Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Author: Werner, Bartholomäus von
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



produced from images generously made available by The
Internet Archive)



  +--------------------------------------------------------------------+
  |                 Anmerkungen zur Transkription                      |
  |                                                                    |
  | Die Schreibweise im Text (wie z. B. Ae statt Ä) sowie die          |
  | "Vor Duden" Orthographie sind beibehalten.                         |
  |                                                                    |
  | Die Markierung mit dem Sonderzeichen ($) zeigt den Fettdruck einer |
  | Phrase an, das Einfassen mit Hochkommata (') die Verwendung einer  |
  | anderen Schriftart (Antiqua) im Original.                          |
  | Die Markierung mit Gleichheitszeichen (=) zeigt eine "gesperrte"   |
  | Phrase im Original an.                                             |
  |                                                                    |
  | Die Korrektur typografischer Fehler ist unten im Einzelnen         |
  | aufgeführt.                                                        |
  +--------------------------------------------------------------------+


                        Ein deutsches Kriegsschiff
                              in der Südsee.



                        Ein deutsches Kriegsschiff
                              in der Südsee.

                                    Von

                              B. von Werner,
                            Contreadmiral a. D.

                  Mit über 100 Abbildungen und 5 Karten.

                              Zweite Auflage.


                                 Leipzig:
                             F. A. Brockhaus.

                                   1889.



                Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.



Vorwort.


Die nachfolgenden Reisebriefe, welche ich hiermit der Oeffentlichkeit
übergebe, wurden ursprünglich nicht zu diesem Zweck geschrieben, sondern
sollten nur meinen Angehörigen dasjenige im Bilde vorführen, was ich
selbst gesehen und erlebt hatte. Ich hielt mich weder für dazu berufen,
die große Menge der vorhandenen Reisebeschreibungen vermehren zu helfen,
noch hielt ich eine derartige literarische Thätigkeit vereinbar mit
meiner Dienststellung als Schiffscommandant, sodaß ich schon aus diesem
Grunde dahin zielende Vorschläge zurückweisen mußte, wenn ich auch fand,
daß die vorhandenen Berichte über die Südsee nicht ausreichten, um sich
ein einigermaßen getreues Bild von den dortigen Verhältnissen machen zu
können. Denn die Südsee mit ihren Bewohnern war nicht nur mir vielfach in
ganz anderer Gestalt entgegengetreten, als ich sie mir vorgestellt hatte:
auch in Australien und Neu-Seeland, beim Anlaufen neuer Häfen während
der Heimfahrt und schließlich auch in Deutschland wurden in Bezug auf die
Südsee Fragen an mich gerichtet, die ich vordem ebenfalls gestellt haben
würde und welche bewiesen, daß auch in weitern Kreisen die Vorstellung
von jenen fernen Inseln und ihren Bewohnern eine unrichtige war.

Hatte ich somit nicht die Absicht, meine Aufzeichnungen einem größern
Kreise zugänglich zu machen, so stellte ich sie doch denjenigen Personen
gern zur Verfügung, welche sie zu lesen wünschten. Und als ich dann fast
stets, und oft von competenter Seite, die Aufforderung erhielt, meine
Briefe zu veröffentlichen, machte ich mich mit dem Gedanken vertrauter,
wenigstens die auf die Südsee Bezug habenden Theile, als einen Beitrag
zur Kenntniß derselben, der Oeffentlichkeit zu übergeben, wenn auch zu
der Zeit meine dienstliche Stellung immer noch ein kaum zu umgehendes
Hinderniß blieb.

Als dann nach Verlauf von nahezu zehn Jahren einer etwaigen
Veröffentlichung nichts mehr im Wege stand, mußte ich mich fragen, ob
nunmehr, nachdem neuere Werke über die Südsee oder Theile derselben
erschienen waren, meine Aufzeichnungen noch etwas Neues zu bringen
vermöchten, und kam zu dem Schluß, daß meine Beobachtungen und Erlebnisse,
welche sich vorzugsweise auf dem rein menschlichen Gebiet bewegen,
gerade geeignet sein würden, jene vornehmlich das wissenschaftliche
Gebiet berührenden Werke in erwünschter Weise zu ergänzen. Denn jene
beschäftigen sich, sofern sie nicht Sammelwerke sind, immer nur mit einer
bestimmten Inselgruppe, ergänzen und berichtigen die Angaben älterer
Berichterstatter, bringen werthvolle Nachrichten für den Anthropologen,
Ethnographen, für den Geologen, Zoologen und Botaniker, aber nur wenig
für den Menschenfreund. Sie führen uns nicht in das Volksleben jener
Stämme ein, und zwar wol deshalb nicht, weil die Berichterstatter keine
Gelegenheit fanden, so tief in dasselbe einzudringen, wie sie so leicht
einem Kriegsschiffscommandanten geboten wird, wenn er Interesse für die
Menschen hat, ihnen wohlwollend entgegenkommt und außerdem noch durch
glückliche Nebenumstände begünstigt wird, wie sie mir in so reichem Maße
zutheil wurden. Meine Aufzeichnungen dürften daher sowol von diesem
Gesichtspunkt aus demjenigen Leserkreis, welcher sich für die Südsee
interessirt, willkommen sein, wie auch um deshalb, weil sie einen Einblick
in die Vorgeschichte unserer dortigen Colonialerwerbungen gestatten.

So übergebe ich denn dem Leser meine Aufzeichnungen mit der Bitte, sie
wohlwollend zu beurtheilen. Sind dieselben, soweit sie die politischen
Verhältnisse in der Südsee berühren, theilweise auch schon durch die in
den letzten fünf Jahren auf diesem Gebiet stattgefundenen Veränderungen
überholt, so wird durch diese Thatsachen andererseits doch bewiesen, daß
die seiner Zeit von der „Ariadne“ getroffenen Maßnahmen die richtigen
waren und somit die Männer, welche mich belehrten und mir rathend
zur Seite standen, die Lage richtig beurtheilt hatten. Derjenige
Leser, welchem ein kurzer Ueberblick über die in der Südsee seitdem
stattgefundenen Machtverschiebungen erwünscht sein sollte, wird einen
solchen im Anhang finden, wo auch einige allgemeine Bemerkungen über die
Bewohner der Südseeinseln, sowie Angaben über die am 10. Juni 1886 im
Geysir-Gebiet von Neu-Seeland stattgehabte Katastrophe eingefügt sind.
Die Briefe, welche nur wahre und selbsterlebte Begebenheiten behandeln,
auch sich streng an die wirklichen Zeiten und Oertlichkeiten halten, jede
Uebertreibung und poetische Ausschmückung vermeiden, sind, soweit sie die
Magelhaens-Straße und die eigentliche Südsee betreffen, an Ort und Stelle,
unter dem frischen Eindrucke des eben Erlebten geschrieben und später nur
abgerundet und theilweise gekürzt worden, so namentlich auf dem Gebiet der
Naturalia, welche bei Naturmenschen ja eine so große Rolle spielen. Und
doch fürchte ich, gelegentlich dem Vorwurf zu begegnen, daß ich in dieser
Richtung nicht genug gethan hätte, wenngleich nach mir auch Andere noch
den Blaustift gebraucht haben. Was aber schließlich davon übriggeblieben
ist, scheint mir für die Charakterisirung jener Menschen und zur Gewinnung
eines richtigen Urtheils so nothwendig, daß ich mich mit weitern Kürzungen
nicht einverstanden erklären konnte.

Die Berichte über die Küste Amerikas, über Australien, Neu-Seeland und
die Heimfahrt sind entweder nur Auszüge aus Briefen, oder nachträglich
aus Tagebuchnotizen unter Zuhülfenahme des Gedächtnisses zusammengestellt.
Die hier berührten, den europäischen Verhältnissen größtentheils so nahe
verwandten Ländergebiete sind aber so vielfach und eingehend geschildert,
daß ich nicht gewagt habe, meine nur auf ganz oberflächlicher Kenntniß
beruhenden Beobachtungen zum Gegenstand einer Veröffentlichung zu machen.
Daß sie trotzdem in der Form von Skizzen hier erscheinen, findet seine
natürliche Erklärung darin, daß dem Leser, welcher im Geiste doch die
ganze Reise mitmachen will, Gelegenheit gegeben werden muß, dem Schiffe
dauernd folgen zu können; andererseits es aber auch wünschenswerth
erschien, ihm ab und zu durch Vorführung von Bildern aus andern
Himmelsstrichen eine Erholung zu gönnen.

Sollte ich nun durch meine Schilderungen ein klein wenig mit dazu
beitragen können, daß die Südsee-Insulaner von uns Europäern geschont und
in ihrer Eigenart erhalten werden, daß man ihnen nur das nimmt, was die
christliche Religion, den dortigen Verhältnissen angepaßt, fordern muß,
dann würde mir dies der schönste Lohn für meine vorliegende Arbeit sein.

  =Wiesbaden=, im Juni 1889.

                             $B. von Werner.$



Inhaltsverzeichniß.


                                                               Seite

  Vorwort.                                                         v


  1. Die Magelhaens-Straße.

  Ziel und Zweck des Schiffes. Warum ich Reisebriefe               1
  schreiben will. Von Wilhelmshaven über Madeira und Rio de
  Janeiro nach der Magelhaens-Straße.

  Eintritt in die Straße. Ebbe und Flut. Scenerie des              3
  östlichen Theils. Die Wetterverhältnisse.

  Wechsel der Scenerie. Etwas über die Eingeborenen. Die           5
  chilenische Colonie Punta-Arenas. Das Feuerland.
  Kannibalismus bei den Eingeborenen. Punta-Arenas.
  Soldatenemeute. Lage des Ortes. Fisch- und Holzreichthum.
  Schweizercolonie.

  Von Punta Arenas nach Port Angosto. Die Seefahrt in der         11
  Straße. Wasserpflanzen und Fische. Wald und Schneefelder.
  Famine-Kanal. Schweres Gewölk. Walfische. Cap Froward.
  Froward-Kanal. Alpen und Gletscher. Papagaien und
  Kolibris. Krummer und Langer Kanal. Eingeborene
  Feuerländer auf dem Wasser.

  Port Angosto. Schwere Pflichterfüllung. Die Straße bei          15
  Nacht. Der anbrechende Tag. Smyth-Kanal. Mount Burney. Die
  Collingwood-Straße. Sarmiento-Cordilleren.

  Puerto-Bueno. Fischreichthum. Eine Indianerfamilie.             18
  Tauschgeschäft. Die Indianer in europäischer Kleidung.

  Von Puerto-Bueno nach dem Gray-Hafen. Der Treppenberg.          24
  Wechsel in der Scenerie. Seehunde. Dampfschiffsenten und
  andere Wasservögel. Begegnung mit fremden Schiffen.
  Wide-Kanal. Wechsel in der Scenerie. Kleine Eisberge. Der
  Eiskanal. Der Seehund in der Freiheit. Wie die Seehunde
  hier gejagt werden. Die 'English narrows'. Ein
  bedenklicher Augenblick.

  Gray-Hafen. Ein kleiner Ausflug. Waldbrand. Halt-Bay.           32
  Reicher Fischzug. Verirrte Boote. Schwierige Nachtfahrt in
  den Hafen Connor-Cove. Inselhafen. Austritt aus der Straße
  und Einfahrt in den Stillen Ocean.


  2. Von Valparaiso nach Panama und Nicaragua.

  Valparaiso. Vorsichtsmaßregeln gegen Erdbeben. Ein              41
  Ausflug. Pappelpflanzungen.

  Callao. Alligator-Birne. Tropische Hitze auf See.               44
  Temperatur des Meerwassers. Vereinfachter
  Gesellschaftsanzug.

  Panama. Zusammentreffen mehrerer deutscher Kriegsschiffe        46
  zu einem Kriegszug nach Nicaragua. Schlechte Fußbekleidung
  zum Marschiren in den Tropen. Westküste von
  Centralamerika. Realejo. Corinto. Nicaragua hat Muth. Die
  deutschen Forderungen. Fahrt in den Urwald. Amapala.
  Nicaragua wird nachgiebig und erfüllt schließlich alle
  Forderungen.


  3. Von Panama nach den Marquesas-Inseln.

  Abfahrt von Centralamerika. Austausch von Grüßen zwischen       54
  passirenden Kriegsschiffen. Was versprechen die Berichte
  über die Südseeinseln? Wind und Wärme. Schildkrötenfang.
  Der Malpelo-Fels. Die Temperatur sinkt. Die
  Galapagos-Inseln. Zuthunliche Thiere. Auf See. Etwas über
  die Thätigkeit des Commandanten und der Besatzung eines
  Kriegsschiffes.


  4. Die Marquesas-Inseln.

  Auszüge aus alten Reiseberichten. Zweck unsers Anlaufens        67
  der Inseln. Die politischen Verhältnisse. Werth der Inseln
  als Colonie. Postverbindung. Der Gouverneur. Steuern.
  Erwerbung der Inseln durch die Franzosen. Verkehr zwischen
  den neuen Herren und den Eingeborenen. Die Bodengestaltung
  der Inseln. Ihr äußeres Bild. Wetterverhältnisse.
  Ertragfähigkeit. Der beste Standort für die Kokospalme.
  Handel. Bevölkerung. Tätowirung der Männer. Schamgefühl.
  Abnahme der Bevölkerung. Vielmännerei. Kriege. Trunksucht.
  Wie dem Aussterben der Bevölkerung am besten zu steuern
  wäre. Krankheiten.

  Ankunft vor Omoa auf Fatu-hiva. Ansicht des Landes. Cap         82
  Venus. Ein Kanu kommt vom Lande. Der Häuptling von Omoa
  kommt zum Schiff. Aeußere Erscheinung der Marquesaner. Das
  Kanu. Speisung der zum Schiff gekommenen Eingeborenen.
  Deren angeborene Würde. Das Schiff ankert. Die Wilden vor
  einigen Statuetten und Bildern in meiner Kajüte.

  Das Landen mit Booten und Kanus. Beschwerlicher Weg nach        91
  Omoa. Sorgsamkeit unserer Führer. Empfang am Lande.
  Brennender Durst. Die Wohnung des Häuptlings. Schöne
  Menschen. Schmuck. Verkehr der Eingeborenen untereinander.
  Kindesliebe. Geschenke. Die Wohnungen der Eingeborenen.
  Fliegenplage. Die Frauen. Tätowirung der Frauen. Die
  Ausführung der Tätowirung bei beiden Geschlechtern. Die
  Ohrläppchen als Blumenhalter. Ehrliche Träger. Die große
  Branntweinflasche. Der Rückweg zum Schiff. Etwas über
  Sitten. Warum die Frauen nicht aufs Schiff kommen wollen.

  Bootfahrt nach Hanavava. Vergleich zwischen Hanavava und       103
  Omoa. Deutscher Missionar. Französische und deutsche
  Missionare. Ihr vergebliches Wirken. Der Häuptling von
  Hanavava. Köstliches Landschaftsbild. Naturandacht. Der
  heidnische Tempel- und Opferplatz. Frühere Menschenopfer.
  Rückkehr nach Omoa.

  Besuch der Eingeborenen an Bord. Sie nehmen für ihre           110
  Waaren nur alte Kleidungsstücke an Zahlungsstatt.
  Eingeborene Frauen in meiner Kajüte. Schönheitssinn der
  Eingeborenen. Die Insulanerinnen in der Offiziersmesse.
  Spucknäpfe als Beruhigungsmittel. Tanz. Meine Ansicht über
  die Sitten der Eingeborenen. Das Leben auf dem
  Schiffsdeck. Ein halbwüchsiger Junge in meiner Kajüte. Die
  Eingeborenen verlassen das Schiff. Das Landen der
  Eingeborenen. Arbeit, Mahlzeiten, Trunksucht, Tödtung
  unliebsamer Genossen. Sittenlosigkeit oder Freiheit der
  Sitten? Sünden der Europäer. Abfahrt von Omoa nach Port
  Anna-Maria auf Nuka-hiva.


  5. Von den Marquesas-Inseln nach Tahiti.

  Die Südküste von Nuka-hiva. Wasserfall bei Port                122
  Tschitschakoff. Der Archipel der Niedrigen Inseln.
  Laguneninseln oder Atolle. Die Seefahrt zwischen
  Koralleninseln. Die wahrscheinliche Entstehungsart der
  Koralleninseln. Ein Landschaftsbild derselben. Die
  Kokospalme hat stets reife Früchte. Südwest-Dünung. Auslug
  nach Tahiti. Insichtkommen des obersten Berggipfels. Das
  Mittagsbesteck verursacht Enttäuschung. Rein Schiff. Werth
  des Süßwassers auf See. Schiffsleben. Haifischfang.
  Allgemeines Matrosenbad auf dem Schiff. Abendruhe.
  Träumereien.


  6. Tahiti.

  Das Leuchtfeuer von Point Venus kommt in Sicht.                137
  Ortsbestimmung des Schiffes nach einem Leuchtfeuer. Etwas
  über Seefahrt. Das Schiff wird für kurze Zeit beigedreht.
  Die Fahrt wird wieder aufgenommen. Der anbrechende Tag
  enthüllt unsern Blicken Tahiti. Unbewußte Morgenandacht.
  Kampf zwischen Fischen und Vögeln. Die Sonne steigt
  schnell. Tahiti hüllt sich in Wolken.

  Entdeckungsgeschichte von Tahiti. Die ersten Missionare.       142
  Französische Missionare auf dem Eroberungswege.
  Vergewaltigung Tahitis durch französische Kriegsschiffe.
  Beschreibung von Tahiti. Der Hafen und die Stadt Papeete.
  Die Bodengestalt. Productionsfähigkeit des Landes.
  Gefälschtes Speiseöl. Früchte und Thiere. Die Bevölkerung.
  Die politischen Verhältnisse. Der König von Tahiti.
  Gütergemeinschaft unter Verwandten. Die Grenzen des
  französischen Protectorats. Wunderliche Gesetze. Etwas
  über Ein- und Ausfuhr. Die Zölle. Der Gouverneur. Der
  französische Admiral des Südseegeschwaders als Oberregent
  aus eigener Machtfülle. Der Gouverneur im Arrest.
  Französische Beamte. Handhabung der Gesetze.
  Straßenfegerinnen. Etwas über das Missionswesen. Der
  Bischof von Tahiti als Handelsherr. Noch einmal der König
  von Tahiti. Die Hauptstadt. Die Europäer in Papeete.
  Einheimisches und europäisches Leben.

  Ausflug von Papeete nach dem See Waihiria. Der Fahrweg an      165
  der Küste entlang. Noch etwas über den besten Standort der
  Kokospalme. Tabu. Befestigungswerke der Franzosen auf
  Tahiti. Vanillepflanzungen. „Das schnell über das Land
  laufende Schwein.“ Klimatischer Kurort. Vorzügliches
  Frühstück. Die Tahitierin als Dienerin und als Gast.
  Fröhliche Gesellschaft in zeitweiser Verbannung. Ein
  Strandbild. Süßwasserquellen in der See. Wie der
  Eingeborene von der Kokospalme die Nüsse herunterholt.
  Unser Mittagessen. Französische Aufpasser. Unsere Führer
  und Träger. Beschwerliche Wanderung durch das Thal eines
  Bergflusses. Wir werden müde. Das letzte Stück des Weges.

  Der Waihira. Allgemeine Ermattung. Bewundernswerthe            178
  Ausdauer der Tahitier. Einige Eingeborene schwimmen über
  den See auf den Aalfang. Bad im See. Ein großer Aal. Wie
  die Eingeborenen kochen. Der Proviant trifft zu rechter
  Zeit ein. Vortreffliches Mahl. Verschiedenartigster
  Wechsel in unserer Stimmung. Abend am See. Gesang der
  Eingeborenen. Die tahitische Nationalhymne. Unser
  Nachtlager. Nacht am See. Träume. Der anbrechende Morgen
  sieht uns in trauriger Verfassung. Rückkehr nach Papeete.

  Die Königin von Tahiti. Französische Intriguen. Besuch der     187
  Königin auf der „Ariadne“. Abfahrt von Papeete.


  7. Die Gesellschafts-Inseln.

  Die Insel Morea oder Eimeo. Taloo-Hafen oder Papetoaï. Das     192
  Dorf Oponu. Die Insel Huheine. Der Owharre-Hafen.
  Anmeldung bei der Königin. Eine Bootfahrt. Volksansammlung
  am Lande. Besuch bei der Königin. Die Königin und ihre
  Familie. Die Eingeborenen bei uns an Bord. Huttausch.

  Von Huheine nach Bora-Bora. Sturm an der Küste von             198
  Bora-Bora. Gefährliche Fahrt. Die kleine Königin von
  Bora-Bora. Förmlicher Besuch bei der Königin. Begrüßung
  mit dem Volk. Die kleine Königin bei uns. Das polynesische
  Königsthum. Ein kleiner Zwischenfall. Eigene Sitten.

  Von Bora-Bora nach Raiatea. Raiatea und Tahaa.                 205
  Formenübereinstimmung zwischen den verschiedenen Inseln
  der Gruppe. Der Hafen Uturua. Die Königin von Huheine läßt
  ihren Hut zurückfordern. Beschwerden des deutschen Agenten
  gegen das im Hafen liegende französische Kriegsschiff. Die
  deutsche Faktorei. Unser Besuch bei dem König. Stürmische
  Verhandlung. Die Eingeborenen auf unserm Schiff. Die
  Töchter des Königs. Etwas über Perlen und Perlenfischerei.
  Sociale und religiöse Verhältnisse. Die Stellung der
  Missionare auf diesen Inseln. Abfahrt von Raiatea nach
  Papeete und von da nach den Samoa-Inseln.


  8. Samoa. I.

  Die Nordküste von Upolu und Ansicht des Landes. Ankunft im     214
  Hafen von Apia. Die Samoa-Gruppe. Lebensweise unserer
  Landsleute. Consul Weber. Entwickelung des deutschen
  Südsee-Geschäfts. Die ersten deutschen Plantagen. Die
  Kopra. Die Regierung von Samoa. Alte Geschichten. Die
  deutschen Interessen. Deutsche Klagesachen gegen die
  samoanische Regierung. Besuch bei den
  Regierungsmitgliedern. Kawabereitung. Der Kawatrunk.
  Theilweise Erledigung der Klagesachen. Ankunft der
  Amerikaner in Apia. Amerikanische Landcompagnie.
  Samoanisch-amerikanischer Freundschaftsvertrag. Die
  Regierungsmitglieder erwidern meinen Besuch. Niederbrennen
  eines Dorfes. Amerikanische Intriguen. Erledigung der
  letzten Klagesache. Ratificirung des
  samoanisch-amerikanischen Vertrags. Alte Rechte
  Deutschlands. Beabsichtigte Abtretung der Samoa-Inseln an
  die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Einladung zu
  einem samoanischen Fest und Ablehnung.

  Nach Saluafata. Kampfesmuth der Samoaner. Ein weiser           238
  Häuptling. Unsere armen Halbweißen. Das Schiff ist
  gefechtsklar. Der Consul und ich gehen allein an Land.
  Beschlagnahme von Saluafata. Von da nach Falealili. Wir
  werden am Lande nur von Damen empfangen. Die Beschlagnahme
  dieses Hafens geht ohne weitere Umstände vor sich. Die
  Damen werden handgreiflich und verschenken ihre Blumen.
  Zurück nach Apia. Große Aufregung unter den Samoanern. Am
  Lande wird auf mich geschossen, ich antworte mit
  Stockschlägen. Die Aufregung legt sich.

  Amerikanische Geldforderungen. Noch einmal die                 246
  amerikanische Landcompagnie. Amerikanische Bewerber um die
  Regierungsgewalt in Samoa. Auf Manono.

  Die Samoaner als Menschen. Ihre Formen. Die                    248
  Häuptlingsfamilien. Kleidung. Tätowirung. Hautfarbe.
  Schmuck. Körperpflege. Fischfang. Schwimmkunst.
  Mahlzeiten. Eintheilung des Landes in Districte. Abgaben.
  Gastfreiheit. Reiselust. Dörfer bezw. Städte. Der
  Berathungs- und Festplatz. Die älteste Tochter des
  Häuptlings. Bauart der Häuser und deren innere
  Einrichtung. Hausrath. Kanu. Der Samoaner auf dem Wasser.
  Das häusliche Leben. Selbständigkeit junger Mädchen.
  Sitten. Die ehelichen Verhältnisse. Die Eingeborenen als
  Christen. Besitz. Alte Matten. Künstliche Erzeugnisse.
  Waffen. Krankheiten. Wirkliche und sagenhafte
  Wasserthiere. Tauchkunst. Tanz. Toë als Tänzerin.

  Ausflug nach der Plantage Vaitele. Beliebter Badeplatz.        269
  Tonganischer Talolo. Deutsch sprechender Samoaner.


  9. Sydney.

  Port Jackson. Nach langer Zeit einmal wieder in                273
  civilisirten Verhältnissen. Beförderung der Post durch
  Kriegsschiffe und Kauffahrer. Schwere Bö. Walfische.
  Einfahrt in den Hafen. Der Hafen. Sydney. Der Gouverneur
  von Neusüdwales. Geld macht nicht immer frei. Bei dem
  Gouverneur zu Tisch. Selbständigkeit der australischen
  Colonien. Die Stadt. Der botanische Garten. Vergnügungen.
  Der Rennsport. Das Klima. Wohnungen außerhalb der Stadt.
  Gastfreundschaft. Merkwürdige Vögel. Die Blue-Mountains.
  Eukalyptenwälder. Geselligkeit.


  10. Samoa. II.

  Vergebliches Suchen nach einem Korallenriff. Tod meines        290
  frühern Dolmetschers. Die politische Lage. Thätigkeit der
  Amerikaner während unserer Abwesenheit. Stand unserer
  Vertragsangelegenheit. Der Palolo. Seine Aufsteigezeit vom
  Meeresboden. Ausfahrt zum Fang. Der Fang selbst.
  Abendbesuch bei Toë. Wir stören sie in ihrer Nachtruhe.
  Gemeinsamer Schlafraum. Betrachtungen über den Werth der
  Südseeinseln als Colonialbesitz. Nothwendigkeit, die
  einheimische Bevölkerung zu schonen und zu erhalten. Ein
  Lebensretter.


  11. Von Apia nach den Marshall-Inseln.

  (Tonga-, Fidji-, Ellice-, Kingsmill-Inseln.)

  Abfahrt von Apia nach den Tonga-Inseln. Einige Angaben         299
  über die vor uns liegende Reise. Das Ansteuern von
  Nukualofa. Die Stadt. Ihr äußerer Eindruck. Ausflug nach
  einem Baumriesen ('Ficus indica'). Besuch bei dem König
  von Tonga. Er selbst und die Prinzen Davita Uga und
  Wellington Gu. Aus der Heidenzeit stammende Trauerzeichen.
  Tonganisches Zeichen der größten Ehrerbietung. Unsere
  Musik spielt am Lande. Ein Blick auf das Volk. Hunde und
  Schweine.

  Von Nukualofa nach Levuka. Einfahrt in den Hafen von           305
  Levuka während der Geisterstunde. Ein deutscher Gruß.
  Gefährlicher Ankerplatz. Levuka. Entwickelung einer
  englischen Colonialstadt. Wir müssen doch auch einmal in
  den Besitz von Colonien kommen. Die Wohnung des
  Gouverneurs. Beweglichkeit der englischen Beamten. Von
  Levuka nach Taviuni. Vor Soma-Soma. Besuch bei dem
  Häuptling. Seine Frau und sein Haus. Glück bringende
  Menschenleiber. Das Innere der Häuptlingswohnung.
  Merkwürdiges Gemisch an Hausrath. Frau Tui-Kakao mit ihrem
  Diener. Polynesische Sitte. Wasser holende Mädchen. Ein
  großes Doppelkanu. Besichtigung einer Kaffeepflanzung. Der
  Besitzer. Etwas über Kaffeeplantagen. Zu Gast bei dem
  Besitzer der Pflanzung.

  Abfahrt von den Fidji-Inseln nach Fotuna. Das Anlaufen von     314
  Fotuna aufgegeben. Funafuti. Einfahrt in eine
  Laguneninsel. Eingeborene als Lootsen. In der Lagune zu
  Anker. Bedeutung der Laguneninseln für den Handel und
  Werth der Verträge mit solchen Inseln. Handel und
  Plantagenbau müssen sich gegenseitig ergänzen. Etwas über
  Plantagenbau und den derzeitigen Ertrag desselben.
  Nothwendigkeit der Arbeiterzufuhr nach den Samoa-Inseln.
  Grundriß von Funafuti. Poesie und Prosa. Bootfahrt durch
  die Lagune. Das Leben auf dem Meeresboden. Biche-le-mare,
  Trepang oder 'Holothuria'. Ich freue mich, daß ich kein
  Naturforscher bin. Bevölkerungszahl der Insel. Peruanische
  Sklavenjäger. Die Kirche und die Hütten. Unsauberkeit.
  Hautkrankheiten. Kleidung der Eingeborenen.
  Ertragfähigkeit der Insel. Träge Menschen. Fliegenplage.
  Ein Bad. Im Innern der Insel. An dem äußern Ufer. Etwas
  über die Entstehung der Koralleninseln. Contrast zwischen
  dem äußern und innern Ufer. Kanakerkinder. Schweine,
  Hühner, Schmetterlinge und Fliegen. Versuchter und
  misglückter Schildkrötenfang. Der König an Bord. Abschluß
  einer Uebereinkunft. Die Eingeborenen beschließen ihr
  Tagewerk mit geistlichen Liedern.

  Von Funafuti nach Baitupu. Starke Nervenerschütterung. Vor     326
  Baitupu. Beschwerliche Landung. Ein kleines
  Kanakermädchen. Deutsche Beschwerden. Besuch bei dem
  König. Ich erkenne den mit der Absetzung Bedrohten als
  König an und damit werden seine Widersacher machtlos.
  Verhandlungen mit dem König. Baitupu, eine volle
  Koralleninsel ohne Lagune. Das Dorf, die Eingeborenen und
  ihre Wohnungen. Die Ohrläppchen als Taschen.
  Bevölkerungszahl. Besuch bei dem eingeborenen
  Missionslehrer. Geschenke. Der König auf dem Schiff.

  Von Baitupu nach Tapituwea. Meeresströmungen. Tapituwea.       331
  Die Art der Anwerbung von Plantagenarbeitern. Werth der
  Insel als Arbeiterquelle. Wildheit der Eingeborenen.
  Narben auf den nackten Leibern. Haifischzahnwaffen.
  Vorsichtsmaßregeln im Verkehr mit den Eingeborenen. Fahrt
  an Land. Nur wenige Menschen zeigen sich, wo sind die
  andern? Die Eingeborenen in Kleidung, Hautfarbe,
  Haartracht, Gesichtstypus und Körperformen. Wozu die
  Kokosnuß nicht gut ist. Besuch der Wohnstätten. Betragen
  der Eingeborenen. Die Wohnungen. Ueberraschende Sauberkeit
  und Ordnung allenthalben. Das Hauptberathungshaus mit dem
  Allerheiligsten. Baukunst der Eingeborenen. Erwerbung
  einiger Waffen. Taback als Geld. Ein wunderlicher Tänzer.
  Ein gekentertes Kanu wird von den Eingeborenen ohne
  weiteres preisgegeben. Gefährliche Meeresströmung.

  Von Tapituwea nach Apamama. Unzuverlässigkeit der Karten.      340
  Warum wir nach Apamama gehen. Vergeblicher Versuch, mit
  Booten das Haus eines Deutschen zu erreichen. Schöne
  Bootfahrt. Im Hause des deutschen Agenten. Die Fahrt zum
  König ein Märchen. Der König von Apamama. Sein Kanu. Seine
  Residenz. Sein Vater. Die Eingeborenen. Tätowirung der
  Frauen. Die Mutter und die Schwester des Königs. Großer
  Tanz. Ein Albino. Die Töchter des Königs. Die mir
  gemachten Geschenke. Einschiffung des Königs. Sein Besuch
  auf der „Ariadne“. Wirkung eines Scheingefechts auf ihn
  und auf die Eingeborenen überhaupt. Der König als
  Herrscher.

  Von Apamama nach Taritari. Ankunft daselbst. Zweck des         355
  Anlaufens. Besuch an Land. Die Eingeborenen und ihre
  Wohnungen. Allgemeine Trunkenheit. Wasser tragende
  Mädchen. Der König von Taritari. Lange Fingernägel.


  12. Die Marshall-Inseln.

  Jaluit kommt in Sicht. Herr Franz Hernsheim kommt dem          360
  Schiff entgegen. Ankunft in Jaluit. Die deutsche
  Ansiedelung. Die Wohnungen. Die Eingeborenen. Haartracht.
  Ohrlappenring. Tätowirung. Körperbildung. Kleidung.
  Körperpflege. Sauberkeit. Sociale Verhältnisse. Die
  Stellung der Frauen. Der König Lebon in seinem Hause.
  Kriegstanz. Unser Landungscorps landet und exerciert im
  Feuer. Wirkung auf die Insulaner. Die Eingeborenen bei uns
  an Bord. Eine Uebereinkunft wird unterzeichnet und der
  Hafen von Jaluit wird deutsche Kohlenstation. Wir
  salutiren die neue Landesflagge der Marshall-Inseln.
  Abfahrt nach Ebon. Bedeutung dieser Insel. Den Häuptlingen
  wird ihr Standpunkt klar gemacht. Abfahrt von Ebon.


  13. Im Bismarck-Archipel.

  Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap      379
  von Neu-Irland. Die Inseln Bougainville und Sir Charles
  Hardy werden passirt. Die Süd- und Westküste von
  Neu-Irland. Heißes Wetter. Eingeborene von Neu-Irland. Die
  Blanche-Bai und die Duke of York-Inseln. Allgemeines über
  die letztern Inseln. Die deutschen Kaufleute als
  Geschäftsleute und als Menschen. Etwas über frühere Kämpfe
  mit den Eingeborenen. Die englischen Missionare. Besondere
  Geschmacksrichtung der Menschenfresser. Schwierige Lage
  eines Missionars.

  Aeußere Erscheinung der Duke of York-Inseln. Die Inseln        391
  Meoko, Muarlin und Amakada. Zwischen Korallen. Ankunft vor
  Meoko. Die Reize der Landschaft. Klarheit des Meerwassers.
  Echte Menschenfresser in harmloser Gestalt. Die deutsche
  Faktorei. Ein braver alter Mann. Widerstandsfähigkeit der
  Europäer in den Tropen. Ich sehe mir die Wilden an.
  Erwerbung einiger Waffen. Besichtigung und Prüfung des
  Hafens in Bezug auf seinen Werth als deutsche
  Kohlenstation. Morgenspaziergang auf Meoko. Die
  Eingeborenen bei Tagesanbruch. Ihre Bewaffnung.

  Abfahrt von Meoko nach Makada. Etwas über Korallen. Noch       398
  einmal Klarheit des Meerwassers. Ankunft in Makada. Herr
  Eduard Hernsheim. Gründung von Handelsstationen durch
  Deutsche. Der deutsche Kaufmann. Herr Robertson. Kapitän
  Levison. Deutsches Wohnhaus auf Makada. Deutsche Faktorei.
  Topulu oder King Dick. Politische Verhältnisse. Wie Topulu
  König wird. Achtung vor fremdem Eigenthum. Topulu’s Haus.
  Seine Frauen. Paradiesische Kleidung und paradiesische
  Ungenirtheit. Die Schatzkammer. Geld. Topulu’s
  Dug-Dug-Masken und Fischereianlagen. Der englische
  Missionar Herr Brown. Erledigung einer Klagesache. Auf dem
  Hafen von Makada. Ich entschließe mich, den Hafen für das
  Reich zu kaufen. Besuch bei Herrn und Frau Brown. Des
  Königs Dug-Dug-Kanu. Torragud, das Urbild eines
  Menschenfressers und Menschenjägers. Menschenjagd. Die
  Eingeborenen. Mästung von Mädchen auf Neu-Irland.
  Menschenfleisch. Hautzierathe. Halsbänder. Das Armband als
  Tasche. Körperpflege. Die Waffen und die Kampfweise.
  Werkzeuge. Musikinstrumente. Künstliche Erzeugnisse.
  Tanzstöcke. Schädelmasken. Dug-Dug-Masken. Nahrungsmittel.
  Noch einmal Menschenfleisch. Topulu schickt mir eine
  Einladung zu einem Tanz. Im Urwald bei Urakukua. Edles
  Wild. Bei Torragud. Verkauf der Mädchen. Entwickelung der
  Gemeinwesen. Ein seltenes Schmuckstück. Tanz. Deutsche
  Klagen gegen Eingeborene. Der Dug-Dug und sein
  wahrscheinlicher Zweck.

  Abfahrt von Makada nach Ruluana. Das Schiff läuft auf          434
  einen Korallenblock. Vorbereitungen zur Landung. Landung
  in Ruluana. Wirkung unserer Musik auf die Eingeborenen.
  Die Eingeborenen geben ein Geldpfand. Verängstigte
  Eingeborene. Tanz. Aeußere Trauer der Frauen. Gestrafte
  Frau. Neu entstandene Insel. Port Weber. Ein Handelsagent.
  Waffen-Attrape.

  Wieder in Makada. Erwerbung des Hafens für das Reich. Der      443
  Kaufbrief. Ein großer Dug-Dug. Die Dug-Dugs auf dem Wasser
  und im Walde. Der eigentliche Dug-Dug. Scheingefecht
  unserer Landungstruppe. Abschied von der Familie des
  Missionars und den deutschen Herren. Abfahrt nach Meoko.
  Kauf des Hafens. Besuch bei einem kranken Häuptling.
  Abfahrt von Meoko.


  14. Samoa. III.

  Im Heizraum eines Kriegsschiffes. Ungeziefer. Verschiedene     452
  Inseln der Salomons-Gruppe. Savo. Ein Engländer. Die
  Eingeborenen. Das Ei des Buschhuhns. Künstliche
  Erzeugnisse. Folgen eines Tabu-Bruches.
  Wetterverhältnisse. Rührei von Buschhuhneiern. Apolima als
  natürliche Festung. Durchfahrt zwischen Apolima und einer
  Felsenklippe. In Apia finden wir unser Kanonenboot
  „Albatros“ vor. Die politischen Verhältnisse. Die beiden
  samoanischen Königsparteien. Wirkung unserer Durchfahrt
  bei Apolima auf die Samoaner. Vertragsverhandlungen.
  Abschluß des Freundschaftsvertrages. Voraussichtliche
  Wirkung des Vertrages auf andere Inselgruppen. Landverkauf
  der Samoaner bei Kriegswirren.


  15. Neu-Seeland.

  Auckland. Geselligkeit. Ausflug nach dem Seen- und             468
  Geysir-Gebiet. Kosten des Ausflugs. Die Ueberfahrt nach
  Tauranga. Tauranga. Landbesitz der Eingeborenen und
  Landtage. Maoris im Rausche. Abfahrt nach Ohinemutu.
  Urwald auf Neu-Seeland. Ein Blick auf die Seen. Der
  Roto-rua. Ohinemutu. Heiße Quellen. Alte Schnitzereien.
  Abfahrt nach Wairoa. Der Whakarewarewa. Wieder heiße
  Quellen. Durch den Tikitapu-Wald nach dem Tikitapu-See.
  See und Berg Tarawera. Wairoa. Nach dem Roto-mahana.
  Unsere Führerin. Der Roto-mahana. Die weiße
  Sinterterrasse. Verschiedene Wärme des Wassers. Das
  Teufelsloch. Fahrt über den See. Die rosafarbene
  Sinterterrasse. Bad in einem Becken der Rosa-Terrasse. Von
  Wairoa zurück nach Ohinemutu. Erwerbung einiger alter
  Schnitzereien. Zurück nach Tauranga. Begegnung mit der
  Postkutsche. Rückkehr nach Auckland.


  16. Die Tonga-Inseln.

  Hohe Dünung als Vorbote eines heranziehenden Cyklons.          483
  Erwägung der Möglichkeit, ob dem Orkanfeld noch
  auszuweichen ist. Gewöhnlicher Weg der bei den
  Tonga-Inseln auftretenden Cyklone. Das Orkancentrum nähert
  sich uns. Im Orkan und Flucht vor ihm.

  Ankunft in Nukualofa. Zusammentreffen mit dem „Albatros“.      486
  Durch den Orkan verursachte Verwüstungen am Lande.
  Gefährliche Lage des „Albatros“ während des Orkans.
  Ueberreichung der dem Könige von Tonga und den beiden
  Prinzen verliehenen preußischen Orden. Der König beehrt
  unser Schiff mit seinem Besuch. Zu Gast bei dem englischen
  Missionar. Raubanfall auf einen unserer Unteroffiziere
  durch Tonganer. Forderung der Bestrafung der Thäter.
  Schwierigkeiten von Seiten der tonganischen Regierung.
  Entdeckung der Räuber und Bestrafung des einen. Tod eines
  unserer Matrosen. Prinz Gu macht als mein Gast die Reise
  nach Vavau mit. Ankunft in Vavau. Beerdigung des
  verstorbenen Matrosen.

  Neiafo. Prinz Gu als tonganischer Häuptling. Des Prinzen       490
  Wohnhaus in Neiafo. Seine Dienerschaft. Zu Gast bei dem
  Prinzen. Tonganische Häuptlingstöchter. Kawa auf
  tonganische Art. Gesang. Eigenthümliche Sitten. Prinz Gu’s
  Liebe. Tonganische Rechtspflege, Denunciantenthum und
  Folter. Tonganische Damen in meiner Kajüte. Ein Tanz und
  seine Folgen. Unerwarteter Morgenbesuch. In großer
  Versuchung. Besuch der blauen Grotte bei Neiafo unter
  Führung des Prinzen Gu. Die Tonganerinnen zeigen sich in
  neuem Reiz. Laubkränze.


  17. Samoa IV.

  Ankunft in Apia. Kaisers Geburtstag. Samoanische               500
  Regierungsangelegenheiten. Saluafata. Verkehr mit den
  Eingeborenen. Sangapolutele und Loau. Gegenseitige
  Freundschaft. Der Hafen. Spottlieder. Einladung zu einem
  Talolo. Empfang am Lande. Auftreten der Buschmänner, der
  Häuptlinge und sonstigen Festtheilnehmer. Loau als
  commandirender Häuptling. Der Redner. Das Volk. Der
  Festplatz. Die äußere Erscheinung Loau’s, der andern
  Häuptlinge, des Volks und des Redners. Ansprache und
  Antwort. Ueberreichung der Geschenke. Tanz. Kawatrunk.
  Ceremoniell bei solch feierlichem Trunk.

  Meine Abendbesuche am Lande. Etwas über die politischen        506
  Verhältnisse. Verkehr der Samoaner unter sich. Häusliche
  Spiele. Samoanische Kriegführung. Meine mittäglichen
  Besuche im Faletele. Lolle als Kopfkissen. Badeplatz bei
  Lufi-lufi. Die Fahrt dahin. Ein Höhlenfluß.

  Ein samoanisches Festmahl. Die Vorbereitungen dazu. Die        512
  Kleidung der Häuptlinge und ihrer Damen. Das Faletele als
  Festhalle. Die Speisen und ihre Anordnung auf dem
  Fußboden. Sitzordnung. Schwierigkeiten beim Essen. Die
  Häuptlingstöchter als Kinderfrauen. Lebende Raupen als
  besondere Delikatesse. Die Speisung der Damen und des
  Volks. Samoanische Spiele. Festessen auf der „Ariadne“ für
  unsere samoanischen Freunde.

  Ausflug in das Innere. Führer und Gepäckträger. Der            517
  Dolmetscher schützt Fieber vor und schickt Sa, hat aber
  nur Katzenjammer und muß doch mit. Die schließliche
  Reisegesellschaft. Das Gepäck. Abmarsch. Erste Rast.
  Menschen, Katzen, Hunde, Hühner und Ferkel.
  Kokosnußfleisch als Viehfutter. Verschiedenartiger Nutzen
  der Hausthiere. Durch den Wald. Fliegende Hunde und
  fehlende Vögel. Brennnesselbaum. Ein Klippensprung. Zweite
  Rast in Sanga. Die beste Kleidung für den Europäer in den
  Tropen. Bad im Fluß. Sa macht sich nützlich. Besichtigung
  einer Höhle. Mittagsmahl. Passiren einer dritten Stadt.
  Dritte Rast. Bad im Fluß. Sa spielt Aal. Abendandacht der
  Eingeborenen. Die Häuptlinge trinken zu viel. Einsamer
  Spaziergang. Ein Naturkind. Durchtriebene Mädchen. Der Weg
  nach Falifa. Reizvolle Scenerie und Wasserfall. Bad unter
  weiblicher Aufsicht. Ein Albino. Sa begrüßt ihren Onkel
  mit Nasenreiben. Rückkehr nach Saluafata. Kosten des
  Ausflugs.

  Tanz. Tanzschmuck. Die Hütte. Allgemeines über den Tanz.       525
  Die Mitwirkenden. Die Gruppirung. Der Tanz selbst. Ein
  Festtanz nach altem Brauch. Kanufahrt. Das Kanu kentert.
  Im Wasser. Wieder am Lande. Geisterfurcht.

  Abfahrt von Saluafata nach Safune. Der Häuptling Mulitalo.     533
  Kawarausch. Wie der Häuptling Recht spricht. Safune. Bei
  Mulitalo zu Gast. Besuch bei einigen Häuptlingen. Savai’i
  hält am zähesten an den alten Gebräuchen fest.
  Schmackhafte Speisen. Noch ein Talolo. Schöne Gruppen- und
  Einzeltänze. Drei schöne Mädchen. Ich verzichte auf eine
  mir zugedachte Ehre. Ende meiner Schilderungen
  samoanischer Art und was ich mit denselben bezwecke.
  Besuch des See Lauto.


  18. Die Heimfahrt.

  Ankunft der Fregatte „Bismarck“. Der Heimatswimpel.            541
  Abschied von den Samoa-Inseln. Bei den Neu-Hebriden. Die
  Fahrt von hier bis zur Torres-Straße. Segelpressen. Die
  Besatzung wittert die Heimat. Auf hoher See. Etwas über
  die Seefahrt.

  Eintritt in die Torres-Straße. Fahrt durch dieselbe. Die       545
  Scenerie der Straße. Mount-Ernest-Insel. Vergeblicher
  Landungsversuch. Prince of Wales-Kanal. Ausfahrt aus der
  Straße.

  Die Arafura-See. Die Booby-Insel als selbstthätiges            548
  Postamt. An Timor, Sumba und Sombawa vorbei. Durch die
  Lombock-Straße. Ankunft vor Batavia. Die Stadt. Die
  Europäer in Batavia. Der Gecko. Lebende Bäume als
  Telegraphenstangen. Buitenzorg. Ein Ausflug in die
  Umgebung. Fuhrwerk und Läufer. Eingeborene. Ihre Gier nach
  dem Besitz von Brillanten. Ein schöner Badeplatz.
  Skorpione.

  Von der Sunda-Straße nach der afrikanischen Küste. Die         552
  Somali-Küste. Ein hehrer Morgen auf dem Meere. Ansteuerung
  der Küste mit Hülfe des Thermometers. Große
  Temperaturschwankungen. Starke Meeresströmung. Auf dem
  Auslug nach dem Lande. Die Küste kommt in Sicht.

  Ankunft vor Aden. Die Stadt und ihre Umgebung. Großes          556
  Wasserwerk. Etwas über Kamele. Das Rothe Meer. Hitze.
  Gesundheitliche Vorsichtsmaßregeln.

  Ankunft vor Djidda. Ansicht des Landes. Die Stadt.             559
  Mekkapilger. Beduinen. Besuch bei dem türkischen Pascha.
  Arabische Frauen. Ein Fall von Hitzschlag. Wieder in der
  Heimat.


  Anhang.

  1. Die in den letzten fünf Jahren in der Südsee                563
     vorgekommenen Machtverschiebungen.

  2. Allgemeine Bemerkungen über die Bewohner der                567
     Südseeinseln.

  3. Die Katastrophe im Geysir-Gebiet Neu-Seelands.              576

  4. Erklärung einiger seemännischer Ausdrücke.                  579

  5. Aussprache polynesischer Namen.                             583

  6. Namen- und Sachregister.                                    584



Abbildungen im Texte.


                                                               Seite

  Hütte der Feuerländer                                            7

  Alte Feuerländerin                                              21

  Kreuzerfregatte „Leipzig“                                       53

  Malpelo-Fels (Vorderansicht)                                    56

  Malpelo-Fels (Seitenansicht)                                    57

  Nordküste der Insel Albemarle (Galapagos-Inseln)                59

  Grundriß einer Marquesas-Insel                                  73

  Marquesas-Insulaner                                             87

  Boot mit Auslieger, Bootsriemen, Querschnitt des Bootes         89

  Tätowirungsmuster                                              100

  Tätowirungsmuster                                              101

  Koralleninseln (Atoll, Volle runde Insel, Langgestreckte       125
  Insel)

  Allmähliches Auftauchen einer Koralleninsel über dem           127
  Horizont

  Laguneninsel (Atoll)                                           129

  Ortsbestimmung durch Leuchtfeuer                               138

  Junge Tahitier, Feuer anmachend                                151

  Taloo-Hafen auf der Insel Morea oder Eimeo                     193

  Königshaus in Huheine                                          195

  Prinzessinnen von Huheine                                      197

  König und Prinz von Raiatea                                    207

  Haus eines Europäers (das jetzige deutsche Consulat)           215

  Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft in Apia           219

  Katholische Kirche in Apia                                     221

  Altes Häuptlingsgrab                                           241

  Samoaner, dienende Klasse                                      250

  Samoaner, dienende Klasse                                      251

  Samoanerin mit gekalktem Kopfhaar                              252

  Samoanische Häuser                                             255

  Einfahrt zum Hafen von Sydney                                  277

  Die Universität in Sydney                                      283

  Im Botanischen Garten von Sydney                               285

  'Ficus indica' oder 'religiosa'                                301

  George, König von Tonga                                        302

  Prinz Wellington Gu                                            303

  Grundriß der Insel Funafuti                                    319

  Der Hafen von Jaluit                                           361

  Marshall-Insulaner                                             364

  Lebon (Kabua), König der Marshall-Insulaner                    367

  Trommel der Marshall-Insulaner                                 369

  Kanu der Marshall-Insulaner im Wasser                          374

  Im Hafen von Jaluit                                            375

  Matte der Marshall-Insulaner                                   378

  Blanche-Bai, Mutter und Südtochter                             381

  Eingeborener von Meoko                                         397

  Tellerartiger Halsschmuck                                      413

  Armbänder                                                      415

  Speerschmuck                                                   417

  Keulen und Kriegsaxt                                           419

  Steinaxt. Pfeife. Trommel                                      420

  Tanzstock. Schädelmasken. Oberste Spitzen der                  421
  Dug-Dug-Masken

  Dug-Dug-Tänzer                                                 445

  Die Kraterinsel Apolima                                        461

  Auckland vom Süden, von Mount Eden aus gesehen                 469

  Baumfarrn auf Neu-Seeland                                      471

  Ohinemutu am Roto-rua                                          473

  Berathungshaus der Maori bei Wairoa                            475

  Maori-Weib                                                     477

  Die rosafarbene Sinterterrasse am Roto-mahana                  481

  Landschaft auf Tongatabu                                       491

  Haus in Vavau                                                  492

  Tonganerin                                                     493

  Küstenbild zwischen Apia und Falifa                            502

  Samoanischer Häuptling mit Familie                             505

  Sitzende Samoanerinnen mit nach vorn durchbogenen Armen        526

  Eingeborenen-Dorf unter Palmen                                 540

  Fregatte „Bismarck“                                            542



Separatbilder.


                                                               Seite

  Die Corvette „Ariadne“ unter Segel vor der Passage von   Titelbild
  Jaluit.

  Küste des Feuerlandes in der Magelhaens-Straße                   7

  Der Berg Sarmiento auf dem Feuerland, Magelhaens-Straße         14

  Cap Venus mit Thal Omoa auf Fatu-hiva                           85
  (Marquesas-Inseln)

  Mit dem Speer fischende Eingeborene von Tahiti                 152

  Der Waihiria (Bergsee auf Tahiti)                              179

  Die Corvette „Ariadne“ unter Dampf vor dem Hafen               199
  Otea-Banua

  Otea-Banua auf Bora-Bora (Gesellschafts-Inseln)                202

  Haus des Königs von Raiatea in Uturua                          207

  Arbeiterhäuser der deutschen Plantage Vaitele auf Samoa        270

  Ovalau und Nachbarinseln, von Viti-Levu aus gesehen            305

  Deutsche Kokospalmen-Plantage Vailele bei Apia                 318

  Waffen aus Apamama und aus Tapituwea                           332

  Kingsmill-Insulaner                                            353

  Kingsmill-Insulanerinnen                                       357

  Die Kraterinsel Apolima                                        460

  Ansicht von Apia. Die Corvette „Ariadne“ die                   466
  Samoaflagge salutirend nach erfolgter Ratificirung des
  Vertrags durch die Regierung von Samoa

  An den heißen Seen auf Neu-Seeland                             474

  Die weiße Sinter-Terrasse am Roto-mahana (Neu-Seeland)         479

  Samoanische Mädchen vor Beginn des Tanzes                      529



Karten.


  Uebersichtskarte der Magelhaens-Straße                          39

  Karte der Gesellschafts-Inseln                                 149

  Karte der Duke of York-Inseln und Gazelle-Halbinsel auf        383
  Neu-Britannien.

  Karte der Samoa- oder Schiffer-Inseln.

  Uebersichtskarte der Fahrten der „Ariadne“ in der Südsee.



1.

Die Magelhaens-Straße.


                               An Bord S. M. S. „Ariadne“, 14. Januar 1878.


Die Südsee ist das Ziel unsers Schiffes. Dort von der Hauptstation,
den Samoa-Inseln aus, soll ich als Commandant des Schiffes mit diesem
die weitverzweigten, sich über ein schier endloses Gebiet erstreckenden
deutschen Handelsinteressen schützen und fördern, unsern dort wirkenden
tapfern Landsleuten Schutz und Schirm geben. Ich kann mir allerdings noch
kein Urtheil darüber bilden, was ich dort finden werde, wie ich die mir
gestellte Aufgabe lösen kann und lösen werde, denn die Südsee ist mir
trotz der Vorstudien, welche ich bisher gemacht habe, noch immer ein so
unbekanntes Gebiet voller Räthsel, daß ich das Grübeln aufgegeben habe
und geduldig der Zeit warten will, wo ich mit eigenen Augen sehen und nach
Selbsterlebtem urtheilen kann.

Die sich so häufig widersprechenden Berichte über jene fernen Inseln
haben aber in mir den Entschluß zur Reife gebracht, auf dieser Reise
von meiner Abneigung, Reiseschilderungen zu verfassen, abzusehen und
meinen Angehörigen über meine eigenen Erlebnisse getreulich Bericht zu
erstatten, damit sie Gelegenheit finden, ihre Kenntniß von Land und Leuten
zu erweitern. Und so will ich denn schon mit der Magelhaens-Straße, der
Pforte zu dem südlichen Theil des Stillen Oceans oder der Südsee, in
die ich noch heute einzulaufen hoffe, den Anfang machen und vorher der
rückliegenden Zeit nur soweit gedenken als nothwendig, daß der Kreis
unserer Erdumsegelung am Schluß der Reise auch wirklich geschlossen ist.

Am 3. November v. J. haben wir den heimatlichen Strand verlassen, durch
Sturm und Regen, Kälte und Nebel unsern Weg durch die unwirthliche Nordsee
und späterhin auch durch die nicht minder unfreundliche Bai von Biscaya
gesucht und gefunden.

Am 20. morgens 8 Uhr passirten wir das östliche Cap von Madeira und
hielten damit gewissermaßen unsern Einzug in die Tropen. Der nordische
Spätherbst mit all seinen Unannehmlichkeiten lag hinter uns; wie durch
Zauberschlag waren wir in eine andere Welt versetzt. Ein weicher, warmer,
mit Blumen- und Waldesduft gesättigter Hauch umfing uns; das Meer mit
seiner wunderbaren blauen Farbe war ein anderes; statt der niedrigen,
in Nebel und Regen gehüllten deutschen und englischen Küsten lag, von
den Strahlen der niedrig stehenden Sonne goldig überhaucht, die hohe,
mit ihren Berggipfeln in den Wolken verschwindende Südküste Madeiras vor
unsern entzückten Blicken, so schön wie nur diese Perle unter den Inseln
es sein kann. Am 21. abends 10 Uhr, nach Einnahme von Kohlen und Proviant
in Funchal waren wir wieder unter Segel, auf dem Wege nach Rio de Janeiro.

Die schöne Fahrt unter Segel durch die berauschende Passatzone des
Atlantischen Oceans nahm auch ihr Ende. Am 16. December morgens mit
Tagesanbruch lag der Schlafende Riese, jener das Wahrzeichen von Rio de
Janeiro bildende mächtige Gebirgszug, vor unsern Blicken, und um 12 Uhr
mittags ankerten wir in der herrlichen Bai zu Füßen der großen Stadt.

Unser Aufenthalt in Rio, welcher auf 4 bis 5 Tage berechnet gewesen war,
dehnte sich infolge besonderer Verhältnisse zu einem elftägigen aus,
wodurch ich Gelegenheit fand, von der liebenswürdigen Gastfreundschaft
unsers Consuls Gebrauch zu machen und unter seiner Führung auch die großen
Naturschönheiten der Umgebung der Stadt kennen zu lernen und mit Entzücken
zu genießen.

Am 27. December verließen wir Rio und damit die heiße Zone wieder, denn
schon am 30. fing es an zu wettern und zu stürmen, und am 1. Januar schon
trugen wir wieder warme Kleider, obschon wir uns im Sommer der südlichen
Halbkugel befanden.

Nach mancherlei Fährlichkeiten sind wir nun hier an der südlichsten
Spitze Südamerikas angelangt, und die Besatzung ist damit beschäftigt,
die Takelage unsers Schiffes für die Fahrt durch die Magelhaens-Straße
zu erleichtern, um dem Wind, welcher uns nach allen Erfahrungen
wahrscheinlich während der ganzen Fahrt mit Sturmesstärke entgegenwehen
wird, möglichst wenig Widerstand zu bieten.


                                        Magelhaens-Straße, 23. Januar 1878.

Da wir jetzt am Ende unserer Fahrt durch die Magelhaens-Straße stehen,
will ich einen Rückblick auf dieselbe werfen.

       *       *       *       *       *

Am 14. Januar abends liefen wir von dem Atlantischen Ocean aus in die
Magelhaens-Straße ein, mußten aber wegen der eingetretenen Dunkelheit
und der unberechenbaren starken Strömungen (der Unterschied zwischen
Hoch- und Niedrigwasser beträgt hier 13 m) dicht an deren Eingang ankern
und konnten erst am 15. morgens 2½ Uhr mit dem ersten Morgengrauen die
Fahrt fortsetzen. Der Morgen war klar und schön, wenn auch kalt, denn wir
hatten, da der hiesige Januar unserm Juli entspricht, im Hochsommer auf
einer gleichen Breite wie Leipzig nur 6-7° C. Das in Sicht befindliche
Land ist ohne Reiz, niedriges Sandland ohne Baum und Strauch, eine
endlose Wüste, welche nicht eine Spur von Menschen aufweist und nur an der
Meeresküste von unzähligen Scharen der verschiedensten Arten Wasservögel
bewohnt wird. So reizlos die ganze Umgebung für das menschliche Auge
ist, so interessant wird die Fahrt als solche für den Seemann. Jeder
Augenblick bringt Abwechselung, weil die Straße nicht nur fortgesetzt ihre
Richtung ändert, sondern auch noch viele Untiefen eine öftere Cursänderung
nothwendig machen, sodaß die gespannteste Aufmerksamkeit erforderlich
ist, zumal wenn das Schiff mit einer Geschwindigkeit von 12 Knoten
oder 3 deutschen Meilen in der Stunde durch das Wasser eilt. Zeitweise
befindet es sich auf einer großen Wasserfläche; nach einer halben Stunde
steuert es durch einen engen Kanal von nur 500 m Breite; dann wieder
zwischen dicht beieinander liegenden Inseln hindurch, geht danach mit
einem scharfen Bogen dicht unter die Küste des Festlandes und verläßt
nach einer kurzen Weile diese Seite wieder, um eine Insel anzusteuern,
unter deren Küste der Curs so nahe vorbeiführt, daß man ohne Anstrengung
einen Stein ans Land werfen könnte; und so geht es stunden-, in der Folge
gar tagelang fort. Der Seemann muß hier auf dem Platze sein, er findet
aber ein so reiches Feld vollster Thätigkeit und Aufregung, daß die mit
einer solchen Fahrt verbundenen Strapazen in den Hintergrund gedrängt
und nicht weiter beachtet werden. Denn eine Strapaze ist es wahrlich,
wenn man morgens um 2½ Uhr bei noch kaum durchbrechendem Tageslicht den
Ankerplatz verläßt und mit schneller Fahrt in ein unbekanntes Fahrwasser
hineinsteuert, welches mit dem Vorschreiten des Tages immer schwierigere
Passagen bringt, die dem Commandanten verbieten, die Commandobrücke
auch nur auf Augenblicke zu verlassen, und ihn zwingen, dort bis zum
Einbruch der Nacht, wo in irgendeinem kleinen Hafen geankert wird,
auszuharren. So steht man, ohne sich von der Stelle zu rühren, viele
Stunden ununterbrochen in ungewohnt frischer Luft, welche den in den
Tropen verweichlichten Körper stark angreift; die Augen ruhen entweder auf
dem fortwährend wechselnden Landpanorama oder auf der in einem Glaskasten
sicher untergebrachten Karte; alle Sinne sind in Thätigkeit, um den
richtigen Curs zu wählen, der Maschine den zweckmäßigsten Gang anzuweisen
und dem Ruder die richtige Lage zu geben. Die Mahlzeiten müssen auch auf
der Commandobrücke eingenommen werden, schmecken allerdings vortrefflich,
wenngleich man hierbei erst bemerkt, daß die Lippen von der scharfen Luft
schon aufgerissen sind, ohne dabei indeß zu ahnen, daß das ganze Gesicht
bereits halb wund ist. Ein scharfer Sturm weht uns entgegen und peitscht
uns den von dem Schiffe aufgeworfenen Salzwassergischt in das Gesicht;
glücklicherweise regnet es aber nicht, trotzdem es in dieser Gegend immer
regnen soll. Doch dies ist nicht richtig, es regnet allerdings vor uns,
hinter uns, links und rechts; nur wo die „Ariadne“ fährt, lacht die Sonne,
als ob sie wie bisher uns auch in dieser verrufenen Gegend nicht verlassen
wolle.

Um zu zeigen, daß das Wetter es wirklich gut mit uns meint, will ich hier
einige Stellen aus den Segelanweisungen, welche alle bisher gesammelten
Erfahrungen enthalten, ausziehen und einfügen; ein Vergleich zwischen
diesen Notizen und dem weitern Verlauf unserer Reise wird dann am besten
die Richtigkeit meiner Behauptung beweisen.

1. „August, September und October sind die kältesten Monate; westliche
Winde, Regen, Hagel und Schnee sind dann vorherrschend. December, Januar
und Februar sind die wärmsten Monate, die Tage sind lang und es kommt
zuweilen etwas gutes Wetter vor; aber westliche Winde, welche häufig
zu starken Stürmen anschwellen, mit heftigem Regen sind selbst während
dieser Jahreszeit vorherrschend, welche weniger Sommer mit sich führt wie
irgendein anderer Theil unserer Erde.

2. „Der Gipfel dieses ausgezeichneten Berges (Mount Burney), welcher gegen
1850 m hoch und mit ewigem Schnee bedeckt ist, ist selten sichtbar; sollte
aber ein Vorbeireisender glücklich genug sein, einen klaren Tag zu finden,
so wird er schwerlich je die Pracht dieses Panoramas vergessen.

3. „Das Charakteristische in dem Wetter dieser Kanäle ist weniger die
Stärke des Windes, als der fast unaufhörliche Regen. Tag um Tag, wenn der
Seemann unglücklicherweise länger hier verweilen sollte, wird er diesen
stetigen Niederfall zu erdulden haben, es sei denn, daß er so glücklich
ist, in einem jener seltenen Durchbrüche von lieblichem Wetter anzukommen,
welches zuweilen vorkommt. Dann allerdings wird er die interessanteste
Fahrt finden mit ruhigem Wasser, guten Ankerplätzen, umgeben von der
großartigsten ('most glorious') Scenerie; doch diese Fälle sind gar
selten, und er wird schon glücklich zu nennen sein, wenn er überhaupt
einmal den Regenrock ablegen kann, welchen er anzog, als er um Cap Tres
Montes ging. Eine Jahreszeit ist so gut, oder besser gesagt so schlecht
wie die andere, immerhin aber ist der Sommer wegen seiner geringern Kälte
und der längern Tage für diese Passagen vorzuziehen.“

Diese Schilderung verspricht gewiß viel, und ebenso läßt die „Vineta“,
welche vor zwei Jahren dieselbe Tour in beschränkterer Ausdehnung machte,
sich vernehmen und klagt über das anhaltend schlechte Wetter, das sie
zu erdulden hatte. Ein Vergleich dieser beiden Reisen zeigt auch in
eclatanter Weise, von welchem Einfluß das Wetter auf derartige Reisen
ist; denn zu derselben Strecke, welche die „Ariadne“ unter den günstigsten
Wetterverhältnissen in 6 Tagen zurücklegte, gebrauchte die „Vineta“ mühsam
gegen Wind und Wetter anringend 21 Tage. Doch zu unserer Reise.

Nachdem am 15. Januar etwa 80 Seemeilen zurückgelegt waren, vollzog
sich allmählich ein Wechsel in der Scenerie. Wir waren den Ausläufern
der Anden, des mächtigen Gebirgszuges, welcher mit seinen 7000 m hoch
gelegenen Felsen- und Schneerücken das platte Land Patagonien von Chile
und Peru trennt, näher gekommen und zeitweise entwickelten sich schon
aus den vorbeijagenden Wolkenfeldern einzelne schneebedeckte Gipfel.
Das untere Land zeigt jetzt auch einen andern Charakter: einzelne mit
grünem Gestrüpp bewachsene Hügel und Felsen werden sichtbar, das Land
hebt sich immer mehr und wächst langsam zunehmend bis zu 300 m hohen
Bergen an, welche mit dichtem Wald bedeckt sind. Auffallend ist, daß
in diesen frisch-grünen Wäldern kaum 150 m über dem Meeresspiegel
große Schneefelder verstreut liegen, und daß trotz der geringen Kraft,
welche die Sonne demnach im Hochsommer hier nur hat, große Scharen von
Papagaien und Kolibris in den Sommermonaten ihren Wohnsitz in dieser
Gegend aufschlagen. In Punta Arenas fanden wir diese Vögel allerdings noch
nicht, da sie erst 14 Tage später erwartet wurden, in einem der nächsten
Häfen trafen wir sie aber schon an. Würde man nur nach den hier lebenden
Eingeborenen, ohne Rücksichtnahme auf die herrschende rauhe Witterung zu
urtheilen haben, so wäre das Räthsel, wie diese buntgefiederten Bewohner
der brasilianischen Urwälder hierherkommen, leicht gelöst, denn diese
Menschen gehen ohne jede Kleidung vollkommen nackt, besitzen kein Heim,
leben in einem elenden offenen Boot oder tragen sich an dem Fleck, wo sie
gerade landen, aus Reisern eine Hütte in der Größe eines runden Tisches
von etwa 1½ m Durchmesser zusammen, wo Mann, Frau oder Frauen (es herrscht
Vielweiberei), große und kleine Kinder, oft 10-12 Personen, Unterkommen
für die Nacht finden, wie ein Rudel Thiere zusammengeschachtelt und sich
mit ihren Körpern gegenseitig erwärmend. Kälte, Wind und Regen machen
keinen Eindruck auf ihre Nerven, eine wunderbare Menschenrasse in ihrer
Art, da alle sonst in kalten Klimaten wohnenden Menschenstämme stets
warm bekleidet sind. Ich werde später noch Gelegenheit finden, auf diese
Eingeborenen zurückzukommen.

Bald nachdem das flache Land hinter uns lag, näherten wir uns der
chilenischen Colonie =Punta Arenas=, welche, früher als Verbrechercolonie
gegründet, in der Neuzeit durch den regern Dampfschiffsverkehr eine andere
Bedeutung erlangt hat. Die an der Küste steil aufsteigenden niedrigern
Gebirgszüge von 300-400 m Höhe versagen dem Auge zwar noch den Blick
auf die dahinter liegende mächtige Alpenwelt des Festlandes, das Auge
kann nun aber frei über die düstern, unfruchtbaren, bis zu 2000 m Höhe
aufsteigenden schwarzen Felsmassen des Insellandes Feuerland, welches
sich auf der andern Seite der Wasserstraße unheimlich aus der See erhebt,
schweifen: schwarzes, kaltes, zerklüftetes Gestein ohne eine Spur von
Leben und Pflanzenwuchs, welches dem Auge nirgends Ruhe gönnt, da keine
Linie zu finden ist, welche man festhalten könnte. Ein Pic steigt neben
dem andern empor, erhebt seinen Gipfel immer noch wilder und trotziger wie
sein Nachbar und erweist dem menschlichen Auge dann eine wahre Wohlthat,
wenn er mit Schnee bedeckt ist. So frostig der Anblick des Schnees
sonst macht, hier, inmitten dieses schwarzen Höllengesteins, um welches
unermeßliche schwere Wolkenbänke von tiefgrauer Farbe sich lagern und,
von dem heulenden Sturme getrieben, ihre Wasserballen in die unzähligen
tiefen Schluchten hineinzwängen, hier ist der Schnee erwärmend. Hätte
Dante dieses Stück Erde gekannt, seine Hölle wäre nach diesem Feuerland
gebildet worden, welches ja auch richtige Teufel in sich birgt. Der Name
„Feuerland“ ist allerdings nicht von vulkanischem Feuer hergeleitet,
sondern hat einen harmlosen Ursprung; er ist dem Umstande zuzuschreiben,
daß die ersten Entdecker überall am Lande kleine Rauchsäulen sahen, welche
nie erloschen. Die Eingeborenen dieses nassen Landes, wo die Erzeugung des
Feuers so sehr schwer ist, sind gezwungen, wo sie gehen und stehen, stets
ein Feuer zu unterhalten, wenn sie dieses wichtige Element nicht zeitweise
verlieren wollen; es wird also immer da, wo Menschen sich aufhalten, auch
die unentbehrliche Rauchsäule zu sehen sein. Daß hier, wie ich vorhin
sagte, auch wirkliche Teufel in Menschengestalt hausen, dürfte vielleicht
aus dem nachfolgenden Auszuge aus Darwin’s Reise um die Erde hervorgehen:

„Die verschiedenen Stämme sind Kannibalen, sobald sie miteinander in Fehde
leben. Dies beweist auch die Aussage Jemmy Button’s (ein Junge, welcher
während zweier Jahre auf Kosten eines englischen Seeoffiziers in England
erzogen und mit dem Schiffe, auf welchem Darwin war, dann zurückgebracht
wurde), wonach die Eingeborenen im Winter, wenn sie sehr unter dem Hunger
leiden, erst die alten Frauen schlachten und verschlingen, bevor die
Hunde an die Reihe kommen, denn die Hunde fangen Ottern, alte Frauen aber
nichts. Die Frauen werden derart getödtet, daß sie über Rauch gehalten
werden, bis sie erstickt sind. Der Junge ahmte auch mit sichtlichem
Vergnügen in spaßhafter Weise das Geschrei der Opfer nach und beschrieb
die Körpertheile, welche am besten schmecken. Oft sollen die alten
Frauen, sobald sie den Zeitpunkt gekommen wähnen, in die Berge flüchten,
sie werden aber von den Männern dann gejagt, um in ihre Hütte gebracht
und geschlachtet zu werden. -- Schrecklich, wie solch ein Tod durch
die Hand der Freunde und Verwandten sein muß; schmerzlicher noch ist es
daran zu denken, was diese Frauen empfinden müssen, wenn der Hunger sich
einzustellen beginnt.“

Nachmittags 3 Uhr am 15. Januar, nach Zurücklegung von 120 Seemeilen
an diesem Tage, ankerten wir vor Punta Arenas, dessen kleine Holzhäuser
kurz vorher als erste Zeichen menschlichen Lebens hinter einer kleinen
Landzunge zum Vorschein gekommen waren. Dieser weit vorgeschobene Posten
menschlichen Unternehmungsgeistes zeigte allerdings ein anderes Bild, als
wir nach den vorhandenen Beschreibungen erwarten konnten. Eine vor wenig
Wochen stattgehabte Soldatenemeute hatte traurige Spuren hinterlassen.
Die aus 100 Soldaten gebildete Garnison soll von ihrem Commandanten
so barbarisch behandelt worden sein, daß sie schließlich zum Aufstand
getrieben wurde. Sie tödteten und verstümmelten den Commandanten, rissen
ihm Augen und Zunge aus, schnitten Nasen und Ohren ab und zerstückten
den ganzen Körper. Darauf befreiten sie die Gefangenen (der Platz ist
noch Strafcolonie), etwa 80 an der Zahl, und fingen dann an zu brennen
und zu morden. Alle größern Gebäude wurden eingeäschert und etwa 80
Personen verloren ihr Leben. Nachdem die Meuterer auf diese Weise zwei
Tage gehaust hatten, wurden sie unsicher, da täglich ein in der Nähe
befindliches chilenisches Kanonenboot eintreffen konnte, und verließen
den verwüsteten Platz. Vorher aber bemächtigten sie sich aller Frauen und
Mädchen, deren sie habhaft werden konnten, und schleppten diese mit Gewalt
mit sich in die Pampas Patagoniens, wo ihnen mit den dortigen Indianern
jedenfalls ein Krieg bis aufs Messer bevorsteht. -- Wenige Tage vor unserm
Eintreffen hatte ein chilenisches Kriegsschiff die neue Garnison und eine
Untersuchungscommission gebracht.

Der kleine Ort liegt recht hübsch dicht am Ufer des hier stets wellenlosen
Meeres, lehnt sich im Rücken an den Fuß eines Berges an und ist umsäumt
von jungfräulichem Urwalde. Die in den Gebirgen lagernden großen
Schneemassen führen in kleinen Flüssen vorzügliches Wasser zum Strande,
wo in den geringern Tiefen des Meeres ein unerschöpflicher Reichthum
an wohlschmeckenden Fischen herrscht. Rindvieh und Schafe gedeihen
vortrefflich und finden auf dem herrenlosen Lande die saftigste Nahrung
im Ueberfluß. Auch Pferde sind fast mehr wie Menschen vorhanden, denn
hier in diesem kleinen Dorfe ist sogar der Bäckerjunge zu faul, das Brot
zu Fuße auszutragen, er setzt sich dazu aufs Pferd. Der Wald liefert
ein vorzügliches Holz, das vorläufig noch als werthlos betrachtet wird.
Die mächtigen Stämme -- ich habe solche von 4 Fuß Durchmesser gesehen
-- haben einen vollständigen Eisenkern; schwere Schmiedehämmer, welche
als Keile zum Auseinandertreiben des Holzes benutzt wurden, zersprangen
unter den wuchtigen Hieben eines noch schwerern Hammers in dem Holze,
ohne es zu spalten. Jeder kann sich soviel Holz nehmen wie er will; wir
haben an einem Tage 40 cbm Kernholz gefällt und an Bord geschafft, ohne
Zahlung dafür zu leisten, weil den Ansiedlern auf diese Weise das Land
ohne eigene Mühe urbar gemacht wird. Die Häuser, oder besser Holzhütten
bestehen selten aus mehr als zwei kleinen Zimmern; Comfort ist nirgends
zu finden. Ackerbau und Gartencultur fehlen vorläufig noch ganz, die
Leute leben nur von den durchkommenden Schiffen, denen sie vornehmlich
Fleisch verkaufen. Einige Meilen von diesem Ort entfernt ist noch eine
kleine Schweizercolonie, welche sich mit Landwirthschaft beschäftigt und
ihre Erzeugnisse hierher abliefert. Von diesen Producten erhielten wir
recht gute Butter und namentlich ganz vorzüglichen Kopfsalat. Für die
übrigen Erzeugnisse der Schweizercolonie, Gemüse und Kartoffeln, war die
Zeit der Reife noch nicht gekommen, sodaß wir uns von ihrer gerühmten
Vortrefflichkeit nicht selbst überzeugen konnten.

Der Totaleindruck dieses Ortes ist, von innen gesehen, ein öder,
schmutziger und wüster. Die Straßen sind allerdings regelmäßig und
breit, ja so großartig angelegt, daß sie einer großen Stadt Ehre machen
würden, die menschlichen Wohnungen zeigen aber sofort, daß nur mittellose
Abenteurer, welche kein anderes Streben als ihr Leben zu fristen kennen,
ihr zeitweiliges Heim hier aufgeschlagen haben. Natürlich sind die
Deutschen wie überall auch hier vertreten, bilden aber das beste Element.

In Punta Arenas wurde mir die große Enttäuschung zutheil, daß ich keine
Kohlen, auf die ich sicher gerechnet hatte, erhalten konnte. Es ist
eine Kohlengrube, welche sich in soliden englischen Händen befindet, in
nächster Nähe, die Meuterei hatte aber auch hier störend eingegriffen,
da die Soldaten, die mit Genehmigung der Regierung die Grubenarbeiter
gewesen waren, jetzt fehlten. So blieb mir nur übrig, mit meinen Kohlen
hauszuhalten und das Brennmaterial durch Holz zu ergänzen. Auch meine
Reisedisposition für die Straße erhielt dadurch eine Abänderung; ich
hatte vorher auf einen drei- bis viertägigen Aufenthalt in Punta Arenas
gerechnet, ließ mich aber jetzt nicht länger aufhalten, da ich in dem
herrenlosen Lande, durch welches ich noch 600 Seemeilen zurückzulegen
hatte, überall Holz schlagen konnte. Ich blieb daher nur noch den 16. in
Punta Arenas und benutzte diesen Tag zum Holzschlagen. Nachts 12 Uhr war
das Holz an Bord, am 17. morgens 2 Uhr war das Schiff fertig und weiter
ging die Reise aus der Nacht zum Tage.

Ich hatte einige Stunden geschlafen und stand nun in der rauhen Nachtluft
mit der Gewißheit auf der Commandobrücke, dieselbe vor 9 Uhr abends
nicht wieder verlassen zu können. Die Aufgabe, welche ich mir gestellt
hatte, war, bis zum Eintritt der Dunkelheit einen Hafen zu erreichen,
welcher von unserm Ausgangspunkt 170 Seemeilen entfernt lag. Der Weg
dahin führte durch eine enge Felsenstraße, in welcher der Sturm stets
mit der Gewalt eines Orkans wüthen soll; die in ihrer Großartigkeit
auf dieser Welt einzig dastehende Gebirgswelt soll fast immer bis zum
Wasserspiegel herunter in dichtes grauschwarzes Gewölk gehüllt sein,
aus welchem der Regen in Strömen herniederfällt; die Navigirung soll
nur dadurch möglich werden, daß der Sturm ab und zu das Gewölk auf
Augenblicke zertheilt und so dem Auge Gelegenheit gibt, den Curs bis
zur nächsten Zertheilung der Wolken festzustellen. Dies war der vor mir
liegende Tag mit seinen Aussichten. Fand ich wirklich solches Wetter,
dann war die Erfüllung meiner Aufgabe unmöglich und ich konnte höchstens
zwei Drittel des vorgenommenen Weges zurücklegen, mußte dann aber auch
für die ganze Passage etwa die doppelte der in Ansatz gebrachten Zeit
rechnen. Einigermaßen gruselig war mir zu Muthe, als ich meine Fahrt in
der dunkeln Nacht mit 10 Seemeilen Geschwindigkeit und mit der Aussicht
begann, nun während etwa 10 Tagen, wenn auch in sicherm Fahrwasser,
täglich 12-15 Stunden dem Regen und Sturm voll ausgesetzt auf der
Commandobrücke zuzubringen. Immerhin vertraute ich aber meinem guten Glück
und gab zunächst keinem Zweifel an dem Gelingen des festgesetzten Planes
Raum. Allerdings hatte ich noch einen vertrauenerweckenden Führer zur
Seite, nämlich den Bericht unserer Corvette „Vineta“, welche als erstes
deutsches Kriegsschiff die Passage durch die Magelhaens-Straße gemacht
hat. Wenn auch dieser Bericht die vorzüglichen englischen Segelanweisungen
als durchaus zuverlässig anerkennt, so vertraut man dem, was Kameraden
gesehen und erfahren haben, doch immer mehr; man fühlt sich dort, wo ein
Bruderschiff schon gewesen ist, eher heimisch.

Bis gegen 8 Uhr morgens bleibt der Curs in offenem Fahrwasser südlich und
durch die an der Westseite liegenden Berge gegen den erwarteten Weststurm
geschützt. Der Morgen läßt sich gut an, der Sonnenaufgang war zwar nicht
sehr vertrauenerweckend gewesen, die Sonne zeigt aber doch wenigstens ab
und zu ihr erwärmendes Gesicht. Zu unserer Rechten liegen weich geformte
Berge mit dichtem frischen Wald bestanden, aus dessen grünem Laub hier und
dort verstreut blendend weiße Schneefelder hervorlugen. Die Berge steigen
direct aus dem Wasser auf, bilden aber doch hin und wieder freundliche
kleine Einbuchtungen, welche den vorbeifahrenden Schiffen gute Ankerplätze
bieten, aber auch einen grell in die Augen springenden Beweis liefern, wie
alles Lebende, was die Natur hervorbringt, dazu dient, von dem Stärkern
wieder vernichtet zu werden. Hier in diesen geschützten lieblichen Baien
steigen die der Magelhaens-Straße eigenthümlichen mächtigen Wasserpflanzen
tief von dem Meeresgrunde bis zu einer Höhe von 10 m hoch aus und geben
mit ihren 6-7 dcm langen und 2 dcm breiten Blättern den kleinen niedern
Wasserthieren Schutz und Nahrung. In diesem Wasserpflanzenwald lebt
aber auch die junge Fischbrut, welche ihr Leben mit den kleinern Thieren
erhält, dieses aber auch sofort hingibt, sobald sie das schützende Dach
verläßt, denn außerhalb der Pflanzen stehen Scharen von Raubfischen,
welche jeden kleinen Wasserbewohner ihresgleichen erbarmungslos
verschlingen, sobald er sich aus seinem Versteck hinauswagt. Wieviel Mord
und Vernichtung spielt sich nicht an einem Tage in einem solch kleinen
Stück Wasser ab?

Zu unserer Linken liegt eine weite Wasserfläche, begrenzt durch in
blauen Dunst gehülltes Bergland, durch dessen weite Schluchten die noch
hinter den Bergen niedrig stehende Sonne ihre Strahlen wirft und das wild
geklüftete Alpenland magisch beleuchtet. Vor uns haben wir den Eingang zu
der berüchtigten Felsenpassage mit einem Aussehen, welches einen schlimmen
Tag verspricht. Das aus dem Wasser steil aufsteigende nackte Gestein
ist infolge des ewigen Regens von tiefschwarzer Farbe, welche nur selten
durch einige hellere Flecke unterbrochen wird. Sichtbar ist das Land dort
überhaupt nur bis etwa 100 m über dem Wasser, von da ab ist alles in dicht
übereinander geschichtete feste Wolkenmassen von tief blaugrauer Färbung
gehüllt, in Wolkenbänke, welche so tief liegen, daß man sie mit den
Mastenspitzen zu berühren glaubt und damit ihre Entladung herbeizuführen
befürchtet. Regen erwartet man von ihnen aber nicht, sondern das schärfste
Schneegestöber. Das Gewölk eines schweren Schneesturmes unserer Gegenden
ins Vielfache übertragen gibt ein ungefähres Bild von der vor uns
liegenden Wolkengestaltung und dem Aussehen der Luft. In diesen Sturm- und
Regenkessel muß man hinein. Was hilft’s! Mehr wie naß werden kann man ja
nicht, also frisch drauf los.

Einige mächtige Walfische von 14 bis 18 m Länge -- ich sehe im ganzen
vier -- spielen so harmlos in der Nähe des Schiffes, daß das Behagen,
welches sie athmen, sich unwillkürlich dem Menschen mittheilt und sein
Gemüth beruhigt. Hoch werfen sie aus ihren Spritzlöchern das Wasser in
die Luft, strecken ihren mächtigen Kopf aus dem Wasser oder heben ihren
kolossalen Rücken wie eine kleine Insel über die Wasserfläche, tauchen
dann in die Tiefe und schnellen dabei den riesigen Schwanz aus dem Wasser,
daß das hinterste Drittheil des Fisches für einen Augenblick senkrecht
in die Luft ragt. Solch ein harmloses Spiel übt eine beruhigende Wirkung
auf uns Zuschauer aus, die Gegend vor uns sieht sich schon gar nicht
mehr so erschreckend an. Ein tüchtiges warmes Frühstück war oben in der
frischen Luft mit köstlichem Appetit eingenommen; der kurze Rock, unter
welchem eine warme wollene Weste sitzt, wird fest zugeknöpft, die Mütze
fest in die Stirn gedrückt, der Kneifer auf der Nase zurechtgerückt und
dann um 8 Uhr um das verschriene Cap Froward herumgejagt. Jetzt soll
es kommen, Sturm und peitschender Regen! Ein frischer Sturm, welcher in
diese 100 Seemeilen lange unabsehbare Felsenstraße eingekeilt an Stärke
gewinnt, weht uns zwar in die Zähne, die Wolken über uns bilden eine feste
undurchdringliche Decke; unten aber ist es schön klar, kein Hagel und kein
Regen, kalte frische Luft und überall viel zu schauen. Was es zu sehen
gibt läßt sich aber nur schwer schildern.

Die Gestaltung des Landes ändert unausgesetzt. Hier springt ein hohes,
steiles Cap trotzig in die Straße vor und deckt die hinter ihm liegende
tiefe Bucht; dort läuft das Land in eine weit vorgeschobene flache
Spitze aus; an jener Stelle brechen aus den vorbeijagenden Wolken für
Augenblicke scharf gezackte Bergkämme hervor; hier steigt senkrecht
aus dem Wasser eine Felsenwand von dem Aussehen einer von Menschenhand
sorgsam aufgebauten Riesenmauer auf; dort ziehen sich mächtige Kanäle,
welche große Wasserstraßen nach einem andern Theil des Weltmeeres bilden,
hin; hier liegen kleine, in frischem Laub prangende Inseln oder einzelne
nur mit ihrer Spitze aus dem Wasser hervorragende Klippen, dort mehrere
Quadratmeilen umfassende Inseln. Das alles vermag das Auge wol für Stunden
und Tage, ja Wochen unausgesetzt zu fesseln, da es in seiner natürlichen
Großartigkeit immer Neues und Interessantes bietet, in der Beschreibung
wird es aber immer nur ein sehr verblaßtes Bild geben.

Ab und zu fegt der Sturm das Gewölk stellenweise fort und gestattet
dann einen Blick in dieses eigenartige Gebirgsland, das noch im
Hochsommer seine ewig starren Gletscher bis zum Meeresrand hinabsendet
und gleichzeitig den an die Tropensonne gewöhnten Zugvögeln ein
begehrenswerthes Asyl gewährt. Der Grundton des sich entrollenden Bildes
ist Grau in Grau: eine grau erscheinende Wasserfläche als Vordergrund,
graues Gewölk als Hintergrund. Aus diesem unbestimmbaren, farblosen
und doch auf das Auge so mächtig wirkenden Grundton treten riesige
Steinmassen, tiefschwarz gefärbte oder mit einer blendenden Schneedecke
überzogene hohe Berge mit ihren entschiedenen und wilden Contouren scharf
heraus. Das massige Unterland entsendet ungezählte scharfgeschnittene
Pics in die Lüfte, welche bei annähernd gleicher Höhe scheinbar ganz
willkürlich theilweise mit ewigem Schnee überzogen sind, theilweise mit
vollkommenster Nacktheit prahlen und ebenso allen Unbilden des Wetters
trotzen, wie die an ihrem Fuß lebenden Eingeborenen, mit welchen sie so
große Charakterähnlichkeit haben. Zwischen jenen blendend weißen, zart
überhauchten Berggipfeln und diesen schwarzen rauhen Gesellen liegen
in tiefen unheimlichen Schluchten große, in ihrer ganzen Ausdehnung wol
noch von keinem Menschenauge berührte Schneefelder, welche sich bis zum
Meeresspiegel, bis dicht an die vorbeipassirenden Schiffe hinabsenken
und auf ihrer Wanderung dahin sich allmählich aus duftiger Schneedecke
von dem reinsten Weiß in starrende zerklüftete Gletscher von heller,
bläulich-grüner Farbe umbilden, deren Mächtigkeit nach unserer Schätzung
5-8 m beträgt. Und neben diesen Gletschern findet das Auge an geschützten
Stellen die üppigste Vegetation, den Urwald in seiner ganzen Schönheit
mit seinen herrlichen Laubkronen, seinen Schlinggewächsen, Parasiten,
elastischen Moosdecken und farbenprächtigen Blumen, über welchen in
denselben Sommermonaten, die den nebenliegenden Schnee nicht zu schmelzen
vermögen, nach glaubwürdigen Berichten die Kolibris über den Blumenkelchen
schwirrend ihr Vernichtungswerk gegen die Insekten betreiben. Weiterhin
öffnet sich die Wasserstraße, das Land tritt zurück, und man glaubt auf
einem großen Binnensee zu sein, welcher keinen Ausgang zeigt. Einige
Inseln vor uns scheinen den Abschluß zu bilden, auf diese ist der Bug des
Schiffes gerichtet. Dort angekommen geht das Schiff in scharfem Bogen um
eine derselben herum und läuft in einen von hohen Felswänden gebildeten
Hohlweg ein. Der größte Theil der Straße behält jetzt den Charakter eines
Hohlwegs von vorherrschend enormen Dimensionen.

Während der Fahrt versucht ein Boot mit Feuerländern das Schiff zu
erreichen, jedenfalls um gegen Bogen, Pfeile und Felle andere Sachen,
Taback und Eßwaaren einzutauschen. Da es die ersten Eingeborenen sind,
welche wir zu Gesicht bekommen, so entsteht eine allgemeine Aufregung in
dem Schiffe; die Offiziere drängen mich, auf das Boot zu warten, ich kann
ihnen aber, so groß auch meine eigene Neugierde ist, nicht willfahren,
da das Reiseprogramm in so enge Grenzen gezogen ist, daß ein kleiner
Aufenthalt das ganze Gebäude umwerfen kann. Ich lasse indeß das Schiff an
das Boot heranscheeren, um es dicht zu passiren und so einen flüchtigen
Blick zu erhalten. Zwei junge nackte Männer führen die Ruder, eine nackte
Frau das Steuer, die übrigen Insassen, mehrere Erwachsene und eine größere
Zahl kleiner Kinder sitzen oder vielmehr kauern in der Mitte des Bootes,
wo auch auf Steinen das nie fehlende Feuer unterhalten wird. Alle zusammen
schreien und heulen, mit den Armen gestikulirend, aus Leibeskräften, um
das Schiff zum Anhalten zu bewegen, aber wie schon erwähnt ohne Erfolg.

Abends 8 Uhr scheint es mir doch zweifelhaft, daß wir vor Eintritt der
Nacht den als Ziel gesetzten Hafen noch erreichen können; die Entfernung
ist zwar nicht zu groß, aber vor uns sieht es so dick und drohend aus
und der Seegang nimmt in der nun nach dem Stillen Ocean hin offenen
Straße so merklich zu, daß ich mich entschließe, nach dem kleinen
Hafen Port Angosto, welchen wir vor einer Viertelstunde passirt haben,
zurückzulaufen. Der Eingang, keine 40 m breit, ist bald gefunden, und
die „Ariadne“ geht, oft nur wenige Fuß von den Klippen entfernt, durch
eine schmale Gasse in einen Kessel, welcher gerade genug Platz bietet,
daß das Schiff ohne den Grund zu berühren sich vor dem Anker drehen
kann. Die steilen Bergwände sind dicht bewaldet, einige kleine und ein
größerer Wasserfall ergießen mit anheimelndem Geplätscher das geschmolzene
Schneewasser von den Höhen hinab. Der Abend ist schön und ruhig, aber ohne
Anziehungskraft für einen Mann, welcher 19 Stunden auf der Commandobrücke
zugebracht hat und nach Verlauf von 5 Stunden Ruhe wieder dahin berufen
wird, um das eben überstandene Tagewerk noch einmal durchzumachen.

Abends ging ich gleich, nachdem ich schnell einige Bissen zu mir genommen
hatte, zu Bett, um sofort in einen tiefen traum- und bewußtlosen Schlaf zu
verfallen. Um 2½ Uhr morgens wurde ich wieder geweckt -- ein kritischer
Moment. Niemand kann mich hier zur Eile treiben, mir vorschreiben, an
diesem Tage weiter zu gehen oder eine so große Distanz abzulaufen, wie
ich sie mir gesteckt habe; auch zwingen mich die natürlichen Verhältnisse
nicht zu einem so großen Pensum, da in den vor uns liegenden Kanälen alle
20-30 Meilen Häfen zu finden sind. Durch das Wetter begünstigt habe ich
an dem gestrigen Tage ein besonders großes Stück Weg zurückgelegt, ich
bin über alle Begriffe müde -- ein Wort und der Aufbruch wird verschoben
oder ganz aufgehoben. Der Gedanke „beschleunigte Segelordre“ durchzuckt
traumhaft mein Hirn und -- „Reveille und Ankerlichten“ ist die Antwort
auf den vielleicht schon mehrmals wiederholten Weckruf. Ich verlasse
mein Lager, mache unter Absehung von dem gewohnten kalten Bade die den
Verhältnissen entsprechende Toilette, nehme schnell ein warmes Frühstück
ein, welches mein vortrefflicher, aber im Punkte des Schlafens sonst
unverbesserlicher Diener heute ausnahmsweise schon bereit hat, und stehe
nach 15 Minuten auf der Brücke, um in dem Dunkel der noch herrschenden
Nacht die meinem Ruf willig gehorchende „Ariadne“ aus diesem kleinen
Felsenlabyrinth hinaus in ein 500 Meilen langes hineinzuführen. Die
Nachtluft ist kalt; die todten Bergmassen, von welchen her kein Ton
eines lebenden Wesens zu hören ist, werfen tiefe Schatten auf die unter
Windstille regungslos daliegende schwarze Flut und machen es unmöglich,
die schwarze Wasserfläche von dem schwarzen Lande zu unterscheiden.
Nichts ist zu hören als das dumpf nach oben schallende Arbeiten der
rastlosen mächtigen Schiffsmaschine und das monotone Rauschen des von dem
Schiffsbug aufgeworfenen Wassers, nur ab und zu unterbrochen von einem
kurzen Rudercommando aus meinem Munde, welches von den Leuten am Ruder
ebenso kurz erwidert wird. Die durchbrechende Tagesdämmerung nimmt dieser
Fahrt bald das Geisterhafte des Anfangs. Zur Linken liegt die jetzt schon
breite westliche Oeffnung der dort ihr Wasser mit dem des Stillen Oceans
bereits mischenden Magelhaens-Straße; vor uns öffnet sich der Smyth-Kanal,
in welchen unser Weg uns führt, theilweise noch versteckt im Morgendunst,
welcher auch das umliegende Land verhüllt. Eine halbe Stunde später --
die Sonne bricht mit einzelnen Strahlen durch die Wolken, gewinnt immer
mehr an Macht, hat bald die Nacht- und Morgennebel verzehrt und beschert
uns einen selten schönen Tag. Der über 1800 m hohe Mount Burney erhebt
sich als regelmäßiger Kegel mit abgestumpfter Spitze, welche jedoch
mit mehrern kleinen Pics geziert ist, majestätisch aus einer Ebene, die
halbkreisförmig von einem hohen Gebirgszuge umrahmt ist, dessen Gipfel in
ungezählte schneebedeckte Pics auslaufen. Die jetzt durch den wolkenlosen
Aether ungehindert durchstrahlende, noch tiefstehende Sonne übergießt das
vor uns liegende Bild mit einem seltenen Duft. Die in goldigem Schimmer
erglänzenden Lichtseiten der untern Partien heben sich nur unmerklich von
den Schattenseiten ab, da die Sonne kurz nach ihrem Aufgange nur zarte
Schatten zu erzeugen vermag. Die von ihrer erhabenen Höhe aus weithin
strahlenden jungfräulichen Gipfel spiegeln die Färbung des Aethers wieder
und schimmern in einem fast ins Weiße übergehenden duftig zarten Grün.
Die höher steigende Sonne bringt uns einen prachtvollen, windstillen und
wolkenlosen Sommertag, wie er für eine Vergnügungsreise nicht schöner
gewünscht werden könnte. Die Fahrt geht rastlos weiter, immer neue Bilder
vor uns aufrollend, enge Hohlwege, Klippenstraßen, mit Inseln gezierte
Alpenseen, freiere Passagen, welche den Blick weiter schweifen lassen
-- nur eins bleibt bis gegen Abend unverändert, das ist der herrliche
Mount Burney, welcher über alles hinwegragend in fortwährend wechselnder
und immer erhebend schöner Umgebung uns den Anblick seiner edeln Gestalt
gönnt.

Es ist zwecklos, auf die Fahrt dieses Tages näher einzugehen, da jede neue
Schilderung doch nur eine Wiederholung sein würde; aber ein uns an diesem
Tage in der Collingwood-Straße und dem Sarmiento-Kanal noch gebotener
Blick auf diese große Natur verdient doch besondere Beachtung. Das Bild
war das schönste unserer ganzen bisherigen Reise und von so großartig
wilder Schönheit, wie sie schwerlich in irgendeinem Theil unsers Erdballs
wiedergefunden wird. Obwol meiner Schwäche bewußt, will ich dennoch
versuchen, eine oberflächliche Skizze dieses erhabenen Naturbildes zu
entwerfen.

Vor uns und zu unserer Rechten liegen die Sarmiento-Cordilleren, zwei
regelmäßig hintereinander gereihte Gebirgsketten von etwa 25 Seemeilen
Länge und 1000-1500 m Höhe. Die uns zugekehrte vordere Kette steigt direct
aus dem Wasser auf, die zweite liegt so weit verschoben hinter der ersten,
daß man einen ziemlich weiten Blick in das von den beiden Bergzügen
gebildete Thal erhält. Die vielen Gipfel dieser mächtigen malerischen
Bergreihen streben in schönen und edeln Formen zu dem reinen Blau des
Himmelsgewölbes empor und sind mit ewigem, tadellos weißen Schnee bedeckt,
welcher nach unten hin unmerklich sich verändernd allmählich Gestalt und
Farbe eines Gletschers annimmt, sich auf den Thalseiten bis zur Thalsohle
hinabsenkt und dort ein ebenso unwegsames Eisfeld bildet, als die mit
Wasser angefüllten Thäler der tieferliegenden Bergketten dem Menschen
nutzbare Wasserstraßen bieten. Zu unserer Linken liegen niedrigere, steile
und nackte Felswände, und vor denselben dicht bewaldete Inselgruppen
mit saftigen, frischgrünen Bäumen, zwischen denen farbenreiche Blumen
hervorlugen. Dieses von der warmen Sonne mit einem eigenen Reiz
übergossene Bild erhält seinen würdigen Abschluß durch den Mount Burney,
welcher, seine Umgebung weit überragend, sich in unserm Rücken aus der von
ihm beherrschten Ebene, die mit Ausnahme der uns zugekehrten Seite jetzt
vollständig von hohen schneebedeckten Gebirgszügen umrahmt ist, gigantisch
emporhebt und in seiner majestätischen Größe das um ihn liegende gezackte,
mit unendlich vielen kleinen Pics gekrönte Berggewirre verspottet. Dieser
ausgezeichnete Berg, welcher nur ein riesengroßer Kegel ist, aber durch
seine einfachen edeln Linien alles Plumpe von sich weist und voll Grazie
nach dem unendlichen Weltall zeigt, muß auf dieser Erde einzig in seiner
Art sein und kann wol als ein würdiges Denkmal der urkräftigen Allgewalt
der Weltenschöpfung angesehen werden. Der in Japan auf der Insel Nipon
liegende und als heilig verehrte Berg Fusijama, welcher wegen seiner
reinen Formen einen hohen ihm auch gebührenden Ruf genießt, kann sich
in Bezug aus großartige Schönheit mit diesem Mount Burney nicht messen
und muß nach meinem Geschmack, trotz seiner doppelten Höhe, vor seinem
hiesigen Rivalen zurücktreten.

Abends gegen 9 Uhr, nach einem herrlichen, an Naturgenuß so reichen
Tage ankern wir in Puerto-Bueno, dem Hafen, welcher bei Aufstellung des
Reiseprogramms als Ziel des zweiten Tages in Aussicht genommen war;
wir haben somit die am gestrigen Tage verlorenen 20 Seemeilen wieder
eingeholt. Der kreisförmige kleine Hafen Puerto-Bueno, in welchen man
durch eine schmale Oeffnung einsteuert, bietet gerade ausreichenden Platz
für ein großes Schiff und ist rundherum von niedrigem Land eingeschlossen.
Er weist einen außerordentlichen Fischreichthum auf; auch kommt eine
eßbare sehr schmackhafte Muschel, welche wol mit der Kieler Mießmuschel
verwandt ist, häufig vor und kann bei Niedrigwasser ohne weitere Mühe in
großen Massen eingesammelt werden. So brachten vier Mann in einer halben
Stunde ein ausreichendes Gericht für die 200 Köpfe zählende Besatzung des
Schiffes zusammen. In zwei dicht aufeinander folgenden Fischzügen in einer
kleinen Bucht von etwa 12 m Breite und 10 m Tiefe des Hafens wurden mit
jedem Zuge in dem Netze je 120 Fische im Totalgewicht von 105 resp. 108 kg
gefangen. Die große Mehrzahl der Fische bestand aus vorzüglichen fetten,
bis zu 1¾ kg schweren Makrelen, der Rest aus einer Lachsforellenart bis
zu 2¾ kg Schwere. An der einen Seite des Hafens mündet cascadenartig
über Felsblöcke hinwegspringend ein Wasserlauf, welcher sich aus einem
dicht dahinter liegenden Süßwassersee ergießt. Leider ist das Wasser aber
wegen des moorigen Bodens im See schlecht und zum Trinken nicht recht
geeignet. Eine Recognoscirung des Sees, welche mit einem beschwerlichen
Wege durch den Urwald, über umgefallene Baumstämme und große Felsblöcke,
über Moosdecken, in die man oft bis unter die Arme einsinkt, durch dichtes
Gestrüpp u. s. w. verbunden ist, ließ uns auch die Spuren und die Losung
von Guanacos auffinden. Natürlich wurde in der nächsten Nacht von den
Jägern ein Jagdzug unternommen, um womöglich eins dieser seltenen Thiere,
welche zwischen dem Kamel und dem Lama liegen und ein vielbegehrtes
schönes Fell haben, zu erlegen, doch verlief die Jagd resultatlos.

Dieser Tag verschaffte uns auch die interessante Bekanntschaft mit einer
Indianerfamilie. Einer der hier gebräuchlichen großen, aus drei Bretern
zusammengesetzten Kähne kam in der gewöhnlichen Weise längsseit des
Schiffes, d. h. zwei Männer ruderten, eine Frau steuerte und die übrigen
Personen hockten in der Mitte. Der ganze Inhalt des Boots bestand aus
folgenden Personen: ein älterer Mann, durch ein weißbemaltes Gesicht als
Familienhaupt gekennzeichnet; zwei ältere Frauen, jedenfalls die Gattinnen
des Häuptlings; ein Mann von etwa 25 Jahren; ein halbwüchsiger auffallend
hübscher Bursche von 16-17 Jahren; ein ebenso hübsches gleichalteriges
Mädchen oder junge Frau, dem Burschen wie aus dem Gesicht geschnitten;
ein Junge von 12-13 Jahren; 5 oder 6 Kinder zwischen 5 und 10 Jahren.
Sämmtliche Personen waren von dunkler Kupferfarbe, mit einer dicken
Schmutzkruste überzogen, hatten hübsche regelmäßige Gesichter, schöne
sanfte dunkle Augen, großen Mund und waren von guter Mittelgröße. Die
Körperformen der Männer waren gut; die Frauen hatten schöne Nacken und
Schultern, schöne Arme, Hände und Fingernägel, und wußten Arme und Hände
mit Grazie zu gebrauchen. Der Leib der Frauen war stark, die Hüften
traten nicht hervor, waren daher ohne jede Taille, die Oberschenkel
waren auffallend schwach, Unterschenkel und Füße jedoch wohlgeformt. Die
Brüste der ältern Frauen hingen lang und schlaff herab, die des jungen
Frauenzimmers dagegen waren sehr üppig, aber doch nicht so fest wie es
ihrem Alter zukam. Der Leib des jungen Frauenzimmers war sehr stark, es
blieb aber fraglich, ob dies ein Zeichen noch großer Jugend war, da der
Leib aller Kinder infolge der mangelhaften Ernährung (die Leute leben
nur von Fisch, Kräutern und einer bestimmten Erdart) stark aufgetrieben
war. Die tiefschwarzen Haare waren nicht gepflegt, struppig, reich mit
Ungeziefer bevölkert und bei beiden Geschlechtern gleich lang bis auf
die Schultern herabreichend; Bartwuchs fehlte bei den Männern ganz. Der
Häuptling trug ein Seehundsfell auf dem Rücken und eins um die Hüften
geschlungen, die andern Personen hatten gleichmäßig nur ein Fell auf dem
Rücken und waren sonst ganz nackt, den kleinsten Kindern fehlte auch das
Rückenfell.

Gleich nach ihrer Ankunft begann das Tauschgeschäft. Für eine Cigarre,
etwas Taback, ein Stück Brot oder eine Schachtel Zündhölzer wurde aus dem
Boot eine aus Seehundsknochen gefertigte Lanzenspitze, ein ebensolcher
Dolch oder ein Albatros-Schnabel hinaufgereicht. Geschenkt nehmen diese
Leute, solange sie noch etwas zu geben haben, nichts, sondern reichen
für jede Gabe, wenn sie auch als Geschenk bezeichnet wird, einen Ersatz
hinauf und ruhen nicht eher, als bis ihnen der Gegenstand abgenommen ist.
Nach Erschöpfung des Vorraths der Indianer richtete sich der Sinn unserer
Offiziere auf die Seehundsfelle, und nun entwickelte sich eine höchst
lächerliche Scene. Mit Ausnahme des Häuptlings, welcher seine Kleidung
nicht hergab, haben die Männer ihre Kleidung bald gewechselt. Der Eine
trägt an Stelle seines Fells zwei alte Civilröcke übereinandergezogen,
ist unten aber nackt; der halbwüchsige Bursche hat eine Hose an und eine
zweite als Mantille über die Schultern gehängt; der dreizehnjährige Junge
prangt in einer alten blauen Cadettenjacke, unter welcher der braune
Unterkörper sich komisch ausnimmt. Das Verlangen nach Seehundsfellen
ist aber noch nicht gestillt, ein Offizier hat noch einen alten
Unterlieutenants-Frack zur Hand und will für diesen ein Fell haben. Das
europäische Schicklichkeitsgefühl verbietet ihm, eins der Frauenfelle
zu begehren, wenngleich diese gerade das nicht bedecken, was bei uns
als bedeckungswürdig angesehen wird, er zeigt daher auf ein mit noch
einem Fell versehenes Kind. Der Alte, welcher unmöglich glauben kann,
daß für den schönen Frack nur ein elendes Fell verlangt wird, nimmt den
von der Mutter bereits weggestoßenen Jungen am Wickel, macht ihm mit
einer Holzkohle einen schwarzen Strich quer über Backen und Nase und
stellt ihn zum Tausch. Als nun der Offizier, um sich verständlicher zu
machen, auf das Fell des jungen Frauenzimmers und dann wieder auf das
des Jungen zeigt, glaubt der Alte, er wolle beide haben, packt sie daher
auch am Genick, macht ihr auch einen schwarzen Strich über Backen und
Nase und stellt sie für den Frack ebenfalls zur Verfügung. Während dieser
Manipulation ist in den Gesichtern der Betheiligten keinerlei Erregung
zu bemerken; so wie alle gleichzeitig zu dem Schiff hinaufschwatzten,
plappert auch das junge Frauenzimmer, während der Alte sie zeichnet, ohne
Unterbrechung weiter fort und scheint mit demselben Gleichmuth in den
Besitz eines neuen Herrn übergehen zu wollen, mit dem sie vorher die ihr
zugeworfenen Brosamen auffing, und kokettirt mit ihren schönen sanften
Augen ohne wechselnden Ausdruck nach wie vor zu dem jungen Lieutenant
hinauf. Endlich fangen die Wilden an zu verstehen, um was es sich handelt,
und nun muß das Mädchen ihr Fell hergeben. Höchst lächerlich ist es
zu sehen, wie nun auf einmal ein gewisses Schamgefühl bei der Person
durchbricht. Da das Schamgefühl wol in dem Körpertheil sitzt, welcher
gewöhnlich bedeckt getragen wird, wie es ja bei den türkischen Frauen
z. B. im Gesicht liegen soll, so wird das Ding plötzlich unruhig, zieht
sich mit verängstigtem Gesicht hinter die andern im Boot befindlichen
Personen zurück und läßt sich erst dort ganz zusammengekauert das Fell von
ihrem uns abgewandten Rücken abnehmen. Das Fell kommt nach oben, der Frack
geht hinunter; nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt das Anziehen
dieses fremden Kleidungsstücks endlich, und nun haben wir das seltene
und prächtige Vergnügen, diese junge, nunmehr wieder vergnügte Schönheit
der Wildniß mit nur einem offenen Unterlieutenants-Frack bekleidet vor
uns stehen zu sehen. Die Erscheinung wird aber noch lächerlicher, als
die Kinder die für sie höchst merkwürdigen Taschen in den Frackschößen
entdecken; sie graben ihre Arme tief hinein, strecken beide Frackschöße
nach oben und seitwärts hoch hinaus und die Person steht vor uns wie ein
Pfau mit ausgespreiztem Rad.

Alle Gegenstände, welche von dem Schiffe aus in das Boot gelangten, wurden
mit Ausnahme der Kleidungsstücke, ohne lange betrachtet zu werden, gleich
der am Steuer sitzenden Frau zugereicht, welche sie in Verwahrung nahm.
Nur etwas Hartbrot und Zucker behielt die zweite ältere Frau für sich,
um ab und zu daran zu naschen. Eine Handvoll Rosinen, welche ich in das
Boot warf, wurde aufgesammelt, die Kinder naschten wol eine, den Rest aber
gaben sie ab. Das junge Frauenzimmer biß eine Rosine an, gab die zweite
Hälfte ab, griff in ihre Haare und verzehrte an Stelle der Rosine einen
ihrer Kopfbewohner, welchen sie wie ein Affe vorher genau betrachtete und
wol für essenswerther hielt. Ein als Geschenk hinuntergereichter kleiner
Spiegel ließ jeden, der hineinsah, ein so urkomisch dummes Gesicht machen,
daß man annehmen muß, daß Spiegel etwas bisher Unbekanntes waren. Die
zwei jungen Männer mußten auf Deck antreten; es wurde ihnen ein Cognak
vorgetrunken, worauf sie es nachmachen mußten. Der Cognak wurde getrunken
und beide standen gleichmäßig wie Statuen vor uns mit offenen Mäulern,
gehobenen Nasenflügeln und so sprechend lachenden Augen, daß wir uns
Gewalt anthun mußten, um nicht jedem eine derbe Ohrfeige zu geben und sie
damit aus ihrer Verzauberung zu reißen. Sie erhielten den zweiten Cognak
-- dieselbe Wirkung, den dritten Cognak -- der gleiche Erfolg; dann ließen
wir es genug sein.

Gleich zu Anfang während des Tauschgeschäfts kroch ein etwa 6 Jahre alter
Junge an seine Mutter heran, nahm die eine Brust, saugte daran, warf
sie aber zur Seite und nahm die zweite, welche ihm das Gesuchte zu geben
schien. Die Mutter, deren Gedanken nur nach dem Schiffe gerichtet waren,
schien diesen Vorgang gar nicht zu bemerken; ohne nur den Kopf zu drehen
oder ihre erhobenen Arme zu senken, schrie sie in derselben Weise nach dem
Schiff hinauf. Wir sehen doch unwillkürlich nach der Stelle hin, wo eine
Fliege uns belästigt, geschweige denn wenn ein Kind uns unerwartet auf
den Leib rückt, hier aber scheint fast jedes Gefühl am Körper zu fehlen.

Als ich abends in meinem Boote noch etwas segelte und zu der Hütte unserer
Indianerfamilie kam, sah ich die beiden jungen Männer auf einem Steine
sitzend in das Wasser stieren, der eine immer noch mit seinen zwei Röcken,
der andere mit seinen zwei Hosen; der dreizehnjährige Junge stolzirte
in seiner Jacke auf einem im Wasser liegenden großen Stein umher, beide
Hände in den Seitentaschen und damit die Jacke so knapp an den Rücken
holend, daß die untere nackte Partie um so besser hervortrat. Das Mädchen
stand am Ufer, aber wieder mit einem Fell auf dem Rücken; der Frack ziert
jedenfalls schon den alten Häuptling, welcher sich in diesem Staatskleid
in seinem Wigwam wol von seinen Frauen bewundern läßt.

Als Curiosum führe ich noch an, daß auf der „Leipzig“ in der eigentlichen
Magelhaens-Straße ein Besuch der Wilden den Matrosen Veranlassung gab, ein
junges Frauenzimmer in eine große Bütte mit Wasser zu setzen und sie mit
Bürsten und Seife gründlich zu waschen. Sie soll nach Schluß der Wäsche
ordentlich hell gewesen sein und ganz appetitlich ausgesehen haben.

Morgens 3½ Uhr setzen wir die Reise nördlich fort, mit der Absicht gegen
Abend in dem 150 Seemeilen entfernten Gray-Hafen zu ankern. Der vor uns
liegende Tag schließt den schwierigsten Theil der ganzen Fahrt durch die
Straßen in sich, da gerade hier zusammengedrängt die engsten Stellen
liegen und ein Theil der Straße noch dazu mit sehr vielen blinden wie
sichtbaren Klippen übersäet ist. Auch führt der vor uns liegende Weg durch
einen langen Kanal, welcher oft mit Treibeis, welches die Navigirung
erschwert, angefüllt sein soll. Die Morgenluft sieht gut aus und wir
dürfen wieder auf einen schönen Tag rechnen. Schon gegen 6 Uhr morgens
stehen wir vor einer der hervorragendsten Engen und sind von einer
Scenerie umgeben, welche lebhaft an die der schönen norwegischen Fjorde
erinnert. Das Schiff befindet sich bereits in einem ziemlich engen Kanal;
vor uns liegt eine Insel, welche sich in ihrer Grundform als regelmäßiger
Kegel aus dem Wasser erhebt, deren kahles Gestein nach oben zu aber
stufenförmig einfällt, sodaß der Berg den Namen Treppenberg erhalten hat.
Dieser mächtige Felsblock scheint den Weg zu verschließen, denn er lehnt
sich von unserm Standpunkt aus gesehen direct an die hinter ihm liegenden
800-1000 m hohen Felswände an. Das Schiff macht einen Bogen nach rechts
und läuft dann zurückdrehend um den Treppenberg in die sich links öffnende
und immer mehr verengende Straße ein, erreicht nach Zurücklegung von etwa
3 Seemeilen die engste Stelle und steuert dann nach Passirung derselben
in ein weites Wasserbecken von etwa 20 Seemeilen Breite. Hiermit ändert
sich auch ganz plötzlich der Charakter unserer Umgebung. Während wir
vorher zwischen hohen dunkeln Felswänden, welche mit ihren Schatten die
ganze Straße beherrschten, eingekeilt waren, befinden wir uns jetzt auf
freiem, von der Sonne hell beschienenen Wasser. Die Berge sind in weite
Ferne gerückt, das Land in unserer Nähe wird nur durch kleine niedrige,
mit dichtem Wald bewachsene Inseln repräsentirt. Das Wasser, welches
vorher keine Bewohner zu haben schien, ist auf einmal reich bevölkert,
die ganze Flut lebt. Große Scharen von Möven, Tauchern und Enten der
verschiedensten Gattungen schweben und fliegen kreuz und quer über das
Wasser hin oder sonnen sich, ruhig auf demselben schwimmend, um nur dann
aufzufliegen, wenn das Schiff nahe an sie herankommt. Große Heerden von
Seehunden folgen, wie in unsern Meeren die Delphine, hoch aus dem Wasser
herausspringend mit eleganten Sätzen dem Schiffe. Und trotz dieses Lebens
-- welche Grabesstille! Bei der herrschenden Windstille kann die Takelage
ihren uns so wohlbekannten Gesang nicht anstimmen; die spiegelglatte
Flut ist frei von dem Geräusch sich überstürzender Wellen, welches uns
sonst fast immer begleitet; alle Thiere gehen, ohne einen Laut von sich
zu geben, stumm ihrer Beschäftigung nach; alles ist stumm, denn auch vom
Lande her lassen weder Vögel noch anderes Gethier ihre Stimme vernehmen.
Diese sonntägliche Stille wird nur unterbrochen, wenn das Schiff in
zu große Nähe von Dampfschiffs-Enten kommt, welche in diesem Falle mit
geräuschvollem Geplätscher das Weite suchen.

Dieser Vogel kommt meines Wissens nur in den Gewässern der
Magelhaens-Straße vor; er gehört zu den Enten, ist klein, von sehr
zierlichem Bau und hat einen reizenden Kopf. Die Thierchen nehmen auf dem
Wasser dieselbe Stufe wie der Strauß auf dem Lande ein, d. h. sie können
nicht fliegen, sondern sind nur vorzügliche Schwimmer und Taucher. Wie
der Strauß beim schnellen Lauf seine kurzen Flügel mit benutzt, so thut
diese Ente dasselbe beim schnellen Schwimmen; wie die Schaufelräder eines
Schiffes schlagen die kleinen unentwickelten Flügel auf und in das Wasser.
Es sieht höchst possirlich aus, wenn sich eine Heerde dieser zierlichen
Thiere in schnelle Bewegung setzt. Die Köpfchen sind weit aus dem Wasser
gestreckt, die Flügel schlagen immer abwechselnd so schnell und kräftig
auf das Wasser, daß es hoch aufspritzt, von dem Arbeiten der Füße wird
das Wasser hinten ebenso wie von einer Schiffsschraube aufgeworfen. Sowol
aus diesem Grunde, wie auch wol wegen ihrer Schnelligkeit, hat man ihnen
ihren Namen gegeben; trotzdem wir mit 10 Knoten Geschwindigkeit gingen,
liefen uns diese kleinen plätschernden Dinger doch in ziemlich raschem
Tempo vorbei.

Hier will ich auch noch eines absonderlichen Vogels erwähnen, den wir
am 17. Januar an einer Stelle in der Magelhaens-Straße in großen Scharen
sahen. Es ist ein ganz kleiner Wasservogel von der Größe eines Sperlings
oder vielleicht besser gesagt der eines Reisvogels, weil er auch dessen
Farbe hat. Da man nicht gewohnt ist, so kleine Wasservögel zu sehen, so
kamen diese Thiere uns vollständig märchenhaft vor. Wir hatten uns kurz
vorher mit den riesigen Walfischen beschäftigt, hatten große Möven in
der Nähe, waren von mächtigen Gebirgszügen umgeben und sahen uns inmitten
dieser großartigen Natur, wo alles sich in großen Dimensionen hält, nun
plötzlich bei dem Einlaufen in einen großen Kessel von diesem kleinen
Volk umgeben, das wie die Heinzelmännchen in zauberartiger Schnelligkeit
das ganze Wasserfeld bedeckte und an der nächsten Ecke ebenso plötzlich
wieder verschwand. Höchst putzig sah es aus, wenn dieses winzige Gethier
von dem Schiffe aufgescheucht sich scharenweise gleichzeitig erhob, in
geschlossener Truppe einen großen Bogen abflog und dann plumps! wieder
regungslos auf dem Wasser saß, geradeso wie eine Heerde frecher Sperlinge,
welche von einem Kirschbaum aufgescheucht schnell und ohne weiteres
Besinnen sich auf dem nächsten niederläßt.

Als wir in das freiere Wasser einsteuern, steht vor uns fern am Horizont
dickes Gewölk, welches wol zu der Sorge berechtigt, ob uns das gute Wetter
erhalten bleibt. Bald wird in der verdächtigen Wolkenbank ein großes uns
entgegensteuerndes Schiff entdeckt, was mir zu der übermüthigen Bemerkung
Veranlassung gab, daß jetzt in Betreff des Wetters nichts mehr zu
befürchten sei, da es ja genug sei, wenn =ein= Schiff den Regen zu tragen
habe; denn ich konnte gar nicht daran glauben, daß das hier so seltene
herrliche Wetter nun auf einmal ein Ende haben sollte. Merkwürdig genug,
daß es wirklich so kommt. Um 7 Uhr morgens passiren wir unter trübem
Himmel dicht aneinander vorbei, um 8 Uhr schwimmen wir bereits wieder
unter wolkenlosem Himmel und erfreuen uns eines prächtigen, windstillen
Tages, während die amerikanische Corvette, mit welcher wir die übliche
Höflichkeitsform des Flaggenzeigens ausgetauscht hatten, in dickem Regen
hinter uns verschwindet. Da sich zur selben Zeit in unserer Nähe noch
ein kleines Segelschiff, welches wahrscheinlich auf Seehundsjagd ist,
befindet, so feiern wir ein gewiß seltenes Zusammentreffen in einer
Gegend, wo oft monatelang kein Schiff passirt. Gegen 10 Uhr vormittags,
nach Zurücklegung von etwa 30 Seemeilen seit dem Verlassen der Enge, rückt
das Land allmählich wieder zusammen, und bereits um 11 Uhr steuern wir in
den Wide-Kanal ein. Es ist dies ein 25 Seemeilen langer und 2-2½ Seemeilen
breiter Hohlweg, welcher durch fast senkrecht aus dem Wasser aufsteigende
nackte Felswände von etwa 300 m Höhe gebildet wird. Wie die ganze
Magelhaens-Straße mit ihren angrenzenden Kanälen reich an Ueberraschungen
ist, so stand uns auch hier eine bevor.

Mit dem Einlaufen in diesen Kanal kamen wir plötzlich in eine ganz andere
Welt. Die Landschaft, durch welche während der letzten Tage unser Weg
führte, hatte gewiß einen winterlichen Anstrich, die Temperatur war
verhältnißmäßig niedrig, so niedrig, daß wir trotz Sonne und Windstille
Winterkleider trugen; der empfangene Eindruck mahnte aber nicht an den
Winter, wir waren vielmehr uns dessen wohl bewußt, daß wir in dem Sommer
einer hohen Breite waren. Jetzt treten die schneebedeckten Gipfel zurück,
wir sehen nur die Felswände des Hohlwegs, welche ebenso wie die unter
Windstille liegende Flut von der vor und über uns im Mittag stehenden
Sonne warm beschienen werden; die Temperatur ist höher als während der
letzten Tage und hält sich auf 14° R.; wir befinden uns im Hochsommer
auf einer Breite, welche Heidelberg entspricht, sind heute auch leichter
bekleidet und trotzdem ist der Eindruck auf Auge und Gefühl eines jeden
von uns der eines schönen, sonnigen Wintertages. Die Umgebung bietet
nur wenig Abwechselung, und nur hin und wieder gestattet eine Schlucht
einen Blick auf die ferner liegenden Schneeberge. Wie im Schiffe so
herrscht überall sonntägliche Ruhe; einzelne hervortretende Punkte,
welche das Schiff in seinem gleichmäßigen raschen Laufe passirt, werden
zur Ortsbestimmung benutzt, die übrige Zeit gehört den Gedanken. Wo meine
Gedanken weilen ist nicht schwer zu errathen: in der Heimat bei Weib und
Kindern, welche nach ihrem Tageswerk jetzt wol beim Abendbrot sitzen.
Meine Augen ruhen ohne zu sehen und ohne sehen zu wollen auf dem vor uns
liegenden Bilde, das in seiner melancholischen Eintönigkeit den Menschen
abstößt und ihn auf seine Gedanken allein verweist. Ein schnurgerader
Hohlweg von solcher Länge, daß der Wasserhorizont noch vor den in weiter
Ferne für das Auge zusammenstoßenden Seitenwänden liegt, unter uns ein
schmaler Streifen blau-grauen spiegelglatten Wassers, zu beiden Seiten
nackte und düster gefärbte Felswände von gleicher Höhe, über uns ein
schmaler Streifen des wolkenlosen Himmels und in diesem die heißstrahlende
Sonne. Auf solcher Scenerie kann das Auge wol ruhen ohne zu sehen, und
doch ist plötzlich der Blick gefesselt, meine Gedanken kehren zum Schiffe
zurück. An der Wassergrenze vor uns tauchen weiße Flecken auf, welche in
grellem Contrast zu der hinter dem Horizont liegenden dunkeln Felsenwand
stehen; wir sind in dem Kanal, welcher häufig Treibeis haben soll, und die
neue Erscheinung kann nur Eis sein. Mit unserm Vorschreiten verwandeln
sich denn auch die Flecken in Eisschollen, und bald läuft das Schiff
in ein großes Eisfeld hinein, wirft die kleinen Schollen zur Seite,
geht den großen aber vorsichtig aus dem Wege. Der ganze Kanal ist hier
mit Treibeis der verschiedensten Formation bedeckt; einige Stücke sind
krystallklar, andere milchig; die große Mehrzahl allerdings hat die schöne
hellgrün-blaue Farbe der Gletscher. Einzelne dieser in phantastische
Formen zusammengeballten Eisschollen sind kleine Eisberge von 6-10 m Dicke
und wahre Prachtstücke in Bezug auf Formen und Schönheit ihrer Farben; ja
sie suchen mit dem Glanz eines Edelsteins zu wetteifern, sobald sie von
den Strahlen der Sonne getroffen werden.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das uns umgebende Eis sich von
einem in der Nähe befindlichen Gletscher losgelöst hat; wir finden diesen
auch bald in einer großen Bucht, welche er von den Bergen herunterkommend
ganz mit Eis angefüllt und dieses in einer gewiß 5 m dicken Lage bis an
den Hauptkanal vorgeschoben hat. Da wir nach Passirung dieses Gletschers
kein Eis mehr im Wasser finden, so muß er naturgemäß auch die Quelle der
treibenden Eisfelder gewesen sein.

Um 2½ Uhr nachmittags läuft das Schiff rechts in den Eiskanal ein und um
3½ Uhr mit einer scharfen Wendung nach links in den von hohen Felsen eng
eingeschlossenen Grappler-Kanal. In den Eiskanal mündet ein 40 Seemeilen
langer Sund, welcher, von ausgedehnten Gletschern umgeben, jedenfalls
infolge der dort lagernden kolossalen Eismassen die Ursache ist, daß in
dem Eiskanal eine von dem Sund herkommende regelmäßige kalte Luftströmung
beobachtet wird, wegen welcher er seinen Namen erhalten hat. Als wir in
den Eiskanal einsteuern, kommt uns ein leichter kalter Wind entgegen, die
Temperatur fällt um 1,2° und steigt sofort wieder um 1,5°, sobald wir von
hier in den Grappler-Kanal einlaufen.

Kurz nach 5 Uhr dampft die „Ariadne“ in eine Straße ein, die so voll
sichtbarer und blinder Klippen ist, daß die größte Vorsicht nothwendig
wird; die Fahrt des Schiffes wird daher sehr vermindert, um ein
eventuelles Auflaufen auf eine Klippe nach Möglichkeit unschädlich zu
machen. Hier im Indian-Kanal strandete auch vor Jahresfrist ein deutscher
Dampfer.

Endlich finden wir auch Gelegenheit, den Seehund dieser Gewässer, welcher
wegen seiner Größe gewöhnlich wol Seelöwe oder richtiger Seebär genannt
wird, aus nächster Nähe in seiner Freiheit zu beobachten. Zwischen
den vielen über Wasser liegenden Klippen, an welchen wir jetzt dicht
vorbeidampfen, hausen ganze Heerden dieser Thiere, zeigen keinerlei
Scheu vor dem Schiffe und lassen sich durch dasselbe nicht in ihrer
Beschäftigung stören. Etwa 200 Schritt von uns entfernt wälzt sich im
wahren Sinne des Wortes eine große Heerde in dem flachen Wasser, welches
die Klippen umgibt, während ein kleineres Rudel, neugierig nach dem
Schiffe hinsehend, unbeholfen auf den Klippen herumkriecht und kleine
Trupps sich in tiefem Wasser und auch dicht beim Schiffe herumtummeln.
Die in dem flachen Wasser spielenden Thiere bilden einen großen Knäuel
von Köpfen und Schwänzen, da sie wegen der zu geringen Wassertiefe immer
mit einem Theil ihres Körpers aus dem Wasser hervorschnellen müssen;
die in dem tiefen Wasser befindlichen Thiere wetteifern, wie schon
früher beschrieben, mit der Kunstfertigkeit der Tümmler; mit gekrümmten
Rücken springen sie hoch aus dem Wasser hinaus und in elegantem Bogen
wieder hinein. Waren wir vorher über die Identität dieser Thiere noch
im Zweifel, trotzdem wir den Seehundskopf mit dem Fernrohr deutlich
erkannt hatten, so mußten jetzt alle Zweifel schwinden; diese gelenkigen
und eleganten Wasserbewohner sind dieselben Seehunde, welche auf den
Klippen so grenzenlos plump und ungeschickt sind. Hier will ich noch
anführen, daß der Seehund der Magelhaens-Straße, welcher den unsrigen so
sehr an Körpergröße übertrifft, sich von diesem noch dadurch wesentlich
unterscheidet, daß er ebenso neugierig wie dieser scheu ist. Auf
diese stark ausgebildete Neugierde haben auch die Robbenschläger ihr
eigenthümliches Jagdsystem gegründet. Sie betreiben die Jagd nur in
kleinen Fahrzeugen, mit welchen sie dicht an und zwischen die Klippen
kommen können. Werden sie nun einer Seehundsheerde ansichtig, dann steuern
sie direct auf dieselbe los und machen dabei mit Pauken und Gongs so
starken Lärm als sie überhaupt hervorbringen können, während ein Theil
der Besatzung mit Repetirgewehren zum Schuß bereit steht. Der Seehund
läßt sich merkwürdigerweise von dem ankommenden lärmenden Fahrzeuge
nicht verjagen, sondern die ganze Heerde sammelt sich auf den Klippen,
um das kuriose Ding, was da ankommt, anzuschauen, und gibt den Jägern so
Gelegenheit, aus nächster Nähe so viele von ihnen niederzuschießen, als
Patronen in den Gewehren vorhanden sind.

Um 7 Uhr abends langt das Schiff vor dem schwierigsten Theil unserer
ganzen Kanalfahrt an. Wir stehen dicht vor der berüchtigten Enge ('English
narrows'), welche allein viele Schiffe abhält diese Kanäle zu benutzen
und in jedem Neuling ein wahres Grauen hervorbringen muß, da alle
Bücher Vorsicht über Vorsicht empfehlen und mündliche Nachrichten mit
Achselzucken begleitet werden, als ob der Berichterstatter sagen wolle:
„Versuchen Sie es, es geht, ich übernehme aber keine Verantwortung.“
Mit einem chilenischen Corvetten-Kapitän und dem deutschen Kapitän eines
chilenischen Dampfers, welch letzterer erst vor wenigen Tagen dort mitten
zwischen Klippen gelegen hatte und es nur einem glücklichen Zufall
zuschrieb, daß er ohne Schaden wieder freikam, hatte ich gesprochen.
Beide führten nur kleine Schiffe und hielten die Passage schon für
sehr bedenklich. Neuerdings ist sie auch den Postdampfern von ihren
betreffenden Gesellschaften verboten worden, und doch kann es nicht so
schlimm sein, da sie von englischen, französischen und amerikanischen
Kriegsschiffen jeder Größe schon benutzt worden ist und noch benutzt wird.

Hier tritt nun einer jener Momente ein, welche im Seeleben häufiger
vorkommen, als man vielleicht gemeinhin annimmt. Ein Moment, in welchem
der Commandant eines Kriegsschiffes etwas wagen muß, was ihn in Conflict
mit dem Strafgesetz bringt, sobald das unternommene Manöver unglücklich
ausfällt. Die mit der Stellung verknüpften Pflichten sind aber höhere
und verlangen die Uebernahme einer Verantwortung, welche man ablehnen
könnte. Denn wie sollen die Offiziere die wirkliche Leistungsfähigkeit
des Schiffes kennen lernen, wenn sie nicht Proben von derselben gesehen?
Wie soll die Mannschaft das für den Moment der wirklichen Gefahr durchaus
nothwendige Vertrauen zu ihrem Commandanten und ihren Offizieren erhalten,
wenn sie nicht vorher schon gesehen hat, daß ihre Befehlshaber auch in
schwierigen Lagen ihrer Aufgabe gewachsen sind?

Vor uns liegen durch eine kleine Insel getrennt zwei Passagen, die linke
nahezu 300 m breit und frei von Untiefen, die rechte nur 70 m breit und
durch eine unter Wasser liegende Sandbank so eng gemacht; mithin doppelt
gefährlich, weil man den Feind nicht sehen kann. Auch liegen jenseit der
engern rechten Passage Klippen in so geringer Entfernung, daß das Schiff
gleich hinter der Passage fast auf der Stelle drehen muß, während die
linke Seite einen bequemen Bogen gestattet. So sollte man meinen, daß
zweifellos die linke Passage zu wählen ist, und doch neigt sich aus den
vorher angegebenen die Wagschale nach der rechten Seite.

Mir ist höchst unbehaglich zu Muthe, denn es ist ein eigen Ding mit der
Verantwortung über ein Kriegsschiff. Mein Herz pulsirt schneller -- jetzt
muß es kommen. Mit einem kleinen Bogen sind wir plötzlich vor einem aus
vielen kleinen Inseln bestehenden Inselgewirre, welche sich an hohe,
die Natur hier abschließende Bergketten anlehnt. Die Sonne steht schon
so tief, daß sie die Schatten der Berge auf die Fluten wirft, wodurch
alles vor uns Liegende, die Inseln, der auf den Klippen wachsende Seetang
und das Wasser, eine übereinstimmende dunkelgrüne Farbe erhält: eine
Beleuchtung, welche jede Distanzschätzung außerordentlich erschwert.
Das Schiff dringt ganz langsam vorwärts; alles was gehen kann, ist auf
Deck und lugt über die Brustwehr, um die Fahrt durch dieses Labyrinth
mitanzusehen; die Offiziere schauen mehr nach der Commandobrücke als
nach der Umgebung; ich blicke nach der noch 1½ Seemeilen entfernten
kleinen Insel aus, welche als Wegweiser dient, und suche sie weit ab.
Die Beleuchtung mahnt zur Vorsicht, die Insel ist in der Ferne nicht zu
sehen, der scheinbar vor uns liegende kleine Humpel kann sie nur sein.
Hier heißt es schnell und entschieden handeln; die kleinste Verzögerung
kann die bedenklichsten Folgen haben. Der Mann, welcher eine Secunde
vorher mit gebeugtem Kopfe unruhig und sorgenvoll auf der Commandobrücke
hin- und hertrippelte, ängstlich nach der Karte schaute und dann wieder
das umliegende Land studierte, fühlt jetzt seinen Herzschlag nicht mehr,
die Beklemmungen sind geschwunden, er steht mit gehobenem Kopfe, gibt
ein kurzes Commando nach dem Ruder, ein Avertissement nach der Maschine
und ruft sorglos lachend den Offizieren zu: „Meine Herren, passen Sie
auf, wie das Schiff sich durchzwängen wird!“ Das Ruder wird gedreht,
der Bug wendet sich nach rechts, nach dem Fahrwasser, wo die Besatzung
sehen kann, was ein gutes Schiff zu leisten vermag. Wir laufen so dicht
an der kleinen Insel vorbei, daß die Raaen über dem Lande hängen; die
Schiffsseite ist nur 3-4 m von der steinigen Küste entfernt, die Zweige
der überhängenden Bäume können fast von dem Schiffe aus erreicht werden.
Die Insel ist nur klein, viel Zeit zum Nachdenken ist nicht gegeben; noch
während das Schiff an der Insel liegt, muß das Ruder schon gedreht werden,
um sobald das Hinterschiff frei von der Küste ist, seine volle Kraft zur
Geltung bringen zu können. Alles geht schnell und concentrirt sich auf
Augenblicke; die Maschine erhält den Befehl, mit voller Kraft zu gehen,
noch ehe das Schiff frei ist, hier müssen aber die Secunden, welche bis
zur Ausführung des Befehls verstreichen, mit in Berechnung gezogen werden.
Die Maschine schlägt mit voller Kraft an, das Schiff dreht sich wie ein
Kreisel, das Ruder wird zurückgelegt und das Schiff schießt an den Klippen
vorbei, um nach wenigen Minuten einen gleich scharfen Bogen zurückzumachen
und dann in freiem Fahrwasser nach dem naheliegenden Hafen zu dampfen.
Freies Fahrwasser? Unter gewöhnlichen Umständen würde man hier stets
einen Lootsen nehmen, wenn man einen bekommen könnte, und würde nur mit
langsamer Fahrt gehen. Nach dem, was heute hinter uns liegt, ist jedoch
das vor uns liegende Fahrwasser so frei, daß es mit Volldampf nach dem
Gray-Hafen geht, wo um 8½ Uhr abends unter einer dicht bewaldeten 6-700 m
hohen Felsenwand geankert wird.

Es ist ein wahrhaft poetischer Abend. Vor uns liegt die mit dichtem Urwald
bestandene hohe Felsenwand, welche das Himmelsgewölbe zu berühren scheint,
sie sendet uns lange nicht mehr genossenen Blumenduft entgegen. Eulen
lassen ihr geisterhaftes Geschrei vernehmen; mehrere über Felsen steil
herabfallende Bergbäche ergießen sich mit einschläferndem Gemurmel in
den Hafen, welcher, trotz der noch hellen Dämmerung, von der sich in den
Fluten spiegelnden Felsenwand schon in dunkle Schatten gelegt ist. Zur
Rechten öffnen sich die Berge und gestatten einen Blick auf einen weit
abliegenden schneebedeckten hohen Vulkan, dessen Gipfelgestalt deutlich
einen Krater erkennen läßt und dessen Schneedecke, wol durch übergestreute
Asche, grau gefärbt ist. Hinter uns wird der Hafen durch eine niedrige
dicht bewaldete Landzunge abgeschlossen, und über diese hinweg blickt
das Auge auf einen von hohen Bergen eingeschlossenen, in tiefem Schlaf
liegenden Alpensee, in welchem mit Genugthuung die Stelle erkannt wird,
welche vor einer Stunde mit so banger Sorge passirt werden sollte und mit
so frohem Gleichmuth passirt worden ist. Köstlicher Friede lagert über
diesem anziehenden, in großartiger Ruhe daliegenden Bilde. Wir wissen, daß
wir Hunderte von Meilen von menschlichen Ansiedelungen entfernt sind, daß
wir, ebenso wie während der letzten Tage, uns in vollkommenster Einsamkeit
befinden, und doch ist es hier anders -- die Natur lebt, Blumenduft,
Vogelstimmen und plätschernde Waldbäche athmen ein Leben aus, welches
dem Menschen das Gefühl des vollständigen Verlassenseins benimmt und
der Umgebung einen Zauberreiz verleiht, welcher sich wol empfinden aber
nicht beschreiben läßt. Dieser kleine Hafen, welcher mit seinen Reizen
zum Bleiben einladet, soll der letzte Halteplatz in diesen Straßen sein
und ich habe für denselben einen Aufenthalt von drei Tagen in Aussicht
genommen. Das noch vor uns liegende Fahrwasser bis zur freien See ist
einfach und klar, alle schwierigen Stellen liegen hinter uns, die Distanz
bis zum Ocean ist so gering, daß ein überfrühes Aufstehen nicht mehr
nöthig wird; so kann ich also mit dem Bewußtsein zu Bett gehen, daß die
Strapazen ihr Ende erreicht haben und einige Tage wohlthätiger Ruhe vor
mir liegen.

Schon früh am Tage am 21. geht ein Theil der Mannschaft zum Holzfällen
an Land. Ich beabsichtigte nach dem Frühstück auf den nächstgelegenen
höchsten Berggipfel zu steigen, um von dort einen freiern Ueberblick
über dieses noch so wenig erforschte, eigenthümlich wilde Land zu
erhalten. Eine nähere Untersuchung ließ indeß alle Hoffnung schwinden.
Die Bergwände sind so steil, daß sie nur mit Lebensgefahr und dann
auch erst nach mehrtägiger Anstrengung zu erklimmen sind; daneben sind
sie mit so dichtem Urwald, Gestrüpp und Schlingpflanzen bedeckt, daß
ein Versuch, ohne Gebrauch der Axt nur wenige Schritte vorzudringen,
als unausführbar aufgegeben werden muß. Ich entschließe mich daher,
einen andern in Aussicht genommenen kleinen Ausflug zur Ausführung zu
bringen. Einige Offiziere schließen sich an und bald sind wir in zwei
Booten unterwegs. Von dem Hafen aus gelangen wir in einen Süßwassersee
von einer Seemeile Ausdehnung, welcher sein Wasser von einem kleinen
Fluß erhält, der wiederum von einem großen Wasserfall gespeist wird,
welcher das Schneewasser von den Bergen in das Thal führt. Der See ist
in Uebereinstimmung mit dem Charakter des ganzen Landes mit kleinen
bewaldeten Inseln angefüllt, zwischen welchen einige Taucher hin-
und herfliegen. Bald gelangen wir in den kleinen Fluß, wo auf den mit
saftigem Laub bedeckten Ufern sich über hochrothen Blumen Schmetterlinge
wiegen, ein vereinzelter Kolibri umherschwirrt und aus dem Gebüsch einige
Papagaien ihre heisere Stimme vernehmen lassen. Auch finden sich hier
die gemeine Pferdefliege sowie eine kleine schwarze Stechfliege ein und
lechzen nach unserm Blute. Nach einer weitern Viertelstunde langen wir
an dem schönen, zwischen Felsen aus dichtem Baumgewirre sich ergießenden
Wasserfalle und damit an dem Ende unserer Fahrt an, da der Urwald ein
weiteres Vordringen unmöglich macht. Eine leere Sardinenbüchse und
ebensolche Mixed-Pickles-Flasche sind die einzigen menschlichen Spuren in
dieser Wildniß.

Unsere Rückkehr bringt mir eine sehr unangenehme Ueberraschung. Einer
der beim Holzfällen beschäftigten Leute hatte seine brennende Pfeife
ausgeklopft und damit einen Waldbrand angefacht, welchen wir nicht
mehr löschen konnten, diese Arbeit daher dem nächsten mitleidigen Regen
überlassen mußten. Das Moos und Gestrüpp, sowie die aus früherer Zeit
vom Holzfällen zurückgelassenen Astreste sind von einer solchen Dürre,
daß, nachdem der brennende Taback das Moos erst entzündet hatte, ein
Löschen schon nicht mehr möglich war. Das Feuer war zwar an der ersten
Stelle gleich gelöscht worden, hatte sich aber in der 1-2 m dicken dürren
Moosschicht so schnell fortgepflanzt, daß es gleichzeitig an zehn andern
Stellen hervorbrach. Jetzt, eine halbe Stunde nach der ersten Entzündung,
stand bei unserer Rückkehr zum Schiffe schon die ganze Landzunge in
hellen Flammen. Die noch am Lande befindlichen Leute wurden sogleich
zurückbeordert; eine kurze Ueberlegung sagt mir, daß das Schiff hier nicht
bleiben darf. Springt der Wind um, was jeden Augenblick geschehen kann,
dann wird der Aufenthalt hier wegen des Rauches nicht nur unleidlich,
sondern bei der geringen Entfernung des Ankerplatzes von dem Herd des
Feuers kann auch die größte Gefahr für das Schiff entstehen. Ich lasse
daher Dampf machen, um nach dem nächsten nur drei Seemeilen entfernten
Hafen zu gehen. Was ist aus der gestern erträumten dreitägigen Ruhe
geworden?

Die Dampfpinasse wird mit einem andern Boot im Schlepptau vorausgeschickt,
läuft zwar an dem ihr bezeichneten Eingange vorbei, hört die Signalschüsse
nicht mehr und verschwindet um die nächste Ecke, sie wird aber
zurückkehren, wenn sie das Schiff nicht folgen sieht, da dem Führer die
erhaltenen Ordres ja bald sagen müssen, daß er zu weit gegangen ist. Um 4
Uhr nachmittags wird in dem nächsten, „Halt-Bay“ genannten Hafen geankert
und dort gleich wieder mit Holzfällen und Wassereinnehmen begonnen. Dieser
Hafen ist auch wieder eine köstliche kleine Idylle, das Ausbleiben der
Dampfpinasse macht mir aber so viel Sorge, daß die Naturschönheiten jetzt
ohne Reiz für mich sind. Das Holz ist gut, das Trinkwasser vorzüglich,
ein Fischzug ergibt 146 Stück großer fetter Makrelen. Die Nacht bricht
herein, der Himmel über dem Gray-Hafen ist von dem mächtigen Waldbrande
blutroth gefärbt, und die Sorge um die verirrten Boote raubt mir den
Schlaf. Das Schiff ist so mit Signallaternen behängt, daß es von außerhalb
des Hafens gesehen werden muß, zum Ueberfluß lassen wir noch in gewissen
Zwischenräumen eine Rakete steigen.

