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Title: Die Einsamkeit
Author: Tiedge, Christoph August
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Einsamkeit" ***

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    Anmerkungen zur Transkription

    Im Original kursiver Text ist _so dargestellt_.

    Die Originalschreibweise wurde beibehalten.



    _Die Einsamkeit_

    _von_

    _August Tiedge._

    _Leipzig
    in der Sommerschen Buchhandlung._



DIE EINSAMKEIT.



_Vorbericht._


_Ueber die nachstehende Epistel hätte ich dem Publikum eigentlich
nichts zu sagen, wenn mir nicht die Ursache ihrer Erscheinung ein paar
Worte abnöthigte, die mich sehr die Verlegenheit fühlen lassen, von
mir selbst reden zu müssen. Ich gehe damit um, meine zum Theil noch
ungedrukten, zum Theil aber seit 1783 zerstreut erschienenen Episteln,
nach einer strengen Auswahl und Durchsicht, in einer Samlung den Händen
des Publikums zu übergeben, wovon nun schon eine nähere Ankündigung
erschienen ist. Mancherlei Ursachen bestimmen mich, den freilich oft
gemisbrauchten Weg der Pränumeration einzuschlagen. Sehr viele meiner
Freunde haben sich indessen für mein Unternehmen interessirt. Und
wenn mich die Aussicht eines entsprechenden Erfolgs bei den ersten
Schritten nicht durchaus verläst: so wird die ganze Samlung meiner
epistolarischen Gedichte Michaelis dieses Jahres ohnfehlbar erscheinen,
unter Bedingungen, welche die bereits ausgegebene Anzeige darlegt.
Die gegenwärtige Epistel über die Einsamkeit soll eine Vorläuferin
der ganzen Samlung seyn, um dem Publikum, dem ich nur aus früheren
Ausstellungen bekannt bin, den Erwartungspunkt an die Hand zu geben.
Ich glaube dies unsern Zeiten schuldig zu seyn, die mit einem sehr
begreiflichen Widerspruche zu sehr und zu wenig poetisch sind._

    _Halberstadt, im Januar 1792._



_An_

_Lina._



    Es giebt auf Gottes schöner Welt
    Gewis noch manche schöne Stelle,
    Wo ich mir wol ein Hirtenzelt
    Hinbaut', an einer kleinen Quelle,
    Verstekt in einem Schweizerthal,
    Wo, wenn die Wind' aus Norden stürmten,
    Vertraute Pappeln mich beschirmten,
    Und wo ein Wäldchen, wenn der Stral
    Aus Südens Feuerschoos die Schwinge
    Dem West versengte, mich empfinge:
    Wo ich, vom Drang und Schein der Dinge,
    Von Lug und Trug der Menschen fern,
    Mich vest an meine Stille schmiegte;
    Wo ich den lezten Hang zum Spott,
    Den ein bethörter Donquixott
    Sonst leicht in Flammen blies, besiegte.
    Ja solch ein Pläzchen liegt noch hier
    Und da verstekt; allein vor allen
    Hat Dein geliebter Hügel mir
    Im Schlehenkranze wohlgefallen,
    Wo friedlicher die Lüfte wehn;
    Wo durch das Thal der Nachtigallen
    Sich lieblicher die Bäche drehn;
    Wo silberner die Blüten wallen,
    Die von des Frülings Schoose fallen.

        Wie einsam steht er da! wie schön!
    Im frischgewebten Feierkleide,
    Als hätt' er sich zum Tanz geschmükt;
    So schön, wie in der grünen Seide
    Kaum Minnas weisser Finger stikt,
    Und welche Aussicht in die Auen,
    Die er beherrscht! — O Freundin, hier,
    Hier möcht' ich mir die Hütte bauen,
    Wo Turteltauben über mir
    In schönen Zweigen traulich girrten,
    Und zu der Hand des stillen Hirten
    Herunter flatterten, und sich
    Vertrügen unter meinem Zelte,
    Und mich umschmeichelten, wenn ich
    Zur Botin eines Briefs an Dich
    Die kleine Tejerin bestellte.

        Da legt' ich mir ein Gärtchen an,
    Und flüsternd sollten, wie Gedanken
    Der Liebe Deine Seel' umranken,
    Die Spröslinge der Rebe dann
    Mein kleines Ohnesorg' umschwanken.
    Da wär' ich erst ein freier Mann,
    So frei, wie meine Nachtigallen;
    Da lüd' ich aus dem nahen Hain
    Die Sänger in die grünen Hallen,
    Zu süssen Wettgesängen, ein.
    Wir sängen, bis am dunkeln Hain
    Uns Cynthia von fern begrüste:
    Nun führe selbst die Königin
    Der Sterne durch die graue Wüste
    Des Aethers, minder eilend, hin.

        Gern würde mich der Wald verstekken;
    Da könnte mir den heitern Sinn
    Kein Hasser aus dem Herzen nekken;
    Da sollte wol die Schwäzzerin,
    Die Neugier selbst, mich nicht entdekken;
    Mich würd' ein immer froher Muth
    Zu lauter Freudenliedern stimmen;
    Entfernt von jeder Lasterbrut,
    Würd' ich zum Zorne nie entglimmen;
    Nie würde mir in seinem Blut
    Ein guter Nam' entgegen schwimmen.
    Auf einer stillern Lebensfluth,
    An deren Ufern, überhangen
    Mit Rosen, unbelauscht von Schlangen,
    Ein reines Herz so selig ruht,
    Würd' ein entwölkter Himmel spiegeln;
    Und leise würde hinter mir
    Ein Genius der Ruh die Thür
    Zum Tempel der Natur verriegeln;
    Damit in meiner Einsamkeit
    Mich nicht die tausend Dinge störten,
    Die einst an Blüten meiner Zeit,
    Gleich gierigen Insekten, zehrten,
    Bis sie zur Abgeschiedenheit,
    Zum Selbstgenus, mein Herz bekehrten,
    Und mich durch ihren Unbestand,
    Den meine Ruh so oft empfand,
    Die Kunst, sie zu verachten, lehrten.
    Von jedem Weltgetös' entfernt,
    Und fern vom Pöbel niedrer Freuden,
    Der täuschend gute Seelen körnt,
    Würd' ich mich an der Einfalt weiden,
    Die selbst vom Hänfling Weisheit lernt.
    O welche Wollust, auszuruhen
    Vom Wirbeltanz der Unnatur!
    Dann würden Thal, und Hain, und Flur,
    Beredter als die Bourdalouen,
    Die goldnen Sprüche der Natur
    Mir in die stille Seele flüstern;
    Nie würd' ich nach der Täuschung lüstern,
    Die alles, nur nicht glüklich, macht.

