung entströmten meinen
Augen. In diesen heilenden Tränen löste sich mein Groll und ich sah
ein, wie töricht mein Kummer gewesen war. Vermehre und laß wachsen,
Herr, deine Gaben auf dieser Erde, daß ein jeder sein Teil erhalte, der
Wünschende, der Bittende, der Fordernde und der Undankbare. ... Mir ist
ein solches Gebet in keinem gedruckten Buch vorgekommen. Gott, mein
Gott! Dieser alte Mann gedachte auch des dem Diebe zukommenden Teiles
und betete für ihn! O du mein weichherziges Rußland, wie bist du schön!«

»6. August, Christi Verklärung. Was für ein entzückendes Weib ist meine
Pfarrerin Natalia Nikolajewna! Wieder frage ich: wo, außer im heiligen
Rußland, kann es solche Frauen geben? Ich sagte ihr einmal, wie mich
die Zärtlichkeit des bettelarmen Pizonskij zu den Kindern rühre, und
gleich verstand oder erriet sie meine Gedanken und meine Sehnsucht:
sie umarmte mich und mit der Schamröte, die ihr so schön zu Gesichte
steht, sprach sie: »Warte nur, Vater Sawelij, vielleicht schenkt uns
Gott doch noch -- --« ein Kindlein wollte sie sagen. Aber ich hab' es
zu oft schon erfahren, daß diese ihre Hoffnungen sich als trügerisch
erwiesen, daher fragte ich sie gar nicht nach den Einzelheiten, -- --
und es kam auch wirklich wieder so, daß man sich nur vergeblich gefreut
hatte. Aber auch aus diesem blinden Lärm ward mir ein rührendes
Erlebnis. Heute predigte ich von der Notwendigkeit einer beständigen
inneren Wandlung, daß man Kraft gewinne, in allen Kämpfen gleich einem
starken und geschmeidigen Metall geschmiedet zu werden, und nicht dem
Ton gleichwerde, der sich plattdrücken läßt, und wenn er trocken wird,
noch die Spur des Fußes zeigt, der zuletzt auf ihn trat. Und wie ich
so redete, ließ ich mich zu einer Improvisation hinreißen und wies
das Volk auf Pizonskij hin, welcher an der Tür stand. Zwar nannte
ich nicht seinen Namen, aber ich redete von ihm als von einem, der
sich in unserer Mitte befinde, der zu uns gekommen sei nackt und bloß
und von allen Narren ob seiner Armut verspottet, der aber doch nicht
nur selbst nicht zugrunde gegangen sei, sondern auch das Größte getan
habe, was ein Mensch tun könne, da er unbefiederte Vöglein gerettet und
aufgezogen habe. Ich sprach davon, wie süß das sei, den wehrlosen Leib
der Kleinen zu wärmen und in ihre Seelen die Saat des Guten zu streuen.
Als ich das ausgesprochen hatte, fühlte ich meine Wimpern von Tränen
feucht und sah, daß auch viele von den Zuhörern ihre Augen trockneten
und jenen suchten, den meine Seele meinte, Kotin den Bettler, Kotin
den Ernährer der Waisen. Und als ich merkte, daß er nicht mehr da war,
denn er war demütig hinausgegangen, weil er meine Andeutung verstanden
hatte, da ergriff mich eine gewisse Beklemmung, daß ich ihn durch mein
Lob verwirrt hatte, und ich sprach: »Er weilt nicht mehr unter uns,
liebe Brüder! Denn er bedarf dieses meines schwachen Wortes nicht, weil
das Wort der Liebe längst schon mit dem Flammenfinger Gottes in sein
demütiges Herz geschrieben ist. Ich bitte euch,« sprach ich und neigte
mich tief, -- -- »ihr alle, die ihr hier versammelt seid, ehrenwerte
und angesehene Mitbürger, vergebt mir, daß ich in meiner Ansprache euch
keinen hochberühmten Feldherrn als Muster der Kraft und als Beispiel
zur Nachahmung hingestellt habe, sondern einen von den Geringen, und
wenn euch das ärgern sollte, so legt das meiner Armut zur Last, denn
euer sündiger Pfarrer Sawelij hat oft, wenn er auf diesen Geringen
schaute, gefühlt, daß er neben ihm kein Priester des höchsten Gottes
sei, sondern in diesem Gewande, das meine Unwürde verhüllt, nichts als
ein übertünchter Sarg. Amen.«

Ich weiß nicht, was in diesen meinen schlichten Worten, die ich ganz
~ex promptu~ gesprochen hatte, Weises und Schönes enthalten war.
Ich muß aber sagen, daß meine andächtige Gemeinde etwas dieser Art
herausgehört hatte, und als ich bei der Entlassung meine Hand den
einzelnen darreichte, fiel mehr denn eine Träne darauf. Doch das ist
noch nicht alles: das Wichtigste sollte für mich erst kommen.

Gewissermaßen als Belohnung für mein aufrichtiges Wort über das
Glück, nicht bloß für die eigenen, sondern auch für fremde Kinder
sorgen zu können, hat der Allgegenwärtige und Allwaltende auch meine
Unwürdigkeit in seine Vaterhand genommen. Er hat mir heute den ganzen
wahren Wert des Schatzes offenbar gemacht, den ich dank seiner
unermeßlichen Milde besitze. Eben komme ich mit fünf nach der Messe
geweihten Äpfeln heim, da erwartet mich an der Schwelle eine alte
gute Bekannte: meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna. Sie war während
des Schlußgesanges leise hinausgeschlichen und hatte mir daheim nach
Gewohnheit den Tee nebst einem leichten Frühstück bereitet. Nun steht
sie kerzengerade auf der Schwelle, nicht mit leeren Händen, sondern
mit einem Strauß von Wasserlilien und Gartenlevkojen. »Nun, bist du
nicht ein hinterlistiges Weib, Natalia Nikolajewna!« sage ich, der
ihr sonst nie Hinterlist vorgeworfen. Aber sie begriff, daß es im
Scherz gesagt war, umhalste mich und begann leise zu weinen. Woher
diese Tränen? -- Das ist ihr Geheimnis, allein für mich ist dieses
dein Geheimnis nicht geheimnisvoll, liebes Weib, daß du nicht weißt,
wie es seinen Gatten trösten soll, und das ihm den Trost Israels,
den kleinen Benjamin, nicht schenken darf. Ja, nur mit Wasserlilien
und Gartenlevkojen begrüßte mich an diesem Tage ihr in Liebe und
Wohlwollen weit aufgetanes Herz! In stiller Bekümmernis setzten wir
zwei Kinderlosen uns an den Teetisch, doch nicht der Tee, sondern
unsere Tränen wurden uns zum Trank; und Hand in Hand sanken wir nieder
vor dem Bilde des Heilandes und lange und heiß beteten wir zu ihm um
den Trost Israels. Natascha entdeckte mir später, daß sie gleichsam
eine Engelstimme vernommen habe, und ob ich gleich verstand, daß dieses
nur eine Frucht ihrer Phantasie gewesen, so wurden wir doch beide froh
wie die Kindlein. Ich muß aber bemerken, daß auch in dieser Stimmung
Natalia Nikolajewna mich, den rohen Mann, an Findigkeit des Geistes und
an Würde der erhabenen Gefühle weit übertraf.

»Sage mir, Vater Sawelij,« fragte sie lieblich kosend, »sage mir,
Lieber, hast du nicht irgendeinmal, ehe du mich gefunden, gegen das
Gebot der Keuschheit gesündigt?«

Eine solche Frage, muß ich gestehen, machte mich äußerst verlegen, denn
ich begriff plötzlich, warum meine unartige Gattin etwas ihr so wenig
Geziemendes erfahren wollte.

Aber mit ihrer ganzen ausgezeichneten Bescheidenheit und all jener
weiblichen Koketterie, die sie auch als Pfarrersfrau von der Natur
geerbt hat, begann sie mich mit Erinnerungen aus meiner verflossenen
Jugendzeit zu locken, und wies darauf hin, daß das, was sie angedeutet,
sehr leicht hätte geschehen können, denn ich sei damals so schmuck
gewesen, daß alle Mädchen, nicht nur aus geistlichen, sondern auch
aus weltlichen Häusern, mir nachgeseufzt hätten, als ich in die
Stadt Fatesh gekommen sei, um bei ihrem Vater um sie anzuhalten. So
erheiternd das auch war, so suchte ich doch alle ihre Zweifel über
meine Jugend zu zerstreuen, was mir auch nicht schwer fiel, denn ich
brauchte nur die reine Wahrheit zu sagen. Allein je eifriger ich sie
beruhigte, desto betrübter ward sie, und ich konnte nicht fassen,
warum meine Rechtfertigung sie gar nicht erfreute, sondern nur immer
trauriger machte, bis sie endlich sagte:

»Denke nach, Vater Sawelij, vielleicht, wenn du doch leichtsinnig
gewesen ... gibt es irgendwo noch ein Waisenkind ...«

Nun erst verstand ich, was sie klar auszusprechen sich geschämt
hatte: sie will mein illegitimes Kind ausfindig machen, das gar nicht
vorhanden ist! Welche Herzensgüte! Wie ein Stier, den die Bremse
gestochen hat, riß ich mich von meinem Platze, stürzte nach dem
Fenster und richtete meine Blicke in die himmlische Ferne hinaus,
daß nur der Himmel mich sehe, mich, den sein Weib so durch seine
Güte und Sorglichkeit beschämt hatte. Sie aber, meine Lilien- und
Levkojenfreundin, meine weiße, keusche, süß duftende Rose, mit leichten
Schritten schlich sie mir nach und legte ihre kleinen Pfötchen mir auf
die Schultern und sprach:

»Denke nach, Liebster: vielleicht ist irgendwo ein Vöglein vorhanden,
und ist es so, dann lasse uns gehen und es holen!«

Nicht nur aufsuchen will sie das Kind, -- sie hat es schon lieb,
sie bemitleidet es wie ein noch unbefiedertes Vöglein! Das ward mir
zu viel, ich biß mich in den Bart, fiel vor ihr in die Knie, neigte
mich tief zur Erde und brach in jenes Schluchzen aus, das keiner auf
Erden zu schildern vermag. Und in Wahrheit, saget mir, alle Zeiten
und Völker, -- wo außer in unserem heiligen Rußland, werden Frauen
geboren, wie diese Tugend? Wer hat sie das alles gelehrt? Wenn nicht
Du, allgütiger Gott, der Du sie deinem unwürdigen Knecht gegeben hast,
daß er Deine Größe und Deine Güte näher fühlen solle!«

Hier war im Tagebuch des Vaters Sawelij fast eine ganze Seite mit Tinte
begossen und unter dem Fleck standen die Zeilen:

»Weder will ich diesen Fleck entfernen noch eine gewisse
Ungeschicklichkeit und Monotonie des Ausdrucks, die ich in den letzten
Zeilen finde, verbessern; mag alles so bleiben, denn alles, was dieser
Augenblick mir geschenkt hat, ist mir in seiner gegenwärtigen Gestalt
teuer. Meine Pfarrerin konnte heut von ihren Schelmereien nicht lassen,
obgleich es schon auf Mitternacht geht und sie gewöhnlich um diese Zeit
schon zu schlafen pflegt. Ich aber ziehe es vor, mich in der Stille
der Nacht noch an einem passenden Buch zu erquicken, oder auch meine
Memorabilien aufzuzeichnen, und oft, wenn ich etwas geschrieben habe,
trete ich an ihr Lager und küsse die Schlafende, und wenn mich etwas
betrübt hat, so schöpfe ich aus diesem Kusse neuen Mut und neue Kraft,
und schlummere dann friedlich ein. Heut aber ist es anders gegangen.
Nach diesem Tage, der mir eine solche Menge verschiedenartigster
Empfindungen gebracht hat, war ich so in die Schilderung alles dessen,
was auf den vorhergehenden Blättern geschrieben steht, vertieft, daß
ich mein arges Weiblein gleichsam in meiner Seele selbst fühlte, und da
meine Seele sie küßte, dachte ich nicht daran, an ihr Bett zu treten
und sie zu küssen. Sie aber, die Feine und Arglistige, hatte diese
meine Unterlassung wohl bemerkt und machte sie in unglaublich eigener
Weise gut: vor einer Stunde kam sie zu mir, legte mir ein reines
Schnupftuch auf den Tisch, gab mir einen Kuß und ging dann, scheinbar
ganz ernst, zur Ruhe. Aber welch unfaßbare weibliche Schlauheit muß
ich an ihr entdecken! Wie ich so ganz ernst dasitze und schreibe, sehe
ich, daß mein Tuch sich scheinbar bewegt und auf den Boden fällt. Ich
bückte mich, legte es wieder auf den Tisch und schrieb weiter; aber das
Tuch fiel wieder auf den Boden. Ich nahm den Flüchtling und fesselte
ihn, indem ich das Tintenfaß auf ihn stellte, aber er entwich von neuem
und riß sogar das Tintenfaß mit, welches umfiel und meinen Kalender
mit diesem mächtigen Fleck zierte. Was sollte nun diese Leinwandflucht
bedeuten? Sie bedeutet, daß meine Pfarrerin eine ausgemachte Kokette
ist, und zwar eine von ganz seltener Art, denn sie kokettiert nicht
mit andern guten Leuten, sondern mit dem eigenen Ehgemahl. Sie hatte
an das Tuch, das sie mir gebracht, heimlich einen recht langen Faden
befestigt, durch die Türritze bis zu ihrem Bette gezogen, und während
sie ganz still daliegt, zupft sie scherzend an dem Faden, so daß mir
das Tuch aus der Hand gleitet. Und ich dickfelliger Kerl entdeckte dies
nur, weil bei dem letzten Fallen des Tuches hinter der Tür ein leises
fröhliches Lachen ertönte, und ich ihre nackten Füßchen stampfen hörte!«

»7. August. Die ganze vorige Nacht habe ich vor Glück nicht schlafen
können, und ich lüge nicht, wenn ich hinzufüge, daß auch Natascha an
dieser Nachtwache nicht unbeteiligt war. Wie die Verliebten vor St.
Peter auf die Sonne warten, so saßen wir im sechsten Jahr unserer Ehe
im Fenster und harrten des Sonnenaufgangs. Meine Liebste gestand mir,
daß sie oft nicht schlafe, wenn ich schreibe, und sich nur schlafend
stelle. Auch manches andere gestand sie mir noch; so, daß sie gestern
in der Kirche, als sie meiner Predigt zuhörte, die ihr ganz besonders
gefallen habe, das Gelübde abgelegt habe, zu Fuß nach Kiew zu pilgern,
sobald sie sich gesegneten Leibes fühle. Ich billigte das nicht, denn
eine solche Wanderung ist den Kräften einer Schwangeren gar nicht
angemessen; ich erlaubte ihr aber doch, das Gelübde zu erfüllen, denn
bei einer so großen Freude würde ich selbstverständlich auch mitgehen
und wenn sie ermüdet, würde ich sie tragen. Wir machten gleich einen
Versuch. Ich trug sie lange auf meinen Armen durch den Garten und
träumte, sie wäre schon guter Hoffnung und ich behütete sie, daß ihr
auf der Wanderung kein Unheil zustoße. Und so sehr gewann dieser
Sehnsuchtstraum Gewalt über mich, daß ich, als Natascha sich scherzend
auf die Schaukel setzte, welche das kleine Mädchen der Köchin sich
an einem Apfelbaum befestigt hatte, diese Schaukel herunternahm und
sie ganz hoch in den Baum warf, damit in Zukunft nichts dergleichen
geschehe, worüber Natascha sehr lachte. Allein, obgleich auch mein
Leben nicht reich ist an Dingen, die sorgfältig geheimgehalten werden
müßten, so ist es dennoch gut, daß der Wirt unseres Hauses seinen
Garten mit einem festen Zaun umgeben hat, und Gott längs diesem Zaun
die Himbeersträucher recht dicht hat wachsen lassen, denn sonst hätte
am Ende dieser oder jener gesagt, daß es keine Sünde wäre, den Popen
Sawelij einmal auch einen Hansnarr zu nennen.«

»9. August. Ich notiere eine höchst erheiternde Begebenheit, wie
meine Gattin heut mit dem Sohne des Diakon, einem Seminaristen der
Rhetorikklasse, in richtigen Streit geriet. Das war ein Kasus und eine
Komödie zugleich. Sie stritten darüber, wer der klügste Mann auf Erden
gewesen. Der Rhetor sagte: Salomo, meine Pfarrerin aber behauptet,
ich sei's, und ich muß zugeben, daß diesesmal der üppige König von
Zion einen weit weniger standhaften Advokaten fand, als ich. O, wie
hab' ich gelacht! Was nicht alles in dieser Welt passieren kann! Ich
hörte das alles aus dem Schlafzimmer, wo ich meine Nachmittagsruhe
hielt; als ich erwacht war, wagte ich die Disputation nicht mehr zu
unterbrechen, und die zwei redeten mächtig aufeinander ein. Der Rhetor,
der für die Weisheit Salomonis eintrat, berief sich auf die Worte der
Schrift, daß »Salomo weiser war, denn alle Menschen«, meine Eheliebste
aber schlug ihn mit folgendem Argument: »Was reibt Ihr mir Euer ›also‹
und ›denn‹ und ›sintemal‹ unter die Nase? All diese ›denn‹ und ›also‹
haben gar keine Bedeutung, weil das alles geschrieben wurde, bevor
der Vater Sawelij geboren war.« Jetzt mengte sich in diesen Diskurs
noch der Pfarrer von St. Nikita, Vater Zacharia Benefaktow, hinein,
der dem ganzen Streite zugehört hatte, und ihn zum Schluß brachte,
indem er meiner Gattin recht gab. Es sei richtig, sagte er, -- will
heißen, richtig in dem Sinne, daß ich damals noch nicht auf der Welt
war. So behielt ein jeder von diesen drei Kritikern recht. Ich allein,
dem alle ihre kritischen Meinungen zur Antikritik vorgelegt wurden,
blieb im Unrecht: vorerst betrübte ich meine Natascha, indem ich ihre
Meinung, ich sei der klügste von allen, verwarf, und auf ihre Frage,
wer denn klüger sei als ich, antwortete, sie selber sei es. Dem ward
verzweifelter Widerstand entgegengesetzt, wie er sich nur gegen die
Wahrheit richten kann: »Die Klugen,« -- sagte sie, -- »können über alle
Dinge urteilen, ich aber kann das gar nicht und diskutiere niemals.
Woher kommt das?« Da faßte ich sie leise an ihrem kleinen Näschen und
erwiderte: »Du mischst dich darum nicht gerne in die Diskussion, weil
du statt einer widerspenstigen Nase nur dieses kleine sanftmütige
Knöpfchen hast.« Sie verstand wohl, was ich mit diesem Scherz sagen
wollte, -- nämlich ihre Herzensmilde ins rechte Licht rücken -- und
sie suchte nun es zu widerlegen, indem sie daran erinnerte, wie sie
einmal mit der Postmeistersfrau handgemein geworden sei, um ihr ein
Dienstmädchen zu entreißen, das jene unmenschlich hart strafen wollte.«

»15. August, Mariä Himmelfahrt. Während ich mich so meiner
Gattin freute, hatte ich gar nicht bemerkt, daß meine Predigt am
Verklärungstage, von der Natascha so erbaut gewesen, auf andere
Leute anders gewirkt hatte, und daß ich eine mir höchst unerwünschte
Mißstimmung unter einigen Leuten in der Stadt hervorgerufen hatte.
Meine andächtigen Zuhörer, natürlich nicht alle, aber einige, und
unter diesen in erster Linie die Postmeisterin Timonowa, fühlen
sich gekränkt, daß ich sie durch meine Anspielung auf Pizonskij
herabgesetzt habe. Indessen, das sind alles nur Torheiten müßiger und
unkluger Geister. Nach und nach wird das an dem Selbstgefühl der hohen
Herrschaften wieder abtrocknen, wie die Wunden am Fell des Hundes.«

»3. September. Ich war in einem großen Irrtum befangen. Die
Angelegenheit ist keineswegs erledigt. Aus dem Konsistorium kam eine
Anfrage, ob ich wirklich eine Predigt mit Hinweis auf eine lebende
Person improvisiert hätte? Ach Gott, was für eine Angst hat man bei uns
vor allem Lebendigen! Nun, ich habe denn auch geantwortet, ich hätte
dieses und das gesagt. Ich meine, man wird mich dafür nicht hängen und
mir den Kopf nicht abhauen, -- und doch ist mir gegen meinen Willen
unbehaglich zumute, und meine Ruhe ist hin.«

»20. Oktober. Gewiß können sie einem den Kopf nicht abschlagen, aber
den Mund können sie einem stopfen, und das haben sie denn auch nicht
ermangelt zu tun. Am 15. September wurde ich zur Rechenschaft gezogen.
Schon diese Hast ließ wenig Gutes vermuten, denn mit dem Guten haben's
die Leute bei uns nicht eilig, am allerwenigsten die Machthaber. --
Trotzdem machte ich mich voller Mut auf den Weg. Dieser wurde zuerst
dadurch abgekühlt, daß ich 36 Tage ohne Bescheid blieb, und dann der
Befehl kam, hinfort alles, was ich zu sagen gedenke, vorerst dem Zensor
Troadij vorzulegen. Das wird niemals geschehen, lieber will ich stumm
sein wie ein Fisch. Vergib mir meinen Hochmut, Allwalter, aber ich kann
das Amt des Predigers nicht mit kalter Leidenschaftslosigkeit ausüben.
Ich fühle mitunter, wie etwas über mich kommt, wenn meine geliebte
Gabe wirken will. Dann erfaßt mich eine, ich kann wohl sagen heilige
Unruhe; meine Seele bebt und glüht und die Worte fallen wie feurige
Kohlen von meinen Lippen. Nein, dann trägt meine Seele ihr eigenes
Zensurgesetz in sich! ... Und sie verlangen, ich soll an Stelle der
lebendigen Rede, die vom Herzen zum Herzen geht, rhetorische Übungen
hervorbringen!

Nein! lieber mögt ihr euch schließen, ihr Lippen, die ihr nicht zu
schmeicheln wißt, lieber sollst du schweigen, mein schlichtes Wort!
Gezwungen predigen mag ich nicht.«

»23. November. Ich kann wahrhaftig nicht behaupten, daß mein Leben
aller Abwechslung entbehrt. Im Gegenteil, es geht alles bunt
durcheinander, so daß die Spannung keinen Augenblick nachläßt. Achtzehn
Werst von unserer Stadt, in dem großen Kirchdorf Plodomasowo, lebt die
Besitzerin dieses Dorfes, die Bojarin Marfa Andrejewna Plodomasowa.
Dieser Knüppel ist von so altem Holz, daß man schon längst keinerlei
Lebenszeichen an ihm bemerkt hat; man weiß nur aus alten Erinnerungen,
daß sie eine Frau von nicht geringem Geiste war. An die zwanzig Jahre
schon kann kein Fernerstehender sich rühmen, die Bojarin Plodomasowa
gesehen zu haben.

Vorgestern, kurz vor zwölf Uhr mittags, war ich unsagbar erstaunt, als
ich eine große herrschaftliche Droschke, mit drei Füchsen bespannt,
vor meinem Hause vorfahren sah. Im Wagen saß ein absonderlich kleines
Männlein, in einer haarigen Filzmütze mit langem Schirm und in einem
braunen Mantel, den eine Menge übereinanderliegender Kapuzen und
Pelerinen zierten.

Was, dachte ich, kann das für eine seltsame Person sein, und kommt
sie auch wirklich zu mir oder hat sie nur irrtümlicherweise den Weg
zu mir genommen? Diese meine Zweifel wurden aber sehr bald durch jene
geheimnisvolle Person selbst gelöst, die in mein Wohnzimmer trat, mit
jenem überaus feinen Anstand, welcher mir stets so wohlgefiel. Vorerst
bat der Gast um meinen Segen, dann machte er mit seinem ausnehmend
kleinen Füßchen einen Kratzfuß, trat mit einer Verbeugung zwei Schritte
zurück und sprach:

»Meine Herrin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, haben mir einen Gruß an
Euch aufgetragen, Vater Sawelij, und bitten Euch, alsbald mit mir zu
ihr zu kommen.«

»Darf ich nun meinerseits,« sprach ich, »erfahren, mein Herr, aus
wessen Munde ich das alles höre?«

»Ich bin,« erwiderte der Kleine, »ein Leibeigener Ihrer Exzellenz, der
gnädigen Frau Marfa Andrejewna, und nenne mich Nikolai Afanasjew.«

Nachdem dieses winzige Persönchen sich mir so vorgestellt hatte,
erinnerte es mich nochmals daran, daß seine Herrin mich erwarte.

Während ich mich im Nebenzimmer ankleidete, knüpfte dieser interessante
Zwerg eine Unterhaltung mit Natalia Nikolajewna an und brachte sie
durch seine Reden in helles Entzücken. Und wahrlich, es liegt in den
Worten und in der ganzen Redeweise dieses winzigen Greises etwas
unaussprechlich Liebliches. Dazu kommt noch sein feiner Anstand
und eine große Freundlichkeit. Dem Dienstmädchen, das ihm ein Glas
Wasser brachte, legte er einen Zwanziger auf das Tablett, und als sie
zögerte, das Geld zu nehmen, wurde er selbst verlegen und sagte: »Nein,
meine Beste, tun Sie das mir nicht an, es ist das nun mal so meine
Gewohnheit.« Und als meine Pfarrerin zu mir hinausgegangen war, um mir
die Haare zu salben, nahm er das schmutzige Mädelchen der Köchin, das
der Mutter nachgelaufen war, bei der Hand und sagte: »Hör mal, wie die
Entchen da unten am Flusse schwatzen. Die Ente, die feine Dame, sagt
zum Enterich, dem Kavalier: Kauf mir 'ne Kappe, kauf mir 'ne Kappe!
-- und der Enterich antwortet: Hab schon, hab schon, hab schon!« Das
Kind lachte laut, und auch ich konnte mich bei dieser Auslegung des
Entengeschnatters eines Lächelns nicht erwehren. Dessen hätte sich auch
der Herr Lafontaine oder unser Iwan Krylow nicht zu schämen brauchen.

Die Fahrt verlief mir im Gespräch mit diesem wunderbaren Zwerge so
schnell, daß ich kaum etwas vom Wege sah. So viel Verstand, Reinheit
und Gesundheit fand ich in allen seinen Reden.

Nun aber kommt die Hauptsache: die Stunde der Begegnung mit der
einsamen Bojarin nahte.

Es wundert mich nicht wenig, daß ich in der Erwartung, obschon ich
von Natur keineswegs schüchtern bin, doch so etwas wie eine kleine
Verzagtheit verspürte. Nikolai Afanasjewitsch führte mich durch eine
Reihe Gemächer, deren Prunk und äußerste Sauberkeit mich staunen
machten, und blieb endlich in einem runden Zimmer mit zwei Reihen
Fenstern stehen, deren Wölbungen mit bunten Scheiben geziert waren.
Hier fanden wir eine alte Frau, die nur um ein Geringes größer war als
Nikolai. Als wir eintraten, stand sie da und drehte den Griff einer
großen Orgel. Fast hätte ich sie für die Herrin selbst gehalten und
ihr eine Verbeugung gemacht. Aber als sie uns erblickte, -- dank der
weichen Teppiche, die in allen Gemächern den Fußboden bedeckten, waren
wir unhörbar eingetreten -- verstummte sofort ihre Musik, und mit
einer etwas tierischen Hast eilte sie in den Nebenraum, dessen Eingang
ein großer Vorhang aus weißem Atlasstoff schloß, der mit allerlei
chinesischen Figürlein in farbiger Seide bestickt war.

Diese Frauensperson, welche mit solcher Hast hinter dem Vorhang
verschwand, war, wie ich später erfuhr, die leibliche Schwester
des Nikolai und ebenfalls eine Zwergin. Es fehlte ihr aber die
Liebenswürdigkeit, die aus der ganzen äußern Erscheinung ihres sanften
Bruders sprach.

Nikolai folgte seiner Schwester hinter den Vorhang, nachdem er mich
gebeten hatte, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Während der halben
Stunde, welche ich warten mußte, empfand ich eine gewisse Bitterkeit im
Munde, die mir noch aus meiner Kindheit, von den Schulprüfungen her, so
gut im Gedächtnis geblieben war. Aber auch das nahm ein Ende. Hinter
dem Vorhang vernahm ich die Worte: »Nun zeig mir mal den klugen Popen,
der, wie ich höre, gewohnt ist, die Wahrheit zu reden.«

Wie auf den Wink eines Zauberers, an unsichtbaren Schnüren gezogen,
teilte sich der Vorhang plötzlich, und die Bojarin Plodomasowa
stand vor mir. Ihre Stimme, die ich zuvor gehört hatte, widerlegte
schon meine Meinung von ihrer Hinfälligkeit, und ihre Erscheinung
tat es noch mehr. In einer Fülle der Kraft, die, schien es, nie
versiegen konnte, stand die Bojarin vor mir. Von Wuchs nicht groß
und auch nicht besonders üppig, scheint sie gleichsam über allem
zu herrschen. Auf ihrem Antlitz liegt der Ausdruck einer großen
Strenge und Wahrhaftigkeit, und, nach den Zügen zu schließen, muß es
einstmals sehr schön gewesen sein. Ihr Gewand ist seltsam und zu der
heutigen Zeit wenig passend, ein Halbrock aus hellem Tuch, darunter
ein Sammetrock, grell orangegelb, und gelbe Stiefelchen auf hohen
silbernen Absätzen. Um den Kopf windet sich mehrfach, wie bei einer
Türkin, ein großer brauner Schal. In der Hand hält sie einen Stock mit
einem Amethyst-Knopf. Zu ihrer Rechten stand Nikolai Afanasjewitsch,
zur Linken Maria Afanasjewna, hinter ihr der Pfarrer der Dorfkirche,
Vater Alexei, ein entlassener Leibeigener, der auf ihre Anordnung zum
Priester geweiht worden war.

»Guten Tag,« sagte sie, ohne den Kopf auch nur im geringsten zu senken.
»Es freut mich, daß ich dich zu sehen bekomme.«

Ich erwiderte ihren Gruß mit einer Verbeugung, welche recht ungeschickt
war, glaube ich.

»Komm her und segne mich,« sagte sie.

Ich trat zu ihr und segnete sie. Sie ergriff meine Hand, um sie zu
küssen, was ich auf jede Weise zu verhindern suchte.

»Zieh deine Hand nicht weg,« sagte sie, als sie es bemerkte. »Ich
huldige nicht dir, sondern deinem Amte. Setze dich jetzt, und wir
wollen ein wenig miteinander bekannt werden.«

Wir setzten uns, -- das heißt sie, ich und der Vater Alexei. Die Zwerge
stellten sich zu beiden Seiten der Herrin auf.

»Vater Alexei hat mir gesagt, dir sei die Gabe der Rede und ein klarer
Verstand verliehen. Er selber versteht nichts davon, er hat's aber wohl
von den Leuten gehört. Ich habe lange schon keine klugen Leute gesehen,
und da wollt' ich dich einmal zu meiner Zerstreuung anschauen. Sei mir
alten Frau deswegen nicht böse.«

»Man hat dich hergeschickt,« fuhr sie fort, »die Altgläubigen zu
bekehren?«

»Ja,« erwiderte ich, »mit meiner Ernennung hierher war auch diese
Absicht verbunden.«

»Ich meine,« sagte sie, »es ist ein nutzloses Unterfangen. Den Dummen
belehren und den Toten kurieren zu wollen ist eins des andern wert.«

Ich weiß nicht mehr, in was für Worte ich meine Antwort, daß ich nicht
alle Altgläubigen für dumm halte, kleidete.

»Nun, wenn du sie für so klug hältst, -- wie viele hast du schon auf
den rechten Weg geleitet?«

»Noch kann ich mich keiner Erfolge rühmen,« entgegnete ich, »aber das
hat seine Gründe.«

Sie: »Was für Gründe meinst du?«

Ich: »Man behandelt sie nicht in der entsprechenden Weise, und das Übel
wächst infolge des Wankelmuts, den sie in der orthodoxen Gemeinde und
auch bei der Geistlichkeit selbst beobachten.«

Sie: »Du sagst ›Übel‹. Was ist denn an ihnen so Übels? Harmlose Narren
vor dem Herrn sind sie, deren ganze Sünde darin besteht, daß sie zuviel
Bücher gelesen haben.«

Ich: »Allein, der rechtgläubige Altar leidet unter solcher Spaltung.«

Sie: »Ihr solltet diesem Altar treuer dienen und ihn nicht zum
Kramladen machen, dann würde keiner von euch abfallen. Ihr handelt ja
aber alle mit dem Heil, wie andere Leute mit Tuch.«

Ich schwieg.

Sie: »Bist du verheiratet oder Witwer?«

Ich: »Verheiratet.«

Sie: »Nun, wenn Gott dich mit Kindern segnet, dann nimm mich zur
Taufpatin. Ich tu's gerne. Selber komm ich nicht zur Taufe, ich schicke
meine Zwergin. Aber wenn du das Kind hierherbringst, will ich's selber
halten.«

Ich dankte und fragte sie:

»Eure Exzellenz haben Kinder wohl gerne?«

»Welcher gescheite Mensch hat sie denn nicht lieb? Ihrer ist das Reich
Gottes.«

»Exzellenz leben schon lange allein?«

Sie: »Ganz allein, sehr, sehr lange schon.« Und sie seufzte.

Ich: »Die Einsamkeit ist oft sehr schwer zu tragen.«

Sie: »Bist du denn nicht einsam?«

Ich: »Wie kann ich einsam sein, wenn ich eine Frau habe?«

Sie: »Ja, versteht denn deine Frau alles, was dich, als Mann von
Verstand, quälen und betrüben kann?«

Ich: »Meine Frau macht mich glücklich und ich liebe sie.«

Sie: »Du liebst sie? Ja, aber du liebst sie mit dem Herzen, und mit den
Gedanken deiner Seele bist du doch einsam. Bedaure mich nicht, daß ich
so einsam bin: jeder, der in seinem Hause über die Nase seines Bruders
hinaussieht, ist einsam mitten unter den Seinigen. Ich habe auch einen
Sohn, aber es sind bald drei Jahre, daß ich ihn nicht mehr gesehen
habe. Es ist ihm wohl zu langweilig in meiner Gesellschaft.«

Ich: »Wo befindet sich Ihr Herr Sohn?«

Sie: »In Polen. Er ist Regimentskommandeur.«

Ich: »Es ist ein ruhmvolles Werk, die Feinde des Vaterlandes zu
bezwingen.«

Sie: »Ich weiß nicht, wieviel Ruhm uns das bringt, daß wir uns mit
diesen Polacken immer noch herumschlagen. Meiner Ansicht nach zeugt das
nur von unserer Schlamperei.«

Ich: »Wir werden schon fertig, die Zeit kommt noch.«

Sie: »Die kommt nie, weil sie schon vorüber ist. Wir haben immer so
dagestanden wie die Schnepfe im Sumpf: der Schnabel ist zu lang, und
der Schwanz ist zu lang. Ziehn wir den Schnabel raus, bleibt der
Schwanz stecken; ziehn wir den Schwanz raus, steckt der Schnabel
drin. Wir schaukeln hin und her, daß alle Narren ihre Freude dran
haben: einmal kommen wir den Polen mit der Knute, und das andere Mal
küssen wir ihren schlauen Polinnen die Händchen. Es ist eine Sünde und
Schande, die Leute so zu verderben.«

»Und doch,« sagte ich, »hält unsere Armee die Polen im Zaum, daß sie
uns keinen Schaden zufügen können.«

»Niemanden hält sie im Zaum,« antwortete sie, »und diese Polen wären
uns gar nicht gefährlich, wenn wir uns gegenseitig nicht fressen
wollten.«

»Dieses Urteil Eurer Exzellenz,« meinte ich, »scheint mir doch etwas zu
schroff.«

Sie: »Die Wahrheit ist nie zu schroff.«

»Sie erinnern sich doch gewiß noch des Jahres 1812,« bemerkte ich, »was
für eine Einmütigkeit zeigte Rußland damals!«

Sie: »Jawohl, ich erinnere mich sehr gut: ich selbst habe aus diesem
Fenster zugesehen, wie unsere Kosaken meine Bauern prügelten und meine
Speicher plünderten.«

»Nun,« sagte ich, »so etwas kann ja vorgekommen sein, ich will die
Kosaken keineswegs verteidigen, aber wir haben uns trotz allem
heldenmütig behauptet gegen den Mann, vor dem ganz Europa im Staube
lag.«

Sie: »Ganz recht, weil der liebe Gott und der Frost uns zu Hilfe kamen,
haben wir uns behauptet.«

Dieses ebenso verächtliche als ungerechte Urteil machte auf mich einen
so unangenehmen Eindruck, daß ich, ohne mein Unbehagen zu verbergen,
erwiderte:

»Glauben Exzellenz im Ernst, daß in Rußland einzig der Zufall regiert?
Einmal mag's Zufall sein und noch einmal Zufall, aber beim dritten Male
lassen Sie doch auch die Weisheit und den Heldenmut der Führer des
Volkes gelten.«

»Alles ist Zufall, mein Bester, und in allem, was mit diesem Reiche
geschieht, sehe ich neben dem Willen Gottes bisher nichts als
Zufälligkeiten. Hätten deine Altgläubigen den langen Peter umgebracht,
so säßen wir heute noch auf unserm vielgerühmten Grund und Boden nicht
als mächtiger Staat, sondern als so was, wie die Bulgaren in der
Türkei, und würden diesen selben Polen die Hände küssen. Eins nur
gereicht uns zum Lobe: daß unser so viele sind. Es dauert lang, bis
wir einander aufgefressen haben. Das ist uns eine gute Gewähr für die
Zukunft.«

»Das ist traurig,« sagte ich.

»Laß dich's nicht bekümmern. Andere Länder bauen auf ihren Ruhm,
unseres wird auch durch Schimpf stark. Aber nun haben wir genug
geredet, ich bin schon müde geworden. Leb wohl. Und wenn was Schlimmes
passiert, komm nur zu mir und beklage dich. Sieh nicht darauf, daß ich
solch ein verschrumpfter Pilz bin. Der Pilz steht zwar im Wald, aber
man weiß auch in der Stadt von ihm. Und wenn sie über dich herfallen,
so freue dich drüber; wärst du ein Kriecher oder ein Dummkopf, so täten
sie es nicht, sondern würden dich loben und den andern als Beispiel
hinstellen.«

Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich zur Zwergin, welche während
unseres ganzen Gespräches ein Paket in der Hand hielt, ließ es sich
geben, reichte es mir und sagte:

»Bring das in meinem Namen deiner Pfarrerin, es sind Korallen, die ich
früher getragen, zwei Stück Stoff zu Kleidern, und Leinwand für den
Hausgebrauch. Und für dich hab' ich hier einen Rubinring.«

Dieses Geschenk machte mich bei aller schlichten Herzlichkeit,
mit der es überreicht wurde, doch etwas verlegen, und während ich
die Korallenketten, die Seidenstoffe und den hell leuchtenden
Rubin betrachtete, sagte ich: »Exzellenz, ich bin Ihnen für diese
schmeichelhafte Aufmerksamkeit sehr dankbar. Die Sachen sind aber so
prächtig, und meine Gattin ist eine ganz schlichte Frau ...«

»Nun,« unterbrach sie mich, »um so besser, wenn du eine einfache Frau
hast; wo der Mann und die Frau alle beide die Hosen anhaben, da kommt
nichts Gescheites heraus. Es ist immer das beste, wenn die Frau ihren
Weiberrock anbehält, -- also mag sie sich aus dem da ein paar Röcke
nähen.«

Hiermit war unser Gespräch beendet und ich muß gestehen, diese Frau
erfüllte mich mit großer Bewunderung. Was mich aber am meisten wundert,
das ist meine Unsicherheit ihr gegenüber. Woher kam es, daß mir die
Zunge am Gaumen kleben blieb, als wenn ich etwas zu fürchten hätte?
Und wenn ich dann zu reden versuchte, so kam alles so armselig heraus.
Sie aber lenkte das Gespräch ganz nach ihrer Laune, und gab ich mir
Mühe, recht klug zu scheinen, damit ihre Enttäuschung nicht gar so
groß sei, so achtete sie gar nicht darauf. Ihre Worte kamen scheinbar
ganz unvorbereitet, sie schien's auf eine Prüfung meines Verstandes
nicht abgesehen zu haben, -- und doch kann ich sie nicht vergessen!
Worin liegt diese ihre Gewalt? Ich glaube, in jener feinen Weltbildung,
welche unsere geistlichen Erzieher verachten, ohne zu bedenken, daß
sie uns dadurch der so sehr notwendigen Findigkeit und Gewandtheit im
Verkehr mit Menschen der großen Welt berauben.

Aber dieser Tag sollte damit noch nicht schließen. Es kam noch ein
seltsames Erlebnis. Kaum hatte ich mich an der Freude meiner biedern
Natascha über die Geschenke geweidet, da packte auch dieser ehrenwerte
Zwerg Nikolai Afanasjewitsch seine Gaben aus. Zuerst überreichte
er mir ein Paar gestrickte baumwollene Hosenträger, weiß mit roter
Borte, und meiner Gattin ein Kopftüchlein aus zarter Kaninchenwolle.
Während ich noch über die Seltsamkeit dieser neuen unerwarteten Gaben
staunte, entnahm er seiner Tasche ein Paar wollener Strümpfe für unsere
Dienstmagd Axinia, die eben den Samowar brachte. »Was ist denn das für
ein Schenktag!« rief ich unwillkürlich aus, und wagte nicht, den Geber
durch eine Ablehnung zu kränken. Er antwortete mir, es seien alles
Arbeiten seiner eigenen Hand. »Da ich, dank meiner Wohltäterin, nicht
zu arbeiten brauche und nichts anderes gelernt habe, so beschäftige
ich mich immer mit Stricken, um nicht müßig zu sein und die Freude zu
haben, diesem und jenem etwas von meinen Erzeugnissen zu schenken.«
Diese Herzenseinfalt gefiel mir so, daß ich den kleinen Mann umarmte
und ihn mit Küssen fast erstickte.

Werde ich meinen heutigen Bericht überhaupt je zu Ende bringen? Mit
dem Weggang des Dieners der Bojarin Plodomasowa nahmen die Wunder des
Tages immer noch kein Ende; denn als Axinia die Türe des Vorzimmers
für die Nacht schließen wollte, entdeckte sie, daß am Kleiderständer
etwas hing, was nicht uns zu gehören schien, und als Natascha und ich
auf ihren Ruf hinauskamen, fanden wir: erstens einen dunkelbraunen
Leibrock aus französischem ~Gras-de-Naples~-Stoff, zweitens einen
reichgestickten Kammgarn-Gürtel mit purpurroten Bändern, drittens eine
Kutte aus kostbarem, grünem, unzerschnittenem Sammet, und viertens, in
ein langes Stück Kaliko gewickelt, ein vollständiges Meßgewand.

Wir waren alle ganz verblüfft über diesen Fund und wußten nicht,
wie wir uns seine Herkunft erklären sollten. Da bemerkte Axinia als
erste ein Kärtchen am Knopf des Kragens der Kutte befestigt, auf dem
mit runder Schrift, sozusagen ägyptischen Stils, geschrieben stand:
»Gedenke, mein Freund Vater Sawelij, in deinen Gebeten der Magd Gottes
Marfa.« Wir wußten uns vor Erstaunen nicht zu lassen, aber was war
zu tun? Indem wir das neue Meßgewand auf dem Tisch ausbreiteten,
erlebten wir eine neue Überraschung. Als Natascha das Schultertuch
auseinanderfaltet, fällt ein versiegeltes Kuvert mit meiner Adresse
heraus, welches fünfhundert Rubel und einen winzigkleinen Zettel
enthält, auf dem von derselben Hand geschrieben steht: »Damit das Los
deiner Familie im Fall eines Unglücks dich nicht beunruhige, wenn du
vor dem Altar stehst, kaufe dir eine Kate und pflanze Kürbisse an. Dann
wirst du ungestörter an den Ausbau des Gottesreiches denken können.«

Wofür wird mir das zuteil? Warum denkt sie nicht so, wie der
Konsistorialsekretär und der Schließer, daß es leichter sei, am Reiche
Gottes zu bauen, wenn man nichts habe, auf dem man sein Haupt hinlege?

Nun ist auch der Pope Sawelij nicht mehr heimatlos! Jetzt soll auch
er sein Hüttlein haben. Aber ach! Es muß gesagt werden, dem Zufall
verdankt er das!«

»6. Dezember. Gestern brachte ich das von der Gutsherrin geschenkte
Meßgewand in die Sakristei und heute amtierte ich darin. Es paßt
mir ausgezeichnet. Sonst, wenn ich die Gewänder meines verstorbenen
Vorgängers anlegen mußte, der von sehr kleiner Statur war, erschien ich
langer Kerl nicht in aller Herrlichkeit der Kirche, sondern sah aus wie
ein Sperling, dem man die Schwanzfedern ausgezupft hatte.«

»9. Dezember. Sonderbar! Der Propst zieht mir ein schiefes Gesicht,
aber da ich mir keiner Schuld ihm gegenüber bewußt bin, bin ich ganz
ruhig.«

»12. Dezember. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen mir und dem
Propst. Weswegen? Wegen des Plodomasowschen Meßgewandes: es sei nicht
in der vorschriftsmäßigen Weise nach der Kirche geschaffen worden, --
und dann fügte er noch hinzu, es »gingen allerlei Gerüchte, daß Ihr
noch etwas von ihr erhalten hättet«. Soll das etwa heißen, daß ich
nicht alles, was der Kirche zukommt, abgeliefert habe, sondern etwas
davon gestohlen habe?«

»1. Januar. Segne das neue Jahr mit deiner Gnade, Herr, und den Popen
Sawelij zu seiner neuen Fahrt in die Gouvernementsstadt. Ich glaube,
daß vor diesen Widersachern auch kein Weihwasser schützt.«

»20. Januar. Diese Zeilen schreibe ich in der schmutzigsten Kammer
des bischöflichen Hofes, im Seminarflügel. Dem Gouverneur ist
mitgeteilt worden, daß mein Subdiakon Lukian den Schismatikern eines
ihrer alten Psalmenbücher zurückgegeben hat, welches mit den andern
bei der Aufhebung der Dejewschen Kapelle konfiszierten Büchern bei
mir in Verwahrung war. Die Begebenheit ist wahr, ich hatte sie aber
verheimlicht, erstens weil sie mir unwichtig dünkte, zweitens, weil ich
den wahren Grund kannte: die Armut, die den Subdiakon Lukian soweit
gebracht hatte. Aber diese Bagatelle wird mir nun als furchtbares
Verbrechen angerechnet, ich bin unter Aufsicht gestellt und in die
Seminarbrauerei geschickt worden, um Kwas zu brauen.«

»9. April. Ich habe meine Zeit abgebüßt und bin zum häuslichen Herde
zurückgekehrt. Tief rührten mich die Tränen meiner Frau, die sich
bitter um mich gehärmt hat, aber noch mehr rührten mich die Tränen der
Frau des Subdiakon Lukian. Von sich schwieg die gute Frau ganz und
dankte nur mir, daß ich für ihren Mann gelitten. Den Lukian selbst hat
man in ein entferntes Kloster verbannt, allerdings nur für ein Jahr.
Die Frist ist so kurz, daß die Seinen nicht umzukommen brauchen, auch
wenn sie nichts zu essen bekommen. Sie kommen so dem lieben Gott näher,
wie die Herrn im Konsistorium behaupten.«

»20. April. Der liebenswürdige Zwerg war wieder hier und teilte mir
mit, Marfa Andrejewna hätte angeordnet, daß ich alljährlich dreimal --
zu St. Nikolai im Sommer, im Winter und zu Epiphanias -- aufgefordert
werde, in der Kirche von Plodomasowo die Messe zu zelebrieren, wofür
mir durch den Verwalter ein Gehalt von 150 Rubel, also 50 Rubel für
jede Messe, abgezahlt werden solle. O diese Zufälle! Weiß Gott, ich
werde bald anfangen, sie zu fürchten.«

»15. August. Der Glöckner Jewticheitsch ist aus der Gouvernementsstadt
zurückgekehrt und hat erzählt, zwischen dem Bischof und dem Gouverneur
sei ein Zwist wegen einer gegenseitigen Visite ausgebrochen.«

»2. Oktober. Das Gerücht vom Visitenstreit bestätigt sich. Der
Gouverneur hat, wenn er an Staatsfeiertagen dem Gottesdienst im Dom
beiwohnt, die Gewohnheit, sich dabei laut zu unterhalten. Da beschloß
der Bischof, ihm dies abzugewöhnen und schickte seinen Stabträger zu
seiner Exzellenz mit der Bitte, dieselben wollten sich doch anständiger
betragen. Der Gouverneur nahm die Botschaft mit sehr hochfahrender
Miene entgegen und fing nach kurzer Zeit wieder an, laut mit dem
Gendarmenoberst zu sprechen. Diesmal aber unterbrach der Bischof die
Liturgie und sagte vernehmlich: »Gut, Exzellenz, ich werde warten. Wenn
Sie fertig sind, fahre ich fort.« Ich kann diese Handlungsweise des
Bischofs nur billigen.«

»8. November. Ich habe das Epigonation erhalten. Ich weiß nicht, wie
ich zu dieser Auszeichnung komme. Soll ich es etwa dem Visitenstreit
zuschreiben und dem Umstande, daß der Gouverneur mir nicht grün ist?«

»6. Januar 1837. Wieder eine Neuigkeit! Der Bischof hat zu Neujahr die
Tochter des Gouverneurs zurückgewiesen, als sie in Handschuhen zu ihm
hintrat, um den Segen zu empfangen. »Zieh erst das Hundefell von deiner
Hand,« sagte er ihr.«

»17. März. Der Oberpfarrer von der Epiphaniaskirche kam nachts mit
dem Venerabile von einem Kranken und wurde von einer Patrouille auf
die Polizeiwache gebracht, -- angeblich weil er betrunken war. Am
nächsten Tage machte ihm der Bischof einen Besuch im vollen Ornat. O
du polackischer Kanzleivorsteher, dieses Stücklein kann dir teuer zu
stehen kommen!«

»18. Mai. Der Bischof ist in eine andere Diözese versetzt worden.«

»16. August. Ich war beim neuen Bischof. Er scheint ein verständiger
und charakterfester Mann zu sein. Wir sprachen über die Lage der
Geistlichkeit und er befahl mir, einen Bericht darüber aufzusetzen. Er
sagte, ich wäre ihm von seinem Vorgänger aufs beste empfohlen worden.
Dank dir, armer, schmählich geschlagener Alter, für dein gutes Wort!«

»25. Dezember. Ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, wozu ich
geboren und berufen bin. Meine Pfarrerin macht mir Vorwürfe, daß ich
sogar am heutigen Weihnachtstage arbeite, aber es gibt für mich kein
schöneres Vergnügen als diese Arbeit. Ich schreibe meinen Bericht über
die Lage der Geistlichkeit mit einer Freude und einer Liebe, die ich
gar nicht auszudrücken vermag. Betitelt habe ich die Schrift: »Über die
Lage der orthodoxen Geistlichkeit und über die Mittel, durch welche sie
zum Nutzen der Kirche und des Staates gebessert werden könnte.« Ich
glaube, es ist gut so. Nie noch habe ich mich so glücklich und so stolz
gefühlt, so gütig und so reich an Kraft und Verstand.«

»1. April. Mein Bericht ist dem Bischof eingereicht. Meine Pfarrerin
meinte, ich hätte es heute nicht tun sollen; denn der erste April sei
ein trügerischer Tag. Wollen sehen.«

»10. August. Ich bin Oberpfarrer geworden.«

»4. Januar 1839. Heute kam ein Schreiben aus dem Konsistorium und mein
ahnungsvolles Herz schlug freudig, -- aber es bezog sich nicht auf
meinen Bericht, sondern meldete nur, daß mir das Brustkreuz verliehen
sei. Vielen, vielen Dank. Aber das Schicksal meines Berichts bekümmert
mich doch.«

»8. April. Ich bin zum Propst ernannt. Von meinem Bericht ist immer
noch nichts zu hören. Ich weiß nicht, wie man diese Posaunen zum Tönen
bringen soll.«

»10. April 1840. Nun bin ich schon ein Jahr Propst. Von meinem Bericht
ist immer noch nichts zu vernehmen. Der Aberglaube der Pfarrerin ist
doch nicht so unvernünftig. Heute machte sie mich wieder lachen: sie
meinte, ich hätte meine Sache vielleicht sehr gut geschrieben, aber
nicht richtig unterschrieben.«

»20. Juni 1841. Ich ging trocken mitten durch das Meer und ward
gerettet von der Ägypter Bosheit, darum will ich lobsingen dem
Herrn, solange ich lebe ... Was hat sich mit mir begeben? Was habe
ich erdulden müssen und wie bin ich nach alledem wieder an Gottes
Tageslicht gekommen? Neugierig bin ich, was du wohl tun magst, du
Dichter von Fabeln, Balladen, Erzählungen und Romanen, wenn du in
dem Leben, das dich umgibt, keine Fäden zu entdecken behauptest, die
es wert wären, in deine vergnüglich zu lesende Fabel geflochten zu
werden? Oder kümmert dich, der du der Menschen Sitten zu bessern dich
vermissest, jenes wirkliche Leben gar nicht, das die Erdenmenschen
leben, sondern suchest du nur nach einem Vorwand zu leerem Geschwätz?
Ist dir bekannt, was für ein Leben ein russischer Pope führt; dieser
»unnütze Mensch«, den man deiner Meinung nach vielleicht unnötigerweise
herbeirief, deinen Eintritt ins Leben zu begrüßen, und den man abermals
-- auch wider deinen Willen -- rufen wird, daß er dich zum Grabe
geleite? Weißt du, daß das elende Leben dieses Popen nicht arm ist,
sondern überreich an Nöten und Abenteuern, -- oder meinst du, daß
seinem Weihrauchherzen edle Leidenschaften fremd sind und daß es keine
Schmerzen empfindet? Oder willst du von deiner Dichterhöhe mich, den
Popen, deiner Aufmerksamkeit überhaupt nicht würdigen? Oder wähnst du,
meine Zeit sei schon vorbei, und das Land, das dich und mich geboren
und aufgezogen, brauche mich nicht mehr? O du Blinder, sage ich, wenn
du das erste denkst; o du Narr, sage ich, wenn du das zweite denkst und
dich bemühst, nicht mich aufzurichten und zu beleben, sondern einen
Stein auf mich zu wälzen und des Erstickenden zu spotten.

Aber ich wende mich vom Philosophieren zu jener Begebenheit, die mich
philosophieren gemacht hat.

Ich bin nicht mehr Propst und hätte fast auch mein Priesteramt
verloren. Wofür? Dafür! Ich will die ganze Geschichte ausführlich
erzählen. Im März dieses Jahres besuchte der Gouverneur auf der
Durchreise unsere Stadt, aus welchem Anlaß der Adelsmarschall ein Fest
gab. Ich benutzte diese Gelegenheit, um mich beim Gouverneur über
die Gutsherren zu beschweren, welche ihre Bauern mit Arbeiten auch
an Sonntagen und sogar an den zwölf großen Festtagen überhäufen, so
daß das arme Volk noch ärmer wird, denn in vielen Dörfern ist jetzt
weder Roggen noch Hafer zu finden. ... Kaum aber hatte ich dieses Wort
»Hafer« ausgesprochen, als der hohe Herr in heftigen Zorn geriet, von
mir abrückte, als wäre ich ein giftiges Tier, und schrie: »Was kommt
Ihr mir mit Eurem Hafer auf den Hals?« Und dann ging es los: ich bin
dies und das und jenes, -- und zuletzt: »Ich bin doch nicht der heilige
Nikolaus, ich handle nicht mit Hafer!« Das konnte ich nicht dulden und
erwiderte: »Ich muß Eure Exzellenz, als eine mit den Glaubenslehren
wenig bekannte Persönlichkeit, vor allem darauf aufmerksam machen, daß
St. Nikolaus Bischof war und keinerlei Handel trieb. Ferner aber müßten
Sie wissen, daß unser rechtgläubiges Volk der Priester und Diakonen
bedarf, denn das ist bisher das Einzige, was wir noch nicht von den
Deutschen übernommen haben.« Der Gouverneur lachte boshaft und sagte:
»Nur keine Furcht, Herr Pfarrer, wenn der Pfuhl erst da ist, kommen
die Teufel von selbst.« Diese letzte Rede war für mich bitterer als
die erste. Wer sind diese Teufel, und was meint dein Schandmaul mit
dem Pfuhl? So dachte ich im Zorne und konnte nicht stillschweigen,
sondern sagte zu dem Herrn, daß ich aus Achtung vor meinem Amte ihn
auch diesmal nicht als Teufel bezeichnen wolle. Und was war die Folge?
Heute bin ich Propst +gewesen+, und ich danke dir, Herr, mein Gott, daß
ich nicht auch des Priesteramtes beraubt und exkommuniziert bin. Nein,
solche Dinge mögt ihr modernen Geschichtenschreiber nicht behandeln.
Ihr denkt nicht daran, den Leuten zu erzählen, wie schwer mir ums Herz
ist.«

»3. September. Das Herbstwetter stimmt mich unsagbar trübe. Ich war
gewohnt, immer in Tätigkeit zu sein, und nun quält mich das Nichtstun.
Ich treibe die Torheit schon so weit, daß ich oft insgeheim, wenn meine
Gattin es nicht sehen kann, still für mich weine.«

»27. Januar 1842. Ich habe mir bei einem Juden für sieben Rubel eine
Spieldose und ein Damespiel gekauft.«

»18. Mai. Ich habe mir einen Zeisig angeschafft und lehre ihn zur
Spieldose singen.«

»2. März 1845. Drei Jahre sind vergangen, ohne daß sich in meinem
Leben etwas geändert hätte. Ich habe mein Haus bestellt und in den
Kirchenvätern und Geschichtschreibern gelesen. Zu zwei Schlüssen bin
ich gekommen und möchte sie gerne beide für falsch halten. Der erste
ist, daß das Christentum in Rußland überhaupt noch gar nicht gepredigt
worden ist, und der zweite, daß die Ereignisse sich wiederholen und
man sie voraussagen kann. Über den ersten Schluß redete ich einmal
mit meinem sehr verständigen Amtsbruder, dem Vater Nikolaus, und war
sehr erstaunt, wie er das aufnahm und mir beistimmte. »Ja,« sagte er,
»das ist unbestreitbar, wir werden in Jesu Namen getauft, aber wir
nehmen Jesum nicht in uns auf.« Also bin ich es nicht allein, der das
sieht, andere sehen es auch. Warum erscheint es aber ihnen allen nur
lächerlich, während es mich bis aufs Blut peinigt.«

»Neujahr 1846. Es sind mehrere Polen zu uns in die Verbannung
geschickt. Über das Schicksal meines Berichts ist mir noch immer nichts
bekannt. Ich interessiere mich lebhaft für die politischen Wirren, die
im Westen im Anzuge sind und habe in Anbetracht dessen eine politische
Zeitung abonniert.«

»6. Mai 1847. Es sind noch zwei neue Polen zu uns gekommen, der Pater
Aloysius Konarkiewicz und Pan Ignacij Czemernicki. Letzterer ist noch
ein ganz junger Mann, aber bereits eine komplette Kanaille. Unsere
Stadthauptmannsfrau, die ja selber Polin ist, hat sich mit einem ganzen
Schwarm von Landsleuten umgeben und begünstigt letzteren vor allen
anderen.«

»20. November. Ich bemerke etwas ganz Erstaunliches und
Unbegreifliches. Die Polen werfen sich bei uns geradezu zu Herren
auf. Man kann durch sie bei der Gouvernementsverwaltung alles
erreichen, denn der Czemernicki erweist sich als intimer Freund jenes
Kanzleivorstehers, den ich in so guter Erinnerung habe.«

»5. Februar 1848. Was ich mein Lebtag nicht hatte tun wollen, habe
ich jetzt getan. Ich habe mich über die Polen beschwert, denn ihr
Benehmen übersteigt jegliches Maß. Nicht genug, daß sie sich seit
langem schon öffentlich über die Zeitungsmeldungen lustig machen
und behaupten, es sei gar nicht so, wie die Blätter berichteten,
sondern gerade umgekehrt: nicht wir schlügen die Feinde, sondern wir
würden geschlagen, -- sie gehen auch schon von bloßen Worten zu Taten
über. Bei der Totenmesse für die gefallenen Krieger erhoben sie mit
der Stadthauptmannsfrau ein derart unziemliches Gelächter, daß der
Oberpfarrer einen Kirchendiener zu ihnen schickte mit der Bitte, sich
entweder ruhig zu verhalten oder die Kirche zu verlassen, worauf sie
lächelnd hinausgingen. Und als wir mit dem Klerus nach Beendigung des
Gottesdienstes am Kolonialwarenladen der Gebrüder Lialin vorübergingen,
trat einer von den Polen mit einem Glase Punsch in der Hand vor die Tür
und rief, die Stimme des Diakons nachahmend: »Mir noch 'nen Heißen!«
Ich begriff, daß es eine Verspottung des »Kyrie eleison« sein sollte,
und habe es in meiner Beschwerde auch so erwähnt.«

»1. April. Abends. Meine Beschwerde über das Benehmen der Polen hat,
so scheint es, wenn auch spät, doch eine gewisse Wirkung gehabt. Heute
früh kam der Chef der Gendarmen in die Stadt und berief mich zu sich
und fragte mich lange nach allen Einzelheiten. Ich erzählte ihm, wie es
gewesen, und er teilte mir mit, daß all diesen polnischen Gemeinheiten
bald ein Ende gemacht werden solle. Ich fürchte nur, daß alles dies
wieder mal, recht zum Possen, am ersten April gesagt sein wird. Ich
fange an zu glauben, daß dieser Tag wirklich ein trügerischer Tag ist.«

»7. September. Der erste April scheint diesmal doch nicht
getrogen zu haben. Konarkiewicz und Czemernicki sind beide in die
Gouvernementsstadt versetzt worden.«

»25. November. Unser Stadthauptmann nebst Gemahlin haben uns verlassen.
Er ist zum Polizeimeister in der Gouvernementsstadt ernannt worden.
+Die+ Strafe ist noch zu ertragen.«

»5. Dezember. Der neue Stadthauptmann ist angekommen. Er nennt sich
Hauptmann Mratschkowskij. Der Name kommt vom Worte »~mrak~« -- die
Finsternis. O Herr, Du allein weißt, wann auch etwas vom Licht zu uns
kommen wird!«

»9. Dezember. Heute war ich beim neuen Stadthauptmann zum Frühstück.
Liebenswürdig sind sie beide, er sowohl wie die Gattin. Nachdem er
gehörig getrunken hatte, sang er uns vor: »Denkst du daran, mein
tapfrer Kampfgenosse?« Und sein Söhnchen, ein munterer Bub in einem
russischen Hemd, sang auch: »Heil dir, Meister Frost, bist ein wackrer
Russe!« Das sind mir doch Neuigkeiten! Aus dem Gespräch mit besagtem
Mratschkowskij ist mir vor allem die Geschichte von einem Professor der
Moskauer Universität bemerkenswert, der seinen Abschied erhalten haben
soll, weil er in einer Festrede gesagt hatte: »~Nunquam de republica
desperandum~«, -- was bedeuten sollte: man darf niemals am Staat
verzweifeln. Aber ein Kanzleiweiser legte es so aus, er hätte sagen
wollen, man dürfe nie an der +Republik+ verzweifeln. Daraufhin ward der
Professor gebeten, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Es ist kaum
glaublich.«

»20. Dezember. Nein, der erste April ist nicht nur trügerisch, sondern
auch rätselhaft. Ich will hier nicht alles erzählen, was mir bei
meiner diesmaligen Fahrt nach der Gouvernementsstadt widerfuhr; nur
das eine sei gesagt, daß ich beschimpft und geschmäht worden bin in
jeder Weise. Es fehlte nur noch, daß sie mich für meine Beschwerde
geschlagen hätten. Ich weiß nicht, wem ich es zu verdanken habe, da
+er selbst+ auf mich losfuhr und mich anschrie, man hätte meine Ränke
schon satt; ich vermochte nichts zu erwidern, denn so wie ich nur
die Lippen bewegte, hieß es gleich: »Schweig!« So mußte ich alles
hinunterschlucken und bin nun wieder daheim. Wie eine Henne, die man
mit Nesseln verprügelte. Nur das eine begreife ich nicht: warum
erklärt man meine Tat, die ja vielleicht unvorsichtig war, durch nichts
anderes, durch meine Unbildung oder durch mein Ungeschick, sondern
-- was meint ihr wohl? -- durch Mißgunst! Weil nämlich jene Polen
mich nicht in ihre Gesellschaft aufgefordert und mich nicht trunken
gemacht, -- obzwar ich, Gott sei gelobt, niemals ein Trinker gewesen.
Von diesem Geringen auf das Große schließend, gedenke ich der Worte
der französischen Jungfrau Charlotte Corday d'Armont, welche sie in
ihrem letzten Brief vor ihrer Hinrichtung schrieb, daß sich nämlich
»unter den neuen Völkern wenig Patrioten fänden, welche die einfache
patriotische Leidenschaft verstehen und an die Möglichkeit, ihr Opfer
zu bringen, glauben können. Überall nur Egoismus und alles wird durch
ihn erklärt.« Wenn ich nur unsere Leute sehe, so bin ich geneigt,
Charlotte Corday d'Armont recht zu geben, richte ich meinen Blick
dann aber auf die Polen, denen jeder Zugvogel ein Lied von der Heimat
singt, oder auf unsere Altgläubigen, die trotz allen Kränkungen und
Unterdrückungen nicht aufhören, ihr russisches Land zu lieben, dann muß
ich ihr widersprechen und behaupten, es gibt doch noch Vaterlandsliebe
unter den Menschen. So weit kommt man auf seine alten Tage, daß man
sogar an den Polacken etwas zu loben findet! Allein ich will mich
fortan an das Wort halten, das ich neulich so viele Male zu hören
bekam: »Schweig!« ~Nunquam de republica desperandum.~«

»2. Januar 1849. Ich bin bei allen Altgläubigen gewesen und habe mir
die Silberlinge herausschicken lassen. Ich kann mich dem nicht mehr
widersetzen, allein es tut mir hin und wieder bitter weh. Ich mußte es
aber tun, damit meine Pfarrerin nächstens nicht noch zur Subdiakonsfrau
wird, denn nach dem, was ich erlebt habe, ist alles möglich.«

»1. Januar 1850. Das Jahr ist still und friedlich dahingegangen.
Ich habe meine Wohltäterin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, zu Grabe
getragen. Sie starb, nachdem sie fünf Kronenträger überlebt hatte:
Elisabeth, Peter, Katharina, Paul und Alexander; mit zweien von ihnen
hat sie auf Gesellschaften getanzt. Nächstes Jahr will ich einen Anbau
an mein Häuschen machen, denn ich bin einer Schwäche verfallen: ich
finde viel Vergnügen am Preferance-Spiel und habe mir aus Langerweile
das Rauchen angewöhnt, das macht neue Ausgaben. Anfangs rauchte ich nur
spaßeshalber beim Stadthauptmann, aber jetzt habe ich mir auch zu Hause
allen Zubehör angelegt. Eigentlich sollte ich es lassen.«

»10. Januar 1857. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Sieben Jahre
lang keine einzige Zeile hier hineingeschrieben. Mein Leben ist
seltsam, denn es ist ein sattes und behagliches geworden. Ich las eben
alles nach, was ich seit dem Tage meiner Ordination eingetragen. Es
ist bemerkenswert, wie so ganz anders ich in diesen Jahren die Dinge
betrachten gelernt habe. Ich kämpfe nicht mehr, belästige niemand und
werde von keinem belästigt. Steter Tropfen höhlt den Stein!«

»20. Oktober. An Stelle unseres entschlafenen Diakons, des sanften
Prochor, ist aus der Gouvernementsstadt ein neuer Diakon eingetroffen,
namens Achilla Desnitzyn. Dieser ist größer und dicker als wir alle.
Wenn man seine Physiognomie und seine Statur betrachtet, muß man die
Schöpferkraft der Natur bewundern. Am meisten aber gefällt mir an dem
Manne seine Gutmütigkeit. Er zeigte mir die Abschrift seines Zeugnisses
aus dem Seminar, in dem geschrieben stand: »Sittliches Verhalten gut,
aber sehr tragfähig.« Was bedeutet denn das? fragte ich. »Ach, nichts
von Belang,« erklärte er, »als ich wegen Fieber im Seminarlazarett
lag, trug ich den kranken Theologen heimlich Schnaps zu. Und zwar in
gehöriger Quantität.««

»7. Dezember. Der Subdiakon Sergej macht mich darauf aufmerksam, daß
unser neuer Diakon Achilla ein wenig vorlaut ist: aus falschem Ehrgeiz
gibt er vielen Betern vom Lande heimlich den priesterlichen Segen. Ich
habe ihm gesagt, daß er sich das in Zukunft nicht unterstehen dürfe.«

»15. August. Auf einem Festmahl beim Stadthauptmann kam es fast zu
einem Skandal, wieder durch einen Streit um den Verstand, und das
erinnerte mich an den alten Streit, der mich einst so lachen gemacht.
Der Diakon Achilla und der Arzt stritten über mich. Der Arzt leugnete
meinen Verstand, der Diakon pries ihn himmelhoch. Auf ihren Lärm und
besonders auf das Geschrei des Arztes kamen wir ins Zimmer und sahen
den Arzt hoch oben auf dem Schranke sitzen und verzweifelt mit den
Beinen strampeln und stoßen. Achilla aber saß seelenruhig mitten im
Zimmer in einem Lehnstuhl und meinte: »Nehmt ihn bitte nicht herunter,
ich habe ihn sozusagen an Wasserflüssen Babylons an die Weiden gehängt
für seine Widerspenstigkeit.« Ich konnte mich des Lachens kaum
erwehren, hielt aber dem Diakon eine ordentliche Strafpredigt und
sagte ihm, Gewalt sei kein Beweis. Er aber machte mir dafür eine tiefe
Verbeugung und wandte sich hierauf zum Arzte: »Nun? Jetzt siehst du's
wohl selbst, daß er der Justizminister ist.« Es ist wunderbar, wie
dieser kosakische Diakon es gleichsam fühlt, daß ich ihn von ganzem
Herzen liebhabe. Ich weiß selbst nicht warum. Aber er hat mich auch
lieb.«

»25. August. Welch große Freude! Die katholische Geistlichkeit in
Litauen hat Nüchternheitsvereine gegründet: sie predigen gegen die
Trunksucht, und die Trunksucht läßt nach. Die Leute kommen zur Vernunft
und die Blutsauger, die Branntweinpächter, platzen. Ach, wie gern
würde ich auch in dieser Art predigen!«

»5. September. In einigen orthodoxen Gemeinden ist dasselbe versucht
worden. Ich fürchte, ich halt's nicht aus und sage ein Wort! Aber da
ich ohne Zensur nicht predigen darf, so will ich eine schlaue Intrige
einfädeln und einen Mäßigkeitsverein gründen. Was soll man machen,
notgedrungen folgt man dem Beispiel des Ignatius Loyola, wenn man auf
geradem Wege nicht gehen darf.«

»7. Oktober. Wir haben die Statuten unseres Vereins entworfen,
aber bestätigt ist er noch nicht. Dagegen schreibt man, daß der
Branntweinpächter sich bei dem Minister über die Prediger beklagt habe,
welche das Volk vom Trinken abhalten. O du freche Kanaille! Wagst es
noch zu klagen, und noch gar dem Minister gegenüber!«

»20. Oktober. Eine wahnsinnige Nachricht! Die Zeitungen melden,
im Juli dieses Jahres hätten die Branntweinpächter beim Minister
des Innern über die orthodoxen Geistlichen, welche das Volk zur
Nüchternheit anhalten, Beschwerde geführt, und der Herr Minister
hätte sie dem Oberprokurator des Heiligen Synods weitergegeben,
welcher geantwortet hätte, daß der Synod den Geistlichen seinen Segen
gebe, an dem verdienstlichen Werke des Kampfes gegen den Mißbrauch
berauschender Getränke nach Kräften mitzuwirken. Aber die Pächter gaben
sich nicht zufrieden und petitionierten noch einmal um Aufhebung der
Verordnung des Heiligen Synods. Hierauf soll der Finanzminister dem
Oberprokurator des Heiligen Synods mitgeteilt haben, daß ein völliges
Verbot des Gebrauchs geistiger Getränke nicht zulässig sei, wenn es
durch religiöse Drohungen, die stark auf das Gemüt des einfachen
Mannes wirken, und durch Ablegung von Gelübden durchgesetzt werde,
weil dieses nicht nur der allgemeinen Anschauung von dem Nutzen eines
mäßigen Weingenusses widerspreche, sondern auch gegen die gesetzlichen
Verordnungen verstoße, auf Grund deren die Regierung die Schanksteuern
verpachtet habe. Infolgedessen soll eine Verordnung getroffen worden
sein, die Beschlüsse der Stadt- und Landgemeinden bezüglich der
Branntweinverbote aufzuheben und keinerlei Gemeindeversammlungen in
dieser Angelegenheit mehr zuzulassen. Sauf, mein armes Volk, sauf dich
zu Tode!«

»8. November. Am Tage des Anführers aller heiligen und himmlischen
Heerscharen, des Erzengels Michael, ward mir von der hohen Obrigkeit
eine ellenlange Nase zuteil. Nicht nur von dem verbrecherischen Plan
der Gründung eines Mäßigkeitsvereins hätte ich lassen sollen, sondern
auch predigen dürfte ich nicht darüber, in Anbetracht von diesem und
jenem und aus solchen Erwägungen und derartigen Rücksichten ... bloß
der einfache Nutzen der Menschheit zählt nicht mit ... Aber habe ich
nicht schon genug davon geschrieben? Soll ich denn immer nur meine
eigene Schmach zu Papier bringen?«

»1. Januar 1860. Sogar den Jahresbeginn lasse ich jetzt unbeachtet!
Wie heiß faßte ich früher alles auf und wie gleichgültig bin ich jetzt
geworden. Meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna sagt freilich, ich wäre
auch heute noch geradeso wie einst, aber wie könnte das sein! Ihr mag
das mitunter wohl so vorkommen, denn auch sie hat mittlerweile das
Alter der Mutter Sarah erreicht, ich aber sehe das besser ... Der Leib
ist gesund und sogar fett, aber was nutzt das, wenn die Seele schon
gleichsam mit einer Rinde zu bewachsen beginnt.«

»27. März. Frühlingslüfte wehen und die Wasserbäche stürzen von den
Hügeln. Der Diakon Achilla bringt schon seine Sättel in Ordnung und
wird bald wieder als Steppenkirgise dahersprengen. Wohl ihm, daß er
sich die Zeit so vertreiben kann.«

»23. April. Achilla erschien heute mit Sporen, die er sich für seine
Spazierritte eigens von Pizonskij hatte anfertigen lassen. Schlimm,
daß er in Nichts Maß zu halten versteht und jedes Ding gleich bis zum
Äußersten treiben muß. Um ihn sofort in seine Schranken zu weisen,
brach ich mit einem einzigen Tritt die Sporen von den Stiefeln des
Achilla ab und verbot ihm zur Strafe für diese Albernheit das Reiten
für dieses ganze Jahr. Somit muß er mir jetzt Buße tun. Was soll
man aber machen, wenn er nicht anders gebändigt werden kann? Er ist
imstande und gürtet sich nächstens noch ein Schwert um.«

»14. September. Der Subdiakon Sergej kam heute angeblich nach einer
Bütte zu Sauerkraut und erzählte mir dabei scheinbar ganz von ungefähr,
daß diesen Abend in der Scheune der Ziegelei ein zugereister Komödiant
einen Riesen und Kraftmenschen vorführe, und der Diakon Achilla
der Vorstellung beiwohnen wolle. Einen gemeinen und hinterhältigen
Charakter hat dieser Sergej.«

»Am 15ten. Ich habe mir die Vorstellung angesehen. Ohne selbst
gesehen zu werden, schaute ich durch eine Ritze im Hintertor. Achilla
war wirklich da, aber nicht bloß als Zuschauer, sondern sozusagen
als Mitwirkender. Er erschien in einem mächtigen Schafpelz, dessen
Kragen hochgeschlagen war, und hatte ein gemustertes Tuch umgebunden,
das seine Haare und den größten Teil des Gesichts bis an die Augen
verdeckte. Ich erkannte ihn sofort, was nicht schwer war, weil er, als
der vom Komödianten vorgeführte Riese und Athlet in fleischfarbenem
Trikot erschien, in jeder Hand ein Fünf-Pud-Gewicht, und damit, ein
wenig schwankend, die Bänke entlang wanderte, sich so weit vergaß, daß
er mit seiner gewöhnlichen Stimme laut rief: »Was ist denn an all
dem so Wunderbares?« Als hierauf der Riese in frechem Ton fragte, ob
jemand mit ihm ringen wolle, und sich keine Liebhaber für solch einen
Wettstreit fanden, trat Achilla, das Gesicht tief in das gemusterte
Tuch vergrabend, vor und griff den Riesen an. Ich meinte, ihre Knochen
müßten zerbrechen. Aber endlich überwand Achilla jenen hochmütigen
Deutschen, und nachdem er ihm die Beine kreuzweis übereinandergelegt,
wie man in feinen Häusern die gebratenen Poularden serviert, nahm
er jene zehn Pud und den Kraftmenschen selber und begann mit dieser
ganzen Last vor dem Publico auf- und abzugehen. Alles schrie »Bravo!«
Am wunderbarsten aber war das Finale, das mein guter Achilla zum
besten gab. »Meine Herrschaften,« wandte er sich ans Publikum,
»vielleicht fällt es jemandem ein, zu behaupten, ich wäre wer anders.
Bitte seid so gut und spuckt dann dem Kerl ins Gesicht, denn ich bin
bloß der Kleinbürger Iwan Morozow aus Sewsk.« Als ob ihn jemand um
diese Erklärung gebeten hätte. Aber mir war das doch immerhin eine
recht heitere Zerstreuung. Ach, wie geht unser Leben dahin! Wie ist
es schon hingegangen! Als ich von der Schaustellung wieder heimging,
kamen mir Tränen in die Augen -- ich weiß selbst nicht weshalb. Ich
fühlte nur das eine, daß etwas da ist, das ich beweinen muß, wenn
ich an die kühnen Pläne meiner Jugend denke und sie mit dem weiteren
Verlauf meines Lebens vergleiche! Als mir einst jene große Kränkung
widerfuhr, da träumte ich, ich könnte immer noch ein würdig Leben
führen, nicht im Wirken nach außen, sondern in stiller Arbeit an der
eigenen inneren Vervollkommnung; aber ich bin kein Philosoph, sondern
ein Bürger; mir ist das nicht genug: ich plage mich und leide ohne
Tätigkeit, und darum kann ich die Lebhaftigkeit meines lieben Achilla
nicht immer verurteilen. Gott verzeihe ihm und segne seine entzückende
Herzenseinfalt, in der ihn alles erfreut und erheitert. Dem Subdiakon
Sergej habe ich gesagt, er hätte gelogen, und ich habe ihm verboten,
noch weiter gegen den Achilla zu hetzen. Ich fühle, daß ich mit aller
Schwäche eines Vaters diesen guten Menschen liebgewonnen habe.«

»14. Mai 1861. In was für seltsame Dinge kann den Menschen sein
Leichtsinn verwickeln! Als ob wir nicht auch ohne den Diakon Achilla
Hansnarren genug hätten. Der Stadthauptmann wollte bei seinem
Schwiegervater, dem Verwalter der fürstlichen Güter Glitsch, ein
Pferd für sein Sechsgespann kaufen, welches dieser aber nicht zu
verkaufen gedachte. Da haben sie gewettet, daß der Stadthauptmann in
den Besitz des Pferdes gelangen werde. Darauf hat der Stadthauptmann
einen beschäftigungslosen Kleinbürger, namens Danilka, den sie hier
den Kommissar nennen, für zwei Rubel gedungen, ihm das Pferd beim
Herrn Glitsch zu stehlen. Einen zum Diebstahl anzustiften paßt sich
vorzüglich für einen Stadthauptmann -- sei es auch nur im Scherz. Was
aber das Tollste war: mein Achilla erbot sich, dem Danilka bei dieser
Sache zu helfen. Wieder war es der Subdiakon Sergej, der mir davon
Mitteilung machte, und ich ließ den Achilla rechtzeitig zu mir kommen,
um ihn für diesen Tag unter Aufsicht meiner Natalia Nikolajewna, für
die er Butter schlagen mußte, zu stellen; nachts jedoch ließ ich ihn
in meiner Stube auf dem Fußboden schlafen, und, damit er sich nicht
davonmachen könne, verwahrte ich seine Kleider und Schuhe bis zum
Morgen unter Schloß und Riegel. Heute früh aber wurden wir durch einen
großen Lärm aufgeweckt: Nach dem Hause des Stadthauptmanns jagte ein
mit drei Pferden bespannter Leiterwagen, in dem der Kommissar Danilka
zwischen zwei Bauern saß und wie ein Wahnsinniger schrie. Wir gingen
hinaus, um zu erfahren, aus welchem Grunde er so brüllte, und sahen,
wie man dem Danilka die Hosen herunterzog, die ganz mit Nesseln
vollgestopft waren. Es stellte sich heraus, daß der Herr Glitsch
ihn ertappt und zur Strafe in die Nesseln gesetzt hatte, worauf die
Gutsknechte ihn zu dem zurückgeschafft hatten, der ihn ausgesandt.
Ich fragte den Diakon, wie ihm wohl zumute gewesen wäre, wenn er das
Schicksal des Danilka hätte teilen müssen? Er erwiderte, das hätte ihm
nicht passieren können. Wenn selbst ihrer zehn über ihn hergefallen
wären, würde er sich ihnen nicht ergeben haben. »Nun, und wenn es
zwanzig gewesen wären?« fragte ich. »Ja, mit zwanzig,« meinte er,
»wär' ich auch nicht fertiggeworden,« und erzählte, wie er einmal als
Schüler mit seinem Bruder zu den Ferien nach Hause gewandert wäre und
sie gleichzeitig mit einer vorüberziehenden Abteilung Soldaten einen
Holderstrauch mit ein paar Zweigen voller Beeren bemerkt, sich auf
diese doch fast zu nichts zu gebrauchenden Beeren gestürzt hätten --
Achilla und sein Bruder und an die vierzig Soldaten. »Es kam,« sagte
er, »zwischen uns zu einem gewaltigen Handgemenge und mein Bruder
Finogescha blieb für tot liegen.« Wie naiv und einfach das ist! Jede
seiner Geschichten ist ein Ereignis! Das Leben ist ihm wirklich keinen
Heller wert!«

»29. September 1861. Aus der Gouvernementsstadt ist der Sohn der
Hostienbäckerin von St. Nikita, der Marfa Nikolajewna Prepotenskaja,
Warnawa, hier eingetroffen. Er hat das Seminar als einer der ersten
absolviert, aber nicht Geistlicher werden wollen und ist jetzt als
Rechenlehrer an der hiesigen Kreisschule angestellt. Auf meine Frage,
warum er den geistlichen Stand verschmäht habe, antwortete er kurz, er
wolle kein Betrüger ein. Ich konnte diese dumme Antwort nicht ungerügt
lassen und sagte ihm, er sei ein Narr. Aber so gering ich auch diesen
Menschen und alle seine Meinungen achte, seine Antwort hat mir doch weh
getan, wie der Stich einer giftigen Wespe.«

»27. Dezember. Achilla legt mitunter einen derartigen Leichtsinn an den
Tag, daß man in seinem eigenen Interesse hart gegen ihn sein muß. Der
schon mehrfach erwähnte Konstantin Pizonskij bat ihn jüngst, er möge
den Knaben, den der arme Alte bei sich aufgenommen und großgezogen, ein
recht schönes Gedicht lehren, mit dem das Kind den Bürgermeister zum
Weihnachtsfest beglückwünschen könne, -- Achilla hat sich gleich dazu
bereit erklärt und dem Buben folgende Verse beigebracht:

    Heute ward unser Heiland geboren.
    Herodes hat den Verstand verloren.
    Herr Bürgermeister ehrenwert,
    Werd' Euch von Gott das gleiche beschert!