Beim ersten Tagesgrauen wird mir die Meldung gemacht, daß die Boote nicht
zurückgekehrt seien; ich muß also mit dem Schiffe sie suchen gehen, da
sie ohne Waffen und ohne Proviant zweifellos in Gefahr sind. Ich bin
in sehr großer Sorge. Es ist zu häufig schon vorgekommen, daß in diesen
Gegenden einzelne Boote von Indianern angegriffen, die Insassen ermordet
und die Boote dann, um alle Spuren zu verwischen, vollständig vernichtet
wurden; dies konnte also auch unsern Booten passiren. Um 4 Uhr morgens
verläßt das Schiff den Hafen wieder und befindet sich in einer Stunde
vor der nächsten tiefen Bucht, von welcher keine Karten existiren, in
die ich daher ohne großen Zeitverlust und mögliche Gefahr für das Schiff
auch nicht einlaufen kann. Der erste Offizier erhält daher den Auftrag,
mit zwei bewaffneten Booten die Bucht abzusuchen, und das Schiff geht,
nachdem Zeit und Ort der Wiedervereinigung angeordnet ist, weiter, um
an der nächstgelegenen Küste nach den Verirrten zu suchen. Ich bin in
wirklich ernster Sorge; sechs Menschen und zwei Boote auf solche Weise zu
verlieren ist wahrlich keine Kleinigkeit. Das Schiff läuft kreuz und quer,
alle Ferngläser sind in Thätigkeit, die obersten Sitze auf den Masten
sind mit zuverlässigen und wegen ihrer scharfen Augen bekannten Männern
besetzt, halbstündlich wird ein Signalschuß abgefeuert; doch alles ist
vergebens, um 10 Uhr sind wir wieder ohne Resultat vor der erstgenannten
Bucht, aus welcher auch bald die dahin entsandten Boote zurückkehren, ohne
eine Spur von den Vermißten gefunden zu haben. Es waren zwar Fußspuren
und verlassene Hütten von Indianern gefunden, die Fußspuren auch in das
Innere verfolgt worden, doch wurden keinerlei Anzeichen gefunden, welche
auf unsere Boote oder auf einen stattgehabten Kampf hätten deuten können.
So blieb denn kein Zweifel, daß unsere verlorenen Boote hier und in
dem Umkreis von 10 Seemeilen, welche das Schiff durchsucht hatte, nicht
waren. Nun kam eine neue Sorge, nämlich die, daß, wenn die Boote weiter
gegangen waren, sie leicht in ein 25 Seemeilen von Halt-Bay entferntes
Labyrinth von unerforschten Kanälen eingelaufen sein konnten, weil von
unserm Standort aus die Küste bis dahin keine Buchten mehr aufwies, die
Boote also nur dort einen Liegeplatz finden konnten. Waren sie wirklich
bis dahin gekommen und in jene unbekannten Straßen eingelaufen, dann waren
sie meiner Ansicht nach verloren und mir blieb dann nur die Alternative,
entweder mit großer Vergeudung von Zeit ein hoffnungsloses Suchen
fortzusetzen, oder aber Menschen und Boote im Stich und ihrem Schicksal
zu überlassen, weil ihnen meiner Ueberzeugung nach keine Rettung mehr
zu bringen war. Nur eine Hoffnung war übrig. Der in der Dampfpinasse
gewesene Kohlenvorrath konnte nach der Berechnung und unter Zugrundelegung
der günstigsten Stromverhältnisse nur bis zum Eingang jenes Labyrinths
gereicht haben, Holzfeuerung ist für diese Art Dampfkessel nicht
geeignet; hat also nicht etwa ein tückischer Zufall die Geschwindigkeit
der Boote beschleunigt, dann müssen sie noch vor der gefürchteten Stelle
bewegungslos geworden sein und in irgendeinem kleinen Winkel an der Küste
liegen.

Zu meiner Stimmung, welche ich wol nicht näher zu schildern brauche,
paßt auch das Wetter. Im Laufe des Vormittags hat sich die ortsübliche
Witterung eingestellt, es weht ein Sturm. Die ganze Straße ist in
Wasserdampf eingehüllt; die vor dem Sturm hinjagenden Wolken legen sich
schwer bis aufs Wasser und hüllen alles in dichten Nebel. Der Wind fegt
die Straße allerdings so oft auf Augenblicke rein, daß man mit dem Schiffe
sicher vorwärts gehen kann, immerhin ist solches Wetter aber schlecht
geeignet, um weite Strecken, in welche das Schiff nicht eindringen kann,
durch Boote absuchen zu lassen. Endlich um 12 Uhr mittags bin ich an der
Stelle angelangt, wo es sich entscheiden soll, ob die verlorenen Boote
gefunden oder aufgegeben werden. Die beiden Kutter werden fertig gemacht,
mit Proviant und Waffen versehen und sollen eben von dem Schiffe absetzen,
als aus der Takelage ein Boot unter Land in Sicht gemeldet wird und zwar
in der Richtung zum Eingang in die unerforschten Kanäle. Das Schiff dampft
gleich, soweit die Sicherheit dies erlaubt, näher heran und bald wird in
dem Boot unsere Jolle recognoscirt, welche mit aller Anstrengung aber ohne
Erfolg gegen Wind, Wellen und Strom anrudert. Hier waren also richtig die
Boote festgelegt! Es ist keine Möglichkeit, daß die Jolle auf diese Weise
zum Schiff herankommen kann; die Manöver des Schiffes, um das Boot zum
Abhalten zu bewegen, werden auch nicht verstanden; so muß denn ein Kutter
unter Segel hin, um das Boot zu holen und mit ihm, der empfangenen Weisung
gemäß, mit dem Wind und dem Strom hinter eine Insel in ruhiges Wasser zu
laufen, wo das Schiff sie aufnehmen wird.

Ich enthalte mich einer nähern Beschreibung der Mühen mit welchen die
Herbeischaffung der Boote bei dem schlechten Wetter verknüpft war; der
Umstand, daß die Jolle erst um 3 Uhr und die Dampfpinasse erst abends um 6
Uhr im Schlepptau eines Kutters zum Schiff zurückkehrte, sagt wol genug.
Boote und Leute habe ich also gottlob! unversehrt wieder, nach dem in
Aussicht genommenen Hafen kann ich aber wegen der vorgerückten Tageszeit
nicht mehr kommen. Vielleicht ist es möglich, vor vollständiger Dunkelheit
noch einen näher gelegenen Ankerplatz (Connor-Cove) zu erreichen. Also
vorwärts mit dem Schiffe!

Bei Dämmerung wird noch die Stelle festgestellt, wo der Eingang zu dem
kleinen Hafen liegen muß, und mit Volldampf geht es darauf los. In dunkler
Nacht stehen wir vor einer hohen Wand, weder ein Eingang ist zu sehen,
noch die am Eingang liegende, noch die in dem Hafen liegende kleine
Insel. Soll ich umdrehen? Eine im Fahrwasser verborgene blinde Klippe
macht den Aufenthalt dort bei Nacht gefährlich; noch ein Blick auf die
dunkle Wand läßt eine leichte Senkung in den obern Contouren erkennen,
darunter wird der Eingang wol liegen. Der Navigationsoffizier sitzt auf
dem Bugspriet, um zu melden, wenn dieses die vor uns liegende Felsenwand
berühren will. Das Schiff geht langsam vorwärts, immer dunkler wird
es, das Vordertheil des Schiffes scheint sich schon in die Felsenwand
einzubohren, zu beiden Seiten haben wir schon feste schwarze Massen: da
meldet der Navigationsoffizier die kleine Insel am Eingang dicht voraus.
Ich schaue mich um und sehe hinter uns in der Dunkelheit einen dunkler
schattirten kleinen Fleck, welcher die Insel am Eingang, mithin die vorn
gemeldete die im Hafen liegende sein muß. Ein Rundblick sagt mir, daß
die Dunkelheit rund um uns her gleich tief ist, daß wir also nach allen
Seiten hin annähernd gleich weit vom Lande abliegen -- Fallen Anker!
Der Navigationsoffizier mißt noch in einem Boote mit einer Leine die
Entfernung nach vorn, hinten und beiden Seiten aus und bestätigt, daß
das Schiff ohne Gefahr so liegen bleiben kann, da es sich ziemlich in der
Mitte des Hafens befindet. -- Die Seefahrt in der Magelhaens-Straße hat
doch ihre ganz eigene Seite!


                                                 Stiller Ocean, 24. Januar.

Gestern morgens 5 Uhr verließen wir Connor-Cove wieder und ankerten nach
drei Stunden im Inselhafen, um dort noch etwas Holz zu fällen und unsern
Wasservorrath zu ergänzen. Heute nachmittags 3 Uhr war das Schiff nach
Beendigung der Arbeiten wieder seeklar, verließ den letzten Hafen in der
Magelhaens-Straße und steuerte abends 6 Uhr in den Stillen Ocean ein. Die
große Wasserfläche vor mir berührt mich fremdartig, es ist mir als gewänne
ich nach langer Einschließung die Freiheit wieder. Vor uns und zu beiden
Seiten freies Wasser, keine Aufregung, keine besondere Anstrengung mehr,
und hinter uns verschwindet in der hereinbrechenden Nacht allmählich das
mächtige Felsenthor, aus welchem wir vor wenig Stunden wieder in das freie
Leben eintraten.

Ein steifer Südwind treibt uns unter Segel mit 12 Seemeilen
Geschwindigkeit in der Stunde unserm nächsten Ziele entgegen; aber weder
diese schöne Fahrt, noch die auf ihren riesigen Schwingen hinter uns
herschwebenden Albatrosse haben mich an den Schreibtisch geführt, sondern
ein eigenthümlicher Wahn, welchem ich Ausdruck geben muß. Die Fahrt
durch die Magelhaens-Straße hat die fixe Idee in mir hinterlassen, daß
wir uns nunmehr schon auf dem Heimwege befinden. Die acht Tage, welche
ich in jenen Straßen zubrachte, fassen eine solche Fülle von Anstrengung
und Aufregung in sich, haben den für Erinnerung bestimmten Theil des
Gehirns mit so viel großartigen Naturschönheiten und interessanten
kleinen Zufällen angefüllt, daß es sorgsam vertheilt für ein ganzes Jahr
ausreichen würde. So nahe die Zeit noch liegt, so fern ist sie mir schon
gerückt; sie erscheint mir wie ein langes Ringen, nach welchem die Ruhe
folgen muß. Ich habe 11000 Seemeilen oder nahezu 3000 deutsche Meilen
jetzt schon zurückgelegt, der Weg durch den Stillen Ocean über Australien,
Indien, Suezkanal, durch das Mittelmeer, weist nur noch 18000 Seemeilen
auf, auf meiner eigentlichen Station werde ich höchstens sechs Monate
sein: so macht das vor mir Liegende auch fast nur den Eindruck einer
ununterbrochenen Reise nach der Heimat zu.



2.

Von Valparaiso nach Panama und Nicaragua.


                                            Stiller Ocean, 9. Februar 1878.

Seit heute Mittag liegt auch Valparaiso hinter uns und damit eine
ununterbrochene Kette von Festlichkeiten und Vergnügungen, welche uns
dort während unsers neuntägigen Aufenthalts geboten wurden. Am letzten
Januar hatten wir vormittags im Hafen geankert. Schon mit Tagesanbruch
war das hohe, die Bai von Valparaiso umrahmende Bergland zu sehen,
welches allerdings im Vergleiche zu den im Hintergrunde liegenden Anden
so ziemlich verschwindet, obgleich wir diese nicht einmal in ihrer ganzen
Größe und Majestät zu Gesicht bekommen haben, da sowol auf dem 7000 m
hohen Aconcagua wie den übrigen Bergriesen während der ganzen Dauer unsers
Aufenthalts Wolken lagen, welche die Kuppen und Gipfel dieses mächtigen
Gebirgszugs unsern Augen entzogen.

Valparaiso bedeutet bekanntlich „das paradiesische Thal“, eine Benennung,
welche schwer zu verstehen ist, da die Stadt weder in einem Thale liegt,
noch der kahle Bergrücken, auf welchem sie erbaut ist, den Vergleich mit
einem Paradies beanspruchen kann. Allerdings soll in der Regenzeit das
ganze Land um die Stadt herum, der ganze Berg bis zu seinem Kamm, von
einer dichten Decke frischer saftiger Gräser, Moose und Kräuter überzogen
sein, welche die Feuchtigkeit aus der Erde hervorzaubert; jetzt aber war
alles kahl und dürr, da Wälder ganz fehlen. Deshalb verdankt der Name
seinen Ursprung wahrscheinlich den verschiedenen in der nächsten Umgebung
der Stadt gelegenen schönen und fruchtbaren Thälern, wenngleich auch sie
eine so überschwengliche Bezeichnung kaum verdienen.

Die Stadt ist am Fuße eines 400 m hohen, steilen Gebirgszuges, welcher,
wie schon angeführt, die Bai von Valparaiso umschließt, angelegt und
zwar auf Hügelwellen, welche dicht nebeneinander und rechtwinkelig zum
Ufer liegend nach oben zu allmählich mit der Hauptwand des Bergrückens
verlaufen. Die Stadt kann, wenngleich sie unten am Strande einige schöne
breite Straßen und einen großstädtischen Verkehr hat, doch nie den
vollen Eindruck einer Großstadt machen, weil die dazu erforderlichen
Gebäude fehlen. Denn Valparaiso steht auf einem so unsichern Boden, daß
die Regierungsgebäude, Kirchen und Privatpaläste niedrig gehalten und,
in der Regel nur aus einem Erdgeschoß bestehend, leicht gebaut sind, um
den häufigen Erdbeben besser widerstehen zu können oder beim Einsturz
möglichst wenig Schaden anzurichten. Einige stets vorhandene Häusertrümmer
und klaffende Risse in einzelnen Straßen zeigen, daß eigentlich
ununterbrochen solch kleinere Katastrophen eintreten. Die Menschen sind
sich der sie stets bedrohenden Gefahr auch wohl bewußt, gehen allabendlich
nur mit Sorge zu Bett, weil sie nicht wissen, was die Nacht ihnen
bringen wird. Wie der Soldat sich im Felde, ehe er zur Ruhe geht, stets
versichert, daß seine Waffe in Ordnung und ihm zur Hand ist, so geht in
Valparaiso niemand zu Bett, ohne sich vorher sein eigens für den Zweck
angefertigtes Erdbebengewand, in welches er nur hineinzuschlüpfen braucht,
an seinem Lager zurechtgelegt zu haben, um bei dem ersten Alarm gleich
auf den vor dem Schlafzimmer liegenden freien Hof eilen zu können. Diese
Umstände machen die Wohnungsverhältnisse trotz der leichten Bauart der
Häuser äußerst kostspielig, weil die vielen reichen Leute sich in der Zahl
ihrer Wohnräume nicht beschränken wollen und daher sehr viel Baugrund
für ihre Häuser beanspruchen. Oft ist ein solches Wohnhaus ein kleines
Stadtviertel für sich, und selten liegen mehr als vier Häuser, je von
einer Familie bewohnt, in einem von vier Straßen begrenzten Viertel.

Solche Wohnungen haben nun zwar den großen Vortheil, daß man innerhalb
seines Hauses keine Treppen zu steigen braucht, derselbe wird aber
dadurch aufgehoben, daß man bei dem Verkehr mit der Stadt fast immer
treppauf und treppab muß. Die untern am Strande gelegenen Straßen haben
allerdings gute Pferdebahn und auch eine Ringeisenbahn für den innern
Personenverkehr; da aber in diesen Straßen vorzugsweise nur öffentliche
Gebäude und Geschäftshäuser stehen und die Privatwohnungen höher hinauf
auf den Hügelwellen liegen, so kann man die Bahnen wol benutzen, um zu
dem Fuß der verschiedenen Hügel zu gelangen, muß aber von der Bahn bis
zur Wohnung, oder umgekehrt, Straßen passiren, die so steil sind, daß sie
vielfach in Treppen umgewandelt wurden, weil sie sonst überhaupt nicht
begangen werden könnten.

Einen durchaus großartigen Anblick bietet dagegen der Verkehr auf dem
Hafen, da Valparaiso wol mit zu den bedeutendsten Handelsplätzen der Erde
gerechnet werden muß. Die großen einheimischen und fremden Kriegsschiffe,
die vielen fast täglich hier ankommenden und abgehenden Passagier- und
Fracht-Dampfer, die große Zahl der Segelschiffe, welche noch immer den
Weg um das gefürchtete Cap Horn nehmen müssen und daher nur aus großen und
guten Schiffen bestehen, die vielen an der Landungsbrücke sich drängenden
Boote, der durch die dort versammelten Menschen verursachte Lärm, die
vorbeipassirenden Pferdebahnwagen und Eisenbahnzüge geben hier das Bild
des Getriebes einer Weltstadt.

Von der Stadt und ihren Bewohnern weiß ich sonst nichts zu erzählen, weil
ich von beiden zu wenig gesehen habe. Dienstgeschäfte am Tage und die
nicht zu umgehende Geselligkeit an den Abenden nahmen meine Zeit ganz in
Anspruch. Reizend waren die kleinen Feste in dem gastfreien Hause unsers
Generalconsuls, welches den geselligen Mittelpunkt für die deutschen
Familien bildet.

Eine Partie nach einem beliebten Ausflugsort, zu welcher unser
Generalconsul mich eingeladen hatte, führte uns in die Ebene, welche
zwischen dem Höhenzug an der Küste und dem Fuß der Anden liegt. Erst
hat man etwa eine Stunde mit der Eisenbahn zu fahren und dann noch ein
größeres Stück Weg zu Pferde oder Wagen zurückzulegen. Ein sehr geräumiges
gutes Gasthaus mit schönen Gartenanlagen bietet vielen Fremden Unterkunft,
und zur Zeit war das Haus gut besucht. Den Hauptanziehungspunkt
bildet wol die Bade- und Schwimmanstalt in dem kleinen Flusse, denn da
Valparaiso nur See- und keine Frischwasserbäder hat, der Mensch aber immer
dasjenige begehrt, was er nicht täglich haben kann, so geht jeder, der es
ermöglichen kann, auf einige Zeit hierher um zu baden.

Als eine Eigenthümlichkeit der Landschaft außerhalb der Stadt möchte ich
noch die vielen Pappelpflanzungen bezeichnen. Der Baum, welcher bei uns in
Acht und Bann gethan ist, gilt hier als eine gute Kapitalanlage und wird
daher mit Vorliebe in ganzen Wäldern angepflanzt.

Es war eine schöne, Körper und Geist erfrischende Zeit, die der letzten
vier Wochen, da wir auch in Valparaiso nur eine Temperatur fanden, welche
unserm deutschen Sommer entspricht, am Tage in den heißesten Stunden
zwischen 18 und 27° C. im Schatten und nachts stets nur zwischen 15 und
17°. In zwei bis drei Tagen allerdings werden wir uns wieder in den Tropen
und zwar in dem tropischen Hochsommer befinden, welcher an dieser Küste
unleidlich heiß ist, sodaß die inzwischen gewonnenen Kräfte bald wieder
dahingeschwunden sein werden.

Vor unserer Abreise von Valparaiso hatten wir übrigens noch die Freude,
unsere Fregatte „Leipzig“, welche ebenso wie wir nach Panama geht, zu
begrüßen.


                                              Bai von Panama, 7. März 1878.

Das ganze Südamerika haben wir nun umschifft. Eine weite, von bewaldeten
Höhen umrahmte Wasserfläche liegt vor uns; heiß brennt die Sonne auf
die große Bai von Panama, welche, wie fast immer so auch heute, unter
vollständiger Windstille liegt. Die Hitze ist kaum zu ertragen und
doch muß dies geschehen; es ist unbeschreiblich, was wir in den letzten
vierzehn Tagen in dieser Beziehung auszustehen hatten. Am 14. Februar
traten wir mit einer Tageswärme von 27°-29° und einer Nachttemperatur
nicht unter 23° wieder in die Tropen ein und hatten, was das unangenehmste
war, anhaltend Windstille oder nur ganz leichten südlichen Wind, welchem
wir unter Dampf wegliefen, sodaß kein Lufthauch das Schiff durchstreichen
konnte. Eine kleine Erfrischung fanden wir allerdings in Callao, welches
wir anliefen, um frischen Proviant einzunehmen. Am 18. März nachmittags
kamen wir dort an, setzten aber schon am 21. morgens die Reise wieder
fort. Die kurze Zeit habe ich benutzt, um unserm Consul in Callao und dem
Ministerresidenten in Lima Besuche abzustatten. Da der letztere eben in
seine Villa in Miraflores am Meeresstrand übersiedelte, habe ich von Lima
nur wenig gesehen.

Eine wunderbare Frucht, von den Engländern „Alligator-Birne“ genannt,
von welcher ich schon viel gehört und die ich auch schon in Valparaiso
gegessen hatte, lernte ich hier recht schätzen. Nachdem man mit einem
Löffel das weiche gelbe Fleisch aus der kürbisartigen Hülle herausgeschält
und stark mit Pfeffer und Salz gewürzt hat, erinnert der Geschmack sehr
an gequirlte, ebenfalls mit Pfeffer und Salz gewürzte rohe Eier. Ich zog
diese Früchte bald allen andern hiesigen vor und bedauerte nur, daß sie
sich nicht lange genug halten, um in größern Mengen mitgenommen werden zu
können.

Die auf Callao folgenden Tage brachten uns das schlimmste an tropischer
Hitze, was ich je erlebt habe. Der gefürchtete trockene heiße Nordwestwind
an der brasilianischen Küste, welcher das Thermometer auf 34° treibt,
ist weniger angreifend als die feuchte Wärme, in welcher wir uns vom 23.
Februar bis zum 2. März befunden haben. In der Luft hatten wir während
der Tagesstunden durchschnittlich 33° und während der Nacht nicht unter
27°, während das Thermometer die Meereswärme Tag und Nacht dauernd zu 31°
angab. Schweres bleiernes Gewölk, das nach meiner Schätzung höchstens
200 m über dem Wasserspiegel lag, hing als feste Decke, welche keinen
Sonnenstrahl durchließ, über uns und verhinderte auch eine stärkere
Abkühlung während der Nächte. Die Luft war so mit Feuchtigkeit gesättigt,
daß der unaufhörlich aus unsern Poren strömende Schweiß nicht verdunsten
konnte, sodaß Haut und Kleidungsstücke während der ganzen Zeit triefend
naß blieben. Der erträglichste Platz war eigentlich im Heizraum vor den
Feuern. War die Hitze dort auch sehr viel größer als oben, so bewirkte
das Feuer doch eine Verdunstung und erfrischte in gewisser Beziehung den
Körper, und diesem Umstand schreibe ich es zu, daß die Heizer in diesen
Tagen nicht mehr und sogar vielleicht weniger litten als die übrige
Besatzung. Ich ließ den Leuten in dieser Zeit in Betreff ihrer Kleidung
volle Freiheit, da ich ihnen keine andere Erleichterung verschaffen
konnte, denn die Dampfspritzen konnten auch keine Erfrischung mehr
gewähren. Das 31° warme Wasser floß in der warmen Dunstatmosphäre über den
Körper hin, ohne irgendeine erfrischende Wirkung auf die Haut auszuüben,
und der Salzgehalt desselben reizte nur den Rothen Hund, welchen wir alle
hatten, bis zur Unerträglichkeit. Ich trug in meiner Kajüte bei offenen
Thüren und Fenstern auch nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen, weil
ich kein Kleidungsstück auf dem Körper vertragen konnte. Auch nicht einmal
der ab und zu leicht niederrieselnde Regen brachte uns Erfrischung, weil
die auf den Körper fallenden Tropfen, deren Wärmegrad ich leider nicht
gemessen habe, im Vergleich zu der sonstigen Hitze so kalt erschienen,
daß sie auf der gereizten Haut die Wirkung von leichten Peitschenschlägen
hatten. Ich habe es wiederholt versucht, ein solches Regenbad zu nehmen,
mußte mich aber immer sogleich wieder zurückziehen, weil der Schmerz auf
der Haut zu groß war.

Am ersten Tage dieser fürchterlichen Zeit hatte ich auch noch einige
Offiziere, welche ich schon vorher geladen hatte, zu Tisch. Ich wollte den
Herren anfänglich absagen lassen, bedachte aber doch noch, daß es in ihrer
Messe noch schlimmer sei als in meiner an und für sich luftigen Kajüte,
und sodann hatte mein Eisschrank für den Tag auch noch so viel Vorrath
an Eis, daß ich wenigstens kalte Getränke anbieten konnte. Doch bat ich
die Herren, ehe wir uns zu Tisch setzten, um die Erlaubniß, uns aller
überflüssigen Kleidungsstücke entledigen zu dürfen, welchem Vorschlag sie
freudig zustimmten. So ging es mit Hülfe von Fächern einigermaßen.


                                                            7. März abends.

Bei unserer um 4 Uhr nachmittags erfolgten Ankunft fanden wir schon
unsere von Japan gekommene Fregatte „Elisabeth“ hier vor. Der Commandant
dieses Schiffes wird den Oberbefehl über ein hier zusammentretendes
deutsches Geschwader, zu welchem auch wir gehören, übernehmen, um von
dem Freistaat Nicaragua eine Genugthuung für die dem deutschen Consul
in der Stadt Leon vor einiger Zeit zugefügte Gewaltthat zu erzwingen, da
Nicaragua die Gewährung der von unserer Regierung geforderten Genugthuung
verweigert hat. Außer „Elisabeth“ und uns wird noch die „Leipzig“ hier
erwartet, während unsere Corvetten „Freya“ und „Medusa“, von denen die
letztere auch schon in Colon anwesend ist, von der atlantischen Seite
aus gegen Nicaragua operiren sollen. Da nun der Zweck unsers Hierseins
schon am Lande bekannt ist oder doch soweit vermuthet wird, daß unserm
Geschwaderchef bereits die Warnung vor einigen Abenteurern, welche im
Auftrage Nicaraguas unsere Schiffe hier mit Torpedos angreifen sollen,
zugehen konnte, so ist die Geheimhaltung unserer eigentlichen Mission
nicht mehr geboten, zumal wir uns jetzt schon zur Abwehr eines etwaigen
feindlichen Handstreichs in Kriegszustand befinden.


                                                                  12. März.

Das Geschwader ist nach erfolgter Ankunft der „Leipzig“ beisammen.
Kohlen und Proviant sind eingenommen, ein Dampfer mit Kohlen und
Proviantvorräthen ist gemiethet und alle militärischen Vorbereitungen
sind beendet, sodaß wir gleich nach Ankunft unsers Ministerresidenten
aus Guatemala, welcher von dort aus noch den letzten Versuch macht, die
Streitfrage auf diplomatischem Wege zu lösen, vorgehen können.

Unter den obwaltenden Umständen haben wir von dem hiesigen Aufenthalt
wenig oder nichts gehabt, aber auch nichts verloren. Bei einem Gang durch
die Stadt sieht man wol alles, was zu sehen ist. Die Stadt, welche zur
Zeit der spanischen Herrschaft blühend, mächtig und reich war, wie noch
die imposanten Straßen mit den übriggebliebenen palastartigen Gebäuden
zeigen, glänzt jetzt nur noch durch großartige Ruinen. Die einheimische
Bevölkerung besteht aus alten spanischen Familien, Mischlingen und Negern;
dazu kommen die wenigen Fremden, von welchen die Engländer (die Besitzer
der großartigen Kohlenlager, die Directoren der Eisenbahn und Agenten
der Dampfschifflinien) wol die erste Stelle einnehmen. Unser Consul und
der Photograph, ein früherer bairischer Unteroffizier, sind die einzigen
Deutschen; das Gasthaus ist in französischen Händen.

Sollte Nicaragua nicht doch noch im letzten Augenblicke nachgeben,
dann sehe ich übrigens mit einiger Sorge der Entwickelung der Dinge
entgegen, weil es mir sehr fraglich erscheint, ob unsere Leute wegen ihrer
ungeeigneten Fußbekleidung im Stande sein werden, den weiten Marsch nach
der Hauptstadt von Nicaragua zu machen, wenn sie nicht etwa schließlich
den Weg barfüßig zurücklegen können. Die uns zugegangenen Warnungen vor
Giftschlangen und Sandflöhen und die damit verbundenen Rathschläge haben
zur Folge gehabt, daß für den Marsch das Tragen hoher Stiefeln angeordnet
wurde. Da nun aber unsere Leute gewohnt sind, auf dem Schiff barfuß zu
gehen, und die Stiefel, wie alles Lederzeug auf den Schiffen, so von
Salzwasser durchzogen sind, daß sie trotz aller Bemühungen hart bleiben,
so ist ein weiter Marsch in ihnen, und zwar in diesem Klima, meiner
Ansicht nach ein Ding der Unmöglichkeit. Mein Vorschlag, Segeltuchschuhe
zu beschaffen oder doch wenigstens die leichten Lederschuhe zu wählen,
ist zurückgewiesen worden, und so müssen die Leute, um sich an die Stiefel
zu gewöhnen, dieselben jetzt schon über eingefetteten Füßen und wollenen
Strümpfen tragen. Ein gegen die Natur laufender ärztlicher Rath ist aber
auch nicht immer der beste, und das vorläufige Resultat ist, daß nach
dreitägiger Probe nahezu ein Viertel des ganzen Landungscorps mit kranken
Füßen im Lazareth liegt. Ich sollte meinen, daß man von den hiesigen
einheimischen Truppen auch etwas lernen kann, und da diese Leute, bei
möglichst leichter Bekleidung, nur Sandalen unter den Füßen tragen, so
kann die Gefahr vor den Schlangen und Flöhen keine so große sein, zumal
wenn eine Truppe von nahezu 1000 Mann zusammen ist. Schließlich würden
aber auch Segeltuchgamaschen die Flöhe abhalten, und die Schlangen werden
schwerlich ein so großes Lager, wie wir es während der Nacht bilden
würden, aufsuchen.


                                                                  16. März.

Vorgestern haben wir mit dem Geschwader Panama verlassen und dampfen
seitdem mit Nordcurs in Sicht des Landes an der Küste von Centralamerika
entlang. Gestern haben wir die Grenze zwischen Columbien und Costa-Rica
passirt, morgen werden wir die Küste von Nicaragua sehen.

Welch märchenhafte Erinnerungen aus der Jugend tauchen bei diesen Namen
auf und wie prosaisch ist doch die Gegenwart! Großartig zwar ist die
Umgebung, die von der hoch oben im Zenith stehenden Sonne beschienene
weite Meeresfläche und das mit unendlichen Wäldern dicht bedeckte hohe
gebirgige Land; aber Land und Wasser sind ohne Leben und ohne besondern
Reiz. 32° haben wir in der Luft und 31° im Wasser; keine Stadt, kein Dorf,
keine Hütte ist zu sehen, nur Wald, Strand und Brandung. Kein fremdes
Schiff ist in Sicht -- die diese Länder begrenzenden Fluten werden nur
von den drei mächtigen deutschen Kriegsmaschinen durchfurcht, welche in
eiligem Laufe dem Haupthafen Nicaraguas zustreben, um dieses Land mit
Schrecken zu überziehen. Uebermorgen, Montag den 18., sollen wir auf
der Rhede von Realejo eintreffen, die nächsten vier Tage werden also die
Entwickelung bringen.


                                                                  8. April.

Nicaragua hat nachgegeben, das Geschwader ist aufgelöst und unsere Schiffe
haben ihren Curs nach den verschiedensten Himmelsrichtungen gesetzt. Von
den im Atlantischen Ocean befindlichen bleibt „Medusa“ noch in Westindien,
während „Freya“ um das Cap der Guten Hoffnung nach China geht; wir
sind auf dem Wege nach Panama, um die Geschwaderpost dort abzugeben und
dann nach den Samoa-Inseln zu gehen. Die „Leipzig“ hat die Reise nach
Japan angetreten, und die „Elisabeth“ wird nach einem kurzen Aufenthalt
in Guatemala, wohin sie den Ministerresidenten bringt, nach Europa
zurückkehren.

Am 18. März vormittags kam das Geschwader auf der Rhede von Realejo an
und lief, nachdem die Einfahrt zum Hafen von Corinto und der Hafen selbst
daraufhin untersucht waren, daß sich keine künstlichen unterseeischen
Hindernisse und Minen dort befanden, am 19. vormittags in den Hafen
ein. Derselbe ist groß und gut, während der Ort nur unbedeutend ist und
eigentlich nur eine Zollstation darstellt. Zwei deutsche Kauffahrer
befanden sich dort, welche edle Nutzhölzer, vorläufig noch der
Hauptausfuhrartikel, luden.

Es wurden der Regierung von Nicaragua sogleich noch einmal, und zwar
jetzt mit dem Nachdruck von fünf Kriegsschiffen, die deutschen Forderungen
zugestellt, welche in Folgendem bestanden:

1. Die Regierung von Nicaragua spricht ihr Bedauern über den Vorfall aus;

2. Nicaragua zahlt an den Consul für die ihm widerfahrenen Unbilden ein
Sühnegeld von 30000 Dollars;

3. Nicaragua salutirt in noch näher festzusetzender Form die deutsche
Flagge;

4. die an dem Vorfall schuldigen Beamten und Civilpersonen werden bestraft.

Wenn bisher der Freistaat die deutschen Forderungen in der überhebendsten
Weise zurückgewiesen hatte und die uns anfänglich zugehenden Nachrichten
auch anzudeuten schienen, daß Regierung und Volk entschlossen seien,
es zum Kampf kommen zu lassen, weil sie vertrauensvoll auf leichten
Sieg hofften, so änderte sich die Lage doch sehr bald. Nachdem nach
drei Tagen keine Antwort eingegangen war, überbrachte ein Offizier von
uns das deutsche Ultimatum nach Leon und alle Vorbereitungen für die
Eröffnung der Feindseligkeiten wurden getroffen. Hierzu gehörte auch
die Recognoscirung des in Aussicht genommenen Marschweges, welche der
Geschwaderchef mit uns Commandanten vornahm. Wir fuhren morgens, von einer
Dampfpinasse geschleppt, zunächst einen Fluß hinauf, bis wir ziemlich
weit oben mitten im Urwald an die Landestelle kamen, wo der Weg seinen
Anfang nimmt. Anfänglich ist der Fluß, oder hier wol richtiger Meeresarm
genannt, ziemlich breit, an beiden Ufern mit dichtem Mangrovegebüsch
bestanden, über welches die mächtigen Laubkronen der Baumriesen des
Urwaldes hervorragen. Taucher und Möven beleben das Wasser, Scharen
krächzender Papagaien, von denen ab und zu ein Geschwader mit lautem
Geschrei über unsern Köpfen von Ufer zu Ufer fliegt, den Wald. Zwischen
den Wurzeln der Mangroven nach Würmern suchende Schnepfen und in kleinen
Einbuchtungen fischende Reiher, sowie andere uns unbekannte hochbeinige
große weiße Vögel werden aufgescheucht und suchen fliegend das Weite. Ein
üppiges, echt tropisches Bild umgibt uns. Der Fluß wird enger, niedrige
Sträucher, Wasser- und Schlingpflanzen treten an Stelle der Mangroven und
zeigen an, daß wir die Scheide, bis zu welcher das Seewasser vordringt,
überschritten haben. Die Laubkronen rücken zusammen und bilden schließlich
einen hohen, prächtigen, grünen Dom, unter dessen Decke wir hinfahren,
begleitet von dem Leben des Waldes, zu welchem sich hier ab und zu auch
schon ein kleiner vorwitziger Affe gesellt.

Endlich sind wir am Ziele angelangt und betreten das Ufer. Die
beiden andern Herren, von welchen der eine bis zu den Knien reichende
Ledergamaschen, der andere hohe Wasserstiefel trägt, betrachten mitleidig
meine leichten Segeltuchschuhe und freuen sich auf den Augenblick, wo ich,
von Insekten zerstochen und vielleicht auch von einer Schlange gebissen,
zugeben muß, daß nichts über hohe Lederstiefel geht.

Der Weg ist breit und gut, der Spaziergang in dem herrlichen Urwald
köstlich und einzig in seiner Art. Nach einer halben Stunde stießen wir
auf eine kleine Lichtung, wo wir eine kurze Rast machten und danach den
Rückweg antraten, weil die Straße sich bis hierher als brauchbar erwiesen
hatte und nach zuverlässigen Nachrichten der Weg in seiner ganzen Folge
von gleicher Güte ist. Aus der Rast wurde allerdings nicht viel, weil die
beiden andern Herren leidenschaftliche Jäger sind und die mitgenommenen
Jagdgewehre doch benutzen wollten. So verschwand unser Commodore sehr bald
im Walde, während der andere Herr von der Lichtung aus einen Papagai nach
dem andern aus den hohen Bäumen herunterholte und nur gelegentlich zu mir
kam, um etwas mit zu frühstücken. Ich hatte es mir auf einem umgestürzten
Baum bequem gemacht und verfolgte von hier aus bei dem Duft einer guten
Cigarre die Jagderfolge meines Freundes. Unser Commodore brachte uns
schon in einige Unruhe, weil wir fürchteten, daß er sich verirrt habe,
doch schließlich kam er auch wieder zurück mit zerrissenen Kleidern
und verschiedenen kleinen blutenden Rißwunden. Er hatte eine Tigerkatze
angeschossen und sie dann vergeblich in das Dickicht verfolgt.

Zum Boot zurückgekehrt, nahm ich noch im Fluß ein Bad, weil der Staub auf
dem trockenen Wege doch ziemlich lästig gewesen war, und dies wurde von
den beiden andern Herren dazu benutzt, ihr Müthchen an mir zu kühlen, da
ich trotz meiner leichten Schuhe weder gestochen noch gebissen worden war.
Sie suchten nun wenigstens die Nothwendigkeit des Bades auf meine Schuhe
zurückzuführen und gingen dann dazu über, mir mit Krokodilen Angst zu
machen, was mich allerdings bald veranlaßte, zu allgemeiner Heiterkeit das
Baden aufzugeben. Denn wenn man auch an der afrikanischen Küste behauptet,
daß der Haifisch keinen Neger und das Krokodil keinen Weißen angreift, so
bleibt es doch fraglich, ob die Krokodile auch hier einen so ausgebildeten
Geschmack haben. Nachmittags waren wir wieder in Corinto.

Das Ultimatum brachte die Regierung von Nicaragua zur Besinnung und
zur Nachgiebigkeit. Am 26. vormittags waren zwar erst die Forderungen
1 und 2 erfüllt, und das in guten mexicanischen Silberdollars richtig
eingezahlte Geld wurde zunächst in unsern Kassen deponirt, die Erfüllung
der beiden andern Forderungen, wegen welcher noch Schwierigkeiten gemacht
wurden, durfte danach aber auch zuversichtlich erwartet werden. Der
sprichwörtliche Stolz des Spaniers bäumte sich eben noch etwas auf. So
konnte mein Schiff am 27. für einige Tage nach Amapala, dem einzigen Hafen
der Republik Honduras an der Küste des Stillen Oceans, geschickt werden,
um dort lagernde von uns gekaufte Kohlen einzunehmen.

Interessant war es mir, auch diesen reizlosen Platz kennen zu lernen,
aber nur um dagewesen zu sein. Amapala ist ein kleiner Ort, wo als
einziger Europäer nur ein Deutscher, ein Kaufmann aus Hamburg, wohnt,
welcher nicht einmal unter den Einheimischen einen passenden Umgang finden
kann und in dieser Beziehung allein auf die hier anlaufenden englischen
Passagierdampfer angewiesen ist, mit welchen er als englischer Viceconsul
auch geschäftliche Beziehungen hat. Sogar die nähere Umgebung Amapalas
bildet noch eine solche Wildniß, daß auch Spaziergänge außerhalb der
Stadt, wie dieser kleine Häusercomplex sich nennt, ausgeschlossen sind.
Verhältnißmäßig großartig ist die am Ufer erbaute hölzerne Halle, wo
die von andern Küstenpunkten kommenden Boote anlegen und ihre Früchte
u. s. w. zum Verkauf stellen. Der Beobachtung werth ist hierbei die
Grandezza, mit welcher sich die braunen Insassen der Boote bewegen und
wie sie in ihrem Wesen das bischen „spanisches Blut“, welches vielleicht
in ihren Adern rollt, zur Geltung bringen wollen. So war namentlich das
Landen mit besonderer Würde verbunden, denn da die Boote wegen des zu
flachen Wassers am Ufer nicht direct am Quai anlegen können, ließen sich
die weiblichen Insassen von den Männern ans Land tragen. Diese bildeten
dazu aus ihren Armen in der Weise einen Sessel, daß der rechte wagerecht
gehaltene Unterarm als Sitz und der linke Arm als Rückenlehne diente. Mit
einer Verbeugung trat der im Wasser stehende Mann zu der im Boot stehenden
Dame, welche mit Würde ihr Kleid ordnete, sich vorsichtig und zimperlich
auf den einen Arm setzte, sich gegen den andern lehnte und sich so, ohne
den Träger zu umfassen, wie eine Glaspuppe vorsichtig ans Land tragen und
dort absetzen ließ.

Am 31. nachmittags waren wir wieder in Corinto, und am 4. April erklärte
endlich Nicaragua, auch die Forderungen 3 und 4 erfüllen zu wollen. Am 6.
vormittags fand dann, nachdem vorher die erfolgte Erledigung der Forderung
4 angezeigt worden war, im Beisein einer nicaraguensischen Truppenmacht
und unsers Landungscorps auf einem großen Platz am Lande angesichts
unserer Schiffe die feierliche Hissung der deutschen Flagge statt.
Nicaragua feuerte den Salut von 21 Schüssen, die Flagge wurde wieder
niedergeholt, von unserer Seite wurde die Flagge von Nicaragua salutirt,
der Salut vom Lande erwidert, und nach einem Vorbeimarsch unserer Truppen
kehrten wir auf unsere Schiffe zurück, um am 7. morgens Corinto wieder zu
verlassen.

Erwähnt sei noch, daß der beleidigte Consul die Annahme des Sühnegeldes
abgelehnt und dasselbe einer Wohlthätigkeitsanstalt geschenkt hat.



3.

Von Panama nach den Marquesas-Inseln.


                                                 „Ariadne“, 17. April 1878.

Vor wenigen Stunden hat unser Anker sich 12 Uhr mittags von dem Boden
Panamas gelöst, um sich während dieser Reise hoffentlich nicht mehr in
denselben einzugraben. Panama und die ganze Küste Centralamerikas sind, um
einen Volksausdruck zu gebrauchen, eine von Gott verlassene Gegend. Weder
Natur noch Menschen vermögen dem Fremdling etwas zu bieten; das Land ist
am schönsten, wenn man es aus möglichst weiter Ferne beschauen kann, die
Leute, wenn sie dem Auge erst wieder entschwunden sind. Wie Land und Leute
hier unerträglich sind, so ist es auch die Sonne. Tag für Tag sendet sie
ihre versengenden Strahlen fast senkrecht auf die Schädel der Bewohner
dieser Länderstrecken herab mit einer Glut, daß man darüber wahnsinnig
werden könnte. Doch wozu jetzt noch der Aerger! Lacht uns doch aus weiter
Ferne das Paradies der Seeleute entgegen; das Land, wo nach dem Urtheil
mancher Reisenden die schönsten und besten Menschen unsers Erdballs wohnen
sollen.

Panama mit seinen Ruinen verschwindet langsam unsern Blicken. Vor
dem Verlassen der Rhede hatten wir mit den dort liegenden englischen
Kriegsschiffen noch durch Austausch von drei Hurrahs einen letzten
Gruß gewechselt und eine Stunde später erkannten wir in einem uns
entgegenkommenden Kriegsschiff unsere „Elisabeth“, welche von Guatemala
kommend nach Panama ging, um von dort aus die Heimreise anzutreten. Wir
passirten uns auf Spruchweite, tauschten einige Grüße aus, wechselten
drei Hurrahs, und die „Elisabeth“ ging dahin, wo wir herkommen, während
wir frohen Muthes den schönen Inseln der Südsee entgegensteuern, wo
sich prächtige Natur mit herrlichem Klima vereinigt, um dem Seefahrer
die liebenswürdigen und schönen Bewohnerinnen jener Inselperlen noch
anziehender erscheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sind. So sagen
wenigstens die über die Südsee-Inseln erschienenen Bücher.

Ich habe die Absicht, auf unserm Wege nach den Samoa-Inseln einen
Abstecher nach den Marquesas-Inseln und Tahiti zu machen, um dort die dann
jedenfalls schon sehr zusammengeschmolzenen Vorräthe an Proviant, Wasser
und Kohlen zu ergänzen. Ob ich dort wol so viel Interessantes finden
werde, wie andere gefunden haben?

Die Marquesas-Inseln sind von allen Reisenden so sehr gepriesen
worden, daß man sich fast scheuen muß hinzugehen, um nicht zu sehr
enttäuscht zu werden. Ueber die Pracht der Natur und die Schönheit
der dortigen Eingeborenen sind fast alle einer Ansicht, nur bestehen
Meinungsverschiedenheiten über den Grad der Schönheit der Frauen; denn
während einige ihnen die Palme der Schönheit und Grazie zuerkennen,
behaupten andere, daß sie nur auf der Höhe der Rasse stehen und sich vor
den Männern nicht auszeichnen. Auch im Urtheil über den Charakter dieser
Eingeborenen stimmen die Reisenden darin überein, daß Zügellosigkeit
der Hauptzug sei, was auch für Tahiti gelten soll, obwol sich dort schon
civilisirtere Zustände eingebürgert haben.


                                          Im Stillen Ocean, 18. April 1878.

Panama liegt zwar schon weit hinter uns, die Küste oder vielmehr die
Gebirge Centralamerikas sind aber immer noch in unserm Gesichtskreise.
Wir haben heute einen bösen heißen Tag, kein erfrischender Lufthauch,
32,5° C. in der Luft im Schatten, 33° C. in dem spiegelglatten Wasser. Mit
Dampf muß hier gefahren werden, denn mit Segel allein hier durchzukommen
ist oft eine Unmöglichkeit, wenigstens ist thatsächlich festgestellt,
daß Schiffe, welche dieses Stück Meer zu durchsegeln versuchten, nach 2½
Monaten wieder in der Bai von Panama ankerten, weil es sich als unmöglich
herausstellte, weiter zu kommen. Das von uns zu durchdampfende Stück Weges
beträgt 700-800 Seemeilen; keine angenehme Aussicht bei dieser Hitze!
Man muß aber immer suchen, das Beste aus dem zu machen, was Einem geboten
wird; so legten wir uns denn heute auf den Schildkrötenfang.

Diese Thiere sind hier sehr häufig, schwimmen, wenn sie ruhen, an der
Oberfläche und zwar mit etwa ein Drittel des Schildes über Wasser, sodaß
sie schon von weitem zu erkennen sind. Sehr häufig dienen sie auch den
Wasservögeln als Ruhestätte und geben diesen wol auch Nahrung, da die
Schildkröten an ihrem Schilde gewöhnlich Saugefische und Muscheln, beides
Nahrungsmittel der Vögel, tragen. Schildkröten wie Vögel lassen sich
durch das ankommende Schiff in ihrer Ruhe sehr wenig stören; die Vögel
fliegen auf, wenn das Schiff auf etwa fünf Schritte herangekommen ist, die
Schildkröte dreht dann dem Schiffe den Kopf zu, entweder um es neugierig
zu betrachten oder dem Feinde muthig in die Augen zu sehen, denn die
Thiere lassen sich außerordentlich leicht fangen. Das spiegelglatte Wasser
gestattete, ein Boot neben dem Schiffe zu schleppen, und so wurde auf jede
Schildkröte, welche in dem Curs des Schiffes in Sicht kam, hingehalten,
die Maschine einen Augenblick gestoppt und von dem Boote aus das Thier
an einer Flosse gepackt und aus dem Wasser herausgehoben. In Zeit von
zwei Stunden waren acht Schildkröten im Gewicht von je 25-35 kg an Bord,
genügend, um der ganzen Mannschaft morgen eine schmackhafte Mahlzeit zu
bereiten. Mit diesem Fang gaben wir uns zufrieden, heißten das Boot wieder
und dampfen nun einem einsamen Felsen zu, um an demselben unser Besteck
zu corrigiren und von da aus dann unsern Curs nach den Galapagos-Inseln
zu nehmen.


                                                            25. April 1878.

Der einsame Fels, Malpelo-Insel genannt, ein mächtiger 400 m hoher
Felsblock ohne irgendwelche Vegetation, von derjenigen Seite aus gesehen,
welche sich uns zuerst darbot, in Form und Farbe einer alten Burgruine
ähnlich, wurde am Charfreitag passirt und die Reise bei anhaltender
Windstille in derselben Weise unter Dampf fortgesetzt. Allmählich fing
die Wassertemperatur an zu sinken, leichte südliche Winde brachten ab und
zu etwas Kühlung und seit zwei Tagen haben wir sogar ordentlich frisches
Wetter, trotzdem wir uns noch immer unter dem Aequator befinden. Am Tage
kann man schon eine Jacke aus ganz leichtem Tuch vertragen, während dies
vorher kaum möglich war; es kommt sogar vor, daß man während eines ganzen
Tages keinen Tropfen Schweiß verliert. Wenn auch infolge der starken
Abkühlung -- die Temperatur hält sich am Tage in der Luft im Schatten
zwischen 27 und 28° und in der Nacht zwischen 25 und 26° C. -- viele
Erkältungen (Darmkatarrh mit Fieber, Schnupfen u. s. w.) zum Ausbruch
gekommen sind, so macht sich doch im ganzen ein anderes Leben im Schiffe
breit. Eine gewisse Elasticität durchdringt den Körper, die Lust zur
Bewegung und zur Arbeit bricht wieder hervor. Diese Temperatur werden wir
nun wol für den Rest der Reise ziemlich gleichmäßig behalten und sie wird
nur dann sich noch einmal bis zur Unerträglichkeit steigern, wenn wir, wie
es vorläufig von uns angenommen wird, auf der Rückreise durch das Rothe
Meer fahren. Da läßt sich aber schon manches ertragen, lacht uns doch dann
ein neues, altgewohntes und langentbehrtes Leben entgegen, welches schon
werth ist, daß man vorher einige Unbequemlichkeiten überwindet.

Gestern und heute haben wir die Gruppe der Galapagos-Inseln durchschnitten
und sind heute vier Stunden lang dicht an der größten Insel der Gruppe
vorbeigefahren, sodaß wir einen oberflächlichen Einblick in dieses
merkwürdige Land bekamen. Ich hatte ursprünglich die Absicht, hier einen
mehrtägigen Aufenthalt zu nehmen, die letzte Segelordre empfahl mir aber
wieder so sehr Eile, daß ich Verzicht leisten mußte.

Dieses Inselland, bei dessen Schilderung ich auch Darwin benutze, ist
deshalb so interessant, weil es in seiner ganzen Erscheinung, in seinem
Thier- und Pflanzenleben von der übrigen Erde wesentlich abweicht und
ganz für sich dasteht. Auch sind wieder Thiere und Pflanzen auf den
verschiedenen dicht nebeneinander liegenden Inseln durchaus voneinander
abweichend, wenngleich sie derselben Gattung angehören. Außer Insekten
ist das Thierreich vertreten durch Landschildkröten von riesigen
Körperverhältnissen, welche bis zu 400 kg schwer werden sollen, durch
eine Art Landeidechsen und eine Art Wassereidechsen von 1-1½ m Länge,
26 Vogelarten; das Pflanzenreich durch eine größere Anzahl von Pflanzen;
Bäume sind ursprünglich nicht vorhanden.

Früher waren diese Inseln gar nicht von Menschen bewohnt, seit einigen
Jahren sind auf zwei derselben Ansiedelungen gegründet worden. Im vorigen
Jahrhundert dienten sie den Seeräubern (Buccaniere) als Schlupfwinkel, in
diesem Jahrhundert sind sie vielfach von Walfischfängern besucht worden,
welche auch auf die Schildkröten Jagd machten, aus denen sie ein sehr
feines Fett gewannen. Immerhin müssen Menschen aber sehr seltene Gäste
gewesen sein, da die Thiere noch jetzt auf diesen Inseln untereinander
in dem glücklichsten Frieden leben und keine Scheu vor Menschen kennen.
Schildkröten, Eidechsen, Vögel fressen von demselben Blatt, ohne daß ein
Thier nach dem andern hackt, eins das andere verdrängt. Alle Thiere lassen
sich mit Leichtigkeit fangen, die Vögel fliegen dem Menschen auf den
Finger und picken ihn verwundert in die Nase, welche sie wahrscheinlich
für eine edle Frucht halten. Alle Thiere sind oder waren doch in großen
Massen vorhanden, wie z. B. daraus zu ersehen ist, daß die Mannschaft
eines englischen Kriegsschiffs in der nächsten Umgebung des Ankerplatzes
an einem Tage über 200 große Schildkröten an Bord schaffte. Wozu?
ist mir allerdings unklar, da das Schild werthlos ist, die Mannschaft
höchstens 1/10 von dem Fleisch essen konnte und Kriegsschiffe sich mit
Thrangewinnung nicht abgeben.

Beim Vorbeilaufen an jenen Inseln glaubte ich den Mond vor mir zu
haben; ich denke mir seine Oberfläche so und vermuthe, daß vor vielen
Jahrtausenden die Erdoberfläche das Aussehen der jetzigen Galapagos
hatte. Die Inseln bestehen eigentlich nur aus Vulkanen, welche sich bis
zu 1430 m über das Meer erheben. Die Wände dieser Riesen bestehen wieder
aus lauter kleinen Vulkanen. Von der Ferne gesehen hält man das Land für
mit Lehmhütten übersäet; in der Nähe findet man, daß diese Hütten kleine
Krater sind, welche in ihrem braunen Kleid auf Lavageröll stehen. Man
kann sich in eine weit ausgedehnte Ziegelei oder Räucheranstalt versetzt
wähnen, da diese Krater durchschnittlich nicht größer wie ordentliche
Back- oder Räucheröfen sind. Ich habe an einer Strecke von ½ deutschen
Meilen auf dem Kamme eines ganz niedrigen Höhenzugs über 40 solcher
Kraterchen gezählt. In der Außenwand eines großen Kraters, welcher den
vorgenannten Höhenzug abschließt, sahen wir eine andere Art Krater, vier
dicht nebeneinander liegende runde Löcher von 5-7 m Durchmesser, welche
wieder selbständige Krater sind, wie die von ihnen auslaufenden Lavaströme
deutlich zeigen.

Ich will versuchen, das vor uns vorüberziehende merkwürdige Bild etwas
näher zu schildern.

Aus dem tiefblauen, von Delphinen (wir prosaischen Seeleute nennen
diese Fische nur Tümmler oder Schweinsfische) reich bevölkerten Meere
erheben sich in sanften Linien aufsteigend große Ländermassen, deren
1430 m hohe Gipfel sich in den Wolken verlieren. Nichts läßt zunächst
den vulkanischen Ursprung erkennen; erst in größerer Nähe fängt das Land
an sich zu zergliedern, um bald dem menschlichen Auge zu offenbaren,
mit welcher Kraft das allgewaltige innerirdische Feuer hier gewirkt hat.
Die sanften Linien verschwinden, man sieht nur noch eine wildzerklüftete
nackte Erdrinde, welche in den höhern Regionen allerdings größtentheils
einen grünen Ueberzug von Gras, niedrigem Gestrüpp und Cacteen hat. Hohe
Berge wechseln mit niedrigen Hügeln ab, die Wände der hohen Berge tragen
ebenso wie die der kleinern Hügel wieder ganz kleine Berge, welche genau
dieselben Formen haben wie diejenigen, auf welchen sie scheinbar erwachsen
sind. Von dem größten Naturgebilde bis zu dem kleinsten, alles zeigt
dieselbe Form, denselben Ursprung. Der brodelnde Feuerherd, welcher die
Erdrinde hier in fast senkrechten Wänden bis zu 1430 m hohen Bergen über
das Meer erhob, entsendete gleichzeitig unzählige schwächere Strahlen,
welche wiederum die Bergriesen durchbrachen, um kleine niedrige Krater zu
bilden, die ihren scharf geränderten Kamm mit ebenso viel Zierlichkeit
tragen, wie ihre colossalen Genossen mit Majestät. Eine Abwechselung in
diesen Gebilden tritt nur dadurch ein, daß der eine Theil unergründliche
Oeffnungen zeigt, während der andere seine ehemaligen Feuerschlünde
bereits mit Lava ausgefüllt hat und dem Auge an Stelle des unheimlichen
Schlundes den Anblick einer grünbematteten Grube bietet. Nur einige wenige
der Hauptkrater sollen noch thätig sein; die Krater, welche wir sehen,
sind bereits mehr oder weniger zerstört. Die Kämme sind im Zerfallen
begriffen, viele der kleinen Krater sind nur noch schwer zu erkennen,
mit der Zeit werden diese ganz verschwinden und ihr verwittertes Gestein
wird zu fruchtbarem Land geworden sein. Es ist interessant zu sehen,
wie die Lavaströme sich von den Krateröffnungen aus ihren Weg gebahnt
haben. An den grünen Bergwänden sieht man oben an ihrem Kamm feine
braunrothe Striche, welche, sich nach unten immer mehr verbreiternd und
noch deutliche Flußlinien zeigend, schließlich als mächtige Ströme in
das Meer fließen. Der ganze Strand besteht nur aus Lavamassen, und alle
Thäler sind damit angefüllt. Das Land macht den Eindruck, als ob auf
einem enormen Lavahaufen große Gebirge aufgebaut seien. Trotz des großen
Gegensatzes der Farben weiß ich für die vor mir liegende Landschaft
kein passenderes Bild zu finden, als ein in tiefem Schnee liegendes
Gebirgsland. Der Schnee wird hier durch die abgelagerte Lava vertreten,
die Gletscher durch die Lavaströme, die nackten schwarzen Felswände
durch die grünbewachsenen Berge. Wie sich aus einem großen Schneefeld die
nackten Gebirge erheben, deren Wände nur in ihren Gruben ewigen Schnee
beherbergen, wie aus den tiefen Schluchten Gletscher zu Thal fließen,
aus deren Strombett Steinoasen sich erheben, so erheben sich hier auf
dunkelm Steingeröll grüne Bergmassen mit Lavagruben und dunkeln Kratern,
mit mächtigen Lavaströmen, aus denen hier und da freundliche grüne Flecken
hervorleuchten. Im Laufe der Jahrhunderte werden all die scharfen Kämme
vor der Einwirkung von Wind und Wetter verschwinden, um das Land zu einem
sanftwelligen Gebirgs- und Hügelland zu machen, der Fels wird verwittern,
der Mensch wird urbares Land finden und kann dann hier Hütten bauen.


                                                               8. Mai 1878.

Seit dem Passiren der Galapagos haben wir 1855 Seemeilen zurückgelegt,
1130 liegen bis zu den Marquesas noch vor uns. Der steife Passat bläst mit
vollen Backen in unsere Segel und zwar häufig so stark, daß die leichteren
Segel geborgen und die Marssegel gereeft werden müssen, obgleich ich kein
Freund vom Reefen bin, denn wer segeln will, muß Segel führen, sagt ein
alter weiser Seemannsspruch. Die schweren Böen bringen in der Regel auch
Regen mit, etwas ganz Ueberflüssiges auf dem Meere, wenn man den Regen
nicht gerade nach langem Dampfen zum Abwaschen der Takelage gebraucht.
Dazu pfeift der Wind immer aus derselben Richtung in das Schiff; eine
nicht zu umgehende Naturnothwendigkeit, wenn man eine Strecke von 2000
Seemeilen mit geradem Curs im Passat zurückzulegen hat. Die See geht
hoch, thut uns aber nicht viel, weil Wind wie Wellen fast quer von der
Seite kommen, mithin die Wellen uns in unserm Lauf nicht aufhalten und
der Wind das Schiff gegen schweres Rollen stützt. Unaufhaltsam geht es
vorwärts. Leicht sich hin- und herwälzend, zertheilt das brave Schiff
mit seinem scharfen Bug das Wasser, steigt vorn höher aus seinem Bette
heraus und senkt sich dann wieder so tief ein, daß man hinten von der
Commandobrücke aus sieht, wie der breite Schaumgürtel des Bugwassers weit
nach vorn und zur Seite geworfen wird. Das Schiff wird in seiner ganzen
Masse von den es unterlaufenden mächtigen Wellen auf ihren breiten Rücken
gehoben, indem es beim ersten Anprall 5-6° mehr nach Lee übergedrückt
wird als die Segel dies schon thun, und neigt sich ein klein wenig nach
der Luvseite, wenn es wieder in das Wellenthal hinabgleitet. Der vom
Schiffsbug aufgewühlte Meeresschaum treibt als breites Band von Schaum-
und Wasserblasen wie geschlagener Rahm auf der weder durch Farben noch
Beschreibung wiederzugebenden Meeresflut unaufhörlich an dem Schiffe
vorbei; sein Spiel hat den Seemann auf seinen vielen und langen Seefahrten
schon hunderte mal entzückt und will ihn doch jedes neue mal glauben
machen, ihm etwas noch nie Gesehenes zu bieten. Das Wasser rauscht,
das Tauwerk singt, die Spieren ächzen, die Decksbalken knarren. Posten
stehen an den Haupttauen der Segel bereit, um jedem unerwarteten Zufall
begegnen zu können. Der Wachoffizier hält sorgsame Wacht auf Wind, Wetter
und Schiff, faßt den ganzen Horizont und das ganze Schiff ins Auge, ist
ständig auf der Brücke, geht aber auch zuweilen nach dem Vorschiff, um
zu sehen, ob bei dem starken Segeldruck, unter welchem das Schiff liegt,
dort auch noch alles in Ordnung ist. Der erste Offizier ist, wie immer,
überall. Einzelne Abtheilungen der Wachmannschaft haben Dienstinstruction
und stehen unter der Luvreling; andere bessern unter der Leitung des
Bootsmanns kleine Schäden an der Takelage aus; die Zimmerleute repariren
eine kürzlich gebrochene Raa, die Segelmacher schadhaft gewordene und
ausgewechselte Segel; aus der Maschine klingt Eisen- und Metallarbeit
nach oben. Unteroffiziere revidiren vor dem Schluß der Wache die ganze
Takelage, um etwaige kleine Schäden an dieser wie an den Segeln gleich
zur Anzeige zu bringen. In der Vorbramsaling, 40 m über dem Wasser, sitzt
auf schmalem Stück Holz, angeklammert an ein Tau, der Ausguckposten, um
nach Brandung und Felsen auszusehen, weil dieses spärlich befahrene Meer
noch sehr wenig erforscht ist und man überall eine Gefahr finden kann,
welche, wenn zu spät entdeckt, uns allen sichern Tod bringen muß. Aber
auch der Commandant, welcher nach der Ansicht so vieler Leute nichts zu
thun hat, steht auf der Commandobrücke und thut -- nichts. Er sieht nur
ins Wasser, nach den Wolken, ins Schiff, nach der Takelage. Seine ganze
Beschäftigung ist ja nur die Verantwortung für Schiff und Mannschaft, und
diese Verantwortung verläßt ihn keine Secunde. Er muß jedem einzelnen
Mann im Schiff, vom ältesten Offizier bis zum letzten Matrosen von der
Frucht seiner größern Erfahrung zu kosten geben, muß fortwährend belehrend
eingreifen und zeigen, daß von den vielen hundert Tauen dies oder jenes
nicht straff genug gespannt ist und dadurch Gefahr entstehen kann; daß die
Segel nicht mehr richtig stehen, die Zurrung eines schweren Gegenstandes
sich zu lockern beginnt u. s. w. Er beobachtet wie die Leute am Ruder
steuern; wie die andern instruirt werden und wie sie antworten; wie die
Leute in der Takelage sich bewegen und ob sie dabei den Vorschriften
entsprechen, denn jeder Fehltritt dieses leichtsinnigen, übermüthigen
Matrosenvolks kann ein Menschenleben kosten und der Commandant hat in
seiner langen Dienstzeit schon viele mit zerschmetterten Gliedern auf dem
Deck liegen und im Wasser mit dem Tod ringen, aber nur wenige von ihnen
retten sehen, und jeder durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit Verlorene
fordert sein Leben von seinem Commandanten zurück. Er beobachtet den
Posten in der Vorbramsaling, denn wenn das Schiff unten einen Bogen von
nur 10-15° hin- und herschlingert, beschreibt der Mann oben einen sehr
großen Bogen, und das in sehr kurzer Zeit, was selbst manch alter Seebär
nicht vertragen kann. Er sieht neugierig mit dem Fernrohr -- denn er kann
auch neugierig sein -- nach dem Horizont vor dem Schiff und überzeugt sich
doch nur davon, daß ein blendender Schein auf dem Wasser keine Brandung,
sondern nur ein Sonnenreflex ist. Er beobachtet wie der Wachoffizier
seine Befehle gibt, denn dieser ist erst ein Anfänger und weiß noch
nicht, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen Befehlen und Befehlen,
wie zwischen Gehorchen und Gehorchen ist, er meint Befehl sei Befehl
und damit basta. Der Commandant kann ihn mit Worten nicht überzeugen, da
muß die Probe gemacht werden. Es wird ein Manöver ausgeführt, dasselbe
mit wirkungsloser Stimme commandirt, und darauf noch einmal mit einem
Ausdruck, welcher zeigt, daß der Befehlende den Befehl am liebsten
selbst ausführen möchte. In dem ersten Falle kommen die Leute nur langsam
vorwärts, in dem zweiten sind sie wie elektrisirt und fliegen. Mancher
versteht auch das nicht und ist dann eben nicht im Stande zu begreifen,
wie der Offizier sich nur nach der Art seines Auftretens den Grad seines
Erfolgs sichert. -- Eine Bö ist im Anzuge, der Wachoffizier will Segel
bergen; der Commandant hat ein erfahreneres Auge; er sieht, daß das
Schiff sie vertragen kann und verweigert seine Zustimmung zum Segelbergen.
Die Bö setzt ein, das Schiff legt sich ächzend auf die Seite, schüttelt
sich, bäumt sich auf, hält durch und die Bö ist abgewettert. Der nächste
Wachoffizier will das nachmachen, obgleich er weiß, daß er nach den
Bestimmungen den durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit verursachten Schaden
bezahlen muß, aber sein Commandant liebt das Segelbergen nicht und freut
sich, wenn die Offiziere Selbstvertrauen zeigen. Er hat sich in der Bö
verrechnet, der Commandant hört in seiner Kajüte, daß die Bramstängen
knacken, springt schnell auf die Commandobrücke und sieht sein Schiff
oben rasirt, Bramstängen mit den Bram- und Oberbram-Raaen und -Segeln
baumeln an dem Tauwerk vor den Marssegeln herunter. Der Wachoffizier
sieht seinen Commandanten entsetzt an und dieser sagt lächelnd: „Das habe
ich nicht gut gemacht, ich hätte Ihnen doch sagen sollen, die Bramsegel
zu bergen; ich habe nämlich hinter Ihnen gestanden. Es ist mein Fehler,
und dem ist in dem Verlustprotokoll Ausdruck zu geben, damit ich für den
Schaden aufkommen kann.“ Der Wachoffizier versteht nicht recht, muß seinem
Commandanten aber doch Glauben schenken. -- So hat der Commandant eines
Kriegsschiffes keine ruhige Minute; das Gefühl der Verantwortlichkeit
beherrscht jeden deutschen Offizier ununterbrochen bei Tag und bei Nacht,
und der Commandant eines Kriegsschiffes hat eine gar große Verantwortung
zu tragen.

Die Nacht bricht schon um 6 Uhr abends an, der Ausguck oben im Mast kann
von dort aus nichts mehr sehen, dafür treten zwei Mann auf die Back des
Schiffes und zwei in die Fallreeps, werden aber, wenn sie auch zu Vieren
sind, von ihrem Standpunkt aus keine Brandung so rechtzeitig sehen, daß
das in schneller Fahrt befindliche Schiff ihr noch ausweichen kann, wenn
sie recht im Curse des Schiffes liegt und von einem größern Korallenriff
herrührt. Am Tage würde sich bei einem etwaigen Verlust des Schiffes durch
irgendwelche Ursache ein Theil der Mannschaft zunächst vielleicht in den
Booten retten können, um nachher zu verhungern und zu verdursten, denn auf
vorbeipassirende Schiffe ist hier nicht zu rechnen und die Entfernung vom
nächsten Lande ist zu groß, um dasselbe vor dem eintretenden Hungertod
erreichen zu können. Bei Nacht aber ist die Sache für alle schnell zu
Ende: beim nächsten Morgengrauen bedeckt die See mitleidig alles, was sie
verschlungen hat. Der Commandant sieht noch einmal die Karte an, ob nicht
irgendeine auf seiner Curslinie eingezeichnete Tiefenangabe andeutet, daß
schon einmal ein Schiff denselben Weg genommen hat. Nichts -- eine weiße
Fläche und weiter nichts in der Karte. Er bleibt auf der Commandobrücke,
anscheinend um die Abendkühle zu genießen, so glauben wenigstens alle,
denn niemand, der nicht diesen Posten schon bekleidet hat, kann sich in
seine Lage hineindenken; er bleibt aber, um im Falle der Gefahr, auf seine
Geistesgegenwart bauend, sogleich den richtigen Entschluß zu fassen. Er
ist voll Sorgen und um ihn herum alles voll Jubel. Die Musik spielt, die
Mannschaft singt und lacht in den Pausen und treibt ihre Späße; aus der
Offiziermesse klingt Gläserklang und frohes Lachen herauf, und nur der
Commandant ist allein, allein mit seinen Gedanken und Sorgen. Sein Diener
ruft ihn zum Abendbrot; dasselbe ist in wenig Minuten eingenommen und der
einsame Mann steht wieder auf der Brücke, die freie Wache geht zur Koje,
in der Offiziermesse wird es still, und man hört nur noch das Rauschen des
Wassers, das Singen der Takelage, das Aechzen der Spieren, das Knarren der
Decksbalken und jede halbe Stunde den geisterhaften Ruf der vier Posten,
daß sie wach und wachsam sind. Nach 11 Uhr geht der Commandant zu Bett,
weil er doch nicht wochenlang Nacht für Nacht aufbleiben kann und der
Tag doch auch so vielerlei Pflichten verlangt, doch läßt er sich um 12
und um 4 Uhr von dem abgelösten Wachoffizier Meldung über Wind und Wetter
machen, wird auch geweckt, wenn der Wind stärker wird oder sich ändert,
um wegen der Segelführung oder Cursänderung Bestimmung zu treffen. Weiß
er aber einen Offizier auf Wache, auf dessen Geistesgegenwart er nicht
fest zu bauen vermag, dann bleibt er auch einmal die ganze Nacht auf, um
Berichte oder Briefe zu schreiben, oder wegen erheuchelter Schlaflosigkeit
dem Offizier Gesellschaft zu leisten.



4.

Die Marquesas-Inseln.



                                                              18. Mai 1887.

Die Marquesas-Inseln liegen hinter uns und haben uns neben viel Schönem
und Interessantem in der Hauptsache doch das gebracht, was wir erwartet
hatten, nämlich -- Enttäuschung. Die mit so großer Ueberschwänglichkeit
geschriebenen Reiseberichte lassen von vornherein einige Uebertreibungen
vermuthen; hier ist aber zu viel erdichtet, und man kann nicht anders
annehmen, als daß die Reisenden infolge der fast übermenschlichen
Entbehrungen, welche zu ihrer Zeit mit diesen langen Reisen in kleinen,
übermäßig stark bemannten Segelschiffen verknüpft waren, beim Landen an
diesen Inseln vollständig geblendet waren. Namentlich gilt dies für die
Beurtheilung des weiblichen Geschlechts, denn man muß selbst monatelang
von dem schönen Geschlecht abgesperrt gewesen sein, um zu verstehen, daß
fast jeder Seemann nach jeder langen Seetour zunächst in jeder Schürze
einen Engel sieht. Meines Erachtens hatten die Reisenden aber trotzdem
keine Veranlassung mit so grellen Farben zu malen, weil das, was hier
gefunden wird, immerhin interessant genug ist, um auch ohne Schönfärberei
zu fesseln.

Ich wollte ursprünglich nur den Haupthafen Port Anna-Maria auf Nuka-hiva
besuchen, änderte aber meine Disposition, als ich aus den Segelanweisungen
ersah, daß die Franzosen, denen die Marquesas-Inseln nominell gehören,
praktisch alle Controle über die Einwohner der Marquesas-Inseln aufgegeben
haben und nur noch die Insel Nuka-hiva besetzt halten sollen. Da ferner
die Berichte besagen, daß die Einwohner der Marquesas-Inseln am zähesten
an ihren alten Gebräuchen festhalten, daß dieselben noch ziemlich auf
demselben Standpunkte stehen wie vor hundert Jahren, und alle Missionare
ihr Bekehrungswerk aufgeben mußten, entschloß ich mich, da es mir nur
darauf ankam, zur Auffrischung unsers Speisezettels Früchte, Eier und
Hühner einzunehmen, nach Omoa auf Fatu-hiva, der südöstlichsten Insel,
zu gehen, um dort einen Einblick in die als so interessant geschilderten
Verhältnisse zu erhalten und dann nur in Port Anna-Maria dem dortigen
Gouverneur meinen Besuch zu machen, um seinen Machtbereich nicht besucht
zu haben, ohne der Höflichkeit zu genügen. Erst hatte ich daran gedacht,
auch die mittlere Insel Tahu-ata oder Santa-Cristina anzulaufen, weil
sie früher von den Franzosen für der Befestigung werth gehalten worden
war, gab diese Absicht aber auf, weil der Besuch doch zu viel Zeit
gekostet hätte; ebenso verzichtete ich auf Dominica, weil dort nach den
Segelanweisungen nichts zu holen ist, wogegen ich in Nuka-hiva allerdings
erfuhr, daß die einzige größere Plantage in der ganzen Gruppe gerade auf
dieser Insel liegt und -- merkwürdig genug -- in deutschen Händen ist.

In Bezug auf die politischen Verhältnisse ist zu bemerken, daß, wie
schon gesagt, die Marquesas-Gruppe nominell französische Colonie ist,
doch bekümmern sich die Franzosen mit Ausnahme von Nuka-hiva und ganz
neuerdings auch Dominica aber so gut wie gar nicht um Land und Leute.
Die Hoheitsrechte erwarb Frankreich im Jahre 1842 durch Ablösung, indem
es Besitz von den Inseln nahm und dem ersten Häuptling von Nuka-hiva und
dessen Erben eine monatliche Leibrente von 50 Frs. aussetzte, womit indeß
ein Besitzrecht auf die andern Inseln nicht erworben werden konnte, weil
nicht nur die einzelnen Inseln, sondern auch die verschiedenen Stämme auf
jeder Insel ganz unabhängig voneinander sind. So kam es denn wol auch,
daß die Franzosen überhaupt nicht versuchten, auf den verschiedenen Inseln
festen Fuß zu fassen, sondern sich damit begnügten, nur auf Nuka-hiva eine
Art von Regierung zu errichten und sich auf Tahu-ata zu befestigen, weil
sie fürchten mußten, von dort ebenso vertrieben zu werden, wie sie von
Huheine (eine der Gesellschafts-Inseln) durch die Eingeborenen vertrieben
worden sind. An die andern Inseln haben sie sich wol zunächst überhaupt
nicht herangewagt, denn wenn Dominica z. B. die bei weitem wichtigste und
größte ist, so ist sie aber auch die am stärksten bevölkerte und zwar mit
einem schwer regierbaren Menschenschlag.

Warum Frankreich diese Colonie überhaupt erworben hat, ist mir
unverständlich geblieben. Wie aus der noch folgenden Beschreibung
des Landes ersichtlich werden dürfte, war auf die Gewinnung von
Landesproducten nicht zu rechnen, auch konnte bei der schwachen und
namentlich armen Bevölkerung hier kein Absatzgebiet für französische
Waaren vermuthet werden; somit bleibt der militärisch-politische
Gesichtspunkt übrig. Die Inselgruppe ist aber geographisch so ungünstig
gelegen, daß sie auch für militärische Operationen nie eine Basis abgeben
kann, weil von hier bis zu dem nächsten Lande Distanzen zu durchlaufen
sind, welche alle Dispositionen über den Haufen werfen müssen. Auch können
die Inseln zu derartigen Zwecken schon deshalb keine Verwendung finden,
weil für eine größere Zahl von Schiffen die Häfen fehlen; aber wären
auch Häfen für große Flotten vorhanden, so bliebe immer noch die Frage
zu beantworten, was die Flotten hier sollen, da in diesem unermeßlichen
Wasserbecken, dessen Mittelpunkt die Marquesas-Inseln bilden, alle
Angriffsobjecte fehlen. Die Inseln sind wegen ihrer abgeschiedenen Lage
allerdings gut für Kaperschiffe gelegen, doch gibt es wiederum hier nichts
zu kapern, weil dieses Meer so gut wie gar nicht befahren wird. Es bleibt
daher für die Erwerbung dieser Colonie nur die Wahrscheinlichkeit übrig,
daß es in jener Zeit für die großen Seemächte zum guten Ton gehörte,
möglichst viele Colonien zu besitzen.

Die Marquesas-Inseln haben den Franzosen denn auch keinerlei Nutzen
gebracht. Schiffahrt existirt hier nicht, weil die französischen Gesetze
die Walfischfänger, welche nur allein und allerdings häufig hier anliefen,
vertrieben haben. Diese Schiffe wurden mit so hohen Lootsengebühren
belegt, daß sie das Anlaufen dieser Häfen aufgeben mußten. Dieses Ziel
lag wol in der Absicht der Colonialregierung, denn es wurden französische
Walfischfänger subventionirt, der Fang wurde auch mit schönen und
guten Schiffen begonnen, bald aber wieder aufgegeben, wol weil dieser
Erwerbszweig dem französischen Naturell nicht zusagt. Es gibt jetzt keine
französischen Walfischfänger mehr, und diejenigen anderer Nationalität,
welche wenigstens etwas Handel und Wandel brachten, sind verscheucht.
Der einzige Schiffsverkehr wird zur Zeit durch den monatlich einmal hier
anlaufenden Postschooner (Segelschiff), welcher zwischen San-Francisco und
Tahiti fährt, hergestellt. Derselbe wird von Frankreich subventionirt und
läuft die Marquesas nur auf dem Wege von Amerika nach Tahiti an; Briefe
nach Europa müssen daher den großen Umweg über Tahiti machen und bleiben
außerdem noch 14 Tage dort liegen, bis der Schooner wieder befrachtet ist.
Die großen Geldzuschüsse, welche Frankreich an diese Colonie gezahlt haben
soll, sind vermuthlich die Ursache einer später erfolgten Einschränkung
gewesen. Die Regierung in Nuka-hiva wurde soweit vereinfacht, daß als
Gouverneur nur ein 'lieutenant de vaisseau' übrigblieb. Die Befestigungen
auf Tahu-ata wurden verlassen und die Truppen zurückgezogen. Das
Personal, welches jetzt übrig ist, wohnt auf Nuka-hiva und besteht aus
dem genannten Gouverneur, einem untergeordneten Verwaltungsbeamten, einem
frühern Bombardier als Wegebaumeister, einem gleichzeitig Lootsendienste
versehenden Hafenmeister und vier Gensdarmen, welche zur Zeit auf Dominica
sind, um die mit Chinesen bearbeitete deutsche Plantage zu beschützen,
wie sie sagen. Da sie sich aber früher auf diese Insel nicht wagten,
so glaube ich nicht an die gute Absicht, sondern eher daran, daß die
Deutschen beaufsichtigt werden sollen, oder daß man ihnen eine hohe Steuer
auferlegen und, durch den breiten deutschen Rücken gedeckt, auf der Insel
sich überhaupt festsetzen will.

Der Gouverneur der Marquesas-Inseln steht unter dem Gouverneur von Tahiti,
einem Stabsoffizier der französischen Marine, obgleich hier und dort
ganz verschiedene Rechtszustände bestehen. Tahiti mit der Paumotu-Gruppe
steht unter französischem Protectorat, während, wie erwähnt, die
Marquesas-Inseln französische Colonie sind.

Der Unterschied besteht darin, daß der Gouverneur von Tahiti absoluter
Herrscher ist, Gesetze nach augenblicklicher Laune erläßt und aufhebt,
sofern nicht der etwa gerade anwesende Admiral des Südsee-Geschwaders ihm
ins Handwerk pfuscht, während in der Colonie französisches Gesetz waltet.

Auf Nuka-hiva wird, um die Kosten der Verwaltung zu verringern, eine
Kopfsteuer erhoben, von welcher die andern Inseln befreit sind, weil
auf ihnen keine Autorität besteht, welche sie erheben könnte. Diese
Kopfsteuer ist außerordentlich hoch und beträgt für jeden Mann 20 Frs. und
für jeden Hund, obgleich derselbe seinem Herrn keinerlei Nutzen bringt,
sondern nur aus alter Gewohnheit als Hausgefährte gehalten wird, 10 Frs.
Ganz abgesehen davon, daß diese letztere Steuer die Eingeborenen sehr
verbittert, werden sie aber dauernd noch durch die Art der Eintreibung
der Steuer gereizt, durch welche der Gewinn der Steuer fast zu einem
Nichts wird. Da der Eingeborene in der Regel kein Geld besitzt, muß er
die Steuer abarbeiten, und wir sehen so die alten Frondienste hier wieder
aufleben. Die Eingeborenen werden zum Straßen- und Brückenbau beordert
und wird ihnen das Tagewerk zu 2 Frs. angerechnet; arbeiten müssen sie
dann solange bis der Betrag ihrer Steuer und auch der ihres Hundes gedeckt
ist. Die Arbeit wird von dem vorhergenannten Bombardier geleitet, welcher,
wol infolge seines Unvermögens, die Arbeit richtig zu beurtheilen,
keinerlei Autorität über die Eingeborenen zu haben scheint, und so kommt
es, daß wenig gearbeitet und viel geschwatzt wird. Ich habe längere
Zeit dem Wiederaufbau einer sehr nothwendigen, durch den starken Regen
weggeschwemmten Brücke, bei welchem 10 Mann beschäftigt waren, zugesehen
und konnte keinen Fortschritt der Arbeit wahrnehmen. Die Leute saßen
zusammen, rauchten und unterhielten sich, während der Bombardier (ein
Elsässer) mit uns eine deutsche Unterhaltung anfing. Ab und zu gingen 2
oder 3 Mann nach einem Stein, welchen bequem ein Mann hätte tragen können,
und legten ihn behutsam mit viel Zeitaufwand in den Bergbach, anstatt ihn
an seine Stelle zu werfen, und nahmen dann ihren alten Platz wieder ein.
Ich bin der Ueberzeugung, daß dies auf 20 Frs. zu veranschlagende Tagewerk
von einem fleißigen Arbeiter in einem halben Tage geschafft worden wäre.

Tahu-ata ist, wie schon erwähnt, seit vielen Jahren von den Franzosen
wieder aufgegeben worden; von den Befestigungen und Blockhäusern konnte
ich beim Passiren nichts mehr entdecken. Die Bauwerke sollen von den
Eingeborenen längst abgetragen und das Material von ihnen zum Bau ihrer
Hütten verwendet worden sein.

Das Besitzrecht auf diese, wie auf die andern thatsächlich unabhängigen
Inseln wird dadurch aufrecht erhalten, daß alljährlich einmal ein
französisches Kriegsschiff die verschiedenen Ankerplätze für ein bis
zwei Tage anläuft. Eine Verbindung mit den Eingeborenen scheint aber
auch dann nicht stattzufinden, wenigstens gehen in Fatu-hiva, nach
Aussage der Eingeborenen, die französischen Offiziere und Mannschaften
weder an Land, noch kommen die Eingeborenen auf das Schiff. Ein englisch
sprechender Eingeborener in Omoa gab mir als Grund die Unmöglichkeit einer
Verständigung an, weil auf den französischen Schiffen niemand englisch und
von den Eingeborenen keiner französisch verstände; die Ursache liegt aber
tiefer, da die französischen Seeoffiziere größtentheils so viel englisch
verstehen, um sich verständlich machen zu können. Der Grund liegt einfach
in dem ausgeprägten Haß, welchen die Insulaner gegen die Franzosen hegen
und welchem sie auf den andern Inseln auch ungescheut Ausdruck geben.
Der Sohn der sogenannten Königin von Nuka-hiva, ein Mann von etwa 25
Jahren, welcher in Paris erzogen worden ist, sprach sich einigen unserer
Offiziere gegenüber dahin aus, daß sie das französische Joch sofort
abwerfen würden, sobald sie auswärtiger Hülfe gewiß seien. Auch bestätigte
ein dort lebender Däne, welcher wol nationaler Ueberlieferung gemäß
mit französischem Wesen sympathisiren muß, das Vorhandensein einer sehr
feindlichen Stimmung gegen die Franzosen; des abfälligen Urtheils eines
Engländers will ich hierbei gar nicht Erwähnung thun.

Die Bodengestaltung der Inseln ist eine ganz merkwürdige und bei allen
eine auffallend übereinstimmende. Die Marquesas-Inseln erheben sich nicht,
wie dies in der Regel bei derartigen Inseln der Fall ist, kegelförmig aus
dem Meere, sondern auf einer länglichen, nach den Enden spitz zulaufenden
Basis steigt ziemlich genau in der Mittellinie ein Gebirgsrücken von 1000
bis 1250 m Höhe mit scharf gezacktem steilen Kamm an, welcher die Insel
ihrer ganzen Länge nach in zwei voneinander vollkommen abgeschiedene
Hälften theilt, da ein Uebersteigen dieses an seinen Endpunkten fast
senkrecht nach dem Meere abfallenden Bergrückens unmöglich scheint
und wol auch unmöglich ist. Nimmt man an, daß der Fuß des eigentlichen
Bergrückens da beginnt, wo zwischen den nachher genannten Rippen, welche
sich rechtwinkelig an den die Insel durchschneidenden Bergrücken anlehnen,
das ebene Gebiet der kleinen Thäler aufhört, dann erhält man für diese
obere Felsenwand eine Basis, welche an den schmäleren Stellen der Insel
etwa gleich der Höhe ist, an den äußersten Enden die Höhe des Bergrückens
lange nicht erreicht. Dies gibt der Insel das äußere Ansehen eines
langgestreckten Keils, der für das Auge so scharf erscheint, daß man ihn
unwillkürlich mit einer auf dem Rücken liegenden Messerklinge vergleicht,
zumal der obere Kamm eine so geringe Dicke zu haben scheint, daß man nicht
versteht, wie dieses Gestein Jahrtausenden trotzen konnte. Man hat das
Gefühl, als ob ein Geschoß diese Felsenwand durchschlagen müßte, und wird
in dieser Anschauung dadurch noch bestärkt, daß an verschiedenen Punkten
nahe dem Gipfel sich dem Auge in der Felsenwand Durchbrüche oder Löcher
bieten, an welchen man keine für das Auge meßbare Dicke des Gesteins
feststellen kann. Selbst die Natur scheint sich dessen bewußt gewesen zu
sein, wie künstlich das von ihr hier aufgeführte Bauwerk ist, denn sie
hat den Mittelrücken mit rippenähnlichen Strebepfeilern versehen, wie der
Baumeister große Steinwände abstrebt. Diese Seitenrippen lehnen sich an
den schmalen Enden der Insel unter sehr steilem Winkel an das Hauptgebirge
an und reichen hier, wo der Mittelkamm eine geringere Höhe hat, bis zu
dessen Gipfel hinan. Im allgemeinen indeß zweigen sie sich von der halben
Höhe aus ab und laufen dann unter einem Winkel von etwa 45° nach dem
Meere zu aus, wo sie kleine Buchten mit fruchtbaren Thälern bilden, wenn
sie sich, allmählich abfallend, in das Wasser senken, aber sich in steile
Klippen umwandeln, wenn sie plötzlich, wie absichtlich jäh unterbrochen,
eine senkrecht nach dem Wasser abfallende Wand als Abschluß erhalten.
In diesem letztern Falle hat man dann das äußere Bild der Giebelwände
einer Reihe dicht nebeneinander gestellter Schuppen, da die Oberfläche
der Rippen fast überall wellenartig gebildet ist, und die einzelnen
Wellen fast gleiche Form und Höhe mit spitzem Winkel sowol am Kamme wie
im Thale zeigen. Dieser Wechsel gibt der Landschaft großen Reiz, welcher
noch dadurch erhöht wird, daß aus den Einschnitten der oft hoch über der
Meeresfläche liegenden Giebel häufig sich kleine Bäche oder Wasserfälle
ergießen und ihr Wasser direct in das Meer hinabstürzen lassen, ohne die
senkrechten Felswände zu berühren.

Das Bild, welches sich dem Beschauer an der Leeseite der Inseln als Ganzes
bietet, ist etwa das folgende.

An eine mächtige Felsenwand, welche in der Höhe nur mit Gräsern und
kleinen Sträuchern bewachsen ist, zwischen denen hier und da eine
vereinzelte Kokospalme, von welcher man nicht weiß wie sie dorthin kommt,
sich erhebt, lehnen sich Bergabhänge, welche auf ihrem Rücken in der
Regel keinerlei Cultur zeigen, daher auch wol nicht culturfähig sind,
wahrscheinlich aus Mangel an Erde und Wasser, sowie wegen Ueberfluß an
Sonne. Die zwischen den Abhängen liegenden Thäler, welche selten eine
große Tiefe haben, zeigten zu unserer Zeit eine Ueppigkeit der Vegetation,
wie sie nicht reicher gedacht werden kann. Die Thäler waren mit solchen
Laubmassen angefüllt, daß man hätte wähnen können, die hohen Bergwände
seien eines reichen Laubschmucks entkleidet worden und das ganze abrasirte
Laub habe sich in dicken Wolken in den Thälern abgelagert. Auch am Lande
konnte dieser Eindruck keine wesentliche Aenderung erfahren, weil der
aus Brotfruchtbäumen, Kokospalmen, Orangen- und andern Fruchtbäumen
verschiedener Art gebildete Wald ein so dichtes Laubdach hatte, daß
die Sonnenstrahlen nur sehr vereinzelt Durchgang fanden. Immer wird
hier die Vegetation jedoch nicht in so überreicher Fülle prangen --
glücklicherweise, darf man sagen, denn die letzten zehn Monate waren eine
ununterbrochene scharfe Regenzeit, welche das Laub zu seltener Kraft
und Schönheit getrieben, die Früchte aber vom Reifen abgehalten hatte.
So haben wir, die wir zur richtigen Reifezeit hier waren, nur halbreife
Früchte erhalten können. In der Regel sollen die Marquesas-Inseln
vorzugsweise an Dürre, welche oft einen an Hungersnoth grenzenden Zustand
erzeugt, leiden, doch sollen geregelte Jahreszeiten überhaupt selten sein.
Entweder herrschen unaufhörliche schwere Niederschläge, oder das Wasser
fehlt ganz.

Ich kehre zu meinem Bilde zurück. Von den höhern Regionen des
Mittelgebirges stürzen Wasserfälle in die Thäler hinab, welche während der
wolkenbruchartigen Regengüsse oft von großer Schönheit sind, ihre Kraft
und ihr ganzes Ansehen aber sofort verlieren, sobald der Regen aufgehört
hat. An der Südküste von Nuka-hiva, welche ich in ihrer ganzen Länge
passirte, habe ich mit Ausnahme des einen besonders großen Wasserfalls
keinen der von Krusenstern enthusiastisch geschilderten Wasserfälle
entdecken können, obgleich wir in der stärksten Regenzeit dort waren.

Die schmalen Enden der Inseln werden durch steilabfallende Felswände
gebildet und man sieht hier häufig schroffe, dunkelgefärbte Steingebilde,
welche, von dem Hauptlande abgelöst, der Landschaft an diesen Stellen ein
wildzerrissenes Ansehen geben, während die Inseln im allgemeinen und für
die Hauptmasse des Landes diese Bezeichnung nicht verdienen.

Ueber die Ertragfähigkeit des Landes glaube ich mich erschöpfend dahin
aussprechen zu können, daß das Land wol im Stande wäre, viele Kokosnüsse
zu liefern, weil der Baum insofern sehr genügsam ist, als er eigentlich
nur Seeluft beansprucht. Je näher am Strande, desto besser für ihn; ob
er dort fetten Boden oder magern Sand findet, ist ihm gleichgültig;
ja es wird sogar behauptet, daß der unvermischte Korallensand ihm am
zuträglichsten sei. Die Eingeborenen arbeiten aber nicht und so bleibt
diese Ertragsquelle unausgenutzt. Baumwolle wird auch in guter Qualität
gewonnen, es ist aber mit Ausnahme von Dominica und in beschränkterm
Maße auch Nuka-hiva nicht genügend Land verfügbar, um nutzbringende
Baumwollpflanzungen anlegen zu können, weil das vorhandene Land ganz für
die den Lebensunterhalt der Eingeborenen bildenden Früchte in Anspruch
genommen wird.

Handel wird zur Zeit eigentlich nicht getrieben, weil man die jährlich
nur aus einigen kleinen Schoonerladungen bestehenden Producte wol nicht
als solchen rechnen kann.

Die Bevölkerung der Marquesas-Inseln zeigt keinen einheitlichen Typus,
man findet vielmehr auf jeder Insel, ja sogar in jedem Thal einen andern
Menschenschlag, und wenn der Unterschied zuweilen auch nur gering ist,
so ist er immerhin doch in die Augen fallend. Ich selbst kann allerdings
nur von den Eingeborenen von Nuka-hiva und Fatu-hiva sprechen, doch wurde
mir berichtet, daß die Eingeborenen von Dominica einer ganz andern Rasse
angehören. Auf Fatu-hiva habe ich die beiden Hauptthäler besucht, auf
Nuka-hiva nur oberflächlich die Bewohner von Port Anna-Maria gesehen,
wie denn ja meine Beobachtungen überhaupt nur ganz oberflächliche sind
und keinen Anspruch auf wissenschaftlichen Werth erheben können. Wäre
die Annahme richtig, daß die Inseln der Südsee, wie von verschiedenen
Seiten behauptet wird, Ueberreste eines versunkenen Continents und die
Bevölkerungen der verschiedenen Inseln die Nachkommen derjenigen sind,
welche sich bei der Katastrophe auf die Berggipfel gerettet haben, dann
könnte man behaupten, daß in altersgrauer Zeit ein fremder Volksstamm
einen Einfall in das jetzige Gebiet der Marquesas-Inseln gemacht habe, von
der Katastrophe überrascht worden sei und sich mit den Einheimischen auf
die Berge rettete, um sich später mit ihnen in die übriggebliebenen Inseln
zu theilen. Andernfalls bleibt nur die Annahme übrig, daß die Ursache
der Verschiedenheiten in vielfachen Kreuzungen mit hierher verschlagenen
Bewohnern anderer Inseln, sowie mit den früher hier verkehrenden
Walfischfängern liegt, weil Frauen wie Mädchen dieser Inseln dem Fremden
als ein Gebot der Gastfreundschaft zur Verfügung gestellt werden.

Was das Aeußere betrifft, so haben mir die Bewohner von Omoa am besten
gefallen; ich bemerkte unter diesen einige wirklich schöne Menschen, doch
fand ich im Widerspruch mit den frühern Berichten die Männer schöner wie
die Frauen. Unter ihnen waren viele wirklich auffallend hübsche Gestalten
mit schön geformten und muskelkräftigen Gliedern. Die Gesichter zeigten
auch schöne Züge, und so wild und verwegen diese Leute infolge ihrer
reichen Tätowirung auch aussahen, so entdeckte man doch, wenn man sie
schärfer betrachtete, die gutmüthigsten Züge. Auf die Tätowirung wird
hier außerordentlich viel Werth gelegt, und ich muß gestehen, daß diese
fast ganz nackten Menschen durch ihre eingeäzte reiche Malerei eigentlich
anständig angezogen sind. Ich hatte das Gefühl, daß diese Leute in ihrer
Nationaltracht sich in jeder europäischen Stadt auf der Straße zeigen
könnten, ohne daß der Mangel an Kleidung auffallen würde; jedenfalls
verhüllt diese musterreiche Malerei mehr, wie ein einfarbiges Tricot dies
zu thun vermag. Ich kann nicht leugnen, daß diese tätowirten Menschen
einen tiefen Eindruck auf mich gemacht haben und ich es bedauern würde,
wenn diese Sitte abkäme; ich kann daher auch nicht verstehen, wie der
Commodore Powell diese Leute als durch Tätowirung entstellt bezeichnen
kann, doch dies ist Geschmackssache. Ich kann mir wol denken, daß man
mit diesen bunten, wild aussehenden Gesichtern unsere Kinder schrecken
kann, scheußlich sehen die Köpfe deshalb aber noch nicht aus. Daß die
hier lebenden Europäer gegen das Tätowiren eifern, hat den einfachen
praktischen Grund, daß mit dem Aufhören dieser Sitte die Sitte des
Kleidertragens einzieht und die Kleider nur von den Weißen bezogen
werden können. Die englischen Missionare und die Kaufleute ziehen hier
an demselben Strang, denn beide leben vom Handel. Der Eingeborene hat
keine Verwendung für Geld; Taback und gleichartige Genußmittel schaffen
zu wenig, Eisenwaaren haben einen zu langen Bestand, Branntwein geht
gegen die eigenen Interessen, weil man den Eingeborenen arbeiten sehen
will, um die Früchte seines Fleißes einzuheimsen. Da sind nun Kleider das
beste Tauschobjekt. Für wenig Geld erhält man von Europa ein großes Stück
leichten Stoffes, und ist die Sitte der Bekleidung allgemein eingeführt,
dann bringt diese durch die Masse den Gewinn, weil Männer, Frauen und
Kinder dieser bald sehr strengen Sitte gleichmäßig unterworfen sind.
Soll ein Handelsartikel gefunden werden, welcher den Europäern Gewinn
bringt und die Eingeborenen gleichzeitig zur Arbeit erzieht, dann ist der
eingeschlagene Weg wol richtig; aber eine religiöse Nothwendigkeit zum
Kleidertragen liegt für diese Menschen nicht vor, weil das Schamgefühl in
so hohem Grade ausgebildet ist, daß es uns Europäern geradezu lächerlich
vorkommt. Denn es werden z. B. zwei gleichalterige Männer, wenn sie auch
ganz allein unter sich sind, nie beim Baden sich ganz entkleiden, wie es
bei uns doch sehr häufig vorkommt. Ich beobachtete einmal in Omoa zwei
Männer, welche in ihrem Kanu vom Fischfang kamen und in ziemlich großer
Entfernung von dem Dorfe, wo ich mich befand, mit der Brandung auf den
Strand liefen, um das leichte Fahrzeug nach dem ersten Auflaufen auf den
Strand schnell vor der Rückkehr der Brandung ganz aufs Trockene zu ziehen.
Da die Brandung fortwährend über das Kanu und dessen Insassen hinwegbrach,
so hatten die beiden Männer sich ihrer dürftigen Kleidungsstücke auch noch
entledigt und dieselben um den Kopf gewunden. Der hinten im Boot sitzende
Mann hatte sich aber einen Lappen vorgebunden und der vorn Sitzende
kehrte dem andern während der ganzen Landung stets den Rücken zu, sofern
er nicht anderweit gedeckt war, bis sie ihre Kleidung wieder angelegt
hatten. Wenn somit aus moralischen Gründen die Sitte des Kleidertragens
nicht erforderlich ist, so würde es doch ein gutes Werk sein, wenn man die
Eingeborenen hierfür gewinnen könnte, weil meiner Ansicht nach der Mangel
an Kleidung die Hauptursache des Aussterbens dieses Menschenstammes ist.
Ich will dies zu beweisen versuchen.

Es wird behauptet, daß an der rapiden Abnahme der Bevölkerung der
Marquesas-Inseln die folgenden Ursachen Schuld tragen:

1. Die Sitte der Vielmännerei bei den Frauen. Dieselbe ist nicht in der
Weise vorhanden, wie nach Berichten angenommen werden muß. Die Leute
leben vielmehr in unserer Ehe ähnlichen Verhältnissen, d. h. ein Mann
und eine Frau leben in der Regel zusammen und sorgen für ihre oder für
fremde Kinder. Die Ehe wird indeß nicht auf Lebenszeit geschlossen,
sondern kann jederzeit dadurch gelöst werden, daß entweder der Mann
seine Frau wegschickt oder die Frau ihren Mann verläßt. Beide Theile
sind in dieser Beziehung frei und ganz gleichberechtigt. Die Frau
kann sich weder der Ausweisung widersetzen, noch kann der Mann seine
weggegangene Frau zurückfordern oder mit Gewalt zurückholen. Eheliche
Treue ist keine Tugend, weil das Verhältniß jederzeit gelöst werden
kann, wenn der eine Theil dies wünscht. Die Kinder scheinen, sobald
sie ein gewisses Alter erreicht haben, Gemeingut zu sein, jedenfalls
werden sie von jedermann gut behandelt und beschützt. Die Leute eines
Dorfes oder Thales bilden somit gewissermaßen eine große Familie, in
welcher die einzelnen Glieder gewohnheitsmäßig paarweise zusammenleben,
solange Neigung sie zusammenhält. Vielmännerei kommt zwar insofern vor,
als die nicht verheiratheten Männer zeitweise mit der Frau eines Andern
und zwar mit dessen Einwilligung für eine bestimmt verabredete Zeit
zusammenleben, aber nur dann, wenn keine Mädchen vorhanden sind, welche
mit diesen Junggesellen die Probe machen, wie es im Ehestande hergeht. Ob
diese Freiheit der Sitten nun wirklich von nachtheiligem Einfluß auf das
Wachsthum der Bevölkerung ist, wird schwer zu entscheiden sein, da die
Zahl der prächtig aussehenden Kinder zur Zeit eine recht große ist. Muß
der nachtheilige Einfluß aber nach unumstößlichem Naturgesetz vorliegen,
dann wird eben von der bestehenden Freiheit sehr wenig Gebrauch gemacht,
und ich glaube das letztere. Es ist allerdings eine Thatsache, daß die
Männer ihre Frauen auf die früher hier häufiger zu Anker kommenden
Walfischfänger geschickt und sie zwei bis drei Tage auf dem Schiff
belassen haben, weil sie dann manches Werthvolle für die Gemeinde mit ans
Land gebracht haben, die Schiffe kamen aber doch immerhin so selten und
sind so schwach bemannt, daß dieser Einfluß kein einschneidender gewesen
sein kann.

2. Die fast ununterbrochenen Kriege zwischen den benachbarten Thälern.
Wie mir ein deutscher katholischer Missionar und ein englisch sprechender
Eingeborener übereinstimmend versicherten, kommen diese sogenannten
Kriege, wenn auch nicht häufig, zwar immer noch vor, verlaufen aber
stets unblutig. Die ursprünglichen Waffen existiren gar nicht mehr und
es werden nur noch Feuerwaffen gebraucht, zu denen aber entweder die
Munition fehlt, oder die Waffen sind in so verkommenem Zustande, daß sie
kaum noch gebrauchsfähig sind. Die Kriege entstehen gewöhnlich durch
Landstreitigkeiten und werden in der Weise durch Verrath entschieden,
daß die eine Partei die andere überrascht und Sieger wird, mithin die
Bedingungen stellen kann, welche die unterliegende Partei annehmen
muß. Diese Kriege können daher unmöglich die Ursache der allmählichen
Entvölkerung sein.

3. Der übermäßige Genuß von Branntwein. Der Trunk scheint hier allerdings
das alles beherrschende Laster zu sein, welchem vorzugsweise die rasche
Abnahme der Bevölkerung zugeschrieben werden muß, wenn eine Abnahme
wirklich stattfindet; letzteres kann noch angezweifelt werden, da der
deutsche Missionar, dessen Angaben ich vollen Glauben schenke, vor sechs
Monaten auf Fatu-hiva über 700 Seelen gezählt hat, während der englische
Commodore Powell im Jahre 1867 nur 500 als die Einwohnerzahl dieser
Insel angibt. Aber wirklich angenommen, daß die stets sich wiederholenden
Klagen über das Aussterben dieser Eingeborenen begründet sind, so liegt
die Ursache hier nicht in den directen Folgen der Trunksucht, sondern
der Trunk tödtet meiner Ansicht nach nur auf indirectem Wege. Vor allen
Dingen muß hervorgehoben werden, daß die Leute auf diesen Inseln, wo
keine Europäer leben, sich ihren Rausch nicht in europäischem oder
amerikanischem Schnaps, von welchem in Port Anna-Maria die ganze Flasche
nur 10 Pfennig kostet, antrinken, sondern in einem selbstbereiteten
berauschenden Getränk, welches aus gegorener Kokosmilch gewonnen wird
und wegen fehlender Beimischungen der Gesundheit sehr viel weniger
schädlich ist, als die billigen, von den klugen Weißen zusammengebrauten
Höllentropfen es sind. Erwägt man, daß die Männer sich allabendlich
gemeinsam bis zur vollsten Besinnungslosigkeit betrinken, so müßte man
nach unsern Erfahrungen über Säufer jedenfalls annehmen, daß die große
Mehrzahl der Männer die äußern Merkmale des Säufers tragen müßte, daß sie
nicht nur des Abends sondern auch am Tage trinken würden, und schließlich,
daß jede Nachkommenschaft ausgeschlossen wäre. Von alledem ist hier
aber nichts zu merken. Die äußerlichen Merkmale des Säufers habe ich
bei keinem entdecken können, wenngleich mein Gewährsmann, der englisch
sprechende Eingeborene, mir sagte, daß er arbeite und dies nur könne,
weil er sich nicht betrinke, obgleich er auch ganz gern trinke, aber
stets Maß halte, während die andern so viel tränken, daß sie am andern
Tage nicht arbeiten könnten. Ferner trinken die Leute nur des Abends und
bleiben am Tage der Flasche fern, können aber auch am Abend enthaltsam
sein, wie sie es während unsers Aufenthalts in Omoa durchgeführt haben,
und zwar aus einem gewissen Schamgefühl vor uns, wie zwei zu verschiedenen
Zeiten befragte Eingeborene übereinstimmend versicherten. Sei es nun,
daß wirklich Scham sie vom Trinken abgehalten, oder daß die Ankunft des
Schiffes die Geister so angeregt hatte, daß sie auf das gewohnte Gelage
verzichteten, Thatsache bleibt es, daß das Trinken noch nicht die Form
des gewohnheitsmäßigen Betrinkens angenommen hat. Ich glaube überhaupt
nicht, daß die Leute trinken um zu trinken, sondern nur um den langen
Abend zu verkürzen und einen Schlaftrunk zu nehmen -- sie trinken aus
Langeweile. Man muß bedenken, daß hier tagaus tagein die Nacht um 6 Uhr
abends und der Tag erst 6 Uhr morgens beginnt, also Tag für Tag 12 Stunden
Nacht. Da nun Arbeit unbekannt ist und die Leute den ganzen Tag träge im
Nichtsthun hinbringen, so fehlt ihnen am Abend die körperliche Abspannung,
um 12 Stunden schlafen zu können. Da ferner die Eingeborenen jedes Thales
auf sich angewiesen sind, Schiffe hier nicht anlaufen, Kindererziehung
überflüssig ist, keine Person etwas thun kann, was nicht jeder sieht,
so fehlt aller Unterhaltungsstoff, nicht einmal klatschen können sie.
Schließlich fehlt ihnen auch noch der Taback, um die Zeit mit Rauchen zu
vertreiben, und so bleibt diesen bedauernswerthen Menschen, solange die
französische Regierung nicht für Handel und Wandel sorgt, weiter nichts
übrig als das Trinken. Daß der Abendtrunk nur als Schlafmittel gebraucht
wird, kann vielleicht auch daraus gefolgert werden, daß das Getränk nahezu
geschmacklos ist, also auch der Kitzel der Geschmacksnerven nicht in
Rechnung zu ziehen ist.

Das Getränk wird gleich für das ganze Gemeinwesen bereitet und in einem
großen Bambusrohr aufbewahrt, welches am Strande liegt und jedermann
zugänglich ist. Das Herausziehen eines Stöpsels genügt, um sich die neben
der großen Flasche liegende Kokosnußschale füllen zu können. Abends nach
Sonnenuntergang versammeln die Männer sich um ein Feuer, und auch die
Frauen kommen, um ihnen für einige Zeit Gesellschaft zu leisten; die
Männer trinken solange bis sie liegen bleiben, während die Frauen Maß
halten und sich nach einiger Zeit zurückziehen, um die Nacht in ihren
Hütten zu verbringen. Hierbei wird nun meines Erachtens der Keim zu vielen
unheilbaren Krankheiten gelegt. Das Klima, welches in der trockenen
Jahreszeit ja so heiß ist, daß man froh sein muß, wenn man möglichst
leicht bekleidet herumlaufen kann, ist in der Regenzeit frisch und während
der Nacht viel zu rauh, um unbekleidet schlafen zu können. Die Leute
müssen bei dem Mangel an Kleidung und dem Fehlen aller schützenden Hüllen,
wie Decken oder Matten, daher des Nachts schon in ihren Hütten unter der
Kälte leiden, und müssen geradezu frieren, wenn der Rausch sie verhindert,
das wenigstens etwas schützende Dach aufzusuchen, und sie statt dessen
unter freiem Himmel liegen bleiben, wo ihre nackten Körper nicht nur dem
kalten Regen, sondern auch der rauhen Nachtluft voll ausgesetzt sind.
So wird der innere Organismus dieser Menschen nicht direct durch den
Trunk zerstört, sondern dadurch, daß durch häufige Erkältungen und danach
durch mangelnde Pflege lebensgefährliche Krankheiten und in erster Reihe
viele Fälle von Lungenschwindsucht entstehen. Zu unserer Zeit war die
ganze Bevölkerung erkältet, Weiber und Kinder hatten den Schnupfen, die
Männer husteten stark, und der Schiffsarzt will aus dem von allen Seiten
ertönenden Husten vornehmlich Schwindsuchtshusten herausgehört haben. Nach
allen Berichten soll Lungenschwindsucht hier auch sehr verbreitet sein.

Alte Männer habe ich in den beiden von mir besuchten Thälern auf Fatu-hiva
nur drei gesehen, alte Frauen mehrere; ich glaube daher, daß die Weiber,
welche mehr bekleidet sind und sich nachts in ihren Hütten aufhalten, den
schädlichen Witterungseinflüssen weniger unterworfen sind und aus diesem
Grunde ein höheres Alter erreichen. So wird aller Voraussicht nach dieser
in sich abgeschlossene Menschenstamm in nicht zu langer Zeit infolge
der Erblichkeit der Lungenschwindsucht ausgestorben sein. Wie sehr diese
Menschen zeitweise unter der rauhen Witterung leiden, dürfte auch daraus
hervorgehen, daß diese Leute, welchen die größte Gleichgültigkeit gegen
das Tragen von Kleidern nacherzählt wird, während unserer Anwesenheit
nur danach trachteten, alte Kleider zu erwerben. Für Geld war nichts,
für alte Kleider alles zu haben. Ein nackter Eingeborener kam mit seinem
ganzen, aus nahezu 100 Dollars bestehenden Vermögen an Bord, um dafür alte
Kleider zu erwerben, und daß er gleich eine so große Summe mitbrachte,
zeigt jedenfalls, welch geringen Werth er auf das Geld und welch hohen
er auf Kleidungsstücke legte. So könnte eine wohlwollende Regierung oder
Missionsgesellschaft gewiß leicht die Sitte der Bekleidung einführen, wenn
zur richtigen Zeit eine verhältnißmäßig unbedeutende Summe gespendet und
versucht würde, die Eingeborenen zunächst zur Arbeit zu erziehen, anstatt
sie mit Lesen und Schreiben zu belästigen, was sie nicht gebrauchen, und
ihnen christliche Lehren zu predigen, welche sie noch nicht verstehen.
Da aber voraussichtlich aus dieser Insel Fatu-hiva, von welcher ich
hauptsächlich spreche, nie ein Gewinn zu ziehen sein wird, läßt man die
Eingeborenen verkommen, anstatt ihnen aus christlicher Liebe zu helfen. --

Ich will nun zu meinen eigenen Erlebnissen übergehen, bei deren Erzählung
noch mancherlei zu Tage treten wird, was das Vorstehende ergänzt.

Nach ziemlich vierwöchentlicher Fahrt waren wir am 13. Mai abends der
südlichsten der Marquesas-Inseln so nahe gekommen, daß es nöthig wurde,
während der Nacht mit kleinen Segeln zu laufen, um das Land nicht vor
Tagesanbruch zu erreichen. Vorsicht war um so mehr geboten, als es
stürmisch war, die See hoch ging und der Mond durch dickes Gewölk verdeckt
wurde. Mit Tagesanbruch am 14. wurden die Segel wieder gesetzt, und gegen
8 Uhr vormittags traten aus dickem Regengewölk die Umrisse der Insel
hervor. Unsere Position war genau richtig, was bei einer Reise von 3000
Seemeilen, ohne Land gesehen zu haben, immer etwas zweifelhaft ist, weil
die Chronometer doch auch zuweilen ihre Mucken haben und man so ziemlich
auf diese allein angewiesen ist, wenn es sich um die Richtigkeit der Länge
handelt. Wir waren zunächst an der Wetterseite der Insel, welche mit ihren
1200 m hohen Bergwänden die von dem Passatwind angetriebenen Wolkenmassen
auffängt und hierdurch an dieser Seite fast bis zum Wasserspiegel in
dichtes Gewölk eingehüllt ist, eine Erscheinung, welche sich bei allen in
der Passatregion liegenden hohen Inseln während der Regenzeit wiederholt.
Mit dem Näherkommen wird der Wolkenschleier allerdings durchsichtiger,
doch nicht genügend, um eine Totalansicht der Insel erhalten zu können.
Immerhin löst sich wenigstens die Südspitze der Insel aus dem Gewölk
heraus und bietet uns einen schönen Blick. Wie die Ansicht der Südspitze
von Fatu-hiva mit dem Thal Omoa zeigt, erhebt sich hier der Mittelkamm der
Insel nahezu senkrecht aus dem Wasser, steigt in seltsam gezackter Linie
beinahe 700 m hoch und zieht sich, allmählich bis zu einer Höhe von 1200 m
anwachsend, durch die ganze Insel hindurch. Es ist ein außerordentlich
fesselndes Bild.

Aus den schönen blauen Fluten, welche in hohen Wogen mit mächtigen weißen
Schaumköpfen gegen das Land heranrollen, erhebt sich in majestätischer
Ruhe diese wunderlich geformte Klippenwand. An ihrem Fuße bricht sich
die Kraft der Wogen, welche zu weißem dampfenden Gischt gepeitscht an
diesem ehernen Wunderwerk hinauflecken und brodelnd und schäumend den Fuß
zu unterwühlen suchen. Unten ewige Unruhe, fortwährendes Anstürmen der
Meeresgewalten, oben feierliche Ruhe. Hier steht diese Felsenwand, wie
sie schon seit Jahrtausenden dagestanden hat, überall, wo überhaupt nur
etwas wachsen kann, mit grünem Gras und Moos bewachsen, und nur dort kahl
und finster, wo von den vorspringenden Steinrücken der jahraus jahrein
wehende Passatwind jedes Stückchen Erde, jedes Samenkorn wegfegt und
sie in die geschützteren Schluchten schleudert, wo die Erdkrumen Ruhe,
die Samenkörner Gedeihen finden. So kommt es, daß die Steinpfeiler sich
besonders scharf aus dem Landschaftsbilde herausheben, weil ihre Rücken
schwarz sind, die umliegenden Wände aber ein grünes Kleid haben. Oben
auf den einzelnen Zacken der Felsenwand stehen Sträucher, auf dem Kamm
einige Kokospalmen, welche sich scharf von dem blauen Himmelshintergrunde
abheben und ihre großen Blätter in dem frischen Winde spielen lassen.
Dieses an saftigen frischen Farben, sowie an schönen und kühnen Linien
so reiche Bild wird noch anziehender durch den Contrast, welchen es mit
seiner nächsten Umgebung zeigt. Denn während dieses Stück Land von der
Sonne hell beschienen wird, der blaue Himmel sich über ihm wölbt, wird
das dicht daneben liegende Land von Regenwolken vollkommen eingehüllt und
der ganze Horizont ist mit festen Wolkenmassen, welche an verschiedenen
Stellen wolkenbruchartige Regengüsse entsenden, umlagert.

Der Passat weht frisch, unser Schiff hat schnellen Lauf, das Land rückt
rasch näher, es ist nicht mehr weit bis zu der Cap Venus genannten
Südspitze der Insel, und der Ankerplatz liegt gleich auf der andern Seite
des Caps, unsern Augen fast bis zu dem Augenblick des Ankerns verborgen.
Von Menschen ist vorläufig noch nichts zu sehen, weil dieselben die
Wetterseite der Inseln nicht bewohnen und Cap Venus die ganze Südseite
von Fatu-hiva nach der Seite, von welcher wir kommen, abschließt, sonst
auch kein Weg und Steg um dieses Cap herumführt, weil die Natur hier
die Anlage eines Weges verbietet. Den Bewohnern bleibt daher auch die
Ankunft eines von Osten kommenden Schiffes bis zum letzten Augenblick
verborgen. Ich hätte dem Schiff vorher so viel Fahrt geben können, um
von dem Cap an ohne Segel bis auf den Ankerplatz zu schießen; die Karten
sind aber noch nicht ganz zuverlässig, auch ist es nicht gerathen, ohne
Lootsen einen ganz fremden Platz anzulaufen, ohne ihn zuerst aus gewisser
Entfernung zu besichtigen und sich zu orientiren. So ging ich nicht dicht
unter das Land, sondern blieb weiter ab und versuchte mit kleinen Segeln
den noch auf tiefem Wasser liegenden Ankerplatz zu erreichen. Ich lief
damit Gefahr, nicht sofort zu Anker zu kommen, da man an der Leeseite
solch hoher Inseln gewöhnlich unstete Winde trifft, doch blieb mir
mit Rücksicht auf die Sicherheit des Schiffes keine Wahl. Das Cap wird
umschifft, ein köstliches Thal öffnet sich vor unsern Blicken, dessen
genauere Besichtigung mir aber noch nicht erlaubt ist, weil die Führung
des Schiffes mich ganz in Anspruch nimmt. Langsam geht es dem Ankerplatz
zu, die Segel sind schon weggenommen, da stößt der Wind von vorn und
drängt uns wieder hinaus. Es ist gerade 12 Uhr mittags und keine Aussicht
bleibt, unter Segel allein den Ankerplatz vor dem Abend zu erreichen.
Ich lasse daher in einem Kessel Dampf machen, das Schiff wird unter den
wieder gesetzten kleinen Segeln beigedreht und die Mannschaft zum Essen
geschickt. Nun wird mir Gelegenheit, das Thal Omoa oder Bon Repos-Bai,
wie die Franzosen es nennen, mit Muße zu betrachten.

Die das Cap Venus bildende Klippe fällt an dieser Seite ebenso steil
ab wie an der andern, zeigt auch dieselben Umrisse, zieht sich aber
halbkreisförmig zurück und bildet einen Kessel, welcher durch malerisch
gruppirte Höhenzüge, schöne Thäler und überreiche Vegetation ausgefüllt,
ein Bild abgibt, welches jeden packen muß. Besonders malerisch treten auf
einem Höhenzuge einige Felsnadeln hervor, welche in ihrer Form so sehr den
Pappeln ähneln, daß man sie für riesige Bäume dieser Art halten könnte,
zumal das auf ihnen wachsende Gras und Moos ihnen auch das grüne Kleid
gibt. Unten im Thal öffnet sich der Strand, einige Hütten leuchten aus dem
überreichen Pflanzenwerk hervor, mit dem Fernrohr sind auch Eingeborene
am Strande zu erkennen, sie können indeß das vor uns liegende Bild nicht
beleben, weil unsere Entfernung von ihnen zu groß ist.

Während wir angesichts des Ankerplatzes liegen und darauf warten müssen,
daß die Maschine Dampf bekommt, stößt ein Kanu vom Lande ab und kommt
auf uns zu. In demselben befinden sich sechs Personen, welche alle
hintereinander sitzen, weil das Fahrzeug so schmal ist, daß in der
Breite nur ein Mensch Platz findet. Das Fahrzeug nähert sich schnell, die
muskulösen Ruderer geben ihm durch das Arbeiten mit den kurzen Rudern,
welche mit beiden Händen gefaßt senkrecht in das Wasser eingetaucht und
dicht an dem Bootskörper entlang durch das Wasser gezogen werden, eine
große Geschwindigkeit. Wie ein Seevogel schießt das zierliche elegante
Fahrzeug über die hohen Wellen hinweg. Die vordere Hälfte liegt in der
Luft, wenn es oben über den Wellenkamm klettert, kippt dann nach vorn
herunter, und bergab schießt das gebrechliche Ding, um für kurze Zeit im
Wellenthal zu verschwinden. Die Ruderer bücken sich mit kurzer schneller
Bewegung weit nach vorn, die Ruder senken sich ins Wasser, die Männer
heben sich wieder und das von den Rudern nach hinten geworfene Wasser
spritzt hoch auf; der Vordertheil des Fahrzeugs ist in Wasserstaub
eingehüllt, wenn er aus der Luft in das Wasser zurückfällt, sonst sieht
man an dem Bug nur eine leicht gekräuselte, nach hinten verlaufende Linie,
an welcher der Kenner sieht, daß das Fahrzeug sich außerordentlich schnell
durch das Wasser bewegt und wol eine Geschwindigkeit von 1½ deutschen
Meilen und mehr in der Stunde hat. Die in demselben befindlichen Personen
sind anscheinend vier Europäer und zwei Eingeborene, denn vier sind
bekleidet und zwei sind nackt.

Mit den Europäern hatte ich mich indeß getäuscht. Das Kanu kommt längsseit
und wir sehen schon an den Gesichtszügen, daß alle Insassen Polynesier
sind. Ein Mann steigt als erster aus und kommt an Bord, eine große
kräftige Gestalt in dunkeln Hosen, darüber flatternd ein reines, mit
braunen Blumen besprenkeltes weißes Hemd, ein schwarzer Filzhut auf dem
Kopf und unten barfüßig. Er hat angenehme Gesichtszüge, sein Nasenschnitt
erinnert an denjenigen der nordamerikanischen Indianer, sein langes Haar
ist sehr voll und leicht gekräuselt, das Gesicht bartlos, die Hautfarbe
braungelb und ziemlich hell, und vor allem ist der Mann sauber. Ein
zweiter folgt, ist ähnlich gekleidet, hat kürzeres Kopfhaar, etwas Bart,
einen schwermüthigen Zug im Gesicht, gebogene schmale Nase, spricht
englisch und gibt sich als geborener Tonganer zu erkennen, welcher längere
Zeit in San-Francisco gewesen ist und die deutsche Flagge kennt. Diesem
haben wir wol den freundlichen Empfang zu verdanken, welcher uns später
wurde. Er stellt den zuerst aufs Schiff Gekommenen als den Häuptling
von Omoa vor. Der dritte ist ein kleiner, pfiffig aussehender Geselle,
welcher sein Hemd schon in die Hosen eingesteckt trägt. Er ist Kajütsjunge
auf einem amerikanischen Walfischfänger gewesen und spricht ebenfalls
englisch. Der vierte, etwas reducirt in seiner Kleidung, schon älter an
Jahren, mit intelligentem Gesicht, ist ein Sandwich-Insulaner und spricht
auch englisch. Der fünfte und sechste sind prächtige nackte Kerle, nur mit
dem Maro bekleidet, einem Kleidungsstück, welches auch von den japanischen
Kulis getragen wird. Ein als Gürtel zusammengedrehtes Stück Zeug ist um
die Hüften geschlungen und dient zur Befestigung eines zweiten Zeugstücks,
das vom Nabel ausgehend, zwischen den Beinen durchgenommen und hinten an
dem Gürtel wieder befestigt wird. Bei diesen Leuten, welche die richtigen
Repräsentanten des hiesigen Menschenschlags sind und zwei ausgesucht
schöne Exemplare zu sein scheinen, muß ich etwas länger verweilen.

Die Haare sind seitlich gescheitelt und werden, mit Ausnahme zweier Zöpfe,
welche von den Ohren aus herabhängen, lang und weit abstehend getragen.
Der ganze Körper ist tätowirt und theilweise mit wirklich künstlerischen
Mustern versehen, welche dem Menschen ein ganz eigenartiges Aussehen
geben. Namentlich tritt dies grell bei dem Gesicht hervor, weil die
Malerei hier ganz unsymmetrisch angeordnet ist. Scheinbar zwischen den
Haaren herauskommend, bedeckt ein blaues Dreieck die eine Seite der
Stirn; unter diesem Dreieck läuft ein blaues Band horizontal über die
Augen, welches oberhalb der Augenbrauen beginnt und sich bis zum halben
Nasenrücken erstreckt. Innerhalb dieses Bandes ist mit Ausnahme der
gelblich-weißen Hornhaut des Auges kein heller Fleck zu finden, weil
sogar die Augenlider mit großer Sorgfalt ganz blau gebeizt sind. Daß
die aus solch blauer Umgebung keck und frisch hervorleuchtenden großen
schwarzen Augensterne beim ersten Anschauen einen wilden Ausdruck zu
haben scheinen, liegt auf der Hand; das erste Befremden schwindet aber,
sobald man sich erst gewissermaßen eine geistige Brille aufgesetzt hat,
um die eigentlichen Augen herauszufinden, und hat man sie gefunden,
dann lacht einem ein gutmüthiger Schalk entgegen. Etwas oberhalb der
Nasenspitze beginnt ein zweites Band, welches bis unter die Unterlippe
reicht. Dieses ist jedoch nicht ganz blau, sondern hat willkürlich offen
gelassene helle Flecken, welche kleinere Muster in sich tragen, wie denn
auch das in der Mitte des Gesichts quer über die Nase laufende helle Band
mit kleinen Mustern verschiedener Art ohne bestimmte Ordnung ausgefüllt
ist. Die Malerei des Gesichts erhält ihren Abschluß am Kinn durch ein
dem Stirndreieck diametral gegenüberliegendes kleines Dreieck. Es liegt
auf der Hand, daß ein solches Gesicht, welches durch seine natürliche
hellbraune Farbe, durch frisch-rothe Lippen und schöne weiße Zähne noch
bunter wird, das äußerste Befremden erregt, zumal wenn der Eigenthümer
einer solch bunten Musterkarte dieselbe noch zum Lachen verzieht und seine
Augen fröhlich hin- und herlaufen läßt. Das Auge des Beschauers findet
in solchem Gesicht nirgends Ruhe, alles ist darin unregelmäßig und daher
sowol scheinbar, wie auch in Wirklichkeit in fortwährender Bewegung.
Während in einem natürlich gefärbten Gesicht Muskelbewegungen schon
stärker sein müssen, um einen andern Ausdruck hervorbringen zu können,
genügt hier die geringste Bewegung, um die Malerei zu verändern und das
Gesicht zu einem andern werden zu lassen. Ueber die Tätowirung des übrigen
Körpers ist nur zu sagen, daß sie mit großer Sorgfalt durchgeführt ist
und manch schönes Muster enthält. Besonders bevorzugt sind dabei Arme und
Hände, Unterschenkel und Füße; auf den Armen findet man in der Regel auch
noch den eigenen Namen, sowie solche naher Freunde.

Das Kanu, in welchem die Leute gekommen sind, ist ein außerordentlich
zierliches, leichtes Fahrzeug. Es ist aus zwei Stämmen des
Brotfruchtbaumes zusammengesetzt; der eine Stamm gibt den Boden, der
andere auseinandergeschnitten die Seitenwände. Da dieses lange, schmale
und flache Fahrzeug nun aber gar keine Stabilität hat und daher auf
See stets umschlagen würde, so haben diese Naturvölker sich eine sehr
sinnreiche Sicherung angebracht. Auf ein Viertel der Länge von vorn und
ein Viertel von hinten ist je ein leichter Baumstamm quer über dem Boot
befestigt, welcher an der einen Seite etwa 1 m über das Boot hinausreicht,
an der andern mit der Seitenwand des Fahrzeuges abschneidet. An den Enden
der über das Boot hinausreichenden Arme sind (meistens senkrecht) nach
unten Stäbe befestigt, welche ebenso lang wie das Boot hoch sind und an
ihren untern Enden einen mit dem Boot nahezu parallel laufenden, nach
vorn etwas divergirenden Balken von ungefähr zwei Drittel der Bootslänge
tragen. Die Schwimmkraft dieses Balkens ist so groß, daß das Boot nach der
Seite, welche den Schwimmer trägt, nicht umschlagen kann, andererseits
ist das Gewicht des Schwimmers ausreichend, um das Umschlagen desselben
nach der andern Seite zu verhindern, solange es nicht gar zu ungeschickt
behandelt wird und die Befestigung des Hebelbalkens hält. Die Arbeit
an dem Kanu ist roh, alle die schönen Zierathen, welche man häufig auf
Bildern findet, fehlen hier, die Formen des 10 m langen und 1 m breiten
Fahrzeuges sind aber sehr gefällig und das ganze Kanu sieht aus einiger
Entfernung zierlich und elegant aus.

Nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten, gingen die Eingeborenen
zunächst durch das ganze Schiff, um sich dasselbe anzusehen, und bekamen
dann, als sie auf das Deck zurückgekehrt waren, etwas zu essen. Eine
große Schüssel voll Bohnen wurde auf eine auf dem Deck ausgebreitete
Presenning gesetzt, Corned-beef und Brot dazu gethan, die Insulaner
herbeigeholt und jedem von ihnen ein Löffel in die Hand gegeben, nachdem
vorher einige Aufpasser bestellt waren, welche diese als diebisch
bezeichneten Menschen stets unter Aufsicht halten sollten. Hätte ich
bei dieser Gelegenheit schon, wie wenige Stunden später, gewußt, welch
großen Werth die Leute auf äußere Formen legen, ich hätte ihnen zu dem
Zweck einen abgeschlossenen Raum angewiesen, so aber stand ich noch unter
dem Eindrucke der Reiseberichte und glaubte, diese Leute dementsprechend
behandeln zu müssen. Sie gruppirten sich hockend um die Schüssel, ließen
dem Häuptling ziemlich viel Platz, indem die andern dicht zusammenrückten,
und schienen sich an dem Gericht recht zu erlaben. Ohne Gier, mit Würde
und Anstand aßen sie die für zehn Mann berechnete Portion ziemlich schnell
auf, ließen aber doch von jeder Speise etwas zurück, legten dann die
Löffel, welche sie mit Geschick gebraucht hatten, ordentlich zusammen und
verließen den Speiseplatz. Die vier bekleideten Honoratioren kamen auf die
Commandobrücke, um sich zu bedanken; die beiden andern kletterten wieder
in ihr Kanu.

Gegen 1½ Uhr hatte die Maschine Dampf, die Segel wurden festgemacht, und
unter Annahme der Lootsendienste, welche die Eingeborenen anboten, ging
es nach dem Ankerplatz, wo wir gegen 2 Uhr ankerten. Ich entschloß mich,
sogleich an Land zu gehen, um den Ort zu besichtigen und namentlich zu
versuchen, für meine Mannschaften einigen frischen Proviant zu erhalten.
Vorher wollte ich dem Häuptling noch eine Freude machen und rief ihn in
die Kajüte, um ihm ein wollenes Hemd zu schenken. Die drei andern kamen
natürlich mit und ich mußte nun, ehe ich mein Geschenk los werden konnte,
Zeuge einer sehr komischen und doch zu ernstem Nachdenken anregenden Scene
sein.

In der Vorkajüte stehen an einer Wand auf Sockeln drei Statuetten
nebeneinander, in der Mitte die Ariadne von Dannecker, in ein Drittel
Lebensgröße, rechts die Venus Kallipygos, links die Mediceische Venus,
beide in ein Viertel Lebensgröße. Die Blicke der Insulaner schweifen an
den Wänden entlang, über die dort hängenden Bilder hinweg und bleiben
dann beim Umwenden plötzlich an diesen Statuetten hängen. Mit offenem
Mund und weit geöffneten Augen stehen die Leute stumm da, sehen mich
einen Augenblick an, richten aber ihre Blicke wieder schnell auf die
Bildwerke und stoßen, mit halberstickter Stimme nach Athem ringend, nur
den Staunensruf „'Ai! A-i!'“ aus. Die einzige Frage, welche sie noch zu
stellen wagen, ist die, ob das Thier, auf welchem die Ariadne sitzt,
wirklich ein Bär sei. Von den Männern wilder oder halbcivilisirter
Völkerschaften darf man ja nie äußere Zeichen des Staunens erwarten,
weil es bei ihnen zum guten Ton gehört, gegen Fremdes Gleichgültigkeit
zu heucheln; die Sinne dieser Männer mußten daher sehr gefesselt sein,
wenn sie sich soweit vergaßen, wie sie es gethan haben. Ich war nun aber
nicht sicher, ob das Erstaunen nur der künstlerischen Arbeit oder den
schönen classischen Formen galt, wollte jedoch Gewißheit haben. Ich rufe
die Leute daher in mein Arbeitszimmer, wo zwei colorirte Bilder hängen,
welche zwei duftige leichtbekleidete Mädchengestalten mit bunten Bändern
im Haar darstellen. Auf den Zehenspitzen folgen sie mir, das ganze Gesicht
nur Staunen und Verwunderung. Ich fordere sie auf sich umzudrehen, und in
stiller Andacht bleiben sie vor diesen zarten Mädchenblumen stehen, welche
durch weiter nichts als durch ihre feinen Farben zur Geltung kommen. Kein
Auge wenden sie von den Bildern, als ob sie dieselben sich für immer
einprägen wollten, und ich muß sie schließlich hinausdrängen. Nur mit
Widerstreben folgen sie, und ihre etwas verdüsterten Mienen hellen sich
erst wieder auf, als sie in der Vorkajüte die Puppen wiederfinden und
ich sie auffordere, dort solange Platz zu nehmen, bis ich meinen Anzug
für den Landgang in Ordnung gebracht habe. Ich unterließ aber nicht, die
Thüre zwischen uns offen zu halten, um diese angeblich diebischen Menschen
beobachten zu können, obgleich die offenen, ehrlichen Gesichter eigentlich
jeden Verdacht beseitigen müssen. Die Statuetten haben es den Naturkindern
aber so sehr angethan, daß sie heute keine Zeit zum Stehlen finden,
wenn sie auch sonst Neigung dazu verspüren sollten -- nur diese ziehen
magnetisch ihren Blick an, alles andere ist für sie nicht vorhanden.

Als ich fertig war, rüttelte ich meine Gäste auf, gab dem Häuptling das
ihm zugedachte Hemd, welches er kurzer Hand über sein anderes zog, und nun
ging es in mein Boot, nachdem die Eingeborenen jede Vergütung für die dem
Schiffe geleisteten Lootsendienste entschieden abgelehnt hatten. Einige
Offiziere schlossen sich dem Landgange noch an und wir mußten eilen, wenn
wir noch etwas am Lande sehen wollten, weil der Weg zum Dorfe weit war und
bei Dunkelheit unpassirbar sein soll, wir aber jedenfalls vor Abend wieder
auf dem Schiff sein mußten, wollten wir nicht mit einem sehr unbequemen
Nachtlager vorlieb nehmen. Das Landen mit schweren Schiffsbooten ist hier
stets sehr beschwerlich, weil man nur an einer Klippe landen kann und
hier die See immer hoch geht. Die leichten Kanus laufen einfach auf den
beim Dorfe liegenden Sandstrand, lassen sich von den hoch auflaufenden
Wellen wie eine Blase auf den Sand werfen und werden dann schnell ganz
aufs Trockene gezogen; die Leute sind dabei aber auch gewöhnlich ganz
im Wasser, weil die Brandung so stark ist, daß das Fahrzeug, ehe es
das Land erreicht, durch den Gischt der Brandung hindurch muß. Mit den
Schiffsbooten kann man eine solche Landung nicht wagen und für diese liegt
die Landungsstelle weitab vom Dorfe an den Felsen, wo an der am weitest
vorspringenden Stelle ein platter Stein aus dem Wasser hervorragt. Die See
bricht merkwürdigerweise nur sehr selten über diesen Stein weg, sondern
zertheilt sich vor demselben und läuft an beiden Seiten vorbei. Diese
Eigenthümlichkeit gestattet den Booten so dicht heranzugehen, daß man
vom Boot aus auf den Stein springen kann, doch ist auch hierbei Vorsicht
nöthig, weil das Auf- und Niederwogen des Wassers immerhin so stark ist,
daß das Boot, wenn es durch eine ungeschickte Bewegung an den Felsen
geworfen wird, auch an ihm zerschellt. Ohne die Hülfe der Eingeborenen
hätten wir an diesem Tage, weil der Seegang infolge des starken Windes
der letzten Tage sehr hoch war, überhaupt nicht landen und auch kaum
den Weg nach dem Dorfe machen können, denn wahrscheinlich wären wir sehr
bald durch die Brandung von den Felsen heruntergerissen worden. Die Leute
waren wirklich rührend sorgsam mit uns und führten und leiteten uns, wie
die Mutter ihr Kind, wobei man es ihren Gesichtern ordentlich ansah, wie
besorgt sie waren, daß wir nicht zu Schaden kämen.

An der Landungsstelle angekommen, sahen wir wol, daß mit einem geschickten
Sprung ans Land zu kommen ist, wir fanden aber auch, daß ein Fehlsprung
sicher ins Wasser führt und daß man bei dem Sprung auf den glatten Stein
auch nicht das Gleichgewicht verlieren darf, denn sonst schlägt man auf
die scharfen Felsen und kann sicherlich auf eine erhebliche Verwundung
rechnen. Unsere Freunde wissen das auch zu beurtheilen, denn als ich von
dem bei solchen Gelegenheiten etwas zweifelhaften Vorrecht des Aeltesten,
als erster den Vortritt zu nehmen, Gebrauch machen will, werde ich
festgehalten und neben mir springt der Sandwich-Insulaner zwar nicht auf
den Stein, aber mit seinem einzigen Anzug auf dem Körper in das Wasser und
schwimmt wassertretend wie ein Frosch vor dem Felsen. Ich verstand nicht,
was der Mann beabsichtigte, der Stein hat vollkommen senkrechte glatte
Wände und das Niveau des Wassers liegt etwa 1½ m unter der Plattform des
Steins, sodaß ein Erreichen des Steins vom Wasser aus unmöglich erscheint.
Der Mann kennt die Situation aber besser. Nach kurzer Frist steigt das
Wasser plötzlich 2-3 m, flutet über den Stein weg, fließt ab und unser
Insulaner steht auf dem Stein, um uns nunmehr die Hand zu reichen. Nach
und nach, je nachdem das Auflaufen der Wellen das Boot zum Abrudern zwingt
oder ihm gestattet nahe heranzukommen, werden alle Personen glücklich
gelandet und wir betreten einen Weg, wie man ihn nicht oft in seinem
Leben geht. Da die Bergwände zu steil sind, um auf ihnen ohne gebahnten
Pfad gehen zu können, die Eingeborenen in einem solchen Weg aber keinen
Nutzen sehen, weil die vorhandenen ihnen genügen, so war für uns auch nur
der eine Weg am Strande entlang über die Klippen vorhanden. Das Stück,
welches wir auf diese Weise zurückzulegen hatten, betrug etwa 40 Minuten,
weit genug, um ohne Zaudern loszumarschiren, wenn wir vor Eintritt der
Dunkelheit zurück sein wollten.

Ein solcher Klippenweg hat die Eigenthümlichkeit, daß man nicht eben
weggehen kann, sondern unausgesetzt die Richtung ändern muß. Einmal muß
man sich nach links wenden, dann nach rechts, wie die vorspringenden
Steinspitzen gerade am bequemsten liegen, oft muß man mehrere Fuß tief
hinunterspringen und dabei gut darauf achten, den richtigen Stein zu
treffen, dann muß man das wieder mühsam hinaufklettern, was man vorher
hinuntergesprungen ist. Hat man nun hierbei nur auf den Weg zu achten,
dann geht es noch, hier heißt es aber noch unausgesetzt die Brandung
im Auge zu behalten. Dieses Zusammentreffen der ruhelos auflaufenden
Brandung mit einem an sich schon beschwerlichen Wege macht diesen geradezu
gefahrvoll, und hier erwiesen sich die Eingeborenen in so sorgsamer Weise
nützlich. An diesen Weg gewohnt und mit ihren nackten Füßen sehr viel
sicherer auf den Beinen, sind sie mehr befähigt, auf Weg und Brandung
zugleich zu achten, und verstehen auch zu beurtheilen, wie weit das Wasser
jedesmal steigt. So lassen sie uns zeitweise plötzlich halten, und dicht
vor uns werden höher liegende Felsen als diejenigen, auf welchen wir
stehen, von der hellen klaren See überspült; dann wieder lassen sie uns
auf einen andern Stein springen oder gar in eine Vertiefung, und um uns
herum steht alles in voller Brandung, während wir trocken bleiben, müssen
dann aber schnell auf einen der eben erst bespülten Steine flüchten, weil
das abfließende Wasser nun unsern letzten Zufluchtsort ausfüllt. So kommen
wir endlich zu dem Dorfe, zwar ohne von dem Seewasser durchnäßt zu sein,
trocken sind wir aber nicht, denn die Anstrengung des Weges hat allen
Schweiß aus unserm Körper herausgepreßt, den er überhaupt abgeben konnte.
Trotz des einsetzenden starken Regens benutzen wir unsere Regenschirme
nicht, weil wir ja doch schon durch und durch naß sind. Das Anerbieten
unserer Führer, uns durch einen ein Fuß tiefen Fluß zu tragen, lehnen wir
auch ab, weil es für unsere brennenden Füße eine Wohlthat ist, dieselben
in dem kühlern Wasser zu erfrischen. Von dem Dorf und seinen Bewohnern
sehen wir zunächst nichts, weil ein wüthend brennender Durst erst nach
irgendwelchem Getränk verlangt.