        Nein, ich beneide nicht die Pracht,
    Die manches Elend überschimmert,
    Und, wie der stolze Blik auch lacht,
    Die Ruh im Herzen niedertrümmert!
    O der betrügerischen Pracht!
    Ein frohes Herz, frei von Verschuldung,
    Ist warlich mehr, als die Verguldung,
    Die keinen Gek zum Weisen macht.
    Schau hin auf jene Vorgemächer,
    Wo man einander quälend ehrt!
    Die liebe Langeweile leert
    Auf diese Gruppen einen Köcher,
    Der nie mit seines Pfeiles Gift
    Das Leben Deiner Stunden trift.
    Tritt näher, Freundin, den Geräuschen,
    Nach welchen man sein Daseyn misst,
    Das, klein und kriechend, wie die List
    Durch die es Nichts, und Alles, ist,
    Sich martert, um sich selbst zu täuschen.

        O wie verliert sich das Gefühl
    Der Wahrheit auf dem Welttheater,
    In Nachahmung und leeres Spiel!
    Vergönnt mir nur der gute Vater
    Des Lebens, die Zufriedenheit,
    Mein Herz mit jener Heiterkeit
    Und Wahrheit der Natur zu nähren:
    So weilt im Schatten meiner Zeit
    Das stille Glük, das selbst der Neid
    Nicht würdig achten wird zu stören.

        Dich, Vater, find' ich überall
    In der Natur! Der Wasserfall,
    Das Lüftchen, das mit seinem Flügel
    Die Blüt' umarmt am Schlehenhügel,
    Das hohe Lied der Nachtigall,
    Selbst das Gekreische froher Raben,
    Ja Alles spricht so gut von dir,
    Und nichts verläumdet dich, als — wir!
    Wir Menschen, voll von deinen Gaben,
    Und dennoch von dir selbst so leer!
    Was Menschen erst entgöttert haben,
    Nur darin find' ich dich nicht mehr!

        Ja, Freundin, es ist warlich schwer,
    Zur Unnatur sich zu gewöhnen,
    Und durch die trügerischen Szenen
    Der Klugheit, die so freundlich hasst,
    So höflich mordet, froh die Last
    Des Lebens vor sich herzuwälzen.
    Im Schuz der Einfalt einer Flur,
    Und zwischen friedlichen Gehölzen,
    Verstatte mir nur die Natur,
    An ihrem Tisch mich zu vergnügen!
    Bei ihr ist Wahrheit! Ihre Flur
    Straft jeden Fürstenteppich Lügen;
    Bei solchem Freudenmale nur,
    Trank ihr geliebter Epikur,
    Ihr Priester, einst, in langen Zügen,
    Die unvermischte Wollust ein.
    O er verstand's, im grünen Hain,
    An ihrem Busen sich zu wiegen!
    Und das wär' ihm nicht zu verzeihn?
    Nicht zu verzeihn, daß er die Schale
    Des Lebens aufschloss, und den Kern,
    Von allem Weltgetöse fern,
    In einem kleinen Rosenthale,
    Das seine Hand erzog, genoss?
    Nicht zu verzeihn, daß auf der Stelle
    Der Veilchen seine Weisheit spross?
    Daß ihm in grün umwebter Quelle
    Die Lehre seiner Tugend floss?
    Verzieh doch er dem grossen Tross
    Der Thoren, die an Schalen käuten,
    Die Armuth ihrer Schwelgerei!
    Las sich die Streitsucht müde streiten,
    Die ewig fragt: was Freiheit sey?
    Mein Epikur war weis' und frei!
    Und war er's nicht: wo würd' ein Leben,
    Und wär's an Götterfülle reich,
    Im Himmel und auf Erden, euch
    Bericht auf eure Frage geben?

        Oft hört' ich auch: ein weiser Mann
    Ist immer frei! wie leicht gesprochen,
    Nur nicht so leicht gethan! Wie kann
    Auch selbst ein Weiser sich entjochen
    Von manchem Niederdruk, woran
    Die Sorg' ihn knüpft, mit allen Härten
    Des Misgeschiks, und wenn er dann
    Zur Einsamkeit in seine Gärten,
    Wie Epikur, nicht flüchten kann,
    Wo ihm der Freiheit Mirten blühen?
    Was bleibt ihm nun? Etwa der Welt,
    Worin ihm manches nicht gefällt,
    Wie Jakob Rousseau, zu entfliehen,
    Und von den Possenspielen fern,
    Worin sie wirbelt, aus dem Kern
    Sich eine bessre Welt zu ziehen?
    Wo Hass und Unruh nie das Fest
    Der Unschuld und der Freude stören?
    Ich rathe nicht dazu! Es läst
    Sich immer noch die Frage hören:
    Ob wir bei einem ew'gen Fest
    Der Freude wol beglükter wären,
    Als diese Welt uns werden läst,
    Die freilich uns noch manche Zären
    Und Seufzer aus dem Herzen prest,
    Dem schöne Pflanzungen verwildern,
    Die schönste Hofnung Täuschung giebt.
    Was hilfts, nach rosenfarbnen Bildern
    Zu haschen, die ein Hauch zerstiebt?
    Man schafft, empört von dem Tumulte,
    Der um uns her sein Wesen treibt,
    Sich eine Welt, bei seinem Pulte,
    Die glüklicher im Pulte bleibt.

        So hab' auch ich, in schönen Träumen,
    Mir manches Paradies geträumt,
    Und seinen Horizont mit Säumen
    Des schönen Morgenroths besäumt,
    Aus dem, mit Lichtgeström umschäumt,
    Im Schimmer seines Glanzgeschmeides,
    Der Tag den Elisäern keimt,
    Und das Phantom des Weltgebäudes,
    Das ich für meine Ruhe schuf,
    War lieblich anzusehn! Des süssen,
    Des reinen Daseyns zu geniessen,
    War hier der einzige Beruf
    Der Göttermenschen, die ich schuf.
    Sie waren alle Virtuosen
    Der Tugend, und die Unschuld lag
    Auf Blättern hingewehter Rosen,
    So ruhig, wie der Feiertag,
    Der ewig meinen Fluren glänzte,
    Vollauf von der Natur beschenkt,
    An deren Busen, ungekränkt,
    Der Friede sich mit Epheu kränzte,
    Mit keiner Fessel mehr bekannt,
    Auf welche Trug und Bosheit pochten,
    Als nur mit der, die, von der Hand
    Der Treu im Mirtenhain geflochten,
    Sie nur im Schoos der Liebe fand.
    Kurz meine Welt, das Vaterland
    Der Ruh, war eine schöne Welle,
    Die in den Strom der Welten rann;
    Da lächelte aus jeder Quelle
    Ein Engel einen Engel an.