Nein, man muß ihn mit mehr Strenge behandeln.«

»1. Januar 1862. Der Arzt hat in Erfüllung seiner Amtspflicht die
Leiche eines plötzlich Verstorbenen geöffnet, und der Lehrer Warnawa
Prepotenskij ist mit mehreren Schülern der Kreisschule zur Sektion
gekommen, um sie mit den Grundbegriffen der Anatomie bekannt zu machen.
In der Klasse hat er sie später gefragt: »Habt ihr den Körper gesehen?«
-- »Ja,« sagten die Knaben. -- »Und die Knochen habt ihr gesehen?«
-- »Die Knochen auch.« -- »Habt ihr alles gesehen?« -- »Alles.« --
»Habt ihr auch die Seele gesehen?« -- »Nein, die Seele haben wir nicht
gesehen.« -- »Nun, wo ist sie denn?« Und so bewies er ihnen, daß
es keine Seele gäbe. Ich machte den Inspektor konfidentiell darauf
aufmerksam und sagte, daß ich bei der nächsten Direktorenrevision
bestimmt die Rede darauf bringen würde.

Nun bist du wieder nötig geworden, armer Pope! Du hast mit den
Altgläubigen Krieg geführt und bist mit ihnen nicht fertig geworden;
du hast mit den Polen gekämpft und kriegtest sie nicht klein. Jetzt
sieh zu, was du mit dieser Narretei anstellst, denn da wächst schon die
Frucht deiner Lenden auf. Wirst du damit fertig werden? Zähl's doch an
den Knöpfen ab!«

»9. Januar. Ich bin an der Grippe erkrankt und kann das Haus nicht
verlassen. Die Religionsstunden in der Kreisschule gibt Vater Zacharia
an meiner Statt. Gestern kam er verwirrt und verstört zurück und
erklärte unter Tränen, er könne mich in der Schule nicht länger
vertreten. Die Ursache ist folgende: in der vorletzten Stunde hatte
Vater Zacharia in der dritten Klasse von der göttlichen Vorsehung
gesprochen, und heute prüfte er die Jungen daraufhin. Da sagt ihm
plötzlich ein Schüler, der Sohn des Kolonialwarenhändlers Lialin,
Alioscha, ein sehr begabter Bub, er »könne Gott den Schöpfer wohl
gelten lassen, aber Gott den Fürsorger erkenne er nicht an«. Erstaunt
ob einer solchen Antwort, fragte Vater Zacharia, worauf der junge
Theologe seine Anschauung denn begründe, -- und jener erwiderte darauf,
daß in der Natur sehr viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu finden
sei; er wies dabei vor allem auf den Tod hin, der für den Sündenfall
eines einzigen ungerechterweise dem ganzen Menschengeschlecht auferlegt
sei. Vater Zacharia, der diese freche Antwort nicht unerwidert lassen
konnte, fing nun an, den Jungen zu erklären, daß wir, angesichts der
Unvollkommenheit unserer Vernunft, über diese Dinge nicht gut urteilen
könnten, und unterstützte seine Worte mit dem Hinweis, daß, wenn wir
in unserer Sündhaftigkeit ewig wären, auch die Sünde und mit ihr
alles Schlechte und Böse ewig sein müßte, -- und, um die Sache noch
deutlicher zu erläutern, fügte er hinzu, daß dann auch der blutgierige
Tiger und der grimmige Hai ewig sein müßten, und überzeugte sie damit
denn auch alle. Aber in der zweiten Stunde, als Vater Zacharia in
der unteren Klasse war, kam derselbe Bub dort hinein und widerlegte
den Vater Zacharia vor all den Kleinen, indem er sagte: »Was könnten
der Tiger und der Hai uns denn anhaben, wenn wir unsterblich wären?«
Vater Zacharia fand in seiner Gutmütigkeit und bei seinem Mangel an
Schlagfertigkeit keine andere Antwort als: »Darüber haben sich schon
klügere Leute als du und ich den Kopf zerbrochen.« Das ging aber dem
alten Manne so nahe, daß er wohl eine Stunde bei mir geweint hat.
Und ich muß zum Unglück immer noch krank sein und kann nicht aus dem
Hause, um diesem Unfug zu steuern, hinter dem sicher der Lehrer Warnawa
steckt.«

»13. Januar. Wie gut ich's erraten habe! Alioscha Lialin hat von seinem
Vater für seine Freigeisterei die wohlverdienten Prügel bekommen und
unter Tränen gestanden, daß der Lehrer Prepotenskij ihn jene Frage und
die spätere Antwort gelehrt habe. Ich bin ganz entrüstet, aber unser
Arzt meint, ich dürfe das Haus noch nicht verlassen, denn ich hätte
eine Rezidiv-Angina, und könnte leicht den Weg ~ad patres~ finden.
Was ich doch noch nicht möchte. Ich habe dem Inspektor geschrieben.
Als Antwort erhielt ich die Mitteilung, dem Prepotenskij sei auf
meine Beschwerde hin ein Verweis erteilt worden. Jawohl, ein Verweis!
Der die Geister verwirrt, der sich an den Kleinen versündigt, den
ehrenwertesten, sanftmütigsten, man kann wohl sagen: musterhaftesten
Diener des Altars kränkt -- erhält einen Verweis! Und wenn ein
hungernder Subdiakon ein altes Psalmenbuch gegen ein neues eintauscht,
wird seine Familie für ein ganzes Jahr des Ernährers beraubt ... O du
arglistiges Geschlecht! ...«

»27. Ich bin in der größten Aufregung. Mit dem abscheulichen Warnawa
ist kein Auskommen. In der Stunde erzählte er neulich, daß der
Prophet Jonas unmöglich vom Walfisch verschluckt werden konnte, denn
dieses riesengroße Tier hätte doch eine sehr enge Gurgel. Ich kann
das unmöglich dulden, aber ich wage es nicht, mich beim Direktor zu
beschweren, denn am Ende läuft es wieder auf einen flüchtigen Verweis
hinaus.«

»17. Februar. Prepotenskij bringt mich ganz aus der Fassung. Ich kann
ihn nach dem, was er sich jetzt wieder erlaubt hat, kaum noch für einen
Menschen halten, und habe darüber nicht seinem Direktor, sondern dem
Adelsmarschall Tuganow Bericht erstattet. Was mir von diesem alten
Voltairianer kommen wird, weiß ich nicht, aber immerhin ist er ein
bodenständiger Mensch und kein Mietling und wird daher vielleicht ein
Einsehen haben. Warnawka treibt Dinge, wie sie nur der Wahnsinn einem
eingeben kann. Weil der Lehrer Gonorskij erkrankt ist, hat Prepotenskij
zeitweilig den Geschichtsunterricht übernehmen müssen, -- und hat
gleich damit angefangen, von der Unsittlichkeit des Krieges zu reden
und es direkt auf die Begebenheiten in Polen bezogen. Indessen das war
ihm noch nicht genug, er begann über die Zivilisation zu spotten, den
Patriotismus und die nationalen Prinzipien zu verhöhnen, und zuletzt
sich auch noch lustig über die Anstandsregeln zu machen, welche er zum
Teil sogar als unsittlich bezeichnete. Als Beispiel führte er an, daß
die gebildeten Völker den Akt der Geburt des Menschen verheimlichen,
den des Mordes aber nicht, indem sie sich sogar mit Kriegswaffen
öffentlich sehen lassen. Was will dieser Narr? Wahrlich, das ist so
dumm, daß man sich schämen muß, und doch ärgere ich mich. Es ist ja nur
eine Kleinigkeit; aber ich muß ja nach den Kleinigkeiten sehen, denn
über Kleinem bin ich gesetzt.«

»28. Februar. Oho! Mein Voltairianer liebt nicht zu scherzen. Der
Direktor ist hergekommen. Ich konnt' es nicht länger ertragen und ging
trotz aller Drohungen des Arztes zu ihm hin und berichtete ihm von den
Ungebührlichkeiten des Prepotenskij, aber der Herr Direktor haben zu
alledem nur herzlich gelacht. Wie lachlustig sie alle sind! Er gab dem
Ganzen eine scherzhafte Wendung und sagte, deswegen werde Moskau nicht
in Flammen aufgehen, -- »und übrigens,« fügte er hinzu, »wo soll ich
denn andere hernehmen? Sie sind heutzutage alle so.« Und so stand ich
wieder da, wie ein Narr, der unnütz Krakeel macht. Aber das muß wohl so
sein.«

»1. März. Ich bin wirklich ein alter Narr geworden, über den alle sich
lustig machen. Heute besuchten mich der Arzt und der Stadthauptmann,
und ich sagte ihnen, daß meine Gesundheit infolge des gestrigen
Ausgangs nicht im geringsten gelitten habe; da fingen sie beide an zu
lachen und erwiderten, der Arzt habe mich zum Spaß in der Stube sitzen
lassen, denn er habe mit irgend jemand gewettet, daß er, wenn er wolle,
mich einen ganzen Monat lang zu Hause halten könne. Deshalb redete er
mir von einer Gefahr vor, die gar nicht vorhanden war. Pfui!«

»20. Juni. Ich habe eine Reise durch das Kirchspiel gemacht, die mir
ausgezeichnet bekommen ist. Es ist so frisch und schön draußen in der
Natur, und unter den Menschen herrscht Friede und Zufriedenheit. In
Blagoduchowo haben die Bauern auf eigene Kosten die Kirche ausbauen
und ausmalen lassen, aber auch bei einer so einfachen Sache hat sich
wieder etwas Scherzhaftes hineingemengt. An der Wand der Vorhalle haben
sie einen ehrwürdigen Greis abgebildet, der auf einem Ruhebette liegt,
mit der Inschrift: »Und Gott ruhete am siebenten Tage von allen seinen
Werken, die er machte.« Ich wies den Vater Jakob darauf hin und befahl
das Bild zu übertünchen.«

»11. Juli. Vorgestern war der Bischof auf der Durchreise hier und hat
im Dom die Messe gelesen. Ich fragte den Vater Troadij, ob das Bild
in Bogoduchowo entfernt worden sei, und erfuhr, daß es noch immer
vorhanden, was mich einigermaßen erregte. Aber Vater Troadij beruhigte
mich, meinte, das habe nichts zu sagen, es sei doch »volkstümlich« und
fügte noch eine Anekdote hinzu von den Seelen der Erlösten, die der
Maler in Schuhen dargestellt hatte, und so lief wieder alles auf einen
Scherz hinaus. Ach, was die Leute alle lustig sind!«

»20. Juli. Ich war in Blagoduchowo und ließ das Bild in meiner
Gegenwart abkratzen. Ich halte es nicht für angebracht, diese dumme Art
von Volkstümlichkeit zu pflegen. Ich fragte nach dem Verfertiger des
Bildes; und es stellte sich heraus, daß der Glöckner Pawel es gemalt
hatte. Um dem scherzhaften Geist der Zeit entgegenzukommen, befahl ich
diesem Künstler, sich neben meinen Kutscher auf den Bock zu setzen,
und nachdem wir vierzig Werst weit gefahren waren, ließ ich ihn zu Fuß
nach Hause wandern, damit er unterwegs über seine malerische Phantasie
nachdenken könne.«

»12. Oktober. Der neue Gouverneur ist zur Revision hier gewesen. Er
besuchte den Dom und die Schule und beide Male, hier wie dort, wollte
er durchaus, daß ich ihn segne. Er ist ein echter Russe sowohl dem
Namen, wie dem Benehmen nach. Noch sehr jung, hat er jene privilegierte
Lehranstalt, die Rechtsschule, absolviert, und war bisher noch nie aus
Petersburg herausgekommen, was auch leicht zu bemerken ist, denn alles
interessiert ihn. Besonders angelegentlich erkundigte er sich nach den
Gegensätzen zwischen Geistlichkeit und Adel; leider konnte ich seine
Neugier wenig befriedigen, denn sowohl unser Kreisadelsmarschall
Plodomasow, als auch der Gouvernementsmarschall Tuganow sind würdige
Männer, und von Gegensätzen ist keine Rede.«

»14. November. Es wird erzählt, daß ein Gutsbesitzer sich bei dem
Gouverneur über die Bauern beschwert habe, die ihren Verpachtungen
nicht nachkämen. Der Gouverneur habe seine Klagelitanei unterbrochen
mit den Worten: »Ich bitte, wenn Sie vom Volke reden, nicht zu
vergessen, daß ich Demokrat bin.««

»20. Januar 1863. Ich notiere die außerordentliche und höchst
belehrende »Geschichte vom Surrogat«. Es wird folgendes Kuriosum von
der ersten Begegnung des neuen Gouverneurs mit unserm Adelsmarschall
Tuganow erzählt. Dieser von höherer Politik durchdrungene Petersburger
Kavalier stellte sich auch unserem Voltairianer als Demokrat vor, wofür
ihn Tuganow auf dem Adelsball vor allen höchlich lobte und hinzufügte,
diese Richtung sei die allerbeste, besonders in der gegenwärtigen Zeit,
denn in drei Kreisen unseres Gouvernements herrsche eine ziemlich
starke Hungersnot und da biete sich reichlich Gelegenheit, sich als
Volksfreund zu bewähren. Der Gouverneur zeigte sich darüber sehr
erfreut, daß die Leute hungern, und war nur ungehalten, daß er bisher
nichts davon gewußt hatte; er rief seinen Kanzleivorsteher und machte
ihm heftige Vorwürfe, daß er ihn nicht früher davon unterrichtet habe,
und als richtiger Heißsporn ordnete er an, daß darüber sofort nach
Petersburg berichtet werde. Aber der Vorsteher, der sich rechtfertigen
wollte, sagte, daß von einer richtigen Hungersnot in jenen Kreisen
nicht geredet werden könnte, denn wenn auch die Kornernte schlecht
gewesen sei, so sei die Hirse doch sehr gut geraten. Damit fing nun
die Geschichte an. »Was ist das -- Hirse?« rief der Gouverneur. »Hirse
ist ein Surrogat für Brotkorn,« erwiderte der gelehrte Vorsteher,
statt einfach zu sagen, daß man aus Hirse Brei koche, was unseren
Rechtsgelehrten vielleicht vollständig befriedigt hätte, denn in
der Kunst, einen Brei anzurühren, muß er Meister sein. Aber nun war
einmal das Wort Surrogat gefallen. »Schämen Sie sich,« sagte der hohe
Politiker, als er dieses Wort vernahm, »schämen Sie sich, mich so
zu betrügen. Man braucht ja nur in einen Obstladen zu treten, um zu
sehen, wozu Hirse gebraucht wird. In Hirse werden Trauben verpackt.«
Tuganow schwieg mit ernstem Gesicht, tags darauf aber schickte er dem
Gouverneur durch die Verpflegungskommission eine Liste der Kornfrüchte
Rußlands. Der Gouverneur wurde verlegen, als er hier auch Hirse
verzeichnet fand, ließ seinen Kanzleivorsteher rufen und sagte zu ihm:
»Verzeihen Sie, daß ich Ihnen damals nicht glauben wollte. Sie haben
recht. Hirse ist ein Getreide.« Du tust mir von Herzen leid, mein
lieber Demokrat! Der Deutsche meinte wohl, daß St. Nikolaus mit Hafer
gehandelt habe, aber solche Weintraubenscherze machte er nicht.«

»6. Dezember. Es kommen immer wieder Nachrichten von Konflikten
zwischen dem Adelsmarschall Tuganow und dem Gouverneur, der, wie man
sagt, eine Gelegenheit sucht, dem Marschall für die Hirse etwas am
Zeuge zu flicken, und wie es scheint, hat er endlich etwas gefunden.
Der Gouverneur steht immer für die Bauern ein und jener, der Voltaire,
verteidigt seine Rechte und Freiheiten. Dem einen hat das Rechtsstudium
den Verstand aus dem Geleise gebracht, und des andern Hochmut kommt dem
Berg Ararat gleich. Er läßt keinerlei fremdes Recht gelten. Es kommt
sicher noch zu einer regelrechten Bataille.«

»20. Dezember. Die Seminaristen sind für die Weihnachtsferien nach Haus
gekommen und der Sohn des Vaters Zacharia, der Privatstunden in guten
Familien gibt, erzählt eine ganz unglaubliche und wüste Geschichte:
ein abgedankter Soldat hätte sich in einem Winkel der Marienkirche
versteckt gehabt und die Krone von dem wundertätigen Bilde St. Johannis
des Kriegers geraubt. Als die Krone dann in seinem Hause gefunden
wurde, behauptete er, er hätte sie nicht gestohlen, sondern er hätte
vor dem Bilde des Heiligen über die traurige Lage der dienstentlassenen
Soldaten geklagt, und den heiligen Krieger in brünstigem Gebet
angefleht, ihm in seiner Not zu helfen. Hierauf habe der Heilige, der
seine Worte vernommen, gesagt: »Sie sollen ihrer Strafe in jener Welt
nicht entgehen, du aber nimm vorläufig dieses hin« -- und mit diesen
teilnehmenden Worten habe er angeblich die kostbare Krone von seinem
Haupte genommen und gesagt: »Da!« Verdient eine solche Ausrede auch
nur die geringste Beachtung? Aber unter dem Eindruck der Hirse denkt
man anders, und also kam vom Gouverneur eine Anfrage ans Konsistorium:
ob ein derartiges Wunder möglich sei? Selbstverständlich war nun das
Konsistorium in einer sehr schwierigen Lage, denn es konnte doch nicht
erwidern, daß ein Wunder unmöglich sei. Aber wo will das alles hinaus?
Der Adelsmarschall Tuganow legte dagegen vertraulich Protest ein und
schrieb, er halte diese Handlungsweise für unvernünftig, und meinte,
sie bezwecke nur eine Erschütterung des Glaubens und eine Verhöhnung
der Geistlichkeit. So wird dieser alte Freigeist zum Anwalt der
Geistlichkeit, und der Rechtskundige, der sie verteidigen sollte, macht
sie zum Gespötte. Nein, es kommt scheinbar wirklich die Stunde und sie
ist schon da, wo der gesunde Menschenverstand nichts mehr von allem,
was geschieht, für sonderbar halten wird. Auch über Tuganows Eintreten
für die Kirche, so nützlich es in diesem Fall war, kann man sich nicht
freuen, denn es geschah nicht aus Eifer für den Glauben, sondern aus
Feindschaft gegen den Gouverneur, und was kann da Gutes kommen, wenn
immer nur einer den andern schikaniert, ohne dessen eingedenk zu sein,
daß sie beide derselben Krone den Eid geschworen haben und demselben
Lande dienen? Es ist schlimm!«

»9. Januar 1864. Tuganow war neulich in Plodomasowo, -- ich weiß nicht
weswegen. Aber ich konnte nicht anders -- ich besuchte ihn dort, um
etwas über seinen Kampf um St. Johannes den Krieger zu erfahren.
Seltsam! Dieser Tuganow, einst ein Verehrer Voltaires, redete zu mir in
freundschaftlichstem und betrübtem Tone. Er meint, sein Protest wäre
noch nicht stark genug gewesen, denn »wie ich selber für mich über
alle Wunder denke, das geht nur mich etwas an und das behalte ich auch
für mich, aber ich kann diese nichtsnutzigen Bestrebungen doch nicht
unterstützen, die darauf hinauslaufen, dem Volke das einzige zu nehmen,
was ihm wenigstens eine Ahnung davon einflößt, daß es einer höheren
Daseinssphäre angehört, als sein gestreiftes Schwein und seine Kuh.«
Wie dürr und trocken ist diese Weisheit! Aber ich widersprach nicht ...
Was ist da zu machen?! Herr, hilf du wenigstens +diesem Unglauben+,
sonst kommen wir doch noch dazu, daß wir wieder in Rudeln umherlaufen,
Wurzeln fressen und wie Pferde wiehern!«

»21. März. Der Gutsherr Plodomasow ist aus der Residenz heimgekehrt und
hat mir und dem Vater Zacharia und dem Diakon Achilla sehr kostbare
Stäbe aus echtem Rohr mitgebracht. Auch zeigte er uns eine kleine
gläserne Lampe mit einer brennenden Flüssigkeit, »Petroleum« oder
Steinöl genannt, die aus Naphtha gewonnen wird.«

»9. Mai. Ich habe mich so kleinlich gezeigt, daß ich mich vor mir
selber schämen muß. Und das alles kam von den eben erwähnten Stäben.
Mein ganzes vergangenes Leben ist über mich gefallen wie ein Sieb
und hat mich zugedeckt. Ich sitze unter diesem Sieb wie eine Krähe,
der böse Buben die Federn ausgerupft haben, und die sie nun gefangen
halten, um ihren Spott mit ihr zu treiben. Das ist das Traurigste
bei dieser allgemeinen Lebensverflachung: ich selber bin flach und
klein geworden, so flach, daß ich nicht einmal imstande bin, meine
ganze Eitelkeit dem stummen Papier anzuvertrauen. Ich will mich ganz
kurz fassen. Es ärgerte mich, daß ich und Zacharia ganz gleiche Stäbe
erhalten hatten und daß auch der des Achilla sich kaum von den zwei
andern unterschied. O Gott! War ich denn auch früher schon so? Nein,
mit solchen Kleinigkeiten gab ich mich nicht ab! Ich trug mich mit
hohen Gedanken, wie ich hier in diesem irdischen Jammertal immer
vollkommener werden könnte, um einst das ewige Licht zu schauen und dem
Herrn das mir anvertraute Pfund mit reichen Zinsen zurückzugeben.«

Damit schlossen die alten Tuberozowschen Aufzeichnungen, und als der
Greis zu Ende gelesen, nahm er die Feder, trug ein neues Datum ein und
begann danach mit ruhigen, strengen Schriftzügen zu schreiben:

»Es ist seinerzeit von mir vermerkt worden, wie einmal der Sohn der
Hostienbäckerin, der Lehrer Warnawa Prepotenskij, die unschuldigen
Kinder an ihrem Glauben irre zu machen suchte, indem er sie eine
Leiche sehen ließ und behauptete, es gäbe keine Seele, weil ihr
Wohnsitz im Körper nirgends aufzufinden sei. Mein Zorn über diesen
törichten, aber schädlichen Menschen wurde dazumal von klugen Leuten
für übertrieben erklärt, und von der Veranlagung zu diesem Zorn hieß
es, sie sei der Beachtung gar nicht wert. Jetzt hat sich wieder
etwas Neues begeben. Beim letzten Hochwasser wurde eine unbekannte
Leiche an unser Ufer gespült. Die Mutter des Warnawa, die arme
Hostienbäckerin, sagte mir heute unter Tränen, daß der Arzt und der
Stadthauptmann, wohl aus Bosheit gegen ihren Sohn oder um ihn zu
verhöhnen, ihm jenen Toten geschenkt hätten, und Warnawa hätte aus
Dummheit dieses Geschenk angenommen, und die Leiche in der Bütte,
darin sie bisher friedlich ihre Wäsche in Asche gelegt, ausgekocht
und die Brühe unter den Apfelbaum im Garten gegossen, die Knochen
aber in die Gouvernementsstadt gebracht. Und nun fürchte sie, man
werde ihren teuren Sohn mit jenen Knochen als Mörder festnehmen.
Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und bat den Stadthauptmann
um eine Erklärung, zu welchem Zwecke der Leichnam des Ertrunkenen,
der nach der Sektion kirchlich bestattet werden mußte, dem Lehrer
Warnawa ausgehändigt worden sei? Ich erhielt zur Antwort, das sei im
Interesse der Aufklärung geschehen, d. h. damit er, Warnawa, an dem
Skelett naturwissenschaftliche Studien treiben könne. Diese Sorge um
die Wissenschaft kann einen lachen machen bei Leuten, die ihr so fern
stehen, wie der Stadthauptmann Porochontzew, der sein halbes Leben
im Kavalleriepferdestall zugebracht hat, wo man nichts lernt, als
wie man den Pferden die Schwänze bindet, oder dieses Lügenmaul von
Arzt, der jene Wissenschaft vertritt, deren Anhänger von den wahren
Gelehrten für Ignoranten angesehen werden, was durch seine blödsinnige
Behauptung bewiesen wird, er habe einmal bei Plodomasow versehentlich
statt Branntwein ein Glas Leucht-Petroleum ausgetrunken, und da habe
sein Bauch eine ganze Woche lang geleuchtet! Wie dem nun aber auch
sei, der von dem Lehrer gekochte Leichnam hat sich in ein Skelett
verwandelt. Warnawa brachte die Knochen zu einem Heilgehilfen am
Gouvernementskrankenhaus. Dieser Meister der Anatomie fügte all die
Knochen kunstvoll aneinander und setzte ein Gerippe zusammen, das nun
wieder in unsere Stadt zurückgebracht wurde und sich gegenwärtig bei
Prepotenskij befindet, der es dicht bei seinem Fenster befestigt hat.
Da steht es nun und lockt immer wieder die Straßenmenge an und gibt zu
allen möglichen Streitigkeiten Anlaß und zu einem ewigen häuslichen
Zwist zwischen dem Warnawa und seiner einfältigen Mutter. Der Tote
fängt an Rache zu nehmen. Jede Nacht erscheint er der unglückseligen
Mutter des großen Gelehrten im Traum und fordert immer wieder sein
christliches Begräbnis. Die Arme hat den Sohn auf den Knien angefleht,
ihr dieses Skelett zu geben, daß sie es bestatte, aber natürlich
widersetzt er sich dem mit aller Entschiedenheit. Da entschloß sie sich
zu einer verzweifelten Maßnahme, sammelte in Abwesenheit des Sohnes die
Knochen in eine kleine Holzkiste, trug sie in den Garten und vergrub
sie mit ihren schwachen Greisenhänden unter dem nämlichen Apfelbaum,
unter welchen Warnawa die zerkochten Fleischteile des Unglücklichen
ausgeschüttet hatte. Aber sie hatte kein Glück damit, denn der gelehrte
Sohn grub die Knochen wieder aus, und damit ging eine neue Geschichte
an, die auch heut noch nicht beendet ist. Es ist ebenso lächerlich
wie schmachvoll, was noch weiter folgte. Sie raubten sich die Knochen
gegenseitig so lange, bis mein Diakon Achilla, der sich in alles
mischen muß, diese Sache zum Abschluß brachte und mit solcher Hast
ans Werk ging, daß es ganz unmöglich war, ihm Einhalt zu gebieten.
Auch haben mich die Reden des Arztes und des Stadthauptmanns sehr
verstimmt, die mir Vorwürfe machten wegen meiner eifernden (so nannten
sie es) Intoleranz gegen den Unglauben, denn, meinen sie, wirklich
gläubig sei heutzutag keiner mehr, auch die nicht, welche offiziell
für den Glauben eintreten. Das glaub' ich auch! Ich kann nicht daran
zweifeln. Aber ich wundere mich, woher bei uns dieser erbitterte Haß
und diese Feindschaft gegen den Glauben kommen. Vom Freiheitsdrang?
Aber wen hindert denn der Glaube, mit allem Eifer nach voller Freiheit
in allen Dingen zu streben? Warum haben die wirklichen Denker nicht so
gesprochen?«

Vater Sawelij seufzte tief, legte die Feder hin und trat ans Fenster.
Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und schon fielen einzelne
Regentropfen klatschend in den dicken Staub. Das war der Regen, um
den Tuberozow am vergangenen Tage gebeten hatte. Der Alte flüsterte
entzückte Worte des Dankes und des Lobes und merkte nicht, wie leise
Tränen über seine Wangen liefen. Die Regentropfen aber fielen immer
dichter und dichter, und endlich war es, als würde oben ein ganz feines
Sieb geschüttelt, und die feuchte Kühle spielte erfrischend um den
leicht erhitzten Kopf des Priesters. So am Fenster sitzend, das Haupt
auf die weißen Hände gestützt, schlief Vater Sawelij ein.

Inzwischen ging der sanfte Regen, den kein Gewitter begleitet hatte,
vorüber, die Luft war frisch und rein geworden, der Himmel klar, und
im Osten färbte die graue Dämmerung sich silbern, um dem Morgenrot den
Weg zu bereiten, dem Morgenrot des Tages, der dem Gedächtnis unseres
heiligen Vaters Methodius von Pesnosch geweiht ist, des Tages, dem, wie
wir uns erinnern müssen, der Diakon Achilla eine so große Bedeutung
zuschrieb.



Sechstes Kapitel.


Der Osten wurde immer heller, und während sich die Sonne im Nebel
hinter dem dampfenden Walde wusch, reckten sich die goldenen Pfeile
ihrer Strahlen schon in scharfen Strichen über den Horizont. Ein
leichter Nebel wallte über dem Flusse auf und kletterte das zerklüftete
Ufer entlang; unter der Brücke ballte er sich zusammen und blieb an
den schwarzen, nassen Pfählen kleben. Durch diesen Nebel sieht man das
Gemüsefeld bläulich schimmern und den weißen Streifen der Landstraße
hinüberleuchten. Über allem liegen noch die Schatten des Halbdunkels,
und nirgends, weder in den Häusern, noch auf den Plätzen und Straßen,
merkt man etwas vom Erwachen.

Aber da, auf dem höchsten Punkte der steilen Hügelseite von Stargorod,
über dem schmalen Zickzackweg, der den steinigen Abhang hinab zum
Wasser führt, heben sich zart und durchsichtig die Umrisse einer
höchst seltsamen Gruppe ab. In dem schwachen Licht, das sie bescheint,
wirkt sie ganz phantastisch. In der Mitte steht ein Mann, von dessen
Schultern ein langes, im Gürtel leicht geschürztes Gewand bis zur Erde
niederwallt. Ganz plötzlich ist diese Gestalt aus dem allmählich dünner
werdenden Nebel aufgetaucht und steht unbeweglich, wie ein Gespenst.

Ein abergläubischer Mensch könnte denken, es wäre der Hauskobold von
Stargorod, der, ehe die Stadt erwacht, noch ein paar Klageseufzer über
ihr anstimmen will.

Aber je heller es wird, desto deutlicher erkennt man, daß es kein
Hauskobold, noch sonst ein Geist ist, trotzdem aber auch nicht etwas
ganz Alltägliches. Wir sehen jetzt, daß die Figur ihre Hände in die
Taschen gesteckt hat. Aus der einen Tasche guckt eine sehr lange Gerte
hervor, an deren Ende eine Schleuder oder eine Angelschnur gebunden
ist. Aus der anderen hängt an vier Fäden etwas, das wie eine schwere
Keule aussieht. Ein leiser Wind erhebt sich, die Oberfläche des
schläfrigen Flusses beginnt sich leicht zu kräuseln, ein Zittern fährt
durch die Zweige der Birken hinter dem schöngemusterten Gittertor des
Domes, und die leeren Falten am weiten Gewande der Gestalt auf dem
Berge geraten in Bewegung und enthüllen ein paar dünne Beine in weißen
Unterhosen. In demselben Augenblick, wo diese dünnen Beine sichtbar
werden, tauchen hinter ihnen plötzlich vier Hände auf, welche zwei
anderen Gestalten gehören, die sich mehr im Hintergrunde gehalten
hatten. Diese diensteifrigen Hände fassen die wehenden Enden des
Gewandes, schlagen sie wieder zusammen und verhüllen aufs neue die
dünnen, weißen Beine des Standbildes. Jetzt braucht man nur etwas
schärfer hinzusehen, um auch die zwei anderen Gestalten zu erkennen.
Rechts zeigt sich eine Frau. Sie fällt vor allem durch die ungeheure
Wölbung ihres Leibes auf, über dem sich eine schmale Tunika hoch
emporbläht. In der Hand hält sie einen glänzenden Metallschild, in
dessen Mitte ein großer Büschel Haare befestigt ist, die soeben erst
mit der Haut vom Kopfe des Feindes gelöst zu sein scheinen. Auf der
anderen Seite, also zur Linken der hohen Gestalt, zeigt sich ein
kurzbeiniger, schwarzer Wilder mit breitem Bart. Unter dem linken Arm
hält er etwas wie ein Folterinstrument, und in der Rechten hat er
einen blutigen Sack, aus dem zwei Menschenköpfe heraushängen, bleich,
haarlos, wohl die unglücklichen Opfer der grausamen Folter. Um diese
drei Gestalten scheint der ganze Zauber der nordischen Sage zu wehen.
Nun steigt die helle Sonne noch ein wenig höher, und der Sagenzauber
löst sich in nichts auf. Die drei stehen noch einen Augenblick da und
eilen dann den Hügel hinab. Nachdem sie etwa zehn Schritte gemacht
haben, bleiben sie wieder stehen, und der Größte, der vorausging, sagt
leise:

»Schau mal, Freund Komar, es ist heut noch nichts von ihnen zu sehen.«

»Ja, es ist nichts zu sehen,« erwidert der schwarzbärtige Komar.

»Sieh besser zu!«

Komar blickt scharf über den Fluß hin:

»Es lohnt gar nicht hinzuschauen, es ist keiner da.«

»Und die Stille in der Stadt, ach du lieber Gott!«

»Das schlafende Königreich,« spricht leise die Gestalt, die den Schild
unter dem Arm hält.

»Was sagst du, Felicie?« fragt der Lange, der nicht recht gehört hat.

»Ich melde Ihnen, Woin Wasiljewitsch, daß die Stadt dem schlafenden
Königreich gleicht,« antwortet die Frau.

»Ja, dem schlafenden Königreich; aber bald werden sie erwachen. Schau
mal hin, Komar, da drüben, scheint mir, platscht eben einer hinein.«

Die Gestalt weist nach der Insel, von der sich ein leichter Dampf
erhebt und leise nach der Brücke hin schwebt.

»Ganz recht,« sagt Komar, und seine Blicke verfolgen zwei dünne Kreise
auf dem stillen Wasser, die immer breiter werden. Im Mittelpunkt des
vorderen Kreises schwankt und dreht sich etwas, das wie ein überreifer
gelber Kürbis aussieht.

»Ach, die Kanaille ist wieder zuerst reingesprungen, ohne auf die
Obrigkeit zu warten.«

»Der drüben ist auch fertig,« sagt Komar gleichgültig.

»Nicht möglich, -- du lügst, Komar.«

»Sehn Sie doch hin! Da ist er schon dicht am Wasser!«

Alle drei legen die Hände über die Augen und blicken hinüber. Drüben
sehen sie etwas Großes, Dickes zum Wasser herabschreiten. Es ist ganz
in ein weißes schleppendes Gewand gehüllt und erinnert auffallend an
die Statue des Komtur aus dem »Don Juan«, bewegt sich auch genau so
langsam und feierlich und ebenso unbeirrt seinem Ziel entgegen.

Jetzt ist aber auch der strahlende Phöbus auf seinem Feuerwagen ein
gutes Stück höher hinaufgekommen; der zerflatternde Nebel schimmert in
Bernsteintönen. Die ganze Landschaft leuchtet in Purpur und Blau und in
diesem grellen, mächtigen Licht, ganz von Sonnenstrahlen überflutet,
zeigt sich in den Wellen des Flusses ein nackter Recke mit einer
mächtigen Mähne schwarzer Haare auf dem gewaltigen Haupte. Er sitzt
auf einem mächtigen Rotfuchs, der seines Reiters würdig und mit seiner
breiten Brust die Wellen kräftig teilt, zornig mit den feuerfarbenen
Nüstern schnaubend.

Der Reiter im Flusse und alle oben geschilderten Fußgänger streben dem
nämlichen Punkte zu. Wollten wir Verbindungslinien von dem einen zum
andern ziehen, sie würden sich alle bei einem großen Steine kreuzen,
der in der Mitte des Flusses aus dem Wasser herausragt. In der ersten
Gestalt, die den Berg herabsteigt, erkennen wir den Polizeichef von
Stargorod, Rittmeister a. D. Woin Wasiljewitsch Porochontzew. Er hat
einen himbeerfarbenen seidenen Schlafrock an und eine spitz zulaufende
Kalotte aus Kamelgarn auf dem Kopfe. Aus der einen Tasche, in der seine
rechte Hand steckt, guckt ein dünner Peitschenstiel, an dem eine lange
Peitschenschnur hängt, und bei der andern, in die der Polizeichef
seine Linke gelegt hat, sieht man eine riesengroße, ganz schwarz
gerauchte Meerschaumpfeife und einen orientalischen Tabaksbeutel aus
Saffian an einem Jagdriemen baumeln.

Links von ihm schreitet langsam sein Kutscher, der längst schon
seinen Taufnamen verloren hat und von allen nur noch Komar (Mücke)
genannt wird. In seinen Händen befinden sich weder Folterinstrumente
noch Totenköpfe, noch ein blutbesprengter Leinwandsack, sondern er
trägt bloß eine Bank, einen alten roten Fußteppich und ein Paar
straff aufgeblasener Schwimmblasen, die mit einem Tuchstreifen
zusammengebunden sind.

Die dritte Gestalt, die uns vor einer Viertelstunde so grausig
erschien, mit ihrem Schlachtschild unter dem Arm, entpuppt sich als
die sehr bescheidene Gattin des Komar. »Mütterchen Felizata«, wie sie
von dem Hausgesinde genannt wird, trägt freilich eine sehr schwere
Last, die sich aber ganz und gar nicht zu kriegerischen Aktionen
eignet. Vor allem trägt die gute Frau ihren eigenen Leib, in dem ein
künftiger kleiner Komar junior dem Leben entgegenträumt. Unter dem
Arm aber hat sie eine hell in der Sonne glitzernde Messingschüssel,
in der ein Bastwisch liegt, mit einem Badehandschuh aus Tuch, im
Handschuh ein Stückchen Kampherseife, und auf dem Kopfe ein vierfach
zusammengefaltetes Badetuch.

Also ein durch und durch friedliches Bild.

Die weiße Gestalt, die am jenseitigen Ufer langsam zum Wasser
hinabschreitet, hat inzwischen auch alles Imponierende und damit
auch jede Ähnlichkeit mit dem Standbild des Komturs verloren. Der
Mann hat sich in ein weißes Badetuch gehüllt, und als er das Wasser
erreicht und das Tuch fallen läßt, ist es nicht mehr schwer, in ihm
den wohlbeleibten und ungefügen semmelblonden Kreisarzt Pugowkin zu
erkennen.

Der nackte Reiter auf dem langmähnigen roten Roß aber ist kein
anderer als der Diakon Achilla, und sogar der im Gekräusel der
Wellen auftauchende Kürbis gewinnt nach und nach ein wohlbekanntes
menschliches Aussehen: zwei sanfte blaue Augen und eine eingeknickte
Nase zeigen, daß wir es nicht mit einem Kürbis zu tun haben, sondern
mit dem Kahlkopf des alten Konstantin Pizonskij, dessen Greisenleib
ganz im kühlen Wasser steckt.

Es sind die Badeliebhaber von Stargorod, die von alters her an jedem
schönen Sommermorgen hier zusammenkommen und gemeinschaftlich sich des
frischen Wassers erfreuen.

Als erster stürzt sich der Arzt mit einem mächtigen Anlauf kopfüber in
den Fluß und schwimmt auf den großen breiten Stein zu, der sich in der
Mitte des Flusses einen Fuß hoch aus dem Wasser erhebt.

Mit ein paar mächtigen Schlägen hat er ihn erreicht, klettert auf seine
glatte obere Platte hinauf.

»Ich bin wieder der erste im Wasser!« ruft er lachend. Und brüllt dem
Achilla zu:

»Schwimm doch schneller, du Pharao! -- Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf,
komm herauf!«

Inzwischen ist Felizata zu dem Polizeichef getreten. Sie löst seinen
Gürtel, hilft ihm aus dem Schlafrock, so daß er in Unterhosen und einer
bunten Flanelljacke dasteht. Der Arzt auf dem Stein plätschert mit den
Füßen im Wasser, pfeift lustig vor sich hin und klatscht plötzlich den
herangeschwommenen Diakon Achilla so laut und kräftig mit der flachen
Hand auf den nackten Rücken, daß dieser aufschreit, nicht vor Schmerz,
sondern vor Schreck über das laute Klatschen.

»Was haust du mich mit solchem Lärm?«

»Pack mich nicht am Leib,« erwidert der Arzt.

»Wenn das aber meine Gewohnheit ist?«

»Gewöhn dir's ab,« antwortet der Arzt und pfeift laut.

»Ich gewöhn mir's auch ab, aber ich vergesse mich immer wieder.«

Der Arzt erwidert nichts und pfeift weiter. Der Diakon schüttelt den
Kopf, spuckt aus, bindet die Schnur auf, mit der sein Heldenleib
gegürtet ist, nimmt die daranhängende Bürste und den Striegel ab und
beginnt mit ebensoviel Eifer wie Sachkenntnis die Mähne seines Pferdes
zu reinigen. Das mächtige Tier, welches sich an der langen Leine
ziemlich frei bewegen kann, biegt den breiten Rücken und schlägt mit
seinen Knien das Wasser zu Schaum.

Dieses Landschafts- und Genrebild zeigt uns die Schlichtheit des
Stargoroder Lebens, wie die Ouvertüre die Musik der Oper andeutet. Aber
die Ouvertüre ist noch nicht zu Ende.



Siebentes Kapitel.


Am linken Flußufer, wo der Stadthauptmann immer noch zögert, hat der
Kutscher Komar den Teppich ausgebreitet, die mitgebrachte Bank darauf
gestellt, und nachdem er sich durch kräftiges Schütteln noch überzeugt
hat, daß sie feststeht, ruft er:

»Setzen Sie sich, Woin Wasiljewitsch, sie steht fest.«

Porochontzew geht schnell auf die Bank zu, rüttelt sie erst noch einmal
eigenhändig und setzt sich erst, nachdem er sich genügend überzeugt
hat, daß sie tatsächlich ganz feststeht. Kaum hat der Herr sich
gesetzt, so packt Komar ihn von hinten an den Schultern, und seine
Frau, welche die Schüssel nebst Bastwisch und Badetuch auf den Teppich
gestellt hat, beginnt den kriegerischen Stadtgewaltigen auszukleiden.
Erst nimmt sie ihm die Kalotte ab, dann die gestrickte Unterjacke, die
Pantoffeln und die Socken, legt hierauf ihre Handflächen vorsichtig an
die dürren Rippen des Rittmeisters und bleibt so unbeweglich stehen,
den Kopf etwas seitwärts gebogen.

»Nun, Felicie, geht es schon? Kann ich schon reiten?« fragt
Porochontzew.

»Nein, Woin Wasiljewitsch, noch schlägt der Puls,« antwortet Felizata.

»Na, wenn er noch schlägt, muß man warten. Aber du kannst hineinhupfen,
Komar.«

»Ich tu's auch gleich.«

»Hupf nur, Bruder, hupf! Schwimm einmal herum und komm dann wieder
raus. Dann wird geritten.«

»Wenn ich dann nur nicht zu schlüpfrig bin, Woin Wasiljewitsch. Dann
fallen Sie wieder runter, wie neulich.«

»Nein, nein, ich fall schon nicht.«

Komar wirft, hinter dem Rücken seines Herrn stehend, das Hemd ab und
stürzt sich mit einem mächtigen Anlauf ins Wasser, wo er alsbald
gewaltig mit den Armen zu arbeiten beginnt.

»Famos schwimmt dein Komar,« sagt Porochontzew.

»Ausgezeichnet,« entgegnet die Frau, welche sich anscheinend nicht im
geringsten geniert und auch keinen der Badenden durch ihre Anwesenheit
stört.

Felizata, eine frühere Leibeigene Porochontzews, ist es seit langem
gewohnt, ihren kränklichen Herrn zu bedienen, und bei dieser
Beschäftigung gibt es für sie keinen Geschlechtsunterschied. Inzwischen
ist Komar rund um den Stein geschwommen, auf dem die Badenden sitzen,
und wieder aus dem Wasser gekrochen und steht nun, den gekrümmten
Rücken einem Herrn zugewendet, vor der Bank. Woin Wasiljewitsch
klettert auf den Rücken, umfaßt den Hals des Kutschers mit beiden
Armen und reitet ins Wasser hinein. Der Rittmeister macht es fast
immer so, denn er liebt es nicht, barfuß auf dem scharfen Kies zu
gehen. Kaum hat jedoch das Wasser die Achselhöhlen Komars erreicht,
so bleibt er stehen und meldet, nun seien keine Steine mehr da, denn
er fühle reinen Sand unter seinen Sohlen. Woin Wasiljewitsch klettert
von seinem Roß hinunter und legt sich auf die Schwimmblasen. Auch
heute war der Vorgang derselbe: der dürre Stadtgewaltige legt sich
hin, Komar gibt ihm einen tüchtigen Stoß und beide schwimmen nach dem
Steine, den sie beide erklettern. Dieser nicht sehr große Stein, dessen
über dem Wasser aufragende glatte, runde Fläche einen Durchmesser
von etwa zwei Fuß haben mag, bietet fünf Personen Unterkunft, von
denen vier -- Porochontzew, Pizonskij, der Arzt und Achilla -- sich
an den Rand gesetzt haben, so daß sie einander den Rücken zukehren,
während Komar mitten in dem engen Viereck steht, das eben diese Rücken
bilden, und seinem Herrn den Kopf wäscht. Es wird eifrig diskutiert;
Pizonskij erzählt unter beständigem Zucken seiner schiefen Nase, daß
gestern abend in der Dämmerung irgendwo unterhalb der Brücke im Schilf
sich zwei Schwäne niedergelassen und nachts, während es regnete,
unausgesetzt geschrien hätten.

»Wenn die Schwäne schreien, so verkünden sie irgend jemandes Ankunft,«
meint Komar, indem er den Kopf seines Herrn eifrig mit Seife einreibt.

»Nein, das verheißt bloß einen schönen Tag,« wendet Pizonskij ein.

»Wer sollte auch zu uns kommen?« mischt sich der Arzt ins Gespräch.
»Wir leben ja hier wie die reinen Waldteufel: in hundert Jahren
passiert nichts Neues.«

»Was soll uns auch das Neue?« sagt Pizonskij. »Wir haben ja alles; das
Wetter ist schön, wir sitzen gemütlich auf unserm Stein und keiner
verübelt es uns. Käme aber ein neuer Mensch her, so nähme er vielleicht
Anstoß, es gäbe ein Gerede und ...«

»Ein Gerede: warum sitzen sie so nackigt da?« unterbricht ihn Komar
ungeniert.

»Was ist das für ein Stadthauptmann, der sich von einem Frauenzimmer
waschen läßt?« wirft der Arzt ein.

»Ja, das ist wahr,« ruft der Rittmeister und schaut sich beunruhigt um.

Komar bläst sich in den Schnurrbart, lächelt und sagt leise:

»Und dann wird's heißen: was hat der Polizeichef auf dem Komar ins
Wasser zu reiten?«

»Halt's Maul, Komar!«

»Auch das, auch das wird Fragen veranlassen,« sagt wieder der sanfte
Pizonskij und seufzt, indem er fortfährt: »Und jetzt sitzen wir hier
ohne alle Neuigkeiten wie im Paradiese. Selber sind wir nackt, aber
wir sehen alle Schönheit der Welt: wir sehen den Wald, sehen die
Berge, sehen die Tempel Gottes, das Wasser, das Grün der Wiesen; dort
im Uferschilf piepen die jungen Entlein; vor uns im Wasser spielt das
Völklein der kleinen Fische so fröhlich. Groß ist deine Güte, o Herr!«

Die letzten Worte hatte Pizonskij mit erhobener Stimme gesprochen, sie
hallten weit über den Fluß hin, wurden von den Hügeln zurückgeworfen
und klangen dann noch ein drittes Mal etwas dumpfer von dem flachen
Ufer wider. Pizonskij horcht auf, streckt den Zeigefinger über seinem
kahlen Kopfe zum Himmel empor und sagt:

»Dreimal antwortet dir die Güte des Herrn: was kann es Schöneres geben,
als in solchem Frieden zu leben und in ihm sein Dasein zu vollenden.«

»Wahr, sehr wahr,« antwortet der Rittmeister mit einem Seufzer.
»Da haben der Arzt und ich uns eine kleine Neuerung gestattet: wir
erlaubten dem Warnawa eine Leiche auszukochen. Wozu hat das nicht
geführt! Übrigens, Diakon, vergiß nicht, daß du versprochen hast, dem
Warnawa die Knochen wegzunehmen.«

»Warum sollte ich's vergessen? Ich bin kein Manichäer, den man
hundertmal mahnen muß. Was ich versprochen habe, das halte ich auch.«

»Hast du? Hast du's wirklich schon?«

»Natürlich hab' ich's.«

»Du flunkerst, Diakon!«

Achilla schweigt.

»Warum redest du denn nicht? Erzähle doch, wie du ihm die Knochen
weggenommen hast. Nun? Was Teufel bist du denn heut so solide?«

»Warum soll ich nicht solid sein, wenn meine Taille es mir gestattet?«
erwidert Achilla selbstbewußt. »Ihr zwei, du und der Arzt, macht
Dummheiten, und ich muß sie wieder gutmachen. Na, da bin ich eben zum
Warnawa ins Fenster hineingestiegen, hab die Knochen alle in einen Sack
gesteckt ...«

»Nun und dann, Achilla? Was dann, mein Lieber?«

»Dann ging es ganz dumm.«

»Ja wie denn? So erzähle doch!«

»Was soll ich erzählen, wo ich selber nichts weiß? Dann hat mir jemand
die Knochen wieder wegstibitzt.«

Porochontzew springt auf und schreit:

»Was? Wieder gestohlen?«

»Ja, wie soll ich sagen? Gestohlen ist vielleicht nicht das richtige
Wort. Ich weiß nur, daß ich den ganzen Kram zu mir nach Haus brachte
und ihn in meinen Karren schüttete, um heut damit zur Begräbnisstätte
zu fahren. Aber wie ich morgens nachseh, ist nichts mehr da -- bis auf
das kleine Schwänzchen hier.«

Der Arzt bricht in ein lautes Gelächter aus.

»Was lachst du?« fragt der Diakon geärgert.

»Ein Schwänzchen ist übriggeblieben, sagst du?«

Achilla wird böse.

»Nun ja, ein Schwänzchen,« erwidert er, »oder was soll das sonst sein?«

Der Diakon löst von dem Striegel einen menschlichen Fußknöchel, den er
mit einem Endchen Bindfaden daran befestigt hatte, reicht ihn dem Arzt
hin und sagt trocken: »Da, sieh's dir an, wenn du mir nicht glaubst.«

»Haben denn die Menschen Schwänze?«

»Etwa nicht?«

»Du hast also auch einen Schwanz?«

»Ich?!« fragt Achilla.

»Ja, du.«

Der Arzt lacht wieder aus vollem Halse, der Diakon aber wird bleich und
sagt:

»Hör mal, mein lieber Meister Quacksalber, scherzen kannst du, -- aber
mit Maß, wenn ich bitten darf. Vergiß nicht, daß ich eine geistliche
Person bin.«

»Na, schon recht! Aber sag mir mal erst, wo hast du deinen Astragalus?«

Das unbekannte Wort »Astragalus« macht auf den Diakon einen
verblüffenden Eindruck: die Fachbezeichnung für das unschuldige
menschliche Sprungbein scheint ihm etwas äußerst Kränkendes, er
schüttelt den Kopf, stößt einen tiefen Seufzer aus und sagt langsam:

»Für so niederträchtig hätte ich dich allerdings nicht gehalten.«

»Ich niederträchtig?«

»Jawohl! Einer geistlichen Person mit derartigen dummen Fragen zu
kommen ist niederträchtig. Aber merk dir: deinen faulen Scherz mit dem
Schwanz hab' ich dir nachgesehen, aber jetzt nimm dich in acht!«

»O wie schrecklich!«

»Ja, hab' dich nur! Ich mein' es ernst. Eure Freigeisterei hängt mir
längst zum Halse heraus.«

»Ja, ist denn das Freigeisterei, wenn man Astragalus sagt?«

»Kusch!« schreit der Diakon.

»Schafskopf« meint der Arzt achselzuckend.

»Kusch!« donnert Achilla und hebt drohend die Faust. Seine Augen
funkeln grimmig.

»Ist das ein Esel! Kein vernünftiges Wort kann man mit ihm reden.«

»Was? Ein Esel bin ich? Man kann nicht mit mir reden? Na warte! Ich bin
euch kein sanfter Sawelij! Runter in den Sumpf!«

Mit diesen Worten hat der Diakon die Leine seines Pferdes aus der
rechten Hand in die linke genommen, packt den Arzt mit der Rechten um
den Leib und reißt ihn ins Wasser hinab. Sie tauchen unter, werden
wieder sichtbar und verschwinden aufs neue. Obgleich das Verhalten des
Diakons deutlich verriet, daß er keineswegs die Absicht hatte, den
Arzt zu ertränken, sondern ihn nur etlichemal untertauchen wollte, --
er hielt auch, während sie so zappelten, immer nach dem Ufer zu -- so
versetzte das verzweifelte Gebrüll des Medikus die Drei auf dem Steine
und die am Ufer stehende Felizata doch in eine so unbeschreibliche
Angst, daß auch sie ein lautes Geschrei erhoben, welches die ganze
Umgegend alarmieren mußte.

So begann der Diakon Achilla seinen Ausrottungskampf gegen die in
Stargorod um sich greifende gemeingefährliche Freigeisterei, und
wir werden sehen, was für gewaltige Folgen dieser energische Anfang
zeitigen sollte.



Achtes Kapitel.


Der Lärm und das Geschrei der Badenden hatten den Propst, der an seinem
Fenster kaum ein wenig eingeschlummert war, aufgeweckt. Der Alte
erschrickt, springt auf, sieht auf den Fluß hinaus, kann aber ganz und
gar nicht begreifen, was eigentlich geschehen. In diesem Augenblicke
hält vor seinem Hause ein eleganter, von einem grauen Vollblutpferde
gezogener Jagdwagen. Darin sitzt eine schwarzgekleidete junge Dame: sie
kutschiert selbst, neben ihr ein kleiner Groom. Die Dame ist die junge
verwitwete Gutsbesitzerin Alexandra Iwanowna Serbolowa, seine ehemalige
Lieblingsschülerin.

»Alexandra Iwanowna, seien Sie mir herzlichst willkommen,« erwidert der
Propst ihren Gruß. »Meine Frau steht gleich auf, und dann sind Sie so
freundlich, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen.«

Die Dame dankt. Sie sagt, sie sei in die Stadt gekommen, um eine
Totenmesse für ihren verstorbenen Gatten lesen zu lassen, und bittet
Tuberozow, doch recht bald in die Kirche zu kommen.

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Vielen Dank. Ich will jetzt nur noch für einen Augenblick zur alten
Prepotenskaja, sonst ist sie gekränkt.«

Sie nickt dem Priester zu und im nächsten Augenblick ist der leichte
Wagen verschwunden. Der Propst schickt das Dienstmädchen zum Küster
mit dem Befehl, zur Frühmesse läuten zu lassen und den Diakon Achilla
in die Kirche zu beordern; dann tritt er vor den Heiligenbilderschrein,
seine Morgenandacht zu verrichten. Eine halbe Stunde später schlägt
die Domglocke an, und gleich darauf kommt das Mädchen zurück mit der
Meldung, sie habe den Diakon Achilla nicht finden können, niemand
wisse, wo er sei. Zum Warten ist aber keine Zeit mehr und so nimmt der
Propst seinen Stab mit der Inschrift »Der Stecken Aarons erblühte«
und begibt sich in den Dom. Er ist noch keine zehn Minuten fort, als
die Pröpstin Natalia Nikolajewna durch das plötzliche Erscheinen des
Diakons Achilla höchlich überrascht wird. Er ist ganz außer sich.

»Mütterchen,« ruft er, »alles, was ich Euch gestern von den
Totengebeinen versprochen hatte, ist zuschanden geworden.«

»Das habe ich mir doch gleich gedacht,« erwidert Natalia Nikolajewna.

»Nein, bitte sehr, Ihr müßt erst wissen, warum es zuschanden geworden
ist. Wie ich es Euch gestern versprach, so habe ich's auch gemacht.
Ganz wie sich's gehört, habe ich die Überreste dieses Menschen, den
der Warnawka gekocht hat, durchs Fenster gestohlen, in den Sack
gesteckt und zu mir nach Haus getragen. Dann habe ich sie in den Karren
geschüttet. Aber als ich heute nachschaue, ist der Karren leer! Kann
ich dafür?«

»Ja, wer beschuldigt dich denn?«

»Das ist es ja eben. Mich überkam sogar ein Zweifel, ob ich sie nicht
schon nachts vergraben hätte, aber heut früh im Bade war der Arzt so
frech gegen mich, daß ich gleich aus dem Bad zum Warnawka gerannt bin.
Alle Fensterläden waren geschlossen. Ich guckte durch eine Ritze, und
da seh' ich, daß der Gekochte wieder heil und ganz am Nagel hängt! Wo
ist der Vater Propst? Ich muß ihm gleich alles erzählen!«

Natalia Nikolajewna schickte den Diakon ihrem Gatten nach, und der
schnellfüßige Achilla hatte den Propst auch bald eingeholt.

»Was rennst du so ... und fauchst und schnaufst und stampfest?« fragt
ihn Sawelij, als er seine Schritte hinter sich hört.

»Das ... das tu ich immer, Vater Sawelij, wenn ich laufe. Habt Ihr es
nie bemerkt?«

»Nein, bisher nicht. Aber sprich doch mit dem Arzt, er hilft dir
vielleicht.«

»Jawohl, der Arzt! Redet mir nur nicht von dem, Vater Sawelij! --
Er hat mich heute ganz aus der Fassung gebracht. Denkt Euch diese
Frechheit, Vater Propst ...« Der Diakon beugt sich zu dem Ohre des
Propstes, und nachdem er ihm die Gemeinheit des Arztes leise mitgeteilt
hat, fügt er laut hinzu: »Nun sagt selbst, ist das nicht furchtbar
unverschämt?«

»Ich finde nichts dabei,« erwidert der Propst, indem er langsam die
Stufen vor dem Domportal emporsteigt. »Astragalus ist ein Fußknöchel,
und ich verstehe nicht recht, was dich in solche Wut versetzt hat.«

Der Diakon tritt einen Schritt zurück und ruft erstaunt: »Ein
Fußknöchel?«

»Ja freilich.«

Achilla schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn:

»Ich Dummkopf!«

»Was hast du gemacht?«

»Nein, ich bitt' Euch, seid so gut, nennt mich einen Dummkopf!«

»Ja, weswegen denn?«

»Nein, nein, nennt mich nur so. Ich hätte diesen Arzt beinahe ersäuft.«

»Nun gut, mein Lieber, ich erfülle deinen Wunsch: du bist wahrhaftig
ein Narr, und ich sage dir's voraus, wenn du von dergleichen
Narrengewohnheiten nicht bald lässest, so kommt es noch einmal dahin,
daß du jemand ums Leben bringst.«

»Erbarmt Euch, Vater Sawelij, ich bin doch nicht ganz von Sinnen.«

»Überall, überall folgt dir der Unfrieden auf dem Fuße!«

»Ich weiß nicht, woher das kommt. Ich bin für Frieden und Ordnung, aber
es kommt immer anders.«

Hierauf erzählt Achilla in großer Hast, aber mit allen Einzelheiten,
wie er gestern das Gerippe gestohlen und wie es dann wieder
verschwunden und an seinem alten Platze erschienen sei. Tuberozow hört
ihm zu. Seine Augen werden immer größer und größer, und unwillkürlich
tritt er ein paar Schritte zurück, indem er ausruft:

»Großer Gott, was für ein unseliger Mensch!«

»Wer, Vater Sawelij?« meint Achilla, nicht weniger erstaunt.

»Du, mein Bester, du!«

»Aus welchem Grunde bin ich unselig?«

»Welch böser Geist treibt dich zu alledem?«

»Wozu?«

»Zum Einbrechen, Rauben, Zanken.«

»Ihr habt mich dazu angetrieben,« erwidert der Diakon ganz ruhig und
freundlich. »Ihr sagtet: so oder so -- der Sache muß ein Ende gemacht
werden. Und da hab' ich ihr ein Ende gemacht. Ich habe nur Euren Wunsch
erfüllt.«

Tuberozow schüttelt den Kopf, wendet sich dem Portal zu und tritt in
die Vorhalle, wo er die Serbolowa in stillem Gebete kniend erblickt.
In einer Ecke aber sitzt der Lehrer Prepotenskij auf einer Totenbahre
und klopft sich den Staub von den Beinkleidern. Sein Gesicht strahlt.
Er schaut den Propst und den Diakon mit triumphierendem Lächeln an. Was
konnte ihn, den Gottesleugner, in die Kirche geführt haben? Darüber
erstaunte Tuberozow nicht weniger als Achilla; nur vermochte Achilla
diesen Gedanken auch während der Messe nicht zu bannen, während der
ernste Sawelij ihn bereits von sich gewiesen hatte, als sich die Tür
zum Altarraum vor ihm auftat, denn er war gewohnt, mit Furcht und
Zittern vor das Angesicht seines Gottes zu treten.

Eine Stunde war vergangen und die Totenmesse beendet. Die Serbolowa
und ein entfernter Vetter von ihr, ein gewisser Darjanow, hatten beim
Propst Tee getrunken und waren fortgegangen. Die Serbolowa wollte
gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brannte, auf ihr Gut
zurückkehren. Jetzt aber gedachte sie etwas zu ruhen. Darjanow sollte
mit ihr bei der alten Prepotenskaja Mittag essen, wohin Tuberozow
später ebenfalls kommen wollte, um ein Gläschen Tee zu trinken und
seinem lieben Beichtkinde das Geleite zu geben.



Neuntes Kapitel.


Öde, traurig und eintönig ist der Anblick der menschenleeren
Straßen unserer Kreisstädte zu jeder Zeit; aber nie erscheinen sie
so ausgestorben wie an einem heißen Sommermittag. Der dicke, graue
Staub, den stellenweise die Spuren von Wagenrädern durchfurchen, das
schläfrige, welke Gras, das die ungepflasterten Straßen an der Seite,
wo die Trottoirs anzunehmen sind, umsäumt, die grauen, halbverfaulten,
schiefen Zäune, die Kirchentüren mit ihren schweren Hängeschlössern,
die Holzbuden, die von ihren Besitzern verlassen und mit zwei übers
Kreuz geschlagenen Brettern verbarrikadiert sind, -- alles das
schlummert in der Mittagshitze so verführerisch, daß der Mensch, der
verurteilt ist, in dieser Umgebung zu leben, ganz von selbst alle
Munterkeit verliert und auch matt wird und einschläft.

Um diese Stunde war es, als Valerian Nikolajewitsch Darjanow, nachdem
er einige öde Straßen durchschritten hatte, in ein enges Gäßchen
einbog, das durch einen alten Gitterzaun völlig abgeschlossen ward.
Hinter dem Zaun war eine Kirche sichtbar. Darjanow bückte sich tief
und trat durch das niedrige Pförtchen in den Kirchhof. Hier stand
in einer Ecke das kaum bemerkbare Hüttchen des Kirchenwächters, und
weiter hinten, inmitten eines ganzen Waldes verfallener Grabkreuze,
verbarg sich das niedrige, dreifenstrige Häuschen der Hostienbäckerin
Prepotenskaja.

Der Friedhof war frei von dem Staube, der in dicker Schicht alle
Straßen und Plätze der Stadt bedeckte. Hier wuchs schönes grünes
Gras, und zwei Hühner, die sich im weichen Staube im Sonnenschein
ausliegen wollten, mußten vor die Pforte hinaus und sich unter der
Schwelle in den weichen Staub eingraben, so daß man sie kaum sehen
konnte. Dort lagen sie meist den ganzen Tag, fest überzeugt, daß keiner
sie stören werde. Als Darjanow über sie hinwegschritt, rührten sie
sich nicht; jedes öffnete nur eins seiner bernsteinfarbenen Augen,
begleitete den Gast mit einem schläfrigen Blick und schloß dann die
grauen Lider wieder. Darjanow ging geradewegs auf das Pförtchen des
Prepotenskijschen Hauses zu und schlug mit dem schweren eisernen
Ring gegen das Holz. Alles blieb stumm. Kein Hund bellte, keine
menschliche Stimme ließ sich vernehmen. Darjanow klopfte noch einmal,
aber wieder erfolglos. Dann ließ er alle Hoffnung fahren, kroch unter
dem Lattenwerk hindurch ins Himbeergesträuch, welches das Haus der
Hostienbäckerin dicht umgab, und schaute in eins der Fenster. Diese
waren gegen die Sonnenhitze durch Läden geschlossen, aber durch die
breiten Ritzen konnte man den ganzen Innenraum übersehen. Es war ein
großes, hohes Zimmer, fast ohne Möbel, mit zwei Türen, durch deren eine
man in eine zweite, winzige blaue Kammer mit einem hohen Bett blickte,
über welchem eine aus Kattunflicken zusammengenähte Decke lag.

Das große, leere Zimmer gehörte dem Lehrer Warnawa, die kleine Kammer
seiner Mutter. Das ganze Haus bestand nur aus diesem zwei Räumen, denn
die winzige Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, zählte nicht
mit.

Augenblicklich standen beide Zimmer leer, aber Darjanow hörte im
Vorhause hinter der Tür eifrig jemand mit dem Hackmesser arbeiten,
und im Garten unter dem Fenster schien entweder Ziegel gerieben oder
Eisen gefeilt zu werden. Durchaus überzeugt, alles Klopfen führe zu
nichts, trat Darjanow an den Zaun, der das Gärtchen umgab, und begann
eine neue Musterung durch den Spalt, den er zwischen den Brettern
entdeckte. Es war aber nicht so leicht, denn an den Zaun lehnte sich
dichtes Gesträuch, das den Menschen, der da mit den Ziegeln oder
der Feile arbeitete, nicht sehen ließ. Darjanow mußte sich einen
neuen Beobachtungspunkt suchen. Er trat mit der Fußspitze auf ein
vorspringendes Brett, faßte mit der Hand den oberen Rand des Zaunes
und schwang sich empor. Jetzt konnte er den ganzen kleinen, aber
dichtbewachsenen und sehr reinlich gehaltenen Garten übersehen. Quer
hindurch ging ein von der Hostienbäckerin eigenhändig angelegter,
sauber mit gelbem Sand bestreuter Weg, auf welchem der Lehrer Warnawa
saß. Er hielt die ausgestreckten Beine auseinandergespreizt, wie Kinder
beim Ballspielen. Zwischen seinen Knien lag auf dem Sande ein ganzer
Haufen Menschenknochen und ein Bogen blaues Packpapier. In jeder Hand
hielt er einen Ziegelstein und rieb sie mit gewaltiger Kraftanstrengung
aneinander. Der Schweiß floß in Strömen über sein Gesicht, obgleich er
im Schatten saß und alle irgend überflüssigen Toilettenstücke abgelegt
hatte. Er war barfuß und nur mit Hemd und Hose, welch letztere nur
durch einen Träger gehalten wurde, bekleidet.

»Warnawa Wasiljewitsch, machen Sie mir auf!« rief Darjanow ihm zu, aber
dieser Ruf verhallte ergebnislos.

Eher hätten die Toten auf dem verfallenen Friedhof dem Gast Bescheid
geben können, als der ganz in seine Arbeit vertiefte Lehrer. Sobald
Darjanow das begriffen hatte, verzichtete er auf weiteres Rufen und
sprang vom Zaun mitten in den Garten hinein. Er sprang leicht und
gewandt, aber die alten, wackligen Bretter schlugen trotzdem krachend
aneinander und erschreckten den Lehrer dermaßen, daß er in größter
Hast seine Ziegelsteine fallen ließ und, auf allen Vieren stehend, die
Knochen zusammenzusuchen begann.

»Na, Warnawa Wasiljewitsch, guter Freund! Sie sind aber vertieft in
Ihre Arbeit! Man kann sich ja die Lunge aus dem Halse schreien!«
begrüßte ihn der Gast hervortretend. Als Warnawa ihn erkannte, ging
ein Leuchten über sein Antlitz, und er zwinkerte mit den Augen, als er
sagte:

»Ah, Sie sind's! Und ich dachte, es wäre der Achilla.«

Mit diesen Worten breitete der Lehrer freudig die Arme aus, und der
ganze Haufen Knochen plumpste auf den Weg, als würde plötzlich das
Innere des Mannes ausgeschüttet.

»Ach, Valerian Nikolajewitsch,« meinte er, »wenn Sie wüßten, was
hier vorgeht. Nein, hol's der Teufel, -- da soll man noch in diesem
verfluchten Rußland bleiben!«

»Um Gotteswillen, was ist denn passiert? Wollen Sie es mir nicht
verraten?«

»Ja gewiß, wenn ... wenn Sie kein Spion sind.«

»Ich glaube nicht.«

»Dann setzen Sie sich auf die Bank und ich will weiter arbeiten. Setzen
Sie sich nur, mir ist Ihre Gegenwart sogar sehr angenehm; ich habe so
wenigstens einen Zeugen.«

Der Gast kam der Aufforderung nach und bat den Lehrer noch einmal,
zu berichten, was für ein Leid ihn betroffen hätte und wie alles so
gekommen wäre.



Zehntes Kapitel.


»Mein Leiden begann mit meiner Geburt, Valerian Nikolajewitsch,« fing
der Lehrer an, »und wurzelt in der Hauptsache darin, daß ich von meiner
Mutter geboren bin.«

»Trösten Sie sich, lieber Freund, alle Menschen sind von ihren Müttern
geboren,« entgegnete Darjanow und wischte sich den Schweiß von der
Stirn. »Nur Macduff wurde aus dem Mutterleibe geschnitten, und auch
nur, damit Macbeth von keinem besiegt werde, den ein Weib gebar.«

»Na ja, Macbeth! ... Was schert mich euer Macbeth? Wir brauchen keinen
Macbeth, wir brauchen Aufklärung. Aber was soll man machen, wenn man
hier nicht studieren kann? Ich kann es ohne weiteres beschwören, daß
weder in Petersburg, noch in Neapel, noch sonstwo in der Welt der
Mensch, der etwas lernen will, auf solche Hindernisse stößt, wie hier
bei uns. Da redet man von Spanien ... Aber wie ist's mit Spanien? In
Spanien ist die Lutherbibel verboten. Schön! Dafür aber haben sie
auch Verschwörungen und Aufstände und Gott weiß was alles. Ich bin
überzeugt, wenn sich dort jemand ein Skelett zu wissenschaftlichen
Zwecken anschafft, so wird niemand was dagegen einzuwenden haben. Aber
hier? Kaum hatte ich die Knochen präpariert, so ließ meine eigene
Mutter mir keine Ruhe mehr. ›Sei lieb, Warnawa, mein Kind, ich will ihn
beerdigen.‹ Was heißt das: ›ihn‹? Was ist das für ein ›Er‹? Warum sind
diese Knochen ein Er und keine Sie? Hab' ich recht oder nicht?«

»Vollkommen recht.«

»Ausgezeichnet. Jetzt sagt man, daß ich meiner Mutter nicht vernünftig
zuzureden verstehe. Ja, was soll ich denn noch sagen? ›Mütterchen, laßt
die Knochen in Ruhe,‹ sprach ich. ›Ihr versteht nichts davon. Ich habe
sie nötig, ich studiere den Menschen daran.‹ Aber was soll ich machen,
wenn sie mir stets darauf antwortet: ›Weißt du, lieber Warnascha, es
ist doch besser, wenn ich ihn begrabe.‹ -- -- Das ist doch nicht zum
Aushalten.«

»Allerdings.«

»Ich sagte ihr, um sie los zu werden: ›Was quält Ihr Euch um ihn,
Mutter, er war ein Jude.‹ Aber sie glaubt mir nicht. ›Du lügst,‹
meint sie, ›das gibt dir der Teufel ein. Ich weiß es doch besser, die
Juden haben alle Schwänzchen.‹ Niemals, sage ich, haben die Menschen,
gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, Schwänze gehabt. Und dann fängt
der Zank an. Ich trete, wie sich's gehört, für die Juden ein, und sie
widerspricht mir. Ich beweise ihr, sie hätten keine Schwänze, aber sie
besteht darauf: Ja -- nein -- mit Schwanz -- ohne Schwanz ... heißt es.
Und wenn sie sich gar nicht mehr zu helfen weiß, dann zischt sie nur
noch: Kusch -- kusch -- kusch -- und fuchtelt mir mit den Händen vor
der Nase herum, als wär' ich ein Huhn, das sie von den Gemüsebeeten
verjagen will. Und da verlangt man noch, man solle den Frauen Freiheit
geben. Ich bin gewiß für die Emanzipation, aber man muß die Sache mit
Vernunft anfangen: einer jungen, entwickelten Frau, die sich in ihrem
Tun keinen Zwang auferlegen will, soll man die Freiheit geben, aber
diesen alten Weibern -- -- Nein, dagegen bin ich durchaus, und wundere
mich, daß noch niemand diese Frage öffentlich behandelt hat. Hinter
all dem stecken die Pfaffen mit diesem Tuberozow an der Spitze.«

»Sie übertreiben!«

»Warum nicht gar! Ich habe die Beweise dafür in der Hand. Tuberozow hat
mich nie leiden mögen, jetzt aber haßt er mich einfach wegen meiner
naturwissenschaftlichen Studien. Ich habe ihn ja einmal geschnitten.«

»Wie haben Sie denn das gemacht?«

»Nicht einmal, hundertmal hab' ich ihn schon geschnitten, -- zuletzt
noch in der vorigen Woche. Damals in der Schule, im Sprechzimmer des
Inspektors, fing er an zu predigen, die Feiertage seien etwas ganz
Besonderes, -- da hab' ich ihn in aller Gegenwart geschnitten. Ich
wies ihn einfach darauf hin, es sei mathematisch bewiesen, daß die
Festlegung der Feiertage fehlerhaft sei. Wie steht's denn um unsere
Feste? fragte ich. Wir feiern Weihnachten, und im Auslande haben sie es
schon dreizehn Tage früher gefeiert. Hab' ich nicht recht?«

»Es sind aber nur zwölf Tage, nicht dreizehn.«

»Nun gut, zwölf, darauf kommt es nicht an. Aber er schlug gleich mit
der flachen Hand auf den Tisch und schrie: ›Paß auf, du Mathematikus,
daß man dir dafür nicht noch mal in die Physik fährt!‹ Ich frage Sie:
was meint er mit dem Worte Physik? Sie werden mich verstehen, -- so
redet doch nur ein Ignorant oder Zyniker, -- und: ist das überhaupt
eine Antwort, frage ich Sie?«

Der Gast lachte und sagte, eine Antwort sei es schon, aber freilich
eine höchst merkwürdige.

»Einfach dumm ist sie. Aber so geht es tagaus, tagein. Gestern abend
erst komme ich von der Biziukina, und wenige Schritte vor mir geht der
Kommissar Danilka, -- wissen Sie, jener Herumtreiber, der für zwei
Rubel das Pferd beim Glitsch wegführte, als Achilla Butter schlagen
mußte. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Wo warst du, Danilka? frag'
ich ihn. Er antwortet, er sei beim Polizeichef gewesen und habe ihm
Beeren von der Postmeisterin gebracht. Dort habe man gerade von mir
gesprochen, der Diakon sei dagewesen, bemerkte er noch. Ich geriet
natürlich in Aufregung, aber er suchte mich zu beruhigen: ›Nicht von
Ihnen selbst war die Rede, sondern von dem toten Menschen, den Sie
bei sich haben.‹ Begreifen Sie das Intrigenspiel? Ich gab dem Danilka
zwanzig Kopeken. Was sollte ich machen? Es ist ja nicht schön, aber
es geht nicht ohne Spione. Und nun berichtete er mir, der Diakon habe
gesagt, es sei ein großer Fehler, mir den Ertrunkenen überlassen zu
haben. Aber man kann es noch wieder gutmachen. Der Stadthauptmann kennt
natürlich meinen Charakter und meinte deshalb auch, ich würde die
Knochen nicht wieder zurückgeben, -- und ich geb' sie auch bestimmt
nicht heraus! Achilla aber riet: ›Man nimmt sie ihm einfach fort und
bestattet sie in aller Ruhe.‹ Da meinte der Stadthauptmann: ›Sollte man
vielleicht einen Schutzmann nach den Knochen schicken?‹ Jedoch dieser
Bandit antwortet: ›Ich brauche keinerlei polizeiliche Hilfe. Ich hole
sie einfach, lege sie in einen Kindersarg und die Sache ist erledigt.‹«

Plötzlich stürzte Prepotenskij auf die Gebeine los, breitete die Hände
über sie aus, wie eine Henne ihre vor dem Habicht flüchtenden Küchlein
mit den Flügeln bedeckt, und sagte mit erregter Stimme:

»Bitte sehr! Solange ich am Leben bin, wird die Sache nicht gemacht! Es
ist schon genug, daß Ihr alles verzögert!«

»Was verzögern ›sie‹ denn?«

»Als ob Sie das nicht wüßten!«

»Etwa die Revolution?«

Der Lehrer brach seine Arbeit ab und nickte spöttisch.