Der Häuptling führt uns zunächst in seine Wohnung, wo seine Frau uns
empfängt. Um uns herum kribbelt und krabbelt es, mit der Gesellschaft
in Ordnung kommen können wir aber erst, nachdem wir mit großer Gier
die Milch einiger frischer Kokosnüsse getrunken haben. Endlich sind
wir wieder Menschen und können nun Umschau halten. Wir sind in einem
Holzhäuschen, welches aus einem Flur mit zwei daranstoßenden Zimmern
besteht; die drei obersten von uns sitzen auf Stühlen, ein Holztisch ist
vorhanden, an der Wand hängt ein Crucifix. Auf unsere Verwunderung über
dieses behagliche Häuschen wird uns die Antwort, daß es das Haus des
frühern Missionars ist und nach dessen Abgang mit sämmtlichem Inventar
in den Besitz des Häuptlings übergegangen ist. Der Häuptling sitzt, nur
mit Hosen bekleidet, auf einer Kiste, die beiden Hemden hat er also
inzwischen schon ausgezogen; sein Oberkörper ist nur wenig tätowirt.
Des Häuptlings Frau sitzt neben mir; sie ist von mittlerer Statur, hat
eine schmale gebogene Nase, brennende Augen, bis zur Schulter reichendes
schlichtes Haar und eine hellbraune Hautfarbe; ihr angenehmes und hübsches
Gesicht hat einen schmerzlichen Zug. Ihre Kleidung besteht aus einem
langen, bis zu den Knöcheln reichenden und mit Aermeln versehenen rothen
Gewand, unter welchem sie noch ein gelbes, hemdartiges Kleidungsstück
und darunter den Maro hat, welchen die Frauen ebenso wie die Männer,
Mädchen und Kinder tragen. Ihre Beine und Arme sind tätowirt; Arm und
Schulter zeigt sie uns auf Verlangen und würde uns wol auch ihr Bein
gezeigt haben, wenn wir danach verlangt hätten. Als Begrüßung reicht
sie uns die Hand, nickt graziös mit dem Kopf und verzieht das Gesicht
zu einem angenehmen Lächeln; die ganze Begrüßung ist nach europäischem
Geschmack so vornehm und fein, daß manche europäische Dame sich ein
Beispiel daran nehmen könnte. Ich biete meiner freundlichen Nachbarin
meinen ganzen Cigarrenvorrath an, welches Geschenk sie aber erst nach
erfolgter Aufforderung ihres Mannes annimmt; sie zündet sich eine an
und vertheilt die übrigen an die Anwesenden, welche nur aus Männern und
Jungen bestehen, aber was für Männer und Jungen! Ein Maler würde in dieser
Modellsammlung schwelgen. Die Erwachsenen sind durchweg kräftige, aber
elegante schlanke Gestalten von über Mittelgröße, alle Glieder schön
und ebenmäßig; die Gesichtszüge sind wegen der Tätowirung schwer zu
erkennen, doch sieht man so viel, daß dieselben im Durchschnitt hübsch
sind und Intelligenz verrathen, jedenfalls in der letztern Beziehung hoch
über dem Ausdruck der Gesichter unserer niedern Volksklassen stehen,
obgleich die Leute keine Schulzeit durchgemacht haben. Die Tätowirung
des Körpers ist so stilvoll durchgeführt, daß man, wie früher schon
erwähnt, die mangelnde Kleidung nicht vermißt; die Leute sind entschieden,
so wie sie sind, anständig angezogen. Die Männer tragen auch noch
Schmuck, entgegengesetzt unserer Sitte, während die Frauen sich hier
nur mit Blumen zieren. Der Schmuck besteht aus Halsketten von bunten
geschliffenen Glasperlen, nachgeahmten Korallen, auch zusammengereihten
bunten Früchten, aus goldenen Ringen und Ohrringen, Blumen im Haar und in
den an 1 cm großen Löchern der Ohrläppchen; als besonderer Schmuck wird
auch noch ein Schlüssel angesehen, der um den Hals gehängt wird. Einige
tragen Matrosenmesser; Waffen sind sonst nicht zu sehen, weil sie, wie
schon erwähnt, einheimische Waffen nicht mehr besitzen. Die anwesenden
Jungen im Alter von 6-14 Jahren sind wahre Prachtbengel, nur mit dem Maro
bekleidet, daher ziemlich nackt, weil sie noch nicht tätowirt sind. Sie
sind von heller braun-gelber Hautfarbe und haben offene, freundliche und
hübsche Gesichter, in welchen sich schon ein gewisses Selbstbewußtsein
ausspricht, denn sie dürfen mit den Männern zusammen sein, zu denen sie
gehören und mit welchen sie schon alles theilen. Man sieht es diesen
Jungen an, daß sie gut behandelt werden; unsere Dolmetscher bestätigen
auch, daß die hiesigen Eingeborenen viel auf Kinder halten und sie gern
haben. Ich stelle sie auf die Probe und frage, ob ich nicht einen Jungen
kaufen oder eintauschen könne, erhalte aber nur eine freundliche, jedoch
ganz bestimmte Abweisung. Da sich unter den Knaben auch einer mit hellerer
Hautfarbe und blondem Haar befindet, welcher nach Angabe des Dolmetschers
einen Weißen zum Vater hat, so frage ich, ob ich denn nicht diesen
Bastard einhandeln könne. Die Antwort war, daß schon der Kapitän eines
Walfischfängers sich alle erdenkliche Mühe gegeben habe, dieses Kind zu
erhalten, der Adoptivvater (augenblicklicher Mann der Mutter) wolle es
aber nicht hergeben und halte mehr von ihm wie von seinen eigenen Kindern.

Im allgemeinen fällt mir der nette, liebenswürdige Verkehr unter diesen
Eingeborenen auf. Man sieht nur freundliche Gesichter; eine freundlich
gestellte Bitte von einem Erwachsenen an einen andern, von einem
Erwachsenen an einen Jungen, oder umgekehrt, wird sofort ohne Zaudern
mit freundlichem Gesicht gewährt. So stehen und hocken die Männer und die
Jungen an den Wänden, verhalten sich anständig und im ganzen ruhig, weil
wir ja ihr Interesse vornehmlich erwecken.

Während wir hier im Hause des Häuptlings sitzen, werden Geschenke für mich
herbeigebracht. Der Häuptling und der Tonganer schenken mir jeder einen
Strauch Bananen; von dem kleinen Pfiffigen erhalte ich zwei Hühner, fünf
Eier und einige Apfelsinen. Auf meine Frage, welches Gegengeschenk ich zu
geben habe, wird mir die Antwort, daß sie kein solches erwarten; wolle ich
ihnen aber etwas schenken, dann würde alles, was ich nicht mehr gebrauchen
könne, dankbar angenommen. Ich schenkte später den Leuten ein Messer, eine
Flasche Rum, einen Sack Hartbrot, Cigarren, Streichhölzer und noch einige
Kleinigkeiten.

In dem Hause war es mittlerweile unerträglich warm geworden, und da wir
auch noch etwas sehen wollen, entschließen wir uns zum Aufbruch und werden
nun, infolge des anhaltenden Regens, vorläufig in ein anderes Haus, eine
unverfälschte ortsübliche Hütte geführt, wo wir auch Damengesellschaft
finden. Die Hütten sind alle gleich, und so genügt es eine zu beschreiben.

Auf eingegrabenen Pfählen ruht ein Dach, dessen Sparren aus Bambusstäben
bestehen und dessen Decke durch eine aus Palmblättern geflochtene Matte
gebildet wird, welche ziemlich regendicht ist und 5-6 Jahre vorhalten
soll. Mit ebensolchen Matten sind die Längswände der Hütte geschlossen,
die Schmalseiten sind offen. Die Hütte ist ungefähr 10 m lang, 3 m
breit und in der Mittellinie 4 m hoch. Der Fußboden der Hütte liegt
etwas mehr als 1 m über dem ihn umgebenden Erdboden und wird in der
Weise hergestellt, daß der innerhalb der Pfähle liegende Raum bis zu der
genannten Höhe mit großen glatten Steinen ausgefüllt wird, sodaß das etwa
durch das Dach sickernde Wasser zwischen den Steinen ablaufen kann; auch
wird das Ungeziefer, wie Ameisen u. s. w., wol die glatten Steine meiden.
In solcher Hütte sitzt man luftig, kann aber die andachtvolle Ruhe und die
herrliche Scenerie nicht genießen, denn der Schöpfer hat dafür gesorgt,
daß diese Menschen, welche sonst in paradiesischer Trägheit ihr Leben
verbringen, auch Bewegung finden. Denn wie bei uns die Thiere im Walde und
auf der Weide durch allerlei Geschmeiß zu fortwährender Bewegung getrieben
werden, so peinigen hier ungezählte Massen von Fliegen die Menschen. Sie
sind eine wahre Landplage, und alles Fächeln unserer braunen Freunde hält
sie von ihren eigensinnig wiederholten Angriffen nicht ab. So begrüßen
wir es als eine wahrhafte Erlösung, als es endlich aufhört zu regnen.
Das Anerbieten des Tonganers, mich auf die nächste Höhe zu führen, um von
dort aus einen Ueberblick über das ganze landschaftliche Bild zu erhalten,
mußte ich der vorgerückten Zeit wegen ablehnen und wir gehen statt dessen
an den Strand zu den dort liegenden Hütten und der dort in größerer
Zahl versammelten Damenwelt. Wir werden überall freundlich empfangen,
die Verständigung erfolgt durch Zeichen und Lachen, und die so geführte
Unterhaltung hält sich in den Grenzen feinen Anstandes; die berichtete
Schamlosigkeit und Gemeinheit können wir hier nicht entdecken.

Der Anzug der Frauen besteht theilweise, und wol nur bei den
Wohlhabenderen, aus dem bei der Häuptlingsfrau schon beschriebenen
langen Hemde, in der Regel aber nur aus einem Stück Zeug aus Baumwolle
oder selbstfabricirtem Stoff, welcher aus der Rinde des Maulbeerbaumes
gefertigt wird. Der Anzug wird mit diesem in der Weise hergestellt, daß
das Zeug unter den Armen um den Leib geschlungen wird und dann bis zur
Erde reicht, beim Sitzen aber bis zu den Hüften heruntergleitet.

Ich unterscheide unter den hier versammelten Frauen vier verschiedene
Typen, welche wahrscheinlich durch wiederholte Kreuzung entstanden sind.
Die große Mehrzahl hat stark krauses schwarzes Haar, welches bis zur
Schulter reicht und nach allen Seiten ungefähr 15 cm weit absteht, große
schwarze brennende Augen, breite aber wohlgeformte Nase, großen Mund und
hellbraune Hautfarbe. Eine zweite Klasse hat dasselbe Haar, jedoch mit
röthlichen Strähnen durchzogen, kleinere Augen und Nase und ist kleiner
an Körper. Die dritte Klasse hat schlichtes schwarzes Haar, welches
auch nur bis zur Schulter reicht und wol der Mode halber abgeschnitten
ist, eine schmale schöne Nase, stimmt jedoch sonst mit der ersten Klasse
überein. Die vierte Klasse hat nur einige wenige Vertreterinnen; sie haben
schlichtes schwarzes Haar, große schwarze sinnende Augen, feine leicht
gebogene Nase, kleinen Mund und eine ganz hellgelbe Hautfarbe. Bis auf
die zweite Klasse sind alle über Mittelgröße, einige sind sehr groß. Die
Körperformen sind bei allen ebenmäßig und schön; alle sind gut gewachsen
und haben volles üppiges Fleisch. Die der Insel ursprünglich angehörige
Rasse glaube ich in der ersten Klasse zu finden, wogegen die vierte
Klasse, welche man für Südeuropäer halten kann, wahrscheinlich viel weißes
Blut hat. Ehe ich zu beweisen suche, weshalb man bei den Männern nicht
so scharf ausgeprägte Typen unterscheiden kann, muß ich noch einer Frau
der vierten Klasse Erwähnung thun. Auf dem hochgelegenen Fußboden eines
Hauses saß halb mit dem rechten Bein, das linke auf dem Erdboden, an dem
äußern Rand eine lichte Gestalt in unnachahmlicher Grazie, den rechten
gekrümmten Arm gegen einen Pfahl lehnend, den schön tätowirten linken Arm
mit der Hand im Schoß, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Der obere Theil
ihres Gewandes ruhte auf den Hüften. Sie war eine vollendete Schönheit
und sollte, soweit die Eingeborenen rechnen können, 35 Jahre alt sein. Ich
konnte dem von ihr ausgehenden Zauber nicht widerstehen und trat mit dem
Dolmetscher näher heran, zumal ich auch nicht glauben konnte, daß dieses
zarte feine Gesicht und der jugendlich üppige Körper in diesem Klima
schon 35 Sommer gesehen haben sollen. Trotz ihrer freundlichen Begrüßung
lag im Auge der Frau so viel Abweisendes, als ob sie sagen wollte: „Rühre
mich ja nicht an!“ Ich ließ ihr durch den Dolmetscher sagen, daß ich mir
gern ihren tätowirten Arm ansehen möchte, worauf sie mir mit zufriedener
Miene ihre kleine, schön geformte Hand reichte, damit ich mir das Muster,
welches ich weiter unten beschreiben werde, genau ansehen konnte.

Daß man in dem Aussehen der Männer so wenig Verschiedenheit findet, liegt
wol hauptsächlich in der Tätowirung. Die früher genannten vier Insulaner
in europäischer Kleidung, welche sämmtlich nicht im Gesicht tätowirt sind,
haben dagegen ganz verschiedene Gesichtszüge, doch gehören nur zwei von
ihnen dieser Insel an, und von diesen ist der Häuptling groß mit breiter
gebogener Nase, der Pfiffige klein mit langer schmaler Nase. Dies beweist
aber auch noch nichts, weil auf den Südsee-Inseln die Häuptlinge immer
größer an Gestalt sind und andere Gesichtszüge haben, als ob sie einer
andern Rasse angehörten. Als besonders auffällig erschien mir bei unserm
kurzen Besuch, daß sowol die nackten tätowirten Männer als auch die Jungen
unter sich alle gleich aussehen. Die Männer haben durchgehends krauses
schwarzes Haar, dunkle Augen, theilweise gebogene, theilweise breite
Nasen, und man muß sehr genau hinsehen, um aus diesen bunten Gesichtern
überhaupt bestimmte Formen herausfinden zu können. Die Jungen haben
schlichtes kurzes Haar, große Augen, großen Mund und ebenfalls theilweise
gebogene, theilweise breite Nasen.

Noch einmal auf die Frauen zurückkommend muß ich erwähnen, daß sie das
Haar in der Mitte gescheitelt tragen und anscheinend in guter Pflege
halten, denn bei ihnen waren ebenso wenig wie bei den Männern Spuren
von Ungeziefer zu entdecken. Die Frauen tätowiren sich in die Lippen
senkrechte blaue Striche ein, welche so unmotivirt sind und mit keinerlei
Gesichtszügen in Verbindung stehen, daß sie das Gesicht entschieden
verunstalten. Während die frühern Reisebeschreibungen sagen, daß die
Frauen nur auf den Lippen tätowirt sind, haben wir diese Sitte bei ihnen
auch auf andere Körpertheile ausgedehnt gefunden. Wie ich schon erzählt
habe, hat die Frau des Häuptlings Arme und Beine tätowirt, wir finden
dasselbe hier am Strande noch bei mehrern andern Frauen. Die Tätowirung
des Armes reicht in der Regel von den Mittelgelenken der Finger bis zu
dem halben Unterarm, besteht aus sich kreuzenden feinen Linien, welche
ziemlich dicht zusammenliegen, auf dem Rücken der Hand und vor dem
Abschluß am Arm aber ein offenes spitzenähnliches breites Band bilden,
sodaß es aussieht, als ob die betreffende Person fein gewirkte lange
Filethandschuhe anhabe; bei der Häuptlingsfrau geht das Muster bis zur
Schulter. Die Tätowirung des Beines erstreckt sich von den Zehen über den
Fuß und das ganze Bein bis zu den Hüftgelenken, bei einzelnen jedoch nur
bis etwas über das Knie, und hier konnte man wähnen, feine Filetstrümpfe
nach französischem Modell vor sich zu haben. Als wir den Wunsch äußern,
ein solches Bein zu sehen, zaudert das betreffende Mädchen erst, schlägt
aber nach Aufforderung der umstehenden Männer sichtlich verschämt das Tuch
so weit zurück, daß man das Bein sehen kann. Es hat schöne Formen, reiche
und schöne Muster, die Haut ist zart und weich.

Das Tätowiren der Männer nimmt viele Jahre in Anspruch, denn es
beginnt mit dem 14. Lebensjahr und wird so ziemlich bis zum Lebensende
fortgesetzt. Eine solche Procedur auf einmal ohne Unterbrechung ausgeführt
würde vielleicht ebenso den Tod nach sich ziehen, als wenn ein Mensch
bis zu zwei Drittel seiner Hautfläche verbrüht wird. Die ersten Linien
werden im Gesicht, an Händen und Füßen angelegt, und die Arbeit, welche
nach meiner Schätzung mehr als 30 Jahre in Anspruch nimmt, wird mit dem
vorschreitenden Alter weiter durchgeführt; wenigstens habe ich nur einen
Mann gesehen, welcher in dieser Beziehung als fertig angenommen werden
konnte, und dieser war etwa 50 Jahre alt.

Bei den Mädchen ist es wegen der geringern in Betracht kommenden
Hautfläche angängig, die ganze Procedur auf einmal auszuführen und diese
soll auch nach dem 14. Lebensjahr bei Gelegenheit von Festen in einem Act
ausgeführt werden. Ob es für die Mädchen wirklich ein Fest? Ich habe es
in meinen jungen Jahren auch gekostet, wie das Tätowiren thut, und kann
nur sagen, daß ein ganz kleines Stück schon schmerzhaft genug ist.

Die Füße und Hände der Frauen sind klein und gut geformt. Die Ohrläppchen
haben sehr große Löcher, dieselben sind aber nicht für Ohrringe bestimmt,
sondern nehmen Blumen und kleine Sträuße auf. Das Gebiß ist, soweit ich
sehen konnte, durchweg gesund, schneeweiß und wird sauber gehalten.

Mit zwei oder drei Ausnahmen habe ich keine kleinen Mädchen gesehen.
Meine Frage, ob sie die Mädchen als überflüssig gleich nach der Geburt
erwürgten, wurde mit Entrüstung verneint und behauptet, daß diese alle
weiter oben in dem sich durch das ganze Thal erstreckenden Dorf seien, wo
noch 400 Menschen wohnten. Leider konnte ich mich nicht lange genug auf
dieser Insel aufhalten, um noch Zeit für einen Ausflug nach dem obern Dorf
zu finden.

Allmählich wird es Zeit, an den Rückweg zu denken, und ich schaue mich
nach meinen Sachen um, an die ich gar nicht mehr gedacht hatte. Zu meiner
Ueberraschung sehe ich einen ganzen Trupp Männer und Jungen, welche
mir dieselben nachtragen. Einer hat meinen Rock, welchen ich der Hitze
wegen ausgezogen hatte, ein anderer meinen Schirm, wieder einer meine
Bananen u. s. f. Wir nahmen nun Abschied von den Damen, ich ziehe meinen
Rock an und entdecke zu meiner Verwunderung, daß kein Stück der in den
Taschen vertheilten Kleinigkeiten fehlt, nicht einmal die Schachtel mit
Zündhölzern, welche in der jetzigen Regenzeit fast der begehrteste Artikel
ist. Die andern Sachen lasse ich den Trägern noch und wir begeben uns nun,
nachdem wir der großen Branntweinflasche noch einen Besuch abgestattet
hatten, zurück auf den bedenklichen Klippenweg, wo es uns diesmal nicht so
gut gehen sollte wie auf dem Herweg, denn als ich an einer Stelle, welche
mir durchaus sicher erschien, einen Augenblick stehen blieb, um mit dem
mir nachfolgenden Offizier einige Worte zu wechseln, hörten wir beide den
Warnungsruf unsers Führers zu spät, standen plötzlich bis unter die Arme
im Wasser und lagen dann zwischen den Klippen; dasselbe passirte auch dem
größten Theil der Offiziere, weil alle auf dem Rückweg zu unaufmerksam
waren. Glücklicherweise nahm indeß keiner größern Schaden; einige Risse
in den Hosen und in der Haut waren das ganze Opfer.

Ehe wir das Dorf verließen, fragte mich der kleine Pfiffige, ob ich denn
vorher nicht noch eine Frau haben wolle? Als ich darauf die Gegenfrage
stelle, ob dies denn angängig sei, sagte er, ich solle mir nur eine
aussuchen, denn mit Ausnahme der Häuptlingsfrau ständen alle Frauen und
Mädchen des Dorfes zu meiner Verfügung. Um den Mann nicht zu verletzen und
die Sache doch kurz abzubrechen, gab ich ihm zur Antwort, daß es dafür
heute schon zu spät sei, weil ich auf das Schiff zurück müsse. „Gut“,
sagte mein Freund, „ich werde dann zu morgen die Schönsten aussuchen.“
Diese kurze Unterhaltung brachte mich auf den Gedanken, mit den uns
begleitenden Männern einige Frauen mit an Bord zu nehmen, damit sie sich
das Schiff ansehen und etwas Musik hören könnten. Kaum ausgesprochen --
und mein Führer ist schon auf dem Wege, die Einladung weiter zu befördern.
Wir gingen weiter nach dem Boot, wo ich den eben wieder eintreffenden
Eingeborenen frage, wie es denn mit den Frauen sei, da ich noch keine
auf dem Wege sähe. Er sagt nun kleinlaut, daß sie nicht kommen wollten,
da sie sich nicht auf ein so großes Schiff trauten. Als ich eine nähere
Erklärung dieser mir unverständlichen Rede forderte, erzählte er, daß vor
mehrern Jahren einmal alle Frauen auf einem französischen Kriegsschiff
gewesen und dort so mishandelt worden seien, daß sie auf kein Kriegsschiff
mehr gingen. Da es heute zu spät geworden war, in der Sache noch etwas
zu thun, wiederholte ich meine Einladung für morgen mit dem Bemerken, daß
alle Eingeborenen, Männer, Frauen, wie Kinder meine Gäste seien, und diese
Einladung wurde mit Freuden angenommen.

Die Einschiffung in das Boot ging ohne weitere Beschwerden vor sich, weil
es leichter war, von dem Stein in das tiefer liegende Boot zu springen,
doch galt es auch hier gut aufzupassen und den Sprung dicht vor dem Moment
zu machen, wo das von einer Welle gehobene Boot einen Augenblick ruhte.
Gegen 6 Uhr abends waren wir wieder an Bord.

Den nächsten Vormittag benutzte ich dazu, in meiner Gig nach einer andern
kleinen Bai, welche drei Seemeilen von uns entfernt lag, zu fahren, um
mir den dortigen Ankerplatz anzusehen und das Dorf, in welchem sich seit
kurzem ein deutscher Missionar angesiedelt haben soll, zu besuchen. Bei
schönem Wetter erreichen wir bald diese Bai, Hanavava- oder Vierges-Bai
genannt. Den Hintergrund derselben bildet ein schönes zerklüftetes Thal,
welches, von hohen Bergwänden eingeschlossen, in üppigster Vegetation
prangt; wunderlich geformte alleinstehende steile Felsen wachsen scheinbar
aus dem dichten Laubdach heraus. Nach der See zu öffnet sich das Thal;
schöner Sandstrand, welcher bequemes Landen erlaubt, verbindet Land
und See; an den Strand schließen sich schroffe Felsmassen an, welche
halbkreisförmig nach der See auslaufen und so nahe aneinander rücken, daß
sie hier gewissermaßen ein Felsenthor für den von ihnen eingeschlossenen
kleinen Hafen bilden. Das Auge ist entzückt von dem vor ihm liegenden
Bilde, findet an Land gekommen aber nichts mehr. Die schönen Bilder,
welche durch Berg, Thal und Laub, durch Fels und Meer gebildet werden,
entschwinden; ein undurchdringliches grünes Laubdach verwehrt dem Auge
jede Fernsicht und zwingt es, zwischen den Hütten der Eingeborenen zu
bleiben, welche, ebenso wie ihre Bewohner, im Vergleich zu Omoa einen
recht reducirten Eindruck machen; Hütten und Menschen können sich mit
denen von Omoa nicht messen. Traurige Fußsteige, welche jetzt, bei dem
herrschenden Regen, kaum zu benutzen sind, stellen die Verbindung in dem
untern Theil des Dorfes her; weiter hinauf in das schöne Thal, auf die
einladenden Berge ist wahrscheinlich gar nicht zu kommen.

In Hanavava angekommen begrüßte uns -- ein Offizier hatte mich begleitet
-- der Missionar in französischer Sprache, welchen Gruß ich ebenso
erwiderte, weil ich nicht an das Deutschthum dieses Mannes glaubte.
Als mein Kamerad aber den Gruß deutsch erwiderte, war das Erstaunen
des Missionars groß; mein Erstaunen aber noch größer darüber, daß der
deutsche Priester, welcher schon sechs Jahre in überseeischen Ländern
gelebt hat, die deutsche Flagge noch nicht kannte. Der Pater war ein
geborener Westphale, etwa 30 Jahre alt und der einzige Weiße auf der
ganzen Insel. Der Einladung, in sein Haus einzutreten, leisten wir
Folge, finden dort ein übermäßig bescheidenes Wohngelaß, in welchem
geniale Junggesellenunordnung herrscht. Nur ein Stuhl ist vorhanden,
die Schubladen des Tisches beherbergen in trauter Gemeinschaft die
verschiedenartigsten Dinge; die wenigen Bücher scheinen hier noch nicht
benutzt worden zu sein, einzelne Koffer stehen noch unausgepackt mitten
in der Stube. Man sieht an allem, daß der Mann nicht weiß, was er soll
und was er will; er ist in eine fremde Welt versetzt, in welcher er nicht
zurechtkommt, wahrscheinlich nicht einmal etwas Ordentliches zu essen
findet, weil er selbst nicht kochen kann und die Eingeborenen sich von
ihm fernhalten. Da er nach dem Inhalt seiner Schubladen nur von Hartbrot
zu leben scheint, sein Taback auch verdorben aussieht, so bieten wir ihm
das als Theil unsers Frühstücks mitgebrachte frisch gebackene Brot, einige
Cigarren und etwas Taback an, damit er doch einmal eine, wenn auch sehr
bescheidene Abwechselung habe. Dieses in entsprechender Form gemachte
Anerbieten wird auch in freimüthiger, verständiger Weise aufgefaßt und
angenommen und durch frische Kokosmilch erwidert.

Der Pater gehört, soweit wir haben herausbekommen können, zu der
französischen katholischen Missionsgesellschaft, welche ihren Hauptsitz
in Papeete auf Tahiti hat. Die französischen Geistlichen bleiben, wie
ich namentlich von anderer Seite gehört und auch selbst beobachtet
habe, in Papeete und Port Anna-Maria in bequemen Wohnungen und durchaus
civilisirten Verhältnissen, während die ziemlich zahlreich vorhandenen
und noch immer nicht klug gewordenen Deutschen auf die verlorenen Posten
geschickt werden. Der Pater in Papeete ist der vornehme feine Mann in
eleganter Kleidung, der Pater hier ein Tagelöhner im Arbeitskittel.
Märtyrerthum ist hier nicht mehr zu holen; kein Eingeborener krümmt
irgendeinem weißen Manne mehr ein Haar; aber schlechte Nahrung, weil
die Patres von ihren in Papeete im Wohlleben schwelgenden Amtsbrüdern
vollständig vergessen werden, schlechte Betten, Mangel einer jeden
Geselligkeit und das niederdrückende Gefühl, nichts leisten zu können,
sondern eine Null im Weltall zu sein, sind im Ueberfluß vorhanden. Denn
ebenso wie die französischen Geistlichen auf Tahiti und Nuka-hiva nichts
thun, dafür aber gut leben, thun die deutschen auf den andern Inseln auch
nichts, weil die Eingeborenen sich dem Einfluß der Missionare durchaus
entziehen, leben aber recht schlecht. Früher war auf dieser Insel ein
englischer Missionar, welcher, da er keinen Einfluß auf die Eingeborenen
ausüben konnte, seine Missionsarbeit aufgab und sich mit Erfolg auf die
Cultur der Baumwolle legte, bis er auch dessen überdrüssig wurde. Er
verkaufte sein Besitzthum an die französische Missionsgesellschaft und
fuhr nach Hause; jetzt seit sechs Monaten sitzt unser Westphale hier,
versucht Unterricht zu geben und sammelt für die Herren in Papeete
die Baumwolle ein, weil er keine Eingeborenen dazu bekommen kann. Mit
den Erwachsenen hat er allen Verkehr aufgegeben, weil mit diesen doch
nichts mehr anzufangen ist, und bei den Kindern, mit welchen er sich
noch beschäftigt, hat er auch wenig Hoffnung, weil die Eingeborenen
den Nutzen von Lesen und Schreiben durchaus nicht einsehen wollen, im
übrigen sich jedem Zwang bis zum äußersten entgegenbäumen. Der Pater will
eine Abtheilung Soldaten haben, um gewissermaßen mit dem französischen
Bajonette zu taufen, anders sieht er keinen Erfolg. Solch ein Missionar
sieht in der Phantasie in Europa ganz anders aus, als hier an Ort und
Stelle in der Wirklichkeit. Alle die überspannten, dem Menschenwohl
gewidmeten Ideen, welche den Mann in die Fremde getrieben haben,
gehen sehr schnell verloren; er findet das alltägliche Leben in der
trübsten Gestalt, ohne helfen zu können, und hat dafür einen dankbaren
Wirkungskreis aufgegeben. Er sieht, daß sein Wort, seine Begeisterung
an der Indolenz dieser Leute wirkungslos abprallen, findet nirgends
Befriedigung, wird mismuthig und geht geistiger Umnachtung entgegen,
wenn er nicht Lust an der Landwirthschaft findet. Nur einmal noch kommt
er wieder zum Aufleben, wenn es ihm gelingt, sich hier loszureißen und
nach Hause zurückzukehren. Dort wird er dann als ein Märtyrer betrachtet,
welcher die größten Gefahren überstanden hat, und wenn der ehrliche Mann
die Verblendeten aufzuklären sucht, wird ihm dies als Bescheidenheit
ausgelegt und ihm nicht geglaubt.

Als wir in das Haus des Missionars eintreten, folgen uns, wie das ja auch
nicht anders sein kann, so viele Eingeborene -- aber wieder nur Männer und
Jungen -- wie nur überhaupt in den Flur des kleinen Hauses hineingehen,
ohne indeß das Zimmer, in welchem wir sitzen, zu betreten. Im Laufe
der Unterhaltung lenkt der Pater unsere Aufmerksamkeit nach der Thür
des Zimmers, in welcher ein alter Herr in europäischer Kleidung steht,
den der Pater uns als den Häuptling des Ortes vorstellt und welchem wir
die Hand schütteln. Er ist jedenfalls erst so spät gekommen, weil seine
Toilette ihn so lange in Anspruch genommen hat, dafür ist dieselbe aber
auch so wohl gelungen, daß ich sie näher zeichnen muß. Wo aber anfangen,
beim Hut oder bei den bloßen Füßen? Ich werde den Hut wählen. Unter einem
alten und altmodischen, anscheinend öfters eingetriebenen schwarzen
Cylinderhut steckt ein altes, runzeliges, von einem kurzgeschnittenen
weißen Bart eingerahmtes Gesicht voll blauer Malerei. An den Kopf schließt
sich ein fest zugeknöpfter, langer, blauer Marine-Offiziersrock an,
welcher jedenfalls direct auf die bloße Haut übergezogen ist, weil bei
dem Vorhandensein eines Hemdes der Schluß nicht so hermetisch zu sein
brauchte. Der Rock ist alt, sehr alt, vielleicht so alt wie sein jetziger
Besitzer, obgleich dieser ihn noch nicht sehr lange hat. Als besondere
Zierde hat dieses Galakleidungsstück vier Reihen Knöpfe erhalten,
zwei Reihen Civilknöpfe und zwei Reihen englische Marineknöpfe, alle
vier Reihen sind indeß stark gelichtet, kaum die Hälfte der Knöpfe ist
noch vorhanden, man sieht aber wenigstens noch wo die fehlenden einst
gesessen haben. Aus den Rockärmeln sehen zwei große Hände hervor, welche
in gewirkten weißbaumwollenen Handschuhen stecken; die Handschuhe sind
nicht sehr rein, vielleicht aus Furcht, daß ein zu häufiges Waschen ihnen
schaden würde. Unter dem Rock kommen die in schmutzigen weißen Hosen
steckenden Beine hervor, die Füße sind bloß. So steht der Gebieter über
dieses schöne Thal in der Thür vor uns, den Hut auf dem Kopf, die Hände
in fortwährender Bewegung, weil er nicht weiß, wo er mit ihnen bleiben
soll, und mit einem Gesichtsausdruck, welcher nichts anderes bedeuten kann
als den Zuruf an uns: „Seht hier einen, welcher euch stolzen Europäern
ebenbürtig ist, welcher weiß, was sich schickt, und zeigen kann, was
er besitzt!“ Der arme Mann, welcher nackt in seinem bemalten Körper
jedenfalls ein ehrwürdiger Greis ist, gibt so das Bild eines europäischen
Bettlers, eine Jammergestalt; doch er ist glücklich, er wähnt sich
würdevoll und uns gleichstehend, weil nach seiner Ansicht wol auch die
Kleider oder überhaupt Kleider die Leute machen. Der Pater erzählt uns,
daß dieser Häuptling auch der Oberpriester des Thales und somit sein
größter Widersacher sei, daß er aber im allgemeinen gut mit ihm stehe.

Die für den Besuch dieses Thales bemessene Frist ging ihrem Ende entgegen;
es wurde daher Zeit aufzubrechen, wenn wir noch etwas sehen wollten. Die
Wege sind zwar schlecht, weil der schon monatelang währende Regen den
fetten Lehmboden in einen wahren Schlammpfuhl umgewandelt hat, allein
dies kann uns doch nicht abhalten. Als wir aus dem Hause treten, finden
wir den ganzen Weg mit Menschengruppen besetzt, welche uns sehen wollen
und uns dadurch die beste Gelegenheit geben, sie zu sehen. Wir finden
hier ziemlich denselben Menschenschlag wie in Omoa, nur sind die Leute
weniger schön. Unser Weg hält sich anfangs unter dicht belaubten Bäumen,
meist Brotfruchtbäumen; bald wird es lichter und wir kommen an eine
etwas verwilderte, mit Unkraut durchsetzte Baumwollpflanzung, welche der
Missionsgesellschaft gehört. Es fehlen aber die Arbeitskräfte, weil der
Eingeborene nicht arbeitet und sich nur gegen Zahlung von Kleidungsstücken
zuweilen bewegen läßt, die reife Baumwolle zu pflücken.

Die ganze Landschaft um uns herum prangt im saftigsten Grün, über
uns wölbt sich das tiefblaue Himmelszelt, da es ausnahmsweise nicht
regnet. Von jedem Blatt, jedem Halm strahlen die Regentropfen wie die
schönsten Diamanten, auf den duftigen hellgelben großen Blüten mit
dunkelm rothbraunen tiefen Kelch der in voller Blüte stehenden Baumwolle
wiegen sich in graziösen lautlosen Schwingungen schöne dunkelgefärbte
Schmetterlinge. Die feierliche Ruhe, der stille Friede, welche auf diesem
anziehenden Bilde ruhen, stimmen zur Andacht. Wir bleiben unwillkürlich
stehen, um mit den Augen, mit allen Sinnen das ganze Bild in seiner
großartigen Schönheit zu erfassen. Hohe, wunderlich geformte und selten
schöne Felsen umgeben uns; sie erheben sich von der Thalsohle wie
künstliche Bauwerke, weil sie mit den das Thal begrenzenden Bergwänden
nicht zusammenhängen und ihre Oberfläche auch auffallend von derjenigen
der andern Berge abweicht. Denn während diese dicht bewachsen sind, zeigen
jene malerische Figuren in allen Nüancen der dem Auge so wohlthuenden
grünen Farbe und in so reichen und verschiedenartigen Mustern, daß
man Gebilde von Künstlerhand vor sich zu sehen wähnt. Zwischen diesen
herrlichen Naturwerken hindurch verfolgt das Auge den Lauf des fruchtbaren
Thales, wie es zwischen hohen Bergen eingeengt sich allmählich zur Höhe
hinaufzieht, um urplötzlich und doch wieder unmerklich in einer steilen
Bergwand sein Ende zu finden. Das Auge kehrt zurück. Dort liegen unter
hohen Bäumen, theilweise in dichtem Laub versteckt die Hütten, dazwischen
heben sich von dem weichen grünen Hintergrund effektvoll die regungslosen
Gruppen der Eingeborenen ab, die Frauen größtentheils in grellbunten
Gewändern auf der Erde hockend, die nackten bunten Körper der Männer
leicht und in gefälliger Stellung an Baumstämme gelehnt. Dazwischendurch
sieht man an einzelnen Stellen auch den Strand mit den auf ihm stehenden
Kanus hindurchschimmern und dahinter das in ewiger Bewegung befindliche
Meer, auf dessen Wellen man auch meine Gig sich wiegen sieht. Die
Bewegungen dieses Bootes sind aber so sanft, die Musik der bis hierher
vernehmbaren rauschenden Brandung ist so weich und stimmungsvoll, daß
dieses sichtbare und hörbare Leben keine Dissonanzen in die Naturandacht,
in dieses Bild paradiesischen Friedens zu bringen vermag. Die köstliche
Ruhe, welche auf dieser wahrhaft schönen und seltenen Scenerie liegt,
der herrliche Blumen- und Blütenduft, das Rauschen der sanft auflaufenden
Brandung, die Gruppen der trägen Menschen, welche leblos erscheinen, das
Fehlen aller Vogelstimmen und überhaupt aller Laute, welche die Sinne
beschäftigen können, geben zusammen ein Ganzes, welches einen von einer
langen Reise und dazu noch von einem geräuschvollen Kriegsschiff kommenden
Seemann vollständig gefangen nehmen muß. Doch für diesen gibt es nirgends
ein Bleiben, und so müssen auch wir heute nach kurzer Rast wieder weiter.
Schade nur, daß ich nicht die Kraft besitze, dieses herrliche ergreifende
Bild auf der geduldigen Leinwand in wahrheitsgetreuer Wiedergabe mit nach
Europa zu bringen, wo es gewiß allgemeines Aufsehen erregen würde.

Wir gehen weiter nach dem heidnischen Opfer- und Tempelplatz, wo vor
sechs Jahren der letzte Mensch geopfert, gebraten und verzehrt wurde, und
wo der Häuptlingpriester noch jetzt zeitweise seinen harmlos gewordenen
Hokuspokus treibt. Der Platz ist viereckig und von einer niedrigen
Steinmauer umgeben, der Fußboden ist ebenso wie in den Hütten mit
großen Steinen belegt. Zwei große Bäume, von denen einer an dem einen
Ende, der andere am andern Ende innerhalb des Platzes steht, beschatten
diesen vollkommen, und in der Mitte zwischen ihnen sind die Steine zu
einer Feuerstelle hoch aufgeschichtet. Ein ausgehöhltes Stück Baumstamm,
welches nach Angabe des Paters die Festtrommel ist, liegt an der Erde. Die
Benutzung dieses Platzes bei der Vornahme von Menschenopfern geschah in
der Weise, daß die Männer sich um den einen Baum gruppirten und das Opfer
an dem andern Baum aufgehängt wurde. Im weitern Verlauf wurden dann von
dem Opfer einzelne Stücke abgeschnitten, in dem in der Mitte befindlichen
Feuer gebraten, gegessen und dies so lange fortgesetzt, bis das Opfer in
dem Magen der Menge lag. Die Weiber durften den Opferplatz nicht betreten,
es war ihnen aber erlaubt, außerhalb der Mauer stehend zuzusehen, wohin
ihnen auch einige Stücke des heidnischen Mahles gereicht wurden.

Wir besehen uns noch die ganz in der Nähe liegende Hütte des Häuptlings,
welche genau den andern gleicht und als einziges Ausstattungsstück die
große Alarmmuschel des Häuptlings in sich birgt. Durch ein in die Spitze
eingebohrtes Loch wird es möglich, einen hellen durchdringenden Ton auf
der Muschel zu erzeugen.

Wir hatten nun alles gesehen und kehrten zu meinem Boot zurück. Auf dem
Wege wurde mir von einer alten Frau noch ein altes, auf ein Stück Knochen
geschnitztes Idol zum Kauf angeboten. Gegen Mittag sind wir wieder an
Bord und finden auf dem Schiffe bereits reges Leben. Wie es scheint, ist
die ganze männliche Bevölkerung von Omoa zum Theil auf dem Schiff, zum
Theil in den vielen Kanus neben demselben. Das ganze Schiff ist von Kanus
umschwärmt, deren Insassen lachen und schwatzen und durch geschickte
Wendungen den spaßhaft gemeinten Angriffen anderer Kanus ausweichen; alles
ist in fortwährender, freudetrunkener Bewegung. Auf dem Deck des Schiffes,
in der Takelage, in den untern Räumen sieht man eingeborene bunte Männer
und Jungen, welche eine Verständigung mit unsern Leuten versuchen; viele
haben Früchte, Hühner, Eier und Muscheln, für welche sie alte Kleider
einzuhandeln suchen. Während ich auf der Commandobrücke stehe, um mir von
erhöhtem Standpunkt aus dieses buntbewegte Treiben anzusehen, klettert
dicht bei mir an der Schiffswand ein älterer Mann herauf, klammert sich an
der Takelage an, nickt mir einen freundlichen Gruß zu und nimmt dann zwei
ihm aus seinem Kanu gereichte kleine Beutel in Empfang, welche er, mich
lachend ansehend, zärtlich streichelt und dann im Schiffe verschwindet.
Wie ich nachher hörte, hatte der Mann in diesen Beuteln 100 Dollars, für
welche er sich auf dem Schiff alte Kleidungsstücke kaufen wollte. All
die andern Sachen, welche die Leute mitgebracht hatten, wurden auch nicht
gegen Geld verkauft, sondern gegen alte Kleider ausgehandelt. So kam es,
daß am Abend, als die Leute wieder an Land geschickt wurden, Omoa eine
ganz andere Physiognomie erhielt, weil kaum noch ein ganz nackter Mann
zu sehen war, denn wenn auch nur wenige einen vollständigen Anzug erlangt
hatten, so hatte doch jeder irgendein Stück, wodurch die Gesellschaft noch
bunter wurde, als sie vorher gewesen war. Bei meiner Rückkehr zum Schiff
waren auch schon einige Damen an Bord und zwar in der Offiziermesse, wo
sie unter männlicher Begleitung mit den Herren frühstückten; es waren die
Häuptlingsfrau mit ihren drei Schwestern. Ich erfrischte mich zunächst
auch mit Speise und Trank und forderte dann die Herren auf, mit den vier
Frauen so lange in meine Kajüte zu kommen, bis ihre Messe für das uns
zugesagte Tanzfest hergerichtet sei.

Die vier Insulanerinnen in meiner Kajüte zu sehen, war wirklich ein
seltenes Vergnügen. Ehe sie überhaupt eintreten, stellen sie sich
hintereinander in einer Reihe auf, eine hält sich am Kleid der andern
fest, in den Gesichtern liegt theils Entsetzen über das was jetzt nun wol
kommen wird, theils Neugierde. Im Gänsemarsch treten sie ein, um sich
in der Kajüte selbst auch in derselben Ordnung zu bewegen. Die Sonne
scheint hell durch die Fenster und beleuchtet grell die bunten Farben
des Teppichs, des rothen Plüschsophas und der rothen Fenstervorhänge. Von
dieser Pracht geblendet, bleiben unsere Freundinnen zunächst stehen, um
in den wiederholten Ruf: „'A--i! A--i!'“ auszubrechen. Die vorher etwa
dagewesene Angst ist verschwunden, die Sinne concentriren sich in den
Augen, um mit diesen alles zu erfassen, und es ist doch so viel zu sehen.
Der Teppich, das Sopha, der schwere blankpolirte Tisch, die vielen Stühle,
die goldglänzende große Hängelampe, die kleinen polirten Eckspinde, die
vielen Bilder. Plötzlich stößt die eine ein mehrmals schnell wiederholtes
„'Ai!'“ aus, reißt die andern an den Kleidern herum, daß sie ordentlich
herumwirbeln, und alle vier stehen vor den Statuetten, die Hände hinter
den Ohren, Mund und Augen weit aufgerissen. Ich weiß nicht, ob dieses
Erstaunen den Bildwerken oder ihren eigenen dummen Gesichtern gilt,
welche sie in dem hinter den Puppen hängenden Spiegel sehen, doch ein
Blick überzeugt mich, daß ihre Augen auf die Puppen gerichtet sind. Wir
sind für die vier Frauen nicht mehr vorhanden, denn bald ist alle Scheu
geschwunden und sie fangen an sich zu unterhalten, als ob sie allein
bei sich zu Hause wären. Die eine ruft die andern, hält den Rücken ihrer
rechten Hand unter ihre Nase und zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger
und verschmitztem Blick auf die Figuren. Eine andere zeigt auf die aus dem
Spiegel zurückgeworfene Rückseite der Venus und kann nicht widerstehen,
die Puppe an der Originalseite zart zu streicheln; dann kommt sie aber
plötzlich zur Erkenntniß, wo sie eigentlich ist, denn sie zieht entsetzt
ihre Hand zurück, steckt sie schnell in den Mund und sieht mich mit einem
wahrhaft rührenden, halb entsetzten halb bittenden Blick an, was ich zu
dieser Kühnheit wol sagen werde. Als ich ihr dann lachend zunicke, sind
alle wie von einem Alp befreit und beginnen nun sämmtlich zu streicheln,
dabei fortwährend schwadronirend und kichernd; nur eine bleibt ernst,
sie steht mit geneigtem Kopf vor der Ariadne und streichelt mit ganz
besonderer Andacht deren Büste, auch die andern streicheln nicht die
Masse, aus der die Puppen gebildet sind, sondern suchen sich ihre Stellen
aus.

Da es noch mehr zu sehen gibt, fordere ich sie nun auf, mir in die
Achterkajüte zu folgen; sie rangiren sich wieder eine hinter die andere
und betreten, auf den Zehenspitzen gehend, diesen Raum. Doch kaum haben
sie einen Blick um sich geworfen, so fahren sie auseinander wie eine
Heerde aufgescheuchter Schwaben. Eine steht vor dem Bild meiner Frau,
eine andere vor der „Büßenden Magdalena“, die andere vor den früher schon
genannten Mädchenbildern, doch ohne Ruhe, weil keine sich schlüssig machen
kann, welches Bild eigentlich das schönste ist. So fahren sie fortwährend
herum, vertauschen ihre Plätze und vollführen dabei einen Heidenlärm. Sie
müssen sich sehr viel zu erzählen haben, weil sie mit ernsten Gesichtern
laut und in sichtlicher Erregung sprechen. Platzen wir dann einmal mit
einem tüchtigen Lachen dazwischen, dann sehen sie uns einen Augenblick
vorwurfsvoll fragend an, lachen auch einmal auf, setzen dann aber gleich
wieder ihr Gespräch mit ernsten Gesichtern fort. Um sie noch verwirrter
zu machen, lasse ich meine Spieluhr spielen; das geht ihnen aber doch
über den Spaß, wie der hübsche Kasten anfängt zu singen, und noch größer
wird ihr Staunen, als sie das Werk so selbstthätig arbeiten sehen. Ich
lasse sie dann auf meinem Schreibtisch und in dessen Schublade etwas
herumkramen, wo die verschiedensten Sachen ihre Aufmerksamkeit fesseln
und ihre aufgeregten Nerven doch etwas beruhigen: Uhren, Ringe, Messer,
Schere, Tintenfaß, Cigarrentaschen, silberne Becher, loses Geld und was
sonst noch für den ersten Griff bereit liegt. Hierbei bezeichneten sie
alle goldenen und silbernen Gegenstände mit dem Ausdruck „'money'“.
Diese Ablenkung hatte die beabsichtigte Wirkung, daß die Ruhe wieder
über sie kam und daß die Richtung ihrer Augen zeigte, was für sie das
schönste war, nämlich die beiden Mädchen, welche es am Tage vorher auch
den Männern angethan hatten. Ihre Frage, ob diese Bilder meine beiden
Töchter vorstellen, welche sie auf dem Schreibtisch als vier und sechs
Jahre alte Kinder gesehen haben, bejahe ich belustigt. Die zum Essen
angebotenen Rosinen finden keinen Anklang, dagegen scheinen die Mandeln
ihnen außerordentlich gut zu schmecken, wenigstens schmatzen sie beim
Essen wie eine Heerde kleiner Schweinchen, auch nimmt die eine sich mit
meiner Erlaubniß einige mit, um sie an Land zu pflanzen.

Wenige Tage vor meiner Ankunft in Omoa hatte ich mich, um neben den ältern
Reiseberichten auch ein wissenschaftlich begründetes Urtheil zu hören,
durch Waitz’ „Anthropologie“ belehren lassen. Da steht geschrieben,
daß diese Naturvölker die von den Kaukasiern als ideal anerkannten
Körperformen und Hautfarben den ihrigen nachstellen und namentlich die
weiße Haut für krankhaft halten. Ich bin jetzt gar nicht geneigt, dies
zu glauben. Die bildlich dargestellten beiden Mädchengestalten gefielen
besser als die Statuetten, weil ihnen ein außerordentlich zarter Teint
gegeben ist; an den Statuetten wurden die classischen Formen bewundert.
Bei den Männern zeigte kein Blick, keine Bewegung das Auftauchen von
Begierden, sie waren eben nur von der Schönheit hingerissen und müssen
dieselben Empfindungen gehabt haben, welche uns beim Anblick der
classischen Gebilde des Alterthums beherrschen. Ich halte mich daher
zu dem Schluß berechtigt, daß die Reisenden sich bisher nicht die Mühe
gegeben haben, diese Eingeborenen eingehend zu studiren, oder sie hatten
die zu diesem Studium erforderlichen Hülfsmittel nicht an der Hand.

Wir verlassen meine Kajüte wieder, weil inzwischen zwei Bootsladungen
mit Frauen und Mädchen angekommen sind, welche nach Versicherung der
Dolmetscher uns auch einen Tanz vorführen werden. Die neuangekommenen
Vertreterinnen des schönen Geschlechts, 14 an der Zahl, stehen scheu in
einer Ecke der Messe, sich wie eine Heerde Schafe ineinander verkriechend,
während die Offiziere im Verein mit den mitgekommenen Männern sie
umgeben und ihnen gut zureden. Der Versuch, diese leicht bekleideten
Nymphen in dem Raum zu vertheilen und bunte Reihe herzustellen, misglückt
aber, trotzdem sie sehen, daß die vier vorher genannten Damen sich ganz
frei unter uns bewegen. Es scheint, daß eine gewisse Zeit dazu gehört,
die erste Scheu zu überwinden. Wird eine an der Hand aus dem Knäuel
herausgeführt, so kommt sie ängstlich und zagend mit, schießt aber
sofort wieder in den Knäuel hinein, sobald ihre Hand losgelassen wird.
Es bleibt daher nichts anderes übrig als sie zusammen zu lassen, und nun
gelingt es auch, sie wenigstens zum Sitzen zu bewegen. Ein Theil setzt
sich auf die gepolsterte Bank, ein anderer Theil auf Stühle, die meisten
ziehen den Fußboden vor, und nun beginnt ein ohrenzerreißendes Concert.
Wol infolge des seit zehn Monaten ununterbrochen währenden Regens und
der damit verbundenen rauhen Witterung haben die Leute fast alle den
Schnupfen, und da sie Taschentücher nicht kennen, helfen sie sich damit,
daß sie den Schleim mit großem Getöse einziehen und ihn dann ausspucken.
Bisher hatten sie sich noch beherrscht; jetzt aber behaglich gruppirt,
glaubten sie, sich diese Erleichterung auch gönnen zu dürfen, nachdem
ihnen einige Spucknäpfe, deren Nothwendigkeit bei dem vorhergegangenen
Besuch von den Offizieren schon erkannt worden war, hingeschoben worden
sind. Spucknäpfe sind allerdings nur zwei in der Messe vorhanden, und
ich wollte schon bitten, noch einige herbeibringen zu lassen, als die
sich entwickelnde Scene mich davon abhält. Mit großer Sorgfalt werden
diese beiden Näpfe zur gefälligen Benutzung von Hand zu Hand gereicht
und so gewissenhaft benutzt, daß weitere Zufuhr überflüssig erscheint.
Nachdem so für den nothwendigsten Comfort Sorge getragen ist, wird an die
Bewirthung gegangen, welche in Liqueur, Kakes und Cigarren besteht. Dies
hebt bald die Stimmung, die Scheu schwindet mehr und mehr, eine allgemeine
Unterhaltung bricht sich Bahn und bald fühlen sich unsere Gäste sichtlich
wohl. Jetzt kann auch die Aufforderung zum Tanzen erlassen werden, doch
finden wir noch keine Gegenliebe. Alle Aufforderungen der Dolmetscher
scheitern an einem starren Eigensinn, und dieselben wiederholen uns
immer wieder, daß die Nymphen sich zu sehr schämen. Da endlich schreiten
mit Energie die drei Schwestern der Häuptlingsfrau ein, die Tänzerinnen
stellen sich in einen Kreis, uns ihren sehr knapp in das Umschlagetuch
eingehüllten Rücken zuwendend. Na -- nun endlich geht es los. Ja, Prosit!
-- Die Mädchen sind hier gerade so wie bei uns, in richtigem Alter eine
richtige Gänseheerde. Anstatt zu tanzen, stecken sie die Köpfe zusammen
und kichern, schmiegen sich aneinander an und laufen wieder auseinander,
wie dies bei uns Mädchen im reifern Backfischalter thun, wenn sie nicht
recht wissen, wie sie sich benehmen sollen. Der einzige Unterschied
liegt nur darin, daß man in solchem Falle bei uns bei dem dabei stets
stattfindenden Bücken des Körpers faltenreiche, wogende Roben sieht,
während man hier bei jedem Bücken mit Entsetzen das Unglaubliche sich
zu vollziehen wähnt, daß der keineswegs zähe aber überstraff gespannte
Stoff platzen wird. Ich sehe mich besorgt nach irgendetwas um, womit man
den etwaigen Schaden schnell repariren könnte, das Unglaubliche passirt
aber nicht, der Stoff hält die Anstrengung aus. Dieses kindische Benehmen
wiederholt sich mehrere male, endlich reißt allen Zuschauern die Geduld,
eine der drei Schwestern geht als Vortänzerin mit in den Kreis, wir alle
klatschen mit den Händen und endlich -- erst zag, dann aber energisch
kommt der Tanz zu seiner Vollendung.

Unter dem Händeklatschen der Zuschauer setzt sich der Kreis in Bewegung,
und die Tänzerinnen beginnen einen grabesstimmenähnlichen Gesang mit
folgenden Worten:

                  'Wat taë de hi a oë
                  Tutu a u
                  A ne nikke-he nikke-he hé
                  A nu rukke-hu rukke-hu hú.'

Der Tanz selbst liegt nur in den Hüftgelenken. Oberkörper und Beine
bleiben in Ruhe, während der Mittelkörper Bewegungen macht, welche
an den spanischen Tanz Habanero, wie er von dem niedern Volke getanzt
wird, erinnern und bei uns kurzweg unanständig genannt werden würden.
Um den Kreis der Tänzerinnen herum tanzt ganz niedrig auf dem Boden
mit weit ausgespreizten Beinen der Sandwich-Insulaner, macht mit seinem
Mittelkörper die wunderlichsten Verrenkungen und mit seinen Armen und
Händen verständliche Gesten, Bewegungen, welche alle in dasselbe Gebiet
fallen, wie diejenigen der Weiber.

Da ich gelesen hatte, daß die Frauen bei diesen Tänzen gewöhnlich das
bischen Kleidung, was sie haben, auch noch abwerfen sollen, und die
Marquesaner sowieso wegen ihrer Sittenlosigkeit berüchtigt sind, auch
der Pater in Hanavava mir gegenüber das erstere behauptet hatte, was er
übrigens nicht aus eigener Anschauung, sondern nur von Hörensagen wissen
konnte, so fragte ich den Dolmetscher, ob dies auch noch kommen würde, um
die Sache vorher zum Abschluß bringen zu können. Die Antwort, welche ich
bekam, war recht beschämend für die Europäer überhaupt und namentlich für
diejenigen, welche den schlechten Ruf dieses Völkchens begründet haben und
zwar zweifellos auf die oberflächlichsten Beobachtungen oder zweifelhafte
Berichte hin. Ich will den englisch redenden Marquesaner selbst sprechen
lassen:

„Bei uns an Land wird stets die Sitte gewahrt, und die Frauen sind auch
bei den Tänzen stets theilweise bekleidet; nur im directen Verkehr
zwischen Mann und Frau schämt sich die letztere nicht und ist es
dabei gleichgültig, ob der Mann ihr Gatte oder ein Fremder ist. Es ist
allerdings richtig, daß Frauen von uns auf den Walfischfängern nackt
getanzt haben und es vielleicht auch wieder thun, aber nie, solange noch
ein Mann des Dorfes auf dem Schiffe war oder dort sein wird, weil sie
sich viel zu sehr schämen. Auch thun sie es dann nur, weil sie von den
weißen Männern dazu gezwungen werden und glauben, daß das bei diesen Sitte
('fashion') ist.“

Als ich von dem Tanz genug gesehen hatte, was sehr bald der Fall
war, ging ich wieder nach oben, um mir das dort herrschende Leben
und Treiben zwischen den eingeborenen Männern und Jungen einerseits
und unsern Matrosen andererseits anzusehen. Die Insulaner sind in
dem Schiffe schon vollständig zu Hause und bewegen sich so frei, als
ob sie an Bord gehörten, mit vielen ist auch schon eine äußerliche
Veränderung vorgegangen, da sie die erhandelten oder geschenkt erhaltenen
Kleidungsstücke gleich angezogen haben.

Es ist ein buntbewegtes interessantes Bild, was von meinem Standpunkte
auf der Commandobrücke aus da vor mir sich entfaltet. Zu meinen Füßen
liegt das blinkend weiße Deck mit seinen blanken Kanonen und all den
schön geputzten, in der Sonne glitzernden Messing- und Eisentheilen. Auf
dem Deck, wo an 400 Menschen sich bewegen, ist ein Leben wie auf einem
Jahrmarkt: Matrosen, halb angezogene und nackte bunt bemalte Eingeborene,
diese theilweise mit Früchten und andern Handelsartikeln beladen, schieben
sich hin und her, dazwischen treiben die nackten gelben Jungen ihr Spiel;
die ganze Reling ist mit Menschen beider Hemisphären besetzt, welche
theils dem Treiben zusehend dort sitzen, theils unter Lachen versuchen,
sich miteinander zu verständigen. Die Takelage des leicht hin- und
herwiegenden Schiffes beschreibt regelmäßige Bogen auf dem feenhaften
Hintergrunde, und das Wasser ist durch die vielen fortwährend in Bewegung
befindlichen Kanus belebt. -- Stundenlang hätte ich dort stehen können,
um diesem interessanten, wechselvollen und harmlosen Leben und Treiben
zuzuschauen.

Unter den sich umhertreibenden Jungen fiel mir ein besonders hübscher,
etwa 12 Jahre alter Bengel auf; ich rief ihn heran, um ihm in der
Kajüte etwas Naschwerk zu geben. Freimüthig, ohne Zaudern folgt er
meinem Wink; das Innere der Vorkajüte fesselt ihn aber mehr als die
Mandeln es thun. Als er sich genügend umgesehen hat, bittet er um die
Erlaubniß, auch die Achterkajüte betreten zu dürfen, was ich ihm erlaube.
Da er nicht wiederkommt und es hinten mäuschenstill ist, muß ich doch
nachsehen, was er dort eigentlich thut; ich trete in die Thüre und
finde nun die Bescherung. Da steht, zwei Schritte von mir entfernt, der
halbwüchsige Junge mir gegenüber vor den hier schon so oft genannten
beiden Mädchenbildern, mit offenem Munde, stieren Blickes. Er hört
mich nicht und sieht mich nicht, trotzdem seine Blicke mehreremal über
mich hinweggleiten, wenn er mit jähen Bewegungen seinen Kopf nach der
Seite wirft, um etwa noch schönere Bilder zu entdecken, was aber nicht
zuzutreffen scheint, da seine Augen stets schnell wieder nach den erstern
Bildern zurückkehren. Nach einiger Zeit trete ich an ihn heran, fasse
ihn leicht am Ohrläppchen, und nun kommt er erst wieder zur Besinnung.
Er scheint aus einem tiefen Traum zu erwachen, sieht noch einmal nach
den Bildern hin und läßt sich, verschämt lächelnd, am Ohr hinausführen.
So hatte ich, im Gegensatz zu Waitz, in der Zeit von 24 Stunden alte und
junge Männer, ältere und jüngere Frauen und ein Kind in meiner Kajüte,
welche als das Schönste alles Sehenswerthen die zarte Hautfarbe der
Kaukasierin betrachteten.

Es war inzwischen 5 Uhr nachmittags geworden, die Zeit, welche für das
Wegschicken der Insulaner festgesetzt worden war, weil ich am nächsten
Morgen mit Tagesanbruch weiter gehen wollte und das Schiff am Abend vorher
seeklar gemacht werden sollte. Vor meiner Kajüte sitzt der weibliche
Theil unsers Besuchs auf Deck, bereit in die Boote geschickt zu werden,
jedenfalls verwundert darüber, daß sie in ihrem Leben zum erstenmal ein
Schiff ohne weitere Abenteuer verlassen werden. Ich begleite sie noch zum
Fallreep, um der Häuptlingsfrau und den Dolmetschern Adieu zu sagen, und
finde bei meiner Rückkehr den Raum des schönen weißen Decks vor meiner
Kajüte, wo die Frauen gesessen hatten, ganz schwarz aussehend; bei meinem
Näherkommen fliegen Tausende von Fliegen auf und das Deck ist wieder weiß
wie vorher. Eine höchst merkwürdige Erscheinung, da diese Leute keine
andere Körperausdünstung haben als wir. Hätten Neger dagesessen, dann wäre
mir die Sache erklärlich gewesen, so aber fehlt mir jede Erklärung dafür.

Da mein Interesse für das ganze Treiben um uns herum, sowie für das
schöne Landschaftsbild mich noch einmal auf die Commandobrücke trieb,
wurde ich noch Zeuge einer höchst putzigen Scene, nämlich wie die Jungen
landen, wenn sie nicht bei dem Aufschleppen der Kanus helfen müssen,
und diesmal wurden sie größtentheils mit unsern Booten, welche nach dem
früher genannten Stein fuhren, an Land befördert. Sobald die Boote in
die Nähe des Landes kamen, ging es hops aus den Booten heraus; all die
Knirpse, an die 50 Kinder zwischen 4 und 12 Jahren, sprangen in das
Wasser und schwammen, unbekümmert um die Brandung und ohne Rücksicht
auf den bevorzugten Stein zu nehmen, nach den ihnen zunächst gelegenen
Steinen und schwammen so lange vor denselben, bis eine Welle hoch
auflief. Dann tauchten sie schnell unter, um aus dem überbrechenden
Wellenkamm herauszukommen, und als das Wasser ablief, lagen die kleinen
gelben Gestalten wie die Frösche, mit allen Vieren sich anklammernd,
auf den Steinen, sprangen dann schnell auf, schüttelten das Wasser ab
und waren mit einigen leichten Sprüngen aus dem Wasser. -- Es ist doch
beneidenswerth, solche Körpergewandtheit und auch den zu solchen Späßen
wol erforderlichen Muth zu besitzen.

Ehe ich das liebliche Thal Omoa verlasse, will ich noch einige, den
vorstehenden Bericht ergänzende Bemerkungen beifügen.

Wie ich schon angeführt habe, ist Arbeit eigentlich nicht bekannt und
erstreckt sich nur auf das fürs Leben durchaus Nothwendigste. Dieses
beschränkt sich auf den Hüttenbau, die Herstellung des Baumrindenstoffs,
den Fischfang nebst dem Bau der dazu erforderlichen Kanus, auf das
Abpflücken der reifen Früchte und auf das Kochen, schließlich auch noch
auf das Tätowiren, wenn man dies eine Arbeit nennen will.

Bestimmte Mahlzeiten haben diese Menschen nicht, sie essen vielmehr sobald
der Sinn ihnen danach steht.

Jedes Stück Land, jeder Fruchtbaum hat seinen Besitzer, und dieser Besitz
vererbt sich von dem Vater auf die Söhne, beziehentlich die von ihm als
solche anerkannten Kinder. Diebstahl soll nach übereinstimmender Aussage
des Missionars und unserer Dolmetscher nur äußerst selten vorkommen, weil
Stehlen als ein schweres Verbrechen betrachtet wird. Mit Bezug hierauf
hatten wir auch Gelegenheit, ein gleiches eigenes Urtheil zu gewinnen,
denn trotz der vielen Eingeborenen, welche bei uns an Bord gewesen waren,
ist nichts abhanden gekommen, wie die ganze Mannschaft auf Befragen
versichert hat; sogar all die Kleinigkeiten, welche den Weibern für
ihren Tanz geschenkt worden waren, fanden sich nach ihrem Abgange auf dem
Schiffe wieder vor.

Während unsers Aufenthalts ist, wie ich dies auch schon angedeutet habe,
kein Fall von Trunkenheit bei den Eingeborenen beobachtet worden, und
ich führe dies nur noch einmal an, um daran anknüpfend zu erwähnen, daß
die Trinkgelage zuweilen mit der Ermordung eines Mannes enden sollen. Da
diese Fälle aber stets dieselbe Entwickelung und denselben Verlauf haben
sollen, so bin ich der Ansicht, daß das Trinkgelage in solchem Falle
nur Mittel zum Zweck und eine Art Vehmgericht ist, daß die Ermordung
zu einer Zeit erfolgt, wo die Leute noch nüchtern sind, und zwar mit
der bestimmten Absicht, das Gemeinwesen auf einfachste Art von einer
allgemein misliebigen Persönlichkeit zu befreien. Die Sache fängt stets
damit an, daß während des Gelages zwei Männer in Streit kommen, dann aber
sofort die ganze Gesellschaft ohne jedes Besinnen für den einen Streiter
Partei nimmt, über den andern herfällt und ihn mit Messern und Aexten
zerfleischt. Ein derartige Lynchjustiz muß ein abgekartetes Spiel sein,
weil Trunkene sich wol in eine Schlägerei mischen, sich aber nicht sofort
gegen eine Person vereinen können.

Bei dem Kapitel „Sittenlosigkeit“ oder „Freiheit der Sitten“ bleibt
noch festzustellen, welches eigentlich die richtigste Bezeichnung ist.
Der obenerwähnte kleine Pfiffige (ich muß schon bei dieser Bezeichnung
bleiben) erzählte mir, daß er sich keine Frau nähme, weil er ja doch
immer eine auf Zeit haben könne, wenn er Lust dazu habe, und das käme ihm
billiger wie fortgesetzt eine Frau mit deren Kindern zu unterhalten. Dafür
wird er allerdings in seinem Alter keine Söhne zu seiner Unterstützung
haben, wenn es ihm nicht gelingen sollte, vorher ein größeres Besitzthum
zu erwerben und dann darauf lüsterne junge Männer zu adoptiren. Dieser
Zustand ist ja nach unsern Begriffen entschieden unmoralisch, demnach
eine Sittenlosigkeit. Dieselbe wird aber dadurch sehr gemildert, daß die
Kinder nicht darunter leiden, sondern in jedem Manne einen Vater, in jedem
Jüngling einen sie schützenden Bruder finden. Was ist Liebe der Aeltern zu
ihren Kindern? fragt man sich unwillkürlich, wenn man diese paradiesischen
Zustände sieht. Die Kinder finden hier entschieden ebenso viel Liebe wie
bei uns, obgleich oft nicht einmal die Mütter deren Vater zu bezeichnen
wissen. Hier wird die Kinderliebe also nicht durch die Stimme der Natur
bedingt, sondern einfach durch Gewöhnung.

Das aber, was sonst in den Reiseberichten als Sittenlosigkeit hingestellt
wird, kann ich nicht als solche bezeichnen. Der Satz ist wol nicht
anzugreifen, daß bei uncivilisirten Menschen, welche so abgeschieden von
aller Welt und sich selbst überlassen leben, wie die Marquesaner, die
Sittenlosigkeit und die davon gar nicht zu trennende Schamlosigkeit immer
mehr um sich greifen müssen, wenn sie überhaupt einmal bestanden haben.
Da die Leute nun aber nach dem früher Gesagten nur im Verkehr mit solchen
Weißen, welche sie zur Abwerfung jedes Schamgefühls zwingen, sich nach
unsern Begriffen sittenlos zeigen, bei ihrer Rückkehr an Land aber sofort
wieder relativ strenge Sitten beobachten, so kann ich dem harten Urtheil,
welches über diese Leute gefällt worden ist, nicht beipflichten, sondern
kann nur das Bestehen einer großen Freiheit der Sitten anerkennen. Man
wird nach all dem Gesagten sogar zu der Vermuthung verleitet, daß jene
Berichterstatter womöglich mit dazu beigetragen haben, den schlechten Ruf
der Marquesaner mit zu begründen. Nach langer Seereise kamen sie zu diesen
Menschen, welche ihnen nach landesüblicher Sitte ihre hübschen Weiber
anboten. Nahmen sie das Anerbieten an, dann suchten die Weiber natürlich
sich so angenehm wie möglich zu machen und glaubten das Beste zu thun,
wenn sie das von den rüden Gesellen der Walfischfänger (denn diese waren
vor allen andern hier) Erlernte von sich gaben, weil die weißen Männer des
einen Schiffes doch denselben Geschmack haben mußten, wie diejenigen des
andern. Ihrem Gefühl nach lag den Weibern aber nach meiner Ueberzeugung
ein solches Benehmen unendlich fern, weil ich sonst doch irgendeinen
Anhalt dafür hätte finden müssen, und daß ich fleißig gesucht habe, dürfte
aus der ganzen Darstellung hervorgehen. Und so komme ich zu dem Schluß,
daß die Missionen auf den andern Inseln sich glücklich schätzen müssen,
wenn sie dort je so moralische Zustände erreichen, wie sie auf dieser
Insel zur Zeit herrschen, wo bisher kein Missionar sich auf die Dauer
halten konnte, und daß europäische und amerikanische Hafenstädte froh
sein dürften, wenn ihr niederes Volk so anständig wäre, wie diese Leute
es sind.

Nebenbei sei bemerkt, daß Eifersucht hier eine unbekannte Leidenschaft
ist. Doch auch ein echt paradiesischer Zustand.

       *       *       *       *       *

Am 16. Mai morgens verließ ich Omoa wieder und langte nach einer
schönen Fahrt an den schönen Inseln dieser Gruppe vorbei gestern Mittag
in Port Anna-Maria auf Nuka-hiva, der nördlichst gelegenen Insel der
Marquesas-Gruppe, an. Ich machte dem Gouverneur meinen Besuch, einen
Spaziergang durch den Ort, trotz des anhaltend strömenden Regens, fand
aber nichts Besonderes, weil dieser Platz wegen der hier lebenden Europäer
seinen ursprünglichen Charakter schon verloren hat. Heute Nachmittag,
nach Einnahme von frischem Fleisch für die Mannschaft, geht es weiter nach
Tahiti.



5.

Von den Marquesas-Inseln nach Tahiti.


                                                              18. Mai 1878.

Heute Nachmittag haben wir Port Anna-Maria wieder verlassen und damit
von den Marquesas-Inseln Abschied genommen. Der Regen hatte für heute
seine Herrschaft verloren und war von der Sonne und einem lachenden Abend
verdrängt worden, wodurch es uns, dicht unter der Südküste von Nuka-hiva
entlang segelnd, vergönnt wurde, das schöne Bild zu genießen, an welchem
wir langsam vorüberzogen. Auf einzelnen Spitzen der Berge und in einigen
Thälern lagerten zwar noch bleifarbene, dicht geballte Wolken, sie konnten
dem Lande aber nicht mehr ihre Regenphysiognomie aufdrücken, sondern
ließen die von hellem Sonnenschein überhauchten, mit üppigster Vegetation
bedeckten Bergrücken und Thalgelände nur in um so prächtigern Farben
erscheinen. Das vor uns liegende Panorama war schön und von demjenigen
Zauber umgeben, welcher auf allen Inseln vulkanischen Ursprungs ruht. Es
würde mich zu weit führen, wollte ich hier eine nähere Beschreibung des
Landes geben, doch glaube ich trotzdem eines schönen Punktes besonders
erwähnen zu müssen.

Von dem Ausgang des Hafens von Port Anna-Maria nach Westen segelnd,
befanden wir uns bald vor dem kleinen, von hohen steilen Bergen
und Felsmassen eingeschlossen in einem Gebirgskessel liegenden Port
Tschitschakoff. Vor der schmalen Einfahrt stehend, übersieht man den
ganzen wildromantischen, malerischen Hafen, dessen Hintergrund durch seine
düstere Großartigkeit jeden Beobachter unwillkürlich fesseln muß. Hier
inmitten des üppigsten Tropenbildes liegt, rechts und links eingerahmt
von der ganzen Fülle tropischer Vegetation, ein Stück Magelhaens-Straße
der südlichsten Breite. In grünem Rahmen steigt eine von dem Regen schwarz
gefärbte, wild zerklüftete Felsenwand fast senkrecht bis zu einer Höhe von
700 m empor, ein ebenbürtiges Bett für den prächtigen Wasserfall, welcher
über den obersten Felsenkamm hinwegschäumt. Dort oben, in schwindelnder
Höhe, steigt die 7 m breite, mächtige Wassermasse mit berauschender
Gewalt über den scharfen Gebirgskamm hinweg, ohne daß man von unserm
doch immerhin weit abliegenden Standpunkte die höher liegenden Berge, von
welchen das Wasser kommen muß, sehen kann. Senkrecht stürzt die wilde Flut
in einen düstern, im Verhältniß zu seiner Höhe engen Felsenschlund hinab,
welcher unten durch Verschiebung des Gesteins für das Auge geschlossen
wird, während er sich von der halben Höhe ab nach oben hin callakelchartig
öffnet. Die in eiliger Hast sich überstürzenden gelben, schmutzigen
Wassermassen verlieren bald ihr festes Gefüge, ein gelblicher Staubregen
von großer Dichtigkeit, dessen auf- und abwogende Dunstmassen mit ihrem
Spiel das Auge fesseln, füllen den ganzen tiefen Schlund aus und müssen
einem untenstehenden Beschauer ein noch großartigeres Schauspiel gewähren.
Leider konnte ich Port Tschitschakoff nicht anlaufen und daher diese
Naturschönheit, welche erst in größerer Nähe zur vollen Entfaltung kommen
kann, nicht eingehender besichtigen.

Nuka-hiva lag bald hinter uns. Zu unserer Linken hoben sich, von der
Abendsonne goldig überhaucht, einige andere Inseln der Gruppe scharf
von dem blauen Himmelshintergrunde ab und tauchten allmählich unter den
Horizont. Die anbrechende Dämmerung verhüllte dieses langsam sich senkende
Bild. Jetzt ist der Tag ganz entschwunden, wir sind wieder allein und
eilen mit frischem Winde und vollen Segeln einem Theil unserer Erde zu,
welcher noch vor wenig Jahren von den Seeleuten allgemein gefürchtet
wurde, jetzt aber, infolge sorgsamer Vermessungen der letzten Jahre,
nicht mehr zu schrecken vermag. Es ist dies der Archipel der „Niedrigen
Inseln“, von den Eingeborenen sehr bezeichnend Paumotu oder „Inselgewölk“
genannt. Dieses Inselgewölk erstreckt sich in der Richtung von Südost
nach Nordwest von 22° bis zu 14° Südbreite, also über einen Flächenraum
von etwa 1500 Seemeilen, und zählt nahezu 100 Koralleninseln, die so
dicht zusammenliegen, daß die eine immer in Sicht der andern liegt.
Keine dieser Inseln erhebt sich mit ihrem festen Rücken mehr als 3 m
über den Wasserspiegel, die meisten überragen denselben nur mit einem
Theil ihrer Peripherie, während der andere Theil sich noch unter Wasser
befindet und für die Schiffahrt gefährliche Riffe bildet. Denn wenn
auch bei Tage und klarem Wetter die Brandung auf diesen Riffen weithin
sichtbar ist, so weit, daß für ein Schiff keine Gefahr entstehen kann,
so ist eine solche bei Nacht, wo das Auge den Dienst verweigert und
man auf das Gehör allein angewiesen ist, doch vorhanden, da das Ohr
ein sehr unvollkommener und namentlich ein trügerischer Führer ist. Die
Inseln dieses Archipels sind durchweg sogenannte Laguneninseln (von den
Engländern mit dem indischen Ausdruck „Atoll“ benannt), Steinringe, welche
einen See (Lagune) umschließen, der fast stets durch eine oder mehrere
Einfahrten von geringer Breite mit dem Meere in Verbindung steht. Die
Größe dieser Atolls ist nach der Karte sehr verschieden, ihr Durchmesser
schwankt zwischen 5 und 30 Seemeilen. Früher war man auch noch der
Ansicht, daß die verschiedenen Inseln unter sich durch unterseeische
Korallenriffe miteinander verbunden seien, weshalb die Schiffe es
vermieden, diese Gruppe zu durchschneiden, und in der Regel einen großen
Umweg wählten. Da indeß die neuesten Vermessungen ergeben haben, daß
derartige Verbindungsriffe nicht vorhanden sind, sondern zwischen diesen
Korallengebilden freies tiefes Wasser liegt, so kann die Passage durch
den Archipel als eine relativ sichere gelten. Die einzig zu beachtende
Vorsicht ist nur die, daß man den Curs zwischen solche Inseln legt,
welche an der Passage sich über das Wasser erheben, und daß man sorgsame
Rücksicht auf die hier herrschenden starken und unregelmäßigen Strömungen
nimmt.

Ueber die Entstehung der Koralleninseln schwanken die Ansichten noch
insofern, als die einen behaupten, daß die Korallenthierchen, welche nur
bis zu einer gewissen Wassertiefe bauen, ihre Bauten auf allmählich sich
senkendes Land errichten und sich so immer mit ihrem obern Kamm in dem
Wasserniveau halten, während andere dies verneinen und die Entstehung
dieser Inseln vulkanischen Erhebungen zuschreiben. Es ist wol zweifellos,
daß die erstere Ansicht da zutrifft, wo das Kalkgemäuer sich bis zu einer
Wassertiefe erstreckt, in welcher die Korallenthierchen nicht mehr zu
leben vermögen, während bei den bewohnten Koralleninseln nur die letztere
Auffassung zutreffen dürfte.

Ich will hier eine kurze Erklärung über die Entstehung dieses merkwürdigen
künstlichen Landes folgen lassen und zum bessern Verständniß die
nebenstehende Skizze beifügen. Vulkanische Erhebungen des Meeresbodens
bilden das Fundament. Vereinzelte Koralleninseln findet man sehr selten
und dann auch nur umgeben von ausgedehnten Korallenriffen; meistentheils
liegen sie gruppenweise zusammen, ebenso wie die in der Nähe liegenden
Gruppen hoher vulkanischer Inseln. Ja, sie geben in ihren Contouren und
ihrer äußern Erscheinung das Bild der Gipfel einer hohen Inselgruppe
wieder. Die Laguneninsel mit tiefem Wasser in dem Innensee zeigt uns
das Bild eines noch actionsfähigen Kraters; diejenige, deren Lagune nur
seichtes Wasser hat, sagt uns, daß der Krater verschüttet ist und in
demselben Schlamm und fließender Sand liegt, worauf die Korallen keinen
festen Fuß fassen können, wenn nicht etwa, wie in ausgebrannten Kratern,
auch hier Schwefeldämpfe die Korallenthierchen abhalten. Die vollen, in
der Mitte höher sich hebenden Koralleninseln lassen keinen Zweifel, daß
ihr Fundament ein fester Berggipfel ist. Wie schon angedeutet, vermögen
die Korallen nicht über eine bestimmte Wassertiefe hinabzugehen (ich
glaube, die äußerste Grenze ist 60 m von der Oberfläche entfernt). Sobald
die Thierchen mit ihrem kunstvollen Bauwerk die Wasseroberfläche erreicht
haben, sind sie an ihrem Ziele angelangt, sterben, da sie ohne Seewasser
nicht mehr leben können, auf dem Kamme ab, und nun ist es nur eine
Frage der Zeit und günstiger Umstände, daß das Riff sich zu einem Körper
bildet, welcher Pflanzen und Menschen zu leben gestattet. Korallenriffe,
welche auf fallendem Lande erbaut sind, könnten sich daher nur durch
Ablagerungen und Anschwemmungen unendlich vieler kleiner, fester Körper
aus dem Meere zu einer Insel entwickeln, und zu solch einer Entwickelung
würden Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende gehören. Daß aber eine solche
Entwickelung überhaupt nicht möglich ist, zeigen die vor hohen Inseln und
überhaupt festem Lande liegenden Korallenriffe, welche, wie im Rothen
Meere und Indischen Ocean, schon seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen
Jahrtausenden, immer dieselbe Gestalt zeigen. Der in der Meeresoberfläche
liegende Rücken der Korallenbank wird ununterbrochen so stark von der
Brandung gepeitscht, daß nichts dort festen Fuß fassen kann, was nicht
direct aus den Korallen herauswächst und das wieder kann nicht an der
Luft leben. So können nur diejenigen Korallenriffe, welche durch Hebung
ihres Fundaments über das Meeresniveau gestiegen sind, nach erfolgter
Verwitterung des Korallengesteins oder nach erfolgter Anschwemmung in
verhältnißmäßig kurzer Zeit culturfähig werden, wenigstens culturfähig für
die Kokosnußpalme und eine Art Eisenholz, welche zu ihrem Gedeihen gerade
den Korallensand und keinen Humus verlangen. Ich muß übrigens an dieser
Stelle darauf verzichten, eine nähere Beschreibung dieser Inseln zu geben,
da die Verhältnisse mir nicht gestatten, auf dieser Tour eine derselben
anzulaufen; ich werde indeß im weitern Verlauf der Reise im westlichen
Theil der Südsee noch in vielfache Berührung mit ihresgleichen kommen,
dann also competenter zu solcher Aufgabe sein. Hier will ich nur noch
einmal auf die umstehende Skizze hinweisen, um durch dieselbe zu zeigen,
warum außerhalb der von den stets senkrecht bauenden Korallen errichteten
Inseln in der Regel tiefes Wasser ist.


                                                                   24. Mai.

Gestern vormittags 11½ Uhr kamen einige der Koralleninseln in Sicht, d. h.
nur die auf ihnen wachsenden Kokospalmen, welche ihre Wurzeln scheinbar
in den Ocean geschlagen haben, da das niedrige Land erst sichtbar wird,
nachdem das Schiff sich der Insel einige Seemeilen mehr genähert hat.
Da ich bisher noch keine Koralleninseln gesehen hatte, so lief ich
dicht heran, um, an der niedrigen Küste entlang segelnd, einen Einblick
zu erhalten. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, diese schmalen
Landstreifen zu sehen, welche, dicht mit schattigen Bäumen bewachsen,
hier in dem unendlichen Weltmeere wie Oasen unter dem farbenprächtigen
Tropenhimmel liegen und, von der hier ewig heißen Sonne beschienen, von
einem merkwürdig sonntägig melancholischen Hauch umweht sind. Hier und da
sieht man zwischen den Bäumen einige Hütten hervorlugen, Menschen gewahrt
man aber nicht. Wozu sollten diese Leute auch in der heißen Mittagszeit
ihre Hütten verlassen? Was sie zum Leben gebrauchen, geben ihnen die
Kokosnüsse und die in den Morgenstunden unternommenen Fischzüge; andere
Nahrung kennen sie nicht, sogar das Wasser fehlt ihnen. Kokosnußkerne
und Fische bilden die Speise, Kokosnußmilch das Getränk. Das Leben auf
diesen Inseln würde daher unmöglich sein, wenn die Kokosnußpalme nicht
ununterbrochen, unabhängig von der Jahreszeit, stets Blüten und Früchte
jeden Alters, von der ersten Anlage bis zur vollkommenen Reife, trüge.
Arbeit bringt den Leuten keinen Nutzen, ihr ganzer Lebenszweck besteht
daher in Essen, Trinken, Schlafen und in der Sorge für ihre Fortpflanzung.

Da die hohen Bäume einen Blick auf die andere Seite des schmalen
Landstreifens von dem Deck aus nicht zulassen und nur ab und zu dem
Auge erlauben, für Momente die schöne, hellgrüne Farbe des Inselsees
zu erhaschen, so stieg ich mit einigen Offizieren, denen sich sogar der
Schiffsarzt anschloß, in die Takelage, um von diesem erhöhten Standpunkte
aus einen freien Ueberblick zu erhalten. Jetzt liegt die ganze Insel
vor uns -- zu unsern Füßen der schmale, mit saftigem Laub bedeckte
Landstreifen, an den sich in der Ferne die noch im Wasserspiegel liegenden
Riffe anschließen, welche sich wol nie zu fruchtbarem Boden entwickeln
können, da die jahraus jahrein von derselben Richtung auflaufenden Wogen
das Riff mit einer so gewaltigen Brandung überspülen, daß die kleinen
Keimchen, welche sonst unter Umständen eine so starke Brustwehr zu bilden
vermögen, hier doch keinen festen Fuß fassen können. Merkwürdigerweise
müssen hier in der Südsee die von dem Passat aufgewühlten Wellen in
Bezug auf Höhe und Kraft vor einem Nebenbuhler zurücktreten, welcher
in einer Entfernung von etwa 2000 Seemeilen von den in den südlichen
Breiten herrschenden schweren Südweststürmen erzeugt ist und in Form einer
gewaltigen Dünung seinen Weg bis zu unserm augenblicklichen Standpunkt zu
finden weiß.

Die Insel würde ein lohnendes, aber sehr schwieriges Thema für einen
geschickten Maler abgeben; schwierig, weil nur die vollendetste Kunst
die großen Contraste, welche sich hier dem Auge bieten, im Bilde wird
wiedergeben können. Die tiefblaue Meeresflut, welche hier in Lee der
Insel von der vorher genannten Südwestdünung nicht beunruhigt wird,
ist nur leicht bewegt von dem kühlenden Passat, dessen kosendes Spiel
die Wasserfläche mit unzähligen Schaumköpfen bedeckt. Sanfte niedrige
Brandung bespült weich diesen blendend weißen Streifen Landes, auf dem
die Kokospalmen mit ihren schlanken, graugrünen Stämmen gen Himmel streben
und ihre duftigen saftig-grünen Laubkronen in dem frischen Winde spielen
lassen. Niedriges Buschwerk und Gräser bedecken den Rücken des Landes
und überziehen den grellen Korallensand mit einer dem Auge wohlthuenden
Farbe. Auf der andern Seite des Landes liegt die smaragdfarbene Lagune,
welche regungslos, von dem Winde unberührt, der Sonne wie ein riesiger
Edelstein entgegenstrahlt, während dieses erhabene Gestirn glänzend in
dem durchsichtigen Aether steht und seine warmen Strahlen auf dieses in
stillem Frieden daliegende Stück Erde hinabsendet. Doch welche Veränderung
sieht das Auge, sobald es weiter schweift! Zur Linken und Rechten verläuft
das Land in Riffe, über welche die schweren Südwestwogen brüllend
hinwegbrechen und ihren Gischt bis zu 15 m Höhe hinaufschleudern. Der
ganze See ist in der Ferne von einer dichten Dunstmasse umrahmt, denn
jenseit der Lagune sieht man nur noch den Wasserstaub der sich brechenden
Wogen, da die Brandung selbst schon weit unter dem Horizonte liegt.
Dieser Dunstkreis gibt dem Himmel an jener Seite eine graue Färbung und
ein stürmisches Aussehen; man glaubt dort an einem rauhen Herbsttage die
entfesselten Elemente kämpfen zu sehen, während hier das Schiff im schönen
Hochsommer sanft die Wogen des majestätischen Weltmeers durchschneidet.

Im Laufe des gestrigen Nachmittags wurden noch einige dieser Inseln
passirt, welche indeß ein trauriges Bild wüster Zerstörung zeigten. Vor
einigen Monaten hat ein schwerer Orkan seinen Vernichtungsweg über einen
Theil dieser Inselgruppe genommen, dort, wo er einkehrte, fast alle Bäume
entwurzelt und die Menschen in die salzige Flut geschleudert, wo Hunderte
ihren Tod fanden. Nur wenige, welche sich an Baumstämme angeklammert
hatten, wurden gerettet.

Während der letzten Nacht befand sich das Schiff inmitten dieses
Inselgewölks, wurde mit großer Sorgfalt in freiem Wasser gehalten,
passirte heute Morgen die letzten Inseln und hat nun, den Curs nach dem
schönen Tahiti gerichtet, diese doch immerhin unbehagliche Gegend hinter
sich.

Der heutige Tag sollte uns nach Papeete, der Hauptstadt von Tahiti,
bringen. So durfte es wenigstens angenommen werden, wenn die
Meeresströmungen das Schiff seit gestern Mittag nicht zu sehr aufgehalten
hatten. Die Insel ist so hoch (etwa 2240 m), daß die höchste Spitze bei
klarem Wetter auf 90 Seemeilen Entfernung sichtbar ist; es wurde daher
schon mit dem anbrechenden Tage nach dem ersehnten Lande ausgesehen, um
seine schwachen Umrisse möglichst früh zu erspähen. Die höher steigende
Sonne schichtete aber dort, wo die schöne Insel liegen mußte, Wolken
auf, gab dem Lande das feuchte Tagesgewand, welches dem Erdreich Segen,
dem Seefahrer aber so bittere Enttäuschung bringt. Wenn nun auch wenig
Hoffnung war, das Land vorläufig zu sichten, so ging es hier doch wieder
wie immer. Die Ferngläser wichen nicht von jener Wolkenbank, jeder wollte
Tahiti zuerst sehen, wollte seinem erfahrenen Auge den Triumph gönnen,
in dem Wolkenschleier einige schwache Contouren zu entdecken, welche
zweifellos dem Lande gehörten und nicht die Ränder einer Wolke bildeten.
Es mag auffällig erscheinen, daß ältere Leute sich so abquälen und ihre
Augen so unnütz anstrengen, da sie doch den Stand des Schiffes genau
kennen und wissen, was jenes Gewölk in sich birgt. Wer aber weiß, wie
oft das geübteste Auge durch Wolkenbildungen, die fernem Lande täuschend
ähneln, angeführt wird, der wird auch den Reiz verstehen, welcher in
solcher Augenübung liegt. Stunden vergingen, und erst 11½ Uhr vormittags
brach hoch über dem Horizont aus dem Gewölk der höchste Pic von Tahiti
hervor. Noch war die Möglichkeit, den Hafen vor Einbruch der Nacht zu
erreichen, vorhanden; das eine Stunde später festgelegte Mittagsbesteck
ergab aber noch eine Entfernung von 70 Seemeilen, ein Stück Weges,
das unter den obwaltenden Verhältnissen in sechs Stunden nicht mehr
zurückgelegt werden konnte.

Der Tag war herrlich und so recht geeignet, das Schiff nach der langen
Seereise von Panama aus, vor Ankunft in dem fremden Hafen wieder in einen
Zustand der Ordnung und Reinlichkeit zu bringen, wie man im Auslande die
deutschen Kriegsschiffe zu sehen gewohnt ist. Während in dem gewöhnlichen
Alltagsdienst auf See nur die Wache, also die Hälfte der Mannschaft, zum
Dienst herangezogen wird, müssen heute alle Mann heran, da nur auf diese
Weise die umfangreiche Arbeit bewältigt werden kann. Denn es gilt, die
ganze Außenseite des großen Schiffes bis zum Wasserspiegel und die ganze
Takelage bis zum Blitzableiter zu waschen, zu säubern und mit frischer
Farbe zu versehen. Diese Theile des Schiffes lassen sich auf hoher See
nicht so parademäßig halten, wie sie im Hafen sein müssen. Die Wellen,
welche die Außenseite des Schiffsrumpfes fortgesetzt bespülen, lösen die
Farbe mit der Zeit ab; ihr Wasser überzieht die Schiffswände, ihr Gischt
die untern Theile der Takelage mit einer festen Salzkruste; der aus
dem Schornstein entströmende Rauch schwärzt Masten, Segel und Tauwerk;
es würde daher ein vergebliches Beginnen sein, die vorgenannten Theile
des Schiffes auf hoher See in der gewünschten Sauberkeit erhalten zu
wollen. Den Wellen läßt sich ebenso wenig gebieten Ruhe zu halten, wie
der Windstille, ihre Ruhe aufzugeben; die Wellen treiben unaufhörlich
ihr Versalzungswerk, die Stille verlangt den Dampf, wenn, wie es bei
uns der Fall war, das Schiff beschleunigte Segelordre hat. Könnte aber
auch zeitweise mit Sicherheit auf ruhiges Wasser und auf leichten Wind
gerechnet werden, so würde doch zur Reinigung das Wasser fehlen, auf dem
endlosen Meere -- das Wasser. Soll die neue Farbe auf den Schiffswänden
haften, soll das Tauwerk geschmeidig bleiben, dann darf zu dem Waschen nur
süßes Wasser verwendet werden, ein Artikel, welcher in dem heißen Klima
den durstigen Menschen wegen ungenügenden Vorraths nur so knapp zugewendet
werden darf, daß an eine Vergeudung in der vorher angedeuteten Weise auf
hoher See nicht gedacht werden kann. Erst in nächster Nähe des Hafens,
und auch nur vor einem solchen Hafen, wo mit Sicherheit gutes Trinkwasser
erwartet werden kann, darf die Verschleuderung dieser meistentheils so
gering geachteten und doch so edeln Flüssigkeit erlaubt werden.

Die Befehle waren ertheilt, und die Mannschaft eilte, sich für den halben
Festtag zweckmäßig zu kleiden. Eine solche Generalreinigung ist für
den Matrosen gewissermaßen ein Fest, denn es gehört zu seinen liebsten
Beschäftigungen, bei gutem Wetter mit dem Farbenquast hantieren zu können;
auch ist ihm bei solcher Arbeit eine leise Unterhaltung mit seinem Nachbar
erlaubt, was den Reiz noch erhöht. In kurzer Zeit ist die Toilette, welche
aus dem schlechtesten Zeuge und umgekrempelter, mit dem Futter nach außen
gekehrter Mütze besteht, beendet, das Deck füllt sich wieder mit Menschen,
welche Stellagen für die äußern Schiffswände und Fahrstühle für die Masten
herrichten, Eimer, Schwämme und die zum Malen erforderlichen Requisiten
herbeischaffen. Der Erste Offizier, erfreut, endlich sein Schiff wieder
durchweg schmuck machen zu können, ist überall, wird gewissermaßen zur
selben Zeit aller Orten, hinten und vorn, oben und unten, außenbords
und in der Takelage gesehen. Die Takelage belebt sich mit Menschen; vom
obersten Flaggenknopf bis zum Fuß des Mastes, auf den Raaen, überall ist
reges Treiben. Die Stellagen werden an der Schiffsseite herabgelassen,
so weit, daß die auf ihnen sitzenden Leute mit ihren Füßen eben frei
von der Wasseroberfläche bleiben; die zu diesem Dienst beorderten Leute
schlingen jeder sich ein Sicherheitstau um den Leib, welches, obgleich
oben am Schiff befestigt, doch außerdem noch in der Hand eines als
Wächter postirten Matrosen ruht. Die Vorbereitungen sind, da jedermann
seinen Dienst genau kennt, in wenigen Minuten beendet, und spätestens
eine halbe Stunde nach dem ersten Befehl ist die Arbeit in vollem Gange.
Schwanengleich gleitet das Schiff bei dem leichten Winde unter vollen
Raasegeln durch das nur wenig bewegte Wasser; von dem Vorschiff dringt
das leise Rauschen des von dem Schiffsbug aufgewühlten Wassers eintönig
und doch so melodisch nach hinten; leises Summen durchweht die Takelage,
scheinbar aus der Tiefe des Meeres kommend klingt das Gemurmel der
außerhalb beschäftigten Leute auf das Schiff herauf. Eine auffallende
Ruhe ist über das Schiff gebreitet, und doch ist das ganze Schiffsvolk in
emsiger Thätigkeit. Die Matrosen hängen in der Takelage wie Bienen, die
eine blühende Linde umschwärmen; die Schanzkleidung ist rundherum garnirt
mit den Wächtern der Sicherheitstaue, welche, träumerisch in die Ferne
schauend, nur ab und zu einen Blick auf ihre Schützlinge werfen.

So steuert das Schiff, ein Bild innern Friedens, dem jetzt schon deutlich
sichtbaren Lande zu. Da plötzlich ertönt hinten von der Außenseite des
Schiffes her der Ruf: „Hai achterraus!“ Das Schiff ist sofort ein anderes.
Das Commando des wachthabenden Offiziers: „Alle Mann innenbords!“ gibt
dem Ersten Offizier einen Stich ins Herz, da er nun keine besonderen
Vorbereitungen für den Empfang der mit schwarzer Farbe beschmierten
Malkünstler treffen kann. Anstatt auf sorgsam ausgebreitete Matten zu
treten, springen diese Leute mit ihren bemalten Füßen auf das schneeweiße
Deck, um dasselbe fast ebenso schwarz wie die Schiffswand zu machen; es
gilt ja aber nicht blos, den eben empfangenen Befehl zu befolgen, sondern
auch theilzunehmen an dem Haifischfang. Der Ruf: „Hai achterraus!“ ist für
alle zur Zeit nicht beschäftigten Leute eine unausgesprochene Erlaubniß
für die Theilnahme an dem Fang, da 20-30 Mann zu einem glatten Aufziehen
des Fisches gehören und die andern zusehen dürfen. Es kann wol als Regel
gelten, daß jedes Schiff versucht, jeden in die Nähe kommenden Hai zu
fangen, da kaum ein anderes Thier so aufrichtig gehaßt wird, wie dieser
Fisch von dem Seemanne; deswegen springen auch immer einige Leute gleich
zu, um die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Im Umsehen sind der
Haken und ein 1 kg schweres Stück Speck zur Stelle, die Taue für den
Haken und für die Schlinge, welche dem Hai, sobald er angebissen hat,
übergeworfen wird, bereit. Ich will hier einfügen, daß jeder Hai, welcher
sich bei mäßigem Winde einem unter Segel befindlichen Schiffe nähert, in
der Regel seinem sichern Verderben entgegengeht, wenn der Fang richtig
geleitet wird. Diese Wasserhyäne ist so gefräßig, daß sie stets auf den
zugeworfenen Köder beißt. Auch wenn sie schon ein- oder zweimal von der
Angel losgekommen ist, beißt sie mit zerrissenen Kiefern zum dritten mal
an, wenn noch ein ganzer Angelhaken für den dritten Wurf vorhanden ist.
Das Thier ist so stark, daß es fast immer, wenn es nur an der Angel aus
dem Wasser gezogen wird, mit seinen heftigen Schlägen den stärksten Haken
oder dessen Kette bricht; ein sicherer Fang wird daher nur gewährleistet,
wenn man eine Tauschlinge an dem Angeltau herabgleiten läßt, die Schlinge
dann über den an kurzer Leine gehaltenen Fisch bis zur Schwanzflosse
streift und den Fisch nun mit dem Schwanz zu oberst aufhißt, um ihn
schließlich an Kopf und Schwanz gefesselt auf das Schiff zu holen. So
konnten wir also auch darauf rechnen, das signalisirte Raubthier bald
auf dem Schiffe zu haben. Doch stellte sich inzwischen heraus, daß heute
die Hauptsache fehlte, nämlich der Haken. Vor kurzem waren bei ähnlicher
Gelegenheit die beiden Haihaken des Schiffes unbrauchbar geworden; wir
fürchteten daher schon, unserm Feinde die Freiheit lassen zu müssen,
als der Erste Offizier lächelnd das Deck verließ, um kurze Zeit darauf
wieder mit einem in seinem Privatbesitz befindlichen wahren Prachthaken zu
erscheinen. Während nun die Angel zurechtgemacht wurde, folgte der Fisch
uns in einer Entfernung von dreißig Schritten mit bewunderungswürdiger
Gleichgültigkeit.

Das Wasser ist hier so klar, daß das dicht unter der Oberfläche
befindliche Thier in Krystall zu schwimmen schien, und wäre das Schiff
nicht in Fahrt gewesen, dann hätte man dem Thier jede Bewegung absprechen
müssen. Der Körper war deutlich zu sehen, keine Flosse schien sich zu
bewegen, nur das bei scharfem Hinsehen erkennbare leichte Aufkräuseln des
Wassers an der über die Oberfläche hervorragenden Rückenflosse zeigte,
daß der Fisch in Bewegung war. Die Angel plumpste ins Wasser -- sie wird
absichtlich stets mit möglichst großem Geräusch geworfen -- und sofort
schwenkten die beiden Lootsen, denen der Hai gehorsam folgte, nach dem
Schiffe hin. Diese Lootsen sind kleine Fische, von denen stets zwei
den Hai begleiten, um, vor ihm schwimmend, ihn zur Beute zu führen, und
aus deren Vorhandensein man schließt, daß ihr Herr mit sehr schwachen
Gesichts- und Geruchsorganen ausgestattet ist. In geringer Entfernung von
dem Köder ließ das plötzlich entschiedene Vorgehen des Haies erkennen,
daß er nunmehr die Witterung hatte; die Lootsen nahmen jetzt ihren
Standort zu beiden Seiten ihres Herrn, welcher noch etwas vorschoß,
sich halb auf die Seite legte und dann mit seinem auf der Bauchseite
befindlichen und mit zwölf Reihen Zähnen bespickten mächtigen Rachen
zuschnappte. Gleichzeitig wurde so kräftig an der Angelleine gezogen,
daß der scharfe Haken tief in den Kiefer eindrang, und unser Opfer war
vorläufig an die Kette gelegt. Mächtige Schläge des Schwanzes wühlten das
Wasser auf und sagten den Lootsen, daß ihr Beschützer verloren war, denn
als das Thier mit dem Nachlassen der Leine wieder ruhig wurde, waren sie
verschwunden. Sobald die Ueberzeugung gewonnen war, daß die Angel gefaßt
hatte, wurde die Leine soweit nachgelassen, daß der Fisch wieder ohne
Schmerz schwimmen konnte, und nun folgte er geduldig dicht am Schiffe,
bis die Schlinge richtig placirt war. Dann wurde kräftig angezogen und
im nächsten Augenblick wand sich der Fisch -- zappeln kann man hier nicht
sagen -- mit dem Kopf nach unten hängend, in kräftigen Zuckungen über der
Schanzkleidung des Schiffes; noch einige Augenblicke und er lag, wüthend
um sich schlagend, auf dem Deck, wo jeder ängstlich dem Schwanze auswich,
während der Matador, ein mit einer Handspake bewaffneter Unteroffizier,
an seinem Kopfe zum Stoß bereit stehend auf den Augenblick wartete, wo
das Opfer nach Luft schnappen würde. Der Rachen öffnete sich, hinein fuhr
die Spake bis zum Magen und machte den Fisch steif. Nun war der Schwanz
unschädlich gemacht, die Matrosen sprangen zu und mit Hurrah ging es nach
dem Vorschiff, wo die Schlachtbank bereits bereitet war. Erst wurde der
Schwanz vom Körper getrennt, da zum Ablösen des Kopfes vorher die Spake
entfernt werden muß, das Thier aber ohne Kopf noch lange Zeit kräftige
Muskelzuckungen behält, mit welchen es schlimme Verletzungen schlagen
kann, wenn die Schwanzflosse noch am Körper ist. Dann wurde der Magen
untersucht, welcher nichts Auffälliges enthielt, und danach ging es an
die weitere Zerlegung, welcher ich aber nicht folgen, sondern nur kurz
anführen will, was aus den einzelnen Theilen wird. Die Schwanzflosse
wird an den äußersten Punkt des Bugspriets angenagelt, weil sie nach
einem Matrosenaberglauben an jener Stelle angebracht dem Schiffe Glück
bringt; die Schwanzstücke werden von der Mannschaft gekocht oder gebraten
gegessen; das Rückgrat und das Gebiß werden sorgsam gereinigt und als
Raritäten mit nach Hause gebracht.

Sobald der Hai auf dem Schiffe war, gingen die Leute, bis auf wenige,
welche den Fisch zerlegten, wieder an die Arbeit, doch die Stimmung,
welche vorher auf dem Schiffe gelegen, kehrte nicht wieder. Die Aufregung
der Jagd hatte alle unruhig gemacht und dies theilte sich dem ganzen
Schiffe mit. Diese Unruhe äußerte sich nicht in größerm Geräusch, denn
es war fast noch lautloser wie vorher, sondern zeigte sich in den Mienen
und Bewegungen der Leute. Die Arbeit wurde beendet, das beschmutzte Deck
mit Messern, Schrapern, Sand und Steinen wieder gereinigt, und erst dann
trat mit der Selbstreinigung der Mannschaft wieder die alte Stimmung ein.
Schon vor Beendigung der Arbeit ist das Verdeck für die große Waschung
vorbereitet worden. Das Tauwerk ist aufgehängt, etwa dreißig große,
mit süßem Wasser gefüllte Bütten stehen bereit, die Spritzenschläuche
sind an die Pumpen angeschraubt. Die Mannschaft strömt herbei und hat,
da wir auf dem Kriegsschiffe ja immer unter uns Männern sind, schnell
sich aller Kleider entledigt. Die Gelegenheit wird ausgiebig benutzt, da
ein solches Süßwasserbad nicht oft geboten wird; in kurzer Zeit ist die
ganze Mannschaft in Seifenschaum gehüllt. Dort steht ein Kranz Matrosen
in gebückter Stellung um ihre Bütte; die nächste Gruppe ist schon weiter
vorgeschritten, indem die Leute aufrecht stehen und einer dem andern
den Rücken abseift; weiterhin ragt aus der Mitte eines Kranzes über
die gebeugten Rücken die zusammengekauerte Gestalt eines Mannes hervor,
welcher in dem Waschfaß sitzt; daneben sitzen in einem größern Gefäß sogar
zwei sich gegenüber, welche sich gegenseitig abseifen, aber bald mitsammt
ihrer Wanne von den Kameraden umgeworfen werden, weil sie sich zu unnütz
machen. Kleine Scherze der verschiedensten Art beleben und erheitern das
Bild, die allgemeinste Lustigkeit bricht aber durch, sobald die Spritzen
zu spielen beginnen. Alles strömt herzu und ballt sich zu einem lebenden
Knäuel zusammen, auf welchen von erhöhtem Standpunkte aus die kräftigen
Wasserstrahlen fallen. Da wogen 200 kräftige, muskulöse Gestalten als
ein Bild der üppigsten Kraftfülle unter Lachen und Gejauchze hin und her,
sich gegenseitig verdrängend und verschiebend; in der Mitte die größere
Masse aufrecht stehend, und um diesen Kern herum ein Kranz theils auf
dem Gesicht, theils auf dem Rücken liegender Gestalten, welche das Bad
in dem langsam abfließenden Wasser dem kräftigen Strahl vorziehen. Die
Abendbrotzeit nahte, dem Baden mußte ein Ende gemacht werden, und eine
Stunde später saß die Mannschaft wieder auf dem Vordeck, um die Freizeit
nach dem Abendbrot zu genießen und, auf dem vom Monde hell beschienenen
Deck behaglich ausgestreckt, rauchend den Klängen der Musik zu lauschen,
welche mit ihren deutschen Weisen uns der Heimat näher rückte.

Das köstliche Wetter, der schöne Sonnenuntergang, bei welchem wir vor
drei Stunden für heute den letzten Blick auf das in weiter Ferne sich von
dem Himmel abhebende Inselland warfen, welches sein aus Wolken gewebtes
Tageskleid wieder abgelegt hatte, das magische Bild des von dem Monde
silbern überhauchten Schiffes, rufen in mir die märchenhaften Erinnerungen
wieder wach, welche mein Gemüth so mächtig bewegten, als ich vor 22 Jahren
als Knabe zum ersten mal Madeira in weiter Ferne sah und auf der längst
verschollenen „Amazone“ in einer ähnlichen Zaubernacht mit leichtem Winde
dieser schönsten aller Inseln entgegensegelte. Damals der vierzehnjährige
Knabe als preußischer Cadet auf seiner ersten Seereise, jetzt der Mann
als Commandant eines deutschen Schiffes vor einer ähnlichen Inselperle,
welche 15000 Seemeilen weiter von der Heimat entfernt ist. Was liegt nicht
alles in dieser verhältnißmäßig kurzen Spanne Zeit? Welche großartigen
politischen Umwälzungen haben sich nicht vollzogen, wie hat mein eigenes
Leben sich gestaltet? -- Es ist Zeit für mich, das Bett aufzusuchen,
weil ich um 3 Uhr morgens wieder auf dem Posten sein muß, da nach der
dem Schiffe gegebenen Segelführung dann das Land angesteuert wird, um bei
guter Zeit in Papeete eintreffen zu können.



6.

Tahiti.


                                                           Tahiti, 25. Mai.

Nach kurzer Ruhe wurde ich heute Nacht 1 Uhr wieder geweckt mit der
Meldung, daß das Leuchtfeuer von Tahiti in Sicht gekommen sei. Der Thurm
dieses Feuers ist auf derjenigen Landspitze erbaut, wo der berühmte
englische Seefahrer und Entdecker Cook im Jahre 1769 den Durchgang der
Venus beobachtet und danach diese Landspitze „Point Venus“ benannt hat.

Das Auftauchen eines Leuchtfeuers über den Horizont gibt die schnellste
und eine absolut sichere Ortsbestimmung für ein Schiff, spielt daher bei
der Navigirung eine große Rolle und erfordert stets die Anwesenheit des
Commandanten auf dem Deck, damit er sich persönlich von der Richtigkeit
aller Umstände überzeugen, den Ort des Schiffes in der Karte festlegen und
danach den neuen Curs bestimmen kann. Hier in diesem Theil der Südsee, wo
es mit Ausnahme dieses einen Punktes keine Leuchtthürme gibt, lernt man
so recht erkennen, welcher Unterschied zwischen der Seefahrt an den Küsten
civilisirter Staaten und den Küstenstrichen wilder Völkerschaften besteht.

Auf der See liegen vornehmlich alle Gefahren in der Nacht und im Nebel
verborgen, weil die meisten Collisionen, Strandungen, Kenterungen u. s. w.
dem Umstande zuzuschreiben sind, daß die Gefahr nicht früh genug erkannt,
daher nicht mehr vermieden werden konnte. Deswegen muß man sich bei Nacht
von solcher Küste, welche keine Leuchtfeuer zeigt, fernhalten; muß um
einsame Klippen, welche man bei Tage auf Steinwurfweite passiren könnte,
meilenweite Umwege machen. Ist die Küste aber mit Leuchtfeuern versehen,
trägt der einsame Fels einen Leuchtthurm oder ist auf der gefährlichen
Sandbank ein Leuchtschiff verankert, dann werden diese Punkte, welche
vordem der Schrecken der Seefahrer waren, auch bei Nacht aufgesucht,
werden zu sichern, gern gesehenen Führern, weil, wie ich nachher zeigen
will, das Feuer bei Nacht den Ort des Schiffes leichter bestimmen läßt,
als es bei Tage an dem Thurm, dem Träger des Feuers möglich ist.

Auf hoher See allerdings ist es auch den civilisirten Staaten versagt,
der Schiffahrt derartige Erleichterungen und Sicherheitsmaßregeln
zu schaffen. Da heißt es in seligem Gottvertrauen drauf los fahren;
trifft das Schiff bei hohem Seegang oder schneller Fahrt auf eine noch
unbekannte Klippe, auf das treibende Wrack eines verunglückten Schiffes,
oder wird es unvorbereitet von einer schweren Bö erfaßt, dann wird es in
den erstern Fällen in der Regel, in dem letztern Falle häufig mit Mann
und Maus verloren sein. Das sind eben die Chancen des Seelebens, welche
man mitnehmen muß, weil es unmöglich ist, während der Nacht still zu
liegen, denn sonst würde man mehr als die doppelte Zeit für die Reisen
gebrauchen, würde, ganz abgesehen von der verlorenen kostbaren Zeit, so
große Quantitäten an Proviant und Wasser mitnehmen müssen, daß die Schiffe
der Jetztzeit sie nicht zu fassen vermöchten.

Um die Ortsbestimmung durch ein Leuchtfeuer leichter verständlich zu
machen, muß ich auf die bekannte Thatsache zurückgreifen, daß infolge der
Kugelgestalt der Erde die Sehweite eines Gegenstandes von seiner Höhe über
dem Meeresniveau abhängt, und daß es bei zwei sich nähernden Gegenständen
einen Punkt gibt, wo sie sich in dem Horizont zuerst treffen und sich
gleichzeitig zu Gesicht bekommen. Daher werden die in der obenstehenden
Figur mit 'a' und 'b' bezeichneten Gegenstände in den gegenseitigen
Gesichtskreis kommen, wenn sie z. B. mit ihrer obersten Spitze die Linie
'A--B' berühren, und in diesem Falle wird der Treffpunkt in 'C' liegen.
Es ist hierbei natürlich gleichgültig, ob beide Gegenstände in Bewegung
sind oder nur einer, da, wenn 'a' einen bei 'x' errichteten Leuchtthurm
vorstellen soll, seine Sehweite bis 'C' reicht, seine oberste Spitze oder
sein Feuer also von dem Schiffe 'b' gesehen werden kann, sobald dieses
bei 'y' angekommen ist.

Zur Bestimmung der Sehweite eines Gegenstandes gibt es eine einfache
Formel, welche für die praktische Seefahrt ein hinreichend genaues
Resultat liefert. Es wird die in Fuß bekannte Höhe des Gegenstandes (diese
Formel ist nur anzuwenden, wenn die Höhe bekannt ist und dies ist bei
allen Leuchtfeuern natürlich der Fall) mit 4 multiplicirt, das Product
durch 3 dividirt und aus dem Quotienten die Quadratwurzel gezogen; das
Endresultat ergibt die Sehweite in Seemeilen. Beträgt also z. B. die Höhe
eines Leuchtfeuers über der Meeresoberfläche 108 Fuß, dann wird es von
einem im Wasserniveau befindlichen Beobachter auf Wurzel aus 4/3 x 108
also 12 Seemeilen gesehen werden; steht aber der Beobachter auf einem
Schiffe 19 Fuß über dem Meere, dann wird seine eigene Sehweite Wurzel aus
4/3 x 19 oder 5 Seemeilen betragen, er wird also in dem Moment, wo sein
Auge bei 'C' das über den Horizont hervorbrechende Licht sieht, 12 + 5
oder 17 Seemeilen von dem Standort des Leuchtthurmes entfernt sein. Peilt
der Beobachter nun gleichzeitig das Feuer mit dem Kompaß, d. h. stellt
er beim Insichtkommen die Himmelsrichtung, in welcher es zum Schiffe
steht, genau fest, dann ist er in der Lage, mit Hülfe eines Zirkels und
eines Lineals in wenig Augenblicken auf der Karte den Punkt zu bestimmen,
wo das Schiff sich befindet. Man sollte nun meinen, daß ein solches
Verfahren ebenso gut bei Tage möglich wäre, dies ist aber nicht der Fall.
Es kann als Regel angenommen werden, daß die Luft nie so klar ist, um das
Hervorbrechen der Spitze eines Thurmes über den Horizont genau feststellen
zu können, vielmehr wird ein im Lande stehender Thurm auch mit Hülfe eines
guten Fernrohres erst gesichtet werden, wenn er ganz oder doch zum größern
Theil über dem Horizont steht, während in einer mäßig klaren Nacht das
Feuer sich so scharf markirt, daß man es im Augenblick des Auftauchens
sogar durch ein Einziehen des Kopfes zwischen die Schultern wieder unter
den Horizont verschwinden lassen kann.

Nachdem der Stand des Schiffes bestimmt war, wurde beigedreht, d. h.
das Schiff mit kleinen Segeln so zum Winde gelegt, daß es sich nur
unbedeutend von seinem Platze fortbewegte, weil es wegen der nur noch
geringen Entfernung bis Papeete nutzlos war, vor Tagesanbruch den Curs
fortzusetzen. Ich konnte mir daher noch zwei Stunden Schlaf gönnen, stand
um 4 Uhr wieder auf der Commandobrücke und ließ nun dem Schiffe volle
Segel geben, um mit Tagesanbruch dicht unter der Küste zu sein.

Kurz nach 6 Uhr -- die Tropen kennen ja keine Dämmerung -- bricht
der volle Tag in seiner ganzen Glorie aus der Nacht hervor, die Sonne
steigt als rothglühender Ball aus den Fluten und wirft ihr noch mattes
tiefrosiges Licht auf das ziemlich plötzlich und schnell aus der
Dunkelheit hervortretende, hoch zum Himmel strebende Tahiti. Ein aus
dünnem Nebel gewobenes Nachtgewand umhüllt das Land und schmiegt sich
weich wie ein Schleier seinen Formen an, ist durchsichtig, wo es auf
den Bergrücken glatt aufliegt, verdichtet sich zu fester Hülle, wo in
den Thälern Falte auf Falte geschichtet liegt. Eigenthümlich! Das Land
scheint beim Erwachen des Tages sich zu beleben. Schlaftrunken und leblos
wird es in seinen höhern Regionen von den ersten Strahlen der für uns
noch unter dem Horizont stehenden Sonne getroffen, während das Unterland
noch in tiefem Schatten liegt. Schnell überläuft das Licht mit dem
Höhersteigen der Sonne das Land von dem obersten Berggipfel herunter bis
zum Strande; die Insel bewegt und reckt sich, ermannt sich und blickt
fest auf den Füßen stehend dem jungen Tage mit klarem Blick entgegen,
sobald die warmen Strahlen des mächtigen Tagesgestirns den untersten
Saum des Landes erreicht haben. Aus dem duftigen Nachtgewand, welches
unter den Sonnenstrahlen langsam verdunstet, tritt der schöne unverhüllte
Leib hervor, um sich im frischen Morgenthau zu baden, läßt sich von den
Licht- und Wärmestrahlen tosend umarmen, um von ihnen Nahrung für sein
animalisches und vegetabilisches Leben zu empfangen. Frei von jeder Hülle
steht das aus einem blau und weißen Rahmen heraustretende hohe Bergland
dicht vor uns in dem Meere. Die Brandung auf dem Korallenriff, welches
die Insel umrahmt, gleicht einem blendend weißen Schaumkranz, hinter
welchem bis zum Strande ein Gürtel spiegelglatten azurblauen Wassers
liegt. Am Lande steigen dünne Rauchsäulen auf, einzelne Kanus stoßen vom
Strande ab, um auf den Fischfang zu gehen, Vögel ziehen lautlos über die
Wasserfläche hin, und lautlos wie ein Riesenvogel segelt die „Ariadne“
mit aufgeblähten Segeln dicht an der Riffbrandung entlang. Der aus
blauem Krystall und Schneeschaum gewundene Gürtel, die duftigen Palmen
am Strande, das rothe, braune, graue und schwarze Gestein der felsigen
Bergrücken, die saftigen Thäler und die üppigen Wälder auf den fruchtbaren
Bergabhängen, die langen tiefen Schluchten und die mächtigen Bergkegel:
dies alles scharf heraustretend aus dem durchsichtig blauen Hintergrunde,
von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erwärmt und durch die
erwachende Natur belebt, gibt ein wahrhaft ergreifendes Bild von der Größe
der Schöpfung. Unbewußt zieht tiefe Andacht in das Herz des Menschen ein,
seine Seele will sich von dieser Erde lösen und einen Flug beginnen, der
ihr versagt bleiben muß. Ein Blick nach der offenen See -- und die tiefe
Andacht, welche den Menschen erfaßt hatte und durch die mit ihr verbundene
Unachtsamkeit dem Schiffe unter Umständen hätte Gefahr bringen können,
ist dahin, der Mensch denkt nur wieder allein an seine Pflicht, läßt zwar
ab und zu noch mit Wohlgefallen seine Blicke über das köstliche Bild
schweifen, ist aber doch gegen nochmalige Verzauberung gefeit. Und was
brachte diesen plötzlichen Umschwung? Ein erbitterter Kampf um das Dasein
zwischen Fischen und Vögeln, ein Kampf, wie er sich dem aufmerksamen
Beobachter in dem Thierreich zu jeder Zeit und an jedem Ort bietet, wenn
auch nur selten in so häßlicher Form wie in diesem Falle. Ein lautes
Gekreisch und Geplätscher lenkt unsere Blicke nach der offenen See hin,
dort, nicht weit von uns, ist ein kleiner Fleck im Wasser im vollsten
Aufruhr. Armlange Fische springen scharenweise aus dem hochaufspritzenden
Wasser, um einem größern Raubfisch zeitweise zu entgehen, doch über ihnen,
dicht über dem Wasser, flattern Scharen von kleinen weißen krächzenden
Seevögeln, welche heißhungerig sich auf die aus dem Wasser springenden
Fische stürzen und diesen mit ihren kleinen scharfen Schnäbeln große
Stücke Fleisch aus dem lebenden Körper reißen. Vernichtung unter der
Wasseroberfläche, Verstümmelung über derselben: das ist das Los der so
oft als die glücklichsten Thiere gepriesenen Fische, welche erst dann
wieder Ruhe finden, wenn der Feind aus dem eigenen Geschlecht gesättigt
ist und ihnen gestattet, in tieferm Wasser Schutz gegen die unbarmherzigen
Bewohner der Lüfte zu suchen.

Inzwischen ist der Tag weiter vorgeschritten; die Sonne, welche hier in
sechs Stunden fast bis zum Zenith steigen muß, hat um 8 Uhr schon eine
solche Höhe erreicht, daß ihre Strahlen das Land zu versengen drohen
und es zwingen, wieder unter dem Wolkenkleid, welches am vorhergehenden
Abend nach Sonnenuntergang abgelegt wurde, Schutz zu suchen. Kleine
Wölkchen lehnen sich an die Bergspitzen an, verdichten sich und schwellen
an, umlagern dann die obern Bergkuppen und wachsen so lange, bis sie,
allmählich sich senkend, die ganze obere Hälfte der Insel mit einer
dichten Wolkenhaube bedecken, welche das nach Feuchtigkeit lechzende Land
in so ergiebiger Weise mit Wasser versieht, daß trotz des in jetziger
Jahreszeit seltenen Regens die Vegetation in köstlichster Frische
prangt und die in den Thalschluchten von den Höhen nach unten eilenden
Bergflüsse nie versiegen. Hier unten bei uns ist es aber heiß, sehr heiß;
der kühlende Landwind ist wieder abgestorben, die Seebrise noch nicht
erwacht. An Stelle der Segel ist vor kurzem die Schraube getreten, und in
einer halben Stunde, gegen 9 Uhr, werden wir in Papeete ankern, um das
Schiff schnell auszurüsten und in zwei bis drei Tagen dann nach unserm
eigentlichen Bestimmungsort weiterzugehen.


                                                                  11. Juni.

Seit einigen Stunden befinden wir uns nun endlich auf dem Wege nach den
Samoa-Inseln.

Ehe ich die Ereignisse der letzten vierzehn Tage bespreche, will ich in
kurzen Umrissen ein Bild des Landes und der Bewohner von Tahiti geben,
zuvor aber einen kurzen Abriß der Entdeckungsgeschichte dieser Insel, wie
sie in den englischen Segelanweisungen von A. G. Findlay enthalten ist,
einfügen. Diese Entdeckungsgeschichte wird gleichzeitig auch zeigen, warum
so viele Inseln des Stillen Oceans so verschiedene Namen tragen und wie
schließlich doch die Bezeichnungen der Eingeborenen wieder in ihr Recht
treten.

Tahiti ist zweifellos zuerst von einem Spanier Pedro Fernandez de Quiros
am 10. Februar 1606 entdeckt und von ihm La Sagittaria genannt worden,
ohne daß in damaliger Zeit diese Entdeckung weiter verfolgt oder in
weitern Kreisen bekannt geworden wäre, denn Thatsache ist es, daß eine 160
Jahre später von dem König Georg III. von England zu Entdeckungen nach der
Südsee ausgeschickte Expedition von dem Vorhandensein dieser Insel nichts
wußte. So konnte Wallis, der Führer dieser Expedition, sich auch das
Verdienst zuschreiben, Tahiti am 19. Juni 1767 entdeckt zu haben und das
Recht in Anspruch nehmen, einem bis dahin unbekannten Lande einen Namen
zu geben. Er nannte es King George-Island und nahm es durch Aufhissen der
englischen Flagge für seinen König in Besitz. Doch die Eingeborenen holten
die Flagge bald wieder herunter und benutzten sie in spätern Jahren als
ein Zeichen ihrer eigenen Unabhängigkeit.

Noch ehe diese zweite Entdeckung bekannt wurde, erfuhr Tahiti im folgenden
Jahre am 2. April 1768 diese Ehre zum dritten mal und zwar durch den
rühmlich bekannten französischen Seefahrer de Bougainville in dem Schiffe
„Boudeuse“, welcher die Insel 'Nouvelle Cythère' benannte. Am 12. April
1769 langte Cook in Tahiti an, um von hier aus den Durchgang der Venus
durch die Sonne zu beobachten. Das Gelingen der Beobachtung am 3. Juni
desselben Jahres, die in derselben Zeit erfolgte Aufnahme des Landes und
der Häfen, welche bislang noch immer unübertroffen dasteht und die noch
jetzt maßgebende Karte lieferte, sowie die gleichzeitige Entdeckung der
nordwestlich gelegenen Gesellschafts-Inseln haben diese Reise zu einer
besonders werthvollen für die Wissenschaft gemacht. Cook war auch der
erste, welcher der Insel ihren einheimischen Namen wiedergab, nachdem
sie vorher drei Namen erhalten hatte, die heutzutage so gut wie vergessen
sind. In derselben Zeit fürchteten die Spanier, daß der englische Einfluß
in der Südsee zu sehr wachsen könne; der Vicekönig von Lima erhielt
daher den Befehl, von Tahiti Besitz ergreifen zu lassen, woraufhin eine
spanische Expedition unter Don Domingo Bonecheo entsandt wurde, welche am
10. November 1772 in Tahiti anlangte und es Amat oder Tagiti benannte.
Der Bericht Bonecheo’s nach seiner Rückkehr hatte zur Folge, daß er im
September 1774 wieder dahin geschickt wurde, um nunmehr von der Insel
Besitz zu ergreifen. Er durchforschte zunächst das Land, starb aber schon
am 26. Januar 1775, worauf die spanischen Schiffe unverrichteter Sache
nach Lima zurückkehrten. Im August 1777 besuchte Cook noch einmal Tahiti
als das letzte europäische Schiff für den Zeitraum von 11 Jahren.

Im Jahre 1788 schickte König Georg III. von England das Schiff „Bounty“
unter dem Commando eines Lieutenant Bligh, welcher schon mit Cook Tahiti
besucht hatte, dahin, um den werthvollen Brotfruchtbaum der Südseeinseln
nach Westindien zu verpflanzen. Die Geschichte dieses Schiffes ist so
abenteuerlich, daß sie kurzer Erwähnung verdient. Die „Bounty“ langte
am 26. October 1788 in Tahiti an, kehrte aber nicht mehr nach England
zurück, sondern blieb in den Händen einer meuterischen Mannschaft und fand
in der Südsee ihr Ende. Als das Schiff mit den Brotfruchtbäumen Tahiti
verlassen hatte, brach eine Meuterei auf demselben aus; nach einzelnen
Angaben, weil der größte Theil der Mannschaft die in Tahiti angeknüpften
Liebesverhältnisse nicht aufgeben wollte, nach der wahrscheinlichern
Angabe aber, weil der Commandant die Mannschaft zu hart behandelte.
Thatsache ist, daß das Schiff in den Händen der meuterischen Mannschaft
blieb und die Führung einem mit Gewalt zurückbehaltenen Seecadetten
übertragen wurde. Der Commandant, die Offiziere und ein kleiner Theil der
Mannschaft, welcher treu zu den Offizieren gestanden hatte, wurden dann
am 26. April 1789 auf hoher See in Schiffsbooten ausgesetzt und ihrem
Schicksal überlassen; sie landeten nach langen Irrfahrten und infolge der
erlittenen Entbehrungen sehr zusammengeschmolzen auf Timor und fanden
von dort ihren Rückweg nach England, um Kunde von ihrem Schicksal zu
geben. Die Meuterer kehrten mit dem Schiffe „Bounty“ nach Tahiti zurück,
welches sie, wenn auch auf Umwegen, wohlbehalten wieder erreichten.
Sie versicherten sich dort wieder ihrer Frauen, flüchteten unter
Zurücklassung von 14 Mann weiter und galten lange Zeit als verschollen.
Als die Nachricht von der Meuterei nach England gedrungen war, wurde die
Fregatte „Pandora“ ausgeschickt, um die „Bounty“ zu jagen, langte am 23.
März 1791 in Tahiti an, nahm die dort zurückgebliebenen 14 Mann gefangen
und kehrte dann nach erfolglosem Suchen nach dem Meutererschiff nach
England zurück, woselbst drei der 14 Gefangenen hingerichtet wurden. Die
„Bounty“ mit ihrer Mannschaft war längst vergessen, als im Jahre 1808 ein
Walfischfänger nach Pitcairn-Island (südöstlich der Paumotu-Inseln) kam
und dort auf der bis dahin für unbewohnt gehaltenen Insel die Meuterer
fand. Ehe diese Nachricht nach England kam, hatte auch das englische
Kriegsschiff „Briton“ Pitcairn angelaufen und einen Bericht über die
aus der weißen Mannschaft der „Bounty“, ihren braunen polynesischen
Frauen und Mischlingskindern bestehende Bevölkerung dieser kleinen
Insel nach England gesandt, welcher das allgemeinste Interesse erweckte.
Die Schilderung von dem Glück, der Reinheit der Sitten, der harmlosen
Einfachheit und den nahezu paradiesischen Zuständen auf dieser kleinen
Insel wirkte so mildernd auf die englische Regierung, daß dieselbe unter
Zulassung der Verjährung nicht nur volle Verzeihung gewährte, sondern
auch die Leute unter ihren besondern Schutz nahm und so weit ging, daß
sie im Jahre 1856, als Pitcairn für die Bevölkerung zu klein geworden
war, ihnen die bei Australien gelegene schöne Insel Norfolk, welche bis
dahin Verbrechercolonie gewesen war, mit allen Gebäuden, 2000 Schafen,
300 Pferden, Schweinen, Federvieh u. s. w. als freies Eigenthum schenkte.
Die ganze aus 194 Personen (92 männlichen, 102 weiblichen Geschlechts)
bestehende Bevölkerung wurde auch auf Regierungsschiffen kostenfrei nach
der neuen Heimat übergeführt.

Die von England aus im vorigen Jahrhundert nach der Südsee unternommenen
Reisen hatten die öffentliche Meinung so in Anspruch genommen, daß sich
in London eine Missionsgesellschaft bildete, um durch die Verkündigung
des wahren Glaubens in Polynesien festen Fuß zu fassen. Schon am 10.
August 1796 segelte das Schiff „Duff“ von London ab und langte am 5. März
1797 in Tahiti an, wo die Missionare zunächst viel Gutes stifteten und
in verhältnißmäßig kurzer Zeit ganz Tahiti dem Christenthume gewannen.
Zu diesem Erfolg soll namentlich der Umstand wesentlich beigetragen
haben, daß die Männer, welche zuerst hierher kamen, in den bestehenden
freien Sitten nicht gleich Sittenlosigkeit vermutheten, sondern mit
Geduld prüfend bald erkannten, daß diese Freiheit nicht eines gewissen
moralischen Haltes ermangele, welchen mit der neuen Religion in Einklang
zu bringen diesen erleuchteten Männern wol gelungen sein soll, wenngleich
jetzt nach 35jähriger französischer Herrschaft von Sittenreinheit
auf Tahiti wol nicht mehr gesprochen werden kann. Wenn auch von einer
Seite behauptet wird, daß die Unduldsamkeit der englischen Missionare
die Ursache gewesen, daß Tahiti unter französisches Protectorat
gekommen sei, weil sie zu Anfang der vierziger Jahre zwei französische
katholische Priester mit Gewalt von der Insel hätten vertreiben lassen
und diese gezwungen worden wären, sich in einem kaum seefähigen kleinen
Fahrzeug nach der 2000 Seemeilen westlich von Tahiti liegenden Insel
Uea (Wallis-Island) zu flüchten, so gibt eine andere, und zwar meines
Erachtens durchaus competente Quelle den Verlauf dieser Vergewaltigung
anders an.

Als Ende der dreißiger Jahre die auf den südöstlich von Tahiti liegenden
Gambier-Inseln ansässigen französischen Missionare dort festen Fuß gefaßt
hatten, schickten sie zwei ihrer Mitglieder nach Tahiti ab, um diese
werthvolle Insel für ihre Interessen zu gewinnen. Da nun Tahiti bereits
lange dem Christenthum und zwar dem protestantischen Glauben gewonnen
war und die Bevölkerung, wie es bei halbcivilisirten Völkern so leicht
der Fall ist, außerordentlich orthodox war, so sah die Königin Pomare
in der Ankunft dieser beiden Priester eine große Gefahr für ihr Land und
erklärte den Herren, weder das Bedürfniß zu einem erneuten Glaubenswechsel
zu empfinden, noch die Macht zu haben, sie vor etwaiger Unbill seitens
ihrer Unterthanen zu schützen, weshalb sie sie ersuchen müsse, die Insel
wieder zu verlassen. Aber die Priester befolgten diesen Rath erst, nachdem
die von ihnen bewohnte Hütte durch einige Eingeborene zerstört worden
war, und gingen freiwillig, aber wol nur, um diese Gewaltthat, auf welche
sie wahrscheinlich gewartet hatten, wenn sie dieselbe nicht, wie es nach
anderer Lesart heißt, provocirt hatten, als Handhabe für eine Einmischung
der französischen Regierung zu benutzen. Die französische Regierung fand
denn auch hierin eine erwünschte Gelegenheit, ihre Hand auf Tahiti zu
legen, und im Jahre 1842 langte der französische Admiral Du Petit Thouars
mit der Fregatte „La Venus“ in Tahiti an, um Satisfaction zu fordern.
Er verlangte 2000 Dollars Schadenersatz, eine Summe, welche die Königin
nicht bezahlen konnte, sodaß sie nun darauf einging, das französische
Protectorat anzunehmen, nachdem die englische Regierung, unter deren
Schutz sie sich gestellt hatte, sie preisgegeben hatte. Die Verhandlungen
fanden im September 1842 ihren Abschluß, und seit dieser Zeit kann Tahiti
als französische Colonie betrachtet werden.

Naturgemäß verloren die englischen Missionare unter der französischen
Herrschaft ihren Einfluß vollkommen und trotz der vielfach aufgestellten
Behauptung, daß sie noch viele Anhänger haben, besagen die mir gewordenen
Mittheilungen, daß es auf Tahiti keine protestantischen Eingeborenen
mehr gibt und die dort noch ansässigen englischen Missionare nur die
Seelsorger der dort lebenden Europäer sind. Auch diese letztern müssen
ihre Kinder, wenn sie dieselben nicht schon im zartesten Alter zur
Erziehung nach Europa, Amerika oder Australien schicken wollen, der Obhut
der französischen Priester und Nonnen anvertrauen, weil die Schulen sich
in deren Händen befinden.

Tahiti besteht aus zwei nahezu kreisrunden kegelförmigen Inseln, welche
durch einen Isthmus von 2000 m Breite und 14 m höchster Höhe über dem
Meere verbunden sind. Die größere wird Tahiti-Nui (Groß-Tahiti) oder
kurzweg Tahiti, die kleinere Tahiti-Iti (Klein-Tahiti) oder gewöhnlich
Taiarabu genannt. Tahiti hat einen Durchmesser von 18, Taiarabu einen
solchen von 9 Seemeilen, die größte Höhe des erstern beträgt 2240, die
des letztern 1140 m. Diese beiden durch den genannten Isthmus verbundenen
Inseln sind sich in jeder Beziehung so gleich, daß die folgenden Angaben
über Tahiti auch auf Taiarabu passen.

Tahiti, von den Eingeborenen mit Lauten benannt, die zwischen T’aeiti
und T’eiiti liegen (bei der Bezeichnung Otaheiti bildet O den
Artikel), erhebt sich als flacher ziemlich regelmäßiger Kegel aus dem
Meere. Die Basis an der Wasseroberfläche bildet nahezu einen Kreis, in
dessen Mittelpunkt die höchste Erhebung der Insel liegt. Die Insel ist
vulkanischen Ursprungs und kranzförmig von einem Korallenriff umgeben,
welches ihr eine große Zahl guter und sicherer Häfen gibt, da hinter dem
Riff in mäßiger Wassertiefe mit gutem Ankergrund ein Schiff so sicher
wie in dem besten künstlichen Dockbassin liegt. Der Haupthafen und
hauptsächlichste Wohnort der Europäer ist das an der Nordseite gelegene
Papeete (sprich: Pape-ete, auf deutsch: „Wasserkorb“). Der Hafen ist
vortrefflich und bietet einer großen Zahl der größten Schiffe genügenden
Raum, gestattet auch den großen Kauffahrern, dicht an Land zu legen, hat
aber den großen Nachtheil, daß er an der Leeseite der Insel liegt, sich
daher während des größten Theiles des Jahres unter Windstille befindet,
wodurch die Segelschiffahrt sehr erschwert wird und die Temperatur sehr
viel höher steigt, als wie an den von dem Passat bestrichenen Theilen
der Insel. Es muß auffallen, daß die Franzosen Papeete zu dem Haupthafen
gemacht haben, da an der Südostseite von Tahiti in der von Groß- und
Klein-Tahiti gebildeten Bai bei den Flüssen Vaiurin und Umiti ein
ebenfalls vortrefflicher und geräumiger Hafen liegt, welcher, stets von
dem Passat bestrichen, ein verhältnißmäßig kühles und so gesundes Klima
hat, daß der dort liegende Küstenstrich von kranken Europäern vielfach
als klimatischer Kurort benutzt wird. Zieht man dazu noch in Betracht,
daß dieser letztere Hafen wegen seiner bessern Vertheidigungsfähigkeit als
Kriegshafen große Vortheile vor Papeete haben würde, so kann die Erklärung
für die Wahl des Hafens nur darin zu suchen sein, daß Papeete der Wohnort
der tahitischen Königsfamilie war, politische Gründe bei der Uebernahme
des Protectorats für die Wahl der Residenz damals maßgebend waren und die
Stadt inzwischen so angewachsen ist, daß jetzt an eine Uebersiedelung ohne
Schädigung großer materieller Interessen nicht mehr gedacht werden kann.

Die Bodengestalt sichert dem Ackerbauer leichten und reichen Erwerb,
da große Flächen Landes vorhanden sind, welche bei dem Reichthum an
vortrefflichen Gebirgsflüssen leicht cultivirt werden können und durch
vorzügliche Straßen verbunden sind. Nicht allein die sanft ansteigenden
Abhänge liefern große Flächen fruchtbaren Landes, sondern Tahiti hat auch
noch den seltenen Vorzug, rund um den eigentlichen Inselkern einen breiten
Gürtel ebenern Landes zu besitzen, welcher auch ermöglichte, um die Insel
herum eine vorzügliche Ringchaussee zu legen, welche alle Küstenpunkte
mit der Hauptstadt verbindet.

Tahiti producirt alles, was ein tropisches Land nur hervorbringen kann.
Die vielen in üppigster Vegetation prangenden Flußthäler sind wahre
Obstgärten, welche ohne Pflege in überreicher Fülle die Eingeborenen
mit Früchten aller Art versorgen und nebenbei noch reichen Gewinn
durch den sehr bedeutenden Orangenhandel mit San-Francisco bringen.
Tahiti ist nämlich bisjetzt der einzige Platz, welcher gerade zu dem
Unabhängigkeitsfest der Vereinigten Staaten von Nordamerika seine
vortrefflichen Orangen reif nach San-Francisco liefern kann, weil in
Amerika wie in Europa die Erntezeit erst in den Winter der nördlichen
Halbkugel fällt. In den sich öffnenden Ausläufern der Thäler, auf
der Gürtelebene und auf den Bergabhängen wird, ganz abgesehen von der
dankbaren Kokosnuß, mit gutem Erfolg Baumwolle, Zuckerrohr und Kaffee
gebaut, doch vorzugsweise nur von Engländern und Amerikanern, während
der Franzose sich mit Bienenzucht und der Cultur der Vanille befaßt.
Die letztere erfordert hier große Geduld, weil auf der Insel diejenigen
Insekten fehlen, welche die männlichen Samenstäubchen der weiblichen
Blüte zutragen, und daher jede Blüte durch Menschenhand befruchtet werden
muß. Der Eingeborene arbeitet überhaupt nicht, weshalb auf den Plantagen
Chinesen Verwendung finden.

Hierbei möchte ich auch eines Exportartikels erwähnen, welcher mir
bisjetzt als Handelsartikel unbekannt war, es ist dies die Baumwollsaat
(Samenkörner der Baumwollfrucht). Dieser Artikel geht vorzugsweise nach
den Olivendistricten Südfrankreichs, wird dort ausgepreßt und kommt dann
als Olivenöl in den Handel, während die Rückstände zu Kuchen gepreßt ein
hochbezahltes Viehfutter geben. Nachdem ich dies erfahren und auch gehört
habe, daß sehr viel Kokosöl als Olivenöl verkauft wird, ist mir klar,
warum das Speiseöl oft so schlecht ist.

Die in Tahiti vorkommenden Nahrungsmittel sind vorzugsweise die folgenden:
Früchte und zwar Kokosnüsse, Brotfrucht, verschiedene Arten Bananen,
Guaven, Orangen, Limonen und viele der sonst in den Tropen vorkommenden
Früchte, welche nach und nach hierher verpflanzt worden sind; einige
Arten Erdfrüchte und Wurzeln, namentlich Yam, süße Kartoffeln und der
vortreffliche Taro.

Schweine und Federvieh, vorzügliche Salz- und Süßwasserfische, Hummern,
Austern, große Krabben und in den Bergflüssen Süßwasser-Schrimse oder
Garnelen, Crevettes, Krabben, wie diese Thiere auch genannt werden. Den
vortrefflichen Wasserthieren werde ich noch bei Besprechung eines von uns
unternommenen Ausflugs Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Rindvieh und Schafe werden meines Wissens auf Tahiti nicht gezüchtet; das
erstere kommt vorzugsweise von Honolulu, die Schafe von der Osterinsel
und Neuseeland. Jagd ist, wie auf all diesen Inseln, so gut wie nicht
vorhanden; nur wilde Tauben und Enten können als eigentliches Wild
betrachtet werden, da die auf einzelnen Inseln wild vorkommenden Rinder,
Ziegen und Schweine früher eingeführte und im Laufe der Zeit verwilderte
Hausthiere sind.

Merkwürdig ist, daß Tahiti kein Nutzholz producirt, sondern dieses von
Californien bezieht, während andererseits Tahiti wieder Brennholz nach
Californien ausführt.

Ueber die eingeborene Bevölkerung von Tahiti kann ich aus eigener
Anschauung leider nur verhältnißmäßig wenig berichten, weil meine Stellung
mir in Papeete versagte, einen tiefern Einblick in ihr Leben und Treiben
zu erhalten, doch will ich das Wenige, was ich erfahren, hier wiedergeben,
glaube allerdings, daß ich, wenn ich die Bewohner der Gesellschafts-Inseln
gleich mit bespreche, ein ziemlich getreues Bild gebe. Die Tahitier
gehören der polynesischen Rasse an, welche wegen ihrer angenehmen
Gesichtszüge und schönen Körperbildung nach europäischen Begriffen eine
bevorzugte Stellung unter den sogenannten wilden Völkerschaften einnimmt.
Im besondern sind die Bewohner dieses Theils der Südsee (Tahiti mit den
umliegenden Inselgruppen) durch auffallende Körpergröße ausgezeichnet, was
namentlich von den Frauen gilt, da diese durchschnittlich die Größe der
an sich großen Männer erreichen, ja vielfach diese noch überschreiten.
Ueber die Körperbildung läßt sich nur sagen, daß sie äußerlich der der
kaukasischen Rasse vollkommen entspricht und abgesehen von den großen
Füßen (die Leute gehen alle barfuß) von großer Formenschönheit ist.
Man sieht fast nur schön gebaute Menschen und wird versucht, diese
schöne Gottesgabe dem freien und urwüchsigen Leben dieses Volksstammes
zuzuschreiben, wie ja auch wol theilweise angenommen wird, daß die alten
Griechen und Römer infolge der freiern Tracht durchschnittlich schöner
gebildet waren, als die spätern Geschlechter. Als besonders merkwürdig
ist mir noch aufgefallen, daß die Mischlinge beiderlei Geschlechts von
weißen Vätern und braunen Müttern eigentlich durchgehends schöne und
feine Gesichtszüge haben, wenn auch die Aeltern eher häßlich als schön
sind, ja man findet unter diesen Mischlingen sogar wirklich auffallende
Schönheiten.

Meine oberflächlichen Wahrnehmungen über die Charaktereigenschaften der
Tahitier lassen sich wie folgt zusammenfassen. Von der Verschlagenheit,
welche nach einzelnen Berichten dieser Rasse innewohnen soll, habe
ich nichts bemerkt, im Gegentheil habe ich diese Menschen freundlich,
zuthunlich und zuvorkommend gefunden. Ohne Launen lebt dieses Volk
ein glückliches Leben und scheint nur zur Freude geboren; die Männer
behandeln ihre Frauen und beide ihre Kinder gut. Die Frauen scheinen die
geistig Begabtern zu sein und im allgemeinen die erste Rolle zu spielen,
denn wenn sie auch nicht äußerlich herrschen, so führen sie doch im
häuslichen Leben das Regiment, wie dies ja auch bei uns Europäern oft
der Fall ist. Die Sitte der Bekleidung ist in Tahiti in der Hauptstadt
Papeete allgemein durchgeführt, d. h. von oben herab befohlen, wenngleich
eine Nothwendigkeit dafür nicht vorzuliegen scheint, da die Oberkleider
hier etwa so angesehen werden, wie in civilisirten Ländern der Hut
und die Handschuhe; denn ebenso leicht wie die europäische Dame diese
Luxusartikel ablegt, entledigt die Tahitierin sich außerhalb der Stadt
am öffentlichen Strande, wenn sie baden will, ihres Oberkleides und
entblößt damit Oberkörper und Unterschenkel. Das Hauptkleidungsstück
bei beiden Geschlechtern und früher das einzige, ist der Pareo, ein
Stück Zeug, welches um die Hüften geschlungen bis zu den Knien reicht.
Die Männer tragen daneben in der Regel noch ein Hemd, welches über dem
Pareo glatt herunterhängt, die Weiber ein langes bis zur Erde reichendes
weites Gewand, welches die ganze Gestalt bedeckt, und die Wohlhabendern
zwischen Pareo und Obergewand auch noch ein Hemd. Das Obergewand verhüllt
allerdings sehr wenig, da der leichte fast durchsichtige Stoff sich bei
jeder Bewegung des Körpers und bei jedem Lufthauch so fest anschmiegt,
daß die kleinste Erhebung der Haut zu plastischer Entwickelung kommt. Die
früher von den englischen Missionaren eingeführt gewesenen geschmacklosen
Hauben sind glücklicherweise wieder verschwunden; die Frauen tragen jetzt
nur ihr Haar als natürlichen, und Strohhüte oder turbanähnlich um den
Kopf geschlungene Tücher oder wohlriechende Blumenkränze als künstlichen
Kopfputz. Namentlich der letztere ist vorzugsweise beliebt und verleiht
diesen junonischen Gestalten einen besondern Reiz. Schuhzeug wird nicht
getragen und wird sich auch wol schwerlich einbürgern. Bis hierher ist
alles schön, nun aber kommt die häßliche Kehrseite. Die Sittenlosigkeit
in Papeete übertrifft in Masse und Oeffentlichkeit alles bisher von mir
Gesehene, und die Thatsache, daß in der Südsee die Sittenlosigkeit an
den Plätzen, wo die Missionsgesellschaften ihren Centralpunkt haben, am
schlimmsten ist, zwingt wol zu ernstem Nachdenken.