        Der Freundschaft süsse Rosen glühten
    So unverwelklich durch den Hain
    Des Lebens, so von Giftthau rein,
    Wie sie nur auf der Insel blühten,
    Die, ohne Stolbergs Phantasie,
    Im grossen, unbegrenzten Meere
    Der weiten Idealogie,
    Wol unentdekt geblieben wäre.
    Man lebt' in süsser Harmonie.
    Sanft athmete, durch alle Triebe
    Des Strebens, nur der Geist der Liebe,
    Der Geist der holden Sympathie,
    Der meinem Volke, fern vom stolzen
    Aufstrebungsgeist, den Sinn verlieh,
    Mit welchem, Herz in Herz verschmolzen,
    Die allerreinste Melodie,
    Der Wohllaut eingestimmter Saiten,
    Den Plato selber nur vom weiten
    Im Traum empfunden haben soll,
    Ins grosse Chor der Wesenheiten
    So zauberisch hinüber quoll.

        Bei diesem ungestörten Liede
    Der Seelenharmonien, lag
    In seinem Palmenhain der Friede,
    Und feierte, der Flucht nun müde,
    Den feierlichsten Ruhetag,
    Der jemals auf dem Augenliede
    Der jungen Morgenröthe lag.
    Und ausgesöhnt war Erd' und Himmel,
    Ein nie umwölkter Sonnenschein
    Beschien das frölichste Getümmel,
    Beschien den ewig grünen Hain.

        Die von der Weisheit selbst verehrte,
    Nicht leichte Kunst, sich stets zu freun,
    Die sonst kaum Weisen glükte, hörte
    Ganz auf, die schwere Kunst zu seyn,
    Die Vater Utz im Mirtenhain
    Der Unschuld und der Liebe lehrte,
    Und Gleim, den jede Rosenflur
    Der Musen liebt, und immer liebte,
    Durch vierzehn schöne Lustren übte:
    Sie war blos Gabe der Natur.

        Das Heiligthum der Gabriele
    Gab meinem Volke jeden Zug,
    So wahr, daß er das Bild der Seele,
    Aus welcher er gequollen, trug;
    Und Sanftheit sprach aus jedem Zug.

        Kein Wild durchächzte die Gebüsche,
    Vor wildern Menschen auf der Flucht;
    Man war noch menschlich; kein Gemische
    Vergossnen Bluts und grüner Frucht
    Lies man zu seinem Mahle tragen —
    Der Mensch, aus unschuldvollern Tagen,
    Der fiel gewis das Thier erst an,
    Eh er es über sich gewann,
    Sein eignes Wesen zu erschlagen. —
    Noch lebten meine Lotophagen
    Mild, wie der Hain, sanft, wie die Flur,
    In süsser, unschuldvoller Frohheit,
    Weit zwar entfernt von wilder Rohheit,
    Doch dicht am Busen der Natur,
    Umwebt mit friedlichen Oliven;
    Den Segen der Zufriedenheit
    Lies ich von allen Zweigen triefen,
    In deren Schatten, überstreut
    Mit Blumen jener goldnen Zeit,
    Die Unschuld und die Liebe schliefen.

        Vielleicht, wenn mein Vielleicht nicht irrt,
    Erwartest du, wie hell die Wahrheit,
    Im ganzen Aufwand ihrer Klarheit,
    Durch meine Schöpfung leuchten wird?
    Sie kam von selbst, auf allen Wegen,
    Die sich durch mein Elisium
    Hinschlangen, meinem Volk entgegen,
    Man irrte nie um sie herum;
    Man pflükte nicht aus Dorngehegen,
    Nicht mühsam ihren Rosenkranz;
    Sie warf ihn jedem Wunsch entgegen;
    Sie mischte sich in Spiel und Tanz:
    Da ward sie, troz dem ofnen Segen,
    Den sie durch meine Götterwelt
    Hinströmen lies, in leichten Spielen
    Verstekt, zum Wettkampf aufgestellt. —
    Wie doch die Wahrheit den Gefühlen
    Des Herzens, nur verhüllt, gefällt!
    Mit Mühe wollen wir sie haschen!
    Die Freude, sie zu überraschen,
    Ist das, was ihren Reiz erhält.

        Und streng und freundlich wog die Waage
    Der offensten Gerechtigkeit,
    Von keiner Frevelhand entweiht,
    Das Recht der Wahrheit zu, und Tage
    Voll Einfalt, Still' und Heiterkeit.

        Die reizende Bescheidenheit,
    Der reinen Wahrheit treu, verhüllte
    So tief sich in sich selbst hinein,
    Daß meine Welt der Wiederschein
    Von ihren Thaten nur erfüllte.

        Die Duldung — himmlisch hold erschien
    Sie im erhabnen Schmuk der Demuth,
    Und um ihr Lächeln lies die Wehmuth
    Ein sanft verhüllend Wölkchen ziehn.
    So führte sie in jede Hütte
    Die stille Sanftmuth selbst hinein,
    Die schloss den Druk, durch den sie litte,
    Geheim in ihrem Busen ein.
    Den Druk? — Woher denn Druk und Pein
    In einer Welt, der die Verschuldung
    Nichts zu verzeihn, zu dulden gab?
    Wie kam denn Sanftmuth, wie kam Duldung,
    Wie kam Zufriedenheit herab
    Auf eine Welt, die, von Verguldung
    Der Thorheit weit entfernt, sich froh
    Im Sonnenschein des Friedens sonnte,
    Vor welchem jedes Laster floh;
    Wo man durchaus nicht anders konnte,
    Als nur zufrieden seyn und froh?
    Bedurften jene stillen Tage
    Der Unschuld, die kein Unrecht kennt,
    Der Tugend jener gleichen Waage?
    Der Hand, die Recht und Unrecht trennt?
    Man lebt' in einer süssen Jugend
    Der Kindheit noch, zu kindlich rein,
    Zu fromm, um tugendhaft zu seyn;
    Du siehst denn, Freundin, manche Tugend
    Kann unter Lastern nur gedeihn!
    Der Sturmwind, der den Feldern wütend
    Die tiefsten Narben hinterläst,
    Errettet, tausendfach vergütend,
    Das Land vielleicht von einer Pest.
    Nimm zwanzig Laster weg, so schwinden
    Vielleicht zehn Tugenden dahin!
    So las uns denn, für den Gewinn,
    Auch immer den Verlust verwinden,
    Und stets der Tugend Blumen streun!
    Der Kranz, den wir der Tugend winden,
    Wird einst ein schönes Erbtheil seyn,
    Das wir in ihrem Schoose finden,
    In irgend einem Friedenshain,
    Wo sich die Knoten von den Dingen
    Vielleicht ein wenig anders schlingen,
    Als in dem Erdenlabyrinth,
    Das uns, wie weit wir immer dringen,
    Mit seiner Schattennacht umspinnt.