Elftes Kapitel.


»Nachdem ich dies alles von Danilka gehört hatte,« fuhr Warnawa fort,
»begab ich mich zur Biziukina zurück, um sie davon in Kenntnis zu
setzen, und eine Stunde später, als ich nach Hause kam, waren alle
Knochen schon fort. ›Wo sind sie geblieben? Wo?‹ schrei' ich, -- und
diese Dame, meine Frau Mama, antwortet: ›Sei nicht bös, mein lieber
Warnaschenka (haben sie mir schon so einen scheußlichen Namen gegeben,
muß er jetzt auch noch so ekelhaft verdreht werden), sei nicht bös,
die Obrigkeit hat sie holen lassen.‹ -- ›Was ist das wieder für ein
Blödsinn,‹ schrei' ich, ›von was für einer Obrigkeit quasselt Ihr
denn?‹ -- ›Während du fort warst,‹ sagt sie, ›kam der Diakon Achilla
ans Fenster und hat sie alle mitgenommen.‹ Was sagen Sie dazu? ›Seit
wann gehört der Diakon zur Obrigkeit?‹ -- ›Ja, Lieber,‹ sagt sie,
›wieso denn nicht? Er hat doch die Weihen empfangen.‹ Wie soll man mit
einer solchen Person reden? Sie lachen, Ihnen kommt das komisch vor,
mir aber war gar nicht lächerlich zumute, als ich selber zu diesem
Banditen hingehen mußte. Jawohl! Achilla nennt mich feige und alle
glauben es, aber gestern habe ich bewiesen, daß ich kein Feigling bin;
geradewegs begab ich mich zu Achilla. Als ich hinkam, schnarchte er
bereits. Ich klopfte ans Fenster und rief: ›Gebt mir meine Knochen
heraus, Achilla Andrejewitsch.‹ Es dauerte eine Weile, bis er erwachte,
und sofort mit seinen Unverschämtheiten loslegte: ›Was willst du mit
den Knochen? (Was soll dies familiäre Du? Seit wann sind wir so intim?)
Du bist ohne Knochen viel netter.‹ -- ›Das geht Euch gar nichts an, ob
und wann ich netter bin.‹ -- ›Im Gegenteil, das geht mich sogar sehr
viel an, denn ich bin eine geistliche Person.‹ -- ›Aber Ihr habt nicht
das Recht, fremdes Eigentum fortzunehmen.‹ -- ›Sind denn Totengebeine
Eigentum? Du solltest erst mal kapieren, daß du solches Eigentum gar
nicht besitzen darfst.‹ Darauf erwiderte ich ihm, daß der Diebstahl
den geistlichen Personen doch wohl auch nicht gestattet sei: er kenne
wahrscheinlich die englischen Gesetze nicht. In England könne er dafür
gehenkt werden. Und was antwortet er mir? ›Wenn du mir von allerlei
Gesetzen vorschwatzen willst, dann bedenke gefälligst, daß du dafür
nach der Gendarmeriekanzlei gebracht werden kannst. Da schiebt man dich
bis zum Gürtel ins Kellerloch und dann setzt es Rutenhiebe mit zwei
Bündeln zugleich. Dann hast du dein England.‹ Und damit schmeißt er
sich wieder auf sein Bett. Jetzt war mir alles klar. Ich ging sofort
zu Biziukins, um gleich alles Daria Nikolajewna zu erzählen, die ganz
meiner Meinung war. Wie ich ihr gestern meine Vermutungen über den
Diakon Achilla mitteilte, sagte sie sofort: ›Natürlich ist er ein
Spion! In Ihrer gegenwärtigen, gefährlichen Lage muß es Ihre Hauptsorge
sein, wieder in den Besitz der Knochen zu gelangen und sie dann aufs
allereifrigste zu Lehrzwecken auszunutzen. Achilla kann sie jetzt bei
Nacht noch nicht fortgeschafft haben, und wenn Sie sich gleich zu ihm
schleichen, so können Sie sie wiederbekommen. Passen Sie nur auf, daß
er Sie nicht erwischt, sonst könnte er Sie arg verhauen ...‹«

»Verhauen?«

»So meinte sie, weil sie die Gewohnheiten des Achilla gut kennt, und
fügte noch hinzu: ›Lassen Sie sich aber nicht beirren. Nehmen Sie mein
dickes, gemustertes Tuch und wickeln Sie es sich um den Hals. Auf den
Kopf setzen Sie meine wattierte Winterkappe. Wenn er Sie dann wirklich
ertappt und zuschlägt, so sind Sie geschützt und es tut Ihnen nicht
weh.‹ Ich legte alles an und zog los. So kam ich denn zum zweitenmal
in den Hof dieses Viehes. Der Hund schlug an, aber Daria Nikolajewna
hatte auch das vorausgesehen und mir ein Stück Kuchen für den Köter
mitgegeben. Ich fütterte ihn und ging weiter, bis ich vor mir einen
Karren stehen sah. Ich stürze auf ihn zu, -- und richtig, da lagen sie
alle drinnen, alle meine Knochen.«

»Sie machten sich natürlich gleich an die Arbeit?«

»Versteht sich! Ich nahm die Kappe vom Kopf, wickelte die Knochen
hinein und raste im schnellsten Tempo davon.«

»Und damit war die Geschichte zu Ende?«

»Zu Ende? Nein, jetzt war sie erst in vollem Gange. Soll ich
weitererzählen?«

»Ich bitte darum!«



Zwölftes Kapitel.


»Erst muß ich Ihnen noch erklären, wie und warum ich heute in die
Kirche gekommen bin. Früh fährt Alexandra Iwanowna Serbolowa bei uns
vor. Sie kennen sie sicher besser als ich. Sie ist strenggläubig
und ihre Anschauungen sind überhaupt stark rückständig, aber sie
unterstützt meine Mutter in diesem und jenem, und deshalb bringe ich
das Opfer und vermeide es, mit ihr zu streiten. Aber wozu sage ich das?
Ach ja, -- wie sie gekommen war, sagte meine Mutter zu mir: ›Steh auf,
mein lieber Warnaschenka, und begleite Alexandra Iwanowna zur Kirche,
damit die Hunde des Akziseeinnehmers ihr nichts zu Leide tun.‹ So ging
ich mit. Sie wissen, ich betrete die Kirche sonst nie; aber schließlich
können mir weder Achilla noch Sawelij dort etwas anhaben, und so tat
ich's eben. Aber wie ich da stehe, fällt mir plötzlich ein, daß ich
meine Zimmertür nicht abgeschlossen habe. Ich laufe deshalb so schnell
ich kann nach Hause, finde aber meine Mutter nirgends. Ich werfe einen
Blick auf die Wand, -- die Knochen sind weg!«

»Sie hatte sie begraben?«

»Jawohl!«

»Ohne Scherz?«

»Als ob man mit +der+ Frau scherzen könnte! Ich bat und bettelte:
›Liebes, gutes Mütterlein, ich will Euch lieben und ehren, aber sagt
mir, wo habt Ihr meine Knochen gelassen?‹ ›Frage nicht, Warnascha,
mein Liebling, sie haben jetzt Ruhe.‹ Ich versuchte, was ich konnte,
ich weinte, drohte mit Selbstmord, versprach ihr endlich sogar, fortan
jeden Tag zu beten, -- es half alles nichts! Voller Wut ging ich zur
Schule, fest entschlossen, heute nacht den Spaten zu nehmen, eins
der alten Gräber hier auf dem Friedhof aufzugraben und mir ein neues
Skelett zu verschaffen; denn diesen Triumph durfte ich der Bande nicht
gönnen. Ich hätte es auch ganz bestimmt getan. Wäre das nicht ein
sogenanntes Verbrechen gewesen?«

»Sogar ein großes.«

»Sehen Sie. Und wer hätte mich dazu gebracht? Die eigene Mutter! Sicher
wäre es so gekommen, wenn nicht zu meinem Glück ein Junge in die Klasse
getreten wäre, der erzählte, am Flußufer hätte ein Schwein Knochen
ausgegraben. Ich stürze hin, fest überzeugt, daß es meine Knochen sind,
-- was auch der Fall war. Das Volk schwatzt von Wiederbegraben, ich
jedoch jage das Pack zu allen Teufeln. Plötzlich höre ich den Achilla
nahen. Ich raffe meine Knochen rasch zusammen und renne, was ich rennen
kann. Achilla kriegt mich am Rock zu fassen. Ich wende mich um, --
krach! Der Rockschoß ist zum Teufel. Achilla packt mich am Kragen, --
wieder kracht's, und der Kragen ist auch zum Teufel. Nun hat er mich
bei der Weste. Krach! Die Weste ist mitten entzwei gerissen. Er will
mir nun an den Hals. Ich aber renne, was ich rennen kann, -- und sitze
jetzt hier und säubere die Knochen. Da kamen Sie und erschreckten mich
von neuem. Ich meinte, es wäre Achilla.«

»Aber was denken Sie, Achilla wird doch nicht über Ihren Zaun steigen!
Er ist doch Diakon.«

»Jawohl, Diakon! Sie haben gut reden. Der kümmert sich viel darum.
Mir sagte der Kommissar Danilka gestern, Achilla hätte beim Abschied
zu Tuberozow geäußert: ›Nun, Vater Sawelij, bis ich diesen Warnawa
kleingekriegt habe, sollt Ihr mich nicht Achilla den Diakon, sondern
Achilla den Krieger nennen.‹ Mag er Krieg führen soviel er will,
ich fürchte ihn nicht. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ich bin
nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß ich hier nicht länger bleiben
kann. Ich korrespondiere mit verschiedenen Leuten in Petersburg, von
denen einer ein großes Unternehmen plant, an dem ich mitwirken kann.
Freilich macht sich bereits auch dort die Gemeinheit breit, -- und
die gesinnungstüchtigsten Zeitungen fangen schon an, sich über die
wachsende Begeisterung für die Naturwissenschaften lustig zu machen.
Haben Sie es gelesen?«

»Ja, ich glaube etwas Ähnliches gelesen zu haben.«

»Aha! Also auch Ihnen leuchtet es ein! Nun sagen Sie mal, wozu
haben sie uns denn dann immerfort dazu angetrieben, an Fröschen zu
experimentieren und so weiter?«

»Das weiß ich nicht.«

»Das wissen Sie nicht? Nun, dann will ich es Ihnen sagen! Das soll den
Leuten nicht so durchgehen! Ich packe meine Knochen zusammen, fahre
nach Petersburg und hau sie ihnen einfach in die Fratzen, mitten in die
Fratzen! Dann mögen sie mich vor ihren Friedensrichter schleppen --«



Dreizehntes Kapitel.


»Hahaha! Da tun Sie recht daran!« rief plötzlich die Serbolowa, die,
von den beiden Männern unbemerkt, hinter einem Kirschstrauch gestanden
hatte.

Prepotenskij schlug sein aufgeknöpftes Hemd über der Brust zusammen,
richtete sich auf und sagte, indem er zugleich die ganz mit Ziegelstaub
bestreuten Hosen mit der anderen Hand in die Höhe zog:

»Entschuldigen Sie, Alexandra Iwanowna, daß ich so mangelhaft bekleidet
bin ...«

»Macht nichts. Mit einem Arbeitsmann rechtet man nicht wegen seiner
Toilette. Aber kommen Sie jetzt. Ihre Frau Mutter bittet, zum Essen zu
kommen.«

»Nein, Alexandra Iwanowna, ich komme nicht. Ich kann mit meiner Mutter
nicht mehr zusammenleben. Zwischen uns ist alles aus.«

»Sie sollten sich schämen, so zu reden. Ihre Mutter liebt Sie doch so
sehr.«

»Ihr Vorwurf trifft mich nicht. Sie hält es mit meinen Feinden, sie
vergräbt meine Knochen. -- Wenn ich mir eine Zigarette an dem Lämpchen
vor dem Heiligenbilde anzünde, spielt sie gleich die Gekränkte.«

»Warum müssen Sie aber auch Ihre Zigaretten ausgerechnet am
Heiligenlämpchen anstecken? Als ob Sie nicht anderswo Feuer bekommen
können!«

»Trotzdem ist das doch zu dumm!«

Alexandra Iwanowna lächelte und sagte:

»Besten Dank!«

»Sie meine ich doch nicht! Ich rede von dem Lämpchen. Feuer ist Feuer.«

»Eben darum können Sie Ihre Zigarette auch sonstwo anzünden.«

»Ach, man kann es ihr doch nie recht machen. Gestern gab ich unserem
Hunde etwas Suppe von unserer Schüssel, da fängt die Mutter gleich
jämmerlich an zu heulen und schlägt zuletzt vor Ärger die Schüssel in
Stücke. ›Ich kann sie nun doch nicht mehr brauchen,‹ meint sie, ›da
der Hund sie angerochen hat.‹ Ich bitte Sie, meine Herrschaften, --
Sie, Valerian Nikolajewitsch, haben doch auch Physik studiert, kann
man etwas ›anriechen‹?! Beriechen kann man eine Sache, herausriechen
kann man etwas, -- aber anriechen?! Nur ein kompletter Dummkopf kann so
reden!«

»Sie hätten dem Hunde sein Essen aber auch in einem andern Gefäß geben
können!«

»Gewiß. Aber warum?«

»Um Ihrer Mutter nicht weh zu tun.«

»Ach, so sehen Sie die Sache an! Meiner Ansicht nach ist alles Lavieren
eines ehrlichen Menschen unwürdig.«

Die Serbolowa lachte leise, reichte Darjanow den Arm und beide gingen
zum Essen, den Lehrer mit seinem Knochenhaufen allein lassend.



Vierzehntes Kapitel.


Die Hostienbäckerin Prepotenskaja, ein kleines altes Frauchen mit einem
winzigen Gesicht und ewig erstaunten, gutmütigen Äuglein, über welchen
die Brauen gleich Apostrophen hingen, bat Darjanow um Entschuldigung,
daß sie sein Klopfen nicht gehört habe, beugte sich über den Tisch zu
ihm hinüber und fragte flüsternd:

»Haben Sie meinen Warnascha gesehen?«

Darjanow bejahte.

»Er bringt mich zur Verzweiflung, Valerian Nikolajewitsch,« klagte die
Alte.

»Was sorgen Sie sich deshalb so sehr? Er ist jung, und Jugend hat keine
Tugend. Wenn er älter wird, wird er auch vernünftiger. Und wenn er erst
eine Frau hat ...«

»Eine Frau? Wie soll ich ihn denn dazu bringen, daß er heiratet? Das
ist ganz unmöglich. Er ist ja ganz verdreht. An den lieben Gott glaubt
er nicht; Fleisch und Milch genießt er an allen Fastentagen, sogar in
der Karwoche, und ich muß Ihnen gestehen, lieber Freund, ich fürchte
mich, besonders abends ...«

Die schwarzen Apostrophe über den Äuglein der winzigen, ängstlichen
Alten schoben sich unruhig hin und her. Sie zuckte zusammen und
flüsterte:

»Und zu alledem, lieber Freund, habe ich immer schreckliche Träume,
so daß ich beim Erwachen gleich bete: ›Sankt Simeon, deute mir mein
Traumgesicht.‹ Könnte ich mich mit jemand im Hause darüber aussprechen,
so ertrüge ich es viel leichter; aber so bin ich immer und ewig allein
mit den Totengebeinen. Ich fürchte keinen Toten, über dem die Gebete
gesprochen sind, aber Warnascha erlaubt es ja nicht, daß ich die Gebete
lesen lasse.«

»Zürnen Sie ihm nicht, er ist trotz alledem ein guter Kerl.«

»Gewiß, gut ist er schon. Ich will auch nichts Böses von ihm sagen. Ich
war seine glückliche Mutter, und er war früher so gut gegen mich, bis
er in die Philosophieklasse kam. Damals, wenn er zu den Ferien nach
Hause kam, ging er auch in die Kirche, und ich führte ihn zum Vater
Sawelij, und der Vater Sawelij war freundlich gegen ihn und half ihm
auch in diesem und jenem, -- bis es dann plötzlich über ihn kam, ich
weiß selbst nicht wie und woher: er fing an, den Weisen zu spielen.
Seitdem wurde es mit jedemmal, wenn er aus dem Seminar kam, schlimmer
und schlimmer. Sagen Sie, was Sie wollen, ich kann es mir nicht anders
erklären, als daß er behext ist. Vater Zacharia hat mir neulich aus dem
›Familienblatt‹ vorgelesen, wie ein Sohn aus gutem Hause vom Teufel
besessen war, so daß zehn Mann nicht mit ihm fertig werden konnten.
Gerade so ist es mit Warnawa auch.«

Die Alte sprang auf, schlüpfte in die Küche, wischte sich dort die
Tränen aus den Augen, kam wieder ins Zimmer zurück und berichtete
weiter:

»Ich will es Ihnen nur gestehen, ich gebe ihm jeden Tag geweihtes
Wasser zu trinken. Er weiß natürlich nichts davon und merkt es nicht.
Ich geb's ihm aber. Es hilft nur leider nichts, und eine Sünde ist es
auch. Vater Sawelij sagt immer wieder, er verdiente, irgendwohin nach
Taschkent verschickt zu werden. Warum soll man es denn nicht noch
einmal mit Güte versuchen? denke ich. Er aber meint, mit Güte sei
da nichts zu machen, weil ihm alle natürlichen Gefühle fremd sind.
Aber wenn auch, mir ist es doch leid um ihn.« Und die Hostienbäckerin
verschwand wieder.

»So ein unglückliches Wesen,« sagte die junge Frau leise.

»Ja, freilich,« stimmte Darjanow ihr bei. »Und der Rüpel spielt noch
Komödie und kommt nicht mal zum Essen.«

»Gehen Sie doch noch mal hinaus und holen Sie ihn.«

»Er ist ja so störrisch wie ein Pferd und wird nicht kommen.«

»Das wollen wir doch sehen. Sagen Sie ihm, ich befehle es, ich sei
Agent der Geheimpolizei und wünschte ihn sofort hier zu sehen,
widrigenfalls ich Meldung mache, daß er nach Petersburg zu ziehen
beabsichtige.«

Darjanow lachte und ging hinaus, um Warnawa zu holen. Inzwischen hatte
der Lehrer seine Schätze in Sicherheit gebracht, und da die Arbeit
seinen Appetit mächtig angeregt hatte, fiel es ihm nicht leicht, sich
charakterfest zu zeigen und die Aufforderung zum Essen zurückzuweisen.

Um den freiwilligen Märtyrer aus seiner schwierigen Lage zu bringen,
beugte sich der Abgesandte an sein Ohr und flüsterte ihm mit
geheimnisvoller Miene zu, was die Serbolowa gesagt hatte.

»Sie Spionin!« rief Warnawa und wurde ganz rot.

»Ja.«

»Und vielleicht --«

»Was?«

»Vielleicht auch Sie ...«

»Ja, ich auch.«

Warnawa drückte ihm freundschaftlich die Hand:

»Ich danke Ihnen, daß Sie kein Geheimnis daraus machen.«

Dann ging er mit reinem Gewissen zum Mittagessen.

»Ich muß Ihnen ja gehorchen ...«



Fünfzehntes Kapitel.


Der Plan war also gelungen. Warnawa hatte jetzt einen Vorwand zum Essen
zu kommen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Er trat ins Zimmer mit
der Miene eines unglücklichen Opfers feindlicher Gewalten und setzte
sich an das schmale Ende des Tisches, Darjanow gegenüber. Zwischen
ihnen, an der Längsseite, nahm Alexandra Iwanowna Platz, während die
vierte Seite frei blieb. Die Hostienbäckerin selbst setzte sich fast
nie mit ihrem Sohne zu Tisch, und auch jetzt begnügte sie sich damit,
die Gäste zu bedienen, ohne mitzuessen. Die Alte war entzückt, ihren
gelehrten Sohn wiederzuhaben, Freude und Kummer wechselten auf ihrem
Antlitz, ihre Augenlider waren gerötet, die Unterlippe zitterte leise
und ihre alten Füßchen gingen nicht, sondern liefen in großer Hast,
wobei sie unausgesetzt bemüht war, sich so zu stellen und zu wenden,
daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte.

Die Gäste suchten durch allerlei Listen die Alte zum Bleiben zu
bewegen, und lobten ihre Kochkunst. Aber die Gute wies alles Lob zurück
und meinte, sie verstünde nur die allereinfachsten Speisen zu bereiten.

»Aber gerade diese einfachen Speisen schmecken uns ausgezeichnet.«

»Ach, wie sollen sie schmecken! Bloß gesund sollen sie sein, sagt man.
Aber Gott weiß, ob dem wirklich so ist. Warnawa ißt doch immer, was
ich gekocht habe, -- und sehen Sie ihn bloß an: ganz wie leer ist er.«

»Hm!« brummte Warnawa, sah die Mutter vorwurfsvoll an und schüttelte
den Kopf.

»Ach Gott, was willst du wieder? Wirklich, Warnawa, du bist leer.«

»Sagt das doch noch einmal!« knurrte der Lehrer.

»Es ist doch nichts Kränkendes, Warnascha! Milch trinkst du morgens
bis zur Unendlichkeit; Tee mit Weißbrot nimmst du auch bis zur
Unendlichkeit; Braten und Grütze auch, -- aber wenn du vom Tische
aufstehst, bist du wieder leer bis zur Unendlichkeit. Das ist doch
sicher eine Krankheit. Ich sage dir schon, lieber Sohn, hör' auf
mich ...«

»Mutter!« unterbrach sie der Lehrer zornig.

»Was ist denn dabei, Warnascha? Ich sage dir, wenn du frühmorgens
aufstehst, mußt du beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ -- und dann
erst essen ...«

»Mutter!« rief Warnawa noch lauter.

»Was ärgerst du dich denn, Närrchen? Ich sage dir, du mußt beten: ›Herr
Gott, fülle meine Leere‹ und dann ein Stückchen geweihte Hostie essen,
denn, Sie müssen wissen,« wandte sie sich an die Gäste, »ich hole mir
immer für ihn und für mich je ein Stückchen von der Hostie aus der
Kirche, damit wir einst drüben in demselben Zelt sind. Aber er will es
nie essen. Warum?«

»Warum? Ihr wollt wissen, warum? Schön! Weil ich mit Euch nirgends
zusammen sein will, weder in dieser noch in irgendeiner andern Welt!«

Ehe noch der Lehrer diese Worte gesprochen hatte, erbleichte die Alte.
Sie zitterte so, daß die beiden Fayenceteller, welche sie in der Hand
hielt, ihr entglitten und klirrend in Scherben zersprangen.

»Warnascha,« rief sie, »du sagst dich los von mir?«

»Ja, ja, ja, ich sage mich los! Ihr seid mir auch hier schon zuwider,
und mich verlangt nicht im mindesten darnach, Euch noch in jener Welt
auf dem Halse zu haben.«

»St! St! St!« suchte die Alte bitterlich weinend ihn zu unterbrechen,
und fing an, dicht vor seinem Gesicht in die Hände zu klatschen, damit
sie seine furchtbaren Worte nicht höre. Jedoch Warnawa schrie viel
lauter, als seine Mutter klatschte. Da stürzte sie zum Heiligenbild
und rief außer sich, mit den gespreizten Fingern ihrer mageren Hände
fuchtelnd:

»Höre ihn nicht, Gott, höre ihn nicht, höre ihn nicht!«

Und dann fiel sie schluchzend in der Ecke vor dem Bilde zu Boden.

Diese traurige und ganz unerwartete Szene hatte alle Anwesenden in
Erregung versetzt, ausgenommen Prepotenskij. Der Lehrer blieb völlig
ruhig und aß mit seinem gewöhnlichen, nie versagenden Appetit. Die
Serbolowa war aufgestanden und der Alten, welche aus dem Zimmer
stürzte, gefolgt. Darjanow sah durch die offene Tür, wie die
Hostienbäckerin Alexandra Iwanowna umarmte. Er stand auf, schloß die
Tür und stellte sich ans Fenster.

Prepotenskij aß ruhig weiter.

»Wann fährt Alexandra Iwanowna nach Hause?« fragte er, gemächlich
kauend.

»Sobald die Hitze nachläßt,« antwortete Darjanow trocken.

»Erst!« sagte Prepotenskij gedehnt.

»Ja, Tuberozow will sie hier noch aufsuchen.«

»Tuberozow? Bei uns? In unserem Hause?«

»Ja, in Ihrem Hause. Aber er kommt nicht zu Ihnen, sondern zu Alexandra
Iwanowna.«

Darjanow stand während dieses Gespräches mit dem Rücken zu Prepotenskij
und blickte in den Hof hinaus, aber bei den letzten Worten wandte er
sich um und fügte mit einem kaum merklichen Lächeln hinzu:

»Es scheint, Sie haben eine Mordsangst vor Tuberozow.«

»Ich? Ich Angst vor Tuberozow?«

»Ja freilich. Es sieht so aus, als wäre sogar Ihre Nase ganz grün
geworden, wie ich sagte, er wolle hierher kommen.«

»Meine Nase grün geworden? Ich versichere Sie, das kommt Ihnen nur so
vor. Wie wenig ich ihn fürchte, will ich Ihnen heute noch beweisen.«

Mit diesen Worten erhob sich Prepotenskij und ging hinaus. Der
Gast ahnte nicht, was für kühne Gedanken in diesem Augenblick im
verzweifelten Gehirn Warnawas keimten und reiften. Der geneigte Leser
aber soll es im nächsten Kapitel erfahren.



Sechzehntes Kapitel.


Nachdem er das Zimmer verlassen, schlüpfte Prepotenskij in eine kleine
Scheune, entledigte sich seiner Oberkleider und kletterte auf den
Heuboden. Mit großer Anstrengung schob er zwei Deckbretter auseinander
und kroch durch den ziemlich engen Spalt in einen kleinen, von außen
verschlossenen Speicher. Bunt durcheinander lagen dort Töpfe und
Bütten, an der Decke hing ein Schinken, auf Stöckchen waren Bündel von
Bohnenkraut, Pfefferminz und Dill gespießt. Der Lehrer ließ alle diese
Gegenstände unberührt. Er stieg auf eine hohe Truhe aus Tannenholz mit
schrägem Deckel und holte einen großen, leicht gewölbten Trog herunter,
der so blank wie das Schaufenster eines Spiegelgeschäfts gescheuert
war. Mit dem Trog kroch er wieder in die Scheune zurück, wo er die
unseligen Totengebeine sehr geschickt versteckt hatte.

Niemand dachte daran, dem Lehrer nachzuspüren, er aber war es schon so
gewohnt, seine »Lage« für »gefährdet« zu halten, daß er sich nirgends
sicher fühlte. Immer mußte er sich verkriechen und verstecken, weil er
dachte, sonst wäre es ihm unmöglich, sein Unternehmen zu beginnen und
im geeigneten Augenblick mit allem Pomp zur Ausführung zu bringen.

Eine Stunde mochte seit Warnawas Verschwinden vergangen sein, und
es begann zu dämmern, als der Ring an dem wackeligen Pförtchen der
Prepotenskijschen Behausung klirrte.

Tuberozow war gekommen. Warnawa hörte in seiner Scheune, wie unter dem
festen Tritt des beleibten Propstes die Stufen des alten Holztreppchens
knarrten und sich bogen, und wie der Gast die Serbolowa und die alte
Hostienbäckerin begrüßte.

»Nun, meine liebe Witwe von Nain, was macht dein gelehrter Sohn?«
wandte sich Vater Sawelij an die Alte, die eben den kleinen weißen
Tisch auf die offene Veranda hinaustrug, wo die Gäste den Tee trinken
sollten.

»Mein Warnascha? Gott weiß, Vater Propst. Er hat wohl Angst bekommen
und sich irgendwo vor Euch versteckt.«

»Du lieber Himmel, was hat er denn von mir zu fürchten? Er sollte sich
lieber mehr um sich selber kümmern und vorsichtig sein,« und Tuberozow
erzählte Darjanow und der Serbolowa von den nächtlichen Abenteuern
Achillas.

»Wer hat ihn darum gebeten? Wer hat es ihm befohlen?« fragte der
Alte und antwortete selbst: »Niemand! Er hat es ganz für sich allein
beschlossen, mit Warnawa Wasiljewitsch abzurechnen, und die ganze Stadt
haben sie in Aufregung versetzt.«

»Habt Ihr es ihm denn nicht befohlen, Vater Propst?« fragte die Alte.

»Wie käme ich dazu, solche Dummheiten zu befehlen?« erwiderte Tuberozow
und fing von anderen Dingen zu reden an. So verging noch eine halbe
Stunde und die Gäste brachen auf. Warnawa war immer noch unsichtbar,
aber als der Wagen der Serbolowa vorfuhr, flog die Pforte der Scheune,
in welcher der Lehrer sich verborgen hielt, weit auf, und langsam und
feierlich schritt Warnawa Prepotenskij auf die erstaunten Gäste zu.

Er trug seine gewöhnliche Kleidung und hielt in beiden Händen hoch über
seinem Haupte den neuen Waschtrog, den er der Mutter geraubt und in dem
jetzt in schönster symmetrischer Anordnung die wohlbekannten Gebeine
lagen.

Ehe noch jemand begreifen konnte, was die Erscheinung des Lehrers
mit dieser seltsamen Trophäe zu bedeuten hatte, war Prepotenskij
bereits majestätisch an der Veranda vorübergeschritten, hatte dem dort
stehenden Tuberozow die Zunge gezeigt und war dann über den Friedhof
auf die Straße hinausgegangen.

Die Hostienbäckerin zitterte am ganzen Leibe, kaute krampfhaft an den
Spitzen ihrer fest zusammengedrückten Finger und flüsterte:

»Was hat er da? Was trägt er durch die Stadt?«

Als sie es endlich begriffen hatte, heulte sie laut auf und stürzte
mit einer Geschwindigkeit, die man ihren Jahren gar nicht zugetraut
hätte, dem Sohne nach. Die Alte hüpfte und hopste, wie gewisse Vögel,
die, bevor sie auffliegen, erst einen Anlauf nehmen müssen. Trotzdem
Warnawa langsam schritt, erschien es fraglich, ob die Hostienbäckerin
selbst bei diesem schnellen Tempo imstande sein werde, ihren Sprößling
einzuholen, der schon am entgegengesetzten Ende der Straße angelangt
war. Allein ein unerwartetes Ereignis, durch das die ganze Prozession
und die Verfolgung eine völlig neue Wendung nehmen sollte, trat ein.

Irgendwo von oben her ertönte plötzlich ein lautes und lustiges:

»Hallo! Hurra! Nicht hauen! Nicht hauen! Nicht hauen!«

Die Zeugen dieser Szene sahen sich nach der Richtung um, aus welcher
das Geschrei kam, und erblickten auf dem Vorsprung eines der
Nachbardächer einen zerlumpten Kerl, der in der Hand eine dünne Stange
hielt, wie sie Taubenzüchter brauchen, um ihre Tümmler aufzuscheuchen.
Dieser Schreier war der Ausrufer und das Faktotum von Stargorod,
der Proletarier und beschäftigungslose Kleinbürger Danilka, den sie
in der Stadt den »Kommissar« nannten. Er war just mit seinen Tauben
beschäftigt und benutzte die Gelegenheit, um spaßeshalber auch den
Lehrer zu erschrecken. Diesen Zweck erreichte er vollkommen, denn kaum
hatte Prepotenskij den Warnungsruf vernommen, so schlug er sofort ein
schnelleres Tempo an und stürmte wie ein gehetztes Reh vorwärts. Aber
während er einer Gefahr zu entgehen hoffte, lief er einer andern, weit
schlimmern in die Arme; denn an der nächsten Wegkreuzung tauchte vor
den entsetzten Blicken des Lehrers in Riesengröße -- er schien heute
viel gewaltiger als gewöhnlich -- der grimme Diakon Achilla auf.

Wie sagt das Sprichwort? Links die Backpfeife und rechts der
Rippenstoß.



Siebzehntes Kapitel.


Kaum hatte der arme Lehrer den Diakon erblickt, so knickten seine
Knie kraftlos zusammen. Doch schon im nächsten Augenblick reckten sie
sich wieder auf wie Sprungfedern, und mit drei mächtigen Sätzen legte
er eine Entfernung zurück, die ein normaler Mensch in zehn Sprüngen
nicht hätte überwinden können. Dadurch schien Warnawa gerettet,
denn er befand sich jetzt gerade unter dem Fenster der Gattin des
Akziseeinnehmers Biziukin, und zu seinem großen Glück stand die
aufgeklärte Dame selbst am offenen Fenster.

»Nehmen Sie dies!« rief Prepotenskij ganz außer Atem.

»Ich werde verfolgt von Spionen und Pfaffen!«

Bei diesen Worten schob er den Trog mit den Knochen zum Fenster hinein,
er war aber selbst so erschöpft, daß er sich nicht mehr rühren konnte
und an die Mauer lehnen mußte. Im selben Augenblick stand auch schon
Achilla, ebenfalls ganz außer Atem, neben ihm und packte seinen Arm.

Sein Blick traf mitten auf der Straße zwei aus dem Staube emporragende
menschliche Rippen. Sich zu Prepotenskij wendend sagte er:

»Warum hebst du deine Astragalusse nicht auf?«

»Tretet beiseite, dann will ich sie aufheben.«

»Gut, ich will zurücktreten,« -- und der Diakon ging an das Fenster,
stellte sich auf die Zehenspitzen, guckte ins Zimmer hinein und fuhr
fort:

»Hören Sie mal, Frau Rätin, Sie tun sehr unrecht, wenn Sie sich für
diesen Lehrer so ins Zeug legen.«

Statt der erwarteten Antwort der »Rätin« erschien der liberale
Akziseeinnehmer Biziukin selbst am Fenster und hielt dem Diakon den
kahlen Schädel des Skeletts vor Augen.

»Sei mal so gut und lege das Ding fort, sonst werde ich böse,«
entgegnete Achilla höflich. Von innen ertönte nur ein höhnisches
Gelächter, und der Einnehmer ließ den Schädel laut und schauerlich mit
den Zähnen klappern.

»Ich schlag euch alle zu Brei,« brüllte Achilla, indem er mit beiden
Händen einen mächtigen Stein packte, der neben dem Fundament lag und
gut zwei Zentner wiegen mochte. Im selben Augenblick, als er mit
flammenden Augen dieses ungeheure Geschoß emporhob, um es gegen seine
Widersacher zu schleudern, fiel ihm von hinten jemand in den Arm, und
eine bekannte Stimme rief gebieterisch:

»Laß liegen!«

Es war Tuberozow. Mit strengem Gesicht, schwer atmend und zitternd vor
Erregung stand Propst Sawelij vor ihm. Achilla gehorchte. Noch einen
zornigen Blick aus seinen vor Wut geröteten Augen warf er auf den
Einnehmer, dann schleuderte er den Stein mit solcher Wucht zur Seite,
daß er einen Zoll tief in den Boden drang.

»Geh nach Hause,« flüsterte ihm Sawelij zu und wandte sich selbst zum
Gehen.

Achilla widersetzte sich auch diesem Befehl nicht und schlich leise und
niedergeschlagen, wie ein sonst artiger Schulbub, der bei einem dummen
Streich ertappt worden ist, von dannen.

»Gott, was für eine alberne und ärgerliche Geschichte,« sagte
Tuberozow, mühsam nach Luft schnappend, zu Darjanow, der ihn inzwischen
eingeholt hatte.

»Macht Euch keine unnützen Gedanken, die Sache wird weiter keine Folgen
haben.«

»Wieso keine Folgen? Die Folge wird sein, daß Achilla vor Gericht
kommt. Haben Sie denn nicht gehört, was er schrie, als er mit dem Stein
drohte? Er wollte sie alle zu Brei schlagen!«

»Ihr werdet sehen, alles löst sich in Wohlgefallen und Lachen auf.«

»Nein, das glaube ich nicht. Hier gibt es nichts zum Lachen. Es handelt
sich um eine große Dummheit, die gemeine Menschen zu ihren Zwecken
ausnutzen können.«

Der Propst beschleunigte seine Schritte und eilte nach Hause, indem er
mit seinem langen Stabe zornige Zickzacklinien durch den Straßenstaub
zog.

Im nächsten Buche unserer Chronik werden wir sehen, was für Folgen
diese Begebenheit hatte und wer von den beiden Propheten im Recht war.



Zweites Buch.



Erstes Kapitel.


Der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch war vorüber und der
erwachende Morgen verhieß einen heiteren und stillen Tag.

Tuberozow, von der Messe zurückgekommen, saß beim Tee, auf demselben
Sofa, auf dem er nachts geschlafen, und vor demselben Tisch, an dem
er seine Memorabilien geschrieben hatte. Die Pröpstin bediente ihren
Gatten, um dessen Ruhe sie so besorgt war, daß sie ihm alles an den
Augen abzusehen suchte und nicht wagte, durch irgendeine Frage seine
ernsten Gedanken zu stören. Flüsternd befahl sie dem Dienstmädchen, die
beiden Pfeifen des Propstes mit Shukowschem Knaster zu stopfen und sie
in den Ständer in der Ecke zu stellen, und dann setzte sie sich ihm
gegenüber und wartete, das Kinn auf die Hand gestützt, bis der Propst
das erste Glas geleert habe und ein zweites verlangen würde.

Aber ehe es so weit war, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen
ungewöhnlichen Lärm ganz in der Nähe des Hauses abgelenkt. Man
vernahm hastige Schritte und wirre Stimmen, die sich hin und wieder
zu wütendem Geschrei verdichteten. Die Pröpstin schaute zum Fenster
ihres Schlafzimmers hinaus und sah, daß Lärm und Geschrei von einer
Menschenmenge herüberdrangen, welche sich mit großer Hast geradewegs
auf ihr Haus zu bewegte.

»Was kann das sein?« dachte die Pröpstin, ging ins Wohnzimmer zurück
und sagte ihrem Manne:

»Sieh doch, Vater Sawelij, was da für eine Menge Leute kommt.«

»Leute gibt es viel, meine Liebe, aber es sind keine Menschen
darunter,« antwortete Sawelij ruhig.

»Nein, du solltest wirklich hinaussehen, es sind ihrer furchtbar viele.«

»Laß sie doch rumlaufen, soviel sie wollen; gib mir lieber noch ein
Gläschen Tee.«

Die Pröpstin nahm sein Glas, füllte es, reichte es ihm und trat wieder
ans Fenster. Der lärmende Haufe war verschwunden. Nur drei oder vier
aus ihm standen noch herum und blickten mit offenkundiger Verlegenheit
nach dem Tuberozowschen Hause.

»Um Gotteswillen, brennt es nicht irgendwo bei uns, Vater Sawelij!«
rief die Pröpstin und stürzte entsetzt ins Zimmer ihres Gatten, aber
schon an der Schwelle blieb sie stehen und begriff endlich, was
eigentlich geschehen war.

Die Tür zum Wohnzimmer ging lärmend auf und in der Wohnstube des
Propstes erschien der Diakon Achilla, und dicht hinter ihm, feuerrot
und ganz verwirrt, der Kommissar, welchen Achilla fest am Ohr hielt.

»Vater Propst,« begann Achilla, indem er Danilka losließ und die Hände
dem Propst entgegenstreckte.

Tuberozow segnete ihn.

Hierauf trat auch Danilka vor Sawelij hin und nahm den Segen in
Empfang.

Nachdem dies geschehen war, packte der Diakon ihn wieder fest am Ohr,
riß ihn zwei Schritte zurück und fing an:

»Stellt Euch vor, Vater Sawelij, eben gehe ich die Straße entlang,
da höre ich laut reden. Ein paar Kleinbürger sprechen vom gestrigen
Regen, den uns der liebe Gott auf unseren Bittgottesdienst gesandt
hat, -- und jener dort« -- Achilla stieß den Zeigefinger seiner linken
Hand dem ängstlich zwinkernden Danilka gerade in die Nase -- »wagt zu
widersprechen!«

Tuberozow hob den Kopf.

»Denkt nur, er behauptete,« fuhr der Diakon fort und zog Danilka
näher zu sich heran, »er behauptete, der Regen, den wir vorige Nacht
nach dem Bittgottesdienst gehabt hätten, sei gar nicht infolge des
Gottesdienstes gekommen.«

»Woher weißt du denn das?« fragte Tuberozow trocken.

Danilka schwieg verlegen.

»Denkt doch bloß, Vater Propst! Er behauptet, der Regen sei einfach
kraft eines Naturgesetzes gekommen.«

»Zu welchem Zwecke hast du die Betrachtungen angestellt?« fragte
Tuberozow.

»Ein Zweifel regte sich in mir,« antwortete Danilka bescheiden.

»Zu zweifeln hat ein so kompletter Ignorant, wie du, überhaupt nicht,
und also hat der Täter seinen Lohn dahin. Du hast bekommen, was du
verdientest. Und nun hinaus aus meinem Hause, du Schwätzer.«

Nachdem der Freigeist Danilka auf diese Weise an die Luft befördert
war, nahm der Propst wieder am Teetisch Platz, trank sein Glas
schweigend aus, und als er damit fertig war, wandte er sich an den
Diakon Achilla. »Und du, Vater Diakon, -- hast du die Absicht, noch
lange so zu wüten? Hab' ich dich nicht ermahnt, deine Hände davon zu
halten?«

»Es geht nicht, Vater Propst; ich konnte mich nicht bezwingen; ich
wollte Euch schon längst davon Mitteilung machen, wie er -- denkt nur
-- immer gegen die Gottheit und gegen die Schrift redet.«

»Und da mußtest du dich vor allem Volke mit ihm prügeln?«

»Und wenn's auch vor allem Volke war, -- was ist denn dabei, Vater
Propst? Ich bin ein Diener des Altars und muß an jedem Ort für meinen
Glauben eintreten. Der heilige Nikolaus hat dem Ketzer Arius auch vor
allem Volke eins ausgewischt ...«

»Du bist aber nicht der heilige Nikolaus,« fiel ihm Tuberozow ins Wort.
»Du bist eine simple Krähe, verstehst du, und als solche hast du dich
nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen. Was hast du mit
deinem Knüppel so zu fuchteln? Du hast wohl vergessen, daß ein Knüppel
zwei Enden hat? Du verläßt dich immer auf deine Kraft, du Dromedar!«

»Das tu ich.«

»Tust du's? Nun, so tu es lieber nicht. Nicht deine Kraft hat dich
gerettet, sondern das da,« -- sagte der Propst und zog den Diakon am
Ärmel seiner Kutte.

»Wollt Ihr mir das zum Vorwurf machen, Vater Propst? Ich bin mir der
Würde meines Amtes bewußt.«

»So? Du bist dir der Würde deines Amtes bewußt?«

Mit diesen Worten trat der Propst dem Diakon einen Schritt näher,
schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie und flüsterte:

»Ist es Euch vielleicht bekannt, Vater Diakon, wer mit den
Handlungsgehilfen vor dem Kolonialwarenladen sitzt und Zigaretten
raucht?«

Der Diakon wurde verlegen und erwiderte hastig:

»Ja, gewiß hab' ich, Vater Propst ... Ich kann's nicht leugnen ... Aber
das geschah nur aus Unvorsichtigkeit, Vater Propst, wirklich nur aus
Unvorsichtigkeit.«

»Seht nur, ihr Leute, was wir für einen feinen Diakon haben, wie famos
er die Zigaretten zu drehen versteht.«

»Nein, wirklich, Vater Propst, nicht deswegen war es. Was hätt' ich
mich groß damit zu rühmen? In bezug auf das Tabakskraut sind auch
andere geistliche Personen nicht sehr enthaltsam.«

Tuberozow maß den Diakon von Kopf bis zu Fuß mit einem sehr
vielsagenden Blick, dann warf er den Kopf zurück und fragte:

»Was willst du damit sagen? Daß der Propst auch Tabak raucht, nicht
wahr?«

Der Diakon war so verlegen, daß er nichts zu erwidern vermochte.

Tuberozow wies mit der Hand nach der Zimmerecke, wo seine drei Pfeifen
standen.

»Was rauche ich wohl, Vater Diakon?«

Der Diakon schwieg.

»Habt die Güte, mir Antwort zu geben. Was rauche ich? Rauche ich
Pfeifen?«

»Ihr raucht Pfeifen,« antwortete der Diakon.

»Pfeifen? Ausgezeichnet. Und wo rauche ich sie? Rauche ich sie zu
Hause?«

»Ihr raucht sie zu Hause.«

»Manchmal rauche ich auch eine bei guten Freunden, die ich besuche.«

»Ihr raucht auch manchmal bei guten Freunden.«

»Aber nicht mit Ladenjungen vor dem Tor!« rief Tuberozow und schlug
mit dem rechten Zeigefinger drohend gegen die linke Handfläche. »Geh
jetzt deines Weges und hab' Acht auf dich,« schloß er. »Es kommt eine
neue Ordnung, es wird ein neues Gerichtsverfahren eingeführt, es kommen
neue Gebräuche, nichts soll mehr im Verborgenen bleiben, sondern alles
offenbar werden; dann werde ich dich nicht mehr schützen können.«

Nach diesen Worten trat der Propst mit seinem großen Fuß auf einen
Strohstuhl und langte vorsichtig den gelben Käfig mit dem Kanarienvogel
herunter.

»Pfui! Daß Gott sich erbarme! Da hab' ich den Glauben verteidigen
wollen und wieder war's ein Reinfall!« brummte Achilla vor sich
hin, als er das Haus des Propstes verlassen hatte und mit schnellen
Schritten auf ein kleines gelbes Häuschen zuging, aus dessen offenen
Fenstern ein ganzer Haufen blonder Kinderköpfchen herausguckte.

Der Diakon stieg eilig die Verandastufen hinauf, trat ins Vorhaus und
öffnete, nachdem er mit der Stirn erst gegen den Querbalken gerannt
war, die Tür zum Wohnzimmer.

In dem niedrigen Raume ging der dürre, winzige Zacharia im Leibrock,
die Hände auf dem Rücken, eine lange silberne Kette auf der
eingefallenen Brust, auf und ab.

Achilla betrat dieses Haus mit einem ganz anderen Gesicht und in ganz
anderer Haltung, als das des Propstes. Die Verwirrung, in der er sich
befunden hatte, als er das Haus Tuberozows verließ, war geschwunden,
und schon erfüllten ihn eitel Milde und Güte.

»Nun, Vater Zacharia! Nun, Brüderlein, liebes ... Nun!« begann er
ungeduldig in der Tür.

»Was gibt's?« fragte Zacharia mit sanftem Lächeln. »Was drehst und
windest du dich so?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann der dürre
Pfarrer wieder auf- und abzulaufen.

Der Diakon brach erst in ein lustiges Lachen aus und rief dann:

»Ach, Freundchen, hat das wieder eine Kopfwäsche gegeben! Ach, Vater,
sogar der Schädel tut mir weh von der Seife. Kann ich mal fix einen
kippen?«

»Einen kippen? Schön! Aber wer hat dich denn vorgekriegt?«

»Wer sonst als der Justizminister!«

»Vater Sawelij!«

»Eben der! Es ist eine ganz ungewöhnliche Sache, Vater Zacharia.
Ich wollte mich verdient machen, aber er hat alles herumgedreht,
durcheinandergeschmissen. Erzählen läßt es sich gar nicht.«

Aber nachdem der Diakon sich gesetzt und das ihm auf einem Teller
präsentierte Gläschen Branntwein geleert hatte, erzählte er Vater
Zacharia doch die ganze Geschichte seines Konflikts mit Danilka und
mit Tuberozow in allen Einzelheiten. Zacharia hüpfte währenddem
unausgesetzt im Zimmer hin und her und blieb nur stehen, um bald den
einen, bald den andern der herumhuschenden Blondköpfe aus dem Wege
zu räumen. Als der Diakon seine Erzählung beendet hatte, brummte
Zacharia, das Ende seines dünnen Bartes zwischen die Lippen geklemmt,
bedeutungsvoll: »Ja, ja, ja, aber das tut nichts.«

»Ich kann mir's nicht anders denken, als daß er erzürnt ist und ...«

»Und was noch? Packt euch raus, ihr Bälger! Also was noch?« fragte
Zacharia, die Kinder zur Seite schiebend.

»Daß es unpolitisch von mir war, die Pfeife zu erwähnen,« erklärte der
Diakon.

»Ja natürlich ... versteht sich ... zum Teil mag auch das ... Weg
mit euch, ihr Bälger! ... Übrigens glaube ich, daß er nicht so sehr
unzufrieden mit dir ist ... Er ist vielmehr ... nehme ich an ... Wollt
ihr wohl Platz machen, ihr Bälger! ... Ich meine, daß er in seinem
Herzen ... verstehst du?«

»Betrübt ist?« sagte der Diakon.

Vater Zacharia fuhr sich mit der kleinen Hand über die Brust, zog ein
saures Gesicht und sagte:

»Empört ist.«

»Gepeinigt,« entschied Achilla. »Ich weiß, der Lehrer Warnawka bringt
ihn immer in Zorn, aber ich nehme mir den Warnawka noch einmal
ordentlich vor -- -- und so weiter.«

Und ohne sich in weitere Auseinandersetzungen einzulassen,
verabschiedete sich der Diakon und ging.

Auf dem Heimwege traf er Danilka und hielt ihn an:

»Sei so gut, lieber Danilka, und zürne mir nicht. Wenn ich dich
gestraft habe, so geschah es nur in Erfüllung meiner Christenpflicht.«

»Ihr habt mich vor dem ganzen Volke gekränkt, Vater Diakon,« antwortete
Danilka in einem Tone, der zwar noch immer beleidigt, aber doch auch
schon ein wenig nach Friedensbereitschaft klang.

»Nun, was willst du mir dafür tun, daß ich dich gekränkt habe? Ich
weiß, daß es eine Kränkung war, aber wenn ich streng bin ... Ich
habe es ja nicht aus Frechheit getan. Schon im vorigen Jahr, als ich
dich ertappte, wie du im Vorhause beim Polizeichef das Meßgewand des
Propstes angelegt hattest und den Weihwasserwedel schwenktest, sagte
ich zu dir: ›Du kannst über die Schrift philosophieren, soviel du
willst, Danilka, von der Wissenschaft verstehe ich selbst nicht viel,
aber den Ritus darfst du mir nicht antasten.‹ -- Hab' ich das gesagt
oder nicht?«

Danilka schüttelte widerwillig den Kopf und brummte:

»Vielleicht habt Ihr so was gesagt.«

»Nein, mein Lieber, keine Winkelzüge! Gestehen sollst du! Ich hab' es
deutlich ausgesprochen: den Ritus nicht antasten, und damit basta! Und
warum sagte ich das? Weil es unser Lebensinhalt ist, unsere Wesenheit,
deshalb hast du auch deine Finger davon zu lassen. Hast du mich
verstanden?«

Danilka drehte sich nur zur Seite und lächelte. Ihm selbst war es
furchtbar komisch vorgekommen, als der Diakon ihn am Ohr durch die
ganze Stadt zerrte, und die andern Kleinbürger, welche Zeugen dieser
Szene waren, hatten, im Scherz und mühsam das Lachen verbeißend, dem
Diakon ebenfalls übermäßige Strenge vorgeworfen.

»Ihr seid zu streng, Vater Diakon! Ihr seid übermäßig streng,« hatten
sie ihm gesagt.

Achilla machte nach dieser Bemerkung ein nachdenkliches Gesicht, und
mit einem tugendhaften Seufzer seine Hände auf die Schultern der beiden
zunächst stehenden Kleinbürger legend, meinte er:

»Streng, sagt ihr? Ja, gewiß bin ich streng, da redet ihr wahr.
Aber dafür bin ich auch gerecht. Wenn nun diese Sache vor den
Friedensrichter käme? Da ginge es doch viel schlimmer. Er knöpft einem
sofort drei Rubel zum Besten der Kinderbewahranstalten ab.«

»Wer weiß? Mancher Friedensrichter gibt einem dafür noch einen Rubel
Trinkgeld.«

»Na siehst du wohl! Ich weiß, daß ich gerecht bin, mein Lieber.«

»Gerecht? Ach nein, Vater Diakon, Eure Gerechtigkeit ist nicht weit
her!«

»Wieso?«

»Weil doch der Danilka gar nicht so viel Schuld hat. Er hat doch nur
wiederholt, was der gelehrte Mann ihm sagte. Wenn's nach Recht ginge,
müßtet Ihr den Lehrer Warnawa zur Vernunft bringen. Er hat uns das
erklärt, Danilka hat bloß gezweifelt, ob der Lehrer recht hat und der
Regen von selber durchs Naturgesetz gekommen ist, oder ob ihn doch der
Bittgottesdienst hervorgerufen hat. Wenn Ihr den Lehrer durchgewalkt
hättet, so wäre das nur recht und billig gewesen.«

»Den Lehrer?!« Der Diakon breitete die Arme weit aus, schob die Lippen
rüsselförmig vor, stand einen Augenblick vor den Kleinbürgern und
flüsterte dann: »Gerecht? Ja, die Gerechtigkeit verlangt es ... Aber
Vater Sawelij will es nicht ... und also ist es unmöglich ...«



Zweites Kapitel.


Mehrere Tage waren vergangen. Tuberozow hatte sich überzeugt, daß
seine Befürchtungen, die unbändigen Taten des Diakon Achilla könnten
noch ein gerichtliches Nachspiel haben, unbegründet waren. Alles ging
gemütlich seinen gleichen Gang. Die Leute suchten Abwechslung in ihr
eintöniges Leben zu bringen, indem sie sich zankten, um sich wieder zu
versöhnen, und sich versöhnten, um sich wieder zanken zu können. Nichts
drohte die allgemeine Ruhe zu stören. Im Gegenteil, dem Propst ward ein
wunderschöner Tag beschieden, der ihm nichts als Freude brachte. Es war
dies der Namenstag der Frau Stadthauptmann, der sehr bald auf jenen
Tag folgte, an dem Achilla in seinem Glaubenseifer den öffentlichen
Skandal mit dem Kommissar Danilka hervorgerufen hatte. Als alle Gäste
der Pastete des Herrn Polizeichefs die gebührende Ehre erwiesen hatten,
rief der Hausherr, welcher zufällig ans Fenster getreten war, plötzlich
laut seiner Frau zu:

»Ach du lieber Gott! Sieh nur, Frau, was für Gäste wir bekommen!«

»Wer kommt denn da?« fragte die Frau.

»Sieh mal selber nach.«

Die Hausfrau, und mit ihr alle anwesenden Gäste, stürzten ans Fenster,
und nun sah man, daß sich ein mächtiges Dreigespann kräftiger brauner
Pferde vorsichtig den Berg herunter bewegte, fast wie ein dreiköpfiger
Drache, der auf dem Bauche kriecht. Das mittlere Pferd bläht sich auf
und strampelt, wie ein alter General, der einem Untergebenen eine
Pauke halten will. Die Seitenpferde sausen bald, wie Ulanenkornetts
auf dem Ball, die ein Gegenüber suchen, bald drängen sie sich an
das Mittelpferd, wie Schafe im Regen. Das rote Glöcklein schlug
manchmal mit dem Ring gegen den Rand, dann schien es wieder wie
festgeklebt und schwieg; nur die Schellen klirrten dumpf. Jetzt war
der dreiköpfige Drache unten angelangt und breitete sich aus. Die
Rücken der Pferde wurden sichtbar, der Schweif des einen Seitenpferdes
wehte hoch im Winde; auch eine Mähne flog empor; die Pferde hielten
gleichmäßigen Trab und der Wagen polterte über die Brücke. Deutlich
sah man das vergoldete Krummholz mit eingeätzten Ornamenten und den
großen altertümlichen, bronzebeschlagenen, gitarrenförmigen Wagen,
auf dem nebeneinander, wie auf einem Sofa, zwei kleine Geschöpfe, ein
weibliches und ein männliches, saßen; der Mann in einem dunkelgrünen
Kamelot-Mantel und einer großen Mütze aus haarigem Plüsch, die Frau in
einem schlafrockartigen Mantel aus himbeerfarbenem ~Gras-de-Naples~ mit
einem lila Samtkragen und einer Haube mit braunen Bändern.

»Mein Gott, das sind ja die Plodomasowschen Zwerge! -- Nicht möglich!
-- Sehen Sie doch selbst! -- Ja, richtig! -- Gewiß doch! Da -- Nikolai
Afanasjewitsch hat uns schon bemerkt. Sehen Sie, er grüßt! Und jetzt
nickt auch Maria Afanasjewna.«

So tönte es erfreut von allen Seiten. Die Gastgeber beeilten sich,
für die Ankömmlinge das Frühstück wieder auftragen zu lassen, und die
Anwesenden richteten die Blicke gespannt nach der Tür, durch die die
kleinen Leute eintreten mußten.

Voran schritt ein altes Männlein, nicht größer als ein achtjähriger
Knabe, gefolgt von einem alten Frauchen etwas größeren Wuchses.

Das Männlein war ganz Sauberkeit und Wohlanständigkeit. Auf seinem
Gesicht war nichts von gelben Flecken oder Runzeln zu sehen, wie
sie gewöhnlich die Gesichter von Zwergen entstellen. Er hatte eine
sehr wohlproportionierte Gestalt, einen kugelrunden Kopf, der ganz
mit weißen, kurzgeschorenen Haaren bedeckt war, und kleine braune
Bärenaugen. Die Zwergin machte keinen so angenehmen Eindruck wie ihr
Bruder. Ihre Gestalt war schwammig, um den Mund spielte ein Zug von
Dummheit und Sinnlichkeit und die Augen blickten stumpf.

Der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch trug trotz der heißen Jahreszeit warme
Tuchstiefel, schwarze Beinkleider aus haarigem Flauschstoff, eine gelbe
Flanellweste und einen braunen Frack mit Metallknöpfen. Seine Wäsche
war von tadelloser Sauberkeit und seine Wangen stützten sich auf eine
stramm gebundene, hohe Atlashalsbinde. Die Zwergin trug ein grünes
Seidenkleid mit großem Spitzenkragen.

Als Nikolai Afanasjewitsch ins Zimmer getreten war, legte er zuerst die
Händchen an die Hosennaht, drückte dann die Rechte mit der Mütze ans
Herz, machte einen Kratzfuß und schritt etwas breitbeinig gerade auf
die Hausfrau zu.

»Unser gnädiger Herr Nikita Alexejewitsch Plodomasow und der gnädige
Herr Parmen Semenowitsch Tuganow,« sagte er mit leiser und eintöniger
Greisenstimme, »haben uns in ihrem eigenen und im Namen ihrer Frau
Gemahlin befohlen, daß wir als ihre Diener Ihnen, gnädige Frau Olga
Arsentjewna, ihren Glückwunsch darbringen. -- Schwesterlein, wiederholt
es,« wandte er sich an die neben ihm stehende Schwester, und als diese
mit ihrer Gratulation fertig war, machte Nikolai Afanasjewitsch vor
dem Polizeichef ebenfalls einen Kratzfuß und fuhr fort:

»Und auch Ihnen, gnädiger Herr Woin Wasiljewitsch, und der ganzen
geehrten Gesellschaft einen herzlichen Glückwunsch zum frohen
Familienfest. Und ferner habe ich, gnädiger Herr, Ihnen zu melden,
daß mein gnädiger Herr und Parmen Semenowitsch Tuganow, die mich und
meine Schwester als Gratulanten hierher gesandt haben, es gütigst zu
entschuldigen bitten, daß sie ihren Glückwunsch durch uns unwürdige
Knechte darbringen lassen; aber sie können leider über ihre Zeit
nicht verfügen. Sie wollen sich heute abend noch persönlich deswegen
entschuldigen.«

»Parmen Semenowitsch will herkommen?« rief der Polizeichef.

»Mit meinem gnädigen Herrn Nikita Alexejewitsch Plodomasow, der sich
auf der Durchreise nach Petersburg hier aufhält, und um Vergebung
bittet, wenn er im Reiseanzug erscheint.«

Der Gesellschaft bemächtigte sich bei dieser Mitteilung eine leichte
Erregung, welche der Zwerg benutzte, um auf Tuberozow zuzugehen und
seinen Segen entgegenzunehmen. Dabei sagte er leise:

»Parmen Semenowitsch bittet, Ihr möchtet heute abend auch hier sein.«

»Sag' ihm, Lieber, ich würde kommen,« erwiderte Tuberozow.

Der Zwerg empfing dann auch von Zacharia den Segen. Der Diakon Achilla
ergriff die Hand des kleinen Mannes, der sich ehrerbietig vor ihm
verbeugte und dabei lächelnd sagte:

»Ich bitte Euch nur, werter Herr, versucht Eure Heldenkraft nicht an
mir.«

»Ist er denn so kräftig, Nikolai Afanasjewitsch?« scherzte der Hausherr.

»Er gibt gern Proben seiner Kraft,« antwortete der Alte. »Aber lohnt es
sich an einem Krüppel?«

»Wie steht's mit der Gesundheit, Nikolai Afanasjewitsch?« fragten die
Damen, welche den Zwerg von allen Seiten umringt hatten und seine
Händchen drückten.

»Ach was Gesundheit, meine werten Damen! Es ist ein Spott und eine
Schande! Wie ein Ferkelchen bin ich geworden. Der Sommer ist längst da,
-- und ich friere beständig.«

»Sie frieren?«

»Ei freilich. Schauen Sie mich bloß an. Ich bin ja ganz in Hasenwolle
eingenäht. Aber was ist daran auch verwunderlich, werte Herrschaften?
Ich unnützer Mensch habe doch schon die Achtzig hinter mir.«

Nikolai Afanasjewitsch wurde von allen Seiten mit Fragen überschüttet.
Man setzte ihn an den Tisch, reichte ihm die Speisen. Er antwortete
allen klug und gewandt, rührte aber von den Speisen nichts an: er äße
längst schon sehr wenig, und auch dann nur höchstens ein leichtes
Gemüse. »Aber die Schwester wird essen,« sagte er, sich zu dieser
wendend. »Eßt nur, Schwesterlein, eßt. Geniert Euch nicht. Wollt Ihr
aber ohne mich nicht essen, dann bitte ich Olga Arsentjewna um etwas
Möhrenfüllung aus der Pastete hier auf dieses kleine Tellerchen ...
So ist's recht. Danke schön, danke! Was brauch' ich überhaupt noch zu
essen? Ich kann ja gar nichts mehr. Nicht einmal einen Zwirnstrumpf
bring' ich mehr ordentlich fertig. Und früher konnte ich doch viel
besser stricken als die Schwester, sogar ~Broderies anglaises~ verstand
ich zu flechten; aber jetzt lasse ich beständig die Maschen fallen.«

Der Propst sah dem Zwerge mit glücklichem Lächeln in die Augen:

»Wenn ich dich betrachte, Nikolai, so denke ich an ein lieber altes
Märchen, mit dem man sterben möchte.«

»Ach, Väterchen, unser liebes Märchen ist vor uns heimgegangen.«

»Vergißt du sie nicht schon, deine Herrin? Die Bojarin Marfa
Andrejewna?« fragte, sich ihm nähernd, der Diakon Achilla, welchen der
Zwerg immer noch ein wenig zu fürchten schien.

»Zum Vergessen bin ich schon zu alt, Vater Diakon, ich denke lange
schon daran, daß es für mich Zeit wird, ihr in jener Welt wieder zu
dienen,« erwiderte er leise und sich halb dem Diakon zukehrend.

»Sie war eine trostreiche Frau, diese Alte,« sagte der Diakon, ohne
seine Rede an eine bestimmte Person zu richten.

»In welchem Sinne trostreich? Wie meinst du das?« fragte Tuberozow.

»Spaßig war sie.«

Der Propst lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. Nikolai
Afanasjewitsch aber fiel Achilla ins Wort und sagte sehr bestimmt:

»Keine Spaßmacherin war sie, sondern eine wirkliche Trösterin, werter
Herr.«

»Was belehrst du ihn, Nikolai! Erzähle lieber, wie sie dich erbittert
hat. Und wie sie dann alles wieder zum Besten kehrte,« rief der Propst.

»Ach, Hochwürden, das ist eine so alte Geschichte.«

»Er weiß von dieser seiner Erbitterung mit so viel Wärme zu erzählen,«
wandte sich Tuberozow an die Gäste.

»Ja, Väterchen, sie, meine gnädige Herrin, verstand es, einen Menschen
so zu erbittern und dann so zu trösten, wie nur ein Engel Gottes zu
trösten vermag,« fiel der Zwerg sofort ein.

»Nun, so erzähle doch.«

»Ja, Nikolascha, erzähle, erzähle!«

»Nun, werte Herrschaften, ob Sie sich über mich lustig machen oder
ob es Sie wirklich interessiert, -- wenn die ganze Gesellschaft es
wünscht, so will ich mich nicht widersetzen und Ihnen die Geschichte
erzählen.«

Und er begann.



Drittes Kapitel.


»Es war kaum ein Jahr, nachdem meine gnädige Herrin mich von meiner
früheren Herrschaft gekauft hatte. Ein Jahr in bittern Schmerzen lag
hinter mir. Ich war von meiner Heimat und von meinen Lieben für immer
getrennt. Natürlich ließ ich meinen Kummer nicht merken. Es war jedoch
vergebens, denn die Selige hatte ihn längst erraten. Als nun mein
Namenstag kam, geruhte sie mir zu sagen:

›Was soll ich dir denn zum Namenstage schenken, Nikolai?‹

›Mütterchen,‹ sag' ich, ›was brauch' ich Narr noch beschenkt zu werden?
Ich bin auch so völlig zufrieden.‹

›Nein,‹ geruhte sie zu sagen, ›einen Rubel sollst du wenigstens haben.‹

Natürlich wagte ich nicht zu widersprechen und küßte ihr die Hand:

›Vielen Dank, Euer Gnaden!‹ sprach ich nur.

Und setzte mich wieder auf das Fußbänkchen gegenüber ihrem Sessel und
strickte meinen Strumpf weiter. Nach einiger Zeit fragt sie wieder:

›Was wirst du mit dem Rubel anfangen, Nikolai, den ich dir morgen
schenken will?‹

›Den schicke ich bei Gelegenheit meinem Vater.‹

›Und wenn ich dir zwei schenke?‹

›So bekommt mein Mütterchen den zweiten.‹

›Und wenn es drei werden?‹

›Dann soll auch mein Bruder Iwan Afanasjewitsch einen haben.‹

Da schüttelte sie den Kopf:

›Du hast aber viel Geld nötig, wenn du alle bedenken willst! Das kannst
du, so klein wie du bist, ja dein Lebtag nicht verdienen.‹

›Dem lieben Gott hat es gefallen, mich so zu schaffen,‹ antwortete
ich und fing leise zu weinen an. Mein Herz krampfte sich zusammen,
wissen Sie, ich ärgerte mich selbst über meine Tränen und doch mußte
ich weinen. Sie aber, die Selige, guckte und guckte mich an, bis sie
auf einmal mir schweigend winkte: ich fiel ihr zu Füßen und sie legte
meinen Kopf auf ihren Schoß, und ich weinte nun erst recht und sie
weinte auch. Dann stand sie auf und sprach:

›Haderst du nie mit dem lieben Gott, Nikolai?‹

›Wie soll ich mit dem lieben Gott hadern, Mütterchen? Niemals tu ich
das.‹

›So wird Er dich auch trösten.‹

Und er hat mich wirklich getröstet.«

Als der Zwerg in seiner Erzählung so weit gekommen war, fingen seine
dünnen Augenlider plötzlich heftig zu zucken an, er sprang hastig von
seinem Stuhl auf, lief in eine Ecke, wischte sich dort mit einem weißen
Tüchlein die Augen und kehrte mit verschämtem Lächeln auf seinen Platz
zurück. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, begann er mit einer ganz
anderen, feierlichen Stimme:

»Ich war früh aufgestanden, werte Herrschaften, war ganz leise mich
waschen gegangen, denn ich schlief ja zu Füßen ihres Bettes, hinter
einem Schirm auf einem Teppich. Dann war ich in die Kirche gegangen,
um beim Vater Alexei einen Dankgottesdienst nach der Frühmesse zu
bestellen. Wie ich nun, werte Herrschaften, in die Kirche komme,
gehe ich geradewegs nach dem Altar, um vom Vater Alexei den Segen zu
empfangen, und sehe, daß Vater Alexei ein so seltsam frohes Gesicht
macht und mir so herzlich zur großen Freude gratuliert. Ich bezog das
natürlich auf den Festtag und auf meinen Namenstag. Aber was sollte
nun kommen, meine lieben und werten Herrschaften! Ich trete auf den
linken Altarflügel hinaus, -- und sehe plötzlich mitten im Volke mein
Mütterlein und meinen Vater und meinen Bruder Iwan Afanasjewitsch. Den
Vater und die Mutter fand ich in der Menge nicht gleich heraus, aber
der Bruder Iwan Afanasjewitsch ... der war ja der reine Gardehusar. Ihn
sah ich sofort. Erst dachte ich, es wäre eine Vision! Denn ich hatte
mich an diesem Tage so sehr nach ihnen gesehnt. Aber nein, es war keine
Vision! Ich sah meine Mutter -- sie war eine Bäuerin -- bitterlich
weinen und dachte, sie habe ihre Herrschaft um Urlaub gebeten und den
weiten Weg gemacht, um ihr Kind wiederzusehen. Natürlich wollte ich den
Gottesdienst nicht stören und ging wieder in den Altarraum zurück. Wie
ich aber nach Schluß der Messe heraustrete, da erblicke ich vor dem
Betpult mit dem Heiligenbilde Marfa Andrejewna selber; und hinter ihr
meine Schwester Maria Afanasjewna, die Sie hier sehen, meine Eltern und
meinen Bruder. Ich gehe auf Marfa Andrejewna zu, um sie zu begrüßen.
Sie aber schiebt mich leise mit der Hand beiseite und sagt:

›Geh erst und begrüße deine Eltern.‹

So begrüßte ich den Vater, die Mutter, den Bruder, unter Tränen. Nur
meine Schwester Maria Afanasjewna weinte nicht, denn sie hat einen
besseren Charakter. Ich aber bin so schwach, daß ich immer weinen muß.
Nun traten wir aus der Kirche heraus und meine gnädige Herrin nimmt ein
Beutelchen aus der Tasche -- ich hatte selbst gesehen, wie sie diesen
Beutel strickte, aber ich wußte natürlich nicht, für wen er bestimmt
war -- und sagt zu mir: ›Nun beschenke die Deinigen, Nikolascha.‹ Ich
greife in den Beutel, dem Vater gab ich einen Silberrubel, der Mutter
einen Silberrubel, dem Bruder Iwan Afanasjewitsch einen Rubel. Es waren
lauter ganz neue Rubel! Im Beutel aber lagen noch vier Rubel. ›Wer soll
denn die noch bekommen, Mütterchen?‹ frage ich meine gnädige Herrin.
Aber da sehe ich schon den Verwalter Dementij, der mir meine Schwägerin
und ihre drei Kinder zuführt, alle in langen Röcken. Dank der großen
Gnade meiner Herrin konnte ich auch sie noch beschenken, ehe wir aus
der Kirche alle zusammen nach Hause gingen. Vor dem Herrenhaus bemerkte
ich drei Wagen, mit den Gutspferden meiner gnädigen Herrin bespannt.
Die beiden Pferdchen meines Bruders waren hinten angebunden, und das
ganze Gepäck der Eltern und des Bruders lag auf dem Wagen. Dies machte
mich ganz verwirrt, und ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte.
Marfa Andrejewna war die ganze Zeit mit dem Vater Alexei vorausgegangen
und hatte von der Ernte gesprochen und mich anscheinend gar nicht
beachtet. Jetzt aber, wie sie eben die Verandastufen hinauf will,
wendet sie sich nach mir um und geruht also zu sprechen: ›Hier hast du
einen Freibrief, mein braver Knecht, deine Eltern und dein Bruder nebst
Kindern sind von mir losgekauft.‹ Und damit schob sie mir das Papier
hinter die Weste ... Das war zu viel für mich ...«

Nikolai Afanasjewitsch hob die Hände bis zur Höhe seines Gesichts und
sagte:

»›Du!‹ rief ich wie wahnsinnig, ›du willst mich durch das Übermaß
deiner Güte ganz erdrücken!‹ Es schnürte mir die Kehle zusammen, meine
Schläfen hämmerten, vor meinen Augen zuckten bunte Flämmchen, und ich
fiel bewußtlos vor dem Wagen meines Vaters nieder, den Freibrief an
die Brust gedrückt.«

»Ach du, Alter! So viel Gefühl hast du!« rief der Diakon Achilla
gerührt und schlug Nikolai Afanasjewitsch auf die Schulter.

»Ja,« fuhr der Zwerg fort, nachdem er sich den Mund gewischt hatte.
»Ich kam erst nach neun Tagen wieder zu mir, denn ich war an einem
schweren Fieber erkrankt. Und wie ich mich umschaute, sah ich meine
gnädige Herrin zu Häupten meines Bettes sitzen: ›Vergib mir um Christi
willen, Nikolascha,‹ sprach sie, ›ich verrücktes Frauenzimmer hätte
dich beinahe umgebracht!‹ So ein gewaltiger Mensch war sie, die gnädige
Bojarin Plodomasowa!«

»Ach du allerliebster Alter!« rief wieder der Diakon Achilla und packte
den Zwerg scherzend an einem Knopfe seines Fracks, diesen scheinbar
abreißend.

Der Kleine faßte schweigend nach dem Knopf, und als er sich überzeugt
hatte, daß er heil und ganz an seinem Platze geblieben war, meinte er:

»Ja, ja, ich bin doch ein ganz unbedeutendes Wesen, aber sie war immer
besorgt um mich und schenkte mir ihr Vertrauen; sogar ihren Kummer
teilte sie mir mit, besonders als die Trennung von ihrem Sohne Alexei
Nikititsch ihr so nah ging. Bekam sie mal einen Brief, dann las sie ihn
erst ganz schnell für sich und später las sie ihn mir vor. Sie sitzt
und liest vor und ich stehe mit meinem Strickstrumpf daneben und höre
zu. Und wenn sie zu Ende ist, sprechen wir über den Brief. ›Jetzt wird
er wohl bald Offizier,‹ sagt sie zu mir. Und ich antworte: ›Ja, sicher
muß die Reihe schon an ihn gekommen sein.‹ Und sie wieder: ›Was meinst
du, Nikolascha, da wird man ihm wohl mehr Geld schicken müssen.‹ --
›Gewiß hat er jetzt mehr nötig, Mütterchen,‹ sage ich. ›Ei freilich,
wir haben hier das Geld ja gar nicht nötig.‹ ›Natürlich, Mütterchen,
wozu brauchen wir Geld?‹ Meine Schwester Maria Afanasjewna aber
schweigt still, und das ist meiner gnädigen Herrin nicht recht und sie
wird gleich böse. ›Ach, du Holzklotz,‹ sagt sie. ›Ja, die wußten, was
sie taten, als sie dich mir umsonst als Zugabe zum Bruder überließen.‹«

Nikolai Afanasjewitsch besann sich plötzlich, wurde ganz rot und sagte
zu seiner stumpfsinnigen Schwester:

»Nehmt mir's nicht übel, Schwesterlein, daß ich das erzähle.«

»Erzählt nur, erzählt nur, es tut nichts,« antwortete Maria
Afanasjewna, mit der Zunge gegen die Backe stoßend.

»Nun, und euch beiden hat sie die Freiheit nicht geben wollen?« fragte
jemand.

»Die Freiheit? Nein, freigegeben hat sie uns nicht. Meine Schwester
Maria Afanasjewna stand wohl mit drin im Freibrief, den sie meinen
Eltern gegeben, aber mich wollte sie nicht fortlassen. Mitunter sagte
sie: ›Wenn ich tot bin, magst du leben, wo du willst (denn sie hatte
ein kleines Kapital als Pension für mich angelegt), aber solange ich am
Leben bin, lasse ich dich nicht frei.‹ -- ›Ach, Mütterchen,‹ sagte ich
darauf, ›was soll ich mit der Freiheit? Mich hacken doch die Spatzen
tot!‹«

»Ach, du kleiner Kerl!« rief Achilla gerührt.

»Er war ja in allem ihre rechte Hand, unser Nikolai Afanasjewitsch,«
fiel Tuberozow ein.

»Ja, Vater Propst, ich habe ihr gedient, so gut ich's verstand. Wenn
die Selige nach Moskau oder Petersburg reiste, nahm sie nie eine Zofe
mit. Sie konnte weibliche Bedienung auf Reisen nicht leiden. Oft
sagte sie: ›So eine Prinzessin Pumfia tut nichts weiter als quasseln
und im Gasthof im Korridor herumlungern und Bekanntschaften machen.
Mein Nikolascha aber sitzt hübsch still im Winkel, wie ein Hase.‹ Sie
betrachtete mich gar nicht als Mann, sondern nannte mich immer nur
Hase.«

»Ein Karnickelchen,« sagte Achilla lachend und streichelte die
Schultern des Kleinen.

»So ganz konnte sie dich aber doch nicht für einen Hasen halten, wenn
sie dich sogar verheiraten wollte?« sagte der Polizeichef Porochontzew.

»Ja, das hat sie gewollt, Woin Wasiljewitsch. Freilich, freilich,«
erwiderte der Kleine, die Stimme immer mehr dämpfend, »das hat sie
gewollt.«

»Wirklich, Nikolai Afanasjewitsch?« riefen mehrere Stimmen zugleich.

Nikolai Afanasjewitsch wurde ganz rot und flüsterte:

»Lügen wäre Sünde, -- ja es war so.«

Und nun stürmte die ganze Gesellschaft auf den Zwerg ein:

»Erzählen, Nikolai Afanasjewitsch, erzählen!«

»Ach, werte Herrschaften, was ist da zu erzählen?« suchte Nikolai
Afanasjewitsch lachend und errötend und die Hände ausstreckend die
Zudringlichen abzuwehren.

Man gab nicht nach. Die Damen faßten seine Hände, küßten ihn auf die
Stirn; er fing die Damenhände, die sich nach ihm ausstreckten, im
Fluge auf und küßte sie, wollte aber trotzdem nicht erzählen, weil
er meinte, die Geschichte wäre zu lang und uninteressant. Da schlug
plötzlich etwas dröhnend gegen den Fußboden, die Hausfrau, die in
diesem Augenblick vor dem Lehnstuhl des Zwerges stand, trat erschrocken
zurück, und den erstaunten Blicken von Nikolai Afanasjewitsch zeigte
sich der Diakon Achilla, kniend mit hoch emporgereckten Armen.

»Herzchen!« flehte er mit heftigen Kopfbewegungen. »Erzähle, wie sie
dich verheiraten wollten.«

»Ja, ja, ich will alles erzählen, steht nur auf, Vater Diakon.«

Achilla erhob sich, klopfte den Staub von seiner Kutte und rief
selbstzufrieden:

»Nun? Was sagt ihr nun? Er wird nicht erzählen, meintet ihr! Da sagte
ich: Ich setze es durch, -- und ich hab's durchgesetzt! Jetzt bitte
wieder Platz zu nehmen, meine Herrschaften, und hübsch still sein, und
die gnädigste Hausfrau ist so gut und läßt dem Nikolascha für seine
Erzählung ein Glas Wasser mit rotem Wein geben, wie das in feinen
Häusern Brauch ist.« --

Alle setzten sich. Man brachte Nikolai Afanasjewitsch ein Glas Wasser,
in das er selbst ein paar Tropfen Rotwein goß, und dann fing er von
neuem zu erzählen an.



Viertes Kapitel.


»Es war bald nach dem Frieden mit Frankreich, meine werten
Herrschaften, als ich mit dem in Gott entschlafenen Kaiser sprach.«

»Sie haben mit dem Kaiser gesprochen?« unterbrachen den Erzähler sofort
mehrere Stimmen.

»Ja, was denken Sie?« sagte der Zwerg sanft lächelnd. »Mit Seiner
Kaiserlichen Majestät Alexander Paulowitsch habe ich gesprochen und
habe Verstand genug gehabt, ihm zu antworten.«

»Hahaha! Ist das ein Kerl, dieser Nikolaurus, Gott straf mich!« brüllte
der Diakon Achilla entzückt und schlug sich mit der flachen Hand auf
die Schenkel. »Seht ihn doch an, -- so ein winziger Floh und hat mit
dem Kaiser geredet.«

»Sitz ruhig, Diakon, und sei still,« sagte Tuberozow ernst.