Die politischen Verhältnisse von Tahiti lassen sich kurz dahin
zusammenfassen, daß Tahiti unter französischem Protectorat und somit unter
französischer Oberhoheit steht. Frankreich verwaltet die Inselgruppe, und
alle Europäer wie Fremde stehen unter dem Einflusse der französischen
Regierung, während die Eingeborenen der Form nach von ihrem eigenen
König regiert werden. Der französische Gouverneur veröffentlicht in dem
Amtsblatt die für die Europäer und Fremden erlassenen Verordnungen,
der König diejenigen für die eingeborenen Tahitier; französische
Polizeibeamte haben die Ordnung unter den Europäern aufrecht zu erhalten
und dürfen nur allein Hand an die letztern legen, während Eingeborene
nur von eingeborenen Polizisten arretirt werden dürfen. Natürlich ist
diese äußerliche Aufrechterhaltung der Autorität des Königs nur ein
Spiel, da es ja thatsächlich unmöglich sein würde, wenn zwei derartige
Regierungen nebeneinander bestehen wollten. Es ist daher natürlich, daß
der König von Tahiti nur solche Verordnungen erläßt, zu welchen er von dem
französischen Gouverneur autorisirt wird, resp. welche der Gouverneur ihm
zur Unterschrift zuschickt; ebenso natürlich ist es, daß die eingeborene
Polizei in Wirklichkeit ebenso direct unter dem Befehl des französischen
Polizeidirectors steht, wie die französischen Polizeibeamten. Der
jetzige König von Tahiti, Sohn der Ende 1877 verstorbenen Pomare IV.,
übt somit keine Regierungsthätigkeit mehr aus, sondern bezieht nur von
der französischen Regierung eine für die hiesigen Verhältnisse sehr
anständige Apanage, von welcher er allerdings dem polynesischen Brauche
gemäß auch seine sämmtlichen Verwandten mit unterhalten muß, deren
Zahl nicht gering ist. Nach diesem polynesischen Brauch gibt es unter
Verwandten keinen sichern Besitz, denn alles was ein Polynesier erworben
oder geschenkt erhalten hat, muß er ganz oder theilweise hergeben, sobald
seine Verwandten ihn darum angehen; hier besteht also in dem Bereich
einer Gemeinschaft von Blutsverwandten die reinste Gütergemeinschaft.
Diesem Brauch ist es wol auch zuzuschreiben, daß man unter den Polynesiern
keinen hervorragenden Besitz findet, da es zwecklos ist, etwas zu
erwerben; einzig und allein diesem Brauch muß meiner Ansicht nach auch
die notorische Arbeitsscheu der Polynesier zugeschrieben werden, und es
müssen daher alle Versuche, diese Menschen auf den Weg der Arbeitsamkeit
zu bringen, so lange fruchtlos bleiben, als es nicht gelingt, durch
Beseitigung der alten Sitte den Besitz des Erworbenen zu sichern.

In Bezug auf die politischen Verhältnisse ist zu bemerken, daß, während
die Marquesas-Inseln französische Colonie sind, die andern von den
Franzosen in diesem Theil der Südsee besetzten Inseln unter französischem
Protectorat stehen. Der Unterschied liegt, wie bereits angegeben,
vorzugsweise darin, daß die Einwohner der Colonie französische Unterthanen
sind, als solche die Rechte französischer Bürger haben oder doch haben
sollen und unter französischem Gesetz stehen, während die Bewohner des
unter französischem Protectorat stehenden Territoriums mit Frankreich
nichts gemein haben, sondern nur das Staatsoberhaupt Frankreichs
gleichzeitig auch als das ihrige zu betrachten haben. Diese Stellung
ermöglicht es der französischen Regierung, den unter Protectorat stehenden
Inseln willkürliche, dem Augenblick angepaßte Steuern und Gesetze
aufzuerlegen, was sie in den Colonien nicht kann. Um dieses Verhältniß
auch äußerlich klar zu stellen, hat das Protectorats-Territorium eine
besondere Flagge erhalten, welche nur in der obern Ecke die französischen
Farben führt. Von den Franzosen werden nun als unter Protectorat stehend
die folgenden Inseln angesehen:

1. Tahiti und Morea mit einigen kleinern zu dieser Gruppe gehörigen Inseln;

2. die Paumotugruppe oder englisch Low-Archipelago, von den Franzosen
„Archipel Tuamotu“ oder „'Les Iles Basses'“ genannt;

3. die Gambier- oder Mangareva-Inseln.

Ehe ich mit der Besprechung dieser Verhältnisse fortfahre, will ich
noch erwähnen, daß die gesammelten Angaben aus einem von mir in Tahiti
im Buchhandel gekauften Buche „'Annuaire de Tahiti pour 1877'“ und aus
den Nachrichten stammen, welche ich von in Papeete lebenden Deutschen
und Engländern erhalten habe. Meine amtliche Stellung hat mir keinerlei
Einblick in die hiesigen Verhältnisse verschafft. Das vorgenannte Buch
enthält natürlich nur das, was man der Oeffentlichkeit übergeben will,
und bringt namentlich für das französische Publikum bestimmte Angaben,
welche, ohne es bestimmt auszusprechen, den französischen Einfluß in der
Südsee viel größer darstellen, als er in Wirklichkeit ist. So lassen die
auf Seite 40-46 enthaltenen Angaben, welche alle die unter französischem
Einfluß stehenden Inselgruppen namentlich aufführen, vermuthen, daß
die Gesellschafts-Inseln ('Iles-sous-le-vent'), die Cook-Inseln, sowie
die 'Sporades océaniennes' zu Frankreich gehören, während diese Inseln
thatsächlich unabhängig sind. Auch soll dieses Buch andererseits wol auch
die fremden Regierungen täuschen, da nach ihm auf Tahiti immer noch das
Vertragsverhältniß der Jahre 1842 und 1843 (Seite 47-51) besteht, während
in Wirklichkeit der König von Tahiti im Laufe der Zeit zu einer Null
herabgedrückt worden ist.

So ist auch das Verhältniß der Gambier-Inseln zu Frankreich ein höchst
merkwürdiges und zweifelhaftes. Das auf S. 52 abgedruckte Schriftstück
der Mangareva-Häuptlinge vom 16. Februar 1844 verlangt das französische
Protectorat und gleichzeitig als Zeichen der Vereinigung mit Frankreich
die Flagge der Grande Nation. Diese Inseln führen denn auch nicht
die Protectorats-, sondern die französische Flagge und werden von den
Kaufleuten daher als französische Colonie angesehen, was die Franzosen
indessen nicht gelten lassen wollen. Die Bedeutung der Sache liegt in
Folgendem. Die Franzosen sind nicht in der Lage, die aus ungefähr 80
Inseln bestehende Paumotu- und Gambiergruppe so mit Beamten zu besetzen,
daß eine Erhebung der Steuern an Ort und Stelle erfolgen könnte. Sie
haben daher ein Gesetz erlassen, welches alle Schiffe, die innerhalb der
Protectoratsgrenzen Handel treiben wollen, verpflichtet:

1. die Protectoratsflagge zu führen, und

2. stets von Papeete aus ihre Fahrt anzutreten und zur Erlegung der
Steuern wieder dahin zurückzukehren.

Sind die Gambier-Inseln nun Colonie, dann fallen diese sehr lästigen
Beschränkungen fort und nebenbei werden keine Steuern bezahlt, weil
niemand dort ist, der eine Steuer erheben könnte. Was nun die Franzosen
dazu veranlaßt, die Gambier-Inseln als zum Protectorat gehörig zu
bezeichnen, ist der Umstand, daß von dort viele und namentlich häufig
sehr große Perlen, sowie große Massen von Perlschalen (Perlmuscheln)
kommen, beide Artikel aber innerhalb der Protectoratsgrenzen mit einer
außerordentlich hohen Ausfuhrsteuer belegt sind.

Der Regierungssitz für die sämmtlichen vorgenannten Inseln, zu welchen
auch die Marquesas-Inseln gehören, liegt in Papeete auf Tahiti, und
diese Stadt muß somit als die Residenz angesehen werden. Ueber die
Zusammensetzung der Regierung gibt das „'Annuaire'“ auf den Seiten 55-106
Aufschluß und zeigt, welch starkes Beamtenthum für diese Inseln für
erforderlich gehalten wird. Allerdings kommen dieselben Namen häufig bei
den verschiedensten Dienstzweigen vor, weil jedem Beamten, wol um sein
Einkommen zu erhöhen, stets mehrere Aemter zugewiesen sind; ihre Zahl
bleibt aber trotzdem noch eine sehr große. Dieses zahlreiche Beamtenthum,
welches eine große Regierung mit allen Zweigen einer großen Staatsmaschine
bildet, leistet für Frankreich nichts Nutzbringendes, weil die aus dem
durchweg in fremden Händen befindlichen Handel gewonnenen Steuern keinen
Ueberschuß ergeben. Nach den Tabellen auf S. 110-115 des „'Annuaire'“
decken sich zwar Einnahmen und Ausgaben, doch wird der Ausgleich nur
dadurch erzielt, daß das Mutterland eine hohe Subvention zahlt. Dieselbe
besteht einestheils in baarem Gelde, anderntheils darin, daß die Colonie
weder die dort stationirten Schiffe noch das Militär bezahlt, denn
diese Ausgaben sind in den 'Dépenses' nicht zu finden. Trotzdem die
'Caisse agricole' nur solchen Pflanzern Vorschüsse leistet, welche sich
verpflichten, ihre Producte allein nach Frankreich zu exportiren, besteht
nach S. 130 die Ausfuhr dahin in nicht mehr als rund 247500 Frcs., während
nach S. 131 diejenige nach dem Auslande rund 2,366000 Frcs. beträgt.
Hierbei ist indeß in Betracht zu ziehen, daß die im Ganzen mit 2,600000
Frcs. angegebene Ausfuhr nicht allein von den Protectoratsinseln herrührt,
sondern in dieser Summe auch all diejenigen Producte mit enthalten sind,
welche von den umliegenden nichtfranzösischen Inseln in kleinen Fahrzeugen
nach Papeete kommen, um hier in große Schiffe übergeladen zu werden. Aus
den Tabellen S. 132 und 133 geht hervor, daß die von Frankreich kommenden,
bezw. dahingehenden Schiffe, eine so geringe Zahl aufweisen, daß diese
Schiffe für den allgemeinen Handel kaum in Betracht gezogen werden können.
Allerdings führen diese Tabellen eine große Zahl unter Protectoratsflagge
fahrender Schiffe auf, diese Zahl erleidet aber dadurch eine wesentliche
Herabminderung, daß die hier genannten kleinen Fahrzeuge mindestens
viermal im Jahre in Papeete ein- und auslaufen, diese Handelsflotille
in Wirklichkeit also nur aus vielleicht 20 Fahrzeugen besteht, und
diese gehören obenein fast ausschließlich deutschen, englischen und
amerikanischen Handelshäusern. Auch sind die in den Tabellen als nach
dem Auslande abgegangen verzeichneten französischen Handelsschiffe von
Deutschen und Engländern befrachtet worden, und die zwei nach Brest
abgegangenen Schiffe waren französische Marine-Transportschiffe, welche
leer von Neu-Caledonien kommend zu ermäßigten Preisen Fracht mitnahmen und
die ganze nach Frankreich mit 247500 Frcs. angegebene Ausfuhr besorgten,
damit doch wenigstens etwas nach dem Mutterlande exportirt wurde. Die
über Import und Export gegebenen Zahlen erfahren auch noch eine weitere
Richtigstellung durch eine auf S. 136 befindliche Tabelle. Aus dieser
scheint mir deutlich hervorzugehen, daß die Angaben dieses Buches darauf
berechnet sind, dem großen Publikum in Frankreich Sand in die Augen zu
streuen, denn die dort als wieder ausgeführt angegebenen Werthe sind
in den S. 132 und 133 aufgeführten Zahlen als wirklicher Import und
Export angegeben, während aller Wahrscheinlichkeit nach die Waaren das
durchpassirende Schiff nie verlassen oder doch das Land nicht betreten
haben. Dies dürfte z. B. aus der Bemerkung hervorgehen, daß Tahiti
Guano ein- und ausführt. Guano wird weder in Tahiti gewonnen noch dort
gebraucht, er kommt aber in englischen Schiffen von der unabhängigen Insel
Flint nach Papeete, weil diese Schiffe hier ihre Ladung vervollständigen.

Ueber die Höhe der Zölle geben die Seiten 115-120 weitern Aufschluß
und danach trägt das Ausland bei der außerordentlich hohen Taxe von 12
Proc. auf Factura einen Einfuhrzoll von ungefähr 300000 Frcs., während
Frankreich sich nur mit ungefähr 50000 Frcs. daran betheiligt (S. 132 und
133). Von den auf das Ausland entfallenden 300000 Frcs. hat die deutsche
'Société commerciale de l’Océanie' mindestens zwei Drittel zu tragen,
und hieraus ist ersichtlich, welchen Ausfall die Einnahmen der Franzosen
erleiden müssen, wenn die genannte Gesellschaft ihre Absicht, nach Raiatea
überzusiedeln, zur Ausführung bringt.

Der Gouverneur, welcher die Charge eines 'capitaine de frégate'
(Corvetten-Kapitän) bekleidet, ist nach seiner Ansicht jedenfalls ein
sehr bedeutender Mann, doch steht er trotzdem auf sehr schwachen Füßen,
weil der die maritimen Streitkräfte commandirende Admiral nach Belieben
mit ihm verfährt. So soll es wiederholt vorgekommen sein, daß der von
einer Reise zurückkehrende Admiral mit der Thätigkeit des Gouverneurs
unzufrieden war, ihn in Arrest schickte und ihm als äußeres Zeichen auch
noch einen Sicherheitsposten vor die Thüre stellen ließ. Dann setzte
er den Gouverneur ab, machte sich selbst dazu, hob nach Herzenslust
Gesetze auf und erließ neue, bis er der Sache überdrüssig wurde und nun
einen Offizier seines Geschwaders zum Gouverneur ernannte. Die heimische
Regierung beseitigte allerdings diesen neuen Gouverneur wieder, scheint
aber dem Admiral seine Einmischungsthätigkeit nicht untersagt zu haben,
weil dieser auch fürder in derselben Weise weiter wirkte.

Die Beamten benehmen sich wie übermüthige Sieger den Besiegten gegenüber,
sie treten als die unumschränkten Herren auf. Werden sie zuerst gegrüßt,
dann danken sie wol verbindlich und höflich, wissen sonst aber den Weg zu
ihrem Hut nicht zu finden, sondern lassen denjenigen ungekannt passiren,
mit welchem sie eine halbe Stunde vorher in freundschaftlichster Weise
verkehrt haben. Mir ist auch der Vorzug nicht zutheil geworden, von einem
jüngern französischen Offizier gegrüßt zu werden, und hierin machte selbst
der Adjutant des Gouverneurs, mit welchem ich vielfach dienstlich zu thun
hatte, keine Ausnahme. Nur die Unteroffiziere und Gemeinen grüßten mich
immer, ob ich in Uniform oder Civil war, und zwar stets in so militärisch
strammer Weise, daß es den hier lebenden Ausländern auffiel. Diese
behaupteten, nie gesehen zu haben, daß die französischen Offiziere von
ihren eigenen Untergebenen in ähnlich strammer Weise gegrüßt worden seien.

Wie das Gesetz hier gehandhabt wird, ist vielleicht am besten aus den
nachfolgenden Angaben zu ersehen.

1. Der Admiral befiehlt, daß die am Hafenquai vor den dortigen Häusern
stehenden schönen schattigen Bäume, welche Eigenthum der Hausbesitzer
sind, aus „Gesundheitsrücksichten“ weggeschlagen werden sollen, ohne
Entschädigung dafür zu gewähren. Die Eigenthümer remonstriren vergebens
dagegen und es wird vor dem mitten in der Flucht liegenden Hause der
deutschen 'Société commerciale', in welchem sich gleichzeitig das deutsche
Consulat befindet, der Anfang gemacht. Sobald die zu diesem Besitzthum
gehörigen Bäume gefällt sind, wird das Gesetz wieder aufgehoben und die
andern Bäume bleiben stehen. So hat das deutsche Haus seine schattigen
Bäume verloren, das Consulat aber unbeabsichtigt den Vorzug erhalten, daß
die deutsche Flagge als einzige von dem ganzen Hafen aus gesehen werden
kann.

2. Die 'Société commerciale' erhält eine große Quantität Dauerproviant,
welcher nach den andern Inseln verkauft werden soll. Sobald der Admiral
dies erfährt, erläßt er ein bezügliches Ausfuhrverbot wegen auf Tahiti
herrschender Hungersnoth. Das deutsche Haus verlangt darauf, daß der von
ihm eingeführte Proviant von der Regierung übernommen oder doch für die
Lagerung eine Entschädigung gezahlt werden soll. Die Regierung entnimmt
aber weder etwas von dem Proviant, noch zahlt sie eine Entschädigung,
sondern hebt nach zwei Monaten das Ausfuhrverbot einfach wieder auf.
Da zu jener Zeit keine andere Firma Dauerproviant auf Lager hatte und
auch keinerlei Anzeichen für eine Hungersnoth in den gesegneten Gefilden
Tahitis vorlagen, so kann dieser Act nur als eine Chikane gegen das
deutsche Haus angesehen werden.

3. Die Regierung requirirt den der englischen Firma Brander gehörigen
Schleppdampfer „Scotia“ zum Schleppen, ohne auch nur die Kohlen und
sonstigen Auslagen zu bezahlen.

4. Die Regierung requirirt die dem deutschen Hause gehörigen
Leichter-Prähme, ohne dafür Zahlung zu leisten. In einem Fall wurden
die Fahrzeuge stark beschädigt abgeliefert; ein Antrag auf Schadenersatz
oder Reparatur auf der Regierungswerft wurde zurückgewiesen und keinerlei
Ersatz geleistet. Diese Beispiele mögen genügen.

Ein Gesetz, welches wol nur Tahiti eigenthümlich ist, möchte ich hier
auch erwähnen, nämlich daß nach S. 120 des „'Annuaire'“ betrunkene
Frauenzimmer 5 Frs. Strafe zu zahlen oder im Unvermögensfalle die
Straßen zu kehren haben. Für das Kehren der Straßen werden ihnen dann
pro Tag 2 Frs. angerechnet, von welchen sie aber bei freier Beköstigung
noch 1 Fr. baar erhalten; es will mir fast so scheinen, daß man ihnen
absichtlich die Mittel gibt, sich wieder zu betrinken, um auf diese Weise
stets ein reichhaltiges Straßenkehrercorps zu haben, welcher Zweck denn
auch erreicht wird. Die Straßen werden allerdings wenig gekehrt, und der
Fiscus zahlt viel Geld dafür. Es machte mir stets neues großes Vergnügen,
jeden Morgen diese schön gewachsenen frischen, von einem eingeborenen
Polizisten geführten Straßenkehrerinnen ankommen zu sehen. Laut lachend
und singend zogen sie truppweise durch die Straßen, den Besen hinter sich
her schleppend und mit diesem und der fliegenden Schleppe ihrer langen
bunten Gewänder eine riesige Staubwolke aufwühlend, welche nur deshalb
nicht allgemein lästig wurde, weil die fröhlichen Urheberinnen alle paar
Schritte Bekannte trafen und dann natürlich ein Schwätzchen hielten, ehe
es weiter ging.

Ueber das Missionswesen, welches auch eine politische Rolle spielt,
glaube ich die folgenden Angaben machen zu können. Der französische
katholische Priester hat innerhalb der Protectoratsgrenzen den englischen
Missionar vertrieben, aber eben nur da, wo er die Hülfe seiner Regierung
hat, denn die unabhängigen benachbarten Inseln werden nach wie vor von
der englischen Mission behauptet. Eine Erklärung für diese auffallende
Thatsache wage ich nicht zu geben, doch drängen sich mir zwei Fragen auf,
welche ich, ohne sie zu beantworten, hier niederlegen will:

1. Haben die Franzosen die Uebereinkunft vom 9. Sept. 1842, Pos. 4 und 5,
nach welcher Gewissensfreiheit garantirt und den englischen Missionaren
all und jeder Schutz versprochen wird, gebrochen, oder haben die Engländer
Tahiti verlassen, weil mit dem Einzug der Europäer die Pfründe zu schlecht
wurde?

2. Fühlen die französischen Priester sich noch nicht stark genug, auf die
Nachbarinseln überzugehen, oder fehlen ihnen noch die passenden Leute
für schlechte Plätze, z. B. Deutsche? Die letztere Vermuthung scheint
mir am Platze zu sein, weil, wie ich bereits früher ausgeführt habe, die
französischen Priester nur auf den guten Plätzen zu finden sind und die
deutschen nur auf den schlechten. So suchten mich auch während meines
kurzen Aufenthalts in Morea die dort stationirten zwei Missionare (beide
Deutsche) am Lande auf, um über ihre Stellung zu klagen und vorsichtige
Andeutungen zu machen, ob ich ihnen nicht Schutz und Hülfe verschaffen
könne. Sie behaupteten, von den französischen Brüdern gehaßt und verfolgt
zu werden und schilderten ihre Stellung als eine nahezu unerträgliche. Ihr
verbittertes Aussehen und die harte Sprache, welche sie führten, bezeugten
die Richtigkeit ihrer Behauptungen. Ich konnte ihnen selbstverständlich
keinen andern Rath geben als den, sich von den Franzosen zu trennen.

Der Bischof von Tahiti kann in dieser Gegend als der erste französische
Handelsmann bezeichnet werden. Das Missionsschiff besorgt den Handel,
welcher hauptsächlich in Baumwolle, Perlschalen und Perlen besteht.
Namentlich der Perlenhandel ist vorzugsweise in den Händen der Priester.

Der König von Tahiti, welchem nach den Verträgen noch vielfache Rechte
zur Seite stehen sollen, hat in Wirklichkeit nichts mehr zu sagen. Er
folgte seiner Ende 1877 verstorbenen Mutter Pomare IV. als Pomare V.
in der Königswürde. Er ist vermählt mit Miß Marau Salmon, Tochter eines
verstorbenen Engländers und der mit diesem vermählt gewesenen Schwester
der verstorbenen Königin. Der König erhält von Frankreich eine jährliche
Apanage von 25000 Frs., wovon aber die sämmtlichen Verwandten seiner
Familie, von welcher die weiblichen den Hofstaat der Königin bilden,
mitleben. Die königliche Familie wird von den Franzosen einerseits
recht schlecht behandelt, andererseits aber doch mit großer Sorgfalt und
Eifersucht gehütet, weil der Einfluß derselben unter den Eingeborenen
immer noch ein sehr großer ist und ein Wort des Königs genügen würde,
das ganze Land zum Aufstand zu bringen. Und was das bedeutet, haben die
Franzosen in frühern Jahren zu ihrem Schaden genugsam erfahren. Namentlich
wird der Umgang der Königin mit den Deutschen sorgsam überwacht, weil
zwei ihrer Nichten, welche von den Eingeborenen als Prinzessinnen von
Geblüt verehrt werden, an deutsche Herren verheirathet sind. Welche
Schwierigkeiten mir gemacht worden sind, mit der königlichen Familie in
Verbindung zu treten, entzieht sich der Besprechung an diesem Platze.

Die Hauptstadt Papeete, welche auf dem flachen Lande der Gürtelebene
an dem nach ihr benannten Hafen liegt und sich im Rücken an die
hochaufstrebenden Berge anlehnt, hat den Charakter der Residenz eines
Naturvolkes vollständig verloren. Der Kokospalmenwald ist mit den in
ihm verstreut liegenden Hütten der Eingeborenen verschwunden und an
seine Stelle sind regelmäßige Straßen mit Häusern nach südamerikanischer
Bauart getreten. Die ganze Physiognomie der Stadt deutet an, daß sie
vornehmlich von Europäern und deren Bedienung bewohnt wird, wie dies auch
die officielle Bevölkerungsziffer angibt. Nach derselben befinden sich
unter den 3000 Einwohnern mehr als 1000 Europäer, und da von diesen ein
großer Theil chinesische Diener und Köche hat, so kann man annehmen, daß
kaum 1000 Eingeborene übrig bleiben.

Zunächst dem Hafen zieht sich an dessen Ufer ein breiter, theilweise
durch hohe Bäume beschatteter Quai hin, welcher, vom Wasser aus
gesehen, zur Linken durch die französische Kriegswerft, zur Rechten von
einer Strandbatterie begrenzt wird und weiterhin nach beiden Seiten
in die früher erwähnte Ringchaussee ausläuft. An dem Quai liegen die
Geschäftshäuser und einzelne stattliche Wohnhäuser, auf denen hier und
da die Flagge eines Consulats weht. Zwischen diesen Gebäuden liegen
auch, von hoher Mauer umgeben, die von den französischen Priestern und
Nonnen unterhaltenen Schulen, nebst den hierzu erforderlichen Wohnungen
und Wirthschaftsgebäuden. Ferner sieht man eine schöne kleine Kirche,
einige Regierungsgebäude und das von der französischen Regierung dem König
von Tahiti neuerbaute Palais, ein im Villenstil gehaltenes ansehnliches
Haus. Von dem Quai aus ziehen sich Querstraßen nach den mit ihm parallel
laufenden hinteren Straßen, von welchen aber nur die mit zwei Reihen
schöner alter Bäume bepflanzte erste Parallelstraße von gleicher Länge
der Quaistraße ist, während die andern mit ihrer Entfernung vom Wasser
zusammenschrumpfen und sich schließlich zwischen den verstreut liegenden
Hütten der Eingeborenen auflösen. Die Häuser, welche mit Ausnahme
der Regierungsgebäude alle aus Holz gebaut sind, werden auch mit der
Entfernung vom Wasser kleiner; die Regierungsgebäude sind Steinbauten. In
der ersten Parallelstraße schon liegt nur ein größeres Gebäude, und zwar
in einem schönen großen Garten das für hiesige Verhältnisse stattliche
Palais des Gouverneurs. Diesem gegenüber befindet sich ein öffentlicher
Platz, auf welchem abends die aus Eingeborenen zusammengesetzte
Musikkapelle spielt. Hier finden sich dann die vergnügungssüchtigen
Eingeborenen und namentlich die leichte Welt ein, auch sollen die
französischen Offiziere mit ihrem Gouverneur nie fehlen. Das Treiben
bei diesen Concerten soll derart sein, daß den europäischen Familien der
Besuch abgeschnitten ist. Diesem Umstande wird es auch zuzuschreiben sein,
daß diese Concerte für die Dauer unsers Aufenthalts von dem Gouverneur
untersagt worden waren, und die ansässigen Deutschen und Engländer
behaupteten, daß es entschieden schicklich gedacht gewesen sei, uns diesen
wenig erfreulichen Anblick zu ersparen. Aus eigener Beobachtung kann ich
also über das Straßenleben der Eingeborenen nichts berichten, zumal auch
sonst die Polizei die Straßen außerordentlich scharf überwachte und die
leichte Welt für die Dauer unsers Aufenthalts sogar aus der Stadt verbannt
und auf die umliegenden Dörfer gebracht hatte, wo sie durch mitgeschickte
eingeborene Polizeidiener im Zaume gehalten wurde. Was doch ein schlechtes
Gewissen für absonderliche Blüten zu treiben vermag!

Die besser situirten Europäer wohnen außerhalb der eigentlichen Stadt
in bequemen, luftigen, nur aus Parterreräumlichkeiten bestehenden
Landhäusern, die inmitten großer Gärten liegend wol als gesunde und
angenehme Wohnungen betrachtet werden dürfen. Dort findet man auch die
französischen Restaurants, welche auch hier, wie überall im Auslande,
sich durch gut gehaltene Gärten, vortreffliche Küche und Getränke,
aufmerksame Bedienung und mäßige Preise auszeichnen. Europäische Damen
von ganz reinem Blut trifft man hier eigentlich nur in den französischen
Beamten- und englischen Missionarfamilien, die andern, größtentheils
mütterlicher-, groß- oder urgroßmütterlicherseits von Tahitiern
herstammend, haben wenigstens ein klein wenig tahitisches Blut in ihren
Adern. Dieses tahitische Blut thut aber weder ihrer Schönheit, noch ihrer
Liebenswürdigkeit, noch ihrer theilweise vortrefflichen und vornehmlich
in England oder Australien genossenen Geistesbildung irgendwelchen
Abbruch, im Gegentheil. Ich hatte den Vorzug, zwei dieser Damen kennen zu
lernen, welche nicht nur durchaus feingebildete Weltdamen, sondern auch
in jeder Beziehung vortreffliche Hausfrauen sind, und schwerlich wird
jemand, da auch ihr Teint wol noch heller als der der Italienerinnen ist,
auf den Gedanken kommen, sie nicht als Europäerinnen der besten Kreise
anzusehen, wenn er nicht ihren Stammbaum kennen sollte. Es hatte für mich
einen eigenen Reiz, eine dieser an deutsche Herren verheiratheten Damen,
welche fließend tahitisch, englisch, französisch und spanisch spricht,
auch das reinste Deutsch sprechen zu hören und zu beobachten, wie ihre
Unterhaltung mit ihren kleinen Kindern sich in Ausdrücken bewegte, wie
sie nur die deutscheste Mutter in der zärtlichsten Stimmung zu finden
weiß. Und sollten Junggesellen diesen Zauber nicht verstehen, dann würden
sie sicher durch die feinen Umgangsformen der liebenswürdigen Wirthin
gewonnen werden, wenn ihnen der Vorzug zutheil würde, in ihr gastfreies
Haus Eingang zu finden.

Eingeborene sieht man in der Stadt, mit Ausnahme der stets heitern
herrlichen Mädchengestalten, welche mit duftenden Blumen bekränzt
durch die Straßen wandeln und dabei mit ihren fliegenden Gewändern den
Staub aufwirbeln, nur solche, welche träge in und vor den Häusern ihrer
reichen, an Europäer verheiratheten Verwandtinnen herumlungern. Diese
Belästigung geht soweit, daß die Hausfrau in der Regel einen ganzen Kreis
von Hofdamen zwischen 16 und 30 Jahren aus der Zahl ihrer weiblichen
Verwandten hat, welche oft dem Hausherrn das Leben recht sauer machen,
weil sie bei kleinen Differenzen stets auf der Seite der Hausfrau stehen,
unter Berücksichtigung ihres liebenswerthen Aeußern auch wol häufig genug
Veranlassung zu Eifersuchtsscenen geben. Aber auch sonst machen sie sich
unbequem, weil sie überall im Hause Zutritt haben. Denn wenn sie z. B. den
Hausherrn nicht zu Hause vermuthen, stürmen sie plötzlich in sein Zimmer,
während er beim Umkleiden ist; andererseits, wenn er beim Nachhausekommen
seine Frau aufsuchen will, wird er von einem halben Dutzend Mädchen wieder
zur Thür hinausspedirt, weil seine Anwesenheit gerade zur Zeit überflüssig
ist.

Ebenso wenig wie in der Stadt sieht man auch auf dem Hafen wirklich
einheimisches Leben; das bequemere europäische Boot hat hier das
zierliche Kanu fast ganz verdrängt. Die Männer, welche die Wäsche von
den Schiffen holen und diejenigen, welche Früchte zum Verkauf bringen,
sind meistentheils im Besitz irgendeines alten Bootes. Würde nicht ab
und zu ein Kanu zum Fischfang auf das Riff fahren, und sähe man nicht
zuweilen am Strande einige Mädchen ihre langen Gewänder abwerfen, um,
nur mit dem Pareo bekleidet, ein Bad zu nehmen, man käme hier in Papeete
nicht auf den Gedanken, auf einer polynesischen Insel zu sein. Im Hafen
Kriegs- und Kauffahrteischiffe, deren hin- und herfahrende Boote und nur
selten dazwischen ein Kanu; in der Stadt Beamte, Kaufleute, Soldaten und
Matrosen, und allerdings häufig genug lustige, lachende Mädchen, aber
keine eingeborenen Männer.

Ein flüchtiger Spaziergang durch die Stadt zeigte mir alles, was ich
hier überhaupt zu sehen bekam, und das war nicht viel. Um so dankbarer
muß ich es anerkennen, daß unser Consul, Mitdirector der 'Société
commerciale', mich mit den dienstfreien Offizieren zu einer Partie nach
dem Bergsee Waihiria einlud. An diesen Ausflug, zu welchem von Papeete
aus gewöhnlich mehrere Tage gerechnet werden, konnte ich bei unserm nur
kurzen Aufenthalte nicht denken, weil es mir unmöglich schien, denselben
ohne Schädigung anderer Interessen zur Ausführung zu bringen; der
liebenswürdige Herr hatte aber alles so vortrefflich arrangirt, daß wir
die Partie in anderthalb Tagen machen sollten, und dadurch wurde mir die
Zusage möglich.

Um von Papeete aus zu dem 500 m über dem Meere in den Bergen liegenden
See gelangen zu können, muß man zunächst auf der Ringstraße einen Weg
von 8 deutschen Meilen oder 60 km um die ganze Westküste der Insel
nach ihrer Südostseite bis zu dem Groß- und Klein-Tahiti verbindenden
Isthmus zurücklegen und dann von hier aus in dem Thal eines Bergflusses
den Aufstieg nehmen. Wir waren zusammen acht Personen und verließen
Papeete an einem schönen Morgen in zwei offenen, mit Sonnendächern
versehenen leichten Wagen; ein dritter mit Proviant, Wein und Eis war
schon voraufgegangen. Die flinken Pferde griffen gut aus, die Fahrt in
der großartigen Natur, bei dem prächtigen Wetter, war herrlich. Eine
vorzügliche, zu beiden Seiten mit Palmen und andern Bäumen besetzte
Straße; zur Linken die steilen, mächtigen, rothbraunen Bergmassen, welche
in der Regel nur in ihrem untern Theil mit Laub und Holz bestanden
sind, häufig aber von fruchtbaren, überaus üppigen, bis zu 700 m Höhe
ansteigenden Thälern, auf deren Sohlen Bergflüsse dem Meere zueilen,
durchschnitten werden; zur Rechten das weite Meer mit seinen eilig
hastenden Wogen, welches uns angenehme Kühlung brachte. Ueber einzelne
Flüsse -- wir haben im ganzen acht passirt -- führen Brücken, andere haben
dieselben bei Gelegenheit eines Wolkenbruchs zerstört und wir mußten hier
durch das Flußbett fahren. Der Weg führt an Landhäusern und Plantagen
vorbei, an Gärten und an Vanillepflanzungen, und alle anderthalb Stunden
fanden wir ein unter schattigen Bäumen gelegenes gutes Wirthshaus, wo wir
einen kleinen vorher für uns bereit gestellten Imbiß einnahmen und unsere
Glieder etwas streckten, bis die frischen Pferde, welche schon auf unsere
Ankunft warteten, eingespannt waren.

Daß es auf diesem langen Wege viel zu sehen gab, ist natürlich, doch
will ich von Naturschilderungen absehen und nur das anführen, was mich
besonders interessirt hat.

Zunächst erfuhr ich, als ich mein Befremden darüber aussprach, daß die
Kokospalmen nur am Strande und theilweise sogar in Sandboden zu finden
seien, daß dieser Baum nur in unmittelbarer Nähe der See Früchte trägt
und es noch nicht erwiesen sei, wo die Ertragfähigkeit größer ist, ob in
fettem Boden oder im Korallensand. Thatsache soll es sein, daß die Bäume
um so reicher Früchte tragen, je näher sie am Strande stehen, und zwar
ganz unabhängig von dem Boden, in welchem sie wachsen. Hieraus hat man,
da dicht am Strande gewöhnlich nur Korallensand gefunden wird, einerseits
gefolgert, daß dieser Boden der Kokospalme am zuträglichsten sei, während
andererseits behauptet wird, daß der größere Ertrag nur durch den größern
Salzgehalt der Luft, sowie den des Bodens dicht am Strande bedingt ist.

Bei vielen Kokospalmen fiel mir ein aus Rinde oder Bast bestehendes und
stets in gleicher Art um den Baumstamm gewundenes Band auf. Dies soll
bedeuten, daß der Baum von seinem Besitzer „Tabu“ erklärt worden ist.
„Tabu“ ist ein heidnisch religiöses Gesetz, welches merkwürdigerweise
über die ganze Südsee, über ein Gebiet von 6000 Seemeilen in der
geographischen Länge und 4000 Seemeilen in der geographischen Breite
gleichmäßig verbreitet ist und, was am auffälligsten erscheinen muß,
überall mit demselben Namen genannt wird, obgleich bei der jetzigen
Figuration des Landes eine Verbindung zwischen vielen der Inselgruppen nie
stattgefunden haben kann. Das Gesetz bedeutet, daß jeder Tabu erklärte
Gegenstand heilig und unantastbar geworden ist und jedermann, welcher
sich trotzdem an dem Gegenstand vergreift, dem Tode verfallen ist, ganz
gleich ob die Tabu-Erklärung von dem Häuptling, von dem ganzen Gemeinwesen
oder von einem einzelnen Individuum ausgegangen ist. Wenn auch dieses
Gesetz, welches auf den von europäischem Einfluß unberührten Inseln noch
in seiner ganzen Härte besteht, hier auf Tahiti und wol auch auf den
mit Europa oder europäischen Colonien in Verbindung stehenden Inseln
seine eigentliche Bedeutung verloren hat, so wird es von den inzwischen
zu Christen gewordenen Eingeborenen doch noch immer heilig gehalten und
dementsprechend geachtet, obgleich der Bruch des Gesetzes, z. B. hier auf
Tahiti, nicht mehr bestraft werden kann. So versieht ein Eingeborener,
welcher durch irgendwelche Umstände gezwungen wird, sein Besitzthum
zeitweise zu verlassen, dieses mit dem Tabu-Zeichen und er kann sicher
sein, bei seiner Rückkehr sein Eigenthum unversehrt wieder vorzufinden.

Auf unserm Wege kamen wir auch an mehrern großen, viereckigen, sturmfreien
Thürmen vorbei, welche die ersten Befestigungswerke der Franzosen gegen
die Eingeborenen gebildet haben. Denn nachdem die französischen Truppen
von Huheine durch die dortigen tapfern Eingeborenen vertrieben worden
waren und auch ein Aufstand hier auf Tahiti ihnen viel zu schaffen
gemacht hatte, hielten sie es für nothwendig, rund um die Insel diese
Wachthürme zu erbauen, welche wol genügenden Raum für je 20 Mann nebst
dem erforderlichen mehrwöchentlichen Proviant bieten.

Einen sehr netten Eindruck machten die Vanillepflanzungen. Die Vanille ist
ja, wie bekannt, ein zur Klasse der Orchideen gehöriges rankendes Gewächs,
gedeiht daher nur auf Bäumen und zwar nur auf solchen einiger bestimmter
Gattungen. Zu ihrer Cultur ist mithin in erster Reihe die Anpflanzung
geeigneter Bäume erforderlich, und so kommt es, daß man dann reizende
an der Straße gelegene Haine aus etwa 3 m hohen und 2 m von einander
entfernt stehenden Bäumchen findet, zwischen welchen die kostbaren
Ranken mit ihren Luftwurzeln sich von Stamm zu Stamm schlingen. Das Ganze
sieht so zierlich, sauber und duftig aus, daß man es für ein japanisches
Zwerggartenkunstwerk halten könnte.

Etwa auf dem halben Wege zwischen Papeete und unserer Endstation an
der Küste fanden wir in einer steil abfallenden nackten Felsenwand von
vielleicht 60 m Höhe eine ziemlich kreisrunde Höhle mit einer Wasserlache.
Da ihr Durchmesser höchstens 10 m beträgt, so würde ich sie ihrer
Unbedeutendheit wegen nicht erwähnen, wenn sie nicht durch ihren äußern
Anblick auffiele. An dem Fuße und in der Mitte der grauen, von der Sonne
hell beschienenen Felsenwand wölbt sich ein 10 m breites und 8 m hohes,
von der Natur regelmäßig geformtes rundbogiges Thor über dem glänzenden
regungslosen Wasserspiegel, welcher zu ein Drittel außerhalb der Höhle
liegend grell aus seiner dunkeln Umgebung hervorleuchtet und vorn zu
beiden Seiten von dichtem grünen Laub eingerahmt wird. Wol jeder, der Sinn
für Naturschönheit und Kunst hat, wird beim Vorbeigehen hier eine Rast
von einigen Minuten machen.

Gelegentlich erkundigte ich mich danach, mit welchem Ausdruck das Pferd,
welches erst seit 60-70 Jahren auf Tahiti bekannt ist, eigentlich benannt
wird, und erhielt als Antwort einen so unendlich langen Namen, daß ich
um nähere Uebersetzung bat. Es dürfte schwerlich jemand errathen, wie
die Eingeborenen sich in dieser Sache geholfen haben. Zunächst waren sie
rathlos, dann nahmen sie den größten bekannten Vierfüßler zum Vergleich
und nun hatten sie einen Namen und zwar: „das schnell über das Land
laufende Schwein“!

Gegen 2 Uhr nachmittags langten wir am Ziel des Tages an und fanden ein
bequem eingerichtetes, mit einer großen Veranda umgebenes englisches
Gasthaus, welches zwischen schattigen Bäumen liegend nach der einen
Seite einen freien Ausblick nach dem Meer und Klein-Tahiti bietet und
an der andern Seite sich an einen großen freien Platz anlehnt, hinter
welchem die Bergwände der Hauptinsel das Bild abschließen. Das Haus wird
vorzugsweise von Kranken als klimatischer Curort benutzt und wir fanden
zwei solcher Gäste vor, Herren, welche hier Linderung für ihre kranken
Lungen erhofften. Für uns war nicht mehr hinreichend Platz vorhanden
und wir mußten daher zu je zwei ein Zimmer theilen, fanden aber sonst
alle Bequemlichkeiten, und namentlich erhielt jeder ein großes, gutes
Bett für sich allein. Auf die Tafel hatte die Einschränkung indeß keine
Rückwirkung, denn wir fanden ein vorzügliches kaltes Frühstück vor, sowie
eine mustergültige, lautlose, aus sechs eingeborenen Frauen und Mädchen
bestehende Bedienung. Diese war allerdings von Papeete aus besonders für
uns hierher gekommen, weil der Wirth einerseits für gewöhnlich so großer
Bedienung nicht bedarf und er andererseits uns am zweiten Tage nach
unserer Rückkehr von dem See mit einem tahitischen Festmahl überraschen
wollte, zu welchem die Tahitierinnen durchaus nothwendig waren. Aus
der eigenthümlichen Stellung dieser Eingeborenen, welche den einen Tag
die Diener machen, den nächsten Tag als mit dem Gast gleichberechtigt
auftreten, bin ich nicht klug geworden. So war die schöne, vielleicht 30
Jahr alte Halbblut-Frau, welche vorzugsweise den Consul und mich bei Tisch
bediente, die Witwe eines wohlsituirt gewesenen Engländers und soll in
ganz guten Verhältnissen leben.

Außer diesen Dienerinnen sahen wir auch noch auffallend viele Weiber in
der nächsten Umgebung des Gasthauses und hörten zu unserer Ueberraschung,
daß diese fast sämmtlich nach Papeete gehörten und durch die Polizei mit
dem Bedeuten hierhergebracht worden seien, daß sie erst nach der Abreise
des deutschen Kriegsschiffes die Erlaubniß zur Rückkehr erhalten würden.
Dieses leichtlebige und leichtsinnige Volk war daher voll Jubel, als
wir ankamen; eine kleine Schadenfreude konnten wir allerdings auch nicht
unterdrücken. Die Bemühungen des eingeborenen Polizeidieners, welcher zur
Ueberwachung dieser lustigen Gesellschaft mitgeschickt war, seine Heerde
zusammen- und von der Annäherung an uns abzuhalten, blieben erfolglos, und
ich glaube, daß er von den ihm anvertrauten Vertreterinnen des schönen
Geschlechts, hier fernab von der Hauptstadt, höchst unangenehme Prügel
bekommen hätte, wenn er nicht klug und nachgiebig geworden wäre.

Nachdem wir den Reisestaub abgeschüttelt und uns an der reichen Tafel
erquickt hatten, was eigentlich nicht nöthig gewesen wäre, weil wir
auf dem ganzen Wege bis hierher ja kaum etwas anderes gethan hatten,
als uns zu erquicken, trennten wir uns, um erst abends 6 Uhr bei der
Hauptmahlzeit wieder zusammenzutreffen. Der Consul und ich gingen nach
einer Zuckerplantage, welche der genannte Herr hier besitzt und die er
bei dieser Gelegenheit auch besuchen wollte; wir begingen das Terrain und
besichtigten die Einrichtungen zur Gewinnung des Rohzuckers, welche mir
noch unbekannt waren. Von den andern Herren wollte keiner mit, dem jungen
Volk erschienen die fröhlichen, blumenbekränzten Töchter des Landes wol
anziehender, wenigstens vermuthe ich dies und verarge es ihnen auch nicht,
denn Zuckerplantagen sieht man auch anderswo.

Von der Plantage gingen wir zum Strande, wo ich noch ein Bad nehmen
wollte. Ein schönerer und einladenderer Badeplatz ist nicht leicht
zu finden, wenn man den Körper eben nur für kurze Zeit erfrischen
und im Anschluß daran einige Stunden in süßem Nichtsthun verbringen
will. Bis dicht an den schönen weißen Strand reicht der üppige Wald
von Fruchtbäumen, deren Zweige unter der Last der reifen Orangen und
Brotfrüchte zu brechen drohen, und tritt man aus dem Laubdach heraus,
dann liegt ein Bild von so großartiger Schönheit vor uns, daß unsere
Augen nicht wissen, wo sie sich hinwenden sollen. Dicht vor unsern Füßen
liegt die smaragd- und saphyrfarbene regungslose Flut, welche sich bis
zu dem dreiviertel Seemeilen von uns abliegenden Barriere-Korallenriff
erstreckt. Auf diesem Riff sieht man, wie einen Wall, die auf- und
abwogenden Schneeschaummassen der nicht besonders hohen Brandung und
hinter dieser das von dem frischen Passatwind aufgewühlte tiefblaue Meer
mit seinen Wogen und deren Schaumkämmen. Zu unserer Rechten und vor uns
liegen innerhalb des Riffs in dem klaren Wasserspiegel zwei kleine dicht
bewaldete Inseln, welche einen solchen Frieden ausathmen, daß man wähnt,
keinen schönern Wohnplatz finden zu können, und zu unserer Linken, in
einer Entfernung von 5 Seemeilen, steigt vor uns Taiarabu (Klein-Tahiti)
mit seinen steilen Felswänden bis zu einer Höhe von 1130 m aus dem
Meere empor. Die zu unserer Rechten schon ziemlich tief stehende Sonne
vergoldet das ganze Bild und beleuchtet es für uns um so wirkungsvoller,
als unser Standort und ein schmaler Streifen des davor liegenden Wassers
beschattet sind. Das leise Rauschen in den Baumwipfeln und das von dem
Riff herüberdröhnende Grollen der Brandung vervollständigen die Stimmung.
Still setzen wir uns zu Füßen eines großen Baumes auf den weißen Sand und
lange schauen wir in die Ferne, ohne zu wissen was uns am meisten fesselt,
und doch ist es das ewig ruhelose und doch sich immer gleichbleibende
Meer. Wie oft habe ich träumerisch und sehnsuchtsvoll dem Spiel dieser
gewaltigen, Segen und Verderben bringenden Wassermassen zugesehen, wie
bekannt scheint mir das Weben und Treiben dieser geheimnißvollen Kräfte,
wie viel Schöneres liegt zu meinen Füßen, zur Rechten und zur Linken, und
doch wie groß ist die magnetische Kraft der unergründlichen Flut, welche
wie die Nixe der Loreley nur für sich allein den Menschen fordert. Mein
Nachbar weckt mich aus meinem Sinnen und macht mich auf eine Stelle im
Wasser aufmerksam, wo ein leichtes Sprudeln, wie das einer kleinen Quelle,
und die von dem Sprudel auslaufenden, sich immer weiter dehnenden Ringe
zu sehen sind. Er sagt mir, daß dies eine der Tahiti eigenthümlichen
Süßwasserquellen im Meere ist, von welchen ich auch schon gelesen hatte
und die noch ziemlich weit von der Küste ab zu finden sein sollen. Die
Eingeborenen sollen sich an ihnen, wenn sie draußen beim Fischfang sind,
in der Weise den Durst stillen, daß sie schwimmend soweit tauchen, bis sie
die Stelle finden, wo das Quellwasser noch unvermischt mit dem Seewasser
ist. Da das süße Wasser sehr viel leichter wie das Meerwasser ist und
deshalb kräftig nach oben steigt, so muß an solcher Quelle allerdings in
relativ nicht zu großer Tiefe schon reines Süßwasser gefunden werden.

Probiren geht über Studiren, und wenn ich auch den Eingeborenen das
Taucherkunststück nicht nachmachen konnte, so konnte ich mich doch an
der Wasseroberfläche davon überzeugen, ob der Quell weniger Salzgehalt
wie das übrige Wasser habe. Bald war ich in der See und schwamm nach dem
nicht weit entfernten Sprudel, wo ich das Wasser wirklich nur brack fand.
Wieder am Lande bekam ich großes Verlangen nach der Milch einer frischen
Kokosnuß; aber wie eine solche von den hohen Bäumen herunterbekommen?
„Nichts leichter als das, da gerade ein Eingeborener dort des Weges
kommt“, sagte der Consul. Der Mann wurde angerufen und schnell hatte er
sich einen Riemen um seine Knöchel geschnallt, welcher einen Zwischenraum
von etwa 5 cm zwischen den Füßen ließ. Dann griff er mit den Händen um
den Stamm einer Palme, schnellte mit den Füßen soweit in die Höhe, daß
die Beine möglichst wagerecht standen und die Füße jetzt gegen den Stamm
gestemmt waren, wo durch das Gewicht des eigenen Körpers die Füße auf der
einen und die Hände auf der andern Seite des Stammes so fest an die rauhe
Rinde gepreßt wurden, daß der Körper nicht nach unten gleiten konnte.
Mit ununterbrochenen kleinen Sprüngen hatte der Mann den hohen Baum bald
erstiegen, löste den Riemen von seinen Füßen, warf einige Nüsse herunter
und ließ sich in ähnlicher Weise wieder hinuntergleiten, wie wir es thun.

Als die Essensstunde heranrückte, begaben wir uns wieder in das Gasthaus,
legten ein etwas förmlicheres Kleid an und fanden ein ganz vorzügliches
Mahl, welches durch die mitgebrachten eigenen Weine, unter denen sich auch
gute Marken deutschen Wachsthums befanden, noch wesentlich verbessert
wurde. Besondere Anerkennung muß ich den vortrefflichen hiesigen
Wasserthieren zollen, welche neben guten Austern und Fischen aus besonders
feinschmeckenden großen, scherenlosen Hummern und den früher schon
genannten Süßwasser-Schrimsen bestanden. Diese letztern hatten die Größe
von ausgesuchten Oderkrebsen, welche sie indeß an Feinheit des Geschmacks
nicht ganz erreichen, während die Hummern entschieden den europäischen
weit vorzuziehen sind. Die Hummern waren auf dem nächsten Korallenriff
gefangen, die Schrimse in dem Bergfluß, an dessen Ufer wir am nächsten
Morgen den Weg zum See zurücklegen sollten.

Während des Essens entstand noch eine kleine Aufregung dadurch, daß eine
der Dienerinnen in großer Erregung in das Zimmer trat und erzählte, daß
in dem wenige Minuten entfernten Dorfe zwei Eingeborene von Papeete mit
dem Auftrage angekommen seien, mich zu beobachten. Die Nachricht erstaunte
mich weiter nicht, da ich schon gehört hatte, daß jedem unserer Offiziere
an Land stets ein Aufpasser folge, weil die Franzosen in dem Wahne
befangen waren, daß das Schiff den Auftrag habe, von den nahegelegenen
unabhängigen Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen, und man wol
glaubte, daß auch Tahiti in den Bereich der deutschen Begehrlichkeit
gezogen würde. Immerhin schickte unser Wirth einen Vertrauten ab, welcher
bald die Richtigkeit der Nachricht bestätigte. Dies veranlaßte denn auch
den Consul und mich, die jüngern Herren unserer Gesellschaft, welche
gleich nach dem Essen aufbrachen, um einer Einladung der eingeborenen
Damen zu einem Abendfest in dem nahegelegenen Dorfe zu entsprechen, nicht
zu begleiten, obgleich wir ursprünglich die Absicht hatten, uns die Sache
für kurze Zeit anzusehen. Statt dessen begaben wir uns bald zur Ruhe.

Am nächsten Morgen um 6 Uhr wurden wir geweckt und waren um 7 Uhr zum
Abmarsch bereit. Als wir aus dem Hause auf den freien Platz traten,
fanden wir ein reges Treiben. An zwanzig Eingeborene waren zur Stelle,
theilweise schon beladen mit Kisten und Körben, welche unser zweites
Frühstück enthielten. Andere waren mit großen Schlagmessern und Aexten
versehen, um etwaige Hindernisse aus unserm Wege zu räumen, wieder andere
hatten nur Bergstöcke und kleines Fischgeräth in den Händen. Auch eine
kleine zierliche Frauensperson war in dem Gefolge, sowie ein Pferd, das
einzige, welches für uns hatte aufgetrieben werden können und mir zur
Verfügung gestellt wurde. Da ich vor den andern Herren von der Partie
indeß nichts voraus haben und nicht allein reiten wollte, so ging das
Pferd vorläufig unbenutzt mit, um, falls einen der Herren die Kräfte
verlassen sollten, für diesen zur Stelle zu sein. Ich mußte daher auch
mit einem der Eingeborenen vorlieb nehmen, welche uns als Reitthiere mit
dem Bemerken vorgeführt wurden, daß wir mehr wie achtzig mal den Fluß zu
durchschreiten hätten und die Eingeborenen uns hinübertragen sollten. Es
entwickelte sich nun eine harmlose nette Scene, denn die aufgeweckten,
selbstbewußten Tahitier wollten nicht nur gewählt sein, sondern wollten
auch selbst wählen und drängten sich zunächst alle an den Consul und
mich, vielleicht weniger, weil wir für die Hauptpersonen gehalten wurden,
als darum, weil wir die leichtesten waren. Immerhin stellte sich bald
heraus, daß diese kräftigen, zähen Natursöhne sich aus einer ziemlich
großen Gewichtsdifferenz nichts machten. Bald hatten Herr und Diener sich
zusammengefunden und nun zogen wir aus, jeder von uns von seinem braunen
Schatten begleitet. Die kleine junge Frau übernahm die Führung und schritt
mit einem Strohhut auf dem Kopf, mit einer kurzen Bluse und einem Hüfttuch
(Pareo) angethan, ihren langen Stock in der Hand, mit ihren bloßen Füßen
zierlich und schnell aus. Ihr folgten die Leute mit dem Proviant, dann
kamen die Wegebahner, dann wir mit unsern Schatten, und schließlich das
Pferd.

Der Weg führt die erste halbe Stunde auf einem schattigen Pfade durch eine
sanft ansteigende Ebene, dann nähern wir uns den schroffer aufsteigenden
Bergwänden, und nach einer weitern Viertelstunde treten wir in eine
großartige Felsenschlucht, welche das Bett für den reißenden Bergfluß
bildet. Zu beiden Seiten haben wir Felswände von über 100 m, wenn nicht
gar 200 m Höhe, welche uns in der schmalen nur 15-20 m breiten Schlucht
senkrecht aufsteigend erscheinen. Das Gestein ist aber trotzdem nicht
kahl, sondern aus allen großen und kleinen Felsspalten und Ritzen wachsen
Gräser, Sträucher und Bäume von oft beträchtlicher Größe, sodaß das
Laub stellenweise die Steinschlucht für das Auge in ein liebliches Thal
verwandelt. Der Fluß nimmt die ganze Thalsohle ein und es finden sich
immer nur auf einer Seite, je nach den Krümmungen des Thales und des
Wasserlaufes auf dem rechten oder linken Ufer, etwas erhöhte, schmale und
dicht mit wilden Bananen- und Bambussträuchern bestandene Böschungen,
auf welchen man gehen kann, wenn vorher ein schmaler Pfad durch das
wie Unkraut wuchernde Pflanzengewirre durchgeschlagen ist, was stets
vor dem Begehen geschehen muß, weil der See nur selten besucht wird und
sonst keine Veranlassung zum Beschreiten dieses Weges vorliegt, denn die
Eingeborenen benutzen, wenn sie einmal zum Fischen oder Einsammeln von
Früchten hierher wollen, das Flußbett als solchen. Im übrigen schäumt das
wilde, schön klare Wasser über Steinblöcke hinweg an den steil abfallenden
Felsen vorbei, wo jede Möglichkeit eines Weges ausgeschlossen ist. Und
kommt man an die ziemlich häufigen Stellen, wo die Felswände an beiden
Seiten den Fluß eindämmen, dann bleibt kein anderer Weg als das Flußbett
selbst.

Gleich beim Betreten der Schlucht schon bekommen wir einen Vorgeschmack,
was unserer wartet. Der in den letzten zwei Tagen nur für uns ausgehauene
Pfad ist so schmal, daß wir, einer hinter dem andern gehend, stets an
beiden Seiten das von dem Nachtthau triefende Laub, welches über unsern
Köpfen in der Regel auch noch zusammenschlägt, streifen und so nach
wenigen Minuten schon unsere nur aus dünner Leinwand bestehende Kleidung
von dem abtropfenden Wasser durchnäßt ist. Glücklicherweise habe ich
einen wasserdichten Panamahut auf, sodaß ich unter diesem wenigstens mein
Taschentuch und meine Cigarrentasche trocken erhalten kann. Der Boden ist
auch nicht besser und besteht aus ganz durchweichtem schweren gelben Lehm,
weshalb ich mich glücklich schätzen darf, Segeltuchschuhe an den Füßen zu
haben, welche ja in der Nässe nur wenig einlaufen und daher nicht drücken
können. Außer mir hat nur noch der Consul solche Schuhe, unsere Herren
wollen von diesem besten aller Fußbekleidungsmittel noch immer nichts
wissen, und wegen ihres Vorurtheils hatten sie auf dieser Partie wahre
Folterqualen auszustehen. Die von uns unabhängigen Eingeborenen, nämlich
die Träger unsers Frühstücks sowie das Frauenzimmer, wissen jedenfalls
auch die Beschwerlichkeit des Weges zu würdigen, denn sie machen gar nicht
erst den Versuch ihn zu benutzen, sondern gehen gleich in den Fluß, dessen
Wasser ihnen oft bis unter die Arme reicht und wo die kleine Frau sich
dann von ihrem langen Mann durchziehen lassen muß, wobei sie schwimmend
nachhilft. Trotz der stellenweise reißenden Strömung kommen sie unter
Zuhülfenahme ihrer Stöcke doch viel schneller vorwärts als wir, sodaß sie
bald unsern Augen entschwunden sind.

Wir treten in den Pfad ein und sind in dem dichten Laub von einem
Halbdunkel umgeben. Wir ziehen die Köpfe zwischen die Schultern, als uns
das kalte Wasser hinten in den Hals tröpfelt; stecken die Hände in die
Hosentaschen, um uns möglichst dünn zu machen und gleichzeitig unsere
dort untergebrachten Uhren trocken zu erhalten; die Cigarre ist schon nach
wenigen Minuten so naß, daß sie nicht mehr brennt; der Stabsarzt und ich
stöhnen darüber, daß unsere Kneifer immer blind werden, ich aber kann den
meinigen wenigstens an den lichten Stellen mit meinem aus dem Panamahut
hervorgeholten Taschentuch abtrocknen; vor uns hören wir die Messer-
und Axtschläge der Eingeborenen, welche den Weg noch freier zu machen
suchen, und unter uns geht es quatsch-quatsch, wenn wir mit unsern Füßen
in den nassen Lehm hineinstampfen, denn wir haben sehr bald erkannt, daß
es hier „Durch“ heißt und das Aussuchen trockener Stellen zwecklos ist.
Ein solches Bananenblatt macht sich sehr hübsch, wenn Paul seine Virginie
damit gegen die Sonne schützt; wenn die Blätter aber in solchen Massen
auftreten, wie hier, und dabei noch naß sind, dann werden sie höchst
unangenehm.

Bald treten wir wieder ins Freie und stehen vor einer steilen nackten
Felswand, um welche das Wasser herumgurgelt und die ein weiteres
Vordringen an dieser Seite unmöglich macht. Uns gegenüber liegt eine
grünbehangene hohe Wand, an deren Fuß das graziöse Laub der Bananen mit
seinen köstlichen sammetartigen Farbentönen und die duftigen Zweige der
Bambussträucher den in ihnen verborgenen beschwerlichen Weg, welcher
einen Theil unserer Vorhut schon wieder aufgenommen hat, wie wir an den
Schlägen hören, mildherzig bedecken. Der Rest der Vorhut durchkreuzt
eben den Fluß, von denen einzelne bis zu den Hüften im Wasser sind,
während andere zeitweise auf über Wasser liegenden Steinen stehen, um
gleich darauf wieder tieferes Wasser zu durchschreiten. Rechts und links
schöne landschaftliche Bilder und über uns die Sonne, welche warm in
diesen schönen Kessel hineinscheint. Unsere Träger ducken sich, um uns
auf ihre Rücken zu nehmen, doch wir rütteln sie wieder auf, und springen
leicht auf die Leute, denn wir fühlen uns noch außerordentlich frisch und
geschmeidig. So durchschreiten wir den Fluß und gleiten auf der andern
Seite wieder zur Erde, um uns bis zum nächsten Uebergang auf unsere
eigenen Füße zu verlassen.

Während der folgenden zwei Stunden hatten wir den Fluß auf diese Weise
sechsundachtzig mal zu durchschreiten, beziehungsweise so oft auf den
Eingeborenen reitend in den Fluß zu gehen, denn an den Stellen, wo der
Weg an beiden Ufern fehlt, mußten wir ja ein längeres oder kürzeres
Stück in dem Flußbett selbst zurücklegen, um dann vielleicht an derselben
Seite wieder zu landen. Auf dem Hinweg haben wir die einzelnen Uebergänge
allerdings nicht gezählt, aber auf dem Rückweg, nachdem wir die Strapazen
dieser eigenartigen Wanderung vorher gekostet hatten.

Zunächst war noch alles herrlich und die ganze Gesellschaft in der
ausgelassensten Stimmung, fehlte es uns doch an nichts, selbst nicht an
komischen kleinen Zwischenfällen.

Umgeben von der wundervollen Natur, welche sich uns bei jedem neuen
Flußübergang in stets wechselnden, immer schöneren Bildern zeigt, und
beschienen von der heißen Sonne, welche uns hier nicht lästig wird,
sondern durch unsere nassen Kleider hindurch höchst wohlthuend unsere
Körper wieder aufwärmt, werden wir durch das schöne Bergwasser getragen.
Die am Oberkörper nackten, braunen Eingeborenen gehen vorsichtig durch
das Wasser und wenden kein Auge von dem Flußbett, um die besten Steine
zum Auftreten zu benutzen, finden dabei aber doch Zeit miteinander zu
sprechen und zu lachen. Auf den braunen Gestalten hängen und hocken
die weiß gekleideten Europäer, welche theilweise die schöne Umgebung
betrachten, theilweise mit Vergnügen das unter ihnen eilig laufende
Wasser beobachten, das sich bald zwischen großen Steinen durchzwängt,
bald über andere hinwegschießt oder aber ruhig über ebeneres Steingeröll
fließt. Alle erfreuen sich daran, wie sicher unsere Träger mit ihrer
schweren Last in dem nur aus ganz unregelmäßig geschichteten, großen,
platten Steinen bestehenden Flußbett von Stein zu Stein vorschreiten.
Einzelne allerdings sehen zeitweise auch ängstlich in das Wasser, weil
sie an den schwierigeren Passagen erwarten, mitsammt ihrem Träger ein
unfreiwilliges Bad zu nehmen, und lassen geduldig die Neckereien ihrer
Kameraden über sich ergehen. Wol ist gelegentlich der eine oder andere
mit seinem Träger nahe am Fallen, aber nur dann, wenn er unbedacht seine
Arme um dessen Hals geschlungen hat und ihn dann halb erwürgt, anstatt
sich mit den Händen an den Schultern oder an der Stirn des Mannes zu
halten, doch wird das Unglück jedesmal noch rechtzeitig verhütet. Die
Träger benutzen ihren Stock nur an den Stromschnellen; wird das Wasser zu
tief, dann werfen sie uns wie einen Federball höher auf ihre Schultern
hinauf, um uns trocken zu erhalten. Selten setzen sie uns, obgleich
einige ganz gewichtige Herren unter uns sind, gleich am jenseitigen Ufer
ab, sondern bringen uns im Trabe die gewöhnlich steile Böschung hinauf,
allerdings nur ein kurzes Stück Weg, aber ein solches, welches wir auf
dem schlüpfrigen Boden in unsern Schuhen nur mit Hülfe eines Stockes
zurücklegen könnten. Ist der nächste Uebergang nur 10-20 Schritte von
unserm letzten Landeplatz entfernt, dann behalten sie uns gleich auf ihren
Rücken und nun entwickelt sich unter lautem Hallo ein Wettlaufen. Nicht
lange dauert es, so kommt allerdings die Nachricht, daß der Stabsarzt, ein
besonders großer und schwerer Herr, mit seinem Träger zusammengebrochen
sei, und er erhält nun das vorsorglicherweise mitgenommene Pferd. Er will
aber auch durchaus nichts vor uns voraus haben und benutzt das Thier nur
an den Flußübergängen, wodurch er schließlich durch das häufige Auf- und
Absteigen noch lahmer wurde als wir andern.

An einer geeigneten Stelle machen sich einige Eingeborene die Gelegenheit
zu Nutze und fangen mit kleinen Handnetzen in kurzer Zeit zwei große Körbe
voll der früher genannten vortrefflichen Süßwasser-Schrimse, wasserhelle,
fast durchsichtige Thiere, welche später gekocht uns noch gute Dienste
thaten.

Wir wurden immer steifer und stiller, sprangen bald schon nicht
mehr auf die Rücken unserer Träger, sondern krochen langsam auf die
niedergeduckten, gutmüthigen Leute hinauf, welche immer eifriger und
lustiger wurden. Als wir nach zwei Stunden Flußweg, im ganzen also nach
drei Stunden, endlich an einer steilen Wand ankamen, welche wir mit
eigenen Kräften zu erklettern hatten, waren wir ganz still, unsere Träger
dagegen außerordentlich laut und befriedigt.

Hier ist auf einer kleinen Anhöhe der Platz, wo diejenigen Besucher des
Sees in der Regel übernachten, welche die Partie zu Pferde machen und in
solchem Fall erst nachmittags von der Küste aufbrechen. Sie gehen dann am
nächsten Morgen mit dem ersten Tagesgrauen unter Zurücklassung der Pferde
zum See und reiten nachmittags wieder zurück.

Wir machen zunächst eine kurze Rast, um die etwas auseinander gekommene
Gesellschaft sich wieder sammeln zu lassen, betrachten noch einmal
die vor uns liegende etwa 200 m hohe Wand, welche in einem Winkel von
60-70° zur Ebene steht, mithin uns ziemlich senkrecht erscheint, reiben
mit den Händen unsere zerschlagenen steifen Beine und dann geht es
weiter, hinauf auf die Wand, nachdem ein Eingeborener angewiesen war,
mit dem Pferd hier unsere Rückkunft zu erwarten. Unser Weg ist in der
untern Hälfte das trockene Felsenbett eines Gebirgsbaches und in der
obern das eines Wasserfalles, welcher bei lang anhaltendem Regen hier
herniederstürzt. Diesem Umstand ist es wol auch zuzuschreiben, daß wir
überall ausgewaschene Stellen finden, wo wir festen Fuß fassen können,
und daß hier kein Steingeröll vorhanden ist, sondern die vorspringenden
Steine alle mit dem Felsenkern verwachsen sind und somit zuverlässige
Stütz- und Haltepunkte bieten. Die untere Hälfte können wir noch mit Hülfe
eines Stockes langsam ersteigen, stillen an den reifen Früchten eines auf
halber Höhe in einer seitlichen Einbuchtung stehenden großen Orangenbaumes
unsern Durst und dann müssen wir mit Händen und Füßen mühsam von Stein zu
Stein klettern.

Endlich nach dreiviertel Stunde sind die ersten von uns oben, wir
erblicken aber noch nicht den See, sondern finden zu unserer Enttäuschung
vor uns einen mit wilden Bananen dicht bestandenen kleinen Bergrücken.
Auch dieser wird erstiegen und wir finden einen ebensolchen zweiten,
auf dessen Höhe wir, als ob die Bananen gar kein Ende nehmen wollten,
noch einen dritten vor uns sehen. Doch hören wir hier wenigstens schon
die Antwort der bereits am See befindlichen Gepäckträger auf die Zurufe
unserer Führer. Endlich auf der Höhe des dritten Rückens treten wir aus
den nassen Bananen heraus und unter uns liegt der schöne, von hohen
stolzen Berggipfeln umgebene Alpensee. Noch hundert Schritte und wir
können uns in einer von den Gepäckträgern bereits errichteten Hütte auf
dem trockenen Grase ausstrecken, nachdem ich mir vorher aus meinem mit
heraufgenommenen kleinen Koffer trockene Wäsche und Kleider angezogen
hatte. Hier im Schatten ruht es sich gut nach einem mehr als vierstündigen
anstrengenden Wege, dessen größte Strapaze das Getragenwerden war, weil
man, ganz abgesehen von dem Auf- und Absteigen auch noch, um den Trägern
die Arme frei zu lassen, sich stets mit Schenkeldruck an ihre Rücken hatte
anklammern müssen. Die 10 m lange und 3 m tiefe Hütte ist aus Bambusstäben
aufgebaut und oben, zu beiden Seiten, sowie an der Rückwand gegen Regen
und Sonne mit Bananenblättern sicher eingedeckt, die ganze Langseite nach
dem See zu ist offen.

Wir befinden uns an der einen Schmalseite des 1000 m langen und 600 m
breiten Sees. Das klare hellgrüne Wasser ist spiegelglatt und wirft aus
seiner Tiefe das Spiegelbild der den See umgebenden Berge zurück. Diese
sind hoch und niedrig, die hohen kahl, die niedrigen grün bewachsen;
einer tritt als steiles Cap in den See vor, die andern liegen mehr oder
weniger weit zurück und die Ufer sind hier mit hohem Gras und dichtem Laub
bestanden. Ein Ausfluß des in der Mitte 30 m tiefen Sees, in welchen sich
viele Gebirgsbäche ergießen, ist nirgends zu sehen, doch soll ein solcher
und zwar ein unterirdischer nicht weit von unserm Lagerplatz vorhanden
sein, weil die in den See geworfenen Schwimmkörper dort sich alle sammeln
und in die Tiefe gezogen werden sollen, um von einem kräftigen Quell,
welcher an der Küste in der Nähe unsers Gasthauses aus einer Felswand
hervorsprudelt, wieder ausgestoßen zu werden, wie man an gezeichneten
Gegenständen sicher wahrgenommen hat. Es ist mir auch gesagt worden, wie
lange die Reise eines solchen Gegenstandes dauern soll, doch habe ich dies
leider wieder vergessen.

Als ich die Absicht aussprach, in einer Stunde den Rückweg antreten zu
wollen, um einer Einladung des Consuls und seiner Gattin zum nächsten
Abend in Papeete sicher entsprechen zu können, stieß ich auf entschiedenen
Widerspruch. Die anwesenden Herren, mit Ausnahme des Consuls und eines
jungen Offiziers, erklärten dies für ein Ding der Unmöglichkeit, weil
sie nicht im Stande seien, heute auch nur einen Schritt noch zu gehen.
Der eine Stunde später eintreffende Rest unserer Gesellschaft behauptete
natürlich erst recht, vollständig fertig und unfähig zu weiterm Marschiren
zu sein. Als der Consul dann auch noch zugab, daß wir wol rechtzeitig in
Papeete würden eintreffen können, wenn wir am nächsten Tage mit dem ersten
Morgengrauen aufbrächen, er auch versprach, für alle Fälle einen Boten mit
der Nachricht zur Stadt schicken zu wollen, daß wir uns vielleicht etwas
verspäten würden, fügte ich mich, um kein Spielverderber zu sein.

Nun blieb aber noch die große Frage, wie Proviant heraufbekommen? Nach
dem ursprünglichen Programm sollten wir um 5 Uhr abends wieder in dem
Gasthaus sein, um dort das für uns arrangirte tahitische Nationalmahl, auf
welches wir nunmehr verzichten mußten, einzunehmen; unsere mitgebrachten
Provisionen waren daher nur für ein zweites Frühstück berechnet,
welches nach den hinter uns liegenden Anstrengungen vielleicht nicht
einmal für diesen Zweck ganz genügte. Während der Verhandlungen war es
inzwischen auch schon 1 Uhr geworden und dunkel wurde es schon um 5½
Uhr; bei Dunkelheit war aber der Weg schlechterdings nicht zu machen.
Die abzusendenden Leute hätten daher in 4½ Stunden denjenigen Weg hin
und zurück machen müssen, zu welchem die schnellsten von uns auf dem
Hinweg allein 4 Stunden gebraucht hatten, und dies schien auch unter
Berücksichtigung des Umstandes, daß die Eingeborenen den directen
Weg im Flußbett wählen würden, unmöglich. Trotzdem wurde der Versuch
gemacht, nachdem die Tahitier es als wahrscheinlich erklärt hatten,
rechtzeitig wieder oben sein zu können. Es hatten sich schnell zehn
Leute zusammengefunden, welche frischen Muthes in fröhlicher Stimmung den
beschwerlichen Weg antraten, nachdem einem von ihnen die erforderlichen
Instructionen für den Gastwirth mitgetheilt worden waren, denn zum
Schreiben hatten wir nichts.

Unser Lagerplatz hatte inzwischen ein etwas buntes Ansehen erhalten.
Unsere Herren hatten bei ihrer Ankunft natürlich nichts Eiligeres zu thun,
als sich ihrer zusammengeschrumpften Stiefel und nassen Oberkleider zu
entledigen, und saßen nun, da sie keine Wäsche zum Wechseln mitgebracht
hatten, trübselig in der Sonne, um sich selbst und ihre um sie herum
liegenden Sachen trocknen zu lassen. Doch bald brachten die bei uns
zurückgebliebenen Eingeborenen wieder Leben in die Gesellschaft, indem
sie das ausgepackte Frühstück herantrugen, welches durch geröstete
Yam, Brotfrucht und die am Morgen im Fluß gefangenen Krebse, welche die
kleine Frau vortrefflich gekocht hatte, noch vervollständigt worden war.
Inzwischen waren die Nachzügler von uns auch aufgetrocknet, wir gruppirten
uns in der leichtesten Kleidung und barfüßig in der kühlen Hütte, Essen
und Getränke schmeckten vorzüglich, und so war es natürlich, daß die ganze
Gesellschaft sich sehr schnell wieder in der allerbesten Laune befand,
zumal sich bei dem Gepäck auch trockene Cigarren vorgefunden hatten.
Nach dem Essen wurde geruht, d. h. geschlafen, denn erst um 3 Uhr wurde
es in der Hütte wieder munter. Das erste allgemeine Bedürfniß war nun,
ein Bad in dem schönen See zu nehmen, der Consul dachte aber vorher noch
an das Praktische und veranlaßte einige Eingeborene auf den Fischfang zu
gehen, damit wir doch für den wahrscheinlichern Fall, daß die abgesandten
Leute nicht mehr denselben Abend zu uns zurückkehren würden, wenigstens
etwas zu essen hätten. Vier Eingeborene kamen mit den Angelhaken, um
sich ein Stück Fleisch als Köder zu holen, und ich war überrascht Haken
zu sehen, welche eine Eisenstärke von etwa 8 mm und eine Spannweite
von 5-6 cm hatten und von welchen die Eingeborenen behaupteten, daß sie
eigentlich noch zu schwach seien. Dann band jeder sich ein kleines Floß
aus Bambusstäben zusammen und kurze Zeit darauf sahen wir die Männer mit
diesen unter gegenseitigem jauchzenden Zuruf über den See schwimmen. Sie
mußten nach einer etwa 500 m von uns entfernt liegenden Stelle, wo ein
größerer Gebirgsbach in den See mündet, hin und nahmen trotz ihrer großen
Leistungsfähigkeit im Schwimmen die Flöße mit, weil das Wasser für die
Eingeborenen etwas zu kalt ist und dies zuweilen die Ursache sein soll,
daß ihnen während des Schwimmens die Glieder erstarren und dann das Floß
sie tragen muß. Es ist daher Regel, daß kein Eingeborener in diesem See
größere Strecken ohne Floß durchschwimmt.

Unser Bad war nicht so schön, wie wir es uns gedacht hatten, denn da das
Wasser am Ufer ziemlich seicht ist, so mußten wir in demselben erst eine
Strecke gehen, ehe wir genügende Tiefe zum Schwimmen fanden, und das
war kein Vergnügen. Sobald wir das feste Ufer verlassen hatten, sanken
wir bis zu den halben Knien in den weichen Schlamm ein und machten uns
dadurch auch noch das Wasser trübe. Hinein ging es wol noch, aber beim
Herauskommen sahen wir aus, als ob wir ein Schlammbad genommen hätten, und
es kostete uns viel Mühe, mit Gläsern und Flaschen so viel reines Wasser
herbeizuschaffen, um uns wieder rein waschen zu können. So kamen wir
nicht zu dem Genuß, welchen uns das Bad in dem frischkühlen Wasser sonst
bereitet hätte. Bei dieser Gelegenheit machten wir auch die Entdeckung,
daß die Innenseiten unserer Beine von dem scharfen Anklammern an die
Rücken unserer Träger braun und blau geworden waren, und hatten damit die
Erklärung gefunden für die Schmerzen, welche wir empfanden.

Um 5 Uhr kamen unsere Fischer zurück und brachten einen mächtigen Aal
mit. Zwei Angelhaken waren, wie die Leute es vorher befürchtet hatten,
von den Thieren abgebrochen worden. Das mitgebrachte Exemplar, von
schwärzlicher Farbe auf dem Rücken und weißlich-grüner auf dem Bauch,
mit zwei großen Ohren am Kopfe, war 1½ m lang und etwa 15 cm dick, hatte
mithin einen Umfang von über 40 cm. Da dieser Fang voraussichtlich das
Einzige blieb, aus welchem unsere Hauptmahlzeit hergestellt werden sollte,
so interessirten wir uns auch für dessen Zubereitung. Wenige Schritte
von unserer Hütte, auf dem Lagerplatz der Eingeborenen, brannte bereits
seit einiger Zeit ein großes Feuer, und beim Herantreten sahen wir in der
Glut einen kleinen Haufen größerer Steine, welche auf diese Weise erhitzt
wurden. Dann wurden die brennenden Holzscheite zur Seite geworfen, die
heißen Steine mit nassem frischen Laub vorsichtig gereinigt und hierauf
wieder so zusammengeschichtet, daß in der Mitte ein Loch blieb. In dieses
wurde der in Stücke geschnittene Aal, nachdem jedes Stück von vielleicht
½ kg Gewicht in den Theil eines Bananenblattes eingewickelt worden war,
hineingelegt und dann das Loch oben mit dem Rest der Steine zugedeckt.
Dies ist übrigens die Art, wie die Eingeborenen alles kochen. Für das
Garwerden beanspruchte die kleine Frau eine Stunde, und so zogen wir uns
mit knurrendem Magen wieder in unsere Hütte zurück, wenig erbaut von der
Aussicht, wegen Mangel an Licht schon um 6 Uhr ziemlich hungerig schlafen
gehen zu müssen, denn ein ausgeschickter Kundschafter war um 5½ Uhr mit
der Nachricht zurückgekommen, daß von den abgesandten Leuten noch nichts
zu sehen sei.

Die Sonne ging unter, der Mond stand weder am Himmel, noch war er zu
erwarten, die Schatten der Nacht legten sich über die Berge und auf
den See, dunkle Wolken umsponnen die Berggipfel und senkten sich, immer
dichter werdend, fast bis auf den See hinab. Kein Laut rings um uns herum
und kein anderes für das Auge wahrnehmbare Leben, als ein großes Feuer,
welches seine schwarzen Rauchwolken nach oben sandte und die in seiner
Nähe gelagerten Eingeborenen, wie einen kleinen Theil des Sees und unsere
nächste Umgebung geisterhaft beleuchtete. Es war 6 Uhr geworden, keine
Aussicht auf eine ausreichende Mahlzeit und auf die nothwendigen Decken,
deren wir dringend bedurften, um unsere nur sehr leicht bekleideten Körper
gegen die rauhe Nachtluft zu schützen. Die Eingeborenen machten sich
schon daran, unser frugales Mahl aus dem Ofen hervorzuholen, da klingt
ein heller Ruf an unser Ohr, welchen jene aus voller Kehle erwidern und
der von uns mit einem kräftigen Hurrah -- es mögen auch mehrere gewesen
sein -- beantwortet wird. Wie lebendig war auf einmal die versteinerte
Gesellschaft geworden und welcher Jubel brach erst aus, als eine
Viertelstunde später die braven Tahitier mit schweren Proviantkörben und
Weinkisten, mit Bettzeug und Windlichtern wohlbehalten bei uns anlangten.
Nicht einmal mein kleines Kopfkissen hatten sie vergessen, ohne welches
ich mit meinen verschiedenen Schädelbruchnarben wahrscheinlich eine
schlaflose Nacht verbracht hätte.

Es war dies eine erstaunliche Leistung von den Leuten, wenn man bedenkt,
daß sie denselben Weg, zu welchem wir 4-5 Stunden gebraucht hatten, in
ebenfalls 5 Stunden, und zwar schwer beladen hin und her zurückgelegt
hatten, und das, nachdem sie vorher schon den Weg, welcher uns vollständig
niederwarf, als Gepäck- oder unsere Träger mit uns gemacht und dazwischen
wol kaum eine Ruhepause gefunden hatten. Ich würde es für unmöglich
gehalten haben, wenn die zurückgekehrten Leute nicht sämmtlich als zu
unserer Partie gehörig recognoscirt worden wären.

Was nun folgte, war wahrhaft herzerquickend für uns. Erst wurden die
Windlichter in Ordnung gebracht und angesteckt und dann ging es ans
Auspacken: Schüsseln, Teller, Gläser, Messer und Gabeln, Servietten; ein
feister Hammelrücken, ein Roastbeef, gebratene Tauben und Hühner, Hummer,
gekochte Eier, Brot, gemahlener Kaffee, condensirte Milch und Früchte;
Sherry, Portwein, leichter Roth- und Moselwein, sowie einige Flaschen
Champagner, welche in dem auch mitgekommenen Eis gleich kalt gestellt
wurden.

Trotz unserer steifen Glieder halfen wir alle an der Herrichtung unserer
Tafel und begannen das Mahl mit dem Aal, dessen Stücke uns auf frischen
Bananenblättern gebracht wurden. Das Fleisch war außerordentlich
wohlschmeckend und zart, nur für unsere Gaumen etwas zu fett, sodaß wir in
Ansehung der Genüsse, welche uns noch bevorstanden, gern auf den größern
Theil zu Gunsten der Eingeborenen verzichteten.

Wie schon den ganzen Tag über unsere Stimmung auf- und abwogte zwischen
himmelhoch jauchzend und zum Tode betrübt, so waren wir jetzt wieder auf
dem Gipfelpunkt froher Stimmung angelangt. Gesättigt läßt es sich schon
des Nachts am See Waihiria aushalten, namentlich wenn die Reste unsers
Mahles ausreichen, auch noch den ganzen Troß zu sättigen und in frohe
Stimmung zu versetzen.

Wir liegen in und vor der Hütte behaglich ausgestreckt mit einer guten
Cigarre und einem Glas kalten Champagner, all die Fährlichkeiten des
verflossenen Tages erörternd und belachend. Die Eingeborenen sitzen um
ein großes Feuer und sind ebenfalls in bester Stimmung. Vor uns und um
uns ist alles in Nacht gehüllt und zwischen den auf den Bergen lagernden
Wolken steht ein Stück des wolkenlosen dunkeln Himmelsdomes mit seinen
flimmernden Sternen, deren Spiegelbilder aus dem vor uns liegenden
schwarzen See herausstrahlen und woran wir dessen Wasserfläche zu erkennen
vermögen. Der Consul verlangt von den Eingeborenen ein Lied, welches sie
anfänglich verweigern wollen, weil ihnen die nothwendigen Frauenstimmen
fehlten, doch lassen sie sich unter dem Hinweis, daß doch wenigstens eine
Frau unter ihnen sei, schließlich erweichen und in die Nacht erschallt ein
gewaltiger Gesang, ein geistliches Lied so weihe- und stimmungsvoll, ein
Gesang von so packender Wirkung in der eigenartigen Umgebung, wie ich noch
keinen gehört hatte. Es war ein wunderbares Orchester aus menschlichen
Stimmen, jede Stimme sang ihre eigenen Töne und alle vermischten sich zu
einem vollendeten Ganzen, welches ich nur mit dem Klang einer mächtigen
Orgel, deren sämmtliche Register geöffnet sind, vergleichen kann. Der
Gesang verhallt, und erst nach einer Weile finden wir uns zu rauschendem
Beifall zusammen. Ein zweites Lied wird verlangt und gewährt. Schon die
ersten Töne kommen uns so bekannt vor, und bald hat einer von uns die
richtigen Worte für den Refrain gefunden, in welchen wir alle jubelnd
einstimmen: „Vive la, vive la, vive la va! vive la, vive la, hopsasa!
vive la Compagneia!“ Die gehobene Stimmung war dahin, die Eingeborenen
stutzten einen Augenblick und unter allgemeinem Lachen wurde dann das Lied
in dem von uns angegebenen schnellern Tempo beendet. Der Consul fragte
danach ganz erstaunt, woher wir die tahitische Nationalhymne kennten.
Nun kam es heraus! Ein hoher Herr, welcher vor einigen Jahren hier war,
soll den Tahitiern dieses alte deutsche Studentenlied als Nationalhymne
geschenkt haben und die Eingeborenen haben sich dann einen passenden Text
zu der Composition gemacht. Wahr ist jedenfalls, daß dieses Lied auch
von den Franzosen als tahitische Nationalhymne anerkannt wird, denn wir
hörten es nachher allabendlich sowol in Papeete wie in Raiatea von einem
französischen Kriegsschiff als Zapfenstreich blasen und hatten unsere
Freude daran, daß die Franzosen ein so prächtiges deutsches Lied in so
hohen Ehren halten.

Doch die Woge unserer Stimmung senkte sich auch wieder. Gegessen hatten
wir, getrunken auch, auch geraucht und manches Lied gesungen, auch waren
wir müde, und da es 10 Uhr geworden war, so durften wir wol an unsere
Nachtruhe denken. Dieselbe zu finden war aber nicht so leicht. Zunächst
mußten unsere Kleidungsstücke in die Hütte geschafft werden, um sie gegen
den starken Nachtthau zu schützen; die Hütte war aber eben nur so groß,
daß wir dicht nebeneinander liegend, die Füße gegen die offene Seite
gekehrt, gerade Platz fanden. Außerdem war sie aber auch nur so hoch,
daß die oben aufgehängten längern Kleidungsstücke beinahe bis auf unsere
Gesichter herunterreichten. Nun ging es ans Aufhängen. Die Röcke wurden
als Kopfkissen zusammengerollt, die harten Stiefel, die Uhren, Strümpfe
und sonstigen Kleidungsstücke an- und aufgehängt. Ich zog mir vorsorglich
als Schutz gegen Mosquitostiche meine Segeltuchschuhe wieder an, und als
alles fertig war, krochen wir vorsichtig auf unser hartes Lager unter die
ausgebreiteten Decken und unter die hängende Garderobe, von welcher im
Laufe der Nacht noch manches Stück herunterfiel, das dann von einem zum
andern geworfen wurde, bis es in irgendeinem Winkel Ruhe fand. Zu beiden
Seiten unserer Hütte am Seeufer loderte je ein großes Feuer, um welche
die Eingeborenen sich gelagert hatten und die sie während der ganzen Nacht
unterhielten, um sich daran zu wärmen.

Flußübergänge und braune Eingeborene mit müden Europäern auf ihren Rücken;
lodernde Feuer und zerschlagene Glieder; von den Feuern beschienen
kriechen ungeheuerliche Aale aus dem schwarzen See und verschlingen
das für uns bereitete Mahl, während ihnen nachfolgende rothe Hummer und
Krebse sich am Strande ordnen und einen Reigen tanzen, vive la, vive la,
hopsasa; einer aus unserer Reihe dreht sich im Schlafe um und bringt alle
in Bewegung, sodaß mancher wähnt, den steilen Wasserfall hinuntergestoßen
zu werden; Mosquitostiche und herunterfallende Stiefel; festgehalten im
tiefen Schlamm; wunderbar großartige Nachtscenerie vor unsern Augen!

Was ist Wahrheit, was ist Traum? Alles vermischt sich, bis auch diese
Bilder schwinden und ein fester Schlaf uns bis zum ersten Tagesgrauen
umfangen hält.

Fröstelnd suchen wir unsere steifen Glieder zusammen und greifen nach
unserm Eigenthum. Doch das ist leichter gesagt wie gethan. Schon am Abend
wurden die Sachen wol größtentheils vertauscht und alles, was während
der Nacht heruntergefallen ist, muß aus den verschiedenen Winkeln oder
außerhalb zusammengesucht werden. Die Stiefel sind in einem Zustande,
daß sie kaum über gesunde Füße zu ziehen sind, sie aber über die von
Mosquitostichen verschwollenen Füße zu ziehen, muß nach den Gesichtern
der Aermsten fürchterlich sein. Unsere weißen Kleidungsstücke sind braun
vom Lehm, braun und grün vom Pflanzensaft, hier und da auch zerrissen.
Alle Sachen natürlich ohne Stärke und zerknittert. Wir sehen geradezu
fürchterlich aus, doch es hilft uns nichts, zurück müssen wir doch.

Nach einem kurzen, die Lebensgeister auffrischenden Frühstück nahmen
wir Abschied von dem von den ersten Sonnenstrahlen beschienenen, ernst
dreinschauenden See Waihiria und seiner großartigen Umgebung und machten
uns gegen 7 Uhr auf den Rückweg, von dem ich nicht viel erzählen will. Die
ganze Gesellschaft hielt jetzt zusammen, auch die Gepäckträger blieben bei
uns. Der Stabsarzt stieg nicht mehr nach jedem Flußübergang von seinem
Pferde ab, sondern blieb bis zum Gasthaus gemächlich im Sattel sitzen.
Der Consul und ich zogen es vor, da unser Schuhzeug dies erlaubte, auf
unsern eigenen Füßen durch den Fluß zu gehen und bedienten uns nur an den
gefährlichern Stellen der Hand unserer Führer. Die kleine Frau, welche
wieder die Führung übernommen hatte, schien sich für verpflichtet zu
halten, die müden Europäer an den lichteren Stellen etwas aufzumuntern,
wenigstens sah sie sich dann immer nach uns um und nickte uns freundlich
zu. In verhältnißmäßig schnellem Schritt wurde der Weg zurückgelegt,
sodaß wir schon gegen 9½ Uhr in dem Gasthaus anlangten. Dort wuschen
wir uns, zogen frische Kleider an, frühstückten, nahmen Abschied von
den reichbeschenkten braven Tahitiern und fanden in den bequemen Wagen
unsere gute Laune wieder, welche an diesem Tage noch nicht zum Durchbruch
gekommen war. Der Rückweg wurde ebenso wie der Hinweg gemacht, und um 5
Uhr abends waren wir wieder auf unserm Schiff.

Um 7 Uhr fand ich mich im Hause unsers Consuls ein, wo bereits die junge
Königin von Tahiti, deren Bekanntschaft ich hier machen sollte, anwesend
war. Sonst war niemand geladen.

Die Königin, welcher nach Bestimmung der französischen Regierung das
Prädicat „Majestät“ zusteht, ist eine stattliche, imponirende Gestalt,
über 1,80 m groß und zählt zur Zeit 18 Lebensjahre. Sie wurde, noch nicht
15 Jahre alt, im Januar 1875 mit dem damaligen Erbprinzen, jetzigen König
von Tahiti, vermählt; doch dürfte diese Verbindung nur eine leere Form
geblieben sein, da der Gemahl, welcher ein wunderlicher Herr zu sein
scheint, sich gleich nach der Trauung auf eine seiner Besitzungen auf das
Land zurückgezogen haben soll, um dort in sehr zweifelhafter Gesellschaft
sein bisheriges Leben fortzusetzen. Er kommt nur zur Stadt, wenn er sich
aus Repräsentationsrücksichten mit der Königin zusammen zeigen muß. Die
letztere bewohnt daher, nur von ihrem weiblichen Hofstaat umgeben, das
Stadtpalais allein. Die Königin hat ihre Erziehung in Sydney genossen,
spricht englisch und französisch, ist ziemlich belesen, gewandt in der
Unterhaltung und scheint eine liebenswürdige Dame von heiterm Gemüth zu
sein.

Der Abend verlief sehr angenehm und fand uns alle in so behaglicher
Stimmung, daß ich auch einigen Stadtklatsch zu hören bekam und dabei
gleichzeitig erfuhr, wie die hiesigen Damen sich für die fehlende Zeitung
Ersatz zu schaffen wissen. Für diese tritt der mündliche Bericht ein,
und die Börse hierfür ist der allmorgendlich stattfindende Markt. Die
Damen schicken ihre eingeborenen Verwandtinnen oder Vertraute dorthin,
alle Begebenheiten von Bedeutung werden ausgetauscht und jede Familie
erfährt beim ersten Frühstück schon, was sich in der Stadt und auf dem
Lande in den letzten 24 Stunden zugetragen hat. Dies geht so weit, daß
mir aus dieser Quelle auch für mich wichtige politische Nachrichten
aus dem Hause des Gouverneurs zuflossen, welche von Einfluß auf meinen
Besuch der Gesellschafts-Inseln wurden. Der Markt soll aus diesem Grunde
das bewegteste Bild in Papeete bieten, und ich bedauerte es sehr, dies
nicht früher gewußt zu haben, weil ich zu einem derartigen Besuch keine
Gelegenheit mehr fand. Ich hatte es mir bei meinen frühern Reisen stets
zum Grundsatz gemacht, den Markt nie zu versäumen, weil man hier immer
Interessantes sieht, hier in Papeete hatte ich aber nichts erwartet.

Ehe wir uns trennten, sprach die Königin noch den Wunsch aus, unser
Schiff zu sehen, machte aber zur Bedingung, daß sie nur als Tante unserer
liebenswürdigen Wirthin empfangen würde, daß ferner der Besuch in die
Abendzeit fallen müsse und über denselben vorher nicht gesprochen werden
dürfe, weil der französische Gouverneur ihr sonst auf irgendeine Weise
die Ausführung dieses Wunsches unmöglich machen würde. Was der Gouverneur
nachher etwa zu sagen beliebte, sei ihr gleichgültig. Da unsere Abreise
für den 1. Juni morgens festgesetzt war, so blieb nur der nächste Abend
zur Verfügung, und ich versprach der Dame, sie 7 Uhr abends mit ihren
Verwandten vom Lande abzuholen.

Der heutige Tag, 31. Mai, gehört den Geschäften.

Wie ich schon angedeutet habe, beabsichtigt die 'Société commerciale de
l’Océanie' ihren Wohnsitz nach der unabhängigen Insel Raiatea zu verlegen,
sowol um den übermäßigen Steuern, Zöllen und Hafenabgaben in Papeete, wie
namentlich den unwürdigen Plackereien durch die französischen Machthaber
zu entgehen. Diese Absicht ist nicht nur den Franzosen, sondern auch
weitern Kreisen bekannt, da mir schon in Panama der Commandant eines
amerikanischen Kriegsschiffs erzählt hatte, daß die bisher auf Tahiti
ansässig gewesenen Deutschen wegen der seitens der Franzosen gegen die
dort lebenden Ausländer getroffenen Maßregeln ihren Wohnsitz nach den
unabhängigen Inseln der Gesellschafts-Gruppe verlegt hätten. Im übrigen
hat das deutsche Haus seine Absicht auch schon zum Theil ausgeführt,
die Waarenlager bereits nach Raiatea verlegt und hofft innerhalb einiger
Monate seine ganze Geschäftsthätigkeit dort concentriren zu können. Die
unter deutscher Flagge zwischen den Inseln fahrenden kleinern Schiffe
löschen und laden bereits auf Raiatea, ebenso laufen die zwischen Hamburg
und hier fahrenden großen Schiffe diesen Hafen und nicht mehr Papeete an.
Erwähnt sei hier noch, daß die Gesellschafts-Inseln, von welchen Raiatea,
Huheine und Bora-Bora (auch Bola-Bola genannt) die bedeutendsten sind
und gesonderte selbständige Staatswesen bilden, in unmittelbarer Nähe
von Tahiti, d. h. nur etwas über 100 Seemeilen davon entfernt, liegen
und die Franzosen früher versucht haben, auch diese in ihre Machtsphäre
einzuschließen. Als sie indeß durch Waffengewalt von Huheine vertrieben
wurden, legte sich England ins Mittel, und es kam dann zwischen England
und Frankreich ein Vertrag zu Stande, welcher den Gesellschafts-Inseln
ihre Unabhängigkeit garantirte.

Die Franzosen brachten nun jedenfalls die Anwesenheit der zufällig
hierhergekommenen „Ariadne“ mit den Maßnahmen des deutschen Hauses in
Zusammenhang und befürchteten zweifellos, daß Deutschland sich in ihrer
unmittelbaren Nähe festsetzen wolle, daß unser Schiff den Auftrag habe,
von den Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen. In Papeete konnte
man wenigstens aus jedem Munde hören, daß das deutsche Kriegsschiff zu
diesem Zwecke hierhergekommen sei. Der Gouverneur hielt sich nun wol für
verpflichtet, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, welche mich wieder zwangen,
gerade das zu thun, was den Franzosen unbequem war und woran ich vorher
gar nicht hatte denken können, weil ich nur das Streben hatte, möglichst
schnell nach Apia zu kommen und daher auch die Forderung der deutschen
Gesellschaft, zu ihrem Schutze die Gesellschafts-Inseln anzulaufen,
anfänglich abgeschlagen hatte. Als ich aber durch die Marktzeitung
erfuhr, daß das hier stationirende französische Kriegsschiff den Auftrag
erhalten habe, zwei Tage vor meiner bereits bekannten Abreise von Papeete
nach den Gesellschafts-Inseln zu gehen, um die Eingeborenen gegen die
Deutschen aufzuwiegeln und ihnen mitzutheilen, daß in den nächsten Tagen
ein deutsches Kriegsschiff kommen würde, um ihnen ihr Land wegzunehmen,
daß die Franzosen ihnen aber beistehen und im Verein mit England und
Nordamerika die Deutschen wieder vertreiben würden, wurde ich unschlüssig.
Nachdem nun das französische Kriegsschiff gestern wirklich Papeete
verlassen hat und heute von Huheine auch bereits durch ein besonders
abgeschicktes Segelschiff an das deutsche Haus die verbürgte Nachricht
gelangt ist, daß der Franzose dort war und die ganze Insel in Aufruhr sei,
um sich mit Waffengewalt unserm Eindringen zu widersetzen, blieb mir keine
Wahl. Ich mußte nun die Inseln anlaufen, sowol um die böswilligen Gerüchte
zu zerstreuen, wie auch um durch Machtentfaltung die herrschende Aufregung
zu bändigen und die heißblütigen Eingeborenen vor Gewaltthätigkeiten gegen
Deutsche zu bewahren.

Da ferner Herr und Frau G. sich bereit erklärt hatten, die auf acht
Tage veranschlagte Reise als meine Gäste auf der „Ariadne“ mitzumachen,
so konnte ich, da die genannte Dame mit den regierenden Familien nahe
verwandt ist und als tahitische Prinzessin mit dem Titel einer „Prinzessin
der Bienen“ unter den Eingeborenen der ganzen Gruppe ein hohes Ansehen
genießt, dieselbe auch im Stande war, die etwas zweifelhaften Dolmetscher
zu controliren, darauf rechnen, die gestellte Aufgabe in glatter Weise zu
lösen. Schließlich war es mir noch gelungen, den deutschen Capitän eines
kleinen in Papeete liegenden Schiffes, welcher schon seit vielen Jahren
zwischen diesen Inseln fährt, als Lootsen zu erhalten.

Während des Nachmittags wurde auf der „Ariadne“ für den Besuch der
Königin ein Zelt aufgeschlagen und dasselbe mit Flaggen, Laub, sowie allen
verfügbaren Lampen und Laternen decorirt. Nach dem Vorschiff zu blieb es
offen, um unserer Mannschaft auch Gelegenheit zu geben, die Königin von
Tahiti zu sehen.

Abends 7 Uhr, nach Eintritt vollkommener Dunkelheit, wurden die Königin,
Herr und Frau G. nebst deren Gepäck und Diener, da diese Herrschaften
wegen unsers frühen Aufbruchs am nächsten Tage schon diese Nacht an Bord
bleiben sollten, abgeholt. Auf dem Deck waren bequeme Sitzgelegenheiten
geschaffen und die Offiziere hatten, da ich mich um das Arrangement nicht
hatte bekümmern können, für die Bewirthung gesorgt. Die Königin trug die
wenig kleidsame tahitische Nationaltracht, ein langes, faltenreiches,
gürtelloses Gewand von schwerem schwarzen Atlas und einige Blumen im
Haar. Das Kleid wurde vorn durch eine reiche Brillantbrosche, welche ein
Hochzeitsgeschenk des damaligen Präsidenten der französischen Republik
sein soll, geschlossen. Als die Dame, uns alle überragend, in der Mitte
des bunten Zelts im vollen Lichtschein stehend, wohlgefällig Umschau
hielt, um das zu ihren Ehren getroffene Arrangement zu betrachten, war
sie in ihrer einfachen schwarzen schillernden Kleidung eine entschieden
hoheitsvolle Erscheinung.

Es wurden verschiedene Erfrischungen gereicht, die Musik spielte einige
Stücke und gegen 9 Uhr geleitete ich im Verein mit Herrn und Frau G.
die Königin wieder ans Land, wo sie von einigen Dienerinnen und Dienern
erwartet wurde. Herr und Frau G. machten es sich in meiner Kajüte bequem,
während ich ein anderweites Unterkommen für die Zeit gefunden hatte.

Am 1. Juni morgens mit Tagesanbruch verließ unser Schiff Papeete wieder
und zwar hoffentlich auf Nimmerwiedersehen, da das Anlaufen französischer
Häfen für ein deutsches Kriegsschiff sogar in der Südsee eine wenig
angenehme Sache ist.



7.

Die Gesellschafts-Inseln.


Unser Weg führte uns zunächst nach der Insel Morea, auch Eimeo genannt,
wo ich einen nur kurzen Aufenthalt von wenigen Stunden nehmen wollte, um
im Anschluß daran während der Nacht nach Huheine zu laufen.

Wegen der Erregung in den Gemüthern der Eingeborenen von Huheine hielt
ich es für zweckmäßig, nicht abends, sondern erst am nächsten Vormittag
bei guter Zeit dort einzutreffen, und so konnte ich den heutigen Tag gar
nicht besser zubringen, als unter Segel nach Morea zu laufen und es der
Gunst des Windes zu überlassen, wie lange unser Aufenthalt dort währen
solle. Unser Ziel war Taloo-Hafen, von den Franzosen jetzt Papetoaï
genannt, wo bei dem Dorfe Oponu die einzige auf dieser Insel befindliche
und Herrn G. gehörige Plantage liegt. Nebenbei wünschte der Herr auch
meiner Mannschaft einige Tausend Apfelsinen, welche dort gerade geerntet
waren und nach San-Francisco verschifft werden sollten, zu schenken, ein
Geschenk, welches ich gern annahm.

Um 9½ Uhr waren wir vor der Hafeneinfahrt angelangt und hatten von hier
aus einen außerordentlich schönen Blick auf die eigenartig gestaltete
Insel. Die beiden geradlinig und annähernd parallel nach dem Innern
laufenden, mäßig hohen Ufer fallen ziemlich steil nach dem Wasser ab,
sind dicht belaubt und wirken mit ihren tiefen Farbentönen, im Gegensatz
zu dem hellen Hintergrund, wie die Seitencoulissen auf der Bühne. Den
Hintergrund bildet eine im vollen Sonnenschein liegende, sanft ansteigende
und sich weit nach rückwärts erstreckende Ebene, welche durch eine
hellgrau schimmernde und heiß flimmernde, 900 m hohe, felsige Gebirgswand
von merkwürdig zerrissenen und gekünstelten Linien begrenzt wird. Am Fuße
dieser Wand liegt links das Dorf Opuno, in der Mitte vor seinem Anker ein
großes Segelschiff mit der deutschen Flagge an der Gaffel, und zur Rechten
sieht man die Plantage mit ihren Gebäuden.

Als wir unter Dampf in dieses Bühnenbild hineinfuhren, hatte ich die
Empfindung, als ob ich mich nach den Zuschauern unserer Gastvorstellung
umsehen müsse.

Kurz nach 10 Uhr vormittags kamen wir zu Anker und setzten 5 Uhr abends
unsere Reise weiter fort.

Morea gehört zu dem tahitischen Königreich und steht somit ebenfalls
unter französischem Protectorat, obgleich seitens der Franzosen zur
Zeit keinerlei Controle über die Insel ausgeübt wird, welche wegen ihres
vorherrschend steinigen Bodens wol auch nie besondere Bedeutung erlangen
wird. Sie liefert vorläufig nur Orangen und soll reich an verwilderten
Rindern und Ziegen sein, deren Jagd aber nicht als lohnend betrachtet
wird, weil die Thiere nur auf kaum gangbaren Pfaden zu erreichen sind und
ihnen nur mit der Kugel beizukommen ist. Daneben gilt es als unmöglich,
das erlegte Wild auf den Felsenpfaden bis zu den Wohnstätten der Menschen
zu schaffen, und es muß daher da liegen bleiben, wo es gefallen ist. Da
ferner die Rinder in der Regel auch selbst zum Angriff vorgehen sollen
und namentlich die heerdenlosen Stiere sehr gefürchtet werden, so kann
diese Jagd nur als ein Sport betrachtet werden, welchem in frühern Zeiten
wol englische Marineoffiziere gehuldigt haben sollen, zu welchem sich in
neuerer Zeit aber keine Jünger mehr gefunden haben.

Unser Aufenthalt am Lande beschränkte sich darauf, die Plantage zu
begehen, die Unmassen der ein großes Schiff füllenden Orangen anzustaunen,
im Schatten der Veranda des Wohnhauses zu ruhen und dabei das schöne
Landschaftsbild zu genießen.

Am 2. Juni morgens langten wir vor Huheine an, ankerten im Laufe des
Vormittags im Owharre-Hafen und zwar so dicht unter Land, daß das Schiff
außerdem auch noch mit Tauen an Bäumen festgebunden werden konnte. Der
Hafen ist zu eng, um großen Schiffen ein freies Schwingen um ihren Anker
zu gestatten, man muß sich daher auf die angegebene Weise helfen.

Auf dem zwischen dem Ufer des Hafens und dem Königshaus liegenden
großen freien Platz lagerten so große Menschenmassen, Männer, Frauen und
Kinder, daß die gesammte Bevölkerung der Insel hier zusammengeströmt zu
sein schien, wie es auch thatsächlich der Fall war. Ein von Frau G. an
die Königin geschriebener Brief, in welchem die Dame unsern Besuch zum
nächsten Vormittag anmeldete, wurde gleich an Land geschickt; die umgebend
erfolgende Antwort lautete, daß wir zu der von mir in Vorschlag gebrachten
Stunde, 9 Uhr vormittags, erwartet werden würden.

Da ich es nicht für angezeigt hielt, vor diesem Besuch schon eine
Verbindung mit dem Lande herzustellen, benutzte ich den heutigen
Nachmittag zu einer Bootsfahrt. Wir umsegelten innerhalb des Korallenriffs
einen großen Theil der Insel und bekamen landschaftlich viel Schönes zu
sehen. Die von uns befahrene Wasserfläche wird nach der See hin begrenzt
durch das Korallenriff, nach der andern Seite durch die Insel, welche
ähnlich wie Tahiti nur an der Küste einen mehr oder minder breiten Gürtel
fruchtbaren Landes hat und deren Kern als 700 m hoher nackter Fels in
diesem grünen Rahmen steht. Die Ansiedelungen der Eingeborenen, welche in
der Regel unter schattigen Bäumen am Fuße des Berges liegen und freien
Ausblick über das vor ihnen liegende bebaute Land und über das ruhige
Wasser innerhalb des Riffs hinweg auf die offene See und die Insel Raiatea
haben, machen einen außerordentlich behaglichen, friedlichen Eindruck,
welcher durch die Abwesenheit alles menschlichen Lebens, denn alle Hütten
sind zur Zeit verlassen, allerdings etwas abgeschwächt wird.

An einer besonders einladenden Stelle, wo an einer kleinen Einbuchtung
dicht am Strande, unter hohen schattigen Bäumen, ein besseres Haus mit
gepflegtem Garten stand, legten wir an einer kleinen Brücke an, um den
dort wohnenden und meinen Gästen näher bekannten Häuptling zu besuchen.
Doch auch dieses Haus war verlassen. Wir erfrischten uns an einigen
Apfelsinen und Bananen, setzten dann unsere Fahrt fort und dehnten
dieselbe bis zu einer bis unter den Meeresspiegel reichenden Einsenkung
aus, welche Huheine eigentlich zu zwei Inseln macht, obgleich die
auf diese Weise gebildete Wasserrinne nur sehr schmal ist und eine so
geringe Tiefe hat, daß sie nur bei Hochwasser befahren werden kann. Vor
Sonnenuntergang waren wir wieder an Bord und bereuten nicht, den schönen,
genußreichen und erfrischenden Ausflug gemacht zu haben.

Am Morgen des 3. Juni hatte ich der Königin durch unsere Musik ein
Ständchen bringen lassen, und um 9 Uhr vormittags fand in ihrem Hause
die verabredete Zusammenkunft statt. Unser Weg dahin führte uns durch das
ganze Volk von Huheine, welches hier versammelt uns mit theils drohenden,
theils besorgten Mienen musterte.

Bei der Königin befanden sich ihr ältester Sohn, dessen Frau und die
den Staatsrath bildenden vornehmsten Häuptlinge. Die Königin, eine
ältere Frau, trug ein Waschkleid nach tahitischem Schnitt und einen
breitberandeten italienischen Strohhut mit flatterndem grünseidenen Band;
ihre Schwiegertochter war ebenso gekleidet, doch ohne Hut; der Sohn und
Thronfolger sowie die Häuptlinge waren in Hosen und Hemden. Die Damen
hatten Schuhe an, die Herren waren barfuß.

Unser Empfang war ein sehr kühler, alle Gesichter drückten ernste
Sorge aus. Der von uns mitgebrachte Dolmetscher, Sohn eines englischen
Missionars, übersetzte meine Ansprache, in welcher ich sagte, daß ich
gekommen sei, um der Königin meinen Besuch zu machen, und daß das Schiff
die Aufgabe habe, die freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen den
Deutschen und der Regierung des Landes bisher bestanden hätten, nicht nur
fernerhin zu unterhalten, sondern auch noch fester zu knüpfen, aber auch
die Interessen der erstern wahrzunehmen, wenn dies nothwendig sein sollte.

Der Sprecher der Königin dankte darauf für den ihr gewordenen Besuch
und für die Vertrauen erweckenden Worte, betonte dann aber, daß das
Volk von Huheine voller Sorge sei, weil sie von Papeete die bestimmte
Nachricht erhalten hätten, daß wir diese Inselgruppe mit Gewalt zu nehmen
beabsichtigten. Meine Antwort konnte nur dahin lauten, daß Deutschland
vorab nicht an die Erwerbung von Colonien dächte, aber auch nicht wünschen
könne, die noch unabhängigen Inseln sich in Colonien anderer europäischer
Staaten umwandeln zu sehen, und daher nur als Beschützer solcher
Inselgruppen betrachtet werden könne, wie ihnen das Beispiel Tongas zeige,
mit welchem das Deutsche Reich einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen
habe, wodurch das kleine Inselland vor fremder Willkür gesichert sei.
Solange daher die deutschen Unterthanen auf den unabhängigen Inseln unter
dem Schutz der Landesgesetze sicher leben und Handel treiben könnten,
müßten die deutschen Kriegsschiffe immer als die Freunde des Landes
angesehen werden, denn ihre Aufgabe sei nur, deutsches Leben und Eigenthum
zu schützen.

Nach diesen Worten und einigen ergänzenden freundlichen Bemerkungen der
Frau G. an die Königin änderte sich die Scene urplötzlich. Sichtliche
Freude strahlte auf allen Gesichtern und der Sprecher hielt eine freudig
bewegte Ansprache, worin er erklärte, daß nunmehr die Sorgen von ihnen
genommen seien, und wie groß diese gewesen wären, könnten wir daraus
ersehen, daß sie alle die drei letzten Nächte schlaflos zugebracht
hätten und das ganze Volk während dieser Zeit um seine Königin geschart
gewesen sei. Dann trat der Sprecher in die offene Thüre auf die Veranda
des Hauses und hielt eine längere Ansprache an das Volk, nach deren
Schluß die Leute wegeilten und bald darauf reich beladen mit Geschenken,
welche in Schweinen und Früchten bestanden, zurückkehrten und diese vor
mir niederlegten. Als die Geschenke in unsere Boote gebracht waren, um
meiner Mannschaft mit ihnen einen guten Tag zu machen, lud Frau G. in
meinem Namen die Königin mit ihrer Familie, die Häuptlinge und das ganze
Volk zum Nachmittag auf unser Schiff ein. Die Einladung wurde mit großer
Freude angenommen, und der Nachmittag gestaltete sich zu einem wahren
Volksfeste, da alles, was kommen konnte, auch zu uns kam, Jung und Alt,
Männer, Frauen und Kinder. Die Vornehmern wurden in meiner Kajüte mit
Schaumwein, Fruchtsäften, Kuchen und Marmeladen bewirthet, das Volk in
der Offiziermesse mit Punschbowle. Unsere Musik wechselte ab mit den
Gesängen und Tänzen der Eingeborenen, Freude und Lust beherrschten das
Fest und jede Furcht der Eingeborenen war verschwunden, als sie um 5 Uhr
sehr befriedigt das Schiff wieder verließen.

Die Königin, ihre Familienmitglieder und die Häuptlinge wurden von Herrn
und Frau G. noch mit Kleiderstoffen beschenkt, worauf die Königin in
ihrem Freudenrausch auch noch bat, mit Frau G. die Hüte austauschen zu
dürfen, wodurch ich in den Besitz des königlichen Hutes kam, da Frau G.
mir denselben als Andenken verehrte. Wie sich später zeigen wird, war mir
derselbe aber nicht lange beschieden. Bei den Gesängen der Eingeborenen
hatte ich gehofft, etwas Aehnliches zu hören wie am See Waihiria auf
Tahiti, aber ich täuschte mich, wenngleich der Gesang auch gut geschult
und melodiös war. Von dem Tanz läßt sich auch nicht viel sagen. Die
Darsteller waren Frauen, welche einzeln sich zeigten und ohne Grazie
jähe Bewegungen mit dem Mittelkörper machten. Ich vermuthe, daß diese
Schaustellungen einen etwas wüsten Charakter angenommen hätten, wenn nicht
die Königin, welche ein strenges Regiment führen soll, zugegen gewesen
wäre.

Am 4. Juni verließen wir mit Tagesanbruch Huheine wieder und gedachten
im Laufe des Vormittags in dem Hafen Otea-Vanua auf Bora-Bora ankern zu
können. Doch der Wind war wieder einmal anderer Ansicht wie wir, wehte
fest aus Südwest statt aus Südost, und entwickelte sich zu einem mäßigen
Sturm mit hohem Seegang. So kamen wir unter Dampf nur langsam vorwärts.
Schon vom Morgen an lag die nur noch 36 Seemeilen von uns entfernte Insel
Bora-Bora scheinbar nahe vor uns, ein 700 m hoher, dräuender, mächtiger
Felsblock auf sonst niedrigem, größtentheils üppig belaubten Unterlande,
und doch wurde es 3 Uhr nachmittags, ehe wir zum Hafeneingang, und 4 Uhr,
bis wir zu Anker kamen. Als wir endlich die Nordspitze der rundum von
einem Korallenriff umgebenen Insel, welches abweichend von der sonstigen
Regel ziemlich hoch über Wasser liegt und größtentheils mit Kokospalmen
bestanden ist, umschifft hatten und dicht an der Küste entlang südlich
nach dem Hafeneingang steuerten, bot sich dem Auge wieder ein wunderbares
Bild der merkwürdigsten Contraste.

Wir selbst auf der wild aufgeregten, schäumenden See, unser Schiff
tief einstampfend, rollend und ächzend. Ueber uns die schnell ziehenden
dickgeballten Wolken. Unwirsch mahlt die mit 2000 Pferdekräften arbeitende
Schraube im Wasser, weil das Schiff ihrem Druck nicht folgen will, und
hochauf spritzt der Gischt, wenn sich das Heck schüttelnd und in allen
Verbänden knarrend aus dem Wasser hebt und die Schraube theilweise frei
von diesem, in fast doppelten Umdrehungszahlen mit den obern Flügelspitzen
durch die Luft schlägt. Tief gräbt der Bug sich dann in die von vorn
andrängenden Wellen, sodaß die helle See über die Back bricht und die
von dem mächtigen Anprall in Wasserstaub aufgelösten Wogenkämme über das
ganze Schiff hinwegstürmen, welches in seinem Lauf plötzlich gehemmt, bis
in die obersten Mastspitzen erzittert. Hastend quillt als dicke Wolke der
schwarze Rauch aus dem großen Schlot und bildet nach hinten eine breite
dunkle Straße, über welcher oben am Hauptmast der lange weiße Wimpel in
schlangenähnlichen Windungen flattert. Der Rauch schwärzt alles, was er
erreichen kann, und der Seewasserstaub überzieht Schiff, Takelage und
Menschen mit glitzernden weißen Salzkristallen. Zur Linken von uns das von
der Brandung ganz in blendenden Schaum gehüllte Korallenriff mit seiner
Kette belaubter kleiner Inseln, deren Palmen sich widerwillig unter dem
Druck des starken Windes zur Seite neigen und dahinter -- hellgrünes
Wasser, welches, von dem Winde unberührt, wie ein Spiegel sich unter der
Sonne ausbreitet und an dessen anderm Ufer die Hauptinsel fern von dem
Toben des Sturmes und des Meeres in erhabener Ruhe emporragt, scheinbar
beschützt von dem gigantischen, die ganze Insel beherrschenden Felsblock.

An der Hafeneinfahrt trafen wir mit einem kleinen Schooner zusammen,
welcher, mit vollen Segeln vor dem Winde herlaufend, dem schützenden
Hafen mit fliegender Fahrt zueilte. Unser Schiff drehte und jagte auch,
nun ebenfalls vor dem Winde, mit 12 Seemeilen Geschwindigkeit in die
schmale Einfahrt. Was sich meinem Blick darbot, war zum Entsetzen. Unser
Lootse, ein durchaus verständiger Mann, hatte sich die zu erwartende
Situation vorher jedenfalls nicht klar gemacht, denn sonst hätte er mir
vom Einlaufen unter diesen Verhältnissen abrathen und jede Verantwortung
für das Wagniß ablehnen müssen. Jetzt war es zu spät, denn an Umdrehen
war wegen mangelnden Raumes nicht mehr zu denken, der Lootse war ebenso
versteinert wie ich es im ersten Augenblick war, aber zu langem Ueberlegen
blieb keine Zeit; wir mußten uns zu helfen suchen, so gut es ging.

Von dem Fahrwasser und den Riffen, welche sonst durch die auf ihnen
stehende Brandung oder durch die hellere Wasserfarbe zu erkennen sind, war
nichts zu sehen, der vor uns liegende Raum war ein Auf- und Niederwogen
wild kämpfender Wasserberge, welche nur aus weißem Gischt bestanden. Die
in die 900 m breite und drei Seemeilen lange Einfahrt hineindrängenden
hohen Wellen wurden von den seitlichen Riffen zurückgeworfen, prallten
gegen die nachstürmenden zurück und erzeugten einen Aufruhr im Wasser,
welcher jeder Beschreibung spottet. Es war ein Wallen, Tosen, Sieden und
Branden, daß man sein kaltes Blut verlieren konnte. Wir waren mitten in
der Brandung und niemand konnte wissen, ob nicht im nächsten Augenblick
ein markerschütternder Stoß uns sagen würde, daß das Schiff verloren
sei, und daß die durch den Anprall herniederbrechende schwere Takelage
den größten Theil der auf Deck befindlichen Personen erschlagen würde.
Nach Peilung des Kompasses zu steuern, war auch ausgeschlossen, weil das
Schiff in der tobenden See so jähe Bewegungen machte, daß die Kompaßrose
in ihrem Gehäuse wild hin- und herlief. So blieb keine andere Wahl, als
weiter zu laufen, nach dem Auge den wahrscheinlich richtigen Curs zu
halten und es der Vorsehung zu überlassen, ob wir glücklich durchkommen
oder das Schiff verlieren sollten. Das Ernsteste war der Entschluß, die
Maschine mit Volldampf weiter arbeiten zu lassen, da ein Stoppen derselben
die Fahrt nicht genügend verringern konnte, andererseits aber das Schiff
bei der größern Geschwindigkeit besser zu steuern war. Hier hieß es Zähne
zusammenbeißen, sich gut festhalten, um nicht über Bord geschleudert zu
werden, und -- Vorwärts!

Bäumend und sich wälzend, bis zu 30° nach jeder Seite schlingernd, vorn,
links und rechts Wasser schöpfend, schnitt das Schiff, nachdem alle
entbehrlichen Leute zur Sicherung gegen die etwa fallenden Masten unter
Deck geschickt worden waren, durch das brandende Meer neben dem kleinen
Schooner her, welcher unter seinen vollen Segeln mit uns die gleiche
Geschwindigkeit hielt und entweder hoch oben auf einem Wellenkamm thronend
über uns stand, oder im Wellenthal soweit verschwand, daß nur die obersten
Spitzen seiner 20 m hohen Masten für uns sichtbar waren. Nach Verlauf von
15 Minuten, welche mir eine Ewigkeit dünkten, liefen wir mit einem Bogen
hinter das Riff in ruhiges Wasser und in eine andere Welt. Das Schiff lag
plötzlich ruhig -- ich athmete tief auf, stoppte die Maschine und gab den
Befehl zum Ankern.

Gleich nach unserer Ankunft wurde, ebenso wie es in Huheine geschehen
war, an die Königin ein Brief mit der Anmeldung unsers Besuchs für den
nächsten Morgen geschickt. Die unserm Boten mitgegebene Antwort lautete,
daß wir willkommen seien, von Geschäften aber nicht gesprochen werden
dürfe, weil wegen vieler auf der Insel stattgefundener Todesfälle der
nächste Tag als allgemeiner Buß- und Bettag festgesetzt worden sei. Da
ich nun keinen ganzen Tag verlieren wollte, so übernahm es Frau G. noch
an diesem Abend den Räthen der sieben Jahre alten Königin über den Zweck
unsers Hierseins Aufschluß zu geben, damit etwaige Unklarheiten unter
der Hand beseitigt werden könnten. Wir fuhren daher an Land und die Dame
ging in das Königshaus, während Herr G. und ich einen kleinen Spaziergang
machten. Als wir von diesem zurückkehrten, kam Frau G. uns schon entgegen,
an der Hand die kleine Königin, welche uns in ergötzlicher Weise auf ihrer
Insel begrüßte und mir sagen ließ, daß ihre Räthe zu den Deutschen volles
Vertrauen hätten. Die kleine braune Herrscherin, ein hübsches freundliches
Kind, trug ein kurzes Kattunkleidchen, hatte hohe weiße Strümpfe an und
ging in ihren unförmlichen hohen Schnürstiefeln aus schwarzem Lackleder
wie auf Stelzen. Als ich auf ihre Frage, wie es mir auf der Insel gefiele,
antwortete, daß ich alles sehr schön fände, mein Diener aber klage, für
Geld und gute Worte keine Eier bekommen zu können, meinte sie, daß sie da
bald Abhülfe schaffen wolle. Sie lief nun so schnell als die unbequemen
Stiefel es erlaubten in ihr Haus zurück, kam bald mit einem Körbchen in
der Hand barfuß wieder herausgesprungen, ging in die zunächstgelegenen
Hütten, brachte mir dann das inzwischen mit Eiern gefüllte Körbchen und
sagte, als ich den Leuten das Geld für die Eier schicken wollte, stolz:
„Die Königin kauft von ihren Unterthanen nichts, sondern nimmt denselben
das für sie Nothwendige weg.“

Am nächsten Morgen war feierlicher Empfang. Bei unserm Landen fanden
wir so große Menschenmengen vor dem Königshause, daß wir wol die
Bevölkerung der ganzen Insel hier versammelt annehmen durften. Die für
mich bestimmten Geschenke waren auch schon zusammengetragen und lagen
geordnet vor dem Hause zu beiden Seiten der Verandatreppe, auf welcher
wir von einem braunen Herrn empfangen und in das Empfangszimmer geführt
wurden. Hier befand sich bereits die Königin im Kreise der den Staatsrath
bildenden Häuptlinge, von welchen einer, ihr Onkel, die Regentschaft
führt. Eingeborene Damen waren nicht anwesend. Die vor uns befindliche
Gesellschaft machte im Vergleich zu Huheine einen sehr civilisirten
Eindruck, denn die Herren waren sämmtlich in guten schwarzen Anzügen
und hatten Lackstiefel an den Füßen. Ueber dem zugeknöpften Frack trugen
sie eine rothseidene Schärpe um den Leib geschlungen und in der linken
Hand einen in Blech- bezw. Lederscheide steckenden Säbel oder Degen,
Waffen, welche ihrer alterthümlichen Form nach jedenfalls aus dem vorigen
Jahrhundert stammten und den verschiedensten Völkern angehört hatten. Daß
die Säbel in der Hand getragen wurden, mag seinen Grund darin haben, daß
die zum Anhängen nothwendigen Säbelkoppeln fehlen. Die Königin, welche ein
rothseidenes Kleidchen anhatte und deren Kopf mit einem aus künstlichen
Strohblumen gefertigten Diadem geschmückt war, kam uns entgegen, bot
uns die Hand und lud dann zum Sitzen ein. Das alles machte sie so nett
und natürlich, daß ich von der Fertigkeit dieser kleinen Person ganz
überrascht war. Frau G. setzte sich auf das vorhandene Sofa und nahm
die Königin von Bora-Bora auf ihren Schos, während wir Herren uns der im
Kreise aufgestellten Stühle bedienten.

Nachdem einige Höflichkeitsphrasen ausgetauscht waren, wobei Frau G. die
Dienste des fehlenden Dolmetschers versah, mußten wir auf die Veranda
treten und mit dem Volke Hände schütteln, was in der Weise geschah, daß
die Eingeborenen (Männer, Frauen und Kinder) truppweise und in guter
Ordnung mit gebeugtem Oberkörper auf die Veranda kamen, uns die Hand
gaben und dann ebenso wieder zurücktraten. Ein junger Mann fiel mir dabei
dadurch auf, daß er zu diesem Zweck dreimal die Veranda betrat; die den
Leuten gewordene Ehre muß also wol sehr groß gewesen sein. Auch dieses
Händeschütteln, welches ungefähr eine Stunde währte, nahm sein Ende; die
vielen, wieder für meine ganze Besatzung ausreichenden Geschenke, wurden
mir übergeben, und dann kehrten wir zum Schiffe zurück.

Am 6. Juni vormittags wurden die geschäftlichen Angelegenheiten erledigt,
deren Ergebniß darin bestand, daß die Machthaber von Bora-Bora den
deutschen Unterthanen jeden Schutz und volle Handelsfreiheit zusicherten
und ich dagegen anerkannte, daß die Deutschen sich den zur Zeit
bestehenden Landesgesetzen, von welchen ich vorher Einsicht genommen
hatte, unterzuordnen hätten.

Für den Nachmittag wurde auch hier die Bevölkerung auf die „Ariadne“
eingeladen und das Fest nahm denselben Verlauf wie in Huheine. Die
kleine Königin schwelgte namentlich in Wonne, nachdem sie sich auf meine
Aufforderung hin mit Genehmigung ihres Oheims ihrer Stiefel und Strümpfe
entledigt hatte, welche dieser Herr ihr in meiner Kajüte auszog.

Hier kann ich nicht umhin, der wunderbaren Thatsache zu gedenken, daß
dieses kleine Mädchen sich nur unter der Obhut von Männern befindet und
keine eigentliche weibliche Pflegerin hat, wenn sich in ihrem Hause
vielleicht auch einige Dienerinnen befinden mögen, und wie sich dem
Beobachter hier bei diesem Kinde, wenn es nicht schon bei dem Besuch
der andern Inseln geschehen sein sollte, der Gedanke aufdrängen muß,
daß diese Insulaner das Vorbild für ihre Staatsform bei den Ameisen und
Bienen gefunden haben. Daß sie die weibliche Erbfolge an der Krone für
die natürlichere und richtigere halten, ist ja allbekannt; ebenso sind es
die Gründe hierfür, nämlich, daß das Kind immer Blut von der Mutter haben
muß, der Gatte der Mutter dem Kinde aber sehr fern stehen kann, ja bei der
Ungebundenheit der herrschenden Sitten die Mutter vielleicht selbst nicht
einmal im Stande ist, den Vater zu bezeichnen. Weniger bekannt dürfte
es aber sein, eine wie hohe, fast göttliche Verehrung alle Polynesier
dem edlen Blut ihrer alten Häuptlingsfamilien zollen und wie sie trotz
aller Unterwürfigkeit unter jede Laune ihrer Machthaber ängstlich darüber
wachen, daß kein ihrer Ansicht nach unedles Blut zur Herrschaft über
sie gelangt, daß sie aber dem edlen Blut jede Ausschreitung und jedes
Laster verzeihen. Sieht man nun, wie diese kleine Königin in ihrem Hause
nur von Männern umgeben lebt, von diesen sonst nichts thuenden und von
dem Besitz des Volkes sich nährenden Häuptlingen oder Drohnen bedient,
gepflegt und mit ängstlicher Sorgfalt großgezogen wird, und sieht man
ferner, wie das Kind sich andererseits wieder in seinem kleinen Reich frei
und ungebunden bewegen kann, von jedermann als das schätzbarste Gut des
ganzen Staatswesens betrachtet und behandelt wird, und von jedem seiner
Unterthanen ohne Murren das erhält, was es für sich verlangt, dann kann
sich meines Erachtens bei dem Beobachter der obige Gedanke nur befestigen.

Um 4 Uhr nachmittags verließen die Eingeborenen das Schiff wieder, nachdem
die Häuptlinge auch hier mit Geschenken bedacht worden waren. Die kleine
Königin schenkte mir beim Abschied ihr Strohblumendiadem als Andenken.

Ein kleiner Zwischenfall hatte sich noch kurz vor Schluß des Festes
zugetragen, indem einer unserer Matrosen, welcher zu den an Land
Beurlaubten gehörte, von zwei eingeborenen Polizeidienern an Bord gebracht
und eines Vergehens gegen die Hafenordnung angeklagt wurde. Da der Mann,
ein als ordentlich bekannter Mensch, die Thatsache aber bestritt, auch
keine Zeugen herbeigebracht werden konnten, so mußte die Sache fallen
gelassen werden. Sie gab mir indeß Veranlassung, den etwas Englisch
sprechenden Häuptling, welcher die kurze Verhandlung in Abwesenheit eines
Dolmetschers geleitet hatte, zu meiner Belehrung zu fragen, ob diese
Polizeiverordnung wirklich streng durchgeführt würde, da man auf den
andern Inseln in diesem Punkte doch die weitgehendste Freiheit gestatte
und es mir so scheinen wolle, als ob man den Mann nur aufgegriffen hätte,
um uns zu zeigen, wie streng man bei ihnen auf gute Sitte hielte. Seine
Antwort war, daß das Gesetz nur Geltung für das niedere Schiffsvolk
habe und auch nur für solche, welche sich fangen ließen. Er mache sich
gar nichts aus dem Gesetz und lade mich in sein Haus ein, wenn ich aber
wirklich mit dem Schiff in einer Stunde schon fortgehen wolle, dann würde
er einer seiner Frauen den Auftrag geben, auf dem Schiff zu bleiben und
ich möchte sie dann später nur mit dem Boot, welches er mit einigen Leuten
auch bei mir zurücklassen wolle, von See aus wieder nach Hause schicken,
sie würden den Rückweg zur Insel schon finden. Er gab dann auf meine
Fragen noch zu, mehrere Frauen zu haben und Christ zu sein und setzte
hinzu, daß sie das Christenthum nur soweit angenommen hätten, wie es ihnen
gefiele. Nachdem ich sein Anerbieten trotz wiederholten Drängens abgelehnt
hatte, schenkte er mir als Ersatz, um mir doch eine Freude zu machen,
seine aus Strohblumen gefertigte Halskette.

Um 5 Uhr verließen wir Bora-Bora wieder, um während der Nacht nach Raiatea
zu segeln, wo wir denn auch am nächsten Vormittag im Hafen von Uturua
eintrafen.

Raiatea mit der Nachbarinsel Tahaa hat denselben landschaftlichen
Charakter wie Huheine und Bora-Bora -- der merkwürdige 800 m
hohe Felsblock inmitten fruchtbaren Landes, die Insel umgeben
von Korallenriffen und kleinen Inseln, hinter welchen gute Häfen
liegen. Die äußere, namentlich in dem Mittelkamm zu Tage tretende
Formenübereinstimmung in den vier Inseln, von welchen die beiden
äußersten 45 Seemeilen auseinander liegen, berührt ganz eigenartig, denn
sie entstammen zweifellos einem Guß und man fragt sich staunend, welch
ungeheuerer plötzlichen Katastrophe sie ihr Dasein verdanken mögen.

Gleich nachdem wir in nächster Nähe der deutschen Niederlassung, vor
welcher drei deutsche Handelsschiffe lagen, geankert hatten, kam ein
Boot mit Eingeborenen längsseit, und einer der Leute betrat mit einem
Damenstrohhut in der Hand das Schiff, nach Frau G. fragend. Sehr belustigt
waren wir zu hören, daß die Königin von Huheine ein Boot den weiten Weg
nach Raiatea geschickt hatte, um den früher erzählten Huttausch rückgängig
zu machen. Die braune Fürstin war wahrscheinlich der Ansicht, daß ihr
früherer Hut doch schöner und werthvoller sei, und so mußte ich die in
meinen Händen befindliche königliche Kopfbedeckung wieder herausgeben.
Frau G. war zwar entrüstet und wollte von diesem Handel nichts hören,
ich hatte aber Wichtigeres zu thun, als um den Besitz eines Strohhutes zu
streiten.

Ein Offizier des französischen Aviso, welchen wir hier endlich
antrafen, begrüßte das Schiff im Namen seines Commandanten, und dann
kam der Vorsteher der deutschen Niederlassung, um Beschwerde gegen die
Eingeborenen und indirect gegen das französische Kriegsschiff zu führen.
Der Einfachheit halber will ich den Herrn selbst sprechen lassen:

„Der französische Aviso erkundigte sich nach seiner am 1. Juni erfolgten
Ankunft gleich bei dem König, ob nicht Zwistigkeiten mit Ausländern
vorlägen, bei welchen er ihm seine Dienste leihen könne, und danach erst
kam er mit der Sache zum Vorschein, wegen welcher er hergekommen sein muß.
Denn ich weiß aus sicherer Quelle, daß er den Eingeborenen sagte, es würde
in den nächsten Tagen ein deutsches Kriegsschiff kommen, um ihnen ihre
Insel wegzunehmen und er sei zu ihrem Schutze hier. Dann gab er ihnen den
Rath, sobald die deutsche Flagge auf unserer Niederlassung gehißt würde,
gleich die Forderung an uns zu stellen, dieselbe wieder niederzuholen,
und die Forderung zu wiederholen, wenn ihr nicht nachgekommen würde,
und wenn auch dies fruchtlos bleiben sollte, den Flaggenmast mit Gewalt
niederzureißen. Er fügte noch hinzu, daß die Eingeborenen sich vor den
Deutschen nicht zu fürchten brauchten, denn nicht nur er würde sie gegen
deutsche Gewalt schützen, sondern auch die Engländer und Amerikaner würden
dies thun. Als nun die «Ariadne» in Sicht kam, hißten wir vor einer Stunde
zum ersten mal seit unserer Ansiedelung hierselbst unsere deutsche Flagge
(Handelsflagge), und richtig kamen einige Abgesandte vom König mit der
Forderung, dieselbe wieder niederzuholen, welchem Ansinnen ich indeß nicht
entsprach, mich aber erbot, ihnen die Axt zu verkaufen, mit welcher sie
etwa Gewalt an dem Mast gebrauchen wollten. Inzwischen war die «Ariadne»
näher gekommen, die Eingeborenen verglichen mit ängstlichen Blicken den
kleinen Franzosen mit Ihrem mächtigen Schiff, sahen auch keine Engländer
und Amerikaner, murmelten etwas von König Wilhelm und Bismarck und zogen
ziemlich still wieder ab, ohne bisjetzt ihre Forderung wiederholt zu
haben.“

Soweit der Berichterstatter.

Dem König (Raiatea hat ein männliches Oberhaupt) wurde, nachdem etwas
Ruhe eingetreten war, unser Besuch zum nächsten Vormittag angemeldet,
welcher zu 8 Uhr angenommen wurde. Unsere Bemühungen, einen Dolmetscher
zu erhalten, blieben erfolglos, da die beiden ortsanwesenden Engländer,
welche allein geeignet gewesen wären, unter nichtigen Vorwänden ablehnten;
so mußte denn Frau G. wieder als solcher eintreten. Den Nachmittag
verbrachten wir am Lande in dem geräumigen, luftigen deutschen Hause,
welches auf direct aus der See aufsteigenden niedrigen Felsen erbaut
ist. Unsere Musik spielte auf dem Hofe, wo außerhalb des Zaunes viele
Eingeborene zusammengeströmt waren, und wir saßen an einem schönen Platz
am Wasser und sahen zu, wie zu unsern Füßen einige eingeborene Diener des
Hauses für uns Hummern fingen und Austern von den Felsen abbrachen.

Unser Besuch beim König hatte ein wesentlich anderes Gepräge, als
wie seiner Zeit in Huheine und Bora-Bora. Nicht nur, daß wir im
Gegensatz zu den dortigen, auf schönen geebneten Plätzen liegenden,
wohnlichen und schmucken Königshäusern hier eine von Gestrüpp umgebene
schmutzige, baufällige Hütte ohne eigentliches Mobiliar fanden, daß
das zusammengeströmte Volk einen unsaubern Eindruck machte und sich
ebenso unbotmäßig wie dreist gegen seine Häuptlinge benahm, auch die
Verhandlungen, an welchen soviel Volk, als die Hütte fassen konnte,
theilnahm, hatten einen ziemlich stürmischen Verlauf und endeten mit der
Androhung von Gewaltmaßregeln von meiner Seite. Die Hauptsache blieb,
daß der Sprecher des Königs öffentlich zugeben mußte, daß sie an dieser
selben Stelle die früher angeführten Mittheilungen über unsere Absichten
und die damit zusammenhängenden Rathschläge erhalten hätten. Nachdem
den Leuten dann noch von mir die nothwendigen Folgen etwaiger thörichter
Gewaltstreiche von ihrer Seite auseinandergesetzt worden waren, ersuchte
der Sprecher den König, alles was wir gesagt, genau zu erwägen und zum
Besten seines Volkes nach unsern Rathschlägen zu handeln.

Aus Rücksicht für die deutschen Handelsinteressen mußte ich auch hier, so
sehr es mir widerstrebte, die Eingeborenen auf das Schiff einladen, und
ich bekam dabei einen ungefähren Begriff von dem tahitischen Volksleben,
da Tahiti und Raiatea sich hierin ziemlich gleich sein sollen, wenngleich
die Tahitier äußerlich einen sehr viel angenehmern Eindruck machen. Schon
gewarnt, unterließ ich jede Aufmunterung zu Tänzen, und als ein solcher
unter der Leitung eines eingeborenen Missionslehrers doch zu Stande kam,
sorgte ich für baldigen Abschluß, da das Gebotene sich so wüst gestaltete
und namentlich das Gebahren des Missionslehrers so ausartete, daß es
unmöglich auf dem Schiff geduldet werden konnte.

Als ein kleines Beispiel, wie weit die Sittenverderbniß hier geht, möge
das Folgende dienen. Als die beiden erwachsenen Töchter des Königs sich in
die untern Schiffsräume begaben, folgte ich, einige Schritte hinter ihnen
gehend, um sie vor etwaigen Zudringlichkeiten meiner Leute zu schützen.
Gleich darauf gesellte sich deren ältester Bruder, welcher etwas Englisch
spricht, zu mir, um mich vor seinen eigenen wüsten Schwestern zu warnen.
Als ich erwiderte, daß ich sie nur schützen wolle, meinte er, daß sie
dessen nicht bedürften, ich aber gut thäte, meine Leute vor ihnen zu
schützen.

Gern hätte ich Raiatea noch denselben Abend verlassen, doch bewog mich
das Pfingstfest, die beiden Feiertage noch zu Anker zu bleiben, um
meinen Leuten während derselben Ruhe zu gönnen, was schließlich auch mir
insofern zugute kam, als ich doch noch mancherlei mir Neues hörte und
sah. In diese Tage fiel auch die Ankunft eines mit Perlschalen beladenen
deutschen Schooners, welcher von den Mangareva- oder Gambier-Inseln kam
und auch eine kleine Schachtel mit Perlen mitbrachte, in welcher jede
Perle in einem kleinen Fach in Watte lag mit einem beigefügten Zettel des
für dieselbe gezahlten Preises. Bei dieser Gelegenheit konnte ich an der
Hand von Thatsachen sehen, welche Vortheile dem deutschen Hause aus der
Uebersiedelung nach Raiatea erwachsen, denn die aus 80 Tonnen Perlschalen
bestehende Ladung hätte in Tahiti neben den hohen Lootsengebühren und
Hafenabgaben einen Durchgangszoll von 2560 Mark tragen müssen, während
das Schiff hier nur eine geringe Hafenabgabe von im ganzen 25 Mark zu
entrichten hatte.

Sehr interessant war es mir, etwas über Perlen und die Perlenfischerei zu
hören.