        Verzeihe denn, du gutes Kind
    Der Unschuldwelt, daß an den Frieden
    Der bessern Zukunft, die hienieden
    Gehofft wird, ich nicht glauben kann!
    Vom Schauplatz, wo an wilden Dolchen
    Manch edles Leben blutig rann,
    Schwing' ich zur Gottheit mich hinan,
    Die dies Gewebe nur aus solchen,
    Und nicht aus andern Fäden spann,
    Wie sie vielleicht der Mensch ersann,
    Der weise Thor, der, in der Mitte
    Der Schöpfung da zu stehn, sich deucht;
    Und mit der Schöpfung seine Hütte,
    Sich mit der Gottheit selbst vergleicht,
    Die er noch, Wunder! glaubt zu ehren,
    Wenn er so gütig für sie sorgt,
    Und, zu der Haushaltung der Sphären,
    Ihr seine Hüttenweisheit borgt.
    Nach tausend aufgeklärten Jahren,
    Wird noch die Sonne Menschen sehn,
    Wie, unter längst verschwundnen Schaaren,
    Die Borgia's und Alba's waren,
    Und Titusseelen, gross und schön,
    Die unverlezlich die Gefahren
    Der Zeitenpestilenz bestehn.

        Die Welt rollt stets in Einem Gleise:
    So schleicht auch Menschenleben fort,
    Sich immer gleich, von Ort zu Ort,
    Als dreht' es sich in einem Kreise.
    Wir hoffen, hoffen! und das Dort
    Wird endlich hier, dieselbe Reise,
    Derselbe Weg, dieselben Gleise,
    Bald Wiesenplan, bald eingeengt;
    Nun einsam, izt vom Tross gegängelt;
    Hier blumig, dort vom Stral versengt,
    Der über unserm Haupte hängt;
    Und die Gefärten, nie verengelt,
    Ein Haufe, der sich immer drängt,
    Bis sich der Weg ins Dunkle schlängelt,
    Und uns das öde Thal empfängt,
    An dessen stille, dumpfe Schatten
    Die lichte Heimathflur sich schmiegt,
    Die den Ermüdeten, den Matten
    Im mütterlichen Schoose wiegt.

        Doch, wie die Ruhe nun erlangen,
    In einer Welt, wo Laster sind,
    Auch wol seyn müssen; die durch Schlangen
    So viel Vollkommenheit gewinnt,
    Als durch die sanfte Ringeltaube,
    Die, aus den Zweigen deiner Laube,
    Durch holdes Girren mit dir spricht?
    Wie läst sich da die Ruh erringen,
    Die unserm Herzen doch gebricht? —
    O! dazu führt, vor allen Dingen,
    Die schöne, menschlichschöne Pflicht:
    Alliebend, wie das Sonnenlicht,
    Ein jedes Wesen zu umschlingen,
    Das sich in unser Daseyn flicht;
    Die bessern Seiten aufzuspüren,
    Die jedes Wesen trägt, und schön
    Den Sphärenraum damit zu zieren,
    In dem sich unsre Tage drehn;
    Zu sorgen, daß kein Tag vergebens
    Für uns die Schwalbenflügel regt,
    Weil jeder einen Theil des Lebens
    Von uns auf seinen Schwingen trägt;
    Frisch fort zu gehn, was unsern Tritten
    Auch in den Weg sich wirft, und dann —
    Die Gottheit selbst um nichts zu bitten,
    Was man sich selber geben kann.
    Ein reines Herz, ein Herz voll Ruhe,
    Kann uns die Gottheit nicht verleihn,
    Was ihre Huld auch für uns thue!
    Der Mensch soll selbst, er soll allein
    Der Schöpfer seiner Seelenruhe,
    Der Gott in seinem Himmel seyn!

        Doch wird uns oft die Ruh' entrissen;
    Die Ebb' und Fluth, die uns umringt,
    Läst nur zu oft sie uns vermissen:
    Doch, Lina, desto süsser schlingt
    Der Friede, von der Lind' umdüftet,
    Und fern von allem eitlen Schmuk,
    Um uns den Engelarm, und lüftet
    Dem müden Pilger jeden Druk,
    Wann endlich von verbrannten Haiden,
    Durch welche seine Bahn sich krümmt,
    Der blaue Wald, voll Lebensfreuden,
    In seine kühle Ruh ihn nimmt.

        Nun seyd gegrüst, geweihte Schatten
    Der Einsamkeit! Nun sey gegrüst,
    Du frische Quelle, die dem matten
    Verschmachteten entgegen fliest,
    Die, unter grün umflohrten Schatten,
    Die weitre Wallfarth ihm versüst.
    Die kleinen lieblichen Sirenen
    Der Waldgesänge laden nun
    Den Pilger ein, bei ihren Tönen,
    Am Bachgeriesel, auszuruhn.
    Und endlich giebt er seinen Segen
    Dem Rasen, wo er ausgeruht,
    Und eilt mit hofnungsvollerm Muth
    Dem vorgestekten Ziel entgegen.
    Denn diese Ruhe, diese Kühle,
    Die seine Flammen löschte, macht
    Der Pilger nicht zu seinem Ziele;
    Gestärkter eilt er nur, gelehnt
    Auf seinen Stab, durch die Gefilde.
    Sprich! kennst du nicht in diesem Bilde
    Das Herz, das sich nach Stille sehnt?
    Das, oft verkannt, sich selbst nur kenntlich
    Durch manche Hofnung hingeharrt,
    Durch manche Täuschung, bis es endlich
    Sein eigner Gott, sein Schuzgott ward!

        O Ruhe! wenn im Abendgolde
    Zu Dir des Haines Athem stieg,
    Und feiernd die Natur, du Holde,
    Vor deinem Altar stand und schwieg:
    Wie strebte dann aus dem Getümmel
    Mein Herz hinaus, um hinzufliehn
    Zu dir, und deinen ganzen Himmel
    Dicht um mein Wesen herzuziehn!
    Wo an vergötternden Gedanken
    Die edlern Lebensfrüchte schwanken,
    Die nur in deinem Schoose blühn,
    Wo rein, und unberührt vom Neide,
    Durchs Haar der unentweihten Freude
    Die königlichen Rosen glühn:
    In diesem stilleren Geschmeide
    Flieht sie den Stolz und wandelt nur,
    Mit jenem Sinn der Unschuld freier,
    Und seliger, durch Hain und Flur;
    Da wischt sie jede dunkle Spur
    Des Grams, mit ihrem reinen Schleier
    Hinweg vom Antliz der Natur.