Achilla gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er den Erzähler
nicht mehr unterbrechen werde und setzte sich.

Der Zwerg fuhr fort:

»Die ganze Sache nahm scheinbar mit diesem meinem Gespräch mit dem
Kaiser überhaupt ihren Anfang. Meine gnädige Herrin Marfa Andrejewna
hatte den Wunsch, nach Moskau zu reisen, als der Kaiser nach seinem
weltberühmten Siege über Napoleon Bonaparte dort erwartet wurde.
Natürlich mußte auch ich sie wieder auf dieser Reise begleiten. Die
Selige war dazumal schon in hohen Jahren, und weil auch ihre Gesundheit
zu wünschen übrigließ, leicht erzürnt und gekränkt. Da verschaffte
nun Alexei Nikititsch seiner Mutter eine Einladung zu einem Ball,
zu dem auch der Kaiser kommen sollte. Marfa Andrejewna gestand mir
offen, daß ihr das ein großes Vergnügen bereitet hatte. Sie ließ sich
zu diesem Ball ein kostbares Kleid machen, und für mich wurde bei
einem französischen Schneider ein blauer Frack aus englischem Tuch
mit goldenen Knöpfen bestellt, dazu -- entschuldigen Sie, meine Damen
-- Pantalons, Weste, Halsbinde -- alles weiß; ein Spitzenvorhemd und
Schnallenschuhe, -- zweiundvierzig Rubel hat sie bezahlt. Alexei
Nikititsch hatte, um seiner Mutter eine Freude zu machen, es so
eingerichtet, daß sie mich mitnehmen durfte. Dem ~Maitre d'hôtel~
wurde befohlen, mich in die Orangerie zu führen und gerade gegenüber
dem Saale, in den der Kaiser eintreten sollte, irgendwo in einer Ecke
zwischen den Gewächsen aufzustellen. So geschah es denn auch, werte
Herrschaften, aber doch nicht ganz, wie es beabsichtigt war. Der
~Maitre d'hôtel~ sagte mir, ich sollte mich ruhig verhalten und sehen,
soviel ich von meinem Platz nur sehen könnte. Aber was war von da zu
sehen? Nichts. Da machte ich es wie Zachäus, der Zöllner, wissen Sie,
und kletterte -- hoppla -- auf so einen kleinen künstlichen Felsen,
wo ich nun unter einer Palme stand. Der Saal war voll Glanz und Lärm
und Musik, aber auch von meinem Felsen konnte ich nur die Frisuren
der Herrschaften sehen. Plötzlich aber gerieten all diese Köpfe in
lebhafte Bewegung, sie schoben sich auseinander und der Kaiser ging
mit dem Fürsten Golitzyn geradewegs nach der Orangerie, um sich etwas
zu erfrischen. Und -- denken Sie sich nur -- nicht allein, daß er sich
nach der Orangerie begibt, er geht auch gerade auf die entfernte Ecke
zu, wo man mich versteckt hatte. Ganz starr war ich, meine Damen, wie
angewachsen an den Felsen und konnte nicht herunter.«

»Da war dir wohl bange?« fragte Tuberozow.

»Wie soll ich sagen? Bange eigentlich nicht, aber doch gewissermaßen
aufgeregt war ich.«

»Ich wäre davongelaufen,« sagte der Diakon, außerstande, noch weiter zu
schweigen.

»Warum denn davonlaufen, werter Herr? Ich will nicht sagen, daß ich
keine Angst verspürt hätte, aber ans Davonlaufen dachte ich doch nicht.
Seine Majestät kamen indes immer näher und näher. Ich hörte schon
deutlich, wie Ihre Stiefel klipp-klapp, klipp-klapp machten. Ich sah
bereits Ihr sanftes Gesicht, den freundlichen Blick, und wissen Sie, in
meiner Verwirrung dachte ich gar nicht mehr daran, daß ich gleich Ihren
Augen sichtbar werden mußte. Da wandte der Kaiser den Kopf und, ich
sah's, er richtete den Blick direkt auf mich und sah mich an.«

»Nun?« schrie der Diakon und wurde ganz bleich.

»Ich machte eine Verbeugung.«

Der Diakon atmete auf, drückte die Hand des Zwerges und flüsterte:

»Erzähle, sei so gut, erzähle schnell weiter!«

»Der Kaiser sah mich also an und geruhte auf Französisch zum Fürsten
Golitzyn zu sagen: ›Ach, was für ein Miniaturexemplar! Wem mag es
gehören?‹ Der Fürst Golitzyn war, wie ich sah, in Verlegenheit,
was er antworten sollte, -- und da ich die französische Rede wohl
verstehen konnte, antwortete ich selber: ›Der gnädigen Frau Plodomasow,
Kaiserliche Majestät!‹ Da wandte sich der Kaiser zu mir und geruhte
zu fragen: ›Welcher Nation sind Sie?‹ -- ›Ein treuer Untertan Eurer
Majestät,‹ antwortete ich. ›Und geborener Russe?‹ fragte er weiter
und ich antwortete: ›Ein Bauer und treuer Untertan Eurer Majestät.‹
Da lachte der Kaiser. ›Bravo,‹ scherzte er, ›bravo, ~mon petit sujet
fidèle~!‹ und faßte meinen Kopf mit der Hand und zog mich an sich.«

Nikolai Afanasjewitsch dämpfte seine Stimme und sagte mit einem leisen
Lächeln im Flüstertone, als handele es sich um ein großes politisches
Geheimnis:

»Er faßte mich um, wissen Sie, und dabei drückte ein Knopf seines
Ärmelaufschlags mir die Nase zusammen, daß es mir ordentlich wehe tat.«

»Nun und du? Du schriest doch nicht?« rief der Diakon.

»Nein, Väterchen, nein, warum sollte ich schreien? Wie kann man
schreien, wenn der Zar einen liebkost? Nein, als er mich losließ, küßte
ich seine Hand ... für das Glück und die Ehre ... und das war mein
ganzes Gespräch mit Seiner Kaiserlichen Majestät. Später natürlich, als
sie mich vom Felsen heruntergenommen hatten und man mich in der Kutsche
nach Hause fuhr, da hab' ich die ganze Zeit geweint.«

»Warum hast du denn nachher geweint?« fragte Achilla.

»Warum? Als ob ich nicht Grund genug gehabt hätte? Vor Rührung weint
der Mensch!«

»So klein ist er und hat so viel Gefühl!« rief Achilla ganz begeistert.

»Nun, erlauben Sie mal,« fing der Erzähler wieder an. »Die
Aufmerksamkeit, die Seine Majestät mir zufällig erwiesen, wurde in
verschiedenen Moskauer Häusern bekannt, Marfa Andrejewna nahm mich
überall mit hin und zeigte mich den Leuten, und -- ich sage Ihnen die
reine Wahrheit, ich lüge nicht -- ich war damals der allerkleinste
Zwerg in ganz Moskau. Aber das dauerte nicht lange, nur einen einzigen
Winter.«

In diesem Augenblick prustete der Diakon plötzlich überlaut und fing
dann, den Kopf zurückwerfend, leise zu kichern an.

Als er merkte, daß er durch sein Lachen den Erzähler unterbrochen
hatte, setzte er sich wieder gerade hin und sagte:

»Es ist nichts! Erzähle nur weiter, Nikolaurus, ich lache über meine
eigene Sache. Wie einmal der Graf Klenychin mit mir gesprochen hat.«

»Nein, sprechen Sie sich nur aus, werter Herr, sonst unterbrechen Sie
mich wieder,« sagte der Zwerg.

»Ach, es ist gar nichts Besonderes, eine ganz einfache Geschichte,«
erwiderte Achilla. »Der Graf Klenychin besichtigte unser
Seminargebäude, ich machte ihm eine Verbeugung und da sagte er: ›Pack
dich weg, Schafskopf!‹ Und das war unser ganzes Gespräch, über das ich
lachen mußte.«

»Es ist auch wirklich komisch,« sagte der Zwerg lächelnd und fuhr fort:

»Im nächsten Winter brachte die Generalin Wichiorowa aus Petersburg
eine finnische Zwergin namens Meta mit, die war noch um einen Finger
breit kleiner als ich. Die selige Marfa Andrejewna konnte das gar nicht
hören. Anfangs behauptete sie immer, das sei keine natürliche Zwergin,
sondern eine, der man in der Kindheit Blei eingegeben habe; aber als
sie angekommen war und meine gnädige Herrin die Meta Iwanowna mit
eigenen Augen sah, da wurde sie furchtbar böse, daß sie so wohlgebaut
und weiß war. Sogar im Traum ließ es ihr keine Ruhe: immer nur dachte
sie daran, wie sie die Meta Iwanowna kaufen könnte. Aber die Generalin
wollte von Verkauf nichts wissen. Da fing nun Marfa Andrejewna mit
allerlei spitzigen Reden an: ihr Nikolai wäre ein kluger Kopf und
hätte mit dem Kaiser selbst gesprochen, das Mädel aber sehe bloß nett
aus und weiter nichts. So zankten sich die beiden Damen unsertwegen.
Marfa Andrejewna sagte, jene solle ihr das Mädchen verkaufen, und diese
wiederum wollte mich kaufen. Da fuhr Marfa Andrejewna einmal heftig
auf: ›Ich will sie doch nicht bloß zum Spaß haben,‹ sagte sie, ›ich
will sie doch verheiraten, der Nikolai soll sie zur Frau nehmen.‹ Die
Frau Wichiorowa aber meinte: ›Ich kann ja die beiden auch verheiraten,
wenn sie mir gehören.‹ Marfa Andrejewna erwiderte: ›Wenn sie Kinder
kriegen, sollst du ein Paar davon haben.‹ Jene aber versprach, daß sie
ihr ebenfalls ein paar Kinder überlassen wolle, wenn es welche geben
würde. Bis auf zehntausend Rubel waren sie nach und nach gekommen,
meine werten Herrschaften, aber immer wurde nichts aus der Sache, denn
wenn meine gnädige Herrin zehntausend für die Meta bot, so bot die
Generalin elftausend für mich. Wohl war Marfa Andrejewna eine Frau von
starkem und unbezwinglichem Geiste, die mit Pugatschow gestritten und
mit drei Kaisern getanzt hatte, -- aber mit der Generalin Wichiorowa
wurde sie doch nicht fertig. Und auf mich war sie auch böse. ›Du bist
auch so ein dummer Rüpel,‹ geruhte sie zu mir zu sagen, ›der dem Mädel
nicht ordentlich den Kopf verdrehen kann, daß es selber drum bittet,
deine Frau werden zu dürfen.‹ -- ›Mütterchen, Marfa Andrejewna,‹ sagte
ich, ›wie soll ich ihr denn den Kopf verdrehen? Geben Sie mir Ihre
Hand, Mütterchen, daß ich Narr sie küsse.‹ Da wurde sie noch böser.
›O, du dummer, dummer Kerl,‹ sagte sie, ›nichts verstehst du als die
Handküsserei.‹ Da schwieg ich schon lieber ganz.«

»O dieser kleine Kerl! Er kann ja nichts dergleichen, der Arme,«
erklärte der Diakon teilnahmvoll seinem Nachbarn.

Der Zwerg warf ihm einen Blick zu und fuhr fort:

»So ging es nun Tag für Tag, bis es Frühling wurde, und für uns kam
die Zeit, aus Moskau wieder nach Plodomasowo zurückzukehren. Wir
fuhren nochmals zur Wichiorowa und wurden wieder nicht handelseinig.
Marfa Andrejewna sagte ihr: ›So erlaub doch wenigstens deiner
Qualle, daß sie mit Nikolai vor dem Hause auf und ab geht.‹ Die
Generalin gestattete das, und nun mußten Meta Iwanowna und ich auf
dem Trottoir vor den Fenstern hin- und herspazieren. Das war eine
große Freude für die selige Marfa Andrejewna, und für uns beide wurden
die verschiedensten Kostüme genäht. Wir kamen hin und sie befahl:
›Heute sollen Nikolai und Meta als Paysans gehen.‹ Dann erschienen
wir beide in Holzschuhen, ich in Kamisol und Hut und Meta Iwanowna
mit einer großen Haube, und so gingen wir vor dem Hause auf und ab,
und die Leute auf der Straße blieben stehen und schauten uns an. Ein
andermal mußten wir uns als Türke und Türkin zeigen. Dann als Matrose
und Matrosenmädchen. Ferner hatten wir noch Bärenkostüme, aus braunem
Flanell genäht, wie Futterale. In diese stopfte man uns hinein, wie man
eine Hand in den Handschuh steckt oder den Fuß in den Strumpf, nichts
war zu sehen als die Augen, und oben am Kopfe waren solche kleine
Zipfel aus Tuch angemacht, wie Ohren, die hin- und herwackelten. In
diesen Kleidern schickte man uns aber nicht auf die Straße, sondern
ließ sie uns zuweilen anlegen, wenn die beiden Damen beim Kaffee
saßen. Dann mußten wir auf dem Teppich vor dem Kaffeetisch miteinander
ringen. Meta Iwanowna war sehr stark für ein Mädchen, wenn ich ihr aber
geschickt und schlau ein Bein stellte, dann fiel sie doch gleich um.
Aber ich gab ihr doch meist aus Mitleid mit ihrem weiblichen Geschlecht
nach, und die Generalin pflegte auch oft ihr Bologneserhündchen zu
Hilfe zu rufen, das mir in die Waden fuhr. Dann ärgerte sich Marfa
Andrejewna ... Ach, ich mag gar nicht an diese Ringkämpfe denken!
Das allerschönste Kostüm, das die Selige hatte machen lassen, habe
ich heute noch: mich zogen sie als französischen Grenadier und Meta
Iwanowna als Marquise an. Ich hatte eine hohe Bärenmütze, einen langen
Waffenrock, eine Flinte mit Bajonett und Meta Iwanowna trug einen
Reifrock und hielt einen großen Fächer in der Hand. Dann mußte ich
mich mit der Flinte vor der Tür aufstellen und Meta Iwanowna ging mit
ihrem Fächer an mir vorüber und ich präsentierte das Gewehr. Und dann
fing Marfa Andrejewna wieder mit der Generalin zu feilschen an, denn
sie wollte uns gar zu gerne verheiraten. Ich muß Ihnen aber sagen, daß
all diese Kostüme für mich und Meta Iwanowna meine gnädige Herrin auf
ihre Kosten machen ließ, denn sie glaubte ganz sicher, daß sie die
Meta Iwanowna schließlich doch bekommen würde; ja, je mehr Kleider sie
für uns machen ließ, desto mehr wurde sie in der Zuversicht bestärkt,
daß wir beide ihr Eigentum seien. Aber die Sache sollte ganz anders
ausgehen. Die Generalin Karolina Karlowna Wichiorowa war nicht umsonst
eine Deutsche: wo etwas ihr von Vorteil war, da widersetzte sie sich
nicht, sondern nahm alles an, aber nachgeben war ihre Sache nicht. Da
kam Alexei Nikititsch -- Gott schenke ihm Gesundheit und langes Leben,
ihm selbst war die Sache schon lange ein Dorn im Auge, und er sah, daß
sie bös auslaufen würde -- er kam also auf den Gedanken, oder irgendein
kluger Offizier von seinem Regiment hatte ihm den Rat gegeben, der Frau
Mutter mitzuteilen, die Wichiorowsche Zwergin sei verschwunden. Das
beruhigte Marfa Andrejewna noch einigermaßen, daß jetzt niemand die
Meta Iwanowna haben sollte, und sie redete beständig davon. ›Wie ist
sie denn verloren gegangen?‹ fragt sie. Alexei Nikititsch antwortet,
ein Jude hätte sie gestohlen. ›Wie? Was für ein Jude?‹ Und wir fabeln
weiter, wie's uns gerade einfällt: so ein kastanienbrauner Jude sei
es gewesen, mit einem langen Bart, alle hätten ihn gesehen, wie er
sie gepackt und fortgeschleppt habe. ›Warum hat man ihn denn nicht
festgehalten?‹ fragt sie wieder. -- Ja, er sei eben aus einer Straße
in die andere, aus einer Gasse in die andere gerannt. -- ›Sie ist aber
auch ein dummes Frauenzimmer, daß sie sich so fortschleppen läßt und
nicht einmal schreit! Mein Nikolai hätte sich sowas nicht gefallen
lassen.‹ -- ›Wie werd' ich mich denn von einem Juden überwältigen
lassen?!‹ sagte ich. Und so glaubte sie alles, wie ein kleines Kind.
Aber da machte Alexei Nikititsch versehentlich einen kleinen Fehler,
oder richtiger, er wollte es zu schlau anfangen. Seine Absicht war
natürlich, Marfa Andrejewna schneller mit mir aufs Land zu schaffen,
denn dort, glaubte er, würde sie leichter vergessen, und so sagte er
zu seiner Mutter: ›Seien Sie unbesorgt, liebe Mutter. Man wird die
Zwergin sicher wiederfinden, denn sie wird überall gesucht, und wenn
man sie gefunden hat, schreibe ich Ihnen sofort aufs Land.‹ Die Selige
klammerte sich nun an dieses Wort. ›Nein,‹ sagte sie, ›wenn man sie
sucht, dann will ich lieber hier abwarten. Vor allem aber möchte ich
den Juden sehen, der sie geraubt hat.‹ Ja, meine Herrschaften, da
mußten wir noch einen Polizisten anstellen, daß er uns lügen half.
Jeden Tag kam er und meldete, die Kleine würde gesucht, sei aber
immer noch nicht gefunden. Sie gab ihm jeden Tag fünf Rubel, mich
aber schickte sie tagtäglich zur Frühmesse, daß ich Sankt Johannes
dem Krieger einen Bittgottesdienst abhalten lasse um Rückkehr der
entflohenen Sklavin ...«

»Sankt Johann dem Krieger? Du sagst, zu Sankt Johann dem Krieger
hättest du beten lassen?« unterbrach ihn der Diakon.

»Ja, Sankt Johannes dem Krieger.«

»Na, dann gratuliere ich, mein Lieber. Da habt ihr gar nicht zu dem
richtigen Heiligen gebetet.«

»Wirst du wohl Ruhe halten, Diakon? Sei so gut,« fiel Vater Sawelij
ein.

»Bitte, Nikolai, erzähle weiter.«

»Ja, Hochwürden, was ist da noch viel zu erzählen? Meine Geschichte
ist so gut wie zu Ende. Einmal kamen wir mit Marfa Andrejewna von der
Kapelle der Iberischen Mutter Gottes, als uns in der Petrowka-Straße
der Wagen der Generalin Wichiorowa entgegenkam, in dem neben der
Generalin auch Meta Iwanowna saß. Da begriff Marfa Andrejewna alles und
... Sie mögen mir glauben, meine werten Herrschaften, oder nicht, --
sie fing in der Kutsche leise, aber bitterlich zu weinen an.«

Der Zwerg schwieg.

»Nun, Nikola,« suchte der Propst ihn anzuspornen.

»Ja, was nun? Als wir nach Hause gekommen waren, sagte sie zu Alexei
Nikititsch: ›Mein liebes Söhnchen, du bist ein rechter Schafskopf, daß
du dich unterstehen konntest, deine Mutter zu betrügen und mir noch den
Polizisten auf den Hals zu schicken.‹ Und damit ließ sie ihre Sachen
packen und fuhr aufs Land.«



Fünftes Kapitel.


Nikolai Afanasjewitsch drehte sich auf seinem Stühlchen den Gästen zu
und sagte: »Ich hatte Sie ja schon darauf aufmerksam gemacht, daß es
eine ganz einfache und wenig interessante Geschichte sein würde. Und
nun, Schwesterlein,« dabei stand er auf, »müssen wir auch fahren.«

Maria Afanasjewna erhob sich ebenfalls, aber der Diakon fing wieder an:
Nikolai Afanasjewitsch habe nicht zum richtigen Heiligen beten lassen.

»Das ist nicht meine Sache, werter Vater Diakon,« rechtfertigte sich
Nikolai Afanasjewitsch, während er seine Mütze suchte.

»Wieso denn nicht? Natürlich ist es deine Sache! Du mußt doch wissen,
zu welchem Heiligen du betest!«

»Erlaubt mal, als ich zum erstenmal deshalb in die Kirche kam, gab
ich dem Priester einen Zettel mit der Aufschrift ›um Rückkehr einer
entflohenen Sklavin‹ und ein Fünfzigkopekenstück, darauf hielt der
Priester einen Bittgottesdienst vor Sankt Johannes dem Krieger ab, und
so ging es denn auch später.«

»Wenn die Dinge so stehen, taugt eben der Priester nichts.«

»Wieso? Wieso? Wieso? Wieso taugt der Priester nichts?« mischte sich
plötzlich Vater Zacharia Benefaktow ins Gespräch.

»Weil er die Befugnisse seines Amtes nicht kennt,« erwiderte Achilla
höchst selbstbewußt. »Wer betet denn um Rückkehr eines entflohenen
Knechtes zu Sankt Johann dem Krieger?«

»Ja, was meinst du? Zu wem denn sonst? Zu wem? Zu wem?«

»Zu wem? Ihr habt es wohl vergessen? Neben dem Platz des
Kirchenältesten hing früher an der Wand ein Blatt. Jetzt ist es
fortgenommen. Allein ich erinnere mich noch ganz genau, welche Heiligen
bei den verschiedenen Gelegenheiten anzurufen sind.«

»So.«

»Jawohl! und wenn Ihr's wissen wollt, -- zu dem Heiligen Theodor Tyron
hätte gebetet werden müssen.«

»Du hast unrecht. Es war ganz richtig, daß sie den Johannes anriefen.«

»Blamiert Euch nicht, Vater Zacharia.«

»Ich sage dir, es war ganz richtig.«

»Ich aber sage Euch, Ihr blamiert Euch ganz unnützerweise. Ich weiß die
ganze Tabelle auswendig.«

Er schob den breiten Ärmel seiner Kutte weit auf den Ellenbogen hinauf
und bog mit der rechten Hand den Daumen der Linken ein, als ob er ihn
abbrechen wollte.

»Um Heilung von der fallenden Sucht,« begann er, »betet man zum
heiligen Maroas.«

»Zum heiligen Maroas,« wiederholte Benefaktow zustimmend.

»Um Heilung von der zehrenden Sucht -- zum heiligen Märtyrer Artemios,«
fuhr Achilla fort und bog in derselben Weise den Zeigefinger ein.

»Artemios,« wiederholte Benefaktow.

»Um Erlösung von Unfruchtbarkeit -- zum Wundertäter Romanus; wenn
der Gatte sein Weib verschmäht -- zu den Märtyrern Gurios, Samon und
Abebas; wenn man vom Teufel geplagt wird -- zum heiligen Nyphon; gegen
die wollüstige Leidenschaft -- zur heiligen Thomais ...«

»Und zum heiligen Moses Ugrinos,« fügte Benefaktow, der bisher nur im
Takt mit dem Kopf geschüttelt hatte, leise hinzu.

Der Diakon, der schon alle fünf Finger der linken Hand eingebogen
hatte, sann einen Augenblick nach, indem er den Vater Zacharia scharf
ansah, dann öffnete er die linke Faust, um nun die Finger der Rechten
einzubiegen, und meinte:

»Ja, man kann auch zum Moses Ugrinos beten.«

»Bitte weiter.«

»Gegen die Trunksucht -- zum Märtyrer Bonifatius.«

»Und zum Moses Murinos.«

»Wie?«

»Zum Bonifatius und zum Moses Murinos,« wiederholte Vater Zacharia.

»Ganz recht,« stimmte der Diakon ihm bei.

»Bitte weiter.«

»Zum Schutz gegen bösen Zauber -- zum heiligen Märtyrer Cyprianus.«

»Und zur heiligen Justina.«

»So hört endlich auf mit Eurem Vorsagen, Vater Zacharia!«

»Wenn's aber doch mit russischen Buchstaben deutlich gedruckt steht:
und der heiligen Justina.«

»Schön, sei's drum! Und der heiligen Justina. Um Wiedergewinnung
gestohlener Gegenstände und um Rückkehr entflohener Knechte (der Diakon
betonte jedes einzelne Wort) -- zu dem Theodor Tyron, dessen Gedächtnis
wir am siebzehnten Februar feiern.«

Jedoch kaum hatte Achilla sein letztes Wort gleich einem
Trompetensignal herausgeschmettert, als auch schon Zacharia mit
derselben leisen und leidenschaftslosen Stimme in der Aufzählung
fortfuhr:

»Und zum heiligen Johannes dem Krieger, dessen Gedächtnis wir am
zehnten Juli feiern.«

Achilla riß die Augen weit auf und schrie:

»Jetzt fällt mir's ein, ja, man kann auch zu Johannes dem Krieger
beten.«

»Aber weshalb habt Ihr denn eine ganze Stunde gestritten, Vater
Diakon?« sagte Nikolai Afanasjewitsch, ihm zum Abschied sein Händchen
entgegenstreckend.

»Daß mir sowas passieren mußte! Ich hatte die Duplikate vergessen,
deshalb stritt ich,« verteidigte sich der Diakon.

»Das ist genau wie im Sprichwort, werter Herr: ich suche meine Mütze
und habe sie auf dem Kopfe. Meinen ehrerbietigsten Gruß, Vater Diakon.«

»Ich suche meine Mütze! ... Ach, du Kleiner!« grinste Achilla, kriegte
den Zwerg am Rockschoß zu packen und setzte ihn auf seine Hand, indem
er rief:

»Der ist ja so leicht wie eine Flaumfeder!«

»Laß sein,« befahl Vater Tuberozow.

Der Diakon stellte den Zwerg wieder auf den Boden und bemerkte
scherzend, in Anbetracht seiner Leichtigkeit sei es unmöglich, ihn nach
Gewicht zu verkaufen. Doch der Propst, den das vorlaute Gebaren des
Diakons schon zu ärgern begann, wandte ein:

»Weißt du, wen man nach Gewicht schätzt?«

»Nun, wen?«

»Den Wicht.«

»Schönsten Dank!«

»Bitte sehr, recht gern geschehen.«

Der Diakon wurde verlegen, fuhr mit seinem Baumwolltaschentuch über den
haarigen Filz seines Hutes und brummte:

»Ihr könnt auch nie und nirgends ohne Politik auskommen!«

Und schritt mit gekränkter Miene zur Tür hinaus.

Bald begannen sich auch die andern Gäste zu verabschieden und gingen
ein jeder seines Weges.

Den Zwerg und seine Schwester trug der bronzebeschlagene Wagen schnell
von dannen, Tuberozow aber nahm seinen Weg in Begleitung desselben
Darjanow, mit dem wir ihn im Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja
gesehen haben, langsam über die Brücke.

Als sie das jenseitige Ufer erreicht hatten, machten sie einen
Augenblick Halt. Von alter Erinnerung überwältigt meinte der Propst:

»Ist es nicht seltsam, daß dieses alte Märchen, welches uns der Zwerg
erzählt und das ich schon so oft gehört habe, daß dieses kindliche
Märlein von den Stricknadeln der Alten mich nicht nur erfrischt,
sondern auch beruhigt hat nach all der Aufregung, in welche mich die
jüngste Wirklichkeit versetzt hatte? Ist das nicht ein deutlicher
Beweis dafür, daß ich alt geworden bin und in der Vergangenheit zu
leben beginne? Aber nein, das ist es nicht. Ich bin von klein auf so
gewesen. Mir fällt eben ein Erlebnis ein: als Student kam ich einmal
in das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte und sah, wie man
die alte Holzkirche niederriß, um an ihrer Stelle ein neues schönes
Gotteshaus aus Stein zu errichten ... Damals brach ich in Tränen aus.«

»Warum denn?«

»Es war mir leid um das hölzerne Kirchlein. Einen schönen, lichten,
neuen Tempel will man in Rußland bauen, und die Enkel, die darin
beten werden, werden sich freuen an der Fülle von Licht und Wärme,
-- und dennoch tut es weh, wenn die alten Balken ohne Erbarmen
auseinandergezerrt werden.«

»Ja, lohnt sich's denn wirklich, etwas zu bewahren aus jener alten
Zeit, die nichts Besseres wußte, als mit Stricknadeln zu klappern und
sich an Zwergenhochzeiten zu erfreuen?«

»Ja, sehen Sie mal, ärmlich genug ist das ja, -- und doch fühlte ich
etwas vom russischen Geiste darin. Ich gedachte der alten Bojarin und
mir wurde so wohl und frei dabei, und das scheint mir der schönste
Lohn für meine Pietät. Lebt in gutem Einvernehmen mit eurem alten
Märchen, ihr jungen russischen Leute! Solch ein altes Märchen ist ein
wunderbares Ding! Wehe dem, der in seinem Alter keines hat! Euren Ohren
klingt das Klappern der alten Stricknadeln eintönig, mir aber erzählt
es süße Mären! ... O wie gerne möchte ich in Frieden mit meinem alten
Märchen sterben!«

»Das wird ja wohl auch so werden.«

»Wie soll man das wissen? Wie soll man wissen, wer es sein wird?
Aber erlauben Sie, -- was ist denn das?« unterbrach der Propst sich
plötzlich und sah nach einer Staubwolke, die sich auf dem Berge zeigte
und einen mit drei Pferden bespannten Reisewagen, in dem zwei Männer
saßen, begleitete. Der eine von ihnen war groß, fleischig, schwarz, mit
feurigen Augen und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe; der andere
klein, glatt rasiert, mit einem völlig leidenschaftslosen Gesicht und
hellen, wässerigen Augen.

Der Wagen mit den Fremden fuhr schnell über die Brücke und bog auf dem
anderen Ufer links ab.

»Was für unangenehme Gesichter,« sagte der Propst und wandte sich ab.

»Wißt Ihr auch, wer das war?«

»Gott sei Dank, nein.«

»Dann kann ich es Euch zu Eurer Betrübnis sagen. Es ist der
Regierungsbeamte Fürst Bornowolokow, welcher seit einiger Zeit hier
erwartet wird. Ich habe ihn sofort erkannt, obgleich ich ihn lange
nicht gesehen habe. Richtig, sie halten vor dem Biziukinschen Hause.«

»Sagen Sie, bitte, welcher von beiden ist Bornowolokow?«

»Links, der Kleine, ist Bornowolokow.«

»Und der andere?«

»Wohl sein Sekretär. Auch eine Berühmtheit eigener Art.«

»Ein tüchtiger Jurist?«

»Hm! Davon habe ich eigentlich nichts gehört. Aber wegen irgendeiner
Studentengeschichte wurde er einmal zu Festungshaft verurteilt.«

»Um Gottes willen! Wie nennt sich dieser Mann?«

»Ismail Termosesow!«

»Termosesow?«

»Ja, Termosesow; Ismail Petrowitsch Termosesow.«

»Himmel, was für Leute unser Zar in seine Dienste nimmt!«

»Wie meint Ihr das?«

»Aber, ich bitte! Dies Gesicht, diese Lippen, und auf Festung hat er
gesessen und ist wieder freigekommen, und Termosesow heißt er auch
noch.«

»Das ist entsetzlich, nicht wahr?« rief Darjanow laut lachend.



Sechstes Kapitel.


Wir müssen nun, unter dem Zwange der Verhältnisse, welche den Gang
unserer Chronik bedingen, den Stargoroder Propst für einige Zeit
verlassen, um die Bekanntschaft eines ganz anderen Kreises derselben
Stadt zu machen. Wir treten in das Haus des Akzisebeamten Biziukin, in
dem die längst erwarteten Petersburger Gäste soeben eingetroffen sind:
der Fürst Bornowolokow, ein alter Studiengenosse des Akziseeinnehmers,
welcher irgend etwas revidieren oder einführen soll, und sein Sekretär
Termosesow, ebenfalls ein alter Bekannter und Gesinnungsgenosse
Biziukins. Es ist vormittags und der Postwagen, welcher die Gäste nach
Stargorod gebracht hat, macht eben vor dem Hause Halt.

Biziukin selbst war nicht zu Hause, und so mußte ihn seine Gattin
vertreten. Diese interessante Frau, die sich viel mit Politik
beschäftigte, sah dem Besuche des Gastes nicht ohne innere Bewegung
entgegen. Sie wollte sich ihm von ihrer besten und vorteilhaftesten
Seite zeigen, und war vom frühen Morgen darauf bedacht, daß ihr
Haus den besten Eindruck auf die Ankommenden mache. In aller Frühe
prüfte sie sämtliche Gemächer und fand, daß eigentlich nichts ihrem
Wunsche entsprach. In der Mitte des reinlichen, freundlich möblierten
Wohnzimmers blieb sie stehen und dachte verzweifelt:

»Nein, das ist zum Tollwerden! Hier sieht es ja genau so aus, wie
bei Porochontzews oder bei Darjanows oder beim Postmeister, -- mit
einem Wort, wie überall, vielleicht etwas besser. Die Uhr auf dem
Kamin, diese Armleuchter, und da steht das Klavier ... Nein, das darf
unmöglich so bleiben, um dieser Kleinigkeiten willen will ich nicht
die Verachtung der modernen Männer auf mich laden. Ich weiß, wie man
moderne Männer der Tat aufnimmt! Ja, aber, wo soll ich hin mit all
dem Kram? Soll ich alles hinauswerfen? Das wäre doch zu schade. Die
Sachen werden verderben, sie haben Geld gekostet. Und was nützt es, sie
hinauszuwerfen, wenn ringsherum ... Im Schlafzimmer zum Beispiel die
Spitzengardinen ... Na ja, ins Schlafzimmer werden die Gäste ja nicht
hineinschauen ... Ich bringe nur meines Mannes Zimmer in Ordnung!«

Und damit rief die junge Beamtenfrau ihre Dienstboten und ließ sie
sofort alles ihrer Meinung nach Überflüssige aus dem Arbeitszimmer
ihres Gatten auf den Speicher bringen, so daß nichts weiter übrigblieb
als ein Tisch, ein Stuhl und zwei Sofas.

»Ausgezeichnet,« dachte die Biziukina. »Wenigstens ein Zimmer im Hause,
das anständig aussieht.«

Sie machte noch zwei große Tintenflecke auf den Schreibtisch und stieß
den Spucknapf in der Ecke um, so daß der Sand sich über den Fußboden
streute. Aber o Himmel, als sie wieder in den Saal zurückkehrte,
bemerkte sie, daß sie das Allerärgste fast übersehen hätte: an der Wand
hing ein Heiligenbild!

»Jermoschka! Jermoschka! Schaff sofort dies Heiligenbild hinaus ... ich
will es in die Kommode legen!«

Das Bild wurde fortgeschafft und die besorgte Hausfrau begab sich in
ihr Boudoir, öffnete einen großen Nußbaumschrank, wählte aus ihrer
reichhaltigen Garderobe die allerschlechtesten Stücke, rief ihr
Dienstmädchen und ließ sich ankleiden.

»Marfa, du liebst die Herrschaften wohl gar nicht?«

»Warum sollte ich sie nicht lieben?«

»Warum solltest du nicht? Nun so, ganz einfach! Wofür sollst du sie
denn lieben?«

Das Mädchen wußte nicht, was es antworten sollte.

»Was haben sie dir denn Gutes getan?«

»Gutes, nichts, gnädige Frau.«

»Nun, du dumme Person, dann kannst du sie auch nicht lieben, und in
Zukunft bitt' ich dich, die dummen Redensarten ›zu Befehl‹ und ›gnädige
Frau‹ und so weiter gefälligst zu lassen. Sag einfach ›ja‹ und ›nein‹
und ›was‹ und ›warum‹. Verstanden?«

»Zu Befehl.«

»Zu Befehl!? Kannst du nicht einfach ›ja‹ sagen?«

»Warum denn, gnädige Frau?«

»Weil ich es so wünsche.«

»Zu Befehl.«

»Schon wieder? Ich hab' dir doch eben erst befohlen: einfach ›ja‹ und
›nein‹ zu sagen.«

»Ja. Aber es wird mir sehr schwer, gnädige Frau.«

»Schwer? Um so leichter wird dir's später werden. Alle werden einmal so
sprechen. Hörst du?«

»Zu Befehl.«

»Zu Befehl! Pack dich, dumme Gans! Ich schmeiß dich raus, wenn du mir
noch einmal so antwortest. Einfach ›ja‹ -- und mehr nicht. Bald wird es
überhaupt keine Herrschaften mehr geben; verstehst du? Überhaupt keine
mehr! Sie werden bald alle ... in Stücke gehackt. Verstanden?«

»Ja,« sagte das Mädchen, um sie irgendwie loszuwerden.

»Jetzt geh und schick mir den Jermoschka her.«

»Nun ist aber noch etwas unbedingt nötig. Ich muß eine Schule hier
haben.« Und Madame Biziukina gab ihrem Jermoschka zehn kupferne
Fünfkopekenstücke und befahl ihm, möglichst viele Straßenjungen
herbeizuschaffen. Er sollte jedem von ihnen sagen, daß er von ihr noch
einen zweiten Fünfer bekommen würde.

Nach zehn Minuten kehrte Jermoschka in Begleitung einer ganzen Horde
zerlumpter Gassenbuben zurück.

Die Biziukina gab jedem fünf Kopeken, ließ sie im Kabinett ihres Mannes
Platz nehmen und sagte zu ihnen:

»Jetzt werde ich euch unterrichten und dafür kriegt jeder noch einen
Fünfer. Ist's euch recht so?«

Die Jungen rümpften die Nase:

»Na ja, warum nicht?«

»Wir verstehen doch nicht, aus Büchern zu lesen,« sagte einer von den
Klügeren.

»Ich will euch ein Lied lehren, da braucht ihr keine Bücher.«

»Na, wenn's ein Lied sein soll, ist's uns recht.«

»Jermoschka, setze dich auch dazu.«

Jermoschka setzte sich und hielt verlegen die Hand vor den Mund.

»Also jetzt singt ihr alle mit.«

    »Aus der Schmiede kommt der junge Schmied.«

Die Buben sangen nach, so gut sie konnten.

»Heil!« sang Madame Biziukina vor.

»Heil!« wiederholten die Kinder.

    »Und drei scharfe Messer trägt er unterm Rock! Heil!«

In diesem Ausblick hob Jermoschka den Kopf, sah aus dem Fenster und
rief:

»Es kommt Besuch, gnädige Frau!«

Die Biziukina ließ das Lineal fallen, mit dem sie den Takt geschlagen
hatte und stürzte in den Saal.



Siebentes Kapitel.


Der Fürst Bornowolokow und sein Sekretär Termosesow erschienen. Bei
genauer Betrachtung machten sie einen viel interessanteren Eindruck,
als sie Tuberozow bei ihrer flüchtigen Begegnung vorgekommen waren.

Der Revisor selbst sah wie ein eingeschlafener Stichling aus. Er war
klein, mit gesträubten Haaren, breiten Schultern und Augen, über denen
ein feuchter, schläfriger Schleier lag. Er schien zu nichts fähig und
zu nichts brauchbar. Er war eben kein Mensch, sondern ein schläfriger
Stichling, der sich in allen Meeren und Seen herumgetrieben hatte, nun
aber eingeschlafen und so mit Tang bewachsen war, daß in ihm nichts
mehr glühte und leuchtete.

Termosesow dagegen erinnerte an einen Kentauren. Er war riesengroß,
wie es nur ein Mann sein kann, aber der Bau seines mächtigen Körpers
hatte etwas Weibliches. Die Schultern waren sehr schmal, die Hüften
übermäßig breit und voll wie Pferdeschinken, die Knie fleischig und
rund, die Arme dürr und sehnig; der Hals lang, aber nicht mit stark
hervortretendem Adamsapfel, wie bei den meisten hochgewachsenen
Menschen, sondern mit einer Vertiefung, wie bei einem Pferde. Um den
Kopf flatterte eine mächtige Mähne nach allen Seiten; das Gesicht,
mit einer langen, armenischen Nase und einer unverhältnismäßig großen
Oberlippe, die schwer auf der untern lastete, war von sehr dunkler
Färbung; die Augen waren braun mit tiefschwarzen Pupillen, der Blick
scharf und klug.

Die Biziukina beobachtete alles durch das Fenster, ohne von den Fremden
gesehen zu werden, und zermarterte sich das Hirn, wer von den beiden
wohl der Revisor Bornowolokow und wer Termosesow sei. Endlich kam sie
zu dem Schlusse, der Große müßte unbedingt der Fürst Bornowolokow sein,
denn er hatte eine Mütze mit einer Kokarde auf dem Kopfe, der andere
im Reitfrack und dem bunten Mützchen aber war sicher Termosesow, der
unabhängige Mann, der in einem ganz freien Dienstverhältnis zum Fürsten
stand. Allein noch eine zweite Frage quälte die Hausfrau: wie sollte
sie die Gäste empfangen? Sollte sie ihnen entgegengehen? Das wäre
gar zu zeremoniell gewesen. Nichts tun, dasitzen und warten, bis sie
kommen? ... Das wirkte zu gezwungen! Ein Buch vornehmen? Ja, das wäre
das Richtigste, das Natürlichste!

Und sie ergriff das erste beste Buch, blickte aber noch einmal darüber
hinweg durch das Fenster und bemerkte, daß Termosesow, den sie für
Bornowolokow hielt, ziemlich schmutzige Hände hatte, während ihre
wohlgepflegten, müßigen Hände rein waren, wie weißer Schaum.

Sofort nahm Madame Biziukina etwas Erde aus einem auf dem Fensterbrett
stehenden Blumentopf, zerrieb sie zwischen ihren Handflächen und setzte
sich mit ihrem Buche auf einen Stuhl in der Nähe des Fensters, die
Beine übereinanderschlagend.

In diesen Augenblick ließ sich im Hausflur eine fröhliche, recht
freundliche Baßstimme vernehmen, und in das Vorzimmer traten beide
Gäste: zuerst Termosesow und hinter ihm Fürst Bornowolokow.



Achtes Kapitel.


Die Hausfrau saß da und rührte sich nicht. Es fiel ihr jetzt erst
auf, wie unpassend den Gästen der Blumentopf auf dem Fensterbrett
erscheinen mußte, und so verwirrt sie auch war, sie hatte doch noch
Zeit zu überlegen, wie man ihn wohl am leichtesten aus dem Fenster
hinausbefördern könnte. Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft,
daß sie sogar die erste Frage überhörte, mit der sich einer der beiden
Gäste an sie wandte, wodurch sie tatsächlich den Eindruck einer ganz in
ihre Lektüre vertieften Person hervorrief.

Termosesow musterte sie über die Schwelle mit einem scharfen Blick und
wiederholte seine Frage.

»Wer sind Sie? Vielleicht Frau Biziukina selbst?« fragte er, ruhig in
den Saal eintretend.

»Ich bin Frau Biziukina,« antwortete die Hausfrau, ohne aufzustehen.

Termosesow ging auf sie zu:

»Ich bin Termosesow, Ismail Petrowitsch Termosesow, ein Schulkamerad
Ihres Mannes, mit dem ich später wegen einer Dummheit auseinanderkam;
und dies ist der Fürst Afanasij Fedosejewitsch Bornowolokow,
Regierungsbeamter und Revisor aus Petersburg. Wir wollen hier allen die
Hölle heiß machen. Guten Tag!«

Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie ergriff sie, während sie mit der
andern das Buch auf die Fensterbank legte und bei dieser Gelegenheit
den Blumentopf umstieß, so daß er auf die Straße kollerte.

»Was ist das? Sie haben Ihre Blume zum Fenster hinausgeworfen?«

»Das hat nichts zu sagen. Es war keine Blume. Nur Gras zum Auflegen auf
Schnittwunden. Aber es taugt auch schon nichts mehr.«

»Selbstverständlich taugt es nichts. Wer legt heute noch Gras auf
Schnittwunden! Aber vielleicht gibt es noch solche Esel. Wo ist denn
Ihr Mann?«

Die Biziukina sah den Revisor an, der ohne ein Wort zu sagen auf dem
kleinen Sofa Platz genommen hatte, und erwiderte Termosesow, ihr Mann
sei nicht zu Hause.

»Nicht zu Hause? Na, macht nichts, wir sprechen uns noch. Wir waren
dicke Freunde, bis uns eine Dummheit auseinanderbrachte. Aber ich muß
offen bekennen, Sie passen nicht zu diesem Mann. Nein, wirklich ganz
und gar nicht, darüber ist kein Wort zu verlieren. Er ist ein Hohlkopf,
weiter nichts, und es ist sein Glück, daß Sie ihm zu dieser Stelle
in der Akzise verhelfen konnten. Sie aber sind ein Prachtkerl, der
alles ganz famos gedeichselt hat, -- dem Mann die Stelle verschafft
und -- fein ist's hier bei Ihnen!« fügte er hinzu, indem er mit einem
schnellen Blick alle vom Saale aus sichtbaren Räume der Wohnung
musterte. Als er in dem allen Schmuckes beraubten Kabinett die
Kinderschar bemerkte, die sich an der Schwelle drängte, meinte er:

»Ah, so etwas wie eine Schule haben Sie auch hier. Schäbig genug ist
das Zimmerchen, aber als Schulraum geht's noch an. -- Zu was Deubel
unterrichten Sie die Lausebande eigentlich?« schloß er plötzlich
schroff.

Die Biziukina geriet in Verlegenheit, aber Termosesow half ihr selbst
darüber hinweg. Er ging auf die Jungen zu, faßte einen von ihnen unter
das Kinn und fragte: »Na? Verstehst du Erbsen zu mausen? Lern's, mein
Junge, und wenn sie dich nach Sibirien expedieren, mag mein Segen dich
begleiten. Lassen Sie sie laufen, Biziukina! Marsch nach Hause, ihr
Halunken! Fix ans Erbsenstehlen!«

Die Jungen kamen langsam einer nach dem andern aus dem Kabinett und
zogen im Gänsemarsch durch den Saal. Dann ging es in beschleunigtem
Tempo durch das Vorhaus und über den Hof.

»Wozu all diese Schulen? Nichts als Zeitvergeudung!«

»Das finde ich auch,« sagte die Hausfrau kleinlaut.

»Versteht sich. Bekommen Sie eine Unterstützung?«

»Nein. Wo sollte die auch herkommen?«

»Warum nicht? Andere bekommen sie doch! -- Und das ist wohl Ihr
Früchtchen?« fragte er, indem er auf den herausgeputzten Jermoschka
zeigte, der eben eingetreten war. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte
er sich an den Jungen:

»Geh mal, mein liebes Goldsöhnchen, und sag dem Dienstmädchen, daß wir
uns waschen wollen.«

»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Hausfrau verlegen.

Aber Termosesow hörte es nicht. Er glaubte nun einmal, den Sohn der
Hausfrau vor sich zu haben, und hielt dieser eine Predigt, wie und wozu
sie ihn erziehen solle.

»Bereiten Sie ihn für den Staatsdienst vor. Daß er nur keine
literarischen Neigungen kriegt! Sehn Sie mich an. Ich dürfte
eigentlich gar nicht Staatsbeamter sein, aber durch Hintertüren und
auf Hintertreppchen hab' ich mich doch rangeschlängelt. Jawohl! Und
bin doch früher selbst Nihilist gewesen und ärgerte mich sogar über
Ihren Mann, als er Akzisebeamter wurde. Dumm war das! Warum soll
unsereins nicht Staatsbeamter sein? Als Beamter kann man sich beliebt
machen, als Beamter hat man Geld, als Beamter gewinnt man Einfluß, --
das ist etwas ganz anderes als die blöde Schriftstellerei. Dort muß
man noch Talent haben, hier aber wird es nur störend empfunden. Als
Staatsbeamter kann ich die Leute sortieren. Was bist du für ein Kerl?
-- Du kommst hierher. Und du bist so einer? -- Du kommst dahin. Du bist
keiner von den unsern? So zwing' ich dich, ersticke dich, zerbreche
dich, -- und der Staat muß mich dafür bezahlen. -- Na, was starren
Sie mich so an? Es kommt Ihnen wohl sonderbar vor, was ich da aus der
Praxis erzähle?«

Die verblüffte Hausfrau schwieg, der Gast aber fuhr fort:

»Ihr richtet hier Schulen ein, -- na ja, wenn man sich an die
landesübliche Schablone der roten Hähne halten wollte, müßte man das
loben, aber Termosesow als praktischer Mensch tut das nicht. Termosesow
sagt: Zum Teufel mit den Schulen, sie sind vom Übel; wenn das Volk zu
lesen versteht, nimmt es die heiligen Bücher vor. Sie glauben, die
Bildung gehört zu den zerstörenden Elementen? Keineswegs. Sie ist ein
aufbauendes Element, wir aber wollen vor allem zerstören.«

»Es heißt doch aber, eine Revolution wäre jetzt bei dem Bildungsstand
unseres Volkes nicht möglich,« wagte die Hausfrau einzuwerfen.

»Zu was Teufel brauchen wir sie denn, die Revolution, wenn es auch ohne
Revolution ganz nach unsern Wünschen geht? Aber sehn Sie, da steht Ihr
Söhnlein und spitzt die Ohren. Warum erlauben Sie ihm zuzuhören, was
die Erwachsenen reden?«

»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Dame.

»Nicht Ihr Sohn? Wer ist es denn?«

»Ein Diener.«

»Ein Diener! Und so herausstaffiert! Fix, Waschwasser, du
Teufelsbraten!«

»Ist schon fertig,« antwortete Jermoschka schroff, wie es ihm
vorgeschrieben war.

»Warum hast du es denn nicht gleich gesagt? Marsch hinaus!«

»Das ist nun ein wahrhaft kluger Mensch,« dachte Frau Daria Biziukina,
als sie wieder allein geblieben war, und starrte unverwandt nach der
Tür, durch die Termosesow hinausgegangen war. »Alle andern sind so
streng, -- dies kann man nicht und das soll man nicht, hier aber ist
alles erlaubt, alles möglich, und doch fürchtet dieser Mann sich vor
nichts. Mit so einem Mann zu leben wäre leicht; ja es wäre süß, sich
ihm zu unterwerfen.«

Der arglistige Fremde hatte das Herz Darias völlig erobert. Alles an
dem Gaste begann ihr zu gefallen. Was hatte er für eine Stimme! Wie
stark war er! Überhaupt, -- was war er für ein Mann! ... Wie entzückend
war er! Kein Seladon, wie ihr Gatte; kein Trantopf, wie Prepotenskij,
-- nein, er war entschlossen, unbeugsam, ein ganzer Mann ... Der würde
nie nachgeben! Er war wie der Sturmwind ... er kommt ... reißt fort ...
vernichtet ...

Wo bist du nun, du armer Akziseeinnehmer? Juckt dir nicht schon die
Stirn wie einem jungen Böcklein, dem die Hörner wachsen wollen?



Neuntes Kapitel.


Zu den Ohren der verliebten Biziukina war aus dem Kabinett längst
schon bald ein sanftes Entenplätschern, bald ein wildes Spritzen und
seltsames Gurgeln gedrungen. Plötzlich jedoch war alles still geworden
und immer noch zeigte sich Termosesow nicht. Hatte er denn wirklich
so viel mit diesem wortkargen Fürsten zu reden? Oder schlief er? ...
Das konnte der Fall sein, denn die Reise mußte ihn ermüdet haben.
Oder las er vielleicht? Was konnte er lesen? Und was brauchte er zu
lesen, wenn er selbst klüger war als alle Bücherschreiber? ... Aber
während sie so grübelte, ging die Tür auf und auf der Schwelle erschien
Jermoschka mit einer Waschschüssel voll Seifenwasser. Er schloß die
Tür nicht hinter sich, so daß Daria Nikolajewna ins Zimmer hineinsehen
konnte. Ganz hinten am Fenster entdeckte sie die schmächtige Figur des
Fürsten. Dicht vor ihm, etwas näher zur Tür, erhob sich der fleischige
Torso Termosesows. Beide, der Revisor und sein Sekretär, waren im
Negligé. Bornowolokow in Beinkleidern und einem schneeweißen Hemde
aus holländischer Leinwand, über das sich kreuzweise die zwei roten
Streifen der seidenen Hosenträger legten. Sein kleines blondes Köpfchen
war glatt gekämmt, und er bemühte sich, es mit Hilfe einer Metallbürste
noch mehr zu glätten. Termosesows Gestalt zeigte sich in ihrer ganzen
plastischen Vollendung, der Kragen seines Hemdes war aufgeknöpft und
die weit über den Ellbogen aufgeschürzten Ärmel ließen die muskulösen,
dicht behaarten Arme deutlich erkennen.

Mit diesen Armen hob Termosesow ein langes russisches Handtuch, an
dessen Enden rote Hähne gestickt waren, und bearbeitete damit seine
sich wild sträubenden nassen Haare aufs kräftigste.

Aus der Energie, mit welcher der liebenswürdige Ismail Petrowitsch
dieses Geschäft betrieb, ließ sich ohne weiteres erraten, daß die
fröhlichen, machtvollen und ungenierten Fiorituren, die eben noch
durch die geschlossene Tür bis in den Saal gedrungen waren, von
Termosesow herrührten, während Bornowolokow nur wie eine Ente zischen
und plätschern konnte. Der zurückkehrende Jermoschka, welcher die Tür
zuschlug, zerstörte das holde Bild.

Aber Termosesow hatte genügend Zeit gehabt, um das Feld mit seinem
Adlerblick zu überschauen, und er ließ sich die Gelegenheit nicht
nehmen, die Hausfrau durch sein Erscheinen ohne den Fürsten zu
erfreuen. Er warf schnell seinen weiten Mantel über seine höchst
unvollkommene Toilette und stieß den armen Jermoschka, ihn am Ohr
packend, ins Vorzimmer hinaus mit den Worten:

»Daß du deine Nase hier nicht zu zeigen wagst, bis ich dich rufen
werde!«

Dann schloß er die Tür zum Kabinett, in dem sich der Fürst noch befand,
und setzte sich in seinem immerhin recht seltsamen Kostüm ungeniert
neben die Hausfrau.

»Hören Sie mal, Biziukina, so geht das nicht, Herzchen,« fing er an und
faßte sie ohne weiteres bei der Hand. »Sie haben Ihren Lausbuben gar zu
sehr verwöhnt. Ich nannte ihn ein Ferkel, weil er dem Fürsten die Ärmel
beplantscht hatte, worauf er mir: ›Meine Mutter ist keine Sau, sondern
eine Frau!‹ antwortete. Daran sind Sie natürlich schuld, Sie haben ihn
so emanzipiert, nicht wahr?«

Und mit völlig veränderter Stimme fuhr er zärtlich fort: »Sie sind
es? Ja? Sagen Sie -- ja?« Dieses Ja wurde in einem Ton gesagt, der
das Herz der Biziukina erschauern machte. Sie begriff, daß die
gewünschte Antwort gar nicht der gestellten Frage galt, sondern einer
unausgesprochenen, deren heimlicher Sinn sie durch seinen Realismus
geradezu erschreckte, und darum schwieg sie. Aber Termosesow ließ nicht
locker.

»Ja oder nein? Ja oder nein?« drängte er mit wachsender Ungeduld.

Zu langem Überlegen war keine Zeit. Die Biziukina sah Termosesow
ängstlich an und begann schüchtern:

»Ja, ich weiß n...«

Aber Termosesow unterbrach sie hart:

»Ja!« rief er. »Ja! Und damit genug! Weiter brauchst du mir nichts zu
sagen. Gib mir dein Händchen. Gleich auf den ersten Blick habe ich
erkannt, daß wir zueinander gehören, und eine andere Antwort habe ich
von dir nicht erwartet. Jetzt keine Zeit verloren! Beweise mir deine
Liebe durch einen Kuß.«

»Wollen Sie nicht ein Glas Tee?« stammelte Daria Nikolajewna, als ob
sie diese Worte nicht gehört hätte.

»Komm mir nicht mit solchen Geschichten! Ich bin kein Teekessel,
sondern ein Dampfkessel.«

»Dann ist Ihnen Wein vielleicht lieber?« flüsterte Daria, sich von ihm
losmachend.

»Wein?« wiederholte Termosesow. »Du bist süßer als Myrrhen und Wein!«
Und damit zog er Madame Biziukina an sich. »Laß uns verschmelzen in
seligem Kusse«, flüsterte er und schloß ihr rotes Mündchen mit seinen
Pferdelippen.

»Jetzt aber sag mir mal, warum bist du eine so renitente Monarchistin?«
fragte er unmittelbar nach dem Kusse, die Hand der Dame seinen Augen
nähernd.

»Ich bin gar nicht Monarchistin,« beteuerte die Biziukina hastig.

»Wem gilt denn deine Hoftrauer? Dem Maximilian von Mexiko?«

Und Termosesow wies lachend auf die schwarzen Streifen an ihren
Fingernägeln, schob sie zur Seite und sagte: »Geh, wasch deine Hände!«

Daria Nikolajewna wurde feuerrot und war nahe daran zu weinen.
Sie hatte sonst immer tadellos saubere Nägel. Sie eilte in ihr
Schlafzimmer, wusch dort die Hände und kam lächelnd zurück.

»So,« sagte sie, »jetzt bin ich wieder Republikanerin, ich habe ganz
weiße Hände.«

Der Gast aber drohte ihr mit dem Finger und meinte, der Republikanismus
sei nur ein dummer Spaß.

»Was brauchen wir uns um die Republik zu kümmern?« sagte er. »Man kann
damit bös reinfallen. Aber ich habe die photographischen Bildnisse
sämtlicher regierender Herrschaften mit. Soll ich sie dir schenken, daß
wir sie hier an die Wand hängen?«

»Ich habe sie ja selbst.«

»Wo sind sie denn? Wohl versteckt? He? Ich schwör's beim Satan selber,
daß ich's erraten habe: du erwartetest unsern Besuch aus Petersburg,
und um mit deinem Liberalismus zu prahlen, hast du sie versteckt! Dumm
ist das, mein Töchterchen, sehr dumm! Bring sie mal fix her, ich hänge
sie dir wieder auf.«

Die ertappte Einnehmersfrau wurde wieder bis an die Ohren rot, holte
aber die eingerahmten Bildnisse aus dem Tischkasten heraus und brachte
auf Termosesows Befehl Hammer und Nägel, worauf der Gast sich gleich an
die Arbeit machte.

»Ich denke, wir bringen sie gleich hier an dieser Wand an,« sagte er,
mit dem Finger durch die Luft fahrend.

»Wie Sie meinen.«

»Was nennst du mich immer noch Sie, wenn ich dich duze? Du sollst du
sagen. Und nun gib mal die Bilder her.«

»Die hat alle mein Mann gekauft.«

»Sehr richtig von ihm, daß er die Obrigkeit hochachtet! Die Herren
Minister hängen wir alle hier unten nebeneinander auf. Her damit!
Wer ist das? Gortschakow. Der Kanzler. Ausgezeichnet! Er hat Rußland
gerettet! Sehr nett von ihm! Dafür wird er als Erster aufgehängt.«

Als alle Bilder an der Wand befestigt waren, ergriff Termosesow die
rechte Hand der Biziukina und drückte sie an seine Brust.

»Nicht wahr, ich habe ein heißes Herz?« fragte er, ihre Verlegenheit
ausnutzend.

Aber Daria Nikolajewna riß ihre Hand los und erwiderte zornig: »Sie
werden aber zu frech.«

»Tä--tä--tä--tä--! Zu frech! Ganz und gar nicht ›zu‹, sondern gerade,
wie sich's gehört,« spottete Termosesow und legte den andern, freien
Arm um ihren Leib.

»Sie sind ein ganz unverschämter Mensch! Sie vergessen, daß wir uns
kaum kennen,« schrie Daria Nikolajewna entrüstet und riß sich von ihm
los.

»Ich bin nicht unverschämt und ich vergesse auch nichts! Termosesow
ist bloß klug, schlicht, natürlich und praktisch -- weiter nichts.
Termosesow denkt einfach so: wenn du ein vernünftiges Frauenzimmer
bist, dann weißt du, warum du mit einem Mann so intim redest, wie du
mit mir geredet hast; weißt du aber selber nicht, warum du dich so
benimmst, dann bist du eine Gans und es hat keinen Sinn, dich schonend
zu behandeln.«

Madame Biziukina wollte natürlich klug sein.

»Sie sind sehr schlau,« sagte sie, das Gesicht abwendend.

»Schlau! Was braucht's hier Schlauheit? Ja, wenn du mich liebst oder
ich dir gefalle ...«

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Sie liebe?«

»Laß doch das Flunkern!«

»Nein, ich rede die Wahrheit. Ich liebe Sie gar nicht und Sie gefallen
mir nicht im geringsten.«

»Quatsch keinen Blödsinn! Du liebst mich nicht? Nein, laß dir mal
ganz was anderes sagen: ich fühle dich und verstehe dich und will dir
offenbaren, wer ich bin, aber nur, wenn wir ganz allein und ungestört
sind.«

Daria Nikolajewna schwieg.

»Verstehst du, wie ich es meine? Damit wir einander ganz kennen lernen,
müssen wir mal zusammenkommen ... Ein Rendezvous -- verstehst du --
natürlich zu politischen Zwecken.«

Daria Nikolajewna schwieg wieder. Termosesow seufzte, ließ ihre Hand
leise los und sagte:

»O ihr Weiber im heiligen Rußland! Und ihr wollt es noch den Polinnen
gleichtun! Nein, meine Lieben, mit denen nehmt ihr es noch lange nicht
auf! Gebt den Ismail Termosesow einer Polin, sie würde nicht von ihm
lassen und in Gemeinschaft mit ihm den Ararat auf den Kopf stellen!«

»Die Polinnen sind ganz was anderes,« sagte Daria Nikolajewna.

»Warum?«

»Sie lieben ihr Vaterland und wir hassen unseres.«

»Was ist denn dabei? Die Feinde der Polinnen sind also alle Feinde der
Unabhängigkeit Polens und eure Feinde sind alle russischen Patrioten.«

»Das ist wahr.«

»Nun, wer ist also hier dein schlimmster Feind? Nenn ihn mir und du
sollst sehn, wie er die ganze Schwere der Hand Termosesows spüren wird!«

»Ich habe viele Feinde.«

»Nenn mir die schlimmsten! Die allerschlimmsten!«

»Die schlimmsten sind zwei.«

»Die Namen dieser Unseligen! Die Namen!«

»Der eine ist ... der hiesige Diakon Achilla.«

»Es sterbe der Diakon Achilla!«

»Der andere ist der Propst Tuberozow.«

»Wehe dem Propst Tuberozow!«

»Hinter ihm steht die ganze Stadt, das ganze Volk.«

»Nun, und was tut das? Termosesow kennt die Obrigkeit und fürchtet
daher keine Stadt und kein Volk.«

»Die Obrigkeit ist nicht sehr gut auf ihn zu sprechen.«

»Nicht gut zu sprechen? Um so leichter kommen wir ihm an den Kragen.
Jetzt aber merke dir nur folgendes: Gewinn mich lieb und werde mein,
Herodias!«

Madame Biziukina küßte ihn ohne Bangen.

»Das war ehrlich!« rief Termosesow, und nachdem er sie ausgefragt
hatte, was sie von ihren Feinden Tuberozow und Achilla zu leiden
gehabt, drückte er ihr lächelnd die Hand und ging in das Kabinett
zurück, wo sein Gefährte die ganze Zeit über geblieben war.



Zehntes Kapitel.


Der durchlauchtige Gefährte Termosesows lag in einem weißen Jackett auf
dem für ihn aufgeschlagenen Bette, hatte die Füße mit einem leichten
Plaid zugedeckt und schien mit geschlossenen Augen vor sich hin zu
träumen.

Termosesow wollte sich überzeugen, ob sein Vorgesetzter schlafe oder
sich bloß schlafend stelle, darum trat er leise an das Bett, beugte
sich über das Gesicht des Fürsten und nannte ihn beim Namen.

»Schlafen Sie?« fragte er.

»Ja,« antwortete Bornowolokow.

»Was soll das heißen? Wenn Sie mir antworten, können Sie nicht
schlafen.«

»Ja.«

»Das ist also ein Blödsinn.«

Termosesow begab sich zu dem zweiten Sofa, warf seinen Mantel ab und
streckte sich ebenfalls aus.

»Während Sie sich hier rekelten, habe ich schon sehr viel geleistet,«
sagte er, sich zurechtlegend.

Bornowolokow antwortete wieder nichts als »Ja«, es war aber ein ganz
besonderes Ja, sozusagen ein neugieriges Ja, das eher wie eine Frage
klang.

»Jawohl, ja! Ich kann sagen, daß ich einige für uns sehr bedeutsame
Entdeckungen gemacht habe.«

»Mit dieser Dame?«

»Die Dame? Die ist eine Sache für sich. Erinnern Sie sich aber noch,
was ich Ihnen sagte, als ich Sie in Moskau auf der Sadowaja fing?«

»Ach ja!«

»Ich sagte: ›Eure Durchlaucht, gnädigster Fürst! So geht man mit alten
Kameraden nicht um, -- daß man sie nämlich fallen läßt. Nur Lumpen
handeln so.‹ Habe ich Ihnen das gesagt oder nicht?«

»Ja, Sie haben das gesagt.«

»Aha, Sie erinnern sich noch! Nun, dann müssen Sie sich auch noch
erinnern, wie ich Ihnen meine Gedanken weiter entwickelte und bewies,
daß Sie als unser heutiger Prinz Egalité nicht das Recht haben, auf
Ihre Herkunft und Ihre bevorzugte amtliche Stellung zu pochen und über
uns alte Montagnards, Ihre einstigen Freunde, die Nase zu rümpfen. Ich
habe Ihnen das alles haarklein auseinandergesetzt.«

»Ja, ja.«

»Schön! Sie verstanden, daß mit mir nicht gut Kirschen essen ist, und
zeigten sich sehr nachgiebig. Dafür lob' ich Sie. Sie begriffen, daß
Sie mich nicht so am Wege liegen lassen durften, denn Hunger ist ein
böser Berater, und einem Hungrigen fällt alles mögliche ein. Termosesow
hat zudem noch ein vorzügliches Gedächtnis und einen scharfen Riecher.
Als Sie noch ein feuerroter Umstürzler waren, wußte er schon, daß Sie
bestimmt mal Kehrt machen würden.«

»Ja.«

»Sie beschlossen, mich als Ihren Sekretär mitzunehmen ... Das heißt,
um der Wahrheit die Ehre zu geben und Sie nicht durch Schmeichelei
zu kränken, Sie entschlossen sich nicht selbst dazu, sondern ich
zwang Sie, mich mitzunehmen. Ich machte Ihnen Angst, ich könnte Ihre
Korrespondenz mit gewissen Freunden an der Weichsel bekannt geben.«

»Ach!«

»Tut nichts, mein Fürst, seufzen Sie nicht. Was ich Ihnen damals in
Moskau auf der Sadowaja sagte, als ich Sie am Rockknopf festhielt
und Sie vor mir davonlaufen wollten, das sag' ich Ihnen auch heute
wieder: seufzen Sie nicht und jammern Sie nicht, daß Termosesow über
Sie gekommen ist. Ismail Termosesow wird Ihnen noch einen großen
Dienst leisten. Sie und Ihre gegenwärtige Partei, in der keine solchen
Halunken zu finden sind wie Termosesow, sondern viel feinere Kunden,
gründen Zeitungen und suchen auf diese oder jene Art Fühlung mit dem
Volk zu gewinnen.«

»Ja.«

»Das wird Ihnen aber nie gelingen.«

»Warum nicht?«

»Weil ihr ungeschickt seid. Die Patrioten erkennen euch sofort an den
Klauen, packen euch am Schopf und schmeißen euch auf die Gasse hinaus.«

»Hm!«

»Jawohl! Aber laßt ihr die Zeitungen schwimmen und haltet euch an
Termosesow, so deichselt er euch die ganze Geschichte glänzend. Seien
Sie mein Märchenprinz Iwan, so will ich Ihr grauer Wolf sein.«

»Ein Wolf sind Sie schon.«

»Das ist es eben. So ein grauer Wolf schafft Ihnen die goldmähnigen
Rosse und den Feuervogel und die Prinzessin und setzt Sie zu guter
Letzt auf den Königsthron.«

Und damit sprang der graue Wolf von seiner Lagerstätte auf, lief an das
Bett seines Prinzen Iwan und sagte leise:

»Rücken Sie mal ein bißchen zur Wand, ich will Ihnen was ins Ohr
flüstern.«

Bornowolokow gehorchte, und Termosesow setzte sich auf den Bettrand,
legte seinen Arm um den Fürsten und fing mit leiser Stimme an:

»Versetzen Sie mal der Kirche eins. Da steckt das Gift! Jagt ihren
Bonzen mal einen heilsamen Schrecken ein.«

»Ich verstehe nichts.«

»Das Christentum macht die Menschen doch gleich, nicht wahr? Es hat
doch Staatsmänner genug gegeben, die in der Übersetzung der Bibel in
die Volkssprache eine Gefahr sahen. Nein, das Christentum ... man kann
es sehr leicht ... wissen Sie, in gefährlichem Sinne auslegen. Und
solch ein Ausleger kann jeder beliebige Pope sein.«

»Das klingt ganz plausibel.«

»Na also. Danken Sie Ihrem Schicksal, daß es Ihnen Termosesow gesandt
hat! Ich stelle Ihnen einen Bericht zusammen, daß sogar Ihre Feinde
Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Sie für ein administratives
Genie erklären.«

Termosesow dämpfte die Stimme noch mehr und fuhr fort:

»Erinnern Sie sich noch, wie wir schon hier in der Gouvernementsstadt
auf dem Heimweg aus dem Klub mit dem Kanzleivorsteher sprachen, und wie
er einen freisinnigen Popen erwähnte, welcher sogar frech gegen Seine
Exzellenz geworden sei?«

»Ja.«

»Daran haben Sie natürlich nicht gedacht, daß dieser Pope Tuberozow
heißt und daß er hier, in dieser Stadt amtiert, wo Sie sich auf dem
Lotterbette rekeln und nichts über ihn zu melden imstande sein werden.«

Bornowolokow fuhr in die Höhe und fragte, aufrecht auf dem Bette
sitzend:

»Wie können Sie wissen, was der Kanzleivorsteher mir gesagt hat?«

»Sehr einfach. Ich ging damals leise hinter Ihnen. Es ist gut, wenn
man Sie immer im Auge behält. Aber das ist jetzt Nebensache. Wir
müssen unsere Taktik zuerst an diesem Tuberozow erproben und seine
Gemeingefährlichkeit, wie überhaupt die Gemeingefährlichkeit derartiger
unabhängiger Charaktere unter den Geistlichen erweisen. So kommen wir
zu dem logischen Ergebnis, daß die Religion überhaupt nur als ein
Zweig der Verwaltung geduldet werden kann. Sobald aber der Glaube als
wirklicher Glaube auftritt, ist er gefährlich und muß eingeschränkt,
muß unter Kontrolle gestellt werden. Diesen Gedanken werden Sie als
Erster verkünden, und man wird ihn stets in Verbindung mit Ihrem Namen
wiederholen, wie man die Gedanken eines Macchiavelli und Metternich
wiederholt. Sind Sie zufrieden mit mir, mein Herr und Gebieter?«

»Ja.«

»Und geben mir Vollmacht zu handeln?«

»Ja.«

»Wie soll ich dieses Ja verstehen? Heißt das, daß Sie es ebenfalls
wollen?«

»Ja, ich will es.«

»Also! Manchmal heißt Ihr Ja nämlich zugleich Ja und Nein.«

Termosesow erhob sich vom Bette seines Gebieters und sagte:

»Wir armen Sklaven können nicht lange untätig sein. Uns hat keine
gütige Fee die Mittel in die Hand gegeben, vom Nihilisten im
Handumdrehen zum Satrapen zu werden. Ich sorge für Sie, aber auch für
mich. Ich mag nicht mehr hungern. Wo immer ich mich auch zeige, immer
heißt's ›ein Roter‹ -- und niemand will mich nehmen.«

»Waschen Sie sich weiß.«

»Wo soll ich die Seife hernehmen?«

»Warum haben Sie sich nicht in Petersburg als Spion gemeldet?«

»Ich hab's versucht,« antwortete Termosesow ungeniert, »aber wir leben
in einem realistischen Zeitalter: alle einträglichen Stellen waren
schon besetzt. Man muß sich erst irgendwie bewährt haben, wurde mir
gesagt.«

»So bewähren Sie sich doch.«

»Geben Sie mir Gelegenheit, zu zeigen, was ich kann. Sonst fang' ich,
bei Gott, mit Ihnen an.«

»Vieh!« zischte Bornowolokow.

»M--m--m--mu--u--uh!« brummte Termosesow ganz laut.

Bornowolokow sprang auf, faßte sich entsetzt an den Kopf und rief:

»Was soll das noch?«

»Was? Das schwarze Vieh brüllt, weil es fressen will, und es bittet das
weiße, es etwas höflicher zu behandeln,« sagte Termosesow ruhig.

Bornowolokow knirschte vor Wut mit den Zähnen und drehte sich
schweigend zur Wand.

»Aha! So ist's schon besser! Zähme deinen Zorn, edler Fürst, und bilde
dir nicht so viel darauf ein, daß du weiß bist, sonst mal' ich dich
so schön an, daß du grau-gelb-grün schimmern wirst und im Schatten
blau mit schwarzen Pünktchen. Vergiß nicht, daß ich dir als Zuchtrute
mitgegeben bin; ich bin der Dorn in den Blättern deines Kranzes. Trage
mich mit Ehrfurcht.«

Der gemarterte Bornowolokow unterdrückte einen Seufzer und stellte sich
schlafend. Der triumphierende Sieger aber schlief wirklich ein.



Elftes Kapitel.


Daria Nikolajewna war mit ihrer gesamten Dienerschaft eifrig bemüht,
ihren Appartements das frühere Aussehen wiederzugeben. An den Wänden
reihte sich bald wieder Bild an Bild, vor den Kamin stellte sie einen
kostbaren Schirm, auf den Kamin selbst eine schwarze Marmoruhr mit
einem Perpendikel in Gestalt eines Sternes, über die Tische breiteten
sich neue kostbare Decken; Lampen, Porzellan, Bronzen, Statuetten
und allerlei Kleinkram bedeckten jeden freien Platz im Salon und
Schlafzimmer, so daß die Wohnung bald an das Logement einer reichen
Halbweltdame erinnerte, die sich von ihren Verehrern die unnützesten
Dinge ohne Sinn und Verstand hatte schenken lassen.

Noch als die Arbeit im besten Gange war, erschien unerwartet der Lehrer
Prepotenskij und war völlig verblüfft. Natürlich konnte er diesen
»Schick« nicht billigen. Als aber Daria Nikolajewna, die ihn gar nicht
beachtete, die Unverschämtheit hatte, den Dienstboten zu befehlen, in
Gegenwart des Lehrers die Überzüge von den Möbeln abzunehmen, da wurde
es ihm zu viel, und er fragte:

»Und Sie schämen sich nicht?«

»Ganz und gar nicht.«

»Das ist einfach unverschämt!« rief Prepotenskij, setzte sich in eine
Ecke und nahm ein neues Buch vor.

In diesem Augenblick hörte man Termosesow im Nebenzimmer husten. Kurz
entschlossen meinte die Biziukina:

»Gehn Sie raus!«

Das kam so unerwartet, daß sogar Prepotenskij den harten Sinn dieser
Worte nicht begriff und die Dame ihren Befehl wiederholen mußte.

»Raus?« fragte der verblüffte Lehrer noch einmal.

»Ja. Ich wünsche Sie nicht mehr in meinem Hause zu sehn.«

»Meinen Sie das im Ernst?«

»Vollkommen im Ernst.«

Im Zimmer der Gäste wurde es wieder laut.

»Gehn Sie bitte hinaus, Prepotenskij,« rief die Biziukina ungeduldig.
»Hören Sie? Hinaus!«

»Aber ich bitte Sie, ich störe doch gar nicht.«

»Doch, Sie stören!«

»Ich kann mich ja bessern.«

»Sie sind unverbesserlich,« widersprach die Hausfrau ungeduldig und
suchte den Gast von seinem Platze zu vertreiben.

Allein auch Prepotenskij zeigte sich als Mann von Charakter und
verlangte ruhig, aber fest eine Erklärung, warum sie ihn für
unverbesserlich halte.

»Weil Sie ein kompletter Esel sind!« schrie endlich die Biziukina ganz
außer sich.

»Ah, das ist etwas anderes,« sagte Prepotenskij aufstehend. »In diesem
Falle bitte ich nur um Rückgabe meiner Knochen.«

»Fragen Sie Jermoschka danach. Ich hab' ihm befohlen, sie
hinauszuwerfen.«

»Hinauszuwerfen!« schrie der Lehrer und stürzte in die Küche. Als er
nach einer halben Stunde zurückkam, war Daria Nikolajewna bereits in
einer so blendenden Toilette, daß der Lehrer, als er sie erblickte,
sich am Ofen festhalten mußte, um nicht umzufallen.

»Ah, Sie sind noch nicht fort?« fragte sie streng.

»Nein, ich bin nicht gegangen und kann nicht gehn ... denn Ihr
Jermoschka ...«

»Nun?«

»Er hat die Knochen an einen Ort geworfen, daß für mich keine Hoffnung
mehr ...«

»O, ich sehe, Sie wollen hier noch lange predigen!« rief die Biziukina
in wildem Zorn, packte den Lehrer bei den Schultern und stieß ihn ins
Vorzimmer. In demselben Augenblick ging die Tür des Kabinetts auf und
Termosesow erschien auf der Schwelle.



Zwölftes Kapitel.


»Bah! Bah! Bah! Was bedeutet denn das?« fragte er die Biziukina und
rieb sich die verschlafenen Augen.

»Ach, gar nichts, das ist ... ein dummer Mensch, der früher bei uns
verkehrte,« antwortete sie und ließ den Lehrer los.

»Weshalb soll er denn jetzt hinausgeworfen werden? Was hat er denn
getan?«

»Nichts, gar nichts,« sagte Prepotenskij.

Termosesow sah ihn an und fragte:

»Wer sind Sie denn?«

»Der Lehrer Prepotenskij.«

»Wodurch haben Sie die Dame verletzt?«

»Durch nichts, durch gar nichts.«

»So kommen Sie her, ich will Sie versöhnen.«

Prepotenskij kam sofort zurück.

»Weshalb nennen Sie ihn eigentlich dumm?« fragte Termosesow die
Hausfrau und hielt dabei den Lehrer an beiden Händen fest. »Ich kann es
nicht finden.«

»Ja, versteht sich, Sie können mir glauben, ich bin gar nicht dumm,«
sagte Warnawa lächelnd.

»Ganz richtig, und das Verhalten unserer Frau Wirtin Ihnen gegenüber
kann ich nicht billigen. Aber zum Zeichen der Versöhnung soll sie uns
Tee geben. Ich trinke gern ein Glas Tee, wenn ich geschlafen habe.«

Daria Nikolajewna ging hinaus, um den Tee zu bestellen.

»Na, und Sie, Herr Lehrer, nehmen Sie Platz und plaudern wir ein
bißchen. Ich sehe, Sie sind ein guter Kerl, mit dem sich leben
läßt,« begann Termosesow, als er mit Warnawa allein war, der ihn in
fünf Minuten in sein ganzes trauriges Schicksal daheim und draußen
eingeweiht hatte. Nichts wurde vergessen, weder die Mutter, noch die
Totengebeine, noch Achilla, noch Tuberozow, bei dessen Namen Termosesow
seine Aufmerksamkeit verdoppelte. Endlich erzählte der Lehrer auch noch
von der Vormittagsschlacht des Diakons mit dem Kommissar Danilka.

Bei diesem Bericht räusperte sich Termosesow, klopfte Prepotenskij auf
das Knie und sagte leise:

»Also, Herr Professor, ich beauftrage Sie hiermit, mir morgen früh
diesen Kleinbürger unbedingt herbeizuschaffen.«

»Den Danilka?«

»Ja, den der Diakon beleidigt hat.«

»Das ist ja eine Kleinigkeit.«

»Also her mit ihm!«

»Morgen in aller Frühe ist er hier.«

»Recht so. Sie sind ein Prachtkerl, Prepotenskij!« lobte ihn
Termosesow, und da in diesem Augenblick die Hausfrau wieder eintrat,
wandte er sich an sie: »Hören Sie, er gefällt mir ausnehmend, und wenn
er mich mit dem Popen Tuberozow bekannt macht, so nenn' ich ihn einen
ganz klugen Kopf.«

»Ich kann ihn nicht ausstehn und rate Ihnen nicht, seine Bekanntschaft
zu machen,« stammelte Warnawa, »wenn Sie es aber für nötig halten ...«

»Es ist sehr nötig, lieber Freund.«

»Dann kommen Sie heute mit zum Abendessen beim Polizeichef, dort lernen
Sie unsere ganze Gesellschaft kennen.«

»Schön. Ich geh überall hin. Aber ich muß doch eingeladen sein.«

»Ach, das ist ganz leicht zu machen,« fiel ihm der Lehrer ins Wort.
»Ich werde sofort zum Polizeichef gehen und ihm im Namen von Daria
Nikolajewna mitteilen, sie bäte um Erlaubnis, abends ihren Petersburger
Gast mitzubringen.«

»Prepotenskij, komm in meine Arme!« rief Termosesow, und als der
Lehrer aufstand und auf ihn zuging, küßte er ihn. Dann drehte er ihn
linksherum und sagte: »Geh und handle!«

Stolz und seines Ruhmes nun völlig sicher, nahm Warnawa seine Mütze
und ging. Nach einer Stunde, die Termosesow dazu benutzt hatte, der
Biziukina klarzumachen, daß man keinen Dummkopf merken lassen dürfe,
für wie dumm man ihn halte, kam der Lehrer mit der Botschaft zurück,
Porochontzews wären sehr erfreut, die Herrschaften heute abend bei sich
zu sehen.