Zunächst wurde ich dahin belehrt, daß die Perlen sich nicht, wie ich
bisher annahm, in der Schale bilden, sondern in dem Thier selbst, und daß
sie als eine Krankheit desselben betrachtet werden müssen, denn Perlen
werden nur in verkümmerten Schalen gefunden und kommen in der eigentlichen
Südsee nur in Mangareva häufiger vor, während die Perlmuschel sonst
bei fast allen Inseln gefischt werden kann. Man folgert daraus, daß die
örtliche Beschaffenheit sowol für die Verkümmerung der Muschel, wie für
die Bildung der Perle maßgebend ist. Es werden zwar auch sogenannte Perlen
(namentlich sind dies besonders große etwas flache Stücke) in den Handel
gebracht, welche aus der Schale ausgelöst oder geschnitten sind und sich
dort als Auswüchse und Unebenheiten zeigen, diese sind aber werthlos.[A]
Die richtige Perle ist stets abgerundet und auf ihrer ganzen Fläche von
dem charakteristischen Schmelz überzogen; sie ist eine feste homogene
Masse ohne Hohlraum in ihrer Mitte, hat dort auch keinen fremden Körper
gelagert, wie man gewöhnlich annimmt, denn die Perle wird nicht, wie schon
angedeutet, dadurch gebildet, daß das Thier einen fremden Körper umspinnt.
Sie ist um so werthvoller, je größer ihr specifisches Gewicht und je
reiner ihr Wasser ist, das man richtiger mit scheinbarer Durchsichtigkeit
bezeichnen könnte. Eine wirklich werthvolle Perle, mag sie noch so klein
sein, muß ein so reines Wasser haben, daß man beim Beschauen derselben
in ihrer Mitte in weiter Ferne einen kaum festzuhaltenden Punkt zu sehen
wähnt, und eine linsengroße Perle von dieser Eigenschaft ist werthvoller,
als eine haselnußgroße, welche undurchsichtig scheint. Natürlich ist
die äußere Form auch mitbestimmend, ebenso wie die Zahl der in gleicher
Größe, Form und Farbe zusammengebrachten Perlen, denn zwei ganz gleiche
Perlen haben etwa den vierfachen Werth jeder einzelnen, und zwanzig
kosten vielleicht schon das Hundertfache jeder einzelnen, sodaß, wenn eine
Perle 5 Mark kostet, der Preis für zwei gleiche 20 Mark und für zwanzig
gleiche 500 Mark beträgt. Es wurden mir auch einige der von Mangareva
mitgekommenen Perlen zu dem hamburger Marktpreis, welcher etwa 100 % höher
wie der hier gezahlte ist, überlassen und ich gab für eine erbsengroße
nicht besonders vollkommene 3 Mark, hätte aber für funfzig gleiche, welche
ich gern gehabt hätte, etwa 500 Mark zahlen müssen, wenn sie dagewesen
wären. Für eine schön geformte graue Perle von reinem Wasser und etwa
1 cm Durchmesser mußte ich 240 Mark geben. Einzelne Prachtstücke, für
welche ich allerdings weder Verwendung noch den Kaufpreis gehabt hätte,
waren hier unverkäuflich, weil sie einen Liebhaberwerth haben, der hier
nicht bestimmt werden konnte und jedenfalls in die Tausende geht, da
für eine derselben schon der Taucher an 800 Mark erhalten hatte. Die
Perlenfischerei wird in Mangareva übrigens nicht als Geschäft betrieben,
sondern die Eingeborenen tauchen nach den Muscheln zur Gewinnung der
werthvollen Perlmutterschalen, und etwa gefundene Perlen bedeuten soviel
wie einen Lotteriegewinn. Sobald nun der Taucher mit der Muschel wieder
nach oben kommt, bricht er sie auf, reißt das Thier heraus und fühlt
sofort durch einen Druck auf die weiche Masse, ob ein fester Körper, eine
Perle, in ihr enthalten ist oder nicht.

     [A] Ich habe im Jahre 1880 in der berliner
  Fischerei-Ausstellung einen derartigen Schmuck gesehen, welcher
  von Nichtkennern wegen der Größe und eigenthümlichen Form der
  gefaßten sogenannten Perlen als besonders werthvoll angestaunt
  wurde.

       *       *       *       *       *

Ich lasse noch einige Bemerkungen über die socialen und religiösen
Verhältnisse der Gesellschafts-Inseln folgen, nicht, um ein System
abfällig zu beurtheilen, sondern um zu zeigen, wie leicht der Mensch
Irrungen unterworfen ist und wie die übereilte und mit ungenügenden
Mitteln ins Werk gesetzte Durchführung des besten Systems zu Schaden
führt.

Wie in Tahiti muß auch auf den Gesellschafts-Inseln jeder Eingeborene
das von ihm Erworbene mit seinen Verwandten theilen, wenn sie ihn darum
angehen. Der Häuptling erwirbt überhaupt nichts, sondern läßt sich von
seinen Unterthanen nur ernähren, auf welche Leistung sich die Lasten
dieser so ziemlich beschränken. Jeder dauernde Erwerb wird hierdurch
unmöglich gemacht, die eigene Arbeit wird zur Thorheit, und die Thätigkeit
der Missionare hat in dieser Richtung noch nicht nach unsern Begriffen
bessernd und veredelnd wirken können.

Auf Tahiti und Raiatea kann es als Regel gelten, daß die Männer trinken
und die Weiber Prostituirte sind, während auf Huheine und Bora-Bora
Nüchternheit und, wenigstens äußerlich, strenge Sitten herrschen. Tahiti
steht am längsten unter dem Einfluß der Missionare und seit Mitte der
vierziger Jahre nur unter dem der französischen Geistlichkeit; Raiatea
und Huheine werden noch von der englischen Mission behauptet, während
in Bora-Bora, wo ich die geordnetsten Verhältnisse, die besten Wege und
Wohnungen fand, bis vor kurzem ein deutscher protestantischer Missionar
wirkte und jetzt nur noch einheimische Missionslehrer thätig sind.

Alle Eingeborenen der Gesellschafts-Inseln sind getaufte Christen,
beobachten die vorgeschriebenen kirchlichen Gebräuche, wirkliche
Christen sind sie aber wol nicht und werden es nie werden, solange sie
nicht unter das Scepter einer europäischen Macht kommen, welche sich
der systematischen Erziehung dieser Menschen annimmt, und das wird nie
eintreten, weil einerseits keine Macht die Mittel wird aufwenden wollen,
welche zur Colonisirung dieser verstreut liegenden Inseln erforderlich
sein würden, andererseits die Eingeborenen nach ihrer ganzen Veranlagung
ausgestorben sein würden, ehe das Erziehungswerk vollendet wäre. Diese
Inseln sind so klein, daß eine einzelne nicht im Stande ist, die Kosten
eines europäischen Regierungsapparates mit Kirche und Schule zu tragen,
andererseits liegen sie räumlich so weit auseinander, daß sie nicht
zusammengefaßt werden können. Die ganzen Kosten müßte also das Mutterland
allein tragen, denn der Handel wirft zur Zeit nur dadurch großen Gewinn
ab, daß er keine Steuern und Zölle zu tragen hat; er müßte aber zu Grunde
gehen, wenn ihm nur ein nennenswerther Theil der Kosten auferlegt würde.
Die Eingeborenen sind eine so weiche und an unbedingte Freiheit gewöhnte
Rasse, daß sie sich vor den eindringenden Europäern zurückziehen und
allmählich hinsiechen würden. Der Zwang der Kleidung, welche sie, einmal
auf den Körper genommen, nicht mehr ablegen, entfremdet sie dem Wasser und
macht sie unreinlich; der Verlust ihrer Ländereien, welcher mit dem Einzug
der Europäer zweifellos verbunden ist, treibt sie dem Hungertod entgegen,
die Vorliebe für berauschende Getränke beschleunigt dann das Siechthum.

Der einzige Weg, diese Insulaner geordneten und einigermaßen gesitteten
Verhältnissen entgegenzuführen, würde sich daher mit den Interessen des
Handels decken und liegt in der Uebernahme der Schutzherrschaft seitens
einer europäischen Macht, welche den Eingeborenen ihre Gewohnheiten und
überkommene Regierungsform beläßt und diese letztere nur durch einen
Commissar in die richtigen Bahnen leiten läßt; in diesem Falle aber
werden die Eingeborenen wie bisher nur Christen der Form nach sein, da
die christliche Lehre nur in der Schule erworben werden kann und der
Polynesier sich ebenso wenig an diese gewöhnen wird, wie die Schwalbe an
den Käfig.

Die Missionare gewannen da, wo sie überhaupt festen Fuß fassen konnten,
bald die unumschränkte Gewalt über die Eingeborenen und erwiesen sich
später als die Gegner der eindringenden Kaufleute, ob aus Fürsorge für
die Eingeborenen oder aus andern Gründen mag dahingestellt bleiben.
Die Thätigkeit des Missionars nahm, sobald er erst auf der noch von
keinem andern Europäer bewohnten Insel heimisch geworden war, einen
eigenthümlichen Verlauf. Aus dem Lehrer wurde der Herr, welcher die
Regierung leitete und durch Auferlegung harter Geld- und Körperstrafen
für die kleinsten Vergehen gegen die kirchlichen Gebräuche bald die
Zügel allein in der Hand hatte. Die Schule wurde von den herangebildeten
einheimischen Missionslehrern übernommen und beschränkte sich auf
Lesen, etwas Schreiben und das Absingen geistlicher Lieder. Zu bekehren
war auf der Insel sehr bald nichts mehr und der Missionar übernahm
das Handelsmonopol, welches ihm genügende Mittel abwarf, um seine
heranwachsenden Kinder zur Erziehung nach Europa schicken zu können.
Als nun der Kaufmann kam und höhere Preise an die Eingeborenen zahlte,
begann auf Huheine und Raiatea ein stiller Kampf, welcher zunächst in
der Einführung von Zwangs-Lootsengebühren für die fremden Schiffe seinen
Ausdruck fand, dann folgte ein Gesetz über die Erlegung von weitern
Hafenabgaben, und hierauf ein solches, welches den Eingeborenen den
Verkauf von Land an Europäer verbietet. Diese Gesetze sind gewiß von Werth
für die Eingeborenen, aber von Nachtheil für den Kaufmann, welcher sie dem
Einfluß der Missionare zuschreibt, sich aber doch gegen das Landkaufverbot
dadurch einigermaßen zu schützen gewußt hat, daß er in neuerer Zeit, wo
die alte Macht der Missionare doch so ziemlich gebrochen ist, das für ihn
nothwendige Land auf 99 Jahre pachtet.

Man darf nun nicht vergessen, daß die oben geschilderten Zustände sich
nach meinen Gewährsleuten nur auf einige bestimmte Inseln beziehen,
daß ferner die Missionare auch nur Menschen sind, und sich die obere
Missionsbehörde bei der Auswahl der zu entsendenden Persönlichkeiten
täuschen kann, sowie daß das Inspectionsschiff der Mission die verstreut
und zum Theil Tausende von Seemeilen auseinanderliegenden Inseln
alljährlich vielleicht nur einmal besuchen kann und dann schwerlich einen
richtigen Einblick erhält, wenn der ansässige Missionar ihn nicht geben
will.

Im großen und ganzen bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die
Mission hier nicht viel Gutes gestiftet hat und das Christenthum hier
weder aufrichtige Bekenner gefunden, noch veredelnd auf die Eingeborenen
gewirkt hat; im Gegentheil, ich möchte behaupten, daß die Leute jetzt
mit Bewußtsein mehr sündigen wie ehedem ohne Bewußtsein. Eine Erklärung
für diese Thatsache dürfte schwer zu finden sein, wenn sie nicht etwa
darin zu suchen ist, daß entweder die Polynesier in religiöser Beziehung
überhaupt nicht erziehungsfähig sind, oder aber daß ihre Lehrer der ihnen
gewordenen Machtfülle nicht gewachsen waren und vielleicht beides zusammen
dazu beigetragen hat, mehr zu schaden wie zu nützen.

       *       *       *       *       *

Am 10. morgens verließen wir Raiatea wieder, setzten am 11. morgens an
der Einfahrt von Papeete, wohin uns ein Boot des Deutschen Consulats
entgegengekommen war, unsere Gäste wieder ab und setzten nach kurzem
Abschied unsern Curs westlich nach den Samoa-Inseln.



8.

Samoa.


I.

                                                             22. Juni 1878.

So sind wir auf mancherlei Umwegen nach siebenmonatlicher Reise endlich
an unserm eigentlichen Ziele, den Samoa-Inseln, angelangt. In etwa
zwei Stunden, gegen 4 Uhr nachmittags, werden wir in Apia, dem auf der
Insel Upolu gelegenen Haupthafen der Samoa-Gruppe, eintreffen. Wind und
Wetter waren uns von Tahiti bis hierher nicht günstig gewesen, häufige
Windstillen und ein zwei Tage anhaltender Weststurm haben unsere Reise
sehr verzögert. Schließlich nach langem Warten auf den Passat, welcher in
dieser Zone eigentlich die Verpflichtung hat zu wehen, mußte doch für den
größten Theil des Weges die Dampfkraft zu Hülfe genommen werden, und in
diesem Augenblick fahren wir mit Dampf und Segel in beschleunigter Gangart
an der Nordküste von Upolu entlang.

Die Insel ist schön, wie all diese herrlichen Naturgebilde; von einer
eingehendern Schilderung derselben will ich jedoch hier absehen, es mag
daher nur eine flüchtige Skizze des vor uns liegenden Bildes folgen.

An eine niedrige Landzunge schließen sich die, die Mitte der Insel
bildenden Berge an, welche eine Höhe bis zu 1000 m erreichen und derart
abweichend voneinander geformt sind, daß sie der Insel ein auffallend
zerrissenes Aussehen geben. Sie zeigen sich sowol in scharf geschnittenen
Pics wie auch in runden Rücken und sind an einer Stelle von einer so weit
herunterreichenden Kluft durchschnitten, daß man Upolu aus der Ferne für
zwei Inseln halten kann. Zunächst der Küste besteht das Land aus weiten
ebenen Flächen, und dieser Bodengestaltung verdankt die Insel ihren hohen
Werth für Plantagenbau. Die Küste läuft theils flach nach dem Meere aus,
theils springt sie in 50-100 m hohe Caps vor, zwischen welchen kleine
Häfen und Buchten liegen, in die sich Bergflüsse ergießen, von denen
derjenige bei Falifa sich als schöner Wasserfall in das Meer stürzt.
Das ganze Land ist dicht mit Bäumen und zwar an der Küste vorherrschend
mit Kokospalmen bestanden, zwischen und unter welchen in der Nähe des
Strandes Dorf an Dorf liegt, da die ganze Küste dieser dichtbevölkerten
Insel bewohnt ist, während auf einzelnen höher gelegenen Punkten sich
stattlichere Häuser, die Wohnungen von Europäern zeigen. Die der Südsee
eigenthümlichen Korallenriffe umgeben einen so großen Theil der Insel, daß
man innerhalb der erstern mit Booten und Kanus fast um die ganze Insel in
ruhigem und sicherm Wasser fahren kann.


                                                   22. Juni, abends 10 Uhr.

Nachdem wir mit Hülfe des Lootsen, eines hier ansässigen Amerikaners,
nachmittags 4 Uhr zu Anker gekommen waren und der Offizier, welcher das
Schiff beim Consulat anmelden sollte, die Nachricht gebracht hatte, daß
die deutschen Herren sämmtlich zu Pferde einen Ausflug gemacht hätten und
wol erst sehr spät zurückkehren würden, begab ich mich an Land, um mir
Stadt und Leute anzusehen, auch dem Sonnabend-Scheuerfest, welches die
durch das Ankermanöver verursachten Schäden wieder beseitigen sollte, aus
dem Wege zu gehen.

Die Stadt besteht, da der Berg Apia hier fast bis zum Strande herantritt,
nur aus einer sich rings um den Hafen hinziehenden Straße, in welcher
größere und kleinere, theilweise in Gärten liegende Häuser der Europäer
mit den Hütten der Eingeborenen abwechseln. Sie bietet nichts besonders
Sehenswerthes und befriedigte meine Neugierde um so weniger, als sie
neben ihrer wenig anziehenden äußern Erscheinung auch noch vollständig
ausgestorben zu sein schien.

Samoa schien mir überhaupt ein wunderliches Land zu sein. Die ganze Küste
ist mit menschlichen Wohnungen besiedelt und wir sahen beim Vorbeifahren
weder am Lande noch auf dem Wasser Menschen, noch bei den Wohnungen den
sonst nie fehlenden Rauch des häuslichen Herdes; das Consulat mit dem
ganzen Beamtenpersonal des großen Geschäftshauses macht am Wochenschluß
einen Ausflug aufs Land; in der Stadt scheint die ganze Bevölkerung am
hellen Tage zu schlafen. Was blieb mir anders übrig, als auf mein Schiff
wieder zurückzukehren, wo doch mehr Leben war!

Als ich später, 9 Uhr abends, mich eben an den Schreibtisch gesetzt hatte,
wird von unsern Posten ein Boot angerufen, welches doch noch die von
ihrer Partie zurückgekehrten deutschen Herren brachte. Der Consul, ein
Herr Weber, entschuldigte sich, daß er noch so spät komme, er hätte aber
heute am Sonntag -- „Was, Sonntag? Heute ist doch Sonnabend!“ unterbrach
ich seine Rede. „Nein, Sonntag“, war die Antwort, und die Erklärung
ergab, daß in Samoa, obgleich die Inseln noch auf Westlänge (169½° bis
173° W. nach Greenwich) liegen, doch die Kalenderrechnung von Australien
und Neu-Seeland angenommen worden ist, weil alle Beziehungen Samoas mit
der Außenwelt sich auf diese beiden großen englischen Colonien und die
zwischen diesen und Europa laufenden Dampferlinien stützen. Nun war mir
alles klar, der Ausflug der deutschen Herren und die Sonntagsheiligung
nach der von den englischen Missionaren gegebenen Vorschrift, nach welcher
am Sonntag nicht einmal gekocht werden darf, während wir uns zu gleicher
Zeit am Sonnabend abgequält haben, unser Schiff für den nächsten Tag recht
schön zu machen.

Herr Weber erzählte mir noch so viel über samoanische Verhältnisse und was
alles meiner warte, daß mir ganz wirr im Kopfe wurde und ich nur so viel
behalten habe, daß ich gleich am nächsten Tage mitten im Kampfgewühl mit
den aufsässigen Samoanern sein würde. Dann gingen wir noch für einige Zeit
zu den Offizieren und jetzt sitze ich am Schreibtisch und habe soeben in
das Befehlsbuch für morgen den wunderlichen Satz geschrieben: „Der heutige
Tag ist nicht als Sonntag den 23., sondern als Montag den 24. Juni zu
rechnen, doch wird der Dienst nach der Sonntagsroutine gehandhabt.“

So ist nun all die Zeit, welche wir von der Heimat an immer mit dem Laufe
der Sonne nach Westen hin segelnd und dampfend auf unserm langen Wege
hierher tagtäglich gewonnen haben, mit einem Schlage wie ein Hauch wieder
hin, indem ein ganzer Kalendertag aus dem noch vor uns liegenden Leben
hinweggewischt ist.


                                                             25. Juli 1878.

Heute Morgen haben wir Apia für einige Zeit wieder verlassen, um der
Besatzung des Schiffes nach einem nahezu achtmonatlichen Aufenthalt in den
Tropen in Sydney für wenige Wochen sowol die Wohlthat kräftigerer Luft,
wie auch die besserer Kost zutheil werden zu lassen. Die Samoa-Inseln
liegen schon in weiter Ferne hinter uns, das Schiff hat einen klaren
Seeweg vor sich, und so finde ich endlich Muße, die Begebenheiten der
letzten vier Wochen, welche für mich eine ununterbrochene Kette großer
Aufregungen waren, niederzuschreiben. Von Land und Leuten kann ich zwar
noch nicht viel erzählen, weil ich nur wenig davon gesehen habe, aber
desto mehr von Streit und Hader. Da ich indeß ja nach den Samoa-Inseln
zurückkehre, so werde ich dann während eines längern und hoffentlich
friedlichern Aufenthalts wol Gelegenheit finden, mich mit dem Leben und
Treiben dieses selbstbewußten Völkchens besser bekannt zu machen. Das
Wenige, was ich indeß gehört und gesehen habe, mag immerhin schon jetzt
hier Platz finden.

Zu der Samoa-Gruppe gehören die Inseln Manua, Tutuila, Upolu und Savai’i,
sowie noch eine Zahl kleinerer Inselchen, welche auf der Karte indeß nur
als Punkte verzeichnet werden können. Von den erstgenannten ist Manua die
östlichste und kleinste, Savai’i die westlichste, größte und höchste (bis
zu 1300 m hoch) dieser Inseln.

Nur Tutuila und Upolu haben Häfen und von diesen kommt für den
Handelsverkehr wieder nur Apia in Betracht.

Apia muß im Vergleich zu den Städten anderer unabhängiger Inseln ein
großer und bedeutender Platz genannt werden, ist Sitz der samoanischen
Regierung und Mittelpunkt des deutschen Handels für den westlichen Theil
der Südsee. Es erscheint auffällig, daß von den samoanischen Häfen gerade
Apia der Hauptplatz geworden ist, wenn man erwägt, daß der kleine Hafen
die anlaufenden Schiffe oft kaum alle aufnehmen kann und nur Schutz gegen
die gewöhnlich hier allerdings vorherrschenden südlichen Winde gewährt,
gegen alle nördlichen aber und namentlich gegen den alle 10-12 Jahre
einmal von Norden her über die Insel wegziehenden Orkan ganz offen ist,
sodaß die dann von dem Sturm unglücklicherweise im Hafen überraschten
Schiffe in der Regel verloren sind. Der vorzügliche Hafen von Pago-Pago
(sprich Pango-Pango) auf Tutuila bietet dagegen ganzen Flotten Raum und
vollständige Sicherheit gegen alle Winde. Und doch wird die Wahl von
Apia verständlich, wenn man berücksichtigt, daß Upolu die fruchtbarste
und bevölkertste der Samoa-Inseln ist, in der Mitte zwischen Tutuila und
Savai’i liegt, daß hier die einflußreichsten Stämme der Samoaner seßhaft
sind, daß Apia wiederum so ziemlich im Mittelpunkt von Upolu liegt und
der Hafen bisher immer noch als der beste dieser Insel galt, denn der sehr
viel bessere Hafen von Saluafata ist erst seit kürzerer Zeit als solcher
bekannt und zwar vorläufig auch nur Herrn Weber, seinen Kapitänen und
neuerdings auch uns.

Die Stadt Apia umschließt, wie schon gesagt, den ganzen Hafen. Von diesem
aus gesehen rechts, also an dem westlichen Ende, läuft das Land in eine
schmale, niedrige, mit Kokospalmen bestandene, Mulinu’u genannte Landzunge
aus, auf deren äußerster Spitze sich der Regierungssitz befindet, nämlich
einige Hütten und ein kleines Breterhaus, welches früher die Wohnung des
Ersten Ministers war, solange der amerikanische Colonel Steinberger,
welcher Apia vor etwa zwei Jahren wieder verlassen hat, dieses Amt
bekleidete. Jetzt dient das Haus dem derzeitigen amerikanischen Consul
gelegentlich zum vorübergehenden Aufenthalt, wenn dieser, wie es scheint
etwas wunderliche Herr sich das Ansehen geben will, die Samoaner gegen
Gewaltmaßregeln europäischer Kriegsschiffe zu beschützen. Er hißt dann
an dem bei dem Hause befindlichen Flaggenstock die amerikanische Flagge
und will die Samoaner glauben machen, daß keine Truppe und keine Kugel
den Weg zu einem Platz finden könne, in dessen Nähe seine Consulatsflagge
weht. Einige Tage nach unserer Ankunft hatte der Herr denn auch das Haus
wieder bezogen, ob mit einer bestimmten Absicht oder nur zufällig, kann
ich nicht wissen.

An den Regierungssitz schließt sich ein Dorf der Eingeborenen
an, dann folgt die großartige Anlage der Deutschen Handels- und
Plantagen-Gesellschaft (früher J. C. Godeffroy u. Sohn) mit ihrem
stattlichen Wohnhaus, den Lagerräumen, einer Baumwoll-Reinigungsmaschine,
Schiffs-Reparaturwerkstätte und großen freien Lagerplätzen. Das nächste
inmitten eines großen Gartens von der Straße etwas zurückliegende
Gebäude ist ein französisches Nonnenkloster, welches sich der
Erziehung samoanischer, halbweißer und weißer Mädchen widmet. Dann
kommt der eigentliche europäische Stadttheil, vielleicht richtiger das
Fremdenviertel genannt, mit einigen bessern Häusern, zwei fragwürdigen
Gasthäusern ('Hôtel International' und Gasthaus zur Stadt Hamburg),
einigen Matrosenkneipen, den wieder weiter von der Straße zurückliegenden,
aus rothen Backsteinen erbauten Häusern der französischen katholischen
Priester und einer hübschen kleinen, aus Stein erbauten katholischen
Kirche. Demnächst folgt wieder ein Eingeborenendorf, das nach der andern
Seite von einem in den Hafen mündenden ziemlich breiten Fluß begrenzt wird
und in welchem das Haus der englischen Mission sowie die einer häßlichen
Scheune ähnelnden evangelische Kirche liegen. Eine lange hölzerne Brücke
führt über den Fluß an der Anlage des zweiten hier etablirten großen
deutschen Hauses von Ruge u. Hedemann aus Hamburg vorbei, wieder zu
einigen von Fremden bewohnten Häusern und schließlich zu einem auf einer
flach auslaufenden Landspitze liegenden Eingeborenendorf, welches hier im
Osten die Stadt ebenso abschließt wie Mulinu’u im Westen.

Apia erhält hierdurch ein auffallend symmetrisches Ansehen. An die von der
Brandung überspülten Korallenriffe schließen sich an den beiden äußersten
Seiten die niedrigen Landspitzen mit den Dörfern der Eingeborenen an und
an diese, wie Wachtposten, die beiden hamburger Häuser mit der deutschen
Flagge, zwischen welchen am Fuße des hohen dicht bewaldeten Berges Apia
die Fremden wohnen.

Am nächsten Morgen nach unserer Ankunft machte ich unserm Consul meinen
Besuch und nahm die liebenswürdige Einladung dieses Herrn, vorläufig der
Gast des deutschen Hauses zu sein, an, um die drängenden Angelegenheiten
besser besprechen zu können, auch einmal wieder in größerer Gesellschaft
zu essen und gleichzeitig die Gelegenheit zu benutzen, meiner Kajüte den
ihr durchaus nothwendigen neuen Farbenanstrich geben zu lassen.

Da es wol von Interesse ist zu erfahren, wie unsere Landsleute als unsere
Antipoden hier draußen leben, will ich eine kurze Skizze davon geben.

Das stattliche, nur aus einem Parterregeschoß bestehende Wohnhaus
umschließt im Viereck einen ziemlich großen Blumenhof. Unter dem breiten
Dach läuft außen wie innen eine sehr geräumige Veranda rund um das Haus,
welche die Sonnenstrahlen von den Wohnräumen abhält und den Bewohnern
zu jeder Tageszeit gestattet, sich gegen Sonne und Regen geschützt zu
ergehen. Topfgewächse und Blumen zieren die innere Veranda, im Freien
wachsende große Oleander und andere Bäume beschatten die äußere. Bänke und
die verschiedensten Arten bequemer Stühle laden zum Sitzen ein, und es ist
ein wahrer Genuß, dort während der fast täglich über die Insel ziehenden
Regengüsse zu ruhen und die herrliche Natur, Land und Meer zu bewundern.

Die Hauptthür des Hauses liegt in der Mitte der vordern Front und
durchschneidet dieselbe ganz, sodaß man beim Betreten des Hauses auf den
schön gehaltenen Blumenhof sieht. Rechts liegen die Geschäftszimmer und
die Wohnung des Herrn Weber, des Leiters des Geschäftshauses; links ein
Empfangszimmer, ein großer Saal, zwei Fremdenzimmer und die Zimmer der
Dame des Hauses, einer ältern Witwe aus Hamburg, welche den Haushalt führt
und durch ihre Anwesenheit verfeinernd, bezw. erhaltend auf die Sitten
der jüngern Herren wirkt. Die Rückseite des Hauses wird von einem großen
Speisesaal eingenommen, von welchem man nach hinten ins Freie tritt und
zu dem abgesonderten Hause gelangt, in welchem die jüngern Herren, alle
Deutsche, wohnen.

Vor dem Hause liegt ein mäßig großer, gut gehaltener Garten, hinten und
zu beiden Seiten je ein großer freier Platz, wo die Pferde und Hühner
ihr Wesen treiben. An der einen Seite, abgesondert vom Wohnhause, liegt
auch die Küche, wo eine hamburger Köchin, eine hagere, ältliche Jungfrau,
das Scepter führt und mit aller Welt in Fehde liegt, nicht nur mit den
Menschen, sondern auch mit dem Gethier, da Pferde und Hühner gern in die
Küche kommen, um dort zu naschen, was sie aber nicht dulden will.

Die Dame des Hauses ist eine wahre Perle, hat aber die Schwäche, daß sie
keine Samoanerin ohne Busentuch in das Haus läßt und dadurch die Herren
insofern schädigt, als die Verkäuferinnen von Fischen, Schalthieren,
wilden Tauben, Gemüsen und Früchten das Haus meiden und der sonst
vorzüglich besetzte Tisch an einer gewissen Einförmigkeit leidet. Immer
nur Rindfleisch, Schinken, Wurst und eingemachte europäische Gemüse.
Dagegen hat sie die liebenswürdige Eigenschaft, Spaß zu verstehen, und
ich entsinne mich mit Vergnügen einer Scene, wo ich ihre Kenntniß der
Sprachen der verschiedenen Insulaner anzweifelte. Ihr besonderer Liebling
ist ein alter humpelnder Kingsmill-Insulaner, welcher die Dienste eines
Gärtners versieht und mit dem sie sich in den halsbrecherischsten Zungen
verständigt, wo thatsächlich aber wol die Gesten das Verständigungsmittel
bilden. Ich hatte sie beobachtet, wie sie dem Manne Anweisung gab, die
Blumen zu begießen, und erklärte am nächsten Tage in einer übermüthigen
Laune, die Sprache des Mannes auch zu verstehen. Als sie dies bezweifelte,
rief ich den Mann bei seinem Namen, redete irgendein unsinniges
Kauderwelsch und machte dazu die nothwendigen Zeichen, worauf der Alte
lachend weghumpelte; als er aber richtig mit der Gießkanne wiederkam, zog
ich mich schleunigst zurück, um dem Zorn der alten Dame zu entgehen.

Die Tischgesellschaft des Hauses besteht aus 10-16 Personen, je nachdem
Herren von den Plantagen oder entferntern Stationen in der Stadt anwesend
sind oder nicht. Die Mahlzeiten werden stets gemeinsam eingenommen und
zwar das erste Frühstück um 8 Uhr, das zweite Frühstück um 12½ und die
Hauptmahlzeit abends 6 Uhr. Die Zeit von morgens 8½ bis abends 5½ Uhr
gehört, mit Ausschluß einer einstündigen Mittagspause, den Geschäften.
Abends nach der Hauptmahlzeit wird ein Spaziergang gemacht und der Rest
des Tages mit Rauchen und Plaudern bei einem Glase Bier verbracht.
Lesen ist nach Eintritt der Dunkelheit wegen der dann unaufhörlichen
Angriffe der Mosquitos ausgeschlossen, wenngleich die geschäftlichen
Angelegenheiten oft die Herren zwingen, auch abends noch einige Stunden
am Schreibtisch zuzubringen. An den Sonn- und Festtagen werden in der
Regel Ausflüge zu Pferde nach den Plantagen, oder Picknick-Partien nach
bekannten schönen Punkten unternommen.

       *       *       *       *       *

Nach dieser Abschweifung will ich wieder zum 24. Juni zurückkehren. Herr
Weber schrieb zunächst an die Regierung, um derselben meinen Besuch für
den Nachmittag desselben Tages anzusagen, und orientirte mich dann noch
einmal über die hiesigen Verhältnisse und die vorliegenden Streitpunkte.
Ehe ich auf diese eingehe, muß ich aber dem genannten Herrn einige Worte
widmen, da sich die ganze Samoafrage, wie sie zur Zeit liegt, um diesen
thatkräftigen Mann gruppirt und dieser die Säule bildet, welche alles
überragend das ganze kleinliche Getriebe beherrscht.

Herr Weber kam im Jahre 1862, 18 Jahre alt, nach Samoa. Anderthalb Jahre
darauf, 1864, ging der damalige Leiter des Südseegeschäfts des Hauses
Godeffroy auf einer Reise nach den Tonga- und Fidji-Inseln, welche er in
einem kleinen Schooner unternahm, während eines Orkans mit dem Schiff zu
Grunde und Herr W. mußte zunächst als der Erste der Angestellten sowol
die Geschäftsleitung wie auch das Hamburgische Consulat übernehmen und
zeigte sich hierbei so befähigt, daß ihm das hamburger Haus nicht nur
die Oberleitung beließ, sondern er auch nach einem weitern Jahre von der
Freien Hansestadt Hamburg als ihr Consul bestallt wurde. Er wurde dann
1868 zum Consul des Norddeutschen Bundes und 1872 zu dem des Deutschen
Reiches für die Samoa- und Tonga-Inseln ernannt. Durch sein selbständiges
und geschicktes Auftreten bei den verschiedenen Conflicten zwischen
Samoanern und Europäern, welche fast stets durch die Eifersucht auf die
fortgesetzt steigende Bedeutung der deutschen Interessen hervorgerufen
worden waren, hatte er es bald dahin gebracht, daß ihm die führende
Rolle zufiel und in den meisten Fällen die Entscheidung seinen Absichten
entsprach. Zur Durchführung dieser Rolle kam es ihm sehr zu statten, daß
er die saure Arbeit nicht gescheut hatte, sich die Samoasprache soweit
anzueignen, daß er sie nicht nur sprach, sondern auch schrieb und dadurch
unabhängig von zweifelhaften Dolmetschern geworden war.

Als Herr W. nach Samoa kam, war das Südseegeschäft des Hauses G. erst im
Werden begriffen und beschränkte sich auf den Austausch von europäischen
Waaren gegen Landesproducte. Doch erkannte man bald, daß Plantagenbau
das zu erstrebende Ziel sein müsse, wozu indeß die Erwerbung von Land
erforderlich war. Herr W. begab sich kurz entschlossen an das Kaufgeschäft
und hatte dabei solchen Erfolg, daß das von ihm vertretene Handelshaus
heute im Besitz von etwa 120000 englischen Acker gleich 50000 Hectaren
Land ist, wovon inzwischen ungefähr 4000 Acker zu Plantagen umgewandelt
sind, welche letztere einen Werth von 1,800000 M. darstellen und im Jahre
1877 schon einen Ertrag von rund 300000 M. ergeben haben, welcher sich
auf das Doppelte steigern wird, wenn die jungen angepflanzten Kokospalmen
erst ertragfähig sind.

Es würde mich zu weit führen, wenn ich auseinandersetzen wollte, wie die
Thatkraft dieses Mannes es fertig gebracht hat, schließlich die Tonga-,
Ellice-, Kingsmill-Inseln und theilweise auch die Fidjigruppe, deren
Regierungscontract für Kopra das Haus hat, den deutschen Handelsinteressen
zu unterwerfen; erwähnt sei aber noch, daß Herr W. die Koprabereitung
in der Südsee eingeführt hat. Früher wurde das Kokosnußöl schon an Ort
und Stelle von den Eingeborenen auf rohe Weise gewonnen, wobei etwa die
Hälfte verloren ging. Dann wurde das schmutzige Oel in Fässern nach Europa
verschifft, wobei wieder viel durch Leckage verloren ging, und dort mußte
das Oel sofort umgefüllt und gereinigt werden. Diese außerordentlichen
Verluste drängten zu dem Versuch, den Kern der Nuß am Gewinnungsort gleich
zu trocknen und so nach Europa zu verschiffen. Der Versuch gelang, und
heute kennt man es bereits nicht mehr anders, ohne vielleicht zu wissen,
wem das Verdienst dafür zukommt. Die Gewinnung ist jetzt an Ort und
Stelle einfacher, dieselbe Nußzahl gibt in den sachgemäß hergerichteten
Oelpressen mehr wie den doppelten Ertrag an Oel und zwar reines Oel,
die Schiffe laden die Kerne ohne Umhüllung und sparen somit die Fässer,
die Rückstände der ausgepreßten Nuß geben ein in Europa theuerbezahltes
Viehfutter, die Production auf den Inseln ist durch die einfachere und
mit weniger Mühe verknüpfte Bereitungsart verfünffacht, und schließlich
kann das Haus in Europa, die Handelsconjuncturen benutzend, die ganze
Schiffsladung nach Belieben dirigiren, da die Kopra weder Verlusten noch
dem Verderben ausgesetzt ist, oder doch nur in verschwindendem Grade.

Die Regierung in Samoa wird zur Zeit aus zwei Körperschaften gebildet,
der Taimua, welche ungefähr dem Senat, und der Faipule, welche der
Bürgerschaft der Hansestädte entspricht. Sie ist seit 1874 am Ruder
und erwählte zu ihrem Berather unter dem Titel eines Ersten Ministers
den amerikanischen Oberst Steinberger, einen Mann, welcher vielfach ein
Abenteurer genannt worden ist und dem es unter dem Einflusse der damaligen
amerikanischen Regierung gelang, die Wahl auf sich zu lenken. Er wurde
von Fremden wie Eingeborenen in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde,
endlich einmal geordnete Zustände auf den Samoa-Inseln zu schaffen, gut
empfangen, verscherzte aber bald seine anfänglich günstige Stellung, da
er sich nicht nur als unfähig erwies, sondern durch seine Handlungen auch
noch den Verdacht erweckte, ein falsches Spiel zu treiben und alle übrigen
Interessen seinen eigenen unterzuordnen. Eine seiner ersten Handlungen
war, Malietoa den jüngern, einen wankelmüthigen, energielosen Mann, zum
König erwählen zu lassen, um dadurch den Einfluß der Taimua und Faipule
lahm zu legen und sich zum eigentlichen Herrn zu machen. Ungefähr zwei
Jahre lang ging die Sache noch gut, doch dann veranlaßten der englische
und amerikanische Consul, mit welchen Steinberger sich überworfen hatte,
im Verein mit dem König Malietoa, der sich die Anmaßungen dieses Mannes
auch nicht mehr gefallen lassen wollte, den Commandanten des englischen
Kriegsschiffs „Barracouta“, diesen gewaltsam zu entfernen. Dieser
Maßregel setzten die Eingeborenen zwar bewaffneten Widerstand entgegen,
erschossen dabei auch mehrere englische Matrosen, doch konnten sie
ihre Ausführung nicht verhindern. Das Vorgehen der beiden Consuln, bei
welchem der deutsche sich nicht betheiligte, wenngleich von deutscher
Seite die Entfernung Steinberger’s nicht bedauert werden konnte, ist
vielfach getadelt worden, weil man es auf persönliche Motive zurückführte.
Richtiger dürfte wol sein, daß beide Consuln eine Entwickelung wünschten,
welche ihren betreffenden Regierungen die Annectirung der Samoa-Inseln
ermöglichte oder doch denselben den maßgebenden Einfluß sicherte und beide
sich in Steinberger getäuscht sahen. Zur Zeit der gewaltsamen Entfernung
Steinberger’s war der deutsche Consul übrigens zufällig nicht in Apia
anwesend, sondern befand sich auf den Tonga-Inseln.

Die Entfernung Steinberger’s hatte insofern noch ein Nachspiel, als
nunmehr die Taimua und Faipule den König Malietoa absetzten, weil er die
Hand zur Beseitigung des von diesen Körperschaften erwählten Berathers
geboten hatte, und seit dieser Zeit herrscht auf den Samoa-Inseln in
gewissem Sinne wieder Anarchie, weil die verschiedenen Stämme ihre
betreffenden Königscandidaten zur Herrschaft bringen wollen und nur den
Kampf noch nicht wagen, weil kein Stamm zur Zeit sich zum Losschlagen
stark genug fühlt und die Taimua und Faipule als die vorläufig einzig
mögliche Regierungsform die Unterstützung der Consuln für sich haben.

Die deutschen Interessen beherrschen ganz Samoa, der Handel ist
ausschließlich in deutschen Händen und unsere Kriegsschiffe haben in
den letzten Jahren nicht nur wesentlich dazu beigetragen, den deutschen
Häusern den Besitzstand ihrer durch regelrechte Kaufbriefe erworbenen
großen Ländergebiete zu sichern, sondern auch die Samoaner zu belehren,
daß das Deutsche Reich auch über seinen Angehörigen in der Südsee wacht
und sie in ihren Rechten schützt. Trotzdem aber geben die Eingeborenen
gelegentlich doch immer wieder den Einflüsterungen einiger auf die stetig
wachsende Bedeutung der deutschen Interessen neidischer Rathgeber Gehör
und versuchen, sich an unsern Landsleuten zu reiben, bis das Eintreffen
eines deutschen Kriegsschiffes diesem Treiben wieder ein Ende macht. So
hatten sich denn auch jetzt in der Zeit, wo keins unserer Schiffe hier
gewesen war, einige Klagepunkte zusammengefunden, welche mir zu regeln
blieben, soweit es dem Consul nicht gelang, dies mit dem nunmehrigen
Rückhalt an unser Schiff allein zu thun.

Die für mich nur in Betracht kommenden Streitpunkte waren die drei
folgenden:

1. Die samoanische Regierung war noch immer im Rückstande mit der
vollständigen Begleichung einer alten Schuld, welche von dem letzten
Bürgerkriege her datirte und den Deutschen Ersatz für den ihnen durch
die Samoaner zugefügten Schaden geben sollte. Die Regierung hatte die
Berechtigung und die Höhe der gestellten Forderung anerkannt, hatte in
verschiedenen Theilzahlungen auch 2700 Mark abgetragen, den kleinen Rest
von 444 Mark wollte sie nun aber nicht mehr zahlen unter dem Vorwande,
daß sie kein Geld hätte.

2. Ein seit sechs Jahren in unbestrittenem deutschen Besitze befindliches
und an eine größere deutsche Pflanzung grenzendes Stück Land an der
Westspitze der Insel Upolu sollte neuerdings in Bearbeitung genommen
werden. Als die Arbeiten am 14. Juni begannen, kam ein französischer
Priester mit 50 bewaffneten Samoanern von der kleinen Insel Manono herüber
und suchte die Arbeiten mit Gewalt zu hindern, da er behauptete, durch
einen erst kürzlich abgeschlossenen Kauf der Besitzer des Landes geworden
zu sein, obgleich er wußte, daß das Land sich bereits lange in deutschem
Besitze befand. Um Blutvergießen zu vermeiden, hatten die Deutschen die
Arbeit zunächst eingestellt und die Regierung um Schutz ersucht.

3. Ein Häuptling hatte dem hamburger Hause Godeffroy vor acht Jahren
ein größeres Stück Land verkauft, auf welchem sich später auch einige
Eingeborene niederließen, denen vom Käufer das Verbleiben in ihren Hütten
und die Nutznießung der in der Nähe befindlichen Fruchtbäume bis zu dem
Zeitpunkte stillschweigend gestattet wurde, wo das deutsche Haus die
Bearbeitung des Landes in Angriff nehmen würde. Dieser Zeitpunkt war jetzt
gekommen, und nun behauptete der Verkäufer, daß das kleine Stück Land mit
der Niederlassung der Eingeborenen damals von dem Kauf ausgeschlossen
worden sei, obgleich der Kaufbrief das Kaufobject genau angibt und das
fragliche Stück Land innerhalb dieser Grenzen liegt.

Nachdem ich mich in allen drei Punkten von dem unzweifelhaften Rechte der
Deutschen überzeugt hatte, sagte ich meine Unterstützung zur Regelung zu
und ersuchte den Consul nur, zunächst noch einmal ohne meine Mitwirkung
eine Verständigung zu versuchen. Daß dieser Versuch nur theilweisen Erfolg
hatte, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung ergeben.

Am Nachmittag machte ich den Regierungsmitgliedern meinen Besuch, wobei
der Consul mich begleitete und auch einen Dolmetscher mitnahm, weil
er den Grundsatz festhält, bei allen förmlichen und geschäftlichen
Angelegenheiten einen solchen mit heranzuziehen, da die Samoaner in
derartigen Angelegenheiten ein etwas weites Gewissen haben und dazu
neigen, die getroffenen Vereinbarungen abzuleugnen oder zu verdrehen. Die
Mitglieder der Taimua und Faipule waren in der Regierungshütte bereits
anwesend und in dem täglichen Anzug der Häuptlinge, d. h. sie hatten
ein weißes Hemd an und über dieses das Hüfttuch, hier Lava-lava genannt,
gebunden; in der Hand trugen sie das Abzeichen der Häuptlinge, einen aus
den Rindenfasern der Kokospalme gefertigten Fliegenwedel. Wir setzten
uns mit untergeschlagenen Beinen auf die ausgebreiteten Matten so hin,
daß unsere Rücken der offenen Seite der Hütte und unsere Gesichter der
Mitte derselben zugekehrt waren. Uns gegenüber nahm eine Gruppe Platz,
welche mich vorzugsweise interessirte, nämlich die Kawa-Bereiterinnen.
Es waren fünf junge nur mit dem Lava-lava bekleidete Leute, drei Mädchen
und zwei Männer, welche ein so fremdartiges Bild abgaben, daß ich ihnen
mehr Aufmerksamkeit zuwandte, wie den nichtssagenden Phrasen, die mit den
Machthabern ausgetauscht wurden.

In der Mitte zwischen den beiden Männern sitzen mit untergeschlagenen
Beinen die Mädchen, vor sich die aus einem einzigen Stück Holz
geschnittene Kawa-Bowle, eine mit vier kräftigen Füßen versehene runde
Schüssel von etwa 50 cm Durchmesser. Ehe die Männer Platz nehmen, reichen
sie noch den Mädchen in Kokosnußschalen frisches Wasser, mit welchem
diese sich, dabei ihre schönen weißen Zähne zeigend, den Mund ausspülen
und die Hände waschen. Dann schneiden die Männer mit einem Messer kleine
Stücke von einer weißlichen Wurzel ('Piper methysticum') ab, welche von
den bequem und etwas in sich gesunken dasitzenden Mädchen in den Mund
gesteckt und gekaut werden. Anfänglich ist die Arbeit des Kauens kaum zu
bemerken, die kleinen Stücke mehren sich aber und die Unterkiefer müssen
einen immer größern Bogen beschreiben, bis der Mund die Masse nicht mehr
bewältigen kann, die während des Kauens geschlossen gehaltenen Lippen sich
öffnen, ein breiiger Kloß von über Wallnußgröße in die untergehaltene
Hand und von dieser in die Schüssel fällt. Sobald eine genügende Zahl
solcher Klöße beisammen ist, waschen die Mädchen sich wieder Mund und
Hände, den Mund jedenfalls, um den beißend bittern Geschmack der Wurzel
einigermaßen zu beseitigen, und nun beginnt die in der Mitte Sitzende aus
dem Brei das Getränk zu bereiten. Nachdem einige Kokosnußschalen Wasser
dazugegossen, wird das Ganze mit den Händen solange durchgearbeitet, bis
eine vollkommene Vermischung erreicht ist und das Getränk eine hellgraue
Farbe angenommen hat. Dann wird ein Bündel zusammengereihter Baststreifen
zur Hand genommen und mit diesem, ähnlich wie mit einem Schwamm, die
Flüssigkeit in der Weise durchgeseiht, daß die Baststreifen an beiden
Enden gefaßt, vorsichtig durch dieselbe gezogen, dann zusammengelegt und
ausgerungen werden, und zwar dies letztere mit einer ganz eigenthümlich
unnachahmlichen Hand- und Armbewegung. Nach dem Ausringen wird das
Bastbündel mit einigen kräftigen Schlägen ausgeschüttelt, um die darin
zurückgebliebenen kleinen festen Bestandtheile zu beseitigen, und diese
Manipulation wird so oft wiederholt, bis sich keine Rückstände mehr
zeigen. Ist dies erreicht, dann ist der Trank, welcher in Samoa für die
größte Delicatesse gehalten wird, fertig.

Als der Consul den Samoanern andeutete, daß unsere Zeit abgelaufen
sei, wurde den Mädchen ein Zeichen gegeben, worauf die beiden seitlich
Sitzenden sich erhoben und der mittlern eine Kokosnußschale hinhielten, um
dieselbe füllen zu lassen. Dies wurde auch mit dem Bast bewerkstelligt,
indem er eingetaucht und mit einer schnellen Bewegung über die Schale
gehalten wurde, sodaß die Flüssigkeit in diese hineinlief. Die ersten
Schalen wurden den Gästen, dem Consul und mir, gebracht, dann erst kamen
die Samoaner an die Reihe, und ich mußte den Anstand bewundern, welcher
bei dieser Bewirthung beobachtet wurde. Die Mädchen kamen nicht direct
auf uns zu, sondern durchschritten den leeren Raum der Hütte, verließen
dieselbe neben dem letzten unsern Halbkreis bildenden Samoaner, gingen
hinter unsern Rücken herum und traten erst bei denjenigen, für welche der
Trunk bestimmt war, wieder in die Hütte, beugten vor diesen ein Knie,
reichten die Schale und traten dann zur Seite. Als dem Consul und mir
die Kawa gereicht wurde, sagte mir der Herr, daß ich nicht zu trinken
brauche, wenn ich nicht wolle, ich müsse nur die Schale in Empfang nehmen
und sie dann wieder zurückgeben. Als ich aber sah, wie er selbst, an den
Genuß schon gewöhnt, die Schale austrank und sie dann als Zeichen, daß
sie geleert sei, mit einem besondern Handgriff nach der Mitte der Hütte
zu von sich schleuderte, sodaß sie sich mit der Oeffnung nach oben wie
ein Kreisel drehte, nahm ich wenigstens einen herzhaften Schluck, ehe ich
die Schale der braunen Hebe wieder einhändigte. Da für alle Anwesenden
nur zwei Schalen in Gebrauch genommen wurden, so mußten sie immer wieder
gefüllt werden und wurden in dem Falle, wo sie nicht ausgetrunken waren,
nur nachgefüllt. Die Portionen wurden immer kleiner, da die Personenzahl
zu groß war, und für die letzten wurde der Bast schon ausgerungen, um
alles herauszupressen. Vor diesem Besuch war mir die Art der Kawabereitung
erklärt und die Nothwendigkeit des Trinkens auseinandergesetzt worden,
und ich schauderte bei dem Gedanken an diesen ungewohnten Genuß, doch
wurde es mir nachher ziemlich leicht, da das ganze Drum und Dran, die
würdevolle Haltung der Samoaner, das gedämpfte Sprechen, die graziösen
Bewegungen der zierlichen Hände und die prächtigen Zähne der jugendlich
frischen, anmuthigen und hübschen Mädchen, die Sauberkeit und Ordnung in
der Hütte, die beobachtete Etikette, einen so tiefen Eindruck auf mich
gemacht hatte, daß ich an die eigentliche Bereitung gar nicht mehr dachte,
als die hübsche, freundliche Spenderin mir mit ermunterndem, einladendem
Blick den Trank reichte, sondern mich nur durch den beißenden Geschmack
des Getränks abhalten ließ, die ganze Schale zu leeren.

Die nächsten Tage brachten viel Unruhe für den Consul und mich, die wir
für die deutschen Interessen verantwortlich waren, mancherlei Sorge und
sogar Aufregung, da auch noch ein amerikanisches Kriegsschiff anfing,
sich in unsere Angelegenheiten zu mischen, oder die Anwesenheit desselben
doch den auf amerikanischen Schutz rechnenden Samoanern Veranlassung
gab, uns Schwierigkeiten zu bereiten. Jedenfalls haben, zunächst absehend
von den officiellen Persönlichkeiten, die ortsanwesenden Amerikaner die
Samoaner zum Widerstand gegen uns aufgereizt, und diese waren zweifellos
der Ansicht, daß ihre Rathgeber nicht ohne Wissen und Zustimmung des
amerikanischen Consulatsbeamten und Schiffscommandanten handelten. So kam
es, daß nur der zweite Klagepunkt eine glatte Erledigung fand, indem der
Plantagenverwaltung der Befehl zuging, die Arbeiten auf dem bestrittenen
Stück Land wieder aufzunehmen, und der Regierung mitgetheilt wurde,
daß ein fernerer Angriff nicht geduldet werden würde. Der französische
Priester stellte sich danach zwar persönlich im Consulat ein, um einen
Vergleich zu versuchen, mußte aber abgewiesen werden, da er füglich vor
seinem thätlichen Angriffe eine Verständigung hätte versuchen müssen,
andererseits ja aber das durch die samoanische Regierung anerkannte
deutsche Recht klar zu Tage lag.

In dem Punkte 1, Zahlung der noch ausstehenden 444 Mark, war schließlich,
da die Samoaner ohne stichhaltige Gründe dieselbe verweigerten, von dem
Consul eine letzte Frist gestellt worden, welche auch nicht eingehalten
wurde, worauf die Sache in meine Hände überging. In dem Punkt 3 hatte die
samoanische Regierung am 26. Juni dem deutschen Hause das Eigenthumsrecht
an dem in Frage stehenden Stück Land erneut zuerkannt, bestritt dasselbe
jedoch wieder und forderte für diesen Fall den Rechtsspruch eines
amerikanischen Consulatsbeamten, welcher mit dem für die nächsten Tage
erwarteten amerikanischen Kriegsschiffe kommen sollte. Diese Zumuthung
wurde von uns selbstverständlich zurückgewiesen, worauf die Hütten am 1.
Juli zwar geräumt, am 2. aber wieder bezogen wurden.

Am 27. Juni hatte der zwischen San-Francisco und Australien laufende
Postdampfer außerhalb des Hafens von Apia und ohne zu ankern mehrere
Personen, Amerikaner, abgesetzt, welche aus früherer Zeit in Apia
wohlgekannt waren und deren plötzliches Erscheinen von deutscher Seite
mit berechtigtem Mistrauen und von einem großen Theil der Samoaner mit
Sorge betrachtet werden mußte. Es gab denn auch gleich Unruhe genug, da
bald die verschiedensten Gerüchte die Stadt durchschwirrten, welche alle
darin gipfelten, daß es nunmehr mit der deutschen Herrlichkeit auf den
Samoa-Inseln ein Ende habe, da in den nächsten Tagen ein amerikanisches
Kriegsschiff einen zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und
den Samoa-Inseln abgeschlossenen Vertrag brächte, nach welchem Amerika
das Protectorat über die Inseln übernehmen und die Eingeborenen dann all
das an die Deutschen verkaufte Land unentgeltlich wieder zurückerhalten
würden. Welchen Eindruck diese Gerüchte auf die in Rechtsfragen
kindlich denkenden Samoaner machten, sahen wir an dem Auftreten der
Regierungsmitglieder, welche sich plötzlich auf das hohe Roß setzten und
anfingen, eine gewisse Anmaßung zur Schau zu tragen.

Am 29. traf denn auch schon das amerikanische Kriegsschiff ein und
brachte neben einem höhern amerikanischen Consulatsbeamten noch einen
Samoaner, Namens Mamea, und einen frühern amerikanischen General mit
Namen Bartlett mit. Mamea war ein Abgesandter der samoanischen Regierung,
welcher den Auftrag gehabt hatte, mit der amerikanischen Regierung einen
Freundschaftsvertrag abzuschließen, und Bartlett war der von Mamea für
24000 Mark jährlichen Gehalt gewonnene neue Berather und erste Minister
der Samoa-Regierung. Die Personen, welche für die Zeit der nächsten drei
Wochen in Apia nahezu alles auf den Kopf stellen sollten, waren beisammen,
und der Tanz, welcher für die Deutschen den Abschluß eines Lustspiels
fand, konnte beginnen.

Ehe ich nun auf die Ereignisse selbst eingehe, muß ich dasjenige noch
anführen, was in Apia über die Vorgeschichte des amerikanisch-samoanischen
Vertrages erzählt wird. Ich sage „erzählt wird“, weil ich selbst ja keinen
Einblick in die wirklichen Verhältnisse erhalten konnte.

Es hatte sich in frühern Jahren in Apia eine von Amerikanern, denselben
Leuten, welche am 27. Juni von dem Postdampfer gelandet wurden, gegründete
Landcompagnie gebildet, welche mit wenig Geld große Ländereien in der
Weise ankaufte, daß sie nur kleine Anzahlungen machte, für welche die
Verkäufer Interimsquittungen ausstellten, ihr Land aber bis zur Zahlung
des ganzen Kaufpreises behielten. Die Gesellschaft hatte sich aber
verrechnet, fallirte und die zwei Hauptunternehmer erboten sich später,
den Samoanern einen Freundschaftsvertrag mit den Vereinigten Staaten zu
erwirken, dessen Hauptzweck sein sollte, den Samoanern ihre Unabhängigkeit
zu sichern und sie in der Weise vor fremder Willkür zu schützen, daß
dauernd ein amerikanisches Kriegsschiff in Apia stationiren solle. Um
dies zu erreichen, sollte Amerika das Protectorat übernehmen. Ein solcher
Vertrag, bei dem von einer Gegenleistung seitens der Beschützten keine
Rede war, leuchtete den kindlichen Samoanern ein, und sie erwählten zu
ihrem Abgesandten den Schreiber Mamea, welcher sich bald darauf mit den
beiden Amerikanern, die auch alle seine Ausgaben bestreiten wollten,
auf den Weg nach San-Francisco machte. Sehr verdacht wurde es zwar der
Regierung, daß sie einen niedrig geborenen Mann zum Gesandten erwählt
hatte, doch begründete sie die Wahl mit der Thatsache, daß nur er genügend
mit der englischen Sprache vertraut sei, um ohne Dolmetscher durchkommen
zu können.

Am Tage nach der Ankunft der amerikanischen Corvette wußte ganz Apia,
daß Mamea zwar seine Aufgabe gelöst habe, aber keineswegs nach dem Sinne
seiner Auftraggeber, denn das, was diese gewünscht hatten, sollte in
dem Vertrage nicht enthalten sein, dafür aber sollten die Samoaner eine
Menge Verpflichtungen übernommen und auch ihren Hafen Pago-Pago an die
Vereinigten Staaten abgetreten haben, ohne als Gegenleistung irgendwelche
Rechte zu erhalten. Von allen Seiten stürmten nun Vorwürfe auf die
Regierung ein, welche sich zunächst dadurch deckte, daß sie versprach, den
Vertrag nicht ratificiren zu wollen, während von anderer Seite behauptet
wurde, daß der von Mamea namens der samoanischen Regierung abgeschlossene
Vertrag von der washingtoner Regierung bereits ratificirt sei und den
Samoanern daher keine andere Wahl bliebe, als ebenfalls zu ratificiren.
Inzwischen schien das sichere und selbstbewußte Auftreten aller Amerikaner
allerdings anzudeuten, daß sie die Samoa-Inseln bereits in ihrer Tasche
wähnten, und wir Deutsche wurden in den ersten Tagen von den Samoanern
kaum noch der Beachtung werth befunden.

Zum 2. Juli nachmittags hatten die Taimua und Faipule mir ihren
Gegenbesuch angesagt und ich hatte mich am Vormittag dieses Tages, nachdem
mir die Mittheilung geworden war, daß die Hütten auf dem bestrittenen
Stück Land (Klagepunkt 3) wieder bezogen worden seien, damit einverstanden
erklärt, daß diese Frage zu derselben Stunde, wo die Eingeborenen mich
besuchen würden, in der mir vorgeschlagenen Weise ihre Erledigung fände.
Die Samoaner kamen in den ihnen von mir zur Verfügung gestellten Booten
an Bord, ich bewirthete sie, und während wir bei einer Cigarre oben auf
Deck unter dem Sonnenzelt saßen, machte der Dolmetscher mich auf einen
großen Feuerschein am Lande, auf ein brennendes kleines Dorf aufmerksam.
Als meine Gäste dann unruhig wurden, ließ ich ihnen sagen, daß sie sich
nicht zu beunruhigen brauchten, weil das Feuer auf einer deutschen
Plantage sei und ich den Auftrag zu der Brandlegung gegeben habe, um
damit die mit den Häusern zusammenhängende Streitfrage auf die einfachste
Weise zu erledigen. Ich hatte meinen Zweck wol erreicht, denn die
Blicke der Eingeborenen, welche von mir zu der dicht neben uns liegenden
amerikanischen Corvette und von dieser wieder zu dem brennenden Dorfe
wanderten, schienen mir zu sagen, daß die Leute doch zu der Erkenntniß
gekommen seien, daß mit den Siamanis (Siamani, aus dem englischen
„'German'“ hervorgegangen, ist die samoanische Bezeichnung für Deutscher)
nicht zu spaßen sei. Daß das deutsche Haus den geschädigten Eingeborenen,
welche von ihrem Häuptling keine Entschädigung zu erwarten hatten, den
vollen Werth der niedergebrannten Hütten in Geld ersetzen würde, obgleich
es nicht dazu verpflichtet war, brauchten die Machthaber vorläufig noch
nicht zu wissen.

Dieser Gewaltmaßregel folgte gleich am Vormittag des 3. Juli die zweite,
indem ich der Taimua schrieb, daß ich, wenn die rückständigen 444 Mark
bis zum 5. Juli 10 Uhr vormittags nicht bezahlt seien, das Geld mit
Gewalt eintreiben würde. Aus bestimmten Gründen wählte ich nicht den
nächsten Tag, sondern ließ ihnen zwei Tage Bedenkzeit. Am 5. morgens
mit Tagesanbruch wurde ich geweckt und erhielt die Mittheilung, daß
auffallend viele bewaffnete Eingeborene, es müßten schon über 300 sein,
von ferner gelegenen Küstenpunkten kommend, das Schiff passirt hätten und
in Mulinu’u gelandet wären, mithin dort wol etwas im Werke sein müsse.
Im Schiff wußte nämlich niemand etwas davon, daß heute möglicherweise
eine ernste Entscheidung fallen sollte, nur waren am Tage vorher vom
Lande aus Gerüchte zu uns gedrungen, daß die amerikanische Corvette
sich verpflichtet habe, die Samoaner gegen etwaige Gewaltmaßregeln von
unserer Seite zu schützen, welchen Gerüchten ich indeß aus nahe liegenden
Gründen keine Bedeutung beimessen konnte, wenngleich ich auch diese
unwahrscheinliche Möglichkeit mit in meine Berechnung ziehen mußte. Da
ich den Samoanern bis 10 Uhr Frist gegeben hatte, konnte die Thatsache
der Zusammenziehung ihrer Streitkräfte an meinen Dispositionen übrigens
nichts ändern.

Der Verabredung gemäß kam der Consul kurz nach 10 Uhr an Bord und brachte
die Nachricht, daß das Geld bis zur gestellten Frist nicht gezahlt
worden sei und die Samoaner zum äußersten Widerstand entschlossen zu sein
schienen. Er betrachte die Lage als ernst, da die Samoaner eine uns an
Zahl weit überlegene Streitmacht zusammengezogen und eine ziemlich starke
Vertheidigungsstellung eingenommen hätten, auch mit guten Hinterladern
versehen seien. Zehn Minuten später waren unsere Boote bewaffnet und das
Schiff lag gefechtsklar, nach weitern zehn Minuten waren die Signale für
das etwa nothwendige Eingreifen unserer Schiffsartillerie verabredet
und kurz vor 11 Uhr wollte ich eben mit dem Consul, welcher sich
durchaus nicht zum Zurückbleiben bewegen ließ, sondern darauf bestand,
den Waffengang mitzumachen, mein Boot besteigen, um vorzugehen, als an
der andern Schiffsseite ein Kanu anlegte und ein in größter Aufregung
befindliches Regierungsmitglied an Bord kam, um uns anzuzeigen, daß eine
Deputation in dem deutschen Consulat auf uns warte, um den Restbetrag
der Schuld zu tilgen. Gleichzeitig bat der Mann uns inständigst, doch ja
von Gewalt abzusehen, da sie ja alles thun wollten, was wir wünschten,
und sie nur von den Amerikanern zum Widerstand gereizt worden wären,
weil diese ihnen Hülfe von der amerikanischen Corvette versprochen
hätten. Wir konnten mit diesem Abschlusse ja zufrieden sein und nur die
armen Samoaner bedauern, welche, den Vorspiegelungen einiger Abenteurer
Glauben schenkend, sich zwischen zwei Feuer begeben hatten. Vorläufig
noch in dem Wahne lebend, daß die kleinere amerikanische Corvette unserm
Schiff überlegen sei und der amerikanische Commandant uns bei nächster
Gelegenheit ohne weiteres aus dem Hafen weisen würde, womit dann die
Rückerstattung des den Deutschen früher verkauften Landes verknüpft
wäre, warfen diese großen Kinder sich den Amerikanern ganz in die Arme.
Bei dieser Gelegenheit wie für das Folgende betone ich übrigens, daß ich
die officiellen amerikanischen Persönlichkeiten von meiner Darstellung
ausgeschlossen sehen will, sofern ich sie nicht jedesmal ausdrücklich
nenne. Inwieweit und ob überhaupt die Haltung dieser Herren auf den ganzen
Verlauf der fernern Ereignisse von Einfluß gewesen ist, entzieht sich
der Besprechung durch mich; nur so viel kann ich sagen, daß sie nichts
gethan haben, um der durch ihre Landsleute hervorgerufenen und fortgesetzt
geschürten feindlichen Stimmung gegen Deutschland zu steuern, weshalb man
in Apia allgemein annahm, daß das amerikanische Kriegsschiff die Aufgabe
habe, von den Samoa-Inseln Besitz zu ergreifen. Wegen meiner amtlichen
Stellung enthalte ich mich daher mit Bezug auf die Amerikaner jeder
Ansichtsäußerung und gebe nur das, was man sich auf den Straßen erzählte.

Durch den friedlichen Abschluß dieser Angelegenheit und die
entgegenkommenden Versicherungen der Samoaner ließen wir uns
indeß nicht einschläfern, denn die uns am Abend vorher durch ein
Regierungsmitglied zugegangene Nachricht, daß die Taimua und Faipule
den amerikanisch-samoanischen Vertrag bereits am 3. Juli im geheimen
ratificirt habe, sagte uns, daß die Hauptarbeit für uns nun erst beginnen
würde. Daß der Vertrag überhaupt ratificirt werden würde, hatten wir
nie bezweifelt; daß dieser Act aber von der augenblicklichen Regierung
allein und nicht dem samoanischen Brauche gemäß unter Mitwirkung der
verschiedenen Landesbezirke ausgeführt worden war, mußte unsere Bedenken
erregen, weil bei den zerfahrenen politischen Verhältnissen auf den
Inseln innere Unruhen zu befürchten waren. Auch trat an den deutschen
Consul nunmehr die Nothwendigkeit heran, auf Grund einer in seinen Händen
befindlichen schriftlichen Verpflichtung der jetzigen Regierung vom
Jahre 1877, daß dem Deutschen Reiche stets dieselben Rechte zuzugestehen
seien, welche einer andern Macht etwa gewährt würden, für Deutschland
einen gleichen Vertrag zu fordern, wie er mit den Vereinigten Staaten
von Nordamerika abgeschlossen worden war. Diese Forderung konnte aber
nicht eher gestellt werden, bis die erfolgte Ratificirung auf legalem
Wege bekannt geworden war, und dies geschah erst am 8. Juli, worauf noch
an demselben Tage die entsprechende deutsche Forderung der samoanischen
Regierung zugestellt wurde. Mündliche Angaben einiger Regierungsmitglieder
besagten dann, daß der von unserm Consul geforderte Vertrag in den
nächsten Tagen abgeschlossen werden könne, die schriftliche Antwort
lautete aber nicht nur ausweichend, sondern auch noch herausfordernd,
indem die Samoaner die frühere Abmachung für nicht bindend erklärten und
die Meinung äußerten, daß sie allein zu bestimmen hätten, mit wem sie
Verträge abschließen wollten. Wer hinter dieser kühnen, den Samoanern gar
nicht ähnlichen Sprache steckte, war uns nicht zweifelhaft.

Die nächsten Tage brachten nun viel Verwirrung in Apia, viel Lug und
Trug, wobei sich nur eins klar herausstellte, daß die Taimua und Faipule
eine durchaus würdelose Gesellschaft waren, von deren Mitgliedern ein
Theil abends spät im deutschen Consulat vorsprach, Mittheilungen über
das Treiben der Amerikaner brachte, einer den andern verdächtigend und
alle versichernd, daß sie nur deutschen Einfluß auf den Samoa-Inseln
wünschten und von den Amerikanern bald wieder befreit zu werden hofften.
Die amerikanische Corvette wollte nach Ratificirung des Vertrages
gleich wieder nach San-Francisco zurückkehren, während von anderer Seite
behauptet wurde, daß das Schiff noch Monate lang hier bliebe, um erst nach
unserm Weggange seine eigentliche Aufgabe zu lösen; hatten die Amerikaner
wirklich besondere Absichten, dann waren sie jedenfalls unklug gewesen,
sich mit ihren abenteuernden Landsleuten so weit einzulassen, wie sie es
gethan haben, denn diese konnten nicht schweigen. Der General Bartlett
wurde von den Samoanern als erster Minister nicht anerkannt, schrieb
dies dem Einfluß seiner eigenen Landsleute zu und fing an, gegen diese
zu wühlen. Einer der von den Amerikanern angenommenen Dolmetscher stand
unter deutschem Einflusse und brachte uns die bedenklichsten Nachrichten.
Der amerikanische Consulatsbeamte, welcher dem bisherigen hiesigen
amerikanischen Consul seine Versetzung nach den Fidji-Inseln, anzutreten
nach Eintreffen seines Nachfolgers, mitgebracht hatte, trat als Herr
der Lage auf. Die Engländer fanden, da keins ihrer Schiffe anwesend war,
Anlehnung an uns. Und die Samoaner wußten weder ein noch aus, waren an
dem einen Tage unsere Feinde und suchten am nächsten unsere Freundschaft.

Endlich am 14. Juli fing die Lage an sich zu klären. Die Samoaner hatten
ihre Vorbereitungen beendet und für die Tage des 17., 18. und 19. Juli
ein großes Fest ausgeschrieben, an welchem die Abgesandten aller Bezirke
der Samoa-Inseln theilzunehmen hatten und welches den Amerikanern und
uns zu Ehren gegeben werden sollte. Doch war es außer Zweifel, daß das
Fest nur für die Amerikaner bestimmt war und bei dieser Gelegenheit die
feierliche Bekanntgabe des zwischen Samoa und Amerika abgeschlossenen
Vertrages erfolgen sollte; außerdem aber sollte, nach uns zugegangenen
und von uns für durchaus zuverlässig gehaltenen Nachrichten, den von den
Tänzen und der Aufregung der Festlichkeiten berauschten Samoanern von
ihrer Regierung der Vorschlag gemacht werden, sich unter den Schutz der
amerikanischen Regierung zu stellen, worauf die Taimua und Faipule dann
den amerikanischen Consulatsbeamten bitten sollten, von den Samoa-Inseln
namens seiner Regierung Besitz zu ergreifen. Gründete dieses Gerücht
sich wirklich auf Thatsachen und ließen die Samoaner sich im Rausche
zu dem geplanten Schritte verleiten, dann hing es nur von dem Gutdünken
des genannten Herrn ab, ob er den Staatsstreich wagen wolle oder nicht.
Jedenfalls lag in diesem Falle die Befürchtung nahe, daß die ganze
Regierungsgewalt unter äußerlicher samoanischer Hoheit in amerikanische
Hände übergehen und der deutsche Handel dann bald vernichtet sein
würde. Die Sandwich-Inseln geben ja ein ziemlich klares Bild von den
wahrscheinlichen Folgen einer eingeborenen Regierung unter amerikanischen
Ministern. Es war daher durch einen Gewaltstreich der angedeuteten Art
für die Deutschen so viel zu verlieren, daß wir möglichem Unheil vorbeugen
mußten.

Unter solchen Verhältnissen war eine Betheiligung an den Festen von
unserer Seite ausgeschlossen, und wir würden denselben auch in dem Falle,
daß unsere Forderungen erfüllt worden wären, fern geblieben sein, da wir
nach der Vorgeschichte dieser Veranstaltungen dabei nur eine zweifelhafte
Rolle hätten spielen können. Am 14. Juli traf auf dem deutschen Consulat
die förmliche Einladung der Samoa-Regierung zu den Festen für uns ein,
und damit war uns die Handhabe zur Erneuerung unserer Forderungen gegeben.
Unsere Antwort lautete, daß wir die Einladung nur dann annehmen könnten,
wenn dem Deutschen Reiche vorher ein Vertrag mit denselben Rechten, wie
sie der amerikanischen Regierung zuerkannt seien, zugesichert und bis zum
nächsten Vormittag der Zeitpunkt für die Vertragsverhandlungen genau und
schriftlich bezeichnet würde. Als nun im Laufe des Nachmittags des 14.
dem Consul das vorstehend erwähnte Gerücht über die von den Samoanern
beabsichtigte Abtretung der Samoa-Inseln an Amerika zuging, hielt dieser
Herr es für nothwendig, unsererseits sichernde und vorbeugende Maßregeln
zu ergreifen, und machte den kühnen Vorschlag, zwei samoanische Häfen mit
Beschlag zu belegen und als Faustpfand zu behalten, bis die Samoaner ihre
Verpflichtungen gegen Deutschland erfüllt hätten. Nach kurzer Bedenkzeit,
welche ich mir erbeten hatte, stimmte ich dem Vorschlage zu, weil ich
ihn für gut und wahrscheinlich ausführbar hielt, und in der erfolgten
Ausführung die deutschen Interessen vorläufig geborgen sah.

Am 15. Juli, mittags 12 Uhr, war von den Samoanern noch keine Antwort
eingetroffen; um 1 Uhr fing unser Schlot an zu rauchen; das Schiff wurde
seeklar gemacht; der Consul, sowie zwei Halbweiße, ein Dolmetscher und
ein Lootse für die als Faustpfand in Aussicht genommenen Häfen Saluafata
und Falealili, kamen an Bord, und um 3 Uhr dampften wir in See. Um 5
Uhr ankerten wir vor Saluafata in einem vorzüglichen, gegen alle Winde
geschützten Hafen; einige Eingeborene kamen noch an Bord, Früchte zum Kauf
anzubieten, und kurz vor Eintritt der Dunkelheit wurden unser Dolmetscher
und Lootse an Land geschickt, um den Häuptling auf das vorzubereiten, was
er am nächsten Morgen zu erwarten habe. Einerseits mußte, um nach unserer
Ansicht die Beschlagnahme rechtsverbindlich zu machen, der Besitzer des
Hafens bei dem Acte zugegen sein, oder aber den Platz, nachdem er vorher
von allem unterrichtet worden war, verlassen haben, andererseits war
die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, bewaffneten Widerstand zu finden,
sobald wir eine bewaffnete Truppe ohne vorherige Ankündigung landeten.
Der Dolmetscher hatte den Auftrag, dem Häuptling mitzutheilen, daß die
Samoa-Regierung sich neuerdings weigere, alte, den Deutschen früher
zugestandene Rechte anzuerkennen, und wir daher gezwungen seien, vorläufig
und so lange den Hafen von Saluafata für die deutsche Regierung in Besitz
zu nehmen, bis diese Rechte anerkannt seien. Ich hätte nicht die Absicht,
sonst irgendwelche Gewalt zu brauchen, und hoffe, daß sein Benehmen so
verständig sein würde, daß ich an meiner Absicht festhalten könne. Im
übrigen würde die Rückerstattung des Hafens seinerzeit sicher erfolgen
und irgendein Schaden könne daraus für ihn nicht erwachsen.

Bald nach dem Landen unserer Abgesandten wurde es in Saluafata lebendig
und sehr geräuschvoll, mehrere Trommeln wurden unermüdlich bis um 2 Uhr
nachts geschlagen und viel Geschrei drang bis zu uns herüber. Nach Ansicht
des Consuls bedeutete dies eine Alarmirung aller streitbaren Männer;
er vermuthete, daß eine große Zahl bewaffneter Eingeborener, welche
auf dem Wege nach Apia zur Theilnahme an den geplanten Festlichkeiten
seien, sich hier zusammengefunden und Nachtquartier genommen hätten. Um
gegen einen etwaigen Ueberfall gesichert zu sein, ließ ich das Schiff
in Vertheidigungszustand setzen, und die halbe Mannschaft war während
der Nacht stets gefechtsbereit auf Deck. Als es um 2 Uhr an Land ruhig
geworden war und sich dann bis 4 Uhr nichts Verdächtiges zeigte, legte
ich mich noch etwas hin, wurde aber schon um 6 Uhr wieder geweckt, da
unser Dolmetscher und der Lootse in einem Kanu von Land gekommen waren
und mich augenblicklich zu sprechen forderten. Ich ließ die Leute in die
Kajüte kommen und wir hörten -- der Consul hatte auch sein Bett verlassen
--, daß, wie letzterer richtig vermuthet hatte, an 1000 mit Hinterladern
bewaffnete Eingeborene in Saluafata anwesend und entschlossen seien, uns
nicht an Land zu lassen. Sie selbst wären während der Nacht in größter
Lebensgefahr gewesen, trotzdem ihre Mütter und Frauen Häuptlingstöchter
seien, und hätten noch vor Tagesanbruch das Land heimlich verlassen. Der
größte Theil der Eingeborenen hätte schon während der Nacht einen Angriff
auf das Schiff machen wollen, weil ihre Spione, die am Abend vorher als
Fruchtverkäufer an Bord gewesenen Leute, die Nachricht an Land gebracht
hätten, daß das Schiff keine Kanonen habe. Diese waren nämlich für die
Nacht mit ihren Bezügen zugedeckt gewesen und wurden deshalb von den
Eingeborenen nicht als solche erkannt. Nach langen Verhandlungen wäre
dieser Plan aber fallen gelassen worden, weil ein alter weiser Häuptling
den Ausspruch gethan habe, daß sie vollkommen recht hätten, wenn sie die
Wegnahme unsers Schiffes als eine Kleinigkeit betrachteten; er wisse aber
noch etwas Leichteres und schlüge vor, gleich damit vorzugehen, nämlich
den Hafen erst auszuschöpfen und das Schiff zu nehmen, wenn es auf dem
Trocknen läge. Nach diesem Vorschlage sei ernüchternde Ruhe eingetreten
und der Plan eines nächtlichen Angriffes aufgegeben worden.

Inzwischen hatte der Dolmetscher, welcher äußerlich ein bejammernswerthes
Bild abgab und sich kaum auf den Füßen halten konnte, erklärt, daß er
gleich zum Arzt müsse, weil der während der Nacht ausgestandene Schreck
ihn so krank gemacht habe, daß er sterben würde. Nachdem ich den Mann
dem Schiffsarzt überwiesen hatte, verhandelten wir mit dem Lootsen,
welcher seine Fassung einigermaßen bewahrt hatte, weiter und kamen zu
dem Schlusse, daß Saluafata möglicherweise nicht ohne Blutvergießen zu
nehmen sein würde. Besonders ernst stimmten uns der Zustand unserer beiden
Halbweißen und ihre Auffassung der Lage, denn da sie in samoanischen
Verhältnissen aufgewachsen und mit angesehenen Häuptlingsfamilien verwandt
waren, vermochten sie wohl zu beurtheilen, wie weit die Eingeborenen
gehen würden, andererseits waren gerade diese beiden Leute als muthige,
unerschrockene Männer bekannt und hatten diese Charaktereigenschaften
schon in verschiedenen Lagen bewiesen.

Da wir uns erst zu 9 Uhr vormittags bei dem Häuptling angesagt hatten,
blieben mir noch zwei Stunden Zeit zur Ueberlegung, wie die Landung
am besten auszuführen sei. Soviel ich auch hin und her dachte, alle
Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten erwog, ich kam immer wieder zu
dem Schlusse, daß es am besten sei, wenn der Consul und ich zunächst nur
allein das Land beträten und die zu dem feierlichen Acte der Beschlagnahme
erforderliche Truppe erst nachfolge, wenn unsere mündlichen Verhandlungen
mit dem Häuptling zum Abschluß gekommen seien. Wir durften nicht einmal
eine kleine Bedeckung mitnehmen, da diese die Samoaner zum Angriff
reizen konnte. Der Consul stimmte mir darin bei, daß, da wir den einmal
betretenen Weg einhalten müßten, ein ernstlicher Zusammenstoß auf diese
Weise am ehesten vermieden werden könne und unser eigenes Leben in diesem
Falle nicht mehr gefährdet sei, als wenn wir an der Spitze unsers ganzen
aus 120 Mann bestehenden Landungscorps das Land beträten, und erklärte
sich bereit, mit mir allein zu gehen. Im übrigen mußte die Beschlagnahme
ja noch heute ausgeführt werden, da der morgende Tag, an welchem in Apia
die Feste begannen, schon eine für uns ungünstige Entscheidung bringen
konnte. Es blieb mir also keine Zeit zur regelrechten Belagerung und
Säuberung des Platzes.

Der Schauplatz an Land war so, daß wir einen etwa 100 Schritt breiten und
200 Schritt tiefen Platz betreten und ganz durchmessen mußten, um bis zu
dem im Hintergrunde sich an den Wald anlehnenden Hause des Häuptlings zu
gelangen. Der Platz wird mit Ausnahme eines kleinen Stücks am Strande
von dichtem Wald und Busch umrahmt, durch welchen nur schmale Fußpfade
gehen. Hinter der Häuptlingswohnung im Walde öffnet sich eine enge
Schlucht, auf welche mehrere in das Innere führende Fußpfade münden. Auf
dem Platze selbst liegt in der Mitte noch ein der ältesten Tochter des
Häuptlings gehörendes Haus und an der einen Seite am Waldesrande befinden
sich zwei alte Häuptlingsgräber, denen die Samoaner eine große Verehrung
zollen und welcher Umstand den Consul bestimmt hatte, gerade Saluafata
als Beschlagsobject zu wählen. Landeten wir nun gleich mit einer größern
Truppe, so war anzunehmen, daß die Samoaner, in der Befürchtung eines
Angriffs von unserer Seite, aus ihrem Hinterhalte auf 50-100 Schritt
Entfernung mit ihren Schnellladern ein verheerendes Feuer auf uns
richteten, welches etwa die Hälfte unserer Leute hinraffen mußte, worauf
die Angreifer ohne einen Schuß zu erhalten, auf gedeckten Pfaden nach den
verschiedensten Richtungen in das Innere entfliehen konnten, ohne daß es
uns möglich gewesen wäre, ihnen zu folgen, weil wir nicht wissen konnten,
wohin uns zu wenden. Von unserer Seite den ersten Angriff zu machen, war
ausgeschlossen, da uns jede Veranlassung dazu vorläufig noch fehlte, im
übrigen wir ja auch kein Angriffsobject gefunden haben würden. So blieb
bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit nur der von uns gefaßte
Plan als einziger Ausweg möglich, indem wir hofften, daß die moralische
Wirkung unsers Auftretens uns den gewünschten Erfolg bringen würde. Wenn
wir uns auch mit Revolvern versahen, so setzten wir für den Fall eines
Angriffs unsere einzige Hoffnung doch nur auf die blanke Waffe, weshalb
der Consul meinen zweiten Säbel nahm. Denn wenn auf uns geschossen wurde,
konnte unsere Erwiderung der Schüsse in den dichten Wald hinein keinerlei
Erfolg haben, und wir nahmen uns für diesen Fall vor, wenn wir nicht
getroffen werden sollten, mit blankem Säbel unsern Angreifern in den Wald
entgegenzustürmen, darauf rechnend, daß die Eingeborenen dann vor uns
fliehen würden.

Nachdem ich für alle Fälle dem ersten Offizier des Schiffes Aufschluß über
die ganze Lage gegeben hatte, wurden gegen 8½ Uhr die Boote gerüstet. Der
Befehlshaber des Landungscorps hatte den Auftrag, 400 Schritt vom Lande
die Boote aufmarschiren zu lassen und nach den verabredeten Signalen zu
handeln. Kurz vor 9 Uhr lief mein Boot knirschend auf den Sand, und der
Consul und ich traten unsern ernsten Weg an. Den Dolmetscher, welchen
der Arzt für befähigt erklärt hatte uns für eine Stunde zu begleiten,
mußten wir in meiner Gig zurücklassen, da der Mann unser Vorhaben als
sichern Tod bezeichnete und nicht zum Mitgehen bewogen werden konnte.
Zwei Leute meiner Bootsbesatzung sollten, nachdem wir einen Vorsprung
gewonnen hatten, uns vorsichtig in Sicht- und Rufweite nachfolgen, um
einen etwaigen Ueberfall sofort an das Landungscorps melden zu können,
da ja auch nicht ausgeschlossen war, daß die Samoaner versuchen würden,
sich unserer Personen zu bemächtigen, um uns vorläufig als Geiseln zu
behalten. Wir durchschritten eine Palmenlichtung und fanden die dort
zerstreut liegenden Hütten, soweit wir sehen konnten, sämmtlich verlassen,
was kein gutes Zeichen war. Wir betraten den Platz und gingen, ohne eine
Menschenspur zu entdecken, die Hand an dem gelockerten Säbel, etwa zwei
Schritte voneinander entfernt, in ruhigem festen Schritt vor, jeden
Augenblick den ersten verhängnißvollen Schuß erwartend. Denn wenn nur
ein aufgeregter unbedachter Samoaner losdrückte, so war dies zweifellos
das Signal für eine mörderische Salve auf uns. Es war eine eigenthümlich
ernste Lage, welche den Mund verstummen machte und den Gedanken den
weitesten Spielraum ließ. Was wurde, wenn das tödliche Blei uns traf,
oder wir lebend überwältigt den unberechenbaren Mishandlungen einer
fanatisirten Menge preisgegeben waren?

Erst als wir die Hütte der Häuptlingstochter umgangen hatten, änderte sich
das Bild. Geputzte und mit Blumen geschmückte Menschen, Männer, Frauen und
Kinder kamen uns entgegen und geleiteten uns zu dem Hause des Häuptlings,
wo wir von sämmtlichen Häuptlingen des Bezirks, denen sich ihre Familien
theilweise angeschlossen hatten, empfangen wurden. Nachdem wir die uns
gereichte Kawa getrunken hatten, wurde der Dolmetscher herbeigerufen und
der Zweck unserer Anwesenheit kundgethan, worauf Sangapolutele, der erste
Häuptling und Besitzer von Saluafata, erklärte, der Gewalt weichen und
uns vertrauen zu wollen. Nachdem dann die Ehrenwache heransignalisirt war
und vor dem Hause Aufstellung genommen hatte, wurde die deutsche Flagge
mit den entsprechenden militärischen Ehrenbezeugungen aufgepflanzt,
von dem Consul die in samoanischer Sprache verfaßte, die Beschlagnahme
aussprechende Proclamation verlesen und Sangapolutele darauf eingehändigt;
die Flagge wurde wieder gesenkt, unsere Truppe marschirte mit klingendem
Spiel ab und wir verweilten noch einige Minuten, um die vorher fertig
gemachten Briefe, welche der Samoa-Regierung und den fremden Consuln
die erfolgte Beschlagnahme von Saluafata anzeigten, durch einen Boten
abzusenden. Während dieser Zeit erfuhren wir auch noch, daß wirklich
600 Samoaner um den Platz herum auf uns im Anschlag gelegen hatten,
aber zurückgezogen wurden, als wir nur allein den Platz betraten und das
Stoppen unserer Boote weiter außerhalb ihnen die Gewißheit gab, daß wir
keinen gewaltthätigen Angriff beabsichtigten. Wir kehrten zum Schiffe
zurück und waren schon um 10 Uhr wieder unter Dampf auf dem Wege nach
Falealili.

Gegen Abend langten wir dort an und der Lootse wurde an Stelle des
Dolmetschers, welcher wirklich ernstlich erkrankt war, an Land geschickt,
um die Häuptlinge des Platzes ebenso vorzubereiten, wie es in Saluafata
geschehen war. Er brachte am 17. morgens indeß die Nachricht, daß der Ort
von Menschen entblößt sei und die wenigen Zurückgebliebenen nicht wagten,
in Abwesenheit ihrer Häuptlinge mit uns zu verhandeln, daher vor unserer
Landung den Ort verlassen würden. Da es somit wahrscheinlich war, daß der
Act der Beschlagnahme in einer verlassenen Stadt erfolgen würde, so nahmen
wir einen Zimmermann mit, um die Proclamation in der Hütte des Häuptlings
annageln zu lassen. Um 7½ Uhr morgens landeten wir mit der Ehrenwache,
nachdem, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen, die bewaffneten Boote
ebenso wie in Saluafata in einiger Entfernung vom Lande Aufstellung
genommen hatten; wir fanden aber, entgegen unserer Annahme, den Platz
nicht verlassen, sondern voller Menschen, welche sich zum Theil in der
uns vom Lootsen als solche bezeichneten Hütte des Häuptlings, zum größern
Theil in deren nächster Umgebung befanden. Beim Näherkommen erkannten
wir allerdings, daß wir nur geputzte Frauenzimmer vor uns hatten,
in deren Mitte sich ein eingeborener Missionslehrer befand, welchen
sie wol zur Wahrung des Anstandes bewogen hatten, an unserm Empfang
theilzunehmen. Die munter aussehende Schar benahm sich sehr artig und
schien sich der Würde, die Männer zu vertreten, wohlbewußt zu sein. Wir
mußten zunächst mit den im Hause befindlichen Häuptlingsdamen die Hände
schütteln, der Consul wechselte mit dem Lehrer einige Worte, und dann
erfolgte die Beschlagnahme, welche mit der Annagelung der Proclamation im
Häuptlingshause abschloß.

Die Damen verhielten sich still und zurückhaltend, bis unsere Wache bei
ihrem Abmarsch ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, dann
ging ihnen jedoch ihr Temperament durch, die in dem Hause befindlichen
traten aus demselben heraus und liefen, von den andern gefolgt, unsern
Leuten nach, um sie bis zum Strande zu begleiten. Dort erfolgte sogar,
nachdem die Wache in ihren Booten abgesetzt hatte und das Boot für die
Musik herankam, schließlich unter großem Jubel und fröhlichem Gelächter
seitens der jungen Mädchen, ein regelrechter Angriff auf die Musiker. Denn
während diese, um ihr Schuhzeug nicht naß zu machen, auf andern Matrosen
reitend durch das seichte Wasser zum Boote getragen wurden, folgten ihnen
die Mädchen, von den ältern Frauen angespornt, in das Wasser nach, kniffen
die Reiter in die Beine, theilten zarte Schläge aus und schenkten den
Geschlagenen dann ihre Blumen. Doch damit nicht genug, versuchten sie
noch den Paukenschläger zu entführen und benutzten dazu den Moment, wo er,
nachdem er seine Pauke untergebracht hatte, mit dem Leib auf dem Bootsrand
liegend, versuchte, in dasselbe sich hineinzuarbeiten. Einige Mädchen
packten ihn an den Beinen, zogen ihn wieder aus dem Boot und hoben ihn auf
ihre Schultern, doch machte der Offizier des Bootes diesem liebenswürdigen
Unfug ein Ende, als sie versuchten, den Mann an Land zu tragen. So endete
die Wegnahme von Falealili als ein Festtag für seine Bewohnerinnen.

An Bord zurückgekehrt, ließ ich gleich Anker lichten, um unter Segel und
Dampf schleunigst nach Apia zurückzukehren und dort noch vor Dunkelwerden
einzutreffen, da ich doch nicht sicher war, ob die aufgeregten
Samoaner nicht etwa Feindseligkeiten gegen die Deutschen unternehmen
würden. Kurz vor Sonnenuntergang langten wir in Apia an und erfuhren
von dem uns entgegengekommenen Lootsen, daß in der Stadt zwar eine
hochgradige Aufregung herrsche, weil das Gerücht, wir hätten die beiden
beschlagnahmten Plätze dem Erdboden gleichgemacht, im Umlauf sei, unsere
Landsleute seien aber bisjetzt unbehelligt geblieben; dagegen habe die
amerikanische Corvette seeklar gemacht, um uns am nächsten Tage zu folgen.
Der Consul fuhr gleich an Land und ich folgte etwas später, um den Abend
in dem gastlichen deutschen Hause zu verbringen und mich über die Lage in
Apia zu unterrichten. Auf meinem Wege dorthin kam mir gerade der ganze
Zug der von Mulinu’u zurückkehrenden lärmenden und bunt herausgeputzten
Festtheilnehmer entgegen, sodaß ich mich zur Seite stellte, um die Leute
vorüber zu lassen, da ich mich nicht dem Menschenstrom entgegendrängen
wollte. Doch schon nach kurzer Zeit fielen mehrere Schüsse und eine Kugel
sauste dicht an meinem Kopfe vorbei. Nun mußte ich meinen Platz verlassen
und schaffte mir mit einigen kräftigen Stockschlägen auf die Köpfe der
Eingeborenen freie Bahn, sodaß mir Raum gemacht wurde und ich bis zum
Consulat gelangen konnte. Nicht lange darauf kam auch noch eine Botschaft
von meinem Schiffe, daß auf unsere Boote geschossen worden sei, und nun
schickte ich noch an demselben Abend eine Beschwerde an die Regierung
mit der gleichzeitigen Androhung, für jeden getödteten oder verwundeten
Deutschen zwei Samoaner aufhängen zu lassen. Aehnliche Ausschreitungen
kamen indeß nicht mehr vor. An diesem Abend erfuhren wir noch über die
politische Lage, daß bei den Festen, zu welchen ungefähr 3000 Theilnehmer
erschienen waren, der größte Theil der Bezirke Upolus vertreten war und
somit angenommen werden darf, daß diese Insel den Vertrag zwischen Samoa
und den Vereinigten Staaten anerkannt hat, während Savai’i ferngeblieben
ist und erklärt hat, den Vertrag nicht anerkennen zu wollen. Tutuila
dagegen war wieder durch einige Abgesandte vertreten, aber nur um
gegen die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an eine fremde Macht zu
protestiren. Da die samoanischen Häfen Privateigenthum der betreffenden
Häuptlinge sind, so konnte seinerzeit Mamea nicht bevollmächtigt werden,
einen Hafen abzutreten, und hatte diese Vollmacht auch nicht erhalten.
Immerhin hat die jetzige samoanische Regierung den Vertrag mit der
Ueberweisung Pago-Pagos als Kohlenstation ratificirt.

Die Aufregung unter den Samoanern schwand am nächsten Tage, als unsere
getroffenen Maßnahmen der Wahrheit gemäß bekannt wurden; unter den
Amerikanern aber wuchs sie und führte zur vollständigen Veruneinigung
aller Betheiligten, welche nach wenigen Tagen zum größten Theil ebenso
schnell aus Apia verschwanden, wie sie meteorartig dahingekommen
waren. Zunächst versuchten die Amerikaner zu retten, was noch zu retten
war, wobei die wunderlichsten Sachen zu Tage kamen. Als sie alle ihre
Bemühungen, festen Fuß zu fassen, scheitern sahen, vereinigten sie sich
noch einmal zu einem großen Schlage, indem sie der Samoa-Regierung eine
Rechnung zur Begleichung vorlegten, welche die Höhe von 105800 Dollars
oder 423200 Mark erreichte.

Die kurze Geschichte dieser Rechnung ist, wie sie in Apia erzählt wird,
die folgende.

Die beiden zur frühern Landcompagnie gehörigen Amerikaner, welche
den samoanischen Abgesandten Mamea nach Amerika bringen wollten,
erklärten diesem gleich nach der Ankunft in San-Francisco, daß sie
ihn ohne Geldmittel in Stich lassen würden, wenn er nicht namens der
Samoa-Regierung Schatzbons im Betrage von 100000 Doll. ausschriebe
und ihnen aushändige, wogegen sie dann auf ihre Landansprüche in Samoa
verzichten würden. Mamea, welcher übrigens die Tragweite einer solchen
Maßregel gar nicht ermessen konnte, zumal ihm, wie jedem Samoaner, das
Verständniß dafür fehlte, was eine solche Summe überhaupt zu bedeuten
hat, fertigte die Schatzbons nach einigem Sträuben aus. Die Sache wurde
vorläufig geheim gehalten und erblickte das Tageslicht erst am 20. Juli,
nachdem durch die Feste in Mulinu’u der Vertrag mit den Vereinigten
Staaten öffentliche Anerkennung gefunden hatte; die Leute stellen jetzt
die Behauptung auf, daß Mamea zur Ausgabe der Schatzbons berechtigt
gewesen wäre, weil er vollgültige Vollmacht zur Abschließung des Vertrags
gehabt habe. Die Samoaner aber wollen diese Beweisführung nicht gelten
lassen und weigern sich zu zahlen. Ferner sollen die erwähnten beiden
Herren eine Rechnung von 4800 Doll. für den Unterhalt des Mamea während
seines sechsmonatlichen Aufenthalts in Amerika vorgelegt haben. Mamea sagt
aber, daß er schlecht verpflegt worden sei, nie baares Geld gesehen habe
und San-Francisco überhaupt nicht hätte verlassen können, wenn nicht der
von ihm angeworbene Bartlett ihn aus dem Gasthof ausgelöst hätte, worüber
dieser Herr eine Rechnung von 1000 Doll. vorgelegt haben soll, sodaß
hiernach die für Mamea’s Reise geforderten Gesammtausgaben 5800 Doll.
betragen würden. Die Samoaner, welche in dem Glauben leben durften, daß
die Entsendung Mamea’s ihnen überhaupt nichts kosten würde, verweigern
auch hier die Zahlung der ganzen Summe und wollen nur von ihnen in aller
Eile gesammelte 1000 Doll. geben.

Die Weigerung der armen Samoaner, welche überhaupt kein baares Geld in
größern Summen besitzen, soll nun veranlaßt haben, daß dem amerikanischen
Commandanten die Sache übergeben worden ist, welcher aber auch schwerlich
die Zahlung wird erzwingen können, wenn er wirklich diese etwas
zweifelhafte Angelegenheit sollte weiter verfolgen wollen. Und vor einer
Vergewaltigung, wie Tahiti sie seinerzeit durch die Franzosen erfahren
hat, sind die Samoaner ja gesichert, seitdem Saluafata und Falealili schon
in fremden Händen sind, sodaß sie unter Umständen für diesen Gewaltstreich
noch dankbar sein müßten, welche Auffassung sich in dem größten Theile
des Landes und bei der Minderheit der Regierungsgewalten übrigens auch
schon Bahn brechen soll. Um dem Wirrwarr die Krone aufzusetzen, soll nun
auch noch der mehrerwähnte Consulatsbeamte sich ebenfalls um die Stelle
eines ersten Ministers der Samoa-Regierung beworben und zu diesem Zwecke
einen vom 24. Mai datirten Empfehlungsbrief Steinberger’s vorgelegt haben.
Diesen Brief will einer der Herren von der Landcompagnie, welcher seine
Sache hier verloren gibt und mich um eine Passage nach den Fidji-Inseln
bat, gesehen haben. Die Folge davon ist, daß Bartlett nun sucht, mit uns
Fühlung zu bekommen, um mit deutscher Hülfe den ihm in Aussicht gestellten
Posten zu erlangen. Das kurze Ende der langen Geschichte ist, daß wir
meines Erachtens das Spiel gewonnen haben und ich, trotzdem die Samoaner
vorläufig noch abgelehnt haben, zur Wiedererlangung ihrer beiden Häfen
mit uns den Deutschland verbrieften Vertrag abzuschließen, glaube ruhig
die Reise nach Sydney wagen zu können, da der Consul allen Schwierigkeiten
allein gewachsen sein dürfte, solange die erfolgte Beschlagnahme der Häfen
zu Recht besteht und sofern sie von zuständiger Stelle gebilligt werden
sollte.

So habe ich heute Morgen Apia verlassen und vor Antritt der Reise auf
Wunsch des Consuls nur noch einen Abstecher nach der kleinen Insel Manono
gemacht, da noch immer keine Nachricht von der erfolgten Bestrafung der
Leute, welche mit dem französischen Priester den Angriff auf die deutsche
Plantage gemacht hatten, eingetroffen war und der Consul vermuthete, daß
die Regierung zu schwach sei, eine solche von der trotzigen Bevölkerung
von Manono zu erzwingen. Nachdem der Gouverneur der Insel, um den
angedrohten Maßregeln von unserer Seite zu entgehen, die Bestrafung
zugesagt und versprochen hatte, darüber dem Consul zu berichten, kehrte
dieser Herr in einem mitgenommenen offenen Boot nach Apia zurück, während
wir die weite See aufsuchten, deren Wesen uns nach der langen Hafenzeit
von fünf Wochen und der Ungewohntheit so langen Stillliegens beinahe fremd
geworden ist.

Die Samoaner sind ein schöner Menschenschlag, die Männer groß und
stattlich, die Frauen zierlich und fein gestaltet, von nur Mittelgröße.
Aber nicht nur der Unterschied in der Körpergröße der beiden Geschlechter,
welcher dem unserer kaukasischen Rasse entspricht, fällt auf, wenn
man von Tahiti und den Gesellschafts-Inseln kommt, sondern auch die
Aehnlichkeit der Charakterveranlagung mit unserer Rasse. Denn die Männer
besitzen im allgemeinen die Tugenden, welche wir als männliche bezeichnen,
und die Frauen sind, abweichend von ihren Schwestern auf den von mir
bisjetzt besuchten polynesischen Inseln, sanft, einschmeichelnd und
aufopferungsfähig, haben eine weiche Stimme und können in der Regel als
häuslich veranlagt gelten. Wie mir erzählt wurde und was ich selbst schon
erkannt zu haben glaube, halten die Samoaner auch streng auf Formen,
beobachten in ihrem Verkehr feine Sitte und Anstand, sind außerordentlich
gastfrei, reinlich an ihrem Körper wie in ihren Wohnungen und können in
gewissem Sinne als ein Culturvolk betrachtet werden. So soll auch ihre
Sprache der reinste und ausgebildetste der verschiedenen polynesischen
Dialekte sein, sodaß man die Samoaner als die Aristokratie Polynesiens
bezeichnet und aus den angeführten Gründen vielfach auch für das
Stammvolk der Polynesier hält. Diese höhere Stufe soll ihnen auch von den
Eingeborenen der Tonga- und Fidji-Inseln zuerkannt werden, gilt doch auch
den letztern die Redewendung „Sie ist so schön wie eine Frau von Manono“
als Bezeichnung der höchsten Vollendung des Weibes, und streben doch die
Häuptlingsfamilien beider Inselgruppen danach, für ihre Söhne Töchter aus
vornehmer samoanischer Familie als Gattinnen zu erhalten. Auch sollen die
jungen Männer Tongas es als höchstes zu erstrebendes Ziel betrachten, sich
auf samoanische Art tätowiren zu lassen und oft dazu für einige Zeit nach
den Samoa-Inseln übersiedeln, weil der König von Tonga auf seinen Inseln
das Tätowiren verboten hat.

Vor dem niedern Volk zeichnen sich äußerlich die männlichen Mitglieder der
Häuptlingsfamilien durch größere Gestalt aus und beide Geschlechter thun
dies durch bessere Körperhaltung, denn wenn auch der gewöhnliche Mann sich
im allgemeinen gut hält, so kann man dies doch nicht immer von den Frauen
sagen, während die Häuptlingsdamen stets eine tadellose Haltung zur Schau
tragen und einen auffallend stattlichen Gang haben. Schon nach wenigen
Tagen konnte ich an diesen Merkmalen ziemlich sicher die Mitglieder
der Häuptlingsfamilien erkennen. In die Augen fallend ist ferner, daß
die Samoaner noch ziemlich streng an ihrer alten Lebensweise und ganz
an ihrer alten Kleidung festhalten. Die einzige inzwischen eingeführte
Aenderung der letztern besteht darin, daß an Stelle des alten für das
Kleid verwendeten Stoffes europäische Baumwollgewebe getreten sind, doch
tragen die Häuptlinge der obersten Klasse, wenn sie sich in Apia zeigen,
auch neben dem nationalen Lava-lava noch ein weißes europäisches Hemd, und
die wenigen wirklich zum Christenthum übergetretenen Frauen befleißigen
sich, in der Stadt ein Stück Zeug, welches über den Kopf gestreift Brust
und Rücken bis zu den Hüften bedeckt, umzuhängen. Doch legen die Leute
diese ihnen immerhin fremden Kleidungsstücke ab, wenn sie bei festlichen
Gelegenheiten ihre alten Staatskleider anlegen. Lange Frauenkleider, wie
sie in Tahiti und auf den Gesellschafts-Inseln gebräuchlich sind, werden
hier nur von den an Weiße oder Halbweiße verheiratheten Samoanerinnen und
von den Dirnen, welche sich mit der Einwanderung der Europäer auch in
Apia eingefunden haben, getragen, doch kann dies nicht als Fortschritt
bezeichnet werden, da die Kleider meistentheils unsauber sind und die
Unsauberkeit der Kleidung sich auch auf das Haus und den Körper überträgt.
Diejenigen Eingeborenen, welche sich den Luxus eines Lava-lava aus
Baumwollstoff noch nicht gestatten können, tragen solche aus Tapa, dem
aus der Rinde des Maulbeerbaums hergestellten Stoff, oder begnügen sich
mit einem bis zu den Knien reichenden Grasschurz. Eine Eigenthümlichkeit,
welche mit der Kleidung in ursächlichem Zusammenhang zu stehen scheint,
ist die Sitte, den Körper nur soweit zu tätowiren, als er in der Regel
bekleidet getragen wird, nämlich von den Hüften bis etwas unter die Knie,
und ich bringe dies mit dem scharf ausgeprägten Schamgefühl der Samoaner
in Verbindung. Denn da bei den großen Festen die jungen Männer unbekleidet
erscheinen und nur eine kleine Blätterschürze von etwa 25 cm Durchmesser
haben, so wollen sie für diese Gelegenheiten die sonst bekleideten
Körperflächen doch wenigstens durch Malerei bedeckt haben. Hierfür scheint
auch der Umstand zu sprechen, daß nur die Männer regelrecht tätowirt sind
und die Frauen sich mit einem kleinen Muster in der Form einer Brosche
in der Kniekehle und einigen kleinen Sternen und dergleichen Zierstücken
an den Lenden, einem Namen auf dem Arm und blau eingeätzten Ringen auf
einzelnen Fingern begnügen.

Die Hautfarbe der Samoaner ist die der übrigen Polynesier, das Haar ist
schwarz, dick und starr. Zwar findet man häufig auch röthliches und sehr
oft gekräuseltes Haar, doch ist beides Kunst und eine Folge des beliebten
Kalkens desselben. Ob dies geschieht, um das Haar zu färben und zu
kräuseln, oder nur um es von Ungeziefer zu reinigen und die Veränderung
dann nur eine nothwendige Folge des Kalkens ist, oder ob es den dreifachen
Zweck bewirken soll, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls sehen die
braunen jungen Gesichter sehr putzig aus, wenn sie mit frisch gekalktem
weißen Haar erscheinen. Das Haar wird von beiden Geschlechtern in der
Regel ziemlich kurzgeschnitten getragen, doch sieht man auch längeres, und
vereinzelt bei den Frauen sogar lange schwarze Zöpfe. Als Schmuck lieben
beide Geschlechter große rothe Blumen im Haar oder mit dem Kelch nach vorn
gekehrt über den Ohren. Die Frauen haben vielfach auch Ketten von rothen
erbsenartigen Früchten um den Hals und an den Handgelenken, sowie auch aus
Blumen und Laub gewundene Kränze um Hals und Taille; auch kleine schmale
Ringe aus Schildkrot, welche oft mit kleinen Silberstückchen eingelegt
und mit eingeschnittenen Namen versehen sind, tragen sie an den Fingern
und benutzen dieselben zu gelegentlichen Geschenken, wenigstens habe ich
einige auf diese Weise erhalten.

Die Samoaner sind, wie ich schon angegeben habe, sehr reinlich und halten
auf gute Körperpflege, ob aus natürlichem Trieb oder ob dies nur eine
Folge ihrer Lebensweise ist, wird heutzutage schwer zu entscheiden sein.
Sie waschen und baden sich zwar nicht, entsprechend unserer Gewöhnung,
gleich frühmorgens, sondern erst etwas später und verbinden dies mit den
häuslichen Verrichtungen. So reiben sie sich, bevor sie ihre Hütte zur
Beschaffung des Lebensunterhaltes verlassen, den Oberkörper mit Kokosöl,
das häufig noch mit wohlriechendem Baumharz durchmengt ist, ein, und dann
gehen sie in das Wasser und auf die Korallenriffe auf den Fischfang, wobei
sie ihr Morgenbad nehmen. An diesem Fang betheiligen sich Männer, Frauen
und Kinder, da auch die letzteren vom zartesten Alter an wassergewohnt
sind, ja oft eher schwimmen als gehen können. Ich habe dies nicht glauben
wollen, bis ich mich einmal durch den Augenschein überzeugte, daß ein
am Strande niedergelegtes, vielleicht 1½ Jahre altes Kind, welches noch
nicht gehen konnte, auf Händen und Füßen in das Wasser kroch und sich
dort schwimmend ziemlich sicher bewegte. Die Sitte, den Oberkörper mit Oel
einzureiben, was oft je nach Bedarf täglich mehrere mal erfolgt, bezweckt
wol, die Haut gegen die Sonnenstrahlen widerstandsfähiger zu machen. Nach
dem Fischfang wird in den Wald oder nach den Anpflanzungen gegangen, um
Baum- und Erdfrüchte zu holen, und beides, wenn nöthig, am Nachmittag
oder Abend wiederholt. Bestimmte Mahlzeiten kennen auch die Samoaner, wie
alle diese Insulaner, nicht, sondern sie essen, wenn ihnen der Sinn danach
steht.

Das Land zerfällt in mehrere größere Districte; Upolu hat deren drei,
nämlich Atua, Tuamasaga und Aana, und innerhalb dieser Districte leben
die großen Häuptlinge mit ihrem Anhang in Dörfern in fast vollständiger
Unabhängigkeit von der Regierung, welche sie sich dadurch zu erhalten
wissen, daß diejenigen eines Districts gewöhnlich zusammenstehen.

Die Abgaben des gewöhnlichen Mannes bestehen darin, daß er hilft, seine
Häuptlingsfamilie mit zu ernähren, doch liefert er nicht das dazu Nöthige
ab, sondern der Herr erwartet die vom Fischfang oder von der Fruchtlese
Heimkehrenden und sucht sich das für ihn Wünschenswerthe aus. Nur in dem
Falle, daß der Häuptling ein Gastmahl geben will, befiehlt er, was sein
Volk dazu herbeizuschaffen hat. Die Frauen des Hauses besorgen dann die
Ausschmückung desselben und holen aus dem Wald das dazu erforderliche Laub
und die Blumen.

Eine Folge der ausgedehnten Gastfreiheit ist, daß die Samoaner eigentlich
immer auf Reisen sind, oder aber diese Reiselust ist die Ursache der
Gastfreiheit, welche den Gastgebern übrigens nicht viel Mühe macht, da im
Wasser und im Walde genügende Nahrungsmittel vorhanden sind. Vielleicht
daß beides mit örtlichen Verhältnissen und der sonderbaren Thatsache
zusammenhängt, daß auf den Samoa-Inseln an den verschiedenen Küstenpunkten
die Reifezeit der Brotfrucht nicht zusammenfällt und die Eingeborenen,
welche den Genuß dieses schmackhaften Nahrungsmittels nicht entbehren
wollen, dadurch dazu gekommen sind, die Gastfreundschaft derjenigen ihrer
Bekannten in Anspruch zu nehmen, welche die reife Frucht bieten können.
Dann ziehen sie in ihren großen Reisebooten von Insel zu Insel, von Ort zu
Ort, die genossene Gastfreundschaft damit erwidernd, daß die Männer beim
Fischfang u. s. w. helfen und die Frauen unter fröhlichem Geplauder mit
fleißiger Hand behülflich sind, den Mattenreichthum ihrer Gastgeber zu
vergrößern. Es machte auf mich stets einen außerordentlich anheimelnden
Eindruck, wenn solch ein Boot von etwa 20 Männern gerudert an unserm
Schiff vorbeifuhr. Vorn im Bug sitzt mit untergeschlagenen Beinen ein
Mädchen und erleichtert den Ruderern ihre Arbeit durch weichen Gesang,
hinten auf dem mitgeführten Hausrath sitzt oder liegt bequem hingestreckt
die Häuptlingsfamilie, ein junger Häuptling führt das Steuer. Phantastisch
sehen oft die Männer aus, wenn sie große Stücke Tapa, die sie wol während
der Nacht als Decken benutzen und deren Hauptfarbe fast immer weiß ist,
turbanartig als unförmig großen Aufbau auf dem Kopfe tragen.

Die Dörfer oder Städte, wie man die Ansiedelungen nun nennen will,
liegen, da der Samoaner ohne die See nicht leben zu können scheint,
vorzugsweise an der Küste, die Häuser verstreut unter Kokospalmen und
zwar in solcher Entfernung von einander, daß kein Besitzer von seinem
Nachbar belästigt wird. Und die ganze Ansiedelung umfaßt entweder den
nie fehlenden Berathungs- bezw. Festplatz oder lehnt sich an denselben
an. Auf diesem Platz befinden sich stets das Haus des Häuptlings und das
„Fale-tele“ genannte Berathungshaus, in welchem auch Fremde und Gäste
empfangen werden. Die Honneurs macht hier gewöhnlich die älteste Tochter
des Häuptlings, welche aus diesem Grunde für seinen Hausstand eine so
nothwendige Persönlichkeit ist, daß, wenn der Hausherr überhaupt keine
erwachsene Tochter hat, er oft der Landessitte gemäß ein erwachsenes
Mädchen für immer oder auf Zeit als Tochter adoptiren wird.

Die Bauart der Häuser ist einfach und durchaus zweckmäßig. Ihre Grundform
ist oval mit einem größern Durchmesser von 12-14 m und einem kleinern
von 10 m, das Dach, dessen First 8-9 m über dem Erdboden liegt, ist
halbkugelförmig. Die Hauptbestandtheile des Baues sind das Dach, die
seitlichen Dachstützen und ein in der Mitte der Hütte befindliches
kräftiges Balkengerüst, welches die Mittelstütze für das schwere Dach
bildet und gleichzeitig als Aufbewahrungsort für den Hausrath von
Matten u. s. w. dient. Die seitlichen Dachstützen, welche ebenso wie das
Mittelgerüst aus Kokospalmenholz bestehen und etwa 3 m über den Erdboden
reichen, sind so eingegraben, daß die obern Enden etwas nach außen geneigt
sind, wodurch der Durchmesser des Daches größer wird als derjenige des
Fußbodens. Die seitliche Entfernung der Stützen untereinander beträgt
ungefähr 2 m, sodaß aus Laub gefertigte Vorhänge bequem zwischen je
zweien angebracht werden können und am Tage gegen Sonne und Wind, sowie
des Nachts überhaupt heruntergelassen werden. Auf den Seitenstützen ruht
eine horizontale Balkenlage aus dem biegsamen Holz des Brotfruchtbaums
und auf diese baut sich das gewölbte Dachgerippe aus demselben Holze auf.
Die Dachbedeckung besteht aus getrocknetem Laub und zwar vorzugsweise aus
Zuckerrohr-, daneben aber auch Palmenblättern. Die innere Bodenfläche der
Hütte wird schließlich mit einer etwa 1 m hohen Steinschicht ausgefüllt
und dadurch der Raum zwischen Dachrand und Fußboden auf 2 m verringert.
In dieser Steinschicht befinden sich dicht neben dem Mittelgerüst zwei
vertiefte Feuerstellen, welche am Tage als Kochherd und abends zur
Beleuchtung der Hütte, welche nur aus dem einen freien Raum besteht,
dienen. Wenn auch die Häuser stets dieselbe Form und meistentheils
die gleiche Größe haben, so sieht man vereinzelt doch auch schon etwas
europäisirte Häuptlingshäuser mit viereckigem Grundriß, festen Wänden,
abgeschlagenen kleinen Zimmern und harten hölzernen Bettstellen; eine
Verbesserung in Bezug auf die Wohnungsverhältnisse sind diese Häuser aber
ebensowenig, wie die langen Gewänder der Frauen es in Betreff der Kleidung
sind. Diese geschlossenen Häuser sind dumpf, weniger sauber und in der
Regel voll Ungeziefer, unter welchem die Wanzen nicht fehlen, sodaß die
Besitzer, welche glauben zu ihrem äußern Ansehen ein solch stattlicheres
Haus besitzen zu müssen, gewöhnlich den Aufenthalt in dem saubern und
luftigen Fale-tele vorziehen und ihr eigentliches Haus nur zur sichern
Aufbewahrung des mit der neuern Zeit sich mehrenden kleinen Besitzthums
benutzen.

An der innern Einrichtung der Hütten ist das Merkwürdigste eine durch den
ganzen Raum laufende etwa fußhohe Schicht kleiner runder glatter Steine,
welche nicht größer wie Hühnereier und nicht kleiner wie Taubeneier
und so beweglich sind, daß sie sich durch die vorstehenden Körperformen
des sich setzenden oder hinlegenden Menschen verdrängen lassen und so
bewerkstelligen, daß der Körper überall gleichmäßig unterstützt und
nirgends gedrückt wird. Auf diese Weise ist mit Hülfe einer ausgebreiteten
Matte, welche die directe Berührung mit den Steinen verhindert, ein
vorzügliches, verhältnißmäßig weiches, kühles und gesundes Lager
geschaffen, welches trotz des harten Materials unsern Polsterlagerstätten
kaum nachsteht, in diesem Klima demselben sogar vorzuziehen ist.

Der gewöhnliche Hausrath besteht nur aus Matten, welche auf dem Fußboden
über die Steine gebreitet werden, aus Tapa-Vorhängen, welche nachts
zum Schutz gegen die Mosquitos und zur Abtrennung der verschiedenen
Schlafstätten dienen, und den allerdings sehr harten Kopfkissen. Diese
nähern sich dem japanischen Modell und bestehen aus einem wagerecht
liegenden Stück Bambusrohr von 6-10 cm Dicke, das durch kleine Füße auf
eine Höhe von etwa 16 cm gebracht ist. Von diesen Kopfkissen gibt es
kurze einschläferige und bis zu 1½ m lange, welche für mehrere Personen
bestimmt sind. Kochgeschirr ist nur selten vorhanden und dann auch nur
solches europäischen Ursprungs, da die Samoaner die Speisen ebenso wie die
Tahitier zwischen erhitzten Steinen bereiten und die dazu erforderlichen
Gefäße in grünen Blättern bestehen.

Neben dem Haus beansprucht das Kanu fast gleiche Rechte als Wohnstätte
des Samoaners, da dieser während der Tagesstunden wol ebenso viel auf
dem Wasser wie auf dem Lande lebt. Daher mag es auch kommen, daß der
Bootsbau hier besonders ausgebildet ist und dieses Gewerk ebenso wie
das des Häuserbaues sich in den Händen von Häuptlingsfamilien befindet.
Die Samoaner haben drei Arten von Fahrzeugen, das große zu Kriegs- und
Reisezwecken dienende Boot ohne Ausleger und zweierlei Kanus, ein großes
etwa 10 m langes, welches vorzugsweise zum Fischfang auf offener See
benutzt wird, und das kleine in verschiedenen Größen auftretende, welches
nur der Küstenfahrt dient. Die Formen der großen wie kleinen Kanus sind
hier besonders gefällige, und die Arbeit ist sehr viel sauberer, als ich
sie bisher gesehen habe.

Einen besondern Reiz bot es mir, die Eingeborenen in ihren zierlichen
leichten Fahrzeugen zu beobachten, wenn sie in größerer Zahl um unser
Schiff versammelt den Zeitpunkt abwarteten, wo ihnen mit Eintritt der
Freizeit für die Mannschaft gestattet wurde, das Schiff zu betreten, um
dasselbe zu besichtigen, Früchte zum Kauf anzubieten oder nur zu ihrem
Zeitvertreib uns einen Besuch abzustatten. Einzelne Kanus tragen so viele
Menschen, als sie nur fassen können, andere sind nur mit einer oder, wie
es meistens der Fall ist, mit zwei Personen besetzt; ein allein ruderndes,
ernst dreinschauendes Mädchen, ein einzelner Mann mit Früchten oder
einem Korb abzuliefernder Wäsche, zwei junge singende Mädchen, oder gar
zwei sieben- bis achtjährige Kinder, gleichgültig welchen Geschlechts,
die kaum die Ruder zu heben vermögen -- alle sorglos und ohne Furcht vor
irgendeiner Gefahr, mit ihren Fahrzeugen auf der auf- und niederwogenden
Wasserfläche sich hebend und senkend. Da kommen zwei Kanus, deren Insassen
unaufmerksam waren, zu nahe aneinander, ein Ruck und der Ausleger des
einen löst sich von seinen Haltern, das Fahrzeug kentert, gleichzeitig
aber springen die beiden jungen Mädchen lachend ins Wasser. Ich will
helfen lassen, sehe aber, ehe unser Boot absetzen kann, daß unsere
Hülfe überflüssig ist und die erheiterte Umgebung auch nicht hilft.
Wassertretend verbinden die beiden kleinen Personen den Ausleger wieder
mit den Haltern, dann schwimmen sie auf die andere Seite, fassen das
mit Wasser gefüllte Kanu an der äußern Wand, ein durch Zuruf begleiteter
kräftiger Ruck nach der rechten Seite läßt ziemlich viel Wasser aus der
linken Spitze des Fahrzeuges herausstürzen, ein ebensolcher Ruck nach
links hat denselben Erfolg an der andern Spitze und das Kanu ist soweit
entleert, daß es wieder genügende Schwimmkraft hat, um eine Person zu
tragen, welche dann auch gleich mit gewandtem Schwung in demselben sitzt
und es mit den stets vorhandenen Kokosnußschalen ausschöpft, worauf das
andere Mädchen auch nachfolgt. Mit einigen Handgriffen ist das Wasser
aus Gesicht und Haar entfernt, dann ducken sie sich in den Raum, um
ihr Lava-lava abnehmen zu können und es auszuwinden, und erst nachdem
dies geschehen und sie wieder ordnungsmäßig bekleidet sind, drohen sie
dem Urheber des Misgeschicks mit den Händen und blitzenden lachenden
Augen. Als die Leute unser Interesse an dem ganzen Vorfall bemerkten,
hielt ein Samoaner sich für verpflichtet, uns noch ein ähnliches kleines
Schauspiel zu geben, rief ein Kanu mit zwei kleinen Kindern an und begann
gleichzeitig mit kräftigen Schlägen auf dasselbe zuzurudern. Die Kinder,
sichtlich gleich ganz bei der Sache, kniffen den Mund zusammen und legten
sich mit leuchtenden Augen auch ins Zeug, doch ihr Angreifer war schneller
und bald lagen auch sie im Wasser unter dem fröhlichen Gelächter der
Umgebung, welche Platz gemacht hatte. Hier aber half der Mann, indem er
ins Wasser sprang und sein Kanu so lange in Stich ließ, bis er das der
Kinder wieder zurechtgemacht hatte.

Von dem häuslichen Leben der Samoaner habe ich bisjetzt noch wenig kennen
gelernt, nur ist mir aufgefallen, daß man am Tage, mit Ausnahme der
Häuptlinge, selten in den Hütten Männer antrifft und nur Frauen findet,
welche mit Mattenflechten und Anfertigung des Tapastoffes beschäftigt
sind. Eigentliches Volksleben zeigt sich nur an Mondscheinabenden, wo
größere Gesellschaften im Freien zusammenkommen und sich durch Gesang und
Tanz ergötzen, bis Ermüdung sie in ihre Hütten treibt. Diese Vergnügungen
sind stets harmloser Natur, wie das ganze Leben und Treiben des Volks
es sein soll. Zank und Streit kommen nur selten vor und sind von mir
überhaupt nicht beobachtet worden. Thätlichkeiten sollen eigentlich nur
gelegentlich zwischen den sonst so sanften Frauen vorkommen, und zwar
wenn Eifersucht im Spiele ist. Unter dieser soll der eigentlich schuldige
Mann nie leiden, sondern er kann unbehelligt zusehen, wie die beiden um
ihn kämpfenden Frauenzimmer sich schlagen und puffen, muß es sich aber
gefallen lassen, daß die Besiegte sich später nicht mehr blicken läßt.
Gardinenpredigten gibt es also wol in Samoa nicht.

Ueberhaupt haben die Frauenzimmer und schon die ganz jungen Mädchen eine
seltene Selbständigkeit, welche nur dadurch möglich sein kann, daß die
strenge Sitte, welche dem ganzen Volk in Fleisch und Blut übergegangen
sein muß, das Weib stets und allerorten vor jeder Unbill schützt. So wird
es erklärlich, daß junge Mädchen allein weit über Land wandern, am Tage
nach ihrem Gutdünken gehen wohin sie wollen, und die schönen, nur mit
dem kleinen Lava-lava bekleideten Gestalten sich ohne Arg auf die fremden
Kriegsschiffe und unter das Schiffsvolk wagen, wo sie mit überraschendem
Takt jede Zudringlichkeit zurückzuweisen verstehen. Dieser Selbständigkeit
der jungen Mädchen im Verein mit den streng beobachteten guten Formen
wird es zuzuschreiben sein, daß in Samoa trotz der nach unsern Begriffen
immerhin freien Sitten eigentliche Sittenlosigkeit nicht vorkommt und die
weiche, anschmiegende Samoanerin nur wirklicher Liebe zugänglich ist,
in diesem Fall dann aber auch keine Schranke anerkennt. Allerdings ist
sie in der Regel doch berechnend genug, sich auch gesetzmäßig trauen zu
lassen; sei es auch nur für kurze Zeit, so ist doch der Anstand gewahrt.
Es kommen zwar auch genug Fälle vor, wo die Aeltern nach ihrem Gutdünken
ihre Töchter verheirathen, und wo die Häuptlinge über die Töchter ihrer
Unterthanen verfügen, doch ist dies dann ein Zwang, dem die Mädchen
folgen müssen, wenn sie sich auch nur widerwillig fügen. So besteht in
Samoa, wenigstens auf der Insel Savai’i, welche sich bisjetzt von fremdem
Wesen am reinsten erhalten hat, noch die alte Sitte, einem vornehmen
Fremden, wenn er bei einem Häuptling die Nacht zu Gast bleibt, eine
Gesellschafterin anzubieten, doch wird es gern gesehen, wenn er dieses
Anerbieten nicht annimmt; einen Makel erhält solch ein Mädchen dadurch
aber nicht, sondern es kehrt nach gehorsamer Duldung der über seine Person
getroffenen Verfügung in das Aelternhaus zurück.

Die ehelichen Verhältnisse sind ziemlich geordnete und die Regel ist, daß
die Ehe auf Lebenszeit geschlossen wird, obgleich ihre Wiederauflösung
den Samoanern sehr leicht gemacht ist. Hiervon machen aber eigentlich
nur die Häuptlinge öftern Gebrauch und wol auch nur in dem Falle, wenn
sie ein Mädchen von niederm Stande geheirathet haben und später eine
standesgemäßere Ehe eingehen wollen. Die Eheschließung selbst soll
zwar nach dem neuen Gesetz vor einem Regierungsbeamten gegen Erlegung
einer Taxe erfolgen, die Samoaner aber betrachten die Ehe nach ihrem
alten Brauch auch als rechtsgültig und halten nur darauf, daß bei der
Verheirathung ihrer Töchter mit Weißen jene Form beobachtet wird, wie denn
diese Civilehe wol auch nur durch die Europäer eingeführt worden ist, weil
es ihnen nicht gelingen wollte, hier, ebenso wie auf andern Südsee-Inseln,
intimere Beziehungen mit den Töchtern des Landes anzuknüpfen, und die
Samoaner bald erkannten, daß die nur nach samoanischem Brauch vollzogene
Trauung mit einem Weißen von den andern Europäern nicht als vollgültig
angesehen wurde. Die klugen Weißen wußten sich aber auch hier zu helfen
und sich das Recht, ihre Frauen und Kinder beim Verlassen der Inseln
zurückzulassen, dadurch zu sichern, daß sie gegen Erlegung der doppelten
Taxe die Einführung der Ehe auf bestimmte Zeit, z. B. auf zwei Jahre,
durchsetzten, welcher Unfug zur Zeit noch besteht. Daß die Mutter nachher
die Kinder behält und für ihren Unterhalt sorgt, betrachtet die Samoanerin
als so selbstverständlich, daß dies auch kein Hinderniß für diese Art der
Eheschließung abgab.

Nach dem neuen Gesetz ist, abweichend von dem Samoabrauch, dem Mann nur
eine Frau erlaubt, doch halten die Häuptlinge dasselbe für sich nicht
bindend, wenngleich sie sich in der Regel mit nur einer begnügen, von
welcher Regel allerdings, wenn ich recht unterrichtet bin, der jetzige
Standesbeamte von Upolu eine Ausnahme macht. Derselbe hat sich mehrere
Frauen angetraut, aber zur Erhaltung des häuslichen Friedens die Vorsicht
geübt, daß er sie an verschiedenen Orten wohnen läßt, wodurch er wiederum
den Vortheil hat, bei seinen Reisen überall eine eigene Häuslichkeit
vorzufinden.

Jungfräuliche Reinheit seitens der Braut ist für den Abschluß eines
Ehebündnisses keine Nothwendigkeit; daß aber der Samoaner auf diese
Tugend dennoch großen Werth legt, geht daraus hervor, daß der Beweis der
Reinheit bei einer jungfräulichen Braut, namentlich bei der Heirath eines
Häuptlings, früher stets öffentlich erbracht wurde, was jetzt nur noch im
engern Familienkreise, vereinzelt aber, wenn auch abweichend von dem alten
Brauch, heute noch öffentlich geschieht, denn ich habe in den Straßen von
Apia das Lava-lava einer jungfräulichen Braut am Morgen nach der Hochzeit
vor dem Hause als solch einen öffentlichen Beweis hängen sehen.

Daß die vorgeschilderten, verhältnißmäßig guten moralischen Zustände
dem Wirken der englischen Missionare zuzuschreiben sind, glaube ich
nicht, aber es darf wol als sicher anzunehmen sein, daß sich seit der
Ansiedelung der Missionare die sittlichen Zustände auf den Samoa-Inseln
nicht verschlechtert haben, mithin der neue Glaube auf die wohlgefügten
alten socialen Verhältnisse nicht zersetzend gewirkt hat. Die geistlichen
Herren, welche sich hier nicht in den Vordergrund drängen und keine
politische Rolle, wie z. B. auf den Gesellschafts-Inseln, spielen wollen,
scheinen mit weiser Mäßigung vorgegangen zu sein und dadurch, wenn
auch nur langsam, Aussicht auf dauernden Erfolg zu haben. Immerhin darf
nicht vergessen werden, daß die Missionare in Samoa durchaus geordnete
Verhältnisse vorfanden, welche ihnen einen schnellen Erfolg unmöglich
machten und sie andererseits davor bewahrten, den ihnen eigentlich
zufallenden Wirkungskreis zu überschreiten. Daß die sittlichen Zustände
sich auch in Apia trotz der vielen dort verkehrenden Europäer im Gegensatz
zu den Städten anderer polynesischen Inseln noch so gut erhalten haben,
wird vorzugsweise als ein Verdienst der in Apia tonangebenden deutschen
Häuser anzusehen sein, welche schon ihrer ganzen Stellung nach gezwungen
waren, die guten Formen hochzuhalten und dadurch maßgebend für das
Auftreten der übrigen Europäer wurden.

Zur Zeit nennen sich wol die meisten Samoaner Christen, wenn auch ihr
Glaube sich vorläufig noch auf die Sonntagsheiligung und die Beobachtung
einiger äußerer Gebräuche beschränken dürfte.

Der Besitz des Samoaners besteht vornehmlich nur in seinem Hause, dem
Kanu, der Feuerwaffe und in Land, welches immer der ganzen Familie
und nicht einzelnen Mitgliedern gehört. Hieraus sind früher bei den
Landverkäufen häufig Streitigkeiten entstanden, weil der kaufende
Europäer, mit diesen Verhältnissen unbekannt, den Kauf mit nur einem
Mitglied der Familie abschloß und diesem den Kaufpreis zahlte, worauf die
andern Theilhaber dann die Rechtsgültigkeit des Vertrags bestritten, doch
wird jetzt schon seit langer Zeit kein Landkauf mehr abgeschlossen, ohne
daß die Samoaner vollzählig den Kaufbrief unterschrieben haben. Neben
den vorstehend genannten Besitzthümern gibt es aber noch ein Werthobject,
welches nur einen idealen Werth hat und oft höher geschätzt wird wie all
die andern. Es ist die als Staatskleid benutzte Matte, welche aus einem
besonders feinem Geflecht bestehend und am Rande mit kleinen rothen Federn
verziert, ihren Werth durch ihr Alter und ihre frühern Besitzer erhält,
wodurch die wirklich alten und von berühmten Familien herstammenden in
gewissem Sinne die Ueberlieferinnen der alten samoanischen Geschichte
geworden sind, da diese überhaupt nur in mündlicher Ueberlieferung
besteht, weil die Kunst des Schreibens den Samoanern erst in allerneuester
Zeit bekannt geworden ist. Von diesen besonders werthvollen Matten,
deren Ursprung und Geschichte jeder Samoaner kennt, sind allerdings nur
wenige vorhanden, diese aber verehrt er wie Heiligthümer und es gibt für
ihn keinen größern Wunsch, als eine solche Matte besitzen zu können. Als
einstmals das Haus Godeffroy ein werthvolles Stück Land erwerben wollte
und der Besitzer auf kein Gebot einging, wurde ihm solch eine Matte auch
vorgelegt, von welcher er wie jeder Samoaner wußte, daß sie im Besitz des
Herrn Weber war. Sofort griff der Mann zu und war überrascht, außer der
Matte auch noch den ihm vorher angebotenen Kaufpreis zu erhalten, denn die
Matte allein erschien ihm als überreiche Bezahlung. Das Land wird übrigens
in nicht zu ferner Zeit zum größten Theil in den Händen der Weißen sein,
da der Samoaner, seinem polynesischen Charakterzug folgend, durchaus nicht
arbeiten will und sein Land für ihn daher werthlos ist, sofern es nicht
schon mit Kokosnuß- und Brotfruchtbäumen bestanden ist oder er es als
Bauplatz benutzen kann.

Neben dem Haus und dem Kanu bestehen die künstlichen Erzeugnisse der
Samoaner aus Kleidungsstücken der verschiedensten Art, aus Matten zum
Belegen der Fußböden, Tapavorhängen, Kawabowlen, Fischereigeräthen,
Fliegenwedel, Fächern, geschnitzten und mit allerlei Zierath versehenen
Holzkämmen, kleinen Körbchen und Taschen und schließlich aus alten
Holzwaffen, welche aber nur noch als Schaustücke Verwendung finden. Es
kommen auch noch einzelne Schmuckgegenstände vor, doch habe ich von diesen
noch nichts gesehen, kann also auch noch nicht darüber berichten.

Die Kleidungsstücke, welche immer als Lava-lava zu denken sind,
unterscheiden sich voneinander nur durch das zur Verwendung kommende
Material. Das tägliche Lava-lava, wenn es nicht aus europäischem Stoff
besteht, ist entweder aus Baststreifen bezw. langen Gräsern gefertigt,
oder es wird durch ein Stück Tapa gebildet. Als Staatskleider dienen die
bereits genannten feinen Matten, für welche die Blätter des Pandanusbaumes
das Material liefern, oder Gewebe aus blendend weißem Bast mit Zotteln
von 10-20 cm Länge, sodaß das ganze Stück bei oberflächlicher Betrachtung
häufig für ein Fell der Angoraziege gehalten wird. Dann kommt noch ein
ganz eigenartig gewebtes oder geflochtenes kleines Lava-lava aus demselben
weißen Bast vor, welches nur im Hause von der Braut an ihrem Hochzeitstage
getragen wird und das sie ihrem Manne am nächsten Morgen, indem sie
sich auf eine Knie niederläßt, mit den Worten: „Herr, hier hast du mein
Geschenk“, überreicht. Dieses Lava-lava hat somit wol eine ähnliche
Bedeutung wie bei uns Gürtel und Schleier der Braut es haben?

Die Matten für die Fußböden sind von ziemlich grobem Geflecht und von
verschiedener Größe.

Die Tapavorhänge unterscheiden sich von dem Lava-lava aus gleichem
Material nur durch die Größe und zuweilen auch durch die Malerei, da sie
mehr Farbe vertragen können, wie die für den Körper bestimmten Stoffe,
welche doch weicher und geschmeidiger bleiben müssen. Der Grundstoff
des Tapa ist die Zellenschicht, welche zwischen Rinde und Stamm des
Maulbeerbaumes liegt und durch Klopfen mit Holz oder Steinen zu einem
festen papierartigen Stoffe wird. Zunächst werden die Zellenschichten
je eines Baumes zu Streifen von etwa 20 cm Breite verarbeitet und die
Streifen später dann nach vorheriger Wiederanfeuchtung durch Klopfen
miteinander verbunden. Auf diese Weise kann jede gewünschte Form und Größe
hergestellt werden.

Die größern Kawabowlen, zu welchen die Fidji-Inseln das Holz liefern, weil
auf Samoa keine Bäume von hierzu genügendem Stammdurchmesser vorkommen,
sind aus diesem Grunde werthvolle Stücke, welche nur im Besitz der
Häuptlinge gefunden werden.

Das Fischereigeräth besteht aus Angelhaken, Speeren und Netzen. Die
Haken, soweit hierfür nicht auch schon europäische Waare verwendet wird,
sind aus Perlmutter und Bast gefertigt und setzen sich aus drei Theilen
zusammen, einem in Fischform geschnittenen Stück Perlschale und einem
fischschwanzförmigen Bastbündel, beide Theile von gewöhnlich je 5 cm Länge
und etwa 3 cm Breite, sowie dem ebenfalls aus der Perlschale geschnittenen
Widerhaken von etwa 3 cm Länge. Die drei Theile sind an einem Punkte
und zwar am untern Ende des den Fisch darstellenden Muschelstücks durch
Bindfaden miteinander verbunden. Diese Haken, auf welche die Fische
ganz vorzüglich beißen, werden zum Fangen größerer Fische wol immer in
Verwendung bleiben und nie durch andere verdrängt werden. Die Netze werden
gewöhnlich in drei Arten hergestellt, den großen hauptsächlich von den
Männern bedienten Zugnetzen und zweierlei Handnetzen, die vorzugsweise
von den Frauen zum Fischfang in seichtem Wasser benutzt werden. Das eine
der Handnetze entspricht der Form unserer Schmetterlingsnetze, das andere
wird aus vier Stöcken gebildet, von denen zwei etwas über 1 m lang und
durch zwei rechtwinkelig zu ihnen stehende etwa 60 cm lange Querstöcke so
verbunden sind, daß sich ein viereckiger Rahmen von 80 cm Höhe und 60 cm
Breite bildet, welcher durch ein nur wenig sackartiges Netz ausgefüllt
wird.

Der Fliegenwedel ist ein Büschel Fasern aus der Rinde der Kokospalmen
von 30-40 cm Länge und 10 cm Durchmesser, welcher in Form eines
Pferdeschwanzes an einem kurzen Stöckchen befestigt ist. Vereinzelt werden
an Stelle der Fasern auch Roßhaare verwendet.

Die Kämme sind nur Zierstücke und werden von beiden Geschlechtern am
Hinterkopfe getragen.

Die Körbchen und Taschen, welche wol nur als Luxusgegenstände zu
betrachten sind, werden aus Bast oder Stroh geflochten.

Die Holzwaffen, Speere und Keulen, geben den Samoanern Gelegenheit,
ihre Kunstfertigkeit in Schnitzarbeit darzuthun, und finden praktische
Verwendung bei ihren festlichen Schaustellungen und Tänzen. Zu den Speeren
wird gewöhnlich Kokospalmenholz und zu den Keulen Eisenholz verwendet;
beide sind reich mit Schnitzarbeit versehen. Die Keulen, welche selten
länger als 60 cm sind, werden in den verschiedensten Formen hergestellt;
so besitze ich verschiedene, von denen eine dem Schwert des Schwertfisches
nachgebildet ist, eine zweite an die Form des mittelalterlichen
Morgensterns erinnert und eine dritte auf dünnem Stiel eine Kugel von
12 cm Durchmesser trägt.

Trotz des wunderbar milden Klimas und der vorzüglichen gesundheitlichen
Verhältnisse auf den Samoa-Inseln, welche dem menschlichen Organismus so
sehr zusagen, wie man auch an verschiedenen Europäern, die fast schon ein
ganzes Menschenalter dort zugebracht haben, sehen kann, kommt hier, wenn
auch nicht in so ausgedehntem Maße wie auf den Marquesas-Inseln, doch
unter den Eingeborenen ziemlich häufig Lungenschwindsucht vor, was hier
wol ebenso wie dort eine Folge der ungenügenden Bekleidung des Körpers
während der rauhern Regenzeit ist. Von sonstigen Krankheiten lassen sich
eigentlich nur Elephantiasis und eine Hautkrankheit, welche als Ringwurm
bezeichnet wird, nennen. Während die letztere selten ist, sieht man
Elephantiasis ziemlich häufig. Die Krankheit tritt vorzugsweise in den
untern Extremitäten und zuerst an nur einem Beine auf, sodaß in dem Falle,
wenn beide Beine ergriffen sind, das eine einen höhern Grad der Krankheit
zeigt als das andere. Uebrigens werden auch Europäer, die viele Jahre
ununterbrochen auf den Samoa-Inseln gelebt haben, von ihr heimgesucht,
und ich habe einen solchen Fall bei einem über 70 Jahre alten Engländer,
welcher seit nahezu 50 Jahren als Zimmermann auf Upolu lebt, gesehen.
Der rüstige Mann, welcher trotz seiner geschwollenen Beine noch immer
gut zu Fuße ist, scheint äußerlich wenig darunter zu leiden; dies gilt
übrigens auch von den Samoanern. Vielfach wird behauptet, daß dem Mangel
an ausreichender Fleischnahrung die Entstehung der Krankheit zuzuschreiben
ist, doch wird dies von andern Seiten wieder bestritten. Thatsache ist
ja, daß die Samoaner hauptsächlich von vegetabilischer Kost und in erster
Linie von jungen Kokosnüssen und der Brotfrucht leben, andererseits findet
man aber die Elephantiasis vorzugsweise bei den Häuptlingen, die sich
doch mehr Abwechselung in ihrer Ernährung gestatten, und auch Europäer,
welche regelmäßige Fleischnahrung zu sich nehmen, wollen nach längerm
ununterbrochenen Aufenthalt in Apia die Anfänge dieser Krankheit an sich
beobachtet und der Weiterentwickelung nur durch einen längern Aufenthalt
in Australien, Neu-Seeland oder Europa vorgebeugt haben.

Giftige oder den Menschen sonst gefährliche Thiere gibt es auf den
Samoa-Inseln am Lande nicht, dagegen soll im Wasser neben dem Haifisch
noch ein großer Tintenfisch vorkommen, welcher sich zuweilen in den äußern
Korallenriffen einnistet und dort mit seinen Saugarmen den Fuß oder die
in das Wasser greifende Hand des Menschen packen und so festhalten soll,
daß der Ergriffene für verloren gilt, wenn er nicht den Muth findet,
das gefaßte Glied sich selbst abzuhauen, da der unter Wasser befindliche
Arm des Thieres gewöhnlich nicht zu erreichen sein soll. Wie mir erzählt
wurde, sollen die Samoaner, welche auf die äußern Riffe fischen gehen,
aus diesem Grunde stets ein schweres Schlagmesser bei sich führen, und
es sollen verbürgte Fälle von solcher Selbstverstümmelung zur Rettung
des Lebens bekannt sein. Neben diesem Unthier gibt es in den Köpfen der
Samoaner aber noch ein Ungeheuer, welches wol mit unserm sagenhaften
Lindwurm verglichen werden kann. Es sollen jahrhundertealte ungeheuerliche
Aale sein, welche den Menschen mit Haut und Haar verschlingen können
und ihr Hauptstandquartier in dem flachen Wasser zwischen der Westspitze
der Insel Upolu und der kleinen Insel Manono haben. Doch sollen sie sich
zuweilen auch in Höhlen, welche den Ausfluß unterirdischer Flüsse bilden
und von denen sich eine in der Nähe von Saluafata befindet, aufhalten.

Erwähnt sei hier noch ein Beispiel von der vorzüglichen Tauchkunst der
Eingeborenen. Nachdem unser Taucher mehrere mal unter Wasser gegangen
war, um ein Tau an einen uns verloren gegangenen auf 10 m Tiefe liegenden
Anker, dessen Lage wir genau kannten, zu stecken und jedesmal die Meldung
brachte, daß er ihn nicht finden könne, versuchte ich es, ehe ich den
Anker ganz aufgab, noch einmal mit einem samoanischen Naturtaucher. Der
Mann ging hinunter und meldete gleich beim ersten Wiederauftauchen,
daß er das verlorene Stück gefunden habe, ging dann mit dem Ende
eines Taues wieder hinunter und nach weitern 10 Minuten hatten wir
den Anker geborgen. Der für hiesige Verhältnisse hohe Bergelohn von
20 Mark wird dadurch erklärt, daß das Tauchen auf so große Tiefen ohne
Taucheranzug außerordentlich angreifend sein soll, wie denn auch der erst
vierzigjährige Mann bereits weiße Haare hatte, eine große Seltenheit bei
den Samoanern.

Wenn ich auch zu meinem großen Verdruß von den großartigen, den
Amerikanern zu Ehren veranstalteten Festlichkeiten nichts gesehen habe,
so hatte die Liebenswürdigkeit unsers Consuls doch dafür gesorgt, daß
wir schon vorher einen kleinen Einblick in die samoanischen Vergnügungen
bekamen, welche zwar nicht als mustergültige anzusehen sein sollen,
zumal der Tanz eine bezahlte Schaustellung war, immerhin aber doch einen
ungefähren Begriff bis dahin geben, wo uns Besseres geboten werden wird.