        Die Einsamkeit, die hohe Stille
    Vergöttert und erhebt den Geist,
    Daß er sich kühn, aus dieser Hülle
    Der engen Sinnlichkeit, zur Fülle
    Der Feier seines Himmels reisst.
    Hier blühn ihm ewige Naturen
    Aus der Unendlichkeit hervor;
    Hier tönt der Welten grosses Chor,
    Hier spriest auf reinen Aetherfluren
    Ein junges Sonnenheer empor;
    Hier blizzen heller ihm die Spuren
    Der Gottheit auf. Ein stilles Licht,
    Unsichtbar dem profanen Volke,
    Versilbert jede Schattenwolke,
    Die sich um seine Ruhe flicht,
    Und ihm die Aussicht in den Spiegel
    Der schönen Zukunft unterbricht,
    Die auf dem weichen Taubenflügel
    Der Ahndung um den Rasenhügel
    Geliebter Urnenreste schwebt,
    Und nun, entfesselt von dem Zügel
    Des Erdensinnes, sich zum Spiegel
    Der reinern Fluth der Wahrheit hebt.
    Er hüllt sich tiefer ein ins Grauen
    Der Mitternacht, dem Ernst geweiht,
    Und auf die Blumen seiner Zeit,
    Auf seine schönsten Stunden thauen
    Die Tropfen der Unsterblichkeit.
    Er sieht am Ufer, wo die Zeit
    Ihr Laub noch fallen läst, mit Schweigen
    Das Wogenfluthen, und das Steigen
    Und Sinken der Vergänglichkeit.
    Der Vorwelt graue Schatten zeigen
    Von fern ihm jedes grosse Ziel,
    Von welchem jede Krone fiel,
    In der sie noch den Strom umschimmern,
    Der über Piramiden siegt,
    Sie wegspült, und mit ihren Trümmern
    Vorbei an seinem Ufer fliegt.
    Zum Lispelton der Laubenrosen,
    Die um den stillen Denker blühn,
    Tönt lieblich das entfernte Tosen
    Der Wellen, die vorüber fliehn.
    Er nimmt zur Stille seiner Rosen
    Die Welt- und Menschenkunde mit,
    Die er aus jener Fluth erstritt;
    Die leitet dann zu dem Gebiete
    Der Wahrheit, wo die stille Blüte
    Der Ruhe duftet, seinen Schritt.
    Gerettet von den Truggestalten,
    An die der Wahn der Thorheit glaubt,
    Uebt er die Kunst, sich vest zu halten,
    Daß ihn kein Trug ihm selber raubt.

        Komm! las mich jedes Harms vergessen,
    Der mit der Welt mich oft entzwei't,
    Und folge mir zu den Zypressen,
    Zur Stille meiner Einsamkeit!
    Ein Pläzchen sey mir zugemessen,
    Wo nie ein Stolz den andern drängt;
    Wo still, wie eine Sabbathfeier,
    Und heilig, wie ein Altarschleier,
    Der Schatten der Zypressen hängt.
    Geheiligt sey die Feierstille,
    Die Ruh, die von den Zweigen tröpft,
    Aus der das Daseyn erst die Fülle
    Des wahren, reinen Lebens schöpft,
    Dem nie die stillen Freuden fehlen,
    Die Gott in unser Daseyn warf!
    Das Leben, nicht das Daseyn, darf,
    Nach Tagen, seine Summe zälen.

        Die Luft der Welt ist rauh und scharf;
    In ihrem Sturm wird manche Blume,
    Voll Frucht des Geistes, abgestreift,
    Wenn ihre Pflanz' im Heiligthume
    Der Stille nicht zur Dauer reift.
    Befruchtung, die der Still' entträuft,
    Die kann den Sonnenschein vergüten,
    Den Thau, der sich auf Nesseln senkt,
    Und seltner die bescheidnen Blüten
    Des Geistes und des Herzens tränkt.

        Sie ist das Land der Geistessaaten,
    Der Herzensblüten! Reiften nicht
    In ihrem Schatten jene Thaten,
    Die leuchtend, wie ein flammend Licht,
    Hinstralen durch so manch Jahrhundert,
    Von einer Ewigkeit bewundert,
    Die dankbar ihre Frucht noch bricht?
    Sie trug von jeder schönen Pflanze
    Die schönste Blume zu dem Kranze,
    Der sich um Friedrichs Namen flicht.
    Ihm galten Kron' und Zepter wenig;
    Mit tausend Sorgen überstreut,
    Fühlt' er in ihrem Prunk den König,
    Sich fühlt' er — in der Einsamkeit!
    Mit eignen Stralen sich bekränzend,
    Gieng still sein Geist, so still und glänzend
    Wie sein Gestirn, aus ihr hervor,
    Aus ihrem Hain, den zum Asyle
    Für ihre seligern Gefühle
    Sich seine Königssorg' erkor.

        Das Laster brütet nur Verderben
    In ihrem Schoos, tränkt hier mit Gift
    Den Mörderpfeil, der noch den Erben
    Des kommenden Jahrhunderts trift.
    Doch wird sie die Entweihung rächen;
    Sie hält das fliehende Verbrechen,
    Das ihrer Rache lang' entrann,
    Noch an des Lebens Gränzen an;
    Und macht die lezte Lagerstelle,
    Wenn's nun umsonst nach einer Quelle
    Des Trostes und der Ruhe lechzt,
    Zu einer fürchterlichen Hölle,
    Vom Wehgewinsel laut umächzt;
    Und stösst es endlich von der Schwelle
    Des Lebens wütend in die Gruft!

        Du, Unschuld, komm zu ihrem Schatten!
    Komm, athme diesen Lilienduft,
    Worin sich Fried' und Tugend gatten!
    Wie heilig! selig! ist die Luft,
    In der ein Tugendtrieb erwachte!
    Empfind' es, von ihr wach geküsst:
    Daß nirgendwo ein Himmel ist,
    Den Unschuld nicht zum Himmel machte.

        Dein Tasso athmete so rein,
    In hoher Unschuld, aus dem Hain
    Der Einsamkeit, die grossen Triebe
    Geweihter grosser Seelen ein:
    Und dennoch blühte seiner Liebe
    Kein Zweig in ihrem Mirtenhain,
    Um seinen Lorbeer sich zu winden,
    Zu überduften seine Ruh.
    Er sang, er glühete den Gründen
    Und Hügeln Phyllis Namen zu.
    Ach! ihn umstrikten die Geflechte
    Der Tyrannei; und Bosheit rächte
    An seinem Herzen, was der Kranz
    Verschuldet hatte, der den Glanz
    Der Sklaven eines Fürsten schwächte.
    Verstossen floh er zu dem Glük
    Der Einsamkeit — von den Medusen
    Des Neides weit entfernt — zurük,
    Und sie empfieng, mit seinen Musen
    Gern ihren Liebling, ihren Sohn;
    Und er entschlief an ihrem Busen,
    Getränkt mit ihrem süssten Mohn.

        Ihr ruhevoller Athem näret
    Den Funken Geist, der in uns glüht,
    Den Frieden, welcher, oft gestöret,
    Am zarten Halm des Lebens blüht;
    Nur wilde Leidenschaft verheeret
    Ihr stilles, seliges Gebiet.
    In dieser ungestörten Stille
    Rafft sich mit ihrer ganzen Fülle
    Die Leidenschaft empor, und reisst
    In ihre Flammen Herz und Geist.
    Und flieht ein Thor zu ihrer Stille,
    Weil er den Weg zum Glük verlor:
    So kommt aus ihrem Hain der Thor,
    Mit jedem Wahn, mit jeder Grille,
    Die ihn hinein trieb, auch hervor.