»Und was den Kleinbürger Danilka betrifft, den Sie kennen lernen
wollten,« fügte er endlich hinzu, »so habe ich ihn bereits ausfindig
gemacht. Er steht draußen vor dem Tor.«

Termosesow belobte Warnawa nochmals für seine Findigkeit, stand auf
und bat den Lehrer, ihn an irgendeinen stillen Ort zu führen, wo er
ungestört mit Danilka reden könne.

Prepotenskij führte Ismail Petrowitsch in die leere Kanzlei des
Akziseeinnehmers und stellte ihm dort den Kommissar vor.

»Guten Tag, Bürger,« begrüßte ihn Termosesow. »Wie hat Sie der hiesige
Diakon neulich morgens beleidigt?«

»Er hat mich gar nicht beleidigt.«

»Gar nicht? Sagen Sie mir alles frei und offen, wie dem Popen in der
Beichte, denn ich bin ein Freund des Volkes, kein Feind. Der Diakon
Achilla hat Sie gekränkt?«

»Nein, er hat mich nicht gekränkt. Wir haben das schon unter uns
erledigt.«

»Wie kann man das erledigen? Er hat Sie doch am Ohr durch die Stadt
gezerrt!«

»Was ist denn dabei? Das sind ja nur Dummheiten.«

»Wieso Dummheiten? Eine Beleidigung ist es. Bedenken Sie, Bürger, er
hat Sie am Ohr gerissen!«

»Es war aber doch nur Scherz. Darin finden wir keine Beleidigung.«

»Wie, Bürger? Ist es möglich, so etwas nicht als Beleidigung anzusehen?
Er soll es doch vor allem Volke getan haben!«

»Ja freilich.«

»Da müssen Sie doch eine Klage einreichen.«

»Wem denn?«

»Nun, dem Fürsten, der mit mir gekommen ist.«

»Schon recht.«

»Also wollen Sie klagen oder nicht?«

»Worauf soll ich denn klagen?«

»Er kann zu hundert Rubel Strafe verurteilt werden.«

»Das stimmt.«

»Sie sind also einverstanden. So ist's recht, Prepotenskij! Setz dich
und schreib, was ich dir diktieren werde.«

Und Termosesow diktierte eine Beschwerde an Bornowolokow, kurz, aber
gehaltvoll; auch der Propst war darin nicht vergessen: er hätte der
Lynchjustiz des Diakons Vorschub geleistet und dem Kläger sogar gesagt,
daß die ihm zuerteilte Lektion wohlverdient gewesen.

»Nun unterzeichne, Bürger!« Und Termosesow stopfte Danilka die Feder
gewaltsam in die Hand, aber der »Bürger« erklärte plötzlich, er wolle
nicht unterschreiben.

»Was? Sie wollen nicht?«

»Nein, ich bin damit nicht einverstanden.«

»Was soll das heißen? Teufel noch einmal! Erst schweigst du, und
nachdem man dir die Beschwerde gratis aufgesetzt hat, willst du nicht
unterschreiben!«

»Nein, ich will nicht.«

»Man soll dir wohl noch einen Rubel geben, damit du unterschreibst? Das
ist zu viel verlangt, mein Lieber. Sofort unterschreibst du!«

Termosesow packte den Widerspenstigen wütend beim Kragen und zerrte ihn
zum Tisch.

»Ich ... wie es Eurer Gnaden gefällt ..., aber ich unterschreibe
nicht,« stotterte der Kleinbürger und ließ die Feder absichtlich fallen.

»Ich will dich lehren! Wie's Eurer Gnaden gefällt! Und wenn es mir nun
gefällt, deiner Gnaden ein Dutzend mal in die Fresse zu hauen?«

Der Bürger fuhr entsetzt zurück und stammelte:

»Euer Hochwohlgeboren, erbarmen Sie sich, zwingen Sie mich nicht! Meine
Klage wird doch zu nichts führen!«

»Warum nicht?«

»Ich hab' schon einmal klagen wollen, als der fürstliche Verwalter
Glitsch mich mit Nesseln auspeitschen ließ, weil ich auf die Wette des
Polizeichefs hin sein Pferd stehlen wollte. Damals rieten alle mir ab.
Klage nicht, Danilka, sagten sie, denn dann kommt es zu einer großen
Untersuchung, und dann sagen wir alle, daß du längst schon in Sibirien
sein müßtest. Ja, und ich kannte mich selber zu gut, um zu wissen, daß
ich kein Recht mehr habe, meine Ehre zu verteidigen.«

»Wie du über deine Ehre denkst, das kommt hier gar nicht in Betracht.«

»Und die hiesigen Herren Beamten wissen auch ...«

»Deine hiesigen Herren Beamten mögen wissen, was sie wollen, wir sind
aber keine hiesigen, wir sind aus Petersburg. Verstehst du das? Aus der
Residenz, aus Petersburg! Und ich befehle dir: sofort unterschreibst
du, du gottverdammtes Luder, ohne alle Widerrede, sonst ... sonst
fliegst du auch ohne Untersuchung nach Sibirien.«

Und der bärenstarke Termosesow drückte mit der Rechten die Hand und mit
der Linken die Kehle des Kommissars so kräftig zusammen, daß Danilka im
Nu rot wurde, wie ein gekochter Krebs, und kaum noch hörbar röchelte:

»Um Gottes willen, lassen Sie mich los! Ich unterschreibe ja alles!«

Ächzend und hustend setzte er seine Krakelfüße unter das Gesuch.

Termosesow steckte das Papier in die Tasche, hielt Danilka die Faust
unter die Nase und sagte drohend:

»Bürger, wenn du dich irgendwie vor der Zeit verplapperst, daß du dich
beschwert hast ...«

Danilka, der immer noch hustete, machte nur eine abwehrende Bewegung
mit der ganz erstarrten Hand.

»... Dann schlag ich dir die ganze Fratze zu Brei, multipliziere die
Wangen, subtrahiere die Nase und verwandle die Zähne in Brüche!«

Der Kleinbürger winkte mit beiden Händen ab.

»Jetzt hast du aber genug gekrächzt! ~Allez, marchez~ zur Tür hinaus!«
kommandierte Termosesow, schob den Haken von der Tür zurück und gab
Danilka auf der Schwelle einen so kräftigen Stoß, daß er über den an
das Haus angebauten Hühnerstall hinwegflog und auf den warmen Rasen zu
sitzen kam. Er sah sich nur noch einmal um, spuckte aus und rollte dann
auf allen vieren zum Tor hinaus. Er hustete nicht einmal mehr.

Prepotenskij war von dieser Kraftprobe so entzückt, daß er laut
applaudierte.

»Was fällt dir ein?« fragte Termosesow.

»Sie sind stärker als Achilla! Jetzt brauch' ich ihn nicht mehr zu
fürchten!«

»Das brauchst du auch nicht.«



Drittes Buch.



Erstes Kapitel.


Als Termosesow und seine Genossen beim Polizeichef erschienen,
hatte Tuberozow schon eine Stunde abseits von den übrigen Gästen
mit dem Adelsmarschall Tuganow geplaudert. Der alte Propst brachte
dem vornehmen Gaste wieder all die Klagen vor, welche wir in seinem
Tagebuche gelesen haben, -- und erhielt die alten Scherzworte zur
Antwort.

»Was soll aus dieser Zerrüttung noch werden?« fragte der Propst und
runzelte die Brauen. Der Adelsmarschall aber erwiderte ihm lachend:

»Wer kann wissen, was noch werden wird, mein Lieber?«

»Ohne Ideale, ohne Glauben, ohne Achtung vor den Taten der großen
Vorfahren ... Das ... das muß Rußland zugrunde richten.«

»Nun, wenn es zugrunde gehen soll, wird es eben zugrunde gehen,« sagte
Tuganow gleichgültig und stand auf. »Aber weißt du, -- gehen wir wieder
zu den Gästen. Unser Gespräch führt doch zu nichts. Du bist ein Maniak.«

Der Propst trat einen Schritt zurück und sagte gekränkt:

»Wieso bin ich ein Maniak?«

»Was drängst du dich den Leuten auf und läßt niemand seine Ruhe? Ideal!
Glauben! Was soll man tun, guter Freund, wenn die Zeit dafür vorüber
ist?«

Tuberozow lächelte, seufzte leise und antwortete, nicht die Zeit des
Glaubens und der Ideale sei vorüber, sondern die Zeit der +Worte+.

»Nun, so vollbringe +Taten+, Freund.«

»Auch Taten sind noch nicht genug.«

»Was brauchen wir denn?«

»Großtaten.«

»So vollbringe Großtaten. Aber in welcher Art?«

»Im Geiste der Kraft, im Wehen des Sturmes. Daß die, so das Feuer
löschen wollen, selber von der Flamme ergriffen werden.«

»Ja, ja, du willst wieder streiten. Halt lieber Frieden, Vater.«

»Parmen Nikolajewitsch, ich höre so viel von diesem Frieden reden.
Aber wie soll man Frieden schließen mit einem, der gar nicht um Pardon
bittet? So ein Frieden taugt nicht viel, und unsere Altvordern sagten
nicht umsonst: ›Eh du den Gevatter nicht verprügelt hast, kannst du ihm
keinen Friedenstrunk reichen‹.«

»Ohne Prügel geht's bei ihm nicht.«

»Gewiß nicht, Freund.«

»Du bist noch der richtige Seminarist.«

»Ich will auch gar nicht den großen Herrn spielen.«

»Sag mal, willst du durchaus leiden? Das tut man nicht einer
Kleinigkeit wegen. Spare deine Kräfte für eine bessere Sache.«

»Sparsame Leute gibt es ohne mich genug. Ich muß meine Pflicht
erfüllen.«

»Der letzte wäre ich, der dich abhielte, deine Pflicht zu erfüllen,
wie dein Gewissen sie dir vorschreibt. Geh hin und versuch es, die
Schamlosen zu beschämen. Wenn du es kannst, heißest du Hans. Aber jetzt
laß uns zu den Gastgebern gehen. Ich muß bald fort.«

Der Propst folgte ihm. Er versuchte sich zusammenzunehmen, war aber
sehr entmutigt. Er hatte etwas ganz anderes von dieser Zusammenkunft
erwartet, ohne sich wohl selbst sagen zu können, was eigentlich.



Zweites Kapitel.


Die beiden alten Herren saßen schon in dem kleinen Wohnzimmer, als die
Hausfrau Warnawa und Termosesow hineinführte. Die Mehrzahl der andern
Gäste befand sich im Saal. Man plauderte, spielte Klavier und versuchte
zu singen. Die Biziukina, welche sich sonst überall zu Hause fühlte,
hatte nicht den Mut, ihren Kavalieren ins Wohnzimmer zu folgen; da ihr
andererseits die Gesellschaft der Damen nicht sympathisch war, nahm sie
nahe der Tür Platz.

Das Wohnzimmer war ein schmaler Raum. Auf dem Sofa vor dem Tisch saßen
Tuganow und Tuberozow, während der sanfte Benefaktow, Darjanow und
der Kreisadelsmarschall Plodomasow auf Stühlen Platz genommen hatten.
Achilla stand hinter einem leeren Sessel und stützte die Hand auf
die Lehne. Die Biziukina bemerkte, wie Termosesow das Zimmer betrat,
sich höchst ehrerbietig verneigte, und -- was wohl keiner für möglich
gehalten hatte -- plötzlich auf Tuberozow zuschritt und um seinen
Segen bat. Am meisten erstaunt darüber war wohl Vater Sawelij selbst.
Er wußte im ersten Augenblick nicht recht, was er tun sollte, und als
er dem Gast den erbetenen Segen erteilte, sah man ihm die Verwirrung
deutlich an. Als Termosesow aber seine Hand küssen wollte, verlor
der Propst so vollkommen die Fassung, daß er mit einer schnellen,
energischen Bewegung Termosesows Hand nach unten zog und so fest
drückte und schüttelte, als wäre es die Hand seines besten Freundes.

Termosesow bat auch Zacharia um seinen Segen, und der sanfte Benefaktow
erwies sich diesmal findiger als Tuberozow. Er erteilte dem Gast nicht
nur den Segen, sondern schob auch ganz ungeniert sein gelbes Händchen
an den Mund des Abenteurers.

Einmal im Zuge, ging Termosesow nun noch auf Achilla zu, um sich von
ihm auch segnen zu lassen. Aber dieser machte einen gewandten Kratzfuß
und meinte:

»Ich bin bloß Diakon.«

Hierauf drückten sie einander die Hände und Achilla lud Termosesow
ein, es sich in dem Lehnsessel, hinter dem er stand, bequem zu machen.
Termosesow jedoch lehnte diese Ehre höflich ab und setzte sich auf
den zunächst stehenden Stuhl, während Prepotenskij, den hergebrachten
Anschauungen seiner »Richtung« treu bleibend, sich möglichst weit
entfernte, um gegenüber der weitgeöffneten Saaltür Platz zu nehmen.

Hiermit wollte er erstens andeuten, daß er mit der Gesellschaft im
Wohnzimmer nichts gemein habe, und dann konnte er von seinem Platz
aus die Biziukina sehen, welche alles hören sollte, was er sagte. Der
Lehrer empfand die dringende Notwendigkeit, sein Ansehen wieder zu
heben, welches durch das Erscheinen Termosesows stark beeinträchtigt
worden war, und wartete auf eine günstige Gelegenheit, Streit vom
Zaun zu brechen und der Biziukina, wenn auch nicht die Überlegenheit
seines Geistes, so doch wenigstens die Reinheit seiner Überzeugung zu
beweisen. Und da derjenige, welcher Streit sucht, in jedem Wort einen
willkommenen Anlaß erblickt, so brauchte Warnawa auch nicht lange in
Schweigen zu verharren.



Drittes Kapitel.


Beim Eintreten der neuen Gäste erzählte der Adelsmarschall Plodomasow
dem Propst gerade von den jüngsten Reformen im Kirchenwesen.

»Seine Eminenz ist ein Mann von großen Geistesgaben,« meinte der Propst.

»Und auch ein großer Humorist,« bemerkte Tuganow. »Wir haben hier einen
ungeheuer arroganten Gendarmenoffizier, der sich einbildet, alles zu
können.«

»Das ist immer so, die Gendarmen können alles,« fiel Prepotenskij ein,
ohne daß man auf ihn achtete.

»Dieses Herrchen hatte in Erfahrung gebracht,« fuhr Tuganow fort, »daß
bei unserm Bischof noch nie jemand zu Mittag gespeist hätte, -- und
wettete im Klub mit dem Polizeimeister, er werde schon mal bei dem
Alten essen. Ausgerechnet muß der Bischof Wind davon bekommen.«

»O weh, o weh!« sagte Zacharia gedehnt.

»Besagter Kavallerist macht also Seiner Eminenz seinen Besuch am frühem
Morgen und geht einfach nicht fort. Als es bereits sechs Uhr vorüber
ist, kann er's natürlich vor Hunger nicht mehr aushalten und will sich
verabschieden. Aber der schweigsame Bischof, der ihm die ganze Zeit
zugehört hatte, ohne selbst zu reden, meinte sehr freundlich: ›Wollen
Sie nicht zum Essen bleiben?‹ Na, denkt er, die Wette ist gewonnen!
Aber der Bischof ließ ihn noch eine Stunde hungern, ehe es zu Tische
geht.«

»Das war doch unnütz,« warf Zacharia ein, »ganz unnütz.«

»Warten Sie nur. Sie treten also ins Eßzimmer ein. Der Bischof bleibt
vor dem Gottesbilde stehen und beginnt zu beten, -- ein Gebet, dann
noch eins, und ein drittes. -- Es vergeht wieder eine ganze Stunde und
der hungrige Gast ist fast dem Verenden nahe. ›So, nun kann das Essen
aufgetragen werden,‹ sagt Eminenz endlich. Und zwei winzige Teller
mit Erbsensuppe und Zwieback werden gebracht. Als sie verzehrt sind,
erhebt sich der Bischof wieder und sagt: ›Danken wir jetzt dem Herrn,
der uns gesättigt hat.‹ Das ward dem Kriegsmann denn doch zu viel, und
während der Bischof betete, schlich er sich unbemerkt aus dem Zimmer.
Der Alte erzählte es mir gestern: ›Dieser Geist läßt sich durch nichts
austreiben, es sei denn durch Beten und Fasten,‹ schloß er.«

»Er ist ein Mann von Geist und von feinem und angenehmem Benehmen,«
sagte Tuberozow, dem diese Anekdötchen wenig Freude zu machen schienen.

»Ja, aber er klagt und jammert auch, es gäbe keine Leute. ›Wir fahren
über ein tiefes Meer,‹ sagt er, ›auf schwankem Schiff mit trunkenen
Matrosen. Gott bewahre uns vor einem Sturm.‹«

»Ein bitteres Wort,« warf Tuberozow ein.

»Übrigens,« begann Tuganow von neuem, »meinte er, Euere Stadt mache ihm
keine Sorgen. ›Ich habe dort zwei Popen,‹ bemerkte er, ›der eine ist
klug und der andere fromm.‹«

»Der Kluge ist Vater Sawelij,« bestätigte Zacharia.

»Wieso meint Ihr, daß gerade Vater Sawelij der Kluge sei?«

»Weil ... weil er weise ist,« erwiderte Zacharia verlegen.

»Und Vater Zacharia ist in die zweite Reihe gerückt,« fiel der Diakon
ein.

Tuberozow sah mit einem mißbilligenden Kopfschütteln zu ihm hinüber.

Um seine Taktlosigkeit wieder gut zu machen, fuhr Achilla schnell fort:

»Seine Eminenz haben den Vater Zacharia fromm genannt, weil sich noch
nie jemand über den Vater Zacharia beschwerte.«

»Ja, beschwert hat sich noch niemand,« seufzte Zacharia.

»Der Vater Sawelij aber ist ein unruhiger Kopf,« scherzte Tuganow.

Dieser Augenblick erschien dem Lehrer willkommen, und er warf
schnell ein, die unruhigen Köpfe unter der Geistlichkeit seien
die Denunzianten; das religiöse Gewissen aber müsse frei sein.
Unvorsichtigerweise antwortete Tuganow darauf, Gewissensfreiheit sei
allerdings notwendig und es sei sehr zu bedauern, daß man sie in
Rußland noch nicht habe.

»Ja, und unsere arme Kirche wird deshalb von allen Seiten mit
unverdienten Vorwürfen überschüttet,« fügte Tuberozow hinzu.

»Worüber habt Ihr Euch denn zu beklagen?« fiel ihm Prepotenskij lebhaft
ins Wort.

»Wir beklagen uns über die Unduldsamkeit,« erwiderte Tuberozow trocken.

»Ihr leidet darunter ja nicht.«

»O doch. Bitter leiden wir. Ihr predigt laut und frei, den Glauben
solle man abschaffen, und es geschieht euch nichts dafür. Wenn aber wir
auch nur ganz leise sagen, es wäre besser, eure Lehren würden nicht
überall verkündigt, so ...«

»Ach -- so meint Ihr das!« unterbrach ihn der Lehrer. »Ihr wollt gegen
uns hetzen, damit man uns den Garaus macht.«

»Nein, Ihr wollt uns den Garaus machen.«

Prepotenskij wußte nicht, was er antworten sollte. Leugnen wollte er es
nicht, fürchtete sich jedoch, es einfach zuzugeben. Tuganow half ihm
aus der Schwierigkeit und erklärte, der Vater Propst sei nur ungehalten
darüber, daß es Leute gebe, die es sich zur Aufgabe machten, schlichte
Herzen um ihren Glauben zu bringen.

»Am meisten aber bekümmert mich, daß es ihnen gelingt, weil man ihnen
Vorschub leistet.«

Prepotenskij lächelte.

»Es gelingt,« sagte er, »weil der Glaube ein Luxus ist, der dem Volk
sehr teuer zu stehen kommt.«

»Wohl nicht teurer als der Suff,« sagte Tuganow kühl.

»Ja, aber die neuen Menschen,« -- fing der Lehrer wieder an.

»Taugen nichts, und eben deshalb ist der Teufel los.«

»Weil die Spione ihnen ins Handwerk pfuschen.«

»Ach wo! Einfach Halunken sind es.«

»Halunken?«

»Jawohl. Immer noch, wenn es irgendwo eine Gärung gegeben hat, haben
sich zu guter Letzt Halunken der Bewegung bemächtigt, weil sich im
Trüben gut fischen läßt. Da hat man sich bei uns so lange mit diesen
... Nihilisten -- so heißen sie doch wohl -- geplagt. Erst schlug sich
die Regierung mit ihnen herum, Gesellschaft und Presse sind heute noch
nicht mit ihnen fertig geworden, -- Schluß mit ihnen machen werden aber
die Halunken, die sich ihnen zum Schein anschließen, um ihnen später
den Hals umzudrehen, und dann kommt die große Wendung der Dinge.«

Prepotenskij warf einen ängstlichen Blick auf die Biziukina. Es
verwirrte ihn, daß Tuganow seine kühnen Tiraden so einfach in nichts
auflöste, wie der Frühlingsnebel die Schneeflecken auf dem Felde
verschlingt. Warnawa suchte Hilfe und wandte seine Blicke deshalb
Termosesow zu, welcher aber nicht zu ihm hinüberschaute. Der Diakon
Achilla, der schon lange vergeblich versuchte, dem Lehrer durch Zeichen
zu verstehen zu geben, daß er schweigen solle, rief jetzt laut:

»Halt den Mund, Warnawa Wasiljewitsch, es ist langweilig!«

Der Lehrer geriet in Wut, besonders als auch Tuganow sich von ihm
abgewandt hatte. Er wollte deshalb die Bombe zum Platzen bringen.



Viertes Kapitel.


Prepotenskij sprang von seinem Platz auf und lief auf Tuganow zu, der
sich wieder mit dem Propst unterhielt.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche ... Aber ich ... ich stehe
für die Freiheit.«

»Ich auch,« sagte Tuganow und neigte sich wieder zum Propst.

»Lassen Sie mich doch ausreden!« rief der Lehrer.

Nun wandte sich Tuganow ihm zu.

»Wissen Sie, daß die Freiheit nicht gegeben wird, sondern genommen?«
fragte Warnawa.

»Nun und --?«

»Wer soll sie denn nehmen, wenn die neuen Menschen nichts taugen?«

»Die Entwicklung der Dinge wird sie nehmen.«

»Also wird sie doch genommen und nicht gegeben. Ich habe recht. Ich
sagte es: sie wird genommen werden.«

»Das sagt man dir doch auch!« rief ihm Achilla zu.

»Aber das ist doch meine Meinung: sie wird genommen werden!«

»Hat denn jemand etwas anderes gesagt? Parmen Semenowitsch spricht ja
die ganze Zeit davon,« unterstützte plötzlich Termosesow den Diakon und
suchte dabei den Namen Tuganows möglichst deutlich und im herzlichsten
Ton auszusprechen.

»Für mich wird's aber Zeit,« sagte Tuganow leise und erhob sich, um in
den Saal zu gehen, aber der Lehrer überfiel ihn von neuem.

»Noch ein Wort,« drängte er. »Mir scheint, es ist Ihnen unangenehm, daß
jetzt alle gleich sind.«

»Nein, es tut mir leid, daß nicht alle gleich sind.«

Prepotenskij stockte einen Augenblick. Dann sprach er:

»Das ist doch eine Tatsache, alle müssen gleich sein.«

»Parmen Semenowitsch sagt Ihnen das ja: alle müssen gleich sein,«
mischte sich nun Termosesow hinein, der neben Tuganow getreten war und
den Lehrer von ihm fortzudrängen sich bemühte.

»Aber erlauben Sie,« -- er suchte von der andern Seite heranzukommen,
wo ihm aber Achilla den Weg vertrat.

»Laß doch,« sagte er, »du redest doch bloß dummes Zeug.«

»Erlauben Sie, seien Sie so gut,« wehrte sich Prepotenskij und
versuchte nun einen Frontangriff. »Ich meine bloß: Ihnen gefällt es
wohl in England, weil da die Lords sind ... Sie sind unzufrieden, daß
die Standesprivilegien aufgehoben sind?«

»Sind sie das?«

»Geh weg, du weißt nichts,« stieß Achilla den Lehrer zur Seite, aber
dieser lief noch einmal um Tuganow herum und versuchte einen zweiten
Frontangriff.

»Über jedes Ding kann man verschiedene Meinungen haben.«

»Was wollen Sie eigentlich von mir?« rief Tuganow lachend.

»Ich meine, man kann verschieden urteilen.«

»Bloß, daß ein Urteil vernünftig ist und das andere dumm,« mischte sich
Termosesow wieder hinein.

»Sagen wir lieber: gerecht und ungerecht,« bemerkte Tuganow in
versöhnlichem Tone.

»Auch Gott kennt nur eine Wahrheit,« rief der Diakon.

»Zwischen zwei Punkten kann man nur eine gerade Linie ziehen,« sagte
Termosesow.

Prepotenskij geriet außer sich.

»Was ist denn das? So kann man ja gar nicht reden!« rief er. »Ich bin
allein unter lauter Kriechern und Heuchlern. Da habt ihr leichtes
Spiel. Ich weiß nur eines: ich achte nichts Althergebrachtes.«

»Das eben ist althergebracht. Wann hat man bei uns je Achtung vor der
Geschichte gehabt?«

»Weißt du was? Sei jetzt ganz still, du Schaf,« sagte Achilla in
freundschaftlichstem Tone. Die Biziukina wandte sich verächtlich vom
Lehrer ab, Termosesow versuchte noch einmal, ihn zur Seite zu schieben
und trat ihm dabei auf den Fuß, so daß der Lehrer, der sich in der
Aufregung leicht versprach, laut aufschrie:

»Au! Sie haben mir auf mein liebstes Hühnerauge getreten!«

Das »liebste Hühnerauge« rief ein schallendes Gelächter hervor, während
dessen sich Tuganow von der Hausfrau verabschiedete.

Schellen erklangen und ein Sechsgespann frischer Postpferde fuhr den
Tuganowschen Reisewagen vor das Haus. Wenn Prepotenskij sich noch
rehabilitieren wollte, mußte es sofort geschehen, hastig riß er sich
von Achilla und Termosesow los, die ihn festhalten wollten, und hüpfte
auf seinem »liebsten Hühnerauge« zu Tuganow, indem er rief:

»Und ich werde doch immer weiter gegen den Adel und für das Naturrecht
kämpfen.«

Tuganow drehte sich in der Tür um und sagte zu Warnawa:

»Die natürlichste Lebensform ist doch ... das Leben der Pferde da, die
mich gleich fortschaffen sollen. Aber sehn Sie, man spannt sie vor den
Wagen, damit sie einen Edelmann ziehen.«

»Und wird sie unterwegs noch mit der Peitsche bearbeiten, daß sie fixer
vorwärts kommen,« fiel der Diakon ein.

»Das Vieh wird immer geschlagen,« pflichtete Termosesow ihm bei.

»Wieder fallen alle über einen her!« schrie der Lehrer, »aber ich lasse
nicht ab!«

»Dann bist du also ein Stänker,« sagte Achilla.

»Du rufst den Abgrund gegen den Abgrund auf,« bemerkte Zacharia.

»Wißt Ihr denn, was das heißt: der Abgrund ruft den Abgrund herbei?«
erwiderte Warnawa voller Wut. »Das heißt: ein Pope ladet den andern zu
Besuch!«

Diese Äußerung erregte ein helles Gelächter, das durch den Saal
ertönte. Nur Tuberozow zog die Brauen zornig zusammen, riß krampfhaft
an dem Bande seines Brustkreuzes und ging in das Wohnzimmer zurück.

»Der Alte ist ganz zum Maniak geworden,« sagte Tuganow, ihm
nachblickend.

»Leider Gottes. Er liest die Zeitungen und regt sich auf und klagt und
seufzt und kann über nichts mehr ruhig sprechen,« antwortete Darjanow.

»Er hört uns,« flüsterte Achilla leise.

Sawelij hatte wirklich alles gehört ...

Warnawa fühlte sich wieder. Er glaubte durch seinen Witz mit dem
Abgrund seine Chancen bedeutend gebessert zu haben, und das gab ihm den
Mut, dem Propst ganz unvermittelt nachzulaufen, ihn am Ärmel zu fassen
und zu sagen:

»Ich möchte Euch etwas fragen: vorgestern war ich in der Kirche und
hörte, wie ein Priester plötzlich das Wort ›Schafskopf‹ aussprach. Was
hat der Klerus zu singen, wenn der Priester ›Schafskopf‹ ruft?«

»Der Klerus singt dreimal: ›Ist der Lehrer Prepotenskij‹,« erwiderte
Sawelij.

Ob dieser unerwarteten Antwort waren alle einen Augenblick ganz
verblüfft und brachen gleich darauf in ein dröhnendes Gelächter aus.

Prepotenskij hatte das Spiel verloren.



Fünftes Kapitel.


Je tiefer der Stern des Lehrers sank, desto höher stieg derjenige
Termosesows. Spielend gewann er die Gunst der gesamten Weiblichkeit;
der Frau Postmeisterin machte er geradezu den Hof, und zwar in
einer Weise, die dem Lehrer aufs äußerste mißfiel; denn Termosesow
huldigte ihr nicht als Dame, sondern gewissermaßen als Vertreterin der
Staatsgewalt.

Beim Abendessen ließ Termosesow die Damen mehr oder weniger im Stich
und hielt sich an die Herren. Mit jedem stieß er an und leerte dabei
eine recht beträchtliche Zahl Gläser, ohne daß irgendeine Wirkung zu
bemerken gewesen wäre. Schnell war er gut Freund mit Achilla, Darjanow
und Vater Zacharia. Auch Tuberozow redete er wiederholt an, aber der
Alte zeigte sich sehr wenig entgegenkommend. Dafür begann Achilla, nach
einem etwa halbstündigen Gespräch, zur nicht geringen Verwunderung der
Anwesenden, den Petersburger Gast plötzlich zu duzen, drückte ihm die
Hand, küßte seine wulstige Lippe und verlieh ihm sogar Kosenamen.

»Bei Gott, dieses Termoseslein ist ein Mordskerl,« predigte der
Diakon. »Haben wir zwei es dem Lehrer nicht fein gegeben? Nicht? Nein,
Bruder Termosesselchen, du darfst nicht fort von hier. Was hast du
in Petersburg zu suchen? Hier können wir zwei beide im Winter Füchse
fangen. Das ist ein Hauptspaß, Brüderlein. Nicht?«

»Freilich, freilich,« antwortete Termosesow und begann nun seinerseits
den Diakon zu preisen und nannte auch ihn einen Mordskerl. Und dann
küßten die beiden Mordskerle sich wieder.

Als das Fest sich zu seinem Ende neigte und Zacharia und Tuberozow
schon heimgehen wollten, hielt Termosesow den Diakon am Ärmel zurück
und sagte: »Du hast doch keine Eile?«

»Eigentlich nicht,« antwortete Achilla.

»Dann warte noch etwas, wir gehen zusammen.«

Achilla erklärte sich bereit und Termosesow schlug noch ein Tänzchen
vor. Er tanzte zuerst mit der Postmeisterin, dann mit ihren Töchtern,
dann mit noch zwei oder drei andern Damen, und zu allerletzt mit der
Biziukina. Dann aber kriegte er den Diakon zu fassen, drehte ihn im
Walzertakt ein paarmal herum und führte, als er ihn, wie eine Dame, an
seinen Platz gebracht hatte, seine Hand an die Lippen, küßte aber die
eigene.

Achilla, der darauf nicht im mindesten gefaßt war, geriet in
Verlegenheit und riß seine Hand hastig zurück, Termosesow jedoch lachte
unbändig und sagte:

»Hast du dir wirklich eingebildet, ich würde deine Kutschertatze
küssen?«

Der Diakon war gekränkt und dachte: ›Am Ende hätt' ich mich lieber
nicht mit dem Kerl einlassen sollen.‹ Aber da man sich gleich darauf
auf den Heimweg machte, so schloß er sich der Gesellschaft an. Die
Familie des Postmeisters, der Diakon, Warnawa, Termosesow und Madame
Biziukina gingen zusammen. Erst wurde die Frau Postmeisterin mit ihren
Töchtern nach Hause gebracht, und bei dieser Gelegenheit hörte Achilla,
wie sie beim Abschied zu Termosesow sagte:

»Ich hoffe, wir sehen uns häufiger.«

»Daran zweifle ich keinen Augenblick,« antwortete Termosesow und
fügte noch hinzu: »Sie fanden es so hübsch, daß der Polizeichef
sein Wohnzimmer mit den Bildnissen der ganzen kaiserlichen Familie
geschmückt hat?«

»Ja, ich wünsche sie mir schon so lange.«

»Diesen Wunsch kann ich Ihnen morgen erfüllen.«

Und damit trennten sie sich.



Sechstes Kapitel.


Kaum hatte man sich von der Postmeisterin verabschiedet, so erklärte
Termosesow, es müßten unbedingt alle noch einen Augenblick mit ihm bei
der Biziukina vorsprechen.

»Du gestattest es doch?« fragte er, halb zu ihr gewendet.

Es schien ihr nicht sehr angenehm, aber sie sagte trotzdem ja.

»Irgendein Gesöff wird sich bei dir wohl finden?«

Daria Nikolajewna wurde verlegen. Gerade heute hatte sie vergessen,
Wein holen zu lassen, und erinnerte sich auch, daß man heute mittag
die letzte Flasche Xeres so gut wie leer getrunken hatte. Termosesow
bemerkte ihre Verlegenheit und sagte:

»Na, Bier wird es doch wenigstens geben?«

»Bier ist da.«

»Das wußte ich. Bier haben die von der Akzise immer. Hast du auch Meth?«

»Ja.«

»Das ist ja famos! Nun, meine Herrschaften, wir haben Bier und Meth,
und da braue ich euch ein Blachdnublach zusammen, daß ihr ...«
Termosesow küßte seine Finger und beschloß: »daß ihr zum Schluß die
eigene Zunge mit verschlucken sollt.«

»Was ist das für ein Blech und Blech?« fragte Achilla.

»Nicht Blech und Blech, sondern Blachdnublach -- ein Getränk aus Bier
und Meth. Vorwärts!« Und er zog Achilla am Ärmel.

»Warte doch,« widersetzte sich der Diakon. »Was ist denn das für
ein Blech und Blech? Bei Begräbnissen trinkt man es und nennt es
›Biermeth‹.«

»Ich sage dir aber, es ist kein Biermeth, sondern Blachdnublach.
Vorwärts!«

»Nein, warte!« protestierte der Diakon wieder. »Ich kenne diesen
Biermeth ... Eins, zwei, drei, liegt man da wie ein Klotz. Ich trink'
das Zeug nicht.«

»Ich sag' dir doch, es gibt Blachdnublach und nicht Biermeth!«

»Und doch sollten wir's heut nicht mehr trinken,« antwortete der
Diakon. »Sonst gibt's morgen einen wüsten Brummschädel.«

Prepotenskij war derselben Ansicht, aber keiner von beiden besaß
Charakterfestigkeit genug, seine Meinung durchzusetzen, und so blieb
Termosesow schließlich Sieger und schleppte sie in die Wohnung der
Biziukina. Sein Plan war, das Gesöff in der Laube einzunehmen, und
so wurden alsbald eine Unmenge Bier- und Methflaschen nebst dem dazu
gehörigen Imbiß dorthin gebracht, und Termosesow begann sofort mit der
Bereitung des Blachdnublach.

Warnawa Prepotenskij hatte sich neben Termosesow gesetzt. Der Lehrer
wollte den Gast sofort zur Rede stellen, weshalb er vor Tuganow
so gekatzbuckelt und ihn bei seinen Angriffen gegen ihn, Warnawa,
unterstützt hatte.

Aber zum größten Erstaunen Prepotenskijs schien Termosesow nicht die
geringste Lust zu haben, mit ihm zu plaudern, denn statt der erwarteten
freundlichen Antwort kam es schroff und ungeduldig von seinen Lippen:

»Wir sind alle gleich: Kleinbürger, Adel und niederes Volk. Lassen Sie
mich mit Ihrer Politik in Frieden, ich will jetzt trinken.«

»Aber Sie müssen doch zugeben, daß Leute mit Besinarmildung etwas
Besseres sind, als ...« stammelte Warnawa verwirrt.

»Da haben wir's!« unterbrach ihn Termosesow. »Erst das liebste
Hühnerauge, und jetzt die Besinarmildung! Der richtige Cicero!«

»Das passiert ihm oft, wenn er aufgeregt ist. Er will ein Wort sagen
und es kommt ein anderes heraus,« trat Achilla für Prepotenskij ein
und erzählte, wie der Lehrer infolge dieses Defekts einmal beinahe
um den Verkehr in einem sehr feinen Hause gekommen wäre. »Er hatte
zu der Wirtin sagen wollen: ›Matrona Iwanowna, darf ich noch um ein
Zitronenscheibchen bitten?‹ -- und sagte statt dessen: ›Zitrona
Iwanowna, bitte noch ein Matronenscheibchen!‹ was die Dame natürlich
als Beleidigung auffaßte.«

Termosesow wollte sich ausschütten vor Lachen, faßte aber plötzlich
Warnawas Hand, beugte sich zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr:

»Geh sofort und schreib mir auf, was die Pfaffen und Edelleute heut
geredet haben. Ich meine das von der Gewissensfreiheit und der
Unduldsamkeit ... Mit einem Wort: alles, alles ...«

»Wozu denn?« fragte der Lehrer erstaunt.

»Das geht dich nichts an. Geh nur und schreib's auf. Du wirst später
schon sehen, wozu. Wir unterschreiben es und schicken es an die
richtige Adresse.«

»Was? Was wollen Sie tun?« rief Prepotenskij laut und fuchtelte erregt
mit den Armen. »Eine Denunziation! Um nichts in der Welt!«

»Aber du haßt sie doch!«

»Nun und?«

»So schneid ihnen doch die Kehle durch, wenn du sie haßt.«

»Ja gewiß, schneiden will ich schon, aber ich bin kein Lump, der eine
Denunziation ...«

»Dann raus mit dir!« unterbrach ihn Termosesow und stieß ihn gegen die
Tür.

»Aha! Raus?! So hab' ich Sie doch richtig erkannt! Sie halten's mit
Achilla!«

»Raus, sage ich!«

»Ja, ja! Erst fordert Ihr mich zum Blachdnublach auf und dann ...«

»Da hast du dein Blachdnublach!« antwortete Termosesow und gab
dem Lehrer einen kräftigen Stoß in den Nacken, so daß er zur Tür
hinausflog. Dann schob er den Riegel vor.

Achilla, der diesen Auftritt mit angesehen hatte, stand verwirrt auf
und nahm seinen Hut.

»Wo willst du hin?« fragte Termosesow, sich wieder an den Tisch setzend.

»Ich bitte um Entschuldigung, ich muß nach Hause.«

»Trink doch erst dein Blachdnublach aus.«

»Nein, mag es zum Teufel gehn, ich will nicht mehr. Leben Sie wohl. Ich
habe die Ehre.«

Er reichte Termosesow die Hand. Dieser nahm sie aber nicht, sondern riß
dem Diakon den Hut fort, warf ihn unter seinen Stuhl und befahl:

»Setz dich!«

»Ich will nicht,« erwiderte Achilla.

»Setz dich, sag' ich dir!« schrie Termosesow noch lauter und riß ihn so
heftig am Arm, daß er auf die Bank niederfiel.

»Willst du Pfarrer werden?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich dessen weder wert noch fähig bin.«

»Aber der Propst kränkt dich doch?«

»Nein, das tut er nicht.«

»Er soll dir doch mal einen Stock weggenommen haben.«

»Was ist denn dabei?«

»Und einen Dummkopf hat er dich genannt?«

»Ich weiß nicht, vielleicht hat er mich auch mal so genannt.«

»Wollen wir ihn für seine heutigen Reden denunzieren?«

»Wa--a--a--as?«

»Das!!«

Termosesow bückte sich, holte Achillas Hut unter dem Stuhl hervor und
warf ihn vor die Schwelle.

»Du bist eine Petersburger Kanaille,« sagte der Diakon und bückte
sich nach dem Hute. In diesem Augenblick aber traf ihn ein dröhnender
Schlag in den Nacken und er lag mit der Nase im Sande des Gartenweges,
wohin ihm sein Hut alsbald nachgeflogen kam und wo ein paar Schritte
weiter auch der Lehrer hockte. Der Diakon begriff erst gar nicht, wie
das gekommen war, aber als er Termosesow in der Tür stehen und ihm mit
einem Spaten drohen sah, wurde es ihm klar, warum der Schlag so schwer
gewesen war und eine so breite Fläche getroffen hatte. Er sagte:

»Das nennt sich also Blachdnublach. Danke für freundliche Belehrung.«

Hierauf wandte er sich zum Lehrer:

»Nun? Gehen wir heim, lieber Freund?«

»Ich kann nicht,« sagte Warnawa.

»Warum nicht?«

»Ich bin voll blauer Flecke und der Wopf tut mir keh.«

»Laß den Wopf nur keh tun, das geht vorüber. Komm nach Hause. Ich
begleite dich.« Und mitleidig half der Diakon dem Lehrer auf und führte
ihn zum Gartentor hinaus.



Siebentes Kapitel.


Aufs äußerste erregt und verstört kam der Propst heim. Da das Fest
beim Polizeichef so lange dauerte, hatte die daheimgebliebene Natalia
Nikolajewna, wider ihre sonstige Gewohnheit, die Heimkehr ihres
Gatten nicht abgewartet und sich zu Bett gelegt, die Tür nach ihrem
Schlafzimmer aber offen gelassen. Sie wollte durchaus aufwachen, wenn
ihr Mann zurückkehrte.

Tuberozow wußte, was die offene Türe zu bedeuten hatte und rief beim
Eintreten seine Frau beim Namen. Sie erwachte und erwiderte seinen Gruß.

»Du schläfst nicht?«

»Nein, Liebster, Sawelij Jefimytsch, ich schlafe nicht.«

»Das ist gut, ich möchte mit dir reden.«

Der Alte setzte sich auf den Bettrand und erzählte seiner Gattin das
Gespräch mit dem Adelsmarschall und beklagte sich, wie gleichgültig
alle sich zu der immer mehr in Rußland aufkommenden Anschauung
verhalten, daß sich ein gebildeter Mensch des Glaubens schämen müsse.
Er drückte ihr seine Befürchtungen aus, daß die guten Sitten und die
hohen Ideale in Verfall geraten könnten, ja müßten.

Natalia Nikolajewna unterbrach ihn mit keiner Silbe, denn er sprach mit
einem Freimut, wie er ihn sonst nirgendwo hätte zum Ausdruck bringen
dürfen.

»Und denke dir, Natascha!« schloß er, als er bemerkte, daß der Morgen
graute und sein Kanarienvögelchen, eben erwacht, den Schnabel zu
wetzen begann. »Denke dir, meine liebe Alte, daß er, der Tuganow,
keines meiner Worte widerlegen konnte, daß er mir in allem recht gab,
daß er selbst zugestand, wir stünden, wie die selige Marfa Andrejewna
mal sagte, gleich Schnepfen im Sumpf. Der Schwanz ist zu lang und der
Schnabel ist zu lang, und so wackeln wir hin und her: ziehen wir den
Schnabel heraus, bleibt der Schwanz stecken; ziehen wir den Schwanz
heraus, steckt der Schnabel im Sumpf. Das alles gab er zu, aber von
der seelischen Erregung, die man in einer solchen Lage doch empfinden
müßte, ließ er nichts merken ... O diese entsetzliche Gleichgültigkeit!«

Natalia Nikolajewna schwieg.

»Zu guter Letzt nannte er mich noch einen Maniak! Sage bitte selbst,
wieso und warum verdiene ich diesen Namen?« Sawelij dämpfte die Stimme.
»Mich nennt er einen Maniak, und er selbst sagt ... Ich meinte: alles,
worauf ich hingewiesen hätte, seien vielleicht Kleinigkeiten, aber
trotzdem so bezeichnend für den in unserer Gesellschaft herrschenden
Geist, und wenn wir jetzt mit diesen Kleinigkeiten nicht fertig
würden, wie sollen es unsere Machthaber werden, nachdem alles erst
mal großgewachsen ist! Er antwortete mir in seinem mir so verhaßten
spöttischen Tone, den wir Russen so gern anschlagen, mit einer
Anekdote, die sehr gut paßte und die ich aus Rücksicht auf mein Amt nur
dir allein erzählen kann: Ein Offizier kam einst in ein Quartier, wo er
im Nebenzimmer ein wunderschönes Mädchen entdeckte. Er war von ihr so
entzückt, daß er, wie das im Regiment Brauch ist, seinen Burschen rief
und ihn fragte: ›Wie könnte ich wohl die Bekanntschaft dieser Schönen
machen?‹ Der Bursche überlegte, und da er im Begriff war, Kohlen in
den Samowar zu legen, rief er plötzlich: ›Hier riecht's nach Rauch!‹
Der Offizier sprang auf und stürzte in das Zimmer seiner Nachbarin:
›Meine Gnädige, hier bei Ihnen riecht es nach Rauch. Ich komme, Sie und
Ihre Schönheit aus dem Feuer zu retten!‹ Auf diese Weise machte er die
gewünschte Bekanntschaft. Der Bursche aber erhielt ein Geldgeschenk
und einen Schnaps. Als der Frauenjäger nach einiger Zeit in ein neues
Quartier kam, wo er ebenfalls eine schöne Dame entdeckte, jedoch nicht
nebenan, sondern im gegenüberliegenden Hause, -- sagte er wieder zu
seinem Burschen: ›Verhilf mir zu ihrer Bekanntschaft!‹ Der aber wußte
nichts anderes zu antworten, als sein altes ›Hier riecht's nach Rauch!‹
Da erkannte der Offizier, daß er sich zu Unrecht auf den Verstand
seines Helfershelfers verlassen hatte und die erwünschte Bekanntschaft
durch ihn nicht machen konnte. Jetzt merke, was das für ein Gleichnis
ergibt: bei uns geziemt es sich für einen aufgeklärten Mann, daß er
ungläubig sei, seines Vaterlandes spotte, die Menschen verachte, die
Heiligkeit der Familienbande nicht gelten lasse, in seinen Mitteln
nicht wählerisch sei; jene Schöne jedoch, die äußere Zivilisation,
haben wir leicht gewonnen; allein jetzt gilt es, eine andere Schöne
kennen zu lernen, jetzt, wo wir geistige Selbständigkeit zeigen sollen,
... aber da sitzt die Schöne drüben am Fenster, und die Frage ist, wie
kriegen wir sie? Da sehnen wir uns wohl und seufzen: ›Ach, wie könnten
wir am leichtesten ihre Bekanntschaft machen?‹ Aber der ungeschickte
Bursche weiß darauf nichts zu sagen, als: ›Hier riecht's nach Rauch!‹
Doch was nützt es uns, wenn es nach Rauch riecht?«

»Ja,« sagte Natalia Nikolajewna und seufzte.

»Das ist es eben! Begreifst du es auch? Wer ist denn nun der Maniak?
Ich, der ich alles klar sehe und mich deswegen beunruhige, oder jene,
denen es ebenso klar ist, die sich aber den Kopf nicht weiter darüber
zerbrechen: ›Wir kommen noch so durch, und hinterher mag's gehn, wie es
will!‹ Heißt das nicht: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Nicht wahr, meine
Liebe?«

»Ja, Liebster, das Mädel stellt wohl den Samowar auf,« sagte Natalia
Nikolajewna mit schläfriger Stimme.

Da begriff Tuberozow, daß er die ganze Zeit in die Luft gesprochen
hatte, die keine Ohren für ihn hatte, und er senkte lächelnd sein
weißhaariges Haupt.

Er gedachte der Worte, die einst die verstorbene Bojarin Marfa
Plodomasowa zu ihm gesprochen: »Und bist du denn nicht einsam? Was sagt
denn das, daß du eine gute Frau hast, die dich liebt? Was dich quält,
wird sie doch nicht verstehen. Und so ist jeder, der weiter sieht als
sein Bruder, einsam inmitten der Seinigen.«

»Ja, einsam, unsagbar einsam!« flüsterte der Alte. »Und es ist am
stärksten zu fühlen, wenn man am innigsten verlangt, es nicht zu
sein; denn ... mag ich nun ein Maniak sein oder nicht ... ich habe
beschlossen, das nicht länger zu dulden, und was ich beschlossen,
das vollbringe ich auch.« Leise stand der Alte vom Bette auf, um die
Schlafende nicht zu stören, segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes,
stopfte dann seine Pfeife und ging in den Hof hinaus, um sich vor dem
Hause niederzusetzen.



Achtes Kapitel.


Tief in Gedanken versunken saß der alte Mann. Die dünnen
Tabakswölkchen, die sich von seinem weißen Schnurrbart lösten und
in der Luft zerflatterten, glänzten bernsteinfarbig im Lichte der
aufgehenden Sonne. Die Hühner flogen von ihren Stangen herunter,
kamen aus dem Stall, schüttelten sich und strichen ihr Gefieder.
Jetzt klang von der Brücke die Lindenholzflöte des Hirten herüber,
am Ufer klirrten die leeren Eimer, mit denen ein barfüßiges Weib
nach Wasser ging; überall hörte man die Kühe brüllen, und die eigene
Dienstmagd des Propstes kam gähnend, das Zeichen des Kreuzes über dem
weitaufgerissenen Munde machend, aus dem Stall und trieb die Kuh mit
einer Gerte vor sich her. Drinnen am Fenster sang der Kanarienvogel aus
voller Kehle.

Im vollen Glanze war der junge Tag erschienen.

Vom Dom her ertönte der erste Glockenschlag.

Vor dem Pförtchen erschien eine junge Zigeunerin mit einem Kinde an
der Brust, einem zweiten auf dem Rücken und dreien, die sich an ihre
zerlumpten Kleider klammerten.

»Gib mir was, frommer Vater, gib mir was, du Glücklicher,
Segensreicher!« bettelte sie den Propst an.

»Was soll ich dir geben, du Unglückliche, Ungesegnete? Meine Frau
schläft, und ich habe kein Geld bei mir.«

»Gib mir etwas, was du nicht brauchst, dafür soll dir Ehre und Glück
werden.«

»Was brauche ich denn nicht? Halt! du hast recht gesprochen! Ich hab'
hier etwas, was ich nicht brauche!«

Und Tuberozow ging ins Zimmer und brachte seine sämtlichen Pfeifen
heraus, den perlengestickten Tabaksbeutel und die Blechschachtel, in
welche er die Asche zu schütten pflegte. Alles gab er der Zigeunerin
und sagte:

»Da, du Zigeunerweib, bring das deinem Mann, ihm steht es besser zu.«

Natalia Nikolajewna schlief noch immer. Der Propst schrieb sich die
Schuld zu, weil er sie durch seine lange Abwesenheit und seine Reden am
Einschlafen gehindert hatte. Zwar hatte sie ihm nicht zugehört, aber
ihre Ruhe hatte er doch gestört.

Er ging in den Stall und gab seinen zwei kleinen braunen Pferden selbst
die doppelte Portion Hafer. Dann wollte er leise über den Hof ins Haus,
als er plötzlich den Botengänger des Akziseeinnehmers Biziukin durch
das Pförtchen kommen sah, welcher ein Buch unter dem Arm hatte.

Der Propst nahm das Buch, schlug es auf und wurde ganz rot im Gesicht.
Im Buch lag ein Schreiben mit folgender Aufschrift: »An den Propst
des Stargoroder Kirchspiels, Oberpfarrer Sawelij Tuberkulow.« Das
Wort »Tuberkulow« war flüchtig durchstrichen und darüber geschrieben
»Tuberozow«.

»Es wird um sofortige Empfangsbestätigung gebeten,« sagte der Bote.

»Wer hat drum gebeten?«

»Der Sekretär des angereisten Beamten.«

»Der kann warten.«

Der Propst fühlte, daß die Sache nicht so harmlos war. Er merkte, daß
man ihn herausfordern wollte und auch schon ein Mittel gefunden hatte,
ihm beizukommen.

»Was kann das sein? Es ist noch so früh ... Sie scheinen die Nacht
nicht geschlafen zu haben, nur um eine Gemeinheit auszuhecken ... ja,
Leute, die nichts zu tun haben!«

Mit solchen Gedanken beschäftigt, trat Tuberozow in sein vom
Sonnenglanz durchflutetes Wohnzimmer, setzte seine große silbergefaßte
Brille auf und öffnete den interessanten Brief.



Neuntes Kapitel.


Das fatale Schreiben war ein höchst formloses Dokument, in jenen
unangenehmen, vieldeutigen Ausdrücken abgefaßt, an denen die
Kanzleisprache so reich ist. Es stellte an den Propst Tuberozow
»konfidentiell« das Ersuchen oder die Forderung, beim Regierungsbeamten
Bornowolokow zu erscheinen »zwecks Abgabe näherer Erklärungen über
einige wichtige Punkte, sowie auch über das anstößige und unpassende
Betragen des Diakons Achilla Desnitzyn.«

»Ei zum Donnerwetter, sollte das nicht ein dummer Scherz sein? ...
Wollen sie sich jetzt auf diese Weise über mich lustig machen?! Aber
nein, das ist kein Scherz! Da steht's: Tuberkulow ... Mein Name ist in
der offenkundigen Absicht, mich zu kränken, so verdreht worden. Und
dann: »das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla.« Was
bedeutet das alles, wo will man hinaus? Um ihnen den Spaß zu verderben
und keinen Fehler zu begehen, wollen wir uns an die Methode des
Abwartens halten, die einzig richtige in unklaren Fällen.«

Der Propst nahm die Feder und schrieb unter das formlose Dokument: »Der
Propst Tuberozow hält sich, da er über die Vollmachten der ihn zu sich
auffordernden Person nicht unterrichtet ist, nicht für verpflichtet,
der Aufforderung Folge leisten zu müssen.«

Darauf legte er das Blatt in denselben Umschlag, in dem er es erhalten
hatte, und schrieb quer über die Adresse: »Zurück an den, dessen Titel
und Würden ich nicht kenne.«

Nachdem er das Paket wieder in das Quittungsbuch gelegt hatte, ging
er hinaus und gab es dem Boten. Dem langen Subdiakon Pawliukan, der
inzwischen gekommen war, befahl er, den Wagen zu schmieren und in einer
Stunde zu einer Fahrt ins Kirchspiel bereit zu sein. Dann schickte er
die Magd nach dem Diakon Achilla.

Unterdessen war Natalia Nikolajewna aufgestanden und machte sich,
nachdem sie sich mehrmals bei ihrem Gatten wegen ihres gestrigen
Einschlafens entschuldigt hatte, eifrig daran, sein Reiseköfferchen zu
packen. Höchst erstaunt war sie aber, als er auf ihre Frage, wohin sie
den Tabak legen solle, kurz antwortete, er habe das Rauchen aufgegeben,
und sich dann gleich dem eben eingetretenen Diakon zuwandte.

»Ich muß gleich eine Amtsreise machen und habe dich kommen lassen, um
dich noch einmal zu warnen,« begann er, doch Achilla unterbrach ihn
sofort.

»Schönsten Dank, Vater Propst, aber ich bin schon gewarnt.«

»Das hat nicht viel zu sagen und macht mir keine Sorge. Jedenfalls
bitte ich dich nur, wenigstens in meiner Abwesenheit etwas solider zu
sein.«

»Ja, Vater Propst, jetzt ... Auch wenn Ihr kein Wort gesagt hättet, es
ist doch schon alles aus.«

Tuberozow blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem scharfen,
durchdringenden Blick an. Gestalt und Gesicht des Diakons sahen nicht
gerade vorteilhaft aus. Die dichten, natürlichen Locken machten den
Eindruck einer schief aufgesetzten Perücke: die rechte Seite der Stirn
war viel zu weit entblößt, die linke fast bis zum Auge verdeckt.

Der Propst dachte nach, was denn wohl noch mit dem unvorsichtigen
Diakon geschehen sein mochte, dieser aber sagte, die Augen starr auf
den Hut gerichtet, den er in der Hand hin- und herdrehte:

»Ich habe schon gestern, Vater Propst ... gleich nachdem ich von der
Biziukinschen heimgekommen war ... denn wir waren alle vom Polizeichef
noch dorthin gegangen ... zu meiner Bedienerin gesagt: ›Nein,‹ sagt'
ich, ›Esperance, der Vater Sawelij hat recht: der Starke rühme sich
nicht seiner Kraft und baue nicht auf seine Macht.‹«

Statt ihm zu antworten, ging der Propst auf den Diakon zu und strich
die Haare zurück, welche die linke Seite seines Gesichtes so übermäßig
bedeckten.

»Nein, Vater Sawelij, hier ist nichts, aber da,« sagte Achilla leise
und schob die Hand des Propstes auf seinen Nacken.

»Schäme dich, Diakon,« sagte Tuberozow.

»Es tut auch weh, Vater Propst,« sagte Achilla, sich an die Brust
schlagend, und fing bitterlich zu weinen an. »Dafür werde ich mich nun
täglich und stündlich martern.«

Tuberozow schüttete keinen Tropfen mehr in diesen Leidenstrank des
armen Achilla. Im Gegenteil. Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer
und sagte dann, den Diakon am Arme fassend:

»Weißt du noch, wie du mir Vorwürfe machtest wegen der Pfeife?«

»Verzeiht.«

»Nicht doch, ich bin dir dankbar dafür, und wenn ich im Rauchen auch
nichts besonders Schlechtes sehe und diese Gewohnheit gehabt habe, so
habe ich doch heute, um dem Gerede ein Ende zu machen, davon abgelassen
und alle meine Pfeifen einem Zigeuner geschenkt.«

»Einem Zigeuner!« rief der Diakon mit strahlendem Gesicht.

»Ja. Es kann dir übrigens gleich sein, wem ich sie gegeben habe; gib
aber auch du deine Wildheit irgend jemandem. Du bist kein Jüngling
mehr, sondern bald fünfzig, und du bist auch kein Kosak, denn du trägst
die Kutte. Und jetzt sage ich dir noch einmal Lebewohl, denn ich muß
fahren.«



Zehntes Kapitel.


Im Biziukinschen Hause ließ sich der neue Tag wenig freundlich an: die
gnädige Frau vermißte ein kostbares Brillantenkollier, das sie gestern
abend getragen hatte und das heute nirgends zu finden war. Die ganze
Dienerschaft war auf den Beinen, und die Herrschaft ebenfalls. Man
suchte das Verlorene in der Laube und im ganzen Hause, aber es war und
blieb verschwunden.

Bornowolokow hatte mit der Revision angefangen, und auch
Termosesow war ungeheuer beschäftigt. Zunächst nahm er aus seiner
Photographiensammlung einige Bildnisse der kaiserlichen Familie,
dann schrieb er einen Brief an einen Petersburger Freund, der in
Wirklichkeit gar nicht vorhanden war. Er schilderte die Schönheit
der Natur, die gelbrosa Färbung der Wolken, sprach von seiner
Freundschaft mit Bornowolokow und seinen Aussichten auf eine glänzende
Beamtenlaufbahn und auf eine Erbschaft im Gouvernement Samara. Zum
Schluß entwarf er eine flüchtige Skizze der gestrigen Gesellschaft,
wobei er die Stargoroder Herrschaften schonungslos kritisierte und nur
hinsichtlich der Postmeisterin eine Ausnahme machte. »Diese Frau,«
schrieb er, »ist es durchaus wert, daß man etwas bei ihr verweilt.
Stelle dir vor, ich spüre hier so etwas wie Schicksalsgewalt; ich sah
sie und wurde sofort von einer Art Sohnesgefühl zu ihr erfaßt. Ich
sag' dir, wenn es ihr einfallen würde, mich auspeitschen zu lassen,
ich würde ihr dankbar die Hand küssen. Doch -- ich weiß selber noch
nicht, wie das enden wird, denn sie hat zwei Töchter. Die eine ist ganz
die Mutter, die andere verspricht ebenfalls so schön zu werden. Wer
vermöchte zu sagen, Freund, warum das unerforschliche Geschick mich der
Familie dieser hochgeachteten Frau zugeführt hat? Vielleicht werde auch
ich demnächst singen müssen: ›O goldne Freiheit, lebe wohl!‹«

Nachdem Termosesow den Brief an einen Herrn Nikolai Iwanowitsch
Iwanow adressiert hatte, preßte er das versiegelte Kuvert zwischen
zwei Fingern fest zusammen, überzeugte sich, daß man auf diese
Weise seine ganze Charakteristik der Frau Postmeisterin durchlesen
konnte, räusperte sich und sagte: »Na, nun wollen wir mal sehen, ob
Prepotenskij gestern die Wahrheit gesagt hat, daß sie die Briefe
aufmacht! Tut sie das, so bin ich fein heraus.«

Er nahm den Brief und die Bilder und begab sich auf das Postamt. Außer
diesem Brief hatte er noch ein Schriftstück in der Tasche, das er in
derselben frühen Morgenstunde abgefaßt hatte, als er die Aufforderung
an Tuberozow schickte. Es lautete folgendermaßen:

»Das Komplott der demokratischen Sozialisten, die sich hinter der Larve
des Patriotismus verbergen, macht sich überall bemerkbar. Hier setzt
es sich aus äußerst verschiedenartigen Elementen zusammen, und das
Schädlichste dabei ist, daß die Geistlichkeit bereits in hohem Maße
daran beteiligt ist -- was äußerst gefährlich ist, da sie dem Volke
sehr nahesteht. Die Resultate der traurigen liberalen Duldsamkeit
treten hier besonders kraß und zahlreich zutage.

Der Stargoroder Propst Sawelij Tuberozow, der schon mehr als einmal
die Aufmerksamkeit der Behörden durch seinen wilden und frechen
Charakter und durch seine schlechte Gesinnung auf sich gelenkt hat,
wurde bereits mehrmals für sein unzulässiges Betragen gemaßregelt,
ohne daß es auf ihn Eindruck gemacht zu haben scheint, denn er ist von
revolutionären Tendenzen ganz durchdrungen.

Ich wage es nicht zu entscheiden, wieweit er den Absichten der
Regierung Schaden bringen könne, allein nach meiner Ansicht ist dieser
Schaden unermeßlich groß. Der Propst Tuberozow genießt hohes Ansehen
in der ganzen Stadt, und ist ein Mann von großem Verstande und von
einer Kühnheit, die dank der jahrelangen Nachsicht seiner Vorgesetzten
heute vor nichts mehr zurückschreckt. Alles, was ein Mensch wie er tut,
sollte von Rechts wegen unter strengster Kontrolle stehen. Er jedoch
redet was er will, ohne sich den geringsten Zwang anzutun, und genießt
dabei noch das Vorrecht, öffentlich in der Kirche sprechen zu dürfen.

Dieses geistliche, dem Volke so nahestehende Element scheint aber
auch noch mit dem flachen Lande, d. h. mit dem grundbesitzenden Adel
Fühlung zu suchen. So genießt dieser verdächtige Propst Tuberozow
anscheinend die Gunst und den Schutz des Adelsmarschalls Tuganow,
dessen Persönlichkeit und Anschauungen Ihnen ja wohlbekannt sind.
Herr Tuganow, der hier an einer Abendgesellschaft im Hause des
Polizeichefs teilnahm, meinte u. a.: ›man lasse die Sonne nicht auf
die Erde scheinen‹ -- wobei unter der ›Sonne‹ zweifellos der Monarch
zu verstehen ist, und unter der ›Erde‹ das Volk. Wer aber sich vor die
Sonne stellt, ist nicht schwer zu erraten. Ja, er hat es sogar selbst
klar ausgesprochen, als er dann noch bemerkte, er sei ein Mann der
Scholle, der Gouverneur dagegen nur ›ein Kalif für eine Stunde‹. Als
ein hiesiger Lehrer, Prepotenskij, ein ganz dummer, aber politisch
durchaus unbescholtener Mensch, ihm sagte, wir alle könnten nicht
sagen, wie und von wem Rußland regiert werde, antwortete er mit
zynischer Frechheit: ›Ich halte mich in diesem Falle an die Worte des
Grafen Panin aus der Zeit Katharinas, der zu sagen pflegte, Rußland
werde durch die Gnade Gottes und die Dummheit des Volkes regiert.‹
Auf all das habe ich die Ehre, Eure Exzellenz aufmerksam zu machen
und halte es für meine Pflicht, vor Eurer Exzellenz die unschätzbaren
Dienste des mich begleitenden Kanzleibeamten Ismail Petrowitsch
Termosesow nachdrücklich zu betonen. Seiner feinen Beobachtungsgabe,
sowie seiner Fähigkeit, in alle Schichten der Gesellschaft
einzudringen, verdanke ich eine Menge wertvoller Informationen, und ich
wage es, den Gedanken auszusprechen, daß, wenn die Obrigkeit diesem
begabten Manne einen selbständigen Beobachtungsposten anvertrauen
wollte, er dem Staate von unermeßlichem Nutzen sein könnte.«

Dieses Blatt in der Tasche ging Termosesow seines Weges und fragte
sich: »Wird diese Kanaille von Bornowolokow das wohl unterschreiben?
Ach was, -- wenn man ihn nur ordentlich drückt, unterschreibt er
alles.«



Elftes Kapitel.


Termosesow gab seinen Brief auf und ging dann sofort zur Frau
Postmeisterin. Die Begrüßung war sehr freundschaftlich. Er küßte ihre
Hand, sie gab ihm einen Schmatz auf die Stirn und dankte ihm für die
Ehre seines Besuchs.

»O bitte, ich muß Ihnen danken,« erwiderte Termosesow. »Es war ja so
entsetzlich langweilig. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil
ich immer mit Angst und Grauen denken mußte: wo bin ich? unter was für
Leuten?«

»Ja, ich sagte schon gestern zu meinen Töchtern: Unser Petersburger
Gast muß sich wohl köstlich amüsieren.«

»Ach, gar zu schlimm wollen wir es auch nicht machen. Ich diene ja
nicht um des Mammons willen, sondern um das Land kennen zu lernen.«

»Dann finden Sie bei uns eine Unmenge Beobachtungsstoff.«

»Ganz recht -- Beobachtungsstoff! Aber da hab' ich Ihnen mit Ihrer
Erlaubnis die Bilder mitgebracht, von denen wir gestern sprachen.
Gestatten Sie mir, sie aufzuhängen.«

Die Postmeisterin wußte gar nicht, wie sie ihm danken sollte.

»Ich will mich mit Vergnügen dieser Arbeit unterziehen, bis Ihre
Fräulein Töchter erscheinen ... Ich darf doch hoffen, sie zu sehen?«

Die Postmeisterin erwiderte, die Mädchen seien noch nicht angezogen, da
sie in der Wirtschaft zu tun hätten, kämen aber trotzdem bald.

»Ach, ich bitte Sie darum, ich bitte sehr!« flehte Termosesow, und als
die geschmeichelte Hausfrau das Zimmer verlassen hatte, begann er die
Kaiserbildnisse an der Wand zu befestigen. Die Nägel dazu hatte er
mitgebracht.

Die Toilette der jungen Damen nahm fast eine Stunde in Anspruch, und in
dieser ganzen Zeit ließ sich auch die Postmeisterin nicht sehen.

»Das ist ein gutes Zeichen!« dachte Termosesow. »Gewiß studiert sie
mein Opus.«

Endlich erschienen die Töchter in Begleitung ihrer Mutter. Termosesow
maß die Postmeisterin mit einem schnellen, durchdringenden Blick. Sie
strahlte vor Wonne und Begeisterung.

»Das Fischlein hat angebissen!« schloß er und verzehnfachte seine
Liebenswürdigkeit. Um aber seiner Sache ganz sicher zu sein, fing er
wieder von Literatur und von seinen Reiseskizzen an zu reden.

»Porträts! Um Gottes willen mehr Porträts! Mehr Naturstudien!« bat die
Postmeisterin.

»Ja, eigentlich habe ich schon die ganze hiesige Gesellschaft
porträtiert und -- entschuldigen Sie -- auch Ihrer und Ihrer Fräulein
Töchter Erwähnung getan ... Wissen Sie, so ganz flüchtig ... Wenn ich
meinen Brief zurückbekommen könnte, den ich eben aufgegeben habe ...«

»Ach nein, wozu denn?« rief die Postmeisterin errötend.

»Angebissen, angebissen!« frohlockte Termosesow, und bestand darauf,
den Damen vorzulesen, was er über sie geschrieben hatte. Eine Zeitlang
hörte man im Zimmer nichts als: »Ach, wozu denn lesen, wir glauben
Ihnen auch so!« und: »Ja, warum denn nicht lesen? Wodurch habe ich denn
so großes Zutrauen verdient?«

Termosesows Einwände wirkten zu verführerisch auf die Neugier der
Mädchen. Bald erbot sich die eine, bald die andere, ins Bureau zum
Vater zu laufen und den interessanten Brief des Gastes zu bringen.

Vergebens suchte die Mutter sie durch Worte und Zeichen zurückzuhalten,
die Mädchen verstanden sie nicht und gaben keine Ruhe. Termosesow
dagegen hatte alles ausgezeichnet verstanden: der Brief befand sich in
den Händen der Hausfrau, es galt jetzt nur noch, sie zur Rückgabe zu
zwingen und sie dadurch selbst völlig in die Hände zu bekommen.

Ohne viel Bedenken sprang Termosesow von seinem Platz auf und stürzte
diensteifrig, der Zurufe der Damen, die ihn zurückhalten wollten,
nicht achtend, nach dem Postbureau: er sei, rief er, selbst nicht
mehr imstande, sich den Genuß zu versagen, den Damen die bescheidene
Darstellung seiner tiefen Bewunderung für sie vorzutragen.

Keine Bitten konnten ihn bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen. --
Aber auf dem Bureau war kein Brief zu finden.



Zwölftes Kapitel.


Termosesow machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er zu den Damen
zurückkehrte. Ihre Verwirrung aber war noch viel größer. Die Mädchen
sprangen auf und liefen hinaus, um ihre Tränen zu verbergen, die
infolge der ihnen von der Mutter gehaltenen Pauke reichlich flossen.
Die Postmeisterin selbst blieb als Opferlamm im Salon.

Termosesow stellte sich schweigend vor sie hin und lächelte.

»Ich sehe Sie an,« sagte die Dame geziert, »und schäme mich.«

»Sie haben den Brief?«

»Die Versuchung war zu groß. Hier ist er.«

Termosesow nahm das versiegelte Kuvert aus ihrer Hand.

»Ich schäme mich ganz entsetzlich ... aber was soll ich machen ... ich
bin ein Weib ...«

»Ach, lassen Sie doch! Ein Weib! Um so besser, daß Sie ein Weib sind!
Das Weib ist ein viel besserer Freund als der Mann und ich bin ein so
vertrauensseliger Narr, daß ich wirklich warme aufrichtige Freundschaft
... ich meine, weibliche Freundschaft sehr nötig habe! Jetzt habe ich
mich an Herrn Bornowolokow angeschlossen ... Wir sind schon lange
Freunde und er ist auch jetzt mehr mein Freund als mein Vorgesetzter
... wenigstens scheint es mir ...«

»Ja, ich sehe, ich sehe, Sie sind sehr treuherzig und vertrauensselig!«

»Ich bin einfach ein Narr in dieser Beziehung! Ein völliger Narr! Ein
kleines Kind kann mich nasführen!«

»Das ist aber nicht gut, gar nicht gut!«

»Was kann ich gegen meine Natur? Jemand, der meine Freundschaft mit
Bornowolokow genau beobachtet hatte, sagte mir einmal: ›Paß auf, Ismail
Petrowitsch, du bist zu leichtgläubig! Baue nicht zu sehr auf diese
hinterlistige Freundschaft! Bornowolokow zeigt hinter deinem Rücken ein
ganz anderes Gesicht, als du zu sehen gewohnt bist!‹ ... Aber ich kann
nicht anders -- ich muß ihm glauben!«

»Warum tun Sie es?«

»Gott, ich bin nun mal so! ... Ja, wenn man mir Beweise vorlegte! Wenn
ich hören könnte, wie er in meiner Abwesenheit von mir spricht! Wenn
ich einen Brief von ihm sehen könnte! Den Freundesdienst würde ich mein
Leben lang nicht vergessen!«

Die Postmeisterin bedauerte, daß sie diesen hinterlistigen Bornowolokow
nie zu Gesicht bekommen habe, und fragte, ob Termosesow vielleicht eine
Photographie des Verräters besäße?

»Leider nicht. Aber einen Brief von ihm. Hier, sehen Sie seine
Handschrift.«

Und er zeigte ihr einen Fetzen Papier von Bornowolokows Hand
beschrieben. Beim Fortgehen ließ er ihn wie von ungefähr auf dem Tische
liegen.



Dreizehntes Kapitel.


Diese zweite Angel war noch glücklicher ausgeworfen als die erste.
Gegen Abend, als Termosesow mit Bornowolokow und Biziukin beim Kaffee
saß, kam ein Postbote mit dem Auftrage, Ismail Petrowitsch sofort zur
Frau Postmeisterin zu bitten.

»Ach richtig! Ich hatte versprochen, heute einen Ausflug mit ihr
zu machen! Wie konnte ich das nur vergessen!« sagte Termosesow und
entfernte sich mit dem Boten.

Er traf die Postmeisterin im Salon allein. Sie drückte ihm die Hand,
schloß die Tür und nahm schweigend einen Brief aus der Tasche, welchen
sie ihm reichte.

»Lesen Sie, es stört uns hier niemand.«

Termosesow las den Brief, in dem sich Bornowolokow bei seiner
Petersburger Kusine Nina bitter über sein Geschick beklagte, welches
ihn in Moskau mit Termosesow zusammengeführt hatte. Er nannte ihn einen
»ausgemachten Lumpen und Halunken« und bat die Kusine, »mit allen
Mitteln und unter Heranziehung all ihrer ausgezeichneten Verbindungen
darauf hinzuwirken, daß dieser gemeine Kerl eine gute Stelle in Polen
oder in Petersburg erhalte, sonst könne er, weil er über alle alten
Dummheiten unterrichtet sei, das entsetzlichste Unheil anstiften.«

»Haben Sie Ihren Freund nun erkannt?« fragte die Postmeisterin.

»Das hätte ich nicht erwartet! Gott strafe mich, -- das nicht!« sagte
Termosesow, indem er seinen Kopf schüttelte und seufzte.

»Behalten Sie den Brief und vernichten Sie ihn,« sagte die
Postmeisterin.

»Vernichten? Warum? Nein, ich vernichte ihn nicht! Mag er an seine
Adresse gelangen, -- aber eine Abschrift möchte ich haben. Gestatten
Sie mir, sie zu nehmen.«

Termosesow hatte sofort begriffen, daß der Brief für seine Ehre
zwar wenig schmeichelhaft war, aber sehr vorteilhaft, weil man ihm
angesichts seiner Gefährlichkeit ganz sicher eine sehr gute Anstellung
verschaffen würde.

Mit der Abschrift steckte er auch das Original zu sich und ging heim.

Das Ehepaar Biziukin war bereits zu Bett gegangen, und Bornowolokow saß
allein und schrieb.

»Immer fleißig, Eure Durchlaucht? Schon wieder bei der Schreiberei?«
sagte Termosesow heiter.

Ein kurzes kaltes »Ja« war die Antwort.

»Da wird wohl wieder irgendeine Gemeinheit verfaßt?«

Bornowolokow fuhr zusammen.

»Na also!« sagte Termosesow gelangweilt, schloß plötzlich die Tür ab
und steckte den Schlüssel in die Tasche.

Bornowolokow sprang auf und versuchte schnell das Blatt, an dem er
geschrieben hatte, zu zerreißen.



Vierzehntes Kapitel.


»Gott, was Sie sich aufregen!« lachte Termosesow. »Ich schloß die Tür
nur, um mich mit Ihnen gemütlich und ungestört unterhalten zu können,
und Sie reißen gleich Ihr ganzes Geistesprodukt in Fetzen.«

Bornowolokow setzte sich wieder.

»Unterzeichnen Sie dieses Papier. Aber bitte schön -- nicht zerreißen!«

Damit legte Termosesow ihm jenes formlose Skriptum vor, in dem er
Wahrheit und Dichtung über Tuberozow und Tuganow zusammengebraut und
sich selbst so glänzend attestiert hatte.

Bornowolokow las es ruhig von Anfang bis zu Ende.

»Nun?« fragte Termosesow, als er sah, daß er mit dem Lesen fertig war,
»wollen Sie unterschreiben oder nicht?«

»Ich könnte Ihnen sagen, daß ich erstaunt bin, aber ...«

»Ich habe Ihnen das Staunen schon abgewöhnt! Das weiß ich sehr gut, und
auch bei Ihnen wundere ich mich über nichts mehr!«

Damit reichte er Bornowolokow die Abschrift des Briefes an die Kusine
Nina und fügte hinzu:

»Das Original habe ich auch.«

»Sie haben es? Wie konnten Sie sich unterstehen?«

»Wie konnten +Sie+ sich unterstehen? Und das nennt sich Freund und
Bruder! Da will man gemeinschaftlich ganz Rußland auf den Kopf stellen
-- und dann kommt so ein liebenswürdiges Attest! Nein, mein Lieber,
das geht nicht. Da werden Sie mir ein ganz anderes Zeugnis ausstellen
müssen.«

Bornowolokow sprang auf und fing an im Zimmer hin und her zu laufen.

»Nehmen Sie nur wieder Platz, das Rennen nützt Ihnen gar nichts,«
meinte Termosesow. »Wir wollen uns doch friedlich auseinandersetzen.
Sie wissen, wohin ich Sie mit diesem Brieflein, mit dem Hinweise
darauf, daß Ihre werte Vergangenheit nicht so ganz sauber ist,
expedieren kann? Da holt Sie kein Polack und keine Kusine heraus!«

Bornowolokow schlug sich ungeduldig auf die Schenkel und rief:

»Wie konnten Sie meinen Brief stehlen, wenn ich ihn selbst in den
Kasten geworfen hatte?«

»Raten Sie! Wie ich's fertig gekriegt habe, ist meine Sache, Ihnen aber
sag' ich nun zum letztenmal: unterschreiben Sie! Auf das erste Blatt
setzen Sie Ihren Vor- und Familiennamen, Amt und Rang, und auf dem
zweiten bestätigen Sie die Richtigkeit der Abschrift und fügen dann
noch zwei Worte hinzu, die ich Ihnen diktieren werde.«

»Sie ... Sie wollen mir diktieren?«

»Allerdings. Ich diktiere, Sie schreiben und dann geben Sie mir tausend
Rubel Reugeld.«

»Reugeld?! Wofür?«

»Dafür, daß Sie dann Ruhe vor mir haben.«

»Ich habe nicht so viel.«

»Mir genügt ein Schuldschein. Hundert bis hundertfünfzig in bar, das
übrige hat Zeit ... Aber lange mit Ihnen diskutieren tue ich nicht.
Wollen Sie, so ist's recht; wollen Sie nicht, so ist mir's auch recht.
In diesem Fall habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

»Ich will unterschreiben!« sagte Bornowolokow kurz.

»Bitte ...«

Termosesow wischte die Feder an seinem Rockschoß ab, tauchte sie ein
und reichte sie Bornowolokow.

»Was soll ich schreiben?«

Termosesow räusperte sich und diktierte:

»Der Hundsfott Termosesow ...«

Bornowolokow stutzte und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

»Wollen Sie wirklich, daß ich diese Worte schreibe?«

»Selbstverständlich. Schreiben Sie nur: ›Der Hundsfott Termosesow‹.«

»Danke ergebenst. Bitte, weiter.«



Fünfzehntes Kapitel.