Ein Halbweißer, welcher an der östlichen Spitze von Apia ein Wirthshaus
unterhält, hatte es übernommen, einen Tanz zusammenzubringen, und glaubte
seine Aufgabe jedenfalls sehr schön gelöst zu haben, während ich beim
Betreten des dafür in Aussicht genommenen Raumes einigermaßen enttäuscht
war. Ein großer viereckiger, mit Laub geschmückter Saal war gewissermaßen
als Theater hergerichtet, und die in Reihen aufgestellten Stühle waren
bis auf die für mich und unsere Offiziere reservirten Plätze bereits
alle mit Neugierigen besetzt, welche gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes
das in der Stadt Apia jedenfalls seltene Schauspiel mitgenießen wollten.
Ein kleiner Theil des Saales war an der einen Schmalseite als Bühne
hergerichtet. Die amerikanischen Offiziere -- es war in den ersten Tagen
ihrer Anwesenheit -- hatten sich auch eingefunden und der Commandant nahm
an der einen Seite von mir Platz, während an der andern sich eine junge,
auffallend hübsche und stattliche Samoanerin, welche ihren Oberkörper
verhüllt trug, niederließ und von dem hinter mir sitzenden Wirth vor
unserm Platznehmen als Toë, Tochter des Häuptlings Patiole, welchem
der Theil der Stadt, wo wir uns befanden, gehört, vorgestellt wurde.
Sie benahm sich hierbei nach unsern Begriffen ganz correct, lächelte
verbindlich, reichte mir die Hand und setzte sich, während sie sich mit
ihrer Kleidung zu schaffen machte, auf ihren Stuhl, als ob sie nie eine
andere Sitzart kennen gelernt hätte. Sehr komisch kam es mir vor, daß
sie zu dem Hinsetzen sich mit ihrem außerordentlich dürftigen Kleidchen
beschäftigen mußte und dieser Handgriff gehört wol mit zur weiblichen
Grazie. Die handelnden Personen gruppirten sich; sieben welke Weiber
nahmen die Hauptplätze in der Mitte ein, indem sie sich in zwei Reihen mit
gekreuzten Beinen so hinsetzten, daß vorn drei und in der zweiten Reihe,
die Lücken der ersten ausfüllend, vier saßen. Der Oberkörper war nackt
und glänzte von Kokosöl; als Lava-lava dienten grüne Grasschurze und als
Schmuck hatten sie starkduftende dicke Kränze aus allem möglichen Laub um
Hals und Hüften. Hinter diesen Hauptpersonen, den ganzen Raum bis zu den
Seitenwänden ausfüllend, standen Eingeborene jeden Geschlechts und Alters,
welche durch Händeklatschen den Gesang der Tänzerinnen begleiteten. Der
Tanz besteht in der Hauptsache nur in graziösen Bewegungen der Arme,
Hände, des Kopfes und Oberkörpers, ohne irgendetwas Bestimmtes damit
darstellen zu wollen. Sehr begeistert war ich von dem Gebotenen nicht,
glaube aber, daß in diesen Tänzen sowol Besseres geleistet werden kann,
wie es auch zur richtigen Beurtheilung ihres Werthes nothwendig ist, sie
öfter gesehen und etwas studirt zu haben, denn man wird sich erst an den
Körperbewegungen erfreuen können, wenn man gelernt hat, die fürchterliche
Gesangsbegleitung nicht mehr zu hören. Bei dem zweiten Tanz, um bei der
einmal gewählten Bezeichnung der Schaustellung zu bleiben, waren die Leute
schon warm geworden und die Händeklatscher ließen kurze Zurufe hören,
auf welche hin die drei vordersten Tänzerinnen dann aufstanden, um mit
Arm- und Beinbewegungen hin und her zu tänzeln. Doch traten bald zwei
von ihnen wieder zurück und die ursprünglich mittelste blieb allein auf
dem Plan, um sich mit geschickten Wendungen der Angriffe einiger Kinder
zu erwehren, welche vorgestürzt waren und versuchten, ihr das Lava-lava
herunterzureißen, womit sie schließlich auch Erfolg hatten. Doch als sich
nun zeigte, daß sie unter dem Lava-lava noch ein kleines Zeugkleidchen
anhatte, entstand ein ungeheures Lärmen unter den Eingeborenen, neue
Angreifer stürmten hervor, bis die Gehetzte endlich ganz außer Athem
sich auch dieses wegnehmen lassen mußte, wobei sie sich aber hinfallen
ließ, um sich dann in geschickter Weise gleich wieder mit dem ihr sofort
zurückgestellten Lava-lava zu bekleiden. Es mag sein, daß diese ganze
Art der Darstellung von einem gewissen Reiz umgeben ist, wenn sie in
ihrer Urwüchsigkeit im samoanischen Hause aus Liebe zur Sache und von
frischen jungen Mädchen ausgeübt wird; hier aber von bezahlten Dirnen
dargestellt, war es nicht besonders schön und ich ließ dies auch meiner
Nachbarin, welche mein Urtheil hören wollte, mittheilen. Sie nickte
dazu, wie mir schien mit strahlenden Augen und aufgeblähten Nasenflügeln,
besann sich noch einen Augenblick, tauschte mit dem Wirth einige Worte
aus und verließ dann den Saal. Ich wollte auch schon aufbrechen, weil ich
von dem Vergnügen genug hatte, wurde aber von dem Wirth mit dem Bemerken
zurückgehalten, daß Toë mir noch etwas vortanzen wolle, und wenige Minuten
später erschien sie, nun mit nacktem und ebenfalls eingeöltem Oberkörper,
eine rothe Beerenkette um den Hals, ein schmales grünes Laubband um jeden
Ober- und halben Unterarm und ein ebensolches über und unter der Wade,
umgeben von vier ähnlich geschmückten Männern. Die Zuschauer waren ganz
geblendet, wie ein allgemeiner Ausruf der Ueberraschung andeutete, als
dieses wundervoll gewachsene und in erster jungfräulicher Entwickelung
befindliche Weib plötzlich so vor uns stand, in der Mitte der sie im
Viereck umgebenden Männer und diese an Größe noch etwas überragend. Was
uns aber noch größern Genuß gewährte, war der in ziemlich raschem Tempo
mit kräftigen und geschmeidigen Bewegungen ausgeführte Tanz, bei welchem
alle fünf Personen wirklich etwas Gutes und Schönes zeigten und der auf
jeder großstädtischen europäischen Bühne, natürlich unter der Annahme
einer etwas vollständigern Bekleidung, verdienten Beifall geerntet hätte.
Ich war von Toë’s Einfall so entzückt, daß ich ihr am nächsten Tage einen
goldenen Ring als Andenken schickte, wofür sie mir dann zwei Körbchen, ein
Stück Tapa und einen Schildkrotring persönlich brachte. Da sie sowol, wie
die mit ihr gekommenen Gesellschaftsdamen sämmtlich Busentücher trugen,
wurden sie in das deutsche Consulat zwar hineingelassen, die Dame des
Hauses betrachtete sie aber doch mit einem gewissen Mistrauen, weil sie
alle jung und sehr hübsch waren. Herr Weber machte auch den jungen Mädchen
dadurch noch eine besondere Freude, daß er sie von einem Diener durch das
ganze Haus führen ließ, damit sie sich dasselbe ansehen konnten.

Eine andere Festlichkeit der Eingeborenen sahen wir bei Gelegenheit einer
herrlichen Partie, zu welcher Herr Weber unsere dienstfreien Offiziere,
den Commandanten des amerikanischen Kriegsschiffes nebst einigen
Offizieren und die Herren seines Hauses eingeladen hatte.

An einem Sonnabend Nachmittag um 4 Uhr verließen wir Apia zu Pferde
und trafen nach etwa 1½ Stunden auf der deutschen Plantage Vaitele ein,
wo wir noch vor Einbruch der Dunkelheit das Mittagsmahl einnahmen und
zwar auf dem vor dem Hause liegenden saubern mit Blumen eingerahmten
Platz, mit einem schönen Blick auf die Berge und das Meer. Als es dunkel
geworden war und wir erwartungsvoll der uns in Aussicht gestellten
Waldmeisterbowle entgegensahen, obgleich wir eigentlich schon genug der
guten Weine getrunken hatten, wurden unsere Blicke durch aus dem Walde
ertönenden eigenartigen Gesang dorthin gelenkt, und unter den Bäumen
hervor traten, umgeben von Fackelträgern, singende Weiber und Männer,
welche in mit der getragenen Melodie übereinstimmendem langsamen Schritt
auf uns zu kamen. Wir hatten uns inzwischen auch erhoben, um den Zug,
welcher ein tonganisches Talolo darstellte, d. h. die Begrüßung von Gästen
durch Ueberreichung von Geschenken, an uns vorbei passiren zu lassen. Die
Leute waren eingewanderte Tonganer, welche sich hier in der nächsten Nähe
der Plantage mit ihrem Häuptling niedergelassen haben und durch Herrn
Weber veranlaßt worden waren, uns dieses seltene Schauspiel vorzuführen.
Es war ein wunderbares traumhaftes Bild, welches sich uns bot, als
unsere heitere Unterhaltung so plötzlich durch diese ernsten braunen
Gestalten unterbrochen wurde, welche in der lauen Luft eines herrlichen
Tropenabends aus dem dunkeln Waldesrand herausschwebten, mit ihrem Gesang
uns verstummen machten, sich vor uns auf ein Knie niederließen, ihre
Geschenke niederlegten und singend weiterzogen, bis sie, den Garten im
Bogen umschreitend, im Walde wieder verschwanden. Nachdem die Geschenke,
welche in Kokosnüssen, Früchten und Zuckerrohr bestanden, weggeräumt
waren, nahmen wir unsere Plätze wieder ein und thaten beim Schein der
Windlichter und umschwirrt von allerlei fliegendem Gethier dem wirklich
vortrefflichen, mit getrocknetem Waldmeister hergestellten Getränk alle
Ehre an, bis wir gegen 10 Uhr unser Nachtlager aufsuchten, d. h. in den
zur Verfügung stehenden Räumen es uns auf dem Fußboden auf Decken so
bequem machten, wie es nur möglich war. Am nächsten Morgen besichtigten
wir die erst seit einem Jahre in Bearbeitung genommene Plantage, die
Wohnungen der von den Kingsmill-Inseln stammenden Arbeiter, statteten
dem tonganischen Dorf einen Besuch ab, und um 10 Uhr waren wir wieder zu
Pferde, um das eigentliche Ziel unserer Partie, einen berühmten Badeplatz,
zu besuchen. Nach einstündigem Ritt auf schlechtem und stark steigendem
Wege durch dichten Wald, sodaß wir fast die Hälfte des Weges zum Schutz
gegen die herunterhängenden Baumzweige auf dem Pferde liegen mußten,
stießen wir auf einen rauschenden Fluß, welcher in einer hohen bewaldeten
Schlucht über terrassenförmig gelagerte mächtige Felsblöcke herabstürzt.
An der Stelle, wo wir aus dem Walde heraustraten, sind die Seitenwände
der Schlucht etwas zurückgeschoben, sodaß wir einen schönen Lagerplatz
für uns und genügenden Raum für die Pferde fanden. Hier sollte gebadet,
gefrühstückt, gerastet und, nachdem die Sonne nicht mehr so hoch stand,
von hier aus auch der Fluß überschritten und auf anderm Wege nach Apia
zurückgekehrt werden. Die Umgebung ist ganz eigenartig, und ich kann mir
wol denken, daß dieser Platz ein beliebter Ausflugsort der Samoaner und
namentlich der Halbweißen ist, da die jungen Mädchen dieser Mischlinge
hier in geschlossener Gesellschaft den Durst nach Schwimmkünsten, welcher
nun einmal in dem samoanischen Theil ihres Blutes steckt, nach Herzenslust
befriedigen können.

Von oben fällt aus der Schlucht, welche dort durch hohe Bäume
abgeschlossen wird, das wilde Wasser als etwa 10 m hoher und 6-8 m breiter
Wasserfall herunter in ein tiefes, vom Wasser ausgehöhltes Steinbecken,
wo es sich schäumend und brodelnd austoben muß, da die Sohle des
steinernen Bettes sich wieder hebt und dem Wildling nur eine Mächtigkeit
von vielleicht ½ m gestattet. So fließt er denn an unserm Lagerplatz,
welcher ungefähr 20 m von dem Fuß des Wasserfalls entfernt ist, schon
wieder als klare, spiegelblanke, hellgrüne Masse eilig vorbei und über
einen glatten, die ganze Breite des Flusses einnehmenden Felsrücken von
50-60° Neigung hinweg wieder in ein 8-10 m tiefer liegendes Becken und
nach weitern 20 m noch einmal über solch einen gleichen Felsrücken, um
dann wieder im Waldesdunkel zu verschwinden. Das Hauptvergnügen des Bades
besteht nun darin, daß man aus dem obern tiefen Wasserbecken schwimmend
so zu dem Felsrücken gelangt, daß man sitzend von dem schnellfließenden
Wasser geschoben auf der glatten Steinfläche herunterrutscht, in dem
untern Becken durch das eigene Gewicht tief untertaucht und dort dann
dasselbe Kunststück mit dem zweiten Absatz macht. Zurück muß man natürlich
auf dem Landwege und dann kann das Spiel von neuem beginnen, wenn man
Lust dazu hat. Von uns hat keiner das Kunststück gewagt, mit Ausnahme
eines deutschen Herrn aus Apia, welcher sich mit Viehzucht beschäftigt
und die Stadt mit Butter versorgt und den Kniff aus seinen jüngern Jahren
her kennt. So leicht und elegant auch der dicke Herr in seiner rothen
Badehose mit fliegender Fahrt auf dem Steinrücken heruntersauste, unten
im brodelnden Wasser verschwand, prustend wieder zum Vorschein kam und
sich mit einigen geschickten Schwimmschlägen wieder in die richtige Lage
brachte, um auch den zweiten Abrutsch zu nehmen, fand er unter uns doch
keinen Nachfolger, als er keuchend den steilen Landweg wieder heraufkam
und die Schwimmfahrt zum zweiten mal ausführte.

Wir begnügten uns mit dem Bad in dem obern Becken unter dem Wasserfall,
frühstückten danach und machten uns um 3 Uhr auf den Heimweg durch den
Wald und zwei schön gehaltene samoanische Städte, in deren einer wir
auch einen Samoaner antrafen, welcher uns in gutem hamburger Plattdeutsch
ansprach, das er auf einem deutschen Schiff gelernt hatte. Uns kam dies
im ersten Augenblick höchst komisch vor, denn es wirkt immer frappirend,
wenn man einen Fremdling eine Abart der eigenen Sprache sprechen hört.
Wir langten zu guter Zeit in Apia an, sodaß wir uns vor dem Essen
noch umziehen und etwas ausruhen konnten, und hiermit will ich in der
Erinnerung an diesen schönen Ausflug meinen ersten Besuch der Samoa-Inseln
abschließen.



9.

Sydney.


                                                   Sydney, 19. August 1878.

Seit heute Nachmittag befinden wir uns im Hafen von Sydney oder wol
richtiger im Port Jackson, wie die Engländer ihn ohne Rücksicht auf
den Namen der dazu gehörigen Stadt nennen. Die ganze Umgebung mit dem
summenden Geräusch, welches einem großen Handelsplatz immer eigenthümlich
ist, kommt mir wie eine neue ungewohnte Welt vor, da wir seit sechs
Monaten nichts Derartiges mehr gesehen und gehört haben, denn mit dem
Verlassen von Valparaiso hatten wir von europäischer Civilisation Abschied
genommen, und nun liegen wir ohne einen ähnlichen vermittelnden Uebergang,
wie wir ihn auf dem Wege =nach= den Südsee-Inseln doch in Panama und
Nicaragua gefunden, plötzlich nicht mehr vor einer vom Passatwind
umwehten und von Palmen umrauschten tropischen Insel, sondern inmitten
eines Häusermeeres, vor dessen Steinmassen alle Naturgebilde zurücktreten
müssen. Hier werden wir nun nach langer Zeit der Entbehrungen mancherlei
Zerstreuung und all die Annehmlichkeiten wiederfinden, welche eine große,
reiche und nur von Europäern bewohnte Stadt zu bieten vermag; aber neu
wird es uns wieder sein, ganz unter der Menge zu verschwinden, nachdem
wir so lange Zeit hindurch überall den Mittelpunkt gebildet haben. Und
an den Vorzug, sich wieder einmal ungezwungen und ungekannt in neuer
Umgebung frei bewegen zu können, muß man sich auch erst gewöhnen. Eins
erinnerte mich übrigens bei unserer Ankunft hierselbst doch daran, daß
wir uns noch in der fernen Südsee befinden: der englische Postbeamte,
welcher sich bei mir nach mitgekommenen Postsachen erkundigte. In diesen
Gewässern übernehmen noch Kriegs- wie Kauffahrteischiffe unentgeltlich
die Beförderung der Post zwischen den Plätzen, welche noch keine
Postdampferverbindung haben, und so hatten auch wir von dem Herausgeber
der Samoa-Zeitung in Apia, welcher dort die Briefe für die australischen
und neuseeländischen Postämter in Empfang nimmt, einen Briefbeutel
mitgebracht, welchen ich dem Beamten nach Prüfung des unverletzten
Verschlusses aushändigen ließ.

Das war eine lange Reise von Apia bis hierher. 25 Tage für nur 2400
Seemeilen macht im Durchschnitt nicht einmal eine deutsche Meile für
die Stunde, und an der Unbeständigkeit der Witterung konnten wir wol
merken, daß wir uns hier jetzt im südlichen Winter befinden. Seit der
Zeit, wo wir die Passatzone verlassen haben -- am 30. Juli -- haben
wir viel stürmisches Wetter angetroffen und ungünstigerweise immer nur
Weststürme, welche uns keinen Nutzen brachten. Manches Segel ist uns
bei den Böen weggeflogen, kleine Havarien in der Takelage fehlten auch
nicht, und am ärgerlichsten war dabei immer noch, daß das Wetter sich
diese schlechten Scherze vorzugsweise für die Nacht aufhob und so die
Wache an Deck fast stets volle Arbeit für die Nächte bekam. Als ein
großes Glück muß ich es indeß betrachten, daß wenigstens eine Bö, welche
vorgestern das Schiff überfiel, uns am Tage und zu einer Zeit traf, wo
wir gerade keine Segel führten, denn ich weiß nicht, in welchem Zustand
oder wo die „Ariadne“ sich sonst jetzt befände. Wir standen am Vormittag
des erwähnten Tages nur noch 200 Seemeilen von Sydney ab und der Wind
war so unbeständig, daß ich Dampf machen ließ, um aus dieser Gegend
herauszukommen, was uns allerdings nicht viel half, da schon im Laufe
des Nachmittags ein Weststurm einsetzte, welcher uns zwang, bis gestern
Mittag mit Sturmsegeln beizudrehen. Die Feuer unter den Kesseln waren also
angesteckt und es konnte sich nur noch um eine Viertelstunde handeln,
bis wir genügenden Dampfdruck hatten, um die Maschine in Gang setzen zu
können, als von Süden her eine weiße Wolke mit stärkerm Wind heraufzog,
welche zwar nicht besonders drohend aussah, mich aber doch veranlaßte,
schon vor ihrem Eintreffen die Segel festmachen zu lassen, weil diese
Arbeit während der Bö ja sehr viel schwerer sein mußte. Die Mannschaft war
an Deck gerufen, die Segel wurden gegeit, die Marsraaen liefen herunter,
die Matrosen enterten auf, die Segel verschwanden unter ihren Händen und
in dem Augenblicke, wo die Leute die Takelage wieder verließen, setzte
die Bö hell pfeifend von der Seite ein und gleich derart urplötzlich
mit ihrer ganzen Kraft, daß das Schiff, obgleich keine Segel standen,
mit einem Ruck 23° übergeneigt wurde und unter dem riesigen Winddruck so
liegen blieb, bis die Wolke über uns weggezogen war, was etwa eine Minute
währte. Da das Schiff zur Zeit ziemlich leicht war, weil Proviant, Kohlen
und Wasser nahezu aufgezehrt waren, so lag die Gefahr nahe, daß es bei
der Plötzlichkeit und Heftigkeit des ganzen Vorganges gekentert worden
wäre, wenn es sich noch unter Segel befunden hätte. Denn wenn die Mars-
und Untersegel nicht mehr rechtzeitig von ihren Fesseln hätten befreit
und wirkungslos gemacht werden können, so würden diese starken Segel und
die schwere Takelage bei dem verhältnißmäßig geringen Gegengewicht des
Schiffsrumpfes wahrscheinlich den ersten Anprall ausgehalten haben ohne
zu reißen und zu brechen und dann hätte die Korvette ein Ende gefunden,
wie es in dieser Gegend schon manchem Schiff bereitet worden ist. Bei Tage
schon wurde die Gefahr nicht in ihrer ganzen Größe vorher erkannt, aber es
lag doch die Möglichkeit vor, im letzten Augenblicke noch durch Loswerfen
aller Taue die Segel und einen Theil der Takelage preiszugeben und so
das Schiff zu retten, bei Nacht aber wäre dies wahrscheinlich nicht mehr
möglich gewesen, wenn die Wolke nicht etwa in der Dunkelheit sehr viel
drohender ausgesehen und so zu größern Vorsichtsmaßregeln Veranlassung
gegeben hätte.

Eines Tages begegneten wir einer Heerde kleiner Walfische, welche mit
hohen Bogensprüngen aus dem Wasser heraus auf uns zueilten, etwa eine
Stunde bei dem Schiff blieben, gleichen Curs mit ihm haltend, und dann
wieder im weiten Meere verschwanden. Als die plumpen Thiere sich scheinbar
so übermüthig in und über dem Wasser tummelten, kam mir der wunderliche
Gedanke, daß das von ihnen empfundene Wohlbehagen und Vergnügen sich
eigentlich auch in ihrem Gesichtsausdruck widerspiegeln müsse, und ich
nahm unwillkürlich das Fernrohr zur Hand, um mir die schwarzen Gesellen
genauer zu betrachten. Was ich an den Thieren aber fand, war nicht schön,
denn an mehrern entdeckte ich frische Wunden, Stellen, wo 20-30 cm große
Stücke Fleisch aus dem Körper herausgerissen waren und woraus ich glaube
folgern zu müssen, daß die Fische nicht nur zum Vergnügen aus dem Wasser
heraussprangen und an unser Schiff sich herandrängten, sondern dies
thaten, um großen Raubfischen zu entgehen, da die Wunden wol auf den Biß
eines Haifisches zurückgeführt werden mußten. Das Wasser war leider zur
Zeit so bewegt, daß man mit dem Auge nicht unter die Oberfläche dringen
konnte, denn sonst wäre es vielleicht möglich gewesen, den Räuber zu
entdecken.

Das Beste und Schönste der Reise hierher war die Einfahrt in den hiesigen
Hafen, wenngleich sich uns heute Vormittag, als wir bei schönem Wetter
Land ansteuerten, Australien nicht von der vortheilhaftesten Seite zeigte,
da die durch die 'Blue Mountains' gebildeten hohen Bergketten, deren
obere Spitzen bei klarem Wetter von See aus zu sehen sein müssen, sich
wie gewöhnlich in ihren bläulichen Dunst gehüllt hatten, daher für uns
unsichtbar blieben und das erste australische Land, welches in unsern
Gesichtskreis trat, die durchschnittlich nur 100 m hohe, kahle und öde
Küste bei Sydney war, auf deren Kamm sich Leuchtthürme, Signal- und
Flaggenmasten, sowie einige kleine Gebäude für die Küstenwache in klaren
Umrissen von dem bläulichen Dunstkleid der weiter im Lande liegenden
Berge abhoben. Mit unserm Vorschreiten entwickelt sich die Küste als eine
steile graue Wand, welche nach den Angaben der Karte so jäh abfällt, daß
an ihrem Fuß die Meerestiefe immer noch 14-20 m beträgt. Nördlich von
den Leuchtthürmen, da, wo der Bug unsers Schiffes hingerichtet ist, wird
ein Einschnitt, die 1800 m breite Einfahrt zum Port Jackson sichtbar, in
welcher jetzt auch das Hinterland kenntlich wird und immer deutlichere
Zeichnung annimmt. Wir dampfen in die Einfahrt, schlagen einen rechten
Winkel nach links, steuern zwischen schwimmenden Seezeichen hindurch
und an einem Feuerschiff vorbei über eine schmale Bank oder Barre von
nur 7 m Wassertiefe, drehen nach einigen Minuten wieder nach rechts, und
vor uns liegt eins der schönsten Hafenbilder einer geschäftigen großen
Handelsstadt.

Eine Wasserstraße, welche durch Verschiebung des Landes von unserm
Standpunkt aus allerdings nur auf eine Länge von drei Seemeilen zu sehen
ist, zieht sich in gerader Linie zwischen coulissenartig vorspringenden
Landzungen hin, welche beide Seiten der Wasserfläche einfassen und
deren mittlere freie Bahn in der äußern uns zunächst gelegenen Hälfte
auf 1800 m und später auf nur 600 m verringern. Hinter den Landzungen
zeigen sich aber zurücktretende Wasserbuchten von 600-2000 m Tiefe und
durchschnittlich 500 m Breite, welche zu unserer Linken von Häusern
und ganzen Stadttheilen, zu unserer Rechten von Villencolonien und
grünbelaubten Abhängen umschlossen werden. Hinter den Buchten links die
amphitheatralisch aufsteigende Stadt mit großen Steinbauten, breiten
Straßen und großen parkähnlichen freien Plätzen, rechts die bewaldeten
Höhen mit den vor ihnen liegenden und von großen Gärten umgebenen schönen
Wohnhäusern, Villen und Flaggenmasten. Links fast nur Menschenwerk, rechts
vorherrschend Naturgebilde. Die Wasserfläche ist belebt mit Ruder- und
Segelbooten, zu Anker liegenden und in Bewegung befindlichen großen Segel-
und Dampfschiffen, auf den hohen Ufern am Lande zeigen sich Erholung
suchende Menschen, welche das einlaufende fremde Kriegsschiff durch
Tücherschwenken begrüßen; mehrere kleine belaubte Inseln mit stattlichen
Gebäuden liegen inmitten der großen Straße; von der Stadt her dringen
lange nicht mehr gehörte Laute, wie sie die Vielgeschäftigkeit einer
großen, nach Gelderwerb strebenden Menschenmasse erzeugt, an unser Ohr:
Dampfpfeifen, Hämmern und Schlagen, und das Gesumme und Gewoge, welches
sich aus tausenderlei vielen kleinen Tönen zu einem unbestimmbaren
Geräusch zusammenfindet. Gelderwerb ist wol das Schlagwort, welches hier
alles beherrscht und sich auch dem einlaufenden fremden Schiff gleich
aufdrängt, denn als wir die Stadt noch nicht sehen konnten und ihr
mit 11 Knoten Geschwindigkeit entgegeneilten, warf sich ein zierliches
leichtes Boot, wie sie nur in Sydney gebaut werden, mit großem Geschick
an unsere Seite, hakte sich am Schiffe fest und ließ sich mitschleppen.
Ich glaubte zwar, daß das Boot bei unserer großen Fahrgeschwindigkeit
gleich unter Wasser schneiden würde, aber nichts von dem, der Junge,
welcher den Haken geworfen hatte, paßte auf die Leine auf, ein behäbiger
Herr saß am Steuer und nickte uns vertraulich seinen Gruß zu, war aber
kein Hafenbeamter oder Lootse, wie ich angenommen hatte, sondern ein
ehrsamer wasserkundiger Schlächtermeister, welcher, rechtzeitig von unserm
Einlaufen unterrichtet, dem Schiff gleich entgegengefahren war und durch
sein meisterhaftes Manövriren mit dem Boot zunächst erreichte, daß man
ihn überhaupt herankommen ließ, weil man ihn für etwas anderes hielt,
als er war, und er nachher dann als Erster das Schiff bestieg, um seine
Waare anzupreisen. In einer der kleinen Buchten, Farm-Cove, welche als
Liegeplatz für die Kriegsschiffe reservirt ist, ankerten wir zu Füßen des
zum Gouverneur-Palast gehörigen Parks, über dessen Baumwipfel das vornehme
Gebäude hinwegsieht und einen Rundblick über den ganzen Hafen hat.

Port Jackson könnte vielleicht der beste Handelshafen der Welt genannt
werden, wenn nicht der Hauptarm der Bucht, an welchem auch die Stadt
liegt, durch die vorher schon genannte Barre, welche Schiffen von über 7 m
Tiefgang das Einlaufen verwehrt, von dem Meere getrennt würde. Sonst hat
der Hafen überall genügende Wassertiefe für die größten Schiffe und, was
als geradezu unschätzbar angesehen werden muß, eine Uferlinie, welche in
Schlangenwindungen sich um die ganze Bucht hinziehend, eine fortlaufende
Kette der schon genannten kleinen Einbuchtungen mit großen Wassertiefen
darstellt.

So scheint es fast, als ob die Natur selbst diesen Hafen als großen
Handelsplatz geplant habe, da er in seiner Gestaltung als Muster für
moderne künstliche Hafenanlagen dienen könnte, denn der Theil des Landes,
welcher zur Zeit von der eigentlichen Stadt in Anspruch genommen wird,
hat durch diese natürlichen Seitenhäfen eine dreifach größere Uferstrecke
erhalten, als er haben würde, wenn das Ufer geradlinig verliefe, und
was dies bedeutet, zeigt die Zahlenangabe, daß die jetzige Stadt Sydney
infolge dieser Ufergestaltung allein an der Südseite der Bucht, wo die
Geschäftsstadt liegt, eine Uferlinie von zehn Seemeilen Ausdehnung hat,
während dieselbe sonst nur drei Seemeilen betragen würde. Aber nicht nur
für die bequeme Befrachtung der Schiffe mit ungefährlichen Frachtgütern
hat die Natur gesorgt, sondern sie hat auch noch die kleinen Inseln als
Pulver-, Petroleum- u. dgl. Niederlagen in den Hafen gebaut. Durch diese
natürlichen Vorzüge mußten auch die Verkehrsverhältnisse aus der innern
Stadt nach dem Hafen außerordentlich bequeme werden und man konnte bei
ihrer Anlage von einer ungebührlichen Ausdehnung in die Länge absehen. Ob
Sydney auch mit einem weniger vorzüglichen Hafen das geworden wäre, was
es jetzt schon ist, muß bezweifelt werden. Wahrhaft betäubend wirkt es,
wenn man hört, daß während die Stadt im Jahre 1840 24000 Einwohner hatte,
die Bevölkerung jetzt schon über 200000 Seelen beträgt und vorläufig noch
in demselben Verhältniß weiter wächst.


                                                        15. September 1878.

Unsere Zeit ist nun auch hier abgelaufen und morgen werden wir Sydney
wieder verlassen, um nach der uns gewordenen Erholung von neuem unsern
Dienstpflichten nachzugehen. Vier Wochen in solcher Stadt zu leben ist
genügende Zeit, um viel sehen und lernen zu können, aber nur, wenn man
frei über sich verfügen darf und es einem auch gestattet ist, ungekannt
die Eigenthümlichkeiten der Tag- und Nachtbilder zu studiren. Dieser
Vorzug wurde mir aber nicht zutheil, denn vom ersten Tage an mußte ich
mich zu der Gesellschaft des Gouverneurs, zu welcher auch unser Consul
gehört, rechnen und war dadurch gleich infolge der verschiedenartigsten
Einladungen derart gebannt, daß ich an interessante Entdeckungsfahrten in
das Volksleben nicht denken konnte, sondern mich in dieser Beziehung mit
dem begnügen mußte, was die jüngern Herren mir darüber erzählten.

Am Morgen nach meiner Ankunft, nachdem ich den Besuch unsers Consuls
empfangen hatte, machte ich mit diesem Herrn zusammen dem hier
residirenden Gouverneur von Neusüdwales meine Aufwartung, durfte mich
auch seinen Damen vorstellen und erhielt gleich zum Abend desselben
Tages eine Einladung zum Diner. Im Laufe des Nachmittags erwiderte der
militärische Adjutant des Gouverneurs in dessen Namen meinen Besuch und
übergab mir auch im Auftrage der liebenswürdigen Dame des Hauses einen
Schlüssel zu einem quer ab von unserm Ankerplatz liegenden Thor zu dem
Gouvernements-Park, damit ich bei meinen Besuchen im Government-House
stets auf dem kürzesten und zweifellos angenehmsten Wege dahin gelangen
könne. Der Gouverneur ist Civilbeamter und gehört zu der bevorzugten
Menschenklasse, aus welcher die englische Regierung die Personen für diese
wichtigen Posten auswählt, wenngleich die Herren, welche hierzu berufen
werden, oft ihre eigentliche Heimat nicht mehr wiedersehen, da sie das
höchste Amt eines Gouverneurs in der Regel in einer Colonie nur abgeben,
um es in einer andern wieder zu übernehmen. Der Gouverneur von Neusüdwales
hat einen fürstlichen Sitz, bezieht ein Jahresgehalt von 7000 Pfd. St. und
erfreut sich daneben noch mancherlei anderer diesen Aemtern zukommenden
Gerechtsame. So hat er das Recht der Wahl seines Adjutanten und Secretärs,
was für sein Familienleben zuweilen von großer Bedeutung ist, wie z. B. in
dem vorliegenden Falle der Gouverneur den Gatten seiner ältesten Tochter,
einen Armeeofficier, sich als Adjutanten hat commandiren lassen, sodaß die
Aeltern nun den Vorzug genießen, wenigstens diese Tochter nebst Gatten
und Kind stets mit unter ihrem Dache zu haben, da Adjutant und Secretär
ihrem Gouverneur von Platz zu Platz folgen und im Government-House
Dienstwohnung finden. Andererseits müssen die Aeltern allerdings auch oft
auf vielleicht Nimmerwiedersehen von ihren Kindern Abschied nehmen, denn
wenn der hiesige Gouverneur Australien verlassen sollte, dann muß er sich
wol für immer von seiner zweiten Tochter trennen, da diese während unsers
Aufenthalts hierselbst einen Herrn geheirathet hat, der als Besitzer
großer Viehstationen sich schwerlich wieder von Australien wird losreißen
können, denn je größer der Besitz ist, um so stärker ist ja der Besitzer
an die Scholle gefesselt. Ein mir als reich bezeichneter älterer Herr,
welchen ich kennen lernte, sprach sich sehr wehmüthig und entsagungsvoll
darüber aus, daß er nicht mehr nach Alt-England zurückkehren könne, und
als ich dies in Rücksicht auf seine gute finanzielle Lage nicht verstehen
wollte, gab er mir die Erklärung, daß er nie einen Käufer finden würde,
welcher im Stande sei, ihm einen nur einigermaßen annehmbaren Preis
für seine Liegenschaften zu zahlen, da große Kapitalisten als Käufer in
diese entfernten Colonien nie kämen, sondern nur Leute mit bescheidenern
Mitteln, welche erst erwerben wollen; und wer hier überhaupt verkaufe,
wolle auch den ganzen Kaufpreis ausgezahlt erhalten. Dies letztere wurde
mir erst in den jüngsten Tagen verständlich, als wieder einmal infolge der
im Innern anhaltenden Dürre so viel Vieh auf den hiesigen Markt getrieben
wurde, daß das Pfund Rind- und Hammelfleisch nur wenige Pfennige kostete.
Tritt ein solcher Fall ein, dann ist derjenige Besitzer, welcher nur eine
kleinere Anzahlung machen konnte, gewöhnlich wol bankrott und der frühere
Besitzer hat natürlich das Nachsehen, namentlich wenn er in England wohnt.

Abends beim Gouverneur traf ich eine ziemlich große Gesellschaft an, die
Damen in kostbaren Toiletten, zu welchen die drei Töchter des Hauses
reizend geschmackvollen und reichen Blumenschmuck angelegt hatten. Im
großen und ganzen läßt sich von den anwesenden Damen und Herren nur
sagen, daß mir die Familie des Gastgebers in diesen Gesellschaftsrahmen
nicht recht hineinzupassen schien. Zwischen Ministern, die aus der
Bevölkerung der Colonie gewählt sind, Besitzern großer Viehstationen,
Sportsmen und Kaufleuten, welche durch ihren Reichthum und wol auch ihre
politische Stellung eine Rolle spielen, erschienen mir der Gouverneur
und seine Familienmitglieder, bei welchen jede Bewegung und jedes
gesprochene Wort an die vornehme Herkunft und die hohe Stellung, welche
sie einnehmen, erinnerte, als ganz fremdartige Erscheinungen, welche wol
am richtigsten mit fürstlichen Personen zu vergleichen sind, denen von
einer mit republikanischen Gewohnheiten prahlenden Umgebung doch willig
die höhere gesellschaftliche Stellung eingeräumt wird. So war bei einem
Ball, welchen die Junggesellen der guten Gesellschaft den verheiratheten
Familien gaben und wozu wir auch Einladungen erhalten hatten, für den
Gouverneur und seine Familie eine Art Thron mit mehrern Stufen errichtet,
wohin nur diejenigen Personen Zutritt erhielten, welche dahin befohlen
wurden. Im Gegensatz hierzu steht wieder die schwierige Stellung, welche
der Gouverneur bei seinen Ministern und dem Parlament, wo es häufig
amerikanisch derb hergehen soll, findet; doch wird dem jetzigen Gouverneur
nachgerühmt, daß er in sehr sicherer und taktvoller Weise die Klippen
zu umschiffen weiß, mit welchen sein schwieriges Amt übersät ist, denn
die einzelnen australischen Colonien, welche bekanntlich voneinander
ganz unabhängig sind, sind dies praktisch auch von dem Mutterlande,
von welchem sie nur den von der Königin ernannten Gouverneur annehmen
müssen, und dadurch wol unwillkürlich zu dem Versuch gedrängt werden,
diesen unabhängigen Mann in ein Abhängigkeitsverhältniß zur Colonie zu
bringen. Diese hat auch ihre eigenen Miliztruppen und Befestigungsanlagen,
die englischen Kriegsschiffe sind hier ebenfalls nur Gäste, und das
von der Colonie von Neusüdwales dem jeweiligen Befehlshaber des in der
Südsee stationirten englischen Geschwaders und seiner Familie hier
in Sydney zu freier Benutzung überwiesene vollständig ausgestattete
große Wohnhaus ist ein freiwilliges Geschenk der Colonie an die Flotte
des Mutterlandes. Wie rücksichtslos in anderer Beziehung die Colonie
auf ihre Selbständigkeit pocht, dürfte daraus hervorgehen, daß es den
englischen Kriegsschiffen ebensowenig wie fremden Schiffen möglich ist,
ihre Deserteure wiederzuerhalten, da die Polizei jede Mitwirkung hierzu
ablehnt unter dem Vorwand, daß ihre Macht sich nur auf die innere Stadt
beschränke und die Häuser, wo die weggelaufenen Matrosen Unterschlupf
finden, in den Vorstädten liegen. So waren einem englischen Kanonenboot
mit einer Besatzung von 120 Mann, 85 Mann weggelaufen; der Commandant
des Schiffes und die Polizei wußten, wo die Leute frei umhergingen,
aber nicht einmal die Einwirkung des Gouverneurs konnte erreichen, dem
wehrlos gewordenen Schiffe seine Besatzung wieder zuzuführen. Böse Zungen
behaupten, daß die Colonie, welche für jeden arbeitskräftigen Einwanderer
eine Prämie von 45 Pfd. St. zahlt, hieraus ein Geldgeschäft macht, weil
sie für diese Einwanderer keine Prämie zu zahlen brauche. Die Hauptaufgabe
des Vertreters der heimischen Regierung wird hier vorzugsweise darin
bestehen, die Einflüsse unschädlich zu machen, welche die schon sichtlich
amerikanisch-republikanisch angehauchten Neigungen der Colonisten zu
stärken geeignet sind, um so den Zeitpunkt der doch über kurz oder lang
eintretenden Losreißung des großen australischen Staates von dem kleinen
Mutterlande möglichst lange hinauszuschieben.

Die Stadt genießt die Vorzüge ihrer Jugend: gerade, breite, systematisch
angelegte Straßen, große öffentliche Parks inmitten der Stadt und
zueinander passender Baustil der öffentlichen Gebäude, an denen Sydney
außerordentlich reich ist. Unter den öffentlichen Bauten führe ich an:
Das Government-House, das Parlament, der Gerichtshof, das Schatzamt,
die Münze, das Rathhaus, die Universität, 2 große Kathedralen, ein
großes Hospital, das Museum, die Volksbibliothek, die Börse, das Post-
und Telegraphenamt, die Ausstellungsgebäude, 13 Banken, 3 Theater und 6
größere Clubhäuser. Rechnet man dazu die vielen großartigen Verkaufsläden,
so begreift man, daß Sydney eine wirkliche Großstadt zu nennen ist. Von
den öffentlichen Parks sind in erster Reihe die Domäne und Hydepark zu
nennen, beide mit hohen Bäumen bestanden und von schattigen Fußwegen,
sowie breiten Fahr- und Reitwegen, durchschnitten. Eine wahre Perle ist
die Domäne, welche Farm-Cove umfassend und die beiden die Bucht bildenden
Landzungen in sich schließend eine Fläche von etwa 1400 m Länge und 700 m
Breite einnimmt. Innerhalb der Domäne liegen auf der einen Landzunge das
Government-House und der weitläufige, im großartigsten Stil angelegte
Botanische Garten; die andere Landzunge, an deren Fuß sich Seebäder
befinden, ist öffentlicher Park. Der Botanische Garten, für welchen
die Colonie eine besondere Zärtlichkeit zu besitzen scheint, enthält an
Bäumen, Sträuchern und Blumen wol so ziemlich alles, was man in der heißen
und gemäßigten Zone unserer Erde an bedeutendern Pflanzen finden kann.
Mich interessirten besonders die Nadelhölzer und hier wieder vorzugsweise
die durch ihre feinen Nadeln, schönen Formen und Farben berühmten Tannen
der kleinen Insel Norfolk. Natürlich hat Sydney auch seinen Rennplatz
und große 'Criquet-' und 'Lawn tennis-grounds'. Hier, wie an entfernter
liegenden Fischplätzen und auf dem Hafen kann man sich an der Lebendigkeit
der Bewohner sowie daran erfreuen, daß die Menschen, trotz ihres Hastens
nach Gelderwerb, die Freude an unschuldigen Vergnügungen und am Sport
nicht verloren haben; ja, ich möchte behaupten, daß ich bisjetzt noch
keinen Platz kennen gelernt habe, wo die Bevölkerung sich nach Schluß
der Geschäftsstunden so allgemein der körperlichen Erholung widmet.
Dampfer und Eisenbahn bringen die nach Abwechselung und Zerstreuung
lüsternen Städter nach beliebten Ausflugspunkten; mit erstern fahren
sie den Fluß hinauf oder über See, vermittelst der letztern kommen sie
in die Berge; Fuhrwerke aller Art, eigene und Miethswagen, eilen zu den
Spielplätzen, und Lustjachten wie kleinere Segel- und Ruderboote beleben
den Hafen. Namentlich an den Sonntagnachmittagen sind bei gutem Wetter
die sämmtlichen kleinen Segelboote in Bewegung nach der Hafenmündung
zu, und ich habe noch bei jeder solchen Gelegenheit eins oder zwei der
Boote kentern sehen, weil sich bei diesen Ausflügen stets Wettfahrten
entwickeln, da der Engländer davon nun einmal nicht lassen kann, und die
Leute, von denen viele nichts von dem Segeln verstehen, dann übermäßig
Segel führen. Ein weiteres Unglück, als daß die Gekenterten naß wurden,
passirte dabei indeß nicht. Der Sport spielt hier überhaupt in gewissen
Grenzen vielleicht noch eine größere Rolle als im Mutterlande, löst doch
ein Wettrennen das andere ab, und bereisen doch die Criquetspieler nicht
nur die australischen und neuseeländischen Städte, sondern sogar England,
um andere derartige Gesellschaften zum Preiskampf herauszufordern. Während
unsers hiesigen Aufenthalts wurden in Sydney zwei Rennen abgehalten
und von mehrern in andern Städten war noch die Rede. Der Gouverneur ist
selbst großer Sportliebhaber, hat acht Rennpferde im Stalle stehen und
fuhr als richtiger Sportsman zu einem Rennen, das in unmittelbarer Nähe
der Stadt abgehalten wurde, selbst 'four in hands' seine große 'Coach',
in welcher seine ganze Familie sowie die von ihm Geladenen, zu denen auch
ich gehörte, Platz fanden. Die Damen saßen in dem Wagen, wir Herren oben
auf dem Verdeck.

Das Klima, welches annähernd dem von Süditalien mit dem Vorzug eines
kühlern Winters entspricht, scheint dem menschlichen Organismus ebenso
zuträglich zu sein wie den Kindern der Pflanzenwelt, unter welchen auch
die Früchte eine hervorragende Rolle spielen, denn es sollen z. B. in den
Anpflanzungen bei Sydney und Paramatta mehr Orangenarten zu finden sein
als auf dem ganzen übrigen Erdball. Man hat durch Kreuzung und Veredelung
neue Arten und von bekannten Arten andere Größen gewonnen, und von den
letztern werden kleine, nur wallnußgroße Mandarinen wegen ihres feinen
Geschmacks und Saftreichthums besonders geschätzt.

Die wohlhabendern Klassen halten vielfach daran fest, außerhalb der
Stadt zu wohnen. Die meisten dieser Wohnungen findet man nach der
Seeseite zu und auf dem nördlichen Ufer des Hafens, wo schöne Häuser
in herrlichen Gärten liegen, doch fängt man seit der Fertigstellung
der Eisenbahn nach den 'Blue Mountains' auch an, sich dort an höher
gelegenen Punkten anzusiedeln. Die große Entfernung der Privatwohnungen
von den Geschäftsräumen und der Umstand, daß sich in einer aufstrebenden
Colonie in der bessern Gesellschaft immer eine unverhältnißmäßig große
Zahl unverheiratheter jüngerer Männer vorfinden, erklärt wol die vielen
Clubhäuser und deren starke Benutzung zur Frühstückszeit.

Wie in allen englischen Hafenstädten und namentlich in denjenigen der
Colonien fremde Kriegsschiffe auf das liebenswürdigste aufgenommen
werden und ihnen nicht nur von den Offiziercorps und geschlossenen
Gesellschaften, sondern auch von einzelnen amtlichen und Privatpersonen
der erste Besuch gemacht wird, um den Offizieren die Anbahnung eines
geselligen Verkehrs zu erleichtern, so erging es uns auch hier. Gleich in
den ersten Tagen waren wir in die Clubs und in viele Familien eingeführt,
und es durfte mich nicht überraschen, als der Consul mich auf den
Spielplatz der guten Gesellschaft führte, dort bereits unsere Offiziere im
Kreise junger Damen vorzufinden. Die Aufmerksamkeit der Behörden ging so
weit, daß jeder Offizier eine in zierlichem Lederumschlag mit Goldschnitt
befindliche Freikarte zu beliebiger Benutzung sämmtlicher Eisenbahnlinien
der Colonie für die Dauer unsers Aufenthalts erhielt.

Daß Australien die merkwürdigsten Vögel und solche von außerordentlich
schönem Gefieder, sowie eine auffallend große Zahl verschiedener Kakadu-
und Sitticharten hat, ist bekannt, aber überraschend wirkt es doch, wenn
man solche Thiere in großen Wagen zum Verkauf herumfahren sieht und sowol
die Farbenpracht der einen, wie die zarten, unscheinbaren und doch so
feinen Farben anderer und die merkwürdigste Farbenzusammenstellung in dem
Gefieder wieder anderer bewundern muß. Von allen Vögeln, welche ich hier
zu Gesicht bekam, interessirte mich am meisten der Jägerliest, hier wegen
seines, lautem Lachen täuschend ähnelnden Geschreis allgemein „'laughing
Jack'“ genannt, von welchen unser Consul einige gezähmte in seinem Garten
herumlaufen hat. Dieser Vogel, welcher in seinem unscheinbaren Gefieder
und sonstigem Aeußern einer Eule gleicht, bei näherer Betrachtung aber in
seinem Bau an den Eisvogel erinnert, etwa 40 cm hoch ist und einen Kopf
hat, welcher fast ein Drittel des ganzen Körpers einnimmt, kommt mir wie
ein vorsintflutliches Geschöpf vor.

Von allem Möglichen habe ich nun schon erzählt und noch nicht unserer
deutschen Landsleute gedacht, doch liegt dies daran, daß dieselben in
diesem Theil Australiens wenig zur Geltung kommen, weil sie mit ganz
verschwindenden Ausnahmen, welche in der englischen guten Gesellschaft
aufgehen, nur dem kleinern Kaufmanns- und dem Handwerkerstande angehören
und sich durch Heirathen mit den englischen Einwohnern schon stark
vermischt haben. Doch halten sie unter sich noch immer zusammen und nahmen
uns in der zuvorkommendsten Weise auf, stellten uns ihr Vereinslocal zur
Verfügung und gaben uns einen Ball, welchen wir mit einem Tanzfest auf
unserm Schiff erwiderten. In nähere gesellige Berührung bin ich mit nur
einigen wenigen gekommen.

Ich habe natürlich auch nicht versäumt, die 'Blue Mountains' zu besuchen,
wohin unser Consul mich zweimal führte. Das erste mal waren wir allein,
fuhren mit der Bahn bis Blackheath und gingen von dort aus zu einem
Felsenthal „'the Grose'“ und zu einem Wasserfall, „'Govett’s Leap'“
genannt; das zweite mal hatte der genannte Herr unsere dienstfreien
Offiziere nach dem jenseit der Blauen Berge gelegenen Städtchen
Bathurst eingeladen, um uns bei der Rückfahrt einen Ueberblick über
die Gebirgslandschaft zu verschaffen und uns auch Gelegenheit zu geben,
während der Fahrt das großartige Menschenwerk zu bewundern, durch welches
es erst möglich wurde, nicht nur mit der Bahn, sondern überhaupt diesen
Bergrücken zu überschreiten, welcher vorher sogar für einzelne Menschen
und Saumthiere unpassirbar war.

Bei der Station Blackheath fanden wir ein recht gutes Wirthshaus, ein
zwar einfaches aber innen gut ausgestattetes hölzernes Gebäude mit
guter Verpflegung. Von hier aus gelangten wir auf schmalen Pfaden durch
Gestrüpp und Steingeröll nach dem Grosethal und nach 'Govett’s Leap'. Das
Charakteristische dieser Thäler und Schluchten liegt in den mächtigen
Felswänden, welche, altem Gemäuer gleichend, senkrecht abfallen, sowie
in dem üppigen Pflanzenwuchs der feuchten Thalsohle, welche mit dichtem
Wald bestanden ist. 'Govett’s Leap' ist ein großer, von hohen Felswänden
umschlossener Kessel, in welchen sich von der einen Seite von einer 170 m
hohen Wand ein kleiner Wasserarm ergießt, der von oben als dünner Strahl
herunterfällt ohne das Gestein zu berühren.

Nach Bathurst fuhren wir des Abends, trafen dort nach vierstündiger Fahrt
nachts 11 Uhr ein und traten am nächsten Morgen die Rückfahrt an. Der
Rundblick, welchen man auf das Gebirge erhält, ist großartig; weithin
schweift das Auge über Berg und Thal und ist entzückt von dem weichen
blauen Farbenton, welcher auf der Landschaft liegt, doch die Natur tritt
zurück, sobald der Zug die Westseite der hohen Scheidewand erreicht, wo
er in Zickzacklinien heraufklettern muß, um den Gebirgskamm zu erreichen.
Diese Wand ist so steil und zerklüftet, daß die Ingenieure, welche mit der
Untersuchung des Terrains und mit den Vorarbeiten des Bahnbaues beauftragt
waren, sich an langen Seilen herunterlassen mußten, um die Punkte für den
Schienenweg bestimmen zu können. Man begreift kaum, wie es möglich ist,
daß ein Eisenbahnzug diese steile Wand überwinden kann, und staunt die
Bauten an, welche nöthig waren, um die Schluchten zu überbrücken, denn
drei Viadukte, jeder von 7-8 Bogen mit je 30 Fuß engl. Spannweite und
größter Pfeilerhöhe von 46 Fuß, und ein Tunnel von 70 m Länge nehmen einen
großen Theil des ganzen Schienenweges in Anspruch oder erscheinen dem Auge
doch so. Der eigentliche Bahnkörper ist natürlich nur eine schmale Straße
mit einfachem Gleise; für Kurven und Drehscheiben blieb kein Platz, und
so kam man auf den Gedanken der Zickzacklinie, wo die Lokomotive den Zug
auf der einen Strecke zieht und auf der andern schiebt. Für eine Höhe von
687 Fuß engl. waren allein 7,5 km Schienenweg erforderlich und je 1,5 km
erforderten einen Kostenaufwand von 4-500000 Mark, sodaß der von den
Engländern Zig-Zag genannte Theil allein über 2 Millionen Mark gekostet
hat.

Bei den vorgenannten Fahrten kamen wir auch durch Eukalypten-Waldungen
und durch weite, nur mit niedrigem Gestrüpp bedeckte Flächen, wie sie
Australien eigenthümlich sind, in den höhern Regionen auch durch solche,
wo nur Gräser die Erde bedecken. All dieses bietet wenig Anziehendes;
die Eukalypten mit ihren schmutzig-grauen Stämmen und ähnlich gefärbten
kleinen Blättern erinnerten mich an Olivenbäume, die kahlen farblosen
Wälder ohne Buschwerk zwischen den weit auseinander stehenden und nur
an ihrem Wipfel mit einer Laubkrone versehenen Stämmen an verstaubte,
halb verdorrte Waldgehege innerhalb großer Städte, wenn in heißem Sommer
lange Zeit kein Regen gefallen ist. Warum dieser Baum „'gum-tree'“, von
den Deutschen „Gummibaum“ (mit welchem er weder in Gestalt noch in seinen
Eigenschaften irgendeine Gemeinschaft hat) genannt wird, ist mir unklar
geblieben. Vielleicht daß die Eingeborenen ihn mit dem Laut „Göm“, aus
welchem die ersten Colonisten „'gum'“ machten, bezeichnet haben. Diese
farblose kalte Pflanzenwelt, das weiter oben in den Bergen vorherrschende
Knieholz und niedrige Gestrüpp, sowie die kleinen als Stationsgebäude
dienenden Blockhäuser ließen mich die Scenerie in den Blauen Bergen schon
auf einer Höhe von nur 500 m über dem Meere trotz der warmen Luft mit den
Gefilden unsers Riesengebirgskammes auf 1500 m Höhe vergleichen.

Ich glaube mit Sydney abschließen zu können, nachdem ich noch gesagt
habe, daß unser geselliger Verkehr hierselbst, dank der vollendeten
Gastfreundschaft unsers Consuls und der englischen Gesellschaft ein sehr
reger war und uns Genüsse der verschiedensten Art geboten wurden. Die
wöchentlichen Nachmittags-Gartenfeste beim Gouverneur verdienen in erster
Reihe genannt zu werden, weil man hier in dem schönen Park bei Musik
alles traf, was zur guten Gesellschaft gehört, und die zwanglose Form des
Verkehrs ein Magnet war, welchem niemand so leicht widerstehen konnte.
Neben dem bereits erwähnten Junggesellen-Ball fand noch ein von der Gattin
des Gouverneurs zu Wohlthätigkeitszwecken veranstalteter Costümball statt,
zu welchem die Theilnehmer nur in Kattunstoffen erscheinen durften;
Privatbälle, Mittags- und Abendgesellschaften schlossen die Kette der
Feste.



10.

Samoa.

II.


                                         Angesichts Upolu, 7. October 1878.

Das schöne Upolu liegt nun auch wieder in unserm Gesichtskreis und zwar
als ein in Gewitterwolken eingehülltes und von den letzten Strahlen
der untergehenden Sonne beleuchtetes kleines Stück Bergland auf weitem
Meere. Windstille liegt über der träge auf- und niederwogenden See,
laue Tropenluft umfängt uns und Blitze zucken durch das auf dem Lande
lagernde schwarze Gewölk; der Tag schwindet schnell, die Nacht breitet
ihre Schatten aus, und kaum daß die Sonne zur Rüste gegangen ist,
flimmern und blinken auch schon die Sterne oben in der Höhe an dem
dunkeln, in unendliche Fernen reichenden Himmelsdom; in gleichmäßigem
Takt schlägt die Schraube durch das Wasser, treibt unser Schiff dicht
unter der Küste entlang dem Hafen zu und die Nähe des Landes zwingt
mich, die Nacht zum Tage zu machen. So finde ich in später Abendstunde
Muße zum Schreiben, welche ich benutzen will, da ja möglicherweise sich
uns morgen in Apia schon eine Postgelegenheit bieten kann. Schwer wird
es mir, in meiner Kajüte zu bleiben, da eine Nacht wie die heutige mich
mit unwiderstehlicher Gewalt auf das Deck zieht. Was es ist, kann ich
nicht sagen. Ob der von dem Lande ausströmende Duft und geheimnißvolle
Zauber; ob das bleierne Gewölk, welches die Insel so innig umfängt, daß
man glaubt, kein heimlicheres Plätzchen finden zu können; ob die tiefe
andachtsvolle Stille, welche nur durch ein leises Rauschen der Brandung
unter der Küste und das gleichmäßige Arbeiten der Maschine unterbrochen
wird; ob die weite Sternenwelt oder ob Alles zusammen? Ja, wer kann es
sagen und wer ist wol im Stande zu beschreiben, was die Seele des Menschen
in solcher Umgebung eigentlich durchzieht und bewegt?

Beim Durchblättern meines Tagebuches finde ich übrigens zu meiner
Befriedigung, daß mir infolge der Einförmigkeit unserer letzten Reise
kaum etwas niederzuschreiben bleibt. Das Einzige, was vielleicht von
allgemeinerm Interesse sein könnte, ist, daß wir die von dem französischen
Transportschiff „'La Rance'“ im Jahre 1873 entdeckten und nach ihm
benannten großen Korallenriffe, welche ein Feld von 10 Seemeilen
Durchmesser einnehmen sollen, ebenso wenig gefunden haben, wie das
englische Kriegsschiff „'Pearl'“ sie im vorigen Jahre finden konnte, und
daher nur anzunehmen ist, daß dieses Riff inzwischen wieder verschwunden
ist oder aber nie bestanden hat. Der Franzose will bei starkem Wind
plötzlich entfärbtes Wasser gesehen haben und hat dann ein Boot zu Wasser
gelassen, welches dort mit dem Loth als geringste Wassertiefe nur 6½ m
gefunden haben will, während der Ausguckposten des Schiffes vom Mast aus
nach der Brandung, welche er gesehen haben will, die ungefähre Ausdehnung
des Riffs festgestellt hat, wobei nur unerklärlich bleibt, weshalb zu
dieser wichtigen Messung und überhaupt zur Richtigstellung der ganzen
für die Schiffahrt so bedeutungsvollen Sachlage nicht der Commandant
selbst oder doch wenigstens ein Offizier in die Takelage gegangen ist.
Thatsache ist, daß wir unter den denkbar günstigsten Umständen den
Platz der fraglichen Bank unter Dampf angesteuert haben, bei klarem
sehr sichtigen Wetter, Windstille und hoher Dünung, sodaß wir, wenn in
einem Umkreis von 16 Seemeilen von unserm jeweiligen Standort während
der Zeit, wo wir suchten, Riffe gewesen wären, die Brandung auf ihnen
unter allen Umständen hätten sehen müssen und keine durch Wind erzeugten
Wellenbrecher uns hätten täuschen können. Außerdem hatten wir aber auch
eine durchaus zuverlässige Ortsbestimmung, fanden mit dem gewöhnlichen
großen Loth keinen Grund und zuverlässige Posten wie ein Offizier mit
Fernrohr konnten aus der Takelage keine Brandung entdecken. Nachdem wir
bis 5 Uhr nachmittags vergeblich gesucht hatten, kamen wir zu demselben
Schluß wie die englische Korvette „'Pearl'“, daß die Korallenbank nicht
oder aber nicht mehr existirt.


                                                           8. October 1878.

Als wir heute Morgen mit Tagesanbruch in Apia einliefen, erhielt ich von
dem Lootsen gleich die befriedigende Nachricht, daß die amerikanischen
Abenteurer bis auf einen, welcher noch immer versuche, die Geldansprüche
der frühern Landcompagnie geltend zu machen, die Samoa-Inseln für immer
verlassen hätten, daß ebenso das amerikanische Kriegsschiff schon lange
nach seiner Heimat zurückgekehrt sei und im Lande Ruhe herrsche. Dagegen
brachte er mir die traurige Kunde, daß der Halbweiße, welcher bei der
Beschlagnahme von Saluafata als unser Dolmetscher gewirkt hatte, durch die
Folgen jener Nacht richtig seinen Tod gefunden habe, denn er habe sich von
dem ausgestandenen Schreck nicht mehr erholen können und sei einige Wochen
darauf gestorben. Dasselbe bestätigte mir die Frau des armen Teufels,
welche ich heute Nachmittag auf ihren Wunsch hin besuchte und die mir ein
für mich bestimmtes kleines Vermächtniß des Todten einhändigte, welches in
einer alten werthvollen, aus der Familie seiner Mutter stammenden Matte,
einigen Stücken Tapa und andern Kleinigkeiten bestand.

Die hiesige politische Lage scheint zur Zeit für uns günstig zu sein.
Im Lande herrscht wirklich Ruhe, denn die Regierungsmitglieder haben
sich Ferien gegeben, um die heimatlichen Districte zu besuchen und
sich im Kreise ihrer Verwandten zu erholen. Nur drei Mitglieder sind
als Repräsentanten der Regierung hier zurückgeblieben und diese nahmen
aus unserer Ankunft Veranlassung, gleich heute Vormittag den Consul zu
bitten, mich von allen Gewaltmaßregeln abzuhalten, da sie zum Abschluß
eines Vertrages mit uns bereit seien und dies nur jetzt noch nicht zur
Ausführung bringen könnten, weil die Regierung nicht beisammen sei; sie
würden indeß gleich Schritte thun, um die Abwesenden zurückzurufen.

Ueber die Amerikaner hörte ich noch, daß der früher mehrgenannte
höhere Consulatsbeamte, welcher sich vor einiger Zeit von hier nach den
Fidji-Inseln begeben hat, die Zeit seines hiesigen Aufenthalts vornehmlich
dazu benutzt haben soll, die Samoaner immer wieder vor den Deutschen zu
warnen und ihnen zu empfehlen, mit diesen ja keinen Freundschafts- und
Handelsvertrag abzuschließen. Wenn ich nun an dieser Stelle auch noch
einmal auf die Angelegenheiten der amerikanischen Landcompagnie, welche
für uns keinerlei Interesse mehr haben, mit wenig Worten zurückkomme, so
geschieht dies nur, um die frühern Angaben zu vervollständigen.

Als die Samoaner sich beharrlich weigerten, die gemachten Geldansprüche
anzuerkennen, und daran festhielten, nur die für Mamea’s Reise gesammelten
1000 Dollars zu bezahlen, gab der amerikanische Commandant die Sache
wieder an den inzwischen eingetroffenen neuen amerikanischen Consul ab,
und damit wird die Sache wol im Sande verlaufen.

Daß wir nun während meines jetzigen Aufenthalts hierselbst schon zum
Abschluß des seit Jahren erstrebten Vertrages kommen werden, glaube
ich übrigens nicht, da eine dem Schiffe gestellte Aufgabe es nach
Neu-Britannien ruft, sofern die hiesigen politischen Verhältnisse eine
längere Abwesenheit gestatten sollten, und dies scheint mir der Fall
zu sein. Unser Aufenthalt wird daher, wenn nicht etwa Zwischenfälle
eintreten, nur von kurzer Dauer sein.


                                                          18. October 1878.

Natürlich ist der Vertrag bisjetzt noch nicht zu Stande gekommen und
wird es vorläufig auch noch nicht, da ich übermorgen die geplante
Reise antreten will. Wir haben aber gestern in einer Sitzung mit der
Samoa-Regierung wenigstens erreicht, daß dieselbe eine uns zusagende
Commission für die diesbezüglichen Verhandlungen ernannt und sich
schriftlich verpflichtet hat, am 1. Januar 1879, bis zu welchem Zeitpunkt
ich wieder hier zu sein hoffe, in dieselben einzutreten.

Apia bot mir dieses mal einen sehr viel behaglichern, wenn auch
weniger anregenden Aufenthalt als bei unserm ersten Besuch, weil
keinerlei Aufregung und Unruhe an mich herangetreten ist; zu den von
mir beabsichtigt gewesenen weiteren Ausflügen in die Umgebung, um das
Volksleben kennen zu lernen, bin ich aber doch nicht gekommen, weil ich
keine Begleiter fand und zur Zeit auch keinen Dolmetscher erhalten konnte,
ohne welchen ich nichts hätte anfangen können. So mußte ich mich mit dem
begnügen, was die Stadt selbst mir bot.

Dahin gehört zunächst der Fang eines wurmartigen Wasserthieres, welcher
den Charakter eines Volksfestes angenommen hat und zu welchem wir gerade
rechtzeitig hier eingetroffen waren, weil das Aufsteigen der merkwürdigen
Thierchen vom Meeresboden an die Oberfläche, welches jährlich nur zweimal
an zwei aufeinander folgenden Tagen und zwar in den Monaten October
und November am Tage nach Eintritt des dritten Mondviertels erfolgt, am
zweiten Tage nach unserer Ankunft seinen Anfang nahm. Der Samoaner nennt
diesen Wurm, dessen regelmäßig wiederkehrende Aufsteigezeit er der Natur
abgelauscht hat, „Palolo“. Merkwürdig muß ein Geschöpf wol genannt werden,
welches sich während eines ganzen Jahres auf oder in dem Meeresboden
aufhält und sich nur in zwei aufeinander folgenden Monaten an je einem
von dem Mond abhängigen Tage, da an dem zweiten nur Nachzügler kommen,
des Morgens kurz nach Sonnenaufgang für die Dauer einer Stunde an die
Wasseroberfläche wagt, um dann wieder für zehn Monate seine Schlupfwinkel
aufzusuchen, wenn es nicht etwa wie die Eintagsfliege abstirbt, nachdem
es einmal das Sonnenlicht geschaut hat.

Ich wollte es mir natürlich nicht entgehen lassen, an dem Fang
theilzunehmen und fuhr daher an dem betreffenden Tage schon vor
Sonnenaufgang mit meinem Boot durch das Dunkel der Nacht auf stiller
glatter Flut zu der Stelle, wo die Ankunft der seltenen Gäste erfolgen
sollte. Einige Eingeborene, deren Kanus in größerer Nähe aus der
Dunkelheit heraustraten, traf ich schon an, und singend kamen vom Lande
her neue Zuzügler. Die hohen schwarzen Berglehnen des noch von der Nacht
umfangenen Landes, der von dunkelm Gewölk umlagerte ferne Horizont und die
allmählich verblassenden Sterne umschließen in ihrer großartigen Ruhe ein
Stück Leben eigener Art, wo ein langes schmales, von grollender Brandung
überspültes Korallenriff die innere schwarze stille Flut mit den lachenden
und singenden Menschen von der rauschenden ernsten und erbarmungslosen
See scheidet, deren gierig leckende und in Hast sich überstürzenden
Wellen alles verschlingen möchten. Mancherlei Kurzweil wird hier innen
getrieben, da die Augen sich genügend an die Dunkelheit gewöhnt haben
und auch die kurze Dämmerung schon anbricht. Die verschiedensten für den
Fang bestimmten Gefäße werden gezeigt und bewundert, gelegentlich auch
dazu benutzt, um ein anderes Kanu mit einem kleinen Sturzbad zu bedenken.
Ununterbrochen fahren die leichten Fahrzeuge wie bei einem Corso hin
und her, um Bekannte zu begrüßen und Neuigkeiten auszutauschen, bis die
über den Horizont steigende Sonne an den Fang mahnt. Plötzlich sind die
Sterne verschwunden und es ist Tag; ein kleiner goldiger Bogen zeigt
sich über dem Horizont und gleich darauf beleuchtet auch schon der ganze
Sonnenball das urplötzlich veränderte Bild. Die Menschen sind still, die
Kanus haben sich gegenseitig Raum gegeben, und mit den Schöpfgefäßen in
der Hand lugen alle in die Tiefe. Hier und da ein Ruf, ein Schöpfen und
bald ist allgemeine Bewegung in sämmtlichen Fahrzeugen. Ringelnd wie
die Schlangen steigen aufrechtstehend die 15-20 cm langen, 30 mm dicken,
matt lila gefärbten Thierchen in großen Scharen aus der Tiefe auf, um an
der Wasseroberfläche gefangen zu werden und den Eingeborenen später als
seltenes und geschätztes Mahl zu dienen. Auch wir betheiligen uns an dem
Fang, jedoch nur um einige dieser Würmer in der Nähe genauer betrachten zu
können, wobei wir fanden, daß außerhalb des Wassers das mit rauher Haut
behaftete Thierchen gleich steif wird und beim Anfassen wie ein dünner
Glasstab in mehrere Stücke bricht.

Einen unserer gewohnten abendlichen Spaziergänge dehnten wir auf Vorschlag
meines damaligen Begleiters, eines deutschen Herrn, welcher etwas
samoanisch spricht, bis zu der Hütte der früher schon einmal genannten
Häuptlingstochter Toë, aus, um dieser Dame einen Abendbesuch zu machen.
Wir trafen erst gegen 9 Uhr dort ein und fanden die Vorhänge an dem großen
Hause zwar schon heruntergelassen, sahen aber doch Licht durchschimmern
und traten daher, nachdem wir einen der Vorhänge zur Seite geschoben
hatten, ein. Was wir hier sahen, ist für die Lebensart der Samoaner
so charakteristisch, daß ich aus diesem Grunde die kleine Episode hier
einfüge.

Der innere Raum, welcher nicht durch Vorhänge abgetheilt war, wurde durch
eine Petroleumlampe soweit matt erleuchtet, daß man ihn eben noch ganz
übersehen konnte. In der Mitte auf abgesondertem freierm Platz lag Toë
mit einigen Mädchen in tiefem Schlaf, und der ganze übrige Raum war mit
nebeneinander liegenden halbnackten schlafenden Gestalten so ausgefüllt,
daß es Mühe machte, bis zur Mitte vorzudringen ohne die Leute zu treten.
Interessant war mir, diese Schlafstätte näher zu betrachten, wie immer
in einer geraden Linie mehrere lange Kopfkissenhölzer nebeneinander
aufgestellt waren und in trauter Gemeinschaft ordentlich ausgerichtet
Männlein und Weiblein vielfach in bunter Reihe nebeneinander lagen. Bei
unserm Eintreten drehte wol die eine oder andere Gestalt den Kopf zu
uns hin, ohne indeß weitere Notiz von uns zu nehmen, und die von uns im
Schlaf gestörte Toë nahm uns, nachdem sie sich aufgesetzt und den Schlaf
aus den Augen gerieben hatte, freundlich auf, bot uns einige schnell
zurechtgedrehte samoanische Cigaretten an und erklärte dann ihr volles
Haus damit, daß ein Theil ihres Stammes, welcher keine eigene Hütte habe,
hier nächtige und der Rest durchreisende Gäste seien. Nachdem wir die
Cigaretten geraucht hatten, empfahlen wir uns wieder, ich ganz befriedigt
über den Einfall meines Begleiters, da ich dadurch zufällig einen Einblick
in samoanisches Leben thun konnte, den ich sonst wol nicht erhalten hätte.

       *       *       *       *       *

Die ruhigen Tage der letzten Zeit waren ganz dazu angethan, meine Gedanken
wieder auf die Frage der Gründung deutscher Colonien zu lenken, welche
mich, seitdem ich hier in der Südsee bin, auf das lebhafteste beschäftigt.
Da ich nun glaube, soweit die eigentlichen Südsee-Inseln in Betracht
kommen, zu einem abschließenden Urtheil gekommen zu sein, so möge dasselbe
hier Aufnahme finden.

Die einzelnen in der heißen Zone liegenden Inselgruppen sind, mit Ausnahme
derjenigen der Fidji-Inseln, welche einen bedeutendern Ländercomplex
darstellen, so klein, daß eine jede Gruppe für sich keinenfalls einen
europäischen Verwaltungsapparat bezahlen kann, und die Gruppen wieder
sind unter sich räumlich so weit voneinander entfernt, daß sie sich
nicht zusammenfassen lassen, mithin eine Regierungsform nach europäischem
Vorbilde stets finanziell ein Fehler sein würde. Dagegen bieten die Inseln
im Verhältniß zu ihrer Größe so reiche Hülfsquellen, daß jeder Staat
bestrebt sein müßte, sich dieselben zu alleiniger Ausbeute zu sichern. Der
Kernpunkt würde daher darin liegen, wie die Verwaltung einzurichten wäre,
um allen Anforderungen zu genügen. Hier würde nun als erster Grundsatz
festzuhalten sein, daß die Eingeborenen nicht wie in Amerika, Australien
und Neu-Seeland absichtlich und mit allen erlaubten wie unerlaubten
Mitteln ausgerottet werden, sondern daß dafür Sorge getragen wird, die
Menschen zu erhalten, sofern die Bevölkerung nicht zu sehr anwächst,
und das ist hier nicht mehr zu befürchten. Die Eingeborenen sollen nicht
nur mit der Zeit zweckmäßige Arbeitskräfte abgeben, sondern sollen auch
belebend wirken und durch ihre Eigenart den Inseln ihren besondern Reiz
und Zauber erhalten, damit das Leben der Pflanzer nicht zu einförmig
wird. Namentlich aber sollen sie das Mittel bilden, das Land auf billige
Art zu regieren und es dauernd an die Macht zu fesseln, welche Besitz von
ihm ergriffen hat. Ich halte daher ein schutzherrschaftliches Verhältniß
mit eingeborener Regierung und einem obern Beamten des Schutzherrn,
welcher die Regierung hinter den Coulissen leitet und thatsächlich, wenn
auch nicht äußerlich, der Regent ist, für das allein Richtige. Einige
Unterbeamte, Polizei, Post, Wegebau, Zoll u. s. w. würden, als im Dienst
der einheimischen Regierung stehend, die Verwaltung zu vervollständigen
haben. Die eingeborenen Herrscher haben kaum andere Bedürfnisse wie ihre
Unterthanen, halten die Ordnung ganz schön aufrecht, beanspruchen kein
Gehalt und bilden mit ihrem Volk eine sichere Schutzwehr gegen gefährliche
Einwanderung. Würden die Eingeborenen ausgerottet sein, so würden an ihre
Stelle mismuthige Elemente des europäischen Proletariats treten, weil
besitzende Europäer auf solcher Insel nur in verhältnißmäßig geringer
Zahl ihr Fortkommen finden können; jene zweifelhafte Einwanderung und
die von andern Inseln eingeführten Arbeiter könnten aber nur durch eine
kostspielige Truppenmacht in Ordnung gehalten werden, da die auf ihren
großen Plantagen verstreut wohnenden Besitzer sich bei einem allgemeinen
Aufstand nicht gegenseitig unterstützen könnten und ähnlichen Gefahren
ausgesetzt sein würden, wie die Franzosen Ende des vorigen Jahrhunderts
auf der westindischen Insel San-Domingo. Einer solchen Möglichkeit
ist aber vorgebeugt, solange die Inseln ihre einheimische Bevölkerung
behalten, denn diese hält den fremden Arbeitern das Gleichgewicht und für
fremde Einwanderung bleibt kein Raum. Zu einer solchen Schutzherrschaft
gehört daher nicht viel, nur einige Beamte und das jetzt schon vorhandene
zum Schutz des Handels hier stationirte Kriegsschiff. Die Franzosen haben
in ihrer Gier nach Colonien jede kleine Insel, welche ihnen in den Wurf
kam, annectirt und nach europäischem Muster organisirt, spinnen dabei
aber keine Seide. Die Engländer dagegen haben mit ihrem praktischen
Verstand bisjetzt nur solche Gebiete annectirt, die durch ihre Größe eine
umfangreiche Verwaltung vertragen können, oder deren Lage von politischer
Bedeutung ist. Daß sie jetzt neuerdings mit dem Gedanken umgehen, auch von
kleinern Inseln Besitz zu ergreifen, kann nur eine Ausgeburt der Misgunst
sein, da ihnen die Verhältnisse hier seit langer Zeit genau bekannt sind
und sie die Inseln trotzdem vollständig ignorirt haben, solange keine
fremde Macht sie des Besitzes werth hielt, weil Schutzherrschaft nicht in
den Rahmen ihres Colonialsystems hineinpaßt und dieses, wie schon gesagt,
für die kleinen Inseln zu theuer wird. Viel ist hier in der eigentlichen
Südsee ja nicht mehr zu haben, da Engländer und Franzosen sich bereits in
das meiste getheilt haben, und Neu-Guinea mit Neu-Britannien u. s. w. und
den Salomons-Inseln würde ein Gebiet sein, welches nach schon bekannten
Mustern regelrecht zu besetzen sein würde, da die dortige Bevölkerung den
Colonisten keinen Schutz gewähren kann, sondern eine stete Gefahr für sie
sein wird.

       *       *       *       *       *

Vor Abschluß dieses Briefes habe ich noch eines schönen Zuges von Muth
und Nächstenliebe, welcher sich vor einigen Tagen auf unserm Schiffe
abspielte, zu gedenken. Ein Matrose fiel morgens während des Deckwaschens
durch Unvorsichtigkeit aus einer Höhe von über 30 m aus der Takelage
herunter, hakte mit einem Arm über ein horizontal und straff gespanntes
Tau und wurde durch dessen elastisches Zurückschlagen in großem Bogen
in das Wasser geschleudert, wo ein mit Blut gefärbter Fleck die Stelle
zeigte, wo er untergesunken war. Trotzdem schon während des ganzen Morgens
drei mittelgroße Haie in der Nähe des Schiffes gewesen waren, sprang mein
Gigsteurer, Bootsmannsmaat Lange, ohne Besinnen dem Manne nach, holte
ihn vom Meeresgrund herauf und brachte den ohnmächtigen Verunglückten
mit Hülfe eines andern Matrosen, welcher auch noch nachgesprungen war,
glücklich wieder auf das Schiff. Der Mann hat zwar eine schwere Verletzung
davongetragen, da unter dem linken Arm die Muskeln bis auf den Knochen
durchschnitten sind und der Arm aus seinem Gelenk herausgebrochen ist,
doch hofft der Arzt das Beste und hält es für möglich, daß der Arm wieder
ganz gebrauchsfähig wird.



11.

Von Apia nach den Marshall-Inseln.

               (Tonga-, Fidji-, Ellice-, Kingsmill-Inseln.)


Am 20. October, an einem schönen Sonntagmorgen, habe ich Apia nach
vierzehntägigem Aufenthalte daselbst wieder verlassen, um eine Rundreise
durch den westlichen Theil der Südsee anzutreten. Zu meiner großen Freude
begleitet mich Herr Consul Weber, welcher sich entschlossen hat, die
Reise mitzumachen. Ich habe dadurch nicht nur für längere Zeit einen
liebenswürdigen Gesellschafter gewonnen, sondern habe in diesem Herrn auch
einen so erfahrenen Kenner aller hiesigen Verhältnisse und namentlich
der Charaktereigenschaften der Eingeborenen an meiner Seite, daß ich
von seiner Anwesenheit großen Nutzen für die Sache, wegen welcher die
Reise unternommen wird, erwarten darf. Außerdem begleiten mich auch zwei
Dolmetscher.

Unser Weg führt uns zunächst nach Tongatabu und den Fidji-Inseln, also
nach Plätzen, welche in der neuesten Zeit wesentlich in den Bereich
der europäischen Civilisation gezogen worden sind; dann aber werden
wir vornehmlich Inseln und Häfen anlaufen, welche selten besucht werden
und von denen einzelne noch kein deutsches Kriegsschiff gesehen haben.
Und hier hoffen wir dann die Südsee-Insulaner noch in ihrer ganzen
Ursprünglichkeit studiren zu können -- wenn Wind und Wetter uns gestatten,
das vorgesetzte Programm durchzuführen. Ich bin für diese Reise fast
allein auf die Segelkraft des Schiffes angewiesen, weil Kohlen auf dem
vor uns liegenden Wege nur selten und dann auch nur zufällig angetroffen
werden; denn zwischen diesen Inseln (nur Fidji hat eine Dampferverbindung
mit Australien) besteht noch kein Dampferverkehr. Da wir nun bis Ende
December, wo ich wieder in Apia sein will, 6000 Seemeilen zu durchlaufen
und 10-15 Häfen mit dem nothwendigen Aufenthalt zu besuchen haben, so
liegt es auf der Hand, daß ich mit den Winden, welche zur Zeit hier wehen
sollen, also mit dem ortsüblichen Passatwind rechnen muß. Läßt uns dieser
aber im Stich, wie er es gleich zu Anfang schon an der Südküste Upolus
gethan hat, zwingt uns ungünstiger Wind schon von vornherein zum Kreuzen,
dann allerdings kann ich sagen: „wenn Wind und Wetter uns gestatten, das
ganze Programm durchzuführen“.

Am 26. vormittags mußte das Schiff in Sicht der Insel Tongatabu sein, es
war aber bei starkem Winde so dicke Luft, daß weder Land noch Brandung
zu sehen waren. Ein directer Curs mußte indeß in irgendeiner Richtung zur
Orientirung führen und wurde ein solcher daher so lange eingehalten, bis
vor uns und gleichzeitig auch zu beiden Seiten die hohe Brandung auf den
sehr ausgedehnten Riffen der Insel aus dem Dunst hervorbrach. Bald wurden
auch die kleinen, von der Hauptinsel weit abliegenden Inselchen, welche
das Fahrwasser markiren, ausgemacht und nun konnte der richtige Curs zum
Hafen gewählt werden. Wenige Stunden später, nachmittags 2½ Uhr, wurde vor
Nukualofa, der Hauptstadt des kleinen tonganischen Reiches, geankert. Den
Eindruck einer Tropenlandschaft machte das vor uns liegende Bild nicht.
Am Strande entlang stehen kleine Holzhäuser, wie man sie in Norwegen
findet, unter diesen ein größeres in Villenstil, die Wohnung des Königs.
Die Häuser sehen kahl aus, da jedes inmitten eines freien Platzes liegt
und Baum wie Strauch fehlen. Im Hintergrunde lugen zwischen Kokospalmen
einzelne Hütten der Eingeborenen hervor, dieselben können aber nicht als
Staffage zur Geltung kommen, weil der kalte Ausdruck der im Vordergrunde
liegenden weißen Holzhäuser alles beherrscht und der ganzen Gegend einen
frostigen Stempel aufdrückt. Es ist wol wahrscheinlich, daß bei anderer
Witterung die Physiognomie des Landes eine ganz andere wird, jetzt aber
bei dem stürmischen, dunstigen Wetter sieht die Hauptstadt Tongas kalt
aus, und man wähnt bei ihrem Anblick in einer der Polargrenze nahen Zone
zu sein.

Am 27., einem Sonntage, wo in diesen von der englischen Mission
beherrschten Gegenden alles ruht, wo die Eingeborenen nicht einmal für
ihre Mahlzeiten sorgen dürfen und das absolute Nichtsthun den höchsten
Grad der Frömmigkeit bedeutet, war in der Stadt nichts anzufangen. Es
wurde daher ein Ausflug zu Wagen in das Innere des Landes unternommen.
Vortreffliche Wege erleichtern das Fahren und die flinken Pferde mit
guten Wagen machen es zu einem großen Vergnügen; ein besonders großer
Baum ('Ficus indica' oder 'religiosa', von den Engländern auch 'Banyan'
genannt), war das Ziel. Unser Weg führte mehrere Stunden lang an
unbebautem, mit Gestrüpp bewachsenem Lande vorbei, wo es ebenso wenig zu
sehen gab wie in den einzelnen Dörfern, welche wir passirten; das einzige
Vergnügen war eben das Fahren selbst. Endlich, nach nahezu dreistündiger
Fahrt waren wir am Ziele angelangt, wo wir leider neben dem sehenswürdigen
Baume auch ein Dorf mit neugierigen, zudringlichen Eingeborenen fanden,
welche uns zwangen, unser wohlverdientes Frühstück, wollten wir es
unbelästigt genießen, noch im Schutze der Wagen zu lassen.

Der Baum ist weniger schön als merkwürdig. An einem tiefen, weit in das
Land vordringenden Meereseinschnitt steht dieser Koloß, dessen Stamm
eigentlich nur aus dünnen Stämmen, welche wol nur zahllose Luftwurzeln
sind, zusammengesetzt ist. Nach Abmessung mit Schritten hat er einen
Stammdurchmesser von 17 Schritten oder etwa 13 m und demnach einen Umfang
von nahezu 40 m. Die Höhe des Stammes schätzten wir auf etwa 10 m,
sie ist also geringer wie der Durchmesser. Die Aeste, welche sich in
der ungefähren Länge von 10 m nach oben und den Seiten abzweigen, sind
wieder nur Verlängerungen der dünnen Stämme oder Luftwurzeln, welche den
Hauptstamm bilden, und vermögen mit ihren dürftig gesäten kleinen Blättern
keinen Schatten zu geben, sodaß dieses riesige Gewächs in grauer Rinde
weniger einem lebenden Baume denn einer Baumruine gleicht. Merkwürdig sah
es aus, als einige Eingeborene in den Stamm eindrangen und dort wie Käfer
in den Spalten verschwanden. Nach kurzer Rast bestiegen wir wieder unsere
Wagen, um zunächst an einem schattigen, ruhigen Platze unser Frühstück
einzunehmen und dann zur Stadt zurückzukehren.

Am 28. October morgens machte ich dem alten Könige in seiner nach
europäischem Geschmack vornehm eingerichteten Villa meinen Besuch. Der
Großneffe des Königs und Sohn des Thronfolgers, Prinz Wellington Gu (spr.
Ngu), empfing uns an der Thüre und führte uns in den Empfangssaal, wo der
König, umgeben von seinem Neffen und Thronfolger, Prinz Davita Uga, und
einem Adjutanten, uns erwartete. König und Thronfolger trugen schwarze
Röcke mit eingewirkten goldenen Kronen auf dem Unterarm, Prinz Wellington
Gu war in schwarzer, mit Silber durchwirkter Uniform, der Adjutant trug
eine rothe, den englischen Linientruppen ähnliche Uniform, welche für die
aus ungefähr 250 Mann bestehende tonganische Armee eingeführt ist.

Der König nahm auf dem Thronsessel Platz. Diesem gegenüber standen
zwei gleiche, etwas kleinere mit der Königskrone geschmückte Sessel für
den Consul und mich; die Prinzen und der Adjutant setzten sich auf im
Kreis aufgestellte Polsterlehnstühle. Der König ist ein Greis von 72
Jahren, der seinen mächtigen Körper noch mit jugendlicher Frische trägt.
Seine Gesichtszüge sind die etwas veredelten der Eingeborenen und ohne
hervorragende Bedeutung. Sein Neffe, der Thronfolger, ein Mann von etwa 50
Jahren von großer und kräftiger Gestalt hat ein ausdrucksloses Gesicht,
in welchem ein Auge fehlt. Prinz Wellington Gu ist 24 Jahre alt, hat
schöne intelligente Gesichtszüge und den Körper eines Riesen. Dieser junge
Prinz, welcher ein durchaus ehrlicher und anständiger Charakter sein soll,
schon eine bessere Erziehung genossen hat und fließend englisch spricht,
ist vorzugsweise dem deutschen Wesen zugethan und daher in politischer
Beziehung die Hauptstütze des Königs, da dieser in dem Handels- und
Freundschaftsvertrage mit dem Deutschen Reiche die sicherste Gewähr für
den Fortbestand seines kleinen Reiches sieht.

Es fiel mir noch auf, daß dem König an seinen beiden kleinen Fingern
und dem Thronfolger an einem kleinen Finger zwei Gelenke fehlten, und
ich wurde dahin belehrt, daß diese Verstümmelung noch aus der Zeit des
Heidenthums stamme, wo es Sitte war, sich bei Todesfällen naher Verwandter
als Zeichen der Trauer einzelne Fingergelenke abzutrennen. Nach einigen
Begrüßungsworten von meiner Seite, welche Prinz Gu verdolmetschte, stand
der König mit seinem Gefolge auf, um durch Auflegen des Unterarms auf die
Stirn, was nach tonganischer Sitte das Zeichen der größten Ehrerbietung
ist, seinem Dank für die Liebe, welche der Deutsche Kaiser dem kleinen
tonganischen Reiche entgegentrage, den höchsten Ausdruck zu geben. Damit
war der förmliche Theil meines Besuches erledigt. Wir gingen nun nach dem
Eßsaal, um dort einige Erfrischungen einzunehmen und den Klängen unserer
Schiffskapelle, welche ich zur freudigen Ueberraschung der Anwesenden aus
dem Boot heraufholen ließ, zu lauschen.

Auf dem großen Hofe hatten sich inzwischen mehrere hundert Eingeborene
versammelt, welche auf der Erde sitzend dem Concert andächtig zuhörten;
auch die mit ihren Herren und Herrinnen mitgekommenen Hunde und
Schweine betrugen sich anständig. Nur ein Hund schien der Spaßmacher
der Gesellschaft zu sein und ein gewisses Vorrecht zu genießen. Er hatte
sich einer leeren Kokosnußschale bemächtigt und warf dieselbe, solange
die Musik spielte, mit der Schnauze in die Höhe, um sie geschickt wieder
aufzufangen und danach mit seinem Spiel von neuem zu beginnen; daß er
dabei zwischen den Eingeborenen und zuweilen auch über dieselben hinweg
sprang, um sein Spielzeug rechtzeitig zu fassen, wurde ihm von niemand
verargt, wenigstens wurde er nicht zur Ruhe verwiesen. Das Volk hatte
sich Sonntags- oder doch reingewaschene Kleider angezogen und den schön
gewachsenen Frauen standen die kurzen blusenartigen, nur bis zu den Hüften
reichenden, weit ausgeschnittenen weißen Hemdchen besonders gut, da die
wohlgeformten braunen Schultern und Büsten sich aus ihrem schneeigen
Rahmen so vortheilhaft wie nur möglich heraushoben. Sobald die Musik
einige Stücke gespielt hatte, empfahlen wir uns bei den tonganischen
Herrschaften und kehrten zum Schiffe zurück. Beim Verlassen des Hauses
fand ich noch Gelegenheit, der Königin die Hand zu drücken, denn als mir
auf dem Hausflur eine der dort auf dem Boden kauernden Frauen ihre Hand
entgegenstreckte, wurde mir bedeutet, daß diese sehr gut aussehende und
gut gekleidete ältere braune Dame die Frau des Königs sei.

Bei einem spätern Besuch Tongas hoffe ich bessern Einblick in das Leben
dieser Insulaner zu erhalten.

Am 29. October früh 8½ Uhr habe ich Nukualofa wieder verlassen.

Nach einer schnellen Reise langten wir am 31. October gegen 10 Uhr abends
vor Levuka an, mit der Absicht, während der Nacht unter kleinen Segeln
vor dem Hafen zu bleiben, da der Mond das Land so grell beleuchtete,
daß die Einfahrt nicht genügend zu erkennen war, denn der Mond ist
unter solchen Verhältnissen ein sehr unzuverlässiger und trügerischer
Freund und hat schon manchem Schiffe den Untergang gebracht. Als er
aber gegen 11 Uhr hinter der hohen Bergwand verschwunden war, traten
die Richtfeuer für die Hafeneinfahrt so scharf hervor, daß ich mich doch
noch zum Einlaufen entschloß, um am nächsten Tage bei frischen Kräften
zu sein. Die Segel wurden daher geborgen und die Maschine, welche vorher
schon Dampf gemacht hatte, in Gang gesetzt. Mit langsamer Fahrt ging
es vorwärts, und als wir so nahe an die Hafeneinfahrt gekommen waren,
daß man unsere Lichter von Land aus sehen mußte, ließ ich verschiedene
Fackelfeuer abbrennen, um einen Lootsen heranzusignalisiren, mußte aber
schließlich auf diese Hülfe verzichten, weil meine Signale unbeantwortet
blieben. So ließ ich nur noch, da der Hafen von Levuka von einem bis zur
Meeresoberfläche reichenden Korallenriff umgeben ist, auf welchem immer
eine starke Brandung steht, vom Vorschiff aus nach beiden Seiten hin
Fackelfeuer abbrennen, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen und mit
Hülfe dieses grellen Lichtes zu versuchen, die Brandung zu beleuchten, in
der Hoffnung, dadurch das ruhige Wasser in der schmalen dunkeln Einfahrt
gut erkennen zu können. Dieses Hülfsmittel gab zwar ein schönes Bild,
erwies sich sonst aber als ganz unzureichend. Wie mit elektrischem Licht
übergossen tritt das hochgetakelte, aus seinem mächtigen Schlot dicke
Rauchwolken werfende Schiff in der Mitternachtsstunde aus dem Dunkel der
Nacht hervor und spendet so viel Licht, daß das Wasser vorn und zu beiden
Seiten gleichmäßig hell beleuchtet wird; aber keine Brandung ist zu sehen,
nur plötzlich hören wir zu beiden Seiten ihr grollendes Rauschen und
wenige Sekunden darauf liegt sie auch schon hinter uns. Nur einen kurzen
Blick werfen wir dahin, ein Commandoruf und die Fackelfeuer zischen ihr
Leben im Meere aus. Licht und Schiff sind verschwunden, stockfinstere
Nacht überall. Noch einige scharfe Wendungen um verschiedene plötzlich
vor uns auftauchende große Schiffe und der Anker fällt kurz nach 12 Uhr
in den Grund. Als liebliches Echo auf die deutschen Commandoworte flog
uns aus weiblichem Munde ein „Grüß Gott, ihr Brüder!“ entgegen, ein
Gruß, welcher, wie sich nachträglich herausstellte, von einem deutschen
Dienstmädchen kam, das nach Erfüllung ihres Contracts mit einem in
unserer Nähe liegenden deutschen Schiffe die Heimreise macht. Nachdem wir
geankert hatten, kam auch noch ein Boot der Hafenpolizei längsseit, um
nach dem Zweck unserer Fackelfeuer zu fragen. Von der erhaltenen Antwort
jedenfalls wenig befriedigt kehrte es zum Lande zurück, denn man sagte
uns nicht, daß wir an gefährlicher Stelle lägen. So blieb es dem wackern
Navigationsoffizier, welcher stets treue Wacht hält, vorbehalten, auch
diese Gefahr zu entdecken. Schon mit dem ersten Morgengrauen war er an
meinem Bett, um mir zu melden, daß dicht hinter dem Schiffe, nur wenige
Fuß unter Wasser ein Felsen sei, welcher dem Schiffe schaden müsse,
sobald dieses bei aufkommendem Winde nur die lose liegende Kette steif
durchhole. So mußten wir gleich am frühen Morgen wieder an die Arbeit
-- eine halbe Stunde später lag das Schiff an sicherm Ankerplatze. Wie
mir ein deutscher hier ansässiger Herr versicherte, ist dieser Felsen
auffälligerweise erst vor ganz kurzer Zeit entdeckt worden und daher noch
in keiner Karte verzeichnet. Großes Erstaunen erregt es übrigens hier am
Lande, daß wir mit einem so großen Schiffe während der Nacht ohne Lootsen
eingelaufen sein sollen, während doch die englischen Kriegsschiffe auch
am Tage stets einen solchen nehmen. Man sucht nach dem Lootsen, welcher
uns hereingebracht haben muß, kann ihn aber natürlich nicht finden.

Ueber Levuka läßt sich nicht viel sagen. Die kleine Stadt, welche am
Fuße der hohen malerischen Berge liegt, hat ein südeuropäisches Gepräge,
kleine in Gärten liegende Häuser mit großen Veranden, Restaurationen und
Läden. Von den Eingeborenen sieht man so gut wie gar nichts; Levuka ist
zur Zeit die Hauptstadt der Fidji-Inseln und ist daher vorzugsweise von
Europäern, in erster Reihe natürlich von den englischen Beamten mit ihren
Familien bewohnt. So ist es bei der bekannten über alles Lob erhabenen
Gastfreundschaft der Engländer im Auslande selbstverständlich, daß unsere
Offiziere gleich am ersten Tage so viele Einladungen erhalten haben, daß
sie denselben bei unserm kurzen Aufenthalt gar nicht nachkommen können.

Es ist ein eigenes Ding um eine neu gegründete englische Colonie. Der
neu ernannte Gouverneur begibt sich mit seiner Familie und seinem Stabe
an Ort und Stelle, hohe und niedere Beamte folgen bald, bringen aber
auch ihre Familien gleich mit. Bequeme und gesunde Häuser wachsen aus
der Erde, Gärten und Spielplätze umgeben die Wohnungen; Wagen, Pferde,
Boote und alles was sonst zur Zerstreuung dienen kann, ist in kürzester
Zeit beschafft und wir finden urplötzlich eine kleine englische Stadt,
wo jeder Bewohner an gleichgesinnten Menschen Stütze und Rückhalt findet,
sich sicher, behaglich und wie zu Hause fühlt. Ob wir auch einmal so etwas
werden schaffen können? Wie ich früher schon andeutete, dient ja meine
jetzige Reise dem Zweck, den dereinstigen deutschen Colonialerwerbungen
die Wege zu ebnen, denn die Zeit muß kommen, wo unser Vaterland nach
Colonien verlangt, und Colonien sind meines Erachtens nur von nachhaltigem
Werth, wenn sie in tropischem Klima liegen. Hier ist aber, abgesehen von
Afrika, nur noch in der Südsee etwas zu holen, wenngleich auch dies nur
mehr wenig ist. Allerdings sind mir insofern die Hände gebunden, als ich
keine darauf zielenden Aufträge habe und auch keine mehr erhalten kann;
nach dem, was ich in der letzten Zeit erfahren habe, thut aber die größte
Eile noth, wenn nicht alles für uns verloren sein soll. So muß ich auf
eigene Verantwortung hin handeln und zunächst wenigstens auf den noch
unabhängigen Inselgruppen Verträge zu schließen suchen, welche sie vor der
Annexion durch andere Nationen schützen. Damit übernimmt unsere Regierung
keinerlei Verpflichtungen, hat es aber doch vielleicht später in der Hand,
die deutsche Flagge auf diesen Inseln nachträglich aufzuhissen.

Ganz interessant ist hier in Levuka die im Stil der ortsüblichen Hütten
aus sechs bis sieben Häusern bestehende Wohnung des Gouverneurs mit all
ihren Kuriositäten aus der frühern Fidji-Zeit. Das Ganze bildet übrigens
nur ein Provisorium, da man noch nicht weiß, welcher der beste Platz für
den Sitz des Gouvernements ist und man bis dahin ein möglichst billiges
Wohngelaß für den Gouverneur schaffen wollte. Ich habe diesem Herrn
sogleich meinen Besuch gemacht, welchen er am Nachmittag erwiderte,
und war abends bei ihm zu Tisch. Er selbst ist nur für wenige Monate in
Stellvertretung des beurlaubten Gouverneurs hier und kommt aus Westindien,
um später auch wieder dahin zurückzukehren. Aber trotz der kurzen Zeit
seines hiesigen Aufenthalts und trotz der weiten Reise hat ihn als ganz
selbstverständlich seine Familie hierher begleitet.

Am 2. November nachmittags 2 Uhr verlassen wir Levuka wieder, um noch
einen kurzen Besuch auf Taviuni, einer andern der Fidji-Inseln, zu machen
und dort eine neu angelegte Kaffeeplantage zu besichtigen; dann nehmen
wir den Curs nach den Ellice-Inseln.

Am 4. November morgens, nachdem wir in der vorangegangenen Nacht zwischen
mehrern Inseln und Korallenriffen durchgegangen waren, wodurch meine stete
Anwesenheit auf der Commandobrücke bedingt wurde, standen wir vor Taviuni
und vor einer wenig befahrenen Gegend, über welche die Seekarten noch sehr
ungenau sind. Die vielen Korallenriffe machen es hier nöthig, das Schiff
von dem Mast aus zu navigiren, denn aus solcher Höhe kann man die Untiefen
leicht an der hellern Farbe des über ihnen stehenden Wassers erkennen
und aus dem Ton der Farbe bestimmen, ob die Wassertiefe für das Schiff
ausreicht oder nicht. Die einige Stunden währende Fahrt zwischen schönen
hohen Inseln hindurch war recht genußreich, doch nach der schlaflos
verbrachten letzten Nacht war es für mich genußreicher, nachmittags vor
einem größern Dorfe mit Namen Soma-Soma in ganz ruhigem Wasser dicht unter
Land, wo die köstlichste Ruhe herrschte, zu ankern und damit die Gewißheit
auf eine ungestörte Nacht zu erhalten. Vor Dunkelwerden machten wir noch
einen kleinen Spaziergang durch das Dorf, besuchten den hier lebenden
Häuptling, einen der ersten und einflußreichsten der ganzen Fidji-Gruppe,
ohne ihn indeß zu treffen, fanden aber seine Frau zu Hause, eine Schwester
Cakobau’s (das 'C' wird wie das englische 'th' ausgesprochen), des
frühern Königs der Fidji-Inseln. Das Haus gleicht von außen einem großen
Haufen verwelkten Laubes. Es ist eine Hütte von etwa 16 m Länge, 10 m
Breite und 10 m Höhe; 3 m hohe Seitenwände tragen das riesige Dach. Das
Gerippe dieses Bauwerks besteht aus starken Pfählen, Balken und Sparren,
auf welche Laub auf Laub geschichtet ist, bis Seitenwände und Dach eine
Dicke von etwa 1 m erhalten haben und damit sichern Schutz gegen Wind und
Regen gewähren. Ob die Pfähle auf Menschenleibern ruhen, konnte ich nicht
erfahren, möchte es aber annehmen, da das Haus wol noch aus der Zeit vor
der englischen Herrschaft stammt und damals hier beim Bau von Häusern für
Häuptlinge, um diesen Glück zu bringen, in jedes für einen Pfahl gegrabene
Loch ein lebender Eingeborener (gewöhnlich Kriegsgefangene, wenn solche
vorhanden waren) geworfen und auf diesen dann der Pfahl eingerammt wurde.
Aus demselben Grunde wurden auch beim Ablauf neu gebauter großer Kanus
gewöhnlich acht lebende Eingeborene, über welche das Fahrzeug hinweglaufen
mußte, geopfert. -- Die innern Wände des Hauses sind austapeziert und
zwar mit Tapa, dem schon öfter genannten Maulbeerbaumrindenstoff,
welchen die eingeborenen Frauen selbst anfertigen und mit reicher
bunter Malerei verzieren. Das Handwerkszeug zum Malen besteht aus einer
Kokosnußschale mit Farbstoff und einem kleinen Stück Holz, mit welchem
auf dem Stoff mit unendlicher Geduld so lange herumgefahren wird, bis
die mit demselben Hölzchen vorher mit dünnen Linien vorgezeichneten
Muster mit Farbe ausgefüllt sind. Eine fußhohe Schicht theilweise mit
Matten überdeckter kleiner runder schwarzer Steine, welche vor Sauberkeit
strahlen, bedeckt den Fußboden und dient denselben Zwecken wie in den
samoanischen Häusern. Ein Tapa-Vorhang schließt ein Sechstel des Raumes
als Schlafgemach ab, dessen Einrichtung ziemlich einfach ist; Matten
dienen als Betten, kleine auf Füßen stehende, bis zu 10 cm dicke Stücke
Bambusrohr bilden wie in Samoa die Kopfkissen. Vor dem Vorhang liegen an
einer Seite große Haufen Matten und zusammengerollte Tapa-Stücke, welche
das einzige alte Besitzthum bilden und nach deren Masse der Reichthum
eines Mannes noch jetzt abgeschätzt wird. -- Soweit entspricht die Hütte
dem frühern Comfort und Luxus der Eingeborenen; was nun kommt, ist eine
Folge der vorschreitenden Cultur. An den Wänden entlang stehen Gewehre,
die Waffen des ganzen Stammes und Eigenthum des Häuptlings, wie vor der
Besitzergreifung durch England auch die Menschen des Stammes dem Häuptling
gehörten. Der übrige Raum ist mit allen möglichen Sachen ausgefüllt,
welche größtentheils schon sehr verkommen aussehen. Auf einem Tisch finden
wir buntbemalte Petroleumlampen, eine Spieluhr und Kochtöpfe, Messer,
Gabel, Nähzeug und noch verschiedenerlei Sachen. An der Wand hängen
einige Uhren, welche nicht mehr gehen. Dort steht ein Waschbecken, hier
ein alter Zinkeimer als Gefäß für Trinkwasser, Teller, Kleidungsstücke,
alles bunt durcheinander. Der Häuptling ist ein reicher Mann und könnte
nach unsern Begriffen sehr angenehm leben, der Sinn für Comfort fehlt
hier aber noch vollständig. Diesem Manne gehörte früher ganz Taviuni,
mit der Besitzergreifung hat die englische Regierung ihn aber mit einem
Jahresgehalt von 600 Pfd. St. oder 12000 Mark abgefunden, ihm außerdem
auch noch große Länderstrecken belassen. Für seinen Lebensunterhalt
gebraucht er eigentlich nichts, da die Leute seines Stammes ihn mit dem
Nothwendigen versehen und für ihn arbeiten müssen; sonst könnte auch ein
kleiner Theil seines Landes ihn mit allem im Ueberfluß versorgen.

Wie schon erwähnt, trafen wir den Häuptling selbst nicht, sondern nur
seine Gattin, Frau Tui-Kakao. Diese in den mittleren Jahren stehende
braune Dame und Prinzessin, gekleidet wie die vornehmen Tonga-Frauen,
saß einige Schritte von der Hauptthür entfernt in ihrem großen Salon mit
Näharbeit beschäftigt auf einer Matte, ihr gegenüber ein Mann, welcher
jedenfalls Diener und Gesellschafter in seiner Person vereinigte. Es
herrscht hier, wie überall in Polynesien, die Sitte, daß der gemeine Mann
vor einem Vornehmen nie steht, sondern sich ihm nur in gebückter Stellung
nähert, sich dann mit gekreuzten Beinen dicht neben ihn auf die Erde
setzt, einen Augenblick wartet und nun mit lauter Stimme ohne Scheu frei
von der Leber weg redet. Die Häuptlingsfrau und Königsschwester unterhält
sich mit ihrem Diener wie mit ihresgleichen, der Diener benimmt sich so
frei, als ob er mit seiner Herrin auf gleicher Stufe stände, doch nur
so lange als er sitzt. Sobald er einen Auftrag erhält, erhebt er sich
vorsichtig, um dabei ja nicht seinen Körper ganz auszustrecken, bewegt
sich dann in gebückter Stellung vorsichtig auftretend weiter, bis er
eine gewisse Entfernung erreicht hat, um dann seinen Körper zu strecken,
den Kopf aufzuwerfen und mit einer Würde zum Wassereimer zu gehen,
als ob er dort eine Handlung vornehmen wolle, von welcher das Wohl und
Wehe Tausender abhinge. Er füllt das Glas und nähert sich uns mit einem
Anstande, daß wir uns fragen, ob wir die Dienstleistung annehmen können.
Doch die Würde schwindet in gewisser Entfernung von uns, das Feuer der
Augen erlischt, der Kopf senkt sich, der Körper nähert sich der Erde und
angekrochen kommt ein unterwürfiger Sklave.

Nach Befriedigung meiner Neugier hatte ich bei Frau Tui-Kakao nichts mehr
zu suchen; ich empfahl mich daher, nachdem ich noch ein schönes Stück
Tapa von ihr als Geschenk angenommen hatte, und ging nach meinem Boot,
um an Bord zurückzukehren. Eine Schar munterer Mädchen, gutgewachsene
junge Dirnen, welche ihren schönen nackten Oberkörper mit einer reizenden
Koketterie tragen, lenken meine Schritte indeß für kurze Zeit noch ab. Wo
ziehen diese lachenden, singenden Kinder, auf der Schulter einen Stock
mit daranhängenden Kokosnußschalen und Flaschen tragend, im Gänsemarsch
hin? Sie gehen nach dem Strande und füllen dort ihre Gefäße mit Seewasser;
manch eine wird dabei durch den Uebermuth der andern in das Wasser
geworfen und nimmt so ein unfreiwilliges Bad. Nach kurzer Zeit kehren alle
wieder zum Dorfe und zu ihren Hütten zurück.

Bei späterer Nachfrage erfuhr ich, daß die hiesigen Eingeborenen, welche
wie alle Südsee-Insulaner das Salz nicht kennen und es beim Kochen nicht
verwerthen können, das Seewasser zum Kochen einzelner Speisen benutzen
und die Frauen und Mädchen abends stets den Vorrath für den nächsten Tag
holen. Diese Gelegenheit wird dann auch als Conversationsstunde benutzt,
da die Weiber stets zusammen zum Strande gehen. Die entferntest wohnende
macht wol den Anfang und geht bei ihrer nächsten Nachbarin vor, worauf
beide zum nächsten Hause und so fort weiter gehen, bis die ganze muntere
Gesellschaft beisammen ist.

Diese Ablenkung brachte mich auch noch zu einem Schuppen, wo ein Kanu
gebaut wurde und wo ich Gelegenheit fand, zu bewundern, mit welch
unvollkommenen Handwerkszeugen diese Leute ihre zierlichen Fahrzeuge
herstellen. Ehe ich in mein Boot stieg, sah ich mir auch noch zwei in der
Nähe auf dem Strande liegende große Doppelkanus an, die für eine Reise des
Häuptlings in Ordnung gebracht wurden und wobei viele Männer beschäftigt
waren, um den Proviant für die bevorstehende Reise zurecht zu machen und
auf dem Feuer die Brotfrucht und den Yams zu bereiten. Diese interessanten
leichten Fahrzeuge, mit welchen die Polynesier oft große Reisen über See
machen und die nur durch fortwährendes Ausschöpfen über Wasser gehalten
werden, bestehen aus dem eigentlichen Schiffe, welches gewöhnlich 30 m
lang, 3 m breit ist und einen 5 m tiefen Schiffsraum hat, sowie einem
15-16 m langen ganz gedeckten kleinern Fahrzeug, das als Ausleger dient.
Ob dieses letztere auch als Wohn- oder Lastraum benutzt wird, habe ich
nicht erfahren, ich glaube es indeß nicht, sondern bin der Ansicht, daß
die für das große Kanu nothwendige Größe und Schwere des Auslegers dazu
geführt hat, diesen in Bootsform herzustellen, um ihm die erforderliche
Schwimmfähigkeit zu geben. Auf den die beiden Fahrzeuge verbindenden
Balken befindet sich eine mit einer Hütte versehene Plattform von etwa
6 m im Geviert, von welcher aus das Segel bedient und das Schiff gesteuert
wird. Das Hauptfahrzeug ist an beiden Enden auf ungefähr ein Viertel der
Länge mit einem leichten Deck versehen, der übrige Raum ist, soweit er
nicht durch die Plattform gedeckt wird, offen. Zur Fortbewegung dient ein
für die Verhältnisse des Fahrzeugs riesiges Mattensegel, welches demselben
bei entsprechender Windstärke eine außerordentlich große Geschwindigkeit
geben soll. Das vollausgerüstete Doppelkanu soll bis zu 200 Mann mit den
erforderlichen Proviantvorräthen für 8-10 Tage aufnehmen können. Als eine
besondere Eigenthümlichkeit möchte ich noch anführen, daß die Spitze des
Mastes hier in Fidji wie in Tonga mit einer halbmondförmigen Verzierung
versehen ist, ich weiß indeß nicht, ob diesem Halbmond eine besondere
Bedeutung beizumessen ist.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit meiner Gig nach einer vier Seemeilen
entfernt liegenden Plantage, um uns dieselbe anzusehen. Der Besitzer, ein
wohlerzogener, gebildeter junger Engländer, nahm uns liebenswürdig auf
und führte uns selbst nach seiner Kaffeepflanzung, welche uns in Levuka
sehr gerühmt worden war. Ein strammer Marsch von 1½ Stunden, anfänglich
durch eine Baumwollpflanzung hindurch, dann aber, und zwar den größten
Theil des Weges, auf engem Pfade durch Urwald, brachte uns zu der 500 m
über dem Meeresspiegel gelegenen Kaffeepflanzung. Sehr ermattet langten
wir dort an, wurden aber bald durch das viele Interessante, was wir zu
sehen bekamen, entschädigt. Zuerst kamen wir an ein geschützt liegendes
Terrain, wo lange, schmale und wohlgepflegte Beete zeigten, daß hier
schon Menschenhände der Natur nachgeholfen hatten. Hier werden aus
den Samenkörnern die ersten Pflänzchen gezogen, um später dann in die
eigentlichen Plantagen versetzt zu werden. Alle Beete prangen im schönsten
Grün und die ersten Schößlinge des Kaffees, Thees und des Chinarindenbaums
zeigen ihre saftigen Köpfchen. Ein kühler Quell unter schattigen Bäumen,
welcher sich weiterhin zu einem kleinen Murmelbach ausbreitet, gibt etwas
Leben und namentlich uns Erfrischung. Wir gingen dann zu der eigentlichen
Kaffeeplantage und waren überrascht, eine so sorgsam gehaltene Anpflanzung
zu finden. Gewöhnlich bieten die tropischen Plantagen dem Auge kein
anziehendes Bild, da alles wächst, wie es wachsen will, und nur die
allernothwendigsten Wege offen gehalten werden. Hier aber ist es anders.
Die Kaffeebäume, in Form und Größe kleinen Tannenbäumen ähnlich, sind so
regelmäßig gepflanzt wie in einer Baumschule. Von jedem Baum aus laufen
die andern Bäume in geraden Linien strahlenförmig nach allen Richtungen
aus, sodaß jedes Bäumchen denselben freien Raum und zwar einen Kreis von
4 m Durchmesser erhält. Zwischen den Bäumen sind Gestrüpp und Unkraut
entfernt, die reichlich angelegten Wege sind schön gehalten und mit
buntfarbigen Blumen und Blattpflanzen eingefaßt. Die sorgsame Anlage
scheint den Besitzer aber auch für die große darauf verwandte Mühe
zu belohnen, denn die kleinen Kaffeebäume sind so reich mit Früchten
behangen, daß eine gute Ernte erwartet werden darf. Sehr lehrreich war es
für mich, hier einiges über die für den Kaffeebau nothwendigen Bedingungen
zu erfahren. In diesem Klima gedeiht der Kaffee nur in einer Höhe von
400-600 m, da das niedriger liegende Land zu heiß, das höher liegende aber
schon zu rauh ist. Ferner muß von den Kaffeepflanzen jeder Wind abgehalten
werden, nur ganz leiser Luftzug darf die Pflanzung durchstreifen. Deshalb
muß die Plantage in einem von höhern Bergen umschlossenen Kessel angelegt
werden; doch auch dies genügt noch nicht ganz, vielmehr muß ein Terrain
von gewisser Größe auch noch von einer mehrfachen Baumreihe umstanden
sein, damit diese durchbrochene Wand die Hauptkraft eines etwa sich über
die Bergkämme in den Thalkessel hinabwälzenden Windfeldes bricht. -- All
diese Kenntnisse des Besitzers waren natürlich nicht die Summe seiner
eigenen Erfahrungen, sondern er hatte sie von seinem Lehrer, seinem
Oberaufseher, einem alten Indier, welchen er von Ceylon hatte kommen
lassen. Dieser war auch der Vater der musterhaften Ordnung, welche wir
hier oben vorfanden.

Nachdem wir alles gesehen hatten, mußten wir auch noch der Einladung
unsers liebenswürdigen Wirthes folgen und einen Imbiß in seiner Wohnung
nehmen. Sein Haus besteht aus einer ortsüblichen Hütte, welche innen
in drei Räume getheilt ist. Der erste Raum dient als Vorzimmer und
Schlafstätte der drei Dienerinnen, Mädchen von einer der Kingsmill-Inseln,
welche bei unserm Eintreten damit beschäftigt waren, Ingwerwurzeln zu
reinigen. Der zweite mit englischem Comfort ausgestattete Raum wird als
Eß- und Wohnzimmer, der dritte als Schlafzimmer benutzt. Wir tranken ein
Glas Wein, aßen Biscuit mit Büchsen-Lachs und -Zunge und brachen dann
auf. Der Besuch hatte uns sehr befriedigt und wir nahmen daher gern noch
die Strapaze des Rückweges ohne Murren auf unsere Beine. Gegen 3½ Uhr
nachmittags waren wir an Bord, wo uns das Essen vorzüglich schmeckte und
starker Regenfall es uns leicht machte, den Abend in Ruhe auf dem Schiffe
zu verbringen. -- Am nächsten Morgen, 6. November, ging es wieder weiter.
Während des Tages führte unser Curs zwischen Inseln und Riffen hindurch,
abends 7 Uhr waren wir in freiem Wasser.

Ich wollte zunächst die Insel Fotuna anlaufen, welche ich bei den
herrschenden Windverhältnissen am nächsten Mittag erreichen mußte. Die
Insel hat zwar keinen Ankerplatz, doch genügte es meinen Zwecken, mit
dem Consul nur für einige Stunden mit dem Boot an Land zu gehen und das
Schiff während der Zeit unter Segel zu belassen. Der Wind spielte mir
aber einen seiner launigen Streiche und hätte mich am 7. November erst so
spät abends an die Insel herankommen lassen, daß ich an demselben Tage
nicht mehr das Land hätte besuchen können. Die Nacht zu opfern, schien
mir bei der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht angebracht;
ich gab das Anlaufen von Fotuna daher auf und setzte meinen Curs direct
auf Funafuti, eine der Ellice-Inseln. Am 11. November mittags kam diese
niedrige Koralleninsel in Sicht und sollte ich nun endlich Gelegenheit
finden, meine Neugierde zu befriedigen, da diese die erste derartige Insel
ist, auf welche ich am selben Abend nach dem Ankern meinen Fuß gesetzt
habe.

Die Karten dieses Theiles der Erde sind noch sehr unvollkommen, so
dürftig, daß sie eben nur als Anhalt dienen können; mit Sicherheit
danach navigiren kann man nicht. So zeigt die vor mir liegende Skizze,
welche die äußern Umrisse dieses niedrigen Landes wiedergibt, nur =eine=
Einfahrt in die Lagune, während die mir zugegangenen Nachrichten gerade
besagen, daß dort keine Einfahrt existirt, aber zwei andere vorhanden
sind. Ich verlasse mich auf meine Gewährsleute und dampfe zwischen
zwei kleine Inseln, wo eine Einfahrt liegen soll. Aus der Takelage wird
indeß bald flaches Wasser gemeldet, von dem Schiff aus sieht man schon
den Meeresboden, und das Loth zeigt eine so geringe Tiefe, daß es nicht
gerathen erscheint, bei dem hohen Seegange ohne vorherige Recognoscirung
weiter zu gehen. Drehen kann das Schiff nicht mehr, dazu ist es zu eng,
voll Dampf geht es rückwärts und nach wenigen Minuten schwimmt das Schiff
wieder in tiefblauem Wasser, wo man auch ohne Versuch weiß, daß das Loth
keinen Grund mehr findet. Die beiden Kutter sind bald zu Wasser, um das
Fahrwasser auszulothen und sich so hinzulegen, daß das Schiff zwischen
den beiden Booten eine sichere Rinne findet. Inzwischen sind auch schon
von dem weit entfernten Dorfe zwei Kanus mit Lootsen angekommen, die, wenn
sie auch nicht ganz zuverlässig sind, doch immer gern als nützliche, mit
der Gegend bekannte Menschen angenommen werden. Nach einer halben Stunde
dampft die „Ariadne“ wieder vorwärts, geht zwischen den Kuttern durch
in die schöne Lagune, nimmt die Boote wieder auf und ankert nach einer
weitern halben Stunde, nachmittags 4 Uhr, vor dem auf blendendem Sande
malerisch unter hohen Kokospalmen gelegenen Dorfe.

Es ist ein wahrer Genuß, in dieser regungslosen Flut zu liegen, mit
dem Bewußtsein, daß der Anker vortrefflichen Grund gefunden hat und dem
Schiffe hier nichts passiren kann. Jenseit des schmalen Landstreifens
hört man die hohe Brandung brüllend sich an dem steinernen Fuß der Insel
brechen. An den Stellen, wo das Korallenriff unter dem Wasserspiegel
liegt, sieht man die Wogen hoch auflaufen und ihren Gischt gen Himmel
spritzen. Hier innen aber hat das Wasser Ruhe und auch der auf ihm
schwimmende Seefahrer. Nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul noch an
Land, um den obersten Häuptling oder König zu besuchen; weiter umsehen
konnten wir uns aber nicht, da es schnell dunkel wurde. Wir kehrten daher
an Bord zurück, wo ich Ruhe fand zur Vervollständigung meiner Berichte.

       *       *       *       *       *

Ehe ich auf meine weitern Erlebnisse eingehe, will ich hier die Gründe
niederlegen, welche mich zu dem Versuch veranlaßten, mit den unabhängigen
Inseln und Inselgruppen Verträge zu schließen oder besser gesagt
Abmachungen zu treffen.

Die unabhängigen Inseln und Gruppen sind für den in der Südsee
dominirenden deutschen Handel von großer Bedeutung, weil sie sehr viel
Copra produciren; für den auf den Samoa-Inseln in großem Maßstabe von
den Deutschen aufgenommenen Plantagenbau sind sie aber von unermeßlichem
Werthe, weil sie die Arbeiter für die Plantagen liefern. Und um diesen
Punkt dreht sich meines Erachtens das Südseegeschäft. Denn wenn der Handel
mit Copra auch großen Gewinn abwirft, so darf man doch nicht vergessen,
daß der Handel auch vielen Zufälligkeiten unterworfen ist und für Jahre
vernichtet werden kann, wenn ein fremdländisches, leistungsfähiges und
womöglich von seiner Regierung unterstütztes Kaufmannshaus als Concurrent
auftritt und durch zeitweiliges Zahlen übermäßiger Preise dieses
Handelsfeld an sich zu reißen sucht. In solchem Falle muß der Kaufmann mit
durchhalten und für Jahre Verluste tragen, um durch Ausdauer den fremden
Concurrenten zu verdrängen. Dies ist aber leichter durchführbar, wenn der
Kaufmann gleichzeitig große Plantagen besitzt, welche mit dem Steigen der
Coprapreise in demselben Verhältniß an Werth gewinnen, sodaß der Verlust
an dem Handel durch den Gewinn an den Plantagen ausgeglichen wird.

Dies ist das glückliche Princip, welches von der Deutschen Handels-
und Plantagengesellschaft in Samoa angenommen worden ist. Der Handel
in der Südsee kann in der Jetztzeit nur von sehr großen Häusern oder
Gesellschaften mit bedeutenden Kapitalien unterhalten werden und bringt
diesen großen Gewinn. Kleine Handlungshäuser mit ungenügenden Mitteln
müssen hier zu Grunde gehen, wie die Erfahrung bisher gelehrt hat. Die
Südsee bietet also kein Feld für allgemeine Handelsunternehmungen, hat
aber in den noch unabhängigen Inseln vorzügliches Plantagenland, welches
Landwirthen mit einem Kapital von 30-100000 Mark ein interessantes Feld
der Thätigkeit und leichten Erwerb großer Vermögen sichert. Auswanderer
ohne Geld (Bauern u. s. w.) hierher zu schicken, würde ein Fehler sein,
weil die eigene Arbeit keinen Gewinn verspricht. Es müssen, wie gesagt,
Leute mit einem gewissen Kapital sein, die eine Plantage gleich in
großem Maßstabe mit Hülfe eingeborener Arbeiter anlegen. Dies ist das
von den Engländern befolgte Princip, welches durch die sachgemäßeste
Ausnutzung der Colonien dem Mutterlande so große Reichthümer zugeführt
hat. Die Engländer schicken keine kleinen Leute in die Colonien, sondern
die jüngern Söhne der Aristokratie, und solche junge Leute, welche sich
für diese Art Leben interessiren oder in der Heimat kein ausreichendes
Fortkommen für ihre Bedürfnisse sehen, werden mit einem Kapital von
3-5000 Pfd. St. dahin entsandt und erwerben sich durch Plantagenbau
oder, wie in Australien, durch Viehstationen, in 10-20 Jahren oft sehr
bedeutende Vermögen. Ich habe in Australien bei noch jungen Leuten schon
die goldenen Früchte gesehen, während wir in Soma-Soma, wie vorher
erzählt, solch einen wohlerzogenen jungen Anfänger den Grundstein zu
spätern Reichthümern haben legen sehen. Wenn man nun erwägt, daß die
Handels- und Plantagengesellschaft allein auf den Samoa-Inseln zur
Zeit an 120000 Acker Land besitzt, davon aber selbst nur 10-15000 Acker
bearbeiten kann, so liegt es auf der Hand, daß unter Zugrundelegung der
nachstehend gegebenen Zahlen der Plantagenbau außerordentlich rentiren
muß, wenn die Arbeiterzufuhr gesichert ist, da die Südsee-Insulaner auf
ihren heimatlichen Inseln nicht arbeiten. Alle übrigen dazu erforderlichen
Bedingungen sind vorhanden. Große nationale Handelshäuser sind sowol im
Süden wie im Norden und Westen an Ort und Stelle. Sie sind nicht wie
bei andern Nationen der Flagge gefolgt, sondern ihr voraufgegangen.
Weitsichtige, muthige und energische Männer, deren Namen schon
vielfach genannt sind und in deren Händen noch jetzt die Leitung an den
verschiedenen Stellen ist, haben ihren großartigen Geschäftsbetrieben
durch eigene Kraft eine durchaus gesicherte Stellung geschaffen, welche
unantastbar sein dürfte, sobald die deutsche Flagge diesen Pionnieren
folgen sollte. Diese Handelshäuser können jetzt schon als Bankhäuser
eintreten, ihr eigenes Land abtreten oder neue Landkäufe vermitteln, mit
ihren Schiffen und durch ihre Verbindungen die Arbeiter heranschaffen,
die Plantagen mit den europäischen Artikeln versehen und den Pflanzern an
Ort und Stelle ihre Producte abnehmen, auch diesen infolge ihrer reichen
Erfahrung überall mit Rath und That zur Hand gehen.

Um zu zeigen, wie der Plantagenbau sich zur Zeit auf den Samoa-Inseln
rentirt und sich daher auch auf andern etwa zu erwerbenden Inseln rentiren
dürfte, will ich die zur Zeit auf Samoa maßgebenden Zahlen sprechen
lassen:

  Kostenpreis eines Acker Landes                       Mark 20--

  Erste Cultivirungskosten und Bepflanzung mit
  Baumwolle                                              "  92--
                                                      __________
  Investirtes Kapital im Lande ohne Gebäude           Mark 112--

  Die Erfahrung lehrt, daß bei der Baumwollcultur
  durchschnittlich 3½ Acker von einem Arbeiter,
  Arbeiterin oder halbwüchsigen Kind bearbeitet
  werden können, welche Person jährlich an Lohn,
  Unterhalt u. s. w. kostet                         Mark 240-260

  Demnach stellen sich die Betriebskosten für
  Arbeitslohn (260 M. für 3½ Acker) für =einen=
  Acker auf höchstens                                  Mark 76--

  Gehalt eines Verwalters und eines Aufsehers,
  Zinsen auf Kapital investirt für Gebäude,
  Amortisation für Gebäude, Abnutzung von Geräth
  u. s. w. per Acker                                     "  16--

  Daher jährliche Betriebskosten per Acker hoch
  gerechnet                                              "  92--

  Dieselben sollen im Durchschnitt nicht
  übersteigen                                            "  80--

  Jährlicher Ertrag eines Ackers Baumwolle ist
  durchschnittlich 1000 Pfd. in Saat gewöhnlicher
  Sorte zum Werthe von                                   " 120--

  oder bessere Sorte mit 800 Pfd. in Saat zum            " 148--
  Werthe von

  Daraus ergibt sich eine Rente von dem im Lande
  investirten Kapital von 25 Proc. im
  ungünstigsten, aber von circa 60 Proc. im
  günstigsten Falle, oder 36-50 Proc. im
  Durchschnitt.

Wenn nun die Baumwollpflanzungen allmählich in Kokosnußpflanzungen
verwandelt werden, dürfte das Resultat des jährlichen Ertrages sich noch
günstiger gestalten, sobald dieselben erst vollen Ertrag liefern. Es sind
hier von einem Arbeiter gut fünf Acker zu bewältigen und werden auch alle
andern Unkosten geringer. Die Berechnung stellt sich dann wie folgt:

  Arbeitslohn per Jahr und Acker                       Mark 48--

  Verschiedene Unkosten                                  "  12--
                                                       _________
  Jährliche Betriebskosten und Auslagen                Mark 60--

  Jährlicher Ertrag eines Ackers                    Mark 120-160

gibt einen jährlichen Ueberschuß von 60-100 Mark, ganz abgesehen von dem
Nutzen der Viehzucht, welche sich mit Kokosnußplantagen vereinen läßt.

Ein englischer Acker ist gleich 40,468 Ar.

Soll nun aber nur das auf den Samoa-Inseln liegende in deutschen Händen
befindliche Land voll ertragsfähig gemacht werden, dann müssen allein
dahin 30000 Arbeiter herangezogen werden, und als Arbeiterquellen können
nur die Kingsmill-, Marshall-, Salomons-Inseln und Neu-Hebriden in
Betracht kommen. Es fällt zur Zeit nicht schwer, die jetzt erforderlichen
Arbeiter zu engagiren und wird dies auch fernerhin leicht durchzuführen
sein, sofern die genannten Inselgruppen unabhängig bleiben. Und daß dies
erreicht werde, dazu will ich zunächst meinen Einfluß geltend machen,
weil keine Zeit zu verlieren ist. Denn die Fidji-Inseln verlangen schon
so große Arbeitermassen, daß die Colonialregierung versucht, Kulis von
Indien einzuführen, und einen Theil der Unkosten trägt, um die Pflanzer zu
unterstützen. Diese sind indeß mit dieser Maßnahme nicht ganz zufrieden,
weil wegen des langen Seewegs die Arbeiterzufuhr nicht genügend gesichert
erscheint und drängen nach Annectirung zunächst der Neu-Hebriden und
Salomons-Inseln. Hiermit würde aber jede fremde Arbeiterausfuhr dort
ausgeschlossen sein, weil England den Eingeborenen seiner Colonien nur
die Auswanderung nach den eigenen Colonien gestattet.

       *       *       *       *       *

Doch nun zurück nach Funafuti.

Die nebenstehende Skizze gibt den Grundriß der Insel. Die doppelt
punktirte Linie ist das Korallenriff, welches in beinahe viereckiger Form
die Lagune einschließt; die zwischen den punktirten Linien liegenden
schwarzen Körper sind die Inseln, welche über dem Meeresspiegel liegen
und mit Bäumen und Strauchwerk bestanden sind; da wo die punktirte Linie
unterbrochen ist, soll sehr tiefes Wasser sein, ist aber in Wirklichkeit
nicht vorhanden. Die mit Pfeilspitzen versehene ausgezogene Linie ist
der Weg des Schiffes in die Lagune und wieder aus derselben heraus,
der eingezeichnete kleine Anker gibt den Ankerplatz des Schiffes. Der
große Durchmesser der Lagune beträgt acht Seemeilen oder zwei deutsche
Meilen, der kleine 4½ Seemeilen; die Länge der großen Insel beträgt fünf
Seemeilen, die Breite ¼ Meile oder ungefähr 500 m. Die Tiefe des Wassers
in der Lagune ist mit Ausnahme einiger in ihr liegenden Korallenbänke fast
durchweg über 30 m; bequemen Ankergrund findet man nur ganz in der Nähe
des Landes.

Unser Aufenthalt in Funafuti war nur auf zwei bis drei Tage veranschlagt.
Denn wenn ich auch mit der Absicht hingegangen war, mit dem sogenannten
König zur Sicherung des deutschen Handels und der deutschen Interessen
eine Uebereinkunft abzuschließen, so wollte ich, um mein Reiseprogramm
einzuhalten, bei der Unbedeutendheit des Platzes als Arbeiterquelle doch
lieber meine Absicht aufgeben, wenn es uns nicht gelingen sollte, in
der festgesetzten Zeit zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Dies
geschah aber und so konnten wir Funafuti schon am 13. mittags wieder
verlassen. Bei meiner Ankunft hatte zwar der Zauber, mit welchem diese
Oasen des Weltmeeres den Fremdling umstricken, auch mich gefangen genommen
und den Wunsch in mir rege werden lassen, den Aufenthalt auf eine längere
Zeit auszudehnen, doch die Pflicht, welche mich nach andern Plätzen rief,
ließ dies nicht zu und ich hatte es schließlich auch nicht zu bereuen. Ein
zweitägiger Aufenthalt genügte vollkommen, mich in die Prosa des Lebens
zurückzuversetzen.

Am Morgen nach unserer Ankunft fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang
wieder an Land, um an dem schönen Strande ein Bad zu nehmen und danach in
der Morgenfrische einen Spaziergang zu machen. Noch weit ab vom Lande,
als mein Boot in etwa 8 m tiefes Wasser kam, verwandelt die Flut ihre
tiefblaue Farbe in ein helles Grün, das Wasser wird zu Krystall und
gestattet dem Auge bis zu dem offen daliegenden Meeresgrunde vorzudringen,
wo auf dem grün angehauchten Sande die fleißigen Maurer des Meeres ihre
wunderlich und schön geformten Gebilde unregelmäßig angebaut haben. Kleine
zarte Korallenstauden mit unzähligen Aesten wechseln ab mit riesigen
Korallenblöcken, welche ihr Haupt schon bis nahe an die Wasseroberfläche
erhoben haben und das Boot zum Ausweichen zwingen, wenn es nicht an den
scharfen Zacken des mächtigen unterseeischen Thurmes schweren Schaden
nehmen will. Zwischen und auf den Korallen liegen Muscheln, unter welchen
namentlich eine Art sich dem Auge entgegendrängt. In weit klaffender
unscheinbarer Hülle von der Größe eines Tellers spreizt sich das im
reinsten Indigo schimmernde Thier und läßt seine schöne blendende Farbe
nach oben strahlen, wie der Pfau sein Rad der Sonne entgegenbreitet.
Auf dem Sande liegen blutegelartige Thiere von 20 cm Länge und 5 cm
Dicke, welche einen bedeutenden Handelsartikel nach China bilden. Diese
von den Chinesen als große Leckerbissen geschätzten Mollusken werden
in getrocknetem Zustande verschifft und später als gallertartige Suppe
gegessen; im Handel führen sie die Bezeichnung 'biche-le-mare' oder
'Trepang', der zoologische Name ist 'Holothuria'. Viel gibt es hier
auf dem Meeresboden zu sehen, so viel, daß man es in kurzer Zeit nicht
zergliedern kann, wie dazu ja auch überhaupt ein vieljähriges Studium
gehören dürfte. Heute bin ich froh, kein Naturforscher zu sein, weil ich
dadurch der Nothwendigkeit enthoben bin, meine Sinne wissenschaftlichen
Beobachtungen zu widmen und daher, in schnellem Lauf über diese
eigenartige Welt hinsegelnd, mein Auge mit Entzücken über die kleinen
Wunderwerke hingleiten lassen kann, wie über ein schönes Bild.

Die Gig läuft hoch auf den weichen Sandstrand und ein Sprung bringt
uns auf das Trockene. Das kleine Dorf ist schon voller Leben, da die
Eingeborenen mit den Vögeln aufstehen. Unser Weg führt uns an einer dicht
am Strande liegenden Hütte vorbei, welche uns dadurch auffällt, daß die
Seitenwände nicht mit Matten behängt sind. Ein Blick in das Innere zeigt
uns eine kleine beschriebene Tafel, an welche wir herantreten, da der
Consul die Landessprache spricht und schreibt. Sie enthält die Angaben
über die Bevölkerungszahl der Insel, welche 156 Seelen beträgt; doch
gewiß ein stattliches unabhängiges Königreich. Die Insel war allerdings
früher sehr viel stärker bevölkert und vermag auch die zehnfache Zahl
gut zu ernähren, sie hat aber den größten Theil ihrer Bewohner Mitte der
sechziger Jahre durch einen Schurkenstreich peruanischer Sklavenjäger
verloren.

Ein peruanisches Schiff ankerte derzeit in der Lagune von Funafuti
und führte sich als Missionsschiff ein. (Die Missionsgesellschaften
unterhalten hier eigene Schiffe, um die Verbindung zwischen den von ihnen
besetzten Inseln aufrecht zu erhalten und neue Plätze ihrem Wirken zu
eröffnen.) Die Funafutier hatten schon von den Missionaren auf den andern
Inseln gehört und hegten den Wunsch, auch so etwas Besonderes zu besitzen.
Der im Talar mit der Bibel in der Hand an Land kommende Scheinmissionar
wurde daher gut aufgenommen und fand es leicht, die Leute zu veranlassen,
am nächsten Tage mit Frauen und Kindern an Bord zu kommen, um dort die
neue Lehre zu vernehmen. Als das Schiff mit Menschen gefüllt war, wurden
sie in das Zwischendeck geführt, wo der Mann im Talar ihrer wartete, sie
aber schnell verließ, sobald alle im Raum versammelt waren. Dann wurden
plötzlich alle Luken geschlossen, das Schiff ging unter Segel und die
schwer getäuschten harmlosen Insulaner blieben für immer verschollen. Das
Gerücht sagt, daß nur wenige von ihnen Peru erreicht haben und diese dort
auch schnell hingestorben sein sollen, weil die weichlichen Polynesier,
wie die Schwalben an ungebundene Freiheit gewöhnt, kein Sklavenleben
ertragen können.

Dicht neben der vorhergenannten, als öffentliches Berathungshaus benutzten
Hütte, steht die Kirche mit der Wohnung des Missionars, eines als Lehrer
ausgebildeten Eingeborenen. Die Kirche sieht ebenso aus, wie alle Kirchen
auf diesen Inseln: eine lange breite Hütte mit hohem Dach nach dem Modell
der Hütten der Eingeborenen und nur mit dem Unterschied, daß sie sehr
viel größer ist und feste, aus Korallenblöcken aufgebaute Seitenwände mit
kleinen viereckigen, durch Holzläden verschließbare Fenster hat; außerdem
ist sie noch abweichend von den Hütten mit einem weißen Kalkanstrich
versehen, wodurch sie weithin sichtbar wird und den Schiffen als Wegweiser
zum Ankerplatz dient. Der Missionar oder richtiger Missionslehrer ist
nicht anwesend, sondern nach einer im Norden gelegenen Insel gereist, um
eine Anklage gegen einen Collegen zu untersuchen, welchem vorgeworfen
wird, sich neben seiner Frau noch einen kleinen Harem eingerichtet zu
haben.

Einige Schritte bringen uns zu den Hütten der Eingeborenen, welche ohne
Plan verstreut unter den Kokosnußbäumen liegen. Es ist auffällig, hier
so schlechte und schmutzige Wohnungen zu finden, da die Eingeborenen
reiner samoanischer Rasse sind und die Samoaner doch großen Werth auf
ihre Wohnungen und die Körperpflege legen. Die Hütten sind eigentlich nur
zusammengetragene Reiser, welche von Schmutz starren. Der Fußboden besteht
nur aus Erdstaub, welcher Menschen und Sachen mit einer Schmutzkruste
überzieht; saubere Steine und Matten sind nicht vorhanden. Die Menschen
sind fast durchweg mit einer ekelerregenden Hautkrankheit behaftet,
der Körper scheint mit kleinen Schuppen bedeckt, die Haut hat sich
überall gelöst und macht die Körperoberfläche rauh, die kleinen Ritzen
sind mit Schmutz angefüllt. Ob die Hautkrankheit von der allgemeinen
Unsauberkeit herkommt oder andern Ursachen zuzuschreiben ist, ist wol
noch nicht aufgeklärt. Die Männer sind im Durchschnitt mehr bekleidet
wie die Samoaner, die Weiber tragen meistens den Blätterschurz, welcher
von den Hüften bis zu den halben Oberschenkeln reicht. So führen diese
Menschen in thierischer Trägheit ein klägliches Leben, ohne die großen
Hülfsquellen auszunutzen, welche die Natur in den Kokosnußbäumen ihnen
gegeben hat. Diese doch immerhin kleine Insel liefert jetzt jährlich
50 Tonnen Copra (getrockneter Kokosnußkern) und nimmt dafür 10000 Mark
ein. 2-300 Tonnen Nußkerne lassen die Leute verfaulen, weil sie zu träge
sind, die abgefallenen Nüsse aufzusammeln, und lassen somit jährlich ein
Kapital von 40-60000 Mark verkommen. Bei sachgemäßer Bearbeitung könnte
diese Insel nach Ansicht des sachverständigen Consuls jährlich sogar 5-600
Tonnen Copra produciren und dafür nach dem jetzigen Preise 100-120000
Mark erlösen. Diese Menschen haben aber keine Bedürfnisse und sind deshalb
vielleicht gerade glücklich.

Von dem Dorf und seinen Bewohnern haben wir genug gesehen; die Aussicht
auf ein schönes Bad lockt uns mehr, und bald haben wir eine passende
Stelle gefunden, wo wir uns in der krystallklaren Flut erfrischen
und wenigstens für kurze Zeit den lästigen Angriffen der unzähligen
Fliegen entgehen. Die schnell steigende Sonne mahnt uns indeß an den
beabsichtigten Spaziergang, und nach kurzer Zeit stehen wir vor dem
Kokosnußwald ohne jedoch eindringen zu können. Der schöne Rasen, welchen
man aus der Ferne um den Fuß der Palmenstämme zu sehen wähnt, ist ein
dichtes mannshohes Gebüsch aus einer Art Eisenholz, welches zwar den
Kanakers[B] ein Durchkommen gestattet, dem Europäer aber den Weg doch zu
mühsam macht. Wir gehen daher an dem Waldessaum entlang dem Dorfe wieder
zu und finden dann auch bald einen der vielen Pfade, welche quer durch
die Insel nach dem entgegengesetzten Ufer führen. Nach wenigen Schritten
ist die Lagune mit ihren sandigen Ufern unsern Blicken entschwunden und
wir sind auf einem Wege, wo wir doch mehr Leben finden, als wir erwartet
hatten. In einer Lichtung stoßen wir auf eine schmutzige Pfütze, welche
auf der ganzen Insel das einzige süße Wasser enthält. Ein altes Weib
sitzt in dem Wasser, auf einem andern Pfade kommt, nach ihrem Anzug zu
urtheilen, eine vornehmere Dame mit mehrern Dienerinnen, um ebenfalls ihr
Morgenbad zu nehmen. Demnach scheint bei diesem schmutzigen Stamme die
Vorliebe der sonst reinlichen Polynesier für das Baden doch noch nicht
erloschen zu sein, sofern es sich um ein Bad in süßem Wasser handelt.
In einer zweiten Lichtung finden wir von fernen Inseln hergebrachte
gute Erde in regelmäßige Beete eingetheilt, um in derselben Bananen zu
ziehen. Weiterhin treten wir aus dem Walde und kommen an einen mit dem
Meere in Verbindung stehenden kleinen Salzwassersee, an dessen Ufern
Strandschnepfen in ungestörter Ruhe Würmer suchen. Noch einmal treten
wir in den Wald und sind nach wenigen Schritten an dem jenseitigen Ufer
angelangt. Hohe Brandung überspült hier den felsigen Fuß der Insel und
hält einen breiten Gürtel frei von allem vegetabilischen Leben. An dem
Saum der auflaufenden Wogen ist das Ufer eine feste Steinmasse, weiter
oben hin ein wüstes Durcheinander von Korallensteingeröll, welches
das Gehen sehr erschwert. Das unruhige und gewaltthätige Treiben der
Brandung, das graue, zackige, rauhe Steinufer, große Steinblöcke mit dem
Geröll zerbröckelter Steine, das Brausen des kräftigen Windes und die
düstere Färbung der weiter abliegenden, eine feste Wand bildenden grauen
Palmenstämme, deren Kronen sich in eintönigem Rauschen nach der ruhigern
Seite neigen, geben zusammen der Insel auf dieser Seite einen wesentlich
andern Charakter, als man ihn beim Einlaufen in die Lagune gefunden hat.

     [B] Kanaker oder Kanaka ist die polynesische Bezeichnung für
  „Mann“.

Die auffallende Höhe des obersten Kammes der Insel über Wasser (etwa 3 m)
und der Umstand, daß der ganze über Wasser liegende Theil aus einem fest
zusammengefügten Korallengebilde besteht, verleitet uns zu oberflächlichen
Untersuchungen über die wahrscheinliche Entstehungsart dieser Insel.
Es ist ausgeschlossen, daß die Korallen selbst so hoch gebaut haben,
weil sie bekanntlich an der Wasseroberfläche absterben; ebenso ist es
ausgeschlossen, daß angeschwemmte fremde Körper diesen hohen Rücken
gebildet haben, denn das Land ist eine geschlossene Korallensteinmasse,
auf welcher nur lose Steine liegen und wo jede Erdschicht fehlt; diese
Korallenbank kann also nur durch wachsendes Land über Wasser gehoben
worden sein, die Insel muß daher ihr Dasein vulkanischen Einflüssen
verdanken. Beim Suchen von Muscheln und kleinem Gethier finden wir an
der Wassergrenze eine dicke Schicht von angeschwemmtem Bimsstein. Schon
mehrere Tage vorher hatte das Schiff auf hoher See große Bimssteinfelder
durchschnitten, welche jedenfalls von den zu Anfang dieses Jahres in
Neu-Britannien stattgehabten starken Kraterausbrüchen herrühren und durch
die Meeresströmungen bis hierher geführt worden sind. Dieser Bimsstein
wird in wenig Jahren verwittert guten Boden abgeben, und so zeigte uns
ein Zufall, wie wahrscheinlich die Koralleninseln die Erdschicht erhalten
haben, welche den Menschen die Anpflanzung der für ihr Leben nothwendigen
Früchte möglich gemacht hat.