        Die Weisheit nur streut edlen Saamen
    In dies, oft zwar entweihte, Feld;
    Ihr wuchsen da die grossen Namen,
    Die, über Welt und Enkelwelt,
    Herab von lichten Sternenhöhen,
    Mit ihren Lorbeerkronen wehen,
    In deren Schatten, angeglüht
    Vom Feuergeiste jener Weisen,
    Die junge Kunst bescheiden blüht.
    Fern, von des Lebens Wirbelkreisen,
    Mit Wettlaufstaube schwarz bestreut,
    Tief in den Hain der Einsamkeit
    Hinein zu flüchten, ziemt dem Weisen,
    Der gern mit seinem Herzen spricht:
    Nur sich, und Schäzze seiner Gaben,
    In ihrem Schoose zu begraben,
    Wie Diogen, das ziemt ihm nicht.
    Sie stärk' ihn nur zur edlen Pflicht,
    Für's Wohl der Menschheit aufzustreben;
    Die Ruhe sey's, die hier sein Leben
    Zur Reife schöner Thaten nährt,
    Um es der Welt zurük zu geben,
    Der auch ein Theil von ihm gehört.

        Die Kraft, die sich, für die Pachome[1],
    So mild, und doch umsonst, ergoss,
    Die wars, die, gleich dem Tiberstrome,
    Von jenes Römers Lippen floss,
    Und einen silberhellen Spiegel
    In stille Blumenthäler goss;
    Dann aber, aufgestürmt vom Flügel
    Der Leidenschaft, die sieben Hügel
    Errettend in die Arme schloss.
    Als Katilina schon die Ketten
    In ihre freien Thäler trug;
    Da konnt' ein Tullius nur retten,
    Der mächtig das Gespinst zerschlug;
    Der Weise, welcher in den Fluren
    Des stillen Tuskulums die Spuren
    Der Wahrheit fand, an deren Quell,
    Der durch die Wiesenblumen schäumte,
    Sein Geist, in stiller Laube, hell
    Den grossen Traum der Zukunft träumte;
    Der Weise, der uns jede Pflicht
    Der ungeschminkten Tugend malte,
    Die er mit seines Geistes Licht
    Warm, wie mit Lebensglut, umstralte;
    Die, nur in eignem Daseyn froh,
    Aus dem zu rauschenden Getümmel,
    Mit ihrem Kato zu dem Himmel
    Der süssen Lebensstille floh.

      [1] Einer der ersten Anachoreten.

        Hier brach Lukrez auch manche Blume
    Der keuschverhüllten Wahrheit ab,
    Die dann aus ihrem Heiligthume,
    Troz ihm, Unsterblichkeit ihm gab.
    Hier sah er manches Glied der Kette
    Der grossen Unermessenheit,
    Werth, daß er auch Unsterblichkeit
    Geglaubt, gefühlt, gesungen hätte!

        Und du, mein Maro, holtest du
    Nicht deinen Lorbeer aus dem grünen,
    Vertrauten Grottenhain der Ruh,
    Wo jene Bilder dir erschienen,
    Womit du, wahr, wie die Natur,
    Die Lieder deiner Hirten schmüktest,
    Und, wie die Schäfer deiner Flur,
    Den üppigen Mäzen entzüktest,
    Den längst die Grazien verwöhnt,
    Und nun zu ihrem Richter hatten?
    In deinem süssen Mirtenschatten,
    Von deiner hohen Laut' umtönt,
    Schwelgt' er in deines Geistes Fülle.

        Wer aber schöpft' aus deiner Stille,
    Geliebte Einsamkeit, so tief
    Die feine Kunst, des Narrn zu spotten,
    Der sich auf Ahnenschaft berief,
    Und träg auf fremdem Lorbeer schlief?
    Wer war's, der aus den Venusgrotten
    Der Griechenflur die Scherze rief,
    Die nun auf Tiburs Hügeln tanzten,
    Und in die todten Wüstenei'n
    Den Liedervollen Opferhain
    Der schönen Grazien verpflanzten?
    Dein Flakkus! der, am Lenzgesträuch
    Froh hingegossen, süss und weich,
    Wie das Geseufz' im Hain des Taubers,
    Für Lalage die Flöte blies;
    Und nun, mit allem Pomp des Zaubers,
    Den hohen Hymnus rauschen lies;
    Und nun auf einer Rasenstelle,
    Beim leisen Flüstern seiner Quelle,
    Den Himmel reiner Seelen pries!
    Dein Flakkus fand erst in der Stille,
    Von Roms Tumulten ungestört,
    Die Ruhe, welcher keine Grille,
    Die sich in falscher Hoheit ehrt,
    Das Rieseln ihrer Tag' empört.
    Er schöpft' aus ihr die ganze Fülle
    Der Lebensweisheit, die uns lehrt,
    Den Werth der Dinge, nach Gesezzen
    Der richtenden Vernunft, zu schäzzen,
    Die, was ihr minder angehört,
    Als fremde Güter, leicht entbehrt.
    So schlich er, nur mit Stunden geizend,
    Die frohe Leier in der Hand,
    Durch seinen Wald, den er so reizend,
    Vor allem Erdgepränge, fand;
    Zufrieden, wenn ihm nur die Mirthe,
    Durch welche sanft die Sympathie
    Verliebter Turteltauben girrte,
    Zum Abendschmaus den Kranz verlieh.

        Katull — auf Nachtigallenflügeln
    Flog seine Phantasie empor,
    Wenn sich auf stillen Schattenhügeln,
    Mit Lesbia, sein Geist verlor.
    Fern von dem Taumel, der, halb thierisch,
    Den gröbern Sinn für sich erkor,
    Sang er den Lüften, welche lyrisch
    Um seine Leier schwärmten, vor.
    Noch blühn die Rosen, die den Sizzen
    Der Freundschaft ihren Purpur streu'n;
    Noch grünt der schöne Mirtenhain,
    Worin, auf zarten Blumenspizzen,
    Sein Lied, das keine Zeit begräbt,
    Weil es die Grazien beschüzzen,
    Leicht, wie ein Zephyr, hingeschwebt;
    Und lieblich, wie die Blüt' im Thale,
    Das nie Petrarka's Lied vergisst,
    Wo, wie bei einem Liebesmahle,
    Ein Veilchen sanft das andre küsst;
    Wo das Vermälungsfest der Düfte
    Ein süsser Seelenwechsel ist,
    Und selbst der Athemzug der Lüfte,
    Von jenem Zauber noch berauscht,
    Melodisch in den Zweigen schmachtet,
    Von deren Schatten grün umnachtet,
    Und von der Stille nur belauscht,
    Der Sänger jenen Blütenregen
    Besang, der sich auf Laura goss,
    Daß, unter seinen Harfenschlägen,
    Der stille Bach noch stiller floss.