Der Sekretär stand hinter dem Stuhle Bornowolokows und blickte über
seine Schulter, während er weiterdiktierte: »Der Hundsfott Termosesow
ist auf eine ebenso unbegreifliche wie geniale Weise in den Besitz
meines eigenhändigen Briefes an Sie gelangt, in welchem ich so
unvorsichtig war, alles das zu schreiben, was Sie auf diesem Blatte von
der Hand eben dieses Halunken Termosesow geschrieben lesen.«

»Schluß?«

»Nein, noch etwas. Bitte, schreiben Sie: ›Wie er sich den Brief hat
verschaffen können, den ich persönlich zur Post brachte, vermag
ich nicht zu ergründen. Die Tatsache aber mag Ihnen ein Beweis für
die Kühnheit und Gewandtheit dieses Lumpen sein, der es sich zur
Aufgabe gemacht hat, mir keine Ruhe zu lassen und mich so lange zu
schikanieren, bis Sie ihm einen einträglichen Posten verschafft haben.
Ich beschwöre Sie deshalb um unser beider Wohlergehen willen, für ihn
selbst das Unmögliche möglich zu machen. Im anderen Falle droht er
damit, alles aufzudecken, was wir in der Zeit unserer revolutionären
Dummheiten begangen haben.‹«

»Kann der letzte Satz nicht geändert werden?«

»Nein. Ich bin wie Pilatus: was ich geschrieben habe, das habe ich
geschrieben.«

Bornowolokow schrieb das Bekenntnis seiner Schmach zu Ende und schob
das Papier weg.

»Nun haben Sie hier noch den Bericht über die Geistlichkeit und die
gefährliche Stimmung in der Gesellschaft zu unterzeichnen.«

Bornowolokow nahm die Feder wieder, las das Schriftstück noch einmal
durch, überlegte und sagte:

»Was haben diese Leute, Tuberozow und Tuganow, Ihnen eigentlich getan?«

»Nicht das geringste.«

»Vielleicht sind es ausgezeichnete Menschen.«

»Sehr möglich.«

»Warum verleumden Sie sie denn? Was hier steht, ist doch Verleumdung?«

»Nicht durchweg, nur ein wenig.«

»Ja, wozu dies alles?«

»Was soll ich machen? Ich muß zeigen, was ich kann. Ihr Blaublütigen
habt Onkel und Tanten, die sich für Euch bemühen, Parvenüs wie wir
müssen alles selber machen.«

Bornowolokow seufzte und unterschrieb.

Termosesow steckte die Denunziation ein.

»Jetzt wäre noch das Dritte zu erledigen,« fuhr er fort, »dann setze
ich meinen Hut auf und sage Adieu. Hier ist ein Wechselformular. Es
lautet auf achthundert Rubel. Zweihundert erbitte ich mir in bar.«

Bornowolokow saß mit aufgestützten Armen da und betrachtete Termosesow
schweigend.

»Nun? Sie haben sich wohl in die Zunge gebissen?«

»Nein, ich bewundere Sie bloß.«

»Bitte sehr. Ich bin so, wie das Leben mich gemacht hat. Aber jetzt
unterschreiben Sie den Wechsel und geben Sie mir das Geld.«

»Wofür, Herr Termosesow, wofür?«

»Wofür?! Für Ihre einstigen geheimen Vergnügungen in stillen Nächten im
heiligen Moskau und im sündhaften Petersburg; für Ihre Unterhaltungen,
Pläne, Schriftstücke, für alle die schönen Stunden, an die ich in
meinen Taschen und in meinem Kopf genug Erinnerungen behalten habe, um
Ihre ganze Karriere vernichten zu können.«

Bornowolokow unterschrieb den Wechsel und warf das Geld hin.

»Verbindlichsten Dank,« sagte Termosesow, indem er Wechsel und Geld
einsteckte, »es freut mich sehr, daß es ohne Feilschen abgegangen ist.«

»Was wäre dann geschehen?«

»Dann hätte ich das Doppelte verlangt.«

Nachdem er alle Dokumente beisammen hatte, suchte Termosesow seine
Mütze. »Ich werde draußen im Wagen schlafen,« sagte er, »hier ist es zu
schwül für zwei.«

»Wollen Sie mir nicht erst meinen Brief wiedergeben?«

»Fällt mir gar nicht ein. So war es nicht gemeint.«

»Ja, wozu brauchen Sie ihn noch?«

Termosesow lachte.

»Wollen Sie noch Geld dafür haben?«

»Nein, ich bin nicht habgierig, ich habe genug.«

»Pfui, was sind Sie für ein ...«

»Vieh, wollen Sie sagen? Bitte, bitte, genieren Sie sich nicht. Ich
höre nicht hin und gehe schlafen.«

»So beantworten Sie mir wenigstens noch nur eine Frage: wo sind die
verschwundenen Brillanten der Biziukina?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Sie ... Sie waren doch irgendwo mit ihr ... in einer Laube, -- nicht
wahr?«

»Was ist denn dabei? Es waren auch noch andere Leute da: der Lehrer und
der Diakon.«

»Gewiß. Aber sagen Sie mir wenigstens, -- sind diese Brillanten nicht
irgendwo unter meine Sachen gesteckt?«

»Wie kann ich das wissen?«

»O Gott! Dieser Mensch macht mich wahnsinnig!« rief Bornowolokow in
höchster Erregung.

»Noch eins,« flüsterte Termosesow und drückte Bornowolokows Arm fest
zusammen. »Daß Sie sich's nicht einfallen lassen, Ihren Kusinen
vorzuflunkern ... denn die Briefe wurden nicht nur von mir gelesen.«



Sechzehntes Kapitel.


Die verschwundenen Brillanten der Biziukina, das Blachdnublach,
die Niederlage Achillas und Prepotenskijs, die Liebelei mit Daria
Nikolajewna und die Eroberung der Postmeisterin, endlich die
Mattsetzung Bornowolokows, -- alle diese Ereignisse, die sich in knapp
vierundzwanzig Stunden abgespielt hatten, waren Termosesow selbst ein
wenig zu Kopf gestiegen. Er fühlte ein unüberwindliches Verlangen nach
Schlaf und streckte sich auf dem Heu des Wagens aus, wo er sofort
einschlief und erst sehr spät am Morgen wieder erwachte. Die kühle
Scheune, welche Termosesow zu seinem Schlafgemach gewählt hatte, blieb
geschlossen und Ismail Petrowitsch rekelte sich noch lange nach dem
Erwachen auf seinem Lager, kratzte sich die Fußsohlen und dachte nach.

Seine Gedanken waren insofern bemerkenswert, als das Vergangene
und Geschehene für sie absolut nicht vorhanden war; ebensowenig
beschäftigten sie sich mit einer der neuen Personen, gegen die
Termosesow mit so kühner Ungeniertheit vorgegangen war. So seltsam
das auch klingen mag, -- Termosesow besaß wirklich eine gewisse
Harmlosigkeit, die sich mit einer maßlosen sittlichen Laxheit und
Frechheit und einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alle Menschen
und ihr Urteil paarte. Er dachte nie daran, daß die Person, mit der
er im Augenblick zu tun hatte, schon früher existiert hätte, ehe sie
ihm in den Weg gekommen, und daß sie auch weiterhin existieren wolle;
daß sie infolgedessen auch ihr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit
und ihre eigenen Zukunftsaussichten habe. Ihm kam es so vor, als
tauchten die Menschen vor ihm auf wie Wasserblasen oder Pilze, nur
für den Moment, wo er sie zu Gesicht bekam, und darum glaubte er über
sie völlig nach Belieben verfügen und sie ausbeuten zu dürfen, was er
denn auch in der unverschämtesten Weise tat. Hatte er aber erreicht,
was er wollte, so vergaß er den andern bald ganz und gar. In seiner
zynischen Redeweise drückte er das ganz naiv aus: »Wenn ich jemanden
gekränkt habe, bin ich später nie böse auf ihn.« Und so war es auch.
Wenn jetzt plötzlich Achilla oder Prepotenskij zu ihm in die Scheune
gekommen wären, so hätte er sie ganz freundschaftlich angeredet, ohne
auch nur im geringsten an die gestrigen Ereignisse zu denken. Als er
auf Bornowolokow, den er längst vergessen hatte, stieß, packte er ihn:
»An dem bleib' ich hängen!« meinte er. Und blieb an ihm hängen. Als er
die Biziukina traf, kam's ihm in den Sinn, ihr den Hof zu machen --
und er machte ihr den Hof. Als er -- der Teufel mag wissen, zu welchem
Zweck -- ihr seine höhere politische Weisheit beibrachte, kam ihm der
Gedanke, sich ihre Brillanten anzueignen, und alsbald ward dieser
Gedanke ausgeführt. Dabei wurden die Brillanten so schlau versteckt,
daß, falls die Biziukins es zu einer Haussuchung hätten kommen lassen,
sie sich natürlich nicht bei Termosesow, sondern bei Bornowolokow
gefunden hätten, der diese Kostbarkeiten fast am eigenen Leibe trug:
Termosesow hatte sie nämlich in das Futter seines Mantels eingenäht.
Die Person des Propstes Tuberozow beschäftigte die Gedanken Termosesows
überhaupt nicht; als die Biziukina über ihn zu klagen begann, versprach
er leichtfertig, den Alten aus dem Wege zu räumen, -- und dann erst kam
ihm die Idee, Tuberozow als Beweisobjekt für seine »Beobachtungsgabe«
zu benutzen. Jetzt aber hätte keine Gewalt der Erde ihn mehr von dem
hartnäckigen Streben nach Verwirklichung dieses Planes abbringen können.

Hätte der alte Propst dies gewußt, er würde die ihm zugedachte Rolle
als bitterste Kränkung empfunden haben. Allein er hatte keinerlei
Ahnung von dem, was ihm bevorstand, und fuhr auf seinem Klapperwagen
von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, durchwanderte weite
Waldstrecken zu Fuß, ruhte auf Wiesen und an Feldrainen und schöpfte
neue Kraft aus der Berührung mit der Mutter Natur.

In der Stadt aber war inzwischen, dank den unermüdlichen Bemühungen
Termosesows, die Schlinge schon ausgelegt. Die Beschwerde des
Kleinbürger Danilka war den Instanzenweg gegangen, eine Bagatelle war
zu einer Angelegenheit geworden, die auf gesetzlichem Wege entschieden
werden mußte.



Siebzehntes Kapitel.


Die aufregenden Berichte vom Mißgeschick des Diakons Achilla und davon,
daß man auch ihn, den Propst selbst, in diese nichtige Sache verwickelt
hatte, trafen den Vater Sawelij in einem weit abgelegenen Kirchdorf,
von dem er wenigstens zwei Tage zu reisen hatte, bis er die Stadt
erreichte.

Es war unerträglich heiß. Vom letzten Dorf, in dem Tuberozow
übernachtet hatte, waren es noch etwa fünfzig Werst bis zur Stadt. Der
Propst war ziemlich spät ausgefahren und hatte noch kaum die Hälfte des
Weges zurückgelegt, als die Hitze so groß wurde, daß Tuberozow seine
armen, von Schweiß und Schaum triefenden braunen Pferdchen gar nicht
mehr ansehen mochte. Er beschloß deshalb, noch einmal Halt zu machen,
um die Tiere zu füttern und sie ausruhen zu lassen. Aber keine Herberge
wollte er aufsuchen: er erinnerte sich eines wunderschönen Plätzchens
am Waldrand, der sogenannten »Zaunkönigshöhe«, dorthin zog es ihn, um
in der Kühle zu rasten.

Von dem weiten flachen Abhang, der sich hier niedersenkt, erblickt man
auf einer Entfernung von mehr als zwanzig Werst die goldenen Kuppeln
der städtischen Kirchen, während der jahrhundertealte Wald sich im
Rücken endlos hinzieht. Tiefe Stille und Ruhe herrschen hier.

Von der Glut ermattet, hatte Tuberozow eben den Wagen verlassen,
als ihn ein ungemein wohliges Gefühl übermannte. Trotz der ringsum
herrschenden Hitze strömte das dichte dunkelblaue junge Eichengehölz
eine belebende Kühle aus. An den elastischen, wie in grünes Wachs
getauchten Blättern der Jungeichen war kein Stäubchen zu entdecken.
Überall warme, weiche, beruhigende Farben. Unter den bunten krausen
Blättern des Farnkrautes guckt die leuchtendrote Wolfsbeere hervor.
Von der Sonne vergoldet, reckt sich ein trockener Haselstrauch in die
Luft, und auf dunkelbraunem Torfboden erheben sich ganze Pilzfamilien,
zwischen denen rote Steinbeeren wie Korallen glänzen.

Während Pawliukan, in Unterwäsche und Weste, die erhitzten Pferde
ausspannte und umherführte, ging der Propst ein wenig im Walde
spazieren. Er holte sich aus dem Wagen einen kleinen Teppich und trug
ihn zu einer grünen Vertiefung, aus der lärmend und schäumend eine
Quelle sprang. Hier wusch er sich mit dem frischen Wasser und streckte
sich zur Ruhe auf dem Teppich aus. Das gleichmäßige Murmeln des Baches
und die Kühle umwehten wohltuend das von der Hitze ganz benommene Haupt
des Alten, und ohne es selbst zu merken, war er wider seinen Willen
eingeschlafen. Der Schlaf war stärker, er warf ihn nieder und hielt ihn
fest. Er wollte dem Pawliukan etwas sagen, aber der Schlaf hielt ihm
mit weicher Hand den Mund zu.

Der Traumgott hatte den Propst so in seiner Gewalt, daß Pawliukan
ihn vergebens an den Schultern rüttelte, um ihn zum Essen einer
vorzüglichen Grütze aus Buchweizen und frischen Pilzen aufzufordern.
Tuberozow blinzelte nur mit den Augen: »Iß, mein Lieber, ich schlafe so
süß,« -- und lag alsbald in noch tieferem Schlummer.

So verzehrte Pawliukan sein Mittagessen allein und folgte dann dem
Beispiel seines Vorgesetzten. Auch die Pferde wurden still, ließen die
Köpfe hängen und schlummerten ein.

Ringsum schien alles in einem Zauberschlaf zu liegen. Eine so
tiefe Stille herrschte, daß ein Hase, der aus der Waldestiefe
hinausgesprungen kam und sich, leise mit dem Schnurrbart wackelnd, auf
die Hinterbeine setzte, plötzlich ganz verlegen wurde und mit weit
zurückgeworfenen Ohren eiligst wieder im Walde verschwand.

Tuberozow ertappte sich beim Erwachen dabei, daß seine Lippen mit
großer Anstrengung die Worte »guten Tag« herausbrachten -- allem
Anschein nach als Erwiderung auf einen Gruß.

»Wen begrüße ich da? Wer war hier bei mir?« fragte er sich, den Schlaf
abschüttelnd. Und es wollte ihn bedünken, als hätte soeben jemand
neben ihm gestanden, kühl und still, in einem Gewande von der Farbe
einer reifenden Pflaume ... So deutlich empfand er alles, daß er
sich schnell, auf den Ellbogen gestützt, aufrichtete, aber nur den
schlafenden Pawliukan, seine braunen Pferde und den Wagen sah. Der
langen Ruhe satt, suchte das Seitenpferd sich den Halfter vom Kopfe zu
streifen. Es trat zur Seite, warf sich nieder, wälzte sich im Grase,
stand wieder auf und reckte witternd den Hals. Tuberozow war noch immer
im Halbschlaf. Das Pferd ging weiter, bückte sich nach dem dichten
Grase am Waldrand und biß die Spitze eines jungen Eichbäumchens ab.
Endlich kam es bis zu dem mit wildem Klee bewachsenen Grenzpfad und
zog die warme Luft ein. Sawelij sah immer noch vor sich hin und konnte
seinen Zustand nicht begreifen. Es war weder Schlaf noch Wachen. Die
Feuchtigkeit seines Ruheplatzes schien ihn betäubt zu haben; ihm war,
als wogten Dämpfe in seinem Kopf. Er rieb sich die Augen und blickte
in die Höhe: droben im Blauen über seinem Kopfe schwebte ein Rabe.
Oder war es ein Geier? Nein, es mußte ein Rabe sein. Er hielt sich
fester und zog weitere Kreise ... Jetzt kam es von oben herab wie
eine hingeworfene Handvoll Erbsen: ku--urlu. So schreit nur ein Rabe.
Wonach mag er spähen? Was will er? Vielleicht ist er des Kreisens müde
und möchte von dem Wasser unten trinken. Tuberozow kam eine Legende in
den Sinn, die sich auf diese Quelle bezog. Sie sollte einen wunderbaren
Ursprung haben. Das reine durchsichtige Becken der Quelle glich einer
in die Erde gegrabenen Schale von Kristall, welche einem Blitzstrahl
ihre Entstehung verdankte, der vom Himmel kam und tief in das Innere
der Erde drang. Gerade an der Stelle, wo vor sehr, sehr langer Zeit
ein vom Kampf ermatteter russischer Held hingesunken sein sollte, den
eine gewaltige Übermacht der Ungläubigen von allen Seiten umzingelte.
Rettung schien für den Ritter, der allein war, ganz unmöglich. Er
flehte zum Heilande, daß er ihn vor schimpflicher Gefangennahme
bewahre. In demselben Augenblick, so berichtet die Sage, zückte aus
völlig klarem Himmel ein Blitzstrahl nieder und sprang wieder in die
Höhe. Ein Donnerschlag folgte, so gewaltig, daß die Rosse der Tataren
in die Knie sanken und ihre Reiter abwarfen. Als sie sich erhoben, war
der Ritter verschwunden. An der Stelle aber, an welcher er sich eben
noch befunden, stieg, schäumend und wie tausend Diamanten glitzernd,
ein mächtiger Strahl kalten Quellwassers in die Höhe; in wildem Zorn
peitschte er die Wände des Erdkessels und als silbernes Bächlein floß
er weiter über die grüne Wiesenfläche.

Ein Wunder dünkt diese Quelle allen und das Volk behauptet, ihrem
Wasser sei eine Zauberkraft eigen, die selbst die Tiere und die Vögel
kennen. Alle wissen das, allen ist es bekannt, denn alle fühlen
hier die immerwährende geheimnisvolle Gegenwart des entrückten
Glaubenskämpen. Hier tut der Glaube Wunder und darum ist alles hier
so mächtig und so stark, vom Gipfel der hundertjährigen Eiche bis zum
Pilz, der sich zwischen ihren Wurzeln verbirgt. Sogar das scheinbar
ganz Abgestorbene wird hier wieder lebendig: Da steht der dünne,
vertrocknete Haselstrauch; er ist vom Blitz gestreift, aber auf der
Rinde, dicht über der Wurzel, bemerkt man, wie mit grünem Wachs
aufgestrichen, ein »Peterskreuz«, und von hier wird bald ein neues
Leben ausgehen ... Ja, die Gewitter sollen hier böse sein, heißt es.

»Freilich, freilich, es gibt bekanntlich solche Gegenden mit
außerordentlich starker elektrischer Spannung,« dachte Tuberozow, und
es kam ihm vor, als bewegten sich die grauen Haare auf seinem Kopfe.
Kaum war er aufgestanden, so erblickte er nur wenige Schritte entfernt
ein kleines blaßgelbes Wölkchen, dessen Umrisse sich fortwährend
veränderten, während es langsam den Grenzpfad entlang kroch, auf dem
sich das freigekommene Pferd herumtrieb. Es schien direkt auf das Pferd
loszusteuern. Aber als es bis zu ihm gekommen war, fing es plötzlich
zu hüpfen an, wirbelte empor und zerflatterte, wie der Rauch aus einem
Kanonenrohr. Das Pferd schnaufte wild und stürmte, kaum den Boden
berührend, angsterfüllt vorwärts.

Tuberozow sprang hastig auf, weckte Pawliukan, half ihm auf das andere
Pferd klettern und schickte ihn dem Flüchtling nach, von dem schon jede
Spur verschwunden war.

»Beeil dich, hol es ein,« sagte Sawelij zum Subdiakon und warf einen
Blick auf seine silberne Uhr: es war etwas über drei Uhr nachmittags.

Der Alte setzte sich barhäuptig in den Schatten, gähnte und fuhr
plötzlich zusammen, da er in der Ferne ein schweres Dröhnen vernommen
zu haben glaubte.

»Was ist das? Ein Gewitter?«

Er stand wieder auf, ging an den Waldrand hinaus und sah, daß von Osten
her wirklich eine dunkle Wolke heraufzog. Das Gewitter überraschte ihn
ganz allein.

Noch ein Schlag! Das Feld wogte heftiger und kalt wehte es darüber hin.

An die schwarze Wolke, welche den Osten ganz bedeckte, rückten von
unten her kleinere Wolkenballen heran, gleichsam von ihr heraufgezogen
wie Kulissen. Ab und zu brach eine Flamme zwischen ihnen durch. So
überschaut ein Zauberkünstler, der eine schauerliche Vorstellung geben
will, mit der Laterne in der Hand, noch einmal die dunkle Bühne, bevor
er alle Lichter anzündet und den Vorhang hochzieht. Die schwarze Wolke
kroch weiter und je näher sie rückte, desto undurchdringlicher schien
sie. Vielleicht läßt der liebe Gott sie vorüberziehen? Vielleicht
entlädt sie sich irgendwo weiter draußen? Doch nein! Schon zuckt
über ihren oberen Rand leise ein feuriger Streif und Blitze flimmern
und flackern plötzlich leuchtend durch die ganze finstere Masse. Die
Sonne ist nicht mehr zu sehen: Wolken haben ihre Scheibe bedeckt,
ihre langen, degenartigen Strahlen zucken noch einmal hell auf, um
dann auch zu verschwinden. Ein Wirbelwind erhebt sich pfeifend und
dröhnend. Wie Fahnen flattern die Wolken. Über das reifende Roggenfeld
laufen weiße Flecken wild hin und her. Einer scheint unmittelbar vom
Himmel herabzufallen, ein anderer setzt sich dick und breit hin.
Plötzlich laufen beide auf einander los, fließen in eins zusammen und
verschwinden. Am Feldrain schüttelt der Wind die Ähren so seltsam,
daß man meinen könnte, es wäre nicht der Wind, sondern ein lebendes
Wesen hätte sich am Boden versteckt und treibe wütend seinen Unfug.
Der Wald ist voll Lärm. Eine Zickzacklinie flammt über dem Walde auf;
eine andere zuckt hoch über den Wipfeln, und dann wird es still ...
ganz still! ... Kein Blitz, kein Wind: alles ist wie gebannt. Das
ist die Stille vor dem Sturm: alles, was noch nicht Zeit gehabt hat,
sich vor dem Unwetter zu verstecken, sucht diesen letzten stillen
Augenblick noch auszunutzen: ein paar Bienen fliegen an Tuberozow
vorüber, es ist, als flögen sie nicht, sondern als würden sie von
einem Windstoß fortgerissen. Aus dem dunklen Gesträuch, das jetzt ganz
schwarz erscheint, hüpfen ein paar erschrockene Hasen heraus und legen
sich in eine Furche. Über das Gras, das bei der Beleuchtung grau wie
Asphalt aussieht, rollt ein silberner Knäuel und verschwindet unter
der Erde. Es war ein Igel. Alles verbirgt sich, so gut es kann. Da als
letzter stürzt sich auch der Rabe, welcher vorhin so hoch schwebte, die
Flügel hart an den Rücken gedrückt, hinab auf den Wipfel eines hohen
Eichbaums, wo man ihn jetzt schwerfällig rascheln hört.



Achtzehntes Kapitel.


Tuberozow war nicht furchtsam, aber sehr nervös, und solche Menschen
werden bei starken elektrischen Entladungen von einer unwillkürlichen
und unbezwinglichen Unruhe befallen. Diese Unruhe verspürte auch er,
als er sich umschaute und überlegte, wo er wohl am besten vor dem
Gewitter, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand, geschützt wäre.

Seine erste Bewegung war, nach seinem Wagen zu laufen, einzusteigen
und sich zuzudecken; aber kaum hatte er hier Platz genommen, so begann
es im Walde zu knarren und zu krachen, und der Wagen wurde hin und her
geschüttelt, wie eine Kinderwiege. Auf diesen Unterschlupf war also
kein Verlaß: der Wagen konnte sehr leicht umgeworfen werden und ihn
erdrücken.

Tuberozow sprang wieder hinaus und lief ins Kornfeld. Der Wirbelwind
packte ihn bald von vorn, bald von der Seite, zwang ihn, stehen zu
bleiben, riß ihn an den Schößen zurück, pfiff, trompetete, winselte und
brüllte ihm in die Ohren.

Tuberozow lief wieder zur Quelle. Aber in dem Kristallbecken herrschte
eine noch größere Unruhe: das Wasser brauste und kochte, und durch
die Kreise, die es bildete, schien ein in der Tiefe verborgenes Wesen
sich emporarbeiten zu wollen. Plötzlich flammte es über der dunkeln,
bleiernen Wassermasse blutigrot auf. Es war ein Blitzschlag, aber
was für ein seltsamer Schlag! Wie ein Pfeil fuhr er, in zweimaligem
Zickzack gebrochen, von oben herab, spiegelte sich im Wasser wider
und wirbelte im selben Augenblick, ebenso gezackt, wieder zum Himmel
empor, als hätten Himmel und Erde einen feurigen Gruß getauscht. Ein
knatternder Schlag folgte, als stürzten sämtliche Dachplatten von
einem Hause herab, und eine gewaltige Wolke von Wasserstaub und Schaum
sprudelte springbrunnenartig aus der Quelle empor.

Tuberozow legte die Hände vor das Gesicht, sank auf ein Knie und befahl
Seele und Leben dem Allmächtigen. Jetzt brach auf den Feldern und im
Walde eine jener Gewitterkanonaden los, welche dem Menschen seine
völlige Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten so besonders klar vor
Augen führen. Blitze flammten auf. Krachend folgte Schlag auf Schlag.
Mit einem Male sah Tuberozow, wie auf den dunklen Eichenstamm vor ihm
gleich einer trüben Lampe schimmernd eine Kugel zuschwebte. Mitten im
Gezweig des Baumes leuchtete der Funke plötzlich in blendendem Lichte
auf, wuchs zu einem großen Klumpen und zerstob. Ein furchtbares Getöse
erschütterte die Luft, dem alten Manne ging der Atem aus, um seine
Finger und Zehen drehten sich glühende Ringe, der Körper reckte sich
krampfhaft empor, knickte zusammen und fiel hin ...

Ein Bewußtsein erfüllte ihn noch: daß alles zusammenbrach. Daß das Ende
nahe! Weiter konnte er nichts denken ... Als er zu sich kam, wußte er
nicht, wieviel Zeit seit dem Augenblick vergangen war, da der Schlag
ihn getroffen, und wie lange er bewußtlos gelegen hatte. Er hörte nur
noch ein letztes, dumpfes, langsames Rollen weit droben, -- dann trat
völlige Ruhe ein. Das Wetter zog ab. Sawelij hob den Kopf, blickte um
sich und bemerkte in seiner nächsten Nähe auf dem Boden etwas Riesiges,
Unförmiges. Es war ein Haufen Zweige, der Wipfel des gewaltigen
Eichbaums. Wie mit einem Messer war der Baum dicht über der Wurzel
abgeschnitten und lag auf der Erde. Aus seinem Gezweig, das sich mit
den Kornähren des Feldes mischte, erklang das widerliche Kreischen des
Raben, der mit dem Baum gestürzt war. Ein schwerer Ast hatte ihn an
die Erde gedrückt, und nun riß er seinen purpurroten Rachen weit auf,
zuckte in Krämpfen und schrie verzweifelt.

Angewidert durch dies Schauspiel sprang Tuberozow mit einer
Geschwindigkeit und Leichtigkeit zur Seite, als wäre er nicht siebzig
Jahre alt, sondern siebzehn.



Neunzehntes Kapitel.


Das Gewitter hatte sich ebenso schnell verzogen, wie es gekommen war.
An Stelle der schwarzen Wolke hob sich vom blauen Grunde ein rosiger
Streifen ab. Auf dem nassen Hafersack, der auf dem Bock des Wagens
lag, saßen schon fröhlich zwitschernde Spatzen und zogen frech nasse
Körner durch die Löcher der feuchten Leinewand. Der Wald wurde wieder
lebendig. Irgendwoher kam ein leises, einschmeichelndes Pfeifen, und
auf den Rain ließ sich laut girrend ein Taubenpärchen herab. Das
Weibchen streckte seinen Flügel über dem Boden aus, strich ihn mit
seinem roten Pfötchen und richtete ihn segelartig empor, um sich vor
dem Freunde zu verbergen. Der Tauber blies den Kropf auf, machte eine
tiefe Verbeugung und sagte gefühlvoll: »Nur du!« Auf diese Begrüßung
folgten Küsse, und fieberhaft bebten die Flügel im dichten Gewirr der
Wermutstauden. Das Leben nahm wieder seinen Lauf. Pferdegetrappel
ertönte in nächster Nähe: Pawliukan kam zurück. Er ritt auf dem einen
Pferde und führte das andere am Zügel.

»Nun, lebt Ihr noch, Vater!« rief er lustig, auf den Wagen zureitend
und absteigend. »Ich eilte, was ich konnte, daß Ihr nicht allein vom
Unwetter überrascht würdet, aber wie der Donner plötzlich so dreinfuhr,
da bin ich, müßt Ihr wissen, vom Pferde runter einfach platt auf den
Boden gefallen ... Und hier hat's ja den Eichbaum abgeschnitten!«

»Ja, mein Freund, das hat es. Aber laß uns nun anspannen und fahren.«

»Gott, muß das eine Gewalt gewesen sein!«

»Ja, Freund, aber fahren wir.«

»Es weht jetzt so ein frischer Wind, da wird sich's herrlich fahren.«

»Ja, herrlich, aber spann nur schnell an.«

Und Tuberozow machte sich in seiner Ungeduld selbst an die Arbeit.

In wenigen Minuten waren die im Regen gebadeten Pferde angespannt, und
der Wagen des Propstes sauste dahin, fröhlich in den zahllosen Lachen
des furchenreichen Landweges plätschernd.

Die Luft war wunderbar frisch und rein. Ein warmes Licht lag über der
Landschaft. Leichter Dampf stieg von den Feldern auf. Es roch nach
feuchten Haselzweigen. Tuberozow fühlte sich in seinem Wägelchen so
wohl wie seit langem nicht. Er zog immer wieder tief Atem und freute
sich, daß er es so leicht konnte. Er kam sich vor wie ein Adler, dem
neue Flügel gewachsen waren.

Vor der Stadt begrüßte ihn helles Glockengeläute, das die Andächtigen
zum Vespergottesdienste rief.



Zwanzigstes Kapitel.


Der Wagen Tuberozows rollte in den Hof.

»Ach Gott, Vater Sawelij, wie hab' ich mich um dich gebangt!« schrie
Natalia Nikolajewna und stürzte ihrem Gatten entgegen. »Das furchtbare
Gewitter, -- und du warst ganz allein, mein Herz!«

»Ja, Liebste, ich war nur einen Schritt vom Tode entfernt.«

Und der Propst erzählte seiner Frau alles, was er an der Quelle erlebt
hatte, und fügte hinzu, daß er von nun an gleichsam ein zweites Leben
lebe, nicht mehr sein eigenes, sondern das eines andern. Es sei ihm
dies eine Lehre und zugleich ein Vorwurf, nie an die Vergänglichkeit
und Nichtigkeit seines kurzen Lebens gedacht zu haben.

Natalia Nikolajewna zwinkerte nur mit den Äuglein und sagte seufzend:

»Willst du jetzt nicht etwas essen?« -- Und als der Gatte daraufhin nur
verneinend den Kopf schüttelte, fragte sie, ob er Durst habe.

»Durst?« wiederholte Sawelij. »Ja, ich dürste.«

»Willst du Tee?«

Der Propst lächelte, küßte seine Frau auf den Scheitel und sagte:

»Nein, mich dürstet nach Wahrheit.«

»Ei was! Dank sei deinem Gotte! Alles, was du tust, ist gut.«

»Schon recht, schon recht, -- aber jetzt will ich mich waschen. Und du
erzählst mir indes, was sie hier mit dem Diakon anstellen.«

Und der Propst trat vor das glänzende kupferne Waschgerät und wusch
sich, und Natalia Nikolajewna berichtete ihm alles, was sie von Achilla
wußte, und zog daraus den Schluß, es werde damit nichts anderes
bezweckt, als ihm, ihrem Manne, etwas Böses anzutun.

Der Propst schwieg. Als er seine Toilette beendet hatte, nahm er Hut
und Stab und begab sich zur Kirche, wo der Vespergottesdienst bereits
begonnen hatte.

Fünf Minuten später stand er im Altarraum seitwärts vom Opfertisch am
Fenster und schrieb etwas auf ein Blatt Papier, welches er gegen das
schräge, von der untergehenden Sonne hell beleuchtete Fensterbrett
stützte. Was mag er da schreiben? Wir können es über seine Hand hinweg
ganz gut lesen. Folgendes stand auf dem an den Polizeichef Porochontzew
adressierten Blatte: »Da ich die Absicht habe, morgen anläßlich des
hohen Festtages eine feierliche Messe in der Domkirche abzuhalten,
so erachte ich es für meine Pflicht, Euer Hochwohlgeboren davon in
Kenntnis zu setzen, und knüpfe daran die ergebenste Bitte, heute noch
rechtzeitig allen Beamten davon schriftlich, gegen Empfangsbestätigung,
Mitteilung zu machen, damit dieselben in der Kirche erscheinen können.
Insonderheit bitte ich dieses denjenigen Herren Beamten zu empfehlen,
die am meisten dazu neigen, diese ihre Pflicht zu vernachlässigen, denn
ich bin entschlossen, über das schlechte Beispiel, das sie damit geben,
der Obrigkeit unverzüglich Bericht zu erstatten. Den Empfang dieses
Schreibens bitte ich Euer Hochwohlgeboren mir gütigst bestätigen zu
wollen.«

Der Propst ließ sich das Botenbuch bringen, setzte eine Nummer auf sein
Schreiben, trug es eigenhändig ins Buch ein und schickte den Glöckner
damit zu Porochontzew.



Einundzwanzigstes Kapitel.


Die Nacht, welche diesem Abend im Hause Sawelijs folgte, erinnert uns
an jene, da wir den Alten über seinem Tagebuche sahen: er war ebenso
allein in seiner Stube, ging ebenso auf und ab, setzte sich ebenso hin,
schrieb und sann nach, -- aber sein Buch lag diesmal nicht vor ihm. Auf
dem Tisch, an den er immer wieder herantrat, lag ein kleines doppelt
gefaltetes Blättchen, und auf dieses Blättchen setzte er in winziger,
aber doch deutlich lesbarer Schrift folgende fragmentarische Notizen:

»Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs
Sohne.«

»Übliche Einleitung: meine gestrige Lage während des Gewitters. Der
Rabe: wie er sich vor dem Unwetter in der mächtigen Eiche verbergen
wollte und den Tod dort fand, wo er Rettung gesucht hatte.

Wie lehrreich mir das Beispiel dieses Raben scheint. Ist das Heil dort,
wo wir es wähnen, die Not dort, wo wir sie fürchten?

Unser maßloses Grübeln, das die Vernunft zu seinem Sklaven macht. Die
Gelehrsamkeit, welche die Möglichkeit einer Erkenntnis des bisher
Unfaßbaren leugnet.

Die Unvollkommenheit und die Unsicherheit unseres Wissens von der
Seele. Das mangelnde Verständnis für die Natur des Menschen und die
daraus folgende leidenschaftslose Gleichgültigkeit gegen Gut und Böse
und die falsche Beurteilung menschlicher Handlungen: Rechtfertigung
des nicht zu Rechtfertigenden und Verurteilung des Lobenswerten.
Verdient Moses, der den Ägypter schlug, vom verkehrten Standpunkt
gewisser Liberaler, die das heiße Vaterlandsgefühl verwerfen, nicht
Tadel? Verdient Judas der Verräter vom Standpunkt der ›blind im Gesetz
Ruhenden‹ nicht Lob, da er doch ›das Gesetz eingehalten‹, als er seinen
Meister verriet, den die Machthaber verfolgten? (Innozenz von Cherson
und seine Auslegung.) Auch unsere Tage sind reich an Verführung:
Vorwürfe gegen jene, die den Listen der heimlichen Feinde des Staates
nicht gleichgültig gegenüberstehen können. Der große Verlust der Sorge
um das Heil des Vaterlandes und als letztes Beispiel die Nachlässigkeit
in der Erfüllung der Gebetspflichten an den großen Festtagen des
Volkes, die zur bloßen Formalität geworden sind.

Auslegung der Worte: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige‹ in dem Sinne,
›daß wir ein geruhig und stilles Leben führen mögen‹ (St. Paulus).
Welchen Wert hat ein solches Leben? Beispiel: Rehabeam nach Salomo,
umringt von Freunden und Gespielen, die vor sein Antlitz treten und
ihm arglistig vorstellen, daß die Last des Volkes erleichtern eine
Erniedrigung seiner eigenen königlichen Würde bedeute, -- und wie er
infolge ihres Rates die Not Israels vergrößerte.

›Mein Vater hatte ein schweres Joch auf euch gelegt; ich aber will zu
eurer Last noch zulegen‹ (1. Kön. 11, 12). Das Unglück, das dadurch
entstand und die Teilung des Reiches.

Hieraus geht klar hervor, daß wir wünschen und beten müssen, daß das
Herz des Herrschers sich in niemandes Händen befinde, es sei denn in
den Händen Gottes.

Wir aber achten in unserer Sündhaftigkeit dieser Sorge nicht, und wenn
ich an einem solchen Tage das Gotteshaus nicht leer sehe, so weiß
ich erst gar nicht, wie ich das deuten soll! Ich suche nach Gründen
und sehe, daß sich dieses einzig durch die Angst vor meiner Drohung
erklären läßt, und daraus schließe ich, daß alle diese Beter ungetreue
und faule Knechte sind, und daß ihr Gebet kein Gebet ist, sondern ein
Schacher, ein Schacher im Tempel, angesichts dessen unser Herr und
Heiland Jesus Christus nicht nur in seinem göttlichen Geiste ergrimmte,
sondern auch eine Geißel nahm und sie aus dem Tempel vertrieb.

Seinem göttlichen Beispiele folgend, tadle und verurteile ich diesen
Gewissensschacher, den ich im Gotteshause vor mir sehe. Der Kirche ist
das Gebet solcher Mietlinge ein Greuel. Vielleicht sollte auch ich eine
Geißel ergreifen und die Krämer hinaustreiben, die sich heut in diesem
Tempel breit machen, auf daß kein treues Herz Ärgernis nehme an ihrer
Arglist ... Doch mag mein Wort ihnen als Geißel dienen. Mag lieber das
Gotteshaus leer stehen, mich soll das nicht irren: ich will auf meinem
Haupte den Leib und das Blut meines Herrn in die Wüste tragen und vor
den wilden Steinen im Meßgewande singen: ›Gott, gib Dein Gericht dem
Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne,‹ -- auf daß Rußland in
Ewigkeit erhalten bleibe, dem Du wohlgetan zu allen Zeiten!

Schlußwort: Laß, o Herr und Schöpfer, unser Land nicht zum Gespötte
der Fremden werden, um der Arglist seiner gewissenlosen und ungetreuen
Diener willen!«



Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Das war der Entwurf zu einer Predigt, die Sawelij am folgenden Tage
zu halten beabsichtigte und auch wirklich vor der versammelten
Beamtenschaft hielt, -- um damit nicht nur seiner Tätigkeit als
Prediger, sondern auch seiner ganzen Amtstätigkeit ein jähes Ende zu
bereiten.

Die Intelligenz von Stargorod war der Meinung, es sei keine Predigt,
sondern ein Aufruf zur Revolution, und wenn der Propst weiterhin
so reden würde, werde sich bald kein Beamter auch nur auf der
Straße zeigen dürfen. Sogar die besten Freunde Sawelijs warfen ihm
unvorsichtige Aufhetzung der Leidenschaften des Pöbels vor. Eine
Ausnahme machten nur die beiden Fremden: Bornowolokow und Termosesow.
Sie hatten die Predigt ebenfalls angehört, aber nichts dazu gesagt und
keinerlei Verstimmung gezeigt. Im Gegenteil, als sie aus der Kirche
kamen, war Termosesow mit gefalteten Händen auf Bornowolokow zugegangen
und hatte mit freudestrahlendem Gesicht gesagt: »Herr, nun lässest du
deinen Diener in Frieden fahren.«

»Was soll das heißen?« fragte der Vorgesetzte.

»Das soll heißen, daß ich Sie verlasse. Leben Sie wohl und lassen
Sie sich's gut gehen, aber erweisen Sie mir noch einen letzten
Liebesdienst: melden Sie der Obrigkeit, der Pope, über den Sie schon
einmal berichteten, hätte heute, aller Ehrfurcht bar, die einem so
hohen Festtage geziemte, eine äußerst empörende Rede gehalten, über
welche der von Ihnen eigens dazu abdelegierte Sekretär Termosesow die
Ehre haben werde, persönlich eingehend Bericht zu erstatten.«

»Hol Sie der Teufel! Schreiben Sie's auf, ich will's unterzeichnen.«

Die Freunde wollten sich eben voneinander verabschieden, als der
Kleinbürger Danilka, bleich und entsetzt, von Wasser triefend, in
zerfetztem Hemde hineingestürzt kam, Bornowolokow zu Füßen fiel und
jammerte:

»Gnädiger Herr, schicken Sie mich fort, soweit Sie wollen, -- aber hier
kann ich nicht bleiben! Sie stehen alle am Ufer und jeder will mir in
die Fresse fahren!«

Und Danilka erzählte, man hätte schon gedroht, ihn totzuschlagen, weil
er sich über den Propst beschwert hätte, -- und zum Beweis zeigte er
sein nasses und zerrissenes Gewand; das Volk hätte ihn eben von der
Brücke in den Fluß geworfen.

»Famos! Aufruhr und Empörung!« rief Termosesow freudig und setzte,
mitten im Zimmer stehend, seine Mütze auf. »Sehn Sie, so macht man's!«
fügte er zu Bornowolokow gewandt hinzu.

Und dann reiste er ab. Unmittelbar darauf verließ auch Bornowolokow die
Stadt in entgegengesetzter Richtung, um anderweitig für Ordnung und
Gesetzlichkeit zu wirken.



Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Schon fing man in Stargorod an, Tuberozows Predigt zu vergessen,
als gegen Abend des dritten Tages ein Postkarren zwei eigentümliche
Gäste in die Stadt brachte: einen langen hageren Polizeiwachtmeister
und einen dicken Konsistorialbeamten, rund und schwammig, wie ein
Bauernpfannkuchen, mit einem winzigen Knöpfchen als Nase.

Es waren die Sendboten, die nach Sawelijs Seele kamen: Unter ihrer
Obhut sollte der Propst in die Gouvernementsstadt gebracht werden. In
einer halben Stunde wußte es die ganze Stadt. Vor dem Hause Tuberozows
stand bald eine große Menschenmenge, und nach einer Stunde ging die Tür
des Hauses auf, aus der Vater Sawelij völlig reisefertig heraustrat.
Natalia Nikolajewna ging neben ihm, ihr Taubenköpfchen an seinen
Ellbogen drückend.

Sie hatten sich gegenseitig zu beruhigen gewußt und jetzt offenbarte
auch nicht eine Träne ihre etwaige Schwäche.

Das Volk, das auf den Propst gewartet hatte, drängte lärmend vorwärts.
Tuberozow nahm den Hut ab und verneigte sich tief nach allen Seiten.

Der Lärm verstummte; vielen traten die Tränen in die Augen und alle
bekreuzigten sich.

Der mit drei Pferden bespannte Postwagen, welcher bisher, auf Befehl
des zartfühlenden Polizeichefs, hinter dem Hause verborgen gestanden
hatte, fuhr vor.

Der Propst setzte den Fuß auf den Tritt und faßte mit der Hand die
Lehne des Wagensitzes. In diesem Augenblick griff ihn der Wachtmeister
unter den Ellbogen und der Konsistorialbeamte zog ihn an der andern
Hand empor ... Von Ekel erfaßt fuhr der Alte zusammen. Sein Kopf begann
heftig zu wackeln wie der einer Puppe, die eine Drahtfeder im Halse hat.

Natalia Nikolajewna trat neben ihren Mann, faßte seine Hand und
flüsterte: »Schone dein Leben, Liebster!«

Tuberozow sah sie an und erwiderte:

»Sei unbesorgt. Das Leben ist schon zu Ende. Jetzt beginnt das
Erdenwallen.«



Viertes Buch.



Erstes Kapitel.


»Das Leben ist zu Ende, das Erdenwallen beginnt,« hatte Tuberozow im
letzten Augenblick vor seiner Abreise gesagt. Dann war das Dreigespann
den Berg hinaufgesaust und hatte ihn den Blicken der Seinigen entzogen.

Die Leute, die ihm das Geleit gegeben, blieben noch eine Zeitlang,
bis endlich ein jeder seines Weges ging. Die Nacht brach herein, alle
Pforten und Pförtchen wurden verschlossen und verriegelt und der Mond
konnte aus seiner blauen Höhe auf dem vereinsamten Pfarrhofe nur noch
die ebenfalls vereinsamte Natalia Nikolajewna erblicken.

Sie beeilte sich nicht, ins Haus zurückzugehen, sondern saß weinend
auf der Veranda, von der ihr Mann vor kurzem heruntergestiegen war.
Schluchzend drückte sie ihren kleinen Kopf gegen das Geländer, -- ach,
sie hatte keinen Freund, keinen Tröster! Doch nein! Ein Freund war da,
ein treuer, zuverlässiger Freund ...

Plötzlich wurde das Pförtchen weit aufgerissen und vor die weinende
Alte trat der Diakon Achilla. Er war barhäuptig, in einem kurzen dicken
Leibrock und weiten Hosen und mit mehreren Säcken beladen. Hinter
sich zog er zwei Pferde, deren jedes ein großes schweres Bündel auf
dem Rücken trug. Natalia Nikolajewna sah schweigend zu, wie Achilla
die Pferde in den Hof führte, sie von ihrer Last befreite, und wieder
zum Pförtchen ging, das er mit der Energie eines sorgsamen Hausvaters
verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte.

»Diakon! Du kommst zu mir!« rief Natalia Nikolajewna, welche seine
Absicht begriffen hatte.

»Ja, du leidende Mutter, ich bin gekommen, dich zu behüten.«

Sie umarmten und küßten sich, und Natalia Nikolajewna begab sich in
ihr Schlafzimmer, um dort weiter zu wachen, Achilla aber brachte seine
Pferde in die Scheune, breitete dann eine Filzdecke auf der Veranda
aus, streckte sich lang auf derselben aus und vertiefte sich in den
Anblick des Sternenhimmels. Während der ganzen Nacht schlief er nicht.
Er dachte nur daran, wie er seinem Justizminister helfen könnte. Das
war etwas anderes, als den Warnawka verprügeln! Hier war Verstand
nötig. Aber was kann der Verstand allein, wenn ihm keine äußere Gewalt
zur Seite steht? Ja, hätte man, wie es in dem Märchen erzählt wird,
einen Zaubermantel oder Siebenmeilenstiefel. Oder eine Tarnkappe! Dann
würde er gewußt haben, was er zu tun hätte! So aber, so! Der Diakon
wußte sich absolut keinen Rat, und dennoch mußte etwas unternommen
werden.

Als Achillas Gedanken beim Zaubermantel und bei der Tarnkappe angelangt
waren, da kam es dem an keinerlei sophistische Grübeleien Gewohnten
vor, als fiele eine kaum noch zu tragende, schwere Last ihm von der
Seele, er atmete auf und flog selbst auf dem Zaubermantel in die Ferne
hinaus. Unsichtbar trat er in den Siebenmeilenstiefeln und mit der
Tarnkappe zu dem einen und dem andern der hohen Würdenträger, zu
denen er ohne Zaubermittel nicht hoffen konnte zu gelangen. Er weckte
sie durch einen sanften Rippenstoß aus dem Schlaf und sagte: »Tut dem
Pfarrer Sawelij kein Leid an. Ihr werdet's sonst, wenn es zu spät ist,
zu bereuen haben.«

Als die hohen Herren die Stimme des Unsichtbaren vernahmen, warfen
sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her, sprangen plötzlich
auf, liefen hinaus und schrien: »Um Gottes willen, nehmt euch des
Pfarrers Sawelij an!« ... Aber das alles läßt sich in unseren Tagen
nur mit Hilfe von Siebenmeilenstiefeln und einer Tarnkappe erreichen,
und es war gut, daß Achilla rechtzeitig daran gedacht und sich damit
versehen hatte. Dank ihnen allein konnte der Diakon in seiner gelben
Nankingkutte in einen strahlenden Palast dringen, dessen Glanz ihn
so unerträglich blendete, daß er selbst nicht froh war, sich dort
hineingewagt zu haben. Die Stätte, welche er vorher besucht hatte,
hätte schließlich wohl auch genügt, aber die Siebenmeilenstiefel waren
in Schuß gekommen und hatten ihn an einen Ort gebracht, wo er infolge
der blendenden Helle kaum etwas unterscheiden konnte, so daß er Sawelij
und seine Mission am Ende ganz vergaß und nur noch dachte, wie er
wieder fortkommen könnte. Die geschwinden Stiefel aber trugen ihn immer
höher und höher hinauf, und das Zauberwort, das ihnen Halt gebieten
konnte, hatte er vergessen ...

»Ich verbrenne, bei Gott, ich verbrenne!« schrie der Diakon
und versuchte sich hinter einem vor ihm auftauchenden kleinen
Schattenfleckchen zu verbergen, -- als ihm zu seiner Verwunderung aus
diesem Fleckchen die sanfte Stimme des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch
entgegentönte.

»Hört doch auf, Vater Diakon, im Schlaf zu schreien, daß Ihr verbrennt!
Allenfalls vor Scham müßten wir alle verbrennen!« sprach der Zwerg,
das Gesicht des Diakons durch seine kleine Gestalt vor der Sonne
schützend.

Achilla sprang auf, stürzte zur Wasserbütte und leerte zweimal
hintereinander den großen eisernen Schöpfkrug.

»Von was für einer Scham redest du da, Nikola?« fragte er, seine Locken
mit Wasser anfeuchtend.

»Ei, wo ist unser Propst? He?«

»Der Propst, Freund Nikolaurus, ist futsch. Gestern haben sie ihn
weggeschafft.«

»Was heißt das -- ›futsch‹, mein Herr? Wir müssen ihn freibekommen!«

»Liebster, ich hab' die ganze Nacht darüber gegrübelt, aber ich kriege
nichts raus.«

»Das ist es eben. Einen Stein ins Wasser werfen kann jeder, -- aber ihn
zurückbekommen?«

Und Nikolai Afanasjewitsch wackelte auf seinen knarrenden Stiefelchen
in das Zimmer der Pröpstin, hielt sich hier einen Augenblick auf und
bat dann den Diakon, ihn zu begleiten. Beide begaben sich erst zum
Polizeichef und nachher zum Richter. Mit beiden hatte der Zwerg eine
lange Beratung, aber weder der eine noch der andere konnte ihm etwas
Tröstliches sagen.

»Das einzige, was ich tun kann,« sagte plötzlich der Richter, »ist, an
den Staatsanwalt in der Gouvernementsstadt zu schreiben. Er ist ein
Studiengenosse von mir und wird sicher gern bereit sein, irgend etwas
für den Propst zu tun.«

Der Vorschlag fand lebhaften Beifall beim Polizeichef. Nikolai
Afanasjewitsch dachte anders darüber, hielt es aber für unangebracht,
zu widersprechen.

Nun fragte sich's, wie man den Brief an seine Adresse gelangen ließ?
Die nächste Post ging erst in zwei Tagen, eine Estafette schien beiden
Beamten zu pomphaft, zudem konnte die Postmeisterin, die Freundin
Termosesows, den alle nach den von Achilla gemachten Angaben für den
eigentlichen Denunzianten hielten, diesem Ehrenmann mit derselben
Estafette Nachricht geben.

Als er von dieser Schwierigkeit vernahm, erklärte der Diakon, er würde
schon alles regeln; wenn der Brief nur fertig sei, setze er seinen Kopf
zum Pfande, daß er sich morgen in den Händen des Adressaten befinde.

Abends, als es schon dunkelte, erschien vor dem Hause des Vaters
Zacharia ein riesiger schwarzer Reiter, klopfte sacht ans Fenster und
rief den »sanften Popen« beim Namen.

Zacharia öffnete das Fenster und fragte, als er den Reiter erblickte:

»Bist du es, der da als Schreckgespenst kommt?«

»Pst ... Ruhe und Schweigen tun not!« antwortete der Reiter
geheimnisvoll und suchte sein ungeduldiges Roß durch kräftigen
Schenkeldruck ruhig zu halten.

Zacharia sah sich nach allen Seiten um -- Straße und Ufer waren
menschenleer -- und flüsterte:

»Wohin willst du und was beabsichtigst du?«

»Ich kann Euch nichts mitteilen, denn ich habe mein Wort gegeben,«
antwortete der Reiter mit derselben geheimnisvollen Miene wie vorhin.
»Ich bitte Euch nur, sucht mich morgen nicht und fragt nicht nach dem
Zweck meines Ritts ... Doch, ob ich auch mein Wort gegeben, ich will's
Euch allegorisch sagen:

    Nordwärts zieht's den Kosaken hin
    Und nicht nach Ruhe steht sein Sinn,

in der Mütze aber hab' ich

    Ein Schreiben an den Zaren Peter
    Über den Hetman, den Verräter ...

Habt Ihr verstanden?«

»Nichts hab' ich verstanden.«

»So muß es auch bei einer richtigen Allegorie sein.«

Der Reiter schlug sich mit der Faust gegen die Brust und sagte:

»Das eine sollt Ihr noch wissen, Vater Zacharia, daß der Reiter kein
Kosak ist, sondern der Diakon Achilla, und daß mein Herz die Kränkung
nicht dulden mag, mein Verstand aber kein Mittel findet, ihm zu helfen.«

Nach diesen Worten ließ der Diakon seinem Pferde die Zügel fahren,
drückte es mit den Knien zusammen und ritt nicht, sondern flog davon,
so daß seine Locken, die langen Enden und weiten Ärmel seiner Kutte,
der Schweif und die Mähne des Pferdes wild flatternd vom dunkelblauen
Hintergrund des nächtlichen Himmels abstachen.



Zweites Kapitel.


Nikolai Afanasjewitsch hatte mit Recht nicht viel von dem Brief
erwartet, mit dem der Diakon davongeritten war. Achilla blieb eine
ganze Woche fort, und als er gesenkten Hauptes auf mattem Pferde
heimkam, berichtete er, daß er mit seinem Briefe nichts ausgerichtet
habe und auch nichts habe ausrichten können.

»Warum denn das?« fragte man ihn.

»Sehr einfach! Weil der Vater Sawelij selbst zu mir sagte: ›Laß ab,
mein Lieber, wir Geistlichen haben keinen, der sich unser annimmt.
Bitte alle, daß sie mir den Gefallen tun, sich nicht für mich zu
verwenden.‹«

Und der Diakon wollte darüber weiter gar nicht reden.

Viel lieber erzählte Achilla, wie er den Propst angetroffen und was
dieser in der einen Woche erlebt hatte.

»Der Bischof«, so berichtete er, »ist gar nicht so böse auf ihn, ja
eigentlich überhaupt nicht erzürnt, er hat ihn bloß aus Politik der
Marter überantwortet, um es mit der weltlichen Obrigkeit nicht zu
verderben. Deswegen allein wurde der Vater Sawelij in die Stadt geholt.
Jawohl! Und der Vater Sawelij könnte die ganze Schuld von sich abwälzen
und zu uns zurückkommen, denn der Bischof hält es insgeheim mit ihm ...
Jawohl! Gleich am nächsten Tage wurde ihm eine geheime Mitteilung vom
Bischof, daß er zum Herrn Gouverneur gehen solle und um Entschuldigung
bitten ... Jawohl! Aber der Vater Sawelij hat in seiner Hartnäckigkeit
sehr schroff darauf geantwortet: ›Ich bin mir keiner Schuld bewußt,
kann also auch nicht um Vergebung bitten!‹ Dadurch hat er nun auch den
Bischof aufgebracht. Jawohl! Aber auch jetzt war der Zorn nicht groß,
denn den Beschluß des Konsistoriums, eine Untersuchung wegen jener
Predigt einzuleiten, hat er mit einem großen blauen ~X~ durchstrichen
und alle Gemüter im stillen beruhigt, indem er den Vater Sawelij dem
niedern Klerus am Bischofshofe zuzählen ließ. Jawohl!«

»Und Vater Sawelij dient jetzt?« fragte Zacharia.

»Jawohl! Er liest die Hora und die Parömie, aber seinen Sinn ändert er
nicht, und auf die politische Frage der Eminenz: ›Worin hast du dich
vergangen?‹ -- antwortete er noch politischer, als hätte er die Frage
nicht verstanden: ›In diesem Leibrock, hohe Eminenz!‹ -- und hat sich
dadurch nur geschadet. Jawohl!«

»A--a--ach!« rief Zacharia und schüttelte verzweifelt den kleinen Kopf,
sich die Ohren mit den Händchen zuhaltend.

»Er hat sich bei einem Gendarmenwachtmeister in der Klostervorstadt ein
gelbes Stübchen für zweiundeinenhalben Silberrubel monatlich gemietet
und läuft jeden Morgen mit seinem Krug an den Fluß hinunter nach
Wasser. Aber Gesicht und Gestalt sind sehr spitz geworden, und er läßt
Euch sagen, Natalia Nikolajewna, Ihr möchtet recht bald zu ihm kommen.«

»Morgen noch reise ich hin,« antwortete die Pröpstin weinend.

»So, das wären sämtliche Neuigkeiten. Der Staatsanwalt aber, dem ich
den Brief brachte, sagte nur: ›Die ganze Sache geht mich gar nichts
an, ihr habt eure eigene Obrigkeit.‹ Er hat mir auch keinen Brief
mitgegeben, sondern nur schön grüßen lassen. Nehmen Sie also, bitte,
hiermit seinen Gruß entgegen, wenn Ihnen was dran liegt. Und noch einen
Gruß an Sie alle habe ich, vom Herrn Termosesow. Ich traf ihn in der
Stadt; er kam in einem feinen Wagen vorbeigefahren und rief, wie er
mich sah: ›Warte mal ein wenig hier vor dem Tor, Diakon, ich bring dir
gleich etwas. Eure Postmeisterin nebst Töchtern hat mir bei meiner
Abreise ihr Stammbuch aufgehalst. Ich sollte ihr da ein paar Verse
hineinschreiben. Ich hab's versehentlich mitgenommen, und nun weiß ich
nicht, wie ich's ihr zurückschicken soll. Sei so gut und nimm's mit!‹
Ich denke mir: Hol dich dieser und jener! Gib her, sag' ich, um ihn
loszuwerden. Hier ist es!«

Der Diakon holte aus der Tasche seines Leibrocks ein dünnes Büchlein
mit bunten Blättern und las vor:

    »Auf das letzte Blatt Papier
    Schreibe ich der Zeilen vier,
    Voller Ehrfurcht, meine Damen ...
    Wohl bekomm's in Teufels Namen!

Damit bezeugt er Euch seine Ehrfurcht, -- nehmt sie also hin als den
Lohn, der Euch gebührt.«

Und Achilla warf das Album mit der Ehrfurchtsbezeigung Termosesows auf
den Tisch und begab sich in den Pferdestall, um sich dort nach den
Reisestrapazen auszuschlafen.

Am Tage darauf reiste Natalia Nikolajewna zu ihrem Gatten, und der
Diakon blieb allein in dem Hause des Verbannten zurück.



Drittes Kapitel.


Ein Tag verging wie der andere. Die Stadt unterhielt sich mit
Neuigkeiten, die mit unserer Geschichte nichts zu tun haben. Tuberozow
blieb in Acht und Bann und seine Freunde schienen sich vollständig
damit beruhigt zu haben, daß »hier nichts zu machen« wäre. Die Feinde
des Propstes zeigten sich etwas besser als die Freunde: wenigstens
einige von ihnen hatten ihn nicht vergessen. Für ihn setzte sich zum
Beispiel die feine Frau Postmeisterin ein, die Termosesow die ihr
angetane schwere Beleidigung nicht vergessen konnte und noch weniger
geneigt war, der Gesellschaft ihre Schadenfreude zu verzeihen. Sie
wollte ihr vielmehr zeigen, daß sie allein feinfühliger, klüger,
weitsichtiger, ja auch ehrlicher sei, als sie alle.

Dazu bot sich ihr nun eine Gelegenheit, die sie wiederum sehr fein
und boshaft auszunutzen wußte. Sie beschloß, die Gesellschaft durch
unerhörten Glanz zu blenden und ihre Autorität in den Augen der biedern
Stargoroder auf eine bisher nie dagewesene Höhe zu heben.

Etwa sechs Werst von der Stadt entfernt hatte eine Petersburger Dame,
Frau Mordokonaki, ihren Sommeraufenthalt auf einem wunderschönen
Landgut. Der alte Mann dieser jungen und sehr hübschen Frau hatte, als
er noch Branntweinpächter war, bei einer der Postmeisterstöchter Pate
gestanden. Das schien nun der Frau Postmeisterin eine völlig genügende
Veranlassung, die junge Gattin des alten Mordokonaki zum Namenstag des
Patenkindes ihres Mannes einzuladen, und bei der Gelegenheit wollte
sie die Bitte aussprechen, die bekannte Philantropin und Freundin der
Kirche möge sich doch des verfolgten Tuberozow annehmen.

Das war nicht übel ausgedacht. Die junge und fabelhaft reiche
»Wohltäterin« hatte Einfluß in der Residenz und genoß bei den
Gewalthabern im Gouvernement hohe Achtung. Jedenfalls hätte sie, wenn
sie wollte, für den gemaßregelten Propst mehr tun können, als sonst
jemand. Ob sie es aber wollte? Darum eben sollte die ganze Gesellschaft
sie bitten.

Die Dame langweilte sich in ihrer Einsamkeit und nahm daher die
Einladung der Postmeisterin dankend an. Die giftige Frau Postmeisterin
triumphierte. Sie zweifelte nun nicht mehr, daß sie die Honoratioren
der Stadt durch ihr unerwartetes Eintreten für den alten Tuberozow
verblüffen werde, und daß infolgedessen alle sich notgedrungen ihr
anschließen würden, gleichsam als Chorus, als zweite Garnitur.

Die Postmeisterin schwelgte in solcherlei süßen Träumen, -- bis endlich
der Tag ihrer Erfüllung gekommen war.



Viertes Kapitel.


Die Hausfrau begrüßte die Gäste und war glückselig, als sie merkte, daß
keiner sich mit ernsten Gedanken trug, daß das Schicksal des verbannten
Priesters längst niemanden mehr beschäftigte.

Die Gäste waren sämtlich in fröhlichster Stimmung. Als erster erschien
der »Kreiskommandant«, Invalidenhauptmann Powerdownia, ein rothaariger
Offizier mit großen runden Augen, der sich vom Proviantschreiber
hinaufgedient hatte.

Die große, üppige Madame Mordokonaki überstrahlte die ganze
Gesellschaft und alles wirkte neben ihr matt und unbedeutend. Sogar
Daria Biziukina schien ganz klein geworden. Die Hausfrau floß über von
Schmeichelreden, führte dem Gast die interessantesten Leute zu und bat
den Hauptmann Powerdownia und den Lehrer Warnawa Prepotenskij, die
Dame aufs beste zu unterhalten. Leute, die sich zur Unterhaltung mit
der Petersburgerin nicht eigneten, wurden beiseite geschafft, wie der
Bürgermeister, welcher die Gewohnheit hatte, im Gespräch oftmals die
Redensart anzuwenden: »Da spuck mir einer ins Maul«, sowie ein alter
Major, der im Kaukasus gedient und die Veranlassung zur Entstehung des
schönen Vergleichs gegeben hatte: »Dumm wie ein kaukasischer Major«,
und schließlich der Diakon Achilla. Diese drei Personen waren sehr
glücklich in einer kühlen Kammer untergebracht, wo die Weine und
kalten Speisen bereitstanden. Sie waren über ihre Verbannung keineswegs
betrübt. Ganz ungeniert und in nächster Nähe der Speisen führten
sie äußerst lebhafte Gespräche und philosophierten sogar. Der Major
wollte wissen, »woher die Frechheit komme«, und erklärte sie daraus,
daß die Menschen heutzutage sehr verwöhnt seien -- was er durch eine
ganze Menge von Argumenten zu beweisen suchte. Achilla aber wollte so
viele Gründe nicht gelten lassen und sagte, die Frechheit hätte zwei
Ursachen: »den Zorn und noch häufiger den Wein.«

Der Major dachte nach und meinte dann, es gebe allerdings eine
Frechheit, die vom Wein komme.

»Glauben Sie mir, es ist so,« meinte der Diakon und leerte ein großes
Glas Likör. »Ich kann mich selbst als Beispiel anführen. Im Dusel bin
ich ein sehr netter Kerl, denn ich werde weder wild, noch habe ich böse
Gedanken; aber, meine lieben Freunde, ich prahle im Dusel nur zu gerne.
Bei Gott! Und nicht, daß ich irgendeine Absicht damit verfolge, nein,
es ist, als ob meine Natur es verlangte.«

Der Bürgermeister und der Major lachten.

»Wahrhaftig!« fuhr der Diakon fort. »Ich fange zum Beispiel an zu
erzählen, die Gemeinde habe sich an den Bischof gewandt mit der Bitte,
mich zum Pfarrer zu ordinieren, was ich selber nicht mal wünsche;
oder ein andermal behaupte ich, die Kaufmannschaft des Gouvernements
petitioniere um meine Ernennung zum Protodiakon; oder ...« Der Diakon
sah sich ängstlich um und fuhr dann im Flüstertone fort: »Einmal
platzte ich heraus, ich wäre in jungen Jahren mit der Tochter des
Konsistorialsekretärs verlobt gewesen! Also, ich sag' Ihnen, ich hätte
mich am liebsten umgebracht, als man mir später von dieser meiner
bodenlosen Frechheit erzählte.«

»Wenn der Sekretär das erfahren hätte, hätte es schlimm werden können,«
bemerkte der Major.

»Und wie schlimm! Ganz scheußlich!« bestätigte der Diakon und kippte
noch ein Gläschen.

»Na, wenn wir schon mal davon reden, will ich Ihnen noch etwas
erzählen.« Und seine Stimme noch mehr dämpfend, fuhr er fort: »Ich bin
durch diese meine Flunkerei einmal schon in eine so üble Lage gekommen,
daß ich aufs Haar einer öffentlichen Exekution unterworfen worden wäre.
Haben Sie nichts davon gehört?«

»Nein, absolut nichts.«

»Es war eine ganz böse Sache. Man hätte mich einfach henken können --
auf Grund des ersten Paragraphen im Gesetz!«

»Unmöglich!« rief der Major, ganz aufgeregt.

»Warum unmöglich? Es hätte ganz leicht geschehen können, wenn ein guter
Mensch mich nicht gerettet hätte.«

»So erzählt uns doch die Geschichte, Vater Diakon!«

»Ja, sofort, ich will nur noch erst ein Schnäpschen nehmen.«

Achilla leerte noch ein Gläschen und begann den Bericht über sein
Verbrechen gegen den ersten Gesetzesparagraphen.



Fünftes Kapitel.


»Das kam alles daher,« fing der Diakon an, »daß ich vor Ostern nach
der Gouvernementsstadt fuhr -- mit zwei Pferden. Eins war meines
und das andere gehörte dem Subdiakon Serioga. Wir hatten sie beide
vor einen Wagen gespannt. Serioga wollte seine Kinder aus der Stadt
abholen, und was ich da zu suchen hatte, das mag der Teufel wissen.
Ich wollte wohl ein paar gute Bekannte wiedersehen. Als wir nun vor
die Stadt kamen, sahen wir, daß die Brücke fort war und eine Fähre
die Leute hinüberschaffte. Am Ufer herrschte ein fürchterliches
Gedränge; Kopf an Kopf standen die Menschen da; im Zollhäuschen aber
hatte ein Soldat einen Branntweinausschank. Na, da die Reihe an uns
noch nicht so bald kommen konnte, gingen wir hinein und tranken ein
jeder zwei Gläschen, uns zu erwärmen. Auch hier war alles voll von
Leuten: Mönche und Fuhrleute und Soldaten und Beamte -- das sind die
allerschlimmsten -- und auch einige Amtsbrüder. Es fanden sich auch
ein paar Bekannte aus unserer Gegend, und so mußte man, anläßlich des
frohen Wiedersehens, gleich noch zwei Gläschen kippen. Ein Schreiber,
ein ungeheuer freches Maul, fing an, uns aufzuziehen. Ich sagte ihm:
›Geh hin, wo du hergekommen bist. Du gehörst nicht zu uns.‹ Darauf er:
›Ich bin ein Offizier meines Kaisers!‹ Und ich: ›Ich selbst bin so
gut wie ein Stabsoffizier, mein Bester!‹ -- ›Stabsoffizier‹, sagt er
drauf, ›ist der Pope, du bist aber sein Untergebener.‹ Da sage ich,
vor dem Throne Gottes stünde ich allerdings unter dem Popen meinem
Amte nach, in der Politik aber seien wir beide gleich. Da ging der
Streit los. Ich wurde immer hitziger, infolge der vielen Gläschen,
und rief schließlich: ›Du Tintenseele, was verstehst denn du davon?
Du kannst doch die Heilige Schrift gar nicht verstehen, denn du hast
keine Gedärme im Kopf. Sag doch mal, hat je ein Pope auf dem Zarenthron
gesessen?‹ ›Nein,‹ sagt er. ›Na also! Ein Diakon aber ist Zar gewesen
und hat die Krone auf dem Haupt getragen!‹ -- ›Wer war denn das?‹ fragt
er. ›Wann ist das gewesen?‹ -- ›Ja, wann? Ich bin kein Arithmetikus und
hab' die Jahreszahlen nicht alle im Kopf, aber nimm mal ein Buch zur
Hand und lies nach, was Grigorij Otrepiew war, bevor er als Demetrius
Zar wurde, dann wirst du sehen, was ein Diakon wert ist.‹ -- ›Nu ja,‹
sagt er, ›das war Otrepiew, aber du, du bist eben kein Otrepiew!‹ --
Besoffen, wie ich bin, platz ich auf einmal los: ›Woher kannst du denn
das wissen? Vielleicht bin ich noch viel mehr? Der sah dem Demetrius
ähnlich, und ich habe vielleicht ein Gesicht wie irgendein Franziskus
Venezianus oder ein Mahmud und werde auch König!‹ Kaum hatt' ich das
gesagt, meine Lieben, so erhebt dieser verfluchte Federfuchser ein
Geschrei, ruft Zeugen auf, bringt die Sache zu Papier. Man packte
mich, band mich, setzte mich in einen Wagen, gab mir einen Polizisten
mit und schaffte mich in die Stadt. Na und dann -- Gott schenke ihm
Gesundheit und langes Leben und nach dem Tode die ewige Seligkeit --
dem Gendarmenoberst Albert Kasimirowitsch, der damals an der Spitze
der Geheimpolizei stand! Am Morgen ließ er mich zu sich kommen, rief
seine Frau herbei und sagte: ›Da, sieh mal, Herzchen, so sieht ein
Thronprätendent aus.‹ Und dann lachte er mich noch tüchtig aus und
ließ mich laufen. ›Geh nur, Vater Mahmud,‹ sagte er, ›und in Zukunft
zähle die Gläser, die du leerst.‹ Gott schenke ihm ein langes Leben!«
wiederholte der Diakon noch einmal und hob sein Glas. »Ich will auch
heut noch auf sein Wohl trinken!«

»Da seid Ihr noch glücklich aus der Klemme gekommen,« sagte der Major
langsam.

»Und ob! Ich sag's ja: der Pole ist ein guter Kerl. Der Pole liebt die
Regierung nicht, und wo es gegen sie geht, ist er immer nachsichtig.«

Gegen Mitternacht wurde die Unterhaltung der drei Einsiedler
unterbrochen; denn die Stunde war gekommen, in der auch sie sich der
Gesellschaft anschließen durften: man bat sie zu Tische.



Sechstes Kapitel.


Das Fest sollte jetzt seinen Höhepunkt erreichen.

Kaum hatten alle Platz genommen, so sprang auch schon der Hauptmann
Powerdownia wieder auf und apostrophierte die Petersburger Dame
folgendermaßen:

    »Die uns gesandt ein gütiger Himmel,
    Du Holde, Schöne!
    Dich grüßen aus dem irdischen Gewimmel
    Meiner Leier Töne!
    Steig hernieder zu uns aus des Äthers Bläue
    Und laß dich's nicht verdrießen
    Von dieses Festes Gaben zu genießen,
    Die wir dir spenden in Begeisterung und Treue!«

Die Aristokratin aus dem Geschlecht der Branntweinpächter hörte dem
Dichter mit lieblichem Erröten zu und empfing aus seinen Händen ein
Blättchen, auf dem, nicht ganz orthographisch, aber mit kunstreichen
Schnörkeln, das Gedicht verewigt war.

Die Hausfrau war entzückt, aber die Gäste waren sowohl über das
Gedicht, als auch über die Wahl des Augenblicks für seinen Vortrag sehr
verschiedener Meinung.

Doch wie dem auch sei, die ganze Gesellschaft wurde ungemein lustig,
was der Postmeisterin gar nicht recht paßte. Man redete so laut und
lebhaft durcheinander, daß es der Hausfrau unmöglich wurde, eine etwa
eintretende Pause zu benutzen, um an den verbannten Propst zu erinnern.
Die Petersburgerin schien sich übrigens sehr gut zu unterhalten. Sie
wisse gar nicht, meinte sie zur Postmeisterin, wie sie ihr danken solle
für das Vergnügen, das ihre Gäste ihr verschafft, und wenn ihr etwas
leid tue, so sei es nur der Umstand, den Diakon und den Hauptmann
Powerdownia erst so spät kennen gelernt zu haben. Als Powerdownia
dieses Urteil hörte, sprang er auf und machte der Dame eine tiefe
Verbeugung. Auch der Diakon nahm das Lob nicht gleichgültig hin: er gab
Prepotenskij einen Rippenstoß und sagte:

»Siehst du wohl, du Schafskopf, wie hoch man uns schätzt! Von dir sagt
keiner was.«

»Selber Schafskopf!« erwiderte der geärgerte Lehrer ebenso leise.

Powerdownia sann einen Augenblick nach, dann packte er den Diakon fest
am Arm, stand mit ihm zusammen auf und sagte in beider Namen:

    »Wir wollen heilig dein Gedächtnis ehren,
    Und sollten Jahre vorübergehen.
    O lichter Geist, laß dich erflehen:
    Woll unserer Bitte Erhörung gewähren!«

Hierauf setzten sie sich wieder unter donnerndem Applaus.

»Siehst du wohl? Und du weißt wieder nichts zu sagen,« wandte sich
Achilla vorwurfsvoll an den Lehrer. Powerdownia aber war schon wieder
aufgesprungen und redete die Hausfrau also an:

    »Du bist genannt Matrona
    Und aller Frauen Krona!
        Hurra!«

»O dieser Hauptmann! Er ist die Seele der Gesellschaft,« meinte die
Postmeisterin geschmeichelt.

»Und du bringst immer noch nichts fertig,« ließ der Diakon dem Warnawa
keine Ruhe.

»Wollen wir alle Verse deklamieren!«

»Ja, alle! Der Polizeichef muß anfangen!«

»Warum nicht? Ich will's gerne versuchen!« sagte der Polizeichef. »Ganz
ungeniert: wer nichts weiß, braucht nicht mitzumachen.«

»Anfangen! Fix, Herr Rittmeister! Was soll das? Anfangen!«

Der Rittmeister Porochontzew stand auf, hob sein Glas bis zur Höhe
seines Gesichtes, sah durch den Wein gegen das Licht und fing an:

    »Als der Despot entsagte seinem Thron,
    Um so durch abgefeimte Lügen
    Sein Opfer, Rußland, in den Schlaf zu wiegen,
    Und es alsdann noch schlimmer zu bedrohn, --
    Da ließ die Freiheit ihre Stimm' erschallen,
    Und hätte Rußland drauf gehört,
    Ihm wär' ein neuer Tag beschert,
    Die Fesseln wären abgefallen.
    Doch gleich dem Diebe, den der Morgen schreckt,
    Hast schmählich du dich vor dem Freund versteckt!
    Der rief: Der Juden Greueltaten,
    Der schnöde Abfall der Uniaten,
    Und alle Sünden der Sarmaten, --
    Es komme alles auf mein Haupt,
    Ich trag' es ohne viel Bedenken,
    Könnt' ich dem Volk der Russen wieder schenken
    Die Freiheit, die man ihm geraubt!
                Hurra!«

»Alle tragen etwas vor, nur du nicht,« fing der Diakon, sich an
Prepotenskij wendend, wieder an.

»Nein, Freundchen, sag was du willst, -- wenn du trinkst und nichts
vorzutragen weißt, dann bist du kein Mensch, sondern bloß eine Bütte
voll Wein.«

»Laßt mich mit Eurer Bütte in Frieden! Ihr seid selbst eine!«
antwortete der Lehrer.

»Wa--a--as?!« schrie Achilla gekränkt. »Ich eine Bütte? Und das wagst
du mir ins Gesicht zu sagen! Ich eine Bütte?«

»Ja, natürlich!«

»Wa--a--as?!«

»Ihr könnt ja selber nichts vortragen!«

»Ich nichts vortragen? O du dreifacher Dummkopf! Wenn ich bloß will, so
trage ich dir so etwas vor, daß du aufspringen und mir stehend zuhören
mußt!«

»Na, versucht es doch mal!«

»Gleich werd ich's auch, damit du dich überzeugst, daß ich tatsächlich
auch den Oberkiefer bewegen kann!«

Mit diesen Worten erhob sich Achilla, sah die ganze Gesellschaft mit
weitaufgerissenen Augen an, richtete den Blick schließlich starr auf
ein Salzfaß, das in der Mitte des Tisches stand, und fing mit seinem
tiefen weichen Baß an:

    »Ein geru--u--u--hig und friedli--i--i--ch Leben,
    Gesu--u--undheit und Wo--o--ohlergehen ... und heilsa--a--ames
    Wirken und Scha--a--a--ffen ... und Sieg über die Feinde ...«
    usw. usw.

Achillas Stimme griff immer höher, Stirne, Kinnbacken, Schläfe, die
ganze obere Hälfte seines breiten Gesichtes waren mit Schweiß bedeckt
und glühten in feurigem Rot; die Augen krochen aus ihren Höhlen, auf
den Wangen und an den Mundwinkeln zeigten sich weiße Flecke, der Mund
war weit aufgerissen wie eine Trompete und mit Dröhnen und Krachen
entstieg ihm das »Heil und Segen«, das alle unbelebten Wesen im Hause
erzittern machte und die Lebendigen zwang, sich von den Plätzen zu
erheben und, ohne die erstaunten Augen von dem geöffneten Munde des
Diakons zu wenden, gleich nachdem der letzte Ton verklungen, im Chor
einzufallen: »Heil und Segen! Heil und Se--e--egen!«

Warnawa allein wollte bei seiner Beschäftigung bleiben und gemächlich
weiteressen, aber Achilla riß ihn mit Gewalt in die Höhe und sang, ihn
fest am Arm haltend: »Heil und Se--e--e--gen! Heil und Se--e--e--egen!«

Der Bürgermeister gab seinem Nachbar eine blaue Fünfrubelnote, die er
dem Diakon weitergeben sollte.

»Was heißt denn das?« fragte Achilla.

»Der ganzen Verwaltung. Sing noch ›der ganzen Verwaltung und dem
christlichen Heer‹,« bat der Bürgermeister.

Der Diakon steckte die Note in die Tasche und stimmte nochmals an:

»Und der ganzen Verwaltung und dem chri--i--istlichen Hee--e--e--ere
Heil und Se--e--e--gen!«

Hier übertraf Achilla sich selbst, und als er schloß, wagten nur noch
der Vater Zacharia, der an die Stimme des Diakons gewöhnt war, und der
Bürgermeister einzufallen: alle übrigen Gäste waren auf ihre Stühle
gesunken und hielten sich an den Lehnen, dem Tisch oder ihren Nachbarn
fest.