Derselbe Weg, welchen wir gekommen, führt uns in kurzer Zeit von der
eben beschriebenen herbstlichen Scenerie nach dem innern Ufer zurück,
wo die heiße Sonne über der schönen ruhigen Lagune steht, von deren
blendender Wasserfläche die schwarze kriegstüchtige „Ariadne“ sich
scharf abhebt. Die Kokospalmen entfalten ungehindert ihr duftiges, von
dem Winde unberührtes Laub in dem Sonnenschein, die Eingeborenen sitzen
träge vor und in ihren Hütten, zwischen welchen Schweine und Hühner
ebenso munter umherlaufen, wie die kleinen nackten braunen Kanakerkinder
ihre rohen selbstverfertigten Drachen auf dem weißen Sande des Strandes
in der leichten Brise steigen lassen und durch schnellen Lauf dem Winde
nachhelfen. Einige Schmetterlinge schweben über den dürftigen Blumen,
welche zwischen den Gräsern stehen, und ungezählte Massen von Fliegen
peinigen Menschen und Thiere.

Wir fuhren an Bord zurück, nahmen unser Frühstück ein und segelten
dann in der Gig quer durch die Lagune nach einer sieben Seemeilen
entfernten kleinen Insel, um dort nach Schildkröten zu suchen. Unsere
Absicht erreichten wir indessen nicht. Die kleine Insel war von einem
so weitauslaufenden Riffe umgeben, daß wir viel Zeit gebraucht hätten
um durchzuwaten, Mittag war auch schon nahe und der Rückweg weit. Wir
traten daher gleich die Rückfahrt wieder an und kehrten eben zeitig genug
an Bord zurück, um noch etwas zu essen und dann den an Bord bestellten
König mit seinen Räthen zu empfangen. Der König trug heute die Hose,
welche gestern der eine der Lootsen, und das Hemd, welches der andere
anhatte. Nachdem der Besuch das Schiff besichtigt hatte, wurden die
Herrschaften in die Kajüte geführt, bekamen je eine Cigarre und ein
Glas Aepfelwein, und es wurde ihnen dann erklärt, daß die zeitweise
gegen Deutsche und deutsche Schiffe vorgekommenen Unordnungen sich nicht
mehr ereignen dürften. Das beste Mittel, solchen Unannehmlichkeiten
auf friedlichem Wege vorzubeugen, sei der Abschluß einer Uebereinkunft,
welche die gegenseitigen Rechte und Pflichten scharf begrenze. Darauf
las der Consul ihnen die vorher fertiggemachte Uebereinkunft in ihrer
eigenen Sprache vor, die Sache wurde berathen und nach einer Stunde waren
die beiden in Deutsch und Samoanisch ausgefertigten Originale von dem
König von Funafuti und seinen Räthen, sowie von mir unterzeichnet und
abgeschlossen. Das Wesentliche der Uebereinkunft besteht darin, daß die
Deutschen vollständige Handelsfreiheit haben, Land kaufen und miethen
können; daß gescheiterten deutschen Schiffen jeder Beistand geleistet
und Leben wie Eigenthum gewährleistet wird; daß Deserteure von deutschen
Schiffen auszuliefern sind; daß Gesetze, welche Fremde berühren, nur dann
für Deutsche Geltung haben, wenn sie vorher mit dem deutschen Consulat
vereinbart sind; Anordnung, wie Streitigkeiten zwischen Eingeborenen und
Deutschen zu schlichten sind; sowie schließlich die Verpflichtung, daß die
Deutschen auf Funafuti stets dieselben Vorrechte genießen sollen, welche
später etwa andern Nationen gewährt werden sollten.

Abends nach dem Essen gingen wir noch einmal an Land, um dem König
Lebewohl zu sagen. Während wir zum Boot zurückkehrten, wurde an Land
die Trommel geschlagen als Zeichen, daß nunmehr (7 Uhr abends) alle
Eingeborenen ihre Hütten aufzusuchen hätten. In diesen wurde es hell,
um das in der Mitte angezündete Feuer saß die Familie und beschloß das
Tageswerk durch Absingen einiger geistlicher Lieder. Wir kehrten an Bord
zurück und schlossen auch mit Funafuti ab.

Am nächsten Tage, am 13. nachmittags 2 Uhr, lichteten wir den Anker,
dampften durch die Lagune und verließen dieselbe durch die nördliche
Einfahrt, unsern Curs nach Vaitupu, einer andern Insel der Ellice-Gruppe,
nehmend. Bei dieser Gelegenheit hatte ich übrigens noch eine starke
Nervenerschütterung zu ertragen. Als wir zur Durchfahrt, welche nach
Angabe der Lootsen 15 m Wassertiefe haben sollte, und dort in die
hochgehende See kamen, wurden plötzlich nur 8 m Tiefe gemeldet und bei
dieser Wassertiefe lag ein Durchstoßen des Schiffes nahe. Ein Zurückgehen
war nicht mehr möglich; das Herz stand mir momentan still, dann aber gab
ich der langsam gehenden Maschine den Befehl, mit Volldampf vorwärts zu
gehen, weil dies die einzige Möglichkeit war, das Schiff vor dem tiefen
Einstampfen zu bewahren. Es mag sein, daß keine Gefahr für das Schiff
vorlag, hätte es aber in diesem hohen Seegang auf das Korallengestein
aufgestoßen, dann wäre es wahrscheinlich verloren gewesen, und mit dieser
Gefahr mußte ich in dem Moment rechnen. Was solche Augenblicke bedeuten,
kann nur derjenige ermessen, welcher die Verantwortung für ein Schiff
und so viel Menschenleben zu tragen gehabt hat. Wenige Minuten, während
welcher die anstürmenden Wellen über den Bug des mit voller Dampfkraft
arbeitenden Schiffes hinwegbrachen, brachten uns in freies Wasser, die
Feuer in der Maschine wurden gelöscht und das Schiff setzte die Reise
unter Segel fort.

Am nächsten Tage, am 14. nachmittags 3 Uhr, drehte ich dicht unter der
Insel Vaitupu bei dem Hauptdorfe bei und fuhr an Land, um dem König meinen
Besuch zu machen und dort ebenfalls den Abschluß einer Uebereinkunft
vorzubereiten, da bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit der
wirkliche Abschluß nicht erfolgen konnte, denn ich wollte vor Anbruch
der Dunkelheit schon wieder auf dem Wege nach einer andern Insel sein.
Das Landen war beschwerlich, weil das Riff der Insel hier nicht steil
abfällt, sondern sich nur wenige Fuß unter Wasser weit hinaus erstreckt
und so eine große Bank bildet, auf welcher die Wellen überbrechen und als
Brandung nach dem Ufer zulaufen. Da keine andere Landungsstelle vorhanden
ist, so mußten wir hier durch, ob wir nun naß wurden oder nicht. Es ging
besser als ich dachte; die Brandung schäumte an beiden Seiten des langen
Bootes vorbei und bedachte uns nur ab und zu mit einem kleinen Spritzer,
sodaß wir trocken so weit an das Ufer herankamen, um auf dem Rücken
eines Matrosen an Land reiten zu können. Der erste Gruß an Land wurde
mir von einem kleinen reizenden, 4-5 Jahre alten Kanakermädchen zutheil.
Als ich von dem Rücken des Matrosen herabsprang, stand das Kind in einem
saubern Waschkleidchen neben mir, streckte mir seine kleine Hand entgegen
und ließ aus seinen schönen großen Augen ein so herzliches Willkommen
entgegenleuchten, daß mir ordentlich warm ums Herz wurde. Ein Schatten
fiel allerdings gleich auf das Kind, denn die Umstehenden erzählten
sofort, daß es das Kind des verklagten Missionslehrers sei, von dem
ich vorher erzählt habe, und sich nur zufällig hier aufhalte. Natürlich
verstand das kleine barfüßige Mädchen davon nichts, kümmerte sich auch
nicht weiter um die andern, sondern sah, meine Hand festhaltend, nur mich
an. Ich behielt das kleine süße Ding während meines Aufenthalts am Lande
bei mir und schenkte ihr nachher einen blanken halben Dollar, um ihn als
Andenken um den Hals zu tragen, da Geldstücke in dieser Weise als Schmuck
verwendet werden.

Eine große Menschenmenge stand am Ufer, um uns ankommen zu sehen, darunter
ein samoanischer Missionslehrer und ein Deutscher, Agent der Handels-
und Plantagengesellschaft in Apia. Diese beiden waren unsere Leute, mit
welchen wir zunächst zu verhandeln hatten, und von ihnen hörten wir auch
gleich, daß große Aufregung auf der Insel herrsche, weil eine starke
Partei den jetzigen König in den nächsten Tagen stürzen wolle. Auch
klagte der Deutsche, welcher mit einer Vaitupu-Eingeborenen verheirathet
ist, daß ihm verwehrt würde auf einem Grundstück seiner Frau ein Haus zu
bauen, weil diese durch ihre Heirath mit einem Fremden alle Ansprüche
auf das Land verloren habe. Ferner wurde mir ein Brief eines deutschen
Schiffskapitäns übergeben, worin derselbe darüber Beschwerde führt, daß
die Eingeborenen die Desertionen von Schiffsmannschaften begünstigen und
er dadurch bei seinem letzten Aufenthalte hierselbst wieder einen Mann
seiner Besatzung verloren habe. Die am Ufer befindliche Menschenmenge
war in sichtlicher Aufregung und schien sehr besorgt zu werden, als
sie aus dem in Samoanisch geführten Gespräch hörte, wovon die Rede war.
Wir waren nun orientirt und ich sah von neuem ein, wie nöthig es ist,
zwischen diesen außer der Welt liegenden Inseln Ordnung zu schaffen, und
wie die in Funafuti abgeschlossene Uebereinkunft den Interessen der auf
diesen Inseln lebenden Deutschen entspricht. Ich kann dieses Lob ohne
Anmaßung aussprechen, weil jene Uebereinkunft nicht von mir entworfen
ist, sondern von einem Herrn, welchen ich hier ja nicht weiter zu nennen
brauche, und ich nur meinen Namen darunter zu setzen hatte. Wir gingen
demnächst zu dem Hause des in der Nähe wohnenden Königs, um ihm unsern
Besuch zu machen, wodurch allein nach Ansicht des Missionslehrers sein
Ansehen schon so weit gekräftigt wurde, daß die Umsturzpartei alle Chancen
verlor. Der König empfing uns, umgeben von seinen Räthen, in seinem
Hause, das Volk gruppirte sich um die offene Hütte, die Frauen besetzten
die zunächst gelegenen Hütten und mein kleines Mädchen kauerte sich
neben mich. Es wurde nun von uns zunächst erwähnt, daß wir zwar von den
beabsichtigten Unruhen gehört hätten, dieselben aber jetzt gegenstandslos
geworden seien, weil ich hierdurch den König als solchen anerkenne. Das
Resultat einer kurzen Berathung der Eingeborenen war, daß die anwesenden
Führer der Umsturzpartei erklärten, von jeder Gewaltthätigkeit absehen
zu wollen, weil nach meiner Anerkennung des Königs ihr Plan aussichtslos
geworden sei. Demnächst wurde dem Deutschen das Besitzrecht des seiner
Frau gehörigen Landes zugesichert und ferner feierlich versprochen, alles
aufzubieten, um in der Folge Desertionen von den Schiffen zu steuern.
Hiernach erklärte der König, daß er am nächsten Tage alle Häuptlinge
zu einer Berathung zusammenrufen wolle und daß dann von ihnen eine
Uebereinkunft unterschrieben werden würde, sobald ihnen dieselbe von mir
zugegangen sei.

Da es Zeit wurde an Bord zurückzukehren, zumal ich auch dem König erlaubt
hatte, noch das Schiff für kurze Zeit zu besuchen, so machten wir uns
auf den Weg und besichtigten dabei noch das Dorf. Die Insel Vaitupu
ist, wenngleich von Korallen aufgebaut, keine Laguneninsel, sondern wie
Tongatabu eine über Wasser gehobene, fest zusammenhängende Korallenbank
und bietet so eine größere Grundfläche, mithin den Bewohnern mehr Raum.
Diesem Umstande ist es wol zuzuschreiben, daß das Dorf einen städtischeren
Eindruck macht und man hier, abweichend von der sonst üblichen Anlage
derartiger Dörfer, breite Straßen findet, an welchen die geräumigen und
saubern Hütten in regelmäßigen Abständen aufgebaut sind. Die Frauen sind
fast alle mit langen Gewändern bekleidet, die Männer tragen europäische
Kleidung oder doch Hüfttücher aus europäischen Stoffen und das Ganze
macht den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit. Tätowirte Leute sieht man
nur ganz vereinzelt, hier ist aber wie auf all den nördlicher gelegenen
Inseln und auch schon in Funafuti die Sitte vorhanden, die Ohrläppchen zu
durchbohren und dann das untere Fleisch so lange nach unten zu ziehen,
bis der Lappen als großer Ring bis fast auf die Schulter herabhängt,
wenn er nicht vorher schon gerissen ist und dann nur aus zwei Zipfeln
besteht. Diese Verunzierung des Ohres hat sich jedenfalls aus der noch
nicht fernliegenden Zeit erhalten, wo die Leute noch nackt gingen und kein
Mittel hatten, kleine Gegenstände auf bequeme Art bei sich zu führen. Sie
richteten daher das Ohr als Tasche ein, indem der lange Ohrlappenring zu
einer 8 geschlungen die Pfeife oder sonst einen kleinen Gegenstand aufnahm
und der Eigenthümer seine Hände frei behielt. Daß diese Sitte, welche
wol bald verschwinden wird, jetzt noch so allgemein besteht, kann nicht
verwundern, wenn man bedenkt, daß diese Eingeborenen vor zwölf Jahren den
Gebrauch von Kleidern irgendwelcher Art noch nicht kannten.

Die Bevölkerung von Vaitupu beträgt zur Zeit 490 Seelen, eine große Zahl
für eine der Ellice-Inseln, weshalb sie auch die wichtigste für den Handel
in der Gruppe ist. Die Bewohner stammen von den Samoanern ab, sprechen
deren Sprache und gleichen ihnen in Körperbildung und Hautfarbe, haben
aber vielfach andere Sitten angenommen, welche sich äußerlich auch darin
zeigen, daß die Männer das Haar kurz, die Frauen es lang tragen und beide
Geschlechter das Färben des Haares vermeiden. Die bei Funafuti erwähnte
Hautkrankheit kommt, wenn auch nur vereinzelt, hier ebenfalls vor.

Zwischen dem Dorfe und der Landungsstelle liegt ein großer freier Platz,
in dessen Mitte sich eine große mit Korallensteinen ausgemauerte Grube
befindet, welche zum Auffangen des Regenwassers dient und die Stelle eines
öffentlichen Marktbrunnens versieht, wenn überhaupt dieser Himmelsstrich
durch Regen beglückt wird. Dies kommt nicht allzu häufig vor und die
Cisterne war auch jetzt leer und trocken. Auf demselben Platze befinden
sich auch die Kirche und die Wohnung des Missionslehrers, in welch
letztere wir nach erhaltener Aufforderung eintreten mußten, wollten
wir nicht unhöflich sein. Ein Besuch von solchen Persönlichkeiten, wie
sie der Commandant eines Schiffes und der Consul vorstellen, gilt hier
sehr viel und es ist daher begreiflich, daß die Leute sich nach solcher
Auszeichnung drängen. Für den nur wenige Minuten währenden Besuch wurde
ich übrigens dadurch belohnt, daß die Frau des Lehrers mir der Landessitte
entsprechend zwei schöne Matten und einige Fächer schenkte, welche ich
natürlich annehmen mußte. Beim Besteigen meines Bootes fand ich auch noch
weitere Geschenke von dem König vor, nämlich ein lebendes Schwein und ein
halbes Hundert frischer Kokosnüsse. Beim Passiren der Brandung hatten wir
wieder ebenso viel Glück wie auf dem Hinwege und waren nach weitern 15
Minuten, ohne naß geworden zu sein, wieder auf unserm Schiff, wo ich den
kurz nach uns eintreffenden König bewirthete. Mit Dunkelwerden schickte
ich ihn nebst Gefolge wieder an Land und trat dann die Weiterreise durch
dieses unbehagliche Inselgebiet an.

Jetzt (16. November) haben wir zwar die Ellice-Inseln hinter uns, und
vor uns bis zu der Gruppe der Kingsmill-Inseln 150 Seemeilen freies
Fahrwasser, es ist aber sehr die Frage, ob dieses freie Wasser nicht
noch schlimmer ist wie die Inselpassagen, da zwischen den Inseln doch
schon viel gefahren wurde und daher die Untiefen bekannt sind, während
die Karten in diesen noch wenig durchforschten Meeren hier außerhalb der
Inselgruppen nur große blanke Stellen aufweisen. Unser nächstes Ziel ist
Tapituwea (in der Karte Taputeouea oder Drummond-Insel genannt), wo ich
wegen der dort herrschenden anarchischen Zustände mich zwar auf keinerlei
Verhandlungen werde einlassen können, aber doch dadurch Gutes stiften
kann, daß dieser wilden und zu Gewaltthätigkeiten stets aufgelegten
Bevölkerung das Vorhandensein deutscher Kriegsschiffe vor Augen geführt
wird und dadurch die hier anlaufenden deutschen Schiffe Schutz für Leben
und Eigenthum erhalten.


                                                         20. November 1878.

Am 17. traten wir in die Gruppe der niedrigen Kingsmill- oder
Gilbert-Inseln ein, von welchen ich drei anlaufen will und zwar Tapituwea,
demnächst Apamama und Taritari.

Ich hatte gehofft, gestern Morgen schon mit Tagesanbruch Tapituwea zu
sehen und gegen 8 Uhr dort zu Anker zu sein, hier schlagen aber alle
Berechnungen fehl. Die Karten sind vielfach falsch und die Strömungen
zwischen diesen Inseln so stark und unberechenbar, daß man sich während
der Nacht nicht zu nahe an die Stelle heranwagen darf, wo das Land liegen
soll, weil man sonst durch Auflaufen auf die weitausgedehnten Riffe leicht
sehr viel früher als man erwartet unangenehme Bekanntschaft mit diesen
Inseln, welche gestrandete Schiffe von ihren Riffen nicht mehr freigeben,
machen kann. Anstatt uns Tapituwea zu zeigen, brachte die aufsteigende
Sonne nur steifen Wind mit dickem Wetter. Erst gegen 10 Uhr sichteten wir
das Land -- so weit hatte der Strom das Schiff versetzt -- und kurz vor
12 Uhr ankerten wir vor Uturoa, der Hauptstadt der Insel. Da hier weiter
nichts zu thun war, als die Flagge zu zeigen, hatte ich den Besuch nur
auf wenige Stunden angesetzt.

Tapituwea ist von langgestreckter Form ohne Lagune, ziemlich groß und
sehr stark bevölkert. Wenn der Rücken des bewohnbaren Landes auch nur
schmal ist, so beträgt die Länge desselben doch 30 Seemeilen, und dieser
lange schmale Landstreifen ernährt nach zuverlässiger Schätzung über
6000 Menschen. Allerdings werden die Nahrungsmittel, welche hauptsächlich
in Kokosnüssen bestehen, häufig und namentlich bei anhaltender Dürre so
knapp, daß die Leute dann zum Theil versuchen müssen, auf andere Inseln
zu gelangen, um nicht zu verhungern. Dies ist dann die günstige Zeit
für die Anwerbung von Arbeitern für die Plantagen auf den Samoa-Inseln,
weil sich zu dieser Zeit ganze Familien, ja ganze Verwandtschaften und
namentlich solche, welche auf den deutschen Plantagen in Samoa schon
waren, zum Schiffe drängen, um sich gegen leichte Arbeit satt essen zu
können und noch geringen Lohn obendrein zu erhalten. Auch nur aus diesem
Grunde hat die Insel Bedeutung für die deutschen Interessen, weil sie als
Handelsobject nicht in Betracht kommt, da sie alles, was sie producirt,
zur Ernährung der eigenen starken Bevölkerung gebraucht. Trotzdem nun
die Eingeborenen von Tapituwea die anlaufenden Schiffe eigentlich immer
als die Erretter aus bitterer Noth ansehen müssen, zeigen sie sich doch
häufig so feindlich, daß die Fremden stets bereit sein müssen, für ihr
Leben einzustehen. Diese Eingeborenen sind ganz wilde Gesellen, welche
keinerlei Oberhaupt anerkennen und im ausgeprägtesten Communismus leben.
Alles Eigenthum auf der Insel ist Gemeingut, jeder Streit wird von den
Betheiligten sofort mit der Waffe ausgefochten, und daß solche Kämpfe
häufig vorkommen, zeigen die vielen Narben auf den nackten Körpern dieser
Leute. Dieselben werden ihren Ursprung zwar größtentheils den häufigen
Trinkgelagen zu verdanken haben, bei welchen die ihrer Sinne nicht mehr
mächtigen Männer wol mit ihren Haifischzahnwaffen wüst um sich schlagen
und jeden verwunden, der in den Bereich der gefährlichen Waffe kommt.
Anders kann ich es mir nicht erklären, daß so viele Weiber und kleine
Kinder die Spuren solcher Wunden auf ihren Körpern tragen; ja, ich habe
bei einem kleinen Kinde, das noch getragen wurde, eine solche Narbe
von 10 cm Länge und 3 cm Breite über den Rücken und die Seite hinlaufen
gesehen. Ich denke mir, daß die Weiber häufig versuchen, ihre tobenden
Männer von dem Gelage wegzuholen, und daß dabei dann zuweilen sie selbst,
wie die von ihnen auf der Hüfte getragenen kleinen Kinder Wunden erhalten,
welche ihnen nicht zugedacht waren. Das Getränk bereiten diese Leute
sich selbst aus dem Saft der Kokospalme, ebenso wie die Marquesaner es
thun. Da nun die Eingeborenen ebenso leicht wie gegen sich selbst zu
Gewaltthätigkeiten gegen Fremde neigen, sah ich mich veranlaßt, diese
Insel anzulaufen, weil häufig deutsche Schiffe hierher kommen, um Arbeiter
nach Ablauf ihres Contracts von Samoa zurückzubringen und neue anzuwerben.
Bei solchen Gelegenheiten soll es immer bunt hergehen, weil dann stets
solche Massen von Eingeborenen zum Schiffe kommen, daß sie leicht die
kleine Mannschaft überwältigen und ermorden könnten, um sich des Schiffes
zu bemächtigen. Es ist daher bei solchen Gelegenheiten geboten, nicht zu
viel auf einmal auf das Schiff zu lassen, und dies wird dadurch erreicht,
daß die Mannschaft des Schiffes die Kanus mit geladenen Feuerwaffen
in respectvoller Entfernung hält. Das Weggehen von ihrer heimatlichen
Scholle wird diesen Menschen leicht, weil sie nichts besitzen. Wie sie
gehen und stehen, kommen ganze Familien, Mann, Frau und Kinder, und
häufig noch Aeltern und Verwandte auf das Schiff, um den Contract durch
ihr Handzeichen zu vollziehen und dann auf mehrere Jahre in die Fremde
zu gehen. Der Contract lautet gewöhnlich auf drei Jahre; Männer, Frauen
und größere Kinder erhalten gleichen Lohn, Kinder unter sieben Jahren die
Hälfte, und alle freie Rückfahrt nach Ablauf der contractlichen Zeit.

Gleich nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul an Land, um die kurze
Zeit möglichst auszunutzen; ein Boot mit beurlaubten Offizieren folgte.
Die weit vom Ufer abliegenden großen Korallenbänke, auf welchen die
hochgehende See bricht, zwingen zu großer Vorsicht, weil ein Aufstoßen
auf einen der vielen Korallenblöcke gleichbedeutend mit dem Verlust des
Bootes ist, da dieses sofort zertrümmert werden würde. Hat man diese
Bänke aber erst passirt, dann findet man wieder tiefes und von den Riffen
geschütztes, ruhiges Wasser bis zum Strande hin. Obgleich unter den Bäumen
Hütte neben Hütte liegt und am Morgen in noch weiter Ferne ungezählte
Rauchsäulen uns gesagt hatten, daß all diese Hütten bewohnt sein müssen,
zeigen sich bei unserer Annäherung doch nur wenig Leute, welche zum
Strande herunter kommen, sobald wir landen. Die Hütten sind fast sämmtlich
leer. Die uns begleitende Schar wächst zwar im Laufe der Zeit bis zu
etwa 40 Personen an, doch wo sind die andern? Entweder rotten sie sich zu
einem Angriff, resp. zur Gegenwehr zusammen oder sie haben nur die Flucht
ergriffen. Ich glaube das letztere, denn ein Kriegsschiff ist für diese
Wilden, welche häufig ein böses Gewissen haben, ein sehr unbehagliches
Ding.

Wir steigen an Land und die mit scharfer Munition versehenen Boote werden
in tiefem Wasser verankert, damit während unserer Abwesenheit zwischen
den Bootsmannschaften und den Eingeborenen kein Streit entstehen kann. Wir
selbst (sieben Personen) sind mit Säbel und geladenem Revolver bewaffnet.
Die uns am Strande empfangenden Menschen sind nur Männer und Jungen,
alle vollständig nackt, da man den aus Glasperlen und Muschelstücken
bestehenden Halsschmuck wol nicht als Kleidungsstück gelten lassen
kann; etwas weiter ab und in nächster Nähe ihrer Hütten stehen einige
Weiber. Diese tragen nur einen schmalen, etwa 20 cm breiten Gürtel aus
Blättern oder Gräsern, welcher in besonders charakteristischer Weise
umgebunden wird. Männer und Weiber sind schöne Menschen von dunkelbrauner
Hautfarbe, und die Männer zeichnen sich namentlich vor denjenigen
Polynesiern, welche ich gesehen habe, dadurch aus, daß ihr Gesichtstypus
nicht so gleichartig ist, sondern daß man mehr charakteristische Köpfe
mit vorzugsweise schmalen Nasen sieht. Diese Gesichter sind allerdings
nicht so ansprechend, wie die geistig durchgebildetern der Polynesier,
denn in den Zügen dieser Mikronesier kann man deutlich lesen, wie die
Leidenschaften des Urmenschen hier noch ungezügelt arbeiten und dadurch
dem oft wirklich schönen Gesichtsschnitt das abgeht, was die Züge des
veredelten Menschen wirklich schön macht. Die Körperformen sind fast
durchgehends tadellos, die Männer groß und schlank, die Weiber mittelgroß
mit zierlichen eleganten Formen. Die glänzend schwarzen, schlichten Haare
werden von beiden Geschlechtern gleich getragen; vorn auf der halben
Stirn kurz abgeschnitten, an den Seiten und hinten bis auf die Schulter
herabhängend; das Haar wird nicht gefärbt, sondern nur mit Kokosnußöl
eingerieben.

Die Kokosnuß ist hier überhaupt alles, wie sie es ja auch auf allen
niedrigen Inseln der Südsee ist. Die junge grüne Nuß gibt mit ihrer Milch
das einzige Getränk, da Wasser fehlt; der weiche Kern der halbreifen
und der harte Kern der alten Nuß gibt die Nahrung; das aus dem Kern
gepreßte Oel wird als Hautsalbe, Haaröl und als Leuchtstoff benutzt,
da die primitiven Lampen auch mit diesem Oel gespeist werden; die
innere harte Schale der alten Nuß gibt Trink- und sonstige Gefäße, wie
z. B. die Becken für die Lampen; die äußere Faserschale gibt den Stoff
zur Anfertigung von Bindfaden, aus welchem wieder Kriegsrüstungen und
vielerlei andere Gegenstände geflochten werden, so auch den Docht für die
Lampe. Vorzugsweise findet der so gewonnene Bindfaden bei Herstellung der
nachfolgenden Gegenstände Verwendung. Die einzelnen Pfähle und Dachsparren
des Hüttengerüstes werden zusammengebunden und auf dieselbe Art wird auch
das Laubdach auf dem Gerüst befestigt. Die schönen, scharfen und sehr
tiefgehenden Kanus, mit welchen die Eingeborenen große Reisen über See
machen, können, weil hier die dazu erforderlichen dickstämmigen Bäume
fehlen, nicht aus großen Stücken zusammengesetzt werden, sondern müssen
nach unserer Art aus schmalen Planken über Spanten gebaut werden, und
da den Leuten Nägel fehlen, müssen sie die einzelnen Planken mühsam mit
Bindfaden aneinander nähen. Die Takelagen der großen Segelkanus sind
ebenfalls aus diesem Bindfaden gefertigt, und derselbe wird auch als
Angelschnur benutzt. Das schwere harte Holz des Stammes der Kokospalme
gibt Brennholz, das Material für die Kriegsspeere und theilweise auch
für die Hauptpfähle der Hütten. Die Blätter werden zu Körben, Dächern
und Matten zusammengeflochten. Der dem jungen Stamm entquellende Saft,
wenn die Blattkeime oben abgeschnitten worden sind, gibt Branntwein, doch
stirbt ein so mishandeltes Bäumchen dann ab.

Dies zeigt in kurzen Umrissen, daß ohne die Kokospalme auf diesen Inseln
das Leben für Menschen nahezu unmöglich wäre. Wie dieses Leben, welches
sich neben Fischen und Schalthieren nur auf die Kokosnuß stützt, für die
Menschen sich gestaltet, mag jeder sich selbst ausmalen.

Ich lasse durch den von Apia mitgebrachten Dolmetscher unsere Absicht
kundgeben, das Dorf zu besehen, worauf der ganze Trupp sich in Bewegung
setzt, um uns zu führen und zu begleiten. Die Leute betragen sich
anständig, wie das einem so großen Kriegsschiffe gegenüber nicht anders zu
erwarten ist, sind sehr gefällig im Wegräumen von in den Wegen liegenden
Hindernissen und im Durchbrechen einiger Zäune, um uns bei der großen
Hitze unnöthige Umwege zu ersparen. Bei alledem sieht man aber doch an
ihren schnellen und jähen Bewegungen, an der Art zu sprechen, zu lachen
und zu beobachten, daß viel Tigernaturell in ihrem Blute liegt und es wol
nicht gerathen ist, wehrlos in ihre Hände zu fallen.

Der schmale, wohlgehaltene Pfad führt von Ansiedelung zu Ansiedelung,
denn von einem Dorf oder einer Stadt kann man nicht sprechen, da das
ganze Land an der Leeseite der Insel mit Hütten, bezw. Ansiedelungen,
übersäet ist. Der die Insel der Länge nach durchschneidende Pfad liegt
etwa in der Mitte des schmalen Landstreifens; an der Luvseite des Pfades
stehen nur Kokosnußbäume, während die Niederlassungen sämmtlich an der
Leeseite liegen. Ich spreche hier von Ansiedelungen, weil immer innerhalb
eines aus Aesten und Reisern hergestellten Zaunes mehrere Hütten liegen,
welche jedenfalls zusammengehören. Ich habe mich leider nicht danach
erkundigt, ob solch eine Hüttengruppe eine bestimmte Gemeinschaft bildet
oder innerhalb der Grenzen eines jeden Zaunes eine zusammengehörige
Familie wohnt; nach der geringen Zahl der jeweiligen Hütten möchte ich das
letztere annehmen. Auffallend ist die Sauberkeit und Ordnung, welche hier
herrscht und leicht zu der Annahme verleiten kann, daß in diesem Theil der
Erde die Menschen um so reinlicher werden, je tiefer sie stehen, denn es
ist z. B. kein Zweifel, daß die Leute auf Funafuti schon seit 10-12 Jahren
einen ununterbrochenen Verkehr mit Europäern unterhalten, während diese
nur sehr selten hierher kommen und dann auch immer auf ihren Schiffen
bleiben.

Zunächst am Strande stehen die zur Aufnahme der Kanus bestimmten
Hütten, welche ebenso sorgfältig gebaut und sauber gehalten sind wie die
Wohnungen der Menschen und nur darin von den Wohnhäusern abweichen, daß
die Stirnwände offen sind, um die Fahrzeuge leicht ein- und ausbringen
zu können. Jedes Kanu, ob groß oder klein, hat sein eigenes Haus. Weiter
zurück unter Bäumen, welche hier allerdings gelichtet stehen, liegen die
vorher genannten Ansiedelungen. Die Hütten selbst, wenngleich vielfach
von verschiedener Größe, sind in ihrer Bauart ganz gleich. Auf kurzen,
zwei Fuß hohen Pfählen oder blendend weißen Korallensteinen liegen die
Hauptbalken und Träger für die Dachsparren, welche ihre obere Stütze
auf einem durch die Mittellinie der Hütte laufenden Kammbalken finden,
der auf 10-15 Fuß hohen Pfählen ruht; auf die Sparren ist so viel Laub
geschichtet, bis das Dach sicher gegen Regen geworden ist. Die Hütte ist
an allen vier Seiten geschlossen, und das Dach reicht so weit über den
eigentlichen Wohnraum hinaus, daß schräg einfallender Regen bis zu diesem
nicht vordringen kann, wodurch die Seitenwände überflüssig werden und auch
fehlen. Das Eintreten in die Hütte wird durch diese Bauart allerdings
etwas unbequem, weil man sich fast auf den Bauch legen muß, um zwischen
Unterrand des Daches und dem Fußboden hindurchzukommen. Der Grundriß der
Hütte ist ein längliches Viereck, bei welchem die Länge etwa doppelt so
groß ist wie die Breite, das Dach fällt nach allen vier Seiten schräg
ab. Der zwischen den einzelnen Hütten einer Ansiedelung liegende Raum ist
sorgfältig mit kleinen weißen Korallensteinen bestreut, zwischen welchen
kein Gras, kein Unkraut zu finden ist, sodaß diese Stellen den Eindruck
sorgfältig gepflegter Straßen und Plätze machen und dadurch den saubern
Eindruck der Wohnungen noch mehr heben. Die Hütten sind zur Zeit fast alle
leer, nur hin und wieder sitzt in einer derselben ein alter Mann oder eine
Frau mit einem kleinen Kinde.

Endlich nach einem langen Marsche, welcher uns auch an Gruben mit
besserer feuchter Erde vorbeiführte, in welcher Taro (eine Erdfrucht)
wächst, kommen wir zu einer sehr großen, ganz besonders sauber und schön
gehaltenen Hütte. Der große freie Platz, auf welchem sie steht, ist
ebenfalls mit kleinen weißen Steinen bestreut. Die Hütte selbst erhebt
sich auf einer etwa zwei Fuß hohen, aufgeschütteten Plattform. Sie stellt
das Hauptberathungshaus der ganzen Insel vor und beherbergt in ihrer
Mitte das Allerheiligste. Trotzdem dieses Gebäude eine Länge von etwa
40 m, eine Breite von 16 m hat und der Mittelkamm des Daches 13-16 m über
dem Fußboden liegt, sind die Seitenpfähle, welche das Dach tragen, doch
nicht höher als bei den gewöhnlichen kleinen Hütten, weshalb das Dach
ebenfalls fast bis zum Fußboden reicht und man auch nur hineinkriechen
kann. Wir werden aufgefordert einzutreten, und man konnte in den
Gesichtern unserer wilden Freunde, denen sich hier noch einige Dutzend
Eingeborene beiderlei Geschlechts zugesellt hatten, lesen, wie stolz
sie auf dieses Staatsgebäude sind und wie sie auf den Ausbruch unserer
Verwunderung über dieses Bauwerk warten. Natürlich treten wir ein, sowol
aus Neugierde als auch um wenigstens eine kurze Rast in einem schattigen
Raume zu halten. Das Haus ist wirklich sehenswerth und man muß staunen,
in welch sinnreicher Weise diese Naturmenschen das riesige Dach nahezu
freitragend aufgerichtet haben, denn in der Mittellinie stehen nur drei
in die Erde gerammte schwache Dachträger. Mit derselben Akuratesse, wie
bei uns freitragende Dächer (welche nicht auf Säulen ruhen, sondern durch
seitwärts geneigte Träger ihren Stützpunkt in den Seitenwänden erhalten)
durch studirte Baumeister construirt werden, haben diese Eingeborenen
ihre Dächer angeordnet. Von den Seitenwänden nach den gegenüberliegenden
Dachsparren laufende Balken, welche in ihrer ganzen Länge mit schwarzen
Figuren sorgsam und geschmackvoll verziert sind, tragen das schön
geflochtene dicke Laubdach. Von den in der Mittellinie stehenden drei
Dachträgern trägt der mittelste den Götzen, oder richtiger gesagt das
Allerheiligste. Es ist dies eine aus Holzstäben gefertigte Pyramide von
5-6 Fuß Höhe und 3-4 Fuß unterm Durchmesser, deren horizontal laufende
Verbindungsstäbe 1½-2 Fuß auseinander liegen. Die Bedeutung dieses
merkwürdigen Götzenbildes muß in der Form und Zusammensetzung liegen, da
der Schmuck, welchen es trägt, nur aus Opfergaben besteht, und zwar nur
aus Hühner- und Hahnenfedern, unter welchen schwarze Hahnenfedern die
besonders bevorzugten zu sein scheinen. Soviel ich herausbekommen konnte,
werden diese Spenden nur von solchen gegeben, welche längere Zeit von
der Heimatsinsel entfernt waren und glücklich zu derselben zurückgekehrt
sind. Wir setzen uns auf die hier sauber ausgebreiteten Matten, unsere
Freunde sich an dem andern Ende der Hütte uns gegenüber; wir betrachten
die innere Einrichtung, die Eingeborenen uns. Nach kurzer Rast lassen wir
unsern Wirthen sagen, daß wir dieses Berathungshaus außerordentlich schön
fänden, und machen uns dann, befriedigt von dem Gesehenen, wieder auf den
Rückweg. Unsere braunen Freunde wollen uns zwar noch immer weiter führen,
doch sind wir schon so weit von unsern Booten entfernt, daß mir die Sache
nicht ganz geheuer scheint und ich daher ein weiteres Vordringen nicht
zugebe, sondern unsere Herren veranlasse, mit mir zurückzukehren.

Bei den Booten wieder angelangt und damit im Bereich unsers Geldes, sprach
ich noch den Wunsch aus, einige Waffen zu erwerben, worauf bald einige
mit Haifischzähnen versehene alte Speere zur Stelle gebracht wurden. Da
nichts Besseres zur Zeit zu haben war, so entschloß ich mich diese wenig
schönen Waffen dennoch für einige Stücke Taback einzutauschen, weil
sie immerhin doch besser wie nichts sind. Da die Eingeborenen von den
Weißen bisjetzt nur Taback beziehen und noch alles andere verschmähen,
so versieht dieser hier die Stelle des Geldes. Ein Stück von etwa 15 cm
Länge und 1½ cm Dicke bildet die Einheitsmünze, nach welcher gerechnet
wird. Ich bezahlte für beide Speere zusammen acht solcher Stangen Taback
und für einen Halsschmuck, wie die Männer ihn tragen, eine Stange.

Bei den Booten entwickelte sich übrigens jetzt ein regeres Leben, denn
sobald dieselben zum Strande kamen, um uns aufzunehmen, liefen die
eingeborenen Männer ihnen in das Wasser entgegen und hingen sich wie
Kletten an dieselben an, wahrscheinlich hoffend, irgendetwas erhaschen
zu können. Zwischen den mit braunem nackten Fleisch dicht behangenen
Booten trieb ein drolliger Kerl sein wunderbares Spiel. Bis an die Hüften
im Wasser stehend tanzte er dort herum als ob sonst niemand in seiner
Nähe wäre. Mit den Beinen machte er das Wasser hoch aufspritzen, mit den
Armen gesticulirte er wild in der Luft, den Kopf aber, und in diesem die
räthselhaften Augen, hielt er unbeweglich, während die Gesichtsmuskeln das
Gesicht in die merkwürdigsten Verzerrungen versetzten. Die Augen waren
das Merkwürdigste an dem Manne. Die Lider hatten sich so weit geöffnet,
daß die Augenhöhlen in der Größe eines Zweimarkstücks rund erschienen; die
Hornhaut des Augapfels schien durchsichtig zu sein, ohne einen Hintergrund
sehen zu lassen, und in diesen scheinbar durchsichtigen Kreisen schwebten
die dunkeln Augensterne, in deren Mitte wieder die Pupillen einen Blick
in eine unergründliche Tiefe gestatteten. Es machte den Eindruck, als ob
der Kopf nur eine Ebene, d. h. das Gesicht nur eine Maske sei und man
durch die offenen Augenhöhlen und Pupillen die hinterliegende farblose
Luft sähe. Der dicht neben mir befindliche Mann war so mit seinem Tanz
beschäftigt, daß er den sonst so begehrten Taback, welchen ich ihm
als Belohnung hinhielt, gar nicht sah. Erst von andern gestoßen und
aufmerksam gemacht, kam er zu mir, nahm mit angenehm freundlichem und
ganz natürlichem Gesicht meine Gabe in Empfang, sprang aber dann wie
eine Tigerkatze aus dem Wasser nach dem Lande zu, weil andere ihm den
Taback wieder rauben wollten. Wir waren fertig mit dem Lande. Um die
Eingeborenen auf gute Art loszuwerden, warfen wir einige Hände voll Taback
auf das Land, worauf die meisten sich dorthin stürzten und in einem wüsten
Knäuel um den Besitz sich balgten; die Zurückgebliebenen, welche bei den
Booten mehr zu erhalten hofften, wurden weggewiesen und, als sie nicht
gingen, mit den Füßen weggestoßen, worauf wir dann den Rückweg durch die
hohe Brandung über das unbehagliche Riff antraten. Eine große Zahl vom
Schiffe kommender Kanus der großen Sorte (wol 20-30) sagte uns, daß wir
schon gesehen und die Eingeborenen daher schon weggeschickt waren. Um 3
Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord und sahen dort noch, wie in der
Nähe unsers Schiffes ein großes werthvolles Kanu kenterte, aber niemand
den Versuch machte, dieses Fahrzeug zu retten, nachdem dessen Insassen
von einem andern Kanu aufgenommen worden waren. Wahrscheinlich würden
sie bei einem solchen Bergungsversuch infolge des starken Stromes so
weit weggetrieben worden sein, daß sie die heimatliche Insel vielleicht
überhaupt nicht mehr erreicht hätten, und gaben deshalb das verunglückte
Fahrzeug gleich auf. Dies erinnert mich daran, daß vor Jahresfrist ein
Boot eines deutschen Schiffes mit sechs Personen hier abends von Land
absetzte, aber das Schiff nicht erreichte und Boot wie Insassen seitdem
verschollen sind. Jedenfalls hat der starke Strom das Boot in die offene
See getrieben.

Eine Viertelstunde nach unserer Rückkehr zum Schiffe waren wir wieder
unter Segel und auf dem Wege nach Apamama. Hinter uns senken die
Kokospalmen sich allmählich unter den Horizont, vor uns steigen die
Laubkronen einer andern Insel auf und rufen uns eine ernste Warnung zu,
denn das so frühe Insichtkommen sagt uns, daß diese Insel in der Karte um
etwa 20 Seemeilen falsch niedergelegt ist. Die Nacht verhüllt auch dieses
Bild wieder, und die „Ariadne“ ist in dieser unsichern Gegend bei steifem
Winde wieder allein.

Den Entschluß, nach Apamama zu gehen, hatte ich bei meinem letzten
Aufenthalt in Sydney gefaßt. Dortige Zeitungen hatten die Nachricht
gebracht, daß der König von Apamama einen auf seiner Insel lebenden
Deutschen habe ermorden lassen, und da diese Insel in meinem
Stationsbereich liegt, so fiel mir von selbst die Aufgabe zu, die Sache
zu untersuchen bezw. zu ahnden. Es war eine eigene Sache, denn da nach
dem Gerücht der König der Hauptschuldige war, so konnte ich nicht von
ihm die Bestrafung der Schuldigen fordern, sondern mußte mich an seine
Person halten, wenn das Gerücht sich bewahrheiten sollte. Hier liegt nun
die Schwierigkeit, daß einem Schiffscommandanten selbstverständlich keine
Strafbefugnisse über Leben und Tod zustehen, wenngleich er unter Umständen
aus solcher Veranlassung einen Kampf aufnehmen muß, bei welchem vielleicht
Hunderte von Menschen ihr Leben lassen müssen. Ich hatte mich schließlich
für den Fall, daß die australische Zeitung wahr gesprochen haben sollte
und mir auf Apamama kein bewaffneter Widerstand entgegengesetzt würde,
entschlossen, den König zu fangen und ihn später in Neu-Irland, von wo
aus er den Rückweg keinenfalls finden konnte, an Land zu setzen.

So segelte ich in ernster Stimmung auf Apamama zu und ließ dort am 20.
November in der Einfahrt zur Lagune den Anker fallen. Ein als Lootse
dienender, vom König uns entgegengeschickter eingeborener Missionslehrer
erzählte gleich, daß das über die Ermordung des Deutschen in Umlauf
befindliche Gerücht falsch sei; doch erzählte er auch, daß der betreffende
Deutsche zur Zeit nicht anwesend sei, sondern sich vorübergehend auf einer
andern Insel aufhalte. Dies letztere war nun allerdings verdächtig und
mußte auch die Erinnerung, daß der noch lebende frühere König und Vater
des jetzigen vor sechs Jahren die ganze Mannschaft eines gestrandeten
englischen Schiffes hatte ermorden lassen, diesen Verdacht nur bestärken.
Der König von Apamama hat sich bisher dem Eindringen der Europäer
so entschieden widersetzt und ist ein so despotischer und absoluter
Herrscher, daß man ihm solchen Mord schon zutrauen kann. Schnelles Handeln
war jedenfalls nothwendig, und ich mußte daher auch suchen, möglichst
rasch die Wahrheit zu erfahren, welche mir nur die acht Seemeilen von
unserm Ankerplatz entfernt wohnende Frau des Deutschen (eine Samoanerin)
geben konnte. Ich richtete mich daher so ein, daß ich um 4 Uhr nach
meinem Mittagessen abfahren konnte, hoffte dann vor Dunkelwerden dort
einzutreffen und machte die weitern Dispositionen von den daselbst zu
empfangenden Nachrichten abhängig. War unser Landsmann wirklich ermordet,
dann wollte ich noch während der Nacht an Bord zurückkehren, um mit
dem ersten Tagesgrauen den geplanten Kriegszug zu unternehmen; beruhte
die ganze Sache auf Erfindung, dann wollte ich während der Nacht in dem
Hause des Deutschen bleiben und gleich am nächsten Morgen dem noch sechs
Seemeilen weiter entfernt wohnenden König meinen Besuch machen. Ich hatte
für die Fahrt auf die Dampfpinnasse als Schlepper gerechnet, sie hatte
indeß nicht genügende Dampfkraft, um uns gegen den Strom zu schleppen, und
ich mußte daher, als wir nach See hinaustrieben, die Gig vor das Dampfboot
spannen und uns mit dem kräftigen Ruderschlag meiner sechs Gigsgäste zum
Schiff zurückbringen. Ich versuchte nun, die Reise mit der Gig allein
unter Segel zu machen, doch blieben uns bei Sonnenuntergang noch sechs
Seemeilen aufzukreuzen, wozu ich vier Stunden rechnen mußte. Mondschein
hatten wir nicht, das Land war nicht zu sehen und daher die Fahrt ein
solches Wagniß, daß ich dieselbe trotz Widerstrebens für heute aufgeben
mußte und an Bord zurückkehrte.

Am 21. morgens gleich nach dem Frühstück machten wir uns wieder auf die
Reise und konnte die Dampfpinnasse, da der Strom zur Zeit schwach war,
die Gig heute schleppen. Offiziere und Mannschaften waren bewaffnet,
mit Proviant, Wasser, wollenen Decken und Kleidern so versehen, daß
wir mehrere Tage in den Booten aushalten konnten. So fuhren wir, durch
Sonnensegel gegen die Sonne geschützt, in die schöne Lagune und in
den lachenden Morgen hinein. Es war eine köstliche Fahrt. Die Boote
durchfurchen einen großen, nur leicht gekräuselten See, dessen je nach
der Tiefe abwechselnd azurblaues und smaragdgrünes Wasser von solcher
Klarheit und Durchsichtigkeit ist, daß das Auge, solange die Wassertiefe
nicht 10-14 m übersteigt, bis zum Meeresgrunde dringen und dort alles
klar erkennen kann. Das große Wasserbecken ist von einem niedrigen
schmalen Landstreifen umrahmt, der allerdings größtentheils unter
unserm Horizonte liegt und sich nur durch den weiten Kranz von Palmen,
welche für uns direct aus dem Wasser aufsteigend die Lagune begrenzen,
markirt. An denjenigen Stellen, wo die Palmen gelichtet stehen, sieht man
zwischen ihnen den Gischt der von außen an das Korallenland anprallenden
Brandung, und dieser sagt deutlich, daß der frische Passat, welcher unsere
Schläfen umfächelt, die Temperatur zu einer sehr angenehmen macht und die
geschützte Lagune nicht aufwühlen kann, mit den unendlichen Wassermassen
des Großen Oceans nach seinem Belieben spielt. Wie vortrefflich schmeckt
unter solchen Verhältnissen die Cigarre, namentlich wenn sie gut ist
und man vorher lange nichts Ordentliches mehr zu rauchen gehabt hat. Mit
heiterm und ernstem Geplauder verkürzten wir uns die Zeit und erreichten
endlich um 11 Uhr vormittags in bester Laune unser nächstes Ziel, das
Haus des Deutschen. Nach der langen Fahrt war es eine wahre Wohlthat,
die Beine wieder rühren zu können. Mit einem Sprung waren wir aus dem
Boot und nach wenigen Schritten in dem Hause, einem Mittelding zwischen
europäischem Schuppen und Eingeborenenhaus, wo die liebenswürdige Wirthin
uns mit sichtlicher Freude empfing. Unsere Wirthin ist, wie vorher schon
bemerkt, eine Samoanerin und damit ist ja eigentlich schon gesagt, daß
sie ein liebenswürdiges Geschöpf sein muß. In dem Hause ist es kühl und
vor allen Dingen tadellos sauber, der Boden ist mit reinen Matten belegt,
Bänke und Tische sind mit ebensolchen Matten oder mit Decken aus Tapa
bedeckt; bequeme Lehnstühle gestatten uns, unsere Glieder nach Herzenslust
auszustrecken und so kann ja nun das Verhör beginnen. Es bewahrheitet
sich, daß der Mann noch am Leben ist, überhaupt niemand versucht hat,
ihm ein Leid zuzufügen, und daß er wie seine Frau mit dem König und
allen Eingeborenen in guter Freundschaft leben. Der Consul und ich sehen
uns einen Augenblick an, lachen dann hell auf über das klägliche Ende
unsers Kriegszuges, ich schnalle Säbel und Revolver ab, vertausche meinen
Waffenrock mit einer weißen Jacke und lasse durch meine Bootsgäste unsern
Proviant heraufbringen, da wir gar keinen bessern Frühstücksplatz, als
ihn dieses kühle Haus uns bietet, finden können. Wir laden unsere Wirthin
ein, an unserm Frühstück theilzunehmen, erhalten aber eine abschlägige
Antwort, weil die echte Samoanerin immer erst nach den Häuptlingen speist,
wenn sie auch wie diese hier eine Königstochter ist. Wir lassen es uns gut
schmecken, sehen nachher zu, wie unsere Wirthin und mein Dolmetscher das,
was wir übriggelassen, verzehren, und berathen dann, was nunmehr am besten
zu thun ist. Unsere Wirthin theilt uns mit, daß der König sich auf einem
in der Nähe zu Anker liegenden englischen Schooner befinde und eine seiner
Töchter gerade in dem nächsten Dorfe anwesend sei, um die dortigen Frauen
und Mädchen tanzen zu lassen und sich über ihre erlangte Fertigkeit zu
informiren. Dem Vorschlage unserer Wirthin, den König ebenfalls nach dem
Dorfe kommen zu lassen und dann gleichzeitig einen großen Tanz zu sehen,
stimmen wir zu, sind aber gezwungen unsern Entschluß zu ändern, als wir
nach einer halben Stunde sehen, daß der von uns zum König geschickte Bote
eben erst anfängt, sein Kanu zur Fahrt zurecht zu machen. Um unsere Zeit
möglichst auszunutzen, machen wir uns daher selbst auf die Reise, denn
da kein Krieg hier zu machen war, wollte ich noch an demselben Abend mit
dem Schiffe die Weiterreise antreten. Nachdem ich verschiedene Geschenke,
Matten und bunte Korallen, von unserer Samoanerin angenommen und diese
ihr Haus versorgt hatte, bestiegen wir alle meine Gig, die Dampfpinnasse
spannte sich vor, und weiter ging es nach dem einige Seemeilen von uns
abliegenden Schooner, bei welchem noch des Königs Kanu lag, wie wir mit
dem Fernrohr erkennen konnten.

Die Fahrt selbst würde in ein Märchen hineinpassen. Gleich einem Schwan,
der von einem Kobold geführt die Fremdlinge auf seinem gefiederten Rücken
über den Zaubersee trägt, bringt uns die von der schwarzen, dampfspeienden
Pinnasse geschleppte, leicht über das Wasser weggleitende weiße Gig
zu dem Beherrscher dieses Feenlandes hin. Der unter der Mittagssonne
liegende spiegelglatte See wird zur Linken von dem Horizont begrenzt, zur
Rechten von einem Gürtel blendend weißen Sandes umrahmt. An diesen weißen
Rahmen schließt sich nach oben eine grüne Matte an, über welcher ein
Wald schlanker, graziöser Palmen steht, der in seinem Schatten die Hütten
der Eingeborenen birgt. Um uns herum sucht die Natur ihre prachtvollsten
Farbeneffecte zur Geltung zu bringen. Der Himmel strahlt im schönsten,
reinsten Blau, welches dadurch noch brillanter hervortritt, daß hin und
wieder kleine festgeballte Wölkchen wie Himmelskörper am Firmament stehen
und mit ihrem reinen Weiß der Himmelsfarbe erst ihren richtigen Ton geben.
Die Verbindung zwischen Himmelszelt und der Lagune würde, da diese in
der Ferne genau die Farbe des Himmels hat, unkenntlich sein, wenn nicht
der Horizont sich durch einen feinen dunklern Streifen markirte. Da, wo
wir das Wasser durchfurchen (wir halten uns auf geringeren Wassertiefen),
hat der See bereits andere Schattirungen angenommen und wetteifert hier
mit den schönsten Farben des Saphir und näher dem Lande mit denen des
Smaragd. Diese schönen matten Farben werden dann plötzlich von dem weißen
Sandgürtel unterbrochen, auf dessen anderer Seite alle Nüancen zwischen
Grau und Grün zu finden sind. Die Mittagssonne hat alles Leben in die
Hütten und in die Schatten der Bäume getrieben, wir wähnen das einzig
Lebende zu sein -- da plötzlich beginnen die Nixen ihr Spiel. Die Boote
durchschneiden die Zufluchtsstätte junger Fischbrut und die fingerlangen
jungen Fische springen heerdenweise aus dem Wasser, um sich vor dem
vermeintlichen Feind, welchen sie in den Booten wittern, zu retten.
Zu beiden Seiten von uns schnellen fortwährend in hohen Bogensätzen
diese silberschillernden Thierchen in großen Heerden bis zu vier Fuß
hoch aus dem Wasser hervor und geben das Bild eines auf- und abwogenden
Aehrenfeldes. Und kann eine Nixe wol einen schönern Acker haben, wie
solche farbenreiche krystallklare Furchen mit solchen silbernen Garben?
Der Zauber schwindet, die Wirklichkeit tritt in ihr Recht -- wir sind bei
dem Schiffe angelangt. Ich lege an und schicke unsere Samoanerin hinauf,
um den König zu rufen. Gleich darauf wälzt sich eine unförmliche Masse
in schwarzem europäischen Anzuge mit Lackstiefeln und grauem Cylinderhut
das Fallreep hinunter. Zunächst sehe ich von unten aus über mir an zwei
kurzen Beinen nur ein ganz ungeheueres Gesäß, welches den ganzen übrigen
Menschen verdeckt und für dessen enorme Fleischmassen mir kein Raum in
der Gig zu sein scheint. Doch der dicke Herr findet wirklich Platz in
dem Boote, setzt sich neben mich, zeigt ein sehr verängstigtes Gesicht
und wartet schweigend, bis auch unsere Samoanerin bei uns ist und ihn als
König von Apamama vorstellt. Der Mann ist noch jung, Anfang der Zwanziger,
hat kluge Augen, eine etwas gebogene fleischige Nase und herunterhängende
Unterlippe. Er hat kaum Mittelgröße, aber einen mächtigen Umfang; Hände
und Füße sind klein, das Haar trägt er nach europäischem Schnitt; sein
Anzug ist gut und sauber.

Die Schnelligkeit, mit welcher der Mann in das Boot gekommen war, sagt
deutlich, wie sehr er trotz seines guten Gewissens uns fürchtet; ich
mache die Sache daher kurz und lasse ihm sagen, daß ich mit der Absicht
hergekommen sei, ihn wegen der Ermordung eines Deutschen zur Rechenschaft
zu ziehen, mich aber freue zu hören, daß die betreffende Nachricht
falsch gewesen sei und ich ihn daher jetzt nur aufsuche, um ihm meinen
Besuch zu machen. Die ihm gewordene Mittheilung veränderte schnell seinen
Gesichtsausdruck, die Angst schwand und machte lachender Heiterkeit Platz,
indem er mir gleichzeitig in gebrochenem Englisch sagte, daß ich ein gutes
Kriegsschiff sei, weil ich nach meinen Landsleuten sähe. Danach ließ er
mir durch den Dolmetscher mittheilen, daß der Urheber jenes Gerüchts
ein wegen Unfug von der Insel gewiesener Samoaner sei, und ließ mich
noch bitten, denselben einzufangen und ihm zu überliefern, damit er ihn
todtschlagen lassen könne. Wir fuhren nun in meinem Boote zur nächsten
Stadt, damit der König mich in einem seiner Häuser empfangen könne.
Sein großes Segelkanu, welches in der Takelage als besonderes Abzeichen
dieselben schwarzen Hahnenfedern wie das Allerheiligste in Tapituwea
trägt, folgte uns. Nach kurzer Zeit waren wir an unserm nächsten Ziel
angelangt und wurden dort von dem in ein langes Frauengewand gekleideten
Vater[C] des Königs empfangen. Dieser führte uns in eine große Hütte,
wo wir uns auf Matten lagerten. Die Bauart der Häuser hier ist dieselbe
wie in Tapituwea, doch liegen dieselben nicht einzeln verstreut, sondern
sind in Reihen und Viertel regelmäßig aufgebaut, sodaß zwischen den
Häuserreihen sich gerade und gutgehaltene Straßen hinziehen. Man sieht
gleich, daß hier Ordnung herrscht, daß nur Ein Wille regiert, welcher die
Bewohner zur Ordnung zwingt. Die Hütten sehen durchweg ebenso ordentlich
und sauber aus wie die Menschen. Wunderbar wirkt der Contrast zwischen
der nicht weit abliegenden Insel Tapituwea und dieser Insel, dort die
schrankenloseste Anarchie, hier Gesetz und Ordnung. Die Frauen, oder doch
wenigstens die Mädchen scheinen von den Männern getrennt zu wohnen, denn
als meine Bootsgäste nach einem bestimmten Stadtviertel hingingen, wurde
ich gebeten, sie von dort wegzurufen, weil jenes Viertel die Wohnung der
Frauen sei.

     [C] Der Vater des Königs ist ein Mann von etwa 45 Jahren und
  hat auf die Königswürde verzichtet, sobald sein Sohn erwachsen
  war. Genügender Grund für diese Abdankung war, daß die Mutter
  seines Sohnes, also seine eigene Frau, edleres Blut hat wie
  seine Mutter hatte.

Die Männer tragen als Kleidung eine um den Körper geschlungene steife
Matte, welche von dem Magen bis zu den Knien reicht und über den Hüften
mit einer umgelegten Schnur zusammengehalten wird. Die Frauen tragen
denselben schmalen Gürtel von schwarzem Gras, wie ihre Schwestern in
Tapituwea. Die Hautfarbe ist ein schönes Braun, zwar sehr viel dunkler
als das der Samoaner, als Farbe aber schöner, auch sieht die Haut dieser
Menschen weicher und sammetartiger aus als diejenige der hellergefärbten
Polynesier. Das glänzend schwarze, schlichte Kopfhaar wird auch, ebenso
wie in Tapituwea, von beiden Geschlechtern gleich lang getragen, nach
altdeutscher Art vorn an der Stirn kurz abgeschnitten und an den Seiten
wie hinten bis zur Schulter herabhängend, doch haben die Männer hier das
Haar vielfach noch in der Mitte gescheitelt. Schmuck wird nur von den
Männern in der Form von Halsketten getragen. Tätowirt sind vorzugsweise
die Frauen und zwar merkwürdigerweise ausschließlich auf dem Rücken.
Dieser ist von dem Hals bis zu den Hüften mit einem Muster versehen,
welches demjenigen einer mit Holznadeln gestrickten blauen Jacke
täuschend ähnelt; das Muster schneidet an beiden Seiten in einer geraden
Linie von der Achselhöhle bis zum Hüftknochen ab, sodaß genau der halbe
Oberkörper auf seiner Rückseite tätowirt ist und auf seiner Vorderseite
die natürliche Hautfarbe zeigt. Außer dieser Malerei haben die Frauen
noch auf beiden Armen einen ½ cm breiten blauen Strich eingeätzt, welcher
genau in der Mitte auf dem halben Oberarm und zwar an der Außenseite
beginnt, sich nach innen über das innere Ellenbogengelenk hinzieht und
auf der Innenseite in der Mitte des halben Unterarms abschneidet. Dieser
Strich ist beim Tanzen von großem Effect und hebt die graziösen Bewegungen
des Armes besonders hervor, weil er hierbei fortwährend seine Zeichnung
verändert und dadurch die Stellung des Armes schärfer hervortreten läßt.
Ich glaube, daß ein solcher Armstrich bei unsern Damen modern werden
würde, wenn sie den Reiz, welcher in ihm liegt, kennen würden. Zur
Vervollständigung des Vorstehenden sei noch bemerkt, daß die vornehmen
Frauen eine sehr viel hellergefärbte Haut als das niedere Volk haben,
weil sie zur Erhaltung der als schöner geschätzten hellen Hautfarbe sich
nie den Sonnenstrahlen aussetzen und am Tage eigentlich immer im Hause
bleiben.

In dem Hause des Königs fanden wir noch seine aus einem alten
Thonpfeifenstummel rauchende Mutter und seine Schwester. Die letztere
hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit dem König und war, wenn auch
nicht ganz so stark wie er, doch eine gehörig schwere Person, deren
Fleischmassen wol nur deshalb nicht so auffielen, weil sie eben so
ziemlich unbekleidet war. Bei dieser Gelegenheit, wie auch nachher bei
dem großen Tanz, lernte ich kennen, mit welcher Geschicklichkeit die
Weiber mit dem dünnen, fast durchsichtigen Grasgürtel stets decent bedeckt
bleiben. Beim Gehen schweben die Gräser so schnell hin und her, daß sie
undurchsichtig bleiben, beim Hinsetzen werden mit großer Geschicklichkeit
die Grashalme von den Seiten weg gleichmäßig nach hinten und vorn
gestreift, sodaß die mit gekreuzten Beinen sitzenden Frauen eigentlich
nackter wie vorher, aber dennoch schicklich verhüllt sind.

Während wir in der schattigen kühlen Hütte lagen, rauchten und die
Königsfamilie mit Aepfelwein tractirten, entfernte sich der König auf
kurze Zeit, um Befehle für einen Tanz zu geben und sich schön zu machen,
denn bald kam er schmunzelnd in einem ganz neuen feinen grauen Tuchanzug
wieder. Um uns herum wurde es in den Hütten lebendig, die Vorbereitungen
für den Tanz nahmen ihren Anfang. Nach einer Stunde wurden wir nach einem
andern Theil der Stadt in das dort liegende große Berathungshaus geführt.
Dasselbe hat ungefähr dieselben Dimensionen und dieselbe Einrichtung wie
das auf Tapituwea, nur daß hier an den Seiten unter dem Dach mehrere
Todtenschädel in gleichmäßigen Abständen aufgestellt sind; dieselben
sollen von erschlagenen Feinden herrühren, doch vermuthe ich, daß es
die Schädel der vor sechs Jahren erschlagenen Schiffsmannschaft sind.
In und bei dem Hause ist die ganze Bevölkerung des Platzes anwesend: die
Tänzer und Tänzerinnen in dem Hause, die Zuschauer außerhalb desselben.
Die tanzenden Männer stehen auf der einen schmalen Seite des Hauses,
das Gesicht dem Allerheiligsten zugekehrt, die tanzenden Frauen ihnen
gegenüber auf der andern Seite, sodaß sie sich gegenseitig ansehen. Beide
Parteien sind in der Front je 16 Köpfe stark, in der Tiefe jedoch haben
die Weiber neun Glieder, die Männer dagegen nur fünf. Es sind demnach
bei dem Tanz etwa 140 Weiber und 80 Männer betheiligt. Der König lagert
sich, mit dem Gesicht den Frauen zugekehrt, vor dem Allerheiligsten, wir
nehmen mit dem Vater des Königs in der Mitte zwischen beiden Parteien an
der einen Langseite des Hauses Platz. Weder der König noch wir werden bei
unserm Eintreffen begrüßt, die Tänzer stehen in bequemer Haltung auf ihren
Plätzen, verhalten sich ruhig und betrachten nur neugierig uns Fremdlinge.
Ehe der Tanz beginnt verstreichen einige Minuten, welche uns gestatten,
die vor uns stehenden Menschenreihen in Ruhe oberflächlich zu mustern.
Die Männer unter sich, wie die Weiber sind ganz uniform bekleidet; die
Männer tragen reine hellgelbe Matten, wie vorher schon beschrieben, die
Weiber haben um den Hals und über ihrem schwarzen Grasgürtel einen grünen
Blätterschmuck angelegt, welcher ihnen gut steht. Dieser Schmuck ist in
der Weise aus dem Blatt der Kokospalme gewonnen, daß das Blatt in der
Mitte seiner Rippe der Länge nach getheilt wird und je ein halbes Blatt
als Gürtel oder als Halsband dient, indem die langen schmalen Blätter
strahlenförmig herabhängen. In beiden Lagern sind die ältern Mitglieder
in den ersten Reihen, die jungen und hübschen stehen hinten, wol weil
sie noch nicht sicher genug sind, und ganz hinten stehen die Kinder, für
welche eine derartige Aufführung gleichzeitig eine Unterrichtsstunde ist.

In den Reihen der Männer fällt mir, noch mehr als dies in Tapituwea
der Fall war, die große Verschiedenheit in den Gesichtszügen auf. Da
stehen gerade vor mir drei Männer mit so charakteristischen Köpfen, daß
ich nicht umhin kann, sie mit europäischen Männern und zwar mit solchen
ganz bestimmter Berufsklassen zu vergleichen. Der eine ist ein großer,
stattlicher, starker Mann, 40-50 Jahre alt, mit kurzer dicker Nase,
langem bis unter die Ohren reichenden Haupthaar und kurz geschnittenem
Bart, welcher, als schmale Krause von den Ohren unter das Kinn laufend,
das sonst sorgfältig rasirte breite Gesicht einrahmt. Der Mann gibt das
getreue Abbild eines in guten Verhältnissen lebenden Pädagogen. Neben
diesem steht in gebückter Haltung ein altes dürres Männchen mit schmalem
Gesicht, feiner, schmaler, schön geformter Nase und stechenden Augen,
welcher das dünne graue Haar von der hohen Stirn und aus den Schläfen nach
hinten gestrichen hat, ein langer grauer Bart fällt bis auf die Brust
herab. Bei uns würde der Mann als tiefer Denker und Gelehrter passiren.
Der dritte ist eine merkwürdige Erscheinung, wie sie im Leben nur selten
angetroffen wird und die man dann als etwas Räthselhaftes betrachtet.
Auf Bildern aus der Biblischen Geschichte figuriren solche Gestalten
als Apostel oder als Märtyrer aus der ersten Christenzeit. Der Mann ist
über sechs Fuß groß mit auffallend schmalen Schultern, das in der Mitte
gescheitelte und bis auf die Schulter herabfallende Haar umrahmt ein
schmales feines Gesicht, die tiefliegenden Augen strahlen ein fanatisches
Feuer aus, eine auffallend feine, etwas gebogene Nase veredelt das nur mit
einem kleinen dünnen Schnurrbart versehene Gesicht, aus welchem über den
eingefallenen fleischlosen Backen die Backenknochen scharf hervortreten.
Der ganze Körper, welchem jede Rundung fehlt, zeigt nur Muskeln und Sehnen
und gibt so das Bild eines zähen, widerstandsfähigen Menschen, dessen
Gesichtsausdruck zu sagen scheint, daß die in dieser zähen Hülle wohnende
Seele auch den Körper zu jeder That zu zwingen weiß, wenn es gilt, einen
gefaßten Entschluß durchzuführen.

Wenn es mich nicht zu weit führte, könnte ich noch ein halbes Dutzend
solcher charakteristisch aussehender Menschen beschreiben, doch genügen
wol diese drei Beispiele allein zum Verständniß der merkwürdigen
Empfindung, welche mich beschlich, als ich bedachte, daß diese Männer nun
vor uns einen sinnlosen Tanz aufführen sollten.

Die Reihen der Weiber zeigen auf den ersten Blick, daß hier die ganze
Stadt zu dem Tanze aufgeboten ist, denn in denselben ist nicht nur jedes
Alter vertreten, sondern auch die alte Mutter und die Schwester des Königs
füllen ihren Platz unter den Tänzerinnen aus.

Die Weiber beginnen den Tanz, ihnen folgen nachher die Männer, und
so geht es abwechselnd eine Stunde lang fort, indem immer eine Partei
tanzt und die andere währenddessen ruht. Hätten wir die Zeit, Geduld
und Lust gehabt, dem Tanze länger zuzusehen, dann würden die Leute wol
mehrere Stunden mit diesem Vergnügen ausgefüllt haben, welches keine
Abwechselung bietet, da der Tanz auf beiden Seiten immer in denselben
Bewegungen besteht und die kleinen Abweichungen, welche durch den Sinn
des Darzustellenden bedingt werden, kaum in die Augen fallen oder doch
von uns nicht verstanden wurden. Zu jedem Tanz werden einige sich stets
wiederholende Strophen gesungen, deren Worte die Erklärung des Tanzes,
die Töne die erforderliche monotone Musik geben. Die Durchführung des
Tanzes ist im ganzen tadellos, Gesang und Bewegungen halten sich in so
vollkommenem Rhythmus, daß die ganze Masse nur von =einem= Willen geleitet
zu sein scheint und sich in Bezug auf Gleichmäßigkeit der ganzen Handlung
mit dem besten europäischen Ballet messen kann. Die Darstellungen beziehen
sich natürlich nur auf Episoden, welche in dem Leben dieser Insulaner
vorkommen. Der Tanz der Männer soll vorzugsweise den Krieg, Walfisch-
und Haifischfang u. dgl. vorstellen; der der Weiber gibt im Bilde die
Begrüßung von Gästen, Fischfang, Nachhut im Kriege, Bootsfahrten u. s. w.
wieder. Der Tanz der Männer besteht hauptsächlich darin, daß sie auf ihrem
Platze ein Bein nach dem andern schnell aufheben, sich jäh von einer
Seite zur andern drehen und dabei mit der flachen linken Hand auf die
steife Matte, mit der hohlen rechten sich unter die linke Brust schlagen
und so den Lärm des Gesanges noch durch ein geräuschvolles Geklapper und
Geklatsche unterstützen. Ein oder zwei Vorsänger, welche nur mit den Armen
gesticuliren, singen erst eine Strophe, auf welche dann die ganze Masse
mit den obengenannten Bewegungen, mit Gesang, Geklapper und Geklatsche
einfällt. Beim Walfischfang treten noch Bewegungen des Oberkörpers hinzu,
welche das angestrengte Ziehen verbildlichen sollen, das zum Aufschleppen
des Fisches auf das Land erforderlich ist. Beim Kriege werfen sich
plötzlich alle bis auf zwei Führer als todt nieder, bis sie von diesen
wieder zum Leben zurückgerufen werden. Der Haupteindruck eines solchen
Tanzes auf den Europäer ist der eines ganz ungeheuern Lärmens.

Der Tanz der Weiber unterscheidet sich insofern auffallend von demjenigen
der Männer, als er in sanften und ruhigen Bewegungen besteht, während
dieser einen durchaus jähen und wilden Charakter hat. Dies ist deshalb
merkwürdig, weil auf den Südsee-Inseln sonst die Weiber nicht nur die
Männer in feuriger und leidenschaftlicher Ausführung des Tanzes zu
übertreffen suchen, sondern sie auch wirklich übertreffen, wenigstens
ist dies auf den Gesellschafts- und Samoa-Inseln der Fall. Der Tanz der
Frauen besteht hier eigentlich nur in graziösen Armbewegungen und die
Beine treten nur in Action, um den Körper in gemessenem Tempo nach rechts
und links zu drehen, einige Schritte zurückzugehen und dann wieder den
alten Platz einzunehmen, wobei das Ganze ohne Commando so exact arbeitet,
wie es eine gut einexerzirte Truppe auf dem Paradeplatz nicht besser
machen kann. Zuweilen allerdings wird auch der Plan insofern verändert,
als die vordern Reihen nach hinten gehen und die hinten stehenden nach
vorn durchpassiren lassen, und dies ist dann der Zeitpunkt, wo man einen
Blick auf die jugendlichen Gestalten werfen kann. Der Gesang, welcher mit
vollen Lungen und so kräftig wie möglich gegeben wird, erhält auch noch
eine Verstärkung durch Klatschen, doch lassen die Frauen ihre linke Hand
nur leicht auf den raschelnden Grasschurz fallen, was ein leises Rauschen
verursacht; mit der hohlen rechten Hand schlagen sie sich aber auch ganz
kräftig unter die linke Brust, doch immerhin etwas zarter als die Männer
dies thun. Eine Darstellung, welche für uns wahrhaft ohrenzerreißend
war, scheint in besonderm Ansehen zu stehen; bei dieser bemüht sich
jedes Frauenzimmer, von dem ältesten Mütterchen bis zum kleinen Kinde,
im höchsten Discant so laut wie möglich zu kreischen, und was das in
solch geschlossenem Hause von über 140 kräftigen Lungen ausgeführt zu
bedeuten hat, kann jeder sich gewiß denken. In grellem Gegensatz zu diesem
Höllenlärm, welcher wahrscheinlich im Kampfe den Gegner schrecken und
die streitenden Männer der eigenen Partei unterstützen soll, steht die
Schilderung einer Bootsfahrt. Mit leisem Gesang und ganz leisem Geklatsche
beginnt die Gruppe sich nach rechts und links, vorwärts und rückwärts
zu bewegen; das Ganze wogt in schönster Gleichmäßigkeit auf und ab und
die Intervalle zwischen den einzelnen Personen sind mit schönen Armen
ausgefüllt, welche die Ruderbewegungen nachahmen. Gesang und Klatschen
werden immer leiser, nur ein leises Summen ist noch zu hören, auch dieses
verstummt, und der Zuschauer, welcher vorher durch den Lärm zu sehr in
Anspruch genommen wurde, findet jetzt erst Gelegenheit, die schönen hin-
und herschwebenden Gestalten zu bewundern und sich an dem vortrefflichen
Beinwerk zu erfreuen, welches die Natur diesen Menschen geschenkt hat. Es
ist wirklich ein Genuß, dieses leichte Spiel der schönen Glieder zu sehen.

Als abweichend von den Tänzen anderer Inselvölker, wo die ganze
Leidenschaft sich in den Gesichtszügen abspiegelt, fiel mir hier auf, daß
Männer wie Frauen ihren Gesichtsausdruck an dem Tanze nicht theilnehmen
ließen und diesem nach unsern Begriffen somit einen höhern Kunstwerth
verleihen, indem der Zuschauer sich eben ganz in die mimische Darstellung
der durch die Körperbewegungen angedeuteten Bilder vertiefen kann.

Der König zeigte anscheinend, ebenso wie die andern Zuschauer, wenig
Interesse an dem Tanz und beschäftigte sich während der ganzen Zeit mit
einem etwa sieben Jahre alten weißen Kinde, welches ihm kurz nach dem
Beginn des Tanzes gebracht worden war. Auf meine erstaunte Frage, wie das
weiße Kind hierher käme, wurde mir geantwortet, daß es ein Kind einer
Schwester des Königs und ein Albino sei, welche hier wie in Polynesien
häufig vorkommen. Sobald man erst darauf aufmerksam gemacht war, konnte
man aus dem scheuen Wesen des Kindes auch schon aus der Entfernung den
Albino erkennen. Der König selbst ist kinderlos und hat nur adoptirte
Töchter, da hier wie auch bei den Samoanern jeder hohe Häuptling zur
Aufrechterhaltung seiner Stellung eine erwachsene Tochter haben muß.
Dieselbe ist gewissermaßen eine unentbehrliche Hofcharge.

Als wir genug gesehen hatten, ließ ich dem König mittheilen, daß ich jetzt
auf mein Schiff zurückfahren würde, und lud ihn gleichzeitig ein, mit mir
zu kommen, um sich das Schiff anzusehen. Er nahm die Einladung an, wir
gingen zu meinem Boot, wurden dort indeß noch etwas zurückgehalten, weil
der König mir als Geschenk Waffen und Kokosnüsse zugedacht hatte, welche
noch nicht zur Stelle waren. Ich erhielt einige sehr schön gearbeitete
Speere, eine kurze dolchähnliche Waffe, einen Panzer aus Kokosnußfasern
und mehrere hundert Kokosnüsse, im ganzen so viel, daß in der Gig für
uns kaum Platz übrigblieb und wir für die lange Fahrt nur sehr unbequeme
und harte Sitze fanden. Endlich gegen 4 Uhr kamen wir fort, nachdem die
Einschiffung des Königs noch einige Schwierigkeiten gemacht hatte. Er
erwies sich als zu schwer, um von zwei Matrosen durch das Wasser bis
zum Boot getragen zu werden, der Versuch wurde daher aufgegeben und auf
Zuruf kamen dann aus seinem Kanu vier Eingeborene mit einer Art tragbarer
Brücke, auf welcher der König stehend bis zum Boot getragen wurde. Die
Dampfpinnasse spannte sich vor mein Boot, wir dampften ab, des Königs Kanu
folgte unter Segel; so kamen wir kurz nach 5 Uhr auf der „Ariadne“ an.
Der dicke König war durch die Seefahrt, durch das unbequeme Sitzen und
schließlich durch die Angst bei dem nicht ganz gefahrlosen Aussteigen,
das für einen so beleibten Herrn bei dem hohen Seegang und dem starken
Strom äußerst schwierig war, so angegriffen, daß ich ihn vor allen
Dingen speisen und tränken mußte. Ein kaltes gebratenes Huhn beschrieb,
von seinen Händen gefaßt, vor seinem Gesicht die wunderlichsten Linien
und wurde zusehends dünner, die halbe Flasche Champagner war so schnell
leer, daß der königliche Herr mit strahlendem Gesicht um eine zweite
bat. Die Befriedigung, welche Essen und Trinken hervorgebracht, hielt
allerdings nicht lange an, denn die dem König vorgemachten Exercitien
mit blindem Schießen und Kleingewehr-Schnellfeuer waren bei ihm von so
durchschlagender Wirkung, daß der arme Mann bleich und zitternd sich kaum
zu halten vermochte und sich so scheu nach allen Seiten umsah, daß ich es
für räthlich hielt, ihn schleunigst in ein geheimes Cabinet zu führen.
Was er da gemacht, weiß ich nicht, nur so viel weiß ich, daß er nach
einiger Zeit, wenn auch noch bleich, doch mit beruhigten Mienen wieder
zum Vorschein kam. So viel steht aber fest, daß er an die Freude, welche
er vorher beim Essen und Trinken empfunden hatte, nicht mehr dachte.

Wenn ich es wegen der vorgerückten Tageszeit auch schon aufgegeben hatte,
noch an demselben Tage die Weiterreise anzutreten, so wollte ich doch den
König nicht länger an Bord behalten, weil ich ihn wegen der in Ansehung
des starken Stromes gefährlichen Passage noch vor Dunkelwerden sicher an
Land sehen wollte. Der dicke Herr erhielt daher seine Geschenke, eine von
dem Consul zu dem Zweck mitgebrachte Wanduhr, sowie sechs halbe Flaschen
Champagner, und wurde dann in sein Kanu befördert.

Unsere samoanische Dolmetscherin, welche mit ihrem schneeweißen Bündelchen
in der Hand dem König an Land folgte, hatte ein Kistchen Cigaretten
erhalten. Beim Weggehen sagte noch der König, sich scheu umsehend, daß
solch ein Schiff denn doch zu stark wäre, um dagegen kämpfen zu können;
der Zweck, ihm Furcht vor den überlegenen Waffen der Europäer zu machen,
war somit erreicht. Solche militärische Schaustellungen versehen den
Eingeborenen gegenüber denselben Zweck wie ihre Tänze und werden von
den Kriegsschiffen daher benutzt, um die von den Eingeborenen gegebenen
Festlichkeiten zu erwidern, dabei gleichzeitig aber auch den Wilden
die Macht einer solchen Kriegsmaschine zu zeigen und sie dadurch von
Gewaltthätigkeiten gegen Angehörige derselben Flagge abzuhalten. Häufig
allerdings begehen die Kriegsschiffe den Fehler, diesen Wilden mit den
großen Kanonen etwas vorzuknallen, was verhältnißmäßig wenig Eindruck
macht, weil sie dies schon oft gehört haben. Ein Schnellfeuer mit den
Gewehren ist das, was die Wilden erzittern und erbeben macht, denn dieses
fortwährende Geknatter ohne Aufhören, benimmt ihnen vollständig die
Besinnung.

Während der Fahrt von der Stadt nach der „Ariadne“ zurück hatte der
König mich wiederholt um eine Bescheinigung gebeten, daß ich auf seiner
Insel alles in der besten Ordnung vorgefunden habe. Ich konnte ihm
der Wahrheit gemäß antworten, daß ich, soweit die kurze Zeit mir einen
Einblick gestattet habe, allerdings die beste Ordnung anerkennen müsse,
ich aber trotzdem zur Ausstellung eines derartigen Zeugnisses mich nicht
für befugt hielte. Würde er indeß in ein ähnliches Vertragsverhältniß
wie der König von Funafuti zu uns treten, dann läge die Sache anders
und ich würde dann gern seiner Bitte entsprechen. Ich wollte hierdurch
den Boden für den Abschluß einer ähnlichen Uebereinkunft ebnen, weil der
Mangel eines der Apamama-Schriftsprache mächtigen Dolmetschers mir nicht
gestattete, schon jetzt in der Sache vorzugehen. Der König ließ sich
erklären, um was es sich bei solcher Uebereinkunft handle, und war dann
gleich zu dem Abschluß einer solchen bereit. Ich hätte nun im Beisein von
Zeugen ihn eine in deutscher Sprache ausgefertigte Verhandlung mit seinem
Handzeichen versehen lassen können, doch werden derartige Abmachungen so
oft von böswilliger Seite als erschwindelt bezeichnet, daß ich ablehnte,
unter dem Vorwande, er müsse selbst erst lesen und schreiben lernen, damit
er auch selbst den Inhalt der niedergeschriebenen Abmachung beurtheilen
könne. Hierbei kam denn nun heraus, daß der König schon mit dem Studium
des Lesens und Schreibens begonnen hat und zwar, um den Unterricht seiner
Unterthanen zu ermöglichen. Er will nicht zugeben, daß seine Unterthanen
mehr wissen wie er selbst, und hat sich als tüchtiger Landesvater daher
dazu entschlossen, selbst sofort das Nothwendige zu lernen, um der
Fortbildung seiner Unterthanen nicht im Wege zu stehen. Nach allem,
was ich hier gesehen habe, komme ich zu dem Schluß, daß der König von
Apamama in seiner Sphäre ein hervorragender Mann ist und entschiedene
Herrschertugenden besitzt.

Am nächsten Morgen, am 22., verließ ich Apamama wieder und langte am
23. nachmittags vor der Insel Taritari an, welche im Verein mit Makin
das nördlichste Königreich der Kingsmill- (Gilbert-)Inseln bildet.
Ich hatte die Absicht in die Lagune einzulaufen, fand aber die Karte
so falsch, daß ich mich an die Einfahrt mit dem Loth erst hinanfühlen
mußte und das kostet viel Zeit. Da wir außerdem auch noch vielfach durch
Gewitterböen, welche alles in dichten Regen hüllten und somit jedes
Erkennen des Landes und der Untiefen unmöglich machten, belästigt wurden,
so rückte der Abend heran, die Dunkelheit überraschte uns in der Einfahrt
und ich mußte gezwungenermaßen da, wo ich mich gerade befand, ankern,
weil wir andererseits wieder zu weit vorgedrungen waren, um noch bei
Tageslicht die offene See zurückgewinnen zu können. Unser Zweck war hier
nur eine Recognoscirung, ob diesem Platze oder Apamama der Vorzug als
Centralstation für den Handel zwischen diesen Inseln zu geben sei, um
danach beurtheilen zu können, welches die bessere Kohlenstation sei, für
den Fall, daß unsere Regierung eine solche hier zu erwerben wünsche; ich
hatte daher unsern Aufenthalt hierselbst auf nur 24 Stunden angesetzt.

Zu guter Zeit machten wir uns am nächsten Tage bei trübem Wetter mit
den Booten auf den Weg nach dem mehrere Seemeilen entfernten Wohnort
des Königs. Nach einer zweistündigen Fahrt, während welcher auch das
Fahrwasser daraufhin untersucht wurde, ob es brauchbar für größere
Schiffe sei, langten wir endlich bei der sogenannten Stadt an und
hatten, da es gerade Niedrigwasser war, einen weiten Weg durch nassen
Sand zu machen. Der erste Eindruck, welchen wir beim Landen empfingen,
war grundverschieden von dem, welchen wir von den letztbesuchten Inseln
mitgebracht hatten. Obgleich diese Insel von derselben Formation und
Bodenbeschaffenheit wie Apamama ist, von derselben Menschenrasse bewohnt
wird und nur eine Tagereise von dieser entfernt liegt, ist hier doch alles
anders und findet sich die einzige Uebereinstimmung nur in der Tracht der
Frauen.

Die Wohnungen bestehen entweder in kleinen Hütten mit geschlossenen
Seitenwänden, welche auf Pfählen ruhen und bei Hochwasser von der See
unterspült werden, oder aus Hütten nach Art der Samoahäuser, d. h. aus
hohen Laubdächern, die von vier Fuß hohen Pfählen getragen werden.
Die erstere Art soll jedenfalls Schutz gegen die hier wie auf allen
Südseeinseln herrschende Rattenplage gewähren. Die Frauen tragen, wie
schon bemerkt, als Kleidung einen schmalen Grasschurz, die Männer ein
Hüfttuch aus buntem Baumwollstoff, die Kinder beiderlei Geschlechts gehen
bis zu einem ziemlich reifen Alter ganz nackt. Die Frauen tragen das Haar
hinten länger, die Männer kürzer als auf den südlicher gelegenen Inseln.
Tätowirung habe ich nicht wahrgenommen. Bei unserer Ankunft fanden wir so
ziemlich die ganze männliche Bevölkerung betrunken und damit beschäftigt,
der Branntweinflasche noch weiter zuzusprechen. Ob ein vor wenigen Tagen
hier gewesener englischer Schooner die empfangenen Waaren mit diesem Gift
bezahlt hatte oder ob das Getränk von hier wohnenden Chinesen gekauft war,
um ein Fest zu feiern, weiß ich nicht; ich vermuthe aber das erstere. Um
zum König zu gelangen, mußten wir einen Weg von etwa drei Viertelstunden
zurücklegen, wobei wir ununterbrochen zur Rechten und Linken an Gruppen
betrunkener Männer vorbeikamen. Hier und da versuchten zwei oder drei
Weiber einen Mann wegzuschaffen; es werden wol seine Frauen gewesen sein.
Trotzdem auf diesen Inseln ein Mangel an weiblicher Bevölkerung vorhanden
ist, herrscht doch Vielweiberei. Nur die höhere Kaste darf sich den Luxus
einer oder mehrerer Frauen gestatten, die Männer der niedern Kaste gelten
als Sklaven und sind zur Ehelosigkeit verurtheilt.

Als wir etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatten, trafen wir bei
einer Frischwassercisterne, deren es viele auf der Insel gibt und welche
wahre Brutstätten der Mosquitos sind, zwei Frauen, welche hier in Flaschen
und Kokosnußschalen Wasser geholt hatten und eben den dicken Stock, in
dessen Mitte der Korb mit dem Wasser hing, auf ihre nackten Schultern
hoben. Auf unsere Frage, ob wir auf dem richtigen Weg zum König seien,
erhielten wir eine bejahende Antwort und wurden bedeutet, ihnen nur zu
folgen, da sie auch dorthin gingen. Dann gesellte sich auch noch ein
nüchterner Mann zu uns, mit dem Anerbieten, uns zu führen. Ich erwähne
die vorgenannten beiden Frauen hier, weil ich die eine näher beschreiben
muß, da sie sowol durch ihr ungewöhnliches Gesicht, wie ihren feinen
elastischen Körper jedem auffallen mußte. Da sie ferner das hintere Ende
des Stockes trug, so ging sie gerade vor mir und ich hatte auf diese Weise
genügende Zeit, sie zu beobachten. In dem feinen ovalen Gesicht, welches
sich nach dem Kinn hin in schönen Linien verjüngt, fesseln unwillkürlich
die großen mandelförmigen Augen, deren tiefschwarze Augensterne ein
mildes Feuer ausstrahlen. Die von der schönen feinen Stirn auslaufende
feine, etwas scharf gebogene Nase macht durch ihre Größe das Gesicht
interessant. Der kleine Mund mit seinen frischen schwellenden Lippen,
welche dem scharfgeschnittenen Gesicht wieder etwas außerordentlich
Kindliches gaben, sowie zwei Reihen schöner Perlenzähne passen zu dem
feinen schmalen Kinn. Einige dunkle Leberflecke von der Größe einer Linse
heben sich von den braunen Wangen scharf ab und passen so vollkommen in
dieses Gesicht 'à la' Marie-Antoinette, daß man sich dasselbe ohne sie gar
nicht denken kann. Auch das starke Haar gibt dem Kopf noch etwas Apartes,
denn dasselbe ist nicht, wie sonst hier, schlicht, sondern fällt in
scharf gekräuselten Wellen wie eine Mähne bis auf den halben Rücken herab.
Der Hals ist schlank und sitzt tadellos auf den vollen nicht zu breiten
Schultern; die übrigen Körperlinien sind von zweifelloser Schönheit, wie
auch Arme, Hände und Füße. Der ganze Körper zeigt die reizende Fülle und
Rundung der eben vollaufgeblühten Jungfrau; das reizende Geschöpf ist mit
einer aufbrechenden Knospe zu vergleichen, welche mit unwiderstehlicher
Jugendfrische dem Leben entgegenquillt. Die kleine zierliche, dicht
vor mir gehende Person trägt ihre schwere Last mit beneidenswerther
Leichtigkeit. Der elastische Oberkörper paralysirt das auf die Schultern
drückende schwere Gewicht durch schlangenartige Bewegungen, in den runden
Hüften findet man den Abschluß der über ihnen liegenden Anstrengung,
darunter schreiten die zierlichen Beine so leicht aus, als ob sie gar
nichts zu tragen hätten. Hiermit harmonirt auch das Gesicht, welches
die kleine Insulanerin jedesmal nach Zurücklegung einiger Schritte uns
zuwendet, um sich sorglos lachend nach uns umzusehen.

Der Weg ist mir trotz der drückenden Hitze außerordentlich kurz geworden,
ein vor uns liegendes Haus wird uns als die Wohnung des Königs bezeichnet,
der Eintritt aber noch verwehrt mit dem Ersuchen, etwa 20 Schritte davon
entfernt noch etwas zu warten. Das offene Haus gestattet uns zu sehen,
daß mehrere Weiber damit beschäftigt sind, dem König ein Hemd anzuziehen,
und darin finden wir die Erklärung der Verzögerung. Nach Beendigung der
Toilette werden wir ersucht näher zu treten und nehmen auf ausgebreiteten
Matten neben dem jungen, auf dem Todtenbette liegenden Manne Platz. Der
König liegt auf Matten, ist durch Kissen unterstützt und durch leichte
Vorhänge gegen die Sonne geschützt. Sechs seiner Frauen sind fortwährend
um ihn beschäftigt, ihm kleine Handreichungen zu leisten, Kühlung
zuzufächeln und die lästigen Fliegen und Mosquitos von ihm fern zu halten.
Er muß früher ein schöner Mann gewesen sein, liegt jetzt an einer von den
Europäern hierher verpflanzten, hier nicht näher zu nennenden Krankheit
hoffnungslos darnieder und sieht in einem Alter von 35 Jahren täglich
seiner Auflösung entgegen. An ihm fiel mir als merkwürdig auf, daß seine
Fingernägel etwa 5 cm lang waren. Ich war bisher in dem Glauben befangen,
daß diese Sitte nur in China zu Hause sei, mußte aber hier hören, daß auf
Taritari und Makin schon seit alters her und jedenfalls seit länger als
man hier Kenntniß von China hat, von den Vornehmen dieses Abzeichen der
Herren, welche nicht zu arbeiten brauchen, getragen wird.

Bei dem körperlichen Zustand des Königs war weder daran zu denken,
irgendwelche Abmachungen zu treffen, noch konnten die wüste Wirthschaft
hier und auch nicht die örtlichen Verhältnisse diesen Platz als geeignet
für eine Centralhandelsstation erscheinen lassen. Ich beschränkte
mich daher darauf, dem König eine anständige Behandlung der etwa hier
verkehrenden Deutschen zur Pflicht zu machen. Eine halbe Stunde nach
unserm Eintreffen waren wir wieder auf dem Rückwege zu unsern Booten,
trafen kurz nach 12 Uhr nachmittags auf der seeklarliegenden „Ariadne“
ein und suchten gegen 1 Uhr wieder die offene See auf, unsern Curs nach
den Marshall-Inseln nehmend.



12.

Die Marshall-Inseln.


                                                          4. December 1878.

Nun liegen auch die Marshall-Inseln wieder hinter mir und mit diesen eine
ereignißreiche kurze Zeit. Die deutschen Handelsinteressen sind hier so
bedeutende, daß ich mich, um die Inseln vor der Begehrlichkeit anderer
Nationen zu schützen, zu weitergehenden Maßregeln veranlaßt sah, als ich
ursprünglich beabsichtigte. Möge das, was ich gethan habe, dereinst dazu
führen, daß diese Inseln dem Deutschen Reiche einverleibt werden können.

Am 26. November kam mit Tagesanbruch Jaluit (spr. Dschalúit), die
Hauptinsel der westlichen Marshall-Gruppe, welche die Ralickkette
genannt wird, in Sicht. Eine kräftige Regenbö brachte das unter schwerem
Segeldruck sich schüttelnde Schiff bald vor die schmale Einfahrt zu der
Lagune dieser großen Koralleninsel, wo ihm die weißen Fittiche genommen
wurden und an deren Stelle der rauchende Schlot trat, um die enge Passage
nach dem Ankerplatze unter Dampf zu machen. Dicht vor der Einfahrt kam
ein europäisches Boot heran und in diesem der Chef eines der beiden
hiesigen deutschen Häuser, Herr Hernsheim, um uns zu begrüßen und mir
einen seiner Schiffsführer als Lootsen zur Verfügung zu stellen, was
ich dankbar annahm. Gegen 10 Uhr vormittags fiel der Anker, und es war
meine Absicht, einen ungewohnt langen Aufenthalt hier zu nehmen, um mir
selbst, wie der ganzen Besatzung nach langer Zeit wieder einmal etwas
Ruhe zu gönnen. Denn wenn der Aufenthalt auch nur auf vier Tage, woraus
nachher fünf wurden, angesetzt war, so bedeutete dies nach den hinter uns
liegenden fünf Wochen doch immerhin eine langentbehrte Erholung, welche
für das ganze Schiff eine große Wohlthat wurde. Kaum zu Anker mußte ich
selbst allerdings gleich an die Erledigung meiner Geschäfte und an deren
Ausführung denken. Der Consul nahm mir zwar die Hauptarbeit ab, indem er
die endgültige Redaction der in Aussicht genommenen Uebereinkunft, welche
vorher besprochen und durchberathen war, übernahm und deren Uebersetzung
in die Landessprache beaufsichtigte. Trotzdem blieb aber für mich noch
genug zu thun übrig, um meine Zeit mit Besuchen, mündlichen Verhandlungen,
Versorgung des Schiffes mit Proviant, Wasser und Kohlen, Anordnungen von
Festlichkeiten, Einziehung von Nachrichten über die hiesigen Verhältnisse
u. s. w. auszufüllen.

Jaluit ist eine große Laguneninsel, also ein schmaler Ring niedrigen
Korallenlandes, welches einen großen See umschließt. Das den Deutschen
(andere besitzende Europäer sind nicht auf der Insel) gehörige Land
trägt eine reiche Auswahl von Früchten, Gemüsen und Blumen, was
dadurch ermöglicht wurde, daß mit großen Kosten von andern Inseln
guter Mutterboden hierher gebracht und das Korallenland damit bedeckt
worden ist. Das Land der Eingeborenen trägt nur Kokosnußbäume und hier
und da kleine Anpflanzungen von kartoffelähnlichen Erdfrüchten. Die
deutsche Ansiedelung macht mit ihren bequemen Wohnhäusern und großen
Vorrathsmagazinen, mit ihren herrschaftlichen Umzäunungen, gut gehaltenen
Wegen und weithin sichtbaren mastenartigen Flaggenstangen einen sehr
stattlichen Eindruck; die Dörfer der Eingeborenen, aus elenden schmutzigen
Hütten bestehend, liegen verstreut unter den Kokosnußbäumen. Nur der
König hat ein ganz nettes kleines, hölzernes Haus, welches luftig und
sauber gehalten ist. Es besteht aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer,
die Dielen sind mit Matten belegt, die Wände mit einer Uhr und einigen
einfachen Bildern verziert; ein hölzernes Bett, ein ebensolcher Tisch und
einige Stühle bilden das Mobiliar. Die Küche liegt neben dem Hause in
einer ortsüblichen Hütte. Die Hütten der Eingeborenen bilden einen mit
einem niedrigen Laubdach bedeckten und rundherum mit trockenen Blättern
und Reisern geschlossenen Raum, welcher eben Platz genug bietet, daß die
Familie auf dem unbedeckten Boden liegen kann. Die Küche befindet sich
hier ebenfalls in einem Nebenraume. Die Häuser der Weißen sowol wie die
Hütten der Eingeborenen liegen alle an der gegen den vorherrschend starken
Passat geschützten Innenseite der Insel, an der Lagune, wo die Ankerplätze
der Schiffe sich befinden, wo gegen den Wind geschützt überhaupt nur
Pflanzen gedeihen, die Eingeborenen fischen und von wo aus sie mit ihren
leichten Kanus ohne Gefahr Reisen nach einem andern Theile der Insel
machen können. Allerdings findet man auch an der Windseite der Insel
noch Wohngelasse, doch nur solche zu ganz besondern Zwecken. Die beiden
deutschen Häuser haben jedes dort ein kleines Lusthäuschen mit regenfestem
Dach und durchbrochenen gitterähnlichen Wänden, von wo aus man einen
freien großartigen Ueberblick auf das weite unbegrenzte Weltmeer und auf
die am Strande wenige Schritte vom Beschauer hochauflaufende majestätische
Brandung hat. Hier ist es, wo man zu jeder Tageszeit und namentlich des
Abends, wenn der abgeflaute Wind nicht mehr die Kraft besitzt bis zu den
Wohnhäusern vorzudringen und sie zu durchstreichen, Ruhe und Erfrischung
findet, wo man gegen die Mosquitos, welche sich dann in den Wohnhäusern
sehr unangenehm bemerkbar machen, geschützt ist.

Die an der Windseite gelegenen Hütten der Eingeborenen bieten nur Platz
für je eine Person und werden nur von Frauenzimmern bezogen. Jede Familie
hat dort, je nach ihrem Bedürfniß, ein oder mehrere solch kleiner Hütten,
wo die erwachsenen weiblichen Familienmitglieder allmonatlich einige Tage
absitzen, woraus wol gefolgert werden darf, daß die Frau während dieser
Zeit für unrein gehalten wird und deshalb fern von der eigentlichen
Wohnung, dem Winde ausgesetzt, den Abschluß dieses Zustandes abwarten muß.
Es mag hier eingefügt werden, daß auf den Marshall-Inseln Vielweiberei
besteht und das Christenthum nach dieser Richtung noch keinen Wandel
geschaffen hat.

Der hiesige Menschenschlag ist sehr verschieden von demjenigen der südlich
vom Aequator liegenden Inseln. Mit wenigen Ausnahmen sind die Männer
durchweg klein, die Frauen sehr klein. Besonders auffallend sind die
winzigen Köpfe dieser Insulaner, deren lange schmale Gesichter sich von
den runden der Bewohner der Kingsmill- und andern Inseln vornehmlich durch
eine sehr schmale Stirn und geschlitzte Augen unterscheiden, mithin dem
Malaientypus näher kommen. Die Männer tragen das Kopfhaar kurzgeschnitten
oder 'à la Chinois', flechten den Schopf aber nicht in einen Zopf, sondern
binden das Haar nur kurz ab, sodaß es über dem Band wie ein Roßschweif
lose nach hinten oder als ein kurzer Stummel nach oben wegsteht. Das
Haar der Frauen ist in der Mitte gescheitelt und hängt schlicht bis auf
die Schultern herab. Hier tritt auch die in der Ellice-Gruppe gefundene
Sitte, die Ohrlappen zu durchbohren und zu einem großen Ring zu erweitern,
welche wir in der Kingsmill-Gruppe nicht beobachtet haben, wieder auf.
Die Männer sind in der Regel im Gesicht und auf dem Oberkörper in der
Weise tätowirt, daß gezackte Linien in gleichen Abständen horizontal
quer über Gesicht und Brust laufen und der Haut ein Ansehen geben, als
ob sie damascirt sei; die Frauen sollen sich auch tätowiren, doch habe
ich es nicht gesehen. Die Körperbildung ist bei beiden Geschlechtern
schmächtig, wohlgenährte runde Glieder ohne auffallende Formenschönheit.
Ganz eigenartig ist die Kleidung, denn wenn die Frauen hier in der
Hauptstadt, infolge des Einflusses der hier lebenden Europäer, vielfach
auch lange Gewänder tragen, so ist dies doch nur eine Zugabe zu ihrer
eigentlichen nationalen Tracht, welche sich stets noch unter diesem
Gewand auf dem Körper befindet. Als das Hauptstück der Kleidung, welches
das kunstreichste ist und von beiden Geschlechtern gleich getragen wird,
möchte ich den Gürtel bezeichnen, an welchem die eigentliche Kleidung
befestigt wird. Dieser Gürtel, welcher nur zum Baden, sonst nie von dem
Körper gelöst wird, ist eine Schnur, ¾ cm dick, und so lang, daß sie 10-12
mal um den Leib geschlungen dort eine Wulst von der Stärke eines dünnen
Armes bildet. Um die Seele von Bast ist aus feinen schwarz und weißen
Fäden desselben Materials ein kunstvolles Gewebe gelegt. Das Kleid der
Männer ist ein aus ½ cm breiten, gewöhnlich weißen, zuweilen aber auch
schwarzen Baststreifen zusammengesetzter Rock, welcher durch die Masse der
verwendeten dünnen Streifen eine erhebliche Dicke und Fülle erhält. Der
Rock ist so lang, daß er von der Taille bis zum Fußboden reicht, bedeckt
aber in der ortsüblichen Weise auf den Körper gelegt unterrockartig
nur den Theil vom Magen bis zu den Knien und gibt diesen Leuten nach
meinem Geschmack ein ebenso unschönes weibisches Aussehen, wie die so
vielgefeierten Nationalunterröcke der modernen Griechen es diesen Männern
geben.

Die Befestigung dieses Bastrockes auf dem Körper geschieht in der Weise,
daß zwei von dem Leibband des Rockes auslaufende Tragebänder von oben
durch den vorher beschriebenen Gürtel nach unten durchgesteckt und
zwischen die Beine genommen werden, dann der Rock bis auf die richtige
Höhe nach oben gezogen und nun unter denselben ein zweiter dicker Gürtel
gelegt wird, welcher den Rock in seiner richtigen Lage hält und ihm ein
tischartiges Aussehen gibt. Dieser Rock bildet die ganze Bekleidung, da
Kopf wie die übrigen Körpertheile unbedeckt bleiben.

Die Kleidung der Weiber, welche nur ebensoviel bedeckt wie die der Männer,
besteht aus zwei schmalen Matten, von welchen eine vorn, die andere
hinten getragen wird. Diese feingelegten weißen Matten mit eingewebten
rothbraunen Figuren, gewöhnlich in Form einer breiten Borte um den
weißen Grund, werden in einfacher Weise nur von oben und außen in den
mehrgenannten Gürtel eingesteckt, sodaß dieser unter den Matten liegt
und nicht sichtbar ist. Auffällig war mir, daß die hintere Matte zuerst
aufgelegt wird und die vordere daher die erstere zum großen Theil bedeckt,
sodaß zum Abnehmen des Kleides auch stets die vordere zuerst abgelegt
werden muß. Dies ist eine merkwürdige Sitte, denn da die Matten ziemlich
steif sind, so müssen die Frauen zu gewissen körperlichen Verrichtungen
sich stets ganz entkleiden.

Die Nahrung auf diesen Inseln besteht in dem, was Boden und Meer liefern,
mithin, wie auf allen Koralleninseln, vornehmlich aus Kokosnuß und
Fischen, Krebsen und Muscheln.

So unsauber die Wohnungen aussehen, so reinlich sind die Leute doch an
ihrem Körper, und es muß namentlich hervorgehoben werden, daß keinerlei
Auswurf des menschlichen Körpers in der Nähe der Hütten geduldet wird.
Aborte existiren hier nicht, ihre Stelle vertritt der Strand. Des Morgens,
und wenn der Wasserstand es irgend erlaubt bei Niedrigwasser, gehen
die Leute nach dem Strande und verrichten dort eins der natürlichsten
menschlichen Geschäfte in der ungenirtesten Weise. Da hockt groß und
klein, jung und alt unbekümmert um das Geschlecht nebeneinander. Das
steigende Wasser der Flut übernimmt die Abfuhr und gibt dem Strande die
frühere Reinheit wieder. Die Reinlichkeit wird in diesem Punkte auf das
strengste beachtet, wie ich zu sehen Gelegenheit hatte. Als ich eines
Abends spät gegen 1 Uhr einen der deutschen Herren verließ, um zum
Schiffe zurückzukehren, wurde ich bei dem Dorfe durch ganz jämmerliches
Kindergeschrei aufmerksam gemacht. Ich ging zu der Stelle hin und sah
einen Mann mit einem Kinde auf dem Arm aus einer Hütte treten und nach
dem Strande zu gehen. Das Kind schrie, als ob es ertränkt werden sollte,
und ich folgte daher in einiger Entfernung. Am Strande angelangt setzte
der Mann das Kind auf den Sand und blieb neben ihm stehen, bis dieses
allmählich verstummend Erleichterung gefunden hatte, nahm es dann wieder
auf den Arm und kehrte zu seiner Hütte zurück.

Wie schon erwähnt, besteht hier Vielweiberei, doch können nur solche sich
diesen Luxus gestatten, welche mehrere Frauen zu ernähren im Stande sind.
Eine besondere Gerechtsame der Vornehmen ist auch, daß der Höhere dem
Niedern seine Frau wegnehmen und diese seinem Hausstande zuführen kann.
So hat der frühere König einem kleinen Häuptling dessen Frau weggenommen
und sie zu seiner Hauptfrau gemacht. Nach dem Tode des Königs ging die
Frau aber zu ihrem frühern Mann, einem hübschen Kerl, zurück und hierdurch
wurde der kleine Häuptling nun so gehoben, daß ihm die Königswürde zufiel
und er jetzt der König Lebon (oder Kabua wie er auch genannt wird) ist.

Die Stellung der Frauen auf den Südseeinseln ist eine ganz eigenthümliche,
denn wenn sie auch auf vielen Inseln nicht für voll angesehen werden, so
spielen sie doch überall durch die Ehe eine hervorragende Rolle, ja es
geht so weit, daß ein König zu Gunsten seines Sohnes zurücktritt, sobald
dieser eine Frau heirathet, welche edleres Blut hat wie seine Mutter. So
war auch hier die Frau des Lebon durch die Ehe mit dem frühern König so
geadelt worden, daß nach dessen Tode nicht ihr mit diesem gezeugter Sohn
Letabalin, sondern ihr neuer Mann die Königswürde erhielt. Andererseits
wird nun wieder nach dem Tode Lebon’s nicht sein Sohn, sondern sein
Stiefsohn Letabalin in die Rechte seines früher verstorbenen Vaters
eintreten. Spaß machten mir die ehelichen Verhältnisse dieses jungen
siebzehnjährigen Königssohnes, welcher schon zwei Frauen hat, vorläufig
aber nur die ältere als solche ansieht und die jüngere, obgleich er schon
seit einem Jahre mit ihr verheirathet ist, in ihrem jungfräulichen Stande
gewissermaßen als Reserve behandelt. Er kommt mir vor wie ein Kind,
welches sich ein besonders schönes Stück Zuckerzeug aufhebt, um beim Genuß
weniger guter Sachen sich durch die Aussicht auf Besseres zu entschädigen.

Der König Lebon kleidet sich sonst auch in die landesübliche Tracht,
in welcher er auf unserm Bilde erscheint, doch hatte er sich uns zu
Ehren einen neuen schwarzen Anzug gekauft und trug zum ersten mal in
seinem Leben Schuh und Strümpfe. Er empfing mich, als ich ihm meinen
Besuch machte, an der Thüre seines Hauses; in dem Zimmer saßen seine
fünf Frauen in ihren besten Kleidern halbkreisförmig um unsere Stühle
gruppirt. Lebon sah sehr verängstigt aus, weil er fürchtete, daß ich wegen
verschiedener rückständiger Schulden über ihn zu Gericht sitzen würde;
da die Gläubiger aber keine Reclamationen vorgebracht hatten, so blieb
mir die Berührung dieser Sache erspart. Lebon thaute daher am nächsten
Tage, nachdem die deutschen Herren ihm gesagt hatten, daß sie mir von
ihren Forderungen keine Kenntniß gegeben hätten, auf und zeigte sich als
ein ganz umgänglicher Mensch von verhältnißmäßig guten Umgangsformen.
Der Landessitte gemäß erhielt ich von Lebon bei meinem ersten Besuch
verschiedene Geschenke, einige schöne Matten und einen umsponnenen Speer;
seine Frauen schenkten mir etwas von ihrem Schmuck, welcher als Halskette
oder Stirnband getragen wird und aus Korallen- oder Schildpattstücken
besteht, welche sorgsam bearbeitet durch Schnüre sauber und nett
zusammengefügt sind.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen glaube ich zu meinen eigenen
Erlebnissen zurückkehren zu können. Die Vormittage waren den Geschäften,
die Nachmittage Festlichkeiten und die Abende zwanglosen Zusammenkünften
in einem der deutschen Häuser oder an Bord der „Ariadne“ gewidmet. Hierbei
spielte auch ein Kalb, welches ich von Apia aus mitgebracht und den Herren
an Land zur Verfügung gestellt hatte, insofern eine Rolle, als die hier
lebenden Deutschen seit langer Zeit kein ordentliches Stück frisches
Fleisch zu Gesicht bekommen hatten. Die Geschäfte brauche ich hier nicht
weiter zu berühren, kann daher gleich zu den Festlichkeiten übergehen.

Am Tage unserer Ankunft wurden von Lebon gleich die Vorbereitungen
für einen am nächsten Tage abzuhaltenden Kriegstanz getroffen, welcher
programmmäßig am 27. nachmittags stattfand. Nachdem wir uns an einem
schönen schattigen Platze unter Kokospalmen versammelt und Platz genommen
hatten, setzten sich die mit Trommeln und ihren Naturstimmen das Orchester
bildenden Frauenzimmer in zwei Gliedern neben uns auf die Erde, während
das Volk in respectvoller Entfernung unter den Bäumen Aufstellung nahm.
Dann erschienen die tanzenden Krieger, etwa 18 an der Zahl, sämmtlich
Häuptlinge. Dieselben waren in dem eingangs beschriebenen Nationalcostüm
und hatten demselben als Festschmuck noch mancherlei hinzugefügt.
Hahnenfedern im Haarschopf, aus einzelnen Blättern zusammengefügte
Laubketten um den Hals, Stirnbänder aus Korallenstücken oder getrocknetem
Zuckerrohrblatt, Band von Zuckerrohrblatt mit Federn um Oberarm und
Knöchel und ein etwa 15 cm langes aufgerolltes Blatt in den Ohrlappen; der
Oberkörper war mit Kokosnußöl gesalbt, glänzend blank, die Waffe vertrat
ein armlanger Stock. Besonders auffallend sah Lebon aus, welcher zuletzt,
nachdem alle versammelt waren, erschien und allein auf den Kampfplatz
trat. Er hatte einen besonders reichen Federschmuck aus schwarzen
Hahnenfedern, welcher sich gut ausnahm; dicke Federbüschel auf Ober-
und Unterarm, kleine Büschel auf den Rücken der beiden Mittelfinger und
einen Federkranz um die Knöchel, welche muffähnlich dem Bein einen guten
Abschluß gaben.

Das Erscheinen Lebon’s ist das Signal für den Beginn des Tanzes. Die
Frauenzimmer stimmen, sobald Lebon sich ihnen bis auf etwa 20 Schritte
genähert hat, begleitet von dem einförmigen Tam-Tam ihrer Trommeln einen
monotonen Gesang an; die Trommel, ein ausgehöhltes Stück Holz in Form
eines Stundenglases, auf der einen Seite mit Fischhaut überspannt, auf
der andern offen, wird mit der einen Hand auf dem Schos gehalten und
mit der flachen andern Hand geschlagen; der Gesang enthält nur wenige
sich stets wiederholende Strophen, welche auf den König Bezug haben. Der
König kommt in raschem Schritt und guter Haltung würdevoll angegangen,
hält in der Mitte vor den Reihen der singenden Frauenzimmer, sieht sich
mit muthigem Blick nach allen Seiten um, als ob er den Feind suche,
nimmt ihn in dem Orchester an, wendet sich diesem zu, stößt einen Schrei
aus, welcher furchtbar sein soll und nur mit dem Quitschen eines in den
Schwanz gekniffenen Schweines verglichen werden kann, und beginnt nun
seine Darstellung, welche ihn in seinem ganzen Grimm und seiner ganzen
Furchtbarkeit zeigen soll. Die Augen rollen in dem alle möglichen Linien
beschreibenden Kopfe hin und her, das Gesicht wird verzerrt, wobei Mund
und Unterkiefer in krampfhafter Thätigkeit sind und dem Gesicht einen
kläglichen Ausdruck geben, welcher schreckenerregend sein soll, in
Wirklichkeit aber jeden Augenblick den Ausbruch ganz jämmerlichen Weinens
erwarten läßt und lebhaft an die japanischen Abbildungen grimmer Krieger
erinnert. Mit dem Stock werden Stoß- und Wurfbewegungen des Speeres
angedeutet, der ganze Körper windet sich in krampfhaften Bewegungen,
welche ein lebendiges Bild von kraftvollem Ringen geben. Lebon macht seine
Sache sehr schön, das zeigen die Gesichter der Zuschauer, aber er weiß
auch, vor wem er sich als Krieger zu zeigen hat, gibt daher sein Bestes
und tritt gewissermaßen als Schauspieler auf. Nicht so die singenden
Frauenzimmer, welche der Zuschauer nicht gedenken, sondern den ersten und
tapfersten Mann ihres Stammes vor sich sehen, in seinem Anschauen ganz
aufgehen und sich geben wie sie sind, nicht wie sie scheinen wollen. Diese
interessirten mich daher mehr, obgleich sie nur das Beiwerk bildeten.
Da sitzen sie in Reih und Glied mit steifem Körper, schlagen mit der
rechten Hand die Trommel und singen mit gewöhnlicher Stimme ihren Gesang.
Doch währt dies nicht lange, ein schnelleres Tempo zwingt den Tänzer zu
raschern Bewegungen, der Gesang wird lauter, die Reihen werden unruhig,
die Köpfe schwanken hin und her, die Körper bewegen sich und nähern sich
rutschend, ohne es zu wollen, dem köstlichen Krieger, die Augen treten
weit hervor, stieren nur nach dem Gesicht des gefeierten Mannes und
erhalten einen ganz eigenthümlichen Glanz. Die Körper, dem Tänzer nahe
genug, fassen wieder festen Fuß, die Stirn fällt zurück, damit der die
Thaten des mit dem Feinde ringenden Beschützers besingende Mund diesem
näher ist, die Köpfe mit ihren gläsernen Augen wackeln jetzt gleichmäßig
nach dem Takte der Musik hin und her, die ganze Gruppe sieht aus wie ein
Haufen chinesischer Porzellanpuppen mit langsam hin- und herwiegenden
Köpfen. Da glaubt Lebon genug gethan zu haben, er wirft seinen Stock
weit weg, welcher von einem Häuptling aufgehoben und ihm nachher wieder
zugestellt wird, wendet sich von dem Orchester ab und geht auf die ihn
respectvoll erwartenden Häuptlinge zu. Die Frauenzimmer verstummen,
scheinen aus einem Traum in das Leben zurückzufallen, erholen sich aber
schnell genug, um rechtzeitig mit der Ankunft des Königs vor seinen
Häuptlingen diese zu einem ähnlichen Tanze zu begleiten, welchen sie
nunmehr vor ihrem König aufführen.

Nach diesem Tanz kommt eine balletartige Schaustellung zur Aufführung,
welche mit einem Kriegertanz nichts gemein hat und durch die
Gleichmäßigkeit der complicirten und vielfach schwierigen Figuren,
durch die tadellose Durchführung des Ganzen das Interesse des Zuschauers
erweckt. Die Darsteller treten in zwei Reihen an, von welchen Lebon die
eine, der nächst angesehenste Häuptling die andere führt. Die monotone
Musik beginnt, das Hin- und Herschwanken der dicken Baströcke zeigt, daß
die Reihen in Bewegung kommen, die Stöcke der einen Partei schlagen gegen
die der andern und sollen wol ein Fechten vorstellen, ohne es indeß zu
thun, weil die Tänzer, um keine Fehler zu machen, so angestrengt aufpassen
müssen, daß die Verbildlichung der Kraft und des Kampfes diesem Spiel
versagt bleibt. Die Reihen wandern mit tänzelndem menuetartigen Schritt
aneinander vorbei, passiren durcheinander durch, immer die Stöcke mit
dem Gegner kreuzend; die Bewegungen werden schneller, das Geklapper wird
stärker, die Stöcke werden durch die Beine, über den Kopf, von einer
Hand zur andern geworfen, vor der Brust und hinter dem Rücken gekreuzt;
von den beiden Reihen brechen so viele ab, um eine dritte zu bilden und
hiermit das Spiel verwickelter zu machen. Kein Fehler kommt vor, die ganze
Gruppe bewegt sich nach dem Takte der Musik wie ein kunstvoll gearbeitetes
Räderwerk, bückt sich und streckt sich, geht vor- und rückwärts, schiebt
sich durcheinander durch, füllt wie mit einem Schlage die Zwischenräume
mit den Armen und Stöcken aus und macht sie ebenso plötzlich wieder frei.
Unser Beifall, welcher mit ungetheilter Anerkennung gegeben wurde, war
der Lohn für dieses schöne Spiel. Das Orchester hatte sich, obgleich es
durch die Frauen der Tänzer gebildet wird, bei diesem wie bei dem vorher
aufgeführten allgemeinen Tanz merkwürdigerweise ziemlich theilnahmlos
verhalten und kam erst wieder in die größte Aufregung bei den nachher
folgenden Einzeltänzen. Ich vermuthe, daß die Aufmerksamkeit auf ihre
eigenen Männer die einzelnen Frauen zu sehr beschäftigte und die Gruppe
davon abhielt, in gleichmäßige Ekstase zu kommen.

Im Anschluß an diese Tänze wurde uns eine große Ehre dadurch erwiesen,
daß nunmehr Lebon, seinen Stock schwingend, in raschem Laufe auf uns
zurannte, dicht vor uns stutzte, dann den zuerst aufgeführten Tanz in
wilderem Tempo noch einmal wiederholte und mit demselben das Orchester
in wahre Begeisterung brachte; ja ein Frauenzimmer warf ihre Trommel weg,
um in wilden Sprüngen sein Spiel zu begleiten. Als Beendigung des Tanzes
drehte Lebon uns mit einer jähen Bewegung den Rücken zu und entfernte
sich schnellen Laufes von dem Festplatze. Nach ihm producirten sich vor
uns noch in derselben Weise sein Stiefsohn Letabalin und sein eigener
zehnjähriger Sohn, welcher, in diesem Kriegsspiel schon wohlbewandert, bei
allen Tänzen überhaupt als volle Person mitgewirkt hatte; dann noch zwei
der bedeutendsten Häuptlinge, womit das Fest seinen Schluß erreicht hatte
und die Bevölkerung befriedigt über den seltenen Festtag, da durch den
Einfluß der Missionare die Tänze immer mehr abkommen, den Platz verließ.
Die Tänze der Frauen sollen infolge dieses Einflusses, wenigstens als
öffentliche, schon ganz der Vergangenheit angehören, und es war mir in der
kurzen Zeit nicht möglich, einen solchen zusammenbringen zu lassen. Die
Missionare bezeichnen diese Tänze als heidnisch und benehmen mit denselben
den Eingeborenen all und jedes Vergnügen, womit sie in religiöser
Beziehung eine Gefahr heraufbeschwören, welche diese Herren entweder
nicht vermuthen oder für unbedeutend halten. Anstatt das in den Tänzen
etwa gegen die christliche Moral Laufende vorsichtig und allmählich zu
entfernen, verbieten sie dieselben ganz und können sicher darauf rechnen,
daß diese Tänze bei dem nicht zu besiegenden Drang nach Lustbarkeiten erst
im geheimen wieder entstehen und dann schließlich in wüsterer Form denn je
an die Oeffentlichkeit treten, um sich nicht wieder verbannen zu lassen.

Am 28. landete ich meine Mannschaft, um dieselbe im Feuer manövriren und
danach das Eingeborenendorf im Sturm nehmen zu lassen. Dieses Manöver
sollte sowol eine Revanche für den uns gegebenen Kriegstanz sein, wie
auch den Insulanern, welche Derartiges noch nicht gesehen hatten, die
Macht der Europäer zeigen. Um einem falschen Alarm vorzubeugen, war
vorher an Land bekannt gegeben worden, daß auch geschossen werden würde,
jedoch nur mit blinden Patronen, sodaß nichts zu fürchten sei. Bei
unserer Landung war alles, was nur irgend konnte, auf den Beinen, um
der mit Musik abmarschirenden geschlossenen Truppe zu folgen und sich
nachher neugierig die Gefechtsaufstellung zu beschauen. Als aber das
Landungsgeschütz aus einem Hinterhalt und gewissermaßen zwischen ihnen
anfing zu brummen, wurden die Leute unruhig, und als nun gar das Geknatter
der Tirailleure begann, zogen sie sich schnell nach den Seiten und dann
hinter die zuschauenden Weißen zurück, ängstlich sich umsehend, ob dies
Ernst oder wirklich nur Spaß sei. Nun rückt die Sturmcolonne an, macht
halt, gibt einige Salven Schnellfeuer und das Publikum ergreift theilweise
die Flucht; eine allgemeine Panik bricht aber aus, als die Colonne
mit gefälltem Bajonette angestürmt kommt mit Marsch-Marsch-Hurrah! Der
Platz ist gesäubert; ich sehe mich nach Lebon um und finde, daß dieser
tapfere Mann ausgehalten hat -- aber wie? Bleich steht er hinter einem
der deutschen Herren und hält sich an dessen Rockschoß fest; sprechen
kann er nicht mehr, sondern findet seine Sprache erst wieder, nachdem
er in dem in der Nähe gelegenen Hause des Herrn Hernsheim ein Glas Wein
getrunken hat. Lebon, wie der größte Theil der Bevölkerung sind krank; die
mit klingendem Spiel abmarschirende Truppe kann den Schreck, welchen sie
verursacht, nicht so schnell wieder verwischen, wird vielmehr mistrauisch
betrachtet. Lebon folgt daher auch nicht der Einladung zum Essen zu Herrn
Hernsheim, sondern kommt erst nach Tisch, setzt sich still in eine Ecke
und entschuldigt sich damit, daß das Schießen ihn krank gemacht habe.
Meiner Einladung zum nächsten Tage folgte er zwar, doch rührte er die
Speisen, welchen er sonst bei den deutschen Herren tapfer zuspricht, kaum
an und erklärte, von dem gestrigen Schießen noch immer einen kranken Magen
zu haben.

Dieser Kriegstanz des deutschen Kriegsschiffes, welcher somit unsern
Gästen nicht gut bekommen ist und zu den andern Inseln jedenfalls in noch
übertriebenen Schilderungen hinwandert, wird wahrscheinlich für Jahrzehnte
Früchte tragen und einen sichern Schutz für deutsches Leben und Eigenthum
gewährleisten.

Am 29. November war die in Aussicht genommene Uebereinkunft soweit
vorbereitet, daß die Unterzeichnung erfolgen konnte; Lebon, wie sein
Nachfolger Letabalin, hatten alle unsere Forderungen, welche vorzugsweise
Maßnahmen zum Schutze der deutschen Reichsangehörigen und des deutschen
Handels enthielten, erfüllt und sich auch bereit erklärt, den Hafen von
Jaluit als deutsche Kohlenstation abzutreten. Mehr konnten wir nicht
verlangen. Ich setzte daher die Unterzeichnung der Uebereinkunft für
den Nachmittag dieses Tages fest und lud sämmtliche Weiße wie das ganze
Volk dieses Platzes zur Beiwohnung der Feierlichkeit auf die „Ariadne“
ein. Nachdem das Volk an Bord versammelt war, setzte Lebon mit seinen
Frauen und seiner nähern Verwandtschaft in zweien unserer Schiffsboote
vom Lande ab, indem gleichzeitig die neue von ihm adoptirte Landesflagge,
welche nach erfolgter Unterzeichnung des Vertrages durch einen Salut
anerkannt werden sollte, gehißt wurde. Lebon mit seiner Familie und
die Chefs der beiden deutschen Häuser wurden in der Kajüte, die andern
Weißen und die Häuptlinge in der Offiziersmesse bewirthet, das Volk
trieb sich im Schiffe umher. Ein Bruder Lebon’s, mit Namen Lagadjimi, war
an Land zurückgeblieben, um den Erwiderungssalut aus einigen von einem
deutschen Hause erborgten Böllern zu feuern; zum Laden hatten wir einige
Mannschaften zur Verfügung gestellt.

Der Text der Uebereinkunft wurde noch einmal sorgsam durchgenommen und
diese dann gegenseitig in zwei Exemplaren unterzeichnet. Darauf traten
wir auf das Deck, um dem nunmehr für die Landesflagge der Ralick-Inseln
zu feiernden Salut beizuwohnen, von welchem Lebon den ersten, Letabalin
den zweiten Schuß vor ihren versammelten Unterthanen abfeuerten. Der Salut
wurde von Land aus Schuß für Schuß erwidert. Die Eingeborenen verließen
mit anrückender Dunkelheit in ihren Kanus scharenweise das Schiff, die
deutschen Herren und Lebon blieben am Abend noch bei mir zu Tisch und der
geschäftliche Theil meiner Anwesenheit in Jaluit hatte seinen Abschluß
gefunden.

Am 1. December verließ ich Jaluit wieder. Die am Lande und auf den
Kauffahrteischiffen wehenden Flaggen senkten sich langsam zum Gruß,
die am Strande in Festkleidern versammelte Bevölkerung stimmte unter
Tücherschwenken ein mehrfaches Hurrah an, während die den Flaggengruß und
die Hurrahs erwidernde imposante „Ariadne“ sich unter den Klängen eines
flotten Marsches langsam drehte, dann schnell von der ruhigen Lagune in
die schmale Einfahrt und von dieser in die bewegte See steuerte, um bald
unter neuen Eindrücken den schönen sonnigen letzten Nachmittag bei unsern
gastfreien Landsleuten in Jaluit vorläufig wieder zu vergessen.

Ich hatte ursprünglich die Absicht, von Jaluit aus direct nach
Neu-Britannien zu segeln; veränderte Verhältnisse bringen aber auch
andere Dispositionen. Die durch die abgeschlossene Uebereinkunft mit
den Ralick-Inseln angeknüpften Verbindungen machten es mir zur Pflicht,
auch noch Ebon anzulaufen, weil diese Insel bislang immer der Königssitz
gewesen war und von den Eingeborenen, wie auch von den amerikanischen
Missionaren auch noch jetzt vielfach als die Hauptinsel betrachtet
wird. Dies und noch einige andere Rücksichten ließen es mir nicht
nur zweckmäßig, sondern auch nothwendig erscheinen, mit den dortigen
Häuptlingen eine Aussprache zu halten.

Ebon ist Hauptsitz der in diesem Theil des Stillen Oceans thätigen
amerikanischen Missionsgesellschaft. Diese Missionare säen hier
vornehmlich nur Unfrieden, um ihre eigene Macht zu verstärken, suchen
das Ansehen der Häuptlinge zu erschüttern und verlangen nur Gehorsam
für sich. Auch sollen sie daran arbeiten, diese Inseln zu einer Republik
zu machen, um sie dann ganz in ihre Hände zu bekommen und demnächst dem
Protectorat der Vereinigten Staaten zu unterstellen. Sollte dieser Versuch
glücken, dann wäre all die bisher auf diese Insel verwendete deutsche
Arbeit verloren. An der Hand unserer Uebereinkunft mußte ich demnach
versuchen, diesen Bestrebungen ein Ziel zu setzen. In Uebereinstimmung
mit dem Vorstehenden war mir auch mitgetheilt worden, daß die Häuptlinge
Ebons danach strebten, sich von der Oberhoheit Lebon’s und Letabalin’s
loszumachen. Schließlich schuldeten einige Häuptlinge den Deutschen
größere Summen, können bezahlen, wollen aber nicht, auch hat ein dortiger
Häuptling einen deutschen Agenten zweimal mit dem Tode bedroht. Das alles
klingt nun so, als ob man viel Zeit zur Erledigung gebrauche, hier in der
Südsee werden derartige Sachen aber auf so einfache Weise erledigt, daß
ich von vornherein nur wenige Stunden für diese Geschäfte ansetzte und von
einem Verankern des Schiffes absah. Allerdings gehört zu derartigem kurzen
Verfahren, daß man die richtigen Leute zur Hand hat; ich hatte deshalb von
Jaluit aus Letabalin, welcher als der größte Grundbesitzer auf Ebon und
Sohn des frühern hier residirt habenden Königs der angesehenste Häuptling
dieser Insel ist, mit einigen Dienern mitgenommen; ferner begleitete
mich von Jaluit aus ein in deutschen Diensten stehender Engländer als
Dolmetscher, welcher, schon lange auf diesen Inseln wohnhaft, als der
beste Sprachkenner gilt und die Häuptlinge sämmtlich von Person kennt.

Am 2. December vormittags 11 Uhr drehte ich das Schiff vor der Einfahrt
zur Lagune von Ebon bei und fuhr mit dem Consul und Letabalin an Land;
zwei armirte Boote folgten uns. Auf dem Wege dahin passirte uns ein
nach dem Schiffe fahrender Missionar, welcher sich uns nicht anschloß,
sondern seinen Weg fortsetzte, wahrscheinlich in dem Wahn, daß wir ohne
ihn als Uebersetzer doch nichts anfangen könnten. An Land gekommen,
lagerten wir uns in dem Schatten der Bäume, die Bootsmannschaften bei
ihren zusammengestellten Gewehren, um die Ankunft der Häuptlinge, nach
welchen der Dolmetscher geschickt hatte, abzuwarten. Die Leute waren
auffallend schnell zusammengerufen, denn nach einer halben Stunde schon
wurde gemeldet, daß sie vollzählig versammelt seien; es waren 15-20
meistentheils junge Männer in Hosen und bunten Hemden, welche dicht bei
uns stehend uns sowol, wie ihren in feinem schwarzen Anzug steckenden
Stammesgenossen Letabalin scheu und mit unsteten Blicken musterten. Daß
es etwas geben würde, konnte ihnen umsoweniger zweifelhaft erscheinen,
als inzwischen auch der mehrfach mit dem Tode bedrohte deutsche Agent
angekommen war und der alte Mann denjenigen, welcher ihn bedroht
hatte, nicht aus den Augen ließ. Die Häuptlinge mußten sich nun vor
uns aufstellen; ihnen gegenüber traten, uns in die Mitte nehmend, die
Bootsmannschaften mit Gewehr bei Fuß und aufgepflanztem Bajonett an.
Zunächst wurde bekannt gegeben, daß jeder Mord an einem Deutschen dem
Thäter den Kopf kosten, wie jeder Mordversuch und darauf hinzielende
Drohung streng bestraft würde. Als dann der betreffende Häuptling
vortreten mußte, riefen mehrere aus der Versammlung, daß sie nicht kämpfen
wollten, was in der wortarmen Sprache gleichbedeutend mit Unterwerfung
ist. Demnächst wurde den Schuldnern nach Aufruf ihrer Namen aufgegeben,
baldigst ihre Schulden zu bezahlen. Den Schluß unserer Ansprache bildete
die Mittheilung von der in Jaluit abgeschlossenen Uebereinkunft; dieselbe
wurde im Beisein des inzwischen auch hinzugekommenen amerikanischen
Missionars vorgelesen und mit dem Bedeuten erklärt, daß die Leute von
Ebon nunmehr ebenfalls nach derselben zu handeln hätten. Die Mannschaften
präsentirten das Gewehr; der Missionar wußte, nach seinem Gesicht zu
urtheilen, nicht, ob er wache oder träume; die Eingeborenen, vorläufig
unfähig all das zu begreifen, was ihnen in der kurzen Zeit mitgetheilt
worden war, sahen sich gegenseitig dumm an, und wir gingen für kurze
Zeit nach dem in der Nähe befindlichen Hause des deutschen Agenten, wo
sich auch der Missionar, welchem wir eine langentbehrte Post mitgebracht
hatten, gute Miene zum bösen Spiel machend, einstellte. Nachdem ich noch
einige hundert Kokosnüsse für meine Mannschaft gekauft hatte, verließen
wir wieder den Strand von Ebon unter den freundlichen Grimassen seiner
Bewohner, welche auf alle erdenkliche Weise versuchten, ihrer Freundschaft
für uns Ausdruck zu geben. Wir hatten natürlich die von Jaluit aus
mitgenommenen Personen in Ebon zurückgelassen und kehrten so früh zum
Schiffe zurück, daß die „Ariadne“ um 1½ Uhr schon ihren Curs nach dem
Westen weiter verfolgen konnte.

So sind wir denn jetzt auf dem Wege nach Neu-Britannien und zu den
Menschenfressern, wo ich in etwa sechs Tagen einzutreffen hoffe.



13.

Im Bismarck-Archipel.[D]


                                                         22. December 1878.

Nicht drei Wochen liegen zwischen heute und dem vorstehenden Bericht
über meinen Besuch der Marshall-Inseln und was hat sich in diese kurze
Spanne Zeit nicht zusammengedrängt? Wenn ich diese letzten Wochen an
meinem Geiste vorüberziehen lasse, dann scheint es mir kaum faßlich,
daß diese Zeit so vielerlei in sich bergen kann, theilweise selbst
heraufbeschworene Ereignisse, welche den Fernerstehenden kaum berühren,
für den verantwortlichen Commandanten eines Kriegsschiffes aber doch von
Bedeutung sind.

     [D] Die Bezeichnung „Bismarck-Archipel“ ist erst nach der
  Zeit, wo die hier geschilderte Reise stattfand, eingeführt
  worden; da der Name aber officiell angenommen, so wähle ich
  denselben für diese Ueberschrift. Die Namen der in diesem
  Kapitel genannten Inseln sind seitdem auch verändert, und
  zwar: Neu-Irland = Neu-Mecklenburg; Duke of York-Gruppe =
  Neu-Lauenburg; Neu-Britannien = Neu-Pommern.

Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap von Neu-Irland
ist charakteristisch durch Windstillen und sonniges heißes Wetter, sodaß
trotz des mir gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths und trotz der
herrschenden Hitze häufig die Maschinenkraft des Schiffes herangezogen
werden mußte, um das Reiseprogramm einhalten zu können. Das wenig
befahrene Fahrwasser scheint zwar frei von Untiefen zu sein, der Schein
allein kann aber natürlich die Sorgen eines Commandanten nicht bannen,
welche gewissermaßen ihre Berechtigung finden, als die ersten in Sicht
kommenden, zur Salomons-Gruppe gehörigen kleinen Inseln sich als in der
Karte falsch liegend erweisen.

Am 9. December wird die in Sicht befindliche Insel Bougainville (die
nördlichste der Salomons-Gruppe) auf 28 Seemeilen Distanz, auf geringere
Entfernung die östlich von Neu-Irland liegende kleine Insel Sir Charles
Hardy passirt; am 10. December morgens gegen 8 Uhr kommt die Südküste der
Insel Neu-Irland mit dem südlichsten Cap St.-George in Sicht. Soll das
Schiff noch vor Dunkelwerden den nächsten Bestimmungsort erreichen, dann
muß die Fahrgeschwindigkeit wesentlich erhöht werden; ein Ueberschlag
des noch vorhandenen Kohlenvorraths ergibt, daß derselbe bei einer
Geschwindigkeit von 9 Knoten noch für 15 Stunden ausreicht, es wird daher
zu den beiden im Betrieb befindlichen Kesseln ein dritter hinzugenommen,
um diese Geschwindigkeit aufnehmen zu können.

Das hohe, dichtbewaldete Gebirgsland tritt bald aus dem leichten
Nebelschleier, von welchem es umgeben ist, hervor; die tiefer liegenden
Gebirgsrücken und Thalsenkungen heben sich plastisch von dem Hauptlande
ab; neues, theilweise wild zerrissenes Land mit malerischen Vorsprüngen
und tiefen Einbuchtungen, sowie kleine vor dem Hauptlande liegende
wunderlich geformte Inseln steigen langsam über den Horizont, um das
dem schnell vorwärts strebenden Schiffe näher rückende Panorama zu einem
Bilde zu vervollständigen, welches in Bezug auf Farbeneffecte und reichen
Wechsel der Scenerie den Anspruch auf große und seltene Schönheit erheben
darf.

Die auf die Süd- und die Westküste Neu-Irlands Bezug habende Karte kann
als gut und ziemlich genau angenommen werden; die dort verzeichneten
Wassertiefen gestatten dicht unter dem Lande vorbeizulaufen, der Curs
wird daher so gesetzt, daß „Ariadne“, das Cap auf eine halbe Seemeile
Entfernung passirend, um 11 Uhr vormittags in den St.-George-Kanal, die
zwischen Neu-Irland und Neu-Britannien liegende Wasserstraße, einsteuert
und uns damit den ersten Blick auf das letztgenannte Inselland, welches
nebelgrau gefärbt noch in weiter Ferne liegt, eröffnet. Die jetzt
vor uns liegende Westküste Neu-Irlands bietet dem Auge ebenso viel
Schönheiten, wie die eben verlassene andere Seite es that, und da die
Richtung der Uferlinie für längere Zeit mit der Cursrichtung des Schiffes
übereinstimmt, so liegt es auf der Hand, daß das Schiff dicht unter
dem Lande gehalten wird, um unserer Neugierde Befriedigung und unsern
Augen einen wohlthuenden Ruhepunkt zu verschaffen, denn die von uns nun
befahrene große Wasserstraße ist zur Zeit geradezu fürchterlich. Ueber uns
steht eine schillernde Dunstmasse, wie sie sehr heißer Luft eigen ist,
welche dem wolkenlosen Himmelsgewölbe eine ebensolche graublaue Färbung
gibt, wie die unter Windstille liegende wellenlose, ganz spiegelglatte
Flut sie nach oben ausstrahlt. Die Luft blendet, das Wasser blendet; das
Auge findet nach vorn und nach links überall dieselbe Farbe, denselben
grellen Schein, überall gleich grobe Zurückweisung bei einer Temperatur
von 29° C. im Schatten. Da ist nun die zu unserer Rechten liegende, in
saftigem Grün prangende hohe Bergwand mit ihren reichen Naturschönheiten
eine wahre Erquickung für den Beobachter, welcher vielleicht, während
seine Augen hier auf einem von der Natur überreich beschenkten und von den
passionirtesten Menschenfressern bewohnten Lande ruhen, in Wirklichkeit
mit seinen Gedanken in der fernen Heimat weilt auf traurigen Sanddünen,
die durch die Erinnerung an die Kindheit und die dort zurückgelassenen
lieben Menschen doch von süßem Zauber umweht werden. Solche Träumereien
passen vortrefflich zu der herrschenden Stille, zu dem unter der heißen
Mittagssonne liegenden scheinbar schlafenden Lande, wo weder menschliches
Leben, noch solches in der Natur sich regt, wo nicht einmal die Steine
des Strandes von dem sie berührenden Wasser umspielt werden.

Um 1 Uhr ist das Schiff nicht mehr weit von demjenigen Cap entfernt, von
welchem aus der Curs nach der Mitte der Straße gerichtet werden muß, und
wir glauben schon diese Küste wieder verlassen zu müssen, ohne etwas von
ihren Bewohnern gesehen zu haben. Da treten in der letzten, dicht vor
jenem Cap liegenden kleinen Bucht aus dem Gebüsch am Strande einige Hütten
hervor und zwei Kanus setzen vom Lande ab, um dem Schiff entgegenzufahren.
Die „Ariadne“ geht näher heran, passirt kurze Zeit darauf die beiden
Fahrzeuge, deren nackte Insassen durch lautes Geschrei und Vorzeigung
eines Stücks Papier (wahrscheinlich die Bescheinigung eines früher hier
gewesenen Schiffes, daß die Leute den Ankerplatz zu zeigen wissen) das
Schiff zum Stoppen zu bewegen suchen. Dicht am Lande wird die Maschine für
kurze Zeit zum Stillstand gebracht, um die wenigen am Strande befindlichen
Menschen durch das Fernrohr zu mustern, und dann geht es weiter nach Duke
of York. Da die Leute hier demselben Menschenschlag wie auf dieser Insel
und Neu-Britannien angehören, so sehe ich vorläufig von ihrer Beschreibung
noch ab, nur sei erwähnt, daß die Weiber hier nicht, wie sonst berichtet
wird, ganz nackt gehen, sondern einen handgroßen Laubbüschel als Schürze
tragen.

Im Laufe des Nachmittags treten in erst schwachen, dann schärfern Umrissen
die schön geformten Vulkane, welche, dicht bei den Duke of York-Inseln
liegend, die zu Neu-Britannien gehörige Blanche-Bai im Norden begrenzen,
aus dem Dunst hervor. Sichtbar sind nur die Mutter und eine Tochter.
Die zweite Tochter, welche mit ihren kräftigen Ausbrüchen im Februar
1878 die ganze Umgegend in Unruhe versetzte und lange Zeit in Unruhe
hielt, eine neue Insel über das Wasser hob und stellenweise durch Hebung
des Meeresbodens die Wassertiefen verringerte, welche mit dem von ihr
ausgespieenen Bimsstein den St.-George-Kanal mit einer mehrere Fuß dicken
Schicht bedeckte, zu deren Beseitigung Wochen und Monate gehörten, bis
die Meeresströmungen diese Massen vertheilt und weit weggeführt hatten,
wie wir ja auch bei den Ellice-Inseln sahen -- diese interessante zweite
Tochter ist wegen ihrer geringen Höhe und versteckten Lage noch nicht
zu sehen. In der Mitte der Straße steigen Laubkronen über den Horizont,
welche das baldige Insichtkommen der nur 100 m hohen York-Inseln anmelden.

Hier ist nun vielleicht der Platz, wo zum spätern bessern Verständniß
einige allgemein gehaltene Bemerkungen über die Inselgruppe angebracht
sind.