        Und Thomson — welche Hymnustöne
    Entquillen seiner Einsamkeit!
    Die über jede Frülingsszene
    Die Jugend eines Lebens streut,
    Das, angehaucht von einem Gotte,
    Die Welt, wie eine Braut umschlingt,
    Die Haine stimmt und bis zur Grotte,
    Worin ein Wesen schlummert, dringt.
    Durch alles weht der Geist der Liebe,
    Die aus den Nachtigallen singt,
    Und sich mit ihrem Schmeicheltriebe
    Selbst um die grauen Eichen schlingt.
    Wie rauschen jene Wasserfälle,
    Gleich dem Gewühl der wilden Lust!
    Wie schmiegt sich um die Silberbrust
    Der Nymphe sanft die Rasenstelle,
    Um die der Ahornschatten hängt!
    Wie sich der Nymphentanz der Quelle
    In krausen Reihen, Well' an Welle,
    Von Veilchen angelächelt, drängt!
    Nun blüht die Ros', und Sommerlüfte
    Wehn um die heitre Königin,
    Und bringen ihre frischen Düfte
    Zum Opfer einer Schäferin,
    Die, von der Mittaghizze glühend,
    Zu einem Ulmenwäldchen irrt,
    Wo Liebe flüstert; wo ein Hirt,
    In vollen Jugendlokken blühend,
    Sie freundlich überraschen wird.
    Gern flieht der Dichter das, mit Schiefer
    Und mit Statü'n beschwerte, Dach;
    Er schleicht Gedankenfreuden nach,
    Zur Hainesstill', und dringet tiefer
    Zum Sizze der Begeisterung:
    Er sieht durch grüne Dunkelheiten
    Tief in des Waldes Heiligung
    Die feierlichen Geister schreiten[2],
    Die, nah mit unserm Geist verwandt,
    Ins Land der Ruh hinein geflüchtet,
    Wo keine Zeit, und keine Hand
    Des Frevels mehr den Kranz vernichtet,
    Den sich die stille Tugend wand.

      [2] Siehe Thomsons Sommer.

        Nun tritt sein Herbst auf, im Gesange
    Der lezten Stimme jeder Flur;
    Und an der Waldung blühet nur
    Das Schwindsuchtroth noch auf der Wange
    Der ruhig sterbenden Natur!
    Nun schleicht zur röthlichgelben Laube,
    Zur dichterischen Einsamkeit
    Des Denkers Abgeschiedenheit.
    Willkommen, Ruhe! wo die Traube
    Den Lippen ihren Nektar beut.
    Schon ziehn die Vögel, und begleiten
    Den längern Tag zur wärmern Welt;
    Und grosse Wolkenschatten schreiten
    Nun Riesenmässig übers Feld;
    Und ihnen folgt dann öd' und traurig
    Die Todesfeier der Natur.
    Horch! ihre Manen ächzen schaurig
    Um den gestorbnen Halm der Flur!
    Der Hain verschied; den grünen Schleier
    Des Lebens warf er seufzend ab!
    Dort sinkt der Jubel seiner Feier
    Zu den Verwesungen hinab!
    Sag! welcher Spiegel zeigt wol treuer
    Dem Menschen sein gewisses Grab?
    Doch wird er leben, wieder leben!
    Der Wald wird wieder auferstehn!
    Dann wird ein geistigleises Wehn
    Sein wallendes Gewand umschweben;
    Begeistert werden Thal und Höh'n
    Den Auferstehungspsalm erheben,
    Und ihr Verklärungsfest begehn!

        Nun folge mir zu jenen Nächten,
    Wo neben Young der Tiefsinn wacht,
    Der, troz der schwarzen Mitternacht,
    Aus labyrinthischen Geflechten
    In eine heitre Sphäre blikt,
    Und unter Ahndungsvollen Lüften,
    In heiligen Zypressendüften,
    Von Gräbern Himmelsfreuden pflükt.
    Hier sah' er leuchtender den Stempel
    Der Gottheit, Welten aufgedrükt;
    Und Welten waren nun sein Tempel,
    Die Wahrheit seine Priesterin.
    Mit welchem feierlichen Sinn
    Trat er an ihren Altar hin!
    Wie himmelvoll! wenn nun das kühnste
    Der Lieder diese Szene sang,
    Und zu dem grossen Gottesdienste
    Der feiernden Natur sich schwang!
    Das Grab, das seinen Tag verschlang,
    Sah er im Schatten ruhig modern;
    Sie, die sein süsses Leben war,
    Sie sah er stehn am Glanzaltar,
    Auf welchem glorreich Sonnen lodern.
    Ein Himmel der Unsterblichkeit,
    Die zu den eingesunknen Trümmern
    Verblühter Tag' ein leises Schimmern,
    Durch Mondgewölk, hernieder streut,
    Entstieg dem theuren Aschenkruge,
    Auf den des Sehers Thräne fiel.
    Die Einsamkeit gab seinem Fluge
    Den hohen Schwung zum Palmenziel.

        Sie führte Popen durchs Gewühl
    Der Erdenszenen, bis zum Throne,
    Wo er, in einer sichern Hand,
    Das erste Glied der Ordnung fand.
    Die Stille wars, die diesem Sohne
    Der Weisheit, mit geweihter Hand,
    Die grosse Epheulorbeerkrone
    Des hohen Mäoniden wand.
    Die Stille wars, die keinen Störer
    In seine werthe Grotte lies,
    Wo sie den Denker an den Lehrer,
    Den grossen Lehrer, Tod! verwies;
    Der, unter Palmendämmerungen,
    Von Knoten, die ein Gott geschlungen,
    Ihm die Entwikkelung verhies.

        So flog, in den Begeisterungen
    Der hohen Abgeschiedenheit,
    Dein Kronegk zu der Seligkeit,
    Zu den erhabnen Huldigungen
    Der reinen Geisterwelt empor,
    Wo er der Erde Dämmerungen
    Aus dem entzükten Blik verlor.
    Hell trat aus einem Götterchor,
    Mit ihrem Stralenkranz umschlungen,
    Serena's lichte Seel' hervor.
    Er fühlte kaum noch vom Getümmel
    Des Lebens eine leichte Spur;
    Serena's Gottheit fühlt' er nur.