Der Diakon war höchst befriedigt.

»Sie haben einen wunderbaren Baß,« sagte die Petersburger Dame, die
zuerst wieder zu sich gekommen war.

»Ach Gott, es war ja nicht deswegen, ich wollte nur zeigen, daß ich
kein Feigling bin und sehr gut etwas vortragen kann.«

»Schau, schau, wer ist denn hier feige?« mischte sich Zacharia ins
Gespräch.

»Vor allem Ihr selber, Vater Zacharia! Ihr könnt ja nicht mal mit den
Vorgesetzten richtig sprechen: Ihr fangt gleich an zu stottern.«

»Das ist wahr,« bestätigte Zacharia, »ich komme leicht ins Stottern,
wenn ich mit einem Vorgesetzten rede. Aber du? Du hast gar keinen
Respekt vor Höherstehenden?«

»Ich? Mir ist's ganz gleich, ob ich mit dem Bischof selber oder mit
einem einfachen Manne rede! Der Bischof sagt zu mir: ›So und so, mein
Bester,‹ -- und ich antworte ihm gerade so: ›Ganz recht, so und so,
Eure Eminenz!‹ Weiter nichts.«

»Ist das wahr, Vater Zacharia?« fragte der Arzt, der dem Diakon gern
etwas am Zeuge flicken wollte.

»Er flunkert,« sagte Benefaktow mit der größten Seelenruhe, ohne seine
sanften Augen vom Diakon zu wenden.

»Er knickt auch vor dem Bischof zusammen?«

»Allerdings.«

»Nie und nimmer! So was kommt bei mir nicht vor!« rief der Diakon,
sich in die Brust werfend. »Wie wäre das auch möglich? Wollte ich
mich um alle kümmern, ich wüßte nicht, wo ich hin sollte. Was hat
denn der Bischof so viel zu bedeuten, wenn ich jetzt Tag für Tag von
einer Person beobachtet werde, die viel mehr zu sagen hat, als so ein
Bischof!«

»Du meinst wohl mich?« sagte der Arzt.

»Wie sollte ich denn darauf kommen? Nein, dich meine ich nicht.«

»Wen denn sonst?«

»Hast du die neuesten Zeitungen gelesen?«

»Was hat denn drin gestanden?« fragte die Petersburger Dame, die sich
wie ein Kind amüsierte.

»Auf Befehl des Oberhofpredigers Baschanow ist der kaiserliche
Kirchenmusikdirektor auf Reisen geschickt worden, um in ganz Rußland
Bässe für die Hofkapelle Seiner Majestät anzuwerben. Er steht im Range
eines Generals und hat eine Unmenge Orden. Der Bischof ist nichts neben
ihm, denn bei Seiner Majestät ist ja schon der Kutscher, der auf dem
Bock sitzt, Oberst. Na, also dieser Musikmeister reist nun unerkannt,
als ganz einfacher Mann gekleidet, damit die Bässe sich in seiner
Gegenwart nicht absichtlich anstrengen, denn er will wissen, was sie
für gewöhnlich zu leisten imstande sind.«

Der Diakon wußte nicht, was er weiter sagen sollte, aber der Arzt ließ
nicht locker.

»Nun, und was weiter?«

»Was weiter? Der Herr Musikdirektor befindet sich jetzt schon vier
Wochen hier in der Stadt. Merkst du was? Ich sehe ihn jeden Sonntag in
seinem blauen Rock unter den Kleinbürgern in der Kirche stehen. Er ist
meinetwegen da, aber wie verhalte ich mich dazu? Ein anderer würde sich
rein die Beine ausreißen, um dem kaiserlichen Abgesandten zu gefallen,
würde ihn zu sich einladen, ihm Schnaps und Tee vorsetzen, -- nicht
wahr? Aber ich tue nichts dergleichen. Mag er zehnmal kaiserlicher
Musikus sein, mir ist's ganz wurst! Ich halte mich ans Gesetz. Du hast
mir nach dem Gesetz zu handeln, mein Lieber, und magst du das nicht,
dann adieu! Glückliche Heimreise!«

»Das ist natürlich alles Schwindel?« wandte sich der Arzt an Zacharia.

»Schwindel,« erwiderte dieser seelenruhig. »Er hat ein wenig über den
Durst getrunken, da hören wir bis morgen kein wahres Wort mehr. Er wird
jetzt ohne Ende phantasieren und großtun.«

Achilla war trotzdem gekränkt. Es schien ihm, als glaubte man jetzt
auch nicht mehr, daß er kein Feigling sei; was ihm unerträglich war.
Daher fing er wieder von seiner Tapferkeit an zu sprechen und wollte
sofort auf die schwerste Probe gestellt sein.

»Ich will allen beweisen, daß ich hier der Tapferste bin, und ich werde
es!«

»Prahlt lieber nicht damit, Vater Diakon,« sagte der Major. »Manchmal
wird auch der Tapferste von Angst gepackt, und der Feigling leistet,
was keiner von ihm erwartet hätte.«

»Da pfeif' ich drauf! Los!«

»Ja, was soll denn eigentlich losgehen? Ich will Euch lieber ein
Beispiel vorführen.«

»Auch gut! Nur immer zu!«



Siebentes Kapitel.


»Als ich aus dem Kaukasus nach Rußland zurückversetzt wurde,« fing der
Major an, »hatten wir einen Oberst, der ein urfideler Herr und ein
ausgezeichneter Soldat war. Er besaß sogar einen goldenen Ehrensäbel.
Unter ihm machte ich anno Achtundvierzig den ungarischen Feldzug mit.
In einer Nacht mußten damals Freiwillige vorgeschickt werden, als
wir gerade beim Wein saßen. Der Oberst fragte: ›Wieviel haben sich
denn gemeldet?‹ ›Hundertzehn,‹ antwortet der Adjutant. ›Oho!‹ meinte
der Oberst und legte die Karten hin, denn man hatte sich eben ans
Preferance gemacht. ›Das ist ein bißchen viel. Sind gar keine Hasenfüße
drunter?‹ -- ›Nein,‹ erwiderte der Adjutant. ›Na,‹ meint der Oberst,
›trommeln Sie mal die Kerls zusammen.‹ Das geschieht. ›Nun,‹ fängt der
Oberst an, ›machen wir mal die Probe. Wer ist der Tapferste? Wer gilt
als Obmann?‹ Man nennt ihm irgendeinen Iwanow oder Sergejew. ›Schafft
ihn mir her! Bist du der Obmann?‹ -- ›Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren!‹
-- ›Bist du nicht feige?‹ -- ›Nein, Euer Hochwohlgeboren!‹ -- ›Nicht
ein bißchen?‹ -- ›Ganz und gar nicht, Euer Hochwohlgeboren!‹ --
›Wirklich nicht?‹ -- ›Nein.‹ -- ›Nun, wenn du nicht feige bist, so
zupf' mich am Bart!‹ Der Soldat steht da und rührt sich nicht und
wagt's nicht. Man ruft einen zweiten, -- dieselbe Geschichte! Einen
dritten, vierten, fünften, zehnten -- keiner wagt's. Alle erwiesen sie
sich als Feiglinge.«

»Ach, hol ihn dieser und jener! Das war ein Spaß!« rief Achilla
hocherfreut. »Wenn du nicht feige bist, ei, so zupf' mich am Bart!
Ha--ha--ha! Das ist famos! Hauptmann, alter Freund, laß dich mal vom
Lehrer Warnawa am Bart zupfen!«

»Mit Vergnügen,« sagte der Hauptmann.

Prepotenskij weigerte sich, aber da fing man so bösartig über seine
Feigheit zu spotten an, daß er ja sagen mußte.

Achilla stellte einen Stuhl in die Mitte des Zimmers, der Hauptmann
Powerdownia setzte sich drauf und stemmte die Arme in die Hüften.

Um ihn herum standen der Polizeichef, Zacharia, der Bürgermeister und
der Major.

Der Lehrer pustete, krümmte und schüttelte sich, schlug bald die Augen
schüchtern nieder und riß sie bald weit auf, machte einen Schritt
vorwärts und trat wieder zurück.

»Also du bist doch ein Feigling,« sagte Achilla, »aber denke mal nach,
Schafskopf: wovor fürchtest du dich denn eigentlich? Es ist ja zum
Lachen!«

Warnawa dachte nach, wurde aber davon nur noch schwächer. Powerdownia
jedoch saß da wie ein Götzenbild, fühlte sich als »Seele der
Gesellschaft« und freute sich über die neue Überraschung, die er im
Schilde führte.

»Du bist ein Feigling, mein Bester, ein ganz elender Feigling!«
flüsterte Achilla dem Lehrer ins Ohr.

»Das geht doch nicht, die Gäste warten,« bemerkte der Major.

Prepotenskij zeigte mit dem Finger auf den Polizeichef und sagte: »Ich
will lieber Woin Wasiljewitsch am Bart zupfen.«

»Nein, mich sollst du zupfen,« erklärte der Hauptmann mit sehr ernstem
Gesicht.

»Feigling, Feigling,« flüstert es wieder von allen Seiten. Warnawa hört
es, kalter Schweiß läuft ihm übers Gesicht, es kribbelt ihn am ganzen
Körper; die Angst packt ihn, wie eine unerträgliche, lähmende, quälende
Krankheit, sein Ausdruck bekommt etwas Starres, Schreckliches.

Achilla, der ihn genau beobachtete, hatte das zuerst bemerkt. Als
er die Augen des Lehrers aufflammen sah, gab er dem Polizeichef ein
Zeichen, etwas zur Seite zu treten, den Vater Zacharia aber nahm er
ganz einfach beim Ärmel, zog ihn zurück und sagte:

»Steht nicht so dicht bei ihm, Vater Zacharia. Seht Ihr nicht? Er
träumt!«

Warnawa tat einen Schritt vorwärts. Noch einen zweiten. Die zitternde
Hand des Feiglings gerät in Bewegung, sie hebt sich langsam, bewegt
sich vorwärts, -- aber nicht nach dem Barte des Hauptmanns, sondern
geradewegs nach dem Gesichte des Polizeichefs.

»Der Teufel mag wissen, was in dem Kerl vorgeht!« rief Achilla und
winkte dem Polizeichef noch einmal zu. Geh lieber fort, sollte das
heißen, siehst du nicht, daß der Mann von Sinnen ist?

In diesem selben Augenblick jedoch hatte Prepotenskij, die Augen
zugekniffen, ganz von ferne den Schnurrbart Powerdownias gestreift:
sofort stieß der Hauptmann ein grimmiges Knurren aus und fing dann an
laut zu bellen.

Das war dem armen Warnawa zu viel. Er schrie wild auf, stürzte sich wie
ein Panther auf den Polizeichef und schlug sinnlos um sich.

Hierauf war niemand gefaßt. Der Effekt war großartig. Die umgestürzte
Lampe, das aufflammende Petroleum, die wild flüchtenden Gäste, das
Entsetzen des Polizeichefs, das Geheul Warnawas, der in einem Winkel
sich mit wütenden Schlägen vor dem Gespenst, das ihn packen wollte, zu
schützen suchte, alles machte eine Fortsetzung des Festes unmöglich.

Die Petersburger Dame verabschiedete sich, und Prepotenskij, der alle
Ein- und Ausgänge im Hause des Postmeisters sehr gut kannte, benutzte
diesen Augenblick, um in den Korridor und ins Bureau zu schlüpfen, wo
er sich hinter einen Schrank verkroch ...



Achtes Kapitel.


Die Frau Postmeisterin hatte ihre Nachtjacke angezogen und ging erregt
in ihrem Zimmer auf und nieder. Ihre Gedanken beschäftigten sich
unablässig mit der einen Frage: Wer war an dem gräßlichen Vorfall
schuld? Wer hatte diesen Spaß angezettelt?

»Der Spaß war ja an sich nicht mal so übel,« dachte sie, »aber wer
hat den Prepotenskij eingeladen? Nein, auch das ist nicht so wichtig
... aber wer hat mich mit ihm bekannt gemacht? Wer denn anders, als
mein Herr Gemahl! Eines Tages kam er: ›Hier, bitte, stelle ich dir
Warnawa Wasiljewitsch vor!‹ Na warte nur, ich will dir den Warnawa
Wasiljewitsch schon eintränken ... Aber wo ist denn mein Mann?«
fragte sie sich und sah sich im Zimmer um. »Schläft er schon? Er kann
schlafen, nachdem so etwas geschehen! ... Nein, das geht nicht,«
erklärte die Postmeisterin kategorisch und stürzte ungeduldig in den
Saal, wo ihr Gatte zu schlafen pflegte, wenn er wegen irgendwelcher
Familienzwistigkeiten aus dem ehelichen Schlafgemach verbannt wurde.
Aber zu ihrer nicht geringen Verwunderung fand die Dame ihren Gatten
hier nicht.

»Aha, er versteckt sich vor mir. Er liegt jetzt auf dem Sofa im Bureau
und schnarcht ... Ich will dich schnarchen lehren.«

Und die Frau Postmeisterin begab sich nach dem Bureau.

Ihre Vermutung war richtig: der Postmeister schlief tatsächlich im
Bureau, aber darin irrte sie, daß sie ihn auf dem Sofa zu finden
meinte. In Wirklichkeit lag er auf dem Tische. Auf dem Sofa aber
schlief Prepotenskij, der nach allem, was vorgefallen war, nicht
nach Hause zu gehen wagte, weil er fürchtete, Achilla könnte ihm an
irgendeiner Straßenecke auflauern. Deshalb hatte er den Postmeister
um Erlaubnis gebeten, seiner Sicherheit wegen im Hause übernachten
zu dürfen. Der Postmeister war um so lieber damit einverstanden, als
er die Erregung seiner Frau sehr wohl bemerkt hatte und es auch ihm
vorteilhaft erschien, unter diesen Umständen noch jemand in seiner Nähe
zu haben. Darum stellte er dem Lehrer das Sofa im Bureau zur Verfügung
und machte es sich selbst auf dem großen Tisch bequem, an dem sonst die
Briefe sortiert wurden.

Die Tür aus dem Korridor in das Bureau, in dem beide schliefen, war
geschlossen. Das brachte die energische Dame erst recht auf, denn nach
ihrem Hausgesetz durfte keine einzige Innentür ohne ihre Genehmigung
geschlossen werden, und im Bureau fühlte sie sich ebenso als Herrin,
wie in ihrem Schlafgemach!

Die Postmeisterin kochte vor Wut. Sie griff noch einmal nach der Tür,
sie ging nicht auf. Wohl knackte der Haken, aber er saß fest. Und dabei
hörte sie drinnen ganz deutlich zwei Menschen atmen. Zwei! Man male
sich das Entsetzen der Ehefrau bei dieser plötzlichen Entdeckung aus!

In ihren geheiligten Rechten als Gattin und Herrin des Hauses gekränkt,
rannte sie wieder durch den Korridor zurück, stürzte in die Küche,
geradewegs auf den Tisch los. Wühlte lange im Dunkeln in der Schublade
herum, in der es von Schwaben wimmelte, bis sie endlich gefunden hatte,
was sie brauchte: Ein Messer!

Die ungeheure Spannung, die diese Zeile entfesselt, zwingt uns, hier
haltzumachen, um dem Leser Zeit zu geben, sich auf das Fürchterliche
vorzubereiten, das nun kommen soll.



Neuntes Kapitel.


Vor Erregung am ganzen Leibe zitternd, das riesige Küchenmesser in
der Hand, den rechten Ärmel der Nachtjacke hinaufgeschoben, ging die
Postmeisterin direkt auf die Tür zum Bureau los und legte das Ohr noch
einmal an den Spalt. Es war kein Zweifel möglich: das unselige Paar
lag im süßesten Schlaf; man hörte ganz deutlich, wie das eine stärkere
Wesen tiefe Kehllaute von sich gab, während das andere, zartere, sich
auf ein ganz sanftes Pfeifen beschränkte.

Die Postmeisterin steckte das Messer in den Türspalt, schob den Haken
zurück und die leichte Tür ging mit leisem Knarren auf.

Es war noch früh am Morgen, kaum hoben sich die Fenster durch
ihr mattes Grau von der Finsternis ab, doch das geübte Auge der
Postmeisterin erkannte sowohl den Tisch mit der Postwage, als auch den
zweiten langen Tisch in der Ecke und das Sofa.

Mit der linken Hand sich an der Wand entlang tastend, bewegte sich
die zürnende Dame direkt auf das Sofa zu und erreichte ohne besondere
Schwierigkeiten den Schnarcher, der mit tief herabhängendem Kopfe ganz
am Rande lag. Er hatte nichts gehört, und als die Postmeisterin vor ihn
hintrat, schien er sogar mit ganz besonderem Eifer und Genuß in den
lieblichsten Säuseltönen zu schwelgen, als ob er ahnte, daß die Sache
bald ein Ende haben werde und daß es ihm heute nicht mehr vergönnt
sein werde, sich diesem Vergnügen hinzugeben.

So kam es denn auch.

Noch war der Schläfer mit seiner letzten Fioritur nicht ganz fertig,
als die Linke der Frau Postmeisterin ihn kräftig an den Haaren emporriß
und die Rechte, nachdem sie das Messer fallen gelassen, ihm eine
schallende Ohrfeige verabfolgte.

»Mmmm ... Warum denn? Warum?« brummte der Erwachende, aber statt einer
Antwort erhielt er eine zweite Ohrfeige, dann eine dritte, eine fünfte,
zehnte, eine immer kräftiger und dröhnender als die andere.

»Au, au, au,« schrie er und versuchte vergeblich, den aus der
Finsternis auf ihn herabhagelnden Backpfeifen auszuweichen, bis diese
plötzlich durch ein weniger lautes, aber nicht minder schmerzhaftes
Zausen und Schütteln ersetzt wurden.

»Herzchen! Was tust du denn, Herzchen! Das bin ja gar nicht ich! Das
ist doch Warnawa Wasiljewitsch!« kam vom Tische her die Stimme des
aufgeschreckten Postmeisters.

Die Postmeisterin hielt verblüfft ein, ließ die Mähne Warnawas los,
schrie laut auf: »Was machst du mit mir, du Ungeheuer!« -- und stürzte
sich auf ihren Gatten.

»Ja, ja, das bin ich,« hörte Warnawa den Postmeister rufen, und ohne
etwas zu begreifen -- außer der Notwendigkeit, sich eiligst aus dem
Staube zu machen -- sprang er vom Sofa auf und rannte, wie er war, in
Unterhosen und Strümpfen, durch die glücklich gefundene Tür auf die
Straße hinaus.

Er war gründlich verdroschen worden, und als er sich das Gesicht mit
dem Ärmel wischte, bemerkte er, daß seine Nase blutete.

In demselben Augenblick ging die Tür leise auf und seine Kleider fielen
vor ihm hin. Er bückte sich, um sie aufzuheben, als eine Minute später
auch die Stiefel über den Zaun geflogen kamen.

Warnawa setzte sich auf den Boden und zog die Stiefel an, fuhr, so gut
es ging, in Hosen und Rock und trottete nach Hause.

Eine Woche darauf verließ der Lehrer Prepotenskij mit einem
Urlaubschein und einigen wenigen Spargroschen in der Tasche die Stadt.
Die Ursache dieser plötzlichen Flucht war und blieb für alle ein ewiges
Geheimnis.



Zehntes Kapitel.


An demselben Tage, wo es in Stargorod so lustig herging, spielte sich
weit draußen in dem gelben Stübchen des verbannten Propstes eine Szene
anderer Art ab. Natalia Nikolajewna bereitete sich zum Sterben.

Gewissenhaft und sparsam, wie sie war, hatte die Pröpstin während der
ganzen Zeit ihres Aufenthaltes bei ihrem gemaßregelten Gatten sich ohne
Bedienung beholfen und allerlei Arbeit auf sich genommen, an die sie
nicht gewohnt war und die ihre Kräfte weit überstieg. Als sie bei dem
letzten Fünfundzwanzigrubelschein in ihrer Schachtel angelangt war,
erschrak sie, daß sie bald ganz ohne Geld sein würde, und beschloß,
ihren Hauswirt, den Gendarm, zu bitten, ihnen die Miete zu stunden, bis
der Propst wieder begnadigt sei. Der Gendarm ging darauf ein, Natalia
Nikolajewna aber hielt das vor ihrem Gatten streng geheim und suchte
auf jede Weise das Geld beim Hauswirt abzuverdienen: sie grub mit
seiner Magd Kartoffeln, hackte Kohl und spülte ihre Wäsche selbst im
Fluß.

Jedoch das war zu viel für ihre Jahre und ihre schwache Gesundheit. Sie
erkrankte und mußte das Bett hüten.

Der Propst machte ihr Vorwürfe wegen ihrer übergroßen Sorgsamkeit.

»Du glaubst, du hilfst mir,« sagte er, »aber als ich hörte, was du
getan hast, verdoppelte das meine Qualen.«

»Vergib,« flüsterte Natalia Nikolajewna.

»Was heißt: vergib? Vergib du mir,« antwortete der Propst und faßte
ihre Hand, die er leidenschaftlich küßte. »Ich habe dich mit meiner
starren Unbotmäßigkeit so weit gebracht, aber wenn du willst ... sage
nur ein Wort und ich gehe und demütige mich dir zuliebe.«

»Was fällt dir ein? Nie werde ich dieses Wort sagen! Soll ich deine
Lehrmeisterin sein, der du alles weißt und alles zum Rechten wendest?«

»Um meiner Ehre willen +muß+ ich dieses tragen, Liebste.«

»Und Gott möge dir helfen, an mich aber sollst du nicht denken.«

Der Propst küßte noch einmal die Hände seiner Frau und ging an sein
Tagewerk, Natalia Nikolajewna aber wickelte sich in ihre Decke und
schlief ein. Und da sah sie im Traum den Diakon Achilla, der zu ihr
ins Zimmer trat und sprach: »Warum betet Ihr denn nicht, daß der
Vater Sawelij sein Leid leichter trage?« -- »Wie denn?« fragt Natalia
Nikolajewna, »lehre mich, wie ich zu beten habe.« -- »Nun,« antwortet
Achilla, »Ihr sollt bloß sagen: Herr, hilf uns auf den Wegen, die du
kennst.« -- »Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst,« wiederholte
Natalia Nikolajewna andächtig, und plötzlich war ihr, als nähme der
Diakon sie auf seine Arme und trüge sie in das Allerheiligste, --
der Raum war unendlich groß: Säule reihte sich an Säule, und der
Altar reckte sich bis zum Himmel empor und flammte in tausend hellen
Lichtern; hinter ihnen aber, von wo sie gekommen waren, schien alles
winzig klein, so klein, daß sie gelacht hätte, wenn es sie nicht
beunruhigt hätte, daß sie doch ein Weib sei, das Allerheiligste also
gar nicht betreten dürfe. »Bist du bei Sinnen, Diakon!« sagte sie zu
Achilla, »man wird dich deines Amtes entsetzen, wenn man erfährt, daß
du eine Frau ins Allerheiligste getragen hast.« Er aber erwiderte:
»Ihr seid keine Frau, sondern eine +Kraft+!« Und mit einem Male war
Achilla und das Allerheiligste und der Altar und die Lichter -- alles,
alles verschwunden, und Natalia Nikolajewna schlief nicht mehr, sondern
wunderte sich nur, warum alles um sie herum immer noch so klein aussah:
der Samowar da drüben war gar kein richtiger Samowar, sondern ein
Spielzeug, und die Teekanne darauf war nur eine Eierschale ...

In diesem Augenblick kam Tuberozow aus dem Kloster zurück und fing an,
freundlich zu ihr zu sprechen, sie aber wehrte mit beiden Händen ab.

»Still,« sagte sie, »still: ich muß ja bald sterben.«

Der Propst blickte sie ganz erstaunt an.

»Was fällt dir ein, Natascha? Gott behüte uns in Gnaden!«

»Nein, Liebster, ich muß sterben. Ich lebe nur noch halb.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Wer mir's gesagt hat? Ich sehe alles nur halb.«

Der Arzt kam, fühlte den Puls, besah die Zunge und sagte: »Nichts
Besonderes, Erkältung und Übermüdung.«

Tuberozow wollte ihm sagen, daß die Kranke alles nur halb sehe, aber er
genierte sich.

»Du hast sehr recht getan, es ihm nicht zu sagen,« meinte Natalia
Nikolajewna, als er es ihr erzählte.

»Siehst du wirklich alle Gegenstände nur halb?«

»Ja! Ist das droben am Himmel der Mond?«

»Freilich ist es der Mond, der auf uns zwei Alte durchs Fenster
herabschaut!«

»Und mir erscheint er wie ein Fischauge.«

»Das kommt dir nur so vor, Natascha.«

»Nein, es ist wirklich so, Vater Sawelij.«

Um seine Frau von ihrem Irrtum zu überzeugen, nahm Tuberozow den
verhängnisvollen Fünfundzwanzigrubelschein aus der Schachtel und zeigte
ihn ihr.

»Nun sag mal, was ist das?«

»Zwölf und ein halber Rubel,« erwiderte Natalia Nikolajewna sanft.

Tuberozow erschrak. Das war ihm unbegreiflich. Natalia Nikolajewna aber
faßte lächelnd seine Hand und flüsterte, indem sie die Augen schloß:

»Du scherzest und ich scherze auch. Ich habe wohl gesehen, daß das
unser Schein war. Aber alles sieht winzig klein aus. Doch sobald ich
die Augen zumache, seh' ich alles groß, riesengroß. Alle wachsen: du
und Nikolai Afanasjewitsch, unser Freund, und der liebe Diakon Achilla,
und Vater Zacharia ... Mir ist so wohl, so wohl, weckt mich nicht.«

Und Natalia Nikolajewna entschlief für immer.



Fünftes Buch.



Erstes Kapitel.


Nicht nur den Zwerg Nikolai Afanasjewitsch erschütterte die
schauerliche Ruhe des Gesichtsausdrucks und der wackelnde Kopf
Tuberozows, der langsam durch den tiefen Schlamm der ungepflasterten
Straßen hinter dem Sarge seiner entschlafenen Gattin herging, sondern
in dem großen und stummen Schmerz tiefangelegter Menschen liegt
unzweifelhaft eine unwiderstehliche Kraft, die von allen empfunden
wird und bei kleinen Naturen, welche gewohnt sind, ihr Weh in lauten
Seufzern und Geschrei ausströmen zu lassen, Angst und Grauen erweckt.
Das fühlte jetzt jeder, der irgend etwas mit dem verwaisten Greise
zu tun gehabt hatte, dessen treue Gefährtin dahingegangen war. Als
die Erdschollen an den Sargdeckel schlugen und der in den Bann getane
Priester sich umwandte, um von dem hohen Erdhaufen herabzusteigen,
traten alle Umstehenden zurück und gaben ihm den Weg frei, den er
nun auch ganz allein mit entblößtem Haupte durch den ganzen Friedhof
entlang schritt.

Am Tor blieb er stehen, betete vor dem Heiligenbild der Kapelle, setzte
seinen Hut auf und wandte sich noch einmal um. Erstaunt trat er zurück.
Vor ihm stand der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch, der von der Grabstätte
an in einer Entfernung von zwei Schritt hinter ihm hergegangen war.

Etwas wie Freude zuckte über das Gesicht des Propstes. Es tat ihm
augenscheinlich wohl, seinem »alten Märchen« in einem so trüben
Augenblick zu begegnen. Er wandte sich seitwärts den schwarzen Feldern
zu, auf denen noch kümmerlich und frierend die Wintersaat sproßte, und
aus seinen Augen fiel eine schwere Träne, einsam und schnell, wie ein
Tropfen Quecksilber, und verlor sich in seinem grauen Barte, gleich
einem im Walde verirrten Waisenkind.

Der Zwerg bemerkte diese Träne. Er wußte, was sie bedeutete und schlug
still ein Kreuz. Sie machte Sawelijs vom Übermaß des Schmerzes beengte
Brust leicht. Er holte tief Atem, und als der Zwerg ihn aufforderte, in
seinen Wagen zu steigen, erwiderte er:

»Ja, Nikolascha, es ist gut, ich will mit dir fahren.«

Schweigend fuhren sie dahin, bis der Wagen vor dem Häuschen des
Gendarmen in der Klostervorstadt hielt. Tuberozow drückte dem Zwerg
stumm die Hand und ging in seine Wohnung.

Nikolai Afanasjewitsch folgte ihm nicht. Er empfand, daß Tuberozow
jetzt allein sein wollte. Erst am Abend besuchte er den Witwer, und
nachdem er eine Zeitlang dagesessen hatte, bat er um Tee unter dem
Vorwande, daß ihn friere; in Wirklichkeit wollte er Sawelij von seinem
Schmerz ablenken und das Gespräch auf den eigentlichen Zweck seines
Besuchs bringen. Der Plan gelang vollkommen, und als Tuberozow den
dampfenden Samowar hineingetragen hatte, die Tassen aus dem Schrank
holte und sich anschickte, den Tee zu bereiten, begann der Zwerg
leise zu erzählen, was sich in all der Zeit in Stargorod zugetragen.
Schritt für Schritt ging er vorwärts, ließ einen Tag nach dem andern
vorüberziehen, bis zu dem Augenblick, wo er hier am Teetisch saß. In
diesem Bericht war natürlich sehr viel die Rede von der Betrübnis der
Städter über das Mißgeschick des Propstes, den man so sehr vermißte und
ganz zu verlieren fürchtete.

Der Propst, der dem Zwerg anfangs ernst und ruhig, beinahe teilnahmlos
zugehört hatte, wurde aufmerksamer, als die Rede auf das Verhalten
der Gemeinde seiner Maßregelung gegenüber kam. Und als der Zwerg,
nachdem er sich erst umgesehen hatte, mit gedämpfter Stimme zu erzählen
fortfuhr, sie hätten im Namen der ganzen Gemeinde ein Gesuch aufgesetzt
und unterzeichnet, und er, Nikolai Afanasjewitsch, hätte es von Achilla
empfangen und auf seiner Brust verborgen, da zuckte die Unterlippe des
Alten krampfhaft und er sagte:

»Ein braves Volk. Ich danke.«

»Ja, es ist brav, unser Volk, sogar sehr brav, aber es weiß noch nicht
recht, wie es eine Sache anfangen soll.«

»Finsternis, Finsternis über dem Abgrund ... doch über allem schwebt
der Geist des Herrn,« sagte der Propst, seufzte tief und bat um das
Papier, von dem der Zwerg gesprochen hatte.

»Wozu braucht Ihr es denn, Vater Propst, dieses Papier?« fragte der
Zwerg schlau lächelnd. »Morgen wird es dem überreicht, an den es
gerichtet ist --«

»Gib es mir, ich will es besehen.«

Der Zwerg knöpfte seinen Rock auf, um seinen Brustbeutel herauszuholen,
schien sich aber plötzlich auf etwas zu besinnen.

»Nun, so gib doch her,« bat Sawelij.

»Aber werdet Ihr ... werdet Ihr es nicht zerreißen, Vater Propst?«

»Nein,« sagte Tuberozow fest, und als der Kleine ihm das Blatt
hinreichte, das mit winzigen und riesengroßen, deutlichen und ganz
unleserlichen Unterschriften bedeckt war, murmelte Sawelij andächtig:

»Zerreißen? Dieses kostbare Dokument zerreißen? Nein, nein! Mit ihm ins
Gefängnis; mit ihm ans Kreuz! In den Sarg sollt ihr es mir legen!«

Und zum nicht geringen Entsetzen des Zwerges rollte er das Blatt
schnell zusammen und verbarg es auf seiner Brust unter dem Leibrock.

»Aber, Vater Propst, das soll doch eingereicht werden!«

»Nein, das soll es nicht!«

Ihm das Papier jetzt fortzunehmen, war unmöglich. Man konnte sicher
sein, daß er sich eher von seinem Leben, als von diesem Blatt mit den
kostbaren Krakelfüßen seiner Gemeinde trennen würde.

Dies sah der Zwerg ein und versuchte vorsichtig, sich dem Gedankengang
Sawelijs anzupassen. Er fing an davon zu reden, wie bedeutungsvoll und
erfreulich dieses Eintreten der Gemeinde für ihren Pfarrer sei, und
wies weiter darauf hin, daß der Wille der Gemeinde für jeden Einzelnen
bindend und heilig sein müsse.

»Sie weinen und wehklagen jetzt, Vater Propst, daß sie Euch nicht mehr
sehen sollen.«

»Das ist nicht zu ändern,« sagte der Propst seufzend. »Meine Tage sind
ohnedies schon gezählt.«

»Aber ich, Vater Propst? Wie steh' ich da? Was hat die Gemeinde mir
anvertraut und womit kehr' ich zu ihr zurück?«

Tuberozow stand auf, durchschritt ein paarmal sein enges Zimmerchen,
blieb in der Ecke vor dem Heiligenbilde stehen, zog das Blatt wieder
hervor, küßte es noch einmal und reichte es dann dem Zwerg mit den
Worten:

»Du hast recht, mein lieber Freund, tu, wie die Gemeinde dir befohlen.«



Zweites Kapitel.


Nikolai Afanasjewitsch hatte viel Mühe, um seinen Auftrag auszuführen,
aber er war ebenso unermüdlich wie geschickt. Dieser kleine Abgesandte
der großen Gemeinde kannte weder Ermattung noch Überstürzung. Wie eine
Klette hängte er sich an alle, die ihm förderlich sein konnten, und
ließ sie nicht los. Den Propst besuchte er allabendlich, doch erzählte
er ihm nichts von seinen Bemühungen, und Sawelij selbst dachte nicht
daran, ihn zu fragen. Inzwischen rückte aber die Sache so gut vorwärts,
daß am neunten Tage nach dem Tode Natalia Nikolajewnas, als der Propst
vom Friedhof gekommen war, der Zwerg zu ihm sagen konnte:

»Nun, lieber Vater Propst, macht Euch zur Heimreise fertig. Man entläßt
Euch.«

»Der Wille des Herrn sei über mir,« erwiderte Tuberozow gleichgültig.

»Man verlangt nur eines von Euch, Ihr sollt Euch schriftlich
verpflichten, dieses hinfort nicht mehr zu tun.«

»Gut; ich will's nicht mehr tun ... werde es nicht tun ... ich bin
schwach und zu nichts mehr zu brauchen.«

»Wollt Ihr Eure Unterschrift geben?«

»Ja ... ich will ... ich bin bereit.«

»Und dann bittet man noch ... Ihr sollt Euch schuldig bekennen und um
Verzeihung bitten.«

»Schuldig? Wessen beschuldigt man mich?«

»Des Übermuts. Das heißt -- sie nennen es so: Übermut.«

»Übermut? Ich war nie übermütig und habe stets auch andere, soviel ich
vermochte, davon zurückgehalten. Ich kann mich also nicht einer Sünde
schuldig bekennen, die ich nicht begangen habe.«

»Aber sie nennen es so.«

»So sage ich ihnen, daß ich mir keines Übermuts bewußt bin.«

Tuberozow blieb stehen, hob den Zeigefinger der rechten Hand in die
Höhe und rief:

»Der Prophet ward nicht übermütig genannt, da er für den Herrn eiferte.
Geh hin und sage ihnen: der Priester, den ihr in den Bann getan, läßt
euch melden, daß der Eifer des Herrn ihn getrieben, und daß er, wie er
als Eiferer geboren, so auch sterben werde. Und jetzt will ich kein
Wort von Vergebung mehr hören.«

Mit dieser kategorischen Antwort mußte der Fürsprecher sich entfernen,
und wieder lief er von Tür zu Tür, bat, flehte, drohte sogar mit dem
menschlichen und göttlichen Gericht, aber alles war vergeblich.

Der Zwerg wurde krank und mußte sich zu Bett legen; die Unmöglichkeit,
die Sache zum Austrag zu bringen, die er auf sich genommen, hatte die
Kraft und die Geduld des eigenartigen Anwalts gebrochen.

Nun tauschten die beiden Alten ihre Rollen, und wie bisher Nikolai
Afanasjewitsch den Propst täglich besucht hatte, so wanderte jetzt
Sawelij, wenn er die vorgeschriebene Menge Holz gesägt und die Vesper
im Kloster mit angehört hatte, nach dem großen Plodomasowschen Hause,
wo der Kranke in einem kleinen Hinterstübchen lag.

Der arme Zwerg tat dem Propst unsagbar leid, er fühlte alle seine
Schmerzen mit ihm und sagte seufzend:

»Das hatte noch gefehlt, daß du um meinetwillen leiden mußtest.«

»Ach, Vater Propst, was redet Ihr von mir altem Hasen? Wozu bin ich
denn überhaupt noch auf der Welt? Denkt lieber an Euch, und an ihn,
an Euren Hohepriester! Er +bittet+ Euch doch, daß Ihr Euch demütigt!
Tröstet ihn, gebt nach, bittet um Vergebung.«

»Ich kann nicht, Nikolai, ich kann nicht.«

»Demütigt Euch.«

»Ich demütige mich vor der Gewalt, aber was höher ist als die irdische
Gewalt, das hat mehr Macht über mich ... Ich stehe unter dem Gesetz.
Sirach hat es uns zur Pflicht gemacht, für die Ehre unseres Namens
Sorge zu tragen, und der Apostel Paulus protestierte gegen die
Mißachtung seiner Bürgerrechte; ich habe nicht das Recht, mich zu
erniedrigen um einer Abbitte willen.«

Der Zwerg gab alle Hoffnung auf und begann, sich zur Heimreise
nach Stargorod zu rüsten. Sawelij widersetzte sich dem nicht; im
Gegenteil, er riet ihm selbst, schneller abzureisen und gab ihm
keinerlei Aufträge, was er daheim sagen oder antworten sollte. Bis
zum letzten Augenblick, als er den Zwerg aus der Stadt hinaus bis zum
Zollschlagbaum begleitete, bestand er auf seinem Willen und kehrte
ruhig in die Stadt und auf den Klosterhof zurück, um sein Holz zu sägen.

Der Kummer des Zwerges war grenzenlos. Er hatte ganz anders gehofft
heimzukehren, und seine Gedanken umkreisten unablässig denselben
Gegenstand. Plötzlich jedoch kam ihm Erleuchtung -- ein einfacher,
klarer, rettender, glänzender Gedanke, wie sie dem Menschen nur selten
kommen und fast immer so unverhofft, als würden sie ihm von oben
gesandt.

Etwa zehn Werst weit war der Zwerg gefahren, als er dem Kutscher
befahl, wieder nach der Stadt zurückzukehren. Sofort begab er sich
zu Sawelijs Vorgesetzten und bat flehentlich, man möge dem Propst
+befehlen+, Abbitte zu tun.

Da man des halsstarrigen alten Mannes lange überdrüssig war, erfüllte
man seinen Wunsch ohne weiteres. Er erschien daher wieder bei Tuberozow
und erklärte:

»Nun, stolzer Vater Propst, Ihr wolltet Euch nicht bestimmen lassen, --
jetzt habt Ihr's so weit gebracht, daß Ihr Euch der Strenge fügen müßt.
Ich bin beauftragt, Euch mitzuteilen, daß die Obrigkeit Euch kraft der
ihr zukommenden Gewalt befiehlt, Abbitte zu tun.«

»Wo soll ich denn den Kniefall tun: hier, oder auf dem Marktplatz, oder
in der Kirche?« fragte Tuberozow trocken. »Mir ist es gleich. Was man
mir befiehlt, muß ich tun.«

Der Zwerg antwortete, daß kein Mensch eine derartige Demütigung von ihm
verlange; er habe schriftlich Abbitte zu leisten.

Sofort setzte sich Tuberozow hin und schrieb das Gewünschte nieder. Als
Überschrift wählte er die Worte: »Befohlenes ergebenstes Gesuch.«

Der Zwerg bemerkte, daß das Wort »befohlen« hier ganz unpassend sei,
jedoch Sawelij wies ihn energisch zurück:

»Ich hoffe, man hat dich nicht noch beauftragt, mir Unterricht in der
Logik zu erteilen. Ich habe genug davon im Seminar gelernt. Du sagtest,
es würde mir befohlen, und also schreibe ich auch ›befohlenes Gesuch‹.«

Die Sache endete damit, daß man den Vater Sawelij, um ihn endlich
einmal los zu sein, ziehen ließ, weil aber sein ergebenstes Gesuch
zugleich als »befohlenes« bezeichnet worden war, so erfolgte darauf der
Bescheid, daß der Propst noch ein halbes Jahr lang keine Amtshandlungen
ausüben dürfe.

Sawelij nahm das sehr kühl auf, dankte allen, denen er Dank zu schulden
glaubte, und reiste mit dem Zwerge nach Stargorod. Die lange, qualvolle
Verbannung war vorüber.



Drittes Kapitel.


Unterwegs redeten sie nicht viel, und immer nur war es der Zwerg,
welcher anfing. Er wollte den Propst, der stumm mit den in alten
Wildlederhandschuhen über den Knien gefalteten Händen dasaß, zerstreuen
und erheitern. Nikolai Afanasjewitsch fing bald von diesem, bald von
jenem an, Tuberozow jedoch schwieg oder gab nur ganz kurze Antworten.
Der Kleine erzählte, wie die Gemeinde um den Propst geklagt und geweint
hätte, wie die Postmeisterin ihren Mann verprügeln wollte und statt
dessen den Lehrer verprügelt hätte, wie dieser, von der Biziukina
verfolgt, aus der Stadt geflohen sei, aber der Alte schwieg und schwieg.

Nikolai Afanasjewitsch sprach von Tuberozows Hause: es werde baufällig
und müsse repariert werden.

Seufzend meinte der Propst:

»Für mich ist das alles nur Staub, und es ekelt mich, daß ich mein Herz
daran hängen konnte.«

Der Zwerg fing von Achilla an, der immer einen Zeitvertreib zu finden
wisse: jetzt habe er z. B. ein Hündchen zu sich ins Haus genommen, das
er noch blind am Flußufer ausgesetzt gefunden, und triebe immer neuen
Spaß mit ihm.

»Mag er doch, wenn es ihm Vergnügen macht,« sagte der Propst leise.

Nikolai Afanasjewitsch fuhr lebhafter fort:

»Ja, und es passieren ganz seltsame Geschichten mit diesem Hündchen,
Vater Propst. Er hat diesen Hund, wie schon seine früheren, lachen
gelehrt, und wenn er zu ihm sagt: ›Lache, mein Hündchen‹ -- dann zeigt
es gleich die Zähnchen. Nun machte ihm aber der Gedanke Sorge, wie er
das Tierchen nennen sollte.«

»Als ob es dem Vieh nicht ganz gleichgültig sei, wie man es nennt,«
sagte der Propst scheinbar gelangweilt.

Aber der Zwerg hatte schon gemerkt, daß sein Gefährte den Geschichten
vom Diakon Achilla mehr Teilnahme entgegenbrachte als seinen sonstigen
Reden, und fuhr deshalb fort:

»Man sollte es meinen. Aber dem Vater Diakon ist es nicht gleichgültig.
Er ist nun mal so ein Charakter: hat er sich was in den Kopf gesetzt,
dann hat er auch keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. ›Ich habe‹, sagt
er, ›dies Hündlein bei einer besondern Gelegenheit in sehr erregter
Stimmung heimgebracht, und ich will, daß es zur Erinnerung an diesen
Tag auch einen besondern Namen habe, einen Namen, wie er sonst nicht
vorkommt.‹«

Der Propst lächelte.

»So kam Vater Achilla eines Tages zu mir nach Plodomasowo geritten,
hielt auf seinem Rosse vor meinem und meines Schwesterleins Fenstern
an und rief mit Donnerstimme: ›Nikolascha! Heda, Nikolascha!‹ Ich
dachte: ›Herrgott, was ist denn da passiert?‹ schaute zum Fenster
hinaus und fragte: ›Ist am Ende dem Vater Sawelij noch etwas Schlimmes
widerfahren, Vater Diakon?‹ -- ›Nein,‹ entgegnete er, ›nichts
dergleichen, aber ich habe ein wichtiges Anliegen an dich, Nikolascha.
Ich muß dich um Rat fragen.‹ -- ›Um was handelt sich's denn?‹ rief ich
hinunter. ›Macht schnell, wertester Herr, denn mir wird's kalt, wenn
ich so lange am offenen Fenster stehe. Ich vertrage das nicht.‹ --
›Du hast dich‹, sagte er, ›von klein auf in herrschaftlichen Häusern
umgetan und mußt alle Hundenamen wissen.‹ -- ›Da verlangt Ihr zu viel,‹
sagte ich. ›Ein jeder nennt seinen Hund so, wie's ihm paßt.‹ -- ›Na
also,‹ schrie er zurück, ›dann leg mal los!‹ -- Ich antwortete, der
Name richte sich doch meistens nach der Rasse. Die Windspiele nenne man
›Mylord‹, unsere einfachen Hunde ›Barbos‹, die englischen ›Fanny‹, die
kurländischen ›Charlotte‹ ... ›Aber‹, unterbrach mich der Vater Diakon,
›du sollst mir einen Namen nennen, der sonst nirgends vorkommt. Du mußt
einen solchen wissen!‹ ›Herrgott, wie beruhige ich den Menschen nur?‹
dachte ich.«

»Nun, und was hast du schließlich gemacht?« fragte Tuberozow neugierig.

»Ich fror derart am offenen Fenster, daß ich, nur um ihn schneller
loszuwerden, meinte: ›Ich kenne noch einen Hundenamen, werter Herr,
aber ich habe nicht den Mut, ihn Euch zu sagen.‹ -- ›Tut nichts,‹
schrie er, ›sag ihn ruhig!‹ -- ›Ich kannte einen Herrn, dessen Hund
hieß Wiesie.‹ Vater Achilla machte ein ganz verdutztes Gesicht. ›Was
ist das für Unsinn, du bist wohl verrückt geworden?‹ -- ›Nein,‹ sagte
ich, ›verrückt bin ich nicht, ich weiß nur ganz genau, daß in Moskau
ein Fürst einen Hund hatte, der hieß Wiesie.‹ Achilla Andrejewitsch
geriet nun in fürchterliche Wut, gab seinem Pferd die Sporen, ritt
hart an die Mauer heran und schrie: ›Wie darfst du alter schamloser
Kerl solche Dinge reden? Weißt du nicht, daß ich einen christlichen
Namen trage und daß ich ein Diener des Altars bin?‹ Mit Müh und Not
konnte ich ihn beruhigen, Vater Propst, und ihm erklären, was es mit
dem Wiesie für eine Bewandtnis hatte. Darauf schwang er sich auf sein
Pferd, holte das Hündchen aus seinem Pelz, wo er es verborgen gehalten
hatte, heraus und rief: ›Guten Tag, Wiesiechen!‹ Und sprengte fröhlich
von dannen.«

»Das große Kind!« sagte Sawelij lächelnd.

»Ja, er muß immer spaßen.«

»Tadele ihn nicht. Das Kind muß sein Spielzeug haben, damit es nicht
weint. Er hat eine schwere Last zu tragen. Rundherum liegt alles in
tiefstem Schlaf und in ihm brennen tausend Leben.«

»Sehr richtig. Ich kann mir auch gar nicht denken, wie er einmal
sterben wird.«

»Ich auch nicht,« meinte der Propst lächelnd. »Er ist die verkörperte
Verneinung des Todes. Was aber wurde weiter aus dem Wiesie?«

»Ja, was meint Ihr wohl? Seinetwegen gab es noch Zank und Streit ohne
Ende. Es konnte ja auch gar nicht anders sein. Der Vater Diakon hatte
sich nämlich folgendes angewöhnt: Wenn er besonders große Sehnsucht
nach Euch bekam, nahm er sein Wiesiechen auf den Arm und begab sich
zur Poststation. Dort setzte er sich vor die Tür und wartete. Kaum
zeigte sich nun ein vornehmer Reisender oder eine Dame, so sagte er
gleich: ›Lache, mein Hündchen!‹ Und das kleine Vieh lachte. Das machte
den Reisenden Spaß und sie fragten: ›Wie heißt denn das Hündchen, Herr
Pfarrer?‹ Er antwortete: ›Ich bin kein Pfarrer, sondern bloß Diakon,
meinen Pfarrer haben die Hunde gefressen.‹ ›Wie heißt denn aber das
Hündchen?‹ fragten sie erneut. ›Das Hündchen, das heißt Wiesie.‹ Auf
diese Weise geriet er mit allen in Streit. ›Ich will sie so alle ins
Gesicht Hunde nennen,‹ sagte er, ›und der Friedensrichter kann mir doch
nichts anhaben.‹ So nimmt er Rache für Euch, Vater Sawelij; aber was er
eigentlich damit erreicht, das bedenkt er gar nicht. Dem Vater Zacharia
ist es seinetwegen schon einmal schlimm ergangen: der Propst sah den
Hund bei ihm und fragte, wie er hieße. ›Er heißt Wiesie, Hochwürden‹ --
sagte Zacharia und zog sich einen ernsten Verweis zu.«

Sawelij lachte Tränen. »Dieser ehrliche Zacharia ist köstlich. Ein
Gefäß Gottes und ein Beter, wie ich keinen zweiten gesehen. Ich sehne
mich, ihn wieder zu umarmen.«

Von der Anhöhe, welche die Reisenden jetzt erreichten, ward plötzlich
die ganze Stadt sichtbar, diese alte, eigentümliche Stadt, die für
Tuberozow so viele Erinnerungen barg; sie überkamen den Alten mit einer
solchen Macht, daß er sich zurücklehnen und die Augen schließen mußte,
als hätte ihn zu grelles Sonnenlicht geblendet.

Sie ließen den Kutscher langsamer fahren, denn erst, wenn es dämmerte,
wollten sie in der Stadt sein. Als sie im Halbdunkel mit dem eisernen
Ring gegen das wohlbekannte Tor schlugen, ertönte von innen Achillas
Stimme: »Wer da?« Tuberozow wischte sich eine Träne aus dem Auge und
bekreuzigte sich.

»Wer denn sonst als ich und Vater Sawelij,« antwortete der Zwerg.

Der Diakon schrie laut auf, flog die Verandastufen herunter, öffnete
das Tor weit, rollte wie eine Lawine in den Wagen hinein und
umklammerte den Hals des Propstes.

So saßen beide umarmt im Wagen und schluchzten lange und bitterlich,
während der Zwerg daneben stand und seine sanften, befreienden Tränen
leise mit der kleinen, frosterstarrten Faust wegwischte.

Als der Diakon sich ausgeweint hatte, fing er an zu sprechen. Beinahe
hätte er nach Natalia Nikolajewna gefragt, aber er besann sich noch im
rechten Augenblick und gab dem Gespräch schnell eine andere Wendung,
indem er dem Propst das Hündchen zeigte, das zu seinen Füßen spielte.

»Das ist mein neuer Hund, Vater Propst, mein Wiesiechen. Ein ganz
famoses Vieh. Wir brauchen bloß zu befehlen, dann lacht er. Was sollen
wir wegen unnützer Dinge Trübsal blasen!«

»Wegen unnützer Dinge!« klang es unerträglich schmerzvoll in Vater
Sawelijs Herzen nach, aber er sprach die Worte nicht aus, sondern
drückte nur des Diakons Hand, so fest er konnte.



Viertes Kapitel.


Als der Propst sein Haus betreten hatte, dessen einziger Bewohner und
Herr so lange Zeit der Diakon Achilla gewesen war, küßte er den wilden
Riesen auf den trockenen Scheitel seines Lockenkopfes, ging dann mit
ihm durch alle Zimmer, machte das Zeichen des Kreuzes über dem leeren,
verwaisten Bettchen Natalia Nikolajewnas und sprach:

»Nun, alter Freund, jetzt hat es wohl keinen Sinn mehr, daß wir uns
wieder trennen? Bleiben wir zusammen.«

»Mit tausend Freuden. Ich hatte es mir selbst auch schon so gedacht,«
entgegnete Achilla und schloß den Propst wieder in seine Arme.

So hausten sie denn zu zwei hier. Achilla sang in der Kirche und sorgte
für die Wirtschaft, Tuberozow saß zu Hause, las seinen John Bunian,
dachte und betete.

Er lebte das intensive, konzentrierte Leben eines Geistes, der mit sich
selbst ins Reine zu kommen sucht.

Achilla hielt ihm alle kleinen Alltagssorgen fern und gab dem Alten die
Möglichkeit, ganz und gar der innern Sammlung zu leben.

Aber dieses Glück sollte nicht lange dauern. Dem Diakon ward eine
große Ehre zuteil: der Bischof, der zur Session des Heiligen Synods
berufen war, nahm ihn mit nach Petersburg, weil der Protodiakon der
Gouvernementskathedrale erkrankt war.

Der Abschied des Diakons von Tuberozow war rührend. Achilla, der in
seinem Leben noch keinen Brief geschrieben hatte, nicht wußte, wie man
einen schreibt noch absendet, erklärte nicht nur, daß er dem Propst
regelmäßig schreiben werde, sondern er tat es auch wirklich.

Seine Briefe waren ebenso eigenartig und seltsam wie seine ganze
Denk- und Lebensweise. Zuerst erhielt Tuberozow einen Brief aus der
Gouvernementsstadt, und in diesem Brief, dessen Umschlag die Aufschrift
trug: »An den Vater Propst Tuberozow geheim und eigenhändig«, meldete
Achilla, daß er während seines Aufenthaltes im Kloster für Tuberozow
Rache an dem Zensor Troadij genommen habe: er habe dem Kater des
Zensors eine Wurst auf den Rücken gebunden mit der Aufschrift:

    »Diese Wurst bring ich, der Kater,
    Meinem Herrn, dem frommen Vater«

und ihn in den Klosterhof laufen lassen.

Einen Monat später schrieb Achilla aus Moskau, wie sehr ihm die Stadt
gefallen hätte; doch seien die Leute dort gar arglistig, insbesondere
die Kirchensänger, die ihn zweimal aufgefordert hätten, mit ihnen
Blachdnublach zu trinken, er aber habe »aus der Praxis wohl wissend,
was sothanes Blachdnublach zu bedeuten habe, sich ob dieser ihrer
Sängerfrechheit nicht wenig verwundert«.

Einige Zeit später schrieb er aus Petersburg:

»Mein vielgeliebter Freund und Euer Hochwürden Vater Sawelij. Freuet
Euch. Ich lebe herrlich im Klostergasthof, in dem es freilich an
Versuchungen jeglicher Art nicht fehlt, denn es geht hier fast ebenso
zu, wie mitten im Lärm der großen Stadt. Und doch sehne ich mich sehr
nach Euch. Wenn wir zusammen hier wären, könnten wir gemeinschaftlich
viel schöner und mit viel mehr Freude alles bewundern. Eure weisen
Ratschläge habe ich mir wohl gemerkt und werde von allen mit größter
Achtung behandelt, was Euch ja das Moskauer Blachdnublach beweist,
welches mitzutrinken ich mich weigerte. Ich trinke nur ganz wenig,
und auch nur deshalb, weil ich sonst fürchte, gute Bekanntschaft zu
verlieren. An Schönem ist hier kein Mangel, bloß einen richtigen
Diakon, wie man ihn sich bei uns wünscht, habe ich noch nicht
gefunden. Alle sind sie Tenöre, die nach unsern Begriffen nur zu
Friedhofsgottesdiensten zu brauchen wären, und obgleich einige sich
sehr aufspielen, so sind sie doch an Gestalt im Vergleich zu uns gar
jämmerlich und ihr Gesang ist ein halbes Sprechen, wobei sie nicht
mal die richtige Note treffen, und die Sänger mit ihnen gar nicht
ordentlich zurechtkommen können. Ich aber, der ich mein Handwerk
kenne, mache ihre Mode nicht mit, sondern singe die Messe so, wie
ich es gewohnt bin, und, obgleich ich ein Fremder bin, hat mich die
Kaufmannschaft doch aufgefordert, beim Dankgottesdienst vor der
Markthalle mitzusingen, und ich habe dafür, außer der Renumeration
in barem Gelde, noch drei Tücher aus Seidenfoulard erhalten, wie Ihr
sie so gerne habt und welche ich Euch als Gastgeschenk mitzubringen
gedenke. Wohl bekomm's! Langeweile habe ich oft. Man bekommt hier
meistens Kaffee vorgesetzt. Wegen der weiten Entfernungen mache ich
nur wenig Besuche. Fast alle wohnen in Nebenstraßen; und da ich auf
dem Imperial fahre, komme ich in keine Nebenstraßen hinein. Doch Ihr
als Provinzler werdet das gar nicht verstehen: man sitzt wie auf einem
Hause, hoch oben auf dem Dache, und wenn man von da hinunter will, so
muß man sehr gewandt sein, um abspringen zu können. Dem weiblichen
Geschlecht ist dieses wegen seiner Kleidung überhaupt nicht gestattet.
Die Droschkenkutscher aber sind hier, wie ich bemerke, große Spötter.
Und wenn einer von uns geistlichen Personen einen mieten will und er
bietet einen niedrigen Preis, dann schreien gleich alle andern: ›Mit
dem sollt Ihr nicht fahren, Vater, der hat erst gestern einen Priester
in den Schmutz fallen lassen.‹ Deshalb lasse ich mich mit ihnen lieber
nicht ein. Unsern Warnawa habe ich einmal getroffen, sprach ihn aber
nicht. Denn wir fuhren aneinander im Imperial vorüber, und ich konnte
ihm nur von ferne drohen. Im übrigen sieht er halb krepiert aus. Was
Euer Unglück betrifft, daß Ihr noch unter dem Bann steht und nicht für
Euch in der Messe beten könnt, so grämt Euch deshalb nicht. Ich habe
das alles wohl überlegt und eingerichtet und der Allmächtige sieht
es. Seid getrost: Wenn Ihr auch für Euch selbst im Kreisstadttempel
nicht beten könnt, in der Residenz ist ein Mann, durch den steigt
das Gebet für Euch zum Himmel empor, -- aus der Kasankathedrale, wo
der Erretter des Vaterlandes, der durchlauchtigste Fürst Kutusow,
beigesetzt ist, und aus der Isaakskathedrale, die von außen ganz von
Marmor ist. Und dieser Beter in der Residenz bin ich, denn sobald ich
die große Fürbitte verlesen habe, so verkünde ich laut die Namen, die
mir vorgeschrieben sind, aber heimlich flüsternd nenne ich still für
mich auch Deinen Namen, mein Freund Vater Sawelij, und sende mein
allerheißestes Gebet für Dich zum Höchsten hinauf, und klage ihm, wie
Du vor aller Welt von Deinen Vorgesetzten gekränkt worden bist. Und ich
bitte Euch noch ganz besonders, nicht mehr an jenes Wort, Eure Tage
seien gezählt, zu denken, es nicht auszusprechen, denn das wäre für
mich und den Vater Zacharia über alle Maßen schmerzlich, und ich würde
Dich, auf Ehrenwort, nur ganz kurze Zeit überleben.«

Unterzeichnet war der Brief: »Zeitweiliger Residenzstellvertreter
des Protodiakons seiner Parochie, Diakon am Dom zu Stargorod Achilla
Desnitzyn.«

Es kam noch ein zweiter Brief von Achilla, in dem er berichtete, daß er
»durch einen glücklichen Zufall doch mit Prepotenskij zusammengekommen
sei und sich mit ihm wegen der vergangenen Dinge habe schlagen wollen;
daß die Sache aber eine ganz andere Wendung genommen habe und er sogar
in seiner Redaktion gewesen sei.« Denn Warnawa war jetzt Redakteur und
Achilla hatte verschiedene »Literaten« bei ihm getroffen und sich mit
ihm ausgesöhnt. Als Grund zu dieser Versöhnung wurde angegeben, Warnawa
(nach Achillas Behauptung) sei ein sehr unglücklicher Mensch geworden,
weil er sich kürzlich mit einer Petersburger jungen Dame verheiratet
hätte, die weit strenger wäre, als jede ältere Frau, und immer gegen
die Ehe spreche. Auch solle sie Warnawa häufig prügeln. Er wäre gar
nicht mehr so wie früher: »Er hat mir selber offen eingestanden, wenn
er nicht eine solche große Angst vor seiner Frau hätte, so würde
er in seiner Zeitung sogar für den lieben Gott eintreten; und dann
schimpft er fürchterlich auf die Frau Biziukina und insonderlich den
Herrn Termosesow, der sich anfangs hier sehr gut eingerichtet hatte
und ein hohes Gehalt bezog im Geheimdienst, indem er ehrliche Leute
auszukundschaften hatte. Aber der böse Feind verführte ihn durch seine
Habsucht: er fing an falsches Papiergeld in Umlauf zu bringen, und nun
sitzt er im Gefängnis.« Am meisten aber rühmte Achilla sich dessen, daß
er eine Theatervorstellung mit angesehen habe. »Einmal (schrieb er)
bin ich mit den Kirchensängern in bürgerlichem Gewande auf die höchste
Galerie zur Oper ›Das Leben für den Zaren‹ gegangen, und habe nachher
von dem schönen Gesang fast die ganze Nacht vor Entzücken weinen
müssen. Ein andermal bin ich dann, wiederum als Zivilist verkleidet,
hingegangen, den König Achilla selber zu sehen. Aber mit mir hatte
er auch nicht die geringste Ähnlichkeit: Es kam ein Komödiant
herausstolziert, ganz in Gold gepanzert, und klagte über seine Ferse.
Hätte man mir solch eine Montur angezogen, ich hätte es viel dröhnender
gemacht. Das andere Spiel aber ist ganz heidnisch mit einer Offenheit
bis hierher, und auf einen Witwer oder einzelnstehenden Mann wirkt das
äußerst beunruhigend.«

Und dann kam endlich noch ein dritter Brief, in dem Achilla
meldete, er käme jetzt bald zurück, und an einem trüben Herbsttag
erschien er plötzlich bei Tuberozow, strahlend, als brächte er eine
Freudenbotschaft.

Sawelij begrüßte ihn und lief sofort auf die Straße, um die
Fensterläden zu schließen, weil kein Neugieriger von der Heimkehr des
Diakons erfahren sollte.

Ihre Unterredung dauerte sehr lange. Achilla trank in der Zeit einen
ganzen Samowar leer, Vater Tuberozow aber füllte seine Tasse immer von
neuem und sagte:

»Trink nur, Lieber, trink nur noch,« -- und wenn Achilla die Tasse
geleert hatte, meinte der Propst: »Nun erzähle weiter, Freund, was hast
du noch alles gesehen und erlebt?«

Und Achilla erzählte. Gott weiß, woher er das alles hatte, -- Wichtiges
und Unwichtiges bunt durcheinander. Was aber den Vater Sawelij am
meisten wunderte, waren die vielen seltsamen Worte, die Achilla
erbarmungslos in seine Rede mengte, mochten sie passen oder nicht,
Ausdrücke, wie er sie vor seiner Petersburger Reise nicht nur nie
gebraucht, sondern wohl auch gar nicht gekannt hatte.

So fing er zum Beispiel plötzlich ganz unvermittelt an: »Denk
dir einmal, Vater Sawelij, diese Kumbination ...« (Das ›u‹ wurde
unbarmherzig scharf betont.)

Oder:

»Wie er mir das sagte, da sah ich ihn an und antwortete: ›Nein, mein
Bester, ~je vous perdu~! Das wäre mir gerade der rechte Türlütütü!‹«

Mit welch großer Teilnahme Vater Tuberozow auch seinem Diakon zuhörte,
-- als diese und ähnliche Ausdrücke sich immer häufiger wiederholten,
runzelte er die Stirn und rief endlich ungeduldig:

»Was soll das eigentlich? Wo hast du all diese dummen Redensarten
gelernt?«

Aber der begeisterte Achilla war so eifrig dabei, dem Propst alle seine
aus der Residenz mitgebrachten Herrlichkeiten zu zeigen, daß er auch
vor den tollsten Wortbildungen nicht zurückschreckte.

»Hab' nur keine Furcht, guter Vater Sawelij, solche Worte haben nichts
zu sagen -- sie sind nicht verboten.«

»Wieso nichts zu sagen? Sie klingen häßlich.«

»Ihr seid sie nur nicht gewohnt. Mir kann man jetzt sagen, was man
will. Es ist alles Quatsch mit Sauce.«

»Schon wieder!«

»Was denn?«

»Was hast du da wieder für ein gemeines Wort gebraucht?«

»Quatsch mit Sauce!«

»Pfui!«

»Was ist denn dabei? Alle Literaten gebrauchen es.«

»Mögen sie es tun, in der Residenz sind sie eben so feine Herrschaften;
da geht's nicht ohne Sauce. Wir einfachen Leute aber haben an dem
Quatsch allein schon mehr als genug. Meinst du nicht?«

»Sehr richtig,« sagte Achilla und fügte nach einigem Nachdenken hinzu,
er fände eigentlich auch, daß Quatsch ohne Sauce viel besser klinge.

»Denkt einmal,« widerlegte er sich selbst, »wenn unsereins einen
Quatsch zum Besten gibt, dann lacht alles; aber die Leute geben gleich
auch noch eine scharfe Sauce hinzu -- zum Beispiel, es gebe keinen Gott
oder ähnliche Torheiten, so daß einem angst und bange wird, und nachher
gibt's dann allemal Zank und Streit.«

»Es muß einem dabei immer angst werden,« flüsterte Tuberozow.

»So streng darf man auch nicht sein, Vater Sawelij. Wenn sie's einem
beweisen -- wo soll man dann hin?«

»Was beweisen? Was redest du da? Was hat man dir bewiesen? Daß es
keinen Gott gibt?«

»Ja, Vater Sawelij, das hat man mir bewiesen ...«

»Was faselst du da, Achilla? Du bist doch ein ehrlicher Kerl und
Christ! Bekreuzige dich! Was hast du da gesagt?!«

»Was soll man denn machen? Ich bin ja selbst nicht froh. Aber gegen ein
Faktum kann man nicht ankämpfen.«

»Was für ein Faktum? Was hast du denn entdeckt?«

»Ach, Vater Sawelij, was soll ich Euch ärgern? Lest Ihr nur Euren
Bunian und glaubt in Eurer Einfalt, wie Ihr bisher geglaubt habt.«

»Laß du meinen Bunian in Ruh und kümmere dich nicht um meine Einfalt.
Bedenke nur, wie du dich selbst bloßstellst!«

»Was soll man machen? Es ist ein Faktum!« erwiderte Achilla seufzend.

Tuberozow stand erregt auf und verlangte, Achilla solle ihm sofort das
Faktum nennen, auf das sich sein Zweifel an der Existenz Gottes gründe.

»Dieses Faktum hüpft auf jedem Menschen herum,« antwortete der Diakon
und erklärte dann, er meine damit den Floh. Einen Floh könne jeder aus
Sägespänen hervorbringen, und also hätte auch die Welt von selbst
entstehen können.

Auf dieses naive und offenherzige Geständnis wußte Tuberozow zuerst
gar nichts zu erwidern, Achilla aber begann nun, nachdem das
Gespräch einmal diese Wendung genommen hatte, seine Petersburger
Aufklärungsideen weiter zu entwickeln.

»Wozu arbeitet der Mensch? Um des Essens willen. Er möchte satt sein
und keinen Hunger leiden. Wenn wir nicht essen müßten, würden wir
überhaupt nichts tun. Man nennt das den Kampf ums Dasein. Ohne den gäb'
es gar nichts.«

»Nun sieh mal,« sagte Tuberozow, »Gott hat das alles gar nicht nötig
gehabt und hat doch die Welt geschaffen.«

»Das ist wahr,« sagte der Diakon, »Gott hat sie geschaffen.«

»Wie kannst du ihn dann aber leugnen?«

»Ich leugne ja gar nicht,« antwortete Achilla, »ich sage nur, daß,
wenn man vom Faktum ausgeht, so kann, wie der Floh aus Sägespänen, die
Welt auch aus sich selbst heraus entstanden sein. Ihr Gott ist, heißt
es, der »Sauerstoff«. Aber der Teufel mag wissen, was das wieder für
ein Stoff ist! Und nun seht einmal: wenn Ihr das wieder von der andern
Seite betrachtet habt, versteh ich rein gar nichts mehr.«

»Wo ist denn dein Sauerstoff hergekommen?«

»Ich weiß nicht ... Lassen wir das lieber, Vater Sawelij.«

»Nein, das kann ich nicht. Es muß wieder heraus aus dir. Also sag'
einmal: wo hat er seinen Anfang, dein Sauerstoff?«

»Bei Gott, ich weiß es nicht, Vater Sawelij! Laßt es doch, Liebster!«

»Vielleicht ist dieser Sauerstoff ohne Anfang?«

»Das mag der Teufel wissen! Der soll ihn überhaupt holen!«

»Und er hat auch kein Ende?«

»Vater Sawelij! ... Was geht uns dieser verfluchte Sauerstoff an? Mag
er doch ohne Anfang und ohne Ende sein! Was kümmert's uns?«

»Begreifst du, was das heißt: ohne Anfang und ohne Ende?«

Achilla erwiderte, er begreife es, und fuhr mit lauter Stimme fort:

»Es ist ein Gott, der in der Dreifaltigkeit angebetet wird, der ewig
ist, nicht Anfang noch Ende seines Seins hat, sondern immer war, ist
und sein wird.«

»Amen,« sagte Sawelij lächelnd, und immer noch lächelnd stand er auf,
faßte freundlich Achillas Hand und sagte:

»Komm, ich will dir etwas zeigen.«

»Gerne,« erwiderte der Diakon.

Und Hand in Hand gingen sie aus dem Zimmer, durchschritten den ganzen
Hof und blieben schließlich in der Mitte des mit glänzendem frischen
Schnee bedeckten Gemüsegartens stehen. Der Alte zeigte dem Diakon das
Kreuz des Doms, wo sie so lange Zeit zusammen vor dem Altar gestanden
hatten; dann richtete er immer noch schweigend den Zeigefinger abwärts
und sagte streng:

»Falle nieder und bete!«

Achilla kniete nieder.

»Sprich: Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig,« sagte Sawelij
und beugte sich selbst als erster zur Erde.

Achilla seufzte und folgte seinem Beispiel. In der feierlichen Stille
der Mitternacht, im weißen, monderhellten, einsamen Garten stand er
da und immer wieder schlug er mit der heißen Stirn gegen den kalten
Schnee, und tiefe Seufzer wechselten mit der süßen Klage des Bußgebets:
»Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig« -- und dazwischen klang
die Stimme des Propstes, der die zweite Bitte sprach: »Herr, gehe nicht
ins Gericht mit deinem Knecht.« Der Prediger und der Büßer beteten
zusammen.

Wie groß war doch der Unterschied zwischen diesem Achilla und jenem,
den wir einst in der Morgenröte pfeifend auf flammendem Roß durchs
Wasser reiten sahen!

Jener Achilla war wie ein frischer Morgen nach nächtlichem Regen,
dieser flimmert wie Sonnenuntergang nach einem stürmischen Tage.

Während Achilla betete, saß Tuberozow in seinem leichten grauen
Leibrock auf der Bank vor dem Badehause und zählte, mit dem Kopfe
wackelnd, die Verbeugungen Achillas. Als er so viele abgezählt hatte,
wie ihm nötig schien, stand er auf, faßte den Diakon an der Hand und
friedlich gingen sie wieder in das Haus zurück. Aber ehe er sich zu
Bett legte, trat der Diakon noch einmal zu Tuberozow heran und sagte:

»Wißt Ihr, Vater Propst, als ich betete ...«

»Nun?«

»Da war es mir, als ob die Erde erbebte.«

»Gesegnet sei der Herr, daß er dir ein solches Gebet gab! Geh jetzt,
leg dich nieder und schlafe in Frieden,« antwortete der Propst und
beide schliefen friedlich ein.

Aber als Achilla am nächsten Morgen erwachte, da hatte er ein Gefühl,
als wäre er aus sich selbst herausgekommen, als hätte er unversehens
etwas fortgeworfen und etwas anderes dafür gefunden. Etwas, das schwer
zu tragen war und wovon man sich doch nicht trennen konnte und nicht
wollte.

Es war der Strom des lebendigen, rettenden Glaubens, der die verwirrte,
bebende Seele überflutete.

Sie mußte krank werden und sterben, um auferstehen zu können, und diese
heilige Arbeit war in vollem Gange.

Der törichte Achilla war weise geworden, er suchte die Stille, und
eines Tages, als er sich schon etwas gefestigt fühlte, fragte er den
Propst:

»Sage mir, du gewaltiger Greis, wie soll ich mit mir zurechtkommen,
wenn Gottes Wille es so fügt, daß ich, sei's auch nur für kurze Zeit,
allein bleibe? Bisher war ich stolz auf meine Kraft, aber nun bin ich
andern Sinnes geworden und weiß, daß ich mich nicht auf sie verlassen
kann.«

»Ja, du warst groß und stark, aber auch dir naht die Stunde, da
nicht mehr du dich selbst, sondern da ein anderer dich gürten wird,«
erwiderte Sawelij.

»Aber auf meine Vernunft ist noch weniger Verlaß als auf die Kraft,
denn Ihr wißt ja, wie leicht ich irre werde.«

»Vertrau auf dein Herz, es schlägt treu und wahr.«

»Was aber soll ich sagen, wenn ich einmal Rede stehen muß? Mein Herz
ist ja stumm.«

»Lausche nur, so wirst du wohl hören, was es leise zu dir flüstert.
Aber die Flöhe, die von der schmutzigen Erde auf dich hüpfen, die
schüttle ab.«

Achilla legte die Hand aufs Herz und ging. »Wie soll das zugehen?«
dachte er, und eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er bald, sehr
bald allein sein, daß all seine Kraft ihn verlassen und »ein anderer
ihn gürten« werde.



Fünftes Kapitel.


Die dunkeln, bangen Ahnungen des Diakons gingen in Erfüllung: der
schwächliche, durch die Ereignisse hart mitgenommene alte Propst
gehörte kaum noch dieser Welt an. Er erkältete sich nachts beim Zählen
der Verbeugungen, die der Diakon auf seinen Befehl zu machen hatte,
und wurde krank. Er litt nur wenig Schmerzen, fühlte aber, daß der Tod
schon die Arme nach ihm ausstreckte.

Und nur eins tat ihm weh: daß der Bann immer noch nicht von ihm
genommen war. Achilla verstand dies sehr wohl und wußte auch, was den
Alten dabei am meisten betrübte.

Tuberozow wollte nicht als Gemaßregelter sterben. Er wollte vor den
himmlischen Richter als ein von der irdischen Gewalt Freigesprochener
treten. Er diktierte dem Diakon einen Brief, in dem er der geistlichen
Behörde von seiner Krankheit Mitteilung machte und in rührenden Worten
bat, man solle ihm die Gnade erweisen und die Frist des ihm auferlegten
Bannes verkürzen. Der Brief wurde abgesandt, blieb aber unbeantwortet.

All seine Kraft, alles, was ihm lieb und teuer war, hätte Achilla
freudig hingegeben, um diesen Schmerz von der Seele Tuberozows zu
nehmen, aber es lag nicht in seiner Macht, auch war es schon zu spät.
Der Todesengel schwebte bereits zu Häupten seines Bettes, um die
scheidende Seele zu empfangen.

Einige Tage später stand Achilla weinend in einer Ecke des
Krankenzimmers und blickte auf den Vater Zacharia, der, tief über den
Sterbenden gebeugt, dessen letzte geflüsterte Beichte entgegennahm.
Doch was bedeutete das? Was für eine Sünde belastete das Gewissen
des greisen Sawelij, daß der Vater Benefaktow plötzlich in so große
Aufregung geriet? Er schien sogar völlig vergessen zu haben, daß er
eine Sakramentshandlung vollzog, die keinerlei Zeugen duldet, denn er
verlangte mit lauter Stimme, Vater Sawelij solle irgend jemandem irgend
etwas vergeben! Was machte den Vater Sawelij am Rande des Grabes so
unbeugsam?

»Sei friedfertig! Sei friedfertig! Vergib!« drängte Zacharia sanft,
aber fest. »Wenn du nicht vergibst, kann ich dir keine Absolution
erteilen.«

Der arme Achilla zitterte am ganzen Leibe und lauschte mit stockendem
Herzschlag auf jedes Wort.

»Im Namen des lebendigen Gottes flehe ich dich an, solange du noch am
Leben ...« rief Zacharia mit lauter Stimme und stockte plötzlich, ohne
den Satz zu Ende bringen zu können.

Der Sterbende richtete sich krampfhaft empor, fiel wieder zurück, hob
die Hand, um sich zu bekreuzigen, und nachdem er dies getan, sprach er
langsam und mit großer Anstrengung:

»Als Christ ... vergebe ich ihnen die Schmach, die sie mir angetan ...
aber daß sie, nur auf den toten Buchstaben bedacht ... daß sie hier ...
Gottes lebendiges Werk zugrunde richten ...«

Der Augenblick wurde immer ernster und feierlicher. Es knackte etwas in
der Gurgel Sawelijs, und er fuhr wie ein im Fieber Phantasierender fort:

»Diesen Schmerz will ich vor den Thron ... des Königs der Könige ...
und selbst dafür zeugen ...«

»Sei friedfertig. Vergib! Vergib ihnen alles!« rief Zacharia
händeringend.

Sawelij zog die Brauen zusammen, seufzte und flüsterte: »Wohl mir, daß
ich mich gedemütigt habe« -- und schloß dann mit unerwartet fester
Stimme:

»Nach dem Gerichte derer, so Deinen Namen lieben, erleuchte die
Unwissenden und vergib dem blinden und verderbten Geschlechte seine
Herzenshärte.«

Zacharia blickte mit seligem Lächeln zum Himmel und machte das Zeichen
des Kreuzes über Sawelijs Gesicht.

Dieses Gesicht bewegte sich schon nicht mehr, die Augen blickten starr
in die Höhe und erloschen. Das Ende nahte.

Achilla stürzte laut schluchzend zum Bette und warf sich über den
Sterbenden.

Mit einer letzten Kraftanstrengung legte der Verscheidende seine Hand
auf den Kopf des Diakons. Dann aber fing er auch schon laut zu röcheln
an, und seltsam mischten sich diese Töne mit den sanft rieselnden
Worten des Sterbegebets, das Zacharia mit tränenerstickter Stimme
sprach. Das Erdenwallen des Propstes Tuberozow war zu Ende.



Sechstes Kapitel.


Die Wirkung dieses Todes auf Achilla war entsetzlich. Er weinte und
schluchzte nicht wie ein Mann, sondern wie ein nervöses Weib, das einen
Verlust beklagt, den es nicht überleben zu können meint. Übrigens
war das Hinscheiden des Propstes Tuberozow auch für die ganze Stadt
ein großes Ereignis: es gab nicht ein Haus, in dem man nicht für den
Entschlafenen gebetet hätte.

In dem Totenhause drängten sich die Menschen: die einen kamen, um
dem Verschiedenen ihr letztes Lebewohl zu sagen, die andern, um zu
sehen, wie der Priester im Sarge aussah. In der Nacht, die dem Tode
des Propstes folgte, kam vom Konsistorium die Aufhebung des über den
Verstorbenen verhängten Banns, und so konnte Sawelij denn in vollem
Ornat bestattet werden. Riesengroß, lang lag er da, die Scheitelkappe
auf dem Haupte. Totenmessen wurden im Hause unausgesetzt gelesen, und
so viel eifrige Priester auch kamen und die auf dem Betpult liegenden
Gewänder und Binden anlegten, um die Messe zu singen, -- jeden bat
der Diakon Achilla um seinen Segen, daß er das Orarion anlegen und
mitsingen dürfe.

Am zweiten Tage war der Sarg fertig, und nun begann, nach einer
alten örtlichen Sitte, die auch heute noch in einigen Gegenden bei
der Einsargung von Geistlichen ausgeübt wird, eine feierliche und
schauerliche Zeremonie. Die versammelte Geistlichkeit, mit Kerzen
in den Händen, in Trauergewändern, trug den toten Sawelij dreimal um
den mächtigen Sarg herum, und Achilla hielt in der Hand des Toten ein
rauchendes Weihrauchgefäß, so daß es aussah, als weihe der Tote selbst
seine letzte kalte Wohnstätte. Dann legte man den entschlafenen Propst
in den Sarg, und alle gingen fort bis auf Achilla; er verweilte die
ganze Nacht bei seinem toten Freunde allein, und da geschah etwas, das
Achilla selbst nicht bemerkte; wohl aber sahen es die andern für ihn.



Siebentes Kapitel.