Soweit bekannt, ist ein englischer Seefahrer Carteret (1767) der
Entdecker, welcher die Gruppe für nur eine Insel ansah und ihr den Namen
Duke of York-Island beilegte, ein Name, welcher sich zwar bisjetzt
erhalten hat, in der Folge aber jedenfalls wieder der Vergessenheit
anheimfallen wird, da die Eingeborenen eigene Bezeichnungen haben, welche
naturgemäß wieder in ihr Recht eintreten müssen. Die nächste Nachricht
stammt von einem Engländer Hunter vom Jahre 1791, welcher eine kleine
Bucht vermessen und nach sich benannt hat, auch eine längere Beschreibung
der Insel gab. Auffallend ist, daß dieser Mann, welcher längere Zeit in
Port-Hunter gelegen haben muß, sich keine eingehendere Kenntniß von dem
trefflichen Makada-Hafen, von welchem er nur durch einen etwa 200 Schritt
breiten Landstreifen getrennt war, verschafft hat, da er eine Karte
von der Insel gibt, in welcher er die Ufer dieses letztern Hafens genau
bestimmt haben will, die aber ganz unrichtig sind. Hiernach läßt sich denn
auch der Werth seiner übrigen Angaben ermessen. Hier verweise ich nun auf
die umstehende Uebersichtskarte, welche nach den Aufnahmen von deutschen
Schiffskapitänen aus den letzten Jahren entworfen ein ziemlich richtiges
Bild gibt, unter der aber auch zur Vergleichung eine Darstellung des
St.-George-Kanals nach der neuesten englischen Admiralitätskarte beigefügt
ist, welche die Inselgruppe noch als eine Insel und wahrscheinlich in den
von Hunter mitgetheilten Umrissen wiedergibt. Ein oberflächlicher Blick
auf diese beiden Karten ist eine Erzählung für sich, welche berichtet,
wie selten fremde Schiffe hierhergekommen und wie oberflächlich deren
Besuch gewesen sein muß, wie abgeschlossen die Eingeborenen von fremdem
Wesen geblieben sind. Neu-Irland und Neu-Britannien wurden besucht und
theilweise vermessen, Duke of York aber nicht.

Auch unsere „Gazelle“, welche vor wenigen Jahren zur Rechten und zur
Linken sich um die Vermessung der Küsten Neu-Irlands und Neu-Britanniens
so verdient gemacht hat, mied das inmitten der Straße liegende Kleinod,
welches mit zwei vorzüglichen Häfen den Schlüssel zur Straße bildet und
der gegebene Platz für die Residenz dieses großen Inselreichs ist, wenn
die großen Nachbarinseln im Laufe der Zeiten einmal zu einem einzigen
Reiche verschmolzen werden sollten. (Die beiden Häfen waren von Engländern
vor wenigen Jahren Fergusson-Harbour und Port-Wesley getauft worden,
ich habe ihnen indeß ihre richtigen Namen wieder zurückgegeben; wodurch
ich das Recht dazu erhielt, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung
ergeben.)

Die Duke of York-Gruppe ist schon jetzt der Centralpunkt des Handels,
welcher sich in den letzten Jahren hier entwickelt hat. Derselbe befindet
sich in den Händen zweier deutscher Häuser, diese sind die Handels- und
Plantagengesellschaft auf Samoa, vormals J. C. Godeffroy, und die Brüder
Hernsheim, welche mit großer Energie und Ausdauer Verbindungen mit diesem
gefürchteten Menschenschlage anknüpften, sich durch immer wiederkehrende
Brandlegungen und Ermordung eines Handelsagenten nicht abschrecken
ließen, sondern ausdauerten und jetzt, soweit eine richtige Beurtheilung
möglich ist, endgültig gesiegt haben, allerdings schließlich mit Hülfe
der Kriegsmarine, deren Unterstützung ihnen vorher gefehlt hatte. Die
deutschen Kaufleute haben auch hier, wie schon an manch anderm Platze,
den Missionaren den Weg geebnet und diesen das Eindringen überhaupt
erst möglich gemacht. Nicht die Missionare sind in diesen Gegenden die
Mauerbrecher, wie sie mit ihren pomphaften Veröffentlichungen das Publikum
glauben machen, sondern der Handel ist es, welcher zur Fernhaltung der
Concurrenz in aller Stille arbeiten muß. Ehe die Verhältnisse auf dieser
Gruppe, wie auf der großen Nachbarinsel Neu-Britannien, den jetzigen
verhältnißmäßig geordneten Stand erreichen konnten, ist allerdings manches
Blut geflossen. Die hiesigen Handelsagenten sind keine schmächtigen
Jünglinge, welche den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitzen,
sondern wetterfeste und verwegene Männer, die, zum größten Theil aus dem
Seemannsstande hervorgegangen, besser mit dem Revolver und dem Messer,
als wie mit der Feder umzugehen wissen -- Leute, die selten im Hause sind
und auf beschwerlicher Reise von einem Platz zum andern, von einer Insel
zur andern den größten Theil des Jahres in kleinen Fahrzeugen und offenen
Booten zubringen -- Leute, die ihre persönliche Sicherheit in der eigenen
Hand halten und daher, wenn es gilt, nicht nur ihr Leben zu vertheidigen
haben, sondern zur Sicherung ihrer Stellung auch unter Umständen zum
Angriff übergehen müssen, da keine Behörde zur Stelle ist, welche ihnen
Schutz gewähren könnte; sie müssen leben wie der Volksstamm, auf dessen
Grund und Boden sie sich befinden, d. h. jeder hat für sich selbst zu
sorgen und darf nie ohne Waffe sein; wer sich nicht selbst schützen kann,
wird von dem andern vernichtet. Einige Beispiele aus dem hiesigen Leben
werden das Vorstehende am besten illustriren.

An der Nordküste Neu-Britanniens erschießt vor zwei Jahren ein Engländer,
Agent eines deutschen Hauses, den Hund eines Eingeborenen, wofür die
Eingeborenen ihm sein Haus anstecken und dann ihn selbst erschlagen.
Der Kapitän eines in der Nähe befindlichen zu demselben Hause gehörigen
deutschen Kauffahrteischiffes verbindet sich darauf mit einem an derselben
Küste seßhaften ihm befreundeten Stamme und unternimmt gegen die Mörder
einen Kriegszug, welcher mit der Besiegung derselben endet, nachdem auf
beiden Seiten mehrere Eingeborene gefallen waren. Der Schiffskapitän
konnte allerdings seinen Sieg nicht zu einer exemplarischen Bestrafung
der Mörder ausnutzen, da seine Macht dafür zu gering war, sondern mußte
sich mit dem ihm gebotenen Strafgelde von einigen hundert Faden (je 6 Fuß)
Muschelgeld und der Genugthuung begnügen, daß der seitdem an derselben
Stelle wieder eingesetzte neue Agent unbehelligt gelassen wird. Aus diesem
Kriegszuge stammen auch die mir von demselben Kapitän gemachten, später
noch anzuführenden Angaben über die Zubereitung von Menschenfleisch, da
die Gefallenen nicht begraben, sondern gegessen wurden.

Ein zweiter Fall. Ende vorigen Jahres schloß der Steuermann eines im
Meokohafen liegenden deutschen Schiffes mit einem Häuptling der kleinen
Insel Meoko ein Kaufgeschäft ab und entrichtete den Kaufpreis im voraus.
Als er dann das Kaufobject fordert, wird ihm dasselbe vorenthalten
und hieraus entspinnt sich ein Streit, welcher in einen allgemeinen
ernsten Conflict ausartet. Die Eingeborenen machen von ihren Waffen
Gebrauch, die Europäer (darunter ein deutscher Naturforscher mit Frau)
begaben sich alle auf das Schiff, die Eingeborenen machen einen Angriff
auf dasselbe, werden blutig zurückgewiesen, an Land verfolgt und dort
besiegt. Der Kriegszustand währte mehrere Tage, während welcher vielfach
unterhandelt wurde, ohne zu einem Resultat kommen zu können. Der Kapitän
hatte diese Zeit auch dazu benutzt, um den in Port-Hunter residirenden
englischen Missionar, welcher über eine große Zahl Männer (samoanische
und fidjianische Missionslehrer) verfügt, um Beistand zu bitten, wurde
indeß mit der Antwort zurückgewiesen, daß die Waffen des Missionars nur
geistige seien. Denselben Standpunkt nahm auch die in Sydney befindliche
oberste Missionsbehörde der Wesleyaner ein und äußerte sich nach
Empfang der Berichte von der Station in Port-Hunter in einer keineswegs
anerkennenden Weise über die deutschen Barbaren. Hätte der englische
Missionar in Port-Hunter allerdings damals geahnt, welche Schritte er
wenige Wochen später ergreifen und wie er den zurückgewiesenen deutschen
Kapitän nun selbst um Beistand anrufen würde, dann hätte er jedenfalls
anders gehandelt und anders berichtet; hätte die Missionsgesellschaft
in Sydney geahnt, welche Berichte ihr wenige Wochen später von ihrer
Station in Port-Hunter in Aussicht standen, dann hätte sie gewiß klug
geschwiegen. Eigene Schicksalsfügung war es, daß gerade derselbe,
von den englischen Missionaren so hart angegriffene deutsche Kapitän
während meiner Anwesenheit in Sydney dahin die erste Nachricht von dem
Kriegszug des englischen Missionars Brown gegen die Eingeborenen von
Neu-Britannien bringen mußte, und zwar die eigenen Berichte des genannten
Missionars, nach welchen über 150 Eingeborene gefallen waren, während in
dem Scharmützel des deutschen Schiffes nur 5 oder 6 Eingeborene das Leben
verloren hatten. Nun war natürlich die Noth groß, denn da die Missionare
die Handlungsweise des deutschen Kapitäns so hart verdammt hatten, konnten
sie ihren Bruder nicht in Schutz nehmen, sondern mußten über ihn in
derselbe Weise abfällig urtheilen, was sie denn auch mit solchem Erfolg
gethan haben, daß der Gouverneur von Fidji die Sache in die Hand nehmen
mußte, und nach allgemeiner Ansicht in Levuka wird der Missionar Brown mit
mindestens fünf Jahren Gefängniß bestraft werden. Eigene Schicksalsfügung
ist es wiederum, daß der Commandant eines deutschen Kriegsschiffes trotz
der allgemein gegen Brown sprechenden öffentlichen Meinung der Erste ist,
welcher diesem braven Manne die rettende Hand reicht, denn ich hoffe
sicher, daß die von mir zu seinem Schutz ergriffenen Maßnahmen ihn vor
der drohenden Schande bewahren werden.

Dieser letzte und bedeutendste blutige Conflict fand im Februar 1878
statt. Die Entwickelung der Sache war die folgende.

Die englische Mission ward damals gebildet von dem Missionar Mr. Brown
und etwa 80 Samoanern und Fidji-Leuten, welche, in den Missionsschulen
als Lehrer ausgebildet, vorzugsweise dazu bestimmt sind, die vorbereitende
Arbeit des Missionars zu übernehmen, d. h. die Heiden mit dem Inhalt der
Bibel bekannt zu machen und später dann den Schulunterricht der Kinder
zu überwachen. Ohne diese Leute würde in diesen Gegenden überhaupt
nichts zu machen sein, da die Entsendungs- und Unterhaltungskosten für
europäische Geistliche ungeheuere Summen verschlingen würden, wenn solche
Persönlichkeiten überhaupt in genügender Zahl gefunden würden, während
die polynesischen sogenannten Missionslehrer wie die Eingeborenen leben,
mit einer kleinen Hütte und derjenigen Nahrung zufrieden sind, welche
sie sich selbst von den Bäumen oder aus dem Wasser holen. Von diesen
Missionslehrern, deren größter Theil sich bei Mr. Brown aufhält und
gewissermaßen dessen Leibgarde bildet, war ein Theil in verschiedenen
Plätzen der Duke of York-Gruppe untergebracht, vier derselben waren
nach Neu-Britannien geschickt, um dort die ersten Bekehrungsversuche zu
machen. Ob nun die Leute mit den Eingeborenen Neu-Britanniens in Streit
gerathen sind, oder ob die letztern den Anblick so vortrefflichen Wildes
nicht länger ertragen und schließlich ihre Gier nach dem begehrten
Menschenfleisch nicht mehr zügeln konnten, ist wol nicht aufgeklärt.
Thatsache ist, daß eines Tages die Nachricht von der erfolgten Verspeisung
der vier Missionslehrer durch neubritannische Eingeborene auf Duke of York
anlangte.

Hier will ich gleich einschalten, daß nach allen mir zugegangenen
Nachrichten die Menschenfresser in diesem Theil der Erde sich aus weißem
Menschenfleisch nichts machen, sondern nur braunes Fleisch gern essen.
Sie sagen, daß das Fleisch der Weißen zu salzig sei, und dies legt die
Vermuthung nahe, daß die großen Quantitäten Salz, welche wir fortwährend
verzehren, sich dem Blut und Fleisch so sehr mittheilen, daß wir
gewissermaßen lebendig gepökelt sind. Da nun die Wilden das Salz gar nicht
kennen, so erscheint es erklärlich, daß sie ihre süßen braunen Brüder den
salzigen weißen Fremdlingen vorziehen.

Die Nachricht von dem traurigen und schmählichen Ende der vier Polynesier
versetzte naturgemäß die ganze Fremdencolonie in die größte Aufregung;
die braunen Mitglieder riefen nach Rache und verlangten harte Züchtigung
der entmenschten Mörder; die Weißen mußten sich sagen, daß diesem blutigen
Vorspiel in kürzester Zeit eine allgemeine Niedermetzelung folgen würde,
wenn nicht der Schandthat eine gehörige Züchtigung auf dem Fuße folge,
welche mit ihren Schrecken den ganzen Volksstamm in die größte Furcht vor
den Fremden versetze. Es herrschte daher nur die eine Ansicht, daß alle
Fremden einen Kriegszug gegen die Menschenfresser unternehmen mußten, und
an Mr. Brown wurde die Forderung gestellt, die Führung zu übernehmen. Der
Geistliche glaubte mit Rücksicht auf seinen Stand von einem derartigen
Beginnen abrathen und die Führerschaft ablehnen zu müssen, ob aus
Ueberzeugung, oder nur um sich zu der Führerschaft zwingen zu lassen, ist
allerdings eine offene Frage. Jedenfalls stimmte dieser Herr in einer
Unterhaltung mit mir darin überein, daß diese Wilden nur durch blutige
Rache zu züchtigen und in dem erforderlichen Respect zu erhalten seien,
und daß unzureichende Maßregeln, wie Tödtung einiger Wenigen, wie dies so
vielfach für das Richtige gehalten wird, eher schade wie nütze. Ergreift
man erst die Waffen, dann müssen bei dem ersten Zusammenstoß so viele wie
möglich fallen, da nur dadurch der klare Beweis der wirklichen Stärke
und Macht nachhaltig bewiesen wird. Auch muß man hier mit in Betracht
ziehen, wie wenig bei diesen Leuten ein Menschenleben gilt und daß nur die
Masse der Opfer einen tiefern Eindruck macht. Bei der Auseinandersetzung,
welche ich mit Herrn Brown über diesen Fall hatte, gab er mir nun folgende
Rechtfertigung über sein damaliges Verhalten und will ich ihn selbst
sprechen lassen:

„Als von mir die Führung des Unternehmens gefordert wurde, war ich in
einer verzweifelten Lage. Meine innerste Ueberzeugung sagte mir, daß
unser aller Leben nur noch auf wenige Tage zu veranschlagen war, wenn der
geplante Rachezug unterblieb; mein geistlicher Stand zwang mich, nicht
nur die Führung abzulehnen, sondern auch mit meinem ganzen Einfluß gegen
das Unternehmen aufzutreten. Doch ich mußte mir sagen, daß an die hiesigen
Verhältnisse ein besonderer Maßstab anzulegen sei, und so gab ich zunächst
meinen Widerstand gegen das Unternehmen selbst auf. Bei Erwägung der
Frage, inwieweit ich mich persönlich betheiligen solle, traten nun Momente
auf, welche mir keine Wahl ließen. Es war zweifellos, daß ich der einzige
Mann war, welcher von allen Betheiligten Gehorsam erwarten, daher auch
der einzige war, welcher die nothwendige Ordnung aufrecht erhalten konnte.
Ferner war als sicher anzunehmen, daß sämmtliche Betheiligte den Charakter
von Würgengeln annehmen und kein Ende im Morden und Brennen finden würden,
und daß sie dadurch den Nutzen des ersten Erfolgs wieder aufs Spiel setzen
und das ganze Volk zum Aufstand bringen und uns allen sichern Untergang
bereiten würden. Auch durfte ich nicht außer Betracht lassen, daß mein
Zurückbleiben mir als persönliche Feigheit vorgeworfen würde, womit der
Verlust meiner eigenen Position und der der ganzen Mission verbunden war.
So entschloß ich mich denn mit schwerem Herzen das mir angetragene Amt
zu übernehmen, aber nur um die Leidenschaften der kaum zu bändigenden
Truppe zu zügeln und unnöthigem Blutvergießen vorzubeugen. Wenn nachher
auch für die vier Missionslehrer etwa 150 Neubritannier ihr Leben haben
lassen müssen, so bleibt mir doch die Genugthuung, daß ich schließlich dem
Blutvergießen Einhalt thun konnte und damit ermöglichte, daß neben der
Sicherheit, welche wir für unser Leben und Gut erkämpft haben, wir auch
jetzt mit unsern damaligen Feinden in bester Freundschaft leben.“

Wie aus dem Vorstehenden schon erhellt, wurde der geplante Zug nach
Neu-Britannien unternommen und zwar mit etwa 80 Mann unter der Führung
von Mr. Brown, während ungefähr 20 Männer in Duke of York zurückblieben,
um die dort zurückgelassenen Frauen und Kinder zu beschützen. In
Neu-Britannien angelangt, wurde sofort der Kampf begonnen, die
Eingeborenen wurden weit in das Innere verfolgt und vollständig besiegt,
nachdem sie etwa 150 Mann verloren hatten; auch wurde ihnen die noch
in ihrer Gewalt und am Leben befindliche Frau eines aufgefressenen
samoanischen Missionslehrers wieder abgejagt. Für dieses arme Geschöpf
wäre es auch besser gewesen, sie hätte vorher den Tod gefunden, denn die
wenigen Tage hatten sie wahnsinnig gemacht.

Dies waren die drei in der letzten Zeit vorgekommenen blutigen Conflicte,
welche nach Ansicht der dort lebenden Weißen zunächst Sicherheit für
Leben und Eigenthum geschaffen hatten. Meine Aufgabe war es nun, die
bereits errungenen Erfolge nach Möglichkeit zu sichern, den Eingeborenen
die Macht eines Kriegsschiffes vor Augen zu führen und ihnen damit
den Beweis zu liefern, auf welch mächtigen Schutz die Weißen unter
allen Umständen rechnen können. Hierzu war es aber nöthig, daß ich mit
den Menschenfressern in nähere Berührung trat, daß ich sie in ihren
Niederlassungen aufsuchte, sie an Bord des Schiffes empfing, alle
vorliegenden Klagesachen durch Auferlegung von Strafen erledigte und durch
Feste einen engern Verkehr herbeiführte. Diesem Zwang muß ich es jetzt
nachträglich dankbar zuerkennen, daß ich mehr gesehen und gehört habe, als
ich vorher ahnte, und daß ich wol einen tiefern Einblick in die hiesigen
Verhältnisse erhalten habe, als irgendein Seefahrer vor mir. Es kam mir
allerdings zu statten, daß ich mir Herrn Brown verpflichtet hatte, sowie
daß mir zwei deutsche Herren zur Seite standen, welche durch jahrelangen
Aufenthalt hierselbst mit den Verhältnissen ebenso vertraut sind wie
Herr Brown. Ohne diese drei Herren würde ich wol sehr wenig erfahren und
dieses interessante Land mit seinen Leuten nicht kennen gelernt haben,
und wie nothwendig der directe Verkehr mit diesen Eingeborenen ist, wird
vielleicht das folgende Beispiel ergeben.

Die „Gazelle“ war drei Jahre vor mir in Matupi (Neu-Britannien), hat dort
einige Tage gelegen und den Hafen vermessen. Das Eine, was die Leute von
ihr wußten, war, daß sie sich der Anwesenheit eines großen Schiffes mit
vielen Leuten entsannen, welches auch furchtbare Thiere an Bord hatte,
auf denen einzelne Leute ab und zu an Land kamen. An diesen furchtbaren
Thieren wurde von uns die „Gazelle“ erkannt, da sie von Timor einige
kleine Ponies mitgebracht hatte, welche zuweilen ausgeschifft und dann
auch zum Reiten benutzt wurden. Die Nationalität der „Gazelle“ kannten sie
ebenso wenig, wie das Erscheinen dieses Schiffes sie davon abhielt, einige
Zeit später in nächster Nähe eine deutsche Niederlassung niederzubrennen.
Die „Ariadne“ war nur einen Nachmittag in Matupi, wird aber sobald nicht
vergessen werden, da das Schiff vorher angemeldet war, sein Name wie seine
Nationalität bekannt ist und die sämmtlichen Einwohner von Matupi vor den
Offizieren und Mannschaften des Schiffes einen Tanz aufführten, zu welchem
schon vorher die Vorbereitungen getroffen waren; auch kam das Schiff
direct von dem vorhergenannten, nur wenige Seemeilen entfernten Platze,
wo die Eingeborenen wegen jener Brandlegung mit Erfolg zur Verantwortung
gezogen worden waren und ein nach dortigen Verhältnissen hohes Strafgeld
hatten erlegen müssen, welch letzteres von der „Ariadne“ in Matupi in dem
Hause eines deutschen Agenten deponirt wurde.

Nach dieser Abschweifung will ich jetzt zu unsern eigenen Erlebnissen
zurückkehren und auf die S. 383 enthaltene Kartenskizze der Duke of
York-Inseln hinweisen. Schon im Laufe des Nachmittags wurde festgestellt,
daß das Schiff nicht mehr vor Eintritt der Dunkelheit das Reiseziel,
den Hafen von Makada (spr. Makadá), erreichen konnte; es wurde daher
beschlossen, für die Nacht den im Süden liegenden Hafen von Meoko
anzulaufen und dadurch das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden.
Wie vorher erwähnt, war dieser Hafen vor kurzem der Schauplatz eines
blutigen Conflicts zwischen Deutschen und Eingeborenen gewesen, es
war daher auf alle Fälle nothwendig diesen Platz zu besuchen; dann
war hier der Centralpunkt eines der beiden hier vertretenen deutschen
Kaufmannshäuser und nur von hier aus konnte ich mich mit einem deutschen
Schiffskapitän, dessen Gegenwart für die volle Ausnutzung der Anwesenheit
des Kriegsschiffes durchaus nothwendig war, in Verbindung setzen.
Schließlich hätte ein Verbleiben des Schiffes außerhalb des Hafens während
der Nacht mich gezwungen, die Nacht schlaflos zuzubringen, und es würde
mir dann am nächsten Tage die nothwendige Frische für die in Aussicht
stehenden Dienstgeschäfte gefehlt haben. So war es nicht schwer, den
Entschluß zu fassen, die Nacht in einem sichern Hafen vor dem Anker zu
verbringen. Kurz vor Sonnenuntergang stand das Schiff vor der Südküste
der York-Inseln, welche sich auch von hier aus dem Beobachter noch als
eine zusammenhängende Ländermasse zeigt. Für den Kenner dieses Landes
heben sich allerdings die im Süden liegenden schmalen und langgestreckten
niedrigen Inseln, welche unter sich wieder durch Korallenriffe verbunden
sind, scharf von der Hauptinsel Amakada (spr. Amakáda) ab, der Neuling
glaubt aber hier an der Südküste nur allmählich abfallendes Land zu sehen,
während die Ostküste der Hauptinsel senkrecht und steil aus dem Wasser
aufsteigt.

Das vor uns liegende Bild ist, trotzdem ihm wirkliche Effecte fehlen,
dennoch schön. Die ein niedriges Hochplateau bildende Inselgruppe, welche
die Höhe von 100 m nicht übersteigt, macht, wie dies auch von frühern
Reisenden behauptet wird, unwillkürlich den Eindruck eines schönen
Gartens, trotzdem sie auf ihrem Rücken nur undurchdringlichen Urwald
trägt. Die zu unserer Rechten liegende steil aufsteigende Ostküste ist von
der niedrig stehenden Sonne schon in tiefe Schatten gelegt, zu unserer
Linken glänzt die Flut noch in dem prächtigsten Blau und sendet ihre
kleinen von der leichten Brise aufgewühlten Wellen gegen die Ufer der
Inseln, um dort auf den Korallenriffen zu überstürzen, als blendend weiße
Brandung nach der andern Seite hinüberzulaufen und dort Ruhe zu finden.
Innerhalb der Riffe segelt ein europäisches Boot und verschwindet bald
in dem Landeinschnitt zwischen Meoko und Utuan (spr. Utuán), wie wir
vermuthen um uns durch die eigentliche Hafeneinfahrt zur Leistung von
Lootsendiensten entgegenzukommen, da dies der kürzeste Weg ist.

Der schmale Strand der niedrigen Insel Meoko wird von dem üppigen Laub
dichter Büsche und hochstämmiger mächtiger Bäume überschattet, Baumäste
und Schlingpflanzen neigen sich bis zum Wasserspiegel und bilden über dem
Strande einen natürlichen Laubengang. Hier und da zeigt sich eine Höhle
oder eine kleine malerische Schlucht, welche Kanus beherbergen und damit
anzeigen, daß die Insel bewohnt ist, wenngleich Menschen noch nicht zu
sehen sind; dieselben sind jedenfalls schon in ihren nach der andern Seite
zu gelegenen Hütten.

Wir stehen dicht vor der Einfahrt; links liegt die niedrige Insel Meoko,
rechts die kleine hohe, steil abfallende Felseninsel Muarlin vor dem
Festlande, wie man hier wol die große Insel Amakada nennen kann. Bei der
vorgerückten Tageszeit scheint es mir nicht räthlich, auf die Ankunft des
Lootsen zu warten, auch haben wir eine anscheinend gute, erst im vorigen
Jahre von einem deutschen Schiffskapitän aufgenommene Karte in Händen,
welche ein tiefes klares Fahrwasser gerade in die Mitte der Einfahrt
legt. Ich neige mich allerdings dahin, das Schiff dicht an die hohe Insel
Muarlin zu steuern, weil das Wasser an felsigem Ufer in der Regel tiefer
ist, lasse mich aber von meinem Berather bewegen, die Karte als richtig
anzusehen und die Mitte des Fahrwassers zu halten, gebe indeß dem Schiffe
doch die geringst mögliche Fahrt. Nur wenige Minuten und von beiden Seiten
des Schiffes melden die Matrosen am Loth nur 4½ m Wasser. Das Schiff geht
5½ m tief und hat noch Vorwärtsbewegung, kann den Grund also noch nicht
berührt haben, ein Blick auf die frisch ausgeworfene Lothleine zeigt, daß
die Lothgänger die richtige Tiefe angegeben haben, wir befinden uns mitten
zwischen den Korallen. Was thun? „Zaudern“ ist ein Wort im Sprachschatze
der Seeleute, welches, wenn auch nicht immer, doch häufig gleichbedeutend
mit „Unfall“ und durch Zwang wie Gewöhnung dem Seemann abhanden gekommen
ist, der Entschluß ist daher schnell gefaßt. Das Schiff muß weiter gehen,
entweder um sich wie bis hierher zwischen den Untiefen durchzuschlängeln
oder vorn mit dem Steven auf dem Meeresgrund einen Stützpunkt zu finden
und dann schnell hinten durch einen Anker festgelegt zu werden, damit
die Strömung es nicht seitwärts auf die Korallen wirft und dadurch das
spätere Abbringen wesentlich erschwert wird. Ist das Schiff dann so erst
fixirt, dann kann man es wenigstens mit Hülfe von Ankern denselben Weg
wieder zurückholen, den es gekommen ist. Das Glück bleibt uns aber auch
hier wie bisher hold, das Wasser wird tiefer, die unheimlich dicht unter
der Wasseroberfläche uns anstarrenden Korallen verschwinden und wir können
in tiefem Wasser nahe an Muarlin heranlaufen, dort einen scharfen Bogen
schlagen und nach weitern wenigen Minuten vor der deutschen Factorei in
dem Augenblick ankern, wo das vorhergenannte Boot auch dort eintrifft.

Unser Ankerplatz mit seiner Umgebung ist ein kleines Stück Paradies.
Rund eingeschlossen von hohem und dicht belaubtem Lande ist der schöne
sichere Hafen mit seinem wunderbar klaren Wasser, welches die Täuschung
hervorruft, als ob der Meeresboden handbreit unter dem Wasserspiegel
läge. Die Ufer des Landes werden stellenweise durch vorspringendes
Felsengestein und zurücktretende Meeresbuchten unterbrochen; hier
schiebt sich das Land dichter an uns heran, dort gestattet eine lange
Wasserstraße nach dem westlichen Ausgang eine größere Fernsicht. Auf
dem Lande stehen nicht nur Kokosnußbäume, sondern endlich auch einmal
wieder Laubhölzer, darunter mächtige Baumriesen mit bis zu 2 m dicken
Stämmen und diesen entsprechenden, nach unsern heimischen Begriffen
proportionalen Laubkronen. Die großen Blätter der Bananenstauden, die
saft- und kraftstrotzenden Sträucher, Schlingpflanzen, Gräser und Blumen,
die Vögel, summenden und zirpenden Insekten geben uns die Erinnerung
zurück, daß es auf der Erde auch noch etwas anderes gibt, als nur
Kokospalmen und immer wieder Kokospalmen. Die Wasseroberfläche im Hafen
ist spiegelglatt; draußen rauscht leise die schwache Brandung, als
ob sie mit der untergehenden Sonne, welche tiefer sinkend das vor uns
liegende Bild in die Schatten der Nacht legt, auch schlafen gehen wolle.
Wohnungen der Eingeborenen sind nicht zu sehen, aber einzelne Vertreter
dieser Rasse zeigen sich in ihrer classischen Nationaltracht, welche
nur im Färben der Kopf- und Körperhaare besteht, mit Speeren und Keulen
bewaffnet am Strande. Dicht vor uns, nur etwa 100 Schritte ab, führt
vom Strande ein sauber gehaltener und mit kleinen Steinen bestreuter
gerader Weg zu der deutschen Factorei, einem kleinen Holzbau mit daran
stoßendem steinernen Waarenhaus, das Ganze von einer steinernen Mauer
umwehrt. Der deutsche Agent kam an Bord, um sich vorzustellen und uns die
wenig angenehme Nachricht zu bringen, daß der in Diensten der Handels-
und Plantagengesellschaft stehende deutsche Schiffskapitän Levison, den
wir zur Ausführung unserer Pläne als Kenner der Landessprache und aller
einschlagenden Verhältnisse nicht entbehren konnten, mit seinem Schiff in
einem 30 Seemeilen entfernten Hafen läge und vorläufig nicht herzukommen
beabsichtige. Da andererseits ich ihn jetzt nicht aufsuchen konnte,
weil ganz bestimmte Aufträge mich nach Makada führten, wo ich einige
Eingeborene wegen Niederbrennung einer deutschen Station zur Verantwortung
ziehen sollte, so sprach ich den Entschluß aus, gleich am nächsten
Morgen nach Makada weiter zu gehen und die dortigen Geschäfte zuerst
zu erledigen. Bei der Besprechung, auf welche Weise Levison am besten
herzurufen sei, warf sich ein ebenfalls in deutschen Diensten stehender 60
Jahre alter Engländer ins Mittel und erbot sich, obgleich er eben erst mit
seinem Boot von dem in Rede stehenden Hafen gekommen war, sofort wieder
abzufahren, mit seinen beiden Leuten (Eingeborenen) bei dem stillen Wetter
die 30 Seemeilen während der Nacht abzurudern und den Kapitän am nächsten
Vormittag mit frischen, von dessen Schiff genommenen Leuten zu uns nach
Makada zu bringen. Meinen Einwand, daß er dies bei seinem Alter, nachdem
er bereits den ganzen Tag der heißen Tropensonne ohne Sonnensegel und
Schirm ausgesetzt gewesen sei, wol nicht aushalten würde, wies er lächelnd
von der Hand, und so ließ ich ihn ziehen in der Ueberzeugung, daß er die
Aufgabe nicht lösen könne; aber er hat sie gelöst. Dieser Mann gab mir
auch wieder den Beweis, welchen ich nicht nur an verschiedenen Beispielen
hier in der Südsee, sondern auch an mir selbst wiederholt gefunden habe,
daß auch der Europäer außerordentlich widerstandsfähig gegen das Klima
ist, sofern er nur immer mäßig lebt.

Obgleich es inzwischen dunkel geworden war und es vermuthlich an
Land auch nichts zu sehen gab, konnte ich dem Drang dahin doch nicht
widerstehen. Die Eingeborenen hatten es mir angethan, längst vergangene
Zeiten machten sich geltend und Anklänge an die Empfindungen, welche ich
als Kind beim Lesen der Indianer- und Wildengeschichten hatte, brachen
aus meinem Erinnerungsschatz hervor, als ich bei unserer Ankunft diese
chokoladenbraunen urwüchsigen Gestalten mit ihren phantastischen Waffen
am Strande sah. Ich fuhr daher noch für kurze Zeit an Land, um mir
wirkliche und leibhaftige Wilde und Menschenfresser aus nächster Nähe zu
betrachten, bei welcher Gelegenheit ich mir auch gleich durch Vermittelung
des deutschen Agenten einige Waffen direct aus den Händen der Wilden
eintauschte. Sehr verwundert war ich, nachher das Gewicht einer erworbenen
Streitaxt federleicht zu finden und zu erkennen, daß nicht nur der Stiel,
sondern auch die Axt selbst aus dem leichtesten Holz verfertigt war.
Später erst lernte ich die Bedeutung dieser Täuschung erkennen.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit Tagesanbruch an Land, um die Situation
des Hafens und des daran stoßenden Terrains in Ruhe zu besichtigen und
auf seinen Werth zu prüfen. Herr Weber, welcher sich bisher gewissermaßen
als unfehlbar erwiesen hatte, war mit dem Vorschlage hervorgetreten,
kurzer Hand die hier liegenden wichtigsten Häfen auf die eine oder
andere Weise für das Reich zu erwerben, weil ich nur dadurch meine
Absicht, die deutschen Interessen dauernd zu sichern, erreichen könne.
Ich hatte im Laufe der letzten Monate ja viel und reiflich über diese
Sache nachgedacht, mich aber noch nicht schlüssig gemacht; jetzt auf
diesem einsamen Spaziergang wollte ich zu einem Ende kommen. Bei meiner
Anwesenheit in Sydney, wie auch später in Levuka, hatte ich sowol aus dem
energischen Drängen aller Zeitungen, wie aus Gesprächen mit maßgebenden
und einflußreichen Personen ersehen, daß die Annectirung Neu-Guineas
durch England nur eine Frage der Zeit sein könne, und daß muthmaßlich
der Tag der Einverleibung sehr nahe liege. Weht aber erst die Flagge
Großbritanniens auf diesem Erdtheil, dann breitet sie sich wie unter
dem Einfluß des Windes auch über die großen Nachbarinseln Neu-Britannien
und Neu-Irland aus, um mit diesen werthvollen Ländermassen gleichzeitig
die Herrschaft über den St.-George-Kanal zu erhalten, welcher meines
Erachtens dermaleinst die Straße für den Dampferverkehr zwischen
Australien und China werden wird. Und dieser Möglichkeit mußte ich auf
alle Fälle zuvorzukommen suchen, damit das Deutsche Reich bei der nahe
bevorstehenden Theilung der Südsee unter die europäischen Staaten auch
ein Wort mitzureden hätte.

Meine Gig fährt auf den Strand, ich springe, in der Hand einen Stock und
in der Tasche einen Revolver, an Land und das Boot geht in tieferes Wasser
zurück, um mir mit leichtem Ruderschlag auf Rufweite zu folgen. Lang
entbehrter Genuß, auf festem Boden ordentlich ausschreiten zu können und
noch dazu in so herrlicher Umgebung, an solch thaufrischem Morgen!

Mein Weg führt dicht am Waldessaum entlang, auf schönem festen Sand,
nur wenige Schritte von dem Meeresufer entfernt. Eine leichte Brise
bringt angenehme Kühlung und spielt in dem leisen Rauschen der Blätter
das Präludium zu dem Concert, welches bald die erwachende Thierwelt
anstimmt. Hier und da treten eingeborene bewaffnete Männer einzeln oder
paarweise aus dem Busch, welche mich einsamen Wanderer neugierig und,
wie mir scheinen will, lüstern betrachten und dann weiter gehen, um, wie
das Gethier, am neuen Morgen ihrer Nahrung nachzugehen oder nur, ihren
dumpfigen Hütten entfliehend, unbewußt das köstliche Geschenk einzuathmen,
welches Gottes Gnade ihnen in dieser wunderherrlichen Natur beschert
hat. Unser Schiff liegt von hier aus versteckt; ob sie mich vielleicht
als jagdbares Wild ansehen und nur mein mit sechs Matrosen bemanntes
Boot sie zur Enthaltsamkeit veranlaßt? Vielleicht werden sie auch durch
hier am Strande liegende Brunnen -- in den Sand gegrabene Löcher, welche
süßes Wasser enthalten -- angelockt. Diesen Menschen kann man es beinahe
verzeihen, Menschenfresser zu sein, wenn man sie so in der Freiheit
sieht. Wenigstens auf mich machen sie den Eindruck von bewehrtem Edelwild,
obgleich ich kein Jäger bin. Liegt es in dem Gesichtsausdruck oder in der
Hautfarbe des nackten Körpers? In der scheuen Vorsicht ihrer Bewegungen
oder in der nie fehlenden Waffe, weil keiner dem andern traut, jeder
bereit ist, einem andern das Leben ebenso leicht zu nehmen, wie es ihm
genommen werden kann? Ich weiß es nicht, aber wahr ist es, daß man hier
verlernen kann, in dem „Mord aus Vergnügen“ noch ein Verbrechen zu sehen.
Wie gesagt, bewaffnet ist jeder, und hat er keinen Speer, keine Keule,
keine Axt, so hat er doch die wurffertige Steinschleuder in der Hand,
mit welcher er auf 30 Schritte und weiter seinen Gegner oder sein Opfer
sicher tödtet, oder durch einen Knochenbruch, bezw. eine lebensgefährliche
Verwundung in den Weichtheilen kampfunfähig macht.

Ich umschreite eine kleine Meeresbucht, welche so tiefes Wasser hat,
daß große Schiffe hineinholen und direct an Land anlegen können, die
daher nach etwaiger Anlage einiger Werkstätten einen guten natürlichen
Platz für Schiffsreparaturen abgibt. Etwas weiter komme ich zu der am
Strande gelegenen Hütte eines samoanischen Missionslehrers, welcher mit
seiner auffallend hübschen Frau damit beschäftigt ist, in seinem Hause
Tag zu machen. Es war inzwischen, nachdem ich einen dreiviertelstündigen
Spaziergang hinter mir hatte, Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, und
ich bestieg mein herangerufenes Boot mit dem Entschluß, nach Erledigung
meiner übrigen Geschäfte hierher zurückzukehren, um den Hafen auf
irgendeine Weise für uns zu sichern.

Um 9½ Uhr waren wir wieder unter Dampf, um durch die westliche Passage auf
dem kürzesten Wege nach Makada zu gelangen. Die Karte gibt zwar für das
äußere Fahrwasser keine nähern Tiefenangaben, sondern sagt nur, daß alles
voller Korallenriffe mit genügend tiefen Rinnen zwischen den Korallen sei,
indeß war mir mitgetheilt worden, daß die Passage mit gutem Ausguck von
dem Mast aus vollständig sicher ist. Da wir nun an diese Art Seefahrt mit
der Zeit gewöhnt sind und die Meeresfläche infolge andauernder Windstille
auch spiegelglatt war, so wählte ich der erheblichen Zeitersparniß wegen
diese Straße. Die vier Seemeilen lange Fahrt bis zum Ausgang des Hafens
an dieser Seite machte den Eindruck, als ob wir über Land führen, denn
da, wie schon erwähnt, bei der außerordentlichen Klarheit des Wassers
der ganze ebene und nur mit feinem weißen Korallensand ganz gleichmäßig
bedeckte Meeresboden scheinbar wie die Silberunterlage eines Spiegels
dicht unter der Meeresoberfläche liegt, so sah es aus, als ob wir uns
auf dem Sande fortbewegten. Bei jedem neuen Lothwurfe fürchtete ich eine
erhebliche Abnahme der Wassertiefe ausrufen zu hören, dieselbe blieb aber
gleichmäßig zwischen 10 und 12 m. Es mag auffallen, daß der Meeresboden
hier innerhalb des Hafens ganz frei von Korallen ist, dies wird aber
dadurch zu erklären sein, daß jetzt die dicke Schicht fließenden Sandes
den Korallen verwehrt festen Fuß zu fassen, wie es vordem der zweifellos
unter dem Sande liegende weiche Mudboden gethan.

Nach zwei Stunden, welche wenigstens für mich ziemlich anregend, um nicht
zu sagen aufregend waren, da das Schiff fortgesetzt seine Richtung ändern
mußte, um im Zickzack seinen Weg durch dieses ausgedehnte Korallenfeld
zu finden, langten wir gegen 11½ Uhr vormittags vor Makada an. Wir waren
lange durch vorspringendes Land verdeckt gewesen und wurden daher erst
bemerkt, als wir unserm Ankerplatz schon ziemlich nahe gerückt waren,
deshalb traf uns das entgegenkommende europäische Boot auch erst kurz vor
dem Hafen. Der in demselben befindliche Europäer stellte sich mir als Herr
Hernsheim, Bruder des in Jaluit lebenden Herrn gleichen Namens vor, was
mir große Befriedigung gewährte, weil ich nun infolge seiner Anwesenheit
meine dienstlichen Geschäfte hier am Platze ohne Zeitversäumniß gleich
erledigen konnte. Er war mit seinem kleinen Dampfer von Australien kommend
erst am Tage vorher hier eingetroffen und brachte mir auch die angenehme
Nachricht, daß der von mir bei meiner letzten Anwesenheit in Sydney
nach hier bestellte Proviant für die Korvette bereits angekommen sei und
jederzeit zu meiner Verfügung stehe. Dagegen mußte ich allerdings leider
hören, daß das seinerzeit als hier lagernd angemeldete Kohlenquantum
inzwischen erheblich herabgeschmolzen sei, wodurch ich gezwungen wurde,
zum Theil wieder auf Holzfeuerung zurückzugreifen, welche ich mit dem
Verlassen der Magelhaens-Straße für die fernere Dauer meiner Reise als
abgethan betrachtet hatte.

Hier will ich einschalten, daß dieser Herr Hernsheim es ist, welcher in
diesem Theile der Südsee die ersten Niederlassungen errichtet hat. Er
hat als Seemann vor Jahren mit einem eigenen kleinen Schiffe diese Gegend
befahren und erforscht und dann seinen Bruder, welcher in überseeischen
Ländern Kaufmann war, bewogen, mit ihm zusammen dieses große Gebiet
kaufmännisch ebenso auszubeuten, wie das Haus J. C. Godeffroy die weiter
östlich belegenen Inseln vornehmlich dem Handel erschlossen hatte. Dem
Kaufmann fiel naturgemäß anheim, auf den Marshall- und Carolinen-Inseln,
wo das Haus Godeffroy bereits Anfänge gemacht hatte, Factoreien zu gründen
und dieselben in directen Verkehr mit dem Mutterlande zu bringen, während
der Seemann Neu-Irland und Neu-Britannien übernahm, weil hier zunächst nur
unter dem Schutze eines oder mehrerer Schiffe am Lande fester Fuß gefaßt
werden konnte. So werden, wenn der noch unabhängige Theil der Südsee
dermaleinst an Deutschland fallen sollte, die Namen Weber, welchem Herrn
das Hauptverdienst an den Erfolgen des Hauses Godeffroy zuzuschreiben ist,
und Gebrüder Hernsheim wol verdienen, einen hervorragenden Platz in der
Geschichte der Colonialbestrebungen des Deutschen Reiches einzunehmen.

An Land gekommen, hatte ich die Freude, einem jungen Herrn Robertson
die Hand drücken zu können, einem Kaufmann aus Hamburg, welchen ich
in Sydney kennen gelernt hatte. Dieser Herr hat, in der Absicht, sich
mit seinen beiden Vettern Hernsheim zu associiren, die Reise von
Deutschland hierher gemacht, um sich vorher einen Einblick in die
hiesigen Verhältnisse zu verschaffen. Wenn man solche junge Herren
sieht, die, im Wohlleben aufgewachsen, sich hier in den engen kleinen
und keineswegs besonders seetüchtigen Fahrzeugen, mit welchen sie ihre
großen Reisen zwischen den oft über 1000 Seemeilen auseinanderliegenden
Inseln machen müssen, den größten Entbehrungen, Strapazen und vielfachen
Gefahren auf See wie am Lande aussetzen, dann muß man hohe Achtung vor
dem Großkaufmannsstand der Hansestädte und namentlich Hamburgs erhalten,
ein Stand, dessen Angehörige, jeder Verweichlichung fern, mit Muth und
Energie unter Daransetzung ihres eigenen Lebens ihrem Beruf nachgehen,
dessen eigentlichstes Wesen im Innern des Deutschen Reiches häufig kaum
verstanden wird.

Kurze Zeit nach unserer Ankunft war richtig Kapitän Levison auch
eingetroffen, der alte Engländer hatte also Wort gehalten.

Als Wohnplatz der Herren fand ich am Lande eine höchst dürftige hölzerne
Hütte mit einem Wohn- und zwei Schlafzimmern; das Beste an ihr war
eine große gedeckte Veranda. Die Einrichtung beschränkte sich auf die
allernothwendigsten Möbel, die zur Vertheidigung erforderlichen Waffen
und die zum Leben nöthigen Nahrungsmittel und Getränke. Mit den beiden
letztern sah es zur Zeit aber so kläglich aus, daß ich die Herren für
die Dauer unsers Aufenthalts als meine Gäste verpflichtete. Hinter dem
Hause war ein großes Waarenlager und ein Schweinestall mit zwei Thieren
von solcher Größe, daß sie von den Besitzern nicht geschlachtet werden
konnten, weil sie nicht gewußt hätten, wo mit dem vielen Fleisch zu
bleiben, weshalb es am besten war, daß ich sie als Geschenk für meine
Mannschaft übernahm. Die ganze Anlage war von einem Zaun umgeben und
weiterhin von großartigem Urwald, aus welchem der Platz für die Factorei
herausgehauen war.

Auf der Veranda saß ein schmächtiges eingetrocknetes Männchen in grauer
Hose und gleichem Hemde, welches mir als Herr Topulu oder King Dick,
Oberhäuptling und Hoherpriester der Duke of York-Gruppe vorgestellt
wurde. Dieser Mann verdient wegen seiner eigenartigen socialen Stellung
besondere Erwähnung und muß ich hierbei auch auf seinen verstorbenen Vater
zurückgreifen.

Während in diesem ganzen Archipel all die verschiedenen Stämme, ja
eigentlich die einzelnen Familien selbständig und voneinander unabhängig
sind, hat sich hier im Norden von Duke of York, und nur hier, ein
politisches Gemeinwesen dadurch gebildet, daß der Vater des Topulu früher
allein den Handel zwischen den Weißen einerseits und Neu-Britannien und
Neu-Irland andererseits vermittelte, dadurch viel Geld verdiente und
infolge seines Reichthums ein so hohes Ansehen gewann, daß er als der
einzige ungefährdet die früher höchst gefährlichen Gebiete der großen
Nachbarinseln bereisen konnte. Geld ist hier alles; für Geld werden Weiber
und Kinder wie Vasallen gekauft; nur für Geld gibt der eine dem andern,
der Bruder dem Bruder Feuer zum Anzünden seiner Pfeife; mit Geld wird ein
Höflichkeitsbesuch bezahlt; sogar der Mann muß der von ihm gekauften Frau,
deren unumschränkter Herr er ist, eine geforderte Liebkosung bezahlen.
Da nun das meiste Geld dem Besitzer auch die Würde des Hohenpriesters
verleiht und er in dieser als gefeit gegen die Angriffe seiner Feinde
angesehen wird, so war es dem klugen Vater des Topulu leicht, sich alle in
seiner Nähe liegenden Stämme zu unterwerfen und botmäßig zu machen, was er
denn auch ausführte. Als er starb, war Topulu von drei Brüdern der erste,
welcher seine Hand auf das Geld des Vaters legte und damit der Besitzer
wurde, denn in diesem gesetzlosen Lande steht die Achtung vor fremdem
Eigenthum so hoch, daß die beiden andern Brüder es nicht wagten, den
Topulu zu erschlagen und sich dadurch in den Besitz der Hinterlassenschaft
ihres Vaters zu setzen. So wurde Topulu der anerkannte Erbe seines Vaters
und von dessen Ansehen, sowie Besitzer des Handelsmonopols. Sein schon
hohes Ansehen wird aber immer mehr wachsen, da er mit Verschlagenheit
schon einen gewissen Schliff verbindet und den Werth freundschaftlichen
Verkehrs mit den Weißen wohl zu beurtheilen vermag, zumal wenn dieser
Verkehr sich vorzugsweise auf seine Person stützt. So wird, wenn nicht
vorher ein europäischer Staat seine Hand auf diese gesegneten Gefilde
legt, nur von hier aus Duke of York allmählich unterworfen werden können.
Dies war ausreichender Grund für mich, den Versuch zu machen, auch diesen
Hafen in meine Hände zu bekommen.

Im Laufe des Nachmittags fuhr ich mit Herrn Hernsheim und Topulu in
meinem Boote dicht am Ufer entlang zu des letztern Wohnstätte, um mir
dieselbe anzusehen. Der Wald tritt an unserm Wege bis dicht an den Saum
des steilabfallenden 4-5 m hohen Ufers, und die weit überhängenden Aeste
und Zweige der Bäume geben uns Schatten; an einer Einsenkung mit einem
kleinen Wassereinschnitt in das Land sind wir an dem Landungsplatz King
Dick’s angelangt und verlassen hier das Boot. Wenige Schritte auf einem
engen, oben durch Laub dicht geschlossenen Fußpfade bringen uns zu einer
Lichtung, wo sich vor meinen erst geblendeten Augen ein eigenartiges Bild
entrollt. Vor zwei großen, an den Wald sich anlehnenden Hütten liegt
ein freier bis zum Ufer reichender Platz mit einer wunderherrlichen
Fernsicht. Inmitten des Platzes sind mehrere Frauen und einige Kinder
damit beschäftigt, aus großen Stücken eines heute erst gefangenen
Haifisches ein Mahl zu bereiten und einzelne Theile wol auch zu dörren,
da der Haifisch hier wie auch sonst in der Südsee als große Delikatesse
betrachtet wird. Das Eigenartigste für mich aber sind die Frauen, denn
wenn ich in dem letzten Jahre auch viel Nacktes gesehen habe, so treten
mir doch hier, abgesehen von der Magelhaens-Straße, deren Bewohner kaum
einen menschlichen Eindruck machen, zum ersten mal ganz unbekleidete
Frauen entgegen; nicht die Nacktheit ist aber das Frappirende, sondern die
paradiesische Ungenirtheit, mit welcher die Frauen sich bewegen und der
sittige Hauch, welcher trotz alledem über ihnen liegt. Die eine Person,
eine jugendliche anmuthig gerundete Gestalt mit einem verhältnißmäßig
hübschen Kindergesicht, mit eingeschnittenen wunderlichen Figuren auf
allen möglichen und unmöglichen Körpertheilen, ist mit ihrem bunten
Glasperlenhalsband trotz ihrer Häßlichkeit geradezu zum Küssen, wie sie
mit den Händen auf dem Rücken so vor uns steht und mit zur Seite geneigtem
Kopf zuhört, was eine ihrer Mitfrauen dem gemeinschaftlichen Eheherrn
erzählt. Hier sieht man keine Nacktheit mehr, sondern nur Menschen,
welche, von dem ersten Sündenfall unberührt, noch nicht das Bedürfniß nach
Feigenblättern empfinden. Schamhaftigkeit ist in Uebereinstimmung mit dem
vorher Gesagten auch diesen Frauen eigen, denn während die Weiber überall
da, wo sie Hüfttücher oder Blätterschurze tragen, sich wie die Türken mit
gekreuzten Beinen hinsetzen, beim Bücken und Tanzen die Beine spreizen
oder sonst gelegentlich breitbeinig stehen, sind bei diesen Wildinnen
die Beine immer dicht zusammen, beim Gehen, Stehen, Sitzen und sogar beim
Tanzen, obgleich sie hierbei eine kleine Schürze tragen. Das Merkwürdigste
aber bleibt die Sitzstellung; mit geschlossenen Oberschenkeln ducken
sie sich, heben dann einen Unterschenkel nach hinten und setzen sich
auf den platt hingelegten Fuß, während der andere Unterschenkel je nach
Bequemlichkeit untergebracht wird, aber immer so, daß die Knie dicht
aneinander bleiben. Dieser Gewohnheit mag es auch zuzuschreiben sein,
daß die Frauen eine so wunderliche Beinstellung haben, welche gemeinhin
„negerartig“ genannt wird, während doch die gute Form des Beines an den
Negertypus nicht erinnert.

Der Hausherr forderte mich auf, einen Blick in seine Wohnung zu werfen,
wir treten daher in die erste, als Wohn- und Schlafraum benutzte Hütte
ein. Dieselbe ist groß und geräumig und innen durch einen eingelegten
Boden in zwei durch eine Leiter verbundene Etagen getheilt, deren jede
nur in je einem vollständig leeren Raum besteht. Der Fußboden des untern
Raumes ist bedeckt mit feinem schwarzen, abfärbenden Sand, welchen ich
erst für Eisenfeilenspähne hielt. Die zweite Hütte, von gleicher Größe und
Bauart wie die erste, dient als Schatzkammer und birgt die Schätze des
reichsten Mannes der ganzen Gegend. Neben mancherlei von den Europäern
neu erworbenen Sachen sind beide Etagen mit Diwarra, dem landesüblichen
Muschelgeld, angefüllt. Dasselbe, kleine auf Bambusreisern aufgereihte
Muscheln, bedeckt nicht nur in Haufen zusammengeschichtet und abgezählt
die Fußböden, sondern hängt auch, immer in eine ganz bestimmte Form
zusammengebunden, in großer Zahl an den Wänden und bezeichnet umso mehr
den Reichthum des Eigenthümers, als es gerade in dieser Form erheblich
an imaginärem Werth gewinnt. Es bedeutet in dieser Gestalt nicht nur
Geld, sondern einen Schatz, welcher nicht allein dem Besitzer selbst,
sondern seiner Familie und auch dem ganzen Stamme ein Ansehen verleiht,
welches verloren geht, sobald die Form des Schatzes zerstört und derselbe
zerkleinert wird. Es ist ein Ring von etwa 90 cm Durchmesser und 20 cm
Dicke in Form der auf den Schiffen gebräuchlichen Kork-Rettungsbojen,
welcher 80 Faden Muschelgeld, den Faden zu 6 Fuß englisch gerechnet,
enthält. Er gilt gewissermaßen als größtes Geldstück, während einzelnes
Diwarra als Scheidemünze dient, und wird, wie bei uns das Gold, stets als
vollwerthig gerechnet und daher immer zu 80 Faden angenommen. Ich möchte
diese Ringe mit den wenigen großen Banknoten, welche die Bank von England
ausgegeben hat und von denen jede ein großes Vermögen repräsentirt,
vergleichen, um so mehr als z. B. schon drei solcher Ringe das ganze
bewegliche Besitzthum eines Länderstriches von mehrern Quadratmeilen
bilden. Gegen Diebstahl ist die Hütte weiter nicht versichert, ein solcher
muß also, wie ich vorher schon gesagt habe, nicht befürchtet werden.

Demnächst gingen wir ein kleines Stück in den Wald und kamen dort zu
einem versteckten Platz, wo in einer langen schmalen Hütte acht sehr schön
geschnitzte Dug-Dug-Masken mit den zugehörigen Laubkleidern aufbewahrt und
Tag und Nacht von einem Mann bewacht werden, dessen Hauptaufgabe es ist,
die Weiber von dem Platze fern zu halten, weil diese von dem Vorhandensein
der Masken nichts wissen dürfen, sondern in dem Glauben erhalten werden,
daß die Dug-Dugs Geister seien, welche sich nur an bestimmten Tagen den
Augen der Menschen zeigen. Daß die Weiber heutzutage noch daran glauben,
bezweifle ich, doch wird wenigstens der Schein gewahrt.

Hiernach mußten wir dem eifrigen, auf seinen großen Besitz stolzen Topulu
auch noch zu seinen Fischereianlagen folgen, welche etwa zehn Minuten
weiter am Ufer auf einem freien Platz mit Sandstrand liegen. Eine große
offene Hütte mit Fußboden, welcher auch mit dem schwarzen Sande bestreut
ist, schien mir eine Art Festhalle und Berathungshaus zu sein; in einer
andern gleichfalls offenen noch größern Hütte hing ein außerordentlich
sauber gearbeitetes, sehr großes, kunstgerecht geknüpftes und auch nach
unsern Begriffen werthvolles Fischernetz; ferner waren da Fischreuse und
Angelleinen mit aus Perlmutter oder Schildkrot gefertigten Angelhaken.
Die ganze Anlage machte einen höchst saubern und netten Eindruck. Die
Fischereigeräthe stehen durchaus auf der Höhe der Zeit, da wir Europäer
auch nichts Besseres liefern können.

Es war für mich inzwischen Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, da der
englische Missionar Mr. Brown mir seinen Besuch zu 5 Uhr hatte ansagen
lassen und ich den Herrn doch gern persönlich empfangen wollte. Unsere
erste Unterhaltung ist in der Hauptsache am Anfange dieses Berichts
wiedergegeben und drehte sich vorzugsweise um die Person meines Gastes,
welchem ich leider auch nur ernste Nachrichten überbringen konnte.
Ich hielt es für meine Pflicht, ihm zu sagen, daß der Oberrichter der
Fidjigruppe, zu welcher alle in diesen herrenlosen Ländern lebenden
englischen Unterthanen gehören, mir mitgetheilt habe, daß er persönlich
Anfang Januar mit einem englischen Kriegsschiff hier eintreffen würde,
um ihn (Mr. Brown) vorläufig in Haft zu nehmen und zur Aburtheilung nach
Levuka zu bringen, und wie die dortige öffentliche Meinung dahin ginge,
daß das Urtheil auf mindestens fünf Jahre Gefängniß wegen Todtschlags
lauten würde. Des weitern bot ich dem bedrängten Manne meine Hülfe nach
jeder Richtung hin an und machte ihn mit Maßregeln bekannt, welche ich in
Anerkennung seiner um die deutschen Unterthanen erworbenen Verdienste zu
seiner Entlastung bereits getroffen hatte. Diese scheinen ihm zu seiner
Sicherung so ausreichend zu sein, daß er mir unter Verzichtleistung auf
jede fernere Unterstützung tief bewegt und um vieles erleichtert dankte.
Auf die Klagesache des Herrn Hernsheim wegen der niedergebrannten Station
übergehend, trat er der von diesem Herrn ausgesprochenen Ansicht dahin
bei, daß bei dem geringen Geldwerth des in Frage stehenden Objects und
bei dem augenblicklich bestehenden guten Einvernehmen zwischen Weißen
und Eingeborenen es politisch sei, auf eine ernste Sühne dieser vor
Jahresfrist stattgehabten Brandstiftung zu verzichten. Ich schloß mich
dieser Auffassung nach Erörterung aller einschlagenden Punkte auch an,
mußte aber immerhin auf dem äußern Zeichen einer Strafe bestehen und bat
daher Herrn Brown, am nächsten Vormittag 9 Uhr ebenfalls wieder an Bord
zu kommen, um bei der zu dieser Stunde anberaumten Verhandlung mit den
Brandstiftern als Dolmetscher einzutreten.

Der 12. December sah zu der vorgenannten Zeit die Betheiligten bei mir
versammelt. Die mit Herrn Brown gekommenen beiden angeklagten Häuptlinge,
welche nicht gewagt hatten allein zu kommen, betraten zitternd und
kaum der Sprache mächtig meine Kajüte, um hier wenigstens den Versuch
zu machen, die Urheberschaft von sich abzuwälzen, was ihnen jedoch
nicht gelang. Das für die Missethäter sehr glimpfliche und sie sichtbar
befriedigende Resultat der langwierigen Verhandlung war, daß jedem von
ihnen aufgegeben wurde, auf dem Platze des Herrn Hernsheim ein Haus in
Form und Größe der niedergebrannten aufzubauen, mit der Bedingung, daß
beide Häuser bis zum 19. d. M. fertig sein müßten, damit ich sie noch
vor meiner Abreise sehen könne. Die Häuser oder besser Hütten haben an
sich keinen Werth und werden vielleicht bald, ohne benutzt worden zu
sein, wieder eingerissen; der zwangsweise Bau im Angesicht der ganzen
Bevölkerung wird aber einen großen moralischen Eindruck machen und sich
somit als nutzbringend erweisen.

Nach Erledigung dieser Sache fuhr ich mit Herrn Brown über den Hafen, um
ihm und seiner Gattin meinen Besuch in seinem Hause zu machen. Der Hafen
hat heute ein anderes Gesicht als gestern. Die sonntägige Ruhe hat einer
herzerquickenden Rührigkeit Platz gemacht, überall in unserer nächsten
Umgebung sind die Menschen in voller Arbeit.

Bei der deutschen Factorei liegen meine Boote mit etwa 60 Matrosen, um
die an Land lagernden für uns bestimmten großen Massen von Proviant zu
holen, dicht daneben sind 50 Eingeborene damit beschäftigt, Kohlen in
große Prähme zu bringen, und von allen Seiten hallt die Luft wider von
den dröhnenden Axtschlägen der Eingeborenen, welche in der Zahl von mehr
denn hundert für mich Holz schlagen. Unsere Dampfpinasse fährt fortgesetzt
zwischen Schiff und Land hin und her, um Boote oder Kohlenprähme zu
schleppen, Offiziere und Aufsichtspersonal zum Lande zu bringen oder
von dort abzuholen. Auch auf dem Schiffe selbst ist die ganze Besatzung
in voller Thätigkeit, um die ankommenden Sachen in Empfang zu nehmen,
die Takelage auszubessern und für die fernere Seereise wieder bereit
zu machen, die einzelnen Maschinentheile nachzusehen und hier und da
im ganzen Schiffe kleine Schäden zu beseitigen. Kanus mit Eingeborenen,
aber immer nur mit Männern, kreuzen den Hafen nach allen Richtungen, um
sich aus größerer Entfernung oder mehr aus der Nähe das mächtige Schiff
anzusehen, welches dieses ungewohnte Leben verursacht und es fertig
gebracht hat, so viele ihrer Stammesgenossen für sich arbeiten zu lassen;
einzelne Kanus wagen sich auch bis zum Schiffe, einzelne Männer sogar bis
auf dasselbe.

Großes Wohlbehagen durchzieht mich während der Bootfahrt in dieser
herrlichen Natur unter dem eigenartig melodischen Geräusch eifriger
Thätigkeit bei dem Gedanken, daß dieser schöne Hafen wahrscheinlich in
wenig Tagen in meinem Besitz, oder wenn das Deutsche Reich ihn haben
will, in den Händen Deutschlands sein wird. Denn da es keinem Zweifel
mehr unterliegt, daß bei den Rechtsbegriffen der hiesigen Eingeborenen
nur die Uebertragung durch Kauf verstanden und als rechtsgültig angenommen
wird, so habe ich mich zum Kauf entschlossen und werde den Hafen, soweit
sich bisjetzt übersehen läßt, wol auch erhalten. Wie das kaum Erhoffte so
schnell und leicht gekommen ist, möchte der Leser vielleicht gern wissen,
doch gehört das nicht hierher.

Nach Zurücklegung von 2½ Seemeilen landeten wir an der Westseite der
nördlichen Halbinsel von Amakada, gingen etwa 20 Minuten auf schmalem
Fußpfade durch herrlichen Urwald bis zum jenseitigen Ufer, wo in einer
größern Ansiedelung die sogenannten Missionslehrer mit ihren Familien in
saubern Häusern leben, und stiegen dann auf ziemlich steilem breitern
Wege bis zu dem nahezu 30 m hochliegenden Rücken einer zum östlichen
Ufer steil abfallenden Klippe, wo das geräumige und bequem eingerichtete
Holzhaus der Mission mit einer großartigen Fernsicht auf das Meer und
die gegenüberliegende bergige Insel Neu-Irland liegt. Frau Brown, eine
mittelgroße, etwas hagere Dame von vielleicht 40 Jahren, welche schon
viele Jahre der Entbehrung und mancherlei Gefahren mit ihrem Gatten tapfer
getheilt und bisher glücklich überstanden hat, empfängt uns. In ihrer
Gesellschaft finden wir meinen Schiffskameraden, den nimmer rastenden
Herrn Weber, welcher auch hier mancherlei zum Nutz und Frommen seiner
Landsleute zu thun hat, sowie noch einen jüngern Geistlichen mit seiner
ihm vor wenigen Monaten angetrauten jungen Frau, einer 20 Jahre alten
Engländerin. Dieses junge Ehepaar ist erst seit wenigen Wochen hier, um
demnächst nach Neu-Britannien überzusiedeln und die dortige Mission unter
der Oberleitung von Herrn Brown zu übernehmen. Zwei kleine Browns, Kinder
zwischen 6 und 10 Jahren, und ein noch ganz kleiner Brown vervollständigen
das Familienbild. Die größern vier Kinder befinden sich bei Verwandten in
Auckland zu ihrer Ausbildung und um sie den hiesigen urwüchsigen Zuständen
zu entrücken. Frau Brown macht einen sehr gedrückten Eindruck, weil sie
voll Sorgen der Zukunft entgegensieht und die Hoffnungsfreudigkeit ihres
Mannes nicht theilen kann. Gebe Gott, daß diese schwergeprüfte Frau bald
von dem Alp, welcher auf ihrer Familie lastet, befreit sein möge![E]

     [E] Gegen Mr. Brown ist, wie ich später erfahren habe, die
  Anklage nicht erhoben worden, vielmehr hat er, wenn auch spät,
  von competenter Stelle eine Anerkennung für sein braves und
  richtiges Auftreten erhalten.

Auf dem Rückwege nahm ich noch Gelegenheit, mit Herrn Hernsheim in den am
Wege liegenden Häusern der beiden Häuptlinge, mit welchen wir am Morgen
bei mir an Bord zu thun hatten, vorzusprechen, um diesen Leuten zu zeigen,
daß ich ihren Schlupfwinkel kenne. Sie versicherten gleich, daß schon alle
Anordnungen für den Häuserbau getroffen seien, und sie mit der Arbeit
sofort vorgehen würden, sobald ihre Leute, welche jetzt für mich Holz
schlügen, frei geworden wären. Weiter unten dicht am Strande besichtigte
ich dann noch das in einem verschlossenen Hause aufbewahrte Staatskanu
von Topulu, welches merkwürdigerweise nicht im Wasser, sondern nur auf
dem Lande Verwendung findet. Dieses Fahrzeug ist ein wahres Meisterstück
der Holzschnitzerei und um so mehr des Anstaunens werth, als die ganze
Schnitzarbeit mit den unvollkommensten Werkzeugen, mit Muschelscherben
und geschärften Steinen, hergestellt ist. Ich nenne es ein Meisterwerk,
denn wenn die rund um das Fahrzeug auf dem Dollbord dicht aneinander
stehenden und aus einem Stück Holz herausgeschnittenen 60 cm hohen
Figuren, welche Menschen und Thiere darstellen, auch keinen Anspruch auf
richtiges Ebenmaß der einzelnen Körpertheile machen können, sondern nur
als Caricaturen zu betrachten sind, so ist die Arbeit doch eine so saubere
und in ihrer Art vollendet künstlerische, daß ich nur die vorstehende
Bezeichnung gebrauchen kann. Dieses zerbrechliche, buntbemalte, wie aus
Filigran hergestellte, an 5 m lange Boot wird nur zu dem einmal jährlich
stattfindenden großen Dug-Dug-Fest hervorgeholt und dient dann, von
mehrern Männern getragen, dem in ihm sitzenden Topulu gewissermaßen als
Thron.

Zur deutschen Niederlassung zurückgekehrt, um mich dort von dem Stand
der Arbeiten zu unterrichten, fand ich auf der Veranda des Hauses ein
wahres Prachtexemplar von einem Eingeborenen, eine athletische Gestalt
von solchem Ebenmaß der Glieder, daß ich mit wahrem Entzücken dieses
Wunderwerk der Natur betrachten mußte und zum ersten mal in meinem Leben
von der Wahrheit der classischen Darstellung des Hercules durch das
griechische Alterthum wirklich überzeugt wurde. Leider trug der Mann eine
wollene, eng anschließende himmelblaue Unterjacke ohne Aermel, welche,
vom Hals bis zu den Hüften reichend, im Verein mit den dunkelbraunen
unbedeckten Körpertheilen ein so merkwürdiges Bild abgab, daß man zum
Lachen gereizt worden wäre, hätte der Kerl nicht so ideal schöne Formen
gehabt. Er ist nach Topulu der angesehenste und reichste Häuptling
der Duke of York-Inseln, heißt Torragud und war bis vor kurzem der
gefürchtetste Menschenjäger und Menschenfresser. Das letztere hat er,
beeinflußt von der Mission und den hier lebenden Europäern aufgegeben, das
erstere aber konnte ihm bisher nicht abgewöhnt werden, und allem Anschein
nach wird er dieser Forderung auch fernerhin energischen Widerstand
leisten. Er macht auf die im Innern von Amakada lebenden Eingeborenen,
welche von den Küstenbewohnern durchgängig als jagdbares Wild angesehen
werden, regelmäßige Treibjagden und verkauft die erlegten Menschen
nach Neu-Irland, wo der Kannibalismus am ausgebreitetsten sein soll. Am
liebsten tauscht er für die seltene Waare Weiber oder Kinder beiderlei
Geschlechts ein -- weshalb? werde ich weiterhin auseinandersetzen.
Torragud ist, wie er kraftstrotzend mit dem Speer in der kernigen Hand
so vor uns steht, mit dem mächtigen Kopfe und dem großen Mund, mit den
zwischen den wulstigen Lippen vorleuchtenden, vom Betelkauen schwarz
gefärbten gesunden Zähnen der wahre Typus eines Menschenfressers, wie man
ihn sich in Europa vorstellt. Der angenehm freundliche Zug, welcher sein
häßliches Gesicht bei unserer Begrüßung verschönt, kann diesen Eindruck
ebenso wenig verwischen, wie sein eigenartiges herrisches Lachen, denn
in dem ganzen Gesicht zeigt sich doch ein Ausdruck von solch überlegener
Hoheit, daß er immer der über Leben und Tod gebietende Herr bleibt.

Es würde ermüden, wollte ich meine weitern hiesigen Erlebnisse den
Tagen und Stunden folgend niederschreiben, ich werde sie daher in sich
zusammengefaßt wiedergeben.

Die Männer, welche ich gesehen habe, sind durchweg sehnige, kräftige
Gestalten von ebenmäßigen Formen, ohne viel Fleisch, eher etwas schmächtig
und über Mittelgröße, durchschnittlich 1,65-1,70 m groß. Die Frauen sind
ebenfalls von gutem Körperbau, voller in den Formen als die Männer und
vorwiegend klein, etwa 1,45 m groß, doch findet man hin und wieder auch
einzelne hohe, schlanke Gestalten, welche aber, soweit mir aufgefallen
ist, feinere Nasen, kleinern Mund und hellere Hautfarbe haben. Die Farbe
der Männer habe ich ziemlich gleichmäßig chocoladenbraun gefunden, während
die der Frauen von hellem Braun bis zu tiefem Schwarz wechselt. Dies mag
daher kommen, daß die Frauen als lebende Waare vielfach von andern Inseln
eingehandelt werden. So wurde mir auch von glaubwürdiger Seite versichert,
daß in Neu-Irland die Mädchen, um sie im Preise steigen zu lassen,
künstlich gemästet und gebleicht werden. Dazu werden sie in einen kleinen
dunkeln, nur für eine Person bestimmten und als Käfig zu bezeichnenden
Raum gebracht, welcher nur eben so groß ist, daß die Person stehen und
liegen kann. Täglich mehrere mal wird sie dann, um das Bauer nicht zu
verunreinigen, von zwei Männern herausgetragen und, ohne ihr irgendwelche
körperliche Bewegung zu gestatten, gleich wieder zurückgebracht; im
übrigen bekommt sie gute Nahrung und wird sorgfältig gepflegt, um, sobald
sie genügend fett geworden und gebleicht ist, zum Verkauf gestellt zu
werden. Zur Verwendung als Nahrungsmittel werden sie aber nicht gemästet,
weil in diesem ganzen Archipel Frauen als viel zu nützliche Geschöpfe
überhaupt nie gegessen werden sollen, wie denn auch getödtete Männer nur
dann Käufer finden sollen, wenn der Verkäufer an dem Körper eine frische
Speerwunde vorweisen, also die weidgerechte Erlegung nachweisen kann.

Ich muß hier einflechten, daß meine Quellen für all das, was ich nicht
selbst gesehen habe, die Herren Brown, Hernsheim und Kapitän Levison
sind, ernste Männer, denen ich rückhaltslos vertraue. Aber auch weniger
glaubwürdige Männer würden in Anbetracht des durchweg ernsten Verkehrs
zwischen uns, wie in Rücksicht auf die Stellung, welche ich gerade in
dieser gewitterschwülen Zeit hier einnahm, sich jeder launigen Aufbinderei
enthalten haben, wenn sie vielleicht auch sonst dazu Neigung gehabt
hätten. Auch lag es ja, da die Herren meine weitern Dispositionen nicht
kannten und auch aus verschiedenen Gründen nicht zu erfahren brauchten,
daß der in Aussicht stehende Vertragsschluß mit den Samoa-Inseln mich
dahin zurückdrängte, ganz in meiner Hand, mich durch einen kleinen
Abstecher von der Richtigkeit der mir gewordenen Mittheilungen zu
überzeugen. Nach Neu-Irland war sogar eine kleine Reise zur Besichtigung
der dortigen Eigenthümlichkeiten geplant und der Tag der Abreise dahin
festgesetzt worden.

Die besondern Merkmale des Gesichts sind: dicht zusammenstehende Augen,
breite fleischige, platte Nase, sehr großer Mund mit vom Betelkauen
schwarz gefärbten Zähnen und wulstige, vom Betel ziegelroth gefärbte
Lippen. Das wollige Haar wird von den Frauen kurz geschnitten und von
den Männern in ungefähr 10 cm langen den Pudelhaaren ähnelnden Zotteln
getragen. Der Bart der Männer rahmt das Gesicht als schmale, ebenfalls
zottige Krause ein, der übrige Bart ist gewöhnlich wegrasirt.

Verzierungen in oder auf der Haut, wie man es nun nennen mag, haben nur
die Frauen, doch sind dieselben nicht durch Tätowirung eingeäzt, sondern
bestehen in dicken, bis zu 1 cm breiten und ½ cm hohen Narben, welche
künstlich in Gestalt verschiedenartiger Figuren durch Einschnitte in
die Haut vermittelst geschliffener Lavaschlacke oder Muschelscherben
hergestellt werden. Schmuck wird im alltäglichen Leben von beiden
Geschlechtern übereinstimmend getragen und besteht zunächst im Färben
der Kopf- und Körperhaare. Die gewöhnliche Farbe hierfür ist die rothe,
doch sieht man zuweilen auch weiße Köpfe; ob dies nun eine höhere Zierde
darstellt oder nur, wie auch in Samoa und Tonga, dazu dient, den Kopf von
Ungeziefer zu reinigen, mag dahingestellt bleiben, da ich es nicht weiß.
Dann haben beide Geschlechter am untern Rande der beiden Nasenflügel je
ein oder zwei kleine Löcher von nahezu 2 mm Durchmesser und die Männer
vielfach auch noch ein Loch durch die Nasenscheidewand. Diese Löcher,
welche zur Aufnahme von mancherlei Zierath bei festlichen Gelegenheiten
dienen, sind mit kleinen Holzstückchen ausgefüllt, damit sie in der
Zwischenzeit nicht zuwachsen oder sich verengern. Mit einem Halsband
schließt dann der Schmuck und die Bekleidung des Körpers ab, da das von
den Männern getragene Armband, wie ich weiter unten auseinandersetzen
werde, wol nicht als Schmuck bezeichnet werden kann.

Auf das Halsband, in welchem sich so ziemlich der ganze Kunst- und
Schönheitssinn dieser Menschen wiedergibt, wird so viel Mühe und
Sorgfalt verwendet, daß dasselbe eine nähere Beschreibung verdient.
Bei den Männern besteht es vorzugsweise aus dicht aneinander gereihten
Schweins- oder Walfischzähnen, doch tragen Häuptlinge auch gern einen
tellerartigen Halsschmuck, welcher in Größe, Form und auch Farbe wohl am
besten mit einem Pichel, wie er bei uns den Säuglingen vorgebunden wird,
zu vergleichen ist und aus einem steifen Bastgewebe besteht, auf welches
dicht aneinander Diwarra aufgenäht ist, wodurch das Stück auch einen
reellen Werth erhält.

Das Halsband der Frauen ist in der Hauptsache aus kleinen böhmischen
Glasperlen und Opossumzähnen zusammengesetzt und hat an herunterhängenden
kurzen Schnüren vielerlei kleine Zierstücke. Je nach dem Reichthum
des Mannes wachsen auch diese Frauenhalsbänder von einer einfachen
Perlenschnur bis zu 6 cm breiten Bändern mit einem Mittelstück aus
Opossumzähnen, welch letzteres hauptsächlich dem Schmuck Werth verleiht
und zwar deshalb, weil jedes Opossum nur zwei der hierzu verwendbaren
Zähne besitzt, mithin zur Herstellung eines solchen Stücks oft 50
dieser Thiere erforderlich sind. Ein besonders schönes Band, welches
die mit so reichen Narbenmustern gezierte Lieblingsfrau King Dick’s
trug und die es von ihrem Hals lösend mir schenkte, besteht aus einem
gewissermaßen das Schloß bildenden 6 cm hohen und 4 cm breiten Mittelstück
von über 100 Opossumzähnen. An dieses schließen sich nach beiden
Seiten je 12 Perlenschnüre an, welche durch je zwei senkrecht stehende
feine Schildkrotstäbchen geführt sind, wodurch sie in der Bandform
erhalten werden. Vorn an dem Schloß hängen 12, und hinten an den beiden
Bindeschnüren vier und acht 6-10 cm lange einfache Perlenschnüre, an
welchen je eine kleine Muschel, ein Stück geschnittenes Perlmutter (die
Halbmondform ist sehr beliebt), ein alter Knopf, eine ausgehöhlte halbe
Bohne mit daraus hervorstehendem Schweinezahn, ein Stückchen spiralförmig
gedrehter Rinde, eine große bunte Perle u. a. m. befestigt ist. Einzelne
Schnüre sind mit solchem Zierath noch nicht versehen und ich vermuthe,
daß diese noch auf die Geschenke warten, welche der Gatte gelegentlich zu
geben hat. Bei einem zweiten, mir von einer andern Frau Dick’s geschenkten
Halsband, schließt sich an das Mittelstück statt der 12 Schnüre ein aus
Perlen gewebtes breites Band mit zierlichen Mustern an, auch sind die
nach unten hängenden einzelnen Schnüre nicht direct am Schloß befestigt,
sondern es hängt an diesem zunächst ein 10 cm langes und 3 cm breites
Perlenband, dessen Verlängerung die einzelnen Schnüre erst bilden. Die
Halsbänder mit ihren weißen, blauen und rothen Farben, stehen, fest um
den Hals gelegt, den braunen Gestalten entschieden gut. Hier mag angeführt
werden, daß diese Eingeborenen eigentlich nur drei Farben kennen: das aus
einer Erdart gewonnene Roth, das aus Ruß und Palmöl hergestellte Schwarz
und das aus gebrannten Korallen hervorgehende Weiß. Blau kommt allerdings
auch vor, doch ist dies jedenfalls von den Europäern eingeführtes
Indigo. Andere Farben habe ich auf Duke of York und in Neu-Britannien
nicht angewendet gesehen. In Neu-Irland muß nach der Bemalung der dort
gefertigten Masken auch Gelb bekannt sein. Die weiße Farbe scheint die
beliebteste und geschätzteste zu sein, weil beim Tauschhandel die weißen
Glasperlen am höchsten im Preise stehen.

Auf den Schmuck, welcher bei Festen getragen wird, werde ich bei der
Beschreibung der Tänze zurückkommen.

Das von den Männern auf dem linken Oberarm getragene Armband ist
ursprünglich kein Schmuckstück und kann auch jetzt wol noch nicht als
solches gelten, weil es nur sehr vereinzelt in einer andern als der
ursprünglichen Form vorkommt und dann doch auch immer seinem eigentlichen
Zwecke dient. Das gewöhnlichste Armband ist ein einfaches Stück Bast,
welches so fest um die Mitte des Oberarms gebunden ist, daß es in
das Fleisch einschneidet und so in ähnlicher Weise als Tasche dient,
wie die Ohrlappen der Ellice-Insulaner, denn in Blätter gewickelte
Betelnuß, ein Stück Taback, die Pfeife und andere kleine Gegenstände
sind, zwischen Band und Fleisch geschoben, sicher untergebracht. An
Stelle des einfachen Baststreifens findet man auch, aber wie gesagt nur
vereinzelt, breitere aus ganz feinen Bast- und Rohrstreifen sauber und
theilweise mit eingefügten Figuren geflochtene Bänder, welche an den
Rändern wol auch mit Diwarra eingefaßt sind; dieselben bilden aber nie
einen Ring, sondern sind stets zum Binden eingerichtet. Ein in meinem
Besitz befindliches derartiges Band ist 5 cm breit. In Uebereinstimmung
mit Vorstehendem sind auch die aus Muscheln hergestellten Armbänder zum
Binden eingerichtet und bestehen daher aus drei bis vier charnierartig
mit Bindfaden zusammengefügten schmalen Stücken. Die auf andern und
namentlich den Salomons-Inseln vorkommende Sitte, aus einem einzigen
Muschelstück geschnittene geschlossene Armbänder in größerer Zahl über den
Arm gestreift als Schmuck zu tragen, besteht daher hier nicht, wenngleich
solche Armbänder bei den Weißen hier zu haben sind. Danach, ob dieselben
durch die weißen Händler von andern Inseln hierher gebracht werden, oder
ob die Eingeborenen sie als Tauschobject selbst anfertigen, habe ich mich
nicht erkundigt. Gegen die Verwendung der hiesigen Armbänder als Schmuck
spricht übrigens auch noch der Umstand, daß sie nur auf dem linken Arm
getragen werden, weil der Arm infolge des starken Drucks auf den obern
Muskel an der Entfaltung seiner vollen Kraft gehindert wird und diese
Wilden für ihre Waffen (Speer, Schleuder und Keule) der ganzen Kraft des
rechten Armes bedürfen, sie also hier nur ein lose sitzendes Schmuckstück
verwenden könnten.

Eine bewußte Pflege des Körpers ist wol kaum bekannt, da Reinlichkeit
kein Bedürfniß, sondern nur eine natürliche Folge der Lebensweise ist. So
habe ich die Frauen, welche allein die Arbeiten auf dem Lande verrichten,
durchweg schmutzig gefunden, während die viel im Wasser lebenden Männer
naturgemäß ziemlich rein sein müssen, denn sie gehen beim Fischfang
nicht nur bis an die Brust ins Wasser, sondern holen tauchend für sie
nützliches Gethier und Muscheln auch von dem Meeresboden herauf, wobei
ihnen die mehrerwähnte Klarheit des Wassers hülfreich zur Hand geht.
Dieselbe ist hier so groß, daß man auf 13 m Wassertiefe jeden kleinen
Stein auf dem Meeresboden unterscheiden kann, und daß ein Eingeborener,
dessen Taucherkunst wir prüfen wollten, uns aus dieser Tiefe eine ihm vom
Schiffe aus bezeichnete, nur 4 cm im Durchmesser messende Muschel ohne
Zaudern und schnell vom Meeresgrund heraufbrachte. Ja, das Wasser ist so
klar, daß wir sogar 10 Uhr abends bei allerdings hellem Mondschein bis zu
10 m Wassertiefe größere Steine und Muscheln deutlich erkennen konnten.

Die Waffen sind vorläufig noch die ursprünglichen und bestehen in Speeren,
Steinschleudern und Keulen, da die Europäer aus gewichtigen Gründen
mit dem Verkauf von Feuerwaffen sehr zurückhaltend sind und in den
einzelnen Fällen, wo sie die Forderung eines einflußreichen Häuptlings
nicht gut zurückweisen konnten, das Gewehr ohne oder nur mit für wenige
Schuß reichender Munition abgegeben haben. Weshalb die Leute sich mit
einer solchen doch werthlosen Waffe begnügen, werde ich weiterhin noch
auseinandersetzen.

Der Speer ist die verbreitetste Waffe und kann wol als die nationale
bezeichnet werden. Der gewöhnliche Mann trägt nur den eigentlichen 2½ m
langen Kriegsspeer, welcher im Kampf allein zur Anwendung kommt. Er ist
aus dem schweren, fast unelastischen Kokospalmenholz gefertigt, hat eine
40-50 cm lange rothgefärbte Spitze, welche an ihrem untern Ende in den
dicksten Theil des Holzes ausläuft. Von hier ab wird das Holz wieder
schwächer und endet in einem an der untern Fläche platten Knopf von 30 cm
Dicke. Dieser Speer wird mit der scharfen Spitze nach oben getragen und
gehalten. Die beiden andern vorkommenden Arten, bis zu 3 m lang, sind
nur Luxuswaffen und werden aus einem röthlichschwarzen, ebenholzartigen
Holze gefertigt. Als Zierde trägt die eine Art an dem untern Ende, wenn
die Spitze als oberes gelten soll, einen kunstvoll gefertigten Strauß
von bunten Vogelfedern, deren diese Ländergebiete ja eine große Auswahl
besitzen. Die Manschette, wenn ich so sagen darf, ist dicht mit kleinen
Federn umhüllt, der eigentliche Strauß besteht aus längern Federn,
von welchen die mittelsten am meisten hervorstehen. Bei der Anordnung
dieses Federschmucks entwickeln die Eingeborenen zuweilen einen auch
nach unsern Begriffen feinen Geschmack, denn ein von einem Häuptling
an der Nordküste von Neu-Britannien mir als ein besonders schönes Stück
geschenkter Speer hat an der Manschette nur matt gefärbte Federn, während
der eigentliche Strauß aus tiefschwarzen mit einzeln dazwischengestreuten
gelblichbraunen Federn besteht; diese Zusammenstellung ist von ganz
ausgezeichneter Farbenwirkung. Die andere Speerart trägt am untern Ende
als Schmuck einen Knochen, aber nicht, wie so vielfach behauptet wird,
einen Menschenknochen, sondern den Oberschenkelknochen des Kasuar,
ein schlankes, feines, schneeweißes Bein. Unser Stabsarzt hat sich auf
meine Bitte hin der Mühe unterzogen und alle die uns unter die Augen
gekommenen vielen alten und neuen Waffen dieser Art, welche wir in den
Händen der Eingeborenen, der Händler, im Privatbesitz hier wie an vielen
andern Plätzen sahen, untersucht und festgestellt, daß der Knochen stets
vom Kasuar stammt, oder doch jedenfalls kein Menschenknochen war. Die
Eingeborenen bestreiten auch entschieden, andere als Kasuarknochen zu
ihrem Speerschmuck zu verwenden. An der Stelle, wo der Knochen mit dem
Holz zusammenstößt, ist in der Regel ein rothes, mit Diwarra eingefaßtes
Stück Baumrinde umgelegt, an welchem häufig auch noch kleiner Zierath,
wie ihn die Halsbänder der Frauen haben, hängt. Diese Luxusspeere werden
stets mit der Spitze nach unten getragen, wodurch diese natürlich sehr
bald stumpf wird und den Gebrauch des Speers als eigentliche Waffe an sich
ausschließt.

Die Steinschleuder ist die nächst wichtige Waffe. Sie besteht aus einem
6 cm langen, 4 cm breiten und 3 cm tiefen bootförmigen Körper aus Bast,
an dessen beiden spitzen Enden zwei gleiche, etwas mehr als 1 m lange
zweidrähtige Schnüre befestigt sind. Die eine Schnur endet in eine
Schleife, die andere in einen konischen, nach oben breiter werdenden,
zierlich aus Bast geflochtenen Knopf von 1½ cm Dicke. Der abgerundete
Stein wiegt zwischen 100 und 150 gr. Beim Gebrauch wird die Schleife der
einen Schnur um den Daumen, der Knopf der andern zwischen Mittel- und
Ringfinger genommen und dieser Knopf dann von den ihn haltenden Fingern
losgelassen, sobald der Schleuderer sein Ziel zu haben glaubt. Wie
gefährlich diese Waffe in den Händen der Eingeborenen ist, habe ich früher
schon gesagt; ich habe sie zwar nicht anwenden sehen, habe aber zwei
Leute gesehen, von denen der eine durch die Schleuder einen Knochenbruch
am Oberschenkel erlitten, der andere in der Hüfte ein verwachsenes 2 cm
breites und tiefes Loch hatte.

Die Keule vertritt in gewissem Sinne die Stelle unsers Seitengewehrs,
wird im Massenkampf wol kaum benutzt und dient im alltäglichen Leben als
Vertheidigungswaffe, hauptsächlich aber wol als Schutzwehr, da jeder
waffenlose Mann als vogelfrei gilt und von jedem, welcher Lust dazu
verspürt, erschlagen werden kann. Mit der Bildung von größern Gemeinwesen
indeß, mit dem Zusammenfassen ganzer Stämme unter die Gewalt eines
Häuptlings ist die Waffe innerhalb der eigenen Grenzen als Schutzwehr
überflüssig geworden und dient, wenn sie nicht zur Jagd gebraucht wird,
nur noch als Symbol, ist das Abzeichen des freien Mannes. So ist es
möglich geworden, daß an Stelle der Waffe die Attrape treten konnte, ein
der Waffe nachgebildetes, als solche unbrauchbares Stück Holz, oder das
Gewehr ohne Munition, denn der Träger genügt der Landessitte, hat das
äußere Abzeichen und kann mit diesem sogar andern Stämmen ungefährdet
entgegentreten. Die Keulen wurden vor dem Verkehr mit den Europäern nur
in zwei Mustern hergestellt, entweder aus hartem, gewöhnlich Eisenholz
allein, oder aus solchem Holz in Verbindung mit Stein. Die Holzkeule hat
unten einen, das Abgleiten der Hand verhindernden Griff und oben eine
Verstärkung, welche nach den Seiten in eine scharfe Kante und nach oben
in eine Spitze ausläuft. Sie ist gewöhnlich roth bemalt und hat am Griff
mancherlei eingeschnittenen und lose hängenden Zierath. Die Steinkeule
besteht aus einem glatten Holzstock, über welchem oben ein bis zu 15 cm
dicker, ausgehöhlter Stein gestreift und mit einer Pechart, in welches
häufig noch Diwarra eingedrückt wird, befestigt ist. Das dritte Muster ist
erst entstanden, nachdem die Eingeborenen durch die Europäer in den Besitz
von Beilen gekommen waren. Diese Keule ist mit mehr Sorgfalt angefertigt
und kann wol auch nur als Luxuswaffe bezeichnet werden. Das Beil sitzt
auf einem flachen, mit eingelegtem Perlmutter verzierten Stiel, dessen
unteres Ende die Form der von den Eingeborenen gebrauchten Ruder annimmt
und hier reich geschnitzt, bemalt und mit einer großen Zahl angebundener
Berloques schön gemacht ist. Dieses Keulenmuster wird vorzugsweise als
Attrape benutzt.

Die Kampfweise entspricht selbstverständlich den vorhandenen Waffen.
Die Steinschleuderer bilden das erste Treffen und beginnen den Kampf in
größerer Entfernung, wo ihre Waffe zwar noch nicht zur vollen Geltung
kommt, aber immerhin doch den einen oder andern Mann außer Gefecht setzen
kann. Sobald nun die eine Partei ihren Steinhagel entsendet, dreht sich
die angegriffene Colonne für einen Augenblick schnell um, neigt den
Oberkörper zur Erde und streckt den ankommenden Steinen den fleischigsten
Theil des Körpers entgegen, weil hier auftreffende Steine aus der großen
Entfernung nur quetschen, aber keinen Knochenbruch erzeugen können. Dieses
Manöver, welches auf den Unbetheiligten einen höchst lächerlichen Eindruck
machen muß, sollen sie auch bei dem ersten ernstem Zusammenstoß mit den
Weißen gegen deren Flintenkugeln angewendet haben, ergriffen dann aber,
als die Kugeln schlank durchgingen, die Flucht, ohne ihr Gesicht wieder zu
zeigen, und versuchten diesen Kniff später gegen Feuerwaffen nicht mehr.
Sobald die feindlichen Colonnen in langsamem Schritt auf Speerwurfweite
aneinander gekommen sind, ziehen die Schleuderer sich zur Seite, das erste
Glied des Haupttreffens wirft seine Speere und eilt hinter die Front,
um dem zweiten Gliede Platz zu machen oder aber sämmtlich die Flucht zu
ergreifen. Denn bis zum Aufbrauch sämmtlicher Waffen soll es nie kommen,
weil eine Partei gewöhnlich den Kampf aufgibt, sobald zwei bis drei von
ihnen gefallen sind, und dies ist in der Regel schon nach dem ersten
Speerwurf der Fall.

An Werkzeugen findet man die Steinaxt, ein Stück Knieholz, dessen
langer Schenkel den Stiel bildet, während an dem kürzern ein harter,
grünlicher, geschärfter Stein angebunden ist; dann, wie schon angegeben,
Muschelscherben und Lavaschlacke. Eisen war vor dem Eindringen der
Europäer nicht bekannt und in der ersten Zeit des Verkehrs wurden für
kleine Stücke von alten Fässern gewonnenem Bandeisen die werthvollsten
Producte eingehandelt. Nachdem aber, und zwar erst in der allerneuesten
Zeit, Beile und Messer zum Kauf gestellt werden, hat das Bandeisen,
welches doch nur mangelhafte Geräthe liefert, sehr an Werth verloren,
obgleich Beile und Messer noch so hoch im Preise stehen, daß nur
Häuptlinge sie erwerben können.

An Musikinstrumenten habe ich nur eine aus Bambus hergestellte Pfeife,
die Trommel und die Maultrommel gefunden.

Die Pfeife, etwa 40 cm lang und mit eingebrannten Mustern verziert, ist
am Mundstück einfach offen mit einem kleinen halbrunden Ausschnitt und
unten geschlossen mit zwei oder drei Tonlöchern vor dem Abschluß.

Die Trommel, welche mit der Hand geschlagen wird, ist ein Cylinder von
Bambus oder anderm Holz, unten offen, oben mit Fisch- oder Schlangenhaut
bezogen, mit Schnitzwerk und Berloques verziert.

Die Maultrommel, in deren obere Seite zierliche Muster eingeschnitten
sind, ist aus einem Stück Bambus gefertigt, 20 cm lang, 6 cm breit und
wie eine große zweischneidige Messerklinge geformt. In dem 18 cm langen
und ¾ cm breiten Schlitz liegt die aus dem ganzen Stück herausgeschnittene
Tonzunge.

An künstlichen Erzeugnissen habe ich außer den bereits genannten
Fischereigeräthen, Kanus, Dug-Dug-Masken, Schmuckgegenständen, Waffen,
Werkzeugen und Musikinstrumenten nur noch sehr schön aus feinem Rohr
geflochtene Körbchen, Tanzstöcke und Schädelmasken gefunden.

Die Tanzstöcke bestehen aus einem flachen Stock, welcher unten einen Griff
bildet, an welchem sich zwei nach oben zeigende und in einen Winkel von
30° nach beiden Seiten neigende, mit der flachen Seite des Stocks in einer
Ebene liegende und mit bunten Federn verzierte kürzere Stöcke anschließen;
unten am Griff ist außerdem noch ein kleiner Federstrauß angebracht. Die
bessern Stöcke sind bis 1½ m lang, aus schwarzem glänzenden Holz gefertigt
und haben an den Außenrändern schön gewundene Linien.

Die Schädelmasken haben diesen Namen von den Europäern erhalten, weil
die vordere Hälfte eines Menschenschädels den Kern der Maske bildet.
Auf diesen Kern ist mit Lehm die treue Maske der hiesigen Eingeborenen
geformt. Die Oberkiefer sind innerhalb durch ein fingerdickes Stück
Holz verbunden, welches der Träger in den Mund nimmt und so sein eigenes
Gesicht verdeckt.

Von den Dug-Dug-Masken kann ich keine eingehendere Beschreibung geben,
weil ich keine Gelegenheit mehr fand, mir dieselben näher anzusehen, doch
wird das Nachfolgende vielleicht auch genügen. Den untern Theil bildet
ein dicker, aus langen schmalen getrockneten Blättern hergestellter
Rock, welcher von der Brust bis fast zu den Knien reicht. Auf diesen
Rock legt sich ein ebensolcher Laubkranz bis zum Hals hinauf, sodaß der
Träger des Anzugs zwischen diesem Kranz und dem Rock seine Hände und
Arme hindurchstecken kann, sowol um dieselben, wenn nöthig, überhaupt
gebrauchen, wie auch Geschenke in Empfang nehmen zu können; Hände und Arme
dürfen aber eigentlich nie gezeigt werden, weshalb man bei der Darreichung
eines Geschenks dicht an die Maske herantreten muß und die Gabe dann dahin
reicht, wo zwischen dem Laub die dunkeln Finger sich bemerkbar machen. Auf
den Kranz endlich kommt der oft über 2 m hohe thurm- oder pyramidenartige
Oberkörper mit Kopf. Derselbe ist ein Gitterwerk von ganz leichten
Rohrstäben und so mit Federn, Laub und schwarz-weiß-rother Malerei
verziert, daß man nicht in das Innere sehen kann. Ganz oben auf der Spitze
ist das eigentliche, scharf karikirte Gesicht angebracht, dessen Augen
aus den unter dem Namen „Katzenaugen“ bekannten Verschlußstücken einer
bestimmten Muschelart bestehen. Das Merkwürdigste an dieser Figur sind
die durch die Vermummung hervorgebrachten wunderlichen Körpermaße. Ganz
oben, 3-4 m über dem Erdboden, der kleine spitze Kopf, an welchen sich
der schmale armlose Oberkörper anschließt, dann die riesige Hüftenpartie,
welche bei dem Hals des Trägers anfängt und bis zu dessen Knien reicht,
und schließlich die kurzen Beinchen von den Knien bis zu den Füßen.

Die Nahrungsmittel der Eingeborenen bestehen in der Kokosnuß, Bananen,
Erdfrüchten (Yam, Taro, süße Kartoffeln), Fischen und Seethieren,
Vogeleiern (Hühner sind nicht bekannt), Menschen- und schließlich seit
zwei Jahren auch Schweinefleisch. Der Genuß des Schweinefleisch war
vordem, obwol das Schwein wild vorkommt, nicht bekannt und ist wol diesem
Umstand allein der Brauch der Menschenfresserei zuzuschreiben, da die
menschliche Natur doch nun einmal Fleischnahrung verlangt. Seitdem die
Weißen den Eingeborenen gebratenes Schweinefleisch vorgesetzt hatten,
welches sie für Menschenfleisch aßen, und nachdem dann vor ihren Augen ein
Schwein geschlachtet war und sie dieses Fleisch ebenso gut wie das vorher
genossene fanden, greift die Verwendung der Schweine als Nahrungsmittel
immer mehr um sich und die Menschenfresserei nimmt zwar langsam aber
stetig ab. Sind die Verhältnisse aber erst so geordnet, daß die Weißen
daran denken können, Rindvieh einzuführen und zu züchten, dann wird die
Menschenfresserei sicher bald ganz der Vergangenheit angehören.

Bei dem Kapitel Menschenfleisch werde ich mich nun, fürchte ich,
theilweise in unlösbaren Widerspruch mit den Angaben früherer Berichte
setzen, ich halte aber meine Gewährsleute für zuverlässig. Wie ich früher
schon gesagt habe, werden nicht nur erschlagene Feinde verzehrt, sondern
das menschliche Wild wird auch regelrecht gejagt. Die Zubereitung ist
eine höchst einfache; der stets vorher getödtete Mann wird in zwei große
trockene Bananenblätter ganz eingewickelt, dann mit dem Kopf nach oben an
einen Baum gehängt, die Blätter werden angesteckt und das Mahl ist fertig,
sobald die Blätter abgebrannt sind. Der Körper wird nun heruntergenommen
und mit den Händen das rohe Fleisch heruntergerissen und von den Männern
gegessen, während die im Hintergrunde sitzenden Frauen die Eingeweide
erhalten. Aehnlich wird das Schwein zubereitet, doch wird das gebundene
lebende und in trockene Blätter eingewickelte Thier, welchem auch noch die
Schnauze zugebunden ist, damit es nicht schreien kann, mit den Beinen nach
oben aufgehängt und erhält, ehe die Blätter angesteckt werden, mit der
Keule einen Schlag auf den Kopf. Nach Abbrennung der Blätter wird es dann
ebenso, wie vorher angegeben, verzehrt. Kapitän Levison war Augenzeuge
eines solchen Mahles, als er mit vier seiner Leute unter dem Beistand
eines befreundeten Stammes den bereits erwähnten erfolgreichen Kriegszug
gegen die Mörder eines deutschen Agenten unternahm. In ihrem Siegesrausch
warfen die Wilden ihre sonstige Zurückhaltung ab und gaben sich in seinem
Beisein dem Genusse hin, welchen sie sonst vor den Weißen ängstlich
verbergen. Hiernach kann ich die Berichte, welche von sorgsam zerlegten
Gliedern und nach unsern Begriffen hergerichtetem saftigen Menschenbraten
erzählen, nur als Phantasiegebilde betrachten, zumal die Eingeborenen
bisher überhaupt noch keine Werkzeuge besitzen, um einen Körper in dieser
Weise zu zerlegen, denn die wenigen erst seit kurzem in ihrem Besitz
befindlichen Messer und Beile können bei der weiten Verbreitung der
Menschenfresserei noch gar nicht in Betracht kommen. Doch schöner liest
es sich entschieden, wenn der Leser bei der Schilderung der einzelnen
Manipulationen ein gewisses Gruseln empfindet. Das Menschenfleisch
wird aber roh gegessen und dazu bedarf es keiner Zerlegung, denn das
Abbrennen der Blätter auf dem Körper der Menschen wie dem der Schweine
hat nur den Zweck, die Haare und Borsten abzusengen und die Haut mürbe
zu machen. Dem Einwand, daß es eine noch größere Ungeheuerlichkeit sei,
rohes Menschenfleisch zu essen, begegne ich damit, daß es wenigstens nach
meinem Gefühl weniger scheußlich ist, dem thierischen Trieb folgend das
Opfer einfach zu zerreißen, als mit bewußter Wollust mit den einzelnen
Gliedern zu liebäugeln und stundenlang vor dem allmählich gar werdenden
und brodelnden leckern Mahl zu hocken. Im übrigen sind die Leute an
diese Art der Nahrung von Kindesbeinen an ebenso gewöhnt, wie wir an den
Genuß von rohen und lebenden Austern, Land- und Wasserschnecken, an rohes
Rindfleisch 'à la tartare', wie die Samoaner an den Genuß lebender Raupen
und die samoanischen Katzen an den von Kokosnußkern, was doch wahrlich
gegen die Natur der Katze geht.

Daß hier allmählich Wandel geschaffen wird, ist hauptsächlich dem
Einflusse der Mission zuzuschreiben, da die Kaufleute bisher keine Zeit
hatten, sich der Verbesserung der Sitten zuzuwenden, sondern zunächst
nur daran denken konnten, festen Fuß zu fassen und ihr eigenes Leben zu
sichern; andererseits aber konnte die Mission, welche noch keine weitern
Erfolge zu verzeichnen hat, ihr Werk überhaupt nur unter dem Schutze
der Kaufleute, und zwar hier nur unter dem Schutze deutscher Kaufleute
beginnen.

An einem Vormittag überbrachte mir Herr Hernsheim eine Einladung
Topulu’s, auf seinem Fischereiplatze einen Tanz entgegenzunehmen, welchen
er auf mein Ersuchen arrangirt hätte, ich möchte aber sonst niemand
mitbringen. Wir fuhren daher zu seinem Wohnplatze, um zunächst hier unsern
Zahlmeister-Aspiranten, welcher mir mit Genehmigung des Eheherrn die
Narbenmuster auf der Haut der einen Frau abzeichnen wollte, abzusetzen
und auch mein Boot hier zurückzulassen. Am Ziel angelangt, fanden wir
in der großen offenen Hütte unsern Freund Topulu mit zwei seiner Frauen,
allerdings nicht gerade den ältesten, aber auch nicht den hübschesten. Die
eine ist ein murksiges ältliches Geschöpf von ziemlich heller Farbe, die
andere ebenfalls sehr klein, noch jung, wohlgenährt, aber tief schwarz;
sie hat eine Nase, welche so ziemlich die ganze Breite des Gesichts
einnimmt, dazu ist sie noch auf einem Auge blind, was in dem schwarzen
Gesicht noch mehr zur Geltung kommt. Beide sind schön geputzt, aber nicht
gewaschen. Die Haare sind frisch roth gefärbt, auf dem Kopfe sitzt eine
große bunte Feder, die Halskette ist fest und ordentlich umgebunden, und
beide haben in jedem Nasenflügel zwei, also jede vier 5 cm lange, nach
oben und trotzig aus dem Gesicht herausstehende dunkelbraune Stacheln.
Als wir zur Hütte kommen und uns verwundert umsehen, wo denn die andern
sind, raunt King Dick Herrn Hernsheim in seinem Kauderwelsch etwas zu und
ist verschwunden. Auf meine Frage: „Was nun?“ bekomme ich die Antwort:
„Topulu stellt Ihnen diese beiden seiner Frauen zur Verfügung.“ Auf
die Frage: „Was soll ich denn mit ihnen?“ die Antwort: „Sie können mit
ihnen machen was Sie wollen; nur dürfen Sie sie nicht essen.“ Lachend
gaben wir den ängstlich aneinandergeschmiegten Gestalten, welche uns wie
scheue Rehe anblicken, die von Herrn Hernsheim vorsorglich mitgebrachten
weißen Perlenschnüre und machen uns, befriedigt über die beabsichtigte
Freigebigkeit Dick’s, welche in diesem Lande wirklich etwas bedeuten will,
auf den Rückweg.

An einem Nachmittag holte mich Herr Hernsheim ab, um einen Besuch bei
Torragud zu machen. Ein schon längere Zeit auf einem Hernsheim’schen
Schiffe in Diensten stehender hiesiger Eingeborener dient uns als Führer.
Wir legen den 2½ Seemeilen langen Wasserweg bis Urakukua auf Amakada in
meiner Gig zurück und betreten dann den Wald. Bewaffnet sind wir nur
mit einem Stock, weil Herr Hernsheim Waffen für überflüssig hält und
ich nach meinen bisherigen Erfahrungen dem auch beistimme. Der sanft
ansteigende Weg in dem herrlichen, schönen Wald ist so breit, daß wir
bequem nebeneinander gehen können, in der Unterhaltung also nicht gestört
sind. Ungefähr auf dem halben Wege stoßen wir auf eine Lichtung, wo
unter hohen mächtigen Bäumen eine große Hütte liegt, auf deren geräumigem
Vorplatz zwei große, schwere Schweine sich ergehen; Menschen sind nicht zu
sehen. An diesen Platz schließt sich ein großes umzäuntes und sorgfältig
gepflegtes Stück Land, welches mit Erdfrüchten bestanden ist. Etwas
weiter bei einer Krümmung des Weges stehen plötzlich wenige Schritte
vor uns zwei prächtige, rehfarbene Mädchen, jugendlich üppige, schöne
hohe schlanke Gestalten, welche frei von allem Tand nur eine lange bunte
Feder im Haar haben. Einen Augenblick stutzen sie wie wir, dann mit einem
hellen Jauchzer brechen sie wie leichtfüßiges Wild mit leichten Sprüngen
in das Dickicht und machen erst in größerer Entfernung halt, wo wir nur
über dem Laub ihre Köpfe sehen und von wo sie mit ihren klaren Augen uns
beobachten und passiren lassen. Unwillkürlich entschlüpft mir, wie sie
so dahin eilen, der Ausruf: „Schade, daß wir kein Gewehr haben, um ihnen
eins aufzubrennen!“ und wieder zur Besinnung gekommen füge ich hinzu: „Es
ist gut, daß ich nicht länger hier bleibe, ich könnte sonst bei diesem
edlen Wild vielleicht noch selbst Geschmack an der Menschenjagd finden.“
Nach drei Viertelstunden Gehens sind wir auf der Höhe und bei dem groß
angelegten Besitz Torragud’s angelangt. Er empfängt uns, umgeben von
seiner Familie und einigen Ferkeln. Er selbst in seinem Naturkleid schön
wie immer, doch leider wieder mit der blauen Unterjacke, welche er auf
meinen Wunsch allerdings nachher für kurze Zeit ablegt. Einige Frauen,
darunter eine alte, häßliche, schwarze und spindeldürre Gestalt, die sich
uns grinsend nähert und auf der Brust einen Schmuck trägt, welcher sofort
meine Begierde erweckt. Noch ein Mann und mehrere Kinder, von denen ein
11-12 Jahre altes ziemlich dunkles mageres Mädchen von allen Personen
allein ein Hüfttuch trägt. Sie ist eine muntere, durchtriebene kleine
Person, welche mit ihrem neckischen Wesen das ganze Haus zu beherrschen
scheint und entschieden der allgemeine Vorzug ist. Torragud nimmt sie
an der Hand und sich in die Brust werfend stellt er sie vor: „'Tintamon,
Missi Brown he make him.'“ Sehr belustigt war ich, als wir herausbekamen,
daß Tintamon „King Salomon“ bedeuten solle. Welcher Witzbold aber dem
Mädchen diesen Namen gegeben hat, konnten wir nicht erfahren. Die Worte,
daß Mr. Brown ihn gemacht hätte, konnte nur dieser Herr mir erklären, was
er später auf einfache Weise mit der Erklärung that, daß er das Kind vor
kurzem getauft habe. Tintamon wird, wie ich noch herausgebracht habe, so
gehätschelt und gepflegt, weil sie schon an einen andern großen Häuptling
verkauft ist, aber nicht eher an den Käufer übergeht, bis sie die volle
Reife zur Frau erlangt hat, denn die Erhaltung bis zu diesem Zeitpunkt
ist Sache des Verkäufers. Aus dieser Sitte werden in Reisebeschreibungen
nun wol häufig Verlobungs- und Heirathsceremonien gemacht, welche
aber meines Wissens nicht existiren. Verlobung und Heirath kennt man
hier nicht, sondern nur den einfachen Kauf, bei welchem allerdings
Zweckmäßigkeitsgründe in der Weise unterlaufen, daß ein Häuptling die
Tochter eines andern, um sich mit diesem näher zu verbinden, schon im
frühesten Alter kauft und je nach dem Werth der Verbindung einen höhern
oder niedrigern Preis zahlt. Das Kaufobject ist hierbei nur der Strohmann,
um dem gezahlten Preise den Sinn des Tributs zu nehmen.

Nachdem wir Torragud’s Wohnhaus besichtigt haben, treten wir auch noch
in die Schatzkammer, welche, wenn sie auch nicht so große Reichthümer wie
die des King Dick aufweist, doch nach hiesigen Begriffen ein stattliches
Vermögen in sich birgt. Zur Familie zurückgekehrt äußere ich den Wunsch,
den Schmuck der Alten zu besitzen, doch diese rückt mir drohend auf den
Leib, schreit und keift und schützt das Kleinod mit ihren magern Armen.
Torragud bringt sie zur Ruhe, sieht sie mit ernstem prüfenden Blick an,
nickt einmal bedeutungsvoll mit dem Kopfe, als ob ihm ein guter Gedanke
gekommen sei, und wendet sich wieder uns zu. Nachdem wir noch aus einer
uns dargebotenen frischen Kokosnuß die Milch getrunken und verschiedene
kleine Geschenke vertheilt haben, verließen wir diese Waldidylle wieder.

Bei dem Besuche Torragud’s konnte ich beobachten, wie heutzutage noch
Gemein- und Staatswesen entstehen und sich entwickeln. Der Mann erwirbt
Geld oder ähnliches Gut und wirft sich, wenn er überhaupt das Zeug dazu
hat, durch das damit verbundene Ansehen zum Häuptling auf, vergrößert
seinen Hausstand durch Ankauf von Frauen, welche gleichzeitig auch für
ihn arbeiten müssen, siedelt dann seine erwachsenen Söhne, nachdem er
ihnen eine Frau geschenkt hat, in seiner Nähe an, ergänzt den Abgang in
seinem Hause wieder durch Ankauf von Knaben, sowie auch Mädchen, welch
letztere wiederum später als Frauen an die gekauften männlichen Mitglieder
abgegeben oder anderweit veräußert und namentlich gegen andere Kinder
ausgetauscht werden. So bildet sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit ein
Stamm, welcher durch Verkauf der Mädchen aus eigenem Blut und vielleicht
auch durch einmalige Zahlung einer gewissen Summe eine andere Familie
oder einen kleinern Stamm in sich aufnimmt und mit sich verschmelzt.
Ist der Stamm nun stark genug, dann breitet er sich leicht weiter aus,
indem er die Nachbarfamilien und Stämme nicht mehr kauft, sondern mit
Gewalt unterwirft und so allmählich immer mehr wächst, wenn er neben der
Gewalt auch noch Staatskunst zur Anwendung bringt, wie wol der Vater des
Topulu dies dadurch gethan hat, daß er den läppischen Dug-Dug in seinem
Interesse umgebildet und zu einer Ceremonie gemacht hat, mit welcher er
seine Unterthanen an Gehorsam und an seine Macht gewöhnte. Denn in ältern
Reisebeschreibungen findet man den Dug-Dug nur als hüpfenden Popanz und
nicht in der Form, wie er hier jetzt und zwar alljährlich nur einmal
abgehalten wird.

An dem auf den Besuch bei Torragud folgenden Vormittag brachte
Herr Hernsheim mir den seltenen Schmuck der Alten und bat mich,
denselben als ein Andenken an die gemeinsam unter den Menschenfressern
verbrachte Zeit anzunehmen. Obwol es gerade nicht höflich war, mir die
Erwerbungsgeschichte des Schmuckes erzählen zu lassen, konnte ich dem
Reiz nicht widerstehen, zu erfahren, wie er es möglich gemacht hatte,
das Stück zu erhalten, und ich stellte daher die Bitte, welche mir
auch gewährt wurde. Das von mir „bedeutungsvoll“ genannte Kopfnicken
Torragud’s hatte also wirklich einen tiefern Sinn und besagte, daß er,
Torragud, nun wisse, wie er in Besitz eines Hinterladers gelangen könne.
Was diesem schlauen Heiden dabei durch den Sinn ging, kann ich natürlich
nicht wissen, doch läßt es sich meines Erachtens leicht combiniren. Es
war schon seit lange sein Wunsch, ein Gewehr zu besitzen, er wurde aber
stets, wenn er am Schluß seines jedesmaligen Besuches mit dem betreffenden
Wunsche zum Vorschein kam, abgewiesen. Hier kam ihm nun endlich der
Zufall zu Hülfe. Der mächtige Häuptling (nämlich ich), welcher ein so
großes Schiff mit so vielen Männern, so großen Kanonen und so vielen
Gewehren besitzt (in den Augen dieser Leute gehört mir das Kriegsschiff,
wie die Kauffahrteischiffe das Eigenthum der Kaufleute sind), welcher
über die eingeborenen Häuptlinge zu Gericht sitzt, welcher unter den
Weißen eine Ausnahmestellung einnimmt, weil sie alles thun, was er
haben will, und der überhaupt die ganze Umgebung in Unruhe versetzt,
wünscht etwas zu besitzen, was nur er, Torragud, geben kann. Dem Missi
Hernsheim muß es daher eine wahre Freude sein, dem Schiffscommandanten
diesen Wunsch erfüllen zu können, und er wird nun das von Torragud
ersehnte Gewehr gewiß gern geben, wenn er von diesem dafür den Schmuck
erhalten kann. So macht Freund Torragud sich am nächsten Morgen mit dem
Schmuck auf den Weg nach der deutschen Niederlassung. Er hat sich nicht
getäuscht, er erhält schließlich das Gewehr, welches ihm nach Lage der
augenblicklichen Verhältnisse doch nicht mehr lange vorenthalten werden
konnte, aber allerdings ohne Munition. Auf die Frage, ob die Alte denn
den Schmuck gutwillig hergegeben habe, antwortet er lachend: „Nein,
sie hat erst ordentlich Prügel bekommen müssen.“ So hat die arme Alte
ihr Kleinod verloren, noch obendrein eine Tracht Prügel erhalten und
kann nicht einmal von dem Erlös etwas abbekommen. Und ich habe ein sehr
seltenes, vielleicht einziges, an sich werthloses Schmuckstück, welches
nach dem hiesigen Preis des Hinterladers mit 200 Mark bezahlt worden
ist. Es hat die Form einer der Länge nach getheilten halben Melone,
ist 20 cm lang, 9 cm breit und hat am untern Rand der langen Seite zwei
bäffchenartige Lappen von 12 cm Länge und 6 cm Breite. Das Hauptstück
wird aus einem Holzreifen gebildet, auf welchen ein festes Gewebe
aus Opossumzähnen so übergespannt ist, daß es ohne weitere Unterlage
in kräftiger Wölbung die Form der Melone annimmt. Auf den Bindfaden,
welcher die Zähne im Innern der Wölbung zusammenhält, sind noch kleine
perlenartige Muschelstückchen in regelmäßigen Abständen aufgereiht, sodaß
die Arbeit auch auf ihrer Kehrseite Sinn für Ordnung zeigt. Die sich an
das Hauptstück anschließenden Bäffchen sind an ihren Rändern mit einem
Kranz von Opossumzähnen und einem schmalen Band aus rother Baumrinde
eingefaßt; innen laufen wie die Saiten einer Harfe von oben nach unten
Schnüre aus Glasperlen und kleinen selbstverfertigten Perlen, welche
aus einem wie Schildkrot aussehenden Gemenge von balsamischem Harz und
Thonerde hergestellt sind. Oben auf diesen Schnüren sind noch je zwei
nebeneinanderliegende kleine Ringe aus weißen Glasperlen aufgenäht und
schließlich an der obern Langseite des Hauptstücks zwei Schnüre aus
dickern Glasperlen befestigt, welche über den Hals gestreift so lang sind,
daß der Schmuck gerade auf den Brüsten ruht. Der Werth dieses eigenartigen
Kunstwerks für die Eingeborenen ergibt sich daraus, daß an demselben
nach oberflächlicher Schätzung (zählen kann man die Zähne nicht ohne sie
auseinanderzureihen) an 1500 Opossumzähne und an 1000 mühsam mit der Hand
gearbeitete kleine Harzperlen sind.

Ehe Torragud mit seinem Gewehr die deutsche Niederlassung verlassen hatte,
hatte er noch gesagt, daß nachmittags 4 Uhr bei Urakukua ein Tanz für uns
bereit sei.

Dort angekommen finden wir einige Frauen und, wenn ich nicht irre, 17
Männer uns erwartend vor. Von den Frauen hat eine ein unsauberes Tuch um
die Hüften gebunden, die andern haben nur einen Bindfaden um den Leib,
an welchem vorn und hinten in der Mitte des Körpers ein kurzer Faden
mit einem ganz kleinen Laubbüschel am untern Ende herunterhängt und
welcher, wie ich früher schon gesagt habe, wol die Stelle einer Schürze
vertreten soll. Im übrigen sind sie nur mit Halsbändern und Nasenstacheln
geschmückt, im Gesicht und auf dem Oberkörper weiß angestrichen, jedoch
so dünn, daß die natürliche Hautfarbe durchschimmert. Die Männer sind
mit mehr Sorgfalt herausgeputzt und haben zunächst Gesicht, Oberkörper
und die Innenseite der Oberschenkel weiß, roth und schwarz bemalt,
das Kopfhaar ist weiß gefärbt. In den Nasenflügeln sind Stacheln und
Opossumzähne, in der Nasenscheidewand kleine Ringe aus Schildkrot,
Perlmutter oder aufgereihten Glasperlen, um den Hals die pichelartigen
Teller oder andere Halsbänder, um den linken Oberarm das Armband und um
den Leib haben sie ebenso wie die Weiber den Bindfaden, welcher hinten
ein untergeschobenes mit dem Stil nach oben gekehrtes großes Blatt, das
von dem Rücken bis unter das Gesäß reicht, hält, vorn hängt ein Faden mit
einem etwas größern Laubbüschel als bei den Frauen; ein Laubband um die
Knöchel vervollständigt den Anzug. Männer wie Frauen haben in jeder Hand
einen frischen Baumzweig mit Blättern, der Vortänzer der Männer hält in
jeder Hand einen Tanzstock. Die Kerle sehen bunt und unternehmend aus und
würden einen harmlosen Europäer, welcher unvorbereitet ihnen hier im Walde
begegnet, sicherlich erschrecken.

Die Frauen beginnen zuerst mit dem Tanze, stellen sich hintereinander in
einer Reihe auf und machen dieselben Bewegungen wie nachher die Männer,
aber mit einwärts gedrehten Füßen, geschlossenen Knien und eingeknickten
Beinen, so täppisch und unschön, daß wir schon nach wenigen Minuten genug
davon hatten. Die Männer stellen sich darauf in zwei Reihen nebeneinander
auf, und zwar die Reihen so weit voneinander ab, daß der Vortänzer,
welcher in der Mitte zwischen den beiden Reihen steht, bequemen Platz
zwischen ihnen findet. Alle nehmen eine ziemlich stramme Haltung an,
der Vortänzer hebt seine Stöcke, die andern folgen sofort mit derselben
Bewegung, stimmen einen einförmigen Gesang an und setzen ihre Beine in
Bewegung. Der Gesang besteht aus mehrern mit tiefer Stimme in demselben
Tone laut gesprochenen Worten, welchen dann einige in höherm Ton folgen.
Die Beinbewegungen sind leicht und tänzelnd und erinnern an das Traben
auf der Stelle, die Füße sind dabei auswärts gekehrt, die Knie geöffnet
und biegsam. Alle Bewegungen des Vortänzers werden von den andern
sofort aufgenommen und mitgemacht, die Stöcke und Zweige werden nach
oben gekehrt vor die Brust gehalten und die Köpfe liegen zurückgebogen
zwischen den Schultern, als ob die Leute krähen möchten; die Stöcke werden
nach oben gestreckt, die Köpfe gereckt und dabei im Gesang der höhere
Ton angenommen; die Stöcke gehen zur Brust zurück, wobei der Gesang den
alten Ton wieder aufnimmt, neigen sich nach vorn, der Kopf folgt, auch
der Oberkörper etwas, und es sieht aus, als ob die Tänzer ihre eigenen
Füße und deren Bewegungen betrachteten. Und so geht es auf- und abwärts,
wobei die Tänzer sich auch zuweilen durch einen Blick nach ihrem Nebenmann
vergewissern, daß sie noch gut ausgerichtet sind. Der Vortänzer tänzelt
vor, bis er zwischen den ersten Tänzern steht, schiebt sich in der
schmalen Gasse rückwärts bis zum Ende, die Führer der Reihen schwenken
nach beiden Seiten ab und alle schlagen im Gänsemarsch einen Bogen, bis
die Spitzen wieder bei dem Vortänzer angelangt sind, worauf das Ganze
in der alten Ordnung in gleichmäßigem Takt und gut ausgerichtet mit den
borstigen Nasen und den vor dem Leib hin und her wedelnden Laubbüscheln
auf uns zutrabt, bis es den alten Platz wieder erreicht hat. Die großen
Mäuler klappen auch gleichmäßig auf und zu, öffnen sich bei den höhern
Tönen mehr und werden dann so entschieden zugeklappt, als ob sie eine
gebratene Taube gefangen hätten.

Da es keine weitere Abwechselung gab, so hatten wir bald genug von dem
Vergnügen, vertheilten ein Geschenk an Taback und Glasperlen und machten
uns wieder auf den Heimweg.

       *       *       *       *       *

Am 15. December nachmittags waren Kohlen, Proviant und Wasser
übernommen, auch die Vorbesprechungen wegen Ankauf des Hafens von Makada
abgeschlossen, das Schiff war seeklar, es wurde daher der nächste Morgen
zur Abfahrt nach Neu-Britannien, wo ich mich zwei Tage aufzuhalten
gedachte, festgesetzt. Mein Besuch dort diente hauptsächlich der
Erledigung von zwei Klagesachen, welche ich zum Abschluß bringen wollte.
In dem einen Falle hatten die Eingeborenen des Districts Ruluana (spr.
Ruluánna) vor etwa zehn Monaten die dort gelegene Station der Firma
Hernsheim u. Comp. ohne Veranlassung niedergebrannt, kamen aber gleich
nach Ausführung der That zu dem Bewußtsein, daß sie ihnen doch schlecht
bekommen könne, und erboten sich freiwillig den Schaden zu ersetzen. Um
die dargebotene Hand nicht zurückzuweisen, erklärte sich die geschädigte
Firma, welche bei dem Brand Haus und Waaren im Verkaufswerth von 2800
Mark verloren hatte, bereit, das Gebot, welches in 300 Sack Copra im
Ankaufswerth von etwa 1200 Mark bestand, anzunehmen. Es erfolgte indeß
trotz des freiwilligen Anerbietens keine Copralieferung und die Mahnungen
wurden von den Eingeborenen durch verschiedene Ausflüchte und schließlich
damit erwidert, daß sie keine Säcke hätten, um die Copra hineinzupacken.
Zuletzt, etwa vor zwei Monaten, hatten sie wiederholt versprochen zu
liefern, die Lieferung war aber, trotzdem ihnen Säcke gegeben worden
waren, bis zum heutigen Tage immer noch nicht erfolgt. Ich erklärte mich
bereit, für die Sache einzutreten, aber nur unter der Bedingung, daß die
Herren sich mit einer ausgiebigen Verwüstung des Terrains bei Ruluana
einverstanden erklärten für den Fall, daß ich der betreffenden Häuptlinge
nicht habhaft werden könne. Ich glaubte mich dieses Einverständnisses
versichern zu müssen, weil der deutsche Handel durch das Niederhauen der
Kokosnußbäume eine sehr empfindliche Einbuße an seinen Einnahmen erleiden
mußte, gegen welche das vorliegende Streitobject in gar keinem Verhältniß
stand. Absehen konnte ich von dieser Forderung aber nicht, weil es
undenkbar war, daß ein Kriegsschiff, wenn es die Sache überhaupt aufnahm,
ganz unverrichteter Sache wieder abziehen sollte, um die Eingeborenen
dadurch auch noch in ihrer Anschauung, daß die Schiffe ihnen auf dem
Lande nichts anhaben könnten, zu bestärken. Herr Hernsheim war mit allem
einverstanden, und so sollte unser nächstes Ziel Ruluana sein.

Der zweite Fall betraf eine Bedrohung des in Port-Weber stationirten
Agenten der Handels- und Plantagengesellschaft und zwar eine
Todesandrohung durch denselben Häuptling, welcher früher als Rache für
seinen erschossenen Hund an demselben Orte den deutschen Agenten getödtet
hatte und dafür von Kapitän Levison gezüchtigt worden war. Ob hier etwas
zu erreichen sei, war mir sehr zweifelhaft, doch wollte ich wenigstens
den guten Willen zeigen und für den Fall, daß ich keinen Erfolg haben
sollte, den Eingeborenen wenigstens das Vorhandensein von deutschen
Kriegsschiffen, welche hier noch nicht gewesen waren, vor Augen führen.

So war also alles zur Abfahrt bereit, ohne daß ich es während meines
mehrtägigen Aufenthalts hatte durchsetzen können, einen Dug-Dug zu
sehen. Auf mein wiederholtes Drängen bekam ich immer dieselbe Antwort,
daß es nicht angängig sei, und zwar aus dem Grunde, weil der alljährlich
nur einmal hier stattfindende Dug-Dug erst vor sechs Wochen abgehalten
worden sei. Mit demselben ist aber eine sechswöchentliche Fastenzeit in
der Weise verbunden, daß im Anschluß an das Fest weder Mann, Frau noch
Kind irgendetwas von der Kokosnuß genießen darf, weder die Milch, noch
das Fleisch; und was das bedeutet, kann nur der ermessen, welcher weiß,
welch große Rolle die Kokosnuß hier überall in der Ernährungsweise spielt
und welch erfrischendes Getränk die kühle Milch aus der frischen Nuß
ist. Die Kokosnuß ist während dieser Zeit Tabu, und wer die Hand nach
ihr ausstreckt, ist unrettbar dem Tode verfallen, weil überall Wächter
aufgestellt sind, welche die Innehaltung des Gebotes überwachen und an
jedem Uebertreter ohne Urtheilsspruch auf der Stelle das Todesurtheil
vollziehen. So war es auch uns in den ersten zwei Tagen unsers Aufenthalts
unmöglich, eine Kokosnuß zu erhalten, weil diese Tage noch in die Tabuzeit
fielen. Es wäre unter diesen Verhältnissen daher grausam von mir gewesen,
noch fernerhin auf meinem Willen zu beharren, da die Befriedigung meiner
Neugierde eine wahre Marter für die Eingeborenen werden mußte, weil
sie jedenfalls eine neue sechswöchentliche Fastenzeit hätten auf sich
nehmen müssen. Daneben aber würde es auch für die Kaufleute einen großen
Verlust bedeutet haben, weil mit dem Dug-Dug eine neue sechswöchentliche
Handelsstockung in dem Nordtheile der Duke of York-Gruppe verbunden
gewesen wäre. So mußte ich mich bescheiden, ohne zu ahnen, daß schließlich
Topulu mit seinen Häuptlingen mir aus eigenem freien Willen doch noch den
Dug-Dug anbieten würde.

Hier will ich gleich anschließen, daß meiner Ansicht nach der Dug-Dug
jedes religiösen Untergrundes entbehrt, weil diese Wilden überhaupt den
Begriff der Religion nicht kennen, und daher die auch von mir gebrauchte
Bezeichnung „Hoherpriester“ für den Herrn des Dug-Dug eine von den
Europäern erfundene willkürliche ist. Würde der Dug-Dug etwa kurz vor
die Reifezeit der Kokosnuß fallen, dann würde ich ihm einen praktischen
Werth beimessen, um durch die sechswöchentliche Tabuzeit die Frucht zur
vollen Reife kommen zu lassen, wie ja bei uns auch die Weinberge einige
Zeit vor der Lese sogar für den eigenen Besitzer Tabu erklärt werden; da
aber, wie schon früher erwähnt, die Kokospalme jahraus, jahrein stets
gleichzeitig alles, von der Blüte bis zur reifen Frucht trägt, so kann
hier nur ein politisches Motiv gesucht werden und ich finde nur =eine=
Erklärung für sein Bestehen. Hier in diesem Lande, wo weder Gesetz noch
Religion zu finden sind, steht jeder Mann in erster Reihe nur auf sich
selbst angewiesen und ist nur das werth, was er mit der Kraft seines Armes
erreichen kann. Um aber unabhängig von der körperlichen Kraft das Ansehen
der Häuptlinge zu wahren und ihre Stellung zu sichern, haben sie den
Dug-Dug und namentlich die sechswöchentliche Fastenzeit erfunden. Diesem
Gebote fügt sich jeder, jeder muß sich daher fügen, und da die Häuptlinge
das Gebot sowol erlassen, wie auch auf dessen Befolgung achten, so sind
sie die Herren und werden daher auch als solche angesehen.

       *       *       *       *       *

Am 16. morgens 6 Uhr, nachdem noch die verschiedensten für die Reise
nothwendigen Passagiere an Bord gekommen waren, wurde Anker gelichtet
und dieselbe Ausfahrt gewählt, durch welche wir hergekommen waren. Ich
wollte eigentlich einen andern Weg nehmen, weil ich bei der Herfahrt
doch zur Erkenntniß gekommen war, daß bei den vielen Korallenriffen eine
Grundberührung sehr leicht möglich sei; da indeß drei unserer Passagiere
erklärten, mit dem Fahrwasser so vertraut zu sein, daß keinerlei Gefahr
für das Schiff vorläge, gab ich nach. Zwei dieser freiwilligen Lootsen
begaben sich in den Vormars, um aus der Höhe das Fahrwasser besser
erkennen zu können, und der dritte blieb bei mir auf der Commandobrücke.
Aber trotz dieser drei Lootsen saßen wir schon um 7 Uhr fest. Rings um
das Schiff war tiefes Wasser, wir mußten daher mit dem Kiel auf einem
einzelnen Korallenblock sitzen, und so war es auch, wie ich mich von
einem schnell zu Wasser gelassenen Boot aus überzeugte; das Schiff saß
gerade unter dem Großmast mit dem Kiel auf einem Blocke von höchstens
1 m Durchmesser. Der Versuch, durch Rückwärtsschlagen der Maschine und
künstlich erzeugte Schlingerbewegungen loszukommen, blieb erfolglos;
zum Ausbringen eines Ankers blieb keine Zeit, weil bei dem fallenden
Wasser (es war Ebbe) das Schiff schon anfing, sich etwas auf die Seite
zu neigen und somit die ernsteste Gefahr für ein Umfallen des Schiffes
vorlag. So blieb nur übrig, mit Verlust eines Stückes Kiel das Schiff
mit Gewalt loszubrechen; es wurde daher das Ruder hart zu Bord gelegt und
die Maschine mit voller Dampfkraft vorwärts in Gang gebracht. Das starke
Schiff erzittert in seinen Grundfesten, neigt sich mehr zur Seite, fängt
an zu drehen, dreht schneller, ein Ruck und wir schießen den Weg zurück,
welchen wir gekommen sind, um den allerdings weitern aber sichern Weg
nördlich um Makada zu nehmen. Schaden hatten wir merkwürdigerweise nicht
genommen, denn der nachmittags heruntergeschickte Taucher fand nur, daß
einige Kupferplatten fehlten, der Kiel selbst aber unversehrt war.

Auf dem Wege nach Ruluana wurden die erforderlichen Vorbereitungen
getroffen, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Von dem Landungscorps
wurden die 60 kräftigsten und zuverlässigsten Leute ausgewählt, weil
darauf gerechnet werden mußte, daß jeder selbständig zu handeln hätte.
Scharfe Munition für Gewehr und Revolver, sowie Zündmaterial zum Anbrennen
der Häuser wurde ausgegeben, ebenso wurden alle im Schiffe vorhandenen
Aexte, Beile, Eisenkeile, schwere Hämmer und Sägen vertheilt, nachdem
die Zimmerleute versorgt waren. Den Offizieren und Unteroffizieren
wurden bestimmte Leute zugetheilt, und diese wieder so eingetheilt, daß
stets zwei Mann zusammen zu operiren hatten. Um 10½ Uhr vormittags wurde
das Schiff vor Ruluana beigedreht und ein in Hernsheim’schen Diensten
stehender Deutscher, welcher von den hiesigen Europäern am besten in
diesem Districte bekannt und mit der Landessprache einigermaßen vertraut
ist, wird allein mit einem Boot an Land geschickt. Es war dies die einzige
Möglichkeit, an die Eingeborenen überhaupt heranzukommen, weil sie bei
der Landung bewaffneter Mannschaften zweifellos sofort die Flucht ins
Innere ergriffen hätten. Ich wollte aber gern eine directe Verständigung
erreichen, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben und somit vor
unnöthigen Gewaltmaßregeln bewahrt zu bleiben. Unser Unterhändler hatte
den Auftrag, die 300 Sack Copra oder ein gleichwerthiges Geldpfand zu
fordern und den Eingeborenen von den beabsichtigten Maßnahmen Kenntniß
zu geben, welche im Falle der Ablehnung unserer Forderung zur Ausführung
kommen sollten. Das Boot kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß unser
Abgesandter mit einigen Häuptlingen nach einer drei englische Meilen im
Innern gelegenen Stadt gegangen sei, um das angebotene, in Muschelgeld
bestehende Pfand zu holen. Ich landete darauf mit den vorgenannten 60 Mann
und dem Musikcorps gegen 12 Uhr mittags an dem mit einem hohen dichten
Bambuszaun eingefriedigten Hernsheim’schen Platze, um durch eine gewisse
Machtentfaltung die Eingeborenen zu schrecken. Da bei unserer Annäherung
an das Land die uns von dort beobachtenden Wilden sich schnell zurückzogen
und im Waldesdickicht verschwanden, fürchtete ich, daß auch die Häuptlinge
vielleicht vorziehen würden, das Geldpfand nicht persönlich abzuliefern,
wodurch aber die eigentliche Absicht meiner Landung vereitelt worden wäre.
So bat ich Herrn Hernsheim, welcher den Weg ebenfalls kannte, seinem
Angestellten entgegenzugehen und alles aufzubieten, daß die Häuptlinge
persönlich kämen, oder aber die Annahme des Geldes sonst zu verweigern.
Hierauf machten wir es uns innerhalb des Zaunes bequem, nachdem noch
Doppelposten weit vorgeschoben und Verbindungspatrouillen aufgestellt
waren; die Gewehre wurden zusammengestellt, die Leute lagerten sich und
die Musik spielte einige Stücke. Gegen 1 Uhr meldeten die Posten die
Annäherung von Menschen und gleich darauf, daß Herr Hernsheim, sein Agent
und einige Eingeborene angehalten seien, worauf dieselben innerhalb des
Zaunes geleitet wurden. Herr Hernsheim erzählte mir dann gleich, daß ohne
sein Eingreifen wahrscheinlich keiner der Eingeborenen hier sei, weil
sie, als die unbekannte Musik zu ihnen drang, sofort fliehen wollten und
von ihm nur wegen des dichten Gestrüpps zu beiden Seiten des schmalen,
nur mannsbreiten Pfades hätten festgehalten werden können. Und was wäre
geworden, wenn sie nicht gekommen wären? Unter Voraussetzung böswilliger
Absicht wäre der Platz verwüstet worden, obgleich die Eingeborenen
thatsächlich unschuldig waren, und das alles wegen der Musik, deren
Wirkung auf die Naturmenschen von mir nicht in Berechnung gezogen worden
war. Aus ähnlichen Ursachen mag schon manches Unrecht von den Europäern
verübt worden sein.

An Eingeborenen erschienen drei Häuptlinge, ein älterer und zwei jüngere
Männer, sowie einige Träger, welche drei Ringe Muschelgeld zu je 80
Faden, das ganze bewegliche Besitzthum des Districts, trugen; auch einige
Neugierige folgten nach, welchen der Eintritt ebenfalls gestattet wurde.
Die zitternden Häuptlinge legten ihren Schatz vor mir nieder und schienen,
ängstlich um sich blickend und die vielen bewaffneten Männer musternd,
noch weitere Unannehmlichkeiten zu erwarten. Wenn diese 240 Faden Diwarra
nach dem augenblicklichen Stand des Geldes auch nur den halben Werth
der 300 Sack Copra hatten, so bedeuteten sie nach der früher gegebenen
Erklärung in ihrer Form doch mehr und waren nach den Angaben des deutschen
Agenten thatsächlich der ganze bewegliche Schatz des Districts Ruluana.
Ich konnte das Pfand daher um so mehr annehmen, als alle Eingeweihten
mir versicherten, daß die Leute schon denselben Tag mit dem Einsammeln
der Copra beginnen würden, weil sie mit dem Verlust ihres Schatzes jeden
Einfluß an der ganzen Küste verloren hätten und dieser Einfluß auf Matupi
übergehen würde, wo das Geld in der dortigen Hernsheim’schen Niederlassung
vorläufig aufbewahrt werden sollte. Denn Matupi brauche das Geld gar
nicht zu besitzen, vielmehr genüge die einfache Thatsache der Lagerung
daselbst, um für die Dauer derselben der Insel ein besonderes Ansehen zu
verleihen. Unter solchen Umständen war die möglichst schnelle Ablieferung
der Copra ja gesichert, da es im Interesse sämmtlicher Bewohner von
Ruluana lag, ihren Schatz in kürzester Zeit zurückzuerhalten. Das Pfand
wurde also mit der Gegenversicherung angenommen, daß die Rückgabe bei
der Ablieferung des letzten Sackes Copra erfolgen würde, wobei natürlich
auch ernste Mahnworte, in Zukunft deutsches Eigenthum stets als Tabu zu
betrachten, gesprochen wurden. Nach Erledigung dieser Sache und nachdem
noch einer der Häuptlinge mir ein besonders schönes Exemplar einer
Keule mit Beil angeboten hatte, wofür er ein anderes Beil und noch ein
entsprechendes Geschenk erhielt, waren wir fertig und ich gab, froh
über den durchschlagenden Erfolg, den Befehl zum Abmarsch. Als nun das
Signalhorn sein „Sammeln“ in den Wald schmetterte, um die Vorposten und
Patrouillen zurückzurufen, wurden die Menschenfresser schon ganz scheu,
als aber auf das Commando „An die Gewehre“ die Mannschaften aufsprangen
und zu ihren Waffen eilten, gab es kein Halten mehr, mit Blitzesschnelle
war der ganze Platz von Eingeborenen gesäubert; einzelne verschwanden,
große Löcher in den Zaun brechend, wie ein Schattenbild durch denselben,
als ob er nur aus Papier bestände; andere braune Gestalten gewahrte man
einen Augenblick oben auf dem 4 m hohen Zaun, um sie gleichzeitig nach der
andern Seite hin verschwinden zu sehen, nur der alte Häuptling, welchen
ich am Arm schnell festhielt, mußte zurückbleiben und brach zitternd und
laut keuchend in die Knie und konnte sich während unsers noch kurzen
Aufenthalts trotz allen guten Zuspruchs von seinem Todesschreck nicht
erholen. Daß diese nackten Menschen in ihrer Todesangst nur mit dem
Gewicht ihres Körpers durch den dicht zusammengefügten, starken und für
einbruchsicher gehaltenen Zaun durchgebrochen sind und namentlich, daß
sie an dem glatten Bambusholz, wo sie keine Handhabe für Hände und Füße
fanden, hinauf und über den Zaun gekommen sind, erscheint mir nur darum
glaublich, weil ich es selbst gesehen habe. So konnte ich diesen Strand
mit dem Bewußtsein verlassen, für die Folge deutschem Leben und Eigenthum
einen sichern Schutz hier zurückgelassen zu haben.

Um 2 Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord, wenige Minuten später die
Boote eingesetzt und weiter ging es nach Matupi, wo wir um 3 Uhr ankerten.
Den hiesigen Verhältnissen Rechnung tragend, ging ich nicht gleich ans
Land, sondern es wurde erst dem hiesigen Hernsheim’schen Agenten von der
in Aussicht stehenden Ueberführung der drei Muschelgeld-Ringe Kenntniß
gegeben, um dies einigen Eingeborenen mitzutheilen in der Voraussicht,
daß sich diese wichtige Nachricht wie ein Lauffeuer über die ganze Insel
verbreiten würde, und so war es auch. Als wir um 4 Uhr mit dem Schatz
an Land kamen, fanden wir die ganze Bevölkerung zu unserm, oder wol
richtiger zum Empfang des Geldes am Landungsplatze auf den Beinen. Ueber
uns stand Leib an Leib, als wir die steile Treppe, welche auf den Rücken
der kleinen Insel führt, hinanstiegen; eine schmale Gasse öffnete sich
vor uns, aber nur wenige Blicke fielen auf die Fremdlinge, dagegen alle
auf den Schatz. Wir hatten der ganzen Insel einen Festtag bereitet, was
dadurch noch deutlicher hervortrat, daß wir nach einer halben Stunde zu
einem freien Platz gebeten wurden, wo über 30 Frauen zum Tanz angetreten
standen. Anzug und der Tanz selbst waren wie in Urakukua, daher nicht
weiter erwähnenswerth, doch spielten sich abseits für mein Auge zwei
kleine Scenen ab, welche ich erwähnen möchte.

Nicht weit von mir, an einer Stelle, wo der um uns gebildete Kreis der
Eingeborenen etwas gelichtet war, stand ein kleiner, vollentwickelter,
reizender Backfisch mit den Händen auf dem Rücken und schaute so
unverwandt nach mir hin, daß ich zu ihm trat, um ihm ein kleines Geschenk
zu geben. Bei meiner Annäherung blieb das nackte Mädchen ruhig stehen, bis
ich dicht vor ihm war, dann aber drehte es sich schnell um und nahm die
Arme so geschwind nach vorn, als ob es Angst hätte, mit denselben etwas zu
verdecken, lief rasch einige Schritte, blieb dann wieder stehen, um sich
zurückzuwenden und ihre Hände schnell wieder auf dem Rücken zu verbergen.
Lag bei ihr das Schamgefühl in den Händen? Ich mußte lachen und kehrte
auf meinen Platz zurück.

Den Mittelpunkt des andern Bildes gaben zwei junge Burschen ab, Jünglinge
in gleichem Alter, welche Arm in Arm untergefaßt und in der freien Hand
den Speer tragend auf eine