        Und er, mein Opitz, welchen Himmel
    Fand er auf Zlatnas goldner Flur!
    Im Stolz am Arme der Natur
    Der höhern Freude nachzuschleichen,
    An der ein Stral von Seele blizt,
    Verachtet' er den Stolz des Reichen,
    Der arm ist, und nur Gold besizt.
    Hier war der weise Sänger freier,
    Und liederreich, wie Zlatnas Hain.
    Die Stille hauchte seiner Leier
    Die hohe Lebensweisheit ein.
    Ihm hat der Genius den reinen
    Einweihungskuss zuerst geküsst:
    Begeistert sang er nun den Hainen
    Germaniens, das ihn — vergisst.

        Noch stolzer gieng, wie eine Blüte
    Des Aethers, den sie früh erhellt,
    Die Sonne Leibnitz auf, und glühte
    Den jungen Stral durch ihre Welt.
    Da flohe vor des Denkers Strale
    Die dumpfe kalte Dunkelheit!
    Ihn lud ein Wink der Einsamkeit
    Zum hohen Geistesbakchanale,
    Dem aus dem schönsten Quellenthale
    Die Wahrheit ihre Blumen streut.
    Im Innersten des Heiligthumes
    Der Nacht, erzog die Einsamkeit
    Die schönen Kränze seines Ruhmes.

        Wenn wir uns in des Lebens Hain
    Weit von uns selbst verloren hatten:
    Sie samlet uns in ihrem Schatten,
    Und führt uns in uns selbst hinein.
    Weh aber! weh dem Wahn des Thoren,
    Der da in eine Wüste tritt!
    Wie fremd ist's rund um seinen Schritt!
    Er fühlt sich nur noch mehr verloren.
    Nun flüchtet er voll Ungeduld
    Aus sich hinaus, hin zum Getöse,
    Daß ihn der rauschende Tumult
    Wohlthätig von ihm selbst erlöse;
    Erlöse vom Gefühl der Pein,
    Sein eigener Gefährt zu seyn,
    Durch irgend eine Flur des Lebens.
    Und wenn nun ihn der Rausch verläst:
    Ganz einsam sucht er dann vergebens
    In sich ein stilles Friedensfest!

        Wo blüht ihr feierlichen Rosen,
    Dem Denkerbakchanal geweiht?
    Empfangt mich von dem wilden Tosen
    Der Flut in eure Einsamkeit!
    Nimm mich, gedankenvolle Ruhe,
    In deine Abgeschiedenheit,
    Die dann auf alles, was ich thue,
    Die Blumen ihrer Stille streut!
    Geliebte, süsse Einsamkeit,
    Auf alles drükst nur du den Stempel
    Der dauernden Vollkommenheit!
    Von nun an sey ein Göttertempel
    Von meinem Herzen dir geweiht!

        Wie leicht wird jede Wunde heilen,
    Die irgend eine Hand mir schlägt:
    Wenn mich der Wellenstrom, zuweilen
    Nur, an ein stilles Ufer trägt,
    Wo jene tausend Stimmen schweigen,
    Von welchen, wie's der Zufall schikt,
    Die Eine gleich die Andr' erstikt;
    Wo unter leis' umhauchten Zweigen
    Die Ruhe mir entgegen nikt;
    Wo keine Blüte meiner Jahre
    Die Flut des Weltgewühls verschlingt,
    Von dem ich dann nichts mehr erfahre,
    Als was ein Schiffbruch zu mir bringt,
    Der sich, von Sturm und Tod umringt,
    Ans Ufer meiner Stille rettet,
    Wo, jedem Herzenszwang' entkettet,
    Das Leben dem Gewässer gleicht,
    Das, nie von einem Sturm erreicht,
    In Veilchenufer hingebettet,
    Durch singende Gebüsche schleicht;
    In deren Schatten das Vergessen
    Des Harms auf seidnem Rasen liegt.

        Wo grünt ihr dämmernden Zypressen,
    Um die kein Wunsch der Thorheit fliegt;
    Die ihr, zu still dem wilden Schwarme,
    Im Liebgekose grüner Arme
    Mein Eremitenhüttchen wiegt.
    Da tritt, mit manchem Kranz umschlungen,
    Entflohne Zeit, da tritt hervor!
    Hervor mit den Beseligungen
    Des Thals, in dessen Dämmerungen
    Mein Leben sich schon halb verlor.
    Bring alle deine Jugendtänze;
    Bring alles, was ich that und litt,
    Die Rosen und Zypressenkränze,
    Selbst meine Thorheit bring mir mit,
    Samt ihren Träumen, ihren Spielen,
    Und alles, was mein Herz bereut:
    Denn auch auf Stellen, wo wir fielen,
    Zurük zu schaun, ist Seligkeit.
    Die Hoffnung hat mir oft gelogen;
    Je glühender mein Herz gehofft,
    Je kälter hat sie mich betrogen;
    Die Gegenwart selbst täuscht uns oft;
    Wir stehn uns dann noch viel zu nahe,
    Um uns, so wie wir sind, zu sehn;
    Wer hat wol — las es uns gestehn! —
    So gut er in der Fern' auch sahe,
    Nie seine Nähe falsch gesehn?
    Erinnrung ist der treue Spiegel,
    Der uns, so wie wir sind, uns zeigt,
    Wenn viel zu hoch mit uns der Flügel
    Der allzuraschen Hoffnung fleugt.
    Sie führe mich zum stillsten Hügel
    Der Ruhe, den ihr Geist umweht,
    Wo, Schritt vor Schritt, das Herz am Zügel
    Den ihre Warnung führet, geht;
    Das Herz, das nur zu gern am Riegel
    Der dunkeln Zukunft horchend steht.
    Auch mein Herz stand mit Wunsch und Klage
    Vor der, mit Recht verschlossnen, Thür,
    Nicht achtend, daß es traurig hier
    Den Tag der Gegenwart verschlage.
    Die nächste Zukunft meiner Tage
    Gehört der Zukunft und nicht mir!
    Und doch, wenn je zum Reiz der Ferne
    Mein Geist hinaus zu fliegen strebt,
    So sey's ein Blik zum Abendsterne,
    Wo meine Seelenfeier schwebt;
    Wo unter seligen Gesträuchen
    Der Liebe sich mein Geist verlor,
    Wenn sich den Schatten dunkler Eichen
    Zum Tempel meine Seel' erkor.

        Ihr seelevollen Schwärmereien!
    Ihr Geister meiner schönsten Zeit!
    Verlast nie meine Einsamkeit,
    Um sie zum Tempel mir zu weihen,
    Um den, im Lispel junger Maien,
    Der Ulmbaum seine Arme schlägt!
    Die Priesterin in diesem Tempel
    Sey nur die Freude, die den Stempel
    Des hohen Götterfunkens trägt.
    Las michs — in seiner höchsten Fülle
    Mit Zittern fühlen, süsse Stille,
    Die unter meinen Ulmen thront,
    Daß tief in meiner Blütenhülle
    Die Gottheit einer Seele wohnt!



        Gedrukt bei W. G. SOMMER in LEIPZIG.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Einsamkeit" ***

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