Seit dem Hinscheiden Sawelijs hatte der Diakon sich nicht mehr zu
Bette gelegt und die drei schlaflosen Nächte nebst der gespannten
Aufmerksamkeit, die er unausgesetzt dem Toten widmete, hatten die
stahlharten Nerven Achillas in einen Zustand äußerster Erregung
versetzt.

Die Instinkte und Leidenschaften, welche sonst vor allem das Tun und
Lassen des Diakons bestimmt hatten, schienen jetzt völlig verstummt zu
sein und an ihre Stelle traten Seelenzustände, wie sie ihm bisher gar
nicht eigentümlich gewesen waren.

Von seiner einstigen Zerfahrenheit und seinem Leichtsinn war nichts
mehr zu merken. Er war in sich gekehrt und ganz im Banne schwerer
Gedanken, von denen er sich nicht zu befreien vermochte. Er war nicht
bleich geworden und seine Augen blickten nicht matt: im Gegenteil, über
seiner gebräunten Haut lag ein mattrosiger Schimmer. Er sah alles mit
einer Deutlichkeit und Schärfe, daß ihm die Augen schmerzten. Jeden Ton
hörte er, als käme er aus seinem eigenen Innern, und vieles war ihm
verständlich geworden, woran er früher überhaupt nie mehr gedacht hatte.

Er begriff jetzt alles, was der verstorbene Sawelij gewollt und
angestrebt hatte, und er nannte den Entschlafenen einen Märtyrer.

In den drei Nächten der Totenwache redete er wiederholt mit dem
Verstorbenen und wartete allen Ernstes darauf, daß unter dem
Brokattuch, das über das Antlitz des toten Propstes gebreitet war, eine
Antwort erschallen würde.

»Väterchen!« sprach der Diakon leise, sich im Lesen des Evangeliums
unterbrechend und in der nächtlichen Stille an den Sarg herantretend,
-- »stehe auf! Wie? Für mich allein stehe auf! Du kannst nicht? Du
liegst da wie Gras?«

Und dann stand oder saß er einige Minuten stumm da, um endlich das
monotone Lesen wieder aufzunehmen.

In der dritten und letzten Nacht war Achilla für einen Augenblick
eingeschlummert. Als er kurz vor Mitternacht erwachte, löste er den
Vorleser ab und schloß die Tür hinter ihm zu.

Nachdem er das Sticharion angelegt hatte, stellte er sich vor das Pult,
berührte die Schulter des Toten mit der Hand und sagte:

»Nun höre, Väterchen, heut lese ich zum letztenmal,« -- und dann fing
er an, das Johannisevangelium zu lesen. Vier Kapitel las er, und als
er beim fünften angelangt war, stockte er bei einem Vers, seufzte
tief auf und wiederholte die große Verheißung zweimal: »Denn es kommt
die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine
Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur
Auferstehung des Lebens.«

Nachdem er diesen Satz zweimal laut gesprochen hatte, wiederholte
Achilla ihn in Gedanken noch einige Male, -- und kam nicht weiter.

»Jetzt hat er doch schon die Stimme des Gottessohnes gehört und ist zu
neuem Leben erwacht ... Ich sehe ihn nur nicht, aber er ist hier.«

Er merkte nicht, daß die Nacht schon vergangen war und am Himmel der
erste bleiche, bernsteinfarbene Streif der Morgenröte aufleuchtete, die
letzte Morgenröte, die auf Erden die sich auflösenden Reste dessen
beleuchten sollte, der einst Vater Sawelij war und die Stimme seiner
heimischen Erde so gerne hörte und so gut verstand.

Als der Diakon sah, daß es hell geworden war, seufzte er, trat vom Pult
zum Sarge, stützte sich mit den Armen auf die beiden Seitenwände, so
daß die hohe Brust Sawelijs unter seiner Brust lag, hob sachte mit zwei
Fingern das Brokattuch empor, das über dem Gesicht des Toten gebreitet
lag, und sprach:

»Väterchen, Väterchen, wo ist jetzt dein Geist? Wo ist dein flammendes
Wort? Gib mir Unverständigem etwas von deinem Geiste!«

Achilla fiel an die Brust des Toten, zuckte plötzlich zusammen und
fuhr zurück: ein Schauer war ihm durch seine Glieder gefahren. Er sah
sich nach allen Seiten um: alles war still, nur seine schwergewordenen
Augenlider klebten zusammen und eine große Müdigkeit zog seinen Kopf
abwärts.

Der Diakon raffte sich auf, warf sich zum Gebet nieder und erschrak vor
dem Laut seines fallenden Körpers: über sich glaubte er ein Knacken
zu vernehmen, und es schien ihm, als sitze Sawelij aufrecht, das
Brokattuch vor dem Gesicht und das Evangelienbuch in den todesstarren
Händen.

Achilla sprang auf und flüsterte, die Arme vorstreckend:

»Friede sei mit dir! Friede! Ich lasse dir keine Ruhe!«

Nach diesen Worten nahm er wieder das Buch und wollte weiterlesen, aber
mit Staunen fand er dasselbe zugeschlagen. Und er konnte sich nicht
mehr entsinnen, wo er stehen geblieben war.

Er schlug das Buch aufs Geratewohl auf und las: »Er war in der Welt und
die Welt kannte ihn nicht ...«

»Was suche ich denn da?« dachte er. Sein Kopf war ganz verwirrt. Er
schlug eine andere Stelle auf. Dort stand:

»Und es werden ihn sehen alle Augen und die ihn zerstochen haben.«

Aber wie Achilla das Blatt umwenden will, merkt er, daß seine Hand ganz
schwer geworden ist und jemand ihn festhält.

»Was will ich denn? Was suche ich eigentlich? Welche Perikope?
Was ist denn heute für ein Tag?« denkt Achilla und kann es nicht
herausbekommen, denn er ist ganz von der Erde entrückt ...

In der strahlend erleuchteten Kirche steht Sawelij im hellen,
festlichen Meßgewand, mit der hohen violetten Scheitelkappe vor
dem Altar und liest mit voller runder Stimme, jedes Wort wie eine
leuchtende Kugel von sich stoßend: »Im Anfang war das Wort und das Wort
war bei Gott und Gott war das Wort.«

»Was ist das? Gott im Himmel! Und ich meinte, der Vater Sawelij wäre
gestorben! Ich habe den Introitus verschlafen! Ich bin zu spät zur
Frühmesse gekommen!«

Achilla zuckte zusammen und öffnete die Augen. Er merkte, daß er
wirklich geschlafen hatte, und draußen heller Morgen war. Das rote
Leuchten der Begräbniskerzen erstarb in den Strahlen der aufgehenden
Sonne. Die Luft war dick vom Qualm, trauriges Glockengeläute klang von
draußen herüber und an die Zimmertür wurde heftig gepocht.

Achilla fuhr sich hastig mit der trockenen Hand über das Gesicht und
öffnete.

»Eingeschlafen?« fragte ihn der eintretende Benefaktow leise.

»Ein wenig,« erwiderte der Diakon und trat zur Seite, um den Priestern
Platz zu machen, die dem Vater Zacharia folgten.

»Aber ich ... weißt du ... ich habe nicht geschlafen: ich habe die
ganze Nacht an der Leichenrede gearbeitet,« flüsterte Benefaktow dem
Diakon zu.

»Nun, und ist sie fertig?«

»Nein, es kommt nichts heraus.«

»Ja, so geht es Euch allemal.«

»Vielleicht könntest du etwas sagen?«

»Ich, Vater Zacharia? Ich bin doch kein Gelehrter!«

»Was denn? Du hast doch das Sticharion! Das Recht hast du.«

»Was hilft mir das Recht, Vater Zacharia, wenn ich weder die Gabe noch
den Verstand dafür besitze?«

»So betet recht inbrünstig um die Gabe, werter Herr, dann wird sie von
selber kommen,« mischte sich flüsternd der Zwerg ins Gespräch.

»Beten? Nein, Freund Nikolascha, vielleicht betest du für mich. Mich
hat der Schmerz um den Verstand gebracht. Ich habe selbst in wachem
Zustande Gesichte.«

»Gut, ich will beten, wenn Ihr es wünscht,« erwiderte der Zwerg.



Achtes Kapitel.


Ganz Stargorod geleitete den Leichnam Tuberozows zur Kirche. Der
Trauergottesdienst wirkte infolge des Verhaltens des Diakons
grauenhaft. Jedesmal wenn Achilla seinen Mund öffnete, versagte ihm
die Stimme und er brach in Tränen aus. Sein Schluchzen, das man in der
ganzen Kirche hörte, erfüllte aller Herzen mit tiefer Trauer.

Nur während der Leichenrede, die einer der Priester hielt, bezwang
Achilla seinen Schmerz, hörte aufmerksam zu und weinte nur ganz leise
in sein Taschentuch. Als er jedoch aus der Kirche heraustrat und all
die Plätze sah, über welche er so viele Jahre an der Seite Tuberozows
gegangen war, da fühlte Achilla das Bedürfnis, nicht nur zu weinen,
sondern zu heulen und zu schreien. Um dem Weh, das seine Brust zu
zersprengen drohte, einen Ausweg zu schaffen, sang er »Heiliger,
Unsterblicher, erbarme Dich unser«, aber mit einer derartigen
Stimmgewalt, daß eine blinde hundertjährige Frau, die beim Herannahen
des Trauerzuges von ihren Enkeln vor das Tor geführt worden war, damit
sie sich vor dem Sarge neige, plötzlich die Hände zusammenschlug und in
die Knie sinkend rief:

»O, er hört es, Gott der Herr hört es, wie Achilla zum Himmel schreit!«

Da war auch schon der von einem Graben und einer Weidenhecke umgebene
Friedhof, auf dem Tuberozow abends so gerne spazieren gegangen und
dessen Instandhaltung ihm so sehr am Herzen gelegen. Der Sarg wurde
durch das dunkle Tor getragen; die letzte Litanei war gesungen, die
weißen Leinenseile rollten den Erdhügel hinab und spannten sich über
den finstern Abgrund des Grabes. Noch einen Augenblick und es ertönt
das letzte Amen ... der Sarg sinkt in die Tiefe.

Aber vorher sollte sich noch etwas ereignen, was niemand erwartet
hatte. Achilla, der schon so viele Male in seinem Leben die Stargoroder
in Staunen versetzt hatte, fühlte sich gedrungen, es auch dieses Mal zu
tun, und zwar auf eine ganz neue Weise. Bleich und starr streckte er
die Hand gegen einen der Totengräber aus, welche die Seile festhielten,
und rief, wehmütig zu den Priestern hinüberblickend:

»Ihr Väter, ich bitt' euch ... wartet noch etwas ... Ich will nur ein
paar Worte sprechen ...«

Der schluchzende Zacharia gab den Totengräbern hastig ein Zeichen,
streckte dem Diakon beide Hände entgegen und segnete ihn.

Ganz in Tränen gebadet, wischte sich Achilla mit seinem baumwollenen
Taschentuche die mit roten Flecken bedeckte Stirn und stammelte mit
krampfhaft verzerrten Lippen: »Er war in der Welt und die Welt kannte
ihn nicht.« Und dann fand er keine Worte mehr, wurde feuerrot und
mit einem wilden Blick aus seinen entzündeten Augen, der den Worten
nachzujagen schien, die für ihn in der Luft geschrieben standen, rief
er drohend: »Aber es werden ihn alle sehen, die ihn zerstochen haben!«
Und damit warf er eine Handvoll Erde auf den Sarg, nahm hastig das
Sticharion ab und verließ den Friedhof.

»Ihr habt sehr schön gesprochen, werter Vater Diakon,« flüsterte ihm
der Zwerg unter Tränen zu.

»Der Geist Sawelijs war über ihn gekommen,« antwortete ihm Zacharia,
während er sein Meßgewand ablegte.



Neuntes Kapitel.


Nach der Beerdigung Tuberozows wurde es im Hause des Propstes
unheimlich still. Achilla war nirgends zu erblicken. Die Sonne geht auf
und beleuchtet den vereinsamten Hof. Öde ist er und tot; Wolken ziehen
vorüber und spiegeln sich in den Scheiben der Fenster, wie Schatten aus
einer andern Welt -- aber drinnen regt sich nichts.

Diese unheimliche Ruhe erfüllte die Nachbarn mit Angst. Man fing an,
sich ernstlich um den Diakon zu sorgen.

Zacharia besuchte ihn. Lange ging der sanfte Alte aus einem Zimmer ins
andere und rief:

»Diakon, wo bist du? Höre doch, Diakon!«

Aber niemand antwortete. Endlich öffnete Vater Zacharia die Tür zur
kleinen Kammer, welche der Diakon bewohnt hatte.

»Was ruft Ihr so laut, Vater Zacharia?« kam aus der Finsternis die
Stimme Achillas.

»Du fragst noch, mein Lieber? Wo steckst du die ganze Zeit?«

»Macht die Tür etwas weiter auf. Ich bin hier in der Ecke.«

Benefaktow tat, wie Achilla ihm geheißen, und sah ihn auf einer an
der Wand befestigten schmalen bretternen Lagerstatt ausgestreckt
daliegen. Der Diakon trug ein grobes Leinenhemd mit zurückgeschlagenem
Kragen, das nach kleinrussischer Art durch eine lange bunte Schnur
zusammengehalten wurde, und breite gestreifte Beinkleider.

»Was soll denn das, Diakon?« fragte Benefaktow und sah sich nach einer
Sitzgelegenheit um.

»Ich will ein bißchen weiterrücken,« erwiderte Achilla und schob sich
auf das hart an die Wand stoßende Brett.

»Was ist mit dir, Diakon?«

»Gepeinigt,« brummte Achilla.

»Was peinigt dich denn so?«

»Lächerliche Frage! Was? Eben das! Der Tod des Vaters Sawelij peinigt
mich.«

»Ja, was ist da zu machen? Der Tod ... gewiß ... er ist der Natur
zuwider ... ist ein Hemmnis aller Gedanken ... aber er ist doch
unvermeidlich ... unentrinnbar ...«

»Eben dieses Hemmnis ist's, was mich peinigt.«

»Was kommst du immer mit deinem ›peinigt, peinigt‹! Das ist nicht gut,
mein Lieber.«

»Ja, was ist denn überhaupt noch gut? Nichts!«

»Nun, wenn du selbst einsiehst, daß es nicht gut ist, so mußt du auch
Vernunft haben: gegen das Naturgesetz kannst du nichts.«

»Ach, was redet Ihr nun wieder vom ›Naturgesetz‹, Vater Zacharia! Wenn
mich nun eben dieses Naturgesetz peinigt!«

»Ja, was willst du denn machen?«

»O du grundgütiger himmlischer Vater! So laßt mich doch mit Euren
Gesetzen in Ruh', Vater Zacharia! Nichts will ich machen!«

»Ja, wirst du denn von nun ab immer so daliegen?«

Der Diakon schwieg. Dann seufzte er und sagte ganz leise:

»Ich trauere immer noch sehr und Ihr kommt und redet von gleichgültigen
Dingen. Was also wollt Ihr von mir haben?«

»Raffe dich auf, denn bei all unserer Trauer sind wir doch schwache
Menschen, die ohne Essen und Trinken nicht auskommen können.«

»Gewiß, davon ist gar nicht zu reden. Essen und Trinken werden wir
schon, aber da eben steckt's!«

»Was? Was steckt da? Wo steckt was?«

»Darin steckt's, daß wir das, was gewesen ist, nach und nach vergessen
werden. Und wenn wir es eines schönen Tages ganz vergessen haben -- was
dann?«

»Ja, was ist da zu machen?«

»Das ist zu machen, daß ich mit meinem Charakter ganz und gar nicht
damit einverstanden bin, ihn zu vergessen.«

»Gewiß, lieber Freund, aber die Zeit vergeht und du vergißt doch.«

»Vater Zacharia, sagt mir solche Dinge nicht! Ihr wißt, wie wild ich im
Schmerz bin!«

»Das fehlte auch noch! Nein, mein Bester, die Roheiten laß du lieber
beiseite!«

»Ja, beiseite lassen! Wer kann mich jetzt noch im Zaume halten?«

»Wenn du willst, tu ich es.«

»Ihr wäret mir gerade der Rechte!«

»Warum sollte ich es nicht sein?«

»Machen wir uns doch nichts vor! Ihr habt nicht die geringste Gewalt
über mich.«

»Weißt du, Diakon, du bist einfach frech,« sagte Zacharia gekränkt.

»Gar nicht frech, denn ich hab' Euch lieb; wie könnt Ihr aber Gewalt
über mich haben, wo Ihr doch so schwach von Charakter seid, daß sogar
der Subdiakon Sergej Euch Grobheiten sagt.«

»Das tut er! Gegen mich sind alle grob! Deine Reden aber sind einfach
dumm!«

»So zeigt jetzt, was Ihr über mich vermögt, und verhindert mich, so zu
reden.«

»Ich will dich nicht verhindern, ich ... ich will nicht, weil ich als
Freund zu dir kam und du gegen mich grob warst ... Lebe wohl!«

»Wartet doch, Vater Zacharia! So war's nicht gemeint!«

»Nein, nein, laß mich, du hast mir weh getan.«

»So geht in Gottes Namen.«

»Du bist ein Grobian, ein ganz schlimmer Grobian.«

Und Zacharia ging in der Hoffnung, der Diakon werde allgemach des
Rekelns müde werden und von selber wieder herauskommen; jedoch es
verging noch eine ganze Woche und Achilla zeigte sich nicht.

»Sie werden vergessen,« sagte er immer wieder vor sich hin, »bestimmt
werden sie vergessen.« Und dieser Gedanke ließ ihn nicht los, und
vergeblich strengte er sein Hirn an, wie er das Übel abwehren könnte.

Um Achilla aus seiner Höhle ans Tageslicht zu locken, bedurfte es eines
ganz besondern Ereignisses.

Eines Morgens wachte Achilla früh gegen sechs auf und blickte nach
den ersten Sonnenstrahlen, die durch das winzige Fensterlein über der
Tür in seine Kammer zu dringen versuchten, -- da kam Vater Zacharia
in großer Hast gelaufen und erzählte, daß an Stelle des verstorbenen
Tuberozow ein neuer Propst ernannt sei.

Achilla wurde bleich vor Ärger.

»Freut es dich denn nicht?« fragte Zacharia.

»Was geht es mich an?«

»Wieso geht es dich nichts an? Frag doch erst, wer ernannt ist.«

»Als ob mir das nicht ganz gleichgültig wäre!«

»Ein Akademiker!«

»Na ja, ein Akademiker! Und darüber freut Ihr Euch! Nein, bei Gott, Ihr
steckt noch voll Eitelkeit, Vater Zacharia!«

»Wieso Eitelkeit? Ein Akademiker -- das will sagen: ein kluger Kopf!«

»Wieder was Neues: ein kluger Kopf! Mag er doch klug sein! Werden wir
zwei davon etwa klüger?«

»Du wirst wieder grob.«

»Fällt mir gar nicht ein. Ihr denkt daran, wie Ihr den Neuen empfangen
sollt, und ich -- daß ich den Alten nicht vergesse. Wo steckt da die
Grobheit?«

»Es lohnt gar nicht, mit dir zu reden,« sagte Zacharia und zog geärgert
von dannen. Achilla aber erhob sich sofort, wusch sich und lief zum
Polizeichef mit der Bitte, dieser möchte ihm behilflich sein, sobald
wie möglich sein Haus und seine beiden Pferde zu verkaufen.

»Warum denn das?« fragte Porochontzew.

»Sei nicht neugierig,« antwortete Achilla. »Später, wenn ich's gemacht
habe, wirst du alles erfahren.«

»So sag' doch ungefähr, um was es sich handelt.«

»Darum, daß Vater Sawelij nicht sobald vergessen wird.«

»Dann soll doch Vater Zacharia in seinen Predigten öfter auf ihn
hinweisen.«

»Was kann Vater Zacharia? Nein, der liebt heute schon die
Wissenschaften, ich aber ... ich liebe nach altem Brauch den Menschen.«

Damit war die Unterredung zu Ende und Achillas Besitz wurde seinem
Wunsche entsprechend verkauft.

Indessen war man gespannt, was er weiter unternehmen würde.

Der Diakon hatte für alles zweihundert Rubel bekommen und steckte die
beiden Scheine in die Tasche seines Nanking-Leibrocks; er begebe sich
in die Gouvernementsstadt, erklärte er. Er hatte sich bereits einen
Wanderstab aus einer langen Latte zurechtgeschnitten, packte seine
Sachen in ein kleines Bündel zusammen, kaufte sich auf dem Markt zwei
große Roggenmehlfladen mit Zwiebeln, die er in dieselbe Tasche steckte,
in der er sein Geld hatte, und wollte sich eben auf die Wanderschaft
begeben, als unerwartet der neue Propst Irodion Grazianskij eintraf.
Es war ein sehr wohlaussehender Herr von schwer zu bestimmendem Alter.
Seinem Äußern nach konnte man ihm ebensogut sechsundzwanzig als auch
vierzig Jahre geben.

Achilla ging dem neuen Vorgesetzten entgegen und wollte, nachdem er den
Segen von ihm empfangen hatte, seine Hand küssen. Allein er zog sie
zurück und schlug dem Diakon einen brüderlichen Kuß vor. Und so küßten
sie sich auf Mund und Wangen.

»Siehst du, wie gut er ist,« sagte nach einer Stunde, als sie zusammen
nach Hause gingen, Zacharia zum Diakon.

»Wie habt Ihr denn in so kurzer Zeit so viel Güte entdeckt?« fragte
Achilla gleichgültig.

»Wie denn? Er wollte sich nicht die Hand von dir küssen lassen, sondern
bot dir den Mund ... das zeugt doch von großer Güte.«

»Ich meine, das ist nichts weiter als so eine Art von Wichtigtuerei,«
erwiderte Achilla.

Er war bereits von einer wilden Eifersucht auf den neuen Propst erfaßt
und suchte allerlei schlechte Eigenschaften an ihm zu entdecken, die
jeden Vergleich mit dem verstorbenen Tuberozow ausschließen mußten.
Je mehr der neue Propst allen Stargorodern gefiel, desto heißer mußte
Achilla ihn hassen.



Zehntes Kapitel.


Am Tage darauf zelebrierte der neue Propst zum erstenmal die Messe und
hielt eine Predigt, in der er seinen Vorgänger mit Lobeserhebungen
überschüttete und auf die Notwendigkeit und Pflicht eines ständigen
Gedenkens und einer Ehrung seiner Verdienste hinwies.

»Wozu das? Was beabsichtigt er damit?« zürnte der Diakon, als er mit
Zacharia aus der Kirche ging.

Er fühlte selbst, daß er ungerecht war, aber er konnte sich nicht
beherrschen, und als Zacharia ihm zuzureden versuchte und betonte,
wie edel das ganze Verhalten Grazianskijs sei, da zerbrach Achilla
ungeduldig das Stöckchen, das er in der Hand hielt, in zwei Stücke und
sagte:

»Das ist's ja gerade, was mich so ärgert.«

»Wäre es denn besser, wenn er nicht so gut wäre?«

»Natürlich ... viel, viel besser wäre das,« unterbrach ihn Achilla
ungeduldig. »Wißt Ihr denn nicht, daß wer nicht gesündigt hat, auch
nicht Buße tut!«

Zacharia machte nur eine abwehrende Handbewegung.

Achillas Pilgerfahrt nach der Gouvernementsstadt wurde von Tag zu Tag
aufgeschoben: der Diakon wohnte noch der Revision der Schatzkammer, der
Bücher und der Kirchengelder bei, immer schweigend und grollend. Zu
seinem großen Kummer bot sich ihm auch nicht die geringste Gelegenheit,
dem »Neuen« etwas am Zeuge zu flicken, -- bis Grazianskij endlich
davon zu reden begann, daß man auf dem Grabe Tuberozows ein kleines
Denkmal errichten müsse. Achilla sprang wie von einer Tarantel
gestochen in die Höhe.

»Warum denn ein ›kleines‹ Denkmal und kein großes? Er hat sehr lange
unter uns gewirkt und Verdienste errungen, wie sie mancher andere nicht
so leicht fertig brächte.«

Grazianskij sah den Diakon unwillig an und schlug, ohne ihm etwas zu
erwidern, eine Subskription zum Bau eines Denkmals für Sawelij vor.

Durch die Subskription kamen zweiunddreißig Rubel zusammen.

Der Diakon wollte überhaupt nichts zeichnen und fand den ganzen Plan
verkehrt.

»Weshalb bist du dagegen?« fragte ihn Benefaktow.

»Weil das alles eitel ist,« antwortete Achilla.

»Worin seht Ihr die Eitelkeit?« warf Grazianskij trocken dazwischen.

»Wie kann man einem solchen Manne namens der ganzen Gemeinde ein
Denkmal für zweiunddreißig Rubel setzen? So ein Denkmal ist nicht
besser als eine Pistole für einen Groschen. Nein, diese Kränkung will
ich ihm nicht antun. Ich bitte, mir das gütigst zu erlassen.«

Am Abend erbat sich der Diakon vom neuen Propst einen vierzehntägigen
Urlaub nach der Gouvernementsstadt, der ihm auch bewilligt wurde.

So begab sich Achilla auf die Wanderschaft, die er schon so lange
zur Verwirklichung seiner großartigen Absichten geplant hatte. Schon
in jenen Tagen, als er noch in seinem Kämmerlein auf der bretternen
Bettstatt lag, war ihm der Gedanke gekommen, dem Vater Tuberozow ein
Denkmal zu setzen, aber nicht für dreißig Rubel, sondern für all sein
Geld, für all die zweihundert Rubel, die er aus dem Verkauf seines
durch die Arbeit eines ganzen Lebens erworbenen Gutes gelöst hatte.
Achilla hielt diese Summe für völlig ausreichend, um ein Monument zu
errichten, das allen Zeiten und Völkern ein Wunder dünken müßte, ein so
gewaltiges Monument, daß sein idealer Entwurf sogar in seinem eigenen
Kopfe nicht Platz genug hatte.



Elftes Kapitel.


Kalt und trübe war die Oktobernacht. Hastige Wolken krochen am Himmel
entlang und der Wind brauste in den nackten Zweigen der Weiden. Achilla
schritt unermüdlich vorwärts und als die späte Herbstmorgendämmerung
graute, hatte er den halben Weg bereits zurückgelegt und konnte sich
getrost etwas Ruhe gönnen.

Er bog vom Wege ab, legte sich hinter einer großen Strohmiete, die ihn
vor dem Winde schützen sollte, auf den Boden, deckte sich den Mantel
übers Gesicht und schlief ein.

Der Tag war genau so wie die Nacht: die kalte Sonne tauchte bald
auf, bald verzog sie sich wieder hinter grauen Nebeln; der Wind
heulte und brauste wild, um sich dazwischen wieder, einer zischenden
Schlange gleich, am Boden zu winden. Das Ende des Mantels, welches
der Diakon über seinen Kopf gezogen hatte, war längst vom Winde
emporgerissen und flatterte hin und her, und wenn die Sonne hinter
den Wolken hervorschaute, fielen ihre grellen Strahlen gerade auf das
Heldenantlitz Achillas. Trotzdem erwachte er nicht. Es war schon ganz
warm geworden und auf dem zerstampften Stoppelfeld, das Achilla sich
zur Lagerstatt gewählt hatte, zeigten sich die letzten verspäteten
Bewohner des toten Kornfeldes: über Achillas Stiefel kroch ein harter
schwarzer Ohrwurm, und seinen Bart entlang kletterte mühsam und
zitternd eine frosterstarrte Hummel. Das arme Insekt, das in dem
dichten Barte des Diakons einen warmen Unterschlupf gefunden hatte,
fing bald an zu krabbeln und zu zappeln, wovon der Diakon erwachte.
Er prustete laut, reckte sich, sprang auf, warf sein Bündel über die
Schulter und schritt der Stadt zu.

Als der Abend dämmerte, hatte er auch die übriggebliebenen
fünfunddreißig Werst zurückgelegt, und angesichts der Kreuze der
städtischen Kirchen setzte er sich an den Rand des Straßengrabens und
beschloß, zum erstenmal, seit er ausgewandert, etwas Speise zu sich zu
nehmen. Die beiden Fladen holte er aus seiner Tasche, welche sie rund
eine Woche beherbergt hatte, legte den einen auf den andern und begann
mit großem Appetit zu kauen. Aber die ganze Portion vermochte er doch
nicht zu zwingen und steckte den Rest wieder in die Tasche, um zur
Stadt zu wandern. Nachdem er bei bekannten Seminaristen übernachtet
hatte, ging er gleich früh am nächsten Morgen zum Adelsmarschall
Tuganow, ließ sich bei ihm melden und setzte sich auf eine Bank im
Vorzimmer.

Eine Stunde verging und noch eine. Niemand kümmerte sich um Achilla.
Mehrere Male schon hatte er den vorüberlaufenden Diener gefragt:

»Herr Haushofmeister, wann wird man mich denn rufen?«

Aber der Herr Haushofmeister würdigte den bäuerisch aussehenden Diakon
in der Nankingkutte nicht einmal einer Antwort.

Von der gestrigen Wanderung noch müde, wäre Achilla fast eingeschlafen,
doch besann er sich, daß es hier doch nicht recht schicklich sei. So
beschloß er, sich lieber die Zeit durch Essen zu vertreiben, was ihm
die von vorgestern übriggebliebenen Stücke der Zwiebelfladen sehr gut
ermöglichten. Kaum jedoch hatte er die Reste aus der Tasche seines
Leibrocks herausgeholt und sich darangemacht, den Staub von ihnen zu
blasen, als er plötzlich zur Salzsäule erstarrte, dann emporsprang und,
wie von einem giftigen Insekt gestochen, durch die vornehmen Gemächer
des Hauses zu rasen begann. Zufälligerweise geriet er bald in das
Arbeitszimmer des Adelsmarschalls, und als er sich ihm von Angesicht zu
Angesicht gegenübersah, brüllte er los:

»All ihr heiligen Väter! Wer an Gott glaubt, muß mir helfen! Sehen Sie
doch, was mir für ein Unglück passiert ist!«

»Was denn? Was ist geschehen?« fragte Tuganow erstaunt.

»Parmen Semenowitsch! Was hab' ich gemacht, ich Bösewicht!« jammerte
Achilla in wahnwitziger Verzweiflung.

»Hast du jemanden ermordet?«

»Nein, ich kam zu Fuß zu Ihnen gelaufen, damit Sie mir einen guten Rat
erteilen. Ich möchte dem Propst ein Denkmal setzen für zweihundert
Rubel.«

»Nun und --? Hat man dir das Geld gestohlen?«

»Nein, nein, etwas viel Schlimmeres!«

»Hast du es verloren?«

»Nein, ich hab's aufgegessen!«

Und voller Verzweiflung streckte Achilla dem Adelsmarschall die untere
Rinde des nicht ganz aufgegessenen Fladens entgegen, an der ein kleines
Fetzchen eines Hundertrubelscheines wie angebacken festklebte.

Tuganow berührte den Fetzen mit seinen feinen Fingernägeln, löste
ihn von der Rinde und sah, daß unter dem ersten Stückchen Papier ein
zweites von derselben Art noch fester klebte.

Der Adelsmarschall konnte nicht anders, er mußte lachen.

»Ja, sehen Sie, ganz aufgefressen,« wiederholte der Diakon und kaute
vor Verlegenheit den Nagel seines Mittelfingers. Dann wandte er sich
plötzlich um und sagte kurz: »Nun also, ich bitte um Entschuldigung,
daß ich Sie gestört habe. Leben Sie wohl.«

Tuganow aber zeigte sich hilfsbereit.

»Nicht gleich verzweifeln, mein Lieber,« sagte er. »Das hat nichts zu
bedeuten, man wird mir in der Bank deine Papiere schon einwechseln,
inzwischen gebe ich dir ein paar andere, dann kannst du deinem Pfarrer
Sawelij das Denkmal setzen. Ich habe ihn ja auch sehr lieb gehabt.«

Damit reichte er dem Diakon zwei neue Hundertrubelscheine und legte
die angekauten Fetzen beiseite, um sie später in die Sammlung seiner
Familienkuriositäten einzureihen.

Diese Not war also behoben, aber eine neue nahte: es galt ein Denkmal
auszusinnen, wie Achilla es wünschte, aber sich selbst nicht vorstellen
konnte. Auch diese seine Sorge beichtete er dem Adelsmarschall.

»Ich möchte, Parmen Semenowitsch,« meinte er, »daß das für mein Geld
errichtete Denkmal möglichst groß und schön sei.«

»So laß doch eine Pyramide aus Granit aufrichten.«

Tuganow ließ sich aus dem Schrank eine Mappe reichen und nahm die
Abbildung einer ägyptischen Pyramide heraus:

»So in dieser Art.«

Der Gedanke sagte dem Diakon ungemein zu, nur zweifelte er, ob er mit
seinem Gelde auskommen würde, worauf ihm Tuganow erklärte, falls die
zweihundert Rubel nicht reichen sollten, so wolle er, Tuganow, aus
Verehrung für den alten Tuberozow, für den Überschuß eintreten.

»Du aber«, sagte er, »sollst der Baumeister sein. Baue ganz, wie es dir
gefällt und was du willst.«

»Das ist ...« fing Achilla in höchster Verlegenheit an, aber er kam
nicht weiter, sondern machte nur eine tiefe Verbeugung bis zur Erde und
faßte dann plötzlich Tuganows Hand und küßte sie.

Tuganow war gerührt. Er nannte Achilla einen »braven Kerl« und schlug
ihm vor, bei ihm im Gartenhaus zu logieren.



Zwölftes Kapitel.


Der Diakon lief von einem Steinmetz zum andern, bis schließlich seine
Wahl auf den allerschlechtesten, einen Mühlsteinfabrikanten namens
Popygin fiel. Zwei deutsche Steinhauer hatten den Diakon in hellen
Zorn versetzt, weil sie immer wissen wollten, ob »der Maßstab es
gestatten werde«, eine so große Pyramide aufzubauen, wie der Diakon sie
haben wollte, der die Fläche einfach durch Schritte und die Höhe mit
emporgereckten Armen bezeichnete.

Meister Popygin als biederer Russe verstand ihn besser: sie maßen alles
nach Schritten und mit ausgestreckten Armen ab und schlossen einen
mündlichen Vertrag, den sie durch Handschlag besiegelten. Damit war die
Bestellung gemacht und der Bau der Pyramide begann. Achilla sah zu, wie
man die riesigen Steine schob, wendete und glättete und war über ihre
Dimensionen entzückt.

»So ohne Maßstab ist's viel besser,« sagte er, »wie es uns paßt, so
bauen wir.«

Der russische Meister Popygin stimmte ihm durchaus bei.

Tuganow ließ sich von Achilla über die Fortschritte der Arbeit Bericht
erstatten und widersprach ihm weder, noch stritt er mit ihm. Er suchte
den Recken durch das Denkmal bei Laune zu erhalten, wie man einem
betrübten Kinde ein Spielzeug gibt.

Nach einer Woche war sowohl die Pyramide als auch die Inschrift fertig,
und der Diakon kam zu Tuganow und bat ihn, das Wunderwerk seiner
schöpferischen Phantasie in Augenschein zu nehmen. Es erwies sich als
furchtbar breite, etwas plattgedrückte Pyramide, mit einem Kreuz oben
und je einem großen holzgeschnitzten, vergoldeten Cherub an den vier
Ecken.

Tuganow betrachtete das Monument. »Das lebt!« sagte er, und der Diakon
war beglückt. Die Pyramide wurde auseinandergenommen und ihre Teile auf
neun Schlitten nach Stargorod geschafft. Auf dem zehnten Schlitten,
der die Karawane beschloß, saß Achilla selbst, zusammengekauert,
in einem speckigen Schafpelz zwischen den vier vergoldeten, in
Matten gewickelten Cherubim. Er war immer noch ganz entzückt von der
Herrlichkeit des Denkmals, aber in dieses Entzücken mischte sich eine
gewisse Unruhe: er fürchtete, es könnte jemandem einfallen, an seiner
Pyramide Kritik zu üben, an dieser einzigartigen Schöpfung seines
Geistes und Geschmacks, dem Zeugnis seiner Ergebenheit und Liebe zu
dem entschlafenen Sawelij. Um dem zu entgehen, beschloß Achilla, den
Aufbau möglichst im geheimen zu bewerkstelligen. Als er daher Stargorod
erreicht hatte, ging er nachts nur zu Zacharia und erzählte ihm von
allen Schwierigkeiten, die er bei der Herstellung der Pyramide zu
überwinden gehabt hatte.

Es gelang dem Diakon aber nicht, unbemerkt das Monument
zusammenzustellen. Die auf den Schlitten lagernden Teile der
Sawelij-Pyramide erregten gleich am nächsten Morgen allgemeines
Aufsehen. Die sich scharenweise herandrängenden Städter interessierten
sich besonders für die unter den Matten hervorblinkenden Arme und
Flügel der vergoldeten Cherubim. Die Biederleute stritten heftig
über die Frage, was das wohl für Engel sein mochten: silberne oder
vergoldete.

»Silbern und vergoldet und von innen mit Brillanten gespickt,« erklärte
Achilla und trieb die Mitbürger auseinander, die sich um die Arbeiter
drängten.

Auch die feinen Herrschaften ärgerten den Diakon. Diese schienen ihm
eigens zum hämischen Kritteln gekommen zu sein.

Der sonst so wenig selbstbewußte und ehrgeizige Achilla wurde in seiner
wachsenden Reizbarkeit zuletzt ganz unerträglich. Er konnte kein Wort
über Tuberozow mehr ruhig anhören. Sogar wenn man den Seligen lobte,
geriet er in Wut: er fand all und jedes Lob unangebracht.

»Was gibt's denn da zu loben?« sagte er zu Benefaktow. »Ihr seid, nehmt
mir's nicht übel, ein leichtsinniger Mensch, Vater Zacharia. Ihr redet
von ihm, wie man von Milch redet, wenn man eine Kuh gesehen hat.«

»Habe ich denn etwas Schlechtes über ihn gesagt?«

»Man soll überhaupt nicht von ihm reden. Die Zeit ist nicht danach,
über die Glaubensstarken zu streiten.«

Gegen andere war Achilla noch viel schroffer als gegen Benefaktow, und
als nach und nach alle, durch seine Empfindlichkeit abgestoßen, ihn
zu meiden anfingen, geriet er immer mehr unter die Herrschaft eines
Gedankens: der Vergänglichkeit alles Irdischen und des Todes.

»Sagt was ihr wollt,« philosophierte er, »das ist auch keine
Kleinigkeit, plötzlich so hinzusterben und dann Gott weiß wo an einem
ganz andern Ort wieder zu sich kommen.«

»Darüber hast du noch Zeit genug nachzudenken,« tröstete ihn Zacharia,
»du stirbst nicht so bald.«

»Woraus schließt Ihr das, Vater Zacharia?«

»Aus deinem Körperbau und ... dann hast du solche Ohren ... so
feste ...«

»Ja, was meine Statur und meine Ohren betrifft, so brauchte ich in
hundert Jahren nicht zu sterben; man müßte mich rein mit einem Knüppel
totschlagen. Aber, wißt Ihr, das hängt doch auch von der Phantasie ab,
und deswegen muß der Mensch auch daran denken.«

Und endlich verfiel der Diakon in eine ganz trübe Hypochondrie, die
auch den andern nicht entging. Man fing an zu reden, daß er sich den
Tod herbeirufe.

Der Propst Grazianskij besuchte den Diakon und machte ihm Vorwürfe
wegen seines freiwilligen Exils; er sagte, es wäre unvernünftig, die
Menschen zu fliehen; Achilla aber erwiderte ihm ruhig:

»Den Vernünftigen sucht Ihr jetzt vergebens. Er liegt im Grabe.«

Dem Arzt Pugowkin, den der Diakon einst beim Baden untergetaucht hatte
und der trotzdem sein guter Freund geblieben war und jetzt zu ihm kam,
ihn zu trösten und ihm einzureden, er sei krank und müsse sich ärztlich
behandeln lassen, erwiderte Achilla:

»Du hast recht, mein Bester, alle meine Gedanken gehen durcheinander
... Ich grübele -- ich weiß selber nicht worüber ... und immer quält
mich ... weißt du (Achilla zog die Brauen zusammen und schloß im
Flüstertone) die Sehnsucht.«

»Nun ja, man nennt das erhöhte Sensibilität, Reizbarkeit.«

»Reizbarkeit, das ist es! Alles drückt mich. Weißt du, es ist, als ob
ein Pfahl in meiner Brust stäke, und nachts sitze ich da und weiß lange
nicht, weswegen ich mich quäle und weine.«

Da trat unerwartet ein Ereignis ein, das den Diakon aufrüttelte: der
Tod des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch. In seinem Testament hatte er
verfügt, daß Vater Zacharia und Achilla ihm das letzte Geleit geben
sollten, jedem von den beiden hatte er dafür fünf Rubel in bar, zwei
Paar selbstgestrickte Strümpfe und eine baumwollene Nachtmütze
hinterlassen.

Als man vom Begräbnis nach Hause ging, schien der Diakon heiterer als
sonst. Er scherzte sogar.

»Seht ihr wohl, meine Lieben, wie Er unsere Gemeinschaft auflöst?«
sagte er, »einen nach dem andern holt Er sich: nun ist auch Nikolai
Afanasjewitsch hin. Und dann kommt die Reihe an mich und Vater
Zacharia.«

Achilla täuschte sich nicht. Als er Seinen Besuch erwartete, stand Er,
der Milde und Unüberwindliche, schon hinter ihm und breitete seine
kühlen Flügel über ihn.

Die Chronik muß eingehend über die letzten Taten des Recken Achilla
berichten, denn diese Taten waren seiner durchaus würdig und gaben ihm
die Möglichkeit, auf seine eigene, ganz besondere Weise die Fahrt nach
dem jenseitigen Ufer des Lebensmeeres anzutreten.



Dreizehntes Kapitel.


Der Frühling kam und Stargorod erwachte zu neuem Leben. Der Fluß wollte
die starre Eisdecke abwerfen, blies sich auf und wurde blau. Immer
höher türmten sich an beiden Ufern die Berge von Getreidesäcken, und
schon wurden die breiten Barken instand gesetzt.

Aus den Dörfern, die den Winter hindurch gehungert hatten, kamen
täglich Scharen zerlumpter Bauern in Bastschuhen und weißen Filzkappen
in die Stadt. Sie ließen sich als Schlepper dingen, gegen Bezahlung
ihrer Steuern und Beköstigung, und waren glücklich, das Getreide, das
ihnen daheim so mangelte, in entfernte Gegenden schaffen zu können.
Selbstverständlich wurden nicht alle dieses Glückes teilhaftig. Das
Angebot übertraf die Nachfrage ganz bedeutend. Und um die Überflüssigen
kümmerte sich kein Mensch.

In einsamen und abgelegenen Gassen der Stadt begann sich, ohne
sichtliche Veranlassung, allerlei Teufelsspuk zu zeigen. Ein solcher
Teufel, in voller höllischer Ausrüstung, mit Hörnern und Klauen,
überfiel nacheinander zwei Weiber, einen betrunkenen Schmied und einen
völlig nüchternen Kanzlisten, der zu einem nächtlichen Stelldichein
mit einer Kaufmannstochter pilgerte. Den Armen wurde alles abgenommen,
was sie bei sich hatten, und später sagten sie aus, der Teufel, dessen
Opfer sie geworden wären, hätte Stierhörner gehabt und Klauen ganz wie
jene Eisenhaken, mit denen die Hafenarbeiter die Getreidesäcke auf
die Barken zerren. Niemand wagte mehr nach Sonnenuntergang durch die
Stadt zu gehen; aber der Teufel trieb sein Unwesen ruhig weiter. Einmal
wurde er von den Wachtposten gesehen, die vor dem Salzdepot und vor
dem Gefängnis standen. Er hatte sogar die Unverschämtheit, näher als
auf Schußweite an die Soldaten heranzukommen und sie mit kläglicher
Stimme um ein Stückchen Brot zu bitten. Man sandte daher nachts
Patrouillen aus; eine, vom Polizeichef, dem uns längst wohlbekannten
tapfern Rittmeister Porochontzew, selbst geführt, begegnete dem
Teufel tatsächlich und rief ihn sogar an. Als er aber darauf: »Gut
Freund« erwiderte -- bekamen die Leute Angst und rannten davon. Der
Rittmeister, welcher glaubte, sich auf die Polizei nicht mehr verlassen
zu können, wandte sich nun an den Hauptmann Powerdownia und bat um den
Beistand seines Invalidenkommandos zur sofortigen Festnahme des die
Stadt in so große Erregung versetzenden Teufels. Aber der Hauptmann
wollte sich mit dem Höllenfürsten nicht einlassen, ohne vorher die
Genehmigung seiner unmittelbaren Vorgesetzten eingeholt zu haben,
und so spazierte der Teufel nach wie vor in der Stadt herum, und das
Entsetzen der Bürgerschaft wuchs von Tag zu Tag. Endlich mischte
sich der Propst Grazianskij hinein. Er wandte sich an das Volk mit
einer Predigt über den Aberglauben und behauptete, Teufel, die den
Leuten Mäntel und Kopftücher fortnehmen, gäbe es überhaupt nicht.
Der nachts in der Stadt umgehende Teufel sei nichts weiter als ein
fauler Taugenichts, welcher glaube, die Leute leichter um ihr Hab
und Gut betrügen zu können, wenn er ihnen durch seine Teufelsmaske
vorher einen gehörigen Schreck einjage. Diese Rede rief eine große
Entrüstung hervor. Der Vorsteher der altgläubigen Gemeinde erklärte,
das sei wieder einmal eine Ketzerei der neuen Kirche, und es gelang
ihm ohne alle Mühe, ein paar Schäflein aus der Domherde für seine
Sekte zu gewinnen. Der Teufel aber nahm noch in anderer Weise Rache an
dem ungläubigen Grazianskij. Am Tage, welcher seiner Predigt folgte,
entdeckte man im Vorhause der Grazianskijschen Wohnung an der Decke die
Spuren schmutziger Stiefel. Natürlich war alle Welt darüber erstaunt
und entsetzt; denn wer kann mit dem Kopf nach unten an der Decke
entlang laufen?! Man neigte daher zu der Ansicht, nur der Teufel könne
es gewesen sein, und selbst der Propst war nicht imstande, seiner
Frau dies auszureden. Allen seinen Ermahnungen zum Trotz wuchs die
Hochachtung vor dem Teufel erst recht; kein Mensch wagte mehr, ihn zu
erzürnen, aber auch niemand ging in der Dämmerung mehr aus.

Indessen, der Teufel hatte es doch zu toll getrieben und das bekam
ihm schließlich übel. In den Straßen gab es für ihn schlechterdings
nichts mehr zu erbeuten. Es begannen infolgedessen die Messingkreuze,
die Heiligenbilderschreine und die Lämpchen auf dem Friedhofe zu
verschwinden, wo der Vater Sawelij unter seiner Pyramide ruhte.

Die Stadt, durch die verschiedenen Teufelsstreiche in Schrecken
versetzt, schrieb auch diese neue Schändlichkeit ohne weiteres
demselben bösen Feinde zu.

Bei der Untersuchung des Schadens bemerkte man, daß auch das Denkmal
des Vaters Sawelij gelitten hatte: das Kreuz und der vergoldete Knopf,
welche die Pyramide krönten, waren mit Hilfe eines Brecheisens stark
verbogen und gelockert, einer der vergoldeten Cherubim abgerissen,
erbarmungslos mit dem Beil zerhackt und dann verächtlich weggeworfen,
da er keinen nennenswerten Marktwert besaß.

Als Achilla davon Kenntnis erhielt, unterzog er das beschädigte
Monument einer genauen Besichtigung und meinte:

»Und wenn du Beelzebub selber wärst, das wirst du mir büßen müssen.«



Vierzehntes Kapitel.


In der darauffolgenden Nacht, gegen elf Uhr, verließ der Diakon, ohne
vorher jemandem etwas gesagt zu haben, leise das Haus und schlich sich
nach dem Friedhof. Eine lange Stange und eine starke Hanfschlinge trug
er in der Hand.

Niemand kam ihm in den Weg, niemand bemerkte ihn. Kurz vor halb zwölf
erreichte er den Friedhof. Er betrachtete das Tor: es war geschlossen
und klapperte leise, vom frischen Frühlingswind gerüttelt. Allem
Anschein nach pflegte der Teufel nicht durch dieses Tor zu gehen,
sondern nahm einen andern Weg.

Achilla trat zur Seite und stieß mit der Stange in den weichen
Schnee, der den rund um den Friedhof gezogenen Graben füllte. Die
Stange durchbohrte die dünne Eisschicht und drang etwa bis zur Hälfte
ein. Der Graben war ungefähr zwei und eine halbe Arschin tief. Auf
der gegenüberliegenden Seite bildete die abgegrabene Erde einen
glitschigen, von außen leicht befrorenen Lehmwall.

Achilla stieß die Stange fester in den Boden, stützte sich auf sie,
flog drachengleich empor und gelangte glücklich hinüber. Für die
Stange, mit deren Hilfe er diesen gigantischen Sprung allein hatte
ausführen können, erwies sich die Wucht seines massigen Leibes
allerdings zu schwer: sie brach in demselben Augenblick, in dem die
Sohlen des Diakons den Wall berührten. Achilla kümmerte es nicht;
er hoffte, auf dem Friedhof irgend etwas anderes zu finden, das ihm
auf dem Rückwege denselben Dienst leisten könnte. Außerdem hatte ihn
jenes Gefühl erfaßt, das sich nachts auf dem Friedhof unser so leicht
bemächtigt. Nicht Furcht, sondern eine Art Spannung, bei der alle fünf
Sinne erregt und scharf arbeiten. Achilla atmete tief auf, nahm das
schwarze Tuchkäppchen vom Kopf, schüttelte die grau gewordenen Locken
und sah mit Vergnügen, wie hell das silberne Licht des Mondes über den
Gottesacker floß. Wehmut erfaßte ihn, und doch fühlte er sich zugleich
so frisch, wie schon lange nicht; er gedachte der alten Zeiten und
ihrer Kämpfe und sandte dem Monde einen scherzhaften Gruß hinauf:

»Guten Abend, Kosakensonne!«

Tiefe Stille ringsum! Ja, hier herrschte wirklich Frieden! ...

Der Diakon ging zum Grabe Sawelijs, setzte sich auf den Hügel und
lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Cherubim. Immer noch tiefe,
durch nichts gestörte Stille, nur die Wolkenschatten zogen lautlos
dahin. Neue und immer neue, ohne Ende.

Der Diakon wurde schläfrig. Er lehnte sich fester gegen die Pyramide
und fiel in Halbschlaf. Nur für kurze Zeit; denn plötzlich schien es
ihm, als stampfte jemand kräftig auf. Er öffnete die Augen: gleiche
Stille ringsum, nur der Himmel hatte sein Aussehen verändert, der Mond
war blasser geworden und längs der Pyramide lief ein einziger langer
und breiter Schatten. Wolken ballten sich zusammen und die Luft wehte
morgenkühl. Achilla erhob sich und wiederum hatte er die Empfindung,
als wandele jemand auf dem Friedhof umher.

Der Diakon ging hinter die Pyramide. Niemand war zu sehen.

Nur eine frische Spur. Aber auch sie konnte von früher herstammen. Wie
sollte man das unterscheiden, wenn der Schnee schon zum dünnen Brei
geworden war, in den der Fuß riesige, fast formlose Gruben drückte? In
der Stadt krähten die Hähne ihren Morgengruß. Nein, heute kommt der
Teufel nicht mehr!

Achilla wandte sich langsam zu der Stelle, wo er über den Graben
gesprungen war. Er fand sie ohne Schwierigkeit und griff ohne
Bedenken nach der aus dem Graben emporragenden langen Stange, als er
sich plötzlich erinnerte, daß sie gebrochen war! ... Wo kam da die
unversehrte Stange her?

»Sonderbar!« dachte der Diakon, und nachdem er sich überzeugt hatte,
daß er sich nicht täusche, sondern tatsächlich aus dem Graben eine
tadellose Stange hervorragte, machte er sich zum Sprung bereit, als
sich von hinten plötzlich über seine Schultern hinweg zwei mächtige
Tatzen auf seine Brust legten. Sie waren mit dicker, filziger schwarzer
Wolle bekleidet und hatten gewaltige Eisenklauen.

Der Teufel!



Fünfzehntes Kapitel.


Achilla knickte augenblicklich unter dem ihn niederdrückenden
Teufel zusammen, packte ihn dann an den Pfoten und riß dieselben so
kräftig, daß das Kinn des Teufels dröhnend gegen seinen Scheitel
schlug und gleichsam daran kleben blieb. Der Teufel, der darauf nicht
gefaßt gewesen war, fing verzweifelt an zu zappeln, sah aber die
Vergeblichkeit seiner Bemühungen bald ein, wurde still und blieb nach
einem dumpfen Seufzer auf dem Rücken des Diakons hängen. Es war ihm
nicht nur unmöglich, sich loszureißen, sondern er vermochte sogar kein
Wort herauszubringen, denn sein Kiefer war wie mit einer Presse gegen
den Schädel Achillas gepreßt. Die einzige Bewegung, welche der böse
Geist zu machen vermochte, war das Strampeln mit den Beinen. Diese
Möglichkeit beutete er aber auch mit höllischer Lust und Arglist aus.

Achilla, der den Teufel ebenso leicht auf seinem Rücken hielt, wie ein
gesunder Bauer eine Garbe Erbsenstroh, tat ein paar Schritte rückwärts,
nahm einen Anlauf und sprang über den Graben. Der gewandte Teufel
benutzte diesen Moment, seine Beine um die ausgespreizten des Diakons
zu schlingen, gerade als sie beide jenseits des Grabens angelangt
waren. Der so plötzlich in seiner Bewegung gehemmte Achilla verlor das
Gleichgewicht und stürzte mit seiner Last in den mit kaltem, schneeigem
Brei gefüllten Graben.

Beinahe hätte die furchtbare Kälte ihn veranlaßt, seine Hände zu
öffnen und den Teufel loszulassen, doch überwand er sich und hielt
nach anderen Rettungsmöglichkeiten Umschau. Doch schien es die nicht
zu geben; die glatten Grabenwände bedeckte eine Eisschicht, so daß
es unmöglich war, an ihnen emporzuklimmen, ohne sich der Hände zu
bedienen. Dazu aber hätte Achilla den Teufel loslassen müssen und das
wollte er durchaus nicht. Er versuchte zu schreien, doch niemand hörte
ihn, und wenn ihn auch jemand gehört hätte, so würde er seine Tür nur
noch fester verschlossen und gesagt haben: »Da hat der Teufel schon
wieder einen am Wickel.«

Der Diakon begriff, daß er von der geängstigten Bevölkerung keine Hilfe
zu erwarten habe. Trotzdem wollte er den Teufel nicht loslassen, und so
hockten beide im Graben und froren. Sie waren fast völlig erstarrt und
hätten vielleicht hier ihren Tod gefunden, wenn nicht ein Zufall ihnen
zu Hilfe gekommen wäre.

Frühmorgens zog ein Spiritustransport nach der Stadt. Als er am
Friedhof vorbeikam, bemerkten die Bauern im Graben eine seltsame
Gruppe. Sie machten Halt, ergriffen aber entsetzt die Flucht, als sie
das blaue Gesicht eines Mannes erkannten, über dem sich die gehörnte
Teufelsfratze emporreckte. Der halberstarrte Achilla nahm seine letzte
Kraft zusammen, rief die Leute zurück, befahl ihnen, auf den Teufel
aufzupassen, zog die rechte Hand aus dem Graben heraus und bekreuzigte
sich.

»Es ist ein Christenmensch, Kinder!« riefen die Bauern, zogen den
Diakon und den Teufel heraus, steckten einen Strohhalm in das Spundloch
eines der Fässer und setzten Achilla davor. Den Teufel aber warfen sie
vorn auf den Schlitten und fuhren weiter zur Stadt.

Nachdem er etwas Spiritus eingesogen hatte, zuckte der Diakon zusammen
und fiel der Länge nach auf den Schlitten. Er befand sich in einem
entsetzlichen Zustande. Ganz durchnäßt und blau, wie ein Kessel,
zitterte er so, daß er kaum atmen konnte. Der Teufel aber lag da wie
ein Eiszapfen. So brachte man ihn in die Stadt, wo der Diakon das
Fahrzeug vor dem Polizeiamt halten ließ.

Achilla hob den Teufel aus dem Schlitten, ließ ihn in die Kanzlei
tragen und schickte nach dem Polizeichef. Er selbst ließ sich vom
Polizeidiener ein trockenes Hemd und einen Soldatenmantel geben und
legte sich auf das Sofa.

Trotz der frühen Stunde war bald die ganze Stadt von dem großen
Ereignis unterrichtet, und eine dichte Menschenmenge wogte, wie
Meereswellen um einen Felsen, um das Gebäude des Polizeiamtes, wo auch
der Rittmeister Porochontzew seine Amtswohnung hatte. Trotz ihres Amtes
und ihrer Würde gelang es den einflußreichsten Persönlichkeiten der
Stadt, wie dem Propst Grazianskij, dem Vater Zacharia und dem Hauptmann
Powerdownia, nur mit großer Mühe, sich einen Weg durch die Menge zu
bahnen, und auch nur deshalb, weil die Menge die Anwesenheit der
Geistlichkeit bei der an dem Teufel vorzunehmenden Exekution für eine
religiöse Notwendigkeit hielt. Dem Hauptmann Powerdownia aber kam sein
Säbelgriff zugute, mit dem er kräftige Hiebe und Püffe nach rechts und
nach links austeilte.



Sechzehntes Kapitel.


Während draußen die Menge sich drängte und lärmte, ging es im Hause
nicht weniger erregt zu. Der Polizeichef, Rittmeister Porochontzew,
kam in Barchentunterhosen und einer Flanelljacke in die Kanzlei
gestürzt und sah tatsächlich den Teufel mit Hörnern und Klauen kläglich
zusammengekauert am Boden hocken und ihm gegenüber auf dem Sofa, das
sonst die Bittsteller einzunehmen pflegten, eine unförmliche zitternde
Masse, bedeckt mit einem Soldatenmantel und zwei Schafpelzen: der
Diakon.

Um den Teufel herum gruppierten sich in den verschiedensten Stellungen
sämtliche Stargoroder Honoratioren, auf deren Gesichtern nichts von dem
Grauen zu lesen war, das die Nähe des bösen Geistes ihnen von Rechts
wegen hätte einflößen sollen. Jeder sah, daß dieser Teufel ein ganz
jämmerliches Geschöpf war, welches vor Kälte bebte und schlecht und
recht in die traurigen Reste eines Kosakenmantels aus haarigem Filz
gewickelt war, den der Diakon Achilla einmal dem Kommissar Danilka
geschenkt hatte, weil das Kleidungsstück zu nichts sonst zu gebrauchen
war. Auf des Teufels Kopfe, den ein Fetzen desselben Mantels bedeckte,
ragten zwei mit einem schmutzigen Bindfaden ungeschickt befestigte
Kuhhörner empor, und an den Händen, die in ein paar Stückchen Schaffell
gewickelt waren, baumelten zwei gewöhnliche Eisenhaken, wie man sie zum
Aufwinden von Getreidesäcken verwendet. Das merkwürdigste aber war,
daß einer der Soldaten, als er mit der Hand unter den Anzug des Teufels
griff, eine Schnur zu packen bekam, an der ein altes Messingkreuzchen
mit der Aufschrift: »Es stehe Gott auf, daß seine Feinde zerstreuet
werden« hing.

»Ich sagte doch, daß alles Betrug wäre,« bemerkte der Propst
Grazianskij.

»Ja, ja, dem Kostüm nach ist es ein richtiger Teufel, aber das
Kreuzlein läßt auf anderes schließen,« stimmte Zacharia ihm bei, trat
auf das rätselhafte Geschöpf zu und fragte: »Hör mal, mein Lieber, wer
bist du? He? Hörst du, was ich dir sage? ... Lieber Freund! ... Heda!
... Hörst du? ... Sprich doch! ... Sonst gibt es Prügel! ... So rede
doch!«

Hier mischte sich der Polizeichef ein und fing selbst an, den Teufel
auszufragen, aber ebenso erfolglos.

Der Teufel, der allmählich warm wurde und zu sich kam, rückte nur
sachte hin und her und verkroch sich wie eine Schildkröte immer tiefer
in seinen Mantel.

Von den verschiedenen Seiten wurden allerlei Meinungen darüber laut:
was man jetzt mit diesem Teufel anfangen sollte. Der Polizeichef
neigte zu der Ansicht, man müsse ihn, so wie er sei, zum Gouverneur
schicken und berief sich dabei auf das alte Gesetz über Ungeheuer und
Mißgeburten. Aber alle waren so neugierig, daß sie sich diesem Beschluß
energisch widersetzten und die mannigfaltigsten Gründe anführten, um
den Polizeichef zu überzeugen, daß der Dämon unbedingt sofort entlarvt
werden müsse, um die allgemeine, brennende Neugier endlich zu stillen!

Zwei der Anwesenden nahmen an den Debatten keinen Anteil:
der Bürgermeister und Vater Zacharia, denn beide waren in
Spezialuntersuchungen vertieft. Der Bürgermeister schlich sich immer
ganz leise an den Teufel heran, bald von der einen, bald von der
anderen Seite, machte das Zeichen des Kreuzes über ihn und sprang dann
geschwind wieder zur Seite, um nicht mit dem Bösen gemeinsam in die
Tiefe zu versinken. Zacharia aber riß ihn an den Hörnern und flüsterte
ihm zu:

»Hör mal, mein Lieber, sag mir nur das eine: warst du es, der beim
Vater Propst die Decke entlang gelaufen ist? Gesteh's und du bekommst
keine Schläge.«

»Ich war's,« stöhnte der Teufel dumpf.

Diese ersten Worte des Dämons riefen unter den Anwesenden eine
unerwartete Panik hervor, welche durch das wilde Geschrei des draußen
stehenden Volkes noch verstärkt wurde. Die Menge hatte die Geduld
verloren und drängte ins Haus mit der Forderung, der Teufel solle ihr
ausgeliefert werden, wobei ganz laut der Verdacht geäußert wurde, die
Polizei beabsichtige, sich vom Teufel »schmieren« zu lassen und ihn
dann unbehelligt in sein höllisches Reich heimzusenden. Einige machten
den Vorschlag, die Tür aufzubrechen und den Teufel mit Gewalt den
Händen der gesetzlichen Obrigkeit zu entreißen. Dieser Drohung folgte
ihre Verwirklichung auf dem Fuße, denn man schlug donnernd gegen die
Türe. Jedoch der Rittmeister fand das richtige Gegenmittel. Er gab dem
Revieraufseher ein Zeichen, worauf dieser sofort die Feuerspritze aus
dem Schuppen zog, mit dem Schlauch auf den Zaun kletterte und einen
Strahl eiskalten Wassers über die Menge ergoß. Hiermit war das Signal
zu einem wilden Tohuwabohu gegeben. Die Menge fuhr zurück, schrie,
pfiff, lachte, dann aber wurden die heiteren Gesichter plötzlich ganz
ernst, die Leute bissen die Zähne zusammen und drängten von neuem
vorwärts. Das kalte Sturzbad hatte seine Schrecken verloren, die Tür
krachte, Steine flogen ins Fenster, der Aufseher wurde an den Beinen
vom Zaun heruntergerissen, die Menge bemächtigte sich der Spritze und
besprengte nun den Aufseher vor den Augen seiner Vorgesetzten. Der
Polizeichef und die Honoratioren stürzten in die innern Gemächer und
schlossen die Türen hinter sich zu, der Hauptmann Powerdownia aber, der
ihnen nicht so schnell hatte folgen können, rannte in der Kanzlei hin
und her und schrie:

»Meine Herren! Keine Furcht! Gott mit uns! Wer Waffen hat ... rettet
euch!«

Sein Blick fiel auf den geöffneten Aktenschrank, er sprang geschwind
hinein und schlug die Tür hinter sich zu, durch die zerschlagenen
Fensterscheiben aber kamen immer mehr Steine geflogen, und der Teufel
selbst schrie laut auf vor Entsetzen und Verzweiflung.



Siebzehntes Kapitel.


Der Augenblick war kritisch. Er harrte seines Helden, und dieser kam.
Die Pelze, mit denen der von allen vergessene Diakon Achilla bedeckt
war, gerieten in Bewegung, sie fielen zu Boden, und er selbst, barfuß,
im kurzen und engen Soldatenhemd, stürzte auf das Wesen los, das man
noch jüngst für den Teufel gehalten hatte, und begann es heftig zu
schütteln.

»Zieh dich aus!« kommandierte er, »zieh dich aus und zeige, wer du
bist, oder ich reiße dir das alles samt deinem eigenen Fell vom Leibe!«

Ein kurzer Moment -- und der Teufel war verschwunden. An seiner Statt
zeigte sich den erstaunten Augen des Diakons der frosterstarrte
Kleinbürger Danilka.

Achilla riß ihn ans Fenster, steckte den Kopf durch die zerbrochene
Scheibe hinaus und rief:

»Ruhe, ihr Schafsköpfe! Das ist Danilka, der sich als Teufel verkleidet
hatte! Schaut her!«

Und der Diakon hob den blaugefrorenen Danilka in die Höhe und warf zu
gleicher Zeit seine Teufelsausrüstung Stück für Stück auf die Straße
hinab:

»Da habt ihr seine Klauen! Und seine Hörner! Und den übrigen Kram! Und
jetzt paßt auf: ich will ihn verhören.«

Und der Diakon drehte den Danilka so herum, daß dieser ihm ins Gesicht
sehen mußte, und fragte ihn mit ungeheuchelter Freundlichkeit:

»Warum hast du dich so scheußlich verkleidet, du Narr?«

»Vor Hunger,« flüsterte der Kleinbürger.

Achilla rief es dem Volke zu und fuhr dann mit seiner gewaltigen
Donnerstimme fort:

»Und jetzt, ihr braven Christenleute, begebt euch nach Hause, denn wenn
die hohe Obrigkeit wieder Mut faßt, läßt sie -- was Gott verhüten möge
-- gleich schießen.«

Lachend ging das Volk auseinander.



Achtzehntes Kapitel.


Wirklich hatte die Obrigkeit »Mut« gefaßt, kam wieder aus ihrem
Schlupfwinkel heraus und begann Ordnung zu stiften.

Der nasse und kaum noch schnaufende Danilka wurde in einen trockenen
Arrestantenkittel gesteckt, und das peinliche Verhör begann. Er
gestand, daß er, von Hunger und Frost geplagt, von allen wegen
seines liederlichen Lebenswandels gemieden, lange Zeit obdachlos
umhergeirrt sei, bis ihm der Gedanke gekommen sei, sich als Teufel
zu verkleiden. Auf diese Weise habe er den Leuten bei Nacht Angst
eingejagt, gemaust, was ihm irgendwie unter die Finger gekommen sei, es
den Juden verschachert und davon gelebt. Achilla hörte aufmerksam zu.
Als das Verhör beendet war, sah er immer noch Danilka an und bemerkte
plötzlich, wie die Gestalt des Kommissars vor seinen Blicken sich bald
ganz hoch emporhob, bald tief senkte. Achilla zwinkerte ein paarmal
mit den Augen, denn ein neues Schauspiel begann: Danilka glänzte jetzt
wie blankes Gold, dann wie weißes Silber, dann wieder schien er ganz
in Flammen zu stehen, daß einem die Augen schmerzten, wenn man ihn
betrachtete, dann erlosch er mit einemmal und war fort. Und er war doch
da! Diesem kaleidoskopartigen Wechsel der Erscheinungen zu folgen war
eine unerträgliche Marter; schloß man aber die Augen, so wurde es noch
bunter und tat erst recht weh.

»Was ist das nur!« dachte der Diakon und fuhr sich mit der Hand über
das Gesicht. Dabei bemerkte er, daß seine Handfläche, wenn sie die
Gesichtshaut berührte, knisterte und hängen blieb, wie wenn man mit
Tuch über Flanell streicht. Dann war's ihm plötzlich, als liefe ein
heißer Feuerstrom durch sein Blut, stoße gegen den Scheitel und beraube
ihn des Gedächtnisses. Der Diakon wußte nicht mehr, warum er hier
war, weshalb dieser Danilka da stand wie ein gerupftes Hühnchen und
ungeniert erzählte, wie er den Leuten Angst machte, wie er sie sich
durch allerlei Künste vom Leibe hielt und wie er unvermutet in die
Gewalt des Vaters Diakon geriet.

»Nun erzähle mal,« fragte Zacharia wieder, »erzähle mal, mein Lieber,
wie bist du beim Vater Propst mit dem Kopf nach unten die Decke entlang
gelaufen?«

»Ganz einfach, Vater Zacharia,« antwortete Danilka. »Ich nahm meine
Stiefel ab, steckte sie auf einen Stock und stieß sie dann mit den
Sohlen gegen die Decke.«

»So laßt ihn doch endlich gehen, was quält ihr ihn immer noch,« sagte
endlich Achilla.

Alle sahen ihn erstaunt an.

»Was redet Ihr da? Wie kann man einen Kirchenschänder ziehen lassen?«
fiel ihm Grazianskij ins Wort.

»Ach was, Kirchenschänder! Der Mann hatte Hunger. Laßt ihn laufen um
Christi willen.«

Grazianskij bemerkte, ohne Achilla anzusehen, sein Eintreten zugunsten
des Verbrechers sei völlig unpassend.

»Warum denn? So ein armer Kerl ... er hungerte doch ... die Apostel
rauften auch Ähren aus ...«

»Wie kommt Ihr dazu?« sagte der Propst streng und drehte sich nach ihm
um. »Ihr seid wohl gar Sozialist?«

»Was weiß ich von Sozialisten! Die heiligen Apostel, sag ich, gingen
über Feld und rauften Ähren aus. Ihr städtischen Pfarrerssöhne wißt
nichts davon, aber wir Subdiakonskinder vom Lande haben in der Schule
auch manchmal Eßwaren gemaust. Nein, laßt ihn gehen um Christi willen,
ich gebe ihn Euch ja doch nicht heraus.«

»Ihr habt wohl den Verstand verloren? Wie könnt Ihr Euch unterstehen?«

Diese letzten Worte schienen dem Diakon eine so unerhörte Kränkung, daß
er feuerrot wurde, und seinen nassen Leibrock überwerfend, aufschrie:

»Ich geb' ihn Euch nicht heraus und damit Schluß! Er ist mein
Gefangener und ich habe ein Recht auf ihn!«

Mit diesen Worten wankte der Diakon auf Danilka zu, stieß ihn zur Tür
hinaus, packte mit beiden Händen die Türpfosten, um keinen Verfolger
durchzulassen, und wollte noch etwas sagen, als er sich plötzlich immer
größer und breiter werden, in feurigen Gluten aufgehen und verschwinden
fühlte. Er schloß die Augen und fiel bewußtlos nieder.

Achillas Zustand war jener des seligen Vergessens, in den das Fieber
den Menschen versetzt. Er vernahm die Worte, wie »Unfug«, »Protokoll«,
»Schlag«, fühlte, daß man ihn berührte, umdrehte, aufhob, hörte das
Flehen und Jammern des draußen wieder eingefangenen Danilka, aber er
hörte das alles nur wie im Traum, und dann wuchs er wieder und dehnte
sich unendlich weit und strömte süße Gluten aus und zerschmolz in der
läuternden Flamme der Krankheit. Da kam es, das Ende des Lebens, der
Tod!

Achillas »Tat« wurde zu Protokoll gebracht, wobei der alte Freund und
Kamerad, Woin Porochontzew, sich die größte Mühe gab, das Benehmen des
Diakons in möglichst harmlosem Lichte erscheinen zu lassen. Trotzdem
wurde das Dokument betitelt: »Von dem frechen Unfug, den der Domdiakon
Achilla im Beisein der Stargoroder Polizeiverwaltung angestiftet.«

Der Rittmeister Porochontzew konnte nur das Wort »frech« ausstreichen,
der Unfug Achillas aber wurde zum Gegenstand einer polizeilichen Akte,
auf die früher oder später ein strenges Urteil erfolgen mußte.



Neunzehntes Kapitel.


Achilla wußte nichts von alledem: er glühte ruhig und sorglos weiter
in den Flammen seiner Krankheit. Der Arzt hatte ihn ins Krankenhaus
schaffen lassen und erklärt, es handle sich um eine sehr schwere Form
von Typhus, die gleich mit Bewußtlosigkeit und hohem Fieber anfange und
zu den schlimmsten Befürchtungen Veranlassung gebe.

Dem Rittmeister Porochontzew kam diese Äußerung des Arztes sehr
gelegen. Er fragte sofort, ob man das Benehmen Achillas nicht durch
seinen krankhaften Zustand erklären könne. Der Arzt war durchaus dieser
Meinung. Achilla aber war schon fünf Tage ohne Bewußtsein und lebte
immer noch in denselben unklaren, aber süßen Vorstellungen und in
demselben Gefühl einer wohltuenden Hitze. Neben seinem Bette saß auf
einem wackeligen Stühlchen der Vater Zacharia und hielt ein mit kaltem
Wasser getränktes Handtuch dem Kranken auf die Stirn. Gegen Abend kamen
noch ein paar Bekannte und der Arzt.

Der mit geschlossenen Augen daliegende Diakon hörte, wie der Arzt
sagte, daß, wenn es jemandem um die Seele des Kranken zu tun sei, er
den ersten lichten Augenblick wahrnehmen müsse, denn die Krisis nahe
heran, von der nicht viel Gutes zu erwarten sei.

»Nehmt den Augenblick wahr,« sagte er, »der Puls ist schon ganz
unzuverlässig.« Dann fing der Arzt mit Porochontzew und den andern an
zu reden, die es gar nicht begreifen konnten, daß Achilla im Sterben
liege und noch dazu infolge einer Erkältung! Dieser Recke sollte
sterben, und Danilka, der mit ihm im kalten Bade gesessen hatte, befand
sich in seiner Gefängniszelle ganz wohl und munter. Der Arzt erklärte
es dadurch, daß Achilla schon seit längerer Zeit angegriffen und
leidend gewesen wäre.

»Ja, ja, Sie sprachen davon ... erhöhte Sensibilität,« stammelte
Zacharia.

»Eine merkwürdige Krankheit,« bemerkte Porochontzew. »Auch hier alles
neu. Ich lebe nun schon so lange auf der Welt und habe noch nie von so
einer Krankheit gehört.«

»Ja, ja, ja,« sagte Zacharia zustimmend, »die Lebensgewohnheiten
verfeinern sich und die Krankheiten werden komplizierter.«

Der Diakon öffnete leise die Augen und flüsterte:

»Gebt mir zu trinken!«

Man reichte ihm einen Metallkrug, an den er seine flammenden
Lippen preßte. Und während er das kühle Moosbeerengetränk gierig
herunterschlang, musterte er die Umstehenden mit seinen entzündeten
Augen.

»Nun, wie geht es unserer lieben Orgel?« fragte der Bürgermeister
teilnehmend.

»Dumpf, dumpf,« antwortete der Diakon schwer atmend und fing nach
einer Minute ganz unvermittelt in erzählendem Tone an: »Nach meinem
Hündchen Wiesie -- als die Post es überfahren hatte -- wollte ich mir
wieder eins zulegen ... Da seh' ich in Petersburg auf dem Newskij
einen Hundejungen ... ›Verschaff mir‹, sagte ich ... ›ein nettes
Hündchen‹ ... Da antwortete er: ›Heutzutag -- gibt's keine Hunde mehr
... Heutzutag gibt's nur noch Pointer und Setter,‹ sagte er ... ›Was
sind denn das für Viecher?‹ fragte ich ... ›Das‹ -- sagte er -- ›sind
ebensolche Hunde, bloß nennt man sie anders.‹«

Der Diakon stockte.

»Wie kommt Ihr auf diese Geschichte?« fragte ihn der Arzt in
freundlichem, aufmunterndem Tone, denn es schien ihm, als phantasierte
der Kranke.

»Weil Sie vorhin von neuen Krankheiten redeten. Sie alle -- man mag sie
nennen, wie man will -- laufen doch auf ein und dasselbe Ziel hinaus --
auf den Tod.«

Hier verlor der Diakon von neuem das Bewußtsein und erwachte bis
Mitternacht nicht mehr. Dann fing er plötzlich wieder zu phantasieren
an:

»Arkebusier, Arkebusier ... geh fort, Arkebusier!«

Bei dem letzten Wort sprang er auf und setzte sich, völlig wach,
aufrecht im Bette hin.

»Du solltest beichten, Diakon«, sagte Zacharia.

»Ja, ja,« sagte Achilla, »nehmt meine Beichte entgegen ... Schneller
... ich will beichten, um nichts zu vergessen ... In allem hab' ich
gesündigt ... Vergebt mir um Jesu Christi willen ...« Und mit einem
Seufzer fügte er hinzu:

»Schickt schnell nach dem Propst.«

Grazianskij erschien sogleich.

Achilla grüßte ihn von weitem mit den Augen, bat um seinen Segen und
küßte ihm zweimal die Hand.

»Ich sterbe,« sagte er, »und ich wollte Euch um Vergebung bitten. Gegen
alle Gebote hab' ich gesündigt.«

»Der Herr wird Euch vergeben,« antwortete Grazianskij.

»Ich war ja nicht bösen Willens ... aber ich redete oft unverständlich.«

»Laßt doch ... Ihr habt ein edles Herz.«

»Nein, nein, so sollt Ihr nicht reden,« unterbrach ihn der Diakon.
»Ich tat nicht immer das, was ich sollte ... und zuletzt ... zürnte
ich wegen des Denkmals ... Leere Phantasien: Himmel und Erde werden
verbrennen und alles wird versinken ... Was für ein Denkmal! Und alles
meine Unvernunft!«

»Er ist schon weise,« flüsterte Zacharia, den Kopf senkend.

Der Diakon warf sich auf seinem Bette hin und her.

»Vergebt mir um Christi willen,« sagte er hastig, »und zwingt Euch
nicht, hier zu bleiben. Mich packt die Krankheit schon wieder ... Lebt
wohl.«

Der gelehrte Propst segnete den Sterbenden, worauf Zacharia ihn
hinausbegleitete. Als er in das Zimmer zurückkam, blieb er entsetzt auf
der Schwelle stehen.

Achilla lag im Todeskampf und seine Agonie war ebenso verblüffend wie
grauenerregend. Einige Sekunden war er ganz still, und wenn er genügend
Luft eingesogen hatte, stieß er sie plötzlich mit einem langgedehnten
»Hu--u--u--u« heraus; dabei fuchtelte er jedesmal mit den Armen in der
Luft herum und richtete sich auf, als ob er sich von etwas befreie,
etwas von sich werfe.

Zacharia stand wie erstarrt, und die schwachen Bretter der Bettstelle
bogen sich und krachten immer stärker unter der Last des Sterbenden,
und schauerlich bebte die Wand, durch die gleichsam die so lange
gefesselt gewesene elementare Kraft sich einen Weg bahnen wollte.

»Geht es zu Ende?« erriet Zacharia plötzlich und stürzte zum Fenster
nach dem dort liegenden Gebetbuche, aber in diesem Augenblick rief
Achilla mit fest zusammengebissenen Zähnen:

»Wer bist du? Du mit dem Feuergesicht? Laß mich durch!«

Zacharia sah sich ängstlich um und machte ein verblüfftes Gesicht,
denn kein feuriger Mann war zu sehen; aber in seiner Angst war es ihm
vorgekommen, als hätte Achilla sich von seinem eigenen Leibe gelöst
und wäre hier in der Stube auf jemand gestoßen, mit dem er gerungen und
den er dann überwunden hätte ...

Der ängstliche Alte bebte am ganzen Leibe, schloß die Augen und lief
hinaus. Einige Minuten später ertönte vom Turme der Domkirche das
traurige Geläut der Totenglocke für den verstorbenen Diakon Achilla.



Zwanzigstes Kapitel.


Die Chronik von Stargorod geht zu Ende, und ihr letzter Punkt soll der
Nagel sein, der in den Sargdeckel des Vaters Zacharia geschlagen ward.

Der sanfte Greis überlebte Sawelij und Achilla nicht lange. Er lebte
nur noch bis zum großen Fest des Frühjahrs, dem Ostersonntag, und
entschlief ganz sacht während des Gottesdienstes.

Für die Klerisei von Stargorod kam eine Zeit völliger Erneuerung.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
    Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

    Korrekturen:

    S. 306: waren → wären
      So, das {wären} sämtliche Neuigkeiten.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Klerisei" ***

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